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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/17454-8.txt b/17454-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0d4318b --- /dev/null +++ b/17454-8.txt @@ -0,0 +1,4218 @@ +The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Chr. M. Wieland's Biographie + +Author: H. Doering + +Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +[Transcriber's Note/ Anmerkung: +Errors in the printed text have been corrected. The original form is listed +at the end of the file.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Originalform ist am Ende +notiert.] + + ---- ---- ---- + +BIOGRAPHIEN +DEUTSCHER CLASSIKER. + + +SUPPLEMENT +zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe +"DEUTSCHER CLASSIKER." + + +Drittes Bändchen. +CHR. M. WIELAND. + + +Jena, +Verlag von Carl Doebereiner. +1853. + + + +CHR. M. WIELAND'S +Biographie +von +=Dr.= H. DOERING. + + +Complet in Einem Bändchen. + + +Jena, +Verlag von Carl Doebereiner. +1853. + + + + +WIELAND'S LEBEN. + + +_Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien +Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733 +das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle +bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu +Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet, +später in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein +eifriger Anhänger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus +geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse +Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Würde +für unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in +seinen beschränkten Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe +seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. Mit +gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_, +die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien. +Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe +zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese +Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der +schon früh an Engbrüstigkeit litt, und bereits im Jünglingsalter starb. + +Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern Jahren erzählte, seine +große Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofür er sich beim +Gange in die Schule sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand +fiel, konnte er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze +wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein +gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz +verließ, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er +schwächlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten +Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in +reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen +Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als er, außer einer gründlichen +Kenntniß des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik +und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen +Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. Durch seine +Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er +sich früh zur religiösen Schwärmerei. Verändert ward diese Geistesrichtung +durch das mit großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen und +griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius +Nepos begeisterten ihn. + +Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands Gefühl für Poesie, +noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die späterhin seine treuen +Begleiter auf einsamen Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen +Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem +Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab. +Nicht viel kürzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die +bekannte Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich +eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu +Biberach. In deutschen Versen wählte sich Wieland den durch sein +"Irdisches Vergnügen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von +Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn +sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne. + +Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild +in mehreren Cantaten und andern religiösen Dichtungen, die er zwischen +seinem zwölften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und +Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie hatte +jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das vaterliche Verbot, mit +irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenständen sich zu +beschäftigen, nöthigte ihn, früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu +seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen +Versuche, ein Epos, "die Zerstörung Jerusalems" betitelt, nicht +ausgenommen, genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die +meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter +gerettet hatte, traf späterhin ein gleiches Schicksal. + +Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward früh geweckt durch die +anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb +ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos +einen großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an +der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine +Jugendzeit dichtete er später (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du +kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste +Lust empfand" u.s.w. In einem spätern Briefe an einen Freund gestand +Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend großen Einfluß +auf seine Bildung gehabt habe. + +Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der +bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt +Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen +Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser Schwärmer +zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung. +Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der +neuern Sprachen. Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr +mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne +Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische Schriftsteller zu lesen. +Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der +Letztere durch seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl +empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker geworden. In +einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, daß das Universum, +ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden können. Die harten +Vorwürfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen, +konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaßen +mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der +Existenz Gottes. In schlaflosen Nächten rang er sich die Hände fast wund, +und vergoß bittere Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre +geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen. + +Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den +classischen Studien zuwandte. Während seines zweijährigen Aufenthalts +hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere römische Autoren für +sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner +Lectüre. Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart gewann +Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, wie er sich damals an der +Cyropädie nicht habe satt lesen können. Besonders gefiel ihm die Episode +von "Araspes und Panthea," die er späterhin zum Stoff einer Dichtung +wählte. Die "Denkwürdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen +Ausdruck, für "das Evangelium der Welterlösung." Eine ähnliche Richtung, +wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=, +=Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig in die +Hände geriethen. + +Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen hatte, behielten +noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. Unter den Alten war Cicero sein +Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's +historisch-kritischem Wörterbuche vollendete Wielands philosophische +Bildung. In spätern Jahren gestand er, daß er "durch eine poetische +Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren," +damals von einem System zum andern übergesprungen sei. Von diesem +Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich +seiner wahrhaft väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte sich +vielfach um seine Geistesbildung verdient. + +Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts in Klosterbergen +war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien +betrieb er mit Eifer sein künftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand +noch Muße, sich im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen +Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die zahlreichen +Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer +Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Blätter suchte er sich +zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem +er seine eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte. + +Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands Neigung zur +Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren für ihn, außer Gellert +und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen +Inhalt und durch die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene +Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich +war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesänge jener Dichtung in den +"Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte. +Er fand in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, für seine +Religiösität und für sein poetisches Gefühl. + +Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines +Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals +sechszehn Jahre alt. Den größten Theil der poetischen Versuche, die in +jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens +unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die +griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschäftigungen führte er +auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes +nöthigte ihn, sich an ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der +Ernst seines Wesens ohnedieß hinzog. + +Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie +verwandten =Dr.= Baumer, der später eine Professur der Medicin und Chemie +in Gießen erhielt, und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb. +Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war +die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische +Vorlesungen und ein Privatissimum über die Wolfische Philosophie gaben +seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in +spätern Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur +Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die große +allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen +gelernt. + +Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach +zurück. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der +merkwürdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste +Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes, +der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Nicht +durch blühende Schönheit, durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu +Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte die +Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien +fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon früh durch +das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses +Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus +für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei Jahre älter, als +Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere +Haltung eine seltene Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An +Kenntnissen ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung +Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen. + +Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen +Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe +traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefühle begegneten sich dort zum +ersten Mal in der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches +Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen Freuden der Welt +vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, äußerte er in einem spätern +Briefe, mit Hindeutung auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz +anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergeßlich +blieb ihm noch in spätern Jahren ein schöner Sommertag, an welchem er mit +der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt, +und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der +Würde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines +Vaters über den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt +worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin +bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder +die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des +genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal +gedruckt. + +Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750 +nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr Vater, früher in Kaufbeuern ansässig, +sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese +Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild vor seine Seele. +Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, daß die in einem +Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner +Liebe ihn sehr schmerzten. + +In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres Glück, als +Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfüllung +seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht +hinweg. Im Geist sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet, +während er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem er sich +widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um +Theolog zu werden, hätte er eine stärkere Brust haben müssen. Das Studium +der Medicin ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor +todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte in Tübingen fast +gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer. +Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee, +die schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten +möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So +entstand sein früher erwähntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die +vollkommenste Welt." + +Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr strengen +Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in +Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt. +Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem +Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des ihm gesandten +Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es mit einer Vorrede begleitete. +Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen +poetischen Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen +Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zürich, der damals in +dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhängern +verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht +schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei +ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten +Briefwechsel. + +In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das Wielandshäuschen genannt, +auf einem Weinberge unweit Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte +Wieland damals dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei +poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gänzlicher +Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er +in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst +keinen kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner Werke und +der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeußerungen +jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben +mich oft ergötzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den +unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die genannten Dichter eines +sträflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu +den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den +Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flüchtigen und affenmäßigen +Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist +lieber nach diesen lächerlichen Geschöpfen bilden wollen, als nach den +denkenden, männlich schönen und zuweilen himmlischen Britten." + +Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands +Streben hervor, die Irreligiosität und den Leichtsinn zu bekämpfen. Er +wollte der Welt zeigen, daß das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem +Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands +Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen +Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein +Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, +leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem +Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein +Gedicht, "der Frühling" überschrieben, zeigten unverkennbar den Einfluß, +den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen +Versuch, den Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie zu +begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein +gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward durch die Vergleichung +des gewöhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen +Mustern von Tugend und Seelengröße, die ihm ältere und neuere +Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe, +wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch höher begeisterte +ihn als Jüngling die Schilderung jeder edlen That, während er sich von +schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte. + +Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefühl für das +Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor +allen andern den Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: "Ich schätze die +heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern Geistern, +darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnüge mich, die +wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu +benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in +Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige Tugend +zu preisen." + +Unter den Gedichten Wielands, die während seines Aufenthalts in Tübingen +entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen +den Leichtsinn der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe +begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu wählen, dem er, +wie er in spätern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in +seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Büchern, an der nöthigen +Menschenkenntniß fehlte, die er nur aus der Beobachtung der +Lebensverhältnisse schöpfen konnte. + +Einige Monate früher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden +Wielands "moralische Erzählungen." Bereits am Schluß des Jahres 1751 hatte +er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen +Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren +Gehalt, als durch die Form. Für die "moralischen Briefe" hatte Wieland +Alexandriner, für die "moralischen Erzählungen" reimlose Jamben gewählt, +und für den "Anti-Ovid" ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen. +Unter solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen +Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte. +Seine Zukunft schien ihn wenig zu kümmern. In einer Art von +Selbstcharakteristik, die er noch während seines Aufenthalts in Tübingen +in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner +mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei +glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, daß es "sein Geist gewesen, +der sein Herz zu einem so guten gemacht habe." + +Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in das elterliche Haus nach +Biberach zurückgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise, +wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte +er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. Einer +sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn +gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem väterlichen Plan, sich in +Göttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland +meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte +wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fähigkeiten und +Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er +gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem +Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Gärtner, +Ebert, Zachariä u.a. talentvollen Männern, die in dem genannten Institut +Lehrstellen bekleideten, in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur +Erfüllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht. + +Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere Unterstützung +beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung +Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach +den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen. +Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden +sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, daß +eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn +möchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er +sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach +nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben. +Manche Umstände traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern +verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner Briefe +äußerte, "in einen Zustand von Unthätigkeit und Verdrießlichkeit, der ihm +oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die +langweilige Zeit einigermaßen verkürzen. + +Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zürich. Da er +seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wünschte +er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner +Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte er +sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und +bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am +13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, +Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch +Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden +Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und +Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine +Zurückgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen +Beschäftigungen. Auch nachdem sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in +ihrem freundschaftlichen Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in +spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste seines Lebens. + +In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene +"Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Noah", das sein +väterlicher Freund Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753 +zu Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes +"Schreiben über die Würde und Bestimmung eines schönen Geistes." Auch zur +Poesie kehrte Wieland in Zürich wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag +schrieb er ein kleines Epos, "die Prüfung Abrahams" betitelt. Zu seinen +damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde" +hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe +herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlaßt gefunden. + +Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst +ganz die Seinige nennen zu können. Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem +Besitz zu gelangen, sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in +seine poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen +Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm für aufgelöst +erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt, +meldete ihm zugleich Sophiens Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath +de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie +aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres +Herzens, die noch immer für Wieland sprach, wenig beachtet. + +Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies harte Schicksal +ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, als sich von seiner +reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, billigte er in einem Briefe an +die Geliebte ihren Entschluß, und wünschte ihr aufrichtig Glück zu +ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust +seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl +mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer +Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie +zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche +Gefühl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur +Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in +Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung, +die er in seinem neuen Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man +auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den +Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schönsten +Hoffnungen getäuscht, und versank in einen Trübsinn, den nichts zu +erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu +philosophischen Studien. Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht +in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die +Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger Lectüre. +Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher +Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen +scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn möchte. +Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe +schon seit manchen Jahren große Lust, ein Eremit zu werden; denn ich +versichre Sie im Ernst, daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen +herzlich müde bin." + +Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer zu werden. Die +Lectüre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet, +jene Stimmung zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen +Forschens weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und Frömmigkeit +kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz war ihm ein völlig fremder +Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere französische und +englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in +seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" öffentlich ein Verdammungsurtheil +aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen +"Empfindungen eines Christen" gegen die "schwärmerischen Anbeter des +Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er +dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerniß zu +rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet." + +Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische Richtung war +vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er später nur den +"Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine +Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht +seiner philosophischen Studien, besonders der Lectüre des Plato und +Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen über den Menschen" +dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften +sowohl, als in zwei Aufsätzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete, +in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger +Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wärme von der Tugend, Schönheit +und Liebe im edelsten Sinne des Worts. + +In seiner "Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" unternahm er +einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des +ästhetischen Geschmacks und gegen seine Anhänger. Aus der +leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art +von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte. +"Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen +einen großen Theil meiner Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer +schwächer wird, und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn +dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, daß ich ein halbes +Dutzend munterer Seelen hätte, die der meinigen subordinirt wären, und die +alles das nach meinem Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen +Wünsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen +Lebhaftigkeit übrig geblieben ist." + +Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer +und dessen Freunde beschränkten Umgang allmälig erweiterte. Geneigter als +bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem +bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser +der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor des berühmten Buches +über die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern +verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine +geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprüche +zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen konnte. + +In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz +allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann +schrieb er darüber: "Sie dürfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne +sich zu betrügen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und +eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination, +Activität, Kühnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. +dergl. Verdient das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas +darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, daß ich von +Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, was gut, recht und moralisch +schön ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich, +aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts +Vorzügliches. Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in +der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein +anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par +inclination=." + +Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere +Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere Welt- und Menschenkenntniß +bewirkten eine merkwürdige Veränderung in Wielands Wesen. Er schien +heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem +Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als früher. +Auch sein hartes und unbilliges Urtheil über mehrere alte und neuere +Dichter nahm er zurück. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte +jene Sinnesänderung den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine +Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea", +zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte, +nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete +Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bühne. Fleißig +wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen +Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des +siebenjährigen Krieges aus Deutschland vertrieben, längere Zeit in der +Schweiz und namentlich in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel +"Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der +Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, wählte er die +fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum +erstenmal in Winterthur, und später auch an andern Orten nicht ohne +Beifall aufgeführt. + +Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel +versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm +einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachariä in Braunschweig, den Stoff +dargeboten hatte, während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht +Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch +Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden +Bewundrung abnöthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte +Gedicht hieß, sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch seinen +vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er +jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausführung seiner poetischen Idee +begann, stieß er auf mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein +Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner +damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um +ihn würdig darstellen zu können." Selbst der Styl und die Versification +kosteten ihm, nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte, +daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt +gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte und Politik hielt er für +unerläßlich, um seinem Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben. +Fleißig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die +Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn. + +Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift: +"Gedanken über den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu +verjüngen." Diese Schrift erschien, während Wieland sich noch fleißig mit +seinem "Cyrus" beschäftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu +unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan +zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jüngern +wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten +Werke zwei Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame +Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden genannt, und ähnliche +wunderbare Dinge schildern. Die Ausführung dieser Idee unterblieb. Von +seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe +vollendet, und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher +fortgeschritten seyn. + +Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in +Zürich. Seine bisherigen Zöglinge hatten anderweitige Bestimmungen +erhalten, und Wieland mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine +Zeit lang beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift, +von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In einem seiner +damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle alle seine Kräfte +zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die höchste Vollkommenheit +zu geben. Aber seine schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem +"Cyrus". Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen +zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu +begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rückkehr in das +elterliche Haus nicht geknüpft zu haben. + +Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit zu leben, +machte ihn gleichgültig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Anträge zu +auswärtigen Lehrstellen. Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach +Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi +Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch +einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum +Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern, +wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder Hinsicht seine +Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhältniß, in das er +getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie +Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen +Willen hineingezogen ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren +Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht, +besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der, +wie Wieland selbst äußerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot +und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im +September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf. + +Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch philosophische +Vorlesungen, die er "gegen ein jährliches Honorar von 200 Kronen" einigen +Jünglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an +Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei Stunden +raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes Epos, der "Cyrus" +nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm +mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen +Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb jedoch. Das einzige +Product, das er während seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein +mit großem Beifall aufgeführtes Trauerspiel "Clementine von Porretta." +Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff +zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie Grandison, mußte ihn vor +vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe +ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder +schwärmerisch war. + +Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst schon die Königin seines +Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den +Sieg streitig machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem noch +erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der +häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr indeß an Reizen versagt, +hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergütet. Die gelehrtesten +Männer ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das +Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein +Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den +verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern ein sehr richtiges Urtheil +verbinde. Darin fühlte sich Wieland nicht getäuscht, als ihn die Neugier +trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf +ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich," +schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer +außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, bei dem heitersten Humor und +der größten moralischen Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich +scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange +gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch weiter hinter +ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter Sophie'n ist. Der +aufgeklärteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und +ein Herz, das der edelsten Freundschaft würdig ist." + +In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie weder eine Idee, noch +Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragödien +herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine +vernünftige und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn +wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, fanatischen +Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube, +in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu +glauben, daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe +kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich liebe alle wahrhaft +tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben würde, wenn +sie sichtbar wäre. Das sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die +Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so muß +freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen zieht, sich +unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste für das wahre +Schöne, Gute und Erhabene natürlich ist. Aber darin besteht mein +Privilegium, daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine +Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natürlicher +und ungezwungener Weise zu der thierischen verhält, wie eine Weltkugel zu +einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fügte Wieland noch die +charakteristische Aeußerung bei: "Wir sind übereingekommen, daß jedes das +Andere nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten +Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit +sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte +ihr, sie würde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und +sagte, sie wünsche es, um mich glücklich machen zu können." + +Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche +Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundsätzen +der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu +Juliens Besitz gelangen könnte. "Sie würde," schrieb er, "mich +unaussprechlich glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Ich +müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn +ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension zu machen, und bisher +ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands +Wünsche beschränkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit +den Worten: "Ich bin nicht für das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre +Ergötzlichkeiten sind innere Plagen für mich, obgleich ich aus Gewohnheit +daran Antheil nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße, +Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation, +nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen werde." + +Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde +für den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer +Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf +diese Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er +zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken durch +interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich Uebersetzungen der +Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner +Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stücke aus der +Philosophie und schönen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu +fesseln. Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift zu +gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, wieder in ihm +auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemälde des +Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nüancen, die er durch das +Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen, +daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten Gesetzgeber und +Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden +hätten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Männer des +Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden. + +Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland +theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner +Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach +überraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in +dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich zu nützen, war der +feste Entschluß, mit welchem Wieland am 20. März 1760 die Schweiz und +seine dortigen Freunde verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen +Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen +der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn +trösten. + +Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der +Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhältnisse geschildert, die ihn in +seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch +seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen +Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in Biberach herbeiführte. +Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche Stelle eines Kanzleidirectors +erhalten. Abgesehen davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht +entsprach, fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu +verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen den evangelischen und +katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner +Freunde und Gönner machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner +damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner unsichern Lage +und seiner durch heftige Gemütsbewegungen sehr erschütterten Gesundheit. +Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer +andern Stellung, in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte +leisten können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte Wieland: "Ich +möchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir +vorstelle, daß kein anderer Platz in der Welt für mich seyn soll, als eine +Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen +schwäbischen Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche +von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für mich schicken, +ich noch werde vorstellen müssen." + +In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an +seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf +Mittel, sich aus Verhältnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig +entsprachen, und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter kam ihm die +Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder +andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen +Stelle, meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto mehr +Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. Selbst die spärliche +Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte gönnten, konnte er nicht so +nützlich, als er wohl gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß +er auf Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. Am +schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer +bedeutenden Bibliothek. + +"Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren," klagte Wieland in +einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem +solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit +und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, so verbietet +mir der einzige Umstand, daß wir keine Bibliotheken haben, alle +Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst +herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer +philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die +Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, dürfte es zu einem +nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne +eine Bibliothek von den vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand +zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade +seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht +in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine öffentliche +Büchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei +einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?" + +Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und +verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. Er unterzog sich diesen +Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine +andere Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch mehr +und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht +noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in +Einer Person vorstellen mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war +vorzüglich 1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch zwei +kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren, +gütlich ausgeglichen ward. + +Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland +aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich für einander +fühlten, getäuscht zu haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung +eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands Reizbarkeit +bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß ein völliger Bruch fast +unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich +Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er äußerte, "nur durch +Niedrigkeit und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können." Ungeachtet +mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die ihm sein Unmuth über +Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefühl noch nicht +ganz erloschener Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor. +Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde +allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein Leben fortschleppen, das +bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung +eines wahren Vergnügens, kurz genug seyn wird." + +Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein bedenklicher Schritt +sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwächt erhielt +sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen +Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden +Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, in dem +Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die für sein +Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach +entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion +kennen, in dessen nächster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la +Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn +Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm +nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher +Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig +gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen über das Mönchswesen", auch +als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte. +Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß er in mehreren Briefen +unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine +Geliebte entrissen hatte. + +Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehörten, +außer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion älteste Tochter, +eine Gräfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr +wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine +angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage +zuzubringen. Für Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle +Befriedigung. Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche +Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser +Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die +reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud. +Lesen und Gespräche der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen +Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische Unterhaltung +beschloß. + +Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner +Welt- und Menschenkenntniß, die durch sein zurückgezogenes Leben in +Biberach, wo er den größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt +war, nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine Weltton +trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern und liebenswürdigen +Frauen überall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben +eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen +seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als +er sie jetzt fand. + +Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die +sich noch immer den frühern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben +schien. Reizbar und für Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf +kosten, das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit zu +bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, fortwährend +erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner Liebe und über sie zu +scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der +feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von +Liebeserklärung machte. In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er +mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die in +Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn +angeschlossen haben würde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, daß +er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch +Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er +von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz natürlich auf dem +Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen." + +An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: "Was am meisten dazu +beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese +Herstellung meiner ursprünglichen Gestalt, woraus die Magie des +Enthusiasmus mich verdrängt hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die +Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr in +mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts all' der großen Worte, +all' der glänzenden Phantome, die in einer süßen Einsamkeit oder an der +Seite einer Gyon oder Rowe so verführerische Reize haben für ein +empfindsames Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die um +so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen abging, +entschädigen mußte." + +Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte gleichwohl Wieland +noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe +darüber ausdrückte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit +andern Worten seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht +hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nähren +und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie, +das ihn damals ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen +Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den höchsten +Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die +Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung +gelangte, daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt wäre, +als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion" +des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst +geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen +und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner +Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am +genauesten kenne." Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's +Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der +treuesten Selbstschilderungen. + +Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollständig erschienen, hatte +Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben. +Nach seinem eignen Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem +satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer +Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen +Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergötzlicher +Thorheiten suchte Wieland das Gefühl seiner Uebel zu mildern und +abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das +wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster +die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem +Aberglauben einen tödtlichen Stoß zu versetzen. + +Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene +Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zürich +in acht Octavbänden. Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte +Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. Die +Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hülfsmittel dar, +jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte, +durch eine Uebersetzung einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen +Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen +Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten +unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen fortsetzen zu können +glaubte." Für Wielands Geist war diese Beschäftigung von dem günstigsten +Einfluß. