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+The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Chr. M. Wieland's Biographie
+
+Author: H. Doering
+
+Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE ***
+
+
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+
+Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+[Transcriber's Note/ Anmerkung:
+Errors in the printed text have been corrected. The original form is listed
+at the end of the file.Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die Originalform ist am Ende
+notiert.]
+
+ ---- ---- ----
+
+BIOGRAPHIEN
+DEUTSCHER CLASSIKER.
+
+
+SUPPLEMENT
+zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe
+"DEUTSCHER CLASSIKER."
+
+
+Drittes Bändchen.
+CHR. M. WIELAND.
+
+
+Jena,
+Verlag von Carl Doebereiner.
+1853.
+
+
+
+CHR. M. WIELAND'S
+Biographie
+von
+=Dr.= H. DOERING.
+
+
+Complet in Einem Bändchen.
+
+
+Jena,
+Verlag von Carl Doebereiner.
+1853.
+
+
+
+
+WIELAND'S LEBEN.
+
+
+_Christoph Martin Wieland_ erblickte in dem unfern der ehemaligen freien
+Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe Ober-Holzheim am 5. September 1733
+das Licht der Welt. Sein Vater, _Matthias_, der dort eine Pfarrstelle
+bekleidete, doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche zu
+Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der er sich anfangs gewidmet,
+später in Halle mit dem Studium der Theologie vertauscht. Er war ein
+eifriger Anhänger Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus
+geworden. Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer eine gewisse
+Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er von der priesterlichen Würde
+für unzertrennlich hielt. Seine Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in
+seinen beschränkten Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe
+seiner Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt. Mit
+gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin, eine geborne _Kieke_,
+die mannigfachen Entbehrungen, die ihres Mannes Lage zu fordern schien.
+Sie war eine stille, anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe
+zu vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem Sohne, und diese
+Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch ein Bruder geboren ward, der
+schon früh an Engbrüstigkeit litt, und bereits im Jünglingsalter starb.
+
+Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern Jahren erzählte, seine
+große Liebe zur Reinlichkeit. Als ihm einst der Dreier, wofür er sich beim
+Gange in die Schule sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand
+fiel, konnte er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze
+wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu betreten. Ein
+gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen Spielen nie ganz
+verließ, blieb ihm in seinen Knabenjahren eigen. Von Natur war er
+schwächlich. Aber bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten
+Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen in
+reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und einem trefflichen
+Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als er, außer einer gründlichen
+Kenntniß des Lateinischen und Griechischen, auch in der Mathematik, Logik
+und Geschichte bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen
+Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls. Durch seine
+Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel seines Vaters neigte er
+sich früh zur religiösen Schwärmerei. Verändert ward diese Geistesrichtung
+durch das mit großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen und
+griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden im Cornelius
+Nepos begeisterten ihn.
+
+Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands Gefühl für Poesie,
+noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen hatte, die späterhin seine treuen
+Begleiter auf einsamen Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen
+Versuche waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild bei einem
+Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung von beinahe 600 Versen gab.
+Nicht viel kürzer war ein anderes Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die
+bekannte Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war eigentlich
+eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors an der Schule zu
+Biberach. In deutschen Versen wählte sich Wieland den durch sein
+"Irdisches Vergnügen in Gott" gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von
+Gottsched, dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte ihn
+sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne.
+
+Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb Brockes Wielands Vorbild
+in mehreren Cantaten und andern religiösen Dichtungen, die er zwischen
+seinem zwölften und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und
+Ballette fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie hatte
+jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das vaterliche Verbot, mit
+irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen Gegenständen sich zu
+beschäftigen, nöthigte ihn, früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu
+seinen poetischen Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen
+Versuche, ein Epos, "die Zerstörung Jerusalems" betitelt, nicht
+ausgenommen, genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte Wieland die
+meisten seiner poetischen Versuche, und auch die wenigen, die seine Mutter
+gerettet hatte, traf späterhin ein gleiches Schicksal.
+
+Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward früh geweckt durch die
+anmuthigen Umgebungen der Stadt Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb
+ein vorherrschender Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos
+einen großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht in dem an
+der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu. In froher Erinnerung an seine
+Jugendzeit dichtete er später (1780) in seinem "Oberon" die Verse: "Du
+kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste
+Lust empfand" u.s.w. In einem spätern Briefe an einen Freund gestand
+Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen Gegend großen Einfluß
+auf seine Bildung gehabt habe.
+
+Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn sein Vater nach der
+bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt Klosterbergen sandte. Unter dem Abt
+Steinmetz, dem damaligen Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen
+Hinneigung zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser Schwärmer
+zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in Klosterbergen neue Nahrung.
+Heilsam war ihm daher das mit besonderem Eifer betriebene Studium der
+neuern Sprachen. Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines sehr
+mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war er im Stande, ohne
+Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische Schriftsteller zu lesen.
+Fontenelle, d'Argens und Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der
+Letztere durch seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl
+empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker geworden. In
+einem philosophischen Aufsatze suchte er zu beweisen, daß das Universum,
+ohne einen Gott, aus ewigen Elementen sich habe bilden können. Die harten
+Vorwürfe, die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen,
+konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben einigermaßen
+mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an wegen seiner Zweifel an der
+Existenz Gottes. In schlaflosen Nächten rang er sich die Hände fast wund,
+und vergoß bittere Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre
+geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen.
+
+Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich wieder den
+classischen Studien zuwandte. Während seines zweijährigen Aufenthalts
+hatte er den Livius, Terenz, Horaz, Virgil und andere römische Autoren für
+sich gelesen. Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner
+Lectüre. Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart gewann
+Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland, wie er sich damals an der
+Cyropädie nicht habe satt lesen können. Besonders gefiel ihm die Episode
+von "Araspes und Panthea," die er späterhin zum Stoff einer Dichtung
+wählte. Die "Denkwürdigkeiten des Sokrates" galten ihm, nach seinem eignen
+Ausdruck, für "das Evangelium der Welterlösung." Eine ähnliche Richtung,
+wie sie Xenophon verfolgte, fand Wieland in dem =Spectator=, =Tatler=,
+=Guardian= und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig in die
+Hände geriethen.
+
+Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen hatte, behielten
+noch immer einen lebhaften Reiz für ihn. Unter den Alten war Cicero sein
+Liebling. Das ernste Studium von Wolfs Schriften und von Bayle's
+historisch-kritischem Wörterbuche vollendete Wielands philosophische
+Bildung. In spätern Jahren gestand er, daß er "durch eine poetische
+Manier, in den metaphysischen =terris incognitis= herum zu vagiren,"
+damals von einem System zum andern übergesprungen sei. Von diesem
+Schwanken befreite ihn einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich
+seiner wahrhaft väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte sich
+vielfach um seine Geistesbildung verdient.
+
+Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts in Klosterbergen
+war musterhaft. Neben seinen philologischen und philosophischen Studien
+betrieb er mit Eifer sein künftiges Berufsfach, die Theologie. Er fand
+noch Muße, sich im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen
+Lehranstalten wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die zahlreichen
+Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in Breitinger's kritischer
+Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher kritischer Blätter suchte er sich
+zu bilden. Er fand darin reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem
+er seine eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte.
+
+Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands Neigung zur
+Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend waren für ihn, außer Gellert
+und Hagedorn, besonders Hallers Gedichte durch ihren philosophischen
+Inhalt und durch die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene
+Dichter, als Klopstock mit seinem "Messias" hervortrat. Unbeschreiblich
+war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten Gesänge jener Dichtung in den
+"Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und Witzes" gelesen hatte.
+Er fand in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz, für seine
+Religiösität und für sein poetisches Gefühl.
+
+Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf den Wunsch seines
+Vaters hatte er sich 1749 in die genannte Stadt begeben. Er war damals
+sechszehn Jahre alt. Den größten Theil der poetischen Versuche, die in
+jener Zeit entstanden, verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens
+unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern bot ihm die
+griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen Beschäftigungen führte er
+auch in Erfurt ein einsames Leben. Der Mangel eines Jugendfreundes
+nöthigte ihn, sich an ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der
+Ernst seines Wesens ohnedieß hinzog.
+
+Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem mit seiner Familie
+verwandten =Dr.= Baumer, der später eine Professur der Medicin und Chemie
+in Gießen erhielt, und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb.
+Seine Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern, war
+die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte. Baumer's logische
+Vorlesungen und ein Privatissimum über die Wolfische Philosophie gaben
+seinem Geiste reiche Nahrung. Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in
+spätern Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er ihm zur
+Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem Roman habe er "die große
+allgemeine Naturgeschichte der menschlichen Thorheit und Narrheit" kennen
+gelernt.
+
+Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland 1750 nach Biberach
+zurück. Der Sommer, den er im elterlichen Hause zubrachte, war eine der
+merkwürdigsten Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste
+Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter eines Arztes,
+der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Nicht
+durch blühende Schönheit, durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu
+Sophien hingezogen. An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte die
+Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was ihn an Sophien
+fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung, die sie schon früh durch
+das Lesen der besten deutschen Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses
+Streben nach Erweiterung ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus
+für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei Jahre älter, als
+Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit ihres Charakters und innere
+Haltung eine seltene Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An
+Kenntnissen ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung
+Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen.
+
+Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes Gedicht seinen
+Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange nach dem St. Martinskirchhofe
+traf Sophie einst ihren Freund, und ihre Gefühle begegneten sich dort zum
+ersten Mal in der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches
+Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen Freuden der Welt
+vorzuziehen. Durch den Umgang mit Sophien, äußerte er in einem spätern
+Briefe, mit Hindeutung auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz
+anderer Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden. Unvergeßlich
+blieb ihm noch in spätern Jahren ein schöner Sommertag, an welchem er mit
+der Geliebten in den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt,
+und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen und von der
+Würde der menschlichen Seele unterhalten hatte. Durch eine Predigt seines
+Vaters über den Text: Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt
+worden. Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin
+bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht: "Die Natur der Dinge oder
+die vollkommenste Welt." Es ward im Februar 1751 begonnen, im April des
+genannten Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal
+gedruckt.
+
+Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten, die im Herbst 1750
+nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr Vater, früher in Kaufbeuern ansässig,
+sich niedergelassen hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese
+Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild vor seine Seele.
+Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht, war so tief, daß die in einem
+Briefe seines Vaters ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner
+Liebe ihn sehr schmerzten.
+
+In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres Glück, als
+Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen Schwierigkeiten, die der Erfüllung
+seines Lieblingswunsches entgegen treten konnten, setzte er sich leicht
+hinweg. Im Geist sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet,
+während er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem er sich
+widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch ihre Trockenheit. Um
+Theolog zu werden, hätte er eine stärkere Brust haben müssen. Das Studium
+der Medicin ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor
+todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte in Tübingen fast
+gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit fesselte ihn an sein Zimmer.
+Ohne Freunde, ja fast ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee,
+die schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten
+möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen Kranz zu flechten. So
+entstand sein früher erwähntes Gedicht: "Die Natur der Dinge oder die
+vollkommenste Welt."
+
+Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr strengen
+Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht dem Professor Meier in
+Halle, der damals als philosophischer Kopf und als Kritiker viel galt.
+Weder seinen Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem
+Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des ihm gesandten
+Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es mit einer Vorrede begleitete.
+Noch ehe er das Schicksal seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen
+poetischen Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen
+Gedichts, "Hermann" betitelt, sandte er an Bodmer in Zürich, der damals in
+dem lebhaftesten literarischen Kampfe mit Gottsched und seinen Anhängern
+verwickelt war. Bodmer nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht
+schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung seine Parthei
+ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor in einen fortgesetzten
+Briefwechsel.
+
+In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das Wielandshäuschen genannt,
+auf einem Weinberge unweit Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte
+Wieland damals dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei
+poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in fast gänzlicher
+Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und Empfindungsweise schilderte er
+in einem damaligen Briefe mit den Worten: "Ich habe von der Dichtkunst
+keinen kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner Werke und
+der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir doch auch die Aeußerungen
+jugendlicher Freude, wenn sie unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben
+mich oft ergötzt." In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch auch den
+unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die genannten Dichter eines
+sträflichen Leichtsinns beschuldigte. Der Ernst seiner Natur zog ihn zu
+den englischen Poeten, zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. "Den
+Franzosen," schrieb Wieland, "bin ich, ihres flüchtigen und affenmäßigen
+Charakters wegen, recht gram, und noch mehr den Deutschen, die ihren Geist
+lieber nach diesen lächerlichen Geschöpfen bilden wollen, als nach den
+denkenden, männlich schönen und zuweilen himmlischen Britten."
+
+Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes ging Wielands
+Streben hervor, die Irreligiosität und den Leichtsinn zu bekämpfen. Er
+wollte der Welt zeigen, daß das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem
+Guten einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands
+Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von der enthusiastischen
+Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere damalige Briefe Wielands. Ein
+Nachahmer Klopstocks ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag,
+leicht etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die seinem
+Geschmack besonders zusagten. Wielands "Lobgesang auf die Liebe", und ein
+Gedicht, "der Frühling" überschrieben, zeigten unverkennbar den Einfluß,
+den Kleist auf sein poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen
+Versuch, den Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie zu
+begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn beseelte ein
+gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward durch die Vergleichung
+des gewöhnlichen Lebens und Treibens der Menschen mit den erhabenen
+Mustern von Tugend und Seelengröße, die ihm ältere und neuere
+Schriftsteller vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe,
+wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch höher begeisterte
+ihn als Jüngling die Schilderung jeder edlen That, während er sich von
+schlechten Handlungen mit Abscheu hinweg wandte.
+
+Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges Gefühl für das
+Reinsittliche. Den philosophischen und moralischen Gedichten gab er vor
+allen andern den Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: "Ich schätze die
+heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern Geistern,
+darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen. Ich begnüge mich, die
+wenigen Nebenstunden, die mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu
+benutzen, in philosophischen und moralischen Gedichten, und also in
+Absicht der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige Tugend
+zu preisen."
+
+Unter den Gedichten Wielands, die während seines Aufenthalts in Tübingen
+entstanden, war der "Anti-Ovid", im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen
+den Leichtsinn der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe
+begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu wählen, dem er,
+wie er in spätern Jahren gestand, damals kaum gewachsen war, da es ihm in
+seiner Einsamkeit, umgeben von seinen Büchern, an der nöthigen
+Menschenkenntniß fehlte, die er nur aus der Beobachtung der
+Lebensverhältnisse schöpfen konnte.
+
+Einige Monate früher, als der "Anti-Ovid", im Mai 1752, entstanden
+Wielands "moralische Erzählungen." Bereits am Schluß des Jahres 1751 hatte
+er seine "moralischen Briefe" herausgegeben. Von seinen bisherigen
+Gedichten unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren
+Gehalt, als durch die Form. Für die "moralischen Briefe" hatte Wieland
+Alexandriner, für die "moralischen Erzählungen" reimlose Jamben gewählt,
+und für den "Anti-Ovid" ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen.
+Unter solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der wirklichen
+Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm seine Phantasie vorzauberte.
+Seine Zukunft schien ihn wenig zu kümmern. In einer Art von
+Selbstcharakteristik, die er noch während seines Aufenthalts in Tübingen
+in einem Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz seiner
+mannigfachen Fehler, sich "ein gutes Herz und einigen Geist" zu, dabei
+glaubte er mit Wahrheit versichern zu können, daß es "sein Geist gewesen,
+der sein Herz zu einem so guten gemacht habe."
+
+Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in das elterliche Haus nach
+Biberach zurückgekehrt. Lebhaft misbilligte sein Vater die Art und Weise,
+wie er bisher seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte
+er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren. Einer
+sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen, war ihm gar nicht in den Sinn
+gekommen. Sehr abgeneigt war er daher dem väterlichen Plan, sich in
+Göttingen der Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland
+meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht passe. Er hoffte
+wohl noch einen Wirkungskreis zu finden, der mit seinen Fähigkeiten und
+Neigungen mehr harmonirte. Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er
+gewachsen zu seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem
+Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er dadurch mit Gärtner,
+Ebert, Zachariä u.a. talentvollen Männern, die in dem genannten Institut
+Lehrstellen bekleideten, in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur
+Erfüllung seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine Aussicht.
+
+Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere Unterstützung
+beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit durch eine Einladung
+Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu kommen. Er hatte den jungen Autor, nach
+den poetischen Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen.
+Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten werden
+sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden. Er glaubte vielmehr, daß
+eine solche Entfernung seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn
+möchte, besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von der er
+sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland aber wollte Biberach
+nicht verlassen, ohne seine geliebte Sophie noch einmal gesehen zu haben.
+Manche Umstände traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern
+verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner Briefe
+äußerte, "in einen Zustand von Unthätigkeit und Verdrießlichkeit, der ihm
+oft zur Last ward." Eine Beurtheilung von Bodmer's "Noachide" half ihm die
+langweilige Zeit einigermaßen verkürzen.
+
+Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben in Zürich. Da er
+seine dortigen Freunde nicht so bald wieder verlassen wollte, so wünschte
+er in der Schweiz durch eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner
+Subsistenz zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte er
+sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn Schinz, und
+bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's anmuthig gelegener Wohnung, wo er am
+13. October 1752 eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht,
+Liebe und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch
+Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden
+Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit seiner Denk- und
+Empfindungsweise harmonirte Bodmer's einfaches Leben, seine
+Zurückgezogenheit von der Welt und die Neigung zu literarischen
+Beschäftigungen. Auch nachdem sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in
+ihrem freundschaftlichen Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in
+spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste seines Lebens.
+
+In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu Biberach angefangene
+"Abhandlung von den Schönheiten des epischen Gedichts Noah", das sein
+väterlicher Freund Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753
+zu Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes
+"Schreiben über die Würde und Bestimmung eines schönen Geistes." Auch zur
+Poesie kehrte Wieland in Zürich wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag
+schrieb er ein kleines Epos, "die Prüfung Abrahams" betitelt. Zu seinen
+damals gedichteten "Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden Freunde"
+hatte er sich durch das von der englischen Dichterin Elisabeth Rowe
+herausgegebene Werk: ="Friendship in death"= veranlaßt gefunden.
+
+Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken, seine geliebte Sophie einst
+ganz die Seinige nennen zu können. Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem
+Besitz zu gelangen, sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in
+seine poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen
+Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm für aufgelöst
+erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang des December 1753 erhielt,
+meldete ihm zugleich Sophiens Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath
+de la Roche. Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte sie
+aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht, und die Stimme ihres
+Herzens, die noch immer für Wieland sprach, wenig beachtet.
+
+Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies harte Schicksal
+ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung, als sich von seiner
+reizbaren Gemüthsart erwarten ließ, billigte er in einem Briefe an
+die Geliebte ihren Entschluß, und wünschte ihr aufrichtig Glück zu
+ihrer Verbindung. Oft aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust
+seiner Sophie wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl
+mitgerechnet haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung einer
+Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte, einer "Akademie
+zur Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute." Durch das peinliche
+Gefühl, als Bodmer's Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur
+Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem Herrn v. Grebel in
+Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen. Weder die ausgezeichnete Achtung,
+die er in seinem neuen Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man
+auf seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz um den
+Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in seinen schönsten
+Hoffnungen getäuscht, und versank in einen Trübsinn, den nichts zu
+erheitern vermochte. In dieser Stimmung nahm er seine Zuflucht zu
+philosophischen Studien. Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht
+in Plato's Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die
+Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger Lectüre.
+Dadurch neigte er sich zu einer immer strengern Ascetik hin. In solcher
+Stimmung schrieb er einem Freunde: "So einsiedlerisch ich hier Vielen
+scheine, bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn möchte.
+Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer Gegend giebt. Ich habe
+schon seit manchen Jahren große Lust, ein Eremit zu werden; denn ich
+versichre Sie im Ernst, daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen
+herzlich müde bin."
+
+Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer zu werden. Die
+Lectüre von Youngs Nachtgedanken und von Klopstocks Mesias war geeignet,
+jene Stimmung zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen
+Forschens weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und Frömmigkeit
+kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz war ihm ein völlig fremder
+Begriff. Ueber Ovid, Anakreon, Tibull und mehrere französische und
+englische Dichter, besonders aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in
+seinen 1754 herausgegebenen "Sympathien" öffentlich ein Verdammungsurtheil
+aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland in den 1755 geschriebenen
+"Empfindungen eines Christen" gegen die "schwärmerischen Anbeter des
+Bacchus und der Venus." Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er
+dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, "das Aergerniß zu
+rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet."
+
+Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische Richtung war
+vorherrschend in mehrern "Hymnen" Wielands, von denen er später nur den
+"Hymnus auf Gott" in seine Werke aufnahm. Mit seinen "Erinnerungen an eine
+Freundin" dem Inhalt nach verwandt war Wielands "Timoklea", eine Frucht
+seiner philosophischen Studien, besonders der Lectüre des Plato und
+Shaftsbury. Wieland's "Platonische Betrachtungen über den Menschen"
+dankten ebenfalls jenen Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften
+sowohl, als in zwei Aufsätzen, die er selbst als "Visionen" bezeichnete,
+in dem "Gesicht des Mirza" und in dem "Gesicht von einer Welt unschuldiger
+Menschen" sprach Wieland mit ergreifender Wärme von der Tugend, Schönheit
+und Liebe im edelsten Sinne des Worts.
+
+In seiner "Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen" unternahm er
+einen kritischen Feldzug gegen Gottsched, den damaligen Tonangeber des
+ästhetischen Geschmacks und gegen seine Anhänger. Aus der
+leidenschaftlichen Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art
+von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen Grad erreichte.
+"Ich verschlummere", schrieb er 1756 einem Freunde, "wider meinen Willen
+einen großen Theil meiner Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer
+schwächer wird, und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn
+dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich, daß ich ein halbes
+Dutzend munterer Seelen hätte, die der meinigen subordinirt wären, und die
+alles das nach meinem Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen
+Wünsche sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen
+Lebhaftigkeit übrig geblieben ist."
+
+Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen bisher auf Bodmer
+und dessen Freunde beschränkten Umgang allmälig erweiterte. Geneigter als
+bisher ward er wieder den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem
+bekannten Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser
+der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor des berühmten Buches
+über die Einsamkeit, zu Wielands vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern
+verkehrte er wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine
+geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht Ansprüche
+zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen konnte.
+
+In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland, sein Herz, trotz
+allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste an ihm. An Zimmermann
+schrieb er darüber: "Sie dürfen viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne
+sich zu betrügen. Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern und
+eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen, Imagination,
+Activität, Kühnheit, Neigung zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u.
+dergl. Verdient das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas
+darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott, daß ich von
+Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das, was gut, recht und moralisch
+schön ist, sehr empfindsam gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich,
+aber da ich es mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts
+Vorzügliches. Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach bin ich in
+der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr die Aussichten in ein
+anderes, als in dieses Leben. Hier bin ich nur =par devoir=, nicht =par
+inclination=."
+
+Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder. Erst gereiftere
+Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere Welt- und Menschenkenntniß
+bewirkten eine merkwürdige Veränderung in Wielands Wesen. Er schien
+heiterer gestimmt. Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem
+Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt als früher.
+Auch sein hartes und unbilliges Urtheil über mehrere alte und neuere
+Dichter nahm er zurück. Auf seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte
+jene Sinnesänderung den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine
+Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman "Araspes und Panthea",
+zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's den Stoff dargeboten hatte,
+nannte er in einem seiner damaligen Briefe "eine unreife und unvollendete
+Geburt." Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen Bühne. Fleißig
+wohnte er den theatralischen Vorstellungen der Ackermannschen
+Schauspielertruppe bei, die damals (1757) durch die Drangsale des
+siebenjährigen Krieges aus Deutschland vertrieben, längere Zeit in der
+Schweiz und namentlich in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel
+"Johanna Gray" machte Wieland den ersten dramatischen Versuch. Statt der
+Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes, wählte er die
+fünffüßigen Jamben für seine Tragödie. Sie ward am 20. Juli 1758 zum
+erstenmal in Winterthur, und später auch an andern Orten nicht ohne
+Beifall aufgeführt.
+
+Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich Wieland damals. Viel
+versprach er sich besonders von einem epischen Gedicht, zu welchem ihm
+einer seiner Lieblingsschriftsteller, Zachariä in Braunschweig, den Stoff
+dargeboten hatte, während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht
+Friedrich II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa durch
+Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften selbst seinen Feinden
+Bewundrung abnöthigte. Sein "Cyrus", wie das von Wieland beabsichtigte
+Gedicht hieß, sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch seinen
+vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan verschwiegen. Als er
+jedoch zu Anfange des Jahrs 1758 die Ausführung seiner poetischen Idee
+begann, stieß er auf mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein
+Unternehmen gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war. In einem seiner
+damaligen Briefe meinte Wieland, "er stehe zu tief unter einem Helden, um
+ihn würdig darstellen zu können." Selbst der Styl und die Versification
+kosteten ihm, nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte,
+daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der wirklichen Welt
+gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte und Politik hielt er für
+unerläßlich, um seinem Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben.
+Fleißig studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch die
+Lectüre von Plato's Republik beschäftigte ihn.
+
+Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische Schrift:
+"Gedanken über den patriotischen Traum, die Eidgenossenschaft zu
+verjüngen." Diese Schrift erschien, während Wieland sich noch fleißig mit
+seinem "Cyrus" beschäftigte. Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu
+unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf Wieland den Plan
+zu einem satyrischen Roman. Unter dem Titel: "Lucian's des Jüngern
+wahrhafte Geschichten", wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten
+Werke zwei Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame
+Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden genannt, und ähnliche
+wunderbare Dinge schildern. Die Ausführung dieser Idee unterblieb. Von
+seinem "Cyrus" hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe
+vollendet, und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher
+fortgeschritten seyn.
+
+Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine fernere Subsistenz in
+Zürich. Seine bisherigen Zöglinge hatten anderweitige Bestimmungen
+erhalten, und Wieland mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine
+Zeit lang beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift,
+von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In einem seiner
+damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle alle seine Kräfte
+zusammennehmen, um jener periodischen Schrift die höchste Vollkommenheit
+zu geben. Aber seine schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem
+"Cyrus". Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen
+zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder in seine Heimath zu
+begeben. Einen bestimmten Lebensplan schien er an die Rückkehr in das
+elterliche Haus nicht geknüpft zu haben.
+
+Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit zu leben,
+machte ihn gleichgültig gegen mehrere zum Theil vortheilhafte Anträge zu
+auswärtigen Lehrstellen. Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach
+Marseille begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie Semandi
+Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit ward vermehrt durch
+einen Antrag Zimmermanns, der ihn dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum
+Erzieher seines einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern,
+wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder Hinsicht seine
+Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das neue Verhältniß, in das er
+getreten war, nicht lange. Er liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie
+Ersatz zu finden in den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen
+Willen hineingezogen ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren
+Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht. Zum Unterricht,
+besonders in den ersten Elementen, schien ein Geist nicht geschaffen, der,
+wie Wieland selbst äußerte, "den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot
+und Rousseau wetteifern wollte." Bereits nach einem Vierteljahre, im
+September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle wieder auf.
+
+Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch philosophische
+Vorlesungen, die er "gegen ein jährliches Honorar von 200 Kronen" einigen
+Jünglingen aus angesehenen Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an
+Zeit viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei Stunden
+raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes Epos, der "Cyrus"
+nur langsam fort. Entmuthigt durch den geringen Beifall, den die von ihm
+mitgetheilten Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen
+Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb jedoch. Das einzige
+Product, das er während seines Aufenthalts in Bern vollendete, war sein
+mit großem Beifall aufgeführtes Trauerspiel "Clementine von Porretta."
+Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland den Stoff
+zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie Grandison, mußte ihn vor
+vielen andern interessiren zu einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe
+ergriffen hatte, die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder
+schwärmerisch war.
+
+Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst schon die Königin seines
+Herzens, als Julie Bondeli, die Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den
+Sieg streitig machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem noch
+erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge, eine der
+häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr indeß an Reizen versagt,
+hatte sie ihr durch Geistesgaben reichlich vergütet. Die gelehrtesten
+Männer ihrer Zeit erkannten dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das
+Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt, als irgend ein
+Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen in den
+verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern ein sehr richtiges Urtheil
+verbinde. Darin fühlte sich Wieland nicht getäuscht, als ihn die Neugier
+trieb, sie kennen zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf
+ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. "Nie hab' ich,"
+schrieb er unter andern, "ein Frauenzimmer gesehen, das bei einer
+außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart, bei dem heitersten Humor und
+der größten moralischen Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich
+scheint, mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange
+gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch weiter hinter
+ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter Sophie'n ist. Der
+aufgeklärteste Geist, den ich je an einem Frauenzimmer gesehen habe, und
+ein Herz, das der edelsten Freundschaft würdig ist."
+
+In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie weder eine Idee, noch
+Empfindung von der Liebe zu haben scheine, die in Romanen und Tragödien
+herrsche. Sie wolle Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine
+vernünftige und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt seyn
+wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten, fanatischen
+Leidenschaft trage. "Ich selbst," schrieb Wieland, "bin, wie ich glaube,
+in Absicht der Liebe der Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu
+glauben, daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so nahe
+kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich liebe alle wahrhaft
+tugendhaften Frauen eben so sehr, wie ich die Tugend lieben würde, wenn
+sie sichtbar wäre. Das sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die
+Tugend, die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so muß
+freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen zieht, sich
+unter die reine geistige Liebe mischen, die unserem Geiste für das wahre
+Schöne, Gute und Erhabene natürlich ist. Aber darin besteht mein
+Privilegium, daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine
+Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel sich natürlicher
+und ungezwungener Weise zu der thierischen verhält, wie eine Weltkugel zu
+einem Sonnenstaube." Diesem Briefe fügte Wieland noch die
+charakteristische Aeußerung bei: "Wir sind übereingekommen, daß jedes das
+Andere nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten
+Zwang lieben solle -- ich mit Enthusiasmus, weil meine Natur es so mit
+sich bringt, sie ohne Enthusiasmus, aus gleichem Grunde. Ich weissagte
+ihr, sie würde noch so gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und
+sagte, sie wünsche es, um mich glücklich machen zu können."
+
+Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken an eine eheliche
+Verbindung. Er gestand, alles in der Welt, was nicht mit den Grundsätzen
+der Rechtlichkeit streite, unbedenklich thun zu wollen, wenn er dadurch zu
+Juliens Besitz gelangen könnte. "Sie würde," schrieb er, "mich
+unaussprechlich glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit. Ich
+müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art etablirt seyn, wenn
+ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension zu machen, und bisher
+ist kein Anschein zu einem solchen Etablissement." Worauf sich Wielands
+Wünsche beschränkten, schilderte er in einem seiner damaligen Briefe mit
+den Worten: "Ich bin nicht für das gemacht, was man Welt nennt. Alle ihre
+Ergötzlichkeiten sind innere Plagen für mich, obgleich ich aus Gewohnheit
+daran Antheil nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße,
+Einsamkeit, ein Freund und eine Freundin bei mir -- das ist die Situation,
+nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen werde."
+
+Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen, hielten Wielands Freunde
+für den passendsten Ort, um, wie er damals willens war, eine mit einer
+Buchdruckerei verbundene Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf
+diese Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte er
+zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken durch
+interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich Uebersetzungen der
+Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon, Theokrit u.a. seiner
+Liebligsschriftsteller rechnete. Auch durch einzelne Stücke aus der
+Philosophie und schönen Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu
+fesseln. Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift zu
+gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden, wieder in ihm
+auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal unter andern ein Gemälde des
+Menschen entwerfen, nach den verschiedenen Nüancen, die er durch das
+Klima, die Religion, Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen,
+daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten Gesetzgeber und
+Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht gar zu wohl verstanden
+hätten. Auch Biographieen und Charakteristiken ausgezeichneter Männer des
+Alterthums sollten in seinem Journal einen Platz finden.
+
+Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt, hatte Wieland
+theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu entworfen, als ein Brief seiner
+Mutter ihn mit der Nachricht einer bestimmten Anstellung zu Biberach
+überraschte. Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen, in
+dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich zu nützen, war der
+feste Entschluß, mit welchem Wieland am 20. März 1760 die Schweiz und
+seine dortigen Freunde verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen
+Jahre, die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm vor allen
+der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung ihres Besitzes konnte ihn
+trösten.
+
+Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor seiner Abreise aus der
+Schweiz, einigen seiner Freunde die Verhältnisse geschildert, die ihn in
+seiner Vaterstadt erwarteten. Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch
+seiner Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen
+Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in Biberach herbeiführte.
+Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche Stelle eines Kanzleidirectors
+erhalten. Abgesehen davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht
+entsprach, fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle wieder zu
+verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen den evangelischen und
+katholischen Rathsmitgliedern seiner Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner
+Freunde und Gönner machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner
+damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner unsichern Lage
+und seiner durch heftige Gemütsbewegungen sehr erschütterten Gesundheit.
+Mit Schmerz ergriff ihn der oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer
+andern Stellung, in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte
+leisten können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte Wieland: "Ich
+möchte zuweilen eine Satyre wider die beste Welt schreiben, wenn ich mir
+vorstelle, daß kein anderer Platz in der Welt für mich seyn soll, als eine
+Stadtschreiber-, Consulenten- und Rathsherrnstelle in diesem kleinen
+schwäbischen Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche
+von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für mich schicken,
+ich noch werde vorstellen müssen."
+
+In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit und an
+seinen Aufenthalt in der Schweiz vor Wielands Seele. Rastlos sann er auf
+Mittel, sich aus Verhältnissen zu befreien, die seinen Neigungen so wenig
+entsprachen, und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter kam ihm die
+Idee, um eine Professur an einem Gymnasium in Berlin, Breslau, Gotha oder
+andern bedeutenden Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen
+Stelle, meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto mehr
+Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte. Selbst die spärliche
+Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte gönnten, konnte er nicht so
+nützlich, als er wohl gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß
+er auf Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten. Am
+schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel einer
+bedeutenden Bibliothek.
+
+"Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren," klagte Wieland in
+einem Briefe an Zimmermann. "Unter solchen Zerstreuungen, bei einem
+solchen Amte, ohne Aufmunterung, was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit
+und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen, so verbietet
+mir der einzige Umstand, daß wir keine Bibliotheken haben, alle
+Unternehmungen von Wichtigkeit. Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst
+herauszuspinnen. Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer
+philosophischen Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe. Die
+Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde, dürfte es zu einem
+nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen Buche machen. Ohne
+eine Bibliothek von den vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand
+zu haben, ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht Schade
+seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich zu Biberach und nicht
+in Berlin oder an einem andern Orte bin, wo eine öffentliche
+Büchersammlung mir die Folianten und Quartanten darbietet, die man bei
+einer solchen Arbeit alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?"
+
+Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu seinen trocknen und
+verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren. Er unterzog sich diesen
+Arbeiten mit einer seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine
+andere Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch mehr
+und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft fand ihn die Mitternacht
+noch an seinem Schreibtisch, wo er den Concipienten und den Copisten in
+Einer Person vorstellen mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war
+vorzüglich 1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch zwei
+kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach gekommen waren,
+gütlich ausgeglichen ward.
+
+Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie Bondeli hatte Wieland
+aufgegeben. Beide schienen sich in dem, was sie eigentlich für einander
+fühlten, getäuscht zu haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung
+eingetreten, welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands Reizbarkeit
+bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß ein völliger Bruch fast
+unvermeidlich schien. In einem Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich
+Wieland gegen allerlei Beschuldigungen, die, wie er äußerte, "nur durch
+Niedrigkeit und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können." Ungeachtet
+mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die ihm sein Unmuth über
+Juliens Benehmen eingab, blickte doch auch wieder das Gefühl noch nicht
+ganz erloschener Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor.
+Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens: "Ich werde
+allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein Leben fortschleppen, das
+bei einer ununterbrochenen Folge von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung
+eines wahren Vergnügens, kurz genug seyn wird."
+
+Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein bedenklicher Schritt
+sei, in seiner damaligen Lage sich zu verheirathen. Ungeschwächt erhielt
+sich jedoch Zeitlebens ein herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen
+Wieland und Julie Bondeli. "Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden
+Vorsehung" glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung, in dem
+Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die für sein
+Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine Stunde von Biberach
+entfernten Marktflecken Warthausen lernte Wieland den Grafen von Stadion
+kennen, in dessen nächster Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la
+Roche, den Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von zehn
+Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige Braut, die ihm
+nun mit der innigsten herzlichsten Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher
+Empfang ward ihm auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig
+gebildeten Manne, der sich in seinen "Briefen über das Mönchswesen", auch
+als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt hatte.
+Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß er in mehreren Briefen
+unpartheiisch die Verdienste eines Mannes anerkannte, der ihm seine
+Geliebte entrissen hatte.
+
+Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten war, gehörten,
+außer den bereits genannten Personen, des Grafen Stadion älteste Tochter,
+eine Gräfin v. Schall und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr
+wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er durchaus keine
+angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen eilte, um dort einige Tage
+zuzubringen. Für Geist und Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle
+Befriedigung. Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche
+Bibliothek des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich mit dieser
+Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen Spaziergang durch die
+reizende Umgegend, bis ihn die Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud.
+Lesen und Gespräche der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen
+Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische Unterhaltung
+beschloß.
+
+Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war die Erweiterung seiner
+Welt- und Menschenkenntniß, die durch sein zurückgezogenes Leben in
+Biberach, wo er den größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt
+war, nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine Weltton
+trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern und liebenswürdigen
+Frauen überall entgegen, zu einer Zeit, wo er in das praktische Leben
+eingetreten und zu der Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen
+seiner Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders gedacht, als
+er sie jetzt fand.
+
+Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine Jugendgeliebte, die
+sich noch immer den frühern Platz in seinem Herzen bewahrt zu haben
+schien. Reizbar und für Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf
+kosten, das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit zu
+bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge, fortwährend
+erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner Liebe und über sie zu
+scherzen, was er unter andern in einem Briefe that, in welchem er mit der
+feinsten, gegen sich selbst gerichteten Ironie, Sophien eine Art von
+Liebeserklärung machte. In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er
+mit ihrem Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die in
+Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so innig an ihn
+angeschlossen haben würde. In einem damaligen Briefe gestand Wieland, daß
+er nichts von dem mehr sei, was er gewesen, "weder Enthusiast, noch
+Hexametrist, noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit sei er
+von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz natürlich auf dem
+Punkte, von dem er vor zehn Jahren ausgegangen."
+
+An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber: "Was am meisten dazu
+beigetragen hat, diese Verwandlung, oder, wenn Sie wollen, diese
+Herstellung meiner ursprünglichen Gestalt, woraus die Magie des
+Enthusiasmus mich verdrängt hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die
+Unzahl von Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr in
+mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts all' der großen Worte,
+all' der glänzenden Phantome, die in einer süßen Einsamkeit oder an der
+Seite einer Gyon oder Rowe so verführerische Reize haben für ein
+empfindsames Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die um
+so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen abging,
+entschädigen mußte."
