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+The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Last
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die Last
+
+ Roman von
+ Georg Engel
+
+
+ Ullstein & Co
+ Berlin • Wien
+
+
+
+
+ Motto:
+
+ Nicht an einer Person hängen bleiben: und
+ sei sie die geliebteste – jede Person ist
+ ein Gefängnis, auch ein Winkel.
+
+ – – Nicht an einem Mitleiden hängen
+ bleiben: und gälte es höheren Menschen, in
+ deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns
+ ein Zufall hat blicken lassen.
+
+ Friedr. Nietzsche
+
+
+
+
+Erstes Buch.
+
+I.
+
+
+Es war Tag geworden.
+
+Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der
+Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zögernd durch die
+Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch
+vor dem Bette brannte.
+
+Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hörte zuweilen
+ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen
+der Knechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man, die Kranke zu
+stören.
+
+Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft; und je mehr das trübe
+Sonnenlicht vorrückte, in desto größere Lautlosigkeit verfiel das
+Anwesen.
+
+In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf
+laut. Kränklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so
+leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel
+neben dem Bette ein Mann von mächtiger, imposanter Gestalt auf, rieb
+sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine
+dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf
+die Hand der leidenden Frau.
+
+»Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als
+möglich herabdämpfte, »geht’s ein bißchen besser?«
+
+Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hände und vergrub ihr
+Antlitz in die Kissen: »Du lieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war
+beinahe, als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge.
+
+Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen,
+sandbestreuten Estrich der Stube.
+
+Plötzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: »Du bist
+wohl eingeschlafen, Wilms?«
+
+Seltsam, – neidisch fast schien die Frage.
+
+»Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gatte zu. Und wieder konnte
+man leise Entschuldigung aus den Worten hören. »Ich sitz’ ja nun auch
+bald die vierte Nacht so,« murmelte er halb für sich.
+
+Es wurde still.
+
+Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einer unförmlichen
+Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes.
+
+Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu können.
+Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des
+Regentages hinaus.
+
+Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen.
+
+Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörner schlugen scharf gegen
+die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden floß eine Träne.
+
+»Lösch’ die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meine Augen – es tut mir weh.«
+
+Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler
+aus.
+
+»Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Er strich über ihre Haare und
+richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. – Aber er sollte
+nicht hinausgelangen.
+
+»Wilms.«
+
+Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nicht fort,« rief sie
+angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben – mich friert, wenn du draußen
+bist!«
+
+»Elsing – unsere Wirtschaft leidet darunter – ich muß –«
+
+»Ja, ja – die Wirtschaft – immer die Wirtschaft,« stieß die Kranke
+hervor und fiel erschöpft in ihre Kissen zurück, »und ich liege hier in
+meinem Elend – zwei Jahre – zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft
+mir, keiner, zur Last falle ich jedem – auch dir –«
+
+»Elsing, ich –«
+
+»Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk’ das sehr wohl – du
+hast nur Mitleid für mich – nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus
+Liebe geheiratet.«
+
+Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlich umschlang sie seinen
+Hals: »O Gott – o Gott, ich bin wohl sehr häßlich geworden?« forschte
+sie, am ganzen Leibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh’s nur ganz offen.«
+
+»Elsing,« – die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den
+Bettrand gesetzt und ließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haare
+durch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte er dann, »für mich bist
+du noch so schön, wie in der ersten Stunde – sieh doch bloß deine
+langen, weichen Flechten – und der kleine Mund und die lieben, blauen
+Augen – alles so hübsch, mein armes Kind.«
+
+Es mußte ihn doch übermannt haben, denn er schloß sein Weib in beide
+Arme und küßte es zärtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich
+befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt
+und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und
+forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel
+von dem Tisch – so, und nun geh – geh nur und schlag ein Auge auf die
+Wirtschaft – es muß ja doch sein.«
+
+Da ging der Mann schwerfällig hinaus; allein als sich die Tür
+geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück.
+
+Und trübe schüttelte er den Kopf. – Mit welch fieberhafter,
+leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; –
+ekstatisch, wie berauscht tönten die heiligen Worte:
+
+›Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete
+seines Kleides Saum an.
+
+Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine
+Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur
+selbigen Stunde.‹
+
+»Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholte es drinnen, wie
+verzückt. Dann einen Moment Stille, aber plötzlich mit herzzerreißendem
+Schluchzen: »O Gott – und ward gesund – lieber – lieber – Gott.«
+
+
+
+
+II.
+
+
+Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch
+frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr,
+und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt.
+
+Merkwürdig. – Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft
+gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein
+Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh
+wie von einem drückenden Traum befangen wären.
+
+Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. – Und er
+selbst?
+
+Erschreckt fuhr er auf.
+
+Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche
+Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die
+Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
+nicht bemerkt.
+
+Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt
+gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach
+die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es
+anders. – Es ging bergab mit ihm.
+
+Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte
+gebrochen daneben. – Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?
+
+Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn
+laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der
+Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die
+Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu
+holen.
+
+Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und
+schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten
+sich seine Felder.
+
+Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur
+allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht
+wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten
+Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder,
+als hätte sie der Boden eingesogen.
+
+»Wie steht’s mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen
+jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen
+in einen Korb warf.
+
+»Der Herr weiß ja – der Regen – es dauert schon zu lang.«
+
+»Ja, ja« – Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches
+Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet
+auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag,
+da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er
+zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.
+
+Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es
+war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit
+wackelndem Kopf – eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten – die
+Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.
+
+Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was
+sie wollten.
+
+Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes
+Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem
+Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes
+Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig
+hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im
+Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer
+in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. – Ein
+gesetzter, umgänglicher Mann.
+
+Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt
+gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor
+ihm auf.
+
+»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin
+und her. »Was soll das heißen? – Was ist denn geschehen – bei Ihnen zu
+Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...«
+
+»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf – »nicht wahr? –
+So sagen Sie’s doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser.
+
+»Nein, nein, nicht Ihre Frau – ich meine bloß – – es ist da einer von
+den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
+meinen Wagen« – und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen
+Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald
+knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms’ Gehöft zu, und Herr
+Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht,
+bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.
+
+Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu
+um.
+
+Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und
+unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
+zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf
+und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.
+
+Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau
+gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört,
+erschreckte alle förmlich.
+
+»Da is uns’ Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des
+Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig
+näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken
+sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn
+perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den
+Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. – Nur nicht hier –
+hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das
+könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt’ Sie, kommen Sie mit mir – ein
+paar Schritte.«
+
+Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung.
+Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er
+prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig
+seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt
+vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen – Zahlung der rückständigen Pacht
+vom 1. April – 3600 Mark – – nicht eingegangen – hm – vorzunehmende
+Zwangspfändung.«
+
+»Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler
+dazwischen.
+
+Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte
+sich vor dem Besitzer auf:
+
+»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt.
+
+»Nein.«
+
+»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie’s nicht übel.«
+
+»Aber – wenn Sie mir nur – nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte
+Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen – ich
+könnte mich ja noch an jemanden wenden. – Ich hatte in der letzten Zeit
+mit meiner Frau so viel – aber es ist doch vielleicht noch möglich.«
+
+»Tut mir leid – strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei
+seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.
+
+»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die
+Schweine?«
+
+»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und
+wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr
+die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und
+trat in das Zimmer seines Weibes.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand
+hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand,
+und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet.
+Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das
+jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz
+aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie
+atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. – – Ja der Grund –
+
+Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß
+man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere
+Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
+zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun
+schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest,
+daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? – Merkwürdig, ihm war es,
+als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen,
+ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte
+und vor sich hinstarrte.
+
+»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und
+klappte nervös mit dem Deckel der Bibel – »soll denn gar nicht ein
+bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?«
+
+Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein
+einziger Gedanke. – Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.
+
+»I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.«
+
+»Ja, aber was machen sie denn?«
+
+»Ach, Rosenblüt ist bloß da und – und kauft mir Vieh ab.«
+
+»Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. – »Sieh – sieh da,«
+stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster – und
+guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog
+die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit
+allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden
+einmal nicht leiden – was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der
+Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.«
+
+»Still, Elsing, ich hab’ schon manch gutes Stück Geld an dem Mann
+verdient.«
+
+»Ach wo – die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.«
+– Das war ein böses Wort.
+
+Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr
+Rosenblüt immer energischer.
+
+»Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,«
+ermunterte sich der Mann endlich.
+
+»Schon wieder?«
+
+Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist
+ja eben erst hereingekommen. – Und dann – mir ist immer so wohl, wenn du
+bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich
+wieder die schreckliche Angst – du weißt ja – als ob mir was auf der
+Brust säße« – sie keuchte – »nicht wahr, du bleibst?«
+
+Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das
+war das Bild seines Lebens. – Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts.
+
+Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der
+Wirtschaft stünde? – Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce
+gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer
+angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? – Das
+erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« –
+Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem
+Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich
+als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht
+sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch
+einmal so. – Ich bin doch eigentlich noch so jung.«
+
+Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß
+er für nichts mehr das volle Verständnis besaß.
+
+Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und
+schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in
+der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
+umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art
+Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit
+gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen – Frau Wilms
+– ich bitte um Entschuldigung – wie geht es Ihnen? – aber es ist die
+höchste Zeit, Herr Wilms – ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der
+Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.«
+
+Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß.
+
+»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den
+Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und
+über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? –
+Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit
+dem Herrn nicht in die Wohnstube?«
+
+Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie
+angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend
+aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er
+energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:
+
+»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich
+Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten
+und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in
+deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes
+Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
+einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und
+mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter
+Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte
+seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach
+dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als
+ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses
+Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen
+Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
+er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des
+Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel
+schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
+aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges,
+mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein
+aufblitzendes Licht. – Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. –
+Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft
+gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht
+weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte
+nur so aus ihm. – »Was soll das heißen? – Daran verdient der Graf ja ein
+Heidengeld? – Die besten Tiere – Kunststück. – Wilms, wissen Sie was?
+Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die
+gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht
+an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. – Das
+ist ’ne Spekulation. – Ich bin ein Geschäftsmann – das ist ’n Geschäft –
+wollen Sie?«
+
+»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine
+freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung
+gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
+durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. – Acht Tage Zeit –
+noch eine ganze Woche? – Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend
+woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von
+seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte
+sich rasch.
+
+»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden,
+geben Sie her.«
+
+Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne.
+
+»Herr Wilms, nehmen Sie mir’s nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.«
+
+»Ach wohl wegen der Zinsen?«
+
+»Bewahre – das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein,
+es betrifft etwas anderes, aber das sag’ ich Ihnen später. Jetzt gehen
+Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. –
+Vorwärts.«
+
+Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff
+danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der
+Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.
+
+In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der
+Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand,
+sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.
+
+Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser
+Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten
+dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag
+in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der
+Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in
+die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin
+und her.
+
+»Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor
+sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
+Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder
+ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. – Und das können Sie nur,
+wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. ’ne Pflegerin,
+oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich
+mich ja mal in Grimmen danach umsehen.«
+
+Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen,
+klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb
+für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht – aber es geht doch
+nicht.«
+
+»Geht nicht?«
+
+Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern.
+
+»Ja, warum denn nicht?«
+
+»Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. – Ich muß ihr den
+Willen tun, dem armen, gequälten Weib.«
+
+»Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. – Und ja –
+hören Sie mal« –
+
+Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer
+energisch auf die Schulter – »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein.
+Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
+zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in
+das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« – Herr
+Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe – »die nehmen Sie sich – die wird
+hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in
+Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. – Na also?«
+
+Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten,
+blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester
+seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig
+ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht
+viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich
+lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch – –
+der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen.
+
+Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen:
+er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. – Noch
+einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster
+der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er
+seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den
+Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen,
+abgehen.
+
+»Bravo! – ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend,
+als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?«
+
+Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:
+
+»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.«
+
+»Und wenn ich wiederkomm’, sieht es hier anders aus,« rief der
+Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte
+davon.
+
+Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach.
+
+Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und
+sinnend schritt er in sein Haus zurück.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Es war an einem Sonntag.
+
+Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen
+Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über
+Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.
+
+Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug
+es elf. – Um diese Stunde mußte Wilms’ junge Schwägerin eintreffen.
+
+Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er
+vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der
+Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen
+und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im
+Sonnenlichte gleißten und funkelten.
+
+Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen
+rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die
+er suchte? – Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn
+wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits
+eingeflößt. – – Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert
+haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der
+Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es
+war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung
+herumzugrübeln.
+
+Nein, er wollte – – –
+
+Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den
+Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher
+in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte,
+daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die
+Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
+müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt
+vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches
+Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an
+den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten
+ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da – aus einem
+Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und
+kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit
+einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt.
+
+»Schwager.«
+
+Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so
+willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. –
+Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine
+Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand
+entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte
+hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen
+Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
+den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der
+große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm
+beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme
+Empfindung beschlich ihn dabei. – Und diese vornehme Gestalt sollte bei
+ihm die Wirtschaft führen? – Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
+ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von
+einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm
+lachend in den Weg stellte.
+
+»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell – na, Mensch, kennen Sie Ihre alten
+Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die
+grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen
+über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines
+hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen
+Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen,
+kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein
+Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn
+schnupperte ein brauner Jagdhund herum.
+
+»Herr Fritz – Herr Graf« – fuhr Wilms heraus.
+
+»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter
+wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen
+kommt’s ja doch nicht drauf an. – Habe nämlich quittieren müssen – Papas
+Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als
+wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern
+könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms’ Begleiterin.
+
+»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er
+liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück
+hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein – wirklich nicht? –
+Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich
+die Mütze. – »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt,
+verschwägert, oder wie ist das?«
+
+»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu,
+und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus,
+der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten
+Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen
+Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der
+Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf
+das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und
+forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
+Murmeln Feuer.
+
+»Gut – brennt schon – na, auf Wiedersehen, Wilms – (er vergaß beiläufig
+das ›Herr‹) habe die Ehre, mein Fräulein – heda, Hektor.« Er pfiff dem
+Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er
+ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem,
+unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon.
+
+Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger
+noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms
+auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes,
+spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem
+Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte.
+Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge
+Mädchen zu solchen Bekanntschaften? – Sie schien den jungen Herrn doch
+besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn
+so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die
+Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der
+Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war
+berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein
+wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige
+Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende
+Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.
+
+»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie
+für einen Hut trägt, was für Handschuhe?«
+
+Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes
+rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt
+dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
+hätte.
+
+Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite
+gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?«
+
+Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich
+unwillkürlich.
+
+Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so
+kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer
+ganz nebensächlichen Person gegolten.
+
+Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe
+erkundigte?
+
+»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch – genau so – –
+allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.«
+
+Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete
+zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien
+verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit
+absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl
+viel Geld gekostet?«
+
+Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf
+die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging’s weiter.
+
+Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen
+durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.
+
+Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille
+lockte Hedwig das erste Wort ab.
+
+»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die
+Hand bot, »das hätt’ ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so
+lautlos?«
+
+»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute
+Sonntag.«
+
+»Ja, so – so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie
+noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog.
+Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als
+ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm – gehen wir zur Schwester.«
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue
+Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem
+Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
+das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche
+Helle verbreitete.
+
+»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint
+und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen
+und sie instand gesetzt.
+
+Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit
+blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der
+Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest
+umspannt hielt.
+
+In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen
+und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
+vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große
+Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal
+Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort,
+und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden
+Frauen hinüber.
+
+Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel.
+Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer
+Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem
+auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. – Nein,
+etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr
+Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. – Als sie
+nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt.
+– Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
+Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher
+erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen.
+Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte
+Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
+tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als
+einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit
+hineinbringt.
+
+Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. – Sie hatte sich in
+ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit
+befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln
+über ihr blasses Gesicht.
+
+Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und
+jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.
+
+Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen
+Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er
+stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. – Und doch –
+während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich
+leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein
+ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich
+verfolgte.
+
+Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen
+des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand
+führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht
+vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen
+wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
+Inhalt des Buches wiederspiegele, – das gehörte alles nicht hierher,
+nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines,
+Unerträgliches. – Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das
+war, was sie las.
+
+Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging
+mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark:
+
+»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das
+Unerwartete.
+
+»Nein,« – Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch
+immer stören,« beklagte sie sich. – »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich
+bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« – Und
+wieder drückte sie der Schwester die Hand.
+
+Das auch noch.
+
+Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte
+er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu
+schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und
+verließ mit starken Schritten das Zimmer.
+
+Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich
+weiterlesen.
+
+Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die
+gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln.
+
+Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er
+hatte es ja voraus gewußt. – Das Mädchen paßte eben nicht in den
+beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu
+veranlassen? – Er seufzte – – das durfte man leider nicht wagen. – Und
+dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das
+Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben
+nur als »Bauer«.
+
+»Ha – ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. –
+Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie
+konnte er es nur einen Augenblick vergessen?
+
+Die Schuldenlast – die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in
+dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes
+Inventar dem Juden. Aber woher? – woher?
+
+Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung,
+daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm
+schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter
+raschelte.
+
+Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und
+still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander
+zu rauschen.
+
+War das nicht, als ob ein Mensch spräche?
+
+Hedwigs Stimme – deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen,
+lachen und kichern.
+
+Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. – Ja, es war etwas
+krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr
+ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so
+leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling
+gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß
+es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
+genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß
+er den Verfallenen die Adern aufbeiße.
+
+»Gott schütz’ mich – Elsing – Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms
+und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn – »nach Hause – nach
+Hause.«
+
+Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden,
+schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch
+den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer.
+
+Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die
+unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke
+Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu.
+
+Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und
+raunte kurz:
+
+»Sie schläft – ich werde heute bei ihr wachen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja.«
+
+»Du? Nein, das – das will ich nicht.«
+
+Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte.
+
+»Und warum nicht?«
+
+Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und
+fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich,
+und dann – Wilms trat zurück und murmelte müde:
+
+»Meinetwegen.«
+
+Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe
+nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft
+genächtigt hatte.
+
+Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst
+gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben.
+
+Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell,
+und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte
+Ruhe finden zu können.
+
+Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder
+hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der
+klagend über das Dach strich.
+
+Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften
+Leibes.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in
+die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf
+dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett,
+das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.
+
+Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster
+hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.
+
+»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine
+Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die
+feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester
+wohler befinde.
+
+»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge
+sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen – wirklich
+prachtvoll – überall ziehen Sommerfäden – sieh nur – und hier drinnen –«
+sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin das Wachen
+doch wohl noch nicht so recht gewohnt – und dir geht es ja heute besser
+– da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft machen. In einer
+Stunde bin ich wieder zurück.«
+
+»Aber Hedwig, wenn ich so allein –«
+
+»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab
+und war im nächsten Augenblick verschwunden.
+
+Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch
+die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen
+bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den
+Hof schritt.
+
+»Wer doch auch so –,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur
+einmal – –« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich
+wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott.
+
+Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem
+eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,
+der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen
+Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.
+
+Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden
+Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden.
+
+Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte
+auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres,
+zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen
+schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster
+Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen
+Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung
+umfangen hielt.
+
+»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte
+leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig
+aus?«
+
+»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei
+blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende
+Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.
+
+Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht.
+Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan
+aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand
+außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als
+eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse
+zu allerlei schwarzen Taten.
+
+»Schnell – nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief
+plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte
+man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit
+starker Hand hinauskehren.
+
+Der Alte regte sich nicht.
+
+Sie stieß ihn an.
+
+Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an
+zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser
+zur Antwort:
+
+»Arbeiten? – ne, vörbi – all lang vörbi – ne, ne, min Döchting, wenn Sei
+hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.«
+
+»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren
+Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie.
+
+»Ick? – ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.«
+
+»Aufs Sterben?«
+
+Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf
+ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich
+plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr.
+
+Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren
+wollte.
+
+Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei
+unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.
+
+Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit
+meinem Schwager über Sie sprechen.«
+
+Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die
+Landstraße hinaus.
+
+Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche,
+leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die
+einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder
+umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf
+einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne,
+und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen
+kräftigen Erdgeruch mit sich führte.
+
+Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war
+bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und
+schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld
+führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und
+ab schwankten.
+
+Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem
+abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden
+Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein
+sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige
+wohltuende Ruhe.
+
+Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen.
+
+Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so
+ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr,
+daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für
+die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde
+abzwingen können.
+
+Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken.
+
+Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und
+quälte und ängstigte sie.
+
+Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und
+zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr
+bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde,
+an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr
+Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von
+einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem
+Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht
+jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich
+sehnte.
+
+Und merkwürdig. – Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte
+sie etwas. – Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr
+zurück und setzte dann seitwärts über das Feld.
+
+Das Mädchen lachte plötzlich hell auf.
+
+Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte
+sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles
+vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame
+verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu
+schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden
+Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind
+die Wangen kühlen zu lassen.
+
+So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob
+sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde
+Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier
+und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.
+
+Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene
+Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über
+sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.
+
+Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine
+Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen.
+
+Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander.
+
+»Leute, ich hab’ euch doch gegeben, was ich hatte – nun geduldet euch
+noch die paar Tage – ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles
+durchmachen mußte – eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins
+gleiche gebracht. – Nicht wahr?«
+
+»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus
+sieht’s auch man mager aus.«
+
+»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne – dat tun wir nich –«
+
+»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden’s
+woll jetzt allein nich so haben, – bloß Frau und Kinners –«
+
+»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.«
+
+Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben
+zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das
+Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen
+Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer
+Geld bekommen – so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und
+jetzt geht wieder an eure Arbeit.«
+
+»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!«
+
+»Guten Morgen.«
+
+Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte
+Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.
+
+Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den
+Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen.
+
+Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens,
+das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich
+schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle
+des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden,
+schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.
+
+Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.
+
+Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne
+Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich
+und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die
+Einsamkeit.
+
+Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen.
+
+Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms’ Schwägerin dies alles
+erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer
+zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging.
+
+Gott sei Dank. Es war auch besser so.
+
+Bald mußte er verschwunden sein.
+
+Und doch – ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren
+Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.
+
+Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht.
+
+Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte
+mit Gepolter in den Hohlweg hinab.
+
+Wilms wandte sich ruckartig zurück.
+
+Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort
+unten war wirklich – ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher
+überrascht haben.
+
+Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen
+auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig.
+
+»Wie kommst du dorthin?«
+
+»Ich?« – sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher – »ich ging
+ein bißchen spazieren.«
+
+»Warum bliebst du denn nicht bei Else?«
+
+»Weil ich es nicht länger aushielt – das Wachen, glaube ich, hat mich zu
+sehr angestrengt.«
+
+Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so – so – was machst du denn
+eigentlich hier?«
+
+Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.
+
+Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich
+selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.
+
+Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen
+einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und
+trotzig hervor.
+
+Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte.
+
+Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus
+ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu
+ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes – Kostbares – um
+sich selbst.
+
+Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er
+das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd
+anstarrte.
+
+»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos.
+
+»Ich?«
+
+Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine
+brennende Röte jagte über ihre Züge.
+
+Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an.
+Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete
+sich straff auf.
+
+Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.
+
+Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen,
+körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens
+nicht gefährlich.
+
+»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie
+kurz und herb.
+
+Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr.
+
+O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu
+lassen.
+
+»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat
+ihm auf die Stirn.
+
+»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?«
+
+»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.«
+
+Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes
+hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf
+schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander.
+
+Dann stürzte es aus ihm heraus.
+
+»Und du – – was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? – – –
+Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, – aus
+dem Haus – heute noch.«
+
+Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins
+Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur
+durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und
+heiser:
+
+»Was geht dich das an? – Was soll das alles? Wozu drängst du dich in
+meine Angelegenheiten? Was?«
+
+»Wozu? – Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei
+denen ich von jetzt an leben soll.«
+
+»Willst – du denn wirklich bei uns bleiben? – Hedwig – aber – aber du –
+du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit –
+du solltest lieber wieder gehen.«
+
+Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten
+nebeneinander über die leere Heide.
+
+Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und
+geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter
+heftend.
+
+Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest
+gehen.«
+
+Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.
+
+Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der
+aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.
+
+Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies
+elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.
+
+»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich
+und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.
+
+Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken
+merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht
+werden sollte, in gänzliche Verwirrung.
+
+»Ich – nein, – was denkst du, – ich habe nichts gegen dich.«
+
+»Und Else?«
+
+»Meine arme Frau wohl auch nichts – bloß –«
+
+Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große
+Verlegenheit.
+
+»Bloß – nun also?«
+
+»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« – stammelte er. »Du hast
+soviel Bildung genossen – drüben in der feinen Pension – Else und ich,
+wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du
+hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht
+gefallen.«
+
+Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen
+konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber
+ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark,
+Schwager, und möchte euch gern helfen.«
+
+»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in
+der Tat?«
+
+Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und
+Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?«
+
+Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in
+sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.
+
+Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:
+
+»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?«
+
+»Ja früher« – wiederholte der Landmann, tief Atem holend – »früher – da
+mag’s wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging
+ich auch oft mit Else über das Feld – –«
+
+»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen.
+
+Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm
+ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er
+gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst
+ihr eigentlich gar nicht ähnlich.«
+
+»Nein,« bestätigte seine Begleiterin.
+
+Es klang scharf und herb.
+
+Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.
+
+Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen
+Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten
+und sich in Dämmerung zu verlieren schienen.
+
+Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten
+sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll
+den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden
+Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft.
+
+Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den
+einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet
+von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die
+dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien
+von einem festen Entschluß beherrscht zu sein.
+
+»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz.
+
+Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig
+schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.
+
+Sie blieb plötzlich stehen.
+
+Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht
+von der Stelle.
+
+In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden
+Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten
+Kiefern.
+
+»Wohin du gehst, möchte ich wissen?«
+
+Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen
+sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde.
+
+»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich
+will ihm Heu verkaufen.«
+
+»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?«
+
+Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden
+Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen.
+
+»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen
+möchte.«
+
+Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein
+hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine
+Frau?«
+
+»Ja, jung verheiratet.«
+
+»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.
+
+»Ach ja, Hedwig, das wäre – sehr schön – von dir –« stotterte er mit
+niedergeschlagenen Augen.
+
+Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die
+Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch
+– große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie
+bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er
+es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit
+ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts.
+
+Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah
+sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem
+strömte ihm frisch entgegen.
+
+Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die
+Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.
+
+Wie jugendfrisch und kräftig sie war.
+
+»Hedwig, du fragtest vorhin – – –«
+
+»Nach deinen Verhältnissen, ja.«
+
+»Ich – ich – Hedwig – wenn ich nur Vertrauen – –«
+
+Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß,
+wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit
+stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser
+verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem
+überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen
+aus.
+
+Und wahrlich, sie war schön.
+
+Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen
+sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen
+Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in
+Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob
+sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie
+fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er
+sie an und erschrak.
+
+Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie
+an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte.
+
+Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück.
+
+»Dort – dort ist das Forsthaus,« stammelte er.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des
+Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.
+
+Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man
+sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit
+verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen
+Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der
+berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.
+
+Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung
+kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte
+selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung
+zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit
+Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von
+Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert
+waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des
+Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte
+herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis
+gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim
+zurückzuführen.
+
+So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis
+sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.
+
+Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich
+gefühlt. – Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.
+
+Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch
+auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht
+unbegleitet aufbrechen lassen wollen – »es schicke sich nicht,« hatte er
+geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.
+
+Die Uhr schlug.
+
+Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich
+nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott
+gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
+eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund
+eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und
+das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.
+
+Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.
+
+Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte
+läuten können.
+
+Ganz verlassen – ohne jede fremde Hilfe.
+
+Sie begann sich zu ängstigen.
+
+Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch
+rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig
+Ungewohntes.
+
+Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her – dann
+hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.
+
+Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich
+die Blasen platzen – – aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt,
+ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den
+Hof gesprengt – – ein Pferd wieherte hell und anhaltend – ein kurzer
+Stimmwechsel – –
+
+Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die
+überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in
+Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine
+kurze liebenswürdige Verbeugung.
+
+Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der
+Lodenjoppe troff das Wasser herunter.
+
+»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze – »ich weiß, es
+ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit
+hineinbringe. Nicht wahr? – Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«
+
+»Nein – nein – leider« – Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu
+erheben – »mein Mann und meine Schwester sind fort – aber wer – – mit
+wem habe ich denn –?«
+
+Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten,
+wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des
+Reiters daran verhindert.
+
+»Oh« – meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte –
+»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
+doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. – Aber dieses
+niederträchtige Wetter draußen – Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie
+eine Morchel – und da dacht’ ich, Herr Wilms würde mich wohl ein
+Stündchen bei sich aufnehmen. – Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der
+Sohn natürlich – Ihr Mann kennt mich ganz genau – vielleicht haben auch
+Sie schon von mir gehört – – ist’s wirklich erlaubt? Sie sind zu
+liebenswürdig.«
+
+Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der
+Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte
+dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.
+
+»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen
+Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen
+die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf
+Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? –
+Oder falle ich Ihnen lästig?«
+
+»O – bewahre,« hüstelte die Kranke.
+
+Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie
+es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab
+behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie
+hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und
+jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor
+ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.
+
+Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig
+suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund
+gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.
+
+»So? – hm« – der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:
+»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. – Ich bin auch prinzipiell
+dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu
+gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides
+in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? – hm« – – – er schlug
+mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig gegen ein
+Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen.
+Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an langweilig
+zu werden.
+
+»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen
+wollen?«
+
+»Nein – nein – bewahre – lassen Sie sich nur nicht stören – wir plaudern
+ja hier ganz vorzüglich. Hm – ein recht gemütliches Zimmer – ein bißchen
+groß – – ja – sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch, als wenn ich
+neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen hätte. Oder schon
+wieder abgefahren?«
+
+»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester
+Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«
+
+»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche
+junge Dame – also, Ihre Schwester? – Na ja, die Ähnlichkeit ist
+unverkennbar« – hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener
+verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. – »Ein
+Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt –
+nicht wahr?«
+
+»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich
+geschmeichelt.
+
+Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer
+zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen
+blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses
+Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles
+suchen wolle. – Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« – fuhr
+er gleichgültig fort: »Wir kennen uns – oberflächlich natürlich nur,
+denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne
+zusammengebracht – das können Sie sich doch denken.«
+
+»Ach – der Herr Graf scherzen nur –«
+
+»Durchaus nicht – man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir
+– – na hier wird es ja auch bald losgehen und – –«
+
+Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? – Dort draußen
+fährt ein Wagen über die Chaussee – zwei feste Traber übrigens, jetzt
+lenken sie über die Brücke – das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein
+Schwester sein.«
+
+»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«
+
+»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es
+nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch
+Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«
+
+Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte
+ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.
+
+»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch
+hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür
+richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten
+mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf – seit – seit
+langer Zeit.«
+
+»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,«
+meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen
+Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr
+Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei
+sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. – Ich habe
+doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«
+
+ * * * * *
+
+Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie
+waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem
+gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf
+den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes,
+weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen
+Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken
+jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben
+Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
+Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen
+Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in
+der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn
+in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von
+der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl
+bedeute.
+
+So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke
+endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit
+hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt
+haben.
+
+»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms.
+Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben
+ihm verharrte.
+
+»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die
+Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen
+und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen – na ängstigen Sie
+sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast
+werden Sie los.«
+
+»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu
+sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von
+ihrem Stuhl aus.
+
+»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? –
+Abgemacht – dann bleibe ich. – Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich
+noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten
+gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. – Guten
+Abend, mein liebes Fräulein – alle Wetter, ich wage gar nicht mehr ›Du‹
+zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«
+
+So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und
+hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.
+
+Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische
+Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer
+Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die
+Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen,
+gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und
+beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver
+Koketterie gefallen wollte.
+
+Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen
+darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch
+einen Sitz für Hedwig herbei.
+
+Wo sie nur bleiben mochte?
+
+»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der
+Mägde.
+
+»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«
+
+»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt
+auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie
+uns so lange auf? Ich versteh’ das gar nicht – der Herr Graf kennt sie
+doch auch.«
+
+»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der
+Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige
+Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«
+
+»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.
+
+Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe
+hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit
+der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig
+eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.
+Ihre Tür stand offen.
+
+Es war so seltsam still dort drinnen.
+
+Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?
+
+Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen
+Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.
+
+Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag
+hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem
+benahm.
+
+Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?
+
+Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.
+
+In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige
+Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das
+Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und
+ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,
+ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte
+die Gestalt der Bewohnerin auf.
+
+Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt
+haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz
+und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und
+eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.
+
+Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes
+Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine
+Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte
+preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.
+
+Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie
+unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er
+der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,
+während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes
+Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.
+
+Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen – damals in den Stunden des Glücks –
+aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer
+Schönheit.
+
+Seine Lippen bebten.
+
+Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort
+drinnen.
+
+Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze
+Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.
+
+»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird – das arme Weib,« –
+war sein erster, unwilliger Gedanke, – dann wartete er noch ein paar
+Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein
+verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer
+schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. – Langsam wandte
+sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.
+
+»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«
+
+»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«
+
+»Mich? – Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem
+schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. – Sind denn unsere Gäste schon
+alle versammelt?«
+
+»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen,
+Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich
+danke dir dafür, mein Kind. Und – und Herr von Brachwitz befindet sich
+ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«
+
+»Ja, ich sah ihn.«
+
+»Sag’ einmal – Hedwig – gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«
+
+»Nein.«
+
+»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«
+
+»Ja – nein – das heißt, ich kenne ihn näher.«
+
+»Sieh – ich will mich nicht ’rein mischen – es geht mich ja nichts an –
+aber – er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«
+
+»Auch das.«
+
+Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr
+eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit
+ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie
+langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«
+
+»Nein – nie.«
+
+»Nie?«
+
+Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in
+dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.
+
+Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff
+sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes
+Haar.
+
+Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie
+die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen
+Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener
+lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in
+seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er
+nachgrübelte, und der ihn anwiderte.
+
+»Hedwig« – – murmelte er unwillkürlich.
+
+»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.
+
+Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.
+
+»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«
+
+Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.
+
+Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich
+in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch –
+eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die
+Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem
+innigen Gefühl gesprochen werden könnte – oder ob – das Blut stieg ihm
+dabei in die Stirn – ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.
+
+»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«
+
+»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.
+
+Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die
+Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus,
+so daß völlige Dunkelheit entstand.
+
+Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf
+die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum
+hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:
+
+»Lassen wir doch den Grafen. – Er ist eine häßliche Erinnerung für mich,
+die ich gern abschütteln möchte. – Übrigens« – lachte sie leicht –
+»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager – eine
+ganz alltägliche Dummheit. – –«
+
+Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und
+Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht
+beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine
+wohltuende Wärme von ihr ausströme.
+
+Da stieß sie einen leichten Schrei aus.
+
+Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach
+dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
+Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.
+
+Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte
+sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe
+und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von
+Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird
+es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht
+ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«
+
+Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. – »Ja, ja,«
+stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. – Seine Schuldenlast, die
+ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,
+Mißernte und die hohe Pacht – alles zusammen stürzte plötzlich wieder
+auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.
+
+Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten
+Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs
+Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.
+
+Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte
+ihr dann schweren Trittes.
+
+Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden
+Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit
+mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,
+das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin
+abstach.
+
+»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann
+strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Ha, ha, ganz ausgezeichnet – ganz ausgezeichnet« schrie der Förster
+Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem
+Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen – stoß mit dem Herrn
+Grafen an – – Ihr Wohlsein, Herr Graf – ganz großartig – wahrhaftig. So
+was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. – Nicht
+wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? – Liebesbriefe unter das
+Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension
+tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko – –«
+
+Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor
+Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:
+
+»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und
+schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen
+die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
+Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.
+
+Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.
+
+Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen
+Aristokraten.
+
+»Mein Gott« – schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde
+Greisenköpfchen. »Die Weiber – die Weiber – gar nicht auszustudieren –
+Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde,
+jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde – und nun
+dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den
+Weg läuft.«
+
+»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der
+Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die
+Höhe.
+
+Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von
+Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit
+Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,
+sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:
+
+»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, – Fräulein
+Schröder,« verbesserte er sich – »sagen können. Denn sie hat sich ja
+auch in dieser Pension befunden.«
+
+»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer
+lebhaft dazwischen.
+
+Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein
+Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? – Na, wie war’s denn?«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt
+auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.
+
+Alles sah auf Hedwig.
+
+Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt,
+sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.
+
+»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem
+dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner
+Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte
+gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib
+herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
+wäre.
+
+Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?
+
+O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,
+überredete sich der unglückliche Mann selbst.
+
+»Weiter nichts – gewiß – gar nichts weiter.«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine
+Gedanken hinein. – Was sie jetzt wohl antworten würde?
+
+Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den
+Grafen zum erstenmal fest ansah:
+
+»O ja – der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich
+selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde
+abgebunden.«
+
+Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob
+sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit
+Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
+
+»Bitte, Herr Pastor – nicht ein Pfefferkuchen gefällig? – Nein? – Nun
+dann aber einen Apfel, – ich werde ihn gleich schälen – Sie erlauben.«
+
+In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die
+Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen
+hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall
+flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
+
+»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? – Hedwig, das ist doch nur
+Scherz, nicht wahr? – Sag’ das doch den Herrschaften.«
+
+Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren
+tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,
+die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und
+die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in
+solche Heimlichkeiten einzudringen.
+
+Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
+
+Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
+
+»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam
+betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz
+aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens
+nicht? – Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten
+Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
+
+Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand
+sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich
+erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte:
+»Gewiß – Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« –
+
+»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen
+wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn
+begann allen sichtlich zu mißfallen.
+
+Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu
+unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor
+Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er
+blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.
+
+Was das nur bedeutete?
+
+Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie
+merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich
+aufrecht.
+
+Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt
+fiel ihr das auf.
+
+Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?
+
+Aber was?
+
+Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.
+
+Worüber?
+
+Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender
+Schmerz durchschnitt sie.
+
+»Gott im Himmel – Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu
+sagen, »ich möchte – du solltest – etwas singen – so lange habe ich
+nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.
+
+Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark
+zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke
+stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für
+einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die
+Noten zu holen.
+
+In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.
+
+Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den
+Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem
+Lichte.
+
+Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.
+
+Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem
+Notenschränkchen gebückt stand und suchte.
+
+Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen
+Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen
+Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,
+und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso
+unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose
+Roheit gegen sie verübt hatte.
+
+Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib
+ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.
+
+Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn
+völlig besinnungslos.
+
+»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck
+nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. – Können Sie denn
+die Dummheit von damals nicht vergessen?«
+
+Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte
+Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz
+vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles
+an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten
+sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
+Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die
+Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.
+
+War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?
+
+»Liebe Hedwig, wenn – –«
+
+»Still – ich will das nicht –« befahl sie flüsternd und heiser.
+
+»Aber Sie wissen ja nicht – –«
+
+Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.
+
+Was war das?
+
+Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie
+vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie
+ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber
+zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung,
+zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie
+hervor: »Nein, Sie wissen nicht – Sie – Sie wissen nicht, was Sie aus
+mir gemacht haben – Sie – –«
+
+»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.
+
+Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie
+plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.
+
+Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.
+
+Was hatte sie nur vorgebracht? – Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche
+Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
+befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis,
+das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?
+
+Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde
+ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten
+müßte.
+
+Er begann wieder zu lächeln.
+
+Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos
+gemacht.
+
+Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,
+oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu
+werfen. Aber nichts regte sich.
+
+Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des
+künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der
+seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht
+aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.
+
+»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da – Gott sei Dank,
+sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große
+Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit
+hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause
+unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
+Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr
+solle es nicht übel nehmen. – Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute
+war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei
+Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu
+ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.
+Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte
+widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters
+wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen
+den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch
+Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu
+schlecht gestimmt sei.
+
+Hedwig?
+
+Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf
+sie hin.
+
+Wollte man sie herausfordern?
+
+»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte
+Kraft zusammenraffend.
+
+Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken
+Nebel hindurch.
+
+Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am
+Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied
+gesungen:
+
+ »Täglich ging die wunderschöne
+ Sultanstochter auf und nieder
+ Um die Abendzeit am Springbrunn,
+ Wo die weißen Wasser plätschern.«
+
+Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes
+Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller
+Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor
+Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig
+zusammen.
+
+Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das
+Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die
+Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet
+und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.
+
+Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand
+in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes
+Amulett umspannt hielt.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der
+Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und
+als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit
+kannte.
+
+Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen
+Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer
+burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er
+in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.
+
+Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden
+mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht’s?« stiefelte mitten
+in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.
+
+In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits
+verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und
+Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu
+wachen.
+
+Das stimmte den Arzt doch bedenklich.
+
+Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn
+ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und
+küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.
+
+Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das
+Gesicht vor Schmerz verzog.
+
+»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die
+andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust
+der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.
+
+Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein
+schlechtes Zeichen.
+
+»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos
+mit mir? – Sagen Sie es – sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie
+dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«
+
+»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und
+bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein
+Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit
+dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.
+
+Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit
+den grünen Ripsmöbeln.
+
+Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über
+das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms
+schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.
+
+Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander
+gewechselt.
+
+Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.
+
+Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.
+
+Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür
+hinter sich zu.
+
+»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick
+zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach
+arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen
+heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie
+ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da
+drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in
+ihr Denken.
+
+Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.
+
+»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der
+Pächter von neuem. »Ich kann’s ja gar nicht mehr mit ansehen.«
+
+»Trost? – hm ja.« – Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in
+einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben
+hatte, freundlich die Hand.
+
+»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«
+
+»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft
+fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«
+
+»Großer Gott – das – das hätt’ ich nicht erwartet.«
+
+Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach
+Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das
+ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«
+
+»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf,
+»leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen – ich hab’ mir’s
+längst gedacht, längst. Und dann – –«
+
+»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat
+aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches
+geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so
+fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«
+
+In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände
+gegeneinander.
+
+»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den
+Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So
+oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen
+Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem
+Selbstgespräch gedankenlos zu.
+
+Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen
+Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung
+vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein
+Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad – ja, ja –
+ganz recht – und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«
+
+»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über
+die Stirn strich.
+
+Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie
+ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die
+Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte
+er einwerfen: »Aber – aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«
+
+»Ja, billig ist’s nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter
+teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu
+gehen hat.«
+
+Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die
+Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen
+küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem
+Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief
+hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich
+selbst, »Kindchen, hier – dein Vater hat es mir mitgegeben. – Es ist
+Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das
+wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.«
+Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und
+fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei
+Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine
+Heilmethode jedesmal hinterließen. – – –
+
+In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei
+Menschen allein.
+
+Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen
+fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie
+nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.
+
+Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen
+Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die
+Lippen fest zusammen.
+
+Eine Demütigung sollte nun folgen – »nur kein Geld von ihr – nur das
+nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte
+hinausgehen.
+
+Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme
+dazwischen.
+
+»Wilms – Hedwig – kommt zu mir.«
+
+Beide erschraken.
+
+Es klang so fern, so geisterhaft.
+
+Nun mußte es geschehen.
+
+Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und
+bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem
+festen Blick den Brief in die Hand.
+
+Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes
+Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch
+einmal von sich.
+
+»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt
+ihr so lange?«
+
+»Hedwig – was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.
+
+»Schnell! – Es sind 5000 Mark – ein Drittel meines Erbteils – Wilms,
+damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«
+
+»Ich kann nicht – ich darf ja nicht, Hedwig.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil – weil – –« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel
+erfaßt, das Geld weit von sich.
+
+»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«
+
+»Ja,« stöhnte er.
+
+»Und aus welchem Grunde?«
+
+»Weil – –«
+
+Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe,
+weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil
+dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft
+und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das
+sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.
+
+»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und
+legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.
+
+Beide blickten sich eine Sekunde lang an.
+
+Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am
+ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm
+durcheinander.
+
+»Schlag sie nieder,« reizten die einen.
+
+»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern,
+»umarm’ sie, küss’ sie.«
+
+»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor.
+»Ich darf ja nicht!«
+
+»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals
+hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.
+
+Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.
+
+Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden
+Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein
+Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein
+Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer
+Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm’ es ja – wenn du es willst –
+denn du bist gut – ja du bist gut.«
+
+Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt
+lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach
+seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über
+die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.
+
+Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er
+ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.
+
+Hedwig stand noch immer und lächelte.
+
+»Geh nur.«
+
+»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du
+bist gut.«
+
+
+
+
+X.
+
+
+Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt
+gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.
+
+Es war gerade der achte Tag.
+
+Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos
+lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie
+leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der
+sich bereits in Dämmerung hüllte.
+
+Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten
+Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am
+Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun,
+leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.
+
+Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick
+lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das
+Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.
+
+»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die
+Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in
+Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott – so war ich
+auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«
+
+»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die
+abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt
+erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem
+Krüppel – ich ertrag’s ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön,
+so jung, und ich – – ach, in dem Bade wird’s ja auch nicht besser
+werden.«
+
+Hedwig rührte sich nicht.
+
+Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu
+wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.
+
+Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer,
+legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und
+entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.
+
+Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine
+Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um
+die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.
+
+»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das
+Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die
+Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
+entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte,
+obgleich sie sich erregt hin und her warf.
+
+»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene
+willig, indem sie die Zeitung hinlegte.
+
+»Nein, mein Kind, noch nicht – ich möchte, – setze dich doch her zu mir
+ans Bett, – – Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
+nicht mehr lange so sitzen.«
+
+Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf
+einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.
+
+Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester,
+ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.
+
+Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.
+
+Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere
+von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf
+und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele
+gelegen hätte:
+
+»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«
+
+Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig
+wurde.
+
+»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich
+zu pflegen –«
+
+Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du – von Wilms?«
+fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.
+
+Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie
+sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag
+ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das
+Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.
+
+»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang
+in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.
+
+»O ja« – murmelte diese verwirrt – »dein Mann macht einen braven,
+rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so
+aufrichtig besorgt.«
+
+»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. – Dann drückte sie
+sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.
+
+Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten
+fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als
+sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.
+
+»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester.
+»Er liebt mich noch immer. – Aber – aber – o Gott, Hedwig, ich will dir
+etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade
+wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit
+vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms – o Gott –
+verzeih’ mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur
+das Elend« – wimmerte sie dazwischen – »Hedwig, dann ist es mir
+manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, – hörst du? – der mich zu
+alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen
+gehaßt habe. Und dabei – ach, du kannst es ja nicht verstehen – dabei
+sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate
+unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns
+herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.
+
+»Nein – nein – nein – ach, du mein Gott, was sag’ ich nur alles – das
+ist ja alles Todsünde – Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere –
+höre nicht darauf.«
+
+Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den
+Worten des Psalms:
+
+ »Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.
+ Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.
+ Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? –
+ Erbarm’ dich meiner – Sela – Sela.«
+
+Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf
+in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.
+
+Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische
+Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig
+zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte
+sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben
+erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.
+
+Fast eine Stunde verrann so.
+
+Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie
+immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem
+Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer
+ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer
+wilden, unreinen Leidenschaft.
+
+»Unrein?«
+
+Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre
+Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo
+zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so
+sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen –
+nein, seltsam – beinahe lächerlich – immer fort, und je länger desto
+deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden
+Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer – mit seinem ehrlichen
+Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
+schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. – – Und sie sagte sich in ihrem
+Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und
+sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms
+Halse gehangen hätte, und dennoch – und dennoch – die Ahnung wurde immer
+deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.
+
+Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.
+
+Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.
+
+»So spät schon? – Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie
+darüber, daß sie ihn erwarte.
+
+Da – sie fuhr auf.
+
+Sprach ihr zur Seite nicht etwas?
+
+»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und
+legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so
+still und sanft, mein süßes Heting.«
+
+Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer
+gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich
+dumpf im Zimmer um.
+
+»Ist Wilms noch nicht zurück?«
+
+»Nein, noch nicht.«
+
+»Wo fuhr er denn hin?«
+
+»Nach Grimmen.«
+
+»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend – »Erzählte er dir
+das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl
+viel Vertrauen zu dir?«
+
+»Ja, ich denke.«
+
+Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr
+die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als
+bisher ausstrecken konnte.
+
+Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang
+unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die
+Wangen.
+
+Sie wußte selbst nicht warum.
+
+»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.
+
+»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen –
+Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen – Sieh, da
+möcht’ ich gern wissen, mein Heting, – du darfst es mir aber nicht übel
+nehmen – ob du – was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«
+
+Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.
+
+Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück
+und schloß die Augen. – Es war ihr, als senke sich die Decke des
+niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft,
+als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. –
+Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? – Wieviel
+Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?
+
+»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren
+Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«
+
+Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl
+leise hin und her.
+
+»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und
+daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel,
+Hedwig, sag’ mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+»Ja – du mußt mich recht verstehen – – ach, es regt mich so auf und jagt
+mir soviel Angst ein – – du bist ja auch noch so unerfahren – – diese
+schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. –
+Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich –«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln,
+das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte.
+Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den
+Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.
+
+»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer,
+gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«
+
+Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach
+sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
+die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte,
+preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.
+
+»Willst du mir keine Antwort geben?«
+
+»Ja,« antwortete Hedwig.
+
+»Nun also – ich bitte dich.«
+
+»Ganz einfach, Else. – Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann –«
+
+»O Gott – und?«
+
+»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche
+Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei
+lockere Tändeleien anzuknüpfen.«
+
+»Aber mit dir – Hedwig – mit dir?«
+
+»Mit mir?«
+
+»Ja.«
+
+Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses
+schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung
+empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann
+aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:
+
+»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen – weiter nichts.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann
+raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke,
+zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
+Neid und Bewunderung glühenden Augen an.
+
+»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie
+beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist
+verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen,
+goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie
+die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem
+verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm
+das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.
+
+»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die
+Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische
+Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«
+
+Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.
+
+Else bemerkte es.
+
+»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt
+rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.
+
+»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«
+
+»Er ist einfach frech gewesen.«
+
+»Frech? – Großer Gott – Hedwig, dreh’ dich doch um – dann – dann
+durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen – wenn ich das
+gewußt hätt’ – – Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«
+
+»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.
+
+Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.
+
+»Hedwig, du sollst dich umdrehen. – Ich will dich sehen können,« schrie
+die Kranke mit durchdringender Stimme.
+
+Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende,
+so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die
+Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck
+und achselzuckend auf das Bett zuschritt.
+
+»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist
+zwischen euch nichts vorgefallen?«
+
+»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend.
+»Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst
+nimmst? Hier trink’ deine Medizin.«
+
+»Nein, laß noch – Heting – wirklich weiter nichts? – Weiter nichts?«
+
+War es möglich?
+
+Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um
+eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.
+
+Eine Pause entstand.
+
+Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein
+verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und
+gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was
+soll denn noch alles vorgefallen sein? – Komm’, Else, du mußt deine
+Medizin nehmen.«
+
+So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es
+wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
+nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde
+gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den
+Torweg rollen.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte
+vergeblich.
+
+Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die
+Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer
+hinaufgestiegen.
+
+»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf,
+daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten
+aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
+
+Und siehe – eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn
+verschwunden.
+
+Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig
+vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden
+Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem
+Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
+
+Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben
+anvertraut hatte.
+
+»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
+
+Es war eine grobe Beleidigung – auch für den Landmann. Aber das fühlte
+er nicht.
+
+Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.
+
+»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.
+
+Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu
+ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange
+und Hals.
+
+Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort
+oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
+vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer
+ausstreckte.
+
+Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf
+die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen
+Nacken schlang.
+
+Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine
+Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in
+verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.
+
+ * * * * *
+
+Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das
+Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager
+ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein
+geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.
+
+Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die
+weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas
+anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.
+
+Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst
+unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände
+und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
+empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie
+hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und
+ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen,
+frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da – da
+stieg es wieder herauf – da sah sie von neuem das ganze Bild jener
+unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester
+so sorglich verborgen hatte.
+
+Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor
+Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen
+Eindringling mit Küssen überdeckt wird, – das vor Scham nur leise Bitten
+hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die
+Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, – wehrt mit
+verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen
+Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben
+muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? – Was!! Sie wirft
+sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja
+täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht
+sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das
+hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke
+schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie
+zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.
+
+»Großer Gott!« – Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht
+ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein
+paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt
+haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer
+der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.
+
+Jetzt schäumt’s und brandet’s. Hui, der Sturm pfeift.
+
+Großer Gott – Großer Gott.
+
+Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder
+küßt, und weint bitterlich.
+
+Frühlingsschauer!
+
+
+
+
+Zweites Buch.
+
+I.
+
+
+Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter
+hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch
+regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke,
+von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende
+Zauber von der Wirtschaft gewichen.
+
+Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms
+steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals
+zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen
+ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem
+einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes.
+
+Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges
+Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und
+enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf
+Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor
+Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.
+
+»Ho, ho – Wilms, hier heran, – hier heran,« brüllt inzwischen der
+gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in
+kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als
+Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und
+einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes
+Paket unter den Arm geschoben.
+
+»Hier, Wilms – von meiner Frau. – Ein paar Würste und so was. Na schon
+gut. – Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren
+sein, was?«
+
+»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz
+dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine
+Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? – Gute Nachrichten?«
+
+Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin
+einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas
+gebessert hätte.
+
+»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet
+der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten,
+erkundigt er sich leichthin:
+
+»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?«
+
+Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß.
+
+»Und wann, wenn ich fragen darf?«
+
+»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten
+etwas näher.
+
+»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei
+er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher
+lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit
+großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald
+wieder begrüßen zu können.
+
+»Vorwärts.«
+
+Der Schlitten fliegt davon.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da.
+
+In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere
+Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank
+auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und
+plauderten.
+
+Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der
+emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen
+an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im Schrank verborgen
+hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im
+Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet.
+
+Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube.
+
+»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme
+Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz
+und ich – –« kam es unwillkürlich heraus, »hab’ ihn dabei so gern.«
+
+»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und
+nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht
+schließlich unser ganzes Christentum. – Was ich sagen wollte – – Ihre
+liebe Frau – – – Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?«
+
+Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter.
+
+Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus
+erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein
+Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein
+jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur
+dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen
+können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr.
+
+»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner
+dünnen Stimme weiter, »das schließt die Menschen wie mit eisernen
+Ketten aneinander, nicht wahr?«
+
+»Ewiges – Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf
+das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang
+schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.
+
+Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im
+Zimmer.
+
+So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der
+dicke Kreisphysikus Dr. Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem
+Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges
+Ungeheuer aus. »’n Abend, Kindtings, ’n Abend,« ächzte er.
+
+Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen
+beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen
+Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann
+mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein.
+
+»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf
+seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß ’raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen,
+daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.«
+
+»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann
+aufgeschreckt und sprang auf.
+
+»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab’s gleich
+gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden,
+und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar
+schon. – Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte
+der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem
+Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder
+nach Grimmen bekommen.«
+
+Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht
+denn – Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?«
+
+»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?«
+
+»Ich?«
+
+Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die
+kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend:
+»Nein, ich nicht.«
+
+»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der
+Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein
+Skätchen; Karten hab’ ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an,
+Wilms.«
+
+»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für – – –« wollte
+Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch
+energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter
+keine Umstände, Pastor, – und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau
+mit allem einverstanden. – Wer gibt? – Na also – Wilms, bringen Sie die
+Lampe – Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den
+Triümphern, meine Herren, – Wilms, die Lampe blakt – was gibt’s Neues,
+Pastor?«
+
+In bester Eintracht spielten die Herren fort.
+
+Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler
+nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines
+Partners.
+
+Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.
+
+»Na hören Sie mal, Wilms« – sagte er bedenklich, »so was ist noch gar
+nicht dagewesen – haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht
+’rein?«
+
+»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie
+der Physikus.
+
+»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre
+Frau denken.«
+
+An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann – – aber die
+Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer
+fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches
+Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen
+Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah,
+weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen
+preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.
+
+Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in
+dies Haus, das so leer war?
+
+Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man
+sich.
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei,
+die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier
+fehlte die anordnende, weibliche Hand.
+
+»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages
+dem Landmann.
+
+»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.«
+
+Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der Schnee fiel draußen
+immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft.
+
+Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach
+dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu
+wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte
+über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger
+ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde.
+
+Aber nichts von alledem geschah.
+
+Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große
+Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze
+Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich
+zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand
+und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit
+Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.
+
+Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich
+zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch
+nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte,
+um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe
+damals ums Haupt ringelten. – Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig
+gewesen! Rasch stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie
+wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen
+Leuten schalt und haderte.
+
+Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.
+
+Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an.
+
+Da endlich, eines Morgens, – Wilms saß noch beim Kaffee – da schlich der
+taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte
+schweigend einen Brief auf den Tisch.
+
+Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben,
+nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes
+Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt,
+die der ältere Graf Brachwitz einberief.
+
+Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er
+interessierte sich nicht für Politik.
+
+»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach,
+indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag
+wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung
+der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns
+auch ganz doll zugehen. – Die verdammten Weibsbilder – haben Sie’s nicht
+auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in
+Lohn genommen – pardauz muß man sie wieder entlassen. – Is da was los
+mit so ner Person. – Ne – die Sittlichkeit, – weiß der Deuwel – man kann
+den Frauenzimmern nicht trauen.«
+
+Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer
+Verheirateten vorgekommen sein, – warten Sie mal – es war sogar ’ne
+Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub’s
+nicht, weil bei Eheleuten ’ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu
+gehört – Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.«
+
+Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten
+sich, aber er erwiderte kein Wort.
+
+»Na guten Morgen, Wilms, wie geht’s Ihrer Frau?«
+
+»Besser.«
+
+»Und Ihrer Schwägerin?«
+
+Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.«
+
+»Na, denn Adieu!«
+
+»Adieu auch, Eltze.«
+
+Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und
+schrieb, tönte es vor seinen Ohren:
+
+»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«
+
+Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu
+tanzen. – Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken
+zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall.
+»Bei Eheleuten« hieß es – Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet?
+Besaß er denn ein Weib? – – – oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine
+Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?
+
+»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese
+entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in
+seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular.
+Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein
+großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz
+bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung
+einladen.
+
+»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in
+der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte
+sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«
+
+»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten
+Zweck.«
+
+»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog:
+»Sittlichkeit – da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern.
+Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine
+Schande ist, und dann soll so’n Verein gegründet werden.«
+
+Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm
+langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine
+Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab,
+»ich hör’ so was nicht gern.«
+
+»I – ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. – Is sogar ein
+ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is ’ne wahre Dummheit vom
+Alten, daß er den Jungen nicht bei’s Militär gelassen. Hier in der
+Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts – und
+verfällt auf lauter Dummheiten. – Die Förstersfrau kann ihn ja auch
+nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich
+gehörig die Tür gewiesen haben.«
+
+Wilms konnte nicht länger zuhören.
+
+»Herr Grothe – ich muß jetzt – ich hab noch notwendig was zu tun –
+Grüßen Sie den Herrn Grafen, und – ja ich werd’ woll auch kommen.«
+
+»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht’s Ihrer lieben Frau
+gut?«
+
+»Ja, ich danke.«
+
+Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt
+langsam vom Hof herunter.
+
+ * * * * *
+
+Aber der Besuch hatte seine Folge.
+
+In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so
+einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen
+Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen
+glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau
+erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert
+wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte
+er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen
+sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die
+häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.
+
+Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits
+wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich
+über das Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die
+Briefe aus der Brautzeit bewahrte.
+
+»Mein Elsing – sie wird nun bald ganz gesund sein – und dann werden wir
+mit Gottes Hilfe wieder glücklich – ach so glücklich, wie damals, eh’
+die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«
+
+ * * * * *
+
+Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms
+merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.
+
+Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.
+
+»Soll ich für den Herrn auch ’ne schöne Tann’ putzen?« fragte die
+Obermagd.
+
+Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen
+Mann blickte.
+
+Wilms dankte.
+
+»Ne, laß man, Dörthe – für mich allein. – Es hat keinen Zweck.«
+
+Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er
+wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine
+Freude bereiten.
+
+Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte er endlich in Grimmen
+ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines
+goldnes Herz an einer dünnen Kette.
+
+Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.
+
+Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes
+Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen
+Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog
+und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube.
+Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder,
+noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.
+
+»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann
+leichthin.
+
+Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und
+brach auf.
+
+Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den
+offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht.
+Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo
+ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden
+den dick beschneiten Pelz abnahm.
+
+Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar
+frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen
+freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb
+erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche
+geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch
+die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der
+großen Freude.
+
+Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit
+dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile
+an.
+
+Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und
+weißes Feld – halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh
+endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von
+dickem Schneewall umgebenen Hof.
+
+Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen
+Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.
+
+»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt,
+»die Dirn hat Mitleid mit mir.«
+
+Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter
+den Pfosten stehen.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und
+streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges
+Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte
+sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«
+
+In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten
+Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von
+seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich
+gedacht hatte.
+
+Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer
+Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. – Halb religiöse Vorstellungen
+durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen
+hatte.
+
+Sie war da.
+
+Die Versuchung war wieder da.
+
+All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in
+seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich
+aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.
+
+»Hedwig – – willkommen – du –«
+
+Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und
+preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.
+
+»O –« sie verzog schmerzhaft den Mund.
+
+Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.
+
+Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen
+behilflich war.
+
+Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für
+ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten
+waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine
+Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.
+
+Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.
+
+Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den
+neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa
+und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.
+
+Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen
+vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und
+begann ungestüm zu fragen:
+
+»Noch nicht – noch nicht – vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«
+
+Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut – überhaupt überraschend – so gut,
+daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«
+
+»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«
+
+»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag
+besser.«
+
+»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an,
+daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
+
+»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie
+endlich.
+
+»Ja, – das heißt – –«
+
+»Kannst du dir’s wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch
+schwerfällig. – Vorausgeschickt bin ich – aufräumen soll ich, das
+Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht
+wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«
+
+»Mir? Warum?«
+
+»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«
+
+»Bewahre, Hedwig – du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«
+
+»Wirklich?«
+
+Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.
+
+Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else
+und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische
+Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
+die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst
+Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
+lauschen.
+
+Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und
+lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.
+
+Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte
+aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die
+Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu
+davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.
+
+Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das
+verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von
+neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.
+
+Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an
+etwas Fernes zu denken.
+
+Der Pächter wurde unruhig.
+
+»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.
+
+»Ja, Schwager.«
+
+Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände
+gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
+Fragenden lenken.
+
+»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«
+
+»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«
+
+»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in
+ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten
+Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein
+Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte
+verlegen auf dem Tisch hin und her.
+
+Eine Zeitlang blieb es still.
+
+Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen.
+Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.
+
+»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete
+er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur
+Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. – Weshalb
+bist du eigentlich – ich – mein Kind – ich meine, warum bist du
+eigentlich so gut zu uns?«
+
+»Gut?«
+
+»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und
+ich hab mir damit helfen können. Das hätt’ mir schon kein anderer getan,
+– nein, laß – ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um
+die es nur wenige aushalten konnten. Und nu – nu kommst du wieder
+hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und
+unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen,
+ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann’s mir ja
+gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
+vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«
+
+Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen
+Ton.
+
+Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber
+sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr
+eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände,
+durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie
+nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf
+die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.
+
+Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das
+Webemuster ihres Kleides erkennen.
+
+Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.
+
+»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an
+zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet:
+»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher
+zurückkam in eure Einsamkeit.«
+
+»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.
+
+»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so
+still ist. – Mir ist diese Stille Bedürfnis. – Ich verabscheute schon
+als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der
+Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist
+deinetwegen, Schwager.«
+
+»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so
+leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit
+hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch
+aufgefaßt haben.
+
+Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte
+ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.
+
+»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.
+
+Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf
+das Sofa nieder.
+
+»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden,
+Wilms.«
+
+»Das bin ich nicht.«
+
+»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine
+Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? – Nun, und hast du
+sie gefunden? – Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit
+verloren – und auch jetzt, Schwager, – ich muß es dir sagen, mit vielem
+Schmerz, glaub’ mir das – auch jetzt wird dir meine arme Schwester
+dieses Glück nicht schaffen können.«
+
+»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte
+ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.
+
+Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos
+enthüllte.
+
+»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.
+
+»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise,
+als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor
+aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine
+Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf – du
+armer Mann.«
+
+Ein leises Stöhnen unterbrach sie.
+
+»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte,
+»und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis
+aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du
+wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«
+
+»Und da wolltest du – –?« stammelte er.
+
+Er begriff es nicht.
+
+»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«
+
+»Aber – aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er
+schämte sich, als er es sagte.
+
+Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,«
+erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten
+den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber –« – sie
+zögerte und wurde zum erstenmal unruhig – »das ist mir wohl nicht zum
+Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich
+gefalle, und der zu mir paßt.«
+
+»O Hedwig, doch – doch –« widersprach Wilms gedankenlos, – »du bist ja
+schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach,
+mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten
+Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.
+
+Das verdarb ihm den Abend vollends.
+
+Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. – Nur
+als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer,
+erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.
+
+So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in
+der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte
+sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.
+
+Er gab über alles genau Auskunft.
+
+Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.
+
+Wilms empfand, daß er gehen müsse.
+
+Er stand sofort auf.
+
+»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«
+
+Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein
+Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.
+
+Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in
+den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß
+Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen.
+Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.
+
+Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.
+
+»Schläfst du hier?« fragte Wilms.
+
+»Ja, in Elses Bett.«
+
+»Nun, gute Nacht.«
+
+»Gute Nacht, Schwager.«
+
+ * * * * *
+
+Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter
+lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.
+
+Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen
+Zettel mit den wenigen Worten:
+
+
+ »Lieber, guter, einziger Mann!
+
+ Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr
+ bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich
+ wieder bei Dir.
+
+ Mit tausend innigen Küssen
+
+ Deine arme Else.«
+
+
+Wilms griff nach dem Bilde.
+
+Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den
+großen Augen ein wenig vornüber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank
+aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn
+Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.
+
+Der Pächter schauerte, als er es sah.
+
+Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender
+Schein.
+
+Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt?
+dachte Wilms erschüttert.
+
+In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom
+Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig
+allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte
+müde und zerbrochen sein Lager auf.
+
+Bald erlosch das Licht.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den
+Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.
+
+Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.
+
+Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«
+
+Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet,
+brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.
+
+»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.
+
+»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«
+
+»Na, wie sie will. Es is gut.«
+
+Die Obermagd ging.
+
+Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft
+Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.
+
+Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.
+
+Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er
+wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige
+Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten,
+damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.
+
+»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.
+
+Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den
+schneebedeckten Hof herunter.
+
+In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen
+durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die
+solange auf Hedwig geharrt hatte.
+
+»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.
+
+Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu
+satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen
+Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten
+Raum.
+
+Richtig – umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse
+stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben und
+wieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten,
+es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.
+
+Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der
+die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor
+Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie
+eine Wolke.
+
+Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer
+Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem
+arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.
+
+Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die
+Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er
+sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter
+der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.
+
+ * * * * *
+
+»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die
+Molkerei verließ.
+
+Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat
+gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«
+
+Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube
+Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.
+
+Er hinkte unlustig vom Hof herunter.
+
+Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach,
+als sie eilig dem Hause zuschritt.
+
+»Die versteht’s,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so
+is.«
+
+Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis
+unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte
+nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten
+sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für
+Mann und Heim zu sorgen hat.
+
+Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine
+kleine Tanne schlagen zu lassen.
+
+»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber
+keine.«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Er sagte, weil er so allein is. – Und – dann – unsre Frau fehlt auch.«
+
+»Sagte er das?«
+
+»Ja, so ähnlich sagte er woll.«
+
+Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd:
+»Ich bin ja da – höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. –
+Haben wir etwas zum Putzen?«
+
+»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«
+
+»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. – Und für euch auch,« setzte
+sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«
+
+»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.
+
+ * * * * *
+
+Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien,
+und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein
+heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.
+
+Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu
+dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das
+Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.
+
+Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von
+ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft
+und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er
+vormittags betrieben.
+
+Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig
+bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen
+kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu
+anblickte.
+
+Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend,
+einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade
+Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches
+geplant habe.
+
+Dann trennten sie sich.
+
+Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er
+fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein
+geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.
+
+Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen
+Kaffee allein.
+
+Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite
+Gesellschaft vermisse.
+
+Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so
+aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige
+Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.
+
+Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend
+aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner,
+liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen
+mußte.
+
+Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich
+bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und
+es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze
+ein.
+
+Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit
+neckte.
+
+Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige
+Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.
+
+Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.
+
+Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa
+dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein
+wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor
+und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen
+darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«
+
+»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.
+
+Er verstand sie wieder nicht.
+
+Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der
+Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag,
+begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.
+
+Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig
+erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.
+
+Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von
+großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt
+schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu
+wollen.
+
+Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine
+stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte
+sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich
+zurück.
+
+Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und
+betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne
+war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert
+stand.
+
+Jetzt sah er auf:
+
+»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte er weich, als ob er seine
+schwere Empfindung zurückdrängen wollte.
+
+»Else?« fragte das Mädchen rasch.
+
+»Ja. – Komm, Hedwig – ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir
+wollen es einpacken.«
+
+Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam
+wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen
+bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte,
+fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.
+
+»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.
+
+Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug
+ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.
+
+Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem
+flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche,
+wie ein runder Blutstropfen.
+
+»O« – rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«
+
+»Mir?«
+
+Sie hatte kaum etwas gemerkt.
+
+»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.
+
+Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. – Dabei sah
+sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es
+immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.
+
+Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet
+blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen
+Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau
+dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.
+
+Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er
+drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an
+sein fernes Weib?
+
+Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen
+abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte,
+wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und
+balgten sich immer toller – das verwirrte seine Gedanken.
+
+»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen
+das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken
+abschütteln, aber im Geist beugte er sich und küßte sie auf diesen
+weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine
+Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten
+Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann
+schmiegt?«
+
+Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.
+
+Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches
+Stöhnen aus:
+
+»Jesus Christus – nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in
+Versuchung.«
+
+Wie im Krampf faltete er die Hände.
+
+Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim – bum – bim – bum,
+feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom
+Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+So war das Fest herangekommen.
+
+Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große
+Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.
+
+Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen
+betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und
+indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen
+für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf,
+sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
+Türen.
+
+Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief.
+Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre
+Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie
+auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach,
+wenn sie doch erst da wäre. – Ganz am Schluß erwähnte er auch Hedwig.
+Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes,
+geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da
+er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern.
+»Gelogen – gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß
+er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler
+werdenden Raum.
+
+Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute
+natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie
+nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen
+Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden
+Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen,
+während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die
+Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann
+nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum
+Wahnsinn gepeinigt? – Nein, nein – nur das nicht mehr. – Wie wäre es,
+wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders
+zubrächte, vielleicht beim Pastor?«
+
+Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über
+die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da öffnete
+sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.
+
+Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit
+verhinderte ein Erkennen.
+
+Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.
+
+»Du willst noch ausgehen, Schwager?«
+
+»Ja.«
+
+»Jetzt?«
+
+»Ja, ich hab’ noch einen notwendigen Gang.«
+
+»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen
+Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am
+Heiligen Abend nicht allein lassen?«
+
+Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller
+glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude,
+Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«
+
+»O – nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.
+
+Das verwirrte ihn immer heftiger.
+
+»Hedwig, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und
+ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein
+Kind, ich will –«
+
+Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
+
+»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie
+selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn
+auch die ganze Freude rauben?«
+
+»Dir auch?«
+
+»Ja natürlich – für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch
+ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt
+hastig die Tür auf.
+
+Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und
+übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
+
+Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum
+mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast,
+unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des
+Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des
+Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber
+hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten
+gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit
+schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
+
+»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
+
+Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und
+in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er
+sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte
+bitterlich.
+
+Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als
+wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.
+
+Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er
+sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet
+hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen
+hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht
+neben ihm.
+
+»Ich dank’ dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit
+verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten
+noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in
+die Stube.
+
+Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte
+Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk
+überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich
+selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine
+Schürze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen
+Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.
+
+Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.
+
+»Ich dank’ auch, Herr – schönen Dank auch, Fräulen – ne es is auch gar
+zu viel – so was hätt’ ich mich nich vermutet – Herrje und was die
+Leinwand schön is.«
+
+Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.
+
+Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig
+brennenden Lichter hinüber.
+
+Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch
+zweimal »Julklapp – Julklapp.«
+
+Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und
+hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn
+bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde,
+aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand
+er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
+letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz
+blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran
+befestigt, darauf stand »von Else«.
+
+War es möglich?
+
+Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen
+wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren
+zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.
+
+Aber wer sonst?
+
+Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms
+kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.
+
+Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«
+
+Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein
+den Ungläubigen überzeugte sie nicht.
+
+»Hedwig – ich glaub’s nicht – Else hat ja so feine Arbeit gar nicht
+gelernt – nicht wahr – du – von dir?«
+
+Wieder schüttelte sie leise das Haupt.
+
+»So sag’s doch,« rief er dringend.
+
+Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else
+wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch
+nicht. Da habe ich es übernommen.«
+
+»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine
+Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne
+ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich
+habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine
+kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh’ ich vor ihr, als
+gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie –«
+
+Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die
+Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine
+Lippen.
+
+»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«
+
+Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein
+schelmischer Zug. – Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte
+sie.
+
+»Von wem sie sind? – Wer weiß?«
+
+Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber
+belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese
+verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger
+anzog, verletzt zu haben.
+
+Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe
+Stille umgab die beiden.
+
+Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das
+schöne Mädchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich
+enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.
+
+Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes
+Kinderlied, das sie variierte und umbildete.
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter
+ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter
+ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach
+er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so
+traumlos wie damals in Mutters Schoß.
+
+Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie
+ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.
+
+Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen
+Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und
+seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat
+hinter Hedwigs Stuhl.
+
+Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor
+sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.
+
+Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, da fühlte sie, wie
+Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. –
+Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.
+
+Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.
+
+Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann – ihr stockte das
+Herz – dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen
+silbernen Ring an ihren Finger schob.
+
+»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt – ich schenk’
+ihn dir – er is von meiner Mutter.«
+
+Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen
+zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie
+gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und
+Wangen.
+
+Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren
+ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.
+
+Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.
+
+»Was ist dir, Schwager?«
+
+Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur
+unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das
+Bett starrten. Ganz zufällig war der Blick des Pächters über das
+reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, – da wurde eben seine Hand
+so schwer, als würde sie Eisen.
+
+In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die
+Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.
+
+»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme
+verscheuchte den Spuk.
+
+»Ja, ja – Hedwig – willst du etwas?«
+
+»Um Gottes willen, Schwager – was ist dir? – fühlst du dich krank?«
+
+»Nein – ich? bewahre – mir war nur so – seltsam. – Ich glaubte – es ist
+lächerlich – mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben in
+ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem inneren
+Entsetzen.
+
+»Else?« stammelte das Mädchen.
+
+Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber
+die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen
+ihnen stände.
+
+Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.
+
+Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,«
+ermannte er sich kurz – »es ist schon spät – gute Nacht, mein Kind.«
+
+Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren
+eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.
+
+Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein
+Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt
+brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.
+
+»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer
+hastig verlassen.
+
+Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen
+und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das
+auch sie jetzt aufnehmen sollte.
+
+Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und
+sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!
+
+»Warum?«
+
+»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört – mir.«
+
+Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.
+
+»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«
+
+»Licht – Licht.«
+
+Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte
+sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen
+Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den
+Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das
+Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie
+stäche.
+
+»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.
+
+Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger
+über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms,
+der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer
+herbeiflehte – ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das
+Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr,
+sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den
+Silberring geschenkt.
+
+So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.
+
+
+
+
+V.
+
+
+»Komm, Hedwig – willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten
+Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
+Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und
+las.
+
+Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und
+auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die
+Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. – Früher, in
+dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.
+
+Was war nur aus ihr geworden?
+
+»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?«
+wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am
+ersten Feiertag als selbstverständlich.
+
+Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und
+lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.
+
+»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.
+
+Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur
+allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute
+stören mich dort.«
+
+»Stören dich?«
+
+»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der
+Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«
+
+Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an.
+Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. – Sie war
+so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
+trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:
+
+»Ich hab’ dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht – – ich wußte ja
+nicht, daß du – daß du so gesonnen bist – – und also –« er drehte das
+kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«
+
+Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz
+unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen
+Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.
+
+Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach
+Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend
+etwas, was sie noch nicht kannte, – und nun dieser schwarzgekleidete,
+unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.
+
+Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein,
+– und – –
+
+»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.
+
+Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.
+»Wie du willst. – Dann ruh’ dich hier aus, Heting. Und wenn ich
+wiederkomm’, singst du wieder so schön wie gestern.«
+
+Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die
+heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.
+
+Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während
+das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.
+
+In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb
+ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der
+Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen
+Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.
+
+Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz
+gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an
+Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun
+– – – die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen
+bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge
+Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.
+
+Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum
+sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere
+Scheidewand aufrichte – aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst
+des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor
+Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem
+Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es
+nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel
+so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
+
+Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß
+auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und
+immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn
+fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
+
+»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
+
+Hatte es der Pastor gesprochen? – War es ein Bibelwort? – Er wußte es
+nicht.
+
+ * * * * *
+
+Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit
+regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den
+schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
+dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher
+versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die
+entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte
+es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen
+worden.
+
+»Luft – Licht.«
+
+Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr
+ärmlich vor.
+
+Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und
+funkelte die Landschaft. – Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen
+wie ungeheure, weiße Korallen aus.
+
+Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen
+hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu
+betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein
+kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann
+hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.
+
+Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft,
+hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den
+einsamen, menschenverlassenen Hof.
+
+»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«
+
+Jedoch sie täuschte sich.
+
+Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und
+zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen
+beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.
+
+Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.
+
+»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall
+und das braune Handpferd dazu.«
+
+Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.
+
+»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.
+
+»Ja, und nun schnell.«
+
+Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht
+ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.
+
+Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn
+nicht verstanden?«
+
+Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen.
+Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde
+klappert.
+
+Ein widerwärtiger Anblick.
+
+Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten
+heran und sagte scharf und bestimmt:
+
+»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das
+Gemeindehaus kommen. – Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr
+leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. – Mein Schwager wird Sie
+beköstigen. Wollen Sie?«
+
+Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und
+murmelte gelassen:
+
+»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«
+
+»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit
+schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der
+sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie
+rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald
+herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.
+
+Hedwig setzte sich hinein.
+
+»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.
+
+»Schadet nicht – ich fahre allein – adieu!«
+
+Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem
+Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.
+
+Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen
+Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele
+zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein
+genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.
+
+Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude
+blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder
+die Hedwig von ehemals.
+
+Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen
+gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern
+und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren
+Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem
+wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.
+
+Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie
+ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles
+vergessen, alles abschütteln.
+
+»War sie’s? – War sie’s nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen
+aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,«
+beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer
+heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.
+
+Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,
+erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die
+Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme
+Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte
+Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.
+
+Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen
+jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem
+Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei
+Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus
+erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.
+
+Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat
+die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen
+verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter
+Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor,
+sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und
+mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das
+Meublement der verlassenen Gaststube.
+
+Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare
+Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden
+überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.
+
+So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren
+Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen
+Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas
+Milch zu bringen.
+
+Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die
+Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der
+Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.
+
+Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.
+
+Das gab ihren Gedanken die Richtung.
+
+»Am besten wär’s,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den
+Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort
+wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich
+hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor – ja
+bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich
+weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so
+ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. – Warum mir das
+heut wohl gerade einfällt?«
+
+Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos.
+Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und
+her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf
+dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.
+
+Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die
+Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
+erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch
+vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste
+beherberge.
+
+»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll’n Pferd verkaufen.«
+
+Damit ging sie wieder hinaus.
+
+Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die
+Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme
+sprechen.
+
+Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts
+mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie
+von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch
+schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch
+bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch
+den Tisch sauber.
+
+»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.
+
+»Ja, sie sind woll schon einig.«
+
+»Wer ist denn der Käufer?«
+
+»Je, ich kenn’ ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll ›Herr Graf‹ zu
+ihm.«
+
+»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«
+
+»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und
+trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.
+
+»Hier, liebe Frau, hier haben Sie – – hier haben Sie.« Hedwigs
+Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre
+Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich
+hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich
+zu stecken.
+
+»Na, das schad’t ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das
+Fräulein schickt mich’s dann.«
+
+»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
+
+Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte
+hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da
+schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das
+Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren
+Schlitten hinausführte.
+
+Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort
+draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen
+würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht,
+ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief
+gutmütig:
+
+»Sie, Frau Wirtin, ich hab’ doch noch die paar Taler zugelegt – wir sind
+jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn’s nicht wirklich eine Whalebonestute
+ist. – Na, guten – – –«
+
+»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf
+die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so
+einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und
+verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild
+durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er
+es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt
+hatte, hinzutreten?
+
+Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
+
+Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte
+Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe.
+Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld
+vergessen – ja, ich – ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte
+sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch
+auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer
+verharrte.
+
+Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel
+Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so
+eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und
+die Mütze vom Kopf riß.
+
+»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während
+sie an ihm vorüberschritt.
+
+Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße
+hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog
+umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er
+dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten
+Blechbüchse wieder zu befreien.
+
+Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie
+alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.
+
+Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.
+
+Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des
+Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang
+gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich
+leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er
+verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
+Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,
+nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann
+faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig
+inzwischen ratlos bestiegen hatte.
+
+»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.
+
+Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht
+über die Füße warf.
+
+»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in
+die Hände gab.
+
+»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«
+
+Sie hob die Peitsche.
+
+Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des
+Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten – gnädiges Fräulein, daß Sie
+mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.
+
+Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.
+
+Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr
+Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.
+Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder
+Stimme:
+
+»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung
+bestimmt ablehnen. – Ein für allemal.«
+
+»Ein für allemal?« wiederholte er.
+
+»Vorwärts!«
+
+Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft
+auf den Griff.
+
+Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.
+
+»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie – bitte Sie von
+Herzen – hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
+nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu – – nun ja, zu
+rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im
+Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so
+lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? – Ich möchte doch gar zu gern
+Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«
+
+Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so
+hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem
+langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu
+führen.
+
+Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge
+Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit
+Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr
+ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal
+geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der
+Szene ein Ende zu machen beschloß.
+
+»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.
+
+»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. –
+»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt
+habe; Fräulein Hedwig – gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die
+Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«
+
+»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere
+Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«
+
+»Nie mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Das wissen Sie doch – weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«
+
+Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand
+wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf
+die Lehne des Schlittens.
+
+»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine
+frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein
+Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
+handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut
+war – nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn
+ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich
+unterschätzte Sie vielleicht – – aber das ist es nicht allein –«
+
+»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt
+blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so
+treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor
+dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über
+ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«
+
+Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.
+
+»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes –
+»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«
+
+»Sie?«
+
+Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch
+durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom
+Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.
+
+»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben
+Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche
+versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit
+dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie
+noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.
+
+Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz
+die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder
+schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende
+Luft nahm ihr den Atem.
+
+ * * * * *
+
+In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er
+fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die
+Landstraße hinaus.
+
+»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen – »allein?
+Saß sie nicht im Schlitten?«
+
+Der Alte nickte und schlotterte weiter.
+
+»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er
+hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große
+Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde
+nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band
+den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.
+
+In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie
+gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt
+schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ,
+sobald sein Weib zurückgekehrt war?
+
+Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der
+ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er
+das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.
+
+Er sprang zur Seite.
+
+»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.
+
+Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie
+keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter
+sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.
+
+Schon waren sie nahe.
+
+»Halt,« schrie Wilms noch einmal.
+
+Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für
+beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche
+so vor ihm entflohen.
+
+»Ich bin’s, Hedwig,« brüllte er noch einmal.
+
+Keine Antwort.
+
+Immer näher.
+
+Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine
+gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor
+die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird
+umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit
+weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz
+getroffen.
+
+»Wilms,« murmelt sie betäubt.
+
+Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor
+Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag’ doch, Heting, dir is doch
+nichts?«
+
+Er wußte gar nicht, was er getan hatte.
+
+»Nein, nein – Wilms, ich will nach Hause.«
+
+»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm’,
+ich heb’ dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das
+wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie
+ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.
+
+»Heting, sag’ mir bloß, wo bist du denn gewesen?«
+
+Allein sie saß wie erstarrt.
+
+»Frag’ mich jetzt nicht – ich will nach Haus.«
+
+»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er
+sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm
+neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann
+folgsam im Trabe zu laufen.
+
+Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß
+Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur
+einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder
+Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.
+
+Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine
+Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.
+
+Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd
+zurückgeschlagen hatte.
+
+Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der
+Faustschlag getroffen.
+
+Was sollte daraus noch werden?
+
+Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen
+auf.
+
+Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig
+erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen.
+Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie
+Grashalme, über die der Sturm rauscht.
+
+»Heting – liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das
+Haar. – »Bist du krank? – Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«
+
+Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der
+das Gewitter anzeigt.
+
+»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von
+vorhin?«
+
+Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.
+
+»O nein.«
+
+Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.
+
+»Wilms – ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh’ jetzt
+hinaus und laß mich allein – ganz allein – nicht wahr, du tust mir den
+Gefallen?«
+
+»Natürlich, Heting, ich tu’ ja alles, was du willst,« erwiderte der
+Landmann. »Bloß sag’ mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich
+heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht
+hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«
+
+Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter
+schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich
+geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt
+und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen
+grub.
+
+»Schwester – Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.
+
+Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und
+her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das
+Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual
+bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.
+
+Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.
+
+Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm
+schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum
+ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der
+Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden
+nach.
+
+»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«
+
+Es sollte noch schlimmer kommen.
+
+Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er
+enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die
+Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.
+
+Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge
+Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.
+
+»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.
+
+Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie
+stockend.
+
+Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte
+zu Boden.
+
+»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das
+Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den
+geschlossenen Brief zur Besorgung.
+
+Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der
+Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.
+
+»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist
+dir bange nach ihr, Heting?«
+
+Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.
+
+Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.
+
+»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da
+erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig
+ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch
+eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie
+erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«
+
+Kopfschüttelnd blieb er zurück.
+
+Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben
+Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.
+
+In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her.
+Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon
+bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie
+mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine
+Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors
+Töchterlein war da.
+
+In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen
+brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der
+Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern
+aus.
+
+Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte,
+stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr
+ruhten.
+
+Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne
+Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und
+ging zu den Männern.
+
+Es wurde spät.
+
+Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.
+
+Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer
+schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der
+Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das
+Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft
+beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in
+der Klinik weilte.
+
+Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe.
+Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu
+wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes
+darin.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird
+es zuviel.«
+
+Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer
+etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.
+
+»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.
+
+»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.
+
+Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen
+Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu
+haben.
+
+»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?«
+forschte sie gespannt.
+
+»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte
+wieder zu den andern.
+
+Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt
+das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine
+Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf.
+Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den
+Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es
+heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen
+darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
+in Wilmshus. – Hören Sie?«
+
+»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.
+
+Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und
+funkelten wie feurige Kohlen.
+
+»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der
+Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch
+nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«
+
+Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr
+so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie
+jetzt den Scheideweg erreicht habe.
+
+»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die
+vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur
+mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir
+gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«
+
+Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch
+die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz
+aufzufordern.
+
+Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte
+aufgeregt mit ihrem Manne.
+
+»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else
+fort ist – –«
+
+Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, – wenn ich dich bitte?«
+
+Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als
+ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an
+diesem einen Tanze hing.
+
+Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib – Ruf – die Furcht vor dem
+Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende
+Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.
+
+Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner
+Brust zerpressen.
+
+»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre
+Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und
+Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich
+um Leben und Tod handele.
+
+Er sah auf sie herab.
+
+Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie
+mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng
+und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.
+
+»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.
+
+Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.
+
+Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst
+wieder zusammen, als man aufbrach.
+
+»Adschö auch.«
+
+»Auf Wiedersehen.«
+
+Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn
+Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch
+jetzt bald.«
+
+»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«
+
+Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das
+Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch
+den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.
+
+»Kling-ling – Kling-ling.«
+
+Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so
+bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen.
+Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht
+länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen
+verscheuchten den Spuk gleich wieder:
+
+»Kling-ling – Kling-ling.«
+
+In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen.
+Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der
+Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie
+fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem
+Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen
+Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den
+Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.
+
+Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses
+Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.
+
+Rabenschwärze herrschte hier.
+
+Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.
+
+»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.
+
+»Wilms, versprich mir was.«
+
+»Alles, Heting, was du willst.«
+
+»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«
+
+»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt
+beugte er sich zu ihr hinab.
+
+Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte
+die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.
+
+An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß
+sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte,
+fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene
+Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.
+
+»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.
+
+»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf
+die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.
+
+Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle
+aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen
+wieder.
+
+Er horchte und lauschte.
+
+Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb
+und wollte stehlen.
+
+Dort drinnen also, dort drinnen.
+
+Er wußte, es war unverschlossen.
+
+Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber
+über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren
+Mauer, liegen.
+
+Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn,
+daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg
+wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.
+
+Er hatte einen schlimmen Traum.
+
+Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie
+war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er
+selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg
+herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und
+öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last
+von dir. Sei mutig.«
+
+Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+So war der Winter hingeschwunden.
+
+Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der
+Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an
+den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen
+Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden
+Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.
+
+Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr
+Nest.
+
+Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die
+Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins
+Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.
+
+Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.
+
+Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen,
+Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von
+ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pension der letzten
+Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur
+Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
+Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte
+er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde
+jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die
+von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese
+Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
+Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und
+verfloß.
+
+Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen.
+Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten
+seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
+zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er
+die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie
+zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher
+gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten
+wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf
+Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem
+Höchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker,
+entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an,
+nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu
+unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus
+einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte
+überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.
+
+Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.
+
+Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen
+vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur
+fand Befriedigung.
+
+Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven,
+dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
+Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur
+die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und
+suchte nach keinem Grunde.
+
+Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte
+Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen
+Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.
+
+Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das
+hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache
+zu vielem Verdruß.
+
+»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß
+ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube
+Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.
+
+»Ins Altenheim. Da wirst du’s gut haben.«
+
+»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen
+Kinn: »Ick bünn nu all’ fifuntwintig Johr up dit Flag. – De Fru hett mi
+verspraken, dat ick hier starwen künn.«
+
+Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.
+
+»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.
+
+Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem
+Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.
+
+Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.
+
+Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden.
+Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine
+Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß der Alte, den
+niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe,
+die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes
+Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel
+des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.
+
+Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag
+er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm
+brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und
+lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an
+seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
+und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die
+Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen
+Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.
+
+Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig
+vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.
+
+»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms
+einmal ingrimmig.
+
+Hedwig redete ihm das aus.
+
+Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest
+gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen
+einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der
+Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig
+gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein
+prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch
+die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte,
+kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte.
+Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte
+sich der Ängstliche wieder.
+
+Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet
+das Gewonnene wieder zu verlieren.
+
+Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der
+Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
+Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung
+Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie
+ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche
+angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die
+verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen
+gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchen
+vorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die
+Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen
+dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und
+als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da
+hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue
+Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen
+die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube
+sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen
+sangen.
+
+Solche Töne waren hier selten vernommen worden.
+
+Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum
+quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum
+leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz
+heiß und voll und sie schwiegen noch immer.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer
+saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein
+Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, daß selbst
+der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken
+barhäuptig saß.
+
+Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige
+wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde
+sichtbar.
+
+»’n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die
+Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen – wahrhaftig. – ’n Abend
+Fräulein Hedwig, Ihnen bring’ ich was ganz Besonderes mit –« er
+schnalzte mit der Zunge – »hier.«
+
+Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber.
+Die strömten einen würzigen Duft aus.
+
+»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.
+
+»Richtig – meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr
+so prächtig, daß – –«
+
+»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin
+anmutig, »wie wär’s, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle
+zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«
+
+»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als
+hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja
+gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? –
+Herrje, wenn meine Frau das wüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen
+abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf,
+Herr Pastor, was da rauskommt.«
+
+Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder
+mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche
+Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn’s zu dünn sein sollte,« erklärte er
+augenblinzelnd.
+
+Aber es war nicht zu dünn.
+
+Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in
+dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.
+
+»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den
+Leib, »sehr schön.«
+
+»Ich dank’ dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden
+Blick und hob das Glas.
+
+Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich
+lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte
+er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 – 11, 12
+und 14.«
+
+»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits
+beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder
+Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Päckchen der
+Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein
+Skätchen?«
+
+Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.«
+
+Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden
+entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:
+
+»Tourné? – Solo? – Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«
+
+Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im
+Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen
+Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in
+die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen
+Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.
+
+Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.
+
+»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie
+sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam
+sie.
+
+Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden
+Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.
+
+Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich
+seitdem geändert.
+
+Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles
+tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue
+Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.
+
+Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann
+– von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und
+das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.
+
+Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so
+spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank
+geworden sein?
+
+Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das
+Mädchen stand.
+
+Hedwig begann das Herz zu schlagen.
+
+Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und
+eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie’s, Fräulein
+Schröder? Ich bin’s, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter
+Freund von Ihrem Herrn Vater.«
+
+Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand.
+Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie
+hätte.
+
+Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie’s denn noch nicht? Das heißt
+wieso sollen Sie’s wissen?« wiederholte er sich selbst. »Da hab’ ich
+heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf – behandelt mir auch wegen mein
+Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer ›Se müssen’s aushalten
+Herr Rosenblüt, Sie sind eben ’n steinreicher Mann.‹«
+
+»Ja, aber Herr Rosenblüt – –«
+
+Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen
+’ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie’s noch immer nicht? Ihre Frau
+Schwester ist zurück – bei Ihrem Herrn Vater – und morgen wird sie hier
+ankommen.«
+
+»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.
+
+»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag’ Ihnen, so gesund,
+wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na,
+grüßen Sie mir den Herrn Wilms – ich lass’ ihm gratulieren. – Gute
+Nacht, Fräulein Schröder.«
+
+»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.
+
+Der Wagen rollte weiter.
+
+»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die
+Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich – in Freud und
+Leid.«
+
+Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten.
+Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos
+einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten
+zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern
+an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte
+vor sich hin:
+
+ »Im Wald und auf der Heide,
+ Da such ich meine Freude.
+ Ich bin ein Jägersmann,
+ Ich bin ein Jägersmann.«
+
+Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der
+nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und
+murmelte undeutlich:
+
+»Lieber Freund – Sie – Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«
+
+»Natürlich – wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit
+einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms,
+grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung
+wär – wenn ich jung wär –«
+
+»Gute Nacht.«
+
+Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit,
+und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen
+hören.
+
+Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat,
+fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.
+
+Er stockte.
+
+»Heting, du? – Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«
+
+»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«
+
+»Wirklich? – Das ist schön. – Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein
+letztes Glas zusammen. – Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen
+angestoßen. – Willst du?«
+
+Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber
+sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt,
+daß Wilms sie befremdet anstarrte.
+
+»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.
+
+»Nein, nein, Schwager –« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig.
+»Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«
+
+»Sehr Gutes? – Und dabei siehst du so traurig aus?«
+
+»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe
+Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten.
+»Die Frühlingsluft wohl – ich habe Kopfschmerzen – ich freue mich auch
+so sehr – Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft
+sie hier ein.«
+
+Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.
+
+Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz
+hergestellt sein. – Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.
+
+Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er
+sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den
+Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.
+
+Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es,
+wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen
+Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die
+ihrige.
+
+»Ich dank’ dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach
+er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch
+dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus
+gebracht hast. – Ich hab’ mich so wohl gefühlt –« murmelte er leise und
+aus seinem Auge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb’s,
+daß alles so bleibt.«
+
+Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt
+so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des
+Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.
+
+Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand
+zurück.
+
+»Wollen’s uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit
+Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. – Komm, Heting,
+wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie
+heut.«
+
+Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie
+das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so
+unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.
+
+Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des
+Herrn und stark, wie der Tod.«
+
+Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen,
+dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus
+zurück.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden
+mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin
+des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt.
+
+Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.
+
+»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt,
+als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine
+Brust.
+
+»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. –
+Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu.
+
+»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst
+unter uns sein.«
+
+Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und
+als sie in das große Wohnzimmer eingetreten waren, wo bereits ein
+festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie
+ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund:
+
+»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich
+wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« –
+Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr,
+Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an?
+Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? – Oder findest
+du nicht?«
+
+»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr – sehr
+erholt.«
+
+Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie
+hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die
+Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn
+geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das
+schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen.
+
+Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm
+beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:
+
+»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist
+ja so still.«
+
+Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms
+sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat,
+streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig
+zum Fenster.
+
+»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen,
+wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.«
+
+Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei
+Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.
+
+Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen.
+
+Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja
+die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen,
+was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum
+mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen,
+damit er sich daran erfreue.
+
+Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen.
+
+Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr.
+
+Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die
+leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett
+geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt
+worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden
+beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und
+Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte.
+
+Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam
+zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das
+erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und
+Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres
+gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die
+Tafel aufhob.
+
+»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim
+Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich
+in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders
+werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst
+wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie rasch ich
+mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen,
+mein kleines Heting.«
+
+Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des
+Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.
+
+Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander
+sprachen.
+
+Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich
+Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu
+gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.
+
+Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner
+Hand.
+
+»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem
+Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?«
+
+Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der
+Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?«
+
+Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder
+gar einen Streit nicht würde ertragen können.
+
+Der Landmann blieb stehen.
+
+Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er
+der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert
+war?
+
+Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die
+erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen
+dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur
+einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf,
+bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu
+behaupten.
+
+Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in
+seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu
+helfen.
+
+»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen
+Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen
+wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns
+gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel
+Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.«
+
+Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu:
+
+»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja
+schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?«
+
+Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand,
+daß er sich entfernen solle.
+
+»Geh nur, Wilms – geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es
+nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte – aber geh
+nur.«
+
+Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über
+seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh
+zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager
+gelegen. Wie sollte das enden?
+
+Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs
+fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben
+wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an
+ihn schmiegte, um ihn zu küssen.
+
+Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und
+doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein
+heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die
+Liebkosungen seines Weibes erinnerte.
+
+»Nein – nein – Gott schütz’ mich – bewahr mich davor. – Das darf ich ja
+nicht denken – Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu.
+
+Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der
+Sonnenglut zu scheuchen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.
+
+Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein
+Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms
+Fortgange sichtlich matter geworden waren.
+
+»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub’ mir, das hab’ ich
+jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein
+bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich
+mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?«
+
+Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank
+auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der
+Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank
+zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in
+den Gürtel.
+
+»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie
+Hedwig mit vor Vergnügen gerötetem Gesicht. »Von jetzt an werde ich ja
+wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester
+stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch
+darüber?«
+
+Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen,
+als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten.
+
+Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos
+blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im
+Zimmer wurde ihr drückend.
+
+»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung
+für dich. Komm mit.«
+
+Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit
+wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen
+blühenden Garten verwandelt hatte.
+
+Sie schritten dorthin.
+
+Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang
+sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in
+der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag
+hinaus.
+
+Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der
+silberne Ton wieder, wie gestern, als sich ihr Glas mit dem des
+Landmanns berührt hatte.
+
+So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie
+aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über
+die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin,
+auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein
+herumgaukelten.
+
+»Du bist so still?« fragte Else.
+
+In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die
+beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else,
+wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß
+auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.
+
+Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.
+
+»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?«
+
+»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit
+Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.«
+
+»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn,
+die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur
+eine ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder
+entschwunden, wie sie entstanden war.
+
+Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.
+
+»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,«
+meinte sie achselzuckend.
+
+Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und
+liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die
+Schultern.
+
+Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues
+Lüftchen strich über die Wiesen.
+
+»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich
+denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch
+alle drei wieder zusammen.«
+
+Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger
+als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe
+rücksichtsvolle Unterordnung.
+
+Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm
+der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses
+Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her.
+
+Wilms folgte ihnen.
+
+Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte
+keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch
+einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte
+herüber.
+
+»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die
+Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der
+düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen
+Fledermausflügeln.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.
+
+Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem
+Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die
+Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.
+
+Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte
+alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten
+Zärtlichkeit.
+
+Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr
+nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte
+begütigend wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen.
+Nur recht still, das ist die Hauptsache.«
+
+Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon
+harrten.
+
+»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand
+gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms – wollen ’s Beste hoffen. Aber
+keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich
+sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die
+Kranke.«
+
+Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der
+Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten
+stehen.
+
+Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des
+Landmanns.
+
+»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und
+seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze:
+»Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht
+wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre
+Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob’s ein Geheimnis wäre: »Ich
+kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich
+wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde
+gesund, oder – sie ginge von uns.«
+
+Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel
+hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.
+
+Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten
+hinein.
+
+Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und
+stöhnte laut auf: »Großer Gott – wie kann ich nur an so was denken? – –
+Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden – schon wahnsinnig,«
+wiederholte er tonlos.
+
+»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor
+sich hin.
+
+Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den
+sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte
+sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos
+starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort
+undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms
+noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.
+
+Entsetzen.
+
+Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.
+
+Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das
+Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
+fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt,
+Leinenzeug zusammenzusticheln.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre
+hellen Augen.
+
+Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gab er unbeholfen zurück.
+Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.
+
+Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an.
+Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem
+Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester
+nicht zusammengetroffen wäre?
+
+Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach
+sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.
+
+Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:
+
+»Laß das. – Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache
+Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang
+still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder
+zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen
+blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.
+
+»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die
+Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick’ mir doch Christian
+einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«
+
+Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich – –?«
+fragte er zögernd.
+
+»Nun den alten Christian.«
+
+»Ach so den – – ja – den – Elsing – den hab’ ich entlassen.«
+
+Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten
+fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals
+gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der
+Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit
+den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und
+wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst
+ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie
+endlich ungläubig. »Im Ernst?«
+
+Der Pächter nickte.
+
+Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten
+versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie
+entrüstet.
+
+In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide
+Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten,
+begannen krankhaft zu leuchten.
+
+Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch
+nicht aufregen, Elsing,« bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht
+deswegen.«
+
+Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie
+schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz
+fassungslos.
+
+»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen
+ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn
+nur den alten Mann entfernt, wie?«
+
+»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«
+
+»Gegen dich?«
+
+Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.
+
+»Gegen mich – Elsing? – Nein, das gerade nicht.«
+
+»Gegen wen denn?«
+
+»Gegen – gegen deine Schwester – gegen Hedwig.«
+
+Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte
+ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.
+
+»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er
+fort soll? – Nicht wahr?«
+
+Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über
+der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:
+
+»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab’ ich’s dann
+getan.«
+
+Da verlor die Leidende allen Halt.
+
+»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich
+sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch
+ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
+Entlassung geben würde? – Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«
+
+Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr
+Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.
+
+Was ging so schnell mit ihm vor?
+
+Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache
+Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich
+wieder, seltsam schwer ging die Brust.
+
+»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat –
+»nu is es genug – nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank,
+das halt ich dir zugut.«
+
+Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart
+und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.
+
+Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh’ er sie erreicht hatte,
+schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen
+seine Brust zu umklammern:
+
+»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb
+ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen,
+»ich – ich – ach Gott, ich tu’ ja alles aus Liebe zu dir. – Glaubst du
+das denn nicht?«
+
+Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.
+
+»Ja, ja, das glaub’ ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und
+bezwungen – »du arme Dirn – komm, Elsing.«
+
+Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.
+
+Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals
+und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.
+
+»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.
+
+»Ja, ja, Elsing.«
+
+Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich draußen
+und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.
+
+In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen
+war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die
+Erde.
+
+»Dir is wohl,« sprach er rauh.
+
+ * * * * *
+
+Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu
+werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden
+eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar
+flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das
+schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein
+braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie
+kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie
+hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
+sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie
+getröstet hinzu.
+
+Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende,
+die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen
+Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos
+überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei
+abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich
+endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
+
+»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden
+zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte
+auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
+
+Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem
+Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte
+dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
+
+Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine
+merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es
+passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
+fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
+
+Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem
+einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die
+vertrockneten Lippen.
+
+Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
+
+»Arm’ Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an
+ihrem Arm herunter. »Arm’ Fru.«
+
+Das war die Begrüßung.
+
+»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht
+mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
+
+»Arm’ Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.
+
+Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem
+Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?
+
+»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und
+keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.
+
+Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur
+ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.
+
+»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«
+
+Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich
+nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über
+ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:
+
+»Arm’ Fru – ne, ne, ick heww’s sülwst seihn, as sei tausamen in’n
+Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all
+ungedüllig.«
+
+»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie
+mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.
+
+»Dat Sei, min arm’ Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de
+Fru. Dann willen sei sick friegen.«
+
+Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die
+Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.
+
+Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer
+Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum.
+Noch gurgelte sie etwas.
+
+»Hilfe – – Hilfe.«
+
+Dann ein dumpfer Fall.
+
+»Arm’ Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm’
+Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«
+
+ * * * * *
+
+Aber Else war nicht gestorben.
+
+»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der
+sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen
+Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses
+unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine
+zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit
+anheimgefallen.
+
+Ein zerschlagenes Menschenbild.
+
+Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich
+davon über die Stirn.
+
+Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:
+
+»Ist – sie tot – Dörthe?«
+
+Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja – heben Sie
+ihr den Kopf.«
+
+»Ja, ja – sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
+
+Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht
+wahr. – Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im
+Fiebertraum, in einer Vision geschehen. – Sie lebte ja – sie lebte –
+Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken,
+aber kraftlos – großer Gott – sie lebte ja.
+
+Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn,
+wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne
+Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und
+bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine
+weißen Kissen.
+
+Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
+
+Ob für immer?
+
+»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der
+Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf
+die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung
+hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den
+Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen,
+gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der
+Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge
+blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
+Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit
+zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht
+schon aus, wie das einer Leiche? – Ja, Hedwig war sich jetzt völlig
+klar. Die Kranke unten – sie selbst oben. Das war das Rechte, keine
+Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
+
+Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße
+hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie
+sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel
+vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille
+zurecht.
+
+Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu
+geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte
+schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete
+sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und
+jetzt – täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere
+Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte
+Augen starrten nach ihr hin.
+
+»Hed – wig,« stöhnte etwas.
+
+Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute
+sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.
+
+»Wie komm’ ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die
+Kissen des Bettes.
+
+Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die
+Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.
+
+»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn
+nicht?«
+
+Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich
+stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie
+dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.
+
+»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die
+Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier
+eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. – Du wartest nur auf
+meinen Tod! – – Aber ich sterbe noch nicht – ich mache dir nicht Platz –
+ich will leben – hörst du, ich will leben!«
+
+Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den
+Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte
+Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte
+dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und
+fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne
+trotzig zusammen.
+
+Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.
+
+Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach
+der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste.
+Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht
+bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.
+
+»Geh’ mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib – »fort – fort – ich
+will dich nicht sehen – du willst mich vergiften –! – Meinen Mann hast
+du auch verführt, – heut nacht warst du bei ihm – ich weiß alles – Jesus
+Christus, Ehebrecherin du! – Jesus – Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln,
+und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.
+
+In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.
+
+Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb,
+Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der
+Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen
+wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.
+
+Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung,
+die in dem Pachthause ausgebrochen war.
+
+Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die
+Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren
+störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe,
+düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.
+
+Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in
+dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen
+hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.
+
+In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren
+zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den
+Atem an, ob er sich nicht wiederhole.
+
+Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und
+Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten
+Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.
+
+»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter
+undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und
+sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«
+
+Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so
+verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig
+seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen
+blieb.
+
+Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.
+
+»Hedwig, wolltest du nicht – –?«
+
+»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«
+
+»Du – gehst nicht?«
+
+»Nein – nicht – bitte, Wilms – laß mich nicht mehr hinein.«
+
+»Ja – aber – Heting, warum denn?«
+
+»Weil – weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.
+
+Der Pächter starrte sie an – verständnislos – und faßte sich an den
+Kopf.
+
+Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den
+beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in
+sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja
+nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht,
+die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß
+diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie
+nun bald nicht mehr stören würde.
+
+Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren
+und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre – der Anfang des Glücks.
+
+Aber jetzt – jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den
+stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen
+und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß
+ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine
+Verzweifelte in den Tod getrieben?
+
+Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.
+
+Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr
+nach Trost – Ruhe – Verzeihung.
+
+Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem
+sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte,
+bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
+dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.
+
+Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.
+
+Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt
+murmelte sie:
+
+»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und
+bei euch bliebe alles beim alten. – Ich stürbe so gern.«
+
+Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr
+brausend über ihr zusammen.
+
+Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du – Heting?« stammelte er, »nein,
+nein – nur nicht du – das könnt’ ich nicht ertragen – nur du nicht – wir
+wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an sich.
+
+Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher
+geschlichen hatte.
+
+Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie
+schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter
+schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten.
+Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander
+in den Armen.
+
+Es war kein freudiges Finden.
+
+ * * * * *
+
+In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller
+geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und
+die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in
+Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen
+widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und
+gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind
+an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend
+ihre entsetzliche Entdeckung zu.
+
+»O, Gott, das hätt’ ich nicht geglaubt – aber es ist wahr, Herr Doktor,
+Krischan hat es selbst gesehen.«
+
+Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung
+solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn – mein Kinding – Gesindegeklätsch.«
+
+»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein
+Hoffnungsstrahl.
+
+»Selbstverständlich – da kenn’ ich die beiden zu gut.«
+
+»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick
+zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf,
+und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch
+nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub’ es nicht –
+glaub’ es nicht.«
+
+Wilms trat ein.
+
+Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war
+unverständlich, was sie verlangte.
+
+Der Arzt beugte sich über sie.
+
+»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er
+sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In
+der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.
+
+»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen
+Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen.
+»Ja, wir wollen zu ihr.«
+
+Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch
+wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.
+
+»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.
+
+Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage
+herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr
+gedankenvoll über die welligen Haare.
+
+»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und
+deshalb – Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von
+hier fortgingst.«
+
+»Ich?« Sie erschrak; – wußte er schon etwas?
+
+»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine
+Dame an, und – ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes,
+Bäuerisches angenommen, und – es wäre wirklich für alle gut, verstehst
+du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«
+
+Keine Antwort.
+
+Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten
+Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
+stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der
+eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber
+noch war ihre Kraft nicht erschöpft.
+
+Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen
+Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. – Ich
+danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu,
+während sie schon durch den Flur schritten.
+
+»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.
+
+Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so
+felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen
+Blick.
+
+Sie traten ein.
+
+An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen
+blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er
+den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines
+Weibes.
+
+Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung
+verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu,
+näher heranzukommen.
+
+Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie
+durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den
+ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und
+trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen
+Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und
+ruhig an.
+
+Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern
+trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah,
+schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
+Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im
+Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag
+durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
+wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von
+sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
+Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem
+Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete
+sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er
+vom Hofe heruntergefahren sei.
+
+Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes,
+anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem
+Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke
+lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern
+lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen
+wieder spähend auf den Mann.
+
+Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
+
+Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und
+gleichgültig.
+
+»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else
+erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da
+bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz
+auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als
+wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
+
+»Nein – nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde
+sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand
+saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht
+und knapp am Körper herunterfloß.
+
+Wie voll sie erblüht war. – Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht
+reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch
+auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der
+Kranken Furcht ein.
+
+»Das Herz – ist – ein Andenken – von Wilms,« brachte sie mit
+Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun,
+Hedwig – geh’ schlafen. – Wilms soll heut bei mir bleiben – ich – ich
+will allein sein mit – meinem Manne – hörst du?«
+
+Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung
+begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus
+der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete
+sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses
+Rückkunft wieder bewohnte.
+
+Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
+und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern
+herüberquoll.
+
+»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch
+ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während
+sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch
+einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen,
+unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten
+alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und
+lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der
+Verfallenen zu melden.
+
+Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer
+Aufregung vor sich hin:
+
+ »Der schwarze Reiter hält vorm Haus.
+ Komm’ feine Frau zu mir heraus,
+ Ein Hemd genügt – mußt eilen,
+ Daß ich vom ersten Morgenstrahl
+ Zurück bin über See und Tal;
+ Wir reiten viele Meilen.«
+
+Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das
+Stundenglas rann noch weiter.
+
+ * * * * *
+
+Es schlug eins.
+
+Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte
+des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.
+
+Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem
+Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen
+seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.
+
+»Was willst du, Elsing?«
+
+»Ich glaube – es geht bald – mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und
+es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.
+
+»Elsing – um Gottes willen – bist du denn kränker geworden?«
+
+»Ja, ich glaub’ wohl. – Wilms – ich dank’ dir auch für alle Liebe – – –
+nur zuletzt – aber sag’ mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: –
+Wenn ich nun gestorben bin – willst – willst du dann Hedwig heiraten?«
+
+Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der
+Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort
+hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum
+mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr
+sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.
+
+Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem
+kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen,
+und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte,
+flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör’ auf mich – Hedwig ist nichts für
+dich – ihr paßt nicht zusammen, – weil – ach, weil sie viel mehr ist
+als du – und erinnere dich, mein armer Mann – erinnerst du dich nicht –
+was ich dir – von Hedwig und dem Grafen damals erzählte –« Ein
+befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden,
+diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß
+ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um
+dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein –
+nicht so, wie ich – wie ich – – wie – –«
+
+Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg,
+und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf.
+Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr,
+mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend
+rief er durch das Haus: »Hedwig – Hedwig.«
+
+Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete
+ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.
+
+Ob das schon das Ende war?
+
+Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand,
+und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit
+schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen um sich, als
+flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.
+
+»Hedwig – Hedwig.«
+
+Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr
+lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte
+hinauf.
+
+»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.
+
+Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.
+
+»Noch nicht,« gab er tonlos zurück – »aber ich kann nicht mehr mit ihr
+allein bleiben, – komm’ rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen
+voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster
+und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und
+nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht
+ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall
+einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel,
+und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte
+Wilms mit. – Fünf – sechs – sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte
+der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf
+anheimfiel.
+
+Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär’s ein Verbrechen gewesen, wenn
+man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann
+hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um
+nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und
+Frieden.
+
+Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß,
+und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um
+keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig – Hedwigs Lippen
+bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester
+zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie
+nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre
+Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu
+beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in
+den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken
+und vergessen wäre.
+
+Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern
+wollte.
+
+Beide Schwestern waren müde, sehr müde.
+
+Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür
+geklopft.
+
+Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen
+Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf
+der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.
+
+Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche
+mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns
+abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen.
+Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt,
+und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die
+Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und
+hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen
+hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
+vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es
+der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte
+seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
+zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.
+
+Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann
+neben ihr gehalten würden – dicht neben dem Lager der Scheidenden.
+
+»Amen, – Amen,« schloß der Priester.
+
+»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.
+
+Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden
+andern still hinaus. Vor der Tür verharrten sie noch einen Augenblick
+und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter,
+erregter Stimme Gebete aufsagte.
+
+Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So
+hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich
+nichts mehr zu sagen hatten.
+
+Es war nur noch ein Hindrängen.
+
+Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in
+der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht
+durch.
+
+Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und
+was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.
+
+Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln
+verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war
+getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie
+eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und
+klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie – sind – es,
+Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön – – dann ist mir wohl – o, so
+wohl –«
+
+Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und
+während sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah,
+sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:
+
+ »O selig, der das Heil erwirbt,
+ Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!
+ O selig, wer, vom Laufe matt,
+ Die Gottesstadt,
+ Die droben ist, gefunden hat.
+
+ Nun, Tor des Friedens öffne dich:
+ Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.
+ Ihr Schlafenden im Friedensreich,
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen
+begab. – Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein
+krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt
+faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.
+
+Er wußte nicht mehr, was er betete.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Der letzte Morgen für die Kranke brach an.
+
+Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem
+Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende
+Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt
+erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich
+wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr,
+unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle
+Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in
+beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.
+
+»Hedwig – soll kommen – und mich kämmen – und waschen,« verlangte die
+Kranke dann, »und soll – einen Spiegel mitbringen.«
+
+Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach
+dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu
+verabschieden.
+
+Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar
+nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte
+sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken
+kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
+
+»Wenn ich – ein Kind bekomm’, – und es – wird ein Mädchen, dann – soll
+Hedwig – Pate stehen. – – Ist Hedwig noch nicht da?«
+
+Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und
+wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien,
+blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else
+sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte
+sich das Bild nicht erklären.
+
+»Komm’, Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit
+schien, »waschen und – kämmen – das viele Haar drückt mich auf den Kopf
+– hast du auch so weiches Haar? – Sieh mal, ich kann mich ganz drin
+einwickeln – Wilms freute sich immer damit – – – Heting« – hier herzte
+sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn
+du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. – Dann küßt er
+es. –« – Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah,
+summte sie:
+
+ »Ihr Schlafenden im Friedensreich
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem
+Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
+
+Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das
+Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.
+
+Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die
+Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.
+
+Sie hatte etwas entdeckt.
+
+Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von
+neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.
+
+Einen Moment sann sie nach.
+
+»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen
+Ring? – sieh mal, von Silber – den wollte mein Mann mir ja immer
+schenken, und nun hat er ihn dir gegeben – – sieh mal – bist du nun
+seine Braut?«
+
+»Else – laß meinen Finger – es tut mir weh.«
+
+»Bist du seine Braut? – Komm’, Heting, ich will dir was sagen,« sie
+beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme:
+»Ehebrecherin!« – Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den
+umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand
+Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in
+den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.
+
+»Hilfe – Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das
+Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer
+hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe
+flehend die Arme um seinen Hals.
+
+Da vergaß sich Wilms.
+
+Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen
+Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als
+müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.
+
+»Heting, mein liebes Heting – großer Gott – wenn’s nur schon vorüber
+wär’.«
+
+Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder
+Laut tönte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jüngere geraubt
+hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett
+gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und
+geöffnet.
+
+Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.
+
+Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern
+Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt
+wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.
+
+Und sie hatte auch genug geschaut.
+
+Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und
+im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.
+
+»Elsing – sie stirbt.«
+
+Keine Antwort.
+
+Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie
+geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.
+
+In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte
+gerade im Stall.
+
+Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und
+jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit
+hinüberführt.
+
+ * * * * *
+
+Es war nach dem Begräbnis.
+
+Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der
+Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah
+der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen,
+schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars,
+und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms
+zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig
+die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir
+müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn – ich hätt’ auch nicht
+geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«
+
+Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein.
+Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die
+schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf
+die sonnige Landstraße hinausblickte.
+
+»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir
+nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich
+haben.«
+
+Sie sollte fort?
+
+Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit
+hatte sie gar nicht gedacht. – Und doch, es war ja so natürlich, sie
+konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden
+Pachthof bleiben.
+
+Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.
+
+Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer
+mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und
+sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene
+hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den
+Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den
+alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen,
+nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.
+
+Aber jetzt – jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte – da
+erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu
+leuchten – jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um
+sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.
+
+O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun – – sie horchte
+und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.
+
+Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.
+
+»Wilms,« sagte sie leise.
+
+Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder
+mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf
+die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er
+zusammen.
+
+»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor
+Abend zurück sein wollen.«
+
+Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und
+betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.
+
+Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich:
+»Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht
+begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms
+versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu
+setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« –
+und wieder atmete sie seltsam schwer – »dann komm’ ich dir nach.«
+
+Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und
+putzte an seinem Zylinder. »So? – Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu
+dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch – noch hier bliebe?
+Ja?« Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar
+nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung
+halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es
+verlangst – natürlich – du hast ja auch einen so großen Verlust
+erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na,
+dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts
+dagegen – obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein
+wenig ruhiger – und – nun adieu, Wilms – und daß wir uns zu besserer
+Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben – hörst du?«
+
+Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte
+sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von
+dannen.
+
+Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.
+
+In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und
+erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. – Der
+Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts
+Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es
+sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie
+küssen und wiegen sollte, noch zärtlicher und glühender, als vor wenig
+Tagen, da Else darüber gestorben war.
+
+Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte
+oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und
+trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu
+begeben.
+
+Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen
+gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.
+
+Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn
+Hedwig atemlos an.
+
+»Wilms.«
+
+Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.
+
+»Willst du – willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«
+
+Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.
+
+Jetzt würde er verschwinden.
+
+Es war die höchste Zeit.
+
+»Wilms – willst du nicht noch hier bleiben?«
+
+Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr
+vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte
+der Kranken gebildet.
+
+Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper,
+man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber
+schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes
+Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.
+
+Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine
+erschütternde, trostlose Selbstanklage.