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten +geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In +Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser +Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in +der er lebte, sich wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen +Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch immer weit +anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach französischen +Modellen gearbeitet hätten." + +Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe für das +Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es +war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften +nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als +von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals +erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in spätern Jahren war +Wieland unerschöpflich im Lobe jenes Werks. + +Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig günstiger gestaltet. +1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen +Verdrießlichkeiten und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz +im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er sein Verhältniß +als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe +an den Buchhändler Geßner in Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht +abgeneigt sei, sich nächstens zu verheirathen. + +"Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich +mühseliges, aber doch einträgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der +allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die +niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den +Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich +durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie +zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so +sehr in die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in die +ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine für mich, +denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, muntere, und wo möglich eine +reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes +halber, ein Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich wollte, +daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein artiges Mädchen fände, +das so viel christliche Liebe hätte, einen ehrlichen Biberachschen +Kanzleidirector, der ganz hübsche Verse macht, von seinem Amt ungefähr +tausend Gulden Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat, +glücklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber Freund, +so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön." + +Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. "Ich habe," schrieb +er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es +ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges +Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von meinen Eltern +und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich: +seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen +Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt +sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von +schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe +gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen +habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein Herz, und meinen +Wünschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes, +fröhliches, gefälliges Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch +genug für einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst hat -- +eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten vergebens macht." + +Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich sich Wieland +nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt, +als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht +gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals +einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei +verlieren." Durch manche lästige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie +verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurück. +Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem +Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten +und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie +größer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Außer der Vollendung +des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzählungen" (das +Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768 +erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre später "Idris und Zenide"; +hierauf die erste Hälfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts: +"die Grazien." In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: "der poetische +Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, daß er seine Mußestunden nicht +besser auszufüllen wisse, als mit Reimen." + +Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland beschäftigte, +gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Großen zum Helden +eines epischen Gedichts zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf +eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blüthe der +wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer +Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren +seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu +haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er, +"die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges +Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches Talent; +zum Glück aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen +begabt. Mein Menschenhaß ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die +Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen der +Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der +Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten +zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt." + +Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der +Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes +bekämpfte. Die Stimme der öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz +seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so +gefährlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch seiner großen +und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu +bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden +scheine. Wieland's "Agathon" war in Zürich verboten worden. Für den "Don +Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen müssen. Am +härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden Urtheile über Wielands +"Komische Erzählungen." + +Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung seiner +Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner +Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion +das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem +Dichter schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten Freunde, unter +andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerüchten, die sich über +Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. +In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn +getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in +Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz +aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von +hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch +in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht +weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger +liebenswürdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele +glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von Gold und +Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte Speculationen sind +nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern +einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollüstige Seelen sich +ergötzen. Ich mußte entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine +Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir +einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's +Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei +meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Für ein +Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, daß mein Geist +zwar zuweilen thöricht, mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für +einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, daß +ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen mit zwei oder drei +Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, +Achtung verdienen, und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge +Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. Alle +meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre +wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir große Pein verursacht. +Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten +waren Göttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die +platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht +mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese moralischen +Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen +verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich +zu beklagen; sie können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit +gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem +Charakter." + +Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit seiner Gefühle mußte +sich Wieland trösten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit +und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe +verdächtig geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im schlimmsten +Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen neuen poetischen Werken der +Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloßes Spiel seiner +Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten +Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost +und Erheitrung gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der +Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectüre. +Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine +Lieblingsschriftsteller. + +An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte Wieland sich sehr +glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß nach, keine "Musarion" +war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in +der Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung für werth +hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine +"philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb +unausgeführt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und +Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe +gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene +Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im +Wesentlichen unverändert kehrte die Idee, die dem erwähnten Gedicht +Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich +gleichzeitig beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den +Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit über die Heuchelei zu +verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich +bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem +Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach +seinen eignen Aeußerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des +Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung" +schildern. + +Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr +Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den öffentlichen Kritiken, die +oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen +lernen. Es lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit dem +Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der +Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend +eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in +häuslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich +erweitern konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich in +diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung +blickte oft ein unverwüstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er, +"auch zuweilen schwermüthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand +mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich +doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein überzeugender +Beweis, daß ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung, +mich aufzuhängen, wenigstens das Gleichgewicht hält." + +Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben. +Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhältnisse, so +bitter er sich auch oft darüber beklagt hatte, in einem minder ungünstigen +Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die +Sache nicht so gar gräßlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, äußerte +Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte gingen ihm leicht +von der Hand. "Dafür bin ich aber auch," fügte er hinzu, "einer der +expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum +geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nächsten zwanzig +Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Möglichkeit, eins zu +bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch +in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die +angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause +in der Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer +meine meisten müssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit +den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im +Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen +würden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe +schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der +Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben +soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch +Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb +Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tète levée= herumgehen sehe, daran +hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe, ein langes +angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden Dorfe +mit einem schönen schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine +Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, über der ich +alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect +vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime." + +Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland +unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit und unermüdete Berufstreue hatte er +sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine +ökonomischen Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich +der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er +wußte es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere +Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen +Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. + +Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er nicht abgeneigt +wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen +Minister v. Großschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee +geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob +er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen +bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, Eltern und +Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er fürchtete außerdem von +seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste, +was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich +für ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii +Caesarei= zu seyn, und vermöge seines Diploms selbst fähig sei, Meister +der freien Künste zu creiren." Manche dieser Hindernisse räumte Wielands +Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich +bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, daß er +dort die ersehnte Muße zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das +Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter +eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600 +Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte +Aeußerung, daß sein Name das Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu +ziehen. Man sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, "schon +zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun, +als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer +unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte so viel Lockendes für +Wieland, daß er sich entschloß, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der +Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin +erwähnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte. + +In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten ihn +mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in Erfurt zu realisiren +hoffte. Er wollte unter andern "Briefe über die Literatur" schreiben, und +sie "in kleinen Bändchen in die Welt fliegen lassen." Die Muße, welche ihm +seine Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision +seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten. +Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde Bodmer, der sogar +Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schönen +Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens, +als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem Herrn +Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer für beide +sehr schmeichelhaften Dedication widmete. + +Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere +Unannehmlichkeiten der Reise so gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen +Aeußerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen +Theil ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn +wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine philosophischen Studien +begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt +in sich verspürt hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt +Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der +Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten =Dr.= Bahrdt u.A. +Keiner von diesen talentvollen Köpfen hatte damals schon einen so +festbegründeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner +Collegen schon deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich +verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue +Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch +zum außerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward. + +Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte Wieland seinen +Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige +Berührung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für +ihn gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm nicht +schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe +zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder +Hinsicht seine mäßigen Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie, +sich selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es seine +Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt eröffnete er mit +Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke +von Iselin über diesen Gegenstand. Späterhin hielt er Vorlesungen über die +Geschichte der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen +Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des +Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten +griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und englischen +Schriftsteller. + +Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In +einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, daß er "das +Vergnügen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt +vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt für ihn +"sehr wesentliche Gottheiten" wären. Bei Uebersendung des unter diesem +Namen von ihm verfaßten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb +Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen +Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch öfter Zufriedenheit mit +meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen +bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen." + +Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von +Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch während des Sommers 1770 +herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling, +mußte schon für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann +wohl hätte seyn _können_, über den so seltsame und widersprechende +Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr +ächte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das +kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische +Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von +Sokratischer Philosophie. + +In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, daß er +über manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen +Natur bezögen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, +die Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen +Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. "Vielleicht habe ich Unrecht," +schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht über +ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der +Ansichten der Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß +ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten, +und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die +öffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte +ich, es müsse erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern +als sehr profan erscheint; daß der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was +der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w. + +So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofür er gelten +wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln +zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich über +den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die +öffentliche Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie für +nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber mit den +Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewöhnlich Gravität genannt, +sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann +oder will nicht sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für +Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf." + +Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als +Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu müssen. Der +Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er +dem Churfürsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber +Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen alle Werke +Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur +des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: "Was +ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei +wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, daß er mit den +kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschöpft habe. +Seinen "Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen," +fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die +Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig +sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und der +Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch +anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er außer einem Roman, +"Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des +Priesters Abulfauaris." + +Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen +Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien, +welche bisher die Geistesfreiheit gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph +II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den +österreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mönchthums +in mehrfacher Weise beschränkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland +seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter +nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In +einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche äußerte +Wieland, daß er in seinem Roman mit einer nicht gewöhnlichen +Unerschrockenheit den Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der +ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht", +schrieb er. "Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, noch feurigen +Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister +mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, daß +sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene darüber zu machen." + +Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten Fleiß +hätte Wieland während seines dreijährigen Aufenthalts in Erfurt so viel +als Schriftsteller nicht leisten können, wie er wirklich leistete. +Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschäftigungen +theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug, +theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, wie der Flor der +Universität zu befördern seyn möchte. Unter diesen mannigfachen Geschäften +war er nicht der Sorge überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu +können. Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich +sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb +hätte er zur Feder greifen müssen. Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht +von der Gnade seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen +Aeußerungen, eine Verbesserung seiner Lage. + +Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten für eine größere +Reise, die weder seine beschränkte Zeit, noch seine pecuniären +Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti" +in die Hände fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob +überströmenden Briefe an Lessing. "Es war," äußerte Wieland, "das erste +Schreiben, das ich an diesen großen Mann richtete." Literärische +Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, und zu Verfolgung +schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fühlte +Wieland kein Bedürfniß. Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder +aufgeben müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der Kreis +von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher +sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich +zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war +er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la +Roche, "gehören zu der kleinen Zahl der schönen Geister, die eine zu +schöne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fähig zu seyn, und +Sie wissen, daß solche zu den weißen Raben gehören." Zu dem Dichter Jacobi +fühlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen. +Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich +herzlich über seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von +Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte. + +In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März 1771 in +Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat +sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren und seiner Persönlichkeit in +jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb +Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen +sind klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, womit seine +Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht genug hervorstechen, um +sich gehörig auszeichnen zu können. Nichts desto weniger drückt sich in +seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner +Empfindungsart auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise aus. Wenn +er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, doch auf eine fast +unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen +werden heller und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt +er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder +seinem Freunde die Hand gedrückt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person +ist so fein, daß er den Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon +mehr als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland geht schnell +von einem Vorwurf zum andern über, weil er in einem Nu eine Reihe von +Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde +es Zeitverderbniß seyn, wenn er länger dabei verweilte." Zu den +Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so +liebens- und verehrungswürdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi +"die natürliche, schöne und männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die +unzerstörtere Güte seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid +und Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und Schönen; +seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit." + +So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den +Bekanntschaften, welche Wieland während eines damaligen Aufenthalts in +Leipzig anknüpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an +die er sich näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts +Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem +Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt sich bemühte, den gefeierten Dichter +durch matte Lobgesänge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein +entsetzliches Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul." Weiße's +liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, meinte Wieland, +mit denen er sein Leben zubringen möchte. In Garve verehrte er den +Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit +Clodius, der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr +interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse +Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen +Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe +gestand Wieland: "Unter allen Männern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig +gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden +habe, eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit +von außen, die sich an dem wahren Genie findet." + +Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar. +Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er +das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar +vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung, +verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den +günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin +Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen +Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt, +nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich +allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten +Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu +vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch +nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen +von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in +meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun +will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin +nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, =ne ipse desim mihi=." + +Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben +ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt, +für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch +die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden +war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu +diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen +Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige +Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch +einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während +seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte. + +Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack +abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen +Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches +hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz +ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für +alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des +Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis +feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in +ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den +Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe +und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl +August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu +den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band +wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das +Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu +nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht +stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen +durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des +Herkules" betitelt, feierte. + +Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die +Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der +berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich +noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen +Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland +eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht +geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der +bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn +dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit +er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen +hatte. + +Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora" +fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu +einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper +"Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig +schrieb er seinen "Versuch über das Singspiel." Wielands Freude über die +günstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berühmte Gluck +ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben. + +Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches +Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu +nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur +Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche +Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine +weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst +davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach +seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa +von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten +Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen +Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders +auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die +vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des +"deutschen Merkur," stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene +Hindernisse. "Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich +nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er +für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser +u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine +ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu können. +Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu +wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie +behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die +Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht +blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch +eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit +Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete. +Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt, +noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm +durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige +Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche +damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und +That hülfreich zur Seite stand. + +Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach +der Ankündigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren +war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des +ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte +kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter, +Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger +der Mangel an berühmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene +Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so +vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche +Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen +Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch +seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit +denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt. + +In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den +Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger +poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er +mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, +als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty, +Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem +Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig +verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die +Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter +damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker +angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die +deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, +Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger +Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den +Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu +rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar +zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt." Durch solche +Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich +den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte +Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. +Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzählungen" +den Flammen opferten. + +Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die +Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare +als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Götz von +Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, +doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte +Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein +ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden +Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewährte, ward noch +gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe +über das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum +Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm +gedichteten Posse: "Götter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt, +sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche +und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben +suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete +Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück +von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen +Standpunkten sorgfältig _den_ auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand +schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache, +daß das Ding so schief sei." Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch +eine früher versprochene Vertheidigung des "Götz von Berlichingen" hielt +er nicht zurück und ließ sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken. + +In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche +Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland +sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner +Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord +das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemälde eines +innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen könne, der den Schöpfer +des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder +ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden +drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie +priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten +heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern +gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten. + +Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, mit Gleim und +Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Versöhnung die +Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte +Freundschaftsverhältniß völlig wieder hergestellt ward. Auch mit einem +Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er versöhnte sich aber +mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden +war von "dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk +nannte. + +Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch des Theaters, hatte +Wieland einstweilen verzichten müssen. Durch den Brand des Weimarischen +Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu +ihren Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse +des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, welchem sich Wieland bisher +gewidmet, gänzlich aufgehört. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder +Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des Majors v. +Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich +auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war, +hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß +mußte er an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis, +zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch seine Mutter vergrößert +worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach +Weimar gezogen war. Der mäßige Absatz des "deutschen Merkur" nöthigte ihm +in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum im Stande sei, +die Unkosten jenes Journals zu decken. + +Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche Kränkung seines +Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein +satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt, +und von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich allgemein für +ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten +Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhältniß +hinzudeuten schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, und +Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth für das Loos, +das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte. +"Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe für einen +Menschen gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. Seine +Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will nicht mein Freund +seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu +treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen +verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich +mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und +geschätzt zu werden?" + +So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen. +Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund +fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein +zweitägiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege, +künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Pläne wurden in +dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemühungen, ihm +eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die +Gründe, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald +nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hieß +es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben, +mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer +Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen paßte, so +würde es doch in der Ausführung unendliche Schwierigkeiten haben. +Anderswo, als in Weimar zu leben, würde mich doch blos die Noth zwingen +können, irgend ein öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die +Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies für +meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. =Pain cuit et liberté= +wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem +kleinen Dörfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem +Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als +Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In +Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel +als möglich in meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also wenig +oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben, +so lange es Gott gefällt. Aendern sich einmal die Umstände, so wollen wir, +um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle setzen, +sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines +suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, wie es einem Danischmende nützt +und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In +einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen +Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin, +wohlfeiler glücklich seyn." + +So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines +bisherigen Zöglings Carl August und dessen Vermählung mit der Prinzessin +Luise von Hessen-Darmstadt manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage +eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen die +Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefährtin +gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die +Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich künftig +genöthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn." +Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an +Sophie la Roche äußerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend +sie für die übrige Welt sind oder scheinen, sind für uns Weimaraner doch +von so großer Wichtigkeit, daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge +schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich +Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist, +und übrigens voll guter Hoffnungen." + +Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im Stillen gehegt, ward +erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog +auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn +aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige +Monate, nachdem Carl August die Regierung übernommen und seine Vermählung +gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit +Begeisterung verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde Jacobi. Neid +und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn +durch seine Satyre gekränkt, bald als Liebling und Vertrauten eines +Fürsten zu sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine +unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeußerung als +"das größte Genie und als der beste, liebenswürdigste Mensch, den er +bisher gekannt." + +Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafür +findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten +Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß +in seinen bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung +eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genuß seines +bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin +seines Fürsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die +Herzogin Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch, +unbekümmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu +leben, sah Wieland erfüllt. "In seinem Schneckenhäuschen, wohin er," wie +er einem Freunde meldete, "sich zurückgezogen," kam er nur mit Wenigen in +Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche Bekanntschaft +Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den +Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 +geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll +von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu groß, zu herrlich. Ich fühle, +wie wenig ich ihm seyn kann. Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist, +und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann +ich. Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden, +allumfassenden, mächtigen Genius!" + +Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgültig +gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich war es Gleim, dem er alle seine +Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines +Familienkreises führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland erst in +Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten +gekauft hatte. Dort, in ländlicher Einsamkeit, konnte er ungestört die +Schönheiten der Natur genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. +Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung +bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner +"neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie müssen sich nichts Vornehmes, +noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so ein +Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein +Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen +hat; Bäume genug, um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen +sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume zu blühen +angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag draußen, und habe es +schon so weit gebracht, daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt, +nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu +gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, im Angesicht meiner +eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen +Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und +Verwandtschaft fühle." + +In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner +Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit Anfang des Sommers in einem +großen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch +mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten +Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir +selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glücklich zu seyn, noch +etwas abgeht, so ist's, daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen +darf, als ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen +Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein +größerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich +dieser schönen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz +unvermuthet schenkt." + +In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich unbekannt mit den +abentheuerlichen und großenteils übertriebnen Gerüchten, die sich damals +über Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene +Freundschaftsverhältniß zwischen einem geistreichen Fürsten und einem +genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaßen +das Signal geworden für alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu +wallfahrten. Die wunderlichsten Mährchen verbreiteten sich über Goethe und +dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar +gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage +regelmäßig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darüber, wie eine +Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er +predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite +unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus. + +Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gerücht schuld gab, +rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den +Worten: "Ich höre, daß gewisse Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine +und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern +auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier +geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich weiß +nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie +machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer +bin -- bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut +gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres +bleus= zwischen den Zähnen murmelnd, wenn es dumm geht." + +Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend für Wielands +geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem +Pfarrer" eine Apologie seiner frühern Schriften niedergelegt hatte. Manche +Pläne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinnütziger zu +machen. Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als +wenn man "mehr Urtheile über Bücher und andere Dinge" hinein brächte. "Den +Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie +über alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmälig +die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem +Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, +unterstützt hatten. Es enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und +fast alle seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem "deutschen +Merkur" mit. + +Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur der Griechen +und Römer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im +weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse +für alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner +Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit +den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. +Sein reger Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften und +Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige +Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für den "deutschen Merkur." +Die meisten jener Aufsätze charakterisirte das Streben, Aufklärung zu +verbreiten zu einer Zeit, wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in +Wien, der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. dem +Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man sich des Unglaubens +auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte. +Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu +verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse +Gegenstände schrieb. + +Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen ward er der +Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die +poetischen Erzählungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und +Sommermährchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann +und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen +Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen war er überzeugt, daß sich "dem +Mährchen ein höherer Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung +kleiner und großer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwähnten Gedichte +hatte Wieland französische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien +de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzösischen +Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu +seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete. + +Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der Composition seines +Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Geständniß, "die Art und Weise, wie +die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der +Geschichte Hüons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darüber +einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau +nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nämlich aus dem +Abentheuer, welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen, +der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, und der +Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder +Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne +die andern bestehen, oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne +Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich haben +ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche +Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als +Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde +dieser Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil +an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige +Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses +entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der +Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme +an den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß sie ihm +irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte." + +In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten +unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu +entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen +gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es +scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten +romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern +Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis +und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und +Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch +höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in +die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum, +Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist." + +Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der +Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen +Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als +er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner +Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen +Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals +wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner +Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den +Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den +jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und +Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner +Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit +gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald +weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er +seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und +Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die +Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft +mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von +Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während +jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung +überlassen habe. + +Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen +großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in +Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift, +entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die +erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich +Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach +und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung +in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen +Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß +zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu +nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in +den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill" +mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb +darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und +meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken +lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche +Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten +sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen +abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche +des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu +vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch +keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der +unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und +ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber +schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine +Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. +Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte +Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze. + +"Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft +fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen +kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so +gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. +Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und +das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft +davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und +Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von +allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und +euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und +euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als +eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen +können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: +wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der +wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche +und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser +Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir +untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien +bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen +anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns +der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen +angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, +wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche +Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht." + +Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II. +Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich +bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und +Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten: + +"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen, +als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel, +seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer +beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und +einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts." + +Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu +nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr +ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, +hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck +"die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer +einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig +Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin +zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen." + +Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor +dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den +Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie +mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere +Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte. +Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das +Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die +öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser +Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme." + +Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge" +leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb +er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, +als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder +schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß +ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt +es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber +formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge +großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische +Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter, +noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von +den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte." + +Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit +Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm. +Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm +getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der +bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was +kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das +aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen +Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem +Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit +wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische +Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich, +wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und +undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte; +wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man +erst fühlt, wenn man sie verloren." + +Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen +seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als +aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu +werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine +Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten. +Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu +haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung +nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber -- +was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster +glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort +zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer +von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der +für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl +leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die +Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen +Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame, +mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen +einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in +Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem +Bürger, als heut zu Tage!" + +Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten +Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu +haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und +manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen +"Gesprächen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische +Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator +ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die +ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein +anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines +Lebens lag. + +Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt +in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und +Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik +von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder, +Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der +Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben +genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen +u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit +Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen +Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu +Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte +Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch +in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder. + +In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst +auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen +konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen +Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der +mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten. +Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen +Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre. +Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: "In einer erwünschten Befreiung +von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein +unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines +Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen." + +Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen, +um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die +seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die +süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr +einförmiges Leben vor Stockung bewahre." Fühlbar mußte ihm jedoch werden, +daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln +mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie +gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, +lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen +schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn +hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei +den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem +Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für +seine "Komischen Erzählungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann, +welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und +Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, +lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger +eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen." + +Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische Einkünfte durch +seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler Reich in Leipzig, der ihm für das +Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreißig Dukaten und für den "Diogenes +von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau +hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie +größtentheils eingebüßt. Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, +schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die +Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, ihn im +Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach +Reichs Tode, in nähere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen +Buchhändler Göschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und +die "Göttergespräche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands +sämmtlichen Werken ward. + +Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland seinen Schriften den +höchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankündigung der +Gesammtausgabe seiner Werke im zwölften Stück des "deutschen Merkur" vom +Jahr 1793 äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren +beschäftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden +meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mühe, um den kleinsten Flecken +wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr +werde. Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des +Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt +hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich zu seyn, und von den +Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die +Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche +Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um sich noch in +seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? Niemand kann es +stärker fühlen und einsehen, als ich selbst, daß, meiner angestrengtesten +Bemühungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer +weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schönen +und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit +schärfen, und meinen Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der +Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, wenn +ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen Kräften stand, gethan zu +haben, um ihr meinen geistigen Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter +Ordnung, als mir möglich war, zu hinterlassen." + +Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, wie sehr sein +Styl und Geschmack sich allmälig geläutert hatten. Seinen Jugendarbeiten +beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die +Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine +"moralischen Erzählungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er +diese Erzählungen "für das Beste von allem, was er vor seinem fünf und +zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten +schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen +sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzählung: "Araspes und +Panthea" äußerte er in einem Briefe an seinen Verleger Göschen: "Ich +finde, daß es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr +jugendliche und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche Product +an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht +hinsichtlich des Inhalts oder der darin geäußerten Geisteskräfte (in +welcher Rücksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack +und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im +goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland +wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschloß er sich, +seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch, +wie er äußerte, "gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten +und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei." + +Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine +Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, +die er wieder verwarf, äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November +1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin überein, daß meine +Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben, +und sich so weit von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß +sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller +meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar einen eben so +beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu +seyn, daß die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und +Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst +meinem Commentar enthalte." + +Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe seiner +Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen +sämmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was +ich nach meiner besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten und +reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner +Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von +Vollkommenheit möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe, +siebzehn Gesänge seines "Neuen Amadis," dessen "licensiöse Versart" ihm +nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen +Geständniß ging Wielands Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem +eben erwähnten Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, "ohne +Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der +Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mühsame +Revision der dreißig Bände seiner sämmtlichen Werke" vollendet. Er sah +sich dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude überließ er +sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen +Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse milderten, daß das +Unternehmen für seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeiführen +möchte. + +Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands +Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er den Moment, in welchem +die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider," +schrieb er, "in eine unglückliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, +das Einzige, was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit jedem +Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem +Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit beinahe noch schlimmer +ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches +Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth +kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren +rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit +einem bedeutenden Verlust bedrohte. + +In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung suchen, und +er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum hätte er eine Gattin finden +können, die die Pflichten einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter +pünktlicher erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er +den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch +nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr +Aeußeres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein +höchstes Lebensglück. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster +jeder weiblichen und häuslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von +jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit +einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen würde. Die +Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein +einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil +ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, daß ich nicht acht +Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh +Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch +in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr +erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran, +oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich +allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben +Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes +Mütterchen wieder, und sie befindet sich außer Gefahr." + +Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für einen Zuwachs seiner +häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die +Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und +Engelchen", wie er seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein +herzerfreuender Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen Freund, +doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber zu theilen, daß die +Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der +Taufe seiner Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte ihm +vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter und drei Söhne am +Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entriß ihm der Tod. +"Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe, +die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben." + +Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte +Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine +ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter, +gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und +Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten für eine +große Last halten würden, für einen der glücklichen Sterblichen auf Gottes +Erdboden halte. Das Alter überschleicht mich ganz unmerklich mitten unter +dieser um mich aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre je +länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Räume +des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der +Proportion immer glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil +ich für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten +überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer +Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrügen werde." + +Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann +erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich +aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands +Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn geknüpft ward, +war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15. +Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den +Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schooß +gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, daß wir ihn mit +einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne +angenommen haben." + +Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold +dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen +können, daß er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging, +wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen +hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem +Genuß der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in +die froheste Stimmung. Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er +sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse +wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs" +gönnte, und später durch seinen Einfluß ihm eine Professur der Philosophie +auf der Universität Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's +Verhältniß zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters +ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie. Reinhold erhielt am +Altar ihre Hand, und fortwährend, auch später, als er einem Ruf nach Kiel +gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes +Freundschaftsverhältniß. + +Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine übrigen erwachsenen +Töchter glücklich vermählt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind, +letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen +"Palmblätter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich +mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des +Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem +Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte +dort unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den 17. April +1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewiß +diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so +natürlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemüthsart, +Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines liebsten +und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland +geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den +innersten Wünschen meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann, +dem schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe Raum zu +geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist meines verewigten Freundes +selbst diese Ehe geknüpft habe." + +In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon früh gefaßten +Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine +Verhältnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu überschreiten. Einfach und +schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts +erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte +er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die +äußerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und +überhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er sah ein, +daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Kräfte +übersteigenden Aufwand leicht gefährdet werden konnte. + +Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn +er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstücke betrachtete oder sich +dergleichen Münzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen, daß +er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nöthigen +und unentbehrlichen Ausgaben. + +Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz. +Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig gegen den Erwerb, so wenig er +das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausväterlichen Pflichten +glaubte er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im +schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die +herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause +zu Theil geworden war. So weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er +jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende +Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu seinem "deutschen +Merkur" mitunter ein höheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus +Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken ließ, nicht +zurück, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalität, +durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden +konnte. + +Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen +Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er während seines +Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur +Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte. Seine +eigene Aeußerung, daß er "ein Mensch sei, der selten aus seinem +Schneckenhäuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewähren zu wollen. +In einem Briefe an Gleim setzte er die Gründe auseinander, weshalb er +einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. "Tausend +seidene Bänder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden +eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie könnte meine +Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine +Welt für uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen +Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in +meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes +Bübchen oder Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen +kommt." + +Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur +Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des +"deutschen Merkur" verbundenen Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit +Reiseplänen beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er sich +1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten +Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie. Er wünschte in Dresden das +strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen +schrieb er darüber: "Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist, +sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion +nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar +nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten, +preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die ich in meinen +Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten +habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der +dortigen herrlichen Gemäldesammlung zu benutzen, könnte sich mit vielen +Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die +Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo +freilich keine Freiheitsbäume so leicht Wurzel fassen können) nach meinem +eigenen Sinn und Willen zu leben." + +Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern auch Wieland jeder +Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht +vermeiden können, in Pillnitz dem Churfürsten vorgestellt zu werden. +Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn +jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte er zu +kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend +verlebt, realisirte. Nicht nur für den "deutschen Merkur", sondern auch +für die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke +hatte er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt +in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen +Aeußerung, "für seinen innern und äußern Menschen viel Gutes versprach." +Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhändler Geßner in Zürich +verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise. +Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm sagen, daß ihm Erholung +höchst nöthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen +Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich +in der Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de +Juvence= für mich seyn." + +Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei +Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschloß, die Reise nach +der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", äußerte er in einem +seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen +in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich eingenistet haben +sollen, daß ich in der That nicht weiß, ob ich Recht thue, eine so +gefährliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz +Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des +dreißigjährigen Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen zu +den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mörder +zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler Geßner, schrieb +Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel +Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen +in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben +das Elend, daß ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas, +und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine +ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus +Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und Unerschrockenheit und +Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten." + +Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline, +Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia +verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er +unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden, ward noch +übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er +von ältern und jüngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz +empfing. An Göschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies +Blättchen nicht -- wie Sie billig vermuthen könnten -- von den Ufern des +Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen aller Dinge über der Erde +eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen +Nachbarschaft ich ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht +Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald +zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte. +Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswürdigen Menschen, mit +denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage +in dem Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergnügen +denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben +gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen können, daß Tage und +Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über +meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch +währen könnte, er mir am überraschenden Tage des Scheidens doch immer nur +ein kurzer Morgentraum scheinen wird." + +Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm +weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der +Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis +in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom, +und es fehlt hier nicht an Gerüchten, die uns auch für die Reiche von +Thüringen und Sachsen bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken +vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen +Theilnehmern an dem Göttern und Menschen verhaßten Kriege ihre schwere +Hand fühlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage, +die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein +genießen lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer von den +Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und +wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zürich begünstigte, +mich auch von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, die +guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die Munterkeit meines +Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren." + +Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen Sonntag um +zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und +wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er, +"habe es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart, +Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, Coburg und +Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche +Truppen angetroffen, auf keiner Post länger als eine Stunde aufgehalten +worden sei, daß er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und +französischen Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und mit +Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob überall Friede wäre." + +Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so +anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach seinem eignen Geständniß, +"gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wäre, und der nichts mehr +haßte als Stadt-, Hof- und Weltgetümmel", sich oft der sehnsuchtsvolle +Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, sich selbst +und den Seinigen leben zu können. Die Achtung und Neigung fürstlicher +Gönner, die Freundschaft mancher vorzüglichen Männer, die Weimar damals in +sich versammelte, hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. Oft +aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei aller Muße doch ein +sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen durch Besuche von +Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte +ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und +in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die +Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen Aeußerungen von solchen +Besuchenden aufgefangen und öffentlich bekannt gemacht werden könnten. +All' diesem Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit zu +entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der seinen Geist +beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich dachte er längere Zeit +daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen +Landhause bei Hohenstädt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes +hatte für ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu werden. +Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten ihn indeß, diesen Plan +wieder aufzugeben. + +Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte +sich Wielands Poesie mit den glänzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf +dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er +Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes +Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in +meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen +Luft und der schönen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit +und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland +jedoch wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit Weimar +gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe +glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch +ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital +decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes Göschen zu +erhalten hoffte. + +Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's Antwort ablehnend +ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte. +Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich +überzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reißen sollten, der +Herzog würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als +Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im äußersten Nothfall zu +concurriren. In einem Briefe an Göschen äußerte Wieland: "Hören Sie, +lieber Freund, wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen +oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; denn ganz kann +ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu +können wünschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben, +mein Verleger, und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath." -- +Nachdem Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000 +Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen Brief an Göschen mit den +Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000 +Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte." + +Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem "Osmantinum" oder seiner +"Oberinstädtischen Retraite", wie er sein ländliches Asyl mitunter nannte, +schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er +dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr +später, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu +existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als +ganz unfehlbar voraussahen, daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und +=vis à vis de moi même= langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch +sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter und vergnügt +aussehe, und können sich daß Phänomen gar nicht erklären. Ich hingegen +begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich +die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich +habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, viel Gras und +schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition über mich selbst und meine +Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut, +wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es +geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe." + +Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er +glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er +schrieb darüber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist, +daß ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine +über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe über meine +Leibesconstitution mache. In der Stadt würde ich mich in diesen +verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben; +hier in meinem Hause zu Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl +und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet +ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als +ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug +des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven +Vorzügen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin, +die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewußtseyn wohl, +daß ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt +habe. Ueber dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem +Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten +Früchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und +Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme +gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird +schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer mich wieder besucht, +sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird." + +Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war Wieland seinen +literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm +so viel Beschwerden und Verdruß bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich +ihrer entledigen zu können. Den "deutschen Merkur" würde er, wenn er den +mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, hätte entbehren können, +zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter über die +reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmäßiger +Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung +zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten. +In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, daß er die +deshalb ihm gemachten Vorwürfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich +selbst bisweilen noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz +verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, durch die er den zu +häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte. + +"Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils +versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen u. dgl. für +den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art +von Verlegenheit, deren ich gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr +geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige +Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn +können. Einige scheinen von der Güte ihrer Producte so überzeugt zu seyn, +daß man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben +kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich +blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man ihnen ihre +Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen möchte, ob sie zur +Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so +sichtbaren Erwartung eines höflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden +Bescheides vor, daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine +ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß unser einer -- der +von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird: +Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort +werden läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf +verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort geradezu für einen +Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn +-- sagt er zu sich selbst -- meine Verse müssen doch wohl gut seyn, weil +Wieland sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich +an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken möchte. -- Wie +könnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermährchens sich +unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge +Mann würde natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, sich +in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, übertroffen zu sehen. +Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede +zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche +Originalwerke. Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und um des +Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, mit Kupfern von +Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein +Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für +solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon +aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von +irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mußte." + +Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs +ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch +allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der +Theologie, Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth äußerte +sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und +Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das +könne man mit Fug und Recht fordern; sonst müsse er seine Druckschriften +von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen +Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte gleichgültig +werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des +"deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal für ihn bisher +keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen, +unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch +gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war. + +Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Göschen die Nachricht +mit, daß der "deutsche Merkur" mit dem December aufhören werde. Vierzehn +Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für +die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des +Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschluß +gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der +deutschen Literatur zurückgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die +ihm durch Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner zu +verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte ihren Einfluß +auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der +Einfluß jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt +eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen +nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der +Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung der Aesthetik +herbeizuführen, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der +Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von +Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland an +die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode +treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der +Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's +Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch +die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien." + +Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands +Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits früher gedacht worden. +Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit +widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen +Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der +"Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6. +März 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach +meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere +in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit +dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich zugeben könnte, daß es +einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten +Jahrhundert an dem Hofe König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in +ideale Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit +nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will, +schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch immer nur Carricaturen sind; daß +ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem +Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst +unschicklich und der redenden Person nicht anständig sind; und daß +überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon entfernt ist, was +nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schöne Sprache +der Tragödie seyn soll." + +Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung +eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre später (1787) +nach Weimar kam, von Wieland mit väterlicher Zuneigung empfangen. "Wir +werden schöne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er +liebt." Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Dichtern dauerte +fort, und ward noch fester geknüpft durch Schillers Beiträge zum +"deutschen Merkur." Im December 1787 eröffnete Wieland dem Publikum die +Aussicht, daß "Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes +Monatsstück mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in +ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein +Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die +sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu +machen Ursache gehabt habe." Wieland fügte hinzu: "Da ich selbst vom +Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und täglich mehr +Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische: +=Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir +zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner +Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den +deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine +sehr merkliche Art näher zu bringen." + +Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen für seine +Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit +weigerte sich Wieland, für den "historischen Calender", den Schiller +damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er +wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für jenen Calender +seine "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" lieferte. "Diese +Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem +ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von +Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller +verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als +in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nähert, +große Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise +leisten könnte, erweckt hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen +man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt +hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser +Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurückließ, und natürlicher Weise +in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch +erregen mußte, daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in +dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu +einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo +nicht gänzlich, doch hauptsächlich, der Geschichte unseres Vaterlandes +widmen möchte." + +Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhältnis zwischen ihm +und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen Reinheit, wie es der +Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit +Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer +Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache +habe zu glauben, daß er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen +Wieland, wenn sich auch seine ästhetischen Ansichten geändert hatten, +waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von +Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen +die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet: +"Wäre es auch nur, damit man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen +aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit +beschäftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös +angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind." + +Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit +andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn hätte +veranlassen können, sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler +Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die deutschen Dichter, +Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen können. Der Tadel war meistens +weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso +in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte, +und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanität +zuwider. Er glaubte, seine Meinung darüber öffentlich aussprechen zu +müssen, und wählte dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den +schärfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu +geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte +sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, aus Schiller's und +Goethe's Feder geflossen seyn könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese +Epigramme in den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit einer +seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß Schiller, aus Mangel +an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das +Geschäft," schrieb Wieland, "kam zur bösen Stunde in die Hände irgend +eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe +und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, welcher der +Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und -- +vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos +amicos= zu erwerben, als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel +an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl +derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in +den =parvum amicum= gesetzte allzu große Vertrauen wäre denn also das +Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden könnte, +und wofür er durch den häßlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als +zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, das uns allen Freude +machen wird, ihn damals beschäftigte, als er dem jungen Brausekopf die +Sorge für seinen Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend +manchen bittern Augenblick bereitete." + +Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre +Meinung, die er in einem Briefe an Göschen vom 29. November 1796 mit den +Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe +und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen +Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine +pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte eher darüber weinen, als +lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in +Leipzig verfaßt hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hüten, dieses +von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich +fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem spätern +Briefe vom 5. December 1796 äußerte Wieland: "Das hätten die Herren +Götterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch +voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spaß mit +Gassenbuben herumbalgt." + +Wielands Unmuth über die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit +nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet +der Aesthetik, die damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich +Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was +ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen +Schwung zu geben. Sie begünstigten vielmehr die poetischen Formen des +Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue +Dichterschule zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise das +Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute überall anzuerkennen, wo er es +fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, +daß er einst selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das +Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs +behagte, war der polemische Ton, durch den die Häupter der romantischen +Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten. +Schonungslos griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene +Zeitschrift, "Athenäum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die +"Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal +nicht durch eine, späterhin von ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung +in der Vorrede zu seinen sämmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes +Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben +die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden +angefangen, und er beschließe sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange." + +Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern und Anhängern der +romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur +gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenäums" eine +gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem über +die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar, +auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire, +Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum= +eröffnet, auch in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach +dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich +vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche Ansprüche =titulo legitimo= +machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsischer Frist zu +melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser öffentliche Angriff Wielands +war das Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über den +genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, und ihm unter +andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein +bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte +ihm verargt werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage +aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?" + +Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere Theil derer, die ihn +nicht tief genug herabwürdigen zu können glaubten, unter Goethes Aegide zu +stehen schien, da das "Athenäum", unerschöpflich in dem Lobe dieses +Dichters, zu den "drei größten Tendenzen des Zeitalters" außer der +französischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm +Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer +und Bewunderer Goethe's, fühlte Wieland sich ihm allmälich entfremdet, +wenn auch Goethe's Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz +auf ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung +empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich +einander mehr genähert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber +während Wieland Herder's Unmuth über Kant's "Kritik der reinen Vernunft" +theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer +leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst Niemand, der +die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst überlebt", zu wiederlegen +suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimüthigen" und +in den "Briefen über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur", +Wieland an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten auf eine +für ihn unwürdige Weise. + +Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen +Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen über sein +Verhältniß zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten möchte", +schrieb Wieland, "wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern Schlegel und +Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone, +die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was +Erröthen ist, und mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den +Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist, da sie, auch +geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto +ärger machen würden. Können Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen, +die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nämlich französische +=persiflage=, ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwöre +ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus +dem Spiel, wär' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn +auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an +der Sache hätte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit +Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie ich mir +einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=. +Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich +also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde können sich, mir zu +Liebe, nicht genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt +werde." + +Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur fürchtete Wieland, +nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen beträchtlichen +Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den +Charakter unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit +gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen; zweitens die ganze +Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwürdig und +vielvermögend seyn könnten, in der öffentlichen Meinung tief herabsetzen, +sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern +und Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen Spiel geben. +Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils für eine +kleinere Zeit, theils für ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz +verwirren. "Alles aber", fügte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch +diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird +vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen, +wäre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel, +Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle +heißen, in der Welt wären." + +Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe an Voß: "Ich fange +an, immer gleichgültiger zu werden gegen Bübereien dieser Art, und hülle +mich sehr ruhig in das Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in +der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe +drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch +täglich widerfährt, wäre hinreichend, jeden Jüngling, der sich mit einiger +Fähigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat die +fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einfluß auf +meine Glückseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres +herzliches Gefühl, als ich zu meiner Muse sagte: + + Du machst das Glück von meinem Leben, + Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein. + +Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen Horaz sich rühmte, +von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein +Publikum werth ist; und dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe +immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit +Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der +Welt würde mich für den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und +nicht vermieden hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand +gesehen hätte, als ich." + +So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen, das er +sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte, +hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige +Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu +erhalten." Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen Zurückgezogenheit +entwarf und zum Theil ausführte, gehörten besonders Uebersetzungen aus dem +Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem +Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tüchtige Gehülfen +hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern +hatte er während seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und +schätzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach +dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger." + +Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für das "Attische +Museum" unternahm, fesselte ihn vorzüglich der "Ion" des Euripides. Mit +der Wahl dieser Tragödie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine +fließende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das +gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel +gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die +Weimarische Bühne gebracht und vielfach besprochen worden war. So könnte +man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff +bearbeitende Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine +solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn für das Wahre, Schöne und +Geziemende angestellt," könne für Freunde und Jünger der Kunst nicht +anders als unterhaltend und belehrend seyn. + +Von zwei eigenen Werken, "Agathodämon" und "Solon", die, wie er an Göschen +schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lägen," gab Wieland den Plan +zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung +versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den +"Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk, +von welchem er einen ausführlichen Plan entwarf, sollte eine seiner +umfassendsten Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten ihn +indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und +Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe +Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der +That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das +literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche +Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem +Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht, +finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe +demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen +Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes +glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht." + +Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige Dialoge politischen +Inhalts, unter dem Titel "Gespräche unter vier Augen" auszuarbeiten +angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom +Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu +rechter Zeit halte." Daß er dabei doch einige Rücksichten genommen, zeigte +seine eigene Aeußerung in einem spätern Briefe vom 7. November 1798. +"Obgleich in meinen Gesprächen," schrieb Wieland, "die Sache der +Menschheit freimüthig geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man +weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dächern predigen +hört, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gemäß, vor allem, was +einem auch nur halbweg vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den +man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte, mich +sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine +Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür stehe, daß das Buch nicht zu +Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's +Licht tritt." + +Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwähnten +"Agathodämon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darüber fällen, +so gleichgültig sein Werk auch für den Augenblick aufgenommen werden +möchte. "Das siebente Buch des Agathodämon," schrieb Wieland, "war mir +eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir +aufgeben konnte. Die Ausführung ward mir um so mühsamer, da Jahreszeit und +Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst +zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch +-- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens +wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst +zufrieden, denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer +Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit +gethan habe." + +In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten +versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke +erhielt. An seinen Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den +15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, daß +ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß nicht, wie ich zu solchem +Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen +bin, und theile daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden +wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben müsse. +Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein günstigerer Stern über uns +auf, und ich will mich indeß, wie jener griechische Flötenspieler, +begnügen, den Musen und mir selbst zu spielen." + +Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem +ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen in seinem Hause und +Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, +wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch +öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener +Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche Leiden gesellt hätten. +Doch selbst in höherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit +geblieben. In einem Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich +Wieland selbst über sein Wohlbefinden. "Sie gründen darauf," schrieb er, +"Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter Patriarch werden dürfte. Vor +zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte +alt werden können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner +Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fünf +und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und +ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität +mein zehntes Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund, +sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um meine =Confessions= +oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine +Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als +nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll." + +Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nähere, trübte nicht +Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in seinem Alter sehr glücklich unter +literarischen und ländlichen Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues +Vergnügen schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen +Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, oder durch ein +Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestört seinen Ideen +überließ. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner völligen +Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den +Buchhändler Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue +mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, daß ich sie +wirklich im Geist schon genieße, und den dazwischen liegenden Winter um so +weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn +auszufüllen gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt so +lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; denn es ist nicht +mehr als billig, daß ich das Recht, den Sommer blos mit Genießen +zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe." + +In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte +Wieland es dankbar, daß ihm, neben der Glückseligkeit, ungestört mit den +Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch +das Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes, +an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben, +unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlüpften, wie den +Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was +allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das +uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln +und Bratwürstchen, die auf den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner, +die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen crystallenen +Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und +Bächen mit köstlichem Wein zu füllen, die eben so freiwillig, als +unerschöpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und +wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen, +ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte +das Gesetz, daß uns die Götter nichts Gutes ohne Arbeit geben, für ein +sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge +=quantum satis=, als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß." + +Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche seiner +Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine Fürstin, die Herzogin +Mutter verschmähten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bäume zu +begrüßen. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn +in die Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes. +Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte Bekanntschaft mit +Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen +Geständnisse, auch eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte. + +Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands späterem Leben war das +Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in +Osmannstädt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie +Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die +Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb +ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai +1800 ihn abermals in seinem ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte +auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens, +das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit stand. Einen +eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie. +Wieland beklagte oft, daß Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu +verschönern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche. +Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstörten +die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths ihren von Natur zarten +Körper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, +war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen. + +"Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an +Göschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie +Brentano, das liebenswürdigste und interessanteste Mädchen von 24 Jahren, +das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der +sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in +wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome +zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode +endigte. Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und +gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz +sagen. -- Die Hülle, die der entflohene Engel zurück ließ, ruht nun in +einem stillen Plätzchen meines durch sie geheiligten Gartens." + +Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte holde Mädchen erklang noch +oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 +schrieb er: "Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen +Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich +ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergänge +führen zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte +davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein kleiner Zeitraum +trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefühl, das meinem +Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt. +Weil es indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für meine +Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott für die Erhaltung +meiner bessern Hälfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer +schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte +mit Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch hoffen wir, was +wir sehnlich wünschen, daß die immer näher kommende schöne und milde +Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so +wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit +wieder schenken werde." + +Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich bitter beklagte, +vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt, +windig und unfreundlich, daß wir oft vierzehn Tage lang täglich zweimal +die Wohnzimmer heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns +der Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer +dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne +zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind +diesen ganzen Monat über unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der +Barometer meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über sieben +und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier Grad stieg, konnten +wir auf einen vollständigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung +nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller +Art bekommt, können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene +Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange +und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch der Mensch ist nun einmal in +der Gewalt der großen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! +ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der wir unser +Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht." + +Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, so schwer ihm dies +auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frühern Briefe erwähnte +Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich täglich +verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom +19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen +Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; aber ich kann doch nur +selten über mich gewinnen, es nicht zu fürchten. So wenig beneidenswerth +auch meine übrige Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten +aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und +dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines Lebens machte, nur noch +einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz für alles Andere; +ohne sie -- Gott allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte." + +Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt von seiner +Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und für deren +Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes +zeigte ein Brief Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin +unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich +arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wären. +Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert, +schwerfällig. Möglich, daß auch die trübselige, immer veränderliche und +gar nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß aber ist, daß +ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie +noch vor drei Jahren besaß, aus dem Elysium zurückbringen könnte, auf +einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen würde." + +In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst +über seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe +siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Daß die Engelsseele, die nun +meinen körperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer +gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese rein geistige Art +Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne Zweifel das Meiste dazu bei, +daß ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde." + +Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der +Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben, +im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem +Geständnisse, ihr Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen +zu machen, daß er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder +bringe," wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht glücklich seyn +könne. "Der besten Fürstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich, +wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den +Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor +ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken; +denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit +ganzem Gemüth und mit allen mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen." + +Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten Werke, das später +unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die +Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch +durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an +Göschen, "über die Entwicklung und Ausführung der beiden Hauptcharaktere +des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht. +Solche Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern +die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung des Ganzen +haben, d.h. gerade für das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wünsch' +ich mir recht viele. Aber unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert +kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und +Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor, +der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen." + +Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig an seinem +"Aristipp" gearbeitet, daß er im Sommer 1801 das vollständige Manuscript +seinem Verleger Göschen senden zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch +eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausführliche +Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon +vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, beschäftige ihn einzig die Lösung +dieser Aufgabe. "Sie können sich nicht vorstellen," heißt es in jenem +Briefe, "was für ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich +seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das +wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang +desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet +sich", schrieb er, "daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen +kann, aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis nahe an +seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen starken Band erfordern +würde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode +seiner Kleone und zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und +sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber +gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bänden zu lassen, +und nicht eher an den fünften zu gehen, als bis unsre -- merken, daß dem +Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund, +sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. Dabei muß und wird +es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fünften +Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bände ein doch für sich +bestehendes Werk, und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig +wäre." + +Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland +nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darüber war jedoch +eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zögerung war der +Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwährend +zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Göschen +entschuldigte er sich, daß es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und +moralisch unmöglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem +freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten +Bedingungen sei. "Seyn Sie indeß versichert", schrieb Wieland, "daß ich +nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, daß ich +selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann." + +Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan +irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Théatre des Grecs=, +gemeinschaftlich mit Böttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen" +herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen +begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften Bandes +seines "Aristipp" ward Wieland indeß bald wieder abgelenkt durch mehrfache +neue Entwürfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt +blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstädtische Unterhaltungen" +betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines Sohnes Ludwig +aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einführen +wollte. + +Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. Ehe er seinen +"Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstücke zu diesem +Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen Gemälde "Menander und +Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch für die +Jahre 1804 und 1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in +Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von +Rosenhain" in einem Bändchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren +Buchhändlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in +Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger +Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich +kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, daß die Irrungen, die ein +doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen +uns veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft seyn +sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen Verkehr mit den +Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen +hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze im Merkur abdrucken ließe, der noch +unter meinem Namen und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht +Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche Gelegenheiten +nicht hätte benutzen wollen?" + +Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland offen gestanden, +daß "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn +drücke und dränge, und daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre, +bald möglichst in baares Geld umsetzen müßte." Dadurch hoffte er +wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die +er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und +Verbesserungen, und durch den geringen jährlichen Ertrag seines +Besitzthums gerathen war. Daß er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide +spinne," gestand er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen. + +"Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich +geladen, unter der ich erliegen würde, wenn ich nicht ernstlich darauf +bedacht wäre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwälzen, +in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner +armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs +Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um mich war, fühlt' ich diese Last +zwar auch, aber sie drückte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und +Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein +Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles +leider ganz anders. -- Ich fühle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen, +der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings +nothwendig, daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist +möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch +ein Käufer dazu fände, der mir dafür geben wollte, was mich's kostet, dazu +kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen. +Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne, +nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland für mich zu behalten, +aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes kleines Erblehngut zu +machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu +verkaufen. Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise keine +Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte sich doch wohl in ganz +Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein +solches kleines Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch +einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar würde, und +(alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner +Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhältniß +leben könnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie +mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet +seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß diese meine Idee einem +utopischen Traum ziemlich ähnlich sieht. Indessen sind doch schon viel +unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden." + +Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, das ganze Gut zu +verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu +gehörigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede +selbstbeliebige Benutzung dem Käufer des Guts überlassen wolle. "Der +Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer möglich seyn wird, +meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner +Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schließt. +Finde ich einen annehmlichen Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder +in der Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner +Osmanstädtischen Villa zu." + +Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrückte, +"seines, noch immer zu seinem Besten geschäftigen guten Genius," hatte ihm +im Februar 1803 in dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts +zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte. +"So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin +die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen +Verkauf doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir in +meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit, +die mich öfters zu Boden drückte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und +es bleibt immer noch so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten +Kinder ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich das +Gut noch länger hätte behaupten müssen." + +Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende Geständnisse über +seine drückende Lage und über die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine +erweiterte literarische Thätigkeit zu verbessern, die beinahe seine Kräfte +überstieg. In Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb +er: "Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit der ich mein +ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten +Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreißen lassen konnte. Aber die +Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu +bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes +und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten +Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche Deficit zu decken, alle +meine Kräfte aufbieten mußte, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem +Beutel ließen, durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen. +Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, oder +wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen müßte, Gefahr liefe, +in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. +Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen +Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die auf mir lag, +immer drückender, und die Gefahr, mit jedem Jahr ärmer zu werden, immer +größer. Welche Lage für einen Siebzigjährigen, von einer zahlreichen +Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!" + +Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein +früher so heiß ersehntes Idyllenleben in Osmanstädt schloß, durchwanderte +Wieland noch einmal den geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete +er alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor +den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen +mußte, daß er auch diese in fremden Händen zurücklassen müßte. Nach +einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Käufer meines +Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu +seyn wünsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin täuschte +sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige +Stätte, wo die geliebten Todten ruhten. + +In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin Amalia hatte Wieland +sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nähe des Palastes seiner von ihm +innig verehrten Fürstin beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von +dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf +freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich äußerte, die geliebte +Fürstin als "die wohlthätigste aller Feen walte." Nur der Vergünstigung +eines Schlüssels, meinte er, werde es bedürfen, um mit aller +Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird für mich," +schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte und geliebte +Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende Güte so wohlthätige +Sonnenblicke auf den späten Abend meines Lebens geworfen." + +Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende Aufnahme, die +Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, bei der hochherzigen +Fürstin fand. Sie zog ihn in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den +Kreis seiner ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm +Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine +der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts der Fürstin in +Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete, +bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur +Bühne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete, +fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen +er während seines Aufenthalts in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte +erkaufen müssen. Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen +Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so +wenigstens einigen Ersatz dafür zu finden, daß die von Goethe +herausgegebene Zeitschrift: "die Propyläen", für die er sich lebhaft +interessirt, aufgehört hatte. + +So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen Gemüthsstimmung +zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig +erschüttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es +ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die Welt und +für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen mein einziger +Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte große +Ursache, auch um meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so +beträchtlich jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und +Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; und mir wird +diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefühl für Schmerz und +für Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist +es Pflicht, sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und +sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß wir mit unsern +Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch +immer fort unterhalten können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes +ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken, +daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, und unendlich besser, +als uns." + +In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche +Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit ward dadurch nicht gelähmt. Von +besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift: +"Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser, +=Dr.= Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in +einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und +vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund +und Verleger Göschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen +Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wünsche, und es daher zu einer +Bedingung machen muß, daß es besonders, und als ein Werk für sich, im +Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über das +Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche +Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier +Dialogen bestehen, wovon der erste und größte vollkommen fertig ist. Das +Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen." + +Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern Briefe über die +vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er, +"daß der Herr Doctor oder Magister Wötzel durch meine Analyse seines über +allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird. +Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu bedanken, möcht' ich ihm +rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich +wäre ein Hermaphrodit mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein +sehenswürdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß einzige +Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, Pfiffigkeit, Albernheit und +Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte, +vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches +Mißgeschöpf mit Augen zu sehen!" + +Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich +Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem +irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle +Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen +seines eignen Lebens zurückrief. "Wäre eine Möglichkeit", schrieb er, "daß +die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner +Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn +Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle +Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch +weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche +Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie _kann_ also +nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen +Andern eben diese Bewandtniß haben? + +Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die +Vollendung des "Aristipp" fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders +als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790) +entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der +sämmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen +Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese +Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen +Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in +sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der +Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs) +von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der +jenes frohe Ereigniß durch das Drama: "die Huldigung der Künste" gefeiert, +mußte Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, +und Goethe war damals gefährlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb +Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, "welche Sensation die Nachricht von +Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns +Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen +empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand +schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und +fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht +erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte +Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche +unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That +diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist." + +Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen, +welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 über Weimars Bewohner +verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch +am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu +beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der +unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem +allgemeinen Unglück und innig beklagend, daß er den Tag erlebt, wo seine +fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte +verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte +suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, +den 1. November 1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe +Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so +entschieden ablenkte, daß er, nach seinem eigenen Geständniß, von allem, +was um ihn her vorging, wenig gewahr ward. + +In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten +nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück. +"Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung +anführen, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser +verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte +damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß in mir, ohne dessen +unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das +eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden +Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die +längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale Menschen vom +Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine große, +schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien +passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, daß sie +mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung +selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte +vielleicht so weit gelingen dürfte, daß ich die Welt mit dem Troste +verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos +zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten +Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen +glücklichern Vorsatz einhauchen können, als die Uebersetzung der Briefe +Cicero's?" + +Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die +Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia. +Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie +ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische +Standhaftigkeit war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen +Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und +die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber +bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Uebersetzung der +Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu +erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu +seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem +Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein +Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectüre irgend +eines römischen oder griechischen Classikers sich beschäftigte. Mit +ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3. +November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht, +weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiß. Wie es aber +auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich +selbst in keinem Falle verlassen." + +Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden. +Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten +Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch +revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er, +"mein Schicksal, daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und +innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit von mir +entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am +9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig +abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau, +die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang +besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins +verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar +genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer +gedenken und das wollen wir." + +In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf +seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! +kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das +herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner +Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke +ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und +meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so +freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit +eingerechnet), daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen +trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen +konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen +Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne thörichte Forderungen an +den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer +verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen +Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten." + +Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach +seinem eignen Geständnisse, "sich von den Erdengöttern so viel als möglich +entfernt gehalten," ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als +Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt versammelten +Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den +Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, "daß +Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwürdig geworden +war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande +des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine +Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's +Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog +einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland gewesen sei, den +er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkäppchen auf dem Haupt +gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm. + +"Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13. +October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu +setzen und -- in meinem gewöhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem +Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig +costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war +ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des +Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte +mir ganz leutselig -- das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf in's +Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen +Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höhern +Grade besessen, als Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität +zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie +es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so +verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn +konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen +einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen. +Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu seyn +sich bewußt war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit +_seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen +widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz +allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter, +schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich, +daß er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la +conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich +endlich zu fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen könne. +Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein +andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät, +mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen +länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit +freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!=" + +In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch +gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und +es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen. +"Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, daß ich +ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, daß der +Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem +Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiederte +hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch +nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen +Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug +thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften +könnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann +sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so +sehr machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war +aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich +fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit +welcher er sich mir preisgab." + +Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten +Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig +(1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung +aufdrang, daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die +Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch +solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu +verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte +sich Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, die das +Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland +verhängte. + +Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so +vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte. +Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode +seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland +neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines +Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er, +"derbe Wahrheiten so freimüthig und kräftig, und doch so manierlich gesagt +zu hören. Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen wird, daß +englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher +große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem +Kyniskos so trefflich aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch +und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte +Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren +aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens +kenne." + +Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche +und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriß ihm der Tod. Ein +hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. +Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefährlichen +Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "daß, nach der +Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem +schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedieß schwachen +Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig +fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas +schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven, +Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein +ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, daß ein +vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den +ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über +vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mußte, +wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen +Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' +ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und +Dankrede halten!" + +In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende +Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb +er, "daß ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe +umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz +wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört." +Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen +ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner +geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit +zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In +dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb +Wieland an Böttiger: "Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz +besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir +vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und +geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache um's +lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden +zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen +Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem +Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen +herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen." + +Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten +Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe +mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung +trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner +sämmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu +aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche +Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland: +"Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage +_alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage, +meines Erachtens, blos aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden +werden kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als daß sie mir +viele und kaltblütige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint. +Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und +Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner +_sämmtlichen_ Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich bemerken, +daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren ließe, höchstens drei +oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht +kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder +meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf +einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Gründen wohl das +Beste seyn möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken +abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann +und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische +Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte +vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn, +ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben +wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und +aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur +Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der +schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben +gedenke." + +Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In +seinem literarischen Nachlaß fand sich auch nicht das kleinste Fragment +jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände +verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe +seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Uebersetzung des +Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein +Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's +hinzufügte. + +Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge +und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im +Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und +beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am +11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das +Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter +verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung, +der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles +und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte +sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte. + +"Es gehört," schrieb er den 18. October 1811, "unter die größten Uebel der +schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch +Berühmtheit) -- die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes +Gute hat -- daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein +Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen +kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt, +und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und +ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden +aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, +sich das Uebel ärger vorzustellen, als es ist." + +Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein +achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die +ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne +Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Sänger." +Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn +Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien +sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich +gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein +Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand, +durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher. + +Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen +Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach +er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der +Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch +ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder +zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in +Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach, +doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald +deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen +Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den +Lebendigen. + +Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brüder +des Freimaurerbundes, dem er angehörte, beschlossen eine feierliche +Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmückten +in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von +seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte Local, wo Wielands +sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine +zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen, +sein mit einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen, +mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine ähnliche Decke breitete +sich aus über den untern Theil des Sargs. Der Körper war in ein weißes +Tuch gehüllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden +Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf +einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man +auch auf einem kleinern weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen +und französischen Ordens. + +Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst Wielands +Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht seine irdischen +Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die +sämmtlichen Brüder der Loge Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands +Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches +der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ältestem +Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut +der Dorfglocken lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt +herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten +sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der +Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst +seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine +kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Günther, der die +Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte. + +Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben, +neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland, +seinem oft geäußerten Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei +dreiseitigen Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, erhob +sich auch sein Grab. + +Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein +ausgeführt. Für Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem +Rosenkranz umgeben gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild der +Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem Eichenkranz. Die +geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darüber ward für Wieland +zum Sinnbilde gewählt. Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die +treffende Inschrift verfertigt: + + "Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben, + Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein." + +Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland näher gekannt, +bestätigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswürdigen +Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: +"Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, für +Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit heilig seyn muß, weil es +allein dem höhern Menschenleben Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger +Kämpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile, +aller Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung seines +Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und +Philosophie, aber er bethätigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles +Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts +Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das +Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und +Bürger zu seyn." + + ---- ---- ---- + +[Errata / Druckfehler: + +"Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen," + original: urspünglichen +die meisten Klöster in den / österreichischen Staaten aufgehoben + original: östereichischen +Der Erbprinz Carl August + original: Erbpinz +"Hann / und Gulpenheh" + original: Han +zum Weimarischen Hofe + original: Weimaririschen +jener zwiefach harte Schicksalsschlag + original: hatte +so wenig Geschmack abgewinnen + original: Geschack +seinen Entschluß, das ganze Gut + original: daß +Ereignisse hinwegtrug + original: hiwegtrug +einer lebensgefährlichen / Krankheit + original: lebensgefahrlichen] + + + + + +End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + +***** This file should be named 17454-8.txt or 17454-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/5/17454/ + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + diff --git a/17454-8.zip b/17454-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6f2b655 --- /dev/null +++ b/17454-8.zip diff --git a/17454-h.zip b/17454-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..188ce93 --- /dev/null +++ b/17454-h.zip diff --git a/17454-h/17454-h.htm b/17454-h/17454-h.htm new file mode 100644 index 0000000..863f405 --- /dev/null +++ b/17454-h/17454-h.htm @@ -0,0 +1,5158 @@ +<?xml version="1.0" encoding="iso-8859-1"?> + +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de"> + +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; iso-8859-1"/> + +<title>Chr. 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Doering + +Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454] + +Language: German + +Character set encoding: + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class = "transnote"> +Errors in the printed text have been corrected with <ins>underlined additions</ins> or <del>strike-outs</del>.<br /><br />Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert und werden mit <ins>unterstrichenen Einfügungen</ins> bzw. <del>durchgestrichenem Text</del> dargestellt. +</div> + +<p class="front"><span class="sp"><span class="big2">Biographien</span><br/> +<span class="big3">deutscher Classiker.</span></span></p> + +<hr/> + +<p class="front"><span class="sp"><span class="big2">Supplement</span><br/> +zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe<br/> +<span class="big1">„deutscher Classiker.“</span></span></p> + +<hr/> + +<p class="front">Drittes Bändchen.<br/> +<span class="big1">Chr. M. Wieland.</span></p> + +<hr/> + +<p class="front"><span class="sp2">Jena</span>,<br/> +Verlag von Carl Doebereiner.<br/> +<span class="sp">1853</span>.</p> + +<hr class="front"/> + +<p class="front"><span class="big2">Chr. M. Wieland's</span><br/> +<span class="big3"><span class="sp2">Biographie</span></span><br/> +von<br/> +<span class="big1"><span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> H. Doering.</span></p> + +<hr/> + +<p class="front">Complet in Einem Bändchen.</p> + +<hr/> + +<p class="front"><span class="sp2">Jena</span>,<br/> +Verlag von Carl Doebereiner.<br/> +<span class="sp">1853</span>.</p> + +<hr class="front"/> + + +<h1>Wieland's Leben.</h1> + + +<p><i>Christoph Martin Wieland</i> erblickte in dem unfern +der ehemaligen freien Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe +Ober-Holzheim am 5. September 1733 das Licht der Welt. +Sein Vater,<i> Matthias</i>, der dort eine Pfarrstelle bekleidete, +doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche +zu Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der +er sich anfangs gewidmet, später in Halle mit dem Studium +der Theologie vertauscht. Er war ein eifriger Anhänger +Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus geworden. +Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer +eine gewisse Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er +von der priesterlichen Würde für unzertrennlich hielt. Seine +Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in seinen beschränkten +Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe seiner +Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. +Mit gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, +eine geborne<i> Kieke</i>, die mannigfachen Entbehrungen, die +ihres Mannes Lage zu fordern schien. Sie war eine stille, +anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe zu +vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem +Sohne, und diese Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch +ein Bruder geboren ward, der schon früh an Engbrüstigkeit +litt, und bereits im Jünglingsalter starb.</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-4" title="Seite 4"></a>Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern +Jahren erzählte, seine große Liebe zur Reinlichkeit. Als +ihm einst der Dreier, wofür er sich beim Gange in die Schule +sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand fiel, konnte +er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze +wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu +betreten. Ein gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen +Spielen nie ganz verließ, blieb ihm in seinen +Knabenjahren eigen. Von Natur war er schwächlich. Aber +bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten +Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen +in reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und +einem trefflichen Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als +er, außer einer gründlichen Kenntniß des Lateinischen und +Griechischen, auch in der Mathematik, Logik und Geschichte +bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen +Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. +Durch seine Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel +seines Vaters neigte er sich früh zur religiösen Schwärmerei. +Verändert ward diese Geistesrichtung durch das mit +großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen +und griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden +im Cornelius Nepos begeisterten ihn.</p> + +<p>Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands +Gefühl für Poesie, noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen +hatte, die späterhin seine treuen Begleiter auf einsamen +Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen Versuche +waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild +<a class="pgnum" id="page-5" title="Seite 5"></a>bei einem Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung +von beinahe 600 Versen gab. Nicht viel kürzer war ein anderes +Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die bekannte +Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war +eigentlich eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors +an der Schule zu Biberach. In deutschen Versen wählte +sich Wieland den durch sein „Irdisches Vergnügen in Gott“ +gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von Gottsched, +dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte +ihn sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne.</p> + +<p>Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb +Brockes Wielands Vorbild in mehreren Cantaten und andern +religiösen Dichtungen, die er zwischen seinem zwölften +und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und Ballette +fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie +hatte jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das +vaterliche Verbot, mit irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen +Gegenständen sich zu beschäftigen, nöthigte ihn, +früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu seinen poetischen +Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen Versuche, +ein Epos, „die Zerstörung Jerusalems“ betitelt, nicht ausgenommen, +genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte +Wieland die meisten seiner poetischen Versuche, und auch die +wenigen, die seine Mutter gerettet hatte, traf späterhin ein +gleiches Schicksal.</p> + +<p>Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward +früh geweckt durch die anmuthigen Umgebungen der Stadt +Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb ein vorherrschender +<a class="pgnum" id="page-6" title="Seite 6"></a>Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos einen +großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht +in dem an der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. +In froher Erinnerung an seine Jugendzeit dichtete er später +(1780) in seinem „Oberon“ die Verse: „Du kleiner Ort, +wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste +Lust empfand“ u.s.w. In einem spätern Briefe an einen +Freund gestand Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen +Gegend großen Einfluß auf seine Bildung gehabt +habe.</p> + +<p>Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn +sein Vater nach der bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt +Klosterbergen sandte. Unter dem Abt Steinmetz, dem damaligen +Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen Hinneigung +zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser +Schwärmer zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in +Klosterbergen neue Nahrung. Heilsam war ihm daher das +mit besonderem Eifer betriebene Studium der neuern Sprachen. +Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines +sehr mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war +er im Stande, ohne Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische +Schriftsteller zu lesen. Fontenelle, d'Argens und +Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der Letztere durch +seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl +empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker +geworden. In einem philosophischen Aufsatze suchte er zu +beweisen, daß das Universum, ohne einen Gott, aus ewigen +Elementen sich habe bilden können. Die harten Vorwürfe, +<a class="pgnum" id="page-7" title="Seite 7"></a>die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen, +konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben +einigermaßen mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an +wegen seiner Zweifel an der Existenz Gottes. In schlaflosen +Nächten rang er sich die Hände fast wund, und vergoß bittere +Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre +geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen.</p> + +<p>Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich +wieder den classischen Studien zuwandte. Während seines +zweijährigen Aufenthalts hatte er den Livius, Terenz, Horaz, +Virgil und andere römische Autoren für sich gelesen. +Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner Lectüre. +Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart +gewann Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, +wie er sich damals an der Cyropädie nicht habe satt lesen +können. Besonders gefiel ihm die Episode von „Araspes +und Panthea,“ die er späterhin zum Stoff einer Dichtung +wählte. Die „Denkwürdigkeiten des Sokrates“ galten ihm, +nach seinem eignen Ausdruck, für „das Evangelium der Welterlösung.“ +Eine ähnliche Richtung, wie sie Xenophon verfolgte, +fand Wieland in dem +<span class="antiqua" lang="en">Spectator, Tatler, Guardian</span> +und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig +in die Hände geriethen.</p> + +<p>Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen +hatte, behielten noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. +Unter den Alten war Cicero sein Liebling. Das ernste Studium +von Wolfs Schriften und von Bayle's historisch-kritischem +Wörterbuche vollendete Wielands philosophische Bildung. +<a class="pgnum" id="page-8" title="Seite 8"></a>In spätern Jahren gestand er, daß er „durch eine +poetische Manier, in den metaphysischen <span class="antiqua" lang="la">terris incognitis</span> +herum zu vagiren,“ damals von einem System zum andern +übergesprungen sei. Von diesem Schwanken befreite ihn +einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich seiner wahrhaft +väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte +sich vielfach um seine Geistesbildung verdient.</p> + +<p>Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts +in Klosterbergen war musterhaft. Neben seinen philologischen +und philosophischen Studien betrieb er mit Eifer sein künftiges +Berufsfach, die Theologie. Er fand noch Muße, sich +im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen Lehranstalten +wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die +zahlreichen Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in +Breitinger's kritischer Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher +kritischer Blätter suchte er sich zu bilden. Er fand darin +reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem er seine +eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte.</p> + +<p>Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands +Neigung zur Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend +waren für ihn, außer Gellert und Hagedorn, besonders Hallers +Gedichte durch ihren philosophischen Inhalt und durch +die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene Dichter, +als Klopstock mit seinem „Messias“ hervortrat. Unbeschreiblich +war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten +Gesänge jener Dichtung in den „Neuen Beiträgen zum Vergnügen +des Verstandes und Witzes“ gelesen hatte. Er fand +<a class="pgnum" id="page-9" title="Seite 9"></a>in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, +für seine Religiösität und für sein poetisches Gefühl.</p> + +<p>Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf +den Wunsch seines Vaters hatte er sich 1749 in die genannte +Stadt begeben. Er war damals sechszehn Jahre alt. Den +größten Theil der poetischen Versuche, die in jener Zeit entstanden, +verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens +unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern +bot ihm die griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen +Beschäftigungen führte er auch in Erfurt ein einsames Leben. +Der Mangel eines Jugendfreundes nöthigte ihn, sich an +ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der Ernst seines +Wesens ohnedieß hinzog.</p> + +<p>Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem +mit seiner Familie verwandten <span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Baumer, der später +eine Professur der Medicin und Chemie in Gießen erhielt, +und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb. Seine +Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, +war die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. +Baumer's logische Vorlesungen und ein Privatissimum über +die Wolfische Philosophie gaben seinem Geiste reiche Nahrung. +Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in spätern +Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er +ihm zur Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem +Roman habe er „die große allgemeine Naturgeschichte der +menschlichen Thorheit und Narrheit“ kennen gelernt.</p> + +<p>Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland +1750 nach Biberach zurück. Der Sommer, den er im +<a class="pgnum" id="page-10" title="Seite 10"></a>elterlichen Hause zubrachte, war eine der merkwürdigsten +Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste +Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter +eines Arztes, der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen +Verhältnissen stand. Nicht durch blühende Schönheit, +durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu Sophien hingezogen. +An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte +die Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was +ihn an Sophien fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, +die sie schon früh durch das Lesen der besten deutschen +Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses Streben nach Erweiterung +ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus +für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei +Jahre älter, als Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit +ihres Charakters und innere Haltung eine seltene +Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An Kenntnissen +ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung +Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen.</p> + +<p>Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes +Gedicht seinen Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange +nach dem St. Martinskirchhofe traf Sophie einst ihren Freund, +und ihre Gefühle begegneten sich dort zum ersten Mal in +der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches +Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen +Freuden der Welt vorzuziehen. Durch den Umgang mit +Sophien, äußerte er in einem spätern Briefe, mit Hindeutung +auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz anderer +Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. +<a class="pgnum" id="page-11" title="Seite 11"></a>Unvergeßlich blieb ihm noch in spätern Jahren ein +schöner Sommertag, an welchem er mit der Geliebten in +den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt, +und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen +und von der Würde der menschlichen Seele unterhalten +hatte. Durch eine Predigt seines Vaters über den Text: +Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt worden. +Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin +bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: +„Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt.“ Es +ward im Februar 1751 begonnen, im April des genannten +Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal +gedruckt.</p> + +<p>Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, +die im Herbst 1750 nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr +Vater, früher in Kaufbeuern ansässig, sich niedergelassen +hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese +Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild +vor seine Seele. Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, +war so tief, daß die in einem Briefe seines Vaters +ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner Liebe +ihn sehr schmerzten.</p> + +<p>In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres +Glück, als Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen +Schwierigkeiten, die der Erfüllung seines Lieblingswunsches +entgegen treten konnten, setzte er sich leicht hinweg. Im Geist +sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet, während +er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem +<a class="pgnum" id="page-12" title="Seite 12"></a>er sich widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch +ihre Trockenheit. Um Theolog zu werden, hätte er eine +stärkere Brust haben müssen. Das Studium der Medicin +ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor +todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte +in Tübingen fast gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit +fesselte ihn an sein Zimmer. Ohne Freunde, ja fast +ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee, die +schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten +möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen +Kranz zu flechten. So entstand sein früher erwähntes Gedicht: +„Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt.“</p> + +<p>Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr +strengen Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht +dem Professor Meier in Halle, der damals als philosophischer +Kopf und als Kritiker viel galt. Weder seinen +Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem +Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des +ihm gesandten Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es +mit einer Vorrede begleitete. Noch ehe er das Schicksal +seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen poetischen +Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen +Gedichts, „Hermann“ betitelt, sandte er an Bodmer in +Zürich, der damals in dem lebhaftesten literarischen Kampfe +mit Gottsched und seinen Anhängern verwickelt war. Bodmer +nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht +schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung +<a class="pgnum" id="page-13" title="Seite 13"></a>seine Parthei ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor +in einen fortgesetzten Briefwechsel.</p> + +<p>In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das +Wielandshäuschen genannt, auf einem Weinberge unweit +Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte Wieland damals +dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei +poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in +fast gänzlicher Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und +Empfindungsweise schilderte er in einem damaligen Briefe +mit den Worten: „Ich habe von der Dichtkunst keinen +kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner +Werke und der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir +doch auch die Aeußerungen jugendlicher Freude, wenn sie +unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben mich oft +ergötzt.“ In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch +auch den unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die +genannten Dichter eines sträflichen Leichtsinns beschuldigte. +Der Ernst seiner Natur zog ihn zu den englischen Poeten, +zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. „Den +Franzosen,“ schrieb Wieland, „bin ich, ihres flüchtigen und +affenmäßigen Charakters wegen, recht gram, und noch mehr +den Deutschen, die ihren Geist lieber nach diesen lächerlichen +Geschöpfen bilden wollen, als nach den denkenden, männlich +schönen und zuweilen himmlischen Britten.“</p> + +<p>Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes +ging Wielands Streben hervor, die Irreligiosität und den +Leichtsinn zu bekämpfen. Er wollte der Welt zeigen, daß +das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem Guten +<a class="pgnum" id="page-14" title="Seite 14"></a>einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands +Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von +der enthusiastischen Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere +damalige Briefe Wielands. Ein Nachahmer Klopstocks +ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, leicht +etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die +seinem Geschmack besonders zusagten. Wielands „Lobgesang +auf die Liebe“, und ein Gedicht, „der Frühling“ überschrieben, +zeigten unverkennbar den Einfluß, den Kleist auf sein +poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen Versuch, den +Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie +zu begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn +beseelte ein gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward +durch die Vergleichung des gewöhnlichen Lebens und Treibens +der Menschen mit den erhabenen Mustern von Tugend +und Seelengröße, die ihm ältere und neuere Schriststeller +vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe, +wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch +höher begeisterte ihn als Jüngling die Schilderung jeder +edlen That, während er sich von schlechten Handlungen mit +Abscheu hinweg wandte.</p> + +<p>Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges +Gefühl für das Reinsittliche. Den philosophischen +und moralischen Gedichten gab er vor allen andern den +Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: „Ich schätze +die heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern +Geistern, darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. +Ich begnüge mich, die wenigen Nebenstunden, die +<a class="pgnum" id="page-15" title="Seite 15"></a>mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu benutzen, in +philosophischen und moralischen Gedichten, und also in Absicht +der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige +Tugend zu preisen.