+
+Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte gleichwohl Wieland
+noch immer nicht gelangen, seit er, wie er sich in einem seiner Briefe
+darüber ausdrückte, "aus den Wolken auf die Erde herabgestiegen" oder mit
+andern Worten seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht
+hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet, seinen Unmuth zu nähren
+und zu steigern. Vergebens suchte er Trost in dem Studium der Philosophie,
+das ihn damals ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen
+Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung den höchsten
+Grad erreicht zu haben schien, den Plan zu seinem Roman "Agathon." Die
+Vollendung dieses Werks erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung
+gelangte, daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt wäre,
+als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman hatte ihm der "Ion"
+des Euripides gegeben. Aber Wieland hatte in seinem Helden sich selbst
+geschildert, nicht blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen
+und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher in einem seiner
+Briefe behaupten: "Agathon sei eine wirkliche Person, die er vor allen am
+genauesten kenne." Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's
+Seelengeschichte war im Wesentlichen Wielands eigene, und eine der
+treuesten Selbstschilderungen.
+
+Noch ehe die vier Theile des "Agathon" vollständig erschienen, hatte
+Wieland einen andern Roman, den "Don Sylvio von Rosalva" herausgegeben.
+Nach seinem eignen Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem
+satyrischen Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu einer
+Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen von allen
+Seiten auf ihn eingedrungen waren. Durch die Schilderung ergötzlicher
+Thorheiten suchte Wieland das Gefühl seiner Uebel zu mildern und
+abzustumpfen. Cervantes war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das
+wiederholte Lesen des "Don Quixote" kam ihm die Idee, nach jenem Muster
+die herrschenden Modethorheiten zu verspotten, und besonders dem
+Aberglauben einen tödtlichen Stoß zu versetzen.
+
+Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die von ihm unternommene
+Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien in den Jahren 1762-1768 zu Zürich
+in acht Octavbänden. Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte
+Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt. Die
+Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm die Hülfsmittel dar,
+jenen Dichter auch in Deutschland, wo man ihn bisher noch wenig kannte,
+durch eine Uebersetzung einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen
+Wichtigkeit er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach seinen
+Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung "jene Arbeit mitten
+unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen fortsetzen zu können
+glaubte." Für Wielands Geist war diese Beschäftigung von dem günstigsten
+Einfluß. Mit gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten
+geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen Poesie. In
+Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund zu finden, weshalb dieser
+Schriftsteller, ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmack seit der Zeit, in
+der er lebte, sich wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen
+Landsleuten den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch immer weit
+anziehender sei, "als alle neuern Schriftsteller, die nach französischen
+Modellen gearbeitet hätten."
+
+Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe für das
+Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen andern englischen Autor. Es
+war Sterne oder Yorik, wie er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften
+nannte. Fast noch von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als
+von dem unter dem Titel: "Tristram Shandy's Leben und Meinungen" damals
+erschienenen Roman jenes Schriftstellers. Noch in spätern Jahren war
+Wieland unerschöpflich im Lobe jenes Werks.
+
+Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig günstiger gestaltet.
+1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector ernannt worden. Mannigfachen
+Verdrießlichkeiten und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz
+im Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er sein Verhältniß
+als Stadtschreiber in Biberach betrachtete, schilderte er in einem Briefe
+an den Buchhändler Geßner in Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht
+abgeneigt sei, sich nächstens zu verheirathen.
+
+"Ich habe nun," schrieb Wieland, "auf all' mein Lebelang ein zwar ziemlich
+mühseliges, aber doch einträgliches und honorables Amt -- ein Umstand, der
+allezeit die Basis von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die
+niederschlagenden Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den
+Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein Weib, und da ich
+durch den Tod meines Bruders die Ehre habe, der Einzige von meiner Familie
+zu seyn, so werde ich von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so
+sehr in die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in die
+ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet sich keine für mich,
+denn ich sollte eine hübsche, gescheidte, muntere, und wo möglich eine
+reiche Frau haben, und die drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes
+halber, ein Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich wollte,
+daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein artiges Mädchen fände,
+das so viel christliche Liebe hätte, einen ehrlichen Biberachschen
+Kanzleidirector, der ganz hübsche Verse macht, von seinem Amt ungefähr
+tausend Gulden Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat,
+glücklich zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber Freund,
+so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön."
+
+Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung. "Ich habe," schrieb
+er, "ein Weib genommen, oder eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es
+ist ein kleines, wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges
+Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von meinen Eltern
+und guten Freunden habe beilegen lassen." Wieland berichtete zugleich:
+seine Frau stamme aus einem Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen
+Jakob Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt nicht unbekannt
+sei." "Meine Frau," schrieb Wieland, "hat wenig oder nichts von
+schimmernden Eigenschaften, auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe
+gehabt habe, ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen
+habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein Herz, und meinen
+Wünschen gleich -- ein unschuldiges, von der Welt unangetastetes, sanftes,
+fröhliches, gefälliges Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch
+genug für einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst hat --
+eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten vergebens macht."
+
+Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich sich Wieland
+nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr richtig hatte er sich beurtheilt,
+als er meinte: "wenn er sich nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht
+gesetzt haben, so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals
+einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts dabei
+verlieren." Durch manche lästige Amtsarbeiten ward ihm die Poesie
+verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter Liebe wieder zu ihr zurück.
+Mehrere seiner damaligen literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem
+Rathhause, in der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten
+und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines Geistes war nie
+größer gewesen, als in dieser Periode seines Lebens. Außer der Vollendung
+des "Agathon" schrieb Wieland damals seine "Komischen Erzählungen" (das
+Urtheil des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und Cephalus). 1768
+erschien sein Gedicht "Musarion", zwei Jahre später "Idris und Zenide";
+hierauf die erste Hälfte des "Neuen Amadis" und ein Theil des Gedichts:
+"die Grazien." In einem Briefe an Geßner gestand Wieland: "der poetische
+Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen, daß er seine Mußestunden nicht
+besser auszufüllen wisse, als mit Reimen."
+
+Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland beschäftigte,
+gehörte die bald wieder aufgegebene Idee, Alexander den Großen zum Helden
+eines epischen Gedichts zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf
+eines Gedichts, welches unter dem Titel "Psyche" die reinste Blüthe der
+wahren Philosophie und zugleich eine "kritische Naturgeschichte unsrer
+Seele" enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten Vorwurf, in mehreren
+seiner Gedichte einen zu muthwilligen, sarkastischen Ton angestimmt zu
+haben, suchte sich Wieland zu rechtfertigen. "Ich gestehe", schrieb er,
+"die Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges
+Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches Talent;
+zum Glück aber hat mich die Natur mit einem guten und redlichen Herzen
+begabt. Mein Menschenhaß ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die
+Menschheit und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen der
+Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte, so geschieht's in der
+Regel freundlich und in der Absicht, ihnen scherzend heilsame Wahrheiten
+zu sagen, die man zuweilen geradezu nicht zu sagen pflegt."
+
+Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland den Platonismus in der
+Liebe, dem er früher gehuldigt hatte, mit allen Waffen des Witzes
+bekämpfte. Die Stimme der öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz
+seiner Schriften, weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so
+gefährlicher sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch seiner großen
+und seltenen Talente, und ging selbst so weit, ihn als einen Dichter zu
+bezeichnen, der die Liebe von der Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden
+scheine. Wieland's "Agathon" war in Zürich verboten worden. Für den "Don
+Sylvio von Rosalva" hatte er in Ulm einen Verleger suchen müssen. Am
+härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden Urtheile über Wielands
+"Komische Erzählungen."
+
+Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung seiner
+Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten Meinung seiner
+Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst so warm der Tugend und Religion
+das Wort geredet hatte, schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem
+Dichter schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten Freunde, unter
+andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen Gerüchten, die sich über
+Wielands sittlichen Wandel verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen.
+In einem Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die ihn
+getroffenen Beschuldigungen. "Ich war", schrieb er, "ehemals Enthusiast in
+Ansehung der Religion, der Metaphysik und Moral, und ich war es ganz
+aufrichtig. So war damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von
+hunderttausend physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun aber auch
+in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn, so bin ich doch nicht
+weniger ein Freund der Wahrheit, und finde die Tugend nicht weniger
+liebenswürdig, wenn ich gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele
+glaube, und beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von Gold und
+Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte Speculationen sind
+nichts als Stelzen, auf denen die menschliche Eitelkeit gern
+einherschreitet, angenehme Hirngespinste, woran wollüstige Seelen sich
+ergötzen. Ich mußte entweder meinen Platonismus reformiren, oder eine
+Einsiedelei in Tyrol aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir
+einen Wahn nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's
+Gleichgewicht. Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei
+meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet habe. Für ein
+Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten. Man wird finden, daß mein Geist
+zwar zuweilen thöricht, mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für
+einen Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit ist, daß
+ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen mit zwei oder drei
+Damen stehe, die nicht ihrer Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen,
+Achtung verdienen, und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge
+Personen gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum. Alle
+meine Liebschaften -- und ich habe deren seit meinem siebzehnten Jahre
+wenigstens ein volles Dutzend gehabt, -- haben mir große Pein verursacht.
+Sie waren alle von der Art, die man =passions= nennt; alle meine Geliebten
+waren Göttinnen, die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die
+platonische Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich mich nicht
+mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese moralischen
+Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste und strenge Personen
+verwundern, mich als den Verfasser meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich
+zu beklagen; sie können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit
+gehen, deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von meinem
+Charakter."
+
+Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit seiner Gefühle mußte
+sich Wieland trösten, als ihn der grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit
+und Wollust ergeben zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe
+verdächtig geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im schlimmsten
+Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen neuen poetischen Werken der
+Sinnlichkeit das Wort zu reden schien, war ein bloßes Spiel seiner
+Phantasie. Er dachte sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten
+Schilderungen, die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost
+und Erheitrung gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der
+Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl seiner Lectüre.
+Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders Sterne, waren seine
+Lieblingsschriftsteller.
+
+An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte Wieland sich sehr
+glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß nach, keine "Musarion"
+war. In einem Raum von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in
+der Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung für werth
+hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den Plan entworfen, eine
+"philosophische Geschichte der Liebe" zu schreiben. Dieser Plan blieb
+unausgeführt; aber er bot ihm den Stoff zu seinem Gedicht "Idris und
+Zenide," in welchem er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe
+gegen einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene
+Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln zu lassen. Im
+Wesentlichen unverändert kehrte die Idee, die dem erwähnten Gedicht
+Wielands zu Grunde lag, in seinem "Neuen Amadis" wieder, mit dem er sich
+gleichzeitig beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild. Den
+Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit über die Heuchelei zu
+verherrlichen, war nach Wielands eignen Worten die Aufgabe, die er sich
+bei seinem "Neuen Amadis" stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem
+Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen "Grazien." Nach
+seinen eignen Aeußerungen wollte er in diesem Gedicht "den Uebergang des
+Menschen aus dem Naturstande zur Stufe einer verfeinerten Bildung"
+schildern.
+
+Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum machten, erfuhr
+Niemand weniger, als Wieland selbst. Aus den öffentlichen Kritiken, die
+oft parteiisch und befangen waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen
+lernen. Es lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit dem
+Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit brachte er in der
+Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem Actentisch zu, ohne am Abend
+eine andere Gesellschaft zu finden, als an einem Kartentisch oder in
+häuslichen Cirkeln, wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich
+erweitern konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich in
+diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner scheinbaren Verstimmung
+blickte oft ein unverwüstlicher Humor hervor. "Wenn ich," schrieb er,
+"auch zuweilen schwermüthig werde, und mit dem Strumpfband in der Hand
+mich nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne ich mich
+doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus wird -- ein überzeugender
+Beweis, daß ich noch etwas in meinem Zustande finde, das der Versuchung,
+mich aufzuhängen, wenigstens das Gleichgewicht hält."
+
+Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung geschrieben.
+Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch seine Amtsverhältnisse, so
+bitter er sich auch oft darüber beklagt hatte, in einem minder ungünstigen
+Lichte. In einem seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, "sich die
+Sache nicht so gar gräßlich vorzustellen." Ueber die Nachmittage, äußerte
+Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte gingen ihm leicht
+von der Hand. "Dafür bin ich aber auch," fügte er hinzu, "einer der
+expeditivsten Leute im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum
+geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den nächsten zwanzig
+Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch keine Möglichkeit, eins zu
+bekommen. In Ermangelung dessen habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch
+in einem etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo ich die
+angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und, so nahe es meinem Hause
+in der Stadt ist, doch völlig auf dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer
+meine meisten müssigen Stunden zu, =solus cum sola=, oder ganz allein mit
+den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit zu Zeit einige im
+Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten Einsiedler unversucht lassen
+würden. Ich rieche den lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe
+schneiden und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus der
+Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern liegen, daß ich leben
+soll, so lange und gut ich kann; auf der andern Seite lockt mir ein durch
+Gebüsche halb verdeckter Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb
+Dutzend Schurken, die ich ganz trotzig =tète levée= herumgehen sehe, daran
+hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne Höfe, ein langes
+angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen Bäumen hervorragenden Dorfe
+mit einem schönen schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine
+Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht, über der ich
+alles, was mir unangenehm seyn kann, vergesse, und, mit diesem Prospect
+vor mir, sitze ich an einem kleinen Tisch, und -- reime."
+
+Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte, konnte Wieland
+unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit und unermüdete Berufstreue hatte er
+sich die Achtung und das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine
+ökonomischen Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich
+der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu vertauschen. Er
+wußte es daher anfangs seinen Freunden wenig Dank, als sie ihm eine andere
+Stellung zu verschaffen suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen
+Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte.
+
+Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er nicht abgeneigt
+wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden, hatte in dem Churmainzischen
+Minister v. Großschlag, der ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee
+geweckt, ihn nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang, ob
+er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden mit seinen
+bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse, Eltern und
+Schwiegereltern an seine Vaterstadt Biberach. Er fürchtete außerdem von
+seiner neuen Lage manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste,
+was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte Wieland, werde sich
+für ihn um so weniger schicken, da er "die Ehre habe, =Comes Palatii
+Caesarei= zu seyn, und vermöge seines Diploms selbst fähig sei, Meister
+der freien Künste zu creiren." Manche dieser Hindernisse räumte Wielands
+Freund, der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich
+bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war die Vorstellung, daß er
+dort die ersehnte Muße zu literarischen Arbeiten zu erlangen hoffte. Das
+Schreiben, in welchem ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter
+eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem Gehalt von 600
+Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt zugleich die schmeichelhafte
+Aeußerung, daß sein Name das Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu
+ziehen. Man sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, "schon
+zufrieden, wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes thun,
+als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle." Diese Aussicht einer
+unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte so viel Lockendes für
+Wieland, daß er sich entschloß, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der
+Magisterpromotion sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin
+erwähnt, dagegen einzuwenden gehabt hatte.
+
+In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten ihn
+mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in Erfurt zu realisiren
+hoffte. Er wollte unter andern "Briefe über die Literatur" schreiben, und
+sie "in kleinen Bändchen in die Welt fliegen lassen." Die Muße, welche ihm
+seine Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision
+seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt werden sollten.
+Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde Bodmer, der sogar
+Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte, folgte Wieland, der schönen
+Vergangenheit sich dankbar erinnernd, nur den Eingebungen seines Herzens,
+als er jene Sammlung "seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem Herrn
+Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer" mit einer für beide
+sehr schmeichelhaften Dedication widmete.
+
+Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch Hitze, Staub und andere
+Unannehmlichkeiten der Reise so gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen
+Aeußerungen nach, "einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen
+Theil ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen." Das Schicksal hatte ihn
+wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine philosophischen Studien
+begonnen, doch damals durchaus keine Neigung zu einem akademischen Lehramt
+in sich verspürt hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt
+Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen Theorie der
+Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten =Dr.= Bahrdt u.A.
+Keiner von diesen talentvollen Köpfen hatte damals schon einen so
+festbegründeten literarischen Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner
+Collegen schon deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich
+verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie. Neue
+Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland nach einem halben Jahre auch
+zum außerordentlichen Beisitzer des =Collegii academici= ernannt ward.
+
+Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte Wieland seinen
+Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter Hochschule kam er in wenige
+Berührung. Den Freuden des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für
+ihn gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm nicht
+schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung im Gasthofe
+zum Schwan, hinter dem Schottenkloster. Dies Asyl befriedigte in jeder
+Hinsicht seine mäßigen Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie,
+sich selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es seine
+Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt eröffnete er mit
+Vorträgen über die Geschichte der Menschheit, nach einem bekannten Werke
+von Iselin über diesen Gegenstand. Späterhin hielt er Vorlesungen über die
+Geschichte der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen
+Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und die Briefe des
+Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische Uebersicht der besten
+griechischen, lateinischen, italienischen, französischen und englischen
+Schriftsteller.
+
+Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise. In
+einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand er, daß er "das
+Vergnügen, mit seinen kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt
+vorziehe." Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt für ihn
+"sehr wesentliche Gottheiten" wären. Bei Uebersendung des unter diesem
+Namen von ihm verfaßten Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb
+Wieland: "Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben meinen
+Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch öfter Zufriedenheit mit
+meinem Zustande; kurz, sie sind meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen
+bis zum letzten Lebensaugenblicke dienen."
+
+Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der "Diogenes von
+Sinope" seyn, dessen "Dialogen" Wieland noch während des Sommers 1770
+herausgegeben hatte. Auch ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling,
+mußte schon für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann
+wohl hätte seyn _können_, über den so seltsame und widersprechende
+Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland weniger Cynismus und mehr
+ächte Lebensweisheit, als man ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das
+kleine Werk, in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische
+Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch eine Basis von
+Sokratischer Philosophie.
+
+In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche gestand Wieland, daß er
+über manche Dinge, die sich auf den moralischen Theil der menschlichen
+Natur bezögen, nicht mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n,
+die Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem einzigen
+Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. "Vielleicht habe ich Unrecht,"
+schrieb er; "sollte ich aber Recht haben, so spotte ich doch nicht über
+ihre Denkart. Ich halte vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der
+Ansichten der Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß
+ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den Temperamenten,
+und in allem macht, was damit in Beziehung steht; und wofern die
+öffentliche Ruhe und das allgemeine Wohl nicht darunter leidet, behaupte
+ich, es müsse erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern
+als sehr profan erscheint; daß der Eine mit _dem_ sein Spiel treibe, was
+der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w.
+
+So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller, wofür er gelten
+wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl gelten konnte, von den Fesseln
+zu befreien, die den Flug seines Geistes hemmten, und sich zugleich über
+den in seinen Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die
+öffentliche Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie für
+nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber mit den
+Worten: "Man glaubt hier, die Geistesschwere, gewöhnlich Gravität genannt,
+sei eine wesentliche Eigenschaft eines akademischen Lehrers, und man kann
+oder will nicht sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für
+Menschen von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben darf."
+
+Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch seinen Beruf als
+Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen zu müssen. Der
+Entwurf, eine "Geschichte des menschlichen Geistes" zu schreiben, die er
+dem Churfürsten von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber
+Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen alle Werke
+Wielands, die in den Jahren 1770-1772 entstanden. Das Studium der Natur
+des Menschen ward sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: "Was
+ist Wahrheit?" und "Welchen Zweck hat die Philosophie?" hatte er sich zwei
+wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch einzubilden, daß er mit den
+kurzen Antworten, die er darauf gab, seinen Gegenstand erschöpft habe.