+
+Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die
+Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden
+Treppe verhallten.
+
+Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.
+
+War es wirklich Wahrheit? – Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den
+sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen
+Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu
+nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?
+
+Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.
+
+Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der
+Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter
+ihrer Pflege würde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust
+am Leben, und die Lust an ihr.
+
+Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit
+fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den
+Namen »Wilms«.
+
+Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast
+übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu
+träumen.
+
+Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder,
+die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf
+den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte,
+lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
+
+Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
+
+Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen
+standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor,
+die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die
+Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe
+Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken
+und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
+
+Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen
+auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und
+leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles
+bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit
+dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand
+gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren
+schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten
+einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
+
+Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher
+rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das
+Korbfuhrwerk wartete.
+
+»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
+
+Wilms nickte.
+
+»Geschäftlich?«
+
+Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
+
+»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
+
+Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum
+erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es
+heraus: »Ja, es kann woll – ein paar Tage dauern.«
+
+Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine
+Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände
+entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
+
+Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor
+ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer
+rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
+könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit
+einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck,
+seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in
+jähem Entsetzen zurückbebte.
+
+Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
+
+Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er
+dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken
+zu lassen?
+
+Was hinderte ihn nur?
+
+Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm
+erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem
+Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem
+Wagen.
+
+Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die
+Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
+
+Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den
+grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht
+auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
+
+»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und
+fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte
+sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und
+geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt
+hinausgetreten war?
+
+Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes
+fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über
+das Land.
+
+Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und
+Halmen perlten große Tropfen.
+
+Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche
+überwunden. – Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem
+kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie
+früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des
+kleinen Gutes zu besorgen.
+
+»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie
+mit ihrer frischen Stimme an.
+
+»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel’ge Frau nich durch
+das Wagengerassel gestört werden sollt.«
+
+»Nun ja – aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber
+könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
+
+Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser
+Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
+
+Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
+
+Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut
+schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um
+unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
+scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende
+war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um
+auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
+
+Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den
+grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
+
+Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
+
+ * * * * *
+
+Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter
+in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
+vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner
+Versunkenheit aufgestört wurde.
+
+Er wunderte sich.
+
+»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
+
+»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin
+Himmelfahrt.«
+
+Wilms faßte sich an den Kopf.
+
+Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag
+gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im
+eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. – Seitdem aber
+Hedwig auf dem Gehöft wirkte – – – nein, nein, er wollte nicht weiter
+denken.
+
+Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in
+das Gotteshaus hinein.
+
+Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die
+unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
+
+Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine
+Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich
+schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und
+wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in
+seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den
+gesegneten Fischzug tun zu lassen.
+
+»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der
+Schnee.«
+
+Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte,
+erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor
+seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich
+im Kreise.
+
+Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
+
+Nur hinaus – in die Luft – ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend
+erhob er sich.
+
+Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden.
+Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der
+Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte
+ihm hinaus.
+
+Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte,
+ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
+
+»Wilms, sind Sie krank?«
+
+Der Pächter starrte den andern an.
+
+»Ja – Eltze – ich kann – in der Nacht nich mehr schlafen.«
+
+»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
+
+»Weil – weil meine Frau immer bei mir is.«
+
+»Wilms – um Gottes willen – alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
+
+Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg,
+antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster
+noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue
+Unwetter hinein.
+
+»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den
+Abfahrenden nach.
+
+Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
+
+Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen
+beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die
+Nacht noch düsterer in ihm wurde.
+
+Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die
+schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus
+rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
+
+So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der
+mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle
+überbrückt war.
+
+Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte
+graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke
+erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
+
+Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick
+gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
+
+Aber dann – der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige
+Ufer hinüber.
+
+Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach
+ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines
+Knechtes.
+
+»Jochen,« schrie er, »kehr’ um.«
+
+»Herr – Herr Jesus – wat is denn?«
+
+»Jochen – Jochen – kehr’ um.«
+
+Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
+
+»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? – Seggen Se mi’s
+doch – ick fürcht mi.«
+
+Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen
+starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm
+war, malte ein entsetzliches Bild.
+
+Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der
+Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud
+sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
+
+Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit
+aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen
+mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder
+zurück.
+
+ * * * * *
+
+Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große
+Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte,
+verlassen.
+
+Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann
+kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel
+beschaute.
+
+»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf – »und dann,
+Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen – – paar
+Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
+
+Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem
+jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft
+verbreiteten.
+
+»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß,
+bewundernd, »komm, Heting – und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch
+ein bißchen zusammenbleiben.«
+
+Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten
+ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der
+Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
+
+Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die
+Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus
+seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
+
+»Trägst du noch den Ring, Heting? – Nicht wahr, den wirst du doch immer
+in Ehren halten? Weißt du noch – am Weihnachtsabend?«
+
+Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch
+festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen
+hatte.
+
+Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm
+Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
+
+»Nun, Herr Doktor, nun?«
+
+»Ja, was soll ich sagen? – Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das
+allereinzigste Mittel.«
+
+»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
+
+»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die
+heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
+
+»Nein.«
+
+»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr
+fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir
+abhängt?«
+
+Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten
+Freunde zu Boden.
+
+Sie verstand ihn.
+
+»Und morgen komm’ ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte
+seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe
+herunter.
+
+Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was
+der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. –
+Sie – sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen
+könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? –
+Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der
+Todverfallenen vorgezogen? – Die Tote siegte, die Tote ging im Hause
+umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. – Nein, so konnte
+sie sich nicht verscheuchen lassen. – Schmeichelnd setzte sie sich neben
+Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme
+um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden
+Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du
+auch wieder gesund werden?«
+
+Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob
+ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle
+seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein
+Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.
+
+»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich
+sein.«
+
+»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«
+
+»Nein, nein, Heting – laß das – an meine Frau denke ich nich mehr – will
+nich mehr – nur du.«
+
+Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen
+schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer
+atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.
+
+Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das
+Schlummerlied.
+
+Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte
+Trennung weiter.
+
+ * * * * *
+
+Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs
+stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen
+abhob.
+
+»Heting, trägst du da nicht – – –?«
+
+»Ja, Elsens Goldherz.«
+
+»Das besitzt du?«
+
+»Ja, ich hab’ es ihr abgenommen.«
+
+Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.
+
+»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen
+hat in die Erde. – Mir wär’ es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit
+begraben. – So aber liegt es bei dir.«
+
+Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten
+sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der
+unerbittlich durch das Haus ging.
+
+Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da
+ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting – Heting,«
+stammelte er, »ich werd’ – wohl nie wieder ganz glücklich werden.«
+
+Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.
+
+ * * * * *
+
+Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig
+unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die
+Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn
+sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam
+ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit
+quäle.
+
+Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so –
+mir is es immer, als wenn Else zusäh.«
+
+Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten
+Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das
+an ihr vorbei strich.
+
+Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing
+an, an Gespenster zu glauben.
+
+Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine
+Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an
+allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte
+Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen
+beobachtete:
+
+»Was hast du denn, Wilms?«
+
+»Du – du siehst – ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann
+fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.
+
+Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms,
+anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.
+
+Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.
+
+Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke
+koste und scherzte mit der Verwesten.
+
+ * * * * *
+
+»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen
+Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich
+dagegen tun?«
+
+Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen
+Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.
+
+»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des
+jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich
+hab’ dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag’ ich, du mußt fort.«
+
+Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus
+fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.
+
+»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde
+richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die
+Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. – Nein, nein,
+mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben
+deshalb, Heting, bitt’ ich dich, befrei’ den armen Kerl von all’ den
+bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die
+Tote bei ihm. – Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«
+
+Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit
+sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende,
+saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter
+Staub dahinzog.
+
+Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand
+hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.
+
+Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.
+
+»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du
+zu tun hast?«
+
+Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit
+bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte
+alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte
+sie nicht in das gelobte Land.
+
+»Heting?« fragte der Arzt dringender.
+
+»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach
+dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort
+drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie
+mit erstickter Stimme.
+
+Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen
+Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr
+Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Recht – recht – du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles
+wieder gut.«
+
+ * * * * *
+
+»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem
+Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm
+angezogen, willst du ausfahren?«
+
+Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden
+seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt,
+aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
+und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.
+
+Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu
+und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:
+
+»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«
+
+»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«
+
+»Und mehr – mehr als Else?«
+
+»Ich bitt’ dich, Kind – daran mußt du nicht rühren – laß sie doch
+ruhen.«
+
+Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.
+
+»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während
+sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang
+sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist
+nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und
+schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan,
+das weißt du doch, Wilms?«
+
+Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll
+und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.
+
+Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der
+Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
+diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft,
+wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den
+ersehnten Schlummer.
+
+»Was soll ich spielen?«
+
+»Ganz gleich, es is ja alles schön.«
+
+»Nein, was du gern hast.«
+
+»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«
+
+Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal.
+Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel
+Müde eingesungen.
+
+Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte
+zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den
+alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch
+nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.
+
+Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das
+Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer.
+Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und
+das Rollen eines enteilenden Gefährts.
+
+ * * * * *
+
+Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu
+ihr bewundernd in das Coupé hinauf.
+
+Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das
+Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der
+Gegend spähte, wo Wilmshus lag.
+
+Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und
+merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die
+vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
+angekommen war.
+
+Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr
+verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als
+hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum
+erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.
+
+»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.
+
+»Ich weiß nicht. – Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen
+gibt. – Die Welt ist groß.«
+
+»Da haben Sie recht. – Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder
+zurück?«
+
+»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde
+bringt.«
+
+Die Glocke klang. – Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.
+
+»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.
+
+Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene
+Abendglut hinein.
+
+Hedwig sah nicht mehr zurück.
+
+
+
+
+Von Georg Engel erschienen ferner:
+
+Hann Klüth. Roman.
+Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.
+Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.
+Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.
+Die Furcht vor dem Weibe. Roman.
+Das Hungerdorf.
+
+
+
+
+Ullstein-Bücher
+
+
+Bis jetzt sind erschienen:
+
+#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens
+#Georg von Ompteda# Maria da Caza
+#Heinz Tovote# Frau Agna
+#Rudolph Stratz# Arme Thea
+#Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe
+#Paul Oskar Höcker# Die Sonne von St. Moritz
+#Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer
+#Georg Engel# Die Last
+#Kurt Aram# Violet
+#Richard Voß# Der Todesweg auf den Piz Palü
+#Otto Ernst# Laßt Sonne herein
+#Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen
+#Wilhelm Jensen# Unter heißerer Sonne
+#Karl Rosner# Sehnsucht
+#Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glück
+#Peter Rosegger# Die Försterbuben
+#Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin
+#Joseph Lauff# Marie Verwahnen
+#Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Kött
+#Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt
+#Walter Bloem# Sonnenland
+#Richard Strowronnek# Bruder Leichtfuß
+#Felix Hollaender# Charlotte Adutti
+#Heinz Tovote# Mutter!..
+#Karl Rosner# Georg Bangs Liebe
+#Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven
+#Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai
+#Georg von Ompteda# Denise de Montmidi
+
+Jeder Band 1.– Mark
+
+
+
+
+Musik für Alle
+
+Jeden Monat erscheint ein Notenheft
+
+
+Bisher sind unter anderen erschienen:
+
+Tannhäuser, zwei Hefte – Tristan und Isolde – Lohengrin – Meistersinger
+von Nürnberg, zwei Hefte – Der fliegende Holländer – Rienzi –
+Sommernachtstraum – Carmen, zwei Hefte – Der Evangelimann – Brahms-Heft
+– Cavalleria rusticana – Fra Diavolo – Margarethe, zwei Hefte – Die
+Geisha – Hänsel u. Gretel-Heft – Dollarprinzessin – Der fidele Bauer –
+Der Graf von Luxemburg – Wiener Frauen – Der Vogelhändler – Hoffmanns
+Erzählungen – Die Zauberflöte – Die weiße Dame
+
+Jedes Heft 50 Pf. (60 h)
+
+Ausführliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen
+auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. Erhältlich in allen Buch- und
+Musikalienhandlungen sowie direkt vom
+
+Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: öffnende Anführungszeichen ergänzt: sprang auf – »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: schließende Anführungszeichen ergänzt: Der hängt noch.«
+p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from the Ullstein
+edition, published around 1910. The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p 008: »Wie steht’s mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: added opening quotes: sprang auf – »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: added closing quotes: Der hängt noch.«
+p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
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+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/18231-0.zip b/18231-0.zip
new file mode 100644
index 0000000..7a03be2
--- /dev/null
+++ b/18231-0.zip
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diff --git a/18231-8.txt b/18231-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..96ea7fa
--- /dev/null
+++ b/18231-8.txt
@@ -0,0 +1,8146 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Last
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die Last
+
+ Roman von
+ Georg Engel
+
+
+ Ullstein & Co
+ Berlin * Wien
+
+
+
+
+ Motto:
+
+ Nicht an einer Person hängen bleiben: und
+ sei sie die geliebteste -- jede Person ist
+ ein Gefängnis, auch ein Winkel.
+
+ -- -- Nicht an einem Mitleiden hängen
+ bleiben: und gälte es höheren Menschen, in
+ deren seltne Marter und Hilflosigkeit uns
+ ein Zufall hat blicken lassen.
+
+ Friedr. Nietzsche
+
+
+
+
+Erstes Buch.
+
+I.
+
+
+Es war Tag geworden.
+
+Noch immer rieselte der Regen und troff an den kleinen Fenstern der
+Krankenstube herunter. Bleigraues Licht stahl sich zögernd durch die
+Gardinen und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch jetzt noch
+vor dem Bette brannte.
+
+Auf dem großen Bauerngutshof erwachte einiges Leben. Man hörte zuweilen
+ein dumpfes Aufbrüllen der Kühe, und dazwischen das vereinzelte Rufen
+der Knechte. Doch klang alles gedämpft, als fürchte man, die Kranke zu
+stören.
+
+Etwas Totes, Gedrücktes lag über dem Gehöft; und je mehr das trübe
+Sonnenlicht vorrückte, in desto größere Lautlosigkeit verfiel das
+Anwesen.
+
+In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer wurde ein schwacher Ruf
+laut. Kränklich, hohl, gebrochen, ein wenig gereizt klang er, aber so
+leise die Stimme auch flüsterte, sofort fuhr aus dem ledernen Sessel
+neben dem Bette ein Mann von mächtiger, imposanter Gestalt auf, rieb
+sich ein wenig die Augen, strich ein paarmal energisch über seine
+dicken, kurzgeschorenen Haare und legte dann seine Finger behutsam auf
+die Hand der leidenden Frau.
+
+»Na, Elsing,« forschte er aufmunternd, wobei er seine Stimme soviel als
+möglich herabdämpfte, »geht's ein bißchen besser?«
+
+Statt einer Antwort rang die Angeredete die Hände und vergrub ihr
+Antlitz in die Kissen: »Du lieber Gott,« stöhnte sie leise, und es war
+beinahe, als ob aus dem weißen Linnen ein Schluchzen dränge.
+
+Der Mann ließ seine Hand aufs Knie sinken und starrte auf den hellen,
+sandbestreuten Estrich der Stube.
+
+Plötzlich warf sich das junge Weib herum und forschte hastig: »Du bist
+wohl eingeschlafen, Wilms?«
+
+Seltsam, -- neidisch fast schien die Frage.
+
+»Ja, ich bin ein wenig eingenickt,« gab der Gatte zu. Und wieder konnte
+man leise Entschuldigung aus den Worten hören. »Ich sitz' ja nun auch
+bald die vierte Nacht so,« murmelte er halb für sich.
+
+Es wurde still.
+
+Aus der Ecke nur tönte das schwere Tick-tack einer unförmlichen
+Kastenuhr, und zuweilen knirschte der Sand unter dem Stiefel des Mannes.
+
+Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage nicht finden zu können.
+Endlich streckte sie sich und blickte in das trostlose Grau des
+Regentages hinaus.
+
+Welche Traurigkeit dort draußen und hier drinnen.
+
+Gegen die Fenster stäubte der Regen, Hagelkörner schlugen scharf gegen
+die Scheiben, und über die Wangen der Liegenden floß eine Träne.
+
+»Lösch' die Lampe aus, Wilms,« bat sie, »meine Augen -- es tut mir weh.«
+
+Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es in der Stube noch fahler
+aus.
+
+»Armes Weib,« murmelte er, »armes Weib.« Er strich über ihre Haare und
+richtete sich langsam auf. Dann schritt er zur Tür. -- Aber er sollte
+nicht hinausgelangen.
+
+»Wilms.«
+
+Sein Weib hatte sich aufgerafft. »Du sollst nicht fort,« rief sie
+angstvoll, »ich kann nicht allein bleiben -- mich friert, wenn du draußen
+bist!«
+
+»Elsing -- unsere Wirtschaft leidet darunter -- ich muß --«
+
+»Ja, ja -- die Wirtschaft -- immer die Wirtschaft,« stieß die Kranke
+hervor und fiel erschöpft in ihre Kissen zurück, »und ich liege hier in
+meinem Elend -- zwei Jahre -- zwei ganze Jahre schon, und keiner hilft
+mir, keiner, zur Last falle ich jedem -- auch dir --«
+
+»Elsing, ich --«
+
+»Ja, auch dir,« fuhr sie atemlos fort, »ich merk' das sehr wohl -- du
+hast nur Mitleid für mich -- nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus
+Liebe geheiratet.«
+
+Er war zögernd an ihr Bett getreten und plötzlich umschlang sie seinen
+Hals: »O Gott -- o Gott, ich bin wohl sehr häßlich geworden?« forschte
+sie, am ganzen Leibe zitternd. »Nicht wahr, gesteh's nur ganz offen.«
+
+»Elsing,« -- die Stimme des Mannes zitterte leicht. Er hatte sich auf den
+Bettrand gesetzt und ließ ein paar Strähnen ihrer langen, blonden Haare
+durch seine Finger gleiten. »Elsing,« beteuerte er dann, »für mich bist
+du noch so schön, wie in der ersten Stunde -- sieh doch bloß deine
+langen, weichen Flechten -- und der kleine Mund und die lieben, blauen
+Augen -- alles so hübsch, mein armes Kind.«
+
+Es mußte ihn doch übermannt haben, denn er schloß sein Weib in beide
+Arme und küßte es zärtlich auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich
+befriedigt an seine Brust und für einen Augenblick schien sie beglückt
+und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte sie sich bald auf die Seite und
+forderte ihn mit ihrer erregten Stimme auf: »Wilms, gib mir die Bibel
+von dem Tisch -- so, und nun geh -- geh nur und schlag ein Auge auf die
+Wirtschaft -- es muß ja doch sein.«
+
+Da ging der Mann schwerfällig hinaus; allein als sich die Tür
+geschlossen hatte, blieb er stehen und lauschte zurück.
+
+Und trübe schüttelte er den Kopf. -- Mit welch fieberhafter,
+leidenschaftlicher Glut sein Weib dort drinnen las. Sie sang beinahe; --
+ekstatisch, wie berauscht tönten die heiligen Worte:
+
+'Und siehe, ein Weib, das zwölf Jahre siech war, trat zu ihm und rührete
+seines Kleides Saum an.
+
+Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach: Sei getrost, meine
+Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und das Weib ward gesund zur
+selbigen Stunde.'
+
+»Und ward gesund zur selbigen Stunde,« wiederholte es drinnen, wie
+verzückt. Dann einen Moment Stille, aber plötzlich mit herzzerreißendem
+Schluchzen: »O Gott -- und ward gesund -- lieber -- lieber -- Gott.«
+
+
+
+
+II.
+
+
+Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er tief auf. Hier wehte doch
+frische Luft, hier beengte ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr,
+und erfrischend rieselte der Regen auf sein entblößtes Haupt.
+
+Merkwürdig. -- Er hatte doch schon so oft mitten auf seinem Gehöft
+gestanden, aber heute befiel ihn zum erstenmal der Gedanke, daß all sein
+Hab, Häuser und Scheunen, Ställe und Gerätschaften, Menschen und Vieh
+wie von einem drückenden Traum befangen wären.
+
+Es zerfiel und zerbröckelte alles, es wurde morsch und verging. -- Und er
+selbst?
+
+Erschreckt fuhr er auf.
+
+Drüben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte eine beträchtliche
+Spalte. Ungehindert floß der Regen hindurch und machte ihm die
+Wintersaat faulen. Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
+nicht bemerkt.
+
+Früher war er als der werktätigste Landwirt Vorpommerns bekannt
+gewesen; er allein wußte, wie durch Zauber, dem fetten Boden dreifach
+die goldigen, Nahrung bringenden Körner abzugewinnen; jetzt stand es
+anders. -- Es ging bergab mit ihm.
+
+Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf drei Rädern. Das vierte
+gebrochen daneben. -- Ob man nach dem Stellmacher geschickt hatte?
+
+Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gefährt träge dahin, Wilms rief ihn
+laut an; aber der Mann wußte von nichts, und schon wollte ihn der
+Landwirt mit einem kräftigen Fluch zurechtweisen, da dachte er an die
+Kranke, und beinahe flüsternd befahl er dem Manne, den Stellmacher zu
+holen.
+
+Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine grobe Mütze auf und
+schritt schwerfällig die Landstraße entlang. Zu beiden Seiten dehnten
+sich seine Felder.
+
+Auf das braunschollige Ackerland rauschte hörbar der Regen, und nur
+allmählich vermochte der Landwirt seine Leute zu erkennen, so dicht
+wogte der schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig tauchten
+Männer und Frauen aus den Wolken hervor, und verschwanden bald wieder,
+als hätte sie der Boden eingesogen.
+
+»Wie steht's mit den Kartoffeln, Karl?« fragte Wilms endlich einen
+jungen, flachsköpfigen Burschen, der tiefgebückt die gesammelten Knollen
+in einen Korb warf.
+
+»Der Herr weiß ja -- der Regen -- es dauert schon zu lang.«
+
+»Ja, ja« -- Wilms ballte die Fäuste, und in sein ernstes, ehrliches
+Antlitz gruben sich tiefe Falten. Wie er sich jetzt langsam und ermüdet
+auf einen eisernen Pflug niederließ, der auf dem kotigen Acker herumlag,
+da hätte man ihn für einen alten, gebrochenen Mann halten können. Und er
+zählte doch erst zweiunddreißig Jahre und stand in der Blüte der Kraft.
+
+Und die Nebel krochen um ihn herum, formten sich, ballten sich, und es
+war, als ob sie ein häßliches, graues Weib bildeten, zahnlos, mit
+wackelndem Kopf -- eine dürre Vettel, wohlbekannt allen Bedrückten -- die
+Not, die grinsende Not, und sie hinkte auf ihn zu und streichelte ihn.
+
+Er sank immer tiefer in sich zusammen und ließ seine Leute schaffen, was
+sie wollten.
+
+Da klang Wagengerassel die Landstraße herab. Ein elendes, ächzendes
+Gefährt näherte sich, und herab stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem
+Stoppelbart, und in den Stoppeln saß ein sehr rotes, verschwollenes
+Gesicht, aus dem ein Paar wässerige Äuglein und eine Hakennase lustig
+hervorlugten. Der Ankömmling hieß »Herr Rosenblüt«, klimperte im
+Augenblick mit einer dicken goldenen Kette und war der Kompagnon einer
+in dem Landstädtchen Grimmen sehr angesehenen Viehexportfirma. -- Ein
+gesetzter, umgänglicher Mann.
+
+Heute zeigte sich der Viehhändler indes sehr aufgeregt. Er schritt
+gleich auf den Landmann zu und pflanzte sich prustend und atemholend vor
+ihm auf.
+
+»Herr Wilms,« begann er unvermittelt und fuchtelte mit seinem Stock hin
+und her. »Was soll das heißen? -- Was ist denn geschehen -- bei Ihnen zu
+Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...«
+
+»Doch nicht meine Frau?« stammelte Wilms und sprang auf -- »nicht wahr? --
+So sagen Sie's doch,« wiederholte der unglückliche Mann heiser.
+
+»Nein, nein, nicht Ihre Frau -- ich meine bloß -- -- es ist da einer von
+den Blauen, von den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
+meinen Wagen« -- und leise setzte er hinzu: »Was wollen Sie erst einen
+Aufstand vor Ihren Leuten machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.« Bald
+knarrte und ächzte das Fuhrwerk auf Wilms' Gehöft zu, und Herr
+Rosenblüt saß neben dem Besitzer und starrte ihm ängstlich ins Gesicht,
+bis sie den Wirtschaftshof erreicht hatten.
+
+Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab und blickte sich scheu
+um.
+
+Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher von Grimmen und
+unterhandelte laut und barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
+zu Zeit einen ängstlichen Blick auf die Fenster der Krankenstube warf
+und den Beamten zu bitten schien, leiser zu verfahren.
+
+Alle Leute des Anwesens waren an diese Rücksicht auf die leidende Frau
+gewöhnt; ein lautes Wort, mitten in der dumpfen Stille, war unerhört,
+erschreckte alle förmlich.
+
+»Da is uns' Herr,« sagte der Knecht endlich erleichtert, als er des
+Bauern und seines Begleiters ansichtig wurde. Wilms kam schwerfällig
+näher, seine Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf seinem Nacken
+sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt sei, und auf der Stirn
+perlten große Tropfen. Mit flüsternder, heiserer Stimme bat er den
+Beamten, mit ihm in die nächste Scheuer zu kommen. -- Nur nicht hier --
+hier könnte man die Kranke stören, sie dürfte ja von nichts wissen; das
+könnte ihr den Rest geben. »Ich bitt' Sie, kommen Sie mit mir -- ein
+paar Schritte.«
+
+Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das für überflüssige Zeitvergeudung.
+Er knöpfte seinen Rock auf, nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er
+prüfend überflog, und während er sich dazu wohlgefällig und amtswürdig
+seinen militärischen Schnurrbart strich, las er trocken vor: »Beauftragt
+vom Grafen Brachwitz auf Boltenhagen -- Zahlung der rückständigen Pacht
+vom 1. April -- 3600 Mark -- -- nicht eingegangen -- hm -- vorzunehmende
+Zwangspfändung.«
+
+»Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch schuldig?« warf der Viehhändler
+dazwischen.
+
+Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder zusammen und pflanzte
+sich vor dem Besitzer auf:
+
+»Können Sie zahlen, Herr Wilms?« fragte er prompt.
+
+»Nein.«
+
+»Na, dann muß ich anfangen. Nehmen Sie's nicht übel.«
+
+»Aber -- wenn Sie mir nur -- nur bis morgen Zeit lassen wollten,« stöhnte
+Wilms und legte sich die Hand vor die Stirn. »Nur bis morgen -- ich
+könnte mich ja noch an jemanden wenden. -- Ich hatte in der letzten Zeit
+mit meiner Frau so viel -- aber es ist doch vielleicht noch möglich.«
+
+»Tut mir leid -- strenge Ordre.« Der Gerichtsvollzieher knöpfte dabei
+seinen Rock zu und wandte sich an den Knecht.
+
+»Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,« befahl er kurz. »Wo haben Sie die
+Schweine?«
+
+»Dann zeig dem Herrn, Jochen.« Wilms hatte es tonlos gesprochen und
+wandte sich jetzt schnell ab. Selbst dem Viehhändler hatte er nicht mehr
+die Hand zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das Wohnhaus und
+trat in das Zimmer seines Weibes.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt. Mit der linken Hand
+hatte sie die Bibel umklammert, die rechte fingerte nervös an der Wand,
+und ihre krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster gerichtet.
+Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof, das Knarren der Torflügel, das
+jetzt laut werdende Grunzen der Schweine, alles störte sie. Sie war ganz
+aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte, forschte sie
+atemlos nach dem Grund all dieses Lärms. -- -- Ja der Grund --
+
+Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten? Konnte er gestehen, daß
+man jetzt den besten Teil seines Besitztums forttriebe, daß andere
+Trümmer bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
+zusammenbrechen würden, um ihn, den starken, kräftigen Mann, der nun
+schon seit Jahren, wie gelähmt, an dieses Bett geschmiedet war, so fest,
+daß alle Bewegungsfähigkeit gehemmt schien? -- Merkwürdig, ihm war es,
+als wäre sein Weib gesünder, als er; und er selbst gebrochen,
+ausgezehrt, kraftlos, ein toter Mann, der in dem großen Lehnstuhl hockte
+und vor sich hinstarrte.
+
+»Was hantieren sie denn dort draußen so laut?« klagte das Weib und
+klappte nervös mit dem Deckel der Bibel -- »soll denn gar nicht ein
+bißchen Rücksicht auf mich genommen werden, Wilms?«
+
+Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen die arme Frau, war sein
+einziger Gedanke. -- Der Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.
+
+»I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufhören.«
+
+»Ja, aber was machen sie denn?«
+
+»Ach, Rosenblüt ist bloß da und -- und kauft mir Vieh ab.«
+
+»Der Jude?« rief die Kranke und richtete sich auf. -- »Sieh -- sieh da,«
+stotterte sie und zeigte gerade aus, »da steht er vor dem Fenster -- und
+guckt hinein, gerade auf mein Bett.« Entsetzt fiel sie zurück und zog
+die Decke hoch, so daß sie nicht mehr bemerken konnte, wie Rosenblüt mit
+allerlei Grimassen ihren Mann hinauswinkte. »Wilms, ich kann den Juden
+einmal nicht leiden -- was hast du auch immer mit ihm. Immerfort was. Der
+Herr Pastor sagt auch, daß du dich zuviel mit ihm abgibst.«
+
+»Still, Elsing, ich hab' schon manch gutes Stück Geld an dem Mann
+verdient.«
+
+»Ach wo -- die betrügen ja alle. Du verstehst bloß die Wirtschaft nicht.«
+-- Das war ein böses Wort.
+
+Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner Brust. Draußen winkte Herr
+Rosenblüt immer energischer.
+
+»Ich muß jetzt aber doch einen Augenblick auf den Hof, Elsing,«
+ermunterte sich der Mann endlich.
+
+»Schon wieder?«
+
+Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff seine Hand: »Du bist
+ja eben erst hereingekommen. -- Und dann -- mir ist immer so wohl, wenn du
+bei mir bist, sobald du mich aber allein läßt, dann überfällt mich
+wieder die schreckliche Angst -- du weißt ja -- als ob mir was auf der
+Brust säße« -- sie keuchte -- »nicht wahr, du bleibst?«
+
+Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem hohen Lehnstuhl zusammen. Das
+war das Bild seines Lebens. -- Die Last zog an ihm und zog ihn abwärts.
+
+Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter. Wie es mit der
+Wirtschaft stünde? -- Doch gut? Und der Pastor hätte ihr eine Annonce
+gebracht, in der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer
+angepriesen würde. 150 Mk. »Nicht wahr, das ist nicht zu viel? -- Das
+erübrigst du doch für deine Frau? Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?« --
+Und dann kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und gesund in ihrem
+Hauswesen herumgesprungen wäre, und wie furchtbar verliebt Wilms sich
+als junger Ehemann gebärdete. Hinter jeder Tür, wo es die Leute nicht
+sehen konnten, hätte er um einen Kuß gebettelt. »Ach, küsse mich noch
+einmal so. -- Ich bin doch eigentlich noch so jung.«
+
+Halb betäubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er war so zerschmettert, daß
+er für nichts mehr das volle Verständnis besaß.
+
+Da wurde an die Tür geklopft. Erst leise, dann energisch, und
+schließlich trat Herr Rosenblüt ins Zimmer und blickte sich verdutzt in
+der Krankenstube um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
+umschlungen haltenden Gatten ließ ihn einen Moment verstummen, eine Art
+Rührung zuckte in den Zügen des Händlers auf, dann aber drängte die Zeit
+gar zu gewaltig, und er räusperte sich stark: »Guten Morgen -- Frau Wilms
+-- ich bitte um Entschuldigung -- wie geht es Ihnen? -- aber es ist die
+höchste Zeit, Herr Wilms -- ich muß mit Ihnen reden, jetzt sofort. Der
+Kerl ruiniert Ihnen ja die ganze Wirtschaft.«
+
+Die fremde Stimme traf Else wie ein Schuß.
+
+»Großer Gott, wer ist das?« stammelte die Kranke, als sie den
+Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung machte, gewahrte, und
+über ihr Gesicht flutete eine brennende Röte: »Was will er hier? --
+Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Geschäften da? Warum gehst du mit
+dem Herrn nicht in die Wohnstube?«
+
+Es war ein unfreundlicher Gruß, und Herr Rosenblüt stand wie
+angedonnert. Erst als Wilms ihn unter den Arm faßte und begütigend
+aufforderte, ihm zu folgen, hatte sich der Händler soweit gefaßt, daß er
+energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren konnte:
+
+»Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch, Herr Wilms, empfehle mich
+Ihnen, verehrte Frau.« Aber Wilms ließ ihn nicht, und mit vielen Bitten
+und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte Tür, in
+deren Mitte ein großes, ovales, durch eine Gardine verdecktes
+Guckfensterchen angebracht war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
+einfache grüne Ripsmöbel, gestickte Deckchen prangten auf dem Sofa, und
+mitten durch die Zimmerdecke zog sich ein großer, tapetenüberklebter
+Balken. Hier fiel Wilms in einen der Polsterstühle nieder, stützte
+seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den Geschäftsfreund nach
+dessen Begehr, aber es klang alles so zerstreut, so fern und tonlos, als
+ob der Geist des Mannes auf düsteren Irrpfaden wandele. Und dieses
+Gebrochensein, dieses vollständige Einschlafen einer ehemals großen
+Kraft erschütterte den andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
+er auf ihn zu. Dann berührte er mit seinem Stock die Schulter des
+Sitzenden, und während er ihm nun unaufhörlich leise auf die Achsel
+schlug, redete er eindringlich auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
+aber Wilms hörte nur eins heraus, und das war etwas Hoffnungsfreudiges,
+mitten in seiner trostlosen Nacht, ein Frührotschimmer, ein
+aufblitzendes Licht. -- Herr Rosenblüt war über die Pfändung empört. --
+Der Beamte hätte gewiß das Doppelte des Werts aus der Wirtschaft
+gezogen, die schönsten Stücke Vieh, ohne die der Besitzer gar nicht
+weiter existieren konnte. Seine Entrüstung war zu ehrlich, es sprudelte
+nur so aus ihm. -- »Was soll das heißen? -- Daran verdient der Graf ja ein
+Heidengeld? -- Die besten Tiere -- Kunststück. -- Wilms, wissen Sie was?
+Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen mir dafür die
+gepfändeten Stücke beiseite. Und wenn Sie in acht Tagen die Summe nicht
+an mich zurückerstatten können, dann, nun dann gehört alles mir. -- Das
+ist 'ne Spekulation. -- Ich bin ein Geschäftsmann -- das ist 'n Geschäft --
+wollen Sie?«
+
+»Ja, ja.« O, es war ja dem Verschmachtenden, als hätte ihm eine
+freundliche Hand einen Trunk kalten Wassers nach staubiger Wanderung
+gereicht. Er fühlte förmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
+durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich. -- Acht Tage Zeit --
+noch eine ganze Woche? -- Ja, bis dahin mußte ja Rettung kommen, irgend
+woher, gleichviel, jedenfalls war vorläufig die entsetzlichste Last von
+seiner Seele gewälzt. Tief atmete er auf, seine Brust hob und senkte
+sich rasch.
+
+»Ja, alter Freund, natürlich, ich nehme es an, mit tausend Freuden,
+geben Sie her.«
+
+Der Händler jedoch hielt noch einen Augenblick mißtrauisch inne.
+
+»Herr Wilms, nehmen Sie mir's nicht übel, ich habe noch eine Bedingung.«
+
+»Ach wohl wegen der Zinsen?«
+
+»Bewahre -- das wird sich schon finden, versteht sich, Zinsen auch. Nein,
+es betrifft etwas anderes, aber das sag' ich Ihnen später. Jetzt gehen
+Sie raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger da draußen ab. --
+Vorwärts.«
+
+Damit zählte er eine Anzahl Kassenscheine auf den Tisch. Wilms griff
+danach und schritt ohne ein weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der
+Vollzugsbeamte in dem Viehstall sein Werk gerade beendet hatte.
+
+In wenigen Minuten hielt der Überraschte die fragliche Summe in der
+Hand, schrieb noch im Stehen eine Quittung, schüttelte Wilms die Hand,
+sprang auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.
+
+Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie ein verfließender, böser
+Traum. Wilms und Rosenblüt standen unter dem morschen Tor und blickten
+dem entschwindenden Gefährt nach. Als es jedoch hinter dem Tannenschlag
+in einer Senkung der Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der
+Händler vor seinem ernsten Geschäftsfreund auf, steckte die eine Hand in
+die Tasche und klapperte mit seinem Stock an den Stangen des Zaunes hin
+und her.
+
+»Hören Sie mal, alter Freund,« begann er endlich unruhig und spie vor
+sich hin. »Jetzt will ich Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
+Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann müssen Sie sich wieder
+ausschließlich um Ihre Wirtschaft kümmern. -- Und das können Sie nur,
+wenn Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen. 'ne Pflegerin,
+oder so was Ähnliches. Es gibt ja Krankenschwestern genug. Auch kann ich
+mich ja mal in Grimmen danach umsehen.«
+
+Wilms strich mit der Hand über die Stirn. Das, was er eben vernommen,
+klang wie eine eherne Anklage in ihm fort. »Ja, ja,« murmelte er halb
+für sich, »ich habe ja auch schon daran gedacht -- aber es geht doch
+nicht.«
+
+»Geht nicht?«
+
+Herr Rosenblüt fing an, sich zu ärgern.
+
+»Ja, warum denn nicht?«
+
+»Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden will. -- Ich muß ihr den
+Willen tun, dem armen, gequälten Weib.«
+
+»Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte kommen. -- Und ja --
+hören Sie mal« --
+
+Der Redende richtete sich plötzlich auf und schlug dem Hofbesitzer
+energisch auf die Schulter -- »Donnerwetter, da fällt mir etwas ein.
+Wilms, Ihre kleine Schwägerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
+zurückgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen steigen, als sie in
+das Haus Ihres Schwiegervaters ging. Ein strammes Ding, so groß« -- Herr
+Rosenblüt zeigte eine gigantische Höhe -- »die nehmen Sie sich -- die wird
+hier schon Ordnung schaffen. Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in
+Grimmen mit dem Alten ein paar Worte reden. -- Na also?«
+
+Wilms war gepackt. Fest starrte er den Händler mit seinen überbuschten,
+blauen Augen an und sann nach. Zwar kannte er die jüngere Schwester
+seiner Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die kleine Hedwig
+ein sechzehnjähriges, schweigsames scheues Mädchen gewesen, dem er nicht
+viel Beachtung geschenkt hatte. Ja, er besann sich, daß ihr eigentümlich
+lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal verdrossen, aber doch -- --
+der praktische Händler hatte offenbar das Rechte getroffen.
+
+Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden. Und vor allen Dingen:
+er wurde frei, frei und unbehindert für sein mühseliges Gewerbe. -- Noch
+einen Augenblick schwankte er, noch einmal überflog er kurz das Fenster
+der Krankenstube, dann erklärte er dem Händler entschlossen, daß er
+seinen Rat befolgen würde. Noch heute sollte ein Brief an den
+Schwiegervater des Landmanns, den alten Rendanten Schröder zu Grimmen,
+abgehen.
+
+»Bravo! -- ein Mann ein Wort, Herr Wilms,« mahnte der Kaufmann dringend,
+als er seinen harrenden Wagen bestieg, »nicht wahr?«
+
+Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:
+
+»Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenblüt.«
+
+»Und wenn ich wiederkomm', sieht es hier anders aus,« rief der
+Scheidende zurück, dann ein Händedruck, und auch der zweite Wagen rollte
+davon.
+
+Wilms aber stand mitten auf der Landstraße und sah ihm nach.
+
+Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn. Und langsam und
+sinnend schritt er in sein Haus zurück.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Es war an einem Sonntag.
+
+Der Regen hatte aufgehört. Ein frischer Wind fuhr über die herbstlichen
+Felder. Weit und mächtig spannte sich der blaue Himmel aus, und über
+Baum und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.
+
+Von der Stationsuhr des winzigen Sekundärbahnhofs von Boltenhagen schlug
+es elf. -- Um diese Stunde mußte Wilms' junge Schwägerin eintreffen.
+
+Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum vorstellte, obwohl er
+vollständig unbedeckt war und mitten auf freiem Felde lag, hielt der
+Pächter bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen Korbwagen
+und blickte nachdenklich auf die glänzenden Schienen, die im
+Sonnenlichte gleißten und funkelten.
+
+Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen Wege wohl etwas Gutes entgegen
+rollen würde? Ob er in Hedwig jene Stütze und Hilfe finden könnte, die
+er suchte? -- Merkwürdig, so oft er an das Mädchen dachte, befiel ihn
+wieder dasselbe unangenehme Gefühl, das sie ihm als Kind bereits
+eingeflößt. -- -- Aber sie konnte sich doch in der Zwischenzeit geändert
+haben. Zwei Jahre bewirkten ja viel, und sie hatte gewiß in der
+Stralsunder Pension sich außerordentlich vervollkommnet. Natürlich, es
+war lächerlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung
+herumzugrübeln.
+
+Nein, er wollte -- -- --
+
+Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick vor und schreckte den
+Landmann aus seinen Betrachtungen auf. Gravitätisch stieg der Kutscher
+in einer reichen, silberüberladenen Livree vom Bock, und Wilms erkannte,
+daß sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe, der so streng auf die
+Eintreibung des Pachtgeldes bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
+müsse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig, der Kutscher schritt
+vornehm an ihm vorüber, und um dieselbe Zeit verkündete ein rasches
+Keuchen und Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung war Wilms an
+den Schienen, die Bahnhofsglocke erklang, langsam und kreischend hielten
+ein paar Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und da -- aus einem
+Coupé sprang rasch und elastisch eine schlanke und dabei doch voll und
+kräftig gewachsene Mädchengestalt heraus, sah sich um, und hatte mit
+einem, einzigen, klaren, zielbewußten Blick den Wartenden erkannt.
+
+»Schwager.«
+
+Wilms horchte auf. Die Stimme tönte so frisch und hell, so
+willenskräftig, beinahe, als wenn sie das Befehlen gewohnt wäre. --
+Seltsam, das Mädchen war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja eine
+Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr die Hand
+entgegenstreckte und ein paar ungeschickte Begrüßungsworte
+hervorbrachte, da leuchteten ein paar große, braune Augen erst einen
+Moment forschend in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
+den Mund, und mit einer gewissen peinlichen Beklemmung mußte sich der
+große ungeschickte Mann herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm
+beinahe fremden Person zu küssen. Eine fröstelnde, unangenehme
+Empfindung beschlich ihn dabei. -- Und diese vornehme Gestalt sollte bei
+ihm die Wirtschaft führen? -- Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
+ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten, als er plötzlich von
+einem jungen Herrn im Jagdkostüm angesprochen wurde, der sich ihm
+lachend in den Weg stellte.
+
+»Halt, Herr Wilms, nicht so schnell -- na, Mensch, kennen Sie Ihre alten
+Freunde nicht mehr?« Dabei lüftete der Jäger vor Hedwig höflich die
+grüne Mütze, während er sich seine Doppelflinte gewandt an einem Riemen
+über die Schulter warf. Wie er so dastand, bildete er den Typus eines
+hübschen, jungen, eleganten Aristokraten, mit seinem schwarzen
+Schnurrbärtchen in dem braunen Gesicht, und mit dem lässigen,
+kraftbewußten Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte ein
+Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den Taschen des jungen Herrn
+schnupperte ein brauner Jagdhund herum.
+
+»Herr Fritz -- Herr Graf« -- fuhr Wilms heraus.
+
+»Ach was,« schnitt der Weidmann ab und schüttelte dem Pächter
+wohlwollend die Hand: »Sagen Sie, wie Sie Lust haben. Hier draußen
+kommt's ja doch nicht drauf an. -- Habe nämlich quittieren müssen -- Papas
+Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem Gut vernünftig werden soll. Als
+wenn ich nicht schon so vernünftig wäre, daß es einen Hund jammern
+könnte,« setzte er hinzu und wandte sich wieder an Wilms' Begleiterin.
+
+»Gnädiges Fräulein besinnen sich wohl nicht mehr auf mich?« fuhr er
+liebenswürdig fort. »Auch nicht auf den Pensionsball, wo ich das Glück
+hatte, mehrfach bevorzugter Tänzer zu sein -- wirklich nicht? --
+Allerdings, wenn man so belagert wird.« Und wieder lüftete er freundlich
+die Mütze. -- »Sind Sie denn mit Herrn Wilms bekannt, verwandt,
+verschwägert, oder wie ist das?«
+
+»Jawohl, ich bin die Schwägerin des Herrn,« gab das Mädchen höflich zu,
+und doch hörte der Landmann wieder einen kühlen abweisenden Ton heraus,
+der sich mehr für eine Komtesse, als für die Tochter des Rendanten
+Schröder aus Grimmen schickte. Auch der junge Graf starrte ihr einen
+Augenblick betreten ins Gesicht, dann schien er plötzlich an der
+Unterhaltung keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah sich, ohne auf
+das Mädchen weiter Rücksicht zu nehmen, nach seinem Bedienten um, und
+forderte, indem er eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
+Murmeln Feuer.
+
+»Gut -- brennt schon -- na, auf Wiedersehen, Wilms -- (er vergaß beiläufig
+das 'Herr') habe die Ehre, mein Fräulein -- heda, Hektor.« Er pfiff dem
+Hunde, grüßte leichthin und sprang auf den Wagen, dessen Zügel er
+ergriff. Hinter ihn setzte sich der Kutscher, und mit elegantem,
+unhörbarem Rollen flog das Gefährt davon.
+
+Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog, blickte sich der Jäger
+noch einmal um und spähte scharf zurück. Hedwig, die bereits neben Wilms
+auf dem Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein keckes,
+spöttisches Lächeln flog um ihre frischen Lippen, immer heimlich von dem
+Landmann beobachtet, der in sich gekehrt neben ihr saß und kutschierte.
+Scheu blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie kam das junge
+Mädchen zu solchen Bekanntschaften? -- Sie schien den jungen Herrn doch
+besser zu kennen, als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie ihn
+so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein, das war nicht die
+Person, die er brauchte, damit sie Else pflegen und ihm selbst in der
+Wirtschaft helfen sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war
+berechtigt gewesen. Wie sie jetzt neben ihm saß, die schlanke Figur ein
+wenig vornüber geneigt, die großen, braunen Augen durstig in die sonnige
+Ferne gerichtet, die Lippen geöffnet, als tränke sie die einströmende
+Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein zu fremdes Wesen.
+
+»Mein Gott, was wird Else dazu sagen?« dachte er bekümmert. »Und was sie
+für einen Hut trägt, was für Handschuhe?«
+
+Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer, der etwas Unangenehmes
+rasch zu Ende bringen will, und im scharfen Trab rollte das Gefährt
+dahin, ohne daß Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
+hätte.
+
+Nur einmal fragte sie beinahe gleichgültig, immer die Augen in die Weite
+gerichtet: »Ist Else noch so hübsch, wie sie war?«
+
+Wilms biß sich auf die Lippen, die Zügel in seiner Hand lockerten sich
+unwillkürlich.
+
+Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare Stimme tönte genau so
+kühl, so obenhin, so völlig uninteressiert, als hätte ihre Frage einer
+ganz nebensächlichen Person gegolten.
+
+Und das war die Schwester, die sich nach seinem armen gequälten Weibe
+erkundigte?
+
+»Ja,« fuhr er rauh heraus, »gerade noch so hübsch -- genau so -- --
+allerdings spazieren gehen kann sie nicht mehr und sich putzen.«
+
+Anklagend und beleidigt klangen die wenigen Worte, und Hedwig richtete
+zum erstenmal ihren Blick forschend auf ihren Schwager. Sie schien
+verwundert und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe mit
+absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: »Die lange Krankheit hat wohl
+viel Geld gekostet?«
+
+Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie ein Wütender hieb er auf
+die Tiere ein, im gestreckten Galopp ging's weiter.
+
+Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im ungemütlichen Schweigen
+durchfuhren sie das Dorf, bis sie endlich auf dem Pachthof anlangten.
+
+Verträumt, verfallen, lautlos wie immer lag er da. Und diese Todesstille
+lockte Hedwig das erste Wort ab.
+
+»Merkwürdig,« murmelte sie befangen, als Wilms ihr zum Herabsteigen die
+Hand bot, »das hätt' ich mir anders gedacht. Ist es hier immer so
+lautlos?«
+
+»Ja, mein Kind, immer. Aus Rücksicht für Else. Und dann ist auch heute
+Sonntag.«
+
+»Ja, so -- so, so,« wiederholte sie in sich gekehrt. Wilms sah, daß sie
+noch einmal mit einem ihrer langen, klaren Blicke das Anwesen überflog.
+Dann strich sie sich über die Stirn und äußerte rasch und dringend, als
+ob sie dem Anblick entfliehen wollte: »Komm -- gehen wir zur Schwester.«
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Nachmittag war im Verdämmern. Auf dem Hof webten bereits graue
+Schatten und krochen an den Wänden der Scheunen empor, aber in dem
+Krankenzimmer brannte eine große schöne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
+das noch nie benutzt war, und das jetzt eine strahlende, gemütliche
+Helle verbreitete.
+
+»Hier muß es doppelt licht sein,« hatte die jüngere Schwester gemeint
+und dann die Staatslampe einfach von der Glasservante heruntergenommen
+und sie instand gesetzt.
+
+Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem Bett und sah mit
+blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen hinein, während sie die Hand der
+Schwester, die neben dem Lager saß, mit ihren schmalen Fingern fest
+umspannt hielt.
+
+In der Mitte der Stube, vor dem großen Tisch, hatte Wilms Platz genommen
+und beugte sich eifrig über ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
+vernachlässigt war. Nur langsam und schwerfällig vermochte der große
+Mann zu rechnen, aber es tat ihm schon unsäglich wohl, endlich einmal
+Klarheit in seine Verhältnisse bringen zu können. So mühte er sich fort,
+und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und lauschte zu den beiden
+Frauen hinüber.
+
+Dort drüben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam, nicht aus der Bibel.
+Die neue Pflegerin hatte sofort erklärt, es sei nicht zweckmäßig, einer
+Leidenden etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig wisse und zudem
+auch ihre Gedanken stets auf Tod und Vergänglichkeit hinweise. -- Nein,
+etwas Neues, Heitres müsse gewählt werden, und sofort war sie in ihr
+Dachstübchen hinaufgeeilt, um das Versprochene zu bringen. -- Als sie
+nach einiger Zeit zurückkehrte, hatte sie auch die Kleidung gewechselt.
+-- Ein schwarzes Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
+Körper und ließ sie noch kräftiger und selbstbewußter als bisher
+erscheinen. Lächelnd setzte sie sich an das Lager und begann vorzulesen.
+Es war die von einem modernen, schwedischen Satyriker verfaßte
+Geschichte eines jungen Mädchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
+tändelt, um schließlich eine Geldheirat einzugehen, in die sie als
+einzige Aussteuer die beiden Verlassenen als Hausfreunde mit
+hineinbringt.
+
+Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht. -- Sie hatte sich in
+ihren Kissen aufgerichtet und folgte den feinen Spöttereien mit
+befriedigter Verwunderung. Zuweilen huschte sogar ein schwaches Lächeln
+über ihr blasses Gesicht.
+
+Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches Zeichen herbeigesehnt, und
+jetzt schien die Ärmste ihr Leiden beinahe vergessen zu haben.
+
+Unwillkürlich verfing sich auch der Landmann in den liebenswürdigen
+Worten, die von Hedwigs Lippen so frisch und hell hinabströmten. Er
+stützte das Haupt und sah aufmerksam zu ihr hinüber. -- Und doch --
+während er mit Behagen auf ihren lebendigen Vortrag hörte, nagte sich
+leise wieder jene unerklärliche Abneigung gegen das Mädchen in sein
+ehrliches Gemüt hinein, die er nicht bannen konnte, die ihn förmlich
+verfolgte.
+
+Schon wie sie dasaß, tief in ihren Stuhl zurückgelehnt, daß alle Formen
+des jugendfrischen Leibes einen Kampf gegen das einengende Gewand
+führten, so ungebunden, so ohne Rücksicht auf ihn, als ob er gar nicht
+vorhanden wäre, den Kopf zur Seite geneigt und auf ihren Zügen all jenen
+wechselnden, prickelnden Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
+Inhalt des Buches wiederspiegele, -- das gehörte alles nicht hierher,
+nicht in die pommersche Krankenstube hinein, das war etwas Unreines,
+Unerträgliches. -- Und jetzt empfand er auch, wie frech und unpassend das
+war, was sie las.
+
+Die Röte stieg ihm in die Stirn. Schwerfällig erhob er sich, ging
+mehrmals im Zimmer auf und ab, und räusperte sich endlich stark:
+
+»Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufhören?« Und da geschah das
+Unerwartete.
+
+»Nein,« -- Else fröstelte und schüttelte unwillig den Kopf: »Du mußt auch
+immer stören,« beklagte sie sich. -- »Laß uns doch unser Vergnügen. Ich
+bin ja so froh, daß ich endlich ein wenig Abwechslung finde.« -- Und
+wieder drückte sie der Schwester die Hand.
+
+Das auch noch.
+
+Etwas Unverständliches murmelte der Pächter vor sich hin, heftig wollte
+er erwidern, aber die Gewohnheit, sein Weib unter allen Umständen zu
+schonen, war stärker. Mühsam bezwang er den aufsteigenden Zorn und
+verließ mit starken Schritten das Zimmer.
+
+Als er die Tür schloß, hörte er das Mädchen wieder laut und fröhlich
+weiterlesen.
+
+Ein paar Stunden lief er draußen in der Dunkelheit umher, immer die
+gerade Chaussee entlang, und suchte seinen Unmut abzuschütteln.
+
+Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe und Unfrieden ins Haus. Er
+hatte es ja voraus gewußt. -- Das Mädchen paßte eben nicht in den
+beschränkten Kreis. Ob es nicht das beste wäre, sie wieder zum Gehen zu
+veranlassen? -- Er seufzte -- -- das durfte man leider nicht wagen. -- Und
+dann, wie gleichgültig und verächtlich sie ihn selbst behandelte. Das
+Achselzucken und das über ihn Fortsprechen. Er galt dem Fräulein eben
+nur als »Bauer«.
+
+»Ha -- ha!« Unvermittelt blieb der Pächter stehen und atmete tief auf. --
+Ihn bedrückten ja ganz andere Sorgen, als dieses fremde Mädchen. Wie
+konnte er es nur einen Augenblick vergessen?
+
+Die Schuldenlast -- die entsetzliche Schuld. Acht Tage Frist hatte er, in
+dieser Zeit mußte er 1200 Taler schaffen, sonst gehörte sein ganzes
+Inventar dem Juden. Aber woher? -- woher?
+
+Laut stöhnte er auf, und so heftig packte ihn wieder die Verzweiflung,
+daß er eine Pappel der Chaussee umklammerte und den starken Stamm
+schüttelte und stieß, bis eine Wolke dürrer Blätter auf ihn herunter
+raschelte.
+
+Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles war dunkel und
+still. Nur die raschen Blätter dort oben begannen wieder durcheinander
+zu rauschen.
+
+War das nicht, als ob ein Mensch spräche?
+
+Hedwigs Stimme -- deutlich vernahm er sie wieder in der Höhe lesen,
+lachen und kichern.
+
+Der Einsame zuckte zusammen und horchte um sich. -- Ja, es war etwas
+krank in ihm, es schmerzte ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr
+ihn das Bewußtsein, daß die kranke Frau zu Hause, die er so
+leidenschaftlich, so tief, so gramerfüllt liebte, ihn zum Schwächling
+gemacht, daß dieses blasse, abgezehrte Weib seine Kraft gestohlen, daß
+es täglich sein Blut aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
+genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als Knabe gelernt, daß
+er den Verfallenen die Adern aufbeiße.
+
+»Gott schütz' mich -- Elsing -- Elsing, was ist mir nur?« stammelte Wilms
+und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn -- »nach Hause -- nach
+Hause.«
+
+Er lief, er stürmte dahin, bis er mit keuchender Brust den öden,
+schlummernden Hof erreicht hatte. Auf den Zehen schlich er dann durch
+den Flur und öffnete geräuschlos das Zimmer.
+
+Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem Halbdunkel, aus dem die
+unruhigen Atemzüge der Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke
+Gestalt und kam unhörbar auf den Eindringling zu.
+
+Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger auf die Lippen und
+raunte kurz:
+
+»Sie schläft -- ich werde heute bei ihr wachen.«
+
+»Du?«
+
+»Ja.«
+
+»Du? Nein, das -- das will ich nicht.«
+
+Das Mädchen beugte sich plötzlich vor, daß er ihren Atem fühlte.
+
+»Und warum nicht?«
+
+Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und blieben erstaunt und
+fragend aneinander hängen. Da rollte die Uhr; die Liegende regte sich,
+und dann -- Wilms trat zurück und murmelte müde:
+
+»Meinetwegen.«
+
+Damit schloß er die Tür, um sich draußen leise über die knarrende Treppe
+nach jener Kammer unter dem Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft
+genächtigt hatte.
+
+Und so gleichgültig und abgespannt fühlte er sich, daß er sich selbst
+gar nicht die Frage vorlegte, warum er dem Mädchen nachgegeben.
+
+Oben in der kahlen, weißgetünchten Stube entkleidete er sich schnell,
+und bald lag er ausgestreckt in dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte
+Ruhe finden zu können.
+
+Die niedrige Decke drückte ihn beinahe auf den Kopf, und immer wieder
+hob er das Haupt und lauschte auf das Ächzen und Pfeifen des Windes, der
+klagend über das Dach strich.
+
+Es klang ebenfalls wie das Stöhnen eines gefolterten, riesenhaften
+Leibes.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits angebrochen, als Hedwig in
+die Stube trat, die sie kurz vorher verlassen, ein modernes Hütchen auf
+dem braunen Haar, und über der Taille ein elegantes, offenes Jackett,
+das ihren vollendeten Wuchs erst recht hervorhob.
+
+Sie streifte sich Handschuhe auf und spähte dabei aufmerksam zum Fenster
+hinaus, wie nach dem Stand des Wetters.
+
+»Du willst fort?« forschte die Kranke mit leisem Vorwurf, während eine
+Wolke über ihre Stirn flog, denn die Bedauernswerte hatte bereits die
+feste Überzeugung gewonnen, daß sie sich in Gegenwart ihrer Schwester
+wohler befinde.
+
+»Ja,« versetzte die Jüngere aufatmend und ohne die verborgene Rüge
+sonderlich zu beachten: »Es ist heute so frisch draußen -- wirklich
+prachtvoll -- überall ziehen Sommerfäden -- sieh nur -- und hier
+drinnen --« sie vollendete nicht, sondern setzte rasch hinzu: »Ich bin
+das Wachen doch wohl noch nicht so recht gewohnt -- und dir geht es ja
+heute besser -- da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft
+machen. In einer Stunde bin ich wieder zurück.«
+
+»Aber Hedwig, wenn ich so allein --«
+
+»Ich bringe dir auch was Schönes mit,« schnitt die andere lächelnd ab
+und war im nächsten Augenblick verschwunden.
+
+Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte sehnsüchtig durch
+die Fensterscheiben der schlanken Mädchengestalt nach, die draußen
+bereits ohne sonderliche Eile mit leichten kräftigen Bewegungen über den
+Hof schritt.
+
+»Wer doch auch so --,« flüsterte die Kranke endlich, »einmal noch, nur
+einmal -- --« Krampfhaft faltete sie die Hände, und ihre Seele hob sich
+wieder in jenem einen brünstigen Gebete zu Gott.
+
+Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen. Wer sie so sah, mit dem
+eleganten, dünnen Sonnenschirm in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,
+der hätte kaum geglaubt, daß den braunen, blitzenden Augen dieser jungen
+Dame nicht der kleinste Schaden im Strohdach einer Scheune entging.
+
+Sie bemerkte alles. Auch für das Geringfügigste in diesem schweigenden
+Gehöft schien sie ein Interesse zu empfinden.
+
+Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer Dunst herausschlug, hockte
+auf einem Prellstein ein alter, verwitterter Mann, ein greises, dürres,
+zahnloses Menschenkind, das kopfwackelnd dasaß und sich zu sonnen
+schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel des Alten stand ein zerzauster
+Rabe auf einem Bein und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen
+Schlaf versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine Besitzung
+umfangen hielt.
+
+»Alterchen,« rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte, und stampfte
+leicht mit ihrem Schirm auf den Boden: »Warum sieht der Hof so schmutzig
+aus?«
+
+»He?« grunzte der Alte und hob nach Art der Schwerhörigen das Ohr. Dabei
+blinzelten seine erloschenen, blöden Augen in das frische, blühende
+Mädchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann zu kauen.
+
+Das junge, kräftige Leben da vor ihm gefiel ihm augenscheinlich nicht.
+Auch redete sie ihn mit zu wenig Hochachtung an, denn der alte Krischan
+aß schon seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot und stand
+außerdem im Rufe dunkler lichtscheuer Künste. Der Rabe galt dabei als
+eine Art dienender böser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse
+zu allerlei schwarzen Taten.
+
+»Schnell -- nehmt einen Besen und fegt einmal ordentlich aus,« rief
+plötzlich das schöne Mädchen dringend dazwischen. Ihr war es, als könnte
+man damit alles Häßliche und Kranke, was sie hier vorgefunden, mit
+starker Hand hinauskehren.
+
+Der Alte regte sich nicht.
+
+Sie stieß ihn an.
+
+Da zog ein leises Grinsen über das verrunzelte Gesicht, der Mund hob an
+zu schmunzeln, und ohne sich von der Stelle zu rühren, keuchte er heiser
+zur Antwort:
+
+»Arbeiten? -- ne, vörbi -- all lang vörbi -- ne, ne, min Döchting, wenn Sei
+hier wat utkihren willen, denn mötens sülwst dauhn.«
+
+»Und Sie, was treiben Sie hier?« rief Hedwig scharf dagegen. Durch ihren
+Körper zuckte es. Die schlaffe Faulheit des Alten empörte sie.
+
+»Ick? -- ick töw [Fußnote: warte] ups Starwen.«
+
+»Aufs Sterben?«
+
+Unwillkürlich erblaßte die Angreiferin und trat zurück. Der Alte warf
+ihr einen schielenden bösen Blick nach, und der Rabe erhob sich
+plötzlich und schlug krächzend und hackend mit den Flügeln nach ihr.
+
+Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Gehöft gegen sie wehren
+wollte.
+
+Allein der neue Ankömmling war nicht von der Art, sich von derlei
+unklaren Vorstellungen lange beeinflussen zu lassen.
+
+Stolz hob sie das Haupt und ließ kühl die Worte fallen: »Ich werde mit
+meinem Schwager über Sie sprechen.«
+
+Im nächsten Augenblick wandte sie sich und eilte grußlos auf die
+Landstraße hinaus.
+
+Wie frisch und hell war es hier draußen. Über ihr das unendliche,
+leuchtende Blau, vor ihr Felder und Äcker, grüne und braune Flächen, die
+einen noch im reifen Schmuck der Spätsaat, die andern bereits wieder
+umgepflügt, dazwischen kleine, helle Wässerchen, wie Silberbänder auf
+einem bunten Tuch, Duft und Dämmer und blauneblige Wälder in der Ferne,
+und über alles hinweg der über den Boden flüsternde Frühwind, der einen
+kräftigen Erdgeruch mit sich führte.
+
+Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall mit dem Alten war
+bereits vergessen. Hurtig setzte sie über den Graben der Landstraße und
+schlug den ersten besten Feldweg ein, der quer über ein Stoppelfeld
+führte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar dunkle Punkte auf und
+ab schwankten.
+
+Wie einsam es hier überall war. Nur eine Schar Krähen hüpfte auf dem
+abgemähten Boden umher, und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden
+Dornbusch einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im Sonnenschein
+sein kräftiges Liedchen sang. Sonst webte über allem eine heilige
+wohltuende Ruhe.
+
+Hedwig blieb stehen und ließ ihren Blick weit umherschweifen.
+
+Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen? So allein, so
+ausgesetzt unter fremden Menschen? Denn ihr herber Verstand sagte ihr,
+daß auch Else ihr eine Fremde bleiben würde, eine Bedauernswerte, für
+die sie sich höchstens ein unangenehmes Gefühl des Mitleids würde
+abzwingen können.
+
+Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedrücken.
+
+Wie etwas Schattenhaftes flog es über die Heide, kam auf sie zu und
+quälte und ängstigte sie.
+
+Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der Stralsunder Pension und
+zusammenzuckend empfand sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr
+bisheriges Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche Stunde,
+an der alle ihre Gedanken sich festgesogen hatten, so fest, daß ihr
+Körper eigentlich halb träumend herumwandelte, beinahe getrennt von
+einer leitenden Seele. Und sie fühlte wieder, daß sie etwas in ihrem
+Leben vergessen müßte, und daß diese weite Ödnis ringsumher vielleicht
+jene stumpfe Ergebenheit in ihr erzeugen könnte, nach der sie sich
+sehnte.
+
+Und merkwürdig. -- Noch sann sie diesen dunklen fernen Traum, da erweckte
+sie etwas. -- Ein flüchtender Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr
+zurück und setzte dann seitwärts über das Feld.
+
+Das Mädchen lachte plötzlich hell auf.
+
+Das frische, selbstbewußte Lachen eines kräftigen Menschen. Was brauchte
+sie sich in solchen Hirngespinsten zu verfangen? Es war ja alles
+vorüber, bald überhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame
+verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte sie weiter; ab und zu
+schlug sie mit dem Sonnenschirm spielend an die den Weg begrenzenden
+Büsche, und dann verweilte sie wieder, um sich von dem säuselnden Wind
+die Wangen kühlen zu lassen.
+
+So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in Manneshöhe über ihr erhob
+sich zu beiden Seiten das Feld. An den Abhängen blühten noch wilde
+Rosen, ganze rotbraune Bündel von Erika sproßten dort empor, und hier
+und da nickten violette Glockenblumen dazwischen.
+
+Gedankenlos pflückte das Mädchen einen Strauß, vielleicht für die eigene
+Brust bestimmt, vielleicht für Else, da hörte sie unvermutet hoch über
+sich Stimmen laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.
+
+Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es war Wilms, den seine
+Tagelöhner um eine rückständige Schuld zu mahnen schienen.
+
+Vier bis fünf Männer redeten dort oben durcheinander.
+
+»Leute, ich hab' euch doch gegeben, was ich hatte -- nun geduldet euch
+noch die paar Tage -- ihr wißt ja, was ich inzwischen selbst alles
+durchmachen mußte -- eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins
+gleiche gebracht. -- Nicht wahr?«
+
+»Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie, aber bei uns zu Haus
+sieht's auch man mager aus.«
+
+»I ne wir wollen Ihnen nicht drängen ne -- dat tun wir nich --«
+
+»Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu uns gewesen, und werden's
+woll jetzt allein nich so haben, -- bloß Frau und Kinners --«
+
+»Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.«
+
+Einen Augenblick trat Stille ein. Die Männer schienen stehen geblieben
+zu sein, und die Lauscherin vernahm wieder, wie der Wind durch das
+Heidekraut strich. Dann sagte der Pächter mit seiner tiefen treuherzigen
+Stimme: »Kommt morgen abend zu mir, Leute, dann sollt ihr bestimmt euer
+Geld bekommen -- so oder so.« Und in festerem Tone setzte er hinzu: »Und
+jetzt geht wieder an eure Arbeit.«
+
+»Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr. Adjüs!«
+
+»Guten Morgen.«
+
+Man hörte, wie sich die Tagelöhner entfernten, und etwas später bemerkte
+Hedwig, daß schwere Tritte den Hohlweg herabknirschten.
+
+Jetzt mußte er kommen. Unwillkürlich trat das Mädchen hinter den
+Dornenbusch zurück, als wollte sie den Nahenden ungestört vorüberlassen.
+
+Auch der Pächter hatte keine Ahnung von der Nähe eines fremden Wesens,
+das ihn und seine Qual erforschen könnte, sonst würde er sicherlich
+schnell vorübergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten Stelle
+des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust und preßte mit einer müden,
+schlaffen Bewegung die Hand gegen die Stirn.
+
+Es lag soviel Müdigkeit darin, soviel verschlossenes Weh.
+
+Jedoch kein Stöhnen quoll über die geschlossenen Lippen, lautlos, ohne
+Wort verharrte die große Gestalt, es war ein Trauern, das man mit sich
+und mit Gott allein abmacht, versteckt und geschützt durch die
+Einsamkeit.
+
+Kein fremdes Auge darf dergleichen erspähen.
+
+Mit ihren kühlen, scharfen Blicken hatte Wilms' Schwägerin dies alles
+erfaßt, nun sah sie, wie sich der Pächter die graue Forstjoppe strammer
+zog, die Inspektormütze zurechtrückte und festen Schrittes weiterging.
+
+Gott sei Dank. Es war auch besser so.
+
+Bald mußte er verschwunden sein.
+
+Und doch -- ihr Geschick zwang sie plötzlich, sich fast gegen ihren
+Willen in das Schicksal dieses Mannes einzumischen.
+
+Schon hatte er die höher gelegene Ebene erreicht.
+
+Ein Stein löste sich von der Böschung, wo das Mädchen stand, und rollte
+mit Gepolter in den Hohlweg hinab.
+
+Wilms wandte sich ruckartig zurück.
+
+Täuschte er sich denn nicht? Das junge, elegant gekleidete Weib dort
+unten war wirklich -- ja es war Hedwig, sie mußte ihn schon früher
+überrascht haben.
+
+Die Züge des Pächters verzerrten sich, etwas Brutales stieg in ihnen
+auf, und die Äderchen in seinen Augen wurden blutig.
+
+»Wie kommst du dorthin?«
+
+»Ich?« -- sie schlenkerte nachlässig den Schirm und kam näher -- »ich ging
+ein bißchen spazieren.«
+
+»Warum bliebst du denn nicht bei Else?«
+
+»Weil ich es nicht länger aushielt -- das Wachen, glaube ich, hat mich zu
+sehr angestrengt.«
+
+Wilms brach los: »Und nun gehst du hier so -- so -- was machst du denn
+eigentlich hier?«
+
+Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.
+
+Aber in dem Mädchen war plötzlich etwas geweckt, etwas vor dem sie sich
+selbst graute, und an das sie vorhin so stark gedacht hatte.
+
+Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran und warf ihm einen
+einzigen Blick zu: »Ich sagte ja, ich gehe spazieren,« kam es scharf und
+trotzig hervor.
+
+Ihre Fäuste in dem zarten Glacéleder ballten sich, ihr Körper zuckte.
+
+Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum Sprung anschickt. Aus
+ihren blitzenden Augen leuchtete die Lust, mit ihrem Bedränger zu
+ringen. Brust an Brust. Um irgend etwas Unerkanntes -- Kostbares -- um
+sich selbst.
+
+Das alles war dem rohen, gutmütigen Bauer so neu, so unfaßbar, daß er
+das im Zorn bebende Geschöpf vor ihm minutenlang kopfschüttelnd
+anstarrte.
+
+»Was willst du eigentlich von mir?« murmelte er endlich verständnislos.
+
+»Ich?«
+
+Sie erwachte plötzlich wie aus einem wohltuenden Traume und eine
+brennende Röte jagte über ihre Züge.
+
+Beide starrten sich noch immer, wie aus allen Himmeln gefallen, an.
+Langsam ließ das Mädchen den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete
+sich straff auf.
+
+Ein verächtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.
+
+Es war wohl ihr Schicksal, überall mit den Männern im wirklichen,
+körperlichen Kampfe streiten zu müssen. Dieser da schien ihr wenigstens
+nicht gefährlich.
+
+»Ich wollte einmal mit dir über deine Verhältnisse sprechen,« begann sie
+kurz und herb.
+
+Er stand so groß und kräftig, und doch so ungeschickt vor ihr.
+
+O, wie sie es reizte, diesen ungebärdigen Riesen ihre Macht fühlen zu
+lassen.
+
+»Über meine Verhältnisse?« wiederholte der Pächter, kalter Schweiß trat
+ihm auf die Stirn.
+
+»Da hast du also vorhin alles mit angehört, wirklich alles?«
+
+»Ja, ich weiß, daß du dich in Geldverlegenheit befindest.«
+
+Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen, die Brust des Mannes
+hob und senkte sich, als wollte sie etwas von sich abwälzen, den Kopf
+schob er stierartig vor, die Zähne knirschten mechanisch übereinander.
+
+Dann stürzte es aus ihm heraus.
+
+»Und du -- -- was hast du dich da rein zu mischen, du freche Dirn? -- -- --
+Was geht dich das alles überhaupt an? Nein, nein, du mußt fort, -- aus
+dem Haus -- heute noch.«
+
+Schrie und brüllte er dem Mädchen wirklich all diese Schmähungen ins
+Gesicht? Nein, ach nein, matt und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur
+durchs Gehirn, über die halbgeöffneten Lippen aber quoll dumpf und
+heiser:
+
+»Was geht dich das an? -- Was soll das alles? Wozu drängst du dich in
+meine Angelegenheiten? Was?«
+
+»Wozu? -- Weil ich mir Klarheit über die Menschen verschaffen will, bei
+denen ich von jetzt an leben soll.«
+
+»Willst -- du denn wirklich bei uns bleiben? -- Hedwig -- aber -- aber du
+-- du paßt ja gar nicht hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit --
+du solltest lieber wieder gehen.«
+
+Unwillkürlich hatten beide den Weg von neuem aufgenommen und schritten
+nebeneinander über die leere Heide.
+
+Der Mann in sich zusammengesunken, das Mädchen schlank aufgerichtet und
+geschmeidig, von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf den Begleiter
+heftend.
+
+Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin: »Ja, ja, du solltest
+gehen.«
+
+Da faßte Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen hinein.
+
+Es waren die Bewegung und die Manier, wie sie sie drüben in der
+aristokratischen Tanzstunde in der alten Hansastadt gelernt hatte.
+
+Stirnrunzelnd ließ es Wilms geschehen, innerlich jedoch empörte ihn dies
+elegante Gebaren, obgleich es sich leicht und anmutig genug ausnahm.
+
+»Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?« fragte sie plötzlich
+und ließ ihre klugen braunen Augen fest auf ihm ruhen.
+
+Ihr Arm drückte noch gegen den seinen, so daß sie sein Erschrecken
+merken mußte. Den ehrlichen Mann brachte die Lüge, die nun gebraucht
+werden sollte, in gänzliche Verwirrung.
+
+»Ich -- nein, -- was denkst du, -- ich habe nichts gegen dich.«
+
+»Und Else?«
+
+»Meine arme Frau wohl auch nichts -- bloß --«
+
+Er stockte und über seine offnen Züge breitete sich wieder jene große
+Verlegenheit.
+
+»Bloß -- nun also?«
+
+»Nun, du bist uns wohl nur zu sehr überlegen« -- stammelte er. »Du hast
+soviel Bildung genossen -- drüben in der feinen Pension -- Else und ich,
+wir sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen Einkünfte, du
+hast es ja selbst gehört, das wird dir doch auf die Dauer nicht
+gefallen.«
+
+Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen Glieder fühlen
+konnte, und flüsterte rasch und mit einem Ausdruck der Teilnahme: »Aber
+ich möchte ja so gern meine Kräfte für euch einsetzen, ich bin stark,
+Schwager, und möchte euch gern helfen.«
+
+»Wirklich?« fuhr er auf und wandte sich voll zu ihr. »Das willst du in
+der Tat?«
+
+Sie nickte und sah ihn ernst an. »Und wieder ein bißchen Ruhe und
+Gemütlichkeit bei euch verbreiten. Das fehlt doch bei dir?«
+
+Der Pächter entgegnete nichts, aber er seufzte tief auf und schaute in
+sich gekehrt auf den Waldessaum, dem sie jetzt zustrebten.
+
+Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr interessiert fort:
+
+»Früher warst du doch selbst gewiß viel heiterer?«
+
+»Ja früher« -- wiederholte der Landmann, tief Atem holend -- »früher -- da
+mag's wohl so gewesen sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging
+ich auch oft mit Else über das Feld -- --«
+
+»Wie jetzt?« warf sie rasch dazwischen.
+
+Wilms ließ einen scheuen Blick über sie fortgleiten und löste seinen Arm
+ungeschickt von dem ihren. »Ja, mein Kind, beinahe so,« äußerte er
+gedrückt. Und nach einer Pause setzte er fast abfällig hinzu: »Du siehst
+ihr eigentlich gar nicht ähnlich.«
+
+»Nein,« bestätigte seine Begleiterin.
+
+Es klang scharf und herb.
+
+Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den Waldpfad ein.
+
+Es war ein weitgedehntes Kieferngehölz, mit regelmäßig ausgehauenen
+Wegen, die schnurgerade wie schmale Chausseen den Wald durchschnitten
+und sich in Dämmerung zu verlieren schienen.
+
+Die Wipfel der Bäume waren in helles Sonnenlicht getaucht und wiegten
+sich in dem leisen Luftzug hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll
+den Stämmen. Von fern hörte man das eintönige Geräusch der fällenden
+Axt. Und laut und stark schrie ein Häher in der Luft.
+
+Die beiden einander so fremden Menschen waren schon weit in den
+einsamen, schlummernden Wald eingedrungen, da begann Hedwig unvermutet
+von neuem das Gespräch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die
+dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr ganzes Wesen schien
+von einem festen Entschluß beherrscht zu sein.
+
+»Wohin gehst du jetzt?« forschte sie kurz.
+
+Und gerade diesen Ton konnte der Landmann nicht vertragen. Mißmutig
+schüttelte er den Kopf und schien nichts vernommen zu haben.
+
+Sie blieb plötzlich stehen.
+
+Er wandte sich unwillig zurück und winkte, aber sie rührte sich nicht
+von der Stelle.
+
+In dem enganliegenden Jäckchen, dem modischen Hut und ihrem blühenden
+Gesicht darunter, nahm sie sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten
+Kiefern.
+
+»Wohin du gehst, möchte ich wissen?«
+
+Und merkwürdig, ihr Blick traf so fest und ernst den seinen, sie standen
+sich wieder so dicht gegenüber, daß es dem Manne peinlich wurde.
+
+»Zum Förster,« gab er nach, und unwillkürlich murmelte er hinzu: »Ich
+will ihm Heu verkaufen.«
+
+»Du brauchst das Geld wohl für die Tagelöhner von vorhin. Nicht wahr?«
+
+Wie sie das riet. Wie praktisch das Mädchen dachte, es tat dem leidenden
+Manne ordentlich wohl, daß sie das Rechte getroffen.
+
+»Ja, ja,« brachte er voller Angst hervor, »wenn er es nur kaufen
+möchte.«
+
+Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des Mädchens glitt ein
+hochmütiger Zug. »Er wird schon,« entgegnete sie bestimmt, »hat er eine
+Frau?«
+
+»Ja, jung verheiratet.«
+
+»Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu bestimmen suchen.
+
+»Ach ja, Hedwig, das wäre -- sehr schön -- von dir --« stotterte er mit
+niedergeschlagenen Augen.
+
+Ein heißes Gefühl stieg in ihm auf, etwas wie Dankbarkeit, etwas wie die
+Lust, sich anzuschließen an ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch
+-- große Schweißtropfen der Scham perlten ihm dabei auf der Stirn. Sie
+bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen. Ohne Widerspruch ließ er
+es geschehen, daß sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit
+ihr dann stürmisch in ungewöhnlicher Hast vorwärts.
+
+Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen ebbte das Blut, er sah
+sie an und merkte, wie ihre Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem
+strömte ihm frisch entgegen.
+
+Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die er suchte, die
+Schwester seines armen, geliebten Weibes, die ihm Trost bringen wollte.
+
+Wie jugendfrisch und kräftig sie war.
+
+»Hedwig, du fragtest vorhin -- -- --«
+
+»Nach deinen Verhältnissen, ja.«
+
+»Ich -- ich -- Hedwig -- wenn ich nur Vertrauen -- --«
+
+Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen, übermächtig. Er vergaß,
+wer sie war, er ergriff ihre Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit
+stammelnden stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen Gemüt dieser
+verschlossenen Seele offenbarte er sich, entlastete er sich von dem
+überschweren Druck, schüttete er all sein Weh vor dem schönen Mädchen
+aus.
+
+Und wahrlich, sie war schön.
+
+Denn während er sprach, hob sich ihre Gestalt, ihre Glieder schienen
+sich zu dehnen, üppiger zu werden, und während er von der rückständigen
+Pacht erzählte, von der achttägigen Frist, die ihm der Handelsmann in
+Grimmen gelassen, von seiner vollständigen Zerrüttung, da war es, als ob
+sie mit gieriger Lust all diese Mühsal auf ihre Schultern zöge, um sie
+fortan allein und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte, sah er
+sie an und erschrak.
+
+Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer seiner Erzählung hatte er sie
+an sich gepreßt, als ob er sie umfangen wollte.
+
+Entsetzt, erwachend, fuhr er zurück.
+
+»Dort -- dort ist das Forsthaus,« stammelte er.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Wieder brannte die große Staatslampe in dem weiten Wohnzimmer des
+Pächters. Und es war wirklich schon gemütlicher geworden.
+
+Ein eiskalter Regen hatte sich draußen eingestellt, und während man
+sonst in dieser Übergangszeit frierend und schauernd seine Zeit
+verbrachte, knisterte jetzt ein lustiges Feuer in dem mächtigen
+Kachelofen, und ließ von Zeit zu Zeit das wohltuende Geräusch der
+berstenden und knackenden Holzklötze vernehmen.
+
+Hedwig, lachend über die Beschränktheit, welche mit der Heizung
+kalendermäßig erst beginnen will, wenn der erste Schnee fällt, hatte
+selbst dem alten Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung
+zugeführt, und jetzt saß die Kranke in einem gewaltigen Lehnstuhl mit
+Decken eingehüllt davor, wärmte sich, und wartete auf die Wiederkehr von
+Mann und Schwester, die gemeinsam zum Pastor des großen Dorfes gewandert
+waren, um den Geistlichen mit Familie zu einem Besuch in das Haus des
+Pächters abzuholen. Auch der Förster mit seiner Frau wollte
+herüberkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn um jeden Preis
+gedachte sie, Menschen und Geselligkeit in dies verödete Heim
+zurückzuführen.
+
+So saß die Leidende und hielt oft die Hand vor das zuckende Feuer, bis
+sie ihr Blut durch die Haut hindurchschimmern sah.
+
+Eine wohlige Wärme durchströmte sie. Beinahe hätte sie sich behaglich
+gefühlt. -- Wenn sie nur nicht so verlassen und einsam geblieben wäre.
+
+Wozu mußten auch die beiden gemeinsam gehen? Hedwig allein hätte doch
+auch genügt. Aber Wilms hatte sie durchaus in dem Wetter nicht
+unbegleitet aufbrechen lassen wollen -- »es schicke sich nicht,« hatte er
+geäußert, und nun waren sie schon über eine Stunde fort.
+
+Die Uhr schlug.
+
+Die Kranke wurde immer ungeduldiger. Mägde und Knechte kümmerten sich
+nicht um sie. Seit langer Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott
+gearbeitet; der Pächter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
+eingerichtet. Heute war die dazu nötige Maschine aus Stralsund
+eingetroffen, welche ein Freund des Mädchens auf Kredit geliefert, und
+das Gesinde setzte sie gegenwärtig instand.
+
+Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen der Leute vernehmen.
+
+Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit der sie vielleicht hätte
+läuten können.
+
+Ganz verlassen -- ohne jede fremde Hilfe.
+
+Sie begann sich zu ängstigen.
+
+Wilms könnte doch wirklich längst zurück sein. Das war doch
+rücksichtslos von ihm und namentlich ihr, der Verzärtelten, etwas völlig
+Ungewohntes.
+
+Leise begann sie zu stöhnen und rückte in dem Sessel hin und her -- dann
+hielt sie wieder die Hand vor die Glut und lauschte.
+
+Draußen prasselte gleichmäßig der Regen hernieder. Man hörte förmlich
+die Blasen platzen -- -- aber plötzlich, die Kranke horchte angestrengt,
+ein rascher, dumpfer Hufschlag tönte dazwischen, dann kam etwas auf den
+Hof gesprengt -- -- ein Pferd wieherte hell und anhaltend -- ein kurzer
+Stimmwechsel -- --
+
+Und es wurde an die Tür geklopft. Rasch und energisch, und ehe die
+überraschte Frau sich noch besinnen konnte, trat ein junger Mann in
+Joppe und Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle eine
+kurze liebenswürdige Verbeugung.
+
+Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen Stiefeln, und von der
+Lodenjoppe troff das Wasser herunter.
+
+»Pardon,« begann er und zog ein wenig befangen die Mütze -- »ich weiß, es
+ist eine große Freiheit, daß ich hier gleich die ganze Landstraße mit
+hineinbringe. Nicht wahr? -- Treffe ich Herrn Wilms wohl zu Hause?«
+
+»Nein -- nein -- leider« -- Else machte vergebliche Anstrengungen, sich zu
+erheben -- »mein Mann und meine Schwester sind fort -- aber wer -- -- mit
+wem habe ich denn --?«
+
+Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen Füßen aufzurichten,
+wurde jedoch durch das höfliche und doch zwanglose Nähertreten des
+Reiters daran verhindert.
+
+»Oh« -- meinte er gutmütig, während er bedauernd den Kopf schüttelte --
+»ich hörte schon, Sie seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
+doppelt leid, daß ich Sie so erschrecken muß. -- Aber dieses
+niederträchtige Wetter draußen -- Sie sehen ja, ich bin durchnäßt, wie
+eine Morchel -- und da dacht' ich, Herr Wilms würde mich wohl ein
+Stündchen bei sich aufnehmen. -- Ich bin nämlich der Graf Brachwitz, der
+Sohn natürlich -- Ihr Mann kennt mich ganz genau -- vielleicht haben auch
+Sie schon von mir gehört -- -- ist's wirklich erlaubt? Sie sind zu
+liebenswürdig.«
+
+Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl ganz in die Nähe der
+Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll, halb verlegen und streckte
+dann die Hand befriedigt dem mächtigen Ofenfeuer entgegen.
+
+»Prachtvoll,« äußerte er behaglich und zog den einen mächtigen
+Stulpenstiefel auf das Knie herauf, wobei er sich trotzdem leicht gegen
+die Hausfrau verneigte: »Habe ich wirklich Ihre gütige Erlaubnis, auf
+Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt, oder der Regen aufhört? --
+Oder falle ich Ihnen lästig?«
+
+»O -- bewahre,« hüstelte die Kranke.
+
+Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch, der sie, ohne daß sie
+es recht empfand, so höflich und dabei doch etwas von oben herab
+behandelte, schmeichelte und imponierte ihr auf das äußerste. Noch nie
+hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals Besuche abgestattet, und
+jetzt saß wie durch ein Wunder der junge, jugendschöne Aristokrat vor
+ihr und bemühte sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.
+
+Er hörte Elses Krankengeschichte geduldig an und lächelte nur ein wenig
+suffisant, als Else ihm mitteilte, daß sie als Mädchen stets gesund
+gewesen, und ihr Leiden erst in der Ehe begonnen habe.
+
+»So? -- hm« -- der junge Graf streichelte sich den Bart und nickte weise:
+»Ja, ja, verehrte Frau, das Heiraten. -- Ich bin auch prinzipiell
+dagegen. Wenn es nur ein anderes Mittel gäbe, zu einem Majoratsherrn zu
+gelangen, dächte ich gar nicht daran. Ich habe überhaupt etwas Solides
+in meiner Natur. Nicht wahr, das sieht man mir an? -- hm« -- -- -- er
+schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der Hand hielt, lässig
+gegen ein Stuhlbein und begann sich ein wenig ungeduldig im Zimmer
+umzusehen. Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken an
+langweilig zu werden.
+
+»Würden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung zu sich nehmen
+wollen?«
+
+»Nein -- nein -- bewahre -- lassen Sie sich nur nicht stören -- wir
+plaudern ja hier ganz vorzüglich. Hm -- ein recht gemütliches Zimmer --
+ein bißchen groß -- -- ja -- sitzen Sie oft so allein? Mir ist es doch,
+als wenn ich neulich eine Verwandte von Ihnen am Bahnhof getroffen
+hätte. Oder schon wieder abgefahren?«
+
+»Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt? Nein, meine Schwester
+Hedwig ist noch hier und wird überhaupt lange Zeit bei uns bleiben.«
+
+»So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment, eine außergewöhnlich hübsche
+junge Dame -- also, Ihre Schwester? -- Na ja, die Ähnlichkeit ist
+unverkennbar« -- hier verbeugte sich der Reiter wieder mit jener
+verbindlichen Art, die ihn unbewußt so prächtig kleidete. -- »Ein
+Fräulein Schröder, das sich jetzt längere Zeit in Stralsund aufhielt --
+nicht wahr?«
+
+»Das wissen Sie ebenfalls?« flüsterte die Kranke, sichtlich
+geschmeichelt.
+
+Es fiel ihr nicht auf, daß der Aristokrat seinen Kopf vom Feuer
+zurückwandte, in das er bisher eifrig hineingestarrt, um seine scharfen
+blitzenden Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes, blasses
+Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes, Geheimnisvolles
+suchen wolle. -- Dann aber schien er befriedigt zu sein. »Ja, ja« -- fuhr
+er gleichgültig fort: »Wir kennen uns -- oberflächlich natürlich nur,
+denn solch zartes Pensionsfräulein wird mit einem Offizier nicht gerne
+zusammengebracht -- das können Sie sich doch denken.«
+
+»Ach -- der Herr Graf scherzen nur --«
+
+»Durchaus nicht -- man erzählt die schauderhaftesten Geschichten von mir
+-- -- na hier wird es ja auch bald losgehen und -- --«
+
+Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: »Hören Sie? -- Dort draußen
+fährt ein Wagen über die Chaussee -- zwei feste Traber übrigens, jetzt
+lenken sie über die Brücke -- das dürften wohl Ihr Mann und Fräulein
+Schwester sein.«
+
+»Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich mit.«
+
+»So? Das kleine Pastorenfräulein hat sich gut entwickelt, seit ich es
+nicht mehr gesehen habe. Sehr nett. Ein bißchen blaß, englisch
+Teegesicht, aber man muß auch damit vorlieb nehmen.«
+
+Else rückte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes Gefühl sagte
+ihr, daß ihr Gast einen Ton gegen sie anschlug, der sich nicht paßte.
+
+»Und die Försterfamilie kommt heute ebenfalls,« brachte sie rasch
+hervor, während ihre glänzenden Augen sich ungeduldig auf die Tür
+richteten, durch die die Erwarteten im nächsten Augenblick eintreten
+mußten. »Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr Graf -- seit -- seit
+langer Zeit.«
+
+»Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich ganz außerordentlich,«
+meinte der Reiter und schritt langsam ans Fenster, ohne auf den langen
+Seufzer der Kranken die geringste Rücksicht zu nehmen. »Also der Herr
+Förster ebenfalls mit Gemahlin,« murmelte er dabei vor sich hin, und bei
+sich dachte er noch: »Merkwürdig, wie mir das Herz schlägt. -- Ich habe
+doch Angst, diesem Mädchen wieder entgegenzutreten.«
+
+ * * * * *
+
+Die erste Begrüßung war vorüber. Die beiden Damen der Pastorenfamilie
+waren bereits auf das mächtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem
+gewaltigen, runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte Blicke auf
+den Grafen Brachwitz; der Geistliche selbst, ein kleines gebücktes,
+weißhaariges Männchen, das durchaus nicht zu seiner hageren, übergroßen
+Ehehälfte zu passen schien, sprach über Elses Stuhl gebeugt der Kranken
+jene Trostesworte zu, die er bei seinen häufigen Besuchen mit denselben
+Worten fast mechanisch wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
+Brillengläsern verdutzt zu dem Reiter hinüber, als könne er sich dessen
+Anwesenheit nicht erklären, und Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in
+der Fensternische, schüttelte ihm befangen die Hand und verwickelte ihn
+in allerlei landwirtschaftliche Fragen, ohne sich innerlich jedoch von
+der ängstlichen Vorstellung lösen zu können, was dieser Besuch wohl
+bedeute.
+
+So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins. Bis die Kranke
+endlich fragte: »Wo bleibt denn Hedwig?« Alle hatten das Mädchen mit
+hereintreten sehen, aber dann mußte sie sich gleich wieder entfernt
+haben.
+
+»Vielleicht ordnet sie noch in der Küche etwas an,« entschuldigte Wilms.
+Aber wieder mußte er auf den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben
+ihm verharrte.
+
+»So? In der Küche?« warf dieser hin. »Dann erscheint wohl bald die
+Aufwartung. Vermutlich ein tüchtiges Glas Glühwein bei der Nässe draußen
+und der famose Landschinken, den Sie hier besitzen -- na ängstigen Sie
+sich nicht, Herr Wilms, ich drücke mich sofort, den ungebetenen Gast
+werden Sie los.«
+
+»Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken und erst eine Kleinigkeit zu
+sich nehmen, Herr Graf,« drängte die Kranke mit schwacher Stimme von
+ihrem Stuhl aus.
+
+»Sie wollen mich also wirklich mit durchfüttern, verehrte Frau? --
+Abgemacht -- dann bleibe ich. -- Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich
+noch, wie Sie mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns selten
+gesehen. Fräulein Paula ist inzwischen eine Dame geworden. -- Guten
+Abend, mein liebes Fräulein -- alle Wetter, ich wage gar nicht mehr 'Du'
+zu sagen. Oder darf ich es doch noch?«
+
+So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes, lachte und plauderte und
+hatte sich überraschend schnell die Neigung der Anwesenden gewonnen.
+
+Endlich erschien auch die Försterfamilie. Der Förster, eine herkulische
+Gestalt mit langem, fuchsrotem Bart, dröhnender Stimme, großer
+Gutmütigkeit und voller Kriegserinnerungen. Ein behäbiger Vierziger. Die
+Försterin, eine schlanke, üppige Erscheinung mit tiefblauen,
+gefährlichen Augen, einem wunderbar weißen, frischen Teint, und
+beständiger Neigung zur Fröhlichkeit. Ein schönes Weib, das in naiver
+Koketterie gefallen wollte.
+
+Man stellte die Stühle um den Tisch. Zwei Mägde deckten frisches Linnen
+darüber, Wilms schob den Lehnstuhl der Kranken heran und brachte auch
+einen Sitz für Hedwig herbei.
+
+Wo sie nur bleiben mochte?
+
+»Ist denn das Fräulein noch in der Küche?« fragte er zum Schluß eine der
+Mägde.
+
+»Nein, Herr, das Fräulein is oben in ihr Zimmer.«
+
+»Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,« forderte ihn Else erregt
+auf und fingerte krampfhaft auf der Tischplatte herum. »Warum hält sie
+uns so lange auf? Ich versteh' das gar nicht -- der Herr Graf kennt sie
+doch auch.«
+
+»Gewiß,« unterbrach der junge Brachwitz seine Unterhaltung mit der
+Försterin, »und ich würde mich aufrichtig freuen, unsre flüchtige
+Bekanntschaft wieder anzuknüpfen.«
+
+»So geh doch,« drängte die Kranke erregt.
+
+Da ging der Landmann zögernd hinaus und stieg wieder die schmale Treppe
+hinan, die unter das Dach führte. Neben der Kammer, die er selbst seit
+der Krankheit seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das man Hedwig
+eingeräumt hatte. Unsicher tastete er sich in dem dunklen Gang zurecht.
+Ihre Tür stand offen.
+
+Es war so seltsam still dort drinnen.
+
+Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?
+
+Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht bedrückte den großen
+Mann, das Mädchen könnte sich heimlich entfernt haben.
+
+Er sagte sich zwar gleich, daß er sie nicht vermissen würde, aber es lag
+hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles in der Luft, das ihm den Atem
+benahm.
+
+Fürchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?
+
+Sein Herz klopfte, zögernd trat er näher.
+
+In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtstümpfchen einige
+Helle. Dunkle Schatten kämpften gegen die schwachen Lichtwellen. Das
+Fenster stand offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Flämmchen auf und
+ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter Lederkoffer, ein Waschtisch,
+ein Schrank, zwei Rohrstühle, sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte
+die Gestalt der Bewohnerin auf.
+
+Sie mußte sich eben gewaschen, oder Haupt und Brust im Wasser gekühlt
+haben, denn sie umklammerte noch mit entblößten Armen das Fensterkreuz
+und lehnte regungslos in den kalten Regen hinaus, den man dumpf und
+eintönig auf den Blechbeschlag spritzen hörte.
+
+Arm und Nacken weiß und rosig, als wäre ein verwunschenes, wunderschönes
+Marmorbild lebendig geworden. Deutlich sah der Pächter, daß die feine
+Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich der Kälte
+preis, als wäre ein Übermaß von Glut und Lebenstrotz in ihr.
+
+Wilms wollte zurücktreten, allein er fand sich wie festgewurzelt. O, wie
+unrein erschien ihm das Bild, unpassend, widerwärtig, und doch konnte er
+der eigenen Erstarrung kein Ende bereiten, immer mußte er hinblicken,
+während Haß, Abneigung, Bewunderung, und ein fernes, verabscheutes
+Verlangen in seinem ehrlichen Gemüt durcheinander irrten.
+
+Ja, ähnlich hatte Else ausgesehen -- damals in den Stunden des Glücks --
+aber doch entfernt nicht so sicher, so stolz, so seltsam in ihrer
+Schönheit.
+
+Seine Lippen bebten.
+
+Der Frost begann ihn ebenso zu schütteln, wie das schöne Geschöpf dort
+drinnen.
+
+Da schlug der Wind die Tür zu. Krachend fuhr sie ins Schloß. Das ganze
+Haus hallte. Und Wilms taumelte auf und raffte sich empor.
+
+»Wie Else über den Knall zusammengefahren sein wird -- das arme Weib,« --
+war sein erster, unwilliger Gedanke, -- dann wartete er noch ein paar
+Minuten, klopfte schließlich laut an die Tür und überschritt auf ein
+verwundertes »Herein« die Schwelle. Hedwig nestelte noch an ihrer
+schwarzen Taille und machte eben die letzten Knöpfe zu. -- Langsam wandte
+sie ihm den Rücken und fragte rasch über ihre Schulter fort.
+
+»Warum kommst du hier herauf? Geht es Else etwa wieder schlechter?«
+
+»Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.«
+
+»Mich? -- Ja, ich wollte mich erst ein wenig säubern nach dem
+schmutzigen Weg von vorhin. Du siehst ja. -- Sind denn unsere Gäste schon
+alle versammelt?«
+
+»Ja, es sind alle da. Auch der Förster. Er will mir das Heu abkaufen,
+Gott sei Dank. Du hast also bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich
+danke dir dafür, mein Kind. Und -- und Herr von Brachwitz befindet sich
+ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon vorhin bemerkt?«
+
+»Ja, ich sah ihn.«
+
+»Sag' einmal -- Hedwig -- gehört denn der Herr zu deinen Freunden?«
+
+»Nein.«
+
+»Also bloß solch eine flüchtige Bekanntschaft?«
+
+»Ja -- nein -- das heißt, ich kenne ihn näher.«
+
+»Sieh -- ich will mich nicht 'rein mischen -- es geht mich ja nichts an --
+aber -- er hat dir wohl drüben den Hof gemacht? Nicht?«
+
+»Auch das.«
+
+Das Mädchen wandte sich jetzt langsam, so daß der Pächter voll in ihr
+eigentümlich blasses Antlitz blicken konnte, und maß ihn forschend mit
+ihren braunen, spähenden Augen. »Aber weshalb fragst du?« fuhr sie
+langsam fort, »besucht er euch denn sonst nicht?«
+
+»Nein -- nie.«
+
+»Nie?«
+
+Über die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern, die dunklen Augen in
+dem blassen Gesicht brannten in unterdrückter, schmerzlicher Glut.
+
+Schweigend trat sie vor einen schmalen Hängespiegel, zog ihre straff
+sitzende Taille zurecht und strich über ihr bräunliches, glänzendes
+Haar.
+
+Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas wenden mußte, sah, wie
+die vollen blühenden Lippen des jungen Weibes zuckten, wie ihre weißen
+Zähne sich hineingruben, und sich über das ganze Antlitz wieder jener
+lächelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug verbreitete, den der Pächter in
+seiner verständnislosen Befangenheit nicht begriff, über den er
+nachgrübelte, und der ihn anwiderte.
+
+»Hedwig« -- -- murmelte er unwillkürlich.
+
+»Ja, Schwager,« antwortete sie leise.
+
+Er schritt zur Tür und wandte sich verlegen hin und her.
+
+»Ich glaube,« stieß er heiser hervor, »er kommt deinetwegen.«
+
+Die Sprache versagte dem kräftigen Manne.
+
+Ohne daß er es wußte, packte ihn grenzenlose, tiefe Scham, daß er sich
+in die Herzensangelegenheiten dieses Mädchen drängen wollte, und doch --
+eine zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie weit die
+Beziehungen der beiden wohl gediehen seien, ob überhaupt von einem
+innigen Gefühl gesprochen werden könnte -- oder ob -- das Blut stieg ihm
+dabei in die Stirn -- ob sich etwas Unreines, Gemeines hineinmische.
+
+»Nicht wahr,« wiederholte er, »er kommt wohl deinetwegen?«
+
+»Meinetwegen?« sprach sie gedankenverloren nach.
+
+Ein Windstoß fegte plötzlich zum Fenster hinein. Klirrend warf er die
+Scheiben gegeneinander und blies das Lichtstümpfchen auf dem Tisch aus,
+so daß völlige Dunkelheit entstand.
+
+Der Pächter hörte, wie Hedwig tief aufatmete. Dann trat sie zu ihm auf
+die Schwelle und sagte, während sie beide aus dem finsteren Raum
+hinausschritten, mit ihrer gewöhnlichen Bestimmtheit:
+
+»Lassen wir doch den Grafen. -- Er ist eine häßliche Erinnerung für mich,
+die ich gern abschütteln möchte. -- Übrigens« -- lachte sie leicht --
+»brauchst du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken, Schwager -- eine
+ganz alltägliche Dummheit. -- --«
+
+Sie unterbrach sich und klagte über die dicke Finsternis, die Gang und
+Treppe einhülle. Mühsam tasteten sie sich zurecht. Beide dicht
+beieinander. Ihr Kleid streifte seinen Fuß und es war ihm, als wenn eine
+wohltuende Wärme von ihr ausströme.
+
+Da stieß sie einen leichten Schrei aus.
+
+Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie fehlgetreten und griff nach
+dem Arm des Mannes, was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
+Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.
+
+Erst als das Öllämpchen des Flures ihre Gesichter matt erhellte, kehrte
+sie sich ihrem Schwager voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe
+und ihrer klaren Stimme: »Es trifft sich aber doch gut, daß Herr von
+Brachwitz dich einmal besucht. Nach allem, was du mir gesagt hast, wird
+es doch notwendig sein, mit ihm über eine Herabsetzung der Pacht
+ernsthaft Rücksprache zu nehmen.«
+
+Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen die Stirn. -- »Ja, ja,«
+stotterte er und neigte schwerfällig den Kopf. -- Seine Schuldenlast, die
+ganze Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort drinnen,
+Mißernte und die hohe Pacht -- alles zusammen stürzte plötzlich wieder
+auf ihn ein und legte sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.
+
+Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem ziegelsteingepflasterten
+Flur, bereit, den Herabsteigenden zu empfangen. Dort oben in Hedwigs
+Kammer hatte er gar nicht an diese seine grauen Gäste gedacht.
+
+Leise stöhnend, ließ er das Mädchen an sich vorüberschreiten und folgte
+ihr dann schweren Trittes.
+
+Als sie das Wohnzimmer öffnete, hatten sich seine müden, schleppenden
+Gedanken wieder so völlig verschoben, daß er im Rücken Hedwigs mit
+mattem Erstaunen darüber nachdachte, wie scharf das schwarze Sammetband,
+das sie um den Hals gelegt hatte, von der weißen Haut seiner Schwägerin
+abstach.
+
+»Wie sich die beiden wohl begrüßen werden?« grübelte er noch, dann
+strömte ihnen die Helle des erleuchteten Zimmers entgegen.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Ha, ha, ganz ausgezeichnet -- ganz ausgezeichnet« schrie der Förster
+Eltze, streckte seine Beine von sich und goß seiner Frau mit kühnem
+Schwung neuen Rheinwein ins Glas: »Hier, Annchen -- stoß mit dem Herrn
+Grafen an -- -- Ihr Wohlsein, Herr Graf -- ganz großartig -- wahrhaftig. So
+was von Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen. -- Nicht
+wahr, Anning, nicht wahr, Frau Pastorin? -- Liebesbriefe unter das
+Hundehalsband zu binden, und dann von dem Köter in die Mädchenpension
+tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee, zu ko -- --«
+
+Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und der winzige Pastor
+Schirmer, der neben ihm saß, mußte dem Riesen auf den Rücken klopfen:
+
+»Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,« fistelte der Geistliche und
+schickte einen unruhigen Blick zu Gattin und Tochter hinüber, von denen
+die letztere sich weit über den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
+Geschichtchen des jungen Brachwitz mit heißen Wangen zu lauschen.
+
+Alle Schüchternheit des Landgänschens war verflogen.
+
+Auch die Förstersfrau folgte lächelnd den Anekdoten des jungen
+Aristokraten.
+
+»Mein Gott« -- schoß es dem verwirrten Pastor durch das zitternde
+Greisenköpfchen. »Die Weiber -- die Weiber -- gar nicht auszustudieren --
+Die Förster Eltze und meine Paula, die frömmsten aus meiner Gemeinde,
+jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch eine Erbauungsstunde -- und nun
+dieses Benehmen, sobald ihnen der erste hübsche, junge Mensch über den
+Weg läuft.«
+
+»Ha, ha, was die Mädchen wohl für Gesichter gemacht haben mögen, als der
+Köter kam,« grunzte der Förster von neuem und reckte eine Faust in die
+Höhe.
+
+Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl saß und ihr gutmütig von
+Zeit zu Zeit allerlei kleine Dienste erwies, entzündete jetzt mit
+Erlaubnis der Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und warf,
+sich zurücklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:
+
+»Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fräulein Hedwig, -- Fräulein
+Schröder,« verbesserte er sich -- »sagen können. Denn sie hat sich ja
+auch in dieser Pension befunden.«
+
+»Was, das ist Ihre Pension, Fräulein Hedwig?« rief Paula Schirmer
+lebhaft dazwischen.
+
+Und der Förster schrie schallend: »Donnerwetter, unser schönes Fräulein
+Hedwig war auch eine von den Kötermamsells? -- Na, wie war's denn?«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« forschten jetzt
+auch gespannt die beiden verheirateten Frauen wie aus einem Munde.
+
+Alles sah auf Hedwig.
+
+Sie hatte neben Wilms Platz genommen und, mit der Bewirtung beschäftigt,
+sich bis dahin wenig an der Unterhaltung beteiligt.
+
+»Was sie jetzt wohl antworten wird?« dachte der Pächter in seinem
+dumpfen Hinbrüten. Von seinen Sorgen zu Boden gedrückt, und in seiner
+Brust ein bohrendes Angstgefühl, hatte er bis jetzt auf die Tischplatte
+gestarrt, und nur manchmal sah er auf sein blasses, angestrengtes Weib
+herüber, scheu und mißtrauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
+wäre.
+
+Was hatte sich nur in seinem Gewissen geändert?
+
+O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht um seine Existenz,
+überredete sich der unglückliche Mann selbst.
+
+»Weiter nichts -- gewiß -- gar nichts weiter.«
+
+»Kennen sich denn die Herrschaften schon von früher?« tönte es in seine
+Gedanken hinein. -- Was sie jetzt wohl antworten würde?
+
+Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab Hedwig zurück, obwohl sie den
+Grafen zum erstenmal fest ansah:
+
+»O ja -- der Herr Leutnant besuchte ja oft die Bälle unserer Pension. Ich
+selbst habe sogar einmal einen seiner Briefe dem großen Hunde
+abgebunden.«
+
+Leicht, kalt, liebenswürdig hatte sie das alles hingeworfen, jetzt erhob
+sie sich mit ihrer tadellosen Haltung, um dem Pastor einen Teller mit
+Kuchen und Früchten zu präsentieren. Sie war eine vollkommene Dame.
+
+»Bitte, Herr Pastor -- nicht ein Pfefferkuchen gefällig? -- Nein? -- Nun
+dann aber einen Apfel, -- ich werde ihn gleich schälen -- Sie erlauben.«
+
+In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden. Selbst die
+Wangen der Kranken, die solange teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen
+hatte, färbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem Tonfall
+flüsterte sie kurzatmig und gereizt:
+
+»Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? -- Hedwig, das ist doch nur
+Scherz, nicht wahr? -- Sag' das doch den Herrschaften.«
+
+Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen. Die Försterin, deren
+tiefblaue Nixenaugen vor Neugier strahlten und leuchteten; die Pastorin,
+die wie ein Pfahl dasaß und alles in hohem Grade unmoralisch fand; und
+die dumme, kleine, dralle Paula, die es gar nicht erwarten konnte, in
+solche Heimlichkeiten einzudringen.
+
+Ach, sie fand Hedwig »süß« und »wundervoll«.
+
+Aber der junge Brachwitz ließ die Aufgerufene zu keiner Antwort kommen:
+
+»Ein Scherz?« wiederholte er dringend, indem er Hedwig aufmerksam
+betrachtete. »Ja, leider wurde es von den jungen Damen nur als Scherz
+aufgefaßt, obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum übrigens
+nicht? -- Ich war jung und hatte mich in ein paar von den allerliebsten
+Pensionärinnen wirklich verliebt. Wissen Sie noch, Fräulein Hedwig?«
+
+Hedwig wurde plötzlich sehr blaß, der Pächter bemerkte, wie ihre Hand
+sich unwillkürlich öffnete und zuckend wieder schloß, aber äußerlich
+erwiderte sie gelassen, während sie den Hahn der Teemaschine drehte:
+»Gewiß -- Sie machten es uns ja oft recht deutlich, Herr Graf« --
+
+»Gleich in ein paar?« echote die Pastorin, die Worte des Grafen
+wiederholend, leise und entrüstet. Die Unterhaltung des jungen Herrn
+begann allen sichtlich zu mißfallen.
+
+Und wieder trat eine lange, drückende Pause ein, die keiner zu
+unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungemütlich. Else fing vor
+Verlegenheit an zu zittern. Wenn der Graf nur gegangen wäre. Aber er
+blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester zu verfolgen.
+
+Was das nur bedeutete?
+
+Die Kranke regte sich so auf, daß ihre Zähne leise zusammenschlugen. Sie
+merkte, daß sie fieberte, aber mit letzter Kraft hielt sie sich
+aufrecht.
+
+Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar an Hedwig. Erst jetzt
+fiel ihr das auf.
+
+Ob die beiden Männer von dem Mädchen irgend etwas wußten?
+
+Aber was?
+
+Und die beiden verheirateten Frauen flüsterten miteinander so leise.
+
+Worüber?
+
+Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es, ein langer stechender
+Schmerz durchschnitt sie.
+
+»Gott im Himmel -- Hedwig,« ächzte sie halblaut, um nur irgend etwas zu
+sagen, »ich möchte -- du solltest -- etwas singen -- so lange habe ich
+nichts gehört.« Sie schauerte zusammen.
+
+Alle riefen Beifall. Der Förster, der dem Rheinwein zu stark
+zugesprochen hatte, schwankte nach dem alten Klavier, das in der Ecke
+stand, und trug grunzend zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte für
+einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um aus dem guten Zimmer die
+Noten zu holen.
+
+In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.
+
+Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das Mädchen nicht mehr aus den
+Augen gelassen, einen der Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem
+Lichte.
+
+Und wie von selbst fiel die Tür hinter beiden ins Schloß.
+
+Und jetzt sah der Edelmann, wie das schöne Mädchen über dem
+Notenschränkchen gebückt stand und suchte.
+
+Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses jugendlichen
+Frauenleibes dar, in ihren Wangen strömte das Blut, über den braunen
+Haaren schienen im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken zu tanzen,
+und Brachwitz sauste und summte das Blut ungestüm in den Adern, ebenso
+unbezähmbar wie damals, als er das halbe Verbrechen, die grenzenlose
+Roheit gegen sie verübt hatte.
+
+Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber, den dieses Weib
+ausströmte, jener schweigenden, üppigen Verlockung nicht widerstehen.
+
+Und die aufkochende, jede Vernunft überschäumende Tollheit machte ihn
+völlig besinnungslos.
+
+»Hedwig,« flüsterte er, in seiner Spannung erzitternd, und griff keck
+nach ihrer Schulter: »Antworten Sie mir doch endlich. -- Können Sie denn
+die Dummheit von damals nicht vergessen?«
+
+Wie langsam und schwerfällig sie sich aufrichtete! Und jetzt bemerkte
+Brachwitz mit Schrecken, welch eine Veränderung in ihrem Antlitz
+vorging. Starre Marmorblässe jagte das eben noch so prangende Rot, alles
+an ihr schien so gelähmt, so unbeweglich, nur die großen Augen richteten
+sich haßerfüllt, und doch mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
+Feuer auf den Bedränger, so daß der Reiter verwirrt und schwankend die
+Hand von ihrer Schulter gleiten ließ.
+
+War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da entgegensprühte?
+
+»Liebe Hedwig, wenn -- --«
+
+»Still -- ich will das nicht --« befahl sie flüsternd und heiser.
+
+»Aber Sie wissen ja nicht -- --«
+
+Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat zurück.
+
+Was war das?
+
+Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn zu, ganz dicht stand sie
+vor ihm, ihr Mund verzog sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie
+ihn küssen oder ihm die Zähne ins Fleisch schlagen wolle. Jede Fiber
+zuckte und zitterte in dem schönen Gesicht, und ohne Überlegung,
+zusammenhanglos, sich die Hände vor die Augen schlagend, stieß sie
+hervor: »Nein, Sie wissen nicht -- Sie -- Sie wissen nicht, was Sie aus
+mir gemacht haben -- Sie -- --«
+
+»Was denn?« flüsterte Brachwitz verlegen.
+
+Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das Mädchen auf, wie wenn sie
+plötzlich erst zum Bewußtsein ihrer Lage käme.
+
+Wortlos, keiner Bewegung mächtig, starrte sie ihn an.
+
+Was hatte sie nur vorgebracht? -- Hatte sie ihm etwa das dunkle, häßliche
+Geheimnis verraten, das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
+befleckte und verdarb? Das ängstlich behütete, das aussätzige Geheimnis,
+das ihr heimlich Schrecken und Entsetzen einflößte?
+
+Hedwig fühlte, daß sie dieses wortlose Gegenüberstehen nicht lange würde
+ertragen können, daß irgend etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten
+müßte.
+
+Er begann wieder zu lächeln.
+
+Jenes gutmütige, frech zutrauliche Lächeln, das sie schon damals wehrlos
+gemacht.
+
+Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in das einsame Zimmer treten,
+oder wenn sie Mut genug besitzen möchte, den Bedränger zur Seite zu
+werfen. Aber nichts regte sich.
+
+Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit dem heißen Ausdruck des
+künftigen, sicheren Besitzes in die ihren zu tauchen, ein Verführer, der
+seiner erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam das Licht
+aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.
+
+»Was nun wohl folgen wird?« dachte sie dumpf. Aber da -- Gott sei Dank,
+sie hatte es ja erwartet, da ging endlich, endlich die Tür, Wilms große
+Gestalt stand plötzlich neben den beiden, und mit warmer Dankbarkeit
+hörte das Mädchen, wie ihr Schwager nach einer unangenehmen Pause
+unsicher und gepreßt zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
+Worte ungestört über die Pachtverhältnisse sprechen. Der junge Herr
+solle es nicht übel nehmen. -- Gott sei Dank, diese entsetzliche Minute
+war vorüber. Von da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den drei
+Menschen in der frostigen Stube schien das Geheimnis der anderen zu
+ahnen. Man sprach und rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein.
+Der Pächter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf zuckte
+widerwillig die Achseln und meinte, daß das alles Sache seines Vaters
+wäre. Schließlich kam man überein, daß der Pächter in den nächsten Tagen
+den alten Gutsherrn persönlich aufsuchen solle. Vielleicht könnte auch
+Hedwig die Vermittlung übernehmen, da der alte Brachwitz gegen Wilms zu
+schlecht gestimmt sei.
+
+Hedwig?
+
+Beide Männer schwiegen wie auf Verabredung und blickten sonderbar auf
+sie hin.
+
+Wollte man sie herausfordern?
+
+»Ja, ja, ich komme,« nickte sie halb geistesabwesend und doch ihre alte
+Kraft zusammenraffend.
+
+Und dann empfand Hedwig alles Spätere gleichsam wie durch einen dicken
+Nebel hindurch.
+
+Wie man wieder in das große Zimmer zurückgekehrt war. Wie sie dann am
+Klavier gestanden, und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche Lied
+gesungen:
+
+ »Täglich ging die wunderschöne
+ Sultanstochter auf und nieder
+ Um die Abendzeit am Springbrunn,
+ Wo die weißen Wasser plätschern.«
+
+Wie es dann so still um sie her geworden und plötzlich ein wildes
+Durcheinander entstanden war. Else hatte schon längst zitternd und aller
+Kräfte beraubt dagesessen, beim Schluß des Liedes stieß sie vor
+Anstrengung bewußtlos einen klagenden Ruf aus und sank ohnmächtig
+zusammen.
+
+Hedwig erinnerte sich noch, wie blaß und leichenhaft schön ihr das
+Antlitz der Schwester erschienen war. Scheu und hastig waren dann die
+Gäste enteilt, Wilms und das Mädchen hatten die Ohnmächtige entkleidet
+und, als sie wieder den ersten Seufzer von sich gab, zu Bett gebracht.
+
+Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief Hedwig diese Nacht Hand
+in Hand mit der Schwester, die ihre Finger wie ein trostspendendes
+Amulett umspannt hielt.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen ganz in der Frühe kam der Arzt. Es war der
+Kreisphysikus aus Grimmen, der die Leidende allwöchentlich besuchte und
+als Freund des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer Kindheit
+kannte.
+
+Ein kleiner, fetter, fröhlicher Herr, behaftet mit einem unförmlichen
+Bauch, einem verwitterten roten Weintrinkergesicht und mit einer
+burschikosen Neigung zu allen hübschen Mädchen und Frauen, trotzdem er
+in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche Anzahl besaß.
+
+Schon bei seinem Eintritt begrüßte der kleine Dr. Rumpf die Anwesenden
+mit einem lauten: »Morgen, Kindtings; na, wie geht's?« stiefelte mitten
+in das große Zimmer hinein und blieb dort ein wenig verwundert stehen.
+
+In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und weiß, als wenn sie bereits
+verschieden wäre. Und der Mann, sowie das junge Mädchen am Kopf- und
+Fußende schienen gleichfalls schon viele Stunden an dem Lager zu
+wachen.
+
+Das stimmte den Arzt doch bedenklich.
+
+Als aber Else langsam und begrüßend die abgezehrte Hand gegen ihn
+ausstreckte, ermannte sich Dr. Rumpf, schritt schnell an das Bett und
+küßte seiner Patientin zuvörderst zärtlich die Hand.
