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diff --git a/17454-8.txt b/17454-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0d4318b --- /dev/null +++ b/17454-8.txt @@ -0,0 +1,4218 @@ +The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Chr. M. Wieland's Biographie + +Author: H. Doering + +Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +[Transcriber's Note/ Anmerkung: +Errors in the printed text have been corrected. The original form is listed +at the end of the file.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Originalform ist am Ende +notiert.] + + ---- ---- ---- + +BIOGRAPHIEN +DEUTSCHER CLASSIKER. + + +SUPPLEMENT +zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe +"DEUTSCHER CLASSIKER." + + +Drittes Bändchen. +CHR. M. WIELAND. + + +Jena, +Verlag von Carl Doebereiner. +1853. + + + +CHR. M. WIELAND'S +Biographie +von +=Dr.= H. DOERING. + + +Complet in Einem Bändchen. + + +Jena, +Verlag von Carl Doebereiner. +1853. + + + + +WIELAND'S LEBEN. + + +_Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien +Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733 +das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle +bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu +Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet, +später in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein +eifriger Anhänger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus +geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse +Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Würde +für unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in +seinen beschränkten Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe +seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. Mit +gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_, +die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien. +Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe +zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese +Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der +schon früh an Engbrüstigkeit litt, und bereits im Jünglingsalter starb. + +Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern Jahren erzählte, seine +große Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofür er sich beim +Gange in die Schule sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand +fiel, konnte er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze +wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein +gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz +verließ, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er +schwächlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten +Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in +reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen +Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als er, außer einer gründlichen +Kenntniß des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik +und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen +Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. Durch seine +Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er +sich früh zur religiösen Schwärmerei. Verändert ward diese Geistesrichtung +durch das mit großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen und +griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius +Nepos begeisterten ihn. + +Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands Gefühl für Poesie, +noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die späterhin seine treuen +Begleiter auf einsamen Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen +Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem +Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab. +Nicht viel kürzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die +bekannte Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich +eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu +Biberach. In deutschen Versen wählte sich Wieland den durch sein +"Irdisches Vergnügen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von +Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn +sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne. + +Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild +in mehreren Cantaten und andern religiösen Dichtungen, die er zwischen +seinem zwölften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und +Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie hatte +jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das vaterliche Verbot, mit +irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenständen sich zu +beschäftigen, nöthigte ihn, früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu +seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen +Versuche, ein Epos, "die Zerstörung Jerusalems" betitelt, nicht +ausgenommen, genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die +meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter +gerettet hatte, traf späterhin ein gleiches Schicksal. + +Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward früh geweckt durch die +anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb +ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos +einen großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an +der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine +Jugendzeit dichtete er später (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du +kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste +Lust empfand" u.s.w. In einem spätern Briefe an einen Freund gestand +Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend großen Einfluß +auf seine Bildung gehabt habe. + +Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der +bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt +Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen +Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser Schwärmer +zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung. +Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der +neuern Sprachen. Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr +mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne +Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische Schriftsteller zu lesen. +Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der +Letztere durch seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl +empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker geworden. In +einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, daß das Universum, +ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden können. Die harten +Vorwürfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen, +konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaßen +mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der +Existenz Gottes. In schlaflosen Nächten rang er sich die Hände fast wund, +und vergoß bittere Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre +geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen. + +Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den +classischen Studien zuwandte. Während seines zweijährigen Aufenthalts +hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere römische Autoren für +sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner +Lectüre. Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart gewann +Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, wie er sich damals an der +Cyropädie nicht habe satt lesen können. Besonders gefiel ihm die Episode +von "Araspes und Panthea," die er späterhin zum Stoff einer Dichtung +wählte. Die "Denkwürdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen +Ausdruck, für "das Evangelium der Welterlösung." Eine ähnliche Richtung, +wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=, +=Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig in die +Hände geriethen. + +Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen hatte, behielten +noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. Unter den Alten war Cicero sein +Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's +historisch-kritischem Wörterbuche vollendete Wielands philosophische +Bildung. In spätern Jahren gestand er, daß er "durch eine poetische +Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren," +damals von einem System zum andern übergesprungen sei. Von diesem +Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich +seiner wahrhaft väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte sich +vielfach um seine Geistesbildung verdient. + +Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts in Klosterbergen +war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien +betrieb er mit Eifer sein künftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand +noch Muße, sich im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen +Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die zahlreichen +Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer +Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Blätter suchte er sich +zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem +er seine eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte. + +Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands Neigung zur +Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren für ihn, außer Gellert +und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen +Inhalt und durch die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene +Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich +war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesänge jener Dichtung in den +"Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte. +Er fand in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, für seine +Religiösität und für sein poetisches Gefühl. + +Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines +Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals +sechszehn Jahre alt. Den größten Theil der poetischen Versuche, die in +jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens +unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die +griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschäftigungen führte er +auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes +nöthigte ihn, sich an ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der +Ernst seines Wesens ohnedieß hinzog. + +Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie +verwandten =Dr.= Baumer, der später eine Professur der Medicin und Chemie +in Gießen erhielt, und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb. +Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war +die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische +Vorlesungen und ein Privatissimum über die Wolfische Philosophie gaben +seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in +spätern Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur +Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die große +allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen +gelernt. + +Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach +zurück. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der +merkwürdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste +Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes, +der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Nicht +durch blühende Schönheit, durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu +Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte die +Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien +fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon früh durch +das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses +Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus +für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei Jahre älter, als +Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere +Haltung eine seltene Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An +Kenntnissen ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung +Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen. + +Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen +Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe +traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefühle begegneten sich dort zum +ersten Mal in der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches +Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen Freuden der Welt +vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, äußerte er in einem spätern +Briefe, mit Hindeutung auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz +anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergeßlich +blieb ihm noch in spätern Jahren ein schöner Sommertag, an welchem er mit +der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt, +und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der +Würde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines +Vaters über den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt +worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin +bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder +die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des +genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal +gedruckt. + +Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750 +nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr Vater, früher in Kaufbeuern ansässig, +sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese +Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild vor seine Seele. +Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, daß die in einem +Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner +Liebe ihn sehr schmerzten. + +In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres Glück, als +Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfüllung +seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht +hinweg. Im Geist sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet, +während er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem er sich +widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um +Theolog zu werden, hätte er eine stärkere Brust haben müssen. Das Studium +der Medicin ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor +todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte in Tübingen fast +gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer. +Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee, +die schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten +möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So +entstand sein früher erwähntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die +vollkommenste Welt." + +Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr strengen +Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in +Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt. +Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem +Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des ihm gesandten +Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es mit einer Vorrede begleitete. +Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen +poetischen Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen +Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zürich, der damals in +dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhängern +verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht +schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei +ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten +Briefwechsel. + +In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das Wielandshäuschen genannt, +auf einem Weinberge unweit Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte +Wieland damals dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei +poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gänzlicher +Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er +in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst +keinen kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner Werke und +der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeußerungen +jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben +mich oft ergötzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den +unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die genannten Dichter eines +sträflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu +den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den +Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flüchtigen und affenmäßigen +Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist +lieber nach diesen lächerlichen Geschöpfen bilden wollen, als nach den +denkenden, männlich schönen und zuweilen himmlischen Britten." + +Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands +Streben hervor, die Irreligiosität und den Leichtsinn zu bekämpfen. Er +wollte der Welt zeigen, daß das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem +Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands +Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen +Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein +Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, +leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem +Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein +Gedicht, "der Frühling" überschrieben, zeigten unverkennbar den Einfluß, +den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen +Versuch, den Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie zu +begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein +gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward durch die Vergleichung +des gewöhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen +Mustern von Tugend und Seelengröße, die ihm ältere und neuere +Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe, +wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch höher begeisterte +ihn als Jüngling die Schilderung jeder edlen That, während er sich von +schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte. + +Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefühl für das +Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor +allen andern den Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: "Ich schätze die +heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern Geistern, +darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnüge mich, die +wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu +benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in +Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige Tugend +zu preisen." + +Unter den Gedichten Wielands, die während seines Aufenthalts in Tübingen +entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen +den Leichtsinn der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe +begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu wählen, dem er, +wie er in spätern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in +seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Büchern, an der nöthigen +Menschenkenntniß fehlte, die er nur aus der Beobachtung der +Lebensverhältnisse schöpfen konnte. + +Einige Monate früher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden +Wielands "moralische Erzählungen." Bereits am Schluß des Jahres 1751 hatte +er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen +Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren +Gehalt, als durch die Form. Für die "moralischen Briefe" hatte Wieland +Alexandriner, für die "moralischen Erzählungen" reimlose Jamben gewählt, +und für den "Anti-Ovid" ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen. +Unter solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen +Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte. +Seine Zukunft schien ihn wenig zu kümmern. In einer Art von +Selbstcharakteristik, die er noch während seines Aufenthalts in Tübingen +in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner +mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei +glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, daß es "sein Geist gewesen, +der sein Herz zu einem so guten gemacht habe." + +Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in das elterliche Haus nach +Biberach zurückgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise, +wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte +er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. Einer +sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn +gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem väterlichen Plan, sich in +Göttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland +meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte +wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fähigkeiten und +Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er +gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem +Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Gärtner, +Ebert, Zachariä u.a. talentvollen Männern, die in dem genannten Institut +Lehrstellen bekleideten, in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur +Erfüllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht. + +Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere Unterstützung +beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung +Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach +den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen. +Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden +sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, daß +eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn +möchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er +sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach +nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben. +Manche Umstände traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern +verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner Briefe +äußerte, "in einen Zustand von Unthätigkeit und Verdrießlichkeit, der ihm +oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die +langweilige Zeit einigermaßen verkürzen. + +Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zürich. Da er +seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wünschte +er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner +Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte er +sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und +bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am +13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, +Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch +Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden +Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und +Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine +Zurückgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen +Beschäftigungen. Auch nachdem sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in +ihrem freundschaftlichen Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in +spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste seines Lebens. + +In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene +"Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Noah", das sein +väterlicher Freund Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753 +zu Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes +"Schreiben über die Würde und Bestimmung eines schönen Geistes." Auch zur +Poesie kehrte Wieland in Zürich wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag +schrieb er ein kleines Epos, "die Prüfung Abrahams" betitelt. Zu seinen +damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde" +hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe +herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlaßt gefunden. + +Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst +ganz die Seinige nennen zu können. Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem +Besitz zu gelangen, sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in +seine poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen +Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm für aufgelöst +erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt, +meldete ihm zugleich Sophiens Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath +de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie +aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres +Herzens, die noch immer für Wieland sprach, wenig beachtet. + +Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies harte Schicksal +ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, als sich von seiner +reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, billigte er in einem Briefe an +die Geliebte ihren Entschluß, und wünschte ihr aufrichtig Glück zu +ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust +seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl +mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer +Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie +zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche +Gefühl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur +Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in +Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung, +die er in seinem neuen Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man +auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den +Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schönsten +Hoffnungen getäuscht, und versank in einen Trübsinn, den nichts zu +erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu +philosophischen Studien. Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht +in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die +Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger Lectüre. +Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher +Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen +scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn möchte. +Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe +schon seit manchen Jahren große Lust, ein Eremit zu werden; denn ich +versichre Sie im Ernst, daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen +herzlich müde bin." + +Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer zu werden. Die +Lectüre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet, +jene Stimmung zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen +Forschens weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und Frömmigkeit +kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz war ihm ein völlig fremder +Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere französische und +englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in +seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" öffentlich ein Verdammungsurtheil +aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen +"Empfindungen eines Christen" gegen die "schwärmerischen Anbeter des +Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er +dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerniß zu +rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet." + +Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische Richtung war +vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er später nur den +"Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine +Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht +seiner philosophischen Studien, besonders der Lectüre des Plato und +Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen über den Menschen" +dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften +sowohl, als in zwei Aufsätzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete, +in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger +Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wärme von der Tugend, Schönheit +und Liebe im edelsten Sinne des Worts. + +In seiner "Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" unternahm er +einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des +ästhetischen Geschmacks und gegen seine Anhänger. Aus der +leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art +von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte. +"Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen +einen großen Theil meiner Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer +schwächer wird, und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn +dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, daß ich ein halbes +Dutzend munterer Seelen hätte, die der meinigen subordinirt wären, und die +alles das nach meinem Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen +Wünsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen +Lebhaftigkeit übrig geblieben ist." + +Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer +und dessen Freunde beschränkten Umgang allmälig erweiterte. Geneigter als +bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem +bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser +der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor des berühmten Buches +über die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern +verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine +geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprüche +zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen konnte. + +In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz +allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann +schrieb er darüber: "Sie dürfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne +sich zu betrügen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und +eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination, +Activität, Kühnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. +dergl. Verdient das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas +darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, daß ich von +Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, was gut, recht und moralisch +schön ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich, +aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts +Vorzügliches. Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in +der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein +anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par +inclination=." + +Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere +Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere Welt- und Menschenkenntniß +bewirkten eine merkwürdige Veränderung in Wielands Wesen. Er schien +heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem +Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als früher. +Auch sein hartes und unbilliges Urtheil über mehrere alte und neuere +Dichter nahm er zurück. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte +jene Sinnesänderung den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine +Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea", +zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte, +nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete +Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bühne. Fleißig +wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen +Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des +siebenjährigen Krieges aus Deutschland vertrieben, längere Zeit in der +Schweiz und namentlich in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel +"Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der +Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, wählte er die +fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum +erstenmal in Winterthur, und später auch an andern Orten nicht ohne +Beifall aufgeführt. + +Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel +versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm +einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachariä in Braunschweig, den Stoff +dargeboten hatte, während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht +Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch +Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden +Bewundrung abnöthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte +Gedicht hieß, sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch seinen +vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er +jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausführung seiner poetischen Idee +begann, stieß er auf mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein +Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner +damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um +ihn würdig darstellen zu können." Selbst der Styl und die Versification +kosteten ihm, nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte, +daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt +gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte und Politik hielt er für +unerläßlich, um seinem Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben. +Fleißig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die +Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn. + +Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift: +"Gedanken über den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu +verjüngen." Diese Schrift erschien, während Wieland sich noch fleißig mit +seinem "Cyrus" beschäftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu +unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan +zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jüngern +wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten +Werke zwei Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame +Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden genannt, und ähnliche +wunderbare Dinge schildern. Die Ausführung dieser Idee unterblieb. Von +seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe +vollendet, und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher +fortgeschritten seyn. + +Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in +Zürich. Seine bisherigen Zöglinge hatten anderweitige Bestimmungen +erhalten, und Wieland mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine +Zeit lang beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift, +von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In einem seiner +damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle alle seine Kräfte +zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die höchste Vollkommenheit +zu geben. Aber seine schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem +"Cyrus". Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen +zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu +begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rückkehr in das +elterliche Haus nicht geknüpft zu haben. + +Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit zu leben, +machte ihn gleichgültig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Anträge zu +auswärtigen Lehrstellen. Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach +Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi +Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch +einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum +Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern, +wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder Hinsicht seine +Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhältniß, in das er +getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie +Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen +Willen hineingezogen ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren +Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht, +besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der, +wie Wieland selbst äußerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot +und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im +September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf. + +Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch philosophische +Vorlesungen, die er "gegen ein jährliches Honorar von 200 Kronen" einigen +Jünglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an +Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei Stunden +raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes Epos, der "Cyrus" +nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm +mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen +Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb jedoch. Das einzige +Product, das er während seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein +mit großem Beifall aufgeführtes Trauerspiel "Clementine von Porretta." +Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff +zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie Grandison, mußte ihn vor +vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe +ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder +schwärmerisch war. + +Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst schon die Königin seines +Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den +Sieg streitig machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem noch +erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der +häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr indeß an Reizen versagt, +hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergütet. Die gelehrtesten +Männer ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das +Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein +Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den +verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern ein sehr richtiges Urtheil +verbinde. Darin fühlte sich Wieland nicht getäuscht, als ihn die Neugier +trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf +ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich," +schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer +außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, bei dem heitersten Humor und +der größten moralischen Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich +scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange +gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch weiter hinter +ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter Sophie'n ist. Der +aufgeklärteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und +ein Herz, das der edelsten Freundschaft würdig ist." + +In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie weder eine Idee, noch +Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragödien +herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine +vernünftige und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn +wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, fanatischen +Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube, +in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu +glauben, daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe +kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich liebe alle wahrhaft +tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben würde, wenn +sie sichtbar wäre. Das sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die +Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so muß +freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen zieht, sich +unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste für das wahre +Schöne, Gute und Erhabene natürlich ist. Aber darin besteht mein +Privilegium, daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine +Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natürlicher +und ungezwungener Weise zu der thierischen verhält, wie eine Weltkugel zu +einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fügte Wieland noch die +charakteristische Aeußerung bei: "Wir sind übereingekommen, daß jedes das +Andere nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten +Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit +sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte +ihr, sie würde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und +sagte, sie wünsche es, um mich glücklich machen zu können." + +Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche +Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundsätzen +der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu +Juliens Besitz gelangen könnte. "Sie würde," schrieb er, "mich +unaussprechlich glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Ich +müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn +ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension zu machen, und bisher +ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands +Wünsche beschränkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit +den Worten: "Ich bin nicht für das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre +Ergötzlichkeiten sind innere Plagen für mich, obgleich ich aus Gewohnheit +daran Antheil nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße, +Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation, +nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen werde." + +Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde +für den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer +Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf +diese Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er +zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken durch +interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich Uebersetzungen der +Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner +Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stücke aus der +Philosophie und schönen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu +fesseln. Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift zu +gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, wieder in ihm +auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemälde des +Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nüancen, die er durch das +Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen, +daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten Gesetzgeber und +Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden +hätten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Männer des +Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden. + +Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland +theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner +Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach +überraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in +dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich zu nützen, war der +feste Entschluß, mit welchem Wieland am 20. März 1760 die Schweiz und +seine dortigen Freunde verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen +Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen +der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn +trösten. + +Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der +Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhältnisse geschildert, die ihn in +seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch +seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen +Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in Biberach herbeiführte. +Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche Stelle eines Kanzleidirectors +erhalten. Abgesehen davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht +entsprach, fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu +verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen den evangelischen und +katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner +Freunde und Gönner machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner +damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner unsichern Lage +und seiner durch heftige Gemütsbewegungen sehr erschütterten Gesundheit. +Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer +andern Stellung, in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte +leisten können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte Wieland: "Ich +möchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir +vorstelle, daß kein anderer Platz in der Welt für mich seyn soll, als eine +Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen +schwäbischen Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche +von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für mich schicken, +ich noch werde vorstellen müssen." + +In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an +seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf +Mittel, sich aus Verhältnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig +entsprachen, und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter kam ihm die +Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder +andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen +Stelle, meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto mehr +Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. Selbst die spärliche +Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte gönnten, konnte er nicht so +nützlich, als er wohl gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß +er auf Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. Am +schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer +bedeutenden Bibliothek. + +"Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren," klagte Wieland in +einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem +solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit +und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, so verbietet +mir der einzige Umstand, daß wir keine Bibliotheken haben, alle +Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst +herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer +philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die +Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, dürfte es zu einem +nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne +eine Bibliothek von den vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand +zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade +seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht +in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine öffentliche +Büchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei +einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?" + +Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und +verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. Er unterzog sich diesen +Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine +andere Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch mehr +und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht +noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in +Einer Person vorstellen mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war +vorzüglich 1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch zwei +kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren, +gütlich ausgeglichen ward. + +Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland +aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich für einander +fühlten, getäuscht zu haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung +eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands Reizbarkeit +bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß ein völliger Bruch fast +unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich +Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er äußerte, "nur durch +Niedrigkeit und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können." Ungeachtet +mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die ihm sein Unmuth über +Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefühl noch nicht +ganz erloschener Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor. +Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde +allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein Leben fortschleppen, das +bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung +eines wahren Vergnügens, kurz genug seyn wird." + +Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein bedenklicher Schritt +sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwächt erhielt +sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen +Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden +Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, in dem +Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die für sein +Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach +entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion +kennen, in dessen nächster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la +Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn +Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm +nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher +Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig +gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen über das Mönchswesen", auch +als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte. +Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß er in mehreren Briefen +unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine +Geliebte entrissen hatte. + +Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehörten, +außer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion älteste Tochter, +eine Gräfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr +wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine +angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage +zuzubringen. Für Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle +Befriedigung. Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche +Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser +Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die +reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud. +Lesen und Gespräche der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen +Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische Unterhaltung +beschloß. + +Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner +Welt- und Menschenkenntniß, die durch sein zurückgezogenes Leben in +Biberach, wo er den größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt +war, nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine Weltton +trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern und liebenswürdigen +Frauen überall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben +eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen +seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als +er sie jetzt fand. + +Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die +sich noch immer den frühern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben +schien. Reizbar und für Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf +kosten, das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit zu +bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, fortwährend +erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner Liebe und über sie zu +scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der +feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von +Liebeserklärung machte. In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er +mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die in +Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn +angeschlossen haben würde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, daß +er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch +Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er +von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz natürlich auf dem +Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen." + +An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: "Was am meisten dazu +beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese +Herstellung meiner ursprünglichen Gestalt, woraus die Magie des +Enthusiasmus mich verdrängt hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die +Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr in +mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts all' der großen Worte, +all' der glänzenden Phantome, die in einer süßen Einsamkeit oder an der +Seite einer Gyon oder Rowe so verführerische Reize haben für ein +empfindsames Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die um +so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen abging, +entschädigen mußte." + +Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte gleichwohl Wieland +noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe +darüber ausdrückte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit +andern Worten seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht +hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nähren +und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie, +das ihn damals ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen +Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den höchsten +Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die +Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung +gelangte, daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt wäre, +als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion" +des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst +geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen +und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner +Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am +genauesten kenne." Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's +Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der +treuesten Selbstschilderungen. + +Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollständig erschienen, hatte +Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben. +Nach seinem eignen Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem +satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer +Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen +Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergötzlicher +Thorheiten suchte Wieland das Gefühl seiner Uebel zu mildern und +abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das +wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster +die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem +Aberglauben einen tödtlichen Stoß zu versetzen. + +Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene +Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zürich +in acht Octavbänden. Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte +Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. Die +Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hülfsmittel dar, +jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte, +durch eine Uebersetzung einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen +Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen +Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten +unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen fortsetzen zu können +glaubte." Für Wielands Geist war diese Beschäftigung von dem günstigsten +Einfluß. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten +geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In +Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser +Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in +der er lebte, sich wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen +Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch immer weit +anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach französischen +Modellen gearbeitet hätten." + +Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe für das +Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es +war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften +nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als +von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals +erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in spätern Jahren war +Wieland unerschöpflich im Lobe jenes Werks. + +Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig günstiger gestaltet. +1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen +Verdrießlichkeiten und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz +im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er sein Verhältniß +als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe +an den Buchhändler Geßner in Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht +abgeneigt sei, sich nächstens zu verheirathen. + +"Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich +mühseliges, aber doch einträgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der +allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die +niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den +Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich +durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie +zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so +sehr in die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in die +ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine für mich, +denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, muntere, und wo möglich eine +reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes +halber, ein Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich wollte, +daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein artiges Mädchen fände, +das so viel christliche Liebe hätte, einen ehrlichen Biberachschen +Kanzleidirector, der ganz hübsche Verse macht, von seinem Amt ungefähr +tausend Gulden Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat, +glücklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber Freund, +so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön." + +Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. "Ich habe," schrieb +er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es +ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges +Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von meinen Eltern +und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich: +seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen +Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt +sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von +schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe +gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen +habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein Herz, und meinen +Wünschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes, +fröhliches, gefälliges Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch +genug für einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst hat -- +eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten vergebens macht." + +Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich sich Wieland +nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt, +als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht +gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals +einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei +verlieren." Durch manche lästige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie +verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurück. +Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem +Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten +und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie +größer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Außer der Vollendung +des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzählungen" (das +Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768 +erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre später "Idris und Zenide"; +hierauf die erste Hälfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts: +"die Grazien." In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: "der poetische +Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, daß er seine Mußestunden nicht +besser auszufüllen wisse, als mit Reimen." + +Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland beschäftigte, +gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Großen zum Helden +eines epischen Gedichts zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf +eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blüthe der +wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer +Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren +seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu +haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er, +"die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges +Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches Talent; +zum Glück aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen +begabt. Mein Menschenhaß ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die +Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen der +Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der +Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten +zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt." + +Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der +Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes +bekämpfte. Die Stimme der öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz +seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so +gefährlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch seiner großen +und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu +bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden +scheine. Wieland's "Agathon" war in Zürich verboten worden. Für den "Don +Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen müssen. Am +härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden Urtheile über Wielands +"Komische Erzählungen." + +Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung seiner +Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner +Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion +das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem +Dichter schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten Freunde, unter +andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerüchten, die sich über +Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. +In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn +getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in +Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz +aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von +hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch +in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht +weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger +liebenswürdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele +glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von Gold und +Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte Speculationen sind +nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern +einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollüstige Seelen sich +ergötzen. Ich mußte entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine +Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir +einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's +Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei +meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Für ein +Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, daß mein Geist +zwar zuweilen thöricht, mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für +einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, daß +ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen mit zwei oder drei +Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, +Achtung verdienen, und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge +Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. Alle +meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre +wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir große Pein verursacht. +Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten +waren Göttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die +platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht +mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese moralischen +Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen +verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich +zu beklagen; sie können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit +gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem +Charakter." + +Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit seiner Gefühle mußte +sich Wieland trösten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit +und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe +verdächtig geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im schlimmsten +Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen neuen poetischen Werken der +Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloßes Spiel seiner +Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten +Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost +und Erheitrung gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der +Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectüre. +Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine +Lieblingsschriftsteller. + +An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte Wieland sich sehr +glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß nach, keine "Musarion" +war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in +der Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung für werth +hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine +"philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb +unausgeführt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und +Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe +gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene +Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im +Wesentlichen unverändert kehrte die Idee, die dem erwähnten Gedicht +Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich +gleichzeitig beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den +Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit über die Heuchelei zu +verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich +bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem +Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach +seinen eignen Aeußerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des +Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung" +schildern. + +Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr +Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den öffentlichen Kritiken, die +oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen +lernen. Es lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit dem +Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der +Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend +eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in +häuslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich +erweitern konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich in +diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung +blickte oft ein unverwüstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er, +"auch zuweilen schwermüthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand +mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich +doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein überzeugender +Beweis, daß ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung, +mich aufzuhängen, wenigstens das Gleichgewicht hält." + +Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben. +Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhältnisse, so +bitter er sich auch oft darüber beklagt hatte, in einem minder ungünstigen +Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die +Sache nicht so gar gräßlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, äußerte +Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte gingen ihm leicht +von der Hand. "Dafür bin ich aber auch," fügte er hinzu, "einer der +expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum +geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nächsten zwanzig +Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Möglichkeit, eins zu +bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch +in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die +angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause +in der Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer +meine meisten müssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit +den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im +Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen +würden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe +schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der +Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben +soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch +Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb +Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tète levée= herumgehen sehe, daran +hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe, ein langes +angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden Dorfe +mit einem schönen schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine +Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, über der ich +alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect +vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime." + +Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland +unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit und unermüdete Berufstreue hatte er +sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine +ökonomischen Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich +der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er +wußte es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere +Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen +Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. + +Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er nicht abgeneigt +wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen +Minister v. Großschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee +geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob +er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen +bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, Eltern und +Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er fürchtete außerdem von +seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste, +was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich +für ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii +Caesarei= zu seyn, und vermöge seines Diploms selbst fähig sei, Meister +der freien Künste zu creiren." Manche dieser Hindernisse räumte Wielands +Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich +bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, daß er +dort die ersehnte Muße zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das +Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter +eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600 +Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte +Aeußerung, daß sein Name das Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu +ziehen. Man sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, "schon +zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun, +als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer +unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte so viel Lockendes für +Wieland, daß er sich entschloß, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der +Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin +erwähnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte. + +In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten ihn +mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in Erfurt zu realisiren +hoffte. Er wollte unter andern "Briefe über die Literatur" schreiben, und +sie "in kleinen Bändchen in die Welt fliegen lassen." Die Muße, welche ihm +seine Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision +seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten. +Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde Bodmer, der sogar +Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schönen +Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens, +als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem Herrn +Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer für beide +sehr schmeichelhaften Dedication widmete. + +Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere +Unannehmlichkeiten der Reise so gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen +Aeußerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen +Theil ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn +wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine philosophischen Studien +begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt +in sich verspürt hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt +Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der +Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten =Dr.= Bahrdt u.A. +Keiner von diesen talentvollen Köpfen hatte damals schon einen so +festbegründeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner +Collegen schon deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich +verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue +Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch +zum außerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward. + +Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte Wieland seinen +Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige +Berührung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für +ihn gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm nicht +schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe +zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder +Hinsicht seine mäßigen Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie, +sich selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es seine +Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt eröffnete er mit +Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke +von Iselin über diesen Gegenstand. Späterhin hielt er Vorlesungen über die +Geschichte der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen +Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des +Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten +griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und englischen +Schriftsteller. + +Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In +einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, daß er "das +Vergnügen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt +vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt für ihn +"sehr wesentliche Gottheiten" wären. Bei Uebersendung des unter diesem +Namen von ihm verfaßten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb +Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen +Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch öfter Zufriedenheit mit +meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen +bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen." + +Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von +Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch während des Sommers 1770 +herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling, +mußte schon für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann +wohl hätte seyn _können_, über den so seltsame und widersprechende +Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr +ächte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das +kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische +Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von +Sokratischer Philosophie. + +In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, daß er +über manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen +Natur bezögen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, +die Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen +Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. "Vielleicht habe ich Unrecht," +schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht über +ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der +Ansichten der Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß +ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten, +und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die +öffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte +ich, es müsse erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern +als sehr profan erscheint; daß der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was +der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w. + +So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofür er gelten +wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln +zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich über +den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die +öffentliche Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie für +nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber mit den +Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewöhnlich Gravität genannt, +sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann +oder will nicht sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für +Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf." + +Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als +Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu müssen. Der +Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er +dem Churfürsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber +Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen alle Werke +Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur +des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: "Was +ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei +wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, daß er mit den +kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschöpft habe. +Seinen "Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen," +fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die +Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig +sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und der +Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch +anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er außer einem Roman, +"Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des +Priesters Abulfauaris." + +Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen +Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien, +welche bisher die Geistesfreiheit gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph +II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den +österreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mönchthums +in mehrfacher Weise beschränkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland +seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter +nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In +einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche äußerte +Wieland, daß er in seinem Roman mit einer nicht gewöhnlichen +Unerschrockenheit den Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der +ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht", +schrieb er. "Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, noch feurigen +Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister +mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, daß +sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene darüber zu machen." + +Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten Fleiß +hätte Wieland während seines dreijährigen Aufenthalts in Erfurt so viel +als Schriftsteller nicht leisten können, wie er wirklich leistete. +Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschäftigungen +theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug, +theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, wie der Flor der +Universität zu befördern seyn möchte. Unter diesen mannigfachen Geschäften +war er nicht der Sorge überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu +können. Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich +sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb +hätte er zur Feder greifen müssen. Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht +von der Gnade seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen +Aeußerungen, eine Verbesserung seiner Lage. + +Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten für eine größere +Reise, die weder seine beschränkte Zeit, noch seine pecuniären +Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti" +in die Hände fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob +überströmenden Briefe an Lessing. "Es war," äußerte Wieland, "das erste +Schreiben, das ich an diesen großen Mann richtete." Literärische +Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, und zu Verfolgung +schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fühlte +Wieland kein Bedürfniß. Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder +aufgeben müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der Kreis +von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher +sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich +zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war +er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la +Roche, "gehören zu der kleinen Zahl der schönen Geister, die eine zu +schöne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fähig zu seyn, und +Sie wissen, daß solche zu den weißen Raben gehören." Zu dem Dichter Jacobi +fühlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen. +Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich +herzlich über seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von +Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte. + +In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März 1771 in +Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat +sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren und seiner Persönlichkeit in +jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb +Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen +sind klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, womit seine +Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht genug hervorstechen, um +sich gehörig auszeichnen zu können. Nichts desto weniger drückt sich in +seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner +Empfindungsart auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise aus. Wenn +er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, doch auf eine fast +unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen +werden heller und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt +er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder +seinem Freunde die Hand gedrückt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person +ist so fein, daß er den Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon +mehr als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland geht schnell +von einem Vorwurf zum andern über, weil er in einem Nu eine Reihe von +Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde +es Zeitverderbniß seyn, wenn er länger dabei verweilte." Zu den +Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so +liebens- und verehrungswürdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi +"die natürliche, schöne und männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die +unzerstörtere Güte seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid +und Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und Schönen; +seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit." + +So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den +Bekanntschaften, welche Wieland während eines damaligen Aufenthalts in +Leipzig anknüpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an +die er sich näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts +Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem +Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt sich bemühte, den gefeierten Dichter +durch matte Lobgesänge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein +entsetzliches Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul." Weiße's +liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, meinte Wieland, +mit denen er sein Leben zubringen möchte. In Garve verehrte er den +Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit +Clodius, der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr +interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse +Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen +Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe +gestand Wieland: "Unter allen Männern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig +gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden +habe, eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit +von außen, die sich an dem wahren Genie findet." + +Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar. +Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er +das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar +vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung, +verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den +günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin +Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen +Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt, +nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich +allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten +Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu +vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch +nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen +von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in +meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun +will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin +nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, =ne ipse desim mihi=." + +Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben +ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt, +für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch +die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden +war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu +diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen +Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige +Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch +einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während +seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte. + +Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack +abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen +Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches +hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz +ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für +alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des +Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis +feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in +ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den +Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe +und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl +August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu +den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band +wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das +Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu +nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht +stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen +durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des +Herkules" betitelt, feierte. + +Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die +Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der +berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich +noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen +Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland +eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht +geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der +bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn +dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit +er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen +hatte. + +Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora" +fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu +einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper +"Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig +schrieb er seinen "Versuch über das Singspiel." Wielands Freude über die +günstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berühmte Gluck +ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben. + +Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches +Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu +nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur +Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche +Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine +weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst +davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach +seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa +von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten +Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen +Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders +auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die +vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des +"deutschen Merkur," stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene +Hindernisse. "Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich +nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er +für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser +u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine +ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu können. +Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu +wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie +behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die +Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht +blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch +eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit +Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete. +Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt, +noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm +durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige +Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche +damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und +That hülfreich zur Seite stand. + +Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach +der Ankündigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren +war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des +ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte +kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter, +Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger +der Mangel an berühmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene +Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so +vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche +Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen +Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch +seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit +denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt. + +In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den +Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger +poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er +mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, +als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty, +Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem +Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig +verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die +Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter +damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker +angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die +deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, +Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger +Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den +Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu +rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar +zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt." Durch solche +Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich +den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte +Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. +Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzählungen" +den Flammen opferten. + +Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die +Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare +als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Götz von +Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, +doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte +Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein +ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden +Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewährte, ward noch +gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe +über das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum +Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm +gedichteten Posse: "Götter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt, +sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche +und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben +suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete +Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück +von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen +Standpunkten sorgfältig _den_ auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand +schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache, +daß das Ding so schief sei." Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch +eine früher versprochene Vertheidigung des "Götz von Berlichingen" hielt +er nicht zurück und ließ sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken. + +In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche +Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland +sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner +Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord +das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemälde eines +innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen könne, der den Schöpfer +des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder +ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden +drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie +priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten +heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern +gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten. + +Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, mit Gleim und +Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Versöhnung die +Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte +Freundschaftsverhältniß völlig wieder hergestellt ward. Auch mit einem +Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er versöhnte sich aber +mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden +war von "dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk +nannte. + +Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch des Theaters, hatte +Wieland einstweilen verzichten müssen. Durch den Brand des Weimarischen +Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu +ihren Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse +des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, welchem sich Wieland bisher +gewidmet, gänzlich aufgehört. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder +Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des Majors v. +Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich +auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war, +hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß +mußte er an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis, +zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch seine Mutter vergrößert +worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach +Weimar gezogen war. Der mäßige Absatz des "deutschen Merkur" nöthigte ihm +in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum im Stande sei, +die Unkosten jenes Journals zu decken. + +Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche Kränkung seines +Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein +satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt, +und von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich allgemein für +ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten +Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhältniß +hinzudeuten schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, und +Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth für das Loos, +das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte. +"Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe für einen +Menschen gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. Seine +Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will nicht mein Freund +seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu +treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen +verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich +mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und +geschätzt zu werden?" + +So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen. +Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund +fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein +zweitägiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege, +künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Pläne wurden in +dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemühungen, ihm +eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die +Gründe, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald +nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hieß +es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben, +mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer +Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen paßte, so +würde es doch in der Ausführung unendliche Schwierigkeiten haben. +Anderswo, als in Weimar zu leben, würde mich doch blos die Noth zwingen +können, irgend ein öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die +Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies für +meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. =Pain cuit et liberté= +wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem +kleinen Dörfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem +Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als +Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In +Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel +als möglich in meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also wenig +oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben, +so lange es Gott gefällt. Aendern sich einmal die Umstände, so wollen wir, +um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle setzen, +sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines +suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, wie es einem Danischmende nützt +und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In +einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen +Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin, +wohlfeiler glücklich seyn." + +So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines +bisherigen Zöglings Carl August und dessen Vermählung mit der Prinzessin +Luise von Hessen-Darmstadt manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage +eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen die +Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefährtin +gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die +Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich künftig +genöthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn." +Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an +Sophie la Roche äußerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend +sie für die übrige Welt sind oder scheinen, sind für uns Weimaraner doch +von so großer Wichtigkeit, daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge +schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich +Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist, +und übrigens voll guter Hoffnungen." + +Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im Stillen gehegt, ward +erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog +auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn +aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige +Monate, nachdem Carl August die Regierung übernommen und seine Vermählung +gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit +Begeisterung verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde Jacobi. Neid +und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn +durch seine Satyre gekränkt, bald als Liebling und Vertrauten eines +Fürsten zu sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine +unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeußerung als +"das größte Genie und als der beste, liebenswürdigste Mensch, den er +bisher gekannt." + +Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafür +findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten +Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß +in seinen bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung +eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genuß seines +bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin +seines Fürsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die +Herzogin Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch, +unbekümmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu +leben, sah Wieland erfüllt. "In seinem Schneckenhäuschen, wohin er," wie +er einem Freunde meldete, "sich zurückgezogen," kam er nur mit Wenigen in +Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche Bekanntschaft +Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den +Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 +geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll +von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu groß, zu herrlich. Ich fühle, +wie wenig ich ihm seyn kann. Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist, +und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann +ich. Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden, +allumfassenden, mächtigen Genius!" + +Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgültig +gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich war es Gleim, dem er alle seine +Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines +Familienkreises führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland erst in +Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten +gekauft hatte. Dort, in ländlicher Einsamkeit, konnte er ungestört die +Schönheiten der Natur genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. +Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung +bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner +"neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie müssen sich nichts Vornehmes, +noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so ein +Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein +Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen +hat; Bäume genug, um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen +sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume zu blühen +angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag draußen, und habe es +schon so weit gebracht, daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt, +nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu +gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, im Angesicht meiner +eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen +Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und +Verwandtschaft fühle." + +In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner +Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit Anfang des Sommers in einem +großen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch +mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten +Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir +selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glücklich zu seyn, noch +etwas abgeht, so ist's, daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen +darf, als ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen +Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein +größerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich +dieser schönen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz +unvermuthet schenkt." + +In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich unbekannt mit den +abentheuerlichen und großenteils übertriebnen Gerüchten, die sich damals +über Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene +Freundschaftsverhältniß zwischen einem geistreichen Fürsten und einem +genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaßen +das Signal geworden für alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu +wallfahrten. Die wunderlichsten Mährchen verbreiteten sich über Goethe und +dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar +gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage +regelmäßig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darüber, wie eine +Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er +predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite +unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus. + +Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gerücht schuld gab, +rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den +Worten: "Ich höre, daß gewisse Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine +und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern +auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier +geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich weiß +nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie +machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer +bin -- bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut +gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres +bleus= zwischen den Zähnen murmelnd, wenn es dumm geht." + +Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend für Wielands +geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem +Pfarrer" eine Apologie seiner frühern Schriften niedergelegt hatte. Manche +Pläne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinnütziger zu +machen. Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als +wenn man "mehr Urtheile über Bücher und andere Dinge" hinein brächte. "Den +Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie +über alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmälig +die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem +Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, +unterstützt hatten. Es enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und +fast alle seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem "deutschen +Merkur" mit. + +Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur der Griechen +und Römer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im +weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse +für alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner +Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit +den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. +Sein reger Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften und +Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige +Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für den "deutschen Merkur." +Die meisten jener Aufsätze charakterisirte das Streben, Aufklärung zu +verbreiten zu einer Zeit, wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in +Wien, der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. dem +Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man sich des Unglaubens +auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte. +Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu +verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse +Gegenstände schrieb. + +Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen ward er der +Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die +poetischen Erzählungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und +Sommermährchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann +und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen +Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen war er überzeugt, daß sich "dem +Mährchen ein höherer Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung +kleiner und großer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwähnten Gedichte +hatte Wieland französische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien +de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzösischen +Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu +seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete. + +Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der Composition seines +Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Geständniß, "die Art und Weise, wie +die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der +Geschichte Hüons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darüber +einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau +nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nämlich aus dem +Abentheuer, welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen, +der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, und der +Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder +Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne +die andern bestehen, oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne +Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich haben +ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche +Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als +Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde +dieser Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil +an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige +Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses +entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der +Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme +an den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß sie ihm +irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte." + +In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten +unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu +entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen +gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es +scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten +romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern +Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis +und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und +Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch +höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in +die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum, +Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist." + +Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der +Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen +Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als +er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner +Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen +Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals +wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner +Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den +Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den +jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und +Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner +Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit +gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald +weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er +seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und +Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die +Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft +mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von +Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während +jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung +überlassen habe. + +Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen +großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in +Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift, +entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die +erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich +Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach +und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung +in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen +Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß +zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu +nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in +den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill" +mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb +darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und +meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken +lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche +Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten +sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen +abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche +des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu +vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch +keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der +unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und +ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber +schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine +Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. +Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte +Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze. + +"Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft +fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen +kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so +gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. +Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und +das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft +davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und +Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von +allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und +euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und +euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als +eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen +können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: +wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der +wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche +und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser +Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir +untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien +bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen +anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns +der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen +angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, +wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche +Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht." + +Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II. +Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich +bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und +Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten: + +"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, +als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel, +seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer +beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und +einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts." + +Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu +nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr +ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, +hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck +"die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer +einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig +Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin +zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen." + +Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor +dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den +Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie +mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere +Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. +Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das +Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die +öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser +Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme." + +Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge" +leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb +er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, +als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder +schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß +ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt +es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber +formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge +großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische +Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter, +noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von +den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte." + +Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit +Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm. +Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm +getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der +bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was +kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das +aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen +Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem +Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit +wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische +Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich, +wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und +undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte; +wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man +erst fühlt, wenn man sie verloren." + +Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen +seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als +aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu +werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine +Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten. +Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu +haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung +nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber -- +was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster +glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort +zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer +von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der +für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl +leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die +Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen +Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, +mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen +einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in +Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem +Bürger, als heut zu Tage!" + +Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten +Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu +haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und +manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen +"Gesprächen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische +Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator +ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die +ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein +anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines +Lebens lag. + +Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt +in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und +Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik +von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder, +Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der +Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben +genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen +u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit +Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen +Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu +Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte +Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch +in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder. + +In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst +auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen +konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen +Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der +mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten. +Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen +Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre. +Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: "In einer erwünschten Befreiung +von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein +unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines +Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen." + +Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen, +um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die +seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die +süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr +einförmiges Leben vor Stockung bewahre." Fühlbar mußte ihm jedoch werden, +daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln +mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie +gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, +lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen +schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn +hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei +den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem +Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für +seine "Komischen Erzählungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann, +welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und +Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, +lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger +eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen." + +Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische Einkünfte durch +seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler Reich in Leipzig, der ihm für das +Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreißig Dukaten und für den "Diogenes +von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau +hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie +größtentheils eingebüßt. Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, +schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die +Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, ihn im +Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach +Reichs Tode, in nähere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen +Buchhändler Göschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und +die "Göttergespräche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands +sämmtlichen Werken ward. + +Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland seinen Schriften den +höchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankündigung der +Gesammtausgabe seiner Werke im zwölften Stück des "deutschen Merkur" vom +Jahr 1793 äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren +beschäftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden +meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mühe, um den kleinsten Flecken +wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr +werde. Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des +Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt +hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich zu seyn, und von den +Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die +Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche +Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um sich noch in +seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? Niemand kann es +stärker fühlen und einsehen, als ich selbst, daß, meiner angestrengtesten +Bemühungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer +weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schönen +und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit +schärfen, und meinen Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der +Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, wenn +ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen Kräften stand, gethan zu +haben, um ihr meinen geistigen Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter +Ordnung, als mir möglich war, zu hinterlassen." + +Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, wie sehr sein +Styl und Geschmack sich allmälig geläutert hatten. Seinen Jugendarbeiten +beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die +Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine +"moralischen Erzählungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er +diese Erzählungen "für das Beste von allem, was er vor seinem fünf und +zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten +schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen +sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzählung: "Araspes und +Panthea" äußerte er in einem Briefe an seinen Verleger Göschen: "Ich +finde, daß es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr +jugendliche und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche Product +an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht +hinsichtlich des Inhalts oder der darin geäußerten Geisteskräfte (in +welcher Rücksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack +und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im +goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland +wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschloß er sich, +seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch, +wie er äußerte, "gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten +und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei." + +Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine +Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, +die er wieder verwarf, äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November +1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin überein, daß meine +Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben, +und sich so weit von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß +sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller +meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar einen eben so +beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu +seyn, daß die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und +Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst +meinem Commentar enthalte." + +Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe seiner +Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen +sämmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was +ich nach meiner besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten und +reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner +Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von +Vollkommenheit möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe, +siebzehn Gesänge seines "Neuen Amadis," dessen "licensiöse Versart" ihm +nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen +Geständniß ging Wielands Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem +eben erwähnten Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, "ohne +Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der +Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mühsame +Revision der dreißig Bände seiner sämmtlichen Werke" vollendet. Er sah +sich dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude überließ er +sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen +Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse milderten, daß das +Unternehmen für seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeiführen +möchte. + +Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands +Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er den Moment, in welchem +die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider," +schrieb er, "in eine unglückliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, +das Einzige, was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit jedem +Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem +Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit beinahe noch schlimmer +ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches +Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth +kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren +rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit +einem bedeutenden Verlust bedrohte. + +In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung suchen, und +er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum hätte er eine Gattin finden +können, die die Pflichten einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter +pünktlicher erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er +den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch +nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr +Aeußeres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein +höchstes Lebensglück. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster +jeder weiblichen und häuslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von +jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit +einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen würde. Die +Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein +einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil +ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, daß ich nicht acht +Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh +Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch +in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr +erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran, +oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich +allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben +Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes +Mütterchen wieder, und sie befindet sich außer Gefahr." + +Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für einen Zuwachs seiner +häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die +Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und +Engelchen", wie er seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein +herzerfreuender Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen Freund, +doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber zu theilen, daß die +Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der +Taufe seiner Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte ihm +vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter und drei Söhne am +Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entriß ihm der Tod. +"Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe, +die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben." + +Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte +Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine +ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter, +gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und +Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten für eine +große Last halten würden, für einen der glücklichen Sterblichen auf Gottes +Erdboden halte. Das Alter überschleicht mich ganz unmerklich mitten unter +dieser um mich aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre je +länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Räume +des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der +Proportion immer glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil +ich für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten +überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer +Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrügen werde." + +Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann +erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich +aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands +Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn geknüpft ward, +war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15. +Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den +Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schooß +gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, daß wir ihn mit +einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne +angenommen haben." + +Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold +dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen +können, daß er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging, +wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen +hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem +Genuß der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in +die froheste Stimmung. Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er +sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse +wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs" +gönnte, und später durch seinen Einfluß ihm eine Professur der Philosophie +auf der Universität Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's +Verhältniß zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters +ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie. Reinhold erhielt am +Altar ihre Hand, und fortwährend, auch später, als er einem Ruf nach Kiel +gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes +Freundschaftsverhältniß. + +Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine übrigen erwachsenen +Töchter glücklich vermählt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind, +letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen +"Palmblätter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich +mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des +Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem +Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte +dort unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den 17. April +1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewiß +diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so +natürlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemüthsart, +Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines liebsten +und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland +geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den +innersten Wünschen meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann, +dem schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe Raum zu +geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist meines verewigten Freundes +selbst diese Ehe geknüpft habe." + +In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon früh gefaßten +Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine +Verhältnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu überschreiten. Einfach und +schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts +erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte +er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die +äußerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und +überhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er sah ein, +daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Kräfte +übersteigenden Aufwand leicht gefährdet werden konnte. + +Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn +er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstücke betrachtete oder sich +dergleichen Münzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen, daß +er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nöthigen +und unentbehrlichen Ausgaben. + +Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz. +Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig gegen den Erwerb, so wenig er +das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausväterlichen Pflichten +glaubte er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im +schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die +herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause +zu Theil geworden war. So weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er +jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende +Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu seinem "deutschen +Merkur" mitunter ein höheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus +Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken ließ, nicht +zurück, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalität, +durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden +konnte. + +Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen +Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er während seines +Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur +Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte. Seine +eigene Aeußerung, daß er "ein Mensch sei, der selten aus seinem +Schneckenhäuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewähren zu wollen. +In einem Briefe an Gleim setzte er die Gründe auseinander, weshalb er +einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. "Tausend +seidene Bänder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden +eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie könnte meine +Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine +Welt für uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen +Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in +meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes +Bübchen oder Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen +kommt." + +Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur +Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des +"deutschen Merkur" verbundenen Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit +Reiseplänen beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er sich +1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten +Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie. Er wünschte in Dresden das +strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen +schrieb er darüber: "Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist, +sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion +nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar +nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten, +preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die ich in meinen +Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten +habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der +dortigen herrlichen Gemäldesammlung zu benutzen, könnte sich mit vielen +Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die +Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo +freilich keine Freiheitsbäume so leicht Wurzel fassen können) nach meinem +eigenen Sinn und Willen zu leben." + +Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern auch Wieland jeder +Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht +vermeiden können, in Pillnitz dem Churfürsten vorgestellt zu werden. +Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn +jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte er zu +kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend +verlebt, realisirte. Nicht nur für den "deutschen Merkur", sondern auch +für die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke +hatte er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt +in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen +Aeußerung, "für seinen innern und äußern Menschen viel Gutes versprach." +Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhändler Geßner in Zürich +verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise. +Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm sagen, daß ihm Erholung +höchst nöthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen +Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich +in der Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de +Juvence= für mich seyn." + +Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei +Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschloß, die Reise nach +der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", äußerte er in einem +seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen +in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich eingenistet haben +sollen, daß ich in der That nicht weiß, ob ich Recht thue, eine so +gefährliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz +Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des +dreißigjährigen Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen zu +den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mörder +zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler Geßner, schrieb +Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel +Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen +in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben +das Elend, daß ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas, +und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine +ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus +Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und Unerschrockenheit und +Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten." + +Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline, +Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia +verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er +unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden, ward noch +übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er +von ältern und jüngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz +empfing. An Göschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies +Blättchen nicht -- wie Sie billig vermuthen könnten -- von den Ufern des +Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen aller Dinge über der Erde +eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen +Nachbarschaft ich ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht +Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald +zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte. +Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswürdigen Menschen, mit +denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage +in dem Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergnügen +denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben +gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen können, daß Tage und +Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über +meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch +währen könnte, er mir am überraschenden Tage des Scheidens doch immer nur +ein kurzer Morgentraum scheinen wird." + +Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm +weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der +Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis +in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom, +und es fehlt hier nicht an Gerüchten, die uns auch für die Reiche von +Thüringen und Sachsen bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken +vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen +Theilnehmern an dem Göttern und Menschen verhaßten Kriege ihre schwere +Hand fühlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage, +die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein +genießen lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer von den +Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und +wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zürich