+Seinen "Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen,"
+fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen Aufsatz bei: "Ueber die
+Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig
+sei." Den Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und der
+Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland durch Beispiele noch
+anschaulicher machen. Zu diesem Behuf schrieb er außer einem Roman,
+"Koxkox oder Kikequetzel" betitelt, die "Reisen und Bekenntnisse des
+Priesters Abulfauaris."
+
+Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals auf einen
+Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln zerbrechen zu wollen schien,
+welche bisher die Geistesfreiheit gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph
+II. waren zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den
+österreichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt des Mönchthums
+in mehrfacher Weise beschränkt worden. Damals (1773) schrieb Wieland
+seinen Roman: "der goldene Spiegel", den er dem als dramatischen Dichter
+nicht unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete. In
+einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin Sophie la Roche äußerte
+Wieland, daß er in seinem Roman mit einer nicht gewöhnlichen
+Unerschrockenheit den Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der
+ihnen wahrlich nicht schmeichle. "Seyn Sie aber deshalb ohne Furcht",
+schrieb er. "Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube, noch feurigen
+Ofen. Hab' ich auch nicht die Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister
+mich um meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß, daß
+sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene darüber zu machen."
+
+Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten Fleiß
+hätte Wieland während seines dreijährigen Aufenthalts in Erfurt so viel
+als Schriftsteller nicht leisten können, wie er wirklich leistete.
+Ueberdies ward er oft unterbrochen in seinen literarischen Beschäftigungen
+theils durch Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug,
+theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen, wie der Flor der
+Universität zu befördern seyn möchte. Unter diesen mannigfachen Geschäften
+war er nicht der Sorge überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu
+können. Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so zahlreich
+sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn. Auch ohne innern Trieb
+hätte er zur Feder greifen müssen. Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht
+von der Gnade seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen
+Aeußerungen, eine Verbesserung seiner Lage.
+
+Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten für eine größere
+Reise, die weder seine beschränkte Zeit, noch seine pecuniären
+Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst in Weimar Lessings "Emilie Galotti"
+in die Hände fiel, begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob
+überströmenden Briefe an Lessing. "Es war," äußerte Wieland, "das erste
+Schreiben, das ich an diesen großen Mann richtete." Literärische
+Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen, und zu Verfolgung
+schriftstellerischer Zwecke einen Briefwechsel zu unterhalten, fühlte
+Wieland kein Bedürfniß. Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder
+aufgeben müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der Kreis
+von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel stand, war daher
+sehr beschränkt. Er schrieb an wenige, meistens nur an solche, die sich
+zuerst an ihn gewendet hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war
+er mit Gleim und Jacobi getreten. "Beide," schrieb Wieland an Sophie la
+Roche, "gehören zu der kleinen Zahl der schönen Geister, die eine zu
+schöne Seele haben, um des Neides und der Eifersucht fähig zu seyn, und
+Sie wissen, daß solche zu den weißen Raben gehören." Zu dem Dichter Jacobi
+fühlte sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen.
+Er pflegte ihn seinen _eigenen_ Dichter zu nennen, und freute sich
+herzlich über seines Freundes Streben, in der Poesie das Ideal von
+Vollkommenheit zu erreichen, das vor seiner Seele schwebte.
+
+In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März 1771 in
+Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen Besuch machte, hat
+sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren und seiner Persönlichkeit in
+jener Periode seines Lebens erhalten. "Beim ersten Anblick," schrieb
+Jacobi, "schien mir seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen
+sind klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben, womit seine
+Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht genug hervorstechen, um
+sich gehörig auszeichnen zu können. Nichts desto weniger drückt sich in
+seiner ganzen Gebehrde das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner
+Empfindungsart auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise aus. Wenn
+er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper, doch auf eine fast
+unmerkliche Weise, in Bewegung; seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen
+werden heller und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt
+er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen, oder
+seinem Freunde die Hand gedrückt hat. Dieser Ausdruck in Wielands Person
+ist so fein, daß er den Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon
+mehr als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland geht schnell
+von einem Vorwurf zum andern über, weil er in einem Nu eine Reihe von
+Gedanken oder eine Situation durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde
+es Zeitverderbniß seyn, wenn er länger dabei verweilte." Zu den
+Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, "Wielands Charakter eben so
+liebens- und verehrungswürdig machten, als sein Genie," rechnete Jacobi
+"die natürliche, schöne und männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die
+unzerstörtere Güte seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid
+und Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und Schönen;
+seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche Aufrichtigkeit."
+
+So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward keine von den
+Bekanntschaften, welche Wieland während eines damaligen Aufenthalts in
+Leipzig anknüpfte, wohin er auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an
+die er sich näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts
+Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber zu nicht geringem
+Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt sich bemühte, den gefeierten Dichter
+durch matte Lobgesänge zu verherrlichen. "Es war," schrieb Wieland, "ein
+entsetzliches Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul." Weiße's
+liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen, meinte Wieland,
+mit denen er sein Leben zubringen möchte. In Garve verehrte er den
+Philosophen und scharfsinnigen Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit
+Clodius, der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr
+interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse
+Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der Winklerschen
+Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem seiner damaligen Briefe
+gestand Wieland: "Unter allen Männern, deren Bekanntschaft ich in Leipzig
+gemacht, ist Oeser der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden
+habe, eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit
+von außen, die sich an dem wahren Genie findet."
+
+Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein Ausflug nach Weimar.
+Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Grafen v. Görz hatte er
+das Glück, der verwittweten Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar
+vorgestellt zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung,
+verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm voranging, machten den
+günstigsten Eindruck auf jene, den Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin
+Amalia übertrug ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen
+Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland Aussichten gehabt,
+nach Wien gerufen zu werden. Seine Hoffnung gründete sich auf das ziemlich
+allgemein verbreitete Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten
+Geister der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs zu
+vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab Wieland auch da noch
+nicht ganz auf, als er bereits die Stelle eines Instructors des Erbprinzen
+von Sachsen-Weimar angenommen hatte. "Ich stehe nun," schrieb er, "in
+meinem vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas für mich thun
+will, so ist's hohe Zeit; =en attendant=, und weil ich dieser Humoristin
+nicht sonderlich traue, bemühe ich mich, =ne ipse desim mihi=."
+
+Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe stand, überhoben
+ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft, oder eigentlicher gesagt,
+für seine Familie. Ihre Lage war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch
+die lebenslängliche Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden
+war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen seyn würde. Bis zu
+diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September 1775 herannahte, bezog er einen
+Jahrgehalt von 1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige
+Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher sah er jedoch
+einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt, mit dem er sich schon während
+seines Aufenthalts in der Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte.
+
+Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs, keinen Geschmack
+abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es ihm anlegte, seinem eignen
+Geständniß nach, nichts weniger als drückend waren. Etwas Erfreuliches
+hatte für ihn aber doch die Nähe einer durch Geist und Herz
+ausgezeichneten Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für
+alles Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten Sinne des
+Worts, empfänglich machte. Darum versammelte sie gern einen Kreis
+feingebildeter Männer und Frauen um sich, und jedes Talent konnte sich in
+ihrer Nähe um so freier entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den
+Hauptzügen ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine Liebe
+und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling, den Erbprinzen Carl
+August, der durch treffliche Anlagen und liebenswürdige Eigenschaften zu
+den schönsten Hoffnungen berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band
+wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das Interesse für das
+Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen Zögling zu wecken und zu
+nähren, war die Hauptaufgabe, die sich Wieland bei seinem Unterricht
+stellte. Ein Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen
+durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form, "die Wahl des
+Herkules" betitelt, feierte.
+
+Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward genährt durch die
+Seylersche Schauspielergesellschaft, deren Mitglieder, zu denen der
+berühmte Eckhof gehörte, damals Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich
+noch keine stehende Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen
+Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte Wieland
+eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen Producten auch nicht
+geradezu allen Werth absprach. Eine größere Wirkung hoffte er von der
+bisher gänzlich vernachlässigten ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn
+dieser Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt, seit
+er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders dessen "Elysium" gelesen
+hatte.
+
+Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes Singspiel "Aurora"
+fand, als es, von Schweizer componirt, aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu
+einem größern musikalisch-dramatischen Versuche. So entstand Wielands Oper
+"Alceste," die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt ward. Gleichzeitig
+schrieb er seinen "Versuch über das Singspiel." Wielands Freude über die
+günstige Aufnahme seiner "Alceste" ward vermehrt, als der berühmte Gluck
+ihn aufforderte, für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben.
+
+Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie durch ein literarisches
+Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte fast übermäßig in Anspruch zu
+nehmen drohte. Der sehr beliebte =Mercure de France= gab ihm die Idee zur
+Herausgabe einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: "Der deutsche
+Merkur" erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem Journal eine
+weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen, und versprach sich selbst
+davon für die Zukunft eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach
+seinem Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in Prosa
+von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten der neuesten
+Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte, Politik und schönen
+Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden Recensionen sollten besonders
+auch dazu dienen, parteiische und unbillige Urtheile über die
+vorzüglichsten Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe des
+"deutschen Merkur," stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene
+Hindernisse. "Ohne die Beihülfe unserer besten Schriftsteller vermag ich
+nichts," gestand er in einem seiner Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er
+für sein Journal zu gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser
+u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um ihm eine
+ununterbrochene Theilnahme am "deutschen Merkur" zusichern zu können.
+Andere Schriftsteller, die ihm nützlich werden konnten, kannte er zu
+wenig; von mehreren wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie
+behaupteten. Unter seinen nähern Freunden und Bekannten mußte er sich die
+Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches ihm übrigens, da er nicht
+blos die Herausgabe, sondern auch den Verlag übernommen hatte, bald durch
+eine ausgebreitete Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit
+Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß bereitete.
+Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland: "er sei des Merkurs schon satt,
+noch ehe er begonnen." Von den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm
+durchaus an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige
+Legationsrath und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar, welche
+damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete, und ihm mit Rath und
+That hülfreich zur Seite stand.
+
+Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der Abonnenten bald nach
+der Ankündigung des "deutschen Merkur." Eine Auflage von 2000 Exemplaren
+war in kurzer Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des
+ersten Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und Jacobi hatte
+kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen Beitrag geliefert. Gotter,
+Bürger, Möser u.A. hatten sich anonym unterzeichnet. Es war aber weniger
+der Mangel an berühmten Namen, als die im "deutschen Merkur" enthaltene
+Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene Zeitschrift warf, die so
+vielversprechend angekündigt worden war. Auf eine leidenschaftliche
+Gegenwirkung mußte Wieland gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen
+Kunstrichter aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er durch
+seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben und selbst mit
+denen zerfallen würde, die er für seine treusten Freunde hielt.
+
+In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe seiner Kritik mit den
+Halberstädter Dichtern, mit Gleim, Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger
+poetische Blumenlese, zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er
+mit einer Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl,
+als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren Bürger, Hölty,
+Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a. junge talentvolle Männer, die dem
+Göttinger Dichterbunde, der sich damals gebildet, angehörten. Völlig
+verscherzte Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch die
+Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den die Göttinger Dichter
+damals in einer Uebersetzung griechischer Chöre der alten Tragiker
+angestimmt hatten. Durch solche Bestrebungen meinte Wieland, werde die
+deutsche Poesie bald allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit,
+Regelmäßigkeit, Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger
+Dichter bemerkte er: "Sie scheinen sich vorgenommen zu haben, den
+Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen müsse, durch ihr Beispiel zu
+rechtfertigen; aber die poetische Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar
+zu nahe an diejenige grenzen, die in die dunkle Stube führt." Durch solche
+Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie, der zugleich
+den von den Göttingern hochverehrten Sänger der Messiade traf, hatte
+Wieland jene jungen Männer so gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2.
+Juli 1773 Klopstocks Geburtstag feierte, Wielands "Komische Erzählungen"
+den Flammen opferten.
+
+Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern Wege, als die
+Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten, bei der ihnen Shakspeare
+als Muster galt, war Wieland durch eine Recension des "Götz von
+Berlichingen" zerfallen, die, wenn auch nicht von ihm selbst herrührend,
+doch einen Platz im "deutschen Merkur" gefunden hatte. Das gespannte
+Verhältniß, in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der sein
+ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher durch die "Leiden
+Werthers", das Trauerspiel "Clavigo" u.a. Schriften bewährte, ward noch
+gesteigert durch die von Wieland im deutschen Merkur erschienenen "Briefe
+über das Singspiel Alceste." Den Verfasser dieser Briefe wählte Goethe zum
+Gegenstande seiner aristophanischen Laune in der damals von ihm
+gedichteten Posse: "Götter, Helden und Wieland." Statt dadurch gereizt,
+sich zu der Parthei der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche
+und sittenverderbliche Tendenz der "Leiden Werthers" hervorzuheben
+suchten, empfahl Wieland im "deutschen Merkur" die gegen ihn gerichtete
+Schrift "allen Liebhabern der pasquinischen Manier als ein Meisterstück
+von Persiflage und sophistischem Witze, der sich aus allen möglichen
+Standpunkten sorgfältig _den_ auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand
+schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig darüber mache,
+daß das Ding so schief sei." Dabei ließ Wieland es nicht bewenden. Auch
+eine früher versprochene Vertheidigung des "Götz von Berlichingen" hielt
+er nicht zurück und ließ sie bald nachher im "deutschen Merkur" drucken.
+
+In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch eine sehr ausführliche
+Beurtheilung des eben genannten Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland
+sich gleich. Hinsichtlich der "Leiden Werthers" vertheidigte er in seiner
+Kritik den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung, dem Selbstmord
+das Wort geredet zu haben. Wieland nannte jenen Roman "das Gemälde eines
+innern Seelenkampfes, wie ihn nur _der_ entwerfen könne, der den Schöpfer
+des Hamlet und des Othello studirt habe." So hatte sich Wieland wieder
+ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner gefährlichsten Gegner zu werden
+drohte. Aber auch den Angriffen derer, die die Klopstockische Bardenpoesie
+priesen, setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten
+heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen Gegnern
+gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten.
+
+Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden, mit Gleim und
+Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen, als Gleim zur Versöhnung die
+Hand bot. Er benutzte dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte
+Freundschaftsverhältniß völlig wieder hergestellt ward. Auch mit einem
+Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen. Er versöhnte sich aber
+mit ihm, als er Heinses Roman "Laidion" gelesen, und ganz bezaubert worden
+war von "dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer", wie er jenes Werk
+nannte.
+
+Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch des Theaters, hatte
+Wieland einstweilen verzichten müssen. Durch den Brand des Weimarischen
+Schlosses am 6. Mai 1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu
+ihren Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit dem Schlusse
+des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft, welchem sich Wieland bisher
+gewidmet, gänzlich aufgehört. Der Erbprinz Carl August und sein Bruder
+Constantin hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des Majors v.
+Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland angetreten, und sich
+auch nach Frankreich begeben. Seit Wieland nicht mehr Instructor war,
+hatten sich seine Sorgen vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß
+mußte er an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis,
+zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch seine Mutter vergrößert
+worden, die bereits 1772, bald nach ihres Gatten Tode, zu Wieland nach
+Weimar gezogen war. Der mäßige Absatz des "deutschen Merkur" nöthigte ihm
+in einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum im Stande sei,
+die Unkosten jenes Journals zu decken.
+
+Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche Kränkung seines
+Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn fehlte es ihm nicht. Ein
+satyrisches Drama, "Prometheus, Deukalion und seine Recensenten" betitelt,
+und von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich allgemein für
+ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit, wo Wieland von dem genannten
+Dichter einige Zeilen erhalten hatte, die auf ein freundliches Verhältniß
+hinzudeuten schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite, und
+Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem Unmuth für das Loos,
+das ihm zu Theil geworden sei, so wenig er es verdient zu haben glaubte.
+"Nie hab' ich," schrieb er an Sophie la Roche, "mehr Liebe für einen
+Menschen gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther. Seine
+Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will nicht mein Freund
+seyn. Er will die Freude haben, vor der Welt sein Spiel mit mir zu
+treiben, und in die Art, wie er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen
+verzeihlich macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab' ich
+mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten geliebt und
+geschätzt zu werden?"
+
+So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's damaligen Briefen.
+Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim, der ihm unter allen seinen Freund
+fast noch allein geblieben war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein
+zweitägiges Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch rege,
+künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche Pläne wurden in
+dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben. Gleim's Bemühungen, ihm
+eine Stelle in Berlin zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die
+Gründe, weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt ein bald
+nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief an Gleim. Darin hieß
+es unter andern: "Wahrscheinlich wird Carl August mir nie Ursache geben,
+mich von ihm zu entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer
+Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen paßte, so
+würde es doch in der Ausführung unendliche Schwierigkeiten haben.
+Anderswo, als in Weimar zu leben, würde mich doch blos die Noth zwingen
+können, irgend ein öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die
+Versetzung in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies für
+meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken. =Pain cuit et liberté=
+wird ewig mein Wahlspruch bleiben. Lieber mit sechshundert Thalern in dem
+kleinen Dörfchen, wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem
+Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend Thalern, als
+Sie wollen. Carl August ist mir gewogen und seine Mutter auch. In
+Hofintriguen und Staatssachen werde ich mich nie mischen, und mich so viel
+als möglich in meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also wenig
+oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden und Unschuld dahinleben,
+so lange es Gott gefällt. Aendern sich einmal die Umstände, so wollen wir,
+um Ruhe zu bekommen, uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle setzen,
+sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim, gerade so ein kleines
+suetonisches tranquilles Gütchen kaufen, wie es einem Danischmende nützt
+und frommt -- so weit von Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In
+einer kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer kleinen
+Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und Horaz, wie ich bin,
+wohlfeiler glücklich seyn."
+
+So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt seines
+bisherigen Zöglings Carl August und dessen Vermählung mit der Prinzessin
+Luise von Hessen-Darmstadt manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage
+eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen die
+Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche Lebensgefährtin
+gewesen war. "Ich habe," schrieb er, "schon meine Parthie genommen. Die
+Hofluft ist mir immer zuwider gewesen, und je seltner ich künftig
+genöthigt seyn werde, sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn."
+Diesem Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen Briefe an
+Sophie la Roche äußerte er: "Die bevorstehenden Auftritte, so unbedeutend
+sie für die übrige Welt sind oder scheinen, sind für uns Weimaraner doch
+von so großer Wichtigkeit, daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge
+schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen nennt sich
+Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt, mit allem zufrieden ist,
+und übrigens voll guter Hoffnungen."
+
+Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im Stillen gehegt, ward
+erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft Goethe's, den der junge Herzog
+auf seiner Reise in Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn
+aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu treten. Wenige
+Monate, nachdem Carl August die Regierung übernommen und seine Vermählung
+gefeiert hatte, traf Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit
+Begeisterung verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde Jacobi. Neid
+und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich fremd. Den jungen Autor, der ihn
+durch seine Satyre gekränkt, bald als Liebling und Vertrauten eines
+Fürsten zu sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine
+unangenehme Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen Aeußerung als
+"das größte Genie und als der beste, liebenswürdigste Mensch, den er
+bisher gekannt."