+
+Sein stachliger, weißer Knebelbart kratzte dabei die Ärmste, daß sie das
+Gesicht vor Schmerz verzog.
+
+»Schlimmer, mein Kindting?« fragte er teilnehmend, ohne sich um die
+andern zu kümmern, »schlimmer?« Damit entblößte er ungeniert die Brust
+der Kranken, horchte aufmerksam herum und schüttelte endlich den Kopf.
+
+Wenn der Physikus so sehr zärtlich wurde, so galt es immer für ein
+schlechtes Zeichen.
+
+»Herr Doktor,« hauchte die Liegende kaum hörbar, »steht es sehr trostlos
+mit mir? -- Sagen Sie es -- sagen Sie es, bitte,« wiederholte sie
+dringend, »ich bin ja auf alles gefaßt.«
+
+»So? gefaßt? ja, ja, mein Liebchen,« murmelte der Doktor achtlos und
+bewegte im Selbstgespräch die Lippen. »Raus,« schloß er plötzlich sein
+Nachdenken und machte den beiden anderen eine energische Bewegung mit
+dem Kopf, daß sie sich entfernen sollten.
+
+Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige frostige Wohnzimmer mit
+den grünen Ripsmöbeln.
+
+Matt und in sich versunken lehnte das Mädchen hier auf dem Sofa, über
+das noch immer der graue Leinwandbezug gezogen war, während Wilms
+schweigend durch das einzige Fenster auf den Hühnerhof hinausblickte.
+
+Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch kein Wort miteinander
+gewechselt.
+
+Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen ihnen.
+
+Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.
+
+Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein und schloß die Tür
+hinter sich zu.
+
+»Nun, Herr Doktor?« fragte Wilms dumpf, der sich im selben Augenblick
+zurückgewendet hatte. Aus den grob gemeißelten Zügen des Mannes sprach
+arbeitende, zurückgedämmte Angst, die ihm die Augen stier aus den Höhlen
+heraustrieb und sich auch Hedwig mitteilte. Aber sonderbar! Als sie
+ihren Blick flüchtig über den zitternden Riesen fortgleiten ließ, da
+drang zugleich ein spöttisches Mitleid gegen diesen besorgten Gatten in
+ihr Denken.
+
+Mitten in ihrer Spannung lächelte sie spöttisch.
+
+»Können Sie mir denn nicht ein bißchen Trost schenken?« stammelte der
+Pächter von neuem. »Ich kann's ja gar nicht mehr mit ansehen.«
+
+»Trost? -- hm ja.« -- Der Physikus ließ seinen dicken Leib schwerfällig in
+einen Polsterstuhl fallen und streichelte Hedwig, die sich erhoben
+hatte, freundlich die Hand.
+
+»Na, Kindchen, immer hübsch artig hier draußen?«
+
+»Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,« fuhr er dann ganz ernsthaft
+fort, »das Unterleibsleiden Ihrer Frau hat sich verschlimmert.«
+
+»Großer Gott -- das -- das hätt' ich nicht erwartet.«
+
+Der Pächter murmelte es in stumpfer Verzweiflung und lehnte sich, nach
+Atem ringend, an die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor: »Das
+ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.«
+
+»Armer Kerl,« murmelte der Physikus und schüttelte bedenklich den Kopf,
+»leider werden sich jetzt noch Krampfanfälle einstellen -- ich hab' mir's
+längst gedacht, längst. Und dann -- --«
+
+»Und dann?« unterbrach ihn Hedwig heftig und scharf und trat
+aufgerichtet vor den Arzt hin. »Nun muß doch etwas Energisches
+geschehen, lieber Herr Doktor. Man kann es doch nicht einfach so
+fortgehen lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation versuchen?«
+
+In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem Fuß und preßte die Hände
+gegeneinander.
+
+»Eine Operation?« knurrte der Physikus in sich hinein. Er schüttelte den
+Kopf, erhob sich ächzend und begann eine Wanderung durch die Stube. So
+oft er dabei an dem Landmann vorüberkam, drehte er ein bißchen an dessen
+Rockknöpfen; streifte er dagegen an Hedwig, so nickte er ihr in seinem
+Selbstgespräch gedankenlos zu.
+
+Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt den weißen
+Stoppelbart rieb, als wenn dieser hauptsächlich an der Entwickelung
+vorzüglicher Gedanken beteiligt wäre, gab er laut und bestimmt sein
+Urteil ab: »Nein, keine Operation; aber sie muß in ein Solbad -- ja, ja --
+ganz recht -- und zwar sofort, denn es ist die allerhöchste Zeit.«
+
+»In ein Bad?« wiederholte Wilms verwirrt, während er sich langsam über
+die Stirn strich.
+
+Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die uneingelöste, und wie
+ihm beinahe alles fehlte, um nur die Haushaltung zu bestreiten. Die
+Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer Zunge konnte
+er einwerfen: »Aber -- aber die Mittel dazu werden wohl sehr große sein?«
+
+»Ja, billig ist's nicht,« meinte Dr. Rumpf und sah den Pächter
+teilnehmend an: »Also morgen schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu
+gehen hat.«
+
+Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock, schüttelte Wilms die
+Hand und wollte eben dem Mädchen väterlich galant die Fingerspitzen
+küssen, als er ordentlich erschreckt von ihr zurückfuhr und mit lautem
+Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten Brief
+hervorbrachte. »Das hätte ich beinahe vergessen,« strafte er sich
+selbst, »Kindchen, hier -- dein Vater hat es mir mitgegeben. -- Es ist
+Geld drinnen, und er sagte mir, daß du es bereits erwartest. Ei, das
+wäre ja eine schöne Geschichte geworden. Was? Na, adieu, Kindting.«
+Damit schritt Dr. Rumpf breitbeinig und ehrwürdig zur Türe hinaus und
+fuhr geradeswegs zur Försterin, deren zarte Haut noch am Abend allerlei
+Kratzabzeichen aufwies, die des Physici Stoppelbart und seine
+Heilmethode jedesmal hinterließen. -- -- --
+
+In der ungemütlichen »guten Stube« des Pachthauses blieben die zwei
+Menschen allein.
+
+Beide sahen sich an, der Landmann scheu und mit Herzklopfen, das Mädchen
+fest und beinahe auffordernd, als erwarte sie, der Schwager möchte sie
+nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden lassen.
+
+Bezeichnend drückte sie den Brief gegen ihre Brust und ließ ihre braunen
+Augen ermunternd an den seinen hängen, jedoch Wilms schwieg und biß die
+Lippen fest zusammen.
+
+Eine Demütigung sollte nun folgen -- »nur kein Geld von ihr -- nur das
+nicht«, fuhr es ihm durch den Sinn, und er raffte sich auf und wollte
+hinausgehen.
+
+Da tönte aus dem Krankenzimmer eine schwache, röchelnde Stimme
+dazwischen.
+
+»Wilms -- Hedwig -- kommt zu mir.«
+
+Beide erschraken.
+
+Es klang so fern, so geisterhaft.
+
+Nun mußte es geschehen.
+
+Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht vor dem Landmann, und
+bewußt und als gäbe es keinen Widerspruch, drückte sie ihm mit einem
+festen Blick den Brief in die Hand.
+
+Er schob ihn zurück, als ob das Papier zwischen seinen Fingern beißendes
+Feuer würde, aber heftig, zornig stieß das Mädchen das Dargebotene noch
+einmal von sich.
+
+»Kommt doch zu mir,« klagte es abermals von drinnen, »weshalb bleibt
+ihr so lange?«
+
+»Hedwig -- was soll ich damit?« stammelte Wilms, auf den Brief weisend.
+
+»Schnell! -- Es sind 5000 Mark -- ein Drittel meines Erbteils -- Wilms,
+damit mußt du dir helfen und dann Elses Reise bezahlen, hörst du?«
+
+»Ich kann nicht -- ich darf ja nicht, Hedwig.«
+
+»Warum nicht?«
+
+»Weil -- weil -- --« er fand keine Antwort und hielt nur, wie von Ekel
+erfaßt, das Geld weit von sich.
+
+»Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?«
+
+»Ja,« stöhnte er.
+
+»Und aus welchem Grunde?«
+
+»Weil -- --«
+
+Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die Kehle war ihm wie
+zugeschnürt. O, er fühlte deutlich, daß er das Geld nicht nehmen dürfe,
+weil dieses Mädchen, das so blühend, so kräftig vor ihm stand, weil
+dieses schöne fremde Weib sich in sein Denken geschoben hatte, sündhaft
+und abscheuerregend und dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das
+sich qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.
+
+»Und wenn ich dich so recht darum bitte?« drängte Hedwig einfach und
+legte ihm vertrauensvoll die Hand auf die Schulter.
+
+Beide blickten sich eine Sekunde lang an.
+
+Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm hervor. Wilms zitterte am
+ganzen Körper, tausend widersprechende Stimmen schrien in ihm
+durcheinander.
+
+»Schlag sie nieder,« reizten die einen.
+
+»Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?« flüsterten die andern,
+»umarm' sie, küss' sie.«
+
+»Großer Gott, was machst du aus mir, Hedwig?« stieß er tonlos hervor.
+»Ich darf ja nicht!«
+
+»Und Elsen willst du nicht helfen?« bat sie von neuem. Noch niemals
+hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.
+
+Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender Laut.
+
+Da preßte Wilms plötzlich mit seiner brutalen Riesenkraft ihre beiden
+Hände in die seinen, die noch den Brief umschlossen, und näherte sein
+Haupt dem ihren, als ob er dem Mädchen etwas zuraunen wollte. Aber kein
+Wort ging über seine Lippen, er sah sie nur an, und erst nach geraumer
+Zeit drang es stückweise hervor: »Ich nehm' es ja -- wenn du es willst --
+denn du bist gut -- ja du bist gut.«
+
+Es war wie ein geheimes Einverständnis über beide gekommen. Und jetzt
+lächelte sie ihn auch frisch und freimütig an, als sie ihn bat, nach
+seiner Wirtschaft zu sehen, denn sie selbst würde Else alles, was über
+die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend und ruhig mitteilen.
+
+Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch an der Tür streckte er
+ihr in überwallendem Gefühl zum zweitenmal die Hand entgegen.
+
+Hedwig stand noch immer und lächelte.
+
+»Geh nur.«
+
+»Ja, ja,« murmelte Wilms wie im Traum, und mit einem langen Blick: »Du
+bist gut.«
+
+
+
+
+X.
+
+
+Am Nachmittag waren die beiden Schwestern allein. Wilms war in die Stadt
+gefahren, um Herrn Rosenblüt das vorgeschossene Geld zurückzuzahlen.
+
+Es war gerade der achte Tag.
+
+Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst angewiesen. Bewegungslos
+lag die Kranke in ihrem Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie
+leise hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den Hof hinaus, der
+sich bereits in Dämmerung hüllte.
+
+Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an einer eleganten
+Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber ließ sie sich ebenfalls am
+Fenster nieder, und den Kopf auf die Hand gestützt, träumte sie nun,
+leise eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.
+
+Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune zur Rüste. Einen Augenblick
+lang war das ganze Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das
+Antlitz der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.
+
+»Wie schön du bist, Hedwig,« murmelte die Liegende, als ihr Blick die
+Schwester traf, auf deren goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in
+Verklärung spielten. Und gleich darauf wimmerte sie: »Gott -- so war ich
+auch einmal, und nun elend, gelähmt, immer auf fremde Leute angewiesen.«
+
+»Jesus Christus,« schrie sie plötzlich in ekstatischer Glut und hob die
+abgemagerten Hände in die leuchtende Höhe, daß sie wie mit Blut befleckt
+erschienen. »Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit mir elendem
+Krüppel -- ich ertrag's ja nicht länger, wenn ich andere sehe, so schön,
+so jung, und ich -- -- ach, in dem Bade wird's ja auch nicht besser
+werden.«
+
+Hedwig rührte sich nicht.
+
+Die Kranke starrte ängstlich nach ihr hin und schien sie etwas fragen zu
+wollen, aber nur ihre Brust hob sich etwas flüchtiger als sonst.
+
+Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube Greis, ins Zimmer,
+legte mit seiner zitternden Hand ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und
+entfernte sich wortlos, wie er erschienen war.
+
+Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde ihr aus der Stadt eine
+Zeitung nachgesandt; und eilfertig erhob sich das Mädchen deshalb, um
+die Lampe zu entzünden und einen Blick in das Blatt werfen zu können.
+
+»Hedwig,« rief die Kranke mit zitternder Stimme dazwischen, als das
+Mädchen bereits ruhig ein paar Minuten im Schein der Lampe die
+Tagesereignisse verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
+entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr verwandt hatte,
+obgleich sie sich erregt hin und her warf.
+
+»Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?« fragte die Gerufene
+willig, indem sie die Zeitung hinlegte.
+
+»Nein, mein Kind, noch nicht -- ich möchte, -- setze dich doch her zu mir
+ans Bett, -- -- Wenn ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
+nicht mehr lange so sitzen.«
+
+Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der Schwester und setzte sich auf
+einen Korblehnstuhl, der zu Häupten des Bettes stand.
+
+Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in die Nähe der Schwester,
+ergriff schließlich Hedwigs Hand und legte sie sich auf die Brust.
+
+Deutlich fühlte das Mädchen, wie keuchend und rasch der Atem ging.
+
+Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach einer Weile die Jüngere
+von neuem nach der Medizinflasche griff, schüttelte Else nervös den Kopf
+und fragte überstürzt, als ob ihr dies schon lange auf der Seele
+gelegen hätte:
+
+»Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gefällt es dir denn bei uns?«
+
+Es lag etwas so Ängstliches im Ton der armen Frau, daß Hedwig unruhig
+wurde.
+
+»Gewiß,« gab sie rasch zurück, »überdies kam ich doch auch nur, um dich
+zu pflegen --«
+
+Die Kranke richtete sich mühsam auf: »Und was denkst du -- von Wilms?«
+fuhr sie hastig fort, ohne auf das eben Gehörte einzugehen.
+
+Hedwig erschrak. Sie wußte selbst nicht warum. Unwillkürlich mußte sie
+sich gerade jetzt daran erinnern, wie eisern fest Wilms heute vormittag
+ihre Hände umklammert hatte. Dem starken Mädchen wurde plötzlich das
+Alleinsein mit der aufgeregten Kranken drückend und unheimlich.
+
+»Kannst du ihn leiden?« forschte die letztere dringender, und umschlang
+in ihrer sitzenden Stellung den Hals der Schwester.
+
+»O ja« -- murmelte diese verwirrt -- »dein Mann macht einen braven,
+rechtschaffenen Eindruck. Und vor allen Dingen scheint er um dich so
+aufrichtig besorgt.«
+
+»Glaubst du?« seufzte die Kranke erleichtert auf. -- Dann drückte sie
+sich erregter an die Schwester, so daß ihre Wange an der Hedwigs ruhte.
+
+Schaudernd empfand die Jüngere die Berührung der feuchten
+fiebergeschüttelten Haut, ja ein leiser Widerwille beschlich sie, als
+sie von der Kranken jetzt heiß und zärtlich auf die Wange geküßt wurde.
+
+»Ja, Gottlob,« raunte die Ärmste dabei dicht vor dem Ohr der Schwester.
+»Er liebt mich noch immer. -- Aber -- aber -- o Gott, Hedwig, ich will dir
+etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe, so schön und gesund, gerade
+wie ich jetzt auch sein könnte, wenn ich mir unsere fröhliche Jugendzeit
+vorstelle, dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms -- o Gott --
+verzeih' mir die Sünde, rechne es mir nicht an, aus mir spricht ja nur
+das Elend« -- wimmerte sie dazwischen -- »Hedwig, dann ist es mir
+manchmal, als ob ich meinen Mann haßte, -- hörst du? -- der mich zu
+alledem gemacht hat. Bitter und giftig, wie ich noch nie einen Menschen
+gehaßt habe. Und dabei -- ach, du kannst es ja nicht verstehen -- dabei
+sehne ich mich ja so nach ihm, dabei muß ich immer an die ersten Monate
+unserer Ehe denken, wo ich so glücklich bei ihm war und wir uns
+herzten,« sie zuckte zusammen und riß die glänzenden Augen weit auf.
+
+»Nein -- nein -- nein -- ach, du mein Gott, was sag' ich nur alles -- das
+ist ja alles Todsünde -- Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere --
+höre nicht darauf.«
+
+Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr durcheinander, mit den
+Worten des Psalms:
+
+ »Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag und Nacht vor dir.
+ Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in die Finsternis.
+ Wirst du unter den Toten nicht endlich ein Wunder tun? --
+ Erbarm' dich meiner -- Sela -- Sela.«
+
+Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser Stein, schwer und dumpf
+in ihre Kissen zurück, und blieb mit langsam verlöschenden Augen liegen.
+
+Kalt durchfröstelt, und doch voller Widerwillen gegen diese ekstatische
+Art flößte Hedwig der Erschöpften, welche die Zähne krampfartig
+zusammenbiß, einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein. Dann wischte
+sie ihr den Schweiß von der Stirn, was die Leidende alles mit denselben
+erstarrten, ausdruckslosen Zügen geschehen ließ.
+
+Fast eine Stunde verrann so.
+
+Kein Laut regte sich mehr in dem großen Zimmer. Traulich dämmernd, wie
+immer, verbreitete die große Stehlampe ihr Licht, und Hedwig saß an dem
+Bett und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann als den Zerstörer
+ihrer Gesundheit haßte und sich zugleich nach ihm sehnte in einer
+wilden, unreinen Leidenschaft.
+
+»Unrein?«
+
+Mit schwachem Lächeln zuckte die Pflegerin die Achseln und lenkte ihre
+Gedanken wieder auf sich selbst und jene eine Begebenheit zurück, wo
+zuerst ein Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat ihr dabei, so
+sehr sie sich auch Mühe gab, nicht der freche Brachwitz vor Augen --
+nein, seltsam -- beinahe lächerlich -- immer fort, und je länger desto
+deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, faßte sie an beiden
+Armen und beugte sich über sie, immer gewaltsamer -- mit seinem ehrlichen
+Gesicht, das doch so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
+schmerzhaftes, unselig-frohes Gefühl. -- -- Und sie sagte sich in ihrem
+Hinträumen, daß alles nur der Nachklang von Elses Erzählung wäre, und
+sie stellte sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl an Wilms
+Halse gehangen hätte, und dennoch -- und dennoch -- die Ahnung wurde immer
+deutlicher, bis sie sich schaudernd aufraffte und sich schüttelte.
+
+Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.
+
+Aus der großen Kastenuhr schlug es achtmal.
+
+»So spät schon? -- Wo Wilms nur bleiben mochte?« Und wieder erschrak sie
+darüber, daß sie ihn erwarte.
+
+Da -- sie fuhr auf.
+
+Sprach ihr zur Seite nicht etwas?
+
+»Ach, mir ist viel besser,« flüsterte die Kranke leise sich regend und
+legte ihre feuchte Hand wieder auf die der Schwester: »Du bist auch so
+still und sanft, mein süßes Heting.«
+
+Wohl eine Stunde hatte die Ärmste vor Ermattung in tiefem Schlummer
+gelegen, jetzt erhob sie sich müde und zerschlagen und blickte sich
+dumpf im Zimmer um.
+
+»Ist Wilms noch nicht zurück?«
+
+»Nein, noch nicht.«
+
+»Wo fuhr er denn hin?«
+
+»Nach Grimmen.«
+
+»So?« murmelte die Kranke in sich zusammensinkend -- »Erzählte er dir
+das?« Und nach einiger Zeit setzte sie gleichgültig hinzu: »Er hat wohl
+viel Vertrauen zu dir?«
+
+»Ja, ich denke.«
+
+Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin, das Mädchen schlug ihr
+die Kissen zurecht, sodaß sich die Leidende besänftigt und ruhiger als
+bisher ausstrecken konnte.
+
+Dann lag sie und blickte ihrer schönen Schwester mehrere Minuten lang
+unausgesetzt und grübelnd ins Gesicht. Hedwig schoß das Blut in die
+Wangen.
+
+Sie wußte selbst nicht warum.
+
+»Wünschst du etwas?« forschte sie rasch.
+
+»Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich will dich etwas fragen --
+Ich bin doch deine Schwester, und du bist nun erwachsen -- Sieh, da
+möcht' ich gern wissen, mein Heting, -- du darfst es mir aber nicht übel
+nehmen -- ob du -- was du dort drüben so in der Pension erlebt hast?«
+
+Es klang ein wenig ängstlich, aber doch mehr zudringlich und neugierig.
+
+Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in ihren Lehnstuhl zurück
+und schloß die Augen. -- Es war ihr, als senke sich die Decke des
+niedrigen Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es ihr an Luft,
+als wäre alles zu eng und öde auf diesem weltverlassenen Pachthofe. --
+Was wollte nur die Schwester mit dieser albernen Frage? -- Wieviel
+Spießbürgerlichkeit lag darin. Was ging sie das alles an?
+
+»Ah, jetzt verstehe ich dich,« sagte sie endlich mit ihrer klaren
+Stimme. »Du denkst an das, was Graf Brachwitz gestern erzählte.«
+
+Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und schaukelte mit dem Stuhl
+leise hin und her.
+
+»Ja, ja,« pflichtete Else bei, »das geht mir gar nicht aus dem Kopf. Und
+daß gerade die beiden Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel,
+Hedwig, sag' mir doch, mein Liebling, was hattest du mit dem Grafen?«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+»Ja -- du mußt mich recht verstehen -- -- ach, es regt mich so auf und jagt
+mir soviel Angst ein -- -- du bist ja auch noch so unerfahren -- -- diese
+schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollständig niedergeworfen. --
+Wir haben doch beide keine Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich --«
+
+»Was ich mit ihm hatte?«
+
+Über das Antlitz der Jüngeren glitt ein kaltes, merkwürdiges Lächeln,
+das wohl dem häßlichen Ausdruck galt, welchen die Kranke gewählt hatte.
+Dann dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und schüttelte den
+Kopf, als wollte sie damit das Gespräch ein für allemal abschneiden.
+
+»Hedwig, peinige mich nicht,« rief die Kranke plötzlich mit spitzer,
+gereizter Stimme. »Was hattest du mit ihm?«
+
+Die Jüngere wollte aufstehen. Die Gewöhnlichkeit des Ausdruckes stach
+sie geradezu, aber die Schwüle, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
+die dumpfe Schwere, die bereits den kräftigen Wilms zermürbt hatte,
+preßte auch sie in ihren Stuhl zurück.
+
+»Willst du mir keine Antwort geben?«
+
+»Ja,« antwortete Hedwig.
+
+»Nun also -- ich bitte dich.«
+
+»Ganz einfach, Else. -- Der Graf ist, wie du weißt, ein Lebemann --«
+
+»O Gott -- und?«
+
+»Du hörtest ja gestern. Deshalb drängte er sich, weil er viele hübsche
+Mädchen dort vermutete, in unsre Pension ein und versuchte dann allerlei
+lockere Tändeleien anzuknüpfen.«
+
+»Aber mit dir -- Hedwig -- mit dir?«
+
+»Mit mir?«
+
+»Ja.«
+
+Ein rascher Atemzug wurde hörbar. Der prachtvolle, junge Leib dieses
+schönen Weibes wand sich, als ob er eine schmerzhafte Berührung
+empfände, ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich über sie hin, dann
+aber stürzte es rasch und wie gehetzt über ihre Lippen:
+
+»Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu küssen -- weiter nichts.«
+
+»Weiter nichts?«
+
+Zuvörderst ein langer befriedigter Seufzer der gesättigten Neugier. Dann
+raffte sich die Kranke mühsam auf und blickte die schlanke,
+zurückgelehnte Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
+Neid und Bewunderung glühenden Augen an.
+
+»Ja,« schoß es ihr durch die krankhaft erregten Sinne, während sie
+beinahe gierig nach dieser frischen Jugend hinstarrte, »ja sie ist
+verführerisch schön, dieses hingestreckte Ding mit den lichtbraunen,
+goldfunkelnden Haaren.« Und mit heftig erwachender Neigung überflog sie
+die blühende Gesichtsfarbe der Schwester, entzückte sich an dem
+verschleierten Leuchten und Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm
+das straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschloß.
+
+»Heting, mein süßes Kind,« stammelte sie und überdeckte unvermutet die
+Hand der Überraschten mit brennenden Küssen. Eine irre, praktische
+Hoffnung dämmerte dabei in ihr auf: »Liebt dich denn der Graf so sehr?«
+
+Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr blaß.
+
+Else bemerkte es.
+
+»Laß das,« erwiderte die Jüngere endlich herb, erhob sich und schritt
+rasch bis zum Tisch, um an der Lampe zu schrauben.
+
+»Nein?« rief Else entsetzt, »ja aber aus welchem Grunde?«
+
+»Er ist einfach frech gewesen.«
+
+»Frech? -- Großer Gott -- Hedwig, dreh' dich doch um -- dann -- dann
+durftest du ja hier gar nicht mit ihm zusammentreffen -- wenn ich das
+gewußt hätt' -- -- Du hast dich doch damals gewehrt? Nicht wahr?«
+
+»Ja,« flog es halblaut vom Tisch herüber.
+
+Es klang wie von zusammengepreßten Lippen.
+
+»Hedwig, du sollst dich umdrehen. -- Ich will dich sehen können,« schrie
+die Kranke mit durchdringender Stimme.
+
+Und in demselben Augenblick wendete sich das Mädchen, und die Leidende,
+so erschöpft sie war, sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die
+Medizinflasche in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewußten Ausdruck
+und achselzuckend auf das Bett zuschritt.
+
+»Heting, mein Liebling,« flüsterte sie, »beruhige mich doch. Weiter ist
+zwischen euch nichts vorgefallen?«
+
+»Nichts,« entgegnete die andere, die Augenbrauen zusammenziehend.
+»Siehst du, daß du doch diese ganze dumme Geschichte viel zu ernst
+nimmst? Hier trink' deine Medizin.«
+
+»Nein, laß noch -- Heting -- wirklich weiter nichts? -- Weiter nichts?«
+
+War es möglich?
+
+Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte plötzlich halb besinnungslos um
+eine Entgegnung und hob ihren mageren Körper weit in die Höhe.
+
+Eine Pause entstand.
+
+Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt von neuem ein
+verächtliches Zucken um die aufgeworfenen Mädchenlippen und kurz und
+gereizt kam die Antwort: »Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe. Was
+soll denn noch alles vorgefallen sein? -- Komm', Else, du mußt deine
+Medizin nehmen.«
+
+So endete dieses Gespräch. Die Krankheit trat wieder in ihre Rechte. Es
+wurde spät. Jeder Laut auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
+nicht heimgekehrt. Erst als die große Kastenuhr bereits die elfte Stunde
+gemeldet hatte, hörten die beiden Schwestern seinen Wagen durch den
+Torweg rollen.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte Wilms noch unter der Tür. Aber er forschte
+vergeblich.
+
+Beim ersten Geräusch war Hedwig bereits aufgesprungen, hatte die
+Schwester auf die Stirn geküßt und war dann sofort in ihre Kammer
+hinaufgestiegen.
+
+»Schon zu Bett,« entgegnete die Kranke matt, und es fiel ihr nicht auf,
+daß der Pächter, der heute so frisch und froh und stattlich wie selten
+aussah, zuerst nach dem Mädchen gefragt hatte.
+
+Und siehe -- eine Stunde später, da war der frohe Schein von seiner Stirn
+verschwunden.
+
+Zusammengeduckt saß der große Mann in dem Lehnstuhl, welchen Hedwig
+vorhin verlassen, und lauschte gedankenlos auf die raschen, röchelnden
+Atemzüge seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher. Nur aus einem
+Glase flackerte ein auf Öl schwimmendes Nachtlichtchen heraus.
+
+Und der Mann saß und dachte an das, was ihm sein armes Weib eben
+anvertraut hatte.
+
+»Geküßt hatte sie der junge, lebenstrotzende Mensch?«
+
+Es war eine grobe Beleidigung -- auch für den Landmann. Aber das fühlte
+er nicht.
+
+Er nickte und hockte und das Herz drückte ihm etwas weh und wund.
+
+»Ob sie sich wohl gewehrt hat?« dachte er müde.
+
+Ein Ächzen seines Weibes schob sich dazwischen. Er beugte sich leise zu
+ihr hinüber und fuhr ihr beruhigend mit seiner groben Hand über Wange
+und Hals.
+
+Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem jungen Geschöpf, das dort
+oben unter dem Dach schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
+vielleicht sehnte und verlangend die weißen Arme nach dem Verführer
+ausstreckte.
+
+Halb betäubt vor Müdigkeit sank sein mächtiges Haupt endlich schwer auf
+die Kissen, so daß Else davon erwachte und zärtlich ihre Arme um seinen
+Nacken schlang.
+
+Und mit irrer Sehnsucht und verlöschendem Bewußtsein preßte er seine
+Lippen auf den abgezehrten Arm der Bedauernswerten und stöhnte in
+verzweifelter Seelenqual tief und markerschütternd auf.
+
+ * * * * *
+
+Aber als die Wünsche des unglücklichen Mannes scheu in das
+Dachkämmerchen drangen, wo er das schönere jüngere Weib auf seinem Lager
+ruhend vermutete, da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn sein
+geistiges Auge die Mauern hätte durchdringen können.
+
+Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd, und streckte die
+weißen Arme aus. Aber nicht nach dem Verführer, nein, nach etwas
+anderem, Unbekannten, das sie nicht nennen konnte.
+
+Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig, schauernd, sich selbst
+unerklärlich, warf sie sich herum, stützte den Kopf in die weichen Hände
+und schaute regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
+empor. Über das Strohdach, dicht über ihr säuselte der Nachtwind. Sie
+hörte das heimliche Geräusch, wenn er mit den losen Halmen spielte, und
+ihr war es, als schlüge wieder die heiße, glühende Stimme des jungen,
+frechen Edelmannes an ihr Ohr. Ihre Brust ging auf und ab. Und da -- da
+stieg es wieder herauf -- da sah sie von neuem das ganze Bild jener
+unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten sie vorhin ihrer Schwester
+so sorglich verborgen hatte.
+
+Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsstübchen, ein vor
+Überraschung und Angst gelähmtes Geschöpf, das von dem liebestollen
+Eindringling mit Küssen überdeckt wird, -- das vor Scham nur leise Bitten
+hervorstammeln und um Schonung flehen kann, und das, nachdem einmal die
+Binde roh von seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, -- wehrt mit
+verzweifelter, glühender, endlich siegreicher Kraft gegen einen
+Angriff, von dem sie ahnt, daß er ihr etwas Kostbares, Höchstes rauben
+muß! Großer Gott, was ist seitdem aus ihr geworden? -- Was!! Sie wirft
+sich nieder und preßt ihr Gesicht in die Kissen. Seitdem ringt sie ja
+täglich so. Nicht mit dem einen, nein, mit allen, allen. Sie schleicht
+sich in ihrer Vorstellung an diese Rohen, Verhaßten heran, wie das
+hungrige Meer dort drüben nahe der Insel, das gegen die Felsblöcke
+schlägt und donnert, und das die Steine zu sich herabziehen will, um sie
+zu küssen, zu umarmen und zu ersäufen.
+
+»Großer Gott!« -- Sie will beten. Aber sie kann nicht beten. Sie verlacht
+ja den geoffenbarten Glauben. Das hat sie auch drüben gelernt von ein
+paar schwedischen Mitschülerinnen, welche ihr all jene Bücher geborgt
+haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken verjagen, aber auch das Meer
+der Leidenschaft immer wilder in die Höhe peitschen.
+
+Jetzt schäumt's und brandet's. Hui, der Sturm pfeift.
+
+Großer Gott -- Großer Gott.
+
+Und dann stößt sie die Decken von sich, daß der Mond ihre weißen Glieder
+küßt, und weint bitterlich.
+
+Frühlingsschauer!
+
+
+
+
+Zweites Buch.
+
+I.
+
+
+Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig ist der Winter
+hereingebrochen und hat den öden Pachthof völlig verschneit. Und doch
+regt sich Leben in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke,
+von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt, ist der lastende
+Zauber von der Wirtschaft gewichen.
+
+Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die blaue, kalte Luft, Wilms
+steht mit seinen großen Transtiefeln, das Wams bis an den Hals
+zugeknöpft, frisch und rüstig auf dem Hof und läßt die Scheunen
+ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen, überall Tätigkeit in dem
+einsamen Winkel, Spuren künftigen, rückkehrenden Wohlstandes.
+
+Da klingelt ein Schlitten auf der Landstraße heran. Vielstimmiges
+Hundegebell wird laut, und da hält auch schon der unförmige Kasten und
+enthüllt seine seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf
+Brachwitz und Förster Eltze, welche zur Jagd fahren, mit dem Pastor
+Schirmer, der Wilms aufsuchen will, und deshalb allein aussteigt.
+
+»Ho, ho -- Wilms, hier heran, -- hier heran,« brüllt inzwischen der
+gutmütige Förster, während er mit seinen Riesenfäusten, die in
+kolossalen Pelzhandschuhen stecken, aus Leibeskräften winkt, und als
+Wilms an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen und
+einsilbig zu begrüßen, wird dem Pächter von dem Weidmann ein großes
+Paket unter den Arm geschoben.
+
+»Hier, Wilms -- von meiner Frau. -- Ein paar Würste und so was. Na schon
+gut. -- Bei Ihnen als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu spüren
+sein, was?«
+
+»Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,« wirft der junge Brachwitz
+dazwischen, der in seinem pelzbesetzten Jagdkostüm zurücklehnt und eine
+Zigarre raucht. »Wie geht es eigentlich Ihrer Frau? -- Gute Nachrichten?«
+
+Einsilbig erzählt der Pächter, daß er kürzlich von seiner Schwägerin
+einen Brief erhalten, wonach der Zustand der Kranken sich schon etwas
+gebessert hätte.
+
+»Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber Herr Wilms,« entgegnet
+der Graf aufmerksam, und nachdem er dem Pächter eine Zigarre angeboten,
+erkundigt er sich leichthin:
+
+»Ihr Fräulein Schwägerin kommt ja wohl in Kürze wieder hierher zurück?«
+
+Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt bloß.
+
+»Und wann, wenn ich fragen darf?«
+
+»Das ist unbestimmt,« sagt der Landmann düster, und tritt dem Schlitten
+etwas näher.
+
+»So, so,« der Graf mißt den kräftigen Pächter von oben bis unten, wobei
+er unwillkürlich an das Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher
+lächelnd das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher mit
+großer Höflichkeit die Hoffnung ausgesprochen zu haben, den Pächter bald
+wieder begrüßen zu können.
+
+»Vorwärts.«
+
+Der Schlitten fliegt davon.
+
+ * * * * *
+
+Pastor Schirmer blieb über den Kaffee da.
+
+In dem großen Zimmer, in dem noch immer das Krankenbett wie eine düstere
+Mahnung stand, dampfte in großen altfränkischen Schalen der braune Trank
+auf dem Tische, und die beiden Herren saßen gemütlich dahinter und
+plauderten.
+
+Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht, nun konnte der
+emsige Landmann der Ruhe pflegen. Man steckte zwei große, lange Pfeifen
+an, die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im Schrank verborgen
+hatte, und in kurzer Zeit hatten die beiden Herren, jeder behaglich im
+Sofa zurückgelehnt, mächtige blaue Wolken um sich verbreitet.
+
+Ein süßer, angenehmer Tabaksduft füllte die Stube.
+
+»Ja, ja,« sprach der Landmann nachdenklich vor sich hin, »meine arme
+Frau konnte den Geruch nicht vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz
+und ich -- --« kam es unwillkürlich heraus, »hab' ihn dabei so gern.«
+
+»Lieber Freund, man muß sich eben fügen,« paffte der kleine Pastor und
+nahm einen Schluck Kaffee, »ja, muß sich fügen. Darin besteht
+schließlich unser ganzes Christentum. -- Was ich sagen wollte -- -- Ihre
+liebe Frau -- -- -- Sie bangen sich doch wohl schon sehr nach ihr?«
+
+Wilms nickte und rauchte in langen Zügen weiter.
+
+Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend etwas, sein Haus
+erschien ihm jetzt oft so leer und freudlos, und dennoch zog sich sein
+Herz vor Furcht zusammen, wenn er an Elses Rückkehr dachte. Sein
+jetziges einsames Dasein schien ihm dann erträglicher. Wenn er nur
+dieses schmerzliche Sehnsuchtsgefühl aus seiner Brust hätte verbannen
+können. Es galt ja doch bloß seinem Weibe. Nur ihr.
+
+»Freilich, solch ewiges Leid,« murmelte der kleine Pastor mit seiner
+dünnen Stimme weiter, »das schließt die Menschen wie mit eisernen
+Ketten aneinander, nicht wahr?«
+
+»Ewiges -- Leid,« wiederholte der andere mechanisch und blickte starr auf
+das Bett hinüber. »Ja, Sie haben recht, Herr Pastor.« Eine Zeitlang
+schwiegen die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.
+
+Die Pfeifen glimmten, draußen fiel Schnee, es war behaglich warm im
+Zimmer.
+
+So merkten sie nicht, daß sich inzwischen die Tür leise geöffnet und der
+dicke Kreisphysikus Dr. Rumpf unbemerkt hereingetreten war. In seinem
+Pelz, in Pelzmütze und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges
+Ungeheuer aus. »'n Abend, Kindtings, 'n Abend,« ächzte er.
+
+Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut seiner zottigen Hüllen
+beraubt, so warf sich der Physikus pustend neben dem Pastor auf einen
+Lehnstuhl nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg, trank dann
+mehrere Schalen des heißen Getränks und schien endlich erwärmt zu sein.
+
+»Verdammter Frost,« schnaufte er zuletzt und schlug sich befriedigt auf
+seinen Kugelbauch. »Komme hier bloß 'raus, Wilms, um Ihnen zu erzählen,
+daß ich einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten habe.«
+
+»Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?« rief der Landmann
+aufgeschreckt und sprang auf.
+
+»Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie, ich hab's gleich
+gesagt. Nun soll sie nur noch an größere Selbständigkeit gewöhnt werden,
+und deshalb schickt er Ihre Schwägerin nach Hause. In diesen Tagen sogar
+schon. -- Ein reizendes Ding übrigens, die kleine Hete, was?« schmunzelte
+der Physikus plötzlich über das ganze Gesicht und kratzte in seinem
+Stoppelbart; »ich freue mich ordentlich darauf, daß wir sie bald wieder
+nach Grimmen bekommen.«
+
+Wilms blieb stehen. »Nach Grimmen?« wiederholte er schwerfällig. »Geht
+denn -- Hedwig zu meinem Schwiegervater zurück?«
+
+»Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier nötig, Wilms?«
+
+»Ich?«
+
+Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich mit seiner Hand über die
+kurzgeschorenen Haare, dann äußerte er auffallend hart und abweisend:
+»Nein, ich nicht.«
+
+»Na, sehen Sie,« sagte der Physikus gemütlich. Dann klopfte er mit der
+Hand auf den Tisch. »Vorwärts, meine Herren, jetzt machen wir ein
+Skätchen; Karten hab' ich bei mir, und Sie stecken die Lampe an,
+Wilms.«
+
+»Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich für -- -- --« wollte
+Pastor Schirmer kleinlaut einwenden, aber der Physikus schlug noch
+energischer auf den Tisch und knurrte: »Ach Unsinn, machen Sie weiter
+keine Umstände, Pastor, -- und solange Sie gewinnen, ist Ihre liebe Frau
+mit allem einverstanden. -- Wer gibt? -- Na also -- Wilms, bringen Sie die
+Lampe -- Tourné, Pastor? Solettchen auch? Na dann Eichel. Raus mit den
+Triümphern, meine Herren, -- Wilms, die Lampe blakt -- was gibt's Neues,
+Pastor?«
+
+In bester Eintracht spielten die Herren fort.
+
+Nur Wilms, der sonst ein vorzüglicher Spieler war, beging einen Fehler
+nach dem andern, zuletzt störte er sogar offenbar die Pläne seines
+Partners.
+
+Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.
+
+»Na hören Sie mal, Wilms« -- sagte er bedenklich, »so was ist noch gar
+nicht dagewesen -- haben die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht
+'rein?«
+
+»Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld aus der Tasche?« schrie
+der Physikus.
+
+»Worüber grübeln Sie denn immerfort? Müssen auch nicht zu viel an Ihre
+Frau denken.«
+
+An seine Frau? Ja, er grübelte und quälte sich und sann -- -- aber die
+Hände mit den Karten begannen ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer
+fiel es ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein unglückliches
+Weib, all seine Erinnerung galt der Jüngeren, diesem herrlichen jungen
+Geschöpfe, dessen Bild er nicht bannen konnte, das er immer wieder sah,
+weiß und rosig, so wie damals als sie ihre junge Schönheit dem Regen
+preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm noch.
+
+Und sie wollte zu ihrem Vater zurückkehren, und nicht zu ihm, nicht in
+dies Haus, das so leer war?
+
+Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden, dann trennte man
+sich.
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur mit der Molkerei,
+die Wilms mit Hedwig eingerichtet, wollte es nicht mehr glücken. Hier
+fehlte die anordnende, weibliche Hand.
+
+»Wenn das Fräulein man wieder da wär,« klagte die Obermagd eines Tages
+dem Landmann.
+
+»Sie geht zu ihrem Vater,« dachte Wilms trübe. »Was kümmern wir sie.«
+
+Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der Schnee fiel draußen
+immer dichter und legte sich wie ein weißer Wall um das Gehöft.
+
+Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie je zuvor. Ein Tag nach
+dem andern verfloß. In der Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu
+wirken. Schweigend saß der Pächter oft stundenlang am Fenster, blickte
+über den verschneiten Hof und wartete, ob ihm nicht der Landbriefträger
+ein Lebenszeichen von den beiden Frauen bringen würde.
+
+Aber nichts von alledem geschah.
+
+Und allmählich verfiel er wieder in sein düsteres Hinbrüten; der große
+Mann mit den kurzgeschorenen, blonden Haaren verbrachte dann ganze
+Stunden im Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf das reinlich
+zugedeckte Krankenlager seines Weibes, oder nahm ihre Bibel in die Hand
+und starrte interesselos hinein, während er sich an die von ihr mit
+Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.
+
+Dann begann er einige der Verse nachzusprechen und schüttelte sich
+zuweilen plötzlich, als ob ihn etwas Widerliches überliefe. Oft auch
+nahm er ein Bild von der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte,
+um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond sich ihre Zöpfe
+damals ums Haupt ringelten. -- Wie ähnlich sie zu jener Zeit Hedwig
+gewesen! Rasch stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie
+wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus, wo er mit seinen
+Leuten schalt und haderte.
+
+Sie wunderten sich über den Herrn. So hatte man ihn selten gesehen.
+
+Und noch immer langte die erwünschte Nachricht nicht an.
+
+Da endlich, eines Morgens, -- Wilms saß noch beim Kaffee -- da schlich der
+taube Krischan in die Stube, schielte seinen Herrn an und legte
+schweigend einen Brief auf den Tisch.
+
+Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern erbrach er das Schreiben,
+nachdem sich der Alte entfernt hatte, aber es war nur ein gedrucktes
+Formular, das eine Einladung zu einer ländlichen Versammlung enthielt,
+die der ältere Graf Brachwitz einberief.
+
+Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und seufzte tief auf. Er
+interessierte sich nicht für Politik.
+
+»Jawoll,« meinte der Förster, der nachmittags im Vorbeigehen vorsprach,
+indem er das Zirkular bemerkte. »Der Graf will sich ja in den Reichstag
+wählen lassen. Dazu soll hier ein Verein gegründet werden. Zur Hebung
+der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja, alter Freund, es soll ja bei uns
+auch ganz doll zugehen. -- Die verdammten Weibsbilder -- haben Sie's nicht
+auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal eine für die Hofarbeit in
+Lohn genommen -- pardauz muß man sie wieder entlassen. -- Is da was los
+mit so ner Person. -- Ne -- die Sittlichkeit, -- weiß der Deuwel -- man
+kann den Frauenzimmern nicht trauen.«
+
+Er kraute sich hinter den Ohren. »Da soll ja neulich auch was mit einer
+Verheirateten vorgekommen sein, -- warten Sie mal -- es war sogar 'ne
+Adlige hier in der Nähe. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich glaub's
+nicht, weil bei Eheleuten 'ne zu große Portion Schlechtigkeit dazu
+gehört -- Pfui Deuwel, kann ich bloß sagen.«
+
+Wilms blickte den gutmütigen Riesen starr an. Seine Lippen bewegten
+sich, aber er erwiderte kein Wort.
+
+»Na guten Morgen, Wilms, wie geht's Ihrer Frau?«
+
+»Besser.«
+
+»Und Ihrer Schwägerin?«
+
+Wilms rührte sich nicht: »Darüber weiß ich nichts.«
+
+»Na, denn Adieu!«
+
+»Adieu auch, Eltze.«
+
+Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und
+schrieb, tönte es vor seinen Ohren:
+
+»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«
+
+Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu
+tanzen. -- Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken
+zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall.
+»Bei Eheleuten« hieß es -- Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet?
+Besaß er denn ein Weib? -- -- -- oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine
+Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?
+
+»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese
+entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in
+seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular.
+Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein
+großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz
+bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung
+einladen.
+
+»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in
+der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte
+sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«
+
+»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten
+Zweck.«
+
+»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog:
+»Sittlichkeit -- da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern.
+Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine
+Schande ist, und dann soll so'n Verein gegründet werden.«
+
+Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm
+langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine
+Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab,
+»ich hör' so was nicht gern.«
+
+»I -- ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. -- Is sogar ein
+ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is 'ne wahre Dummheit vom
+Alten, daß er den Jungen nicht bei's Militär gelassen. Hier in der
+Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts -- und
+verfällt auf lauter Dummheiten. -- Die Förstersfrau kann ihn ja auch
+nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich
+gehörig die Tür gewiesen haben.«
+
+Wilms konnte nicht länger zuhören.
+
+»Herr Grothe -- ich muß jetzt -- ich hab noch notwendig was zu tun --
+Grüßen Sie den Herrn Grafen, und -- ja ich werd' woll auch kommen.«
+
+»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht's Ihrer lieben Frau
+gut?«
+
+»Ja, ich danke.«
+
+Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt
+langsam vom Hof herunter.
+
+ * * * * *
+
+Aber der Besuch hatte seine Folge.
+
+In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so
+einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen
+Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen
+glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau
+erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert
+wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte
+er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen
+sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die
+häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.
+
+Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits
+wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich
+über das Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die
+Briefe aus der Brautzeit bewahrte.
+
+»Mein Elsing -- sie wird nun bald ganz gesund sein -- und dann werden wir
+mit Gottes Hilfe wieder glücklich -- ach so glücklich, wie damals, eh'
+die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«
+
+ * * * * *
+
+Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms
+merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.
+
+Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.
+
+»Soll ich für den Herrn auch 'ne schöne Tann' putzen?« fragte die
+Obermagd.
+
+Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen
+Mann blickte.
+
+Wilms dankte.
+
+»Ne, laß man, Dörthe -- für mich allein. -- Es hat keinen Zweck.«
+
+Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er
+wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine
+Freude bereiten.
+
+Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte er endlich in Grimmen
+ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines
+goldnes Herz an einer dünnen Kette.
+
+Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.
+
+Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes
+Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen
+Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog
+und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube.
+Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder,
+noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.
+
+»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann
+leichthin.
+
+Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und
+brach auf.
+
+Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den
+offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht.
+Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo
+ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden
+den dick beschneiten Pelz abnahm.
+
+Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar
+frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen
+freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb
+erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche
+geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch
+die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der
+großen Freude.
+
+Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit
+dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile
+an.
+
+Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und
+weißes Feld -- halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh
+endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von
+dickem Schneewall umgebenen Hof.
+
+Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen
+Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.
+
+»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt,
+»die Dirn hat Mitleid mit mir.«
+
+Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter
+den Pfosten stehen.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und
+streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges
+Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte
+sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«
+
+In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten
+Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von
+seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich
+gedacht hatte.
+
+Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer
+Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. -- Halb religiöse Vorstellungen
+durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen
+hatte.
+
+Sie war da.
+
+Die Versuchung war wieder da.
+
+All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in
+seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich
+aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.
+
+»Hedwig -- -- willkommen -- du --«
+
+Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und
+preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.
+
+»O --« sie verzog schmerzhaft den Mund.
+
+Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.
+
+Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen
+behilflich war.
+
+Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für
+ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten
+waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine
+Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.
+
+Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.
+
+Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den
+neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa
+und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.
+
+Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen
+vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und
+begann ungestüm zu fragen:
+
+»Noch nicht -- noch nicht -- vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«
+
+Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut -- überhaupt überraschend -- so gut,
+daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«
+
+»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«
+
+»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag
+besser.«
+
+»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an,
+daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
+
+»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie
+endlich.
+
+»Ja, -- das heißt -- --«
+
+»Kannst du dir's wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch
+schwerfällig. -- Vorausgeschickt bin ich -- aufräumen soll ich, das
+Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht
+wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«
+
+»Mir? Warum?«
+
+»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«
+
+»Bewahre, Hedwig -- du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«
+
+»Wirklich?«
+
+Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.
+
+Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else
+und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische
+Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
+die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst
+Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
+lauschen.
+
+Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und
+lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.
+
+Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte
+aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die
+Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu
+davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.
+
+Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das
+verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von
+neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.
+
+Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an
+etwas Fernes zu denken.
+
+Der Pächter wurde unruhig.
+
+»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.
+
+»Ja, Schwager.«
+
+Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände
+gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
+Fragenden lenken.
+
+»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«
+
+»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«
+
+»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in
+ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten
+Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein
+Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte
+verlegen auf dem Tisch hin und her.
+
+Eine Zeitlang blieb es still.
+
+Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen.
+Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.
+
+»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete
+er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur
+Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. -- Weshalb
+bist du eigentlich -- ich -- mein Kind -- ich meine, warum bist du
+eigentlich so gut zu uns?«
+
+»Gut?«
+
+»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und
+ich hab mir damit helfen können. Das hätt' mir schon kein anderer getan,
+-- nein, laß -- ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um
+die es nur wenige aushalten konnten. Und nu -- nu kommst du wieder
+hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und
+unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen,
+ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann's mir ja
+gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
+vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«
+
+Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen
+Ton.
+
+Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber
+sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr
+eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände,
+durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie
+nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf
+die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.
+
+Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das
+Webemuster ihres Kleides erkennen.
+
+Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.
+
+»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an
+zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet:
+»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher
+zurückkam in eure Einsamkeit.«
+
+»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.
+
+»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so
+still ist. -- Mir ist diese Stille Bedürfnis. -- Ich verabscheute schon
+als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der
+Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist
+deinetwegen, Schwager.«
+
+»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so
+leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit
+hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch
+aufgefaßt haben.
+
+Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte
+ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.
+
+»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.
+
+Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf
+das Sofa nieder.
+
+»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden,
+Wilms.«
+
+»Das bin ich nicht.«
+
+»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine
+Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? -- Nun, und hast du
+sie gefunden? -- Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit
+verloren -- und auch jetzt, Schwager, -- ich muß es dir sagen, mit vielem
+Schmerz, glaub' mir das -- auch jetzt wird dir meine arme Schwester
+dieses Glück nicht schaffen können.«
+
+»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte
+ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.
+
+Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos
+enthüllte.
+
+»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.
+
+»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise,
+als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor
+aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine
+Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf -- du
+armer Mann.«
+
+Ein leises Stöhnen unterbrach sie.
+
+»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte,
+»und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis
+aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du
+wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«
+
+»Und da wolltest du -- --?« stammelte er.
+
+Er begriff es nicht.
+
+»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«
+
+»Aber -- aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er
+schämte sich, als er es sagte.
+
+Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,«
+erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten
+den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber --« -- sie
+zögerte und wurde zum erstenmal unruhig -- »das ist mir wohl nicht zum
+Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich
+gefalle, und der zu mir paßt.«
+
+»O Hedwig, doch -- doch --« widersprach Wilms gedankenlos, -- »du bist ja
+schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach,
+mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten
+Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.
+
+Das verdarb ihm den Abend vollends.
+
+Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. -- Nur
+als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer,
+erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.
+
+So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in
+der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte
+sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.
+
+Er gab über alles genau Auskunft.
+
+Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.
+
+Wilms empfand, daß er gehen müsse.
+
+Er stand sofort auf.
+
+»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«
+
+Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein
+Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.
+
+Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in
+den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß
+Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen.
+Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.
+
+Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.
+
+»Schläfst du hier?« fragte Wilms.
+
+»Ja, in Elses Bett.«
+
+»Nun, gute Nacht.«
+
+»Gute Nacht, Schwager.«
+
+ * * * * *
+
+Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter
+lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.
+
+Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen
+Zettel mit den wenigen Worten:
+
+
+ »Lieber, guter, einziger Mann!
+
+ Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr
+ bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich
+ wieder bei Dir.
+
+ Mit tausend innigen Küssen
+
+ Deine arme Else.«
+
+
+Wilms griff nach dem Bilde.
+
+Auf einem Polsterstuhl saß die Kranke, das schmale Gesicht mit den
+großen Augen ein wenig vornüber geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank
+aufgerichtet, der vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn
+Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren sollten.
+
+Der Pächter schauerte, als er es sah.
+
+Auf dem Antlitz des Mädchens ruhte ein so sicherer, triumphierender
+Schein.
+
+Freut sie sich, daß sie leben wird, und die Schwester dem Tode zuwankt?
+dachte Wilms erschüttert.
+
+In der Kammer war nicht geheizt. Ein Frösteln durchlief den Einsamen vom
+Kopf bis zu den Füßen. Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig
+allein darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch und suchte
+müde und zerbrochen sein Lager auf.
+
+Bald erlosch das Licht.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Am frühen Morgen, als Wilms aufstand, hörte er, wie seine Schwägerin den
+Mägden im Hausflur schon etwas auftrug.
+
+Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und noch stockfinster.
+
+Das lockte ihm den Seufzer ab: »Ach, wenn Else das doch auch vermöchte.«
+
+Eine Viertelstunde später, er hatte sich kaum völlig angekleidet,
+brachte ihm Dörthe Kaffee und Frühstück. Der Landmann erstaunte.
+
+»Soll ich denn hier oben frühstücken?« fragte er.
+
+»Ja, Herr, das Fräulein hat schon unten getrunken.«
+
+»Na, wie sie will. Es is gut.«
+
+Die Obermagd ging.
+
+Wilms saß eine Weile allein und wunderte sich, mit welcher Willenskraft
+Hedwig ihre neue Aufgabe gleich erfaßte.
+
+Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig über die Stirn.
+
+Immerfort zwang ihn das Mädchen, sich mit ihr zu beschäftigen. Aber er
+wollte ihr an Regsamkeit nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige
+Geschäfte in der Nähe abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten,
+damit er erst gegen Mittag wieder zurückzukehren brauchte.
+
+»Möglichst wenig mit ihr zusammen sein,« dachte er.
+
+Mit diesem Entschluß trat er an das kleine Kammerfenster und sah auf den
+schneebedeckten Hof herunter.
+
+In einem steinernen Seitengebäude hörte er viele weibliche Stimmen
+durcheinander sprechen, lachen und plaudern. Es war die Molkerei, die
+solange auf Hedwig geharrt hatte.
+
+»Sollte sie schon unten sein?« dachte er verwundert.
+
+Als er etwas später über den Hof schritt, um sich im Stall sein Pferd zu
+satteln, machte er den Umweg am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen
+Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten
+Raum.
+
+Richtig -- umgeben von ihren Mägden sah er Hedwig vor einem großen Fasse
+stehen und mit ihren jugendlichen Kräften den großen Klüngel heben und
+wieder herunterstampfen. Beifällig murmelten die Mägde und versuchten,
+es ihr an zwei anderen Fässern nachzuahmen.
+
+Sie hatte sich von Dörthe eine gewöhnliche Arbeitsbluse geborgt, an der
+die Ärmel fehlten, und nun sah der Pächter, wie ihre vollen Arme vor
+Anstrengung sich röteten. Ihr Atem umdampfte sie in der kalten Küche wie
+eine Wolke.
+
+Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als er sie allein in ihrer
+Kammer getroffen, und augenblicklich war seine Freude an dem
+arbeitsfrohen Bild wie fortgescheucht.
+
+Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug dann mit Geräusch die
+Stalltür auf und ritt nach einiger Zeit grußlos vom Hof herunter. Als er
+sich auf der Landstraße noch einmal umwandte, glaubte er Hedwig unter
+der Tür des Seitenhauses zu erkennen, die ihm nachblickte.
+
+ * * * * *
+
+»Was ißt der Herr gerne?« befragte Hedwig die Obermagd, ehe sie die
+Molkerei verließ.
+
+Dörthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe an. »Und der Herr hat
+gestern selbst einen Hasen geschossen. Der hängt noch.«
+
+Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten. Der taube
+Krischan wurde ins Dorf nach allerlei Zutaten zum Krämer geschickt.
+
+Er hinkte unlustig vom Hof herunter.
+
+Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen dem Mädchen nach,
+als sie eilig dem Hause zuschritt.
+
+»Die versteht's,« urteilte Dörthe, »schade, daß die Frau nich auch so
+is.«
+
+Den ganzen Vormittag über revidierte Hedwig das Haus vom Keller bis
+unter das Dach. Mit Elsens Schlüsseln öffnete sie alle Schränke, zählte
+nach und legte zurecht, als ob alles ihr gehöre. Ihre Wangen röteten
+sich dabei vor Vergnügen. Sie erschien sich wie eine Hausfrau, die für
+Mann und Heim zu sorgen hat.
+
+Dann waltete sie in der Küche. Zuletzt gab sie Dörthe den Auftrag, eine
+kleine Tanne schlagen zu lassen.
+
+»Ja, aber Fräulen,« meinte die Magd bedenklich, »der Herr will aber
+keine.«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Er sagte, weil er so allein is. -- Und -- dann -- unsre Frau fehlt auch.«
+
+»Sagte er das?«
+
+»Ja, so ähnlich sagte er woll.«
+
+Das Mädchen sah einen Augenblick zu Boden. Dann entschied sie lächelnd:
+»Ich bin ja da -- höre, Dörthe, es muß eine recht schöne Tanne sein. --
+Haben wir etwas zum Putzen?«
+
+»Ne, Fräulen, daß ich nich wüßte.«
+
+»Nun, dann machen wir es uns heute selbst. -- Und für euch auch,« setzte
+sie hinzu. »Christian soll buntes Papier holen.«
+
+»Sie is zu nett,« sprach die Obermagd dankbar hinter ihr her.
+
+ * * * * *
+
+Wilms merkte bei Tisch, daß gerade seine Lieblingsspeisen gewählt seien,
+und als er sich in seiner ruhigen Weise dafür bedankte, glitt ein
+heiteres, selbstzufriedenes Lächeln über Hedwigs schönes Gesicht.
+
+Es bereitete ihr Freude, für die Bedürfnisse eines Menschen sorgen zu
+dürfen, und namentlich für diesen großen, unbeholfenen Mann, dem das
+Schicksal schon so grausam mitgespielt hatte.
+
+Freundlich plauderten sie wieder über allerlei. Das Mädchen erzählte von
+ihren Erfahrungen bei der Molkerei. Wilms sagte ihr, daß er ihre Kraft
+und Energie bewundere. Dann berichtete er von den Geschäften, die er
+vormittags betrieben.
+
+Es kam ihm ganz selbstverständlich vor, daß er dergleichen mit Hedwig
+bespräche. Ja, er glaubte, daß ihm noch einmal so gute Eingebungen
+kämen, wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen dazu
+anblickte.
+
+Nach Tisch führte er sie in den Pferdestall. Hedwig riet ihm dringend,
+einige von den Tieren zu verkaufen. Es war in den nächsten Tagen gerade
+Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, daß er selbst etwas Ähnliches
+geplant habe.
+
+Dann trennten sie sich.
+
+Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er ihren Platz leer. Er
+fragte mehrfach nach ihr, endlich erfuhr er von Dörthe, die ein
+geheimnisvolles Gesicht aufsetzte, daß das Fräulein beschäftigt wäre.
+
+Wilms verstand das nicht und trank mit einem merkwürdigen Gefühl seinen
+Kaffee allein.
+
+Er wollte sich nicht eingestehen, daß er ihre stets dienstbereite
+Gesellschaft vermisse.
+
+Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder und zeigte sich so
+aufgeräumt und heiter wie selten. Sie erzählte allerhand lustige
+Geschichten und Witze und brachte Wilms oft zum Lachen.
+
+Wenn sie etwas Anzügliches vorbrachte, dann sah ihr Gesicht so reizend
+aus, um ihren vollen Mund zuckte dann oft ein so feiner,
+liebenswürdig-frecher Zug, daß ihr Gegenüber unwillkürlich mitlachen
+mußte.
+
+Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles war, so stark fühlte er sich
+bald davon angemutet. Auch er besaß eine Art derben, tiefen Humors, und
+es dauerte nicht lange, so ging der Pächter gemütlich auf ihre Scherze
+ein.
+
+Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben Unbehilflichkeit
+neckte.
+
+Nur als er seine große Pfeife in Brand setzte und ein paar mächtige
+Dampfstöße herausjagte, verzog sie die Brauen.
+
+Wilms hörte auf. »Stört es dich?« fragte er bedauernd.
+
+Ungern hätte er auf dieses Vergnügen verzichtet. »Sollte sie etwa
+dieselbe Abneigung dagegen empfinden wie meine arme Else?« dachte er ein
+wenig verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parfümiertes Taschentuch hervor
+und während sie sich Luft zufächelte, äußerte sie leichthin: »Bis morgen
+darfst du so rauchen, lieber Wilms, aber länger nicht.«
+
+»Bis morgen?« dachte Wilms verwundert.
+
+Er verstand sie wieder nicht.
+
+Ferne, langhinhallende Töne mischten sich in ihr Gespräch. Von der
+Kirche des Hauptgutes, die fast eine Viertelstunde entfernt lag,
+begannen wiederum die Glocken zu läuten, zum letztenmal vor dem Fest.
+
+Wie ein feiner, verträumter Silberton zog es durch die Luft. Hedwig
+erhob sich. Sie trat ans Fenster und zog den Vorhang fort.
+
+Draußen weißer, blinkender Schnee, die graue Luft ganz erfüllt von
+großen Flocken, die langsam und schwer herabfielen. Wie erstarrt
+schienen die weichen Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu
+wollen.
+
+Als sie so in das Gestöber hineinblickte, beschlich das Mädchen eine
+stille Wehmut: »Morgen ist Weihnachten,« sagte sie leise. Nichts regte
+sich hinter ihr. Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich
+zurück.
+
+Am Tisch saß Wilms, den schweren Kopf auf die Hand gestützt, und
+betrachtete das kleine Goldherz, das er vor kurzem gekauft. Eine Träne
+war auf das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort eingraviert
+stand.
+
+Jetzt sah er auf:
+
+»In acht Tagen ist sie wieder bei uns,« sagte er weich, als ob er seine
+schwere Empfindung zurückdrängen wollte.
+
+»Else?« fragte das Mädchen rasch.
+
+»Ja. -- Komm, Hedwig -- ich will ihr dieses Herz zum Fest schicken. Wir
+wollen es einpacken.«
+
+Das Mädchen richtete sich auf. Langsam schritt sie zum Tisch, langsam
+wog sie das kleine Herz in der Hand. Erst als sie den eingeprägten Namen
+bemerkte, blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls erhoben hatte,
+fest und nachdenklich in die gutmütigen Augen.
+
+»Sie wird sich freuen,« sagte sie schwer und nachdrücklich.
+
+Das Kästchen wurde verschnürt, Wilms schrieb die Adresse, Hedwig trug
+ihm Licht und Siegellack hinzu. Er drückte das Petschaft darauf.
+
+Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun. Ein Atom von dem
+flüssigen Siegellack fiel auf ihre Hand und lag auf der weißen Fläche,
+wie ein runder Blutstropfen.
+
+»O« -- rief Wilms erschreckt, »ich habe dir weh getan.«
+
+»Mir?«
+
+Sie hatte kaum etwas gemerkt.
+
+»Es brennt nicht mehr,« beruhigte sie den Landmann abwehrend.
+
+Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und ging zur Tür. -- Dabei sah
+sie wohl nicht, daß er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es
+immer tat, wenn er ihr »Gute Nacht« bot.
+
+Die Tür schloß sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen konnte. Befremdet
+blickte ihr der Pächter nach. Dann ging er noch lange in dem großen
+Zimmer auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster trat, genau
+dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.
+
+Und ebenso, wie sie, spähte er in das lautlose Schneetreiben hinein, er
+drückte die Stirn an das eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an
+sein fernes Weib?
+
+Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen um den weißen
+abgemagerten Hals schlingen würde, aber während er sich es ausmalte,
+wurde draußen das Getriebe immer stürmischer, die Flocken wirbelten und
+balgten sich immer toller -- das verwirrte seine Gedanken.
+
+»Was wohl Hedwig sagen würde,« raunte etwas in ihm, »wenn ich ihr morgen
+das dünne Kettchen um den Nacken legen würde?« Er wollte den Gedanken
+abschütteln, aber im Geist beugte er sich und küßte sie auf diesen
+weißen, blühenden Nacken. Und immer heißer und toller braute seine
+Phantasie. »Ob sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren roten
+Mund zu ihm erheben würde, wie ein liebendes Weib, das sich an den Mann
+schmiegt?«
+
+Ein irres Lächeln umspielte seine Lippen.
+
+Plötzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames, schmerzliches
+Stöhnen aus:
+
+»Jesus Christus -- nicht in Versuchung,« stammelte er, »o Gott, nicht in
+Versuchung.«
+
+Wie im Krampf faltete er die Hände.
+
+Und draußen klangen noch immer die Glocken, bim -- bum -- bim -- bum,
+feierlich leise, wie Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom
+Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene Gehöft trugen.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+So war das Fest herangekommen.
+
+Schon am Nachmittag bat Hedwig den Pächter, er möchte das große
+Wohnzimmer verlassen. Irgend etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.
+
+Mürrisch und verdrießlich, wie er sich sonst nie gegen das Mädchen
+betragen hatte, ging Wilms hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und
+indem er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den Vorbereitungen
+für den Heiligen Abend fiel Hedwig dies Benehmen nicht sonderlich auf,
+sie rief ihre getreue Dörthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
+Türen.
+
+Unterdessen saß Wilms in seiner Kammer und schrieb an Else einen Brief.
+Heiß und dringend flehte er sein Weib an, zurückzukehren, sobald es ihre
+Gesundheit nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf ihre Rückkehr, wie
+auf ein Fest. Überall fehle sie ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach,
+wenn sie doch erst da wäre. -- Ganz am Schluß erwähnte er auch Hedwig.
+Sie führe das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit, aber sein armes,
+geliebtes Weib könne sie natürlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da
+er es schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine Adern.
+»Gelogen -- gelogen,« tönte es deutlich vor seinen Ohren. Hastig schloß
+er das Schreiben, und saß dann stundenlang in dem immer dunkler
+werdenden Raum.
+
+Er wußte, daß Hedwig unten einen Christbaum schmücke. Für seine Leute
+natürlich, suchte er sich einzureden. Jedoch gleichviel. Bald würde sie
+nach ihm schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen, großen
+Freude. »Und er sollte dann mit ihr zusammen unter den flimmernden
+Lichtern stehen?« grübelte er, »und dann allein sein mit dem Mädchen,
+während der Baum seinen kräftigen Tannengeruch verbreitete und die
+Flämmchen darauf hell und aufrecht in die Höhe züngelten? Würden dann
+nicht die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn gestern bis zum
+Wahnsinn gepeinigt? -- Nein, nein -- nur das nicht mehr. -- Wie wäre es,
+wenn er sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo anders
+zubrächte, vielleicht beim Pastor?«
+
+Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um und tappte leise über
+die dunkle Treppe nach unten. Er durchschritt den Hausflur, da öffnete
+sich die Tür des großen Zimmers, eine Gestalt trat heraus.
+
+Wilms fuhr zusammen und blieb unwillkürlich stehen. Die Dunkelheit
+verhinderte ein Erkennen.
+
+Unsicher näherte sich Hedwig dem Schweigenden.
+
+»Du willst noch ausgehen, Schwager?«
+
+»Ja.«
+
+»Jetzt?«
+
+»Ja, ich hab' noch einen notwendigen Gang.«
+
+»Aber doch jetzt nicht,« drängte das Mädchen und faßte leicht seinen
+Mantel. »Ich wollte dich ja gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am
+Heiligen Abend nicht allein lassen?«
+
+Der Pächter wand sich hin und her, je mehr sie ihn bat, desto qualvoller
+glaubte er sich gefoltert: »Mir macht das ja aber alles keine Freude,
+Hedwig,« brachte er hervor. »Mich peinigt das geradezu.«
+
+»O -- nein, nein,« widersprach sie und ergriff seine Hand.
+
+Das verwirrte ihn immer heftiger.
+
+»Hedwig, ich kann's nicht mehr mit ansehen, wenn andere sich freuen und
+ich allein davon ausgeschlossen sein soll. Laß mich lieber fort, mein
+Kind, ich will --«
+
+Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in der seinen.
+
+»Dazu bist du ja viel zu gut,« sagte sie weich und mitleidig, wie
+selten ein Mensch zu dem Unglücklichen gesprochen. »Willst du mir denn
+auch die ganze Freude rauben?«
+
+»Dir auch?«
+
+»Ja natürlich -- für dich haben wir doch den Baum geputzt.« Immer noch
+ruhte ihre Hand in der seinigen, jedoch mit der anderen riß sie jetzt
+hastig die Tür auf.
+
+Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den dunklen Flur und
+übergoß das eng beieinanderstehende Paar mit seiner Helle.
+
+Groß, dunkelgrün, mit weithin reichenden Zweigen stand der Tannenbaum
+mitten in der Stube, bunte Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast,
+unzählige Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die Leute des
+Gehöfts, Männer und Frauen, alle sonntäglich gekleidet, daß der Herr des
+Hauses das Fest mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum aber
+hatte Hedwig zwei kleine Mädchen aufgestellt, Kinder, die Hofleuten
+gehörten. Sie hielten rote Papierrosen in den Händen und sangen mit
+schwachen Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schloß:
+
+»Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.«
+
+Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den Lichterglanz hineinsah und
+in die erwartungsvoll-feierlichen Gesichter seiner Leute, da hielt er
+sich nicht länger, er legte langsam die Hand vor die Augen und weinte
+bitterlich.
+
+Und die Hofleute nickten einander zu und stießen sich heimlich an, als
+wüßten sie, was ihren Herrn bedrücke.
+
+Aber nur wenige Sekunden ließ sich Wilms so übermannen. Dann richtete er
+sich auf und sah auf das Mädchen, das alles nur für ihn angeordnet
+hatte. Das Licht flutete über ihre braunen Haare, ihre großen Augen
+hingen fest und fragend an den seinigen. Sie stand noch immer dicht
+neben ihm.
+
+»Ich dank' dir, Hedwig,« sagte er einfach und preßte ihre Hand mit
+verzweiflungsvoller Glut. »So schön haben wir in Wilmshus Weihnachten
+noch nie gefeiert.« Er ließ sie voranschreiten und folgte ihr dann in
+die Stube.
+
+Freudig erregt saß der Pächter nachher in seiner Sofaecke und verfolgte
+Hedwig, wie sie jedem der Hofangehörigen ein kleines Geldgeschenk
+überreichte, das Wilms für seine Leute bestimmt hatte, und für sich
+selbst außerdem noch eine Aufmerksamkeit hinzufügte. Dörthe bekam eine
+Schürze, der alte Krischan einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen
+Mädchen küßte Hedwig und band ihnen seidene Halstücher um.
+
+Hierauf allgemeines Knixen und Handschütteln.
+
+»Ich dank' auch, Herr -- schönen Dank auch, Fräulen -- ne es is auch gar
+zu viel -- so was hätt' ich mich nich vermutet -- Herrje und was die
+Leinwand schön is.«
+
+Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging mit ihnen.
+
+Wieder saß der Pächter allein und blickte träumerisch in die ruhig
+brennenden Lichter hinüber.
+
+Da flog die Tür noch einmal auf: »Julklapp,« rief es und dann noch
+zweimal »Julklapp -- Julklapp.«
+
+Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da nur Hedwig so frisch und
+hell rufen konnte, so wußte der Landmann, daß die drei Geschenke für ihn
+bestimmt seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder zurückkehren würde,
+aber als er allein blieb, öffnete er die Schachteln. In der ersten fand
+er eine Kiste feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
+letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem mit Seide ein Kranz
+blauer Veilchen gestickt war. Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran
+befestigt, darauf stand »von Else«.
+
+War es möglich?
+
+Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in die Hand. Und diesen
+wundervollen leuchtenden Kranz sollte sein armes Weib mit ihren
+zitternden Fingern hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.
+
+Aber wer sonst?
+
+Hinter ihm näherte sich etwas, ein leises Knistern wurde hörbar, Wilms
+kehrte sich um und sah in das liebenswürdige Gesicht Hedwigs.
+
+Er hob die Stickerei in die Höhe und fragte erregt: »Wirklich von Else?«
+
+Ein Schatten flog über die Stirn des Mädchens, aber sie bejahte. Allein
+den Ungläubigen überzeugte sie nicht.
+
+»Hedwig -- ich glaub's nicht -- Else hat ja so feine Arbeit gar nicht
+gelernt -- nicht wahr -- du -- von dir?«
+
+Wieder schüttelte sie leise das Haupt.
+
+»So sag's doch,« rief er dringend.
+
+Endlich gab sie es zu: »Nun ja, es ist von mir,« gestand sie, »Else
+wollte dir gern etwas Derartiges anfertigen, aber sie vermochte es noch
+nicht. Da habe ich es übernommen.«
+
+»Also auch von dir?« murmelte der Pächter mit zitternder Stimme. Eine
+Weile stand er in Gedanken versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne
+ein Wort des Dankes zu sprechen. »Und ich,« überlegte er bei sich, »ich
+habe gar nicht daran gedacht, diesem lieben, reizenden Geschöpf eine
+kleine Freude zu bereiten. Mit leeren Händen steh' ich vor ihr, als
+gehörte sie gar nicht in mein Haus! Während sie --«
+
+Es überlief ihn heiß und kalt. Vor Beschämung wagte er gar nicht die
+Augen zu erheben. Langsam und beklommen drängte es sich über seine
+Lippen.
+
+»Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von wem sind die?«
+
+Aus ihren Augen sprühte ein spitzbübischer Funke, um ihren Mund flog ein
+schelmischer Zug. -- Die seltsame Unbehilflichkeit des Mannes ergötzte
+sie.
+
+»Von wem sie sind? -- Wer weiß?«
+
+Sie zuckte die Achseln, aber als sein verstörtes Antlitz sie darüber
+belehrte, daß er sich härmte und litt, tat es ihr leid, diese
+verschlossene Natur, deren tiefes Gemüt sie immer stärker und gewaltiger
+anzog, verletzt zu haben.
+
+Die Lichter brannten noch immer, es war so gemütlich im Zimmer, tiefe
+Stille umgab die beiden.
+
+Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbrüten nicht bemerkt, wie das
+schöne Mädchen, nachdem sie lange auf ein Dankeswort geharrt, sich
+enttäuscht abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.
+
+Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren Fingern ein altes
+Kinderlied, das sie variierte und umbildete.
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das tönte, wie wenn eine Mutter
+ihr unruhiges Kind einwiegt. Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter
+ihm vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenhütte am Strand. Ach
+er sehnte sich so nach Ruhe, sein Herz war müde und wollte schlafen, so
+traumlos wie damals in Mutters Schoß.
+
+Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle Saiten brausten, wie
+ein Choral tönte es jetzt, das alte Lied.
+
+Der Pächter schauerte, unwillkürlich fiel sein Blick auf einen einfachen
+Silberring, den er seiner sterbenden Mutter vom Finger gezogen und
+seitdem an der Uhrkette trug. Verstohlen küßte er den Reif und trat
+hinter Hedwigs Stuhl.
+
+Und das Brausen und Donnern löste sich, der gewaltige Orgelton verlor
+sich in der Ferne, wie ein süßer, gestammelter Kindergruß klang es aus.
+
+Noch spielte sie die letzten ersterbenden Töne, da fühlte sie, wie
+Wilms seine Hand auf ihr Haupt legte und leise ihr Haar streichelte. --
+Sachte, sachte, eine scheue, zaghafte Liebkosung.
+
+Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die langen Wimpern nicht auf.
+
+Noch einmal fuhr er ihr leicht über die Flechten, dann -- ihr stockte das
+Herz -- dann fühlte sie, wie er ihre Hand ergriff und sanft einen
+silbernen Ring an ihren Finger schob.
+
+»Da, Heting,« sprach er weich, »du hast so schön gespielt -- ich schenk'
+ihn dir -- er is von meiner Mutter.«
+
+Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren braunen, ernsten Augen
+zu ihm empor und wollte etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie
+gelähmt. Nur eine düsterrote Glut stieg ihr langsam über Hals und
+Wangen.
+
+Da wurde plötzlich seine Hand, die noch liebkosend auf ihren Haaren
+ruhte, drückend und schwer, als ob sie sich in Eisen verwandele.
+
+Hedwig hätte aufschreien mögen, so schmerzte es sie.
+
+»Was ist dir, Schwager?«
+
+Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts; es war nur
+unheimlich, die hervorquillenden Augen zu sehen, die unverwandt auf das
+Bett starrten. Ganz zufällig war der Blick des Pächters über das
+reinlich zugedeckte Lager geglitten und da, -- da wurde eben seine Hand
+so schwer, als würde sie Eisen.
+
+In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert, blaß und streckte die
+Arme nach dem Manne aus, der ihre Schwester streichelte.
+
+»Wilms,« rief Hedwig entsetzt und sprang auf. Ihre kräftige Stimme
+verscheuchte den Spuk.
+
+»Ja, ja -- Hedwig -- willst du etwas?«
+
+»Um Gottes willen, Schwager -- was ist dir? -- fühlst du dich krank?«
+
+»Nein -- ich? bewahre -- mir war nur so -- seltsam. -- Ich glaubte -- es
+ist lächerlich -- mir kam es vor, als läge Else mit einemmal dort drüben
+in ihrem Bett,« murmelte er einfach, und doch mit hervorbrechendem
+inneren Entsetzen.
+
+»Else?« stammelte das Mädchen.
+
+Beide starrten sich an, beide versuchten ein Lächeln zu erzwingen, aber
+die Furcht schüttelte sie, wie wenn ein kaltes, graues Gespenst zwischen
+ihnen stände.
+
+Das war das erstemal, daß es sie auseinander trieb.
+
+Der Landmann faßte sich zuerst. »Wollen ein Ende für heute machen,«
+ermannte er sich kurz -- »es ist schon spät -- gute Nacht, mein Kind.«
+
+Sie reichten sich wie immer die Hände. Die Finger des Mädchens waren
+eiskalt. Dann trat Wilms an den Baum und löschte die Lichter aus.
+
+Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichgültig sah Hedwig zu, wie ein
+Flämmchen nach dem anderen unter seinen Fingern erstarb, zuletzt
+brannten nur noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.
+
+»Gute Nacht,« murmelte Wilms noch einmal, dann hatte er das Zimmer
+hastig verlassen.
+
+Hedwig war es, als müßte sie ihm nacheilen, sich in seine Arme werfen
+und Schutz suchen, Hilfe gegen die Traumgestalt dort in dem Bette, das
+auch sie jetzt aufnehmen sollte.
+
+Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte, wenn es neben ihr läge und
+sie mit dürren, weißen Armen umfing, um sie zu würgen!
+
+»Warum?«
+
+»Weil du denselben Mann begehrst, der mir gehört -- mir.«
+
+Einen leisen Angstschrei stieß Hedwig aus.
+
+»Gib mir den Ring,« klagte es neben ihr weiter. »Er gebührt dir nicht!«
+
+»Licht -- Licht.«
+
+Mit zitternden Händen entzündete Hedwig die große Stehlampe und blickte
+sich um. Rings lag alles friedlich und still, alles in den traulichen
+Schein der Lampe getaucht. Jetzt lächelte Hedwig und setzte sich an den
+Tisch, aber es war ein müdes, herzzerreißendes Lächeln, und als das
+Mädchen den Reif an ihrem Finger fühlte, war es ihr, als ob er sie
+stäche.
+
+»Weißes Silber bedeutet Tränen, sagen die Leute,« dachte sie.
+
+Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und ließ noch einmal die Finger
+über die Tasten eilen. Leise drangen die Töne durch das Haus, und Wilms,
+der oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand preßte und den Schlummer
+herbeiflehte -- ihn umschmeichelte plötzlich die liebe, alte Melodie, das
+Lied, mit dem ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:
+
+»Schlaf, Kindchen, schlaf.«
+
+Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er fand keine Ruhe mehr,
+sondern dachte unausgesetzt an das wunderbare, schöne Weib, dem er den
+Silberring geschenkt.
+
+So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.
+
+
+
+
+V.
+
+
+»Komm, Hedwig -- willst du nicht mit in die Kirche?« fragte am nächsten
+Morgen der Pächter, indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
+Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig vor dem Fenster saß und
+las.
+
+Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt und blaß aus, und
+auch der Pächter mißfiel ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die
+Tracht ließ ihn altfränkisch, kleinbürgerlich erscheinen. -- Früher, in
+dem Pensionat würde Hedwig über eine solche Figur gelacht haben.
+
+Was war nur aus ihr geworden?
+
+»Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht in die Kirche begleiten?«
+wiederholte der Landmann dringender. Ihm erschien der Kirchgang am
+ersten Feiertag als selbstverständlich.
+
+Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr gestern geschenkt, und
+lehnte dann seine Aufforderung mit kurzen Worten ab.
+
+»Du willst nicht?« stotterte Wilms, als wenn er es nicht glauben könne.
+
+Das Mädchen tippte auf ihr Buch und schüttelte den Kopf. »Geh nur
+allein, Schwager. In der Kirche ist es mir zu voll. Die vielen Leute
+stören mich dort.«
+
+»Stören dich?«
+
+»Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen, weißt du, der
+Gott, an den ich glaube, der kümmert sich um das Singen gar nicht.«
+
+Verständnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte sie der Pächter an.
+Eine tiefe Trauer zog allmählich über sein ehrliches Gesicht. -- Sie war
+so schön, wenn sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
+trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und erwiderte kleinlaut:
+
+»Ich hab' dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht -- -- ich wußte ja
+nicht, daß du -- daß du so gesonnen bist -- -- und also --« er drehte das
+kleine Buch hin und her, »du begleitest mich also nicht?«
+
+Es sprach soviel schwermütige Bitte daraus, daß Hedwigs Herz
+unwillkürlich schneller schlug. Aber ein Blick auf den altväterlichen
+Bratenrock und das abgegriffene Gebetbuch stimmte sie wieder um.
+
+Ihre heftig brennende Neigung kam ihr plötzlich wie ein Traum vor. Nach
+Liebe sehnte sie sich, nach Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend
+etwas, was sie noch nicht kannte, -- und nun dieser schwarzgekleidete,
+unbehilfliche Mann mit seiner Atmosphäre von dumpfer Kirchenluft.
+
+Sie erwachte förmlich. Die Stunde in dem Pensionsstübchen fiel ihr ein,
+-- und -- --
+
+»Nein, ich gehe nicht,« entschied sie entschlossen.
+
+Wilms nickte und ließ noch einmal seine blauen Augen voll auf ihr ruhen.
+»Wie du willst. -- Dann ruh' dich hier aus, Heting. Und wenn ich
+wiederkomm', singst du wieder so schön wie gestern.«
+
+Er konnte ihr Erröten nicht mehr wahrnehmen, ebenso wenig wie die
+heftige Bewegung, als wenn sie ihn dennoch zurückhalten wolle.
+
+Langsam schritt er über den Hof in den klaren Wintertag hinein, während
+das Mädchen ihm durch das Fenster ernst und düster nachschaute.
+
+In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den hohen Eichenstühlen blieb
+ein Platz neben Wilms frei. Hier hatte Else früher gesessen, und der
+Pächter hatte es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag diesen
+Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.
+
+Wie silberhell würde ihre Stimme, die ihm gestern abend das ganze Herz
+gerührt hatte, wohl geklungen haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an
+Haupt, aus dem kleinen Büchlein die Psalmen verfolgt hätten. Und nun
+-- -- -- die Orgel rauschte, die Gemeinde stimmte ein, aber Wilms Lippen
+bewegten sich nur mechanisch, er dachte immerfort an das schöne, junge
+Geschöpf daheim, das an dem Christenglauben keine Freude fand.
+
+Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf sie sein konnte, warum
+sich nicht zwischen dem Frommen und ihr, der Gottlosen, eine noch höhere
+Scheidewand aufrichte -- aber seltsam, auch ihn erbaute heute der Dienst
+des Herrn nicht, keine Tröstung fand er in den Worten des kleinen Pastor
+Schirmer, immer wieder beschäftigten sich seine Gedanken mit dem
+Mädchen, er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und verstand es
+nicht, warum er nicht bei ihr geblieben sei. Und doch brauste die Orgel
+so herrlich und doch feierte man die Geburt des Herrn.
+
+Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren Gedanken. Er besaß
+auch keinen Gott mehr, nur ein Weib, das er umfassen und küssen und
+immer wieder küssen wollte, sein Heiland war ein Mädchen, das ihn
+fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.
+
+»Wirf die Last von dir,« zuckte es durch seine Sinne.
+
+Hatte es der Pastor gesprochen? -- War es ein Bibelwort? -- Er wußte es
+nicht.
+
+ * * * * *
+
+Als Wilms seine Schwägerin verlassen hatte, war Hedwig noch einige Zeit
+regungslos am Fenster sitzen geblieben. Bald betrachtete sie den
+schmalen, silbernen Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
+dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht, wer sie hierher
+versetzt hätte. Ihr war plötzlich alles zu eng und dumpf. Die
+entsetzliche Angst von gestern drückte noch auf ihr Gemüt, ihr dämmerte
+es, als wäre sie bis jetzt von einem häßlichen Zauberschlaf umsponnen
+worden.
+
+»Luft -- Licht.«
+
+Sie spähte an sich herunter. Das einfache, schwarze Kleid kam ihr
+ärmlich vor.
+
+Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden? Draußen blitzte und
+funkelte die Landschaft. -- Die dickbeschneiten Bäume der Straße sahen
+wie ungeheure, weiße Korallen aus.
+
+Das Mädchen befiel ein ungestümer, heißer Drang, dort draußen
+hinzustürmen, sich auszutummeln, ihre frische, schwellende Kraft zu
+betätigen. Ja, sie wollte ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein
+kleiner winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und dann
+hinfliegen auf der glatten Bahn, das würde sie wieder gesund machen.
+
+Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames Pelzjäckchen geschlüpft,
+hatte sich ihr keckes Barett aufgesetzt und lief jetzt über den
+einsamen, menschenverlassenen Hof.
+
+»Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen Hause.«
+
+Jedoch sie täuschte sich.
+
+Vor dem Stall saß der alte Krischan, der Zauberer des Hofes, und
+zitterte vor Frost oder vor Schwäche. Neben ihm hielt der Rabe seinen
+beständigen Schlaf und zitterte ebenfalls.
+
+Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.
+
+»Alterchen,« befahl sie, »holen Sie mir mal den Schlitten aus dem Stall
+und das braune Handpferd dazu.«
+
+Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und grinste sie an.
+
+»Willen dat Fräulen utführen?« hustete er.
+
+»Ja, und nun schnell.«
+
+Allein der Greis hatte nicht gehört, oder wollte den Befehl nicht
+ausführen. Langsam schlich er zur Seite und schüttelte den Kopf.
+
+Das Mädchen blickte ihn an: »Was soll das heißen? Haben Sie mich denn
+nicht verstanden?«
+
+Der Alte schüttelte wieder und steckte die Hände in die Hosentaschen.
+Dann begann er von neuem zu zittern, wie ein Knochengerüst, das im Winde
+klappert.
+
+Ein widerwärtiger Anblick.
+
+Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht an den häßlichen Alten
+heran und sagte scharf und bestimmt:
+
+»Christian, es wird Zeit, daß Sie vom Hof herunter und in das
+Gemeindehaus kommen. -- Verstehen Sie mich? Hier können Sie nichts mehr
+leisten, dort dagegen können Sie sich ausruhen. -- Mein Schwager wird Sie
+beköstigen. Wollen Sie?«
+
+Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte, kaute weiter und
+murmelte gelassen:
+
+»Ick bliew hier. Se sünd nich de Fru. Se hewwen hier nix tau seggen.«
+
+»Was?« entgegnete Hedwig erblassend, »das wird sich finden.« Mit
+schnellem Atem betrat sie den Stall, wo sie einen Hofjungen fand, der
+sein flachsblondes Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war. Sie
+rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine, blaue Schlitten bald
+herausgehoben und mit dem schönen braunen Pferde bespannt.
+
+Hedwig setzte sich hinein.
+
+»Aber der Kutscher is in die Kirche,« meinte der Junge.
+
+»Schadet nicht -- ich fahre allein -- adieu!«
+
+Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein Renner mit halbenglischem
+Blut, machte einen Seitensprung und flog mit ihr vom Hofe herunter.
+
+Windschnell ging es über die weiße Landstraße. Die kleinen
+Schlittenglocken klangen und klingelten, ringsum war keine Menschenseele
+zu erspähen, alle hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein
+genoß jetzt die weiße, blitzende Landschaft.
+
+Wie ihre Wangen sich röteten, wie die Augen vor Lust und Freude
+blitzten. Die letzten, dumpfen Wochen waren vergessen, das war wieder
+die Hedwig von ehemals.
+
+Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt, kamen die Gläubigen
+gerade heraus, der ganze Platz wimmelte von festlich gekleideten Männern
+und Frauen. Ihr war es auch, als hätte sie auf der Portaltreppe ihren
+Schwager erkannt, der in seinem langen, schwarzen Rock und seinem
+wolligen Zylinder auf den Stufen stand und nach dem Gespann hinübersah.
+
+Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so daß das kleine Gefährt wie
+ein Gedanke vorüberschoß. Sie wollte einmal allein sein, alles
+vergessen, alles abschütteln.
+
+»War sie's? -- War sie's nicht?« dachte Wilms und strengte seine Augen
+aufs äußerste an. »Nein, sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,«
+beruhigte er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff ihn immer
+heftiger. Mächtig schritt er aus, um heimzugelangen.
+
+Währenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt. Wie ein ungeheures,
+erstarrtes Meer dehnte es sich zu beiden Seiten der Chaussee, die
+Grenzbüsche und die kleinen eisbereiften Tannenschläge schienen enorme
+Sturzwellen, die in der Höhe festgebannt waren. Nur leichte
+Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.
+
+Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und gönnte ihrem dampfenden Braunen
+jetzt größere Ruhe. Und Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem
+Wiehern, zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee, wohl zwei
+Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der Landstraße liegendes Gasthaus
+erreicht hatten, das man in dortiger Gegend »Krug« nennt.
+
+Hier warf das Mädchen dem Braunen eine Decke über, stieg ab und betrat
+die niedrige weißgetünchte Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen
+verbreitete hier eine enorme Hitze. Ein derber, weißgescheuerter
+Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungefüge Stühle davor,
+sonst bildeten nur noch ein schwarzes, fettglänzendes Ledersofa und
+mehrere Öldruckbilder, welche glückliche Familienszenen darstellten, das
+Meublement der verlassenen Gaststube.
+
+Und verödet blieb sie noch eine Weile. Hätte nicht eine unsichtbare
+Klingel bei Hedwigs Eintritt hell geläutet, die Krugwirte würden
+überhaupt nichts von ihrem Besuch erfahren haben.
+
+So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines blasses Weib, an deren
+Röcken sich zwei Kinder festklammerten, während es ein drittes, einen
+Säugling, auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs Wunsch, ein Glas
+Milch zu bringen.
+
+Hedwig ließ sich an dem weißgescheuerten Tisch nieder, streifte sich die
+Handschuhe ab und sah durch das kleine pappgeflickte Fenster der
+Gaststube auf das blinkende Feld hinüber.
+
+Draußen stand ihr Brauner, schüttelte sich und wieherte laut.
+
+Das gab ihren Gedanken die Richtung.
+
+»Am besten wär's,« überlegte sie sich, »ich bestieg wieder den
+Schlitten, und dann rasch, weit fort von hier in die Stadt und von dort
+wieder weiter, viel weiter, wo ich nichts mehr höre von alledem, was ich
+hier zurückgelassen. O, es wäre so gut, wenn ich jetzt ginge, bevor -- ja
+bevor irgend etwas Schlechtes sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich
+weiß nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus, so
+ansteckend, ich wünschte, ich wäre nie dort eingekehrt. -- Warum mir das
+heut wohl gerade einfällt?«
+
+Sie stützte den Kopf in beide Hände und saß eine Zeitlang regungslos.
+Das eiserne Blech vor dem Ofen knackte und bog sich regelmäßig hin und
+her. Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen hinein. Hinten auf
+dem Hof des Hauses schienen mehrere Männer miteinander zu sprechen.
+
+Das Mädchen regte sich. Sie war also nicht allein hier? Auch brachte die
+Krugwirtin das Verlangte noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
+erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel frische Milch
+vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte sich, ob sie noch andere Gäste
+beherberge.
+
+»Nein, Fräulein, mein Mann hat bloß Besuch. Wir woll'n Pferd verkaufen.«
+
+Damit ging sie wieder hinaus.
+
+Aber während Hedwig an dem Glase nippte, wurde draußen wiederum die
+Flurtür geöffnet, und das Mädchen hörte eine kräftige Männerstimme
+sprechen.
+
+Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte. Allein sie vernahm nichts
+mehr. Das laute Gespräch hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie
+von einer merkwürdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen. Rasch
+schritt sie zur Tür und rief die Wirtin: die erschien auch
+bereitwilligst mit ihrem Säugling auf dem Arm und wischte mit einem Tuch
+den Tisch sauber.
+
+»Nun, ist das Pferd schon verkauft?« fragte Hedwig.
+
+»Ja, sie sind woll schon einig.«
+
+»Wer ist denn der Käufer?«
+
+»Je, ich kenn' ihm auch nich. Mein Mann sagt ja woll 'Herr Graf' zu
+ihm.«
+
+»Graf?« stotterte die andere erblassend, »vielleicht Graf Brachwitz?«
+
+»Ja, so kann er woll heißen,« antwortete die Wirtin gleichgültig und
+trocknete sich die Hand ab, um die Bezahlung entgegenzunehmen.
+
+»Hier, liebe Frau, hier haben Sie -- -- hier haben Sie.« Hedwigs
+Bewegungen wurden immer hastiger. Vergeblich durchwühlte sie ihre
+Taschen, ohne jedoch ihr Portemonnaie finden zu können. Wahrscheinlich
+hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt überhaupt vergessen, Geld zu sich
+zu stecken.
+
+»Na, das schad't ja nich,« tröstete die Krugwirtin verwundert, »das
+Fräulein schickt mich's dann.«
+
+»Ja, ja, ich schicke es Ihnen.«
+
+Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt hatte, und sie konnte
+hinauseilen. Mit hastigen Fingern rückte sie es sich zurecht, da
+schallten Tritte den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch das
+Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd dicht neben ihren
+Schlitten hinausführte.
+
+Jetzt hoffte das Mädchen nur noch, daß der Mann, dem das Roß dort
+draußen gehörte, an der geschlossenen Tür der Gaststube vorübergehen
+würde. Aber das Schicksal wollte es anders. Die Tür wurde aufgemacht,
+ein schlanker Mann, in grauem Wams und Pelzmütze, guckte herein und rief
+gutmütig:
+
+»Sie, Frau Wirtin, ich hab' doch noch die paar Taler zugelegt -- wir sind
+jetzt einig. Aber wehe Ihnen, wenn's nicht wirklich eine Whalebonestute
+ist. -- Na, guten -- -- --«
+
+»Morgen,« wollte er sagen, indessen mitten im Wort fiel sein Blick auf
+die Dame, die ihm zuvor den Rücken wandte, deren Gestalt ihm aber so
+einzig vorkam, daß er sie sofort erkannte. Da erblaßte auch er und
+verlor die Herrschaft über sich. Allerlei Entschlüsse fuhren ihm wild
+durcheinander. Sollte er nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er
+es doch noch einmal wagen, vor das schöne Mädchen, das er so beleidigt
+hatte, hinzutreten?
+
+Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die Tür wies?
+
+Er starrte ungewiß auf sie hin und merkte, daß über ihre abgewandte
+Figur ein Zittern lief, als wenn sie ebenfalls mit sich kämpfe.
+Plötzlich kehrte sie sich hastig um. »Wie gesagt, ich habe das Geld
+vergessen -- ja, ich -- ich schicke es Ihnen aber, liebe Frau,« brachte
+sie verworren hervor, um nur irgend etwas zu äußern, und schritt rasch
+auf die Tür zu, auf deren Schwelle ihr Bedränger von ehemals noch immer
+verharrte.
+
+Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art drückte sich soviel
+Trotz, Kraft und Selbstbewußtsein aus, sie war in ihrer Verwirrung so
+eigenartig schön, daß Brachwitz vollkommen überwältigt zurücktrat und
+die Mütze vom Kopf riß.
+
+»Guten Morgen,« murmelte er mit einer respektvollen Verbeugung, während
+sie an ihm vorüberschritt.
+
+Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann auf die Landstraße
+hinaus. Dort hatte der Krugwirt ihrem Braunen einen Futtertrog
+umgehängt, und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes, so daß er
+dem Mädchen nicht behilflich sein konnte, ihr Tier von der umgehängten
+Blechbüchse wieder zu befreien.
+
+Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen, in der Eile überhastete sie
+alles. Auch die Decke konnte sie nicht schnell genug zusammenfalten.
+
+Am liebsten wäre sie zu Fuß durch den Schnee davongerannt.
+
+Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf den niedrigen Stufen des
+Gasthauses und beobachtete das Treiben des Mädchens eine Zeitlang
+gespannt. Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat ihm ehrlich
+leid, daß Hedwig eine so schlechte Meinung von ihm hatte, und er
+verwünschte sein ungestümes Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
+Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er zu Hedwigs Braunem,
+nahm unbeirrt von ihrem Zurückweichen dem Tiere den Trog ab, dann
+faltete er die Decke und trat höflich an den Schlitten, den Hedwig
+inzwischen ratlos bestiegen hatte.
+
+»Darf ich die Decke hier hereinlegen?« murmelte er kleinlaut.
+
+Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den wollenen Fries leicht
+über die Füße warf.
+
+»Keinen Kutscher?« fragte er dann erstaunt, während er ihr die Zügel in
+die Hände gab.
+
+»Nein,« versetzte sie fest, »ich fahre selbst.«
+
+Sie hob die Peitsche.
+
+Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz auf die Schwelle des
+Schlittens getreten. »Ich möchte Sie bitten -- gnädiges Fräulein, daß Sie
+mir die Zügel überlassen,« bat er leise und verwirrt.
+
+Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.
+
+Hedwig wandte ihre großen, braunen Augen auf den hübschen Menschen. Ihr
+Blick war seltsam. Es schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen.
+Und nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit zitternder
+Stimme:
+
+»Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz, ich muß Ihre Begleitung
+bestimmt ablehnen. -- Ein für allemal.«
+
+»Ein für allemal?« wiederholte er.
+
+»Vorwärts!«
+
+Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand des Grafen legte sich sanft
+auf den Griff.
+
+Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer atmend auf.
+
+»Liebes Fräulein,« bat er dringend, »ich bitte Sie -- bitte Sie von
+Herzen -- hören Sie mich doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
+nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu -- -- nun ja, zu
+rechtfertigen. Darf ich denn nicht, wenn Sie mich nicht bei sich im
+Schlitten dulden wollen, wenigstens nebenher gehen, natürlich nur so
+lange es Ihnen gefällt, langsam zu fahren? -- Ich möchte doch gar zu gern
+Ihre Verzeihung erhalten, darf ich?«
+
+Er ergriff die Zügel seines Pferdes, und da Hedwig nichts antwortete, so
+hielt er es für Zustimmung und schämte sich nicht, zu Fuß neben dem
+langsam gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit sich zu
+führen.
+
+Hedwig selbst kam es wie eine Art Bußwanderung vor, als wenn der junge
+Mann, der sie so beleidigt hatte, sich allein demütigen wollte. Mit
+Interesse blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment aber fiel ihr
+ein, wie heiß und wahnsinnig dieser fremde Mensch sie schon einmal
+geküßt hatte. Das empörte sie plötzlich wieder so ungestüm, daß sie der
+Szene ein Ende zu machen beschloß.
+
+»Was wollen Sie also von mir?« forschte sie hart.
+
+»Endlich Ihre Verzeihung erlangen,« erwiderte der Graf treuherzig. --
+»Ich schäme mich aufrichtig, daß ich so häßlich gegen Sie gehandelt
+habe; Fräulein Hedwig -- gnädiges Fräulein, wollen Sie mir nicht die
+Versicherung geben, daß Sie mir nicht mehr zürnen?«
+
+»Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung, daß damit unsere
+Unterredung zu Ende ist, und sich unsere Wege nie mehr kreuzen.«
+
+»Nie mehr?«
+
+»Nein.«
+
+»Und warum nicht?«
+
+»Das wissen Sie doch -- weil es zwecklos wäre, Herr Graf.«
+
+Sein dunkles Gesicht färbte sich höher, er sah sie voll an und empfand
+wieder ihre Schönheit. Leicht seufzte er auf und legte die eine Hand auf
+die Lehne des Schlittens.
+
+»Sie haben recht,« gab er endlich in sich gekehrt zu, und über seine
+frischen, offnen Züge legte sich ein Schatten. »Ach, Unsinn, Fräulein
+Hedwig, ich muß es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
+handeln. Es ist tatsächlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen wirklich gut
+war -- nein, werden Sie mir nicht böse, Ihnen war ich wirklich gut, wenn
+ich Sie auch in meiner Tollheit geradezu mißhandelt habe, ich
+unterschätzte Sie vielleicht -- -- aber das ist es nicht allein --«
+
+»Nun, aber?« fragte das Mädchen hastig. Ihr Herz klopfte. Unvermittelt
+blitzte es ihr auf, als ob dieser junge Aristokrat, der ihr eben so
+treuherzig seine Liebe gestand, die Hände ausstrecken würde, um sie vor
+dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. »Nun, aber?« kam es zitternd über
+ihre Lippen. »Was wollen Sie mir noch mitteilen?«
+
+Sie wußte jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte gerettet werden.
+
+»Aber,« murmelte er widerwillig und riß an dem Zügel seines Pferdes --
+»man hat mich da vorige Woche in der Hauptstadt verlobt.«
+
+»Sie?«
+
+Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich ihren Wangen. Und doch
+durchschauerte sie es nur deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom
+Schicksal zum Untergang bestimmt hielt.
+
+»Und wer ist Ihre Braut?« wollte sie stammeln, aber in demselben
+Augenblick hatte sie ihrem Braunen mit voller Wucht die Peitsche
+versetzt, das Tier zuckte in die Höhe und raste dann in voller Wut mit
+dem Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum hörte sie
+noch, was ihr überraschter Begleiter ihr nachrief.
+
+Mit aller Kraft riß und zerrte sie an den Zügeln, jedoch sie hatte ganz
+die Gewalt über das schäumende Tier verloren. Wie jagende Traumbilder
+schossen Bäume, Häuser und Menschen an ihr vorüber, die vorübersausende
+Luft nahm ihr den Atem.
+
+ * * * * *
+
+In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte nicht gefunden. Er
+fragte den alten Krischan. Der zuckte die Achseln und wies auf die
+Landstraße hinaus.
+
+»Da is sie fortgefahren, Krischan?« forschte Wilms betroffen -- »allein?
+Saß sie nicht im Schlitten?«
+
+Der Alte nickte und schlotterte weiter.
+
+»Fort?« murmelte Wilms, während er in sein Haus zurückschritt. Und er
+hatte sich so gefreut, mit ihr zusammen zu sein. Das einsame große
+Zimmer schien ihm ohne sie unwirtlich. Als das Mädchen nach einer Stunde
+nicht zurückgekehrt war, warf er sich in seine gewöhnliche Joppe, band
+den Hofhund los und wanderte die Landstraße nach Boltenhagen zu.
+
+In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise, in denen sie
+gefahren war. Wilms Herz zog sich zusammen. Da er das Mädchen jetzt
+schon entbehrte, wie sollte es werden, wenn sie ihn gänzlich verließ,
+sobald sein Weib zurückgekehrt war?
+
+Kurz vor Boltenhagen hörte er etwas über die Chaussee klingeln. Der
+ferne Punkt, den er wahrnahm, wurde größer und größer, schon vernahm er
+das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.
+
+Er sprang zur Seite.
+
+»Halt!« rief er mit harter Stimme den Anstürmenden entgegen.
+
+Hedwig sah ihn, hörte ihn, aber dem Durchbrenner konnte und wollte sie
+keinen Einhalt tun. Nur vorbei, nur nicht gefragt werden, nur weiter
+sich austoben können, hart begleitet von der Gefahr.
+
+Schon waren sie nahe.
+
+»Halt,« schrie Wilms noch einmal.
+
+Sein ganzer Kopf rötete sich. Er hielt dieses Vorübersausen für
+beabsichtigt, um ihm zu entgehen. Schon heute früh war sie an der Kirche
+so vor ihm entflohen.
+
+»Ich bin's, Hedwig,« brüllte er noch einmal.
+
+Keine Antwort.
+
+Immer näher.
+
+Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem Bauern. Er springt vor, seine
+gutmütigen Augen drohen, ein mächtiger Faustschlag trifft das Pferd vor
+die Stirn, daß es hoch in die Höhe steigt. Der Schlitten wird
+umgeschleudert und das Mädchen schlägt hart in den Schnee, wo es mit
+weitaufgerissenen Augen liegen bleibt, als hätte sie der Blitz
+getroffen.
+
+»Wilms,« murmelt sie betäubt.
+
+Er hob sie auf, und noch halb über sie gebeugt, gurgelte er heiser vor
+Aufregung: »Hedwig, dir is doch nichts? Sag' doch, Heting, dir is doch
+nichts?«
+
+Er wußte gar nicht, was er getan hatte.
+
+»Nein, nein -- Wilms, ich will nach Hause.«
+
+»Ja, wir wollen nach Hause, Heting,« brachte er bestürzt heraus, »komm',
+ich heb' dich in den Schlitten.« Und während er das Mädchen in das
+wieder aufgerichtete Gefährt niederließ, befühlte und betastete er sie
+ängstlich, ob sie auch keinen Schaden genommen hätte.
+
+»Heting, sag' mir bloß, wo bist du denn gewesen?«
+
+Allein sie saß wie erstarrt.
+
+»Frag' mich jetzt nicht -- ich will nach Haus.«
+
+»Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht fragen,« gab er
+sofort nach. »Aber nicht wahr, Heting, dir fehlt doch nichts?«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Dann kommt es bloß vom Schreck,« tröstete er sich und sie. Er nahm
+neben ihr Platz, ergriff die Zügel, und der gebändigte Braune begann
+folgsam im Trabe zu laufen.
+
+Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt. Gedankenlos saß
+Hedwig neben dem Pächter und hörte auf das Läuten der Glöckchen. Nur
+einmal stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt das Tier jeder
+Bewegung des Lenkers folge, das vorher so wild gewesen.
+
+Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite und merkte, daß seine
+Augen gleichfalls auf ihr hafteten, voller Angst.
+
+Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er das Pferd
+zurückgeschlagen hatte.
+
+Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe sie selbst der
+Faustschlag getroffen.
+
+Was sollte daraus noch werden?
+
+Es war ihr, als hätte er damit auch sie gebändigt.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Und die Erkenntnis, daß sie langsam unterlag, rührte ihr ganzes Wesen
+auf.
+
+Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt, so setzte sich Hedwig völlig
+erschöpft in eine Sofaecke und begann plötzlich heftig zu schluchzen.
+Wilms sah bestürzt, daß all ihre Glieder bebten und zitterten wie
+Grashalme, über die der Sturm rauscht.
+
+»Heting -- liebes Heting,« murmelte er und fuhr ihr unbeholfen über das
+Haar. -- »Bist du krank? -- Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?«
+
+Immer heftiger flossen ihre Tränen. Wie ein plötzlicher Regenhusch, der
+das Gewitter anzeigt.
+
+»Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist noch böse auf mich von
+vorhin?«
+
+Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten gestürzt.
+
+»O nein.«
+
+Sie schüttelte den Kopf und drückte krampfhaft seine Hand.
+
+»Wilms -- ich bitte dich, Schwager,« flüsterte sie dringend. »Geh' jetzt
+hinaus und laß mich allein -- ganz allein -- nicht wahr, du tust mir den
+Gefallen?«
+
+»Natürlich, Heting, ich tu' ja alles, was du willst,« erwiderte der
+Landmann. »Bloß sag' mir noch, bist du vielleicht ungehalten, weil ich
+heute ohne dich in die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht für recht
+hältst, dann will ich ja überhaupt nicht mehr hingehen.«
+
+Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung, und der Pächter
+schritt schwer und erschüttert hinaus. Kaum hatte er die Tür hinter sich
+geschlossen, so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchrüttelt
+und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo sie ihren Kopf in die Kissen
+grub.
+
+»Schwester -- Schwester,« murmelte sie halb betäubt vor Seelenangst.
+
+Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung auf dem Hof hin und
+her. Und immer wieder richteten sich seine überbuschten Augen auf das
+Fenster, hinter dem früher seine kranke Frau gelegen hatte und ihm Qual
+bereitete. Jetzt spähte er nach der gesunden Schwester.
+
+Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.
+
+Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte nicht, über ihm
+schwamm der Schneehimmel und spie keine Feuerballen aus, um ihn herum
+ragten Haus und Scheunen festgefügt wie sonst, und doch brütete der
+Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte, über eine der Todsünden
+nach.
+
+»Gedankensünden,« hatte der Pastor einmal gesagt, »Gedankensünden.«
+
+Es sollte noch schlimmer kommen.
+
+Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und händigte ihm einen Brief aus. Er
+enthielt eine Einladung für den heutigen Abend zur Försterfamilie. Die
+Försterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift geschrieben.
+
+Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer trat, fand er seine junge
+Schwägerin am Nähtisch emsig mit einem Brief beschäftigt.
+
+»An wen schreibst du, Heting?« fragte er zaghaft.
+
+Sie blickte mit trübem Lächeln zu ihm auf. »An Else,« antwortete sie
+stockend.
+
+Der Pächter stutzte. »An meine Frau?« wiederholte er düster und blickte
+zu Boden.
+
+»Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.« Sie senkte dabei das
+Haupt, schrieb noch ein paar Zeilen und übergab Wilms dann den
+geschlossenen Brief zur Besorgung.
+
+Eine drückende Stille trat ein, wie sie jetzt immer entstand, wenn der
+Entfernten zwischen beiden Erwähnung geschah.
+
+»Wann sie wiederkommt,« dachte der Landmann mutlos. Er reckte sich. »Ist
+dir bange nach ihr, Heting?«
+
+Es sollte gleichgültig klingen, aber seine tiefe Stimme bebte leicht.
+
+Zitternd wandte sich das Mädchen ab und antwortete nicht.
+
+»Nur von etwas anderem sprechen,« dachte Wilms, »von etwas anderem.« Da
+erwähnte er die Einladung, die er eben erhalten. Natürlich würde Hedwig
+ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Blässe, und sie hatte noch
+eben über ihr Befinden geklagt. Aber zu seinem Erstaunen rief sie
+erregt: »Ja, wir wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.«
+
+Kopfschüttelnd blieb er zurück.
+
+Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter in demselben
+Schlitten, den Hedwig heute vormittag benutzt hatte.
+
+In dem gemütlichen Försterhäuschen mitten im Walde ging es hoch her.
+Vielstimmiger Gesang, Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon
+bei ihrer Ankunft. Der Förster hatte von der benachbarten Akademie
+mehrere Forsteleven, selbst einen Assessor eingeladen. Der hatte seine
+Geige mitgebracht zur Verschönerung des Festes. Auch des Pastors
+Töchterlein war da.
+
+In einer der braungetäfelten Stuben mit den vielen Hirschgeweihen
+brannte noch der Tannenbaum. Darunter saß das blonde Töchterchen der
+Forstleute in seinem Wägelchen und streckte die Arme nach den Lichtern
+aus.
+
+Hedwig nahm das Kind in die Höhe und küßte es. Als sie sich umwandte,
+stand Wilms hinter ihr, dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr
+ruhten.
+
+Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: »Warum gehört mir dieses schöne
+Weib nicht und dieses Kind?« Langsam fuhr er sich über die Stirn und
+ging zu den Männern.
+
+Es wurde spät.
+
+Der Abend verfloß in lauter Fröhlichkeit.
+
+Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof gemacht, Paula Schirmer
+schmiegte sich an sie, sie mußte singen. Zum Schluß spielte der
+Forstassessor zum Tanz auf. Da war es selbstverständlich, daß das
+Mädchen von einem Arm in den andern flog. Nur Wilms stand ernsthaft
+beiseite, er hielt es für unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in
+der Klinik weilte.
+
+Stirnrunzelnd überkam es ihn, als ob seine Jugend in Trauer verfließe.
+Und wie anmutig Hedwig tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu
+wild erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag dann etwas Rasendes
+darin.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Hören Sie auf, Fräulein Hedwig,« mahnte auch die Försterin, »sonst wird
+es zuviel.«
+
+Sie zog das Mädchen mit sich fort und stäubte ihr in ihrem Schlafzimmer
+etwas Kölnisches Wasser ins erhitzte Gesicht.
+
+»Wie geht es Ihrer Schwester?« fragte sie dabei.
+
+»Das weiß ich nicht,« versetzte Hedwig geistesabwesend.
+
+Die Försterin starrte sie an. Sie merkte, daß die Erregung ihres jungen
+Besuches unnatürlich sei. Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu
+haben.
+
+»Wissen Sie schon, daß sich der junge Graf Brachwitz verlobt hat?«
+forschte sie gespannt.
+
+»Ja, ich hörte schon davon,« nickte Hedwig gleichgültig und wollte
+wieder zu den andern.
+
+Die Försterin verstand nicht, was sie aus ihr machen sollte. Sie hielt
+das Mädchen am Arm fest und klopfte ihr fast mütterlich die Wangen. Eine
+Regung des Mitleids überkam sie für dies schöne, fiebernde Geschöpf.
+Wenigstens einen guten Rat wollte sie ihr erteilen, geschöpft aus den
+Erfahrungen einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig kam es
+heraus: »Fräulein Hedwig, ich wollte schon immer einmal mit Ihnen
+darüber sprechen. Bleiben Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
+in Wilmshus. -- Hören Sie?«
+
+»Warum?« wandte sich Hedwig ruckartig um.
+
+Sie war leichenblaß geworden, nur die braunen Augen glänzten und
+funkelten wie feurige Kohlen.
+
+»Weil,« fuhr die Frau eindringlich fort, »die Lästerzungen in der
+Umgegend sich schon darüber aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch
+nichts daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem Wege.«
+
+Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut schoß ihr zum Herzen, es war ihr
+so weh, daß sie laut hätte schreien mögen, denn sie fühlte, daß sie
+jetzt den Scheideweg erreicht habe.
+
+»Liebe Frau Annchen,« sprach sie dennoch straff aufgerichtet, obwohl die
+vollen Lippen in dem bleichen Gesicht bebten, so daß ihr Gegenüber nur
+mit Mühe ihre Worte verstand. »Solch müßiges Geschwätz ist mir
+gleichgültig. Ich tue das, was ich für recht halte, und scheue niemand.«
+
+Damit riß sie sich heftig los und ging in der großen Stube mitten durch
+die Fröhlichen hindurch, gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz
+aufzufordern.
+
+Die Försterin wurde rot vor Unwillen, als sie es sah, und flüsterte
+aufgeregt mit ihrem Manne.
+
+»Heting,« sprach Wilms betreten, »ich möchte nicht gern. Solange Else
+fort ist -- --«
+
+Sie achtete nicht darauf. »Komm, Schwager, -- wenn ich dich bitte?«
+
+Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen so heiß, so flehend, als
+ob er ihr damit das Leben retten könnte, als ob ihr ganzes Dasein an
+diesem einen Tanze hing.
+
+Da schlug es auch über ihm zusammen. Weib -- Ruf -- die Furcht vor dem
+Gerede, alles ging unter in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende
+Wesen einmal umschlingen und forttragen zu dürfen.
+
+Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als wollte er sie an seiner
+Brust zerpressen.
+
+»Bravo,« riefen der Forstassessor wie die Eleven und ließen ihre
+Instrumente noch lauter jubeln. Und unter Geigenspiel und
+Trompetenklang schwenkte er sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich
+um Leben und Tod handele.
+
+Er sah auf sie herab.
+
+Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging stöhnend, wie wenn sie
+mit jedem Schritt über spitze Messer dahinglitte, und doch lag sie eng
+und voll in seinen Armen, daß er gänzlich die Besinnung verlor.
+
+»Süßes, liebes, Heting,« flüsterte er.
+
+Sie zuckte zusammen und schloß die Augen.
+
+Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich hastig und kamen erst
+wieder zusammen, als man aufbrach.
+
+»Adschö auch.«
+
+»Auf Wiedersehen.«
+
+Die Förstersleute versprachen bald auf Wilmshus vorzusprechen. »Wenn
+Ihre Frau erst zurück ist, Wilms,« meinte der Förster, »das ist doch
+jetzt bald.«
+
+»Ja, das ist bald,« bestätigte Wilms überstürzt, »das ist bald.«
+
+Wieder saßen sie im Schlitten, der Landmann hatte ein Tuch um das
+Mädchen geschlagen, daß man fast nichts von ihr sah. Dann ging es durch
+den nächtigen Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam wiedertönten.
+
+»Kling-ling -- Kling-ling.«
+
+Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine Schulter. Ihr war so
+bleischwer in allen Gliedern, der Schlaf schien sie erdrücken zu wollen.
+Wie im Traum zog es ihr durch den Sinn, daß sie mit diesem Mann nicht
+länger allein in einem Hause bleiben solle. Aber die silbernen Schellen
+verscheuchten den Spuk gleich wieder:
+
+»Kling-ling -- Kling-ling.«
+
+In dem dunklen Gehöft zu Wilmshus war keine Menschenseele zu erspähen.
+Schwärzer als anderswo lag die Nacht auf diesem Ort. Fürsorglich hob der
+Landmann seine Schwägerin aus dem Gefährt und sie duldete es, obwohl sie
+fühlte, wie seine Arme zitterten. Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem
+Hause schlürfte etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen
+Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen breiten Schein über den
+Hof. Da machte sich Hedwig ungestüm frei.
+
+Erst auf dem dunklen Flur vor der Tür des Wohnzimmers, wo sie in Elses
+Bett schlief, erreichte der Pächter seine Begleiterin noch einmal.
+
+Rabenschwärze herrschte hier.
+
+Zaghaft ergriff er ihre Hand und drängte sich scheu an sie.
