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+Project Gutenberg's Kampagne in Frankreich, by Johann Wolfgang von Goethe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kampagne in Frankreich
+
+Author: Johann Wolfgang von Goethe
+
+Release Date: February 2, 2006 [EBook #17664]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH ***
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+Produced by Andrew Sly
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+Kampagne in Frankreich
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+Johann Wolfgang von Goethe
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+Den 23. August 1792.
+
+Gleich nach meiner Ankunft in Mainz besuchte ich Herrn von Stein den
+Älteren, königlich preußischen Kammerherrn und Oberforstmeister, der
+eine Art Residentenstelle daselbst versah und sich im Hass gegen
+alles Revolutionäre gewaltsam auszeichnete. Er schilderte mir mit
+flüchtigen Zügen die bisherigen Fortschritte der verbündeten Heere
+und versah mich mit einem Auszug des topographischen Atlas von
+Deutschland, welchen Jäger zu Frankfurt unter dem Titel
+"Kriegstheater" veranstaltet.
+
+Mittags bei ihm zur Tafel fand ich mehrere französische Frauenzimmer,
+die ich mit Aufmerksamkeit zu betrachten Ursache hatte; die eine --
+man sagte, es sei die Geliebte des Herzogs von Orleans -- eine
+stattliche Frau, stolzen Betragens und schon von gewissen Jahren, mit
+rabenschwarzen Augen, Augenbraunen und Haar; übrigens im Gespräch mit
+Schicklichkeit freundlich. Eine Tochter, die Mutter jugendlich
+darstellend, sprach kein Wort. Desto munterer und reizender zeigte
+sich die Fürstin Monaco, entschiedene Freundin des Prinzen von Condé,
+die Zierde von Chantilly in guten Tagen. Anmutiger war nichts zu
+sehen als diese schlanke Blondine: jung, heiter, possenhaft; kein
+Mann, auf den sie's anlegte, hätte sich verwahren können. Ich
+beobachtete sie mit freiem Gemüt und wunderte mich, Philinen, die ich
+hier nicht zu finden glaubte, so frisch und munter ihr Wesen treibend
+mir abermals begegnen zu sehen. Sie schien weder so gespannt noch
+aufgeregt als die übrige Gesellschaft, die denn freilich in Hoffnung,
+Sorgen und Beängstigung lebte. In diesen Tagen waren die Alliierten
+in Frankreich eingebrochen. Ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es
+widerstehen werde, ob auch republikanisch-französische Truppen sich
+zu den Alliierten gesellen und jedermann, wie es versprochen worden,
+sich für die gute Sache erklären und die Fortschritte erleichtern
+werde, das alles schwebte gerade in diesem Augenblick in Zweifel.
+Kuriere wurden erwartet; die letzten hatten nur das langsame
+Vorschreiten der Armee und die Hindernisse grundloser Wege gemeldet.
+Der gepresste Wunsch dieser Personen ward nur noch bänglicher, als
+sie nicht verbergen konnten, dass sie die schnellste Rückkehr ins
+Vaterland wünschen mussten, um von den Assignaten, der Erfindung
+ihrer Feinde, Vorteil ziehen, wohlfeiler und bequemer leben zu können.
+
+Sodann verbracht' ich mit Sömmerrings, Huber, Forsters und andern
+Freunden zwei muntere Abende: hier fühlt' ich mich schon wieder in
+vaterländischer Luft. Meist schon frühere Bekannte, Studiengenossen,
+in dem benachbarten Frankfurt wie zu Hause -- Sömmerrings Gattin war
+eine Frankfurterin -- sämtlich mit meiner Mutter vertraut, ihre
+genialen Eigenheiten schätzend, manches ihrer glücklichen Worte
+wiederholend, meine große Ähnlichkeit mit ihr in heiterem Betragen
+und lebhaften Reden mehr als einmal beteuernd: was gab es da nicht
+für Anlässe, Anklänge, in einem natürlichen, angebornen und
+angewöhnten Vertrauen! Die Freiheit eines wohlwollenden Scherzes
+auf dem Boden der Wissenschaft und Einsicht verlieh die heiterste
+Stimmung. Von politischen Dingen war die Rede nicht, man fühlte, dass
+man sich wechselseitig zu schonen habe: denn wenn sie republikanische
+Gesinnungen nicht ganz verleugneten, so eilte ich offenbar, mit einer
+Armee zu ziehen, die eben diesen Gesinnungen und ihrer Wirkung ein
+entschiedenes Ende machen sollte.
+
+Zwischen Mainz und Bingen erlebt' ich eine Szene, die mir den Sinn
+des Tages alsobald weiter aufschloss. Unser leichtes Fuhrwerk
+erreichte schnell einen vierspännigen, schwer bepackten Wagen; der
+ausgefahrne Hohlweg aufwärts am Berge her nötigte uns, auszusteigen,
+und da fragten wir denn die ebenfalls abgestiegenen Schwäger, wer vor
+uns dahinfahre? Der Postillion jenes Wagens erwiderte darauf mit
+schimpfen und Fluchen, dass es Französinnen seien, die mit ihrem
+Papiergeld durchzukommen glaubten, die er aber gewiss noch umwerfen
+wolle, wenn sich einigermaßen Gelegenheit fände. Wir verwiesen ihm
+seine gehässige Leidenschaft, ohne ihn im Mindesten zu bessern. Bei
+sehr langsamer Fahrt trat ich hervor an den Schlag der Dame und
+redete sie freundlich an, worauf sich ein junges, schönes, aber von
+ängstlichen Zügen beschattetes Gesicht einigermaßen erheiterte.
+
+Sie vertraute sogleich, dass sie dem Gemahl nach Trier folge und von
+da baldmöglichst nach Frankreich zu gelangen wünsche. Da ich ihr nun
+diesen Schritt als sehr voreilig schilderte, gestand sie, dass außer
+der Hoffnung, ihren Gemahl wieder zu finden, die Notwendigkeit,
+wieder von Papier zu leben, sie hierzu bewege. Ferner zeigte sie ein
+solches Zutrauen zu den verbündeten Streitkräften der Preußen,
+Österreicher und Emigrierten, dass man, wär' auch Zeit und Ort nicht
+hinderlich gewesen, sie schwerlich zurückgehalten hätte.
+
+Unter diesen Gesprächen fand sich ein sonderbarer Anstoß; über den
+Hohlweg, worin wir befangen waren, hatte man eine hölzerne
+Rinne geführt, die das nötige Wasser einer jenseits stechenden
+oberschlächtigen Mühle zubrachte. Man hätte denken sollen, die Höhe
+des Gestells wäre doch wenigstens auf einen Heuwagen berechnet
+gewesen. Wie dem aber auch sei, das Fuhrwerk war so unmäßig obenauf
+bepackt, Kistchen und Schachteln pyramidalisch übereinander getürmt,
+dass die Rinne dem weiteren Fortkommen ein unüberwindliches Hindernis
+entgegensetzte.
+
+Hier ging nun erst das Fluchen und Schelten der Postillione los, die
+sich um so viel Zeit aufgehalten sahen; wir aber erboten uns
+freundlich, halfen abpacken und an der anderen Seite des träufelnden
+Schlagbaums wieder aufpacken. Die junge, gute, nach und nach
+entschüchterte Frau wusste nicht, wie sie sich dankbar genug benehmen
+sollte; zugleich aber wuchs ihre Hoffnung auf uns immer mehr und
+mehr. Sie schrieb den Namen ihres Mannes und bat inständig, da wir
+doch früher als sie nach Trier kommen müssten, ob wir nicht am Tor
+den Aufenthalt des Gatten schriftlich niederzulegen geneigt wären?
+Bei dem besten Willen verzweifelten wir an dem Erfolg wegen Größe der
+Stadt, sie aber ließ nicht von ihrer Hoffnung.
+
+In Trier angelangt, fanden wir die Stadt von Truppen überlegt, von
+allerlei Fuhrwerk überfahren, nirgends ein Unterkommen; die Wagen
+hielten auf den Plätzen, die Menschen irrten auf den Straßen; das
+Quartieramt, von allen Seiten bestürmt, wusste kaum Rat zu schaffen.
+Ein solches Gewirr jedoch ist wie eine Art Lotterie, der Glückliche
+zeiht irgendeinen Gewinn; und so begegnete mir Leutnant von Fritsch
+von des Herzogs Regiment und brachte mich, nach freundlichstem
+Begrüßen, zu einem Kanonikus, dessen großes Haus und weitläufiges
+Gehöft mich und meine kompendiöse Equipage freundlich und bequemlich
+aufnahm, wo ich denn sogleich einer genugsamen Erholung pflegte.
+Gedachter junge militärische Freund, von Kindheit auf mir bekannt
+und empfohlen, war mit einem kleinen Kommando in Trier zu verweilen
+beordert, um für die zurückgelassenen Kranken zu sorgen, die
+nachziehenden Maroden, verspätete Bagagewagen und dergleichen
+aufzunehmen und sie weiter zu befördern; wobei denn auch mir seine
+Gegenwart zugute kam, ob er gleich nicht gern im Rücken der Armee
+verweilte, wo für ihn, als einen jungen strebenden Mann, wenig Glück
+zu hoffen war.
+
+Mein Diener hatte kaum das Notwendigste ausgepackt, als er sich in
+der Stadt umzusehen Urlaub erbat; spät kam er wieder, und des anderen
+Morgens trieb eine gleiche Unruhe ihn aus dem Haus. Mir war diese
+seltsame Benehmen unerklärlich, bis das Rätsel sich löste: die
+schönen Französinnen hatten ihn nicht ohne Anteil gelassen, er spürte
+sorgfältig und hatte das Glück, sie auf dem großen Platz, mitten
+unter hundert Wagen haltend, an der Schachtelpyramide zu erkennen,
+ohne jedoch ihren Gemahl aufgefunden zu haben.
+
+Auf dem Weg von Trier nach Luxemburg erfreute mich bald das Monument
+in der Nähe von Igel. Da mir bekannt war, wie glücklich die Alten
+ihre Gebäude und Denkmäler zu setzen wussten, warf ich in Gedanken
+sogleich die sämtlichen Dorfhütten weg, und nun stand es an dem
+würdigsten Platz. Die Mosel fließt unmittelbar vorbei, mit welcher
+sich gegenüber ein ansehnliches Wasser, die Saar, verbindet; die
+Krümmung der Gewässer, das Auf- und Absteigen des Erdreichs, eine
+üppige Vegetation geben der Stelle Lieblichkeit und Würde.
+
+Das Monument selbst könnte man einen architektonisch-plastisch
+verzierten Obelisk nennen. Er steigt in verschiedenen, künstlerisch
+übereinander gestellten Stockwerken in die Höhe, bis er sich zuletzt
+in einer Spitze endigt, die mit Schuppen ziegelartig verziert ist und
+mit Kugel, Schlange und Adler in der Luft sich abschloss.
+
+Möge irgendein Ingenieur, welchen die gegenwärtigen Kriegsläufe in
+diese Gegend führen und vielleicht eine Zeitlang festhalten, sich die
+Mühe nicht verdrießen lassen, das Denkmal auszumessen, und, insofern
+er Zeichner ist, auch die Figuren der vier Seiten, wie sie noch
+kenntlich sind, uns überliefern und erhalten!
+
+Wie viel traurige bildlose Obelisken sah ich nicht zu meiner Zeit
+erreichten, ohne dass irgendjemand an jenes Monument gedacht hätte!
+Es ist freilich schon aus einer spätern Zeit, aber man sieht immer
+noch die Lust und Liebe, seine persönliche Gegenwart mit aller
+Umgebung und den Zeugnissen von Tätigkeit sinnlich auf die Nachwelt
+zu bringen. Hier stehen Eltern und Kinder gegeneinander, man schmaust
+im Familienkreis; aber damit der Beschauer auch wisse, woher die
+Wohlhäbigkeit komme, ziehen beladene Saumrosse einher, Gewerb' und
+Handel wird auf mancherlei Weise vorgestellt. Denn eigentlich sind es
+Kriegskommissarien, die sich und den Ihrigen dies Monument
+errichteten, zum Zeugnis, dass damals wie jetzt an solcher Stelle
+genugsamer Wohlstand zu erringen sei.
+
+Man hatte diesen ganzen Spitzbau aus tüchtigen Sandquadern roh
+übereinander getürmt und alsdann, wie aus einem Felsen, die
+architektonisch-plastischen Gebilde herausgehauen. Die so manchem
+Jahrhunderte widerstehende Dauer dieses Monuments mag sich wohl aus
+einer so gründlichen Anlage herschreiben.
+
+ * * * * *
+
+Diesen angenehmen und furchtbaren Gedanken konnte ich mich nicht
+lange hingeben: denn ganz nahe dabei, in Grevenmachern, war mir das
+modernste Schauspiel bereitet. Hier fand ich das Korps Emigrierte,
+das aus lauter Edelleuten, meist Ludwigsrittern, bestand. Sie hatten
+weder Diener noch Reitknechte, sondern besorgten sich selbst und ihr
+Pferd. Gar manchen hab' ich zur Tränke führen, vor der Schmiede
+halten sehen. Was aber den sonderbarsten Kontrast mit diesem
+demütigen Beginnen hervorrief, war ein großer, mit Kutschen und
+Reisewagen aller Art überladener Wiesenraum. Sie waren mit Frau und
+Liebchen, Kindern und Verwandten zu gleicher Zeit eingerückt, als
+wenn sie den innern Widerspruch ihres gegenwärtigen Zustandes recht
+wollten zur Schau tragen.
+
+Da ich einige Stunden hier unter freiem Himmel auf Postpferde warten
+musste, konnt' ich noch eine andere Bemerkung machen. Ich saß vor dem
+Fenster des Posthauses, unfern von der Stelle, wo das Kästchen stand,
+in dessen Einschnitt man die unfrankierten Briefe zu werfen pflegt.
+Einen ähnlichen Zudrang hab' ich nie gesehen: zu Hunderten wurden sie
+in die Ritze gesenkt. Das grenzenlose Bestreben, wie man mit Leib,
+Seel' und Geist in sein Vaterland durch die Lücke des durchbrochenen
+Dammes wieder einzuströmen begehre, war nicht lebhafter und
+aufdringlicher vorzubilden.
+
+Vor Langeweile und aus Lust, Geheimnisse zu entwickeln oder zu
+supplieren, dacht' ich mir, was in dieser Briefmenge wohl enthalten
+sein möchte? Da glaubt' ich denn eine Liebende zu spüren, die mit
+Leidenschaft und Schmerz die Qual des Entbehrens in solcher Trennung
+heftigst ausdrückte; einen Freund, der von dem Freund in der
+äußersten Not einiges Geld verlangte; ausgetriebene Frauen mit
+Kindern und Dienstanhang, deren Kasse bis auf wenige Geldstücke
+zusammengeschmolzen war; feurige Anhänger der Prinzen, die, das Beste
+hoffend, sich einander Lust und Mut zusprachen; andere, die schon das
+Unheil in der Ferne witterten und sich über den bevorstehenden
+Verlust ihrer Güter jammervoll beschwerten -- und ich denke, nicht
+ungeschickt geraten zu haben.
+
+Über manches klärte der Postmeister mich auf, der, um meine Ungeduld
+nach Pferden zu beschwichtigen, mich vorsätzlich zu unterhalten
+suchte. Er zeigte mir verschiedene Briefe mit Stempeln aus entfernten
+Gegenden, die nun den Vorgerückten und Vorrückenden nachirren
+sollten. Frankreich sei an allen seinen Grenzen mit solchen
+Unglücklichen umlagert, von Antwerpen bis Nizza; dagegen stünden
+ebenso die französischen Heere zur Verteidigung und zum Ausfall
+bereit. Er sagte manches Bedenkliche; ihm schien der Zustand der
+Dinge wenigstens sehr zweifelhaft.
+
+Da ich mich nicht so wütend erwies wie andere, die nach Frankreich
+hineinstürmten, hielt er mich blad für einen Republikaner und zeigte
+mehr Vertrauen; er ließ mich die Unbilden bedenken, welche die
+Preußen von Wetter und Weg über Koblenz und Trier erlitten, und
+machte eine schauderhafte Beschreibung, wie ich das Lager in der
+Gegend von Longwy finden würde; von allem war er gut unterrichtet und
+schien nicht abgeneigt, andere zu unterrichten. Zuletzt suchte er
+mich aufmerksam zu machen, wie die Preußen beim Einmarsch ruhige und
+schuldlose Dörfer geplündert, es sei nun durch die Truppen geschehen
+oder durch Packknechte und Nachzügler; zum Schein habe man's
+bestraft, aber die Menschen im Innersten gegen sich aufgebracht.
+
+Da musste mir denn jener General des Dreißigjährigen Kriegs
+einfallen, welcher, als man sich über das feindselige Betragen seiner
+Truppen in Freundesland höchlich beschwerte, die Antwort gab: "Ich
+kann meine Armee nicht im Sack transportieren," überhaupt aber konnte
+ich bemerken, dass unser Rücken nicht sehr gesichert sei.
+
+Longwy, dessen Eroberung mir schon unterwegs triumphierend verkündigt
+war, ließ ich auf meiner Fahrt rechts in einiger Ferne und gelangte
+den 27. August nachmittags gegen das Lager von Praucourt. Auf einer
+Fläche geschlagen, war es zu übersehen, aber dort anzulangen nicht
+ohne Schwierigkeit. Ein feuchter, aufgewühlter Boden war Pferden und
+Wagen hinderlich; daneben fiel es auf, dass man weder Wachen noch
+Posten noch irgendjemand antraf, der sich nach den Pässen erkundigt
+und bei dem man dagegen wieder einige Erkundigung hätte einziehen
+können. Wir fuhren durch eine Zeltwüste, denn alles hatte sich
+verkrochen, um vor dem schrecklichen Wetter kümmerlichen Schutz zu
+finden. Nur mit Mühe erforschten wir von einigen die Gegend, wo wir
+das herzoglich weimarische Regiment finden könnten, erreichten
+endlich die Stelle, sahen bekannte Gesichter und wurden von
+Leidensgenossen gar freundlich aufgenommen. Kämmerier Wagner und sein
+schwarzer Pudel waren die ersten Begrüßenden; beide erkannten einen
+vieljährigen Lebensgesellen, der abermals eine bedenkliche Epoche mit
+durchkämpfen sollte. Zugleich erfuhr ich einen unangenehmen Vorfall:
+des Fürsten Leibpferd, der Amaranth, war gestern nach einem
+grässlichen Schrei niedergestürzt und tot geblieben.
+
+Nun musste ich von der Situation des Lagers noch viel Schlimmeres
+gewahren und vernehmen, als der Postmeister mir vorausgesagt. Man
+denke sich's auf einer Ebene am Fuß eines sanft aufsteigenden Hügels,
+an welchem ein von alters her gezogener Graben Wasser von Feldern und
+Wiesen abhalten sollte; dieser aber wurde so schnell als möglich
+Behälter alles Unrats, aller Abwürflinge: der Abzug stockte,
+gewaltige Regengüsse durchbrachen nachts den Damm und führten das
+widerwärtigeste Unheil unter die Zelte. Da ward nun, was die
+Fleischer an Eingeweiden, Knochen und sonst beiseite geschafft, in
+die ohnehin feuchten und ängstlichen Schlafstellen getragen.
+
+Mir sollte gleichfalls ein zelt eingeräumt werden, ich zog aber vor,
+mich des Tags über bei Freunden und Bekannten aufzuhalten und nachts
+in dem großen Schlafwagen der Ruhe zu pflegen, dessen Bequemlichkeit
+von früheren Zeiten her mir schon bekannt war. Seltsam musste man es
+jedoch finden, wie er, obgleich nur etwa dreißig Schritte von den
+Zelten entfernt, doch dergestalt unzugänglich bleib, dass ich mich
+abends musste hinein und morgens wieder heraus tragen lassen.
+
+
+
+
+Am 28. August.
+
+So wunderlich tagte mir diesmal mein Geburtsfest. Wir setzten uns zu
+Pferd und ritten in die eroberte Festung; das wohl gebaute und
+befestigte Städtchen liegt auf einer Anhöhe. Meine Absicht war, große
+wollene Decken zu kaufen, und wir verfügten uns sogleich in einen
+Kramladen, wo wir Mutter und Töchter hübsch und anmutig fanden. Wir
+feilschten nicht viel und zahlten gut und waren so artig, als es
+Deutschen ohne Tournüre nur möglich ist.
+
+Die Schicksale des Hauses während des Bombardements waren höchst
+wunderbar. Mehrere Granaten hintereinander fielen in das
+Familienzimmer, man flüchtete, die Mutter riss ein Kind aus der Wiege
+und floh, und in dem Augenblick schlug noch eine Granate gerade durch
+die Kissen, wo der Knabe gelegen hatte. Zum Glück war keine der
+Granaten gesprungen, sie hatten die Möbel zerschlagen, am Getäfel
+gesengt, und so war alles ohne weiteren Schaden vorübergegangen; in
+den Laden war keine Kugel gekommen.
+
+Dass der Patriotismus derer von Lognwy nicht allzu kräftig sein
+mochte, sah man daraus, dass die Bürgerschaft den Kommandanten sehr
+bald genötigt hatte, die Festung zu übergeben; auch hatten wir kaum
+einen schritt aus dem Laden getan, als der innere Zwiespalt der
+Bürger sich uns genugsam verdeutlichte. Königisch Gesinnte, und also
+unsere Freunde, welche die schnell Übergabe bewirkt, bedauerten, dass
+wir in dieses Warengewölbe zufällig gekommen und dem schlimmsten
+aller Jakobiner, der mit seiner ganzen Familie nichts tauge, so viel
+schönes Geld zu lösen gegeben. Gleichermaßen warnte man uns vor einem
+splendiden Gasthof, und zwar so bedenklich, als wenn den Speisen
+daselbst nicht ganz zu trauen sein möchte; zugleich deutete man auf
+einen geringeren als zuverlässig, wo wir uns denn auch freundlich
+aufgenommen und leidlich bewirtet sahen.
+
+Nun saßen wir alte Kriegs- und Garnisons-kameraden traulich und
+froh wieder neben und gegen einander; es waren die Offiziere des
+Regiments, vereint mit des Herzogs Hof-, Haus- und Kanzleigenossen;
+man unterhielt sich von dem Nächstvergangenen, wie bedeutend und
+bewegt es Anfang Mais in Aschersleben gewesen, als die Regimenter
+sich marschfertig zu halten Order bekommen, der Herzog von
+Braunschweig und mehrere hohe Personen daselbst Besuch abgestattet,
+wobei des Marquis von Bouillé als eines bedeutenden und in die
+Operationen kräftig eingreifenden Fremden zu erwähnen nicht vergessen
+wurde. Sobald dem horchenden Gastwirt dieser Name zu Ohren kam,
+erkundigte er sich eifrigst, ob wir den Herren kennten? Die meisten
+durften es bejahen, wobei er denn viel Respekt bewies und große
+Hoffnung auf die Mitwirkung dieses würdigen, tätigen Mannes
+aussprach, ja es wollte scheinen, als wenn wir von diesem Augenblick
+an besser bedient würden.
+
+Wie wir nun alle hier Versammelten uns mit Leib und Seele einem
+Fürsten angehörig bekannten, der seit mehreren Regierungsjahren so
+große Vorzüge entwickelt und sich nunmehr auch im Kriegshandwerk, dem
+er von Jugend auf zugetan gewesen, das er seit geraumer Zeit
+getrieben, bewähren sollte, so ward auf sein Wohl und seiner
+Angehörigen nach guter deutscher Weise angestoßen und getrunken,
+besonders aber auf des Prinzen Bernhards Wohl, bei welchem kurz vor
+dem Ausmarsch Obristwachtmeister von Weyrach, als Abgeordneter des
+Regiments, Gevatter gestanden hatte.
+
+Nun wusste jeder von dem Marsch selbst gar manches zu erzählen, wie
+man, den Harz links lassend, an Goslar vorbei nach Northeim durch
+Göttingen gekommen; da hörte man denn von trefflichen und schlechten
+Quartieren, bäurisch-unfreundlichen, gebildet-missmutigen,
+hypochondrisch-gefälligen Wirten, von Nonnenklöstern und mancherlei
+Abwechslung des Weges und Wetters. Alsdann war man am östlichen Rand
+Westfallens her bis Koblenz gezogen, hatte mancher hübschen Frau zu
+gedenken, von seltsamen Geistlichen, unvermutet begegnenden Freunden,
+zerbrochenen Rädern, umgeworfenen Wagen buntscheckigen Bericht zu
+erstatten.
+
+Von Koblenz aus beklagte man sich über bergige Gegenden,
+beschwerliche Wege und mancherlei Mangel und rückte sodann, nachdem
+man sich im Vergangenen kaum zerstreut, dem Wirklichen immer näher;
+der Einmarsch nach Frankreich in dem schrecklichsten Wetter ward als
+höchst unerfreulich und als würdiges Vorspiel beschrieben des
+Zustandes, den wir, nach dem Lager zurückkehrend, voraussehen
+konnten. Jedoch in solcher Gesellschaft ermutigt sich einer am
+anderen, und ich besonders beruhigte mich beim Anblick der köstlichen
+wollenen Decken, welche der Reitknecht aufgebunden hatte.
+
+Im Lager fand ich abends in dem großen Zelt die beste Gesellschaft;
+sie war dort beisammen geblieben, weil man keinen Fuß heraussetzen
+konnte; alles war gutes Muts und voller Zuversicht. Die schnelle
+Übergabe von Longwy bestätigte die Zusage der Emigrierten, man werde
+überall mit offenen Armen aufgenommen sein, und es schien sich dem
+großen Vorhaben des revolutionären Frankreichs, durch die Manifeste
+des Herzogs von Braunschweig ausgesprochen, zeigten sich ohne
+Ausnahme bei Preußen, Österreichern und Emigrierten.
+
+Freilich durfte man nur das wahrhaft bekannt Gewordene erzählen, so
+ging daraus hervor, dass ein Volk, auf solchen Grad verunreinigt,
+nicht einmal in Parteien gespalten, sondern im Innersten zerrüttet,
+in lauter Einzelheiten getrennt, dem hohen Einheitssinn der edel
+Verbündeten nicht widerstehen könne.
+
+Auch hatte man schon von Kriegstaten zu erzählen. Gleich nach dem
+Eintritt in Frankreich stießen beim Rekognozieren fünf Eskadronen
+Husaren von Wolfrat auf tausend Chasseurs, die von Sedan der unser
+Vorrücken beobachten sollten. Die Unsrigen, wohl geführt, griffen an,
+und da die Gegenseitigen sich tapfer wehrten, auch keinen
+Pardonannehmen wollten, gab es ein gräulich Gemetzel, worin wir
+siegten, Gefangene machten, Pferde, Karabiner und Säbel erbeuteten,
+durch welches Vorspiel der kriegerische Geist erhöht, Hoffnung und
+Zutrauen fester gegründet wurden.
+
+Am 29. August geschah der Aufbruch aus diesen halberstarrten Erd- und
+Wasserwogen, langsam und nicht ohne Beschwerde: denn wie sollte man
+Zelte und Gepäck, Monturen und sonstiges nur einigermaßen reinlich
+halten, da sich keine Stelle fand, wo man irgendetwas zurechtlegen
+und ausbreiten können!
+
+Die Aufmerksamkeit jedoch, welche die höchsten Heerführer diesem
+Abmarsch zuwendeten, gab uns frisches Vertrauen. Auf das strengste
+war alles Fuhrwerk ohne Ausnahme hinter die Kolonne beordert, nur
+jeder Regimentschef berechtigt, eine Chaise vor seinem Zug hergehen
+zu lassen; da ich denn das Glück hatte, im leichten, offenen
+Wägelchen die Hauptarmee für diesmal anzuführen. Beide Häupter, der
+König sowohl als der Herzog von Braunschweig, mit ihrem Gefolge
+hatten sich da postiert, wo alles an ihnen vorbei musste. Ich sah sie
+von weiten, und als wir herankamen, ritten Ihro Majestät an mein
+Wäglein heran und fragten in Ihro lakonischen Art, wem das Fuhrwerk
+gehöre? Ich antwortete laut: "Herzog von Weimar!" und wir zogen
+vorwärts. Nicht leicht ist jemand von einem vornehmern Visitator
+angehalten worden.
+
+Weiterhin jedoch fanden wir den Weg hie und a etwas besser. In einer
+wunderlichen Gegend, wo Hügel und Tal miteinander abwechselten, gab
+es besonders für die zu Pferde noch trockene Räume genug, um sich
+behaglich vorwärts bewegen zu können. Ich warf mich auf das meine,
+und so ging es freier und lustiger fort; das Regiment hatte den
+Vortritt bei der Armee, wir konnten also immer voraus sein und der
+lästigen Bewegung des Ganzen völlig entgehen.
+
+Der Marsch verließ die Hauptstraße, wir kamen über Arrancy, worauf
+uns denn Chatillon l'Abbaye, als erste Kennzeichen der Revolution,
+ein verkauftes Kirchengut, in halb abgebrochenen und zerstörten
+Mauern zur Seite liegen blieb.
+
+Nun aber sahen wir über Hügel und Tal des Königs Majestät sich eilig
+zu Pferde bewegend, wie den Kern eines Kometen von einem langen,
+schweifartigen Gefolge begleitet. Kaum war jedoch dieses Phänomen mit
+Blitzesschnelle vor uns vorbei geschwunden, als ein zweites von einer
+andern Seite den Hügel krönte oder das Tal erfüllte. Es war der
+Herzog von Braunschweig, der Elemente gleicher Art an und nach sich
+zog. Wir nun, obgleich mehr zum Beobachten als zum Beurteilen
+geneigt, konnten doch der Betrachtung nicht ausweichen, welche von
+beiden Gewalten denn eigentlich die obere sei? Welche wohl im
+zweifelhaften Falle zu entscheiden habe? Unbeantwortete Fragen, die
+uns nur Zweifel und Bedenklichkeiten zurückließen.
+
+Was nun aber hierbei noch ernsteren Stoff zum Nachdenken gab, war,
+dass man beide Heerführer so ganz frank und frei in ein Land
+hineinreiten sah, wo nicht unwahrscheinlich in jedem Gebüsch ein
+aufgeregter Todfeind lauern konnte. Doch mussten wir gestehen, dass
+gerade das kühne persönliche Hingeben von jeher den Sieg errang und
+die Herrschaft behauptete.
+
+Bei wolkigem Himmel schien die Sonne sehr heiß; das Fuhrwerk in
+grundlosem Boden fand ein schweres Fortkommen. Zerbrochene Räder an
+Wagen und Kanonen machten gar manchen Aufenthalt, hie und da
+ermattete Füseliere, die sich schon nicht mehr fortschleppen konnten.
+
+Man hörte die Kanonade bei Thionville und wünschte jener Seite guten
+Erfolg.
+
+Abends erquickten wir uns im Lager bei Pillon. Eine liebliche
+Waldwiesenahm uns auf, der Schatten erfrischte schon, zum Küchfeuer
+war Gestrüpp genug bereit; ein Bach floss vorbei und bildete zwei
+klare Bassins, die beide sogleich von Menschen und Tieren sollten
+getrübt werden. Das eine gab ich frei, verteidigte das andere mit
+Heftigkeit und ließ es sogleich mit Pfählen und Stricken umziehen.
+Ohne Lärm gegen die Zudringlichkeiten ging es nicht ab. Da fragte
+einer von unsern Reitern den andern, die eben ganz gelassen an ihrem
+Zeug putzten: "Wer ist denn der, der sich so mausig macht?" -- "Ich
+weiß nicht," versetzte der andere, "aber er hat recht."
+
+Also kamen nun Preußen und Österreicher und ein Teil von Frankreich,
+auf französischem Boden ihr Kriegshandwerk zu treiben. In wessen
+Macht und Gewalt taten sie das? Sie konnten es in eignem Namen tun,
+der Krieg war ihnen zum Teil erklärt, ihr Bund war kein Geheimnis;
+aber nun ward noch ein Vorwand erfunden. Sie traten auf im Namen
+Ludwigs XVI., sie requirierten nicht, aber sie borgten gewaltsam. Man
+hatte Bons drucken lassen, die der Kommandierende unterzeichnete,
+derjenige aber, der sie in Händen hatte, nach Befund beliebig
+ausfüllte: Ludwig XVI. sollte bezahlen. Vielleicht hat nach dem
+Manifest nichts so sehr das Volk gegen das Königtum aufgehetzt als
+diese Behandlungsart. Ich war selbst bei einer solchen Szene
+gegenwärtig, deren ich mich als höchst tragisch erinnere. Mehrere
+Schäfer mochten ihre Herden vereinigt haben, um sie in Wäldern oder
+sonst abgelegenen Orten sicher zu verbergen; von tätigen Patrouillen
+aber aufgegriffen und zur Armee geführt, sahen sie sich zuerst wohl
+und freundlich empfangen. Man fragte nach den verschiedenen
+Besitzern, man sonderte und zählte die einzelnen Herden. Sorge und
+Frucht, doch mit einiger Hoffnung, schwebte auf den Gesichtern der
+tüchtigen Männer. Als sich aber dieses Verfahren dahin auflöste, dass
+man die Herden unter Regimenter und Kompanien verteilte, den
+Besitzern hingegen ganz höflich auf Ludwig XVI. gestellte Papiere
+überreichte, indessen ihre wolligen Zöglinge von den ungeduldigen,
+fleischlustigen Soldaten vor ihren Füßen ermordet wurden, so gesteh'
+ich wohl: es ist mir nicht leicht eine grausamere Szene und ein
+tieferer männlicher Schmerz in allen seinen Abstufungen jemals vor
+Augen und zur Seele gekommen. Die griechischen Tragödien allein haben
+so einfach tief Ergreifendes.
+
+
+
+
+Den 30. August.
+
+Vom heutigen Tag, der uns gegen Verdun bringen sollte, versprachen
+wir uns Abenteuer, und sie blieben nicht aus. Der auf- und abwärts
+gehende Weg war schon besser getrocknet, das Fuhrwerk zog
+ungehinderter dahin, die Reiter bewegten sich leichter und
+vergnüglich.
+
+Es hatte sich eine muntere Gesellschaft zusammengefunden, die, wohl
+beritten, so weit vorging, bis sie einen Zug Husaren antraf, der den
+eigentlichen Vortrab der Hauptarmee machte. Der Rittmeister, ein
+gesetzter Mann, schon über die mittleren Jahre, schien unsere Ankunft
+nicht gerne zu sehen. Die strengste Aufmerksamkeit war ihm empfohlen:
+alles sollte mit Vorsicht geschehen, jede unangenehme Zufälligkeit
+klüglich beseitigt werden. Er hatte seine Leute kunstmäßig verteilt,
+sie rückten einzeln vor in gewissen Entfernungen, und alles begab
+sich in der größten Ordnung und Ruhe. Menschenleer war die Gegend,
+die äußerste Einsamkeit ahnungsvoll. So waren wir, Hügel auf Hügel
+ab, über Mangiennes, Damvillers, Wawrille und Ormont gekommen, als
+auf einer Höhe, die eine schöne Aussicht gewährte, rechts in den
+Weinbergen ein Schuss fiel, worauf die Husaren sogleich zufuhren, die
+nächste Umgebung zu untersuchen. Sie brachten auch wirklich einen
+schwarzhaarigen, bärtigen Mann herbei, der ziemlich wild aussah und
+bei dem man ein schlechtes Terzerol gefunden hatte. Er sagte trotzig,
+dass er die Vögel aus seinem Weinberg verscheuche und niemand etwas
+zuleide tue. Der Rittmeister schien, bei stiller Überlegung, diesen
+Fall mit seinen gemessenen Orders zusammenzuhalten und entließ den
+bedrohten Gefangenen mit einigen Hieben, die der Kerl so eilig mit
+auf den Weg nahm, dass man ihm seinen Hut mit großem Lustgeschrei
+nachwarf, den er aber aufzunehmen keinen Beruf empfand.
+
+Der Zug ging weiter, wir unterhielten uns über die Vorkommenheiten
+und über manches, was zu erwarten sein möchte. Nun ist zu
+bemerken, dass unsere kleine Gesellschaft, wie sie sich den
+Husaren aufgedrungen hatte, zufällig zusammengekommen, aus den
+verschiedensten Elementen bestand; meistens waren es gradsinnige,
+jeder nach seiner Weise dem Augenblick gewidmete Menschen. Einen
+jedoch muss ich besonders auszeichnen, einen ernsten, sehr achtbaren
+Mann von der Art, wie sie zu jener Zeit unter den preußischen
+Kriegsleuten öfter vorkamen, mehr ästhetisch als philosophisch
+gebildet, ernst mit einem gewissen hypochondrischen Zug, still in
+sich gekehrt und zum Wohltun mit zarter Leidenschaft aufgelegt.
+
+Als wir so weiter vor uns hinrückten, trafen wir auf eine so seltsame
+als angenehme Erscheinung, die eine allgemeine Teilnahme erregte.
+Zwei Husaren brachten ein einspänniges zweirädriges Wägelchen
+den Berg herauf, und als wir uns erkundigten, was unter der
+übergespannten Leinwand wohl befindlich sein möchte, so fand sich
+ein Knabe von etwa zwölf Jahren, der das Pferd lenkte, und ein
+wunderschönes Mädchen oder Weibchen, das sich aus der Ecke
+hervorbeugte, um die vielen Reiter anzusehen, die ihren zweirädrigen
+Schirm umzingelten. Niemand blieb ohne Teilnahme, aber die eigentlich
+tätige Wirkung für die Schöne mussten wir unserm empfindenden Freund
+überlassen, der von dem Augenblick an, als er das bedürftige Fuhrwerk
+näher betrachtet, sich zur Rettung unaufhaltsam hingedrängt fühlte.
+Wir traten in den Hintergrund; er aber fragte genau nach allen
+Umständen, und es fand sich, dass die junge Person, in Samogneux
+wohnhaft, dem bevorstehenden Bedrängnis seitwärts zu entfernteren
+Freunden auszuweichen willens, sich eben der Gefahr in den Rachen
+geflüchtet habe; wie in solchen ängstlichen Fällen der Mensch wähnt,
+es sei überall besser als da, wo er ist. Einstimmig ward ihr nun auf
+das freundlichste begreiflich gemacht, dass sie zurückkehren müsse.
+Auch unser Anführer, der Rittmeister, der zuerst eine Spionerei hier
+wittern wollte, ließ sich endlich durch die herzliche Rhetorik des
+sittlichen Mannes überreden, der sie denn auch, zwei Husaren an der
+Seite, bis an ihren Wohnort einigermaßen getröstet zurückgebrachte,
+woselbst sie uns, die wir in bester Ordnung und Mannszucht bald
+nachher durchzogen, auf einem Mäuerchen unter den Ihrigen stehend,
+freundlich und, weil das erste Abenteuer so gut gelungen war,
+hoffnungsvoll begrüßte.
+
+Es gibt dergleichen Pausen mitten in den Kriegszügen, wo man durch
+augenblickliche Mannszucht sich Kredit zu verschaffen sucht und eine
+Art von gesetzlichem Frieden mitten in der Verwirrung beordert. Diese
+Momente sind köstlich für Bürger und Bauern und für jeden, dem das
+dauernde Kriegsunheil noch nicht allen Glauben an Menschlichkeit
+geraubt hat.
+
+Ein Lager diesseits Verdun wird aufgeschlagen, und man zählt auf
+einige Tage Rast.
+
+Den 31. morgens war ich im Schlafwagen, gewiss der trockensten,
+wärmsten und erfreulichsten Lagerstätte, halb erwacht, als ich etwas
+an den Ledervorhängen ruaschen hörte und bei Eröffnung derselben den
+Herzog von Weimar erblickte, der mir einen unerwarteten Fremden
+vorstellte. Ich erkannte sogleich den abenteuerlichen Grothaus,
+der, seine Parteigängerrolle auch hier zu spielen nicht abgeneigt,
+angelangt war, um den bedenklichen Auftrag der Aufforderung Verduns
+zu übernehmen. In Gefolg dessen war er gekommen, unsern fürstlichen
+Anführer um einen Stabstrompeter zu ersuchen, welcher, einer solchen
+besondern Auszeichnung sich erfreuend, alsobald zu dem Geschäft
+beordert wurde. Wir begrüßten uns, alter Wunderlichkeiten eingedenk,
+auf das heiterste, und Grothaus eilte zu seinem Geschäft; worüber
+denn, als es vollbracht war, gar mancher Scherz getrieben wurde. Man
+erzählte sich, wie er, den Trompeter voraus, den Husaren hinterdrein,
+die Fahrstraße hinab geritten, die Verduner aber als Sansculotten,
+das Völkerrecht nicht kennend oder verachtend, auf ihn kanoniert;
+wie er ein weißes Schnupftuch an die Trompete befestigt und immer
+heftiger zu blasen befohlen; wie er, von einem Kommando eingeholt und
+mit verbundenen Augen allein in die Festung geführt, alldort schöne
+Reden gehalten, aber nichts bewirkt -- und was dergleichen mehr war,
+wodurch man denn nach Weltart den geleisteten Dienst zu verkleinern
+und dem Unternehmenden die Ehre zu verkümmern wusste.
+
+Als nun die Festung, wie natürlich, auf die erste Forderung, sich zu
+ergeben, abgeschlagen, musste man mit Anstalten zum Bombardement
+vorschreiten. Der Tag ging hin, indessen besorgt' ich noch ein
+kleines Geschäft, dessen gute Folgen sich mir bis auf den heutigen
+Tag erstrecken. In Mainz hatte mich Herr von Stein mit dem
+Jägerischen Atlas versorgt, welcher den gegenwärtigen, hoffentlich
+auch den nächstkünftigen Kriegsschauplatz in mehreren Blättern
+darstellte. Ich nahm das eine hervor, das achtundvierzigste, in
+dessen Bezirk ich bei Longwy herein getreten war, und da unter des
+Herzogs Leuten sich gerade ein Boßler befand, so ward es zerschnitten
+und aufgezogen und dient mir noch zur Wiedererinnerung jener für die
+Welt und mich so bedeutenden Tage.
+
+Nach solchen Vorbereitungen zum künftigen Nutzen und augenblicklicher
+Bequemlichkeit sah ich mich um auf der Wiese, wo wir lagerten und von
+wo sich die Zelte bis auf die Hügel erstreckten. Auf dem großen,
+grünen, ausgebreiteten Teppich zog ein wunderliches Schauspiel meine
+Aufmerksamkeit an sich: eine Anzahl Soldaten hatten sich in einen
+Kreis gesetzt und hantierten etwas innerhalb desselben. Bei näherer
+Untersuchung fand ich sie um einen trichterförmigen Erdfall gelagert,
+der, von dem reinsten Quellwasser gefüllt, oben etwa dreißig Fuß im
+Durchmesser haben konnte. Nun waren es unzählige kleine Fischchen,
+nach denen die Kriegsleute angelten, wozu sie das Gerät neben ihrem
+übrigen Gepäck mitgebracht hatten. Das Wasser war das klarste von der
+Welt, und die Jagd lustig genug anzusehen. Ich hatte jedoch nicht
+lange diesem Spiel zugeschaut, als ich bemerkte, dass die Fischlein,
+indem sie sich bewegten, verschiedene Farben spielten. Im ersten
+Augenblick hielt ich diese Erscheinung für Wechselfarben der
+beweglichen Körperchen, doch blad eröffnete sich mir eine willkommene
+Aufklärung. Eine Scherbe Steingut war in den Trichter gefallen.
+Welche mir aus der Tiefe herauf die schönsten prismatischen Farben
+gewährte. Heller als der Grund, dem Auge entgegen gehoben, zeigte sie
+an dem von mir abstehenden Rand die Blau- und Violettfarbe, an dem
+mir zugekehrten Rande dagegen die rote und gelbe. Als ich mich darauf
+um die Quelle ringsum bewegte, folgte mir, wie natürlich bei einem
+solchen subjektiven Versuche, das Phänomen, und die Farben
+erschienen, bezüglich auf mich, immer dieselbigen.
+
+Leidenschaftlich ohnehin mit diesen Gegenständen beschäftigt, machte
+mir's die größte Freude, dasjenige hier unter freiem Himmel so frisch
+und natürlich zu sehen, weshalb sich die Lehrer der Physik schon fast
+hundert Jahre mit ihren Schülern in eine dunkle Kammer einzusperren
+pflegten. Ich verschaffte mir noch einige Scherbenstücke, die ich
+hineinwarf, und konnte gar wohl bemerken, dass die Erscheinung unter
+der Oberfläche des Wassers sehr bald anfing, beim Hinabsinken immer
+zunahm, und zuletzt ein kleiner weißer Körper, ganz überfärbt, in
+Gestalt eines Flämmchens am Boden anlangte. Dabei erinnerte ich mich,
+dass Agricola schon dieser Erscheinung gedacht und sie unter die
+feurigen Phänomene zu rechnen sich bewogen gesehen.
+
+Nach Tisch ritten wir auf den Hügel, der unseren Zelten die Ansicht
+von Verdun verbarg. Wir fanden die Lage der Stadt als einer solchen
+sehr angenehm, von Wiesen, Gärten umgeben, in einer heitern Fläche,
+von der Maas in mehreren Ästen durchströmt, zwischen näheren und
+ferneren Hügeln; als Festung freilich einem Bombardement von allen
+Seiten ausgesetzt. Der Nachmittag ging hin mit Errichtung der
+Batterien, da die Stadt sich zu ergeben geweigert hatte. Mit guten
+Ferngläsern beschauten wir indessen die Stadt und konnten ganz genau
+erkennen, was auf dem gegen uns gekehrten Wall vorging: mancherlei
+Volk, das sich hin und her bewegte und besonders an einem Fleck sehr
+tätig zu sein schien.
+
+Um Mitternacht fing das Bombardement an, sowohl von der Batterie auf
+unserm rechten Ufer als von einer andern auf dem linken, welche,
+näher gelegen und mit Brandraketen spielend, die stärkste Wirkung
+hervorbrachte. Diese geschwänzten Feuermeteore musste man denn ganz
+gelassen durch die Luft fahren und bald darauf ein Stadtquartier in
+Flammen sehen. Unsere Ferngläser, dorthin gerichtet, gestatteten
+uns, auch dieses Unheil im einzelnen zu betrachten; wir konnten
+die Menschen erkennen, die sich oben auf den Mauern dem Brand
+Einhalt zu tun eifrig bemühten, wir konnten die frei stehenden,
+zusammenstürzenden Gesparre bemerken und unterscheiden. Dieses alles
+geschah in Gesellschaft von Bekannten und Unbekannten, wobei es
+unsägliche, oft widersprechende Bemerkungen gab und gar verschiedene
+Gesinnungen geäußert wurden. Ich war in eine Batterie getreten, die
+eben gewaltsam arbeitete, allein der fürchterlich dröhnende Klang
+abgefeuerter Haubitzen fiel meinem friedlichen Ohr unerträglich: ich
+musste mich bald entfernen. Da traf ich auf den Fürsten Reuß den XI.,
+der mir immer ein freundlicher, gnädiger Herr gewesen. Wir gingen
+hinter Weinbergsmauern hin und her, durch sie geschützt vor den
+Kugeln, welche heraus zu senden die Belagerten nicht faul waren.
+Nach mancherlei politischen Gesprächen, die uns denn freilich nur in
+ein Labyrinth von Hoffnungen und Sorgen verwickelten, fragte mich
+der Fürst, womit ich mich gegenwärtig beschäftige, und war sehr
+verwundert, als ich, anstatt von Tragödien und Romanen zu vermelden,
+aufgeregt durch die heutige Refraktionserscheinung, von der
+Farbenlehre mit großer Lebhaftigkeit zu sprechen begann. Denn es
+ging mir mit diesen Entwickelungen natürlicher Phänomene wie mit
+Gedichten: ich machte sie nicht, sondern sie machten mich. Das einmal
+erregte Interesse behauptete sein Recht, die Produktion ging ihren
+Gang, ohne sich durch Kanonenkugeln und Feuerballen im mindesten
+stören zu lassen. Der Fürst verlangte, dass ich ihm fasslich machen
+sollte, wie ich in dieses Feld geraten? Hier gereichte mir nun der
+heutige Fall zu besonderem Nutzen und Frommen.
+
+Bei einem solchen Mann bedurft' es nicht vieler Worte, um ihn zu
+überzeugen, dass ein Naturfreund, der sein Leben gewöhnlich im
+Freien, es sei nun im Garten, auf der Jagd, reisend oder durch
+Feldzüge durchführt, Gelegenheit und Muße genug finde, die Natur im
+großen zu betrachten und sich mit den Phänomenen aller Art bekannt zu
+machen. Nun bieten aber atmosphärische Luft, Dünste, Regen, Wasser
+und Erde uns immerfort abwechselnde Farberscheinungen, und zwar unter
+so verschiedenen Bedingungen und Umständen, dass man wünschen müsse,
+solche bestimmter kennen zu lernen, sie zu sondern, unter gewisse
+Rubriken zu bringen, ihre nähere und fernere Verwandtschaft
+auszuforschen. Hierdurch gewinne man nun in jedem Fach neue
+Ansichten, unterschieden von der Lehre der Schule und von gedruckten
+Überlieferungen. Unsere Altväter hätten, begabt mit großer
+Sinnlichkeit, vortrefflich gesehen, jedoch ihre Beobachtungen nicht
+fort- und durchgesetzt; am wenigsten sei ihnen gelungen, die
+Phänomene wohl zu ordnen und unter die rechten Rubriken zu bringen.
+
+Dergleichen war abgehandelt, als wir den feuchten Rasen hin und her
+gingen; ich setze, aufgeregt durch Fragen und Einreden, meine Lehre
+fort, als die Kälte des einbrechenden Morgens uns an ein Biwak der
+Österreicher trieb, welches, die ganze Nacht unterhalten, einen
+ungeheueren wohltätigen Kohlenkreis darbot. Eingenommen von meiner
+Sache, mit der ich mich erst seit zwei Jahren beschäftigte und die
+also noch in einer frischen, unreifen Gärung begriffen war, hätte ich
+kaum wissen können, ob der Fürst mir auch zugehört, wenn er nicht
+einsichtige Worte dazwischen gesprochen und zum Schluss meinen
+Vortrag wieder aufgenommen und beifällige Aufmunterung gegönnt hätte.
+
+Wie ich denn immer bemerkt habe, dass mit Geschäfts- und Weltleuten,
+die sich gar vielerlei aus dem Stegreif müssen vortragen lassen und
+deshalb immer auf ihrer Hut sind, um nicht hintergangen zu werden,
+viel besser auch in wissenschaftlichen Dingen zu handeln ist, weil
+sie den Geist frei halten und dem Referenten aufpassen, ohne weiteres
+Interesse als eigene Aufklärungen; da Gelehrte hingegen gewöhnlich
+nichts hören, als was sie gelernt und gelehrt haben und worüber
+sie mit ihresgleichen übereingekommen sind. In die Stelle des
+Gegenstandes setzt sich ein Wort-Kredo, bei welchem denn so gut zu
+verharren ist als bei irgendeinem andern.
+
+Der Morgen war frisch, aber trocken; wir gingen, teils gebraten,
+teils erstarrt, wieder auf und ab und shaen an den Weinbergsmauern
+sich auf einmal etwas regen. Es war ein Pikett Jäger, das die Nacht
+da zugebracht hatte, nun aber Büchse und Tornister wieder aufnahm,
+hinab in die niedergebrannten Vorstädte zog, um von da aus die Wälle
+zu beunruhigen. Einem wahrscheinlichen Tod entgegengehend, sangen
+sie sehr libertine Lieder, in dieser Lage vielleicht verzeihbar.
+
+Kaum verließen sie die Stätte, als ich auf der Mauer, an der sie
+geruht, ein sehr auffallendes geologisches Phänomen zu bemerken
+glaubte: ich sah auf dem von Kalkstein errichteten weißen Mäuerchen
+ein Gesims von hellgrünen Steinen völlig von der Farbe des Jaspis
+und war höchlich betroffen, wie mitten in diesen Kalkflözen eine so
+merkwürdige Steinart in solcher Menge sich sollte gefunden haben.
+Auf die eigenste Weise ward ich jedoch entzaubert, als ich, auf
+das Gespenst losgehend, sogleich bemerkte, dass es das Innere von
+verschimmeltem Brot sei, das, den Jägern ungenießbar, mit gutem Humor
+ausgeschnitten und zu Verzierung der Mauer ausgebreitet worden.
+
+Hier gab es nun sogleich Gelegenheit, von der, seitdem wir in
+Feindesland eingetreten, immer wieder zur Sprache kommenden
+Vergiftung zu reden; welche freilich ein kriegendes Heer mit
+panischem Schrecken erfüllt, indem nicht allein jede vom Wirt
+angebotene Speise, sondern auch das selbstgebackene Brot verdächtig
+wird, dessen innerer, schnell sich entwickelnder Schimmel ganz
+natürlichen Ursachen zuzuschreiben ist.
+
+Es war den 1. September früh um acht Uhr, als das Bombardement
+aufhörte, ob man gleich noch immerfort Kugeln hinüber und
+herüber wechselte. Besonders hatten die belagerten einen
+Vierundzwanzig-Pfünder gegen uns gekehrt, dessen sparsame Schüsse
+sie mehr zum Scherz als Ernst verwendeten.
+
+Auf der freien Höhe zur Seite der Weinberge, grad' im Angesicht
+dieses gröbsten Geschützes, waren zwei Husaren zu Pferd aufgestellt,
+um Stadt und Zwischenraum aufmerksam zu beobachten. Diese blieben die
+Zeit ihrer Postierung über unangefochten. Weil aber bei der Ablösung
+sich nicht allein die Zahl der Mannschaft vermehrte, sondern auch
+manche Zuschauer grad' in diesem Augenblick herbeiliefen und ein
+tüchtiger Klump Menschen zusammenkam, so hielten jene ihre Ladung
+bereit. Ich stand in diesem Augenblick mit dem Rücken dem ungefähr
+hundert Schritt entfernten Husaren- und Volkstrupp zugekehrt, mich
+mit einem Freund besprechend, als auf einmal der grimmige,
+pfeifend-schmetternde Ton hinter mir hersauste, so dass ich mich auf
+dem Absatz herumdrehte, ohne sagen zu können, ob der Ton, die bewegte
+Luft, eine innere psychische, sittliche Anregung dieses Umkehren
+hervorgebracht. Ich sah die Kugel, weit hinter der auseinander
+gestobenen Menge, noch durch einige Zäune rikoschettieren. Mit großem
+Geschrei lief man ihr nach, als sie aufgehört hatte, furchtbar zu
+sein; niemand war getroffen, und die Glücklichen, die sich dieser
+runden Eisenmasse bemächtigt, trugen sie im Triumph umher.