“</p> + +<p>Unter den Gedichten Wielands, die während seines +Aufenthalts in Tübingen entstanden, war der „Anti-Ovid“, +im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen den Leichtsinn +der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe +begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu +wählen, dem er, wie er in spätern Jahren gestand, damals +kaum gewachsen war, da es ihm in seiner Einsamkeit, umgeben +von seinen Büchern, an der nöthigen Menschenkenntniß +fehlte, die er nur aus der Beobachtung der Lebensverhältnisse +schöpfen konnte.</p> + +<p>Einige Monate früher, als der „Anti-Ovid“, im Mai +1752, entstanden Wielands „moralische Erzählungen.“ Bereits +am Schluß des Jahres 1751 hatte er seine „moralischen +Briefe“ herausgegeben. Von seinen bisherigen Gedichten +unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren +Gehalt, als durch die Form. Für die „moralischen Briefe“ +hatte Wieland Alexandriner, für die „moralischen Erzählungen“ +reimlose Jamben gewählt, und für den „Anti-Ovid“ +ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen. Unter +solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der +wirklichen Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm +seine Phantasie vorzauberte. Seine Zukunft schien ihn wenig +zu kümmern. In einer Art von Selbstcharakteristik, die +er noch während seines Aufenthalts in Tübingen in einem +<a class="pgnum" id="page-16" title="Seite 16"></a>Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz +seiner mannigfachen Fehler, sich „ein gutes Herz und einigen +Geist“ zu, dabei glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, +daß es „sein Geist gewesen, der sein Herz zu einem so +guten gemacht habe.“</p> + +<p>Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in +das elterliche Haus nach Biberach zurückgekehrt. Lebhaft +misbilligte sein Vater die Art und Weise, wie er bisher +seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte +er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. +Einer sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, +war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Sehr abgeneigt +war er daher dem väterlichen Plan, sich in Göttingen der +Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland +meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht +passe. Er hoffte wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, +der mit seinen Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte. +Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er gewachsen zu +seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem +Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er +dadurch mit Gärtner, Ebert, Zachariä u.a. talentvollen +Männern, die in dem genannten Institut Lehrstellen bekleideten, +in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur Erfüllung +seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine +Aussicht.</p> + +<p>Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere +Unterstützung beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit +durch eine Einladung Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu +<a class="pgnum" id="page-17" title="Seite 17"></a>kommen. Er hatte den jungen Autor, nach den poetischen +Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen. +Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten +werden sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. +Er glaubte vielmehr, daß eine solche Entfernung +seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn möchte, +besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von +der er sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland +aber wollte Biberach nicht verlassen, ohne seine geliebte +Sophie noch einmal gesehen zu haben. Manche Umstände +traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern +verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner +Briefe äußerte, „in einen Zustand von Unthätigkeit und +Verdrießlichkeit, der ihm oft zur Last ward.“ Eine Beurtheilung +von Bodmer's „Noachide“ half ihm die langweilige +Zeit einigermaßen verkürzen.</p> + +<p>Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben +in Zürich. Da er seine dortigen Freunde nicht so bald wieder +verlassen wollte, so wünschte er in der Schweiz durch +eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner Subsistenz +zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte +er sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn +Schinz, und bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's +anmuthig gelegener Wohnung, wo er am 13. October 1752 +eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, Liebe +und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch +Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden +Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit +<a class="pgnum" id="page-18" title="Seite 18"></a>seiner Denk- und Empfindungsweise harmonirte Bodmer's +einfaches Leben, seine Zurückgezogenheit von der Welt und +die Neigung zu literarischen Beschäftigungen. Auch nachdem +sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in ihrem freundschaftlichen +Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in +spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste +seines Lebens.</p> + +<p>In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu +Biberach angefangene „Abhandlung von den Schönheiten +des epischen Gedichts Noah“, das sein väterlicher Freund +Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753 zu +Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes +„Schreiben über die Würde und Bestimmung eines +schönen Geistes.“ Auch zur Poesie kehrte Wieland in Zürich +wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag schrieb er ein kleines +Epos, „die Prüfung Abrahams“ betitelt. Zu seinen +damals gedichteten „Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden +Freunde“ hatte er sich durch das von der englischen +Dichterin Elisabeth Rowe herausgegebene Werk: <span class="antiqua" lang="en">„Friendship +in death“</span> veranlaßt gefunden.</p> + +<p>Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, +seine geliebte Sophie einst ganz die Seinige nennen zu können. +Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem Besitz zu gelangen, +sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in seine +poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen +Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm +für aufgelöst erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang +des December 1753 erhielt, meldete ihm zugleich Sophiens +<a class="pgnum" id="page-19" title="Seite 19"></a>Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath de la Roche. +Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte +sie aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, +und die Stimme ihres Herzens, die noch immer für Wieland +sprach, wenig beachtet.</p> + +<p>Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies +harte Schicksal ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, +als sich von seiner reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, +billigte er in einem Briefe an die Geliebte ihren Entschluß, +und wünschte ihr aufrichtig Glück zu ihrer Verbindung. Oft +aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust seiner Sophie +wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl mitgerechnet +haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung +einer Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, +einer „Akademie zur Bildung des Verstandes und Herzens +junger Leute.“ Durch das peinliche Gefühl, als Bodmer's +Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur +Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem +Herrn v. Grebel in Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. +Weder die ausgezeichnete Achtung, die er in seinem neuen +Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man auf +seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz +um den Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in +seinen schönsten Hoffnungen getäuscht, und versank in einen +Trübsinn, den nichts zu erheitern vermochte. In dieser Stimmung +nahm er seine Zuflucht zu philosophischen Studien. +Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht in Plato's +Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die +<a class="pgnum" id="page-20" title="Seite 20"></a>Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger +Lectüre. Dadurch neigte er sich zu einer immer +strengern Ascetik hin. In solcher Stimmung schrieb er +einem Freunde: „So einsiedlerisch ich hier Vielen scheine, +bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn +möchte. Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer +Gegend giebt. Ich habe schon seit manchen Jahren große +Lust, ein Eremit zu werden; denn ich versichre Sie im Ernst, +daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen herzlich +müde bin.“</p> + +<p>Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer +zu werden. Die Lectüre von Youngs Nachtgedanken +und von Klopstocks Mesias war geeignet, jene Stimmung +zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen Forschens +weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und +Frömmigkeit kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz +war ihm ein völlig fremder Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, +Tibull und mehrere französische und englische Dichter, besonders +aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in seinen +1754 herausgegebenen „Sympathien“ öffentlich ein Verdammungsurtheil +aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland +in den 1755 geschriebenen „Empfindungen eines Christen“ +gegen die „schwärmerischen Anbeter des Bacchus und der +Venus.“ Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er +dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, „das +Aergerniß zu rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-21" title="Seite 21"></a>Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische +Richtung war vorherrschend in mehrern „Hymnen“ Wielands, +von denen er später nur den „Hymnus auf Gott“ in seine +Werke aufnahm. Mit seinen „Erinnerungen an eine Freundin“ +dem Inhalt nach verwandt war Wielands „Timoklea“, +eine Frucht seiner philosophischen Studien, besonders der +Lectüre des Plato und Shaftsbury. Wieland's „Platonische +Betrachtungen über den Menschen“ dankten ebenfalls jenen +Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften sowohl, als +in zwei Aufsätzen, die er selbst als „Visionen“ bezeichnete, +in dem „Gesicht des Mirza“ und in dem „Gesicht von einer +Welt unschuldiger Menschen“ sprach Wieland mit ergreifender +Wärme von der Tugend, Schönheit und Liebe im edelsten +Sinne des Worts.</p> + +<p>In seiner „Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen“ +unternahm er einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, +den damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks +und gegen seine Anhänger. Aus der leidenschaftlichen +Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art +von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen +Grad erreichte. „Ich verschlummere“, schrieb er 1756 einem +Freunde, „wider meinen Willen einen großen Theil meiner +Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer schwächer wird, +und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn +dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, +daß ich ein halbes Dutzend munterer Seelen hätte, die der +meinigen subordinirt wären, und die alles das nach meinem +Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen Wünsche +<a class="pgnum" id="page-22" title="Seite 22"></a>sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen +Lebhaftigkeit übrig geblieben ist.“</p> + +<p>Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen +bisher auf Bodmer und dessen Freunde beschränkten Umgang +allmälig erweiterte. Geneigter als bisher ward er wieder +den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem bekannten +Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser +der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor +des berühmten Buches über die Einsamkeit, zu Wielands +vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern verkehrte er +wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine +geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht +Ansprüche zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen +konnte.</p> + +<p>In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, +sein Herz, trotz allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste +an ihm. An Zimmermann schrieb er darüber: „Sie dürfen +viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne sich zu betrügen. +Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern +und eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, +Imagination, Activität, Kühnheit, Neigung +zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. dergl. Verdient +das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas +darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, +daß ich von Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, +was gut, recht und moralisch schön ist, sehr empfindsam +gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich, aber da ich es +mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts Vorzügliches. +<a class="pgnum" id="page-23" title="Seite 23"></a>Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach +bin ich in der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr +die Aussichten in ein anderes, als in dieses Leben. Hier +bin ich nur <span class="antiqua" lang="fr">par devoir,</span> nicht <span class="antiqua" lang="fr">par inclination.“</span></p> + +<p>Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. +Erst gereiftere Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere +Welt- und Menschenkenntniß bewirkten eine merkwürdige +Veränderung in Wielands Wesen. Er schien heiterer gestimmt. +Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem +Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt +als früher. Auch sein hartes und unbilliges Urtheil +über mehrere alte und neuere Dichter nahm er zurück. Auf +seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte jene Sinnesänderung +den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine +Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman „Araspes +und Panthea“, zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's +den Stoff dargeboten hatte, nannte er in einem +seiner damaligen Briefe „eine unreife und unvollendete Geburt.“ +Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen +Bühne. Fleißig wohnte er den theatralischen Vorstellungen +der Ackermannschen Schauspielertruppe bei, die damals (1757) +durch die Drangsale des siebenjährigen Krieges aus Deutschland +vertrieben, längere Zeit in der Schweiz und namentlich +in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel „Johanna +Gray“ machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. +Statt der Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, +wählte er die fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. +Sie ward am 20. Juli 1758 zum erstenmal in Winterthur, +<a class="pgnum" id="page-24" title="Seite 24"></a>und später auch an andern Orten nicht ohne Beifall +aufgeführt.</p> + +<p>Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich +Wieland damals. Viel versprach er sich besonders von einem +epischen Gedicht, zu welchem ihm einer seiner Lieblingsschriftsteller, +Zachariä in Braunschweig, den Stoff dargeboten hatte, +während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht Friedrich +II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa +durch Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften +selbst seinen Feinden Bewundrung abnöthigte. Sein „Cyrus“, +wie das von Wieland beabsichtigte Gedicht hieß, +sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch +seinen vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan +verschwiegen. Als er jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 +die Ausführung seiner poetischen Idee begann, stieß er auf +mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein Unternehmen +gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. +In einem seiner damaligen Briefe meinte Wieland, „er stehe +zu tief unter einem Helden, um ihn würdig darstellen zu +können.“ Selbst der Styl und die Versification kosteten ihm, +nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte, +daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der +wirklichen Welt gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte +und Politik hielt er für unerläßlich, um seinem +Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben. Fleißig +studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch +die Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn.</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-25" title="Seite 25"></a>Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische +Schrift: „Gedanken über den patriotischen Traum, +die Eidgenossenschaft zu verjüngen.“ Diese Schrift erschien, +während Wieland sich noch fleißig mit seinem „Cyrus“ beschäftigte. +Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu +unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf +Wieland den Plan zu einem satyrischen Roman. Unter dem +Titel: „Lucian's des Jüngern wahrhafte Geschichten“, +wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten Werke zwei +Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame +Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden +genannt, und ähnliche wunderbare Dinge schildern. Die +Ausführung dieser Idee unterblieb. Von seinem „Cyrus“ +hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe vollendet, +und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher +fortgeschritten seyn.</p> + +<p>Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine +fernere Subsistenz in Zürich. Seine bisherigen Zöglinge +hatten anderweitige Bestimmungen erhalten, und Wieland +mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine Zeit lang +beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift, +von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In +einem seiner damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle +alle seine Kräfte zusammennehmen, um jener periodischen +Schrift die höchste Vollkommenheit zu geben. Aber seine +schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem „Cyrus“. +Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen +zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder +<a class="pgnum" id="page-26" title="Seite 26"></a>in seine Heimath zu begeben. Einen bestimmten Lebensplan +schien er an die Rückkehr in das elterliche Haus nicht geknüpft +zu haben.</p> + +<p>Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit +zu leben, machte ihn gleichgültig gegen mehrere +zum Theil vortheilhafte Anträge zu auswärtigen Lehrstellen. +Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach Marseille +begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie +Semandi Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit +ward vermehrt durch einen Antrag Zimmermanns, der ihn +dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum Erzieher seines +einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern, +wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder +Hinsicht seine Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das +neue Verhältniß, in das er getreten war, nicht lange. Er +liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie Ersatz zu finden in +den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen Willen hineingezogen +ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren +Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. +Zum Unterricht, besonders in den ersten Elementen, schien +ein Geist nicht geschaffen, der, wie Wieland selbst äußerte, +„den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot und +Rousseau wetteifern wollte.“ Bereits nach einem Vierteljahre, +im September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle +wieder auf.</p> + +<p>Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch +philosophische Vorlesungen, die er „gegen ein jährliches +Honorar von 200 Kronen“ einigen Jünglingen aus angesehenen +<a class="pgnum" id="page-27" title="Seite 27"></a>Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an Zeit +viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei +Stunden raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes +Epos, der „Cyrus“ nur langsam fort. Entmuthigt +durch den geringen Beifall, den die von ihm mitgetheilten +Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen +Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb +jedoch. Das einzige Product, das er während seines +Aufenthalts in Bern vollendete, war sein mit großem Beifall +aufgeführtes Trauerspiel „Clementine von Porretta.“ +Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland +den Stoff zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie +Grandison, mußte ihn vor vielen andern interessiren zu +einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe ergriffen hatte, +die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder schwärmerisch +war.</p> + +<p>Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst +schon die Königin seines Herzens, als Julie Bondeli, die +Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den Sieg streitig +machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem +noch erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, +eine der häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr +indeß an Reizen versagt, hatte sie ihr durch Geistesgaben +reichlich vergütet. Die gelehrtesten Männer ihrer Zeit erkannten +dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das +Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, +als irgend ein Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen +in den verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern +<a class="pgnum" id="page-28" title="Seite 28"></a>ein sehr richtiges Urtheil verbinde. Darin fühlte sich Wieland +nicht getäuscht, als ihn die Neugier trieb, sie kennen +zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf +ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. „Nie +hab' ich,“ schrieb er unter andern, „ein Frauenzimmer gesehen, +das bei einer außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, +bei dem heitersten Humor und der größten moralischen +Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich scheint, +mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange +gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch +weiter hinter ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter +Sophie'n ist. Der aufgeklärteste Geist, den ich je an einem +Frauenzimmer gesehen habe, und ein Herz, das der edelsten +Freundschaft würdig ist.“</p> + +<p>In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie +weder eine Idee, noch Empfindung von der Liebe zu haben +scheine, die in Romanen und Tragödien herrsche. Sie wolle +Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine vernünftige +und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt +seyn wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, +fanatischen Leidenschaft trage. „Ich selbst,“ schrieb +Wieland, „bin, wie ich glaube, in Absicht der Liebe der +Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu glauben, +daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so +nahe kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich +liebe alle wahrhaft tugendhaften Frauen eben so sehr, wie +ich die Tugend lieben würde, wenn sie sichtbar wäre. Das +sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die Tugend, +<a class="pgnum" id="page-29" title="Seite 29"></a>die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so +muß freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen +zieht, sich unter die reine geistige Liebe mischen, +die unserem Geiste für das wahre Schöne, Gute und Erhabene +natürlich ist. Aber darin besteht mein Privilegium, +daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine +Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel +sich natürlicher und ungezwungener Weise zu der thierischen +verhält, wie eine Weltkugel zu einem Sonnenstaube.“ Diesem +Briefe fügte Wieland noch die charakteristische Aeußerung +bei: „Wir sind übereingekommen, daß jedes das Andere +nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten +Zwang lieben solle — ich mit Enthusiasmus, weil +meine Natur es so mit sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, +aus gleichem Grunde. Ich weissagte ihr, sie würde noch so +gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und sagte, sie +wünsche es, um mich glücklich machen zu können.“</p> + +<p>Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken +an eine eheliche Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, +was nicht mit den Grundsätzen der Rechtlichkeit streite, unbedenklich +thun zu wollen, wenn er dadurch zu Juliens Besitz +gelangen könnte. „Sie würde,“ schrieb er, „mich unaussprechlich +glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. +Ich müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art +etablirt seyn, wenn ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension +zu machen, und bisher ist kein Anschein zu einem +solchen Etablissement.“ Worauf sich Wielands Wünsche beschränkten, +schilderte er in einem seiner damaligen Briefe +<a class="pgnum" id="page-30" title="Seite 30"></a>mit den Worten: „Ich bin nicht für das gemacht, was +man Welt nennt. Alle ihre Ergötzlichkeiten sind innere Plagen +für mich, obgleich ich aus Gewohnheit daran Antheil +nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße, Einsamkeit, +ein Freund und eine Freundin bei mir — das ist die +Situation, nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen +werde.“</p> + +<p>Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, +hielten Wielands Freunde für den passendsten Ort, um, wie +er damals willens war, eine mit einer Buchdruckerei verbundene +Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf diese +Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte +er zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken +durch interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich +Uebersetzungen der Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, +Theokrit u.a. seiner Liebligsschriftsteller rechnete. +Auch durch einzelne Stücke aus der Philosophie und schönen +Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu fesseln. +Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift +zu gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, +wieder in ihm auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal +unter andern ein Gemälde des Menschen entwerfen, nach +den verschiedenen Nüancen, die er durch das Klima, die Religion, +Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen, +daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten +Gesetzgeber und Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht +gar zu wohl verstanden hätten. Auch Biographieen und +<a class="pgnum" id="page-31" title="Seite 31"></a>Charakteristiken ausgezeichneter Männer des Alterthums sollten +in seinem Journal einen Platz finden.</p> + +<p>Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, +hatte Wieland theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu +entworfen, als ein Brief seiner Mutter ihn mit der Nachricht +einer bestimmten Anstellung zu Biberach überraschte. +Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, +in dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich +zu nützen, war der feste Entschluß, mit welchem Wieland +am 20. März 1760 die Schweiz und seine dortigen Freunde +verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen Jahre, +die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm +vor allen der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung +ihres Besitzes konnte ihn trösten.</p> + +<p>Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor +seiner Abreise aus der Schweiz, einigen seiner Freunde die +Verhältnisse geschildert, die ihn in seiner Vaterstadt erwarteten. +Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch seiner +Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen +Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in +Biberach herbeiführte. Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche +Stelle eines Kanzleidirectors erhalten. Abgesehen +davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht entsprach, +fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle +wieder zu verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen +den evangelischen und katholischen Rathsmitgliedern seiner +Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner Freunde und Gönner +machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner +<a class="pgnum" id="page-32" title="Seite 32"></a>damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner +unsichern Lage und seiner durch heftige Gemütsbewegungen +sehr erschütterten Gesundheit. Mit Schmerz ergriff ihn der +oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer andern Stellung, +in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte leisten +können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte +Wieland: „Ich möchte zuweilen eine Satyre wider die beste +Welt schreiben, wenn ich mir vorstelle, daß kein anderer Platz +in der Welt für mich seyn soll, als eine Stadtschreiber-, Consulenten- und +Rathsherrnstelle in diesem kleinen schwäbischen +Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche +von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für +mich schicken, ich noch werde vorstellen müssen.“</p> + +<p>In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit +und an seinen Aufenthalt in der Schweiz vor +Wielands Seele. Rastlos sann er auf Mittel, sich aus Verhältnissen +zu befreien, die seinen Neigungen so wenig entsprachen, +und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter +kam ihm die Idee, um eine Professur an einem Gymnasium +in Berlin, Breslau, Gotha oder andern bedeutenden +Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen Stelle, +meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto +mehr Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. +Selbst die spärliche Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte +gönnten, konnte er nicht so nützlich, als er wohl +gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß er auf +Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. +<a class="pgnum" id="page-33" title="Seite 33"></a>Am schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel +einer bedeutenden Bibliothek.</p> + +<p>„Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren,“ +klagte Wieland in einem Briefe an Zimmermann. „Unter +solchen Zerstreuungen, bei einem solchen Amte, ohne Aufmunterung, +was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit +und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, +so verbietet mir der einzige Umstand, daß wir keine +Bibliotheken haben, alle Unternehmungen von Wichtigkeit. +Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst herauszuspinnen. +Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer philosophischen +Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. +Die Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, +dürfte es zu einem nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen +Buche machen. Ohne eine Bibliothek von den +vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand zu haben, +ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht +Schade seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich +zu Biberach und nicht in Berlin oder an einem andern Orte +bin, wo eine öffentliche Büchersammlung mir die Folianten +und Quartanten darbietet, die man bei einer solchen Arbeit +alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?“</p> + +<p>Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu +seinen trocknen und verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. +Er unterzog sich diesen Arbeiten mit einer +seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine andere +Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch +mehr und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft +<a class="pgnum" id="page-34" title="Seite 34"></a>fand ihn die Mitternacht noch an seinem Schreibtisch, wo +er den Concipienten und den Copisten in Einer Person vorstellen +mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war vorzüglich +1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch +zwei kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach +gekommen waren, gütlich ausgeglichen ward.</p> + +<p>Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie +Bondeli hatte Wieland aufgegeben. Beide schienen sich in +dem, was sie eigentlich für einander fühlten, getäuscht zu +haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung eingetreten, +welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands +Reizbarkeit bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß +ein völliger Bruch fast unvermeidlich schien. In einem +Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich Wieland gegen allerlei +Beschuldigungen, die, wie er äußerte, „nur durch Niedrigkeit +und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können.“ +Ungeachtet mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die +ihm sein Unmuth über Juliens Benehmen eingab, blickte +doch auch wieder das Gefühl noch nicht ganz erloschener +Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor. +Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: +„Ich werde allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein +Leben fortschleppen, das bei einer ununterbrochenen Folge +von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung eines wahren +Vergnügens, kurz genug seyn wird.“</p> + +<p>Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein +bedenklicher Schritt sei, in seiner damaligen Lage sich zu +verheirathen. Ungeschwächt erhielt sich jedoch Zeitlebens ein +<a class="pgnum" id="page-35" title="Seite 35"></a>herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen Wieland und Julie +Bondeli. „Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden +Vorsehung“ glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, +in dem Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die +für sein Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine +Stunde von Biberach entfernten Marktflecken Warthausen lernte +Wieland den Grafen von Stadion kennen, in dessen nächster +Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la Roche, den +Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von +zehn Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige +Braut, die ihm nun mit der innigsten herzlichsten +Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher Empfang ward ihm +auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig gebildeten +Manne, der sich in seinen „Briefen über das Mönchswesen“, +auch als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt +hatte. Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß +er in mehreren Briefen unpartheiisch die Verdienste eines +Mannes anerkannte, der ihm seine Geliebte entrissen hatte.</p> + +<p>Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten +war, gehörten, außer den bereits genannten Personen, +des Grafen Stadion älteste Tochter, eine Gräfin v. Schall +und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr +wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er +durchaus keine angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen +eilte, um dort einige Tage zuzubringen. Für Geist und +Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle Befriedigung. +Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche Bibliothek +des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich +<a class="pgnum" id="page-36" title="Seite 36"></a>mit dieser Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen +Spaziergang durch die reizende Umgegend, bis ihn die +Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud. Lesen und Gespräche +der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen +Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische +Unterhaltung beschloß.</p> + +<p>Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war +die Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntniß, die +durch sein zurückgezogenes Leben in Biberach, wo er den +größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt war, +nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine +Weltton trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern +und liebenswürdigen Frauen überall entgegen, zu einer +Zeit, wo er in das praktische Leben eingetreten und zu der +Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen seiner +Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders +gedacht, als er sie jetzt fand.</p> + +<p>Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine +Jugendgeliebte, die sich noch immer den frühern Platz in +seinem Herzen bewahrt zu haben schien. Reizbar und für +Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf kosten, +das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit +zu bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, +fortwährend erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner +Liebe und über sie zu scherzen, was er unter andern in einem +Briefe that, in welchem er mit der feinsten, gegen sich selbst gerichteten +Ironie, Sophien eine Art von Liebeserklärung machte. +In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er mit ihrem +<a class="pgnum" id="page-37" title="Seite 37"></a>Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die +in Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so +innig an ihn angeschlossen haben würde. In einem damaligen +Briefe gestand Wieland, daß er nichts von dem mehr +sei, was er gewesen, „weder Enthusiast, noch Hexametrist, +noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit +sei er von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz +natürlich auf dem Punkte, von dem er vor zehn Jahren +ausgegangen.“</p> + +<p>An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: +„Was am meisten dazu beigetragen hat, diese Verwandlung, +oder, wenn Sie wollen, diese Herstellung meiner ursprünglichen +Gestalt, woraus die Magie des Enthusiasmus mich verdrängt +hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die Unzahl von +Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr +in mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts +all' der großen Worte, all' der glänzenden Phantome, die +in einer süßen Einsamkeit oder an der Seite einer Gyon oder +Rowe so verführerische Reize haben für ein empfindsames +Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die +um so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen +abging, entschädigen mußte.“</p> + +<p>Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte +gleichwohl Wieland noch immer nicht gelangen, seit er, wie +er sich in einem seiner Briefe darüber ausdrückte, „aus den +Wolken auf die Erde herabgestiegen“ oder mit andern Worten +seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht +hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, +<a class="pgnum" id="page-38" title="Seite 38"></a>seinen Unmuth zu nähren und zu steigern. Vergebens suchte +er Trost in dem Studium der Philosophie, das ihn damals +ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen +Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung +den höchsten Grad erreicht zu haben schien, den Plan +zu seinem Roman „Agathon.“ Die Vollendung dieses Werks +erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung gelangte, +daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt +wäre, als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman +hatte ihm der „Ion“ des Euripides gegeben. Aber +Wieland hatte in seinem Helden sich selbst geschildert, nicht +blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen +und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher +in einem seiner Briefe behaupten: „Agathon sei eine +wirkliche Person, die er vor allen am genauesten kenne.“ +Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's Seelengeschichte +war im Wesentlichen Wielands eigene, und +eine der treuesten Selbstschilderungen.</p> + +<p>Noch ehe die vier Theile des „Agathon“ vollständig erschienen, +hatte Wieland einen andern Roman, den „Don +Sylvio von Rosalva“ herausgegeben. Nach seinem eignen +Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem satyrischen +Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu +einer Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen +von allen Seiten auf ihn eingedrungen waren. +Durch die Schilderung ergötzlicher Thorheiten suchte Wieland +das Gefühl seiner Uebel zu mildern und abzustumpfen. Cervantes +war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das +<a class="pgnum" id="page-39" title="Seite 39"></a>wiederholte Lesen des „Don Quixote“ kam ihm die Idee, +nach jenem Muster die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, +und besonders dem Aberglauben einen tödtlichen +Stoß zu versetzen.</p> + +<p>Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die +von ihm unternommene Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien +in den Jahren 1762–1768 zu Zürich in acht Octavbänden. +Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte +Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. +Die Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm +die Hülfsmittel dar, jenen Dichter auch in Deutschland, +wo man ihn bisher noch wenig kannte, durch eine Uebersetzung +einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen Wichtigkeit +er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach +seinen Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung „jene +Arbeit mitten unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen +fortsetzen zu können glaubte.“ Für Wielands Geist +war diese Beschäftigung von dem günstigsten Einfluß. Mit +gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten +geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen +Poesie. In Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund +zu finden, weshalb dieser Schriftsteller, ungeachtet Sprache, +Sitten und Geschmack seit der Zeit, in der er lebte, sich +wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen Landsleuten +den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch +immer weit anziehender sei, „als alle neuern Schriftsteller, +die nach französischen Modellen gearbeitet hätten.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-40" title="Seite 40"></a>Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe +für das Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen +andern englischen Autor. Es war Sterne oder Yorik, wie +er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften nannte. Fast noch +von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als von +dem unter dem Titel: „Tristram Shandy's Leben und Meinungen“ +damals erschienenen Roman jenes Schriftstellers. +Noch in spätern Jahren war Wieland unerschöpflich im Lobe +jenes Werks.</p> + +<p>Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig +günstiger gestaltet. 1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector +ernannt worden. Mannigfachen Verdrießlichkeiten +und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz im +Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er +sein Verhältniß als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, +schilderte er in einem Briefe an den Buchhändler Geßner in +Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht abgeneigt sei, +sich nächstens zu verheirathen.</p> + +<p>„Ich habe nun,“ schrieb Wieland, „auf all' mein Lebelang +ein zwar ziemlich mühseliges, aber doch einträgliches +und honorables Amt — ein Umstand, der allezeit die Basis +von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die niederschlagenden +Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den +Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein +Weib, und da ich durch den Tod meines Bruders die Ehre +habe, der Einzige von meiner Familie zu seyn, so werde ich +von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so sehr in +die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in +<a class="pgnum" id="page-41" title="Seite 41"></a>die ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet +sich keine für mich, denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, +muntere, und wo möglich eine reiche Frau haben, und die +drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes halber, ein +Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich +wollte, daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein +artiges Mädchen fände, das so viel christliche Liebe hätte, +einen ehrlichen Biberachschen Kanzleidirector, der ganz hübsche +Verse macht, von seinem Amt ungefähr tausend Gulden +Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat, glücklich +zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber +Freund, so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön.“</p> + +<p>Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. +„Ich habe,“ schrieb er, „ein Weib genommen, oder +eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es ist ein kleines, +wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges +Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von +meinen Eltern und guten Freunden habe beilegen lassen.“ +Wieland berichtete zugleich: seine Frau stamme aus einem +Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen Jakob +Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt +nicht unbekannt sei.<del>“</del> „Meine Frau,“ schrieb Wieland, +„hat wenig oder nichts von schimmernden Eigenschaften, +auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe gehabt habe, +ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen +habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein +Herz, und meinen Wünschen gleich — ein unschuldiges, von +der Welt unangetastetes, sanftes, fröhliches, gefälliges +<a class="pgnum" id="page-42" title="Seite 42"></a>Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch genug für +einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst +hat — eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten +vergebens macht.“</p> + +<p>Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich +sich Wieland nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr +richtig hatte er sich beurtheilt, als er meinte: „wenn er sich +nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht gesetzt haben, +so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals +einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts +dabei verlieren.“ Durch manche lästige Amtsarbeiten ward +ihm die Poesie verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter +Liebe wieder zu ihr zurück. Mehrere seiner damaligen +literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem Rathhause, in +der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten +und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines +Geistes war nie größer gewesen, als in dieser Periode seines +Lebens. Außer der Vollendung des „Agathon“ schrieb Wieland +damals seine „Komischen Erzählungen“ (das Urtheil +des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und +Cephalus). 1768 erschien sein Gedicht „Musarion“, zwei +Jahre später „Idris und Zenide“; hierauf die erste Hälfte +des „Neuen Amadis“ und ein Theil des Gedichts: „die +Grazien.“ In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: +„der poetische Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, +daß er seine Mußestunden nicht besser auszufüllen wisse, +als mit Reimen.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-43" title="Seite 43"></a>Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland +beschäftigte, gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, +Alexander den Großen zum Helden eines epischen Gedichts +zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf eines Gedichts, +welches unter dem Titel „Psyche“ die reinste Blüthe +der wahren Philosophie und zugleich eine „kritische Naturgeschichte +unsrer Seele“ enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten +Vorwurf, in mehreren seiner Gedichte einen zu muthwilligen, +sarkastischen Ton angestimmt zu haben, suchte sich +Wieland zu rechtfertigen. „Ich gestehe“, schrieb er, „die +Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges +Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches +Talent; zum Glück aber hat mich die Natur mit +einem guten und redlichen Herzen begabt. Mein Menschenhaß +ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die Menschheit +und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen +der Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, +so geschieht's in der Regel freundlich und in der Absicht, +ihnen scherzend heilsame Wahrheiten zu sagen, die man zuweilen +geradezu nicht zu sagen pflegt.“</p> + +<p>Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland +den Platonismus in der Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, +mit allen Waffen des Witzes bekämpfte. Die Stimme der +öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz seiner Schriften, +weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so gefährlicher +sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch +seiner großen und seltenen Talente, und ging selbst so weit, +ihn als einen Dichter zu bezeichnen, der die Liebe von der +<a class="pgnum" id="page-44" title="Seite 44"></a>Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden scheine. Wieland's +„Agathon“ war in Zürich verboten worden. Für den „Don +Sylvio von Rosalva“ hatte er in Ulm einen Verleger suchen +müssen. Am härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden +Urtheile über Wielands „Komische Erzählungen.“</p> + +<p>Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung +seiner Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten +Meinung seiner Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst +so warm der Tugend und Religion das Wort geredet hatte, +schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem Dichter +schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten +Freunde, unter andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen +Gerüchten, die sich über Wielands sittlichen Wandel +verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. In einem +Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die +ihn getroffenen Beschuldigungen. „Ich war“, schrieb er, +„ehemals Enthusiast in Ansehung der Religion, der Metaphysik +und Moral, und ich war es ganz aufrichtig. So war +damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von hunderttausend +physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun +aber auch in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, +so bin ich doch nicht weniger ein Freund der Wahrheit, und +finde die Tugend nicht weniger liebenswürdig, wenn ich +gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele glaube, und +beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von +Gold und Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte +Speculationen sind nichts als Stelzen, auf denen die menschliche +Eitelkeit gern einherschreitet, angenehme Hirngespinste, +<a class="pgnum" id="page-45" title="Seite 45"></a>woran wollüstige Seelen sich ergötzen. Ich mußte entweder +meinen Platonismus reformiren, oder eine Einsiedelei in Tyrol +aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir einen Wahn +nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's Gleichgewicht. +Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei +meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet +habe. Für ein Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. +Man wird finden, daß mein Geist zwar zuweilen thöricht, +mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für einen +Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit +ist, daß ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen +mit zwei oder drei Damen stehe, die nicht ihrer +Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, Achtung verdienen, +und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge Personen +gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. +Alle meine Liebschaften — und ich habe deren seit meinem +siebzehnten Jahre wenigstens ein volles Dutzend gehabt, — haben +mir große Pein verursacht. Sie waren alle von der Art, +die man <span class="antiqua" lang="en">passions</span> nennt; alle meine Geliebten waren Göttinnen, +die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die platonische +Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich +mich nicht mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese +moralischen Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste +und strenge Personen verwundern, mich als den Verfasser +meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich zu beklagen; sie +können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit gehen, +deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von +meinem Charakter.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-46" title="Seite 46"></a>Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit +seiner Gefühle mußte sich Wieland trösten, als ihn der +grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit und Wollust ergeben +zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe verdächtig +geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im +schlimmsten Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen +neuen poetischen Werken der Sinnlichkeit das Wort zu reden +schien, war ein bloßes Spiel seiner Phantasie. Er dachte +sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten Schilderungen, +die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost und Erheitrung +gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der +Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl +seiner Lectüre. Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders +Sterne, waren seine Lieblingsschriftsteller.</p> + +<p>An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte +Wieland sich sehr glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß +nach, keine „Musarion“ war. In einem Raum +von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in der +Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung +für werth hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den +Plan entworfen, eine „philosophische Geschichte der Liebe“ zu +schreiben. Dieser Plan blieb unausgeführt; aber er bot ihm +den Stoff zu seinem Gedicht „Idris und Zenide,“ in welchem +er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe gegen +einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene +Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln +zu lassen. Im Wesentlichen unverändert kehrte die +Idee, die dem erwähnten Gedicht Wielands zu Grunde lag, +<a class="pgnum" id="page-47" title="Seite 47"></a>in seinem „Neuen Amadis“ wieder, mit dem er sich gleichzeitig +beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. +Den Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit +über die Heuchelei zu verherrlichen, war nach Wielands +eignen Worten die Aufgabe, die er sich bei seinem „Neuen +Amadis“ stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem +Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen +„Grazien.“ Nach seinen eignen Aeußerungen wollte er in +diesem Gedicht „den Uebergang des Menschen aus dem Naturstande +zur Stufe einer verfeinerten Bildung“ schildern.</p> + +<p>Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum +machten, erfuhr Niemand weniger, als Wieland selbst. +Aus den öffentlichen Kritiken, die oft parteiisch und befangen +waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen lernen. Es +lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit +dem Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit +brachte er in der Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem +Actentisch zu, ohne am Abend eine andere Gesellschaft +zu finden, als an einem Kartentisch oder in häuslichen Cirkeln, +wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich erweitern +konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich +in diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner +scheinbaren Verstimmung blickte oft ein unverwüstlicher Humor +hervor. „Wenn ich,“ schrieb er, „auch zuweilen schwermüthig +werde, und mit dem Strumpfband in der Hand mich +nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne +ich mich doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus +wird — ein überzeugender Beweis, daß ich noch etwas in +<a class="pgnum" id="page-48" title="Seite 48"></a>meinem Zustande finde, das der Versuchung, mich aufzuhängen, +wenigstens das Gleichgewicht hält.“</p> + +<p>Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung +geschrieben. Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch +seine Amtsverhältnisse, so bitter er sich auch oft darüber +beklagt hatte, in einem minder ungünstigen Lichte. In einem +seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, „sich die Sache +nicht so gar gräßlich vorzustellen.“ Ueber die Nachmittage, +äußerte Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte +gingen ihm leicht von der Hand. „Dafür bin ich +aber auch,“ fügte er hinzu, „einer der expeditivsten Leute +im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum +geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den +nächsten zwanzig Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch +keine Möglichkeit, eins zu bekommen. In Ermangelung dessen +habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch in einem +etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo +ich die angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, +so nahe es meinem Hause in der Stadt ist, doch völlig auf +dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer meine meisten +müssigen Stunden zu, <span class="antiqua" lang="la">solus cum sola,</span> oder ganz allein mit +den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit +zu Zeit einige im Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten +Einsiedler unversucht lassen würden. Ich rieche den +lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe schneiden +und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus +der Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern +liegen, daß ich leben soll, so lange und gut ich kann; auf +<a class="pgnum" id="page-49" title="Seite 49"></a>der andern Seite lockt mir ein durch Gebüsche halb verdeckter +Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb Dutzend +Schurken, die ich ganz trotzig <span class="antiqua" lang="fr">tète levée</span> herumgehen sehe, +daran hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne +Höfe, ein langes angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen +Bäumen hervorragenden Dorfe mit einem schönen +schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine +Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, +über der ich alles, was mir unangenehm seyn kann, +vergesse, und, mit diesem Prospect vor mir, sitze ich an einem +kleinen Tisch, und — reime.“</p> + +<p>Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, +konnte Wieland unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit +und unermüdete Berufstreue hatte er sich die Achtung und +das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine ökonomischen +Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich +der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu +vertauschen. Er wußte es daher anfangs seinen Freunden +wenig Dank, als sie ihm eine andere Stellung zu verschaffen +suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen Fähigkeiten und +Neigungen mehr harmonirte.</p> + +<p>Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er +nicht abgeneigt wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, +hatte in dem Churmainzischen Minister v. Großschlag, der +ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee geweckt, ihn +nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, +ob er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden +mit seinen bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, +<a class="pgnum" id="page-50" title="Seite 50"></a>Eltern und Schwiegereltern an seine Vaterstadt +Biberach. Er fürchtete außerdem von seiner neuen Lage +manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste, +was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte +Wieland, werde sich für ihn um so weniger schicken, da er +„die Ehre habe, <span class="antiqua" lang="la">Comes Palatii Caesarei</span> zu seyn, und vermöge +seines Diploms selbst fähig sei, Meister der freien Künste zu +creiren.“ Manche dieser Hindernisse räumte Wielands Freund, +der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich +bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war +die Vorstellung, daß er dort die ersehnte Muße zu literarischen +Arbeiten zu erlangen hoffte. Das Schreiben, in welchem +ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter +eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem +Gehalt von 600 Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt +zugleich die schmeichelhafte Aeußerung, daß sein Name das +Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu ziehen. Man +sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, „schon zufrieden, +wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes +thun, als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle.“ Diese +Aussicht einer unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte +so viel Lockendes für Wieland, daß er sich entschloß, den +Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der Magisterpromotion +sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin erwähnt, +dagegen einzuwenden gehabt hatte.</p> + +<p>In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten +ihn mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in +Erfurt zu realisiren hoffte. Er wollte unter andern „Briefe +<a class="pgnum" id="page-51" title="Seite 51"></a>über die Literatur“ schreiben, und sie „in kleinen Bändchen +in die Welt fliegen lassen.“ Die Muße, welche ihm seine +Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision +seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt +werden sollten. Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde +Bodmer, der sogar Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, +folgte Wieland, der schönen Vergangenheit sich dankbar erinnernd, +nur den Eingebungen seines Herzens, als er jene +Sammlung „seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem +Herrn Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer“ +mit einer für beide sehr schmeichelhaften Dedication +widmete.</p> + +<p>Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch +Hitze, Staub und andere Unannehmlichkeiten der Reise so +gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen Aeußerungen nach, +„einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen Theil +ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen.“ Das Schicksal +hatte ihn wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine +philosophischen Studien begonnen, doch damals durchaus +keine Neigung zu einem akademischen Lehramt in sich verspürt +hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt +Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen +Theorie der Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten +<span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Bahrdt u.A. Keiner von diesen talentvollen Köpfen +hatte damals schon einen so festbegründeten literarischen +Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner Collegen schon +deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich +verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. +<a class="pgnum" id="page-52" title="Seite 52"></a>Neue Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland +nach einem halben Jahre auch zum außerordentlichen +Beisitzer des <span class="antiqua" lang="la">Collegii academici</span> ernannt ward.</p> + +<p>Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte +Wieland seinen Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter +Hochschule kam er in wenige Berührung. Den Freuden +des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für ihn +gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm +nicht schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung +im Gasthofe zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. +Dies Asyl befriedigte in jeder Hinsicht seine mäßigen +Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie, sich +selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es +seine Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt +eröffnete er mit Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, +nach einem bekannten Werke von Iselin über diesen Gegenstand. +Späterhin hielt er Vorlesungen über die Geschichte +der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen +Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und +die Briefe des Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische +Uebersicht der besten griechischen, lateinischen, italienischen, +französischen und englischen Schriftsteller.</p> + +<p>Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. +In einem Briefe an seine Freundin Sophie +la Roche gestand er, daß er „das Vergnügen, mit seinen +kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt vorziehe.“ +Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt +für ihn „sehr wesentliche Gottheiten“ wären. Bei +<a class="pgnum" id="page-53" title="Seite 53"></a>Uebersendung des unter diesem Namen von ihm verfaßten +Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb Wieland: +„Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben +meinen Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch +öfter Zufriedenheit mit meinem Zustande; kurz, sie sind +meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen bis zum letzten +Lebensaugenblicke dienen.“</p> + +<p>Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der +„Diogenes von Sinope“ seyn, dessen „Dialogen“ Wieland +noch während des Sommers 1770 herausgegeben hatte. Auch +ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling, mußte schon +für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann +wohl hätte seyn<i> können</i>, über den so seltsame und widersprechende +Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland +weniger Cynismus und mehr ächte Lebensweisheit, als man +ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das kleine Werk, +in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische +Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch +eine Basis von Sokratischer Philosophie.</p> + +<p>In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche +gestand Wieland, daß er über manche Dinge, die sich auf +den moralischen Theil der menschlichen Natur bezögen, nicht +mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, die +Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem +einzigen Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. „Vielleicht +habe ich Unrecht,“ schrieb er; „sollte ich aber Recht +haben, so spotte ich doch nicht über ihre Denkart. Ich halte +vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der Ansichten der +<a class="pgnum" id="page-54" title="Seite 54"></a>Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß +ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den +Temperamenten, und in allem macht, was damit in Beziehung +steht; und wofern die öffentliche Ruhe und das allgemeine +Wohl nicht darunter leidet, behaupte ich, es müsse +erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern +als sehr profan erscheint; daß der Eine mit<i> dem</i> sein Spiel +treibe, was der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w.<ins>“</ins></p> + +<p>So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, +wofür er gelten wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl +gelten konnte, von den Fesseln zu befreien, die den Flug +seines Geistes hemmten, und sich zugleich über den in seinen +Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die öffentliche +Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie +für nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber +mit den Worten: „Man glaubt hier, die Geistesschwere, +gewöhnlich Gravität genannt, sei eine wesentliche Eigenschaft +eines akademischen Lehrers, und man kann oder will nicht +sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für Menschen +von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben +darf.“</p> + +<p>Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch +seinen Beruf als Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen +zu müssen. Der Entwurf, eine „Geschichte des +menschlichen Geistes“ zu schreiben, die er dem Churfürsten +von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber +Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen +<a class="pgnum" id="page-55" title="Seite 55"></a>alle Werke Wielands, die in den Jahren 1770–1772 entstanden. +Das Studium der Natur des Menschen ward +sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: „Was +ist Wahrheit?“ und „Welchen Zweck hat die Philosophie?“ +hatte er sich zwei wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch +einzubilden, daß er mit den kurzen Antworten, die er darauf +gab, seinen Gegenstand erschöpft habe. Seinen „Betrachtungen +über Rousseau's ursp<ins>r</ins>ünglichen Zustand des Menschen,“ +fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen +Aufsatz bei: „Ueber die Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung +der menschlichen Gattung nachtheilig sei.“ Den +Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und +der Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland +durch Beispiele noch anschaulicher machen. Zu diesem Behuf +schrieb er außer einem Roman, „Koxkox oder Kikequetzel“ +betitelt, die „Reisen und Bekenntnisse des Priesters Abulfauaris.“</p> + +<p>Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals +auf einen Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln +zerbrechen zu wollen schien, welche bisher die Geistesfreiheit +gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph II. waren +zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den +öster<ins>r</ins>eichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt +des Mönchthums in mehrfacher Weise beschränkt worden. +Damals (1773) schrieb Wieland seinen Roman: „der +goldene Spiegel“, den er dem als dramatischen Dichter nicht +unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. +In einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin +<a class="pgnum" id="page-56" title="Seite 56"></a>Sophie la Roche äußerte Wieland, daß er in seinem +Roman mit einer nicht gewöhnlichen Unerschrockenheit den +Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der ihnen +wahrlich nicht schmeichle. „Seyn Sie aber deshalb ohne +Furcht“, schrieb er. „Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, +noch feurigen Ofen. Hab' ich auch nicht die +Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister mich um +meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, +daß sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene +darüber zu machen.“</p> + +<p>Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten +Fleiß hätte Wieland während seines dreijährigen +Aufenthalts in Erfurt so viel als Schriftsteller nicht leisten +können, wie er wirklich leistete. Ueberdies ward er oft unterbrochen +in seinen literarischen Beschäftigungen theils durch +Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug, +theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, +wie der Flor der Universität zu befördern seyn möchte. Unter +diesen mannigfachen Geschäften war er nicht der Sorge +überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu können. +Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so +zahlreich sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. +Auch ohne innern Trieb hätte er zur Feder greifen müssen. +Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht von der Gnade +seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen Aeußerungen, +eine Verbesserung seiner Lage.</p> + +<p>Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten +für eine größere Reise, die weder seine beschränkte Zeit, +<a class="pgnum" id="page-57" title="Seite 57"></a>noch seine pecuniären Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst +in Weimar Lessings „Emilie Galotti“ in die Hände fiel, +begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob überströmenden +Briefe an Lessing. „Es war,“ äußerte Wieland, +„das erste Schreiben, das ich an diesen großen Mann +richtete.“ Literärische Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, +und zu Verfolgung schriftstellerischer Zwecke einen +Briefwechsel zu unterhalten, fühlte Wieland kein Bedürfniß. +Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder aufgeben +müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der +Kreis von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel +stand, war daher sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, +meistens nur an solche, die sich zuerst an ihn gewendet +hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war er mit +Gleim und Jacobi getreten. „Beide,“ schrieb Wieland an +Sophie la Roche, „gehören zu der kleinen Zahl der schönen +Geister, die eine zu schöne Seele haben, um des Neides und +der Eifersucht fähig zu seyn, und Sie wissen, daß solche zu +den weißen Raben gehören.“ Zu dem Dichter Jacobi fühlte +sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen. +Er pflegte ihn seinen<i> eigenen</i> Dichter zu nennen, +und freute sich herzlich über seines Freundes Streben, in der +Poesie das Ideal von Vollkommenheit zu erreichen, das vor +seiner Seele schwebte.</p> + +<p>In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März +1771 in Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen +Besuch machte, hat sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren +und seiner Persönlichkeit in jener Periode seines Lebens +<a class="pgnum" id="page-58" title="Seite 58"></a>erhalten. „Beim ersten Anblick,“ schrieb Jacobi, „schien mir +seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen sind +klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, +womit seine Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht +genug hervorstechen, um sich gehörig auszeichnen zu können. +Nichts desto weniger drückt sich in seiner ganzen Gebehrde +das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner Empfindungsart +auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise +aus. Wenn er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, +doch auf eine fast unmerkliche Weise, in Bewegung; +seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen werden heller +und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt +er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, +oder seinem Freunde die Hand gedrückt hat. +Dieser Ausdruck in Wielands Person ist so fein, daß er den +Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon mehr +als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland +geht schnell von einem Vorwurf zum andern über, weil er +in einem Nu eine Reihe von Gedanken oder eine Situation +durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde es Zeitverderbniß +seyn, wenn er länger dabei verweilte.“ Zu den +Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, „Wielands Charakter +eben so liebens- und verehrungswürdig machten, als +sein Genie,“ rechnete Jacobi „die natürliche, schöne und +männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die unzerstörtere Güte +seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid und +Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und +<a class="pgnum" id="page-59" title="Seite 59"></a>Schönen; seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche +Aufrichtigkeit.“</p> + +<p>So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward +keine von den Bekanntschaften, welche Wieland während eines +damaligen Aufenthalts in Leipzig anknüpfte, wohin er +auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an die er sich +näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts +Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber +zu nicht geringem Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt +sich bemühte, den gefeierten Dichter durch matte Lobgesänge +zu verherrlichen. „Es war,“ schrieb Wieland, „ein entsetzliches +Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul.“ Weiße's +liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, +meinte Wieland, mit denen er sein Leben zubringen möchte. +In Garve verehrte er den Philosophen und scharfsinnigen +Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit Clodius, +der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr +interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse +Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der +Winklerschen Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem +seiner damaligen Briefe gestand Wieland: „Unter allen Männern, +deren Bekanntschaft ich in Leipzig gemacht, ist Oeser +der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden habe, +eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit +von außen, die sich an dem wahren Genie findet.“</p> + +<p>Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein +Ausflug nach Weimar. Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft +mit dem Grafen v. Görz hatte er das Glück, der verwittweten +<a class="pgnum" id="page-60" title="Seite 60"></a>Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt +zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung, +verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm +voranging, machten den günstigsten Eindruck auf jene, den +Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin Amalia übertrug +ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen +Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland +Aussichten gehabt, nach Wien gerufen zu werden. Seine +Hoffnung gründete sich auf das ziemlich allgemein verbreitete +Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten Geister +der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs +zu vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab +Wieland auch da noch nicht ganz auf, als er bereits die +Stelle eines Instructors des Erbprinzen von Sachsen-Weimar +angenommen hatte. „Ich stehe nun,“ schrieb er, „in meinem +vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas +für mich thun will, so ist's hohe Zeit; <span class="antiqua" lang="fr">en attendant,</span> und +weil ich dieser Humoristin nicht sonderlich traue, bemühe ich +mich, <span class="antiqua" lang="la">ne ipse desim mihi.“</span></p> + +<p>Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe +stand, überhoben ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, +oder eigentlicher gesagt, für seine Familie. Ihre Lage +war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch die lebenslängliche +Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden +war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen +seyn würde. Bis zu diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September +1775 herannahte, bezog er einen Jahrgehalt von +1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige +<a class="pgnum" id="page-61" title="Seite 61"></a>Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher +sah er jedoch einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, +mit dem er sich schon während seines Aufenthalts in der +Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte.</p> + +<p>Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, +keinen Geschmack abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es +ihm anlegte, seinem eignen Geständniß nach, nichts weniger +als drückend waren. Etwas Erfreuliches hatte für ihn aber +doch die Nähe einer durch Geist und Herz ausgezeichneten +Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für alles +Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten +Sinne des Worts, empfänglich machte. Darum versammelte +sie gern einen Kreis feingebildeter Männer und Frauen um +sich, und jedes Talent konnte sich in ihrer Nähe um so freier +entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den Hauptzügen +ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine +Liebe und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, +den Erbprinzen Carl August, der durch treffliche Anlagen +und liebenswürdige Eigenschaften zu den schönsten Hoffnungen +berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band +wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das +Interesse für das Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen +Zögling zu wecken und zu nähren, war die Hauptaufgabe, +die sich Wieland bei seinem Unterricht stellte. Ein +Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen +durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, +„die Wahl des Herkules“ betitelt, feierte.</p> + +<p>Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward +<a class="pgnum" id="page-62" title="Seite 62"></a>genährt durch die Seylersche Schauspielergesellschaft, deren +Mitglieder, zu denen der berühmte Eckhof gehörte, damals +Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich noch keine stehende +Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen +Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte +Wieland eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen +Producten auch nicht geradezu allen Werth absprach. Eine +größere Wirkung hoffte er von der bisher gänzlich vernachlässigten +ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn dieser +Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, +seit er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders +dessen „Elysium“ gelesen hatte.</p> + +<p>Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes +Singspiel „Aurora“ fand, als es, von Schweizer componirt, +aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu einem größern musikalisch-dramatischen +Versuche. So entstand Wielands Oper +„Alceste,“ die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt +ward. Gleichzeitig schrieb er seinen „Versuch über das Singspiel.“ +Wielands Freude über die günstige Aufnahme seiner +„Alceste“ ward vermehrt, als der berühmte Gluck ihn aufforderte, +für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben.</p> + +<p>Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie +durch ein literarisches Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte +fast übermäßig in Anspruch zu nehmen drohte. Der sehr +beliebte <span class="antiqua" lang="fr">Mercure de France</span> gab ihm die Idee zur Herausgabe +einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: „Der +deutsche Merkur“ erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem +Journal eine weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, +<a class="pgnum" id="page-63" title="Seite 63"></a>und versprach sich selbst davon für die Zukunft +eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach seinem +Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in +Prosa von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten +der neuesten Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, +Politik und schönen Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden +Recensionen sollten besonders auch dazu dienen, +parteiische und unbillige Urtheile über die vorzüglichsten +Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe +des „deutschen Merkur,“ stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene +Hindernisse. „Ohne die Beihülfe unserer besten +Schriftsteller vermag ich nichts,“ gestand er in einem seiner +Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er für sein Journal zu +gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser +u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um +ihm eine ununterbrochene Theilnahme am „deutschen Merkur“ +zusichern zu können. Andere Schriftsteller, die ihm +nützlich werden konnten, kannte er zu wenig; von mehreren +wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie behaupteten. +Unter seinen nähern Freunden und Bekannten +mußte er sich die Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches +ihm übrigens, da er nicht blos die Herausgabe, sondern +auch den Verlag übernommen hatte, bald durch eine ausgebreitete +Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit +Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß +bereitete. Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: +„er sei des Merkurs schon satt, noch ehe er begonnen.“ Von +den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm durchaus +<a class="pgnum" id="page-64" title="Seite 64"></a>an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige Legationsrath +und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, +welche damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, +und ihm mit Rath und That hülfreich zur Seite stand.</p> + +<p>Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der +Abonnenten bald nach der Ankündigung des „deutschen Merkur.“ +Eine Auflage von 2000 Exemplaren war in kurzer +Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des ersten +Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und +Jacobi hatte kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen +Beitrag geliefert. Gotter, Bürger, Möser u.A. hatten sich +anonym unterzeichnet. Es war aber weniger der Mangel +an berühmten Namen, als die im „deutschen Merkur“ enthaltene +Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene +Zeitschrift warf, die so vielversprechend angekündigt worden +war. Auf eine leidenschaftliche Gegenwirkung mußte Wieland +gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen Kunstrichter +aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er +durch seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben +und selbst mit denen zerfallen würde, die er für seine +treusten Freunde hielt.</p> + +<p>In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe +seiner Kritik mit den Halberstädter Dichtern, mit Gleim, +Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger poetische Blumenlese, +zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er mit einer +Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl, +als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren +Bürger, Hölty, Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. +<a class="pgnum" id="page-65" title="Seite 65"></a>junge talentvolle Männer, die dem Göttinger Dichterbunde, +der sich damals gebildet, angehörten. Völlig verscherzte +Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch +die Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den +die Göttinger Dichter damals in einer Uebersetzung griechischer +Chöre der alten Tragiker angestimmt hatten. Durch solche +Bestrebungen meinte Wieland, werde die deutsche Poesie bald +allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, Regelmäßigkeit, +Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger +Dichter bemerkte er: „Sie scheinen sich vorgenommen +zu haben, den Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen +müsse, durch ihr Beispiel zu rechtfertigen; aber die poetische +Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar zu nahe an diejenige +grenzen, die in die dunkle Stube führt.“ Durch solche +Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, +der zugleich den von den Göttingern hochverehrten Sänger +der Messiade traf, hatte Wieland jene jungen Männer so +gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. Juli 1773 Klopstocks +Geburtstag feierte, Wielands „Komische Erzählungen“ +den Flammen opferten.</p> + +<p>Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern +Wege, als die Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, +bei der ihnen Shakspeare als Muster galt, war Wieland durch +eine Recension des „Götz von Berlichingen“ zerfallen, die, +wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, doch einen Platz +im „deutschen Merkur“ gefunden hatte. Das gespannte Verhältniß, +in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der +sein ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher +<a class="pgnum" id="page-66" title="Seite 66"></a>durch die „Leiden Werthers“, das Trauerspiel „Clavigo“ +u.a. Schriften bewährte, ward noch gesteigert durch die +von Wieland im deutschen Merkur erschienenen „Briefe über +das Singspiel Alceste.“ Den Verfasser dieser Briefe wählte +Goethe zum Gegenstande seiner aristophanischen Laune in +der damals von ihm gedichteten Posse: „Götter, Helden +und Wieland.“ Statt dadurch gereizt, sich zu der Parthei +der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche und +sittenverderbliche Tendenz der „Leiden Werthers“ hervorzuheben +suchten, empfahl Wieland im „deutschen Merkur“ die +gegen ihn gerichtete Schrift „allen Liebhabern der pasquinischen +Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem +Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten +sorgfältig<i> den</i> auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand +schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig +darüber mache, daß das Ding so schief sei.“ Dabei ließ +Wieland es nicht bewenden. Auch eine früher versprochene +Vertheidigung des „Götz von Berlichingen“ hielt er nicht +zurück und ließ sie bald nachher im „deutschen Merkur“ +drucken.</p> + +<p>In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch +eine sehr ausführliche Beurtheilung des eben genannten +Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland sich gleich. Hinsichtlich +der „Leiden Werthers“ vertheidigte er in seiner Kritik +den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, +dem Selbstmord das Wort geredet zu haben. Wieland +nannte jenen Roman „das Gemälde eines innern Seelenkampfes, +wie ihn nur<i> der</i> entwerfen könne, der den Schöpfer +<a class="pgnum" id="page-67" title="Seite 67"></a>des Hamlet und des Othello studirt habe.“ So hatte sich +Wieland wieder ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner +gefährlichsten Gegner zu werden drohte. Aber auch den Angriffen +derer, die die Klopstockische Bardenpoesie priesen, +setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten +heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen +Gegnern gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten.</p> + +<p>Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, +mit Gleim und Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, +als Gleim zur Versöhnung die Hand bot. Er benutzte +dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte Freundschaftsverhältniß +völlig wieder hergestellt ward. Auch mit +einem Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. +Er versöhnte sich aber mit ihm, als er Heinses Roman +„Laidion“ gelesen, und ganz bezaubert worden war von +„dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer“, wie er jenes +Werk nannte.</p> + +<p>Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch +des Theaters, hatte Wieland einstweilen verzichten müssen. +Durch den Brand des Weimarischen Schlosses am 6. Mai +1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu ihren +Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit +dem Schlusse des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, +welchem sich Wieland bisher gewidmet, gänzlich +aufgehört. Der Erbp<ins>r</ins>inz Carl August und sein Bruder Constantin +hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des +Majors v. Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland +angetreten, und sich auch nach Frankreich begeben. Seit +<a class="pgnum" id="page-68" title="Seite 68"></a>Wieland nicht mehr Instructor war, hatten sich seine Sorgen +vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß mußte er +an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis, +zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch +seine Mutter vergrößert worden, die bereits 1772, bald nach +ihres Gatten Tode, zu Wieland nach Weimar gezogen war. +Der mäßige Absatz des „deutschen Merkur“ nöthigte ihm in +einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum +im Stande sei, die Unkosten jenes Journals zu decken.</p> + +<p>Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche +Kränkung seines Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn +fehlte es ihm nicht. Ein satyrisches Drama, „Prometheus, +Deukalion und seine Recensenten“ betitelt, und +von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich +allgemein für ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, +wo Wieland von dem genannten Dichter einige Zeilen erhalten +hatte, die auf ein freundliches Verhältniß hinzudeuten +schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, +und Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem +Unmuth für das Loos, das ihm zu Theil geworden sei, so +wenig er es verdient zu haben glaubte. „Nie hab' ich,“ +schrieb er an Sophie la Roche, „mehr Liebe für einen Menschen +gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. +Seine Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will +nicht mein Freund seyn. Er will die Freude haben, vor der +Welt sein Spiel mit mir zu treiben, und in die Art, wie +er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen verzeihlich +macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' +<a class="pgnum" id="page-69" title="Seite 69"></a>ich mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten +geliebt und geschätzt zu werden?“</p> + +<p>So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's +damaligen Briefen. Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, +der ihm unter allen seinen Freund fast noch allein geblieben +war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein zweitägiges +Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch +rege, künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche +Pläne wurden in dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. +Gleim's Bemühungen, ihm eine Stelle in Berlin +zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die Gründe, +weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt +ein bald nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief +an Gleim. Darin hieß es unter andern: „Wahrscheinlich +wird Carl August mir nie Ursache geben, mich von ihm zu +entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer +Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen +paßte, so würde es doch in der Ausführung unendliche +Schwierigkeiten haben. Anderswo, als in Weimar zu leben, +würde mich doch blos die Noth zwingen können, irgend ein +öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die Versetzung +in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies +für meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. +<span class="antiqua" lang="fr">Pain cuit et liberté</span> wird ewig mein Wahlspruch bleiben. +Lieber mit sechshundert Thalern in dem kleinen Dörfchen, +wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem +Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend +Thalern, als Sie wollen. Carl August ist mir gewogen +<a class="pgnum" id="page-70" title="Seite 70"></a>und seine Mutter auch. In Hofintriguen und Staatssachen +werde ich mich nie mischen, und mich so viel als möglich in +meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also +wenig oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden +und Unschuld dahinleben, so lange es Gott gefällt. Aendern +sich einmal die Umstände, so wollen wir, um Ruhe zu bekommen, +uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle +setzen, sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, +gerade so ein kleines suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, +wie es einem Danischmende nützt und frommt — so weit von +Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In einer +kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer +kleinen Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und +Horaz, wie ich bin, wohlfeiler glücklich seyn.“</p> + +<p>So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt +seines bisherigen Zöglings Carl August und +dessen Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt +manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage +eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen +die Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche +Lebensgefährtin gewesen war. „Ich habe,“ schrieb er, „schon +meine Parthie genommen. Die Hofluft ist mir immer zuwider +gewesen, und je seltner ich künftig genöthigt seyn werde, +sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn.“ Diesem +Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen +Briefe an Sophie la Roche äußerte er: „Die bevorstehenden +Auftritte, so unbedeutend sie für die übrige Welt sind oder +scheinen, sind für uns Weimaraner doch von so großer Wichtigkeit, +<a class="pgnum" id="page-71" title="Seite 71"></a>daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge +schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen +nennt sich Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, +mit allem zufrieden ist, und übrigens voll guter Hoffnungen.“</p> + +<p>Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im +Stillen gehegt, ward erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft +Goethe's, den der junge Herzog auf seiner Reise in +Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn +aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu +treten. Wenige Monate, nachdem Carl August die Regierung +übernommen und seine Vermählung gefeiert hatte, traf +Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit Begeisterung +verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde +Jacobi. Neid und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich +fremd. Den jungen Autor, der ihn durch seine Satyre gekränkt, +bald als Liebling und Vertrauten eines Fürsten zu +sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine unangenehme +Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen +Aeußerung als „das größte Genie und als der beste, +liebenswürdigste Mensch, den er bisher gekannt.“</p> + +<p>Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. +Die Belege dafür findet man in mehrern seiner damaligen +Briefe. Er war in der frohesten Stimmung, die auch wohl +darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß in seinen +bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung +eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm +der Genuß seines bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit +zugesichert worden. Die Gemahlin seines Fürsten gab ihm +<a class="pgnum" id="page-72" title="Seite 72"></a>unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die Herzogin +Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch, +unbekümmert um das Treiben der Welt, sich +selbst und seinen Studien zu leben, sah Wieland erfüllt. +„In seinem Schneckenhäuschen, wohin er,“ wie er einem +Freunde meldete, „sich zurückgezogen,“ kam er nur mit Wenigen +in Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche +Bekanntschaft Herders, der als Generalsuperintendent +nach Weimar berufen worden war. Den Eindruck, den Herder +auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 geschriebener +Brief Wielands. „Meine ganze Seele,“ schrieb er, +„ist voll von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu +groß, zu herrlich. Ich fühle, wie wenig ich ihm seyn kann. +Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist, und ihn lieben, +mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann ich. +Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden, +allumfassenden, mächtigen Genius!“</p> + +<p>Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland +nicht gleichgültig gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich +war es Gleim, dem er alle seine Freuden und Leiden +mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines Familienkreises +führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland +erst in Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der +Stadt gelegenen Garten gekauft hatte. Dort, in ländlicher +Einsamkeit, konnte er ungestört die Schönheiten der Natur +genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. Seine +ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere +Wendung bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem +<a class="pgnum" id="page-73" title="Seite 73"></a>er eine Schilderung seiner „neuen Domaine“ entwarf, bemerkte +er: „Sie müssen sich nichts Vornehmes, noch Kostbares +vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so +ein Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton +kaufen will, ein Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn +ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen hat; Bäume genug, +um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen +sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume +zu blühen angefangen haben, bin ich nun den ganzen +lieben Tag draußen, und habe es schon so weit gebracht, +daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt, nirgends +wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus +zu gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, +im Angesicht meiner eignen kleinen Pflanzungen, zu +leben und zu wallen, und den unendlichen Erdgeist einzuziehen, +mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und Verwandtschaft +fühle.“</p> + +<p>In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete +Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit +Anfang des Sommers in einem großen Hause vor der Stadt +wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch mit +allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten +Freiheit und Ruhe. „Dort,“ schrieb er, „leb' ich +fast ganz allein mit mir selbst und den Meinigen; und wenn +mir, um ganz glücklich zu seyn, noch etwas abgeht, so ist's, +daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen darf, als +ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich +einen Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert +<a class="pgnum" id="page-74" title="Seite 74"></a>Schritte davon liegt ein größerer Garten, den ich vor anderthalb +Jahren gekauft habe, und worin ich dieser schönen herbstlichen +Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz unvermuthet +schenkt.“</p> + +<p>In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich +unbekannt mit den abentheuerlichen und großenteils übertriebnen +Gerüchten, die sich damals über Weimar und das +dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene Freundschaftsverhältniß +zwischen einem geistreichen Fürsten und +einem genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, +und war gewissermaßen das Signal geworden für alle Kraft- und +Dranggenie's, nach Weimar zu wallfahrten. Die wunderlichsten +Mährchen verbreiteten sich über Goethe und dessen +Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach +Weimar gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: +„er mache alle Tage regelmäßig seinen dummen Streich, und +wundere sich dann darüber, wie eine Gans, wenn sie ein +Ei gelegt habe.“ Selbst von Herder ward gefabelt, er predige +in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und +reite unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus.</p> + +<p>Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das +Gerücht schuld gab, rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe +vom 7. Februar 1776 mit den Worten: „Ich höre, daß gewisse +Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine und Goethe's +Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern +auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit +in das, was hier geschieht und nicht geschieht, einmischen, +und mich zu einem, ich weiß nicht ob Actuar oder Soufleur +<a class="pgnum" id="page-75" title="Seite 75"></a>oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie machen, da ich doch, +Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer +bin — bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, +wenn gut gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, +oder ein paar <span class="antiqua" lang="fr">sacres bleus</span> zwischen den Zähnen murmelnd, +wenn es dumm geht.“</p> + +<p>Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend +für Wielands geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen +„Unterredungen mit einem Pfarrer“ eine Apologie seiner frühern +Schriften niedergelegt hatte. Manche Pläne entwarf er +damals, seinen „deutschen Merkur“ gemeinnütziger zu machen. +Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, +als wenn man „mehr Urtheile über Bücher und andere +Dinge“ hinein brächte. „Den Leuten,“ schrieb Wieland, +„liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie über alles +Vorkommende denken und sagen sollen.“ Seltener waren +allmälig die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, +Jacobi u.A. vor dem Jahre 1776 sein Journal, dessen +Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, unterstützt hatten. Es +enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und fast alle +seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem „deutschen +Merkur“ mit.</p> + +<p>Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur +der Griechen und Römer entzog ihn nicht philosophischen +und historischen Studien im weitesten Umfange des +Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse für +alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen +in seiner Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem +<a class="pgnum" id="page-76" title="Seite 76"></a>Auge. Er machte sich mit den neuern Reisebeschreibungen +und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. Sein reger +Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften +und Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er +reichhaltige Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für +den „deutschen Merkur.“ Die meisten jener Aufsätze charakterisirte +das Streben, Aufklärung zu verbreiten zu einer Zeit, +wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in Wien, +der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. +dem Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man +sich des Unglaubens auf der einen Seite, und des Aberglaubens +auf der andern beschuldigte. Behutsam aber glaubte +Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu verkennen +war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse +Gegenstände schrieb.</p> + +<p>Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen +ward er der Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines +Lebens fallen die poetischen Erzählungen: „Gandelin“ oder +„Liebe um Liebe“; das „Winter- und Sommermährchen“; +„Pervonte“; der „Vogelfang“ oder „die drei Lehren“, „Han<ins>n</ins> +und Gulpenheh“ u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden +zur romantischen Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen +war er überzeugt, daß sich „dem Mährchen ein höherer +Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung kleiner +und großer Kinder.“ Bei den meisten der vorhin erwähnten +Gedichte hatte Wieland französische Quellen benutzt, die <span class="antiqua" lang="fr">Fabliaux</span> +von <span class="antiqua" lang="fr">Chretien de Troyes,</span> die <span class="antiqua" lang="fr">Lays de l'Oiselet</span> u.a.m. +Aus einer altfranzösischen Sage, <span class="antiqua" lang="fr">Huon de Bordeaux</span> +<a class="pgnum" id="page-77" title="Seite 77"></a>betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu seinem „Oberon“, +durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete.</p> + +<p>Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der +Composition seines Epos hielt Wieland, nach seinem eignen +Geständniß, „die Art und Weise, wie die Geschichte von +Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der Geschichte +Hüons und Rezia's eingewebt worden sei.“ Er schrieb darüber +einem Freunde: „Oberon ist nicht nur aus zwei, +sondern, wenn man es genau nehmen will, aus drei Haupthandlungen +zusammengesetzt, nämlich aus dem Abentheuer, +welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen, +der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, +und der Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber +diese drei Handlungen oder Fabeln sind dergestalt in Einen +Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne die andern bestehen, +oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne +Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich +haben ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, +und ohne die Hoffnung, welche Oberon auf die Treue und +Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als Werkzeuge seiner +eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde dieser +Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen +Antheil an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf +wechselseitige Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres +verschiedenen Interesses entsteht eine Art von Einheit, die +meines Erachtens das Verdienst der Neuheit hat, und deren +gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme an +<a class="pgnum" id="page-78" title="Seite 78"></a>den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß +sie ihm irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte.“</p> + +<p>In seinem „Oberon“, der sich dadurch von Wielands +bisherigen Gedichten unterschied, daß durchaus keine Spur +von satyrischer Tendenz darin zu entdecken war, hatte er +alle Elemente des Romantischen zu vereinigen gesucht, +Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. +„Es scheint“, schrieb er, „einer der feinsten Kunstgriffe in +Gedichten romantischer Gattung, daß man die Genien und +Feen als Wesen einer höhern Ordnung und Bürger einer +andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis und Geschichte +für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und +Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten +durch eine noch höhere und geheimere Ordnung der Dinge, +die man wohl Schicksal nennt, in die übrigen eingeflochten, +und wir, ohne zu wissen, wie und warum, Werkzeuge abgeben, +wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist.“</p> + +<p>Wieland war noch beschäftigt mit seinem „Oberon“, als +das Studium der Alten, an dem er noch immer mit Liebe +hing, in ihm die Idee weckte, seinen Lieblingsdichter Horaz +zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als er den +„Oberon“ vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in +seiner Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren +des römischen Dichters. Es war ihm mehr darum zu +thun, den Geist seines Originals wiederzugeben, als sich +streng an die Form zu halten und die Treue seiner Uebersetzung +bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier +und den Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, +<a class="pgnum" id="page-79" title="Seite 79"></a>statt des Hexameters, den jambischen Vers, den er für geeigneter +hielt, die Leichtigkeit und Gewandtheit der Conversationssprache +wiederzugeben. Auch bei seiner Uebersetzung +des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er +mit gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald +kürzer, bald weitläufiger ward als der des Originals. Einen +bleibenden Werth verlieh er seinen Uebersetzungen, durch die +denselben beigefügten Einleitungen und Erläuterungen, die +von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die Uebersetzung +des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren +oft mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine +Art von Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte +scherzend, daß er während jener literarischen Arbeit sich oft +dem Glauben an eine Seelenwanderung überlassen habe.</p> + +<p>Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in +seinen großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten +„Gesprächen in Elysium“ und in seinen „Göttergesprächen.“ +Früher, als diese Schrift, entstand ein Werk, das durch +seinen Inhalt große Sensation erregte. Die erste Idee zu seiner +„Geschichte der Abderiten“ gaben ihm vermuthlich Erinnerungen +an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach +und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen +Regierung in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger +und behutsamer in seinen Schriften und Aufsätzen über +politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß zum +Weimari<del>ri</del>schen +Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu +nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, +daß Wieland in den für den „deutschen Merkur“ bestimmten +<a class="pgnum" id="page-80" title="Seite 80"></a>Bruchstücken des Romans „Alwill“ mehrere Stellen strich, +besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb darüber an +Jacobi: „Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und +meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's +drucken lassen sollte.“ Bescheidenheit hielt Wieland für eine +unerläßliche Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich +über Staatsangelegenheiten sprechen, und über Maßregeln, +von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhängig +sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die +Wünsche des Volks und die Meinung verständiger und +unparteiischer Männer zu vernehmen, müsse den Fürsten immer +willkommen seyn, so lange sie noch keine entschiedene +Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der unglückliche +Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten +und ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr +helfen, wohl aber schaden. Wiederholt warnte Wieland vor +dem Mißbrauch der Presse. Aber eine Reform in den politischen +Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. Eine kühnere +Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, +führte Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.</p> + +<p>„Wenn man“, äußerte er darin, „mit der Religion und +der Priesterschaft fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die +Reihe an Untersuchungen kommen, die unsern weltlichen +Gewalthabern nicht behagen dürften, so gleichgültig auch +das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag. +Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher +Macht thut ihr dies und das? Von wem habt ihr diese +Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon +<a class="pgnum" id="page-81" title="Seite 81"></a>zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer +und Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte — wie +uns unsre Philosophen von allen Dächern herabpredigen — auf +einen bloßen Vertrag zwischen uns und euch gründen; +wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und +euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch +haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, +die wir alle Tage zurücknehmen können, sobald wir +uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: wie +könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in +der wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch +eine willkührliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, +unser Eigenthum und unser Leben einräumen werden? +Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen, +ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch +Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie +zu unserm Nutzen anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an +die Schlachtbank führen, oder uns der Gefahr aussetzen lassen, +unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen angezündet +und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen, +wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, +ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern +habt, oder nicht.“</p> + +<p>Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald +nach Friedrichs II. Tode (1786) und noch mehr durch die +spätern politischen Ereignisse sich bewährten. Die Stellung, +welche Wieland damals als Schriftsteller und Journalist +zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-82" title="Seite 82"></a>„Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert +Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für +eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern, +wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt. +Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen +und in Schlaf zu singen, taugt nichts.“</p> + +<p>Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus +in Schutz zu nehmen, war Wielands unablässiges +Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung, +bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt +er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen +Ausdruck „die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden +könnten.“ Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedürfe +es, „um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts +mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin zu +bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen.“</p> + +<p>Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht +getäuscht. Noch vor dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts +gingen seine Worte durch den Ausbruch der französischen +Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie mächtig +dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere +Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung +niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des +Worts, durfte er sich wohl das Zeugniß geben, daß „in +Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die öffentlichen +Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser +Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme.“</p> + +<p>Die Hauptmaxime, die ihn „in seinem Urtheil über die +<a class="pgnum" id="page-83" title="Seite 83"></a>menschlichen Dinge“ leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. +„Nie vergesse ich,“ schrieb er, „daß Menschen in allen +Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen +sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut +oder schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so +schlecht ist, daß ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen +zutrauen sollte. Daher kommt es, daß ich nichts Vollkommenes +von ihnen erwarte, und mich nie darüber formalisire, +wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge +großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder +stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, +noch consequenter, noch uneigennütziger handeln, als +man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern +gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte.“</p> + +<p>Von den Greueln der französischen Revolution wandte +sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte +sich wieder mächtiger in ihm. Rühmend hob er das Gute +hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm getadelten +Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der +bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. +„Was kann,“ schrieb er, „deutscher Patriotismus +anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung +und Vervollkommnung der gegenwärtigen Verfassung des +gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem +Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen +fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von +uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den +Landleuten sagt: <span class="antiqua" lang="la">Felices sua si bona norint!</span> Glücklich, +<a class="pgnum" id="page-84" title="Seite 84"></a>wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, +blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer +Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen, +wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt, +wenn man sie verloren.“</p> + +<p>Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem +Schicksal, wegen seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl +der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen, +verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine +heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung +gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art +sehr verübelten. Gegen den Vorwurf, „die Schuster- und +Schneider-Aufklärung befördert zu haben,“ vertheidigte sich +Wieland mit den Worten: „Meiner geringen Meinung +nach, ist das Beste für den Schuster — Schuhe zu machen. +Sollte aber — was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit +ist — ein Schuster glauben, daß er auch <span class="antiqua" lang="la">ultra crepidam</span> +etwas Gemeinnütziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu +sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer +von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, +aber doch einer, der für die Schuster arbeitet, ein Gerber; +und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreißig +Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu +hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs +seinen Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven +Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit, +ohne daß ein Mensch etwas dagegen einzuwenden +hatte? — Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in +<a class="pgnum" id="page-85" title="Seite 85"></a>Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen +und vor einem Bürger, als heut zu Tage!“</p> + +<p>Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland +oft den heftigsten Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, +einen guten Zweck verfolgt zu haben, mußte ihn trösten. +Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und manches in +prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen „Gesprächen +unter vier Augen“ durch den Vorschlag: das demokratische +Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung — Buonaparte +zum Dictator ernennen. In jenen politischen Dialogen +sah Wielands Blick weit in die ferne Zukunft hinaus, +und in mehreren Schilderungen entwarf er ein anschauliches +Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines Lebens +lag.</p> + +<p>Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu +den Musen zurückgeführt in den geistreichen Cirkeln, welche +die Herzogin Amalia in Ettersburg und Tiefurth zu versammeln +pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und +Musik von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen +Goethe, Herder, Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil +nahmen, zu einem Gegenstande der Unterhaltung. Ländliche +Feste und Schauspiele, in denen die eben genannten Männer, +nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen u.a. +geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten +mit Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den +dramatischen Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die +bald das Schloß zu Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung +zum Schauplatz wählte, lieferte Wieland in seiner +<a class="pgnum" id="page-86" title="Seite 86"></a>„Pandora.“ Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch +in dem noch handschriftlich erhaltenen „Tiefurther Journal“ +nieder.</p> + +<p>In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, +so wenig er sonst auch dem Hofleben und der damit verbundenen +Etiquette Geschmack abgewinnen konnte. Noch in +späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen Cirkeln +angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der +mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit +behielten. Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene +Schilderung der völligen Zufriedenheit mit seiner Lage +paßte auch für seine spätern Lebensjahre. Jenes Schreiben +enthielt das Geständniß: „In einer erwünschten Befreiung +von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir +selbst, ein unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt +durch die Gnade meines Fürsten und durch die Liebe vieler +Rechtschaffenen.“</p> + +<p>Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich „umgeben +von einer zahlreichen, um ihn her theils aufblühenden, theils +noch aufkeimenden Familie, die seine Existenz auf die interessanteste +Weise vervielfältige und durch die süßen Sorgen und +angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr einförmiges +Leben vor Stockung bewahre.“ Fühlbar mußte ihm +jedoch werden, daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen +Fleiß verdoppeln mußte, wenn er für den anständigen +Unterhalt seiner nicht kleinen Familie gehörig sorgen wollte. +Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, lebten +damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen +<a class="pgnum" id="page-87" title="Seite 87"></a>schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten +Gewinn hatte er noch der Herausgabe des „deutschen +Merkurs“ zu danken gehabt. Bei den meisten seiner frühern +poetischen Werke hatte er sich mit einem Dukaten für den +Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar +für seine „Komischen Erzählungen“ gestand Wieland einem +Freunde: „Jedermann, welcher weiß, daß in Frankreich dem +mittelmäßigsten Reimer und Romanschreiber wenigstens zwei +Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, lacht mich aus, +daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger +eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen.“</p> + +<p>Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische +Einkünfte durch seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler +Reich in Leipzig, der ihm für das Gedicht „Musarion“ ein +Honorar von dreißig Dukaten und für den „Diogenes von +Sinope“ funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung +in Dessau hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe +auf Actien geliehen und sie größtentheils eingebüßt. +Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, schwankte er, ein +Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die Unternehmer +der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, +ihn im Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen +trat Wieland, nach Reichs Tode, in nähere Verbindung +mit dem damals noch sehr jungen Buchhändler Göschen +in Leipzig, der zuerst den „Peregrinus Proteus“ und +die „Göttergespräche“ druckte, und nachher der Verleger von +Wielands sämmtlichen Werken ward.