+
+»Heting,« flüsterte er leise und berührte furchtsam ihre Schulter.
+
+»Wilms, versprich mir was.«
+
+»Alles, Heting, was du willst.«
+
+»Dann soll Christian aus dem Hause und ins Altenheim.«
+
+»Ja, dann soll er fort,« wiederholte Wilms ohne Überlegung. Halb betäubt
+beugte er sich zu ihr hinab.
+
+Und derselbe schlürfende Greis, den sie eben verleugnet hatten, bewahrte
+die beiden, die nicht mehr gerettet sein wollten, zum letzten Male.
+
+An der Schwelle klapperten seine hölzernen Pantoffeln, in den Flur ergoß
+sich matter Lichtschimmer, eben als Hedwig, die gegen die Tür lehnte,
+fühlte, daß der Boden unter ihr zittere und schwanke und daß sie in jene
+Arme stürzen würde, die nach ihr tasteten.
+
+»Gute Nacht, Wilms,« stotterte sie auffahrend.
+
+»Ach, gute Nacht, Heting,« klagte der Pächter und starrte sinnlos auf
+die Tür, die sich rasch hinter ihr schloß.
+
+Der Alte war unterdes vorüber geschlichen und hatte seine Schlafstelle
+aufgesucht. Stille, webende, undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen
+wieder.
+
+Er horchte und lauschte.
+
+Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er stand noch wie ein Dieb
+und wollte stehlen.
+
+Dort drinnen also, dort drinnen.
+
+Er wußte, es war unverschlossen.
+
+Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus nach der Klinke, aber
+über dem Messing, in der Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren
+Mauer, liegen.
+
+Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der Frost schüttelte ihn,
+daß ihm die Zähne klapperten. Er schlug die Hände vors Gesicht und stieg
+wie vernichtet und zerbrochen in seine Kammer hinauf.
+
+Er hatte einen schlimmen Traum.
+
+Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen, gelb und wächsern. Sie
+war endlich gestorben. Fröhlich tönten Geigen und Trompeten dazu, und er
+selbst hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr um den Sarg
+herum und küßte sie auf den Mund. Die Leiche aber lag im Brautkleid und
+öffnete die Augen und Pastor Schirmer predigte über ihr: »Wirf die Last
+von dir. Sei mutig.«
+
+Er wälzte sich im Schweiß und schrie so laut auf, daß er erwachte.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+So war der Winter hingeschwunden.
+
+Der Schnee schmolz. Frühlingsstürme bogen und peitschten die Pappeln der
+Landstraße, in allen Lachen spiegelte sich blendender Sonnenschein, an
+den Birkenbüschen begann es grün zu schimmern, und an einem frischen
+Morgen vernahm Hedwig, die barhäuptig auf dem Hof stand, rauschenden
+Flügelschlag vor ihren Ohren, so daß sie danach ausschauen mußte.
+
+Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben das Dach und suchten ihr
+Nest.
+
+Das Mädchen, das ganz sonnenüberglänzt dastand, legte die Hand vor die
+Augen und blickte hinauf. Ja, es wurde wahr, der Frühling zog wieder ins
+Land. Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Gehöft.
+
+Und noch immer war Else nicht zurückgekehrt.
+
+Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer trat wieder etwas dazwischen,
+Monate wurden daraus. Wenn Hedwig dem Pächter nicht noch einmal von
+ihrem Erbteil vorgestreckt hätte, er hätte die Pension der letzten
+Wochen nicht bestreiten können. Zumal er jetzt alles Vorhandene zur
+Saatzeit brauchte. Das zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
+Hedwig hatte ihm die Summe aufgedrängt, ungeduldig, stürmisch. Da hatte
+er sie genommen. Sie gehörten ja zusammen, das Gedächtnis an Else wurde
+jetzt seltener. Zwar langten wöchentlich Briefe von der Kranken an, die
+von einer immer fortschreitenden Besserung berichteten, doch diese
+Mahnungen hatten das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
+Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen allmählich unpersönlich und
+verfloß.
+
+Dafür hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander angeschlossen.
+Wilms blickte auf die stillen Wintertage als auf die glücklichsten
+seines Lebens zurück. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
+zurückeilte. Alles war wieder fest, gemütlich, geordnet. Auch hatte er
+die Wintermußestunden benutzt, um von ihr zu lernen. Da hatten sie
+zusammen unter der großen Stehlampe gesessen und die modernen Bücher
+gelesen, die Hedwig kommen ließ. Selbst seine politischen Ansichten
+wurden durch sie geklärt. Und allmählich begann er mit anderen Augen auf
+Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische Gottesfurcht, die in dem
+Höchsten einen Schergen sieht, einen kleinlichen Späher und Topfgucker,
+entschwand ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer fing er an,
+nach dem Muster der Geliebten für sich selbst Gutes und Böses zu
+unterscheiden. Der schüchterne Mann erwachte, er erhob sich wie aus
+einer Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische Luft wehte
+überall, dem Starken gehörte überall auch das Recht.
+
+Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.
+
+Und Hedwig liebte ihren Schüler. In dem reichen Geben und sich Mitteilen
+vergaß sie, daß sie sich nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur
+fand Befriedigung.
+
+Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die Förstersleute mit ihren Eleven,
+dann Pastor Schirmer mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
+Boltenhagen, sehr oft der schmeerbäuchige Kreisphysikus aus Grimmen. Nur
+die Frau Pastorin hielt sich zurück. Hedwig fragte nicht nach ihr und
+suchte nach keinem Grunde.
+
+Dann wurde musiziert und gesungen, häufig auch getanzt oder ernsthafte
+Gespräche geführt, und alle fühlten sich von dem klugen, liebenswürdigen
+Mädchen angeregt. Wilms wurde allmählich stolz auf sie.
+
+Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom Hofe entfernt worden. Das
+hatte sich jedoch nicht so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache
+zu vielem Verdruß.
+
+»Wat soll ick?« hatte der Greis gefragt, als Wilms ihm seinen Entschluß
+ein wenig zögernd eröffnete. »Wo soll ick hen?« Dabei hob er das taube
+Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.
+
+»Ins Altenheim. Da wirst du's gut haben.«
+
+»Ne,« hauchte der Alte und kaute widerwärtig mit dem stoppelbewachsenen
+Kinn: »Ick bünn nu all' fifuntwintig Johr up dit Flag. -- De Fru hett mi
+verspraken, dat ick hier starwen künn.«
+
+Wilms wurde ungeduldig. »Meine Frau is aber jetzt fort,« rief er heftig.
+
+»Sei ward äwer wedderkamen,« grinste der Alte und lachte kauend.
+
+Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte auch darin recht. Es wurde dem
+Tauben kurz und entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.
+
+Gelassen hörte der Greis die Entscheidung an.
+
+Aber als der Tag herangekommen war, war der Alte nirgends zu finden.
+Knechte und Mägde suchten ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine
+Schlafstelle war leer, schon munkelten die Leute, daß der Alte, den
+niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen sei. Da entdeckte Dörthe,
+die Obermagd, ein Zeichen. Sie hörte über sich krächzendes
+Rabengeschrei, und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste Vogel
+des Vermißten in die offene Luke des Heubodens flog.
+
+Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen im warmen Heu, lag
+er und wehrte sich halb blödsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm
+brachte ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter und
+lieferte beides im Altenheim ab. Dort wurde er krank und man dachte an
+seinen Tod. Allein in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
+und unter der Obhut der Ärzte. Und bald sah man ihn täglich die
+Landstraße hinunterschlottern, bis nach Wilmshus, wo er sich auf einen
+Grabenstein setzte und ins Gehöft hineinstarrte.
+
+Das konnte ihm niemand verwehren, die Straße war frei. Wenn Hedwig
+vorüberkam, schüttelte er sich und grinste in sich hinein.
+
+»Er wird mir noch mal das Haus über dem Kopf anstecken,« murmelte Wilms
+einmal ingrimmig.
+
+Hedwig redete ihm das aus.
+
+Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der Zwischenzeit ein großes Fest
+gefeiert worden. Die Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen
+einen Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vorüberfahren, und der
+Bräutigam, der neben der Erwählten saß, hatte sie ernst und ehrerbietig
+gegrüßt. Er wandte sich noch einmal nach ihr um. Am Abend sprühte ein
+prächtiges Feuerwerk herüber. Leuchtkugeln und Raketen zischten durch
+die winterstille Luft, und Wilms, der neben Hedwig am Fenster lehnte,
+kehrte sich ihr beklommen zu, wie wenn er ihre Augen ergründen wollte.
+Aber sie lächelte wehmütig und sah ihn groß und ehrlich an. Da beruhigte
+sich der Ängstliche wieder.
+
+Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird ein Geizhals und fürchtet
+das Gewonnene wieder zu verlieren.
+
+Das Schönste aber, was Hedwig dem öden Besitztum gewonnen hatte, war der
+Garten hinter dem Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
+Feldern weilte, hatte sie mit Dörthe von der jahrelangen Verwilderung
+Besitz ergriffen. Beete wurden gegraben, mit heimischen, wie
+ausländischen Blumensaaten bepflanzt, Gänge abgesteckt, Rasenteppiche
+angelegt. Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward beschnitten, die
+verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken zu ordentlichen Grenzen
+gerundet, das schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederbäumchen
+vorgenommen. Hedwig ließ eine dünne Laube zurechtschlagen und die
+Stämmchen rings herumsetzen. Der gute Gärtner im Himmel gab seinen Segen
+dazu, er ließ seinerseits in linden Nächten warmen Regen träufeln, und
+als die Störche auf dem Schindeldach des Pachthauses erschienen, da
+hatten sich die Zweige zusammengeschlossen, da bildeten weiße und blaue
+Fliederbüsche ein duftendes Dach, und an hellen Mondscheinabenden sahen
+die Zugeflogenen den Pächter und seine junge Begleiterin in der Laube
+sitzen und hörten, wie sie beide zusammen heitere und traurige Weisen
+sangen.
+
+Solche Töne waren hier selten vernommen worden.
+
+Der Flieder streute seine Blüten über sie, und vom blühenden Apfelbaum
+quoll ein wundervoller Duft herüber, der Storchvater klapperte im Traum
+leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber unten klopfte das Herz
+heiß und voll und sie schwiegen noch immer.
+
+ * * * * *
+
+Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig und der kleine Pastor Schirmer
+saßen in der Fliederlaube und schwatzten über dies und das. Ein
+Windlicht leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht, daß selbst
+der winzige geistliche Herr mit seinen spärlichen Silberlocken
+barhäuptig saß.
+
+Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang. Ein paar Zweige
+wurden zurückgeschoben, die mächtige Gestalt des Försters wurde
+sichtbar.
+
+»'n Abend meine Herrschaften,« rief er fröhlich und schüttelte allen die
+Hand. »Sie haben hier ein schönes Plätzchen -- wahrhaftig. -- 'n Abend
+Fräulein Hedwig, Ihnen bring' ich was ganz Besonderes mit --« er
+schnalzte mit der Zunge -- »hier.«
+
+Dabei reichte er dem Mädchen ein starkes Bündel grüner Kräuter herüber.
+Die strömten einen würzigen Duft aus.
+
+»Waldmeister?« sprach Hedwig überrascht.
+
+»Richtig -- meine Frau hat ihn selbst gepflückt. Er blüht in diesem Jahr
+so prächtig, daß -- --«
+
+»Daß man ihn nicht umkommen lassen darf,« ergänzte die junge Wirtin
+anmutig, »wie wär's, Herr Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle
+zusammen brauten? Sie haben doch nichts dagegen?«
+
+»Dagegen?« schrie der Weidmann und sah sich so triumphierend um, als
+hätte er eben ein gutes Werk zustande gebracht. »Deshalb habe ich ihn ja
+gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der Küche, Fräulein Hedwig? --
+Herrje, wenn meine Frau das wüßte, daß ich mich jetzt noch mit Kochen
+abgebe. Aber das soll auch ein Schlückchen werden, passen Sie mal auf,
+Herr Pastor, was da rauskommt.«
+
+Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit erschien Hedwig wieder
+mit einer großen Terrine, hinter ihr der Förster, der noch eine Flasche
+Rheinwein unter dem Arm trug. »Wenn's zu dünn sein sollte,« erklärte er
+augenblinzelnd.
+
+Aber es war nicht zu dünn.
+
+Sie ließen die Gläser klingen, rötlich spiegelte sich das Windlicht in
+dem gelben Naß, fein läutete der silberne Ton in die Maiennacht hinaus.
+
+»Schön,« rief der Förster und legte sich befriedigt die Hände auf den
+Leib, »sehr schön.«
+
+»Ich dank' dir, Heting,« sprach Wilms mit einem langen bewundernden
+Blick und hob das Glas.
+
+Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und nickte nachdenklich
+lächelnd: »Die Bibel hat einen Trinkspruch dafür, meine Freunde,« sagte
+er vor sich hin und faltete die Hände um das Glas. »Psalm 65 -- 11, 12
+und 14.«
+
+»Jawohl,« sagte der Förster beifällig, »sehr schön.« Er hielt bereits
+beim dritten Becher und man wußte nicht, ob er den passenden Vers oder
+Hedwigs gelungene Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein Päckchen der
+Stralsunder Fabrik hervor und sprach halb bittend, halb verschämt: »Ein
+Skätchen?«
+
+Und ohne abzuwarten fuhr er fort: »Wilms gibt.«
+
+Lächelnd griffen die Herren zu den Karten, die Zigarren wurden
+entzündet, und bald fielen die bekannten Worte:
+
+»Tourné? -- Solo? -- Pastor, zeigen Sie mir Ihre Karten nicht.«
+
+Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam wandelte sie im
+Garten herum, der Mond stand voll am Himmel und beleuchtete die schmalen
+Pfade. An einem blühenden Rotdorn wandte sich das Mädchen und blickte in
+die helle Laube zurück. Da saßen die drei unter den weißen und blauen
+Fliederbüschen, schlürften den guten Wein und spielten munter fort.
+
+Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.
+
+»Und das hast du geschaffen,« wollte es in Hedwig auftönen, aber sie
+sprach es nicht aus, nur ein Gefühl der Ruhe und des Stolzes überkam
+sie.
+
+Unhörbar öffnete sie die Gartentür, ging leise über den schweigenden
+Hof, bis sie die Einfahrt an der Landstraße erreicht hatte.
+
+Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren. Vieles hatte sich
+seitdem geändert.
+
+Ausruhend blickte sie die Landstraße hinunter. Dort atmete alles
+tiefste Stille, zwischen den Stämmen der Pappeln spann sich blaugraue
+Dämmerung, nur die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterlaß.
+
+Da tönte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde wieder still, aber dann
+-- von einer Biegung der Chaussee hörte man deutlich Peitschenklang und
+das Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.
+
+Hedwig trat zurück. Kam das Gefährt nicht aus Boltenhagen? Wohin ging so
+spät noch eine Equipage? Sollte in der gräflichen Familie jemand krank
+geworden sein?
+
+Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des Gehöftes, wo das
+Mädchen stand.
+
+Hedwig begann das Herz zu schlagen.
+
+Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unförmlicher Kopf heraus und
+eine belegte Stimme rief: »Fräulein Schröder? Sind Sie's, Fräulein
+Schröder? Ich bin's, Rosenblüt aus Grimmen, Sie wissen schon, ein guter
+Freund von Ihrem Herrn Vater.«
+
+Hedwig trat an den Schlag heran und reichte dem Geschäftsmann die Hand.
+Verwundert fragte sie, ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie
+hätte.
+
+Der Händler wiegte den Kopf: »Wissen Sie's denn noch nicht? Das heißt
+wieso sollen Sie's wissen?« wiederholte er sich selbst. »Da hab' ich
+heut den Kreisarzt getroffen, Rumpf -- behandelt mir auch wegen mein
+Steinleiden, macht ümmer faule Witze, sagt ümmer 'Se müssen's aushalten
+Herr Rosenblüt, Sie sind eben 'n steinreicher Mann.'«
+
+»Ja, aber Herr Rosenblüt -- --«
+
+Der Händler besann sich: »Da hat mir der Kreisarzt aufgetragen, Ihnen
+'ne Überraschung zu machen. Nu, wissen Sie's noch immer nicht? Ihre Frau
+Schwester ist zurück -- bei Ihrem Herrn Vater -- und morgen wird sie hier
+ankommen.«
+
+»Wer ist zurück?« fragte Hedwig ganz leise.
+
+»Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich sag' Ihnen, so gesund,
+wie Sie und ich. Kann mir denken. Es ist ne große Freude für Sie. Na,
+grüßen Sie mir den Herrn Wilms -- ich lass' ihm gratulieren. -- Gute
+Nacht, Fräulein Schröder.«
+
+»Ich danke Ihnen auch bestens,« sagte Hedwig und reichte ihm die Hand.
+
+Der Wagen rollte weiter.
+
+»E seltsam ruhiges Mädchen,« dachte der Händler, während er sich in die
+Kissen zurückdrückte. »Sie bleibt sich immer gleich -- in Freud und
+Leid.«
+
+Hedwig ging langsam über den Hof zurück und betrat wieder den Garten.
+Lange stand sie hinter der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos
+einen Zweig des weißen Flieders ab. Drinnen hatten die Herren die Karten
+zusammengeschoben, sie stießen noch einmal zum Abschied mit den Gläsern
+an und der Förster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und summte
+vor sich hin:
+
+ »Im Wald und auf der Heide,
+ Da such ich meine Freude.
+ Ich bin ein Jägersmann,
+ Ich bin ein Jägersmann.«
+
+Fröhlich klang die Weise in die Nacht hinaus. Und der kleine Pastor, der
+nicht viel vertragen konnte, schob seinen Arm unter den des Sängers und
+murmelte undeutlich:
+
+»Lieber Freund -- Sie -- Sie begleiten mich nach Hause, nicht wahr?«
+
+»Natürlich -- wird besorgt werden, Herr Pastor,« lachte der Förster mit
+einem Seitenblick, »wird alles pünktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms,
+grüß die kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter, wenn ich jung
+wär -- wenn ich jung wär --«
+
+»Gute Nacht.«
+
+Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen bis zur Einfahrt das Geleit,
+und noch auf der Chaussee konnte man den Förster das Jägerlied singen
+hören.
+
+Heiter begab sich Wilms in den Garten zurück. Als er in die Laube trat,
+fand er Hedwig dort, die am Tisch saß und den Kopf in die Hand stützte.
+
+Er stockte.
+
+»Heting, du? -- Ich glaubte, du wärst schon zu Bett gegangen?«
+
+»Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.«
+
+»Wirklich? -- Das ist schön. -- Na, da komm, Heting, wir trinken noch ein
+letztes Glas zusammen. -- Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen
+angestoßen. -- Willst du?«
+
+Er setzte sich ihr gegenüber und schob ein volles Glas vor sie hin, aber
+sie verhielt sich so regungslos, sie hatte das Haupt so trübe gesenkt,
+daß Wilms sie befremdet anstarrte.
+
+»Heting, du bist doch nicht etwa krank?« stotterte er.
+
+»Nein, nein, Schwager --« sie richtete sich auf und lächelte ein wenig.
+»Ich habe dir sogar etwas sehr Gutes mitzuteilen.«
+
+»Sehr Gutes? -- Und dabei siehst du so traurig aus?«
+
+»Traurig?« entgegnete sie verwirrt, und plötzlich überzog eine tiefe
+Blässe ihr Gesicht. Wilms sah, wie ihre Hände sich zitternd bewegten.
+»Die Frühlingsluft wohl -- ich habe Kopfschmerzen -- ich freue mich auch
+so sehr -- Wilms, Else ist nach Grimmen zurückgekommen und morgen trifft
+sie hier ein.«
+
+Der Landmann ließ sein Glas niedersinken und tat einen tiefen Atemzug.
+
+Da erzählte sie ihm alles. »Und,« schloß sie unsicher, »sie soll ganz
+hergestellt sein. -- Gottlob.« Aber sie vermied es, ihn anzublicken.
+
+Wilms regte sich. »Gottlob,« murmelte er mechanisch. Dann reckte er
+sich, legte sich die Hand vor die Stirn und schritt wortlos in den
+Garten hinein. Seine Gestalt bückte sich dabei, als ob er etwas trüge.
+
+Nach einiger Zeit kehrte er langsam zurück. In seinem Gesicht zuckte es,
+wie er seinen Platz ihr gegenüber wieder einnahm. Die gutmütigen blauen
+Augen schienen ganz überbuscht. Er reckte die Hand aus und ergriff die
+ihrige.
+
+»Ich dank' dir auch für alles, Heting, was du an mir getan hast,« sprach
+er mit zitternder Stimme und umklammerte krampfhaft ihre Finger, »auch
+dafür, Heting, daß du wieder ein bißchen Zufriedenheit in mein Haus
+gebracht hast. -- Ich hab' mich so wohl gefühlt --« murmelte er leise und
+aus seinem Auge drang ein großer, schwerer Tropfen hervor: »Gott geb's,
+daß alles so bleibt.«
+
+Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand hernieder und blieb unbewegt
+so liegen, daß er ihre goldbraunen Flechten im flüchtigen Glanz des
+Windlichtes schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner Haut.
+
+Die Brust des Mannes hob sich immer mühsamer. Sanft zog er seine Hand
+zurück.
+
+»Wollen's uns nich noch schwerer machen, Heting,« sagte er mit
+Aufbietung aller Kräfte. »Es is ja so nich leicht. -- Komm, Heting,
+wollen darauf anstoßen, daß wir immer gute Freunde bleiben, so wie
+heut.«
+
+Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand sie vor ihm, als sie
+das Glas ergriff, aber ihre Augen hingen an den seinen, so dringend, so
+unabwendbar, so gewaltig ernst, daß er beinahe davor erschrak.
+
+Die Bibel hat ein Wort für diese Liebe: »Feurig, wie die Flamme des
+Herrn und stark, wie der Tod.«
+
+Die Gläser klangen zusammen, sie sahen sich noch einmal in die Augen,
+dann reichten sie sich die Hände und gingen schweigend in das Pachthaus
+zurück.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+»Willkommen« stand über der Haustür geschrieben, und grüne Guirlanden
+mit roten und weißen Gartenblumen schmückten die Pfosten, als die Herrin
+des Hauses zum erstenmal wieder über die Schwelle von Wilmshus schritt.
+
+Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom Bahnhof abgeholt.
+
+»Ach, wie schön habt ihr alles für mich gemacht,« flüsterte Else erregt,
+als sie an der Hand ihres Mannes den Flur betrat, und warf sich an seine
+Brust.
+
+»O Gott, wie danke ich dir, daß du mich das noch erleben ließest. --
+Erwartet mich der Pastor nicht hier?« setzte sie begierig hinzu.
+
+»Nein, mein Kind,« entgegnete Wilms, »ich dachte, wir wollten zuerst
+unter uns sein.«
+
+Else nickte: »Ja, du hast recht. Kommt nur schnell in die Stube.« Und
+als sie in das große Wohnzimmer eingetreten waren, wo bereits ein
+festlicher, mit Blumen geschmückter Tisch ihrer harrte, da umarmte sie
+ihre Schwester und küßte sie stürmisch auf den Mund:
+
+»Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie freue ich mich, daß ich
+wieder in meinem eigenen Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.« --
+Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den Hut ab. »Nicht wahr,
+Wilms,« fuhr sie hastig fort, »man merkt mir doch gar nichts mehr an?
+Ich sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit? -- Oder findest
+du nicht?«
+
+»Ja, mein Kind,« antwortete Wilms gedrückt, »du hast dich sehr -- sehr
+erholt.«
+
+Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu. Beide bemerkten, wie
+hektisch rot ihre Wangen gefärbt waren und welch tiefe, blaue Ringe die
+Augen der Heimgekehrten umränderten. Ihre Gestalt war leicht nach vorn
+geneigt und auch die Schultern vornüber gezogen. Und doch ließ das
+schmale Gesichtchen noch immer Spuren einstiger Schönheit erkennen.
+
+Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne gekehrt, sie legte ihm
+beide Hände auf die Brust und rief zwischen Lachen und Weinen:
+
+»Freust du dich denn gar nicht, Wilms, daß ich wieder da bin? Du bist
+ja so still.«
+
+Zärtlich hob sie den Mund zu ihm empor und schloß die Augen, als Wilms
+sich schwer und wortlos zu ihr niederbeugte. Aber während er es tat,
+streifte sein Blick ängstlich die Jüngere. Schweigend wandte sich Hedwig
+zum Fenster.
+
+»Und nun wollen wir zu Tisch gehen,« rief Else. »Ihr sollt mal sehen,
+wieviel ich jetzt essen kann. Nicht mehr so wie früher.«
+
+Mit diesen Worten ließ sie sich auf das Sofa nieder, wo Hedwig sonst bei
+Tisch gesessen hatte, und zog Wilms neben sich.
+
+Die Schwester mußte ihr gegenüber auf einem Stuhl Platz nehmen.
+
+Dann teilte sie selbst in eifriger Geschäftigkeit die Speisen aus, ja
+die Heimgekehrte schien an einem Tage alles wieder einholen zu wollen,
+was sie in jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabsäumt hatte. Zum
+mindesten wünschte sie dem Gatten ihre frischgewonnene Kraft zu zeigen,
+damit er sich daran erfreue.
+
+Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik zu erzählen.
+
+Wilms Stirn verdüsterte sich immer mehr.
+
+Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr mit Hedwig nicht mehr die
+leiseste Andeutung daran erinnert, daß sein Heim einmal einem Lazarett
+geglichen, in dem nur über Ärzte, Krankheit und Medikamente verhandelt
+worden war. Jetzt, während Else umständlich ihre überstandenen Leiden
+beschrieb, erhob sich förmlich wieder jener laue Krankheits- und
+Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedrückt hatte.
+
+Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das Mädchen schien aufmerksam
+zuzuhören und auch seine Abneigung nicht zu teilen. Das verdarb ihm das
+erste Mittagsmahl vollständig. Nur zum Schein hielt er noch Messer und
+Gabel in der Hand, ja er dankte Gott, als seine Frau, die trotz ihres
+gerühmten Appetites von allem nur flüchtig genippt hatte, endlich die
+Tafel aufhob.
+
+»Weißt du, Heting,« sagte sie zur Schwester und klopfte ihr beim
+Aufstehen mütterlich die Wange: »Du siehst blaß aus. Gewiß hast du dich
+in der letzten Zeit hier überanstrengt. Aber jetzt soll das alles anders
+werden. Ach, Wilms, wie glücklich bin ich darüber, daß ich jetzt selbst
+wieder alles in die Hand nehmen werde. Und paßt nur auf, wie rasch ich
+mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch ordentlich pflegen,
+mein kleines Heting.«
+
+Die Angeredete lächelte wehmütig, und wieder trafen sich ihre und des
+Landmanns Augen in einem langen, vielsagenden Blick.
+
+Es war bereits das drittemal, daß sie so stumm und traurig miteinander
+sprachen.
+
+Bedrückt und nicht fähig, sich länger zu beherrschen, riß sich endlich
+Wilms los. Er verabschiedete sich von seiner Frau, um aufs Feld zu
+gehen, die Saat weiter zu beaufsichtigen.
+
+Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte rasch nach seiner
+Hand.
+
+»Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?« rief sie mit leisem
+Ton des Unmuts, »gleich den ersten Tag, wo ich hier bin?«
+
+Dabei wurden ihre Wangen glühend rot, mit den Zähnen nagte sie an der
+Unterlippe. »Das wirst du doch nicht tun, nicht wahr?«
+
+Hier schon war es ersichtlich, daß die Halbgenesene eine Aufregung oder
+gar einen Streit nicht würde ertragen können.
+
+Der Landmann blieb stehen.
+
+Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder gefesselt werden, daß er
+der daherfahrenden Not abermals gebunden und widerstandslos überliefert
+war?
+
+Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal erfüllt hatte, und die
+erst seit kurzem gebannt war, von jenem stillen, schweigenden Mädchen
+dort, das lähmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen. Aber nur
+einen Augenblick, dann richtete sich der große Mann entschlossen auf,
+bereit, endlich, endlich seine Manneswürde gegenüber der Krankheit zu
+behaupten.
+
+Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort gelangen. Hedwig hatte in
+seinen Mienen die heftige Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu
+helfen.
+
+»Elsing,« erklärte sie mit ihrer freundlichen, aber doch so stolzen
+Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch von vornherein ausgeschlossen
+wäre, und legte ihr leicht die Hand auf den Arm: »Dein Mann hat für uns
+gar keine Zeit weiter, du mußt ihn schon gehen lassen. Es steht zu viel
+Geldverlust auf dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten wird.«
+
+Die Kranke warf der Schwester einen überraschten Blick zu:
+
+»So?« sprach sie dann, noch immer ein wenig spitz, »du scheinst hier ja
+schon viel in der Landwirtschaft gelernt zu haben, Hedwig?«
+
+Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte lächelnd mit der Hand,
+daß er sich entfernen solle.
+
+»Geh nur, Wilms -- geh. Ihr habt ja recht. Es ist ja wahr. Mir ist es
+nur, als ob ich mich jetzt gar nicht von euch trennen könnte -- aber geh
+nur.«
+
+Da ging Wilms schwerfällig und bedrückt hinaus. Und als er langsam über
+seine Felder schritt, auf denen geharkt und gesät wurde, da war ihm weh
+zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib auf dem Krankenlager
+gelegen. Wie sollte das enden?
+
+Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles durcheinander. Hedwigs
+fragende Augen, ihr herrlicher Wuchs, ihre roten Lippen und daneben
+wieder das zarte, nervöse Bild der Heimgekehrten, das sich zärtlich an
+ihn schmiegte, um ihn zu küssen.
+
+Er schauderte zusammen, rings lag heißer Sonnendunst auf der Erde, und
+doch war es ihm, als hätte eben etwas Kaltes seinen Mund berührt. Ein
+heftiger, körperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich an die
+Liebkosungen seines Weibes erinnerte.
+
+»Nein -- nein -- Gott schütz' mich -- bewahr mich davor. -- Das darf ich ja
+nicht denken -- Karl, Jochen,« rief er laut seinen Leuten zu.
+
+Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster mitten in der
+Sonnenglut zu scheuchen.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.
+
+Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas niederlegen, allein
+Else wollte davon nichts wissen, obwohl ihre Bewegungen seit Wilms
+Fortgange sichtlich matter geworden waren.
+
+»Nein, nein, Heting,« lehnte sie hastig ab, »glaub' mir, das hab' ich
+jetzt nicht mehr nötig. Wir wollen jetzt lieber die Wirtschaft ein
+bißchen durchmustern, vor allen Dingen meine Schränke. Darauf freue ich
+mich schon wochenlang. Hast du sie auch hübsch in Ordnung gehalten?«
+
+Die andere bejahte leidend und schloß im Wohnzimmer einen Wäscheschrank
+auf, aber Else ging das alles zu langsam. In der Hast riß sie der
+Jüngeren das Schlüsselbund aus der Hand und lief damit von einem Schrank
+zum andern. Überall sah sie hinein. Dann hing sie sich die Schlüssel in
+den Gürtel.
+
+»Ich möchte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,« erklärte sie
+Hedwig mit vor Vergnügen gerötetem Gesicht. »Von jetzt an werde ich ja
+wieder alles allein beaufsichtigen.« Und sie küßte ihre Schwester
+stürmisch auf die Wange: »Nicht wahr, Heting, du freust dich doch
+darüber?«
+
+Die Jüngere nickte ernst. Ein wehmütiges Lächeln spielte um ihre Lippen,
+als die klappernden Dinger wieder den Gürtel ihrer Schwester schmückten.
+
+Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich überflüssig vor. Mutlos
+blickte sie zu Boden. Dagegen gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im
+Zimmer wurde ihr drückend.
+
+»Komm, Else,« nahm sie sich zusammen, »ich habe noch eine Überraschung
+für dich. Komm mit.«
+
+Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen, der früher mit
+wildem Gestrüpp bedeckt gewesen und sich nun unter Hedwigs Hand in einen
+blühenden Garten verwandelt hatte.
+
+Sie schritten dorthin.
+
+Und Elses Entzücken war zuerst ganz aufrichtig. Still und selig schlang
+sie den Arm um Hedwigs Schulter, und so saßen die beiden Schwestern in
+der blühenden Fliederlaube und träumten in den sinkenden, rosigen Tag
+hinaus.
+
+Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend. In ihrem Ohr klang der
+silberne Ton wieder, wie gestern, als sich ihr Glas mit dem des
+Landmanns berührt hatte.
+
+So würde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen, dachte das Mädchen, sie
+aber würde gehen. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und sah über
+die Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite grüne Wiese hin,
+auf der zahllose Schmetterlinge im letzten Abendsonnenschein
+herumgaukelten.
+
+»Du bist so still?« fragte Else.
+
+In demselben Augenblick kehrte Wilms zurück. Er freute sich darüber, die
+beiden Frauen an der liebgewordenen Stätte zu finden, und erzählte Else,
+wie oft sie hier schon gemütlich gespeist hätten. Zum Schluß bat er, daß
+auch heute an dieser Gewohnheit festgehalten werde.
+
+Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.
+
+»Hier?« fragte sie verwundert. »Aber hier wird es doch bald zu kühl?«
+
+»Bewahre, Elsing,« widerlegte Wilms, »wir haben ja gestern erst mit
+Hedwig hier gesessen, sogar bis spät in die Nacht hinein.«
+
+»So?« entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke zog über ihre Stirn,
+die Falten um ihren Mund prägten sich etwas schärfer aus, es war nur
+eine ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso schnell wieder
+entschwunden, wie sie entstanden war.
+
+Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.
+
+»Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit ganz gut unterhalten,«
+meinte sie achselzuckend.
+
+Sie lächelte dabei, wie wenn sie das Ganze für einen Scherz hielte, und
+liebkoste die Hand ihrer Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die
+Schultern.
+
+Eben war die Sonne hinter rotglühenden Streifen verschwunden, ein laues
+Lüftchen strich über die Wiesen.
+
+»Mir wird doch zu kalt,« sagte Else matt und erhob sich rasch, »und ich
+denke, wir wollen deshalb lieber im Zimmer essen. Dafür sind wir ja auch
+alle drei wieder zusammen.«
+
+Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille der Kranken war mächtiger
+als ihre eigenen Neigungen. Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe
+rücksichtsvolle Unterordnung.
+
+Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern, Else nahm den Arm
+der Jüngeren, und nach all der selbst auferlegten Anstrengung dieses
+Tages wandelte sie matt und müde neben der jugendfrischen Führerin her.
+
+Wilms folgte ihnen.
+
+Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten, aber er wagte
+keinen Vergleich mehr. Nur am Ausgang des Gartens wandte er sich noch
+einmal nach der blühenden Fliederlaube zurück. Ein schwerer Duft wehte
+herüber.
+
+»Auch das vorbei,« murmelte Wilms. Verstört riß er sich los. Die
+Lebensfreude entfloh von ihm, wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der
+düstere Geist der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen dunklen
+Fledermausflügeln.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.
+
+Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem
+Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die
+Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.
+
+Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte
+alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten
+Zärtlichkeit.
+
+Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr
+nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte
+begütigend wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen.
+Nur recht still, das ist die Hauptsache.«
+
+Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon
+harrten.
+
+»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand
+gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms -- wollen 's Beste hoffen. Aber
+keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich
+sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die
+Kranke.«
+
+Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der
+Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten
+stehen.
+
+Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des
+Landmanns.
+
+»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und
+seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze:
+»Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht
+wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre
+Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob's ein Geheimnis wäre: »Ich
+kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich
+wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde
+gesund, oder -- sie ginge von uns.«
+
+Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel
+hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.
+
+Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten
+hinein.
+
+Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und
+stöhnte laut auf: »Großer Gott -- wie kann ich nur an so was denken? -- --
+Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden -- schon wahnsinnig,«
+wiederholte er tonlos.
+
+»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor
+sich hin.
+
+Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den
+sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte
+sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos
+starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort
+undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms
+noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.
+
+Entsetzen.
+
+Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.
+
+Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das
+Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
+fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt,
+Leinenzeug zusammenzusticheln.
+
+»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre
+hellen Augen.
+
+Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gab er unbeholfen zurück.
+Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.
+
+Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an.
+Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem
+Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester
+nicht zusammengetroffen wäre?
+
+Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach
+sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.
+
+Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:
+
+»Laß das. -- Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache
+Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang
+still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder
+zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen
+blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.
+
+»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die
+Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick' mir doch Christian
+einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«
+
+Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich -- --?«
+fragte er zögernd.
+
+»Nun den alten Christian.«
+
+»Ach so den -- -- ja -- den -- Elsing -- den hab' ich entlassen.«
+
+Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten
+fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals
+gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der
+Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit
+den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und
+wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst
+ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie
+endlich ungläubig. »Im Ernst?«
+
+Der Pächter nickte.
+
+Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten
+versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie
+entrüstet.
+
+In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide
+Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten,
+begannen krankhaft zu leuchten.
+
+Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch
+nicht aufregen, Elsing,« bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht
+deswegen.«
+
+Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie
+schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz
+fassungslos.
+
+»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen
+ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn
+nur den alten Mann entfernt, wie?«
+
+»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«
+
+»Gegen dich?«
+
+Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.
+
+»Gegen mich -- Elsing? -- Nein, das gerade nicht.«
+
+»Gegen wen denn?«
+
+»Gegen -- gegen deine Schwester -- gegen Hedwig.«
+
+Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte
+ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.
+
+»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er
+fort soll? -- Nicht wahr?«
+
+Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über
+der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:
+
+»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab' ich's dann
+getan.«
+
+Da verlor die Leidende allen Halt.
+
+»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich
+sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch
+ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
+Entlassung geben würde? -- Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«
+
+Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr
+Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.
+
+Was ging so schnell mit ihm vor?
+
+Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache
+Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich
+wieder, seltsam schwer ging die Brust.
+
+»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat --
+»nu is es genug -- nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank,
+das halt ich dir zugut.«
+
+Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart
+und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.
+
+Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh' er sie erreicht hatte,
+schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen
+seine Brust zu umklammern:
+
+»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb
+ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen,
+»ich -- ich -- ach Gott, ich tu' ja alles aus Liebe zu dir. -- Glaubst du
+das denn nicht?«
+
+Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.
+
+»Ja, ja, das glaub' ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und
+bezwungen -- »du arme Dirn -- komm, Elsing.«
+
+Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.
+
+Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals
+und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.
+
+»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.
+
+»Ja, ja, Elsing.«
+
+Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich draußen
+und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.
+
+In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen
+war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die
+Erde.
+
+»Dir is wohl,« sprach er rauh.
+
+ * * * * *
+
+Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu
+werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden
+eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar
+flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das
+schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein
+braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie
+kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie
+hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
+sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie
+getröstet hinzu.
+
+Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende,
+die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen
+Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos
+überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei
+abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich
+endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
+
+»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden
+zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte
+auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
+
+Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem
+Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte
+dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
+
+Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine
+merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es
+passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
+fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
+
+Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem
+einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die
+vertrockneten Lippen.
+
+Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
+
+»Arm' Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an
+ihrem Arm herunter. »Arm' Fru.«
+
+Das war die Begrüßung.
+
+»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht
+mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
+
+»Arm' Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.
+
+Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem
+Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?
+
+»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und
+keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.
+
+Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur
+ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.
+
+»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«
+
+Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich
+nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über
+ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:
+
+»Arm' Fru -- ne, ne, ick heww's sülwst seihn, as sei tausamen in'n
+Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all
+ungedüllig.«
+
+»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie
+mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.
+
+»Dat Sei, min arm' Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de
+Fru. Dann willen sei sick friegen.«
+
+Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die
+Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.
+
+Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer
+Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum.
+Noch gurgelte sie etwas.
+
+»Hilfe -- -- Hilfe.«
+
+Dann ein dumpfer Fall.
+
+»Arm' Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm'
+Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«
+
+ * * * * *
+
+Aber Else war nicht gestorben.
+
+»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der
+sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen
+Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses
+unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine
+zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit
+anheimgefallen.
+
+Ein zerschlagenes Menschenbild.
+
+Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich
+davon über die Stirn.
+
+Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:
+
+»Ist -- sie tot -- Dörthe?«
+
+Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja -- heben Sie
+ihr den Kopf.«
+
+»Ja, ja -- sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
+
+Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht
+wahr. -- Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im
+Fiebertraum, in einer Vision geschehen. -- Sie lebte ja -- sie lebte --
+Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken,
+aber kraftlos -- großer Gott -- sie lebte ja.
+
+Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn,
+wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne
+Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und
+bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine
+weißen Kissen.
+
+Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
+
+Ob für immer?
+
+»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der
+Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf
+die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung
+hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den
+Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen,
+gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der
+Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge
+blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
+Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit
+zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht
+schon aus, wie das einer Leiche? -- Ja, Hedwig war sich jetzt völlig
+klar. Die Kranke unten -- sie selbst oben. Das war das Rechte, keine
+Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
+
+Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße
+hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie
+sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel
+vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille
+zurecht.
+
+Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu
+geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte
+schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete
+sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und
+jetzt -- täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere
+Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte
+Augen starrten nach ihr hin.
+
+»Hed -- wig,« stöhnte etwas.
+
+Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute
+sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.
+
+»Wie komm' ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die
+Kissen des Bettes.
+
+Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die
+Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.
+
+»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn
+nicht?«
+
+Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich
+stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie
+dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.
+
+»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die
+Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier
+eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. -- Du wartest nur auf
+meinen Tod! -- -- Aber ich sterbe noch nicht -- ich mache dir nicht Platz
+-- ich will leben -- hörst du, ich will leben!«
+
+Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den
+Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte
+Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte
+dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und
+fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne
+trotzig zusammen.
+
+Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.
+
+Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach
+der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste.
+Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht
+bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.
+
+»Geh' mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib -- »fort -- fort -- ich
+will dich nicht sehen -- du willst mich vergiften --! -- Meinen Mann hast
+du auch verführt, -- heut nacht warst du bei ihm -- ich weiß alles -- Jesus
+Christus, Ehebrecherin du! -- Jesus -- Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln,
+und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.
+
+In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.
+
+
+
+
+X.
+
+
+Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.
+
+Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb,
+Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der
+Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen
+wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.
+
+Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung,
+die in dem Pachthause ausgebrochen war.
+
+Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die
+Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren
+störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe,
+düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.
+
+Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in
+dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen
+hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.
+
+In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren
+zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den
+Atem an, ob er sich nicht wiederhole.
+
+Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und
+Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten
+Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.
+
+»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter
+undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und
+sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«
+
+Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so
+verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig
+seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen
+blieb.
+
+Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.
+
+»Hedwig, wolltest du nicht -- --?«
+
+»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«
+
+»Du -- gehst nicht?«
+
+»Nein -- nicht -- bitte, Wilms -- laß mich nicht mehr hinein.«
+
+»Ja -- aber -- Heting, warum denn?«
+
+»Weil -- weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.
+
+Der Pächter starrte sie an -- verständnislos -- und faßte sich an den
+Kopf.
+
+Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den
+beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in
+sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja
+nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht,
+die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß
+diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie
+nun bald nicht mehr stören würde.
+
+Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren
+und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre -- der Anfang des Glücks.
+
+Aber jetzt -- jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den
+stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen
+und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß
+ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine
+Verzweifelte in den Tod getrieben?
+
+Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.
+
+Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr
+nach Trost -- Ruhe -- Verzeihung.
+
+Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem
+sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte,
+bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
+dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.
+
+Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.
+
+Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt
+murmelte sie:
+
+»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und
+bei euch bliebe alles beim alten. -- Ich stürbe so gern.«
+
+Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr
+brausend über ihr zusammen.
+
+Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du -- Heting?« stammelte er, »nein,
+nein -- nur nicht du -- das könnt' ich nicht ertragen -- nur du nicht --
+wir wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an
+sich.
+
+Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher
+geschlichen hatte.
+
+Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie
+schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter
+schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten.
+Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander
+in den Armen.
+
+Es war kein freudiges Finden.
+
+ * * * * *
+
+In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller
+geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und
+die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in
+Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen
+widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und
+gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind
+an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend
+ihre entsetzliche Entdeckung zu.
+
+»O, Gott, das hätt' ich nicht geglaubt -- aber es ist wahr, Herr Doktor,
+Krischan hat es selbst gesehen.«
+
+Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung
+solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn -- mein Kinding -- Gesindegeklätsch.«
+
+»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein
+Hoffnungsstrahl.
+
+»Selbstverständlich -- da kenn' ich die beiden zu gut.«
+
+»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick
+zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf,
+und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch
+nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub' es nicht --
+glaub' es nicht.«
+
+Wilms trat ein.
+
+Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war
+unverständlich, was sie verlangte.
+
+Der Arzt beugte sich über sie.
+
+»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er
+sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In
+der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.
+
+»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen
+Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen.
+»Ja, wir wollen zu ihr.«
+
+Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch
+wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.
+
+»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.
+
+Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage
+herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr
+gedankenvoll über die welligen Haare.
+
+»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und
+deshalb -- Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von
+hier fortgingst.«
+
+»Ich?« Sie erschrak; -- wußte er schon etwas?
+
+»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine
+Dame an, und -- ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes,
+Bäuerisches angenommen, und -- es wäre wirklich für alle gut, verstehst
+du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«
+
+Keine Antwort.
+
+Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten
+Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
+stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der
+eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber
+noch war ihre Kraft nicht erschöpft.
+
+Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen
+Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. -- Ich
+danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu,
+während sie schon durch den Flur schritten.
+
+»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.
+
+Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so
+felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen
+Blick.
+
+Sie traten ein.
+
+An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen
+blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er
+den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines
+Weibes.
+
+Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung
+verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu,
+näher heranzukommen.
+
+Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie
+durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den
+ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und
+trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen
+Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und
+ruhig an.
+
+Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern
+trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah,
+schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
+Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im
+Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag
+durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
+wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von
+sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
+Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem
+Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete
+sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er
+vom Hofe heruntergefahren sei.
+
+Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes,
+anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem
+Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke
+lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern
+lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen
+wieder spähend auf den Mann.
+
+Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
+
+Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und
+gleichgültig.
+
+»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else
+erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da
+bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz
+auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als
+wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
+
+»Nein -- nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde
+sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand
+saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht
+und knapp am Körper herunterfloß.
+
+Wie voll sie erblüht war. -- Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht
+reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch
+auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der
+Kranken Furcht ein.
+
+»Das Herz -- ist -- ein Andenken -- von Wilms,« brachte sie mit
+Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun,
+Hedwig -- geh' schlafen. -- Wilms soll heut bei mir bleiben -- ich -- ich
+will allein sein mit -- meinem Manne -- hörst du?«
+
+Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung
+begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus
+der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete
+sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses
+Rückkunft wieder bewohnte.
+
+Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
+und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern
+herüberquoll.
+
+»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch
+ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während
+sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch
+einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen,
+unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten
+alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und
+lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der
+Verfallenen zu melden.
+
+Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer
+Aufregung vor sich hin:
+
+ »Der schwarze Reiter hält vorm Haus.
+ Komm' feine Frau zu mir heraus,
+ Ein Hemd genügt -- mußt eilen,
+ Daß ich vom ersten Morgenstrahl
+ Zurück bin über See und Tal;
+ Wir reiten viele Meilen.«
+
+Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das
+Stundenglas rann noch weiter.
+
+ * * * * *
+
+Es schlug eins.
+
+Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte
+des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.
+
+Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem
+Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen
+seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.
+
+»Was willst du, Elsing?«
+
+»Ich glaube -- es geht bald -- mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und
+es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.
+
+»Elsing -- um Gottes willen -- bist du denn kränker geworden?«
+
+»Ja, ich glaub' wohl. -- Wilms -- ich dank' dir auch für alle Liebe
+-- -- -- nur zuletzt -- aber sag' mir die Wahrheit; du hast mich nie
+belogen: -- Wenn ich nun gestorben bin -- willst -- willst du dann Hedwig
+heiraten?«
+
+Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der
+Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort
+hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum
+mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr
+sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.
+
+Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem
+kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen,
+und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte,
+flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör' auf mich -- Hedwig ist nichts für
+dich -- ihr paßt nicht zusammen, -- weil -- ach, weil sie viel mehr ist
+als du -- und erinnere dich, mein armer Mann -- erinnerst du dich nicht --
+was ich dir -- von Hedwig und dem Grafen damals erzählte --« Ein
+befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden,
+diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß
+ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um
+dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein --
+nicht so, wie ich -- wie ich -- -- wie -- --«
+
+Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg,
+und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf.
+Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr,
+mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend
+rief er durch das Haus: »Hedwig -- Hedwig.«
+
+Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete
+ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.
+
+Ob das schon das Ende war?
+
+Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand,
+und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit
+schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen um sich, als
+flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.
+
+»Hedwig -- Hedwig.«
+
+Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr
+lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte
+hinauf.
+
+»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.
+
+Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.
+
+»Noch nicht,« gab er tonlos zurück -- »aber ich kann nicht mehr mit ihr
+allein bleiben, -- komm' rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen
+voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster
+und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und
+nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht
+ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall
+einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel,
+und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte
+Wilms mit. -- Fünf -- sechs -- sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte
+der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf
+anheimfiel.
+
+Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär's ein Verbrechen gewesen, wenn
+man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann
+hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um
+nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und
+Frieden.
+
+Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß,
+und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um
+keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig -- Hedwigs Lippen
+bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester
+zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie
+nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre
+Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu
+beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in
+den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken
+und vergessen wäre.
+
+Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern
+wollte.
+
+Beide Schwestern waren müde, sehr müde.
+
+Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür
+geklopft.
+
+Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen
+Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf
+der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.
+
+Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche
+mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns
+abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen.
+Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt,
+und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die
+Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und
+hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen
+hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
+vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es
+der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte
+seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
+zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.
+
+Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann
+neben ihr gehalten würden -- dicht neben dem Lager der Scheidenden.
+
+»Amen, -- Amen,« schloß der Priester.
+
+»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.
+
+Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden
+andern still hinaus. Vor der Tür verharrten sie noch einen Augenblick
+und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter,
+erregter Stimme Gebete aufsagte.
+
+Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So
+hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich
+nichts mehr zu sagen hatten.
+
+Es war nur noch ein Hindrängen.
+
+Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in
+der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht
+durch.
+
+Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und
+was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.
+
+Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln
+verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war
+getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie
+eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und
+klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie -- sind -- es,
+Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön -- -- dann ist mir wohl -- o, so
+wohl --«
+
+Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und
+während sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah,
+sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:
+
+ »O selig, der das Heil erwirbt,
+ Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!
+ O selig, wer, vom Laufe matt,
+ Die Gottesstadt,
+ Die droben ist, gefunden hat.
+
+ Nun, Tor des Friedens öffne dich:
+ Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.
+ Ihr Schlafenden im Friedensreich,
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen
+begab. -- Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein
+krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt
+faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.
+
+Er wußte nicht mehr, was er betete.
+
+
+
+
+XI.
+
+
+Der letzte Morgen für die Kranke brach an.
+
+Pastor Schirmer, der gutmütige, greise Geistliche, hatte seinem
+Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten, und so fand das einströmende
+Tageslicht die blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie erquickt
+erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der Pastor, daß die Leidende sich
+wohler fühle. Nur das, was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr,
+unzusammenhängend, auch funkelten die Augen unruhig über alle
+Gegenstände im Zimmer umher. Ihre mageren Finger befanden sich in
+beständiger Bewegung und kratzten auf der Bettdecke auf und ab.
+
+»Hedwig -- soll kommen -- und mich kämmen -- und waschen,« verlangte die
+Kranke dann, »und soll -- einen Spiegel mitbringen.«
+
+Der Geistliche schüttelte besorgt das Haupt, aber er schickte doch nach
+dem Mädchen hinauf, um sich dann selbst mit herzlichen Worten zu
+verabschieden.
+
+Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein Weib beachtete ihn gar
+nicht und erst, als er ihr scheu »Guten Morgen, Elsing« bot, lächelte
+sie sanft und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren Gedanken
+kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn sie flüsterte verschämt:
+
+»Wenn ich -- ein Kind bekomm', -- und es -- wird ein Mädchen, dann -- soll
+Hedwig -- Pate stehen. -- -- Ist Hedwig noch nicht da?«
+
+Und immer in tiefen Gedanken löste sie ihr Haar, nahm es nach vorn und
+wickelte eine Strähne um ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien,
+blickten sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam an. Else
+sanft und glückselig lächelnd, die Jüngere hingegen erschrak und konnte
+sich das Bild nicht erklären.
+
+»Komm', Heting,« flüsterte die Kranke, die von allen Schmerzen befreit
+schien, »waschen und -- kämmen -- das viele Haar drückt mich auf den Kopf
+-- hast du auch so weiches Haar? -- Sieh mal, ich kann mich ganz drin
+einwickeln -- Wilms freute sich immer damit -- -- -- Heting« -- hier herzte
+sie die jüngere Schwester zärtlich und streichelte ihr die Wange, »wenn
+du seine Frau bist, mußt du es auch immer aufmachen. -- Dann küßt er
+es. --« -- Und während sie mit ihrem fahlen Gesicht in den Spiegel sah,
+summte sie:
+
+ »Ihr Schlafenden im Friedensreich
+ Gönnt allzugleich
+ Auch mir ein Räumlein neben euch.«
+
+Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang, und sie machte ihrem
+Spiegelbild ein neckisches Gesicht, als ob sie sich sehr schön fände.
+
+Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf sie hin. Dies war das
+Furchtbarste, was sie mit der Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.
+
+Hedwig erfüllte mit leichter Hand alle Wünsche der Kranken, bis die
+Schwester plötzlich zusammenfuhr, um das Mädchen starr anzublicken.
+
+Sie hatte etwas entdeckt.
+
+Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter, um endlich von
+neuem ihre funkelnden Augen über ihre Pflegerin gleiten zu lassen.
+
+Einen Moment sann sie nach.
+
+»Heting,« begann sie mit singender Stimme, »was trägst du da für einen
+Ring? -- sieh mal, von Silber -- den wollte mein Mann mir ja immer
+schenken, und nun hat er ihn dir gegeben -- -- sieh mal -- bist du nun
+seine Braut?«
+
+»Else -- laß meinen Finger -- es tut mir weh.«
+
+»Bist du seine Braut? -- Komm', Heting, ich will dir was sagen,« sie
+beugte sich herab und kreischte plötzlich mit schneidender Stimme:
+»Ehebrecherin!« -- Ehe der entsetzte Mann das Mädchen noch von den
+umklammernden Griffen befreien konnte, führte die Rasende die Hand
+Hedwigs zum Munde und biß, wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in
+den Ringfinger hinein und kratzte sie und zerrte sie an den Haaren.
+
+»Hilfe -- Hilfe,« rief Wilms. Mit einem Sprung war er am Bett, hob das
+Mädchen hoch in die Höhe und schleppte die Halbbetäubte ins Nebenzimmer
+hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang schluchzend und Hilfe
+flehend die Arme um seinen Hals.
+
+Da vergaß sich Wilms.
+
+Er raffte das Mädchen, das er noch immer trug, an sich und voll wehen
+Mitleids preßte er ihr wütende Küsse auf Mund, Stirn und Hände, als
+müsse er alles gut machen, was eben an der Mißhandelten verschuldet war.
+
+»Heting, mein liebes Heting -- großer Gott -- wenn's nur schon vorüber
+wär'.«
+
+Und seinem Wunsch sollte Erfüllung werden. Ein seltsam verröchelnder
+Laut tönte hinter ihnen auf, Else war, als man ihr die Jüngere geraubt
+hatte, ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus dem Bett
+gesprungen, hatte mit nackten Füßen die anstoßende Tür erreicht und
+geöffnet.
+
+Da sah sie das Bild und hörte die Küsse.
+
+Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz, machte mit der andern
+Hand eine matte Bewegung in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt
+wie müde, gegen den erhobenen Arm zurück.
+
+Und sie hatte auch genug geschaut.
+
+Ein Röcheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen schlossen sich, und
+im weißen Hemde lag eine Leiche auf dem Estrich.
+
+»Elsing -- sie stirbt.«
+
+Keine Antwort.
+
+Da schleuderte der Landmann das Mädchen von sich und stierte wie
+geistesabwesend auf die starre Hülle seines Weibes herab.
+
+In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde, ein Pferd wieherte
+gerade im Stall.
+
+Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im weißen Hemde geholt und
+jagte donnernd mit ihr über die Brücke, die in die Ewigkeit
+hinüberführt.
+
+ * * * * *
+
+Es war nach dem Begräbnis.
+
+Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun wollte sich auch der
+Rendant Schröder, der Vater der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah
+der Verstorbenen sehr ähnlich, der alte Herr, trotz seines würdigen,
+schwarzen Gehrocks, des militärisch gescheitelten schneeweißen Haars,
+und der winzigen Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf Wilms
+zu, der teilnahmslos in der Sofaecke saß, und drückte ihm schwermütig
+die Hand: »Gott hat Schweres über uns verhängt,« sagte er unsicher, »wir
+müssen uns aber in seinen Willen fügen, mein Sohn -- ich hätt' auch nicht
+geglaubt, daß ich das noch erleben würde.«
+
+Damit zog er ein weißes Taschentuch und weinte bitterlich hinein.
+Allmählich ermannte er sich und wandte sich an Hedwig, die
+schwarzgekleidet am Fenster saß und träumerisch über den Hof fort auf
+die sonnige Landstraße hinausblickte.
+
+»Komm, Heting, mein Wagen hält schon draußen, deine Sachen können dir
+nachgeschickt werden. Ich will jetzt wenigstens meine Einzige um mich
+haben.«
+
+Sie sollte fort?
+
+Eine lähmende Verwunderung erfüllte das Mädchen; an diese Möglichkeit
+hatte sie gar nicht gedacht. -- Und doch, es war ja so natürlich, sie
+konnte doch vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann im öden
+Pachthof bleiben.
+
+Sie erhob sich. Unterstützung heischend, sah sie zu Wilms herüber.
+
+Aber der rührte sich nicht. Er empfand nicht, wie schön sie war, immer
+mit demselben unbeweglichen Gesicht saß er geduckt in seiner Ecke und
+sah schweigend und gleichgültig vor sich hin. Mit der gleichen Miene
+hatte er in den letzten Tagen alles an sich vorüberziehen lassen. Den
+Sarg, die Leiche, die brennenden Lichter, die singenden Dorfkinder, den
+alten würdigen gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen,
+nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen zu brechen vermocht.
+
+Aber jetzt -- jetzt, wo man ihm die Geliebte entreißen wollte -- da
+erwartete Hedwig, und ihre Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu
+leuchten -- jetzt mußte er doch alle Erinnerungen von sich werfen, um
+sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen zu lassen.
+
+O, sie war ja überzeugt, nun würde er aufflammen, nun -- -- sie horchte
+und wartete, allein immer dasselbe Schweigen.
+
+Sie scharrte ungeduldig mit dem Fuß.
+
+»Wilms,« sagte sie leise.
+
+Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar nicht, düstere Bilder
+mußten vor seiner Seele stehen, denn er wandte den Kopf und starrte auf
+die Stelle, wo Else im weißen Hemde gelegen hatte. Dann schauerte er
+zusammen.
+
+»Komm, Heting,« drängte der Vater. »Es wird nun Zeit, wenn wir noch vor
+Abend zurück sein wollen.«
+
+Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich noch einmal still und
+betrübt in dem weiten Zimmer um, wo seine Tochter gestorben war.
+
+Da tat das Mädchen einen tiefen Atemzug, ihre ganze Gestalt reckte sich:
+»Vater,« entgegnete sie rasch und bestimmt, »ich kann dich jetzt nicht
+begleiten, ich muß noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich Wilms
+versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft zu zählen und instand zu
+setzen, was durch Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber dann« --
+und wieder atmete sie seltsam schwer -- »dann komm' ich dir nach.«
+
+Der Rendant stutzte. »Eine Woche noch?« wiederholte er verlegen und
+putzte an seinem Zylinder. »So? -- Mein Sohn,« kehrte er sich fragend zu
+dem Landmann, »wäre es dir lieber, wenn Hedwig noch -- noch hier bliebe?
+Ja?« Er wartete noch eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar
+nicht gehört hatte, mußte er dieses Schweigen wohl für Zustimmung
+halten, denn er fuhr langsam und bedenklich fort: »Nun, wenn du es
+verlangst -- natürlich -- du hast ja auch einen so großen Verlust
+erlitten, daß du dich gewiß ein bißchen nach Gesellschaft sehnst, na,
+dann kann ja Hedwig auch noch acht Tage hier bleiben, ich habe nichts
+dagegen -- obwohl, hm, ja, ich wünschte nur, du würdest mit der Zeit ein
+wenig ruhiger -- und -- nun adieu, Wilms -- und daß wir uns zu besserer
+Gelegenheit wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben -- hörst du?«
+
+Hier schwankte die Stimme des alten Beamten doch bedenklich, er kehrte
+sich rasch ab, und bald nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von
+dannen.
+
+Hedwig und der Pächter befanden sich wieder allein.
+
+In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz klopfen hören, so hell und
+erwartungsvoll pochte es. »Was nun wohl folgen würde?« dachte sie. -- Der
+Weg war frei, die Last abgeschüttelt, versunken, endlich gab es nichts
+Trennendes mehr zwischen ihnen, und mit verzehrender Gewalt verlangte es
+sie danach, daß der starke Mann sie nun in die Arme nehmen und sie
+küssen und wiegen sollte, noch zärtlicher und glühender, als vor wenig
+Tagen, da Else darüber gestorben war.
+
+Aber der Tag verfloß, ohne daß der stille Mann von ihr etwas verlangte
+oder begehrte; schweigend nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und
+trübsinnig brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer hinauf zu
+begeben.
+
+Er hatte während der langen Zeit nicht ein Wort mit dem Mädchen
+gewechselt. Wie ein Alp bedrückte es bereits ihre Brust.
+
+Schon befand sich die große gebeugte Gestalt an der Tür, da rief ihn
+Hedwig atemlos an.
+
+»Wilms.«
+
+Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.
+
+»Willst du -- willst du morgen nicht auf deine Felder gehen?«
+
+Der Landmann nickte gleichgültig und legte die Hand auf die Türklinke.
+
+Jetzt würde er verschwinden.
+
+Es war die höchste Zeit.
+
+»Wilms -- willst du nicht noch hier bleiben?«
+
+Ein scheuer Blick streifte das schöne Geschöpf, dann irrte er an ihr
+vorüber und fiel auf das große zugedeckte Bett, das einst die Heimstätte
+der Kranken gebildet.
+
+Eine mächtige Bewegung lief durch den riesenhaften, ungelenken Körper,
+man sah ihm an, daß er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber
+schlug Wilms beide Hände vors Gesicht, und ein halblautes, ersticktes
+Stöhnen drang zu der Erschreckten hinüber.
+
+Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten Menschen, eine
+erschütternde, trostlose Selbstanklage.
+
+Im nächsten Moment war der Pächter hinter der Tür verschwunden, und die
+Zurückbleibende vernahm nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden
+Treppe verhallten.
+
+Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf die leere Pforte.
+
+War es wirklich Wahrheit? -- Sie befand sich jetzt allein? Der Mann, den
+sie erheben, befreien, glücklich machen wollte, dem sie mit weichen
+Händen unter Küssen die Schmerzenslast von den wunden Schultern zu
+nehmen gedachte, der flüchtete vor ihr? Der würdigte sie keines Wortes?
+
+Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.
+
+Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister, die die Stätten der
+Sünde umschweben, glaubte sie ja nicht. Wilms war nur überreizt, unter
+ihrer Pflege würde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die Lust
+am Leben, und die Lust an ihr.
+
+Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide, das sie der Toten mit
+fester Hand abgenommen, und las mit ihren roten zitternden Lippen den
+Namen »Wilms«.
+
+Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit einem seltsamen, fast
+übermütigen Lächeln, suchte sie ihr Lager auf und beschloß, von Wilms zu
+träumen.
+
+Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster kehren nicht wieder,
+die Toten stören die Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf
+den weißen Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten Manne führte,
+lächelte sie wieder ihr stolzes, verführerisches Lächeln.
+
+
+
+
+XII.
+
+
+Am nächsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.
+
+Zum erstenmal saßen Wilms und Hedwig in der Fliederlaube beim Kaffee.
+
+Schwüle, dumpfig-warme Luft strich über die Erde, Bäume und Blumen
+standen regungslos, als sähen sie furchtsam zu den grauen Wolken empor,
+die sich dort oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten, die
+Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schrägem, niedrigem Flug, dumpfe
+Gewitterstille ließ Menschen und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken
+und Frösche auf der Wiese summten und quakten lauter als je.
+
+Und still und schwül türmte sich auch etwas zwischen den beiden Menschen
+auf, die lautlos einander in der Laube gegenüber saßen. Geschäftig und
+leidenschaftlich für ihn besorgt, hatte Hedwig dem Pächter alles
+bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal wie zum Dank mit
+dem Kopf genickt, jetzt aber brütete er wieder, das Haupt in die Hand
+gestützt, düster in das brauende Unwetter hinein, das wie an ungeheuren
+schwarzen Seilen bereits vom Himmel herunterhing. Schon klatschten
+einzelne, schwere Tropfen von der Höhe auf den Rasen.
+
+Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm, wie er nach dem Kutscher
+rief, zugleich bemerkte sie auch, daß vor der Einfahrt bereits das
+Korbfuhrwerk wartete.
+
+»Willst du fortfahren?« begann sie befangen.
+
+Wilms nickte.
+
+»Geschäftlich?«
+
+Wieder neigte der Pächter schwerfällig das Haupt.
+
+»Wirst du lange fort bleiben, Wilms?«
+
+Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu den Boden, aber zum
+erstenmal seit Tagen erteilte er doch eine Antwort. Gepreßt kam es
+heraus: »Ja, es kann woll -- ein paar Tage dauern.«
+
+Da freute sich das Mädchen, daß sie die erste war, die wieder seine
+Stimme vernahm, und im überwallenden Gefühl streckte sie ihm beide Hände
+entgegen, um sich von ihm zu verabschieden.
+
+Aber er rührte ihre Finger nicht an. Düster stand der große Mann vor
+ihr. Wohl blieben seine überbuschten Augen groß und starr an ihrer
+rosigen Haut haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
+könnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfaßte er das Mädchen mit
+einem so jammervollen, so verängsteten und geistig zerrütteten Ausdruck,
+seine breiten Lippen zitterten derartig krampfhaft, daß das Mädchen in
+jähem Entsetzen zurückbebte.
+
+Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.
+
+Sah sie nicht, daß der gequälte Mann mehrfach ansetzte, als wollte er
+dennoch ihre Hand ergreifen, um bald darauf seine Rechte wieder sinken
+zu lassen?
+
+Was hinderte ihn nur?
+
+Etwas Unsichtbares, Unerklärliches mußte sich regelmäßig vor ihm
+erheben, und mit einem plötzlichen Entschluß riß er sich jäh von dem
+Mädchen los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt zu seinem
+Wagen.
+
+Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und bald hörte die
+Zurückbleibende, wie der Wagen davonrollte.
+
+Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und sah abgespannt in den
+grauumzogenen Himmel hinauf, von dem der Gewitterregen noch immer nicht
+auf das lechzende Land niederrauschen wollte.
+
+»Das also ist das Ende?« dachte sie. Sie griff sich an die Stirn und
+fuhr auf. Ihre ganze Umgebung schien ihr plötzlich so fremd; wie konnte
+sie nur in diesem öden, verwunschenen Gehöft so lange gesäumt und
+geharrt haben, sie, die doch mit ganz anderen Hoffnungen in die Welt
+hinausgetreten war?
+
+Ein langes blendendes Leuchten ging über den Horizont, ein dumpfes
+fernes Murren schob sich dazwischen, und ein kurzer Regenguß pfiff über
+das Land.
+
+Die Bäume schüttelten sich und richteten sich auf. Auf Blättern und
+Halmen perlten große Tropfen.
+
+Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie hatte ihre Schwäche
+überwunden. -- Spielend dehnte sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem
+kräftigen Gang in die Wirtschaftsgebäude, um ruhig und sicher, wie
+früher, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit die Geschäfte des
+kleinen Gutes zu besorgen.
+
+»Nimm die leeren Säcke dort vor dem Fenster fort, Dörthe,« ordnete sie
+mit ihrer frischen Stimme an.
+
+»Ja Fräulen, die liegen man noch da, damit die sel'ge Frau nich durch
+das Wagengerassel gestört werden sollt.«
+
+»Nun ja -- aber meine Schwester braucht sie jetzt nicht mehr, wir aber
+könnten die Säcke vielleicht noch nötig haben.«
+
+Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung und widerspruchsloser
+Gehorsam waren in das Gehöft eingekehrt.
+
+Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit zurückgewonnen.
+
+Sie wußte jetzt, daß über Wilms der finstere Geist der Schwermut
+schwebe, daß die Tote dennoch aus dem Grabe auferstanden sei, um
+unversöhnt die beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
+scheuchen. Aber sie scheute die Frau im weißen Hemde nicht. Die Lebende
+war vor ihr gewichen, und deshalb wollte sie alle Kraft einsetzen, um
+auch den blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.
+
+Draußen schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgebäude, aus den
+grauen Nebelwänden rollte und polterte es dumpf heran.
+
+Eine zischende Windsbraut wirbelte über das Gehöft.
+
+ * * * * *
+
+Wilms fuhr die Landstraße entlang. Sein Ziel waren ein paar große Güter
+in der Umgegend von Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
+vorüberkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus, so daß er aus seiner
+Versunkenheit aufgestört wurde.
+
+Er wunderte sich.
+
+»Jochen, was is heut für ein Tag?« fragte er seinen Kutscher.
+
+»Ja Herr, weiten Se dat nich? Hüt hewwen wi ja unsen Herrn Christ sin
+Himmelfahrt.«
+
+Wilms faßte sich an den Kopf.
+
+Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, daß er von dem hohem Festtag
+gar nichts wußte? Früher hatte er an diesem Tage stets neben Else im
+eichenen Kirchenstuhl gesessen und andächtig mitgesungen. -- Seitdem aber
+Hedwig auf dem Gehöft wirkte -- -- -- nein, nein, er wollte nicht weiter
+denken.
+
+Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt hastig über die Treppen in
+das Gotteshaus hinein.
+
+Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht konnte hier die
+unselige, feige Angst von ihm genommen werden.
+
+Die Kirche war gedrängt voll. Eben schwieg die Orgel, und der kleine
+Pastor Schirmer begann von der Kanzel zu predigen. Rührend und beweglich
+schilderte er die Leiden und göttliche Sanftmut des Gottessohnes, und
+wie er nach seiner Auferstehung den Jüngern, die ihn nicht kannten, in
+seinem weißen Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie den
+gesegneten Fischzug tun zu lassen.
+
+»Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein Kleid weiß wie der
+Schnee.«
+
+Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank Platz genommen hatte,
+erbleichend zusammen. Das Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor
+seine Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen drehten sich
+im Kreise.
+
+Die stürmische Angst jagte ihn von dannen.
+
+Nur hinaus -- in die Luft -- ins Freie, daß er atmen konnte. Schwankend
+erhob er sich.
+
+Allein der Eintritt des Pächters war von seinen Nachbarn bemerkt worden.
+Leise flüsterten sie sich zu, wie elend, krank und abgezehrt der
+Landmann aussehe, und Förster Eltze, der in seiner Nähe gesessen, folgte
+ihm hinaus.
+
+Und gerade als der nach Luft Ringende seinen Wagen erreicht hatte,
+ergriff der gutmütige Riese die Hand des Pächters und hielt ihn zurück.
+
+»Wilms, sind Sie krank?«
+
+Der Pächter starrte den andern an.
+
+»Ja -- Eltze -- ich kann -- in der Nacht nich mehr schlafen.«
+
+»Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?«
+
+»Weil -- weil meine Frau immer bei mir is.«
+
+»Wilms -- um Gottes willen -- alter Freund, das reden Sie sich bloß ein.«
+
+Der Pächter zuckte die Achseln, und während er sein Gefährt bestieg,
+antwortete er wehmütig: »Das kann woll sein,« dann grüßte er den Förster
+noch kurz, und im nächsten Moment rollte das Fuhrwerk in das graue
+Unwetter hinein.
+
+»Jochen, gib auf den Herrn Obacht,« rief Eltze voller Besorgnis den
+Abfahrenden nach.
+
+Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutmütige Weidmann.
+
+Der finstere Geist, der den Unglücklichen mit seinen schwarzen Fittichen
+beschattete, senkte sich immer tiefer auf sein Opfer herab, so daß die
+Nacht noch düsterer in ihm wurde.
+
+Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen Linien schossen die
+schmalen Feuerstreifen dahin, aus den dunklen Wolkengründen heraus
+rollte der Donner und hallte verendend über die weite Ebene.
+
+So waren die Reisenden an einen unbeträchtlichen Landsee gelangt, der
+mit einem Wasserarm die Chaussee unterbrach, so daß sie an dieser Stelle
+überbrückt war.
+
+Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser umgaben, quollen feuchte
+graue Dünste empor, fahl und farblos lag die Fläche, nur an der Brücke
+erhoben sich ein paar verkrüppelte Silberweiden.
+
+Eben rasselte das Gefährt über das morsche Holz, als Wilms Blick
+gleichgültig über den schweigenden See schweifte.
+
+Aber dann -- der Pächter richtete sich auf und stierte auf das jenseitige
+Ufer hinüber.
+
+Er mußte etwas Furchtbares erschauen, denn kalter Fieberschweiß brach
+ihm aus allen Poren, mit der Hand umfaßte er die Schulter seines
+Knechtes.
+
+»Jochen,« schrie er, »kehr' um.«
+
+»Herr -- Herr Jesus -- wat is denn?«
+
+»Jochen -- Jochen -- kehr' um.«
+
+Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:
+
+»Herr, Se sünd woll krank? Wat is denn dor äwern See? -- Seggen Se mi's
+doch -- ick fürcht mi.«
+
+Aber der Landmann brachte kein Wort hervor. Mit weit aufgerissenen Augen
+starrte er über die graue Fläche, denn der düstere Geist, der über ihm
+war, malte ein entsetzliches Bild.
+
+Dort drüben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd war »weiß wie der
+Schnee«, ihre Augen funkelten wie grelle Blitze, und über ihr entlud
+sich schmetternd ein krachender Donnerschlag.
+
+Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden Manne zu grausen, mit
+aller Kraft warf er die Pferde herum und jagte unter prasselndem Regen
+mit seinem ohnmächtigen Insassen den Weg, den er gekommen, wieder
+zurück.
+
+ * * * * *
+
+Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte der Pächter das große
+Bett in der Wohnstube, an dem Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte,
+verlassen.
+
+Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so riesenhafte Mann
+kraftlos reckte und sich mit einem wehmütig lächelnden Blick im Spiegel
+beschaute.
+
+»Na, Wilms, nu frische Luft,« rief der dicke Dr. Rumpf -- »und dann,
+Kinding, die Fenster auf und was Ordentliches für den Magen -- -- paar
+Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!«
+
+Und am Arm des Physikus ließ sich Wilms in den Garten leiten, in dem
+jetzt die Linden blühten und einen erquickenden, würzigen Duft
+verbreiteten.
+
+»Ach, hier ist es schön,« sagte der Landmann, als er in der Laube saß,
+bewundernd, »komm, Heting -- und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch
+ein bißchen zusammenbleiben.«
+
+Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen Blick zu und gedachten
+ihn durch ein harmloses Gespräch ein wenig aufzumuntern, jedoch der
+Pächter ließ sie nicht zu Worte kommen.
+
+Er war so gesprächig, wie seit vielen Jahren nicht. Alles, womit ihn die
+Natur umgab, erinnerte ihn an Begebenheiten aus seiner Jugend, aus
+seinen Lehrjahren und erweckte auch das Andenken an seine Mutter.
+
+»Trägst du noch den Ring, Heting? -- Nicht wahr, den wirst du doch immer
+in Ehren halten? Weißt du noch -- am Weihnachtsabend?«
+
+Nur Else erwähnte er nicht. Es schien, als ob das Grab sie nun doch
+festhalte, als ob die Erde sich endlich dauernd über ihr geschlossen
+hatte.
+
+Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen bestieg, folgte ihm
+Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:
+
+»Nun, Herr Doktor, nun?«
+
+»Ja, was soll ich sagen? -- Ernährung, mein Kind, Ernährung. Das ist das
+allereinzigste Mittel.«
+
+»Ja aber, Herr Doktor, er ißt ja fast gar nichts.«
+
+»Heting,« sprach der Physikus ernst und strich dem Mädchen über die
+heiße Stirn, »jetzt hängt alles von dir ab, verstehst du?«
+
+»Nein.«
+
+»Der Mann ist seelisch krank,« sagte der Doktor langsam, indem er ihr
+fest in die Augen sah, »verstehst du jetzt, warum alles von dir
+abhängt?«
+
+Da wurde das Mädchen blaß und wieder dunkelrot und sah vor dem alten
+Freunde zu Boden.
+
+Sie verstand ihn.
+
+»Und morgen komm' ich wieder,« rief der Physikus in anderem Ton, küßte
+seiner jungen Freundin im Vorübergehen die Hand und fuhr vom Hofe
+herunter.
+
+Mit glühenden Wangen lief Hedwig in den Garten, jetzt wußte sie es, was
+der erfahrene Arzt verlangte, sie sollte den geliebten Mann verlassen. --
+Sie -- sie selbst hielt man für die Ursache, daß er nicht zur Ruhe kommen
+könnte; war es möglich, daß ihre Gegenwart ihn quälte und peinigte? --
+Glaubte er sich wirklich sündenbeladen, weil er ihr blühendes Leben der
+Todverfallenen vorgezogen? -- Die Tote siegte, die Tote ging im Hause
+umher, die Tote behauptete den Platz an seiner Seite. -- Nein, so konnte
+sie sich nicht verscheuchen lassen. -- Schmeichelnd setzte sie sich neben
+Wilms, und als er sie musternd anlächelte, schlang sie ihre weichen Arme
+um den abgezehrten Mann, und flüsterte mit ihrer angsterfüllten bebenden
+Stimme: »Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr, jetzt wirst du
+auch wieder gesund werden?«
+
+Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da war es ihm, als ob
+ein köstlicher, erfrischender Heiltrank in ihn hinüberströme, der alle
+seine Glieder mit einer wohltuenden Schlaffheit erfüllte, so daß er sein
+Haupt müde an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern strebte.
+
+»Ja, Heting,« murmelte er erquickt, »nun werden wir bald sehr glücklich
+sein.«
+
+»Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht mehr so wie damals?«
+
+»Nein, nein, Heting -- laß das -- an meine Frau denke ich nich mehr -- will
+nich mehr -- nur du.«
+
+Waren es die Lindenblüten, die der leise Wind von den Zweigen
+schaukelte, war es Hedwigs Nähe, der müde Mann schlummerte an ihrer
+atmenden Brust wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.
+
+Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der Linde. Die sang das
+Schlummerlied.
+
+Aber in dem Mädchen zehrte und bohrte der Gedanke an die verlangte
+Trennung weiter.
+
+ * * * * *
+
+Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und nachdenklich auf Hedwigs
+stolzen, weißen Hals, von dem sich ein schmales, goldenes Kettchen
+abhob.
+
+»Heting, trägst du da nicht -- -- --?«
+
+»Ja, Elsens Goldherz.«
+
+»Das besitzt du?«
+
+»Ja, ich hab' es ihr abgenommen.«
+
+Der Pächter stützte das Haupt und blickte sinnend vor sich hin.
+
+»Mir is es doch lieb,« sagte er endlich, »daß sie es nicht mitgenommen
+hat in die Erde. -- Mir wär' es dann immer gewesen, als wär mein Herz mit
+begraben. -- So aber liegt es bei dir.«
+
+Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich. Und beide klammerten
+sich aneinander, als ob sie Schutz suchten vor dem weißen Schatten, der
+unerbittlich durch das Haus ging.
+
+Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine Arme schmiegte, da
+ging es wie ein Beben durch den kranken Körper. »Heting -- Heting,«
+stammelte er, »ich werd' -- wohl nie wieder ganz glücklich werden.«
+
+Da fröstelte das liebeglühende Mädchen zusammen und verstand ihn.
+
+ * * * * *
+
+Wilms Seelenzustand wurde immer trübsinniger. Oft, wenn Hedwig
+unvermutet zur Tür hereintrat, dann traf sie ihn, wie er starr auf die
+Schwelle hinblickte, auf der einst Else entseelt dahingesunken, und wenn
+sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe zu ermuntern, dann kam
+ein Ausdruck von Furcht in seine Augen, als wenn ihn ihre Zärtlichkeit
+quäle.
+
+Und einmal rang er sich schwer die Worte ab: »Heting, küß mich nich so --
+mir is es immer, als wenn Else zusäh.«
+
+Da zuckte das Mädchen zusammen, und so oft sie sich ihm in den nächsten
+Tagen näherte, immer glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu spüren, das
+an ihr vorbei strich.
+
+Sie faßte sich an die Stirn und begann schmerzlich zu lächeln. Sie fing
+an, an Gespenster zu glauben.
+
+Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen immer häufiger in seine
+Reden zu mischen. Bald erinnerte er sich an Worte seiner Frau, bald an
+allerlei Eigentümlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot, merkte
+Hedwig, daß sie der Pächter mit weit aufgerissenen, entsetzten Augen
+beobachtete:
+
+»Was hast du denn, Wilms?«
+
+»Du -- du siehst -- ihr doch sehr ähnlich,« stammelte der Landmann
+fassungslos und ließ Messer und Gabel aus seiner Hand klirren.
+
+Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube wahr, daß Wilms,
+anstatt zu schlafen, bitterlich vor sich hin schluchzte.
+
+Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.
+
+Ihr wunderbarer, prachtvoller Körper blühte neben ihm, und der Kranke
+koste und scherzte mit der Verwesten.
+
+ * * * * *
+
+»Onkel Doktor,« weinte Hedwig vor sich hin, als sie mit dem weißbärtigen
+Physikus, den sie hatte holen lassen, in der Laube saß, »was soll ich
+dagegen tun?«
+
+Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was sie seit dem einen
+Jahre auf diesem Gehöft erlebt hatte.
+
+»Was du tun sollst?« fragte der alte Herr und legte die beiden Hände des
+jungen, fiebernden Geschöpfes in die seinen. »Heting, mein Kind, ich
+hab' dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag' ich, du mußt fort.«
+
+Sie starrte ihn mit ihren großen, braunen Augen an, und der Physikus
+fühlte an ihren Händen, wie das Blut in den Adern hämmerte und schoß.
+
+»Still, Kind, still,« sagte er, »du willst ihn doch nicht zugrunde
+richten, und sieh, so oft er dich anblickt, immer wird er in dir die
+Ursache sehen, die die Verstorbene in den Tod getrieben. -- Nein, nein,
+mein Kind, bleib ruhig, ich weiß ja, du liebst ihn sehr, aber eben
+deshalb, Heting, bitt' ich dich, befrei' den armen Kerl von all' den
+bösen Erinnerungen. Glaub mir, so lange du hier bleibst, bleibt auch die
+Tote bei ihm. -- Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?«
+
+Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise. Dann sah sie mit
+sehnsüchtigem Blick auf den blühenden Garten hinaus, auf die anstoßende,
+saftige Wiese, auf die fernen Äcker, auf denen sonnendurchleuchteter
+Staub dahinzog.
+
+Überall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung und Wohlstand
+hatte sie zurückgezwungen. Das hatte die Tote doch nicht vermocht.
+
+Unter ihren Tränen zog ein trotziges Lächeln über das blasse Gesicht.
+
+»Nun, Heting,« fragte der Physikus und stand auf: »Weißt du nun, was du
+zu tun hast?«
+
+Sie nahm noch immer das Bild der blühenden Felder in sich auf, mit
+bebender Brust sog sie die frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte
+alles für eine glückliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern sollte
+sie nicht in das gelobte Land.
+
+»Heting?« fragte der Arzt dringender.
+
+»Sehen Sie, Herr Doktor,« rief das Mädchen, indem sie mit der Hand nach
+dem schönen Gut zeigte: »Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort
+drüben die grünen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,« flüsterte sie
+mit erstickter Stimme.
+
+Da streichelte der alte Herr dem jungen Geschöpf die welligen braunen
+Haare aus der heißen Stirn, nahm sie in seine Arme, und während ihr
+Schluchzen zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen Kinde:
+
+»Recht -- recht -- du bist ein tapferes, kleines Ding, es wird auch alles
+wieder gut.«
+
+ * * * * *
+
+»Heting,« sagte Wilms an einem der nächsten Tage, als sie nach dem
+Kaffee in der Wohnstube zusammen saßen, »du bist ja so vornehm
+angezogen, willst du ausfahren?«
+
+Das Mädchen sah ihn lange und ernsthaft an, als wollte sie sich jeden
+seiner Züge einprägen, dann schüttelte sie trübe lächelnd das Haupt,
+aber sie wandte sich ab und ließ ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
+und sah grüßend zu den Pappeln der Landstraße hinüber.
+
+Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann ihr schönes Gesicht zu
+und fragte einfach und doch voll verschlossenen Wehs:
+
+»Wilms, hast du mich wirklich ein bißchen liebgewonnen?«
+
+»Wie kannst du nur so fragen, Heting.«
+
+»Und mehr -- mehr als Else?«
+
+»Ich bitt' dich, Kind -- daran mußt du nicht rühren -- laß sie doch
+ruhen.«
+
+Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf.
+
+»Bist du mir böse?« rief Hedwig plötzlich leidenschaftlich, und während
+sie sich vor dem Stuhl des gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang
+sie den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: »Nicht wahr, du bist
+nicht böse auf mich?« flüsterte sie mit schwankender Stimme und
+schmiegte sich an ihn, »ich habe doch alles bloß aus Liebe zu dir getan,
+das weißt du doch, Wilms?«
+
+Der Landmann wurde gerührt. »Ja, mein Kinding, ja,« sprach er liebevoll
+und streichelte ihr das goldglänzende, braune Haar.
+
+Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch einmal aufmerksam in der
+Stube um. Dann schritt sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
+diese Zeit schon gewöhnt war, etwas vorzuspielen. Müde und erschlafft,
+wie er war, wiegten ihn die Töne noch immer am leichtesten in den
+ersehnten Schlummer.
+
+»Was soll ich spielen?«
+
+»Ganz gleich, es is ja alles schön.«
+
+»Nein, was du gern hast.«
+
+»Nun, dann das von Weihnachten, du weißt ja, Heting.«
+
+Sie schloß die Augen, ein süßer Schauer durchfuhr sie zum letztenmal.
+Und dann spielte sie das alte Volkslied, das schon so unendlich viel
+Müde eingesungen.
+
+Draußen rollte ein Wagen auf der Chaussee heran, Hedwigs Herz klopfte
+zum Zerspringen, aber sie ließ sich nichts merken und spielte tapfer den
+alten Sang, so leise und wehmütig und klagend, daß dem Kranken, der doch
+nicht wußte, was ihm bevorstand, die Tränen in die Augen traten.
+
+Und er schlummerte wirklich sanft und lächelnd ein, während das
+Abschiedslied leise austönte. Als er erwachte, war das Zimmer leer.
+Alles war still, nur von der Landstraße hörte man dumpfen Hufschlag und
+das Rollen eines enteilenden Gefährts.
+
+ * * * * *
+
+Der Förster hatte Hedwig in seinem Wagen zur Bahn gebracht, und sah zu
+ihr bewundernd in das Coupé hinauf.
+
+Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne zur Rüste, davon mochte das
+Mädchen so rosig übergossen sein, als sie zum Fenster hinaus nach der
+Gegend spähte, wo Wilmshus lag.
+
+Aber das Gehöft war längst hinter dem Tannenschlag versunken, und
+merkwürdig, wie Hedwig jetzt am Fenster lehnte, war sie wieder die
+vornehme, junge Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
+angekommen war.
+
+Sie begriff sich selbst nicht; seit der öde Pachthof hinter ihr
+verschwunden war, strömte ihr frischere Luft entgegen, ihr war es, als
+hätte sie selbst ein Jahr lang siech gelegen und sollte jetzt zum
+erstenmal wieder in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.
+
+»Wohin gehen Sie jetzt, Fräulein Hedwig?« fragte der Förster.
+
+»Ich weiß nicht. -- Überall, wo es für mich etwas zu tun und zu schaffen
+gibt. -- Die Welt ist groß.«
+
+»Da haben Sie recht. -- Und kommen Sie vielleicht bald hierher wieder
+zurück?«
+
+»Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja nie, was die nächste Stunde
+bringt.«
+
+Die Glocke klang. -- Der Förster schwenkte seinen grünen Hut.
+
+»Grüßen Sie Wilms,« rief Hedwig mit hervorbrechenden Tränen.
+
+Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr er in die rotgoldene
+Abendglut hinein.
+
+Hedwig sah nicht mehr zurück.
+
+
+
+
+Von Georg Engel erschienen ferner:
+
+Hann Klüth. Roman.
+Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.
+Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.
+Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.
+Die Furcht vor dem Weibe. Roman.
+Das Hungerdorf.
+
+
+
+
+Ullstein-Bücher
+
+
+Bis jetzt sind erschienen:
+
+#Clara Viebig# Dilettanten des Lebens
+#Georg von Ompteda# Maria da Caza
+#Heinz Tovote# Frau Agna
+#Rudolph Stratz# Arme Thea
+#Fedor von Zobeltitz# Das Gasthaus zur Ehe
+#Paul Oskar Höcker# Die Sonne von St. Moritz
+#Ernst von Wolzogen# Mein erstes Abenteuer
+#Georg Engel# Die Last
+#Kurt Aram# Violet
+#Richard Voß# Der Todesweg auf den Piz Palü
+#Otto Ernst# Laßt Sonne herein
+#Max Kretzer# Der Mann ohne Gewissen
+#Wilhelm Jensen# Unter heißerer Sonne
+#Karl Rosner# Sehnsucht
+#Wilhelm Hegeler# Der Mut zum Glück
+#Peter Rosegger# Die Försterbuben
+#Rudolf Herzog# Nur eine Schauspielerin
+#Joseph Lauff# Marie Verwahnen
+#Rudolf Hans Bartsch# Elisabeth Kött
+#Franz Adam Beyerlein# Similde Hegewalt
+#Walter Bloem# Sonnenland
+#Richard Strowronnek# Bruder Leichtfuß
+#Felix Hollaender# Charlotte Adutti
+#Heinz Tovote# Mutter!..
+#Karl Rosner# Georg Bangs Liebe
+#Korfiz Holm# Thomas Kerkhoven
+#Ludwig Ganghofer# Gewitter im Mai
+#Georg von Ompteda# Denise de Montmidi
+
+Jeder Band 1.-- Mark
+
+
+
+
+Musik für Alle
+
+Jeden Monat erscheint ein Notenheft
+
+
+Bisher sind unter anderen erschienen:
+
+Tannhäuser, zwei Hefte -- Tristan und Isolde -- Lohengrin -- Meistersinger
+von Nürnberg, zwei Hefte -- Der fliegende Holländer -- Rienzi --
+Sommernachtstraum -- Carmen, zwei Hefte -- Der Evangelimann -- Brahms-Heft
+-- Cavalleria rusticana -- Fra Diavolo -- Margarethe, zwei Hefte -- Die
+Geisha -- Hänsel u. Gretel-Heft -- Dollarprinzessin -- Der fidele Bauer --
+Der Graf von Luxemburg -- Wiener Frauen -- Der Vogelhändler -- Hoffmanns
+Erzählungen -- Die Zauberflöte -- Die weiße Dame
+
+Jedes Heft 50 Pf. (60 h)
+
+Ausführliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher erschienenen Hefte stehen
+auf Wunsch kostenlos zur Verfügung. Erhältlich in allen Buch- und
+Musikalienhandlungen sowie direkt vom
+
+Verlag Ullstein & Co, Berlin-Wien
+
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+p 008: »Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: öffnende Anführungszeichen ergänzt: sprang auf -- »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: schließende Anführungszeichen ergänzt: Der hängt noch.«
+p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the Ullstein
+edition, published around 1910. The table below lists all corrections
+applied to the original text.
+
+p 008: »Wie steht's mit den Kartoffeln, Korl?« -> Karl
+p 009: added opening quotes: sprang auf -- »nicht wahr?
+p 119: Förster Elze -> Eltze
+p 148: Dörte -> Dörthe
+p 150: added closing quotes: Der hängt noch.«
+p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,. ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+***** This file should be named 18231-8.txt or 18231-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/3/18231/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
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+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+your equipment.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+written explanation to the person you received the work from. If you
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Last
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: April 22, 2006 [EBook #18231]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+<!--
+<p><a class="page" name="Page_i" id="Page_i" title="i"></a>Die Last</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_ii" id="Page_ii" title="ii"></a>Ullstein-B&uuml;cher</p>
+
+<p>Eine Sammlung
+zeitgen&ouml;ssischer
+Romane</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_iii" id="Page_iii" title="iii"></a></p>
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+<div class="titlepage">
+<h1>Die Last</h1>
+
+<h2>Roman von<br />
+Georg Engel</h2>
+
+
+<h3>Ullstein &amp; Co<br />
+Berlin &#8226; Wien</h3>
+</div>
+
+<hr style="width: 50%;" />
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_iv" id="Page_iv" title="iv"></a>[Blank Page]</p> -->
+
+<p><a class="page" name="Page_1" id="Page_1" title="1"></a></p>
+<div class="quote">
+<p class="center"><em class="gesperrt">Motto:</em></p>
+
+<p>Nicht an einer Person h&auml;ngen bleiben:
+und sei sie die geliebteste &#8211; jede Person
+ist ein Gef&auml;ngnis, auch ein Winkel.</p>
+
+<p>&#8211;&nbsp;&#8211; Nicht an einem Mitleiden h&auml;ngen
+bleiben: und g&auml;lte es h&ouml;heren Menschen,
+in deren seltne Marter und Hilflosigkeit
+uns ein Zufall hat blicken lassen.</p>
+
+<p class="right">Friedr. Nietzsche</p></div>
+
+
+<div class="body">
+
+<h2><a name="Erstes_Buch" id="Erstes_Buch"></a>Erstes Buch.</h2>
+
+
+
+
+<h3><a name="Buch_1_I" id="Buch_1_I"></a>I.</h3>
+
+
+<p>Es war Tag geworden.</p>
+
+<p>Noch immer rieselte der Regen und troff an den
+kleinen Fenstern der Krankenstube herunter. Bleigraues
+Licht stahl sich z&ouml;gernd durch die Gardinen
+und mischte sich mit dem Schein der Lampe, die auch
+jetzt noch vor dem Bette brannte.</p>
+
+<p>Auf dem gro&szlig;en Bauerngutshof erwachte einiges
+Leben. Man h&ouml;rte zuweilen ein dumpfes Aufbr&uuml;llen
+der K&uuml;he, und dazwischen das vereinzelte Rufen der
+Knechte. Doch klang alles ged&auml;mpft, als f&uuml;rchte man,
+die Kranke zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p>Etwas Totes, Gedr&uuml;cktes lag &uuml;ber dem Geh&ouml;ft;
+und je mehr das tr&uuml;be Sonnenlicht vorr&uuml;ckte, in desto
+gr&ouml;&szlig;ere Lautlosigkeit verfiel das Anwesen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_2" id="Page_2" title="2"></a>In dem weiten, zur ebenen Erde gelegenen Zimmer
+wurde ein schwacher Ruf laut. Kr&auml;nklich, hohl, gebrochen,
+ein wenig gereizt klang er, aber so leise die
+Stimme auch fl&uuml;sterte, sofort fuhr aus dem ledernen
+Sessel neben dem Bette ein Mann von m&auml;chtiger,
+imposanter Gestalt auf, rieb sich ein wenig die Augen,
+strich ein paarmal energisch &uuml;ber seine dicken, kurzgeschorenen
+Haare und legte dann seine Finger behutsam
+auf die Hand der leidenden Frau.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Elsing,&laquo; forschte er aufmunternd, wobei er
+seine Stimme soviel als m&ouml;glich herabd&auml;mpfte, &raquo;geht&#8217;s
+ein bi&szlig;chen besser?&laquo;</p>
+
+<p>Statt einer Antwort rang die Angeredete die
+H&auml;nde und vergrub ihr Antlitz in die Kissen: &raquo;Du
+lieber Gott,&laquo; st&ouml;hnte sie leise, und es war beinahe,
+als ob aus dem wei&szlig;en Linnen ein Schluchzen dr&auml;nge.</p>
+
+<p>Der Mann lie&szlig; seine Hand aufs Knie sinken und
+starrte auf den hellen, sandbestreuten Estrich der Stube.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich warf sich das junge Weib herum und
+forschte hastig: &raquo;Du bist wohl eingeschlafen, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>Seltsam, &#8211; neidisch fast schien die Frage.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin ein wenig eingenickt,&laquo; gab der Gatte
+zu. Und wieder konnte man leise Entschuldigung aus
+den Worten h&ouml;ren. &raquo;Ich sitz&#8217; ja nun auch bald die
+vierte Nacht so,&laquo; murmelte er halb f&uuml;r sich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_3" id="Page_3" title="3"></a>Es wurde still.</p>
+
+<p>Aus der Ecke nur t&ouml;nte das schwere Tick-tack einer
+unf&ouml;rmlichen Kastenuhr, und zuweilen knirschte der
+Sand unter dem Stiefel des Mannes.</p>
+
+<p>Die Leidende seufzte und schien die rechte Lage
+nicht finden zu k&ouml;nnen. Endlich streckte sie sich und
+blickte in das trostlose Grau des Regentages hinaus.</p>
+
+<p>Welche Traurigkeit dort drau&szlig;en und hier drinnen.</p>
+
+<p>Gegen die Fenster st&auml;ubte der Regen, Hagelk&ouml;rner
+schlugen scharf gegen die Scheiben, und &uuml;ber die
+Wangen der Liegenden flo&szlig; eine Tr&auml;ne.</p>
+
+<p>&raquo;L&ouml;sch&#8217; die Lampe aus, Wilms,&laquo; bat sie, &raquo;meine
+Augen &#8211; es tut mir weh.&laquo;</p>
+
+<p>Er schraubte das Licht herunter, sofort sah es
+in der Stube noch fahler aus.</p>
+
+<p>&raquo;Armes Weib,&laquo; murmelte er, &raquo;armes Weib.&laquo; Er
+strich &uuml;ber ihre Haare und richtete sich langsam auf.
+Dann schritt er zur T&uuml;r. &#8211; Aber er sollte nicht
+hinausgelangen.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms.&laquo;</p>
+
+<p>Sein Weib hatte sich aufgerafft. &raquo;Du sollst nicht
+fort,&laquo; rief sie angstvoll, &raquo;ich kann nicht allein bleiben
+&#8211; mich friert, wenn du drau&szlig;en bist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elsing &#8211; unsere Wirtschaft leidet darunter &#8211;
+ich mu&szlig; &#8211;&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_4" id="Page_4" title="4"></a>&raquo;Ja, ja &#8211; die Wirtschaft &#8211; immer die Wirtschaft,&laquo;
+stie&szlig; die Kranke hervor und fiel ersch&ouml;pft in
+ihre Kissen zur&uuml;ck, &raquo;und ich liege hier in meinem
+Elend &#8211; zwei Jahre &#8211; zwei ganze Jahre schon,
+und keiner hilft mir, keiner, zur Last falle ich jedem
+&#8211; auch dir &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elsing, ich &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, auch dir,&laquo; fuhr sie atemlos fort, &raquo;ich merk&#8217;
+das sehr wohl &#8211; du hast nur Mitleid f&uuml;r mich &#8211;
+nur Mitleid. Und wir haben uns doch aus Liebe
+geheiratet.&laquo;</p>
+
+<p>Er war z&ouml;gernd an ihr Bett getreten und pl&ouml;tzlich
+umschlang sie seinen Hals: &raquo;O Gott &#8211; o Gott, ich bin
+wohl sehr h&auml;&szlig;lich geworden?&laquo; forschte sie, am ganzen
+Leibe zitternd. &raquo;Nicht wahr, gesteh&#8217;s nur ganz offen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Elsing,&laquo; &#8211; die Stimme des Mannes zitterte
+leicht. Er hatte sich auf den Bettrand gesetzt und
+lie&szlig; ein paar Str&auml;hnen ihrer langen, blonden Haare
+durch seine Finger gleiten. &raquo;Elsing,&laquo; beteuerte er
+dann, &raquo;f&uuml;r mich bist du noch so sch&ouml;n, wie in der
+ersten Stunde &#8211; sieh doch blo&szlig; deine langen, weichen
+Flechten &#8211; und der kleine Mund und die lieben,
+blauen Augen &#8211; alles so h&uuml;bsch, mein armes Kind.&laquo;</p>
+
+<p>Es mu&szlig;te ihn doch &uuml;bermannt haben, denn er
+schlo&szlig; sein Weib in beide Arme und k&uuml;&szlig;te es z&auml;rtlich
+<a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a>auf die Lippen. Die Kranke schmiegte sich befriedigt
+an seine Brust und f&uuml;r einen Augenblick schien
+sie begl&uuml;ckt und hoffnungsfreudig. Wenigstens wandte
+sie sich bald auf die Seite und forderte ihn mit ihrer
+erregten Stimme auf: &raquo;Wilms, gib mir die Bibel von
+dem Tisch &#8211; so, und nun geh &#8211; geh nur und schlag ein
+Auge auf die Wirtschaft &#8211; es mu&szlig; ja doch sein.&laquo;</p>
+
+<p>Da ging der Mann schwerf&auml;llig hinaus; allein
+als sich die T&uuml;r geschlossen hatte, blieb er stehen und
+lauschte zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und tr&uuml;be sch&uuml;ttelte er den Kopf. &#8211; Mit welch
+fieberhafter, leidenschaftlicher Glut sein Weib dort
+drinnen las. Sie sang beinahe; &#8211; ekstatisch, wie
+berauscht t&ouml;nten die heiligen Worte:</p>
+
+<p>&#8250;Und siehe, ein Weib, das zw&ouml;lf Jahre siech war,
+trat zu ihm und r&uuml;hrete seines Kleides Saum an.</p>
+
+<p>Da wandte sich Jesus um und sahe sie und sprach:
+Sei getrost, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen.
+Und das Weib ward gesund zur selbigen
+Stunde.&#8249;</p>
+
+<p>&raquo;Und ward gesund zur selbigen Stunde,&laquo; wiederholte
+es drinnen, wie verz&uuml;ckt. Dann einen Moment
+Stille, aber pl&ouml;tzlich mit herzzerrei&szlig;endem Schluchzen:
+&raquo;O Gott &#8211; und ward gesund &#8211; lieber &#8211; lieber
+&#8211; Gott.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_II" id="Buch_1_II"></a>II.</h3>
+
+
+<p>Als Wilms auf den Hof heraustrat, atmete er
+tief auf. Hier wehte doch frische Luft, hier beengte
+ihn die Hitze der Krankenstube nicht mehr, und erfrischend
+rieselte der Regen auf sein entbl&ouml;&szlig;tes Haupt.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig. &#8211; Er hatte doch schon so oft mitten
+auf seinem Geh&ouml;ft gestanden, aber heute befiel ihn
+zum erstenmal der Gedanke, da&szlig; all sein Hab, H&auml;user
+und Scheunen, St&auml;lle und Ger&auml;tschaften, Menschen
+und Vieh wie von einem dr&uuml;ckenden Traum befangen
+w&auml;ren.</p>
+
+<p>Es zerfiel und zerbr&ouml;ckelte alles, es wurde morsch
+und verging. &#8211; Und er selbst?</p>
+
+<p>Erschreckt fuhr er auf.</p>
+
+<p>Dr&uuml;ben in dem Strohdach der Kornscheuer klaffte
+eine betr&auml;chtliche Spalte. Ungehindert flo&szlig; der Regen
+hindurch und machte ihm die Wintersaat faulen.
+Keiner meldete ihm den Schaden, er selbst hatte ihn
+nicht bemerkt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a>Fr&uuml;her war er als der werkt&auml;tigste Landwirt Vorpommerns
+bekannt gewesen; er allein wu&szlig;te, wie durch
+Zauber, dem fetten Boden dreifach die goldigen,
+Nahrung bringenden K&ouml;rner abzugewinnen; jetzt
+stand es anders. &#8211; Es ging bergab mit ihm.</p>
+
+<p>Ein Lastwagen lag in einer Ecke des Hofes auf
+drei R&auml;dern. Das vierte gebrochen daneben. &#8211; Ob
+man nach dem Stellmacher geschickt hatte?</p>
+
+<p>Gerade schlich ein Knecht hinter dem Gef&auml;hrt tr&auml;ge
+dahin, Wilms rief ihn laut an; aber der Mann
+wu&szlig;te von nichts, und schon wollte ihn der Landwirt
+mit einem kr&auml;ftigen Fluch zurechtweisen, da dachte
+er an die Kranke, und beinahe fl&uuml;sternd befahl er
+dem Manne, den Stellmacher zu holen.</p>
+
+<p>Der Knecht trottete davon, und Wilms setzte seine
+grobe M&uuml;tze auf und schritt schwerf&auml;llig die Landstra&szlig;e
+entlang. Zu beiden Seiten dehnten sich seine
+Felder.</p>
+
+<p>Auf das braunschollige Ackerland rauschte h&ouml;rbar
+der Regen, und nur allm&auml;hlich vermochte der Landwirt
+seine Leute zu erkennen, so dicht wogte der
+schwere Nebel um sie herum. Grau und gespenstig
+tauchten M&auml;nner und Frauen aus den Wolken hervor,
+und verschwanden bald wieder, als h&auml;tte sie
+der Boden eingesogen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>&raquo;Wie steht&#8217;s mit den Kartoffeln, Karl?&laquo; fragte
+Wilms endlich einen jungen, flachsk&ouml;pfigen Burschen,
+der tiefgeb&uuml;ckt die gesammelten Knollen in einen Korb
+warf.</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr wei&szlig; ja &#8211; der Regen &#8211; es dauert
+schon zu lang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja&laquo; &#8211; Wilms ballte die F&auml;uste, und in
+sein ernstes, ehrliches Antlitz gruben sich tiefe Falten.
+Wie er sich jetzt langsam und erm&uuml;det auf einen
+eisernen Pflug niederlie&szlig;, der auf dem kotigen Acker
+herumlag, da h&auml;tte man ihn f&uuml;r einen alten, gebrochenen
+Mann halten k&ouml;nnen. Und er z&auml;hlte doch
+erst zweiunddrei&szlig;ig Jahre und stand in der Bl&uuml;te
+der Kraft.</p>
+
+<p>Und die Nebel krochen um ihn herum, formten
+sich, ballten sich, und es war, als ob sie ein h&auml;&szlig;liches,
+graues Weib bildeten, zahnlos, mit wackelndem
+Kopf &#8211; eine d&uuml;rre Vettel, wohlbekannt allen Bedr&uuml;ckten
+&#8211; die Not, die grinsende Not, und sie hinkte
+auf ihn zu und streichelte ihn.</p>
+
+<p>Er sank immer tiefer in sich zusammen und lie&szlig;
+seine Leute schaffen, was sie wollten.</p>
+
+<p>Da klang Wagengerassel die Landstra&szlig;e herab.
+Ein elendes, &auml;chzendes Gef&auml;hrt n&auml;herte sich, und herab
+stieg ein wohlbeleibter Mann mit grauem Stoppelbart,
+<a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a>und in den Stoppeln sa&szlig; ein sehr rotes, verschwollenes
+Gesicht, aus dem ein Paar w&auml;sserige &Auml;uglein
+und eine Hakennase lustig hervorlugten. Der Ank&ouml;mmling
+hie&szlig; &raquo;Herr Rosenbl&uuml;t&laquo;, klimperte im Augenblick
+mit einer dicken goldenen Kette und war der
+Kompagnon einer in dem Landst&auml;dtchen Grimmen
+sehr angesehenen Viehexportfirma. &#8211; Ein gesetzter,
+umg&auml;nglicher Mann.</p>
+
+<p>Heute zeigte sich der Viehh&auml;ndler indes sehr aufgeregt.
+Er schritt gleich auf den Landmann zu und
+pflanzte sich prustend und atemholend vor ihm auf.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Wilms,&laquo; begann er unvermittelt und fuchtelte
+mit seinem Stock hin und her. &raquo;Was soll das
+hei&szlig;en? &#8211; Was ist denn geschehen &#8211; bei Ihnen zu
+Haus? Als ich vorbeigefahren bin ...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch nicht meine Frau?&laquo; stammelte Wilms und
+sprang auf &#8211; &raquo;nicht wahr? &#8211; So sagen Sie&#8217;s doch,&laquo;
+wiederholte der ungl&uuml;ckliche Mann heiser.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nicht Ihre Frau &#8211; ich meine
+blo&szlig; &#8211;&nbsp;&#8211; es ist da einer von den Blauen, von
+den Gerichtsvollziehern. Na kommen Sie schnell auf
+meinen Wagen&laquo; &#8211; und leise setzte er hinzu: &raquo;Was
+wollen Sie erst einen Aufstand vor Ihren Leuten
+machen? Beeilen Sie sich, Herr Wilms.&laquo; Bald
+knarrte und &auml;chzte das Fuhrwerk auf Wilms&#8217; Geh&ouml;ft
+<a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>zu, und Herr Rosenbl&uuml;t sa&szlig; neben dem Besitzer und
+starrte ihm &auml;ngstlich ins Gesicht, bis sie den Wirtschaftshof
+erreicht hatten.</p>
+
+<p>Hier hielt der Wagen, und der Bauer sprang herab
+und blickte sich scheu um.</p>
+
+<p>Mitten auf dem Platze stand der Gerichtsvollzieher
+von Grimmen und unterhandelte laut und
+barsch mit Jochen, dem Pferdeknecht, der von Zeit
+zu Zeit einen &auml;ngstlichen Blick auf die Fenster der
+Krankenstube warf und den Beamten zu bitten schien,
+leiser zu verfahren.</p>
+
+<p>Alle Leute des Anwesens waren an diese R&uuml;cksicht
+auf die leidende Frau gew&ouml;hnt; ein lautes Wort,
+mitten in der dumpfen Stille, war unerh&ouml;rt, erschreckte
+alle f&ouml;rmlich.</p>
+
+<p>&raquo;Da is uns&#8217; Herr,&laquo; sagte der Knecht endlich erleichtert,
+als er des Bauern und seines Begleiters
+ansichtig wurde. Wilms kam schwerf&auml;llig n&auml;her, seine
+Gestalt sank immer mehr zusammen, als ob auf
+seinem Nacken sichtbarlich eine allzu schwere Last gelegt
+sei, und auf der Stirn perlten gro&szlig;e Tropfen.
+Mit fl&uuml;sternder, heiserer Stimme bat er den Beamten,
+mit ihm in die n&auml;chste Scheuer zu kommen. &#8211; Nur
+nicht hier &#8211; hier k&ouml;nnte man die Kranke st&ouml;ren,
+sie d&uuml;rfte ja von nichts wissen; das k&ouml;nnte ihr den
+<a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a>Rest geben. &raquo;Ich bitt&#8217; Sie, kommen Sie mit mir
+&#8211; ein paar Schritte.&laquo;</p>
+
+<p>Jedoch der Gerichtsvollzieher hielt das f&uuml;r &uuml;berfl&uuml;ssige
+Zeitvergeudung. Er kn&ouml;pfte seinen Rock auf,
+nahm ein gestempeltes Papier heraus, das er pr&uuml;fend
+&uuml;berflog, und w&auml;hrend er sich dazu wohlgef&auml;llig und
+amtsw&uuml;rdig seinen milit&auml;rischen Schnurrbart strich,
+las er trocken vor: &raquo;Beauftragt vom Grafen Brachwitz
+auf Boltenhagen &#8211; Zahlung der r&uuml;ckst&auml;ndigen
+Pacht vom 1. April &#8211; 3600 Mark &#8211;&nbsp;&#8211; nicht eingegangen
+&#8211; hm &#8211; vorzunehmende Zwangspf&auml;ndung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Vom April sind Sie dem Grafen noch
+schuldig?&laquo; warf der Viehh&auml;ndler dazwischen.</p>
+
+<p>Der Gerichtsvollzieher faltete das Blatt wieder
+zusammen und pflanzte sich vor dem Besitzer auf:</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen Sie zahlen, Herr Wilms?&laquo; fragte er
+prompt.</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, dann mu&szlig; ich anfangen. Nehmen Sie&#8217;s
+nicht &uuml;bel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber &#8211; wenn Sie mir nur &#8211; nur bis morgen
+Zeit lassen wollten,&laquo; st&ouml;hnte Wilms und legte sich
+die Hand vor die Stirn. &raquo;Nur bis morgen &#8211;
+ich k&ouml;nnte mich ja noch an jemanden wenden. &#8211;
+<a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Ich hatte in der letzten Zeit mit meiner Frau so
+viel &#8211; aber es ist doch vielleicht noch m&ouml;glich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Tut mir leid &#8211; strenge Ordre.&laquo; Der Gerichtsvollzieher
+kn&ouml;pfte dabei seinen Rock zu und wandte
+sich an den Knecht.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen gleich mit dem Vieh anfangen,&laquo; befahl
+er kurz. &raquo;Wo haben Sie die Schweine?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann zeig dem Herrn, Jochen.&laquo; Wilms hatte
+es tonlos gesprochen und wandte sich jetzt schnell ab.
+Selbst dem Viehh&auml;ndler hatte er nicht mehr die Hand
+zum Abschiede gereicht. Er ging langsam in das
+Wohnhaus und trat in das Zimmer seines Weibes.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_III" id="Buch_1_III"></a>III.</h3>
+
+
+<p>Wie er sie verlassen, ebenso lag Else noch jetzt.
+Mit der linken Hand hatte sie die Bibel umklammert,
+die rechte fingerte nerv&ouml;s an der Wand, und ihre
+krankhaft leuchtenden Augen waren auf das Fenster
+gerichtet. Die ungewohnte Bewegung auf dem Hof,
+das Knarren der Torfl&uuml;gel, das jetzt laut werdende
+Grunzen der Schweine, alles st&ouml;rte sie. Sie war ganz
+aufgeregt, und als Wilms sich neben ihr Bett setzte,
+forschte sie atemlos nach dem Grund all dieses L&auml;rms.
+&#8211;&nbsp;&#8211; Ja der Grund&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Durfte ihr der Mann die wahre Ursache verraten?
+Konnte er gestehen, da&szlig; man jetzt den besten Teil
+seines Besitztums forttriebe, da&szlig; andere Tr&uuml;mmer
+bald folgen, und alle Pfosten seines Hauses um ihn
+zusammenbrechen w&uuml;rden, um ihn, den starken, kr&auml;ftigen
+Mann, der nun schon seit Jahren, wie gel&auml;hmt,
+an dieses Bett geschmiedet war, so fest, da&szlig; alle Bewegungsf&auml;higkeit
+gehemmt schien? &#8211; Merkw&uuml;rdig,
+<a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>ihm war es, als w&auml;re sein Weib ges&uuml;nder, als er;
+und er selbst gebrochen, ausgezehrt, kraftlos, ein toter
+Mann, der in dem gro&szlig;en Lehnstuhl hockte und vor
+sich hinstarrte.</p>
+
+<p>&raquo;Was hantieren sie denn dort drau&szlig;en so laut?&laquo;
+klagte das Weib und klappte nerv&ouml;s mit dem Deckel
+der Bibel &#8211; &raquo;soll denn gar nicht ein bi&szlig;chen R&uuml;cksicht
+auf mich genommen werden, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>Der Landmann raffte sich zusammen. Nur schonen
+die arme Frau, war sein einziger Gedanke. &#8211; Der
+Gedanke, der ihm die Not ins Haus gerufen.</p>
+
+<p>&raquo;I, Elsing, das wird wohl bald wieder aufh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber was machen sie denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Rosenbl&uuml;t ist blo&szlig; da und &#8211; und kauft
+mir Vieh ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Jude?&laquo; rief die Kranke und richtete sich
+auf. &#8211; &raquo;Sieh &#8211; sieh da,&laquo; stotterte sie und zeigte
+gerade aus, &raquo;da steht er vor dem Fenster &#8211; und
+guckt hinein, gerade auf mein Bett.&laquo; Entsetzt fiel
+sie zur&uuml;ck und zog die Decke hoch, so da&szlig; sie nicht
+mehr bemerken konnte, wie Rosenbl&uuml;t mit allerlei
+Grimassen ihren Mann hinauswinkte. &raquo;Wilms, ich
+kann den Juden einmal nicht leiden &#8211; was hast du
+auch immer mit ihm. Immerfort was. Der Herr
+Pastor sagt auch, da&szlig; du dich zuviel mit ihm abgibst.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>&raquo;Still, Elsing, ich hab&#8217; schon manch gutes St&uuml;ck
+Geld an dem Mann verdient.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach wo &#8211; die betr&uuml;gen ja alle. Du verstehst
+blo&szlig; die Wirtschaft nicht.&laquo; &#8211; Das war ein b&ouml;ses
+Wort.</p>
+
+<p>Wilms zuckte zusammen und griff nach seiner
+Brust. Drau&szlig;en winkte Herr Rosenbl&uuml;t immer energischer.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; jetzt aber doch einen Augenblick auf
+den Hof, Elsing,&laquo; ermunterte sich der Mann endlich.</p>
+
+<p>&raquo;Schon wieder?&laquo;</p>
+
+<p>Sie warf ihm einen flehenden Blick zu und ergriff
+seine Hand: &raquo;Du bist ja eben erst hereingekommen.
+&#8211; Und dann &#8211; mir ist immer so wohl,
+wenn du bei mir bist, sobald du mich aber allein l&auml;&szlig;t,
+dann &uuml;berf&auml;llt mich wieder die schreckliche Angst &#8211;
+du wei&szlig;t ja &#8211; als ob mir was auf der Brust s&auml;&szlig;e&laquo;
+&#8211; sie keuchte &#8211; &raquo;nicht wahr, du bleibst?&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb und sank ohne eine Antwort in dem
+hohen Lehnstuhl zusammen. Das war das Bild seines
+Lebens. &#8211; Die Last zog an ihm und zog ihn abw&auml;rts.</p>
+
+<p>Jetzt sprach und fragte sie immer hastiger weiter.
+Wie es mit der Wirtschaft st&uuml;nde? &#8211; Doch gut?
+Und der Pastor h&auml;tte ihr eine Annonce gebracht, in
+<a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>der ein beweglicher Krankenstuhl nicht allzu teuer angepriesen
+w&uuml;rde. 150 Mk. &raquo;Nicht wahr, das ist nicht
+zu viel? &#8211; Das er&uuml;brigst du doch f&uuml;r deine Frau?
