diff options
Diffstat (limited to '17664-8.txt')
| -rw-r--r-- | 17664-8.txt | 6961 |
1 files changed, 6961 insertions, 0 deletions
diff --git a/17664-8.txt b/17664-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6a22ba6 --- /dev/null +++ b/17664-8.txt @@ -0,0 +1,6961 @@ +Project Gutenberg's Kampagne in Frankreich, by Johann Wolfgang von Goethe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Kampagne in Frankreich + +Author: Johann Wolfgang von Goethe + +Release Date: February 2, 2006 [EBook #17664] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH *** + + + + +Produced by Andrew Sly + + + + + + +Kampagne in Frankreich + +Johann Wolfgang von Goethe + + + + +Den 23. August 1792. + +Gleich nach meiner Ankunft in Mainz besuchte ich Herrn von Stein den +Älteren, königlich preußischen Kammerherrn und Oberforstmeister, der +eine Art Residentenstelle daselbst versah und sich im Hass gegen +alles Revolutionäre gewaltsam auszeichnete. Er schilderte mir mit +flüchtigen Zügen die bisherigen Fortschritte der verbündeten Heere +und versah mich mit einem Auszug des topographischen Atlas von +Deutschland, welchen Jäger zu Frankfurt unter dem Titel +"Kriegstheater" veranstaltet. + +Mittags bei ihm zur Tafel fand ich mehrere französische Frauenzimmer, +die ich mit Aufmerksamkeit zu betrachten Ursache hatte; die eine -- +man sagte, es sei die Geliebte des Herzogs von Orleans -- eine +stattliche Frau, stolzen Betragens und schon von gewissen Jahren, mit +rabenschwarzen Augen, Augenbraunen und Haar; übrigens im Gespräch mit +Schicklichkeit freundlich. Eine Tochter, die Mutter jugendlich +darstellend, sprach kein Wort. Desto munterer und reizender zeigte +sich die Fürstin Monaco, entschiedene Freundin des Prinzen von Condé, +die Zierde von Chantilly in guten Tagen. Anmutiger war nichts zu +sehen als diese schlanke Blondine: jung, heiter, possenhaft; kein +Mann, auf den sie's anlegte, hätte sich verwahren können. Ich +beobachtete sie mit freiem Gemüt und wunderte mich, Philinen, die ich +hier nicht zu finden glaubte, so frisch und munter ihr Wesen treibend +mir abermals begegnen zu sehen. Sie schien weder so gespannt noch +aufgeregt als die übrige Gesellschaft, die denn freilich in Hoffnung, +Sorgen und Beängstigung lebte. In diesen Tagen waren die Alliierten +in Frankreich eingebrochen. Ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es +widerstehen werde, ob auch republikanisch-französische Truppen sich +zu den Alliierten gesellen und jedermann, wie es versprochen worden, +sich für die gute Sache erklären und die Fortschritte erleichtern +werde, das alles schwebte gerade in diesem Augenblick in Zweifel. +Kuriere wurden erwartet; die letzten hatten nur das langsame +Vorschreiten der Armee und die Hindernisse grundloser Wege gemeldet. +Der gepresste Wunsch dieser Personen ward nur noch bänglicher, als +sie nicht verbergen konnten, dass sie die schnellste Rückkehr ins +Vaterland wünschen mussten, um von den Assignaten, der Erfindung +ihrer Feinde, Vorteil ziehen, wohlfeiler und bequemer leben zu können. + +Sodann verbracht' ich mit Sömmerrings, Huber, Forsters und andern +Freunden zwei muntere Abende: hier fühlt' ich mich schon wieder in +vaterländischer Luft. Meist schon frühere Bekannte, Studiengenossen, +in dem benachbarten Frankfurt wie zu Hause -- Sömmerrings Gattin war +eine Frankfurterin -- sämtlich mit meiner Mutter vertraut, ihre +genialen Eigenheiten schätzend, manches ihrer glücklichen Worte +wiederholend, meine große Ähnlichkeit mit ihr in heiterem Betragen +und lebhaften Reden mehr als einmal beteuernd: was gab es da nicht +für Anlässe, Anklänge, in einem natürlichen, angebornen und +angewöhnten Vertrauen! Die Freiheit eines wohlwollenden Scherzes +auf dem Boden der Wissenschaft und Einsicht verlieh die heiterste +Stimmung. Von politischen Dingen war die Rede nicht, man fühlte, dass +man sich wechselseitig zu schonen habe: denn wenn sie republikanische +Gesinnungen nicht ganz verleugneten, so eilte ich offenbar, mit einer +Armee zu ziehen, die eben diesen Gesinnungen und ihrer Wirkung ein +entschiedenes Ende machen sollte. + +Zwischen Mainz und Bingen erlebt' ich eine Szene, die mir den Sinn +des Tages alsobald weiter aufschloss. Unser leichtes Fuhrwerk +erreichte schnell einen vierspännigen, schwer bepackten Wagen; der +ausgefahrne Hohlweg aufwärts am Berge her nötigte uns, auszusteigen, +und da fragten wir denn die ebenfalls abgestiegenen Schwäger, wer vor +uns dahinfahre? Der Postillion jenes Wagens erwiderte darauf mit +schimpfen und Fluchen, dass es Französinnen seien, die mit ihrem +Papiergeld durchzukommen glaubten, die er aber gewiss noch umwerfen +wolle, wenn sich einigermaßen Gelegenheit fände. Wir verwiesen ihm +seine gehässige Leidenschaft, ohne ihn im Mindesten zu bessern. Bei +sehr langsamer Fahrt trat ich hervor an den Schlag der Dame und +redete sie freundlich an, worauf sich ein junges, schönes, aber von +ängstlichen Zügen beschattetes Gesicht einigermaßen erheiterte. + +Sie vertraute sogleich, dass sie dem Gemahl nach Trier folge und von +da baldmöglichst nach Frankreich zu gelangen wünsche. Da ich ihr nun +diesen Schritt als sehr voreilig schilderte, gestand sie, dass außer +der Hoffnung, ihren Gemahl wieder zu finden, die Notwendigkeit, +wieder von Papier zu leben, sie hierzu bewege. Ferner zeigte sie ein +solches Zutrauen zu den verbündeten Streitkräften der Preußen, +Österreicher und Emigrierten, dass man, wär' auch Zeit und Ort nicht +hinderlich gewesen, sie schwerlich zurückgehalten hätte. + +Unter diesen Gesprächen fand sich ein sonderbarer Anstoß; über den +Hohlweg, worin wir befangen waren, hatte man eine hölzerne +Rinne geführt, die das nötige Wasser einer jenseits stechenden +oberschlächtigen Mühle zubrachte. Man hätte denken sollen, die Höhe +des Gestells wäre doch wenigstens auf einen Heuwagen berechnet +gewesen. Wie dem aber auch sei, das Fuhrwerk war so unmäßig obenauf +bepackt, Kistchen und Schachteln pyramidalisch übereinander getürmt, +dass die Rinne dem weiteren Fortkommen ein unüberwindliches Hindernis +entgegensetzte. + +Hier ging nun erst das Fluchen und Schelten der Postillione los, die +sich um so viel Zeit aufgehalten sahen; wir aber erboten uns +freundlich, halfen abpacken und an der anderen Seite des träufelnden +Schlagbaums wieder aufpacken. Die junge, gute, nach und nach +entschüchterte Frau wusste nicht, wie sie sich dankbar genug benehmen +sollte; zugleich aber wuchs ihre Hoffnung auf uns immer mehr und +mehr. Sie schrieb den Namen ihres Mannes und bat inständig, da wir +doch früher als sie nach Trier kommen müssten, ob wir nicht am Tor +den Aufenthalt des Gatten schriftlich niederzulegen geneigt wären? +Bei dem besten Willen verzweifelten wir an dem Erfolg wegen Größe der +Stadt, sie aber ließ nicht von ihrer Hoffnung. + +In Trier angelangt, fanden wir die Stadt von Truppen überlegt, von +allerlei Fuhrwerk überfahren, nirgends ein Unterkommen; die Wagen +hielten auf den Plätzen, die Menschen irrten auf den Straßen; das +Quartieramt, von allen Seiten bestürmt, wusste kaum Rat zu schaffen. +Ein solches Gewirr jedoch ist wie eine Art Lotterie, der Glückliche +zeiht irgendeinen Gewinn; und so begegnete mir Leutnant von Fritsch +von des Herzogs Regiment und brachte mich, nach freundlichstem +Begrüßen, zu einem Kanonikus, dessen großes Haus und weitläufiges +Gehöft mich und meine kompendiöse Equipage freundlich und bequemlich +aufnahm, wo ich denn sogleich einer genugsamen Erholung pflegte. +Gedachter junge militärische Freund, von Kindheit auf mir bekannt +und empfohlen, war mit einem kleinen Kommando in Trier zu verweilen +beordert, um für die zurückgelassenen Kranken zu sorgen, die +nachziehenden Maroden, verspätete Bagagewagen und dergleichen +aufzunehmen und sie weiter zu befördern; wobei denn auch mir seine +Gegenwart zugute kam, ob er gleich nicht gern im Rücken der Armee +verweilte, wo für ihn, als einen jungen strebenden Mann, wenig Glück +zu hoffen war. + +Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich in +der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spät kam er wieder, und des anderen +Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese +seltsame Benehmen unerklärlich, bis das Rätsel sich löste: die +schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen, er spürte +sorgfältig und hatte das Glück, sie auf dem großen Platz, mitten +unter hundert Wagen haltend, an der Schachtelpyramide zu erkennen, +ohne jedoch ihren Gemahl aufgefunden zu haben. + +Auf dem Weg von Trier nach Luxemburg erfreute mich bald das Monument +in der Nähe von Igel. Da mir bekannt war, wie glücklich die Alten +ihre Gebäude und Denkmäler zu setzen wussten, warf ich in Gedanken +sogleich die sämtlichen Dorfhütten weg, und nun stand es an dem +würdigsten Platz. Die Mosel fließt unmittelbar vorbei, mit welcher +sich gegenüber ein ansehnliches Wasser, die Saar, verbindet; die +Krümmung der Gewässer, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine +üppige Vegetation geben der Stelle Lieblichkeit und Würde. + +Das Monument selbst könnte man einen architektonisch-plastisch +verzierten Obelisk nennen. Er steigt in verschiedenen, künstlerisch +übereinander gestellten Stockwerken in die Höhe, bis er sich zuletzt +in einer Spitze endigt, die mit Schuppen ziegelartig verziert ist und +mit Kugel, Schlange und Adler in der Luft sich abschloss. + +Möge irgendein Ingenieur, welchen die gegenwärtigen Kriegsläufe in +diese Gegend führen und vielleicht eine Zeitlang festhalten, sich die +Mühe nicht verdrießen lassen, das Denkmal auszumessen, und, insofern +er Zeichner ist, auch die Figuren der vier Seiten, wie sie noch +kenntlich sind, uns überliefern und erhalten! + +Wie viel traurige bildlose Obelisken sah ich nicht zu meiner Zeit +erreichten, ohne dass irgendjemand an jenes Monument gedacht hätte! +Es ist freilich schon aus einer spätern Zeit, aber man sieht immer +noch die Lust und Liebe, seine persönliche Gegenwart mit aller +Umgebung und den Zeugnissen von Tätigkeit sinnlich auf die Nachwelt +zu bringen. Hier stehen Eltern und Kinder gegeneinander, man schmaust +im Familienkreis; aber damit der Beschauer auch wisse, woher die +Wohlhäbigkeit komme, ziehen beladene Saumrosse einher, Gewerb' und +Handel wird auf mancherlei Weise vorgestellt. Denn eigentlich sind es +Kriegskommissarien, die sich und den Ihrigen dies Monument +errichteten, zum Zeugnis, dass damals wie jetzt an solcher Stelle +genugsamer Wohlstand zu erringen sei. + +Man hatte diesen ganzen Spitzbau aus tüchtigen Sandquadern roh +übereinander getürmt und alsdann, wie aus einem Felsen, die +architektonisch-plastischen Gebilde herausgehauen. Die so manchem +Jahrhunderte widerstehende Dauer dieses Monuments mag sich wohl aus +einer so gründlichen Anlage herschreiben. + + * * * * * + +Diesen angenehmen und furchtbaren Gedanken konnte ich mich nicht +lange hingeben: denn ganz nahe dabei, in Grevenmachern, war mir das +modernste Schauspiel bereitet. Hier fand ich das Korps Emigrierte, +das aus lauter Edelleuten, meist Ludwigsrittern, bestand. Sie hatten +weder Diener noch Reitknechte, sondern besorgten sich selbst und ihr +Pferd. Gar manchen hab' ich zur Tränke führen, vor der Schmiede +halten sehen. Was aber den sonderbarsten Kontrast mit diesem +demütigen Beginnen hervorrief, war ein großer, mit Kutschen und +Reisewagen aller Art überladener Wiesenraum. Sie waren mit Frau und +Liebchen, Kindern und Verwandten zu gleicher Zeit eingerückt, als +wenn sie den innern Widerspruch ihres gegenwärtigen Zustandes recht +wollten zur Schau tragen. + +Da ich einige Stunden hier unter freiem Himmel auf Postpferde warten +musste, konnt' ich noch eine andere Bemerkung machen. Ich saß vor dem +Fenster des Posthauses, unfern von der Stelle, wo das Kästchen stand, +in dessen Einschnitt man die unfrankierten Briefe zu werfen pflegt. +Einen ähnlichen Zudrang hab' ich nie gesehen: zu Hunderten wurden sie +in die Ritze gesenkt. Das grenzenlose Bestreben, wie man mit Leib, +Seel' und Geist in sein Vaterland durch die Lücke des durchbrochenen +Dammes wieder einzuströmen begehre, war nicht lebhafter und +aufdringlicher vorzubilden. + +Vor Langeweile und aus Lust, Geheimnisse zu entwickeln oder zu +supplieren, dacht' ich mir, was in dieser Briefmenge wohl enthalten +sein möchte? Da glaubt' ich denn eine Liebende zu spüren, die mit +Leidenschaft und Schmerz die Qual des Entbehrens in solcher Trennung +heftigst ausdrückte; einen Freund, der von dem Freund in der +äußersten Not einiges Geld verlangte; ausgetriebene Frauen mit +Kindern und Dienstanhang, deren Kasse bis auf wenige Geldstücke +zusammengeschmolzen war; feurige Anhänger der Prinzen, die, das Beste +hoffend, sich einander Lust und Mut zusprachen; andere, die schon das +Unheil in der Ferne witterten und sich über den bevorstehenden +Verlust ihrer Güter jammervoll beschwerten -- und ich denke, nicht +ungeschickt geraten zu haben. + +Über manches klärte der Postmeister mich auf, der, um meine Ungeduld +nach Pferden zu beschwichtigen, mich vorsätzlich zu unterhalten +suchte. Er zeigte mir verschiedene Briefe mit Stempeln aus entfernten +Gegenden, die nun den Vorgerückten und Vorrückenden nachirren +sollten. Frankreich sei an allen seinen Grenzen mit solchen +Unglücklichen umlagert, von Antwerpen bis Nizza; dagegen stünden +ebenso die französischen Heere zur Verteidigung und zum Ausfall +bereit. Er sagte manches Bedenkliche; ihm schien der Zustand der +Dinge wenigstens sehr zweifelhaft. + +Da ich mich nicht so wütend erwies wie andere, die nach Frankreich +hineinstürmten, hielt er mich blad für einen Republikaner und zeigte +mehr Vertrauen; er ließ mich die Unbilden bedenken, welche die +Preußen von Wetter und Weg über Koblenz und Trier erlitten, und +machte eine schauderhafte Beschreibung, wie ich das Lager in der +Gegend von Longwy finden würde; von allem war er gut unterrichtet und +schien nicht abgeneigt, andere zu unterrichten. Zuletzt suchte er +mich aufmerksam zu machen, wie die Preußen beim Einmarsch ruhige und +schuldlose Dörfer geplündert, es sei nun durch die Truppen geschehen +oder durch Packknechte und Nachzügler; zum Schein habe man's +bestraft, aber die Menschen im Innersten gegen sich aufgebracht. + +Da musste mir denn jener General des Dreißigjährigen Kriegs +einfallen, welcher, als man sich über das feindselige Betragen seiner +Truppen in Freundesland höchlich beschwerte, die Antwort gab: "Ich +kann meine Armee nicht im Sack transportieren," überhaupt aber konnte +ich bemerken, dass unser Rücken nicht sehr gesichert sei. + +Longwy, dessen Eroberung mir schon unterwegs triumphierend verkündigt +war, ließ ich auf meiner Fahrt rechts in einiger Ferne und gelangte +den 27. August nachmittags gegen das Lager von Praucourt. Auf einer +Fläche geschlagen, war es zu übersehen, aber dort anzulangen nicht +ohne Schwierigkeit. Ein feuchter, aufgewühlter Boden war Pferden und +Wagen hinderlich; daneben fiel es auf, dass man weder Wachen noch +Posten noch irgendjemand antraf, der sich nach den Pässen erkundigt +und bei dem man dagegen wieder einige Erkundigung hätte einziehen +können. Wir fuhren durch eine Zeltwüste, denn alles hatte sich +verkrochen, um vor dem schrecklichen Wetter kümmerlichen Schutz zu +finden. Nur mit Mühe erforschten wir von einigen die Gegend, wo wir +das herzoglich weimarische Regiment finden könnten, erreichten +endlich die Stelle, sahen bekannte Gesichter und wurden von +Leidensgenossen gar freundlich aufgenommen. Kämmerier Wagner und sein +schwarzer Pudel waren die ersten Begrüßenden; beide erkannten einen +vieljährigen Lebensgesellen, der abermals eine bedenkliche Epoche mit +durchkämpfen sollte. Zugleich erfuhr ich einen unangenehmen Vorfall: +des Fürsten Leibpferd, der Amaranth, war gestern nach einem +grässlichen Schrei niedergestürzt und tot geblieben. + +Nun musste ich von der Situation des Lagers noch viel Schlimmeres +gewahren und vernehmen, als der Postmeister mir vorausgesagt. Man +denke sich's auf einer Ebene am Fuß eines sanft aufsteigenden Hügels, +an welchem ein von alters her gezogener Graben Wasser von Feldern und +Wiesen abhalten sollte; dieser aber wurde so schnell als möglich +Behälter alles Unrats, aller Abwürflinge: der Abzug stockte, +gewaltige Regengüsse durchbrachen nachts den Damm und führten das +widerwärtigeste Unheil unter die Zelte. Da ward nun, was die +Fleischer an Eingeweiden, Knochen und sonst beiseite geschafft, in +die ohnehin feuchten und ängstlichen Schlafstellen getragen. + +Mir sollte gleichfalls ein zelt eingeräumt werden, ich zog aber vor, +mich des Tags über bei Freunden und Bekannten aufzuhalten und nachts +in dem großen Schlafwagen der Ruhe zu pflegen, dessen Bequemlichkeit +von früheren Zeiten her mir schon bekannt war. Seltsam musste man es +jedoch finden, wie er, obgleich nur etwa dreißig Schritte von den +Zelten entfernt, doch dergestalt unzugänglich bleib, dass ich mich +abends musste hinein und morgens wieder heraus tragen lassen. + + + + +Am 28. August. + +So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtsfest. Wir setzten uns zu +Pferd und ritten in die eroberte Festung; das wohl gebaute und +befestigte Städtchen liegt auf einer Anhöhe. Meine Absicht war, große +wollene Decken zu kaufen, und wir verfügten uns sogleich in einen +Kramladen, wo wir Mutter und Töchter hübsch und anmutig fanden. Wir +feilschten nicht viel und zahlten gut und waren so artig, als es +Deutschen ohne Tournüre nur möglich ist. + +Die Schicksale des Hauses während des Bombardements waren höchst +wunderbar. Mehrere Granaten hintereinander fielen in das +Familienzimmer, man flüchtete, die Mutter riss ein Kind aus der Wiege +und floh, und in dem Augenblick schlug noch eine Granate gerade durch +die Kissen, wo der Knabe gelegen hatte. Zum Glück war keine der +Granaten gesprungen, sie hatten die Möbel zerschlagen, am Getäfel +gesengt, und so war alles ohne weiteren Schaden vorübergegangen; in +den Laden war keine Kugel gekommen. + +Dass der Patriotismus derer von Lognwy nicht allzu kräftig sein +mochte, sah man daraus, dass die Bürgerschaft den Kommandanten sehr +bald genötigt hatte, die Festung zu übergeben; auch hatten wir kaum +einen schritt aus dem Laden getan, als der innere Zwiespalt der +Bürger sich uns genugsam verdeutlichte. Königisch Gesinnte, und also +unsere Freunde, welche die schnell Übergabe bewirkt, bedauerten, dass +wir in dieses Warengewölbe zufällig gekommen und dem schlimmsten +aller Jakobiner, der mit seiner ganzen Familie nichts tauge, so viel +schönes Geld zu lösen gegeben. Gleichermaßen warnte man uns vor einem +splendiden Gasthof, und zwar so bedenklich, als wenn den Speisen +daselbst nicht ganz zu trauen sein möchte; zugleich deutete man auf +einen geringeren als zuverlässig, wo wir uns denn auch freundlich +aufgenommen und leidlich bewirtet sahen. + +Nun saßen wir alte Kriegs- und Garnisons-kameraden traulich und +froh wieder neben und gegen einander; es waren die Offiziere des +Regiments, vereint mit des Herzogs Hof-, Haus- und Kanzleigenossen; +man unterhielt sich von dem Nächstvergangenen, wie bedeutend und +bewegt es Anfang Mais in Aschersleben gewesen, als die Regimenter +sich marschfertig zu halten Order bekommen, der Herzog von +Braunschweig und mehrere hohe Personen daselbst Besuch abgestattet, +wobei des Marquis von Bouillé als eines bedeutenden und in die +Operationen kräftig eingreifenden Fremden zu erwähnen nicht vergessen +wurde. Sobald dem horchenden Gastwirt dieser Name zu Ohren kam, +erkundigte er sich eifrigst, ob wir den Herren kennten? Die meisten +durften es bejahen, wobei er denn viel Respekt bewies und große +Hoffnung auf die Mitwirkung dieses würdigen, tätigen Mannes +aussprach, ja es wollte scheinen, als wenn wir von diesem Augenblick +an besser bedient würden. + +Wie wir nun alle hier Versammelten uns mit Leib und Seele einem +Fürsten angehörig bekannten, der seit mehreren Regierungsjahren so +große Vorzüge entwickelt und sich nunmehr auch im Kriegshandwerk, dem +er von Jugend auf zugetan gewesen, das er seit geraumer Zeit +getrieben, bewähren sollte, so ward auf sein Wohl und seiner +Angehörigen nach guter deutscher Weise angestoßen und getrunken, +besonders aber auf des Prinzen Bernhards Wohl, bei welchem kurz vor +dem Ausmarsch Obristwachtmeister von Weyrach, als Abgeordneter des +Regiments, Gevatter gestanden hatte. + +Nun wusste jeder von dem Marsch selbst gar manches zu erzählen, wie +man, den Harz links lassend, an Goslar vorbei nach Northeim durch +Göttingen gekommen; da hörte man denn von trefflichen und schlechten +Quartieren, bäurisch-unfreundlichen, gebildet-missmutigen, +hypochondrisch-gefälligen Wirten, von Nonnenklöstern und mancherlei +Abwechslung des Weges und Wetters. Alsdann war man am östlichen Rand +Westfallens her bis Koblenz gezogen, hatte mancher hübschen Frau zu +gedenken, von seltsamen Geistlichen, unvermutet begegnenden Freunden, +zerbrochenen Rädern, umgeworfenen Wagen buntscheckigen Bericht zu +erstatten. + +Von Koblenz aus beklagte man sich über bergige Gegenden, +beschwerliche Wege und mancherlei Mangel und rückte sodann, nachdem +man sich im Vergangenen kaum zerstreut, dem Wirklichen immer näher; +der Einmarsch nach Frankreich in dem schrecklichsten Wetter ward als +höchst unerfreulich und als würdiges Vorspiel beschrieben des +Zustandes, den wir, nach dem Lager zurückkehrend, voraussehen +konnten. Jedoch in solcher Gesellschaft ermutigt sich einer am +anderen, und ich besonders beruhigte mich beim Anblick der köstlichen +wollenen Decken, welche der Reitknecht aufgebunden hatte. + +Im Lager fand ich abends in dem großen Zelt die beste Gesellschaft; +sie war dort beisammen geblieben, weil man keinen Fuß heraussetzen +konnte; alles war gutes Muts und voller Zuversicht. Die schnelle +Übergabe von Longwy bestätigte die Zusage der Emigrierten, man werde +überall mit offenen Armen aufgenommen sein, und es schien sich dem +großen Vorhaben des revolutionären Frankreichs, durch die Manifeste +des Herzogs von Braunschweig ausgesprochen, zeigten sich ohne +Ausnahme bei Preußen, Österreichern und Emigrierten. + +Freilich durfte man nur das wahrhaft bekannt Gewordene erzählen, so +ging daraus hervor, dass ein Volk, auf solchen Grad verunreinigt, +nicht einmal in Parteien gespalten, sondern im Innersten zerrüttet, +in lauter Einzelheiten getrennt, dem hohen Einheitssinn der edel +Verbündeten nicht widerstehen könne. + +Auch hatte man schon von Kriegstaten zu erzählen. Gleich nach dem +Eintritt in Frankreich stießen beim Rekognozieren fünf Eskadronen +Husaren von Wolfrat auf tausend Chasseurs, die von Sedan der unser +Vorrücken beobachten sollten. Die Unsrigen, wohl geführt, griffen an, +und da die Gegenseitigen sich tapfer wehrten, auch keinen +Pardonannehmen wollten, gab es ein gräulich Gemetzel, worin wir +siegten, Gefangene machten, Pferde, Karabiner und Säbel erbeuteten, +durch welches Vorspiel der kriegerische Geist erhöht, Hoffnung und +Zutrauen fester gegründet wurden. + +Am 29. August geschah der Aufbruch aus diesen halberstarrten Erd- und +Wasserwogen, langsam und nicht ohne Beschwerde: denn wie sollte man +Zelte und Gepäck, Monturen und sonstiges nur einigermaßen reinlich +halten, da sich keine Stelle fand, wo man irgendetwas zurechtlegen +und ausbreiten können! + +Die Aufmerksamkeit jedoch, welche die höchsten Heerführer diesem +Abmarsch zuwendeten, gab uns frisches Vertrauen. Auf das strengste +war alles Fuhrwerk ohne Ausnahme hinter die Kolonne beordert, nur +jeder Regimentschef berechtigt, eine Chaise vor seinem Zug hergehen +zu lassen; da ich denn das Glück hatte, im leichten, offenen +Wägelchen die Hauptarmee für diesmal anzuführen. Beide Häupter, der +König sowohl als der Herzog von Braunschweig, mit ihrem Gefolge +hatten sich da postiert, wo alles an ihnen vorbei musste. Ich sah sie +von weiten, und als wir herankamen, ritten Ihro Majestät an mein +Wäglein heran und fragten in Ihro lakonischen Art, wem das Fuhrwerk +gehöre? Ich antwortete laut: "Herzog von Weimar!" und wir zogen +vorwärts. Nicht leicht ist jemand von einem vornehmern Visitator +angehalten worden. + +Weiterhin jedoch fanden wir den Weg hie und a etwas besser. In einer +wunderlichen Gegend, wo Hügel und Tal miteinander abwechselten, gab +es besonders für die zu Pferde noch trockene Räume genug, um sich +behaglich vorwärts bewegen zu können. Ich warf mich auf das meine, +und so ging es freier und lustiger fort; das Regiment hatte den +Vortritt bei der Armee, wir konnten also immer voraus sein und der +lästigen Bewegung des Ganzen völlig entgehen. + +Der Marsch verließ die Hauptstraße, wir kamen über Arrancy, worauf +uns denn Chatillon l'Abbaye, als erste Kennzeichen der Revolution, +ein verkauftes Kirchengut, in halb abgebrochenen und zerstörten +Mauern zur Seite liegen blieb. + +Nun aber sahen wir über Hügel und Tal des Königs Majestät sich eilig +zu Pferde bewegend, wie den Kern eines Kometen von einem langen, +schweifartigen Gefolge begleitet. Kaum war jedoch dieses Phänomen mit +Blitzesschnelle vor uns vorbei geschwunden, als ein zweites von einer +andern Seite den Hügel krönte oder das Tal erfüllte. Es war der +Herzog von Braunschweig, der Elemente gleicher Art an und nach sich +zog. Wir nun, obgleich mehr zum Beobachten als zum Beurteilen +geneigt, konnten doch der Betrachtung nicht ausweichen, welche von +beiden Gewalten denn eigentlich die obere sei? Welche wohl im +zweifelhaften Falle zu entscheiden habe? Unbeantwortete Fragen, die +uns nur Zweifel und Bedenklichkeiten zurückließen. + +Was nun aber hierbei noch ernsteren Stoff zum Nachdenken gab, war, +dass man beide Heerführer so ganz frank und frei in ein Land +hineinreiten sah, wo nicht unwahrscheinlich in jedem Gebüsch ein +aufgeregter Todfeind lauern konnte. Doch mussten wir gestehen, dass +gerade das kühne persönliche Hingeben von jeher den Sieg errang und +die Herrschaft behauptete. + +Bei wolkigem Himmel schien die Sonne sehr heiß; das Fuhrwerk in +grundlosem Boden fand ein schweres Fortkommen. Zerbrochene Räder an +Wagen und Kanonen machten gar manchen Aufenthalt, hie und da +ermattete Füseliere, die sich schon nicht mehr fortschleppen konnten. + +Man hörte die Kanonade bei Thionville und wünschte jener Seite guten +Erfolg. + +Abends erquickten wir uns im Lager bei Pillon. Eine liebliche +Waldwiesenahm uns auf, der Schatten erfrischte schon, zum Küchfeuer +war Gestrüpp genug bereit; ein Bach floss vorbei und bildete zwei +klare Bassins, die beide sogleich von Menschen und Tieren sollten +getrübt werden. Das eine gab ich frei, verteidigte das andere mit +Heftigkeit und ließ es sogleich mit Pfählen und Stricken umziehen. +Ohne Lärm gegen die Zudringlichkeiten ging es nicht ab. Da fragte +einer von unsern Reitern den andern, die eben ganz gelassen an ihrem +Zeug putzten: "Wer ist denn der, der sich so mausig macht?" -- "Ich +weiß nicht," versetzte der andere, "aber er hat recht." + +Also kamen nun Preußen und Österreicher und ein Teil von Frankreich, +auf französischem Boden ihr Kriegshandwerk zu treiben. In wessen +Macht und Gewalt taten sie das? Sie konnten es in eignem Namen tun, +der Krieg war ihnen zum Teil erklärt, ihr Bund war kein Geheimnis; +aber nun ward noch ein Vorwand erfunden. Sie traten auf im Namen +Ludwigs XVI., sie requirierten nicht, aber sie borgten gewaltsam. Man +hatte Bons drucken lassen, die der Kommandierende unterzeichnete, +derjenige aber, der sie in Händen hatte, nach Befund beliebig +ausfüllte: Ludwig XVI. sollte bezahlen. Vielleicht hat nach dem +Manifest nichts so sehr das Volk gegen das Königtum aufgehetzt als +diese Behandlungsart. Ich war selbst bei einer solchen Szene +gegenwärtig, deren ich mich als höchst tragisch erinnere. Mehrere +Schäfer mochten ihre Herden vereinigt haben, um sie in Wäldern oder +sonst abgelegenen Orten sicher zu verbergen; von tätigen Patrouillen +aber aufgegriffen und zur Armee geführt, sahen sie sich zuerst wohl +und freundlich empfangen. Man fragte nach den verschiedenen +Besitzern, man sonderte und zählte die einzelnen Herden. Sorge und +Frucht, doch mit einiger Hoffnung, schwebte auf den Gesichtern der +tüchtigen Männer. Als sich aber dieses Verfahren dahin auflöste, dass +man die Herden unter Regimenter und Kompanien verteilte, den +Besitzern hingegen ganz höflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere +überreichte, indessen ihre wolligen Zöglinge von den ungeduldigen, +fleischlustigen Soldaten vor ihren Füßen ermordet wurden, so gesteh' +ich wohl: es ist mir nicht leicht eine grausamere Szene und ein +tieferer männlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor +Augen und zur Seele gekommen. Die griechischen Tragödien allein haben +so einfach tief Ergreifendes. + + + + +Den 30. August. + +Vom heutigen Tag, der uns gegen Verdun bringen sollte, versprachen +wir uns Abenteuer, und sie blieben nicht aus. Der auf- und abwärts +gehende Weg war schon besser getrocknet, das Fuhrwerk zog +ungehinderter dahin, die Reiter bewegten sich leichter und +vergnüglich. + +Es hatte sich eine muntere Gesellschaft zusammengefunden, die, wohl +beritten, so weit vorging, bis sie einen Zug Husaren antraf, der den +eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein +gesetzter Mann, schon über die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft +nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen: +alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zufälligkeit +klüglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmäßig verteilt, +sie rückten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab +sich in der größten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend, +die äußerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hügel auf Hügel +ab, über Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als +auf einer Höhe, die eine schöne Aussicht gewährte, rechts in den +Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die +nächste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen +schwarzhaarigen, bärtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und +bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig, +dass er die Vögel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas +zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller Überlegung, diesen +Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entließ den +bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit +auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit großem Lustgeschrei +nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand. + +Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns über die Vorkommenheiten +und über manches, was zu erwarten sein möchte. Nun ist zu +bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den +Husaren aufgedrungen hatte, zufällig zusammengekommen, aus den +verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige, +jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen +jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren +Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preußischen +Kriegsleuten öfter vorkamen, mehr ästhetisch als philosophisch +gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in +sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt. + +Als wir so weiter vor uns hinrückten, trafen wir auf eine so seltsame +als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte. +Zwei Husaren brachten ein einspänniges zweirädriges Wägelchen +den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der +übergespannten Leinwand wohl befindlich sein möchte, so fand sich +ein Knabe von etwa zwölf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein +wunderschönes Mädchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke +hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirädrigen +Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich +tätige Wirkung für die Schöne mussten wir unserm empfindenden Freund +überlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedürftige Fuhrwerk +näher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrängt fühlte. +Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen +Umständen, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux +wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrängnis seitwärts zu entfernteren +Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen +geflüchtet habe; wie in solchen ängstlichen Fällen der Mensch wähnt, +es sei überall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf +das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurückkehren müsse. +Auch unser Anführer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier +wittern wollte, ließ sich endlich durch die herzliche Rhetorik des +sittlichen Mannes überreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der +Seite, bis an ihren Wohnort einigermaßen getröstet zurückgebrachte, +woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald +nachher durchzogen, auf einem Mäuerchen unter den Ihrigen stehend, +freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war, +hoffnungsvoll begrüßte. + +Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszügen, wo man durch +augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine +Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese +Momente sind köstlich für Bürger und Bauern und für jeden, dem das +dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit +geraubt hat. + +Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zählt auf +einige Tage Rast. + +Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten, +wärmsten und erfreulichsten Lagerstätte, halb erwacht, als ich etwas +an den Ledervorhängen ruaschen hörte und bei Eröffnung derselben den +Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden +vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus, +der, seine Parteigängerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt, +angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns +zu übernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern fürstlichen +Anführer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen +besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschäft +beordert wurde. Wir begrüßten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk, +auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschäft; worüber +denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man +erzählte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein, +die Fahrstraße hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten, +das Völkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert; +wie er ein weißes Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer +heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und +mit verbundenen Augen allein in die Festung geführt, alldort schöne +Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war, +wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern +und dem Unternehmenden die Ehre zu verkümmern wusste. + +Als nun die Festung, wie natürlich, auf die erste Forderung, sich zu +ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement +vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein +kleines Geschäft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen +Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem +Jägerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwärtigen, hoffentlich +auch den nächstkünftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blättern +darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in +dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des +Herzogs Leuten sich gerade ein Boßler befand, so ward es zerschnitten +und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener für die +Welt und mich so bedeutenden Tage. + +Nach solchen Vorbereitungen zum künftigen Nutzen und augenblicklicher +Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von +wo sich die Zelte bis auf die Hügel erstreckten. Auf dem großen, +grünen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine +Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen +Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei näherer +Untersuchung fand ich sie um einen trichterförmigen Erdfall gelagert, +der, von dem reinsten Quellwasser gefüllt, oben etwa dreißig Fuß im +Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzählige kleine Fischchen, +nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gerät neben ihrem +übrigen Gepäck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der +Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht +lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein, +indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten +Augenblick hielt ich diese Erscheinung für Wechselfarben der +beweglichen Körperchen, doch blad eröffnete sich mir eine willkommene +Aufklärung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen. +Welche mir aus der Tiefe herauf die schönsten prismatischen Farben +gewährte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie +an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem +mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf +um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natürlich bei einem +solchen subjektiven Versuche, das Phänomen, und die Farben +erschienen, bezüglich auf mich, immer dieselbigen. + +Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenständen beschäftigt, machte +mir's die größte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch +und natürlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast +hundert Jahre mit ihren Schülern in eine dunkle Kammer einzusperren +pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstücke, die ich +hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter +der Oberfläche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer +zunahm, und zuletzt ein kleiner weißer Körper, ganz überfärbt, in +Gestalt eines Flämmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich, +dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die +feurigen Phänomene zu rechnen sich bewogen gesehen. + +Nach Tisch ritten wir auf den Hügel, der unseren Zelten die Ansicht +von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen +sehr angenehm, von Wiesen, Gärten umgeben, in einer heitern Fläche, +von der Maas in mehreren Ästen durchströmt, zwischen näheren und +ferneren Hügeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen +Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der +Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten +Ferngläsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau +erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei +Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr +tätig zu sein schien. + +Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf +unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche, +näher gelegen und mit Brandraketen spielend, die stärkste Wirkung +hervorbrachte. Diese geschwänzten Feuermeteore musste man denn ganz +gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in +Flammen sehen. Unsere Ferngläser, dorthin gerichtet, gestatteten +uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten +die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand +Einhalt zu tun eifrig bemühten, wir konnten die frei stehenden, +zusammenstürzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles +geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es +unsägliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene +Gesinnungen geäußert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die +eben gewaltsam arbeitete, allein der fürchterlich dröhnende Klang +abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unerträglich: ich +musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Fürsten Reuß den XI., +der mir immer ein freundlicher, gnädiger Herr gewesen. Wir gingen +hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschützt vor den +Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren. +Nach mancherlei politischen Gesprächen, die uns denn freilich nur in +ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich +der Fürst, womit ich mich gegenwärtig beschäftige, und war sehr +verwundert, als ich, anstatt von Tragödien und Romanen zu vermelden, +aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der +Farbenlehre mit großer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es +ging mir mit diesen Entwickelungen natürlicher Phänomene wie mit +Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal +erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren +Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten +stören zu lassen. Der Fürst verlangte, dass ich ihm fasslich machen +sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der +heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen. + +Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu +überzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewöhnlich im +Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch +Feldzüge durchführt, Gelegenheit und Muße genug finde, die Natur im +großen zu betrachten und sich mit den Phänomenen aller Art bekannt zu +machen. Nun bieten aber atmosphärische Luft, Dünste, Regen, Wasser +und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter +so verschiedenen Bedingungen und Umständen, dass man wünschen müsse, +solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse +Rubriken zu bringen, ihre nähere und fernere Verwandtschaft +auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue +Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten +Überlieferungen. Unsere Altväter hätten, begabt mit großer +Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht +fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die +Phänomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen. + +Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her +gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre +fort, als die Kälte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der +Österreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen +ungeheueren wohltätigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner +Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschäftigte und die +also noch in einer frischen, unreifen Gärung begriffen war, hätte ich +kaum wissen können, ob der Fürst mir auch zugehört, wenn er nicht +einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen +Vortrag wieder aufgenommen und beifällige Aufmunterung gegönnt hätte. + +Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschäfts- und Weltleuten, +die sich gar vielerlei aus dem Stegreif müssen vortragen lassen und +deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden, +viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil +sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres +Interesse als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich +nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber +sie mit ihresgleichen übereingekommen sind. In die Stelle des +Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu +verharren ist als bei irgendeinem andern. + +Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten, +teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern +sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jäger, das die Nacht +da zugebracht hatte, nun aber Büchse und Tornister wieder aufnahm, +hinab in die niedergebrannten Vorstädte zog, um von da aus die Wälle +zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen +sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar. + +Kaum verließen sie die Stätte, als ich auf der Mauer, an der sie +geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phänomen zu bemerken +glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weißen Mäuerchen +ein Gesims von hellgrünen Steinen völlig von der Farbe des Jaspis +und war höchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflözen eine so +merkwürdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben. +Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf +das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von +verschimmeltem Brot sei, das, den Jägern ungenießbar, mit gutem Humor +ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden. + +Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in +Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden +Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit +panischem Schrecken erfüllt, indem nicht allein jede vom Wirt +angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdächtig +wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz +natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist. + +Es war den 1. September früh um acht Uhr, als das Bombardement +aufhörte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinüber und +herüber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen +Vierundzwanzig-Pfünder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schüsse +sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten. + +Auf der freien Höhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht +dieses gröbsten Geschützes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt, +um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die +Zeit ihrer Postierung über unangefochten. Weil aber bei der Ablösung +sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch +manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein +tüchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung +bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rücken dem ungefähr +hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich +mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige, +pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf +dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu können, ob der Ton, die bewegte +Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren +hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander +gestobenen Menge, noch durch einige Zäune rikoschettieren. Mit großem +Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehört hatte, furchtbar zu +sein; niemand war getroffen, und die Glücklichen, die sich dieser +runden Eisenmasse bemächtigt, trugen sie im Triumph umher. + +Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat +sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns +etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher +zu bereiten, wobei ich denn nicht unterließ, mehrmals zu der +unterrichtenden Quelle zurückzukehren, wo ich meine Beobachtungen +ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein +ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das +Spiel der niedersinkenden Flämmchen nach Lust zu wiederholen, und ich +befand mich in der angenehmsten Gemütsstimmung. Einige Unglücksfälle +versetzten uns wieder bald in Kriegszustand. + +Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu tränken, der +Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er +vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe +fließenden Maas, wo er an einem abhängigen Ufer versank: das Pferd +hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei. + +Kurz darauf sah und hörte man eine starke Explosion im +österreichischen Lager, an dem Hügel, zu dem wir hinaufsehen konnten; +Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfüllung +war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das höchste Gefahr +drohte; es teilte sich schon gefüllten Bomben mit, und man hatte zu +fürchten, der ganze Vorrat möcht ein die Luft gehen. Bald aber war +die Sorge gestillt durch rühmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche, +die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefüllte Bomben aus dem +Zeltraum eilig hinaustrugen. + +So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt +und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein +republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire, +bedrängt von der bedrängten Bürgerschaft, die bei fortdauerndem +Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstört sah, konnte die +Übergabe nicht länger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in +voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole +hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel höchster +patriotischer Aufopferung darzustellen. + +Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr, +dass wir bald darüber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns +von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich +ließ daher ungesäumt die Jägerischen Karten, welche den Weg nach +Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfältig aufziehen, auch auf +die Rückseite weißes Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten +getan, um kurze Tagesbemerkungen flüchtig aufzuzeichnen. + + + + +Den 3. September. + +Früh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu +reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt +große frühere Anstalten, die auf einen längeren Widerstand +hindeuteten: das Straßenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben +und gegen die Häuser angehäuft; das feuchte Wetter machte deshalb +das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die +namentlich gerühmten Läden, wo der beste Likör aller Art zu haben +war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei +Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger +süß, aber stärker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen, +überzuckerte kleine Gewürzkörner in saubern, zylindrischen Deuten, +wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der +lieben Zurückgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der +Ilm gar wohl behagen möchte. Kistchen wurden gepackt; gefällige, +wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglück in Deutschland zu +melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepäck dieser Art +zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in höchster +Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten, +wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen. + +Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwüstete Stadt +beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass +bei solchem Unglück, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie +bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Fälle vorkommen, die +auf eine Schickung, eine günstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der +untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt ließ einen von vielen +Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns +aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den +schwachen steinernen Türpfosten des Ladens gefahren, von demselben +aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Türpfosten +war wirklich beschädigt, aber er hatte die Pflicht eines guten +Vorfechters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans +stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl +geputzten Fenstern. + +Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schöpsenkeulen und Wein +von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im +Land selbst aufsuchen und genießen muss. Nun ist aber an solchen +Tischen Sitte, dass man wohl Löffel, jedoch weder Messer noch Gabel +erhält, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart +unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man +dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere, +resolute Mädchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie +vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten. + +Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der, +obgleich nur einzeln, großes Aufsehen erregte und allgemeine +Teilnahme heran rief. Die Preußen zogen ein, und es fiel aus der +französischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte, +dessen Wagestück aber ein französischer Grenadier nicht verleugnen +konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab' +ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schöner, wohl gebildeter, +junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal +entschieden wäre, hielt man ihn lässlich. Zunächst an der Wache war +eine Brücke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs +Mäuerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann überschlug er sich +rückwärts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht. + +Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen +Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hörte sonst verständige +Personen behaupten, man möchte weder diesem noch dem Kommandanten +ein ehrlich Begräbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere +Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste +Bewegung unter den fränkischen Truppen, zu uns überzugehen. + +Größere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzählung, wie der König in +Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schönsten, wohl erzogensten +Frauenzimmer hatten Ihro Majestät mit angenehmen Reden, Blumen und +Früchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom +Genuss Vergiftung befürchtend; aber der großmütige Monarch verfehlte +nicht, diese wünschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen +und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch +unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflößt zu haben; +gewiss, diejenigen, die das Glück gehabt, dem Ball beizuwohnen, +konnten nicht genug von Liebenswürdigkeit, Anmut und gutem Betragen +sprechen und rühmen. + +Aber auch für solidere Genüsse war gesorgt: denn, wie man gehofft und +vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorräte in +der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu +erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geräuchertem +Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und +notwendigen Dingen nicht haushältisch genug verfahre, welches in +unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein +Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplündert +ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue, +und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu +wehren Lust hat, den Gegner abhält oder wohl gar erlegt. + +Mit jener sanften Plünderung aber verhielt es sich folgendermaßen: +als nach eingenommener Stadt die hohen Militärpersonen sich von +den Vorräten aller Art zu überzeugen gedachten, begaben sie sich +ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche für das +allgemeine Kriegsbedürfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches +Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wäre, +und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschäftigt, der +nicht auch für sich etwas herausgemustert hätte. Dies ging nun durch +alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie +fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld, +um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus, +was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen +flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt +umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten ließ, seine +Schwere aber deutete auf einen gefährlichen Inhalt: auch enthielt +er eine sehr breite, wohl vier Fuß lange Degenklinge, womit eine +kräftige Faust Wunder getan hätte. + +So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben, +zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es +wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich +macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den +Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem +verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch +entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter +hat und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst +heißen mögen, ganz eigen unterscheidet. + +Einer merkwürdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar +nur in der Entfernung, hinter Gefängnisgittern, gesehen: es war der +Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den +Preußen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der +Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig. +Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und +hetzten deshalb an den obersten Behörden, denen aber zum Ruhm zu +rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fällens ich mit +geziemender Ruhe und anständigem Gleichmut betragen. + + + + +Am 4. September. + +Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den +ganzen Tag; man hörte vieles erzählen, vieles bereden und beurteilen, +die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren +einig, dass man so schnell als möglich nach Paris vordringen müsse. +Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite +gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig +zu befürchten. + +Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war +genötigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrängt, +zum Feind überzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn +er auch sonst als Minister Einsicht in Militärangelegenheiten +beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berühmt, und aus der Kanzlei +zum Oberbefehl der Armee befördert, schien er auch nur jene +Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der +andern Seite verlauteten die traurigen Vorfälle von der Hälfte des +Augusts aus Paris, wo, dem braunschweigschen Manifest zum Trutz, der +König gefangen genommen, abgesetzt und als Missetäter behandelt +wurde. Was aber für die nächsten Kriegsoperationen höchst bedenklich +sei, war am umständlichsten besprochen. + +Der waldbewachsene Gebirgsriegel, welcher die Aire von Süden nach +Norden an ihm herzufließen nötigt, Forêt d'Argonne genannt, lag +unmittelbar vor uns und heilt unsere Bewegung auf. Man sprach viel +von den Isletten, dem bedeutenden Pass zwischen Verdun und Sainte +Menehould. Warum er nicht besetzt werde, besetzt worden sei, darüber +konnte man sich nicht vereinigen. Die Emigrierten sollten ihn einen +Augenblick überrumpelt haben, ohne ihn halten zu können. Die +abziehende Besatzung von Longwy hatte sich, so viel wusste man, +dorthin gezogen; auch Dumouriez schickte, während wir uns auf dem +Marsch nach Verdun und mit dem Bombardement der Stadt beschäftigten, +Truppen quer über durchs Land, um diesen Posten zu verstärken und den +rechten Flügel seiner Position hinter Grandpré zu decken und so den +Preußen, Österreichern und Emigrierten ein zweites Thermopylä +entgegenzustellen. + +Man gestand sich einander die höchst unglückliche Lage und musste +sich in die Anstalten fügen, wonach die Armee, welche unaufhaltsam +gerade vorwärts hätten dringen sollen, die Aire hinabziehen sollte, +um sich an den verschanzten Bergschluchten auf gut Glück zu +versuchen; wobei noch für höchst vorteilhaft galt, dass Clermont den +Franzosen entrissen und von Hessen besetzt sei, welche, gegen die +Isletten operierend, sie wo nicht wegnehmen, doch beunruhigen +konnten. + + + + +Den 6. September. + +In diesem Sinn ward nunmehr das Lager verändert und kam hinter Verdun +zu stehen; das Hauptquartier des Königs, Glorieux, des Herzogs von +Braunschweig, Regret genannt, gab zu wunderlichen Betrachtungen +Anlass. An den ersten Ort gelangt' ich selbst durch einen +verdrießlichen Zufall. Des Herzogs von Weimar Regiment sollte bei +Jardin Fontaine zu stehen kommen, nahe an der Stadt und der Maas; zum +Tor fuhren wir glücklich heraus, indem wir uns in den Wagenzug eines +unbekannten Regiments einschwärzten und von ihm fortschleppen ließen, +obgleich zu bemerken war, dass man sich zu weit entferne; auch hätten +wir nicht einmal bei dem schmalen Weg aus der Reihe weichen können, +ohne uns in den Gräben unwiederbringlich zu verfahren. Wir schauten +rechts und links, ohne zu entdecken, wir fragten ebenso und +erhielten keinen Bescheid; denn alle waren fremd wie wir und aufs +verdrießlichste von dem Zustand angegriffen. Endlich auf eine +sanfte Höhe gelangt, sah ich links unten in einem Tal, das zu +guter Jahrszeit ganz angenehm sein mochte, einen hübschen Ort mit +bedeutenden Schlossgebäuden, wohin glücklicherweise ein sanfter +grüner Rain uns bequem hinunterzubringen versprach. Ich ließ umso +eher aus der schrecklichen Fahrleise hinabwärts ausbiegen, als ich +unten Offiziere und Reitknechte hin und wider sprengen, Packwagen und +Chaisen aufgefahren sah; ich vermutete eins der Hauptquartiere, und +so fand sich's: es war Glorieux, der Aufenthalt des Königs. Aber auch +da war mein Fragen, wo Jardin Fontaine liege, ganz umsonst. Endlich +begegnete ich, wie einem Himmelsboten, Herrn von Alvensleben, der +sich mir früher freundlich erwiesen hatte; dieser gab mir denn +Bescheid, ich solle den von allem Fuhrwerk freien Dorfweg im Tal bis +nach der Stadt verfolgen, vor derselben aber links durchzudringen +suchen, und ich würde Jardin Fontaine gar bald entdecken. + +Beides gelang mir, und ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber +im schrecklichsten Zustand: man sah sie in grundlosen Kot versenkt, +die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der +andern, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen, +der darunter sein Heil zu suchen gedachte. Eine Zeitlang hatte man's +ertragen, doch fiel zuletzt der Entschluss dahin aus, das Örtchen +selbst zu beziehen. Wir fanden in einem wohl eingerichteten Haus und +Hof einen guten neckischen Mann als Besitzer, der ehemals Koch in +Deutschland gewesen war; mit Munterkeit nahm er uns auf, im +Erdgeschoss fanden sich schöne, heitere Zimmer, gutes Kamin, und was +sonst nur erquicklich sein konnte. + +Das Gefolge des Herzogs von Weimar ward aus der fürstlichen Küche +versorgt; unser Wirt verlangte jedoch dringend, ich solle nur ein +einziges Mal von seiner Kunst etwas kosten. Er bereitete mir auch +wirklich ein höchst wohlschmeckendes Gastmahl, das mir aber sehr übel +bekam, so dass ich wohl auch an Gift hätte denken können, wenn mir +nicht noch zeitig genug der Knoblauch eingefallen wäre, durch welchen +jene Schüsseln erst recht schmackhaft geworden, der auf mich aber, +selbst in der geringsten Dosis, höchst gewaltsame Wirkung auszuüben +pflegte. Das Übel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie vor +desto lieber an die deutsche Küche, solange sie auch nur das mindeste +leisten konnte. + +Als es zum Abschied ging, überreichte der gut gelaunte Wirt meinem +Diener einen vorher versprochenen Brief nach Paris an eine Schwester, +die er besonders empfehlen wolle; fügte jedoch nach einigem Hin- und +Widerreden gutmütig hinzu: "Du wirst wohl nicht hinkommen." + + + + +Den 11. September. + +Wir wurden also, nach einigen Tagen gütlicher Pflege, wieder in das +schrecklichste Wetter hinausgestoßen; unser Weg ging auf dem +Gebirgsrücken hin, der, die Gewässer der Maas und Aire scheidend, +beide nach Norden zu fließen nötigt. Unter großen Leiden gelangten +wir nach Malancourt, wo wir leere Keller und Küchen wirtlos fanden +und schon zufrieden waren, unter Dach, auf trockener Bank eine +spärliche, mitgebrachte Nahrung zu genießen. Die Einrichtung der +Wohnungen selbst gefiel mir; sie zeugte von einem stillen, häuslichen +Behagen: alles war einfach naturgemäß, dem unmittelbarsten Bedürfnis +genügend. Dies hatten wir gestört, dies zerstörten wir; denn aus der +Nachbarschaft erscholl ein Angstruf gegen Plünderer, worauf wir denn, +hinzueilend, nicht ohne Gefahr dem Unfug für den Augenblick +steuerten. Auffallend genug dabei war, dass die armen unbekleideten +Verbrecher, denen wir Mäntel und Hemden entrissen, uns der härtesten +Grausamkeit anklagten, dass wir ihnen nicht vergönnen wollten, auf +Kosten der Feinde ihre Blöße zu decken. + +Aber noch ein eigneren Vorwurf sollten wir erleben. In unser erstes +Quartier zurückgekehrt, fanden wir einen vornehmen, uns sonst schon +bekannten Emigrierten. Er ward freundlich begrüßt und verschmähte +nicht frugale Bissen; allein man konnte ihm eine innere Bewegung +anmerken, er hatte etwas auf dem Herzen, dem er durch Ausrufungen +Luft zu machen suchte. Als wir nun, früherer Bekanntschaft gemäß, +einiges Vertrauen in ihm zu erwecken suchten, so beschrie er die +Grausamkeit, welche der König von Preußen an den französischen +Prinzen ausübe. Erstaunt, fast bestürzt, verlangten wir nähere +Erklärung. Da erfuhren wir nun: der König habe beim Ausmarsch von +Glorieux, unerachtet des schrecklichsten Regens, keinen Überrock +angezogen, keinen Mantel umgenommen, da denn die königlichen Prinzen +ebenfalls sich dergleichen Wetter abwehrende Gewande hätten versagen +müssen; unser Marquis aber habe diese allerhöchsten Personen, leicht +gekleidet, durch und durch genässt, träufelnd von abfließender +Feuchte, nicht ohne das größte Bejammern anschauen können, ja er +hätte, wenn es nütze gewesen wäre, sein Leben daran gewendet, sie in +einem trockenen Wagen dahin ziehen zu sehen, sie, auf denen Hoffnung +und Glück des ganzen Vaterlandes beruhe, die an eine ganz andere +Lebensweise gewöhnt seien. + +Wir hatten freilich darauf nichts zu erwidern, denn ihm konnte die +Betrachtung nicht tröstlich werden, dass der Krieg, als ein Vortod, +alle Menschen gleich mache, allen Besitz aufhebe und selbst die +höchste Persönlichkeit mit Pein und Gefahr bedrohe. + + + + +Den 12. September. + +Den andern Morgen aber entschloss ich mich, in Betracht so hoher +Beispiele, meine leichte und doch mit vier requirierten Pferden +bespannte Chaise unter dem Schutz des zuverlässigen Kämmerier Wagner +zu lassen, welchem die Equipage und das so nötige bare Geld +nachzubringen aufgetragen war. Ich schwang mit, mit einigen guten +Gesellen, zu Pferde, und so begaben wir uns auf den Marsch nach +Landres. Wir fanden auf Mitte Wegs Wellen und Reisig eines +abgeschlagenen Birkenhölzchens, deren innere Trockenheit die äußere +Feuchte bald überwand und uns lohe Flamme und Kohlen, zur Erwärmung +wie zum Kochen genugsam, sehr schnell zum besten gab. Aber die schöne +Anstalt einer Regimentstafel war schon gestört: Tische, Stühle und +Bänke sah man nicht nachkommen, man behalf sich stehend, vielleicht +angelehnt, so gut es gehen wollte. Doch war das Lager gegen Abend +glücklich erreicht; so kampierten wir unsern Landres, gerade Grandpré +gegenüber, wussten aber gar wohl, wie stark und vorteilhaft der Pass +besetzt sei. Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die +Zeltdecke gewährte wenig Schutz. + +Glückselig aber der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte! +Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht +einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie +zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel, der sich +auch hier als treuen Kanzleigefährten erwies, ins gebrochene Konzept +und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitz' ich +noch mit allen Merkmalen des Regenwetters und als Zeugnis eines +treuen Forschens auf eingeschlagenem, bedenklichem Pfad. Den Vorteil +aber hat der Weg zum Wahren, dass man sich unsicherer Schritte, eines +Umwegs, ja, eines Fehltritts noch immer gern erinnert. + +Das Wetter verschlimmerte sich und ward in der Nacht so arg, dass man +es für das höchste Glück schätzen musste, sie unter der Decke des +Regimentswagens zuzubringen. Wie schrecklich war da der Zustand, wenn +man bedachte, dass man im Angesicht des Feindes gelagert sei und +befürchten musste, dass er aus seinen Berg- und Waldverschanzungen +irgendwo hervorzubrechen Lust haben könne. + + + + +Vom 13. bis zum 17. September. + +Traf der Kämmerier Wagner, den Pudel mit eingeschlossen, bei guter +Zeit mit aller Equipage bei uns ein: er hatte eine schreckliche Nacht +verlebt, war nach tausend anderen Hindernissen im Finstern von der +Armee abgekommen, verführt durch schlaf- und weintrunkene Knechte +eines Generals, denen er nachfuhr. Sie gelangten in ein Dorf und +vermuteten die Franzosen ganz nahe. Von allerlei Alarm geängstigt, +verlassen von Pferden, die aus der Schwemme nicht zurückkehrten, +wusste er sich denn so zu richten und zu schicken, dass er von dem +unseligen Dorf loskam und wir uns zuletzt mit allem mobilen Hab und +Gut wieder zusammenfanden. + +Endlich gab es eine Art von erschütternder Bewegung und zugleich von +Hoffnung: man hörte auf unserm rechten Flügel stark kanonieren und +sagte sich: General Clerfiat sei aus den Niederlanden angekommen und +habe die Franzosen auf ihrer linken Flanke angegriffen. Alles war +äußerst gespannt, den Erfolg zu vernehmen. + +Ich ritt nach dem Hauptquartier, um näher zu erfahren, was die +Kanonade bedeute und was eigentlich zu erwarten sei. Man wusste +daselbst noch nichts genau, als dass General Clerfait mit den +Franzosen ahndgemein sein müsse. Ich traf auf den Major von Weyrach, +der sich aus Ungeduld und Langeweile soeben zu Pferd setze und an die +Vorposten reiten wollte; ich begleitete ihn, und wir gelangten bald +auf eine Höhe, wo man sich weit genug umsehen konnte. Wir trafen auf +einen Husarenposten und sprachen mit dem Offizier, einem jungen, +hübschen Mann. Die Kanonade war weit über Grandpré hinaus, und er +hatte Order, nicht vorwärts zu gehen, um nicht ohne Not eine Bewegung +zu verursachen. Wir hatten uns nicht lange besprochen, als Prinz +Louis Ferdinand mit einigem Gefolge ankam, nach kurzer Begrüßung und +Hin- und Widerreden von dem Offizier verlangte, dass er vorwärts +gehen solle. Dieser tat dringende Vorstellungen, worauf der Prinz +aber nicht achtete, sondern vorwärts ritt, dem wir denn alle folgen +mussten. Wir warne nicht weit gekommen, als ein französischer Jäger +sich von fern sehen ließ, an uns bis auf Büchsenschussweite +heransprengte und sodann umkehrend ebenso schnell wieder verschwand. +Ihm folgte der zweite, dann der dritte, welche ebenfalls wieder +verschwanden. Der vierte aber, wahrscheinlich der erste, schoss die +Büchse ganz ernstlich auf uns ab, man konnte die Kugel deutlich +pfeifen hören. Der Prinz ließ sich nicht irren, und jene treiben auch +ihr Handwerk, so dass mehrere Schüsse fielen, indem wir unsern Weg +verfolgten. Ich hatte den Offizier manchmal angesehen, der zwischen +seiner Pflicht und zwischen dem Respekt vor einem königlichen Prinzen +in der größten Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl, in meinen +Blicken etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und saget: +"Wenn Sie irgendetwas auf den Prinzen vermögen, so ersuchen Sie ihn, +zurückzugehen, er setzt mich der größten Verantwortung aus: ich habe +den strengsten Befehl, meine angewiesenen Posten nicht zu verlassen, +und es ist nichts vernünftiger, als dass wir den Feind nicht reizen, +der hinter Grandpré in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der +Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette alarmiert, +man weiß im Hauptquartier nicht, was es heißen soll, und der erste +Verdruss ergeht über mich ganz ohne meine Schuld." Ich ritt an den +Prinzen heran und sagte: "Man erzeigt mir soeben die Ehre, mir +einigen Einfluss auf Ihro Hoheit zuzutrauen, deshalb ich um geneigtes +Gehör bitte." Ich brachte ihm darauf die Sache mit Klarheit vor, +welches kaum nötig gewesen wäre: denn er sah selbst alles vor sich +und war freundlich genug, mit einigen guten Worten sogleich +umzukehren, worauf denn auch die Jäger verschwanden und zu schießen +aufhörten. Der Offizier dankte mir aufs verbindlichste, und man sieht +hieraus, dass ein Vermittler überall willkommen ist. + +Nach und nach klärte sich's auf. Die Stellung Dumouriez' bei Grandpré +war höchst fest und vorteilhaft; dass er auf seinem rechten Flügel +nicht anzugreifen sei, wusste man wohl; auf seiner Linken waren zwei +bedeutende Pässe, La Croix aux Bois und Le Chêne Populeux, beide wohl +verhauen und für unzugänglich gehalten; allein der letzte war einem +Offizier anvertraut, einem dergleichen Auftrag nicht gewachsenen oder +nachlässigen. Die Österreicher griffen an: bei der ersten Attacke +blieb Prinz von Ligne, der Sohn, sodann aber gelang es, man +überwältigte den Posten, und der große Plan Dumouriez' war zerstört: +er musste seine Stellung verlassen und sich die Aisne hinaufwärts +ziehen, und preußische Husaren konnten durch den Pass dringen und +jenseits des Argonner Waldes nachsetzen. Sie verbreiteten einen +solchen panischen Schrecken über das französische Heer, dass +zehntausend Mann vor fünfhundert flohen und nur mit Mühe konnten zum +Stehen gebracht und wieder gesammelt werden; wobei sich das Regiment +Chamborant besonders hervortrat und den Unsrigen ein weiteres +Vordringen verwehrte, welche, ohnehin nur gewissermaßen auf +Rekognoszieren ausgeschickt, siegreich mit Freuden zurückkehrten und +nicht leugneten, einige Wagen gute Beute gemacht zu haben. In das +unmittelbar Brauchbare, Geld und Kleidung, hatten sie sich geteilt, +mir aber als einem Kanzleimann kamen die Papiere zugute, worunter +ich einige ältere Befehle Lafayettes und mehrere höchst sauber +geschriebene Listen fand. Was mich aber am meisten überraschte, war +ein ziemlich neuer "Moniteur". Dieser Druck, dieses Format, mit dem +man seit einigen Jahren ununterbrochen bekannt gewesen und die man +nun seite mehreren Wochen nicht gesehen, begrüßten mich auf eine +etwas unfreundliche Weise, indem ein lakonischer Artikel vom 3. +September mir drohend zurief: _Les Prussiens pourront venir à Paris, +mais ils n'en sortiront pas._ Also hielt man denn doch in Paris für +möglich, wir könnten hingelangen; dass wir wieder zurückkehrten, +dafür mochten die oberen Gewalten sorgen. + +Die schreckliche Lage, in der man sich zwischen Erde und Himmel +befand, war einigermaßen erleichtert, als man die Armee zurücken und +eine Abteilung der Avantgarde nach der andern vorwärts ziehen sah. +Endlich kam die Reihe auch an uns: wir gelangten über Hügel, durch +Täler, Weinberge vorbei, an denen man sich auch wohl erquickte. Man +kam sodann zu aufgehellter Stunde in eine freiere Gegend und sah in +einem freundlichen Tal der Aire das Schloss von Grandpré auf einer +Höhe sehr wohl gelegen, eben an dem Punkt, wo genannter Fluss sich +westwärts zwischen die Hügel drängt, um auf der Gegenseite des +Gebirgs sich mit der Aisne zu verbinden, deren Gewässer, immer dem +Sonnenuntergang zu, durch Vermittlung der Oise endlich in die Seine +gelangen; woraus denn ersichtlich, dass der Gebirgsrücken, der uns +von der Maas trennte, zwar nicht von bedeutender Höhe, doch von +entschiedenem Einfluss auf den Wasserlauf, uns in eine andere +Flussregion zu nötigen geeignet war. + +Auf diesem Zug gelangte ich zufällig in das Gefolge des Königs, dann +des Herzogs von Braunschweig; ich unterhielt mich mit Fürst Reuß und +andern diplomatisch-militärischen Bekannten. Diese Reitermassen +machten zu der angenehmen Landschaft eine reiche Staffage, man hätte +einen van der Meulen gewünscht, um solchen Zug zu verewigen: alles +war heiter, munter, voller Zuversicht und heldenhaft. Einige Dörfer +brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegsbild +auch nicht übel. Man hatte, so hieß es, aus den Häusern auf den +Vortrab geschossen und dieser, nach Kriegsrecht, sogleich die +Selbstrache geübt. Es ward getadelt, war aber nicht zu ändern; +dagegen nahm man die Weinberge in Schutz, von denen sich die Besitzer +doch keine große Lese versprechen durften, und so ging es zwischen +Freund- und feindseligem Betragen immer vorwärts. + +Wir gelangten, Grandpré hinter uns lassend, an und über die Aisne und +lagerten bei Vaux les Mourons; hier waren wir nun in der verrufenen +Champagne, es sah aber so übel noch nicht aus. Über dem Wasser an der +Sonnenseite erstreckten sich wohl gehaltene Weinberge, und wo man +Dörfer und Scheunen visitierte, fanden sich Nahrungsmittel genug für +Menschen und Tiere, nur leider der Weizen nicht ausgedroschen, noch +weniger genugsame Mühlen; Öfen zum Backen waren auch selten, und so +fing es wirklich an, sich einem tantalischen Zustand zu nähern. + + + + +Am 18. September. + +Dergleichen Betrachtungen anzustellen, versammelte sich eine große +Gesellschaft, die überhaupt, wo es Halt gab, sich immer mit einigem +Zutrauen, besonders beim Nachmittagskaffee, zusammenfügte; sie +bestand aus wunderlichen Elemente, Deutschen und Franzosen, Kriegern +und Diplomaten, alles bedeutende Personen, erfahren, klug, +geistreich, aufgeregt durch die Wichtigkeit des Augenblicks, Männer, +sämtlich von Wert und Würde, aber doch eigentlich nicht in den innern +Rat gezogen und also desto mehr bemüht, auszusinnen, was beschlossen +sein, was geschehen könnte. + +Dumouriez, als er den Pass von Grandpré nicht länger halten konnte, +hatte sich die Aisne hinaufgzeogen, und da ihm der Rücken durch die +Isletten gesichert war, sich auf die Höhen von Sainte Menehould, die +Fronte gegen Frankreich gestellt. Wir waren durch den engen Pass +hereingedrungen, hatten uneroberte Festen: Sedan, Montmedy, Stenay, +im Rücken und an der Seite, die uns jede Zufuhr nach Beleiben +erschweren konnten. Wir betraten beim schlimmsten Wetter ein +seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kümmerlich +ausgestreute Ortschaften ernähren konnte. + +Freilich lag Reims, Chalons und ihre gesegneten Umgebungen nicht +fern, man konnte hoffen, sich vorwärts zu erholen; die Gesellschaft +überzeugte sich daher beinahe einstimmig, dass man auf Reims +marschieren und sich Chalons' bemächtigen müsse; Dumouriez könne sich +in seiner vorteilhaften Stellung alsdann nicht ruhig verhalten, eine +Schlacht wäre unvermeidlich, wo es auch sei: man glaubte sie schon +gewonnen zu haben. + + + + +Den 19. September. + +Manches Bedenken gab es daher, als wir den 19. beordert wurden, auf +Massiges unsern Zug zu richten, die Aisne aufwärts zu verfolgen und +dieses Wasser sowohl als das Waldgebirge, näher oder ferner, linker +Hand zu behalten. + +Nun erholte man sich unterwegs von solchen nachdenklichen +Betrachtungen, indem man mancherlei Zufälligkeiten und Ereignissen +eine heitere Teilnahme schenkte; ein wundersames Phänomen zog meine +ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man hatte, um mehrere Kolonnen +nebeneinander fort zu schieben, die eine querfeldein über flache +Hügel geführt, zuletzt aber, als man wieder ins Tal sollte, einen +steilen Abhang gefunden; dieser ward nun alsbald, so gut es gehen +wollte, abgeböscht, doch blieb er immer noch schroff genug. Nun trat +eben zu Mittag ein Sonnenblick hervor und spiegelte sich in allen +Gewehren. Ich hielt auf einer Höhe und sah jenen blinkenden +Waffenfluss glänzend heranziehen; überraschend aber war es, als +die Kolonne an den steilen Abhang gelangte, wo sich die bisher +geschlossenen Glieder sprungweise trennten und jeder einzelne, so +gut er konnte, in die Tiefe zu gelangen suchte. Diese Unordnung gab +völlig den Begriff eines Wasserfalls: eine Unzahl durcheinander hin- +und wider blinkender Bajonette bezeichneten die lebhafteste Bewegung. +Und als nun unten am Fuß sich alles wieder gleich in Reih' und Glied +ordnete und so, wie sie oben angekommen, nun wieder im Tal fortzogen, +ward die Vorstellung eines Flusses immer lebhafter; auch war diese +Erscheinung umso angenehmer, als ihre lange Dauer fort und fort durch +Sonnenblicke begünstigt wurde, deren Wert man in solchen +zweifelhaften Stunden nach langer Entbehrung erst recht schätzen +lernte. + +Nachmittags gelangten wir endlich nach Massiges, nur noch wenige +Stunden vom Feind; das Lager war abgesteckt, und wir bezogen den für +uns bestimmten Raum. Schon waren Pfähle geschlagen, die Pferde +drangebunden, Feuer angezündet, und der Küchenwagen tat sich auf. +Ganz unerwartet kam daher das Gerücht, das Lager solle nicht +statthaben: denn es sei die Nachricht angekommen, das französische +Heer zeihe sich von Sainte Menehould auf Chalons; der König wolle sie +nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben: +ich suchte an der rechten Schmiede hierüber Gewissheit und vernahm +das, was ich schon gehört hatte, nur mit dem Zusatz: auf diese +unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar +und der General Heymann mit eben den Husaren, welche die Unruhe +erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurück +und versicherten, es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken; +auch mussten jene Patrouillen gestehen, dass sie das Gemeldete mehr +geschlossen als gesehen hätten. + +Die Anregung aber war einmal gegeben, und der Befehl lautete: die +Armee solle vorrücken, jedoch ohne das mindeste Gepäck, alles +Fuhrwerk solle bis Maisons Champagne zurückkehren, dort eine +Wagenburg bilden und den, wie man voraussetzte, glücklichen Ausgang +einer Schlacht abwarten. + +Nicht einen Augenblick zweifelhaft, was zu tun sei, überließ ich +Wagen, Gepäck und Pferde meinem entschlossenen, sorgfältigen +Bedienten und setze mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde. +Es war schon früher mehrmals zur Sprache gekommen, dass, wer sich in +einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulierten Truppen, +welche Abteilung es auch sei, an die er sich angeschlossen, fest +bleiben und keine Gefahr scheuen solle: denn was uns auch da +betreffe, sei immer ehrenvoll; dahingegen bei der Bagage, beim Tross +oder sonst zu verweilen, zugleich gefährlich und schmählich. Und so +hatte ich auch mit den Offizieren des Regiments abgeredet, dass ich +mich immer an sie und womöglich an die Leibschwadron anschließen +wolle, weil ja dadurch ein so schönes und gutes Verhältnis nur immer +besser befestigt werden könne. + +Der Weg war das kleine Wasser die Tourbe hinauf vorgezeichnet, durch +das traurigste Tal von der Welt, zwischen niedrigen Hügeln, ohne Baum +und Busch; es war befohlen und eingeschärft, in aller Stille zu +marschieren, als wenn wir den Feind überfallen wollten, der doch in +seiner Stellung das Heranrücken einer Masse von fünfzigtausend Mann +wohl mochte erfahren haben. Die Nacht brach ein, weder Mond noch +Sterne leuchteten am Himmel, es pfiff ein wüster Wind; die stille +Bewegung einer so großen Menschenreihe in tiefer Finsternis war ein +höchst Eigenes. + +Indem man neben der Kolonne herritt, begegnete man mehreren bekannten +Offizieren, die hin und wider sprengten, um die Bewegung des Marsches +bald zu beschleunigen, bald zu retardieren. Man besprach sich, man +heilt still, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von +vielleicht zwölf Bekannten und Unbekannten zusammengefunden, man +fragte, klagte, wundete sich, schalt und räsonierte: das gestörte +Mittagessen konnte man dem Heerführer nicht verzeihen. Ein munterer +Gast wünschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit +seinen Wünschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber +unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen +Leckebissen, nicht an den köstlichsten Weinen, und ein so vollkommnes +Gastmahl war beisammen, dass endlich einer, dessen Appetit übermäßig +rege geworden, die ganze Gesellschaft verwünschte und die Pein einer +aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatz des größten Mangels ganz +unerträglich schalt. Man verlor sich auseinander, und der einzelne +war nicht besser dran als alle zusammen. + + + + +Den 19. September nachts. + +So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der König +war in einem Gasthof abgetreten, vor dessen Türe der Herzog von +Braunschweig in einer Art Laube Hauptquartier und Kanzlei errichtete. +Der Platz war groß, es brannten mehrere Feuer, durch große Bündel +Weinpfähle gar lebhaft unterhalten. Der Fürst Feldmarschall tadelte +einige Mal persönlich, dass man die Flamme allzu stark auflodern +lasse; wir besprachen uns darüber, und niemand wollte glauben, dass +unsere Nähe den Franzosen ein Geheimnis geblieben sei. + +Ich war zu spät angekommen und mochte mich in der Nähe umsehen, wie +ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz +genommen. Indem ich so umherforschte, gaben mir die Emigrierten ein +kluges Küchenschauspiel: sie saßen um einen großen, runden, flachen, +abglimmenden Aschenhaufen, in den sich mancher Weinstab knisternd +mochte aufgelöst haben; klüglich und schnell hatten sie sich aller +Eier des Dorfes bemächtigt, und es sah wirklich appetitlich aus, wie +die Eier in dem Aschenhaufen nebeneinander aufrecht standen und eins +nach dem andern zu rechter Zeit schlurfbar herausgehoben wurde. Ich +kannte niemand vond en edlen Küchengesellen, unbekannt mocht' ich sie +nicht ansprechen; als mir aber soeben ein lieber Bekannter begegnete, +der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist +ein, nach einer Bemerkung, die ich auf meiner kurzen militärischen +Laufbahn anzustellen Gelegenheit gehabt. Ich hatte nämlich bemerkt, +dass man beim Furagieren um die Dörfer und in denselben tölpisch +geradezu verfahre: die ersten Andringenden fielen ein, nahmen weg, +verdarben, zerstörten, die folgenden fanden immer weniger, und was +verloren ging, kam niemand zugute. Ich hatte schon gedacht, dass man +bei dieser Gelegenheit strategisch verfahren und, wenn die Menge von +vorne hereindringe, sich von der Gegenseite nach einigem Bedürfnis +umsehen müsse. Dies konnte nun hier kaum der Fall sein, denn alles +war überschwemmt; aber das Dorf zog sich sehr in die Länge, und zwar +seitwärts der Straße, wo wir hereingekommen. Ich forderte meinen +Freund auf, die lange Gasse mit hinunterzugehen. Aus dem vorletzten +Haus kam ein Soldat fluchend heraus, dass schon alles aufgezehrt und +nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da +saßen ein paar Jäger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf +einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrüßten sie als Kameraden und +klagten freilich über den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und +Widerreden verlangten sie, wir sollten ihnen Verschwiegenheit +geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun eröffneten sie uns, dass sie +in dem Haus einen schönen, wohl bestellten Keller gefunden, dessen +Eingang sie zwar selbst sekretiert, uns jedoch von dem Vorrat einen +Anteil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlüssel hervor, und +nach verschiedenen weggeräumten Hindernissen fand sich eine +Kellertüre zu eröffnen. Hinab gestiegen faden wir nun mehrere etwa +zweieimerige Fässer auf dem Lager; was uns aber mehr interessierte, +verschiedene Abteilungen in Sand gelegter gefüllter Flaschen, wo der +gutmütige Kamerad, der sie schon durchprobiert hatte, an die beste +Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand +zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund desgleichen, und +so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Straße wieder +hinaufwärts. + +Unmittelbar am großen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere, starke +Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen +zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine +Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich +sogleich den Mitgenuss anbot. Sie taten gute Züge, der letzte +bescheiden, da er wohl merkte, er lasse mir nur wenig zurück; ich +verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite +hervor, trank den Freuden zu, die sich's abermals wohl schmecken +ließen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Falsche +jedoch laut über den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser +traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz. + +Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreis vom +Feuer erleuchtet war, erblickt' ich einen ältlichen Mann, den ich zu +kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annäherung war er nicht wenig +verwundert, mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich +vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet +hatte, wo er, als französischer Gesandter residierend, sich höchst +angelegen sein ließ, dieser trefflichen Fürstin den dortigen +Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Wechselseitiger +Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung +erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seien +prächtige Wohnung am großen Kanal: es war gerühmt, wie wir daselbst, +in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirtet +worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn +dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung +liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreut, +auch sie durch seinen Einfluss manches andere, für Fremde sonst +verschlossene Gute genießen lassen. + +Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine +wahrhafte Lobrede zu ergötzen gedachte, mit Wehmut ausrufen hörte: +"Schweigen wir von diesen Dingen! Jene Zeit liegt nur gar zu weit +hinter mir, und schon damals, als ich meine edlen Gäste mit +scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen: +ich sah die Folgen voraus dessen, was in meinem Vaterland vorging. +Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie auch die Ihnen +bevorstehende Gefahr nicht ahnten; ich bereitete mich im Stillen zur +Veränderung meines Zustandes. Bald nachher musst' ich meinen +ehrenvollen Posten und das werte Venedig verlassen und eine Irrfahrt +antreten, die mich endlich auch hierher geführt hat." + +Das Geheimnisvolle, das man diesem offenbaren Heranzug von Zeit zu +Zeit hatte geben wollen, ließ uns vermuten, man werde noch in dieser +Nacht aufbrechen und vorwärts gehen; allein schon dämmerte der Tag, +und mit demselben strich ein Sprühregen daher, es war schon völlig +hell, als wir uns in Bewegung setzten. Da des Herzogs von Weimar +Regiment den Vortrab hatte, gab man der Leibschwadron, als der +vordersten der ganzen Kolonne, Husaren mit, die den Weg unserer +Bestimmung kennen sollten. Nun ging es, mitunter im scharfen Trab, +über Felder und Hügel ohne Busch und Baum; nur in der Entfernung +links sah man die Argonner Waldgegend; der Sprühregen schlug uns +heftiger ins Gesicht; bald aber erblickten wir eine Pappelallee, die, +sehr schön gewachsen und wohl unterhalten, unsere Richtung quer +durchschnitt. Es war die Chaussee von Chalons auf Sainte Menehould, +der Weg von Paris nach Deutschland; man führte uns drüber weg und ins +Graue hinein. + +Schon früher hatten wir den Feind vor der waldichten Gegend gelagert +und aufmarschiert gesehen, nicht weniger ließ sich bemerken, dass +neue Truppen ankamen: es war Kellermann, der sich soeben mit +Dumouriez vereinigte, um dessen linken Flügel zu bilden. Die Unsrigen +brannten vor Begierde, auf die Franzosen loszugehen, Offiziere wie +Gemeine hegten den Glühenden Wunsch, der Feldherr möge in diesem +Augenblick angreifen; auch unser heftiges Vordringen schien darauf +hinzudeuten. Aber Kellermann hatte sich zu vorteilhaft gestellt, und +nun begann die Kanonade, von der man viel erzählt, deren +augenblickliche Gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht +einmal in der Einbildungskraft zurückrufen kann. + +Schon lag die Chaussee weit hinter uns, wir stürmten immerfort gegen +Westen zu, als auf einmal ein Adjutant gesprengt kam, der uns zurück +beordete: man hatte uns zu weit geführt, und nun erhielten wir den +Befehl, wieder über die Chaussee zurückzukehren und unmittelbar an +ihre linke Seite den rechten Flügel zu lehnen. Es geschah, und so +machten wir Front gegen das Vorwerk La Lune, welches auf der Höhe, +etwa eine Viertelstunde vor uns, an der Chaussee zu sehen war. Unser +Befehlshaber kam uns entgegen; er hatte soeben eine halbe reitende +Batterie hinaufgebracht, wir erhielten Order, im Schutz derselben +vorwärts zu gehen, und fanden unterwegs einen alten Schirrmeister, +ausgestreckt, als das erste Opfer des Tags, auf dem Acker liegen. Wir +ritten ganz getrost weiter, wir sahen das Vorwerk näher, die dabei +aufgestellte Batterie feuerte tüchtig. + +Bald aber fanden wir uns in einer seltsamen Lage: Kanonenkugeln +flogen wild auf uns ein, ohne dass wir begriffen, wo sie herkommen +konnten; wir avancierten ja hinter einer befreundeten Batterie, und +das feindliche Geschütz auf den entgegen gesetzten Hügeln war viel +zu weit entfernt, als dass es uns hätte erreichen sollen. Ich hielt +seitwärts vor der Front und hatte den wunderbarsten Anblick: die +Kugeln schlugen dutzendweise vor der Eskadron nieder, zum Glück nicht +rikoschettierend, in den weichen Boden hineingewühlt; Kot aber und +Schmutz bespritze Mann und Ross; die schwarzen Pferde, von tüchtigen +Reitern möglichst zusammengehalten, schnauften und tosten, die ganze +Masse war, ohne sich zu trennen oder zu verwirren, in flutender +Bewegung. Ein sonderbarer Anblick erinnerte mich an andere Zeiten. In +dem ersten Glied der Eskadron schwankte die Standarte in den Händen +eines schönen Knaben hin und wider; er hielt sie fest, ward aber vom +aufgeregten Pferd widerwärtig geschaukelt, sein anmutiges Gesicht +brachte mir, seltsam genug, aber natürlich, in diesem schauerlichen +Augenblick die noch anmutigere Mutter vor die Augen, und ich musste +an die ihr zur Seite verbrachten friedlichen Momente gedenken. + +Endlich kam der Befehl, zurück- und hinab zu gehen; es geschah von +den sämtlichen Kavallerie-Regimentern mit großer Ordnung und +Gelassenheit, nur ein einziges Pferd von Lottum ward getötet, da wir +übrigen, besonders auf dem äußersten rechten Flügel, eigentlich alle +hätten umkommen müssen. + +Nachdem wir