begünstigte, +mich auch von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, die +guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die Munterkeit meines +Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren." + +Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen Sonntag um +zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und +wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er, +"habe es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart, +Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, Coburg und +Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche +Truppen angetroffen, auf keiner Post länger als eine Stunde aufgehalten +worden sei, daß er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und +französischen Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und mit +Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob überall Friede wäre." + +Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so +anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach seinem eignen Geständniß, +"gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wäre, und der nichts mehr +haßte als Stadt-, Hof- und Weltgetümmel", sich oft der sehnsuchtsvolle +Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, sich selbst +und den Seinigen leben zu können. Die Achtung und Neigung fürstlicher +Gönner, die Freundschaft mancher vorzüglichen Männer, die Weimar damals in +sich versammelte, hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. Oft +aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei aller Muße doch ein +sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen durch Besuche von +Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte +ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und +in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die +Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen Aeußerungen von solchen +Besuchenden aufgefangen und öffentlich bekannt gemacht werden könnten. +All' diesem Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit zu +entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der seinen Geist +beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich dachte er längere Zeit +daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen +Landhause bei Hohenstädt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes +hatte für ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu werden. +Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten ihn indeß, diesen Plan +wieder aufzugeben. + +Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte +sich Wielands Poesie mit den glänzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf +dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er +Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes +Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in +meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen +Luft und der schönen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit +und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland +jedoch wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit Weimar +gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe +glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch +ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital +decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes Göschen zu +erhalten hoffte. + +Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's Antwort ablehnend +ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte. +Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich +überzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reißen sollten, der +Herzog würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als +Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im äußersten Nothfall zu +concurriren. In einem Briefe an Göschen äußerte Wieland: "Hören Sie, +lieber Freund, wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen +oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; denn ganz kann +ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu +können wünschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben, +mein Verleger, und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath." -- +Nachdem Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000 +Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen Brief an Göschen mit den +Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000 +Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte." + +Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem "Osmantinum" oder seiner +"Oberinstädtischen Retraite", wie er sein ländliches Asyl mitunter nannte, +schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er +dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr +später, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu +existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als +ganz unfehlbar voraussahen, daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und +=vis à vis de moi même= langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch +sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter und vergnügt +aussehe, und können sich daß Phänomen gar nicht erklären. Ich hingegen +begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich +die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich +habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, viel Gras und +schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition über mich selbst und meine +Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut, +wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es +geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe." + +Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er +glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er +schrieb darüber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist, +daß ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine +über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe über meine +Leibesconstitution mache. In der Stadt würde ich mich in diesen +verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben; +hier in meinem Hause zu Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl +und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet +ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als +ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug +des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven +Vorzügen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin, +die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewußtseyn wohl, +daß ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt +habe. Ueber dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem +Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten +Früchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und +Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme +gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird +schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer mich wieder besucht, +sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird." + +Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war Wieland seinen +literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm +so viel Beschwerden und Verdruß bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich +ihrer entledigen zu können. Den "deutschen Merkur" würde er, wenn er den +mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, hätte entbehren können, +zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter über die +reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmäßiger +Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung +zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten. +In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, daß er die +deshalb ihm gemachten Vorwürfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich +selbst bisweilen noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz +verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, durch die er den zu +häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte. + +"Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils +versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen u. dgl. für +den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art +von Verlegenheit, deren ich gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr +geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige +Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn +können. Einige scheinen von der Güte ihrer Producte so überzeugt zu seyn, +daß man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben +kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich +blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man ihnen ihre +Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen möchte, ob sie zur +Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so +sichtbaren Erwartung eines höflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden +Bescheides vor, daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine +ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß unser einer -- der +von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird: +Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort +werden läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf +verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort geradezu für einen +Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn +-- sagt er zu sich selbst -- meine Verse müssen doch wohl gut seyn, weil +Wieland sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich +an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken möchte. -- Wie +könnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermährchens sich +unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge +Mann würde natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, sich +in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, übertroffen zu sehen. +Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede +zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche +Originalwerke. Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und um des +Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, mit Kupfern von +Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein +Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für +solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon +aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von +irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mußte." + +Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs +ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch +allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der +Theologie, Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth äußerte +sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und +Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das +könne man mit Fug und Recht fordern; sonst müsse er seine Druckschriften +von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen +Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte gleichgültig +werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des +"deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal für ihn bisher +keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen, +unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch +gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war. + +Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Göschen die Nachricht +mit, daß der "deutsche Merkur" mit dem December aufhören werde. Vierzehn +Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für +die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des +Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschluß +gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der +deutschen Literatur zurückgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die +ihm durch Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner zu +verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte ihren Einfluß +auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der +Einfluß jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt +eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen +nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der +Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung der Aesthetik +herbeizuführen, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der +Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von +Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland an +die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode +treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der +Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's +Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch +die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien." + +Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands +Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits früher gedacht worden. +Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit +widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen +Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der +"Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6. +März 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach +meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere +in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit +dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich zugeben könnte, daß es +einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten +Jahrhundert an dem Hofe König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in +ideale Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit +nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will, +schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch immer nur Carricaturen sind; daß +ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem +Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst +unschicklich und der redenden Person nicht anständig sind; und daß +überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon entfernt ist, was +nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schöne Sprache +der Tragödie seyn soll." + +Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung +eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre später (1787) +nach Weimar kam, von Wieland mit väterlicher Zuneigung empfangen. "Wir +werden schöne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er +liebt." Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Dichtern dauerte +fort, und ward noch fester geknüpft durch Schillers Beiträge zum +"deutschen Merkur." Im December 1787 eröffnete Wieland dem Publikum die +Aussicht, daß "Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes +Monatsstück mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in +ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein +Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die +sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu +machen Ursache gehabt habe." Wieland fügte hinzu: "Da ich selbst vom +Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und täglich mehr +Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische: +=Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir +zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner +Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den +deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine +sehr merkliche Art näher zu bringen." + +Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen für seine +Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit +weigerte sich Wieland, für den "historischen Calender", den Schiller +damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er +wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für jenen Calender +seine "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" lieferte. "Diese +Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem +ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von +Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller +verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als +in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nähert, +große Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise +leisten könnte, erweckt hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen +man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt +hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser +Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurückließ, und natürlicher Weise +in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch +erregen mußte, daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in +dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu +einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo +nicht gänzlich, doch hauptsächlich, der Geschichte unseres Vaterlandes +widmen möchte." + +Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhältnis zwischen ihm +und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen Reinheit, wie es der +Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit +Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer +Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache +habe zu glauben, daß er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen +Wieland, wenn sich auch seine ästhetischen Ansichten geändert hatten, +waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von +Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen +die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet: +"Wäre es auch nur, damit man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen +aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit +beschäftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös +angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind." + +Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit +andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn hätte +veranlassen können, sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler +Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die deutschen Dichter, +Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen können. Der Tadel war meistens +weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso +in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte, +und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanität +zuwider. Er glaubte, seine Meinung darüber öffentlich aussprechen zu +müssen, und wählte dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den +schärfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu +geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte +sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, aus Schiller's und +Goethe's Feder geflossen seyn könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese +Epigramme in den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit einer +seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß Schiller, aus Mangel +an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das +Geschäft," schrieb Wieland, "kam zur bösen Stunde in die Hände irgend +eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe +und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, welcher der +Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und -- +vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos +amicos= zu erwerben, als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel +an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl +derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in +den =parvum amicum= gesetzte allzu große Vertrauen wäre denn also das +Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden könnte, +und wofür er durch den häßlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als +zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, das uns allen Freude +machen wird, ihn damals beschäftigte, als er dem jungen Brausekopf die +Sorge für seinen Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend +manchen bittern Augenblick bereitete." + +Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre +Meinung, die er in einem Briefe an Göschen vom 29. November 1796 mit den +Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe +und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen +Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine +pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte eher darüber weinen, als +lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in +Leipzig verfaßt hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hüten, dieses +von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich +fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem spätern +Briefe vom 5. December 1796 äußerte Wieland: "Das hätten die Herren +Götterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch +voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spaß mit +Gassenbuben herumbalgt." + +Wielands Unmuth über die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit +nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet +der Aesthetik, die damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich +Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was +ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen +Schwung zu geben. Sie begünstigten vielmehr die poetischen Formen des +Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue +Dichterschule zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise das +Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute überall anzuerkennen, wo er es +fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, +daß er einst selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das +Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs +behagte, war der polemische Ton, durch den die Häupter der romantischen +Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten. +Schonungslos griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene +Zeitschrift, "Athenäum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die +"Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal +nicht durch eine, späterhin von ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung +in der Vorrede zu seinen sämmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes +Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben +die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden +angefangen, und er beschließe sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange." + +Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern und Anhängern der +romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur +gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenäums" eine +gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem über +die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar, +auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire, +Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum= +eröffnet, auch in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach +dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich +vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche Ansprüche =titulo legitimo= +machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsischer Frist zu +melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser öffentliche Angriff Wielands +war das Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über den +genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, und ihm unter +andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein +bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte +ihm verargt werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage +aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?" + +Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere Theil derer, die ihn +nicht tief genug herabwürdigen zu können glaubten, unter Goethes Aegide zu +stehen schien, da das "Athenäum", unerschöpflich in dem Lobe dieses +Dichters, zu den "drei größten Tendenzen des Zeitalters" außer der +französischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm +Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer +und Bewunderer Goethe's, fühlte Wieland sich ihm allmälich entfremdet, +wenn auch Goethe's Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz +auf ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung +empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich +einander mehr genähert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber +während Wieland Herder's Unmuth über Kant's "Kritik der reinen Vernunft" +theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer +leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst Niemand, der +die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst überlebt", zu wiederlegen +suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimüthigen" und +in den "Briefen über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur", +Wieland an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten auf eine +für ihn unwürdige Weise. + +Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen +Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen über sein +Verhältniß zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten möchte", +schrieb Wieland, "wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern Schlegel und +Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone, +die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was +Erröthen ist, und mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den +Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist, da sie, auch +geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto +ärger machen würden. Können Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen, +die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nämlich französische +=persiflage=, ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwöre +ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus +dem Spiel, wär' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn +auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an +der Sache hätte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit +Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie ich mir +einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=. +Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich +also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde können sich, mir zu +Liebe, nicht genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt +werde." + +Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur fürchtete Wieland, +nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen beträchtlichen +Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den +Charakter unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit +gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen; zweitens die ganze +Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwürdig und +vielvermögend seyn könnten, in der öffentlichen Meinung tief herabsetzen, +sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern +und Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen Spiel geben. +Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils für eine +kleinere Zeit, theils für ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz +verwirren. "Alles aber", fügte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch +diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird +vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen, +wäre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel, +Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle +heißen, in der Welt wären." + +Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe an Voß: "Ich fange +an, immer gleichgültiger zu werden gegen Bübereien dieser Art, und hülle +mich sehr ruhig in das Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in +der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe +drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch +täglich widerfährt, wäre hinreichend, jeden Jüngling, der sich mit einiger +Fähigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat die +fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einfluß auf +meine Glückseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres +herzliches Gefühl, als ich zu meiner Muse sagte: + + Du machst das Glück von meinem Leben, + Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein. + +Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen Horaz sich rühmte, +von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein +Publikum werth ist; und dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe +immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit +Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der +Welt würde mich für den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und +nicht vermieden hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand +gesehen hätte, als ich." + +So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen, das er +sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte, +hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige +Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu +erhalten." Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen Zurückgezogenheit +entwarf und zum Theil ausführte, gehörten besonders Uebersetzungen aus dem +Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem +Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tüchtige Gehülfen +hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern +hatte er während seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und +schätzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach +dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger." + +Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für das "Attische +Museum" unternahm, fesselte ihn vorzüglich der "Ion" des Euripides. Mit +der Wahl dieser Tragödie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine +fließende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das +gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel +gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die +Weimarische Bühne gebracht und vielfach besprochen worden war. So könnte +man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff +bearbeitende Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine +solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn für das Wahre, Schöne und +Geziemende angestellt," könne für Freunde und Jünger der Kunst nicht +anders als unterhaltend und belehrend seyn. + +Von zwei eigenen Werken, "Agathodämon" und "Solon", die, wie er an Göschen +schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lägen," gab Wieland den Plan +zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung +versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den +"Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk, +von welchem er einen ausführlichen Plan entwarf, sollte eine seiner +umfassendsten Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten ihn +indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und +Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe +Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der +That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das +literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche +Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem +Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht, +finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe +demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen +Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes +glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht." + +Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige Dialoge politischen +Inhalts, unter dem Titel "Gespräche unter vier Augen" auszuarbeiten +angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom +Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu +rechter Zeit halte." Daß er dabei doch einige Rücksichten genommen, zeigte +seine eigene Aeußerung in einem spätern Briefe vom 7. November 1798. +"Obgleich in meinen Gesprächen," schrieb Wieland, "die Sache der +Menschheit freimüthig geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man +weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dächern predigen +hört, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gemäß, vor allem, was +einem auch nur halbweg vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den +man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte, mich +sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine +Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür stehe, daß das Buch nicht zu +Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's +Licht tritt." + +Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwähnten +"Agathodämon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darüber fällen, +so gleichgültig sein Werk auch für den Augenblick aufgenommen werden +möchte. "Das siebente Buch des Agathodämon," schrieb Wieland, "war mir +eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir +aufgeben konnte. Die Ausführung ward mir um so mühsamer, da Jahreszeit und +Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst +zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch +-- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens +wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst +zufrieden, denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer +Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit +gethan habe." + +In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten +versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke +erhielt. An seinen Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den +15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, daß +ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß nicht, wie ich zu solchem +Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen +bin, und theile daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden +wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben müsse. +Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein günstigerer Stern über uns +auf, und ich will mich indeß, wie jener griechische Flötenspieler, +begnügen, den Musen und mir selbst zu spielen." + +Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem +ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen in seinem Hause und +Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, +wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch +öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener +Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche Leiden gesellt hätten. +Doch selbst in höherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit +geblieben. In einem Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich +Wieland selbst über sein Wohlbefinden. "Sie gründen darauf," schrieb er, +"Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter Patriarch werden dürfte. Vor +zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte +alt werden können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner +Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fünf +und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und +ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität +mein zehntes Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund, +sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um meine =Confessions= +oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine +Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als +nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll." + +Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nähere, trübte nicht +Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in seinem Alter sehr glücklich unter +literarischen und ländlichen Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues +Vergnügen schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen +Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, oder durch ein +Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestört seinen Ideen +überließ. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner völligen +Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den +Buchhändler Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue +mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, daß ich sie +wirklich im Geist schon genieße, und den dazwischen liegenden Winter um so +weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn +auszufüllen gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt so +lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; denn es ist nicht +mehr als billig, daß ich das Recht, den Sommer blos mit Genießen +zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe." + +In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte +Wieland es dankbar, daß ihm, neben der Glückseligkeit, ungestört mit den +Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch +das Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes, +an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben, +unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlüpften, wie den +Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was +allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das +uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln +und Bratwürstchen, die auf den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner, +die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen crystallenen +Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und +Bächen mit köstlichem Wein zu füllen, die eben so freiwillig, als +unerschöpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und +wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen, +ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte +das Gesetz, daß uns die Götter nichts Gutes ohne Arbeit geben, für ein +sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge +=quantum satis=, als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß." + +Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche seiner +Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine Fürstin, die Herzogin +Mutter verschmähten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bäume zu +begrüßen. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn +in die Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes. +Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte Bekanntschaft mit +Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen +Geständnisse, auch eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte. + +Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands späterem Leben war das +Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in +Osmannstädt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie +Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die +Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb +ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai +1800 ihn abermals in seinem ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte +auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens, +das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit stand. Einen +eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie. +Wieland beklagte oft, daß Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu +verschönern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche. +Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstörten +die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths ihren von Natur zarten +Körper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, +war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen. + +"Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an +Göschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie +Brentano, das liebenswürdigste und interessanteste Mädchen von 24 Jahren, +das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der +sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in +wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome +zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode +endigte. Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und +gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz +sagen. -- Die Hülle, die der entflohene Engel zurück ließ, ruht nun in +einem stillen Plätzchen meines durch sie geheiligten Gartens." + +Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte holde Mädchen erklang noch +oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 +schrieb er: "Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen +Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich +ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergänge +führen zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte +davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein kleiner Zeitraum +trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefühl, das meinem +Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt. +Weil es indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für meine +Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott für die Erhaltung +meiner bessern Hälfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer +schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte +mit Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch hoffen wir, was +wir sehnlich wünschen, daß die immer näher kommende schöne und milde +Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so +wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit +wieder schenken werde." + +Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich bitter beklagte, +vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt, +windig und unfreundlich, daß wir oft vierzehn Tage lang täglich zweimal +die Wohnzimmer heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns +der Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer +dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne +zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind +diesen ganzen Monat über unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der +Barometer meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über sieben +und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier Grad stieg, konnten +wir auf einen vollständigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung +nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller +Art bekommt, können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene +Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange +und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch der Mensch ist nun einmal in +der Gewalt der großen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! +ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der wir unser +Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht." + +Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, so schwer ihm dies +auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frühern Briefe erwähnte +Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich täglich +verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom +19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen +Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; aber ich kann doch nur +selten über mich gewinnen, es nicht zu fürchten. So wenig beneidenswerth +auch meine übrige Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten +aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und +dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines Lebens machte, nur noch +einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz für alles Andere; +ohne sie -- Gott allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte." + +Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt von seiner +Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und für deren +Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes +zeigte ein Brief Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin +unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich +arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wären. +Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert, +schwerfällig. Möglich, daß auch die trübselige, immer veränderliche und +gar nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß aber ist, daß +ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie +noch vor drei Jahren besaß, aus dem Elysium zurückbringen könnte, auf +einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen würde." + +In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst +über seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe +siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Daß die Engelsseele, die nun +meinen körperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer +gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese rein geistige Art +Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne Zweifel das Meiste dazu bei, +daß ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde." + +Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der +Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben, +im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem +Geständnisse, ihr Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen +zu machen, daß er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder +bringe," wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht glücklich seyn +könne. "Der besten Fürstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich, +wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den +Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor +ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken; +denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit +ganzem Gemüth und mit allen mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen." + +Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten Werke, das später +unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die +Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch +durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an +Göschen, "über die Entwicklung und Ausführung der beiden Hauptcharaktere +des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht. +Solche Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern +die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung des Ganzen +haben, d.h. gerade für das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wünsch' +ich mir recht viele. Aber unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert +kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und +Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor, +der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen." + +Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig an seinem +"Aristipp" gearbeitet, daß er im Sommer 1801 das vollständige Manuscript +seinem Verleger Göschen senden zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch +eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausführliche +Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon +vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, beschäftige ihn einzig die Lösung +dieser Aufgabe. "Sie können sich nicht vorstellen," heißt es in jenem +Briefe, "was für ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich +seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das +wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang +desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet +sich", schrieb er, "daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen +kann, aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis nahe an +seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen starken Band erfordern +würde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode +seiner Kleone und zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und +sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber +gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bänden zu lassen, +und nicht eher an den fünften zu gehen, als bis unsre -- merken, daß dem +Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund, +sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. Dabei muß und wird +es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fünften +Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bände ein doch für sich +bestehendes Werk, und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig +wäre." + +Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland +nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darüber war jedoch +eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zögerung war der +Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwährend +zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Göschen +entschuldigte er sich, daß es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und +moralisch unmöglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem +freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten +Bedingungen sei. "Seyn Sie indeß versichert", schrieb Wieland, "daß ich +nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, daß ich +selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann." + +Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan +irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Théatre des Grecs=, +gemeinschaftlich mit Böttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen" +herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen +begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften Bandes +seines "Aristipp" ward Wieland indeß bald wieder abgelenkt durch mehrfache +neue Entwürfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt +blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstädtische Unterhaltungen" +betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines Sohnes Ludwig +aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einführen +wollte. + +Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. Ehe er seinen +"Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstücke zu diesem +Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen Gemälde "Menander und +Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch für die +Jahre 1804 und 1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in +Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von +Rosenhain" in einem Bändchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren +Buchhändlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in +Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger +Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich +kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, daß die Irrungen, die ein +doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen +uns veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft seyn +sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen Verkehr mit den +Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen +hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze im Merkur abdrucken ließe, der noch +unter meinem Namen und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht +Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche Gelegenheiten +nicht hätte benutzen wollen?" + +Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland offen gestanden, +daß "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn +drücke und dränge, und daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre, +bald möglichst in baares Geld umsetzen müßte." Dadurch hoffte er +wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die +er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und +Verbesserungen, und durch den geringen jährlichen Ertrag seines +Besitzthums gerathen war. Daß er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide +spinne," gestand er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen. + +"Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich +geladen, unter der ich erliegen würde, wenn ich nicht ernstlich darauf +bedacht wäre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwälzen, +in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner +armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs +Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um mich war, fühlt' ich diese Last +zwar auch, aber sie drückte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und +Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein +Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles +leider ganz anders. -- Ich fühle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen, +der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings +nothwendig, daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist +möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch +ein Käufer dazu fände, der mir dafür geben wollte, was mich's kostet, dazu +kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen. +Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne, +nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland für mich zu behalten, +aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes kleines Erblehngut zu +machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu +verkaufen. Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise keine +Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte sich doch wohl in ganz +Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein +solches kleines Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch +einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar würde, und +(alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner +Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhältniß +leben könnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie +mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet +seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß diese meine Idee einem +utopischen Traum ziemlich ähnlich sieht. Indessen sind doch schon viel +unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden." + +Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, das ganze Gut zu +verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu +gehörigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede +selbstbeliebige Benutzung dem Käufer des Guts überlassen wolle. "Der +Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer möglich seyn wird, +meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner +Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schließt. +Finde ich einen annehmlichen Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder +in der Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner +Osmanstädtischen Villa zu." + +Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrückte, +"seines, noch immer zu seinem Besten geschäftigen guten Genius," hatte ihm +im Februar 1803 in dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts +zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte. +"So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin +die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen +Verkauf doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir in +meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit, +die mich öfters zu Boden drückte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und +es bleibt immer noch so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten +Kinder ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich das +Gut noch länger hätte behaupten müssen." + +Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende Geständnisse über +seine drückende Lage und über die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine +erweiterte literarische Thätigkeit zu verbessern, die beinahe seine Kräfte +überstieg. In Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb +er: "Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit der ich mein +ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten +Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreißen lassen konnte. Aber die +Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu +bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes +und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten +Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche Deficit zu decken, alle +meine Kräfte aufbieten mußte, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem +Beutel ließen, durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen. +Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, oder +wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen müßte, Gefahr liefe, +in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. +Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen +Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die auf mir lag, +immer drückender, und die Gefahr, mit jedem Jahr ärmer zu werden, immer +größer. Welche Lage für einen Siebzigjährigen, von einer zahlreichen +Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!" + +Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein +früher so heiß ersehntes Idyllenleben in Osmanstädt schloß, durchwanderte +Wieland noch einmal den geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete +er alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor +den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen +mußte, daß er auch diese in fremden Händen zurücklassen müßte. Nach +einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Käufer meines +Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu +seyn wünsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin täuschte +sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige +Stätte, wo die geliebten Todten ruhten. + +In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin Amalia hatte Wieland +sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nähe des Palastes seiner von ihm +innig verehrten Fürstin beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von +dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf +freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich äußerte, die geliebte +Fürstin als "die wohlthätigste aller Feen walte." Nur der Vergünstigung +eines Schlüssels, meinte er, werde es bedürfen, um mit aller +Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird für mich," +schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte und geliebte +Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende Güte so wohlthätige +Sonnenblicke auf den späten Abend meines Lebens geworfen." + +Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende Aufnahme, die +Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, bei der hochherzigen +Fürstin fand. Sie zog ihn in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den +Kreis seiner ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm +Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine +der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts der Fürstin in +Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete, +bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur +Bühne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete, +fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen +er während seines Aufenthalts in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte +erkaufen müssen. Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen +Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so +wenigstens einigen Ersatz dafür zu finden, daß die von Goethe +herausgegebene Zeitschrift: "die Propyläen", für die er sich lebhaft +interessirt, aufgehört hatte. + +So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen Gemüthsstimmung +zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig +erschüttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es +ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die Welt und +für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen mein einziger +Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte große +Ursache, auch um meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so +beträchtlich jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und +Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; und mir wird +diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefühl für Schmerz und +für Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist +es Pflicht, sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und +sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß wir mit unsern +Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch +immer fort unterhalten können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes +ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken, +daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, und unendlich besser, +als uns." + +In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche +Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit ward dadurch nicht gelähmt. Von +besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift: +"Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser, +=Dr.= Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in +einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und +vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund +und Verleger Göschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen +Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wünsche, und es daher zu einer +Bedingung machen muß, daß es besonders, und als ein Werk für sich, im +Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über das +Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche +Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier +Dialogen bestehen, wovon der erste und größte vollkommen fertig ist. Das +Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen." + +Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern Briefe über die +vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er, +"daß der Herr Doctor oder Magister Wötzel durch meine Analyse seines über +allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird. +Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu bedanken, möcht' ich ihm +rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich +wäre ein Hermaphrodit mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein +sehenswürdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß einzige +Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, Pfiffigkeit, Albernheit und +Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte, +vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches +Mißgeschöpf mit Augen zu sehen!" + +Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich +Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem +irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle +Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen +seines eignen Lebens zurückrief. "Wäre eine Möglichkeit", schrieb er, "daß +die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner +Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn +Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle +Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch +weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche +Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie _kann_ also +nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen +Andern eben diese Bewandtniß haben? + +Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die +Vollendung des "Aristipp" fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders +als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790) +entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der +sämmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen +Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese +Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen +Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in +sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der +Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs) +von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der +jenes frohe Ereigniß durch das Drama: "die Huldigung der Künste" gefeiert, +mußte Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, +und Goethe war damals gefährlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb +Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, "welche Sensation die Nachricht von +Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns +Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen +empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand +schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und +fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht +erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte +Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche +unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That +diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist." + +Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen, +welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 über Weimars Bewohner +verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch +am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu +beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der +unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem +allgemeinen Unglück und innig beklagend, daß er den Tag erlebt, wo seine +fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte +verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte +suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, +den 1. November 1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe +Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so +entschieden ablenkte, daß er, nach seinem eigenen Geständniß, von allem, +was um ihn her vorging, wenig gewahr ward. + +In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten +nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück. +"Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung +anführen, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser +verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte +damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß in mir, ohne dessen +unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das +eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden +Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die +längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale Menschen vom +Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine große, +schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien +passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, daß sie +mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung +selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte +vielleicht so weit gelingen dürfte, daß ich die Welt mit dem Troste +verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos +zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten +Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen +glücklichern Vorsatz einhauchen können, als die Uebersetzung der Briefe +Cicero's?" + +Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die +Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia. +Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie +ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische +Standhaftigkeit war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen +Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und +die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber +bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Uebersetzung der +Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu +erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu +seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem +Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein +Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectüre irgend +eines römischen oder griechischen Classikers sich beschäftigte. Mit +ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3. +November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht, +weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiß. Wie es aber +auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich +selbst in keinem Falle verlassen." + +Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden. +Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten +Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch +revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er, +"mein Schicksal, daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und +innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit von mir +entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am +9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig +abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau, +die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang +besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins +verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar +genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer +gedenken und das wollen wir." + +In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf +seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! +kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das +herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner +Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke +ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und +meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so +freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit +eingerechnet), daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen +trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen +konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen +Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne thörichte Forderungen an +den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer +verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen +Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten." + +Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach +seinem eignen Geständnisse, "sich von den Erdengöttern so viel als möglich +entfernt gehalten," ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als +Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt versammelten +Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den +Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, "daß +Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwürdig geworden +war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande +des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine +Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's +Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog +einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland gewesen sei, den +er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkäppchen auf dem Haupt +gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm. + +"Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13. +October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu +setzen und -- in meinem gewöhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem +Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig +costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war +ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des +Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte +mir ganz leutselig -- das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf in's +Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen +Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höhern +Grade besessen, als Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität +zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie +es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so +verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn +konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen +einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen. +Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu seyn +sich bewußt war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit +_seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen +widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz +allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter, +schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich, +daß er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la +conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich +endlich zu fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen könne. +Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein +andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät, +mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen +länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit +freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!=" + +In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch +gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und +es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen. +"Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, daß ich +ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, daß der +Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem +Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiederte +hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch +nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen +Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug +thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften +könnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann +sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so +sehr machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war +aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich +fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit +welcher er sich mir preisgab." + +Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten +Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig +(1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung +aufdrang, daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die +Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch +solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu +verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte +sich Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, die das +Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland +verhängte. + +Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so +vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte. +Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode +seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland +neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines +Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er, +"derbe Wahrheiten so freimüthig und kräftig, und doch so manierlich gesagt +zu hören. Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen wird, daß +englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher +große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem +Kyniskos so trefflich aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch +und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte +Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren +aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens +kenne." + +Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche +und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriß ihm der Tod. Ein +hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. +Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefährlichen +Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "daß, nach der +Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem +schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedieß schwachen +Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig +fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas +schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven, +Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein +ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, daß ein +vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den +ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über +vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mußte, +wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen +Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' +ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und +Dankrede halten!" + +In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende +Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb +er, "daß ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe +umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz +wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört." +Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen +ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner +geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit +zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In +dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb +Wieland an Böttiger: "Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz +besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir +vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und +geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache um's +lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden +zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen +Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem +Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen +herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen." + +Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten +Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe +mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung +trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner +sämmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu +aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche +Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland: +"Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage +_alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage, +meines Erachtens, blos aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden +werden kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als daß sie mir +viele und kaltblütige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint. +Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und +Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner +_sämmtlichen_ Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich bemerken, +daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren ließe, höchstens drei +oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht +kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder +meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf +einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Gründen wohl das +Beste seyn möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken +abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann +und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische +Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte +vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn, +ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben +wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und +aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur +Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der +schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben +gedenke." + +Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In +seinem literarischen Nachlaß fand sich auch nicht das kleinste Fragment +jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände +verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe +seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Uebersetzung des +Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein +Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's +hinzufügte. + +Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge +und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im +Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und +beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am +11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das +Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter +verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung, +der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles +und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte +sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte. + +"Es gehört," schrieb er den 18. October 1811, "unter die größten Uebel der +schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch +Berühmtheit) -- die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes +Gute hat -- daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein +Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen +kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt, +und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und +ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden +aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, +sich das Uebel ärger vorzustellen, als es ist." + +Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein +achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die +ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne +Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Sänger." +Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn +Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien +sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich +gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein +Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand, +durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher. + +Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen +Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach +er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der +Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch +ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder +zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in +Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach, +doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald +deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen +Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den +Lebendigen. + +Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brüder +des Freimaurerbundes, dem er angehörte, beschlossen eine feierliche +Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmückten +in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von +seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte Local, wo Wielands +sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine +zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen, +sein mit einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen, +mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine ähnliche Decke breitete +sich aus über den untern Theil des Sargs. Der Körper war in ein weißes +Tuch gehüllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden +Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf +einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man +auch auf einem kleinern weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen +und französischen Ordens. + +Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst Wielands +Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht seine irdischen +Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die +sämmtlichen Brüder der Loge Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands +Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches +der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ältestem +Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut +der Dorfglocken lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt +herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten +sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der +Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst +seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine +kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Günther, der die +Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte. + +Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben, +neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland, +seinem oft geäußerten Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei +dreiseitigen Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, erhob +sich auch sein Grab. + +Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein +ausgeführt. Für Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem +Rosenkranz umgeben gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild der +Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem Eichenkranz. Die +geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darüber ward für Wieland +zum Sinnbilde gewählt. Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die +treffende Inschrift verfertigt: + + "Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben, + Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein." + +Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland näher gekannt, +bestätigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswürdigen +Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: +"Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, für +Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit heilig seyn muß, weil es +allein dem höhern Menschenleben Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger +Kämpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile, +aller Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung seines +Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und +Philosophie, aber er bethätigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles +Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts +Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das +Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und +Bürger zu seyn." + + ---- ---- ---- + +[Errata / Druckfehler: + +"Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen," + original: urspünglichen +die meisten Klöster in den / österreichischen Staaten aufgehoben + original: östereichischen +Der Erbprinz Carl August + original: Erbpinz +"Hann / und Gulpenheh" + original: Han +zum Weimarischen Hofe + original: Weimaririschen +jener zwiefach harte Schicksalsschlag + original: hatte +so wenig Geschmack abgewinnen + original: Geschack +seinen Entschluß, das ganze Gut + original: daß +Ereignisse hinwegtrug + original: hiwegtrug +einer lebensgefährlichen / Krankheit + original: lebensgefahrlichen] + + + + + +End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + +***** This file should be named 17454-8.txt or 17454-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/5/17454/ + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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