+
+Gegen Mittag wurde die Stadt zum zweiten Mal aufgefordert und erbat
+sich vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit. Diese nutzten auch wir, uns
+etwas bequemer einzurichten, um zu proviantieren, die Gegend umher
+zu bereiten, wobei ich denn nicht unterließ, mehrmals zu der
+unterrichtenden Quelle zurückzukehren, wo ich meine Beobachtungen
+ruhiger und besonnener anstellen konnte; denn das Wasser war rein
+ausgefischt und hatte sich vollkommen klar und ruhig gesetzt, um das
+Spiel der niedersinkenden Flämmchen nach Lust zu wiederholen, und ich
+befand mich in der angenehmsten Gemütsstimmung. Einige Unglücksfälle
+versetzten uns wieder bald in Kriegszustand.
+
+Ein Offizier von der Artillerie suchte sein Pferd zu tränken, der
+Wassermangel in der Gegend war allgemein; meine Quelle, an der er
+vorbei ritt, lag nicht flach genug, er begab sich nach der nahe
+fließenden Maas, wo er an einem abhängigen Ufer versank: das Pferd
+hatte sich gerettet, ihn trug man tot vorbei.
+
+Kurz darauf sah und hörte man eine starke Explosion im
+österreichischen Lager, an dem Hügel, zu dem wir hinaufsehen konnten;
+Knall und Dampf wiederholte sich einige Mal. Bei einer Bombenfüllung
+war durch Unvorsichtigkeit Feuer entstanden, das höchste Gefahr
+drohte; es teilte sich schon gefüllten Bomben mit, und man hatte zu
+fürchten, der ganze Vorrat möcht ein die Luft gehen. Bald aber war
+die Sorge gestillt durch rühmliche Tat kaiserlicher Soldaten, welche,
+die bedrohende Gefahr verachtend, Pulver und gefüllte Bomben aus dem
+Zeltraum eilig hinaustrugen.
+
+So ging auch dieser Tag hin. Am andern Morgen ergab sich die Stadt
+und ward in Besitz genommen; sogleich aber sollte uns ein
+republikanischer Charakterzug begegnen. Der Kommandant Beaurepaire,
+bedrängt von der bedrängten Bürgerschaft, die bei fortdauerndem
+Bombardement ihre ganze Stadt verbrannt und zerstört sah, konnte die
+Übergabe nicht länger verweigern; als er aber auf dem Rathaus in
+voller Sitzung seine Zustimmung gegeben hatte, zog er ein Pistole
+hervor und erschoss sich, um abermals ein Beispiel höchster
+patriotischer Aufopferung darzustellen.
+
+Nach dieser so schnellen Eroberung von Verdun zweifelte niemand mehr,
+dass wir bald darüber hinausgelangen und in Chalons und Epernay uns
+von den bisherigen Leiden an gutem Weine bestens erholen sollten. Ich
+ließ daher ungesäumt die Jägerischen Karten, welche den Weg nach
+Paris bezeichneten, zerschneiden und sorgfältig aufziehen, auch auf
+die Rückseite weißes Papier kleben, wie ich es schon bei der ersten
+getan, um kurze Tagesbemerkungen flüchtig aufzuzeichnen.
+
+
+
+
+Den 3. September.
+
+Früh hatte sich eine Gesellschaft zusammengefunden, nach der Stadt zu
+reiten, an die ich mich anschloss. Wir fanden gleich beim Eintritt
+große frühere Anstalten, die auf einen längeren Widerstand
+hindeuteten: das Straßenpflaster war in der Mitte durchaus aufgehoben
+und gegen die Häuser angehäuft; das feuchte Wetter machte deshalb
+das Umherwandeln nicht erfreulich. Wir besuchten aber sogleich die
+namentlich gerühmten Läden, wo der beste Likör aller Art zu haben
+war. Wir probierten ihn durch und versorgten uns mit mancherlei
+Sorten. Unter andern war einer namens Baume humain, welcher, weniger
+süß, aber stärker, ganz besonders erquickte. Auch die Drageen,
+überzuckerte kleine Gewürzkörner in saubern, zylindrischen Deuten,
+wurden nicht abgewiesen. Bei so vielem Guten gedachte man nun der
+lieben Zurückgelassenen, denen dergleichen am friedlichen Ufer der
+Ilm gar wohl behagen möchte. Kistchen wurden gepackt; gefällige,
+wohlwollende Kuriere, das bisherige Kriegsglück in Deutschland zu
+melden beauftragt, waren geneigt, sich mit einigem Gepäck dieser Art
+zu belasten, wodurch sich denn die Freundinnen zu Hause in höchster
+Beruhigung überzeugen mochten, dass wir in einem Land wallfahrteten,
+wo Geist und Süßigkeit niemals ausgehen dürfen.
+
+Als wir nun darauf die teilweise verletzte und verwüstete Stadt
+beschauten, waren wir veranlasst, die Bemerkung zu wiederholen: dass
+bei solchem Unglück, welches der Mensch dem Menschen bereitet, wie
+bei dem, was die Natur uns zuschickt, einzelne Fälle vorkommen, die
+auf eine Schickung, eine günstige Vorsehung hinzudeuten scheinen. Der
+untere Stock eines Eckhauses auf dem Markt ließ einen von vielen
+Fenstern wohl erleuchteten Fayence-Laden sehen; man machte uns
+aufmerksam, dass eine Bombe, von dem Platz aufschlagend, an den
+schwachen steinernen Türpfosten des Ladens gefahren, von demselben
+aber wieder abgewiesen, andere Richtung genommen habe. Der Türpfosten
+war wirklich beschädigt, aber er hatte die Pflicht eines guten
+Vorfechters getan: die Glanzfülle des oberflächlichen Porzellans
+stand in widerspiegelnder Herrlichkeit hinter den wasserhellen, wohl
+geputzten Fenstern.
+
+Mittags am Wirtstisch wurden wir mit guten Schöpsenkeulen und Wein
+von Bar traktiert, den man, weil er nicht verfahren werden kann, im
+Land selbst aufsuchen und genießen muss. Nun ist aber an solchen
+Tischen Sitte, dass man wohl Löffel, jedoch weder Messer noch Gabel
+erhält, die man daher mitbringen muss. Von dieser Landesart
+unterrichtet, hatten wir schon solche Bestecke angeschafft, die man
+dort flach und zierlich gearbeitet zu kaufen findet. Muntere,
+resolute Mädchen warteten auf, nach derselben Art und Weise, wie sie
+vor einigen Tagen ihrer Garnison noch aufgewartet hatten.
+
+Bei der Besitznehmung von Verdun ereignete sich jedoch ein Fall, der,
+obgleich nur einzeln, großes Aufsehen erregte und allgemeine
+Teilnahme heran rief. Die Preußen zogen ein, und es fiel aus der
+französischen Volksmasse ein Flintenschuss, der niemand verletzte,
+dessen Wagestück aber ein französischer Grenadier nicht verleugnen
+konnte und wollte. Auf der Hauptwache, wohin er gebracht wurde, hab'
+ich ihn selbst gesehen: es war ein sehr schöner, wohl gebildeter,
+junger Mann, festen Blicks und ruhigen Betragens. Bis sein Schicksal
+entschieden wäre, hielt man ihn lässlich. Zunächst an der Wache war
+eine Brücke, unter der ein Arm der Maas durchzog; er setzte sich aufs
+Mäuerchen, blieb eine Zeitlang ruhig, dann überschlug er sich
+rückwärts in die Tiefe und ward nur tot aus dem Wasser herausgebracht.
+
+Diese zweite heroische, ahnungsvolle Tat erregte leidenschaftlichen
+Hass bei den frisch Eingewanderten, und ich hörte sonst verständige
+Personen behaupten, man möchte weder diesem noch dem Kommandanten
+ein ehrlich Begräbnis gestatten. Freilich hatte man sich andere
+Gesinnungen versprochen, und noch sah man nicht die geringste
+Bewegung unter den fränkischen Truppen, zu uns überzugehen.
+
+Größere Heiterkeit verbreitete jedoch die Erzählung, wie der König in
+Verdun aufgenommen worden: vierzehn der schönsten, wohl erzogensten
+Frauenzimmer hatten Ihro Majestät mit angenehmen Reden, Blumen und
+Früchten bewillkommnt. Seine Vertrautesten jedoch rieten ihm ab, vom
+Genuss Vergiftung befürchtend; aber der großmütige Monarch verfehlte
+nicht, diese wünschenswerten Gaben mit galanter Wendung anzunehmen
+und sie zutraulich zu kosten. Diese reizenden Kinder schienen auch
+unseren jungen Offizieren einiges Vertrauen eingeflößt zu haben;
+gewiss, diejenigen, die das Glück gehabt, dem Ball beizuwohnen,
+konnten nicht genug von Liebenswürdigkeit, Anmut und gutem Betragen
+sprechen und rühmen.
+
+Aber auch für solidere Genüsse war gesorgt: denn, wie man gehofft und
+vermutet hatte, fanden sich die besten und reichlichsten Vorräte in
+der Festung, und man eilte, vielleicht nur zu sehr, sich daran zu
+erholen. Ich konnte gar wohl bemerken, dass man mit geräuchertem
+Speck und Fleisch, mit Reis und Linsen und andern guten und
+notwendigen Dingen nicht haushältisch genug verfahre, welches in
+unserer Lage bedenklich schien. Lustig dagegen war die Art, wie ein
+Zeughaus, oder Waffensammlung aller Art, ganz gelassen geplündert
+ward. In ein Kloster hatte man allerlei Gewehre, mehr alte als neue,
+und mancherlei seltsame Dinge gebracht, womit der Mensch, der sich zu
+wehren Lust hat, den Gegner abhält oder wohl gar erlegt.
+
+Mit jener sanften Plünderung aber verhielt es sich folgendermaßen:
+als nach eingenommener Stadt die hohen Militärpersonen sich von
+den Vorräten aller Art zu überzeugen gedachten, begaben sie sich
+ebenfalls in diese Waffensammlung, und indem sie solche für das
+allgemeine Kriegsbedürfnis in Anspruch nahmen, fanden sie manches
+Besondere, welches dem einzelnen zu besitzen nicht unangenehm wäre,
+und niemand war leicht mit Musterung dieser Waffen beschäftigt, der
+nicht auch für sich etwas herausgemustert hätte. Dies ging nun durch
+alle Grade durch, bis dieser Schatz zuletzt beinahe ganz ins Freie
+fiel. Nun gab jedermann der angestellten Wache ein kleines Trinkgeld,
+um sich diese Sammlung zu besehen, und nahm dabei etwas mit heraus,
+was ihm anstehen mochte. Mein Diener erbeutete auf diese Weise einen
+flachen, hohen Stock, der, mit Bindfaden stark und geschickt
+umwunden, dem ersten Anblick nach nichts weiter erwarten ließ, seine
+Schwere aber deutete auf einen gefährlichen Inhalt: auch enthielt
+er eine sehr breite, wohl vier Fuß lange Degenklinge, womit eine
+kräftige Faust Wunder getan hätte.
+
+So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben,
+zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es
+wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich
+macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den
+Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem
+verzweifeltsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch
+entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter
+hat und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst
+heißen mögen, ganz eigen unterscheidet.
+
+Einer merkwürdigen Person aber muss ich noch gedenken, die ich, zwar
+nur in der Entfernung, hinter Gefängnisgittern, gesehen: es war der
+Postmeister von Sainte Menehould, der sich ungeschickterweise von den
+Preußen hatte fangen lassen. Er scheute keineswegs die Blicke der
+Neugierigen und schien bei seinem ungewissen Schicksal ganz ruhig.
+Die Emigrierten behaupteten, er habe tausend Tode verdient, und
+hetzten deshalb an den obersten Behörden, denen aber zum Ruhm zu
+rechnen ist, dass sie in diesem, wie in andern Fällens ich mit
+geziemender Ruhe und anständigem Gleichmut betragen.
+
+
+
+
+Am 4. September.
+
+Die viele Gesellschaft, die ab- und zuging, belebte unsere Zelte den
+ganzen Tag; man hörte vieles erzählen, vieles bereden und beurteilen,
+die Lage der Dinge tat sich deutlicher auf als bisher. Alle waren
+einig, dass man so schnell als möglich nach Paris vordringen müsse.
+Die Festungen Montmedy und Sedan hatte man unerobert sich zur Seite
+gelassen und schien von der in dortiger Gegend stehenden Armee wenig
+zu befürchten.
+
+Lafayette, auf welchem das Vertrauen des Kriegsvolks beruhte, war
+genötigt gewesen, aus der Sache zu scheiden; er sah sich gedrängt,
+zum Feind überzugehen, und ward als Feind behandelt. Dumouriez, wenn
+er auch sonst als Minister Einsicht in Militärangelegenheiten
+beweisen hatte, war durch keinen Feldzug berühmt, und aus der Kanzlei
+zum Oberbefehl der Armee befördert, schien er auch nur jene
+Inkonsequenz und Verlegenheit des Augenblicks zu beweisen. Von der
+andern Seite verlauteten die traurigen Vorfälle von der Hälfte des
+Augusts aus Paris, wo, dem braunschweigschen Manifest zum Trutz, der
+König gefangen genommen, abgesetzt und als Missetäter behandelt
+wurde. Was aber für die nächsten Kriegsoperationen höchst bedenklich
+sei, war am umständlichsten besprochen.
+
+Der waldbewachsene Gebirgsriegel, welcher die Aire von Süden nach
+Norden an ihm herzufließen nötigt, Forêt d'Argonne genannt, lag
+unmittelbar vor uns und heilt unsere Bewegung auf. Man sprach viel
+von den Isletten, dem bedeutenden Pass zwischen Verdun und Sainte
+Menehould. Warum er nicht besetzt werde, besetzt worden sei, darüber
+konnte man sich nicht vereinigen. Die Emigrierten sollten ihn einen
+Augenblick überrumpelt haben, ohne ihn halten zu können. Die
+abziehende Besatzung von Longwy hatte sich, so viel wusste man,
+dorthin gezogen; auch Dumouriez schickte, während wir uns auf dem
+Marsch nach Verdun und mit dem Bombardement der Stadt beschäftigten,
+Truppen quer über durchs Land, um diesen Posten zu verstärken und den
+rechten Flügel seiner Position hinter Grandpré zu decken und so den
+Preußen, Österreichern und Emigrierten ein zweites Thermopylä
+entgegenzustellen.
+
+Man gestand sich einander die höchst unglückliche Lage und musste
+sich in die Anstalten fügen, wonach die Armee, welche unaufhaltsam
+gerade vorwärts hätten dringen sollen, die Aire hinabziehen sollte,
+um sich an den verschanzten Bergschluchten auf gut Glück zu
+versuchen; wobei noch für höchst vorteilhaft galt, dass Clermont den
+Franzosen entrissen und von Hessen besetzt sei, welche, gegen die
+Isletten operierend, sie wo nicht wegnehmen, doch beunruhigen
+konnten.
+
+
+
+
+Den 6. September.
+
+In diesem Sinn ward nunmehr das Lager verändert und kam hinter Verdun
+zu stehen; das Hauptquartier des Königs, Glorieux, des Herzogs von
+Braunschweig, Regret genannt, gab zu wunderlichen Betrachtungen
+Anlass. An den ersten Ort gelangt' ich selbst durch einen
+verdrießlichen Zufall. Des Herzogs von Weimar Regiment sollte bei
+Jardin Fontaine zu stehen kommen, nahe an der Stadt und der Maas; zum
+Tor fuhren wir glücklich heraus, indem wir uns in den Wagenzug eines
+unbekannten Regiments einschwärzten und von ihm fortschleppen ließen,
+obgleich zu bemerken war, dass man sich zu weit entferne; auch hätten
+wir nicht einmal bei dem schmalen Weg aus der Reihe weichen können,
+ohne uns in den Gräben unwiederbringlich zu verfahren. Wir schauten
+rechts und links, ohne zu entdecken, wir fragten ebenso und
+erhielten keinen Bescheid; denn alle waren fremd wie wir und aufs
+verdrießlichste von dem Zustand angegriffen. Endlich auf eine
+sanfte Höhe gelangt, sah ich links unten in einem Tal, das zu
+guter Jahrszeit ganz angenehm sein mochte, einen hübschen Ort mit
+bedeutenden Schlossgebäuden, wohin glücklicherweise ein sanfter
+grüner Rain uns bequem hinunterzubringen versprach. Ich ließ umso
+eher aus der schrecklichen Fahrleise hinabwärts ausbiegen, als ich
+unten Offiziere und Reitknechte hin und wider sprengen, Packwagen und
+Chaisen aufgefahren sah; ich vermutete eins der Hauptquartiere, und
+so fand sich's: es war Glorieux, der Aufenthalt des Königs. Aber auch
+da war mein Fragen, wo Jardin Fontaine liege, ganz umsonst. Endlich
+begegnete ich, wie einem Himmelsboten, Herrn von Alvensleben, der
+sich mir früher freundlich erwiesen hatte; dieser gab mir denn
+Bescheid, ich solle den von allem Fuhrwerk freien Dorfweg im Tal bis
+nach der Stadt verfolgen, vor derselben aber links durchzudringen
+suchen, und ich würde Jardin Fontaine gar bald entdecken.
+
+Beides gelang mir, und ich fand auch unsere Zelte aufgeschlagen, aber
+im schrecklichsten Zustand: man sah sie in grundlosen Kot versenkt,
+die verfaulten Schlingen der Zelttücher zerrissen eine nach der
+andern, und die Leinwand schlug dem über Kopf und Schulter zusammen,
+der darunter sein Heil zu suchen gedachte. Eine Zeitlang hatte man's
+ertragen, doch fiel zuletzt der Entschluss dahin aus, das Örtchen
+selbst zu beziehen. Wir fanden in einem wohl eingerichteten Haus und
+Hof einen guten neckischen Mann als Besitzer, der ehemals Koch in
+Deutschland gewesen war; mit Munterkeit nahm er uns auf, im
+Erdgeschoss fanden sich schöne, heitere Zimmer, gutes Kamin, und was
+sonst nur erquicklich sein konnte.
+
+Das Gefolge des Herzogs von Weimar ward aus der fürstlichen Küche
+versorgt; unser Wirt verlangte jedoch dringend, ich solle nur ein
+einziges Mal von seiner Kunst etwas kosten. Er bereitete mir auch
+wirklich ein höchst wohlschmeckendes Gastmahl, das mir aber sehr übel
+bekam, so dass ich wohl auch an Gift hätte denken können, wenn mir
+nicht noch zeitig genug der Knoblauch eingefallen wäre, durch welchen
+jene Schüsseln erst recht schmackhaft geworden, der auf mich aber,
+selbst in der geringsten Dosis, höchst gewaltsame Wirkung auszuüben
+pflegte. Das Übel war bald vorbei, und ich hielt mich nach wie vor
+desto lieber an die deutsche Küche, solange sie auch nur das mindeste
+leisten konnte.
+
+Als es zum Abschied ging, überreichte der gut gelaunte Wirt meinem
+Diener einen vorher versprochenen Brief nach Paris an eine Schwester,
+die er besonders empfehlen wolle; fügte jedoch nach einigem Hin- und
+Widerreden gutmütig hinzu: "Du wirst wohl nicht hinkommen."
+
+
+
+
+Den 11. September.
+
+Wir wurden also, nach einigen Tagen gütlicher Pflege, wieder in das
+schrecklichste Wetter hinausgestoßen; unser Weg ging auf dem
+Gebirgsrücken hin, der, die Gewässer der Maas und Aire scheidend,
+beide nach Norden zu fließen nötigt. Unter großen Leiden gelangten
+wir nach Malancourt, wo wir leere Keller und Küchen wirtlos fanden
+und schon zufrieden waren, unter Dach, auf trockener Bank eine
+spärliche, mitgebrachte Nahrung zu genießen. Die Einrichtung der
+Wohnungen selbst gefiel mir; sie zeugte von einem stillen, häuslichen
+Behagen: alles war einfach naturgemäß, dem unmittelbarsten Bedürfnis
+genügend. Dies hatten wir gestört, dies zerstörten wir; denn aus der
+Nachbarschaft erscholl ein Angstruf gegen Plünderer, worauf wir denn,
+hinzueilend, nicht ohne Gefahr dem Unfug für den Augenblick
+steuerten. Auffallend genug dabei war, dass die armen unbekleideten
+Verbrecher, denen wir Mäntel und Hemden entrissen, uns der härtesten
+Grausamkeit anklagten, dass wir ihnen nicht vergönnen wollten, auf
+Kosten der Feinde ihre Blöße zu decken.
+
+Aber noch ein eigneren Vorwurf sollten wir erleben. In unser erstes
+Quartier zurückgekehrt, fanden wir einen vornehmen, uns sonst schon
+bekannten Emigrierten. Er ward freundlich begrüßt und verschmähte
+nicht frugale Bissen; allein man konnte ihm eine innere Bewegung
+anmerken, er hatte etwas auf dem Herzen, dem er durch Ausrufungen
+Luft zu machen suchte. Als wir nun, früherer Bekanntschaft gemäß,
+einiges Vertrauen in ihm zu erwecken suchten, so beschrie er die
+Grausamkeit, welche der König von Preußen an den französischen
+Prinzen ausübe. Erstaunt, fast bestürzt, verlangten wir nähere
+Erklärung. Da erfuhren wir nun: der König habe beim Ausmarsch von
+Glorieux, unerachtet des schrecklichsten Regens, keinen Überrock
+angezogen, keinen Mantel umgenommen, da denn die königlichen Prinzen
+ebenfalls sich dergleichen Wetter abwehrende Gewande hätten versagen
+müssen; unser Marquis aber habe diese allerhöchsten Personen, leicht
+gekleidet, durch und durch genässt, träufelnd von abfließender
+Feuchte, nicht ohne das größte Bejammern anschauen können, ja er
+hätte, wenn es nütze gewesen wäre, sein Leben daran gewendet, sie in
+einem trockenen Wagen dahin ziehen zu sehen, sie, auf denen Hoffnung
+und Glück des ganzen Vaterlandes beruhe, die an eine ganz andere
+Lebensweise gewöhnt seien.
+
+Wir hatten freilich darauf nichts zu erwidern, denn ihm konnte die
+Betrachtung nicht tröstlich werden, dass der Krieg, als ein Vortod,
+alle Menschen gleich mache, allen Besitz aufhebe und selbst die
+höchste Persönlichkeit mit Pein und Gefahr bedrohe.
+
+
+
+
+Den 12. September.
+
+Den andern Morgen aber entschloss ich mich, in Betracht so hoher
+Beispiele, meine leichte und doch mit vier requirierten Pferden
+bespannte Chaise unter dem Schutz des zuverlässigen Kämmerier Wagner
+zu lassen, welchem die Equipage und das so nötige bare Geld
+nachzubringen aufgetragen war. Ich schwang mit, mit einigen guten
+Gesellen, zu Pferde, und so begaben wir uns auf den Marsch nach
+Landres. Wir fanden auf Mitte Wegs Wellen und Reisig eines
+abgeschlagenen Birkenhölzchens, deren innere Trockenheit die äußere
+Feuchte bald überwand und uns lohe Flamme und Kohlen, zur Erwärmung
+wie zum Kochen genugsam, sehr schnell zum besten gab. Aber die schöne
+Anstalt einer Regimentstafel war schon gestört: Tische, Stühle und
+Bänke sah man nicht nachkommen, man behalf sich stehend, vielleicht
+angelehnt, so gut es gehen wollte. Doch war das Lager gegen Abend
+glücklich erreicht; so kampierten wir unsern Landres, gerade Grandpré
+gegenüber, wussten aber gar wohl, wie stark und vorteilhaft der Pass
+besetzt sei. Es regnete unaufhörlich, nicht ohne Windstoß; die
+Zeltdecke gewährte wenig Schutz.
+
+Glückselig aber der, dem eine höhere Leidenschaft den Busen füllte!
+Die Farbenerscheinung der Quelle hatte mich diese Tage her nicht
+einen Augenblick verlassen; ich überdachte sie hin und wieder, um sie
+zu bequemen Versuchen zu erheben. Da diktierte ich an Vogel, der sich
+auch hier als treuen Kanzleigefährten erwies, ins gebrochene Konzept
+und zeichnete nachher die Figuren daneben. Diese Papiere besitz' ich
+noch mit allen Merkmalen des Regenwetters und als Zeugnis eines
+treuen Forschens auf eingeschlagenem, bedenklichem Pfad. Den Vorteil
+aber hat der Weg zum Wahren, dass man sich unsicherer Schritte, eines
+Umwegs, ja, eines Fehltritts noch immer gern erinnert.
+
+Das Wetter verschlimmerte sich und ward in der Nacht so arg, dass man
+es für das höchste Glück schätzen musste, sie unter der Decke des
+Regimentswagens zuzubringen. Wie schrecklich war da der Zustand, wenn
+man bedachte, dass man im Angesicht des Feindes gelagert sei und
+befürchten musste, dass er aus seinen Berg- und Waldverschanzungen
+irgendwo hervorzubrechen Lust haben könne.
+
+
+
+
+Vom 13. bis zum 17. September.
+
+Traf der Kämmerier Wagner, den Pudel mit eingeschlossen, bei guter
+Zeit mit aller Equipage bei uns ein: er hatte eine schreckliche Nacht
+verlebt, war nach tausend anderen Hindernissen im Finstern von der
+Armee abgekommen, verführt durch schlaf- und weintrunkene Knechte
+eines Generals, denen er nachfuhr. Sie gelangten in ein Dorf und
+vermuteten die Franzosen ganz nahe. Von allerlei Alarm geängstigt,
+verlassen von Pferden, die aus der Schwemme nicht zurückkehrten,
+wusste er sich denn so zu richten und zu schicken, dass er von dem
+unseligen Dorf loskam und wir uns zuletzt mit allem mobilen Hab und
+Gut wieder zusammenfanden.
+
+Endlich gab es eine Art von erschütternder Bewegung und zugleich von
+Hoffnung: man hörte auf unserm rechten Flügel stark kanonieren und
+sagte sich: General Clerfiat sei aus den Niederlanden angekommen und
+habe die Franzosen auf ihrer linken Flanke angegriffen. Alles war
+äußerst gespannt, den Erfolg zu vernehmen.
+
+Ich ritt nach dem Hauptquartier, um näher zu erfahren, was die
+Kanonade bedeute und was eigentlich zu erwarten sei. Man wusste
+daselbst noch nichts genau, als dass General Clerfait mit den
+Franzosen ahndgemein sein müsse. Ich traf auf den Major von Weyrach,
+der sich aus Ungeduld und Langeweile soeben zu Pferd setze und an die
+Vorposten reiten wollte; ich begleitete ihn, und wir gelangten bald
+auf eine Höhe, wo man sich weit genug umsehen konnte. Wir trafen auf
+einen Husarenposten und sprachen mit dem Offizier, einem jungen,
+hübschen Mann. Die Kanonade war weit über Grandpré hinaus, und er
+hatte Order, nicht vorwärts zu gehen, um nicht ohne Not eine Bewegung
+zu verursachen. Wir hatten uns nicht lange besprochen, als Prinz
+Louis Ferdinand mit einigem Gefolge ankam, nach kurzer Begrüßung und
+Hin- und Widerreden von dem Offizier verlangte, dass er vorwärts
+gehen solle. Dieser tat dringende Vorstellungen, worauf der Prinz
+aber nicht achtete, sondern vorwärts ritt, dem wir denn alle folgen
+mussten. Wir warne nicht weit gekommen, als ein französischer Jäger
+sich von fern sehen ließ, an uns bis auf Büchsenschussweite
+heransprengte und sodann umkehrend ebenso schnell wieder verschwand.
+Ihm folgte der zweite, dann der dritte, welche ebenfalls wieder
+verschwanden. Der vierte aber, wahrscheinlich der erste, schoss die
+Büchse ganz ernstlich auf uns ab, man konnte die Kugel deutlich
+pfeifen hören. Der Prinz ließ sich nicht irren, und jene treiben auch
+ihr Handwerk, so dass mehrere Schüsse fielen, indem wir unsern Weg
+verfolgten. Ich hatte den Offizier manchmal angesehen, der zwischen
+seiner Pflicht und zwischen dem Respekt vor einem königlichen Prinzen
+in der größten Verlegenheit schwankte. Er glaubte wohl, in meinen
+Blicken etwas Teilnehmendes zu lesen, ritt auf mich zu und saget:
+"Wenn Sie irgendetwas auf den Prinzen vermögen, so ersuchen Sie ihn,
+zurückzugehen, er setzt mich der größten Verantwortung aus: ich habe
+den strengsten Befehl, meine angewiesenen Posten nicht zu verlassen,
+und es ist nichts vernünftiger, als dass wir den Feind nicht reizen,
+der hinter Grandpré in einer festen Stellung gelagert ist. Kehrt der
+Prinz nicht um, so ist in kurzem die ganze Vorpostenkette alarmiert,
+man weiß im Hauptquartier nicht, was es heißen soll, und der erste
+Verdruss ergeht über mich ganz ohne meine Schuld." Ich ritt an den
+Prinzen heran und sagte: "Man erzeigt mir soeben die Ehre, mir
+einigen Einfluss auf Ihro Hoheit zuzutrauen, deshalb ich um geneigtes
+Gehör bitte." Ich brachte ihm darauf die Sache mit Klarheit vor,
+welches kaum nötig gewesen wäre: denn er sah selbst alles vor sich
+und war freundlich genug, mit einigen guten Worten sogleich
+umzukehren, worauf denn auch die Jäger verschwanden und zu schießen
+aufhörten. Der Offizier dankte mir aufs verbindlichste, und man sieht
+hieraus, dass ein Vermittler überall willkommen ist.
+
+Nach und nach klärte sich's auf. Die Stellung Dumouriez' bei Grandpré
+war höchst fest und vorteilhaft; dass er auf seinem rechten Flügel
+nicht anzugreifen sei, wusste man wohl; auf seiner Linken waren zwei
+bedeutende Pässe, La Croix aux Bois und Le Chêne Populeux, beide wohl
+verhauen und für unzugänglich gehalten; allein der letzte war einem
+Offizier anvertraut, einem dergleichen Auftrag nicht gewachsenen oder
+nachlässigen. Die Österreicher griffen an: bei der ersten Attacke
+blieb Prinz von Ligne, der Sohn, sodann aber gelang es, man
+überwältigte den Posten, und der große Plan Dumouriez' war zerstört:
+er musste seine Stellung verlassen und sich die Aisne hinaufwärts
+ziehen, und preußische Husaren konnten durch den Pass dringen und
+jenseits des Argonner Waldes nachsetzen. Sie verbreiteten einen
+solchen panischen Schrecken über das französische Heer, dass
+zehntausend Mann vor fünfhundert flohen und nur mit Mühe konnten zum
+Stehen gebracht und wieder gesammelt werden; wobei sich das Regiment
+Chamborant besonders hervortrat und den Unsrigen ein weiteres
+Vordringen verwehrte, welche, ohnehin nur gewissermaßen auf
+Rekognoszieren ausgeschickt, siegreich mit Freuden zurückkehrten und
+nicht leugneten, einige Wagen gute Beute gemacht zu haben. In das
+unmittelbar Brauchbare, Geld und Kleidung, hatten sie sich geteilt,
+mir aber als einem Kanzleimann kamen die Papiere zugute, worunter
+ich einige ältere Befehle Lafayettes und mehrere höchst sauber
+geschriebene Listen fand. Was mich aber am meisten überraschte, war
+ein ziemlich neuer "Moniteur". Dieser Druck, dieses Format, mit dem
+man seit einigen Jahren ununterbrochen bekannt gewesen und die man
+nun seite mehreren Wochen nicht gesehen, begrüßten mich auf eine
+etwas unfreundliche Weise, indem ein lakonischer Artikel vom 3.
+September mir drohend zurief: _Les Prussiens pourront venir à Paris,
+mais ils n'en sortiront pas._ Also hielt man denn doch in Paris für
+möglich, wir könnten hingelangen; dass wir wieder zurückkehrten,
+dafür mochten die oberen Gewalten sorgen.
+
+Die schreckliche Lage, in der man sich zwischen Erde und Himmel
+befand, war einigermaßen erleichtert, als man die Armee zurücken und
+eine Abteilung der Avantgarde nach der andern vorwärts ziehen sah.
+Endlich kam die Reihe auch an uns: wir gelangten über Hügel, durch
+Täler, Weinberge vorbei, an denen man sich auch wohl erquickte. Man
+kam sodann zu aufgehellter Stunde in eine freiere Gegend und sah in
+einem freundlichen Tal der Aire das Schloss von Grandpré auf einer
+Höhe sehr wohl gelegen, eben an dem Punkt, wo genannter Fluss sich
+westwärts zwischen die Hügel drängt, um auf der Gegenseite des
+Gebirgs sich mit der Aisne zu verbinden, deren Gewässer, immer dem
+Sonnenuntergang zu, durch Vermittlung der Oise endlich in die Seine
+gelangen; woraus denn ersichtlich, dass der Gebirgsrücken, der uns
+von der Maas trennte, zwar nicht von bedeutender Höhe, doch von
+entschiedenem Einfluss auf den Wasserlauf, uns in eine andere
+Flussregion zu nötigen geeignet war.
+
+Auf diesem Zug gelangte ich zufällig in das Gefolge des Königs, dann
+des Herzogs von Braunschweig; ich unterhielt mich mit Fürst Reuß und
+andern diplomatisch-militärischen Bekannten. Diese Reitermassen
+machten zu der angenehmen Landschaft eine reiche Staffage, man hätte
+einen van der Meulen gewünscht, um solchen Zug zu verewigen: alles
+war heiter, munter, voller Zuversicht und heldenhaft. Einige Dörfer
+brannten zwar vor uns auf, allein der Rauch tut in einem Kriegsbild
+auch nicht übel. Man hatte, so hieß es, aus den Häusern auf den
+Vortrab geschossen und dieser, nach Kriegsrecht, sogleich die
+Selbstrache geübt. Es ward getadelt, war aber nicht zu ändern;
+dagegen nahm man die Weinberge in Schutz, von denen sich die Besitzer
+doch keine große Lese versprechen durften, und so ging es zwischen
+Freund- und feindseligem Betragen immer vorwärts.
+
+Wir gelangten, Grandpré hinter uns lassend, an und über die Aisne und
+lagerten bei Vaux les Mourons; hier waren wir nun in der verrufenen
+Champagne, es sah aber so übel noch nicht aus. Über dem Wasser an der
+Sonnenseite erstreckten sich wohl gehaltene Weinberge, und wo man
+Dörfer und Scheunen visitierte, fanden sich Nahrungsmittel genug für
+Menschen und Tiere, nur leider der Weizen nicht ausgedroschen, noch
+weniger genugsame Mühlen; Öfen zum Backen waren auch selten, und so
+fing es wirklich an, sich einem tantalischen Zustand zu nähern.
+
+
+
+
+Am 18. September.
+
+Dergleichen Betrachtungen anzustellen, versammelte sich eine große
+Gesellschaft, die überhaupt, wo es Halt gab, sich immer mit einigem
+Zutrauen, besonders beim Nachmittagskaffee, zusammenfügte; sie
+bestand aus wunderlichen Elemente, Deutschen und Franzosen, Kriegern
+und Diplomaten, alles bedeutende Personen, erfahren, klug,
+geistreich, aufgeregt durch die Wichtigkeit des Augenblicks, Männer,
+sämtlich von Wert und Würde, aber doch eigentlich nicht in den innern
+Rat gezogen und also desto mehr bemüht, auszusinnen, was beschlossen
+sein, was geschehen könnte.
+
+Dumouriez, als er den Pass von Grandpré nicht länger halten konnte,
+hatte sich die Aisne hinaufgzeogen, und da ihm der Rücken durch die
+Isletten gesichert war, sich auf die Höhen von Sainte Menehould, die
+Fronte gegen Frankreich gestellt. Wir waren durch den engen Pass
+hereingedrungen, hatten uneroberte Festen: Sedan, Montmedy, Stenay,
+im Rücken und an der Seite, die uns jede Zufuhr nach Beleiben
+erschweren konnten. Wir betraten beim schlimmsten Wetter ein
+seltsames Land, dessen undankbarer Kalkboden nur kümmerlich
+ausgestreute Ortschaften ernähren konnte.
+
+Freilich lag Reims, Chalons und ihre gesegneten Umgebungen nicht
+fern, man konnte hoffen, sich vorwärts zu erholen; die Gesellschaft
+überzeugte sich daher beinahe einstimmig, dass man auf Reims
+marschieren und sich Chalons' bemächtigen müsse; Dumouriez könne sich
+in seiner vorteilhaften Stellung alsdann nicht ruhig verhalten, eine
+Schlacht wäre unvermeidlich, wo es auch sei: man glaubte sie schon
+gewonnen zu haben.
+
+
+
+
+Den 19. September.
+
+Manches Bedenken gab es daher, als wir den 19. beordert wurden, auf
+Massiges unsern Zug zu richten, die Aisne aufwärts zu verfolgen und
+dieses Wasser sowohl als das Waldgebirge, näher oder ferner, linker
+Hand zu behalten.
+
+Nun erholte man sich unterwegs von solchen nachdenklichen
+Betrachtungen, indem man mancherlei Zufälligkeiten und Ereignissen
+eine heitere Teilnahme schenkte; ein wundersames Phänomen zog meine
+ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man hatte, um mehrere Kolonnen
+nebeneinander fort zu schieben, die eine querfeldein über flache
+Hügel geführt, zuletzt aber, als man wieder ins Tal sollte, einen
+steilen Abhang gefunden; dieser ward nun alsbald, so gut es gehen
+wollte, abgeböscht, doch blieb er immer noch schroff genug. Nun trat
+eben zu Mittag ein Sonnenblick hervor und spiegelte sich in allen
+Gewehren. Ich hielt auf einer Höhe und sah jenen blinkenden
+Waffenfluss glänzend heranziehen; überraschend aber war es, als
+die Kolonne an den steilen Abhang gelangte, wo sich die bisher
+geschlossenen Glieder sprungweise trennten und jeder einzelne, so
+gut er konnte, in die Tiefe zu gelangen suchte. Diese Unordnung gab
+völlig den Begriff eines Wasserfalls: eine Unzahl durcheinander hin-
+und wider blinkender Bajonette bezeichneten die lebhafteste Bewegung.
+Und als nun unten am Fuß sich alles wieder gleich in Reih' und Glied
+ordnete und so, wie sie oben angekommen, nun wieder im Tal fortzogen,
+ward die Vorstellung eines Flusses immer lebhafter; auch war diese
+Erscheinung umso angenehmer, als ihre lange Dauer fort und fort durch
+Sonnenblicke begünstigt wurde, deren Wert man in solchen
+zweifelhaften Stunden nach langer Entbehrung erst recht schätzen
+lernte.
+
+Nachmittags gelangten wir endlich nach Massiges, nur noch wenige
+Stunden vom Feind; das Lager war abgesteckt, und wir bezogen den für
+uns bestimmten Raum. Schon waren Pfähle geschlagen, die Pferde
+drangebunden, Feuer angezündet, und der Küchenwagen tat sich auf.
+Ganz unerwartet kam daher das Gerücht, das Lager solle nicht
+statthaben: denn es sei die Nachricht angekommen, das französische
+Heer zeihe sich von Sainte Menehould auf Chalons; der König wolle sie
+nicht entwischen lassen und habe daher Befehl zum Aufbruch gegeben:
+ich suchte an der rechten Schmiede hierüber Gewissheit und vernahm
+das, was ich schon gehört hatte, nur mit dem Zusatz: auf diese
+unsichere und unwahrscheinliche Nachricht sei der Herzog von Weimar
+und der General Heymann mit eben den Husaren, welche die Unruhe
+erregt, vorgegangen. Nach einiger Zeit kamen diese Generale zurück
+und versicherten, es sei nicht die geringste Bewegung zu bemerken;
+auch mussten jene Patrouillen gestehen, dass sie das Gemeldete mehr
+geschlossen als gesehen hätten.
+
+Die Anregung aber war einmal gegeben, und der Befehl lautete: die
+Armee solle vorrücken, jedoch ohne das mindeste Gepäck, alles
+Fuhrwerk solle bis Maisons Champagne zurückkehren, dort eine
+Wagenburg bilden und den, wie man voraussetzte, glücklichen Ausgang
+einer Schlacht abwarten.
+
+Nicht einen Augenblick zweifelhaft, was zu tun sei, überließ ich
+Wagen, Gepäck und Pferde meinem entschlossenen, sorgfältigen
+Bedienten und setze mich mit den Kriegsgenossen alsobald zu Pferde.
+Es war schon früher mehrmals zur Sprache gekommen, dass, wer sich in
+einen Kriegszug einlasse, durchaus bei den regulierten Truppen,
+welche Abteilung es auch sei, an die er sich angeschlossen, fest
+bleiben und keine Gefahr scheuen solle: denn was uns auch da
+betreffe, sei immer ehrenvoll; dahingegen bei der Bagage, beim Tross
+oder sonst zu verweilen, zugleich gefährlich und schmählich. Und so
+hatte ich auch mit den Offizieren des Regiments abgeredet, dass ich
+mich immer an sie und womöglich an die Leibschwadron anschließen
+wolle, weil ja dadurch ein so schönes und gutes Verhältnis nur immer
+besser befestigt werden könne.
+
+Der Weg war das kleine Wasser die Tourbe hinauf vorgezeichnet, durch
+das traurigste Tal von der Welt, zwischen niedrigen Hügeln, ohne Baum
+und Busch; es war befohlen und eingeschärft, in aller Stille zu
+marschieren, als wenn wir den Feind überfallen wollten, der doch in
+seiner Stellung das Heranrücken einer Masse von fünfzigtausend Mann
+wohl mochte erfahren haben. Die Nacht brach ein, weder Mond noch
+Sterne leuchteten am Himmel, es pfiff ein wüster Wind; die stille
+Bewegung einer so großen Menschenreihe in tiefer Finsternis war ein
+höchst Eigenes.
+
+Indem man neben der Kolonne herritt, begegnete man mehreren bekannten
+Offizieren, die hin und wider sprengten, um die Bewegung des Marsches
+bald zu beschleunigen, bald zu retardieren. Man besprach sich, man
+heilt still, man versammelte sich. So hatte sich ein Kreis von
+vielleicht zwölf Bekannten und Unbekannten zusammengefunden, man
+fragte, klagte, wundete sich, schalt und räsonierte: das gestörte
+Mittagessen konnte man dem Heerführer nicht verzeihen. Ein munterer
+Gast wünschte sich Bratwurst und Brot, ein anderer sprang gleich mit
+seinen Wünschen zum Rehbraten und Sardellensalat; da das alles aber
+unentgeltlich geschah, fehlte es auch nicht an Pasteten und sonstigen
+Leckebissen, nicht an den köstlichsten Weinen, und ein so vollkommnes
+Gastmahl war beisammen, dass endlich einer, dessen Appetit übermäßig
+rege geworden, die ganze Gesellschaft verwünschte und die Pein einer
+aufgeregten Einbildungskraft im Gegensatz des größten Mangels ganz
+unerträglich schalt. Man verlor sich auseinander, und der einzelne
+war nicht besser dran als alle zusammen.
+
+
+
+
+Den 19. September nachts.
+
+So gelangten wir bis Somme Tourbe, wo man Halt machte; der König
+war in einem Gasthof abgetreten, vor dessen Türe der Herzog von
+Braunschweig in einer Art Laube Hauptquartier und Kanzlei errichtete.
+Der Platz war groß, es brannten mehrere Feuer, durch große Bündel
+Weinpfähle gar lebhaft unterhalten. Der Fürst Feldmarschall tadelte
+einige Mal persönlich, dass man die Flamme allzu stark auflodern
+lasse; wir besprachen uns darüber, und niemand wollte glauben, dass
+unsere Nähe den Franzosen ein Geheimnis geblieben sei.
+
+Ich war zu spät angekommen und mochte mich in der Nähe umsehen, wie
+ich wollte, alles war schon, wo nicht verzehrt, doch in Besitz
+genommen. Indem ich so umherforschte, gaben mir die Emigrierten ein
+kluges Küchenschauspiel: sie saßen um einen großen, runden, flachen,
+abglimmenden Aschenhaufen, in den sich mancher Weinstab knisternd
+mochte aufgelöst haben; klüglich und schnell hatten sie sich aller
+Eier des Dorfes bemächtigt, und es sah wirklich appetitlich aus, wie
+die Eier in dem Aschenhaufen nebeneinander aufrecht standen und eins
+nach dem andern zu rechter Zeit schlurfbar herausgehoben wurde. Ich
+kannte niemand vond en edlen Küchengesellen, unbekannt mocht' ich sie
+nicht ansprechen; als mir aber soeben ein lieber Bekannter begegnete,
+der so gut wie ich an Hunger und Durst litt, fiel mir eine Kriegslist
+ein, nach einer Bemerkung, die ich auf meiner kurzen militärischen
+Laufbahn anzustellen Gelegenheit gehabt. Ich hatte nämlich bemerkt,
+dass man beim Furagieren um die Dörfer und in denselben tölpisch
+geradezu verfahre: die ersten Andringenden fielen ein, nahmen weg,
+verdarben, zerstörten, die folgenden fanden immer weniger, und was
+verloren ging, kam niemand zugute. Ich hatte schon gedacht, dass man
+bei dieser Gelegenheit strategisch verfahren und, wenn die Menge von
+vorne hereindringe, sich von der Gegenseite nach einigem Bedürfnis
+umsehen müsse. Dies konnte nun hier kaum der Fall sein, denn alles
+war überschwemmt; aber das Dorf zog sich sehr in die Länge, und zwar
+seitwärts der Straße, wo wir hereingekommen. Ich forderte meinen
+Freund auf, die lange Gasse mit hinunterzugehen. Aus dem vorletzten
+Haus kam ein Soldat fluchend heraus, dass schon alles aufgezehrt und
+nirgends nichts mehr zu haben sei. Wir sahen durch die Fenster, da
+saßen ein paar Jäger ganz ruhig; wir gingen hinein, um wenigstens auf
+einer Bank unter Dach zu sitzen, wir begrüßten sie als Kameraden und
+klagten freilich über den allgemeinen Mangel. Nach einigem Hin- und
+Widerreden verlangten sie, wir sollten ihnen Verschwiegenheit
+geloben, worauf wir die Hand gaben. Nun eröffneten sie uns, dass sie
+in dem Haus einen schönen, wohl bestellten Keller gefunden, dessen
+Eingang sie zwar selbst sekretiert, uns jedoch von dem Vorrat einen
+Anteil nicht versagen wollten. Einer zog einen Schlüssel hervor, und
+nach verschiedenen weggeräumten Hindernissen fand sich eine
+Kellertüre zu eröffnen. Hinab gestiegen faden wir nun mehrere etwa
+zweieimerige Fässer auf dem Lager; was uns aber mehr interessierte,
+verschiedene Abteilungen in Sand gelegter gefüllter Flaschen, wo der
+gutmütige Kamerad, der sie schon durchprobiert hatte, an die beste
+Sorte wies. Ich nahm zwischen die ausgespreizten Finger jeder Hand
+zwei Flaschen, zog sie unter den Mantel, mein Freund desgleichen, und
+so schritten wir, in Hoffnung baldiger Erquickung, die Straße wieder
+hinaufwärts.
+
+Unmittelbar am großen Wachfeuer gewahrte ich eine schwere, starke
+Egge, setzte mich darauf und schob unter dem Mantel meine Flaschen
+zwischen die Zacken herein. Nach einiger Zeit bracht' ich eine
+Flasche hervor, wegen der mich meine Nachbarn beriefen, denen ich
+sogleich den Mitgenuss anbot. Sie taten gute Züge, der letzte
+bescheiden, da er wohl merkte, er lasse mir nur wenig zurück; ich
+verbarg die Flasche neben mir und brachte bald darauf die zweite
+hervor, trank den Freuden zu, die sich's abermals wohl schmecken
+ließen, anfangs das Wunder nicht bemerkten, bei der dritten Falsche
+jedoch laut über den Hexenmeister aufschrieen; und es war, in dieser
+traurigen Lage, ein auf alle Weise willkommener Scherz.
+
+Unter den vielen Personen, deren Gestalt und Gesicht im Kreis vom
+Feuer erleuchtet war, erblickt' ich einen ältlichen Mann, den ich zu
+kennen glaubte. Nach Erkundigung und Annäherung war er nicht wenig
+verwundert, mich hier zu sehen. Es war Marquis von Bombelles, dem ich
+vor zwei Jahren in Venedig, der Herzogin Amalie folgend, aufgewartet
+hatte, wo er, als französischer Gesandter residierend, sich höchst
+angelegen sein ließ, dieser trefflichen Fürstin den dortigen
+Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Wechselseitiger
+Verwunderungsausruf, Freude des Wiedersehens und Erinnerung
+erheiterten diesen ernsten Augenblick. Zur Sprache kam seien
+prächtige Wohnung am großen Kanal: es war gerühmt, wie wir daselbst,
+in Gondeln anfahrend, ehrenvoll empfangen und freundlich bewirtet
+worden; wie er durch kleine Feste, gerade im Geschmack und Sinn
+dieser, Natur und Kunst, Heiterkeit und Anstand in Verbindung
+liebenden Dame, sie und die Ihrigen auf vielfache Weise erfreut,
+auch sie durch seinen Einfluss manches andere, für Fremde sonst
+verschlossene Gute genießen lassen.
+
+Wie sehr war ich aber verwundert, da ich ihn, den ich durch eine
+wahrhafte Lobrede zu ergötzen gedachte, mit Wehmut ausrufen hörte:
+"Schweigen wir von diesen Dingen! Jene Zeit liegt nur gar zu weit
+hinter mir, und schon damals, als ich meine edlen Gäste mit
+scheinbarer Heiterkeit unterhielt, nagte mir der Wurm am Herzen:
+ich sah die Folgen voraus dessen, was in meinem Vaterland vorging.
+Ich bewunderte Ihre Sorglosigkeit, in der Sie auch die Ihnen
+bevorstehende Gefahr nicht ahnten; ich bereitete mich im Stillen zur
+Veränderung meines Zustandes. Bald nachher musst' ich meinen
+ehrenvollen Posten und das werte Venedig verlassen und eine Irrfahrt
+antreten, die mich endlich auch hierher geführt hat."
+
+Das Geheimnisvolle, das man diesem offenbaren Heranzug von Zeit zu
+Zeit hatte geben wollen, ließ uns vermuten, man werde noch in dieser
+Nacht aufbrechen und vorwärts gehen; allein schon dämmerte der Tag,
+und mit demselben strich ein Sprühregen daher, es war schon völlig
+hell, als wir uns in Bewegung setzten. Da des Herzogs von Weimar
+Regiment den Vortrab hatte, gab man der Leibschwadron, als der
+vordersten der ganzen Kolonne, Husaren mit, die den Weg unserer
+Bestimmung kennen sollten. Nun ging es, mitunter im scharfen Trab,
+über Felder und Hügel ohne Busch und Baum; nur in der Entfernung
+links sah man die Argonner Waldgegend; der Sprühregen schlug uns
+heftiger ins Gesicht; bald aber erblickten wir eine Pappelallee, die,
+sehr schön gewachsen und wohl unterhalten, unsere Richtung quer
+durchschnitt. Es war die Chaussee von Chalons auf Sainte Menehould,
+der Weg von Paris nach Deutschland; man führte uns drüber weg und ins
+Graue hinein.
+
+Schon früher hatten wir den Feind vor der waldichten Gegend gelagert
+und aufmarschiert gesehen, nicht weniger ließ sich bemerken, dass
+neue Truppen ankamen: es war Kellermann, der sich soeben mit
+Dumouriez vereinigte, um dessen linken Flügel zu bilden. Die Unsrigen
+brannten vor Begierde, auf die Franzosen loszugehen, Offiziere wie
+Gemeine hegten den Glühenden Wunsch, der Feldherr möge in diesem
+Augenblick angreifen; auch unser heftiges Vordringen schien darauf
+hinzudeuten. Aber Kellermann hatte sich zu vorteilhaft gestellt, und
+nun begann die Kanonade, von der man viel erzählt, deren
+augenblickliche Gewaltsamkeit jedoch man nicht beschreiben, nicht
+einmal in der Einbildungskraft zurückrufen kann.
+
+Schon lag die Chaussee weit hinter uns, wir stürmten immerfort gegen
+Westen zu, als auf einmal ein Adjutant gesprengt kam, der uns zurück
+beordete: man hatte uns zu weit geführt, und nun erhielten wir den
+Befehl, wieder über die Chaussee zurückzukehren und unmittelbar an
+ihre linke Seite den rechten Flügel zu lehnen. Es geschah, und so
+machten wir Front gegen das Vorwerk La Lune, welches auf der Höhe,
+etwa eine Viertelstunde vor uns, an der Chaussee zu sehen war. Unser
+Befehlshaber kam uns entgegen; er hatte soeben eine halbe reitende
+Batterie hinaufgebracht, wir erhielten Order, im Schutz derselben
+vorwärts zu gehen, und fanden unterwegs einen alten Schirrmeister,
+ausgestreckt, als das erste Opfer des Tags, auf dem Acker liegen. Wir
+ritten ganz getrost weiter, wir sahen das Vorwerk näher, die dabei
+aufgestellte Batterie feuerte tüchtig.