uns denn aus dem unbegreiflichen Feuer zurückgezogen, von +Überraschung und erstaunen uns erholt hatten, löste sich das Rätsel: +wir fanden die halbe Batterie, unter deren Schutz wir vorwärts zu +gehen geglaubt, ganz unten in einer Vertiefung, dergleichen das +Terrain zufällig in dieser Gegend gar manche bildete. Sie war von +oben vertrieben worden und an der andern Seite der Chaussee in einer +Schlucht heruntergegangen, so dass wir ihren Rückzug nicht bemerken +konnten; feindliches Geschütz trat an die Stelle, und was uns hätte +bewahren sollen, wäre beinahe verderblich geworden. Auf unseren Tadel +lachten die Burschen nur und versicherten scherzend, hier unter im +Schauer sei es doch besser. + +Wenn man aber nachher mit Augen sah, wie eine solche reitende +Batterie sich durch die schreckbaren, schlammigen Hügel qualvoll +durchzerren musste, so hatte man abermals den bedenklichen Zustand zu +überlegen, in den wir uns eingelassen hatten. + +Indessen dauerte die Kanonade immer fort: Kellermann hatte einen +gefährlichen Posten bei der Mühle von Valmy, dem eigentlich das +Feuern galt; dort ging ein Pulverwagen in die Luft, und man freute +sich des Unheils, das er unter den Feinden angerichtet haben mochte. +Und so bleib alles eigentlich nur Zuschauer und Zuhörer, was im Feuer +stand und nicht. Wir hielten auf der Chaussee von Cahlons an einem +Wegweiser, der nach Paris deutete. + +Diese Hauptstadt also hatten wir im Rücken, das französische Heer +aber zwischen uns und dem Vaterland. Stärkere Riegel waren vielleicht +nie vorgeschoben, demjenigen höchst apprehensiv, der eine genaue +Karte des Kriegstheaters nun seit vier Wochen unablässig studierte. + +Doch das augenblickliche Bedürfnis behauptet sein Recht selbst gegen +das Nächstkünftige. Unsere Husaren hatten mehrere Brotkarren, die von +Chalons nach der Armee gehen sollten, glücklich aufgefangen und +brachten sie den Hochweg daher. Wie es uns nun fremd vorkommen +musste, zwischen Paris und Sainte Menehould postiert zu sein, so +konnten die zu Chalons des Feindes Armee keineswegs auf dem Weg zu +der ihrigen vermuten. Gegen einiges Trinkgeld ließen die Husaren von +dem Brot etwas ab, es war das schönste weiße: der Franzos erschrickt +vor jeder schwarzen Krume. Ich teilte mehr als einen Laib unter die +zunächst Angehörigen, mit der Bedingung, mir für die folgenden Tage +einen Anteil daran zu verwahren. Auch noch zu einer andern Vorsicht +fand ich Gelegenheit: ein Jäger aus dem Gefolge hatte gleichfalls +diesen Husaren eine tüchtige wollene Decke abgehandelt; ich bot ihm +die Übereinkunft an, mir sie auf drei Nächte, jede Nacht für acht +Groschen, zu überlassen, wogegen er sie am Tage verwahren sollte. Er +hielt dieses Bedingnis für sehr vorteilhaft: die Decke hatte ihm +einen Gulden gekostet, und nach kurzer Zeit erhielt er sie mit Profit +ja wieder. Ich aber konnte auch zufrieden sein: mein köstlichen +wollenen Hüllen von Longwy waren mit der Bagage zurückgeblieben, und +nun hatte ich doch bei allem Mangel von Dach und Fach außer meinem +Mantel noch einen zweiten Schutz gewonnen. + +Alles dieses ging unter anhaltender Begleitung des Kanonendonners +vor. Von jeder Seite wurden an diesem Tag zehntausend Schüsse +verwendet, wobei auf unserer Seite nur zweihundert Mann und auch +diese ganz unnütz fielen. Von der ungeheuren Erschütterung klärte +sich der Himmel auf: denn man schoss mit Kanonen, völlig als wär' es +Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend. +Nachmittags ein Uhr, nach einiger Pause, war es am gewaltsamsten, die +Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den +Stellungen nicht die mindeste Veränderung. Niemand wusste, was daraus +werden sollte. + +Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehört und wünschte zu wissen, +wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den +jede Gefahr zur Kühnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete +mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses +war wieder von den Unsrigen besetzt, gewährte jedoch einen gar wilden +Anblick: die zerschossenen Dächer, die herum gestreuten Weizenbündel, +die darauf hie und da ausgestreckten tödlich Verwundeten, und +dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herüber +verirrend, in den Überresten der Ziegeldächer klapperte. + +Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Höhen weg +und konnte deutlich die glückliche Stellung der Franzosen +überschauen; sie standen amphitheatralisch in größter Ruh' und +Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flügel eher zu +erreichen. + +Mir begegnete gute Gesellschaft: es waren bekannte Offiziere vom +Generalstab und vom Regiment, höchst verwundert, mich hier zu finden. +Sie wollten mich wieder mit sich zurücknehmen, ich sprach ihnen aber +von besonderen Absichten, und sie überließen mich ohne weiteres +meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn. + +Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber +spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär' er zusammengesetzt +aus dem Brummend es Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen +eines Vogels. Sie waren weniger gefährlich wegen des feuchten +Erdbodens: wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein +törichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Rikoschettierens +gesichert. + +Unter diesen Umständen konnt' ich jedoch bald bemerken, dass etwas +Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch +würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es +schien, als wäre man an einem sehr heißen Ort und zugleich von +derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben +Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fühlt. Die +Augen verlieren nichts an ihrer Stärke noch Deutlichkeit; aber es ist +doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der +den Zustand so wie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von +Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir +schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus +erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen +könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grässlich +Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der +Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die +Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen. + +Als ich zurück geritten und völlig in Sicherheit war, fand ich +bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht +das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung übrig geblieben +sei. Es gehört übrigens dieser Zustand unter die am wenigsten +wünschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen +Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich +leidenschaftlichen Trieb hiernach geäußert hätte. + +So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen, +Kellermann hatte auch einen bequemern Platz genommen; unsere Leute +zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts +gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee. +Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen +Franzosen anzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das +unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von +Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt; +nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es +geschah, so war es, um zu flucehn oder zu verwünschen. Wir hatten, +eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in +dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet +werden; die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch +eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich +auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit +kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: "Von hier +und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt +sagen, ihr seid dabei gewesen." + +In diesem Augenblick, wo niemand nichts zu essen hatte, reklamierte +ich einen Bissen Bort von dem heute früh erworbenen; auch war von +dem gestern reichlich verspendeten Wein noch der Inhalt eines +Branntweinfläschchens übrig geblieben, und ich musste daher auf +die gestern am Feuer so kühn gespielte Rolle des willkommenen +Wundertäters völlig Verzicht tun. + +Die Kanonade hatte kaum aufgehört, als Regen und Sturm schon wieder +eindrangen und einen zustand unter freiem Himmel, auf zähem Lehmboden +höchst unerfreulich machten. Und doch kam, nach so langem Wachen, +Gemüts- und Leibesbewegung, der Schlaf sich anmeldend, als die Nacht +hereindüsterte. Wir hatten uns hinter einer Erhöhung, die den +schneidenden Wind abhielt, notdürftig gelagert, als es jemanden +einfiel, man solle sich für dies Nacht in die Erde graben und mit dem +Mantel zudecken. Hierzu machte man gleich Anstalt, und es wurden +mehrere Gräber ausgehauen, wozu die reitende Artillerie Gerätschaften +hergab. Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche +voreilige Bestattung. + +Hier verlangt' ich nun gegen Erlegung von acht Groschen die bewusste +Decke, wickelte mich darein und breitete den Mantel noch oben drüber, +ohne von dessen Feuchtigkeit viel zu empfinden. Ulyß kann unter +seinem auf ähnliche Weise erworbenen Mantel nicht mit mehr +Behaglichkeit und Selbstgenügen geruht haben. + +Alle diese Bereitungen warn wider den Willen des Obersten geschehen, +welcher uns bemerken machte, dass auf einem Hügel gegenüber hinter +einem Busch die Franzosen eine Batterie stehen hatten, mit der sie +uns im Ernst begraben und nach Belieben vernichten konnten. Allein +wir mochten den windstillen Ort und unsere weislich ersonnene +Bequemlichkeit nicht aufgeben, und es war dies nicht das letzte Mal, +wo ich bemerkte, dass man, um der Unbequemlichkeit auszuweichen, die +Gefahr nicht scheue. + + + + +Den 21. September + +waren die wechselseitigen Grüße der Erwachenden keineswegs heiter und +froh, denn man ward sich in einer beschämenden, hoffnungslosen Lage +gewahr. Am Rand eines ungeheuren Amphitheaters fanden wir uns +aufgestellt, wo jenseits auf Höhen, deren Fuß durch Flüsse, Teiche, +Bäche, Moräste gesichert war, der Feind einen kaum übersehbaren +Halbzirkel bildete. Diesseits standen wir, völlig wie gestern, um +zehntausend Kanonenkugeln leichter, aber ebenso wenig situiert zum +Angriff; man blickte in eine weit ausgebreitete Arena hinunter, +wo sich zwischen Dorfhütten und Gräten die beiderseitigen Husaren +herumtrieben und mit Spiegelgefecht bald vor-, bald rückwärts, eine +Stunde nach der andern, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln +wussten. Aber aus all dem Hin- und Hersprengen, dem Hin- und +Widerpuffen ergab sich zuletzt kein Resultat, als dass einer der +Unsrigen, der sich zu kühn zwischen die Hecken gewagt hatte, +umzingelt und, da er sich keineswegs ergeben wollte, erschossen wurde. + +Dies war das einzige Opfer der Waffen an diesem Tag; aber die +eingerissene Krankheit machte den unbequemen, drückenden, hilflosen +Zustand trauriger und fürchterlicher. + +So schlaglustig und fertig man gestern auch gewesen, gestand man +doch, dass ein Waffenstillstand wünschenswert sei, da selbst der +Mutigste, Leidenschaftlichste nach weniger Überlegung sagen musste: +ein Angriff würde das verwegenste Unternehmen von der Welt sein. Noch +schwankten die Meinungen den Tag über, wo man ehrenthalben dieselbe +Stellung behauptete, wie beim Augenblick der Kanonade; gegen Abend +jedoch veränderte man sie einigermaßen, zuletzt war das Hauptquartier +nach Hans gelegt und die Bagage herbeigekommen. Nun hatten wir zu +vernehmen die Angst, die Gefahr, den nahen Untergang unserer +Dienerschaft und Habseligkeiten. + +Das Waldgebirg' Argonne von Sainte Menehould bis Grandpré war von +Franzosen besetzt; von dort aus führten ihre Husaren den kühnsten, +mutwilligsten, kleinen Krieg. Wir hatten gestern vernommen, dass ein +Sekretär des Herzogs von Braunschweig und einige andere Personen der +fürstlichen Umgebung zwischen der Armee und der Wagenburg waren +gefangen worden. Diese verdiente aber keineswegs den Namen einer +Burg, denn sie war schlecht aufgestellt, nicht geschlossen, nicht +genugsam eskortiert. Nun beängstete sie ein blinder Lärm nach dem +andern und zugleich die Kanonade in geringer Entfernung. Späterhin +trug man sich mit der Fabel oder Wahrheit, die französischen Truppen +seien schon den Gebirgswald herab auf dem Weg gewesen, sich der +sämtlichen Equipage zu bemächtigen; da gab sich denn der von ihnen +gefangene und wieder losgelassene Läufer des General Kalckreuth ein +großes Ansehen, indem er versicherte, er habe durch glückliche Lügen +von starker Bedeckung, von reitenden Batterien und dergleichen einen +feindlichen Anfall abgewendet. Wohl möglich! Wer hat nicht in solchen +bedeutenden Augenblicken zu tun oder getan? + +Nun waren die Zelte da, Wagen und Pferde; aber Nahrung für kein +Lebendiges. Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und +einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt: +das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand. Ich wusste +nicht, was es heißen sollte, al sich meinen treuen Zögling, +Diener und Gefährten Paul Götze von dem Leder des Reisewagens das +zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, +dass es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen +Vorrat mitgebracht hatte; ja was mehr ist, ich habe aus den +Fußstapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst +zu stillen. Man kaufte das Brot von alten Soldaten, die, an +Entbehrung gewöhnt, etwas zusammensparten, um sich am Branntwein zu +erquicken, wenn derselbe wieder zu haben wäre. + + + + +Am 22. September + +hörte man, die Generale Manstein und Heymann seien nach Dampiere in +das Hauptquartier von Kellermann, wo sich auch Dumouriez einfinden +sollte. Es war von Auswechseln der Gefangnen, von Versorgung der +Kranken und Blessierten zum Schein die Rede; im Ganzen hoffte man +aber mitten im Unglück eine Umkehr der Dinge zu bewirken. Seit dem +10. August war der König von Frankreich gefangen, grenzenlose +Mordtaten waren im September geschehen. Man wusste, dass Dumouriez +für den König und die Konstitution gesinnt gewesen; er musste also +seines eignen Heils, seiner Sicherheit willen die gegenwärtigen +Zustände bekämpfen, und eine große Begebenheit wäre es geworden, wenn +er sich mit den Alliierten alliiert und so auf Paris losgegangen wäre. + +Seit der Ankunft der Equipage fand sich die Umgebung des Herzogs von +Weimar um vieles gebessert, denn man musste dem Kämmerier, dem Koch +und andern Hausbeamten das Zeugnis geben, dass sie niemals ohne +Vorrat gewesen und selbst in dem größten Mangel immer für etwas warme +Speise gesorgt. Hierdurch erquickt, ritt ich umher, mich mit der +Gegend nur einigermaßen bekannt zu machen, ganz ohne Furcht: diese +flachen Hügel hatten keinen Charakter, kein Gegenstand zeichnete +sich vor andern aus. Mich doch zu orientieren, forscht' ich nach der +langen und hoch aufgewachsenen Pappelallee, die gestern so auffallend +gewesen war, und da ich sie nicht entdecken konnte, glaubt' ich mich +weit verirrt, allein bei näherer Aufmerksamkeit fand ich, dass sie +niedergehauen, weggeschleppt und wohl schon verbrannt sei. + +An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man großen +Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten +Tiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd, das sich in seinen +eigenen, aus dem verwundeten Leibe heraus gefallenen Eingeweiden mit +den Vorderfüßen verfangen hatte und so unselig dahinhinkte. + +Im Nachhausereiten traf ich den Prinzen Louis Ferdinand im freien +Feld auf einem hölzernen Stuhl sitzen, den man aus einem untern Dorf +heraufgeschafft; zugleich schleppten einige seiner Leute einen +schweren, verschlossenen Küchenschrank herbei: sie versicherten, es +klappere darin, sie hofften, einen guten Fang getan zu haben. Man +erbrach ihn begierig, fand aber nur ein stark beleibtes Kochbuch, und +nun, indessen der gespaltene Schrank im Feuer aufloderte, las man die +köstlichsten Küchenrezepte vor, und so ward abermals Hunger und +Begierde durch eine aufgeregte Einbildungskraft bis zur Verzweiflung +gesteigert. + + + + +Den 24. September. + +Erheitert einigermaßen wurde das schlimmste Wetter von der Welt durch +die Nachricht, dass ein Stillstand geschlossen sei und dass man also +wenigstens die Aussicht habe, mit einiger Gemütsruhe leiden und +darben zu können; aber auch dieses gedieh nur zum halben Trost, da +man bald vernahm, es sei eigentlich nur eine Übereinkunft, dass die +Vorposten Friede halten sollten, wobei nicht unbenommen bleibe, die +Kriegsoperationen außer dieser Berührung nach Gutdünken fortzusetzen. +Dieses war ihre Stellung verändern und uns besser einschließen +konnten, wir aber in der Mitte mussten still halten und in unserem +stockenden Zustand verweilen. Die Vorposten aber ergriffen diese +Erlaubnis mit Vergnügen. Zuerst kamen sie überein, dass, welchem von +beiden Teilen Wind und Wetter ins Gesicht schlage, der solle das +Recht haben, sich umzukehren und, in seinen Mantel gewickelt, von +dem Gegenteil nichts befürchten. Es kam weiter: die Franzosen +hatten immer noch etwas Weniges zur Nahrung, indes den Deutschen +alles abging; jene teilten daher einiges mit, und man ward immer +kameradlicher. Endlich wurden sogar mit Freundlichkeit von +französischer Seite Druckblätter ausgeteilt, wodurch den guten +Deutschen das Heil der Freiheit und Gleichheit in zwei Sprachen +verkündet war; die Franzosen ahmten das Manifest des Herzogs von +Braunschweig in umgekehrtem Sinn nach, entboten guten Willen und +Gastfreundschaft, und ob sich schon bei ihnen mehr Volk, als sie von +oben herein regieren konnten, auf die Beine gemacht hatte, so geschah +dieser Aufruf, wenigstens in diesem Augenblick, mehr, um den +Gegenteil zu schwächen als sich selbst zu stärken. + + + + +Zum 24. September. + +Als Leidensgenossen bedauerte ich auch in dieser Zeit zwei hübsche +Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Sie hatten, als Requirierte, +mit vier schwachen Pferden meine leichte Chaise bis hierher kaum +durchgeschleppt und litten stille, mehr für ihre Tiere als für +sich; doch war ihnen so wenig als uns allen zu helfen. Da sie um +meinetwillen jedes Unheil ausstanden, fühlte ich mich zu irgendeiner +Pietät gedrungen und wollte jenes erhandelte Kommissbrot redlich mit +ihnen teilen; allein sie lehnten es ab und versicherten, dergleichen +könnten sie nicht essen, und als ich fragte, "was sie denn gewöhnlich +genössen?" versetzten sie: "Du bon pain, de la bonne soupe, de la +bonne viande, de la bonne bière." Da nun bei ihnen alles gut und +bei uns alles schlimm war, verzieh ich ihnen gern, dass sie mit +Zurücklassung ihrer Pferde sich bald darauf davonmachten. Sie +hatten übrigens manches Unheil ausgestanden, ich glaube aber, +dass eigentlich das dargebotene Kommissbrot sie zu dem letzten +entscheidenden Schritt, als ein furchtbares Gespenst, bewogen +habe. Weiß und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das +Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen. + +Eine Bemerkung darf ich hier nicht unberührt lassen: wir kamen +freilich zur ungünstigsten Jahrszeit in ein von der Natur nicht +gesegnetes Land, das aber denn doch seine wenigen, arbeitsamen, +ordnungsliebenden, genügsamen Einwohner allenfalls ernährt. Reichere +und vornehmere Gegenden mögen eine solche freilich geringschätzig +behandeln; ich aber habe keineswegs Ungeziefer und Bettelherbergen +dort angetroffen. Von Mauerwerk gebaut, mit Ziegeln gedeckt sind die +Häuser, und überall hinreichende Tätigkeit. Auch ist die eigentlich +schlimme Landstrecke höchstens vier bis sechs Stunden breit und hat, +sowohl an dem Argonner Waldgebirge her als gegen Reims und Chalons +zu, schon wieder günstigere Gelegenheit. Kinder, die man in dem +ersten besten Dorfe aufgegriffen hatte, sprachen mit Zufriedenheit +von ihrer Nahrung, und ich durfte mich nur des Kellers zu Somme +Tourbe und des weißen Brotes, das uns ganz frisch von Chalons her +in die Hände gefallen war, erinnern, so schien es doch, als ob in +Friedenszeiten hier nicht gerade Hunger und Ungeziefer zu Hause +sein müsse. + + + + +Den 25. September. + +Dass während des Stillstandes die Franzosen von ihrer Seite tätig +sein würden, konnte man vermuten und erfahren. Sie suchten die +verlorne Kommunikation mit Chalons wieder herzustellen und die +Emigrierten in unserm Rücken zu verdrängen oder vielmehr an uns +heranzudrängen; doch augenblicklich ward für uns das Schädlichste, +dass sie, sowohl vom Argonner Waldgebirge als von Sedan und Montmedy +her, uns die Zufuhr erschweren, wo nicht völlig vernichten konnten. + + + + +Den 26. September. + +Da man mich als auf mancherlei aufmerksam kannte, so brachte man +alles, was irgend sonderbar scheinen mochte, herbei; unter andern +legte man mir eine Kanonenkugel vor, ungefähr vierpfündig zu achten, +doch war das Wunderliche daran, sie auf ihrer ganzen Oberfläche in +kristallisierten Pyramiden endigen zu sehen. Kugeln waren jenes Tags +genug verschossen worden, dass sich eine gar wohl hierüber konnte +verloren haben. Ich erdachte mir allerlei Hypothesen, wie das Metall +beim Guss oder nachher sich zu dieser Gestalt bestimmt hätte; durch +einen Zufall ward ich hierüber aufgeklärt. + +Nach einer kurzen Abwesenheit wieder in mein Zelt zurückkehrend, +fragte ich nach der Kugel; sie wollte sich nicht finden. Als ich +darauf bestand, beichtete man: sie sei, nachdem man allerlei an ihr +probiert, zersprungen. Ich forderte die Stücke und fand zu meiner +großen Verwunderung eine Kristallisation, die, von der Mitte +ausgehend, sich strahlig gegen die Oberfläche erweitete. Es war +Schwefelkies, der sich in einer freien Lage ringsum musste gebildet +haben. Diese Entdeckung führte weiter, dergleichen Schwefelkiese +fanden sich mehr, obschon kleiner, in Kugel- und Nierenform, auch in +andern weniger regelmäßigen Gestalten, durchaus aber darin gleich, +dass sie nirgends angesessen hatten und dass ihre Kristallisation +sich immer auf eine gewisse Mitte bezog; auch waren sie nicht +abgerundet, sondern völlig frisch und deutlich kristallinisch +abgeschlossen. Sollten sie sich wohl in dem Boden selbst erzeugt +haben, und findet man dergleichen mehr auf Ackerfeldern? + +Aber ich nicht allein war auf die Mineralien der Gegend aufmerksam; +die schöne Kreide, die sich überall vorfand, schien durchaus von +einigem Wert. Es ist wahr, der Soldat durfte nur ein Kochloch +aufhauen, so traf er auf die klarste weiße Kreide, die er zu seinem +blanken und glatten Putz sonst so nötig hatte. Da ging wirklich ein +Armeebefehl aus: der Soldat solle sich mit dieser hier umsonst zu +habenden notwendigen Ware soviel als möglich versehen. Dies gab nun +freilich zu einigem Spott Gelegenheit: mitten in den furchtbarsten +Kot versenkt, sollte man sich mit Reinlichkeits- und Putzmitteln +beladen; wo man nach Brot seufzte, sich mit Staub zufrieden stellen. + +Auch stutzten die Offiziere nicht wenig, als sie im Hauptquartier +übel angelassen wurden, weil sie nicht so reinlich, so zierlich wie +auf der Parade zu Berlin oder Potsdam erschienen. Die Oberen konnten +nicht helfen; so sollten sie, meinte man, auch nicht schelten. + + + + +Den 27. September. + +Eine etwas wunderliche Vorsichtsmaßregel, dem dringenden Hunger zu +begegnen, ward gleichfalls bei der Armee publiziert: man solle +die vorhandenen Gerstengarben so gut als möglich ausklopfen, +die gewonnenen Körner in heißem Wasser so lange sieden, bis sie +aufplatzen, und durch diese Speise die Befriedigung des Hungers +versuchen. + +Unserer nächsten Umgebung war jedoch eine bessere Beihilfe zugedacht. +Man sah in der Ferne zwei Wagen festgefahren, denen man, weil sie +Proviant und andere Bedürfnisse geladen hatten, gern zu Hilfe kam. +Stallmeister von Seebach schickte sogleich Pferde dorthin; man +brachte sie los, führte sie aber auch sogleich des Herzogs Regiment +zu; sie protestierten dagegen, als zur österreichischen Armee +bestimmt, wohin auch wirklich ihre Pässe lauteten. Allein man hatte +sich einmal ihrer angenommen; um den Zudrang zu verhüten und sie +zugleich festzuhalten, gab man ihnen Wache, und da sie auch von uns +bezahlt erhielten, was sie forderten, so mussten sie auch bei uns +ihre eigentliche Bestimmung finden. + +Eilig drängten sich zu allererst die Haushofmeister, Köche und ihre +Gehilfen herbei, nahmen von der Butter in Fässchen, von Schinken und +andern guten Dingen Besitz. Der Zulauf vermehrte sich, die größere +Menge schrie nach Tabak, der denn auch um teuren Preis häufig +ausgegeben wurde. Die Wagen aber waren so umringt, dass sich zuletzt +niemand mehr nähern konnte; deswegen mich unsere Leute und Reiter +anriefen und auf das dringendste baten, ihnen zu diesem notwendigsten +aller Bedürfnisse zu verhelfen. + +Ich ließ mir durch Soldaten Platz machen und erstieg sogleich, um +mich nicht im Gedränge zu verwirren, den nächsten Wagen; dort +bepackte ich mich für gutes Geld mit Tabak, was nur meine Taschen +fassen wollten, und ward, als ich wieder herab und spendend ins Freie +gelangte, für den größten Wohltäter gepriesen, der sich jemals der +leidenden Menschheit erbarmt hatte. Auch Branntwein war angelangt; +man versah sich damit und bezahlte die Bouteille gern mit einem +Laubtaler. + + + + +Den 27. September. + +Sowohl im Hauptquartiere selbst, wohin man zuweilen gelanget, als bei +allen denen, die von dort herkamen, erkundigte man sich nach der Lage +der Dinge: sie konnte nicht bedenklicher sein. Von dem Unheil, das in +Paris vorgegangen, verlautete immer mehr und mehr, und was man +anfangs für Fabeln gehalten, erschien zuletzt als Wahrheit +überschwänglich furchtbar. König und Familie waren gefangen, die +Absetzung dessen schon zur Sprache gekommen; der Hass des Königtums +überhaupt gewann immer mehr Breite, ja schon konnte man erwarten, +dass gegen den unglücklichen Monarchen ein Prozess würde eingeleitet +werden. Unsere unmittelbaren kriegerischen Gegner hatten sich eine +Kommunikation mit Chalons wieder eröffnet, dort befand sich Luckner, +der die von Paris anströmenden Freiwilligen zu Kriegshaufen bilden +sollte; aber diese, in den grässlichen ersten Septembertagen, durch +die reißend fließenden Blutströme, aus der Hauptstadt ausgewandert, +brachten Lust zum Morden und Rauben mehr als zu reinem rechtlichen +Kriege mit. Nach dem Beispiel des Pariser Gräuelvolks ersahen sie +sich willkürliche Schlachtopfer, um ihnen, wie sich's fände, +Autorität, Besitz oder wohl gar das Leben zu rauben. Man durfte sie +nur undiszipliniert loslassen, so machten sie uns den Garaus. + +Die Emigrierten waren an uns herangedrückt worden, und man erzählte +noch von gar manchem Unheil, das im Rücken und von der Seite +bedrohte. In der Gegend von Reims sollten sich zwanzigtausend Bauern +zusammengerottet haben, mit Feldgerät und wild ergriffenen +Naturwaffen versehen; die Sorge war gorß, auch diese möchten auf uns +losbrechen. + +Von solchen Dingen ward am Abend in der Herzogs Zelt, in Gegenwart +von bedeutenden Kriegsobristen, gesprochen; jeder brachte seine +Nachricht, seine Vermutung, seine Sorge als Beitrag in diesen +ratlosen rat, denn es schien durchaus nur ein Wunder uns retten +zu können. + +Ich aber dachte in diesem Augenblick, dass wir gewöhnlich in +misslichen Zuständen uns gern mit hohen Personen vergleichen, +besonders mit solchen, denen es noch schlimmer gegangen; da fühlt' +ich mich getrieben, wo nicht zur Erheiterung doch zur Ableitung, aus +der Geschichte Ludwigs des Heiligen die drangvollsten Begebenheiten +zu erzählen. Der König, auf seinem Kreuzzuge, will zuerst den Sultan +von Ägypten demütigen, denn von diesem hängt gegenwärtig das gelobte +Land ab. Damiette fällt ohne Belagerung den Christen in die Hände. +Angefeuert von seinem Bruder Graf Artois, unternimmt der König einen +Zug das rechte Nilufer hinauf, nach Babylon-Kairo. Es glückt, einen +graben auszufüllen, der Wasser vom Nil empfängt. Die Armee zeiht +hinüber. Aber nun findet sie sich geklemmt zwischen dem Nil, dessen +Haupt- und Nebenkanälen; dagegen die Sarazenen auf beiden Ufern des +Flusses glücklich postiert sind. Über die größeren Wasserleitungen zu +setzen wird schwierig. Man baut Blockhäuser gegen die Blockhäuser der +Feinde; diese aber haben den Vorteil des griechischen Feuers. Sie +beschädigen damit die hölzernen Bollwerke, Bauten und Menschen. Was +hilft den Christen ihre entschiedene Schlachtordnung, immerfort von +den Sarazenen gereizt, geneckt, angegriffen, teilweise in Scharmützel +verwickelt. Einzelne Wagnisse, Faustkämpfe sind bedeutend, Herz +erhebend, aber die Helden, der König selbst wird abgeschnitten. Zwar +brechen die Tapfersten durch, aber die Verwirrung wächst. Der Graf +von Artois ist in Gefahr; zu dessen Rettung wagt der König alles. Der +Bruder ist schon tot, das Unheil steigt aufs Äußerste. An diesem +heißen Tag kommt alles darauf an, eine Brücke über ein Seitenwasser +zu verteidigen, um die Sarazenen vom Rücken des Hauptgefechtes +abzuhalten. Den wenigen da postierten Kriegsleuten wird auf alle +Weise zugesetzt, mit Geschütz von den Soldaten, mit Steinen und Kot +durch Trossbuben. Mitten in diesem Unheil spricht der Graf von +Soissons zum Ritter Joinville scherzend: "Seneschall, lasst das +Hundepack bellen und blöken; bei Gottesthron!" -- so pflegte er zu +schwören -- "von diesem Tag sprechen wir noch im Zimmer vor den Damen." + +Man lächelte, nahm das Omen gut auf, besprach sich über mögliche +Fälle, besonders hob man die Ursachen hervor, warum die Franzosen uns +eher schonen als verderben müssten: der lange ungetrübte Stillstand, +das bisherige zurückhaltende Betragen gaben einige Hoffnung. Diese zu +beleben, wagte ich noch einen historischen Vortrag und erinnerte mit +Vorzeigung der Spezialkarten, dass zwei Meilen von uns nach Westen +das berüchtigte Teufelsfeld gelegen sei, bis wohin Attila, König der +Hunnen, mit seinen ungeheuren Heerhaufen im Jahr 452 gelangt, dort +aber von den burgundischen Fürsten unter Beistand des römischen +Feldherrn Aëtius geschlagen worden; dass, hätten sie ihren Sieg +verfolgt, er in Person und mit allen seinen Leuten umgekommen und +vertilgt worden wäre. Der römische General aber, der die Burgunder +Fürsten nicht von aller Furcht vor diesem gewaltigen Feind zu +befreien gedachte, weil er sie alsdann sogleich gegen die Römer +gewendet gesehen hätte, beredete einen nach dem andern, nach Hause zu +ziehen; und so entkam denn auch der Hunnenkönig mit den Überresten +eines unzählbaren Volkes. + +In eben dem Augenblick ward die Nachricht gebracht, der erwartete +Brottransport von Grandpré sei angekommen; auch dies belebte doppelt +und dreifach die Geister: man schied getrösteter voneinander, und +ich konnte dem Herzog bis gegen Morgen in einem unterhaltenden +französischen Buch vorlesen, das auf die wunderlichste Weise in meine +Hände gekommen. Bei den verwegenen, frevelhaften Scherzen, welche +mitten in dem bedrängtesten Zustand noch Lachen erregten, erinnerte +ich mich der leichtfertigen Jäger von Verdun, welche Schelmlieder +singend in den Tod gingen. Freilich, wenn man dessen Bitterkeit +vertreiben will, muss man es mit den Mitteln so genau nicht nehmen. + + + + +Den 28. September. + +Das Brot war angekommen, nicht ohne Mühseligkeit und Verlust; auf den +schlimmsten Wegen von Grandpré, wo die Bäckerei lag, bis zu uns heran +waren mehrere Wagen stecken geblieben, andere dem Feind in die Hände +gefallen und selbst ein Teil des Transports ungenießbar: denn im +wässerigen, zu schnell gebackenen Brot trennte sich Krume von Rinde, +und in den Zwischenräumen erzeugte sich Schimmel. Abermals in Angst +vor Gift, brachte man mir dergleichen Laibe, diesmal in ihren inneren +Hohlungen hochpomeranzenfarbig anzusehen, auf Arsenik und Schwefel +hindeutend, wie jenes vor Verdun auf Grünspan. War es aber auch nicht +vergiftet, so erregte doch der Anblick Abscheu und Ekel; getäuschte +Befriedigung schärfte den Hunger: Krankheit, Elend, Missmut lagen +schwer auf einer so großen Masse guter Menschen. + +In solchen Bedrängnissen wurden wir noch gar durch eine unglaubliche +Nachricht überrascht und betrübt; es hieß, der Herzog von +Braunschweig habe sein früheres Manifest an Dumouriez geschickt, +welcher, darüber ganz verwundert und entrüstet, sogleich den +Stillstand aufgekündigt und den Anfang der Feinseligkeiten befohlen +habe. So groß das Unheil war, in welchem wir staken, und noch +größeres bevorsahen, konnten wir doch nicht unterlassen, zu +scherzen und zu spotten; wir sagten, da sehe man, was für Unheil +die Autorschaft nach sich ziehe! Jeder Dichter und sonstige +Schriftsteller trage gern seine Arbeiten einem jeden vor, ohne dass +er frage, ob es die rechte Zeit und Stunde sei; nun ergehe es dem +Herzog von Braunschweig ebenso, der, die Freuden der Autorschaft +genießend, sein unglückliches Manifest ganz zur unrechten zeit wieder +produzierte. + +Wir erwarteten nun, die Vorposten abermals puffen zu hören, man +schaute sich nach allen Hügeln um, ob nicht irgendein Feind +erscheinen möchte; aber es war alles so still und ruhig, als wäre +nichts vorgegangen. Indessen lebte man in der peinlichsten +Ungewissheit und Unsicherheit, denn jeder sah wohl ein, dass wir +strategisch verloren waren, wenn es dem Feind im Mindesten einfallen +solle, uns zu beunruhigen und zu drängen. Doch deutete schon manches +in dieser Ungewissheit auf Übereinkunft und mildere Gesinnung; so +hatte man zum Beispiel den Postmeister von Sainte Menehould gegen die +am 20. zwischen der Wagenburg und Armee weggefangenen Personen der +königlichen Suite frei und ledig gegeben. + + + + +Den 29. September. + +Gegen Abend setzte sich, der erteilten Order gemäß, die Equipage in +Bewegung; unter Geleit Regiments Herzog von Braunschweig sollte sie +vorangehen, um Mitternacht die Armee folgen. Alles regte sich, aber +missmutig und langsam; denn selbst der beste Wille gleitete auf dem +durchweichten Boden und versank, eh' er sich's versah. Auch diese +Stunden gingen vorüber: Zeit und Stunde rennt durch den rausten Tag! + +Es war Nacht geworden, und auch diese sollte man schlaflos zubringen; +der Himmel war nicht ungünstig, der Vollmond leuchtete, aber hatte +nichts zu beleuchten. Zelte waren verschwunden, Gepäck, Wagen und +Pferde alles hinweg, und unsere kleine Gesellschaft besonders in +einer seltsamen Lage. An dem bestimmten Ort, wo wir uns befanden, +sollten die Pferde uns Aufsuchen; sie waren ausgeblieben. So weit wir +bei falbem Licht umher sahen, schien alles öd' und leer; wir horchten +vergebens: weder Gestalt noch Ton war zu vernehmen. Unsere Zweifel +wogten hin und her; wir wollten den bezeichneten Platz lieber nicht +verlassen als die Unsrigen in gleiche Verlegenheit setzen und sie +gänzlich verfehlen. Doch war es grauerlich, in Feindesland, nach +solchen Ereignissen, vereinzelt, aufgegeben, wo nicht zu sein, doch +für den Augenblick zu scheinen. + +Wir passten auf, ob nicht vielleicht eine feindliche Demonstration +vorkomme, aber es rührte und regte sich weder Günstiges noch +Ungünstiges. + +Wir trugen nach und nach alles hinterlassene Zeltstroh in der +Umgegend zusammen und verbrannten es, nicht ohne Sorgen. Gelockt +durch die Flamme, zog sich eine alte Marketenderin zu uns heran: sie +mochte sich beim Rückweg in den fernen Orten nicht ohne Tätigkeit +verspätet haben, denn sie trug ziemliche Bündel unter den Armen. Nach +Gruß und Erwärmung hob sie zuvörderst Friedrich den Großen in den +Himmel und pries den Siebenjährigen Krieg, dem sie als Kind wollte +beigewohnt haben, schalt grimmig auf die gegenwärtigen Fürsten und +Heerführer, die so große Mannschaft in ein Land brächten, wo die +Marketenderin ihr Handwerk nicht treiben könne, worauf es denn doch +eigentlich abgesehen sei. Man konnte sich an ihrer Art, die Sachen zu +betrachten, gar wohl erlustigen und sich für einen Augenblick +zerstreuen, doch waren uns endlich die Pferde höchst willkommen; da +wir denn auch mit dem Regiment Weimar den ahnungsvollen Rückzug +antraten. + +Vorsichtsmaßregeln, bedeutende Befehle ließen fürchten, dass die +Feinde unserm Abmarsch nicht gelassen zusehen würden. Mit Bangigkeit +hatte man noch am Tag das sämtliche Fuhrwerk, am bänglichsten aber +die Artillerie, in den durchweichten Boden einschneidend, sich +stockend bewegen sehen; was mochte nun zu Nacht alles vorfallen? Mit +Bedauern sah man gestürzte, geborstene Bagagewagen im Bachwasser +liegen, mit Bejammern ließ man zurückbleibende Kranke hilflos. Wo man +sich auch umsah, einigermaßen vertraut mit der Gegend, gestand man, +hier sie gar keine Rettung, sobald es dem Feind, den wir links, +rechts und im Rücken wussten, belieben möchte, uns anzugreifen; da +dies aber in den ersten Stunden nicht geschah, so stellte sich das +hoffnungsbedürftige Gemüt schnell wieder her, und der Menschengeist, +der allem, was geschieht, Verstand und Vernunft unterlegen möchte, +sagte sich getrost, die Verhandlungen zwischen den Hauptquartieren +Hans und Sainte Menehould seien glücklich und zu unseren Gunsten +abgeschlossen worden. Von Stunde zu Stunde vermehrte sich der Glaube; +und als ich Halt machen, die sämtlichen Wagen über dem Dorf St. Jean +ordnungsgemäß auffahren sah, war ich schon völlig gewiss, wir würden +nach Hause gelangen und in guter Gesellschaft (_devant les Dames_) +von unseren ausgestandenen Qualen sprechen und erzählen dürfen. Auch +diesmal teilt' ich Freunden und Bekannten meine Überzeugung mit, und +wir ertrugen die gegenwärtige Not schon mit Heiterkeit. + +Kein Lager ward bezogen, aber die Unsrigen schlugen ein großes Zelt +auf, inwendig und auswendig umher die reichsten, herrlichsten +Weizengarben zur Schlafstätte gebreitet. Der Mond schien hell durch +die beruhigte Luft, nur ein sanfter Zug leichter Wolken war +bemerklich, die ganze Umgebung sichtbar und deutlich, fast wie am +Tage. Beschienen waren die schlafenden Menschen, die Pferde, vom +Futterbedürfnis wach gehalten, darunter viele weiße, die das Licht +kräftig wiedergaben; weiße Wagenbedeckungen, selbst die zur Nachtruhe +gewidmeten weißen Garben, alles verbreitete Helle und Heiterkeit über +diese bedeutende Szene. Fürwahr, der größte Maler hätte sich +glücklich geschätzt, einem solchen Bild gewachsen zu sein. + +Erst spät legt' ich mich ins Zelt und hoffte des tiefsten Schlafes zu +genießen; aber die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre +schönsten Gaben ausgestreut, und so gehört zu den ungeselligsten +Unarten des Menschen, dass er schlafend, eben wenn er selbst am +tiefsten ruht, den gesellen durch unbändiges Schnarchen wach zu +halten pflegt. Kopf an Kopf, ich innerhalb, er außerhalb des Zeltes, +lag ich mit einem Mann, der mir durch ein grässlich Stöhnen die so +nötige Ruhe unwiederbringlich verkümmerte. Ich löste den Strang vom +Zeltpflock, um meinen Widersacher kennen zu lernen: es war ein +braver, tüchtiger Mann von der Dienerschaft, erlag, vom Mond +beschienen, in so tiefem Schlaf, als wenn er Endymion selbst gewesen +wäre. + +Die Unmöglichkeit, in solcher Nachbarschaft Ruhe zu erlangen, regte +den schalkischen Geist in mir auf; ich nahm eine Weizenähre und +ließ die schwankende Last über Stirn und Nase des Schlafenden +schweben. In seiner tiefen Ruhe gestört, fuhr er mit der Hand +mehrmals übers Gesicht, und sobald er wieder in Schlaf versank, +wiederholt' ich mein Spiel, ohne dass er hätte begreifen mögen, woher +in dieser Jahreszeit eine Bremse kommen könne. Endlich bracht' ich es +dahin, dass er, völlig ermuntert, aufzustehen beschloss. Indessen war +auch mir alle Schlaflust vergangen: ich trat vor das Zelt und +bewunderte in dem wenig veränderten Bild die unendliche Ruhe am Rande +der größten, immer noch denkbaren Gefahr; und wie in solchen +Augenblicken Angst und Hoffnung, Kümmernis und Beruhigung +wechselweise auf- und abgaukeln, so erschrak ich wieder, bedenkend, +dass, wenn der Feind uns in diesem Augenblick überfallen wollte, +weder eine Radspeiche noch ein Menschengebein davonkommen würde. + +Der anbrechende Tag wirkte sodann wieder zerstreuend, denn da zeigte +sich manches Wunderliche. Zwei alte Marketenderinnen hatten mehrere +seidene Weiberröcke buntscheckig um Hüfte und Brust übereinander +gebunden, den obersten aber um den Hals und oben darüber noch ein +Halbmäntelchen. In diesem Ornat stolzierten sie gar komisch einher +und behaupteten, durch Kauf und tausch sich diese Maskerade gewonnen +zu haben. + + + + +Den 30. September. + +So früh sich auch mit Tagesanbruch das sämtliche Fuhrwerk in Bewegung +setzte, so legten wir doch nur einen kurzen Weg zurück; denn schon um +neun Uhr hielten wir zwischen Laval und Wargemoulin. Menschen und +Tiere suchten sich zu erquicken, kein Lager ward aufgeschlagen. Nun +kam auch die Armee heran und postierte sich auf einer Anhöhe; +durchaus herrschte die größte Stille und Ordnung. Zwar konnte man an +verschiedenen Vorsichtsmaßregeln gar wohl bemerken, dass noch nicht +alle Gefahr überstanden sei: man rekognoszierte, man unterhielt sich +heimlich mit unbekannten Personen, man rüstete sich zum abermaligen +Aufbruch. + + + + +Den 1. Oktober. + +Der Herzog von Weimar führte die Avantgarde und deckte zugleich den +Rückzug der Bagage. Ordnung und Stille herrschten diese Nacht, und +man beruhigte sich in dieser Ruhe, als um zwölf Uhr aufzubrechen +befohlen ward. Nun ging aber aus allem hervor, dass dieser Marsch +nicht ganz sicher sei wegen Streifpartien, welche vom Argonner Wald +herunter zu befürchten waren. Denn wäre auch mit Dumouriez und den +höchsten Gewalten Übereinkunft getroffen gewesen, welches nicht +einmal als ganz gewiss angenommen werden konnte, so gerhorchte doch +damals nicht leicht jemand dem andern, und die Mannschaft im +Waldgebirge durfte sich nur für selbständig erklären, einen Versuch +machen zu unserm Verderben, welches niemand damals hätte missbilligen +dürfen. + +Auch der heutige Marsch ging nicht weit; es war die Absicht, Equipage +und Armee zusammen sollten auch gleichen Schritt mit den +Österreichern und Emigrierten halten, die, uns zur linken Seite +parallel, gleichfalls auf dem Rückzug begriffen waren. + +Gegen acht Uhr heilten wir schon, bald nachdem wir Rouvroy hinter uns +gelassen hatten; einige Zelte wurden aufgeschlagen, der Tag war schön +und die Ruhe nicht gestört. + +Und so will ich denn hier auch noch anführen, dass ich in diesem +Elend das neckische Gelübde getan: man solle, wenn ich uns erlöst und +mich wieder zu Hause sähe, von mir niemals wieder einen Klagelaut +vernehmen über den meine freiere Zimmeraussicht beschränkenden +Nachbargiebel, den ich vielmehr jetzt recht sehnlich zu erblicken +wünsche; ferner wollt' ich mich über Missbehagen und Langeweile im +deutschen Theater nie wieder beklagen, wo man doch immer Gott danken +könne, unter Dach zu sein, was auch auf der Bühne vorgehe. Und so +gelobt' ich noch ein Drittes, das mir aber entfallen ist. + +Es war noch immer genug, dass jeder für sich selbst in dem Grad +sorget und Ross und Wagen, Mann und Pferd nach ihren Abteilungen +regelmäßig zusammenblieben, und so auch wir, sobald still gehalten +oder ein Lager aufgeschlagen ward, immer wieder gedeckte Tafeln und +Bänke und Stühle fanden. Doch wollte uns bedünken, dass wir gar zu +schmal abgefunden würden, ob wir uns gleich bei dem bekannten +allgemeinen Mangel bescheiden darein ergaben. + +Indessen schenkte mir das Glück Gelegenheit, einem bessern Gastmahl +beizuwohnen. Es war zeitig Nacht geworden, jedermann hatte sich +sogleich auf die zubereitete Streue gelegt; auch ich war +eingeschlafen, doch weckte mich ein lebhafter, angenehmer Traum: denn +mir schien, als röch' ich, als genöss' ich die besten Bissen, und +als ich darüber aufwachte, mich aufrichtete, war mein Zelt voll des +herrlichsten Geruchs gebratenen und versengten Schweinefettes, der +mich sehr lüstern machte. Unmittelbar an der Natur musste es uns +verziehen sein, den Schweinehirten für göttlich und Schweinebraten +für unschätzbar zu halten. Ich stand auf und erblickte in ziemlicher +Ferne ein Feuer, glücklicherweise oder dem Wind: von da her kam mir +die Fülle des guten Dunstes. Unbedenklich ging ich dem schein nach +und fand die sämtliche Dienerschaft um ein großes, blad zu Kohlen +verbranntes Feuer beschäftigt, den Rücken des Schweins schon beinahe +gar, das übrige zerstückt, zum Einpacken bereit, einen jeden aber +tätig und handreichend, um die Würste bald zu vollenden. Unfern +des Feuers lagen ein paar große Baumstämme; nach Begrüßung der +Gesellschaft setzt' ich mich darauf, und ohne ein Wort zu sagen, sah +ich einer solchen Tätigkeit mit Vergnügen zu. + +Teils wollten mir die guten Leute wohl, teils konnten sie den +unerwarteten Gast schicklicherweise nicht ausschließen, und wirklich, +da es zum Austeilen kam, reichten sie mir ein kostbares Stück, auch +war Brot zu haben und ein Schluck Branntwein dazu: es fehlte eben +an keinem Guten. Nicht weniger ward mir ein tüchtiges Stück Wurst +gereicht, als wir uns noch bei Nacht und Nebel zu Pferde setzten; ich +steckte es in meine Pistolenhalfter, und so war mir die Begünstigung +des Nachtwindes gut zustatten gekommen. + + + + +Den 2. Oktober. + +Wenn man sich auch mit einigem Essen und Trinken gestärkt und den +Geist durch sittliche Trostgründe beschwichtigt hatte, so wechselten +doch immer Hoffnung und Sorge, Verdruss und Scham in der schwankenden +Seele: man freute sich, noch am Leben zu sein; unter solchen +Bedingungen zu leben verwünschte man. Nachts um zwei Uhr brachen wir +auf, zogen mit Vorsicht an einem Wald vorbei, kamen bei Vaux über die +Stelle unseres vor kurzem verlassenen Lagers und bald an die Aisne. +Hier fanden wir zwei Brücken geschlagen, die uns aufs rechte Ufer +hinüberleiteten. Da verweilten wir nun zwischen beiden, die wir +zugleich übersehen konnten, auf einem Sand- Und Weidenwerder, das +lebhafteste Küchenfeuer sogleich besorgend. Die zartesten Linsen, die +ich jemals genossen, lange, rote, schmackhafte Kartoffeln waren bald +bereitet. Als aber zuletzt jene von den österreichischen Fuhrleuten +aufgebrachten, bisher streng verheimlichten Schinken gar geworden, +konnte man sich genugsam wieder herstellen. + +Die Equipage war schon herüber; aber bald eröffnete sich ein so +prächtiger als trauriger Anblick. Die Armee zog über die Brücken, +Fußvolk und Artillerie, die Reiterei durch einen Furt, alle Gesichter +düster, jeder Mund verschlossen, eine grässliche Empfindung +mitteilend. Kamen Regimenter heran, unter denen man Bekannte, +Befreundete wusste, so eilte man hin, man umarmte, man besprach sich, +aber unter welchen Fragen, welchem Jammer, welcher