</p> + +<p>Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland +<a class="pgnum" id="page-88" title="Seite 88"></a>seinen Schriften den höchsten Grad von Vollendung zu geben. +In der Ankündigung der Gesammtausgabe seiner Werke im +zwölften Stück des „deutschen Merkur“ vom Jahr 1793 +äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren +beschäftige. „Ich widme ihr,“ schrieb er, „die heitersten +Tage und Stunden meines Lebens, und spare weder Zeit +noch Mühe, um den kleinsten Flecken wegzubringen, den ich +an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr werde. +Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen +des Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, +die man geliebt hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich +zu seyn, und von den Besten unter ihnen noch geliebt +zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die Zukunft diesen +Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche +Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um +sich noch in seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? +Niemand kann es stärker fühlen und einsehen, als +ich selbst, daß, meiner angestrengtesten Bemühungen ungeachtet, +auch die besten Producte meines Geistes noch immer +weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den +Ideal des Schönen und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser +Gedanke wird meine Aufmerksamkeit schärfen, und meinen +Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der Erfolg +seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, +wenn ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen +Kräften stand, gethan zu haben, um ihr meinen geistigen +Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter Ordnung, als +mir möglich war, zu hinterlassen.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-89" title="Seite 89"></a>Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, +wie sehr sein Styl und Geschmack sich allmälig geläutert +hatten. Seinen Jugendarbeiten beurtheilte er mit nachsichtsloser +Strenge. Nur wenige nahm er in die Sammlung +seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf +seine „moralischen Erzählungen.“ Nach einem seiner damaligen +Briefe hielt er diese Erzählungen „für das Beste +von allem, was er vor seinem fünf und zwanzigsten Jahre +geschrieben habe.“ Ueber den Platz, den er seinen ersten +schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner +Werke anweisen sollte, schwankte er lange. In Bezug +auf seine Erzählung: „Araspes und Panthea“ äußerte er in +einem Briefe an seinen Verleger Göschen: „Ich finde, daß +es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr jugendliche +und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche +Product an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften +zu stellen, und zwar nicht hinsichtlich des Inhalts oder der +darin geäußerten Geisteskräfte (in welcher Rücksicht es nicht +zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack und Styl +damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon +und im goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war.“ +Oft verwarf Wieland wieder die bereits getroffenen Anordnungen. +Endlich entschloß er sich, seine Jugendarbeiten der +Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch, wie er äußerte, +„gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten +und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei.“</p> + +<p>Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, +auch seine Uebersetzungen in die Sammlung seiner +<a class="pgnum" id="page-90" title="Seite 90"></a>Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, die er wieder verwarf, +äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November 1793 +mit den Worten: „Alle Welt stimmt mit Recht darin +überein, daß meine Uebersetzungen des Horaz und des Lucian +so viel von meinem Eignen haben, und sich so weit +von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß sie +so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung +aller meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar +einen eben so beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube +es dem Publikum schuldig zu seyn, daß die allgemeine Ausgabe +aller meiner Werke, auch die Satyren und Briefe des +Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst +meinem Commentar enthalte.“</p> + +<p>Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe +seiner Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 +mit den Worten: „Unter meinen sämmtlichen Werken will +ich eigentlich nichts verstanden haben, als was ich nach meiner +besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten +und reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden.“ +Mehrere seiner Werke wurden von ihm umgearbeitet, +um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von Vollkommenheit +möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe, +siebzehn Gesänge seines „Neuen Amadis,“ dessen „licensiöse +Versart“ ihm nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. +Nach seinem eignen Geständniß ging Wielands +Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem eben erwähnten +Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, +„ohne Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit +<a class="pgnum" id="page-91" title="Seite 91"></a>des Stils und der Sprache zu geben.“ Zu Anfange des +Februar hatte er die „wirklich mühsame Revision der dreißig +Bände seiner sämmtlichen Werke“ vollendet. Er sah sich +dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude +überließ er sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten +von zahlreichen Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse +milderten, daß das Unternehmen für seinen Verleger +einen bedeutenden Verlust herbeiführen möchte.</p> + +<p>Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht +Wielands Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er +den Moment, in welchem die Gesammtausgabe seiner Werke +an's Licht trat. „Wir sind leider,“ schrieb er, „in eine unglückliche +Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, das Einzige, +was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit +jedem Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch +die Flucht einem Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit +beinahe noch schlimmer ist, als das Aergste, was +uns wirklich treffen kann.“ Manches Unerfreuliche brachte +ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth +kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, +ihren rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein +Opfer gescheut, mit einem bedeutenden Verlust bedrohte.</p> + +<p>In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung +suchen, und er suchte dort beides nicht vergebens. +Kaum hätte er eine Gattin finden können, die die Pflichten +einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter pünktlicher +erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er +den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, +<a class="pgnum" id="page-92" title="Seite 92"></a>und dadurch nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie +sorgen. Ohne durch ihr Aeußeres, noch durch Talente sich +auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein höchstes Lebensglück. +In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster jeder +weiblichen und häuslichen Tugend. „Sie ist“, schrieb +er, „frei von jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem +Kopf ohne Vorurteil, und mit einem moralischen Charakter, +der einer Heiligen Ehre machen würde. Die Jahre, die ich +mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein +einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. +Im Gegentheil ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen +verwebt, daß ich nicht acht Tage von ihr entfernt seyn kann, +ohne etwas dem Schweizer-Heimweh Aehnliches zu empfinden.“ +Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch in +einem Briefe an Gleim die Worte ein: „Gott hat mich +aus einer Gefahr erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht +denken kann. Ich war nahe daran, oder wenigstens machte +mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich allein +geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes +haben Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; +wir haben unser bestes Mütterchen wieder, und sie befindet +sich außer Gefahr.“</p> + +<p>Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für +einen Zuwachs seiner häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner +Vaterfreude betrachtete er die Entwicklung der „kleinen krabblichten +Mitteldinger von Aeffchen und Engelchen“, wie er +seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein herzerfreuender +Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen +<a class="pgnum" id="page-93" title="Seite 93"></a>Freund, doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber +zu theilen, daß die Herzogin Mutter, der Herzog, +Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der Taufe seiner +Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte +ihm vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter +und drei Söhne am Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp +und Wilhelm, entriß ihm der Tod. „Die Zeit“, schrieb +Wieland „heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe, +die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben.“</p> + +<p>Noch ehe ihn jener zwiefach <del>hatte</del> <ins>harte</ins> +Schicksalsschlag getroffen, +hatte Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche +geschrieben: „Ich habe eine ganz artige Nachkommenschaft +um mich her, alle so gesund und munter, gutartig und hoffnungsvoll, +jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und Freude +daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten +für eine große Last halten würden, für einen der glücklichen +Sterblichen auf Gottes Erdboden halte. Das Alter überschleicht +mich ganz unmerklich mitten unter dieser um mich +aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre +je länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb +der Räume des ehelichen Lebens liegt. Ich werde +immer mehr Mensch, und in eben der Proportion immer +glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil ich +für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten +überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, +die das Gewebe unserer Schickungen webt, weder mich, noch +die Meinigen betrügen werde.“</p> + +<p>Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen +<a class="pgnum" id="page-94" title="Seite 94"></a>jungen Mann erweitert worden, den er bereits 1785 +als Haus- und Tischgenossen bei sich aufgenommen hatte. +Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands +Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn +geknüpft ward, war Reinhold. „Es ist eine wunderbare +Geschichte“, schrieb Wieland den 15. Mai 1785 an Gleim, +„wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den +Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes +in meinen Schooß gefallen, und mir und meiner Frau so +lieb geworden ist, daß wir ihn mit einstimmigem Beifall +unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne angenommen +haben.“</p> + +<p>Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, +hatte Reinhold dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden +so wenig Gesch<ins>m</ins>ack abgewinnen können, daß er heimlich +nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging, wohin +ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland +empfohlen hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er +dort fand, verbunden mit dem Genuß der Denkfreiheit in einem +protestantischen Lande, versetzte ihn in die froheste Stimmung. +Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er sich beruhigen, +da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse +wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction +des „deutschen Merkurs“ gönnte, und später durch seinen +Einfluß ihm eine Professur der Philosophie auf der Universität +Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's Verhältniß +zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters +ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie. +<a class="pgnum" id="page-95" title="Seite 95"></a>Reinhold erhielt am Altar ihre Hand, und fortwährend, +auch später, als er einem Ruf nach Kiel gefolgt war, bestand +zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes Freundschaftsverhältniß.</p> + +<p>Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine +übrigen erwachsenen Töchter glücklich vermählt sah. Die +Prediger Schorcht und Liebeskind, letzterer bekannt als Verfasser +der von Herder herausgegebenen „Palmblätter“ und +als Mitarbeiter an Wielands „Dschinnistan“, hatten sich mit +Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die +Gattin des Kammerraths Stichling in Weimar geworden, +und Charlotte, die 1794 mit dem Dichter Baggesen und +dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte dort +unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den +17. April 1795: „Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen +worden, so ist es gewiß diese, die sich auf eine beinahe +wunderbare Art, und doch wieder so natürlich durch die entschiedenste +Sympathie der Herzen, Gemüthsart, Neigungen, +Sitten — zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines +liebsten und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines +Freundes Wieland geschlossen hat — eine Verbindung, +die in jedem Betracht so ganz nach den innersten Wünschen +meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann, dem +schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe +Raum zu geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist +meines verewigten Freundes selbst diese Ehe geknüpft habe.“</p> + +<p>In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon +früh gefaßten Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die +<a class="pgnum" id="page-96" title="Seite 96"></a>durch seine Lage und seine Verhältnisse ihm vorgeschriebenen +Grenzen zu überschreiten. Einfach und schlicht, wie +seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. +Nichts erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, +und Luxusartikel kannte er fast gar nicht. Ueberall aber +zeigte sich in seinem Haushalt die äußerste Sauberkeit und +Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und überhaupt +jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er +sah ein, daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch +einen seine Kräfte übersteigenden Aufwand leicht gefährdet +werden konnte.</p> + +<p>Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war +ein harmloses Spiel, wenn er zuweilen mit Wohlgefallen +empfangene Goldstücke betrachtete oder sich dergleichen Münzen +gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen, +daß er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie +hin zu nöthigen und unentbehrlichen Ausgaben.</p> + +<p>Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht +und Eigennutz. Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig +gegen den Erwerb, so wenig er das Erworbene verschwendete. +Schon seinen hausväterlichen Pflichten glaubte +er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im +schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm +immer die herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren +in Bodmers Hause zu Theil geworden war. So +weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er jedem, der +sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende +Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu +<a class="pgnum" id="page-97" title="Seite 97"></a>seinem „deutschen Merkur“ mitunter ein höheres Honorar, +als er selbst erhielt. Aus Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte, +die er nie abdrucken ließ, nicht zurück, sondern +zeigte sich bereit, sie zu bezahlen — eine Liberalität, durch +welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend +werden konnte.</p> + +<p>Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, +als gegen Andere. Darin lag auch vielleicht der +Grund, weshalb er während seines Aufenthalts in Weimar +nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur Erholung +von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte. +Seine eigene Aeußerung, daß er „ein Mensch sei, der selten +aus seinem Schneckenhäuschen heraus krieche“, schien sich +an ihm bewähren zu wollen. In einem Briefe an Gleim +setzte er die Gründe auseinander, weshalb er einer Einladung, +nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. „Tausend +seidene Bänder“, schrieb er, „fesseln mich an Weimar. Ich +bin in den Boden eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, +wie kann ich, oder wie könnte meine Frau mit mir, sich von +den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine Welt für +uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine +solchen Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen +Sie einmal, wie sich's in meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke +aus irgend einem Winkel ein anderes Bübchen oder +Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen +kommt.“</p> + +<p>Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht +blos die Liebe zur Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen +<a class="pgnum" id="page-98" title="Seite 98"></a>mit der Herausgabe des „deutschen Merkur“ verbundenen +Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit Reiseplänen +beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er +sich 1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. +Nach der letztgenannten Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie. +Er wünschte in Dresden das strengste Incognito zu +beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen schrieb +er darüber: „Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft +ist, sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden +Sache, als meine Excursion nach Dresden ist, so viel zu +thun zu machen. Es ist meine Meinung gar nicht, mich in +Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten, preiszugeben. +Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die +ich in meinen Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren +Constitution zu beobachten habe, noch meine Absicht, meine +Zeit in Dresden zur Betrachtung der dortigen herrlichen Gemäldesammlung +zu benutzen, könnte sich mit vielen Aufwartungen, +Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich +wollte die Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, +auch in Dresden (wo freilich keine Freiheitsbäume so leicht +Wurzel fassen können) nach meinem eigenen Sinn und Willen +zu leben.“</p> + +<p>Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern +auch Wieland jeder Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, +hatte er es doch nicht vermeiden können, in Pillnitz +dem Churfürsten vorgestellt zu werden. Manche interessante +Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn jedoch +seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte +<a class="pgnum" id="page-99" title="Seite 99"></a>er zu kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen +in dem er seine Jugend verlebt, realisirte. Nicht nur für +den „deutschen Merkur“, sondern auch für die ununterbrochene +Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke hatte +er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen +Aufenthalt in der Schweiz denken konnte, von welchem er +sich, nach seiner eigenen Aeußerung, „für seinen innern und +äußern Menschen viel Gutes versprach.“ Nicht blos die Sehnsucht, +seine an den Buchhändler Geßner in Zürich verheirathete +Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener +Reise. Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm +sagen, daß ihm Erholung höchst nöthig sei. „Ich bedarf“, +schrieb Wieland, „einer solchen Aufziehung meines innern +Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich in der +Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der +<span class="antiqua" lang="fr">Fontaine de Juvence</span> für mich seyn.“</p> + +<p>Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, +machte allerlei Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich +entschloß, die Reise nach der Schweiz anzutreten. „Man +spricht und schreibt“, äußerte er in einem seiner damaligen +Briefe, „gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen in +Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich +eingenistet haben sollen, daß ich in der That nicht weiß, +ob ich Recht thue, eine so gefährliche Reise mit Weib und +Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz Deutschland +jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des dreißigjährigen +Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen +zu den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten +<a class="pgnum" id="page-100" title="Seite 100"></a>einen Dieb und Mörder zu sehen glaube.“ An seinen Schwiegersohn, +den Buchhändler Geßner, schrieb Wieland bald +nachher: „Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel +Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr +Vertrauen setzen in die lieben Engelein, die uns geleiten +werden. Aber das ist eben das Elend, daß ich weniger +Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas, und auch +nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine +ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob +sie aus Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und +Unerschrockenheit und Heldenmuth, trotz der tapfersten aller +Marfisen und Bradamanten.“</p> + +<p>Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und +drei Kindern, Caroline, Wilhelm und Luise, in einen bequemen +Wagen, den er der Herzogin Amalia verdankte, von +Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er unterwegs +an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden, +ward noch übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe +und Wohlwollen, die er von ältern und jüngern Freunden +bei seinem Eintritt in die Schweiz empfing. An Göschen +schrieb Wieland den 8. August 1795. „Sie erhalten dies +Blättchen nicht — wie Sie billig vermuthen könnten — von +den Ufern des Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen +aller Dinge über der Erde eingesogen haben, sondern von +dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen Nachbarschaft ich +ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht Wochen +bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem +nun bald zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu +<a class="pgnum" id="page-101" title="Seite 101"></a>leben anfangen sollte. Sie kennen das Land und den Ort +und die liebenswürdigen Menschen, mit denen ich lebe. Sie +haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage in dem +Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das +Vergnügen denken, in welches ich durch eins meiner liebsten +Kinder mit demselben gekommen bin, so werden Sie sich +leicht vorstellen können, daß Tage und Wochen mit einer +mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über meinem +Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt +auch währen könnte, er mir am überraschenden Tage des +Scheidens doch immer nur ein kurzer Morgentraum scheinen +wird.“</p> + +<p>Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen +Ereignisse in ihm weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine +Abreise zu beschleunigen. „Der Krieg“, schrieb er, „hat +sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis in's +Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen +Strom, und es fehlt hier nicht an Gerüchten, +die uns auch für die Reiche von Thüringen und Sachsen +bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken +vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen +Theilnehmern an dem Göttern und Menschen +verhaßten Kriege ihre schwere Hand fühlen zu lassen. Haben +nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage, die ich mir +von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein genießen +lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer +von den Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde +mich ungemein wohl, und wenn der gute Genius, der meine +<a class="pgnum" id="page-102" title="Seite 102"></a>Reise von Weimar nach Zürich begünstigte, mich auch +von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, +die guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die +Munterkeit meines Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren.“</p> + +<p>Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen +Sonntag um zwei Uhr Nachmittags mit seiner +lieben Reisegesellschaft gesund und wohlbehalten in Weimar +angekommen sei. „Sein guter Genius“, schrieb er, „habe +es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart, +Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, +Coburg und Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, +auch nirgends kaiserliche Truppen angetroffen, auf keiner +Post länger als eine Stunde aufgehalten worden sei, daß er +seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und französischen +Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und +mit Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob +überall Friede wäre.“</p> + +<p>Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben +von einer so anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach +seinem eignen Geständniß, „gern wie Horaz, durch's Leben +weggeschlichen wäre, und der nichts mehr haßte als Stadt-, +Hof- und Weltgetümmel“, sich oft der sehnsuchtsvolle +Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, +sich selbst und den Seinigen leben zu können. Die Achtung +und Neigung fürstlicher Gönner, die Freundschaft mancher +vorzüglichen Männer, die Weimar damals in sich versammelte, +hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. +<a class="pgnum" id="page-103" title="Seite 103"></a>Oft aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei +aller Muße doch ein sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen +durch Besuche von Einheimischen und Fremden. +Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte ihn in eine sehr +unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock +und in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte +ihn besonders die Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen +Aeußerungen von solchen Besuchenden aufgefangen +und öffentlich bekannt gemacht werden könnten. All' diesem +Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit +zu entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der +seinen Geist beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich +dachte er längere Zeit daran, seinen bisherigen Aufenthalt +in Weimar mit einem freundlichen Landhause bei Hohenstädt, +unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes hatte für +ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu +werden. Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten +ihn indeß, diesen Plan wieder aufzugeben.</p> + +<p>Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute +Tannrode malte sich Wielands Poesie mit den glänzendsten +Farben aus. Ueber den Ankauf dieses Gutes, das +der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er Unterhandlungen. +Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes Horazisches +Sabinum. „Ich schmeichle mir“, schrieb er, „wenn ich erst +in meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, +in der herrlichen Luft und der schönen Natur, die mich dort +umgeben wird, neue Munterkeit und Kraft zu meinen Geistesarbeiten +zu erhalten.“ Diese Idee gab Wieland jedoch +<a class="pgnum" id="page-104" title="Seite 104"></a>wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit +Weimar gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von +22,000 Thalern. Diese Summe glaubte er theils durch den +Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch ein etliche +Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital +decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes +Göschen zu erhalten hoffte.</p> + +<p>Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's +Antwort ablehnend ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen +Lieblingswunsch realisiren konnte. Seinen Credit in Weimar +wollte er nicht benutzen. „Davon bin ich ziemlich überzeugt“, +schrieb er, „wenn alle andern Stricke reißen sollten, der Herzog +würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich +habe mehr als Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, +nur im äußersten Nothfall zu concurriren.<ins>“</ins> In einem Briefe +an Göschen äußerte Wieland: „Hören Sie, lieber Freund, +wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen +oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; +denn ganz kann ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, +so sehr ich's auch thun zu können wünschte. Sie sind nun einmal, +weil Sie es selbst so gewollt haben, mein Verleger, +und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath.“ — Nachdem +Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe +seiner Werke auf 7000 Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen +Brief an Göschen mit den Worten. „Warum ich Sie bitte, +ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000 Thaler von +Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-105" title="Seite 105"></a>Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem „Osmantinum“ +oder seiner „Oberinstädtischen Retraite“, wie er sein ländliches +Asyl mitunter nannte, schilderten mehrere seiner damaligen +Briefe. Am 25. April 1797 hatte er dort, nach abgeschlossenem +Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr +später, den 25. Juli, schrieb er: „Mir ist, als ob gar keine +andere Art zu existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen +Propheten, die als ganz unfehlbar voraussahen, +daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und <span class="antiqua" lang="fr">vis à vis de +moi même</span> langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch +sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter +und vergnügt aussehe, und können sich daß Phänomen gar +nicht erklären. Ich hingegen begreife das Wunder sehr gut, +und in der That ungleich besser, als wie ich die vier und +zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich +habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, +viel Gras und schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition +über mich selbst und meine Zeit — das Alles zusammengenommen +ist, so zu sagen, mein Element, so gut, +wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element +ist; und es geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe.“</p> + +<p>Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, +das, wie er glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand +einwirke. Er schrieb darüber den 19. December +1797 einem Freunde: „Das Angenehmste ist, daß +ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter +eine über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe +<a class="pgnum" id="page-106" title="Seite 106"></a>über meine Leibesconstitution mache. In der Stadt würde +ich mich in diesen verwichenen acht Wochen wahrscheinlich +ziemlich schlecht befunden haben; hier in meinem Hause zu +Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl und munter, +arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet +ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und +schlafe weit besser, als ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens +was mich betrifft, den Vorzug des Landlebens vor +dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven Vorzügen +zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen +ihre Freundin, die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher +thut mir auch das Bewußtseyn wohl, daß ich meinen Garten +bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt habe. Ueber +dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem +Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens +die ersten Früchte zu erleben hoffen kann; und das, +was ich auf Cultur und Verbesserung verschiedener, nach +und nach durch Verwahrlosung in Abnahme gekommener +Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, +wird schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer +mich wieder besucht, sich in ein kleines Paradies versetzt zu +sehen glauben wird.“</p> + +<p>Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war +Wieland seinen literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, +obgleich manche darunter ihm so viel Beschwerden und Verdruß +bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich ihrer entledigen +zu können. Den „deutschen Merkur“ würde er, wenn +er den mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, +<a class="pgnum" id="page-107" title="Seite 107"></a>hätte entbehren können, zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig +ward er mitunter über die reichlichen Zusendungen +schlechter Verse und anderer mittelmäßiger Produkte. Besonders +ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung +zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands +an ihn gelangten. In dieser Beantwortung war er freilich +mitunter so saumselig, daß er die deshalb ihm gemachten Vorwürfe +wohl verdient zu haben glaubte, und sich selbst bisweilen +noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie +ganz verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, +durch die er den zu häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen +vorbeugen wollte.</p> + +<p>„Verschiedene, welche mich,“ schrieb er, „mit allerlei +theils versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen +u. dgl. für den Merkur zu beschenken die Gewogenheit +hatten, setzen mich in eine Art von Verlegenheit, deren ich +gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr geneigter +Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige Collision +von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm +seyn können. Einige scheinen von der Güte ihrer +Producte so überzeugt zu seyn, daß man ihnen, ohne Beleidigung, +weder sagen, noch zu verstehen geben kann, man sei +anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich +blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man +ihnen ihre Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen +möchte, ob sie zur Dichterei berufen seien oder nicht. Aber +sie bringen das mit einer so sichtbaren Erwartung eines höflichen, +d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden Bescheides vor, +<a class="pgnum" id="page-108" title="Seite 108"></a>daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine +ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß +unser einer — der von einem solchen jungen Candidaten des +Musenpriesterthums gefragt wird: Meister, was soll ich +thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort werden +läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! — sich +darauf verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort +geradezu für einen Beruf annehmen wird, sich nun erst recht +auf's Versemachen zu legen. Denn — sagt er zu sich selbst — meine +Verse müssen doch wohl gut seyn, weil Wieland +sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also +gleich an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken +möchte. — Wie könnte der arme Verfasser des Winter- und +Sommermährchens sich unterstehen, einem solchen Rivalen +etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge Mann würde +natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, +sich in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, +übertroffen zu sehen. Das will ich denn auch dem jungen +Dichter hiermit ohne Widerrede zugestanden haben. Nur +der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche Originalwerke. +Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und +um des Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, +mit Kupfern von Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der +Verfasser wird an der Wirkung sein Wunder sehen! Jetzt +ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für solche +Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon +aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne +<a class="pgnum" id="page-109" title="Seite 109"></a>Kupfer von irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt +suchen mußte.“</p> + +<p>Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter +beklagte, erwuchs ihm aus den zeitraubenden Correcturen, +die er zwanzig Jahre hindurch allein besorgt, und erst 1793 +sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der Theologie, +Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth +äußerte sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. +Jeder Gelehrte und Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche +Hand schreiben, das könne man mit Fug und Recht +fordern; sonst müsse er seine Druckschriften von einem seiner +Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen +Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte +gleichgültig werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, +die Herausgabe des „deutschen Merkurs“ aufzugeben, +ungeachtet dies Journal für ihn bisher keine unbedeutende +Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen, unter +andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller +durch gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war.</p> + +<p>Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde +Göschen die Nachricht mit, daß der „deutsche Merkur“ mit +dem December aufhören werde. Vierzehn Tage nachher widerrief +er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für die +Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des +Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem +Entschluß gebracht haben, von welchem ihn ein Blick +auf den damaligen Zustand der deutschen Literatur zurückgeschreckt +hatte. Die Kantische Philosophie, die ihm durch +<a class="pgnum" id="page-110" title="Seite 110"></a>Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner +zu verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte +ihren Einfluß auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar +war besonders der Einfluß jener Philosophie auf die +neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt eine Geschmackscritik +treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen nichts +einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich +aus der Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung +der Aesthetik herbeizuführen, seit man angefangen +hatte, sie auf die Grundideen der Fichte'schen Wissenschaftslehre +zu reduciren. Dies war besonders von Schiller in den +„Horen“ geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland +an die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und +Drangperiode treten, und wie in der politischen Welt, schien +auch im Gebiet der Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend +werden zu wollen. Auf's Heftigste erregt ward +die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch die in dem +Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten +„Xenien.“</p> + +<p>Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, +waren Wielands Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist +bereits früher gedacht worden. Schillers Talenten jedoch +hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit widerfahren +lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen Beurtheilung +einiger Scenen des „Don Carlos“, welche Schiller +in der „Thalia“ mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt +ein Brief vom 6. März 1785. „Ich kann irren,“ +schrieb er, „jedenfalls aber spreche ich nach meiner innigsten +<a class="pgnum" id="page-111" title="Seite 111"></a>Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere +in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften +mit Wahrheit dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich +zugeben könnte, daß es einem Tragödienschreiber, der seine +Personen aus dem sechzehnten Jahrhundert an dem Hofe +König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in ideale Phantasiegeschöpfe +zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit +nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, +wenn man will, schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch +immer nur Carricaturen sind; daß ich ziemlich häufig auf +Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem Gefühl +nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst unschicklich +und der redenden Person nicht anständig sind; und +daß überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon +entfernt ist, was nach meinem von Sophokles und Racine +abgezogenen Ideal die schöne Sprache der Tragödie seyn soll.“</p> + +<p>Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige +Stimmung eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er +einige Jahre später (1787) nach Weimar kam, von Wieland +mit väterlicher Zuneigung empfangen. „Wir werden schöne +Stunden haben,“ schrieb Schiller; „Wieland ist jung, wenn +er liebt.“ Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden +Dichtern dauerte fort, und ward noch fester geknüpft durch +Schillers Beiträge zum „deutschen Merkur.“ Im December +1787 eröffnete Wieland dem Publikum die Aussicht, daß +„Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes Monatsstück +mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die +schon in ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, +<a class="pgnum" id="page-112" title="Seite 112"></a>und nun, da sein Geist den Punkt der Reise erreicht +habe, die Erwartung rechtfertige, die sich das Publikum von +dem Verfasser des „Fiesko“ und des „Don Carlos“ zu +machen Ursache gehabt habe.“ Wieland fügte hinzu: „Da +ich selbst vom Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre +herabsteige, und täglich mehr Gelegenheit finde, an mir selbst +zu erfahren, wie wahr das Virgilische: <span class="antiqua" lang="la">Facilis descensus +Averni</span> in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir zu +nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen +Mann an meiner Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung +darf ich sicher hoffen, den deutschen Merkur seinem +ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine sehr +merkliche Art näher zu bringen.“</p> + +<p>Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen +für seine Anerkennung und Hochachtung Schillers. +Mit liebenswürdiger Bescheidenheit weigerte sich Wieland, +für den „historischen Calender“, den Schiller damals herausgab, +das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er +wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für +jenen Calender seine „Geschichte des dreißigjährigen Kriegs“ +lieferte. „Diese Geschichte,“ schrieb Wieland, „hat so viele +Leser gehabt, als es in dem ganzen Umfang unserer Sprache +Personen giebt, die auf einigen Grad von Cultur des Geistes +Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller +verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst +sowohl, als in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen +Muse nähert, große Erwartungen von dem, was +sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise leisten könnte, erweckt +<a class="pgnum" id="page-113" title="Seite 113"></a>hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen man +sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt hielt; +einen Versuch, der bereits alles, was unsere +Literatur in dieser Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich +zurückließ, und natürlicher Weise in Allen, denen der Ruhm +der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch erregen mußte, +daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in dieser +neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, +sich zu einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon +emporzuschwingen, sich, wo nicht gänzlich, doch hauptsächlich, +der Geschichte unseres Vaterlandes widmen möchte.“</p> + +<p>Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das +Verhältnis zwischen ihm und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen +Reinheit, wie es der Letztere mehrere Jahre zuvor +(1787) durch die Worte bezeichnet hatte: „Mit Wieland +bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer +Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn +liebe, und Ursache habe zu glauben, daß er mich auch liebt.“ +Schillers Gesinnungen gegen Wieland, wenn sich auch +seine ästhetischen Ansichten geändert hatten, waren dieselben +geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von +Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner +Werke, von denen die erste Lieferung erschienen war, hatte +er mit den Worten begleitet: „Wäre es auch nur, damit +man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen aus dem +Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigen, +und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös +angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-114" title="Seite 114"></a>Weder in den „Horen“, noch in den „Xenien“ war +Wieland in Vergleich mit andern Schriftstellern auf eine +Weise angegriffen worden, die ihn hätte veranlassen können, +sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler +Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die +deutschen Dichter, Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen +können. Der Tadel war meistens weniger gegen ihn, als +gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso in +Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen +herrschte, und der Uebermuth, der sie charakterisirte, +war Wielands Urbanität zuwider. Er glaubte, seine Meinung +darüber öffentlich aussprechen zu müssen, und wählte +dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den schärfsten +Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu +geben, als vertheidige er die Verfasser der „Xenien.“ Er +bezweifelte sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, +aus Schiller's und Goethe's Feder geflossen seyn +könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese Epigramme in +den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit +einer seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß +Schiller, aus Mangel an Zeit, das Ordnen seiner Distichen +nicht selbst besorgt habe. „Das Geschäft,“ schrieb Wieland, +„kam zur bösen Stunde in die Hände irgend eines jungen, +lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe +und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, +welcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit +zu benutzen, und — vielleicht weniger in der Absicht, +sich ein Verdienst um seine <span class="antiqua" lang="la">magnos amicos</span> zu erwerben, +<a class="pgnum" id="page-115" title="Seite 115"></a>als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel an +ihren Widersachern zu statuiren — in aller Stille eine gute +Anzahl derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik +hinzuthat. Das in den <span class="antiqua" lang="la">parvum amicum</span> gesetzte allzu große +Vertrauen wäre denn also das Einzige, was dem Herausgeber +des Almanachs zur Last gelegt werden könnte, und wofür +er durch den häßlichen Spuk, den die „Xenien“ machen, +mehr als zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, +das uns allen Freude machen wird, ihn damals beschäftigte, +als er dem jungen Brausekopf die Sorge für seinen +Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend +manchen bittern Augenblick bereitete.“</p> + +<p>Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands +Ironie seine wahre Meinung, die er in einem Briefe an +Göschen vom 29. November 1796 mit den Worten aussprach: +„Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe +und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch +einen Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, +sich selbst eine pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte +eher darüber weinen, als lachen.<ins>“</ins> Ueber die ihm gesandten +Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in Leipzig verfaßt +hatte, schrieb Wieland: „Ich werde mich wohl hüten, dieses +von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; +ich fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug +werden.“ In einem spätern Briefe vom 5. December +1796 äußerte Wieland: „Das hätten die Herren Götterbuben, +um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, +<a class="pgnum" id="page-116" title="Seite 116"></a>doch voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn +man sich zum Spaß mit Gassenbuben herumbalgt.“</p> + +<p>Wielands Unmuth über die „Xenien“, die er seinen +Freunden geraume Zeit nicht verzeihen konnte, erhielt neue +Nahrung durch die Reform im Gebiet der Aesthetik, die +damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich +Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht +zu seyn, was ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen +Poesie einen neuen Schwung zu geben. Sie begünstigten +vielmehr die poetischen Formen des Auslandes, und suchten +durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue Dichterschule +zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise +das Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute +überall anzuerkennen, wo er es fand, war Wieland jenen +Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, daß er einst +selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das +Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm +aber keineswegs behagte, war der polemische Ton, durch +den die Häupter der romantischen Schule die von ihnen aufgestellten +Principien geltend zu machen suchten. Schonungslos +griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene +Zeitschrift, „Athenäum“ betitelt, seit dem Jahr 1798 alles +an, was die „Xenien“ noch verschont hatten. Auch Wieland +entging diesem Schicksal nicht durch eine, späterhin von +ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung in der Vorrede zu +seinen sämmtlichen Werken. „Seine beinahe ein halbes Jahrhundert +umfassende Laufbahn“, schrieb er dort, „habe begonnen, +<a class="pgnum" id="page-117" title="Seite 117"></a>da eben die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden +Sonne zu schwinden angefangen, und er beschließe +sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange.“</p> + +<p>Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern +und Anhängern der romantischen Schule gegen das sogenannte +goldene Zeitalter der Literatur gerichtet wurden, befand sich +auch im zweiten Bande des „Athenäums“ eine gegen Wieland +gerichtete <span class="antiqua" lang="la">„Citatio edictalis.“</span> Sie lautete: „Nachdem +über die Poesie des Hofraths und <span class="antiqua" lang="la">Comes Palatinus Caesarius</span> +Wieland in Weimar, auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, +Sterne, Bayle, Voltaire, Crebillon, Hamilton und +vieler anderer Autoren <span class="antiqua" lang="la">Concursus creditorum</span> eröffnet, auch +in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach +dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende +Eigenthum sich vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche +Ansprüche <span class="antiqua" lang="la">titulo legitimo</span> machen kann, hierdurch vorgeladen, +sich binnen sächsischer Frist zu melden, hernachmal aber zu +schweigen.“ Dieser öffentliche Angriff Wielands war das +Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über +den genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, +und ihm unter andern die Anerkennung des Hans Sachs +im „deutschen Merkur“ als sein bedeutendstes Verdienst um +die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte ihm verargt +werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage +aufwarf: „Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient +habe?“</p> + +<p>Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere +Theil derer, die ihn nicht tief genug herabwürdigen zu können +<a class="pgnum" id="page-118" title="Seite 118"></a>glaubten, unter Goethes Aegide zu stehen schien, da das +„Athenäum“, unerschöpflich in dem Lobe dieses Dichters, zu +den „drei größten Tendenzen des Zeitalters“ außer der französischen +Revolution und Fichte's „Wissenschaftslehre“, auch +„Wilhelm Meister's Lehrjahre“ gerechnet hatte. Obschon +der aufrichtigste Verehrer und Bewunderer Goethe's, fühlte +Wieland sich ihm allmälich entfremdet, wenn auch Goethe's +Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz auf +ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung +empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe +und Schiller sich einander mehr genähert hatten, als es +bisher der Fall gewesen war. Aber während Wieland Herder's +Unmuth über Kant's „Kritik der reinen Vernunft“ +theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders „Metakritik“ zu +einer leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst +Niemand, der die unbillige Behauptung, „er habe sich selbst +überlebt“, zu wiederlegen suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue +und Merkel, in dem „Freimüthigen“ und in den „Briefen +über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur“, Wieland +an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten +auf eine für ihn unwürdige Weise.</p> + +<p>Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte +ein 1799 an einen Freund gerichteter Brief, der zugleich +einige Andeutungen über sein Verhältniß zu Goethe und +Schiller enthielt. „Warum ich Sie bitten möchte“, schrieb +Wieland, „wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern +Schlegel und Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber +witz- und sinnreiche Patrone, die sich Alles erlauben, nichts +<a class="pgnum" id="page-119" title="Seite 119"></a>zu verlieren haben, nicht wissen, was Erröthen ist, und +mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den +Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist, +da sie, auch geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder +aufstehn, und es nur desto ärger machen würden. Können +Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen, die durch ein +in Deutschland noch neues <span class="antiqua" lang="fr">genre,</span> nämlich französische <span class="antiqua" lang="fr">persiflage,</span> +ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so +beschwöre ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens +Goethe und Schiller aus dem Spiel, wär' es auch nur mir +zu Liebe, und um allem Argwohn auszuweichen, als ob ich +irgend einen directen oder indirecten Antheil an der Sache hätte. +Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit +Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie +ich mir einbilde, wenigstens vor der Welt, denn <span class="antiqua" lang="la">de occultis +non judicat praetor</span>. Aber die Herren sind empfindlich und +ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich also nicht nur selbst, +sondern auch meine Freunde können sich, mir zu Liebe, nicht +genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt +werde.“</p> + +<p>Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur +fürchtete Wieland, nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, +einen dreifachen beträchtlichen Schaden. Jener jacobinische +Sansculotismus, meinte er, werde erstens den Charakter +unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit +gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen; +zweitens die ganze Classe der Gelehrten und Schriftsteller, +die so ehrwürdig und vielvermögend seyn könnten, in +<a class="pgnum" id="page-120" title="Seite 120"></a>der öffentlichen Meinung tief herabsetzen, sie ihres wichtigsten +Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern und +Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen +Spiel geben. Endlich drittens werde jener Sansculotismus +jungen Leuten, theils für eine kleinere Zeit, theils für ihr +ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz verwirren. „Alles +aber“, fügte Wieland hinzu, „will seine Zeit haben. Auch +diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik +wird vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr +Ende zu beschleunigen, wäre, es wie ich zu machen, und +zu thun, als ob gar keine Schlegel, Tieck's, Bernhardi's, +Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle heißen, in +der Welt wären.“</p> + +<p>Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe +an Voß: „Ich fange an, immer gleichgültiger zu werden +gegen Bübereien dieser Art, und hülle mich sehr ruhig in das +Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in der ich +lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas +Gutes habe drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, +mir widerfahren ist und noch täglich widerfährt, wäre hinreichend, +jeden Jüngling, der sich mit einiger Fähigkeit dem +Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat +die fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen +wenig Einfluß auf meine Glückseligkeit, und es war kein +Compliment, sondern wahres herzliches Gefühl, als ich zu +meiner Muse sagte:</p> + +<div class="poem"> +<p>Du machst das Glück von meinem Leben,</p> +<p>Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein.</p> +</div> + +<p class="noindent"><a class="pgnum" id="page-121" title="Seite 121"></a>Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen +Horaz sich rühmte, von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt +zu werden, deren jeder ein Publikum werth ist; und +dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe immer +die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und +sie mit Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen +aller Leser in der Welt würde mich für den kleinsten +Fehler, den ich vermeiden konnte, und nicht vermieden +hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand gesehen +hätte, als ich.“</p> + +<p>So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen, +das er sich in seinem „Osmantinum“, wie er +seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte, hatte erbauen lassen, +der freundlichen Hoffnung, „noch manche selige Stunde zuzubringen +und noch manchen geheimen Besuch von seiner +Muse zu erhalten.“ Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen +Zurückgezogenheit entwarf und zum Theil ausführte, +gehörten besonders Uebersetzungen aus dem Griechischen, aus +Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem +Titel eines „Attischen Museums“ herausgeben wollte. Tüchtige +Gehülfen hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs +und Hottinger. Den Letztern hatte er während seines Aufenthalts +in der Schweiz kennen gelernt, und schätzte ihn sehr. +„Ich kenne,“ schrieb Wieland, „keinen so ganz rein nach +dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger.“</p> + +<p>Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für +das „Attische Museum“ unternahm, fesselte ihn vorzüglich +der „Ion“ des Euripides. Mit der Wahl dieser Tragödie +<a class="pgnum" id="page-122" title="Seite 122"></a>verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine fließende, +dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das +gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. +Schlegel gedichteten Trauerspiel „Ion“ zu vergleichen, das +damals auf die Weimarische Bühne gebracht und vielfach +besprochen worden war. So könnte man, meinte Wieland, +mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff bearbeitende +Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. +Eine solche Vergleichung aber, „mit reinem Sinn für das +Wahre, Schöne und Geziemende angestellt,“ könne für +Freunde und Jünger der Kunst nicht anders als unterhaltend +und belehrend seyn.</p> + +<p>Von zwei eigenen Werken, „Agathodämon“ und „Solon“, +die, wie er an Göschen schrieb, „noch als Embryonen +in seinem Kopfe lägen,“ gab Wieland den Plan zu dem +zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung +versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, +die er in den „Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen“ +entwerfen wollte. Dies Werk, von welchem er einen ausführlichen +Plan entwarf, sollte eine seiner umfassendsten +Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten +ihn indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen +Freund und Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den +19. Dezember 1797: „Es ist hohe Zeit, daß ich Ihnen einmal +wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der That, +was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das +literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche +Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten +<a class="pgnum" id="page-123" title="Seite 123"></a>aus meinem Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von +Morgen bis in die Nacht, finde Tage und Wochen unbegreiflich +kurz und schnell, und habe demungeachtet seit dem +23. November eins der schwersten literarischen Abentheuer, +eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes +glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht.“</p> + +<p>Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige +Dialoge politischen Inhalts, unter dem Titel „Gespräche +unter vier Augen“ auszuarbeiten angefangen habe, und noch +mehrere folgen lassen werde, bis er „alles vom Herzen habe, +was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu +rechter Zeit halte.“ Daß er dabei doch einige Rücksichten +genommen, zeigte seine eigene Aeußerung in einem spätern +Briefe vom 7. November 1798. „Obgleich in meinen Gesprächen,“ +schrieb Wieland, „die Sache der Menschheit freimüthig +geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die +man weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von +den Dächern predigen hört, so hab' ich, meiner Denkart und +der Klugheit gemäß, vor allem, was einem auch nur halbweg +vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den man den +Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte, +mich sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur +in keine Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür +stehe, daß das Buch nicht zu Wien verboten werden wird, +wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's Licht +tritt.“</p> + +<p>Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits +erwähnten „Agathodämon.