+
+Bald aber fanden wir uns in einer seltsamen Lage: Kanonenkugeln
+flogen wild auf uns ein, ohne dass wir begriffen, wo sie herkommen
+konnten; wir avancierten ja hinter einer befreundeten Batterie, und
+das feindliche Geschütz auf den entgegen gesetzten Hügeln war viel
+zu weit entfernt, als dass es uns hätte erreichen sollen. Ich hielt
+seitwärts vor der Front und hatte den wunderbarsten Anblick: die
+Kugeln schlugen dutzendweise vor der Eskadron nieder, zum Glück nicht
+rikoschettierend, in den weichen Boden hineingewühlt; Kot aber und
+Schmutz bespritze Mann und Ross; die schwarzen Pferde, von tüchtigen
+Reitern möglichst zusammengehalten, schnauften und tosten, die ganze
+Masse war, ohne sich zu trennen oder zu verwirren, in flutender
+Bewegung. Ein sonderbarer Anblick erinnerte mich an andere Zeiten. In
+dem ersten Glied der Eskadron schwankte die Standarte in den Händen
+eines schönen Knaben hin und wider; er hielt sie fest, ward aber vom
+aufgeregten Pferd widerwärtig geschaukelt, sein anmutiges Gesicht
+brachte mir, seltsam genug, aber natürlich, in diesem schauerlichen
+Augenblick die noch anmutigere Mutter vor die Augen, und ich musste
+an die ihr zur Seite verbrachten friedlichen Momente gedenken.
+
+Endlich kam der Befehl, zurück- und hinab zu gehen; es geschah von
+den sämtlichen Kavallerie-Regimentern mit großer Ordnung und
+Gelassenheit, nur ein einziges Pferd von Lottum ward getötet, da wir
+übrigen, besonders auf dem äußersten rechten Flügel, eigentlich alle
+hätten umkommen müssen.
+
+Nachdem wir uns denn aus dem unbegreiflichen Feuer zurückgezogen, von
+Überraschung und erstaunen uns erholt hatten, löste sich das Rätsel:
+wir fanden die halbe Batterie, unter deren Schutz wir vorwärts zu
+gehen geglaubt, ganz unten in einer Vertiefung, dergleichen das
+Terrain zufällig in dieser Gegend gar manche bildete. Sie war von
+oben vertrieben worden und an der andern Seite der Chaussee in einer
+Schlucht heruntergegangen, so dass wir ihren Rückzug nicht bemerken
+konnten; feindliches Geschütz trat an die Stelle, und was uns hätte
+bewahren sollen, wäre beinahe verderblich geworden. Auf unseren Tadel
+lachten die Burschen nur und versicherten scherzend, hier unter im
+Schauer sei es doch besser.
+
+Wenn man aber nachher mit Augen sah, wie eine solche reitende
+Batterie sich durch die schreckbaren, schlammigen Hügel qualvoll
+durchzerren musste, so hatte man abermals den bedenklichen Zustand zu
+überlegen, in den wir uns eingelassen hatten.
+
+Indessen dauerte die Kanonade immer fort: Kellermann hatte einen
+gefährlichen Posten bei der Mühle von Valmy, dem eigentlich das
+Feuern galt; dort ging ein Pulverwagen in die Luft, und man freute
+sich des Unheils, das er unter den Feinden angerichtet haben mochte.
+Und so bleib alles eigentlich nur Zuschauer und Zuhörer, was im Feuer
+stand und nicht. Wir hielten auf der Chaussee von Cahlons an einem
+Wegweiser, der nach Paris deutete.
+
+Diese Hauptstadt also hatten wir im Rücken, das französische Heer
+aber zwischen uns und dem Vaterland. Stärkere Riegel waren vielleicht
+nie vorgeschoben, demjenigen höchst apprehensiv, der eine genaue
+Karte des Kriegstheaters nun seit vier Wochen unablässig studierte.
+
+Doch das augenblickliche Bedürfnis behauptet sein Recht selbst gegen
+das Nächstkünftige. Unsere Husaren hatten mehrere Brotkarren, die von
+Chalons nach der Armee gehen sollten, glücklich aufgefangen und
+brachten sie den Hochweg daher. Wie es uns nun fremd vorkommen
+musste, zwischen Paris und Sainte Menehould postiert zu sein, so
+konnten die zu Chalons des Feindes Armee keineswegs auf dem Weg zu
+der ihrigen vermuten. Gegen einiges Trinkgeld ließen die Husaren von
+dem Brot etwas ab, es war das schönste weiße: der Franzos erschrickt
+vor jeder schwarzen Krume. Ich teilte mehr als einen Laib unter die
+zunächst Angehörigen, mit der Bedingung, mir für die folgenden Tage
+einen Anteil daran zu verwahren. Auch noch zu einer andern Vorsicht
+fand ich Gelegenheit: ein Jäger aus dem Gefolge hatte gleichfalls
+diesen Husaren eine tüchtige wollene Decke abgehandelt; ich bot ihm
+die Übereinkunft an, mir sie auf drei Nächte, jede Nacht für acht
+Groschen, zu überlassen, wogegen er sie am Tage verwahren sollte. Er
+hielt dieses Bedingnis für sehr vorteilhaft: die Decke hatte ihm
+einen Gulden gekostet, und nach kurzer Zeit erhielt er sie mit Profit
+ja wieder. Ich aber konnte auch zufrieden sein: mein köstlichen
+wollenen Hüllen von Longwy waren mit der Bagage zurückgeblieben, und
+nun hatte ich doch bei allem Mangel von Dach und Fach außer meinem
+Mantel noch einen zweiten Schutz gewonnen.
+
+Alles dieses ging unter anhaltender Begleitung des Kanonendonners
+vor. Von jeder Seite wurden an diesem Tag zehntausend Schüsse
+verwendet, wobei auf unserer Seite nur zweihundert Mann und auch
+diese ganz unnütz fielen. Von der ungeheuren Erschütterung klärte
+sich der Himmel auf: denn man schoss mit Kanonen, völlig als wär' es
+Pelotonfeuer, zwar ungleich, bald abnehmend, bald zunehmend.
+Nachmittags ein Uhr, nach einiger Pause, war es am gewaltsamsten, die
+Erde bebte im ganz eigentlichsten Sinn, und doch sah man in den
+Stellungen nicht die mindeste Veränderung. Niemand wusste, was daraus
+werden sollte.
+
+Ich hatte so viel vom Kanonenfieber gehört und wünschte zu wissen,
+wie es eigentlich damit beschaffen sei. Langeweile und ein Geist, den
+jede Gefahr zur Kühnheit, ja zur Verwegenheit aufruft, verleitete
+mich, ganz gelassen nach dem Vorwerk La Lune hinauf zu reiten. Dieses
+war wieder von den Unsrigen besetzt, gewährte jedoch einen gar wilden
+Anblick: die zerschossenen Dächer, die herum gestreuten Weizenbündel,
+die darauf hie und da ausgestreckten tödlich Verwundeten, und
+dazwischen noch manchmal eine Kanonenkugel, die, sich herüber
+verirrend, in den Überresten der Ziegeldächer klapperte.
+
+Ganz allein, mir selbst gelassen, ritt ich links auf den Höhen weg
+und konnte deutlich die glückliche Stellung der Franzosen
+überschauen; sie standen amphitheatralisch in größter Ruh' und
+Sicherheit, Kellermann jedoch auf dem linken Flügel eher zu
+erreichen.
+
+Mir begegnete gute Gesellschaft: es waren bekannte Offiziere vom
+Generalstab und vom Regiment, höchst verwundert, mich hier zu finden.
+Sie wollten mich wieder mit sich zurücknehmen, ich sprach ihnen aber
+von besonderen Absichten, und sie überließen mich ohne weiteres
+meinem bekannten, wunderlichen Eigensinn.
+
+Ich war nun vollkommen in die Region gelangt, wo die Kugeln herüber
+spielten; der Ton ist wundersam genug, als wär' er zusammengesetzt
+aus dem Brummend es Kreisels, dem Butteln des Wassers und dem Pfeifen
+eines Vogels. Sie waren weniger gefährlich wegen des feuchten
+Erdbodens: wo eine hinschlug, blieb sie stecken, und so ward mein
+törichter Versuchsritt wenigstens vor der Gefahr des Rikoschettierens
+gesichert.
+
+Unter diesen Umständen konnt' ich jedoch bald bemerken, dass etwas
+Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch
+würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es
+schien, als wäre man an einem sehr heißen Ort und zugleich von
+derselben Hitze völlig durchdrungen, so dass man sich mit demselben
+Element, in welchem man sich befindet, vollkommen glich fühlt. Die
+Augen verlieren nichts an ihrer Stärke noch Deutlichkeit; aber es ist
+doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der
+den Zustand so wie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von
+Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir
+schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus
+erhellt nun, in welchem Sinn man diesen Zustand ein Fieber nennen
+könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, dass jenes grässlich
+Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der
+Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die
+Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.
+
+Als ich zurück geritten und völlig in Sicherheit war, fand ich
+bemerkenswert, dass alle jene Glut sogleich erloschen und nicht
+das Mindeste von einer fieberhaften Bewegung übrig geblieben
+sei. Es gehört übrigens dieser Zustand unter die am wenigsten
+wünschenswerten; wie ich denn auch unter meinen leiben und edlen
+Kriegskameraden kaum einen gefunden habe, der einen eigentlich
+leidenschaftlichen Trieb hiernach geäußert hätte.
+
+So war der Tag hingegangen; unbeweglich standen die Franzosen,
+Kellermann hatte auch einen bequemern Platz genommen; unsere Leute
+zog man aus dem Feuer zurück, und es war eben, als wenn nichts
+gewesen wäre. Die größte Bestürzung verbreitete sich über die Armee.
+Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht, als die sämtlichen
+Franzosen anzuspießen und aufzuspeisen, ja mich selbst hatte das
+unbedingte Vertrauen auf ein solches Heer, auf den Herzog von
+Braunschweig zur Teilnahme an dieser gefährlichen Expedition gelockt;
+nun aber ging jeder vor sich hin, man sah sich nicht an, oder wenn es
+geschah, so war es, um zu flucehn oder zu verwünschen. Wir hatten,
+eben als es Nacht werden wollte, zufällig einen Kreis geschlossen, in
+dessen Mitte nicht einmal wie gewöhnlich ein Feuer konnte angezündet
+werden; die meisten schwiegen, einige sprachen, und es fehlte doch
+eigentlich einem jeden Besinnung und Urteil. Endlich rief man mich
+auf, was ich dazu denke? Denn ich hatte die Schar gewöhnlich mit
+kurzen Sprüchen erheitert und erquickt; diesmal sagte ich: "Von hier
+und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt
+sagen, ihr seid dabei gewesen."
+
+In diesem Augenblick, wo niemand nichts zu essen hatte, reklamierte
+ich einen Bissen Bort von dem heute früh erworbenen; auch war von
+dem gestern reichlich verspendeten Wein noch der Inhalt eines
+Branntweinfläschchens übrig geblieben, und ich musste daher auf
+die gestern am Feuer so kühn gespielte Rolle des willkommenen
+Wundertäters völlig Verzicht tun.
+
+Die Kanonade hatte kaum aufgehört, als Regen und Sturm schon wieder
+eindrangen und einen zustand unter freiem Himmel, auf zähem Lehmboden
+höchst unerfreulich machten. Und doch kam, nach so langem Wachen,
+Gemüts- und Leibesbewegung, der Schlaf sich anmeldend, als die Nacht
+hereindüsterte. Wir hatten uns hinter einer Erhöhung, die den
+schneidenden Wind abhielt, notdürftig gelagert, als es jemanden
+einfiel, man solle sich für dies Nacht in die Erde graben und mit dem
+Mantel zudecken. Hierzu machte man gleich Anstalt, und es wurden
+mehrere Gräber ausgehauen, wozu die reitende Artillerie Gerätschaften
+hergab. Der Herzog von Weimar selbst verschmähte nicht eine solche
+voreilige Bestattung.
+
+Hier verlangt' ich nun gegen Erlegung von acht Groschen die bewusste
+Decke, wickelte mich darein und breitete den Mantel noch oben drüber,
+ohne von dessen Feuchtigkeit viel zu empfinden. Ulyß kann unter
+seinem auf ähnliche Weise erworbenen Mantel nicht mit mehr
+Behaglichkeit und Selbstgenügen geruht haben.
+
+Alle diese Bereitungen warn wider den Willen des Obersten geschehen,
+welcher uns bemerken machte, dass auf einem Hügel gegenüber hinter
+einem Busch die Franzosen eine Batterie stehen hatten, mit der sie
+uns im Ernst begraben und nach Belieben vernichten konnten. Allein
+wir mochten den windstillen Ort und unsere weislich ersonnene
+Bequemlichkeit nicht aufgeben, und es war dies nicht das letzte Mal,
+wo ich bemerkte, dass man, um der Unbequemlichkeit auszuweichen, die
+Gefahr nicht scheue.
+
+
+
+
+Den 21. September
+
+waren die wechselseitigen Grüße der Erwachenden keineswegs heiter und
+froh, denn man ward sich in einer beschämenden, hoffnungslosen Lage
+gewahr. Am Rand eines ungeheuren Amphitheaters fanden wir uns
+aufgestellt, wo jenseits auf Höhen, deren Fuß durch Flüsse, Teiche,
+Bäche, Moräste gesichert war, der Feind einen kaum übersehbaren
+Halbzirkel bildete. Diesseits standen wir, völlig wie gestern, um
+zehntausend Kanonenkugeln leichter, aber ebenso wenig situiert zum
+Angriff; man blickte in eine weit ausgebreitete Arena hinunter,
+wo sich zwischen Dorfhütten und Gräten die beiderseitigen Husaren
+herumtrieben und mit Spiegelgefecht bald vor-, bald rückwärts, eine
+Stunde nach der andern, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln
+wussten. Aber aus all dem Hin- und Hersprengen, dem Hin- und
+Widerpuffen ergab sich zuletzt kein Resultat, als dass einer der
+Unsrigen, der sich zu kühn zwischen die Hecken gewagt hatte,
+umzingelt und, da er sich keineswegs ergeben wollte, erschossen wurde.
+
+Dies war das einzige Opfer der Waffen an diesem Tag; aber die
+eingerissene Krankheit machte den unbequemen, drückenden, hilflosen
+Zustand trauriger und fürchterlicher.
+
+So schlaglustig und fertig man gestern auch gewesen, gestand man
+doch, dass ein Waffenstillstand wünschenswert sei, da selbst der
+Mutigste, Leidenschaftlichste nach weniger Überlegung sagen musste:
+ein Angriff würde das verwegenste Unternehmen von der Welt sein. Noch
+schwankten die Meinungen den Tag über, wo man ehrenthalben dieselbe
+Stellung behauptete, wie beim Augenblick der Kanonade; gegen Abend
+jedoch veränderte man sie einigermaßen, zuletzt war das Hauptquartier
+nach Hans gelegt und die Bagage herbeigekommen. Nun hatten wir zu
+vernehmen die Angst, die Gefahr, den nahen Untergang unserer
+Dienerschaft und Habseligkeiten.
+
+Das Waldgebirg' Argonne von Sainte Menehould bis Grandpré war von
+Franzosen besetzt; von dort aus führten ihre Husaren den kühnsten,
+mutwilligsten, kleinen Krieg. Wir hatten gestern vernommen, dass ein
+Sekretär des Herzogs von Braunschweig und einige andere Personen der
+fürstlichen Umgebung zwischen der Armee und der Wagenburg waren
+gefangen worden. Diese verdiente aber keineswegs den Namen einer
+Burg, denn sie war schlecht aufgestellt, nicht geschlossen, nicht
+genugsam eskortiert. Nun beängstete sie ein blinder Lärm nach dem
+andern und zugleich die Kanonade in geringer Entfernung. Späterhin
+trug man sich mit der Fabel oder Wahrheit, die französischen Truppen
+seien schon den Gebirgswald herab auf dem Weg gewesen, sich der
+sämtlichen Equipage zu bemächtigen; da gab sich denn der von ihnen
+gefangene und wieder losgelassene Läufer des General Kalckreuth ein
+großes Ansehen, indem er versicherte, er habe durch glückliche Lügen
+von starker Bedeckung, von reitenden Batterien und dergleichen einen
+feindlichen Anfall abgewendet. Wohl möglich! Wer hat nicht in solchen
+bedeutenden Augenblicken zu tun oder getan?
+
+Nun waren die Zelte da, Wagen und Pferde; aber Nahrung für kein
+Lebendiges. Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und
+einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferde verunreinigt:
+das alles zusammen bildete den schrecklichsten Zustand. Ich wusste
+nicht, was es heißen sollte, al sich meinen treuen Zögling,
+Diener und Gefährten Paul Götze von dem Leder des Reisewagens das
+zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte,
+dass es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen
+Vorrat mitgebracht hatte; ja was mehr ist, ich habe aus den
+Fußstapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst
+zu stillen. Man kaufte das Brot von alten Soldaten, die, an
+Entbehrung gewöhnt, etwas zusammensparten, um sich am Branntwein zu
+erquicken, wenn derselbe wieder zu haben wäre.
+
+
+
+
+Am 22. September
+
+hörte man, die Generale Manstein und Heymann seien nach Dampiere in
+das Hauptquartier von Kellermann, wo sich auch Dumouriez einfinden
+sollte. Es war von Auswechseln der Gefangnen, von Versorgung der
+Kranken und Blessierten zum Schein die Rede; im Ganzen hoffte man
+aber mitten im Unglück eine Umkehr der Dinge zu bewirken. Seit dem
+10. August war der König von Frankreich gefangen, grenzenlose
+Mordtaten waren im September geschehen. Man wusste, dass Dumouriez
+für den König und die Konstitution gesinnt gewesen; er musste also
+seines eignen Heils, seiner Sicherheit willen die gegenwärtigen
+Zustände bekämpfen, und eine große Begebenheit wäre es geworden, wenn
+er sich mit den Alliierten alliiert und so auf Paris losgegangen wäre.
+
+Seit der Ankunft der Equipage fand sich die Umgebung des Herzogs von
+Weimar um vieles gebessert, denn man musste dem Kämmerier, dem Koch
+und andern Hausbeamten das Zeugnis geben, dass sie niemals ohne
+Vorrat gewesen und selbst in dem größten Mangel immer für etwas warme
+Speise gesorgt. Hierdurch erquickt, ritt ich umher, mich mit der
+Gegend nur einigermaßen bekannt zu machen, ganz ohne Furcht: diese
+flachen Hügel hatten keinen Charakter, kein Gegenstand zeichnete
+sich vor andern aus. Mich doch zu orientieren, forscht' ich nach der
+langen und hoch aufgewachsenen Pappelallee, die gestern so auffallend
+gewesen war, und da ich sie nicht entdecken konnte, glaubt' ich mich
+weit verirrt, allein bei näherer Aufmerksamkeit fand ich, dass sie
+niedergehauen, weggeschleppt und wohl schon verbrannt sei.
+
+An den Stellen, wo die Kanonade hingewirkt, erblickte man großen
+Jammer: die Menschen lagen unbegraben, und die schwer verwundeten
+Tiere konnten nicht ersterben. Ich sah ein Pferd, das sich in seinen
+eigenen, aus dem verwundeten Leibe heraus gefallenen Eingeweiden mit
+den Vorderfüßen verfangen hatte und so unselig dahinhinkte.
+
+Im Nachhausereiten traf ich den Prinzen Louis Ferdinand im freien
+Feld auf einem hölzernen Stuhl sitzen, den man aus einem untern Dorf
+heraufgeschafft; zugleich schleppten einige seiner Leute einen
+schweren, verschlossenen Küchenschrank herbei: sie versicherten, es
+klappere darin, sie hofften, einen guten Fang getan zu haben. Man
+erbrach ihn begierig, fand aber nur ein stark beleibtes Kochbuch, und
+nun, indessen der gespaltene Schrank im Feuer aufloderte, las man die
+köstlichsten Küchenrezepte vor, und so ward abermals Hunger und
+Begierde durch eine aufgeregte Einbildungskraft bis zur Verzweiflung
+gesteigert.
+
+
+
+
+Den 24. September.
+
+Erheitert einigermaßen wurde das schlimmste Wetter von der Welt durch
+die Nachricht, dass ein Stillstand geschlossen sei und dass man also
+wenigstens die Aussicht habe, mit einiger Gemütsruhe leiden und
+darben zu können; aber auch dieses gedieh nur zum halben Trost, da
+man bald vernahm, es sei eigentlich nur eine Übereinkunft, dass die
+Vorposten Friede halten sollten, wobei nicht unbenommen bleibe, die
+Kriegsoperationen außer dieser Berührung nach Gutdünken fortzusetzen.
+Dieses war ihre Stellung verändern und uns besser einschließen
+konnten, wir aber in der Mitte mussten still halten und in unserem
+stockenden Zustand verweilen. Die Vorposten aber ergriffen diese
+Erlaubnis mit Vergnügen. Zuerst kamen sie überein, dass, welchem von
+beiden Teilen Wind und Wetter ins Gesicht schlage, der solle das
+Recht haben, sich umzukehren und, in seinen Mantel gewickelt, von
+dem Gegenteil nichts befürchten. Es kam weiter: die Franzosen
+hatten immer noch etwas Weniges zur Nahrung, indes den Deutschen
+alles abging; jene teilten daher einiges mit, und man ward immer
+kameradlicher. Endlich wurden sogar mit Freundlichkeit von
+französischer Seite Druckblätter ausgeteilt, wodurch den guten
+Deutschen das Heil der Freiheit und Gleichheit in zwei Sprachen
+verkündet war; die Franzosen ahmten das Manifest des Herzogs von
+Braunschweig in umgekehrtem Sinn nach, entboten guten Willen und
+Gastfreundschaft, und ob sich schon bei ihnen mehr Volk, als sie von
+oben herein regieren konnten, auf die Beine gemacht hatte, so geschah
+dieser Aufruf, wenigstens in diesem Augenblick, mehr, um den
+Gegenteil zu schwächen als sich selbst zu stärken.
+
+
+
+
+Zum 24. September.
+
+Als Leidensgenossen bedauerte ich auch in dieser Zeit zwei hübsche
+Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Sie hatten, als Requirierte,
+mit vier schwachen Pferden meine leichte Chaise bis hierher kaum
+durchgeschleppt und litten stille, mehr für ihre Tiere als für
+sich; doch war ihnen so wenig als uns allen zu helfen. Da sie um
+meinetwillen jedes Unheil ausstanden, fühlte ich mich zu irgendeiner
+Pietät gedrungen und wollte jenes erhandelte Kommissbrot redlich mit
+ihnen teilen; allein sie lehnten es ab und versicherten, dergleichen
+könnten sie nicht essen, und als ich fragte, "was sie denn gewöhnlich
+genössen?" versetzten sie: "Du bon pain, de la bonne soupe, de la
+bonne viande, de la bonne bière." Da nun bei ihnen alles gut und
+bei uns alles schlimm war, verzieh ich ihnen gern, dass sie mit
+Zurücklassung ihrer Pferde sich bald darauf davonmachten. Sie
+hatten übrigens manches Unheil ausgestanden, ich glaube aber,
+dass eigentlich das dargebotene Kommissbrot sie zu dem letzten
+entscheidenden Schritt, als ein furchtbares Gespenst, bewogen
+habe. Weiß und schwarz Brot ist eigentlich das Schibboleth, das
+Feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen.
+
+Eine Bemerkung darf ich hier nicht unberührt lassen: wir kamen
+freilich zur ungünstigsten Jahrszeit in ein von der Natur nicht
+gesegnetes Land, das aber denn doch seine wenigen, arbeitsamen,
+ordnungsliebenden, genügsamen Einwohner allenfalls ernährt. Reichere
+und vornehmere Gegenden mögen eine solche freilich geringschätzig
+behandeln; ich aber habe keineswegs Ungeziefer und Bettelherbergen
+dort angetroffen. Von Mauerwerk gebaut, mit Ziegeln gedeckt sind die
+Häuser, und überall hinreichende Tätigkeit. Auch ist die eigentlich
+schlimme Landstrecke höchstens vier bis sechs Stunden breit und hat,
+sowohl an dem Argonner Waldgebirge her als gegen Reims und Chalons
+zu, schon wieder günstigere Gelegenheit. Kinder, die man in dem
+ersten besten Dorfe aufgegriffen hatte, sprachen mit Zufriedenheit
+von ihrer Nahrung, und ich durfte mich nur des Kellers zu Somme
+Tourbe und des weißen Brotes, das uns ganz frisch von Chalons her
+in die Hände gefallen war, erinnern, so schien es doch, als ob in
+Friedenszeiten hier nicht gerade Hunger und Ungeziefer zu Hause
+sein müsse.
+
+
+
+
+Den 25. September.
+
+Dass während des Stillstandes die Franzosen von ihrer Seite tätig
+sein würden, konnte man vermuten und erfahren. Sie suchten die
+verlorne Kommunikation mit Chalons wieder herzustellen und die
+Emigrierten in unserm Rücken zu verdrängen oder vielmehr an uns
+heranzudrängen; doch augenblicklich ward für uns das Schädlichste,
+dass sie, sowohl vom Argonner Waldgebirge als von Sedan und Montmedy
+her, uns die Zufuhr erschweren, wo nicht völlig vernichten konnten.
+
+
+
+
+Den 26. September.
+
+Da man mich als auf mancherlei aufmerksam kannte, so brachte man
+alles, was irgend sonderbar scheinen mochte, herbei; unter andern
+legte man mir eine Kanonenkugel vor, ungefähr vierpfündig zu achten,
+doch war das Wunderliche daran, sie auf ihrer ganzen Oberfläche in
+kristallisierten Pyramiden endigen zu sehen. Kugeln waren jenes Tags
+genug verschossen worden, dass sich eine gar wohl hierüber konnte
+verloren haben. Ich erdachte mir allerlei Hypothesen, wie das Metall
+beim Guss oder nachher sich zu dieser Gestalt bestimmt hätte; durch
+einen Zufall ward ich hierüber aufgeklärt.
+
+Nach einer kurzen Abwesenheit wieder in mein Zelt zurückkehrend,
+fragte ich nach der Kugel; sie wollte sich nicht finden. Als ich
+darauf bestand, beichtete man: sie sei, nachdem man allerlei an ihr
+probiert, zersprungen. Ich forderte die Stücke und fand zu meiner
+großen Verwunderung eine Kristallisation, die, von der Mitte
+ausgehend, sich strahlig gegen die Oberfläche erweitete. Es war
+Schwefelkies, der sich in einer freien Lage ringsum musste gebildet
+haben. Diese Entdeckung führte weiter, dergleichen Schwefelkiese
+fanden sich mehr, obschon kleiner, in Kugel- und Nierenform, auch in
+andern weniger regelmäßigen Gestalten, durchaus aber darin gleich,
+dass sie nirgends angesessen hatten und dass ihre Kristallisation
+sich immer auf eine gewisse Mitte bezog; auch waren sie nicht
+abgerundet, sondern völlig frisch und deutlich kristallinisch
+abgeschlossen. Sollten sie sich wohl in dem Boden selbst erzeugt
+haben, und findet man dergleichen mehr auf Ackerfeldern?
+
+Aber ich nicht allein war auf die Mineralien der Gegend aufmerksam;
+die schöne Kreide, die sich überall vorfand, schien durchaus von
+einigem Wert. Es ist wahr, der Soldat durfte nur ein Kochloch
+aufhauen, so traf er auf die klarste weiße Kreide, die er zu seinem
+blanken und glatten Putz sonst so nötig hatte. Da ging wirklich ein
+Armeebefehl aus: der Soldat solle sich mit dieser hier umsonst zu
+habenden notwendigen Ware soviel als möglich versehen. Dies gab nun
+freilich zu einigem Spott Gelegenheit: mitten in den furchtbarsten
+Kot versenkt, sollte man sich mit Reinlichkeits- und Putzmitteln
+beladen; wo man nach Brot seufzte, sich mit Staub zufrieden stellen.
+
+Auch stutzten die Offiziere nicht wenig, als sie im Hauptquartier
+übel angelassen wurden, weil sie nicht so reinlich, so zierlich wie
+auf der Parade zu Berlin oder Potsdam erschienen. Die Oberen konnten
+nicht helfen; so sollten sie, meinte man, auch nicht schelten.
+
+
+
+
+Den 27. September.
+
+Eine etwas wunderliche Vorsichtsmaßregel, dem dringenden Hunger zu
+begegnen, ward gleichfalls bei der Armee publiziert: man solle
+die vorhandenen Gerstengarben so gut als möglich ausklopfen,
+die gewonnenen Körner in heißem Wasser so lange sieden, bis sie
+aufplatzen, und durch diese Speise die Befriedigung des Hungers
+versuchen.
+
+Unserer nächsten Umgebung war jedoch eine bessere Beihilfe zugedacht.
+Man sah in der Ferne zwei Wagen festgefahren, denen man, weil sie
+Proviant und andere Bedürfnisse geladen hatten, gern zu Hilfe kam.
+Stallmeister von Seebach schickte sogleich Pferde dorthin; man
+brachte sie los, führte sie aber auch sogleich des Herzogs Regiment
+zu; sie protestierten dagegen, als zur österreichischen Armee
+bestimmt, wohin auch wirklich ihre Pässe lauteten. Allein man hatte
+sich einmal ihrer angenommen; um den Zudrang zu verhüten und sie
+zugleich festzuhalten, gab man ihnen Wache, und da sie auch von uns
+bezahlt erhielten, was sie forderten, so mussten sie auch bei uns
+ihre eigentliche Bestimmung finden.
+
+Eilig drängten sich zu allererst die Haushofmeister, Köche und ihre
+Gehilfen herbei, nahmen von der Butter in Fässchen, von Schinken und
+andern guten Dingen Besitz. Der Zulauf vermehrte sich, die größere
+Menge schrie nach Tabak, der denn auch um teuren Preis häufig
+ausgegeben wurde. Die Wagen aber waren so umringt, dass sich zuletzt
+niemand mehr nähern konnte; deswegen mich unsere Leute und Reiter
+anriefen und auf das dringendste baten, ihnen zu diesem notwendigsten
+aller Bedürfnisse zu verhelfen.
+
+Ich ließ mir durch Soldaten Platz machen und erstieg sogleich, um
+mich nicht im Gedränge zu verwirren, den nächsten Wagen; dort
+bepackte ich mich für gutes Geld mit Tabak, was nur meine Taschen
+fassen wollten, und ward, als ich wieder herab und spendend ins Freie
+gelangte, für den größten Wohltäter gepriesen, der sich jemals der
+leidenden Menschheit erbarmt hatte. Auch Branntwein war angelangt;
+man versah sich damit und bezahlte die Bouteille gern mit einem
+Laubtaler.
+
+
+
+
+Den 27. September.
+
+Sowohl im Hauptquartiere selbst, wohin man zuweilen gelanget, als bei
+allen denen, die von dort herkamen, erkundigte man sich nach der Lage
+der Dinge: sie konnte nicht bedenklicher sein. Von dem Unheil, das in
+Paris vorgegangen, verlautete immer mehr und mehr, und was man
+anfangs für Fabeln gehalten, erschien zuletzt als Wahrheit
+überschwänglich furchtbar. König und Familie waren gefangen, die
+Absetzung dessen schon zur Sprache gekommen; der Hass des Königtums
+überhaupt gewann immer mehr Breite, ja schon konnte man erwarten,
+dass gegen den unglücklichen Monarchen ein Prozess würde eingeleitet
+werden. Unsere unmittelbaren kriegerischen Gegner hatten sich eine
+Kommunikation mit Chalons wieder eröffnet, dort befand sich Luckner,
+der die von Paris anströmenden Freiwilligen zu Kriegshaufen bilden
+sollte; aber diese, in den grässlichen ersten Septembertagen, durch
+die reißend fließenden Blutströme, aus der Hauptstadt ausgewandert,
+brachten Lust zum Morden und Rauben mehr als zu reinem rechtlichen
+Kriege mit. Nach dem Beispiel des Pariser Gräuelvolks ersahen sie
+sich willkürliche Schlachtopfer, um ihnen, wie sich's fände,
+Autorität, Besitz oder wohl gar das Leben zu rauben. Man durfte sie
+nur undiszipliniert loslassen, so machten sie uns den Garaus.
+
+Die Emigrierten waren an uns herangedrückt worden, und man erzählte
+noch von gar manchem Unheil, das im Rücken und von der Seite
+bedrohte. In der Gegend von Reims sollten sich zwanzigtausend Bauern
+zusammengerottet haben, mit Feldgerät und wild ergriffenen
+Naturwaffen versehen; die Sorge war gorß, auch diese möchten auf uns
+losbrechen.
+
+Von solchen Dingen ward am Abend in der Herzogs Zelt, in Gegenwart
+von bedeutenden Kriegsobristen, gesprochen; jeder brachte seine
+Nachricht, seine Vermutung, seine Sorge als Beitrag in diesen
+ratlosen rat, denn es schien durchaus nur ein Wunder uns retten
+zu können.
+
+Ich aber dachte in diesem Augenblick, dass wir gewöhnlich in
+misslichen Zuständen uns gern mit hohen Personen vergleichen,
+besonders mit solchen, denen es noch schlimmer gegangen; da fühlt'
+ich mich getrieben, wo nicht zur Erheiterung doch zur Ableitung, aus
+der Geschichte Ludwigs des Heiligen die drangvollsten Begebenheiten
+zu erzählen. Der König, auf seinem Kreuzzuge, will zuerst den Sultan
+von Ägypten demütigen, denn von diesem hängt gegenwärtig das gelobte
+Land ab. Damiette fällt ohne Belagerung den Christen in die Hände.
+Angefeuert von seinem Bruder Graf Artois, unternimmt der König einen
+Zug das rechte Nilufer hinauf, nach Babylon-Kairo. Es glückt, einen
+graben auszufüllen, der Wasser vom Nil empfängt. Die Armee zeiht
+hinüber. Aber nun findet sie sich geklemmt zwischen dem Nil, dessen
+Haupt- und Nebenkanälen; dagegen die Sarazenen auf beiden Ufern des
+Flusses glücklich postiert sind. Über die größeren Wasserleitungen zu
+setzen wird schwierig. Man baut Blockhäuser gegen die Blockhäuser der
+Feinde; diese aber haben den Vorteil des griechischen Feuers. Sie
+beschädigen damit die hölzernen Bollwerke, Bauten und Menschen. Was
+hilft den Christen ihre entschiedene Schlachtordnung, immerfort von
+den Sarazenen gereizt, geneckt, angegriffen, teilweise in Scharmützel
+verwickelt. Einzelne Wagnisse, Faustkämpfe sind bedeutend, Herz
+erhebend, aber die Helden, der König selbst wird abgeschnitten. Zwar
+brechen die Tapfersten durch, aber die Verwirrung wächst. Der Graf
+von Artois ist in Gefahr; zu dessen Rettung wagt der König alles. Der
+Bruder ist schon tot, das Unheil steigt aufs Äußerste. An diesem
+heißen Tag kommt alles darauf an, eine Brücke über ein Seitenwasser
+zu verteidigen, um die Sarazenen vom Rücken des Hauptgefechtes
+abzuhalten. Den wenigen da postierten Kriegsleuten wird auf alle
+Weise zugesetzt, mit Geschütz von den Soldaten, mit Steinen und Kot
+durch Trossbuben. Mitten in diesem Unheil spricht der Graf von
+Soissons zum Ritter Joinville scherzend: "Seneschall, lasst das
+Hundepack bellen und blöken; bei Gottesthron!" -- so pflegte er zu
+schwören -- "von diesem Tag sprechen wir noch im Zimmer vor den Damen."
+
+Man lächelte, nahm das Omen gut auf, besprach sich über mögliche
+Fälle, besonders hob man die Ursachen hervor, warum die Franzosen uns
+eher schonen als verderben müssten: der lange ungetrübte Stillstand,
+das bisherige zurückhaltende Betragen gaben einige Hoffnung. Diese zu
+beleben, wagte ich noch einen historischen Vortrag und erinnerte mit
+Vorzeigung der Spezialkarten, dass zwei Meilen von uns nach Westen
+das berüchtigte Teufelsfeld gelegen sei, bis wohin Attila, König der
+Hunnen, mit seinen ungeheuren Heerhaufen im Jahr 452 gelangt, dort
+aber von den burgundischen Fürsten unter Beistand des römischen
+Feldherrn Aëtius geschlagen worden; dass, hätten sie ihren Sieg
+verfolgt, er in Person und mit allen seinen Leuten umgekommen und
+vertilgt worden wäre. Der römische General aber, der die Burgunder
+Fürsten nicht von aller Furcht vor diesem gewaltigen Feind zu
+befreien gedachte, weil er sie alsdann sogleich gegen die Römer
+gewendet gesehen hätte, beredete einen nach dem andern, nach Hause zu
+ziehen; und so entkam denn auch der Hunnenkönig mit den Überresten
+eines unzählbaren Volkes.
+
+In eben dem Augenblick ward die Nachricht gebracht, der erwartete
+Brottransport von Grandpré sei angekommen; auch dies belebte doppelt
+und dreifach die Geister: man schied getrösteter voneinander, und
+ich konnte dem Herzog bis gegen Morgen in einem unterhaltenden
+französischen Buch vorlesen, das auf die wunderlichste Weise in meine
+Hände gekommen. Bei den verwegenen, frevelhaften Scherzen, welche
+mitten in dem bedrängtesten Zustand noch Lachen erregten, erinnerte
+ich mich der leichtfertigen Jäger von Verdun, welche Schelmlieder
+singend in den Tod gingen. Freilich, wenn man dessen Bitterkeit
+vertreiben will, muss man es mit den Mitteln so genau nicht nehmen.
+
+
+
+
+Den 28. September.
+
+Das Brot war angekommen, nicht ohne Mühseligkeit und Verlust; auf den
+schlimmsten Wegen von Grandpré, wo die Bäckerei lag, bis zu uns heran
+waren mehrere Wagen stecken geblieben, andere dem Feind in die Hände
+gefallen und selbst ein Teil des Transports ungenießbar: denn im
+wässerigen, zu schnell gebackenen Brot trennte sich Krume von Rinde,
+und in den Zwischenräumen erzeugte sich Schimmel. Abermals in Angst
+vor Gift, brachte man mir dergleichen Laibe, diesmal in ihren inneren
+Hohlungen hochpomeranzenfarbig anzusehen, auf Arsenik und Schwefel
+hindeutend, wie jenes vor Verdun auf Grünspan. War es aber auch nicht
+vergiftet, so erregte doch der Anblick Abscheu und Ekel; getäuschte
+Befriedigung schärfte den Hunger: Krankheit, Elend, Missmut lagen
+schwer auf einer so großen Masse guter Menschen.
+
+In solchen Bedrängnissen wurden wir noch gar durch eine unglaubliche
+Nachricht überrascht und betrübt; es hieß, der Herzog von
+Braunschweig habe sein früheres Manifest an Dumouriez geschickt,
+welcher, darüber ganz verwundert und entrüstet, sogleich den
+Stillstand aufgekündigt und den Anfang der Feinseligkeiten befohlen
+habe. So groß das Unheil war, in welchem wir staken, und noch
+größeres bevorsahen, konnten wir doch nicht unterlassen, zu
+scherzen und zu spotten; wir sagten, da sehe man, was für Unheil
+die Autorschaft nach sich ziehe! Jeder Dichter und sonstige
+Schriftsteller trage gern seine Arbeiten einem jeden vor, ohne dass
+er frage, ob es die rechte Zeit und Stunde sei; nun ergehe es dem
+Herzog von Braunschweig ebenso, der, die Freuden der Autorschaft
+genießend, sein unglückliches Manifest ganz zur unrechten zeit wieder
+produzierte.
+
+Wir erwarteten nun, die Vorposten abermals puffen zu hören, man
+schaute sich nach allen Hügeln um, ob nicht irgendein Feind
+erscheinen möchte; aber es war alles so still und ruhig, als wäre
+nichts vorgegangen. Indessen lebte man in der peinlichsten
+Ungewissheit und Unsicherheit, denn jeder sah wohl ein, dass wir
+strategisch verloren waren, wenn es dem Feind im Mindesten einfallen
+solle, uns zu beunruhigen und zu drängen. Doch deutete schon manches
+in dieser Ungewissheit auf Übereinkunft und mildere Gesinnung; so
+hatte man zum Beispiel den Postmeister von Sainte Menehould gegen die
+am 20. zwischen der Wagenburg und Armee weggefangenen Personen der
+königlichen Suite frei und ledig gegeben.
+
+
+
+
+Den 29. September.
+
+Gegen Abend setzte sich, der erteilten Order gemäß, die Equipage in
+Bewegung; unter Geleit Regiments Herzog von Braunschweig sollte sie
+vorangehen, um Mitternacht die Armee folgen. Alles regte sich, aber
+missmutig und langsam; denn selbst der beste Wille gleitete auf dem
+durchweichten Boden und versank, eh' er sich's versah. Auch diese
+Stunden gingen vorüber: Zeit und Stunde rennt durch den rausten Tag!
+
+Es war Nacht geworden, und auch diese sollte man schlaflos zubringen;
+der Himmel war nicht ungünstig, der Vollmond leuchtete, aber hatte
+nichts zu beleuchten. Zelte waren verschwunden, Gepäck, Wagen und
+Pferde alles hinweg, und unsere kleine Gesellschaft besonders in
+einer seltsamen Lage. An dem bestimmten Ort, wo wir uns befanden,
+sollten die Pferde uns Aufsuchen; sie waren ausgeblieben. So weit wir
+bei falbem Licht umher sahen, schien alles öd' und leer; wir horchten
+vergebens: weder Gestalt noch Ton war zu vernehmen. Unsere Zweifel
+wogten hin und her; wir wollten den bezeichneten Platz lieber nicht
+verlassen als die Unsrigen in gleiche Verlegenheit setzen und sie
+gänzlich verfehlen. Doch war es grauerlich, in Feindesland, nach
+solchen Ereignissen, vereinzelt, aufgegeben, wo nicht zu sein, doch
+für den Augenblick zu scheinen.
+
+Wir passten auf, ob nicht vielleicht eine feindliche Demonstration
+vorkomme, aber es rührte und regte sich weder Günstiges noch
+Ungünstiges.
+
+Wir trugen nach und nach alles hinterlassene Zeltstroh in der
+Umgegend zusammen und verbrannten es, nicht ohne Sorgen. Gelockt
+durch die Flamme, zog sich eine alte Marketenderin zu uns heran: sie
+mochte sich beim Rückweg in den fernen Orten nicht ohne Tätigkeit
+verspätet haben, denn sie trug ziemliche Bündel unter den Armen. Nach
+Gruß und Erwärmung hob sie zuvörderst Friedrich den Großen in den
+Himmel und pries den Siebenjährigen Krieg, dem sie als Kind wollte
+beigewohnt haben, schalt grimmig auf die gegenwärtigen Fürsten und
+Heerführer, die so große Mannschaft in ein Land brächten, wo die
+Marketenderin ihr Handwerk nicht treiben könne, worauf es denn doch
+eigentlich abgesehen sei. Man konnte sich an ihrer Art, die Sachen zu
+betrachten, gar wohl erlustigen und sich für einen Augenblick
+zerstreuen, doch waren uns endlich die Pferde höchst willkommen; da
+wir denn auch mit dem Regiment Weimar den ahnungsvollen Rückzug
+antraten.
+
+Vorsichtsmaßregeln, bedeutende Befehle ließen fürchten, dass die
+Feinde unserm Abmarsch nicht gelassen zusehen würden. Mit Bangigkeit
+hatte man noch am Tag das sämtliche Fuhrwerk, am bänglichsten aber
+die Artillerie, in den durchweichten Boden einschneidend, sich
+stockend bewegen sehen; was mochte nun zu Nacht alles vorfallen? Mit
+Bedauern sah man gestürzte, geborstene Bagagewagen im Bachwasser
+liegen, mit Bejammern ließ man zurückbleibende Kranke hilflos. Wo man
+sich auch umsah, einigermaßen vertraut mit der Gegend, gestand man,
+hier sie gar keine Rettung, sobald es dem Feind, den wir links,
+rechts und im Rücken wussten, belieben möchte, uns anzugreifen; da
+dies aber in den ersten Stunden nicht geschah, so stellte sich das
+hoffnungsbedürftige Gemüt schnell wieder her, und der Menschengeist,
+der allem, was geschieht, Verstand und Vernunft unterlegen möchte,
+sagte sich getrost, die Verhandlungen zwischen den Hauptquartieren
+Hans und Sainte Menehould seien glücklich und zu unseren Gunsten
+abgeschlossen worden. Von Stunde zu Stunde vermehrte sich der Glaube;
+und als ich Halt machen, die sämtlichen Wagen über dem Dorf St. Jean
+ordnungsgemäß auffahren sah, war ich schon völlig gewiss, wir würden
+nach Hause gelangen und in guter Gesellschaft (_devant les Dames_)
+von unseren ausgestandenen Qualen sprechen und erzählen dürfen. Auch
+diesmal teilt' ich Freunden und Bekannten meine Überzeugung mit, und
+wir ertrugen die gegenwärtige Not schon mit Heiterkeit.
+
+Kein Lager ward bezogen, aber die Unsrigen schlugen ein großes Zelt
+auf, inwendig und auswendig umher die reichsten, herrlichsten
+Weizengarben zur Schlafstätte gebreitet. Der Mond schien hell durch
+die beruhigte Luft, nur ein sanfter Zug leichter Wolken war
+bemerklich, die ganze Umgebung sichtbar und deutlich, fast wie am
+Tage. Beschienen waren die schlafenden Menschen, die Pferde, vom
+Futterbedürfnis wach gehalten, darunter viele weiße, die das Licht
+kräftig wiedergaben; weiße Wagenbedeckungen, selbst die zur Nachtruhe
+gewidmeten weißen Garben, alles verbreitete Helle und Heiterkeit über
+diese bedeutende Szene. Fürwahr, der größte Maler hätte sich
+glücklich geschätzt, einem solchen Bild gewachsen zu sein.
+
+Erst spät legt' ich mich ins Zelt und hoffte des tiefsten Schlafes zu
+genießen; aber die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre
+schönsten Gaben ausgestreut, und so gehört zu den ungeselligsten
+Unarten des Menschen, dass er schlafend, eben wenn er selbst am
+tiefsten ruht, den gesellen durch unbändiges Schnarchen wach zu
+halten pflegt. Kopf an Kopf, ich innerhalb, er außerhalb des Zeltes,
+lag ich mit einem Mann, der mir durch ein grässlich Stöhnen die so
+nötige Ruhe unwiederbringlich verkümmerte. Ich löste den Strang vom
+Zeltpflock, um meinen Widersacher kennen zu lernen: es war ein
+braver, tüchtiger Mann von der Dienerschaft, erlag, vom Mond
+beschienen, in so tiefem Schlaf, als wenn er Endymion selbst gewesen
+wäre.
+
+Die Unmöglichkeit, in solcher Nachbarschaft Ruhe zu erlangen, regte
+den schalkischen Geist in mir auf; ich nahm eine Weizenähre und
+ließ die schwankende Last über Stirn und Nase des Schlafenden
+schweben. In seiner tiefen Ruhe gestört, fuhr er mit der Hand
+mehrmals übers Gesicht, und sobald er wieder in Schlaf versank,
+wiederholt' ich mein Spiel, ohne dass er hätte begreifen mögen, woher
+in dieser Jahreszeit eine Bremse kommen könne. Endlich bracht' ich es
+dahin, dass er, völlig ermuntert, aufzustehen beschloss. Indessen war
+auch mir alle Schlaflust vergangen: ich trat vor das Zelt und
+bewunderte in dem wenig veränderten Bild die unendliche Ruhe am Rande
+der größten, immer noch denkbaren Gefahr; und wie in solchen
+Augenblicken Angst und Hoffnung, Kümmernis und Beruhigung
+wechselweise auf- und abgaukeln, so erschrak ich wieder, bedenkend,
+dass, wenn der Feind uns in diesem Augenblick überfallen wollte,
+weder eine Radspeiche noch ein Menschengebein davonkommen würde.
+
+Der anbrechende Tag wirkte sodann wieder zerstreuend, denn da zeigte
+sich manches Wunderliche. Zwei alte Marketenderinnen hatten mehrere
+seidene Weiberröcke buntscheckig um Hüfte und Brust übereinander
+gebunden, den obersten aber um den Hals und oben darüber noch ein
+Halbmäntelchen. In diesem Ornat stolzierten sie gar komisch einher
+und behaupteten, durch Kauf und tausch sich diese Maskerade gewonnen
+zu haben.
+
+
+
+
+Den 30. September.
+
+So früh sich auch mit Tagesanbruch das sämtliche Fuhrwerk in Bewegung
+setzte, so legten wir doch nur einen kurzen Weg zurück; denn schon um
+neun Uhr hielten wir zwischen Laval und Wargemoulin. Menschen und
+Tiere suchten sich zu erquicken, kein Lager ward aufgeschlagen. Nun
+kam auch die Armee heran und postierte sich auf einer Anhöhe;
+durchaus herrschte die größte Stille und Ordnung. Zwar konnte man an
+verschiedenen Vorsichtsmaßregeln gar wohl bemerken, dass noch nicht
+alle Gefahr überstanden sei: man rekognoszierte, man unterhielt sich
+heimlich mit unbekannten Personen, man rüstete sich zum abermaligen
+Aufbruch.
+
+
+
+
+Den 1. Oktober.
+
+Der Herzog von Weimar führte die Avantgarde und deckte zugleich den
+Rückzug der Bagage. Ordnung und Stille herrschten diese Nacht, und
+man beruhigte sich in dieser Ruhe, als um zwölf Uhr aufzubrechen
+befohlen ward. Nun ging aber aus allem hervor, dass dieser Marsch
+nicht ganz sicher sei wegen Streifpartien, welche vom Argonner Wald
+herunter zu befürchten waren. Denn wäre auch mit Dumouriez und den
+höchsten Gewalten Übereinkunft getroffen gewesen, welches nicht
+einmal als ganz gewiss angenommen werden konnte, so gerhorchte doch
+damals nicht leicht jemand dem andern, und die Mannschaft im
+Waldgebirge durfte sich nur für selbständig erklären, einen Versuch
+machen zu unserm Verderben, welches niemand damals hätte missbilligen
+dürfen.
+
+Auch der heutige Marsch ging nicht weit; es war die Absicht, Equipage
+und Armee zusammen sollten auch gleichen Schritt mit den
+Österreichern und Emigrierten halten, die, uns zur linken Seite
+parallel, gleichfalls auf dem Rückzug begriffen waren.
+
+Gegen acht Uhr heilten wir schon, bald nachdem wir Rouvroy hinter uns
+gelassen hatten; einige Zelte wurden aufgeschlagen, der Tag war schön
+und die Ruhe nicht gestört.
+
+Und so will ich denn hier auch noch anführen, dass ich in diesem
+Elend das neckische Gelübde getan: man solle, wenn ich uns erlöst und
+mich wieder zu Hause sähe, von mir niemals wieder einen Klagelaut
+vernehmen über den meine freiere Zimmeraussicht beschränkenden
+Nachbargiebel, den ich vielmehr jetzt recht sehnlich zu erblicken
+wünsche; ferner wollt' ich mich über Missbehagen und Langeweile im
+deutschen Theater nie wieder beklagen, wo man doch immer Gott danken
+könne, unter Dach zu sein, was auch auf der Bühne vorgehe. Und so
+gelobt' ich noch ein Drittes, das mir aber entfallen ist.
+
+Es war noch immer genug, dass jeder für sich selbst in dem Grad
+sorget und Ross und Wagen, Mann und Pferd nach ihren Abteilungen
+regelmäßig zusammenblieben, und so auch wir, sobald still gehalten
+oder ein Lager aufgeschlagen ward, immer wieder gedeckte Tafeln und
+Bänke und Stühle fanden. Doch wollte uns bedünken, dass wir gar zu
+schmal abgefunden würden, ob wir uns gleich bei dem bekannten
+allgemeinen Mangel bescheiden darein ergaben.
+
+Indessen schenkte mir das Glück Gelegenheit, einem bessern Gastmahl
+beizuwohnen. Es war zeitig Nacht geworden, jedermann hatte sich
+sogleich auf die zubereitete Streue gelegt; auch ich war
+eingeschlafen, doch weckte mich ein lebhafter, angenehmer Traum: denn
+mir schien, als röch' ich, als genöss' ich die besten Bissen, und
+als ich darüber aufwachte, mich aufrichtete, war mein Zelt voll des
+herrlichsten Geruchs gebratenen und versengten Schweinefettes, der
+mich sehr lüstern machte. Unmittelbar an der Natur musste es uns
+verziehen sein, den Schweinehirten für göttlich und Schweinebraten
+für unschätzbar zu halten. Ich stand auf und erblickte in ziemlicher
+Ferne ein Feuer, glücklicherweise oder dem Wind: von da her kam mir
+die Fülle des guten Dunstes. Unbedenklich ging ich dem schein nach
+und fand die sämtliche Dienerschaft um ein großes, blad zu Kohlen
+verbranntes Feuer beschäftigt, den Rücken des Schweins schon beinahe
+gar, das übrige zerstückt, zum Einpacken bereit, einen jeden aber
+tätig und handreichend, um die Würste bald zu vollenden. Unfern
+des Feuers lagen ein paar große Baumstämme; nach Begrüßung der
+Gesellschaft setzt' ich mich darauf, und ohne ein Wort zu sagen, sah
+ich einer solchen Tätigkeit mit Vergnügen zu.
+
+Teils wollten mir die guten Leute wohl, teils konnten sie den
+unerwarteten Gast schicklicherweise nicht ausschließen, und wirklich,
+da es zum Austeilen kam, reichten sie mir ein kostbares Stück, auch
+war Brot zu haben und ein Schluck Branntwein dazu: es fehlte eben
+an keinem Guten. Nicht weniger ward mir ein tüchtiges Stück Wurst
+gereicht, als wir uns noch bei Nacht und Nebel zu Pferde setzten; ich
+steckte es in meine Pistolenhalfter, und so war mir die Begünstigung
+des Nachtwindes gut zustatten gekommen.
+
+
+
+
+Den 2. Oktober.
+
+Wenn man sich auch mit einigem Essen und Trinken gestärkt und den
+Geist durch sittliche Trostgründe beschwichtigt hatte, so wechselten
+doch immer Hoffnung und Sorge, Verdruss und Scham in der schwankenden
+Seele: man freute sich, noch am Leben zu sein; unter solchen
+Bedingungen zu leben verwünschte man. Nachts um zwei Uhr brachen wir
+auf, zogen mit Vorsicht an einem Wald vorbei, kamen bei Vaux über die
+Stelle unseres vor kurzem verlassenen Lagers und bald an die Aisne.