+
+Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen. Die Belege dafür
+findet man in mehrern seiner damaligen Briefe. Er war in der frohesten
+Stimmung, die auch wohl darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß
+in seinen bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung
+eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm der Genuß seines
+bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit zugesichert worden. Die Gemahlin
+seines Fürsten gab ihm unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die
+Herzogin Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch,
+unbekümmert um das Treiben der Welt, sich selbst und seinen Studien zu
+leben, sah Wieland erfüllt. "In seinem Schneckenhäuschen, wohin er," wie
+er einem Freunde meldete, "sich zurückgezogen," kam er nur mit Wenigen in
+Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche Bekanntschaft
+Herders, der als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden war. Den
+Eindruck, den Herder auf ihn machte, schilderte ein im October 1776
+geschriebener Brief Wielands. "Meine ganze Seele," schrieb er, "ist voll
+von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu groß, zu herrlich. Ich fühle,
+wie wenig ich ihm seyn kann. Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist,
+und ihn lieben, mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann
+ich. Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden,
+allumfassenden, mächtigen Genius!"
+
+Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland nicht gleichgültig
+gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich war es Gleim, dem er alle seine
+Freuden und Leiden mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines
+Familienkreises führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland erst in
+Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der Stadt gelegenen Garten
+gekauft hatte. Dort, in ländlicher Einsamkeit, konnte er ungestört die
+Schönheiten der Natur genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben.
+Seine ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere Wendung
+bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem er eine Schilderung seiner
+"neuen Domaine" entwarf, bemerkte er: "Sie müssen sich nichts Vornehmes,
+noch Kostbares vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so ein
+Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton kaufen will, ein
+Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen
+hat; Bäume genug, um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen
+sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume zu blühen
+angefangen haben, bin ich nun den ganzen lieben Tag draußen, und habe es
+schon so weit gebracht, daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt,
+nirgends wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus zu
+gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen, im Angesicht meiner
+eignen kleinen Pflanzungen, zu leben und zu wallen, und den unendlichen
+Erdgeist einzuziehen, mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und
+Verwandtschaft fühle."
+
+In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete Wieland seiner
+Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit Anfang des Sommers in einem
+großen Hause vor der Stadt wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch
+mit allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten
+Freiheit und Ruhe. "Dort," schrieb er, "leb' ich fast ganz allein mit mir
+selbst und den Meinigen; und wenn mir, um ganz glücklich zu seyn, noch
+etwas abgeht, so ist's, daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen
+darf, als ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich einen
+Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert Schritte davon liegt ein
+größerer Garten, den ich vor anderthalb Jahren gekauft habe, und worin ich
+dieser schönen herbstlichen Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz
+unvermuthet schenkt."
+
+In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich unbekannt mit den
+abentheuerlichen und großenteils übertriebnen Gerüchten, die sich damals
+über Weimar und das dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene
+Freundschaftsverhältniß zwischen einem geistreichen Fürsten und einem
+genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt, und war gewissermaßen
+das Signal geworden für alle Kraft- und Dranggenie's, nach Weimar zu
+wallfahrten. Die wunderlichsten Mährchen verbreiteten sich über Goethe und
+dessen Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach Weimar
+gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst: "er mache alle Tage
+regelmäßig seinen dummen Streich, und wundere sich dann darüber, wie eine
+Gans, wenn sie ein Ei gelegt habe." Selbst von Herder ward gefabelt, er
+predige in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und reite
+unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus.
+
+Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das Gerücht schuld gab,
+rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe vom 7. Februar 1776 mit den
+Worten: "Ich höre, daß gewisse Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine
+und Goethe's Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern
+auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit in das, was hier
+geschieht und nicht geschieht, einmischen, und mich zu einem, ich weiß
+nicht ob Actuar oder Soufleur oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie
+machen, da ich doch, Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer
+bin -- bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen, wenn gut
+gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend, oder ein paar =sacres
+bleus= zwischen den Zähnen murmelnd, wenn es dumm geht."
+
+Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend für Wielands
+geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen "Unterredungen mit einem
+Pfarrer" eine Apologie seiner frühern Schriften niedergelegt hatte. Manche
+Pläne entwarf er damals, seinen "deutschen Merkur" gemeinnütziger zu
+machen. Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen, als
+wenn man "mehr Urtheile über Bücher und andere Dinge" hinein brächte. "Den
+Leuten," schrieb Wieland, "liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie
+über alles Vorkommende denken und sagen sollen." Seltener waren allmälig
+die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder, Jacobi u.A. vor dem
+Jahre 1776 sein Journal, dessen Aufnahme ihm sehr am Herzen lag,
+unterstützt hatten. Es enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und
+fast alle seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem "deutschen
+Merkur" mit.
+
+Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur der Griechen
+und Römer entzog ihn nicht philosophischen und historischen Studien im
+weitesten Umfange des Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse
+für alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen in seiner
+Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem Auge. Er machte sich mit
+den neuern Reisebeschreibungen und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt.
+Sein reger Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften und
+Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er reichhaltige
+Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für den "deutschen Merkur."
+Die meisten jener Aufsätze charakterisirte das Streben, Aufklärung zu
+verbreiten zu einer Zeit, wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in
+Wien, der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A. dem
+Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man sich des Unglaubens
+auf der einen Seite, und des Aberglaubens auf der andern beschuldigte.
+Behutsam aber glaubte Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu
+verkennen war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse
+Gegenstände schrieb.
+
+Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen ward er der
+Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines Lebens fallen die
+poetischen Erzählungen: "Gandelin" oder "Liebe um Liebe"; das "Winter- und
+Sommermährchen"; "Pervonte"; der "Vogelfang" oder "die drei Lehren", "Hann
+und Gulpenheh" u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden zur romantischen
+Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen war er überzeugt, daß sich "dem
+Mährchen ein höherer Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung
+kleiner und großer Kinder." Bei den meisten der vorhin erwähnten Gedichte
+hatte Wieland französische Quellen benutzt, die =Fabliaux= von =Chretien
+de Troyes=, die =Lays de l'Oiselet= u.a.m. Aus einer altfranzösischen
+Sage, =Huon de Bordeaux= betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu
+seinem "Oberon", durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete.
+
+Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der Composition seines
+Epos hielt Wieland, nach seinem eignen Geständniß, "die Art und Weise, wie
+die Geschichte von Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der
+Geschichte Hüons und Rezia's eingewebt worden sei." Er schrieb darüber
+einem Freunde: "Oberon ist nicht nur aus zwei, sondern, wenn man es genau
+nehmen will, aus drei Haupthandlungen zusammengesetzt, nämlich aus dem
+Abentheuer, welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen,
+der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia, und der
+Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber diese drei Handlungen oder
+Fabeln sind dergestalt in Einen Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne
+die andern bestehen, oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne
+Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich haben
+ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia, und ohne die Hoffnung, welche
+Oberon auf die Treue und Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als
+Werkzeuge seiner eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde
+dieser Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen Antheil
+an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf wechselseitige
+Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres verschiedenen Interesses
+entsteht eine Art von Einheit, die meines Erachtens das Verdienst der
+Neuheit hat, und deren gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme
+an den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß sie ihm
+irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte."
+
+In seinem "Oberon", der sich dadurch von Wielands bisherigen Gedichten
+unterschied, daß durchaus keine Spur von satyrischer Tendenz darin zu
+entdecken war, hatte er alle Elemente des Romantischen zu vereinigen
+gesucht, Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion. "Es
+scheint", schrieb er, "einer der feinsten Kunstgriffe in Gedichten
+romantischer Gattung, daß man die Genien und Feen als Wesen einer höhern
+Ordnung und Bürger einer andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis
+und Geschichte für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und
+Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten durch eine noch
+höhere und geheimere Ordnung der Dinge, die man wohl Schicksal nennt, in
+die übrigen eingeflochten, und wir, ohne zu wissen, wie und warum,
+Werkzeuge abgeben, wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist."
+
+Wieland war noch beschäftigt mit seinem "Oberon", als das Studium der
+Alten, an dem er noch immer mit Liebe hing, in ihm die Idee weckte, seinen
+Lieblingsdichter Horaz zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als
+er den "Oberon" vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in seiner
+Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren des römischen
+Dichters. Es war ihm mehr darum zu thun, den Geist seines Originals
+wiederzugeben, als sich streng an die Form zu halten und die Treue seiner
+Uebersetzung bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier und den
+Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er, statt des Hexameters, den
+jambischen Vers, den er für geeigneter hielt, die Leichtigkeit und
+Gewandtheit der Conversationssprache wiederzugeben. Auch bei seiner
+Uebersetzung des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er mit
+gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald kürzer, bald
+weitläufiger ward als der des Originals. Einen bleibenden Werth verlieh er
+seinen Uebersetzungen, durch die denselben beigefügten Einleitungen und
+Erläuterungen, die von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die
+Uebersetzung des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren oft
+mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine Art von
+Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte scherzend, daß er während
+jener literarischen Arbeit sich oft dem Glauben an eine Seelenwanderung
+überlassen habe.
+
+Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in seinen
+großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten "Gesprächen in
+Elysium" und in seinen "Göttergesprächen." Früher, als diese Schrift,
+entstand ein Werk, das durch seinen Inhalt große Sensation erregte. Die
+erste Idee zu seiner "Geschichte der Abderiten" gaben ihm vermuthlich
+Erinnerungen an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach
+und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen Regierung
+in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger und behutsamer in seinen
+Schriften und Aufsätzen über politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß
+zum Weimarischen Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu
+nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen, daß Wieland in
+den für den "deutschen Merkur" bestimmten Bruchstücken des Romans "Alwill"
+mehrere Stellen strich, besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb
+darüber an Jacobi: "Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und
+meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's drucken
+lassen sollte." Bescheidenheit hielt Wieland für eine unerläßliche
+Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich über Staatsangelegenheiten
+sprechen, und über Maßregeln, von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen
+abhängig sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die Wünsche
+des Volks und die Meinung verständiger und unparteiischer Männer zu
+vernehmen, müsse den Fürsten immer willkommen seyn, so lange sie noch
+keine entschiedene Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der
+unglückliche Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten und
+ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr helfen, wohl aber
+schaden. Wiederholt warnte Wieland vor dem Mißbrauch der Presse. Aber eine
+Reform in den politischen Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich.
+Eine kühnere Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen, führte
+Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.
+
+"Wenn man", äußerte er darin, "mit der Religion und der Priesterschaft
+fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die Reihe an Untersuchungen
+kommen, die unsern weltlichen Gewalthabern nicht behagen dürften, so
+gleichgültig auch das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag.
+Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher Macht thut ihr dies und
+das? Von wem habt ihr diese Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft
+davon zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer und
+Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte -- wie uns unsre Philosophen von
+allen Dächern herabpredigen -- auf einen bloßen Vertrag zwischen uns und
+euch gründen; wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und
+euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch haben kann, als
+eine von uns empfangene bedingte Vollmacht, die wir alle Tage zurücknehmen
+können, sobald wir uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen:
+wie könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in der
+wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch eine willkührliche
+und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen, unser Eigenthum und unser
+Leben einräumen werden? Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir
+untersuchen, ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch Subsidien
+bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie zu unserm Nutzen
+anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an die Schlachtbank führen, oder uns
+der Gefahr aussetzen lassen, unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen
+angezündet und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen,
+wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist, ob ihr etliche
+Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern habt, oder nicht."
+
+Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald nach Friedrichs II.
+Tode (1786) und noch mehr durch die spätern politischen Ereignisse sich
+bewährten. Die Stellung, welche Wieland damals als Schriftsteller und
+Journalist zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:
+
+"Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen,
+als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für eins der wirksamsten Mittel,
+seine Zeitgenossen zu bessern, wenn man ihnen, wie Swift, immer
+beleidigende Dinge sagt. Sie immer zu streicheln und liebzukosen und
+einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt nichts."
+
+Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus in Schutz zu
+nehmen, war Wielands unablässiges Bestreben. Bei der sich immer mehr
+ausbreitenden Aufklärung, bei den immer raschern Fortschritten der Cultur,
+hielt er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen Ausdruck
+"die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden könnten." Nur einer
+einzigen Commotion, meinte er, bedürfe es, "um zehn oder zwanzig
+Millionen, die nichts mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin
+zu bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen."
+
+Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht getäuscht. Noch vor
+dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts gingen seine Worte durch den
+Ausbruch der französischen Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie
+mächtig dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere
+Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung niederlegte.
+Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des Worts, durfte er sich wohl das
+Zeugniß geben, daß "in Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die
+öffentlichen Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser
+Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme."
+
+Die Hauptmaxime, die ihn "in seinem Urtheil über die menschlichen Dinge"
+leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß. "Nie vergesse ich," schrieb
+er, "daß Menschen in allen Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger,
+als Menschen sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut oder
+schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so schlecht ist, daß
+ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen zutrauen sollte. Daher kommt
+es, daß ich nichts Vollkommenes von ihnen erwarte, und mich nie darüber
+formalisire, wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge
+großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder stoische
+Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser, noch consequenter,
+noch uneigennütziger handeln, als man es seit so vielen Jahrtausenden von
+den Adamskindern gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte."
+
+Von den Greueln der französischen Revolution wandte sich Wieland mit
+Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte sich wieder mächtiger in ihm.
+Rühmend hob er das Gute hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm
+getadelten Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der
+bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe. "Was
+kann," schrieb er, "deutscher Patriotismus anders seyn, als das
+aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung und Vervollkommnung der gegenwärtigen
+Verfassung des gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem
+Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit
+wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische
+Dichter von den Landleuten sagt: =Felices sua si bona norint=! Glücklich,
+wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und
+undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer Verfassung gemacht hätte;
+wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man
+erst fühlt, wenn man sie verloren."
+
+Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem Schicksal, wegen
+seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl der monarchischen, als
+aristokratischen und demokratischen, verkannt, und oft hart angefochten zu
+werden. Seine heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine
+Abneigung gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art sehr verübelten.
+Gegen den Vorwurf, "die Schuster- und Schneider-Aufklärung befördert zu
+haben," vertheidigte sich Wieland mit den Worten: "Meiner geringen Meinung
+nach, ist das Beste für den Schuster -- Schuhe zu machen. Sollte aber --
+was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit ist -- ein Schuster
+glauben, daß er auch =ultra crepidam= etwas Gemeinnütziges oder ein Wort
+zu seiner Zeit zu sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer
+von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster, aber doch einer, der
+für die Schuster arbeitet, ein Gerber; und die Athenienser konnten es wohl
+leiden, in mehr als dreißig Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die
+Wahrheit zu hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs seinen
+Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven Reimen manche heilsame,
+mitunter auch manche derbe Wahrheit, ohne daß ein Mensch etwas dagegen
+einzuwenden hatte? -- Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in
+Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen und vor einem
+Bürger, als heut zu Tage!"
+
+Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland oft den heftigsten
+Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn, einen guten Zweck verfolgt zu
+haben, mußte ihn trösten. Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und
+manches in prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen
+"Gesprächen unter vier Augen" durch den Vorschlag: das demokratische
+Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung -- Buonaparte zum Dictator
+ernennen. In jenen politischen Dialogen sah Wielands Blick weit in die
+ferne Zukunft hinaus, und in mehreren Schilderungen entwarf er ein
+anschauliches Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines
+Lebens lag.
+
+Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu den Musen zurückgeführt
+in den geistreichen Cirkeln, welche die Herzogin Amalia in Ettersburg und
+Tiefurth zu versammeln pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und Musik
+von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen Goethe, Herder,
+Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil nahmen, zu einem Gegenstande der
+Unterhaltung. Ländliche Feste und Schauspiele, in denen die eben
+genannten Männer, nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen
+u.a. geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten mit
+Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den dramatischen
+Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die bald das Schloß zu
+Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung zum Schauplatz wählte, lieferte
+Wieland in seiner "Pandora." Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch
+in dem noch handschriftlich erhaltenen "Tiefurther Journal" nieder.
+
+In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich, so wenig er sonst
+auch dem Hofleben und der damit verbundenen Etiquette Geschmack abgewinnen
+konnte. Noch in späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen
+Cirkeln angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der
+mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit behielten.
+Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene Schilderung der völligen
+Zufriedenheit mit seiner Lage paßte auch für seine spätern Lebensjahre.
+Jenes Schreiben enthielt das Geständniß: "In einer erwünschten Befreiung
+von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir selbst, ein
+unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt durch die Gnade meines
+Fürsten und durch die Liebe vieler Rechtschaffenen."
+
+Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich "umgeben von einer zahlreichen,
+um ihn her theils aufblühenden, theils noch aufkeimenden Familie, die
+seine Existenz auf die interessanteste Weise vervielfältige und durch die
+süßen Sorgen und angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr
+einförmiges Leben vor Stockung bewahre." Fühlbar mußte ihm jedoch werden,
+daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen Fleiß verdoppeln
+mußte, wenn er für den anständigen Unterhalt seiner nicht kleinen Familie
+gehörig sorgen wollte. Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren,
+lebten damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen
+schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten Gewinn
+hatte er noch der Herausgabe des "deutschen Merkurs" zu danken gehabt. Bei
+den meisten seiner frühern poetischen Werke hatte er sich mit einem
+Dukaten für den Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar für
+seine "Komischen Erzählungen" gestand Wieland einem Freunde: "Jedermann,
+welcher weiß, daß in Frankreich dem mittelmäßigsten Reimer und
+Romanschreiber wenigstens zwei Louisd'or für den Bogen bezahlt werden,
+lacht mich aus, daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger
+eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen."
+
+Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische Einkünfte durch
+seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler Reich in Leipzig, der ihm für das
+Gedicht "Musarion" ein Honorar von dreißig Dukaten und für den "Diogenes
+von Sinope" funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung in Dessau
+hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe auf Actien geliehen und sie
+größtentheils eingebüßt. Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen,
+schwankte er, ein Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die
+Unternehmer der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch, ihn im
+Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen trat Wieland, nach
+Reichs Tode, in nähere Verbindung mit dem damals noch sehr jungen
+Buchhändler Göschen in Leipzig, der zuerst den "Peregrinus Proteus" und
+die "Göttergespräche" druckte, und nachher der Verleger von Wielands
+sämmtlichen Werken ward.
+
+Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland seinen Schriften den
+höchsten Grad von Vollendung zu geben. In der Ankündigung der
+Gesammtausgabe seiner Werke im zwölften Stück des "deutschen Merkur" vom
+Jahr 1793 äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren
+beschäftige. "Ich widme ihr," schrieb er, "die heitersten Tage und Stunden
+meines Lebens, und spare weder Zeit noch Mühe, um den kleinsten Flecken
+wegzubringen, den ich an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr
+werde. Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen des
+Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen, die man geliebt
+hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich zu seyn, und von den
+Besten unter ihnen noch geliebt zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die
+Zukunft diesen Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche
+Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um sich noch in
+seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen? Niemand kann es
+stärker fühlen und einsehen, als ich selbst, daß, meiner angestrengtesten
+Bemühungen ungeachtet, auch die besten Producte meines Geistes noch immer
+weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den Ideal des Schönen
+und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser Gedanke wird meine Aufmerksamkeit
+schärfen, und meinen Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der
+Erfolg seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können, wenn
+ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen Kräften stand, gethan zu
+haben, um ihr meinen geistigen Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter
+Ordnung, als mir möglich war, zu hinterlassen."