+Du hast mich doch lieb? Nicht wahr?&laquo; &#8211; Und dann
+kamen die Erinnerungen. Wie sie noch frisch und
+gesund in ihrem Hauswesen herumgesprungen w&auml;re,
+und wie furchtbar verliebt Wilms sich als junger
+Ehemann geb&auml;rdete. Hinter jeder T&uuml;r, wo es die
+Leute nicht sehen konnten, h&auml;tte er um einen Ku&szlig;
+gebettelt. &raquo;Ach, k&uuml;sse mich noch einmal so. &#8211; Ich
+bin doch eigentlich noch so jung.&laquo;</p>
+
+<p>Halb bet&auml;ubt sank sein Haupt an ihre Brust. Er
+war so zerschmettert, da&szlig; er f&uuml;r nichts mehr das
+volle Verst&auml;ndnis besa&szlig;.</p>
+
+<p>Da wurde an die T&uuml;r geklopft. Erst leise, dann
+energisch, und schlie&szlig;lich trat Herr Rosenbl&uuml;t ins
+Zimmer und blickte sich verdutzt in der Krankenstube
+um. Die dumpfe Luft und das Bild der beiden sich
+umschlungen haltenden Gatten lie&szlig; ihn einen Moment
+verstummen, eine Art R&uuml;hrung zuckte in den
+Z&uuml;gen des H&auml;ndlers auf, dann aber dr&auml;ngte die
+Zeit gar zu gewaltig, und er r&auml;usperte sich stark:
+&raquo;Guten Morgen &#8211; Frau Wilms &#8211; ich bitte um
+Entschuldigung &#8211; wie geht es Ihnen? &#8211; aber es
+ist die h&ouml;chste Zeit, Herr Wilms &#8211; ich mu&szlig; mit
+<a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Ihnen reden, jetzt sofort. Der Kerl ruiniert Ihnen
+ja die ganze Wirtschaft.&laquo;</p>
+
+<p>Die fremde Stimme traf Else wie ein Schu&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott, wer ist das?&laquo; stammelte die Kranke,
+als sie den Eindringling, der ihr eine linkische Verbeugung
+machte, gewahrte, und &uuml;ber ihr Gesicht
+flutete eine brennende R&ouml;te: &raquo;Was will er hier? &#8211;
+Wilms, mein Zimmer ist doch nicht zu Gesch&auml;ften
+da? Warum gehst du mit dem Herrn nicht in die
+Wohnstube?&laquo;</p>
+
+<p>Es war ein unfreundlicher Gru&szlig;, und Herr Rosenbl&uuml;t
+stand wie angedonnert. Erst als Wilms ihn
+unter den Arm fa&szlig;te und beg&uuml;tigend aufforderte, ihm
+zu folgen, hatte sich der H&auml;ndler soweit gefa&szlig;t, da&szlig;
+er energisch den Hut schwenken und gereizt auffahren
+konnte:</p>
+
+<p>&raquo;Wozu? Da kann ich ja auch gehen. Adieu auch,
+Herr Wilms, empfehle mich Ihnen, verehrte Frau.&laquo;
+Aber Wilms lie&szlig; ihn nicht, und mit vielen Bitten
+und Entschuldigungen schob er ihn durch eine braunlackierte
+T&uuml;r, in deren Mitte ein gro&szlig;es, ovales, durch
+eine Gardine verdecktes Guckfensterchen angebracht
+war, aus dem Zimmer. In der Wohnstube standen
+einfache gr&uuml;ne Ripsm&ouml;bel, gestickte Deckchen prangten
+auf dem Sofa, und mitten durch die Zimmerdecke
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>zog sich ein gro&szlig;er, tapeten&uuml;berklebter Balken. Hier
+fiel Wilms in einen der Polsterst&uuml;hle nieder, st&uuml;tzte
+seinen Kopf in die Hand und fragte endlich den
+Gesch&auml;ftsfreund nach dessen Begehr, aber es klang
+alles so zerstreut, so fern und tonlos, als ob der
+Geist des Mannes auf d&uuml;steren Irrpfaden wandele.
+Und dieses Gebrochensein, dieses vollst&auml;ndige Einschlafen
+einer ehemals gro&szlig;en Kraft ersch&uuml;tterte den
+andern. Mitleidig halb, und halb furchtsam, trat
+er auf ihn zu. Dann ber&uuml;hrte er mit seinem Stock
+die Schulter des Sitzenden, und w&auml;hrend er ihm nun
+unaufh&ouml;rlich leise auf die Achsel schlug, redete er eindringlich
+auf ihn ein. Es war ein langer Vortrag,
+aber Wilms h&ouml;rte nur eins heraus, und das war
+etwas Hoffnungsfreudiges, mitten in seiner trostlosen
+Nacht, ein Fr&uuml;hrotschimmer, ein aufblitzendes Licht.
+&#8211; Herr Rosenbl&uuml;t war &uuml;ber die Pf&auml;ndung emp&ouml;rt.
+&#8211; Der Beamte h&auml;tte gewi&szlig; das Doppelte des Werts
+aus der Wirtschaft gezogen, die sch&ouml;nsten St&uuml;cke Vieh,
+ohne die der Besitzer gar nicht weiter existieren konnte.
+Seine Entr&uuml;stung war zu ehrlich, es sprudelte nur so
+aus ihm. &#8211; &raquo;Was soll das hei&szlig;en? &#8211; Daran verdient
+der Graf ja ein Heidengeld? &#8211; Die besten
+Tiere &#8211; Kunstst&uuml;ck. &#8211; Wilms, wissen Sie was?
+Ich zahle Ihnen die 3600 Mark, und Sie stellen
+<a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>mir daf&uuml;r die gepf&auml;ndeten St&uuml;cke beiseite. Und wenn
+Sie in acht Tagen die Summe nicht an mich zur&uuml;ckerstatten
+k&ouml;nnen, dann, nun dann geh&ouml;rt alles mir.
+&#8211; Das ist &#8217;ne Spekulation. &#8211; Ich bin ein Gesch&auml;ftsmann
+&#8211; das ist &#8217;n Gesch&auml;ft &#8211; wollen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja.&laquo; O, es war ja dem Verschmachtenden,
+als h&auml;tte ihm eine freundliche Hand einen Trunk
+kalten Wassers nach staubiger Wanderung gereicht.
+Er f&uuml;hlte f&ouml;rmlich, wie ihn etwas erfrischend, wohlig
+durchrieselte. Langsam stand er auf und reckte sich.
+&#8211; Acht Tage Zeit &#8211; noch eine ganze Woche? &#8211;
+Ja, bis dahin mu&szlig;te ja Rettung kommen, irgend
+woher, gleichviel, jedenfalls war vorl&auml;ufig die entsetzlichste
+Last von seiner Seele gew&auml;lzt. Tief atmete
+er auf, seine Brust hob und senkte sich rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, alter Freund, nat&uuml;rlich, ich nehme es an,
+mit tausend Freuden, geben Sie her.&laquo;</p>
+
+<p>Der H&auml;ndler jedoch hielt noch einen Augenblick
+mi&szlig;trauisch inne.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Wilms, nehmen Sie mir&#8217;s nicht &uuml;bel, ich
+habe noch eine Bedingung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach wohl wegen der Zinsen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre &#8211; das wird sich schon finden, versteht
+sich, Zinsen auch. Nein, es betrifft etwas anderes,
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>aber das sag&#8217; ich Ihnen sp&auml;ter. Jetzt gehen Sie
+raus, und machen Sie Ihre Sache mit dem Blutsauger
+da drau&szlig;en ab. &#8211; Vorw&auml;rts.&laquo;</p>
+
+<p>Damit z&auml;hlte er eine Anzahl Kassenscheine auf
+den Tisch. Wilms griff danach und schritt ohne ein
+weiteres Wort auf den Hof hinaus, wo der Vollzugsbeamte
+in dem Viehstall sein Werk gerade beendet
+hatte.</p>
+
+<p>In wenigen Minuten hielt der &Uuml;berraschte die
+fragliche Summe in der Hand, schrieb noch im Stehen
+eine Quittung, sch&uuml;ttelte Wilms die Hand, sprang
+auf seinen Wagen und rasselte vom Hof herunter.</p>
+
+<p>Das Werk eines Augenblicks, es war alles wie
+ein verflie&szlig;ender, b&ouml;ser Traum. Wilms und Rosenbl&uuml;t
+standen unter dem morschen Tor und blickten
+dem entschwindenden Gef&auml;hrt nach. Als es jedoch
+hinter dem Tannenschlag in einer Senkung der
+Chaussee untergetaucht war, pflanzte sich der H&auml;ndler
+vor seinem ernsten Gesch&auml;ftsfreund auf, steckte die
+eine Hand in die Tasche und klapperte mit seinem
+Stock an den Stangen des Zaunes hin und her.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ren Sie mal, alter Freund,&laquo; begann er endlich
+unruhig und spie vor sich hin. &raquo;Jetzt will ich
+Ihnen auch sagen, was ich von Ihnen verlange.
+Wenn ich um mein Geld unbesorgt sein soll, dann
+<a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>m&uuml;ssen Sie sich wieder ausschlie&szlig;lich um Ihre Wirtschaft
+k&uuml;mmern. &#8211; Und das k&ouml;nnen Sie nur, wenn
+Sie sich bei Ihrer Frau eine Vertretung anschaffen.
+&#8217;ne Pflegerin, oder so was &Auml;hnliches. Es gibt ja
+Krankenschwestern genug. Auch kann ich mich ja mal
+in Grimmen danach umsehen.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms strich mit der Hand &uuml;ber die Stirn. Das,
+was er eben vernommen, klang wie eine eherne Anklage
+in ihm fort. &raquo;Ja, ja,&laquo; murmelte er halb f&uuml;r sich,
+&raquo;ich habe ja auch schon daran gedacht &#8211; aber es
+geht doch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geht nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Herr Rosenbl&uuml;t fing an, sich zu &auml;rgern.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, warum denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil meine Frau keine Fremde im Hause dulden
+will. &#8211; Ich mu&szlig; ihr den Willen tun, dem armen,
+gequ&auml;lten Weib.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zum Teufel, dann lassen Sie doch eine Verwandte
+kommen. &#8211; Und ja &#8211; h&ouml;ren Sie mal&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Der Redende richtete sich pl&ouml;tzlich auf und schlug
+dem Hofbesitzer energisch auf die Schulter &#8211; &raquo;Donnerwetter,
+da f&auml;llt mir etwas ein. Wilms, Ihre kleine
+Schw&auml;gerin ist ja vor ein paar Tagen aus Stralsund
+zur&uuml;ckgekommen. Ich sah sie gerade aus dem Wagen
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>steigen, als sie in das Haus Ihres Schwiegervaters
+ging. Ein strammes Ding, so gro&szlig;&laquo; &#8211; Herr Rosenbl&uuml;t
+zeigte eine gigantische H&ouml;he &#8211; &raquo;die nehmen
+Sie sich &#8211; die wird hier schon Ordnung schaffen.
+Na, und wenn Sie wollen, will ich selbst in Grimmen
+mit dem Alten ein paar Worte reden. &#8211; Na also?&laquo;</p>
+
+<p>Wilms war gepackt. Fest starrte er den H&auml;ndler
+mit seinen &uuml;berbuschten, blauen Augen an und sann
+nach. Zwar kannte er die j&uuml;ngere Schwester seiner
+Frau kaum. Als er damals um Else freite, war die
+kleine Hedwig ein sechzehnj&auml;hriges, schweigsames
+scheues M&auml;dchen gewesen, dem er nicht viel Beachtung
+geschenkt hatte. Ja, er besann sich, da&szlig; ihr eigent&uuml;mlich
+lauerndes, verschlossenes Wesen ihn manchmal
+verdrossen, aber doch &#8211;&nbsp;&#8211; der praktische H&auml;ndler
+hatte offenbar das Rechte getroffen.</p>
+
+<p>Gegen ihre Schwester konnte Else nichts einwenden.
+Und vor allen Dingen: er wurde frei, frei und unbehindert
+f&uuml;r sein m&uuml;hseliges Gewerbe. &#8211; Noch einen
+Augenblick schwankte er, noch einmal &uuml;berflog er kurz
+das Fenster der Krankenstube, dann erkl&auml;rte er dem
+H&auml;ndler entschlossen, da&szlig; er seinen Rat befolgen w&uuml;rde.
+Noch heute sollte ein Brief an den Schwiegervater
+des Landmanns, den alten Rendanten Schr&ouml;der zu
+Grimmen, abgehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>&raquo;Bravo! &#8211; ein Mann ein Wort, Herr Wilms,&laquo;
+mahnte der Kaufmann dringend, als er seinen harrenden
+Wagen bestieg, &raquo;nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Der Angeredete nickte mit dem gewaltigen Haupt:</p>
+
+<p>&raquo;Seien Sie unbesorgt, Herr Rosenbl&uuml;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ich wiederkomm&#8217;, sieht es hier anders
+aus,&laquo; rief der Scheidende zur&uuml;ck, dann ein H&auml;ndedruck,
+und auch der zweite Wagen rollte davon.</p>
+
+<p>Wilms aber stand mitten auf der Landstra&szlig;e und
+sah ihm nach.</p>
+
+<p>Eine seltsame, beklommene Freudigkeit befiel ihn.
+Und langsam und sinnend schritt er in sein Haus
+zur&uuml;ck.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_IV" id="Buch_1_IV"></a>IV.</h3>
+
+
+<p>Es war an einem Sonntag.</p>
+
+<p>Der Regen hatte aufgeh&ouml;rt. Ein frischer Wind
+fuhr &uuml;ber die herbstlichen Felder. Weit und m&auml;chtig
+spannte sich der blaue Himmel aus, und &uuml;ber Baum
+und Strauch, Weg und Steg lag heller Sonnenschein.</p>
+
+<p>Von der Stationsuhr des winzigen Sekund&auml;rbahnhofs
+von Boltenhagen schlug es elf. &#8211; Um
+diese Stunde mu&szlig;te Wilms&#8217; junge Schw&auml;gerin eintreffen.</p>
+
+<p>Hinter dem Bretterverschlag, welcher den Warteraum
+vorstellte, obwohl er vollst&auml;ndig unbedeckt war
+und mitten auf freiem Felde lag, hielt der P&auml;chter
+bereits seit einer Viertelstunde mit einem bequemen
+Korbwagen und blickte nachdenklich auf die gl&auml;nzenden
+Schienen, die im Sonnenlichte glei&szlig;ten und
+funkelten.</p>
+
+<p>Er dachte daran, ob ihm auf dem eisernen
+Wege wohl etwas Gutes entgegen rollen w&uuml;rde? Ob
+er in Hedwig jene St&uuml;tze und Hilfe finden k&ouml;nnte,
+<a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>die er suchte? &#8211; Merkw&uuml;rdig, so oft er an das
+M&auml;dchen dachte, befiel ihn wieder dasselbe unangenehme
+Gef&uuml;hl, das sie ihm als Kind bereits eingefl&ouml;&szlig;t.
+&#8211;&nbsp;&#8211; Aber sie konnte sich doch in der
+Zwischenzeit ge&auml;ndert haben. Zwei Jahre bewirkten
+ja viel, und sie hatte gewi&szlig; in der Stralsunder Pension
+sich au&szlig;erordentlich vervollkommnet. Nat&uuml;rlich,
+es war l&auml;cherlich, immerfort an dieser instinktiven Abneigung
+herumzugr&uuml;beln.</p>
+
+<p>Nein, er wollte &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Ein eleganter Jagdwagen fuhr in diesem Augenblick
+vor und schreckte den Landmann aus seinen Betrachtungen
+auf. Gravit&auml;tisch stieg der Kutscher in einer
+reichen, silber&uuml;berladenen Livree vom Bock, und Wilms
+erkannte, da&szlig; sein Gutsherr Graf Brachwitz, derselbe,
+der so streng auf die Eintreibung des Pachtgeldes
+bestanden, ebenfalls einen Gast erwarten
+m&uuml;sse. Jedoch der Landmann war nicht neugierig,
+der Kutscher schritt vornehm an ihm vor&uuml;ber, und um
+dieselbe Zeit verk&uuml;ndete ein rasches Keuchen und
+Prusten das Nahen des Zuges. Mit einem Sprung
+war Wilms an den Schienen, die Bahnhofsglocke
+erklang, langsam und kreischend hielten ein paar
+Waggons mitten auf dem freien Felde an. Und
+da &#8211; aus einem Coup&eacute; sprang rasch und elastisch
+<a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>eine schlanke und dabei doch voll und kr&auml;ftig gewachsene
+M&auml;dchengestalt heraus, sah sich um, und
+hatte mit einem, einzigen, klaren, zielbewu&szlig;ten Blick
+den Wartenden erkannt.</p>
+
+<p>&raquo;Schwager.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms horchte auf. Die Stimme t&ouml;nte so frisch
+und hell, so willenskr&auml;ftig, beinahe, als wenn sie
+das Befehlen gewohnt w&auml;re. &#8211; Seltsam, das M&auml;dchen
+war auch zweiter Klasse gefahren; das war ja
+eine Dame. Und als er nun endlich vor ihr stand, ihr
+die Hand entgegenstreckte und ein paar ungeschickte
+Begr&uuml;&szlig;ungsworte hervorbrachte, da leuchteten ein
+paar gro&szlig;e, braune Augen erst einen Moment forschend
+in die seinen hinauf, dann reichte sie ihm unbefangen
+den Mund, und mit einer gewissen peinlichen
+Beklemmung mu&szlig;te sich der gro&szlig;e ungeschickte Mann
+herabbeugen, um die roten Lippen einer ihm beinahe
+fremden Person zu k&uuml;ssen. Eine fr&ouml;stelnde, unangenehme
+Empfindung beschlich ihn dabei. &#8211; Und
+diese vornehme Gestalt sollte bei ihm die Wirtschaft
+f&uuml;hren? &#8211; Rasch nahm er ihr eine kleine Handtasche
+ab, und wollte sie eben zu seinem Wagen geleiten,
+als er pl&ouml;tzlich von einem jungen Herrn im Jagdkost&uuml;m
+angesprochen wurde, der sich ihm lachend in den
+Weg stellte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>&raquo;Halt, Herr Wilms, nicht so schnell &#8211; na, Mensch,
+kennen Sie Ihre alten Freunde nicht mehr?&laquo; Dabei
+l&uuml;ftete der J&auml;ger vor Hedwig h&ouml;flich die gr&uuml;ne M&uuml;tze,
+w&auml;hrend er sich seine Doppelflinte gewandt an einem
+Riemen &uuml;ber die Schulter warf. Wie er so dastand,
+bildete er den Typus eines h&uuml;bschen, jungen, eleganten
+Aristokraten, mit seinem schwarzen Schnurrb&auml;rtchen
+in dem braunen Gesicht, und mit dem l&auml;ssigen, kraftbewu&szlig;ten
+Wesen seiner Kaste. Hinter ihm verharrte
+ein Livreebedienter mit abgezogenem Hut, und an den
+Taschen des jungen Herrn schnupperte ein brauner
+Jagdhund herum.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Fritz &#8211; Herr Graf&laquo; &#8211; fuhr Wilms heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Ach was,&laquo; schnitt der Weidmann ab und sch&uuml;ttelte
+dem P&auml;chter wohlwollend die Hand: &raquo;Sagen Sie,
+wie Sie Lust haben. Hier drau&szlig;en kommt&#8217;s ja doch
+nicht drauf an. &#8211; Habe n&auml;mlich quittieren m&uuml;ssen &#8211;
+Papas Wunsch, verstehen Sie? Damit ich auf dem
+Gut vern&uuml;nftig werden soll. Als wenn ich nicht schon
+so vern&uuml;nftig w&auml;re, da&szlig; es einen Hund jammern
+k&ouml;nnte,&laquo; setzte er hinzu und wandte sich wieder an
+Wilms&#8217; Begleiterin.</p>
+
+<p>&raquo;Gn&auml;diges Fr&auml;ulein besinnen sich wohl nicht mehr
+auf mich?&laquo; fuhr er liebensw&uuml;rdig fort. &raquo;Auch nicht
+auf den Pensionsball, wo ich das Gl&uuml;ck hatte, mehrfach
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>bevorzugter T&auml;nzer zu sein &#8211; wirklich nicht? &#8211;
+Allerdings, wenn man so belagert wird.&laquo; Und wieder
+l&uuml;ftete er freundlich die M&uuml;tze. &#8211; &raquo;Sind Sie denn
+mit Herrn Wilms bekannt, verwandt, verschw&auml;gert,
+oder wie ist das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, ich bin die Schw&auml;gerin des Herrn,&laquo;
+gab das M&auml;dchen h&ouml;flich zu, und doch h&ouml;rte der Landmann
+wieder einen k&uuml;hlen abweisenden Ton heraus,
+der sich mehr f&uuml;r eine Komtesse, als f&uuml;r die Tochter
+des Rendanten Schr&ouml;der aus Grimmen schickte. Auch
+der junge Graf starrte ihr einen Augenblick betreten
+ins Gesicht, dann schien er pl&ouml;tzlich an der Unterhaltung
+keinen Gefallen mehr zu finden, denn er sah
+sich, ohne auf das M&auml;dchen weiter R&uuml;cksicht zu nehmen,
+nach seinem Bedienten um, und forderte, indem er
+eine Zigarre in den Mund steckte, mit undeutlichem
+Murmeln Feuer.</p>
+
+<p>&raquo;Gut &#8211; brennt schon &#8211; na, auf Wiedersehen,
+Wilms &#8211; (er verga&szlig; beil&auml;ufig das &#8250;Herr&#8249;) habe die
+Ehre, mein Fr&auml;ulein &#8211; heda, Hektor.&laquo; Er pfiff
+dem Hunde, gr&uuml;&szlig;te leichthin und sprang auf den
+Wagen, dessen Z&uuml;gel er ergriff. Hinter ihn setzte sich
+der Kutscher, und mit elegantem, unh&ouml;rbarem Rollen
+flog das Gef&auml;hrt davon.</p>
+
+<p>Da, wo die Chaussee in den Tannenschlag abbog,
+<a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>blickte sich der J&auml;ger noch einmal um und sp&auml;hte scharf
+zur&uuml;ck. Hedwig, die bereits neben Wilms auf dem
+Korbwagen Platz genommen hatte, bemerkte es, ein
+keckes, sp&ouml;ttisches L&auml;cheln flog um ihre frischen Lippen,
+immer heimlich von dem Landmann beobachtet, der
+in sich gekehrt neben ihr sa&szlig; und kutschierte. Scheu
+blickte er manchmal von der Seite auf sie hin. Wie
+kam das junge M&auml;dchen zu solchen Bekanntschaften?
+&#8211; Sie schien den jungen Herrn doch besser zu kennen,
+als sie zugeben wollte? Und weshalb behandelte sie
+ihn so von oben herab? Wilms seufzte tief auf. Nein,
+das war nicht die Person, die er brauchte, damit sie
+Else pflegen und ihm selbst in der Wirtschaft helfen
+sollte. Sein erster instinktiver Widerwille war berechtigt
+gewesen. Wie sie jetzt neben ihm sa&szlig;, die
+schlanke Figur ein wenig vorn&uuml;ber geneigt, die
+gro&szlig;en, braunen Augen durstig in die sonnige Ferne
+gerichtet, die Lippen ge&ouml;ffnet, als tr&auml;nke sie die einstr&ouml;mende
+Luft, so war sie ihm ein zu feines, ein
+zu fremdes Wesen.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott, was wird Else dazu sagen?&laquo; dachte
+er bek&uuml;mmert. &raquo;Und was sie f&uuml;r einen Hut tr&auml;gt,
+was f&uuml;r Handschuhe?&laquo;</p>
+
+<p>Heftig schlug er auf die Pferde ein, wie einer,
+der etwas Unangenehmes rasch zu Ende bringen will,
+<a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>und im scharfen Trab rollte das Gef&auml;hrt dahin, ohne
+da&szlig; Hedwig das eingetretene Stillschweigen unterbrochen
+h&auml;tte.</p>
+
+<p>Nur einmal fragte sie beinahe gleichg&uuml;ltig, immer
+die Augen in die Weite gerichtet: &raquo;Ist Else noch so
+h&uuml;bsch, wie sie war?&laquo;</p>
+
+<p>Wilms bi&szlig; sich auf die Lippen, die Z&uuml;gel in seiner
+Hand lockerten sich unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>Hatte er recht vernommen? Ihre frische, klare
+Stimme t&ouml;nte genau so k&uuml;hl, so obenhin, so v&ouml;llig
+uninteressiert, als h&auml;tte ihre Frage einer ganz nebens&auml;chlichen
+Person gegolten.</p>
+
+<p>Und das war die Schwester, die sich nach seinem
+armen gequ&auml;lten Weibe erkundigte?</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; fuhr er rauh heraus, &raquo;gerade noch so h&uuml;bsch
+&#8211; genau so &#8211;&nbsp;&#8211; allerdings spazieren gehen kann
+sie nicht mehr und sich putzen.&laquo;</p>
+
+<p>Anklagend und beleidigt klangen die wenigen
+Worte, und Hedwig richtete zum erstenmal ihren Blick
+forschend auf ihren Schwager. Sie schien verwundert
+und warf ein wenig die Lippen auf. Und beinahe
+mit absichtlicher Herbheit setzte sie hinzu: &raquo;Die lange
+Krankheit hat wohl viel Geld gekostet?&laquo;</p>
+
+<p>Wilms schwoll der Unmut bis an die Kehle. Wie
+<a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>ein W&uuml;tender hieb er auf die Tiere ein, im gestreckten
+Galopp ging&#8217;s weiter.</p>
+
+<p>Die beiden sprachen nicht mehr miteinander. Im
+ungem&uuml;tlichen Schweigen durchfuhren sie das Dorf, bis
+sie endlich auf dem Pachthof anlangten.</p>
+
+<p>Vertr&auml;umt, verfallen, lautlos wie immer lag er da.
+Und diese Todesstille lockte Hedwig das erste Wort ab.</p>
+
+<p>&raquo;Merkw&uuml;rdig,&laquo; murmelte sie befangen, als Wilms
+ihr zum Herabsteigen die Hand bot, &raquo;das h&auml;tt&#8217; ich
+mir anders gedacht. Ist es hier immer so lautlos?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind, immer. Aus R&uuml;cksicht f&uuml;r Else.
+Und dann ist auch heute Sonntag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so &#8211; so, so,&laquo; wiederholte sie in sich gekehrt.
+Wilms sah, da&szlig; sie noch einmal mit einem ihrer langen,
+klaren Blicke das Anwesen &uuml;berflog. Dann strich sie
+sich &uuml;ber die Stirn und &auml;u&szlig;erte rasch und dringend,
+als ob sie dem Anblick entfliehen wollte: &raquo;Komm &#8211;
+gehen wir zur Schwester.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_V" id="Buch_1_V"></a>V.</h3>
+
+
+<p>Der Nachmittag war im Verd&auml;mmern. Auf dem
+Hof webten bereits graue Schatten und krochen an den
+W&auml;nden der Scheunen empor, aber in dem Krankenzimmer
+brannte eine gro&szlig;e sch&ouml;ne Stehlampe, ein Hochzeitsgeschenk,
+das noch nie benutzt war, und das jetzt
+eine strahlende, gem&uuml;tliche Helle verbreitete.</p>
+
+<p>&raquo;Hier mu&szlig; es doppelt licht sein,&laquo; hatte die j&uuml;ngere
+Schwester gemeint und dann die Staatslampe einfach
+von der Glasservante heruntergenommen und sie instand
+gesetzt.</p>
+
+<p>Still und zufrieden lag die Kranke jetzt in ihrem
+Bett und sah mit blinzelnden Augen in die Lichtstrahlen
+hinein, w&auml;hrend sie die Hand der Schwester,
+die neben dem Lager sa&szlig;, mit ihren schmalen Fingern
+fest umspannt hielt.</p>
+
+<p>In der Mitte der Stube, vor dem gro&szlig;en Tisch,
+hatte Wilms Platz genommen und beugte sich eifrig
+&uuml;ber ein Wirtschaftsbuch, das seit vielen Monaten
+vernachl&auml;ssigt war. Nur langsam und schwerf&auml;llig vermochte
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>der gro&szlig;e Mann zu rechnen, aber es tat ihm
+schon uns&auml;glich wohl, endlich einmal Klarheit in seine
+Verh&auml;ltnisse bringen zu k&ouml;nnen. So m&uuml;hte er sich
+fort, und nur von Zeit zu Zeit hob er das Haupt und
+lauschte zu den beiden Frauen hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Dort dr&uuml;ben las Hedwig der Kranken vor. Seltsam,
+nicht aus der Bibel. Die neue Pflegerin hatte
+sofort erkl&auml;rt, es sei nicht zweckm&auml;&szlig;ig, einer Leidenden
+etwas vorzutragen, was diese beinahe auswendig
+wisse und zudem auch ihre Gedanken stets auf Tod
+und Verg&auml;nglichkeit hinweise. &#8211; Nein, etwas Neues,
+Heitres m&uuml;sse gew&auml;hlt werden, und sofort war sie
+in ihr Dachst&uuml;bchen hinaufgeeilt, um das Versprochene
+zu bringen. &#8211; Als sie nach einiger Zeit zur&uuml;ckkehrte,
+hatte sie auch die Kleidung gewechselt. &#8211; Ein schwarzes
+Gewand legte sich einfach und straff um den schlanken
+K&ouml;rper und lie&szlig; sie noch kr&auml;ftiger und selbstbewu&szlig;ter
+als bisher erscheinen. L&auml;chelnd setzte sie sich an das
+Lager und begann vorzulesen. Es war die von einem
+modernen, schwedischen Satyriker verfa&szlig;te Geschichte
+eines jungen M&auml;dchens, das mit zwei Liebhabern zugleich
+t&auml;ndelt, um schlie&szlig;lich eine Geldheirat einzugehen,
+in die sie als einzige Aussteuer die beiden
+Verlassenen als Hausfreunde mit hineinbringt.</p>
+
+<p>Else verstand die Anspielungen wohl nicht recht.
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>&#8211; Sie hatte sich in ihren Kissen aufgerichtet und
+folgte den feinen Sp&ouml;ttereien mit befriedigter Verwunderung.
+Zuweilen huschte sogar ein schwaches
+L&auml;cheln &uuml;ber ihr blasses Gesicht.</p>
+
+<p>Wie lange hatte Wilms solch ein freundliches
+Zeichen herbeigesehnt, und jetzt schien die &Auml;rmste ihr
+Leiden beinahe vergessen zu haben.</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich verfing sich auch der Landmann in
+den liebensw&uuml;rdigen Worten, die von Hedwigs
+Lippen so frisch und hell hinabstr&ouml;mten. Er st&uuml;tzte das
+Haupt und sah aufmerksam zu ihr hin&uuml;ber. &#8211; Und
+doch &#8211; w&auml;hrend er mit Behagen auf ihren lebendigen
+Vortrag h&ouml;rte, nagte sich leise wieder jene unerkl&auml;rliche
+Abneigung gegen das M&auml;dchen in sein ehrliches
+Gem&uuml;t hinein, die er nicht bannen konnte, die
+ihn f&ouml;rmlich verfolgte.</p>
+
+<p>Schon wie sie dasa&szlig;, tief in ihren Stuhl zur&uuml;ckgelehnt,
+da&szlig; alle Formen des jugendfrischen Leibes
+einen Kampf gegen das einengende Gewand f&uuml;hrten, so
+ungebunden, so ohne R&uuml;cksicht auf ihn, als ob er gar
+nicht vorhanden w&auml;re, den Kopf zur Seite geneigt und
+auf ihren Z&uuml;gen all jenen wechselnden, prickelnden
+Spott, wie wenn sich auf dem feinen Gesicht der
+Inhalt des Buches wiederspiegele, &#8211; das geh&ouml;rte
+alles nicht hierher, nicht in die pommersche Krankenstube
+<a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>hinein, das war etwas Unreines, Unertr&auml;gliches.
+&#8211; Und jetzt empfand er auch, wie frech und
+unpassend das war, was sie las.</p>
+
+<p>Die R&ouml;te stieg ihm in die Stirn. Schwerf&auml;llig
+erhob er sich, ging mehrmals im Zimmer auf und ab,
+und r&auml;usperte sich endlich stark:</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir jetzt nicht mit Lesen aufh&ouml;ren?&laquo;
+Und da geschah das Unerwartete.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; &#8211; Else fr&ouml;stelte und sch&uuml;ttelte unwillig
+den Kopf: &raquo;Du mu&szlig;t auch immer st&ouml;ren,&laquo; beklagte
+sie sich. &#8211; &raquo;La&szlig; uns doch unser Vergn&uuml;gen. Ich
+bin ja so froh, da&szlig; ich endlich ein wenig Abwechslung
+finde.&laquo; &#8211; Und wieder dr&uuml;ckte sie der Schwester die
+Hand.</p>
+
+<p>Das auch noch.</p>
+
+<p>Etwas Unverst&auml;ndliches murmelte der P&auml;chter
+vor sich hin, heftig wollte er erwidern, aber die Gewohnheit,
+sein Weib unter allen Umst&auml;nden zu
+schonen, war st&auml;rker. M&uuml;hsam bezwang er den aufsteigenden
+Zorn und verlie&szlig; mit starken Schritten das
+Zimmer.</p>
+
+<p>Als er die T&uuml;r schlo&szlig;, h&ouml;rte er das M&auml;dchen
+wieder laut und fr&ouml;hlich weiterlesen.</p>
+
+<p>Ein paar Stunden lief er drau&szlig;en in der Dunkelheit
+<a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>umher, immer die gerade Chaussee entlang, und
+suchte seinen Unmut abzusch&uuml;tteln.</p>
+
+<p>Gleich am ersten Tage brachte sie ihm Unruhe
+und Unfrieden ins Haus. Er hatte es ja voraus
+gewu&szlig;t. &#8211; Das M&auml;dchen pa&szlig;te eben nicht in den
+beschr&auml;nkten Kreis. Ob es nicht das beste w&auml;re, sie
+wieder zum Gehen zu veranlassen? &#8211; Er seufzte &#8211;
+&#8211; das durfte man leider nicht wagen. &#8211; Und dann,
+wie gleichg&uuml;ltig und ver&auml;chtlich sie ihn selbst behandelte.
+Das Achselzucken und das &uuml;ber ihn Fortsprechen.
+Er galt dem Fr&auml;ulein eben nur als &raquo;Bauer&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Ha &#8211; ha!&laquo; Unvermittelt blieb der P&auml;chter
+stehen und atmete tief auf. &#8211; Ihn bedr&uuml;ckten ja
+ganz andere Sorgen, als dieses fremde M&auml;dchen.
+Wie konnte er es nur einen Augenblick vergessen?</p>
+
+<p>Die Schuldenlast &#8211; die entsetzliche Schuld. Acht
+Tage Frist hatte er, in dieser Zeit mu&szlig;te er 1200
+Taler schaffen, sonst geh&ouml;rte sein ganzes Inventar
+dem Juden. Aber woher? &#8211; woher?</p>
+
+<p>Laut st&ouml;hnte er auf, und so heftig packte ihn wieder
+die Verzweiflung, da&szlig; er eine Pappel der Chaussee
+umklammerte und den starken Stamm sch&uuml;ttelte und
+stie&szlig;, bis eine Wolke d&uuml;rrer Bl&auml;tter auf ihn herunter
+raschelte.</p>
+
+<p>Ein kalter Nachtwind strich durch die Zweige, alles
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>war dunkel und still. Nur die raschen Bl&auml;tter dort
+oben begannen wieder durcheinander zu rauschen.</p>
+
+<p>War das nicht, als ob ein Mensch spr&auml;che?</p>
+
+<p>Hedwigs Stimme &#8211; deutlich vernahm er sie wieder
+in der H&ouml;he lesen, lachen und kichern.</p>
+
+<p>Der Einsame zuckte zusammen und horchte um
+sich. &#8211; Ja, es war etwas krank in ihm, es schmerzte
+ihn in der Brust. Und blitzartig durchfuhr ihn das
+Bewu&szlig;tsein, da&szlig; die kranke Frau zu Hause, die er
+so leidenschaftlich, so tief, so gramerf&uuml;llt liebte, ihn
+zum Schw&auml;chling gemacht, da&szlig; dieses blasse, abgezehrte
+Weib seine Kraft gestohlen, da&szlig; es t&auml;glich sein Blut
+aussauge, um davon selbst das Dasein zu fristen,
+genau wie jener gespenstische Vogel, von dem er als
+Knabe gelernt, da&szlig; er den Verfallenen die Adern
+aufbei&szlig;e.</p>
+
+<p>&raquo;Gott sch&uuml;tz&#8217; mich &#8211; Elsing &#8211; Elsing, was ist
+mir nur?&laquo; stammelte Wilms und wischte sich den
+Angstschwei&szlig; von der Stirn &#8211; &raquo;nach Hause &#8211; nach
+Hause.&laquo;</p>
+
+<p>Er lief, er st&uuml;rmte dahin, bis er mit keuchender
+Brust den &ouml;den, schlummernden Hof erreicht hatte.
+Auf den Zehen schlich er dann durch den Flur und
+&ouml;ffnete ger&auml;uschlos das Zimmer.</p>
+
+<p>Ein Nachtlicht brannte auf dem Tisch. Aus dem
+<a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Halbdunkel, aus dem die unruhigen Atemz&uuml;ge der
+Kranken herauszitterten, erhob sich eine schlanke Gestalt
+und kam unh&ouml;rbar auf den Eindringling zu.</p>
+
+<p>Jetzt stand Hedwig vor ihm. Sie legte die Finger
+auf die Lippen und raunte kurz:</p>
+
+<p>&raquo;Sie schl&auml;ft &#8211; ich werde heute bei ihr wachen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du? Nein, das &#8211; das will ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen beugte sich pl&ouml;tzlich vor, da&szlig; er ihren
+Atem f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Trotz der Dunkelheit trafen sich ihre Blicke und
+blieben erstaunt und fragend aneinander h&auml;ngen. Da
+rollte die Uhr; die Liegende regte sich, und dann &#8211;
+Wilms trat zur&uuml;ck und murmelte m&uuml;de:</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen.&laquo;</p>
+
+<p>Damit schlo&szlig; er die T&uuml;r, um sich drau&szlig;en leise &uuml;ber
+die knarrende Treppe nach jener Kammer unter dem
+Strohdach zurechtzutasten, wo er schon oft gen&auml;chtigt
+hatte.</p>
+
+<p>Und so gleichg&uuml;ltig und abgespannt f&uuml;hlte er sich,
+da&szlig; er sich selbst gar nicht die Frage vorlegte, warum
+er dem M&auml;dchen nachgegeben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Oben in der kahlen, wei&szlig;get&uuml;nchten Stube entkleidete
+er sich schnell, und bald lag er ausgestreckt in
+dem hohen Bett, ohne jedoch die ersehnte Ruhe
+finden zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die niedrige Decke dr&uuml;ckte ihn beinahe auf den
+Kopf, und immer wieder hob er das Haupt und
+lauschte auf das &Auml;chzen und Pfeifen des Windes,
+der klagend &uuml;ber das Dach strich.</p>
+
+<p>Es klang ebenfalls wie das St&ouml;hnen eines gefolterten,
+riesenhaften Leibes.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_VI" id="Buch_1_VI"></a>VI.</h3>
+
+
+<p>Die zehnte Stunde des Vormittags war bereits
+angebrochen, als Hedwig in die Stube trat, die sie
+kurz vorher verlassen, ein modernes H&uuml;tchen auf dem
+braunen Haar, und &uuml;ber der Taille ein elegantes,
+offenes Jackett, das ihren vollendeten Wuchs erst
+recht hervorhob.</p>
+
+<p>Sie streifte sich Handschuhe auf und sp&auml;hte dabei
+aufmerksam zum Fenster hinaus, wie nach dem Stand
+des Wetters.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst fort?&laquo; forschte die Kranke mit leisem
+Vorwurf, w&auml;hrend eine Wolke &uuml;ber ihre Stirn flog,
+denn die Bedauernswerte hatte bereits die feste &Uuml;berzeugung
+gewonnen, da&szlig; sie sich in Gegenwart ihrer
+Schwester wohler befinde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; versetzte die J&uuml;ngere aufatmend und ohne
+die verborgene R&uuml;ge sonderlich zu beachten: &raquo;Es ist
+heute so frisch drau&szlig;en &#8211; wirklich prachtvoll &#8211; &uuml;berall
+ziehen Sommerf&auml;den &#8211; sieh nur &#8211; und hier
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>drinnen &#8211;&laquo; sie vollendete nicht, sondern setzte rasch
+hinzu: &raquo;Ich bin das Wachen doch wohl noch nicht so
+recht gewohnt &#8211; und dir geht es ja heute besser &#8211;
+da will ich einmal einen Gang durch eure Wirtschaft
+machen. In einer Stunde bin ich wieder zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Hedwig, wenn ich so allein &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bringe dir auch was Sch&ouml;nes mit,&laquo; schnitt
+die andere l&auml;chelnd ab und war im n&auml;chsten Augenblick
+verschwunden.</p>
+
+<p>Seufzend richtete sich die Verlassene auf und blickte
+sehns&uuml;chtig durch die Fensterscheiben der schlanken
+M&auml;dchengestalt nach, die drau&szlig;en bereits ohne sonderliche
+Eile mit leichten kr&auml;ftigen Bewegungen &uuml;ber
+den Hof schritt.</p>
+
+<p>&raquo;Wer doch auch so &#8211;,&laquo; fl&uuml;sterte die Kranke endlich,
+&raquo;einmal noch, nur einmal &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo; Krampfhaft faltete
+sie die H&auml;nde, und ihre Seele hob sich wieder in jenem
+einen br&uuml;nstigen Gebete zu Gott.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Hedwig den Hof durchmessen.
+Wer sie so sah, mit dem eleganten, d&uuml;nnen Sonnenschirm
+in der Hand, und ihrer modernen Kleidung,
+der h&auml;tte kaum geglaubt, da&szlig; den braunen, blitzenden
+Augen dieser jungen Dame nicht der kleinste Schaden
+im Strohdach einer Scheune entging.</p>
+
+<p>Sie bemerkte alles. Auch f&uuml;r das Geringf&uuml;gigste
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a>in diesem schweigenden Geh&ouml;ft schien sie ein Interesse
+zu empfinden.</p>
+
+<p>Vor dem offnen Kuhstall, aus dem ein warmer
+Dunst herausschlug, hockte auf einem Prellstein ein
+alter, verwitterter Mann, ein greises, d&uuml;rres, zahnloses
+Menschenkind, das kopfwackelnd dasa&szlig; und sich
+zu sonnen schien. Neben ihm, auf dem Holzpantoffel
+des Alten stand ein zerzauster Rabe auf einem Bein
+und war gleichfalls in den allgemeinen bleiernen Schlaf
+versunken, der wie verwunschen die gesamte kleine
+Besitzung umfangen hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Alterchen,&laquo; rief Hedwig, als sie ihn erreicht hatte,
+und stampfte leicht mit ihrem Schirm auf den Boden:
+&raquo;Warum sieht der Hof so schmutzig aus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;He?&laquo; grunzte der Alte und hob nach Art der
+Schwerh&ouml;rigen das Ohr. Dabei blinzelten seine erloschenen,
+bl&ouml;den Augen in das frische, bl&uuml;hende
+M&auml;dchengesicht empor, und der zahnlose Mund begann
+zu kauen.</p>
+
+<p>Das junge, kr&auml;ftige Leben da vor ihm gefiel ihm
+augenscheinlich nicht. Auch redete sie ihn mit zu wenig
+Hochachtung an, denn der alte Krischan a&szlig; schon
+seit Menschengedenken auf dem Hof das Gnadenbrot
+und stand au&szlig;erdem im Rufe dunkler lichtscheuer
+K&uuml;nste. Der Rabe galt dabei als eine Art
+<a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>dienender b&ouml;ser Geist oder mindestens doch als Bundesgenosse
+zu allerlei schwarzen Taten.</p>
+
+<p>&raquo;Schnell &#8211; nehmt einen Besen und fegt einmal
+ordentlich aus,&laquo; rief pl&ouml;tzlich das sch&ouml;ne M&auml;dchen
+dringend dazwischen. Ihr war es, als k&ouml;nnte man
+damit alles H&auml;&szlig;liche und Kranke, was sie hier vorgefunden,
+mit starker Hand hinauskehren.</p>
+
+<p>Der Alte regte sich nicht.</p>
+
+<p>Sie stie&szlig; ihn an.</p>
+
+<p>Da zog ein leises Grinsen &uuml;ber das verrunzelte
+Gesicht, der Mund hob an zu schmunzeln, und ohne
+sich von der Stelle zu r&uuml;hren, keuchte er heiser zur
+Antwort:</p>
+
+<p>&raquo;Arbeiten? &#8211; ne, v&ouml;rbi &#8211; all lang v&ouml;rbi &#8211; ne,
+ne, min D&ouml;chting, wenn Sei hier wat utkihren willen,
+denn m&ouml;tens s&uuml;lwst dauhn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie, was treiben Sie hier?&laquo; rief Hedwig
+scharf dagegen. Durch ihren K&ouml;rper zuckte es. Die
+schlaffe Faulheit des Alten emp&ouml;rte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ick? &#8211; ick t&ouml;w [Fu&szlig;note: warte] ups Starwen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aufs Sterben?&laquo;</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich erbla&szlig;te die Angreiferin und trat
+zur&uuml;ck. Der Alte warf ihr einen schielenden b&ouml;sen
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>Blick nach, und der Rabe erhob sich pl&ouml;tzlich und schlug
+kr&auml;chzend und hackend mit den Fl&uuml;geln nach ihr.</p>
+
+<p>Es war, als ob sich die alte Zeit in diesem Geh&ouml;ft
+gegen sie wehren wollte.</p>
+
+<p>Allein der neue Ank&ouml;mmling war nicht von der
+Art, sich von derlei unklaren Vorstellungen lange beeinflussen
+zu lassen.</p>
+
+<p>Stolz hob sie das Haupt und lie&szlig; k&uuml;hl die Worte
+fallen: &raquo;Ich werde mit meinem Schwager &uuml;ber Sie
+sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Augenblick wandte sie sich und eilte
+gru&szlig;los auf die Landstra&szlig;e hinaus.</p>
+
+<p>Wie frisch und hell war es hier drau&szlig;en. &Uuml;ber
+ihr das unendliche, leuchtende Blau, vor ihr Felder
+und &Auml;cker, gr&uuml;ne und braune Fl&auml;chen, die einen noch
+im reifen Schmuck der Sp&auml;tsaat, die andern bereits
+wieder umgepfl&uuml;gt, dazwischen kleine, helle W&auml;sserchen,
+wie Silberb&auml;nder auf einem bunten Tuch, Duft und
+D&auml;mmer und blauneblige W&auml;lder in der Ferne, und
+&uuml;ber alles hinweg der &uuml;ber den Boden fl&uuml;sternde
+Fr&uuml;hwind, der einen kr&auml;ftigen Erdgeruch mit sich
+f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Hedwig sog ihn tief ein. Der kleine Zwischenfall
+mit dem Alten war bereits vergessen. Hurtig setzte
+sie &uuml;ber den Graben der Landstra&szlig;e und schlug den
+<a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>ersten besten Feldweg ein, der quer &uuml;ber ein Stoppelfeld
+f&uuml;hrte, auf welchem in unsicherer Weite ein paar
+dunkle Punkte auf und ab schwankten.</p>
+
+<p>Wie einsam es hier &uuml;berall war. Nur eine Schar
+Kr&auml;hen h&uuml;pfte auf dem abgem&auml;hten Boden umher,
+und bei einer Biegung sah sie auf einem wilden Dornbusch
+einen zierlichen, bunten Stieglitz sitzen, der im
+Sonnenschein sein kr&auml;ftiges Liedchen sang. Sonst webte
+&uuml;ber allem eine heilige wohltuende Ruhe.</p>
+
+<p>Hedwig blieb stehen und lie&szlig; ihren Blick weit
+umherschweifen.</p>
+
+<p>Also hier sollte sie fortan ihre Tage verbringen?
+So allein, so ausgesetzt unter fremden Menschen?
+Denn ihr herber Verstand sagte ihr, da&szlig; auch Else
+ihr eine Fremde bleiben w&uuml;rde, eine Bedauernswerte,
+f&uuml;r die sie sich h&ouml;chstens ein unangenehmes Gef&uuml;hl
+des Mitleids w&uuml;rde abzwingen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und die lautlose Einsamkeit fing an, sie zu bedr&uuml;cken.</p>
+
+<p>Wie etwas Schattenhaftes flog es &uuml;ber die Heide,
+kam auf sie zu und qu&auml;lte und &auml;ngstigte sie.</p>
+
+<p>Sie dachte an ihren letzten Aufenthalt in der
+Stralsunder Pension und zusammenzuckend empfand
+sie wieder jenes eine Ereignis, vor dem ihr bisheriges
+Leben zusammengebrochen war, jene eine entsetzliche
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>Stunde, an der alle ihre Gedanken sich festgesogen
+hatten, so fest, da&szlig; ihr K&ouml;rper eigentlich halb tr&auml;umend
+herumwandelte, beinahe getrennt von einer leitenden
+Seele. Und sie f&uuml;hlte wieder, da&szlig; sie etwas in ihrem
+Leben vergessen m&uuml;&szlig;te, und da&szlig; diese weite &Ouml;dnis
+ringsumher vielleicht jene stumpfe Ergebenheit in ihr
+erzeugen k&ouml;nnte, nach der sie sich sehnte.</p>
+
+<p>Und merkw&uuml;rdig. &#8211; Noch sann sie diesen dunklen
+fernen Traum, da erweckte sie etwas. &#8211; Ein fl&uuml;chtender
+Hase streifte ihren Weg, fuhr vor ihr zur&uuml;ck und
+setzte dann seitw&auml;rts &uuml;ber das Feld.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen lachte pl&ouml;tzlich hell auf.</p>
+
+<p>Das frische, selbstbewu&szlig;te Lachen eines kr&auml;ftigen
+Menschen. Was brauchte sie sich in solchen Hirngespinsten
+zu verfangen? Es war ja alles vor&uuml;ber,
+bald &uuml;berhaupt nicht mehr gewesen, nur eine seltsame
+verflatternde Erinnerung. Erhobenen Hauptes eilte
+sie weiter; ab und zu schlug sie mit dem Sonnenschirm
+spielend an die den Weg begrenzenden B&uuml;sche, und
+dann verweilte sie wieder, um sich von dem s&auml;uselnden
+Wind die Wangen k&uuml;hlen zu lassen.</p>
+
+<p>So war sie in einen Hohlweg geraten. Fast in
+Mannesh&ouml;he &uuml;ber ihr erhob sich zu beiden Seiten
+das Feld. An den Abh&auml;ngen bl&uuml;hten noch wilde
+Rosen, ganze rotbraune B&uuml;ndel von Erika spro&szlig;ten
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>dort empor, und hier und da nickten violette Glockenblumen
+dazwischen.</p>
+
+<p>Gedankenlos pfl&uuml;ckte das M&auml;dchen einen Strau&szlig;,
+vielleicht f&uuml;r die eigene Brust bestimmt, vielleicht f&uuml;r
+Else, da h&ouml;rte sie unvermutet hoch &uuml;ber sich Stimmen
+laut werden und einen Wortwechsel sich entspinnen.</p>
+
+<p>Und jetzt erkannte sie auch, wer dort sprach. Es
+war Wilms, den seine Tagel&ouml;hner um eine r&uuml;ckst&auml;ndige
+Schuld zu mahnen schienen.</p>
+
+<p>Vier bis f&uuml;nf M&auml;nner redeten dort oben durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Leute, ich hab&#8217; euch doch gegeben, was ich hatte
+&#8211; nun geduldet euch noch die paar Tage &#8211; ihr wi&szlig;t
+ja, was ich inzwischen selbst alles durchmachen mu&szlig;te &#8211;
+eine kleine Weile, dann ist ja alles wieder ins gleiche
+gebracht. &#8211; Nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja Herr, wir haben ja auch Vertrauen zu Sie,
+aber bei uns zu Haus sieht&#8217;s auch man mager aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;I ne wir wollen Ihnen nicht dr&auml;ngen ne &#8211; dat
+tun wir nich &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne Herr Wilms, Sie sind ja auch immer gut zu
+uns gewesen, und werden&#8217;s woll jetzt allein nich so
+haben, &#8211; blo&szlig; Frau und Kinners &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man kann sie doch nich hungern lassen, Herr.&laquo;</p>
+
+<p>Einen Augenblick trat Stille ein. Die M&auml;nner
+<a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>schienen stehen geblieben zu sein, und die Lauscherin
+vernahm wieder, wie der Wind durch das Heidekraut
+strich. Dann sagte der P&auml;chter mit seiner tiefen treuherzigen
+Stimme: &raquo;Kommt morgen abend zu mir,
+Leute, dann sollt ihr bestimmt euer Geld bekommen
+&#8211; so oder so.&laquo; Und in festerem Tone setzte er hinzu:
+&raquo;Und jetzt geht wieder an eure Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, dann bedanken wir uns auch vielmals, Herr.
+Adj&uuml;s!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen.&laquo;</p>
+
+<p>Man h&ouml;rte, wie sich die Tagel&ouml;hner entfernten,
+und etwas sp&auml;ter bemerkte Hedwig, da&szlig; schwere Tritte
+den Hohlweg herabknirschten.</p>
+
+<p>Jetzt mu&szlig;te er kommen. Unwillk&uuml;rlich trat das
+M&auml;dchen hinter den Dornenbusch zur&uuml;ck, als wollte sie
+den Nahenden ungest&ouml;rt vor&uuml;berlassen.</p>
+
+<p>Auch der P&auml;chter hatte keine Ahnung von der
+N&auml;he eines fremden Wesens, das ihn und seine Qual
+erforschen k&ouml;nnte, sonst w&uuml;rde er sicherlich schnell
+vor&uuml;bergeschritten sein; so aber hielt er an der tiefsten
+Stelle des Weges an, senkte den Kopf auf die Brust
+und pre&szlig;te mit einer m&uuml;den, schlaffen Bewegung die
+Hand gegen die Stirn.</p>
+
+<p>Es lag soviel M&uuml;digkeit darin, soviel verschlossenes
+Weh.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>Jedoch kein St&ouml;hnen quoll &uuml;ber die geschlossenen
+Lippen, lautlos, ohne Wort verharrte die gro&szlig;e Gestalt,
+es war ein Trauern, das man mit sich und mit
+Gott allein abmacht, versteckt und gesch&uuml;tzt durch die
+Einsamkeit.</p>
+
+<p>Kein fremdes Auge darf dergleichen ersp&auml;hen.</p>
+
+<p>Mit ihren k&uuml;hlen, scharfen Blicken hatte Wilms&#8217;
+Schw&auml;gerin dies alles erfa&szlig;t, nun sah sie, wie sich
+der P&auml;chter die graue Forstjoppe strammer zog, die
+Inspektorm&uuml;tze zurechtr&uuml;ckte und festen Schrittes
+weiterging.</p>
+
+<p>Gott sei Dank. Es war auch besser so.</p>
+
+<p>Bald mu&szlig;te er verschwunden sein.</p>
+
+<p>Und doch &#8211; ihr Geschick zwang sie pl&ouml;tzlich, sich
+fast gegen ihren Willen in das Schicksal dieses Mannes
+einzumischen.</p>
+
+<p>Schon hatte er die h&ouml;her gelegene Ebene erreicht.</p>
+
+<p>Ein Stein l&ouml;ste sich von der B&ouml;schung, wo das
+M&auml;dchen stand, und rollte mit Gepolter in den Hohlweg
+hinab.</p>
+
+<p>Wilms wandte sich ruckartig zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>T&auml;uschte er sich denn nicht? Das junge, elegant
+gekleidete Weib dort unten war wirklich &#8211; ja es
+war Hedwig, sie mu&szlig;te ihn schon fr&uuml;her &uuml;berrascht
+haben.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Die Z&uuml;ge des P&auml;chters verzerrten sich, etwas Brutales
+stieg in ihnen auf, und die &Auml;derchen in seinen
+Augen wurden blutig.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommst du dorthin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo; &#8211; sie schlenkerte nachl&auml;ssig den Schirm
+und kam n&auml;her &#8211; &raquo;ich ging ein bi&szlig;chen spazieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum bliebst du denn nicht bei Else?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich es nicht l&auml;nger aushielt &#8211; das Wachen,
+glaube ich, hat mich zu sehr angestrengt.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms brach los: &raquo;Und nun gehst du hier so &#8211;
+so &#8211; was machst du denn eigentlich hier?&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte sich vorgebeugt, seine Lippen bebten.</p>
+
+<p>Aber in dem M&auml;dchen war pl&ouml;tzlich etwas geweckt,
+etwas vor dem sie sich selbst graute, und an
+das sie vorhin so stark gedacht hatte.</p>
+
+<p>Ganz nahe trat sie an den aufgeregten Mann heran
+und warf ihm einen einzigen Blick zu: &raquo;Ich sagte
+ja, ich gehe spazieren,&laquo; kam es scharf und trotzig
+hervor.</p>
+
+<p>Ihre F&auml;uste in dem zarten Glac&eacute;leder ballten
+sich, ihr K&ouml;rper zuckte.</p>
+
+<p>Im Moment glich sie einer Katze, die sich zum
+Sprung anschickt. Aus ihren blitzenden Augen leuchtete
+die Lust, mit ihrem Bedr&auml;nger zu ringen. Brust an
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Brust. Um irgend etwas Unerkanntes &#8211; Kostbares
+&#8211; um sich selbst.</p>
+
+<p>Das alles war dem rohen, gutm&uuml;tigen Bauer so
+neu, so unfa&szlig;bar, da&szlig; er das im Zorn bebende
+Gesch&ouml;pf vor ihm minutenlang kopfsch&uuml;ttelnd anstarrte.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du eigentlich von mir?&laquo; murmelte er
+endlich verst&auml;ndnislos.</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo;</p>
+
+<p>Sie erwachte pl&ouml;tzlich wie aus einem wohltuenden
+Traume und eine brennende R&ouml;te jagte &uuml;ber ihre
+Z&uuml;ge.</p>
+
+<p>Beide starrten sich noch immer, wie aus allen
+Himmeln gefallen, an. Langsam lie&szlig; das M&auml;dchen
+den erhobenen Schirm niedergleiten und richtete sich
+straff auf.</p>
+
+<p>Ein ver&auml;chtlicher Zug flog um ihre frischen Lippen.</p>
+
+<p>Es war wohl ihr Schicksal, &uuml;berall mit den M&auml;nnern
+im wirklichen, k&ouml;rperlichen Kampfe streiten zu
+m&uuml;ssen. Dieser da schien ihr wenigstens nicht gef&auml;hrlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte einmal mit dir &uuml;ber deine Verh&auml;ltnisse
+sprechen,&laquo; begann sie kurz und herb.</p>
+
+<p>Er stand so gro&szlig; und kr&auml;ftig, und doch so ungeschickt
+vor ihr.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>O, wie sie es reizte, diesen ungeb&auml;rdigen Riesen
+ihre Macht f&uuml;hlen zu lassen.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;ber meine Verh&auml;ltnisse?&laquo; wiederholte der P&auml;chter,
+kalter Schwei&szlig; trat ihm auf die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Da hast du also vorhin alles mit angeh&ouml;rt,
+wirklich alles?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich wei&szlig;, da&szlig; du dich in Geldverlegenheit
+befindest.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Sekunde noch dauerte das peinliche Schweigen,
+die Brust des Mannes hob und senkte sich, als wollte
+sie etwas von sich abw&auml;lzen, den Kopf schob er
+stierartig vor, die Z&auml;hne knirschten mechanisch &uuml;bereinander.</p>
+
+<p>Dann st&uuml;rzte es aus ihm heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Und du &#8211;&nbsp;&#8211; was hast du dich da rein zu
+mischen, du freche Dirn? &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; Was geht dich das
+alles &uuml;berhaupt an? Nein, nein, du mu&szlig;t fort, &#8211;
+aus dem Haus &#8211; heute noch.&laquo;</p>
+
+<p>Schrie und br&uuml;llte er dem M&auml;dchen wirklich all
+diese Schm&auml;hungen ins Gesicht? Nein, ach nein, matt
+und schmerzhaft stachen ihm die Worte nur durchs
+Gehirn, &uuml;ber die halbge&ouml;ffneten Lippen aber quoll
+dumpf und heiser:</p>
+
+<p>&raquo;Was geht dich das an? &#8211; Was soll das alles?
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>Wozu dr&auml;ngst du dich in meine Angelegenheiten?
+Was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu? &#8211; Weil ich mir Klarheit &uuml;ber die
+Menschen verschaffen will, bei denen ich von jetzt an
+leben soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst &#8211; du denn wirklich bei uns bleiben? &#8211;
+Hedwig &#8211; aber &#8211; aber du &#8211; du pa&szlig;t ja gar nicht
+hierher, du taugst nicht in so viel Traurigkeit &#8211;
+du solltest lieber wieder gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich hatten beide den Weg von neuem
+aufgenommen und schritten nebeneinander &uuml;ber die
+leere Heide.</p>
+
+<p>Der Mann in sich zusammengesunken, das M&auml;dchen
+schlank aufgerichtet und geschmeidig, von Zeit zu
+Zeit einen pr&uuml;fenden Blick auf den Begleiter heftend.</p>
+
+<p>Und wieder sagte er eindringlich vor sich hin:
+&raquo;Ja, ja, du solltest gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Da fa&szlig;te Hedwig seinen Arm und legte den ihrigen
+hinein.</p>
+
+<p>Es waren die Bewegung und die Manier, wie
+sie sie dr&uuml;ben in der aristokratischen Tanzstunde in der
+alten Hansastadt gelernt hatte.</p>
+
+<p>Stirnrunzelnd lie&szlig; es Wilms geschehen, innerlich
+jedoch emp&ouml;rte ihn dies elegante Gebaren, obgleich
+es sich leicht und anmutig genug ausnahm.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>&raquo;Schwager, hast du eigentlich etwas gegen mich?&laquo;
+fragte sie pl&ouml;tzlich und lie&szlig; ihre klugen braunen Augen
+fest auf ihm ruhen.</p>
+
+<p>Ihr Arm dr&uuml;ckte noch gegen den seinen, so da&szlig;
+sie sein Erschrecken merken mu&szlig;te. Den ehrlichen Mann
+brachte die L&uuml;ge, die nun gebraucht werden sollte, in
+g&auml;nzliche Verwirrung.</p>
+
+<p>&raquo;Ich &#8211; nein, &#8211; was denkst du, &#8211; ich habe nichts
+gegen dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Else?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meine arme Frau wohl auch nichts &#8211; blo&szlig; &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Er stockte und &uuml;ber seine offnen Z&uuml;ge breitete sich
+wieder jene gro&szlig;e Verlegenheit.</p>
+
+<p>&raquo;Blo&szlig; &#8211; nun also?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, du bist uns wohl nur zu sehr &uuml;berlegen&laquo;
+&#8211; stammelte er. &raquo;Du hast soviel Bildung genossen
+&#8211; dr&uuml;ben in der feinen Pension &#8211; Else und ich, wir
+sind doch nur einfache Leute. Und dann meine schmalen
+Eink&uuml;nfte, du hast es ja selbst geh&ouml;rt, das wird dir
+doch auf die Dauer nicht gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schmiegte sich an ihn, bis er fast ihre weichen
+Glieder f&uuml;hlen konnte, und fl&uuml;sterte rasch und mit
+einem Ausdruck der Teilnahme: &raquo;Aber ich m&ouml;chte ja
+so gern meine Kr&auml;fte f&uuml;r euch einsetzen, ich bin stark,
+Schwager, und m&ouml;chte euch gern helfen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>&raquo;Wirklich?&laquo; fuhr er auf und wandte sich voll zu
+ihr. &raquo;Das willst du in der Tat?&laquo;</p>
+
+<p>Sie nickte und sah ihn ernst an. &raquo;Und wieder
+ein bi&szlig;chen Ruhe und Gem&uuml;tlichkeit bei euch verbreiten.
+Das fehlt doch bei dir?&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter entgegnete nichts, aber er seufzte tief
+auf und schaute in sich gekehrt auf den Waldessaum,
+dem sie jetzt zustrebten.</p>
+
+<p>Hedwig aber hing sich fester an ihn und fuhr
+interessiert fort:</p>
+
+<p>&raquo;Fr&uuml;her warst du doch selbst gewi&szlig; viel heiterer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja fr&uuml;her&laquo; &#8211; wiederholte der Landmann, tief
+Atem holend &#8211; &raquo;fr&uuml;her &#8211; da mag&#8217;s wohl so gewesen
+sein. Damals waren wir noch guter Dinge. Da ging
+ich auch oft mit Else &uuml;ber das Feld &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie jetzt?&laquo; warf sie rasch dazwischen.</p>
+
+<p>Wilms lie&szlig; einen scheuen Blick &uuml;ber sie fortgleiten
+und l&ouml;ste seinen Arm ungeschickt von dem ihren. &raquo;Ja,
+mein Kind, beinahe so,&laquo; &auml;u&szlig;erte er gedr&uuml;ckt. Und nach
+einer Pause setzte er fast abf&auml;llig hinzu: &raquo;Du siehst ihr
+eigentlich gar nicht &auml;hnlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; best&auml;tigte seine Begleiterin.</p>
+
+<p>Es klang scharf und herb.</p>
+
+<p>Wortlos schlugen die beiden nebeneinander den
+Waldpfad ein.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>Es war ein weitgedehntes Kieferngeh&ouml;lz, mit regelm&auml;&szlig;ig
+ausgehauenen Wegen, die schnurgerade wie
+schmale Chausseen den Wald durchschnitten und sich
+in D&auml;mmerung zu verlieren schienen.</p>
+
+<p>Die Wipfel der B&auml;ume waren in helles Sonnenlicht
+getaucht und wiegten sich in dem leisen Luftzug
+hin und her. Ein starker Harzgeruch entquoll den
+St&auml;mmen. Von fern h&ouml;rte man das eint&ouml;nige Ger&auml;usch
+der f&auml;llenden Axt. Und laut und stark schrie ein
+H&auml;her in der Luft.</p>
+
+<p>Die beiden einander so fremden Menschen waren
+schon weit in den einsamen, schlummernden Wald eingedrungen,
+da begann Hedwig unvermutet von neuem
+das Gespr&auml;ch. Ihre Gestalt richtete sich dabei auf, die
+dunklen Augenbrauen hatten sich zusammengezogen, ihr
+ganzes Wesen schien von einem festen Entschlu&szlig; beherrscht
+zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin gehst du jetzt?&laquo; forschte sie kurz.</p>
+
+<p>Und gerade diesen Ton konnte der Landmann
+nicht vertragen. Mi&szlig;mutig sch&uuml;ttelte er den Kopf und
+schien nichts vernommen zu haben.</p>
+
+<p>Sie blieb pl&ouml;tzlich stehen.</p>
+
+<p>Er wandte sich unwillig zur&uuml;ck und winkte, aber
+sie r&uuml;hrte sich nicht von der Stelle.</p>
+
+<p>In dem enganliegenden J&auml;ckchen, dem modischen
+<a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Hut und ihrem bl&uuml;henden Gesicht darunter, nahm sie
+sich seltsam aus zwischen den hohen, uralten Kiefern.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin du gehst, m&ouml;chte ich wissen?&laquo;</p>
+
+<p>Und merkw&uuml;rdig, ihr Blick traf so fest und ernst
+den seinen, sie standen sich wieder so dicht gegen&uuml;ber,
+da&szlig; es dem Manne peinlich wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Zum F&ouml;rster,&laquo; gab er nach, und unwillk&uuml;rlich
+murmelte er hinzu: &raquo;Ich will ihm Heu verkaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du brauchst das Geld wohl f&uuml;r die Tagel&ouml;hner
+von vorhin. Nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Wie sie das riet. Wie praktisch das M&auml;dchen dachte,
+es tat dem leidenden Manne ordentlich wohl, da&szlig; sie
+das Rechte getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; brachte er voller Angst hervor, &raquo;wenn
+er es nur kaufen m&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>Um die frischen, etwas aufgeworfenen Lippen des
+M&auml;dchens glitt ein hochm&uuml;tiger Zug. &raquo;Er wird schon,&laquo;
+entgegnete sie bestimmt, &raquo;hat er eine Frau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, jung verheiratet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, dann werde ich mitgehen und die Frau zu
+bestimmen suchen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja, Hedwig, das w&auml;re &#8211; sehr sch&ouml;n &#8211; von
+dir &#8211;&laquo; stotterte er mit niedergeschlagenen Augen.</p>
+
+<p>Ein hei&szlig;es Gef&uuml;hl stieg in ihm auf, etwas wie
+Dankbarkeit, etwas wie die Lust, sich anzuschlie&szlig;en an
+<a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>ein Wesen, das ihm helfen wollte. Und doch &#8211; gro&szlig;e
+Schwei&szlig;tropfen der Scham perlten ihm dabei auf der
+Stirn. Sie bemerkte es und bat ihn, ihr den Weg zu
+zeigen. Ohne Widerspruch lie&szlig; er es geschehen, da&szlig;
+sie ihren Arm unter den seinen legte, und eilte mit
+ihr dann st&uuml;rmisch in ungew&ouml;hnlicher Hast vorw&auml;rts.</p>
+
+<p>Ihre Kleider flatterten dabei, durch ihre Wangen
+ebbte das Blut, er sah sie an und merkte, wie ihre
+Brust sich beschleunigt hob, ihr Atem str&ouml;mte ihm
+frisch entgegen.</p>
+
+<p>Oh, sie war vielleicht doch die treue Gehilfin, die
+er suchte, die Schwester seines armen, geliebten Weibes,
+die ihm Trost bringen wollte.</p>
+
+<p>Wie jugendfrisch und kr&auml;ftig sie war.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, du fragtest vorhin &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach deinen Verh&auml;ltnissen, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich &#8211; ich &#8211; Hedwig &#8211; wenn ich nur Vertrauen
+&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Und dann wurde die Sehnsucht, sich mitzuteilen,
+&uuml;berm&auml;chtig. Er verga&szlig;, wer sie war, er ergriff ihre
+Hand, wie die eines anderen Mannes, und mit stammelnden
+stockenden Worten, dann aber mit dem tiefen
+Gem&uuml;t dieser verschlossenen Seele offenbarte er sich,
+entlastete er sich von dem &uuml;berschweren Druck, sch&uuml;ttete
+er all sein Weh vor dem sch&ouml;nen M&auml;dchen aus.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a>Und wahrlich, sie war sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Denn w&auml;hrend er sprach, hob sich ihre Gestalt,
+ihre Glieder schienen sich zu dehnen, &uuml;ppiger zu werden,
+und w&auml;hrend er von der r&uuml;ckst&auml;ndigen Pacht erz&auml;hlte,
+von der achtt&auml;gigen Frist, die ihm der Handelsmann
+in Grimmen gelassen, von seiner vollst&auml;ndigen Zerr&uuml;ttung,
+da war es, als ob sie mit gieriger Lust all diese
+M&uuml;hsal auf ihre Schultern z&ouml;ge, um sie fortan allein
+und ungebeugt zu tragen. Als Wilms geendet hatte,
+sah er sie an und erschrak.</p>
+
+<p>Ihre Augen hingen an den seinen. Im Feuer
+seiner Erz&auml;hlung hatte er sie an sich gepre&szlig;t, als ob
+er sie umfangen wollte.</p>
+
+<p>Entsetzt, erwachend, fuhr er zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Dort &#8211; dort ist das Forsthaus,&laquo; stammelte er.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_VII" id="Buch_1_VII"></a>VII.</h3>
+
+
+<p>Wieder brannte die gro&szlig;e Staatslampe in dem
+weiten Wohnzimmer des P&auml;chters. Und es war wirklich
+schon gem&uuml;tlicher geworden.</p>
+
+<p>Ein eiskalter Regen hatte sich drau&szlig;en eingestellt,
+und w&auml;hrend man sonst in dieser &Uuml;bergangszeit
+frierend und schauernd seine Zeit verbrachte, knisterte
+jetzt ein lustiges Feuer in dem m&auml;chtigen Kachelofen,
+und lie&szlig; von Zeit zu Zeit das wohltuende Ger&auml;usch
+der berstenden und knackenden Holzkl&ouml;tze vernehmen.</p>
+
+<p>Hedwig, lachend &uuml;ber die Beschr&auml;nktheit, welche
+mit der Heizung kalenderm&auml;&szlig;ig erst beginnen will,
+wenn der erste Schnee f&auml;llt, hatte selbst dem alten
+Kachel-Patriarchen die erste reichliche Nahrung zugef&uuml;hrt,
+und jetzt sa&szlig; die Kranke in einem gewaltigen
+Lehnstuhl mit Decken eingeh&uuml;llt davor, w&auml;rmte sich,
+und wartete auf die Wiederkehr von Mann und
+Schwester, die gemeinsam zum Pastor des gro&szlig;en
+Dorfes gewandert waren, um den Geistlichen mit
+Familie zu einem Besuch in das Haus des P&auml;chters
+<a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a>abzuholen. Auch der F&ouml;rster mit seiner Frau wollte
+her&uuml;berkommen. Hedwig hatte darauf bestanden, denn
+um jeden Preis gedachte sie, Menschen und Geselligkeit
+in dies ver&ouml;dete Heim zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>So sa&szlig; die Leidende und hielt oft die Hand vor
+das zuckende Feuer, bis sie ihr Blut durch die Haut
+hindurchschimmern sah.</p>
+
+<p>Eine wohlige W&auml;rme durchstr&ouml;mte sie. Beinahe
+h&auml;tte sie sich behaglich gef&uuml;hlt. &#8211; Wenn sie nur nicht
+so verlassen und einsam geblieben w&auml;re.</p>
+
+<p>Wozu mu&szlig;ten auch die beiden gemeinsam gehen?
+Hedwig allein h&auml;tte doch auch gen&uuml;gt. Aber Wilms
+hatte sie durchaus in dem Wetter nicht unbegleitet
+aufbrechen lassen wollen &#8211; &raquo;es schicke sich nicht,&laquo; hatte
+er ge&auml;u&szlig;ert, und nun waren sie schon &uuml;ber eine Stunde
+fort.</p>
+
+<p>Die Uhr schlug.</p>
+
+<p>Die Kranke wurde immer ungeduldiger. M&auml;gde
+und Knechte k&uuml;mmerten sich nicht um sie. Seit langer
+Zeit zum erstenmal wurde im Hause flott gearbeitet;
+der P&auml;chter hatte mit Hedwigs Hilfe eine Molkerei
+eingerichtet. Heute war die dazu n&ouml;tige Maschine
+aus Stralsund eingetroffen, welche ein Freund des
+M&auml;dchens auf Kredit geliefert, und das Gesinde setzte
+sie gegenw&auml;rtig instand.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Else konnte deutlich das Lachen und Schwatzen
+der Leute vernehmen.</p>
+
+<p>Nicht einmal eine Klingel war ihr zur Hand, mit
+der sie vielleicht h&auml;tte l&auml;uten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Ganz verlassen &#8211; ohne jede fremde Hilfe.</p>
+
+<p>Sie begann sich zu &auml;ngstigen.</p>
+
+<p>Wilms k&ouml;nnte doch wirklich l&auml;ngst zur&uuml;ck sein. Das
+war doch r&uuml;cksichtslos von ihm und namentlich ihr, der
+Verz&auml;rtelten, etwas v&ouml;llig Ungewohntes.</p>
+
+<p>Leise begann sie zu st&ouml;hnen und r&uuml;ckte in dem
+Sessel hin und her &#8211; dann hielt sie wieder die Hand
+vor die Glut und lauschte.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en prasselte gleichm&auml;&szlig;ig der Regen hernieder.
+Man h&ouml;rte f&ouml;rmlich die Blasen platzen &#8211;&nbsp;&#8211;
+aber pl&ouml;tzlich, die Kranke horchte angestrengt, ein
+rascher, dumpfer Hufschlag t&ouml;nte dazwischen, dann kam
+etwas auf den Hof gesprengt &#8211;&nbsp;&#8211; ein Pferd wieherte
+hell und anhaltend &#8211; ein kurzer Stimmwechsel &#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>Und es wurde an die T&uuml;r geklopft. Rasch und
+energisch, und ehe die &uuml;berraschte Frau sich noch besinnen
+konnte, trat ein junger Mann in Joppe und
+Reithosen in die Stube und machte ihr an der Schwelle
+eine kurze liebensw&uuml;rdige Verbeugung.</p>
+
+<p>Die Sporen klirrten dabei hell an den hohen
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Stiefeln, und von der Lodenjoppe troff das Wasser
+herunter.</p>
+
+<p>&raquo;Pardon,&laquo; begann er und zog ein wenig befangen
+die M&uuml;tze &#8211; &raquo;ich wei&szlig;, es ist eine gro&szlig;e Freiheit,
+da&szlig; ich hier gleich die ganze Landstra&szlig;e mit hineinbringe.
+Nicht wahr? &#8211; Treffe ich Herrn Wilms
+wohl zu Hause?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; nein &#8211; leider&laquo; &#8211; Else machte vergebliche
+Anstrengungen, sich zu erheben &#8211; &raquo;mein Mann
+und meine Schwester sind fort &#8211; aber wer &#8211;&nbsp;&#8211; mit
+wem habe ich denn &#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder versuchte sie, sich auf den kraftlosen
+F&uuml;&szlig;en aufzurichten, wurde jedoch durch das h&ouml;fliche
+und doch zwanglose N&auml;hertreten des Reiters daran
+verhindert.</p>
+
+<p>&raquo;Oh&laquo; &#8211; meinte er gutm&uuml;tig, w&auml;hrend er bedauernd
+den Kopf sch&uuml;ttelte &#8211; &raquo;ich h&ouml;rte schon, Sie
+seien nicht wohl, liebe Frau, und nun tut es mir
+doppelt leid, da&szlig; ich Sie so erschrecken mu&szlig;. &#8211; Aber
+dieses niedertr&auml;chtige Wetter drau&szlig;en &#8211; Sie sehen
+ja, ich bin durchn&auml;&szlig;t, wie eine Morchel &#8211; und da
+dacht&#8217; ich, Herr Wilms w&uuml;rde mich wohl ein St&uuml;ndchen
+bei sich aufnehmen. &#8211; Ich bin n&auml;mlich der Graf
+Brachwitz, der Sohn nat&uuml;rlich &#8211; Ihr Mann kennt
+mich ganz genau &#8211; vielleicht haben auch Sie schon
+<a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>von mir geh&ouml;rt &#8211;&nbsp;&#8211; ist&#8217;s wirklich erlaubt? Sie sind
+zu liebensw&uuml;rdig.&laquo;</p>
+
+<p>Damit zog er sich den von Else angebotenen Stuhl
+ganz in die N&auml;he der Kranken, musterte sie halb teilnahmsvoll,
+halb verlegen und streckte dann die Hand
+befriedigt dem m&auml;chtigen Ofenfeuer entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Prachtvoll,&laquo; &auml;u&szlig;erte er behaglich und zog den
+einen m&auml;chtigen Stulpenstiefel auf das Knie herauf,
+wobei er sich trotzdem leicht gegen die Hausfrau verneigte:
+&raquo;Habe ich wirklich Ihre g&uuml;tige Erlaubnis,
+auf Herrn Wilms zu warten, bis er wieder kommt,
+oder der Regen aufh&ouml;rt? &#8211; Oder falle ich Ihnen
+l&auml;stig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O &#8211; bewahre,&laquo; h&uuml;stelte die Kranke.</p>
+
+<p>Und sie sprach die Wahrheit. Der vornehme Besuch,
+der sie, ohne da&szlig; sie es recht empfand, so h&ouml;flich
+und dabei doch etwas von oben herab behandelte,
+schmeichelte und imponierte ihr auf das &auml;u&szlig;erste. Noch
+nie hatte die Grafenfamilie in der Umgegend jemals
+Besuche abgestattet, und jetzt sa&szlig; wie durch ein Wunder
+der junge, jugendsch&ouml;ne Aristokrat vor ihr und bem&uuml;hte
+sich, ihr allerlei Artigkeiten zu sagen.</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte Elses Krankengeschichte geduldig an und
+l&auml;chelte nur ein wenig suffisant, als Else ihm mitteilte,
+<a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>da&szlig; sie als M&auml;dchen stets gesund gewesen, und ihr
+Leiden erst in der Ehe begonnen habe.</p>
+
+<p>&raquo;So? &#8211; hm&laquo; &#8211; der junge Graf streichelte sich
+den Bart und nickte weise: &raquo;Ja, ja, verehrte Frau,
+das Heiraten. &#8211; Ich bin auch prinzipiell dagegen.
+Wenn es nur ein anderes Mittel g&auml;be, zu einem
+Majoratsherrn zu gelangen, d&auml;chte ich gar nicht daran.
+Ich habe &uuml;berhaupt etwas Solides in meiner Natur.
+Nicht wahr, das sieht man mir an? &#8211; hm&laquo; &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;
+er schlug mit seiner Reitpeitsche, die er noch in der
+Hand hielt, l&auml;ssig gegen ein Stuhlbein und begann
+sich ein wenig ungeduldig im Zimmer umzusehen.
+Augenscheinlich fing ihm das Tete-a-tete mit der Kranken
+an langweilig zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rden der Herr Graf vielleicht irgendeine Erfrischung
+zu sich nehmen wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; nein &#8211; bewahre &#8211; lassen Sie sich nur
+nicht st&ouml;ren &#8211; wir plaudern ja hier ganz vorz&uuml;glich.
+Hm &#8211; ein recht gem&uuml;tliches Zimmer &#8211; ein bi&szlig;chen
+gro&szlig; &#8211;&nbsp;&#8211; ja &#8211; sitzen Sie oft so allein? Mir ist
+es doch, als wenn ich neulich eine Verwandte von
+Ihnen am Bahnhof getroffen h&auml;tte. Oder schon
+wieder abgefahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich, der Herr Graf haben das bemerkt?
+<a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Nein, meine Schwester Hedwig ist noch hier und
+wird &uuml;berhaupt lange Zeit bei uns bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Na da mache ich Ihnen mein Kompliment,
+eine au&szlig;ergew&ouml;hnlich h&uuml;bsche junge Dame &#8211; also,
+Ihre Schwester? &#8211; Na ja, die &Auml;hnlichkeit ist unverkennbar&laquo;
+&#8211; hier verbeugte sich der Reiter wieder
+mit jener verbindlichen Art, die ihn unbewu&szlig;t so
+pr&auml;chtig kleidete. &#8211; &raquo;Ein Fr&auml;ulein Schr&ouml;der, das
+sich jetzt l&auml;ngere Zeit in Stralsund aufhielt &#8211; nicht
+wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wissen Sie ebenfalls?&laquo; fl&uuml;sterte die Kranke,
+sichtlich geschmeichelt.</p>
+
+<p>Es fiel ihr nicht auf, da&szlig; der Aristokrat seinen
+Kopf vom Feuer zur&uuml;ckwandte, in das er bisher
+eifrig hineingestarrt, um seine scharfen blitzenden
+Augen minutenlang forschend auf ihr eingefallenes,
+blasses Antlitz zu richten, als ob er in ihr etwas Verborgenes,
+Geheimnisvolles suchen wolle. &#8211; Dann aber
+schien er befriedigt zu sein. &raquo;Ja, ja&laquo; &#8211; fuhr er gleichg&uuml;ltig
+fort: &raquo;Wir kennen uns &#8211; oberfl&auml;chlich nat&uuml;rlich
+nur, denn solch zartes Pensionsfr&auml;ulein wird mit einem
+Offizier nicht gerne zusammengebracht &#8211; das k&ouml;nnen
+Sie sich doch denken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach &#8211; der Herr Graf scherzen nur &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Durchaus nicht &#8211; man erz&auml;hlt die schauderhaftesten
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>Geschichten von mir &#8211;&nbsp;&#8211; na hier wird es ja
+auch bald losgehen und &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Er unterbrach sich, stand auf und lauschte: &raquo;H&ouml;ren
+Sie? &#8211; Dort drau&szlig;en f&auml;hrt ein Wagen &uuml;ber die
+Chaussee &#8211; zwei feste Traber &uuml;brigens, jetzt lenken sie
+&uuml;ber die Br&uuml;cke &#8211; das d&uuml;rften wohl Ihr Mann und
+Fr&auml;ulein Schwester sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wahrscheinlich, und sie bringen Pastors gleich
+mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Das kleine Pastorenfr&auml;ulein hat sich gut
+entwickelt, seit ich es nicht mehr gesehen habe. Sehr
+nett. Ein bi&szlig;chen bla&szlig;, englisch Teegesicht, aber man
+mu&szlig; auch damit vorlieb nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Else r&uuml;ckte in ihrem Stuhl hin und her. Ein unbestimmtes
+Gef&uuml;hl sagte ihr, da&szlig; ihr Gast einen Ton
+gegen sie anschlug, der sich nicht pa&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Und die F&ouml;rsterfamilie kommt heute ebenfalls,&laquo;
+brachte sie rasch hervor, w&auml;hrend ihre gl&auml;nzenden
+Augen sich ungeduldig auf die T&uuml;r richteten, durch die
+die Erwarteten im n&auml;chsten Augenblick eintreten mu&szlig;ten.
+&raquo;Ich erhalte heute zum erstenmal Besuch, Herr
+Graf &#8211; seit &#8211; seit langer Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das freut mich in Ihrem Interesse wirklich
+ganz au&szlig;erordentlich,&laquo; meinte der Reiter und schritt
+langsam ans Fenster, ohne auf den langen Seufzer der
+<a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Kranken die geringste R&uuml;cksicht zu nehmen. &raquo;Also der
+Herr F&ouml;rster ebenfalls mit Gemahlin,&laquo; murmelte er
+dabei vor sich hin, und bei sich dachte er noch: &raquo;Merkw&uuml;rdig,
+wie mir das Herz schl&auml;gt. &#8211; Ich habe doch
+Angst, diesem M&auml;dchen wieder entgegenzutreten.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Die erste Begr&uuml;&szlig;ung war vor&uuml;ber. Die beiden
+Damen der Pastorenfamilie waren bereits auf das
+m&auml;chtige, schwarze Ledersofa plaziert hinter dem gewaltigen,
+runden Tisch und warfen von dort aus erstaunte
+Blicke auf den Grafen Brachwitz; der Geistliche
+selbst, ein kleines geb&uuml;cktes, wei&szlig;haariges M&auml;nnchen,
+das durchaus nicht zu seiner hageren, &uuml;bergro&szlig;en Eheh&auml;lfte
+zu passen schien, sprach &uuml;ber Elses Stuhl gebeugt
+der Kranken jene Trostesworte zu, die er bei seinen
+h&auml;ufigen Besuchen mit denselben Worten fast mechanisch
+wiederholte. Aber auch er zwinkerte unter seinen
+Brillengl&auml;sern verdutzt zu dem Reiter hin&uuml;ber, als
+k&ouml;nne er sich dessen Anwesenheit nicht erkl&auml;ren, und
+Wilms stand bei seinem vornehmen Gast in der
+Fensternische, sch&uuml;ttelte ihm befangen die Hand und
+verwickelte ihn in allerlei landwirtschaftliche Fragen,
+ohne sich innerlich jedoch von der &auml;ngstlichen Vorstellung
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>l&ouml;sen zu k&ouml;nnen, was dieser Besuch wohl
+bedeute.</p>
+
+<p>So vergingen die ersten Minuten des Beisammenseins.
+Bis die Kranke endlich fragte: &raquo;Wo bleibt
+denn Hedwig?&laquo; Alle hatten das M&auml;dchen mit hereintreten
+sehen, aber dann mu&szlig;te sie sich gleich wieder entfernt
+haben.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht ordnet sie noch in der K&uuml;che etwas
+an,&laquo; entschuldigte Wilms. Aber wieder mu&szlig;te er auf
+den jungen Brachwitz sehen, der unruhig neben ihm
+verharrte.</p>
+
+<p>&raquo;So? In der K&uuml;che?&laquo; warf dieser hin. &raquo;Dann
+erscheint wohl bald die Aufwartung. Vermutlich ein
+t&uuml;chtiges Glas Gl&uuml;hwein bei der N&auml;sse drau&szlig;en und
+der famose Landschinken, den Sie hier besitzen &#8211; na
+&auml;ngstigen Sie sich nicht, Herr Wilms, ich dr&uuml;cke mich
+sofort, den ungebetenen Gast werden Sie los.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie werden uns doch die Ehre schenken
+und erst eine Kleinigkeit zu sich nehmen, Herr Graf,&laquo;
+dr&auml;ngte die Kranke mit schwacher Stimme von ihrem
+Stuhl aus.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen mich also wirklich mit durchf&uuml;ttern,
+verehrte Frau? &#8211; Abgemacht &#8211; dann bleibe ich. &#8211;
+Na, lieber Pastor, besinnen Sie sich noch, wie Sie
+mich konfirmiert haben? Seitdem haben wir uns
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>selten gesehen. Fr&auml;ulein Paula ist inzwischen eine
+Dame geworden. &#8211; Guten Abend, mein liebes Fr&auml;ulein
+&#8211; alle Wetter, ich wage gar nicht mehr &#8250;Du&#8249; zu
+sagen. Oder darf ich es doch noch?&laquo;</p>
+
+<p>So sagte der Edelmann jedem etwas Angenehmes,
+lachte und plauderte und hatte sich &uuml;berraschend schnell
+die Neigung der Anwesenden gewonnen.</p>
+
+<p>Endlich erschien auch die F&ouml;rsterfamilie. Der F&ouml;rster,
+eine herkulische Gestalt mit langem, fuchsrotem
+Bart, dr&ouml;hnender Stimme, gro&szlig;er Gutm&uuml;tigkeit und
+voller Kriegserinnerungen. Ein beh&auml;biger Vierziger.
+Die F&ouml;rsterin, eine schlanke, &uuml;ppige Erscheinung mit
+tiefblauen, gef&auml;hrlichen Augen, einem wunderbar
+wei&szlig;en, frischen Teint, und best&auml;ndiger Neigung zur
+Fr&ouml;hlichkeit. Ein sch&ouml;nes Weib, das in naiver Koketterie
+gefallen wollte.</p>
+
+<p>Man stellte die St&uuml;hle um den Tisch. Zwei M&auml;gde
+deckten frisches Linnen dar&uuml;ber, Wilms schob den Lehnstuhl
+der Kranken heran und brachte auch einen Sitz
+f&uuml;r Hedwig herbei.</p>
+
+<p>Wo sie nur bleiben mochte?</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn das Fr&auml;ulein noch in der K&uuml;che?&laquo; fragte
+er zum Schlu&szlig; eine der M&auml;gde.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Herr, das Fr&auml;ulein is oben in ihr Zimmer.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>&raquo;Wilms, dann hole sie doch bitte herunter,&laquo; forderte
+ihn Else erregt auf und fingerte krampfhaft auf
+der Tischplatte herum. &raquo;Warum h&auml;lt sie uns so lange
+auf? Ich versteh&#8217; das gar nicht &#8211; der Herr Graf kennt
+sie doch auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; unterbrach der junge Brachwitz seine
+Unterhaltung mit der F&ouml;rsterin, &raquo;und ich w&uuml;rde mich
+aufrichtig freuen, unsre fl&uuml;chtige Bekanntschaft wieder
+anzukn&uuml;pfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So geh doch,&laquo; dr&auml;ngte die Kranke erregt.</p>
+
+<p>Da ging der Landmann z&ouml;gernd hinaus und stieg
+wieder die schmale Treppe hinan, die unter das Dach
+f&uuml;hrte. Neben der Kammer, die er selbst seit der Krankheit
+seiner Frau bewohnte, lag das Zimmerchen, das
+man Hedwig einger&auml;umt hatte. Unsicher tastete er sich
+in dem dunklen Gang zurecht. Ihre T&uuml;r stand offen.</p>
+
+<p>Es war so seltsam still dort drinnen.</p>
+
+<p>Sollte sie auch hier nicht zu finden sein?</p>
+
+<p>Es wurde ihm so beklommen, eine peinigende Furcht
+bedr&uuml;ckte den gro&szlig;en Mann, das M&auml;dchen k&ouml;nnte sich
+heimlich entfernt haben.</p>
+
+<p>Er sagte sich zwar gleich, da&szlig; er sie nicht vermissen
+w&uuml;rde, aber es lag hier etwas Verstecktes, Geheimnisvolles
+in der Luft, das ihm den Atem benahm.</p>
+
+<p>F&uuml;rchtete er wirklich so sehr ihre Flucht?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Sein Herz klopfte, z&ouml;gernd trat er n&auml;her.</p>
+
+<p>In dem kleinen, kahlen Raum verbreitete ein Lichtst&uuml;mpfchen
+einige Helle. Dunkle Schatten k&auml;mpften
+gegen die schwachen Lichtwellen. Das Fenster stand
+offen. In dem Luftzug zuckte das kleine Fl&auml;mmchen
+auf und ab. Ein Bett war zu sehen, ein eleganter
+Lederkoffer, ein Waschtisch, ein Schrank, zwei Rohrst&uuml;hle,
+sonst nichts. Vor dem Fenster aber ragte die
+Gestalt der Bewohnerin auf.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te sich eben gewaschen, oder Haupt und
+Brust im Wasser gek&uuml;hlt haben, denn sie umklammerte
+noch mit entbl&ouml;&szlig;ten Armen das Fensterkreuz und lehnte
+regungslos in den kalten Regen hinaus, den man
+dumpf und eint&ouml;nig auf den Blechbeschlag spritzen
+h&ouml;rte.</p>
+
+<p>Arm und Nacken wei&szlig; und rosig, als w&auml;re ein
+verwunschenes, wundersch&ouml;nes Marmorbild lebendig
+geworden. Deutlich sah der P&auml;chter, da&szlig; die feine
+Haut vor Frost schauderte, und doch gab sie sich unbeweglich
+der K&auml;lte preis, als w&auml;re ein &Uuml;berma&szlig;
+von Glut und Lebenstrotz in ihr.</p>
+
+<p>Wilms wollte zur&uuml;cktreten, allein er fand sich wie
+festgewurzelt. O, wie unrein erschien ihm das Bild,
+unpassend, widerw&auml;rtig, und doch konnte er der eigenen
+Erstarrung kein Ende bereiten, immer mu&szlig;te er hinblicken,
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>w&auml;hrend Ha&szlig;, Abneigung, Bewunderung, und
+ein fernes, verabscheutes Verlangen in seinem ehrlichen
+Gem&uuml;t durcheinander irrten.</p>
+
+<p>Ja, &auml;hnlich hatte Else ausgesehen &#8211; damals in den
+Stunden des Gl&uuml;cks &#8211; aber doch entfernt nicht so
+sicher, so stolz, so seltsam in ihrer Sch&ouml;nheit.</p>
+
+<p>Seine Lippen bebten.</p>
+
+<p>Der Frost begann ihn ebenso zu sch&uuml;tteln, wie
+das sch&ouml;ne Gesch&ouml;pf dort drinnen.</p>
+
+<p>Da schlug der Wind die T&uuml;r zu. Krachend fuhr
+sie ins Schlo&szlig;. Das ganze Haus hallte. Und Wilms
+taumelte auf und raffte sich empor.</p>
+
+<p>&raquo;Wie Else &uuml;ber den Knall zusammengefahren sein
+wird &#8211; das arme Weib,&laquo; &#8211; war sein erster, unwilliger
+Gedanke, &#8211; dann wartete er noch ein paar
+Minuten, klopfte schlie&szlig;lich laut an die T&uuml;r und &uuml;berschritt
+auf ein verwundertes &raquo;Herein&laquo; die Schwelle.
+Hedwig nestelte noch an ihrer schwarzen Taille und
+machte eben die letzten Kn&ouml;pfe zu. &#8211; Langsam wandte
+sie ihm den R&uuml;cken und fragte rasch &uuml;ber ihre
+Schulter fort.</p>
+
+<p>&raquo;Warum kommst du hier herauf? Geht es Else
+etwa wieder schlechter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Gottlob nicht, ich soll dich hinunterholen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich? &#8211; Ja, ich wollte mich erst ein wenig
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>s&auml;ubern nach dem schmutzigen Weg von vorhin. Du
+siehst ja. &#8211; Sind denn unsere G&auml;ste schon alle versammelt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es sind alle da. Auch der F&ouml;rster. Er will
+mir das Heu abkaufen, Gott sei Dank. Du hast also
+bei der Frau deinen Willen durchgesetzt, ich danke dir
+daf&uuml;r, mein Kind. Und &#8211; und Herr von Brachwitz
+befindet sich ebenfalls unten. Du hast ihn wohl schon
+vorhin bemerkt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich sah ihn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sag&#8217; einmal &#8211; Hedwig &#8211; geh&ouml;rt denn der
+Herr zu deinen Freunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also blo&szlig; solch eine fl&uuml;chtige Bekanntschaft?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; nein &#8211; das hei&szlig;t, ich kenne ihn n&auml;her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieh &#8211; ich will mich nicht &#8217;rein mischen &#8211; es
+geht mich ja nichts an &#8211; aber &#8211; er hat dir wohl
+dr&uuml;ben den Hof gemacht? Nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch das.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen wandte sich jetzt langsam, so da&szlig;
+der P&auml;chter voll in ihr eigent&uuml;mlich blasses Antlitz
+blicken konnte, und ma&szlig; ihn forschend mit ihren
+braunen, sp&auml;henden Augen. &raquo;Aber weshalb fragst
+du?&laquo; fuhr sie langsam fort, &raquo;besucht er euch denn
+sonst nicht?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>&raquo;Nein &#8211; nie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie?&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Gestalt der Fragenden lief ein Zittern,
+die dunklen Augen in dem blassen Gesicht brannten
+in unterdr&uuml;ckter, schmerzlicher Glut.</p>
+
+<p>Schweigend trat sie vor einen schmalen H&auml;ngespiegel,
+zog ihre straff sitzende Taille zurecht und
+strich &uuml;ber ihr br&auml;unliches, gl&auml;nzendes Haar.</p>
+
+<p>Wilms, der ebenfalls seinen Blick auf das Glas
+wenden mu&szlig;te, sah, wie die vollen bl&uuml;henden Lippen
+des jungen Weibes zuckten, wie ihre wei&szlig;en Z&auml;hne
+sich hineingruben, und sich &uuml;ber das ganze Antlitz
+wieder jener l&auml;chelnde, trotzige, wildbegehrliche Zug
+verbreitete, den der P&auml;chter in seiner verst&auml;ndnislosen
+Befangenheit nicht begriff, &uuml;ber den er nachgr&uuml;belte,
+und der ihn anwiderte.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig&laquo; &#8211;&nbsp;&#8211; murmelte er unwillk&uuml;rlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Schwager,&laquo; antwortete sie leise.</p>
+
+<p>Er schritt zur T&uuml;r und wandte sich verlegen hin
+und her.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube,&laquo; stie&szlig; er heiser hervor, &raquo;er kommt
+deinetwegen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Sprache versagte dem kr&auml;ftigen Manne.</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; er es wu&szlig;te, packte ihn grenzenlose,
+tiefe Scham, da&szlig; er sich in die Herzensangelegenheiten
+<a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>dieses M&auml;dchen dr&auml;ngen wollte, und doch &#8211; eine
+zehrende Neugier nagte in seiner Brust weiter, wie
+weit die Beziehungen der beiden wohl gediehen seien,
+ob &uuml;berhaupt von einem innigen Gef&uuml;hl gesprochen
+werden k&ouml;nnte &#8211; oder ob &#8211; das Blut stieg ihm dabei
+in die Stirn &#8211; ob sich etwas Unreines, Gemeines
+hineinmische.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr,&laquo; wiederholte er, &raquo;er kommt wohl
+deinetwegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen?&laquo; sprach sie gedankenverloren nach.</p>
+
+<p>Ein Windsto&szlig; fegte pl&ouml;tzlich zum Fenster hinein.
+Klirrend warf er die Scheiben gegeneinander und blies
+das Lichtst&uuml;mpfchen auf dem Tisch aus, so da&szlig; v&ouml;llige
+Dunkelheit entstand.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter h&ouml;rte, wie Hedwig tief aufatmete.
+Dann trat sie zu ihm auf die Schwelle und sagte,
+w&auml;hrend sie beide aus dem finsteren Raum hinausschritten,
+mit ihrer gew&ouml;hnlichen Bestimmtheit:</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir doch den Grafen. &#8211; Er ist eine h&auml;&szlig;liche
+Erinnerung f&uuml;r mich, die ich gern absch&uuml;tteln
+m&ouml;chte. &#8211; &Uuml;brigens&laquo; &#8211; lachte sie leicht &#8211; &raquo;brauchst
+du dir dabei gar nichts Besonderes zu denken,
+Schwager &#8211; eine ganz allt&auml;gliche Dummheit. &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Sie unterbrach sich und klagte &uuml;ber die dicke Finsternis,
+die Gang und Treppe einh&uuml;lle. M&uuml;hsam tasteten
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>sie sich zurecht. Beide dicht beieinander. Ihr Kleid
+streifte seinen Fu&szlig; und es war ihm, als wenn eine
+wohltuende W&auml;rme von ihr ausstr&ouml;me.</p>
+
+<p>Da stie&szlig; sie einen leichten Schrei aus.</p>
+
+<p>Auf dem obersten Absatz der Treppe hatte sie
+fehlgetreten und griff nach dem Arm des Mannes,
+was er erschrocken duldete. So stiegen sie hinab.
+Langsam, als ob sie tiefen Gedanken nachhingen.</p>
+
+<p>Erst als das &Ouml;ll&auml;mpchen des Flures ihre Gesichter
+matt erhellte, kehrte sie sich ihrem Schwager
+voll zu und meinte mit der alten unbeirrten Ruhe und
+ihrer klaren Stimme: &raquo;Es trifft sich aber doch gut,
+da&szlig; Herr von Brachwitz dich einmal besucht. Nach
+allem, was du mir gesagt hast, wird es doch notwendig
+sein, mit ihm &uuml;ber eine Herabsetzung der Pacht
+ernsthaft R&uuml;cksprache zu nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Das schlug Wilms wie eine schwere Keule gegen
+die Stirn. &#8211; &raquo;Ja, ja,&laquo; stotterte er und neigte schwerf&auml;llig
+den Kopf. &#8211; Seine Schuldenlast, die ganze
+Zerfahrenheit seiner Besitzung, die kranke Frau dort
+drinnen, Mi&szlig;ernte und die hohe Pacht &#8211; alles zusammen
+st&uuml;rzte pl&ouml;tzlich wieder auf ihn ein und legte
+sich eisern, klammerfest um sein banges Herz.</p>
+
+<p>Not, Sorge, Krankheit standen wieder auf dem
+ziegelsteingepflasterten Flur, bereit, den Herabsteigenden
+<a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>zu empfangen. Dort oben in Hedwigs Kammer
+hatte er gar nicht an diese seine grauen G&auml;ste gedacht.</p>
+
+<p>Leise st&ouml;hnend, lie&szlig; er das M&auml;dchen an sich vor&uuml;berschreiten
+und folgte ihr dann schweren Trittes.</p>
+
+<p>Als sie das Wohnzimmer &ouml;ffnete, hatten sich seine
+m&uuml;den, schleppenden Gedanken wieder so v&ouml;llig verschoben,
+da&szlig; er im R&uuml;cken Hedwigs mit mattem Erstaunen
+dar&uuml;ber nachdachte, wie scharf das schwarze
+Sammetband, das sie um den Hals gelegt hatte,
+von der wei&szlig;en Haut seiner Schw&auml;gerin abstach.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sich die beiden wohl begr&uuml;&szlig;en werden?&laquo;
+gr&uuml;belte er noch, dann str&ouml;mte ihnen die Helle des
+erleuchteten Zimmers entgegen.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_VIII" id="Buch_1_VIII"></a>VIII.</h3>
+
+
+<p>&raquo;Ha, ha, ganz ausgezeichnet &#8211; ganz ausgezeichnet&laquo;
+schrie der F&ouml;rster Eltze, streckte seine Beine von sich
+und go&szlig; seiner Frau mit k&uuml;hnem Schwung neuen
+Rheinwein ins Glas: &raquo;Hier, Annchen &#8211; sto&szlig; mit
+dem Herrn Grafen an &#8211;&nbsp;&#8211; Ihr Wohlsein, Herr
+Graf &#8211; ganz gro&szlig;artig &#8211; wahrhaftig. So was von
+Dressur von einem Hunde ist noch gar nicht dagewesen.
+&#8211; Nicht wahr, Anning, nicht wahr, Frau
+Pastorin? &#8211; Liebesbriefe unter das Hundehalsband
+zu binden, und dann von dem K&ouml;ter in die M&auml;dchenpension
+tragen zu lassen, ha, ha, ha, zu komische Idee,
+zu ko &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Er verschluckte sich, wurde kirschrot im Gesicht und
+der winzige Pastor Schirmer, der neben ihm sa&szlig;,
+mu&szlig;te dem Riesen auf den R&uuml;cken klopfen:</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Freund, beruhigen Sie sich doch,&laquo; fistelte
+der Geistliche und schickte einen unruhigen Blick zu
+Gattin und Tochter hin&uuml;ber, von denen die letztere
+<a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>sich weit &uuml;ber den Tisch lehnte, um den keck vorgetragenen
+Geschichtchen des jungen Brachwitz mit
+hei&szlig;en Wangen zu lauschen.</p>
+
+<p>Alle Sch&uuml;chternheit des Landg&auml;nschens war verflogen.</p>
+
+<p>Auch die F&ouml;rstersfrau folgte l&auml;chelnd den Anekdoten
+des jungen Aristokraten.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Gott&laquo; &#8211; scho&szlig; es dem verwirrten Pastor
+durch das zitternde Greisenk&ouml;pfchen. &raquo;Die Weiber &#8211;
+die Weiber &#8211; gar nicht auszustudieren &#8211; Die F&ouml;rster
+Eltze und meine Paula, die fr&ouml;mmsten aus meiner
+Gemeinde, jeden Sonntag in der Kirche, dazu noch
+eine Erbauungsstunde &#8211; und nun dieses Benehmen,
+sobald ihnen der erste h&uuml;bsche, junge Mensch &uuml;ber den
+Weg l&auml;uft.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ha, ha, was die M&auml;dchen wohl f&uuml;r Gesichter
+gemacht haben m&ouml;gen, als der K&ouml;ter kam,&laquo; grunzte
+der F&ouml;rster von neuem und reckte eine Faust in die
+H&ouml;he.</p>
+
+<p>Der Landedelmann, der neben Elses Krankenstuhl
+sa&szlig; und ihr gutm&uuml;tig von Zeit zu Zeit allerlei kleine
+Dienste erwies, entz&uuml;ndete jetzt mit Erlaubnis der
+Hausfrau eine seiner eigenen feinen Zigarren, und
+warf, sich zur&uuml;cklehnend, gespannt und erwartend dazwischen:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>&raquo;Na, lieber Eltze, das wird uns am besten Fr&auml;ulein
+Hedwig, &#8211; Fr&auml;ulein Schr&ouml;der,&laquo; verbesserte er
+sich &#8211; &raquo;sagen k&ouml;nnen. Denn sie hat sich ja auch
+in dieser Pension befunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was, das ist Ihre Pension, Fr&auml;ulein Hedwig?&laquo;
+rief Paula Schirmer lebhaft dazwischen.</p>
+
+<p>Und der F&ouml;rster schrie schallend: &raquo;Donnerwetter,
+unser sch&ouml;nes Fr&auml;ulein Hedwig war auch eine von
+den K&ouml;termamsells? &#8211; Na, wie war&#8217;s denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennen sich denn die Herrschaften schon von
+fr&uuml;her?&laquo; forschten jetzt auch gespannt die beiden verheirateten
+Frauen wie aus einem Munde.</p>
+
+<p>Alles sah auf Hedwig.</p>
+
+<p>Sie hatte neben Wilms Platz genommen und,
+mit der Bewirtung besch&auml;ftigt, sich bis dahin wenig
+an der Unterhaltung beteiligt.</p>
+
+<p>&raquo;Was sie jetzt wohl antworten wird?&laquo; dachte der
+P&auml;chter in seinem dumpfen Hinbr&uuml;ten. Von seinen
+Sorgen zu Boden gedr&uuml;ckt, und in seiner Brust ein
+bohrendes Angstgef&uuml;hl, hatte er bis jetzt auf die
+Tischplatte gestarrt, und nur manchmal sah er auf
+sein blasses, angestrengtes Weib her&uuml;ber, scheu und
+mi&szlig;trauisch, als ob er auf einem Verbrechen ertappt
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Was hatte sich nur in seinem Gewissen ge&auml;ndert?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>O, es war nur die Angst, die entsetzliche Furcht
+um seine Existenz, &uuml;berredete sich der ungl&uuml;ckliche Mann
+selbst.</p>
+
+<p>&raquo;Weiter nichts &#8211; gewi&szlig; &#8211; gar nichts weiter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennen sich denn die Herrschaften schon von
+fr&uuml;her?&laquo; t&ouml;nte es in seine Gedanken hinein. &#8211; Was
+sie jetzt wohl antworten w&uuml;rde?</p>
+
+<p>Und ohne Erregung, klangvoll und ruhig gab
+Hedwig zur&uuml;ck, obwohl sie den Grafen zum erstenmal
+fest ansah:</p>
+
+<p>&raquo;O ja &#8211; der Herr Leutnant besuchte ja oft die
+B&auml;lle unserer Pension. Ich selbst habe sogar einmal
+einen seiner Briefe dem gro&szlig;en Hunde abgebunden.&laquo;</p>
+
+<p>Leicht, kalt, liebensw&uuml;rdig hatte sie das alles hingeworfen,
+jetzt erhob sie sich mit ihrer tadellosen
+Haltung, um dem Pastor einen Teller mit Kuchen und
+Fr&uuml;chten zu pr&auml;sentieren. Sie war eine vollkommene
+Dame.</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, Herr Pastor &#8211; nicht ein Pfefferkuchen
+gef&auml;llig? &#8211; Nein? &#8211; Nun dann aber einen Apfel,
+&#8211; ich werde ihn gleich sch&auml;len &#8211; Sie erlauben.&laquo;</p>
+
+<p>In der Gesellschaft war eine peinliche Stille entstanden.
+Selbst die Wangen der Kranken, die solange
+teilnahmslos in ihrem Stuhle gelegen hatte,
+<a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>f&auml;rbten sich hektisch rot; mit heftigem, unvorsichtigem
+Tonfall fl&uuml;sterte sie kurzatmig und gereizt:</p>
+
+<p>&raquo;Einen Brief vom Herrn Grafen an dich? &#8211;
+Hedwig, das ist doch nur Scherz, nicht wahr? &#8211;
+Sag&#8217; das doch den Herrschaften.&laquo;</p>
+
+<p>Ja, sie waren alle sehr begierig, dies zu wissen.
+Die F&ouml;rsterin, deren tiefblaue Nixenaugen vor Neugier
+strahlten und leuchteten; die Pastorin, die wie ein
+Pfahl dasa&szlig; und alles in hohem Grade unmoralisch
+fand; und die dumme, kleine, dralle Paula, die es
+gar nicht erwarten konnte, in solche Heimlichkeiten
+einzudringen.</p>
+
+<p>Ach, sie fand Hedwig &raquo;s&uuml;&szlig;&laquo; und &raquo;wundervoll&laquo;.</p>
+
+<p>Aber der junge Brachwitz lie&szlig; die Aufgerufene
+zu keiner Antwort kommen:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Scherz?&laquo; wiederholte er dringend, indem
+er Hedwig aufmerksam betrachtete. &raquo;Ja, leider wurde
+es von den jungen Damen nur als Scherz aufgefa&szlig;t,
+obgleich es mir verteufelt bittrer Ernst war. Warum
+&uuml;brigens nicht? &#8211; Ich war jung und hatte mich
+in ein paar von den allerliebsten Pension&auml;rinnen wirklich
+verliebt. Wissen Sie noch, Fr&auml;ulein Hedwig?&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig wurde pl&ouml;tzlich sehr bla&szlig;, der P&auml;chter
+bemerkte, wie ihre Hand sich unwillk&uuml;rlich &ouml;ffnete und
+zuckend wieder schlo&szlig;, aber &auml;u&szlig;erlich erwiderte sie
+<a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>gelassen, w&auml;hrend sie den Hahn der Teemaschine
+drehte: &raquo;Gewi&szlig; &#8211; Sie machten es uns ja oft recht
+deutlich, Herr Graf&laquo;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich in ein paar?&laquo; echote die Pastorin, die
+Worte des Grafen wiederholend, leise und entr&uuml;stet.
+Die Unterhaltung des jungen Herrn begann allen
+sichtlich zu mi&szlig;fallen.</p>
+
+<p>Und wieder trat eine lange, dr&uuml;ckende Pause ein,
+die keiner zu unterbrechen wagte. Es wurde sehr ungem&uuml;tlich.
+Else fing vor Verlegenheit an zu zittern.
+Wenn der Graf nur gegangen w&auml;re. Aber
+er blieb und begann jede Bewegung ihrer Schwester
+zu verfolgen.</p>
+
+<p>Was das nur bedeutete?</p>
+
+<p>Die Kranke regte sich so auf, da&szlig; ihre Z&auml;hne
+leise zusammenschlugen. Sie merkte, da&szlig; sie fieberte,
+aber mit letzter Kraft hielt sie sich aufrecht.</p>
+
+<p>Auch die Blicke ihres Mannes hingen so sonderbar
+an Hedwig. Erst jetzt fiel ihr das auf.</p>
+
+<p>Ob die beiden M&auml;nner von dem M&auml;dchen irgend
+etwas wu&szlig;ten?</p>
+
+<p>Aber was?</p>
+
+<p>Und die beiden verheirateten Frauen fl&uuml;sterten
+miteinander so leise.</p>
+
+<p>Wor&uuml;ber?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Vor den Augen der Gepeinigten flimmerte es,
+ein langer stechender Schmerz durchschnitt sie.</p>
+
+<p>&raquo;Gott im Himmel &#8211; Hedwig,&laquo; &auml;chzte sie halblaut,
+um nur irgend etwas zu sagen, &raquo;ich m&ouml;chte &#8211;
+du solltest &#8211; etwas singen &#8211; so lange habe ich nichts
+geh&ouml;rt.&laquo; Sie schauerte zusammen.</p>
+
+<p>Alle riefen Beifall. Der F&ouml;rster, der dem Rheinwein
+zu stark zugesprochen hatte, schwankte nach dem
+alten Klavier, das in der Ecke stand, und trug grunzend
+zwei Lichter herbei. Paula Schirmer sorgte
+f&uuml;r einen Stuhl, und Hedwig erhob sich willig, um
+aus dem guten Zimmer die Noten zu holen.</p>
+
+<p>In dem Nebenraum herrschte Dunkelheit.</p>
+
+<p>Sofort ergriff der junge Brachwitz, der das M&auml;dchen
+nicht mehr aus den Augen gelassen, einen der
+Leuchter und folgte Hedwig galant mit dem Lichte.</p>
+
+<p>Und wie von selbst fiel die T&uuml;r hinter beiden
+ins Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Und jetzt sah der Edelmann, wie das sch&ouml;ne M&auml;dchen
+&uuml;ber dem Notenschr&auml;nkchen geb&uuml;ckt stand und
+suchte.</p>
+
+<p>Voll und reif boten sich die edlen Linien dieses
+jugendlichen Frauenleibes dar, in ihren Wangen
+str&ouml;mte das Blut, &uuml;ber den braunen Haaren schienen
+im Schimmer des Lichts knisternde Goldfunken
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>zu tanzen, und Brachwitz sauste und summte das
+Blut ungest&uuml;m in den Adern, ebenso unbez&auml;hmbar
+wie damals, als er das halbe Verbrechen, die
+grenzenlose Roheit gegen sie ver&uuml;bt hatte.</p>
+
+<p>Wieder konnte er dem weichen, trotzigen Zauber,
+den dieses Weib ausstr&ouml;mte, jener schweigenden, &uuml;ppigen
+Verlockung nicht widerstehen.</p>
+
+<p>Und die aufkochende, jede Vernunft &uuml;bersch&auml;umende
+Tollheit machte ihn v&ouml;llig besinnungslos.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig,&laquo; fl&uuml;sterte er, in seiner Spannung erzitternd,
+und griff keck nach ihrer Schulter: &raquo;Antworten
+Sie mir doch endlich. &#8211; K&ouml;nnen Sie denn
+die Dummheit von damals nicht vergessen?&laquo;</p>
+
+<p>Wie langsam und schwerf&auml;llig sie sich aufrichtete!
+Und jetzt bemerkte Brachwitz mit Schrecken, welch eine
+Ver&auml;nderung in ihrem Antlitz vorging. Starre Marmorbl&auml;sse
+jagte das eben noch so prangende Rot,
+alles an ihr schien so gel&auml;hmt, so unbeweglich, nur
+die gro&szlig;en Augen richteten sich ha&szlig;erf&uuml;llt, und doch
+mit flammendem, unausgesprochen begehrlichem
+Feuer auf den Bedr&auml;nger, so da&szlig; der Reiter verwirrt
+und schwankend die Hand von ihrer Schulter
+gleiten lie&szlig;.</p>
+
+<p>War das Zorn, war es Sehnsucht, was ihm da
+entgegenspr&uuml;hte?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>&raquo;Liebe Hedwig, wenn &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Still &#8211; ich will das nicht &#8211;&laquo; befahl sie fl&uuml;sternd
+und heiser.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie wissen ja nicht &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Jedoch unvermittelt unterbrach er sich und trat
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Was war das?</p>
+
+<p>Mit einer einzigen Bewegung glitt sie auf ihn
+zu, ganz dicht stand sie vor ihm, ihr Mund verzog
+sich, die Lippen bebten lechzend, als ob sie ihn
+k&uuml;ssen oder ihm die Z&auml;hne ins Fleisch schlagen wolle.
+Jede Fiber zuckte und zitterte in dem sch&ouml;nen Gesicht,
+und ohne &Uuml;berlegung, zusammenhanglos, sich
+die H&auml;nde vor die Augen schlagend, stie&szlig; sie hervor:
+&raquo;Nein, Sie wissen nicht &#8211; Sie &#8211; Sie wissen
+nicht, was Sie aus mir gemacht haben &#8211;
+Sie &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was denn?&laquo; fl&uuml;sterte Brachwitz verlegen.</p>
+
+<p>Als sie seine Stimme vernahm, fuhr das M&auml;dchen
+auf, wie wenn sie pl&ouml;tzlich erst zum Bewu&szlig;tsein
+ihrer Lage k&auml;me.</p>
+
+<p>Wortlos, keiner Bewegung m&auml;chtig, starrte sie
+ihn an.</p>
+
+<p>Was hatte sie nur vorgebracht? &#8211; Hatte sie
+ihm etwa das dunkle, h&auml;&szlig;liche Geheimnis verraten,
+<a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>das ihre Seele, ihr Denken seit jenem einen Tag
+befleckte und verdarb? Das &auml;ngstlich beh&uuml;tete, das
+auss&auml;tzige Geheimnis, das ihr heimlich Schrecken und
+Entsetzen einfl&ouml;&szlig;te?</p>
+
+<p>Hedwig f&uuml;hlte, da&szlig; sie dieses wortlose Gegen&uuml;berstehen
+nicht lange w&uuml;rde ertragen k&ouml;nnen, da&szlig; irgend
+etwas Schreckliches, Ungeahntes eintreten m&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Er begann wieder zu l&auml;cheln.</p>
+
+<p>Jenes gutm&uuml;tige, frech zutrauliche L&auml;cheln, das
+sie schon damals wehrlos gemacht.</p>
+
+<p>Ihre Brust flog. O! wenn doch jetzt jemand in
+das einsame Zimmer treten, oder wenn sie Mut genug
+besitzen m&ouml;chte, den Bedr&auml;nger zur Seite zu
+werfen. Aber nichts regte sich.</p>
+
+<p>Und er hatte die Verwegenheit, seine Augen mit
+dem hei&szlig;en Ausdruck des k&uuml;nftigen, sicheren Besitzes
+in die ihren zu tauchen, ein Verf&uuml;hrer, der seiner
+erprobten Macht sicher ist, und jetzt setzte er langsam
+das Licht aus der Hand. Hedwig staunte ihn an.</p>
+
+<p>&raquo;Was nun wohl folgen wird?&laquo; dachte sie dumpf.