+Hier fanden wir zwei Brücken geschlagen, die uns aufs rechte Ufer
+hinüberleiteten. Da verweilten wir nun zwischen beiden, die wir
+zugleich übersehen konnten, auf einem Sand- Und Weidenwerder, das
+lebhafteste Küchenfeuer sogleich besorgend. Die zartesten Linsen, die
+ich jemals genossen, lange, rote, schmackhafte Kartoffeln waren bald
+bereitet. Als aber zuletzt jene von den österreichischen Fuhrleuten
+aufgebrachten, bisher streng verheimlichten Schinken gar geworden,
+konnte man sich genugsam wieder herstellen.
+
+Die Equipage war schon herüber; aber bald eröffnete sich ein so
+prächtiger als trauriger Anblick. Die Armee zog über die Brücken,
+Fußvolk und Artillerie, die Reiterei durch einen Furt, alle Gesichter
+düster, jeder Mund verschlossen, eine grässliche Empfindung
+mitteilend. Kamen Regimenter heran, unter denen man Bekannte,
+Befreundete wusste, so eilte man hin, man umarmte, man besprach sich,
+aber unter welchen Fragen, welchem Jammer, welcher Beschämung, nicht
+ohne Tränen!
+
+Indessen freuten wir uns, so marketenderhaft eingerichtet zu sein, um
+Hohe wie Niedere erquicken zu können. Erst war die Trommel eines
+allda postierten Piketts die Tafel, dann holte man aus benachbarten
+Orten Stühle, Tische und machte sich's und den verschiedenartigsten
+Gästen so bequem als möglich. Der Kronprinz und Prinz Louis ließen
+sich die Linsen schmecken, mancher General, der von weitem Rauch sah,
+zog sich darnach. Freilich, wie auch unser Vorrat sein mochte, was
+solle das unter so viele? Man musste zum zweiten und dritten Mal
+ansetzen, und unsere Reserve verminderte sich.
+
+Wie nun unser Fürst gern alles mitteilte, so hielten's auch seine
+Leute, und es wäre schwer, einzeln zu erzählen, wie viel der
+unglücklichen vorbeiziehenden Kranken durch Kämmerier und Koch
+erquickt wurden.
+
+So ging es nun den ganzen Tag, und so ward mir der Rückzug nicht etwa
+nur durch Beispiel und Gleichnis, nein, in seiner völligen
+Wirklichkeit dargestellt und der Schmerz durch jede neue Uniform
+erneuert und vervielfältigt. Ein so grauenvolles Schauspiel sollte
+denn auch seiner würdig schließen: der König und sein Generalstab
+ritt von weiten her, hielt an der Brücke eine Zeitlang still, als
+wenn er sich's noch einmal übersehen und überdenken wollte, zog dann
+aber am Ende den Weg aller der Seinen. Eben so erschien der Herzog
+von Braunschweig an der andern Brücke, zauderte und ritt herüber.
+
+Die Nacht brach ein, windig aber trocken, und ward auf dem traurigen
+Weidenkreis meist schlaflos zugebracht.
+
+
+
+
+Den 3. Oktober.
+
+Morgens um sechs Uhr verließen wir diesen Platz, zogen über eine
+Anhöhe nach Grandpré zu und trafen daselbst die Armee gelagert. Dort
+gab es neues Übel und neue Sorgen: das Schloss war zum Krankenhaus
+umgebildet und schon mit mehreren hundert Unglücklichen belegt, denen
+man nicht helfen, sie nicht erquicken konnte. Man zog mit Scheu
+vorüber und musste sie der Menschlichkeit des Feindes überlassen.
+
+Hier überfiel uns abermals ein grimmiger Regen und lähmte jede
+Bewegung.
+
+
+
+
+Den 4. Oktober.
+
+Die Schwierigkeit, vom Platz zu kommen, wuchs mehr und mehr; um den
+unfahrbaren Hauptwegen zu entgehen, suchte man sich Bahn über Feld.
+Der Acker, von rötlicher Farbe, noch zäher als der bisherige
+Kreideboden, hinderte jede Bewegung. Die vier kleinen Pferde konnten
+meine Halbchaise kaum erziehen, ich dachte sie wenigstens um das
+Gewicht meiner Person zu erleichtern. Die Reitpferde waren nicht zu
+erblicken; der große Küchenwagen, mit sechs tüchtigen bespannt, kam
+an mir vorbei. Ich bestieg ihn, von Viktualien war er nicht ganz
+leer, die Küchenmagd aber stak sehr verdrießlich in der Ecke. Ich
+überließ mich meinen Studien. Den dritten Band von Fischers
+physikalischem Lexikon hatte ich aus dem Koffer genommen; in solchen
+Fällen ist ein Wörterbuch die willkommenste Begleitung, wo jeden
+Augenblick eine Unterbrechung vorfällt, und dann gewährt er wieder
+die beste Zerstreuung, indem es uns von einem zum andern führt.
+
+Man hatte sich auf den zähen, hie und da quelligen roten Tonfeldern
+notgedrungen unvorsichtig eingelassen; in einer solchen Falge musste
+zuletzt auch dem tüchtigen Küchengespann die Kraft ausgehen. Ich
+schien mir in meinem Wagen wie eine Parodie von Pharao im Roten Meer,
+denn auch um mich her wollten Reiter und Fußvolk in gleicher Farbe
+gleicher Weise versinken. Sehnsüchtig schaut' ich nach allen
+umgebenden Hügelhöhen: da erblickt' ich endlich die Reitpferde,
+darunter den mir bestimmten Schimmel; ich winkte sie mit Heftigkeit
+herbei, und nachdem ich meine Physik der armen, krankverdrießlichen
+Küchenmagd übergeben und ihrer Sorgfalt empfohlen, schwang ich mich
+aufs Pferd, mit dem festen Vorsatz, mich sobald nicht wider auf eine
+Fahrt einzulassen. Hier ging es nun freilich selbständiger, aber
+nicht besser noch schneller.
+
+Grandpré, das nun als ein Ort der Pest und des Todes geschildert war,
+ließen wir gern hinter uns. Mehrere befreundete Kriegsgenossen trafen
+zusammen und traten im Kreis, hinter sich am Zügel die Pferde
+haltend, um ein Feuer. Sie sagen, dies sei das einzige Mal gewesen,
+wo ich ein verdrießlich Gesicht gemacht und sie wieder durch Ernst
+gestärkt, noch durch Scherz erheitert habe.
+
+
+
+
+Den 4. Oktober.
+
+Der Weg, den das Heer eingeschlagen hatte, führte gegen Buzancy, weil
+man oberhalb Dun über die Maas gehen wollte. Wir schlugen unser Lager
+unmittelbar bei Sivry, in dessen Umgegend wir noch nicht alles
+verzehrt fanden. Der Soldat stürzte in die ersten Gräten und verdarb,
+was andere hätten genießen können. Ich ermunterte unsern Koch und
+seine Leute zu einer strategischen Furagierung: wir zogen ums ganze
+Dorf und fanden noch völlig unangetastete Gräten und eine reiche,
+unbestrittene Ernte. Hier war von Kohl und Zwiebeln, von Wurzeln und
+andern guten Vegetabilien die Fülle; wir nahmen deshalb nicht mehr,
+als wir brauchten, mit Bescheidenheit und Schonung. Der Garten war
+nicht groß, aber sauber gehalten, und ehe wir zu dem Zaun wieder
+hinaus krochen, stellt' ich Betrachtungen an, wie es zugehe, dass in
+einem Hausgarten doch auch keine Spur von einer Türe ins anstoßende
+Gebäude zu entdecken sei. Als wir, mit Küchenbeute wohl beschwert,
+wieder zurückkamen, hörten wir großen Lärm vor dem Regiment. Einem
+Reiter war sein vor zwanzig Tagen etwa in dieser Gegend requiriertes
+Pferd davon gelaufen, es hatte den Pfahl, an dem es gebunden gewesen,
+mit fortgenommen; der Kavallerist wurde sehr übel angesehen, bedroht
+und befehligt, das Pferd wiederzuschaffen.
+
+Da es beschlossen war, den 5. in der Gegend zu rasten, so wurden wir
+in Sivry einquartiert und fanden nach so viel Unbilden die
+Häuslichkeit gar erfreulich und konnten den französisch-ländlichen,
+idyllisch-homerischen Zustand zu unserer Unterhaltung und Zerstreuung
+abermals genauer bemerken. Man trat nicht unmittelbar von der Straße
+in das Haus, sondern fand sich erst in einem kleinen, offenen,
+viereckigen Raum, wie die Türe selbst das Quadrat angab; von da
+gelangte man durch die eigentliche Haustüre in ein geräumiges, hohes,
+dem Familienleben bestimmtes Zimmer; es war mit Ziegelsteinen
+gepflastert, links, an der langen Wand, ein Feuerherd, unmittelbar an
+Mauer und Erde; die Esse, die den Rauch abzog, schwebte darüber. Nach
+Begrüßung der Wirtsleute zog man sich gern dahin, wo man eine
+entschieden bleibende Rangordnung für die Umsitzenden gewahrte.
+Rechts am Feuer stand ein hohes Klappkästchen, das auch zum Stuhl
+diente; es enthielt das Salz, welches, in Vorrat angeschafft, an
+einem trocknen Platz verwahrt werden musste. Hier war der Ehrensitz,
+der sogleich dem vornehmsten Fremden angewiesen wurde; auf mehrere
+hölzerne Stühle setzten sich die übrigen Ankömmlinge mit den
+Hausgenossen. Die landsittliche Kochvorrichtung, _pot au feu_,
+konnt' ich hier zum ersten Mal genau betrachten. Ein großer eiserner
+Kessel hing an einem Haken, den man durch Verzahnungen erhöhen und
+erniedrigen konnte, über dem Feuer; darin befand sich schon ein gutes
+Stück Rindfleisch mit Wasser und Salz, zugleich aber auch mit weißen
+und gelben Rüben, Porree, Kraut und andern vegetabilischen
+Ingredienzien.
+
+Indessen wir uns freundlich mit den guten Menschen besprochen,
+bemerkt' ich erst, wie architektonisch klug Anrichte, Gossenstein,
+Topf- und Tellerbretter angebracht seien. Diese nahmen sämtlich den
+länglichen raum ein, den jenes Viereck des offenen Vorhauses inwendig
+zur Seite ließ. Nett und alles der Ordnung gemäß war das Gerät
+zusammengestellt; eine Magd oder Schwester des Hauses besorgte alles
+aufs zierlichste. Die Hausfrau saß am Feuer, ein Knabe stand an ihren
+Knien, zwei Töchterchen drängten sich an sie heran. Der Tisch war
+gedeckt, ein großer irdener Napf aufgestellt, schönes weißes Brot in
+Scheibchen hinein geschnitten, die heiße Brühe drüber gegossen und
+guter Appetit empfohlen. Hier hätten jene Knaben, die mein
+Kommissbrot verschmähten, mich auf das Muster von bon pain und bonne
+soupe verweisen können. Hierauf folgte das zu gleicher Zeit gar
+gewordene Zugemüse, sowie das Fleisch, und jedermann hätte sich an
+dieser einfachen Kochkunst begnügen können.
+
+Wir fragten teilnehmend nach ihren Zuständen: sie hatten schon das
+vorige Mal, als wir solange bei Landres gestanden, sehr viel
+gelitten und fürchteten, kaum hergestellt, von einer feindlichen
+zurückziehenden Armee nunmehr den völligen Untergang. Wir bezeigten
+uns teilnehmend und freundlich, trösteten sie, dass es nicht lange
+dauern werde, da wir, außer der Arrieregarde, die letzten seien, und
+gaben ihnen Rat und Regel, wie sie sich gegen Nachzügler zu verhalten
+hätten. Bei immer wechselnden Sturm und Regengüssen brachten wir den
+Tag meist unter Dach und am Feuer zu, das Vergangene in Gedanken
+zurückrufend, das Nächstbevorstehende nicht ohne Sorge bedenkend.
+Seit Grandpré hatte ich weder Wagen noch Koffer noch Bedienten wieder
+gesehen, Hoffnung und Sorge wechselten deshalb augenblicklich ab. Die
+Nacht war herangekommen, die Kinder sollten zu Bett gehen; sie
+näherten sich Vater und Mutter ehrfurchtsvoll, verneigten sich,
+küssten ihnen die Hand und sagten: "Bon soir, Papa! Bon soir,
+Maman!" mit wünschenswerter Anmut. Bald darauf erfuhren wir, dass
+der Prinz von Braunschweig in unserer Nachbarschaft gefährlich krank
+liege, und erkundigten uns nach ihm. Besuch lehnte man ab und
+versicherte zugleich, dass es mit ihm viel besser geworden, so dass
+er morgen früh unverzüglich aufzubrechen gedenke.
+
+Kaum hatten wir uns vor dem schrecklichen Regen wieder ans Kamin
+geflüchtet, als ein junger Mann herein trat, den wir als den jüngeren
+Bruder unseres Wirts wegen entschiedener Ähnlichkeit erkennen
+mussten; und so erklärte sich's auch. In die Tracht des französischen
+Landvolks gekleidet, einen starken Stab in der Hand, trat er auf, ein
+schöner junger Mann. Sehr ernst, ja verdrießlich wild saß er bei uns
+am Feuer, ohne zu sprechen; doch hatte er sich kaum erwärmt, als er
+mit seinem Bruder auf und ab, sodann in das nächste Zimmer trat. Sie
+sprachen sehr lebhaft und vertraulich zusammen. Er ging in den
+grimmigen Regen hinaus, ohne dass ihn unsere Wirtsleute zu halten
+suchten.
+
+Aber auch wir wurden durch ein Angst- und Zetergeschrei in die
+stürmische Nacht hinaus gerufen. Unsere Soldaten hatten unter dem
+Vorwand, Furage auf den Böden zu suchen, zu plündern angefangen, und
+zwar ganz ungeschickter Weise, indem sie einem Weber sein Werkzeug
+wegnahmen, eigentlich für sie ganz unbrauchbar. Mit Ernst und einigen
+guten Worten brachten wir die Sache wieder ins gleiche: Denn es waren
+nur wenige, die sich solcher Tat unterfingen. Wie leicht konnte das
+ansteckend werden und alles drunter und rüber gehen!
+
+Da sich mehrere Personen zusammengefunden hatten, so trat ein
+weimarscher Husar zu mir, seines Handwerks ein Fleischer, und
+vertraute, dass er in einem benachbarten Haus ein gemästetes Schwein
+entdeckt habe: er feilsche darum, könne es aber von dem Besitzer
+nicht erhalten; wir möchten mit Ernst dazu tun, denn es würde in den
+nächsten Tagen an allem fehlen. Es war wunderbar genug, dass wir, die
+soeben der Plünderung Einhalt getan, zu einem ähnlichen Unternehmen
+aufgefordert werden sollten. Indessen, da der Hunger kein Gesetz
+anerkennt, gingen wir mit dem Husar in das bezeichnete Haus, fanden
+gleichfalls ein großes Kaminfeuer, begrüßten die Leute und setzten
+uns zu ihnen. Es hatte sich noch ein anderer weimarscher Husar,
+namens Liseur, zu uns gefunden, dessen Gewandtheit wir die Sache
+vertrauten. Er begann in geläufigem Französisch von den Tugenden
+regulierter Truppen zu sprechen und rühmte die Personen, welche nur
+für bares Geld die notwendigsten Viktualien anzuschaffen verlangen;
+dahingegen schalt er die Nachzügler, Packknechte und Marketender, die
+mit Ungestüm und Gewalt auch die letzte Klaue sich zuzueignen gewohnt
+seien. Er wolle daher einem jeden den wohlmeinenden Rat geben, auf
+den Verkauf zu sinnen, weil Geld noch immer leichter zu verbergen sei
+als Tiere, die man wohl auswittere. Seine Argumente jedoch schienen
+keinen großen Eindruck zu machen, als seine Unterhandlung seltsam
+genug unterbrochen wurde.
+
+An der fest verschlossenen Haustüre entstand auf einmal ein heftiges
+Pochen: man achtete nicht darauf, weil man keine Lust hatte, noch
+mehr Gäste einzulassen; es pochte fort, die kläglichste Stimme rief
+dazwischen, eine Weiberstimme, die auf gut Deutsch flehentlich um
+Eröffnung der Türe bat. Endlich erweicht, schloss man auf: es drang
+eine alte Marketenderin herein, etwas in ein Tuch gewickelt auf dem
+Arm tragend; hinter ihr eine junge Person, nicht hässlich, aber blass
+und entkräftet, sie heilt sich kaum auf den Füßen. Mit wenigen, aber
+rüstigen Worten erklärte die Alte den Zustand, indem sie ein nacktes
+Kind vorwies, von dem jene Frau auf der Flucht entbunden worden.
+Dadurch versäumt, waren sie, misshandelt von Bauern, in dieser Nacht
+endlich an unsere Pforte gekommen. Die Mutter hatte, weil ihr die
+Milch verschwunden, dem Kind, seitdem es Atem holte, noch keine
+Nahrung reichen können. Jetzt forderte die Alte mit Ungestüm Mehl,
+Milch, Tiegel, auch Leinwand, das Kind hineinzuwickeln. Da sie kein
+Französisch konnte, mussten wir in ihrem Namen fordern, aber ihr
+herrisches Wesen, ihre Heftigkeit gab unseren Reden genug
+pantomimisches Gewicht und Nachdruck: man konnte das Verlangte nicht
+geschwind genug herbeischaffen, und das Herbeigeschaffte war ihr
+nicht gut genug. Dagegen war auch sehenswert, wie behänd sie verfuhr.
+Uns hatte sie blad vom Feuer verdrängt; der beste Sitz war sogleich
+für die Wöchnerin eingenommen, sie aber machte sich auf ihrem Schemel
+so breit, als wenn sie im Haus allein wäre. In einem Nu war das Kind
+gereinigt und gewickelt, der Brei gekocht; sie fütterte das kleine
+Geschöpf, dann die Mutter, an sich selbst dachte sie kaum. Nun
+verlangte sie frische Kleider für die Wöchnerin, indes die alten
+trockneten. Wir betrachteten sie mit Verwunderung: sie verstand sich
+aufs Requirieren.
+
+Der Regen ließ nach, wir suchten unser voriges Quartier, und kurz
+darauf brachten die Husaren das Schwein. Wir zahlten ein Billiges;
+nun sollte es geschlachtet werden; es geschah, und als im Nebenzimmer
+am Tragebalken ein Kloben eingeschraubt zu sehen war, hing das
+Schwein sogleich dort, um kunstmäßig zerstückt und bereitet zu werden.
+
+Dass unsere Hausleute bei dieser Gelegenheit sich nicht verdrießlich,
+vielmehr behilflich und zutätig erwiesen, schien uns einigermaßen
+wunderbar, da sie wohl Ursache gehabt hätten, unser Betragen roh und
+rücksichtslos zu finden. In demselbigen Zimmer, wo wir die Operation
+vornahmen, lagen die Kinder in reinlichen Betten, und aufgeweckt
+durch unser Getöse, schauten sie artig furchtsam unter den Decken
+hervor. Nahe an einem großen zweischläfrigen Ehebett, mit grünem
+Rasch sorgfältig umschlossen, hing das Schwein, so dass die Vorhänge
+einen malerischen Hintergrund zu dem erleuchteten Körper machten. Es
+war ein Nachtstück ohnegleichen. Aber solchen Betrachtungen konnten
+sich die Einwohner nicht hingeben; wir merkten vielmehr, dass sie
+jenem Haus, dem man das Schwein abgewonnen, nicht sonderlich
+befreundet seien und also eine gewisse Schadenfreude hierbei obwalte.
+Früher hatten wir auch gutmütig einiges von Fleisch und Wurst
+versprochen; das alles kam der Funktion zu statten, die in wenig
+Stunden vollendet sein sollte. Unser Husar aber bewies sich in seinem
+Fach so tätig und behänd, wie die Zigeunerin drüben in dem ihrigen,
+und wir freuten uns schon auf die guten Würste und Braten, die uns
+von dieser Halbbeute zuteil werden sollten. In Erwartung dessen
+legten wir uns in der Schmiedewerkstatt unseres Wirtes auf die
+schönsten Weizengarben und schliefen geruhig bis an den Tag. Indessen
+hatte unser Husar sein Geschäft im Innern des Hauses vollendet, ein
+Frühstück fand sich bereit, und das übrige war schon eingepackt,
+nachdem vorher den Wirtsleuten gleichfalls ihr Teil gespendet worden,
+nicht ohne Verdruss unserer Leute, welche behaupteten: bei diesem
+Volk sei Gutmütigkeit übel angewendet, sie hätten gewiss noch Fleisch
+und andere gute Dinge verborgen, die wir auszuwittern noch nicht
+recht gelernt hätten.
+
+Als ich mich in dem innern Zimmer umsah, fand ich zuletzt eine Türe
+verriegelt, die ihrer Stellung nach in einen Garten gehen musste.
+Durch ein kleines Fenster an der Seite konnt' ich bemerken, dass ich
+nicht irre geschlossen hatte: der Garten lag etwas höher als das Haus,
+und ich erkannt' ihn ganz deutlich für denselben, wo wir uns früh mit
+Küchenwaren versehen hatten. Die Türe war verrammelt und von außen so
+geschickt verschüttet und bedeckt, dass ich nun wohl begriff, warum
+ich sie heute früh vergebens gesucht hatte. Und so stand es in den
+Sternen geschrieben, dass wir, ungeachtet aller Vorsicht, doch in das
+Haus gelangen sollten.
+
+
+
+
+Den 6. Oktober früh.
+
+Bei solchen Umgebungen darf man sich nicht einen Augenblick Ruhe,
+nicht das kürzeste Verharren irgendeines Zustandes erwarten. Mit
+Tagesanbruch war der ganze Ort auf einmal in großer Bewegung: die
+Geschichte des entflohenen Pferdes kam wieder zur Sprache. Der
+geängstigte Reiter, der es herbeischaffen oder Strafe leiden und zu
+Fuß gehen sollte, war auf den nächsten Dörfern herumgerannt, wo man
+ihm denn, um die Plackerei selbst loszuwerden, zuletzt versicherte,
+es müsse in Sivry stecken; dort habe man vor so viel Wochen einen
+Rappen ausgehoben, wie er ihn beschreibe; unmittelbar vor Sivry
+habe nun das Pferd sich losgemacht, und was sonst noch die
+Wahrscheinlichkeit vermehren mochte. Nun kam er, begleitet von einem
+ernsten Unteroffizier, der, durch Bedrohung des ganzen Ortes, endlich
+die Auflösung des Rätsels fand. Das Pferd war wirklich hinein nach
+Sivry zu seinem vorigen Herrn gelaufen; die Freude, den vermissten
+Haus- und Stallgenossen wieder zu sehen, sagen sie, sei in der
+Familie grenzenlos gewesen, allgemein die Teilnahme der Nachbarn.
+Künstlich genug hatte man das Pferd auf einen Oberboden gebracht und
+hinter Heu versteckt; jedermann bewahrte das Geheimnis. Nun aber ward
+es, unter Klagen und Jammern wieder hervorgezogen, und Betrübnis
+ergriff die ganze Gemeinde, als der Reiter sich darauf schwang und
+dem Wachtmeister folgte. Niemand gedachte weder eigener Lasten noch
+des Keineswegs aufgeklärten allgemeinen Geschickes: das Pferd und
+der zum zweiten Mal getäuschte Besitzer waren der Gegenstand der
+zusammengelaufenen Menge.
+
+Eine augenblickliche Hoffnung tat sich hervor: der Kronprinz von
+Preußen kam geritten, und indem er sich erkundigen wollte, was die
+Menge zusammengebracht, wendeten sich die guten Leute an ihn mit
+Flehen, er möge ihnen das Pferd wieder zurückgeben. Es stand nicht in
+seiner Macht, denn die Kriegsläufe sind mächtiger als die Könige; er
+ließ sie trostlos, indem er sich stillschweigend entfernte.
+
+Nun besprachen wir wiederholt mit unsern guten Hausleuten das Manöver
+gegen die Nachzügler; denn schon spukte das Geschmeiß hin und wieder.
+Wir rieten: Mann und Frau, Magd und Geselle sollten in der Türe
+innerhalb des kleinen Vorraums sich halten und allenfalls ein Stück
+Brot, einen Schluck Wein, wenn es gefordert würde, auswendig reichen,
+den eindringenden Ungestüm aber standhaft abwehren. Mit Gewalt
+erstürmten dergleichen Leute nicht leicht ein Haus; einmal
+eingelassen aber werde man ihrer nicht wieder Herr. Die guten
+Menschen baten uns, noch länger zu bleiben, allein wir hatten an uns
+selber zu denken: das Regiment des Herzogs war schon vorwärts und der
+Kronprinz abgeritten; dies war genug, unsern Abschied zu bestimmen.
+
+Wie klüglich dies gewesen, wurde uns noch deutlicher, als wir, bei
+der Kolonne angelangt, zu hören hatten, dass der Vortrab der
+französischen Prinzen gestern, als er eben den Pass Le Chêne Populeux
+und die Aisne hinter sich gelassen, zwischen les Grandes und les
+Petites Armoises von Bauern angegriffen worden; einem Offizier solle
+das Pferd unterm Leib getötet, dem Bedienten des Kommandierenden eine
+Kugel durch den Hut gegangen sein. Nun fiel mir's aufs Herz, dass in
+vergangner Nacht als der bärbeißige Schwager ins Haus trat, ich einer
+solchen Ahnung mich nicht erwehren konnte.
+
+
+
+
+Zum 6. Oktober.
+
+Aus der gefährlichen Klemme waren wir nun heraus, unser Rückzug
+jedoch noch immer beschwerlich und bedenklich, der Transport unseres
+Haushaltes von Tag zu Tage lästiger; denn freilich führten wir ein
+komplettes Mobiliar mit uns: außer dem Küchengerät noch Tisch und
+Bänke, Kisten, Kasten und Stühle, ja ein paar Blechöfen. Wie sollte
+man die mehreren Wagen fortbringen, da der Pferde täglich weniger
+wurden! Einige fielen, die überbliebenen zeigten sich kraftlos. Es
+blieb nichts übrig, als einen wagen stehen zu lassen, um die andern
+fortzubringen. Nun ward geratschlagt, was wohl das Entbehrlichste
+sei, und so musste man einen mit allerlei Gerät wohl bepackten Wagen
+im Stich lassen, um nicht alles zu entbehren. Diese Operation
+wiederholte sich einige Mal, unser Zug ward um vieles kompendioser,
+und doch wurden wir aufs neue an eine solche Reduktion gemahnt, da
+wir uns an den niedrigen Ufern der Maas mit größter Unbequemlichkeit
+fortschleppten.
+
+Was mich aber in diesen Stunden am meisten drückte und besorgt
+machte, war, dass ich meinen Wagen schon einige Tage vermisste. Nun
+konnt' ich mir's nicht anders denken, als mein sonst so resoluter
+Diener sei in Verlegenheit geraten, habe seine Pferde verloren, und
+andere zu requirieren nicht vermocht. Da sah ich denn in trauriger
+Einbildungskraft meine werte böhmische Halbchaise, ein Geschenk
+meines Fürsten, die mich schon so weit in der Welt herumgetragen, im
+Kot versunken, vielleicht auch über Bord geworfen, und somit, wie ich
+da zu Pferde saß, trug ich nun alles bei mir. Der Koffer mit
+Kleidungsstücken, Manuskripten jeder Art und manches durch Gewohnheit
+sonst noch werte Besitztum, alles schien mir verloren und schon in
+die Welt zerstreut.
+
+Was war aus der Brieftasche mit Geld und bedeutenden Papieren
+geworden? Aus sonstigen Kleinigkeiten, die man an sich herumsteckt?
+Hatte ich das alles nun recht umständlich und peinlich durchgedacht,
+so stellte sich der Geist aus dem unerträglichen Zustand bald wieder
+her. Das Vertrauen auf meinen Diener fing wieder an, zu wachsen, und
+wie ich vorher umständlich den Verlust gedacht, so dacht' ich nunmehr
+alles durch seine Tätigkeit erhalten und freute mich dessen, als läg'
+es mir schon vor Augen.
+
+
+
+
+Den 7. Oktober.
+
+Als wir eben auf dem linken Ufer der Maas aufwärts zogen, um an die
+Stelle zu gelangen, wo wir übersetzen und die gebahnte Hauptstraße
+jenseits erreichen sollten, gerade auf dem sumpfigsten Wiesenfleck,
+hieß es, der Herzog von Braunschweig komme hinter uns her. Wir
+heilten an und begrüßten ihn ehrerbietig; er heilt auch ganz nahe vor
+uns stille und sagte zu mir: "Es tut mir zwar leid, dass ich Sie in
+dieser unangenehmen Lage sehe, jedoch darf es mir in dem Sinn
+erwünscht sein, dass ich einen einsichtigen, glaubwürdigen Mann mehr
+weiß, der bezeugen kann, dass wir nicht vom Feind, sondern von den
+Elementen überwunden worden."
+
+Er hatte mich in dem Hauptquartier zu Hans vorbeigehend gesehen und
+wusste überhaupt, dass ich bei dem ganzen traurigen Zug gegenwärtig
+gewesen. Ich antwortete ihm etwas Schickliches und bedauerte noch
+zuletzt, dass er, nach so viel Leiden und Anstrengung, noch durch die
+Krankheit seines fürstlichen Sohnes sei in Sorgen gesetzt worden,
+woran wir vorige Nacht in Sivry großen Anteil empfunden. Er nahm es
+wohl auf, denn dieser Prinz war sein Liebling, zeigte sodann auf ihn,
+der in der Nähe hielt; wir verneigten uns auch vor ihm. Der Herzog
+wünschte uns allen Geduld und Ausdauer, und ich ihm dagegen eine
+ungestörte Gesundheit, weil ihm sonst nichts abgehe, uns und die gute
+Sache zu retten. Er hatte mich eigentlich niemals geliebt, das musste
+ich mir gefallen lassen; er gab es zu erkennen, das konnt' ich ihm
+verziehen: nun aber war das Unglück eine milde Vermittlerin geworden,
+die uns auf eine teilnehmende Weise zusammenbrachte.
+
+
+
+
+Den 7. und 8. Oktober.
+
+Wir hatten über die Maas gesetzt und en Weg eingeschlagen, der aus
+den Niederlanden nach Verdun führt; das Wetter war furchtbarer als
+je, wir lagerten bei Consenvoye. Die Unbequemlichkeit, ja das Unheil
+stiegen aufs höchste: die Zelte durchnässt, sonst kein Schirm, kein
+Obdach; man wusste nicht, wohin man sich wenden sollte; noch immer
+fehlte mein Wagen, und ich entbehrte das Notwendigste. Konnte man
+sich auch unter einem Zelt bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu
+denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgendeinem
+Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den
+kalten, feuchten Boden niederzulegen!
+
+Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein
+praktisches Hilfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern
+sei; ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie
+zusammenbrachen, dann setzt' ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich
+hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede
+Stelle wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen
+war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der
+herrlichste Schlaftrunk sein.
+
+Zwei Tage und zwei Nächte hatten wir auf diese Weise verlebt, als der
+traurige Zustand einiger Kranken auch Gefunden zugute kommen sollte.
+Des Herzogs Kammerdiener war von dem allgemeinen Übel befallen, einen
+Junker, vom Regiment hatte der Fürst aus dem Lazarett von Grandpré
+gerettet; nun beschloss er, die beiden in das etwa zwei Meilen
+entfernte Verdun zu schicken. Kämmerier Wagner wurde ihnen zur Pflege
+mitgegeben, und ich säumte nicht, auf gnädigste vorsorgliche
+Anmahnung, den vierten Platz einzunehmen. Mit Empfehlungsschreiben
+and en Kommandanten wurden wir entlassen, und als beim Einsitzen der
+Pudel nicht zurückbleiben durfte, so ward aus dem sonst so beliebten
+Schlafwagen ein halbes Lazarett und etwas Menagerieartiges.
+
+Zur Eskorte, zum Quartier- und Proviantmeister erhielten wir jenen
+Husaren, der, namens Liseur, aus Luxemburg gebüritg, der Gegend
+kundig, Geschick, Gewandtheit und Kühnheit eines Freibeuters
+vereinigte; mit Behagen ritt er vorauf und machte dem mit sechs
+starken Schimmeln bespannten Wagen und sich selbst ein gutes Ansehen.
+
+Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wusst' ich von keiner
+Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem
+Zustand eine hilfreiche Maxime; mir stellte sich, sobald die Gefahr
+groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt,
+dass Menschen, die ein durchaus gefährliche Metier treiben, sich
+durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen. Die
+mahomedanische Religion gibt hiervon den besten Beweis.
+
+
+
+
+Den 9. Oktober.
+
+Unsere traurige Lazarettfahrt zog nun langsam dahin und gab zu
+ernsten Betrachtungen Anlass, da wir in dieselbe Heerstraße fielen,
+auf der wir mit so viel Mut und Hoffnung ins Land eingetreten waren.
+Hier berührten wir nun wieder dieselbe Gegend, wo der erste Schuss
+aus den Weinbergen fiel, denselben Hochweg, wo uns die hübsche Frau
+in die Hände lief und zurückgeführt worden; kamen an dem Mäuerchen
+vorbei, von wo sie uns mit den Ihrigen freundlich und zur Hoffnung
+aufgeregt begrüße. Wie sah das alles jetzt anders aus! Und wie
+doppelt unerfreulich erschienen die Folgen eines fruchtlosen Feldzugs
+durch den trüben Schleier eines anhaltenden Regenwetters!
+
+Doch mitten in diesen Trübnissen sollte mir gerade das Erwünschteste
+begegnen. Wir holten ein Fuhrwerk ein, das mit vier kleinen,
+unansehnlichen Pferden vor uns herzog; hier aber gab es einen Lust-
+und Erkennungsauftritt, denn es war mein Wagen, mein Diener. "Paul!"
+rief ich aus, "Teufelsjunge, bist du's! Wie kommst du hierher?"
+Der Koffer stand geruhig aufgepackt an seiner alten Stelle: welch
+erfreulicher Anblick! Und als ich mich nach Portefeuille und anderem
+hastig erkundigte, sprangen zwei Freunde aus dem Wagen, geheimer
+Sekretär Weyland und Hauptmann Vent. Das war eine gar frohe Szene des
+Wiederfindens, und ich erfuhr nun, wie es bisher zugegangen.
+
+Seit der Flucht jener Bauerknaben hatte mein Diener die vier Pferde
+durchzubringen gewusst und sich nicht allein von Hans bis Grandpré,
+sondern auch von da, als er mir aus den Augen gekommen, über die
+Aisne geschleppt und immer so fort verlangt, begehrt, furagiert,
+requiriert, bis wir zuletzt glücklich wieder zusammentrafen und nun,
+alle vereint und höchst vergnügt, nach Verdun zogen, wo wir genugsame
+Ruhe und Erquickung zu finden hofften.
+
+Hierzu hatte denn auch der Husar weislich und klüglich die besten
+Voranstalten getroffen: er war voraus in die Stadt geritten und hatte
+sich, bei der Fülle des Dranges, gar bald überzeugt, dass hier
+ordnungsgemäß, durch Wirksamkeit und guten Willen eines Quartieramts,
+nichts zu hoffen sei; glücklicherweise aber sah er in dem Hof eines
+schönen Hauses Anstalten zu einer herannahenden Abreise, er sprengte
+zurück, bedeutete uns, wie wir fahren sollten, und eilte nun, sobald
+jene Partei heraus war, das Hoftor zu besetzen, dessen Schließen zu
+verhindern und uns gar erwünscht zu empfangen. Wir fuhren ein, wir
+stiegen aus, unter Protestation einer alten Haushälterin, welche,
+soeben von einer Einquartierung befreit, keine neue, besonders ohne
+Billett, aufzunehmen Lust empfand. Indessen waren die Pferde schon
+ausgespannt und im Stall, wir aber hatten uns in die oberen Zimmer
+geteilt; der Hausherr, ältlich, Edelmann, Ludwigsritter, ließ es
+geschehen: weder er noch Familie wollten von Gästen weiter wissen, am
+wenigsten diesmal von Preußen auf dem Rückzug.
+
+
+
+
+Den 10. Oktober.
+
+Ein Knabe, der uns in der verwilderten Stadt herumführte, fragte mit
+Bedeutung: ob wir denn von den unvergleichlichen Verduner Pastetchen
+noch nicht gekostet hätten? Er führte uns darauf zu dem berühmtesten
+Meister dieser Art. Wir traten in einen weiten Hausraum, in welchem
+große und kleine Öfen ringsherum angebracht waren, zugleich auch in
+der Mitte Tisch und Bänke zum frischen Genuss des augenblicklich
+Gebacknen. Der Künstler trat vor, sprach aber seine Verzweiflung
+höchst lebhaft aus, dass es ihm nicht möglich sei, uns zu bedienen,
+da es ganz und gar an Butter fehle. Er zeigte die schönsten Vorräte
+des feinsten Weizenmehls; aber wozu nützten ihm diese ohne Milch und
+Butter! Er rühmte sein Talent, den Beifall der Einwohner, der
+Durchreisenden und bejammerte nur, dass er gerade jetzt, wo er sich
+vor solchen Fremden zuzeigen und seinen Ruf auszubreiten Gelegenheit
+finde, gerade des Notwendigsten ermangeln müsste. Er beschwor uns
+daher, Butter herbeizuschaffen, und gab zu verstehen, wenn wir nur
+ein wenig Ernst zeigen wollten, so sollte sich dergleichen schon
+irgendwo finden. Doch ließ er sich für den Augenblick zufrieden
+stellen, als wir versprachen, bei längerem Aufenthalt von Jardin
+Fontaine dergleichen herbeizuholen.
+
+Unsern jungen Führer, der uns weiter durch die Stadt begleitete und
+sich ebenso wohl auf hübsche Kinder als auf Pastetchen zu verstehen
+schien, befragten wir nach einem wunderschönen Frauenzimmer, das sich
+eben aus dem Fenster eines wohl gebauten Hauses herausbog. "Ja,"
+rief er, nachdem er ihren Namen genannt, "das hübsche Köpfchen mag
+sich fest auf den Schultern halten: es ist auch eine von denen, die
+dem König von Preußen Blumen und Früchte überreicht haben. Ihr Haus
+und Familie dachten schon, sie wären wieder obendrauf, das Blatt
+aber hat sich gewendet, jetzt tausch' ich nicht mir ihr." Er sprach
+hierüber mit besonderer Gelassenheit, als wäre es ganz naturgemäß und
+könne und werde nicht anders sein.
+
+Mein Diener war von Jardin Fontaine zurückgekommen, wohin er, unsern
+alten Wirt zu begrüßen und den Brief an die Schwester zu Paris
+wiederzubringen, gegangen war. Der neckische Mann empfing ihn
+gutmütig genug, bewirtete ihn aufs beste und lud die Herrschaft ein,
+die er gleichfalls zu traktieren versprach.
+
+So wohl sollt' es uns aber nicht werden; denn kaum hatten wir den
+Kessel übers Feuer gehängt, mit herkömmlichen Ingredienzien und
+Zeremonien, als eine Ordonnanz herein trat und im Namen des
+Kommandanten, Herrn von Courbière, freundlich andeutete, wir möchten
+uns einrichten, morgen früh um acht Uhr aus Verdun zu fahren. Höchst
+betroffen, dass wir Dach, Fach und Herd, ohne uns nur einigermaßen
+herstellen zu können, eiligst verlassen und uns wieder in die wüste
+schmutzige Welt hinaus gestoßen sehen sollten, beriefen wir uns auf
+die Krankheit des Junkers und Kammerdieners, worauf er denn meinte,
+wir sollten diese baldmöglichst fortzubringen suchen, weil in der
+Nacht die Lazarette geleert und nur die völlig intransportablen
+Kranken zurückgelassen würden.
+
+Uns überfiel Schrecken und entsetzen; denn bisher zweifelte niemand,
+dass von Seiten der Alliierten man Verdun und Longwy erhalten, wo
+nicht gar noch einige Festungen erobern und sichere Winterquartiere
+bereiten müsse. Von diesen Hoffnungen konnten wir nicht auf einmal
+Abschied nehmen; daher schien es uns, man wolle nur die Festung von
+den unzähligen Kranken und dem unglaublichen Tross befreien, um sie
+alsdann mit der notwendigen Garnison besetzen zu können. Kämmerier
+Wagner jedoch, der das Schreiben des Herzogs dem Kommandanten
+überbracht hatte, glaubte das Allerbedenklichste in diesen Maßregeln
+zu sehen. Was es aber auch im ganzen für einen Ausgang nähme, mussten
+wir uns diesmal in unser Schicksal ergeben und speisten geruhig den
+einfachen Topf in verschiedenen Absätzen und Trachten, als eine
+andere Ordonnanz abermals herein trat und uns beschied, wir möchten
+ja ohne Zaudern und Aufenthalt morgen früh um drei Uhr aus Verdun zu
+kommen suchen. Kämmerier Wagner, der den Inhalt jenes Briefs an den
+Kommandanten zu wissen glaubte, sah hierin ein entschiedenes
+Bekenntnis, dass die Festung den Franzosen sogleich wieder würde
+übergeben werden. Dabei gedachten wir der Drohung des Knaben,
+gedachten der schönen geputzten Frauenzimmer, der Früchte und Blumen
+und betrübten uns zum ersten Mal recht herzlich und gründlich über
+eine so entschieden misslungene, große Unternehmung.
+
+Ob ich schon unter dem diplomatischen Korps echte und
+verehrungswürdige Freunde gefunden, so konnt' ich doch, sooft ich sie
+mitten unter diesen großen Bewegungen fand, mich gewisser neckischen
+Einfälle nicht enthalten; sie kamen mir vor wie Schauspieldirektoren,
+welche die Stücke wählen, Rollen austeilen und in unscheinbarer
+Gestalt einhergehen, indessen die Truppe, so gut sie kann, aufs beste
+herausgestutzt, das Resultat ihrer Bemühungen dem Glück und der Laune
+des Publikums überlassen muss.
+
+Baron Breteuil wohnte gegen uns über; seit der Halsbandsgeschichte
+war er mir nicht aus den Gedanken gekommen. Sein hass gegen den
+Kardinal von Rohan verleitete ihn zu der furchtbarsten Übereilung;
+die durch jenen Prozess entstandene Erschütterung ergriff die
+Grundfesten des Staates, vernichtete die Achtung gegen die Königin
+und gegen die obern Stände überhaupt: denn leider alles, was zur
+Sprache kam, machte nur das gräuliche Verderben deutlich, worin der
+Hof und die Vornehmeren befangen lagen.
+
+Diesmal glaubte man, er habe den auffallenden Vergleich gestiftet,
+der uns zum Rückzug verpflichtete, zu dessen Entschuldigung man
+höchst günstige Bedingungen voraussetzte: man versicherte, König,
+Königin und Familie sollten freigegeben und sonst noch manches
+Wünschenswerte erfüllt werden. Die Frage aber, wie diese großen
+diplomatischen Vorteile mit allem übrigen, was uns doch auch bekannt
+war, übereinstimmen sollten, ließ einen Zweifel nach dem andern
+aufkeimen.
+
+Die Zimmer, die wir bewohnten, waren anständig möbliert; mir fiel ein
+Wandschrank auf, durch dessen Glastüren ich viele regelmäßig
+beschnittene gleiche Hefte in Quart erblickte. Zu meiner Verwunderung
+ersah ich daraus, dass unser Wirt als einer der Notablen im Jahre
+1787 zu Paris gewesen; in diesen Heften war seine Instruktion
+abgedruckt. Die Mäßigkeit der damaligen Forderungen, die
+Bescheidenheit, womit sie abgefasst, kontrastierten völlig mit den
+gegenwärtigen Zuständen von Gewaltsamkeit, Übermut und Verzweiflung.
+Ich las diese Blätter mit wahrhafter Rührung und nahm einige
+Exemplare zu mir.
+
+
+
+
+Den 11. Oktober.
+
+Ohne die Nacht geschlafen zu haben, waren wir früh um 3 Uhr eben im
+Begriff, unsern gegen das Hoftor gerichteten Wagen zu besteigen, als
+wir ein unüberwindliches Hindernis gewahr wurden; denn es zog schon
+eine ununterbrochene Kolonne Krankenwagen zischen den zur Seite
+aufgehäuften Pflastersteinen durch die zum Sumpf gefahrene Stadt. Als
+wir nun so standen, abzuwarten, was erreicht werden könnte, drängte
+sich unser Wirt, der Ludwigsritter, ohne zu grüßen, an uns vorbei.
+Unsere Verwunderung über sein frühes und unfreundliches Erscheinen
+ward aber bald in Mitleid verkehrt; denn sein Bedienter, hinter ihm
+drein, trug ein Bündelchen auf dem Stock, und so ward es nur allzu
+deutlich, dass er, nachdem er vier Wochen vorher Haus und Hof wieder
+gesehen hatte, es nun abermals, wie wir unsere Eroberungen, verlassen
+musste.
+
+Sodann ward aber meine Aufmerksamkeit auf die bessern Pferde vor
+meiner Chaise gelenkt; da gestand denn die liebe Dienerschaft, dass
+sie die bisherigen schwachen, unbrauchbaren gegen Zucker und Kaffee
+vertauscht, sogleich aber in Requisition anderer glücklich gewesen
+sei. Die Tätigkeit des gewandten Liseurs war hierbei nicht zu
+verkennen; auch durch ihn kamen wir diesmal vom Fleck: denn er
+sprengte in eine Lücke der Wagenreihe und hielt das folgende Gespann
+so lange zurück, bis wir sechs- und vierspännig eingeschaltet waren;
+da ich mich denn frischer Luft in meinem leichten Wägelchen abermals
+erfreuen konnte.
+
+Nun bewegten wir uns mit Leichenschritt, aber bewegten uns doch; der
+Tag brach an, wir befanden uns vor der Stadt in dem größtmöglichen
+Gewirr und Gewimmel. Alle Arten von Wagen, wenig Reiter, unzählige
+Fußgänger durchkreuzten sich auf dem großen Platz vor dem Tor. Wir
+zogen mit unserer Kolonne rechts gegen Etain, auf einem beschränkten
+Fahrweg mit Gräben zu beiden Seiten. Die Selbsterhaltung in einem so
+ungeheuren Drange kannte schon kein Mitleiden, keine Rücksicht mehr:
+nicht weit vor uns fiel ein Pferd vor einem Rüstwagen, man schnitt
+die Stränge entzwei und ließ es liegen. Als nun aber die drei übrigen
+die Last nicht weiterbringen konnten, schnitt man auch sie los, warf
+das schwer bepackte Fuhrwerk in den Graben, und mit dem geringsten
+Aufenthalt fuhren wir weiter und zugleich über das Pferd weg, das
+sich eben erholen wollte, und ich sah ganz deutlich, wie dessen
+Gebeine unter den Rädern knirschten und schlotterten.
+
+Reiter und Fußgänger suchten sich von der schmalen, unwegsamen
+Fahrstraße auf die Wiesen zu retten; aber auch diese waren zugrunde
+geregnet, von ausgetretenen Gräben überschwemmt, die Verbindung der
+Fußpfade überall unterbrochen. Vier ansehnliche, schöne, sauber
+gekleidete französische Soldaten wateten eine Zeitlang neben unseren
+wagen her, durchaus nett und reinlich, und wussten so gut hin und her
+zu treten, dass ihr Fußwerk nur bis an die Knorren von der
+schmutzigen Wallfahrt zeugte, welche die guten Leute bestanden.
+
+Dass man unter solchen Umständen in Gräben, auf Wiesen, Feldern und
+Angern tote Pferde genug erblickte, war natürliche Folge des
+Zustands; bald aber fand man sie auch abgedeckt, die fleischigen
+Teile sogar ausgeschnitten -- trauriges Zeichen des allgemeinen
+Mangels!
+
+So zogen wir fort, jeden Augenblick in Gefahr, bei der geringsten
+eigenen Stockung selbst über Bord geworfen zu werden; unter welchen
+Umständen freilich die Sorgfalt unseres Geleitsmanns nicht genug zu
+rühmen und zu preisen war. Dieselbe betätigte sich denn auch zu
+Etain, wo wir gegen Mittag anlangten und in dem schönen, wohl
+gebauten Städtchen durch Straßen und auf Plätzen ein Sinn
+verwirrendes Gewimmel um und neben uns erblickten: die Masse wogte
+hin und her, und indem alles vorwärts drang, ward jeder dem anderen
+hinderlich. Unvermutet ließ unser Führer die Wagen vor einem wohl
+gebauten Haus des Marktes halten; wir traten ein, Hausherr und Frau
+begrüßten uns in ehrerbietiger Entfernung.
+
+Man führte uns in ein getäfeltes Zimmer auf gleicher Erde, wo im
+schwarz-marmornen Kamin behagliches Feuer brannte. In dem großen
+Spiegel darüber beschauten wir uns ungern: denn ich hatte noch immer
+nicht die Entschließung gefasst, meine langen Haare kurz schneiden zu
+lassen, die jetzt wie ein verworrener Hanfrocken umher quollen; der
+Bart, strauchig, vermehrte das wilde Ansehen unserer Gegenwart.
+
+Nun aber konnten wir, aus den niedrigen Fenstern den ganzen Markt
+überschauend, unmittelbar das grenzenlose Getümmel beinahe mit Händen
+greifen. Aller Art Fußgänger, Uniformierte, Marode, gesunde aber
+trauernde Bürgerliche, Weiber und Kinder drängten und quetschten sich
+zwischen Fuhrwerk aller Gestalt; Rüst- und Leiterwagen, Ein- und
+Mehrspänner; hunderterlei eigenes und requiriertes Gepferde,
+weichend, anstoßend, hinderte sich rechts und links. Auch Hornvieh
+zog damit weg, wahrscheinlich geforderte, weggenommene Herden. Reiter
+sah man wenig; auffallend aber waren die eleganten Wagen der
+Emigrierten, vielfarbig lackiert, vergoldet und versilbert, die ich
+wohl schon in Grevenmachern mochte bewundert haben. Die größte Not
+entstand aber da, wo die den Markt füllende Menge in eine zwar gerade
+und wohl gebaute, doch verhältnismäßig viel zu enge Straße ihren Weg
+einschlagen sollte. Ich habe in meinem Leben nichts Ähnliches
+gesehen; vergleichen aber ließ sich der Anblick mit einem erst über
+Wiesen und Anger ausgetretenen Strom, der sich nun wieder durch enge
+Brückenbogen durchdrängen und im beschränkten Bett weiter fließen
+soll.
+
+Die lange, aus unsern Fenstern übersehbare Straße hinab schwoll
+unaufhaltsam die seltsamste Woge; ein hoher zweisitziger Reisewagen
+ragte über der Flut empor. Er ließ uns an die schönen Französinnen
+denken; sie waren es aber nicht, sondern Graf Haugwitz, den ich mit
+einiger Schadenfreude Schritt vor Schritt dahinwackeln sah.
+
+
+
+
+Zum 11. Oktober.
+
+Ein gutes Essen war uns bereitet, die köstlichste Schöpsenkeule
+besonders willkommen; an gutem Wein und Brot fehlte es nicht, und so
+waren wir, neben dem größten Getümmel, in der schönsten Beruhigung:
+wie man auch wohl der stürmenden See, am Fuß eines Leuchtturms auf
+dem Steindamm sitzend, der wilden Wellenbewegung zusieht und dort und
+da ein Schiff ihrer Willkür preisgegeben. Aber uns erwartete in
+diesem gastlichen Haus eine wahrhaft herzergreifende Familienszene.
+
+Der Sohn, ein schöner junger Mann, hatte schon einige Zeit,
+hingerissen von den allgemeinen Gesinnungen, in Paris unter den
+Nationaltruppen gedient und sich dort hervorgetan. Als nun aber die
+Preußen eingedrungen, die Emigrierten mit der stolzen Hoffnung eines
+gewissen Sieges herangelangt waren, verlangten die nun auch
+zuversichtlichen Eltern dringend und wieder dringend, der Sohn solle
+seine dortige Lage, die er nunmehr verabscheuen müsse, eiligst
+aufgeben, zurückkehren und diesseits für die gute Sache fechten. Der
+Sohn, wider Willen, aus Pietät, kommt zurück, eben in dem Moment, da
+Preußen, Österreicher und Emigrierte retirieren; er eilt
+verzweiflungsvoll durch das Gedränge zu seinem Vaterhaus. Was soll er
+nun anfangen? Und wie sollen wir ihn empfangen? Freude, ihn wieder zu
+sehen, Schmerz ihn in dem Augenblick wieder zu verlieren, Verwirrung,
+ob Haus und Hof in diesem Sturm werde zu erhalten sein. Als junger
+Mann dem neuen Systeme günstig, kehrt er genötigt zu einer Partei
+zurück, die er verabscheut, und eben als er sich in diese Schicksal
+ergibt, sieht er diese Partei zugrunde gehen. Aus Paris entwichen,
+weiß er sich schon in das Sünden- und Todesregister geschrieben; und
+nun im Augenblick soll er aus seinem Vaterland verbannt, aus seines
+Vaters Haus gestoßen werden. Die Eltern, die sich gern an ihm letzen
+möchten, müssen ihn selbst wegtreiben, und er, in Schmerzenswonne des
+Wiedersehens, weiß nicht, wie er sich losreißen soll; die Umarmungen
+sind Vorwürfe, und das Scheiden, das vor unsern Augen geschieht,
+schrecklich.
+
+Unmittelbar vor unserer Stubentüre ereignete sich das alles auf der
+Hausflur. Kaum war es still geworden und die Eltern hatten sich
+weinend entfernt, als eine Szene, fast noch wunderbarer,
+auffallender, uns selbst ansprach, ja in Verlegenheit setzte und,
+obgleich herzergreifend genug, uns doch zuletzt ein Lächeln
+abnötigte. Einige Bauersleute, Männer, Frauen und Kinder, drangen in
+unsere Zimmer und warfen sich heulend und schreiend mit zu Füßen. Mit
+der vollen Beredsamkeit des Schmerzes und des Jammers klagten sie,
+dass man ihr schönes Rindvieh wegtreibe, sie schienen Pächter eines
+ansehnlichen Gutes; ich solle nur zum Fenster hinaussehen: eben
+treibe man sie vorbei, es hätten Preußen sich derselben bemächtigt;
+ich solle befehlen, solle Hilfe schaffen. Hierauf trat ich, um mich
+zu besinnen, ans Fenster, der leichtfertige Husar stellte sich hinter
+mich und sagte: "Verzeihen Sie! Ich habe Sie für den Schwager des
+Königs von Preußen ausgegeben, um gute Aufnahme und Bewirtung zu
+finden. Die Bauern hätten freilich nicht hereinkommen sollen; aber
+mit einem guten Wort weisen Sie die Leute an mich und schein
+überzeugt von meinen Vorschlägen."