+
+Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland, wie sehr sein
+Styl und Geschmack sich allmälig geläutert hatten. Seinen Jugendarbeiten
+beurtheilte er mit nachsichtsloser Strenge. Nur wenige nahm er in die
+Sammlung seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf seine
+"moralischen Erzählungen." Nach einem seiner damaligen Briefe hielt er
+diese Erzählungen "für das Beste von allem, was er vor seinem fünf und
+zwanzigsten Jahre geschrieben habe." Ueber den Platz, den er seinen ersten
+schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner Werke anweisen
+sollte, schwankte er lange. In Bezug auf seine Erzählung: "Araspes und
+Panthea" äußerte er in einem Briefe an seinen Verleger Göschen: "Ich
+finde, daß es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr
+jugendliche und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche Product
+an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften zu stellen, und zwar nicht
+hinsichtlich des Inhalts oder der darin geäußerten Geisteskräfte (in
+welcher Rücksicht es nicht zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack
+und Styl damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon und im
+goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war." Oft verwarf Wieland
+wieder die bereits getroffenen Anordnungen. Endlich entschloß er sich,
+seine Jugendarbeiten der Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch,
+wie er äußerte, "gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten
+und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei."
+
+Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken, auch seine
+Uebersetzungen in die Sammlung seiner Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee,
+die er wieder verwarf, äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November
+1793 mit den Worten: "Alle Welt stimmt mit Recht darin überein, daß meine
+Uebersetzungen des Horaz und des Lucian so viel von meinem Eignen haben,
+und sich so weit von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß
+sie so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung aller
+meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar einen eben so
+beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube es dem Publikum schuldig zu
+seyn, daß die allgemeine Ausgabe aller meiner Werke, auch die Satyren und
+Briefe des Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst
+meinem Commentar enthalte."
+
+Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe seiner
+Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795 mit den Worten: "Unter meinen
+sämmtlichen Werken will ich eigentlich nichts verstanden haben, als was
+ich nach meiner besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten und
+reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden." Mehrere seiner
+Werke wurden von ihm umgearbeitet, um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von
+Vollkommenheit möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe,
+siebzehn Gesänge seines "Neuen Amadis," dessen "licensiöse Versart" ihm
+nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen. Nach seinem eignen
+Geständniß ging Wielands Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem
+eben erwähnten Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten, "ohne
+Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit des Stils und der
+Sprache zu geben." Zu Anfange des Februar hatte er die "wirklich mühsame
+Revision der dreißig Bände seiner sämmtlichen Werke" vollendet. Er sah
+sich dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude überließ er
+sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten von zahlreichen
+Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse milderten, daß das
+Unternehmen für seinen Verleger einen bedeutenden Verlust herbeiführen
+möchte.
+
+Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht Wielands
+Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er den Moment, in welchem
+die Gesammtausgabe seiner Werke an's Licht trat. "Wir sind leider,"
+schrieb er, "in eine unglückliche Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung,
+das Einzige, was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit jedem
+Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch die Flucht einem
+Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit beinahe noch schlimmer
+ist, als das Aergste, was uns wirklich treffen kann." Manches
+Unerfreuliche brachte ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth
+kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke, ihren
+rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein Opfer gescheut, mit
+einem bedeutenden Verlust bedrohte.
+
+In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung suchen, und
+er suchte dort beides nicht vergebens. Kaum hätte er eine Gattin finden
+können, die die Pflichten einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter
+pünktlicher erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er
+den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen, und dadurch
+nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie sorgen. Ohne durch ihr
+Aeußeres, noch durch Talente sich auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein
+höchstes Lebensglück. In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster
+jeder weiblichen und häuslichen Tugend. "Sie ist", schrieb er, "frei von
+jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem Kopf ohne Vorurteil, und mit
+einem moralischen Charakter, der einer Heiligen Ehre machen würde. Die
+Jahre, die ich mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein
+einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn. Im Gegentheil
+ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen verwebt, daß ich nicht acht
+Tage von ihr entfernt seyn kann, ohne etwas dem Schweizer-Heimweh
+Aehnliches zu empfinden." Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch
+in einem Briefe an Gleim die Worte ein: "Gott hat mich aus einer Gefahr
+erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht denken kann. Ich war nahe daran,
+oder wenigstens machte mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich
+allein geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes haben
+Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt; wir haben unser bestes
+Mütterchen wieder, und sie befindet sich außer Gefahr."
+
+Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für einen Zuwachs seiner
+häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner Vaterfreude betrachtete er die
+Entwicklung der "kleinen krabblichten Mitteldinger von Aeffchen und
+Engelchen", wie er seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein
+herzerfreuender Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen Freund,
+doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber zu theilen, daß die
+Herzogin Mutter, der Herzog, Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der
+Taufe seiner Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte ihm
+vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter und drei Söhne am
+Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp und Wilhelm, entriß ihm der Tod.
+"Die Zeit", schrieb Wieland "heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe,
+die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben."
+
+Noch ehe ihn jener zwiefach harte Schicksalsschlag getroffen, hatte
+Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche geschrieben: "Ich habe eine
+ganz artige Nachkommenschaft um mich her, alle so gesund und munter,
+gutartig und hoffnungsvoll, jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und
+Freude daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten für eine
+große Last halten würden, für einen der glücklichen Sterblichen auf Gottes
+Erdboden halte. Das Alter überschleicht mich ganz unmerklich mitten unter
+dieser um mich aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre je
+länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb der Räume
+des ehelichen Lebens liegt. Ich werde immer mehr Mensch, und in eben der
+Proportion immer glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil
+ich für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten
+überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand, die das Gewebe unserer
+Schickungen webt, weder mich, noch die Meinigen betrügen werde."
+
+Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen jungen Mann
+erweitert worden, den er bereits 1785 als Haus- und Tischgenossen bei sich
+aufgenommen hatte. Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands
+Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn geknüpft ward,
+war Reinhold. "Es ist eine wunderbare Geschichte", schrieb Wieland den 15.
+Mai 1785 an Gleim, "wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den
+Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes in meinen Schooß
+gefallen, und mir und meiner Frau so lieb geworden ist, daß wir ihn mit
+einstimmigem Beifall unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne
+angenommen haben."
+
+Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen, hatte Reinhold
+dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden so wenig Geschmack abgewinnen
+können, daß er heimlich nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging,
+wohin ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland empfohlen
+hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er dort fand, verbunden mit dem
+Genuß der Denkfreiheit in einem protestantischen Lande, versetzte ihn in
+die froheste Stimmung. Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er
+sich beruhigen, da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse
+wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction des "deutschen Merkurs"
+gönnte, und später durch seinen Einfluß ihm eine Professur der Philosophie
+auf der Universität Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's
+Verhältniß zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters
+ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie. Reinhold erhielt am
+Altar ihre Hand, und fortwährend, auch später, als er einem Ruf nach Kiel
+gefolgt war, bestand zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes
+Freundschaftsverhältniß.
+
+Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine übrigen erwachsenen
+Töchter glücklich vermählt sah. Die Prediger Schorcht und Liebeskind,
+letzterer bekannt als Verfasser der von Herder herausgegebenen
+"Palmblätter" und als Mitarbeiter an Wielands "Dschinnistan", hatten sich
+mit Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die Gattin des
+Kammerraths Stichling in Weimar geworden, und Charlotte, die 1794 mit dem
+Dichter Baggesen und dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte
+dort unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den 17. April
+1795: "Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen worden, so ist es gewiß
+diese, die sich auf eine beinahe wunderbare Art, und doch wieder so
+natürlich durch die entschiedenste Sympathie der Herzen, Gemüthsart,
+Neigungen, Sitten -- zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines liebsten
+und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines Freundes Wieland
+geschlossen hat -- eine Verbindung, die in jedem Betracht so ganz nach den
+innersten Wünschen meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann,
+dem schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe Raum zu
+geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist meines verewigten Freundes
+selbst diese Ehe geknüpft habe."
+
+In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon früh gefaßten
+Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die durch seine Lage und seine
+Verhältnisse ihm vorgeschriebenen Grenzen zu überschreiten. Einfach und
+schlicht, wie seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung. Nichts
+erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz, und Luxusartikel kannte
+er fast gar nicht. Ueberall aber zeigte sich in seinem Haushalt die
+äußerste Sauberkeit und Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und
+überhaupt jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er sah ein,
+daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch einen seine Kräfte
+übersteigenden Aufwand leicht gefährdet werden konnte.
+
+Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war ein harmloses Spiel, wenn
+er zuweilen mit Wohlgefallen empfangene Goldstücke betrachtete oder sich
+dergleichen Münzen gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen, daß
+er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie hin zu nöthigen
+und unentbehrlichen Ausgaben.
+
+Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht und Eigennutz.
+Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig gegen den Erwerb, so wenig er
+das Erworbene verschwendete. Schon seinen hausväterlichen Pflichten
+glaubte er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im
+schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm immer die
+herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren in Bodmers Hause
+zu Theil geworden war. So weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er
+jedem, der sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende
+Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu seinem "deutschen
+Merkur" mitunter ein höheres Honorar, als er selbst erhielt. Aus
+Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte, die er nie abdrucken ließ, nicht
+zurück, sondern zeigte sich bereit, sie zu bezahlen -- eine Liberalität,
+durch welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend werden
+konnte.
+
+Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer, als gegen
+Andere. Darin lag auch vielleicht der Grund, weshalb er während seines
+Aufenthalts in Weimar nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur
+Erholung von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte. Seine
+eigene Aeußerung, daß er "ein Mensch sei, der selten aus seinem
+Schneckenhäuschen heraus krieche", schien sich an ihm bewähren zu wollen.
+In einem Briefe an Gleim setzte er die Gründe auseinander, weshalb er
+einer Einladung, nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. "Tausend
+seidene Bänder", schrieb er, "fesseln mich an Weimar. Ich bin in den Boden
+eingewurzelt und um nur Eins zu sagen, wie kann ich, oder wie könnte meine
+Frau mit mir, sich von den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine
+Welt für uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine solchen
+Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen Sie einmal, wie sich's in
+meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke aus irgend einem Winkel ein anderes
+Bübchen oder Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen
+kommt."
+
+Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht blos die Liebe zur
+Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen mit der Herausgabe des
+"deutschen Merkur" verbundenen Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit
+Reiseplänen beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er sich
+1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden. Nach der letztgenannten
+Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie. Er wünschte in Dresden das
+strengste Incognito zu beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen
+schrieb er darüber: "Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft ist,
+sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden Sache, als meine Excursion
+nach Dresden ist, so viel zu thun zu machen. Es ist meine Meinung gar
+nicht, mich in Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten,
+preiszugeben. Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die ich in meinen
+Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren Constitution zu beobachten
+habe, noch meine Absicht, meine Zeit in Dresden zur Betrachtung der
+dortigen herrlichen Gemäldesammlung zu benutzen, könnte sich mit vielen
+Aufwartungen, Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich wollte die
+Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit, auch in Dresden (wo
+freilich keine Freiheitsbäume so leicht Wurzel fassen können) nach meinem
+eigenen Sinn und Willen zu leben."
+
+Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern auch Wieland jeder
+Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich, hatte er es doch nicht
+vermeiden können, in Pillnitz dem Churfürsten vorgestellt zu werden.
+Manche interessante Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn
+jedoch seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte er zu
+kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen in dem er seine Jugend
+verlebt, realisirte. Nicht nur für den "deutschen Merkur", sondern auch
+für die ununterbrochene Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke
+hatte er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen Aufenthalt
+in der Schweiz denken konnte, von welchem er sich, nach seiner eigenen
+Aeußerung, "für seinen innern und äußern Menschen viel Gutes versprach."
+Nicht blos die Sehnsucht, seine an den Buchhändler Geßner in Zürich
+verheirathete Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener Reise.
+Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm sagen, daß ihm Erholung
+höchst nöthig sei. "Ich bedarf", schrieb Wieland, "einer solchen
+Aufziehung meines innern Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich
+in der Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der =Fontaine de
+Juvence= für mich seyn."
+
+Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand, machte allerlei
+Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich entschloß, die Reise nach
+der Schweiz anzutreten. "Man spricht und schreibt", äußerte er in einem
+seiner damaligen Briefe, "gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen
+in Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich eingenistet haben
+sollen, daß ich in der That nicht weiß, ob ich Recht thue, eine so
+gefährliche Reise mit Weib und Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz
+Deutschland jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des
+dreißigjährigen Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen zu
+den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten einen Dieb und Mörder
+zu sehen glaube." An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler Geßner, schrieb
+Wieland bald nachher: "Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel
+Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr Vertrauen setzen
+in die lieben Engelein, die uns geleiten werden. Aber das ist eben
+das Elend, daß ich weniger Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas,
+und auch nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine
+ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob sie aus
+Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und Unerschrockenheit und
+Heldenmuth, trotz der tapfersten aller Marfisen und Bradamanten."
+
+Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und drei Kindern, Caroline,
+Wilhelm und Luise, in einen bequemen Wagen, den er der Herzogin Amalia
+verdankte, von Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er
+unterwegs an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden, ward noch
+übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe und Wohlwollen, die er
+von ältern und jüngern Freunden bei seinem Eintritt in die Schweiz
+empfing. An Göschen schrieb Wieland den 8. August 1795. "Sie erhalten dies
+Blättchen nicht -- wie Sie billig vermuthen könnten -- von den Ufern des
+Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen aller Dinge über der Erde
+eingesogen haben, sondern von dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen
+Nachbarschaft ich ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht
+Wochen bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem nun bald
+zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu leben anfangen sollte.
+Sie kennen das Land und den Ort und die liebenswürdigen Menschen, mit
+denen ich lebe. Sie haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage
+in dem Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das Vergnügen
+denken, in welches ich durch eins meiner liebsten Kinder mit demselben
+gekommen bin, so werden Sie sich leicht vorstellen können, daß Tage und
+Wochen mit einer mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über
+meinem Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt auch
+währen könnte, er mir am überraschenden Tage des Scheidens doch immer nur
+ein kurzer Morgentraum scheinen wird."
+
+Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen Ereignisse in ihm
+weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine Abreise zu beschleunigen. "Der
+Krieg", schrieb er, "hat sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis
+in's Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen Strom,
+und es fehlt hier nicht an Gerüchten, die uns auch für die Reiche von
+Thüringen und Sachsen bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken
+vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen
+Theilnehmern an dem Göttern und Menschen verhaßten Kriege ihre schwere
+Hand fühlen zu lassen. Haben nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage,
+die ich mir von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein
+genießen lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer von den
+Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde mich ungemein wohl, und
+wenn der gute Genius, der meine Reise von Weimar nach Zürich begünstigte,
+mich auch von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen, die
+guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die Munterkeit meines
+Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren."
+
+Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen Sonntag um
+zwei Uhr Nachmittags mit seiner lieben Reisegesellschaft gesund und
+wohlbehalten in Weimar angekommen sei. "Sein guter Genius", schrieb er,
+"habe es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart,
+Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg, Coburg und
+Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen, auch nirgends kaiserliche
+Truppen angetroffen, auf keiner Post länger als eine Stunde aufgehalten
+worden sei, daß er seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und
+französischen Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und mit
+Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob überall Friede wäre."
+
+Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben von einer so
+anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach seinem eignen Geständniß,
+"gern wie Horaz, durch's Leben weggeschlichen wäre, und der nichts mehr
+haßte als Stadt-, Hof- und Weltgetümmel", sich oft der sehnsuchtsvolle
+Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur, sich selbst
+und den Seinigen leben zu können. Die Achtung und Neigung fürstlicher
+Gönner, die Freundschaft mancher vorzüglichen Männer, die Weimar damals in
+sich versammelte, hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können. Oft
+aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei aller Muße doch ein
+sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen durch Besuche von
+Einheimischen und Fremden. Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte
+ihn in eine sehr unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock und
+in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte ihn besonders die
+Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen Aeußerungen von solchen
+Besuchenden aufgefangen und öffentlich bekannt gemacht werden könnten.
+All' diesem Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit zu
+entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der seinen Geist
+beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich dachte er längere Zeit
+daran, seinen bisherigen Aufenthalt in Weimar mit einem freundlichen
+Landhause bei Hohenstädt, unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes
+hatte für ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu werden.
+Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten ihn indeß, diesen Plan
+wieder aufzugeben.
+
+Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute Tannrode malte
+sich Wielands Poesie mit den glänzendsten Farben aus. Ueber den Ankauf
+dieses Gutes, das der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er
+Unterhandlungen. Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes
+Horazisches Sabinum. "Ich schmeichle mir", schrieb er, "wenn ich erst in
+meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde, in der herrlichen
+Luft und der schönen Natur, die mich dort umgeben wird, neue Munterkeit
+und Kraft zu meinen Geistesarbeiten zu erhalten." Diese Idee gab Wieland
+jedoch wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit Weimar
+gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von 22,000 Thalern. Diese Summe
+glaubte er theils durch den Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch
+ein etliche Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital
+decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes Göschen zu
+erhalten hoffte.
+
+Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's Antwort ablehnend
+ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen Lieblingswunsch realisiren konnte.
+Seinen Credit in Weimar wollte er nicht benutzen. "Davon bin ich ziemlich
+überzeugt", schrieb er, "wenn alle andern Stricke reißen sollten, der
+Herzog würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich habe mehr als
+Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel, nur im äußersten Nothfall zu
+concurriren. In einem Briefe an Göschen äußerte Wieland: "Hören Sie,
+lieber Freund, wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen
+oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte; denn ganz kann
+ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen, so sehr ich's auch thun zu
+können wünschte. Sie sind nun einmal, weil Sie es selbst so gewollt haben,
+mein Verleger, und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath." --
+Nachdem Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe seiner Werke auf 7000
+Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen Brief an Göschen mit den
+Worten. "Warum ich Sie bitte, ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000
+Thaler von Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte."
+
+Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem "Osmantinum" oder seiner
+"Oberinstädtischen Retraite", wie er sein ländliches Asyl mitunter nannte,
+schilderten mehrere seiner damaligen Briefe. Am 25. April 1797 hatte er
+dort, nach abgeschlossenem Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr
+später, den 25. Juli, schrieb er: "Mir ist, als ob gar keine andere Art zu
+existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen Propheten, die als
+ganz unfehlbar voraussahen, daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und
+=vis à vis de moi même= langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch
+sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter und vergnügt
+aussehe, und können sich daß Phänomen gar nicht erklären. Ich hingegen
+begreife das Wunder sehr gut, und in der That ungleich besser, als wie ich
+die vier und zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich
+habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur, viel Gras und
+schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition über mich selbst und meine
+Zeit -- das Alles zusammengenommen ist, so zu sagen, mein Element, so gut,
+wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element ist; und es
+geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe."
+
+Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens, das, wie er
+glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand einwirke. Er
+schrieb darüber den 19. December 1797 einem Freunde: "Das Angenehmste ist,
+daß ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter eine
+über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe über meine
+Leibesconstitution mache. In der Stadt würde ich mich in diesen
+verwichenen acht Wochen wahrscheinlich ziemlich schlecht befunden haben;
+hier in meinem Hause zu Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl
+und munter, arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet
+ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und schlafe weit besser, als
+ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens was mich betrifft, den Vorzug
+des Landlebens vor dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven
+Vorzügen zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen ihre Freundin,
+die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher thut mir auch das Bewußtseyn wohl,
+daß ich meinen Garten bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt
+habe. Ueber dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem
+Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens die ersten
+Früchte zu erleben hoffen kann; und das, was ich auf Cultur und
+Verbesserung verschiedener, nach und nach durch Verwahrlosung in Abnahme
+gekommener Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde, wird
+schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer mich wieder besucht,
+sich in ein kleines Paradies versetzt zu sehen glauben wird."
+
+Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war Wieland seinen
+literarischen Arbeiten nicht untreu geworden, obgleich manche darunter ihm
+so viel Beschwerden und Verdruß bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich
+ihrer entledigen zu können. Den "deutschen Merkur" würde er, wenn er den
+mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf, hätte entbehren können,
+zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig ward er mitunter über die
+reichlichen Zusendungen schlechter Verse und anderer mittelmäßiger
+Produkte. Besonders ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung
+zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands an ihn gelangten.