+Aber da &#8211; Gott sei Dank, sie hatte es ja erwartet,
+da ging endlich, endlich die T&uuml;r, Wilms gro&szlig;e Gestalt
+stand pl&ouml;tzlich neben den beiden, und mit warmer
+Dankbarkeit h&ouml;rte das M&auml;dchen, wie ihr Schwager
+nach einer unangenehmen Pause unsicher und gepre&szlig;t
+<a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>zu dem Grafen sagte, er wolle mit ihm ein paar
+Worte ungest&ouml;rt &uuml;ber die Pachtverh&auml;ltnisse sprechen.
+Der junge Herr solle es nicht &uuml;bel nehmen. &#8211; Gott
+sei Dank, diese entsetzliche Minute war vor&uuml;ber. Von
+da an geschah alles in wilder Hast. Jeder von den
+drei Menschen in der frostigen Stube schien das
+Geheimnis der anderen zu ahnen. Man sprach und
+rechtete, ohne innerlich bei der Sache zu sein. Der
+P&auml;chter bat um Herabsetzung seiner Lasten, der Graf
+zuckte widerwillig die Achseln und meinte, da&szlig; das
+alles Sache seines Vaters w&auml;re. Schlie&szlig;lich kam man
+&uuml;berein, da&szlig; der P&auml;chter in den n&auml;chsten Tagen den
+alten Gutsherrn pers&ouml;nlich aufsuchen solle. Vielleicht
+k&ouml;nnte auch Hedwig die Vermittlung &uuml;bernehmen,
+da der alte Brachwitz gegen Wilms zu schlecht gestimmt
+sei.</p>
+
+<p>Hedwig?</p>
+
+<p>Beide M&auml;nner schwiegen wie auf Verabredung und
+blickten sonderbar auf sie hin.</p>
+
+<p>Wollte man sie herausfordern?</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ich komme,&laquo; nickte sie halb geistesabwesend
+und doch ihre alte Kraft zusammenraffend.</p>
+
+<p>Und dann empfand Hedwig alles Sp&auml;tere gleichsam
+wie durch einen dicken Nebel hindurch.</p>
+
+<p>Wie man wieder in das gro&szlig;e Zimmer zur&uuml;ckgekehrt
+<a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>war. Wie sie dann am Klavier gestanden,
+und, von Paula Schirmer begleitet, das Heinesche
+Lied gesungen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;T&auml;glich ging die wundersch&ouml;ne<br /></span>
+<span class="i0">Sultanstochter auf und nieder<br /></span>
+<span class="i0">Um die Abendzeit am Springbrunn,<br /></span>
+<span class="i0">Wo die wei&szlig;en Wasser pl&auml;tschern.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Wie es dann so still um sie her geworden und
+pl&ouml;tzlich ein wildes Durcheinander entstanden war.
+Else hatte schon l&auml;ngst zitternd und aller Kr&auml;fte beraubt
+dagesessen, beim Schlu&szlig; des Liedes stie&szlig; sie
+vor Anstrengung bewu&szlig;tlos einen klagenden Ruf aus
+und sank ohnm&auml;chtig zusammen.</p>
+
+<p>Hedwig erinnerte sich noch, wie bla&szlig; und leichenhaft
+sch&ouml;n ihr das Antlitz der Schwester erschienen
+war. Scheu und hastig waren dann die G&auml;ste enteilt,
+Wilms und das M&auml;dchen hatten die Ohnm&auml;chtige
+entkleidet und, als sie wieder den ersten Seufzer von
+sich gab, zu Bett gebracht.</p>
+
+<p>Auf einem Sofa, neben dem Krankenlager, schlief
+Hedwig diese Nacht Hand in Hand mit der Schwester,
+die ihre Finger wie ein trostspendendes Amulett umspannt
+hielt.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_IX" id="Buch_1_IX"></a>IX.</h3>
+
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen ganz in der Fr&uuml;he kam der
+Arzt. Es war der Kreisphysikus aus Grimmen, der
+die Leidende allw&ouml;chentlich besuchte und als Freund
+des alten Rendanten die beiden Schwestern seit ihrer
+Kindheit kannte.</p>
+
+<p>Ein kleiner, fetter, fr&ouml;hlicher Herr, behaftet mit
+einem unf&ouml;rmlichen Bauch, einem verwitterten roten
+Weintrinkergesicht und mit einer burschikosen Neigung
+zu allen h&uuml;bschen M&auml;dchen und Frauen, trotzdem er
+in seiner eigenen Familie deren bereits eine stattliche
+Anzahl besa&szlig;.</p>
+
+<p>Schon bei seinem Eintritt begr&uuml;&szlig;te der kleine
+<em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf die Anwesenden mit einem lauten:
+&raquo;Morgen, Kindtings; na, wie geht&#8217;s?&laquo; stiefelte mitten
+in das gro&szlig;e Zimmer hinein und blieb dort ein
+wenig verwundert stehen.</p>
+
+<p>In dem Bett lag die Kranke so unbeweglich und
+wei&szlig;, als wenn sie bereits verschieden w&auml;re. Und
+der Mann, sowie das junge M&auml;dchen am Kopf- und
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>Fu&szlig;ende schienen gleichfalls schon viele Stunden an
+dem Lager zu wachen.</p>
+
+<p>Das stimmte den Arzt doch bedenklich.</p>
+
+<p>Als aber Else langsam und begr&uuml;&szlig;end die abgezehrte
+Hand gegen ihn ausstreckte, ermannte sich
+<em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf, schritt schnell an das Bett und k&uuml;&szlig;te seiner
+Patientin zuv&ouml;rderst z&auml;rtlich die Hand.</p>
+
+<p>Sein stachliger, wei&szlig;er Knebelbart kratzte dabei
+die &Auml;rmste, da&szlig; sie das Gesicht vor Schmerz verzog.</p>
+
+<p>&raquo;Schlimmer, mein Kindting?&laquo; fragte er teilnehmend,
+ohne sich um die andern zu k&uuml;mmern,
+&raquo;schlimmer?&laquo; Damit entbl&ouml;&szlig;te er ungeniert die Brust
+der Kranken, horchte aufmerksam herum und sch&uuml;ttelte
+endlich den Kopf.</p>
+
+<p>Wenn der Physikus so sehr z&auml;rtlich wurde, so galt
+es immer f&uuml;r ein schlechtes Zeichen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Doktor,&laquo; hauchte die Liegende kaum h&ouml;rbar,
+&raquo;steht es sehr trostlos mit mir? &#8211; Sagen Sie
+es &#8211; sagen Sie es, bitte,&laquo; wiederholte sie dringend,
+&raquo;ich bin ja auf alles gefa&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? gefa&szlig;t? ja, ja, mein Liebchen,&laquo; murmelte
+der Doktor achtlos und bewegte im Selbstgespr&auml;ch
+die Lippen. &raquo;Raus,&laquo; schlo&szlig; er pl&ouml;tzlich sein Nachdenken
+und machte den beiden anderen eine energische
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>Bewegung mit dem Kopf, da&szlig; sie sich entfernen
+sollten.</p>
+
+<p>Wilms und Hedwig begaben sich in das niedrige
+frostige Wohnzimmer mit den gr&uuml;nen Ripsm&ouml;beln.</p>
+
+<p>Matt und in sich versunken lehnte das M&auml;dchen
+hier auf dem Sofa, &uuml;ber das noch immer der graue
+Leinwandbezug gezogen war, w&auml;hrend Wilms schweigend
+durch das einzige Fenster auf den H&uuml;hnerhof
+hinausblickte.</p>
+
+<p>Seit dem gestrigen Abend hatten die beiden noch
+kein Wort miteinander gewechselt.</p>
+
+<p>Ein seltsames Schweigen herrschte wieder zwischen
+ihnen.</p>
+
+<p>Eine lange, bange Viertelstunde verstrich.</p>
+
+<p>Dann trat der Physikus endlich breitbeinig herein
+und schlo&szlig; die T&uuml;r hinter sich zu.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Herr Doktor?&laquo; fragte Wilms dumpf, der
+sich im selben Augenblick zur&uuml;ckgewendet hatte. Aus
+den grob gemei&szlig;elten Z&uuml;gen des Mannes sprach arbeitende,
+zur&uuml;ckged&auml;mmte Angst, die ihm die Augen
+stier aus den H&ouml;hlen heraustrieb und sich auch Hedwig
+mitteilte. Aber sonderbar! Als sie ihren Blick
+fl&uuml;chtig &uuml;ber den zitternden Riesen fortgleiten lie&szlig;,
+da drang zugleich ein sp&ouml;ttisches Mitleid gegen diesen
+besorgten Gatten in ihr Denken.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Mitten in ihrer Spannung l&auml;chelte sie sp&ouml;ttisch.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnen Sie mir denn nicht ein bi&szlig;chen Trost
+schenken?&laquo; stammelte der P&auml;chter von neuem. &raquo;Ich
+kann&#8217;s ja gar nicht mehr mit ansehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trost? &#8211; hm ja.&laquo; &#8211; Der Physikus lie&szlig; seinen
+dicken Leib schwerf&auml;llig in einen Polsterstuhl fallen
+und streichelte Hedwig, die sich erhoben hatte, freundlich
+die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Kindchen, immer h&uuml;bsch artig hier drau&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will Ihnen was sagen, lieber Wilms,&laquo; fuhr
+er dann ganz ernsthaft fort, &raquo;das Unterleibsleiden
+Ihrer Frau hat sich verschlimmert.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott &#8211; das &#8211; das h&auml;tt&#8217; ich nicht erwartet.&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter murmelte es in stumpfer Verzweiflung
+und lehnte sich, nach Atem ringend, an
+die Wand. Und nach einer Weile brachte er hervor:
+&raquo;Das ertragen wir nicht, sie nicht, und ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Armer Kerl,&laquo; murmelte der Physikus und sch&uuml;ttelte
+bedenklich den Kopf, &raquo;leider werden sich jetzt
+noch Krampfanf&auml;lle einstellen &#8211; ich hab&#8217; mir&#8217;s l&auml;ngst
+gedacht, l&auml;ngst. Und dann &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo; unterbrach ihn Hedwig heftig und
+scharf und trat aufgerichtet vor den Arzt hin. &raquo;Nun
+mu&szlig; doch etwas Energisches geschehen, lieber Herr
+<a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Doktor. Man kann es doch nicht einfach so fortgehen
+lassen. Wollen Sie es nicht mit einer Operation
+versuchen?&laquo;</p>
+
+<p>In ihrer Heftigkeit stampfte sie leicht mit dem
+Fu&szlig; und pre&szlig;te die H&auml;nde gegeneinander.</p>
+
+<p>&raquo;Eine Operation?&laquo; knurrte der Physikus in sich
+hinein. Er sch&uuml;ttelte den Kopf, erhob sich &auml;chzend
+und begann eine Wanderung durch die Stube. So oft
+er dabei an dem Landmann vor&uuml;berkam, drehte er
+ein bi&szlig;chen an dessen Rockkn&ouml;pfen; streifte er dagegen
+an Hedwig, so nickte er ihr in seinem Selbstgespr&auml;ch
+gedankenlos zu.</p>
+
+<p>Endlich blieb er stehen und, indem er sich befriedigt
+den wei&szlig;en Stoppelbart rieb, als wenn dieser haupts&auml;chlich
+an der Entwickelung vorz&uuml;glicher Gedanken
+beteiligt w&auml;re, gab er laut und bestimmt sein Urteil
+ab: &raquo;Nein, keine Operation; aber sie mu&szlig; in ein
+Solbad &#8211; ja, ja &#8211; ganz recht &#8211; und zwar sofort,
+denn es ist die allerh&ouml;chste Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In ein Bad?&laquo; wiederholte Wilms verwirrt, w&auml;hrend
+er sich langsam &uuml;ber die Stirn strich.</p>
+
+<p>Und ihm fiel wieder die unselige Schuld ein, die
+uneingel&ouml;ste, und wie ihm beinahe alles fehlte, um
+nur die Haushaltung zu bestreiten. Die Schwei&szlig;tropfen
+traten ihm auf die Stirn, nur mit schwerer
+<a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Zunge konnte er einwerfen: &raquo;Aber &#8211; aber die
+Mittel dazu werden wohl sehr gro&szlig;e sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, billig ist&#8217;s nicht,&laquo; meinte <em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf und
+sah den P&auml;chter teilnehmend an: &raquo;Also morgen
+schreibe ich Ihnen, wohin Ihre Frau zu gehen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Damit verabschiedete er sich, ergriff seinen Stock,
+sch&uuml;ttelte Wilms die Hand und wollte eben dem M&auml;dchen
+v&auml;terlich galant die Fingerspitzen k&uuml;ssen, als er
+ordentlich erschreckt von ihr zur&uuml;ckfuhr und mit lautem
+Ruf aus seiner Brusttasche einen mehrfach versiegelten
+Brief hervorbrachte. &raquo;Das h&auml;tte ich beinahe vergessen,&laquo;
+strafte er sich selbst, &raquo;Kindchen, hier &#8211; dein
+Vater hat es mir mitgegeben. &#8211; Es ist Geld drinnen,
+und er sagte mir, da&szlig; du es bereits erwartest.
+Ei, das w&auml;re ja eine sch&ouml;ne Geschichte geworden.
+Was? Na, adieu, Kindting.&laquo; Damit schritt
+<em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf breitbeinig und ehrw&uuml;rdig zur T&uuml;re hinaus
+und fuhr geradeswegs zur F&ouml;rsterin, deren zarte
+Haut noch am Abend allerlei Kratzabzeichen aufwies,
+die des Physici Stoppelbart und seine Heilmethode
+jedesmal hinterlie&szlig;en. &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>In der ungem&uuml;tlichen &raquo;guten Stube&laquo; des Pachthauses
+blieben die zwei Menschen allein.</p>
+
+<p>Beide sahen sich an, der Landmann scheu und
+mit Herzklopfen, das M&auml;dchen fest und beinahe auffordernd,
+<a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>als erwarte sie, der Schwager m&ouml;chte sie
+nun fragen, warum sie sich das Geld habe nachsenden
+lassen.</p>
+
+<p>Bezeichnend dr&uuml;ckte sie den Brief gegen ihre Brust
+und lie&szlig; ihre braunen Augen ermunternd an den
+seinen h&auml;ngen, jedoch Wilms schwieg und bi&szlig; die
+Lippen fest zusammen.</p>
+
+<p>Eine Dem&uuml;tigung sollte nun folgen &#8211; &raquo;nur kein
+Geld von ihr &#8211; nur das nicht&laquo;, fuhr es ihm durch
+den Sinn, und er raffte sich auf und wollte hinausgehen.</p>
+
+<p>Da t&ouml;nte aus dem Krankenzimmer eine schwache,
+r&ouml;chelnde Stimme dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms &#8211; Hedwig &#8211; kommt zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>Beide erschraken.</p>
+
+<p>Es klang so fern, so geisterhaft.</p>
+
+<p>Nun mu&szlig;te es geschehen.</p>
+
+<p>Ehe es sich Wilms versah, stand Hedwig dicht
+vor dem Landmann, und bewu&szlig;t und als g&auml;be es
+keinen Widerspruch, dr&uuml;ckte sie ihm mit einem festen
+Blick den Brief in die Hand.</p>
+
+<p>Er schob ihn zur&uuml;ck, als ob das Papier zwischen
+seinen Fingern bei&szlig;endes Feuer w&uuml;rde, aber heftig,
+zornig stie&szlig; das M&auml;dchen das Dargebotene noch einmal
+von sich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>&raquo;Kommt doch zu mir,&laquo; klagte es abermals von
+drinnen, &raquo;weshalb bleibt ihr so lange?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig &#8211; was soll ich damit?&laquo; stammelte
+Wilms, auf den Brief weisend.</p>
+
+<p>&raquo;Schnell! &#8211; Es sind 5000 Mark &#8211; ein Drittel
+meines Erbteils &#8211; Wilms, damit mu&szlig;t du dir helfen
+und dann Elses Reise bezahlen, h&ouml;rst du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht &#8211; ich darf ja nicht, Hedwig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil &#8211; weil &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo; er fand keine Antwort
+und hielt nur, wie von Ekel erfa&szlig;t, das Geld weit
+von sich.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du gerade mir nicht verpflichtet sein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; st&ouml;hnte er.</p>
+
+<p>&raquo;Und aus welchem Grunde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Dem Bauern flimmerte es vor den Augen, die
+Kehle war ihm wie zugeschn&uuml;rt. O, er f&uuml;hlte deutlich,
+da&szlig; er das Geld nicht nehmen d&uuml;rfe, weil dieses
+M&auml;dchen, das so bl&uuml;hend, so kr&auml;ftig vor ihm stand,
+weil dieses sch&ouml;ne fremde Weib sich in sein Denken
+geschoben hatte, s&uuml;ndhaft und abscheuerregend und
+dennoch etwas Unerkanntes in ihm erweckend, das sich
+qualvoll und erfrischend zugleich in ihm emporhob.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>&raquo;Und wenn ich dich so recht darum bitte?&laquo; dr&auml;ngte
+Hedwig einfach und legte ihm vertrauensvoll die Hand
+auf die Schulter.</p>
+
+<p>Beide blickten sich eine Sekunde lang an.</p>
+
+<p>Da war es wieder. Da brach es wieder aus ihm
+hervor. Wilms zitterte am ganzen K&ouml;rper, tausend
+widersprechende Stimmen schrien in ihm durcheinander.</p>
+
+<p>&raquo;Schlag sie nieder,&laquo; reizten die einen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du nicht lange genug ein Weib entbehrt?&laquo;
+fl&uuml;sterten die andern, &raquo;umarm&#8217; sie, k&uuml;ss&#8217; sie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott, was machst du aus mir, Hedwig?&laquo;
+stie&szlig; er tonlos hervor. &raquo;Ich darf ja nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Elsen willst du nicht helfen?&laquo; bat sie von
+neuem. Noch niemals hatte sie so sanft zu ihm gesprochen.</p>
+
+<p>Aus dem Krankenzimmer drang ein matter, ersterbender
+Laut.</p>
+
+<p>Da pre&szlig;te Wilms pl&ouml;tzlich mit seiner brutalen
+Riesenkraft ihre beiden H&auml;nde in die seinen, die noch
+den Brief umschlossen, und n&auml;herte sein Haupt dem
+ihren, als ob er dem M&auml;dchen etwas zuraunen
+wollte. Aber kein Wort ging &uuml;ber seine Lippen, er
+sah sie nur an, und erst nach geraumer Zeit drang
+<a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>es st&uuml;ckweise hervor: &raquo;Ich nehm&#8217; es ja &#8211; wenn du
+es willst &#8211; denn du bist gut &#8211; ja du bist gut.&laquo;</p>
+
+<p>Es war wie ein geheimes Einverst&auml;ndnis &uuml;ber
+beide gekommen. Und jetzt l&auml;chelte sie ihn auch frisch
+und freim&uuml;tig an, als sie ihn bat, nach seiner Wirtschaft
+zu sehen, denn sie selbst w&uuml;rde Else alles, was
+&uuml;ber die bevorstehende Reise beschlossen sei, schonend
+und ruhig mitteilen.</p>
+
+<p>Er nickte und wandte sich langsam ab. Aber noch
+an der T&uuml;r streckte er ihr in &uuml;berwallendem Gef&uuml;hl
+zum zweitenmal die Hand entgegen.</p>
+
+<p>Hedwig stand noch immer und l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Geh nur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; murmelte Wilms wie im Traum, und
+mit einem langen Blick: &raquo;Du bist gut.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a></p>
+<h3><a name="Buch_1_X" id="Buch_1_X"></a>X.</h3>
+
+
+<p>Am Nachmittag waren die beiden Schwestern
+allein. Wilms war in die Stadt gefahren, um Herrn
+Rosenbl&uuml;t das vorgeschossene Geld zur&uuml;ckzuzahlen.</p>
+
+<p>Es war gerade der achte Tag.</p>
+
+<p>Und so waren die beiden Frauen auf sich selbst
+angewiesen. Bewegungslos lag die Kranke in ihrem
+Bett, vor sich die Bibel, auf deren Deckel sie leise
+hin- und herkratzte, und starrte apathisch auf den
+Hof hinaus, der sich bereits in D&auml;mmerung h&uuml;llte.</p>
+
+<p>Hedwig hatte bis dahin munter und emsig an
+einer eleganten Seidenstickerei gearbeitet, jetzt aber
+lie&szlig; sie sich ebenfalls am Fenster nieder, und den
+Kopf auf die Hand gest&uuml;tzt, tr&auml;umte sie nun, leise
+eine Melodie summend, in den sinkenden Tag hinaus.</p>
+
+<p>Dunkelrot ging die Sonne hinter der Scheune
+zur R&uuml;ste. Einen Augenblick lang war das ganze
+Zimmer in magischen Glanz getaucht, selbst das Antlitz
+der Kranken strahlte in wunderbarer Pracht.</p>
+
+<p>&raquo;Wie sch&ouml;n du bist, Hedwig,&laquo; murmelte die
+<a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>Liegende, als ihr Blick die Schwester traf, auf deren
+goldbraunen Haaren die Lichter purpurn, wie in Verkl&auml;rung
+spielten. Und gleich darauf wimmerte sie:
+&raquo;Gott &#8211; so war ich auch einmal, und nun elend,
+gel&auml;hmt, immer auf fremde Leute angewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jesus Christus,&laquo; schrie sie pl&ouml;tzlich in ekstatischer
+Glut und hob die abgemagerten H&auml;nde in die leuchtende
+H&ouml;he, da&szlig; sie wie mit Blut befleckt erschienen.
+&raquo;Nimm mich doch zu dir, mach doch ein Ende mit
+mir elendem Kr&uuml;ppel &#8211; ich ertrag&#8217;s ja nicht l&auml;nger,
+wenn ich andere sehe, so sch&ouml;n, so jung, und ich &#8211;&nbsp;&#8211;
+ach, in dem Bade wird&#8217;s ja auch nicht besser werden.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig r&uuml;hrte sich nicht.</p>
+
+<p>Die Kranke starrte &auml;ngstlich nach ihr hin und
+schien sie etwas fragen zu wollen, aber nur ihre Brust
+hob sich etwas fl&uuml;chtiger als sonst.</p>
+
+<p>Da schlich der alte Krischan, der zahnlose, taube
+Greis, ins Zimmer, legte mit seiner zitternden Hand
+ein Zeitungsblatt auf den Tisch, und entfernte sich
+wortlos, wie er erschienen war.</p>
+
+<p>Seit Hedwig auf dem Pachthof weilte, wurde
+ihr aus der Stadt eine Zeitung nachgesandt; und
+eilfertig erhob sich das M&auml;dchen deshalb, um die
+Lampe zu entz&uuml;nden und einen Blick in das Blatt
+werfen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>&raquo;Hedwig,&laquo; rief die Kranke mit zitternder Stimme
+dazwischen, als das M&auml;dchen bereits ruhig ein paar
+Minuten im Schein der Lampe die Tagesereignisse
+verfolgt hatte. Dabei war der Leserin allerdings
+entgangen, wie ihre Schwester keinen Blick von ihr
+verwandt hatte, obgleich sie sich erregt hin und her
+warf.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du jetzt schon deine Medizin nehmen?&laquo;
+fragte die Gerufene willig, indem sie die Zeitung
+hinlegte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, mein Kind, noch nicht &#8211; ich m&ouml;chte, &#8211;
+setze dich doch her zu mir ans Bett, &#8211;&nbsp;&#8211; Wenn
+ich nun doch in das Bad soll, dann werden wir ja
+nicht mehr lange so sitzen.&laquo;</p>
+
+<p>Schweigend folgte Hedwig dem Wunsch der
+Schwester und setzte sich auf einen Korblehnstuhl, der
+zu H&auml;upten des Bettes stand.</p>
+
+<p>Die Kranke kauerte sich mit ihrem Kopf ganz in
+die N&auml;he der Schwester, ergriff schlie&szlig;lich Hedwigs
+Hand und legte sie sich auf die Brust.</p>
+
+<p>Deutlich f&uuml;hlte das M&auml;dchen, wie keuchend und
+rasch der Atem ging.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang verharrte sie so, als jedoch nach
+einer Weile die J&uuml;ngere von neuem nach der Medizinflasche
+griff, sch&uuml;ttelte Else nerv&ouml;s den Kopf und
+<a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>fragte &uuml;berst&uuml;rzt, als ob ihr dies schon lange auf
+der Seele gelegen h&auml;tte:</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, ich wollte dich einmal fragen, gef&auml;llt
+es dir denn bei uns?&laquo;</p>
+
+<p>Es lag etwas so &Auml;ngstliches im Ton der armen
+Frau, da&szlig; Hedwig unruhig wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;,&laquo; gab sie rasch zur&uuml;ck, &raquo;&uuml;berdies kam ich
+doch auch nur, um dich zu pflegen &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Die Kranke richtete sich m&uuml;hsam auf: &raquo;Und was
+denkst du &#8211; von Wilms?&laquo; fuhr sie hastig fort, ohne
+auf das eben Geh&ouml;rte einzugehen.</p>
+
+<p>Hedwig erschrak. Sie wu&szlig;te selbst nicht warum.
+Unwillk&uuml;rlich mu&szlig;te sie sich gerade jetzt daran erinnern,
+wie eisern fest Wilms heute vormittag ihre
+H&auml;nde umklammert hatte. Dem starken M&auml;dchen
+wurde pl&ouml;tzlich das Alleinsein mit der aufgeregten
+Kranken dr&uuml;ckend und unheimlich.</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du ihn leiden?&laquo; forschte die letztere
+dringender, und umschlang in ihrer sitzenden Stellung
+den Hals der Schwester.</p>
+
+<p>&raquo;O ja&laquo; &#8211; murmelte diese verwirrt &#8211; &raquo;dein
+Mann macht einen braven, rechtschaffenen Eindruck.
+Und vor allen Dingen scheint er um dich so aufrichtig
+besorgt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glaubst du?&laquo; seufzte die Kranke erleichtert auf.
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>&#8211; Dann dr&uuml;ckte sie sich erregter an die Schwester,
+so da&szlig; ihre Wange an der Hedwigs ruhte.</p>
+
+<p>Schaudernd empfand die J&uuml;ngere die Ber&uuml;hrung
+der feuchten fiebergesch&uuml;ttelten Haut, ja ein leiser
+Widerwille beschlich sie, als sie von der Kranken jetzt
+hei&szlig; und z&auml;rtlich auf die Wange gek&uuml;&szlig;t wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Gottlob,&laquo; raunte die &Auml;rmste dabei dicht
+vor dem Ohr der Schwester. &raquo;Er liebt mich noch
+immer. &#8211; Aber &#8211; aber &#8211; o Gott, Hedwig, ich
+will dir etwas anvertrauen. Sieh, wenn ich dich sehe,
+so sch&ouml;n und gesund, gerade wie ich jetzt auch sein
+k&ouml;nnte, wenn ich mir unsere fr&ouml;hliche Jugendzeit vorstelle,
+dann ist es mir manchmal, als ob ich Wilms
+&#8211; o Gott &#8211; verzeih&#8217; mir die S&uuml;nde, rechne es
+mir nicht an, aus mir spricht ja nur das Elend&laquo; &#8211;
+wimmerte sie dazwischen &#8211; &raquo;Hedwig, dann ist es
+mir manchmal, als ob ich meinen Mann ha&szlig;te, &#8211;
+h&ouml;rst du? &#8211; der mich zu alledem gemacht hat. Bitter
+und giftig, wie ich noch nie einen Menschen geha&szlig;t
+habe. Und dabei &#8211; ach, du kannst es ja nicht verstehen
+&#8211; dabei sehne ich mich ja so nach ihm, dabei
+mu&szlig; ich immer an die ersten Monate unserer Ehe
+denken, wo ich so gl&uuml;cklich bei ihm war und wir uns
+herzten,&laquo; sie zuckte zusammen und ri&szlig; die gl&auml;nzenden
+Augen weit auf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>&raquo;Nein &#8211; nein &#8211; nein &#8211; ach, du mein Gott,
+was sag&#8217; ich nur alles &#8211; das ist ja alles Tods&uuml;nde
+&#8211; Hedwig, glaube kein Wort davon, ich fiebere &#8211;
+h&ouml;re nicht darauf.&laquo;</p>
+
+<p>Und unvermittelt hob sie laut an zu beten; wirr
+durcheinander, mit den Worten des Psalms:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Herr Gott, mein Heiland, wie schreie ich Tag
+und Nacht vor dir.<br /></span>
+<span class="i0">Du hast mich in die Grube hinuntergeleget in
+die Finsternis.<br /></span>
+<span class="i0">Wirst du unter den Toten nicht endlich ein
+Wunder tun? &#8211; Erbarm&#8217; dich meiner &#8211; Sela &#8211; Sela.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Nach diesem Ausbruch fiel sie, wie ein lebloser
+Stein, schwer und dumpf in ihre Kissen zur&uuml;ck, und
+blieb mit langsam verl&ouml;schenden Augen liegen.</p>
+
+<p>Kalt durchfr&ouml;stelt, und doch voller Widerwillen
+gegen diese ekstatische Art fl&ouml;&szlig;te Hedwig der Ersch&ouml;pften,
+welche die Z&auml;hne krampfartig zusammenbi&szlig;,
+einige Tropfen der beruhigenden Medizin ein.
+Dann wischte sie ihr den Schwei&szlig; von der Stirn,
+was die Leidende alles mit denselben erstarrten, ausdruckslosen
+Z&uuml;gen geschehen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Fast eine Stunde verrann so.</p>
+
+<p>Kein Laut regte sich mehr in dem gro&szlig;en Zimmer.
+<a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a>Traulich d&auml;mmernd, wie immer, verbreitete die gro&szlig;e
+Stehlampe ihr Licht, und Hedwig sa&szlig; an dem Bett
+und sah scheu auf die Frau hin, die ihren Mann
+als den Zerst&ouml;rer ihrer Gesundheit ha&szlig;te und sich
+zugleich nach ihm sehnte in einer wilden, unreinen
+Leidenschaft.</p>
+
+<p>&raquo;Unrein?&laquo;</p>
+
+<p>Mit schwachem L&auml;cheln zuckte die Pflegerin die
+Achseln und lenkte ihre Gedanken wieder auf sich
+selbst und jene eine Begebenheit zur&uuml;ck, wo zuerst ein
+Mann ihren Lebensweg gekreuzt hatte. Nur trat
+ihr dabei, so sehr sie sich auch M&uuml;he gab, nicht der
+freche Brachwitz vor Augen &#8211; nein, seltsam &#8211; beinahe
+l&auml;cherlich &#8211; immer fort, und je l&auml;nger desto
+deutlicher, drang der starke Wilms auf sie ein, fa&szlig;te
+sie an beiden Armen und beugte sich &uuml;ber sie, immer
+gewaltsamer &#8211; mit seinem ehrlichen Gesicht, das doch
+so roh und zornig blicken konnte. O, es war ein so
+schmerzhaftes, unselig-frohes Gef&uuml;hl. &#8211;&nbsp;&#8211; Und sie
+sagte sich in ihrem Hintr&auml;umen, da&szlig; alles nur der
+Nachklang von Elses Erz&auml;hlung w&auml;re, und sie stellte
+sich vor, wie warm und weich ihre Schwester wohl
+an Wilms Halse gehangen h&auml;tte, und dennoch &#8211;
+und dennoch &#8211; die Ahnung wurde immer deutlicher,
+bis sie sich schaudernd aufraffte und sich sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Verwirrt strich sie ihr braunes Haar zurecht.</p>
+
+<p>Aus der gro&szlig;en Kastenuhr schlug es achtmal.</p>
+
+<p>&raquo;So sp&auml;t schon? &#8211; Wo Wilms nur bleiben
+mochte?&laquo; Und wieder erschrak sie dar&uuml;ber, da&szlig; sie
+ihn erwarte.</p>
+
+<p>Da &#8211; sie fuhr auf.</p>
+
+<p>Sprach ihr zur Seite nicht etwas?</p>
+
+<p>&raquo;Ach, mir ist viel besser,&laquo; fl&uuml;sterte die Kranke
+leise sich regend und legte ihre feuchte Hand wieder
+auf die der Schwester: &raquo;Du bist auch so still und
+sanft, mein s&uuml;&szlig;es Heting.&laquo;</p>
+
+<p>Wohl eine Stunde hatte die &Auml;rmste vor Ermattung
+in tiefem Schlummer gelegen, jetzt erhob sie
+sich m&uuml;de und zerschlagen und blickte sich dumpf im
+Zimmer um.</p>
+
+<p>&raquo;Ist Wilms noch nicht zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, noch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo fuhr er denn hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach Grimmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; murmelte die Kranke in sich zusammensinkend
+&#8211; &raquo;Erz&auml;hlte er dir das?&laquo; Und nach einiger
+Zeit setzte sie gleichg&uuml;ltig hinzu: &raquo;Er hat wohl viel
+Vertrauen zu dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich denke.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kranke nahm von Hedwigs Hand ihre Medizin,
+<a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a>das M&auml;dchen schlug ihr die Kissen zurecht, soda&szlig;
+sich die Leidende bes&auml;nftigt und ruhiger als bisher
+ausstrecken konnte.</p>
+
+<p>Dann lag sie und blickte ihrer sch&ouml;nen Schwester
+mehrere Minuten lang unausgesetzt und gr&uuml;belnd ins
+Gesicht. Hedwig scho&szlig; das Blut in die Wangen.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te selbst nicht warum.</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;nschst du etwas?&laquo; forschte sie rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, nichts. Komm, mein Liebling, ich
+will dich etwas fragen &#8211; Ich bin doch deine
+Schwester, und du bist nun erwachsen &#8211; Sieh, da
+m&ouml;cht&#8217; ich gern wissen, mein Heting, &#8211; du darfst
+es mir aber nicht &uuml;bel nehmen &#8211; ob du &#8211; was
+du dort dr&uuml;ben so in der Pension erlebt hast?&laquo;</p>
+
+<p>Es klang ein wenig &auml;ngstlich, aber doch mehr zudringlich
+und neugierig.</p>
+
+<p>Statt einer Antwort lehnte sich Hedwig tief in
+ihren Lehnstuhl zur&uuml;ck und schlo&szlig; die Augen. &#8211;
+Es war ihr, als senke sich die Decke des niedrigen
+Zimmers immer tiefer auf sie herab, als fehle es
+ihr an Luft, als w&auml;re alles zu eng und &ouml;de auf
+diesem weltverlassenen Pachthofe. &#8211; Was wollte nur
+die Schwester mit dieser albernen Frage? &#8211; Wieviel
+Spie&szlig;b&uuml;rgerlichkeit lag darin. Was ging sie das
+alles an?</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>&raquo;Ah, jetzt verstehe ich dich,&laquo; sagte sie endlich mit
+ihrer klaren Stimme. &raquo;Du denkst an das, was Graf
+Brachwitz gestern erz&auml;hlte.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zog dabei die Arme hinter das Haupt und
+schaukelte mit dem Stuhl leise hin und her.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; pflichtete Else bei, &raquo;das geht mir gar
+nicht aus dem Kopf. Und da&szlig; gerade die beiden
+Frauen dabei waren. Es klang alles so dunkel, Hedwig,
+sag&#8217; mir doch, mein Liebling, was hattest du
+mit dem Grafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ich mit ihm hatte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; du mu&szlig;t mich recht verstehen &#8211;&nbsp;&#8211; ach,
+es regt mich so auf und jagt mir soviel Angst ein
+&#8211;&nbsp;&#8211; du bist ja auch noch so unerfahren &#8211;&nbsp;&#8211; diese
+schreckliche Unruhe hat mich seit gestern vollst&auml;ndig
+niedergeworfen. &#8211; Wir haben doch beide keine
+Mutter mehr, Hedwig, und da bin ich &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ich mit ihm hatte?&laquo;</p>
+
+<p>&Uuml;ber das Antlitz der J&uuml;ngeren glitt ein kaltes,
+merkw&uuml;rdiges L&auml;cheln, das wohl dem h&auml;&szlig;lichen Ausdruck
+galt, welchen die Kranke gew&auml;hlt hatte. Dann
+dehnte sie ihre volle, im Sessel ruhende Gestalt und
+sch&uuml;ttelte den Kopf, als wollte sie damit das Gespr&auml;ch
+ein f&uuml;r allemal abschneiden.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, peinige mich nicht,&laquo; rief die Kranke pl&ouml;tzlich
+<a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>mit spitzer, gereizter Stimme. &raquo;Was hattest du
+mit ihm?&laquo;</p>
+
+<p>Die J&uuml;ngere wollte aufstehen. Die Gew&ouml;hnlichkeit
+des Ausdruckes stach sie geradezu, aber die
+Schw&uuml;le, die von dieser abgezehrten Frau ausging,
+die dumpfe Schwere, die bereits den kr&auml;ftigen Wilms
+zerm&uuml;rbt hatte, pre&szlig;te auch sie in ihren Stuhl zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir keine Antwort geben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; antwortete Hedwig.</p>
+
+<p>&raquo;Nun also &#8211; ich bitte dich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz einfach, Else. &#8211; Der Graf ist, wie du
+wei&szlig;t, ein Lebemann &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Gott &#8211; und?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du h&ouml;rtest ja gestern. Deshalb dr&auml;ngte er sich,
+weil er viele h&uuml;bsche M&auml;dchen dort vermutete, in
+unsre Pension ein und versuchte dann allerlei lockere
+T&auml;ndeleien anzukn&uuml;pfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mit dir &#8211; Hedwig &#8211; mit dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>Ein rascher Atemzug wurde h&ouml;rbar. Der prachtvolle,
+junge Leib dieses sch&ouml;nen Weibes wand sich,
+als ob er eine schmerzhafte Ber&uuml;hrung empf&auml;nde,
+ein Schauer rieselte beinahe sichtbarlich &uuml;ber sie hin,
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>dann aber st&uuml;rzte es rasch und wie gehetzt &uuml;ber ihre
+Lippen:</p>
+
+<p>&raquo;Er hat einmal versucht, mich gewaltsam zu
+k&uuml;ssen &#8211; weiter nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weiter nichts?&laquo;</p>
+
+<p>Zuv&ouml;rderst ein langer befriedigter Seufzer der
+ges&auml;ttigten Neugier. Dann raffte sich die Kranke
+m&uuml;hsam auf und blickte die schlanke, zur&uuml;ckgelehnte
+Gestalt der Schwester mit furchtsamen, vor Erstaunen,
+Neid und Bewunderung gl&uuml;henden Augen an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; scho&szlig; es ihr durch die krankhaft erregten
+Sinne, w&auml;hrend sie beinahe gierig nach dieser frischen
+Jugend hinstarrte, &raquo;ja sie ist verf&uuml;hrerisch sch&ouml;n, dieses
+hingestreckte Ding mit den lichtbraunen, goldfunkelnden
+Haaren.&laquo; Und mit heftig erwachender Neigung
+&uuml;berflog sie die bl&uuml;hende Gesichtsfarbe der Schwester,
+entz&uuml;ckte sich an dem verschleierten Leuchten und
+Blitzen der Augen und empfand, wie vornehm das
+straffe schwarze Kleid die ganze Gestalt umschlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, mein s&uuml;&szlig;es Kind,&laquo; stammelte sie und
+&uuml;berdeckte unvermutet die Hand der &Uuml;berraschten mit
+brennenden K&uuml;ssen. Eine irre, praktische Hoffnung
+d&auml;mmerte dabei in ihr auf: &raquo;Liebt dich denn der
+Graf so sehr?&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig zuckte zusammen und wurde sehr bla&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Else bemerkte es.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das,&laquo; erwiderte die J&uuml;ngere endlich herb,
+erhob sich und schritt rasch bis zum Tisch, um an
+der Lampe zu schrauben.</p>
+
+<p>&raquo;Nein?&laquo; rief Else entsetzt, &raquo;ja aber aus welchem
+Grunde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist einfach frech gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frech? &#8211; Gro&szlig;er Gott &#8211; Hedwig, dreh&#8217; dich
+doch um &#8211; dann &#8211; dann durftest du ja hier gar
+nicht mit ihm zusammentreffen &#8211; wenn ich das gewu&szlig;t
+h&auml;tt&#8217; &#8211;&nbsp;&#8211; Du hast dich doch damals gewehrt?
+Nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; flog es halblaut vom Tisch her&uuml;ber.</p>
+
+<p>Es klang wie von zusammengepre&szlig;ten Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, du sollst dich umdrehen. &#8211; Ich will
+dich sehen k&ouml;nnen,&laquo; schrie die Kranke mit durchdringender
+Stimme.</p>
+
+<p>Und in demselben Augenblick wendete sich das
+M&auml;dchen, und die Leidende, so ersch&ouml;pft sie war,
+sah voller Verwunderung, wie Hedwig, die Medizinflasche
+in der Hand, mit ihrem sicheren, selbstbewu&szlig;ten
+Ausdruck und achselzuckend auf das Bett zuschritt.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, mein Liebling,&laquo; fl&uuml;sterte sie, &raquo;beruhige
+mich doch. Weiter ist zwischen euch nichts vorgefallen?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>&raquo;Nichts,&laquo; entgegnete die andere, die Augenbrauen
+zusammenziehend. &raquo;Siehst du, da&szlig; du doch diese
+ganze dumme Geschichte viel zu ernst nimmst? Hier
+trink&#8217; deine Medizin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, la&szlig; noch &#8211; Heting &#8211; wirklich weiter
+nichts? &#8211; Weiter nichts?&laquo;</p>
+
+<p>War es m&ouml;glich?</p>
+
+<p>Die Kranke schluchzte, flehte, bettelte pl&ouml;tzlich halb
+besinnungslos um eine Entgegnung und hob ihren
+mageren K&ouml;rper weit in die H&ouml;he.</p>
+
+<p>Eine Pause entstand.</p>
+
+<p>Die Gefragte blickte starr auf sie hin. Dann glitt
+von neuem ein ver&auml;chtliches Zucken um die aufgeworfenen
+M&auml;dchenlippen und kurz und gereizt kam
+die Antwort: &raquo;Ich bitte dich, gib dich nun zur Ruhe.
+Was soll denn noch alles vorgefallen sein? &#8211; Komm&#8217;,
+Else, du mu&szlig;t deine Medizin nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>So endete dieses Gespr&auml;ch. Die Krankheit trat
+wieder in ihre Rechte. Es wurde sp&auml;t. Jeder Laut
+auf dem Gute erstarb, und noch immer war Wilms
+nicht heimgekehrt. Erst als die gro&szlig;e Kastenuhr bereits
+die elfte Stunde gemeldet hatte, h&ouml;rten die beiden
+Schwestern seinen Wagen durch den Torweg rollen.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Hedwig?&laquo; fragte Wilms noch unter der
+T&uuml;r. Aber er forschte vergeblich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>Beim ersten Ger&auml;usch war Hedwig bereits aufgesprungen,
+hatte die Schwester auf die Stirn gek&uuml;&szlig;t
+und war dann sofort in ihre Kammer hinaufgestiegen.</p>
+
+<p>&raquo;Schon zu Bett,&laquo; entgegnete die Kranke matt,
+und es fiel ihr nicht auf, da&szlig; der P&auml;chter, der heute
+so frisch und froh und stattlich wie selten aussah,
+zuerst nach dem M&auml;dchen gefragt hatte.</p>
+
+<p>Und siehe &#8211; eine Stunde sp&auml;ter, da war der
+frohe Schein von seiner Stirn verschwunden.</p>
+
+<p>Zusammengeduckt sa&szlig; der gro&szlig;e Mann in dem
+Lehnstuhl, welchen Hedwig vorhin verlassen, und
+lauschte gedankenlos auf die raschen, r&ouml;chelnden Atemz&uuml;ge
+seines Weibes. Es war ganz dunkel ringsumher.
+Nur aus einem Glase flackerte ein auf &Ouml;l schwimmendes
+Nachtlichtchen heraus.</p>
+
+<p>Und der Mann sa&szlig; und dachte an das, was ihm
+sein armes Weib eben anvertraut hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Gek&uuml;&szlig;t hatte sie der junge, lebenstrotzende
+Mensch?&laquo;</p>
+
+<p>Es war eine grobe Beleidigung &#8211; auch f&uuml;r den
+Landmann. Aber das f&uuml;hlte er nicht.</p>
+
+<p>Er nickte und hockte und das Herz dr&uuml;ckte ihm
+etwas weh und wund.</p>
+
+<p>&raquo;Ob sie sich wohl gewehrt hat?&laquo; dachte er m&uuml;de.</p>
+
+<p>Ein &Auml;chzen seines Weibes schob sich dazwischen.
+<a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Er beugte sich leise zu ihr hin&uuml;ber und fuhr ihr beruhigend
+mit seiner groben Hand &uuml;ber Wange und
+Hals.</p>
+
+<p>Und dabei irrten seine Gedanken wieder zu dem
+jungen Gesch&ouml;pf, das dort oben unter dem Dach
+schlummerte, ebenso wie hier sein Weib, und das sich
+vielleicht sehnte und verlangend die wei&szlig;en Arme nach
+dem Verf&uuml;hrer ausstreckte.</p>
+
+<p>Halb bet&auml;ubt vor M&uuml;digkeit sank sein m&auml;chtiges
+Haupt endlich schwer auf die Kissen, so da&szlig; Else davon
+erwachte und z&auml;rtlich ihre Arme um seinen Nacken
+schlang.</p>
+
+<p>Und mit irrer Sehnsucht und verl&ouml;schendem Bewu&szlig;tsein
+pre&szlig;te er seine Lippen auf den abgezehrten
+Arm der Bedauernswerten und st&ouml;hnte in verzweifelter
+Seelenqual tief und markersch&uuml;tternd auf.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Aber als die W&uuml;nsche des ungl&uuml;cklichen Mannes
+scheu in das Dachk&auml;mmerchen drangen, wo er das
+sch&ouml;nere j&uuml;ngere Weib auf seinem Lager ruhend vermutete,
+da hatte er recht geahnt, beinahe wie wenn
+sein geistiges Auge die Mauern h&auml;tte durchdringen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Da lag sie, vor Lebensglut und Herzensangst zitternd,
+<a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>und streckte die wei&szlig;en Arme aus. Aber nicht
+nach dem Verf&uuml;hrer, nein, nach etwas anderem, Unbekannten,
+das sie nicht nennen konnte.</p>
+
+<p>Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, unruhig,
+schauernd, sich selbst unerkl&auml;rlich, warf sie sich herum,
+st&uuml;tzte den Kopf in die weichen H&auml;nde und schaute
+regungslos durch das kleine Fensterchen zum Sternenhimmel
+empor. &Uuml;ber das Strohdach, dicht &uuml;ber ihr
+s&auml;uselte der Nachtwind. Sie h&ouml;rte das heimliche Ger&auml;usch,
+wenn er mit den losen Halmen spielte, und
+ihr war es, als schl&uuml;ge wieder die hei&szlig;e, gl&uuml;hende
+Stimme des jungen, frechen Edelmannes an ihr Ohr.
+Ihre Brust ging auf und ab. Und da &#8211; da stieg
+es wieder herauf &#8211; da sah sie von neuem das ganze
+Bild jener unseligen Stunde vor sich, deren Einzelheiten
+sie vorhin ihrer Schwester so sorglich verborgen
+hatte.</p>
+
+<p>Da fand sie sich wieder in dem kleinen Pensionsst&uuml;bchen,
+ein vor &Uuml;berraschung und Angst gel&auml;hmtes
+Gesch&ouml;pf, das von dem liebestollen Eindringling mit
+K&uuml;ssen &uuml;berdeckt wird, &#8211; das vor Scham nur leise
+Bitten hervorstammeln und um Schonung flehen
+kann, und das, nachdem einmal die Binde roh von
+seinen Augen gerissen ist, sich wehrt, &#8211; wehrt mit
+verzweifelter, gl&uuml;hender, endlich siegreicher Kraft
+<a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>gegen einen Angriff, von dem sie ahnt, da&szlig; er ihr
+etwas Kostbares, H&ouml;chstes rauben mu&szlig;! Gro&szlig;er Gott,
+was ist seitdem aus ihr geworden? &#8211; Was!! Sie
+wirft sich nieder und pre&szlig;t ihr Gesicht in die Kissen.
+Seitdem ringt sie ja t&auml;glich so. Nicht mit dem einen,
+nein, mit allen, allen. Sie schleicht sich in ihrer Vorstellung
+an diese Rohen, Verha&szlig;ten heran, wie das
+hungrige Meer dort dr&uuml;ben nahe der Insel, das
+gegen die Felsbl&ouml;cke schl&auml;gt und donnert, und das die
+Steine zu sich herabziehen will, um sie zu k&uuml;ssen, zu
+umarmen und zu ers&auml;ufen.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott!&laquo; &#8211; Sie will beten. Aber sie kann
+nicht beten. Sie verlacht ja den geoffenbarten Glauben.
+Das hat sie auch dr&uuml;ben gelernt von ein paar
+schwedischen Mitsch&uuml;lerinnen, welche ihr all jene B&uuml;cher
+geborgt haben, die wie Sturmwind Nebel und Wolken
+verjagen, aber auch das Meer der Leidenschaft immer
+wilder in die H&ouml;he peitschen.</p>
+
+<p>Jetzt sch&auml;umt&#8217;s und brandet&#8217;s. Hui, der Sturm
+pfeift.</p>
+
+<p>Gro&szlig;er Gott &#8211; Gro&szlig;er Gott.</p>
+
+<p>Und dann st&ouml;&szlig;t sie die Decken von sich, da&szlig; der
+Mond ihre wei&szlig;en Glieder k&uuml;&szlig;t, und weint bitterlich.</p>
+
+<p>Fr&uuml;hlingsschauer!</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a></p>
+<h2><a name="Zweites_Buch" id="Zweites_Buch"></a>Zweites Buch.</h2>
+
+
+
+
+<h3><a name="Buch_2_I" id="Buch_2_I"></a>I.</h3>
+
+
+<p>Wilmshus liegt versunken im tiefen Schnee. Zeitig
+ist der Winter hereingebrochen und hat den &ouml;den
+Pachthof v&ouml;llig verschneit. Und doch regt sich Leben
+in der weltabgeschiedenen Besitzung. Seit die Kranke,
+von Hedwig begleitet, in dem fernen Solbad weilt,
+ist der lastende Zauber von der Wirtschaft gewichen.</p>
+
+<p>Lichter Rauch steigt aus dem Schornstein in die
+blaue, kalte Luft, Wilms steht mit seinen gro&szlig;en
+Transtiefeln, das Wams bis an den Hals zugekn&ouml;pft,
+frisch und r&uuml;stig auf dem Hof und l&auml;&szlig;t die
+Scheunen ausbessern, Viehzucht und Molkerei gedeihen,
+&uuml;berall T&auml;tigkeit in dem einsamen Winkel,
+Spuren k&uuml;nftigen, r&uuml;ckkehrenden Wohlstandes.</p>
+
+<p>Da klingelt ein Schlitten auf der Landstra&szlig;e heran.
+Vielstimmiges Hundegebell wird laut, und da h&auml;lt
+auch schon der unf&ouml;rmige Kasten und enth&uuml;llt seine
+seltsam gemischte Ladung. Es sind der junge Graf
+Brachwitz und F&ouml;rster Eltze, welche zur Jagd fahren,
+mit dem Pastor Schirmer, der Wilms aufsuchen will,
+und deshalb allein aussteigt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>&raquo;Ho, ho &#8211; Wilms, hier heran, &#8211; hier heran,&laquo;
+br&uuml;llt inzwischen der gutm&uuml;tige F&ouml;rster, w&auml;hrend er
+mit seinen Riesenf&auml;usten, die in kolossalen Pelzhandschuhen
+stecken, aus Leibeskr&auml;ften winkt, und als Wilms
+an den Schlitten tritt, um den jungen Edelmann befangen
+und einsilbig zu begr&uuml;&szlig;en, wird dem P&auml;chter
+von dem Weidmann ein gro&szlig;es Paket unter den Arm
+geschoben.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, Wilms &#8211; von meiner Frau. &#8211; Ein paar
+W&uuml;rste und so was. Na schon gut. &#8211; Bei Ihnen
+als Strohwitwer wird ja diesmal davon wenig zu
+sp&uuml;ren sein, was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sagen Sie mal, lieber Nachbar,&laquo; wirft der
+junge Brachwitz dazwischen, der in seinem pelzbesetzten
+Jagdkost&uuml;m zur&uuml;cklehnt und eine Zigarre raucht. &raquo;Wie
+geht es eigentlich Ihrer Frau? &#8211; Gute Nachrichten?&laquo;</p>
+
+<p>Einsilbig erz&auml;hlt der P&auml;chter, da&szlig; er k&uuml;rzlich von
+seiner Schw&auml;gerin einen Brief erhalten, wonach der
+Zustand der Kranken sich schon etwas gebessert h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, da gratuliere ich Ihnen von Herzen, lieber
+Herr Wilms,&laquo; entgegnet der Graf aufmerksam, und
+nachdem er dem P&auml;chter eine Zigarre angeboten, erkundigt
+er sich leichthin:</p>
+
+<p>&raquo;Ihr Fr&auml;ulein Schw&auml;gerin kommt ja wohl in
+K&uuml;rze wieder hierher zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Wilms Antlitz verfinstert sich. Er nickt blo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Und wann, wenn ich fragen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist unbestimmt,&laquo; sagt der Landmann d&uuml;ster,
+und tritt dem Schlitten etwas n&auml;her.</p>
+
+<p>&raquo;So, so,&laquo; der Graf mi&szlig;t den kr&auml;ftigen P&auml;chter
+von oben bis unten, wobei er unwillk&uuml;rlich an das
+Gewehr greift, dann gibt er dem Kutscher l&auml;chelnd
+das Zeichen zum Weiterfahren, nicht jedoch, ohne vorher
+mit gro&szlig;er H&ouml;flichkeit die Hoffnung ausgesprochen
+zu haben, den P&auml;chter bald wieder begr&uuml;&szlig;en zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Vorw&auml;rts.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schlitten fliegt davon.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Pastor Schirmer blieb &uuml;ber den Kaffee da.</p>
+
+<p>In dem gro&szlig;en Zimmer, in dem noch immer das
+Krankenbett wie eine d&uuml;stere Mahnung stand, dampfte
+in gro&szlig;en altfr&auml;nkischen Schalen der braune Trank
+auf dem Tische, und die beiden Herren sa&szlig;en gem&uuml;tlich
+dahinter und plauderten.</p>
+
+<p>Die Hofarbeit war vollendet, das Tagewerk vollbracht,
+nun konnte der emsige Landmann der Ruhe
+pflegen. Man steckte zwei gro&szlig;e, lange Pfeifen an,
+die Wilms in den Krankheitsjahren unbenutzt im
+<a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Schrank verborgen hatte, und in kurzer Zeit hatten
+die beiden Herren, jeder behaglich im Sofa zur&uuml;ckgelehnt,
+m&auml;chtige blaue Wolken um sich verbreitet.</p>
+
+<p>Ein s&uuml;&szlig;er, angenehmer Tabaksduft f&uuml;llte die Stube.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja,&laquo; sprach der Landmann nachdenklich vor
+sich hin, &raquo;meine arme Frau konnte den Geruch nicht
+vertragen, er verursachte ihr Hustenreiz und ich &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;
+kam es unwillk&uuml;rlich heraus, &raquo;hab&#8217; ihn dabei so gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Freund, man mu&szlig; sich eben f&uuml;gen,&laquo; paffte
+der kleine Pastor und nahm einen Schluck Kaffee,
+&raquo;ja, mu&szlig; sich f&uuml;gen. Darin besteht schlie&szlig;lich unser
+ganzes Christentum. &#8211; Was ich sagen wollte &#8211;&nbsp;&#8211;
+Ihre liebe Frau &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; Sie bangen sich doch
+wohl schon sehr nach ihr?&laquo;</p>
+
+<p>Wilms nickte und rauchte in langen Z&uuml;gen weiter.</p>
+
+<p>Ja, es fehlte ihm etwas, er sehnte sich nach irgend
+etwas, sein Haus erschien ihm jetzt oft so leer und
+freudlos, und dennoch zog sich sein Herz vor Furcht
+zusammen, wenn er an Elses R&uuml;ckkehr dachte. Sein
+jetziges einsames Dasein schien ihm dann ertr&auml;glicher.
+Wenn er nur dieses schmerzliche Sehnsuchtsgef&uuml;hl aus
+seiner Brust h&auml;tte verbannen k&ouml;nnen. Es galt ja doch
+blo&szlig; seinem Weibe. Nur ihr.</p>
+
+<p>&raquo;Freilich, solch ewiges Leid,&laquo; murmelte der kleine
+Pastor mit seiner d&uuml;nnen Stimme weiter, &raquo;das schlie&szlig;t
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>die Menschen wie mit eisernen Ketten aneinander,
+nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ewiges &#8211; Leid,&laquo; wiederholte der andere mechanisch
+und blickte starr auf das Bett hin&uuml;ber. &raquo;Ja, Sie
+haben recht, Herr Pastor.&laquo; Eine Zeitlang schwiegen
+die beiden Freunde und hingen ihren Gedanken nach.</p>
+
+<p>Die Pfeifen glimmten, drau&szlig;en fiel Schnee, es
+war behaglich warm im Zimmer.</p>
+
+<p>So merkten sie nicht, da&szlig; sich inzwischen die T&uuml;r
+leise ge&ouml;ffnet und der dicke Kreisphysikus <em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf
+unbemerkt hereingetreten war. In seinem Pelz, in Pelzm&uuml;tze
+und derben Wasserstiefeln sah er wie ein borstiges
+Ungeheuer aus. &raquo;&#8217;n Abend, Kindtings, &#8217;n Abend,&laquo;
+&auml;chzte er.</p>
+
+<p>Kaum hatte Wilms seinen muntern Gast erfreut
+seiner zottigen H&uuml;llen beraubt, so warf sich der Physikus
+pustend neben dem Pastor auf einen Lehnstuhl
+nieder, nahm dem Geistlichen einfach die Tasse weg,
+trank dann mehrere Schalen des hei&szlig;en Getr&auml;nks und
+schien endlich erw&auml;rmt zu sein.</p>
+
+<p>&raquo;Verdammter Frost,&laquo; schnaufte er zuletzt und schlug
+sich befriedigt auf seinen Kugelbauch. &raquo;Komme hier
+blo&szlig; &#8217;raus, Wilms, um Ihnen zu erz&auml;hlen, da&szlig; ich
+einen Brief vom Anstaltsarzt in Inowrazlaw erhalten
+habe.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>&raquo;Nun, was denn, Herr Doktor, was gibt es denn?&laquo;
+rief der Landmann aufgeschreckt und sprang auf.</p>
+
+<p>&raquo;Na, es geht ganz leidlich, schreibt er. Sehen Sie,
+ich hab&#8217;s gleich gesagt. Nun soll sie nur noch an
+gr&ouml;&szlig;ere Selbst&auml;ndigkeit gew&ouml;hnt werden, und deshalb
+schickt er Ihre Schw&auml;gerin nach Hause. In diesen
+Tagen sogar schon. &#8211; Ein reizendes Ding &uuml;brigens,
+die kleine Hete, was?&laquo; schmunzelte der Physikus pl&ouml;tzlich
+&uuml;ber das ganze Gesicht und kratzte in seinem
+Stoppelbart; &raquo;ich freue mich ordentlich darauf, da&szlig;
+wir sie bald wieder nach Grimmen bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms blieb stehen. &raquo;Nach Grimmen?&laquo; wiederholte
+er schwerf&auml;llig. &raquo;Geht denn &#8211; Hedwig zu
+meinem Schwiegervater zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, vermutlich doch; oder haben Sie sie hier
+n&ouml;tig, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo;</p>
+
+<p>Eine Unruhe befiel den starken Mann, er strich
+mit seiner Hand &uuml;ber die kurzgeschorenen Haare, dann
+&auml;u&szlig;erte er auffallend hart und abweisend: &raquo;Nein,
+ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, sehen Sie,&laquo; sagte der Physikus gem&uuml;tlich.
+Dann klopfte er mit der Hand auf den Tisch. &raquo;Vorw&auml;rts,
+meine Herren, jetzt machen wir ein Sk&auml;tchen;
+<a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Karten hab&#8217; ich bei mir, und Sie stecken die Lampe
+an, Wilms.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Doktor, das viele Kartenspielen halte ich
+f&uuml;r &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo; wollte Pastor Schirmer kleinlaut einwenden,
+aber der Physikus schlug noch energischer auf
+den Tisch und knurrte: &raquo;Ach Unsinn, machen Sie weiter
+keine Umst&auml;nde, Pastor, &#8211; und solange Sie gewinnen,
+ist Ihre liebe Frau mit allem einverstanden.
+&#8211; Wer gibt? &#8211; Na also &#8211; Wilms, bringen Sie
+die Lampe &#8211; Tourn&eacute;, Pastor? Solettchen auch?
+Na dann Eichel. Raus mit den Tri&uuml;mphern, meine
+Herren, &#8211; Wilms, die Lampe blakt &#8211; was gibt&#8217;s
+Neues, Pastor?&laquo;</p>
+
+<p>In bester Eintracht spielten die Herren fort.</p>
+
+<p>Nur Wilms, der sonst ein vorz&uuml;glicher Spieler war,
+beging einen Fehler nach dem andern, zuletzt st&ouml;rte
+er sogar offenbar die Pl&auml;ne seines Partners.</p>
+
+<p>Der Pastor legte sanft die Karten auf den Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Na h&ouml;ren Sie mal, Wilms&laquo; &#8211; sagte er bedenklich,
+&raquo;so was ist noch gar nicht dagewesen &#8211; haben
+die Treffzehn blank und werfen Sie mir nicht &#8217;rein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und ziehen dem geistlichen Herrn das Geld
+aus der Tasche?&laquo; schrie der Physikus.</p>
+
+<p>&raquo;Wor&uuml;ber gr&uuml;beln Sie denn immerfort? M&uuml;ssen
+auch nicht zu viel an Ihre Frau denken.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>An seine Frau? Ja, er gr&uuml;belte und qu&auml;lte sich
+und sann &#8211;&nbsp;&#8211; aber die H&auml;nde mit den Karten begannen
+ihm vor Schreck zu zittern, bleischwer fiel es
+ihm aufs Herz, er dachte ja gar nicht an sein ungl&uuml;ckliches
+Weib, all seine Erinnerung galt der J&uuml;ngeren,
+diesem herrlichen jungen Gesch&ouml;pfe, dessen Bild er
+nicht bannen konnte, das er immer wieder sah, wei&szlig;
+und rosig, so wie damals als sie ihre junge Sch&ouml;nheit
+dem Regen preisgab. Den Sinn verwirrte es ihm
+noch.</p>
+
+<p>Und sie wollte zu ihrem Vater zur&uuml;ckkehren, und
+nicht zu ihm, nicht in dies Haus, das so leer war?</p>
+
+<p>Die Herren spielten weiter. Noch ein paar Stunden,
+dann trennte man sich.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Einige Tage verstrichen, emsig wurde geschafft, nur
+mit der Molkerei, die Wilms mit Hedwig eingerichtet,
+wollte es nicht mehr gl&uuml;cken. Hier fehlte die anordnende,
+weibliche Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn das Fr&auml;ulein man wieder da w&auml;r,&laquo; klagte
+die Obermagd eines Tages dem Landmann.</p>
+
+<p>&raquo;Sie geht zu ihrem Vater,&laquo; dachte Wilms tr&uuml;be.
+&raquo;Was k&uuml;mmern wir sie.&laquo;</p>
+
+<p>Ernst und verschlossen ging er seitdem umher. Der
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>Schnee fiel drau&szlig;en immer dichter und legte sich wie
+ein wei&szlig;er Wall um das Geh&ouml;ft.</p>
+
+<p>Dadurch wurde es wieder so still und einsam, wie
+je zuvor. Ein Tag nach dem andern verflo&szlig;. In der
+Landwirtschaft gab es jetzt nichts mehr zu wirken.
+Schweigend sa&szlig; der P&auml;chter oft stundenlang am Fenster,
+blickte &uuml;ber den verschneiten Hof und wartete,
+ob ihm nicht der Landbrieftr&auml;ger ein Lebenszeichen
+von den beiden Frauen bringen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Aber nichts von alledem geschah.</p>
+
+<p>Und allm&auml;hlich verfiel er wieder in sein d&uuml;steres
+Hinbr&uuml;ten; der gro&szlig;e Mann mit den kurzgeschorenen,
+blonden Haaren verbrachte dann ganze Stunden im
+Zimmer. Er wanderte auf und ab, sah dabei auf
+das reinlich zugedeckte Krankenlager seines Weibes,
+oder nahm ihre Bibel in die Hand und starrte interesselos
+hinein, w&auml;hrend er sich an die von ihr mit
+Vorliebe gebrauchten Gebete erinnerte.</p>
+
+<p>Dann begann er einige der Verse nachzusprechen
+und sch&uuml;ttelte sich zuweilen pl&ouml;tzlich, als ob ihn etwas
+Widerliches &uuml;berliefe. Oft auch nahm er ein Bild von
+der Spiegelkommode, das Else als Braut darstellte,
+um es lange und aufmerksam zu betrachten. Wie blond
+sich ihre Z&ouml;pfe damals ums Haupt ringelten. &#8211; Wie
+&auml;hnlich sie zu jener Zeit Hedwig gewesen! Rasch
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>stellte er bei solcher Gelegenheit die Photographie
+wieder an ihren Platz und lief auf den Hof hinaus,
+wo er mit seinen Leuten schalt und haderte.</p>
+
+<p>Sie wunderten sich &uuml;ber den Herrn. So hatte man
+ihn selten gesehen.</p>
+
+<p>Und noch immer langte die erw&uuml;nschte Nachricht
+nicht an.</p>
+
+<p>Da endlich, eines Morgens, &#8211; Wilms sa&szlig; noch
+beim Kaffee &#8211; da schlich der taube Krischan in die
+Stube, schielte seinen Herrn an und legte schweigend
+einen Brief auf den Tisch.</p>
+
+<p>Wilms klopfte das Herz. Mit zitternden Fingern
+erbrach er das Schreiben, nachdem sich der Alte entfernt
+hatte, aber es war nur ein gedrucktes Formular,
+das eine Einladung zu einer l&auml;ndlichen Versammlung
+enthielt, die der &auml;ltere Graf Brachwitz einberief.</p>
+
+<p>Wilms warf den Fetzen achtlos auf die Erde und
+seufzte tief auf. Er interessierte sich nicht f&uuml;r Politik.</p>
+
+<p>&raquo;Jawoll,&laquo; meinte der F&ouml;rster, der nachmittags im
+Vorbeigehen vorsprach, indem er das Zirkular bemerkte.
+&raquo;Der Graf will sich ja in den Reichstag w&auml;hlen
+lassen. Dazu soll hier ein Verein gegr&uuml;ndet werden.
+Zur Hebung der Sittlichkeit auf dem Lande. Na ja,
+alter Freund, es soll ja bei uns auch ganz doll zugehen.
+&#8211; Die verdammten Weibsbilder &#8211; haben Sie&#8217;s nicht
+<a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>auch schon bemerkt, Wilms? Kaum hat man mal
+eine f&uuml;r die Hofarbeit in Lohn genommen &#8211; pardauz
+mu&szlig; man sie wieder entlassen. &#8211; Is da was los mit
+so ner Person. &#8211; Ne &#8211; die Sittlichkeit, &#8211; wei&szlig; der
+Deuwel &#8211; man kann den Frauenzimmern nicht trauen.&laquo;</p>
+
+<p>Er kraute sich hinter den Ohren. &raquo;Da soll ja neulich
+auch was mit einer Verheirateten vorgekommen sein,
+&#8211; warten Sie mal &#8211; es war sogar &#8217;ne Adlige hier
+in der N&auml;he. Aber lachen Sie mich nicht aus, ich
+glaub&#8217;s nicht, weil bei Eheleuten &#8217;ne zu gro&szlig;e Portion
+Schlechtigkeit dazu geh&ouml;rt &#8211; Pfui Deuwel, kann ich
+blo&szlig; sagen.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms blickte den gutm&uuml;tigen Riesen starr an.
+Seine Lippen bewegten sich, aber er erwiderte kein
+Wort.</p>
+
+<p>&raquo;Na guten Morgen, Wilms, wie geht&#8217;s Ihrer
+Frau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihrer Schw&auml;gerin?&laquo;</p>
+
+<p>Wilms r&uuml;hrte sich nicht: &raquo;Dar&uuml;ber wei&szlig; ich nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, denn Adieu!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Adieu auch, Eltze.&laquo;</p>
+
+<p>Aber lange noch, w&auml;hrend er &uuml;ber seinen Wirtschaftsb&uuml;chern
+rechnete und schrieb, t&ouml;nte es vor seinen
+Ohren:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>&raquo;Bei Eheleuten geh&ouml;rt eine zu gro&szlig;e Schlechtigkeit
+dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Schwei&szlig; perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen
+vor ihm fingen an zu tanzen. &#8211; Wenn er nur Kraft
+finden k&ouml;nnte, sich gegen die b&ouml;sen Gedanken zu wehren.
+Aber da nagte und bi&szlig; schon wieder solch t&uuml;ckischer
+Einfall. &raquo;Bei Eheleuten&laquo; hie&szlig; es &#8211; Ja, aber war
+er denn eigentlich verheiratet? Besa&szlig; er denn ein
+Weib? &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; oder hatte Gott der Allm&auml;chtige nicht
+eine Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?</p>
+
+<p>&raquo;Nur das nicht,&laquo; st&ouml;hnte er, &raquo;nur das nicht. Nur
+nicht diese entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.&laquo; Und
+er vergrub sich von neuem in seine Papiere und arbeitete,
+bis die Lampe zu verl&ouml;schen drohte.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes
+Zirkular. Zugleich erschien bei ihm der Inspektor
+Grothe aus Boltenhagen, ein gro&szlig;er, breitschultriger
+Mann, der das Hauptgut des Grafen
+Brachwitz bewirtschaftete. Er sollte den P&auml;chter noch
+besonders zu der Versammlung einladen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich komm nicht,&laquo; entgegnete Wilms, w&auml;hrend
+sich der Inspektor in der gro&szlig;en Stube den Schnee
+absch&uuml;ttelte, und der Abgesandte r&auml;usperte sich zufrieden
+und meinte: &raquo;Da haben Sie auch recht.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>&raquo;Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch
+eigentlich um einen guten Zweck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;nen guten Zweck,&laquo; brummte der andre,
+indem er den Mund verzog: &raquo;Sittlichkeit &#8211; da soll
+sich der Graf man zuerst um seinen Sohn k&uuml;mmern.
+Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht,
+da&szlig; es eine Schande ist, und dann soll so&#8217;n
+Verein gegr&uuml;ndet werden.&laquo;</p>
+
+<p>Sobald der P&auml;chter den Namen des jungen Brachwitz
+vernahm, stieg ihm langsam das Blut in die
+Schl&auml;fen, so da&szlig; er kaum dem anderen seine Bewegung
+verbergen konnte. &raquo;Lassen Sie man, Grothe,&laquo;
+schnitt er kurz ab, &raquo;ich h&ouml;r&#8217; so was nicht gern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;I &#8211; ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen
+Mann. &#8211; Is sogar ein ganz netter, liebensw&uuml;rdiger
+Mensch. Und es is &#8217;ne wahre Dummheit vom Alten,
+da&szlig; er den Jungen nicht bei&#8217;s Milit&auml;r gelassen. Hier
+in der Wirtschaft versteht das nat&uuml;rlich nichts, und
+wei&szlig; das nichts &#8211; und verf&auml;llt auf lauter Dummheiten.
+&#8211; Die F&ouml;rstersfrau kann ihn ja auch nicht
+los werden,&laquo; setzte er leiser hinzu, &raquo;aber sie soll ihm
+ja neulich geh&ouml;rig die T&uuml;r gewiesen haben.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms konnte nicht l&auml;nger zuh&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Grothe &#8211; ich mu&szlig; jetzt &#8211; ich hab noch
+<a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>notwendig was zu tun &#8211; Gr&uuml;&szlig;en Sie den Herrn
+Grafen, und &#8211; ja ich werd&#8217; woll auch kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na sch&ouml;n,&laquo; verabschiedete sich der Inspektor.
+&raquo;Geht&#8217;s Ihrer lieben Frau gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich danke.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelten sich die H&auml;nde, und der Abgesandte
+des Grafen ritt langsam vom Hof herunter.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Aber der Besuch hatte seine Folge.</p>
+
+<p>In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem
+schneeverwehten Geh&ouml;ft so einsam f&uuml;hlte und mit all
+seinen sehns&uuml;chtigen Gedanken an der fernen Hedwig
+hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu
+wissen glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe
+unerreichbar hohe Jungfrau erschienen. Jetzt, als ihm
+das wilde Treiben des Junkers geschildert wurde,
+da erhoben die h&auml;&szlig;lichen Zweifel abermals ihr Haupt,
+da erwachte er wieder zur Wirklichkeit, ein kr&auml;ftiges
+Gef&uuml;hl der Verachtung gegen sich selbst regte sich in
+ihm, und mit aller Macht suchte er die h&auml;&szlig;liche aufkeimende
+Neigung abzusch&uuml;tteln.</p>
+
+<p>Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen
+Zeilen, die ihm Else bereits w&ouml;chentlich schreiben
+konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand z&auml;rtlich &uuml;ber
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>das Papier, und legte es schlie&szlig;lich in das Paket,
+in dem er die Briefe aus der Brautzeit bewahrte.</p>
+
+<p>&raquo;Mein Elsing &#8211; sie wird nun bald ganz gesund
+sein &#8211; und dann werden wir mit Gottes Hilfe
+wieder gl&uuml;cklich &#8211; ach so gl&uuml;cklich, wie damals, eh&#8217;
+die schwere Zeit begann.&laquo; Er seufzte. &raquo;Wenn sie doch
+erst da w&auml;r.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Immer mehr r&uuml;ckte der Winter vor. Es ging
+stark auf Weihnachten. Wilms merkte, da&szlig; seine Leute
+kleine Geschenke f&uuml;r ihre Familien einkauften.</p>
+
+<p>Das bewegte ihm das Herz. Wieder mu&szlig;te er
+an sein fernes Weib denken.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich f&uuml;r den Herrn auch &#8217;ne sch&ouml;ne Tann&#8217;
+putzen?&laquo; fragte die Obermagd.</p>
+
+<p>Es klang wie Mitgef&uuml;hl aus den wenigen Worten,
+als sie auf den einsamen Mann blickte.</p>
+
+<p>Wilms dankte.</p>
+
+<p>&raquo;Ne, la&szlig; man, D&ouml;rthe &#8211; f&uuml;r mich allein. &#8211; Es
+hat keinen Zweck.&laquo;</p>
+
+<p>Aber nachmittags lie&szlig; er den Schlitten anspannen
+und fuhr zur Stadt. Er wollte Else etwas kaufen,
+seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine Freude
+bereiten.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die verschneite, dunkle Landstra&szlig;e klingelte er
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>endlich in Grimmen ein und w&auml;hlte bei dem einzigen
+Juwelier des St&auml;dtchens ein kleines goldnes Herz
+an einer d&uuml;nnen Kette.</p>
+
+<p>Er stand dabei, als man seinen Namen &raquo;Wilms&laquo;
+in das Gold eingrub.</p>
+
+<p>Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit
+dartun, da&szlig; sein ganzes Herz auf ewig seinem Weibe
+geh&ouml;re. In dem Gasthof, in welchem er seinen
+Schlitten eingestellt hatte, sa&szlig; er noch eine Weile
+bei einem Glase Grog und plauderte mit dem Wirt in
+der dunkelbraun verr&auml;ucherten Gaststube. Der P&auml;chter
+erfuhr, da&szlig; sein Schwiegervater, der alte Rendant
+Schr&ouml;der, noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig ist wohl noch nicht zur&uuml;ck?&laquo; erkundigte
+sich der Landmann leichthin.</p>
+
+<p>Der Wirt mit dem gr&uuml;nen Sammetm&uuml;tzchen verneinte.
+Da bezahlte Wilms und brach auf.</p>
+
+<p>Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der
+Wind strich scharf &uuml;ber den offenen Schlitten und warf
+dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht. Eine
+Sehnsucht nach einer warmen, gem&uuml;tlichen Stube beschlich
+ihn, wo ein helles Feuer brannte, und eine
+liebe weibliche Hand dem Eintretenden den dick beschneiten
+Pelz abnahm.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben
+flimmerten ein paar frostige Sterne. Wilms fror.
+Manchmal konnte er bei einzelnen freistehenden H&auml;usern,
+an denen sie vorbeiflogen, in die tr&uuml;b erleuchteten
+Stuben blicken. Da sah man schon Christb&auml;ume,
+welche geschm&uuml;ckt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen
+klangen Kirchenglocken durch die Nacht. Hohl
+und feierlich l&auml;uteten sie das Fest ein. Vorboten der
+gro&szlig;en Freude.</p>
+
+<p>Wilms fa&szlig;te unwillk&uuml;rlich an die Brusttasche, in
+der das P&auml;ckchen mit dem Goldherz verborgen war,
+und trieb seinen Kutscher zu gr&ouml;&szlig;erer Eile an.</p>
+
+<p>Die Glockent&ouml;ne verklangen, wieder Schnee,
+Dunkelheit, Landstra&szlig;e und wei&szlig;es Feld &#8211; halb erlahmt
+vor N&auml;sse und K&auml;lte langten Mensch und Vieh
+endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in
+den einsamen, von dickem Schneewall umgebenen Hof.</p>
+
+<p>Rings lag alles in Dunkelheit geh&uuml;llt. Nur hinter
+den herabgelassenen Rouleaux der gro&szlig;en Stube
+leuchtete Licht.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;bsch von D&ouml;rthe,&laquo; dachte Wilms, w&auml;hrend er
+&uuml;ber den Flur schritt, &raquo;die Dirn hat Mitleid mit mir.&laquo;</p>
+
+<p>Er &ouml;ffnete gleichg&uuml;ltig, zuckte zusammen und blieb
+starr und gro&szlig; unter den Pfosten stehen.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_II" id="Buch_2_II"></a>II.</h3>
+
+
+<p>Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen,
+schwarzen Kleid und streckte ihm mit froher Herzlichkeit
+die Hand entgegen. Ein anmutiges L&auml;cheln umspielte
+dabei ihr bl&uuml;hendes Antlitz. &raquo;Na, Schwager,&laquo;
+neckte sie leicht, &raquo;der neue Gast gef&auml;llt dir wohl nicht?&laquo;</p>
+
+<p>In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in
+der hellen, durchw&auml;rmten Stube weilte ein liebes,
+reizendes Gesch&ouml;pf, bereit, den gro&szlig;en Mann von
+seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so,
+wie er es sich gedacht hatte.</p>
+
+<p>Aber den ungeschickten Mann w&uuml;rgte es zuerst,
+als ob von unsichtbarer Hand seine Kehle zusammengepre&szlig;t
+w&uuml;rde. &#8211; Halb religi&ouml;se Vorstellungen durchflogen
+ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von
+Else angenommen hatte.</p>
+
+<p>Sie war da.</p>
+
+<p>Die Versuchung war wieder da.</p>
+
+<p>All die Angst, die er ihretwegen in der langen
+Zeit erduldet, st&uuml;rzte in seine Erinnerung und wandelte
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>seinen Gegengru&szlig;, als er sich endlich aufraffte,
+zu einem unverst&auml;ndlichen Murmeln.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig &#8211;&nbsp;&#8211; willkommen &#8211; du &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Dann bemerkte er, da&szlig; sie ihm noch immer die
+Hand entgegenhielt, und pre&szlig;te sie unbeholfen zwischen
+seinen Fingern.</p>
+
+<p>&raquo;O &#8211;&laquo; sie verzog schmerzhaft den Mund.</p>
+
+<p>Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.</p>
+
+<p>Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie
+ihm beim Ausziehen behilflich war.</p>
+
+<p>Der Tisch war wei&szlig; gedeckt, ein hei&szlig;er Grog
+dampfte schon, alles war f&uuml;r ein schmackhaftes Abendbrot
+zubereitet. Sogar die beiden Servietten waren
+in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, da&szlig;
+diesmal eine Frau von guter Erziehung den Tisch
+besorgt hatte.</p>
+
+<p>Verbl&uuml;fft musterte Wilms diese Anstalten.</p>
+
+<p>Es kam ihm alles so &uuml;berraschend, er konnte sich so
+gar nicht in den neuen Zustand finden. Ungelenk
+n&ouml;tigte er endlich den Gast auf das Sofa und setzte
+sich dem M&auml;dchen auf einem Stuhl gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>L&auml;chelnd &uuml;ber seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig
+einige Speisen vorlegen, jedoch er hielt pl&ouml;tzlich
+ihre schon erhobene Hand fest und begann ungest&uuml;m
+zu fragen:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>&raquo;Noch nicht &#8211; noch nicht &#8211; vor allen Dingen,
+wie geht es meiner Frau?&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen nickte ermunternd: &raquo;Gut &#8211; &uuml;berhaupt
+&uuml;berraschend &#8211; so gut, da&szlig; sie schon in acht
+Tagen hier eintreffen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was? Gott sei Dank,&laquo; murmelte Wilms. &raquo;Kann
+sie denn schon gehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, zwar noch auf einen Stock gest&uuml;tzt, aber
+es wird mit jedem Tag besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und du, Hedwig?&laquo; stockte er und sah sie wieder
+so verst&auml;ndnislos an, da&szlig; sie in ein fr&ouml;hliches Gel&auml;chter
+ausbrach.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier
+bei dir will?&laquo; begann sie endlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, &#8211; das hei&szlig;t &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kannst du dir&#8217;s wirklich nicht denken? Was seid
+ihr M&auml;nner doch schwerf&auml;llig. &#8211; Vorausgeschickt bin
+ich &#8211; aufr&auml;umen soll ich, das Unterste zu oberst kehren,
+damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht wahr,
+Schwager, das gef&auml;llt dir nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir? Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du ein so gr&auml;mliches Gesicht dazu machst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre, Hedwig &#8211; du wei&szlig;t doch, da&szlig; du
+uns immer willkommen bist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.</p>
+
+<p>Sie dagegen nippte nur von allem und erz&auml;hlte
+ihm unaufh&ouml;rlich von Else und beschrieb alle Einzelheiten
+ihres Aufenthalts. Die halb polnische Stadt,
+die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
+die B&auml;der, und das Ganze so n&uuml;chtern und
+verst&auml;ndlich, da&szlig; Wilms l&auml;ngst Messer und Gabel
+hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
+lauschen.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit go&szlig; sie ihm den angenehm
+erw&auml;rmenden Trank ein und l&auml;chelte liebensw&uuml;rdig,
+wenn er ihr zaghaft zutrank.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen
+beiden ein. Hedwig hatte aufgeh&ouml;rt zu erz&auml;hlen und
+lehnte sich in die Sofaecke zur&uuml;ck, da die Reise sie
+wahrscheinlich erm&uuml;det hatte. Auch Wilms hielt eine
+Scheu davon ab, jetzt irgend etwas Gleichg&uuml;ltiges
+vorzubringen.</p>
+
+<p>Er blickte mehrfach rasch zu ihr hin&uuml;ber, beobachtete
+dann das verglimmende Ofenfeuer, faltete umst&auml;ndlich
+die Serviette, und sah von neuem unruhig
+auf das junge M&auml;dchen hin.</p>
+
+<p>Sie tr&auml;umte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand
+gest&uuml;tzt, schien sie an etwas Fernes zu denken.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter wurde unruhig.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>&raquo;Hedwig,&laquo; r&auml;usperte er sich halblaut.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Schwager.&laquo;</p>
+
+<p>Sofort richtete sich das M&auml;dchen auf und dr&uuml;ckte
+fl&uuml;chtig beide H&auml;nde gegen die Schl&auml;fen, als wollte
+sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Fragenden
+lenken.</p>
+
+<p>&raquo;Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem
+Vater?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich bin direkt hierher gefahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sofort hierher?&laquo; wiederholte Wilms. Eine peinliche
+Verstimmung stieg in ihm auf. Was konnte
+sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten Geh&ouml;ft
+suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen,
+wie jedoch sein Blick ihre ruhigen, braunen Augen
+traf, verstummte er wieder und kratzte verlegen auf
+dem Tisch hin und her.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang blieb es still.</p>
+
+<p>Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte
+Wilms nicht ertragen. Etwas qu&auml;lte und marterte
+ihn dabei grenzenlos.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig,&laquo; fing er mit &Uuml;berwindung pl&ouml;tzlich an
+und zum erstenmal wendete er ihr ganz sein ehrliches
+Gesicht zu. &raquo;Es mu&szlig; mal zwischen uns zur Sprache
+kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen.
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a>&#8211; Weshalb bist du eigentlich &#8211; ich &#8211; mein Kind
+&#8211; ich meine, warum bist du eigentlich so gut zu uns?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe
+deines Erbteils geborgt, und ich hab mir damit helfen
+k&ouml;nnen. Das h&auml;tt&#8217; mir schon kein anderer getan, &#8211;
+nein, la&szlig; &#8211; ich mu&szlig; es mal sagen, auch meine Frau
+hast du gepflegt, um die es nur wenige aushalten
+konnten. Und nu &#8211; nu kommst du wieder hierher
+zur&uuml;ck, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen
+und unterst&uuml;tzen und aufrichten, und das alles soll ich
+mir gefallen lassen, ohne eigentlich zu wissen, warum
+du das alles tust; ich kann&#8217;s mir ja gar nicht erkl&auml;ren,
+du pa&szlig;t ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
+vornehme, junge Dame, warum bestehst du also
+darauf?&laquo;</p>
+
+<p>Das letzte rief der gro&szlig;e Mann in einem heftigen,
+beinahe ungl&uuml;cklichen Ton.</p>
+
+<p>Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre
+Wangen erbla&szlig;ten etwas, aber sonst str&ouml;mte ihr Wesen
+unver&auml;nderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr eigent&uuml;mlich
+war. Langsam schritt sie zum Ofen, w&auml;rmte sich
+die H&auml;nde, durchma&szlig; dann mit gesenktem Haupt mehrmals
+das Zimmer, als ob sie nachdenke, und blieb endlich
+an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf die
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>Glocke der Lampe legte, da&szlig; Wilms das Blut hindurchrinnen
+sah.</p>
+
+<p>Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem
+Stuhl, er konnte das Webemuster ihres Kleides erkennen.</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich wandte er den Kopf fort.</p>
+
+<p>&raquo;Siehst du, Schwager,&laquo; hob sie nach schwerer
+Pause klar und bedacht an zu sprechen, immer den
+Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet: &raquo;Ich
+habe auch schon dar&uuml;ber nachgesonnen, warum ich
+so gern hierher zur&uuml;ckkam in eure Einsamkeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gern?&laquo; unterbrach sie der P&auml;chter erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich kam gern,&laquo; fuhr sie hastiger fort, &raquo;gerade
+weil es hier so still ist. &#8211; Mir ist diese Stille Bed&uuml;rfnis.
+&#8211; Ich verabscheute schon als Kind alles Unruhige
+und Ger&auml;uschvolle. Aber das ist nicht der Hauptgrund,&laquo;
+setzte sie sinnend hinzu: &raquo;ich kam wohl zumeist
+deinetwegen, Schwager.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Meinetwegen?&laquo; schreckte Wilms auf. Aber es
+war alles so leidenschaftslos, so &uuml;berlegt und ohne eine
+Spur von Z&auml;rtlichkeit hingesprochen, da&szlig; der P&auml;chter
+f&uuml;hlte, er m&uuml;&szlig;te ihre Worte falsch aufgefa&szlig;t haben.</p>
+
+<p>Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen,
+er scharrte ungeduldig mit den F&uuml;&szlig;en und
+blickte erregt zu ihr auf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>&raquo;Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?&laquo; murmelte
+er.</p>
+
+<p>Sie zog langsam die H&auml;nde von dem Glase zur&uuml;ck
+und lie&szlig; sich wieder auf das Sofa nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie ungl&uuml;cklich
+geworden, Wilms.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das bin ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie
+jeder andere Mann, eine Ehe eingegangen, um eine
+H&auml;uslichkeit zu besitzen? &#8211; Nun, und hast du sie gefunden?
+&#8211; Nein, das ging dir alles durch die lange
+Krankheit verloren &#8211; und auch jetzt, Schwager, &#8211; ich
+mu&szlig; es dir sagen, mit vielem Schmerz, glaub&#8217; mir das
+&#8211; auch jetzt wird dir meine arme Schwester dieses
+Gl&uuml;ck nicht schaffen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht schaffen k&ouml;nnen?&laquo; echote Wilms entsetzt.
+Eisesk&auml;lte durchstr&ouml;mte ihn, wie vorhin, als er auf
+dem Schlitten sa&szlig;.</p>
+
+<p>Im Moment ha&szlig;te er das M&auml;dchen, welches ihm
+das alles so schonungslos enth&uuml;llte.</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nicht, Hedwig?&laquo; fl&uuml;sterte er.</p>
+
+<p>&raquo;Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,&laquo;
+schlo&szlig; Hedwig leise, als wenn sie ihn nicht noch mehr
+erregen wollte, &raquo;da&szlig; Else nach wie vor aufs &auml;u&szlig;erste
+geschont werden mu&szlig;, und da&szlig; sie nie wieder als eine
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt
+werden darf &#8211; du armer Mann.&laquo;</p>
+
+<p>Ein leises St&ouml;hnen unterbrach sie.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh,&laquo; beendete sie hastig, indem sie auffallend
+die Farbe wechselte, &raquo;und da stand es bei mir fest,
+da&szlig; ich hier vielleicht den Wirkungskreis aufnehmen
+k&ouml;nnte, den meine Schwester nicht ausf&uuml;llen wird,
+damit du wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du
+schon so viel gelitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und da wolltest du &#8211;&nbsp;&#8211;?&laquo; stammelte er.</p>
+
+<p>Er begriff es nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichm&auml;&szlig;igen
+Besch&auml;ftigung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber &#8211; aber willst du denn nicht heiraten?&laquo;
+fuhr es ihm heraus. Er sch&auml;mte sich, als er es sagte.</p>
+
+<p>Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln:
+&raquo;Schwerlich,&laquo; erwiderte sie gleichg&uuml;ltig. &raquo;Ich habe
+als Tochter eines kleinen Beamten den t&ouml;richten
+Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber &#8211;&laquo;
+&#8211; sie z&ouml;gerte und wurde zum erstenmal unruhig &#8211;
+&raquo;das ist mir wohl nicht zum Heile ausgeschlagen.
+Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem
+ich gefalle, und der zu mir pa&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O Hedwig, doch &#8211; doch &#8211;&laquo; widersprach Wilms
+gedankenlos, &#8211; &raquo;du bist ja sch&ouml;n und klug, das
+<a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>wird sich schon finden.&laquo; Aber w&auml;hrend er es sprach,
+mu&szlig;te er pl&ouml;tzlich widerwillig daran denken, da&szlig; diese
+vollen, roten Lippen schon st&uuml;rmisch und s&uuml;ndhaft
+gek&uuml;&szlig;t worden seien.</p>
+
+<p>Das verdarb ihm den Abend vollends.</p>
+
+<p>Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie ersch&ouml;pft
+in ihrer Sofaecke. &#8211; Nur als er &auml;u&szlig;erte, da&szlig; sie
+sch&ouml;n und klug sei, traf ihn ein kurzer, erstaunter
+Blick. Dann schlug sie wieder m&uuml;de die Augen nieder.</p>
+
+<p>So sa&szlig;en sie noch eine Stunde zusammen und
+sprachen &uuml;ber alles, was in der Umgegend in der
+Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte sich
+Hedwig nach den Wirtschaftsverh&auml;ltnissen.</p>
+
+<p>Er gab &uuml;ber alles genau Auskunft.</p>
+
+<p>Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und
+Hedwig erhob sich.</p>
+
+<p>Wilms empfand, da&szlig; er gehen m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Er stand sofort auf.</p>
+
+<p>&raquo;Noch eins,&laquo; sagte er, &raquo;hier hast du die Schl&uuml;ssel.&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm aus einem K&ouml;rbchen, das auf dem N&auml;htisch
+am Fenster stand, ein Schl&uuml;sselbund und h&auml;ndigte
+es seiner Schw&auml;gerin ein.</p>
+
+<p>Achtlos empfing das M&auml;dchen die klirrenden Dinger
+und hing sie sich in den G&uuml;rtel, aber Wilms
+beschlich ein schmerzliches Gef&uuml;hl dabei, da&szlig; Elsens
+<a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Befugnisse damit gleicherma&szlig;en auf ihre Schwester
+&uuml;bergingen. Sie erschien ihm auch nicht mehr so sch&ouml;n,
+wie fr&uuml;her.</p>
+
+<p>Dann reichten sie sich die H&auml;nde und w&uuml;nschten
+sich &raquo;Gute Nacht&laquo;.</p>
+
+<p>&raquo;Schl&auml;fst du hier?&laquo; fragte Wilms.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, in Elses Bett.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht, Schwager.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch
+brannte ein Licht, darunter lag ein gro&szlig;es Kuvert,
+das Elses Aufschrift trug.</p>
+
+<p>Hastig zerri&szlig; Wilms den Umschlag. Drinnen fand
+er ein Bild und einen Zettel mit den wenigen Worten:</p>
+
+<div class="blockquot">
+<p>&raquo;Lieber, guter, einziger Mann!</p>
+
+<p>Wie gern m&ouml;chte ich das Fest mit Dir feiern,
+denn mir ist so sehr bange nach Dir, aber bald,
+bald, wenn es Gott so f&uuml;gt, bin ich wieder bei Dir.</p>
+
+<p>Mit tausend innigen K&uuml;ssen</p>
+
+<p class="right">Deine arme Else.&laquo;</p>
+</div>
+
+<p>Wilms griff nach dem Bilde.</p>
+
+<p>Auf einem Polsterstuhl sa&szlig; die Kranke, das schmale
+Gesicht mit den gro&szlig;en Augen ein wenig vorn&uuml;ber
+<a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>geneigt. Neben ihr Hedwig, schlank aufgerichtet, der
+vollendete Wuchs zum Greifen deutlich, als wenn
+Gesundheit und Verfall gegen einander kontrastieren
+sollten.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter schauerte, als er es sah.</p>
+
+<p>Auf dem Antlitz des M&auml;dchens ruhte ein so sicherer,
+triumphierender Schein.</p>
+
+<p>Freut sie sich, da&szlig; sie leben wird, und die Schwester
+dem Tode zuwankt? dachte Wilms ersch&uuml;ttert.</p>
+
+<p>In der Kammer war nicht geheizt. Ein Fr&ouml;steln
+durchlief den Einsamen vom Kopf bis zu den F&uuml;&szlig;en.
+Mit Abscheu, als ob die Photographie Hedwig allein
+darstelle, warf er das Bild von sich auf den Tisch
+und suchte m&uuml;de und zerbrochen sein Lager auf.</p>
+
+<p>Bald erlosch das Licht.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_III" id="Buch_2_III"></a>III.</h3>
+
+
+<p>Am fr&uuml;hen Morgen, als Wilms aufstand, h&ouml;rte
+er, wie seine Schw&auml;gerin den M&auml;gden im Hausflur
+schon etwas auftrug.</p>
+
+<p>Er sah auf die Uhr. Es war erst sechs. Und
+noch stockfinster.</p>
+
+<p>Das lockte ihm den Seufzer ab: &raquo;Ach, wenn Else
+das doch auch verm&ouml;chte.&laquo;</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde sp&auml;ter, er hatte sich kaum v&ouml;llig
+angekleidet, brachte ihm D&ouml;rthe Kaffee und Fr&uuml;hst&uuml;ck.
+Der Landmann erstaunte.</p>
+
+<p>&raquo;Soll ich denn hier oben fr&uuml;hst&uuml;cken?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr, das Fr&auml;ulein hat schon unten getrunken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wie sie will. Es is gut.&laquo;</p>
+
+<p>Die Obermagd ging.</p>
+
+<p>Wilms sa&szlig; eine Weile allein und wunderte sich,
+mit welcher Willenskraft Hedwig ihre neue Aufgabe
+gleich erfa&szlig;te.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Dann fuhr er sich mit der groben Hand unwillig
+&uuml;ber die Stirn.</p>
+
+<p>Immerfort zwang ihn das M&auml;dchen, sich mit ihr
+zu besch&auml;ftigen. Aber er wollte ihr an Regsamkeit
+nicht nachstehen. Er hatte ja einige wichtige Gesch&auml;fte
+in der N&auml;he abzuwickeln, und deshalb wollte er fortreiten,
+damit er erst gegen Mittag wieder zur&uuml;ckzukehren
+brauchte.</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;glichst wenig mit ihr zusammen sein,&laquo; dachte er.</p>
+
+<p>Mit diesem Entschlu&szlig; trat er an das kleine
+Kammerfenster und sah auf den schneebedeckten Hof
+herunter.</p>
+
+<p>In einem steinernen Seitengeb&auml;ude h&ouml;rte er viele
+weibliche Stimmen durcheinander sprechen, lachen und
+plaudern. Es war die Molkerei, die solange auf
+Hedwig geharrt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sollte sie schon unten sein?&laquo; dachte er verwundert.</p>
+
+<p>Als er etwas sp&auml;ter &uuml;ber den Hof schritt, um sich
+im Stall sein Pferd zu satteln, machte er den Umweg
+am Seitenhaus vorbei und warf einen raschen
+Blick in den von einer Lampe erleuchteten, ziegelsteingepflasterten
+Raum.</p>
+
+<p>Richtig &#8211; umgeben von ihren M&auml;gden sah er
+Hedwig vor einem gro&szlig;en Fasse stehen und mit ihren
+jugendlichen Kr&auml;ften den gro&szlig;en Kl&uuml;ngel heben und
+<a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>wieder herunterstampfen. Beif&auml;llig murmelten die
+M&auml;gde und versuchten, es ihr an zwei anderen F&auml;ssern
+nachzuahmen.</p>
+
+<p>Sie hatte sich von D&ouml;rthe eine gew&ouml;hnliche Arbeitsbluse
+geborgt, an der die &Auml;rmel fehlten, und nun
+sah der P&auml;chter, wie ihre vollen Arme vor Anstrengung
+sich r&ouml;teten. Ihr Atem umdampfte sie in der
+kalten K&uuml;che wie eine Wolke.</p>
+
+<p>Dem Lauscher fiel wieder jener Abend ein, als
+er sie allein in ihrer Kammer getroffen, und augenblicklich
+war seine Freude an dem arbeitsfrohen Bild
+wie fortgescheucht.</p>
+
+<p>Widerwillig murmelte er etwas vor sich hin, schlug
+dann mit Ger&auml;usch die Stallt&uuml;r auf und ritt nach
+einiger Zeit gru&szlig;los vom Hof herunter. Als er sich
+auf der Landstra&szlig;e noch einmal umwandte, glaubte
+er Hedwig unter der T&uuml;r des Seitenhauses zu erkennen,
+die ihm nachblickte.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>&raquo;Was i&szlig;t der Herr gerne?&laquo; befragte Hedwig die
+Obermagd, ehe sie die Molkerei verlie&szlig;.</p>
+
+<p>D&ouml;rthe sann nach. Dann gab sie Kartoffelsuppe
+an. &raquo;Und der Herr hat gestern selbst einen Hasen
+geschossen. Der h&auml;ngt noch.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Hedwig war zufrieden. Sie wollte selbst alles zubereiten.
+Der taube Krischan wurde ins Dorf nach
+allerlei Zutaten zum Kr&auml;mer geschickt.</p>
+
+<p>Er hinkte unlustig vom Hof herunter.</p>
+
+<p>Bewundernd lugten die Obermagd und ihre Untergebenen
+dem M&auml;dchen nach, als sie eilig dem Hause
+zuschritt.</p>
+
+<p>&raquo;Die versteht&#8217;s,&laquo; urteilte D&ouml;rthe, &raquo;schade, da&szlig; die
+Frau nich auch so is.&laquo;</p>
+
+<p>Den ganzen Vormittag &uuml;ber revidierte Hedwig das
+Haus vom Keller bis unter das Dach. Mit Elsens
+Schl&uuml;sseln &ouml;ffnete sie alle Schr&auml;nke, z&auml;hlte nach und
+legte zurecht, als ob alles ihr geh&ouml;re. Ihre Wangen
+r&ouml;teten sich dabei vor Vergn&uuml;gen. Sie erschien sich
+wie eine Hausfrau, die f&uuml;r Mann und Heim zu
+sorgen hat.</p>
+
+<p>Dann waltete sie in der K&uuml;che. Zuletzt gab sie
+D&ouml;rthe den Auftrag, eine kleine Tanne schlagen zu
+lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber Fr&auml;ulen,&laquo; meinte die Magd bedenklich,
+&raquo;der Herr will aber keine.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er sagte, weil er so allein is. &#8211; Und &#8211; dann
+&#8211; unsre Frau fehlt auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sagte er das?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>&raquo;Ja, so &auml;hnlich sagte er woll.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah einen Augenblick zu Boden.
+Dann entschied sie l&auml;chelnd: &raquo;Ich bin ja da &#8211; h&ouml;re,
+D&ouml;rthe, es mu&szlig; eine recht sch&ouml;ne Tanne sein. &#8211; Haben
+wir etwas zum Putzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, Fr&auml;ulen, da&szlig; ich nich w&uuml;&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dann machen wir es uns heute selbst. &#8211;
+Und f&uuml;r euch auch,&laquo; setzte sie hinzu. &raquo;Christian soll
+buntes Papier holen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie is zu nett,&laquo; sprach die Obermagd dankbar
+hinter ihr her.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Wilms merkte bei Tisch, da&szlig; gerade seine Lieblingsspeisen
+gew&auml;hlt seien, und als er sich in seiner
+ruhigen Weise daf&uuml;r bedankte, glitt ein heiteres, selbstzufriedenes
+L&auml;cheln &uuml;ber Hedwigs sch&ouml;nes Gesicht.</p>
+
+<p>Es bereitete ihr Freude, f&uuml;r die Bed&uuml;rfnisse eines
+Menschen sorgen zu d&uuml;rfen, und namentlich f&uuml;r diesen
+gro&szlig;en, unbeholfenen Mann, dem das Schicksal schon
+so grausam mitgespielt hatte.</p>
+
+<p>Freundlich plauderten sie wieder &uuml;ber allerlei. Das
+M&auml;dchen erz&auml;hlte von ihren Erfahrungen bei der
+Molkerei. Wilms sagte ihr, da&szlig; er ihre Kraft und
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>Energie bewundere. Dann berichtete er von den Gesch&auml;ften,
+die er vormittags betrieben.</p>
+
+<p>Es kam ihm ganz selbstverst&auml;ndlich vor, da&szlig; er
+dergleichen mit Hedwig bespr&auml;che. Ja, er glaubte,
+da&szlig; ihm noch einmal so gute Eingebungen k&auml;men,
+wenn sie ihn mit ihren klugen, aufmunternden Augen
+dazu anblickte.</p>
+
+<p>Nach Tisch f&uuml;hrte er sie in den Pferdestall. Hedwig
+riet ihm dringend, einige von den Tieren zu
+verkaufen. Es war in den n&auml;chsten Tagen gerade
+Pferdemarkt in Grimmen, und Wilms gestand, da&szlig;
+er selbst etwas &Auml;hnliches geplant habe.</p>
+
+<p>Dann trennten sie sich.</p>
+
+<p>Als der Landmann zum Kaffee erschien, fand er
+ihren Platz leer. Er fragte mehrfach nach ihr, endlich
+erfuhr er von D&ouml;rthe, die ein geheimnisvolles
+Gesicht aufsetzte, da&szlig; das Fr&auml;ulein besch&auml;ftigt w&auml;re.</p>
+
+<p>Wilms verstand das nicht und trank mit einem
+merkw&uuml;rdigen Gef&uuml;hl seinen Kaffee allein.</p>
+
+<p>Er wollte sich nicht eingestehen, da&szlig; er ihre stets
+dienstbereite Gesellschaft vermisse.</p>
+
+<p>Zum Abendbrot dagegen erschien Hedwig wieder
+und zeigte sich so aufger&auml;umt und heiter wie selten.
+Sie erz&auml;hlte allerhand lustige Geschichten und Witze
+und brachte Wilms oft zum Lachen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Wenn sie etwas Anz&uuml;gliches vorbrachte, dann sah
+ihr Gesicht so reizend aus, um ihren vollen Mund
+zuckte dann oft ein so feiner, liebensw&uuml;rdig-frecher
+Zug, da&szlig; ihr Gegen&uuml;ber unwillk&uuml;rlich mitlachen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und so fremd dem Landmann zuerst dies alles
+war, so stark f&uuml;hlte er sich bald davon angemutet.
+Auch er besa&szlig; eine Art derben, tiefen Humors, und
+es dauerte nicht lange, so ging der P&auml;chter gem&uuml;tlich
+auf ihre Scherze ein.</p>
+
+<p>Gelassen nickte er, wenn sie ihn mit seiner groben
+Unbehilflichkeit neckte.</p>
+
+<p>Nur als er seine gro&szlig;e Pfeife in Brand setzte und
+ein paar m&auml;chtige Dampfst&ouml;&szlig;e herausjagte, verzog
+sie die Brauen.</p>
+
+<p>Wilms h&ouml;rte auf. &raquo;St&ouml;rt es dich?&laquo; fragte er
+bedauernd.</p>
+
+<p>Ungern h&auml;tte er auf dieses Vergn&uuml;gen verzichtet.
+&raquo;Sollte sie etwa dieselbe Abneigung dagegen empfinden
+wie meine arme Else?&laquo; dachte er ein wenig
+verstimmt. Allein Hedwig zog ihr parf&uuml;miertes
+Taschentuch hervor und w&auml;hrend sie sich Luft zuf&auml;chelte,
+&auml;u&szlig;erte sie leichthin: &raquo;Bis morgen darfst du so rauchen,
+lieber Wilms, aber l&auml;nger nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis morgen?&laquo; dachte Wilms verwundert.</p>
+
+<p>Er verstand sie wieder nicht.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Ferne, langhinhallende T&ouml;ne mischten sich in ihr
+Gespr&auml;ch. Von der Kirche des Hauptgutes, die fast
+eine Viertelstunde entfernt lag, begannen wiederum
+die Glocken zu l&auml;uten, zum letztenmal vor dem Fest.</p>
+
+<p>Wie ein feiner, vertr&auml;umter Silberton zog es durch
+die Luft. Hedwig erhob sich. Sie trat ans Fenster
+und zog den Vorhang fort.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en wei&szlig;er, blinkender Schnee, die graue Luft
+ganz erf&uuml;llt von gro&szlig;en Flocken, die langsam und
+schwer herabfielen. Wie erstarrt schienen die weichen
+Daunen manchmal im leeren Raum festhalten zu
+wollen.</p>
+
+<p>Als sie so in das Gest&ouml;ber hineinblickte, beschlich
+das M&auml;dchen eine stille Wehmut: &raquo;Morgen ist Weihnachten,&laquo;
+sagte sie leise. Nichts regte sich hinter ihr.
+Keine Antwort wurde laut. Langsam wendete sie sich
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Am Tisch sa&szlig; Wilms, den schweren Kopf auf die
+Hand gest&uuml;tzt, und betrachtete das kleine Goldherz,
+das er vor kurzem gekauft. Eine Tr&auml;ne war auf
+das Gold gerollt, gerade auf seinen Namen, der dort
+eingraviert stand.</p>
+
+<p>Jetzt sah er auf:</p>
+
+<p>&raquo;In acht Tagen ist sie wieder bei uns,&laquo; sagte er
+<a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>weich, als ob er seine schwere Empfindung zur&uuml;ckdr&auml;ngen
+wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Else?&laquo; fragte das M&auml;dchen rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Ja. &#8211; Komm, Hedwig &#8211; ich will ihr dieses
+Herz zum Fest schicken. Wir wollen es einpacken.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen richtete sich auf. Langsam schritt
+sie zum Tisch, langsam wog sie das kleine Herz in
+der Hand. Erst als sie den eingepr&auml;gten Namen bemerkte,
+blickte sie ihrem Schwager, der sich ebenfalls
+erhoben hatte, fest und nachdenklich in die gutm&uuml;tigen
+Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird sich freuen,&laquo; sagte sie schwer und nachdr&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Das K&auml;stchen wurde verschn&uuml;rt, Wilms schrieb die
+Adresse, Hedwig trug ihm Licht und Siegellack hinzu.
+Er dr&uuml;ckte das Petschaft darauf.</p>
+
+<p>Mit seltsam starren Blicken verfolgte sie sein Tun.
+Ein Atom von dem fl&uuml;ssigen Siegellack fiel auf ihre
+Hand und lag auf der wei&szlig;en Fl&auml;che, wie ein runder
+Blutstropfen.</p>
+
+<p>&raquo;O&laquo; &#8211; rief Wilms erschreckt, &raquo;ich habe dir weh
+getan.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir?&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte kaum etwas gemerkt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>&raquo;Es brennt nicht mehr,&laquo; beruhigte sie den Landmann
+abwehrend.</p>
+
+<p>Gleich darauf nickte sie ihm freundlich zu und
+ging zur T&uuml;r. &#8211; Dabei sah sie wohl nicht, da&szlig;
+er ihr die Hand entgegengestreckt hatte, wie er es
+immer tat, wenn er ihr &raquo;Gute Nacht&laquo; bot.</p>
+
+<p>Die T&uuml;r schlo&szlig; sich, bevor sie seinen Wunsch vernehmen
+konnte. Befremdet blickte ihr der P&auml;chter
+nach. Dann ging er noch lange in dem gro&szlig;en Zimmer
+auf und nieder, bis er endlich unter das Fenster
+trat, genau dort, wo Hedwig vorhin gestanden hatte.</p>
+
+<p>Und ebenso, wie sie, sp&auml;hte er in das lautlose
+Schneetreiben hinein, er dr&uuml;ckte die Stirn an das
+eisige Glas und regte sich nicht. Dachte er an sein
+fernes Weib?</p>
+
+<p>Er stellte sich vor, wie sie sich das goldene Herzchen
+um den wei&szlig;en abgemagerten Hals schlingen w&uuml;rde,
+aber w&auml;hrend er sich es ausmalte, wurde drau&szlig;en
+das Getriebe immer st&uuml;rmischer, die Flocken wirbelten
+und balgten sich immer toller &#8211; das verwirrte seine
+Gedanken.</p>
+
+<p>&raquo;Was wohl Hedwig sagen w&uuml;rde,&laquo; raunte etwas
+in ihm, &raquo;wenn ich ihr morgen das d&uuml;nne Kettchen
+um den Nacken legen w&uuml;rde?&laquo; Er wollte den Gedanken
+absch&uuml;tteln, aber im Geist beugte er sich und
+<a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>k&uuml;&szlig;te sie auf diesen wei&szlig;en, bl&uuml;henden Nacken. Und
+immer hei&szlig;er und toller braute seine Phantasie. &raquo;Ob
+sie dann wohl die Arme um ihn schlingen und ihren
+roten Mund zu ihm erheben w&uuml;rde, wie ein liebendes
+Weib, das sich an den Mann schmiegt?&laquo;</p>
+
+<p>Ein irres L&auml;cheln umspielte seine Lippen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fuhr er auf und brach in ein gewaltsames,
+schmerzliches St&ouml;hnen aus:</p>
+
+<p>&raquo;Jesus Christus &#8211; nicht in Versuchung,&laquo; stammelte
+er, &raquo;o Gott, nicht in Versuchung.&laquo;</p>
+
+<p>Wie im Krampf faltete er die H&auml;nde.</p>
+
+<p>Und drau&szlig;en klangen noch immer die Glocken,
+bim &#8211; bum &#8211; bim &#8211; bum, feierlich leise, wie
+Gesang mahnender Geister, welche die Botschaft vom
+Heiland auch in dies verlassene, im Schnee versunkene
+Geh&ouml;ft trugen.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_IV" id="Buch_2_IV"></a>IV.</h3>
+
+
+<p>So war das Fest herangekommen.</p>
+
+<p>Schon am Nachmittag bat Hedwig den P&auml;chter,
+er m&ouml;chte das gro&szlig;e Wohnzimmer verlassen. Irgend
+etwas Geheimnisvolles bereite sich vor.</p>
+
+<p>M&uuml;rrisch und verdrie&szlig;lich, wie er sich sonst nie
+gegen das M&auml;dchen betragen hatte, ging Wilms
+hierauf aus der Stube, ohne ein Wort und indem
+er es vermied, sie anzusehen. Jedoch mitten in den
+Vorbereitungen f&uuml;r den Heiligen Abend fiel Hedwig
+dies Benehmen nicht sonderlich auf, sie rief ihre getreue
+D&ouml;rthe und arbeitete mit ihr hinter verschlossenen
+T&uuml;ren.</p>
+
+<p>Unterdessen sa&szlig; Wilms in seiner Kammer und
+schrieb an Else einen Brief. Hei&szlig; und dringend flehte
+er sein Weib an, zur&uuml;ckzukehren, sobald es ihre Gesundheit
+nur irgendwie gestatte. Er freue sich auf
+ihre R&uuml;ckkehr, wie auf ein Fest. &Uuml;berall fehle sie
+ihm. Alles erinnerte ihn an sie. Ach, wenn sie doch
+erst da w&auml;re. &#8211; Ganz am Schlu&szlig; erw&auml;hnte er auch
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>Hedwig. Sie f&uuml;hre das Hauswesen zu seiner Zufriedenheit,
+aber sein armes, geliebtes Weib k&ouml;nne
+sie nat&uuml;rlich doch nicht ersetzen. Er stockte, da er es
+schrieb. Das Blut sauste und summte durch alle seine
+Adern. &raquo;Gelogen &#8211; gelogen,&laquo; t&ouml;nte es deutlich vor
+seinen Ohren. Hastig schlo&szlig; er das Schreiben, und
+sa&szlig; dann stundenlang in dem immer dunkler werdenden
+Raum.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te, da&szlig; Hedwig unten einen Christbaum
+schm&uuml;cke. F&uuml;r seine Leute nat&uuml;rlich, suchte er sich einzureden.
+Jedoch gleichviel. Bald w&uuml;rde sie nach ihm
+schicken, damit er teilnehmen solle an der allgemeinen,
+gro&szlig;en Freude. &raquo;Und er sollte dann mit ihr zusammen
+unter den flimmernden Lichtern stehen?&laquo;
+gr&uuml;belte er, &raquo;und dann allein sein mit dem M&auml;dchen,
+w&auml;hrend der Baum seinen kr&auml;ftigen Tannengeruch
+verbreitete und die Fl&auml;mmchen darauf hell und aufrecht
+in die H&ouml;he z&uuml;ngelten? W&uuml;rden dann nicht
+die aufreizenden Gedanken wiederkehren, die ihn
+gestern bis zum Wahnsinn gepeinigt? &#8211; Nein, nein
+&#8211; nur das nicht mehr. &#8211; Wie w&auml;re es, wenn er
+sich still aus dem Hause schliche und den Abend wo
+anders zubr&auml;chte, vielleicht beim Pastor?&laquo;</p>
+
+<p>Wie gehetzt erhob er sich, warf seinen Mantel um
+und tappte leise &uuml;ber die dunkle Treppe nach unten.
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>Er durchschritt den Hausflur, da &ouml;ffnete sich die T&uuml;r
+des gro&szlig;en Zimmers, eine Gestalt trat heraus.</p>
+
+<p>Wilms fuhr zusammen und blieb unwillk&uuml;rlich
+stehen. Die Dunkelheit verhinderte ein Erkennen.</p>
+
+<p>Unsicher n&auml;herte sich Hedwig dem Schweigenden.</p>
+
+<p>&raquo;Du willst noch ausgehen, Schwager?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich hab&#8217; noch einen notwendigen Gang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber doch jetzt nicht,&laquo; dr&auml;ngte das M&auml;dchen
+und fa&szlig;te leicht seinen Mantel. &raquo;Ich wollte dich ja
+gerade holen; Wilms, du wirst uns doch am Heiligen
+Abend nicht allein lassen?&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter wand sich hin und her, je mehr sie
+ihn bat, desto qualvoller glaubte er sich gefoltert:
+&raquo;Mir macht das ja aber alles keine Freude, Hedwig,&laquo;
+brachte er hervor. &raquo;Mich peinigt das geradezu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O &#8211; nein, nein,&laquo; widersprach sie und ergriff
+seine Hand.</p>
+
+<p>Das verwirrte ihn immer heftiger.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, ich kann&#8217;s nicht mehr mit ansehen, wenn
+andere sich freuen und ich allein davon ausgeschlossen
+sein soll. La&szlig; mich lieber fort, mein Kind, ich will &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Aber sie hielt ihn noch. Fest lag ihre Hand in
+der seinen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>&raquo;Dazu bist du ja viel zu gut,&laquo; sagte sie weich und
+mitleidig, wie selten ein Mensch zu dem Ungl&uuml;cklichen
+gesprochen. &raquo;Willst du mir denn auch die ganze
+Freude rauben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dir auch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja nat&uuml;rlich &#8211; f&uuml;r dich haben wir doch den
+Baum geputzt.&laquo; Immer noch ruhte ihre Hand in
+der seinigen, jedoch mit der anderen ri&szlig; sie jetzt hastig
+die T&uuml;r auf.</p>
+
+<p>Ein breiter, strahlender Lichtschein fiel auf den
+dunklen Flur und &uuml;bergo&szlig; das eng beieinanderstehende
+Paar mit seiner Helle.</p>
+
+<p>Gro&szlig;, dunkelgr&uuml;n, mit weithin reichenden Zweigen
+stand der Tannenbaum mitten in der Stube, bunte
+Papierketten ringelten sich von Ast zu Ast, unz&auml;hlige
+Wachskerzen flimmerten, und hinter ihm harrten die
+Leute des Geh&ouml;fts, M&auml;nner und Frauen, alle sonnt&auml;glich
+gekleidet, da&szlig; der Herr des Hauses das Fest
+mit ihnen begehen solle. Ganz vorn vor dem Baum
+aber hatte Hedwig zwei kleine M&auml;dchen aufgestellt,
+Kinder, die Hofleuten geh&ouml;rten. Sie hielten rote
+Papierrosen in den H&auml;nden und sangen mit schwachen
+Stimmen ein Liedchen, das mit den Worten schlo&szlig;:</p>
+
+<p>&raquo;Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>Als sie ausgesungen hatten und Wilms in den
+Lichterglanz hineinsah und in die erwartungsvoll-feierlichen
+Gesichter seiner Leute, da hielt er sich nicht
+l&auml;nger, er legte langsam die Hand vor die Augen
+und weinte bitterlich.</p>
+
+<p>Und die Hofleute nickten einander zu und stie&szlig;en
+sich heimlich an, als w&uuml;&szlig;ten sie, was ihren Herrn
+bedr&uuml;cke.</p>
+
+<p>Aber nur wenige Sekunden lie&szlig; sich Wilms so
+&uuml;bermannen. Dann richtete er sich auf und sah auf
+das M&auml;dchen, das alles nur f&uuml;r ihn angeordnet hatte.