+
+Was war zu tun? Überrascht und unwillig nahm ich mich zusammen und
+schien über die Umstände nachzudenken. Wird doch, sagt' ich zu mir
+selbst, List und Verschlagenheit im Krieg gerühmt! Wer sich durch
+Schelme bedienen lässt, kommt in Gefahr, von ihnen irregeführt
+zu werden. Ein Schakal, unnütz und beschämend, ist hier zu
+vermeiden. Und wie der Arzt in verzweifelten Fällen wohl noch ein
+Hoffnungsrezept verschreibt, entließ ich die guten Menschen mehr
+pantomimisch als mit Worten; dann sagt' ich mir zu meiner Beruhigung:
+Hatte doch bei Sivry der echte Thronfolger den bedrängten Leuten ihr
+Pferd nicht zusprechen können, so dürfte sich der untergeschobene
+Schwager des Königs wohl verzeihen, wenn er die Hilfsbedürftigen mit
+irgendeiner klugen, eingeflüsterten Wendung abzulehnen suchte.
+
+Wir aber gelangten in finsterer Nacht nach Spincourt; alle Fenster
+waren hell, zum Zeichen, dass alle Zimmer besetzt seien. An jeder
+Haustüre ward protestiert von den Einwohnern, die keine neuen Gäste,
+von den Einquartierten, die keine Genossen aufnehmen wollten. Ohne
+viel Umstände aber drang unser Husar ins Haus, und als er einige
+französische Soldaten in der Halle am Feuer fand, ersuchte er sie
+zudringlich, vornehmen Herren, die er geleite, eine Platz am Kamin
+einzuräumen. Wir traten zugleich herein; sie warne freundlich und
+rückten zusammen, setzten sich aber bald wieder in die wunderliche
+Positur, ihre aufgehobenen Füße gegen das Feuer zu strecken. Sie
+liefen auch wohl einmal im Saal hin und wider und kehrten bald in
+ihre vorige Lage zurück, und nun konnt' ich bemerken, dass es ihr
+eigentliches Geschäft sei, den unteren Teil ihrer Gamaschen zu
+trocknen.
+
+Gar bald aber erschienen sie mir als bekannt: es waren eben
+dieselbigen, die heute früh neben unserm Wagen im Schlamm so zierlich
+einher traten. Nun, früher als wir angelangt, hatten sie schon
+am Brunnen die untersten Teile gewaschen und gebürstet, trockneten
+sie nunmehr, um morgen früh neuem Schmutz und Unrat galant
+entgegenzugehen. Ein musterhaftes Betragen, an das man sich in
+manchen Fällen des Lebens wohl wieder zu erinnern hat! Auch dacht'
+ich dabei meiner lieben Kriegskameraden, die den Befehl zur
+Reinlichkeit murrend aufgenommen hatten.
+
+Doch uns dergestalt untergebracht zu haben, war dem klugen,
+dienstfertigen Liseur nicht genug; die Fiktion des Mittags, die sich
+so glücklich erwiesen hatte, ward kühnlich wiederholt: die hohe
+Generalsperson, der Schwager des Königs, wirkte mächtig und vertrieb
+eine ganze Masse guter Emigrierten aus einem Zimmer mit zwei Betten.
+Zwei Offiziere von Köhler nahmen wir dagegen in demselben Raum auf,
+Ich aber begab mich vor die Haustüre zu dem alten erprobten
+Schlafwagen, dessen Deichsel, diesmal nach Deutschland gekehrt, mir
+ganz eigene Gedanken hervorrief, die jedoch durch ein schnelles
+Einschlummern gar bald abgeschnitten wurden.
+
+
+
+
+Den 12. Oktober.
+
+Der heutige Weg erschien noch trauriger als der gestrige: ermattete
+Pferde waren öfter gefallen und lagen mit umgestürzten Wagen häufiger
+neben der Hochstraße auf den Wiesen. Aus den geborstenen Decken der
+Rüstwagen fielen gar niedliche Mantelsäcke, einem Emigriertenkorps
+gehörig, hervor; das bunte, zierliche Ansehen dieses herrenlosen,
+aufgegebenen Gutes lockte die Besitzlust der Vorbeiwandernden, und
+mancher bepackte sich mit einer Last, die er zunächst auch wieder
+abwerfen sollte. Daraus mag denn wohl die Rede entstanden sein, auf
+dem Rückzug seien Emigrierte von Preußen geplündert worden.
+
+Von ähnlichen Vorfällen erzählte man auch manches Scherzhafte. Ein
+schwer beladener Emigrantenwagen war ebenermaßen an einer Anhöhe
+stecken geblieben und verlassen worden. Nachfolgende Truppen
+untersuchen den Inhalt, finden Kästchen von mäßiger Größe, auffallend
+schwer, belästigen sich gemeinschaftlich damit und schleppen sie mit
+unsäglicher Mühe auf die nächste Höhe. Hier wollen sie nun in die
+Beute und in die Last sich teilen: aber welch ein Anblick! Aus jedem
+zerschlagenen Kasten fällt eine Unzahl Kartenspiele hervor, und die
+Goldlustigen trösten sich im wechselseitigen Spott durch Lachen und
+Possen.
+
+Wir aber zogen durch Longuyon nach Longwy; und hier muss man, indem
+die Bilder bedeutender Freudenszenen aus dem Gedächtnis verschwinden,
+sich glücklich schätzen, dass auch widerwärtige Gräuelbilder sich vor
+der Einbildungskraft abstumpfen. Was soll ich also wiederholen, dass
+die Wege nicht besser wurden, dass man nach wie vor zwischen
+umgestürzten wagen abgedeckte und frisch ausgeschnittene Pferde aber-
+und abermals rechts und links verabscheute! Von Büschen schlecht
+bedeckte, geplünderte und ausgezogene Menschen konnte man oft genug
+bemerken, und endlich lagen auch die vor dem offenen Blick neben der
+Straße.
+
+Uns sollte jedoch auf einem Seitenweg abermals Erquickung und
+Erholung werden, dagegen aber auch traurige Betrachtungen über den
+Zustand des wohlhabenden, gutmütigen Bürgers in schrecklichem,
+diesmal ganz unerwartetem Kriegsunheil.
+
+
+
+
+Den 13. Oktober.
+
+Unser Führer wollte nicht freventlich seine braven, wohlhabenden
+Verwandten in dieser Gegend gerühmt haben; er ließ uns deshalb einen
+Umweg machen über Arlon, wo wir in einem schönen Städtchen, bei
+ansehnlichen und wackern Leuten, in einem wohl gebauten und gut
+eingerichteten Haus, von ihm angemeldet, gar freundlich aufgenommen
+wurden. Die guten Personen freuten sich selbst ihres Vetters,
+glaubten gewisse Besserung und nächste Beförderung schon in dem
+Auftrag zu sehen, dass er uns mit zwei Wagen, so viel Pferden und,
+wie er ihnen glauben gemacht hatte, mit vielem Geld und Kostbarkeiten
+aus dem gefährlichsten Gewirr herauszuführen beehrt worden. Auch wir
+konnten seiner bisherigen Leitung das beste Zeugnis geben, und ob wir
+gleich an die Bekehrung dieses verlorenen Sohnes nicht sonderlich
+glauben konnten, so waren wir ihm doch diesmal so viel schuldig
+geworden, dass wir auch seinem künftigen Betragen einiges Zutrauen
+nicht ganz verweigern durften. Der Schelm verfehlte nicht, mit
+schmeichelhaftem Wesen das Seinige zu tun, und erhielt wirklich in
+der Stille von den braven Leuten ein artiges Geschenk in Gold. Wir
+erquickten uns dagegen an gutem, kaltem Frühstück und dem
+trefflichsten Wein und beantworteten die Fragen der freilich auch
+sehr erstaunten, wackeren Leute wegen der wahrscheinlichen nächsten
+Zukunft so schonend als möglich.
+
+Vor dem Haus hatten wir ein paar sonderbare Wagen bemerkt, länger und
+teilweise höher als gewöhnliche Rüstwagen, auch an der Seite mit
+wunderlichen Ansätzen geformt. Mit rege gewordener Neugier fragte ich
+nach diesem seltsamen Fuhrwerk; man antwortete mir zutraulich, aber
+mit Vorsicht: es sei darin die Assignatenfabrik der Emigrierten
+enthalten, und bemerkte dabei, was für ein grenzenloses Unglück
+dadurch über die Gegend gebracht worden. Denn da man sich seit
+einiger Zeit der echten Assignate kaum erwehren könne, so habe man
+nun auch, seit dem Einmarsch der Alliierten, diese falschen in Umlauf
+gezwungen. Aufmerksame Handelsleute hätten dagegen sogleich, ihrer
+Sicherheit willen, diese verdächtige Papierware nach Paris zu senden
+und sich von dorther offizielle Erklärung ihrer Falschheit zu
+verschaffen gewusst; dies verwirre aber Handel und Wandel ins
+Unendliche: denn da man bei den echten Assignaten sich nur zum Teil
+gefährdet finde, bei den falschen aber gewiss gleich um das Ganze
+betrogen sei, auch beim ersten Anblick niemand sie zu unterscheiden
+vermöge, so wisse kein Mensch mehr, was er geben und was er empfangen
+solle; dies verbreite schon bis Luxemburg und Trier solche
+Ungewissheit, Misstrauen und Bangigkeit, dass nunmehr von allen
+Seiten das Elend nicht größer werden könne.
+
+Bei allen solchen erlittenen und noch zu fürchtenden Unbilden zeigen
+sich diese Personen in bürgerlicher Würde, Freundlichkeit und gutem
+Benehmen zu unserer Verwunderung, wovon uns in den französischen
+ernsten Dramen alter und neuer Zeit ein Abglanz herüber gekommen ist.
+Von einem solchen Zustand können wir uns in eigener vaterländischer
+Wirklichkeit und ihrer Nachbildung keinen Begriff machen. Die petite
+ville mag lächerlich sein, die deutschen Kleinstädter sind dagegen
+absurd.
+
+
+
+
+Den 14. Oktober.
+
+Sehr angenehm überrascht fuhren wir von Arlon nach Luxemburg auf der
+besten Kunststraße und wurden in diese sonst so wichtige und
+wohlverwahrte Festung eingelassen wie in jedes Dorf, in jeden
+Flecken. Ohne irgend angehalten oder befragt zu werden, sahen wir uns
+nach und nach innerhalb der Außenwerke, der Wälle, Gräben,
+Zugbrücken, Mauern und Tore, unserm Führer, der Mutter und Vater hier
+zu finden vorgab, das weitere vertrauend. Überdrängt war die Stadt
+von Blessierten und Kranken, von tätigen Menschen, die sich selbst,
+Pferde und Fuhrwerk wieder herzustellen trachteten.
+
+Unsere Gesellschaft, die sich bisher zusammengehalten hatte, musste
+sich trennen; mir verschaffte der gewandte Quartiermeister ein
+hübsches Zimmer, das aus dem engsten Höfchen, wie aus einer
+Feueresse, doch bei sehr hohen Fenstern genugsames Licht erhielt.
+Hier wusste er mich mit meinem Gepäck und sonst gar wohl einzurichten
+und für alle Bedürfnisse zu sorgen; er gab mir den Begriff von den
+Haus- und Mietleuten des Gebäudes und versicherte, dass ich gegen
+eine kleine Gabe so bald nicht ausgetrieben und wohl behandelt werden
+sollte.
+
+Hier konnt' ich nun zum ersten Mal den Koffer wieder aufschließen und
+mich meiner Reisehabseligkeiten, des Geldes, der Manuskripte wieder
+versichern. Das Konvolut zur Farbenlehre bracht' ich zuerst in
+Ordnung, immer meine früheste Maxime vor Augen: die Erfahrung zu
+erweitern und die Methode zu reinigen. Ein Kriegs- und Reisetagebuch
+mocht' ich gar nicht anrühren. Der unglückliche Verlauf der
+Unternehmung, der noch Schlimmeres befürchten ließ, gab immer neuen
+Anlass zum Wiederkäuen des Verdrusses und zu neuem Aufregen der
+Sorge. Meine stille, von jedem Geräusch abgeschlossene Wohnung
+gewährte mir wie eine Klosterzelle vollkommenen Raum zu den ruhigsten
+Betrachtungen, dagegen ich mich, sobald ich nur den Fuß vor die
+Haustüre hinaussetzte, in dem lebendigsten Kriegsgetümmel befand und
+nach Lust das wunderlichste Lokal durchwandeln konnte, das vielleicht
+in der Welt zu finden ist.
+
+
+
+
+Den 15. Oktober.
+
+Wer Luxemburg nicht gesehen hat, wird sich keine Vorstellung
+von diesem an- und übereinander gefügten Kriegsgebäude machen.
+Die Einbildungskraft verwirrt sich, wenn man die seltsame
+Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der sich das Auge des
+hin und her gehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Plan und
+Grundriss vor sich zu nehmen wird nötig sein, nachstehendes nur
+einigermaßen verständlich zu finden.
+
+Ein Bach, Petrus genannt, erst allein, dann, verbunden mit dem
+entgegenkommenden Fluss, die Elze, schlingt sich mäanderartig
+zwischen Felsen durch und um sie herum, bald im natürlichen Lauf,
+bald durch Kunst genötigt. Auf dem linken Ufer liegt hoch und flach
+die alte Stadt; sie, mit ihren Festungswerken nach dem offenen Lande
+zu, ist andern befestigten Städten ähnlich. Als man nun für die
+Sicherheit derselben nach Westen Sorge getragen, sah man wohl ein,
+dass man sich auch gegen die Tiefe, wo das Wasser fließt, zu
+verwahren habe; bei zunehmender Kriegskunst war auch das nicht
+hinreichend, man musste, auf dem rechten Ufer des Gewässers, nach
+Süden, Osten und Norden auf ein- und ausspringenden Winkeln
+unregelmäßiger Felspartien neue Schanzen vorschieben, nötig immer
+eine zur Beschützung der andern. Hieraus entstand nun eine Verkettung
+unübersehbarer Bastionen, Redouten, halber Monde und solches Zangen-
+und Krakelwerk, als nur die Verteidigungskunst im seltsamsten Fall zu
+leisten vermochte.
+
+Nichts kann deshalb einen wunderlichern Anblick gewähren, als das
+mitten durch dies alles am Fluss sich hinab ziehende enge Tal, dessen
+wenige Flächen, dessen sanft oder steil aufsteigende Höhen zu Gärten
+angelegt, in Terrassen abgestuft und mit Lusthäusern belebt sind; von
+wo aus man auf die steilsten Felsen, auf hoch getürmte Mauern rechts
+und links hinaufschaut. Hier findet sich so viel Größe mit Anmut, so
+viel Ernst mit Lieblichkeit verbunden, dass wohl zu wünschen wäre,
+Poussin hätte sein herrliches Talent in solchen Räumen betätigt.
+
+Nun besaßen die Eltern unseres lockeren Führers in dem Pfaffental
+einen artigen abhängigen Garten, dessen Genuss sie mir gern und
+freundlich überließen. Kirche und Kloster, nicht weit entfernt,
+rechtfertigte den Namen dieses Elysiums, und in dieser geistlichen
+Nachbarschaft schien auch den weltlichen Bewohnern Ruh' und Friede
+verheißen, ob sie gleich mit jedem Blick in die Höhe an Krieg, Gewalt
+und Verderben erinnert wurden.
+
+Jetzt nun aber aus der Stadt, wo das unselige Kriegsnachspiel
+mit Lazaretten, abgerissenen Soldaten, zerstückten Waffen,
+herzustellenden Achsen, Rädern und Lafetten, zugleich mit sonstigen
+Trümmern aller Art aufgeführt wurde, in eine solche Stille zu
+flüchten, war höchst wohltätig; aus den Straßen zu entweichen, wo
+Wagner, Schmiede und andere Gewerke ihr Wesen öffentlich unermüdet
+und geräuschvoll trieben, und sich in das Gärtchen im geistlichen Tal
+zu verbergen, war höchst behaglich. Hier fand ein Ruh- und
+Sammlungsbedürftiger das willkommenste Asyl.
+
+
+
+
+Den 16. Oktober.
+
+Die allen Begriff übersteigende Mannigfaltigkeit der auf- und
+aneinander getürmten, gefügten Kriegsgebäude, die bei jedem Schritt
+vor- oder rückwärts, auf- oder abwärts ein anderes Bild zeigten,
+riefen die Lust hervor, wenigstens etwas davon aufs Papier zu
+bringen. Freilich musste diese Neigung auch wieder einmal sich regen,
+da seit so viel Wochen mir kaum ein Gegenstand vor die Augen
+gekommen, der sie geweckt hätte. Unter andern fiel es sonderbar auf,
+dass so manche gegeneinander über stehende Felsen, Mauern und
+Verteidigungswerke in der Höhe durch Zugbrücken, Galerien und gewisse
+wunderliche Vorrichtungen verbunden waren. Irgendjemand vom Metier
+hätte dieses alles mit Kunstaugen angesehen und sich mit
+Soldatenblick der sichern Einrichtung erfreut; ich aber konnte nur
+den malerischen Effekt ihr abgewinnen und hätte gar zu gern, wäre
+nicht alles Zeichnen an und in den Festungen höchlich verpönt, meine
+Nachbildungskräfte hier in Übung gesetzt.
+
+
+
+
+Den 19. Oktober.
+
+Nachdem ich nun also mehrere Tage in diesen Labyrinthen, wo Naturfels
+und Kriegsgebäu wetteifernd seltsam steile Schluchten gegeneinander
+aufgetürmt und daneben Pflanzenwachstum, Baumzucht und Luftgebüsch
+nicht ausgeschlossen, mich sinnend und denkend einsam genug herum
+gewunden hatte. Fing ich an, nach Hause kommend, die Bilder, wie sie
+sich der Einbildungskraft nach und nach einprägten, aufs Papier zu
+bringen, unvollkommen zwar, doch hinreichend, das Andenken eines
+höchst seltsamen Zustandes einigermaßen festzuhalten.
+
+
+
+
+Den 20. Oktober.
+
+Ich hatte Zeit gewonnen, das kurz Vergangene zu überdenken, aber je
+mehr man dachte, je verworrener und unsicherer ward alles vor dem
+Blick. Auch sah ich, dass wohl das Notwendigste sein möchte, sich auf
+das unmittelbar Bevorstehende zu bereiten. Die wenigen Meilen bis
+Trier mussten zurückgelegt werden; aber was mochte dort zu finden
+sein, da nun die Herren selbst mit andern Flüchtlingen sich
+nachdrängten!
+
+Als das Schmerzlichste jedoch, was einen jeden, mehr oder weniger
+resigniert wie er war, mit einer Art von Furienwut ergriff, empfand
+man die Kunde, die sich nicht verbergen ließ, dass unsere höchsten
+Heerführer mit den vermaledeiten, durch das Manifest dem Untergang
+gewidmeten, durch die schrecklichsten Taten abscheulich dargestellten
+Aufrührern doch übereinkommen, ihnen die Festungen übergeben mussten,
+um nur sich und den Ihrigen eine mögliche Rückkehr zu gewinnen. Ich
+habe von den Unsrigen gesehen, für welche der Wahnsinn zu fürchten
+war.
+
+
+
+
+Den 22. Oktober.
+
+Auf dem Weg nach Trier fand sich bei Grevenmachern nichts mehr von
+jener galanten Wagenburg; öde, wüst und zerfahren lagen die Anger,
+und die weit und breiten Spuren deuteten auf jenes vorübergegangene
+flüchtige Dasein. Am Posthaus fuhr ich diesmal mit requirierten
+Pferden ganz im stillen vorbei, das Briefkästchen stand noch auf
+seinem Platz, kein Gedränge war umher, man konnte sich der
+wunderlichsten Gedanken nicht erwehren.
+
+Doch ein herrlicher Sonnenblick belebte soeben die Gegend, als mir
+das Monument von Igel, wie der Leuchtturm einem nächtlich
+Schiffenden, entgegenglänzte.
+
+Vielleicht war die Macht des Altertums nie so gefühlt worden als an
+diesem Kontrast: ein Monument, zwar auch kriegerischer Zeiten, aber
+doch glücklicher, siegreicher Tage und eines dauernden Wohlbefindens
+rühriger Menschen in dieser Gegend.
+
+Obgleich in später Zeit, unter den Antoninen, erbaut, behält es immer
+noch von trefflicher Kunst so viel Eigenschaften übrig, dass es uns
+im ganzen anmutig-ernst zuspricht und aus seinen, obgleich sehr
+beschädigten Teilen das Gefühl eines fröhlich-tätigen Daseins
+mitteilt. Es hielt mich lange fest; ich notierte manches, ungern
+scheidend, da ich mich nur desto unbehaglicher in meinem erbärmlichen
+Zustand fühlte.
+
+Doch auch jetzt wechselte schnell wieder eine freudige Aussicht in
+der Seele, die blad darauf zur Wirklichkeit gelangte.
+
+
+
+
+Den 23. Oktober.
+
+Wir brachten unserm Freunde, Leutnant von Fritsch, den wir auf seinem
+Posten widerwillig zurückgelassen, die erwünschte Nachricht, dass er
+den Militär-Verdienstorden erhalten habe, mit Recht, wegen einer
+braven Tat, und mit Glück, ohne an unserm Jammer teilgenommen zu
+haben. Die Sache verhielt sich aber also.
+
+Die Franzosen, weil sie uns weit genug ins Land vorgedrungen, uns in
+bedeutender Entfernung, in großer Not wussten, versuchten im Rücken
+einen unvermuteten Streich. Sie näherten sich Trier in bedeutender
+Anzahl, sogar mit Kanonen. Leutnant von Fritsch erfährt es, und mit
+weniger Mannschaft geht er dem Feind entgegen, der, über die
+Wachsamkeit stutzend, mehr anrückende Truppen befürchtend, nach
+kurzem Gefecht sich bis Merzig zurückzieht und nicht wieder
+erscheint. Dem Freund war das Pferd blessiert, durch dieselbe Kugel
+sein Stiefel gestreift, dagegen er aber auch, als Sieger
+zurückkehrend, aufs beste empfangen wird. Der Magistrat, die
+Bürgerschaft erzeigen ihm alle mögliche Aufmerksamkeit; auch die
+Frauenzimmer, die ihn bisher als einen hübschen jungen Mann gekannt,
+erfreuen sich nun doppelt an ihm als einem Helden.
+
+Sogleich berichtet er seinem Chef den Vorfall, der, wie billig, dem
+König vorgetragen wird, worauf denn der blaue Kreuzstern erfolgt. Die
+Glückseligkeit des braven Jünglings, dessen lebhafteste Freude
+mitzufühlen, war ein ungemeiner Genuss; ihn hatte das Glück, das uns
+vermied, in unserm Rücken aufgesucht, und er sah sich für den
+militärischen gehorsam belohnt, der ihn an einer untätigen Lage zu
+fesseln schien.
+
+
+
+
+Den 24. Oktober.
+
+Der Freund hatte mir bei jenem Kanonikus abermals Quartier
+verschafft. Auch ich war von der allgemeinen Krankheit nicht ganz
+frei geblieben und bedurfte daher einiger Arznei und Schonung.
+
+In diesen ruhigen Stunden nahm ich sogleich die kurzen Bemerkungen
+vor, die ich bei dem Monument zu Igel aufgezeichnet hatte.
+
+Soll man den allgemeinsten Eindruck aussprechen, so ist hier Leben
+dem Tod, Gegenwart der Zukunft entgegengestellt und beide
+untereinander im ästhetischen Sinn aufgehoben. Dies war die herrliche
+Art und Weise der Alten, die sich noch lange genug in der Kunstwelt
+erhielt.
+
+Die Höhe des Monuments kann 70 Fuß betragen, es steigt in mehreren
+architektonischen Abteilungen obeliskenartig hinauf: erst der Grund,
+auf diesem ein Sockel, sodann die Hauptmasse, darüber eine Attike,
+sodann ein Fronton und zuletzt eine wundersam sich aufschlingende
+Spitze, wo sich die Reste einer Kugel und eines Adlers zeigen. Jede
+dieser Abteilungen ist mit den Gliedern, aus denen sie besteht,
+durchaus mit Bildern und Zierraten geschmückt.
+
+Diese Eigenschaft deutet denn freilich auf spätere Zeiten: denn
+dergleichen tritt ein, sobald sich die reine Proportion im Ganzen
+verliert, wie denn auch hier daran manches zu erinnern sein möchte.
+
+Dessen ungeachtet muss man anerkennen, das dieses Werk auf eine erst
+kurz vergangene, höhere Kunst gegründet ist. So waltet denn auch über
+das Ganze der antike Sinn, in dem das wirkliche Leben dargestellt
+wird, allegorisch gewürzt durch mythologische Andeutungen. In dem
+Hauptfeld Mann und Frau von kolossaler Bildung, sich die Hände
+reichend, durch eine dritte, verloschene Figur, als einer Segnenden,
+verbunden. Sie stehen zwischen zwei sehr verzierten, mit übereinander
+gestellten tanzenden Kindern geschmückten Pilastern.
+
+Alle Flächen sodann deuten auf die glücklichsten
+Familienverhältnisse, überein denkende und -wirkende Verwandte,
+redliches, genussreiches Zusammenleben darstellend.
+
+Aber eigentlich waltet überall die Tätigkeit vor; ich getraue mir
+jedoch nicht alles zu erklären. In einem Feld scheinen sich
+Geschäft-überlegende Handelsleute versammelt zu haben; offenbar aber
+sind beladene schiffe, Delphine als Verzierung, Transport auf
+Saumrossen, Ankunft von waren und deren Beschauen, und was sonst noch
+Menschliches und Natürliches mehr vorkommen dürfte.
+
+Sodann aber auch im Zodiak ein rennendes Pferd, das vielleicht
+vormals Wagen und Lenker hinter sich zog, in Friesen, sodann
+sonstigen Räumen und Giebelfeldern Bacchus, Faunen, Sol und Luna, und
+was sonst noch Wunderbares Knopf und Gipfel verzieren und verziert
+haben mag.
+
+Das Ganze ist höchst erfreulich, und man könnte, auf der Stufe, wo
+heutzutage Bau- und Bildkunst stehen, in diesem Sinn ein herrliches
+Denkmal den würdigsten Menschen, ihren Lebensgenüssen und Verdiensten
+gar wohl errichten. Und so war es mir denn recht erwünscht, mit
+solchen Betrachtungen beschäftigt, den Geburtstag unserer verehrten
+Herzogin Amalie im Stillen zu feiern, ihr Leben, ihr edles Wirken und
+wohl Tun umständlich zurückzurufen; woraus sich denn ganz natürlich
+die Aufregung ergab, ihr in Gedanken einen gleichen Obelisk zu widmen
+und die sämtlichen Räume mit ihren individuellen Schicksalen und
+Tugenden charakteristisch zu verzieren.
+
+
+
+
+Trier, den 25. Oktober.
+
+Die mir nunmehr gegönnte Ruh' und Bequemlichkeit benutzte ich nun,
+ferner manches zu ordnen und aufzubewahren, was ich in den wildesten
+Zeiten bearbeitet hatte. Ich rekapitulierte und redigierte meine
+chromatischen Akten, zeichnete mehrere Figuren zu den Farbentafeln,
+die ich oft genug veränderte, um das, was ich darstellen und
+behaupten wollte, immer anschaulicher zu machen. Hierauf dacht' ich
+denn auch, meinen dritten Teil von Fischers physikalischem Lexikon
+wieder zu erlangen. Auf Erkundigung und Nachforschen fand ich endlich
+die Küchenmagd im Lazarett, das man mit ziemlicher Sorgfalt in einem
+Kloster errichtet hatte. Sie litt an der allgemeinen Krankheit, doch
+waren die Räume luftig und reinlich; sie erkannte mich, konnte aber
+nicht reden, nahm den Band unter dem Haupt hervor und übergab mir ihn
+so reinlich und wohl erhalten, als ich ihn überliefert hatte, und ich
+hoffe, die Sorgfalt, der ich sie empfahl, wird ihr zugute gekommen
+sein.
+
+Ein junger Schullehrer, der mich besuchte und mir verschiedene der
+neuesten Journale mitteilte, gab Gelegenheit zu erfreulichen
+Unterhaltungen. Er verwunderte sich, wie so viel andere, dass ich von
+Poesie nichts wissen wolle, dagegen auf Naturbetrachtungen mich mit
+ganzer Kraft zu werfen schien. Er war in der Kantischen Philosophie
+unterrichtet, und ich konnte ihm daher auf den Weg deuten, den ich
+eingeschlagen hatte. Wenn Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft"
+der ästhetischen Urteilskraft die teleologische zur Seite stellt, so
+ergibt sich daraus, dass er andeuten wolle: ein Kunstwerk solle wie
+ein Naturwerk, ein Naturwerk wie ein Kunstwerk behandelt und der Wert
+eines jeden aus sich selbst entwickelt, an sich selbst betrachtet
+werden. Über solche Dinge konnte ich sehr beredet sein und glaube,
+dem guten jungen Mann einigermaßen genutzt zu haben. Es ist
+wundersam, wie eine jede Zeit Wahrheit und Irrtum aus dem kurz
+Vergangenen, ja dem längst Vergangenen mit sich trägt und schleppt,
+muntere Geister jedoch sich auf neuer Bahn bewegen, wo sie sich's
+denn freilich gefallen lassen, meist allein zu gehen oder einen
+Gesellen auf eine kurze Strecke mit sich fortzuziehen.
+
+
+
+
+Tier, den 26. Oktober.
+
+Nun durfte man aber aus solchen ruhigen Umgebungen nicht
+heraustreten, ohne sich wie im Mittelalter zu finden, wo
+Klostermauern und der tollste unregelmäßigste Kriegszustand
+miteinander immerfort kontrastierten. Besonders jammerten
+einheimische Bürger sowie zurückkehrende Emigrierte über das
+schreckliche Unheil, was durch die falschen Assignaten über Stadt und
+Land gekommen war. Schon hatten Handelshäuser gewusst, dergleichen
+nach Paris zu bringen, und von dort die Falschheit, völlige
+Ungültigkeit, die höchste Gefahr vernommen, sich mit dergleichen nur
+irgend abzugeben. Dass die echten gleichfalls dadurch in Misskredit
+gerieten, dass man bei völliger Umkehrung der Dinge auch wohl die
+Vernichtung aller dieser Papiere zu fürchten habe, fiel jedermann
+auf. Dieses ungeheure Übel nun gesellte sich zu den übrigen, so dass
+es vor der Einbildungskraft und dem Gefühl ganz grenzenlos erschien:
+ein verzweiflungsvoller Zustand, demjenigen ähnlich, wenn man eine
+Stadt vor sich niederbrennen sieht.
+
+
+
+
+Trier, den 28. Oktober.
+
+Die Wirtstafel, an der man übrigens ganz wohl versorgt war, gab auch
+ein Sinne verwirrendes Schauspiel: Militärs und Angestellte, allerart
+Uniform, Farben und Trachten, im stillen missmutig, auch wohl in
+Äußerungen heftig, aber alle wie in einer gemeinsamen Hölle
+zusammengefasst.
+
+Daselbst begegnete mir ein wahrhaft rührendes Ereignis. Ein alter
+Husarenoffizier, mittlerer Größe, grauen Bartes und Haares und
+funkelnden Auges, kam nach Tisch auf mich zu, ergriff mich bei der
+Hand und fragte: ob ich denn das alles auch mit ausgestanden habe?
+Ich konnte ihm einiges von Valmy und Hans erzählen, woraus er
+sich denn gar wohl das übrige nachbilden konnte. Hierauf fing
+er mit Enthusiasmus und warmem Anteil zu sprechen an, Worte,
+die ich nachzuschreiben kaum wage, des Inhalts: es sei schon
+unverantwortlich, dass man sie, deren Metier und Schuldigkeit es
+bleibe, dergleichen Zustände zu erdulden und ihr Leben dabei
+zuzusetzen, in solche Not geführt, die vielleicht kaum jemals erhört
+worden; dass aber auch ich -- er drückte seine gute Meinung über
+meine Persönlichkeit und meine Arbeiten aus -- das hätte mit erdulden
+sollen, darüber wollt' er sich nicht zufrieden geben. Ich stellte
+ihm die Sache von der heiteren Seite vor, von der Seite, mit meinem
+Fürsten, dem ich nicht ganz unnütz gewesen, mit so vielen wackren
+Kriegsmännern, zu eigner Prüfung diese wenigen Wochen her geduldet zu
+haben; allein er blieb bei seiner Rede, indessen ein Zivilist zu uns
+trat und dagegen erwiderte: man sei mir Dank schuldig, dass ich das
+alles mit ansehen wollen, indem man sich nun gar wohl von meiner
+geschickten Feder Darstellung und Aufklärung erwarten könne. Der alte
+Degen wollte davon auch nichts wissen und rief: "Glaubt es nicht, er
+ist viel zu klug! Was er schreiben dürfte, mag er nicht schreiben,
+und was er schreiben möchte, wird er nicht schreiben."
+
+Übrigens mochte man kaum hie und da hinhorchen, der Verdruss war
+grenzenlos. Und wie es schon eine verdrießliche Empfindung erregt,
+wenn glückliche Menschen nicht ablassen, uns ihr Behagen
+vorzurechnen, so ist es noch viel unausstehlicher, wenn uns ein
+Unheil, das wir selbst aus dem Sinn schlagen möchten, immer
+wiederkäuend vorgetragen wird. Von den Franzosen, die man hasste, aus
+dem Land gedrängt zu sein, genötigt, mit ihnen zu unterhandeln, mit
+den Männern des 10. Augusts sich zu befreunden, das alles war für
+Geist und Gemüt so hart, als bisher die körperliche Duldung gewesen.
+Man schonte der obersten Leitung nicht, und das Vertrauen, das man
+dem berühmten Feldherrn so lange Jahre gegönnt hatte, schien für
+immer verloren.
+
+
+
+
+Trier, den 29. Oktober.
+
+Als man sich nun auf deutschem Grund und Boden wieder fand und
+aus der ungeheuersten Verwirrung zu entwickeln hoffen durfte,
+traf uns die Nachricht von Custinens verwegenen und glücklichen
+Unternehmungen. Das große Magazin zu Speyer war in seine Hände
+geraten, er hatte darauf gewusst, eine Übergabe von Mainz zu
+bewirken. Diese Schritte schienen die grenzenlosesten Übel nach sich
+zu ziehen, sie deuteten auf einen außerordentlichen, so kühnen als
+folgerechten Geist, und da musste denn schon alles verloren sein.
+Nichts fand man wahrscheinlicher und natürlicher, als dass auch schon
+Koblenz von den Franken besetzt sei -- und wie sollten wir unsern
+Rückweg antreten! Frankfurt gab man in Gedanken gleichfalls auf;
+Hanau und Aschaffenburg an einer, Kassel an der anderen Seite
+sah man bedroht, und was nicht alles zu fürchten! Vom unseligen
+Neutralitätssystem die nächsten Fürsten paralysiert, desto
+lebendig-tätiger die von revolutionären Gesinnungen ergriffene Masse.
+Sollte man, wie Mainz bearbeitet worden, nicht auch die Gegend und
+die nächst anstoßenden Provinzen zu Gesinnungen vorbereiten und die
+schon entwickelten schleunig benutzen? Das alles musste zum Bedanken,
+zur Sprache kommen.
+
+Öfters hört' ich wiederholen: sollten die Franzosen wohl ohne große
+Überlegung und Umsicht, ohne starke Heeresmacht solche bedeutende
+Schritte getan haben? Custinens Handlungen schienen so kühn als
+vorsichtig; man dachte sich ihn, seine Gehilfen, seine Obern als
+weise, kräftige, konsequente Männer. Die Not war groß und Sinne
+verwirrend, unter allen bisher erduldeten Leiden und Sorgen ohne
+Frage die größte.
+
+Mitten in diesem Unheil und Tumult fand mich ein verspäteter
+Brief meiner Mutter, ein Blatt, das an jugendlich-ruhige,
+städtisch-häusliche Verhältnisse gar wundersam erinnerte. Mein Oheim,
+Schöff Textor, war gestorben, dessen nahe Verwandtschaft mich von der
+ehrenhaft wirksamen Stelle eines Frankfurter Ratsherrn bei seinen
+Lebzeiten ausschloss, worauf man, herkömmlich löblicher Sitte gemäß,
+meiner sogleich gedachte, der ich unter den Frankfurter Graduierten
+ziemlich weit vorgerückt war.
+
+Meine Mutter hatte den Auftrag erhalten, bei mir anzufragen: ob ich
+die Stelle eines Ratsherrn annehmen würde, wenn mir, unter die
+Losenden gewählt, die goldene Kugel zufiele? Vielleicht konnte eine
+solche Anfrage in keinem seltsamern Augenblick anlangen als in dem
+gegenwärtigen; ich war betroffen, in mich selbst zurückgewiesen,
+tausend Bilder stiegen mir auf und ließen mich nicht zu Gedanken
+kommen. Wie aber ein Kranker oder Gefangener sich wohl im Augenblick
+an einem erzählten Märchen zerstreut, so wahr auch ich in andere
+Sphären und Jahre versetzt.
+
+Ich befand mich in meines Großvaters Garten, wo die reich mit
+Pfirsichen gesegneten Spaliere des Enkels Appetit gar lüstern
+ansprachen und nur die angedrohte Verweisung aus diesem Paradies, nur
+die Hoffnung, die reifste, rotbäckigste Frucht aus des wohltätigen
+Ahnherrn eigner Hand zu erhalten, solche Begierde bis zum endlichen
+Termin einigermaßen beschwichtigen konnte.
+
+Sodann erblickt' ich den ehrwürdigen Altvater um seine Rosen
+beschäftigt, wie er gegen die Dornen mit altertümlichen Handschuhen,
+als Tribut überreicht von Zoll befreiten Städten, sich vorsichtig
+verwahrte, dem edlen Laertes gleich, nur nicht wie dieser sehnsüchtig
+und kummervoll. Dann erblickt' ich ihn im Ornat als Schultheiß, mit
+der goldnen Kette, auf dem Thronsessel unter des Kaisers Bildnis;
+sodann leider im halben Bewusstsein einige Jahre auf dem Krankenstuhl
+und endlich im Sarg.
+
+Bei meiner letzten Durchreise durch Frankfurt hatte ich meinen Oheim
+im Besitz des Hauses, Hofes und Gartens gefunden, der als wackrer
+Sohn, dem Vater gleich, die höheren Stufen freistädtischer Verfassung
+erstieg. Hier, im traulichen Familienkreis, in dem unveränderten, alt
+bekannten Lokal riefen sich jene Knabenerinnerungen lebhaft hervor
+und traten mir nun neukräftig vor die Augen.
+
+Sodann gesellten sich zu ihnen andere jugendliche Vorstellungen, die
+ich nicht verschweigen darf. Welcher reichstädtische Bürger wird
+leugnen, dass er, früher oder später, den Ratsherrn, Schöff und
+Bürgermeister im Auge gehabt und, seinem Talent gemäß, nach diesen,
+vielleicht auch nach minderen Stellen emsig und vorsichtig gestrebt:
+denn der süße Gedanke, an irgendeinem Regiment teilzunehmen, erwacht
+gar bald in der Brust eines jeden Republikaners, lebhafter und
+stolzer schon in der Seele des Knaben.
+
+Diesen freundlichen Kinderträumen konnt' ich mich jedoch nicht lange
+hingeben; nur allzu schnell aufgeschreckt, besah ich mir die
+ahnungsvolle Lokalität, die mich umfasste, die traurigen Umgebungen,
+die mich beengten, und zugleich die Aussicht nach der Vaterstadt
+getrübt, ja verfinstert. Mainz in französischen Händen, Frankfurt
+bedroht, wo nicht schon eingenommen, der Weg dorthin versperrt und
+innerhalb jener Mauern, Straßen, Plätze, Wohnungen, Jugendfreunde,
+Blutverwandte vielleicht schon von demselben Unglück ergriffen, daran
+ich Longwy und Verdun so grausam hatte leiden sehen -- wer hätte
+gewagt, sich in solchen Zustand zu stürzen!
+
+Aber auch in der glücklichsten Zeit jenes ehrwürdigen Staatskörpers
+wäre mir nicht möglich gewesen, auf diesen Antrag einzugehen; die
+Gründe waren nicht schwer auszusprechen. Seit zwölf Jahren genoss ich
+eines seltenen Glückes, des Vertrauens wie der Nachsicht des Herzogs
+von Weimar. Dieser von der Natur höchst begünstigte, glücklich
+ausgebildete Fürst ließ sich meine wohlgemeinten, oft unzulänglichen
+Dienste gefallen und gab mir Gelegenheit, mich zu entwickeln, welches
+unter keiner andern vaterländischen Bedingung möglich gewesen wäre;
+meine Dankbarkeit war ohne Grenzen, so wie die Anhänglichkeit an die
+hohen Frauen Gemahlin und Mutter, an die heranwachsende Familie, an
+ein Land, dem ich doch auch manches geleistet hatte. Und musste ich
+nicht zugleich jenes Zirkels neu erworbener höchst gebildeter Freunde
+gedenken, auch so manches andern häuslich Lieben und Guten, was sich
+aus meinen treu beharrlichen Zuständen entwickelt hatte! Diese bei
+solcher Gelegenheit abermals erregten Bilder und Gefühle erheiterten
+mich auf einmal in dem betrübtesten Augenblick: denn man ist schon
+halb gerettet, wenn man aus traurigster Lage im fremden Land einen
+hoffnungsvollen Blick in die gesicherte Heimat zu tun aufgeregt wird;
+so genießen wir diesseits auf Erden, was uns jenseits der Sphären
+zugesagt ist.
+
+In solchem Sinn begann ich den Brief an meine Mutter, und wenn sich
+diese Beweggründe zunächst auf mein Gefühl, auf persönliches Behagen,
+individuellen Vorteil zu beziehen schienen, so hatt' ich noch andere
+hinzuzufügen, die auch das Wohl meiner Vaterstadt berücksichtigten
+und meine dortigen Gönner überzeugen konnten. Denn wie sollt' ich
+mich in dem ganz eigentümlichen Kreis tätig wirksam erzeigen, wozu
+man vielleicht mehr als zu jedem andern treulich herangebildet sein
+muss? Ich hatte mich seit so viel Jahren zu Geschäften, meinen
+Fähigkeiten angemessen, gewöhnt, und zwar solchen, die zu städtischen
+Bedürfnissen und Zwecken kaum verlangt werden möchten. Ja, ich durfte
+hinzufügen, dass, wenn eigentlich nur Bürger in den rat aufgenommen
+werden sollten, ich nunmehr jenem Zustand so entfremdet sei, um mich
+völlig als einen Auswärtigen zu betrachten.
+
+Dieses alles gab ich meiner Mutter dankbar zu erkennen, welche sich
+auch wohl nichts anderes erwartete. Freilich mag dieser Brief spät
+genug zu ihr gelangt sein.
+
+
+
+
+Trier, den 29. Oktober.
+
+Mein junger Freund, mit dem ich gar manche angenehme
+wissenschaftliche und literarische Unterhaltung genoss, war auch im
+Geschichtlichen der Stadt und Umgebung gar wohl erfahren. Unsere
+Spaziergänge bei leidlichem Wetter waren deshalb immer belehrend,
+und ich konnte mir das Allgemeinste merken.
+
+Die Stadt an sich hat einen auffallenden Charakter: sie behauptet,
+mehr geistliche Gebäude zu besitzen als irgendeine andere von
+gleichem Umfang, und möchte ihr dieser Ruhm wohl kaum zu leugnen
+sein; denn sie ist innerhalb der Mauern von Kirchen, Kapellen,
+Klöstern, Konventen, Kollegien, Ritter- und Brüdergebäuden belastet,
+ja erdrückt, außerhalb von Abteien, Stiftern, Kartausen blockiert,
+ja belagert. Dieses zeugt denn von einem weiten geistlichen
+Wirkungskreis, welchen der Erzbischof sonst von hier aus beherrschte;
+denn seine Diözes war auf Metz, Toul und Verdun ausgedehnt. Auch dem
+weltlichen Regiment fehlt es nicht an schönen Besitztümern, wie denn
+der Kurfürst von Trier auf beiden Seiten der Mosel ein herrliches
+Land beherrscht; und so fehlt es auch Trier nicht an Palästen, welche
+beweisen, dass zu verschiedener Zeit von hier aus die Herrschaft sich
+weit und breit erstreckte.
+
+Der Ursprung der Stadt verliert sich in die Fabelzeit; das
+erfreuliche Lokal mag früh genug Anbauende hierher gelockt haben. Die
+Trevirer waren ins Römische Reich eingeschlossen, erst Heiden, dann
+Christen, von Normannen und von Franken überwältigt, und zuletzt ward
+das schöne Land dem Römisch-Deutschen Reiche einverleibt.
+
+Ich wünschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen
+Tagen zu sehen, ihre Bürger näher kennen zu lernen, welche von jeher
+den Ruf haben, freundlich und fröhlich zu sein. Von erster
+Eigenschaft finden sich in diesem Augenblick wohl noch Spuren, von
+der zweiten kaum; und wie sollte Fröhlichkeit sich in einem so
+widerwärtigen Zustand erhalten!
+
+Freilich, wer in die Annalen der Stadt zurücksieht, findet
+wiederholte Nachricht von Kriegsunheil, das diese Gegend betroffen,
+da das Moseltal, ja der Fluss selbst dergleichen Züge begünstigt.
+Attila sogar aus dem fernsten Osten hatte mit seinem unzählbaren
+Heere Vor- und Rückzug, wie wir, durch diese Flussregion genommen.
+Was erduldeten die Einwohner nicht im Dreißigjährigen Kriege, bis zu
+Ende des siebzehnten Jahrhunderts, indem sich der Fürst an
+Frankreich, als den nachbarlichsten Alliierten, angeschlossen hatte
+und darüber in langwierige österreichische Gefangenschaft geriet.
+Auch an inneren Kriegen erkrankte die Stadt mehr als einmal, wie es
+überall in bischöflichen Städten sich ereignen musste, wo der Bürger
+mit geistlich-weltlicher Obergewalt sich nicht immer vertragen konnte.
+
+Mein Führer, indem er mich geschichtlich unterrichtete, machte mich
+auf Gebäude der verschiedensten Zeit aufmerksam, wovon das meiste
+kurios und daher wohl merkwürdig schien, weniges aber dem
+Geschmacksurteil erfreulich zusagte, wie vorher an dem Monumente zu
+Igel gerühmt werden konnte.
+
+Die Reste des römischen Amphitheaters fand ich respektabel; da aber
+das Gebäude über sich selbst zusammengestürzt und wahrscheinlich
+mehrere Jahrhunderte als Steinbruch behandelt war, ließ sich
+nichts entziffern. Bewundernswert jedoch war noch immer, wie die
+Alten, ihrer Weisheit gemäß, große Zwecke mit mäßigen Mitteln
+hervorzubringen suchten und die Naturgelegenheit eines Tals zwischen
+zwei Hügeln zu nutzen gewusst, wo die Gestalt des Bodens an
+Exkavation und Substruktion dem Baumeister vieles glücklich ersparte.
+Wenn man nun von den ersten Höhen des Martisberges, wo diese Ruine
+gelegen, etwas weiter aufsteigt, so sieht man über alle Reliquien der
+Heiligen, über Dom, Dächer und Schirme nach dem Apolloberg hinüber,
+und so behaupten beide Götter, den Merkur zur Seite, ihres Namens
+Gedächtnis: die Bilder waren zu beseitigen, der Genius nicht.
+
+Zu Betrachtung der Baukunst früherer Mittelzeit bietet Trier
+merkwürdige Monumente: ich habe von solchen Dingen wenige Kenntnis,
+und sie sprechen nicht zum gebildeten Sinn. Mich wollte der Anblick
+bei einiger Teilnahme verwirren; manches davon ist verschüttet,
+zerstückt, zu anderem Gebrauch gewidmet.
+
+Über die große Brücke, auch noch im Altertum gegründet, führte man
+mich im heitersten Moment, hier nun sieht man deutlich, wie die Stadt
+auf einer mit ausspringendem Winkel nach dem Fluss zudrängenden
+Fläche, welche denselben gegen das linke Ufer hinweist, erbaut ist.
+
+Nun überschaut man vom Fuß des Apolloberges Fluss, Brücke, Mühlen,
+Stadt und Gegend, da sich denn die noch nicht ganz entlaubten
+Weinberg, sowohl zu unsern Füßen als auf den ersten Höhen des
+Martisberges gegenüber, gar freundlich ausnahmen, anschaulich
+machten, in welcher gesegneten Gegend man sich befinde, und ein
+Gefühl von Wohlfahrt und Behagen erweckten, welches über den
+Weinländern in der Luft zu schweben scheint. Die besten Sorten
+Moselwein, die uns nun zuteil wurden, schienen nach diesem Überblick
+einen angenehmern Geschmack zu haben.
+
+
+
+
+Trier, den 29. Oktober.
+
+Unser fürstlicher Heerführer kam an und nahm Quartier im Kloster St.
+Maximin. Diese reichen und sonst überglücklichen Menschen hatten denn
+freilich schon eine gute Zeit her große Unruhe erduldet: die Brüder
+des Königs waren dort einquartiert gewesen, und nachher war es nicht
+wieder leer geworden. Eine solche Anstalt, aus Ruh' und Frieden
+entsprungen, auf Ruh' und Friede berechnet, nahm sich freilich unter
+diesen Umständen wunderlich aus, da, man mochte noch so schonend
+verfahren, ein gewaltiger Gegensatz des Ritter- und Mönchtums sich
+hervortat. Der Herzog wusste jedoch hier wie überall, selbst als
+ungebetener Gast, durch Freigebigkeit und freundliches Betragen sich
+und die Seinigen angenehm zu machen.
+
+Mich aber sollte auch hier der böse Kriegsdämon wieder verfolgen.
+Unser guter Obrist von Gotsch war gleichfalls im Kloster
+einquartiert; ich fand ihn zur Nacht seinen Sohn bewachend und
+besorgend, welcher an der unglücklichen Krankheit gleichfalls hart
+daniederlag. Hier musst' ich nun wieder die Litanei und Verwünschung
+unseres Feldzugs aus dem Mund eines alten Soldaten und Vaters
+vernehmen, der die sämtlichen Fehler mit Leidenschaft zu rügen
+berechtigt war, die er als Soldat einsah und als Vater verfluchte.
+Auch die Isletten kamen wieder zur Sprache, und es musste wirklich
+ein jeder, der sich diesen unseligen Punkt deutlich machte, durchaus
+verzweifeln.
+
+Ich erfreute mich der Gelegenheit, die Abtei zu sehen, und fand ein
+weitläufiges, wahrhaft fürstliches Gebäude; die Zimmer von
+bedeutender Größe und Höhe, und die Fußboden getäfelt, Samt und
+damastne Tapeten, Stuckatur, Vergoldung und Schnitzwerk nicht
+gespart, und was man sonst in solchen Palästen zu sehen gewohnt ist,
+alles doppelt und dreifach in großen Spiegeln wiederholt.
+
+Auch ward den einquartierten Personen ganz wohl dahier; die Pferde
+jedoch konnten nicht sämtlich untergebracht werden, sie mussten unter
+freiem Himmel aushalten, ohne Lagerstätte, Raufen und Tröge.
+Unglücklicherweise waren die Futtersäcke gefault, und so musste der
+Hafer von der Erde aufgeschnopert werden.
+
+Wenn aber die Stallungen unbedeutend waren, so fand man die Keller
+desto geräumiger. Noch über die eigenen Weinberge genoss das Kloster
+die Einnahme von vielen Zehnten. Freilich mochte in den letzten
+Monaten gar manches Stückfass geleert worden sein, es lagen deren
+viele auf dem Hof.
+
+
+
+
+Den 30. Oktober
+
+gab unser Fürst große Tafel: drei der vornehmsten geistlichen Herren
+waren eingeladen, sie hatten köstliches Tischzeug, sehr schönes
+Porzellanservice hergegeben; von Silber war wenig zu sehen, Schätze
+und Kostbarkeiten lagen in Ehrenbreitstein. Die Speisen von den
+fürstlichen Köchen schmackhaft zubereitet; Wein, der uns früher hatte
+nach Frankreich folgen sollen, von Luxemburg zurückkehrend, ward hier
+genossen; was aber am meisten Lob und Preis verdiente, war das
+kostbarste weiße Brot, das an den Gegensatz des Kommissbrots bei Hans
+erinnerte.
+
+Ich hatte mich, als ich nach Trierscher Geschichte in diesen Tagen
+forschte, notwendig auch um die Abtei St. Maximin bekümmern müssen;
+ich konnte daher mit meinem geistlichen Nachbar ein ganz
+auslangendes, geschichtliches Gespräch führen. Das hohe Alter des
+Stifts ward vorausgesetzt; dann gedachte man seiner mannigfaltig
+wechselnden Schicksale, der nahen Lage des Stifts and er Stadt,
+beiden Teilen gleich gefährlich; wie es denn im Jahr 1674
+niedergebrannt und völlig verwüstet wurde. Von dem Wiederaufbau und
+der allmählichen Herstellung in den gegenwärtigen Zustand ließ ich
+mich auch unterrichten. Dazu konnte man viel Gutes sagen und die
+Anstalten preisen, welches der geistliche Herr auch gern vernahm;
+von den letzten Zeiten aber wollte er nichts Rühmliches wissen: die
+französischen Prinzen waren da lange im Quartier gelegen, und man
+hatte von manchem Unfug, Übermut und Verschwendung zu hören.