+In dieser Beantwortung war er freilich mitunter so saumselig, daß er die
+deshalb ihm gemachten Vorwürfe wohl verdient zu haben glaubte, und sich
+selbst bisweilen noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie ganz
+verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein, durch die er den zu
+häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen vorbeugen wollte.
+
+"Verschiedene, welche mich," schrieb er, "mit allerlei theils
+versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen u. dgl. für
+den Merkur zu beschenken die Gewogenheit hatten, setzen mich in eine Art
+von Verlegenheit, deren ich gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr
+geneigter Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige
+Collision von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm seyn
+können. Einige scheinen von der Güte ihrer Producte so überzeugt zu seyn,
+daß man ihnen, ohne Beleidigung, weder sagen, noch zu verstehen geben
+kann, man sei anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich
+blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man ihnen ihre
+Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen möchte, ob sie zur
+Dichterei berufen seien oder nicht. Aber sie bringen das mit einer so
+sichtbaren Erwartung eines höflichen, d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden
+Bescheides vor, daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine
+ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß unser einer -- der
+von einem solchen jungen Candidaten des Musenpriesterthums gefragt wird:
+Meister, was soll ich thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort
+werden läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! -- sich darauf
+verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort geradezu für einen
+Beruf annehmen wird, sich nun erst recht auf's Versemachen zu legen. Denn
+-- sagt er zu sich selbst -- meine Verse müssen doch wohl gut seyn, weil
+Wieland sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also gleich
+an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken möchte. -- Wie
+könnte der arme Verfasser des Winter- und Sommermährchens sich
+unterstehen, einem solchen Rivalen etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge
+Mann würde natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur, sich
+in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen, übertroffen zu sehen.
+Das will ich denn auch dem jungen Dichter hiermit ohne Widerrede
+zugestanden haben. Nur der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche
+Originalwerke. Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und um des
+Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier, mit Kupfern von
+Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der Verfasser wird an der Wirkung sein
+Wunder sehen! Jetzt ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für
+solche Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon
+aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne Kupfer von
+irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt suchen mußte."
+
+Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter beklagte, erwuchs
+ihm aus den zeitraubenden Correcturen, die er zwanzig Jahre hindurch
+allein besorgt, und erst 1793 sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der
+Theologie, Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth äußerte
+sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript. Jeder Gelehrte und
+Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche Hand schreiben, das
+könne man mit Fug und Recht fordern; sonst müsse er seine Druckschriften
+von einem seiner Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen
+Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte gleichgültig
+werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken, die Herausgabe des
+"deutschen Merkurs" aufzugeben, ungeachtet dies Journal für ihn bisher
+keine unbedeutende Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen,
+unter andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller durch
+gehaltvolle Beiträge unterstützt worden war.
+
+Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde Göschen die Nachricht
+mit, daß der "deutsche Merkur" mit dem December aufhören werde. Vierzehn
+Tage nachher widerrief er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für
+die Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des
+Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem Entschluß
+gebracht haben, von welchem ihn ein Blick auf den damaligen Zustand der
+deutschen Literatur zurückgeschreckt hatte. Die Kantische Philosophie, die
+ihm durch Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner zu
+verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte ihren Einfluß
+auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar war besonders der
+Einfluß jener Philosophie auf die neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt
+eine Geschmackscritik treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen
+nichts einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich aus der
+Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung der Aesthetik
+herbeizuführen, seit man angefangen hatte, sie auf die Grundideen der
+Fichte'schen Wissenschaftslehre zu reduciren. Dies war besonders von
+Schiller in den "Horen" geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland an
+die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und Drangperiode
+treten, und wie in der politischen Welt, schien auch im Gebiet der
+Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend werden zu wollen. Auf's
+Heftigste erregt ward die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch
+die in dem Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten "Xenien."
+
+Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller, waren Wielands
+Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist bereits früher gedacht worden.
+Schillers Talenten jedoch hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit
+widerfahren lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen
+Beurtheilung einiger Scenen des "Don Carlos", welche Schiller in der
+"Thalia" mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt ein Brief vom 6.
+März 1785. "Ich kann irren," schrieb er, "jedenfalls aber spreche ich nach
+meiner innigsten Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere
+in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften mit Wahrheit
+dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich zugeben könnte, daß es
+einem Tragödienschreiber, der seine Personen aus dem sechzehnten
+Jahrhundert an dem Hofe König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in
+ideale Phantasiegeschöpfe zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit
+nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls, wenn man will,
+schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch immer nur Carricaturen sind; daß
+ich ziemlich häufig auf Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem
+Gefühl nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst
+unschicklich und der redenden Person nicht anständig sind; und daß
+überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon entfernt ist, was
+nach meinem von Sophokles und Racine abgezogenen Ideal die schöne Sprache
+der Tragödie seyn soll."
+
+Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige Stimmung
+eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er einige Jahre später (1787)
+nach Weimar kam, von Wieland mit väterlicher Zuneigung empfangen. "Wir
+werden schöne Stunden haben," schrieb Schiller; "Wieland ist jung, wenn er
+liebt." Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Dichtern dauerte
+fort, und ward noch fester geknüpft durch Schillers Beiträge zum
+"deutschen Merkur." Im December 1787 eröffnete Wieland dem Publikum die
+Aussicht, daß "Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes
+Monatsstück mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die schon in
+ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe, und nun, da sein
+Geist den Punkt der Reise erreicht habe, die Erwartung rechtfertige, die
+sich das Publikum von dem Verfasser des "Fiesko" und des "Don Carlos" zu
+machen Ursache gehabt habe." Wieland fügte hinzu: "Da ich selbst vom
+Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre herabsteige, und täglich mehr
+Gelegenheit finde, an mir selbst zu erfahren, wie wahr das Virgilische:
+=Facilis descensus Averni= in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir
+zu nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen Mann an meiner
+Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung darf ich sicher hoffen, den
+deutschen Merkur seinem ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine
+sehr merkliche Art näher zu bringen."
+
+Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen für seine
+Anerkennung und Hochachtung Schillers. Mit liebenswürdiger Bescheidenheit
+weigerte sich Wieland, für den "historischen Calender", den Schiller
+damals herausgab, das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er
+wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für jenen Calender
+seine "Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" lieferte. "Diese
+Geschichte," schrieb Wieland, "hat so viele Leser gehabt, als es in dem
+ganzen Umfang unserer Sprache Personen giebt, die auf einigen Grad von
+Cultur des Geistes Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller
+verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst sowohl, als
+in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen Muse nähert,
+große Erwartungen von dem, was sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise
+leisten könnte, erweckt hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen
+man sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt
+hielt; einen Versuch, der bereits alles, was unsere Literatur in dieser
+Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich zurückließ, und natürlicher Weise
+in Allen, denen der Ruhm der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch
+erregen mußte, daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in
+dieser neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte, sich zu
+einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon emporzuschwingen, sich, wo
+nicht gänzlich, doch hauptsächlich, der Geschichte unseres Vaterlandes
+widmen möchte."
+
+Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das Verhältnis zwischen ihm
+und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen Reinheit, wie es der
+Letztere mehrere Jahre zuvor (1787) durch die Worte bezeichnet hatte: "Mit
+Wieland bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer
+Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn liebe, und Ursache
+habe zu glauben, daß er mich auch liebt." Schillers Gesinnungen gegen
+Wieland, wenn sich auch seine ästhetischen Ansichten geändert hatten,
+waren dieselben geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von
+Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner Werke, von denen
+die erste Lieferung erschienen war, hatte er mit den Worten begleitet:
+"Wäre es auch nur, damit man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen
+aus dem Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit
+beschäftigen, und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös
+angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind."
+
+Weder in den "Horen", noch in den "Xenien" war Wieland in Vergleich mit
+andern Schriftstellern auf eine Weise angegriffen worden, die ihn hätte
+veranlassen können, sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler
+Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die deutschen Dichter,
+Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen können. Der Tadel war meistens
+weniger gegen ihn, als gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso
+in Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen herrschte,
+und der Uebermuth, der sie charakterisirte, war Wielands Urbanität
+zuwider. Er glaubte, seine Meinung darüber öffentlich aussprechen zu
+müssen, und wählte dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den
+schärfsten Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu
+geben, als vertheidige er die Verfasser der "Xenien." Er bezweifelte
+sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts, aus Schiller's und
+Goethe's Feder geflossen seyn könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese
+Epigramme in den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit einer
+seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß Schiller, aus Mangel
+an Zeit, das Ordnen seiner Distichen nicht selbst besorgt habe. "Das
+Geschäft," schrieb Wieland, "kam zur bösen Stunde in die Hände irgend
+eines jungen, lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe
+und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers, welcher der
+Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit zu benutzen, und --
+vielleicht weniger in der Absicht, sich ein Verdienst um seine =magnos
+amicos= zu erwerben, als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel
+an ihren Widersachern zu statuiren -- in aller Stille eine gute Anzahl
+derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik hinzuthat. Das in
+den =parvum amicum= gesetzte allzu große Vertrauen wäre denn also das
+Einzige, was dem Herausgeber des Almanachs zur Last gelegt werden könnte,
+und wofür er durch den häßlichen Spuk, den die "Xenien" machen, mehr als
+zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk, das uns allen Freude
+machen wird, ihn damals beschäftigte, als er dem jungen Brausekopf die
+Sorge für seinen Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend
+manchen bittern Augenblick bereitete."
+
+Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands Ironie seine wahre
+Meinung, die er in einem Briefe an Göschen vom 29. November 1796 mit den
+Worten aussprach: "Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe
+und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch einen
+Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist, sich selbst eine
+pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte eher darüber weinen, als
+lachen. Ueber die ihm gesandten Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in
+Leipzig verfaßt hatte, schrieb Wieland: "Ich werde mich wohl hüten, dieses
+von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen; ich
+fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug werden." In einem spätern
+Briefe vom 5. December 1796 äußerte Wieland: "Das hätten die Herren
+Götterbuben, um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden, doch
+voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn man sich zum Spaß mit
+Gassenbuben herumbalgt."
+
+Wielands Unmuth über die "Xenien", die er seinen Freunden geraume Zeit
+nicht verzeihen konnte, erhielt neue Nahrung durch die Reform im Gebiet
+der Aesthetik, die damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich
+Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht zu seyn, was
+ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen Poesie einen neuen
+Schwung zu geben. Sie begünstigten vielmehr die poetischen Formen des
+Auslandes, und suchten durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue
+Dichterschule zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise das
+Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute überall anzuerkennen, wo er es
+fand, war Wieland jenen Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich,
+daß er einst selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das
+Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm aber keineswegs
+behagte, war der polemische Ton, durch den die Häupter der romantischen
+Schule die von ihnen aufgestellten Principien geltend zu machen suchten.
+Schonungslos griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene
+Zeitschrift, "Athenäum" betitelt, seit dem Jahr 1798 alles an, was die
+"Xenien" noch verschont hatten. Auch Wieland entging diesem Schicksal
+nicht durch eine, späterhin von ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung
+in der Vorrede zu seinen sämmtlichen Werken. "Seine beinahe ein halbes
+Jahrhundert umfassende Laufbahn", schrieb er dort, "habe begonnen, da eben
+die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden Sonne zu schwinden
+angefangen, und er beschließe sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange."
+
+Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern und Anhängern der
+romantischen Schule gegen das sogenannte goldene Zeitalter der Literatur
+gerichtet wurden, befand sich auch im zweiten Bande des "Athenäums" eine
+gegen Wieland gerichtete ="Citatio edictalis."= Sie lautete: "Nachdem über
+die Poesie des Hofraths und =Comes Palatinus Caesarius= Wieland in Weimar,
+auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding, Sterne, Bayle, Voltaire,
+Crebillon, Hamilton und vieler anderer Autoren =Concursus creditorum=
+eröffnet, auch in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach
+dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende Eigenthum sich
+vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche Ansprüche =titulo legitimo=
+machen kann, hierdurch vorgeladen, sich binnen sächsischer Frist zu
+melden, hernachmal aber zu schweigen." Dieser öffentliche Angriff Wielands
+war das Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über den
+genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen, und ihm unter
+andern die Anerkennung des Hans Sachs im "deutschen Merkur" als sein
+bedeutendstes Verdienst um die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte
+ihm verargt werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage
+aufwarf: "Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient habe?"
+
+Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere Theil derer, die ihn
+nicht tief genug herabwürdigen zu können glaubten, unter Goethes Aegide zu
+stehen schien, da das "Athenäum", unerschöpflich in dem Lobe dieses
+Dichters, zu den "drei größten Tendenzen des Zeitalters" außer der
+französischen Revolution und Fichte's "Wissenschaftslehre", auch "Wilhelm
+Meister's Lehrjahre" gerechnet hatte. Obschon der aufrichtigste Verehrer
+und Bewunderer Goethe's, fühlte Wieland sich ihm allmälich entfremdet,
+wenn auch Goethe's Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz
+auf ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung
+empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe und Schiller sich
+einander mehr genähert hatten, als es bisher der Fall gewesen war. Aber
+während Wieland Herder's Unmuth über Kant's "Kritik der reinen Vernunft"
+theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders "Metakritik" zu einer
+leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst Niemand, der
+die unbillige Behauptung, "er habe sich selbst überlebt", zu wiederlegen
+suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue und Merkel, in dem "Freimüthigen" und
+in den "Briefen über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur",
+Wieland an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten auf eine
+für ihn unwürdige Weise.
+
+Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte ein 1799 an einen
+Freund gerichteter Brief, der zugleich einige Andeutungen über sein
+Verhältniß zu Goethe und Schiller enthielt. "Warum ich Sie bitten möchte",
+schrieb Wieland, "wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern Schlegel und
+Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber witz- und sinnreiche Patrone,
+die sich Alles erlauben, nichts zu verlieren haben, nicht wissen, was
+Erröthen ist, und mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den
+Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist, da sie, auch
+geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder aufstehn, und es nur desto
+ärger machen würden. Können Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen,
+die durch ein in Deutschland noch neues =genre=, nämlich französische
+=persiflage=, ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so beschwöre
+ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens Goethe und Schiller aus
+dem Spiel, wär' es auch nur mir zu Liebe, und um allem Argwohn
+auszuweichen, als ob ich irgend einen directen oder indirecten Antheil an
+der Sache hätte. Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit
+Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie ich mir
+einbilde, wenigstens vor der Welt, denn =de occultis non judicat praetor=.
+Aber die Herren sind empfindlich und ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich
+also nicht nur selbst, sondern auch meine Freunde können sich, mir zu
+Liebe, nicht genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt
+werde."
+
+Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur fürchtete Wieland,
+nach einem Briefe vom 15. Februar 1801, einen dreifachen beträchtlichen
+Schaden. Jener jacobinische Sansculotismus, meinte er, werde erstens den
+Charakter unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit
+gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen; zweitens die ganze
+Classe der Gelehrten und Schriftsteller, die so ehrwürdig und
+vielvermögend seyn könnten, in der öffentlichen Meinung tief herabsetzen,
+sie ihres wichtigsten Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern
+und Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen Spiel geben.
+Endlich drittens werde jener Sansculotismus jungen Leuten, theils für eine
+kleinere Zeit, theils für ihr ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz
+verwirren. "Alles aber", fügte Wieland hinzu, "will seine Zeit haben. Auch
+diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik wird
+vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr Ende zu beschleunigen,
+wäre, es wie ich zu machen, und zu thun, als ob gar keine Schlegel,
+Tieck's, Bernhardi's, Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle
+heißen, in der Welt wären."
+
+Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe an Voß: "Ich fange
+an, immer gleichgültiger zu werden gegen Bübereien dieser Art, und hülle
+mich sehr ruhig in das Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in
+der ich lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas Gutes habe
+drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an, mir widerfahren ist und noch
+täglich widerfährt, wäre hinreichend, jeden Jüngling, der sich mit einiger
+Fähigkeit dem Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat die
+fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen wenig Einfluß auf
+meine Glückseligkeit, und es war kein Compliment, sondern wahres
+herzliches Gefühl, als ich zu meiner Muse sagte:
+
+ Du machst das Glück von meinem Leben,
+ Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein.
+
+Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen Horaz sich rühmte,
+von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt zu werden, deren jeder ein
+Publikum werth ist; und dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe
+immer die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und sie mit
+Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen aller Leser in der
+Welt würde mich für den kleinsten Fehler, den ich vermeiden konnte, und
+nicht vermieden hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand
+gesehen hätte, als ich."
+
+So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen, das er
+sich in seinem "Osmantinum", wie er seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte,
+hatte erbauen lassen, der freundlichen Hoffnung, "noch manche selige
+Stunde zuzubringen und noch manchen geheimen Besuch von seiner Muse zu
+erhalten." Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen Zurückgezogenheit
+entwarf und zum Theil ausführte, gehörten besonders Uebersetzungen aus dem
+Griechischen, aus Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem
+Titel eines "Attischen Museums" herausgeben wollte. Tüchtige Gehülfen
+hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs und Hottinger. Den Letztern
+hatte er während seines Aufenthalts in der Schweiz kennen gelernt, und
+schätzte ihn sehr. "Ich kenne," schrieb Wieland, "keinen so ganz rein nach
+dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger."
+
+Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für das "Attische
+Museum" unternahm, fesselte ihn vorzüglich der "Ion" des Euripides. Mit
+der Wahl dieser Tragödie verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine
+fließende, dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das
+gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W. Schlegel
+gedichteten Trauerspiel "Ion" zu vergleichen, das damals auf die
+Weimarische Bühne gebracht und vielfach besprochen worden war. So könnte
+man, meinte Wieland, mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff
+bearbeitende Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten. Eine
+solche Vergleichung aber, "mit reinem Sinn für das Wahre, Schöne und
+Geziemende angestellt," könne für Freunde und Jünger der Kunst nicht
+anders als unterhaltend und belehrend seyn.
+
+Von zwei eigenen Werken, "Agathodämon" und "Solon", die, wie er an Göschen
+schrieb, "noch als Embryonen in seinem Kopfe lägen," gab Wieland den Plan
+zu dem zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung
+versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen, die er in den
+"Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen" entwerfen wollte. Dies Werk,
+von welchem er einen ausführlichen Plan entwarf, sollte eine seiner
+umfassendsten Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten ihn
+indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen Freund und
+Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den 19. Dezember 1797: "Es ist hohe
+Zeit, daß ich Ihnen einmal wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der
+That, was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das
+literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche
+Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten aus meinem
+Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von Morgen bis in die Nacht,
+finde Tage und Wochen unbegreiflich kurz und schnell, und habe
+demungeachtet seit dem 23. November eins der schwersten literarischen
+Abentheuer, eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes
+glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht."
+
+Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige Dialoge politischen
+Inhalts, unter dem Titel "Gespräche unter vier Augen" auszuarbeiten
+angefangen habe, und noch mehrere folgen lassen werde, bis er "alles vom
+Herzen habe, was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu
+rechter Zeit halte." Daß er dabei doch einige Rücksichten genommen, zeigte
+seine eigene Aeußerung in einem spätern Briefe vom 7. November 1798.