Beschämung, nicht +ohne Tränen! + +Indessen freuten wir uns, so marketenderhaft eingerichtet zu sein, um +Hohe wie Niedere erquicken zu können. Erst war die Trommel eines +allda postierten Piketts die Tafel, dann holte man aus benachbarten +Orten Stühle, Tische und machte sich's und den verschiedenartigsten +Gästen so bequem als möglich. Der Kronprinz und Prinz Louis ließen +sich die Linsen schmecken, mancher General, der von weitem Rauch sah, +zog sich darnach. Freilich, wie auch unser Vorrat sein mochte, was +solle das unter so viele? Man musste zum zweiten und dritten Mal +ansetzen, und unsere Reserve verminderte sich. + +Wie nun unser Fürst gern alles mitteilte, so hielten's auch seine +Leute, und es wäre schwer, einzeln zu erzählen, wie viel der +unglücklichen vorbeiziehenden Kranken durch Kämmerier und Koch +erquickt wurden. + +So ging es nun den ganzen Tag, und so ward mir der Rückzug nicht etwa +nur durch Beispiel und Gleichnis, nein, in seiner völligen +Wirklichkeit dargestellt und der Schmerz durch jede neue Uniform +erneuert und vervielfältigt. Ein so grauenvolles Schauspiel sollte +denn auch seiner würdig schließen: der König und sein Generalstab +ritt von weiten her, hielt an der Brücke eine Zeitlang still, als +wenn er sich's noch einmal übersehen und überdenken wollte, zog dann +aber am Ende den Weg aller der Seinen. Eben so erschien der Herzog +von Braunschweig an der andern Brücke, zauderte und ritt herüber. + +Die Nacht brach ein, windig aber trocken, und ward auf dem traurigen +Weidenkreis meist schlaflos zugebracht. + + + + +Den 3. Oktober. + +Morgens um sechs Uhr verließen wir diesen Platz, zogen über eine +Anhöhe nach Grandpré zu und trafen daselbst die Armee gelagert. Dort +gab es neues Übel und neue Sorgen: das Schloss war zum Krankenhaus +umgebildet und schon mit mehreren hundert Unglücklichen belegt, denen +man nicht helfen, sie nicht erquicken konnte. Man zog mit Scheu +vorüber und musste sie der Menschlichkeit des Feindes überlassen. + +Hier überfiel uns abermals ein grimmiger Regen und lähmte jede +Bewegung. + + + + +Den 4. Oktober. + +Die Schwierigkeit, vom Platz zu kommen, wuchs mehr und mehr; um den +unfahrbaren Hauptwegen zu entgehen, suchte man sich Bahn über Feld. +Der Acker, von rötlicher Farbe, noch zäher als der bisherige +Kreideboden, hinderte jede Bewegung. Die vier kleinen Pferde konnten +meine Halbchaise kaum erziehen, ich dachte sie wenigstens um das +Gewicht meiner Person zu erleichtern. Die Reitpferde waren nicht zu +erblicken; der große Küchenwagen, mit sechs tüchtigen bespannt, kam +an mir vorbei. Ich bestieg ihn, von Viktualien war er nicht ganz +leer, die Küchenmagd aber stak sehr verdrießlich in der Ecke. Ich +überließ mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers +physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen +Fällen ist ein Wörterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden +Augenblick eine Unterbrechung vorfällt, und dann gewährt er wieder +die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern führt. + +Man hatte sich auf den zähen, hie und da quelligen roten Tonfeldern +notgedrungen unvorsichtig eingelassen; in einer solchen Falge musste +zuletzt auch dem tüchtigen Küchengespann die Kraft ausgehen. Ich +schien mir in meinem Wagen wie eine Parodie von Pharao im Roten Meer, +denn auch um mich her wollten Reiter und Fußvolk in gleicher Farbe +gleicher Weise versinken. Sehnsüchtig schaut' ich nach allen +umgebenden Hügelhöhen: da erblickt' ich endlich die Reitpferde, +darunter den mir bestimmten Schimmel; ich winkte sie mit Heftigkeit +herbei, und nachdem ich meine Physik der armen, krankverdrießlichen +Küchenmagd übergeben und ihrer Sorgfalt empfohlen, schwang ich mich +aufs Pferd, mit dem festen Vorsatz, mich sobald nicht wider auf eine +Fahrt einzulassen. Hier ging es nun freilich selbständiger, aber +nicht besser noch schneller. + +Grandpré, das nun als ein Ort der Pest und des Todes geschildert war, +ließen wir gern hinter uns. Mehrere befreundete Kriegsgenossen trafen +zusammen und traten im Kreis, hinter sich am Zügel die Pferde +haltend, um ein Feuer. Sie sagen, dies sei das einzige Mal gewesen, +wo ich ein verdrießlich Gesicht gemacht und sie wieder durch Ernst +gestärkt, noch durch Scherz erheitert habe. + + + + +Den 4. Oktober. + +Der Weg, den das Heer eingeschlagen hatte, führte gegen Buzancy, weil +man oberhalb Dun über die Maas gehen wollte. Wir schlugen unser Lager +unmittelbar bei Sivry, in dessen Umgegend wir noch nicht alles +verzehrt fanden. Der Soldat stürzte in die ersten Gräten und verdarb, +was andere hätten genießen können. Ich ermunterte unsern Koch und +seine Leute zu einer strategischen Furagierung: wir zogen ums ganze +Dorf und fanden noch völlig unangetastete Gräten und eine reiche, +unbestrittene Ernte. Hier war von Kohl und Zwiebeln, von Wurzeln und +andern guten Vegetabilien die Fülle; wir nahmen deshalb nicht mehr, +als wir brauchten, mit Bescheidenheit und Schonung. Der Garten war +nicht groß, aber sauber gehalten, und ehe wir zu dem Zaun wieder +hinaus krochen, stellt' ich Betrachtungen an, wie es zugehe, dass in +einem Hausgarten doch auch keine Spur von einer Türe ins anstoßende +Gebäude zu entdecken sei. Als wir, mit Küchenbeute wohl beschwert, +wieder zurückkamen, hörten wir großen Lärm vor dem Regiment. Einem +Reiter war sein vor zwanzig Tagen etwa in dieser Gegend requiriertes +Pferd davon gelaufen, es hatte den Pfahl, an dem es gebunden gewesen, +mit fortgenommen; der Kavallerist wurde sehr übel angesehen, bedroht +und befehligt, das Pferd wiederzuschaffen. + +Da es beschlossen war, den 5. in der Gegend zu rasten, so wurden wir +in Sivry einquartiert und fanden nach so viel Unbilden die +Häuslichkeit gar erfreulich und konnten den französisch-ländlichen, +idyllisch-homerischen Zustand zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung +abermals genauer bemerken. Man trat nicht unmittelbar von der Straße +in das Haus, sondern fand sich erst in einem kleinen, offenen, +viereckigen Raum, wie die Türe selbst das Quadrat angab; von da +gelangte man durch die eigentliche Haustüre in ein geräumiges, hohes, +dem Familienleben bestimmtes Zimmer; es war mit Ziegelsteinen +gepflastert, links, an der langen Wand, ein Feuerherd, unmittelbar an +Mauer und Erde; die Esse, die den Rauch abzog, schwebte darüber. Nach +Begrüßung der Wirtsleute zog man sich gern dahin, wo man eine +entschieden bleibende Rangordnung für die Umsitzenden gewahrte. +Rechts am Feuer stand ein hohes Klappkästchen, das auch zum Stuhl +diente; es enthielt das Salz, welches, in Vorrat angeschafft, an +einem trocknen Platz verwahrt werden musste. Hier war der Ehrensitz, +der sogleich dem vornehmsten Fremden angewiesen wurde; auf mehrere +hölzerne Stühle setzten sich die übrigen Ankömmlinge mit den +Hausgenossen. Die landsittliche Kochvorrichtung, _pot au feu_, +konnt' ich hier zum ersten Mal genau betrachten. Ein großer eiserner +Kessel hing an einem Haken, den man durch Verzahnungen erhöhen und +erniedrigen konnte, über dem Feuer; darin befand sich schon ein gutes +Stück Rindfleisch mit Wasser und Salz, zugleich aber auch mit weißen +und gelben Rüben, Porree, Kraut und andern vegetabilischen +Ingredienzien. + +Indessen wir uns freundlich mit den guten Menschen besprochen, +bemerkt' ich erst, wie architektonisch klug Anrichte, Gossenstein, +Topf- und Tellerbretter angebracht seien. Diese nahmen sämtlich den +länglichen raum ein, den jenes Viereck des offenen Vorhauses inwendig +zur Seite ließ. Nett und alles der Ordnung gemäß war das Gerät +zusammengestellt; eine Magd oder Schwester des Hauses besorgte alles +aufs zierlichste. Die Hausfrau saß am Feuer, ein Knabe stand an ihren +Knien, zwei Töchterchen drängten sich an sie heran. Der Tisch war +gedeckt, ein großer irdener Napf aufgestellt, schönes weißes Brot in +Scheibchen hinein geschnitten, die heiße Brühe drüber gegossen und +guter Appetit empfohlen. Hier hätten jene Knaben, die mein +Kommissbrot verschmähten, mich auf das Muster von bon pain und bonne +soupe verweisen können. Hierauf folgte das zu gleicher Zeit gar +gewordene Zugemüse, sowie das Fleisch, und jedermann hätte sich an +dieser einfachen Kochkunst begnügen können. + +Wir fragten teilnehmend nach ihren Zuständen: sie hatten schon das +vorige Mal, als wir solange bei Landres gestanden, sehr viel +gelitten und fürchteten, kaum hergestellt, von einer feindlichen +zurückziehenden Armee nunmehr den völligen Untergang. Wir bezeigten +uns teilnehmend und freundlich, trösteten sie, dass es nicht lange +dauern werde, da wir, außer der Arrieregarde, die letzten seien, und +gaben ihnen Rat und Regel, wie sie sich gegen Nachzügler zu verhalten +hätten. Bei immer wechselnden Sturm und Regengüssen brachten wir den +Tag meist unter Dach und am Feuer zu, das Vergangene in Gedanken +zurückrufend, das Nächstbevorstehende nicht ohne Sorge bedenkend. +Seit Grandpré hatte ich weder Wagen noch Koffer noch Bedienten wieder +gesehen, Hoffnung und Sorge wechselten deshalb augenblicklich ab. Die +Nacht war herangekommen, die Kinder sollten zu Bett gehen; sie +näherten sich Vater und Mutter ehrfurchtsvoll, verneigten sich, +küssten ihnen die Hand und sagten: "Bon soir, Papa! Bon soir, +Maman!" mit wünschenswerter Anmut. Bald darauf erfuhren wir, dass +der Prinz von Braunschweig in unserer Nachbarschaft gefährlich krank +liege, und erkundigten uns nach ihm. Besuch lehnte man ab und +versicherte zugleich, dass es mit ihm viel besser geworden, so dass +er morgen früh unverzüglich aufzubrechen gedenke. + +Kaum hatten wir uns vor dem schrecklichen Regen wieder ans Kamin +geflüchtet, als ein junger Mann herein trat, den wir als den jüngeren +Bruder unseres Wirts wegen entschiedener Ähnlichkeit erkennen +mussten; und so erklärte sich's auch. In die Tracht des französischen +Landvolks gekleidet, einen starken Stab in der Hand, trat er auf, ein +schöner junger Mann. Sehr ernst, ja verdrießlich wild saß er bei uns +am Feuer, ohne zu sprechen; doch hatte er sich kaum erwärmt, als er +mit seinem Bruder auf und ab, sodann in das nächste Zimmer trat. Sie +sprachen sehr lebhaft und vertraulich zusammen. Er ging in den +grimmigen Regen hinaus, ohne dass ihn unsere Wirtsleute zu halten +suchten. + +Aber auch wir wurden durch ein Angst- und Zetergeschrei in die +stürmische Nacht hinaus gerufen. Unsere Soldaten hatten unter dem +Vorwand, Furage auf den Böden zu suchen, zu plündern angefangen, und +zwar ganz ungeschickter Weise, indem sie einem Weber sein Werkzeug +wegnahmen, eigentlich für sie ganz unbrauchbar. Mit Ernst und einigen +guten Worten brachten wir die Sache wieder ins gleiche: Denn es waren +nur wenige, die sich solcher Tat unterfingen. Wie leicht konnte das +ansteckend werden und alles drunter und rüber gehen! + +Da sich mehrere Personen zusammengefunden hatten, so trat ein +weimarscher Husar zu mir, seines Handwerks ein Fleischer, und +vertraute, dass er in einem benachbarten Haus ein gemästetes Schwein +entdeckt habe: er feilsche darum, könne es aber von dem Besitzer +nicht erhalten; wir möchten mit Ernst dazu tun, denn es würde in den +nächsten Tagen an allem fehlen. Es war wunderbar genug, dass wir, die +soeben der Plünderung Einhalt getan, zu einem ähnlichen Unternehmen +aufgefordert werden sollten. Indessen, da der Hunger kein Gesetz +anerkennt, gingen wir mit dem Husar in das bezeichnete Haus, fanden +gleichfalls ein großes Kaminfeuer, begrüßten die Leute und setzten +uns zu ihnen. Es hatte sich noch ein anderer weimarscher Husar, +namens Liseur, zu uns gefunden, dessen Gewandtheit wir die Sache +vertrauten. Er begann in geläufigem Französisch von den Tugenden +regulierter Truppen zu sprechen und rühmte die Personen, welche nur +für bares Geld die notwendigsten Viktualien anzuschaffen verlangen; +dahingegen schalt er die Nachzügler, Packknechte und Marketender, die +mit Ungestüm und Gewalt auch die letzte Klaue sich zuzueignen gewohnt +seien. Er wolle daher einem jeden den wohlmeinenden Rat geben, auf +den Verkauf zu sinnen, weil Geld noch immer leichter zu verbergen sei +als Tiere, die man wohl auswittere. Seine Argumente jedoch schienen +keinen großen Eindruck zu machen, als seine Unterhandlung seltsam +genug unterbrochen wurde. + +An der fest verschlossenen Haustüre entstand auf einmal ein heftiges +Pochen: man achtete nicht darauf, weil man keine Lust hatte, noch +mehr Gäste einzulassen; es pochte fort, die kläglichste Stimme rief +dazwischen, eine Weiberstimme, die auf gut Deutsch flehentlich um +Eröffnung der Türe bat. Endlich erweicht, schloss man auf: es drang +eine alte Marketenderin herein, etwas in ein Tuch gewickelt auf dem +Arm tragend; hinter ihr eine junge Person, nicht hässlich, aber blass +und entkräftet, sie heilt sich kaum auf den Füßen. Mit wenigen, aber +rüstigen Worten erklärte die Alte den Zustand, indem sie ein nacktes +Kind vorwies, von dem jene Frau auf der Flucht entbunden worden. +Dadurch versäumt, waren sie, misshandelt von Bauern, in dieser Nacht +endlich an unsere Pforte gekommen. Die Mutter hatte, weil ihr die +Milch verschwunden, dem Kind, seitdem es Atem holte, noch keine +Nahrung reichen können. Jetzt forderte die Alte mit Ungestüm Mehl, +Milch, Tiegel, auch Leinwand, das Kind hineinzuwickeln. Da sie kein +Französisch konnte, mussten wir in ihrem Namen fordern, aber ihr +herrisches Wesen, ihre Heftigkeit gab unseren Reden genug +pantomimisches Gewicht und Nachdruck: man konnte das Verlangte nicht +geschwind genug herbeischaffen, und das Herbeigeschaffte war ihr +nicht gut genug. Dagegen war auch sehenswert, wie behänd sie verfuhr. +Uns hatte sie blad vom Feuer verdrängt; der beste Sitz war sogleich +für die Wöchnerin eingenommen, sie aber machte sich auf ihrem Schemel +so breit, als wenn sie im Haus allein wäre. In einem Nu war das Kind +gereinigt und gewickelt, der Brei gekocht; sie fütterte das kleine +Geschöpf, dann die Mutter, an sich selbst dachte sie kaum. Nun +verlangte sie frische Kleider für die Wöchnerin, indes die alten +trockneten. Wir betrachteten sie mit Verwunderung: sie verstand sich +aufs Requirieren. + +Der Regen ließ nach, wir suchten unser voriges Quartier, und kurz +darauf brachten die Husaren das Schwein. Wir zahlten ein Billiges; +nun sollte es geschlachtet werden; es geschah, und als im Nebenzimmer +am Tragebalken ein Kloben eingeschraubt zu sehen war, hing das +Schwein sogleich dort, um kunstmäßig zerstückt und bereitet zu werden. + +Dass unsere Hausleute bei dieser Gelegenheit sich nicht verdrießlich, +vielmehr behilflich und zutätig erwiesen, schien uns einigermaßen +wunderbar, da sie wohl Ursache gehabt hätten, unser Betragen roh und +rücksichtslos zu finden. In demselbigen Zimmer, wo wir die Operation +vornahmen, lagen die Kinder in reinlichen Betten, und aufgeweckt +durch unser Getöse, schauten sie artig furchtsam unter den Decken +hervor. Nahe an einem großen zweischläfrigen Ehebett, mit grünem +Rasch sorgfältig umschlossen, hing das Schwein, so dass die Vorhänge +einen malerischen Hintergrund zu dem erleuchteten Körper machten. Es +war ein Nachtstück ohnegleichen. Aber solchen Betrachtungen konnten +sich die Einwohner nicht hingeben; wir merkten vielmehr, dass sie +jenem Haus, dem man das Schwein abgewonnen, nicht sonderlich +befreundet seien und also eine gewisse Schadenfreude hierbei obwalte. +Früher hatten wir auch gutmütig einiges von Fleisch und Wurst +versprochen; das alles kam der Funktion zu statten, die in wenig +Stunden vollendet sein sollte. Unser Husar aber bewies sich in seinem +Fach so tätig und behänd, wie die Zigeunerin drüben in dem ihrigen, +und wir freuten uns schon auf die guten Würste und Braten, die uns +von dieser Halbbeute zuteil werden sollten. In Erwartung dessen +legten wir uns in der Schmiedewerkstatt unseres Wirtes auf die +schönsten Weizengarben und schliefen geruhig bis an den Tag. Indessen +hatte unser Husar sein Geschäft im Innern des Hauses vollendet, ein +Frühstück fand sich bereit, und das übrige war schon eingepackt, +nachdem vorher den Wirtsleuten gleichfalls ihr Teil gespendet worden, +nicht ohne Verdruss unserer Leute, welche behaupteten: bei diesem +Volk sei Gutmütigkeit übel angewendet, sie hätten gewiss noch Fleisch +und andere gute Dinge verborgen, die wir auszuwittern noch nicht +recht gelernt hätten. + +Als ich mich in dem innern Zimmer umsah, fand ich zuletzt eine Türe +verriegelt, die ihrer Stellung nach in einen Garten gehen musste. +Durch ein kleines Fenster an der Seite konnt' ich bemerken, dass ich +nicht irre geschlossen hatte: der Garten lag etwas höher als das Haus, +und ich erkannt' ihn ganz deutlich für denselben, wo wir uns früh mit +Küchenwaren versehen hatten. Die Türe war verrammelt und von außen so +geschickt verschüttet und bedeckt, dass ich nun wohl begriff, warum +ich sie heute früh vergebens gesucht hatte. Und so stand es in den +Sternen geschrieben, dass wir, ungeachtet aller Vorsicht, doch in das +Haus gelangen sollten. + + + + +Den 6. Oktober früh. + +Bei solchen Umgebungen darf man sich nicht einen Augenblick Ruhe, +nicht das kürzeste Verharren irgendeines Zustandes erwarten. Mit +Tagesanbruch war der ganze Ort auf einmal in großer Bewegung: die +Geschichte des entflohenen Pferdes kam wieder zur Sprache. Der +geängstigte Reiter, der es herbeischaffen oder Strafe leiden und zu +Fuß gehen sollte, war auf den nächsten Dörfern herumgerannt, wo man +ihm denn, um die Plackerei selbst loszuwerden, zuletzt versicherte, +es müsse in Sivry stecken; dort habe man vor so viel Wochen einen +Rappen ausgehoben, wie er ihn beschreibe; unmittelbar vor Sivry +habe nun das Pferd sich losgemacht, und was sonst noch die +Wahrscheinlichkeit vermehren mochte. Nun kam er, begleitet von einem +ernsten Unteroffizier, der, durch Bedrohung des ganzen Ortes, endlich +die Auflösung des Rätsels fand. Das Pferd war wirklich hinein nach +Sivry zu seinem vorigen Herrn gelaufen; die Freude, den vermissten +Haus- und Stallgenossen wieder zu sehen, sagen sie, sei in der +Familie grenzenlos gewesen, allgemein die Teilnahme der Nachbarn. +Künstlich genug hatte man das Pferd auf einen Oberboden gebracht und +hinter Heu versteckt; jedermann bewahrte das Geheimnis. Nun aber ward +es, unter Klagen und Jammern wieder hervorgezogen, und Betrübnis +ergriff die ganze Gemeinde, als der Reiter sich darauf schwang und +dem Wachtmeister folgte. Niemand gedachte weder eigener Lasten noch +des Keineswegs aufgeklärten allgemeinen Geschickes: das Pferd und +der zum zweiten Mal getäuschte Besitzer waren der Gegenstand der +zusammengelaufenen Menge. + +Eine augenblickliche Hoffnung tat sich hervor: der Kronprinz von +Preußen kam geritten, und indem er sich erkundigen wollte, was die +Menge zusammengebracht, wendeten sich die guten Leute an ihn mit +Flehen, er möge ihnen das Pferd wieder zurückgeben. Es stand nicht in +seiner Macht, denn die Kriegsläufe sind mächtiger als die Könige; er +ließ sie trostlos, indem er sich stillschweigend entfernte. + +Nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten Hausleuten das Manöver +gegen die Nachzügler; denn schon spukte das Geschmeiß hin und wieder. +Wir rieten: Mann und Frau, Magd und Geselle sollten in der Türe +innerhalb des kleinen Vorraums sich halten und allenfalls ein Stück +Brot, einen Schluck Wein, wenn es gefordert würde, auswendig reichen, +den eindringenden Ungestüm aber standhaft abwehren. Mit Gewalt +erstürmten dergleichen Leute nicht leicht ein Haus; einmal +eingelassen aber werde man ihrer nicht wieder Herr. Die guten +Menschen baten uns, noch länger zu bleiben, allein wir hatten an uns +selber zu denken: das Regiment des Herzogs war schon vorwärts und der +Kronprinz abgeritten; dies war genug, unsern Abschied zu bestimmen. + +Wie klüglich dies gewesen, wurde uns noch deutlicher, als wir, bei +der Kolonne angelangt, zu hören hatten, dass der Vortrab der +französischen Prinzen gestern, als er eben den Pass Le Chêne Populeux +und die Aisne hinter sich gelassen, zwischen les Grandes und les +Petites Armoises von Bauern angegriffen worden; einem Offizier solle +das Pferd unterm Leib getötet, dem Bedienten des Kommandierenden eine +Kugel durch den Hut gegangen sein. Nun fiel mir's aufs Herz, dass in +vergangner Nacht als der bärbeißige Schwager ins Haus trat, ich einer +solchen Ahnung mich nicht erwehren konnte. + + + + +Zum 6. Oktober. + +Aus der gefährlichen Klemme waren wir nun heraus, unser Rückzug +jedoch noch immer beschwerlich und bedenklich, der Transport unseres +Haushaltes von Tag zu Tage lästiger; denn freilich führten wir ein +komplettes Mobiliar mit uns: außer dem Küchengerät noch Tisch und +Bänke, Kisten, Kasten und Stühle, ja ein paar Blechöfen. Wie sollte +man die mehreren Wagen fortbringen, da der Pferde täglich weniger +wurden! Einige fielen, die überbliebenen zeigten sich kraftlos. Es +blieb nichts übrig, als einen wagen stehen zu lassen, um die andern +fortzubringen. Nun ward geratschlagt, was wohl das Entbehrlichste +sei, und so musste man einen mit allerlei Gerät wohl bepackten Wagen +im Stich lassen, um nicht alles zu entbehren. Diese Operation +wiederholte sich einige Mal, unser Zug ward um vieles kompendioser, +und doch wurden wir aufs neue an eine solche Reduktion gemahnt, da +wir uns an den niedrigen Ufern der Maas mit größter Unbequemlichkeit +fortschleppten. + +Was mich aber in diesen Stunden am meisten drückte und besorgt +machte, war, dass ich meinen Wagen schon einige Tage vermisste. Nun +konnt' ich mir's nicht anders denken, als mein sonst so resoluter +Diener sei in Verlegenheit geraten, habe seine Pferde verloren, und +andere zu requirieren nicht vermocht. Da sah ich denn in trauriger +Einbildungskraft meine werte böhmische Halbchaise, ein Geschenk +meines Fürsten, die mich schon so weit in der Welt herumgetragen, im +Kot versunken, vielleicht auch über Bord geworfen, und somit, wie ich +da zu Pferde saß, trug ich nun alles bei mir. Der Koffer mit +Kleidungsstücken, Manuskripten jeder Art und manches durch Gewohnheit +sonst noch werte Besitztum, alles schien mir verloren und schon in +die Welt zerstreut. + +Was war aus der Brieftasche mit Geld und bedeutenden Papieren +geworden? Aus sonstigen Kleinigkeiten, die man an sich herumsteckt? +Hatte ich das alles nun recht umständlich und peinlich durchgedacht, +so stellte sich der Geist aus dem unerträglichen Zustand bald wieder +her. Das Vertrauen auf meinen Diener fing wieder an, zu wachsen, und +wie ich vorher umständlich den Verlust gedacht, so dacht' ich nunmehr +alles durch seine Tätigkeit erhalten und freute mich dessen, als läg' +es mir schon vor Augen. + + + + +Den 7. Oktober. + +Als wir eben auf dem linken Ufer der Maas aufwärts zogen, um an die +Stelle zu gelangen, wo wir übersetzen und die gebahnte Hauptstraße +jenseits erreichen sollten, gerade auf dem sumpfigsten Wiesenfleck, +hieß es, der Herzog von Braunschweig komme hinter uns her. Wir +heilten an und begrüßten ihn ehrerbietig; er heilt auch ganz nahe vor +uns stille und sagte zu mir: "Es tut mir zwar leid, dass ich Sie in +dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn +erwünscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwürdigen Mann mehr +weiß, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den +Elementen überwunden worden." + +Er hatte mich in dem Hauptquartier zu Hans vorbeigehend gesehen und +wusste überhaupt, dass ich bei dem ganzen traurigen Zug gegenwärtig +gewesen. Ich antwortete ihm etwas Schickliches und bedauerte noch +zuletzt, dass er, nach so viel Leiden und Anstrengung, noch durch die +Krankheit seines fürstlichen Sohnes sei in Sorgen gesetzt worden, +woran wir vorige Nacht in Sivry großen Anteil empfunden. Er nahm es +wohl auf, denn dieser Prinz war sein Liebling, zeigte sodann auf ihn, +der in der Nähe hielt; wir verneigten uns auch vor ihm. Der Herzog +wünschte uns allen Geduld und Ausdauer, und ich ihm dagegen eine +ungestörte Gesundheit, weil ihm sonst nichts abgehe, uns und die gute +Sache zu retten. Er hatte mich eigentlich niemals geliebt, das musste +ich mir gefallen lassen; er gab es zu erkennen, das konnt' ich ihm +verziehen: nun aber war das Unglück eine milde Vermittlerin geworden, +die uns auf eine teilnehmende Weise zusammenbrachte. + + + + +Den 7. und 8. Oktober. + +Wir hatten über die Maas gesetzt und en Weg eingeschlagen, der aus +den Niederlanden nach Verdun führt; das Wetter war furchtbarer als +je, wir lagerten bei Consenvoye. Die Unbequemlichkeit, ja das Unheil +stiegen aufs höchste: die Zelte durchnässt, sonst kein Schirm, kein +Obdach; man wusste nicht, wohin man sich wenden sollte; noch immer +fehlte mein Wagen, und ich entbehrte das Notwendigste. Konnte man +sich auch unter einem Zelt bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu +denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgendeinem +Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den +kalten, feuchten Boden niederzulegen! + +Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein +praktisches Hilfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern +sei; ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie +zusammenbrachen, dann setzt' ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich +hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede +Stelle wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen +war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der +herrlichste Schlaftrunk sein. + +Zwei Tage und zwei Nächte hatten wir auf diese Weise verlebt, als der +traurige Zustand einiger Kranken auch Gefunden zugute kommen sollte. +Des Herzogs Kammerdiener war von dem allgemeinen Übel befallen, einen +Junker, vom Regiment hatte der Fürst aus dem Lazarett von Grandpré +gerettet; nun beschloss er, die beiden in das etwa zwei Meilen +entfernte Verdun zu schicken. Kämmerier Wagner wurde ihnen zur Pflege +mitgegeben, und ich säumte nicht, auf gnädigste vorsorgliche +Anmahnung, den vierten Platz einzunehmen. Mit Empfehlungsschreiben +and en Kommandanten wurden wir entlassen, und als beim Einsitzen der +Pudel nicht zurückbleiben durfte, so ward aus dem sonst so beliebten +Schlafwagen ein halbes Lazarett und etwas Menagerieartiges. + +Zur Eskorte, zum Quartier- und Proviantmeister erhielten wir jenen +Husaren, der, namens Liseur, aus Luxemburg gebüritg, der Gegend +kundig, Geschick, Gewandtheit und Kühnheit eines Freibeuters +vereinigte; mit Behagen ritt er vorauf und machte dem mit sechs +starken Schimmeln bespannten Wagen und sich selbst ein gutes Ansehen. + +Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wusst' ich von keiner +Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem +Zustand eine hilfreiche Maxime; mir stellte sich, sobald die Gefahr +groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, +dass Menschen, die ein durchaus gefährliche Metier treiben, sich +durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen. Die +mahomedanische Religion gibt hiervon den besten Beweis. + + + + +Den 9. Oktober. + +Unsere traurige Lazarettfahrt zog nun langsam dahin und gab zu +ernsten Betrachtungen Anlass, da wir in dieselbe Heerstraße fielen, +auf der wir mit so viel Mut und Hoffnung ins Land eingetreten waren. +Hier berührten wir nun wieder dieselbe Gegend, wo der erste Schuss +aus den Weinbergen fiel, denselben Hochweg, wo uns die hübsche Frau +in die Hände lief und zurückgeführt worden; kamen an dem Mäuerchen +vorbei, von wo sie uns mit den Ihrigen freundlich und zur Hoffnung +aufgeregt begrüße. Wie sah das alles jetzt anders aus! Und wie +doppelt unerfreulich erschienen die Folgen eines fruchtlosen Feldzugs +durch den trüben Schleier eines anhaltenden Regenwetters! + +Doch mitten in diesen Trübnissen sollte mir gerade das Erwünschteste +begegnen. Wir holten ein Fuhrwerk ein, das mit vier kleinen, +unansehnlichen Pferden vor uns herzog; hier aber gab es einen Lust- +und Erkennungsauftritt, denn es war mein Wagen, mein Diener. "Paul!" +rief ich aus, "Teufelsjunge, bist du's! Wie kommst du hierher?" +Der Koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten Stelle: welch +erfreulicher Anblick! Und als ich mich nach Portefeuille und anderem +hastig erkundigte, sprangen zwei Freunde aus dem Wagen, geheimer +Sekretär Weyland und Hauptmann Vent. Das war eine gar frohe Szene des +Wiederfindens, und ich erfuhr nun, wie es bisher zugegangen. + +Seit der Flucht jener Bauerknaben hatte mein Diener die vier Pferde +durchzubringen gewusst und sich nicht allein von Hans bis Grandpré, +sondern auch von da, als er mir aus den Augen gekommen, über die +Aisne geschleppt und immer so fort verlangt, begehrt, furagiert, +requiriert, bis wir zuletzt glücklich wieder zusammentrafen und nun, +alle vereint und höchst vergnügt, nach Verdun zogen, wo wir genugsame +Ruhe und Erquickung zu finden hofften. + +Hierzu hatte denn auch der Husar weislich und klüglich die besten +Voranstalten getroffen: er war voraus in die Stadt geritten und hatte +sich, bei der Fülle des Dranges, gar bald überzeugt, dass hier +ordnungsgemäß, durch Wirksamkeit und guten Willen eines Quartieramts, +nichts zu hoffen sei; glücklicherweise aber sah er in dem Hof eines +schönen Hauses Anstalten zu einer herannahenden Abreise, er sprengte +zurück, bedeutete uns, wie wir fahren sollten, und eilte nun, sobald +jene Partei heraus war, das Hoftor zu besetzen, dessen Schließen zu +verhindern und uns gar erwünscht zu empfangen. Wir fuhren ein, wir +stiegen aus, unter Protestation einer alten Haushälterin, welche, +soeben von einer Einquartierung befreit, keine neue, besonders ohne +Billett, aufzunehmen Lust empfand. Indessen waren die Pferde schon +ausgespannt und im Stall, wir aber hatten uns in die oberen Zimmer +geteilt; der Hausherr, ältlich, Edelmann, Ludwigsritter, ließ es +geschehen: weder er noch Familie wollten von Gästen weiter wissen, am +wenigsten diesmal von Preußen auf dem Rückzug. + + + + +Den 10. Oktober. + +Ein Knabe, der uns in der verwilderten Stadt herumführte, fragte mit +Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen +noch nicht gekostet hätten? Er führte uns darauf zu dem berühmtesten +Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem +große und kleine Öfen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in +der Mitte Tisch und Bänke zum frischen Genuss des augenblicklich +Gebacknen. Der Künstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung +höchst lebhaft aus, dass es ihm nicht möglich sei, uns zu bedienen, +da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schönsten Vorräte +des feinsten Weizenmehls; aber wozu nützten ihm diese ohne Milch und +Butter! Er rühmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der +Durchreisenden und bejammerte nur, dass er gerade jetzt, wo er sich +vor solchen Fremden zuzeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit +finde, gerade des Notwendigsten ermangeln müsste. Er beschwor uns +daher, Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur +ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon +irgendwo finden. Doch ließ er sich für den Augenblick zufrieden +stellen, als wir versprachen, bei längerem Aufenthalt von Jardin +Fontaine dergleichen herbeizuholen. + +Unsern jungen Führer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und +sich ebenso wohl auf hübsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen +schien, befragten wir nach einem wunderschönen Frauenzimmer, das sich +eben aus dem Fenster eines wohl gebauten Hauses herausbog. "Ja," +rief er, nachdem er ihren Namen genannt, "das hübsche Köpfchen mag +sich fest auf den Schultern halten: es ist auch eine von denen, die +dem König von Preußen Blumen und Früchte überreicht haben. Ihr Haus +und Familie dachten schon, sie wären wieder obendrauf, das Blatt +aber hat sich gewendet, jetzt tausch' ich nicht mir ihr." Er sprach +hierüber mit besonderer Gelassenheit, als wäre es ganz naturgemäß und +könne und werde nicht anders sein. + +Mein Diener war von Jardin Fontaine zurückgekommen, wohin er, unsern +alten Wirt zu begrüßen und den Brief an die Schwester zu Paris +wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn +gutmütig genug, bewirtete ihn aufs beste und lud die Herrschaft ein, +die er gleichfalls zu traktieren versprach. + +So wohl sollt' es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den +Kessel übers Feuer gehängt, mit herkömmlichen Ingredienzien und +Zeremonien, als eine Ordonnanz herein trat und im Namen des +Kommandanten, Herrn von Courbière, freundlich andeutete, wir möchten +uns einrichten, morgen früh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Höchst +betroffen, dass wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaßen +herstellen zu können, eiligst verlassen und uns wieder in die wüste +schmutzige Welt hinaus gestoßen sehen sollten, beriefen wir uns auf +die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte, +wir sollten diese baldmöglichst fortzubringen suchen, weil in der +Nacht die Lazarette geleert und nur die völlig intransportablen +Kranken zurückgelassen würden. + +Uns überfiel Schrecken und entsetzen; denn bisher zweifelte niemand, +dass von Seiten der Alliierten man Verdun und Longwy erhalten, wo +nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere +bereiten müsse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal +Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von +den unzähligen Kranken und dem unglaublichen Tross befreien, um sie +alsdann mit der notwendigen Garnison besetzen zu können. Kämmerier +Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Kommandanten +überbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maßregeln +zu sehen. Was es aber auch im ganzen für einen Ausgang nähme, mussten +wir uns diesmal in unser Schicksal ergeben und speisten geruhig den +einfachen Topf in verschiedenen Absätzen und Trachten, als eine +andere Ordonnanz abermals herein trat und uns beschied, wir möchten +ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen früh um drei Uhr aus Verdun zu +kommen suchen. Kämmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den +Kommandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes +Bekenntnis, dass die Festung den Franzosen sogleich wieder würde +übergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben, +gedachten der schönen geputzten Frauenzimmer, der Früchte und Blumen +und betrübten uns zum ersten Mal recht herzlich und gründlich über +eine so entschieden misslungene, große Unternehmung. + +Ob ich schon unter dem diplomatischen Korps echte und +verehrungswürdige Freunde gefunden, so konnt' ich doch, sooft ich sie +mitten unter diesen großen Bewegungen fand, mich gewisser neckischen +Einfälle nicht enthalten; sie kamen mir vor wie Schauspieldirektoren, +welche die Stücke wählen, Rollen austeilen und in unscheinbarer +Gestalt einhergehen, indessen die Truppe, so gut sie kann, aufs beste +herausgestutzt, das Resultat ihrer Bemühungen dem Glück und der Laune +des Publikums überlassen muss. + +Baron Breteuil wohnte gegen uns über; seit der Halsbandsgeschichte +war er mir nicht aus den Gedanken gekommen. Sein hass gegen den +Kardinal von Rohan verleitete ihn zu der furchtbarsten Übereilung; +die durch jenen Prozess entstandene Erschütterung ergriff die +Grundfesten des Staates, vernichtete die Achtung gegen die Königin +und gegen die obern Stände überhaupt: denn leider alles, was zur +Sprache kam, machte nur das gräuliche Verderben deutlich, worin der +Hof und die Vornehmeren befangen lagen. + +Diesmal glaubte man, er habe den auffallenden Vergleich gestiftet, +der uns zum Rückzug verpflichtete, zu dessen Entschuldigung man +höchst günstige Bedingungen voraussetzte: man versicherte, König, +Königin und Familie sollten freigegeben und sonst noch manches +Wünschenswerte erfüllt werden. Die Frage aber, wie diese großen +diplomatischen Vorteile mit allem übrigen, was uns doch auch bekannt +war, übereinstimmen sollten, ließ einen Zweifel nach dem andern +aufkeimen. + +Die Zimmer, die wir bewohnten, waren anständig möbliert; mir fiel ein +Wandschrank auf, durch dessen Glastüren ich viele regelmäßig +beschnittene gleiche Hefte in Quart erblickte. Zu meiner Verwunderung +ersah ich daraus, dass unser Wirt als einer der Notablen im Jahre +1787 zu Paris gewesen; in diesen Heften war seine Instruktion +abgedruckt. Die Mäßigkeit der damaligen Forderungen, die +Bescheidenheit, womit sie abgefasst, kontrastierten völlig mit den +gegenwärtigen Zuständen von Gewaltsamkeit, Übermut und Verzweiflung. +Ich las diese Blätter mit wahrhafter Rührung und nahm einige +Exemplare zu mir. + + + + +Den 11. Oktober. + +Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir früh um 3 Uhr eben im +Begriff, unsern gegen das Hoftor gerichteten Wagen zu besteigen, als +wir ein unüberwindliches Hindernis gewahr wurden; denn es zog schon +eine ununterbrochene Kolonne Krankenwagen zischen den zur Seite +aufgehäuften Pflastersteinen durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als +wir nun so standen, abzuwarten, was erreicht werden könnte, drängte +sich unser Wirt, der Ludwigsritter, ohne zu grüßen, an uns vorbei. +Unsere Verwunderung über sein frühes und unfreundliches Erscheinen +ward aber bald in Mitleid verkehrt; denn sein Bedienter, hinter ihm +drein, trug ein Bündelchen auf dem Stock, und so ward es nur allzu +deutlich, dass er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder +gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen +musste. + +Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor +meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft, dass +sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren gegen Zucker und Kaffee +vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glücklich gewesen +sei. Die Tätigkeit des gewandten Liseurs war hierbei nicht zu +verkennen; auch durch ihn kamen wir diesmal vom Fleck: denn er +sprengte in eine Lücke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann +so lange zurück, bis wir sechs- und vierspännig eingeschaltet waren; +da ich mich denn frischer Luft in meinem leichten Wägelchen abermals +erfreuen konnte. + +Nun bewegten wir uns mit Leichenschritt, aber bewegten uns doch; der +Tag brach an, wir befanden uns vor der Stadt in dem größtmöglichen +Gewirr und Gewimmel. Alle Arten von Wagen, wenig Reiter, unzählige +Fußgänger durchkreuzten sich auf dem großen Platz vor dem Tor. Wir +zogen mit unserer Kolonne rechts gegen Etain, auf einem beschränkten +Fahrweg mit Gräben zu beiden Seiten. Die Selbsterhaltung in einem so +ungeheuren Drange kannte schon kein Mitleiden, keine Rücksicht mehr: +nicht weit vor uns fiel ein Pferd vor einem Rüstwagen, man schnitt +die Stränge entzwei und ließ es liegen. Als nun aber die drei übrigen +die Last nicht weiterbringen konnten, schnitt man auch sie los, warf +das schwer bepackte Fuhrwerk in den Graben, und mit dem geringsten +Aufenthalt fuhren wir weiter und zugleich über das Pferd weg, das +sich eben erholen wollte, und ich sah ganz deutlich, wie dessen +Gebeine unter den Rädern knirschten und schlotterten. + +Reiter und Fußgänger suchten sich von der schmalen, unwegsamen +Fahrstraße auf die Wiesen zu retten; aber auch diese waren zugrunde +geregnet, von ausgetretenen Gräben überschwemmt, die Verbindung der +Fußpfade überall unterbrochen. Vier ansehnliche, schöne, sauber +gekleidete französische Soldaten wateten eine Zeitlang neben unseren +wagen her, durchaus nett und reinlich, und wussten so gut hin und her +zu treten, dass ihr Fußwerk nur bis an die Knorren von der +schmutzigen Wallfahrt zeugte, welche die guten Leute bestanden. + +Dass man unter solchen Umständen in Gräben, auf Wiesen, Feldern und +Angern tote Pferde genug erblickte, war natürliche Folge des +Zustands; bald aber fand man sie auch abgedeckt, die fleischigen +Teile sogar ausgeschnitten -- trauriges Zeichen des allgemeinen +Mangels! + +So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten +eigenen Stockung selbst über Bord geworfen zu werden; unter welchen +Umständen freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu +rühmen und zu preisen war. Dieselbe betätigte sich denn auch zu +Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schönen, wohl +gebauten Städtchen durch Straßen und auf Plätzen ein Sinn +verwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten: die Masse wogte +hin und her, und indem alles vorwärts drang, ward jeder dem anderen +hinderlich. Unvermutet ließ unser Führer die Wagen vor einem wohl +gebauten Haus des Marktes halten; wir traten ein, Hausherr und Frau +begrüßten uns in ehrerbietiger Entfernung. + +Man führte uns in ein getäfeltes Zimmer auf gleicher Erde, wo im +schwarz-marmornen Kamin behagliches Feuer brannte. In dem großen +Spiegel darüber beschauten wir uns ungern: denn ich hatte noch immer +nicht die Entschließung gefasst, meine langen Haare kurz schneiden zu +lassen, die jetzt wie ein verworrener Hanfrocken umher quollen; der +Bart, strauchig, vermehrte das wilde Ansehen unserer Gegenwart. + +Nun aber konnten wir, aus den niedrigen Fenstern den ganzen Markt +überschauend, unmittelbar das grenzenlose Getümmel beinahe mit Händen +greifen. Aller Art Fußgänger, Uniformierte, Marode, gesunde aber +trauernde Bürgerliche, Weiber und Kinder drängten und quetschten sich +zwischen Fuhrwerk aller Gestalt; Rüst- und Leiterwagen, Ein- und +Mehrspänner; hunderterlei eigenes und requiriertes Gepferde, +weichend, anstoßend, hinderte sich rechts und links. Auch Hornvieh +zog damit weg, wahrscheinlich geforderte, weggenommene Herden. Reiter +sah man wenig; auffallend aber waren die eleganten Wagen der +Emigrierten, vielfarbig lackiert, vergoldet und versilbert, die ich +wohl schon in Grevenmachern mochte bewundert haben. Die größte Not +entstand aber da, wo die den Markt füllende Menge in eine zwar gerade +und wohl gebaute, doch verhältnismäßig viel zu enge Straße ihren Weg +einschlagen sollte. Ich habe in meinem Leben nichts Ähnliches +gesehen; vergleichen aber ließ sich der Anblick mit einem erst über +Wiesen und Anger ausgetretenen Strom, der sich nun wieder durch enge +Brückenbogen durchdrängen und im beschränkten Bett weiter fließen +soll. + +Die lange, aus unsern Fenstern übersehbare Straße hinab schwoll +unaufhaltsam die seltsamste Woge; ein hoher zweisitziger Reisewagen +ragte über der Flut empor. Er ließ uns an die schönen Französinnen +denken; sie waren es aber nicht, sondern Graf Haugwitz, den ich mit +einiger Schadenfreude Schritt vor Schritt dahinwackeln sah. + + + + +Zum 11. Oktober. + +Ein gutes Essen war uns bereitet, die köstlichste Schöpsenkeule +besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so +waren wir, neben dem größten Getümmel, in der schönsten Beruhigung: +wie man auch wohl der stürmenden See, am Fuß eines Leuchtturms auf +dem Steindamm sitzend, der wilden Wellenbewegung zusieht und dort und +da ein Schiff ihrer Willkür preisgegeben. Aber uns erwartete in +diesem gastlichen Haus eine wahrhaft herzergreifende Familienszene. + +Der Sohn, ein schöner junger Mann, hatte schon einige Zeit, +hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den +Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die +Preußen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines +gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch +zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle +seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen müsse, eiligst +aufgeben, zurückkehren und diesseits für die gute Sache fechten. Der +Sohn, wider Willen, aus Pietät, kommt zurück, eben in dem Moment, da +Preußen, Österreicher und Emigrierte retirieren; er eilt +verzweiflungsvoll durch das Gedränge zu seinem Vaterhaus. Was soll er +nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu +sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrung, +ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger +Mann dem neuen Systeme günstig, kehrt er genötigt zu einer Partei +zurück, die er verabscheut, und eben als er sich in diese Schicksal +ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen, +weiß er sich schon in das Sünden- und Todesregister geschrieben; und +nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines +Vaters Haus gestoßen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen +möchten, müssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des +Wiedersehens, weiß nicht, wie er sich losreißen soll; die Umarmungen +sind Vorwürfe, und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht, +schrecklich. + +Unmittelbar vor unserer Stubentüre ereignete sich das alles auf der +Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich +weinend entfernt, als eine Szene, fast noch wunderbarer, +auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und, +obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lächeln +abnötigte. Einige Bauersleute, Männer, Frauen und Kinder, drangen in +unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mit zu Füßen. Mit +der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie, +dass man ihr schönes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pächter eines +ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen: eben +treibe man sie vorbei, es hätten Preußen sich derselben bemächtigt; +ich solle befehlen, solle Hilfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich +zu besinnen, ans Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter +mich und sagte: "Verzeihen Sie! Ich habe Sie für den Schwager des +Königs von Preußen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirtung zu +finden. Die Bauern hätten freilich nicht hereinkommen sollen; aber +mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und schein +überzeugt von meinen Vorschlägen." + +Was war zu tun? Überrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und +schien über die Umstände nachzudenken. Wird doch, sagt' ich zu mir +selbst, List und Verschlagenheit im Krieg gerühmt! Wer sich durch +Schelme bedienen lässt, kommt in Gefahr, von ihnen irregeführt +zu werden. Ein Schakal, unnütz und beschämend, ist hier zu +vermeiden. Und wie der Arzt in verzweifelten Fällen wohl noch ein +Hoffnungsrezept verschreibt, entließ ich die guten Menschen mehr +pantomimisch als mit Worten; dann sagt' ich mir zu meiner Beruhigung: +Hatte doch bei Sivry der echte Thronfolger den bedrängten Leuten ihr +Pferd nicht zusprechen können, so dürfte sich der untergeschobene +Schwager des Königs wohl verzeihen, wenn er die Hilfsbedürftigen mit +irgendeiner klugen, eingeflüsterten Wendung abzulehnen suchte. + +Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster +waren hell, zum Zeichen, dass alle Zimmer besetzt seien. An jeder +Haustüre ward protestiert von den Einwohnern, die keine neuen Gäste, +von den Einquartierten, die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne +viel Umstände aber drang unser Husar ins Haus, und als er einige +französische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie +zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, eine Platz am Kamin +einzuräumen. Wir traten zugleich herein; sie warne freundlich und +rückten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche +Positur, ihre aufgehobenen Füße gegen das Feuer zu strecken. Sie +liefen auch wohl einmal im Saal hin und wider und kehrten bald in +ihre vorige Lage zurück, und nun konnt' ich bemerken, dass es ihr +eigentliches Geschäft sei, den unteren Teil ihrer Gamaschen zu +trocknen. + +Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt: es waren eben +dieselbigen, die heute früh neben unserm Wagen im Schlamm so zierlich +einher traten. Nun, früher als wir angelangt, hatten sie schon +am Brunnen die untersten Teile gewaschen und gebürstet, trockneten +sie nunmehr, um morgen früh neuem Schmutz und Unrat galant +entgegenzugehen. Ein musterhaftes Betragen, an das man sich in +manchen Fällen des Lebens wohl wieder zu erinnern hat! Auch dacht' +ich dabei meiner lieben Kriegskameraden, die den Befehl zur +Reinlichkeit murrend aufgenommen hatten. + +Doch uns dergestalt untergebracht zu haben, war dem klugen, +dienstfertigen Liseur nicht genug; die Fiktion des Mittags, die sich +so glücklich erwiesen hatte, ward kühnlich wiederholt: die hohe +Generalsperson, der Schwager des Königs, wirkte mächtig und vertrieb +eine ganze Masse guter Emigrierten aus einem Zimmer mit zwei Betten. +Zwei Offiziere von Köhler nahmen wir dagegen in demselben Raum auf, +Ich aber begab mich vor die Haustüre zu dem alten erprobten +Schlafwagen, dessen Deichsel, diesmal nach Deutschland gekehrt, mir +ganz eigene Gedanken hervorrief, die jedoch durch ein schnelles +Einschlummern gar bald abgeschnitten wurden. + + + + +Den 12. Oktober. + +Der heutige Weg erschien noch trauriger als der gestrige: ermattete +Pferde waren öfter gefallen und lagen mit umgestürzten Wagen häufiger +neben der Hochstraße auf den Wiesen. Aus den geborstenen Decken der +Rüstwagen fielen gar niedliche Mantelsäcke, einem Emigriertenkorps +gehörig, hervor; das bunte, zierliche Ansehen dieses herrenlosen, +aufgegebenen Gutes lockte die Besitzlust der Vorbeiwandernden, und +mancher bepackte sich mit einer Last, die er zunächst auch wieder +abwerfen sollte. Daraus mag denn wohl die Rede entstanden sein, auf +dem Rückzug seien Emigrierte von Preußen geplündert worden. + +Von ähnlichen Vorfällen erzählte man auch manches Scherzhafte. Ein +schwer beladener Emigrantenwagen war ebenermaßen an einer Anhöhe +stecken geblieben und verlassen worden. Nachfolgende Truppen +untersuchen den Inhalt, finden Kästchen von mäßiger Größe, auffallend +schwer, belästigen sich gemeinschaftlich damit und schleppen sie mit +unsäglicher Mühe auf die nächste Höhe. Hier wollen sie nun in die +Beute und in die Last sich teilen: aber welch ein Anblick! Aus jedem +zerschlagenen Kasten fällt eine Unzahl Kartenspiele hervor, und die +Goldlustigen trösten sich im wechselseitigen Spott durch Lachen und +Possen. + +Wir aber zogen durch Longuyon nach Longwy; und hier muss man, indem +die Bilder bedeutender Freudenszenen aus dem Gedächtnis verschwinden, +sich glücklich schätzen, dass auch widerwärtige Gräuelbilder sich vor +der Einbildungskraft abstumpfen. Was soll ich also wiederholen, dass +die Wege nicht besser wurden, dass man nach wie vor zwischen +umgestürzten wagen abgedeckte und frisch ausgeschnittene Pferde aber- +und abermals rechts und links verabscheute! Von Büschen schlecht +bedeckte, geplünderte und ausgezogene Menschen konnte man oft genug +bemerken, und endlich lagen auch die vor dem offenen Blick neben der +Straße. + +Uns sollte jedoch auf einem Seitenweg abermals Erquickung und +Erholung werden, dagegen aber auch traurige Betrachtungen über den +Zustand des wohlhabenden, gutmütigen Bürgers in schrecklichem, +diesmal ganz unerwartetem Kriegsunheil. + + + + +Den 13. Oktober. + +Unser Führer wollte nicht freventlich seine braven, wohlhabenden +Verwandten in dieser Gegend gerühmt haben; er ließ uns deshalb einen +Umweg machen über Arlon, wo wir in einem schönen Städtchen, bei +ansehnlichen und wackern Leuten, in einem wohl gebauten und gut +eingerichteten Haus, von ihm angemeldet, gar freundlich aufgenommen +wurden. Die guten Personen freuten sich selbst ihres Vetters, +glaubten gewisse Besserung und nächste Beförderung schon in dem +Auftrag zu sehen, dass er uns mit zwei Wagen, so viel Pferden und, +wie er ihnen glauben gemacht hatte, mit vielem Geld und Kostbarkeiten +aus dem gefährlichsten Gewirr herauszuführen beehrt worden. Auch wir +konnten seiner bisherigen Leitung das beste Zeugnis geben, und ob wir +gleich an die Bekehrung dieses verlorenen Sohnes nicht sonderlich +glauben konnten, so waren wir ihm doch diesmal so viel schuldig +geworden, dass wir auch seinem künftigen Betragen einiges Zutrauen +nicht ganz verweigern durften. Der Schelm verfehlte nicht, mit +schmeichelhaftem Wesen das Seinige zu tun, und erhielt wirklich in +der Stille von den braven Leuten ein artiges Geschenk in Gold. Wir +erquickten uns dagegen an gutem, kaltem Frühstück und dem +trefflichsten Wein und beantworteten die Fragen der freilich auch +sehr erstaunten, wackeren Leute wegen der wahrscheinlichen nächsten +Zukunft so schonend als möglich. + +Vor dem Haus hatten wir ein paar sonderbare Wagen bemerkt, länger und +teilweise höher als gewöhnliche Rüstwagen, auch an der Seite mit +wunderlichen Ansätzen geformt. Mit rege gewordener Neugier fragte ich +nach diesem seltsamen Fuhrwerk; man antwortete mir zutraulich, aber +mit Vorsicht: es sei darin die Assignatenfabrik der Emigrierten +enthalten, und bemerkte dabei, was für ein grenzenloses Unglück +dadurch über die Gegend gebracht worden. Denn da man sich seit +einiger Zeit der echten Assignate kaum erwehren könne, so habe man +nun auch, seit dem Einmarsch der Alliierten, diese falschen in Umlauf +gezwungen. Aufmerksame Handelsleute hätten dagegen sogleich, ihrer +Sicherheit willen, diese verdächtige Papierware nach Paris zu senden +und sich von dorther offizielle Erklärung ihrer Falschheit zu +verschaffen gewusst; dies verwirre aber Handel und Wandel ins +Unendliche: denn da man bei den echten Assignaten sich nur zum Teil +gefährdet finde, bei den falschen aber gewiss gleich um das Ganze +betrogen sei, auch beim ersten Anblick niemand sie zu unterscheiden +vermöge, so wisse kein Mensch mehr, was er geben und was er empfangen +solle; dies verbreite schon bis Luxemburg und Trier solche +Ungewissheit, Misstrauen und Bangigkeit, dass nunmehr von allen +Seiten das Elend nicht größer werden könne. + +Bei allen solchen erlittenen und noch zu fürchtenden Unbilden zeigen +sich diese Personen in bürgerlicher Würde, Freundlichkeit und gutem +Benehmen zu unserer Verwunderung, wovon uns in den französischen +ernsten Dramen alter und neuer Zeit ein Abglanz herüber gekommen ist. +Von einem solchen Zustand können wir uns in eigener vaterländischer +Wirklichkeit und ihrer Nachbildung keinen Begriff machen. Die petite +ville mag lächerlich sein, die deutschen Kleinstädter sind dagegen +absurd. + + + + +Den 14. Oktober. + +Sehr angenehm überrascht fuhren wir von Arlon nach Luxemburg auf der +besten Kunststraße und wurden in diese sonst so wichtige und +wohlverwahrte Festung eingelassen wie in jedes Dorf, in jeden +Flecken. Ohne irgend angehalten oder befragt zu werden, sahen wir uns +nach und nach innerhalb der Außenwerke, der Wälle, Gräben, +Zugbrücken, Mauern und Tore, unserm Führer, der Mutter und Vater hier +zu finden vorgab, das weitere vertrauend. Überdrängt war die Stadt +von Blessierten und Kranken, von tätigen Menschen, die sich selbst, +Pferde und Fuhrwerk wieder herzustellen trachteten. + +Unsere Gesellschaft, die sich bisher zusammengehalten hatte, musste +sich trennen; mir verschaffte der gewandte Quartiermeister ein +hübsches Zimmer, das aus dem engsten Höfchen, wie aus einer +Feueresse, doch bei sehr hohen Fenstern genugsames Licht erhielt. +Hier wusste er mich mit meinem Gepäck und sonst gar wohl einzurichten +und für alle Bedürfnisse zu sorgen; er gab mir den Begriff von den +Haus- und Mietleuten des Gebäudes und versicherte, dass ich gegen +eine kleine Gabe so bald nicht ausgetrieben und wohl behandelt werden +sollte. + +Hier konnt' ich nun zum ersten Mal den Koffer wieder aufschließen und +mich meiner Reisehabseligkeiten, des Geldes, der Manuskripte wieder +versichern. Das Konvolut zur Farbenlehre bracht' ich zuerst in +Ordnung, immer meine früheste Maxime vor Augen: die Erfahrung zu +erweitern und die Methode zu reinigen. Ein Kriegs- und Reisetagebuch +mocht' ich gar nicht anrühren. Der unglückliche Verlauf der +Unternehmung, der noch Schlimmeres befürchten ließ, gab immer neuen +Anlass zum Wiederkäuen des Verdrusses und zu neuem Aufregen der +Sorge. Meine stille, von jedem Geräusch abgeschlossene Wohnung +gewährte mir wie eine Klosterzelle vollkommenen Raum zu den ruhigsten +Betrachtungen, dagegen ich mich, sobald ich nur den Fuß vor die +Haustüre hinaussetzte, in dem lebendigsten Kriegsgetümmel befand und +nach Lust das wunderlichste Lokal durchwandeln konnte, das vielleicht +in der Welt zu finden ist. + + + + +Den 15. Oktober. + +Wer Luxemburg nicht gesehen hat, wird sich keine Vorstellung +von diesem an- und übereinander gefügten Kriegsgebäude machen. +Die Einbildungskraft verwirrt sich, wenn man die seltsame +Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der sich das Auge des +hin und her gehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Plan und +Grundriss vor sich zu nehmen wird nötig sein, nachstehendes nur +einigermaßen verständlich zu finden. + +Ein Bach, Petrus genannt, erst allein, dann, verbunden mit dem +entgegenkommenden Fluss, die Elze, schlingt sich mäanderartig +zwischen Felsen durch und um sie herum, bald im natürlichen Lauf, +bald durch Kunst genötigt. Auf dem linken Ufer liegt hoch und flach +die alte Stadt; sie, mit ihren Festungswerken nach dem offenen Lande +zu, ist andern befestigten Städten ähnlich. Als man nun für die +Sicherheit derselben nach Westen Sorge getragen, sah man wohl ein, +dass man sich auch gegen die Tiefe, wo das Wasser fließt, zu +verwahren habe; bei zunehmender Kriegskunst war auch das nicht +hinreichend, man musste, auf dem rechten Ufer des Gewässers, nach +Süden, Osten und Norden auf ein- und ausspringenden Winkeln +unregelmäßiger Felspartien neue Schanzen vorschieben, nötig immer +eine zur Beschützung der andern. Hieraus entstand nun eine Verkettung +unübersehbarer Bastionen, Redouten, halber Monde und solches Zangen- +und Krakelwerk, als nur die Verteidigungskunst im seltsamsten Fall zu +leisten vermochte. + +Nichts kann deshalb einen wunderlichern Anblick gewähren, als das +mitten durch dies alles am Fluss sich hinab ziehende enge Tal, dessen +wenige Flächen, dessen sanft oder steil aufsteigende Höhen zu Gärten +angelegt, in Terrassen abgestuft und mit Lusthäusern belebt sind; von +wo aus man auf die steilsten Felsen, auf hoch getürmte Mauern rechts +und links hinaufschaut. Hier findet sich so viel Größe mit Anmut, so +viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden, dass wohl zu wünschen wäre, +Poussin hätte sein herrliches Talent in solchen Räumen betätigt. + +Nun besaßen die Eltern unseres lockeren Führers in dem Pfaffental +einen artigen abhängigen Garten, dessen Genuss sie mir gern und +freundlich überließen. Kirche und Kloster, nicht weit entfernt, +rechtfertigte den Namen dieses Elysiums, und in dieser geistlichen +Nachbarschaft schien auch den weltlichen Bewohnern Ruh' und Friede +verheißen, ob sie gleich mit jedem Blick in die Höhe an Krieg, Gewalt +und Verderben erinnert wurden. + +Jetzt nun aber aus der Stadt, wo das unselige Kriegsnachspiel +mit Lazaretten, abgerissenen Soldaten, zerstückten Waffen, +herzustellenden Achsen, Rädern und Lafetten, zugleich mit sonstigen +Trümmern aller Art aufgeführt wurde, in eine solche Stille zu +flüchten, war höchst wohltätig; aus den Straßen zu entweichen, wo +Wagner, Schmiede und andere Gewerke ihr Wesen öffentlich unermüdet +und geräuschvoll trieben, und sich in das Gärtchen im geistlichen Tal +zu verbergen, war höchst behaglich. Hier fand ein Ruh- und +Sammlungsbedürftiger das willkommenste Asyl. + + + + +Den 16. Oktober. + +Die allen Begriff übersteigende Mannigfaltigkeit der auf- und +aneinander getürmten, gefügten Kriegsgebäude, die bei jedem Schritt +vor- oder rückwärts, auf- oder abwärts ein anderes Bild zeigten, +riefen die Lust hervor, wenigstens etwas davon aufs Papier zu +bringen. Freilich musste diese Neigung auch wieder einmal sich regen, +da seit so viel Wochen mir kaum ein Gegenstand vor die Augen +gekommen, der sie geweckt hätte. Unter andern fiel es sonderbar auf, +dass so manche gegeneinander über stehende Felsen, Mauern und +Verteidigungswerke in der Höhe durch Zugbrücken, Galerien und gewisse +wunderliche Vorrichtungen verbunden waren. Irgendjemand vom Metier +hätte dieses alles mit Kunstaugen angesehen und sich mit +Soldatenblick der sichern Einrichtung erfreut; ich aber konnte nur +den malerischen Effekt ihr abgewinnen und hätte gar zu gern, wäre +nicht alles Zeichnen an und in den Festungen höchlich verpönt, meine +Nachbildungskräfte hier in Übung gesetzt. + + + + +Den 19. Oktober. + +Nachdem ich nun also mehrere Tage in diesen Labyrinthen, wo Naturfels +und Kriegsgebäu wetteifernd seltsam steile Schluchten gegeneinander +aufgetürmt und daneben Pflanzenwachstum, Baumzucht und Luftgebüsch +nicht ausgeschlossen, mich sinnend und denkend einsam genug herum +gewunden hatte. Fing ich an, nach Hause kommend, die Bilder, wie sie +sich der Einbildungskraft nach und nach einprägten, aufs Papier zu +bringen, unvollkommen zwar, doch hinreichend, das Andenken eines +höchst seltsamen Zustandes einigermaßen festzuhalten. + + + + +Den 20. Oktober. + +Ich hatte Zeit gewonnen, das kurz Vergangene zu überdenken, aber je +mehr man dachte, je verworrener und unsicherer ward alles vor dem +Blick. Auch sah ich, dass wohl das Notwendigste sein möchte, sich auf +das unmittelbar Bevorstehende zu bereiten. Die wenigen Meilen bis +Trier mussten zurückgelegt werden; aber was mochte dort zu finden +sein, da nun die Herren selbst mit andern Flüchtlingen sich +nachdrängten! + +Als das Schmerzlichste jedoch, was einen jeden, mehr oder weniger +resigniert wie er war, mit einer Art von Furienwut ergriff, empfand +man die Kunde, die sich nicht verbergen ließ, dass unsere höchsten +Heerführer mit den vermaledeiten, durch das Manifest dem Untergang +gewidmeten, durch die schrecklichsten Taten abscheulich dargestellten +Aufrührern doch übereinkommen, ihnen die Festungen übergeben mussten, +um nur sich und den Ihrigen eine mögliche Rückkehr zu gewinnen. Ich +habe von den Unsrigen gesehen, für welche der Wahnsinn zu fürchten +war. + + + + +Den 22. Oktober. + +Auf dem Weg nach Trier fand sich bei Grevenmachern nichts mehr von +jener galanten Wagenburg; öde, wüst und zerfahren lagen die Anger, +und die weit und breiten Spuren deuteten auf jenes vorübergegangene +flüchtige Dasein. Am Posthaus fuhr ich diesmal mit requirierten +Pferden ganz im stillen vorbei, das Briefkästchen stand noch auf +seinem Platz, kein Gedränge war umher, man konnte sich der +wunderlichsten Gedanken nicht erwehren. + +Doch ein herrlicher Sonnenblick belebte soeben die Gegend, als mir +das Monument von Igel, wie der Leuchtturm einem nächtlich +Schiffenden, entgegenglänzte. + +Vielleicht war die Macht des Altertums nie so gefühlt worden als an +diesem Kontrast: ein Monument, zwar auch kriegerischer Zeiten, aber +doch glücklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens +rühriger Menschen in dieser Gegend. + +Obgleich in später Zeit, unter den Antoninen, erbaut, behält es immer +noch von trefflicher Kunst so viel Eigenschaften übrig, dass es uns +im ganzen anmutig-ernst zuspricht und aus seinen, obgleich sehr +beschädigten Teilen das Gefühl eines fröhlich-tätigen Daseins +mitteilt. Es hielt mich lange fest; ich notierte manches, ungern +scheidend, da ich mich nur desto unbehaglicher in meinem erbärmlichen +Zustand fühlte. + +Doch auch jetzt wechselte schnell wieder eine freudige Aussicht in +der Seele, die blad darauf zur Wirklichkeit gelangte. + + + + +Den 23. Oktober. + +Wir brachten unserm Freunde, Leutnant von Fritsch, den wir auf seinem +Posten widerwillig zurückgelassen, die erwünschte Nachricht, dass er +den Militär-Verdienstorden erhalten habe, mit Recht, wegen einer +braven Tat, und mit Glück, ohne an unserm Jammer teilgenommen zu +haben. Die Sache verhielt sich aber also. + +Die Franzosen, weil sie uns weit genug ins Land vorgedrungen, uns in +bedeutender Entfernung, in großer Not wussten, versuchten im Rücken +einen unvermuteten Streich. Sie näherten sich Trier in bedeutender +Anzahl, sogar mit Kanonen. Leutnant von Fritsch erfährt es, und mit +weniger Mannschaft geht er dem Feind entgegen, der, über die +Wachsamkeit stutzend, mehr anrückende Truppen befürchtend, nach +kurzem Gefecht sich bis Merzig zurückzieht und nicht wieder +erscheint. Dem Freund war das Pferd blessiert, durch dieselbe Kugel +sein Stiefel gestreift, dagegen er aber auch, als Sieger +zurückkehrend, aufs beste empfangen wird. Der Magistrat, die +Bürgerschaft erzeigen ihm alle mögliche Aufmerksamkeit; auch die +Frauenzimmer, die ihn bisher als einen hübschen jungen Mann gekannt, +erfreuen sich nun doppelt an ihm als einem Helden. + +Sogleich berichtet er seinem Chef den Vorfall, der, wie billig, dem +König vorgetragen wird, worauf denn der blaue Kreuzstern erfolgt. Die +Glückseligkeit des braven Jünglings, dessen lebhafteste Freude +mitzufühlen, war ein ungemeiner Genuss; ihn hatte das Glück, das uns +vermied, in unserm Rücken aufgesucht, und er sah sich für den +militärischen gehorsam belohnt, der ihn an einer untätigen Lage zu +fesseln schien. + + + + +Den 24. Oktober. + +Der Freund hatte mir bei jenem Kanonikus abermals Quartier +verschafft. Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz +frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung. + +In diesen ruhigen Stunden nahm ich sogleich die kurzen Bemerkungen +vor, die ich bei dem Monument zu Igel aufgezeichnet hatte. + +Soll man den allgemeinsten Eindruck aussprechen, so ist hier Leben +dem Tod, Gegenwart der Zukunft entgegengestellt und beide +untereinander im ästhetischen Sinn aufgehoben. Dies war die herrliche +Art und Weise der Alten, die sich noch lange genug in der Kunstwelt +erhielt. + +Die Höhe des Monuments kann 70 Fuß betragen, es steigt in mehreren +architektonischen Abteilungen obeliskenartig hinauf: erst der Grund, +auf diesem ein Sockel, sodann die Hauptmasse, darüber eine Attike, +sodann ein Fronton und zuletzt eine wundersam sich aufschlingende +Spitze, wo sich die Reste einer Kugel und eines Adlers zeigen. Jede +dieser Abteilungen ist mit den Gliedern, aus denen sie besteht, +durchaus mit Bildern und Zierraten geschmückt. + +Diese Eigenschaft deutet denn freilich auf spätere Zeiten: denn +dergleichen tritt ein, sobald sich die reine Proportion im Ganzen +verliert, wie denn auch hier daran manches zu erinnern sein möchte. + +Dessen ungeachtet muss man anerkennen, das dieses Werk auf eine erst +kurz vergangene, höhere Kunst gegründet ist. So waltet denn auch über +das Ganze der antike Sinn, in dem das wirkliche Leben dargestellt +wird, allegorisch gewürzt durch mythologische Andeutungen. In dem +Hauptfeld Mann und Frau von kolossaler Bildung, sich die Hände +reichend, durch eine dritte, verloschene Figur, als einer Segnenden, +verbunden. Sie stehen zwischen zwei sehr verzierten, mit übereinander +gestellten tanzenden Kindern geschmückten Pilastern. + +Alle Flächen sodann deuten auf die glücklichsten +Familienverhältnisse, überein denkende und -wirkende Verwandte, +redliches, genussreiches Zusammenleben darstellend. + +Aber eigentlich waltet überall die Tätigkeit vor; ich getraue mir +jedoch nicht alles zu erklären. In einem Feld scheinen sich +Geschäft-überlegende Handelsleute versammelt zu haben; offenbar aber +sind beladene schiffe, Delphine als Verzierung, Transport auf +Saumrossen, Ankunft von waren und deren Beschauen, und was sonst noch +Menschliches und Natürliches mehr vorkommen dürfte. + +Sodann aber auch im Zodiak ein rennendes Pferd, das vielleicht +vormals Wagen und Lenker hinter sich zog, in Friesen, sodann +sonstigen Räumen und Giebelfeldern Bacchus, Faunen, Sol und Luna, und +was sonst noch Wunderbares Knopf und Gipfel verzieren und verziert +haben mag. + +Das Ganze ist höchst erfreulich, und man könnte, auf der Stufe, wo +heutzutage Bau- und Bildkunst stehen, in diesem Sinn ein herrliches +Denkmal den würdigsten Menschen, ihren Lebensgenüssen und Verdiensten +gar wohl errichten. Und so war es mir denn recht erwünscht, mit +solchen Betrachtungen beschäftigt, den Geburtstag unserer verehrten +Herzogin Amalie im Stillen zu feiern, ihr Leben, ihr edles Wirken und +wohl Tun umständlich zurückzurufen; woraus sich denn ganz natürlich +die Aufregung ergab, ihr in Gedanken einen gleichen Obelisk zu widmen +und die sämtlichen Räume mit ihren individuellen Schicksalen und +Tugenden charakteristisch zu verzieren. + + + + +Trier, den 25. Oktober. + +Die mir nunmehr gegönnte Ruh' und Bequemlichkeit benutzte ich nun, +ferner manches zu ordnen und aufzubewahren, was ich in den wildesten +Zeiten bearbeitet hatte. Ich rekapitulierte und redigierte meine +chromatischen Akten, zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln, +die ich oft genug veränderte, um das, was ich darstellen und +behaupten wollte, immer anschaulicher zu machen. Hierauf dacht' ich +denn auch, meinen dritten Teil von Fischers physikalischem Lexikon +wieder zu erlangen. Auf Erkundigung und Nachforschen fand ich endlich +die Küchenmagd im Lazarett, das man mit ziemlicher Sorgfalt in einem +Kloster errichtet hatte. Sie litt an der allgemeinen Krankheit, doch +waren die Räume luftig und reinlich; sie erkannte mich, konnte aber +nicht reden, nahm den Band unter dem Haupt hervor und übergab mir ihn +so reinlich und wohl erhalten, als ich ihn überliefert hatte, und ich +hoffe, die Sorgfalt, der ich sie empfahl, wird ihr zugute gekommen +sein. + +Ein junger Schullehrer, der mich besuchte und mir verschiedene der +neuesten Journale mitteilte, gab Gelegenheit zu erfreulichen +Unterhaltungen. Er verwunderte sich, wie so viel andere, dass ich von +Poesie nichts wissen wolle, dagegen auf Naturbetrachtungen mich mit +ganzer Kraft zu werfen schien. Er war in der Kantischen Philosophie +unterrichtet, und ich konnte ihm daher auf den Weg deuten, den ich +eingeschlagen hatte. Wenn Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft" +der ästhetischen Urteilskraft die teleologische zur Seite stellt, so +ergibt sich daraus, dass er andeuten wolle: ein Kunstwerk solle wie +ein Naturwerk, ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert +eines jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet +werden. Über solche Dinge konnte ich sehr beredet sein und glaube, +dem guten jungen Mann einigermaßen genutzt zu haben. Es ist +wundersam, wie eine jede Zeit Wahrheit und Irrtum aus dem kurz +Vergangenen, ja dem längst Vergangenen mit sich trägt und schleppt, +muntere Geister jedoch sich auf neuer Bahn bewegen, wo sie sich's +denn freilich gefallen lassen, meist allein zu gehen oder einen +Gesellen auf eine kurze Strecke mit sich fortzuziehen. + + + + +Tier, den 26. Oktober. + +Nun durfte man aber aus solchen ruhigen Umgebungen nicht +heraustreten, ohne sich wie im Mittelalter zu finden, wo +Klostermauern und der tollste unregelmäßigste Kriegszustand +miteinander immerfort kontrastierten. Besonders jammerten +einheimische Bürger sowie zurückkehrende Emigrierte über das +schreckliche Unheil, was durch die falschen Assignaten über Stadt und +Land gekommen war. Schon hatten Handelshäuser gewusst, dergleichen +nach Paris zu bringen, und von dort die Falschheit, völlige +Ungültigkeit, die höchste Gefahr vernommen, sich mit dergleichen nur +irgend abzugeben. Dass die echten gleichfalls dadurch in Misskredit +gerieten, dass man bei völliger Umkehrung der Dinge auch wohl die +Vernichtung aller dieser Papiere zu fürchten habe, fiel jedermann +auf. Dieses ungeheure Übel nun gesellte sich zu den übrigen, so dass +es vor der Einbildungskraft und dem Gefühl ganz grenzenlos erschien: +ein verzweiflungsvoller Zustand, demjenigen ähnlich, wenn man eine +Stadt vor sich niederbrennen sieht. + + + + +Trier, den 28. Oktober. + +Die Wirtstafel, an der man übrigens ganz wohl versorgt war, gab auch +ein Sinne verwirrendes Schauspiel: Militärs und Angestellte, allerart +Uniform, Farben und Trachten, im stillen missmutig, auch wohl in +Äußerungen heftig, aber alle wie in einer gemeinsamen Hölle +zusammengefasst. + +Daselbst begegnete mir ein wahrhaft rührendes Ereignis. Ein alter +Husarenoffizier, mittlerer Größe, grauen Bartes und Haares und +funkelnden Auges, kam nach Tisch auf mich zu, ergriff mich bei der +Hand und fragte: ob ich denn das alles auch mit ausgestanden habe? +Ich konnte ihm einiges von Valmy und Hans erzählen, woraus er +sich denn gar wohl das übrige nachbilden konnte. Hierauf fing +er mit Enthusiasmus und warmem Anteil zu sprechen an, Worte, +die ich nachzuschreiben kaum wage, des Inhalts: es sei schon +unverantwortlich, dass man sie, deren Metier und Schuldigkeit es +bleibe, dergleichen Zustände zu erdulden und ihr Leben dabei +zuzusetzen, in solche Not geführt, die vielleicht kaum jemals erhört +worden; dass aber auch ich -- er drückte seine gute Meinung über +meine Persönlichkeit und meine Arbeiten aus -- das hätte mit erdulden +sollen, darüber wollt' er sich nicht zufrieden geben. Ich stellte +ihm die Sache von der heiteren Seite vor, von der Seite, mit meinem +Fürsten, dem ich nicht ganz unnütz gewesen, mit so vielen wackren +Kriegsmännern, zu eigner Prüfung diese wenigen Wochen her geduldet zu +haben; allein er blieb bei seiner Rede, indessen ein Zivilist zu uns +trat und dagegen erwiderte: man sei mir Dank schuldig, dass ich das +alles mit ansehen wollen, indem man sich nun gar wohl von meiner +geschickten Feder Darstellung und Aufklärung erwarten könne. Der alte +Degen wollte davon auch nichts wissen und rief: "Glaubt es nicht, er +ist viel zu klug! Was er schreiben dürfte, mag er nicht schreiben, +und was er schreiben möchte, wird er nicht schreiben." + +Übrigens mochte man kaum hie und da hinhorchen, der Verdruss war +grenzenlos. Und wie es schon eine verdrießliche Empfindung erregt, +wenn glückliche Menschen nicht ablassen, uns ihr Behagen +vorzurechnen, so ist es noch viel unausstehlicher, wenn uns ein +Unheil, das wir selbst aus dem Sinn schlagen möchten, immer +wiederkäuend vorgetragen wird. Von den Franzosen, die man hasste, aus +dem Land gedrängt zu sein, genötigt, mit ihnen zu unterhandeln, mit +den Männern des 10. Augusts sich zu befreunden, das alles war für +Geist und Gemüt so hart, als bisher die körperliche Duldung gewesen. +Man schonte der obersten Leitung nicht, und das Vertrauen, das man +dem berühmten Feldherrn so lange Jahre gegönnt hatte, schien für +immer verloren. + + + + +Trier, den 29. Oktober. + +Als man sich nun auf deutschem Grund und Boden wieder fand und +aus der ungeheuersten Verwirrung zu entwickeln hoffen durfte, +traf uns die Nachricht von Custinens verwegenen und glücklichen +Unternehmungen. Das große Magazin zu Speyer war in seine Hände +geraten, er hatte darauf gewusst, eine Übergabe von Mainz zu +bewirken. Diese Schritte schienen die grenzenlosesten Übel nach sich +zu ziehen, sie deuteten auf einen außerordentlichen, so kühnen als +folgerechten Geist, und da musste denn schon alles verloren sein. +Nichts fand man wahrscheinlicher und natürlicher, als dass auch schon +Koblenz von den Franken besetzt sei -- und wie sollten wir unsern +Rückweg antreten! Frankfurt gab man in Gedanken gleichfalls auf; +Hanau und Aschaffenburg an einer, Kassel an der anderen Seite +sah man bedroht, und was nicht alles zu fürchten! Vom unseligen +Neutralitätssystem die nächsten Fürsten paralysiert, desto +lebendig-tätiger die von revolutionären Gesinnungen ergriffene Masse. +Sollte man, wie Mainz bearbeitet worden, nicht auch die Gegend und +die nächst anstoßenden Provinzen zu Gesinnungen vorbereiten und die +schon entwickelten schleunig benutzen? Das alles musste zum Bedanken, +zur Sprache kommen. + +Öfters hört' ich wiederholen: sollten die Franzosen wohl ohne große +Überlegung und Umsicht, ohne starke Heeresmacht solche bedeutende +Schritte getan haben? Custinens Handlungen schienen so kühn als +vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als +weise, kräftige, konsequente Männer. Die Not war groß und Sinne +verwirrend, unter allen bisher erduldeten Leiden und Sorgen ohne +Frage die größte. + +Mitten in diesem Unheil und Tumult fand mich ein verspäteter +Brief meiner Mutter, ein Blatt, das an jugendlich-ruhige, +städtisch-häusliche Verhältnisse gar wundersam erinnerte. Mein Oheim, +Schöff Textor, war gestorben, dessen nahe Verwandtschaft mich von der +ehrenhaft wirksamen Stelle eines Frankfurter Ratsherrn bei seinen +Lebzeiten ausschloss, worauf man, herkömmlich löblicher Sitte gemäß, +meiner sogleich gedachte, der ich unter den Frankfurter Graduierten +ziemlich weit vorgerückt war. + +Meine Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei mir anzufragen: ob ich +die Stelle eines Ratsherrn annehmen würde, wenn mir, unter die +Losenden gewählt, die goldene Kugel zufiele? Vielleicht konnte eine +solche Anfrage in keinem seltsamern Augenblick anlangen als in dem +gegenwärtigen; ich war betroffen, in mich selbst zurückgewiesen, +tausend Bilder stiegen mir auf und ließen mich nicht zu Gedanken +kommen. Wie aber ein Kranker oder Gefangener sich wohl im Augenblick +an einem erzählten Märchen zerstreut, so wahr auch ich in andere +Sphären und Jahre versetzt. + +Ich befand mich in meines Großvaters Garten, wo die reich mit +Pfirsichen gesegneten Spaliere des Enkels Appetit gar lüstern +ansprachen und nur die angedrohte Verweisung aus diesem Paradies, nur +die Hoffnung, die reifste, rotbäckigste Frucht aus des wohltätigen +Ahnherrn eigner Hand zu erhalten, solche Begierde bis zum endlichen +Termin einigermaßen beschwichtigen konnte. + +Sodann erblickt' ich den ehrwürdigen Altvater um seine Rosen +beschäftigt, wie er gegen die Dornen mit altertümlichen Handschuhen, +als Tribut überreicht von Zoll befreiten Städten, sich vorsichtig +verwahrte, dem edlen Laertes gleich, nur nicht wie dieser sehnsüchtig +und kummervoll. Dann erblickt' ich ihn im Ornat als Schultheiß, mit +der goldnen Kette, auf dem Thronsessel unter des Kaisers Bildnis; +sodann leider im halben Bewusstsein einige Jahre auf dem Krankenstuhl +und endlich im Sarg. + +Bei meiner letzten Durchreise durch Frankfurt hatte ich meinen Oheim +im Besitz des Hauses, Hofes und Gartens gefunden, der als wackrer +Sohn, dem Vater gleich, die höheren Stufen freistädtischer Verfassung +erstieg. Hier, im traulichen Familienkreis, in dem unveränderten, alt +bekannten Lokal riefen sich jene Knabenerinnerungen lebhaft hervor +und traten mir nun neukräftig vor die Augen. + +Sodann gesellten sich zu ihnen andere jugendliche Vorstellungen, die +ich nicht verschweigen darf. Welcher reichstädtische Bürger wird +leugnen, dass er, früher oder später, den Ratsherrn, Schöff und +Bürgermeister im Auge gehabt und, seinem Talent gemäß, nach diesen, +vielleicht auch nach minderen Stellen emsig und vorsichtig gestrebt: +denn der süße Gedanke, an irgendeinem Regiment teilzunehmen, erwacht +gar bald in der Brust eines jeden Republikaners, lebhafter und +stolzer schon in der Seele des Knaben. + +Diesen freundlichen Kinderträumen konnt' ich mich jedoch nicht lange +hingeben; nur allzu schnell aufgeschreckt, besah ich mir die +ahnungsvolle Lokalität, die mich umfasste, die traurigen Umgebungen, +die mich beengten, und zugleich die Aussicht nach der Vaterstadt +getrübt, ja verfinstert. Mainz in französischen Händen, Frankfurt +bedroht, wo nicht schon eingenommen, der Weg dorthin versperrt und +innerhalb jener Mauern, Straßen, Plätze, Wohnungen, Jugendfreunde, +Blutverwandte vielleicht schon von demselben Unglück ergriffen, daran +ich Longwy und Verdun so grausam hatte leiden sehen -- wer hätte +gewagt, sich in solchen Zustand zu stürzen! + +Aber auch in der glücklichsten Zeit jenes ehrwürdigen Staatskörpers +wäre mir nicht möglich gewesen, auf diesen Antrag einzugehen; die +Gründe waren nicht schwer auszusprechen. Seit zwölf Jahren genoss ich +eines seltenen Glückes, des Vertrauens wie der Nachsicht des Herzogs +von Weimar. Dieser von der Natur höchst begünstigte, glücklich +ausgebildete Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen +Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches +unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen wäre; +meine Dankbarkeit war ohne Grenzen, so wie die Anhänglichkeit an die +hohen Frauen Gemahlin und Mutter, an die heranwachsende Familie, an +ein Land, dem ich doch auch manches geleistet hatte. Und musste ich +nicht zugleich jenes Zirkels neu erworbener höchst gebildeter Freunde +gedenken, auch so manches andern häuslich Lieben und Guten, was sich +aus meinen treu beharrlichen Zuständen entwickelt hatte! Diese bei +solcher Gelegenheit abermals erregten Bilder und Gefühle erheiterten +mich auf einmal in dem betrübtesten Augenblick: denn man ist schon +halb gerettet, wenn man aus traurigster Lage im fremden Land einen +hoffnungsvollen Blick in die gesicherte Heimat zu tun aufgeregt wird; +so genießen wir diesseits auf Erden, was uns jenseits der Sphären +zugesagt ist. + +In solchem Sinn begann ich den Brief an meine Mutter, und wenn sich +diese Beweggründe zunächst auf mein Gefühl, auf persönliches Behagen, +individuellen Vorteil zu beziehen schienen, so hatt' ich noch andere +hinzuzufügen, die auch das Wohl meiner Vaterstadt berücksichtigten +und meine dortigen Gönner überzeugen konnten. Denn wie sollt' ich +mich in dem ganz eigentümlichen Kreis tätig wirksam erzeigen, wozu +man vielleicht mehr als zu jedem andern treulich herangebildet sein +muss? Ich hatte mich seit so viel Jahren zu Geschäften, meinen +Fähigkeiten angemessen, gewöhnt, und zwar solchen, die zu städtischen +Bedürfnissen und Zwecken kaum verlangt werden möchten. Ja, ich durfte +hinzufügen, dass, wenn eigentlich nur Bürger in den rat aufgenommen +werden sollten, ich nunmehr jenem Zustand so entfremdet sei, um mich +völlig als einen Auswärtigen zu betrachten. + +Dieses alles gab ich meiner Mutter dankbar zu erkennen, welche sich +auch wohl nichts anderes erwartete. Freilich mag dieser Brief spät +genug zu ihr gelangt sein. + + + + +Trier, den 29. Oktober. + +Mein junger Freund, mit dem ich gar manche angenehme +wissenschaftliche und literarische Unterhaltung genoss, war auch im +Geschichtlichen der Stadt und Umgebung gar wohl erfahren. Unsere +Spaziergänge bei leidlichem Wetter waren deshalb immer belehrend, +und ich konnte mir das Allgemeinste merken. + +Die Stadt an sich hat einen auffallenden Charakter: sie behauptet, +mehr geistliche Gebäude zu besitzen als irgendeine andere von +gleichem Umfang, und möchte ihr dieser Ruhm wohl kaum zu leugnen +sein; denn sie ist innerhalb der Mauern von Kirchen, Kapellen, +Klöstern, Konventen, Kollegien, Ritter- und Brüdergebäuden belastet, +ja erdrückt, außerhalb von Abteien, Stiftern, Kartausen blockiert, +ja belagert. Dieses zeugt denn von einem weiten geistlichen +Wirkungskreis, welchen der Erzbischof sonst von hier aus beherrschte; +denn seine Diözes war auf Metz, Toul und Verdun ausgedehnt. Auch dem +weltlichen Regiment fehlt es nicht an schönen Besitztümern, wie denn +der Kurfürst von Trier auf beiden Seiten der Mosel ein herrliches +Land beherrscht; und so fehlt es auch Trier nicht an Palästen, welche +beweisen, dass zu verschiedener Zeit von hier aus die Herrschaft sich +weit und breit erstreckte. + +Der Ursprung der Stadt verliert sich in die Fabelzeit; das +erfreuliche Lokal mag früh genug Anbauende hierher gelockt haben. Die +Trevirer waren ins Römische Reich eingeschlossen, erst Heiden, dann +Christen, von Normannen und von Franken überwältigt, und zuletzt ward +das schöne Land dem Römisch-Deutschen Reiche einverleibt. + +Ich wünschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen +Tagen zu sehen, ihre Bürger näher kennen zu lernen, welche von jeher +den Ruf haben, freundlich und fröhlich zu sein. Von erster +Eigenschaft finden sich in diesem Augenblick wohl noch Spuren, von +der zweiten kaum; und wie sollte Fröhlichkeit sich in einem so +widerwärtigen Zustand erhalten! + +Freilich, wer in die Annalen der Stadt zurücksieht, findet +wiederholte Nachricht von Kriegsunheil, das diese Gegend betroffen, +da das Moseltal, ja der Fluss selbst dergleichen Züge begünstigt. +Attila sogar aus dem fernsten Osten hatte mit seinem unzählbaren +Heere Vor- und Rückzug, wie wir, durch diese Flussregion genommen. +Was erduldeten die Einwohner nicht im Dreißigjährigen Kriege, bis zu +Ende des siebzehnten Jahrhunderts, indem sich der Fürst an +Frankreich, als den nachbarlichsten Alliierten, angeschlossen hatte +und darüber in langwierige österreichische Gefangenschaft geriet. +Auch an inneren Kriegen erkrankte die Stadt mehr als einmal, wie es +überall in bischöflichen Städten sich ereignen musste, wo der Bürger +mit geistlich-weltlicher Obergewalt sich nicht immer vertragen konnte. + +Mein Führer, indem er mich geschichtlich unterrichtete, machte mich +auf Gebäude der verschiedensten Zeit aufmerksam, wovon das meiste +kurios und daher wohl merkwürdig schien, weniges aber dem +Geschmacksurteil erfreulich zusagte, wie vorher an dem Monumente zu +Igel gerühmt werden konnte. + +Die Reste des römischen Amphitheaters fand ich respektabel; da aber +das Gebäude über sich selbst zusammengestürzt und wahrscheinlich +mehrere Jahrhunderte als Steinbruch behandelt war, ließ sich +nichts entziffern. Bewundernswert jedoch war noch immer, wie die +Alten, ihrer Weisheit gemäß, große Zwecke mit mäßigen Mitteln +hervorzubringen suchten und die Naturgelegenheit eines Tals zwischen +zwei Hügeln zu nutzen gewusst, wo die Gestalt des Bodens an +Exkavation und Substruktion dem Baumeister vieles glücklich ersparte. +Wenn man nun von den ersten Höhen des Martisberges, wo diese Ruine +gelegen, etwas weiter aufsteigt, so sieht man über alle Reliquien der +Heiligen, über Dom, Dächer und Schirme nach dem Apolloberg hinüber, +und so behaupten beide Götter, den Merkur zur Seite, ihres Namens +Gedächtnis: die Bilder waren zu beseitigen, der Genius nicht. + +Zu Betrachtung der Baukunst früherer Mittelzeit bietet Trier +merkwürdige Monumente: ich habe von solchen Dingen wenige Kenntnis, +und sie sprechen nicht zum gebildeten Sinn. Mich wollte der Anblick +bei einiger Teilnahme verwirren; manches davon ist verschüttet, +zerstückt, zu anderem Gebrauch gewidmet. + +Über die große Brücke, auch noch im Altertum gegründet, führte man +mich im heitersten Moment, hier nun sieht man deutlich, wie die Stadt +auf einer mit ausspringendem Winkel nach dem Fluss zudrängenden +Fläche, welche denselben gegen das linke Ufer hinweist, erbaut ist. + +Nun überschaut man vom Fuß des Apolloberges Fluss, Brücke, Mühlen, +Stadt und Gegend, da sich denn die noch nicht ganz entlaubten +Weinberg, sowohl zu unsern Füßen als auf den ersten Höhen des +Martisberges gegenüber, gar freundlich ausnahmen, anschaulich +machten, in welcher gesegneten Gegend man sich befinde, und ein +Gefühl von Wohlfahrt und Behagen erweckten, welches über den +Weinländern in der Luft zu schweben scheint. Die besten Sorten +Moselwein, die uns nun zuteil wurden, schienen nach diesem Überblick +einen angenehmern Geschmack zu haben. + + + + +Trier, den 29. Oktober. + +Unser fürstlicher Heerführer kam an und nahm Quartier im Kloster St. +Maximin. Diese reichen und sonst überglücklichen Menschen hatten denn +freilich schon eine gute Zeit her große Unruhe erduldet: die Brüder +des Königs waren dort einquartiert gewesen, und nachher war es nicht +wieder leer geworden. Eine solche Anstalt, aus Ruh' und Frieden +entsprungen, auf Ruh' und Friede berechnet, nahm sich freilich unter +diesen Umständen wunderlich aus, da, man mochte noch so schonend +verfahren, ein gewaltiger Gegensatz des Ritter- und Mönchtums sich +hervortat. Der Herzog wusste jedoch hier wie überall, selbst als +ungebetener Gast, durch Freigebigkeit und freundliches Betragen sich +und die Seinigen angenehm zu machen. + +Mich aber sollte auch hier der böse Kriegsdämon wieder verfolgen. +Unser guter Obrist von Gotsch war gleichfalls im Kloster +einquartiert; ich fand ihn zur Nacht seinen Sohn bewachend und +besorgend, welcher an der unglücklichen Krankheit gleichfalls hart +daniederlag. Hier musst' ich nun wieder die Litanei und Verwünschung +unseres Feldzugs aus dem Mund eines alten Soldaten und Vaters +vernehmen, der die sämtlichen Fehler mit Leidenschaft zu rügen +berechtigt war, die er als Soldat einsah und als Vater verfluchte. +Auch die Isletten kamen wieder zur Sprache, und es musste wirklich +ein jeder, der sich diesen unseligen Punkt deutlich machte, durchaus +verzweifeln. + +Ich erfreute mich der Gelegenheit, die Abtei zu sehen, und fand ein +weitläufiges, wahrhaft fürstliches Gebäude; die Zimmer von +bedeutender Größe und Höhe, und die Fußboden getäfelt, Samt und +damastne Tapeten, Stuckatur, Vergoldung und Schnitzwerk nicht +gespart, und was man sonst in solchen Palästen zu sehen gewohnt ist, +alles doppelt und dreifach in großen Spiegeln wiederholt. + +Auch ward den einquartierten Personen ganz wohl dahier; die Pferde +jedoch konnten nicht sämtlich untergebracht werden, sie mussten unter +freiem Himmel aushalten, ohne Lagerstätte, Raufen und Tröge. +Unglücklicherweise waren die Futtersäcke gefault, und so musste der +Hafer von der Erde aufgeschnopert werden. + +Wenn aber die Stallungen unbedeutend waren, so fand man die Keller +desto geräumiger. Noch über die eigenen Weinberge genoss das Kloster +die Einnahme von vielen Zehnten. Freilich mochte in den letzten +Monaten gar manches Stückfass geleert worden sein, es lagen deren +viele auf dem Hof. + + + + +Den 30. Oktober + +gab unser Fürst große Tafel: drei der vornehmsten geistlichen Herren +waren eingeladen, sie hatten köstliches Tischzeug, sehr schönes +Porzellanservice hergegeben; von Silber war wenig zu sehen, Schätze +und Kostbarkeiten lagen in Ehrenbreitstein. Die Speisen von den +fürstlichen Köchen schmackhaft zubereitet; Wein, der uns früher hatte +nach Frankreich folgen sollen, von Luxemburg zurückkehrend, ward hier +genossen; was aber am meisten Lob und Preis verdiente, war das +kostbarste weiße Brot, das an den Gegensatz des Kommissbrots bei Hans +erinnerte. + +Ich hatte mich, als ich nach Trierscher Geschichte in diesen Tagen +forschte, notwendig auch um die Abtei St. Maximin bekümmern müssen; +ich konnte daher mit meinem geistlichen Nachbar ein ganz +auslangendes, geschichtliches Gespräch führen. Das hohe Alter des +Stifts ward vorausgesetzt; dann gedachte man seiner mannigfaltig +wechselnden Schicksale, der nahen Lage des Stifts and er Stadt, +beiden Teilen gleich gefährlich; wie es denn im Jahr 1674 +niedergebrannt und völlig verwüstet wurde. Von dem Wiederaufbau und +der allmählichen Herstellung in den gegenwärtigen Zustand ließ ich +mich auch unterrichten. Dazu konnte man viel Gutes sagen und die +Anstalten preisen, welches der geistliche Herr auch gern vernahm; +von den letzten Zeiten aber wollte er nichts Rühmliches wissen: die +französischen Prinzen waren da lange im Quartier gelegen, und man +hatte von manchem Unfug, Übermut und Verschwendung zu hören. + +Bei Abwechslung des Gesprächs daher ging ich wieder ins +Geschichtliche zurück; als ich aber der früheren Zeit erwähnte, wo +das Stift sich dem Erzbischof gleichgesetzt und der Abt Reichsstand +des Römisch-Deutschen Reichs gewesen, wich er lächelnd aus, als wenn +er eine solche Erinnerung in der neusten Zeit für verfänglich halte. + +Die Sorge des Herzogs für sein Regiment ward nun tätig und klar; denn +als die Kranken zu Wagen fortzubringen unmöglich war, so ließ der +Fürst ein Schiff mieten, um sie bequem nach Koblenz zu transportieren. + +Nun aber kamen andere auf eine eigene Weise presshafte Kriegsmänner +an. Auf dem Rückzug hatte man gar blad bemerkt, dass die Kanonen +nicht fortzubringen seien: die Artilleriepferde kamen um, eines nach +dem andern, wenig Vorspann war zu finden, die Pferde, auf dem Hinzug +requiriert, beim Herzug geflüchtet, fehlten überall. Man griff zu der +letzten Maßregel: Von jedem Regiment musste eine starke Anzahl Reiter +absitzen und zu Fuß wandern, damit das Geschütz gerettet werde. In +ihren steifen Stiefeln, die zuletzt nicht mehr durchhalten wollten, +litten diese braven Menschen bei dem schrecklichen Wege unendlich; +aber auch ihnen erheiterte sich die Zeit, denn es ward Anstalt +getroffen, dass auch sie zu Wasser nach Koblenz fahren konnten. + + + + +November. + +Mein Fürst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten, +eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu +erkundigen. Bei später Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten, +ward ich bei diesem mir früher nicht ungewogenen, bedeutenden Mann +eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing, +war wohltätig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfüllung +meiner Wünsche. Er entließ mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne +mich im mindesten zu fördern, und man wird mir zutrauen, dass ich +darauf vorbereitet gewesen. + +Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermüdeten Reiter eifrig +betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefühl, es sei wohl am +besten getan, einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern ließ +ich meine Chaise zurück, die man mir aber nach Koblenz nachzusenden +versprach, und mietete ein einmänniges Boot, wo mir denn beim +Einschiffen meine sämtlichen Habseligkeiten, gleichsam vorgezählt, +einen sehr angenehmen Eindruck machten, indem ich sie mehr als einmal +verloren glaubte oder zu verlieren fürchtete. Zu dieser Fahrt +gesellte sich ein preußischer Offizier, den ich als alten Bekannten +aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine +Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewöhnlich den +Kaffee wollte präsentiert haben. + +Das Wetter war leidlich, die Fahrt ruhig, und man erkannte die Anmut +dieser Wohltat umso mehr, je mühseliger auf dem Landweg, der sich dem +Fluss hie und da näherte, die Kolonnen dahin zogen oder auch wohl von +Zeit zu Zeit stockend verweilten. Schon in Trier hatte man geklagt, +dass bei so eiligem Rückmarsch die größte Schwierigkeit sei, Quartier +zu finden, indem gar oft die einem Regiment angewiesenen Ortschaften +schon besetzt gefunden worden, wodurch große Not und Verwirrung +entstehe. + +Die Uferansichten der Mosel waren längs dieser Fahrt höchst +mannigfaltig; denn obgleich das Wasser eigensinnig seinen Hauptlauf +von Südwest nach Nordost richtet, so wird es doch, da es ein +schikanöses gebirgisches Terrain durchstreift, von beiden Seiten +durch vorspringende Winkel bald rechts bald links gedrängt, so dass +es nur im weitläufigen Schlangengang fortwandeln kann. Deswegen ist +denn aber auch ein tüchtiger Fährmeister höchst nötig; der unsere +bewies Kraft und Gewandtheit, indem er bald hier einen vorgeschobenen +Kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler Felswand +herflutenden Strom zu schnellerer Fahrt kühn zu benutzen wusste. Die +vielen Ortschaften zu beiden Seiten gaben den muntersten Anblick; der +Weinbau, überall sorgfältig gepflegt, ließ auf ein heiteres Volk +schließen, das keine Mühe schont, den köstlichen Saft zu erzielen. +Jeder sonnige Hügel war benutzt, bald aber bewunderten wir schroffe +Elsen am Strom, auf deren schmalen vorragenden Kanten, wie auf +zufälligen Naturterrassen, der Weinstock zum allerbesten gedieh. + +Wir landeten bei einem artigen Wirtshaus, wo uns eine alte Wirtin +wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrierten +aber besonders alles Böse gönnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem +Wirtstisch gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen +Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf +geworfen, so dass sie und ihre Mägde es nachher mit Tränen +zusammengekehrt. + +Und so ging es mit gutem Glück und Mut immer weiter hinab bis zur +Dämmerung, da wir uns denn aber in das mäandrische Flussgewinde, wie +es sich gegen die Höhen von Montroyal herandrängt, verschlungen +sahen. Nun überfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder +auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster, eingeengt wussten +wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm, +bisher schon ruckweise verkündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach: +bald schwoll der Strom im Gegenwind, bald wechselten abprallende +Windstöße niederstürzend mit wütendem Sausen; eine Welle nach der +anderen schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnässt. Der +Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer +größer, je länger sie dauerte, und der Drang war aufs höchste +gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er +sei, noch wohin er steuern solle. + +Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefasst. Wir +schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir +schienen, dass Massen über mir doch noch etwas dunkler als +der verfinsterte Himmels ich dem Auge bemerkbar machten; dies +gewährte jedoch wenig Trost und Hoffnung: zwischen Land und Fels +eingeschlossen zu sein, drang sich immer ängstlicher auf. Und so +wurden wir im Stockfinstern lange hin und her geworfen, bis sich +endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun +ward nach Möglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich +Paul nach Kräften tätig erwies. + +Endlich stiegen wir in Trarbach glücklich ans Land, wo man uns in +einem leidlichen Gasthof Henne mit Reis alsobald anbot. Ein +angesehener Kaufmann aber, die Landung von Fremden in so tiefer +stürmischer Nacht vernehmend, nötigte uns in sein Haus, wo wir bei +hellem Kerzenschein, in wohl geschmückten Zimmern englische schwarze +Kunstblätter, in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen, mit Freude, +ja mit Rührung gegen die kurz vorher erduldeten finsteren +Gefährlichkeiten begrüßend erblickten. Herr und Frau, noch junge +Leute, beeiferten sich, uns gütlich zu tun; wir genossen des +köstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefährte, der eine +Wiederherstellung freilich am nötigsten haben mochte, besonders +erquickte. + +Paul gestand, dass er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir +scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich +denn freilich nur allein möchte durchgebracht haben. + +Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon +wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der +freundliche Wirt wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte +vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch +von einer benachbarten Höhe die weiteste, schönste Aussicht übe rein +bedeutend Gelände und manches andere, was uns zur Erquickung und +Zerstreuung hätte dienen können. Aber es ist wunderbar: wie sich der +Mensch an ruhige Zustände gewöhnt und in denselben verharren mag, so +gibt es auch eine Gewöhnung zum Unruhigen; es war in mir die Nötigung +zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte. + +Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, nötigte uns der wackere +Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige +Bequemlichkeit hätten; die Frau gab solche nicht gerne her, welches +ihr, da der Barchent neu und schön, gar nicht zu verdenken war. Und +so ereignet sich's oft in Einquartierungsfällen, dass bald der eine, +bald der andere Gatte dem aufgedrungenen Gast mehr oder weniger wohl +will. + +Bis Koblenz schwammen wir ruhig hinunter, und ich erinnere mich nur +deutlich, dass ich am Ende der Fahrt das schönste Naturbild gesehen, +was mir vielleicht zu Augen gekommen. Als wir gegen die Moselbrücke +zu fuhren, stand uns dieses schwarze mächtige Bauwerk kräftig +entgegen; durch die Bogenöffnungen aber schauten die stattlichen +Gebäude des Tals, über der Brückenlinie sodann das Schloss +Ehrenbreitstein im blauen Duft durch und hervor. Rechts bildete die +Stadt, an die Brücke sich anschließend, einen tüchtigen Vorgrund. +Dieses Bild gab einen herrlichen, aber nur augenblicklichen Genuss, +denn wir landeten und schickten sogleich gewissenhaft die Matratzen +unversehrt an das von den wackeren Trarbachern uns bezeichnete +Handelshaus. + +Dem Herzog von Weimar war ein schönes Quartier eingeräumt, worin auch +ich ein gutes Unterkommen fand. Die Armee rückte nach und nach heran; +die Dienerschaft des fürstlichen Generals traf ein und konnte nicht +genug von den Unbilden erzählen, die sie erleiden müssen. Wir +segneten uns, die Wasserfahrt eingeschlagen zu haben, und die +glücklich überstandene Windsbraut schien nur ein geringes Übel gegen +eine stockende und überall gehinderte Landfahrt. + +Der Fürst selbst war angekommen, um den König versammelten sich viele +Generale. Ich aber, in einsamen Spaziergängen den Rhein hin, +wiederholte mir die wunderlichen Ereignisse der vergangenen Wochen. + + * * * * * + +Ein französischer General, Lafayette, Haupt einer großen Partei, vor +kurzem der Abgott seiner Nation, des vollkommensten Vertrauens der +Soldaten genießend, lehtn sich gegen die Obergewalt auf, die allein +nach Gefangennehmung des Königs das Reich repräsentiert; er +entflieht, seine Armee, nicht stärker als 23000 Mann, bleibt ohne +General und Oberoffiziere, desorganisiert, bestürzt. + +Zur selbigen Zeit betritt ein mächtiger König, mit einem 80000 Mann +starken verbündeten Heer, den Boden von Frankreich; zwei befestigte +Städte, nach geringem Zaudern, ergeben sich. + +Nun erscheint ein wenig gekannter General, Dumouriez; ohne jemals +einen Oberbefehl geführt zu haben, nimmt er, gewandt und klug, eine +sehr starke Stellung; sie wird durchbrochen, und doch erreicht er +eine zweite, wird auch daselbst eingeschlossen und zwar so, dass der +Feind sich zwischen ihn und Paris stellt. + +Aber sonderbar verwickelte Zustände werden durch anhaltendes +Regenwetter herbeigeführt; das furchtbare alliierte Heer, nicht +weiter als sechs Stunden von Chalons und zehn von Reims, sieht sich +abgehalten, diese beiden Orte zu gewinnen, bequemt sich zum Rückzug, +räumt die zwei eroberten Plätze, verliert über ein Drittel seiner +Mannschaft, und davon höchstens 2000 durch die Waffen, und sieht sich +nun wieder am Rhein. Alle diese Begegnisse, die an das Wunderbare +grenzen, ereignen sich in weniger als sechs Wochen, und Frankreich +ist aus der größten Gefahr gerettet, deren seien Jahrbücher jemals +gedenken. + +Vergegenwärtige man sich nun die vielen tausend Teilnehmer an solchem +Missgeschick, denen das grimmige Leibes- und Seelenleiden einiges +Recht zur Klage zu geben schien, so wird man sich leicht vorstellen, +dass nicht alles im stillen abgetan ward, und so sehr man sich auch +vorzusehen gedachte, doch aus einem vollen Herzen der Mund zuzeiten +überging. + +Und so begegnete denn auch mir, dass ich an großer Tafel neben einem +alten trefflichen General saß und vom Vergangenen zu sprechen mich +nicht ganz enthielt, worauf er mir, zwar freundlich, aber mit +gewisser Bestimmtheit antwortete: "Erzeigen Sie mir morgen früh die +Ehre, mich zu besuchen, da wir uns hierüber freundlich und aufrichtig +besprechen wollen." Ich schien es anzunehmen, blieb aber aus und +gelobte mir innerlich, das gewohnte Stillschweigen so bald nicht +wieder zu brechen. + +Auf der Wasserfahrt sowie auch in Koblenz hatte ich manche Bemerkung +gemacht zum Vorteil meiner chromatischen Studien; besonders war mir +über die epooptischen Farben ein neues Licht aufgegangen, und ich +konnte immer mehr hoffen, die physischen Erscheinungen in sich zu +verknüpfen und sie von andern abzusondern, mit denen sie in +entfernterer Verwandtschaft zu stehen schien. + +Auch kam mir des treuen Kämmerier Wagner Tagebuch zu Ergänzung des +meinigen gar wohl zustatten, das ich in den letzten Tagen ganz und +gar vernachlässigt hatte. + +Des Herzogs Regiment war herangekommen und kantonierte in den Dörfern +gegen Neuwied über. Hier bewies der Fürst die väterlichste Sorgfalt +für seine Untergebenen: jeder einzelne durfte seine Not klagen, und +soviel nur möglich ward abgestellt und nachgeholfen. Leutnant von +Flotow, in der Stadt auf Kommando stehend und dem Wohltäter am +nächsten, erwies sich tätig und hilfreich. Dem Hauptbedürfnis an +Schuhen und Stiefeln wurde dadurch abgeholfen, dass man Leder kaufte +und die im Regiment sich findenden Schuster unter den Meistern der +Stadt arbeiten ließ. Auch für Reinlichkeit und Zierde war gesorgt, +gelbe Kreide angeschafft, die Kolletts gesäubert und gefärbt, und +unsere Reiter trabten wieder ganz schmuck einher. + +Meine Studien jedoch sowohl als die heitere Unterhaltung mit den +Kanzlei- und Hausgenossen wurden gar sehr belebt durch den Ehrenwein, +welcher, von trefflicher Moselsorte, unserem Fürsten vom Stadtrat +gereicht ward und welchen wir, da der Fürst meist auswärts speiste, +zu genießen die Erlaubnis hatten. Als wir Gelegenheit fanden, einem +von den Gebern darüber ein Kompliment zu machen, und dankbar +anerkannten, dass sie sich bei solcher Gelegenheit um unsertwillen +mancher guten Flasche berauben wollen, vernahmen wir die Erwiderung: +dass sie uns dies und noch viel mehr gönnten und nur die Fässer +bedauerten, welche sie an die Emigrierten wenden müssen, welche zwar +viel Geld, aber auch viel Unheil über die Stadt gebracht, ja den +Zustand derselben völlig umgekehrt; besonders aber wollte man +ihr Betragen gegen den Fürsten nicht rühmen, an dessen Stelle +sie sich gewissermaßen gesetzt und gegen seine Willen kühnlich +Unverantwortliches unternommen. + +In der letzten, Unheil drohenden Zeit, war er auch nach Regensburg +abgereist, und ich schlich, zu schöner heiterer Mittagsstunde, an +sein Schloss hin, das auf dem linken Rheinufer, etwas oberhalb der +Stadt, wunderschön, seitdem ich diese Gegen nicht betreten, aus der +Erde gewachsen war. Es stand einsam und als die allerneuste, wenn +auch nicht architektonische, doch politische Ruine da, und ich hatte +nicht den Mut, mir von dem umherwandelnden Schlossvogt den Eingang zu +gewinnen. Wie schön war die nähere und weitere Umgebung, wie angebaut +und gartenreich der Raum zwischen Schloss und Stadt, die Aussicht den +Rhein stromauf ruhig und besänftigend, gegen Stadt und Festung aber +prächtig und aufregend. + +In der Absicht, mich übersetzen zu lassen, ging ich zur fliegenden +Brücke, ward aber aufgehalten oder hielt mich vielmehr selbst auf, in +Beschauung eines österreichischen Wagentransportes, welcher nach und +nach übergesetzt wurde. Hier ereignete sich ein Streit zwischen einem +preußischen und österreichischen Unteroffizier, welcher den Charakter +beider Nationen klar ins Licht setzte. + +Vom Österreicher, der hierher postiert war, um die möglich schnelle +Überfahrt der Wagenkolonne zu beaufsichtigen, aller Verwirrung +vorzubeugen und deshalb kein anderes Fuhrwerk dazwischen zu lassen, +verlangte der Preuße heftig eine Ausnahme für sein Wägelchen, auf +welchem Frau und Kind mit einigen Habseligkeiten gepackt waren. Mit +großer Gelassenheit versagte der Österreicher die Forderung, auf die +Order sich berufend, die ihm dergleichen ausdrücklich verbiete; der +Preuße ward heftiger, der Österreicher wo möglich gelassener; er litt +keine Lücke in der ihm empfohlenen Kolonne, und der andere fand sich +einzudrängen keinen Raum. Endlich schlug der Zudringliche an seinen +Säbel und forderte den Widerstehenden heraus: mit Drohen und +Schimpfen wollte er seinen Gegner ins nächste Gässchen bewegen, um +die Sache daselbst auszumachen; der höchst, ruhige, verständige Mann +aber, der die Rechte seines Postens gar wohl kannte, rührte sich +nicht und hielt Ordnung nach wie vor. + +Ich wünschte diese Szene wohl von einem Charakterzeichner aufgefasst, +denn wie im Betragen so auch in Gestalt unterschieden sich beide: der +Gelassene war stämmig und stark, der Wütende -- denn zuletzt erwies +er sich so -- hager, lang, schmächtig und rührig. + +Die auf diesen Spaziergang zu verwendende Zeit war zum Teil schon +verstrichen, und mir vertrieb die Frucht vor ähnlichen Retardationen +bei der Rückkehr jede Lust, das sonst so geliebte Tal zu besuchen, +das doch nur das Gefühl schmerzlichen Entbehrens erregt und mich +fruchtlos zu Betrachtung früherer Jahre aufgeregt hätte; doch stand +ich lange hinüberschauend, friedlicher Zeiten mitten im verwirrenden +Wechsel irdischer Ereignisse treulich eingedenk. + +Und so traf es zufällig, dass ich von den Maßregeln zum ferneren +Feldzug auf dem rechten Ufer näher unterrichtet ward. Des Herzogs +Regiment rüstete sich, hinüberzuziehen; der Fürst selbst mit seiner +ganzen Umgebung sollte folgen. Mir bangte vor jeder Fortsetzung des +kriegerischen Zustandes, und das Fluchtgefühl ergriff mich abermals. +Ich möchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins +Weite statt ins Enge. Ich stand, der herrliche Fluss lag vor mir: er +geleitete so sanft und lieblich hinunter, in ausgedehnter breiter +Landschaft; er floss zu Freunden, mit denen ich, trotz manchem +Wechseln und Wenden, immer treu verbunden geblieben. Mich verlangte +aus der fremden, gewaltsamen Welt an Freundesbrust, und so mietete +ich, nach erhaltenem Urlaub, eilig einen Kahn bis Düsseldorf, meine +noch immer zurückbleibende Chaise Koblenzer Freunden empfehlend, mit +Bitte, sie mir hinabwärts zu spedieren. + +Als ich nun mit meinen Habseligkeiten mich eingeschifft und sogleich +auf dem Strom dahin schwimmen sah, begleitet vom getreuen Paul und +einem blinden Passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband, +heilt ich mich für glücklich und von allem Übel befreit. + +Indessen standen noch einige Abenteuer bevor. Wir hatten nicht lange +flussabwärts gerudert, als zu bemerken war, dass der Kahn ein starkes +Leck haben müsse, indem der Fährmann von Zeit zu Zeit das Wasser +fleißig ausschöpfte. Und nun entdeckte ich erst, dass wir, bei +übereilt unternommener Fahrt, nicht bedacht hatten, wie auf die weite +Strecke hinab vom Koblenz bis Düsseldorf der Schiffer nur ein altes +Boot zu nehmen pflegt, um es unten als Brennholz zu verkaufen und, +sein Fährgeld in der Tasche, ganz leicht nach Hause zu wandern. + +Indessen fuhren wir getrost dahin. Eine sternhelle, doch sehr kalte +Nacht begünstigte unsere Fahrt, als auf einmal der fremde Ruderer +verlangte, ans Land gesetzt zu werden, und sich mit dem Schiffer zu +streiten anfing, an welcher Stelle es denn eigentlich für den Wandrer +am vorteilhaftesten sei; worüber sie sich nicht vereinigen konnten. + +Unter diesen Händeln, die mit Heftigkeit geführt wurden, stürzte +unser Fährmann ins Wasser und wurde nur mit Mühe herausgezogen. Nun +konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat +dringend um die Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu dürfen, um sich zu +trocknen und zu erwärmen. Mein Diener ging mit ihm in eine +Schifferkneipe, ich aber beharrte, unter freiem Himmel zu bleiben, +und ließ mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So +groß ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten +sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor +Dach und Zimmer graute. Diesmal aber entstand daraus für mich ein +neues Unheil, welches man freilich hätte vorhersehen sollen: den Kahn +hatte man zwar soweit als möglich auf den Strand gezogen, aber nicht +so weit, dass er nicht durch das Leck noch hätte Wasser einnehmen +können. + +Nach einem tiefen Schlaf fand ich mich mehr als erfrischt, denn das +Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine +Habseligkeiten durchnässt. Ich war daher genötigt, aufzustehen, das +Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glühwein +schlürfender Gesellschaft so gut als möglich zu trocknen, worüber +denn der Morgen ziemlich herankam und eine verspätete Reise durch +frisches Rudern eifrig beschleunigt wurde. + + + + +Zwischenrede + + +Wenn ich mich nun so, in der Erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen +sehe, wüsst' ich nicht genau zu sagen, was in mir vorging. Der +Anblick eines friedlichen Wasserspiegels, das Gefühl der bequemen +Fahrt auf demselben ließ mich nach der kurz vergangenen Zeit +zurückschauen wie auf einen bösen Traum, von dem ich mich soeben +erwacht fände; ich überließ mich den heitersten Hoffnungen eines +nächsten gemütlichen Zusammenseins. + +Nun aber, wenn ich mitzuteilen fortfahren soll, muss ich eine andere +Behandlung wählen, als dem bisherigen Vortrag wohl geziemte: denn wo +Tag für Tag das Bedeutendste vor unsern Augen vorgeht, wenn wir mit +so viel Tausenden leiden und fürchten und nur furchtsam hoffen, dann +hat die Gegenwart ihren entschiedenen Wert und, Schritt vor Schritt +vorgetragen, erneut sie das Vergangene, indem sie auf die Zukunft +hindeutet. + +Was aber in geselligen Zirkeln sich ereignet, kann nur aus einer +sittlichen Folge der Äußerungen innerlicher Zustände begriffen +werden: die Reflexion ist hier an ihrer Stelle, der Augenblick +spricht nicht für sich selbst, Andenken an das Vergangene, spätere +Betrachtungen müssen ihn dolmetschen. + +Wie ich überhaupt ziemlich unbewusst lebte und mich vom Tag zum Tage +führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht übel +befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nächst zu +erwartende Person noch eine irgend zu betretende Stelle voraus zu +denken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu +lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß: man braucht von +einer vorgefassten Idee nicht wieder zurückzukommen, nicht ein +selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und mit +Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen; der Nachteil +dagegen mag wohl hervortreten, dass wir mit Unbewusstsein in +wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden +ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreif zu finden wissen. + +In eben dem Sinn war ich auch niemals aufmerksam, was meine +persönliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke, da +ich denn oft ganz unerwartet fand, dass ich Neigung oder Abneigung +und sogar oft beides zugleich erregte. + +Wollte man nun auch dieses Betragen als eine individuelle Eigenheit +weder loben noch tadeln, so muss doch bemerkt werden, dass sie im +gegenwärtigen Fall gar wunderliche Phänomene, und nicht immer die +erfreulichsten, hervorbrachte. + +Ich war mit jenen Freunden seit vielen Jahren nicht zusammengekommen; +sie hatten sich getreu an ihrem Lebensgang gehalten, dagegen mir das +wunderbare Los beschieden war, durch manche Stufen der Prüfung, des +Tuns und Duldens durchzugehen, so dass ich, in eben der Person +beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden +fast unkenntlich auftrat. + +Es würde schwer halten, auch in späteren Jahren, wo eine freiere +Übersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen +Übergängen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rückschritt +erscheinen und doch alle dem Gott geführten Menschen zu Nutz und +Frommen gereichen müssen. Ungeachtet solcher Schwierigkeiten aber +will ich, meinen Freunden zuliebe, einige Andeutung versuchen. + +Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man +Sehnsucht an ihm gewahr wird: sie drückt Besitz und Wunsch zugleich +aus, den Besitz eines zärtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches +in andern zu finden; durch jenes zeihen wir an, durch dieses geben +wir uns hin. + +Das Sehnsüchtige, das in mir lag, das ich in früheren Jahren +vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben kräftig zu +bekämpfen trachtete, wollte dem Mann nicht mehr ziemen, nicht mehr +genügen, und er suchte deshalb die volle, endliche Befriedigung. + +Das Ziel meiner innigsten Sehnsucht, deren Qual mein ganzes Inneres +erfüllte, war Italien, dessen Bild und Gleichnis mir viele Jahre +vergebens vorschwebte, bis ich endlich durch kühnen Entschluss die +wirkliche Gegenwart zu fassen mich erdreistete. In jenes herrliche +Land sind mir meine Freunde gern auch in Gedanken gefolgt, sie haben +mich auf Hin- und Herwegen begleitet; möchten sie nun auch nächstens +den längeren Aufenthalt daselbst mit Neigung teilen und von dort mich +wieder zurück begleiten, da sich alsdann manches Problem fasslicher +auflösen wird. + +In Italien fühlt' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen +entrissen, falschen Wünschen enthoben, und an die Stelle der +Sehnsucht nach dem Land der Künste setzte sich die Sehnsucht nach der +Kunst selbst: ich war sie gewahr geworden, nun wünscht' ich sie zu +durchdringen. + +Das Studium der Kunst, wie das der alten Schriftsteller, gibt uns +einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst: indem sie unser +Inneres mit großen Gegenständen und Gesinnungen füllt, bemächtigt sie +sich aller Wünsche, die nach außen strebten, hegt aber jedes würdige +Verlangen im stillen Busen; das Bedürfnis der Mitteilung wird immer +geringer, und wie Malern, Bildhauern, Baumeistern, so geht es auch +dem Liebhaber: er arbeitet einsam, für Genüsse, die er mit andern zu +teilen kaum in den Fall kommt. + +Aber zu gleicher Zeit sollte mich noch eine Ableitung der Welt +entfremden, und zwar die entschiedenste Wendung gegen die Natur, zu +der ich aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt +worden. Hier fand ich weder Meister noch Gesellen und musste selbst +für alles stehen. In der Einsamkeit der Wälder und Gärten, in den +Finsternissen der dunklen Kammer wär' ich ganz einzeln geblieben, +hätte mich nicht en glückliches, häusliches Verhältnis in dieser +wunderlichen Epoche lieblich zu erquicken gewusst. Die "Römischen +Elegien," die "Venezianischen Epigramme" fallen in diese Zeit. + +Nun aber sollte mir auch ein Vorgeschmack kriegerischer +Unternehmungen werden: denn, der schlesischen, durch den +Reichenbacher Kongress geschlichteten Kampagne beizuwohnen beordert, +hatte ich mich in einem bedeutenden Land durch manche Erfahrung +aufgeklärt und erhoben gesehen und zugleich durch anmutige +Zerstreuung hin- und hergaukeln lassen, indessen das Unheil der +französischen Staats-Umwälzung, sich immer weiter verbreitend, +jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf +die Oberfläche der europäischen Welt zurückforderte und ihm die +grausamsten Wirklichkeiten aufdrang. Rief mich nun gar die Pflicht, +meinen Fürsten und Herrn erst in die bedenklichen, bald aber +traurigen Ereignisse des Tags abermals hinein zu begleiten und das +Unerfreuliche, das ich nur gemäßigt meinen Lesern mitzuteilen gewagt, +männlich zu erdulden, so hätte alles, was noch Zartes und Herzliches +sich ins Innerste zurückgezogen hatte, auslöschen und verschwinden +mögen. + +Fasse man dies alles zusammen, so wird der Zustand, wie er +nachstehend skizzenhaft verzeichnet ist, nicht ganz rätselhaft +erscheinen; welches ich umso mehr wünschen muss, da ich ungern dem +Trieb widerstehe, diese vor vielen Jahren flüchtig verfassten Blätter +nach gegenwärtiger Einsicht und Überzeugung umzuschreiben. + + + + +Pempelfort, November 1792. + +Es war schon finster, als ich in Düsseldorf landete und mich +daher mit Laternen nach Pempelfort bringen ließ, wo ich nach +augenblicklicher Überraschung die freundlichste Aufnahme fand; +vielfaches Hin- und Hersprechen, wie ein solches wieder Sehen +aufregt, nahm einen Teil der Nacht hinweg. + +Den nächsten Tag war ich durch Fragen, Antworten und Erzählen +bald eingewohnt: der unglückliche Feldzug gab leider genugsame +Unterhaltung, niemand hatte sich den Ausgang so traurig gedacht. +Aber auch aussprechen konnte niemand die tiefe Wirkung eines beinahe +vierwöchentlichen furchtbaren Schweigens, die sich immer steigernde +Ungewissheit bei dem Mangel aller Nachrichten. Eben als wäre das +alliierte Heer von der Erde verschlungen worden, so wenig verlautete +von demselben; jedermann, in eine grässliche Leere hineinblickend, +war von Furcht und Ängsten gepeinigt, und nun erwartete man mit +Entsetzen die Kriegsläufe schon wieder in den Niederlanden, man sah +das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht. + +Von solchen Betrachtungen zerstreuten uns moralische und literarische +Verhandlungen, wobei mein Realismus, zum Vorschein kommend, die +Freunde nicht sonderlich erbaute. + +Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen +zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben +Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bund dienend, +durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und +Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eigenen Zustandes. Man +verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte +mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um +zu bemerken, dass niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine +wandernde Familie in irgendeinem Hafen und mein weiteres Manuskript +auf sich selbst beruhen. + +Meine Freunde jedoch, die sich in so veränderte Gesinnung nicht +gleich ergeben wollten, versuchten mancherlei, um frühere Gefühle +durch ältere Arbeiten wieder hervorzurufen, und gaben mir "Iphigenie" +zur abendlichen Vorlesung in die Hand; das wollte mir aber gar nicht +munden, dem zarten Sinn fühlt' ich mich entfremdet; auch von andern +vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lästig. Indem aber das Stück +gar blad zurückgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen +höheren Grad von Folter zu prüfen gedenke. Man brachte "Ödipus auf +Kolonos," dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und +Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhärteten Sinn +ganz unerträglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus. Da +ergab man sich denn wohl in die Gesinnung des veränderten Freundes: +fehlte es doch nicht an so mancherlei Anhaltepunkten des Gesprächs. + +Aus den früheren Zeiten deutscher Literatur ward manches einzelne +erfreulich hervorgerufen, niemals aber drang die Unterhaltung in +einen tieferen Zusammenhang, weil man Merkmale ungleicher Gesinnung +vermeiden wollte. + +Soll ich irgendetwas Allgemeines hier einschalten, so war es schon +seit zwanzig Jahren wirklich eine merkwürdige Zeit, wo bedeutende +Existenzen zusammentrafen und Menschen von einer Seite sich +aneinander schlossen, obgleich von der andern höchst verschieden: +jeder brachte einen hohen Begriff von sich selbst zur Gesellschaft, +und man ließ sich eine wechselseitige Verehrung und Schonung gern +gefallen. + +Das Talent befestigte seinen erworbenen Besitz einer allgemeinen +Achtung, durch gesellige Verbindungen wusste man sich zu hegen und zu +fördern, die errungenen Vorteile wurden nicht mehr durch einzelne, +sondern durch die übereinstimmende Mehrheit erhalten. Dass hierbei +eine Art Absichtlichkeit durchwalten musste, lag in der Sache; so +gut wie andere Weltkinder verstanden sie, eine gewisse Kunst in +ihre Verhältnisse zu legen: man verzieh sich die Eigenheiten, eine +Empfindlichkeit heilt der andern die Wage, und die wechselseitigen +Missverständnisse blieben lange verborgen. + +Zwischen diesem allen hatte ich einen wunderlichen Stand: mein +Talent gab mir einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft, aber +meine heftige Leidenschaft für das, was ich als wahr und naturgemäß +erkannte, erlaubte sich manche gehässige Ungezogenheit gegen +irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den +Gliedern jenes Kreises zu Zeiten überwarf, ganz oder halb versöhnte, +immer aber im Dünkel des Rechthabens auf meinem Weg fortging. Dabei +behielt ich etwas von der Ingenuität des Voltaireschen Huronen noch +im späteren Alter, so dass ich zugleich unerträglich und +liebenswürdig sein konnte. + +Ein Feld jedoch, in welchem man sich mit mehr Freiheit und +Übereinstimmung erging, war die westliche, um nicht zu sagen +französische Literatur. Jacobi, indem er seinen eigenen Weg wandelte, +nahm doch Kenntnis von allem Bedeutenden, und die Nachbarschaft der +Niederlande trug viel dazu bei, ihn nicht allein literarisch, +sondern auch persönlich in jenen Kreis zu ziehen. Er war ein sehr +wohlgestalteter Mann, von den vorteilhaftesten Gesichtszügen, von +einem zwar gemessenen, aber doch höchst gefälligen Betragen, +bestimmt, in jedem gebildeten Kreis zu glänzen. + +Wundersam war jene Zeit, die man sich kaum wieder vergegenwärtigen +könnte. Voltaire hatte wirklich die alten Bande der Menschheit +aufgelöst; daher entstand in guten Köpfen eine Zweifelsucht an dem, +was man sonst für würdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von +Ferney seine ganze Bemühung dahin richtete, den Einfluss der +Geistlichkeit zu midnern und zu schwächen, und hauptsächlich Europa +im Auge behielt, so erstreckte de Pauw seinen Eroberungsgeist über +fernere Weltteile; er wollte weder Chinesen noch Ägyptern die Ehre +gönnen, die ein vieljähriges Vorurteil auf sie gehäuft hatte. Als +Kanonikus von Xanten Nachbar von Düsseldorf, unterhielt er ein +freundschaftliches Verhältnis mit Jacobi. Und wie mancher andere +wäre nicht hier zu nennen! + +Und so wollen wir doch noch Hemsterhuis einführen, welcher, der +Fürstin Gallitzin ergeben, in dem benachbarten Münster viel +verweilte. Dieser ging nun von seiner Seite mit Geistesverwandten auf +zartere Beruhigung, auf ideelle Befriedigung aus und neigte sich, mit +platonischen Gesinnungen, der Religion zu. + +Bei diesen fragmentarischen Erinnerungen muss ich auch noch Diderots +gedenken, des heftigen Dialektikers, der sich auch eine Zeitlang in +Pempelfort als Gast sehr wohl gefiel und mit großer Freimütigkeit +seine Paradoxen behauptete. + +Auch waren Rousseaus und Naturzustände gerichtete Aussichten diesem +Kreis nicht fremd, welcher nichts ausschloss, also auch mich nicht, +ob er mich gleich eigentlich nur duldete. + +Denn wie die äußere Literatur auf mich in jüngeren Jahren gewirkt, +ist an mehreren Orten schon angedeutet. Fremdes konnt' ich wohl in +meinem Nutzen verwenden, aber nicht aufnehmen; deshalb ich mich denn +über das Fremde mit andern ebenso wenig zu verständigen vermochte. +Ebenso wunderlich sah es mit der Produktion aus: diese heilt immer +gleichen Schritt mit meinem Lebensgang, und da dieser selbst für +meine nächsten Freunde meist ein Geheimnis blieb, so wusste man +selten mit einem meiner neuen Produkte sich zu befreunden, weil man +denn doch etwas Ähnliches zu dem schon Bekannten erwartete. + +War ich nun schon mit meinen sieben Brüdern übel angekommen, weil sie +Schwester Iphigenie nicht im mindesten glichen, so merkt' ich wohl, +dass ich die Freunde durch meinen Groß-Cophta, der längst gedruckt +war, sogar verletzt hatte; es war die Rede nicht davon, und ich +hütete mich, sie darauf zu bringen. Indessen wird man mir gestehen, +dass ein Autor, der in der Lage ist, seine neuesten Werke nicht +vortragen oder darüber reden zu dürfen, sich so peinlich fühlen muss +wie ein Komponist, der seine neusten Melodien zu wiederholen sich +gehindert fühlte. + +Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glücken: die +ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschäft nachhing, konnte +niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten +entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen +grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun +und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten +sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die +ihrige nicht anschloss, vielmehr in den meisten Punkten gerade das +Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isolierteren Menschen +denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus, +oder wie man es nennen will, dem ich anhing und dessen tiefen Grund +ich in seiner Würde und Heiligkeit unberührt ließ, machte mich +unempfänglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine +tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie +als Glaubensbekenntnis aufstellte. Ich hatte mir aus Kants +Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, dass Anziehungs- und +Zurückstoßungskraft zum Wesen der Materie getrennt werden könne; +daraus ging mir die Urpolarität aller Wesen getrennt werden könne; +daraus ging mir die Urpolarität der Erscheinungen durchdringt und +belebt. + +Schon bei dem früheren Besuch der Fürstin Gallitzin mit Fürstenberg +und Hemsterhuis in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward +aber, als wie mit gotteslästerlichen Reden, beiseite und zur Ruhe +gewiesen. + +Man kann es keinem Kreis verdenken, wenn er sich ins ich selbst +abschließt, und das taten meine Freunde zu Pempelfort redlich. Von +der schon ein Jahr gedruckten "Metamorphose der Pflanzen" hatten sie +wenig Kenntnis genommen, und wenn ich meine morphologischen Gedanken, +so geläufig sie mir auch waren, in bester Ordnung und, wie es mir +schien, bis zur kräftigsten Überzeugung vortrug, so musste ich doch +leider bemerken, dass die starre Vorstellungsart, nichts könne +werden, als was schon sei, sich aller Geister bemächtigt habe. In +Gefolg dessen musst' ich denn auch wieder hören, dass alles Lebendige +aus dem Ei komme, worauf ich denn mit bitterem Scherz die alte Frage +hervorhob: ob denn die Henne oder das Ei zuerst gewesen? Die +Einschachtelungslehre schien so plausibel und, die Natur mit Bonnet +zu kontemplieren, höchst erbaulich. + +Von meinen "Beiträgen zur Optik" hatte auch etwas verlautet, und ich +ließ mich nicht lange bitten, die Gesellschaft mit einigen Phänomenen +und Versuchen zu unterhalten, wo mir denn ganz Neues vorzubringen +nicht schwer fiel: denn alle Personen, so gebildet sie auch waren, +hatten das gespaltene Licht eingelernt und wollten leider das +lebendige, woran sie sich erfreuten, auf jene tote Hypothese +zurückgeführt wissen. + +Doch ließ ich mir dergleichen eine Zeitlang gern gefallen, denn ich +heilt niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen hätte; +gewöhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich +erfand im Fluss der Rede am gewissesten. + +Freilich konnte ich auf diese Weise nur didaktisch und dogmatisch +verfahren, eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war +mir nicht verliehen. Oft aber trat auch eine böse Gewohnheit hervor, +deren ich mich anklagen muss: da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich +geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte, +individuelle Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den +unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch +gewaltsame Paradoxe aufzuregen und ans Äußerste zu führen. Dadurch +war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinn +verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, musst' ich das +böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch nicht +gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen: als Ernst +konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als +Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen +umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch +kann ich nicht leugnen, dass ich durch diese böse Manier mir manche +Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe. + +Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen +Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing. Auch +dahin war ich unvorbereitet, unvorsichtig gegangen; Abenteuer fehlten +keineswegs, das Land selbst, seine Anmut und Herrlichkeit hatte +ich mir völlig eingeprägt, mir war Gestalt, Farbe, Haltung jener +vom günstigsten Himmel umschienen Landschaft noch unmittelbar +gegenwärtig. Die schwachen Versuche eigenen Nachbildens hatten das +Gedächtnis geschärft, ich konnte beschreiben, als wenn ich's vor mir +sähe: von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war +jedermann von den lebhaft vorbei geführten Bilderzügen zufrieden, +manchmal entzückt. + +Wünschenswert wäre nunmehr, dass man, um die Anmut des Pempelforter +Aufenthalts vollkommen darzustellen, auch die Örtlichkeit, worin dies +alles vorging, klar vergegenwärtigen könnte. Ein freistehendes +geräumiges Haus, in der Nachbarschaft von weitläufigen wohl +gehaltenen Gärten, im Sommer ein Paradies, auch im Winter höchst +erfreulich. Jeder Sonnenblick war in reinlicher, freier Umgebung +genossen; abends oder bei ungünstigem Wetter zog man sich gern in die +schönen großen Zimmer zurück, die, behaglich, ohne Prunk +ausgestattet, eine würdige Szene jeder geistreichen Unterhaltung +darboten. Ein großes Speisezimmer, zahlreicher Familie und nie +fehlenden Gästen geräumig heiter und bequem, lud an eine lange Tafel, +wo es nicht an wünschenswerten Speisen fehlte. Hier fand man sich +zusammen, der Hauswirt immer munter und aufregend, die Schwestern +wohlwollend und einsichtig, der Sohn ernst und hoffnungsvoll, die +Tochter wohl gebildet, tüchtig, treuherzig und liebenswürdig, an die +leider schon vorübergegangene Mutter und an die früheren Tage +erinnernd, die man vor zwanzig Jahren in Frankfurt mit ihr zugebracht +hatte. Heinse, mit zur Familie gehörig, verstand, Scherze jeder Art +zu erwidern, es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam. + +Die wenigen einsamen Stunden, die mir in diesem gastfreisten aller +Häuser übrig blieben, wendete ich im Stillen an eine wunderliche +Arbeit. Ich hatte während der Kampagne neben dem Tagebuch poetische +Tagesbefehle, satirische Ordres du jour aufgezeichnet; nun wollte ich +sie durchsehen und redigieren, allein ich bemerkte bald, dass ich, +mit kurzsichtigem Dünkel, manches falsch gesehen und unrichtig +beurteilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst +abgelegte Irrtümer, es auch bedenklich schien, dergleichen Papiere +irgendeinem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft in +einem lebhaften Steinkohlenfeuer; worüber ich mich nun insofern +betrübe, als es mir jetzt viel wert zur Einsicht in den Gang der +Vorfälle und die Folge meiner Gedanken darüber sein würde. + +In dem nicht weit entfernten Düsseldorf wurden fleißige Besuche +gemacht bei Freunden, die zu dem Pempelforter Zirkel gehörten; auf +der Galerie war die gewöhnliche Zusammenkunft. Dort ließ sich eine +entschiedene Neigung für die italienische Schule spüren, man zeigte +sich höchst ungerecht gegen die niederländische; freilich war der +hohe Sinn der ersten anziehend, edle Gemüter hinreißend. Einst hatten +wir uns lange in dem Saal des Rubens und der vorzüglichsten +Niederländer aufgehalten; als wir heraustraten, hing die Himmelfahrt +von Guido gerade gegenüber. Da rief einer begeistert aus: "Ist +es einem nicht zumute, als wenn man aus einer Schenke in gute +Gesellschaft käme!" An meinem Teil konnt' ich mir gefallen lassen, +dass die Meister, die mich noch vor kurzem über den Alpen entzückt, +sich so herrlich zeigten und leidenschaftliche Bewunderung erweckten; +doch sucht' ich mich auch mit den Niederländern bekannt zu machen, +deren Tugenden und Vorzüge im höchsten Grade sich hier den Augen +darstellten: ich fand mir Gewinn für ganze Leben. + +Was mir aber noch mehr auffiel, war, dass ein gewisser Freiheitssinn, +ein Streben nach Demokratie sich in die hohen Stände verbreitet +hatte; man schien nicht zu fühlen, was alles erst zu verlieren sei, +um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen. Lafayettes +und Mirabeaus Büste, von Houdon sehr natürlich und ähnlich gebildet, +sah ich hier göttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und +bürgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So +seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren +selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Männer reden hören, +handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur +Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die +Sorge für das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte. + +Die Not schien dringend: Emigrierte füllten Düsseldorf, selbst die +Brüder des Königs kamen an. Man eilte, sie zu sehen; ich traf sie +auf der Galerie und erinnerte mich dabei, wie sie durchnässt bei +dem Auszug aus Glorieux gesehen worden. Herr von Grimm und Frau +von Bueil erschienen gleichfalls. Bei Überfüllung der Stadt hatte +sie ein Apotheker aufgenommen: das Naturalienkabinett diente zum +Schlafzimmer, Affen, Papageien und andres Getier belauschten den +Morgenschlaf der liebenswürdigsten Dame, Muscheln und Korallen +hinderten die Toilette, sich gehörig auszubreiten. Und so war das +Einquartierungsübel, das wir kaum erst nach Frankreich gebracht +hatten, wieder zu uns herübergeführt. + +Frau von Coudenhoven, eine schöne, geistreiche Dame, sonst die Zierde +des Mainzer Hofes, hatte sich auch hierher geflüchtet. Herr und Frau +von Dohm kamen von deutscher Seite heran, um von den Zuständen nähere +Kenntnis zu nehmen. + +Frankfurt war noch von den Franzosen besetzt, die Kriegsbewegungen +hatten sich zwischen die Lahn und das Taunusgebirge gezogen; bei +täglich abwechselnden, bald sichern bald unsichern Nachrichten war +das Gespräch lebhaft und geistreich; aber wegen streitenden +Interesses und Meinungen gewährte es nicht immer eine erfreuliche +Unterhaltung. Ich konnte einer so problematischen, durchaus +ungewissen, dem Zufall unterworfenen Sache keinen Ernst abgewinnen +und war mit meinen paradoxen Späßen mitunter aufheiternd, mitunter +lästig. + +So erinnerte ich mich, dass an dem Abendtisch der Frankfurter Bürger +mit Ehren gedacht ward: sie sollten sich gegen Custine männlich und +gut betragen haben; ihre Aufführung und Gesinnung, hieß es, steche +gar sehr ab gegen die unerlaubte Weise, wie sich die Mainzer betragen +und noch betrügen. Frau von Coudenhoven, in dem Enthusiasmus, der sie +sehr gut kleidete, rief aus: sie gäbe viel darum, eine Frankfurter +Bürgerin zu sein. Ich erwiderte: das sei etwas Leichtes; ich wisse +ein Mittel, werde es aber als Geheimnis für mich behalten. Da man +nun heftig und ehftiger in mich drang, erklärt' ich zuletzt, die +treffliche Dame dürfe mich nur heiraten, wodurch sie augenblicklich +zur Frankfurter Bürgerin umgeschaffen werde. Allgemeines Gelächter! + +Und was kam nicht alles zur Sprache! Als einst von der unglücklichen +Kampagne, besonders von der Kanonade bei Valmy die Rede war, +versicherte Herr von Grimm, es sei von meinem wunderlichen Ritt ins +Kanonenfeuer an des Königs Tafel die Rede gewesen. Wahrscheinlich +hatten die Offiziere, denen ich damals begegnete, davon gesprochen; +das Resultat ging darauf hinaus, dass man sich darüber nicht wundern +müsse, weil gar nicht zu berechnen sei, was man von einem seltsamen +Menschen zu erwarten habe. + +Auch ein sehr geschickter, geistreicher Arzt nahm teil an unsern +Halbsaturnalien, und ich dachte nicht in meinem Übermut, dass ich +seiner so bald bedürfen würde. Er lachte daher zu meinem Ärger laut +auf, als er mich im Bett fand, wo ein gewaltiges rheumatisches Übel, +das ich mir durch Verkältung zugezogen, mich beinahe unbeweglich +festhielt. Er, ein Schüler des Geheimrat Hofmann, dessen tüchtige +Wunderlichkeiten von Mainz und dem kurfürstlichen Hof aus bis weit +hinunter den Rhein gewirkt, verfuhr sogleich mit Kampfer, welcher +fast als Universalmedizin galt. Löschpapier, Kreide darauf gerieben, +sodann mit Kampfer bestreut, ward äußerlich, Kampfer gleichfalls, in +kleinen Dosen, innerlich angewandt. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich +war in einigen Tagen hergestellt. + +Die Langeweile jedoch des Leidens ließ mich manche Betrachtung +anstellen, die Schwäche, die aus einem bettlägrigen Zustand gar +leicht erfolgt, ließ mich meine Lage bedenklich finden: das +Fortschreiten der Franzosen in den Niederlanden war bedeutend und +durch den Ruf vergrößert, man sprach täglich und stündlich von neu +angekommenen Ausgewanderten. + +Mein Aufenthalt im Pempelfort war schon lang genug, und ohne die +herzlichste Gastfreiheit der Familie hätte jeder glauben müssen, dort +lästig zu sein. Auch hatte sich mein Bleiben nur zufällig verlängert: +ich erwartete täglich und stündlich meine böhmische Chaise, die ich +nicht gern zurücklassen wollte; sie war von Trier schon in Koblenz +angekommen und sollte von dort bald weiter herab spediert werden; da +sie jedoch ausblieb, vermehrte sich die Ungeduld, die mich in den +letzten Tagen ergriffen hatte. Jacobi überließ mir einen bequemen, +obgleich an Eisen ziemlich schweren Reisewagen. Alles zog, wie man +hörte, nach Westfalen hinein, und die Brüder des Königs wollten dort +ihren Sitz aufschlagen. + +Und so schied ich denn mit dem wunderlichsten Zwiespalt: die Neigung +hielt mich in dem freundlichsten Kreis, der sich soeben auch höchst +beunruhigt fühlte, und ich sollte die edelsten Menschen in Sorgen und +Verwirrung hinter mir lassen, bei schrecklichem Weg und Wetter mich +nun wieder in die wilde, wüste Welt hinauswagen, von dem Strom mit +fortgezogen der unaufhaltsam eilenden Flüchtlinge, selbst mit +Flüchtlingsgefühl. + +Und doch hatte ich Aussicht unterwegs auf die angenehmste Einkehr, +indem ich so nahe bei Münster die Fürstin Gallitzin nicht umgehen +durfte. + + + + +Duisburg, November. + +Und so fand ich mich denn abermals, nach Verlauf von vier Wochen, +zwar viele Meilen weit entfernt von dem Schauplatz unseres ersten +Unheils, doch wieder in derselben Gesellschaft, in demselben Gedränge +der Emigrierten, die nun, jenseits entschieden vertrieben, diesseits +nach Deutschland strömten, ohne Hilfe und ohne Rat. + +Zu Mittag in dem Gasthof etwas spät angekommen, saß ich am Ende der +langen Tafel; Wirt und Wirtin, die mir als einem Deutschen den +Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten, +entschuldigten, dass alle guten Plätze von diesen unwillkommenen +Gästen besetzt seien. Hierbei wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz +aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armut, noch immer +dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde. + +Indem ich nun die Tafel hinaufsah, erblickt' ich ganz oben, quer vor, +an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von +ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er musste vornehm sein, denn +zwei Nebensitzende erwiesen ihm die größte Aufmerksamkeit, wählten +die ersten und besten Bissen, ihm vorzulegen, und man hätte beinahe +sagen können, dass sie ihm solche zum Mund führten. Mir bleib nicht +lange verborgen, dass er, vor Alter seiner Sinne kaum mächtig, +als ein bedauernswürdiges Automat den schatten eines früheren +wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kümmerlich durch die Welt +schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes +wieder herbeizuspiegeln trachteten. + +Ich beschaute mir die übrigen: das bedenklichste Schicksal war auf +allen Stirnen zu lesen, Soldaten, Kommissäre, Abenteurer vielleicht +zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte sein eigene Not +zu übertragen, sie sahen ein grenzenloses Elend vor sich. + +Etwa in der Hälfte des Mittagmahles kam noch ein hübscher junger Mann +herein, ohne ausgezeichnete Gestalt oder irgendein Abzeichen; man +konnte an ihm den Fußwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still +gegen mir über, nachdem er den Wirt um ein Kuvert begrüßt hatte, und +speiste, was man ihm nachholte und vorsetzte, mit ruhigem Betragen. +Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirt, der mir ins Ohr sagte: +"Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht teuer bezahlen!" Ich begriff +nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich näherte und +fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirt, nachdem er sich +flüchtig über die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstück. Der +Fremde schien beteten und sagte, das sei wohl ein Irrtum, denn er +habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen +Schoppen Wein; das müsse mehr betragen. Der Wirt antwortete darauf +ganz ernsthaft, er pflege seine Rechnung selbst zu machen, und die +Gäste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann, +entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber löste mir der +Wirt das Rätsel. "Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk," +rief er aus, "der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute +kommen." + +In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich +aufzusuchen nicht versäumte: Professor Plessing war es, mit dem sich +vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhältnis anknüpfte, +wovon ich hier das Nähere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung +dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt +wurde. + +"Werther," bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs, +wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern +nur das Übel aufgedeckt, das in jungen Gemütern verborgen lag. +Während eines langen und glücklichen Friedens hatte sich eine +literarisch-ästhetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden, +innerhalb der Nationalsprache, auf das schönste entwickelt; doch +gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse +Sentimentalität hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den +Einfluss von Yorik-Sterne nicht verkennen darf: wenn auch sein Geist +nicht über den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefühl um +desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zärtlich-leidenschaftlicher +Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht +gegeben war, in eine leidige Selbstquälerei gewöhnlich ausarten +musste. Ich hatte mich persönlich von diesem Übel zu befreien gesucht +und trachtete nach meiner Überzeugung andern hilfreich zu sein; das +aber war schwerer, als man denken konnte: denn eigentlich kam es +drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von +aller Hilfe, wie sie uns die äußere Welt anbietet, es sei Erkenntnis, +Belehrung, Beschäftigung, Begünstigung, die Rede gar nicht sein +konnte. + +Hier müssen wir nun gar manche, damals mit einwirkende Tätigkeiten +stillschweigend übergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich nötig, +eines andern großen, für sich waltenden Bestrebens umständlicher zu +gedenken. + +Lavaters Physiognomik hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine +ganz andere Wendung verliehen. Er fühlte sich im Besitz der +geistigsten Kraft, jene sämtlichen Eindrücke zu deuten, welche des +Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausübt, ohne dass er +sich davon Rechenschaft zu geben wüsste; da er aber nicht geschaffen +war, irgendeine Abstraktion methodisch zu suchen, so heilt er sich am +einzelnen Fall und also am Individuum. + +Heinrich Lips, ein talentvoller junger Künstler, besonders geeignet +zum Porträt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Haus als auf der +unternommenen Rheinreise kam er seinem Gönner nicht von der Seite. +Nun ließ Lavater, teils aus Heißhunger nach grenzenloser Erfahrung, +teils umso viel bedeutende Menschen als möglich an sein künftiges +Werk zu gewöhnen und zu knüpfen, alle Personen abbilden, die nur +einigermaßen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat +ausgezeichnet ihm begegneten. + +Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es +ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis; seine +Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man +glaubte, sich einander näher zu kennen: und so ergab sich's aufs +sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persönlichen Wert +entschieden hervortrat, der sich bisher im bürgerlichen Lebens- und +Staatsgang ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen. + +Diese Wirkung war stärker und größer, als man sie denken mag: +ein jeder fühlte sich berechtigt, von sich selbst, als von einem +abgeschlossenen, abgerundeten Wesen, das Beste zu denken, und in +seiner Einzelheit vollständig gekräftigt, hielt es ich auch wohl für +befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines +werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen erfolg konnte sich umso +leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere +individuelle Natur allein, ohne Rücksicht auf die allgemeine +Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam; +dagegen war das religiöse Element, worin Lavater schwebte, nicht +hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgefälligkeit +zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein +geistlicher Stolz, der es dem natürlichen an Erhebung auch wohl +zuvortrat. + +Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging, +war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ältere Männer +wurden, wo nicht persönlich, doch im Bild verehrt; und es durfte auch +wohl ein junger Mann sich nur einigermaßen bedeutend hervortun, so +war alsbald der Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft rege, in deren +Ermangelung man sich mit seinem Porträt begnügte; wobei denn die mit +Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenriss +willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin geübt, und kein +Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geschrieben +hätte; die Storchschnäbel durften nicht rasten. + +"Menschenkenntnis und Menschenliebe" waren uns bei diesem Verfahren +versprochen; wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt, +wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht +entfalten: zu beiden Zwecken jedoch war die Tätigkeit sehr groß, und +was in diesem Sinn von einem herrlich begabten jungen Fürsten, von +seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung für Aufmunterung +und Fördernis nah und fern gewirkt ward, wäre schon zu erzählen, wenn +es nicht löblich schiene, die Anfänge bedeutender Zustände einem +ehrwürdigen Dunkel anheim zu geben. Vielleicht sahen die Kotyledonen +jener Saat etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das +Vaterland und die Außenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird +in den spätesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht +ermangeln. + +Wer Vorgesagtes in Gedanken festhält und sich davon durchdringt, +wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter +dem Abendessen vergnüglich in der Erinnerung belebten, weder +unwahrscheinlich noch ungereimt finden. + +Zu manchem andern, brieflichen und persönlichen Zudrang erheilt ich +in der Hälfte des Jahrs 1776, von Wernigerode datiert, Plessing +unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das +Wunderbarste, was mir in jener selbstquälerischen Art vor Augen +gekommen: man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und +Universität gebildeten Mann, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu +eigener innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine +geübte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und fließend, +und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte, +so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass +man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte +nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustände +des Leidenden näher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens +Eigensinn, statt des Ertragens Hartnäckigkeit und statt eines +sehnsüchtigen Verlangens abstoßendes Wegweisen zu bemerken. Da ward +mir denn, nach jenem Zeitsinn, der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen +Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich +nicht für rätlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umständen, schon +eine Zahl von jungen Männern aufgebürdet, die, anstatt mit mir auf +meinem Wege einer reineren, höheren Bildung entgegenzugehen, auf dem +ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden und mich in meinen +Fortschritten hinderten. Ich ließ die Sache indessen hängen, von der +Zeit irgendeine Vermittelung erwartend. + +Da erhielt ich einen zweiten, kürzern, aber auch lebhafteren, +heftigeren Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklärung drang +und, sie ihm nicht zu versagen, mich feierlichst beschwor. + +Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der +Fassung; die zweiten Blätter gingen mir so wenig als die ersten zu +Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Männern meines Alters +in Herzens- und Geistesnöten beizustehen, ließ mich sein doch nicht +ganz vergessen. + +Die um einen trefflichen jungen Fürsten versammelte weimarsche +Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschäftigungen und +Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward +nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine, +notgedrungen auf das häufige Klagen des Landvolks, im Eisenachschen +unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte; +ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich +anschließen zu dürfen. + +Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste +nämlich, nicht nur etwa von Geschäftsleuten, sondern auch von vielen +am Ganzen teilnehmenden Weimarern öfter den lebhaften Wunsch hören, +es möge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun +ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau +allenfalls besaß, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil +verlangt, aber diesen konnt' ich an irgendeinem Gegenstand nur durch +unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlässlich, vor +allen Dingen das Bergewesen in seinem ganzen Komplex, und wär' +es auch nur flüchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu +fassen; denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter +einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb +hatt' ich mir längst eine Reise auf den Harz gedacht. Und gerade +jetzt, da ohnehin diese Jahrszeit in Jagdlust unter freiem Himmel +zugebracht werden sollte, fühlte ich mich dahin getrieben. Alles +Winterwesen hatte überdies in jener Zeit für mich große Reize, und +was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch +Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht, +meinen wunderlichen Korrespondenten persönlich zu sehen und zu +prüfen, wohl die Hälfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufügte. + +Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben, +ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die +unter dem Titel "Harzreise im Winter" solange als Rätsel unter meinen +kleineren Gedichten Platz gefunden. Im düstern und von Norden her +sich heranwälzenden Schneegewölk schwebte hoch ein Geier über mir. +Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags +so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tisch weiter zu +gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei +Gefährlichkeiten erst sehr spät in Ilfeld ankam. + +Ein ansehnlicher Gasthof war glänzend erleuchtet, es schien ein +besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich +gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der höchsten Höfe, hieß es, +seien schon lange hier beschäftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen +und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glücklich +vollendet sei, gäben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf +dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit +mir nicht übel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag +in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein +weiß zu überziehendes Ehebett einzuräumen. Er führte mich durch das +weite, hell erleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen +die sämtlichen munteren Gäste flüchtig beschaute. + +Doch sie sämtlich zu meiner Unterhaltung näher zu betrachten, gab mir +in den Brettern des Verschlags eine Astlücke die beste Gelegenheit, +die, seine Gäste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte. +Ich sah die lange und wohl erleuchtete Tafel von unten hinauf, ich +überschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht; +nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Räte, +andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber +und Gehilfen. Ein glücklich geendigtes beschwerliches Geschäft schien +eine Gleichheit aller tätig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte +mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz und Scherz, wobei +einige Gäste bezeichnet schienen, Witz und Spaß an ihnen zu üben; +genug, es war ein fröhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem +hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentümlichkeiten ruhig beobachten +konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und +einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen +mich begünstigte. Und wie dies mir nach der düstersten Nachtreise +in den Harz hinein ergötzlich gewesen, werden die Freunde solcher +Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft, +als säh' ich in einer Berghöhle wohlgemute Geister sich erlustigen. + +Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frühe, von einem +Boten abermals geleitet, der Baumannshöhle zu; ich durchkroch sie und +betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze +Marmormassen, aufgelöst, zu weißen kristallinischen Säulen und +Flächen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben +der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die +Wunderbilder, die sich eine düster wirkende Einbildungskraft so gern +aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafür blieb aber auch das +eigne wahre desto reiner zurück, und ich fühlte mich dadurch gar +schön bereichert. + +Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten +Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten +Strophen des Gedichtes, das unter dem Titel "Harzreise im Winter" die +Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat; +davon mögen denn die Strophen, welche sich auf den nun blad zu +erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie +mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern +auszusprechen geeignet sind. + + Aber abseits, wer ist's? + Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, + Hinter ihm schlagen + Die Sträuche zusammen, + Das Gras steht wieder auf, + Die Öde verschlingt ihn. + + Ach, wer heilt die Schmerzen + Des, dem Balsam zu Gift ward? + Der sich Menschenhass + Aus der Fülle der Liebe trank? + Erst verachtet, nun ein Verächter, + Zehrt er heimlich auf + Seinen eignen Wert + In ungenügender Selbstsucht. + + Ist auf deinem Psalter, + Vater der Liebe, ein Ton + Seinem Ohre vernehmlich, + So erquicke sein Herz! + Öffne den umwölkten Blick + Über die tausend Quellen + Neben dem Dürstenden + In der Wüste! + +Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, ließ ich mich mit dem Kellner +in ein Gespräch ein; ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der +seine städtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt' +ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einem fremden Ort +ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jüngern Personen +zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit +auszeichneten; er möge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich +einen angenehmen Abend zubrächte. Darauf erwiderte ohne weiteres +Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des +Herrn Plessing gedient sein, dem Sohn des Superintendenten; als Knabe +sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den +Ruf eines fleißigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Lauen +tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich +aus der Gesellschaft ausschließe. Gegen Fremde sei er zuvorkommend, +wie Beispiele bekannt wären; wollte ich angemeldet sein, so könne es +sogleich geschehen. + +Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und führte mich +hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein großes Zimmer des +Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Häusern antrifft, hineintrat +und den jungen Mann in der Dämmerung noch ziemlich deutlich +erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die +Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gast +Platz zu machen. + +Das hereingebrachte Licht ließ mich den jungen Mann nunmehr ganz +deutlich erkennen: er glich seinem Brief völlig, und so wie jenes +Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuüben. + +Um ein näheres Gespräch einzuleiten, erklärt' ich mich für einen +Zeichenkünstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in +dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in +Braunschweig zu besuchen habe. + +Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: "Da Sie +so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der +sich so berühmt macht, öfters besucht haben!" Dieses bejaht' ich ganz +einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von +Legationsrat Bertuch und dessen unermüdeter Tätigkeit zu sprechen; +ich vergaß weder Musäus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige +Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen +abschlossen und jeden Fremden willig und freundlich unter sich +aufnahmen. + +Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: "Warum nennen Sie denn +Goethe nicht?" Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem +Kreis als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persönlich als +fremder Künstler wohl aufgenommen und gefördert worden, ohne dass +ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in +andern Verhältnissen lebe. + +Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehört hatte, +verlangte nunmehr, mit einigem Ungestüm, ich solle ihm das seltsame +Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug +ihm darauf mit großer Ingenuität eine Schilderung vor, die für mich +nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage +mir gegenwärtig stand, und wäre ihm von der Natur nur etwas mehr +Herzenssagazität gegönnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen +bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere. + +Er war einige Mal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd +herein trat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes +Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stieß an und +schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit +etwas gemäßigteren Zügen das meinige geleert, ergriff er heftig +meinen Arm und rief: "O verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen! +Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflößt, dass ich Ihnen alles +entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, hätte mir +doch antworten sollen! Ich habe ihm einen ausführlichen, herzlichen +Brief geschickt, ihm meine Zustände, meine Leiden geschildert, ihn +gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und +nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm; +wenigstens hätte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes +Vertrauen wohl verdient." + +Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklären +noch entschuldigen könne; so viel wisse ich aber aus eigener +Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang +diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hilfsbereiten jungen +Mann oft außerstand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken. + +"Sind wir zufällig so weit gekommen," sprach er darauf mit einiger +Fassung, "den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen, +ob er nicht irgendeine Antwort, irgendeine Erwiderung verdiente." + +Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer +Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend, +um mir selbst in einem so zarten Fall nicht vorzugreifen. Nun saß er +gegen mir über und fing an, die Blätter zu lesen, die ich in- und +auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der +Behauptung der Physiognomisten überzeugt, ein lebendiges Wesen sei in +allem seinem Handeln und Betragen vollkommen übereinstimmend mit sich +selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige +sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentümlichkeiten. Der Lesende +passte völlig zu dem Gelesenen, und wie dieses früher in der +Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der +Gegenwart. Man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht +versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so +wunderlichen Weg geführt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach +sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zärtlichsten +Gefühlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz +eigens beschränkte Selbstigkeit tat sich kräftig hervor. Als er nun +geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage? Und ob ein +solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert hätte? + +Indessen war mir der bedauernswürdige Zustand dieses jungen Mannes +immer deutlicher geworden: er hatte nämlich von der Außenwelt +niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektüre mannigfaltig +ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet +und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein +produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn +sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschäftigung +mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, völlig +abzugehen schien. + +Da ich an mir und andern schon glücklich erprobt hatte, dass in +solchem Falle ein rasche gläubige Wendung gegen die Natur und ihre +grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich +alsobald den Versuch, es auch in diesem Fall anzuwenden und ihm daher +nach einigem Bedenken folgendermaßen zu antworten: + +"Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel +Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben: denn seine jetzige +Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen +dürfte, sich mit Ihnen zu verständigen zu können. Ich habe selbst +einigen Unterhaltungen in jenem Kreis beigewohnt und behaupten hören: +man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstquälerischen, düsteren +Seelenzustand nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme +an der äußeren Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste +Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein +tätiges Eingreifen, sei es als Gärtner oder Landbewohner, als Jäger +oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger +Kräfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das +größte Behagen, Klarheit und Belehrung; wie denn der Künstler, der +sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden +suche, gewiss am besten fahren werde." + +Der junge Freund schien darüber sehr unruhig und ungeduldig, wie +man über eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht +vernehmen, ärgerlich zu werden anfängt. Ich darauf, ohne sonderliche +Hoffnung eines glücklichen Erfolges, eigentlich aber um nicht zu +verstummen, fuhr zu reden fort. "Mir, als Landschaftsmaler," sagte +ich, "musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst +unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit +emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und +auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu +allem und jedem liebevoll hingewendet." Damit ich mich nun aber +nicht ins Allgemeine verlöre, erzählte ich, wie mir sogar diese +notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden +Genuss gewährt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie und doch +so unmittelbar und natürlich, als ich nur konnte, den Vorschritt +meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel über den Bergen, +die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner +Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von +Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddämmerung, ferner die +nächtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten +flüchtig erleuchtet blinkenden Gewässer und gelangte sodann zur +Baumannshöhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte, +der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich; +sie habe keineswegs dem Bild sich gleichgestellt, das er in seiner +Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche +krankhafte Symptome nicht verdrießen: denn wie oft hatte ich erfahren +müssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein +trübes Phantom seiner düstern Einbildungskraft von sich ablehnt. +Ebenso wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage: wie er sich +denn die Höhle vorgestellt habe? Eine Beschreibung machte, wie kaum +der kühnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches +darzustellen gewagt hätte. + +Ich versuchte hierauf noch einige propädeutische Wendungen, als +Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der +Versicherung, es könne und solle ihm nichts in dieser Welt genügen, +so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich +mein Gewissen durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten +Willens, völlig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht +entbunden glaubte. + +Es war schon spät geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern, +mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wolle, +doch aber meine Entschuldigung wegen allzu großer Müdigkeit gelten +ließ, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tisch im Namen +der Seinigen dringend hinzufügte; wogegen ich mir die Erklärung auf +morgen ganz in der Frühe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich +und schicklich. Seine Persönlichkeit ließ einen ganz individuellen +Eindruck zurück. Er war von mittlerer Größe, seine Gesichtszüge +hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoßendes, +sein düsteres Wesen erschien nicht unhöflich, er konnte vielmehr für +einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf +Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte. + +Heraustretend fand ich den völlig aufgehellten Himmel von Sternen +blinken, Straßen und Plätze mit Schnee überdeckt, blieb auf einem +schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternächtliche +Welt. Zugleich überdacht' ich das Abenteuer und fühlte mich fest +entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen: infolge dessen +bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, übergab ein anonymes, +entschuldigendes Bleistiftblättchen dem Kellner, dem ich zugleich +so viel Gutes und Wahres von dem jungen Mann, den er mir bekannt +gemacht, zu sagen wusste; welches denn der gewandte Bursche mit +eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag. + +Nun ritt ich an dem Nordosthang des Harzes, im grimmigen, mich zur +Seite bestürmenden Stöberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg, +Messinghütten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre +Weise mir eingeprägt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht +weiter erzähle, da ich mich künftig mit meinen Lesern darüber +umständlich zu unterhalten hoffe. + +Ich wüsste nicht, wie viel Zeit vorübergegangen, ohne dass ich etwas +weiter von dem jungen Mann gehört hätte, als unerwartet an einem +Morgen mir ein Billett ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch +er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er +werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen +Erkennungsauftritt, allein er blieb, herein tretend, ganz ruhig +und sprach: "Ich bin nicht überrascht, Sie hier zu finden; die +Handschrift Ihres Billetts rief mir so deutlich jene Züge wieder ins +Gedächtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterließen, +dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden +abermals hier zu finden." + +Schon dieser Eingang war erfreulich, und es eröffnete sich ein +trauliches Gespräch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete +und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich +seine inneren Zustände wirklich gebessert hatten, wüsst' ich nicht +mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen, +denn wir schieden nach mehreren Gesprächen friedlich und freundlich; +nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher +Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte. + +Noch eine Zeitlang unterhielten wir ein briefliches Verhältnis; ich +kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich +denn auch bei gegenwärtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, sowie +denn überhaupt das Zurückschauen in jene früheren Tage beiden Teilen +einige angenehme Stunden gewährte. Er, nach wie vor immer nur mit +sich selbst beschäftigt, hatte viel zu erzählen und mitzuteilen. +Ihm war geglückt, im Lauf der Jahre sich den Rang eines geachteten +Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte älterer +Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich +zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfänge und Urzustände der +Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bücher, die er mir, wie sie +herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene +Bemühungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte. + +Seine gegenwärtigen Zustände fand ich auch keineswegs behaglich: er +hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versäumt und +abgelehnt, endlich mit wütender Anstrengung erstürmt und durch dieses +geistige Unmaß sein Physisches zerrüttet. Zudem schienen seine +ökonomischen Umstände nicht die besten, wenigstens erlaubte sein +mäßiges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu +schonen; auch hatte sich das düstere jugendliche Treiben nicht +ganz ausgleichen können: noch immer schien er einem Unerreichbaren +nachzustreben, und als die Erinnerung früherer Verhältnisse +endlich erschöpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung +stattfinden. Meine gegenwärtige Art, zu sein, konnte fast noch +entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden +jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verließ ich in Furcht +und Sorge wegen der drangvollen Zeit. + +Den verdienten Merrem besuchte ich gleichfalls, dessen schöne +naturhistorische Kenntnisse alsbald eine frohere Unterhaltung +gewährten. Er zeigte mir manches Bedeutende vor, schenkte mir sein +Werk über die Schlangen, und so ward ich aufmerksam auf seinen +weitern Lebensgang, woraus mir mancher Nutzen erwuchs; denn das ist +der höchst erfreuliche Vorteil von Reisen, dass einmal erkannte +Persönlichkeiten und Lokalitäten unsern Anteil zeitlebens nicht +loslassen. + + + + +Münster, November 1792. + +Der Fürstin angemeldet, hoffte ich gleich den behaglichsten Zustand, +allein ich sollte noch vorher eine zeitgemäße Prüfung erdulden: +denn, auf der Fahrt von mancherlei Hindernissen aufgehalten, +gelangte ich erst tief in der Nacht zur Stadt. Ich heilt nicht für +schicklich, durch einen solchen Überfall gleich beim Eintritt die +Gastfreundschaft in diesem Grad zu prüfen; ich fuhr daher an einen +Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bett durchaus versagt wurde: die +Emigrierten hatten sich in Masse auch hierher geworfen und jeden +Winkel gefüllt. Unter diesen Umständen bedachte ich mich nicht lange +und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer +noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach +und Fach nichts zu finden war. + +Auf diese geringe Entbehrung erfuhr ich den andern Morgen das +Allerbeste. Die Fürstin ging mir entgegen, ich fand in ihrem Haus zu +meiner Aufnahme alles vorbereitet. Das Verhältnis von meiner Seite +war rein, ich kannte die Glieder des Zirkels früher genugsam, ich +wusste, dass ich in einen frommen sittlichen Kreis herein trat, und +betrug mich darnach. Von jener Seite benahm man sich gesellig, klug +und nicht beschränkend. + +Die Fürstin hatte uns vor Jahren in Weimar besucht, mit von +Fürstenberg und Hemsterhuis; auch ihre Kinder waren von der +Gesellschaft. Damals verglich man sich schon über gewisse Punkte und +schied, einiges zugeben, anderes duldend, im besten Vernehmen. Sie +war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff +machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat, die man nicht richtig +beurteilt, wenn man eben diese Individualität nicht in Verbindung +sowie im Konflikt mit ihrer Zeitumgebung betrachtet. Von Fürstenberg +und Hemsterhuis, zwei vorzügliche Männer, begleiteten sie treulich, +und in einer solchen Gesellschaft war das Gute sowie das Schöne +immerfort wirksam und unterhaltend. Letzterer war indessen gestorben, +jener, nunmehr umso viel Jahre älter, immer derselbe verständige, +edle, ruhige Mann; und welche sonderbare Stellung in der Mitwelt! +Geistlicher, Staatsmann, so nahe, den Fürstenthron zu besteigen. + +Die ersten Unterhaltungen, nachdem das persönliche Andenken früherer +Zeit sich ausgesprochen hatte, wandten sich auf Hamann, dessen Grab, +in der Ecke des entlaubten Gartens, mir bald in die Augen schien. + +Seine großen, unvergleichlichen Eigenschaften gaben zu herrlichen +Betrachtungen Anlass, seine letzten Tage jedoch bleiben ungesprochen: +der Mann, der diesem endlich erwählten Kreis so bedeutend und +erfreulich gewesen, ward im Tod den Freunden einigermaßen unbequem; +man machte sich über sein Begräbnis entscheiden, wie man wollte, so +war es außer der Regel. + +Den Zustand der Fürstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als +liebevoll betrachten: sie kam früh zum Gefühl, dass die Welt uns +nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurückziehen, dass man in +einem innern, beschränkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein +müsse. Beides hatte sie erfasst; das höchste Zeitliche fand sie im +Natürlichen, und hier erinnere man sich Rousseauscher Maximen über +bürgerliches Leben und Kinderzucht. Zum einfältigen Wahren wollte man +in allem zurückkehren, Schnürbrust und Absatz verschwanden, der Puder +zerstob, die Haare fielen in natürlichen Locken. Ihre Kinder lernten +schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. Diesmal +hätte ich die Tochter kaum wieder gekannt. Sie war gewachsen +und stämmiger geworden, ich fand sie verständig, liebenswert, +haushälterisch, dem halb klösterlichen Leben sich fügend und widmend. +So war es mit dem zeitlich Gegenwärtigen; das ewige Künftige hatten +sie in einer Religion gefunden, die das, was andere lehrend hoffen +lassen, heilig beteuernd zusagt und verspricht. + +Aber als die schönste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste +Wohltätigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik: das Leben +füllte sich aus mit Religionsübung und wohl tun; Mäßigkeit und +Genügsamkeit sprach sich aus in der ganzen häuslichen Umgebung; jedes +tägliche Bedürfnis ward reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung +selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst benötigt ist, +erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man +anständig zur Miete wohne. Eben dies galt von Fürstenbergs häuslicher +Umgebung: er bewohnte einen Palast, aber einen fremden, den er seinen +Kindern nicht hinterlassen sollte. Und so bewies er sich in allem +sehr einfach, mäßig, genügsam, auf innerer Würde beruhend, alles +Äußere verschmähend, so wie die Fürstin auch. + +Innerhalb dieses Elementes bewegte sich die geistreichste, +herzlichste Unterhaltung, ernsthaft, durch Philosophie vermittelt, +heiter durch Kunst, und wenn man bei jener selten von gleichen +Prinzipien ausgeht, so freut man sich, bei dieser meist +Übereinstimmung zu finden. + +Hemsterhuis, Niederländer, fein gesinnt, zu den Alten von Jugend auf +gebildet, hatte sein Leben der Fürstin gewidmet, sowie seine +Schriften, die durchaus von wechselseitigem Vertrauen und gleichem +Bildungsgang das unverwüstlichste Zeugnis ablegen. + +Mit eigener scharfsinniger Zartheit wurde dieser schätzenswerte Mann +dem Geistig-Sittlichen sowie dem Sinnlich-Ästhetischen unermüdet +nachzustreben geleitet. Muss man von jenem sich durchdringen, so soll +man von diesem immer umgeben sein; daher ist für einen Privatmann, +der sich nicht in großen Räumen ergehen und selbst auf Reisen einen +gewohnten Kunstgenuss nicht entbehren kann, eine Sammlung +geschnittener Steine höchst wünschenswert: ihn begleitet überall das +Erfreulichste, ein belehrendes Kostbares ohne Belästigung, und er +genießt ununterbrochen des edelsten Besitzes. + +Um aber dergleichen zu erlangen, ist nicht genug, dass man wolle; zum +Vollbringen gehört, außer dem Vermögen, vor allen Dingen Gelegenheit. +Unser Freund entbehrte dieser nicht: auf der Scheide von Holland und +England wohnend, die fortdauernde Handelsbewegung, die darin auch +hin und her wogenden Kunstschätze beobachtend, gelangte er nach und +nach durch Kauf- und Tauschversuche zu einer schönen Sammlung von +etwa siebzig Stücken, wobei ihm Rat und Belehrung des trefflichen +Steinschneiders Natter für die sicherste Beihilfe galt. + +Diese Sammlung hatte die Fürstin zum größten Teil entstehen sehen, +Einsicht, Geschmack und Liebe daran gewonnen und besaß sie nun als +Nachlass eines abgeschiedenen Freundes, der in diesen Schätzen immer +als gegenwärtig erschien. + +Hemsterhuis' Philosophie, die Fundamente derselben, seinen Ideengang +konnt' ich mir nicht anders zu eigen machen, als wenn ich sie in +meine Sprach übersetzte. Das Schöne und das an demselben Erfreuliche +sei, so sprach er sich aus, wenn wir die größte Menge von +Vorstellungen in einem Moment bequem erblicken und fassen; ich aber +musste sagen: das Schöne sei, wenn wir das gesetzmäßig Lebendige in +seiner größten Tätigkeit und Vollkommenheit schauen, wodurch wir, +zur Reproduktion gereizt, uns gleichfalls lebendig und in höchste +Tätigkeit versetzt fühlen. Genau betrachtet, ist eins und eben +dasselbe gesagt, nur von verschiedenen Menschen ausgesprochen, und +ich enthalte mich, mehr zu sagen; denn das Schöne ist nicht sowohl +leistend als versprechend, dagegen das Hässliche, aus einer Stockung +entstehend, selbst stocken macht und nichts hoffen, begehren und +erwarten lässt. + +Ich glaubte mir auch den "Brief über die Skulptur" hiernach meinem +Sinn gemäß zu deuten; ferner schien mir das Büchlein "Über das +Begehren" auf diesem Weg klar: denn wenn das heftig verlangte Schöne +in unsern Besitz kommt, so hält es nicht immer im einzelnen, was es +im ganzen versprach, und so ist es offenbar, dass dasjenige, was uns +als Ganzes aufregte, im einzelnen nicht durchaus befriedigen wird. + +Diese Betrachtungen waren umso bedeutender, als die Fürstin ihren +Freund heftig nach Kunstwerken verlangen, aber im Besitz erkalten +gesehen, was er so scharfsinnig und liebenswürdig in obgemeldetem +Büchlein ausgeführt hatte. Dabei hat man freilich den Unterschied zu +bedenken, ob der Gegenstand des für ihn empfundenen Enthusiasmus +würdig sei: ist er es, so muss Freude und Bewunderung immer daran +wachsen, sich stets erneuen; ist er es nicht ganz, so geht das +Thermometer um einige Grade zurück, und man gewinnt an Einsicht, was +man an Vorurteil verlor. Deshalb es wohl ganz richtig ist, dass man +Kunstwerke kaufen müsse, um sie kennen zu lernen, damit das Verlangen +aufgehoben und der wahre Wert festgestellt werde. Indessen muss +auch hier Sehnsucht und Befriedigung in einem pulsierenden Leben +miteinander abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen, +damit der einmal Betrogene nicht aufhöre, zu begehren. + +Wie empfänglich die Sozietät, in der ich mich befand, für solche +Gespräche sein mochte, wird derjenige am besten beurteilen, der von +Hemsterhuis' Werken Kenntnis genommen hat, welche, in diesem Kreis +entsprungen, ihm auch Leben und Nahrung verdankten. + +Zu den geschnittenen Steinen aber wieder zurückzukehren, war +mehrmals höchst erfreulich, und man musste dies gewiss als einen der +sonderbarsten Fälle ansehen, dass gerade die Blüte des Heidentums +in einem christlichen haus verwahrt und hochgeschätzt werden sollte. +Ich versäumte nicht, die allerliebsten Motive hervorzuheben, die aus +diesen würdigen, kleinen Gebilden dem Auge entgegen sprangen. Auch +hier durfte man sich nicht verleugnen, dass Nachahmung großer, +würdiger, älterer Werke, die für uns ewig verloren wären, in diesen +engen Räumen juwelenhaft aufgehoben worden; und es fehlte fast an +keiner Art. Der tüchtigste Herkules, mit Efeu bekränzt, durfte seinen +kolossalen Ursprung nicht verleugnen; ein ernstes Medusenhaupt, +ein Bacchus, der ehemals im Medicischen Kabinett verwahrt worden, +allerliebste Opfer und Bacchanalien und zu allem diesen die +schätzbarsten Porträte von bekannten und unbekannten Personen mussten +bei wiederholter Betrachtung bewundert werden. + +Aus solchen Gesprächen, die ungeachtet ihrer Höhe und Tiefe nicht +Gefahr liefen, sich ins Abstruse zu verlieren. Schien eine +Vereinigung hervorzugehen, indem jede Verehrung eines würdigen +Gegenstandes immer von einem religiösen Gefühl begleitet ist. Doch +konnte man sich nicht verbergen, dass die reinste christliche +Religion mit der wahren bildenden Kunst immer sich zwiespältig +befinde, weil jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebt, +diese nun aber das sinnliche Element als ihren eigentlichsten +Wirkungskreis anerkennt und darin beharren muss. In diesem Geist +schrieb ich nachstehendes Gedicht augenblicklich nieder: + + Amor, nicht das Kind, der Jüngling, der Psychen verführte, + Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt; + Eine Göttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schöne, + Venus Urania war's, und er entbrannte für sie. + Ach! Die Heilige selbst, sie widerstand nicht den Werben, + Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt. + Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor, + Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt. + Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft, + Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst. + +Mit diesem allegorischen Glaubensbekenntnis schien man nicht ganz +unzufrieden; indessen blieb es auf sich selbst beruhen, und +beide Teile machten sich's zur Pflicht, von ihren Gefühlen und +Überzeugungen nur dasjenige hervorzukehren, was gemeinsam wäre und zu +wechselseitiger Belehrung und Ergötzung, ohne Widerstreit, gereichen +könnte. + +Immer aber konnten die geschnittenen Steine als ein herrliches +Mittelglied eingeschoben werden, wenn die Unterhaltung irgend +lückenhaft zu werden drohte. Ich von meiner Seite konnte freilich nur +das Poetische schätzen, das Motiv selbst, Komposition, Darstellung +überhaupt beurteilen und rühmen, dagegen die Freunde dabei noch ganz +andere Betrachtungen anzustellen gewohnt waren. Denn es ist für den +Liebhaber, der solche Kleinodien anschaffen, den Besitz zu einer +würdigen Sammlung erheben will, nicht genug zur Sicherheit seines +Erwerbs, dass er Geist und Sinn der köstlichen Kunstarbeit einsehe +und sich daran ergötze, sondern er muss auch äußerliche Kennzeichen +zu Hilfe rufen, die für den, der nicht selbst technischer Künstler im +gleichen Fach ist, höchst schwierig sein möchten. Hemsterhuis hatte +mit seinem Freunde Natter viele Jahre darüber korrespondiert, wovon +sich noch bedeutende Briefe vorfanden. Hier kam nun erst die Steinart +selbst zur Sprache, in welcher gearbeitet worden, indem man sich der +einen in frühern, der andern in folgenden Zeiten bedient; sodann war +vor allen Dingen eine größere Ausführlichkeit im Auge zu halten, +wo man auf bedeutende Zieten schließen konnte, so wie flüchtige +Arbeit bald auf Geist, teils auf Unfähigkeit, teils auf Leichtsinn +hindeutete, frühere oder spätere Epochen zu erkennen gab. Besonders +legte man großen Wert auf die Politur vertiefter Stellen und glaubte +darin ein unverwerfliches Zeugnis der besten Zeiten zu sehen. Ob aber +ein geschnittener Stein entschieden antik oder neu sei, darüber wagte +man keine festen Kriterien anzugeben; Freund Hemsterhuis habe selbst +nur mit Beistimmung jenes trefflichen Künstlers sich über diesen +Punkt zu beruhigen gewusst. + +Ich konnte nicht verbergen, dass ich hier in ein ganz frisches Feld +gerate, wo ich mich höchst bedeutend angesprochen fühle und nur die +Kürze der Zeit bedaure, wodurch ich die Gelegenheit mir abgeschnitten +sehe, meine Augen sowohl als den innern Sinn auch auf diese +Bedingungen kräftiger zu richten. Bei einem solchen Anlass äußerte +sich die Fürstin heiter und einfach: sie sei geneigt, mir die +Sammlung mitzugeben, damit ich solche zu Hause mit Freunden und +Kennern studieren und mich in diesem bedeutenden Zweig der bildenden +Kunst, mit Zuziehung von Schwefel- und Glaspasten, umsehen und +bestärken möchte. Dieses Anerbieten, das ich für kein leeres +Kompliment halten durfte und für mich höchst reizend war, lehnt' ich +jedoch dankbarlichst ab; und ich gestehe, dass mir im Innern die Art, +wie diese Schatz aufbewahrt wurde, eigentlich das größte Bedenken +gab. Die Ringe waren in einzelnen Kästchen, einer allein, zwei, drei, +wie es der Zufall gegeben hatte, nebeneinander gesteckt: es war +unmöglich, beim Vorzeigen am Ende zu bemerken, ob wohl einer fehle; +wie denn die Fürstin selbst gestand, dass einst, in der besten +Gesellschaft ein Herkules abhanden gekommen, den man erst späterhin +vermisst habe. Sodann schien es bedenklich genug, in gegenwärtiger +Zeit sich mit einem solchen Wert zu beschweren und eine höchst +bedeutende, ängstliche Verantwortung zu übernehmen. Ich suchte daher +mit der freundlichsten Dankbarkeit die schicklichsten ablehnenden +Gründe vorzubringen, welche Einrede die Freundin wohlwollend in +Betracht zu ziehen schien, indem ich nun um desto eifriger die +Aufmerksamkeit auf diese Gegenstände, insofern es sich nur +einigermaßen schicken wollte, zu lenken suchte. + +Von meinen Naturbetrachtungen aber, die ich, weil auch wenig Glück +für sie hier am Ort zu hoffen war, eher verheimlichte, war ich doch +genötigt einige Rechenschaft zu geben. Von Fürstenberg brachte zur +Sprache, dass er mit Verwunderung, welche beinahe wie Befremden +aussah, hie und da gehört habe, wie ich der Physiognomik wegen +die allgemeine Knochenlehre studiere, wovon sich doch schwerlich +irgendeien Beihilfe zu Beurteilung der Gesichtszüge des Menschen +hoffe lasse. Nun mocht' ich wohl bei einigen Freunden, das für einen +Dichter ganz unschicklich gehaltene Studium der Osteologie zu +entschuldigen und einigermaßen einzuleiten, geäußert haben, ich sei, +wie es denn wirklich auch an dem war, durch Lavaters Physiognomik in +dieses Fach wieder eingeführt worden, da ich in meinen akademischen +Jahren darin die erste Bekanntschaft gesucht hatte. Lavater selbst, +der glücklichste Beschauer organisierter Oberflächen, sah sich, in +Anerkennung, dass Muskel- und Hautgestalt und ihre Wirkung von dem +entschiedenen inneren Knochengebilde durchaus abhängen müsse, +getrieben, mehrere Tierschädel in sein Werk abbilden zu lassen und +selbige mir zu einem flüchtigen Kommentar darüber zu empfehlen. Was +ich aber gegenwärtig hiervon wiederholen oder in demselben sinn +zugunsten meines Verfahrens aufbringen wollte, konnte mir wenig +helfen, indem zu jener Zeit ein solcher wissenschaftlicher Grund +allzu weit ablag und man, im augenblicklichen geselligen Leben +befangen, nur den beweglichen Gesichtszügen, und vielleicht gar nur +in leidenschaftlichen Momenten, eine gewisse Bedeutung zugestand, +ohne zu bedenken, dass hier nicht etwa bloß ein regelloser Schein +wirken könne, sondern dass das Äußere, Bewegliche, Veränderliche als +ein wichtiges, bedeutendes Resultat eines innern entschiedenen Lebens +betrachtet werden müsse. + +Glücklicher als in diesen Vorträgen war ich in Unterhaltung größerer +Gesellschaft: geistliche Männer von Sinn und Verstand, heranstrebende +Jünglinge, wohlgestaltet und wohlerzogen, an Geist und Gesinnung viel +versprechend, waren gegenwärtig. Hier wählte ich unaufgefordert die +römischen Kirchenfeste Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter +Paul; sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- +und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen +charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich +ging darauf aus, ein "römisches Jahr" zu schreiben, den Verlauf +geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch, +sogleich jene Feste nach einem reinen, direkten Eindruck darzustellen +imstande, meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten +Bildern ebenso zufrieden sah als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, +einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau +bekannt, hatte im Stillen gefragt: ob ich denn wirklich katholisch +sei? Als die Fürstin mir dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein +anderes: Man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie +solle sich vor mir in Acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu +stellen, dass man mich für religiös, ja für katholisch halten könne. + +"Geben Sie mir zu, verehrte Freundin," rief ich aus, "ich stelle +mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fällt nicht schwer, +mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und +sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafte +Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener +Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. +Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was +ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit +erkennen: da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso recht +haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich +nach der meinigen." Hierdurch war man denn auch wegen dieses Punkts +aufgeklärt, und eine freilich keineswegs zu lobende heimliche +Einmischung in unsere Verhältnisse hatte gerade im Gegenteil, wie sie +Misstrauen erregen wollte, Vertrauen erregt. + +In einer solchen zarten Umgebung wär' es nicht möglich gewesen, herb +oder unfreundlich zu sein; im Gegenteil fühlt' ich mich milder als +seit langer Zeit, und es hätte mir wohl kein größeres Glück begegnen +können, als dass ich nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen +endlich wieder fromme menschliche Sitte auf mich einwirken fühlte. + +Einer so edlen, guten, sittlich-frohen Gesellschaft war ich jedoch in +einem Punkt ungefällig, ohne dass ich selbst weiß, wie es zugegangen +ist. Ich war wegen eines glücklichen, freien, bedeutenden Vorlesens +berühmt, man wünschte mich zu hören, und da man wusste, dass ich die +"Luise" von Voß, wie sie im Novemberheft des "Merkur" 1784 erschienen +war, leidenschaftlich verehrte und sie gerne vortrug, spielte man +darauf an, ohne zudringlich zu sein; man legte das Merkurstück unter +den Spiegel und ließ mich gewähren. Und nun wüsst' ich nicht zu +sagen, was mich abhielt; mir war wie Sinn und Lippe versiegelt, ich +konnte das Heft nicht aufnehmen, mich nicht entschließen, eine Pause +des Gesprächs zu meiner und der andern Freude zu nutzen, die Zeit +ging hin, und ich wundere mich noch über diese unerklärliche +Verstocktheit. + +Der Tag des Abschieds nahte heran: man musste doch sich einmal +trennen. "Nun," sagte die Fürstin, "hier gilt keine Widerrede! Sie +müssen die geschnittenen Steine mitnehmen, ich verlange es." Als ich +aber meine Weigerung auf das höflichste und freundlichste fort +behauptete, sagte sie zuletzt: "So muss ich Ihnen denn eröffnen, +warum ich es fordere. Man hat mir abgeraten, Ihnen diesen Schatz +anzuvertrauen, und eben deswegen will ich, muss ich es tun; man hat +mir vorgestellt, dass ich Sie doch auf diesen Grad nicht kenne, um +auch in einem solchen Fall von Ihnen ganz gewiss zu sein. Darauf habe +ich," fuhr sie fort, "erwidert: Glaubt ihr denn nicht, dass der +Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei als diese Steine? +Sollt' ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch +hinterdrein gehen." Ich konnte nun weiter nichts erwidern, indem +sie durch eine solche Äußerung in eben dem Grad mich zu ehren und +zu verpflichten wusste. Jedes übrige Hindernis räumte sie weg; +vorhandene Schwefelabgüsse, katalogisiert, waren zu Kontrolle, +sollte sie nötig befunden werden, in einem sauberen Kästchen mit den +Originalen eingepackt, und ein sehr kleiner Raum fasste die leicht +transportablen Schätze. + +So nahmen wir treulich Abschied, ohne jedoch sogleich zu scheiden; +die Fürstin kündigte mir an, sie wolle mich auf die nächste Station +begleiten, setze sich zu mir im Wagen, der ihrige folgte. Die +bedeutenden Punkte des Lebens und der Lehr kamen abermals zur +Sprache: ich wiederholte mild und ruhig mein gewöhnliches Credo, auch +sie verharrte bei dem ihrigen. Jedes zog nun seines Weges nach Hause; +sie mit dem nachgelassenen Wunsch, mich wo nicht hier, doch dort +wieder zu sehen. + +Diese Abschiedsformel wohl denkender freundlicher Katholiken war mir +nicht fremd, noch zuwider: ich hatte sie oft bei vorübergehenden +Bekanntschaften in Bädern und sonst meist von wohlwollenden, mir +freundlichst zugetanen Geistlichen vernommen, und ich sehe nicht ein, +warum ich irgendjemand verargen sollte, der wünscht, mich in seinen +Kreis zu ziehen, wo sich nach seiner Überzeugung ganz allein ruhig +leben und, einer ewigen Seligkeit versichert, ruhig sterben lässt. + + * * * * * + +Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem +Postmeister nicht allein rasch gefördert, sondern auch durch +Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und +höchst notwendig war. Denn ich hatte bei schöner, freundschaftlicher, +friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstürme; +und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich +immer weiter nach Deutschland hineindrängte und gegen welche die +Postillione ebenso wenig als am Rhein günstig gesinnt waren. Gar oft +kein gebahnter Weg, man fuhr blad hüben bald drüben, begegnete und +kreuzte sich. Heidegebüsch und Gesträuche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor +und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch +ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab. + +Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe: +er glaubte, die schönen Französinnen, die er in Düsseldorf in den +traurigsten Umständen wieder angetroffen, seien abermals im Fall, +seines Beistandes zu bedürfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht +wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen +und geängstigt, endlich über den Rhein geworfen worden. + +Hier aber in dieser Wüste erschien sie nicht: einige alte ehrwürdige +Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten +und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte, +weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen, +mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit +wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen würden; denn ob er es +gleich mit uns redlich meine, so ständ' er doch in dieser Wüstenei +für nichts. + +Glücklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine +Anzahl westfälischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein +bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht. + +An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der +kostbare Schatz, den wir mit uns führten, so leicht, um in einer +leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wünscht' ich mir +mein böhmisches Wägelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil, +welches wichtige Schätze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art +von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die +Notiz von Überschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und +Kostbarkeiten jederzeit überlieferte. Nun aber wurden wir wegen +vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des +schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig +vorwärts gedrängt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoßen, +da uns denn wirklich der bängliche Fall begegnete, dass der +Postillion in düsterer Nacht schwur, er könne das Ding nicht weiter +fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren +Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein hätten +Schaudern erregen können. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen +erquicklich: man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man +vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit +Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute +sich an ihren Vorzügen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da +fühlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem +kummervollen Zustand. Wie düster aber auch in der letzten und +schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so +wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert +und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem +Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines +bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines +jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die +behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit +jedoch ward mir für einige Zeit gestört, als ich auf dem prächtigen +tageshellen Königsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: der +anmeldende Diener kehrte zurück mit der Erklärung, es sei kein Platz +zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr +höflich an den Schlag und bat in schönen französischen Phrasen um +Entschuldigung, da es nicht möglich sei, mich aufzunehmen. Ich +erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern müsse, dass +in einem so großen Gebäude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem +fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. "Sie sind +ein Deutscher!" rief er aus, "das ist ein anderes!" und sogleich +ließ er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir +ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: er sei fest +entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei +höchst anmaßend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend, +da sie nicht wüssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrügen sie +sich noch immer, als hätten sie von einem eroberten Land Besitz +genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg +nach Eisenach weniger Zudrang der so häufig und unversehens heran +getriebenen Gäste. + +Meine Ankunft in Weimar sollte auch nicht ohne Abenteuer bleiben; sie +ereignete sich nach Mitternacht und gab Anlass zu einer +Familienszene, welche wohl in irgendeinem Roman die tiefste +Finsternis erhellen und erheitern würde. + +Nun fand ich das von meinem Fürsten mir bestimmte, erneuerte, wohl +eingerichtete Haus schon meistens bewohnbar, ohne dass mir die Freude +ganz versagt gewesen wäre, bei dem Ausbau mit- und einzuwirken. Die +Meinigen entgegneten mir munter und gesund, und als es an ein +Erzählen ging, kontrastierte freilich der heitere, ruhige Zustand, in +welchem sie die aus Verdun gesendeten Süßigkeiten genossen, mit +demjenigen, worin wir, die sie in paradiesischen Zuständen glaubten, +mit aller denkbaren Not zu kämpfen hatten. Unser stiller häuslicher +Kreis war nun umso reicher und froher abgeschlossen, indem Heinrich +Meyer, zugleich als Hausgenosse, Künstler, Kunstfreund und +Mitarbeiter, zu den Unsrigen gehörte und an allem Belehrenden sowie +an allem Wirksamen kräftigen Anteil nahm. + +Das weimarsche Theater bestand seit dem Mai 1791; es hatte sowohl den +Sommer genannten Jahres als auch den des laufenden in Lauchstädt +zugebracht und sich durch Wiederholung damals gangbarer, meist +bedeutender Stücke schon ziemlich gut zusammengespielt. Ein Rest der +Bellomoschen Gesellschaft, also schon aneinander gewöhnter Personen, +gab den Grund; andere teils schon brauchbare, teils viel +versprechende Glieder füllten schicklich und gemächlich die +entstandene Lücke. + +Man kann sagen, dass es damals noch ein Schauspielerhandwerk gab, +wodurch befähigt, sich Glieder entfernter Theater gar bald in +Einklang setzten, besonders wenn man so glücklich war, für +die Rezitation Niederdeutsche, für den Gesang Oberdeutsche +herbeizuziehen; und so konnte das Publikum für den Anfang gar wohl +zufrieden sein. Da ich teil an der Direktion genommen, so war es mir +eine unterhaltende Beschäftigung, gelind zu versuchen, auf welchem +Weg das Unternehmen weitergeführt werden könnte. Ich sah gar bald, +dass eine gewisse Technik aus Nachahmung, Gleichstellung mit andern +und Routine hervorgehen konnte; allein es fehlte durchaus an dem, was +ich Grammatik nennen dürfte, die doch erst zum Grund liegen muss, ehe +man zu Rhetorik und Poesie gelangen kann. Da ich auf diesen +Gegenstand zurückzukehren gedenke und ihn vorläufig nicht gern +zerstückeln möchte, so sage ich nur so viel: dass ich eben jene +Technik, welche sich alles aus Überlieferung aneignet, zu studieren +und auf ihre Elemente zurückzuführen suchte und das, was mir klar +geworden, in einzelnen Fällen, ohne auf ein Allgemeines hinzuweisen, +beobachten ließ. + +Was mir bei diesem Unternehmen aber besonders zustatten kam, war der +damals überhand nehmende Natur- und Konversationston, der zwar höchst +lobenswert und erfreulich ist, wenn er als vollendete Kunst, als eine +zweite Natur hervortritt, nicht aber, wenn ein jeder glaubt, nur sein +eigenes nacktes Wesen bringen zu dürfen, um etwas Beifallswürdiges +darzubieten. Ich aber benutzte diesen Trieb zu meinen Zwecken, indem +ich gar wohl zufrieden sein konnte, wenn das angeborne Naturell sich +mit Freiheit hervortat, um sich nach und nach, durch gewisse Regeln +und Anordnungen, einer höhern Bildung entgegenführen zu lassen. Doch +darf ich hiervon nicht weiter sprechen, weil was getan und geleistet +worden, sich erst nach und nach aus sich selbst entwickelte und also +historisch dargestellt werden musste. + +Umstände jedoch, die für das neue Theater sich höchst günstig +hervortaten, miss ich kürzlich anführen. Iffland und Kotzebue blühten +in ihrer besten Zeit, ihre Stücke, natürlich und fasslich, die einen +gegen ein bürgerlich rechtliches Behagen, die andern gegen eine +lockere Sittenfreiheit hingewendet; beide Gesinungen waren dem Tage +gemäß und erhielten freudige Teilnahme; mehrere noch als Manuskript +ergötzten durch den lebendigen Duft des Augenblicks, den sie mit sich +brachten. Schröder, Babo, Ziegler, glücklich energische Talente, +lieferten bedeutenden Beitrag; Bretzner und Jünger, ebenfalls +gleichzeitig, gaben anspruchslos einer bequemen Fröhlichkeit Raum. +Hagemann und Hagemeister, Talente, die sich auf die Länge nicht +halten konnten, arbeiteten gleichfalls für den Tag und waren, wo +nicht bewundert, doch als neu geschaut und willkommen. Diese +lebendige, sich im Zirkel herumtreibende Masse suchte man mit +Shakespeare, Gozzi und Schiller Geister zu erheben; man verließ die +bisherige Art, nur Neues zum nächsten Verlust einzustudieren, man war +sorgfältig in der Wahl und bereitete schon ein Repertorium vor, +welches viele Jahre gehalten hat. Aber auch dem Mann, der uns diese +Anstalt gründen half, müssen wir eine dankbare Erinnerung nicht +schuldig bleiben. Es war F. J. Fischer, ein Schauspieler in Jahren, +der sein Handwerk verstand, mäßig, ohne Leidenschaft, mit seinem +Zustand zufrieden, sich mit einem beschränkten Rollenfach begnügend. +Er brachte mehrere Schauspieler von Prag mit, die in seinem Sinn +wirkten, und wusste die einheimischen gut zu behandeln, wodurch ein +innerer Friede sich über das Ganze verbreitete. + +Was die Oper anlangt, so kamen uns die Dittersdorfischen Arbeiten auf +das Beste zustatten. Er hatte mit glücklichem Naturell und Humor für +ein fürstliches Privattheater gearbeitet, wodurch seinen Produktionen +eine gewisse leichte Behaglichkeit zuteil ward, die auch uns zugute +kam, weil wir unser neues Theater als eine Liebhaber-Bühne zu +betrachten die Klugheit hatten. Auf den Text, im rhythmischen und +prosaischen Sinn, wendete man viel Mühe, um ihn dem obersächsischen +Geschmack mehr anzueignen; und so gewann diese leichte Ware Beifall +und Abgang. + +Die aus Italien wiedergekehrten Freunde bemühten sich, die leichteren +italienischen Opern jener Zeit, von Paesiello, Cimarosa, Guglielmi +und andern, herüberzuführen, wo denn zuletzt auch Mozarts Geist +einzuwirken anfing. Denke man sich, dass von diesem allem wenig +bekannt, gar nichts abgebraucht war, so wird man gestehen, dass die +Anfänge des weimarschen Theaters mit den jugendlichen Zeiten des +deutschen Theaters überhaupt oder zugleich eintraten und Vorteile +genossen, die offenbar zu einer natürlichen Entwickelung aus sich +selbst den reinsten Anlass geben mussten. + +Um nun aber auch Genuss und Studium der anvertrauten Gemmensammlung +vorzubreiten und zu sichern, ließ ich gleich zwei zierliche +Ringkästchen verfertigen, worin die Steine mit einem Blick übersehbar +nebeneinander standen, so dass irgendeine Lücke sogleich zu bemerken +gewesen wäre; worauf alsdann Schwefel- und Gipsabgüsse in Mehrzahl +verfertigt und der Prüfung durch stark vergrößernde Linsen +unterworfen wurden, auch vorhandene Abdrücke älterer Sammlungen +vorgesucht und zu Rate gezogen. Wir bemerkten wohl, dass hier für uns +das Studium der geschnittenen Steine zu gründen sei; wie groß aber +die Vergünstigung der Freundin gewesen, wurde erst nach und nach +eingesehen. + +Das Resultat mehrjähriger Betrachtung sei deshalb hier eingeschaltet, +weil wir wohl schwerlich unsere Aufmerksamkeit so bald wieder auf +diesen Punkt wenden dürften. + +Aus innern Gründen der Kunst sahen sich die weimarschen Freunde +berechtigt, wo nicht alle, doch bei weitem die größte Anzahl dieser +geschnittenen Steine für echt antike Kunstdenkmale zu halten, und +zwar fanden sich mehrere darunter, welche zu den vorzüglichsten +Arbeiten dieser Art gerechnet werden durften. Einige zeichneten sich +dadurch aus, dass sie als wirklich identisch mit ältern +Schwefelpasten angesehen werden mussten; mehrere bemerkte man, deren +Darstellung mit andern antiken Gemmen zusammentraf, die aber deswegen +immer noch für echt gelten konnten. In den größten Sammlungen kommen +wiederholte Vorstellungen vor, und man würde sehr irren, die einen +als Original, die andern als moderne Kopien anzusprechen. + +Immer müssen wir dabei die edle Kunsttreue der Alten im Sinn tragen, +welche die einmal glücklich gelungene Behandlung eines Gegenstandes +nicht oft genug wiederholen konnte. Jene Künstler hielten sich für +original genug, wenn sie einen originellen Gedanken aufzufassen und +ihn auf ihre Weise wieder darzustellen Fähigkeit und Fertigkeit +empfanden. Mehrere Steine zeigten sich auch mit eingeschnittenen +Künstlernamen, worauf man seit Jahren großen Wert gelegt hatte. Eine +solche Zutat ist wohl immer merkwürdig genug, doch bleibt sie meist +problematisch: denn es ist möglich, dass der Stein alt und der Name +neu eingeschnitten sei, um dem Vortrefflichen noch einen Beiwert zu +verleihen. + +Ob wir uns nun gleich hier wie billig alles Katalogisierens +enthalten, da Beschreibung solcher Kunstwerke ohne Nachbildung wenig +Begriff gibt, so unterlassen wir doch nicht, von den vorzüglichsten +einige allgemeine Andeutungen zu geben. + +Kopf des Herkules. Bewundernswürdig in Betracht des edlen, freien +Geschmacks der Arbeit, und noch mehr zu bewundern in Hinsicht auf die +herrlichen Idealformen, welche mit keinem der bekannten Herkulesköpfe +ganz genau übereinkommen und eben dadurch die Merkwürdigkeit dieses +köstlichen Denkmals noch vermehren helfen. + +Brustbild des Bacchus. Arbeit, wie auf den Stein gehaucht, und in +Hinsicht auf die idealen Formen eines der edelsten antiken Werke. +Es finden sich in verschiedenen Sammlungen mehrere diesem ähnliche +Stücke, und zwar, wenn wir uns recht erinnern, sowohl hoch als tief +geschnitten; doch ist uns noch keines bekannt geworden, welches vor +dem gegenwärtigen den Vorzug verdiente. + +Faun, welcher einer Bacchantin das Gewand rauben will. Vortreffliche +und auf alten Monumenten mehrmals vorkommende Komposition, ebenfalls +gut gearbeitet. + +Eine umgestürzte Leier, deren Hörner zwei Delphine darstellen, der +Körper oder, wenn man will, der Fuß Amors Haupt, mit Rosen bekränzt; +zu derselben ist Bacchus' Panther, in der Vorderpfote den Thyrsusstab +haltend, zierlich gruppiert. Die Ausführung dieses Steins befriedigt +den Kenner, und wer zarte Bedeutung liebt, wird gleichfalls seine +Rechnung finden. + +Maske, mit großem Bart und weit geöffnetem Mund; eine Efeuranke +umschlingt die kahle Stirn. In seiner Art mag dieser Stein einer der +allervorzüglichsten sein, und ebenso schätzbar ist auch + +Eine andere Maske mit langem Bart und zierlich aufgebundenen Haaren; +ungewöhnlich tief gearbeitet. + +Venus tränkt den Amor. Eine der lieblichsten Gruppen, die man sehen +kann, geistreich behandelt, doch ohne großen Aufwand von Fleiß. + +Cybele, auf dem Löwen reitend, tief geschnitten: ein Werk, welches +als vortrefflich den Liebhabern durch Abdrücke, die fast in allen +Pastensammlungen zu finden sind, genugsam bekannt ist. + +Gigant, der einen Greif aus seiner Felsenhöhle hervorzieht. Ein Werk +von sehr vielem Kunstverdienst und als Darstellung vielleicht ganz +einzig. Die vergrößerte Nachbildung desselben finden unsere Leser vor +dem Voßschen Programm zu der Jenaischen A. L. Z. 1804, IV. Band. + +Behelmter Kopf im Profil, mit großem Bart. Vielleicht ist's eine +Maske; indessen hat sie im geringsten nichts Karikaturartiges, +sondern ein gedrungenes heldenmäßiges Angesicht, und ist vortrefflich +gearbeitet. + +Homer, als Herme, fast ganz von vorne dargestellt und sehr tief +geschnitten. Der Dichter erscheint hier jünger als gewöhnlich, kaum +im Anfang des Greisenalters; daher diese Werk nicht allein von Seiten +der Kunst, sondern auch des Gegenstandes wegen schätzbar ist. + +In Sammlungen von Abdrücken geschnittener Steine wird oftmals der +Kopf eines ehrwürdigen bejahrten Mannes mit langem Bart und +Haaren angetroffen, der -- jedoch ohne dass Gründe dafür angegeben +werden -- das Bildnis des Aristophanes sein soll. Ein ähnlicher, nur +durch unbedeutende Abweichungen von jenem sich unterscheidender Kopf +ist in unserer Sammlung anzutreffen und in der Tat eins der besten +Stücke. + +Das Profil eins Unbekannten ist vermutlich über der Augenbraune +abgebrochen gefunden und in neuerer Zeit wieder zum Ringstein +zugeschliffen worden. Großartiger und lebenvoller haben wir nie +menschliche Gestalt auf dem kleinen Raum einer Gemme dargestellt +gesehen, selten den Fall, wo der Künstler ein so unbeschränktes +Vermögen zeigte. Von ähnlichem Gehalt ist auch + +Der ebenfalls unbekannte Porträtkopf mit übergezogener Löwenhaut; +derselbe war auch so wie der vorige über dem Auge abgebrochen, allein +das Fehlende ist mit Gold ergänzt. + +Kopf eines bejahrten Mannes von gedrungenem, kräftigem Charakter, mit +kurz geschornen Haaren. Außerordentlich geistreich und meisterhaft +gearbeitet; besonders ist die kühne Behandlung des Barts zu bewundern +und vielleicht einzig in ihrer Art. + +Männlicher Kopf oder Brustbild ohne Bart, um das Haar eine Binde +gelegt, das reich gefaltete Gewand auf der rechten Schulter geheftet. +Es ist ein geistreicher, kräftiger Ausdruck in diesem Werk und Züge, +wie man gewohnt ist dem Julius Cäsar zuzuschreiben. + +Männlicher Kopf, ebenfalls ohne Bart, die Toga, wie bei Opfern +gebräuchlich war, über das Haupt gezogen. Außerordentlich viel +Wahrheit und Charakter ist in diesem Gesicht, und kein Zweifel, dass +die Arbeit echt alt und aus den Zeiten der ersten römischen Kaiser +sei. + +Brustbild einer römischen Dame; um das Haupt doppelte Flechten von +Haaren gewunden, das Ganze bewunderungswürdig fleißig ausgeführt und +in Hinsicht des Charakters voll Wahrheit, Behaglichkeit, Naivität, +Leben. + +Kleiner, behelmter Kopf, mit starkem Bart und kräftigem Charakter, +ganz von vorne dargestellt und schätzbare Arbeit. + +Eines neuern vortrefflichen Steines gedenken wir zum Schluss: das +Haupt der Meduse in dem herrlichsten Karneol. Es ist solches der +bekannten Meduse des Sosikles vollkommen ähnlich, und geringe +Abweichungen kaum zu bemerken. Allerdings eine der vortrefflichsten +Nachahmungen antiker Werke: denn für eine solche möchte er unerachtet +seiner großen Verdienste doch zu halten sein, da die Behandlung etwas +weniger Freiheit hat und überdies ein unter dem Abschnitt des Halses +angebrachtes N doch wohl auf eine Arbeit von Natter selbst schließen +lässt. + +An diesem Wenigen werden wahre Kunstkenner den hohen Wert der +gepriesenen Sammlung zu ahnen vermögen. Wo sie sich gegenwärtig +befindet, ist uns unbekannt; vielleicht erhielte man hierüber einige +Nachricht, die einen reichen Kunstfreund wohl anreizen könnte, diesen +Schatz, wenn er verkäuflich ist, sich zuzueignen. + +Die weimarschen Kunstfreunde zogen, solange diese Sammlung in ihren +Händen war, allen möglichen Vorteil daraus. Schon in dem laufenden +Winter gab sie der geistreichen Gesellschaft, welche sich um die +Herzogin Amalie zu vereinigen pflegte, ausgezeichnete Unterhaltung. +Man suchte sich in dem Studium geschnittener Steine zu begründen, +wobei uns das Wohlwollen der trefflichen Besitzerin sehr zustatten +kam, indem sie uns mehrere Jahre diesen Genuss gönnte. Doch ergötzte +sie sich kurz vor ihrem Ende noch an der schönen anschaulichen +Ordnung, worin sie die Ringe in zwei Kästchen auf einmal, wie sie +solche nie gesehen, vollständig gereiht wieder erblickte und also des +geschenkten großen Vertrauens sich edelmütig zu erfreuen hatte. + +Auch nach einer andern Seite wendeten sich unsere Kunstbetrachtungen. +Ich hatte die Farben genugsam in unterschiedenen Lebensverhältnissen +beobachtet und sah die Hoffnung, auch endlich ihre Kunstharmonie, +welche zu suchen ich eigentlich ausgegangen war, zu finden. Freund +Meyer entwarf verschiedene Kompositionen, wo man sie teils in einer +Reihe, teils im Gegensatz zu Prüfung und Beurteilung aufgestellt sah. + +Am klarsten ward sie bei einfachen landschaftlichen Gegenständen, wo +der Lichtseite immer das Gelbe und Gelbrote, der Schattenseite +das Blau und Blaurote zugeteilt werden musste, aber wegen +Mannigfaltigkeit der natürlichen Gegenstände gar leicht durchs +Braungrüne und Blaugrüne zu vermitteln. Auch hatten hier schon große +Meister durch Beispiel gewirkt, mehr als im Historischen, wo der +Künstler bei Wahl der Farben zu den Gewändern sich selbst überlassen +bleibt und in solcher Verlegenheit nach Herkommen und Überlieferung +greift, sich auch wohl durch irgendeine Bedeutung verführen lässt und +dadurch von wahrer harmonischer Darstellung öfters abgeleitet wird. + +Von solchen Studien bildender Kunst fühle ich mich denn doch +gedrungen, wieder zum Theater zurückzukehren und über mein eigenes +Verhältnis an demselben einige Betrachtungen anzustellen, welches +ich erst zu vermeiden wünschte. Man sollte denken, es sei die beste +Gelegenheit gewesen, für das neue Theater und zugleich für das +deutsche überhaupt als Schriftsteller auch etwas von meiner Seite zu +leisten: denn, genau besehen, lag zwischen oben genannten Autoren und +ihren Produktionen noch mancher Raum, der gar wohl hätte ausgeführt +werden können; es gab zu natürlich einfacher Behandlung noch +vielfältigen Stoff, den man nur hätte aufgreifen dürfen. + +Um aber ganz deutlich zu werden, gedenk' ich meiner ersten +dramatischen Arbeiten, welche, der Weltgeschichte angehörig, zu sehr +ins Breite gingen, um bühnenhaft zu sein; meine letzten, dem tiefsten +inneren Sinn gewidmet, fanden bei ihrer Erscheinung wegen allzu +großer Gebundenheit wenig Eingang. Indessen hatte ich mir eine +gewisse mittlere Technik eingeübt, die etwas mäßig Erfreuliches dem +Theater hätte verschaffen können; allein ich vergriff mich im Stoff, +oder vielmehr ein Stoff überwältigte meine innere sittliche Natur, +der allerwiderspenstigste, um dramatisch behandelt zu werden. + +Schon im Jahr 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das +Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhört frevelhafte Beginnen sah ich +die Würde der Majestät untergraben, schon im voraus vernichtet, und +alle Folgeschritte von dieser Zeit an bestätigten leider allzu +sehr die furchtbaren Ahnungen. Ich trug sie mit mir nach Italien +und brachte sie noch geschärfter wieder zurück. Glücklicherweise +ward mein "Tasso" noch abgeschlossen, aber alsdann nahm die +weltgeschichtliche Gegenwart meinen Geist völlig ein. + +Mit Verdruss hatte ich viele Jahre die Betrügereien kühner Phantasten +und absichtlicher Schwärmer zu verwünschen Gelegenheit gehabt und +mich über die unbegreifliche Verblendung vorzüglicher Menschen bei +solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert. Nun +lagen die direkten und indirekten Folgen solcher Narrheiten als +Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestät vor mir, alle +zusammen wirksam genug. Um den schönsten Thron der Welt zu +erschüttern. + +Mir aber einigen Trost und Unterhaltung zu verschaffen, suchte ich +diesem Ungeheuren eine heitere Seite abzugewinnen, und die Form der +komischen Oper, die sich mir schon seit längerer Zeit als eine der +vorzüglichsten dramatischen Darstellungsweisen empfohlen hatte, +schien auch ernstern Gegenständen nicht fremd, wie an "König Theodor" +zu sehen gewesen. + +Und so wurde denn jener Gegenstand rhythmisch bearbeitet, die +Komposition mit Reichardt verabredet, wovon denn die Anlagen einiger +tüchtigen Bass-Arien bekannt geworden; andere Musikstücke, die außer +dem Kontext keine Bedeutung hatten, blieben zurück, und die Stelle, +von der man sich die meiste Wirkung versprach, kam auch nicht +zustande: das Geistersehen in der Kristallkugel vor dem schlafend +weissagenden Cophta sollte als blendendes Final vor allen glänzen. + +Aber da waltete kein froher Geist über den Ganzen, es geriet ins +Stocken, und um nicht alle Mühe zu verlieren, schreib ich ein +prosaisches Stück, zu dessen Hauptfiguren sich wirklich analoge +Gestalten in der neuen Schauspielergesellschaft vorfanden, die denn +auch in der sorgfältigsten Aufführung das Ihrige leisteten. + +Aber eben deswegen, weil das Stück ganz trefflich gespielt wurde, +machte es einen um desto widerwärtigern Effekt. Ein furchtbarer und +zugleich abgeschmackter Stoff, kühn und schonungslos behandelt, +schreckte jedermann, kein Herz klang an; die fast gleichzeitige Nähe +des Vorbildes ließ den Eindruck noch greller empfinden, und weil +geheime Verbindungen sich ungünstig behandelt glaubten, so fühlte +sich ein großer respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie +das weibliche Zartgefühl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer +entsetzte. + +Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten +gleichgültig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese +letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand; ja +ich ergötzte mich an einer heimlichen Schadenfreude, wenn gewisse +Menschen, die ich dem Betrug oft genug ausgesetzt gesehen, kühnlich +versicherten, so grob könne man nicht betrogen werden. + +Aus diesem Ereignis zog ich mir jedoch keine Lehre; das, was mich +innerlich beschäftigte, erschien mir immerfort in dramatischer +Gestalt, und wie die Halsbandsgeschichte als düstre Vorbedeutung, +so ergriff mich nunmehr die Revolution selbst als die grässlichste +Erfüllung: den Thron sah ich gestürzt und zersplittert, eine große +Nation aus ihren fugen gerückt und nach unserm unglücklichen Feldzug +offenbar auch die Welt schon aus ihren Fugen. + +Indem mich nun dies alles in Gedanken bedrängte, beängstigte, hatte +ich leider zu bemerken, dass man im Vaterland sich spielend mit +Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns ähnliche Schicksale +vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemüter, die sich gewissen +aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache zu +begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Subjekte +bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen strebten. + +Als ein Zeugnis meines ärgerlich-guten Humors ließ ich den +"Bürgergeneral" auftreten, wozu mich ein Schauspieler verführte, +namens Beck, welcher den Schnaps in den "beiden Billetts" nach +Florian mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, indem selbst +seine Fehler ihm dabei zustatten kamen. Da ihm nun diese Maske so gar +wohl anstand, brachte man des gedachten kleinen, durchaus beliebten +Nachspiels erste Fortsetzung, den "Stammbaum" von Anton Wall, hervor, +und als ich nun auf Proben, Ausstattung und Vorstellung dieser +Kleinigkeit ebenfalls die größte Aufmerksamkeit wendete, so konnte +nicht fehlen, dass ich mich von diesem närrischen Schnaps so +durchdrungen fand, dass mich die Lust anwandelte, ihn nochmals zu +produzieren. Dies geschah auch mit Neigung und Ausführlichkeit; wie +denn das gehaltreiche Mantelsäckchen ein wirklich französisches war, +das Paul auf jener Flucht eilig aufgerafft hatte. Inder Hauptszene +erwies sich Malkolmi als alter wohlhabender, wohlwollender +Bauersmann, der sich eine gesteigerte Unverschämtheit als Spaß auch +einmal gefallen lässt, unübertrefflich und wetteiferte mit Beck in +wahrer, natürlicher Zweckmäßigkeit. Aber vergebens! Das Stück brachte +die widerwärtigste Wirkung hervor, selbst bei Freunden und Gönnern, +die, um sich und mich zu retten, hartnäckig behaupteten: ich sei +der Verfasser nicht, habe nur aus Grille meinen Namen und einige +Federstriche einer sehr subalternen Produktion zugewendet. + +Wie mich aber niemals irgendein Äußeres mir selbst entfremden konnte, +mich vielmehr nur strenger ins Innere zurückwies, so blieben jene +Nachbildungen des Zeitsinnes für mich eine Art von gemütlich +tröstlichem Geschäft. Die "Unterhaltungen der Ausgewanderten," +fragmentarischer Versuch, das unvollendet Stück "Die Aufgeregten" +sind ebensoviel Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen +vorging; wie auch späterhin "Hermann und Dorothea" noch aus +derselbigen Quelle flossen, welche denn freilich zuletzt erstarrte. +Der Dichter konnte der rollenden Weltgeschichte nicht nacheilen und +musste den Abschluss sich und andern schuldig bleiben, da er das +Rätsel auf eine so entschiedene als unerwartete Weise gelöst sah. + +Unter solchen Konstellationen war nicht leicht jemand, in so weiter +Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils, gedrückter als +ich; die Welt erschien mir blutiger und blutdürstiger als jemals, und +wenn das Leben eines Königs in der Schlacht für tausende zu rechnen +ist, so wird es noch viel bedeutender im gesetzlichen Kampf. Ein +König wird auf Tod und Leben angeklagt: da kommen Gedanken in Umlauf, +Verhältnisse zur Sprache, welche für ewig zu beschwichtigen sich das +Königtum vor Jahrhunderten kräftig eingesetzt hatte. + +Aber auch aus diesem grässlichen Unheil suchte ich mich zu retten, +indem ich die ganze Welt für nichtswürdig erklärte, wobei mir denn +durch eine besondere Fügung "Reineke Fuchs" in die Hände kam. Hatte +ich mich bisher an Straßen-, Markt- und Pöbelauftritten bis zum +Abscheu übersättigen müssen, so war es nun wirklich erheiternd, in +den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das +Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz +natürlich vorträgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch +heiter zu, und nirgends fühlt sich der gute Humor gestört. + +Um nun das köstliche Werk recht innig zu genießen, begann ich +alsobald eine treue Nachbildung; solche jedoch in Hexametern zu +unternehmen, war ich folgenderweise veranlasst. + +Schon seit vielen Jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks +Einleitung sehr lässliche Hexameter; Voß, indem er sich wohl auch +dergleichen bediente, ließ doch hie und a merken, dass man sie besser +machen könne, ja er schonte sogar seine eigenen vom Publikum gut +aufgenommenen Arbeiten und Übersetzungen nicht. Ich hätte das gar +gern auch gelernt, allein es wollte mir nicht glücken. Herder und +Wieland waren in diesem Punkte Latitudinarier, und man durfte der +Voßschen Bemühungen, wie sie nach und nach strenger und für den +Augenblick ungelenk erschienen, kaum Erwähnung tun. Das Publikum +selbst schätzte längere Zeit die Voßschen früheren Arbeiten, als +geläufiger, über sie späteren; ich aber hatte zu Voß, dessen Ernst +man nicht verkennen konnte, immer ein stilles Vertrauen und wäre, in +jüngeren Tagen oder anderen Verhältnissen, wohl einmal nach Eutin +gereist, um das Geheimnis zu erfahren. Denn er, aus einer zu ehrenden +Pietät für Klopstock, wollte, solange der würdige, allgefeierte +Dichter lebte, ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen: dass man in der +deutschen Rhythmik eine striktere Observanz einführen müsse, wenn +sie irgend gegründet werden solle. Was er inzwischen äußerte, waren +für mich sibyllinische Blätter. Wie ich mich an der Vorrede zu den +Georgiken abgequält habe, erinnere ich mich noch immer gerne, der +redlichen absicht wegen, aber nicht des daraus gewonnenen Vorteils. + +Da mir recht gut bewusst war, dass alle meine Bildung nur praktisch +sein könne, so ergriff ich die Gelegenheit, ein paar tausend +Hexameter hinzuschreiben, die bei dem köstlichsten Gehalt selbst +einer mangelhaften Technik gute Aufnahme und nicht vergänglichen Wert +verleihen durften. Was an ihnen zu tadeln sei, werde sich, dacht' +ich, am Ende schon finden; und so wendete ich jede Stunde, die mir +sonst übrig blieb, an eine solche schon innerhalb der Arbeit +vorläufig dankbare Arbeit, baute inzwischen und möbilierte fort, ohne +zu denken, was weiter mit mir sich ereignen würde, ob ich es gleich +gar wohl voraussehen konnte. + +So weit wir auch ostwärts von der großen Weltbegebenheit gelegen +waren, erschienen doch schon diesen Winter flüchtige Vorläufer +unserer ausgetriebenen westlichen Nachbarn; es war, als wenn sie +sich umsähen nach irgendeiner gesitteten Stätte, wo sie Schutz +und Aufnahme fänden. Obgleich nur vorübergehend, wussten sie +durch anständiges Betragen, duldsam-zufriedenes Wesen, durch +Bereitwilligkeit, sich ihrem Schicksal zu fügen und durch irgendeine +Tätigkeit ihr Leben zu fristen, dergestalt für sich einzunehmen, +dass durch diese einzelnen die Mängel der ganzen Masse ausgelöscht +und jeder Widerwille in entschiedene Gunst verwandelt wurde. Dies +kam denn freilich ihren Nachfahrern zeugte, die sich späterhin in +Thüringen festsetzten, unter denen ich nur Mounier und Camille Jordan +zu nennen brauche, um ein Vorurteil zu rechtfertigen, welches man für +die ganze Kolonie gefasst hatte, die sich, wo nicht den Genannten +gleich, doch derselben keineswegs unwürdig erzeigte. + +Übrigens lässt sich hierbei bemerken, dass in allen wichtigen +politischen Fällen immer diejenigen Zuschauer am besten dran sind, +welche Partei nehmen: was ihnen wahrhaft günstig ist, ergreifen sie +mit Freuden, das Ungünstige ignorieren sie, lehnen's ab oder legen's +ob oder legen's wohl gar zu ihrem Vorteil aus. Der Dichter aber, der +seiner Natur nach unparteiisch sein und bleiben muss, sucht sich von +den Zuständen beider kämpfenden Teile zu durchdringen, wo er denn, +wenn Vermittlung unmöglich wird, sich entschließen muss, tragisch zu +endigen. Und mit welchem Zyklus von Tragödien sahen wir uns von der +tosenden Weltbewegung bedroht! + +Wer hatte seit seiner Jugend sich nicht vor der Geschichte des Jahres +1649 entsetzt, wer nicht vor der Hinrichtung Karls I. geschaudert und +zu einigem Troste gehofft, dass dergleichen Szenen der Parteiwut sich +nicht abermals ereignen könnten! Nun aber wiederholte sich das alles, +gräulicher und grimmiger, bei dem gebildetsten Nachbarvolke wie vor +unsern Augen, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Man denke sich, +welchen Dezember und Januar dijenigen verlebten, die, den König zu +retten, ausgezogen waren und nun in seinen Prozess nicht eingreifen, +die Vollstreckung des Todesurteils nicht hindern konnten. + +Frankfurt war wieder in deutschen Händen; die möglichsten +Vorbereitungen, Mainz wieder zu erobern, wurden eifrigst besorgt. Man +hatte sich Mainz genähert und Hochheim besetzt. Königstein musste +sich ergeben. Nun aber war vor allen Dingen nötig, durch einen +vorläufigen Feldzug auf dem linken Rheinufer sich den Rücken frei +zu machen. Man zog daher am Taunusgebirge hin auf Idstein, über +das Benediktinerkloster Schönau nach Kaub, sodann über eine wohl +errichtete Schiffbrücke nach Bacharach; von da an gab es fast +ununterbrochene Vorpostengefechte, welche den Feind zum Rückzug +nötigten. Man ließ den eigentlichen Hunsrück rechts, zog nach +Stromberg, wo General Neuwinger gefangen wurde. Man gewann Kreuznach +und reinigte den Winkel zwischen der Nahe und dem Rhein; und so +bewegte man sich mit Sicherheit gegen diesen Fluss. Die Kaiserlichen +waren bei Speyer über den Rhein gegangen, und man konnte die +Umzingelung von Mainz den 14. April abschließen, wenigstens vorerst +die Einwohner mit Mangel, als dem Vorläufer größerer Not, in Angst +setzen. + +Diese Nachricht vernahm ich zugleich mit der Aufforderung, mich an +Ort und Stelle zu zeigen, um, wie früher an einem beweglichen Übel, +so nun an einem stationären teilzunehmen. Die Umzingelung war +vollbracht, die Belagerung konnte nicht ausbleiben; wie ungern ich +mich dem Kriegstheater abermals näherte, überzeuge sich, wer etwa die +zweite nach meinen Skizzen radierte Tafel in die Hand nimmt. Sie ist +einem sehr genauen Federumriss nachgebildet, den ich wenige Tage vor +meiner Abreise sorgfältig auf Papier gebracht hatte. Mit welchem +Gefühl, sagen die wenigen dazu gedichteten Reimzeilen: + + Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus, + Von Tür zu Türe sieht es lieblich aus; + Der Künstler froh die stillen Blicke hegt, + Wo Leben sich zum Leben freundlich regt. + Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn, + Da kommt es her, da kehrt es wieder hin; + Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke, + Der Enge zu, die uns allein beglücke. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kampagne in Frankreich, by +Johann Wolfgang von Goethe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH *** + +***** This file should be named 17664-8.txt or 17664-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/6/6/17664/ + +Produced by Andrew Sly + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