+
+Bei Abwechslung des Gesprächs daher ging ich wieder ins
+Geschichtliche zurück; als ich aber der früheren Zeit erwähnte, wo
+das Stift sich dem Erzbischof gleichgesetzt und der Abt Reichsstand
+des Römisch-Deutschen Reichs gewesen, wich er lächelnd aus, als wenn
+er eine solche Erinnerung in der neusten Zeit für verfänglich halte.
+
+Die Sorge des Herzogs für sein Regiment ward nun tätig und klar; denn
+als die Kranken zu Wagen fortzubringen unmöglich war, so ließ der
+Fürst ein Schiff mieten, um sie bequem nach Koblenz zu transportieren.
+
+Nun aber kamen andere auf eine eigene Weise presshafte Kriegsmänner
+an. Auf dem Rückzug hatte man gar blad bemerkt, dass die Kanonen
+nicht fortzubringen seien: die Artilleriepferde kamen um, eines nach
+dem andern, wenig Vorspann war zu finden, die Pferde, auf dem Hinzug
+requiriert, beim Herzug geflüchtet, fehlten überall. Man griff zu der
+letzten Maßregel: Von jedem Regiment musste eine starke Anzahl Reiter
+absitzen und zu Fuß wandern, damit das Geschütz gerettet werde. In
+ihren steifen Stiefeln, die zuletzt nicht mehr durchhalten wollten,
+litten diese braven Menschen bei dem schrecklichen Wege unendlich;
+aber auch ihnen erheiterte sich die Zeit, denn es ward Anstalt
+getroffen, dass auch sie zu Wasser nach Koblenz fahren konnten.
+
+
+
+
+November.
+
+Mein Fürst hatte mir aufgetragen, dem Marquis Lucchesini aufzuwarten,
+eine Abschiedsempfehlung auszusprechen und mich nach einigem zu
+erkundigen. Bei später Abendzeit, nicht ohne einige Schwierigkeiten,
+ward ich bei diesem mir früher nicht ungewogenen, bedeutenden Mann
+eingelassen. Die Anmut und Freundlichkeit, mit der er mich empfing,
+war wohltätig; nicht so die Beantwortung meiner Fragen und Erfüllung
+meiner Wünsche. Er entließ mich, wie er mich aufgenommen hatte, ohne
+mich im mindesten zu fördern, und man wird mir zutrauen, dass ich
+darauf vorbereitet gewesen.
+
+Als ich nun die Abfahrt jener kranken und ermüdeten Reiter eifrig
+betreiben sah, ergriff mich gleichfalls das Gefühl, es sei wohl am
+besten getan, einen Ausweg auf dem Wasser zu suchen. Sehr ungern ließ
+ich meine Chaise zurück, die man mir aber nach Koblenz nachzusenden
+versprach, und mietete ein einmänniges Boot, wo mir denn beim
+Einschiffen meine sämtlichen Habseligkeiten, gleichsam vorgezählt,
+einen sehr angenehmen Eindruck machten, indem ich sie mehr als einmal
+verloren glaubte oder zu verlieren fürchtete. Zu dieser Fahrt
+gesellte sich ein preußischer Offizier, den ich als alten Bekannten
+aufnahm, dessen ich mich als Pagen gar wohl erinnerte und dem seine
+Hofzeit noch gar deutlich vorschwebte; wie er mir denn gewöhnlich den
+Kaffee wollte präsentiert haben.
+
+Das Wetter war leidlich, die Fahrt ruhig, und man erkannte die Anmut
+dieser Wohltat umso mehr, je mühseliger auf dem Landweg, der sich dem
+Fluss hie und da näherte, die Kolonnen dahin zogen oder auch wohl von
+Zeit zu Zeit stockend verweilten. Schon in Trier hatte man geklagt,
+dass bei so eiligem Rückmarsch die größte Schwierigkeit sei, Quartier
+zu finden, indem gar oft die einem Regiment angewiesenen Ortschaften
+schon besetzt gefunden worden, wodurch große Not und Verwirrung
+entstehe.
+
+Die Uferansichten der Mosel waren längs dieser Fahrt höchst
+mannigfaltig; denn obgleich das Wasser eigensinnig seinen Hauptlauf
+von Südwest nach Nordost richtet, so wird es doch, da es ein
+schikanöses gebirgisches Terrain durchstreift, von beiden Seiten
+durch vorspringende Winkel bald rechts bald links gedrängt, so dass
+es nur im weitläufigen Schlangengang fortwandeln kann. Deswegen ist
+denn aber auch ein tüchtiger Fährmeister höchst nötig; der unsere
+bewies Kraft und Gewandtheit, indem er bald hier einen vorgeschobenen
+Kies zu vermeiden, sogleich aber dort den an steiler Felswand
+herflutenden Strom zu schnellerer Fahrt kühn zu benutzen wusste. Die
+vielen Ortschaften zu beiden Seiten gaben den muntersten Anblick; der
+Weinbau, überall sorgfältig gepflegt, ließ auf ein heiteres Volk
+schließen, das keine Mühe schont, den köstlichen Saft zu erzielen.
+Jeder sonnige Hügel war benutzt, bald aber bewunderten wir schroffe
+Elsen am Strom, auf deren schmalen vorragenden Kanten, wie auf
+zufälligen Naturterrassen, der Weinstock zum allerbesten gedieh.
+
+Wir landeten bei einem artigen Wirtshaus, wo uns eine alte Wirtin
+wohl empfing, manches erduldete Ungemach beklagte, den Emigrierten
+aber besonders alles Böse gönnte. Sie habe, sagte sie, an ihrem
+Wirtstisch gar oft mit Grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen
+Menschen das liebe Brot kugel- und brockenweise sich an den Kopf
+geworfen, so dass sie und ihre Mägde es nachher mit Tränen
+zusammengekehrt.
+
+Und so ging es mit gutem Glück und Mut immer weiter hinab bis zur
+Dämmerung, da wir uns denn aber in das mäandrische Flussgewinde, wie
+es sich gegen die Höhen von Montroyal herandrängt, verschlungen
+sahen. Nun überfiel uns die Nacht, bevor wir Trarbach erreichen oder
+auch nur gewahren konnten. Es ward stockfinster, eingeengt wussten
+wir uns zwischen mehr oder weniger steilem Ufer, als ein Sturm,
+bisher schon ruckweise verkündigt, gewaltsam anhaltend hereinbrach:
+bald schwoll der Strom im Gegenwind, bald wechselten abprallende
+Windstöße niederstürzend mit wütendem Sausen; eine Welle nach der
+anderen schlug über den Kahn, wir fühlten uns durchnässt. Der
+Schiffmeister barg nicht seine Verlegenheit; die Not schien immer
+größer, je länger sie dauerte, und der Drang war aufs höchste
+gestiegen, als der wackere Mann versicherte, er wisse weder wo er
+sei, noch wohin er steuern solle.
+
+Unser Begleiter verstummte, ich war still in mir gefasst. Wir
+schwebten in der tiefsten Finsternis, nur manchmal wollte mir
+schienen, dass Massen über mir doch noch etwas dunkler als
+der verfinsterte Himmels ich dem Auge bemerkbar machten; dies
+gewährte jedoch wenig Trost und Hoffnung: zwischen Land und Fels
+eingeschlossen zu sein, drang sich immer ängstlicher auf. Und so
+wurden wir im Stockfinstern lange hin und her geworfen, bis sich
+endlich in der Ferne ein Licht und damit auch Hoffnung auftat. Nun
+ward nach Möglichkeit drauf los gesteuert und gerudert, wobei sich
+Paul nach Kräften tätig erwies.
+
+Endlich stiegen wir in Trarbach glücklich ans Land, wo man uns in
+einem leidlichen Gasthof Henne mit Reis alsobald anbot. Ein
+angesehener Kaufmann aber, die Landung von Fremden in so tiefer
+stürmischer Nacht vernehmend, nötigte uns in sein Haus, wo wir bei
+hellem Kerzenschein, in wohl geschmückten Zimmern englische schwarze
+Kunstblätter, in Rahm und Glas gar zierlich aufgehangen, mit Freude,
+ja mit Rührung gegen die kurz vorher erduldeten finsteren
+Gefährlichkeiten begrüßend erblickten. Herr und Frau, noch junge
+Leute, beeiferten sich, uns gütlich zu tun; wir genossen des
+köstlichsten Moselweins, an dem sich mein Gefährte, der eine
+Wiederherstellung freilich am nötigsten haben mochte, besonders
+erquickte.
+
+Paul gestand, dass er schon Rock und Stiefel ausgezogen, um, wenn wir
+scheitern sollten, uns durch Schwimmen zu erretten; wobei er sich
+denn freilich nur allein möchte durchgebracht haben.
+
+Kaum hatten wir uns getrocknet und geletzt, als es in mir schon
+wieder zu treiben anfing und ich fortzueilen begehrte. Der
+freundliche Wirt wollte uns nicht entlassen, sondern verlangte
+vielmehr, wir sollten den morgenden Tag noch zugeben, versprach auch
+von einer benachbarten Höhe die weiteste, schönste Aussicht übe rein
+bedeutend Gelände und manches andere, was uns zur Erquickung und
+Zerstreuung hätte dienen können. Aber es ist wunderbar: wie sich der
+Mensch an ruhige Zustände gewöhnt und in denselben verharren mag, so
+gibt es auch eine Gewöhnung zum Unruhigen; es war in mir die Nötigung
+zu einem rollenden Forteilen, der ich nicht gebieten konnte.
+
+Als wir daher fortzueilen im Begriff standen, nötigte uns der wackere
+Mann noch zwei Matratzen auf, damit wir im Schiff wenigstens einige
+Bequemlichkeit hätten; die Frau gab solche nicht gerne her, welches
+ihr, da der Barchent neu und schön, gar nicht zu verdenken war. Und
+so ereignet sich's oft in Einquartierungsfällen, dass bald der eine,
+bald der andere Gatte dem aufgedrungenen Gast mehr oder weniger wohl
+will.
+
+Bis Koblenz schwammen wir ruhig hinunter, und ich erinnere mich nur
+deutlich, dass ich am Ende der Fahrt das schönste Naturbild gesehen,
+was mir vielleicht zu Augen gekommen. Als wir gegen die Moselbrücke
+zu fuhren, stand uns dieses schwarze mächtige Bauwerk kräftig
+entgegen; durch die Bogenöffnungen aber schauten die stattlichen
+Gebäude des Tals, über der Brückenlinie sodann das Schloss
+Ehrenbreitstein im blauen Duft durch und hervor. Rechts bildete die
+Stadt, an die Brücke sich anschließend, einen tüchtigen Vorgrund.
+Dieses Bild gab einen herrlichen, aber nur augenblicklichen Genuss,
+denn wir landeten und schickten sogleich gewissenhaft die Matratzen
+unversehrt an das von den wackeren Trarbachern uns bezeichnete
+Handelshaus.
+
+Dem Herzog von Weimar war ein schönes Quartier eingeräumt, worin auch
+ich ein gutes Unterkommen fand. Die Armee rückte nach und nach heran;
+die Dienerschaft des fürstlichen Generals traf ein und konnte nicht
+genug von den Unbilden erzählen, die sie erleiden müssen. Wir
+segneten uns, die Wasserfahrt eingeschlagen zu haben, und die
+glücklich überstandene Windsbraut schien nur ein geringes Übel gegen
+eine stockende und überall gehinderte Landfahrt.
+
+Der Fürst selbst war angekommen, um den König versammelten sich viele
+Generale. Ich aber, in einsamen Spaziergängen den Rhein hin,
+wiederholte mir die wunderlichen Ereignisse der vergangenen Wochen.
+
+ * * * * *
+
+Ein französischer General, Lafayette, Haupt einer großen Partei, vor
+kurzem der Abgott seiner Nation, des vollkommensten Vertrauens der
+Soldaten genießend, lehtn sich gegen die Obergewalt auf, die allein
+nach Gefangennehmung des Königs das Reich repräsentiert; er
+entflieht, seine Armee, nicht stärker als 23000 Mann, bleibt ohne
+General und Oberoffiziere, desorganisiert, bestürzt.
+
+Zur selbigen Zeit betritt ein mächtiger König, mit einem 80000 Mann
+starken verbündeten Heer, den Boden von Frankreich; zwei befestigte
+Städte, nach geringem Zaudern, ergeben sich.
+
+Nun erscheint ein wenig gekannter General, Dumouriez; ohne jemals
+einen Oberbefehl geführt zu haben, nimmt er, gewandt und klug, eine
+sehr starke Stellung; sie wird durchbrochen, und doch erreicht er
+eine zweite, wird auch daselbst eingeschlossen und zwar so, dass der
+Feind sich zwischen ihn und Paris stellt.
+
+Aber sonderbar verwickelte Zustände werden durch anhaltendes
+Regenwetter herbeigeführt; das furchtbare alliierte Heer, nicht
+weiter als sechs Stunden von Chalons und zehn von Reims, sieht sich
+abgehalten, diese beiden Orte zu gewinnen, bequemt sich zum Rückzug,
+räumt die zwei eroberten Plätze, verliert über ein Drittel seiner
+Mannschaft, und davon höchstens 2000 durch die Waffen, und sieht sich
+nun wieder am Rhein. Alle diese Begegnisse, die an das Wunderbare
+grenzen, ereignen sich in weniger als sechs Wochen, und Frankreich
+ist aus der größten Gefahr gerettet, deren seien Jahrbücher jemals
+gedenken.
+
+Vergegenwärtige man sich nun die vielen tausend Teilnehmer an solchem
+Missgeschick, denen das grimmige Leibes- und Seelenleiden einiges
+Recht zur Klage zu geben schien, so wird man sich leicht vorstellen,
+dass nicht alles im stillen abgetan ward, und so sehr man sich auch
+vorzusehen gedachte, doch aus einem vollen Herzen der Mund zuzeiten
+überging.
+
+Und so begegnete denn auch mir, dass ich an großer Tafel neben einem
+alten trefflichen General saß und vom Vergangenen zu sprechen mich
+nicht ganz enthielt, worauf er mir, zwar freundlich, aber mit
+gewisser Bestimmtheit antwortete: "Erzeigen Sie mir morgen früh die
+Ehre, mich zu besuchen, da wir uns hierüber freundlich und aufrichtig
+besprechen wollen." Ich schien es anzunehmen, blieb aber aus und
+gelobte mir innerlich, das gewohnte Stillschweigen so bald nicht
+wieder zu brechen.
+
+Auf der Wasserfahrt sowie auch in Koblenz hatte ich manche Bemerkung
+gemacht zum Vorteil meiner chromatischen Studien; besonders war mir
+über die epooptischen Farben ein neues Licht aufgegangen, und ich
+konnte immer mehr hoffen, die physischen Erscheinungen in sich zu
+verknüpfen und sie von andern abzusondern, mit denen sie in
+entfernterer Verwandtschaft zu stehen schien.
+
+Auch kam mir des treuen Kämmerier Wagner Tagebuch zu Ergänzung des
+meinigen gar wohl zustatten, das ich in den letzten Tagen ganz und
+gar vernachlässigt hatte.
+
+Des Herzogs Regiment war herangekommen und kantonierte in den Dörfern
+gegen Neuwied über. Hier bewies der Fürst die väterlichste Sorgfalt
+für seine Untergebenen: jeder einzelne durfte seine Not klagen, und
+soviel nur möglich ward abgestellt und nachgeholfen. Leutnant von
+Flotow, in der Stadt auf Kommando stehend und dem Wohltäter am
+nächsten, erwies sich tätig und hilfreich. Dem Hauptbedürfnis an
+Schuhen und Stiefeln wurde dadurch abgeholfen, dass man Leder kaufte
+und die im Regiment sich findenden Schuster unter den Meistern der
+Stadt arbeiten ließ. Auch für Reinlichkeit und Zierde war gesorgt,
+gelbe Kreide angeschafft, die Kolletts gesäubert und gefärbt, und
+unsere Reiter trabten wieder ganz schmuck einher.
+
+Meine Studien jedoch sowohl als die heitere Unterhaltung mit den
+Kanzlei- und Hausgenossen wurden gar sehr belebt durch den Ehrenwein,
+welcher, von trefflicher Moselsorte, unserem Fürsten vom Stadtrat
+gereicht ward und welchen wir, da der Fürst meist auswärts speiste,
+zu genießen die Erlaubnis hatten. Als wir Gelegenheit fanden, einem
+von den Gebern darüber ein Kompliment zu machen, und dankbar
+anerkannten, dass sie sich bei solcher Gelegenheit um unsertwillen
+mancher guten Flasche berauben wollen, vernahmen wir die Erwiderung:
+dass sie uns dies und noch viel mehr gönnten und nur die Fässer
+bedauerten, welche sie an die Emigrierten wenden müssen, welche zwar
+viel Geld, aber auch viel Unheil über die Stadt gebracht, ja den
+Zustand derselben völlig umgekehrt; besonders aber wollte man
+ihr Betragen gegen den Fürsten nicht rühmen, an dessen Stelle
+sie sich gewissermaßen gesetzt und gegen seine Willen kühnlich
+Unverantwortliches unternommen.
+
+In der letzten, Unheil drohenden Zeit, war er auch nach Regensburg
+abgereist, und ich schlich, zu schöner heiterer Mittagsstunde, an
+sein Schloss hin, das auf dem linken Rheinufer, etwas oberhalb der
+Stadt, wunderschön, seitdem ich diese Gegen nicht betreten, aus der
+Erde gewachsen war. Es stand einsam und als die allerneuste, wenn
+auch nicht architektonische, doch politische Ruine da, und ich hatte
+nicht den Mut, mir von dem umherwandelnden Schlossvogt den Eingang zu
+gewinnen. Wie schön war die nähere und weitere Umgebung, wie angebaut
+und gartenreich der Raum zwischen Schloss und Stadt, die Aussicht den
+Rhein stromauf ruhig und besänftigend, gegen Stadt und Festung aber
+prächtig und aufregend.
+
+In der Absicht, mich übersetzen zu lassen, ging ich zur fliegenden
+Brücke, ward aber aufgehalten oder hielt mich vielmehr selbst auf, in
+Beschauung eines österreichischen Wagentransportes, welcher nach und
+nach übergesetzt wurde. Hier ereignete sich ein Streit zwischen einem
+preußischen und österreichischen Unteroffizier, welcher den Charakter
+beider Nationen klar ins Licht setzte.
+
+Vom Österreicher, der hierher postiert war, um die möglich schnelle
+Überfahrt der Wagenkolonne zu beaufsichtigen, aller Verwirrung
+vorzubeugen und deshalb kein anderes Fuhrwerk dazwischen zu lassen,
+verlangte der Preuße heftig eine Ausnahme für sein Wägelchen, auf
+welchem Frau und Kind mit einigen Habseligkeiten gepackt waren. Mit
+großer Gelassenheit versagte der Österreicher die Forderung, auf die
+Order sich berufend, die ihm dergleichen ausdrücklich verbiete; der
+Preuße ward heftiger, der Österreicher wo möglich gelassener; er litt
+keine Lücke in der ihm empfohlenen Kolonne, und der andere fand sich
+einzudrängen keinen Raum. Endlich schlug der Zudringliche an seinen
+Säbel und forderte den Widerstehenden heraus: mit Drohen und
+Schimpfen wollte er seinen Gegner ins nächste Gässchen bewegen, um
+die Sache daselbst auszumachen; der höchst, ruhige, verständige Mann
+aber, der die Rechte seines Postens gar wohl kannte, rührte sich
+nicht und hielt Ordnung nach wie vor.
+
+Ich wünschte diese Szene wohl von einem Charakterzeichner aufgefasst,
+denn wie im Betragen so auch in Gestalt unterschieden sich beide: der
+Gelassene war stämmig und stark, der Wütende -- denn zuletzt erwies
+er sich so -- hager, lang, schmächtig und rührig.
+
+Die auf diesen Spaziergang zu verwendende Zeit war zum Teil schon
+verstrichen, und mir vertrieb die Frucht vor ähnlichen Retardationen
+bei der Rückkehr jede Lust, das sonst so geliebte Tal zu besuchen,
+das doch nur das Gefühl schmerzlichen Entbehrens erregt und mich
+fruchtlos zu Betrachtung früherer Jahre aufgeregt hätte; doch stand
+ich lange hinüberschauend, friedlicher Zeiten mitten im verwirrenden
+Wechsel irdischer Ereignisse treulich eingedenk.
+
+Und so traf es zufällig, dass ich von den Maßregeln zum ferneren
+Feldzug auf dem rechten Ufer näher unterrichtet ward. Des Herzogs
+Regiment rüstete sich, hinüberzuziehen; der Fürst selbst mit seiner
+ganzen Umgebung sollte folgen. Mir bangte vor jeder Fortsetzung des
+kriegerischen Zustandes, und das Fluchtgefühl ergriff mich abermals.
+Ich möchte dies ein umgekehrtes Heimweh nennen, eine Sehnsucht ins
+Weite statt ins Enge. Ich stand, der herrliche Fluss lag vor mir: er
+geleitete so sanft und lieblich hinunter, in ausgedehnter breiter
+Landschaft; er floss zu Freunden, mit denen ich, trotz manchem
+Wechseln und Wenden, immer treu verbunden geblieben. Mich verlangte
+aus der fremden, gewaltsamen Welt an Freundesbrust, und so mietete
+ich, nach erhaltenem Urlaub, eilig einen Kahn bis Düsseldorf, meine
+noch immer zurückbleibende Chaise Koblenzer Freunden empfehlend, mit
+Bitte, sie mir hinabwärts zu spedieren.
+
+Als ich nun mit meinen Habseligkeiten mich eingeschifft und sogleich
+auf dem Strom dahin schwimmen sah, begleitet vom getreuen Paul und
+einem blinden Passagier, welcher gelegentlich zu rudern sich verband,
+heilt ich mich für glücklich und von allem Übel befreit.
+
+Indessen standen noch einige Abenteuer bevor. Wir hatten nicht lange
+flussabwärts gerudert, als zu bemerken war, dass der Kahn ein starkes
+Leck haben müsse, indem der Fährmann von Zeit zu Zeit das Wasser
+fleißig ausschöpfte. Und nun entdeckte ich erst, dass wir, bei
+übereilt unternommener Fahrt, nicht bedacht hatten, wie auf die weite
+Strecke hinab vom Koblenz bis Düsseldorf der Schiffer nur ein altes
+Boot zu nehmen pflegt, um es unten als Brennholz zu verkaufen und,
+sein Fährgeld in der Tasche, ganz leicht nach Hause zu wandern.
+
+Indessen fuhren wir getrost dahin. Eine sternhelle, doch sehr kalte
+Nacht begünstigte unsere Fahrt, als auf einmal der fremde Ruderer
+verlangte, ans Land gesetzt zu werden, und sich mit dem Schiffer zu
+streiten anfing, an welcher Stelle es denn eigentlich für den Wandrer
+am vorteilhaftesten sei; worüber sie sich nicht vereinigen konnten.
+
+Unter diesen Händeln, die mit Heftigkeit geführt wurden, stürzte
+unser Fährmann ins Wasser und wurde nur mit Mühe herausgezogen. Nun
+konnte er bei heller, klarer Nacht nicht mehr aushalten und bat
+dringend um die Erlaubnis, bei Bonn anfahren zu dürfen, um sich zu
+trocknen und zu erwärmen. Mein Diener ging mit ihm in eine
+Schifferkneipe, ich aber beharrte, unter freiem Himmel zu bleiben,
+und ließ mir ein Lager auf Mantelsack und Portefeuille bereiten. So
+groß ist die Macht der Gewohnheit, dass mir, der ich die letzten
+sechs Wochen fast immer unter freiem Himmel zugebracht hatte, vor
+Dach und Zimmer graute. Diesmal aber entstand daraus für mich ein
+neues Unheil, welches man freilich hätte vorhersehen sollen: den Kahn
+hatte man zwar soweit als möglich auf den Strand gezogen, aber nicht
+so weit, dass er nicht durch das Leck noch hätte Wasser einnehmen
+können.
+
+Nach einem tiefen Schlaf fand ich mich mehr als erfrischt, denn das
+Wasser war bis zu meinem Lager gedrungen und hatte mich und meine
+Habseligkeiten durchnässt. Ich war daher genötigt, aufzustehen, das
+Wirtshaus aufzusuchen und mich in Tabak schmauchender, Glühwein
+schlürfender Gesellschaft so gut als möglich zu trocknen, worüber
+denn der Morgen ziemlich herankam und eine verspätete Reise durch
+frisches Rudern eifrig beschleunigt wurde.
+
+
+
+
+Zwischenrede
+
+
+Wenn ich mich nun so, in der Erinnerung, den Rhein hinunter schwimmen
+sehe, wüsst' ich nicht genau zu sagen, was in mir vorging. Der
+Anblick eines friedlichen Wasserspiegels, das Gefühl der bequemen
+Fahrt auf demselben ließ mich nach der kurz vergangenen Zeit
+zurückschauen wie auf einen bösen Traum, von dem ich mich soeben
+erwacht fände; ich überließ mich den heitersten Hoffnungen eines
+nächsten gemütlichen Zusammenseins.
+
+Nun aber, wenn ich mitzuteilen fortfahren soll, muss ich eine andere
+Behandlung wählen, als dem bisherigen Vortrag wohl geziemte: denn wo
+Tag für Tag das Bedeutendste vor unsern Augen vorgeht, wenn wir mit
+so viel Tausenden leiden und fürchten und nur furchtsam hoffen, dann
+hat die Gegenwart ihren entschiedenen Wert und, Schritt vor Schritt
+vorgetragen, erneut sie das Vergangene, indem sie auf die Zukunft
+hindeutet.
+
+Was aber in geselligen Zirkeln sich ereignet, kann nur aus einer
+sittlichen Folge der Äußerungen innerlicher Zustände begriffen
+werden: die Reflexion ist hier an ihrer Stelle, der Augenblick
+spricht nicht für sich selbst, Andenken an das Vergangene, spätere
+Betrachtungen müssen ihn dolmetschen.
+
+Wie ich überhaupt ziemlich unbewusst lebte und mich vom Tag zum Tage
+führen ließ, wobei ich mich, besonders die letzten Jahre, nicht übel
+befand, so hatte ich die Eigenheit, niemals weder eine nächst zu
+erwartende Person noch eine irgend zu betretende Stelle voraus zu
+denken, sondern diesen Zustand unvorbereitet auf mich einwirken zu
+lassen. Der Vorteil, der daraus entsteht, ist groß: man braucht von
+einer vorgefassten Idee nicht wieder zurückzukommen, nicht ein
+selbstbeliebig gezeichnetes Bild wieder auszulöschen und mit
+Unbehagen die Wirklichkeit an dessen Stelle aufzunehmen; der Nachteil
+dagegen mag wohl hervortreten, dass wir mit Unbewusstsein in
+wichtigen Augenblicken nur herumtasten und uns nicht gerade in jeden
+ganz unvorhergesehenen Zustand aus dem Stegreif zu finden wissen.
+
+In eben dem Sinn war ich auch niemals aufmerksam, was meine
+persönliche Gegenwart und Geistesstimmung auf die Menschen wirke, da
+ich denn oft ganz unerwartet fand, dass ich Neigung oder Abneigung
+und sogar oft beides zugleich erregte.
+
+Wollte man nun auch dieses Betragen als eine individuelle Eigenheit
+weder loben noch tadeln, so muss doch bemerkt werden, dass sie im
+gegenwärtigen Fall gar wunderliche Phänomene, und nicht immer die
+erfreulichsten, hervorbrachte.
+
+Ich war mit jenen Freunden seit vielen Jahren nicht zusammengekommen;
+sie hatten sich getreu an ihrem Lebensgang gehalten, dagegen mir das
+wunderbare Los beschieden war, durch manche Stufen der Prüfung, des
+Tuns und Duldens durchzugehen, so dass ich, in eben der Person
+beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden
+fast unkenntlich auftrat.
+
+Es würde schwer halten, auch in späteren Jahren, wo eine freiere
+Übersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen
+Übergängen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rückschritt
+erscheinen und doch alle dem Gott geführten Menschen zu Nutz und
+Frommen gereichen müssen. Ungeachtet solcher Schwierigkeiten aber
+will ich, meinen Freunden zuliebe, einige Andeutung versuchen.
+
+Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man
+Sehnsucht an ihm gewahr wird: sie drückt Besitz und Wunsch zugleich
+aus, den Besitz eines zärtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches
+in andern zu finden; durch jenes zeihen wir an, durch dieses geben
+wir uns hin.
+
+Das Sehnsüchtige, das in mir lag, das ich in früheren Jahren
+vielleicht zu sehr gehegt und bei fortschreitendem Leben kräftig zu
+bekämpfen trachtete, wollte dem Mann nicht mehr ziemen, nicht mehr
+genügen, und er suchte deshalb die volle, endliche Befriedigung.
+
+Das Ziel meiner innigsten Sehnsucht, deren Qual mein ganzes Inneres
+erfüllte, war Italien, dessen Bild und Gleichnis mir viele Jahre
+vergebens vorschwebte, bis ich endlich durch kühnen Entschluss die
+wirkliche Gegenwart zu fassen mich erdreistete. In jenes herrliche
+Land sind mir meine Freunde gern auch in Gedanken gefolgt, sie haben
+mich auf Hin- und Herwegen begleitet; möchten sie nun auch nächstens
+den längeren Aufenthalt daselbst mit Neigung teilen und von dort mich
+wieder zurück begleiten, da sich alsdann manches Problem fasslicher
+auflösen wird.
+
+In Italien fühlt' ich mich nach und nach kleinlichen Vorstellungen
+entrissen, falschen Wünschen enthoben, und an die Stelle der
+Sehnsucht nach dem Land der Künste setzte sich die Sehnsucht nach der
+Kunst selbst: ich war sie gewahr geworden, nun wünscht' ich sie zu
+durchdringen.
+
+Das Studium der Kunst, wie das der alten Schriftsteller, gibt uns
+einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst: indem sie unser
+Inneres mit großen Gegenständen und Gesinnungen füllt, bemächtigt sie
+sich aller Wünsche, die nach außen strebten, hegt aber jedes würdige
+Verlangen im stillen Busen; das Bedürfnis der Mitteilung wird immer
+geringer, und wie Malern, Bildhauern, Baumeistern, so geht es auch
+dem Liebhaber: er arbeitet einsam, für Genüsse, die er mit andern zu
+teilen kaum in den Fall kommt.
+
+Aber zu gleicher Zeit sollte mich noch eine Ableitung der Welt
+entfremden, und zwar die entschiedenste Wendung gegen die Natur, zu
+der ich aus eigenstem Trieb auf die individuellste Weise hingelenkt
+worden. Hier fand ich weder Meister noch Gesellen und musste selbst
+für alles stehen. In der Einsamkeit der Wälder und Gärten, in den
+Finsternissen der dunklen Kammer wär' ich ganz einzeln geblieben,
+hätte mich nicht en glückliches, häusliches Verhältnis in dieser
+wunderlichen Epoche lieblich zu erquicken gewusst. Die "Römischen
+Elegien," die "Venezianischen Epigramme" fallen in diese Zeit.
+
+Nun aber sollte mir auch ein Vorgeschmack kriegerischer
+Unternehmungen werden: denn, der schlesischen, durch den
+Reichenbacher Kongress geschlichteten Kampagne beizuwohnen beordert,
+hatte ich mich in einem bedeutenden Land durch manche Erfahrung
+aufgeklärt und erhoben gesehen und zugleich durch anmutige
+Zerstreuung hin- und hergaukeln lassen, indessen das Unheil der
+französischen Staats-Umwälzung, sich immer weiter verbreitend,
+jeden Geist, er mochte hin denken und sinnen, wohin er wollte, auf
+die Oberfläche der europäischen Welt zurückforderte und ihm die
+grausamsten Wirklichkeiten aufdrang. Rief mich nun gar die Pflicht,
+meinen Fürsten und Herrn erst in die bedenklichen, bald aber
+traurigen Ereignisse des Tags abermals hinein zu begleiten und das
+Unerfreuliche, das ich nur gemäßigt meinen Lesern mitzuteilen gewagt,
+männlich zu erdulden, so hätte alles, was noch Zartes und Herzliches
+sich ins Innerste zurückgezogen hatte, auslöschen und verschwinden
+mögen.
+
+Fasse man dies alles zusammen, so wird der Zustand, wie er
+nachstehend skizzenhaft verzeichnet ist, nicht ganz rätselhaft
+erscheinen; welches ich umso mehr wünschen muss, da ich ungern dem
+Trieb widerstehe, diese vor vielen Jahren flüchtig verfassten Blätter
+nach gegenwärtiger Einsicht und Überzeugung umzuschreiben.
+
+
+
+
+Pempelfort, November 1792.
+
+Es war schon finster, als ich in Düsseldorf landete und mich
+daher mit Laternen nach Pempelfort bringen ließ, wo ich nach
+augenblicklicher Überraschung die freundlichste Aufnahme fand;
+vielfaches Hin- und Hersprechen, wie ein solches wieder Sehen
+aufregt, nahm einen Teil der Nacht hinweg.
+
+Den nächsten Tag war ich durch Fragen, Antworten und Erzählen
+bald eingewohnt: der unglückliche Feldzug gab leider genugsame
+Unterhaltung, niemand hatte sich den Ausgang so traurig gedacht.
+Aber auch aussprechen konnte niemand die tiefe Wirkung eines beinahe
+vierwöchentlichen furchtbaren Schweigens, die sich immer steigernde
+Ungewissheit bei dem Mangel aller Nachrichten. Eben als wäre das
+alliierte Heer von der Erde verschlungen worden, so wenig verlautete
+von demselben; jedermann, in eine grässliche Leere hineinblickend,
+war von Furcht und Ängsten gepeinigt, und nun erwartete man mit
+Entsetzen die Kriegsläufe schon wieder in den Niederlanden, man sah
+das linke Rheinufer und zugleich das rechte bedroht.
+
+Von solchen Betrachtungen zerstreuten uns moralische und literarische
+Verhandlungen, wobei mein Realismus, zum Vorschein kommend, die
+Freunde nicht sonderlich erbaute.
+
+Ich hatte seit der Revolution, mich von dem wilden Wesen einigermaßen
+zu zerstreuen, ein wunderbares Werk begonnen, eine Reise von sieben
+Brüdern verschiedener Art, jeder nach seiner Weise dem Bund dienend,
+durchaus abenteuerlich und märchenhaft, verworren, Aussicht und
+Absicht verbergend, ein Gleichnis unseres eigenen Zustandes. Man
+verlangte eine Vorlesung, ich ließ mich nicht viel bitten und rückte
+mit meinen Heften hervor; aber ich bedurfte auch nur wenig Zeit, um
+zu bemerken, dass niemand davon erbaut sei. Ich ließ daher meine
+wandernde Familie in irgendeinem Hafen und mein weiteres Manuskript
+auf sich selbst beruhen.
+
+Meine Freunde jedoch, die sich in so veränderte Gesinnung nicht
+gleich ergeben wollten, versuchten mancherlei, um frühere Gefühle
+durch ältere Arbeiten wieder hervorzurufen, und gaben mir "Iphigenie"
+zur abendlichen Vorlesung in die Hand; das wollte mir aber gar nicht
+munden, dem zarten Sinn fühlt' ich mich entfremdet; auch von andern
+vorgetragen, war mir ein solcher Anklang lästig. Indem aber das Stück
+gar blad zurückgelegt ward, schien es, als wenn man mich durch einen
+höheren Grad von Folter zu prüfen gedenke. Man brachte "Ödipus auf
+Kolonos," dessen erhabene Heiligkeit meinem gegen Kunst, Natur und
+Welt gewendeten, durch eine schreckliche Kampagne verhärteten Sinn
+ganz unerträglich schien; nicht hundert Zeilen hielt ich aus. Da
+ergab man sich denn wohl in die Gesinnung des veränderten Freundes:
+fehlte es doch nicht an so mancherlei Anhaltepunkten des Gesprächs.
+
+Aus den früheren Zeiten deutscher Literatur ward manches einzelne
+erfreulich hervorgerufen, niemals aber drang die Unterhaltung in
+einen tieferen Zusammenhang, weil man Merkmale ungleicher Gesinnung
+vermeiden wollte.
+
+Soll ich irgendetwas Allgemeines hier einschalten, so war es schon
+seit zwanzig Jahren wirklich eine merkwürdige Zeit, wo bedeutende
+Existenzen zusammentrafen und Menschen von einer Seite sich
+aneinander schlossen, obgleich von der andern höchst verschieden:
+jeder brachte einen hohen Begriff von sich selbst zur Gesellschaft,
+und man ließ sich eine wechselseitige Verehrung und Schonung gern
+gefallen.
+
+Das Talent befestigte seinen erworbenen Besitz einer allgemeinen
+Achtung, durch gesellige Verbindungen wusste man sich zu hegen und zu
+fördern, die errungenen Vorteile wurden nicht mehr durch einzelne,
+sondern durch die übereinstimmende Mehrheit erhalten. Dass hierbei
+eine Art Absichtlichkeit durchwalten musste, lag in der Sache; so
+gut wie andere Weltkinder verstanden sie, eine gewisse Kunst in
+ihre Verhältnisse zu legen: man verzieh sich die Eigenheiten, eine
+Empfindlichkeit heilt der andern die Wage, und die wechselseitigen
+Missverständnisse blieben lange verborgen.
+
+Zwischen diesem allen hatte ich einen wunderlichen Stand: mein
+Talent gab mir einen ehrenvollen Platz in der Gesellschaft, aber
+meine heftige Leidenschaft für das, was ich als wahr und naturgemäß
+erkannte, erlaubte sich manche gehässige Ungezogenheit gegen
+irgendein scheinbar falsches Streben; weswegen ich mich auch mit den
+Gliedern jenes Kreises zu Zeiten überwarf, ganz oder halb versöhnte,
+immer aber im Dünkel des Rechthabens auf meinem Weg fortging. Dabei
+behielt ich etwas von der Ingenuität des Voltaireschen Huronen noch
+im späteren Alter, so dass ich zugleich unerträglich und
+liebenswürdig sein konnte.
+
+Ein Feld jedoch, in welchem man sich mit mehr Freiheit und
+Übereinstimmung erging, war die westliche, um nicht zu sagen
+französische Literatur. Jacobi, indem er seinen eigenen Weg wandelte,
+nahm doch Kenntnis von allem Bedeutenden, und die Nachbarschaft der
+Niederlande trug viel dazu bei, ihn nicht allein literarisch,
+sondern auch persönlich in jenen Kreis zu ziehen. Er war ein sehr
+wohlgestalteter Mann, von den vorteilhaftesten Gesichtszügen, von
+einem zwar gemessenen, aber doch höchst gefälligen Betragen,
+bestimmt, in jedem gebildeten Kreis zu glänzen.
+
+Wundersam war jene Zeit, die man sich kaum wieder vergegenwärtigen
+könnte. Voltaire hatte wirklich die alten Bande der Menschheit
+aufgelöst; daher entstand in guten Köpfen eine Zweifelsucht an dem,
+was man sonst für würdig gehalten hatte. Wenn der Philosoph von
+Ferney seine ganze Bemühung dahin richtete, den Einfluss der
+Geistlichkeit zu midnern und zu schwächen, und hauptsächlich Europa
+im Auge behielt, so erstreckte de Pauw seinen Eroberungsgeist über
+fernere Weltteile; er wollte weder Chinesen noch Ägyptern die Ehre
+gönnen, die ein vieljähriges Vorurteil auf sie gehäuft hatte. Als
+Kanonikus von Xanten Nachbar von Düsseldorf, unterhielt er ein
+freundschaftliches Verhältnis mit Jacobi. Und wie mancher andere
+wäre nicht hier zu nennen!
+
+Und so wollen wir doch noch Hemsterhuis einführen, welcher, der
+Fürstin Gallitzin ergeben, in dem benachbarten Münster viel
+verweilte. Dieser ging nun von seiner Seite mit Geistesverwandten auf
+zartere Beruhigung, auf ideelle Befriedigung aus und neigte sich, mit
+platonischen Gesinnungen, der Religion zu.
+
+Bei diesen fragmentarischen Erinnerungen muss ich auch noch Diderots
+gedenken, des heftigen Dialektikers, der sich auch eine Zeitlang in
+Pempelfort als Gast sehr wohl gefiel und mit großer Freimütigkeit
+seine Paradoxen behauptete.
+
+Auch waren Rousseaus und Naturzustände gerichtete Aussichten diesem
+Kreis nicht fremd, welcher nichts ausschloss, also auch mich nicht,
+ob er mich gleich eigentlich nur duldete.
+
+Denn wie die äußere Literatur auf mich in jüngeren Jahren gewirkt,
+ist an mehreren Orten schon angedeutet. Fremdes konnt' ich wohl in
+meinem Nutzen verwenden, aber nicht aufnehmen; deshalb ich mich denn
+über das Fremde mit andern ebenso wenig zu verständigen vermochte.
+Ebenso wunderlich sah es mit der Produktion aus: diese heilt immer
+gleichen Schritt mit meinem Lebensgang, und da dieser selbst für
+meine nächsten Freunde meist ein Geheimnis blieb, so wusste man
+selten mit einem meiner neuen Produkte sich zu befreunden, weil man
+denn doch etwas Ähnliches zu dem schon Bekannten erwartete.
+
+War ich nun schon mit meinen sieben Brüdern übel angekommen, weil sie
+Schwester Iphigenie nicht im mindesten glichen, so merkt' ich wohl,
+dass ich die Freunde durch meinen Groß-Cophta, der längst gedruckt
+war, sogar verletzt hatte; es war die Rede nicht davon, und ich
+hütete mich, sie darauf zu bringen. Indessen wird man mir gestehen,
+dass ein Autor, der in der Lage ist, seine neuesten Werke nicht
+vortragen oder darüber reden zu dürfen, sich so peinlich fühlen muss
+wie ein Komponist, der seine neusten Melodien zu wiederholen sich
+gehindert fühlte.
+
+Mit meinen Naturbetrachtungen wollte es mir kaum besser glücken: die
+ernstliche Leidenschaft, womit ich diesem Geschäft nachhing, konnte
+niemand begreifen, niemand sah, wie sie aus meinem Innersten
+entsprang; sie hielten dieses löbliche Bestreben für einen
+grillenhaften Irrtum, ihrer Meinung nach konnt' ich was Besseres tun
+und meinem Talent die alte Richtung lassen und geben. Sie glaubten
+sich hierzu um desto mehr berechtigt, als meine Denkweise sich an die
+ihrige nicht anschloss, vielmehr in den meisten Punkten gerade das
+Gegenteil aussprach. Man kann sich keinen isolierteren Menschen
+denken, als ich damals war und lange Zeit blieb. Der Hylozoismus,
+oder wie man es nennen will, dem ich anhing und dessen tiefen Grund
+ich in seiner Würde und Heiligkeit unberührt ließ, machte mich
+unempfänglich, ja unleidsam gegen jene Denkweise, die eine
+tote, auf welche Art es auch sei, auf- und angeregte Materie
+als Glaubensbekenntnis aufstellte. Ich hatte mir aus Kants
+Naturwissenschaft nicht entgehen lassen, dass Anziehungs- und
+Zurückstoßungskraft zum Wesen der Materie getrennt werden könne;
+daraus ging mir die Urpolarität aller Wesen getrennt werden könne;
+daraus ging mir die Urpolarität der Erscheinungen durchdringt und
+belebt.
+
+Schon bei dem früheren Besuch der Fürstin Gallitzin mit Fürstenberg
+und Hemsterhuis in Weimar hatte ich dergleichen vorgebracht, ward
+aber, als wie mit gotteslästerlichen Reden, beiseite und zur Ruhe
+gewiesen.
+
+Man kann es keinem Kreis verdenken, wenn er sich ins ich selbst
+abschließt, und das taten meine Freunde zu Pempelfort redlich. Von
+der schon ein Jahr gedruckten "Metamorphose der Pflanzen" hatten sie
+wenig Kenntnis genommen, und wenn ich meine morphologischen Gedanken,
+so geläufig sie mir auch waren, in bester Ordnung und, wie es mir
+schien, bis zur kräftigsten Überzeugung vortrug, so musste ich doch
+leider bemerken, dass die starre Vorstellungsart, nichts könne
+werden, als was schon sei, sich aller Geister bemächtigt habe. In
+Gefolg dessen musst' ich denn auch wieder hören, dass alles Lebendige
+aus dem Ei komme, worauf ich denn mit bitterem Scherz die alte Frage
+hervorhob: ob denn die Henne oder das Ei zuerst gewesen? Die
+Einschachtelungslehre schien so plausibel und, die Natur mit Bonnet
+zu kontemplieren, höchst erbaulich.
+
+Von meinen "Beiträgen zur Optik" hatte auch etwas verlautet, und ich
+ließ mich nicht lange bitten, die Gesellschaft mit einigen Phänomenen
+und Versuchen zu unterhalten, wo mir denn ganz Neues vorzubringen
+nicht schwer fiel: denn alle Personen, so gebildet sie auch waren,
+hatten das gespaltene Licht eingelernt und wollten leider das
+lebendige, woran sie sich erfreuten, auf jene tote Hypothese
+zurückgeführt wissen.
+
+Doch ließ ich mir dergleichen eine Zeitlang gern gefallen, denn ich
+heilt niemals einen Vortrag, ohne dass ich dabei gewonnen hätte;
+gewöhnlich gingen mir unterm Sprechen neue Lichter auf, und ich
+erfand im Fluss der Rede am gewissesten.
+
+Freilich konnte ich auf diese Weise nur didaktisch und dogmatisch
+verfahren, eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war
+mir nicht verliehen. Oft aber trat auch eine böse Gewohnheit hervor,
+deren ich mich anklagen muss: da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich
+geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte,
+individuelle Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den
+unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch
+gewaltsame Paradoxe aufzuregen und ans Äußerste zu führen. Dadurch
+war die Gesellschaft meist verletzt und in mehr als einem Sinn
+verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, musst' ich das
+böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch nicht
+gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen: als Ernst
+konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als
+Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen
+umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch
+kann ich nicht leugnen, dass ich durch diese böse Manier mir manche
+Person entfremdet, andere zu Feinden gemacht habe.
+
+Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen
+Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing. Auch
+dahin war ich unvorbereitet, unvorsichtig gegangen; Abenteuer fehlten
+keineswegs, das Land selbst, seine Anmut und Herrlichkeit hatte
+ich mir völlig eingeprägt, mir war Gestalt, Farbe, Haltung jener
+vom günstigsten Himmel umschienen Landschaft noch unmittelbar
+gegenwärtig. Die schwachen Versuche eigenen Nachbildens hatten das
+Gedächtnis geschärft, ich konnte beschreiben, als wenn ich's vor mir
+sähe: von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war
+jedermann von den lebhaft vorbei geführten Bilderzügen zufrieden,
+manchmal entzückt.
+
+Wünschenswert wäre nunmehr, dass man, um die Anmut des Pempelforter
+Aufenthalts vollkommen darzustellen, auch die Örtlichkeit, worin dies
+alles vorging, klar vergegenwärtigen könnte. Ein freistehendes
+geräumiges Haus, in der Nachbarschaft von weitläufigen wohl
+gehaltenen Gärten, im Sommer ein Paradies, auch im Winter höchst
+erfreulich. Jeder Sonnenblick war in reinlicher, freier Umgebung
+genossen; abends oder bei ungünstigem Wetter zog man sich gern in die
+schönen großen Zimmer zurück, die, behaglich, ohne Prunk
+ausgestattet, eine würdige Szene jeder geistreichen Unterhaltung
+darboten. Ein großes Speisezimmer, zahlreicher Familie und nie
+fehlenden Gästen geräumig heiter und bequem, lud an eine lange Tafel,
+wo es nicht an wünschenswerten Speisen fehlte. Hier fand man sich
+zusammen, der Hauswirt immer munter und aufregend, die Schwestern
+wohlwollend und einsichtig, der Sohn ernst und hoffnungsvoll, die
+Tochter wohl gebildet, tüchtig, treuherzig und liebenswürdig, an die
+leider schon vorübergegangene Mutter und an die früheren Tage
+erinnernd, die man vor zwanzig Jahren in Frankfurt mit ihr zugebracht
+hatte. Heinse, mit zur Familie gehörig, verstand, Scherze jeder Art
+zu erwidern, es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam.
+
+Die wenigen einsamen Stunden, die mir in diesem gastfreisten aller
+Häuser übrig blieben, wendete ich im Stillen an eine wunderliche
+Arbeit. Ich hatte während der Kampagne neben dem Tagebuch poetische
+Tagesbefehle, satirische Ordres du jour aufgezeichnet; nun wollte ich
+sie durchsehen und redigieren, allein ich bemerkte bald, dass ich,
+mit kurzsichtigem Dünkel, manches falsch gesehen und unrichtig
+beurteilt habe, und da man gegen nichts strenger ist als gegen erst
+abgelegte Irrtümer, es auch bedenklich schien, dergleichen Papiere
+irgendeinem Zufall auszusetzen, so vernichtete ich das ganze Heft in
+einem lebhaften Steinkohlenfeuer; worüber ich mich nun insofern
+betrübe, als es mir jetzt viel wert zur Einsicht in den Gang der
+Vorfälle und die Folge meiner Gedanken darüber sein würde.
+
+In dem nicht weit entfernten Düsseldorf wurden fleißige Besuche
+gemacht bei Freunden, die zu dem Pempelforter Zirkel gehörten; auf
+der Galerie war die gewöhnliche Zusammenkunft. Dort ließ sich eine
+entschiedene Neigung für die italienische Schule spüren, man zeigte
+sich höchst ungerecht gegen die niederländische; freilich war der
+hohe Sinn der ersten anziehend, edle Gemüter hinreißend. Einst hatten
+wir uns lange in dem Saal des Rubens und der vorzüglichsten
+Niederländer aufgehalten; als wir heraustraten, hing die Himmelfahrt
+von Guido gerade gegenüber. Da rief einer begeistert aus: "Ist
+es einem nicht zumute, als wenn man aus einer Schenke in gute
+Gesellschaft käme!" An meinem Teil konnt' ich mir gefallen lassen,
+dass die Meister, die mich noch vor kurzem über den Alpen entzückt,
+sich so herrlich zeigten und leidenschaftliche Bewunderung erweckten;
+doch sucht' ich mich auch mit den Niederländern bekannt zu machen,
+deren Tugenden und Vorzüge im höchsten Grade sich hier den Augen
+darstellten: ich fand mir Gewinn für ganze Leben.
+
+Was mir aber noch mehr auffiel, war, dass ein gewisser Freiheitssinn,
+ein Streben nach Demokratie sich in die hohen Stände verbreitet
+hatte; man schien nicht zu fühlen, was alles erst zu verlieren sei,
+um zu irgendeiner Art zweideutigen Gewinnes zu gelangen. Lafayettes
+und Mirabeaus Büste, von Houdon sehr natürlich und ähnlich gebildet,
+sah ich hier göttlich verehrt, jenen wegen seiner ritterlichen und
+bürgerlichen Tugenden, diesen wegen Geisteskraft und Rednergewalt. So
+seltsam schwankte schon die Gesinnung der Deutschen; einige waren
+selbst in Paris gewesen, hatten die bedeutenden Männer reden hören,
+handeln sehen und waren, leider nach deutscher Art und Weise, zur
+Nachahmung aufgeregt worden, und das gerade zu einer Zeit, wo die
+Sorge für das linke Rheinufer sich in Furcht verwandelte.
+
+Die Not schien dringend: Emigrierte füllten Düsseldorf, selbst die
+Brüder des Königs kamen an. Man eilte, sie zu sehen; ich traf sie
+auf der Galerie und erinnerte mich dabei, wie sie durchnässt bei
+dem Auszug aus Glorieux gesehen worden. Herr von Grimm und Frau
+von Bueil erschienen gleichfalls. Bei Überfüllung der Stadt hatte
+sie ein Apotheker aufgenommen: das Naturalienkabinett diente zum
+Schlafzimmer, Affen, Papageien und andres Getier belauschten den
+Morgenschlaf der liebenswürdigsten Dame, Muscheln und Korallen
+hinderten die Toilette, sich gehörig auszubreiten. Und so war das
+Einquartierungsübel, das wir kaum erst nach Frankreich gebracht
+hatten, wieder zu uns herübergeführt.
+
+Frau von Coudenhoven, eine schöne, geistreiche Dame, sonst die Zierde
+des Mainzer Hofes, hatte sich auch hierher geflüchtet. Herr und Frau
+von Dohm kamen von deutscher Seite heran, um von den Zuständen nähere
+Kenntnis zu nehmen.
+
+Frankfurt war noch von den Franzosen besetzt, die Kriegsbewegungen
+hatten sich zwischen die Lahn und das Taunusgebirge gezogen; bei
+täglich abwechselnden, bald sichern bald unsichern Nachrichten war
+das Gespräch lebhaft und geistreich; aber wegen streitenden
+Interesses und Meinungen gewährte es nicht immer eine erfreuliche
+Unterhaltung. Ich konnte einer so problematischen, durchaus
+ungewissen, dem Zufall unterworfenen Sache keinen Ernst abgewinnen
+und war mit meinen paradoxen Späßen mitunter aufheiternd, mitunter
+lästig.
+
+So erinnerte ich mich, dass an dem Abendtisch der Frankfurter Bürger
+mit Ehren gedacht ward: sie sollten sich gegen Custine männlich und
+gut betragen haben; ihre Aufführung und Gesinnung, hieß es, steche
+gar sehr ab gegen die unerlaubte Weise, wie sich die Mainzer betragen
+und noch betrügen. Frau von Coudenhoven, in dem Enthusiasmus, der sie
+sehr gut kleidete, rief aus: sie gäbe viel darum, eine Frankfurter
+Bürgerin zu sein. Ich erwiderte: das sei etwas Leichtes; ich wisse
+ein Mittel, werde es aber als Geheimnis für mich behalten. Da man
+nun heftig und ehftiger in mich drang, erklärt' ich zuletzt, die
+treffliche Dame dürfe mich nur heiraten, wodurch sie augenblicklich
+zur Frankfurter Bürgerin umgeschaffen werde. Allgemeines Gelächter!
+
+Und was kam nicht alles zur Sprache! Als einst von der unglücklichen
+Kampagne, besonders von der Kanonade bei Valmy die Rede war,
+versicherte Herr von Grimm, es sei von meinem wunderlichen Ritt ins
+Kanonenfeuer an des Königs Tafel die Rede gewesen. Wahrscheinlich
+hatten die Offiziere, denen ich damals begegnete, davon gesprochen;
+das Resultat ging darauf hinaus, dass man sich darüber nicht wundern
+müsse, weil gar nicht zu berechnen sei, was man von einem seltsamen
+Menschen zu erwarten habe.