+Das Licht flutete &uuml;ber ihre braunen Haare, ihre
+gro&szlig;en Augen hingen fest und fragend an den seinigen.
+Sie stand noch immer dicht neben ihm.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dank&#8217; dir, Hedwig,&laquo; sagte er einfach und
+pre&szlig;te ihre Hand mit verzweiflungsvoller Glut. &raquo;So
+sch&ouml;n haben wir in Wilmshus Weihnachten noch nie
+gefeiert.&laquo; Er lie&szlig; sie voranschreiten und folgte ihr
+dann in die Stube.</p>
+
+<p>Freudig erregt sa&szlig; der P&auml;chter nachher in seiner
+Sofaecke und verfolgte Hedwig, wie sie jedem der
+Hofangeh&ouml;rigen ein kleines Geldgeschenk &uuml;berreichte,
+das Wilms f&uuml;r seine Leute bestimmt hatte, und f&uuml;r
+sich selbst au&szlig;erdem noch eine Aufmerksamkeit hinzuf&uuml;gte.
+D&ouml;rthe bekam eine Sch&uuml;rze, der alte Krischan
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>einen Tabaksbeutel, die beiden kleinen M&auml;dchen k&uuml;&szlig;te
+Hedwig und band ihnen seidene Halst&uuml;cher um.</p>
+
+<p>Hierauf allgemeines Knixen und Handsch&uuml;tteln.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dank&#8217; auch, Herr &#8211; sch&ouml;nen Dank auch, Fr&auml;ulen
+&#8211; ne es is auch gar zu viel &#8211; so was h&auml;tt&#8217; ich
+mich nich vermutet &#8211; Herrje und was die Leinwand
+sch&ouml;n is.&laquo;</p>
+
+<p>Damit entfernten sich die Leute und Hedwig ging
+mit ihnen.</p>
+
+<p>Wieder sa&szlig; der P&auml;chter allein und blickte tr&auml;umerisch
+in die ruhig brennenden Lichter hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Da flog die T&uuml;r noch einmal auf: &raquo;Julklapp,&laquo;
+rief es und dann noch zweimal &raquo;Julklapp &#8211; Julklapp.&laquo;</p>
+
+<p>Drei Pakete polterten in das Zimmer, und da
+nur Hedwig so frisch und hell rufen konnte, so wu&szlig;te
+der Landmann, da&szlig; die drei Geschenke f&uuml;r ihn bestimmt
+seien. Er wartete, ob Hedwig nicht wieder
+zur&uuml;ckkehren w&uuml;rde, aber als er allein blieb, &ouml;ffnete
+er die Schachteln. In der ersten fand er eine Kiste
+feiner Zigarren, sodann eine Meerschaumspitze, in der
+letzten endlich einen ledernen Bilderrahmen, auf dem
+mit Seide ein Kranz blauer Veilchen gestickt war.
+Ein Zettel war mit einer Stecknadel daran befestigt,
+darauf stand &raquo;von Else&laquo;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>War es m&ouml;glich?</p>
+
+<p>Behutsam nahm der Landmann den Rahmen in
+die Hand. Und diesen wundervollen leuchtenden Kranz
+sollte sein armes Weib mit ihren zitternden Fingern
+hergestellt haben? Ein Zweifel beschlich ihn.</p>
+
+<p>Aber wer sonst?</p>
+
+<p>Hinter ihm n&auml;herte sich etwas, ein leises Knistern
+wurde h&ouml;rbar, Wilms kehrte sich um und sah in
+das liebensw&uuml;rdige Gesicht Hedwigs.</p>
+
+<p>Er hob die Stickerei in die H&ouml;he und fragte erregt:
+&raquo;Wirklich von Else?&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schatten flog &uuml;ber die Stirn des M&auml;dchens,
+aber sie bejahte. Allein den Ungl&auml;ubigen &uuml;berzeugte
+sie nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig &#8211; ich glaub&#8217;s nicht &#8211; Else hat ja so
+feine Arbeit gar nicht gelernt &#8211; nicht wahr &#8211; du
+&#8211; von dir?&laquo;</p>
+
+<p>Wieder sch&uuml;ttelte sie leise das Haupt.</p>
+
+<p>&raquo;So sag&#8217;s doch,&laquo; rief er dringend.</p>
+
+<p>Endlich gab sie es zu: &raquo;Nun ja, es ist von mir,&laquo;
+gestand sie, &raquo;Else wollte dir gern etwas Derartiges
+anfertigen, aber sie vermochte es noch nicht. Da habe
+ich es &uuml;bernommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also auch von dir?&laquo; murmelte der P&auml;chter mit
+zitternder Stimme. Eine Weile stand er in Gedanken
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>versunken unter dem leuchtenden Baum; ohne ein
+Wort des Dankes zu sprechen. &raquo;Und ich,&laquo; &uuml;berlegte er
+bei sich, &raquo;ich habe gar nicht daran gedacht, diesem
+lieben, reizenden Gesch&ouml;pf eine kleine Freude zu bereiten.
+Mit leeren H&auml;nden steh&#8217; ich vor ihr, als geh&ouml;rte
+sie gar nicht in mein Haus! W&auml;hrend sie &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Es &uuml;berlief ihn hei&szlig; und kalt. Vor Besch&auml;mung
+wagte er gar nicht die Augen zu erheben. Langsam
+und beklommen dr&auml;ngte es sich &uuml;ber seine Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Und die Zigarren und die Spitze, Hedwig, von
+wem sind die?&laquo;</p>
+
+<p>Aus ihren Augen spr&uuml;hte ein spitzb&uuml;bischer Funke,
+um ihren Mund flog ein schelmischer Zug. &#8211; Die
+seltsame Unbehilflichkeit des Mannes erg&ouml;tzte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Von wem sie sind? &#8211; Wer wei&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln, aber als sein verst&ouml;rtes
+Antlitz sie dar&uuml;ber belehrte, da&szlig; er sich h&auml;rmte und
+litt, tat es ihr leid, diese verschlossene Natur, deren
+tiefes Gem&uuml;t sie immer st&auml;rker und gewaltiger anzog,
+verletzt zu haben.</p>
+
+<p>Die Lichter brannten noch immer, es war so gem&uuml;tlich
+im Zimmer, tiefe Stille umgab die beiden.</p>
+
+<p>Wilms fuhr auf. Er hatte in seinem Hinbr&uuml;ten
+nicht bemerkt, wie das sch&ouml;ne M&auml;dchen, nachdem sie
+<a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>lange auf ein Dankeswort geharrt, sich entt&auml;uscht
+abgewendet und an das Klavier gesetzt hatte.</p>
+
+<p>Sie spielte jetzt. Ganz leise klang unter ihren
+Fingern ein altes Kinderlied, das sie variierte und
+umbildete.</p>
+
+<p>&raquo;Schlaf, Kindchen, schlaf.&laquo;</p>
+
+<p>Der Bauer horchte hoch auf. Wie weich das t&ouml;nte,
+wie wenn eine Mutter ihr unruhiges Kind einwiegt.
+Ja, und dasselbe hatte ja auch seine Mutter ihm
+vorgesungen. Eine arme Fischersfrau in der Katenh&uuml;tte
+am Strand. Ach er sehnte sich so nach Ruhe,
+sein Herz war m&uuml;de und wollte schlafen, so traumlos
+wie damals in Mutters Scho&szlig;.</p>
+
+<p>Hedwig spielte immer ernster und gewaltiger. Alle
+Saiten brausten, wie ein Choral t&ouml;nte es jetzt, das
+alte Lied.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter schauerte, unwillk&uuml;rlich fiel sein Blick
+auf einen einfachen Silberring, den er seiner sterbenden
+Mutter vom Finger gezogen und seitdem an
+der Uhrkette trug. Verstohlen k&uuml;&szlig;te er den Reif und
+trat hinter Hedwigs Stuhl.</p>
+
+<p>Und das Brausen und Donnern l&ouml;ste sich, der gewaltige
+Orgelton verlor sich in der Ferne, wie ein
+s&uuml;&szlig;er, gestammelter Kindergru&szlig; klang es aus.</p>
+
+<p>Noch spielte sie die letzten ersterbenden T&ouml;ne, da
+<a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>f&uuml;hlte sie, wie Wilms seine Hand auf ihr Haupt
+legte und leise ihr Haar streichelte. &#8211; Sachte, sachte,
+eine scheue, zaghafte Liebkosung.</p>
+
+<p>Sofort brach das Spiel ab, aber sie hob die
+langen Wimpern nicht auf.</p>
+
+<p>Noch einmal fuhr er ihr leicht &uuml;ber die Flechten,
+dann &#8211; ihr stockte das Herz &#8211; dann f&uuml;hlte sie,
+wie er ihre Hand ergriff und sanft einen silbernen
+Ring an ihren Finger schob.</p>
+
+<p>&raquo;Da, Heting,&laquo; sprach er weich, &raquo;du hast so sch&ouml;n
+gespielt &#8211; ich schenk&#8217; ihn dir &#8211; er is von meiner
+Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte krampfhaft zusammen, blickte mit ihren
+braunen, ernsten Augen zu ihm empor und wollte
+etwas erwidern, aber die Zunge war ihr wie gel&auml;hmt.
+Nur eine d&uuml;sterrote Glut stieg ihr langsam &uuml;ber Hals
+und Wangen.</p>
+
+<p>Da wurde pl&ouml;tzlich seine Hand, die noch liebkosend
+auf ihren Haaren ruhte, dr&uuml;ckend und schwer, als ob
+sie sich in Eisen verwandele.</p>
+
+<p>Hedwig h&auml;tte aufschreien m&ouml;gen, so schmerzte es sie.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist dir, Schwager?&laquo;</p>
+
+<p>Oh, es bedeutete nur eine Kleinigkeit, fast gar nichts;
+es war nur unheimlich, die hervorquillenden Augen
+zu sehen, die unverwandt auf das Bett starrten. Ganz
+<a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>zuf&auml;llig war der Blick des P&auml;chters &uuml;ber das reinlich
+zugedeckte Lager geglitten und da, &#8211; da wurde eben
+seine Hand so schwer, als w&uuml;rde sie Eisen.</p>
+
+<p>In dem Bett lag Else, schattenhaft, abgemagert,
+bla&szlig; und streckte die Arme nach dem Manne aus, der
+ihre Schwester streichelte.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms,&laquo; rief Hedwig entsetzt und sprang auf.
+Ihre kr&auml;ftige Stimme verscheuchte den Spuk.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja &#8211; Hedwig &#8211; willst du etwas?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes willen, Schwager &#8211; was ist dir?
+&#8211; f&uuml;hlst du dich krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; ich? bewahre &#8211; mir war nur so &#8211;
+seltsam. &#8211; Ich glaubte &#8211; es ist l&auml;cherlich &#8211; mir
+kam es vor, als l&auml;ge Else mit einemmal dort dr&uuml;ben
+in ihrem Bett,&laquo; murmelte er einfach, und doch mit
+hervorbrechendem inneren Entsetzen.</p>
+
+<p>&raquo;Else?&laquo; stammelte das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Beide starrten sich an, beide versuchten ein L&auml;cheln
+zu erzwingen, aber die Furcht sch&uuml;ttelte sie, wie wenn
+ein kaltes, graues Gespenst zwischen ihnen st&auml;nde.</p>
+
+<p>Das war das erstemal, da&szlig; es sie auseinander
+trieb.</p>
+
+<p>Der Landmann fa&szlig;te sich zuerst. &raquo;Wollen ein
+Ende f&uuml;r heute machen,&laquo; ermannte er sich kurz &#8211;
+&raquo;es ist schon sp&auml;t &#8211; gute Nacht, mein Kind.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Sie reichten sich wie immer die H&auml;nde. Die Finger
+des M&auml;dchens waren eiskalt. Dann trat Wilms an
+den Baum und l&ouml;schte die Lichter aus.</p>
+
+<p>Es wurde immer dunkler und dunkler, gleichg&uuml;ltig
+sah Hedwig zu, wie ein Fl&auml;mmchen nach dem anderen
+unter seinen Fingern erstarb, zuletzt brannten nur
+noch die Kerzen zu beiden Seiten des Instrumentes.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht,&laquo; murmelte Wilms noch einmal, dann
+hatte er das Zimmer hastig verlassen.</p>
+
+<p>Hedwig war es, als m&uuml;&szlig;te sie ihm nacheilen, sich
+in seine Arme werfen und Schutz suchen, Hilfe gegen
+die Traumgestalt dort in dem Bette, das auch sie
+jetzt aufnehmen sollte.</p>
+
+<p>Wenn sie das Phantom dann ebenfalls bemerkte,
+wenn es neben ihr l&auml;ge und sie mit d&uuml;rren, wei&szlig;en
+Armen umfing, um sie zu w&uuml;rgen!</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du denselben Mann begehrst, der mir geh&ouml;rt
+&#8211; mir.&laquo;</p>
+
+<p>Einen leisen Angstschrei stie&szlig; Hedwig aus.</p>
+
+<p>&raquo;Gib mir den Ring,&laquo; klagte es neben ihr weiter.
+&raquo;Er geb&uuml;hrt dir nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Licht &#8211; Licht.&laquo;</p>
+
+<p>Mit zitternden H&auml;nden entz&uuml;ndete Hedwig die
+gro&szlig;e Stehlampe und blickte sich um. Rings lag
+<a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a>alles friedlich und still, alles in den traulichen Schein
+der Lampe getaucht. Jetzt l&auml;chelte Hedwig und setzte
+sich an den Tisch, aber es war ein m&uuml;des, herzzerrei&szlig;endes
+L&auml;cheln, und als das M&auml;dchen den Reif
+an ihrem Finger f&uuml;hlte, war es ihr, als ob er sie st&auml;che.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;es Silber bedeutet Tr&auml;nen, sagen die Leute,&laquo;
+dachte sie.</p>
+
+<p>Ermattet schritt sie wieder zum Klavier und lie&szlig;
+noch einmal die Finger &uuml;ber die Tasten eilen. Leise
+drangen die T&ouml;ne durch das Haus, und Wilms, der
+oben in seinem Bett den Kopf gegen die Wand pre&szlig;te
+und den Schlummer herbeiflehte &#8211; ihn umschmeichelte
+pl&ouml;tzlich die liebe, alte Melodie, das Lied, mit dem
+ihn seine Mutter schon eingesungen hatte:</p>
+
+<p>&raquo;Schlaf, Kindchen, schlaf.&laquo;</p>
+
+<p>Aber es hatte seine Zauberwirkung verloren. Er
+fand keine Ruhe mehr, sondern dachte unausgesetzt
+an das wunderbare, sch&ouml;ne Weib, dem er den Silberring
+geschenkt.</p>
+
+<p>So endete der Weihnachtsabend in Wilmshus.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_V" id="Buch_2_V"></a>V.</h3>
+
+
+<p>&raquo;Komm, Hedwig &#8211; willst du nicht mit in die
+Kirche?&laquo; fragte am n&auml;chsten Morgen der P&auml;chter,
+indem er im Sonntagsrock, das Gesangbuch unter dem
+Arm, in das Wohnzimmer trat, in welchem Hedwig
+vor dem Fenster sa&szlig; und las.</p>
+
+<p>Die Gefragte blickte auf. Sie sah heute abgespannt
+und bla&szlig; aus, und auch der P&auml;chter mi&szlig;fiel
+ihr in seinem langen, schwarzen Gehrock. Die Tracht
+lie&szlig; ihn altfr&auml;nkisch, kleinb&uuml;rgerlich erscheinen. &#8211;
+Fr&uuml;her, in dem Pensionat w&uuml;rde Hedwig &uuml;ber eine
+solche Figur gelacht haben.</p>
+
+<p>Was war nur aus ihr geworden?</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen, Hedwig, willst du mich nicht
+in die Kirche begleiten?&laquo; wiederholte der Landmann
+dringender. Ihm erschien der Kirchgang am ersten
+Feiertag als selbstverst&auml;ndlich.</p>
+
+<p>Hedwig schwieg, drehte an dem Reif, den er ihr
+gestern geschenkt, und lehnte dann seine Aufforderung
+mit kurzen Worten ab.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a>&raquo;Du willst nicht?&laquo; stotterte Wilms, als wenn er
+es nicht glauben k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen tippte auf ihr Buch und sch&uuml;ttelte
+den Kopf. &raquo;Geh nur allein, Schwager. In der Kirche
+ist es mir zu voll. Die vielen Leute st&ouml;ren mich dort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;St&ouml;ren dich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch kann ich keine vorgeschriebenen Gebete absagen,
+wei&szlig;t du, der Gott, an den ich glaube, der k&uuml;mmert
+sich um das Singen gar nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Verst&auml;ndnislos, mit weitaufgerissenen Augen starrte
+sie der P&auml;chter an. Eine tiefe Trauer zog allm&auml;hlich
+&uuml;ber sein ehrliches Gesicht. &#8211; Sie war so sch&ouml;n, wenn
+sie so heftig sprach, der kleine volle Mund zuckte so
+trotzig dabei. Schwer seufzte der Landmann auf und
+erwiderte kleinlaut:</p>
+
+<p>&raquo;Ich hab&#8217; dir das Gesangbuch meiner Frau mitgebracht
+&#8211;&nbsp;&#8211; ich wu&szlig;te ja nicht, da&szlig; du &#8211; da&szlig;
+du so gesonnen bist &#8211;&nbsp;&#8211; und also &#8211;&laquo; er drehte das
+kleine Buch hin und her, &raquo;du begleitest mich also
+nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Es sprach soviel schwerm&uuml;tige Bitte daraus, da&szlig;
+Hedwigs Herz unwillk&uuml;rlich schneller schlug. Aber ein
+Blick auf den altv&auml;terlichen Bratenrock und das abgegriffene
+Gebetbuch stimmte sie wieder um.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>Ihre heftig brennende Neigung kam ihr pl&ouml;tzlich
+wie ein Traum vor. Nach Liebe sehnte sie sich, nach
+Sturm und Trotz gegen den Mann, nach irgend etwas,
+was sie noch nicht kannte, &#8211; und nun dieser schwarzgekleidete,
+unbehilfliche Mann mit seiner Atmosph&auml;re
+von dumpfer Kirchenluft.</p>
+
+<p>Sie erwachte f&ouml;rmlich. Die Stunde in dem Pensionsst&uuml;bchen
+fiel ihr ein, &#8211; und &#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich gehe nicht,&laquo; entschied sie entschlossen.</p>
+
+<p>Wilms nickte und lie&szlig; noch einmal seine blauen
+Augen voll auf ihr ruhen. &raquo;Wie du willst. &#8211; Dann
+ruh&#8217; dich hier aus, Heting. Und wenn ich wiederkomm&#8217;,
+singst du wieder so sch&ouml;n wie gestern.&laquo;</p>
+
+<p>Er konnte ihr Err&ouml;ten nicht mehr wahrnehmen,
+ebenso wenig wie die heftige Bewegung, als wenn
+sie ihn dennoch zur&uuml;ckhalten wolle.</p>
+
+<p>Langsam schritt er &uuml;ber den Hof in den klaren
+Wintertag hinein, w&auml;hrend das M&auml;dchen ihm durch
+das Fenster ernst und d&uuml;ster nachschaute.</p>
+
+<p>In der Kirche von Boltenhagen, zwischen den
+hohen Eichenst&uuml;hlen blieb ein Platz neben Wilms frei.
+Hier hatte Else fr&uuml;her gesessen, und der P&auml;chter hatte
+es sich reizend ausgemalt, heute am hohen Festtag
+diesen Raum von Hedwig eingenommen zu sehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>Wie silberhell w&uuml;rde ihre Stimme, die ihm gestern
+abend das ganze Herz ger&uuml;hrt hatte, wohl geklungen
+haben, wenn sie beide zusammen, Haupt an Haupt,
+aus dem kleinen B&uuml;chlein die Psalmen verfolgt h&auml;tten.
+Und nun &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; die Orgel rauschte, die Gemeinde
+stimmte ein, aber Wilms Lippen bewegten sich nur
+mechanisch, er dachte immerfort an das sch&ouml;ne, junge
+Gesch&ouml;pf daheim, das an dem Christenglauben keine
+Freude fand.</p>
+
+<p>Er wunderte sich, warum er nicht ungehalten auf
+sie sein konnte, warum sich nicht zwischen dem Frommen
+und ihr, der Gottlosen, eine noch h&ouml;here Scheidewand
+aufrichte &#8211; aber seltsam, auch ihn erbaute heute
+der Dienst des Herrn nicht, keine Tr&ouml;stung fand er
+in den Worten des kleinen Pastor Schirmer, immer
+wieder besch&auml;ftigten sich seine Gedanken mit dem M&auml;dchen,
+er empfand eine heftige Sehnsucht nach ihr und
+verstand es nicht, warum er nicht bei ihr geblieben
+sei. Und doch brauste die Orgel so herrlich und doch
+feierte man die Geburt des Herrn.</p>
+
+<p>Er entsetzte sich. Er dachte schon ganz mit ihren
+Gedanken. Er besa&szlig; auch keinen Gott mehr, nur ein
+Weib, das er umfassen und k&uuml;ssen und immer wieder
+k&uuml;ssen wollte, sein Heiland war ein M&auml;dchen, das
+ihn fortlockte, fort zu Lust und Leben und Arbeit.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>&raquo;Wirf die Last von dir,&laquo; zuckte es durch seine Sinne.</p>
+
+<p>Hatte es der Pastor gesprochen? &#8211; War es ein
+Bibelwort? &#8211; Er wu&szlig;te es nicht.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Als Wilms seine Schw&auml;gerin verlassen hatte, war
+Hedwig noch einige Zeit regungslos am Fenster sitzen
+geblieben. Bald betrachtete sie den schmalen, silbernen
+Reif an ihrem Finger, bald sah sie sich erstaunt in
+dem weiten Zimmer um, als begriffe sie gar nicht,
+wer sie hierher versetzt h&auml;tte. Ihr war pl&ouml;tzlich alles
+zu eng und dumpf. Die entsetzliche Angst von gestern
+dr&uuml;ckte noch auf ihr Gem&uuml;t, ihr d&auml;mmerte es, als
+w&auml;re sie bis jetzt von einem h&auml;&szlig;lichen Zauberschlaf
+umsponnen worden.</p>
+
+<p>&raquo;Luft &#8211; Licht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sp&auml;hte an sich herunter. Das einfache, schwarze
+Kleid kam ihr &auml;rmlich vor.</p>
+
+<p>Was war nur in der Zwischenzeit aus ihr geworden?
+Drau&szlig;en blitzte und funkelte die Landschaft.
+&#8211; Die dickbeschneiten B&auml;ume der Stra&szlig;e sahen wie
+ungeheure, wei&szlig;e Korallen aus.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen befiel ein ungest&uuml;mer, hei&szlig;er Drang,
+dort drau&szlig;en hinzust&uuml;rmen, sich auszutummeln, ihre
+frische, schwellende Kraft zu bet&auml;tigen. Ja, sie wollte
+<a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>ebenfalls das Fest begehen. Es war ja ein kleiner
+winziger Schlitten im Hause. Den selbst lenken und
+dann hinfliegen auf der glatten Bahn, das w&uuml;rde
+sie wieder gesund machen.</p>
+
+<p>Kaum gedacht, war sie in ihr enges, kleidsames
+Pelzj&auml;ckchen geschl&uuml;pft, hatte sich ihr keckes Barett
+aufgesetzt und lief jetzt &uuml;ber den einsamen, menschenverlassenen
+Hof.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, ich bin ganz allein in diesem frommen
+Hause.&laquo;</p>
+
+<p>Jedoch sie t&auml;uschte sich.</p>
+
+<p>Vor dem Stall sa&szlig; der alte Krischan, der Zauberer
+des Hofes, und zitterte vor Frost oder vor
+Schw&auml;che. Neben ihm hielt der Rabe seinen best&auml;ndigen
+Schlaf und zitterte ebenfalls.</p>
+
+<p>Hedwig war dieses Paar von Anfang an unsympathisch.</p>
+
+<p>&raquo;Alterchen,&laquo; befahl sie, &raquo;holen Sie mir mal den
+Schlitten aus dem Stall und das braune Handpferd
+dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte erwachte aus seinem Schlummer und
+grinste sie an.</p>
+
+<p>&raquo;Willen dat Fr&auml;ulen utf&uuml;hren?&laquo; hustete er.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, und nun schnell.&laquo;</p>
+
+<p>Allein der Greis hatte nicht geh&ouml;rt, oder wollte
+<a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>den Befehl nicht ausf&uuml;hren. Langsam schlich er zur
+Seite und sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen blickte ihn an: &raquo;Was soll das
+hei&szlig;en? Haben Sie mich denn nicht verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte sch&uuml;ttelte wieder und steckte die H&auml;nde
+in die Hosentaschen. Dann begann er von neuem zu
+zittern, wie ein Knochenger&uuml;st, das im Winde klappert.</p>
+
+<p>Ein widerw&auml;rtiger Anblick.</p>
+
+<p>Hedwig stieg das Blut ins Gesicht, sie trat dicht
+an den h&auml;&szlig;lichen Alten heran und sagte scharf und
+bestimmt:</p>
+
+<p>&raquo;Christian, es wird Zeit, da&szlig; Sie vom Hof herunter
+und in das Gemeindehaus kommen. &#8211; Verstehen
+Sie mich? Hier k&ouml;nnen Sie nichts mehr leisten,
+dort dagegen k&ouml;nnen Sie sich ausruhen. &#8211; Mein
+Schwager wird Sie bek&ouml;stigen. Wollen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Ganz genau hatte der Alte verstanden. Er zitterte,
+kaute weiter und murmelte gelassen:</p>
+
+<p>&raquo;Ick bliew hier. Se s&uuml;nd nich de Fru. Se hewwen
+hier nix tau seggen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; entgegnete Hedwig erblassend, &raquo;das wird
+sich finden.&laquo; Mit schnellem Atem betrat sie den Stall,
+wo sie einen Hofjungen fand, der sein flachsblondes
+Haupt an die Krippe lehnte und eingeschlafen war.
+Sie rief ihn an und mit seiner Hilfe war der kleine,
+<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>blaue Schlitten bald herausgehoben und mit dem
+sch&ouml;nen braunen Pferde bespannt.</p>
+
+<p>Hedwig setzte sich hinein.</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Kutscher is in die Kirche,&laquo; meinte der
+Junge.</p>
+
+<p>&raquo;Schadet nicht &#8211; ich fahre allein &#8211; adieu!&laquo;</p>
+
+<p>Sie hieb mit der Peitsche zu, der Braune, ein
+Renner mit halbenglischem Blut, machte einen Seitensprung
+und flog mit ihr vom Hofe herunter.</p>
+
+<p>Windschnell ging es &uuml;ber die wei&szlig;e Landstra&szlig;e.
+Die kleinen Schlittenglocken klangen und klingelten,
+ringsum war keine Menschenseele zu ersp&auml;hen, alle
+hatten die Kirche aufgesucht, nur sie, sie allein geno&szlig;
+jetzt die wei&szlig;e, blitzende Landschaft.</p>
+
+<p>Wie ihre Wangen sich r&ouml;teten, wie die Augen
+vor Lust und Freude blitzten. Die letzten, dumpfen
+Wochen waren vergessen, das war wieder die Hedwig
+von ehemals.</p>
+
+<p>Als sie bei der Kirche von Boltenhagen vorbeiglitt,
+kamen die Gl&auml;ubigen gerade heraus, der ganze
+Platz wimmelte von festlich gekleideten M&auml;nnern und
+Frauen. Ihr war es auch, als h&auml;tte sie auf der
+Portaltreppe ihren Schwager erkannt, der in seinem
+langen, schwarzen Rock und seinem wolligen Zylinder
+auf den Stufen stand und nach dem Gespann hin&uuml;bersah.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>Hui! Ein neuer Schlag traf den Braunen, so
+da&szlig; das kleine Gef&auml;hrt wie ein Gedanke vor&uuml;berscho&szlig;.
+Sie wollte einmal allein sein, alles vergessen, alles
+absch&uuml;tteln.</p>
+
+<p>&raquo;War sie&#8217;s? &#8211; War sie&#8217;s nicht?&laquo; dachte Wilms
+und strengte seine Augen aufs &auml;u&szlig;erste an. &raquo;Nein,
+sie hat ja auch versprochen, mich zu erwarten,&laquo; beruhigte
+er sich dann. Die Sehnsucht von vorhin ergriff
+ihn immer heftiger. M&auml;chtig schritt er aus, um
+heimzugelangen.</p>
+
+<p>W&auml;hrenddem war Hedwig auf freies Feld gelangt.
+Wie ein ungeheures, erstarrtes Meer dehnte es sich
+zu beiden Seiten der Chaussee, die Grenzb&uuml;sche und
+die kleinen eisbereiften Tannenschl&auml;ge schienen enorme
+Sturzwellen, die in der H&ouml;he festgebannt waren. Nur
+leichte Schaumflocken trieb der Wind manchmal ab.</p>
+
+<p>Tief aufatmend fuhr Hedwig dahin und g&ouml;nnte
+ihrem dampfenden Braunen jetzt gr&ouml;&szlig;ere Ruhe. Und
+Schritt vor Schritt, manchmal mit lautem Wiehern,
+zog das Tier den Schlitten durch den tiefen Schnee,
+wohl zwei Meilen Wegs, bis sie ein winziges an der
+Landstra&szlig;e liegendes Gasthaus erreicht hatten, das
+man in dortiger Gegend &raquo;Krug&laquo; nennt.</p>
+
+<p>Hier warf das M&auml;dchen dem Braunen eine Decke
+&uuml;ber, stieg ab und betrat die niedrige wei&szlig;get&uuml;nchte
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>Gaststube. Ein kolossaler Kachelofen verbreitete hier
+eine enorme Hitze. Ein derber, wei&szlig;gescheuerter
+Kieferntisch stand vor dem Fenster, ein paar ungef&uuml;ge
+St&uuml;hle davor, sonst bildeten nur noch ein
+schwarzes, fettgl&auml;nzendes Ledersofa und mehrere &Ouml;ldruckbilder,
+welche gl&uuml;ckliche Familienszenen darstellten,
+das Meublement der verlassenen Gaststube.</p>
+
+<p>Und ver&ouml;det blieb sie noch eine Weile. H&auml;tte nicht
+eine unsichtbare Klingel bei Hedwigs Eintritt hell
+gel&auml;utet, die Krugwirte w&uuml;rden &uuml;berhaupt nichts von
+ihrem Besuch erfahren haben.</p>
+
+<p>So jedoch erschien nach einiger Zeit ein kleines
+blasses Weib, an deren R&ouml;cken sich zwei Kinder festklammerten,
+w&auml;hrend es ein drittes, einen S&auml;ugling,
+auf dem Arm trug, und versprach, auf Hedwigs
+Wunsch, ein Glas Milch zu bringen.</p>
+
+<p>Hedwig lie&szlig; sich an dem wei&szlig;gescheuerten Tisch
+nieder, streifte sich die Handschuhe ab und sah durch
+das kleine pappgeflickte Fenster der Gaststube auf das
+blinkende Feld hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en stand ihr Brauner, sch&uuml;ttelte sich und
+wieherte laut.</p>
+
+<p>Das gab ihren Gedanken die Richtung.</p>
+
+<p>&raquo;Am besten w&auml;r&#8217;s,&laquo; &uuml;berlegte sie sich, &raquo;ich bestieg
+wieder den Schlitten, und dann rasch, weit fort von
+<a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>hier in die Stadt und von dort wieder weiter, viel
+weiter, wo ich nichts mehr h&ouml;re von alledem, was ich
+hier zur&uuml;ckgelassen. O, es w&auml;re so gut, wenn ich jetzt
+ginge, bevor &#8211; ja bevor irgend etwas Schlechtes
+sich ereignet. Denn kommen wird es. Ich wei&szlig;
+nicht weshalb, aber es ist alles so ungesund in Wilmshus,
+so ansteckend, ich w&uuml;nschte, ich w&auml;re nie dort
+eingekehrt. &#8211; Warum mir das heut wohl gerade
+einf&auml;llt?&laquo;</p>
+
+<p>Sie st&uuml;tzte den Kopf in beide H&auml;nde und sa&szlig;
+eine Zeitlang regungslos. Das eiserne Blech vor dem
+Ofen knackte und bog sich regelm&auml;&szlig;ig hin und her.
+Durch den Hausflur schallten streitende Stimmen
+hinein. Hinten auf dem Hof des Hauses schienen
+mehrere M&auml;nner miteinander zu sprechen.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen regte sich. Sie war also nicht allein
+hier? Auch brachte die Krugwirtin das Verlangte
+noch immer nicht. Sie wurde ungeduldig. Endlich
+erschien das blasse Weib wieder und stellte einen Seidel
+frische Milch vor ihrem Gast nieder. Hedwig erkundigte
+sich, ob sie noch andere G&auml;ste beherberge.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Fr&auml;ulein, mein Mann hat blo&szlig; Besuch.
+Wir woll&#8217;n Pferd verkaufen.&laquo;</p>
+
+<p>Damit ging sie wieder hinaus.</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend Hedwig an dem Glase nippte,
+<a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>wurde drau&szlig;en wiederum die Flurt&uuml;r ge&ouml;ffnet, und
+das M&auml;dchen h&ouml;rte eine kr&auml;ftige M&auml;nnerstimme
+sprechen.</p>
+
+<p>Sie griff nach ihren Handschuhen und horchte.
+Allein sie vernahm nichts mehr. Das laute Gespr&auml;ch
+hatte sich wieder verloren. Dennoch wurde sie von
+einer merkw&uuml;rdigen Unruhe ergriffen. Sie wollte aufbrechen.
+Rasch schritt sie zur T&uuml;r und rief die Wirtin:
+die erschien auch bereitwilligst mit ihrem S&auml;ugling
+auf dem Arm und wischte mit einem Tuch den Tisch
+sauber.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, ist das Pferd schon verkauft?&laquo; fragte
+Hedwig.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie sind woll schon einig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist denn der K&auml;ufer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Je, ich kenn&#8217; ihm auch nich. Mein Mann sagt
+ja woll &#8250;Herr Graf&#8249; zu ihm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Graf?&laquo; stotterte die andere erblassend, &raquo;vielleicht
+Graf Brachwitz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, so kann er woll hei&szlig;en,&laquo; antwortete die
+Wirtin gleichg&uuml;ltig und trocknete sich die Hand ab,
+um die Bezahlung entgegenzunehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Hier, liebe Frau, hier haben Sie &#8211;&nbsp;&#8211; hier
+haben Sie.&laquo; Hedwigs Bewegungen wurden immer
+hastiger. Vergeblich durchw&uuml;hlte sie ihre Taschen, ohne
+<a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>jedoch ihr Portemonnaie finden zu k&ouml;nnen. Wahrscheinlich
+hatte sie bei ihrer eiligen Ausfahrt &uuml;berhaupt
+vergessen, Geld zu sich zu stecken.</p>
+
+<p>&raquo;Na, das schad&#8217;t ja nich,&laquo; tr&ouml;stete die Krugwirtin
+verwundert, &raquo;das Fr&auml;ulein schickt mich&#8217;s dann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ich schicke es Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Nur noch das Barett aufgesetzt, das sie abgelegt
+hatte, und sie konnte hinauseilen. Mit hastigen
+Fingern r&uuml;ckte sie es sich zurecht, da schallten Tritte
+den Flur entlang, und gleichzeitig sah Hedwig durch
+das Fenster, wie der Krugwirt ein gesatteltes Reitpferd
+dicht neben ihren Schlitten hinausf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Jetzt hoffte das M&auml;dchen nur noch, da&szlig; der Mann,
+dem das Ro&szlig; dort drau&szlig;en geh&ouml;rte, an der geschlossenen
+T&uuml;r der Gaststube vor&uuml;bergehen w&uuml;rde.
+Aber das Schicksal wollte es anders. Die T&uuml;r wurde
+aufgemacht, ein schlanker Mann, in grauem Wams
+und Pelzm&uuml;tze, guckte herein und rief gutm&uuml;tig:</p>
+
+<p>&raquo;Sie, Frau Wirtin, ich hab&#8217; doch noch die paar
+Taler zugelegt &#8211; wir sind jetzt einig. Aber wehe
+Ihnen, wenn&#8217;s nicht wirklich eine Whalebonestute ist.
+&#8211; Na, guten &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen,&laquo; wollte er sagen, indessen mitten im
+Wort fiel sein Blick auf die Dame, die ihm zuvor
+den R&uuml;cken wandte, deren Gestalt ihm aber so einzig
+<a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>vorkam, da&szlig; er sie sofort erkannte. Da erbla&szlig;te auch
+er und verlor die Herrschaft &uuml;ber sich. Allerlei Entschl&uuml;sse
+fuhren ihm wild durcheinander. Sollte er
+nicht lieber einfach aufbrechen? Oder wollte er es
+doch noch einmal wagen, vor das sch&ouml;ne M&auml;dchen,
+das er so beleidigt hatte, hinzutreten?</p>
+
+<p>Wenn sie ihm nun vor der Krugwirtin die T&uuml;r
+wies?</p>
+
+<p>Er starrte ungewi&szlig; auf sie hin und merkte, da&szlig;
+&uuml;ber ihre abgewandte Figur ein Zittern lief, als
+wenn sie ebenfalls mit sich k&auml;mpfe. Pl&ouml;tzlich kehrte
+sie sich hastig um. &raquo;Wie gesagt, ich habe das Geld
+vergessen &#8211; ja, ich &#8211; ich schicke es Ihnen aber,
+liebe Frau,&laquo; brachte sie verworren hervor, um nur
+irgend etwas zu &auml;u&szlig;ern, und schritt rasch auf die
+T&uuml;r zu, auf deren Schwelle ihr Bedr&auml;nger von ehemals
+noch immer verharrte.</p>
+
+<p>Sie blickte nicht auf. Jedoch in ihrer ganzen Art
+dr&uuml;ckte sich soviel Trotz, Kraft und Selbstbewu&szlig;tsein
+aus, sie war in ihrer Verwirrung so eigenartig sch&ouml;n,
+da&szlig; Brachwitz vollkommen &uuml;berw&auml;ltigt zur&uuml;cktrat und
+die M&uuml;tze vom Kopf ri&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen,&laquo; murmelte er mit einer respektvollen
+Verbeugung, w&auml;hrend sie an ihm vor&uuml;berschritt.</p>
+
+<p>Sie neigte unmerklich das Haupt, und flog dann
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>auf die Landstra&szlig;e hinaus. Dort hatte der Krugwirt
+ihrem Braunen einen Futtertrog umgeh&auml;ngt,
+und hielt nun den Rappen seines vornehmen Gastes,
+so da&szlig; er dem M&auml;dchen nicht behilflich sein konnte,
+ihr Tier von der umgeh&auml;ngten Blechb&uuml;chse wieder
+zu befreien.</p>
+
+<p>Sie stampfte vor Ungeduld mit den F&uuml;&szlig;en, in
+der Eile &uuml;berhastete sie alles. Auch die Decke konnte
+sie nicht schnell genug zusammenfalten.</p>
+
+<p>Am liebsten w&auml;re sie zu Fu&szlig; durch den Schnee
+davongerannt.</p>
+
+<p>Der junge Graf Brachwitz stand unterdessen auf
+den niedrigen Stufen des Gasthauses und beobachtete
+das Treiben des M&auml;dchens eine Zeitlang gespannt.
+Dann strich er unmutig seinen Schnurrbart. Es tat
+ihm ehrlich leid, da&szlig; Hedwig eine so schlechte Meinung
+von ihm hatte, und er verw&uuml;nschte sein ungest&uuml;mes
+Blut, das ihn damals zu dem offenbaren
+Frevel gegen sie getrieben. Entschlossen sprang er
+zu Hedwigs Braunem, nahm unbeirrt von ihrem
+Zur&uuml;ckweichen dem Tiere den Trog ab, dann faltete
+er die Decke und trat h&ouml;flich an den Schlitten, den
+Hedwig inzwischen ratlos bestiegen hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Darf ich die Decke hier hereinlegen?&laquo; murmelte
+er kleinlaut.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>Sie nickte und wandte sich ab, als er ihr den
+wollenen Fries leicht &uuml;ber die F&uuml;&szlig;e warf.</p>
+
+<p>&raquo;Keinen Kutscher?&laquo; fragte er dann erstaunt, w&auml;hrend
+er ihr die Z&uuml;gel in die H&auml;nde gab.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; versetzte sie fest, &raquo;ich fahre selbst.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hob die Peitsche.</p>
+
+<p>Allein bevor der Braune anzog, war Brachwitz
+auf die Schwelle des Schlittens getreten. &raquo;Ich m&ouml;chte
+Sie bitten &#8211; gn&auml;diges Fr&auml;ulein, da&szlig; Sie mir die
+Z&uuml;gel &uuml;berlassen,&laquo; bat er leise und verwirrt.</p>
+
+<p>Der Ton war ehrlich, die Anrede ehrerbietig.</p>
+
+<p>Hedwig wandte ihre gro&szlig;en, braunen Augen auf
+den h&uuml;bschen Menschen. Ihr Blick war seltsam. Es
+schien, als wollte sie sein ganzes Wesen lesen. Und
+nach kurzer Frist sagte sie kurz und herb, jedoch mit
+zitternder Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Treten Sie dort herunter, Herr von Brachwitz,
+ich mu&szlig; Ihre Begleitung bestimmt ablehnen. &#8211; Ein
+f&uuml;r allemal.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein f&uuml;r allemal?&laquo; wiederholte er.</p>
+
+<p>&raquo;Vorw&auml;rts!&laquo;</p>
+
+<p>Wiederum hob sie die Peitsche, aber die Hand
+des Grafen legte sich sanft auf den Griff.</p>
+
+<p>Hedwig fuhr zusammen und richtete sich schwer
+atmend auf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>&raquo;Liebes Fr&auml;ulein,&laquo; bat er dringend, &raquo;ich bitte
+Sie &#8211; bitte Sie von Herzen &#8211; h&ouml;ren Sie mich
+doch nur ein paar Minuten an. Sie wissen ja gar
+nicht, wieviel mir daran liegt, mich vor Ihnen zu &#8211;
+&#8211; nun ja, zu rechtfertigen. Darf ich denn nicht,
+wenn Sie mich nicht bei sich im Schlitten dulden
+wollen, wenigstens nebenher gehen, nat&uuml;rlich nur so
+lange es Ihnen gef&auml;llt, langsam zu fahren? &#8211; Ich
+m&ouml;chte doch gar zu gern Ihre Verzeihung erhalten,
+darf ich?&laquo;</p>
+
+<p>Er ergriff die Z&uuml;gel seines Pferdes, und da Hedwig
+nichts antwortete, so hielt er es f&uuml;r Zustimmung
+und sch&auml;mte sich nicht, zu Fu&szlig; neben dem langsam
+gleitenden Schlitten herzuschreiten und sein Tier mit
+sich zu f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Hedwig selbst kam es wie eine Art Bu&szlig;wanderung
+vor, als wenn der junge Mann, der sie so beleidigt
+hatte, sich allein dem&uuml;tigen wollte. Mit Interesse
+blickte sie auf ihn hin. In demselben Moment
+aber fiel ihr ein, wie hei&szlig; und wahnsinnig dieser
+fremde Mensch sie schon einmal gek&uuml;&szlig;t hatte. Das
+emp&ouml;rte sie pl&ouml;tzlich wieder so ungest&uuml;m, da&szlig; sie der
+Szene ein Ende zu machen beschlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Was wollen Sie also von mir?&laquo; forschte sie hart.</p>
+
+<p>&raquo;Endlich Ihre Verzeihung erlangen,&laquo; erwiderte
+<a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>der Graf treuherzig. &#8211; &raquo;Ich sch&auml;me mich aufrichtig,
+da&szlig; ich so h&auml;&szlig;lich gegen Sie gehandelt habe; Fr&auml;ulein
+Hedwig &#8211; gn&auml;diges Fr&auml;ulein, wollen Sie mir
+nicht die Versicherung geben, da&szlig; Sie mir nicht mehr
+z&uuml;rnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das will ich. Aber unter der Bedingung,
+da&szlig; damit unsere Unterredung zu Ende ist, und sich
+unsere Wege nie mehr kreuzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nie mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und warum nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wissen Sie doch &#8211; weil es zwecklos w&auml;re,
+Herr Graf.&laquo;</p>
+
+<p>Sein dunkles Gesicht f&auml;rbte sich h&ouml;her, er sah sie
+voll an und empfand wieder ihre Sch&ouml;nheit. Leicht
+seufzte er auf und legte die eine Hand auf die Lehne
+des Schlittens.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht,&laquo; gab er endlich in sich gekehrt
+zu, und &uuml;ber seine frischen, offnen Z&uuml;ge legte sich ein
+Schatten. &raquo;Ach, Unsinn, Fr&auml;ulein Hedwig, ich mu&szlig;
+es Ihnen einmal sagen, wir wollen ehrlich miteinander
+handeln. Es ist tats&auml;chlich zwecklos. Obgleich ich Ihnen
+wirklich gut war &#8211; nein, werden Sie mir nicht b&ouml;se,
+Ihnen war ich wirklich gut, wenn ich Sie auch in
+meiner Tollheit geradezu mi&szlig;handelt habe, ich untersch&auml;tzte
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>Sie vielleicht &#8211;&nbsp;&#8211; aber das ist es nicht
+allein &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, aber?&laquo; fragte das M&auml;dchen hastig. Ihr
+Herz klopfte. Unvermittelt blitzte es ihr auf, als ob
+dieser junge Aristokrat, der ihr eben so treuherzig
+seine Liebe gestand, die H&auml;nde ausstrecken w&uuml;rde, um
+sie vor dem Fall zu bewahren, den sie ahnte. &raquo;Nun,
+aber?&laquo; kam es zitternd &uuml;ber ihre Lippen. &raquo;Was
+wollen Sie mir noch mitteilen?&laquo;</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te jetzt, sie liebte ihn nicht, aber sie wollte
+gerettet werden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber,&laquo; murmelte er widerwillig und ri&szlig; an dem
+Z&uuml;gel seines Pferdes &#8211; &raquo;man hat mich da vorige
+Woche in der Hauptstadt verlobt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie?&laquo;</p>
+
+<p>Sie rief es beinahe entsetzt. Alles Blut entwich
+ihren Wangen. Und doch durchschauerte sie es nur
+deshalb so kalt, weil sie sich jetzt vom Schicksal zum
+Untergang bestimmt hielt.</p>
+
+<p>&raquo;Und wer ist Ihre Braut?&laquo; wollte sie stammeln,
+aber in demselben Augenblick hatte sie ihrem Braunen
+mit voller Wucht die Peitsche versetzt, das Tier zuckte
+in die H&ouml;he und raste dann in voller Wut mit dem
+Schlitten die schneebedeckte Chaussee herunter. Kaum
+<a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>h&ouml;rte sie noch, was ihr &uuml;berraschter Begleiter ihr
+nachrief.</p>
+
+<p>Mit aller Kraft ri&szlig; und zerrte sie an den Z&uuml;geln,
+jedoch sie hatte ganz die Gewalt &uuml;ber das sch&auml;umende
+Tier verloren. Wie jagende Traumbilder schossen
+B&auml;ume, H&auml;user und Menschen an ihr vor&uuml;ber, die
+vor&uuml;bersausende Luft nahm ihr den Atem.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>In dem Pachthaus hatte der Landmann die Gesuchte
+nicht gefunden. Er fragte den alten Krischan.
+Der zuckte die Achseln und wies auf die Landstra&szlig;e
+hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Da is sie fortgefahren, Krischan?&laquo; forschte Wilms
+betroffen &#8211; &raquo;allein? Sa&szlig; sie nicht im Schlitten?&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte nickte und schlotterte weiter.</p>
+
+<p>&raquo;Fort?&laquo; murmelte Wilms, w&auml;hrend er in sein
+Haus zur&uuml;ckschritt. Und er hatte sich so gefreut, mit ihr
+zusammen zu sein. Das einsame gro&szlig;e Zimmer schien
+ihm ohne sie unwirtlich. Als das M&auml;dchen nach einer
+Stunde nicht zur&uuml;ckgekehrt war, warf er sich in seine
+gew&ouml;hnliche Joppe, band den Hofhund los und wanderte
+die Landstra&szlig;e nach Boltenhagen zu.</p>
+
+<p>In dem harten Schnee sah man noch die Schlittengleise,
+in denen sie gefahren war. Wilms Herz zog
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>sich zusammen. Da er das M&auml;dchen jetzt schon entbehrte,
+wie sollte es werden, wenn sie ihn g&auml;nzlich
+verlie&szlig;, sobald sein Weib zur&uuml;ckgekehrt war?</p>
+
+<p>Kurz vor Boltenhagen h&ouml;rte er etwas &uuml;ber die
+Chaussee klingeln. Der ferne Punkt, den er wahrnahm,
+wurde gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er, schon vernahm er
+das Schnaufen und Keuchen des gereizten Pferdes.</p>
+
+<p>Er sprang zur Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; rief er mit harter Stimme den Anst&uuml;rmenden
+entgegen.</p>
+
+<p>Hedwig sah ihn, h&ouml;rte ihn, aber dem Durchbrenner
+konnte und wollte sie keinen Einhalt tun. Nur vorbei,
+nur nicht gefragt werden, nur weiter sich austoben
+k&ouml;nnen, hart begleitet von der Gefahr.</p>
+
+<p>Schon waren sie nahe.</p>
+
+<p>&raquo;Halt,&laquo; schrie Wilms noch einmal.</p>
+
+<p>Sein ganzer Kopf r&ouml;tete sich. Er hielt dieses Vor&uuml;bersausen
+f&uuml;r beabsichtigt, um ihm zu entgehen.
+Schon heute fr&uuml;h war sie an der Kirche so vor ihm
+entflohen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin&#8217;s, Hedwig,&laquo; br&uuml;llte er noch einmal.</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>Immer n&auml;her.</p>
+
+<p>Da erhebt sich das Rohe, Gewaltsame in dem
+Bauern. Er springt vor, seine gutm&uuml;tigen Augen
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>drohen, ein m&auml;chtiger Faustschlag trifft das Pferd
+vor die Stirn, da&szlig; es hoch in die H&ouml;he steigt. Der
+Schlitten wird umgeschleudert und das M&auml;dchen schl&auml;gt
+hart in den Schnee, wo es mit weitaufgerissenen
+Augen liegen bleibt, als h&auml;tte sie der Blitz getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms,&laquo; murmelt sie bet&auml;ubt.</p>
+
+<p>Er hob sie auf, und noch halb &uuml;ber sie gebeugt,
+gurgelte er heiser vor Aufregung: &raquo;Hedwig, dir is
+doch nichts? Sag&#8217; doch, Heting, dir is doch nichts?&laquo;</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te gar nicht, was er getan hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein &#8211; Wilms, ich will nach Hause.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wir wollen nach Hause, Heting,&laquo; brachte er
+best&uuml;rzt heraus, &raquo;komm&#8217;, ich heb&#8217; dich in den Schlitten.&laquo;
+Und w&auml;hrend er das M&auml;dchen in das wieder
+aufgerichtete Gef&auml;hrt niederlie&szlig;, bef&uuml;hlte und betastete
+er sie &auml;ngstlich, ob sie auch keinen Schaden
+genommen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, sag&#8217; mir blo&szlig;, wo bist du denn gewesen?&laquo;</p>
+
+<p>Allein sie sa&szlig; wie erstarrt.</p>
+
+<p>&raquo;Frag&#8217; mich jetzt nicht &#8211; ich will nach Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie du willst, dann will ich dich jetzt auch nicht
+fragen,&laquo; gab er sofort nach. &raquo;Aber nicht wahr, Heting,
+dir fehlt doch nichts?&laquo;</p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>&raquo;Dann kommt es blo&szlig; vom Schreck,&laquo; tr&ouml;stete er
+sich und sie. Er nahm neben ihr Platz, ergriff die
+Z&uuml;gel, und der geb&auml;ndigte Braune begann folgsam
+im Trabe zu laufen.</p>
+
+<p>Kein Wort wurde mehr zwischen den beiden gewechselt.
+Gedankenlos sa&szlig; Hedwig neben dem P&auml;chter
+und h&ouml;rte auf das L&auml;uten der Gl&ouml;ckchen. Nur einmal
+stieg ihr schwache Verwunderung auf, warum jetzt
+das Tier jeder Bewegung des Lenkers folge, das
+vorher so wild gewesen.</p>
+
+<p>Verstohlen blickte sie auf den Mann an ihrer Seite
+und merkte, da&szlig; seine Augen gleichfalls auf ihr hafteten,
+voller Angst.</p>
+
+<p>Er sah jetzt ganz anders aus, wie vorhin, als er
+das Pferd zur&uuml;ckgeschlagen hatte.</p>
+
+<p>Als sie daran dachte, zuckte sie zusammen, als habe
+sie selbst der Faustschlag getroffen.</p>
+
+<p>Was sollte daraus noch werden?</p>
+
+<p>Es war ihr, als h&auml;tte er damit auch sie geb&auml;ndigt.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_VI" id="Buch_2_VI"></a>VI.</h3>
+
+
+<p>Und die Erkenntnis, da&szlig; sie langsam unterlag,
+r&uuml;hrte ihr ganzes Wesen auf.</p>
+
+<p>Kaum waren sie in dem Pachthause angelangt,
+so setzte sich Hedwig v&ouml;llig ersch&ouml;pft in eine Sofaecke
+und begann pl&ouml;tzlich heftig zu schluchzen. Wilms sah
+best&uuml;rzt, da&szlig; all ihre Glieder bebten und zitterten
+wie Grashalme, &uuml;ber die der Sturm rauscht.</p>
+
+<p>&raquo;Heting &#8211; liebes Heting,&laquo; murmelte er und fuhr
+ihr unbeholfen &uuml;ber das Haar. &#8211; &raquo;Bist du krank?
+&#8211; Willst du mir nicht sagen, warum du weinst?&laquo;</p>
+
+<p>Immer heftiger flossen ihre Tr&auml;nen. Wie ein
+pl&ouml;tzlicher Regenhusch, der das Gewitter anzeigt.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, das kann ich nicht mit ansehen. Bist
+noch b&ouml;se auf mich von vorhin?&laquo;</p>
+
+<p>Er meinte, weil er sie so roh aus dem Schlitten
+gest&uuml;rzt.</p>
+
+<p>&raquo;O nein.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sch&uuml;ttelte den Kopf und dr&uuml;ckte krampfhaft
+seine Hand.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>&raquo;Wilms &#8211; ich bitte dich, Schwager,&laquo; fl&uuml;sterte
+sie dringend. &raquo;Geh&#8217; jetzt hinaus und la&szlig; mich allein
+&#8211; ganz allein &#8211; nicht wahr, du tust mir den Gefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich, Heting, ich tu&#8217; ja alles, was du willst,&laquo;
+erwiderte der Landmann. &raquo;Blo&szlig; sag&#8217; mir noch, bist
+du vielleicht ungehalten, weil ich heute ohne dich in
+die Kirche ging? Sieh, wenn du es nicht f&uuml;r recht
+h&auml;ltst, dann will ich ja &uuml;berhaupt nicht mehr hingehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie machte nur eine stumme Bewegung der Verneinung,
+und der P&auml;chter schritt schwer und ersch&uuml;ttert
+hinaus. Kaum hatte er die T&uuml;r hinter sich geschlossen,
+so erhob sich Hedwig und warf sich vollkommen durchr&uuml;ttelt
+und kraftlos vor Elses Bett in die Knie, wo
+sie ihren Kopf in die Kissen grub.</p>
+
+<p>&raquo;Schwester &#8211; Schwester,&laquo; murmelte sie halb bet&auml;ubt
+vor Seelenangst.</p>
+
+<p>Unterdessen schritt Wilms in dumpfer Verzweiflung
+auf dem Hof hin und her. Und immer wieder
+richteten sich seine &uuml;berbuschten Augen auf das Fenster,
+hinter dem fr&uuml;her seine kranke Frau gelegen hatte
+und ihm Qual bereitete. Jetzt sp&auml;hte er nach der
+gesunden Schwester.</p>
+
+<p>Er griff nach seiner Stirn und wunderte sich.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Unter ihm lag noch immer die Erde fest und bebte
+nicht, &uuml;ber ihm schwamm der Schneehimmel und spie
+keine Feuerballen aus, um ihn herum ragten Haus
+und Scheunen festgef&uuml;gt wie sonst, und doch br&uuml;tete
+der Mann, der nicht mehr in die Kirche gehen wollte,
+&uuml;ber eine der Tods&uuml;nden nach.</p>
+
+<p>&raquo;Gedankens&uuml;nden,&laquo; hatte der Pastor einmal gesagt,
+&raquo;Gedankens&uuml;nden.&laquo;</p>
+
+<p>Es sollte noch schlimmer kommen.</p>
+
+<p>Der kleine Hofjunge trat auf ihn zu und h&auml;ndigte
+ihm einen Brief aus. Er enthielt eine Einladung
+f&uuml;r den heutigen Abend zur F&ouml;rsterfamilie. Die
+F&ouml;rsterin hatte ihn selbst mit zierlicher Handschrift
+geschrieben.</p>
+
+<p>Als Wilms zur Mittagszeit in das Wohnzimmer
+trat, fand er seine junge Schw&auml;gerin am N&auml;htisch
+emsig mit einem Brief besch&auml;ftigt.</p>
+
+<p>&raquo;An wen schreibst du, Heting?&laquo; fragte er zaghaft.</p>
+
+<p>Sie blickte mit tr&uuml;bem L&auml;cheln zu ihm auf. &raquo;An
+Else,&laquo; antwortete sie stockend.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter stutzte. &raquo;An meine Frau?&laquo; wiederholte
+er d&uuml;ster und blickte zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich frage sie an, wann sie wiederkommt.&laquo;
+Sie senkte dabei das Haupt, schrieb noch ein paar
+<a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Zeilen und &uuml;bergab Wilms dann den geschlossenen
+Brief zur Besorgung.</p>
+
+<p>Eine dr&uuml;ckende Stille trat ein, wie sie jetzt immer
+entstand, wenn der Entfernten zwischen beiden Erw&auml;hnung
+geschah.</p>
+
+<p>&raquo;Wann sie wiederkommt,&laquo; dachte der Landmann
+mutlos. Er reckte sich. &raquo;Ist dir bange nach ihr,
+Heting?&laquo;</p>
+
+<p>Es sollte gleichg&uuml;ltig klingen, aber seine tiefe
+Stimme bebte leicht.</p>
+
+<p>Zitternd wandte sich das M&auml;dchen ab und antwortete
+nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Nur von etwas anderem sprechen,&laquo; dachte Wilms,
+&raquo;von etwas anderem.&laquo; Da erw&auml;hnte er die Einladung,
+die er eben erhalten. Nat&uuml;rlich w&uuml;rde Hedwig
+ablehnen, glaubte er; auffallend war ja ihre Bl&auml;sse,
+und sie hatte noch eben &uuml;ber ihr Befinden geklagt.
+Aber zu seinem Erstaunen rief sie erregt: &raquo;Ja, wir
+wollen hin. Warte, ich kleide mich gleich um.&laquo;</p>
+
+<p>Kopfsch&uuml;ttelnd blieb er zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Schon nach dem Kaffee fuhren sie vom Hof herunter
+in demselben Schlitten, den Hedwig heute vormittag
+benutzt hatte.</p>
+
+<p>In dem gem&uuml;tlichen F&ouml;rsterh&auml;uschen mitten im
+Walde ging es hoch her. Vielstimmiger Gesang,
+<a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Geigen- und Trompetenklang empfingen sie schon bei
+ihrer Ankunft. Der F&ouml;rster hatte von der benachbarten
+Akademie mehrere Forsteleven, selbst einen
+Assessor eingeladen. Der hatte seine Geige mitgebracht
+zur Versch&ouml;nerung des Festes. Auch des Pastors
+T&ouml;chterlein war da.</p>
+
+<p>In einer der braunget&auml;felten Stuben mit den
+vielen Hirschgeweihen brannte noch der Tannenbaum.
+Darunter sa&szlig; das blonde T&ouml;chterchen der Forstleute
+in seinem W&auml;gelchen und streckte die Arme nach den
+Lichtern aus.</p>
+
+<p>Hedwig nahm das Kind in die H&ouml;he und k&uuml;&szlig;te
+es. Als sie sich umwandte, stand Wilms hinter ihr,
+dessen Augen mit besonderem Ausdruck auf ihr ruhten.</p>
+
+<p>Er hatte sich in tiefster Seele gedacht: &raquo;Warum
+geh&ouml;rt mir dieses sch&ouml;ne Weib nicht und dieses Kind?&laquo;
+Langsam fuhr er sich &uuml;ber die Stirn und ging zu den
+M&auml;nnern.</p>
+
+<p>Es wurde sp&auml;t.</p>
+
+<p>Der Abend verflo&szlig; in lauter Fr&ouml;hlichkeit.</p>
+
+<p>Hedwig wurde von den jungen Leuten der Hof
+gemacht, Paula Schirmer schmiegte sich an sie, sie
+mu&szlig;te singen. Zum Schlu&szlig; spielte der Forstassessor
+zum Tanz auf. Da war es selbstverst&auml;ndlich, da&szlig;
+das M&auml;dchen von einem Arm in den andern flog.
+<a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Nur Wilms stand ernsthaft beiseite, er hielt es f&uuml;r
+unpassend zu tanzen, solange sein Weib fern in der
+Klinik weilte.</p>
+
+<p>Stirnrunzelnd &uuml;berkam es ihn, als ob seine Jugend
+in Trauer verflie&szlig;e. Und wie anmutig Hedwig
+tanzte, sie lenkte aller Augen auf sich, nur zu wild
+erschienen ihm manchmal ihre Bewegungen, es lag
+dann etwas Rasendes darin.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ren Sie auf, Fr&auml;ulein Hedwig,&laquo; mahnte auch
+die F&ouml;rsterin, &raquo;sonst wird es zuviel.&laquo;</p>
+
+<p>Sie zog das M&auml;dchen mit sich fort und st&auml;ubte
+ihr in ihrem Schlafzimmer etwas K&ouml;lnisches Wasser
+ins erhitzte Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es Ihrer Schwester?&laquo; fragte sie dabei.</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht,&laquo; versetzte Hedwig geistesabwesend.</p>
+
+<p>Die F&ouml;rsterin starrte sie an. Sie merkte, da&szlig;
+die Erregung ihres jungen Besuches unnat&uuml;rlich sei.
+Jedoch sie glaubte die rechte Spur gefunden zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Wissen Sie schon, da&szlig; sich der junge Graf Brachwitz
+verlobt hat?&laquo; forschte sie gespannt.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich h&ouml;rte schon davon,&laquo; nickte Hedwig gleichg&uuml;ltig
+und wollte wieder zu den andern.</p>
+
+<p>Die F&ouml;rsterin verstand nicht, was sie aus ihr
+<a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>machen sollte. Sie hielt das M&auml;dchen am Arm fest
+und klopfte ihr fast m&uuml;tterlich die Wangen. Eine
+Regung des Mitleids &uuml;berkam sie f&uuml;r dies sch&ouml;ne,
+fiebernde Gesch&ouml;pf. Wenigstens einen guten Rat
+wollte sie ihr erteilen, gesch&ouml;pft aus den Erfahrungen
+einer reifen Frau. Und ganz ehrlich und aufrichtig
+kam es heraus: &raquo;Fr&auml;ulein Hedwig, ich wollte schon
+immer einmal mit Ihnen dar&uuml;ber sprechen. Bleiben
+Sie nicht mehr lange allein mit Ihrem Schwager
+in Wilmshus. &#8211; H&ouml;ren Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum?&laquo; wandte sich Hedwig ruckartig um.</p>
+
+<p>Sie war leichenbla&szlig; geworden, nur die braunen
+Augen gl&auml;nzten und funkelten wie feurige Kohlen.</p>
+
+<p>&raquo;Weil,&laquo; fuhr die Frau eindringlich fort, &raquo;die
+L&auml;sterzungen in der Umgegend sich schon dar&uuml;ber
+aufhalten. Ich rate Ihnen gut, wenn auch nichts
+daran ist, gehen Sie dem Gerede lieber doch aus dem
+Wege.&laquo;</p>
+
+<p>Da raffte sich Hedwig auf, alles Blut scho&szlig; ihr
+zum Herzen, es war ihr so weh, da&szlig; sie laut h&auml;tte
+schreien m&ouml;gen, denn sie f&uuml;hlte, da&szlig; sie jetzt den
+Scheideweg erreicht habe.</p>
+
+<p>&raquo;Liebe Frau Annchen,&laquo; sprach sie dennoch straff
+aufgerichtet, obwohl die vollen Lippen in dem bleichen
+Gesicht bebten, so da&szlig; ihr Gegen&uuml;ber nur mit M&uuml;he
+<a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>ihre Worte verstand. &raquo;Solch m&uuml;&szlig;iges Geschw&auml;tz ist
+mir gleichg&uuml;ltig. Ich tue das, was ich f&uuml;r recht halte,
+und scheue niemand.&laquo;</p>
+
+<p>Damit ri&szlig; sie sich heftig los und ging in der
+gro&szlig;en Stube mitten durch die Fr&ouml;hlichen hindurch,
+gerade auf Wilms zu, um ihn zum Tanz aufzufordern.</p>
+
+<p>Die F&ouml;rsterin wurde rot vor Unwillen, als sie es
+sah, und fl&uuml;sterte aufgeregt mit ihrem Manne.</p>
+
+<p>&raquo;Heting,&laquo; sprach Wilms betreten, &raquo;ich m&ouml;chte nicht
+gern. Solange Else fort ist &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Sie achtete nicht darauf. &raquo;Komm, Schwager, &#8211;
+wenn ich dich bitte?&laquo;</p>
+
+<p>Dabei sah sie ihn an mit ihren fieberigen Augen
+so hei&szlig;, so flehend, als ob er ihr damit das Leben
+retten k&ouml;nnte, als ob ihr ganzes Dasein an diesem
+einen Tanze hing.</p>
+
+<p>Da schlug es auch &uuml;ber ihm zusammen. Weib &#8211;
+Ruf &#8211; die Furcht vor dem Gerede, alles ging unter
+in dem einen Wunsche, dieses lebenstrotzende Wesen
+einmal umschlingen und forttragen zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Er packte sie, gewaltsam, verzweiflungsvoll, als
+wollte er sie an seiner Brust zerpressen.</p>
+
+<p>&raquo;Bravo,&laquo; riefen der Forstassessor wie die Eleven
+und lie&szlig;en ihre Instrumente noch lauter jubeln. Und
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>unter Geigenspiel und Trompetenklang schwenkte er
+sie herum, schwer, wuchtig, als ob es sich um Leben
+und Tod handele.</p>
+
+<p>Er sah auf sie herab.</p>
+
+<p>Ihr Gesicht war schmerzverzogen, ihr Atem ging
+st&ouml;hnend, wie wenn sie mit jedem Schritt &uuml;ber spitze
+Messer dahinglitte, und doch lag sie eng und voll
+in seinen Armen, da&szlig; er g&auml;nzlich die Besinnung verlor.</p>
+
+<p>&raquo;S&uuml;&szlig;es, liebes, Heting,&laquo; fl&uuml;sterte er.</p>
+
+<p>Sie zuckte zusammen und schlo&szlig; die Augen.</p>
+
+<p>Da war auch der Tanz zu Ende, sie trennten sich
+hastig und kamen erst wieder zusammen, als man
+aufbrach.</p>
+
+<p>&raquo;Adsch&ouml; auch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Wiedersehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die F&ouml;rstersleute versprachen bald auf Wilmshus
+vorzusprechen. &raquo;Wenn Ihre Frau erst zur&uuml;ck ist,
+Wilms,&laquo; meinte der F&ouml;rster, &raquo;das ist doch jetzt bald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist bald,&laquo; best&auml;tigte Wilms &uuml;berst&uuml;rzt,
+&raquo;das ist bald.&laquo;</p>
+
+<p>Wieder sa&szlig;en sie im Schlitten, der Landmann hatte
+ein Tuch um das M&auml;dchen geschlagen, da&szlig; man fast
+nichts von ihr sah. Dann ging es durch den n&auml;chtigen
+Wald, in dem die Schlittenglocken seltsam
+wiedert&ouml;nten.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>&raquo;Kling-ling &#8211; Kling-ling.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwigs Haupt neigte sich leicht gegen seine
+Schulter. Ihr war so bleischwer in allen Gliedern,
+der Schlaf schien sie erdr&uuml;cken zu wollen. Wie im
+Traum zog es ihr durch den Sinn, da&szlig; sie mit
+diesem Mann nicht l&auml;nger allein in einem Hause
+bleiben solle. Aber die silbernen Schellen verscheuchten
+den Spuk gleich wieder:</p>
+
+<p>&raquo;Kling-ling &#8211; Kling-ling.&laquo;</p>
+
+<p>In dem dunklen Geh&ouml;ft zu Wilmshus war keine
+Menschenseele zu ersp&auml;hen. Schw&auml;rzer als anderswo
+lag die Nacht auf diesem Ort. F&uuml;rsorglich hob der
+Landmann seine Schw&auml;gerin aus dem Gef&auml;hrt und sie
+duldete es, obwohl sie f&uuml;hlte, wie seine Arme zitterten.
+Da erleuchtete sich die Nacht. Aus dem Hause schl&uuml;rfte
+etwas heran, der alte Krischan schlich heraus, seinen
+Herrn zu empfangen, eine Stallaterne warf einen
+breiten Schein &uuml;ber den Hof. Da machte sich Hedwig
+ungest&uuml;m frei.</p>
+
+<p>Erst auf dem dunklen Flur vor der T&uuml;r des
+Wohnzimmers, wo sie in Elses Bett schlief, erreichte
+der P&auml;chter seine Begleiterin noch einmal.</p>
+
+<p>Rabenschw&auml;rze herrschte hier.</p>
+
+<p>Zaghaft ergriff er ihre Hand und dr&auml;ngte sich
+scheu an sie.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>&raquo;Heting,&laquo; fl&uuml;sterte er leise und ber&uuml;hrte furchtsam
+ihre Schulter.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, versprich mir was.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles, Heting, was du willst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann soll Christian aus dem Hause und ins
+Altenheim.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, dann soll er fort,&laquo; wiederholte Wilms ohne
+&Uuml;berlegung. Halb bet&auml;ubt beugte er sich zu ihr
+hinab.</p>
+
+<p>Und derselbe schl&uuml;rfende Greis, den sie eben verleugnet
+hatten, bewahrte die beiden, die nicht mehr
+gerettet sein wollten, zum letzten Male.</p>
+
+<p>An der Schwelle klapperten seine h&ouml;lzernen Pantoffeln,
+in den Flur ergo&szlig; sich matter Lichtschimmer,
+eben als Hedwig, die gegen die T&uuml;r lehnte, f&uuml;hlte,
+da&szlig; der Boden unter ihr zittere und schwanke und
+da&szlig; sie in jene Arme st&uuml;rzen w&uuml;rde, die nach ihr
+tasteten.</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht, Wilms,&laquo; stotterte sie auffahrend.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, gute Nacht, Heting,&laquo; klagte der P&auml;chter
+und starrte sinnlos auf die T&uuml;r, die sich rasch hinter
+ihr schlo&szlig;.</p>
+
+<p>Der Alte war unterdes vor&uuml;ber geschlichen und
+hatte seine Schlafstelle aufgesucht. Stille, webende,
+undurchdringliche Nacht umgab den Einsamen wieder.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Er horchte und lauschte.</p>
+
+<p>Kein Laut regte sich mehr, alles schlief, nur er
+stand noch wie ein Dieb und wollte stehlen.</p>
+
+<p>Dort drinnen also, dort drinnen.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te, es war unverschlossen.</p>
+
+<p>Die grobe, arbeitsgewohnte Hand reckte sich aus
+nach der Klinke, aber &uuml;ber dem Messing, in der
+Luft blieb sie, wie auf einer unsichtbaren Mauer,
+liegen.</p>
+
+<p>Das vermochte er nicht. Das wagte er nicht. Der
+Frost sch&uuml;ttelte ihn, da&szlig; ihm die Z&auml;hne klapperten.
+Er schlug die H&auml;nde vors Gesicht und stieg wie vernichtet
+und zerbrochen in seine Kammer hinauf.</p>
+
+<p>Er hatte einen schlimmen Traum.</p>
+
+<p>Da sah er sein Weib auf der Totenbahre liegen,
+gelb und w&auml;chsern. Sie war endlich gestorben. Fr&ouml;hlich
+t&ouml;nten Geigen und Trompeten dazu, und er selbst
+hatte Hedwig im Arm und tanzte jauchzend mit ihr
+um den Sarg herum und k&uuml;&szlig;te sie auf den Mund.
+Die Leiche aber lag im Brautkleid und &ouml;ffnete die
+Augen und Pastor Schirmer predigte &uuml;ber ihr: &raquo;Wirf
+die Last von dir. Sei mutig.&laquo;</p>
+
+<p>Er w&auml;lzte sich im Schwei&szlig; und schrie so laut auf,
+da&szlig; er erwachte.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_VII" id="Buch_2_VII"></a>VII.</h3>
+
+
+<p>So war der Winter hingeschwunden.</p>
+
+<p>Der Schnee schmolz. Fr&uuml;hlingsst&uuml;rme bogen und
+peitschten die Pappeln der Landstra&szlig;e, in allen Lachen
+spiegelte sich blendender Sonnenschein, an den Birkenb&uuml;schen
+begann es gr&uuml;n zu schimmern, und an einem
+frischen Morgen vernahm Hedwig, die barh&auml;uptig
+auf dem Hof stand, rauschenden Fl&uuml;gelschlag vor
+ihren Ohren, so da&szlig; sie danach ausschauen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Mit lautem Gezirp umkreisten die Hausschwalben
+das Dach und suchten ihr Nest.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen, das ganz sonnen&uuml;bergl&auml;nzt dastand,
+legte die Hand vor die Augen und blickte hinauf. Ja,
+es wurde wahr, der Fr&uuml;hling zog wieder ins Land.
+Sie wohnte nun bald ein Jahr in diesem Geh&ouml;ft.</p>
+
+<p>Und noch immer war Else nicht zur&uuml;ckgekehrt.</p>
+
+<p>Von Woche zu Woche zog es sich hin. Immer
+trat wieder etwas dazwischen, Monate wurden daraus.
+Wenn Hedwig dem P&auml;chter nicht noch einmal von
+ihrem Erbteil vorgestreckt h&auml;tte, er h&auml;tte die Pension
+<a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>der letzten Wochen nicht bestreiten k&ouml;nnen. Zumal er
+jetzt alles Vorhandene zur Saatzeit brauchte. Das
+zog ihm die Stirn oft sorgenvoll in Falten, aber
+Hedwig hatte ihm die Summe aufgedr&auml;ngt, ungeduldig,
+st&uuml;rmisch. Da hatte er sie genommen. Sie
+geh&ouml;rten ja zusammen, das Ged&auml;chtnis an Else wurde
+jetzt seltener. Zwar langten w&ouml;chentlich Briefe von
+der Kranken an, die von einer immer fortschreitenden
+Besserung berichteten, doch diese Mahnungen hatten
+das Schreckhafte verloren und schienen aus unbestimmter
+Ferne zu stammen. Elses Gestalt wurde ihnen
+allm&auml;hlich unpers&ouml;nlich und verflo&szlig;.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r hatten sie sich gegenseitig immer enger aneinander
+angeschlossen. Wilms blickte auf die stillen
+Wintertage als auf die gl&uuml;cklichsten seines Lebens
+zur&uuml;ck. Ja, er hatte wieder ein Heim, in das er beseeligt
+zur&uuml;ckeilte. Alles war wieder fest, gem&uuml;tlich,
+geordnet. Auch hatte er die Wintermu&szlig;estunden benutzt,
+um von ihr zu lernen. Da hatten sie zusammen
+unter der gro&szlig;en Stehlampe gesessen und die modernen
+B&uuml;cher gelesen, die Hedwig kommen lie&szlig;.
+Selbst seine politischen Ansichten wurden durch sie
+gekl&auml;rt. Und allm&auml;hlich begann er mit anderen Augen
+auf Nahes und Fernes zu blicken. Die sklavische
+Gottesfurcht, die in dem H&ouml;chsten einen Schergen
+<a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>sieht, einen kleinlichen Sp&auml;her und Topfgucker, entschwand
+ihm, erst zaghaft und scheu, bald aber sicherer
+fing er an, nach dem Muster der Geliebten f&uuml;r sich
+selbst Gutes und B&ouml;ses zu unterscheiden. Der sch&uuml;chterne
+Mann erwachte, er erhob sich wie aus einer
+Gruft und sah sich erstaunt in der Welt um. Frische
+Luft wehte &uuml;berall, dem Starken geh&ouml;rte &uuml;berall auch
+das Recht.</p>
+
+<p>Ja, der Krankendunst war aus seinem Heim herausgezogen.</p>
+
+<p>Und Hedwig liebte ihren Sch&uuml;ler. In dem reichen
+Geben und sich Mitteilen verga&szlig; sie, da&szlig; sie sich
+nach ihm sehnte. Ihre verschwenderische Natur fand
+Befriedigung.</p>
+
+<p>Oft auch kam Besuch zu ihnen. Einmal die
+F&ouml;rstersleute mit ihren Eleven, dann Pastor Schirmer
+mit seiner Tochter, zuweilen auch der Inspektor von
+Boltenhagen, sehr oft der schmeerb&auml;uchige Kreisphysikus
+aus Grimmen. Nur die Frau Pastorin hielt
+sich zur&uuml;ck. Hedwig fragte nicht nach ihr und suchte
+nach keinem Grunde.</p>
+
+<p>Dann wurde musiziert und gesungen, h&auml;ufig auch
+getanzt oder ernsthafte Gespr&auml;che gef&uuml;hrt, und alle
+f&uuml;hlten sich von dem klugen, liebensw&uuml;rdigen M&auml;dchen
+angeregt. Wilms wurde allm&auml;hlich stolz auf sie.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>Ihr Widersacher, der taube Krischan, war vom
+Hofe entfernt worden. Das hatte sich jedoch nicht
+so glatt abgewickelt und war jetzt die Ursache zu
+vielem Verdru&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Wat soll ick?&laquo; hatte der Greis gefragt, als
+Wilms ihm seinen Entschlu&szlig; ein wenig z&ouml;gernd er&ouml;ffnete.
+&raquo;Wo soll ick hen?&laquo; Dabei hob er das taube
+Ohr empor und wackelte kraftlos mit dem Kopfe.</p>
+
+<p>&raquo;Ins Altenheim. Da wirst du&#8217;s gut haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne,&laquo; hauchte der Alte und kaute widerw&auml;rtig
+mit dem stoppelbewachsenen Kinn: &raquo;Ick b&uuml;nn nu all&#8217;
+fifuntwintig Johr up dit Flag. &#8211; De Fru hett
+mi verspraken, dat ick hier starwen k&uuml;nn.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms wurde ungeduldig. &raquo;Meine Frau is aber
+jetzt fort,&laquo; rief er heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Sei ward &auml;wer wedderkamen,&laquo; grinste der Alte
+und lachte kauend.</p>
+
+<p>Das war dem Landmann zuviel. Hedwig hatte
+auch darin recht. Es wurde dem Tauben kurz und
+entschieden ein Termin zum Abzug gestellt.</p>
+
+<p>Gelassen h&ouml;rte der Greis die Entscheidung an.</p>
+
+<p>Aber als der Tag herangekommen war, war der
+Alte nirgends zu finden. Knechte und M&auml;gde suchten
+ihn im ganzen Hause vergeblich, auch seine Schlafstelle
+war leer, schon munkelten die Leute, da&szlig; der
+<a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Alte, den niemand leiden konnte, in den Teich gesprungen
+sei. Da entdeckte D&ouml;rthe, die Obermagd,
+ein Zeichen. Sie h&ouml;rte &uuml;ber sich kr&auml;chzendes Rabengeschrei,
+und als sie aufblickte, sah sie, wie der zerzauste
+Vogel des Vermi&szlig;ten in die offene Luke des
+Heubodens flog.</p>
+
+<p>Da fanden sie ihn. In dem tiefsten Winkel, verborgen
+im warmen Heu, lag er und wehrte sich halb
+bl&ouml;dsinnig gegen die Knechte. Ein Gensdarm brachte
+ihn und seine Habseligkeiten endlich vom Hof herunter
+und lieferte beides im Altenheim ab. Dort
+wurde er krank und man dachte an seinen Tod. Allein
+in wenigen Tagen erholte er sich bei der guten Pflege
+und unter der Obhut der &Auml;rzte. Und bald sah man
+ihn t&auml;glich die Landstra&szlig;e hinunterschlottern, bis nach
+Wilmshus, wo er sich auf einen Grabenstein setzte
+und ins Geh&ouml;ft hineinstarrte.</p>
+
+<p>Das konnte ihm niemand verwehren, die Stra&szlig;e
+war frei. Wenn Hedwig vor&uuml;berkam, sch&uuml;ttelte er
+sich und grinste in sich hinein.</p>
+
+<p>&raquo;Er wird mir noch mal das Haus &uuml;ber dem Kopf
+anstecken,&laquo; murmelte Wilms einmal ingrimmig.</p>
+
+<p>Hedwig redete ihm das aus.</p>
+
+<p>Auf dem Schlosse zu Boltenhagen war in der
+Zwischenzeit ein gro&szlig;es Fest gefeiert worden. Die
+<a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>Braut des jungen Herrn hatte dem alten Grafen einen
+Besuch abgestattet. Hedwig sah sie vor&uuml;berfahren, und
+der Br&auml;utigam, der neben der Erw&auml;hlten sa&szlig;, hatte
+sie ernst und ehrerbietig gegr&uuml;&szlig;t. Er wandte sich noch
+einmal nach ihr um. Am Abend spr&uuml;hte ein pr&auml;chtiges
+Feuerwerk her&uuml;ber. Leuchtkugeln und Raketen zischten
+durch die winterstille Luft, und Wilms, der neben
+Hedwig am Fenster lehnte, kehrte sich ihr beklommen
+zu, wie wenn er ihre Augen ergr&uuml;nden wollte. Aber
+sie l&auml;chelte wehm&uuml;tig und sah ihn gro&szlig; und ehrlich
+an. Da beruhigte sich der &Auml;ngstliche wieder.</p>
+
+<p>Wer nach langer Armut Reichtum erlangt, wird
+ein Geizhals und f&uuml;rchtet das Gewonnene wieder zu
+verlieren.</p>
+
+<p>Das Sch&ouml;nste aber, was Hedwig dem &ouml;den Besitztum
+gewonnen hatte, war der Garten hinter dem
+Hause. Zur Saatzeit, wo Wilms meistenteils auf seinen
+Feldern weilte, hatte sie mit D&ouml;rthe von der jahrelangen
+Verwilderung Besitz ergriffen. Beete wurden
+gegraben, mit heimischen, wie ausl&auml;ndischen Blumensaaten
+bepflanzt, G&auml;nge abgesteckt, Rasenteppiche angelegt.
+Der riesige Apfelbaum in der Mitte ward
+beschnitten, die verwilderten Johannis- und Stachelbeerhecken
+zu ordentlichen Grenzen gerundet, das
+schwierigste aber mit den zerstreuten Fliederb&auml;umchen
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>vorgenommen. Hedwig lie&szlig; eine d&uuml;nne Laube zurechtschlagen
+und die St&auml;mmchen rings herumsetzen. Der
+gute G&auml;rtner im Himmel gab seinen Segen dazu,
+er lie&szlig; seinerseits in linden N&auml;chten warmen Regen
+tr&auml;ufeln, und als die St&ouml;rche auf dem Schindeldach
+des Pachthauses erschienen, da hatten sich die Zweige
+zusammengeschlossen, da bildeten wei&szlig;e und blaue
+Fliederb&uuml;sche ein duftendes Dach, und an hellen
+Mondscheinabenden sahen die Zugeflogenen den P&auml;chter
+und seine junge Begleiterin in der Laube sitzen
+und h&ouml;rten, wie sie beide zusammen heitere und traurige
+Weisen sangen.</p>
+
+<p>Solche T&ouml;ne waren hier selten vernommen worden.</p>
+
+<p>Der Flieder streute seine Bl&uuml;ten &uuml;ber sie, und
+vom bl&uuml;henden Apfelbaum quoll ein wundervoller
+Duft her&uuml;ber, der Storchvater klapperte im Traum
+leise dazwischen. Den beiden Menschenkindern aber
+unten klopfte das Herz hei&szlig; und voll und sie schwiegen
+noch immer.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Es war an einem Maienabend. Wilms, Hedwig
+und der kleine Pastor Schirmer sa&szlig;en in der Fliederlaube
+und schwatzten &uuml;ber dies und das. Ein Windlicht
+leuchtete auf dem Tisch. Die Luft ging so sacht,
+<a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>da&szlig; selbst der winzige geistliche Herr mit seinen sp&auml;rlichen
+Silberlocken barh&auml;uptig sa&szlig;.</p>
+
+<p>Da knirschte ein starker Schritt den Gang entlang.
+Ein paar Zweige wurden zur&uuml;ckgeschoben, die m&auml;chtige
+Gestalt des F&ouml;rsters wurde sichtbar.</p>
+
+<p>&raquo;&#8217;n Abend meine Herrschaften,&laquo; rief er fr&ouml;hlich und
+sch&uuml;ttelte allen die Hand. &raquo;Sie haben hier ein sch&ouml;nes
+Pl&auml;tzchen &#8211; wahrhaftig. &#8211; &#8217;n Abend Fr&auml;ulein Hedwig,
+Ihnen bring&#8217; ich was ganz Besonderes mit &#8211;&laquo; er
+schnalzte mit der Zunge &#8211; &raquo;hier.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei reichte er dem M&auml;dchen ein starkes B&uuml;ndel
+gr&uuml;ner Kr&auml;uter her&uuml;ber. Die str&ouml;mten einen w&uuml;rzigen
+Duft aus.</p>
+
+<p>&raquo;Waldmeister?&laquo; sprach Hedwig &uuml;berrascht.</p>
+
+<p>&raquo;Richtig &#8211; meine Frau hat ihn selbst gepfl&uuml;ckt.
+Er bl&uuml;ht in diesem Jahr so pr&auml;chtig, da&szlig; &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; man ihn nicht umkommen lassen darf,&laquo; erg&auml;nzte
+die junge Wirtin anmutig, &raquo;wie w&auml;r&#8217;s, Herr
+Forstmeister, wenn wir gleich eine Bowle zusammen
+brauten? Sie haben doch nichts dagegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dagegen?&laquo; schrie der Weidmann und sah sich
+so triumphierend um, als h&auml;tte er eben ein gutes
+Werk zustande gebracht. &raquo;Deshalb habe ich ihn ja
+gerade zu mir gesteckt. Und mit Ihnen in der K&uuml;che,
+Fr&auml;ulein Hedwig? &#8211; Herrje, wenn meine Frau das
+<a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>w&uuml;&szlig;te, da&szlig; ich mich jetzt noch mit Kochen abgebe.
+Aber das soll auch ein Schl&uuml;ckchen werden, passen
+Sie mal auf, Herr Pastor, was da rauskommt.&laquo;</p>
+
+<p>Die andern riefen Beifall. Und nach kurzer Zeit
+erschien Hedwig wieder mit einer gro&szlig;en Terrine,
+hinter ihr der F&ouml;rster, der noch eine Flasche Rheinwein
+unter dem Arm trug. &raquo;Wenn&#8217;s zu d&uuml;nn sein
+sollte,&laquo; erkl&auml;rte er augenblinzelnd.</p>
+
+<p>Aber es war nicht zu d&uuml;nn.</p>
+
+<p>Sie lie&szlig;en die Gl&auml;ser klingen, r&ouml;tlich spiegelte sich
+das Windlicht in dem gelben Na&szlig;, fein l&auml;utete der
+silberne Ton in die Maiennacht hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n,&laquo; rief der F&ouml;rster und legte sich befriedigt
+die H&auml;nde auf den Leib, &raquo;sehr sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich dank&#8217; dir, Heting,&laquo; sprach Wilms mit einem
+langen bewundernden Blick und hob das Glas.</p>
+
+<p>Und der kleine Pastor leckte sich die Lippen und
+nickte nachdenklich l&auml;chelnd: &raquo;Die Bibel hat einen
+Trinkspruch daf&uuml;r, meine Freunde,&laquo; sagte er vor sich
+hin und faltete die H&auml;nde um das Glas. &raquo;Psalm 65
+&#8211; 11, 12 und 14.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl,&laquo; sagte der F&ouml;rster beif&auml;llig, &raquo;sehr sch&ouml;n.&laquo;
+Er hielt bereits beim dritten Becher und man wu&szlig;te
+nicht, ob er den passenden Vers oder Hedwigs gelungene
+Bowle so sehr bewundere. Dann zog er ein
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>P&auml;ckchen der Stralsunder Fabrik hervor und sprach
+halb bittend, halb versch&auml;mt: &raquo;Ein Sk&auml;tchen?&laquo;</p>
+
+<p>Und ohne abzuwarten fuhr er fort: &raquo;Wilms gibt.&laquo;</p>
+
+<p>L&auml;chelnd griffen die Herren zu den Karten, die
+Zigarren wurden entz&uuml;ndet, und bald fielen die bekannten
+Worte:</p>
+
+<p>&raquo;Tourn&eacute;? &#8211; Solo? &#8211; Pastor, zeigen Sie mir
+Ihre Karten nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig schritt leise aus der Laube hinaus. Langsam
+wandelte sie im Garten herum, der Mond stand
+voll am Himmel und beleuchtete die schmalen Pfade.
+An einem bl&uuml;henden Rotdorn wandte sich das M&auml;dchen
+und blickte in die helle Laube zur&uuml;ck. Da sa&szlig;en
+die drei unter den wei&szlig;en und blauen Fliederb&uuml;schen,
+schl&uuml;rften den guten Wein und spielten munter fort.</p>
+
+<p>Es nahm sich aus wie ein Bild der Behaglichkeit.</p>
+
+<p>&raquo;Und das hast du geschaffen,&laquo; wollte es in Hedwig
+auft&ouml;nen, aber sie sprach es nicht aus, nur ein
+Gef&uuml;hl der Ruhe und des Stolzes &uuml;berkam sie.</p>
+
+<p>Unh&ouml;rbar &ouml;ffnete sie die Gartent&uuml;r, ging leise
+&uuml;ber den schweigenden Hof, bis sie die Einfahrt an
+der Landstra&szlig;e erreicht hatte.</p>
+
+<p>Hier war sie vor einem Jahr zuerst eingefahren.
+Vieles hatte sich seitdem ge&auml;ndert.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>Ausruhend blickte sie die Landstra&szlig;e hinunter.
+Dort atmete alles tiefste Stille, zwischen den St&auml;mmen
+der Pappeln spann sich blaugraue D&auml;mmerung, nur
+die Grillen in dem Graben zirpten ohne Unterla&szlig;.</p>
+
+<p>Da t&ouml;nte ein fernes Rollen dazwischen. Es wurde
+wieder still, aber dann &#8211; von einer Biegung der
+Chaussee h&ouml;rte man deutlich Peitschenklang und das
+Nahen eines Wagens. Ein paar Laternen blitzten auf.</p>
+
+<p>Hedwig trat zur&uuml;ck. Kam das Gef&auml;hrt nicht aus
+Boltenhagen? Wohin ging so sp&auml;t noch eine Equipage?
+Sollte in der gr&auml;flichen Familie jemand krank
+geworden sein?</p>
+
+<p>Die Chaise hielt an, gerade vor der Einfahrt des
+Geh&ouml;ftes, wo das M&auml;dchen stand.</p>
+
+<p>Hedwig begann das Herz zu schlagen.</p>
+
+<p>Aus dem Lederverschlag streckte sich ein unf&ouml;rmlicher
+Kopf heraus und eine belegte Stimme rief:
+&raquo;Fr&auml;ulein Schr&ouml;der? Sind Sie&#8217;s, Fr&auml;ulein Schr&ouml;der?
+Ich bin&#8217;s, Rosenbl&uuml;t aus Grimmen, Sie wissen
+schon, ein guter Freund von Ihrem Herrn Vater.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig trat an den Schlag heran und reichte
+dem Gesch&auml;ftsmann die Hand. Verwundert fragte sie,
+ob er denn aus der Stadt eine Bestellung an sie h&auml;tte.</p>
+
+<p>Der H&auml;ndler wiegte den Kopf: &raquo;Wissen Sie&#8217;s
+denn noch nicht? Das hei&szlig;t wieso sollen Sie&#8217;s wissen?&laquo;
+<a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>wiederholte er sich selbst. &raquo;Da hab&#8217; ich heut den
+Kreisarzt getroffen, Rumpf &#8211; behandelt mir auch
+wegen mein Steinleiden, macht &uuml;mmer faule Witze,
+sagt &uuml;mmer &#8250;Se m&uuml;ssen&#8217;s aushalten Herr Rosenbl&uuml;t,
+Sie sind eben &#8217;n steinreicher Mann.&#8249;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber Herr Rosenbl&uuml;t &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Der H&auml;ndler besann sich: &raquo;Da hat mir der Kreisarzt
+aufgetragen, Ihnen &#8217;ne &Uuml;berraschung zu machen.
+Nu, wissen Sie&#8217;s noch immer nicht? Ihre Frau
+Schwester ist zur&uuml;ck &#8211; bei Ihrem Herrn Vater &#8211;
+und morgen wird sie hier ankommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist zur&uuml;ck?&laquo; fragte Hedwig ganz leise.</p>
+
+<p>&raquo;Nu, die Frau Wilms. Und aussehen soll se, ich
+sag&#8217; Ihnen, so gesund, wie Sie und ich. Kann mir
+denken. Es ist ne gro&szlig;e Freude f&uuml;r Sie. Na, gr&uuml;&szlig;en
+Sie mir den Herrn Wilms &#8211; ich lass&#8217; ihm gratulieren.
+&#8211; Gute Nacht, Fr&auml;ulein Schr&ouml;der.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen auch bestens,&laquo; sagte Hedwig
+und reichte ihm die Hand.</p>
+
+<p>Der Wagen rollte weiter.</p>
+
+<p>&raquo;E seltsam ruhiges M&auml;dchen,&laquo; dachte der H&auml;ndler,
+w&auml;hrend er sich in die Kissen zur&uuml;ckdr&uuml;ckte. &raquo;Sie
+bleibt sich immer gleich &#8211; in Freud und Leid.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig ging langsam &uuml;ber den Hof zur&uuml;ck und
+betrat wieder den Garten. Lange stand sie hinter
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>der erleuchteten Laube und zupfte gedankenlos einen
+Zweig des wei&szlig;en Flieders ab. Drinnen hatten die
+Herren die Karten zusammengeschoben, sie stie&szlig;en noch
+einmal zum Abschied mit den Gl&auml;sern an und der
+F&ouml;rster reckte sich, strich das gewonnene Geld ein und
+summte vor sich hin:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Im Wald und auf der Heide,<br /></span>
+<span class="i0">Da such ich meine Freude.<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ein J&auml;gersmann,<br /></span>
+<span class="i0">Ich bin ein J&auml;gersmann.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Fr&ouml;hlich klang die Weise in die Nacht hinaus.
+Und der kleine Pastor, der nicht viel vertragen konnte,
+schob seinen Arm unter den des S&auml;ngers und murmelte
+undeutlich:</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Freund &#8211; Sie &#8211; Sie begleiten mich
+nach Hause, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich &#8211; wird besorgt werden, Herr Pastor,&laquo;
+lachte der F&ouml;rster mit einem Seitenblick, &raquo;wird alles
+p&uuml;nktlich abgeliefert. Gute Nacht, Wilms, gr&uuml;&szlig; die
+kleine Hedwig. Ein famoses Ding. Donnerwetter,
+wenn ich jung w&auml;r &#8211; wenn ich jung w&auml;r &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gute Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden Herren zogen ab, Wilms gab ihnen
+bis zur Einfahrt das Geleit, und noch auf der Chaussee
+konnte man den F&ouml;rster das J&auml;gerlied singen h&ouml;ren.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>Heiter begab sich Wilms in den Garten zur&uuml;ck.
+Als er in die Laube trat, fand er Hedwig dort, die
+am Tisch sa&szlig; und den Kopf in die Hand st&uuml;tzte.</p>
+
+<p>Er stockte.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, du? &#8211; Ich glaubte, du w&auml;rst schon
+zu Bett gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Wilms, ich wollte dich noch erwarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich? &#8211; Das ist sch&ouml;n. &#8211; Na, da komm,
+Heting, wir trinken noch ein letztes Glas zusammen.
+&#8211; Wir haben ja heut noch gar nicht zusammen angesto&szlig;en.
+&#8211; Willst du?&laquo;</p>
+
+<p>Er setzte sich ihr gegen&uuml;ber und schob ein volles
+Glas vor sie hin, aber sie verhielt sich so regungslos,
+sie hatte das Haupt so tr&uuml;be gesenkt, da&szlig; Wilms
+sie befremdet anstarrte.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, du bist doch nicht etwa krank?&laquo; stotterte
+er.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, Schwager &#8211;&laquo; sie richtete sich auf
+und l&auml;chelte ein wenig. &raquo;Ich habe dir sogar etwas
+sehr Gutes mitzuteilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr Gutes? &#8211; Und dabei siehst du so traurig
+aus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Traurig?&laquo; entgegnete sie verwirrt, und pl&ouml;tzlich
+&uuml;berzog eine tiefe Bl&auml;sse ihr Gesicht. Wilms
+sah, wie ihre H&auml;nde sich zitternd bewegten. &raquo;Die
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Fr&uuml;hlingsluft wohl &#8211; ich habe Kopfschmerzen &#8211;
+ich freue mich auch so sehr &#8211; Wilms, Else ist nach
+Grimmen zur&uuml;ckgekommen und morgen trifft sie
+hier ein.&laquo;</p>
+
+<p>Der Landmann lie&szlig; sein Glas niedersinken und
+tat einen tiefen Atemzug.</p>
+
+<p>Da erz&auml;hlte sie ihm alles. &raquo;Und,&laquo; schlo&szlig; sie unsicher,
+&raquo;sie soll ganz hergestellt sein. &#8211; Gottlob.&laquo;
+Aber sie vermied es, ihn anzublicken.</p>
+
+<p>Wilms regte sich. &raquo;Gottlob,&laquo; murmelte er mechanisch.
+Dann reckte er sich, legte sich die Hand
+vor die Stirn und schritt wortlos in den Garten
+hinein. Seine Gestalt b&uuml;ckte sich dabei, als ob er
+etwas tr&uuml;ge.</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit kehrte er langsam zur&uuml;ck. In
+seinem Gesicht zuckte es, wie er seinen Platz ihr gegen&uuml;ber
+wieder einnahm. Die gutm&uuml;tigen blauen Augen
+schienen ganz &uuml;berbuscht. Er reckte die Hand aus
+und ergriff die ihrige.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dank&#8217; dir auch f&uuml;r alles, Heting, was du
+an mir getan hast,&laquo; sprach er mit zitternder Stimme
+und umklammerte krampfhaft ihre Finger, &raquo;auch daf&uuml;r,
+Heting, da&szlig; du wieder ein bi&szlig;chen Zufriedenheit
+in mein Haus gebracht hast. &#8211; Ich hab&#8217; mich
+so wohl gef&uuml;hlt &#8211;&laquo; murmelte er leise und aus seinem
+<a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Auge drang ein gro&szlig;er, schwerer Tropfen hervor:
+&raquo;Gott geb&#8217;s, da&szlig; alles so bleibt.&laquo;</p>
+
+<p>Da senkte Hedwig ihr Haupt auf seine Hand
+hernieder und blieb unbewegt so liegen, da&szlig; er ihre
+goldbraunen Flechten im fl&uuml;chtigen Glanz des Windlichtes
+schimmern sah. Ihre Stirn brannte auf seiner
+Haut.</p>
+
+<p>Die Brust des Mannes hob sich immer m&uuml;hsamer.
+Sanft zog er seine Hand zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen&#8217;s uns nich noch schwerer machen, Heting,&laquo;
+sagte er mit Aufbietung aller Kr&auml;fte. &raquo;Es is ja
+so nich leicht. &#8211; Komm, Heting, wollen darauf ansto&szlig;en,
+da&szlig; wir immer gute Freunde bleiben, so wie
+heut.&laquo;</p>
+
+<p>Langsam erhob sie sich. Schlank und aufrecht stand
+sie vor ihm, als sie das Glas ergriff, aber ihre
+Augen hingen an den seinen, so dringend, so unabwendbar,
+so gewaltig ernst, da&szlig; er beinahe davor
+erschrak.</p>
+
+<p>Die Bibel hat ein Wort f&uuml;r diese Liebe: &raquo;Feurig,
+wie die Flamme des Herrn und stark, wie der Tod.&laquo;</p>
+
+<p>Die Gl&auml;ser klangen zusammen, sie sahen sich noch
+einmal in die Augen, dann reichten sie sich die H&auml;nde
+und gingen schweigend in das Pachthaus zur&uuml;ck.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_VIII" id="Buch_2_VIII"></a>VIII.</h3>
+
+
+<p>&raquo;Willkommen&laquo; stand &uuml;ber der Haust&uuml;r geschrieben,
+und gr&uuml;ne Guirlanden mit roten und wei&szlig;en Gartenblumen
+schm&uuml;ckten die Pfosten, als die Herrin des
+Hauses zum erstenmal wieder &uuml;ber die Schwelle von
+Wilmshus schritt.</p>
+
+<p>Wilms und Hedwig hatten sie gemeinsam vom
+Bahnhof abgeholt.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, wie sch&ouml;n habt ihr alles f&uuml;r mich gemacht,&laquo;
+fl&uuml;sterte Else erregt, als sie an der Hand ihres Mannes
+den Flur betrat, und warf sich an seine Brust.</p>
+
+<p>&raquo;O Gott, wie danke ich dir, da&szlig; du mich das
+noch erleben lie&szlig;est. &#8211; Erwartet mich der Pastor nicht
+hier?&laquo; setzte sie begierig hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, mein Kind,&laquo; entgegnete Wilms, &raquo;ich dachte,
+wir wollten zuerst unter uns sein.&laquo;</p>
+
+<p>Else nickte: &raquo;Ja, du hast recht. Kommt nur schnell
+in die Stube.&laquo; Und als sie in das gro&szlig;e Wohnzimmer
+<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>eingetreten waren, wo bereits ein festlicher,
+mit Blumen geschm&uuml;ckter Tisch ihrer harrte, da umarmte
+sie ihre Schwester und k&uuml;&szlig;te sie st&uuml;rmisch auf
+den Mund:</p>
+
+<p>&raquo;Liebes Heting, das kommt von dir. Nein, wie
+freue ich mich, da&szlig; ich wieder in meinem eigenen
+Heim bin. Und noch dazu wieder ganz erholt.&laquo; &#8211;
+Sie stellte sich vor den Spiegel und nahm sich den
+Hut ab. &raquo;Nicht wahr, Wilms,&laquo; fuhr sie hastig fort,
+&raquo;man merkt mir doch gar nichts mehr an? Ich
+sehe beinahe wieder so aus, wie zu unserer Hochzeit?
+&#8211; Oder findest du nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Kind,&laquo; antwortete Wilms gedr&uuml;ckt,
+&raquo;du hast dich sehr &#8211; sehr erholt.&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig und er warfen sich dabei einen Blick zu.
+Beide bemerkten, wie hektisch rot ihre Wangen gef&auml;rbt
+waren und welch tiefe, blaue Ringe die Augen
+der Heimgekehrten umr&auml;nderten. Ihre Gestalt war
+leicht nach vorn geneigt und auch die Schultern vorn&uuml;ber
+gezogen. Und doch lie&szlig; das schmale Gesichtchen
+noch immer Spuren einstiger Sch&ouml;nheit erkennen.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Else sich wieder zu ihrem Manne
+gekehrt, sie legte ihm beide H&auml;nde auf die Brust und
+rief zwischen Lachen und Weinen:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>&raquo;Freust du dich denn gar nicht, Wilms, da&szlig; ich
+wieder da bin? Du bist ja so still.&laquo;</p>
+
+<p>Z&auml;rtlich hob sie den Mund zu ihm empor und
+schlo&szlig; die Augen, als Wilms sich schwer und wortlos
+zu ihr niederbeugte. Aber w&auml;hrend er es tat,
+streifte sein Blick &auml;ngstlich die J&uuml;ngere. Schweigend
+wandte sich Hedwig zum Fenster.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun wollen wir zu Tisch gehen,&laquo; rief Else.
+&raquo;Ihr sollt mal sehen, wieviel ich jetzt essen kann.
+Nicht mehr so wie fr&uuml;her.&laquo;</p>
+
+<p>Mit diesen Worten lie&szlig; sie sich auf das Sofa
+nieder, wo Hedwig sonst bei Tisch gesessen hatte, und
+zog Wilms neben sich.</p>
+
+<p>Die Schwester mu&szlig;te ihr gegen&uuml;ber auf einem
+Stuhl Platz nehmen.</p>
+
+<p>Dann teilte sie selbst in eifriger Gesch&auml;ftigkeit die
+Speisen aus, ja die Heimgekehrte schien an einem
+Tage alles wieder einholen zu wollen, was sie in
+jahrelanger Krankheit in der Wirtschaft verabs&auml;umt
+hatte. Zum mindesten w&uuml;nschte sie dem Gatten ihre
+frischgewonnene Kraft zu zeigen, damit er sich daran
+erfreue.</p>
+
+<p>Und dann begann sie ihre Erlebnisse in der Klinik
+zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Wilms Stirn verd&uuml;sterte sich immer mehr.</p>
+
+<p>Seit Monden schon hatte ihn bei seinem Verkehr
+mit Hedwig nicht mehr die leiseste Andeutung daran
+erinnert, da&szlig; sein Heim einmal einem Lazarett geglichen,
+in dem nur &uuml;ber &Auml;rzte, Krankheit und Medikamente
+verhandelt worden war. Jetzt, w&auml;hrend Else
+umst&auml;ndlich ihre &uuml;berstandenen Leiden beschrieb, erhob
+sich f&ouml;rmlich wieder jener laue Krankheits- und
+Verwesungsgeruch, der jahrelang seine Sinne niedergedr&uuml;ckt
+hatte.</p>
+
+<p>Hilfesuchend sah er auf Hedwig, aber das M&auml;dchen
+schien aufmerksam zuzuh&ouml;ren und auch seine Abneigung
+nicht zu teilen. Das verdarb ihm das erste
+Mittagsmahl vollst&auml;ndig. Nur zum Schein hielt er
+noch Messer und Gabel in der Hand, ja er dankte
+Gott, als seine Frau, die trotz ihres ger&uuml;hmten Appetites
+von allem nur fl&uuml;chtig genippt hatte, endlich die
+Tafel aufhob.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t du, Heting,&laquo; sagte sie zur Schwester und
+klopfte ihr beim Aufstehen m&uuml;tterlich die Wange:
+&raquo;Du siehst bla&szlig; aus. Gewi&szlig; hast du dich in der
+letzten Zeit hier &uuml;beranstrengt. Aber jetzt soll das
+alles anders werden. Ach, Wilms, wie gl&uuml;cklich bin
+ich dar&uuml;ber, da&szlig; ich jetzt selbst wieder alles in die
+Hand nehmen werde. Und pa&szlig;t nur auf, wie rasch
+<a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>ich mich wieder hineinfinde. Dann will ich dich auch
+ordentlich pflegen, mein kleines Heting.&laquo;</p>
+
+<p>Die Angeredete l&auml;chelte wehm&uuml;tig, und wieder
+trafen sich ihre und des Landmanns Augen in einem
+langen, vielsagenden Blick.</p>
+
+<p>Es war bereits das drittemal, da&szlig; sie so stumm
+und traurig miteinander sprachen.</p>
+
+<p>Bedr&uuml;ckt und nicht f&auml;hig, sich l&auml;nger zu beherrschen,
+ri&szlig; sich endlich Wilms los. Er verabschiedete sich
+von seiner Frau, um aufs Feld zu gehen, die Saat
+weiter zu beaufsichtigen.</p>
+
+<p>Aber das alte Spiel wiederholte sich, Else haschte
+rasch nach seiner Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, du willst mich jetzt schon allein lassen?&laquo;
+rief sie mit leisem Ton des Unmuts, &raquo;gleich den
+ersten Tag, wo ich hier bin?&laquo;</p>
+
+<p>Dabei wurden ihre Wangen gl&uuml;hend rot, mit den
+Z&auml;hnen nagte sie an der Unterlippe. &raquo;Das wirst
+du doch nicht tun, nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>Hier schon war es ersichtlich, da&szlig; die Halbgenesene
+eine Aufregung oder gar einen Streit nicht w&uuml;rde
+ertragen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der Landmann blieb stehen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>Das also war seine Zukunft? Sollte er wieder
+gefesselt werden, da&szlig; er der daherfahrenden Not abermals
+gebunden und widerstandslos &uuml;berliefert war?</p>
+
+<p>Die Angst um seine Existenz, die ihn schon einmal
+erf&uuml;llt hatte, und die erst seit kurzem gebannt war,
+von jenem stillen, schweigenden M&auml;dchen dort, das
+l&auml;hmende Entsetzen wollte ihn von neuem erfassen.
+Aber nur einen Augenblick, dann richtete sich der
+gro&szlig;e Mann entschlossen auf, bereit, endlich, endlich
+seine Mannesw&uuml;rde gegen&uuml;ber der Krankheit zu behaupten.</p>
+
+<p>Jedoch er sollte zu keinem unvorsichtigen Wort
+gelangen. Hedwig hatte in seinen Mienen die heftige
+Bewegung gelesen und rasch eilte sie, ihm zu
+helfen.</p>
+
+<p>&raquo;Elsing,&laquo; erkl&auml;rte sie mit ihrer freundlichen, aber
+doch so stolzen Bestimmtheit, als wenn ein Widerspruch
+von vornherein ausgeschlossen w&auml;re, und legte
+ihr leicht die Hand auf den Arm: &raquo;Dein Mann
+hat f&uuml;r uns gar keine Zeit weiter, du mu&szlig;t ihn
+schon gehen lassen. Es steht zu viel Geldverlust auf
+dem Spiel, wenn er in diesen Monaten aufgehalten
+wird.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kranke warf der Schwester einen &uuml;berraschten
+Blick zu:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>&raquo;So?&laquo; sprach sie dann, noch immer ein wenig
+spitz, &raquo;du scheinst hier ja schon viel in der Landwirtschaft
+gelernt zu haben, Hedwig?&laquo;</p>
+
+<p>Allein ganz unvermittelt gab sie nach und winkte
+l&auml;chelnd mit der Hand, da&szlig; er sich entfernen solle.</p>
+
+<p>&raquo;Geh nur, Wilms &#8211; geh. Ihr habt ja recht. Es
+ist ja wahr. Mir ist es nur, als ob ich mich jetzt gar
+nicht von euch trennen k&ouml;nnte &#8211; aber geh nur.&laquo;</p>
+
+<p>Da ging Wilms schwerf&auml;llig und bedr&uuml;ckt hinaus.
+Und als er langsam &uuml;ber seine Felder schritt, auf
+denen geharkt und ges&auml;t wurde, da war ihm weh
+zumute, viel schlimmer als damals, als sein Weib
+auf dem Krankenlager gelegen. Wie sollte das enden?</p>
+
+<p>Mitten in seiner schweren Arbeit tanzte ihm alles
+durcheinander. Hedwigs fragende Augen, ihr herrlicher
+Wuchs, ihre roten Lippen und daneben wieder
+das zarte, nerv&ouml;se Bild der Heimgekehrten, das sich
+z&auml;rtlich an ihn schmiegte, um ihn zu k&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Er schauderte zusammen, rings lag hei&szlig;er Sonnendunst
+auf der Erde, und doch war es ihm, als h&auml;tte
+eben etwas Kaltes seinen Mund ber&uuml;hrt. Ein heftiger,
+k&ouml;rperlicher Widerwille beschlich ihn, als er sich
+an die Liebkosungen seines Weibes erinnerte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; nein &#8211; Gott sch&uuml;tz&#8217; mich &#8211; bewahr
+<a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>mich davor. &#8211; Das darf ich ja nicht denken &#8211;
+Karl, Jochen,&laquo; rief er laut seinen Leuten zu.</p>
+
+<p>Er wollte Menschen um sich haben, um die Gespenster
+mitten in der Sonnenglut zu scheuchen.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Inzwischen waren die beiden Schwestern allein.</p>
+
+<p>Hedwig riet der Kranken, sie solle sich jetzt etwas
+niederlegen, allein Else wollte davon nichts wissen,
+obwohl ihre Bewegungen seit Wilms Fortgange sichtlich
+matter geworden waren.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, Heting,&laquo; lehnte sie hastig ab, &raquo;glaub&#8217;
+mir, das hab&#8217; ich jetzt nicht mehr n&ouml;tig. Wir wollen
+jetzt lieber die Wirtschaft ein bi&szlig;chen durchmustern,
+vor allen Dingen meine Schr&auml;nke. Darauf freue ich
+mich schon wochenlang. Hast du sie auch h&uuml;bsch in
+Ordnung gehalten?&laquo;</p>
+
+<p>Die andere bejahte leidend und schlo&szlig; im Wohnzimmer
+einen W&auml;scheschrank auf, aber Else ging das
+alles zu langsam. In der Hast ri&szlig; sie der J&uuml;ngeren
+das Schl&uuml;sselbund aus der Hand und lief damit
+von einem Schrank zum andern. &Uuml;berall sah sie hinein.
+Dann hing sie sich die Schl&uuml;ssel in den G&uuml;rtel.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte sie jetzt doch lieber wieder selbst behalten,&laquo;
+erkl&auml;rte sie Hedwig mit vor Vergn&uuml;gen ger&ouml;tetem
+<a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>Gesicht. &raquo;Von jetzt an werde ich ja wieder
+alles allein beaufsichtigen.&laquo; Und sie k&uuml;&szlig;te ihre
+Schwester st&uuml;rmisch auf die Wange: &raquo;Nicht wahr,
+Heting, du freust dich doch dar&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>Die J&uuml;ngere nickte ernst. Ein wehm&uuml;tiges L&auml;cheln
+spielte um ihre Lippen, als die klappernden Dinger
+wieder den G&uuml;rtel ihrer Schwester schm&uuml;ckten.</p>
+
+<p>Jetzt war sie also abgesetzt, sie kam sich &uuml;berfl&uuml;ssig
+vor. Mutlos blickte sie zu Boden. Dagegen
+gab es keinen Kampf. Der Aufenthalt im Zimmer
+wurde ihr dr&uuml;ckend.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Else,&laquo; nahm sie sich zusammen, &raquo;ich habe
+noch eine &Uuml;berraschung f&uuml;r dich. Komm mit.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gedachte der Heimgekehrten den Platz zu zeigen,
+der fr&uuml;her mit wildem Gestr&uuml;pp bedeckt gewesen und
+sich nun unter Hedwigs Hand in einen bl&uuml;henden
+Garten verwandelt hatte.</p>
+
+<p>Sie schritten dorthin.</p>
+
+<p>Und Elses Entz&uuml;cken war zuerst ganz aufrichtig.
+Still und selig schlang sie den Arm um Hedwigs
+Schulter, und so sa&szlig;en die beiden Schwestern in der
+bl&uuml;henden Fliederlaube und tr&auml;umten in den sinkenden,
+rosigen Tag hinaus.</p>
+
+<p>Hedwig erinnerte sich an den vergangenen Abend.
+In ihrem Ohr klang der silberne Ton wieder, wie
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>gestern, als sich ihr Glas mit dem des Landmanns
+ber&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>So w&uuml;rde fortan Else mit ihrem Mann hier sitzen,
+dachte das M&auml;dchen, sie aber w&uuml;rde gehen. Sie lie&szlig;
+die H&auml;nde in den Scho&szlig; sinken und sah &uuml;ber die
+Stachelbeerhecken fort auf die angrenzende weite gr&uuml;ne
+Wiese hin, auf der zahllose Schmetterlinge im letzten
+Abendsonnenschein herumgaukelten.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist so still?&laquo; fragte Else.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick kehrte Wilms zur&uuml;ck. Er
+freute sich dar&uuml;ber, die beiden Frauen an der liebgewordenen
+St&auml;tte zu finden, und erz&auml;hlte Else, wie
+oft sie hier schon gem&uuml;tlich gespeist h&auml;tten. Zum
+Schlu&szlig; bat er, da&szlig; auch heute an dieser Gewohnheit
+festgehalten werde.</p>
+
+<p>Else sah erstaunt zu dem vor ihr Stehenden auf.</p>
+
+<p>&raquo;Hier?&laquo; fragte sie verwundert. &raquo;Aber hier wird
+es doch bald zu k&uuml;hl?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bewahre, Elsing,&laquo; widerlegte Wilms, &raquo;wir haben
+ja gestern erst mit Hedwig hier gesessen, sogar bis
+sp&auml;t in die Nacht hinein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; entgegnete Else gedehnt. Eine leichte Wolke
+zog &uuml;ber ihre Stirn, die Falten um ihren Mund
+pr&auml;gten sich etwas sch&auml;rfer aus, es war nur eine
+<a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>ganz leise Andeutung von Verstimmung und ebenso
+schnell wieder entschwunden, wie sie entstanden war.</p>
+
+<p>Noch war kein Argwohn in der Leidenden erwacht.</p>
+
+<p>&raquo;Dann habt ihr euch ja in meiner Abwesenheit
+ganz gut unterhalten,&laquo; meinte sie achselzuckend.</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte dabei, wie wenn sie das Ganze f&uuml;r
+einen Scherz hielte, und liebkoste die Hand ihrer
+Schwester. Gleich darauf aber verzog sie die Schultern.</p>
+
+<p>Eben war die Sonne hinter rotgl&uuml;henden Streifen
+verschwunden, ein laues L&uuml;ftchen strich &uuml;ber die Wiesen.</p>
+
+<p>&raquo;Mir wird doch zu kalt,&laquo; sagte Else matt und
+erhob sich rasch, &raquo;und ich denke, wir wollen deshalb
+lieber im Zimmer essen. Daf&uuml;r sind wir ja auch alle
+drei wieder zusammen.&laquo;</p>
+
+<p>Sofort erhoben sich auch die andern. Der Wille
+der Kranken war m&auml;chtiger als ihre eigenen Neigungen.