“ Dies Urtheil, meinte er, werde +<a class="pgnum" id="page-124" title="Seite 124"></a>die Nachwelt darüber fällen, so gleichgültig sein Werk auch +für den Augenblick aufgenommen werden möchte. „Das +siebente Buch des Agathodämon,“ schrieb Wieland, „war +mir eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von +allen, die ich mir aufgeben konnte. Die Ausführung ward +mir um so mühsamer, da Jahreszeit und Witterung Geistesarbeiten +dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst +zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs +Mal von neuem durch — und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, +und des Feilens und Polirens wollte kein Ende +werden. Nun ist es — wie es ist; ich bin mit mir selbst zufrieden, +denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer +Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also +meine Schuldigkeit gethan habe.“</p> + +<p>In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland +durch die Nachrichten versetzt, die er von dem geringen Absatz +der Gesammtausgabe seiner Werke erhielt. An seinen +Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den 15. Juli +1799. „Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, +daß ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß +nicht, wie ich zu solchem Verfall meines Credits und meiner +Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen bin, und theile +daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden +wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden +haben müsse. Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert +ein günstigerer Stern über uns auf, und ich will mich +indeß, wie jener griechische Flötenspieler, begnügen, den Musen +und mir selbst zu spielen.“</p> + +<p><a class="pgnum" id="page-125" title="Seite 125"></a>Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland +in seinem ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen +in seinem Hause und Garten gaben ihm die heitere +Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, wie tief +sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch +öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn +zu jener Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche +Leiden gesellt hätten. Doch selbst in höherem Alter war ihm +eine fast ununterbrochene Gesundheit geblieben. In einem +Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich +Wieland selbst über sein Wohlbefinden. „Sie gründen darauf,“ +schrieb er, „Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter +Patriarch werden dürfte. Vor zwanzig Jahren hatte +ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte alt werden +können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner Leibesbeschaffenheit +allerdings viele und triftige Ursachen. Nach +dem fünf und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit +unvermerkt immer fester, und ich befinde mich nun im sechs +und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität mein zehntes +Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund, +sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um +meine <span class="antiqua" lang="en">Confessions</span> oder Nachrichten von mir selbst und meinen +Schriften, oder wie Sie meine Selbstrecension betiteln +wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als nach meinem +Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll.“</p> + +<p>Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr +nähere, trübte nicht Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in +seinem Alter sehr glücklich unter literarischen und ländlichen +<a class="pgnum" id="page-126" title="Seite 126"></a>Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues Vergnügen +schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen +Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, +oder durch ein Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo +er sich ungestört seinen Ideen überließ. In solchen Augenblicken +glaubte er zu seiner völligen Zufriedenheit kaum noch +etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler +Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: +„Ich freue mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, +daß ich sie wirklich im Geist schon genieße, und den +dazwischen liegenden Winter um so weniger lang finden +werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn auszufüllen +gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt +so lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; +denn es ist nicht mehr als billig, daß ich das Recht, den +Sommer blos mit Genießen zuzubringen, im Winter durch +Arbeiten erkaufe.“</p> + +<p>In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an +Gleim erkannte Wieland es dankbar, daß ihm, neben der +Glückseligkeit, ungestört mit den Geistern der Weisen und +Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch das +Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt +eines Weibes, an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern +und Enkeln um sich zu haben, unter welchen ihm seine Tage +so leicht und schnell entschlüpften, wie den Bewohnern des +dichterischen Elysiums. „Das Einzige“, schrieb er, „was +allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem +Elysium, das uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, +<a class="pgnum" id="page-127" title="Seite 127"></a>sind die Buttersemmeln und Bratwürstchen, die auf +den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner, die von +selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen +crystallenen Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, +um sie aus Quellen und Bächen mit köstlichem Wein zu +füllen, die eben so freiwillig, als unerschöpflich aus allen +Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und wohlfeil +hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu +sagen, ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil +haben; denn ich halte das Gesetz, daß uns die Götter nichts +Gutes ohne Arbeit geben, für ein sehr weises Gesetz, und +betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge <span class="antiqua" lang="la">quantum satis,</span> +als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß.“</p> + +<p>Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche +seiner Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine +Fürstin, die Herzogin Mutter verschmähten nicht, ihn unter +dem Schatten seiner Bäume zu begrüßen. Der lebhafte +Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn in die +Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes. +Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte +Bekanntschaft mit Jean Paul, von dem er sich vielseitig +angeregt, doch, nach seinem eignen Geständnisse, auch +eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte.</p> + +<p>Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands +späterem Leben war das Wiedersehn seiner Jugendfreundin +Sophie la Roche, die ihn 1799 in Osmannstädt besuchte, +begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie Brentano, einer +<a class="pgnum" id="page-128" title="Seite 128"></a>Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die +Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals +verlebte, blieb ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, +als Sophie Brentano im Mai 1800 ihn abermals in seinem +ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte auf ihn die Gegenwart +des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens, +das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit +stand. Einen eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch +einen Zug stiller Melancholie. Wieland beklagte oft, daß +Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu verschönern, +sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche. +Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, +zerstörten die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths +ihren von Natur zarten Körper. Das friedliche Osmantinum, +nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, war bestimmt, ihre +irdischen Uebereste zu empfangen.</p> + +<p>„Ich und meine Familie“, schrieb Wieland den 29. +September 1800 an Göschen, „haben in diesem Monat einen +harten Stand gehabt. Sophie Brentano, das liebenswürdigste +und interessanteste Mädchen von 24 Jahren, das vielleicht +der Erdboden trug, ward am 24. September von einer +der sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, +die sich in wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit +jedem Tage trostlosere Symptome zeigte, und unerachtet aller +ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode endigte. +Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und +gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr +eigenes Herz sagen. — Die Hülle, die der entflohene Engel +<a class="pgnum" id="page-129" title="Seite 129"></a>zurück ließ, ruht nun in einem stillen Plätzchen meines durch +sie geheiligten Gartens.“</p> + +<p>Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte +holde Mädchen erklang noch oft in den Briefen an seine +Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 schrieb +er: „Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen +Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie +Brentano und mir ziemlich ununterbrochen fortgedauert, ein +neues Leben. Alle meine Spaziergänge führen zu ihrem +Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte +davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein +kleiner Zeitraum trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden +Gefühl, das meinem Aufenthalt im Garten ein +ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt. Weil es +indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für +meine Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, +Gott für die Erhaltung meiner bessern Hälfte bitten, deren +zeither abnehmende und noch immer schwankende Gesundheit +mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte mit +Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch +hoffen wir, was wir sehnlich wünschen, daß die immer näher +kommende schöne und milde Jahreszeit das Beste bei ihr thun, +und uns eine Gattin und Mutter, die so wenige ihres Gleichen +hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit wieder +schenken werde.“</p> + +<p>Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich +bitter beklagte, vereitelte Wielands Hoffnungen. „Der Juni“, +schrieb er, „war so kalt, windig und unfreundlich, daß wir +oft vierzehn Tage lang täglich zweimal die Wohnzimmer +heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns der +Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein +<a class="pgnum" id="page-130" title="Seite 130"></a>immer dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an +denen die Sonne zuweilen durchzubrechen vermochte, und +zwei Regentage gegen einen, sind diesen ganzen Monat über +unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der Barometer +meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über +sieben und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier +Grad stieg, konnten wir auf einen vollständigen Landregen +rechnen. Wie eine solche Witterung nicht nur den Menschen, +sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller Art bekommt, +können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene +Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer +schon so lange und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch +der Mensch ist nun einmal in der Gewalt der großen elementarischen +Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! ist die +unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der +wir unser Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer +eingeht.“</p> + +<p>Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, +so schwer ihm dies auch werden mochte, fand Wieland, als +der in einem frühern Briefe erwähnte Gesundheitszustand seiner +Gattin im Herbst 1801 sich täglich verschlimmerte. Wielands +Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom 19. October +1801. „Zwar bin ich“, schrieb er, „noch nicht in der +traurigen Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; +aber ich kann doch nur selten über mich gewinnen, es nicht +zu fürchten. So wenig beneidenswerth auch meine übrige +Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten aller +Menschen halten, wenn mir der Himmel nur<i> sie</i>, die nun +sechs und dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines +Lebens machte, nur noch einige Zeit erhalten wollte. Sie +<a class="pgnum" id="page-131" title="Seite 131"></a>allein ist mein Ersatz für alles Andere; ohne sie — Gott +allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte.“</p> + +<p>Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt +von seiner Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das +Leben gegeben, und für deren Wohl sie kein Opfer gescheut +hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes zeigte ein Brief +Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin +unter andern: „Mit mir geht es — wie es kann; leidlich +wenigstens. Ich arbeite viel, aber es ist, als ob mir die +Schwungfedern gestutzt wären. Sonst arbeitete ich mit Freude, +mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert, schwerfällig. Möglich, +daß auch die trübselige, immer veränderliche und gar +nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß +aber ist, daß ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit +so viel Gesundheit, als sie noch vor drei Jahren besaß, aus +dem Elysium zurückbringen könnte, auf einmal einen ganz +andern Menschen aus mir machen würde.“</p> + +<p>In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte +sich Wieland selbst über seinen leidlichen Gesundheitszustand +in einem Alter von beinahe siebzig Jahren. Er schrieb einem +Freunde: „Daß die Engelsseele, die nun meinen körperlichen +Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer +gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese +rein geistige Art Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne +Zweifel das Meiste dazu bei, daß ich mich so wohl, d.h. +nicht viel schlimmer befinde.“</p> + +<p>Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und +Theilnahme der Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste +eine andere Richtung zu geben, im Juli 1802 nach Tiefurt +eingeladen, und nach Wielands eignem Geständnisse, ihr +Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen zu +<a class="pgnum" id="page-132" title="Seite 132"></a>machen, daß er, „ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules +wieder bringe,“ wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht +glücklich seyn könne. „Der besten Fürstin zu Gefallen“, +schrieb Wieland, „arbeite ich, wiewohl unter mancherlei +Unterbrechungen, etwas langsam in den Vormittagsstunden +an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor ich +mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht +zu denken; denn mit diesem kann und will ich nicht anders, +als mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüth und mit allen +mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen.“</p> + +<p>Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten +Werke, das später unter dem Titel: „Aristipp und seine +Zeitgenossen“ erschien, durch die Theilnahme, die ihm nicht +blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch durch +briefliche Mittheilungen entgegen kam. „Was Sie mir“, +schrieb er an Göschen, „über die Entwicklung und Ausführung +der beiden Hauptcharaktere des Aristipp und der Lais +schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht. Solche Leser, +für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern +die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung +des Ganzen haben, d.h. gerade für das, worauf Alles +ankommt — solcher Leser wünsch' ich mir recht viele. Aber +unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert kaum Einen, +weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung +und Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, +als ein Autor, der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen.“</p> + +<p>Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig +an seinem „Aristipp“ gearbeitet, daß er im Sommer 1801 +das vollständige Manuscript seinem Verleger Göschen senden +zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch eine Unterbrechung +durch die Idee, seinem „Aristipp“ eine ausführliche +<a class="pgnum" id="page-133" title="Seite 133"></a>Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund +zu legen. Schon vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, +beschäftige ihn einzig die Lösung dieser Aufgabe. „Sie können +sich nicht vorstellen,“ heißt es in jenem Briefe, „was für +ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich seyn +sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es +das wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks +seyn.“ Ueber den Umfang desselben war Wieland eine Zeitlang +nicht mit sich einig. „Es findet sich“, schrieb er, +„daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen kann, +aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis +nahe an seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen +starken Band erfordern würde. Im vierten kann ich ihn +nicht weiter bringen, als bis zum Tode seiner Kleone und +zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und sich +zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich +bin aber gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den +vier Bänden zu lassen, und nicht eher an den fünften zu +gehen, als bis unsre — merken, daß dem Werke noch was +fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund, +sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. +Dabei muß und wird es einstweilen bleiben; denn wenn ich +noch vor Fertigung dieses fünften Bandes aus der Welt ginge, +so blieben die vier Bände ein doch für sich bestehendes Werk, +und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig +wäre.“</p> + +<p>Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der „Aristipp“, +so lange Wieland nicht den vierten Band dieses Werks geliefert +hatte. Darüber war jedoch eine geraume Zeit vergangen. +Der Grund zu dieser Zögerung war der Gesundheitszustand +seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte +<a class="pgnum" id="page-134" title="Seite 134"></a>fortwährend zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem +Freunde und Verleger Göschen entschuldigte er sich, daß es +ihm in den letzten sechs Wochen physisch und moralisch unmöglich +gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem +freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten +Bedingungen sei. „Seyn Sie indeß versichert“, schrieb +Wieland, „daß ich nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, +und so vollendet ist, daß ich selbst einiges Wohlgefallen +daran haben kann.“</p> + +<p>Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals +entworfnen Plan irre machen zu lassen, nach dem +Muster des <span class="antiqua" lang="fr">Théatre des Grecs,</span> gemeinschaftlich mit Böttiger +und Jacobs ein „Theater der Griechen“ herauszugeben, +welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen +begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften +Bandes seines „Aristipp“ ward Wieland indeß bald +wieder abgelenkt durch mehrfache neue Entwürfe zu literarischen +Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt blieben, +wie unter andern das Werk „Osmanstädtische Unterhaltungen“ +betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines +Sohnes Ludwig aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller +in's Publikum einführen wollte.</p> + +<p>Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. +Ehe er seinen „Aristipp“ vollendet hatte, lieferte er einige +Seitenstücke zu diesem Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen +Gemälde „Menander und Glycerion“, und „Krates +und Hipparchia“, die er als Taschenbuch für die Jahre 1804 und +1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in +Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: „das +Hexameron von Rosenhain“ in einem Bändchen vereinigt. +Wieland war dadurch mit mehreren Buchhändlern in Verbindung +<a class="pgnum" id="page-135" title="Seite 135"></a>getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in Bremen, +und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger +Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. +„Ich kann“, schrieb er, „den Gedanken nicht +ertragen, daß die Irrungen, die ein doppeltes Paar alter +Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen uns +veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft +seyn sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen +Verkehr mit den Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, +da Sie auch nichts dagegen hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze +im Merkur abdrucken ließe, der noch unter meinem Namen +und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht +Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche +Gelegenheiten nicht hätte benutzen wollen?“</p> + +<p>Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland +offen gestanden, daß „die eiserne Noth, die ehemals +den Horaz zum Dichter gemacht, ihn drücke und dränge, und +daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre, bald möglichst +in baares Geld umsetzen müßte.“ Dadurch hoffte er +wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, +in die er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache +kostspielige Bauten und Verbesserungen, und durch den +geringen jährlichen Ertrag seines Besitzthums gerathen war. +Daß er „bei seiner Landwirtschaft keine Seide spinne,“ gestand +er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen.</p> + +<p>„Ich habe,“ schrieb Wieland den 21. April 1802, „eine +Last auf mich geladen, unter der ich erliegen würde, wenn +ich nicht ernstlich darauf bedacht wäre, sie je eher je lieber +von meinen alten Schultern abzuwälzen, in sofern es ohne +Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner armen +Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der +<a class="pgnum" id="page-136" title="Seite 136"></a>mich vor sechs Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um +mich war, fühlt' ich diese Last zwar auch, aber sie drückte +mich weniger. Ich hatte mehr Muth und Hoffnung, mehr +Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein +Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem +ist alles leider ganz anders. — Ich fühle, wenn ich +noch einige Jahre den Meinigen, der Welt und meinen +Freunden leben soll, so ist es schlechterdings nothwendig, +daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache — und dazu ist +möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, +wenn sich auch ein Käufer dazu fände, der mir dafür +geben wollte, was mich's kostet, dazu kann ich mich aus +mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen. Meine +Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne, +nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland +für mich zu behalten, aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes +kleines Erblehngut zu machen, und es gegen baare +Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu verkaufen. +Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise +keine Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte +sich doch wohl in ganz Germanien unter 24 Millionen Menschen +irgend Jemand finden, dem gerade ein solches kleines +Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch +einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar +würde, und (alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen +ist), mit mir und meiner Familie in einem beiden Theilen +angenehmen freundschaftlichen Verhältniß leben könnte. +Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt +sie mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu +geeigenschaftet seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß +diese meine Idee einem utopischen Traum ziemlich ähnlich +<a class="pgnum" id="page-137" title="Seite 137"></a>sieht. +Indessen sind doch schon viel unwahrscheinlichere Dinge +realisirt worden.“</p> + +<p>Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, <del>daß</del> <ins>das</ins> +ganze Gut zu verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm +bewohnten Hauses und dazu gehörigen Gartens, von welchem +er jedoch den <span class="antiqua" lang="la">usum fructuum</span> und jede selbstbeliebige Benutzung +dem Käufer des Guts überlassen wolle. „Der Garten,“ +schrieb er, „soll, so lange es nur immer möglich seyn +wird, meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er +das heilige Grab meiner Geliebten, und dereinst auch das +meinige neben ihr, in sich schließt. Finde ich einen annehmlichen +Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder in der +Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner Osmanstädtischen +Villa zu.“</p> + +<p>Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland +sich ausdrückte, „seines, noch immer zu seinem Besten +geschäftigen guten Genius,“ hatte ihm im Februar 1803 in +dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts +zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. +anheischig machte. „So ungern,“ schrieb Wieland, „ich mich +auch von dem Boden trenne, worin die heiligen Gebeine +meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen Verkauf +doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir +in meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch +von einer Last befreit, die mich öfters zu Boden drückte; +ich werde auf einmal schuldenfrei, und es bleibt immer noch +so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten Kinder +ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, +wenn ich das Gut noch länger hätte behaupten müssen.“</p> + +<p>Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende +Geständnisse über seine drückende Lage und über die Mittel, +<a class="pgnum" id="page-138" title="Seite 138"></a>die er ergriffen, sie durch eine erweiterte literarische Thätigkeit +zu verbessern, die beinahe seine Kräfte überstieg. In +Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb +er: „Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit +der ich mein ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich +selbst in meinem siebzigsten Jahre noch zu Projecten solcher +Art hinreißen lassen konnte. Aber die Summe, deren ich bedurfte, +um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu bestreiten, +stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des +Gutes und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so +unproportionirten Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche +Deficit zu decken, alle meine Kräfte aufbieten mußte, +das <span class="antiqua" lang="la">vacuum,</span> das Ceres und Pales in meinem Beutel ließen, +durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen. +Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, +oder wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen +müßte, Gefahr liefe, in den traurigen Zustand von +Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. Aber Noth hat +kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen +Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die +auf mir lag, immer drückender, und die Gefahr, mit jedem +Jahr ärmer zu werden, immer größer. Welche Lage für einen +Siebzigjährigen, von einer zahlreichen Familie umgebenen +Mann von meiner Sinnesart und Constitution!“</p> + +<p>Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im +Februar 1803 sein früher so heiß ersehntes Idyllenleben in +Osmanstädt schloß, durchwanderte Wieland noch einmal den +geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete er +alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, +als er vor den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie +Brentano stand, und sich sagen mußte, daß er auch diese in +<a class="pgnum" id="page-139" title="Seite 139"></a>fremden Händen zurücklassen müßte. Nach einigem Schweigen +sagte Wieland: „Ich traue es dem wackern Käufer meines +Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner +Gattin begraben zu seyn wünsche, ihm stets heilig und +unantastbar seyn werde.“ Darin täuschte sich Wieland nicht. +Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige Stätte, wo +die geliebten Todten ruhten.</p> + +<p>In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin +Amalia hatte Wieland sich sehr gefreut, eine Wohnung in +der Nähe des Palastes seiner von ihm innig verehrten Fürstin +beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von dem +Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung +sah er auf freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie +er sich äußerte, die geliebte Fürstin als „die wohlthätigste +aller Feen walte.“ Nur der Vergünstigung eines Schlüssels, +meinte er, werde es bedürfen, um mit aller Bequemlichkeit +in's Himmelreich einzugehen. „Denn das wird für mich,“ +schrieb er, „jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte +und geliebte Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende +Güte so wohlthätige Sonnenblicke auf den späten Abend +meines Lebens geworfen.“</p> + +<p>Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende +Aufnahme, die Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt +war, bei der hochherzigen Fürstin fand. Sie zog ihn +in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den Kreis seiner +ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm +Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin +ernannt, eine der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts +der Fürstin in Tiefurt befand sich Wieland +oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete, bewies auch sein +Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur Bühne, +<a class="pgnum" id="page-140" title="Seite 140"></a>auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete, +fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht +mehr der Opfer, mit denen er während seines Aufenthalts +in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte erkaufen müssen. +Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen +Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's +Leitung. Wieland glaubte so wenigstens einigen Ersatz dafür +zu finden, daß die von Goethe herausgegebene Zeitschrift: +„die Propyläen“, für die er sich lebhaft interessirt, aufgehört +hatte.</p> + +<p>So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen +Gemüthsstimmung zu erhalten, die jedoch durch den +Tod Herders am 18. December 1803 heftig erschüttert ward. +Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: „Es +ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die +Welt und für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen +mein einziger Freund in Weimar. Ich habe +sehr viel an ihm verloren, und hatte große Ursache, auch um +meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so beträchtlich +jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und +Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; +und mir wird diese Ergebung freilich insofern leichter, als +mein Gefühl für Schmerz und für Freude durch den 8. November +1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist es Pflicht, +sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und +sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß +wir mit unsern Geliebten, nachdem sie unsern Augen und +Armen entschwunden sind, uns noch immer fort unterhalten +können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes ist menschlich; +aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken, +<a class="pgnum" id="page-141" title="Seite 141"></a>daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, +und unendlich besser, als uns.“</p> + +<p>In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung +in das unvermeidliche Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit +ward dadurch nicht gelähmt. Von besonderem Interesse +war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift: +„Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode.“ +Ihr Verfasser, <span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar +zugeeignet, und sie ward in einem Hofcirkel, in welchem sich +auch Wieland befand, vorgelesen und vielfach besprochen. +Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund und +Verleger Göschen: „Ich arbeite seit einigen Monaten an +einem kleinen Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen +wünsche, und es daher zu einer Bedingung machen muß, +daß es besonders, und als ein Werk für sich, im Buchhandel +erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über +das Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: +Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Diese +Euthanasia wird aus drei oder vier Dialogen bestehen, wovon +der erste und größte vollkommen fertig ist. Das Ganze +wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen.“</p> + +<p>Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern +Briefe über die vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. +„Ich glaube,“ schrieb er, „daß der Herr Doctor oder Magister +Wötzel durch meine Analyse seines über allen Ausdruck +elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen +wird. Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu +bedanken, möcht' ich ihm rathen, sich in bevorstehender Messe +um Geld sehen zu lassen. Wirklich wäre ein Hermaphrodit +mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein sehenswürdigerer +Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß +<a class="pgnum" id="page-142" title="Seite 142"></a>einzige Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, +Pfiffigkeit, Albernheit und Plattheit auf eine Art, die allen +Psychologen zu schaffen machen sollte, vereinigt sind. Wer +sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches Mißgeschöpf +mit Augen zu sehen!“</p> + +<p>Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland +hinlänglich Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang +der Geisterwelt mit dem irdischen Leben reiflich nachzudenken. +Er glaubte sich aber gegen alle Geistererscheinungen erklären +zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen seines eignen +Lebens zurückrief. „Wäre eine Möglichkeit“, schrieb er, +„daß die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum +habe ich von meiner Gattin, dieser treuen Seele, nie eine +Erscheinung gehabt? Warum, wenn Geister auf unsre Seelenorgane +wirken können, erscheint sie mir nicht alle Wochen +wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit +mir, da sie doch weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich +durch eine solche Herablassung zur menschlichen Schwachheit +machen könnte? Sie<i> kann</i> also nicht, oder sie<i> darf</i> nicht, +und warum sollte es denn nicht mit allen Andern eben diese +Bewandtniß haben?<ins>“</ins></p> + +<p>Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, +hatte Wieland die Vollendung des „Aristipp“ fast gänzlich +aus den Augen verloren, besonders als ein literarischer Plan, +den er schon vor zwanzig Jahren (1790) entworfen, der Ausführung +entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der sämmtlichen +Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen +Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen +war ihm diese Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über +die Eindrücke der politischen Ereignisse hi<ins>n</ins>wegtrug. Freude +und Leid griffen damals rasch wechselnd in sein Leben ein. +<a class="pgnum" id="page-143" title="Seite 143"></a>Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der Vermählungsfeier +des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs) +von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. +Den Dichter, der jenes frohe Ereigniß durch das Drama: „die +Huldigung der Künste“ gefeiert, mußte Wieland bald nachher +scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, und Goethe +war damals gefährlich krank. „Ich kann mir vorstellen“, +schrieb Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, „welche Sensation +die Nachricht von Schillers Tode in Leipzig gemacht +hat. Nach Herder, und so lange uns Goethe noch erhalten +wird, konnte Deutschlands Literatur keinen empfindlichern +Verlust erleiden.“ Seinen eigenen Gesundheitszustand schilderte +Wieland in diesem Briefe mit den Worten: „Einen +so strengen und fast ununterbrochen fortdauernden Winter +habe ich in 72 Jahren nicht erlebt, und ich wundere mich +alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte Maschine, wie +diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche +unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als +ich in der That diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern +vermögend gewesen ist.“</p> + +<p>Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse +zu ertragen, welche die Schlacht bei Jena am 14. October +1806 über Weimars Bewohner verhängte. Bei der allgemeinen +Plünderung jener Residenz hatte er jedoch am wenigsten +Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu beklagen. +Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats +ward ihm der unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. +Tief erschüttert von dem allgemeinen Unglück und innig beklagend, +daß er den Tag erlebt, wo seine fürstliche Gönnerin +ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, +hatte verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein +<a class="pgnum" id="page-144" title="Seite 144"></a>Asyl im Auslande hatte suchen müssen, begann Wieland +wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, den 1. November +1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe Ciceros, +die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der +Gegenwart so entschieden ablenkte, daß er, nach seinem +eigenen Geständniß, von allem, was um ihn her vorging, +wenig gewahr ward.</p> + +<p>In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen +Schwierigkeiten nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 +Jahren, ein großes Wagstück. „Kaum kann ich“, schrieb er, +„etwas anderes zu meiner Entschuldigung anführen, als die<i> Zeit</i>, +in welcher, und die<i> Art</i>, mit welcher dieser verwegene +Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen +ist. Ich fühlte damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß +in mir, ohne dessen unmittelbare Stillung ich nicht +länger ausdauern zu können glaubte. Das eine war: mich +je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden Gegenwart +in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, +die längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale +Menschen vom Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; — das +Andere: irgend eine große, schwere und mühselige, +aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien +passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen +ließ, daß sie mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die +mit der Ausführung selbst nothwendig verbundene unvermerkte +Steigerung meiner Kräfte vielleicht so weit gelingen dürfte, +daß ich die Welt mit dem Troste verlassen könnte, die letzten +Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos zugebracht +zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten +Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter +<a class="pgnum" id="page-145" title="Seite 145"></a>Genius einen glücklichern Vorsatz einhauchen können, als +die Uebersetzung der Briefe Cicero's?“</p> + +<p>Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem +die Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem +Tode der Herzogin Amalia. Am 10. April 1807 war ihr +standhafter Geist von den Schicksalen, die sie ertragen, überwältigt +worden. Wielands ganze philosophische Standhaftigkeit +war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen Verlust +zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten +und die Heimkehr des Herzogs Carl August in +seine Staaten. Dennoch aber bedurfte Wieland des rastlosen +Fleißes, den er seiner Uebersetzung der Briefe Cicero's widmete, +um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu erliegen. Der +Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu +seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen +Anhöhe, dem Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln +Fichten ein Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, +bald mit der Lectüre irgend eines römischen oder griechischen +Classikers sich beschäftigte. Mit ruhigem Gleichmuth +und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3. November +1809 an seine Freundin Sophie la Roche: „Was uns +noch bevorsteht, weiß allein der Himmel. Unser künftiges +Schicksal ist ungewiß. Wie es aber auch entschieden werden +mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich selbst in +keinem Falle verlassen.“</p> + +<p>Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert +werden. Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner +eben erwähnten Jugendfreundin, deren letztes Werk, „Melusinens +Sommerabende“, er noch revidirt und mit einer Vorrede +begleitet hatte. „Es scheint“, schrieb er, „mein Schicksal, +daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und innigsten +<a class="pgnum" id="page-146" title="Seite 146"></a>liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit +von mir entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber +der Verlust, den ich am 9. November 1801 erlitt, hat mich +auch gegen jeden andern völlig abgestumpft. Die Welt kann +zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau, die von ihrer +Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang +besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen +gänzlich in Eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen +Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben. +Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken +und das wollen wir.“</p> + +<p>In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland +einen Rückblick auf seine Laufbahn. „Ich habe“, schrieb er, +„zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! kein glänzendes, noch +sonderliches Glück gemacht; sondern auch das herzdrückende +Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner +Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet +verdanke ich der Mutter Natur eine so glückliche +Organisation und Sinnesart, und meinem guten Genius +so manche glücklichen Ereignisse, und ein so freundlich schönes +Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit eingerechnet), +daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen +trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht +verschonen konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte +Tage eines so frohen Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, +ohne thörichte Forderungen an den Himmel zu machen, +von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer verlangen +kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen +Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten.“</p> + +<p>Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, +<a class="pgnum" id="page-147" title="Seite 147"></a>ungeachtet er, nach seinem eignen Geständnisse, „sich von +den Erdengöttern so viel als möglich entfernt gehalten,“ +ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als Napoleon +mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt +versammelten Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar +aufhielt. Er wünschte den Dichter zu sehen, der ihm durch +die früher erwähnte Prophezeiung, „daß Frankreichs Heil +nur allein auf Buonaparte beruhe“, merkwürdig geworden +war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. +Unter dem Vorwande des Unwohlseyns hatte er eine Einladung +zum Ball abgelehnt. Eine Vorstellung von Voltaires +Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's Theater, wo er +seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog +einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland +gewesen sei, den er dort in seinem einfachen Kleide und +einem Sammtkäppchen auf dem Haupt gesehen hatte, erkundigte +er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.</p> + +<p>„Nun war kein andrer Rath“, gestand Wieland in +einem Briefe vom 13. October 1808, „als mich in den Hofwagen, +der mir geschickt wurde, zu setzen und — in meinem +gewöhnlichen <span class="antiqua" lang="fr">accoutrement,</span> eine Calotte auf dem Kopfe, +ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig +costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen +halb eilf Uhr. Kaum war ich etliche Minuten dagewesen, so +kam Napoleon von einer andern Seite des Saals auf mich zu. +Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte mir +ganz leutselig — das Gewöhnliche, indem er mich zugleich +scharf in's Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein +Sterblicher die Gabe, einen Menschen gleich auf den ersten +Blick zu durchschauen, in einem höhern Grade besessen, als +Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität zum +<a class="pgnum" id="page-148" title="Seite 148"></a>Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und +da er, wie es schien, für immer einen guten Eindruck auf +mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in +die Form, in welcher er sicher seyn konnte, seine Absicht zu +erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen einfachern, ruhigern, +sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen. +Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer +Monarch zu seyn sich bewußt war. Er unterhielt sich mit +mir, wie ein alter Bekannter mit<i> seines</i> Gleichen, und +was noch keinem Andern<i> meines</i> Gleichen widerfahren war, +an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz allein, +zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr +ungeübter, schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war +es glücklich für mich, daß er gerade in der Laune war, viel +zu sprechen, und die <span class="antiqua" lang="fr">frais de la conversation</span> fast allein auf +sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich endlich zu +fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen +könne. Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich +schwerlich irgend ein andrer Deutscher oder Franzose unterstanden +hätte. Ich bat Se. Majestät, mich zu entlassen, +weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen länger +auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. <span class="antiqua" lang="fr">Allez donc,</span> sagte +er mit freundlichem Ton und Miene, <span class="antiqua" lang="fr">allez! bon soir!“</span></p> + +<p>In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein +freundlich Napoleon auch gegen ihn gewesen, habe er doch +an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und es sei ihm +mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze +gegossen. „Indessen“, schrieb Wieland, „hatte ich es doch +dahin gebracht, daß ich ihm ganz offen endlich die Frage +vorlegte, wie es denn komme, daß der Cultus, den er in +Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem +<a class="pgnum" id="page-149" title="Seite 149"></a>Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd +erwiederte hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, +für Philosophen ist er auch nicht gemacht, denn die Philosophen +glauben weder an mich, noch an meinen Cultus, +und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder +genug thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion +für Philosophen stiften könnte, die sollte freilich anders beschaffen +seyn. An diesen Faden spann sich nun das Gespräch +über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so sehr +machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. +Das war aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den +er da auskramte, und ich fand an seiner Freigeisterei nichts +zu bewundern, als die Offenheit, mit welcher er sich mir +preisgab.“</p> + +<p>Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch +den ihm übersandten Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser +Alexander verdankte er gleichzeitig (1808) den St. Annenorden, +wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung aufdrang, +daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, +als die Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete +jedoch nicht durch solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon +den außerordentlichen Mann zu verkennen, den er für +ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte sich +Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, +die das Unterjochungssystem des französischen +Machthabers über Deutschland verhängte.</p> + +<p>Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der +Gedanke, sich so vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt +und geliebt hatte. Herder, Schiller, Gleim waren +ihm vorangegangen, in der letzten Periode seines Lebens auch +noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland +neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit +seines Charakters, den offnen, geraden Sinn. „Es +ist eine Freude“, schrieb er, „derbe Wahrheiten so freimüthig +und kräftig, und doch so manierlich gesagt zu hören. +Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen +wird, daß englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. +Ich habe von jeher große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, +<a class="pgnum" id="page-150" title="Seite 150"></a>deren Ideal Lucian in seinem Kyniskos so trefflich +aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch und +der wahre Weise, und <span class="antiqua" lang="la">minor Jove,</span> wie Horaz sagt. Das +alte Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen +500 Jahren aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume +der Einzige, den ich wenigstens kenne.“</p> + +<p>Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für +Wieland häusliche und persönliche Leiden. Seine Tochter +Julie entriß ihm der Tod. Ein hartnäckiges Augenübel +untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. Nur +langsam genas er im Herbst 1809 von einer +lebensgef<del>a</del><ins>ä</ins>hrlichen +Krankheit. „Das Sonderbare dabei war“, schrieb Wieland, +„daß, nach der Versicherung meines Arztes, das Herz und +die ganze Blutmasse an dem schrecklichen Sturm auf alle +übrigen Theile meines ohnedieß schwachen Körpers keinen +Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig fortzutreiben +schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas +schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, +Nerven, Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, +alle Drüsen so rein ausgewunden und ausgetrocknet, +alle Fibern so abgespannt, daß ein vierteljähriges Kind mehr +Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den ersten +vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; +über vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick +stehen. Kurz, ich mußte, wie ein Kind, von vorn anfangen, +und die Verrichtungen des animalischen Lebens wieder lernen, +als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' ich +hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine +Lob- und Dankrede halten!“</p> + +<p>In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch +zunehmende Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. +„Wohl mir“, schrieb er, „daß ich im Winter meines +Lebens noch mit Gegenständen der Liebe umgeben bin, mit +Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein +Herz wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu +schlagen aufhört.“ Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, +wenn er noch einmal seinen ganzen Familienkreis um +sich hätte versammeln können, der immer kleiner geworden +<a class="pgnum" id="page-151" title="Seite 151"></a>war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter +mit zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter +Luise bestand. In dankbarer Erinnerung an die Feier seines +Geburtstags im Jahr 1810 schrieb Wieland an Böttiger: „Auch +wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz besonders freundlich, +heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir vorbeigewankt, +gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt +und geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine +hübsche Sache um's lange Leben, wenn einem am Vorabend +des 78sten Jahres noch solche Stunden zu Theil werden, wie +ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen Kreise +brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte +meinem Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige +Zeichen herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe +zu empfangen.“</p> + +<p>Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher +erwähnten Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der +Ciceronianischen Briefe mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. +Neben dieser Beschäftigung trug er sich damals mit +dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner sämmtlichen Werke. +Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu aufgefordert +und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche +Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb +Wieland: „Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: +ob die neue Auflage<i> alles</i>, was in der ersten ist enthalten +soll oder nicht? Da diese Frage, meines Erachtens, blos +aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden werden +kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als +daß sie mir viele und kaltblütige Ueberlegung von allen +Seiten zu erfordern scheint. Glauben Sie Ihre Rechnung +bei einer Auswahl des Besten und Interessantesten eher zu +finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner<i> sämmtlichen</i> +Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich +bemerken, daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren +ließe, höchstens drei oder vier Bändchen ausmachen, +und manchen Lesern auch damit vielleicht kein Gefallen geschehen +würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder meines +Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, +<a class="pgnum" id="page-152" title="Seite 152"></a>auf einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern +Gründen wohl das Beste seyn möchte: ob die poetischen von +den prosaischen Werken abgesondert werden, und also zwei +Classen ausmachen sollen? Auch dies kann und soll blos +von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische +Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, +es dürfte vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner +Schriften angenehmer seyn, ohne Hinsicht auf Verse und +Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben wurden, zu +lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen +und aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr +die Belege zur Geschichte meines geistigen Lebens an +die Hand geben, welche ich, wenn der schwarzbraunige Bruder +des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben gedenke.“</p> + +<p>Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig +Ernst zu seyn. In seinem literarischen Nachlaß fand sich +auch nicht das kleinste Fragment jener „Memorabilien,“ wie +er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände verhinderten +die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe +seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner +Uebersetzung des Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser +Arbeit überraschte, sein Freund und Landsmann Gräter +die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's hinzufügte.</p> + +<p>Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte +Wieland die Berge und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen +zu können. Er leistete daher im Sommer 1811 +Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und beschränkte +sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. +Am 11. September 1811 hatte er das Unglück, +als der Wagen umwarf, das Schlüsselbein zu zerbrechen. +Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter verletzt. Wahrhaft +bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung, +der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen +Folgen des Falles und die Langeweile der Genesung +ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte sich seine Lebensphilosophie, +die ihn noch nie verlassen hatte.</p> + +<p>„Es gehört,“ schrieb er den 18. October 1811, „unter +die größten Uebel der schon oft von mir recht herzlich verwünschten +<a class="pgnum" id="page-153" title="Seite 153"></a>Celebrität (zu deutsch Berühmtheit) — die übrigens +auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes Gute +hat — daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige +ein Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen +will, brechen kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern +der Welt verkündigt, und dadurch alle entfernten Freunde +des Verunglückten unschuldiger und ungebührlicher Weise, +gegen den Willen desselben, zum Mitleiden aufgefordert, beunruhigt, +und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, sich +das Uebel ärger vorzustellen, als es ist.“</p> + +<p>Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand +ihn sein achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von +Freunden feierte, die ihn nach Jena eingeladen hatten, und +ihm an jenen Tage eine silberne Denkmünze überreichten, +mit der Aufschrift: „Dem unsterblichen Sänger.“ Mit den +heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, +wo ihn Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater +erwarteten. Er schien sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. +Seine Gesundheit blieb sich gleich. In der Nacht vom +10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein Anfall von +Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand, +durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage +zu Tage bedenklicher.</p> + +<p>Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. +In schmerzlosen Stunden beschäftigte sich seine Phantasie +mit seinen Kindern. Auch sprach er bisweilen mit lebhaftem +Interesse von seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe. +Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch ärztliche +Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder zurückkehrte, +schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, +bald in Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten +seine Kinder ihn schwach, doch vornehmlich, Hamlets berühmten +Monolog: „Seyn oder Nichtseyn“, bald deutsch, +bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen +Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr +unter den Lebendigen.</p> + +<p>Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines +Todes. Die Brüder des Freimaurerbundes, dem er angehörte, +<a class="pgnum" id="page-154" title="Seite 154"></a>beschlossen eine feierliche Bestattung des Entschlummerten. +Architektonische Verzierungen schmückten in dem +mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, +das von seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte +Local, wo Wielands sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar +ausgestellt ward. Seine zahlreichen Verehrer und +Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen, sein mit +einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen, +mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine +ähnliche Decke breitete sich aus über den untern Theil des +Sargs. Der Körper war in ein weißes Tuch gehüllt. Ein +Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden Gedichte: +„Oberon“ und „Musarion“, die in einem Einbande +von Maroquin auf einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel +des Sargs ruhten. Dort sah man auch auf einem kleinern +weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen und französischen +Ordens.</p> + +<p>Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst +Wielands Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht +seine irdischen Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar +1813 Nachmittags die sämmtlichen Brüder der Loge +Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands Freunden +und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, +welches der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit +des Dichters ältestem Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn +Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut der Dorfglocken +lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt +herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch +immer nannten, wollten sie die letzte Ehre erweisen. Der +Zug ging die lange Allee hinab, die der Dichter oft durchwandelt +hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst +seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem +Grabe folgte eine kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths +Günther, der die Verdienste des Dahingeschiedenen +in ergreifenden Umrissen schilderte.</p> + +<p>Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten +gewesen im Leben, neben Sophie Brentano und seiner Gattin +Anna Dorothea, erhielt Wieland, seinem oft geäußerten +<a class="pgnum" id="page-155" title="Seite 155"></a>Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei dreiseitigen +Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, +erhob sich auch sein Grab.</p> + +<p>Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale +in Seeberger Sandstein ausgeführt. Für Sophie Brentano +war das Emblem einer Psyche mit einem Rosenkranz umgeben +gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild +der Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem +Eichenkranz. Die geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit +darüber ward für Wieland zum Sinnbilde gewählt. +Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die +treffende Inschrift verfertigt:</p> + +<div class="poem"> +<p>„Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen +im Leben,</p> +<p>Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.“</p> +</div> + +<p>Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland +näher gekannt, bestätigen die richtige und partheilose Schilderung +seines liebenswürdigen Charakters, die einer seiner +Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: „Mild gegen +den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, +für Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit +heilig seyn muß, weil es allein dem höhern Menschenleben +Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger Kämpfer, aber eben +deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile, aller +Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung +seines Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte +nicht von Religion und Philosophie, aber er bethätigte sie +im Leben, in welchem er dankbar alles Gute, und mit ruhiger +Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts +Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den +Sinn stets auf das Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter +Mensch, Gatte, Vater, Freund und Bürger zu seyn.“</p> + +<hr/> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE *** + +***** This file should be named 17454-h.htm or 17454-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/7/4/5/17454/ + +Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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