+
+Auch ein sehr geschickter, geistreicher Arzt nahm teil an unsern
+Halbsaturnalien, und ich dachte nicht in meinem Übermut, dass ich
+seiner so bald bedürfen würde. Er lachte daher zu meinem Ärger laut
+auf, als er mich im Bett fand, wo ein gewaltiges rheumatisches Übel,
+das ich mir durch Verkältung zugezogen, mich beinahe unbeweglich
+festhielt. Er, ein Schüler des Geheimrat Hofmann, dessen tüchtige
+Wunderlichkeiten von Mainz und dem kurfürstlichen Hof aus bis weit
+hinunter den Rhein gewirkt, verfuhr sogleich mit Kampfer, welcher
+fast als Universalmedizin galt. Löschpapier, Kreide darauf gerieben,
+sodann mit Kampfer bestreut, ward äußerlich, Kampfer gleichfalls, in
+kleinen Dosen, innerlich angewandt. Dem sei nun, wie ihm wolle, ich
+war in einigen Tagen hergestellt.
+
+Die Langeweile jedoch des Leidens ließ mich manche Betrachtung
+anstellen, die Schwäche, die aus einem bettlägrigen Zustand gar
+leicht erfolgt, ließ mich meine Lage bedenklich finden: das
+Fortschreiten der Franzosen in den Niederlanden war bedeutend und
+durch den Ruf vergrößert, man sprach täglich und stündlich von neu
+angekommenen Ausgewanderten.
+
+Mein Aufenthalt im Pempelfort war schon lang genug, und ohne die
+herzlichste Gastfreiheit der Familie hätte jeder glauben müssen, dort
+lästig zu sein. Auch hatte sich mein Bleiben nur zufällig verlängert:
+ich erwartete täglich und stündlich meine böhmische Chaise, die ich
+nicht gern zurücklassen wollte; sie war von Trier schon in Koblenz
+angekommen und sollte von dort bald weiter herab spediert werden; da
+sie jedoch ausblieb, vermehrte sich die Ungeduld, die mich in den
+letzten Tagen ergriffen hatte. Jacobi überließ mir einen bequemen,
+obgleich an Eisen ziemlich schweren Reisewagen. Alles zog, wie man
+hörte, nach Westfalen hinein, und die Brüder des Königs wollten dort
+ihren Sitz aufschlagen.
+
+Und so schied ich denn mit dem wunderlichsten Zwiespalt: die Neigung
+hielt mich in dem freundlichsten Kreis, der sich soeben auch höchst
+beunruhigt fühlte, und ich sollte die edelsten Menschen in Sorgen und
+Verwirrung hinter mir lassen, bei schrecklichem Weg und Wetter mich
+nun wieder in die wilde, wüste Welt hinauswagen, von dem Strom mit
+fortgezogen der unaufhaltsam eilenden Flüchtlinge, selbst mit
+Flüchtlingsgefühl.
+
+Und doch hatte ich Aussicht unterwegs auf die angenehmste Einkehr,
+indem ich so nahe bei Münster die Fürstin Gallitzin nicht umgehen
+durfte.
+
+
+
+
+Duisburg, November.
+
+Und so fand ich mich denn abermals, nach Verlauf von vier Wochen,
+zwar viele Meilen weit entfernt von dem Schauplatz unseres ersten
+Unheils, doch wieder in derselben Gesellschaft, in demselben Gedränge
+der Emigrierten, die nun, jenseits entschieden vertrieben, diesseits
+nach Deutschland strömten, ohne Hilfe und ohne Rat.
+
+Zu Mittag in dem Gasthof etwas spät angekommen, saß ich am Ende der
+langen Tafel; Wirt und Wirtin, die mir als einem Deutschen den
+Widerwillen gegen die Franzosen schon ausgesprochen hatten,
+entschuldigten, dass alle guten Plätze von diesen unwillkommenen
+Gästen besetzt seien. Hierbei wurde bemerkt, dass unter ihnen, trotz
+aller Erniedrigung, Elend und zu befürchtender Armut, noch immer
+dieselbe Rangsucht und Unbescheidenheit gefunden werde.
+
+Indem ich nun die Tafel hinaufsah, erblickt' ich ganz oben, quer vor,
+an der ersten Stelle einen alten, kleinen, wohlgestalteten Mann von
+ruhigem, beinahe nichtigem Betragen. Er musste vornehm sein, denn
+zwei Nebensitzende erwiesen ihm die größte Aufmerksamkeit, wählten
+die ersten und besten Bissen, ihm vorzulegen, und man hätte beinahe
+sagen können, dass sie ihm solche zum Mund führten. Mir bleib nicht
+lange verborgen, dass er, vor Alter seiner Sinne kaum mächtig,
+als ein bedauernswürdiges Automat den schatten eines früheren
+wohlhabenden und ehrenvollen Lebens kümmerlich durch die Welt
+schleppe, indessen zwei Ergebene ihm den Traum des vorigen Zustandes
+wieder herbeizuspiegeln trachteten.
+
+Ich beschaute mir die übrigen: das bedenklichste Schicksal war auf
+allen Stirnen zu lesen, Soldaten, Kommissäre, Abenteurer vielleicht
+zu unterscheiden; alle waren still, denn jeder hatte sein eigene Not
+zu übertragen, sie sahen ein grenzenloses Elend vor sich.
+
+Etwa in der Hälfte des Mittagmahles kam noch ein hübscher junger Mann
+herein, ohne ausgezeichnete Gestalt oder irgendein Abzeichen; man
+konnte an ihm den Fußwanderer nicht verkennen. Er setzte sich still
+gegen mir über, nachdem er den Wirt um ein Kuvert begrüßt hatte, und
+speiste, was man ihm nachholte und vorsetzte, mit ruhigem Betragen.
+Nach aufgehobener Tafel trat ich zum Wirt, der mir ins Ohr sagte:
+"Ihr Nachbar soll seine Zeche nicht teuer bezahlen!" Ich begriff
+nichts von diesen Worten, aber als der junge Mann sich näherte und
+fragte: was er schuldig sei? erwiderte der Wirt, nachdem er sich
+flüchtig über die Tafel umgeschaut, die Zeche sei ein Kopfstück. Der
+Fremde schien beteten und sagte, das sei wohl ein Irrtum, denn er
+habe nicht allein ein gutes Mittagsessen gehabt, sondern auch einen
+Schoppen Wein; das müsse mehr betragen. Der Wirt antwortete darauf
+ganz ernsthaft, er pflege seine Rechnung selbst zu machen, und die
+Gäste erlegten gerne, was er forderte. Nun zahlte der junge Mann,
+entfernte sich bescheiden und verwundert; sogleich aber löste mir der
+Wirt das Rätsel. "Dies ist der erste von diesem vermaledeiten Volk,"
+rief er aus, "der Schwarzbrot gegessen hat: das musste ihm zugute
+kommen."
+
+In Duisburg wusst' ich einen einzigen alten Bekannten, den ich
+aufzusuchen nicht versäumte: Professor Plessing war es, mit dem sich
+vor vielen Jahren ein sentimental-romanhaftes Verhältnis anknüpfte,
+wovon ich hier das Nähere mitteilen will, da unsere Abendunterhaltung
+dadurch aus den unruhigsten Zeiten in die friedlichsten Tage versetzt
+wurde.
+
+"Werther," bei seinem Erscheinen in Deutschland, hatte keineswegs,
+wie man ihm vorwarf, eine Krankheit, ein Fieber erregt, sondern
+nur das Übel aufgedeckt, das in jungen Gemütern verborgen lag.
+Während eines langen und glücklichen Friedens hatte sich eine
+literarisch-ästhetische Ausbildung auf deutschem Grund und Boden,
+innerhalb der Nationalsprache, auf das schönste entwickelt; doch
+gesellte sich bald, weil der Bezug nur aufs Innere ging, eine gewisse
+Sentimentalität hinzu, bei deren Ursprung und Fortgang man den
+Einfluss von Yorik-Sterne nicht verkennen darf: wenn auch sein Geist
+nicht über den Deutschen schwebte, so teilte sich sein Gefühl um
+desto lebhafter mit. Es entstand eine Art zärtlich-leidenschaftlicher
+Asketik, welche, da uns die humoristische Ironie des Briten nicht
+gegeben war, in eine leidige Selbstquälerei gewöhnlich ausarten
+musste. Ich hatte mich persönlich von diesem Übel zu befreien gesucht
+und trachtete nach meiner Überzeugung andern hilfreich zu sein; das
+aber war schwerer, als man denken konnte: denn eigentlich kam es
+drauf an, einem jeden gegen sich selbst beizustehen, wo denn von
+aller Hilfe, wie sie uns die äußere Welt anbietet, es sei Erkenntnis,
+Belehrung, Beschäftigung, Begünstigung, die Rede gar nicht sein
+konnte.
+
+Hier müssen wir nun gar manche, damals mit einwirkende Tätigkeiten
+stillschweigend übergehen, aber zu unseren Zwecken macht sich nötig,
+eines andern großen, für sich waltenden Bestrebens umständlicher zu
+gedenken.
+
+Lavaters Physiognomik hatte dem sittlich-geselligen Interesse eine
+ganz andere Wendung verliehen. Er fühlte sich im Besitz der
+geistigsten Kraft, jene sämtlichen Eindrücke zu deuten, welche des
+Menschen Gesicht und Gestalt auf einen jeden ausübt, ohne dass er
+sich davon Rechenschaft zu geben wüsste; da er aber nicht geschaffen
+war, irgendeine Abstraktion methodisch zu suchen, so heilt er sich am
+einzelnen Fall und also am Individuum.
+
+Heinrich Lips, ein talentvoller junger Künstler, besonders geeignet
+zum Porträt, schloss sich fest an ihn, und sowohl zu Haus als auf der
+unternommenen Rheinreise kam er seinem Gönner nicht von der Seite.
+Nun ließ Lavater, teils aus Heißhunger nach grenzenloser Erfahrung,
+teils umso viel bedeutende Menschen als möglich an sein künftiges
+Werk zu gewöhnen und zu knüpfen, alle Personen abbilden, die nur
+einigermaßen durch Stand und Talent, durch Charakter und Tat
+ausgezeichnet ihm begegneten.
+
+Dadurch kam denn freilich gar manches Individuum zur Evidenz, es
+ward etwas mehr wert, aufgenommen in einen so edlen Kreis; seine
+Eigenschaften wurden durch den deutsamen Meister hervorgehoben, man
+glaubte, sich einander näher zu kennen: und so ergab sich's aufs
+sonderbarste, dass mancher einzelne in seinem persönlichen Wert
+entschieden hervortrat, der sich bisher im bürgerlichen Lebens- und
+Staatsgang ohne Bedeutung eingeordnet und eingeflochten gesehen.
+
+Diese Wirkung war stärker und größer, als man sie denken mag:
+ein jeder fühlte sich berechtigt, von sich selbst, als von einem
+abgeschlossenen, abgerundeten Wesen, das Beste zu denken, und in
+seiner Einzelheit vollständig gekräftigt, hielt es ich auch wohl für
+befugt, Eigenheiten, Torheiten und Fehler in den Komplex seines
+werten Daseins mit aufzunehmen. Dergleichen erfolg konnte sich umso
+leichter entwickeln, als bei dem ganzen Verfahren die besondere
+individuelle Natur allein, ohne Rücksicht auf die allgemeine
+Vernunft, die doch alle Natur beherrschen soll, zur Sprache kam;
+dagegen war das religiöse Element, worin Lavater schwebte, nicht
+hinreichend, eine sich immer mehr entscheidende Selbstgefälligkeit
+zu mildern, ja es entstand bei Frommgesinnten daraus eher ein
+geistlicher Stolz, der es dem natürlichen an Erhebung auch wohl
+zuvortrat.
+
+Was aber zugleich nach jener Epoche folgerecht auffallend hervorging,
+war die Achtung der Individuen untereinander. Namhafte ältere Männer
+wurden, wo nicht persönlich, doch im Bild verehrt; und es durfte auch
+wohl ein junger Mann sich nur einigermaßen bedeutend hervortun, so
+war alsbald der Wunsch nach persönlicher Bekanntschaft rege, in deren
+Ermangelung man sich mit seinem Porträt begnügte; wobei denn die mit
+Sorgfalt und gutem Geschick aufs genauste gezogenen Schattenriss
+willkommene Dienste leisteten. Jedermann war darin geübt, und kein
+Fremder zog vorüber, den man nicht abends an die Wand geschrieben
+hätte; die Storchschnäbel durften nicht rasten.
+
+"Menschenkenntnis und Menschenliebe" waren uns bei diesem Verfahren
+versprochen; wechselseitige Teilnahme hatte sich entwickelt,
+wechselseitiges Kennen und Erkennen aber wollte sich so schnell nicht
+entfalten: zu beiden Zwecken jedoch war die Tätigkeit sehr groß, und
+was in diesem Sinn von einem herrlich begabten jungen Fürsten, von
+seiner wohlgesinnten, geistreich-lebhaften Umgebung für Aufmunterung
+und Fördernis nah und fern gewirkt ward, wäre schon zu erzählen, wenn
+es nicht löblich schiene, die Anfänge bedeutender Zustände einem
+ehrwürdigen Dunkel anheim zu geben. Vielleicht sahen die Kotyledonen
+jener Saat etwas wunderlich aus; der Ernte jedoch, woran das
+Vaterland und die Außenwelt ihren Anteil freudig dahin nahm, wird
+in den spätesten Zeiten noch immer ein dankbares Andenken nicht
+ermangeln.
+
+Wer Vorgesagtes in Gedanken festhält und sich davon durchdringt,
+wird nachstehendes Abenteuer, welches beide Teilnehmende unter
+dem Abendessen vergnüglich in der Erinnerung belebten, weder
+unwahrscheinlich noch ungereimt finden.
+
+Zu manchem andern, brieflichen und persönlichen Zudrang erheilt ich
+in der Hälfte des Jahrs 1776, von Wernigerode datiert, Plessing
+unterzeichnet, ein Schreiben, vielmehr ein Heft, fast das
+Wunderbarste, was mir in jener selbstquälerischen Art vor Augen
+gekommen: man erkannte daran einen jungen, durch Schulen und
+Universität gebildeten Mann, dem nun aber sein sämtlich Gelerntes zu
+eigener innerer, sittlicher Beruhigung nicht gedeihen wollte. Eine
+geübte Handschrift war gut zu lesen, der Stil gewandt und fließend,
+und ob man gleich eine Bestimmung zum Kanzelredner darin entdeckte,
+so war doch alles frisch und brav aus dem Herzen geschrieben, dass
+man ihm einen gegenseitigen Anteil nicht versagen konnte. Wollte
+nun aber dieser Anteil lebhaft werden, suchte man sich die Zustände
+des Leidenden näher zu entwickeln, so glaubte man statt des Duldens
+Eigensinn, statt des Ertragens Hartnäckigkeit und statt eines
+sehnsüchtigen Verlangens abstoßendes Wegweisen zu bemerken. Da ward
+mir denn, nach jenem Zeitsinn, der Wunsch lebhaft rege, diesen jungen
+Mann von Angesicht zu sehen; ihn aber zu mir zu bescheiden, hielt ich
+nicht für rätlich. Ich hatte mir, unter bekannten Umständen, schon
+eine Zahl von jungen Männern aufgebürdet, die, anstatt mit mir auf
+meinem Wege einer reineren, höheren Bildung entgegenzugehen, auf dem
+ihrigen verharrend, sich nicht besser befanden und mich in meinen
+Fortschritten hinderten. Ich ließ die Sache indessen hängen, von der
+Zeit irgendeine Vermittelung erwartend.
+
+Da erhielt ich einen zweiten, kürzern, aber auch lebhafteren,
+heftigeren Brief, worin der Schreiber auf Antwort und Erklärung drang
+und, sie ihm nicht zu versagen, mich feierlichst beschwor.
+
+Aber auch dieser wiederholte Sturm brachte mich nicht aus der
+Fassung; die zweiten Blätter gingen mir so wenig als die ersten zu
+Herzen, aber die herrische Gewohnheit, jungen Männern meines Alters
+in Herzens- und Geistesnöten beizustehen, ließ mich sein doch nicht
+ganz vergessen.
+
+Die um einen trefflichen jungen Fürsten versammelte weimarsche
+Gesellschaft trennte sich nicht leicht, ihre Beschäftigungen und
+Unternehmungen, Scherze, Freuden und Leiden waren gemeinsam. Da ward
+nun zu Ende Novembers eine Jagdpartie auf wilde Schweine,
+notgedrungen auf das häufige Klagen des Landvolks, im Eisenachschen
+unternommen, der ich, als damaliger Gast, auch beizuwohnen hatte;
+ich erbat mir jedoch die Erlaubnis, nach einem kleinen Umweg mich
+anschließen zu dürfen.
+
+Nun hatte ich einen wundersamen geheimen Reiseplan. Ich musste
+nämlich, nicht nur etwa von Geschäftsleuten, sondern auch von vielen
+am Ganzen teilnehmenden Weimarern öfter den lebhaften Wunsch hören,
+es möge doch das Ilmenauer Bergwerk wieder aufgenommen werden. Nun
+ward von mir, der ich nur die allgemeinsten Begriffe vom Bergbau
+allenfalls besaß, zwar weder Gutachten noch Meinung, doch Anteil
+verlangt, aber diesen konnt' ich an irgendeinem Gegenstand nur durch
+unmittelbares Anschauen gewinnen. Ich dachte mir unerlässlich, vor
+allen Dingen das Bergewesen in seinem ganzen Komplex, und wär'
+es auch nur flüchtig, mit Augen zu sehen und mit dem Geiste zu
+fassen; denn alsdann nur konnt' ich hoffen, in das Positive weiter
+einzudringen und mich mit dem Historischen zu befreunden. Deshalb
+hatt' ich mir längst eine Reise auf den Harz gedacht. Und gerade
+jetzt, da ohnehin diese Jahrszeit in Jagdlust unter freiem Himmel
+zugebracht werden sollte, fühlte ich mich dahin getrieben. Alles
+Winterwesen hatte überdies in jener Zeit für mich große Reize, und
+was die Bergwerke betraf, so war ja in ihren Tiefen weder Winter noch
+Sommer merkbar; wobei ich zugleich gern bekenne, dass die Absicht,
+meinen wunderlichen Korrespondenten persönlich zu sehen und zu
+prüfen, wohl die Hälfte des Gewichtes meinem Entschluss hinzufügte.
+
+Indem sich nun die Jagdlustigen nach einer andern Seite hin begaben,
+ritt ich ganz allein dem Ettersberge zu und begann jene Ode, die
+unter dem Titel "Harzreise im Winter" solange als Rätsel unter meinen
+kleineren Gedichten Platz gefunden. Im düstern und von Norden her
+sich heranwälzenden Schneegewölk schwebte hoch ein Geier über mir.
+Die Nacht verblieb ich in Sondershausen und gelangte des andern Tags
+so bald nach Nordhausen, dass ich gleich nach Tisch weiter zu
+gehen beschloss, aber mit Boten und Laterne nach mancherlei
+Gefährlichkeiten erst sehr spät in Ilfeld ankam.
+
+Ein ansehnlicher Gasthof war glänzend erleuchtet, es schien ein
+besonderes Fest darin gefeiert zu werden. Erst wollte der Wirt mich
+gar nicht aufnehmen: die Kommissarien der höchsten Höfe, hieß es,
+seien schon lange hier beschäftigt, wichtige Einrichtungen zu treffen
+und verschiedene Interessen zu vereinbaren, und da dies nun glücklich
+vollendet sei, gäben sie heute Abend einen allgemeinen Schmaus. Auf
+dringende Vorstellung jedoch und einige Winke des Boten, dass man mit
+mir nicht übel fahre, erbot sich der Mann, mir den Bretterverschlag
+in der Wirtsstube, seinen eigentlichen Wohnsitz, und zugleich sein
+weiß zu überziehendes Ehebett einzuräumen. Er führte mich durch das
+weite, hell erleuchtete Wirtszimmer, da ich mir denn im Vorbeigehen
+die sämtlichen munteren Gäste flüchtig beschaute.
+
+Doch sie sämtlich zu meiner Unterhaltung näher zu betrachten, gab mir
+in den Brettern des Verschlags eine Astlücke die beste Gelegenheit,
+die, seine Gäste zu belauschen, dem Wirte selbst oft dienen mochte.
+Ich sah die lange und wohl erleuchtete Tafel von unten hinauf, ich
+überschaute sie, wie man oft die Hochzeit von Kana gemalt sieht;
+nun musterte ich bequem von oben bis herab also: Vorsitzende, Räte,
+andere Teilnehmende und dann immer so weiter, Sekretarien, Schreiber
+und Gehilfen. Ein glücklich geendigtes beschwerliches Geschäft schien
+eine Gleichheit aller tätig Teilnehmenden zu bewirken, man schwatzte
+mit Freiheit, trank Gesundheiten, wechselte Scherz und Scherz, wobei
+einige Gäste bezeichnet schienen, Witz und Spaß an ihnen zu üben;
+genug, es war ein fröhliches, bedeutendes Mahl, das ich bei dem
+hellsten Kerzenscheine in seinen Eigentümlichkeiten ruhig beobachten
+konnte, eben als wenn der hinkende Teufel mir zur Seite stehe und
+einen ganz fremden Zustand unmittelbar zu beschauen und zu erkennen
+mich begünstigte. Und wie dies mir nach der düstersten Nachtreise
+in den Harz hinein ergötzlich gewesen, werden die Freunde solcher
+Abenteuer beurteilen. Manchmal schien es mir ganz gespensterhaft,
+als säh' ich in einer Berghöhle wohlgemute Geister sich erlustigen.
+
+Nach einer wohl durchschlafenen Nacht eilte ich frühe, von einem
+Boten abermals geleitet, der Baumannshöhle zu; ich durchkroch sie und
+betrachtete mir das fortwirkende Naturereignis ganz genau. Schwarze
+Marmormassen, aufgelöst, zu weißen kristallinischen Säulen und
+Flächen wieder hergestellt, deuteten mir auf das fortwebende Leben
+der Natur. Freilich verschwanden vor dem ruhigen Blick alle die
+Wunderbilder, die sich eine düster wirkende Einbildungskraft so gern
+aus formlosen Gestalten erschaffen mag; dafür blieb aber auch das
+eigne wahre desto reiner zurück, und ich fühlte mich dadurch gar
+schön bereichert.
+
+Wieder ans Tageslicht gelangt, schrieb ich die notwendigsten
+Bemerkungen, zugleich aber auch mit ganz frischem Sinn die ersten
+Strophen des Gedichtes, das unter dem Titel "Harzreise im Winter" die
+Aufmerksamkeit mancher Freunde bis auf die letzten Zeiten erregt hat;
+davon mögen denn die Strophen, welche sich auf den nun blad zu
+erblickenden wunderlichen Mann beziehen, hier Platz finden, weil sie
+mehr als viele Worte den damaligen liebevollen Zustand meines Innern
+auszusprechen geeignet sind.
+
+ Aber abseits, wer ist's?
+ Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad,
+ Hinter ihm schlagen
+ Die Sträuche zusammen,
+ Das Gras steht wieder auf,
+ Die Öde verschlingt ihn.
+
+ Ach, wer heilt die Schmerzen
+ Des, dem Balsam zu Gift ward?
+ Der sich Menschenhass
+ Aus der Fülle der Liebe trank?
+ Erst verachtet, nun ein Verächter,
+ Zehrt er heimlich auf
+ Seinen eignen Wert
+ In ungenügender Selbstsucht.
+
+ Ist auf deinem Psalter,
+ Vater der Liebe, ein Ton
+ Seinem Ohre vernehmlich,
+ So erquicke sein Herz!
+ Öffne den umwölkten Blick
+ Über die tausend Quellen
+ Neben dem Dürstenden
+ In der Wüste!
+
+Im Gasthof zu Wernigerode angekommen, ließ ich mich mit dem Kellner
+in ein Gespräch ein; ich fand ihn als einen sinnigen Menschen, der
+seine städtischen Mitgenossen ziemlich zu kennen schien. Ich sagt'
+ihm darauf, es sei meine Art, wenn ich an einem fremden Ort
+ohne besondere Empfehlung anlangte, mich nach jüngern Personen
+zu erkundigen, die sich durch Wissenschaft und Gelehrsamkeit
+auszeichneten; er möge mir daher jemanden der Art nennen, damit ich
+einen angenehmen Abend zubrächte. Darauf erwiderte ohne weiteres
+Bedenken der Kellner: es werde mir gewiss mit der Gesellschaft des
+Herrn Plessing gedient sein, dem Sohn des Superintendenten; als Knabe
+sei er schon in Schulen ausgezeichnet worden und habe noch immer den
+Ruf eines fleißigen guten Kopfs, nur wolle man seine finstere Lauen
+tadeln und nicht gut finden, dass er mit unfreundlichem Betragen sich
+aus der Gesellschaft ausschließe. Gegen Fremde sei er zuvorkommend,
+wie Beispiele bekannt wären; wollte ich angemeldet sein, so könne es
+sogleich geschehen.
+
+Der Kellner brachte mir bald eine bejahende Antwort und führte mich
+hin. Es war schon Abend geworden, als ich in ein großes Zimmer des
+Erdgeschosses, wie man es in geistlichen Häusern antrifft, hineintrat
+und den jungen Mann in der Dämmerung noch ziemlich deutlich
+erblickte. Allein an einigen Symptomen konnt' ich bemerken, dass die
+Eltern eilig das Zimmer verlassen hatten, um dem unvermuteten Gast
+Platz zu machen.
+
+Das hereingebrachte Licht ließ mich den jungen Mann nunmehr ganz
+deutlich erkennen: er glich seinem Brief völlig, und so wie jenes
+Schreiben erregte er Interesse, ohne Anziehungskraft auszuüben.
+
+Um ein näheres Gespräch einzuleiten, erklärt' ich mich für einen
+Zeichenkünstler von Gotha, der wegen Familienangelegenheiten in
+dieser unfreundlichen Jahrszeit Schwester und Schwager in
+Braunschweig zu besuchen habe.
+
+Mit Lebhaftigkeit fiel er mir beinahe ins Wort und rief aus: "Da Sie
+so nahe an Weimar wohnen, so werden Sie doch auch diesen Ort, der
+sich so berühmt macht, öfters besucht haben!" Dieses bejaht' ich ganz
+einfach und fing an, von Rat Kraus, von der Zeichenschule, von
+Legationsrat Bertuch und dessen unermüdeter Tätigkeit zu sprechen;
+ich vergaß weder Musäus noch Jagemann, Kapellmeister Wolf und einige
+Frauen und bezeichnete den Kreis, den diese wackern Personen
+abschlossen und jeden Fremden willig und freundlich unter sich
+aufnahmen.
+
+Endlich fuhr er etwas ungeduldig heraus: "Warum nennen Sie denn
+Goethe nicht?" Ich erwiderte, dass ich diesen auch wohl in gedachtem
+Kreis als willkommenen Gast gesehen und von ihm selbst persönlich als
+fremder Künstler wohl aufgenommen und gefördert worden, ohne dass
+ich weiter viel von ihm zu sagen wisse, da er teils allein, teils in
+andern Verhältnissen lebe.
+
+Der junge Mann, der mit unruhiger Aufmerksamkeit zugehört hatte,
+verlangte nunmehr, mit einigem Ungestüm, ich solle ihm das seltsame
+Individuum schildern, das so viel von sich reden mache. Ich trug
+ihm darauf mit großer Ingenuität eine Schilderung vor, die für mich
+nicht schwer wurde, da die seltsame Person in der seltsamsten Lage
+mir gegenwärtig stand, und wäre ihm von der Natur nur etwas mehr
+Herzenssagazität gegönnt gewesen, so konnte ihm nicht verborgen
+bleiben, dass der vor ihm stehende Gast sich selbst schildere.
+
+Er war einige Mal im Zimmer auf und ab gegangen, indes die Magd
+herein trat, eine Flasche Wein und sehr reinlich bereitetes kaltes
+Abendbrot auf den Tisch setzte; er schenkte beiden ein, stieß an und
+schluckte das Glas sehr lebhaft hinunter. Und kaum hatte ich mit
+etwas gemäßigteren Zügen das meinige geleert, ergriff er heftig
+meinen Arm und rief: "O verzeihen Sie meinem wunderlichen Betragen!
+Sie haben mir aber so viel Vertrauen eingeflößt, dass ich Ihnen alles
+entdecken muss. Dieser Mann, wie Sie mir ihn beschreiben, hätte mir
+doch antworten sollen! Ich habe ihm einen ausführlichen, herzlichen
+Brief geschickt, ihm meine Zustände, meine Leiden geschildert, ihn
+gebeten, sich meiner anzunehmen, mir zu raten, mir zu helfen, und
+nun sind schon Monate verstrichen, ich vernehme nichts von ihm;
+wenigstens hätte ich ein ablehnendes Wort auf ein so unbegrenztes
+Vertrauen wohl verdient."
+
+Ich erwiderte darauf, dass ich ein solches Benehmen weder erklären
+noch entschuldigen könne; so viel wisse ich aber aus eigener
+Erfahrung, dass ein gewaltiger, sowohl ideeller als reeller Zudrang
+diesen sonst wohlgesinnten, wohlwollenden und hilfsbereiten jungen
+Mann oft außerstand setze, sich zu bewegen, geschweige zu wirken.
+
+"Sind wir zufällig so weit gekommen," sprach er darauf mit einiger
+Fassung, "den Brief muss ich Ihnen vorlesen, und Sie sollen urteilen,
+ob er nicht irgendeine Antwort, irgendeine Erwiderung verdiente."
+
+Ich ging im Zimmer auf und ab, die Vorlesung zu erwarten, ihrer
+Wirkung schon beinahe ganz gewiss, deshalb nicht weiter nachdenkend,
+um mir selbst in einem so zarten Fall nicht vorzugreifen. Nun saß er
+gegen mir über und fing an, die Blätter zu lesen, die ich in- und
+auswendig kannte, und vielleicht war ich niemals mehr von der
+Behauptung der Physiognomisten überzeugt, ein lebendiges Wesen sei in
+allem seinem Handeln und Betragen vollkommen übereinstimmend mit sich
+selbst, und jede in die Wirklichkeit hervorgetretene Monas erzeige
+sich in vollkommener Einheit ihrer Eigentümlichkeiten. Der Lesende
+passte völlig zu dem Gelesenen, und wie dieses früher in der
+Abwesenheit mich nicht ansprach, so war es nun auch mit der
+Gegenwart. Man konnte zwar dem jungen Mann eine Achtung nicht
+versagen, eine Teilnahme, die mich denn auch auf einen so
+wunderlichen Weg geführt hatte: denn ein ernstliches Wollen sprach
+sich aus, ein edler Sinn und Zweck; aber obschon von den zärtlichsten
+Gefühlen die Rede war, blieb der Vortrag ohne Anmut, und eine ganz
+eigens beschränkte Selbstigkeit tat sich kräftig hervor. Als er nun
+geendet hatte, fragte er mit Hast, was ich dazu sage? Und ob ein
+solches Schreiben nicht eine Antwort verdient, ja gefordert hätte?
+
+Indessen war mir der bedauernswürdige Zustand dieses jungen Mannes
+immer deutlicher geworden: er hatte nämlich von der Außenwelt
+niemals Kenntnis genommen, dagegen sich durch Lektüre mannigfaltig
+ausgebildet, alle seine Kraft und Neigung aber nach innen gewendet
+und sich auf diese Weise, da er in der Tiefe seines Lebens kein
+produktives Talent fand, so gut als zugrunde gerichtet; wie ihm denn
+sogar Unterhaltung und Trost, dergleichen uns aus der Beschäftigung
+mit alten Sprachen so herrlich zu gewinnen offen steht, völlig
+abzugehen schien.
+
+Da ich an mir und andern schon glücklich erprobt hatte, dass in
+solchem Falle ein rasche gläubige Wendung gegen die Natur und ihre
+grenzenlose Mannigfaltigkeit das beste Heilmittel sei, so wagt' ich
+alsobald den Versuch, es auch in diesem Fall anzuwenden und ihm daher
+nach einigem Bedenken folgendermaßen zu antworten:
+
+"Ich glaube zu begreifen, warum der junge Mann, auf den Sie so viel
+Vertrauen gesetzt, gegen Sie stumm geblieben: denn seine jetzige
+Denkweise weicht zu sehr von der Ihrigen ab, als dass er hoffen
+dürfte, sich mit Ihnen zu verständigen zu können. Ich habe selbst
+einigen Unterhaltungen in jenem Kreis beigewohnt und behaupten hören:
+man werde sich aus einem schmerzlichen, selbstquälerischen, düsteren
+Seelenzustand nur durch Naturbeschauung und herzliche Teilnahme
+an der äußeren Welt retten und befreien. Schon die allgemeinste
+Bekanntschaft mit der Natur, gleichviel von welcher Seite, ein
+tätiges Eingreifen, sei es als Gärtner oder Landbewohner, als Jäger
+oder Bergmann, ziehe uns von uns selbst ab; die Richtung geistiger
+Kräfte auf wirkliche, wahrhafte Erscheinungen gebe nach und nach das
+größte Behagen, Klarheit und Belehrung; wie denn der Künstler, der
+sich treu an der Natur halte und zugleich sein Inneres auszubilden
+suche, gewiss am besten fahren werde."
+
+Der junge Freund schien darüber sehr unruhig und ungeduldig, wie
+man über eine fremde oder verworrene Sprache, deren Sinn wir nicht
+vernehmen, ärgerlich zu werden anfängt. Ich darauf, ohne sonderliche
+Hoffnung eines glücklichen Erfolges, eigentlich aber um nicht zu
+verstummen, fuhr zu reden fort. "Mir, als Landschaftsmaler," sagte
+ich, "musste dies zu allererst einleuchten, da ja meine Kunst
+unmittelbar auf die Natur gewiesen ist; doch habe ich seit jener Zeit
+emsiger und eifriger als bisher nicht etwa nur ausgezeichnete und
+auffallende Naturbilder und Erscheinungen betrachtet, sondern mich zu
+allem und jedem liebevoll hingewendet." Damit ich mich nun aber
+nicht ins Allgemeine verlöre, erzählte ich, wie mir sogar diese
+notgedrungene Winterreise, anstatt beschwerlich zu sein, dauernden
+Genuss gewährt; ich schilderte ihm, mit malerischer Poesie und doch
+so unmittelbar und natürlich, als ich nur konnte, den Vorschritt
+meiner Reise, jenen morgendlichen Schneehimmel über den Bergen,
+die mannigfaltigsten Tageserscheinungen, dann bot ich seiner
+Einbildungskraft die wunderlichen Turm- und Mauerbefestigungen von
+Nordhausen, gesehen bei hereinbrechender Abenddämmerung, ferner die
+nächtlich rauschenden, von des Boten Laterne zwischen Bergschluchten
+flüchtig erleuchtet blinkenden Gewässer und gelangte sodann zur
+Baumannshöhle. Hier aber unterbrach er mich lebhaft und versicherte,
+der kurze Weg, den er daran gewendet, gereue ihn ganz eigentlich;
+sie habe keineswegs dem Bild sich gleichgestellt, das er in seiner
+Phantasie entworfen. Nach dem Vorhergegangenen konnten mich solche
+krankhafte Symptome nicht verdrießen: denn wie oft hatte ich erfahren
+müssen, dass der Mensch den Wert einer klaren Wirklichkeit gegen ein
+trübes Phantom seiner düstern Einbildungskraft von sich ablehnt.
+Ebenso wenig war ich verwundert, als er auf meine Frage: wie er sich
+denn die Höhle vorgestellt habe? Eine Beschreibung machte, wie kaum
+der kühnste Theatermaler den Vorhof des Plutonischen Reiches
+darzustellen gewagt hätte.
+
+Ich versuchte hierauf noch einige propädeutische Wendungen, als
+Versuchsmittel einer zu unternehmenden Kur; ich ward aber mit der
+Versicherung, es könne und solle ihm nichts in dieser Welt genügen,
+so entschieden abgewiesen, dass mein Innerstes sich zuschloss und ich
+mein Gewissen durch den beschwerlichen Weg, im Bewusstsein des besten
+Willens, völlig befreit und mich gegen ihn von jeder weiteren Pflicht
+entbunden glaubte.
+
+Es war schon spät geworden, als er mir den zweiten, noch heftigern,
+mir gleichfalls nicht unbekannten brieflichen Erlass vorlesen wolle,
+doch aber meine Entschuldigung wegen allzu großer Müdigkeit gelten
+ließ, indem er zugleich eine Einladung auf morgen zu Tisch im Namen
+der Seinigen dringend hinzufügte; wogegen ich mir die Erklärung auf
+morgen ganz in der Frühe vorbehielt. Und so schieden wir friedlich
+und schicklich. Seine Persönlichkeit ließ einen ganz individuellen
+Eindruck zurück. Er war von mittlerer Größe, seine Gesichtszüge
+hatten nichts Anlockendes, aber auch nichts eigentlich Abstoßendes,
+sein düsteres Wesen erschien nicht unhöflich, er konnte vielmehr für
+einen wohlerzogenen jungen Mann gelten, der sich in der Stille auf
+Schulen und Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hatte.
+
+Heraustretend fand ich den völlig aufgehellten Himmel von Sternen
+blinken, Straßen und Plätze mit Schnee überdeckt, blieb auf einem
+schmalen Steg ruhig stehen und beschaute mir die winternächtliche
+Welt. Zugleich überdacht' ich das Abenteuer und fühlte mich fest
+entschlossen, den jungen Mann nicht wieder zu sehen: infolge dessen
+bestellt' ich mein Pferd auf Tagesanbruch, übergab ein anonymes,
+entschuldigendes Bleistiftblättchen dem Kellner, dem ich zugleich
+so viel Gutes und Wahres von dem jungen Mann, den er mir bekannt
+gemacht, zu sagen wusste; welches denn der gewandte Bursche mit
+eigner Zufriedenheit gewiss wohl benutzt haben mag.
+
+Nun ritt ich an dem Nordosthang des Harzes, im grimmigen, mich zur
+Seite bestürmenden Stöberwetter, nachdem ich vorher den Rammelsberg,
+Messinghütten und die sonstigen Anstalten der Art beschaut und ihre
+Weise mir eingeprägt hatte, nach Goslar, wovon ich diesmal nicht
+weiter erzähle, da ich mich künftig mit meinen Lesern darüber
+umständlich zu unterhalten hoffe.
+
+Ich wüsste nicht, wie viel Zeit vorübergegangen, ohne dass ich etwas
+weiter von dem jungen Mann gehört hätte, als unerwartet an einem
+Morgen mir ein Billett ins Gartenhaus bei Weimar zukam, wodurch
+er sich anmeldete; ich schrieb ihm einige Worte dagegen, er
+werde mir willkommen sein. Ich erwartete nun einen seltsamen
+Erkennungsauftritt, allein er blieb, herein tretend, ganz ruhig
+und sprach: "Ich bin nicht überrascht, Sie hier zu finden; die
+Handschrift Ihres Billetts rief mir so deutlich jene Züge wieder ins
+Gedächtnis, die Sie, aus Wernigerode scheidend, mir hinterließen,
+dass ich keinen Augenblick zweifelte, jenen geheimnisvollen Reisenden
+abermals hier zu finden."
+
+Schon dieser Eingang war erfreulich, und es eröffnete sich ein
+trauliches Gespräch, worin er mir seine Lage zu entwickeln trachtete
+und ich ihm dagegen meine Meinung nicht vorenthielt. Inwiefern sich
+seine inneren Zustände wirklich gebessert hatten, wüsst' ich nicht
+mehr anzugeben, es musste aber damit nicht so gar schlimm aussehen,
+denn wir schieden nach mehreren Gesprächen friedlich und freundlich;
+nur dass ich sein heftiges Begehren nach leidenschaftlicher
+Freundschaft und innigster Verbindung nicht erwidern konnte.
+
+Noch eine Zeitlang unterhielten wir ein briefliches Verhältnis; ich
+kam in den Fall, ihm einige reelle Dienste zu leisten, deren er sich
+denn auch bei gegenwärtiger Zusammenkunft dankbar erinnerte, sowie
+denn überhaupt das Zurückschauen in jene früheren Tage beiden Teilen
+einige angenehme Stunden gewährte. Er, nach wie vor immer nur mit
+sich selbst beschäftigt, hatte viel zu erzählen und mitzuteilen.
+Ihm war geglückt, im Lauf der Jahre sich den Rang eines geachteten
+Schriftstellers zu erwerben, indem er die Geschichte älterer
+Philosophie ernstlich behandelte, besonders derjenigen, die sich
+zum Geheimnis neigt, woraus er denn die Anfänge und Urzustände der
+Menschen abzuleiten trachtete. Seine Bücher, die er mir, wie sie
+herauskamen, zusendete, hatte ich freilich nicht gelesen; jene
+Bemühungen lagen zu weit von demjenigen ab, was mich interessierte.
+
+Seine gegenwärtigen Zustände fand ich auch keineswegs behaglich: er
+hatte Sprach- und Geschichtskenntnisse, die er so lange versäumt und
+abgelehnt, endlich mit wütender Anstrengung erstürmt und durch dieses
+geistige Unmaß sein Physisches zerrüttet. Zudem schienen seine
+ökonomischen Umstände nicht die besten, wenigstens erlaubte sein
+mäßiges Einkommen ihm nicht, sich sonderlich zu pflegen und zu
+schonen; auch hatte sich das düstere jugendliche Treiben nicht
+ganz ausgleichen können: noch immer schien er einem Unerreichbaren
+nachzustreben, und als die Erinnerung früherer Verhältnisse
+endlich erschöpft war, so wollte keine eigentlich frohe Mitteilung
+stattfinden. Meine gegenwärtige Art, zu sein, konnte fast noch
+entfernter von der seinigen als jemals angesehen werden. Wir schieden
+jedoch in dem besten Vernehmen, aber auch ihn verließ ich in Furcht
+und Sorge wegen der drangvollen Zeit.
+
+Den verdienten Merrem besuchte ich gleichfalls, dessen schöne
+naturhistorische Kenntnisse alsbald eine frohere Unterhaltung
+gewährten. Er zeigte mir manches Bedeutende vor, schenkte mir sein
+Werk über die Schlangen, und so ward ich aufmerksam auf seinen
+weitern Lebensgang, woraus mir mancher Nutzen erwuchs; denn das ist
+der höchst erfreuliche Vorteil von Reisen, dass einmal erkannte
+Persönlichkeiten und Lokalitäten unsern Anteil zeitlebens nicht
+loslassen.
+
+
+
+
+Münster, November 1792.
+
+Der Fürstin angemeldet, hoffte ich gleich den behaglichsten Zustand,
+allein ich sollte noch vorher eine zeitgemäße Prüfung erdulden:
+denn, auf der Fahrt von mancherlei Hindernissen aufgehalten,
+gelangte ich erst tief in der Nacht zur Stadt. Ich heilt nicht für
+schicklich, durch einen solchen Überfall gleich beim Eintritt die
+Gastfreundschaft in diesem Grad zu prüfen; ich fuhr daher an einen
+Gasthof, wo mir aber Zimmer und Bett durchaus versagt wurde: die
+Emigrierten hatten sich in Masse auch hierher geworfen und jeden
+Winkel gefüllt. Unter diesen Umständen bedachte ich mich nicht lange
+und brachte die Stunden auf einem Stuhl in der Wirtsstube hin, immer
+noch bequemer als vor kurzem, da beim dichtesten Regenwetter von Dach
+und Fach nichts zu finden war.
+
+Auf diese geringe Entbehrung erfuhr ich den andern Morgen das
+Allerbeste. Die Fürstin ging mir entgegen, ich fand in ihrem Haus zu
+meiner Aufnahme alles vorbereitet. Das Verhältnis von meiner Seite
+war rein, ich kannte die Glieder des Zirkels früher genugsam, ich
+wusste, dass ich in einen frommen sittlichen Kreis herein trat, und
+betrug mich darnach. Von jener Seite benahm man sich gesellig, klug
+und nicht beschränkend.
+
+Die Fürstin hatte uns vor Jahren in Weimar besucht, mit von
+Fürstenberg und Hemsterhuis; auch ihre Kinder waren von der
+Gesellschaft. Damals verglich man sich schon über gewisse Punkte und
+schied, einiges zugeben, anderes duldend, im besten Vernehmen. Sie
+war eines der Individuen, von denen man sich gar keinen Begriff
+machen kann, wenn man sie nicht gesehen hat, die man nicht richtig
+beurteilt, wenn man eben diese Individualität nicht in Verbindung
+sowie im Konflikt mit ihrer Zeitumgebung betrachtet. Von Fürstenberg
+und Hemsterhuis, zwei vorzügliche Männer, begleiteten sie treulich,
+und in einer solchen Gesellschaft war das Gute sowie das Schöne
+immerfort wirksam und unterhaltend. Letzterer war indessen gestorben,
+jener, nunmehr umso viel Jahre älter, immer derselbe verständige,
+edle, ruhige Mann; und welche sonderbare Stellung in der Mitwelt!
+Geistlicher, Staatsmann, so nahe, den Fürstenthron zu besteigen.
+
+Die ersten Unterhaltungen, nachdem das persönliche Andenken früherer
+Zeit sich ausgesprochen hatte, wandten sich auf Hamann, dessen Grab,
+in der Ecke des entlaubten Gartens, mir bald in die Augen schien.
+
+Seine großen, unvergleichlichen Eigenschaften gaben zu herrlichen
+Betrachtungen Anlass, seine letzten Tage jedoch bleiben ungesprochen:
+der Mann, der diesem endlich erwählten Kreis so bedeutend und
+erfreulich gewesen, ward im Tod den Freunden einigermaßen unbequem;
+man machte sich über sein Begräbnis entscheiden, wie man wollte, so
+war es außer der Regel.
+
+Den Zustand der Fürstin, nahe gesehen, konnte man nicht anders als
+liebevoll betrachten: sie kam früh zum Gefühl, dass die Welt uns
+nichts gebe, dass man sich in sich selbst zurückziehen, dass man in
+einem innern, beschränkten Kreis um Zeit und Ewigkeit besorgt sein
+müsse. Beides hatte sie erfasst; das höchste Zeitliche fand sie im
+Natürlichen, und hier erinnere man sich Rousseauscher Maximen über
+bürgerliches Leben und Kinderzucht. Zum einfältigen Wahren wollte man
+in allem zurückkehren, Schnürbrust und Absatz verschwanden, der Puder
+zerstob, die Haare fielen in natürlichen Locken. Ihre Kinder lernten
+schwimmen und rennen, vielleicht auch balgen und ringen. Diesmal
+hätte ich die Tochter kaum wieder gekannt. Sie war gewachsen
+und stämmiger geworden, ich fand sie verständig, liebenswert,
+haushälterisch, dem halb klösterlichen Leben sich fügend und widmend.
+So war es mit dem zeitlich Gegenwärtigen; das ewige Künftige hatten
+sie in einer Religion gefunden, die das, was andere lehrend hoffen
+lassen, heilig beteuernd zusagt und verspricht.
+
+Aber als die schönste Vermittlung zwischen beiden Welten entsprosste
+Wohltätigkeit, die mildeste Wirkung einer ernsten Aszetik: das Leben
+füllte sich aus mit Religionsübung und wohl tun; Mäßigkeit und
+Genügsamkeit sprach sich aus in der ganzen häuslichen Umgebung; jedes
+tägliche Bedürfnis ward reichlich und einfach befriedigt, die Wohnung
+selbst aber, Hausrat und alles, dessen man sonst benötigt ist,
+erschien weder elegant noch kostbar; es sah eben aus, als wenn man
+anständig zur Miete wohne. Eben dies galt von Fürstenbergs häuslicher
+Umgebung: er bewohnte einen Palast, aber einen fremden, den er seinen
+Kindern nicht hinterlassen sollte. Und so bewies er sich in allem
+sehr einfach, mäßig, genügsam, auf innerer Würde beruhend, alles
+Äußere verschmähend, so wie die Fürstin auch.
+
+Innerhalb dieses Elementes bewegte sich die geistreichste,
+herzlichste Unterhaltung, ernsthaft, durch Philosophie vermittelt,
+heiter durch Kunst, und wenn man bei jener selten von gleichen
+Prinzipien ausgeht, so freut man sich, bei dieser meist
+Übereinstimmung zu finden.
+
+Hemsterhuis, Niederländer, fein gesinnt, zu den Alten von Jugend auf
+gebildet, hatte sein Leben der Fürstin gewidmet, sowie seine
+Schriften, die durchaus von wechselseitigem Vertrauen und gleichem
+Bildungsgang das unverwüstlichste Zeugnis ablegen.
+
+Mit eigener scharfsinniger Zartheit wurde dieser schätzenswerte Mann
+dem Geistig-Sittlichen sowie dem Sinnlich-Ästhetischen unermüdet
+nachzustreben geleitet. Muss man von jenem sich durchdringen, so soll
+man von diesem immer umgeben sein; daher ist für einen Privatmann,
+der sich nicht in großen Räumen ergehen und selbst auf Reisen einen
+gewohnten Kunstgenuss nicht entbehren kann, eine Sammlung
+geschnittener Steine höchst wünschenswert: ihn begleitet überall das
+Erfreulichste, ein belehrendes Kostbares ohne Belästigung, und er
+genießt ununterbrochen des edelsten Besitzes.
+
+Um aber dergleichen zu erlangen, ist nicht genug, dass man wolle; zum
+Vollbringen gehört, außer dem Vermögen, vor allen Dingen Gelegenheit.
+Unser Freund entbehrte dieser nicht: auf der Scheide von Holland und
+England wohnend, die fortdauernde Handelsbewegung, die darin auch
+hin und her wogenden Kunstschätze beobachtend, gelangte er nach und
+nach durch Kauf- und Tauschversuche zu einer schönen Sammlung von
+etwa siebzig Stücken, wobei ihm Rat und Belehrung des trefflichen
+Steinschneiders Natter für die sicherste Beihilfe galt.
+
+Diese Sammlung hatte die Fürstin zum größten Teil entstehen sehen,
+Einsicht, Geschmack und Liebe daran gewonnen und besaß sie nun als
+Nachlass eines abgeschiedenen Freundes, der in diesen Schätzen immer
+als gegenwärtig erschien.
+
+Hemsterhuis' Philosophie, die Fundamente derselben, seinen Ideengang
+konnt' ich mir nicht anders zu eigen machen, als wenn ich sie in
+meine Sprach übersetzte. Das Schöne und das an demselben Erfreuliche
+sei, so sprach er sich aus, wenn wir die größte Menge von
+Vorstellungen in einem Moment bequem erblicken und fassen; ich aber
+musste sagen: das Schöne sei, wenn wir das gesetzmäßig Lebendige in
+seiner größten Tätigkeit und Vollkommenheit schauen, wodurch wir,
+zur Reproduktion gereizt, uns gleichfalls lebendig und in höchste
+Tätigkeit versetzt fühlen. Genau betrachtet, ist eins und eben
+dasselbe gesagt, nur von verschiedenen Menschen ausgesprochen, und
+ich enthalte mich, mehr zu sagen; denn das Schöne ist nicht sowohl
+leistend als versprechend, dagegen das Hässliche, aus einer Stockung
+entstehend, selbst stocken macht und nichts hoffen, begehren und
+erwarten lässt.
+
+Ich glaubte mir auch den "Brief über die Skulptur" hiernach meinem
+Sinn gemäß zu deuten; ferner schien mir das Büchlein "Über das
+Begehren" auf diesem Weg klar: denn wenn das heftig verlangte Schöne
+in unsern Besitz kommt, so hält es nicht immer im einzelnen, was es
+im ganzen versprach, und so ist es offenbar, dass dasjenige, was uns
+als Ganzes aufregte, im einzelnen nicht durchaus befriedigen wird.
+
+Diese Betrachtungen waren umso bedeutender, als die Fürstin ihren
+Freund heftig nach Kunstwerken verlangen, aber im Besitz erkalten
+gesehen, was er so scharfsinnig und liebenswürdig in obgemeldetem
+Büchlein ausgeführt hatte. Dabei hat man freilich den Unterschied zu
+bedenken, ob der Gegenstand des für ihn empfundenen Enthusiasmus
+würdig sei: ist er es, so muss Freude und Bewunderung immer daran
+wachsen, sich stets erneuen; ist er es nicht ganz, so geht das
+Thermometer um einige Grade zurück, und man gewinnt an Einsicht, was
+man an Vorurteil verlor. Deshalb es wohl ganz richtig ist, dass man
+Kunstwerke kaufen müsse, um sie kennen zu lernen, damit das Verlangen
+aufgehoben und der wahre Wert festgestellt werde. Indessen muss
+auch hier Sehnsucht und Befriedigung in einem pulsierenden Leben
+miteinander abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen,
+damit der einmal Betrogene nicht aufhöre, zu begehren.
+
+Wie empfänglich die Sozietät, in der ich mich befand, für solche
+Gespräche sein mochte, wird derjenige am besten beurteilen, der von
+Hemsterhuis' Werken Kenntnis genommen hat, welche, in diesem Kreis
+entsprungen, ihm auch Leben und Nahrung verdankten.
+
+Zu den geschnittenen Steinen aber wieder zurückzukehren, war
+mehrmals höchst erfreulich, und man musste dies gewiss als einen der
+sonderbarsten Fälle ansehen, dass gerade die Blüte des Heidentums
+in einem christlichen haus verwahrt und hochgeschätzt werden sollte.
+Ich versäumte nicht, die allerliebsten Motive hervorzuheben, die aus
+diesen würdigen, kleinen Gebilden dem Auge entgegen sprangen. Auch
+hier durfte man sich nicht verleugnen, dass Nachahmung großer,
+würdiger, älterer Werke, die für uns ewig verloren wären, in diesen
+engen Räumen juwelenhaft aufgehoben worden; und es fehlte fast an
+keiner Art. Der tüchtigste Herkules, mit Efeu bekränzt, durfte seinen
+kolossalen Ursprung nicht verleugnen; ein ernstes Medusenhaupt,
+ein Bacchus, der ehemals im Medicischen Kabinett verwahrt worden,
+allerliebste Opfer und Bacchanalien und zu allem diesen die
+schätzbarsten Porträte von bekannten und unbekannten Personen mussten
+bei wiederholter Betrachtung bewundert werden.