+Sitte und Gewohnheit geboten immer dieselbe
+r&uuml;cksichtsvolle Unterordnung.</p>
+
+<p>Sorglich legte ihr Hedwig ein Tuch um die Schultern,
+Else nahm den Arm der J&uuml;ngeren, und nach all
+der selbst auferlegten Anstrengung dieses Tages wandelte
+sie matt und m&uuml;de neben der jugendfrischen
+F&uuml;hrerin her.</p>
+
+<p>Wilms folgte ihnen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>Finster sah er auf die beiden so verschiedenen Gestalten,
+aber er wagte keinen Vergleich mehr. Nur
+am Ausgang des Gartens wandte er sich noch einmal
+nach der bl&uuml;henden Fliederlaube zur&uuml;ck. Ein
+schwerer Duft wehte her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Auch das vorbei,&laquo; murmelte Wilms. Verst&ouml;rt
+ri&szlig; er sich los. Die Lebensfreude entfloh von ihm,
+wie ein vorbeipfeifender Vogel, und der d&uuml;stere Geist
+der Verzweiflung beschattete ihn wieder mit seinen
+dunklen Fledermausfl&uuml;geln.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_IX" id="Buch_2_IX"></a>IX.</h3>
+
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.</p>
+
+<p>Aus seinem &auml;u&szlig;eren Gebaren konnte man schwer
+entr&auml;tseln, was er von dem Zustand der P&auml;chterfrau
+hielt. Er k&uuml;&szlig;te ihr zwar ein paarmal die Fingerspitzen,
+aber doch mit Zur&uuml;ckhaltung.</p>
+
+<p>Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten,
+an denen der beleibte alte <em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf Freude erlebte,
+beehrte er mit seiner st&uuml;rmischsten Z&auml;rtlichkeit.</p>
+
+<p>Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig.
+Er streichelte ihr nach der Untersuchung das feine
+blonde Haar aus der Stirn und sagte beg&uuml;tigend
+wie zu einem kleinen Kinde:</p>
+
+<p>&raquo;Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding,
+immer h&uuml;bsch schonen. Nur recht still, das ist
+die Hauptsache.&laquo;</p>
+
+<p>Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms
+und Hedwig seiner schon harrten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; meinte er dort mit leisem Kopfsch&uuml;tteln,
+&raquo;es ist ja zum Stillstand gekommen bei Ihrer Frau,
+<a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>lieber Wilms &#8211; wollen &#8217;s Beste hoffen. Aber keine
+Aufregungen, h&ouml;ren Sie, davor m&uuml;ssen Sie sie in
+acht nehmen, ich sage es Ihnen ausdr&uuml;cklich, eine
+Erregung w&auml;re das reine Gift f&uuml;r die Kranke.&laquo;</p>
+
+<p>Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren
+war, blieben der P&auml;chter und das M&auml;dchen
+noch einen Augenblick nebeneinander im Garten stehen.</p>
+
+<p>Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen
+Z&uuml;gen des Landmanns.</p>
+
+<p>&raquo;Heting,&laquo; begann er endlich heiser, w&auml;hrend er
+sich scheu umblickte, und seine Brust hob sich so gewaltsam,
+als ob er unter Bergesschwere seufze: &raquo;Es ist
+schrecklich, was mir fortw&auml;hrend im Kopf herumgeht,
+aber nicht wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir
+bekommen? Heting,&laquo; er ergriff ihre Hand und keuchend
+fl&uuml;sterte er weiter, als ob&#8217;s ein Geheimnis w&auml;re:
+&raquo;Ich kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es
+geht &uuml;ber meine Kr&auml;fte. Ich w&uuml;nschte, es w&auml;re so
+oder so, biegen oder brechen, entweder sie w&uuml;rde gesund,
+oder &#8211; sie ginge von uns.&laquo;</p>
+
+<p>Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in
+den blauen Himmel hinauf, wie wenn er von dort
+oben eine tr&ouml;stende Antwort erwarte.</p>
+
+<p>Aber nichts regte sich, nur der Wind f&uuml;hrte Wiesenduft
+in den Garten hinein.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a>Wilms pre&szlig;te pl&ouml;tzlich mit beiden H&auml;nden seinen
+m&auml;chtigen Kopf und st&ouml;hnte laut auf: &raquo;Gro&szlig;er Gott
+&#8211; wie kann ich nur an so was denken? &#8211;&nbsp;&#8211; Ich
+bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden &#8211;
+schon wahnsinnig,&laquo; wiederholte er tonlos.</p>
+
+<p>&raquo;Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?&laquo;
+sprach Hedwig verloren vor sich hin.</p>
+
+<p>Sie hatte bis jetzt wie ein wei&szlig;es Marmorbild
+den Jammer des Mannes, den sie gl&uuml;cklich machen
+wollte, mitangesehen, jedoch w&auml;hrend sie das letzte
+sprach, erweiterten sich ihre gro&szlig;en Augen schreckhaft
+weit. Regungslos starrte sie in die Ferne. Etwas
+Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort undeutlich entgegen,
+ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als
+sie Wilms noch einmal anblickte, wurde sie leichenbla&szlig;.</p>
+
+<p>Entsetzen.</p>
+
+<p>Sie mu&szlig;te etwas Gr&auml;&szlig;liches erschaut haben.</p>
+
+<p>Gru&szlig;los gingen die beiden auseinander. Bald
+darauf betrat Wilms das Wohnzimmer, um sich von
+seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
+fand er Else an ihrem N&auml;htisch sitzen, eifrig damit
+besch&auml;ftigt, Leinenzeug zusammenzusticheln.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Hedwig?&laquo; fragte sie rasch bei seinem
+Eintritt und hob ihre hellen Augen.</p>
+
+<p>Wilms stutzte: &raquo;Wahrscheinlich in der K&uuml;che,&laquo; gab
+<a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>er unbeholfen zur&uuml;ck. Er log. Etwas Unerkanntes,
+Dunkles zwang ihn dazu.</p>
+
+<p>Sein Weib lie&szlig; ihre Arbeit langsam in den Scho&szlig;
+sinken und sah ihn an. Eben hatte ihr D&ouml;rthe, die
+Obermagd, erz&auml;hlt, da&szlig; sich Hedwig mit dem Herrn
+im Garten erginge. Und doch sagte er, da&szlig; er mit
+ihrer Schwester nicht zusammengetroffen w&auml;re?</p>
+
+<p>Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig,
+in der Hast stach sie sich mit der Nadel, da&szlig; ein
+kleiner Blutstropfen hervorquoll.</p>
+
+<p>Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden.
+Sie wehrte ihn ab:</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das. &#8211; Es macht nichts,&laquo; sagte sie fest,
+obwohl ihre schwache Stimme leise zitterte. Dann
+wandte sie sich und schaute eine Zeitlang still zum
+Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz
+wieder zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zur&uuml;ckgewonnen,
+nur ihre Augen blickten nachdenklich und
+gr&uuml;belnd vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Adieu Wilms,&laquo; sagte sie etwas gezwungen, und
+nachdem sie sich noch die H&auml;nde gereicht hatten, bat
+sie ihren Gatten: &raquo;Schick&#8217; mir doch Christian einmal
+herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms stand bereits an der T&uuml;r. Er wurde verlegen.
+&raquo;Wen soll ich &#8211;&nbsp;&#8211;?&laquo; fragte er z&ouml;gernd.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a>&raquo;Nun den alten Christian.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so den &#8211;&nbsp;&#8211; ja &#8211; den &#8211; Elsing &#8211; den
+hab&#8217; ich entlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms wu&szlig;te, da&szlig; er Unrecht auf sich geladen
+hatte, er hatte den Alten fortgejagt aus Liebe zu dem
+sch&ouml;nen Weibe, vor deren Kammer er damals gestanden.
+Der Mann hatte ein Menschenalter auf
+dem Hofe gedient. Der Schwei&szlig; brach ihm aus der
+Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit den
+Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin
+und her und wagte die Augen nicht zu seinem Weibe
+zu erheben. Aber Else sa&szlig; zuerst ganz stumm. &raquo;Du
+hast den alten Christian entlassen?&laquo; murmelte sie endlich
+ungl&auml;ubig. &raquo;Im Ernst?&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter nickte.</p>
+
+<p>Die Kranke fuhr auf: &raquo;Aber wei&szlig;t du denn nicht,
+da&szlig; ich dem Alten versprochen hatte, er k&ouml;nne hier
+sein Leben beschlie&szlig;en!&laquo; rief sie entr&uuml;stet.</p>
+
+<p>In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von
+sich und pre&szlig;te beide H&auml;nde an die Schl&auml;fen. Die
+Augen, die sich immer dunkler umr&auml;nderten, begannen
+krankhaft zu leuchten.</p>
+
+<p>Auch Wilms bemerkte es. Angsterf&uuml;llt trat er
+n&auml;her: &raquo;Du sollst dich doch nicht aufregen, Elsing,&laquo;
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>bat er atemlos. &raquo;H&ouml;rst du, mein Kind, nicht deswegen.&laquo;</p>
+
+<p>Allein Elses Geduld war ersch&ouml;pft. Ein Tr&auml;nenstrom
+brach hervor, sie schleuderte die Schere auf
+den Fu&szlig;boden, da&szlig; sie klirrte, und war ganz
+fassungslos.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem
+R&uuml;cken vorgegangen ist?&laquo; rief sie emp&ouml;rt, obgleich
+sie nach Luft rang. &raquo;Warum hast du denn nur den
+alten Mann entfernt, wie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil er sich ausversch&auml;mt benommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen dich?&laquo;</p>
+
+<p>Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut
+stieg ihm zu Kopfe.</p>
+
+<p>&raquo;Gegen mich &#8211; Elsing? &#8211; Nein, das gerade
+nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen wen denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gegen &#8211; gegen deine Schwester &#8211; gegen
+Hedwig.&laquo;</p>
+
+<p>Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte
+sie empor und machte ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.</p>
+
+<p>&raquo;Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,&laquo;
+schluchzte sie w&uuml;tend, &raquo;da&szlig; er fort soll? &#8211; Nicht
+wahr?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte
+den Landmann. &Uuml;ber der Nase zogen sich
+bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:</p>
+
+<p>&raquo;Nat&uuml;rlich,&laquo; gab er langsam zur&uuml;ck, &raquo;auf Hedwigs
+Wunsch hab&#8217; ich&#8217;s dann getan.&laquo;</p>
+
+<p>Da verlor die Leidende allen Halt.</p>
+
+<p>&raquo;Aber sie hat hier nichts zu w&uuml;nschen,&laquo; schrie sie
+jetzt g&auml;nzlich sinnlos. &raquo;Was geht dich &uuml;berhaupt meine
+Schwester an, w&auml;hrend du doch ganz genau wu&szlig;test,
+da&szlig; ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
+Entlassung geben w&uuml;rde? &#8211; Sag mir blo&szlig;, was
+geht dich dabei Hedwig an?&laquo;</p>
+
+<p>Sie wollte noch weiter klagen, aber pl&ouml;tzlich brach
+sie ab, und ihr Blick richtete sich verwirrt auf ihren
+Mann.</p>
+
+<p>Was ging so schnell mit ihm vor?</p>
+
+<p>Er sah sie gro&szlig; an, der ungelenke Riese, als ob
+er dieses schwache Frauenbild zum erstenmal s&auml;he.
+Die F&auml;uste ballten und &ouml;ffneten sich wieder, seltsam
+schwer ging die Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Elsing,&laquo; kam es dumpf heraus, indem er schwerf&auml;llig
+auf sie zutrat &#8211; &raquo;nu is es genug &#8211; nu will ich
+nichts weiter davon h&ouml;ren, du bist krank, das halt ich
+dir zugut.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Wuchtig und nachdr&uuml;cklich wie nie hatte er gesprochen.
+Es klang hart und herb, als ob Steine
+aufeinander geworfen werden.</p>
+
+<p>Kopfnickend schritt er dann zur T&uuml;r. Jedoch eh&#8217;
+er sie erreicht hatte, schwankte pl&ouml;tzlich sein Weib auf
+ihn zu, um mit ihren schwachen Armen seine Brust
+zu umklammern:</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, ich wei&szlig; ja nicht, was ich spreche,&laquo; stammelte
+sie halb ohnm&auml;chtig, und in dem blassen Gesicht
+schlossen sich m&uuml;de die Augen, &raquo;ich &#8211; ich &#8211; ach
+Gott, ich tu&#8217; ja alles aus Liebe zu dir. &#8211; Glaubst
+du das denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mu&szlig;te
+sie aufheben.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, das glaub&#8217; ich,&laquo; murmelte er durch das
+eine Wort verwandelt und bezwungen &#8211; &raquo;du arme
+Dirn &#8211; komm, Elsing.&laquo;</p>
+
+<p>Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft
+hinauf.</p>
+
+<p>Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die
+Arme um seinen Hals und hob ihre Lippen st&uuml;rmisch
+zu den seinen.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, du bist wieder gut?&laquo; l&auml;chelte sie.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, Elsing.&laquo;</p>
+
+<p>Ein hei&szlig;er Ku&szlig; brannte auf seinem Munde.
+<a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>Dann befand er sich drau&szlig;en und schritt gebeugter,
+als je zuvor, seinen Feldern zu.</p>
+
+<p>In einer Furche lag ein Schmetterling, der von
+einem Sandklos getroffen war. Mitleidslos stampfte
+ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die Erde.</p>
+
+<p>&raquo;Dir is wohl,&laquo; sprach er rauh.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben
+anfing neidisch zu werden, trat zur T&uuml;re herein und
+brachte der v&ouml;llig ersch&ouml;pft Liegenden eine Tasse
+Bouillon. Das r&uuml;hrte die Leidende und stimmte sie
+um. Zwar flossen noch immer Tr&auml;nen aus ihren
+Augen, aber sie zog dennoch das sch&ouml;ne bl&uuml;hende
+M&auml;dchen zu sich nieder und streichelte z&auml;rtlich sein
+braunes, goldig schimmerndes Haar. &raquo;Nicht wahr,
+Heting,&laquo; fl&uuml;sterte sie kaum vernehmbar, &raquo;du bist nicht
+schlecht zu mir, nicht wahr?&laquo; Und sie hob das Gesicht
+der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
+sprechenden Augen: &raquo;Nein, nein, du wirst mir nicht
+weh tun,&laquo; setzte sie getr&ouml;stet hinzu.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte,
+nahm die Leidende, die da glaubte genesen zu sein,
+die Bibel und versuchte, ihre b&ouml;sen Gedanken durch
+die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verst&auml;ndnislos
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>&uuml;berflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen
+murmelten allerlei abgebrochene Laute, die nicht hierher
+geh&ouml;rten. Zerstreut erhob sie sich endlich und
+schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb er mich wohl belogen hat?&laquo; sann sie,
+ohne eine Antwort finden zu k&ouml;nnen. M&uuml;de und abgespannt
+lehnte sie endlich am Fenster und blickte auf
+den Hof hinaus, &uuml;ber dem warmer Sonnenschein lag.</p>
+
+<p>Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt
+sa&szlig; dort drau&szlig;en auf dem Prellstein vor dem Tor?
+Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte dort
+und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf
+das Geh&ouml;ft.</p>
+
+<p>Die Sp&auml;hende beugte sich vor. Das war ja der
+alte Krischan? Eine merkw&uuml;rdige Freude befiel die
+Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es passend sei,
+mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
+fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und ber&uuml;hrte seine
+Schulter.</p>
+
+<p>M&uuml;hsam hob der Greis das nickende Haupt, und
+als er die Frau in dem einfachen, grauen Kleide
+erkannte, lief ein schwaches L&auml;cheln &uuml;ber die vertrockneten
+Lippen.</p>
+
+<p>F&uuml;r Else war er stets ein treuer Kettenhund
+gewesen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>&raquo;Arm&#8217; Fru,&laquo; sagte er und strich mit seiner welken,
+zitternden Hand an ihrem Arm herunter. &raquo;Arm&#8217;
+Fru.&laquo;</p>
+
+<p>Das war die Begr&uuml;&szlig;ung.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; rief Else laut, damit er sie verst&auml;nde.
+&raquo;Ich bin nicht mehr krank, Krischan, ich f&uuml;hle
+mich viel wohler.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Arm&#8217; Fru,&laquo; nickte der Alte unver&auml;ndert, beinahe
+mitleidig.</p>
+
+<p>Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne
+&Uuml;berlegung, mit j&auml;hem Err&ouml;ten fragte sie ihn, warum
+er ihre Schwester denn beleidigt h&auml;tte?</p>
+
+<p>&raquo;Ick?&laquo; fl&uuml;sterte der Alte und hob das Kinn. Dann
+raffte er sich auf und keuchte der Wartenden etwas
+ins Ohr.</p>
+
+<p>Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zur&uuml;ck
+und wurde schneewei&szlig;. Nur ein paar helle, rote
+Flecken gl&uuml;hten auf ihren Wangen.</p>
+
+<p>&raquo;Du l&uuml;gst, Krischan,&laquo; schrie sie auf. &raquo;Das ist
+nicht wahr.&laquo;</p>
+
+<p>Allein der Greis verstand das ungl&uuml;ckliche Weib
+nicht, oder lie&szlig; sich nicht st&ouml;ren. Denn von neuem
+streichelte er mit seiner Knochenhand &uuml;ber ihren Arm
+und brachte mit Anstrengung hervor:</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>&raquo;Arm&#8217; Fru &#8211; ne, ne, ick heww&#8217;s s&uuml;lwst seihn,
+as sei tausamen in&#8217;n Schlidden seten hewwen. De
+beiden t&auml;uben [Fu&szlig;note: warten] nu all unged&uuml;llig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warten?&laquo; st&ouml;hnte die &Auml;rmste schwach. Alles
+drehte sich vor ihr. Sie mu&szlig;te sich an die Mauer
+der Einfahrt lehnen.</p>
+
+<p>&raquo;Dat Sei, min arm&#8217; Fru, starwen s&uuml;llen. Se
+luren all up den Dod von de Fru. Dann willen
+sei sick friegen.&laquo;</p>
+
+<p>Ein herzzerrei&szlig;ender Schrei, schrill, kreischend gellte
+&uuml;ber die Landstra&szlig;e und wurde von den Mauern des
+Pachthauses zur&uuml;ckgeworfen.</p>
+
+<p>Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige
+Hand griff nach ihrer Kehle, das Gesicht des Kr&uuml;ppels
+tanzte wie hundert Fratzen um sie herum. Noch
+gurgelte sie etwas.</p>
+
+<p>&raquo;Hilfe &#8211;&nbsp;&#8211; Hilfe.&laquo;</p>
+
+<p>Dann ein dumpfer Fall.</p>
+
+<p>&raquo;Arm&#8217; Fru,&laquo; &auml;chzte der greise Knecht und beugte
+sich zu ihr hinab, &raquo;arm&#8217; Kinding, sei hed di &uuml;mbracht,
+de anner Dirn.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>Aber Else war nicht gestorben.</p>
+
+<p>&raquo;Klang das nicht wie ein Hilferuf?&laquo; fragte Hedwig
+die Obermagd, mit der sie gemeinsam in der Molkerei
+weilte. Auch D&ouml;rthe hatte den schrillen Ruf vernommen.
+Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin
+des Hauses unter dem Unkraut des Grabenbords
+hingestreckt, wei&szlig; wie eine zertr&uuml;mmerte Statue, die,
+in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit anheimgefallen.</p>
+
+<p>Ein zerschlagenes Menschenbild.</p>
+
+<p>Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine
+blutige Narbe zog sich davon &uuml;ber die Stirn.</p>
+
+<p>Da warf sich das sch&ouml;ne M&auml;dchen in die Knie. Ihr
+Mund &ouml;ffnete sich:</p>
+
+<p>&raquo;Ist &#8211; sie tot &#8211; D&ouml;rthe?&laquo;</p>
+
+<p>Die Magd schrie auf. &raquo;Ne, ne, Fr&auml;ulein, sie
+bewegt sich ja &#8211; heben Sie ihr den Kopf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja &#8211; sie lebt,&laquo; wiederholte Hedwig erwachend.</p>
+
+<p>Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und
+gebraust hatte, war nicht wahr. &#8211; Sie hatte ihr
+wohl den Tod gew&uuml;nscht, aber das war im Fiebertraum,
+in einer Vision geschehen. &#8211; Sie lebte ja &#8211;
+sie lebte &#8211; Gott sei Dank. Jetzt waren es nur
+<a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Gedanken gewesen, schlimme Gedanken, aber kraftlos
+&#8211; gro&szlig;er Gott &#8211; sie lebte ja.</p>
+
+<p>Mit starken Armen umfa&szlig;te sie den starren, zuckenden
+Leib und trug ihn, wankend und zitternd unter
+der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne Hilfe
+in das gro&szlig;e Zimmer. Dort entkleidete sie die
+Schwester und bettete sie auf das Lager, das die
+Hausherrin wieder aufnahm in seine wei&szlig;en Kissen.</p>
+
+<p>Ja, die Kranke kehrte zur&uuml;ck in die linnene Gruft.</p>
+
+<p>Ob f&uuml;r immer?</p>
+
+<p>&raquo;Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze
+Ruhest&auml;tte, auf der Blumen bl&uuml;hen,&laquo; dachte Hedwig,
+die wie fr&uuml;her an dem Bett sa&szlig; und auf die sich
+regenden Atemz&uuml;ge der Kranken lauschte. Und diese
+Behausung hatte sie der Schwester gew&uuml;nscht, gr&uuml;belte
+sie weiter, um allein den Mann zu besitzen, dessen
+Herz ihr schon geh&ouml;rte, den sie erzogen, gebildet, veredelt
+hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach
+der Erl&ouml;sung. Der morsche K&ouml;rper dort sollte im
+Grabe liegen, und der junge bl&uuml;hende Leib bei dem
+geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
+Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft
+und Besonnenheit zur&uuml;ckgewonnen. Sah das w&auml;chserne,
+bleiche Gesicht der Leidenden nicht schon aus,
+wie das einer Leiche? &#8211; Ja, Hedwig war sich jetzt
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>v&ouml;llig klar. Die Kranke unten &#8211; sie selbst oben. Das
+war das Rechte, keine S&uuml;nde, es zu w&uuml;nschen, nur
+der Lauf der Natur.</p>
+
+<p>Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf
+die Landstra&szlig;e hinauszusp&auml;hen; ob Wilms und der
+Arzt noch nicht k&auml;men, nach denen sie sofort geschickt
+hatte. Dabei mu&szlig;te sie an dem langen Mahagonispiegel
+vor&uuml;ber. Unwillk&uuml;rlich blieb sie vor ihm stehen
+und zog sich die Taille zurecht.</p>
+
+<p>Das Glas zeigte ein wundersch&ouml;nes, zur Reife
+strebendes Weib, ganz dazu geboren, um zu wirken,
+zu schaffen und gl&uuml;cklich zu machen. Sie l&auml;chelte schwerm&uuml;tig,
+als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da
+befremdete sie etwas. Auch das Bett hinter ihr
+spiegelte sich in der Scheibe und jetzt &#8211; t&auml;uschte sie
+sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere Gestalt
+richtete sich auf, und ein paar umflorte, d&uuml;ster
+umschleierte Augen starrten nach ihr hin.</p>
+
+<p>&raquo;Hed &#8211; wig,&laquo; st&ouml;hnte etwas.</p>
+
+<p>Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre
+Hand, die Kranke schaute sie gl&auml;sern an, als suche sie
+sich zu besinnen.</p>
+
+<p>&raquo;Wie komm&#8217; ich hierher?&laquo; fl&uuml;sterte sie und bef&uuml;hlte
+angsterf&uuml;llt die Kissen des Bettes.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stie&szlig;
+<a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>jedoch pl&ouml;tzlich die Schwester mit heftigstem Abscheu
+von sich.</p>
+
+<p>&raquo;Else, ich bin es ja,&laquo; rief Hedwig befremdet, &raquo;erkennst
+du mich denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren.
+Sie w&auml;lzte sich st&ouml;hnend herum und bedeckte
+ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie dem Anblick
+der Schwester entfliehen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich erkenne dich,&laquo; wimmerte sie mit so
+schriller Stimme, da&szlig; es die J&uuml;ngere wie mit spitzen
+Nadeln durchdrang. &raquo;Du hast dich hier eingeschlichen,
+um mir mein Gl&uuml;ck zu stehlen. &#8211; Du wartest nur
+auf meinen Tod! &#8211;&nbsp;&#8211; Aber ich sterbe noch nicht
+&#8211; ich mache dir nicht Platz &#8211; ich will leben &#8211;
+h&ouml;rst du, ich will leben!&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt
+rann es ihr &uuml;ber den R&uuml;cken hinab. Immer den
+Blick auf das schluchzende, schmerzzerw&uuml;hlte Weib gerichtet,
+tastete sie sich r&uuml;ckw&auml;rts zum Tisch und umklammerte
+dort fest die Kante. Auch sie mu&szlig;te sich
+halten. Alles schwankte und fiel in ihr, aber w&auml;hrend
+des Hinstarrens bi&szlig; sie noch immer die Z&auml;hne trotzig
+zusammen.</p>
+
+<p>Nie war sie so sch&ouml;n, wie in diesem stummen
+Ringen mit der Sterbenden.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und
+krallte beide F&auml;uste nach der Schwester. Der h&ouml;chste
+Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste. Gespenstisch
+sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten
+im Gesicht bereits aus, als ob eine Tote noch
+die F&auml;uste sch&uuml;ttele.</p>
+
+<p>&raquo;Geh&#8217; mir aus den Augen,&laquo; kreischte das arme
+Weib &#8211; &raquo;fort &#8211; fort &#8211; ich will dich nicht sehen
+&#8211; du willst mich vergiften &#8211;! &#8211; Meinen Mann
+hast du auch verf&uuml;hrt, &#8211; heut nacht warst du bei
+ihm &#8211; ich wei&szlig; alles &#8211; Jesus Christus, Ehebrecherin
+du! &#8211; Jesus &#8211; Erbarmen.&laquo; Dann ein langes
+R&ouml;cheln, und sie fiel ohnm&auml;chtig auf ihr Lager zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>In demselben Moment betrat Wilms das
+Zimmer.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_X" id="Buch_2_X"></a>X.</h3>
+
+
+<p>Ein sanfter Maientag ging zur R&uuml;ste.</p>
+
+<p>Am Horizont l&ouml;sten sich prachtvolle Farben ab.
+Ein Spiel von Gelb, Tiefblau und Rot wogte durcheinander,
+und durch die &Auml;ste der Fliederlaube fielen
+die letzten r&ouml;tlichen Lichter. Ein leises L&uuml;ftchen wehte
+durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und
+Abendstille.</p>
+
+<p>Aber zu dieser friedlichen Umgebung pa&szlig;te schlecht
+die wilde Bewegung, die in dem Pachthause ausgebrochen
+war.</p>
+
+<p>Scheu und lautlos wie fr&uuml;her schlichen Knechte
+und M&auml;gde umher, die T&uuml;rangeln wurden einge&ouml;lt,
+damit sie die Kranke nicht durch Knarren st&ouml;rten,
+alles im Hause h&uuml;llte sich wieder in Schweigen, eine
+dumpfe, d&uuml;stere Feierlichkeit dr&uuml;ckte abermals auf
+Menschen und Geh&ouml;ft herab.</p>
+
+<p>Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen
+und weilte jetzt allein in dem gro&szlig;en Wohnzimmer.
+Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen h&ouml;rte
+man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>In der Fliederlaube aber sa&szlig;en zwei schweigsame
+Menschen, die fuhren zusammen, wenn solch ein klagender
+Laut heraust&ouml;nte, und hielten den Atem an,
+ob er sich nicht wiederhole.</p>
+
+<p>Immer heimlicher und d&auml;mmernder wurde es um
+sie herum, hinter Baum und Strauch quollen lichte,
+wei&szlig;e Nebel hervor, und die beiden ver&auml;ngsteten
+Menschen konnten kaum noch ihre Z&uuml;ge erkennen.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, nun geh zu meiner Frau,&laquo; forderte endlich
+der P&auml;chter undeutlich, indem er noch tiefer in den
+Schatten der Laube r&uuml;ckte, &raquo;und sieh dich um, warum
+der Doktor gar nicht zur&uuml;ckkommt.&laquo;</p>
+
+<p>Damit sank die gro&szlig;e Gestalt wieder in sich zusammen
+und br&uuml;tete so verloren vor sich hin, da&szlig;
+der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig seinem
+Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm
+sitzen blieb.</p>
+
+<p>Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das
+gewahrte Wilms.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig, wolltest du nicht &#8211;&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du &#8211; gehst nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; nicht &#8211; bitte, Wilms &#8211; la&szlig; mich nicht
+mehr hinein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; aber &#8211; Heting, warum denn?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>&raquo;Weil &#8211; weil ich mich vor ihr f&uuml;rchte,&laquo; kam
+es bebend &uuml;ber ihre Lippen.</p>
+
+<p>Der P&auml;chter starrte sie an &#8211; verst&auml;ndnislos &#8211;
+und fa&szlig;te sich an den Kopf.</p>
+
+<p>Noch wu&szlig;te der Hofp&auml;chter ja nicht, was sich heute
+morgen zwischen den beiden Schwestern abgespielt
+hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in sich verschlossen;
+der zartf&uuml;hlende, weichherzige Mann
+brauchte es ja nicht zu erfahren, da&szlig; sie entdeckt seien,
+da&szlig; ihre heimliche Sehnsucht, die sich noch niemals
+ge&auml;u&szlig;ert, die noch Wunsch war ohne Erf&uuml;llung, da&szlig;
+diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden,
+die sie nun bald nicht mehr st&ouml;ren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten,
+um selbst zu harren und zu lauern, bis die Erl&ouml;sung
+endlich da w&auml;re &#8211; der Anfang des Gl&uuml;cks.</p>
+
+<p>Aber jetzt &#8211; jetzt, wenn die wilden Wehlaute
+herausdrangen bis in den stillen Garten, dann ertrug
+sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen und zitterte.
+Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich
+schuld, da&szlig; ein Menschenleben dort drinnen scheiden
+mu&szlig;te? Hatte sie wirklich eine Verzweifelte in den
+Tod getrieben?</p>
+
+<p>Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Das &uuml;berw&auml;ltigte sie, dem war sie nicht gewachsen,
+alles schrie in ihr nach Trost &#8211; Ruhe &#8211; Verzeihung.</p>
+
+<p>Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges
+Wort von dem Manne, dem sie ihre Jugend schenken
+wollte, dem sie sich hingeben wollte, bedingungslos,
+jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
+dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an bet&ouml;rt hatte.</p>
+
+<p>Aber der P&auml;chter sa&szlig; verst&ouml;rt da und regte sich
+nicht.</p>
+
+<p>Da lie&szlig; Hedwig mutlos die H&auml;nde in den Scho&szlig;
+sinken und verzweifelt murmelte sie:</p>
+
+<p>&raquo;Ich w&uuml;nschte, ich w&auml;re es, die sich zur ewigen
+Ruhe legen k&ouml;nnte, und bei euch bliebe alles beim
+alten. &#8211; Ich st&uuml;rbe so gern.&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Tod hatte noch keine Gewalt &uuml;ber sie,
+das Leben schlug vielmehr brausend &uuml;ber ihr zusammen.</p>
+
+<p>Wilms packte krampfhaft ihre Hand: &raquo;Du &#8211;
+Heting?&laquo; stammelte er, &raquo;nein, nein &#8211; nur nicht du
+&#8211; das k&ouml;nnt&#8217; ich nicht ertragen &#8211; nur du nicht &#8211;
+wir wollen ja zusammen bleiben.&laquo; Er umklammerte sie
+und dr&uuml;ckte sie an sich.</p>
+
+<p>Und dann war es pl&ouml;tzlich da, was sich seit Monden
+n&auml;her und n&auml;her geschlichen hatte.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>Ohne &Uuml;bergang f&uuml;hlte sie seine zuckenden Lippen
+auf den ihren, sie schlang ihre Arme um den gewaltigen
+Nacken des Mannes und unter schmerzhaften K&uuml;ssen
+merkte sie, wie seine Tr&auml;nen ihr Gesicht netzten. Auch
+sie schluchzte. Als ob sie sich tr&ouml;sten wollten, lagen sie
+einander in den Armen.</p>
+
+<p>Es war kein freudiges Finden.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>In dem weiten, ungem&uuml;tlichen Wohnzimmer war
+es inzwischen stiller geworden. Der dicke Kreisphysikus
+hatte seine Untersuchung beendet und die Schwerleidende
+schonend befragt, durch was sie denn so pl&ouml;tzlich
+in Erregung versetzt worden w&auml;re. Lange hatte
+das matte Weib seinem Dr&auml;ngen widerstanden, endlich
+jedoch, als der alte Herr sie gar so v&auml;terlich
+und gut in die Arme nahm, fa&szlig;te sie sich ein Herz,
+und wie ein kleines Kind an den alten Freund geschmiegt,
+fl&uuml;sterte sie ihm stockend und weinend ihre
+entsetzliche Entdeckung zu.</p>
+
+<p>&raquo;O, Gott, das h&auml;tt&#8217; ich nicht geglaubt &#8211; aber
+es ist wahr, Herr Doktor, Krischan hat es selbst gesehen.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Der alte Arzt sch&uuml;ttelte den Kopf und redete ihr
+aus voller &Uuml;berzeugung solche Vermutungen aus.
+&raquo;Ach, Unsinn &#8211; mein Kinding &#8211; Gesindegekl&auml;tsch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirklich?&laquo; hauchte sie schwach. Aus ihren Augen
+brach ein Hoffnungsstrahl.</p>
+
+<p>&raquo;Selbstverst&auml;ndlich &#8211; da kenn&#8217; ich die beiden zu
+gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ja,&laquo; fl&uuml;sterte die Liegende dankbar, dann
+hob sie den m&uuml;den Blick zur Decke empor, auf welche
+die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf, und
+dr&uuml;ckte dem Physikus zum Schlu&szlig; die Hand, &raquo;ich
+glaube es ja auch nicht,&laquo; sagte sie mit zuckenden
+Lippen, &raquo;nein, ich glaub&#8217; es nicht &#8211; glaub&#8217; es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms trat ein.</p>
+
+<p>Sein Weib l&auml;chelte ihn an und bewegte die Lippen.
+Jedoch es war unverst&auml;ndlich, was sie verlangte.</p>
+
+<p>Der Arzt beugte sich &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, Ihre Frau w&uuml;nscht auch ihre Schwester
+zu sehen,&laquo; erkl&auml;rte er sodann und begab sich selbst in
+den Garten, um das M&auml;dchen zu holen. In der Laube
+traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.</p>
+
+<p>&raquo;Nach mir verlangt Else?&laquo; sprach Hedwig verwirrt,
+aber den langj&auml;hrigen Freund durfte sie die
+Unruhe, die in ihr st&uuml;rmte, nicht merken lassen. &raquo;Ja,
+wir wollen zu ihr.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>Welch ein Gang. Noch brannten die ersten K&uuml;sse
+auf ihrem Munde, noch wu&szlig;te sie nicht, wie das
+alles m&ouml;glich war, und was nun folgen sollte.</p>
+
+<p>&raquo;Wird sie noch lange leiden?&laquo; forschte sie atemlos.</p>
+
+<p>Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch
+aus dieser Frage herausgeh&ouml;rt hatte? Vor dem Hausflur
+blieb er stehen und strich ihr gedankenvoll &uuml;ber
+die welligen Haare.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sie kann noch sehr lange leiden,&laquo; gab er halblaut
+zur&uuml;ck, &raquo;und deshalb &#8211; Heting, ich glaube, es
+w&auml;re gut, wenn du jetzt dauernd von hier fortgingst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo; Sie erschrak; &#8211; wu&szlig;te er schon etwas?</p>
+
+<p>&raquo;Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen.
+Du kamst hier als eine Dame an, und &#8211; ich wei&szlig;
+nicht, aber du hast hier drau&szlig;en etwas Hartes, B&auml;uerisches
+angenommen, und &#8211; es w&auml;re wirklich f&uuml;r alle
+gut, verstehst du,&laquo; brach er ab, &raquo;wenn du zu deinem
+Vater zur&uuml;ckgingst.&laquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>Starr und gro&szlig; blickte das M&auml;dchen durch die
+Dunkelheit zu dem alten Freunde hin&uuml;ber. Es war
+ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
+st&uuml;rzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die
+gierig um den Tod der eigenen Schwester herumflatterten,
+<a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>zu beichten und anzuvertrauen. Aber noch
+war ihre Kraft nicht ersch&ouml;pft.</p>
+
+<p>Sie fa&szlig;te sich und gab dem Doktor ruhig zur
+Antwort: &raquo;Es ist vor allen Dingen meine Pflicht,
+hierzubleiben, solange Else mich n&ouml;tig hat. &#8211; Ich
+danke Ihnen aber f&uuml;r Ihren Ratschlag,&laquo; setzte sie
+beklommen hinzu, w&auml;hrend sie schon durch den Flur
+schritten.</p>
+
+<p>&raquo;Es war gut gemeint,&laquo; sprach der kleine Physikus
+nachdr&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Die Ansicht &uuml;ber die Unschuld des M&auml;dchens stand
+nicht mehr so felsenfest bei ihm. Er ma&szlig; seine Begleiterin
+mit einem mi&szlig;trauischen Blick.</p>
+
+<p>Sie traten ein.</p>
+
+<p>An dem Bette der Kranken sa&szlig; Wilms, das Haupt
+mit den kurzgeschorenen blonden Haaren tief auf die
+Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er den Schritt
+des M&auml;dchens h&ouml;rte. Seine gro&szlig;e Hand ruhte in der
+seines Weibes.</p>
+
+<p>Die Trostesworte des Arztes mu&szlig;ten der Hingestreckten
+Linderung verschafft haben, denn sie lag jetzt
+still und nickte Hedwig eifrig zu, n&auml;her heranzukommen.</p>
+
+<p>Die J&uuml;ngere gehorchte. Dabei empfand sie, da&szlig;
+die Blicke der Kranken sie durchdrangen, und obwohl
+es ihr schien, als ob der silberne Ring, den ihr Wilms
+<a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger wei&szlig;gl&uuml;hend
+w&uuml;rde, und trotzdem sie glaubte, ihre Lippen w&uuml;rden
+nun von selbst die heimlichen K&uuml;sse bekennen, so bezwang
+sie sich dennoch und sah die Kranke gro&szlig; und
+ruhig an.</p>
+
+<p>Nur ihre Brust hob sich &auml;ngstlich. Die Blicke der
+beiden Schwestern trafen sich, und als Else in diese
+stillen, braunen Augen hineinsah, schien sie Beruhigung
+zu sch&ouml;pfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
+Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange.
+Aber im Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den
+sitzenden Wilms. Ein Schlag durchzuckte das junge,
+aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
+wo sie sich beinahe &uuml;ber die Leidende geworfen
+h&auml;tte, um die Last von sich zu werfen und all
+ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
+Arztes dr&auml;ngte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem
+der Physikus dem P&auml;chter noch einige Verhaltungsma&szlig;regeln
+erteilt hatte, verabschiedete sich der treue
+Hausfreund, und bald verk&uuml;ndete ein leises Rollen,
+da&szlig; er vom Hofe heruntergefahren sei.</p>
+
+<p>Die drei bedr&uuml;ckten und beladenen Menschen blieben
+allein. Tiefes, anhaltendes Schweigen herrschte, nur
+zuweilen knirschte der Sand auf dem Fu&szlig;boden, oder
+die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die
+<a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>Kranke lag und hatte die Augen geschlossen, aber
+unter den gesenkten Wimpern lenkte sie heimlich ihren
+Blick von Wilms auf Hedwig und von dem M&auml;dchen
+wieder sp&auml;hend auf den Mann.</p>
+
+<p>Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Die beiden sa&szlig;en sich gegen&uuml;ber, als w&auml;ren sie
+sich v&ouml;llig fremd und gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&raquo;Sollte der alte Knecht nur aus Ha&szlig; gesprochen
+haben?&laquo; dachte Else erleichtert, &raquo;ach, wenn das doch
+wahr w&auml;re.&laquo; Eine lange Zeit verging. Da bemerkte
+Else, die nach Art der Kranken nerv&ouml;s mit dem kleinen
+Goldherz auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester
+sich hin&uuml;berbeugte, als w&uuml;nsche sie mit dem g&auml;nzlich
+in sich versunkenen Manne zu reden.</p>
+
+<p>&raquo;Nein &#8211; nein.&laquo; Das wollte die Leidende nicht.
+Mitten in ihrer Qual wurde sie eifers&uuml;chtig auf die
+junge Sch&ouml;nheit, die so ruhig auf dem Bettrand sa&szlig;
+in ihrem wei&szlig;en, mit Rosenkn&ouml;spchen gemusterten
+Kleide, das leicht und knapp am K&ouml;rper herunterflo&szlig;.</p>
+
+<p>Wie voll sie erbl&uuml;ht war. &#8211; Nein, nein, sie sollte
+mit Wilms nicht reden. Else wollte allein sein mit
+ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch auf, wie sonderbar
+Hedwig das Goldherz betrachtete. Das fl&ouml;&szlig;te
+der Kranken Furcht ein.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>&raquo;Das Herz &#8211; ist &#8211; ein Andenken &#8211; von
+Wilms,&laquo; brachte sie mit Anstrengung hervor, indem
+sie das winzige Kleinod k&uuml;&szlig;te, &raquo;und nun, Hedwig &#8211;
+geh&#8217; schlafen. &#8211; Wilms soll heut bei mir bleiben &#8211;
+ich &#8211; ich will allein sein mit &#8211; meinem Manne &#8211;
+h&ouml;rst du?&laquo;</p>
+
+<p>Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer
+Abneigung begleitet, da&szlig; Hedwig sich
+rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus der
+dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie
+drau&szlig;en, so atmete sie erleichtert auf und flog in ihr
+K&auml;mmerchen empor, das sie seit Elses R&uuml;ckkunft wieder
+bewohnte.</p>
+
+<p>Dort oben entz&uuml;ndete sie Licht, &ouml;ffnete das Fenster,
+lehnte sich hinaus und sog den warmen bet&auml;ubenden
+Nachtduft ein, der von Wiesen und &Auml;ckern her&uuml;berquoll.</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange mag sie wohl noch leben?&laquo; ging es
+wieder ungeduldig durch ihre Sinne. Sie harrte jetzt
+schon wie eine Verzweifelte. Und w&auml;hrend sie bereits
+halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte
+sie noch einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie
+jemand umfangen, unaufl&ouml;slich an ihrer Brust verstricken.
+Glut und Begehren schwemmten alle Angst
+fort. Wild, ohne alle Eind&auml;mmung, lag sie im Bette
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>und lauschte, ob nicht Wilms kommen w&uuml;rde, ihr das
+Abscheiden der Verfallenen zu melden.</p>
+
+<p>Ein l&auml;ngstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den
+summte sie in ihrer Aufregung vor sich hin:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Der schwarze Reiter h&auml;lt vorm Haus.<br /></span>
+<span class="i0">Komm&#8217; feine Frau zu mir heraus,<br /></span>
+<span class="i0">Ein Hemd gen&uuml;gt &#8211; mu&szlig;t eilen,<br /></span>
+<span class="i0">Da&szlig; ich vom ersten Morgenstrahl<br /></span>
+<span class="i0">Zur&uuml;ck bin &uuml;ber See und Tal;<br /></span>
+<span class="i0">Wir reiten viele Meilen.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem
+Pachthof, das Stundenglas rann noch weiter.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Es schlug eins.</p>
+
+<p>Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt
+sie noch immer die Rechte des Gatten umspannt.
+&raquo;Wilms,&laquo; fl&uuml;sterte sie heiser.</p>
+
+<p>Aufgescheucht fuhr der P&auml;chter empor. In seiner
+Bet&auml;ubung hatte er dem Schlummer nachgegeben und
+merkte erst jetzt, da&szlig; die erloschnen Augen seiner Frau
+schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p>&raquo;Was willst du, Elsing?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>&raquo;Ich glaube &#8211; es geht bald &#8211; mit mir zu Ende,&laquo;
+r&ouml;chelte sein Weib, und es klang, als ob ihr der Tod
+bereits auf der Brust s&auml;&szlig;e.</p>
+
+<p>&raquo;Elsing &#8211; um Gottes willen &#8211; bist du denn
+kr&auml;nker geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich glaub&#8217; wohl. &#8211; Wilms &#8211; ich dank&#8217; dir
+auch f&uuml;r alle Liebe &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; nur zuletzt &#8211; aber sag&#8217;
+mir die Wahrheit; du hast mich nie belogen: &#8211; Wenn
+ich nun gestorben bin &#8211; willst &#8211; willst du dann
+Hedwig heiraten?&laquo;</p>
+
+<p>Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits
+des Grabes dr&auml;nge, der P&auml;chter umklammerte die
+Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort hervorbringen,
+die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner
+selbst kaum m&auml;chtig, sch&uuml;ttelte er nur den Kopf, w&auml;hrend
+das Bild der immer mehr sich verf&auml;rbenden
+Frau seine ganze Seele gefangen nahm.</p>
+
+<p>Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte
+ihn, wie man einem kleinen Kinde droht. Dann
+winkte sie ihm, er solle sich &uuml;ber sie beugen, und w&auml;hrend
+sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft
+k&uuml;&szlig;te, fl&uuml;sterte sie ihm vernehmlich zu: &raquo;H&ouml;r&#8217;
+auf mich &#8211; Hedwig ist nichts f&uuml;r dich &#8211; ihr pa&szlig;t
+nicht zusammen, &#8211; weil &#8211; ach, weil sie viel mehr
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>ist als du &#8211; und erinnere dich, mein armer Mann
+&#8211; erinnerst du dich nicht &#8211; was ich dir &#8211; von
+Hedwig und dem Grafen damals erz&auml;hlte &#8211;&laquo; Ein
+befriedigtes L&auml;cheln spielte kaum merklich um die
+Lippen der Liegenden, diese letzte Rache schien ihr
+wohlzutun, namentlich als sie empfand, da&szlig; ihr Mann
+getroffen zusammenzuckte. Noch einmal &ouml;ffnete sie die
+Augen, um dies Bild voll zu genie&szlig;en, dann hauchte
+sie noch: &raquo;Sie ist nicht rein &#8211; nicht so, wie ich &#8211;
+wie ich &#8211;&nbsp;&#8211; wie &#8211;&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue
+Ohnmacht nahm sie hinweg, und nur auf Momente
+erwachte die Gequ&auml;lte wieder und schrie laut auf.
+Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte
+es nicht mehr, mit der Ringenden allein zu
+bleiben. Er sprang zur T&uuml;r und schallend rief er
+durch das Haus: &raquo;Hedwig &#8211; Hedwig.&laquo;</p>
+
+<p>Schlaflos lag das M&auml;dchen noch oben in ihrer
+Kammer, denn sie erwartete ja etwas &Auml;hnliches, da&szlig;
+Wilms ihr ein Zeichen geben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Ob das schon das Ende war?</p>
+
+<p>Eine nie gef&uuml;hlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich
+sch&ouml;ner Zustand, und doch klopfte ihr Herz wie
+eine Glocke, und die Angst &uuml;bergo&szlig; sie mit sch&uuml;ttelndem
+Frost. Es war ihr, als f&uuml;hlte sie Todeswehen um
+<a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>sich, als fl&ouml;he die Seele der Geschiedenen eben an
+ihr vorbei.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig &#8211; Hedwig.&laquo;</p>
+
+<p>Es klang so flehentlich. Notd&uuml;rftig h&uuml;llte sie sich
+in Kleider und fuhr lautlos die Treppe hinab. Am
+untersten Absatz stand Wilms und starrte hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;Ist sie nun tot?&laquo; fragte Hedwig, sich g&auml;nzlich
+vergessend.</p>
+
+<p>Der Landmann sch&uuml;ttelte den Kopf, jedoch er begriff
+sie wohl nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht,&laquo; gab er tonlos zur&uuml;ck &#8211; &raquo;aber ich
+kann nicht mehr mit ihr allein bleiben, &#8211; komm&#8217; rein.&laquo;
+Er &ouml;ffnete und lie&szlig; das M&auml;dchen voranschreiten. Dann
+setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster und
+sahen wortlos zu dem gefolterten K&ouml;rper hin&uuml;ber,
+der nicht leben und nicht sterben konnte. Dieses
+jammervolle Bild konnte die J&uuml;ngere nicht ertragen.
+Instinktiv, und nur ihrem st&auml;rksten Trieb folgend,
+&uuml;berall einzugreifen, nahm sie das Fl&auml;schchen mit dem
+giftigen Beruhigungsmittel, und lie&szlig; die Tropfen in
+den L&ouml;ffel herabtr&auml;ufeln. Mechanisch z&auml;hlte Wilms
+mit. &#8211; F&uuml;nf &#8211; sechs &#8211; sieben.&laquo; Das M&auml;dchen
+setzte ab und fl&ouml;&szlig;te der Leidenden den Trank ein,
+wonach sie bald einem bleiernen Schlaf anheimfiel.</p>
+
+<p>Aber Wilms Gedanken flogen weiter. W&auml;r&#8217;s ein
+<a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>Verbrechen gewesen, wenn man der Kranken die ganze
+Flasche gereicht h&auml;tte? gr&uuml;belte er. Dann h&auml;tte sie
+endlich die Erl&ouml;sung gefunden, sie w&auml;re eingeschlummert,
+um nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe w&auml;re
+in das Haus eingezogen und Frieden.</p>
+
+<p>Ein scheuer Seitenblick streifte das M&auml;dchen, das
+m&uuml;de neben ihm sa&szlig;, und jetzt merkte der P&auml;chter
+erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um keinen Blick
+von der Ruhenden zu verwenden. Merkw&uuml;rdig &#8211;
+Hedwigs Lippen bewegten sich leise, es war, als ob
+sie die Atemz&uuml;ge der Schwester z&auml;hle. Und in diesen
+Minuten der Stille sah auch der P&auml;chter, da&szlig; sie nur
+locker und leicht bekleidet war, &uuml;berall schimmerte ihm
+ihre Sch&ouml;nheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit
+der Hand, um es nicht zu beachten, aber er sah es
+doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in den
+Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie
+schon versunken und vergessen w&auml;re.</p>
+
+<p>Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn,
+als ob sie einschlummern wollte.</p>
+
+<p>Beide Schwestern waren m&uuml;de, sehr m&uuml;de.</p>
+
+<p>Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde
+leise an der Haust&uuml;r geklopft.</p>
+
+<p>Als der P&auml;chter &ouml;ffnete, sah er drau&szlig;en in der
+klaren, sternenhellen Nacht Pastor Schirmer im vollen
+<a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Ornat stehen, nach welchem Wilms auf der Sterbenden
+Wunsch geschickt hatte.</p>
+
+<p>Schweigend f&uuml;hrte er den sp&auml;ten Gast ins Wohnzimmer.
+Der Geistliche mu&szlig;te irgendwo im Vor&uuml;berwandern
+einen Zweig bl&uuml;hend roten Rotdorns abgepfl&uuml;ckt
+haben. Den legte er als letzte Gabe auf das
+wei&szlig;e Linnen. Dann wurde das Kruzifix vor das
+Bett ger&uuml;ckt, die Lichter angesteckt, und das zitternde
+M&auml;nnchen wollte der Schlummertrunkenen die Sterbesakramente
+spenden. Jedoch still und starr lag die
+Wegbereite und h&ouml;rte nichts von dem, was sie sonst
+leidenschaftlich in sich aufgenommen h&auml;tte. Aber die
+Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
+vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind
+gesprochen. Wenn es der einen Schwester auch verloren
+ging, die j&uuml;ngere und sch&ouml;nere folgte seit langer
+Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
+zur&uuml;ckgehaltenem Atem und brennenden Augen.</p>
+
+<p>Es war ihr, als w&auml;ren dies die Hochzeitsweisen,
+die f&uuml;r sie und den Mann neben ihr gehalten w&uuml;rden
+&#8211; dicht neben dem Lager der Scheidenden.</p>
+
+<p>&raquo;Amen, &#8211; Amen,&laquo; schlo&szlig; der Priester.</p>
+
+<p>&raquo;Amen,&laquo; wiederholte Hedwig fest und mutig.</p>
+
+<p>Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so
+gingen die beiden andern still hinaus. Vor der T&uuml;r
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>verharrten sie noch einen Augenblick und lauschten zur&uuml;ck.
+Drinnen h&ouml;rten sie, wie der Priester mit lauter,
+erregter Stimme Gebete aufsagte.</p>
+
+<p>Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu
+reichen, ja, ohne Gru&szlig;. So hoch war schon die Spannung
+zwischen ihnen gestiegen, da&szlig; sie sich nichts mehr
+zu sagen hatten.</p>
+
+<p>Es war nur noch ein Hindr&auml;ngen.</p>
+
+<p>M&uuml;de und gleichg&uuml;ltig suchte Hedwig ihr Lager
+auf, und Wilms wachte in der dunklen guten Stube
+neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht durch.</p>
+
+<p>Drinnen sang das zitternde, greise M&auml;nnchen
+immer hingebungsvoller, und was &auml;rztliche Kunst nie
+vermocht h&auml;tte, das geschah hier.</p>
+
+<p>Else schlug pl&ouml;tzlich die m&uuml;den Augen auf, und
+ein seliges L&auml;cheln verbreitete sich &uuml;ber ihr ganzes
+Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war getroffen
+und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind
+Gottes, wie eine Fromme sterben. Mit uns&auml;glicher
+M&uuml;he richtete sie sich auf und klammerte sich vor
+Freude weinend an den Geistlichen: &raquo;Sie &#8211; sind &#8211;
+es, Herr Pastor?&laquo; hauchte sie, &raquo;o, wie sch&ouml;n &#8211;&nbsp;&#8211;
+dann ist mir wohl &#8211; o, so wohl &#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Und sie legte ihren Kopf and&auml;chtig gegen das
+wei&szlig;e Greisenhaupt, und w&auml;hrend sie durch das Fenster
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah, sang sie
+ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied
+mit:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;O selig, der das Heil erwirbt,<br /></span>
+<span class="i0">Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!<br /></span>
+<span class="i0">O selig, wer, vom Laufe matt,<br /></span>
+<span class="i0">Die Gottesstadt,<br /></span>
+<span class="i0">Die droben ist, gefunden hat.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun, Tor des Friedens &ouml;ffne dich:<br /></span>
+<span class="i0">Hinein! Hier schlie&szlig;t die Wallfahrt sich.<br /></span>
+<span class="i0">Ihr Schlafenden im Friedensreich,<br /></span>
+<span class="i0">G&ouml;nnt allzugleich<br /></span>
+<span class="i0">Auch mir ein R&auml;umlein neben euch.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Im dunklen Nebenzimmer sa&szlig; ein Mann und h&ouml;rte
+alles, was sich drinnen begab. &#8211; Wehmut, Verzweiflung,
+Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein krampfhaftes
+Schluchzen dr&auml;ngte sich in seine Kehle; bebend,
+&uuml;berw&auml;ltigt faltete er die H&auml;nde und stammelte das
+nach, was zu ihm hereinschallte.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nicht mehr, was er betete.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_XI" id="Buch_2_XI"></a>XI.</h3>
+
+
+<p>Der letzte Morgen f&uuml;r die Kranke brach an.</p>
+
+<p>Pastor Schirmer, der gutm&uuml;tige, greise Geistliche,
+hatte seinem Pfarrkind versprochen, bei ihm auszuhalten,
+und so fand das einstr&ouml;mende Tageslicht die
+blonde Frau in einem tiefen Schlaf, aus dem sie
+erquickt erwachte. Zu seinem Erstaunen erfuhr der
+Pastor, da&szlig; die Leidende sich wohler f&uuml;hle. Nur das,
+was sie sprach, erschien ihm gereizt, wirr, unzusammenh&auml;ngend,
+auch funkelten die Augen unruhig &uuml;ber alle
+Gegenst&auml;nde im Zimmer umher. Ihre mageren Finger
+befanden sich in best&auml;ndiger Bewegung und kratzten
+auf der Bettdecke auf und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Hedwig &#8211; soll kommen &#8211; und mich k&auml;mmen
+&#8211; und waschen,&laquo; verlangte die Kranke dann, &raquo;und
+soll &#8211; einen Spiegel mitbringen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Geistliche sch&uuml;ttelte besorgt das Haupt, aber
+er schickte doch nach dem M&auml;dchen hinauf, um sich
+dann selbst mit herzlichen Worten zu verabschieden.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>Wilms trat leise in das Wohnzimmer, jedoch sein
+Weib beachtete ihn gar nicht und erst, als er ihr
+scheu &raquo;Guten Morgen, Elsing&laquo; bot, l&auml;chelte sie sanft
+und sah vor sich nieder. Sie schien sich mit ihren
+Gedanken kurz nach ihrer Hochzeit zu befinden, denn
+sie fl&uuml;sterte versch&auml;mt:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich &#8211; ein Kind bekomm&#8217;, &#8211; und es &#8211;
+wird ein M&auml;dchen, dann &#8211; soll Hedwig &#8211; Pate
+stehen. &#8211;&nbsp;&#8211; Ist Hedwig noch nicht da?&laquo;</p>
+
+<p>Und immer in tiefen Gedanken l&ouml;ste sie ihr Haar,
+nahm es nach vorn und wickelte eine Str&auml;hne um
+ihren Finger. Als Hedwig endlich erschien, blickten
+sich die beiden Schwestern einen Moment lang seltsam
+an. Else sanft und gl&uuml;ckselig l&auml;chelnd, die J&uuml;ngere
+hingegen erschrak und konnte sich das Bild nicht erkl&auml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Komm&#8217;, Heting,&laquo; fl&uuml;sterte die Kranke, die von
+allen Schmerzen befreit schien, &raquo;waschen und &#8211;
+k&auml;mmen &#8211; das viele Haar dr&uuml;ckt mich auf den Kopf
+&#8211; hast du auch so weiches Haar? &#8211; Sieh mal,
+ich kann mich ganz drin einwickeln &#8211; Wilms freute
+sich immer damit &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; Heting&laquo; &#8211; hier herzte
+sie die j&uuml;ngere Schwester z&auml;rtlich und streichelte ihr
+die Wange, &raquo;wenn du seine Frau bist, mu&szlig;t du es
+auch immer aufmachen. &#8211; Dann k&uuml;&szlig;t er es. &#8211;&laquo;
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>&#8211; Und w&auml;hrend sie mit ihrem fahlen Gesicht in den
+Spiegel sah, summte sie:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Ihr Schlafenden im Friedensreich<br /></span>
+<span class="i0">G&ouml;nnt allzugleich<br /></span>
+<span class="i0">Auch mir ein R&auml;umlein neben euch.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Aber es war eine Tanzmelodie, wonach sie sang,
+und sie machte ihrem Spiegelbild ein neckisches Gesicht,
+als ob sie sich sehr sch&ouml;n f&auml;nde.</p>
+
+<p>Kalt durchschauert blickten die beiden anderen auf
+sie hin. Dies war das Furchtbarste, was sie mit der
+Leidenden bis jetzt durchgemacht hatten.</p>
+
+<p>Hedwig erf&uuml;llte mit leichter Hand alle W&uuml;nsche
+der Kranken, bis die Schwester pl&ouml;tzlich zusammenfuhr,
+um das M&auml;dchen starr anzublicken.</p>
+
+<p>Sie hatte etwas entdeckt.</p>
+
+<p>Dann schaute sie wieder auf Hedwigs Finger hinunter,
+um endlich von neuem ihre funkelnden Augen
+&uuml;ber ihre Pflegerin gleiten zu lassen.</p>
+
+<p>Einen Moment sann sie nach.</p>
+
+<p>&raquo;Heting,&laquo; begann sie mit singender Stimme, &raquo;was
+tr&auml;gst du da f&uuml;r einen Ring? &#8211; sieh mal, von Silber
+&#8211; den wollte mein Mann mir ja immer schenken, und
+nun hat er ihn dir gegeben &#8211;&nbsp;&#8211; sieh mal &#8211; bist
+du nun seine Braut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Else &#8211; la&szlig; meinen Finger &#8211; es tut mir weh.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>&raquo;Bist du seine Braut? &#8211; Komm&#8217;, Heting, ich
+will dir was sagen,&laquo; sie beugte sich herab und kreischte
+pl&ouml;tzlich mit schneidender Stimme: &raquo;Ehebrecherin!&laquo;
+&#8211; Ehe der entsetzte Mann das M&auml;dchen noch von den
+umklammernden Griffen befreien konnte, f&uuml;hrte die
+Rasende die Hand Hedwigs zum Munde und bi&szlig;,
+wie laut die Vergewaltigte auch schrie, in den Ringfinger
+hinein und kratzte sie und zerrte sie an den
+Haaren.</p>
+
+<p>&raquo;Hilfe &#8211; Hilfe,&laquo; rief Wilms. Mit einem Sprung
+war er am Bett, hob das M&auml;dchen hoch in die H&ouml;he
+und schleppte die Halbbet&auml;ubte ins Nebenzimmer
+hinein. Sie zitterte am ganzen Leibe und schlang
+schluchzend und Hilfe flehend die Arme um seinen
+Hals.</p>
+
+<p>Da verga&szlig; sich Wilms.</p>
+
+<p>Er raffte das M&auml;dchen, das er noch immer trug,
+an sich und voll wehen Mitleids pre&szlig;te er ihr w&uuml;tende
+K&uuml;sse auf Mund, Stirn und H&auml;nde, als m&uuml;sse er
+alles gut machen, was eben an der Mi&szlig;handelten
+verschuldet war.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, mein liebes Heting &#8211; gro&szlig;er Gott &#8211;
+wenn&#8217;s nur schon vor&uuml;ber w&auml;r&#8217;.&laquo;</p>
+
+<p>Und seinem Wunsch sollte Erf&uuml;llung werden. Ein
+seltsam verr&ouml;chelnder Laut t&ouml;nte hinter ihnen auf,
+<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>Else war, als man ihr die J&uuml;ngere geraubt hatte,
+ihrem kranken, delirierenden Gehirn nachgebend, aus
+dem Bett gesprungen, hatte mit nackten F&uuml;&szlig;en die
+ansto&szlig;ende T&uuml;r erreicht und ge&ouml;ffnet.</p>
+
+<p>Da sah sie das Bild und h&ouml;rte die K&uuml;sse.</p>
+
+<p>Langsam legte sie ihren Arm an das kalte Holz,
+machte mit der andern Hand eine matte Bewegung
+in die Luft hinein, und neigte darauf ihr Haupt
+wie m&uuml;de, gegen den erhobenen Arm zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und sie hatte auch genug geschaut.</p>
+
+<p>Ein R&ouml;cheln, ein schwerer, dumpfer Fall, die Augen
+schlossen sich, und im wei&szlig;en Hemde lag eine Leiche
+auf dem Estrich.</p>
+
+<p>&raquo;Elsing &#8211; sie stirbt.&laquo;</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>Da schleuderte der Landmann das M&auml;dchen von
+sich und stierte wie geistesabwesend auf die starre H&uuml;lle
+seines Weibes herab.</p>
+
+<p>In der Kastenuhr schlug es die zehnte Morgenstunde,
+ein Pferd wieherte gerade im Stall.</p>
+
+<p>Der schwarze Reiter hatte die feine Frau im wei&szlig;en
+Hemde geholt und jagte donnernd mit ihr &uuml;ber die
+Br&uuml;cke, die in die Ewigkeit hin&uuml;berf&uuml;hrt.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Es war nach dem Begr&auml;bnis.</p>
+
+<p>Die Leidtragenden hatten sich entfernt, und nun
+wollte sich auch der Rendant Schr&ouml;der, der Vater
+der beiden Schwestern, verabschieden. Er sah der Verstorbenen
+sehr &auml;hnlich, der alte Herr, trotz seines
+w&uuml;rdigen, schwarzen Gehrocks, des milit&auml;risch gescheitelten
+schneewei&szlig;en Haars, und der winzigen
+Ordensrosette im Knopfloch. Traurig ging er auf
+Wilms zu, der teilnahmslos in der Sofaecke sa&szlig;,
+und dr&uuml;ckte ihm schwerm&uuml;tig die Hand: &raquo;Gott hat
+Schweres &uuml;ber uns verh&auml;ngt,&laquo; sagte er unsicher, &raquo;wir
+m&uuml;ssen uns aber in seinen Willen f&uuml;gen, mein Sohn
+&#8211; ich h&auml;tt&#8217; auch nicht geglaubt, da&szlig; ich das noch
+erleben w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>Damit zog er ein wei&szlig;es Taschentuch und weinte
+bitterlich hinein. Allm&auml;hlich ermannte er sich und
+wandte sich an Hedwig, die schwarzgekleidet am Fenster
+sa&szlig; und tr&auml;umerisch &uuml;ber den Hof fort auf die sonnige
+Landstra&szlig;e hinausblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Heting, mein Wagen h&auml;lt schon drau&szlig;en,
+deine Sachen k&ouml;nnen dir nachgeschickt werden. Ich
+will jetzt wenigstens meine Einzige um mich haben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie sollte fort?</p>
+
+<p>Eine l&auml;hmende Verwunderung erf&uuml;llte das M&auml;dchen;
+an diese M&ouml;glichkeit hatte sie gar nicht gedacht.
+<a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>&#8211; Und doch, es war ja so nat&uuml;rlich, sie konnte doch
+vor den Augen der Welt nicht allein mit dem Mann
+im &ouml;den Pachthof bleiben.</p>
+
+<p>Sie erhob sich. Unterst&uuml;tzung heischend, sah sie
+zu Wilms her&uuml;ber.</p>
+
+<p>Aber der r&uuml;hrte sich nicht. Er empfand nicht, wie
+sch&ouml;n sie war, immer mit demselben unbeweglichen
+Gesicht sa&szlig; er geduckt in seiner Ecke und sah schweigend
+und gleichg&uuml;ltig vor sich hin. Mit der gleichen Miene
+hatte er in den letzten Tagen alles an sich vor&uuml;berziehen
+lassen. Den Sarg, die Leiche, die brennenden
+Lichter, die singenden Dorfkinder, den alten w&uuml;rdigen
+gebeugten Vater, die in die Gruft polternden Erdschollen,
+nichts hatte dieses stumpfe, gelassene Schweigen
+zu brechen vermocht.</p>
+
+<p>Aber jetzt &#8211; jetzt, wo man ihm die Geliebte
+entrei&szlig;en wollte &#8211; da erwartete Hedwig, und ihre
+Augen begannen immer sehnsuchtsvoller zu leuchten
+&#8211; jetzt mu&szlig;te er doch alle Erinnerungen von sich
+werfen, um sich das Weib seiner Wahl nicht nehmen
+zu lassen.</p>
+
+<p>O, sie war ja &uuml;berzeugt, nun w&uuml;rde er aufflammen,
+nun &#8211;&nbsp;&#8211; sie horchte und wartete, allein immer
+dasselbe Schweigen.</p>
+
+<p>Sie scharrte ungeduldig mit dem Fu&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>&raquo;Wilms,&laquo; sagte sie leise.</p>
+
+<p>Jedoch der Mann in der Ecke bewegte sich gar
+nicht, d&uuml;stere Bilder mu&szlig;ten vor seiner Seele stehen,
+denn er wandte den Kopf und starrte auf die Stelle,
+wo Else im wei&szlig;en Hemde gelegen hatte. Dann
+schauerte er zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Heting,&laquo; dr&auml;ngte der Vater. &raquo;Es wird
+nun Zeit, wenn wir noch vor Abend zur&uuml;ck sein wollen.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Herr griff nach seinem Hut und sah sich
+noch einmal still und betr&uuml;bt in dem weiten Zimmer
+um, wo seine Tochter gestorben war.</p>
+
+<p>Da tat das M&auml;dchen einen tiefen Atemzug, ihre
+ganze Gestalt reckte sich: &raquo;Vater,&laquo; entgegnete sie rasch
+und bestimmt, &raquo;ich kann dich jetzt nicht begleiten, ich
+mu&szlig; noch etwa eine Woche hier bleiben, weil ich
+Wilms versprochen habe, ihm alles in der Wirtschaft
+zu z&auml;hlen und instand zu setzen, was durch
+Elses Krankheit in Unordnung geraten ist. Aber
+dann&laquo; &#8211; und wieder atmete sie seltsam schwer &#8211;
+&raquo;dann komm&#8217; ich dir nach.&laquo;</p>
+
+<p>Der Rendant stutzte. &raquo;Eine Woche noch?&laquo; wiederholte
+er verlegen und putzte an seinem Zylinder.
+&raquo;So? &#8211; Mein Sohn,&laquo; kehrte er sich fragend zu
+dem Landmann, &raquo;w&auml;re es dir lieber, wenn Hedwig
+noch &#8211; noch hier bliebe? Ja?&laquo; Er wartete noch
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>eine Weile, und da Wilms ihn augenscheinlich gar
+nicht geh&ouml;rt hatte, mu&szlig;te er dieses Schweigen wohl
+f&uuml;r Zustimmung halten, denn er fuhr langsam und
+bedenklich fort: &raquo;Nun, wenn du es verlangst &#8211; nat&uuml;rlich
+&#8211; du hast ja auch einen so gro&szlig;en Verlust erlitten,
+da&szlig; du dich gewi&szlig; ein bi&szlig;chen nach Gesellschaft
+sehnst, na, dann kann ja Hedwig auch noch
+acht Tage hier bleiben, ich habe nichts dagegen &#8211;
+obwohl, hm, ja, ich w&uuml;nschte nur, du w&uuml;rdest mit
+der Zeit ein wenig ruhiger &#8211; und &#8211; nun adieu,
+Wilms &#8211; und da&szlig; wir uns zu besserer Gelegenheit
+wiedersehen, mein Sohn. Immer Kopf oben
+&#8211; h&ouml;rst du?&laquo;</p>
+
+<p>Hier schwankte die Stimme des alten Beamten
+doch bedenklich, er kehrte sich rasch ab, und bald
+nachher fuhr er als der letzte Leidtragende von dannen.</p>
+
+<p>Hedwig und der P&auml;chter befanden sich wieder allein.</p>
+
+<p>In den ersten Stunden konnte Hedwig ihr Herz
+klopfen h&ouml;ren, so hell und erwartungsvoll pochte es.
+&raquo;Was nun wohl folgen w&uuml;rde?&laquo; dachte sie. &#8211; Der
+Weg war frei, die Last abgesch&uuml;ttelt, versunken, endlich
+gab es nichts Trennendes mehr zwischen ihnen,
+und mit verzehrender Gewalt verlangte es sie danach,
+da&szlig; der starke Mann sie nun in die Arme
+nehmen und sie k&uuml;ssen und wiegen sollte, noch z&auml;rtlicher
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>und gl&uuml;hender, als vor wenig Tagen, da Else
+dar&uuml;ber gestorben war.</p>
+
+<p>Aber der Tag verflo&szlig;, ohne da&szlig; der stille Mann
+von ihr etwas verlangte oder begehrte; schweigend
+nahm er die Mahlzeiten ein, stumpf und tr&uuml;bsinnig
+brach er des Abends auf, um sich in seine Kammer
+hinauf zu begeben.</p>
+
+<p>Er hatte w&auml;hrend der langen Zeit nicht ein Wort
+mit dem M&auml;dchen gewechselt. Wie ein Alp bedr&uuml;ckte
+es bereits ihre Brust.</p>
+
+<p>Schon befand sich die gro&szlig;e gebeugte Gestalt an
+der T&uuml;r, da rief ihn Hedwig atemlos an.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms.&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb stehen, hob aber nicht den Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du &#8211; willst du morgen nicht auf deine
+Felder gehen?&laquo;</p>
+
+<p>Der Landmann nickte gleichg&uuml;ltig und legte die
+Hand auf die T&uuml;rklinke.</p>
+
+<p>Jetzt w&uuml;rde er verschwinden.</p>
+
+<p>Es war die h&ouml;chste Zeit.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms &#8211; willst du nicht noch hier bleiben?&laquo;</p>
+
+<p>Ein scheuer Blick streifte das sch&ouml;ne Gesch&ouml;pf, dann
+irrte er an ihr vor&uuml;ber und fiel auf das gro&szlig;e zugedeckte
+Bett, das einst die Heimst&auml;tte der Kranken
+gebildet.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>Eine m&auml;chtige Bewegung lief durch den riesenhaften,
+ungelenken K&ouml;rper, man sah ihm an, da&szlig;
+er sich beherrschen und bezwingen wollte, dann aber
+schlug Wilms beide H&auml;nde vors Gesicht, und ein
+halblautes, ersticktes St&ouml;hnen drang zu der Erschreckten
+hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Es war das wilde Schluchzen eines verzweifelten
+Menschen, eine ersch&uuml;tternde, trostlose Selbstanklage.</p>
+
+<p>Im n&auml;chsten Moment war der P&auml;chter hinter der
+T&uuml;r verschwunden, und die Zur&uuml;ckbleibende vernahm
+nur noch, wie seine Tritte auf der knarrenden Treppe
+verhallten.</p>
+
+<p>Da stand sie und starrte mit bangem Entsetzen auf
+die leere Pforte.</p>
+
+<p>War es wirklich Wahrheit? &#8211; Sie befand sich
+jetzt allein? Der Mann, den sie erheben, befreien,
+gl&uuml;cklich machen wollte, dem sie mit weichen H&auml;nden
+unter K&uuml;ssen die Schmerzenslast von den wunden
+Schultern zu nehmen gedachte, der fl&uuml;chtete vor ihr?
+Der w&uuml;rdigte sie keines Wortes?</p>
+
+<p>Sie sah sich im weiten, hellerleuchteten Zimmer um.</p>
+
+<p>Nein, nein, an Schatten, an wiederkehrende Geister,
+die die St&auml;tten der S&uuml;nde umschweben, glaubte sie
+ja nicht. Wilms war nur &uuml;berreizt, unter ihrer Pflege
+<a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>w&uuml;rde ihm die Gesundheit schon wiederkehren, und die
+Lust am Leben, und die Lust an ihr.</p>
+
+<p>Trotzig zog sie das Goldherz aus ihrem Kleide,
+das sie der Toten mit fester Hand abgenommen, und
+las mit ihren roten zitternden Lippen den Namen
+&raquo;Wilms&laquo;.</p>
+
+<p>Dann entkleidete sie sich, und ohne Furcht, mit
+einem seltsamen, fast &uuml;berm&uuml;tigen L&auml;cheln, suchte sie
+ihr Lager auf und beschlo&szlig;, von Wilms zu tr&auml;umen.</p>
+
+<p>Nein, nein, der Schatten war beschworen, Gespenster
+kehren nicht wieder, die Toten st&ouml;ren die
+Lebenden nicht, getrost bettete sie ihr Haupt auf den
+wei&szlig;en Arm, und im Traum, der sie zu dem geliebten
+Manne f&uuml;hrte, l&auml;chelte sie wieder ihr stolzes,
+verf&uuml;hrerisches L&auml;cheln.</p>
+
+
+
+<hr /><p><a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a></p>
+<h3><a name="Buch_2_XII" id="Buch_2_XII"></a>XII.</h3>
+
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag feierte man Christi Himmelfahrt.</p>
+
+<p>Zum erstenmal sa&szlig;en Wilms und Hedwig in der
+Fliederlaube beim Kaffee.</p>
+
+<p>Schw&uuml;le, dumpfig-warme Luft strich &uuml;ber die Erde,
+B&auml;ume und Blumen standen regungslos, als s&auml;hen sie
+furchtsam zu den grauen Wolken empor, die sich dort
+oben zu gewaltigen schwarzen Bergen zusammenballten,
+die Hofschwalben umkreisten die Scheunen in schr&auml;gem,
+niedrigem Flug, dumpfe Gewitterstille lie&szlig; Menschen
+und Vieh verstummen, nur die Heuschrecken und Fr&ouml;sche
+auf der Wiese summten und quakten lauter als je.</p>
+
+<p>Und still und schw&uuml;l t&uuml;rmte sich auch etwas zwischen
+den beiden Menschen auf, die lautlos einander in
+der Laube gegen&uuml;ber sa&szlig;en. Gesch&auml;ftig und leidenschaftlich
+f&uuml;r ihn besorgt, hatte Hedwig dem P&auml;chter
+alles bereitet und zurecht gemacht, er hatte auch manchmal
+wie zum Dank mit dem Kopf genickt, jetzt aber
+br&uuml;tete er wieder, das Haupt in die Hand gest&uuml;tzt,
+<a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>d&uuml;ster in das brauende Unwetter hinein, das wie
+an ungeheuren schwarzen Seilen bereits vom Himmel
+herunterhing. Schon klatschten einzelne, schwere
+Tropfen von der H&ouml;he auf den Rasen.</p>
+
+<p>Da erhob sich der Landmann, und Hedwig vernahm,
+wie er nach dem Kutscher rief, zugleich bemerkte
+sie auch, da&szlig; vor der Einfahrt bereits das Korbfuhrwerk
+wartete.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du fortfahren?&laquo; begann sie befangen.</p>
+
+<p>Wilms nickte.</p>
+
+<p>&raquo;Gesch&auml;ftlich?&laquo;</p>
+
+<p>Wieder neigte der P&auml;chter schwerf&auml;llig das Haupt.</p>
+
+<p>&raquo;Wirst du lange fort bleiben, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>Noch immer suchten die Augen des Mannes scheu
+den Boden, aber zum erstenmal seit Tagen erteilte
+er doch eine Antwort. Gepre&szlig;t kam es heraus: &raquo;Ja,
+es kann woll &#8211; ein paar Tage dauern.&laquo;</p>
+
+<p>Da freute sich das M&auml;dchen, da&szlig; sie die erste
+war, die wieder seine Stimme vernahm, und im &uuml;berwallenden
+Gef&uuml;hl streckte sie ihm beide H&auml;nde entgegen,
+um sich von ihm zu verabschieden.</p>
+
+<p>Aber er r&uuml;hrte ihre Finger nicht an. D&uuml;ster stand
+der gro&szlig;e Mann vor ihr. Wohl blieben seine &uuml;berbuschten
+Augen gro&szlig; und starr an ihrer rosigen Haut
+haften, wie wenn sie sich von dem Anblick nicht trennen
+<a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>k&ouml;nnten, als er aber scheu den Kopf hob, da umfa&szlig;te
+er das M&auml;dchen mit einem so jammervollen, so ver&auml;ngsteten
+und geistig zerr&uuml;tteten Ausdruck, seine breiten
+Lippen zitterten derartig krampfhaft, da&szlig; das M&auml;dchen
+in j&auml;hem Entsetzen zur&uuml;ckbebte.</p>
+
+<p>Ein kalter Schrecken rann durch alle ihre Glieder.</p>
+
+<p>Sah sie nicht, da&szlig; der gequ&auml;lte Mann mehrfach
+ansetzte, als wollte er dennoch ihre Hand ergreifen,
+um bald darauf seine Rechte wieder sinken zu lassen?</p>
+
+<p>Was hinderte ihn nur?</p>
+
+<p>Etwas Unsichtbares, Unerkl&auml;rliches mu&szlig;te sich
+regelm&auml;&szlig;ig vor ihm erheben, und mit einem pl&ouml;tzlichen
+Entschlu&szlig; ri&szlig; er sich j&auml;h von dem M&auml;dchen
+los und lief, ohne ein weiteres Wort, wie gehetzt
+zu seinem Wagen.</p>
+
+<p>Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, und
+bald h&ouml;rte die Zur&uuml;ckbleibende, wie der Wagen davonrollte.</p>
+
+<p>Matt lehnte sie sich an die Wand der Laube und
+sah abgespannt in den grauumzogenen Himmel hinauf,
+von dem der Gewitterregen noch immer nicht auf
+das lechzende Land niederrauschen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Das also ist das Ende?&laquo; dachte sie. Sie griff
+sich an die Stirn und fuhr auf. Ihre ganze Umgebung
+<a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>schien ihr pl&ouml;tzlich so fremd; wie konnte sie
+nur in diesem &ouml;den, verwunschenen Geh&ouml;ft so lange
+ges&auml;umt und geharrt haben, sie, die doch mit ganz
+anderen Hoffnungen in die Welt hinausgetreten war?</p>
+
+<p>Ein langes blendendes Leuchten ging &uuml;ber den
+Horizont, ein dumpfes fernes Murren schob sich dazwischen,
+und ein kurzer Regengu&szlig; pfiff &uuml;ber das
+Land.</p>
+
+<p>Die B&auml;ume sch&uuml;ttelten sich und richteten sich auf.
+Auf Bl&auml;ttern und Halmen perlten gro&szlig;e Tropfen.</p>
+
+<p>Aber auch Hedwig war aufs neue erfrischt, sie
+hatte ihre Schw&auml;che &uuml;berwunden. &#8211; Spielend dehnte
+sie ihre Gestalt und schritt mit ihrem kr&auml;ftigen Gang
+in die Wirtschaftsgeb&auml;ude, um ruhig und sicher, wie
+fr&uuml;her, das Gesinde zu leiten und in Wilms Abwesenheit
+die Gesch&auml;fte des kleinen Gutes zu besorgen.</p>
+
+<p>&raquo;Nimm die leeren S&auml;cke dort vor dem Fenster fort,
+D&ouml;rthe,&laquo; ordnete sie mit ihrer frischen Stimme an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja Fr&auml;ulen, die liegen man noch da, damit
+die sel&#8217;ge Frau nich durch das Wagengerassel gest&ouml;rt
+werden sollt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ja &#8211; aber meine Schwester braucht sie
+jetzt nicht mehr, wir aber k&ouml;nnten die S&auml;cke vielleicht
+noch n&ouml;tig haben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>Die Leute gehorchten ihr. Unbedingte Ordnung
+und widerspruchsloser Gehorsam waren in das Geh&ouml;ft
+eingekehrt.</p>
+
+<p>Und Hedwig selbst hatte ihre ganze Sicherheit
+zur&uuml;ckgewonnen.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te jetzt, da&szlig; &uuml;ber Wilms der finstere
+Geist der Schwermut schwebe, da&szlig; die Tote dennoch
+aus dem Grabe auferstanden sei, um unvers&ouml;hnt die
+beiden, die nach einander verlangten, auseinander zu
+scheuchen. Aber sie scheute die Frau im wei&szlig;en Hemde
+nicht. Die Lebende war vor ihr gewichen, und deshalb
+wollte sie alle Kraft einsetzen, um auch den
+blutlosen Schatten aus dem Hause zu jagen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en schlugen harte Tropfen gegen das Wirtschaftsgeb&auml;ude,
+aus den grauen Nebelw&auml;nden rollte
+und polterte es dumpf heran.</p>
+
+<p>Eine zischende Windsbraut wirbelte &uuml;ber das
+Geh&ouml;ft.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Wilms fuhr die Landstra&szlig;e entlang. Sein Ziel
+waren ein paar gro&szlig;e G&uuml;ter in der Umgegend von
+Greifswald. Als er an der Kirche von Boltenhagen
+vor&uuml;berkam, schallte Orgelklang und Gesang heraus,
+so da&szlig; er aus seiner Versunkenheit aufgest&ouml;rt wurde.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>Er wunderte sich.</p>
+
+<p>&raquo;Jochen, was is heut f&uuml;r ein Tag?&laquo; fragte er
+seinen Kutscher.</p>
+
+<p>&raquo;Ja Herr, weiten Se dat nich? H&uuml;t hewwen
+wi ja unsen Herrn Christ sin Himmelfahrt.&laquo;</p>
+
+<p>Wilms fa&szlig;te sich an den Kopf.</p>
+
+<p>Hatte er denn alle Zeitrechnung verloren, da&szlig;
+er von dem hohem Festtag gar nichts wu&szlig;te? Fr&uuml;her
+hatte er an diesem Tage stets neben Else im eichenen
+Kirchenstuhl gesessen und and&auml;chtig mitgesungen. &#8211;
+Seitdem aber Hedwig auf dem Geh&ouml;ft wirkte &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;
+nein, nein, er wollte nicht weiter denken.</p>
+
+<p>Rasch sprang er vom Wagen herab und schritt
+hastig &uuml;ber die Treppen in das Gotteshaus hinein.</p>
+
+<p>Vielleicht wohnte hier doch das Heil, vielleicht
+konnte hier die unselige, feige Angst von ihm genommen
+werden.</p>
+
+<p>Die Kirche war gedr&auml;ngt voll. Eben schwieg die
+Orgel, und der kleine Pastor Schirmer begann von
+der Kanzel zu predigen. R&uuml;hrend und beweglich
+schilderte er die Leiden und g&ouml;ttliche Sanftmut des
+Gottessohnes, und wie er nach seiner Auferstehung
+den J&uuml;ngern, die ihn nicht kannten, in seinem wei&szlig;en
+Gewande am See Tiberias erschienen sei, um sie
+den gesegneten Fischzug tun zu lassen.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>&raquo;Und seine Gestalt war wie der Blitz, und sein
+Kleid wei&szlig; wie der Schnee.&laquo;</p>
+
+<p>Da zuckte Wilms, der auf der hintersten Bank
+Platz genommen hatte, erbleichend zusammen. Das
+Wahnbild, das ihm vorschwebte, trat wieder vor seine
+Augen, es wurde schwarz vor ihm, Kirche und Menschen
+drehten sich im Kreise.</p>
+
+<p>Die st&uuml;rmische Angst jagte ihn von dannen.</p>
+
+<p>Nur hinaus &#8211; in die Luft &#8211; ins Freie, da&szlig;
+er atmen konnte. Schwankend erhob er sich.</p>
+
+<p>Allein der Eintritt des P&auml;chters war von seinen
+Nachbarn bemerkt worden. Leise fl&uuml;sterten sie sich zu,
+wie elend, krank und abgezehrt der Landmann aussehe,
+und F&ouml;rster Eltze, der in seiner N&auml;he gesessen, folgte
+ihm hinaus.</p>
+
+<p>Und gerade als der nach Luft Ringende seinen
+Wagen erreicht hatte, ergriff der gutm&uuml;tige Riese
+die Hand des P&auml;chters und hielt ihn zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, sind Sie krank?&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter starrte den andern an.</p>
+
+<p>&raquo;Ja &#8211; Eltze &#8211; ich kann &#8211; in der Nacht nich
+mehr schlafen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, Unsinn, alter Freund, warum denn nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil &#8211; weil meine Frau immer bei mir is.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>&raquo;Wilms &#8211; um Gottes willen &#8211; alter Freund,
+das reden Sie sich blo&szlig; ein.&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter zuckte die Achseln, und w&auml;hrend er
+sein Gef&auml;hrt bestieg, antwortete er wehm&uuml;tig: &raquo;Das
+kann woll sein,&laquo; dann gr&uuml;&szlig;te er den F&ouml;rster noch
+kurz, und im n&auml;chsten Moment rollte das Fuhrwerk
+in das graue Unwetter hinein.</p>
+
+<p>&raquo;Jochen, gib auf den Herrn Obacht,&laquo; rief Eltze
+voller Besorgnis den Abfahrenden nach.</p>
+
+<p>Und er hatte recht mit seiner Warnung, der gutm&uuml;tige
+Weidmann.</p>
+
+<p>Der finstere Geist, der den Ungl&uuml;cklichen mit seinen
+schwarzen Fittichen beschattete, senkte sich immer tiefer
+auf sein Opfer herab, so da&szlig; die Nacht noch d&uuml;sterer
+in ihm wurde.</p>
+
+<p>Am Himmel zuckte und leuchtete es, in langen
+Linien schossen die schmalen Feuerstreifen dahin, aus
+den dunklen Wolkengr&uuml;nden heraus rollte der Donner
+und hallte verendend &uuml;ber die weite Ebene.</p>
+
+<p>So waren die Reisenden an einen unbetr&auml;chtlichen
+Landsee gelangt, der mit einem Wasserarm die
+Chaussee unterbrach, so da&szlig; sie an dieser Stelle &uuml;berbr&uuml;ckt
+war.</p>
+
+<p>Aus Binsen und Schilf, die das unbewegte Wasser
+umgaben, quollen feuchte graue D&uuml;nste empor, fahl
+<a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>und farblos lag die Fl&auml;che, nur an der Br&uuml;cke erhoben
+sich ein paar verkr&uuml;ppelte Silberweiden.</p>
+
+<p>Eben rasselte das Gef&auml;hrt &uuml;ber das morsche Holz,
+als Wilms Blick gleichg&uuml;ltig &uuml;ber den schweigenden
+See schweifte.</p>
+
+<p>Aber dann &#8211; der P&auml;chter richtete sich auf und
+stierte auf das jenseitige Ufer hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te etwas Furchtbares erschauen, denn kalter
+Fieberschwei&szlig; brach ihm aus allen Poren, mit der
+Hand umfa&szlig;te er die Schulter seines Knechtes.</p>
+
+<p>&raquo;Jochen,&laquo; schrie er, &raquo;kehr&#8217; um.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr &#8211; Herr Jesus &#8211; wat is denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jochen &#8211; Jochen &#8211; kehr&#8217; um.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kutscher begann am ganzen Leibe zu zittern:</p>
+
+<p>&raquo;Herr, Se s&uuml;nd woll krank? Wat is denn dor
+&auml;wern See? &#8211; Seggen Se mi&#8217;s doch &#8211; ick f&uuml;rcht mi.&laquo;</p>
+
+<p>Aber der Landmann brachte kein Wort hervor.
+Mit weit aufgerissenen Augen starrte er &uuml;ber die
+graue Fl&auml;che, denn der d&uuml;stere Geist, der &uuml;ber ihm
+war, malte ein entsetzliches Bild.</p>
+
+<p>Dort dr&uuml;ben stand eine weibliche Gestalt, ihr Hemd
+war &raquo;wei&szlig; wie der Schnee&laquo;, ihre Augen funkelten
+wie grelle Blitze, und &uuml;ber ihr entlud sich schmetternd
+ein krachender Donnerschlag.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>Da begann es dem Knecht vor dem hinstarrenden
+Manne zu grausen, mit aller Kraft warf er die Pferde
+herum und jagte unter prasselndem Regen mit seinem
+ohnm&auml;chtigen Insassen den Weg, den er gekommen,
+wieder zur&uuml;ck.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Zwei lange, bange Wochen verstrichen, dann konnte
+der P&auml;chter das gro&szlig;e Bett in der Wohnstube, an dem
+Hedwig Tag und Nacht gewacht hatte, verlassen.</p>
+
+<p>Es schnitt allen ins Herz, als sich der ehemals so
+riesenhafte Mann kraftlos reckte und sich mit einem
+wehm&uuml;tig l&auml;chelnden Blick im Spiegel beschaute.</p>
+
+<p>&raquo;Na, Wilms, nu frische Luft,&laquo; rief der dicke
+<em class="antiqua">Dr.</em> Rumpf &#8211; &raquo;und dann, Kinding, die Fenster auf
+und was Ordentliches f&uuml;r den Magen &#8211;&nbsp;&#8211; paar
+Buddeln Rotspohn, und Hauptsache: raus, raus!&laquo;</p>
+
+<p>Und am Arm des Physikus lie&szlig; sich Wilms in den
+Garten leiten, in dem jetzt die Linden bl&uuml;hten und
+einen erquickenden, w&uuml;rzigen Duft verbreiteten.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, hier ist es sch&ouml;n,&laquo; sagte der Landmann, als
+er in der Laube sa&szlig;, bewundernd, &raquo;komm, Heting
+&#8211; und Sie auch, Herr Doktor, wir wollen noch ein
+bi&szlig;chen zusammenbleiben.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>Die beiden andern warfen sich einen bedeutsamen
+Blick zu und gedachten ihn durch ein harmloses Gespr&auml;ch
+ein wenig aufzumuntern, jedoch der P&auml;chter lie&szlig;
+sie nicht zu Worte kommen.</p>
+
+<p>Er war so gespr&auml;chig, wie seit vielen Jahren nicht.
+Alles, womit ihn die Natur umgab, erinnerte ihn an
+Begebenheiten aus seiner Jugend, aus seinen Lehrjahren
+und erweckte auch das Andenken an seine
+Mutter.</p>
+
+<p>&raquo;Tr&auml;gst du noch den Ring, Heting? &#8211; Nicht wahr,
+den wirst du doch immer in Ehren halten? Wei&szlig;t du
+noch &#8211; am Weihnachtsabend?&laquo;</p>
+
+<p>Nur Else erw&auml;hnte er nicht. Es schien, als ob das
+Grab sie nun doch festhalte, als ob die Erde sich
+endlich dauernd &uuml;ber ihr geschlossen hatte.</p>
+
+<p>Als der Physikus nach einiger Zeit seinen Wagen
+bestieg, folgte ihm Hedwig und fragte rasch und verzweifelt:</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Herr Doktor, nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, was soll ich sagen? &#8211; Ern&auml;hrung, mein
+Kind, Ern&auml;hrung. Das ist das allereinzigste Mittel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja aber, Herr Doktor, er i&szlig;t ja fast gar nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heting,&laquo; sprach der Physikus ernst und strich dem
+M&auml;dchen &uuml;ber die hei&szlig;e Stirn, &raquo;jetzt h&auml;ngt alles von
+dir ab, verstehst du?&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_294" id="Page_294" title="294"></a>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Mann ist seelisch krank,&laquo; sagte der Doktor
+langsam, indem er ihr fest in die Augen sah, &raquo;verstehst
+du jetzt, warum alles von dir abh&auml;ngt?&laquo;</p>
+
+<p>Da wurde das M&auml;dchen bla&szlig; und wieder dunkelrot
+und sah vor dem alten Freunde zu Boden.</p>
+
+<p>Sie verstand ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Und morgen komm&#8217; ich wieder,&laquo; rief der Physikus
+in anderem Ton, k&uuml;&szlig;te seiner jungen Freundin im
+Vor&uuml;bergehen die Hand und fuhr vom Hofe herunter.</p>
+
+<p>Mit gl&uuml;henden Wangen lief Hedwig in den Garten,
+jetzt wu&szlig;te sie es, was der erfahrene Arzt verlangte,
+sie sollte den geliebten Mann verlassen. &#8211;
+Sie &#8211; sie selbst hielt man f&uuml;r die Ursache, da&szlig; er
+nicht zur Ruhe kommen k&ouml;nnte; war es m&ouml;glich, da&szlig;
+ihre Gegenwart ihn qu&auml;lte und peinigte? &#8211; Glaubte
+er sich wirklich s&uuml;ndenbeladen, weil er ihr bl&uuml;hendes
+Leben der Todverfallenen vorgezogen? &#8211; Die Tote
+siegte, die Tote ging im Hause umher, die Tote behauptete
+den Platz an seiner Seite. &#8211; Nein, so konnte
+sie sich nicht verscheuchen lassen. &#8211; Schmeichelnd setzte
+sie sich neben Wilms, und als er sie musternd anl&auml;chelte,
+schlang sie ihre weichen Arme um den abgezehrten
+Mann, und fl&uuml;sterte mit ihrer angsterf&uuml;llten bebenden
+<a class="page" name="Page_295" id="Page_295" title="295"></a>Stimme: &raquo;Wilms, ich liebe dich ja so sehr, nicht wahr,
+jetzt wirst du auch wieder gesund werden?&laquo;</p>
+
+<p>Und wie ihre Lippen sich auf die seinen legten, da
+war es ihm, als ob ein k&ouml;stlicher, erfrischender Heiltrank
+in ihn hin&uuml;berstr&ouml;me, der alle seine Glieder mit
+einer wohltuenden Schlaffheit erf&uuml;llte, so da&szlig; er sein
+Haupt m&uuml;de an ihre Brust lehnte und dort zu schlummern
+strebte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Heting,&laquo; murmelte er erquickt, &raquo;nun werden
+wir bald sehr gl&uuml;cklich sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nicht wahr, an Else erinnerst du dich nicht
+mehr so wie damals?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein, Heting &#8211; la&szlig; das &#8211; an meine Frau
+denke ich nich mehr &#8211; will nich mehr &#8211; nur du.&laquo;</p>
+
+<p>Waren es die Lindenbl&uuml;ten, die der leise Wind
+von den Zweigen schaukelte, war es Hedwigs N&auml;he,
+der m&uuml;de Mann schlummerte an ihrer atmenden Brust
+wie ein beruhigtes Kind sanft und sicher ein.</p>
+
+<p>Eine Schwarzdrossel nistete oben in der Krone der
+Linde. Die sang das Schlummerlied.</p>
+
+<p>Aber in dem M&auml;dchen zehrte und bohrte der Gedanke
+an die verlangte Trennung weiter.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_296" id="Page_296" title="296"></a>Ein andermal sah der Kranke aufmerksam und
+nachdenklich auf Hedwigs stolzen, wei&szlig;en Hals, von
+dem sich ein schmales, goldenes Kettchen abhob.</p>
+
+<p>&raquo;Heting, tr&auml;gst du da nicht &#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Elsens Goldherz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das besitzt du?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich hab&#8217; es ihr abgenommen.&laquo;</p>
+
+<p>Der P&auml;chter st&uuml;tzte das Haupt und blickte sinnend
+vor sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Mir is es doch lieb,&laquo; sagte er endlich, &raquo;da&szlig; sie
+es nicht mitgenommen hat in die Erde. &#8211; Mir w&auml;r&#8217;
+es dann immer gewesen, als w&auml;r mein Herz mit begraben.
+&#8211; So aber liegt es bei dir.&laquo;</p>
+
+<p>Dann streckte er die Arme aus und zog sie an sich.
+Und beide klammerten sich aneinander, als ob sie
+Schutz suchten vor dem wei&szlig;en Schatten, der unerbittlich
+durch das Haus ging.</p>
+
+<p>Und als sie sich immer leidenschaftlicher in seine
+Arme schmiegte, da ging es wie ein Beben durch den
+kranken K&ouml;rper. &raquo;Heting &#8211; Heting,&laquo; stammelte er,
+&raquo;ich werd&#8217; &#8211; wohl nie wieder ganz gl&uuml;cklich werden.&laquo;</p>
+
+<p>Da fr&ouml;stelte das liebegl&uuml;hende M&auml;dchen zusammen
+und verstand ihn.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p><a class="page" name="Page_297" id="Page_297" title="297"></a>Wilms Seelenzustand wurde immer tr&uuml;bsinniger.
+Oft, wenn Hedwig unvermutet zur T&uuml;r hereintrat,
+dann traf sie ihn, wie er starr auf die Schwelle hinblickte,
+auf der einst Else entseelt dahingesunken, und
+wenn sie dann auf ihn zuflog, um ihn durch ihre Liebe
+zu ermuntern, dann kam ein Ausdruck von Furcht in
+seine Augen, als wenn ihn ihre Z&auml;rtlichkeit qu&auml;le.</p>
+
+<p>Und einmal rang er sich schwer die Worte ab:
+&raquo;Heting, k&uuml;&szlig; mich nich so &#8211; mir is es immer, als
+wenn Else zus&auml;h.&laquo;</p>
+
+<p>Da zuckte das M&auml;dchen zusammen, und so oft
+sie sich ihm in den n&auml;chsten Tagen n&auml;herte, immer
+glaubte sie etwas Kaltes, Frostiges zu sp&uuml;ren, das an
+ihr vorbei strich.</p>
+
+<p>Sie fa&szlig;te sich an die Stirn und begann schmerzlich
+zu l&auml;cheln. Sie fing an, an Gespenster zu glauben.</p>
+
+<p>Mit der Zeit begann der Kranke auch Elses Namen
+immer h&auml;ufiger in seine Reden zu mischen. Bald erinnerte
+er sich an Worte seiner Frau, bald an allerlei
+Eigent&uuml;mlichkeiten, und eines Tages, beim Mittagbrot,
+merkte Hedwig, da&szlig; sie der P&auml;chter mit weit
+aufgerissenen, entsetzten Augen beobachtete:</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du denn, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du &#8211; du siehst &#8211; ihr doch sehr &auml;hnlich,&laquo; stammelte
+<a class="page" name="Page_298" id="Page_298" title="298"></a>der Landmann fassungslos und lie&szlig; Messer und
+Gabel aus seiner Hand klirren.</p>
+
+<p>Und am Nachmittag nahm Hedwig aus der Nebenstube
+wahr, da&szlig; Wilms, anstatt zu schlafen, bitterlich
+vor sich hin schluchzte.</p>
+
+<p>Dagegen vermochte sie nichts. Die Tote siegte.</p>
+
+<p>Ihr wunderbarer, prachtvoller K&ouml;rper bl&uuml;hte
+neben ihm, und der Kranke koste und scherzte mit der
+Verwesten.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>&raquo;Onkel Doktor,&laquo; weinte Hedwig vor sich hin, als
+sie mit dem wei&szlig;b&auml;rtigen Physikus, den sie hatte holen
+lassen, in der Laube sa&szlig;, &raquo;was soll ich dagegen tun?&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatte dem alten Freunde alles gebeichtet, was
+sie seit dem einen Jahre auf diesem Geh&ouml;ft erlebt
+hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Was du tun sollst?&laquo; fragte der alte Herr und
+legte die beiden H&auml;nde des jungen, fiebernden Gesch&ouml;pfes
+in die seinen. &raquo;Heting, mein Kind, ich hab&#8217;
+dich lieb und habe Wilms lieb, und deshalb sag&#8217; ich,
+du mu&szlig;t fort.&laquo;</p>
+
+<p>Sie starrte ihn mit ihren gro&szlig;en, braunen Augen
+an, und der Physikus f&uuml;hlte an ihren H&auml;nden, wie
+das Blut in den Adern h&auml;mmerte und scho&szlig;.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_299" id="Page_299" title="299"></a>&raquo;Still, Kind, still,&laquo; sagte er, &raquo;du willst ihn doch
+nicht zugrunde richten, und sieh, so oft er dich anblickt,
+immer wird er in dir die Ursache sehen, die die
+Verstorbene in den Tod getrieben. &#8211; Nein, nein, mein
+Kind, bleib ruhig, ich wei&szlig; ja, du liebst ihn sehr, aber
+eben deshalb, Heting, bitt&#8217; ich dich, befrei&#8217; den armen
+Kerl von all&#8217; den b&ouml;sen Erinnerungen. Glaub mir, so
+lange du hier bleibst, bleibt auch die Tote bei ihm. &#8211;
+Nicht wahr, das hast du doch selbst schon bemerkt?&laquo;</p>
+
+<p>Hedwig senkte das Haupt, aber sie nickte leise.
+Dann sah sie mit sehns&uuml;chtigem Blick auf den bl&uuml;henden
+Garten hinaus, auf die ansto&szlig;ende, saftige Wiese, auf
+die fernen &Auml;cker, auf denen sonnendurchleuchteter
+Staub dahinzog.</p>
+
+<p>&Uuml;berall hatte sie hier gewirkt und geschafft. Ordnung
+und Wohlstand hatte sie zur&uuml;ckgezwungen. Das
+hatte die Tote doch nicht vermocht.</p>
+
+<p>Unter ihren Tr&auml;nen zog ein trotziges L&auml;cheln &uuml;ber
+das blasse Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Heting,&laquo; fragte der Physikus und stand
+auf: &raquo;Wei&szlig;t du nun, was du zu tun hast?&laquo;</p>
+
+<p>Sie nahm noch immer das Bild der bl&uuml;henden
+Felder in sich auf, mit bebender Brust sog sie die
+frische Landluft in sich ein. Ja, sie hatte alles f&uuml;r
+<a class="page" name="Page_300" id="Page_300" title="300"></a>eine gl&uuml;ckliche Zukunft vorbereitet, aber einwandern
+sollte sie nicht in das gelobte Land.</p>
+
+<p>&raquo;Heting?&laquo; fragte der Arzt dringender.</p>
+
+<p>&raquo;Sehen Sie, Herr Doktor,&laquo; rief das M&auml;dchen, indem
+sie mit der Hand nach dem sch&ouml;nen Gut zeigte:
+&raquo;Diese Saat habe ich bestellt, sehen Sie dort dr&uuml;ben
+die gr&uuml;nen Halme? Aber ernten mag sie ein anderer,&laquo;
+fl&uuml;sterte sie mit erstickter Stimme.</p>
+
+<p>Da streichelte der alte Herr dem jungen Gesch&ouml;pf
+die welligen braunen Haare aus der hei&szlig;en Stirn,
+nahm sie in seine Arme, und w&auml;hrend ihr Schluchzen
+zu ihm heraufdrang, sagte er wie zu einem kleinen
+Kinde:</p>
+
+<p>&raquo;Recht &#8211; recht &#8211; du bist ein tapferes, kleines
+Ding, es wird auch alles wieder gut.&laquo;</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>&raquo;Heting,&laquo; sagte Wilms an einem der n&auml;chsten
+Tage, als sie nach dem Kaffee in der Wohnstube zusammen
+sa&szlig;en, &raquo;du bist ja so vornehm angezogen,
+willst du ausfahren?&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah ihn lange und ernsthaft an,
+als wollte sie sich jeden seiner Z&uuml;ge einpr&auml;gen, dann
+sch&uuml;ttelte sie tr&uuml;be l&auml;chelnd das Haupt, aber sie wandte
+<a class="page" name="Page_301" id="Page_301" title="301"></a>sich ab und lie&szlig; ihren Blick lange auf dem Hof ruhen
+und sah gr&uuml;&szlig;end zu den Pappeln der Landstra&szlig;e
+hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Nach einer Weile kehrte sie dem gebeugten Mann
+ihr sch&ouml;nes Gesicht zu und fragte einfach und doch
+voll verschlossenen Wehs:</p>
+
+<p>&raquo;Wilms, hast du mich wirklich ein bi&szlig;chen liebgewonnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kannst du nur so fragen, Heting.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und mehr &#8211; mehr als Else?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bitt&#8217; dich, Kind &#8211; daran mu&szlig;t du nicht
+r&uuml;hren &#8211; la&szlig; sie doch ruhen.&laquo;</p>
+
+<p>Er verzog die Stirn und sch&uuml;ttelte matt den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du mir b&ouml;se?&laquo; rief Hedwig pl&ouml;tzlich leidenschaftlich,
+und w&auml;hrend sie sich vor dem Stuhl des
+gebeugten Mannes in die Knie warf, umschlang sie
+den Kranken und hob sich selbst zu ihm empor: &raquo;Nicht
+wahr, du bist nicht b&ouml;se auf mich?&laquo; fl&uuml;sterte sie mit
+schwankender Stimme und schmiegte sich an ihn, &raquo;ich
+habe doch alles blo&szlig; aus Liebe zu dir getan, das
+wei&szlig;t du doch, Wilms?&laquo;</p>
+
+<p>Der Landmann wurde ger&uuml;hrt. &raquo;Ja, mein Kinding,
+ja,&laquo; sprach er liebevoll und streichelte ihr das
+goldgl&auml;nzende, braune Haar.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_302" id="Page_302" title="302"></a>Da stand Hedwig langsam auf und sah sich noch
+einmal aufmerksam in der Stube um. Dann schritt
+sie rasch zum Klavier, um Wilms, wie sie das um
+diese Zeit schon gew&ouml;hnt war, etwas vorzuspielen.
+M&uuml;de und erschlafft, wie er war, wiegten ihn die T&ouml;ne
+noch immer am leichtesten in den ersehnten Schlummer.</p>
+
+<p>&raquo;Was soll ich spielen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz gleich, es is ja alles sch&ouml;n.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, was du gern hast.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, dann das von Weihnachten, du wei&szlig;t ja,
+Heting.&laquo;</p>
+
+<p>Sie schlo&szlig; die Augen, ein s&uuml;&szlig;er Schauer durchfuhr
+sie zum letztenmal. Und dann spielte sie das alte
+Volkslied, das schon so unendlich viel M&uuml;de eingesungen.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en rollte ein Wagen auf der Chaussee heran,
+Hedwigs Herz klopfte zum Zerspringen, aber sie lie&szlig;
+sich nichts merken und spielte tapfer den alten Sang,
+so leise und wehm&uuml;tig und klagend, da&szlig; dem Kranken,
+der doch nicht wu&szlig;te, was ihm bevorstand, die Tr&auml;nen
+in die Augen traten.</p>
+
+<p>Und er schlummerte wirklich sanft und l&auml;chelnd ein,
+w&auml;hrend das Abschiedslied leise aust&ouml;nte. Als er erwachte,
+war das Zimmer leer. Alles war still, nur
+<a class="page" name="Page_303" id="Page_303" title="303"></a>von der Landstra&szlig;e h&ouml;rte man dumpfen Hufschlag
+und das Rollen eines enteilenden Gef&auml;hrts.</p>
+
+<table class="break" summary="Neuer Abschnitt">
+<tr><td>*</td><td /><td>*</td></tr>
+<tr><td /><td>*</td><td /></tr>
+</table>
+
+<p>Der F&ouml;rster hatte Hedwig in seinem Wagen zur
+Bahn gebracht, und sah zu ihr bewundernd in das
+Coup&eacute; hinauf.</p>
+
+<p>Feurig und blutrot ging am Himmel die Sonne
+zur R&uuml;ste, davon mochte das M&auml;dchen so rosig &uuml;bergossen
+sein, als sie zum Fenster hinaus nach der Gegend
+sp&auml;hte, wo Wilmshus lag.</p>
+
+<p>Aber das Geh&ouml;ft war l&auml;ngst hinter dem Tannenschlag
+versunken, und merkw&uuml;rdig, wie Hedwig jetzt
+am Fenster lehnte, war sie wieder die vornehme, junge
+Dame, die vor mehr als einem Jahr an dieser Stelle
+angekommen war.</p>
+
+<p>Sie begriff sich selbst nicht; seit der &ouml;de Pachthof
+hinter ihr verschwunden war, str&ouml;mte ihr frischere Luft
+entgegen, ihr war es, als h&auml;tte sie selbst ein Jahr
+lang siech gelegen und sollte jetzt zum erstenmal wieder
+in die lachende, sonnenfunkelnde Welt hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wohin gehen Sie jetzt, Fr&auml;ulein Hedwig?&laquo; fragte
+der F&ouml;rster.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht. &#8211; &Uuml;berall, wo es f&uuml;r mich etwas
+zu tun und zu schaffen gibt. &#8211; Die Welt ist gro&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_304" id="Page_304" title="304"></a>&raquo;Da haben Sie recht. &#8211; Und kommen Sie vielleicht
+bald hierher wieder zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch das kann sein. Wir Menschen wissen ja
+nie, was die n&auml;chste Stunde bringt.&laquo;</p>
+
+<p>Die Glocke klang. &#8211; Der F&ouml;rster schwenkte seinen
+gr&uuml;nen Hut.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig;en Sie Wilms,&laquo; rief Hedwig mit hervorbrechenden
+Tr&auml;nen.</p>
+
+<p>Der Zug bewegte sich, und rascher und rascher fuhr
+er in die rotgoldene Abendglut hinein.</p>
+
+<p>Hedwig sah nicht mehr zur&uuml;ck.</p>
+
+<hr />
+
+</div>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_305" id="Page_305" title="305"></a></p>
+<div class="advertisements">
+<p class="bigger">Von Georg Engel erschienen ferner:</p>
+
+<p>Hann Kl&uuml;th. Roman.</p>
+
+<p>Der Reiter auf dem Regenbogen. Roman.</p>
+
+<p>Der verbotene Rausch. Heitere Novellen.</p>
+
+<p>Zauberin Circe. Berliner Liebesroman.</p>
+
+<p>Die Furcht vor dem Weibe. Roman.</p>
+
+<p>Das Hungerdorf.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_306" id="Page_306" title="306"></a></p>
+<h4>Ullstein-B&uuml;cher</h4>
+
+<h6>Bis jetzt sind erschienen:</h6>
+
+<table>
+<tr><td><b>Clara Viebig</b>&nbsp; Dilettanten des Lebens</td></tr>
+<tr><td><b>Georg von Ompteda</b>&nbsp; Maria da Caza</td></tr>
+<tr><td><b>Heinz Tovote</b>&nbsp; Frau Agna</td></tr>
+<tr><td><b>Rudolph Stratz</b>&nbsp; Arme Thea</td></tr>
+<tr><td><b>Fedor von Zobeltitz</b>&nbsp; Das Gasthaus zur Ehe</td></tr>
+<tr><td><b>Paul Oskar H&ouml;cker</b>&nbsp; Die Sonne von St. Moritz</td></tr>
+<tr><td><b>Ernst von Wolzogen</b>&nbsp; Mein erstes Abenteuer</td></tr>
+<tr><td><b>Georg Engel</b>&nbsp; Die Last</td></tr>
+<tr><td><b>Kurt Aram</b>&nbsp; Violet</td></tr>
+<tr><td><b>Richard Vo&szlig;</b>&nbsp; Der Todesweg auf den Piz Pal&uuml;</td></tr>
+<tr><td><b>Otto Ernst</b>&nbsp; La&szlig;t Sonne herein</td></tr>
+<tr><td><b>Max Kretzer</b>&nbsp; Der Mann ohne Gewissen</td></tr>
+<tr><td><b>Wilhelm Jensen</b>&nbsp; Unter hei&szlig;erer Sonne</td></tr>
+<tr><td><b>Karl Rosner</b>&nbsp; Sehnsucht</td></tr>
+<tr><td><b>Wilhelm Hegeler</b>&nbsp; Der Mut zum Gl&uuml;ck</td></tr>
+<tr><td><b>Peter Rosegger</b>&nbsp; Die F&ouml;rsterbuben</td></tr>
+<tr><td><b>Rudolf Herzog</b>&nbsp; Nur eine Schauspielerin</td></tr>
+<tr><td><b>Joseph Lauff</b>&nbsp; Marie Verwahnen</td></tr>
+<tr><td><b>Rudolf Hans Bartsch</b>&nbsp; Elisabeth K&ouml;tt</td></tr>
+<tr><td><b>Franz Adam Beyerlein</b>&nbsp; Similde Hegewalt</td></tr>
+<tr><td><b>Walter Bloem</b>&nbsp; Sonnenland</td></tr>
+<tr><td><b>Richard Strowronnek</b>&nbsp; Bruder Leichtfu&szlig;</td></tr>
+<tr><td><b>Felix Hollaender</b>&nbsp; Charlotte Adutti</td></tr>
+<tr><td><b>Heinz Tovote</b>&nbsp; Mutter!..</td></tr>
+<tr><td><b>Karl Rosner</b>&nbsp; Georg Bangs Liebe</td></tr>
+<tr><td><b>Korfiz Holm</b>&nbsp; Thomas Kerkhoven</td></tr>
+<tr><td><b>Ludwig Ganghofer</b>&nbsp; Gewitter im Mai</td></tr>
+<tr><td><b>Georg von Ompteda</b>&nbsp; Denise de Montmidi</td></tr>
+</table>
+
+<h5>Jeder Band 1.&#8211; Mark</h5>
+
+
+<p><a class="page" name="Page_307" id="Page_307" title="307"></a></p>
+<h4>Musik f&uuml;r Alle</h4>
+
+
+<h6>Jeden Monat erscheint ein Notenheft</h6>
+
+<p class="u">Bisher sind unter anderen erschienen:</p>
+
+<p>Tannh&auml;user, zwei Hefte &#8211; Tristan und
+Isolde &#8211; Lohengrin &#8211; Meistersinger von
+N&uuml;rnberg, zwei Hefte &#8211; Der fliegende
+Holl&auml;nder &#8211; Rienzi &#8211; Sommernachtstraum
+&#8211; Carmen, zwei Hefte &#8211; Der
+Evangelimann &#8211; Brahms-Heft &#8211; Cavalleria
+rusticana &#8211; Fra Diavolo &#8211; Margarethe, zwei
+Hefte &#8211; Die Geisha &#8211; H&auml;nsel u. Gretel-Heft &#8211;
+Dollarprinzessin &#8211; Der fidele Bauer &#8211; Der
+Graf von Luxemburg &#8211; Wiener Frauen &#8211; Der
+Vogelh&auml;ndler &#8211; Hoffmanns Erz&auml;hlungen &#8211;
+Die Zauberfl&ouml;te &#8211; Die wei&szlig;e Dame</p>
+
+<h5>Jedes Heft 50 Pf. (60 h)</h5>
+
+<p>Ausf&uuml;hrliche Inhaltsverzeichnisse aller bisher
+erschienenen Hefte stehen auf Wunsch kostenlos
+zur Verf&uuml;gung. Erh&auml;ltlich in allen Buch-
+und Musikalienhandlungen sowie direkt vom</p>
+
+<h6>Verlag Ullstein &amp; Co, Berlin-Wien</h6>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_308" id="Page_308" title="308"></a>Ullstein &amp; Co, Berlin SW</p> -->
+<!-- <p>[** Illustration: Ullstein-Symbol]</p> -->
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der um 1910 bei Ullstein erschienenen Ausgabe erstellt.
+Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<p>
+p 008: &raquo;Wie steht&#8217;s mit den Kartoffeln, Korl?&laquo; -> Karl<br />
+p 009: &ouml;ffnende Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt: sprang auf &#8211; &raquo;nicht wahr?<br />
+p 119: F&ouml;rster Elze -> Eltze<br />
+p 148: D&ouml;rte -> D&ouml;rthe<br />
+p 150: schlie&szlig;ende Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt: Der h&auml;ngt noch.&laquo;<br />
+p 240: Komma entfernt: Else zuckte schmerzhaft zusammen,.
+</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p>Transcriber&#8217;s Note: This ebook has been prepared from the Ullstein
+edition, published around 1910. The table below lists all corrections
+applied to the original text.</p>
+
+<p>
+p 008: &raquo;Wie steht&#8217;s mit den Kartoffeln, Korl?&laquo; -> Karl<br />
+p 009: added opening quotes: sprang auf &#8211; &raquo;nicht wahr?<br />
+p 119: F&ouml;rster Elze -> Eltze<br />
+p 148: D&ouml;rte -> D&ouml;rthe<br />
+p 150: added closing quotes: Der h&auml;ngt noch.&laquo;<br />
+p 240: removed comma: Else zuckte schmerzhaft zusammen,.
+</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Last, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE LAST ***
+
+***** This file should be named 18231-h.htm or 18231-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/1/8/2/3/18231/
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
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+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
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+
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+
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