+
+Aus solchen Gesprächen, die ungeachtet ihrer Höhe und Tiefe nicht
+Gefahr liefen, sich ins Abstruse zu verlieren. Schien eine
+Vereinigung hervorzugehen, indem jede Verehrung eines würdigen
+Gegenstandes immer von einem religiösen Gefühl begleitet ist. Doch
+konnte man sich nicht verbergen, dass die reinste christliche
+Religion mit der wahren bildenden Kunst immer sich zwiespältig
+befinde, weil jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebt,
+diese nun aber das sinnliche Element als ihren eigentlichsten
+Wirkungskreis anerkennt und darin beharren muss. In diesem Geist
+schrieb ich nachstehendes Gedicht augenblicklich nieder:
+
+ Amor, nicht das Kind, der Jüngling, der Psychen verführte,
+ Sah im Olympus sich um, frech und der Siege gewohnt;
+ Eine Göttin erblickt' er, vor allen die herrlichste Schöne,
+ Venus Urania war's, und er entbrannte für sie.
+ Ach! Die Heilige selbst, sie widerstand nicht den Werben,
+ Und der Verwegene hielt fest sie im Arme bestrickt.
+ Da entstand aus ihnen ein neuer lieblicher Amor,
+ Der dem Vater den Sinn, Sitte der Mutter verdankt.
+ Immer findest du ihn in holder Musen Gesellschaft,
+ Und sein reizender Pfeil stiftet die Liebe der Kunst.
+
+Mit diesem allegorischen Glaubensbekenntnis schien man nicht ganz
+unzufrieden; indessen blieb es auf sich selbst beruhen, und
+beide Teile machten sich's zur Pflicht, von ihren Gefühlen und
+Überzeugungen nur dasjenige hervorzukehren, was gemeinsam wäre und zu
+wechselseitiger Belehrung und Ergötzung, ohne Widerstreit, gereichen
+könnte.
+
+Immer aber konnten die geschnittenen Steine als ein herrliches
+Mittelglied eingeschoben werden, wenn die Unterhaltung irgend
+lückenhaft zu werden drohte. Ich von meiner Seite konnte freilich nur
+das Poetische schätzen, das Motiv selbst, Komposition, Darstellung
+überhaupt beurteilen und rühmen, dagegen die Freunde dabei noch ganz
+andere Betrachtungen anzustellen gewohnt waren. Denn es ist für den
+Liebhaber, der solche Kleinodien anschaffen, den Besitz zu einer
+würdigen Sammlung erheben will, nicht genug zur Sicherheit seines
+Erwerbs, dass er Geist und Sinn der köstlichen Kunstarbeit einsehe
+und sich daran ergötze, sondern er muss auch äußerliche Kennzeichen
+zu Hilfe rufen, die für den, der nicht selbst technischer Künstler im
+gleichen Fach ist, höchst schwierig sein möchten. Hemsterhuis hatte
+mit seinem Freunde Natter viele Jahre darüber korrespondiert, wovon
+sich noch bedeutende Briefe vorfanden. Hier kam nun erst die Steinart
+selbst zur Sprache, in welcher gearbeitet worden, indem man sich der
+einen in frühern, der andern in folgenden Zeiten bedient; sodann war
+vor allen Dingen eine größere Ausführlichkeit im Auge zu halten,
+wo man auf bedeutende Zieten schließen konnte, so wie flüchtige
+Arbeit bald auf Geist, teils auf Unfähigkeit, teils auf Leichtsinn
+hindeutete, frühere oder spätere Epochen zu erkennen gab. Besonders
+legte man großen Wert auf die Politur vertiefter Stellen und glaubte
+darin ein unverwerfliches Zeugnis der besten Zeiten zu sehen. Ob aber
+ein geschnittener Stein entschieden antik oder neu sei, darüber wagte
+man keine festen Kriterien anzugeben; Freund Hemsterhuis habe selbst
+nur mit Beistimmung jenes trefflichen Künstlers sich über diesen
+Punkt zu beruhigen gewusst.
+
+Ich konnte nicht verbergen, dass ich hier in ein ganz frisches Feld
+gerate, wo ich mich höchst bedeutend angesprochen fühle und nur die
+Kürze der Zeit bedaure, wodurch ich die Gelegenheit mir abgeschnitten
+sehe, meine Augen sowohl als den innern Sinn auch auf diese
+Bedingungen kräftiger zu richten. Bei einem solchen Anlass äußerte
+sich die Fürstin heiter und einfach: sie sei geneigt, mir die
+Sammlung mitzugeben, damit ich solche zu Hause mit Freunden und
+Kennern studieren und mich in diesem bedeutenden Zweig der bildenden
+Kunst, mit Zuziehung von Schwefel- und Glaspasten, umsehen und
+bestärken möchte. Dieses Anerbieten, das ich für kein leeres
+Kompliment halten durfte und für mich höchst reizend war, lehnt' ich
+jedoch dankbarlichst ab; und ich gestehe, dass mir im Innern die Art,
+wie diese Schatz aufbewahrt wurde, eigentlich das größte Bedenken
+gab. Die Ringe waren in einzelnen Kästchen, einer allein, zwei, drei,
+wie es der Zufall gegeben hatte, nebeneinander gesteckt: es war
+unmöglich, beim Vorzeigen am Ende zu bemerken, ob wohl einer fehle;
+wie denn die Fürstin selbst gestand, dass einst, in der besten
+Gesellschaft ein Herkules abhanden gekommen, den man erst späterhin
+vermisst habe. Sodann schien es bedenklich genug, in gegenwärtiger
+Zeit sich mit einem solchen Wert zu beschweren und eine höchst
+bedeutende, ängstliche Verantwortung zu übernehmen. Ich suchte daher
+mit der freundlichsten Dankbarkeit die schicklichsten ablehnenden
+Gründe vorzubringen, welche Einrede die Freundin wohlwollend in
+Betracht zu ziehen schien, indem ich nun um desto eifriger die
+Aufmerksamkeit auf diese Gegenstände, insofern es sich nur
+einigermaßen schicken wollte, zu lenken suchte.
+
+Von meinen Naturbetrachtungen aber, die ich, weil auch wenig Glück
+für sie hier am Ort zu hoffen war, eher verheimlichte, war ich doch
+genötigt einige Rechenschaft zu geben. Von Fürstenberg brachte zur
+Sprache, dass er mit Verwunderung, welche beinahe wie Befremden
+aussah, hie und da gehört habe, wie ich der Physiognomik wegen
+die allgemeine Knochenlehre studiere, wovon sich doch schwerlich
+irgendeien Beihilfe zu Beurteilung der Gesichtszüge des Menschen
+hoffe lasse. Nun mocht' ich wohl bei einigen Freunden, das für einen
+Dichter ganz unschicklich gehaltene Studium der Osteologie zu
+entschuldigen und einigermaßen einzuleiten, geäußert haben, ich sei,
+wie es denn wirklich auch an dem war, durch Lavaters Physiognomik in
+dieses Fach wieder eingeführt worden, da ich in meinen akademischen
+Jahren darin die erste Bekanntschaft gesucht hatte. Lavater selbst,
+der glücklichste Beschauer organisierter Oberflächen, sah sich, in
+Anerkennung, dass Muskel- und Hautgestalt und ihre Wirkung von dem
+entschiedenen inneren Knochengebilde durchaus abhängen müsse,
+getrieben, mehrere Tierschädel in sein Werk abbilden zu lassen und
+selbige mir zu einem flüchtigen Kommentar darüber zu empfehlen. Was
+ich aber gegenwärtig hiervon wiederholen oder in demselben sinn
+zugunsten meines Verfahrens aufbringen wollte, konnte mir wenig
+helfen, indem zu jener Zeit ein solcher wissenschaftlicher Grund
+allzu weit ablag und man, im augenblicklichen geselligen Leben
+befangen, nur den beweglichen Gesichtszügen, und vielleicht gar nur
+in leidenschaftlichen Momenten, eine gewisse Bedeutung zugestand,
+ohne zu bedenken, dass hier nicht etwa bloß ein regelloser Schein
+wirken könne, sondern dass das Äußere, Bewegliche, Veränderliche als
+ein wichtiges, bedeutendes Resultat eines innern entschiedenen Lebens
+betrachtet werden müsse.
+
+Glücklicher als in diesen Vorträgen war ich in Unterhaltung größerer
+Gesellschaft: geistliche Männer von Sinn und Verstand, heranstrebende
+Jünglinge, wohlgestaltet und wohlerzogen, an Geist und Gesinnung viel
+versprechend, waren gegenwärtig. Hier wählte ich unaufgefordert die
+römischen Kirchenfeste Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter
+Paul; sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus-
+und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen
+charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich
+ging darauf aus, ein "römisches Jahr" zu schreiben, den Verlauf
+geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch,
+sogleich jene Feste nach einem reinen, direkten Eindruck darzustellen
+imstande, meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten
+Bildern ebenso zufrieden sah als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja,
+einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau
+bekannt, hatte im Stillen gefragt: ob ich denn wirklich katholisch
+sei? Als die Fürstin mir dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein
+anderes: Man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie
+solle sich vor mir in Acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu
+stellen, dass man mich für religiös, ja für katholisch halten könne.
+
+"Geben Sie mir zu, verehrte Freundin," rief ich aus, "ich stelle
+mich nicht fromm, ich bin es am rechten Ort; mir fällt nicht schwer,
+mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und
+sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafte
+Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener
+Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider.
+Was mir widersteht, davon wend' ich den Blick weg, aber manches, was
+ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit
+erkennen: da zeigt sich denn meist, dass die andern ebenso recht
+haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich
+nach der meinigen." Hierdurch war man denn auch wegen dieses Punkts
+aufgeklärt, und eine freilich keineswegs zu lobende heimliche
+Einmischung in unsere Verhältnisse hatte gerade im Gegenteil, wie sie
+Misstrauen erregen wollte, Vertrauen erregt.
+
+In einer solchen zarten Umgebung wär' es nicht möglich gewesen, herb
+oder unfreundlich zu sein; im Gegenteil fühlt' ich mich milder als
+seit langer Zeit, und es hätte mir wohl kein größeres Glück begegnen
+können, als dass ich nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen
+endlich wieder fromme menschliche Sitte auf mich einwirken fühlte.
+
+Einer so edlen, guten, sittlich-frohen Gesellschaft war ich jedoch in
+einem Punkt ungefällig, ohne dass ich selbst weiß, wie es zugegangen
+ist. Ich war wegen eines glücklichen, freien, bedeutenden Vorlesens
+berühmt, man wünschte mich zu hören, und da man wusste, dass ich die
+"Luise" von Voß, wie sie im Novemberheft des "Merkur" 1784 erschienen
+war, leidenschaftlich verehrte und sie gerne vortrug, spielte man
+darauf an, ohne zudringlich zu sein; man legte das Merkurstück unter
+den Spiegel und ließ mich gewähren. Und nun wüsst' ich nicht zu
+sagen, was mich abhielt; mir war wie Sinn und Lippe versiegelt, ich
+konnte das Heft nicht aufnehmen, mich nicht entschließen, eine Pause
+des Gesprächs zu meiner und der andern Freude zu nutzen, die Zeit
+ging hin, und ich wundere mich noch über diese unerklärliche
+Verstocktheit.
+
+Der Tag des Abschieds nahte heran: man musste doch sich einmal
+trennen. "Nun," sagte die Fürstin, "hier gilt keine Widerrede! Sie
+müssen die geschnittenen Steine mitnehmen, ich verlange es." Als ich
+aber meine Weigerung auf das höflichste und freundlichste fort
+behauptete, sagte sie zuletzt: "So muss ich Ihnen denn eröffnen,
+warum ich es fordere. Man hat mir abgeraten, Ihnen diesen Schatz
+anzuvertrauen, und eben deswegen will ich, muss ich es tun; man hat
+mir vorgestellt, dass ich Sie doch auf diesen Grad nicht kenne, um
+auch in einem solchen Fall von Ihnen ganz gewiss zu sein. Darauf habe
+ich," fuhr sie fort, "erwidert: Glaubt ihr denn nicht, dass der
+Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei als diese Steine?
+Sollt' ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch
+hinterdrein gehen." Ich konnte nun weiter nichts erwidern, indem
+sie durch eine solche Äußerung in eben dem Grad mich zu ehren und
+zu verpflichten wusste. Jedes übrige Hindernis räumte sie weg;
+vorhandene Schwefelabgüsse, katalogisiert, waren zu Kontrolle,
+sollte sie nötig befunden werden, in einem sauberen Kästchen mit den
+Originalen eingepackt, und ein sehr kleiner Raum fasste die leicht
+transportablen Schätze.
+
+So nahmen wir treulich Abschied, ohne jedoch sogleich zu scheiden;
+die Fürstin kündigte mir an, sie wolle mich auf die nächste Station
+begleiten, setze sich zu mir im Wagen, der ihrige folgte. Die
+bedeutenden Punkte des Lebens und der Lehr kamen abermals zur
+Sprache: ich wiederholte mild und ruhig mein gewöhnliches Credo, auch
+sie verharrte bei dem ihrigen. Jedes zog nun seines Weges nach Hause;
+sie mit dem nachgelassenen Wunsch, mich wo nicht hier, doch dort
+wieder zu sehen.
+
+Diese Abschiedsformel wohl denkender freundlicher Katholiken war mir
+nicht fremd, noch zuwider: ich hatte sie oft bei vorübergehenden
+Bekanntschaften in Bädern und sonst meist von wohlwollenden, mir
+freundlichst zugetanen Geistlichen vernommen, und ich sehe nicht ein,
+warum ich irgendjemand verargen sollte, der wünscht, mich in seinen
+Kreis zu ziehen, wo sich nach seiner Überzeugung ganz allein ruhig
+leben und, einer ewigen Seligkeit versichert, ruhig sterben lässt.
+
+ * * * * *
+
+Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem
+Postmeister nicht allein rasch gefördert, sondern auch durch
+Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und
+höchst notwendig war. Denn ich hatte bei schöner, freundschaftlicher,
+friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstürme;
+und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich
+immer weiter nach Deutschland hineindrängte und gegen welche die
+Postillione ebenso wenig als am Rhein günstig gesinnt waren. Gar oft
+kein gebahnter Weg, man fuhr blad hüben bald drüben, begegnete und
+kreuzte sich. Heidegebüsch und Gesträuche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor
+und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch
+ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab.
+
+Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe:
+er glaubte, die schönen Französinnen, die er in Düsseldorf in den
+traurigsten Umständen wieder angetroffen, seien abermals im Fall,
+seines Beistandes zu bedürfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht
+wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen
+und geängstigt, endlich über den Rhein geworfen worden.
+
+Hier aber in dieser Wüste erschien sie nicht: einige alte ehrwürdige
+Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten
+und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte,
+weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen,
+mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit
+wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen würden; denn ob er es
+gleich mit uns redlich meine, so ständ' er doch in dieser Wüstenei
+für nichts.
+
+Glücklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine
+Anzahl westfälischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein
+bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht.
+
+An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der
+kostbare Schatz, den wir mit uns führten, so leicht, um in einer
+leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wünscht' ich mir
+mein böhmisches Wägelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil,
+welches wichtige Schätze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art
+von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die
+Notiz von Überschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und
+Kostbarkeiten jederzeit überlieferte. Nun aber wurden wir wegen
+vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des
+schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig
+vorwärts gedrängt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoßen,
+da uns denn wirklich der bängliche Fall begegnete, dass der
+Postillion in düsterer Nacht schwur, er könne das Ding nicht weiter
+fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren
+Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein hätten
+Schaudern erregen können. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen
+erquicklich: man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man
+vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit
+Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute
+sich an ihren Vorzügen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da
+fühlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem
+kummervollen Zustand. Wie düster aber auch in der letzten und
+schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so
+wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert
+und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem
+Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines
+bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines
+jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die
+behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit
+jedoch ward mir für einige Zeit gestört, als ich auf dem prächtigen
+tageshellen Königsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: der
+anmeldende Diener kehrte zurück mit der Erklärung, es sei kein Platz
+zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr
+höflich an den Schlag und bat in schönen französischen Phrasen um
+Entschuldigung, da es nicht möglich sei, mich aufzunehmen. Ich
+erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern müsse, dass
+in einem so großen Gebäude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem
+fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. "Sie sind
+ein Deutscher!" rief er aus, "das ist ein anderes!" und sogleich
+ließ er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir
+ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: er sei fest
+entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei
+höchst anmaßend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend,
+da sie nicht wüssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrügen sie
+sich noch immer, als hätten sie von einem eroberten Land Besitz
+genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg
+nach Eisenach weniger Zudrang der so häufig und unversehens heran
+getriebenen Gäste.
+
+Meine Ankunft in Weimar sollte auch nicht ohne Abenteuer bleiben; sie
+ereignete sich nach Mitternacht und gab Anlass zu einer
+Familienszene, welche wohl in irgendeinem Roman die tiefste
+Finsternis erhellen und erheitern würde.
+
+Nun fand ich das von meinem Fürsten mir bestimmte, erneuerte, wohl
+eingerichtete Haus schon meistens bewohnbar, ohne dass mir die Freude
+ganz versagt gewesen wäre, bei dem Ausbau mit- und einzuwirken. Die
+Meinigen entgegneten mir munter und gesund, und als es an ein
+Erzählen ging, kontrastierte freilich der heitere, ruhige Zustand, in
+welchem sie die aus Verdun gesendeten Süßigkeiten genossen, mit
+demjenigen, worin wir, die sie in paradiesischen Zuständen glaubten,
+mit aller denkbaren Not zu kämpfen hatten. Unser stiller häuslicher
+Kreis war nun umso reicher und froher abgeschlossen, indem Heinrich
+Meyer, zugleich als Hausgenosse, Künstler, Kunstfreund und
+Mitarbeiter, zu den Unsrigen gehörte und an allem Belehrenden sowie
+an allem Wirksamen kräftigen Anteil nahm.
+
+Das weimarsche Theater bestand seit dem Mai 1791; es hatte sowohl den
+Sommer genannten Jahres als auch den des laufenden in Lauchstädt
+zugebracht und sich durch Wiederholung damals gangbarer, meist
+bedeutender Stücke schon ziemlich gut zusammengespielt. Ein Rest der
+Bellomoschen Gesellschaft, also schon aneinander gewöhnter Personen,
+gab den Grund; andere teils schon brauchbare, teils viel
+versprechende Glieder füllten schicklich und gemächlich die
+entstandene Lücke.
+
+Man kann sagen, dass es damals noch ein Schauspielerhandwerk gab,
+wodurch befähigt, sich Glieder entfernter Theater gar bald in
+Einklang setzten, besonders wenn man so glücklich war, für
+die Rezitation Niederdeutsche, für den Gesang Oberdeutsche
+herbeizuziehen; und so konnte das Publikum für den Anfang gar wohl
+zufrieden sein. Da ich teil an der Direktion genommen, so war es mir
+eine unterhaltende Beschäftigung, gelind zu versuchen, auf welchem
+Weg das Unternehmen weitergeführt werden könnte. Ich sah gar bald,
+dass eine gewisse Technik aus Nachahmung, Gleichstellung mit andern
+und Routine hervorgehen konnte; allein es fehlte durchaus an dem, was
+ich Grammatik nennen dürfte, die doch erst zum Grund liegen muss, ehe
+man zu Rhetorik und Poesie gelangen kann. Da ich auf diesen
+Gegenstand zurückzukehren gedenke und ihn vorläufig nicht gern
+zerstückeln möchte, so sage ich nur so viel: dass ich eben jene
+Technik, welche sich alles aus Überlieferung aneignet, zu studieren
+und auf ihre Elemente zurückzuführen suchte und das, was mir klar
+geworden, in einzelnen Fällen, ohne auf ein Allgemeines hinzuweisen,
+beobachten ließ.
+
+Was mir bei diesem Unternehmen aber besonders zustatten kam, war der
+damals überhand nehmende Natur- und Konversationston, der zwar höchst
+lobenswert und erfreulich ist, wenn er als vollendete Kunst, als eine
+zweite Natur hervortritt, nicht aber, wenn ein jeder glaubt, nur sein
+eigenes nacktes Wesen bringen zu dürfen, um etwas Beifallswürdiges
+darzubieten. Ich aber benutzte diesen Trieb zu meinen Zwecken, indem
+ich gar wohl zufrieden sein konnte, wenn das angeborne Naturell sich
+mit Freiheit hervortat, um sich nach und nach, durch gewisse Regeln
+und Anordnungen, einer höhern Bildung entgegenführen zu lassen. Doch
+darf ich hiervon nicht weiter sprechen, weil was getan und geleistet
+worden, sich erst nach und nach aus sich selbst entwickelte und also
+historisch dargestellt werden musste.
+
+Umstände jedoch, die für das neue Theater sich höchst günstig
+hervortaten, miss ich kürzlich anführen. Iffland und Kotzebue blühten
+in ihrer besten Zeit, ihre Stücke, natürlich und fasslich, die einen
+gegen ein bürgerlich rechtliches Behagen, die andern gegen eine
+lockere Sittenfreiheit hingewendet; beide Gesinungen waren dem Tage
+gemäß und erhielten freudige Teilnahme; mehrere noch als Manuskript
+ergötzten durch den lebendigen Duft des Augenblicks, den sie mit sich
+brachten. Schröder, Babo, Ziegler, glücklich energische Talente,
+lieferten bedeutenden Beitrag; Bretzner und Jünger, ebenfalls
+gleichzeitig, gaben anspruchslos einer bequemen Fröhlichkeit Raum.
+Hagemann und Hagemeister, Talente, die sich auf die Länge nicht
+halten konnten, arbeiteten gleichfalls für den Tag und waren, wo
+nicht bewundert, doch als neu geschaut und willkommen. Diese
+lebendige, sich im Zirkel herumtreibende Masse suchte man mit
+Shakespeare, Gozzi und Schiller Geister zu erheben; man verließ die
+bisherige Art, nur Neues zum nächsten Verlust einzustudieren, man war
+sorgfältig in der Wahl und bereitete schon ein Repertorium vor,
+welches viele Jahre gehalten hat. Aber auch dem Mann, der uns diese
+Anstalt gründen half, müssen wir eine dankbare Erinnerung nicht
+schuldig bleiben. Es war F. J. Fischer, ein Schauspieler in Jahren,
+der sein Handwerk verstand, mäßig, ohne Leidenschaft, mit seinem
+Zustand zufrieden, sich mit einem beschränkten Rollenfach begnügend.
+Er brachte mehrere Schauspieler von Prag mit, die in seinem Sinn
+wirkten, und wusste die einheimischen gut zu behandeln, wodurch ein
+innerer Friede sich über das Ganze verbreitete.
+
+Was die Oper anlangt, so kamen uns die Dittersdorfischen Arbeiten auf
+das Beste zustatten. Er hatte mit glücklichem Naturell und Humor für
+ein fürstliches Privattheater gearbeitet, wodurch seinen Produktionen
+eine gewisse leichte Behaglichkeit zuteil ward, die auch uns zugute
+kam, weil wir unser neues Theater als eine Liebhaber-Bühne zu
+betrachten die Klugheit hatten. Auf den Text, im rhythmischen und
+prosaischen Sinn, wendete man viel Mühe, um ihn dem obersächsischen
+Geschmack mehr anzueignen; und so gewann diese leichte Ware Beifall
+und Abgang.
+
+Die aus Italien wiedergekehrten Freunde bemühten sich, die leichteren
+italienischen Opern jener Zeit, von Paesiello, Cimarosa, Guglielmi
+und andern, herüberzuführen, wo denn zuletzt auch Mozarts Geist
+einzuwirken anfing. Denke man sich, dass von diesem allem wenig
+bekannt, gar nichts abgebraucht war, so wird man gestehen, dass die
+Anfänge des weimarschen Theaters mit den jugendlichen Zeiten des
+deutschen Theaters überhaupt oder zugleich eintraten und Vorteile
+genossen, die offenbar zu einer natürlichen Entwickelung aus sich
+selbst den reinsten Anlass geben mussten.
+
+Um nun aber auch Genuss und Studium der anvertrauten Gemmensammlung
+vorzubreiten und zu sichern, ließ ich gleich zwei zierliche
+Ringkästchen verfertigen, worin die Steine mit einem Blick übersehbar
+nebeneinander standen, so dass irgendeine Lücke sogleich zu bemerken
+gewesen wäre; worauf alsdann Schwefel- und Gipsabgüsse in Mehrzahl
+verfertigt und der Prüfung durch stark vergrößernde Linsen
+unterworfen wurden, auch vorhandene Abdrücke älterer Sammlungen
+vorgesucht und zu Rate gezogen. Wir bemerkten wohl, dass hier für uns
+das Studium der geschnittenen Steine zu gründen sei; wie groß aber
+die Vergünstigung der Freundin gewesen, wurde erst nach und nach
+eingesehen.
+
+Das Resultat mehrjähriger Betrachtung sei deshalb hier eingeschaltet,
+weil wir wohl schwerlich unsere Aufmerksamkeit so bald wieder auf
+diesen Punkt wenden dürften.
+
+Aus innern Gründen der Kunst sahen sich die weimarschen Freunde
+berechtigt, wo nicht alle, doch bei weitem die größte Anzahl dieser
+geschnittenen Steine für echt antike Kunstdenkmale zu halten, und
+zwar fanden sich mehrere darunter, welche zu den vorzüglichsten
+Arbeiten dieser Art gerechnet werden durften. Einige zeichneten sich
+dadurch aus, dass sie als wirklich identisch mit ältern
+Schwefelpasten angesehen werden mussten; mehrere bemerkte man, deren
+Darstellung mit andern antiken Gemmen zusammentraf, die aber deswegen
+immer noch für echt gelten konnten. In den größten Sammlungen kommen
+wiederholte Vorstellungen vor, und man würde sehr irren, die einen
+als Original, die andern als moderne Kopien anzusprechen.
+
+Immer müssen wir dabei die edle Kunsttreue der Alten im Sinn tragen,
+welche die einmal glücklich gelungene Behandlung eines Gegenstandes
+nicht oft genug wiederholen konnte. Jene Künstler hielten sich für
+original genug, wenn sie einen originellen Gedanken aufzufassen und
+ihn auf ihre Weise wieder darzustellen Fähigkeit und Fertigkeit
+empfanden. Mehrere Steine zeigten sich auch mit eingeschnittenen
+Künstlernamen, worauf man seit Jahren großen Wert gelegt hatte. Eine
+solche Zutat ist wohl immer merkwürdig genug, doch bleibt sie meist
+problematisch: denn es ist möglich, dass der Stein alt und der Name
+neu eingeschnitten sei, um dem Vortrefflichen noch einen Beiwert zu
+verleihen.
+
+Ob wir uns nun gleich hier wie billig alles Katalogisierens
+enthalten, da Beschreibung solcher Kunstwerke ohne Nachbildung wenig
+Begriff gibt, so unterlassen wir doch nicht, von den vorzüglichsten
+einige allgemeine Andeutungen zu geben.
+
+Kopf des Herkules. Bewundernswürdig in Betracht des edlen, freien
+Geschmacks der Arbeit, und noch mehr zu bewundern in Hinsicht auf die
+herrlichen Idealformen, welche mit keinem der bekannten Herkulesköpfe
+ganz genau übereinkommen und eben dadurch die Merkwürdigkeit dieses
+köstlichen Denkmals noch vermehren helfen.
+
+Brustbild des Bacchus. Arbeit, wie auf den Stein gehaucht, und in
+Hinsicht auf die idealen Formen eines der edelsten antiken Werke.
+Es finden sich in verschiedenen Sammlungen mehrere diesem ähnliche
+Stücke, und zwar, wenn wir uns recht erinnern, sowohl hoch als tief
+geschnitten; doch ist uns noch keines bekannt geworden, welches vor
+dem gegenwärtigen den Vorzug verdiente.
+
+Faun, welcher einer Bacchantin das Gewand rauben will. Vortreffliche
+und auf alten Monumenten mehrmals vorkommende Komposition, ebenfalls
+gut gearbeitet.
+
+Eine umgestürzte Leier, deren Hörner zwei Delphine darstellen, der
+Körper oder, wenn man will, der Fuß Amors Haupt, mit Rosen bekränzt;
+zu derselben ist Bacchus' Panther, in der Vorderpfote den Thyrsusstab
+haltend, zierlich gruppiert. Die Ausführung dieses Steins befriedigt
+den Kenner, und wer zarte Bedeutung liebt, wird gleichfalls seine
+Rechnung finden.
+
+Maske, mit großem Bart und weit geöffnetem Mund; eine Efeuranke
+umschlingt die kahle Stirn. In seiner Art mag dieser Stein einer der
+allervorzüglichsten sein, und ebenso schätzbar ist auch
+
+Eine andere Maske mit langem Bart und zierlich aufgebundenen Haaren;
+ungewöhnlich tief gearbeitet.
+
+Venus tränkt den Amor. Eine der lieblichsten Gruppen, die man sehen
+kann, geistreich behandelt, doch ohne großen Aufwand von Fleiß.
+
+Cybele, auf dem Löwen reitend, tief geschnitten: ein Werk, welches
+als vortrefflich den Liebhabern durch Abdrücke, die fast in allen
+Pastensammlungen zu finden sind, genugsam bekannt ist.
+
+Gigant, der einen Greif aus seiner Felsenhöhle hervorzieht. Ein Werk
+von sehr vielem Kunstverdienst und als Darstellung vielleicht ganz
+einzig. Die vergrößerte Nachbildung desselben finden unsere Leser vor
+dem Voßschen Programm zu der Jenaischen A. L. Z. 1804, IV. Band.
+
+Behelmter Kopf im Profil, mit großem Bart. Vielleicht ist's eine
+Maske; indessen hat sie im geringsten nichts Karikaturartiges,
+sondern ein gedrungenes heldenmäßiges Angesicht, und ist vortrefflich
+gearbeitet.
+
+Homer, als Herme, fast ganz von vorne dargestellt und sehr tief
+geschnitten. Der Dichter erscheint hier jünger als gewöhnlich, kaum
+im Anfang des Greisenalters; daher diese Werk nicht allein von Seiten
+der Kunst, sondern auch des Gegenstandes wegen schätzbar ist.
+
+In Sammlungen von Abdrücken geschnittener Steine wird oftmals der
+Kopf eines ehrwürdigen bejahrten Mannes mit langem Bart und
+Haaren angetroffen, der -- jedoch ohne dass Gründe dafür angegeben
+werden -- das Bildnis des Aristophanes sein soll. Ein ähnlicher, nur
+durch unbedeutende Abweichungen von jenem sich unterscheidender Kopf
+ist in unserer Sammlung anzutreffen und in der Tat eins der besten
+Stücke.
+
+Das Profil eins Unbekannten ist vermutlich über der Augenbraune
+abgebrochen gefunden und in neuerer Zeit wieder zum Ringstein
+zugeschliffen worden. Großartiger und lebenvoller haben wir nie
+menschliche Gestalt auf dem kleinen Raum einer Gemme dargestellt
+gesehen, selten den Fall, wo der Künstler ein so unbeschränktes
+Vermögen zeigte. Von ähnlichem Gehalt ist auch
+
+Der ebenfalls unbekannte Porträtkopf mit übergezogener Löwenhaut;
+derselbe war auch so wie der vorige über dem Auge abgebrochen, allein
+das Fehlende ist mit Gold ergänzt.
+
+Kopf eines bejahrten Mannes von gedrungenem, kräftigem Charakter, mit
+kurz geschornen Haaren. Außerordentlich geistreich und meisterhaft
+gearbeitet; besonders ist die kühne Behandlung des Barts zu bewundern
+und vielleicht einzig in ihrer Art.
+
+Männlicher Kopf oder Brustbild ohne Bart, um das Haar eine Binde
+gelegt, das reich gefaltete Gewand auf der rechten Schulter geheftet.
+Es ist ein geistreicher, kräftiger Ausdruck in diesem Werk und Züge,
+wie man gewohnt ist dem Julius Cäsar zuzuschreiben.
+
+Männlicher Kopf, ebenfalls ohne Bart, die Toga, wie bei Opfern
+gebräuchlich war, über das Haupt gezogen. Außerordentlich viel
+Wahrheit und Charakter ist in diesem Gesicht, und kein Zweifel, dass
+die Arbeit echt alt und aus den Zeiten der ersten römischen Kaiser
+sei.
+
+Brustbild einer römischen Dame; um das Haupt doppelte Flechten von
+Haaren gewunden, das Ganze bewunderungswürdig fleißig ausgeführt und
+in Hinsicht des Charakters voll Wahrheit, Behaglichkeit, Naivität,
+Leben.
+
+Kleiner, behelmter Kopf, mit starkem Bart und kräftigem Charakter,
+ganz von vorne dargestellt und schätzbare Arbeit.
+
+Eines neuern vortrefflichen Steines gedenken wir zum Schluss: das
+Haupt der Meduse in dem herrlichsten Karneol. Es ist solches der
+bekannten Meduse des Sosikles vollkommen ähnlich, und geringe
+Abweichungen kaum zu bemerken. Allerdings eine der vortrefflichsten
+Nachahmungen antiker Werke: denn für eine solche möchte er unerachtet
+seiner großen Verdienste doch zu halten sein, da die Behandlung etwas
+weniger Freiheit hat und überdies ein unter dem Abschnitt des Halses
+angebrachtes N doch wohl auf eine Arbeit von Natter selbst schließen
+lässt.
+
+An diesem Wenigen werden wahre Kunstkenner den hohen Wert der
+gepriesenen Sammlung zu ahnen vermögen. Wo sie sich gegenwärtig
+befindet, ist uns unbekannt; vielleicht erhielte man hierüber einige
+Nachricht, die einen reichen Kunstfreund wohl anreizen könnte, diesen
+Schatz, wenn er verkäuflich ist, sich zuzueignen.
+
+Die weimarschen Kunstfreunde zogen, solange diese Sammlung in ihren
+Händen war, allen möglichen Vorteil daraus. Schon in dem laufenden
+Winter gab sie der geistreichen Gesellschaft, welche sich um die
+Herzogin Amalie zu vereinigen pflegte, ausgezeichnete Unterhaltung.
+Man suchte sich in dem Studium geschnittener Steine zu begründen,
+wobei uns das Wohlwollen der trefflichen Besitzerin sehr zustatten
+kam, indem sie uns mehrere Jahre diesen Genuss gönnte. Doch ergötzte
+sie sich kurz vor ihrem Ende noch an der schönen anschaulichen
+Ordnung, worin sie die Ringe in zwei Kästchen auf einmal, wie sie
+solche nie gesehen, vollständig gereiht wieder erblickte und also des
+geschenkten großen Vertrauens sich edelmütig zu erfreuen hatte.
+
+Auch nach einer andern Seite wendeten sich unsere Kunstbetrachtungen.
+Ich hatte die Farben genugsam in unterschiedenen Lebensverhältnissen
+beobachtet und sah die Hoffnung, auch endlich ihre Kunstharmonie,
+welche zu suchen ich eigentlich ausgegangen war, zu finden. Freund
+Meyer entwarf verschiedene Kompositionen, wo man sie teils in einer
+Reihe, teils im Gegensatz zu Prüfung und Beurteilung aufgestellt sah.
+
+Am klarsten ward sie bei einfachen landschaftlichen Gegenständen, wo
+der Lichtseite immer das Gelbe und Gelbrote, der Schattenseite
+das Blau und Blaurote zugeteilt werden musste, aber wegen
+Mannigfaltigkeit der natürlichen Gegenstände gar leicht durchs
+Braungrüne und Blaugrüne zu vermitteln. Auch hatten hier schon große
+Meister durch Beispiel gewirkt, mehr als im Historischen, wo der
+Künstler bei Wahl der Farben zu den Gewändern sich selbst überlassen
+bleibt und in solcher Verlegenheit nach Herkommen und Überlieferung
+greift, sich auch wohl durch irgendeine Bedeutung verführen lässt und
+dadurch von wahrer harmonischer Darstellung öfters abgeleitet wird.
+
+Von solchen Studien bildender Kunst fühle ich mich denn doch
+gedrungen, wieder zum Theater zurückzukehren und über mein eigenes
+Verhältnis an demselben einige Betrachtungen anzustellen, welches
+ich erst zu vermeiden wünschte. Man sollte denken, es sei die beste
+Gelegenheit gewesen, für das neue Theater und zugleich für das
+deutsche überhaupt als Schriftsteller auch etwas von meiner Seite zu
+leisten: denn, genau besehen, lag zwischen oben genannten Autoren und
+ihren Produktionen noch mancher Raum, der gar wohl hätte ausgeführt
+werden können; es gab zu natürlich einfacher Behandlung noch
+vielfältigen Stoff, den man nur hätte aufgreifen dürfen.
+
+Um aber ganz deutlich zu werden, gedenk' ich meiner ersten
+dramatischen Arbeiten, welche, der Weltgeschichte angehörig, zu sehr
+ins Breite gingen, um bühnenhaft zu sein; meine letzten, dem tiefsten
+inneren Sinn gewidmet, fanden bei ihrer Erscheinung wegen allzu
+großer Gebundenheit wenig Eingang. Indessen hatte ich mir eine
+gewisse mittlere Technik eingeübt, die etwas mäßig Erfreuliches dem
+Theater hätte verschaffen können; allein ich vergriff mich im Stoff,
+oder vielmehr ein Stoff überwältigte meine innere sittliche Natur,
+der allerwiderspenstigste, um dramatisch behandelt zu werden.
+
+Schon im Jahr 1785 erschreckte mich die Halsbandsgeschichte wie das
+Haupt der Gorgone. Durch dieses unerhört frevelhafte Beginnen sah ich
+die Würde der Majestät untergraben, schon im voraus vernichtet, und
+alle Folgeschritte von dieser Zeit an bestätigten leider allzu
+sehr die furchtbaren Ahnungen. Ich trug sie mit mir nach Italien
+und brachte sie noch geschärfter wieder zurück. Glücklicherweise
+ward mein "Tasso" noch abgeschlossen, aber alsdann nahm die
+weltgeschichtliche Gegenwart meinen Geist völlig ein.
+
+Mit Verdruss hatte ich viele Jahre die Betrügereien kühner Phantasten
+und absichtlicher Schwärmer zu verwünschen Gelegenheit gehabt und
+mich über die unbegreifliche Verblendung vorzüglicher Menschen bei
+solchen frechen Zudringlichkeiten mit Widerwillen verwundert. Nun
+lagen die direkten und indirekten Folgen solcher Narrheiten als
+Verbrechen und Halbverbrechen gegen die Majestät vor mir, alle
+zusammen wirksam genug. Um den schönsten Thron der Welt zu
+erschüttern.
+
+Mir aber einigen Trost und Unterhaltung zu verschaffen, suchte ich
+diesem Ungeheuren eine heitere Seite abzugewinnen, und die Form der
+komischen Oper, die sich mir schon seit längerer Zeit als eine der
+vorzüglichsten dramatischen Darstellungsweisen empfohlen hatte,
+schien auch ernstern Gegenständen nicht fremd, wie an "König Theodor"
+zu sehen gewesen.
+
+Und so wurde denn jener Gegenstand rhythmisch bearbeitet, die
+Komposition mit Reichardt verabredet, wovon denn die Anlagen einiger
+tüchtigen Bass-Arien bekannt geworden; andere Musikstücke, die außer
+dem Kontext keine Bedeutung hatten, blieben zurück, und die Stelle,
+von der man sich die meiste Wirkung versprach, kam auch nicht
+zustande: das Geistersehen in der Kristallkugel vor dem schlafend
+weissagenden Cophta sollte als blendendes Final vor allen glänzen.
+
+Aber da waltete kein froher Geist über den Ganzen, es geriet ins
+Stocken, und um nicht alle Mühe zu verlieren, schreib ich ein
+prosaisches Stück, zu dessen Hauptfiguren sich wirklich analoge
+Gestalten in der neuen Schauspielergesellschaft vorfanden, die denn
+auch in der sorgfältigsten Aufführung das Ihrige leisteten.
+
+Aber eben deswegen, weil das Stück ganz trefflich gespielt wurde,
+machte es einen um desto widerwärtigern Effekt. Ein furchtbarer und
+zugleich abgeschmackter Stoff, kühn und schonungslos behandelt,
+schreckte jedermann, kein Herz klang an; die fast gleichzeitige Nähe
+des Vorbildes ließ den Eindruck noch greller empfinden, und weil
+geheime Verbindungen sich ungünstig behandelt glaubten, so fühlte
+sich ein großer respektabler Teil des Publikums entfremdet, so wie
+das weibliche Zartgefühl sich vor einem verwegenen Liebesabenteuer
+entsetzte.
+
+Ich war immer gegen die unmittelbare Wirkung meiner Arbeiten
+gleichgültig gewesen und sah auch diesmal ganz ruhig zu, dass diese
+letzte, an die ich so viel Jahre gewendet, keine Teilnahme fand; ja
+ich ergötzte mich an einer heimlichen Schadenfreude, wenn gewisse
+Menschen, die ich dem Betrug oft genug ausgesetzt gesehen, kühnlich
+versicherten, so grob könne man nicht betrogen werden.
+
+Aus diesem Ereignis zog ich mir jedoch keine Lehre; das, was mich
+innerlich beschäftigte, erschien mir immerfort in dramatischer
+Gestalt, und wie die Halsbandsgeschichte als düstre Vorbedeutung,
+so ergriff mich nunmehr die Revolution selbst als die grässlichste
+Erfüllung: den Thron sah ich gestürzt und zersplittert, eine große
+Nation aus ihren fugen gerückt und nach unserm unglücklichen Feldzug
+offenbar auch die Welt schon aus ihren Fugen.
+
+Indem mich nun dies alles in Gedanken bedrängte, beängstigte, hatte
+ich leider zu bemerken, dass man im Vaterland sich spielend mit
+Gesinnungen unterhielt, welche eben auch uns ähnliche Schicksale
+vorbereiteten. Ich kannte genug edle Gemüter, die sich gewissen
+aussichten und Hoffnungen, ohne weder sich noch die Sache zu
+begreifen, phantastisch hingaben; indessen ganz schlechte Subjekte
+bittern Unmut zu erregen, zu mehren und zu benutzen strebten.
+
+Als ein Zeugnis meines ärgerlich-guten Humors ließ ich den
+"Bürgergeneral" auftreten, wozu mich ein Schauspieler verführte,
+namens Beck, welcher den Schnaps in den "beiden Billetts" nach
+Florian mit ganz individueller Trefflichkeit spielte, indem selbst
+seine Fehler ihm dabei zustatten kamen. Da ihm nun diese Maske so gar
+wohl anstand, brachte man des gedachten kleinen, durchaus beliebten
+Nachspiels erste Fortsetzung, den "Stammbaum" von Anton Wall, hervor,
+und als ich nun auf Proben, Ausstattung und Vorstellung dieser
+Kleinigkeit ebenfalls die größte Aufmerksamkeit wendete, so konnte
+nicht fehlen, dass ich mich von diesem närrischen Schnaps so
+durchdrungen fand, dass mich die Lust anwandelte, ihn nochmals zu
+produzieren. Dies geschah auch mit Neigung und Ausführlichkeit; wie
+denn das gehaltreiche Mantelsäckchen ein wirklich französisches war,
+das Paul auf jener Flucht eilig aufgerafft hatte. Inder Hauptszene
+erwies sich Malkolmi als alter wohlhabender, wohlwollender
+Bauersmann, der sich eine gesteigerte Unverschämtheit als Spaß auch
+einmal gefallen lässt, unübertrefflich und wetteiferte mit Beck in
+wahrer, natürlicher Zweckmäßigkeit. Aber vergebens! Das Stück brachte
+die widerwärtigste Wirkung hervor, selbst bei Freunden und Gönnern,
+die, um sich und mich zu retten, hartnäckig behaupteten: ich sei
+der Verfasser nicht, habe nur aus Grille meinen Namen und einige
+Federstriche einer sehr subalternen Produktion zugewendet.
+
+Wie mich aber niemals irgendein Äußeres mir selbst entfremden konnte,
+mich vielmehr nur strenger ins Innere zurückwies, so blieben jene
+Nachbildungen des Zeitsinnes für mich eine Art von gemütlich
+tröstlichem Geschäft. Die "Unterhaltungen der Ausgewanderten,"
+fragmentarischer Versuch, das unvollendet Stück "Die Aufgeregten"
+sind ebensoviel Bekenntnisse dessen, was damals in meinem Busen
+vorging; wie auch späterhin "Hermann und Dorothea" noch aus
+derselbigen Quelle flossen, welche denn freilich zuletzt erstarrte.
+Der Dichter konnte der rollenden Weltgeschichte nicht nacheilen und
+musste den Abschluss sich und andern schuldig bleiben, da er das
+Rätsel auf eine so entschiedene als unerwartete Weise gelöst sah.
+
+Unter solchen Konstellationen war nicht leicht jemand, in so weiter
+Entfernung vom eigentlichen Schauplatz des Unheils, gedrückter als
+ich; die Welt erschien mir blutiger und blutdürstiger als jemals, und
+wenn das Leben eines Königs in der Schlacht für tausende zu rechnen
+ist, so wird es noch viel bedeutender im gesetzlichen Kampf. Ein
+König wird auf Tod und Leben angeklagt: da kommen Gedanken in Umlauf,
+Verhältnisse zur Sprache, welche für ewig zu beschwichtigen sich das
+Königtum vor Jahrhunderten kräftig eingesetzt hatte.
+
+Aber auch aus diesem grässlichen Unheil suchte ich mich zu retten,
+indem ich die ganze Welt für nichtswürdig erklärte, wobei mir denn
+durch eine besondere Fügung "Reineke Fuchs" in die Hände kam. Hatte
+ich mich bisher an Straßen-, Markt- und Pöbelauftritten bis zum
+Abscheu übersättigen müssen, so war es nun wirklich erheiternd, in
+den Hof- und Regentenspiegel zu blicken: denn wenn auch hier das
+Menschengeschlecht sich in seiner ungeheuchelten Tierheit ganz
+natürlich vorträgt, so geht doch alles, wo nicht musterhaft, doch
+heiter zu, und nirgends fühlt sich der gute Humor gestört.
+
+Um nun das köstliche Werk recht innig zu genießen, begann ich
+alsobald eine treue Nachbildung; solche jedoch in Hexametern zu
+unternehmen, war ich folgenderweise veranlasst.
+
+Schon seit vielen Jahren schrieb man in Deutschland nach Klopstocks
+Einleitung sehr lässliche Hexameter; Voß, indem er sich wohl auch
+dergleichen bediente, ließ doch hie und a merken, dass man sie besser
+machen könne, ja er schonte sogar seine eigenen vom Publikum gut
+aufgenommenen Arbeiten und Übersetzungen nicht. Ich hätte das gar
+gern auch gelernt, allein es wollte mir nicht glücken. Herder und
+Wieland waren in diesem Punkte Latitudinarier, und man durfte der
+Voßschen Bemühungen, wie sie nach und nach strenger und für den
+Augenblick ungelenk erschienen, kaum Erwähnung tun. Das Publikum
+selbst schätzte längere Zeit die Voßschen früheren Arbeiten, als
+geläufiger, über sie späteren; ich aber hatte zu Voß, dessen Ernst
+man nicht verkennen konnte, immer ein stilles Vertrauen und wäre, in
+jüngeren Tagen oder anderen Verhältnissen, wohl einmal nach Eutin
+gereist, um das Geheimnis zu erfahren. Denn er, aus einer zu ehrenden
+Pietät für Klopstock, wollte, solange der würdige, allgefeierte
+Dichter lebte, ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen: dass man in der
+deutschen Rhythmik eine striktere Observanz einführen müsse, wenn
+sie irgend gegründet werden solle. Was er inzwischen äußerte, waren
+für mich sibyllinische Blätter. Wie ich mich an der Vorrede zu den
+Georgiken abgequält habe, erinnere ich mich noch immer gerne, der
+redlichen absicht wegen, aber nicht des daraus gewonnenen Vorteils.
+
+Da mir recht gut bewusst war, dass alle meine Bildung nur praktisch
+sein könne, so ergriff ich die Gelegenheit, ein paar tausend
+Hexameter hinzuschreiben, die bei dem köstlichsten Gehalt selbst
+einer mangelhaften Technik gute Aufnahme und nicht vergänglichen Wert
+verleihen durften. Was an ihnen zu tadeln sei, werde sich, dacht'
+ich, am Ende schon finden; und so wendete ich jede Stunde, die mir
+sonst übrig blieb, an eine solche schon innerhalb der Arbeit
+vorläufig dankbare Arbeit, baute inzwischen und möbilierte fort, ohne
+zu denken, was weiter mit mir sich ereignen würde, ob ich es gleich
+gar wohl voraussehen konnte.
+
+So weit wir auch ostwärts von der großen Weltbegebenheit gelegen
+waren, erschienen doch schon diesen Winter flüchtige Vorläufer
+unserer ausgetriebenen westlichen Nachbarn; es war, als wenn sie
+sich umsähen nach irgendeiner gesitteten Stätte, wo sie Schutz
+und Aufnahme fänden. Obgleich nur vorübergehend, wussten sie
+durch anständiges Betragen, duldsam-zufriedenes Wesen, durch
+Bereitwilligkeit, sich ihrem Schicksal zu fügen und durch irgendeine
+Tätigkeit ihr Leben zu fristen, dergestalt für sich einzunehmen,
+dass durch diese einzelnen die Mängel der ganzen Masse ausgelöscht
+und jeder Widerwille in entschiedene Gunst verwandelt wurde. Dies
+kam denn freilich ihren Nachfahrern zeugte, die sich späterhin in
+Thüringen festsetzten, unter denen ich nur Mounier und Camille Jordan
+zu nennen brauche, um ein Vorurteil zu rechtfertigen, welches man für
+die ganze Kolonie gefasst hatte, die sich, wo nicht den Genannten
+gleich, doch derselben keineswegs unwürdig erzeigte.
+
+Übrigens lässt sich hierbei bemerken, dass in allen wichtigen
+politischen Fällen immer diejenigen Zuschauer am besten dran sind,
+welche Partei nehmen: was ihnen wahrhaft günstig ist, ergreifen sie
+mit Freuden, das Ungünstige ignorieren sie, lehnen's ab oder legen's
+ob oder legen's wohl gar zu ihrem Vorteil aus. Der Dichter aber, der
+seiner Natur nach unparteiisch sein und bleiben muss, sucht sich von
+den Zuständen beider kämpfenden Teile zu durchdringen, wo er denn,
+wenn Vermittlung unmöglich wird, sich entschließen muss, tragisch zu
+endigen. Und mit welchem Zyklus von Tragödien sahen wir uns von der
+tosenden Weltbewegung bedroht!
+
+Wer hatte seit seiner Jugend sich nicht vor der Geschichte des Jahres
+1649 entsetzt, wer nicht vor der Hinrichtung Karls I. geschaudert und
+zu einigem Troste gehofft, dass dergleichen Szenen der Parteiwut sich
+nicht abermals ereignen könnten! Nun aber wiederholte sich das alles,
+gräulicher und grimmiger, bei dem gebildetsten Nachbarvolke wie vor
+unsern Augen, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Man denke sich,
+welchen Dezember und Januar dijenigen verlebten, die, den König zu
+retten, ausgezogen waren und nun in seinen Prozess nicht eingreifen,
+die Vollstreckung des Todesurteils nicht hindern konnten.
+
+Frankfurt war wieder in deutschen Händen; die möglichsten
+Vorbereitungen, Mainz wieder zu erobern, wurden eifrigst besorgt. Man
+hatte sich Mainz genähert und Hochheim besetzt. Königstein musste
+sich ergeben. Nun aber war vor allen Dingen nötig, durch einen
+vorläufigen Feldzug auf dem linken Rheinufer sich den Rücken frei
+zu machen. Man zog daher am Taunusgebirge hin auf Idstein, über
+das Benediktinerkloster Schönau nach Kaub, sodann über eine wohl
+errichtete Schiffbrücke nach Bacharach; von da an gab es fast
+ununterbrochene Vorpostengefechte, welche den Feind zum Rückzug
+nötigten. Man ließ den eigentlichen Hunsrück rechts, zog nach
+Stromberg, wo General Neuwinger gefangen wurde. Man gewann Kreuznach
+und reinigte den Winkel zwischen der Nahe und dem Rhein; und so
+bewegte man sich mit Sicherheit gegen diesen Fluss. Die Kaiserlichen
+waren bei Speyer über den Rhein gegangen, und man konnte die
+Umzingelung von Mainz den 14. April abschließen, wenigstens vorerst
+die Einwohner mit Mangel, als dem Vorläufer größerer Not, in Angst
+setzen.
+
+Diese Nachricht vernahm ich zugleich mit der Aufforderung, mich an
+Ort und Stelle zu zeigen, um, wie früher an einem beweglichen Übel,
+so nun an einem stationären teilzunehmen. Die Umzingelung war
+vollbracht, die Belagerung konnte nicht ausbleiben; wie ungern ich
+mich dem Kriegstheater abermals näherte, überzeuge sich, wer etwa die
+zweite nach meinen Skizzen radierte Tafel in die Hand nimmt. Sie ist
+einem sehr genauen Federumriss nachgebildet, den ich wenige Tage vor
+meiner Abreise sorgfältig auf Papier gebracht hatte. Mit welchem
+Gefühl, sagen die wenigen dazu gedichteten Reimzeilen:
+
+ Hier sind wir denn vorerst ganz still zu Haus,
+ Von Tür zu Türe sieht es lieblich aus;
+ Der Künstler froh die stillen Blicke hegt,
+ Wo Leben sich zum Leben freundlich regt.
+ Und wie wir auch durch ferne Lande ziehn,
+ Da kommt es her, da kehrt es wieder hin;
+ Wir wenden uns, wie auch die Welt entzücke,
+ Der Enge zu, die uns allein beglücke.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kampagne in Frankreich, by
+Johann Wolfgang von Goethe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KAMPAGNE IN FRANKREICH ***
+
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+Produced by Andrew Sly
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+will be renamed.
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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