+"Obgleich in meinen Gesprächen," schrieb Wieland, "die Sache der
+Menschheit freimüthig geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die man
+weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von den Dächern predigen
+hört, so hab' ich, meiner Denkart und der Klugheit gemäß, vor allem, was
+einem auch nur halbweg vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den
+man den Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte, mich
+sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur in keine
+Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür stehe, daß das Buch nicht zu
+Wien verboten werden wird, wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's
+Licht tritt."
+
+Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits erwähnten
+"Agathodämon." Dies Urtheil, meinte er, werde die Nachwelt darüber fällen,
+so gleichgültig sein Werk auch für den Augenblick aufgenommen werden
+möchte. "Das siebente Buch des Agathodämon," schrieb Wieland, "war mir
+eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von allen, die ich mir
+aufgeben konnte. Die Ausführung ward mir um so mühsamer, da Jahreszeit und
+Witterung Geistesarbeiten dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst
+zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs Mal von neuem durch
+-- und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet, und des Feilens und Polirens
+wollte kein Ende werden. Nun ist es -- wie es ist; ich bin mit mir selbst
+zufrieden, denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer
+Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also meine Schuldigkeit
+gethan habe."
+
+In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland durch die Nachrichten
+versetzt, die er von dem geringen Absatz der Gesammtausgabe seiner Werke
+erhielt. An seinen Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den
+15. Juli 1799. "Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen, daß
+ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß nicht, wie ich zu solchem
+Verfall meines Credits und meiner Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen
+bin, und theile daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden
+wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden haben müsse.
+Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert ein günstigerer Stern über uns
+auf, und ich will mich indeß, wie jener griechische Flötenspieler,
+begnügen, den Musen und mir selbst zu spielen."
+
+Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland in seinem
+ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen in seinem Hause und
+Garten gaben ihm die heitere Stimmung wieder, die er durch den Gedanken,
+wie tief sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch
+öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn zu jener
+Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche Leiden gesellt hätten.
+Doch selbst in höherem Alter war ihm eine fast ununterbrochene Gesundheit
+geblieben. In einem Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich
+Wieland selbst über sein Wohlbefinden. "Sie gründen darauf," schrieb er,
+"Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter Patriarch werden dürfte. Vor
+zwanzig Jahren hatte ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte
+alt werden können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner
+Leibesbeschaffenheit allerdings viele und triftige Ursachen. Nach dem fünf
+und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit unvermerkt immer fester, und
+ich befinde mich nun im sechs und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität
+mein zehntes Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund,
+sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um meine =Confessions=
+oder Nachrichten von mir selbst und meinen Schriften, oder wie Sie meine
+Selbstrecension betiteln wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als
+nach meinem Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll."
+
+Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr nähere, trübte nicht
+Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in seinem Alter sehr glücklich unter
+literarischen und ländlichen Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues
+Vergnügen schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen
+Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee, oder durch ein
+Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo er sich ungestört seinen Ideen
+überließ. In solchen Augenblicken glaubte er zu seiner völligen
+Zufriedenheit kaum noch etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den
+Buchhändler Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799: "Ich freue
+mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit, daß ich sie
+wirklich im Geist schon genieße, und den dazwischen liegenden Winter um so
+weniger lang finden werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn
+auszufüllen gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt so
+lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn; denn es ist nicht
+mehr als billig, daß ich das Recht, den Sommer blos mit Genießen
+zuzubringen, im Winter durch Arbeiten erkaufe."
+
+In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an Gleim erkannte
+Wieland es dankbar, daß ihm, neben der Glückseligkeit, ungestört mit den
+Geistern der Weisen und Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch
+das Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt eines Weibes,
+an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern und Enkeln um sich zu haben,
+unter welchen ihm seine Tage so leicht und schnell entschlüpften, wie den
+Bewohnern des dichterischen Elysiums. "Das Einzige", schrieb er, "was
+allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem Elysium, das
+uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht, sind die Buttersemmeln
+und Bratwürstchen, die auf den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner,
+die von selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen crystallenen
+Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht, um sie aus Quellen und
+Bächen mit köstlichem Wein zu füllen, die eben so freiwillig, als
+unerschöpflich aus allen Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und
+wohlfeil hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu sagen,
+ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil haben; denn ich halte
+das Gesetz, daß uns die Götter nichts Gutes ohne Arbeit geben, für ein
+sehr weises Gesetz, und betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge
+=quantum satis=, als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß."
+
+Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche seiner
+Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine Fürstin, die Herzogin
+Mutter verschmähten nicht, ihn unter dem Schatten seiner Bäume zu
+begrüßen. Der lebhafte Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn
+in die Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes.
+Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte Bekanntschaft mit
+Jean Paul, von dem er sich vielseitig angeregt, doch, nach seinem eignen
+Geständnisse, auch eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte.
+
+Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands späterem Leben war das
+Wiedersehn seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, die ihn 1799 in
+Osmannstädt besuchte, begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie
+Brentano, einer Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die
+Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals verlebte, blieb
+ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie, als Sophie Brentano im Mai
+1800 ihn abermals in seinem ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte
+auf ihn die Gegenwart des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens,
+das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit stand. Einen
+eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch einen Zug stiller Melancholie.
+Wieland beklagte oft, daß Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu
+verschönern, sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche.
+Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte, zerstörten
+die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths ihren von Natur zarten
+Körper. Das friedliche Osmantinum, nach dem sie sich so oft gesehnt hatte,
+war bestimmt, ihre irdischen Uebereste zu empfangen.
+
+"Ich und meine Familie", schrieb Wieland den 29. September 1800 an
+Göschen, "haben in diesem Monat einen harten Stand gehabt. Sophie
+Brentano, das liebenswürdigste und interessanteste Mädchen von 24 Jahren,
+das vielleicht der Erdboden trug, ward am 24. September von einer der
+sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen, die sich in
+wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit jedem Tage trostlosere Symptome
+zeigte, und unerachtet aller ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode
+endigte. Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und
+gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr eigenes Herz
+sagen. -- Die Hülle, die der entflohene Engel zurück ließ, ruht nun in
+einem stillen Plätzchen meines durch sie geheiligten Gartens."
+
+Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte holde Mädchen erklang noch
+oft in den Briefen an seine Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801
+schrieb er: "Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen
+Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie Brentano und mir ziemlich
+ununterbrochen fortgedauert, ein neues Leben. Alle meine Spaziergänge
+führen zu ihrem Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte
+davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein kleiner Zeitraum
+trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden Gefühl, das meinem
+Aufenthalt im Garten ein ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt.
+Weil es indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für meine
+Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin, Gott für die Erhaltung
+meiner bessern Hälfte bitten, deren zeither abnehmende und noch immer
+schwankende Gesundheit mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte
+mit Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch hoffen wir, was
+wir sehnlich wünschen, daß die immer näher kommende schöne und milde
+Jahreszeit das Beste bei ihr thun, und uns eine Gattin und Mutter, die so
+wenige ihres Gleichen hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit
+wieder schenken werde."
+
+Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich bitter beklagte,
+vereitelte Wielands Hoffnungen. "Der Juni", schrieb er, "war so kalt,
+windig und unfreundlich, daß wir oft vierzehn Tage lang täglich zweimal
+die Wohnzimmer heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns
+der Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein immer
+dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an denen die Sonne
+zuweilen durchzubrechen vermochte, und zwei Regentage gegen einen, sind
+diesen ganzen Monat über unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der
+Barometer meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über sieben
+und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier Grad stieg, konnten
+wir auf einen vollständigen Landregen rechnen. Wie eine solche Witterung
+nicht nur den Menschen, sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller
+Art bekommt, können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene
+Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer schon so lange
+und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch der Mensch ist nun einmal in
+der Gewalt der großen elementarischen Massen, und Geduld! Geduld! Geduld!
+ist die unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der wir unser
+Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer eingeht."
+
+Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben, so schwer ihm dies
+auch werden mochte, fand Wieland, als der in einem frühern Briefe erwähnte
+Gesundheitszustand seiner Gattin im Herbst 1801 sich täglich
+verschlimmerte. Wielands Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom
+19. October 1801. "Zwar bin ich", schrieb er, "noch nicht in der traurigen
+Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen; aber ich kann doch nur
+selten über mich gewinnen, es nicht zu fürchten. So wenig beneidenswerth
+auch meine übrige Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten
+aller Menschen halten, wenn mir der Himmel nur _sie_, die nun sechs und
+dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines Lebens machte, nur noch
+einige Zeit erhalten wollte. Sie allein ist mein Ersatz für alles Andere;
+ohne sie -- Gott allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte."
+
+Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt von seiner
+Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das Leben gegeben, und für deren
+Wohl sie kein Opfer gescheut hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes
+zeigte ein Brief Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin
+unter andern: "Mit mir geht es -- wie es kann; leidlich wenigstens. Ich
+arbeite viel, aber es ist, als ob mir die Schwungfedern gestutzt wären.
+Sonst arbeitete ich mit Freude, mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert,
+schwerfällig. Möglich, daß auch die trübselige, immer veränderliche und
+gar nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß aber ist, daß
+ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit so viel Gesundheit, als sie
+noch vor drei Jahren besaß, aus dem Elysium zurückbringen könnte, auf
+einmal einen ganz andern Menschen aus mir machen würde."
+
+In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte sich Wieland selbst
+über seinen leidlichen Gesundheitszustand in einem Alter von beinahe
+siebzig Jahren. Er schrieb einem Freunde: "Daß die Engelsseele, die nun
+meinen körperlichen Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer
+gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese rein geistige Art
+Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne Zweifel das Meiste dazu bei,
+daß ich mich so wohl, d.h. nicht viel schlimmer befinde."
+
+Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und Theilnahme der
+Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste eine andere Richtung zu geben,
+im Juli 1802 nach Tiefurt eingeladen, und nach Wielands eignem
+Geständnisse, ihr Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen
+zu machen, daß er, "ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules wieder
+bringe," wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht glücklich seyn
+könne. "Der besten Fürstin zu Gefallen", schrieb Wieland, "arbeite ich,
+wiewohl unter mancherlei Unterbrechungen, etwas langsam in den
+Vormittagsstunden an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor
+ich mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht zu denken;
+denn mit diesem kann und will ich nicht anders, als mit ganzer Seele, mit
+ganzem Gemüth und mit allen mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen."
+
+Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten Werke, das später
+unter dem Titel: "Aristipp und seine Zeitgenossen" erschien, durch die
+Theilnahme, die ihm nicht blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch
+durch briefliche Mittheilungen entgegen kam. "Was Sie mir", schrieb er an
+Göschen, "über die Entwicklung und Ausführung der beiden Hauptcharaktere
+des Aristipp und der Lais schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht.
+Solche Leser, für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern
+die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung des Ganzen
+haben, d.h. gerade für das, worauf Alles ankommt -- solcher Leser wünsch'
+ich mir recht viele. Aber unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert
+kaum Einen, weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung und
+Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn, als ein Autor,
+der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen."
+
+Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig an seinem
+"Aristipp" gearbeitet, daß er im Sommer 1801 das vollständige Manuscript
+seinem Verleger Göschen senden zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch
+eine Unterbrechung durch die Idee, seinem "Aristipp" eine ausführliche
+Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund zu legen. Schon
+vier Monate, schrieb Wieland an Göschen, beschäftige ihn einzig die Lösung
+dieser Aufgabe. "Sie können sich nicht vorstellen," heißt es in jenem
+Briefe, "was für ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich
+seyn sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es das
+wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks seyn." Ueber den Umfang
+desselben war Wieland eine Zeitlang nicht mit sich einig. "Es findet
+sich", schrieb er, "daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen
+kann, aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis nahe an
+seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen starken Band erfordern
+würde. Im vierten kann ich ihn nicht weiter bringen, als bis zum Tode
+seiner Kleone und zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und
+sich zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich bin aber
+gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den vier Bänden zu lassen,
+und nicht eher an den fünften zu gehen, als bis unsre -- merken, daß dem
+Werke noch was fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund,
+sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern. Dabei muß und wird
+es einstweilen bleiben; denn wenn ich noch vor Fertigung dieses fünften
+Bandes aus der Welt ginge, so blieben die vier Bände ein doch für sich
+bestehendes Werk, und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig
+wäre."
+
+Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der "Aristipp", so lange Wieland
+nicht den vierten Band dieses Werks geliefert hatte. Darüber war jedoch
+eine geraume Zeit vergangen. Der Grund zu dieser Zögerung war der
+Gesundheitszustand seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte fortwährend
+zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem Freunde und Verleger Göschen
+entschuldigte er sich, daß es ihm in den letzten sechs Wochen physisch und
+moralisch unmöglich gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem
+freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten
+Bedingungen sei. "Seyn Sie indeß versichert", schrieb Wieland, "daß ich
+nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet, und so vollendet ist, daß ich
+selbst einiges Wohlgefallen daran haben kann."
+
+Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals entworfnen Plan
+irre machen zu lassen, nach dem Muster des =Théatre des Grecs=,
+gemeinschaftlich mit Böttiger und Jacobs ein "Theater der Griechen"
+herauszugeben, welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen
+begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften Bandes
+seines "Aristipp" ward Wieland indeß bald wieder abgelenkt durch mehrfache
+neue Entwürfe zu literarischen Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt
+blieben, wie unter andern das Werk "Osmanstädtische Unterhaltungen"
+betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines Sohnes Ludwig
+aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller in's Publikum einführen
+wollte.
+
+Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß. Ehe er seinen
+"Aristipp" vollendet hatte, lieferte er einige Seitenstücke zu diesem
+Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen Gemälde "Menander und
+Glycerion", und "Krates und Hipparchia", die er als Taschenbuch für die
+Jahre 1804 und 1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in
+Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: "das Hexameron von
+Rosenhain" in einem Bändchen vereinigt. Wieland war dadurch mit mehreren
+Buchhändlern in Verbindung getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in
+Bremen, und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger
+Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen. "Ich
+kann", schrieb er, "den Gedanken nicht ertragen, daß die Irrungen, die ein
+doppeltes Paar alter Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen
+uns veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft seyn
+sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen Verkehr mit den
+Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen, da Sie auch nichts dagegen
+hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze im Merkur abdrucken ließe, der noch
+unter meinem Namen und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht
+Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche Gelegenheiten
+nicht hätte benutzen wollen?"
+
+Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland offen gestanden,
+daß "die eiserne Noth, die ehemals den Horaz zum Dichter gemacht, ihn
+drücke und dränge, und daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre,
+bald möglichst in baares Geld umsetzen müßte." Dadurch hoffte er
+wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern, in die
+er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache kostspielige Bauten und
+Verbesserungen, und durch den geringen jährlichen Ertrag seines
+Besitzthums gerathen war. Daß er "bei seiner Landwirtschaft keine Seide
+spinne," gestand er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen.
+
+"Ich habe," schrieb Wieland den 21. April 1802, "eine Last auf mich
+geladen, unter der ich erliegen würde, wenn ich nicht ernstlich darauf
+bedacht wäre, sie je eher je lieber von meinen alten Schultern abzuwälzen,
+in sofern es ohne Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner
+armen Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der mich vor sechs
+Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um mich war, fühlt' ich diese Last
+zwar auch, aber sie drückte mich weniger. Ich hatte mehr Muth und
+Hoffnung, mehr Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein
+Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem ist alles
+leider ganz anders. -- Ich fühle, wenn ich noch einige Jahre den Meinigen,
+der Welt und meinen Freunden leben soll, so ist es schlechterdings
+nothwendig, daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache -- und dazu ist
+möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen, wenn sich auch
+ein Käufer dazu fände, der mir dafür geben wollte, was mich's kostet, dazu
+kann ich mich aus mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen.
+Meine Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne,
+nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland für mich zu behalten,
+aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes kleines Erblehngut zu
+machen, und es gegen baare Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu
+verkaufen. Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise keine
+Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte sich doch wohl in ganz
+Germanien unter 24 Millionen Menschen irgend Jemand finden, dem gerade ein
+solches kleines Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch
+einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar würde, und
+(alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen ist), mit mir und meiner
+Familie in einem beiden Theilen angenehmen freundschaftlichen Verhältniß
+leben könnte. Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt sie
+mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu geeigenschaftet
+seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß diese meine Idee einem
+utopischen Traum ziemlich ähnlich sieht. Indessen sind doch schon viel
+unwahrscheinlichere Dinge realisirt worden."
+
+Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, das ganze Gut zu
+verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm bewohnten Hauses und dazu
+gehörigen Gartens, von welchem er jedoch den =usum fructuum= und jede
+selbstbeliebige Benutzung dem Käufer des Guts überlassen wolle. "Der
+Garten," schrieb er, "soll, so lange es nur immer möglich seyn wird,
+meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er das heilige Grab meiner
+Geliebten, und dereinst auch das meinige neben ihr, in sich schließt.
+Finde ich einen annehmlichen Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder
+in der Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner
+Osmanstädtischen Villa zu."
+
+Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland sich ausdrückte,
+"seines, noch immer zu seinem Besten geschäftigen guten Genius," hatte ihm
+im Februar 1803 in dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts
+zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn. anheischig machte.
+"So ungern," schrieb Wieland, "ich mich auch von dem Boden trenne, worin
+die heiligen Gebeine meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen
+Verkauf doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir in
+meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch von einer Last befreit,
+die mich öfters zu Boden drückte; ich werde auf einmal schuldenfrei, und
+es bleibt immer noch so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten
+Kinder ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre, wenn ich das
+Gut noch länger hätte behaupten müssen."
+
+Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende Geständnisse über
+seine drückende Lage und über die Mittel, die er ergriffen, sie durch eine
+erweiterte literarische Thätigkeit zu verbessern, die beinahe seine Kräfte
+überstieg. In Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb
+er: "Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit der ich mein
+ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich selbst in meinem siebzigsten
+Jahre noch zu Projecten solcher Art hinreißen lassen konnte. Aber die
+Summe, deren ich bedurfte, um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu
+bestreiten, stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des Gutes
+und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so unproportionirten
+Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche Deficit zu decken, alle
+meine Kräfte aufbieten mußte, das =vacuum=, das Ceres und Pales in meinem
+Beutel ließen, durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen.
+Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete, oder
+wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen müßte, Gefahr liefe,
+in den traurigen Zustand von Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen.
+Aber Noth hat kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen
+Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die auf mir lag,
+immer drückender, und die Gefahr, mit jedem Jahr ärmer zu werden, immer
+größer. Welche Lage für einen Siebzigjährigen, von einer zahlreichen
+Familie umgebenen Mann von meiner Sinnesart und Constitution!"
+
+Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im Februar 1803 sein
+früher so heiß ersehntes Idyllenleben in Osmanstädt schloß, durchwanderte
+Wieland noch einmal den geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete
+er alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn, als er vor
+den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie Brentano stand, und sich sagen
+mußte, daß er auch diese in fremden Händen zurücklassen müßte. Nach
+einigem Schweigen sagte Wieland: "Ich traue es dem wackern Käufer meines
+Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner Gattin begraben zu
+seyn wünsche, ihm stets heilig und unantastbar seyn werde." Darin täuschte
+sich Wieland nicht. Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige
+Stätte, wo die geliebten Todten ruhten.
+
+In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin Amalia hatte Wieland
+sich sehr gefreut, eine Wohnung in der Nähe des Palastes seiner von ihm
+innig verehrten Fürstin beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von
+dem Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung sah er auf
+freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie er sich äußerte, die geliebte
+Fürstin als "die wohlthätigste aller Feen walte." Nur der Vergünstigung
+eines Schlüssels, meinte er, werde es bedürfen, um mit aller
+Bequemlichkeit in's Himmelreich einzugehen. "Denn das wird für mich,"
+schrieb er, "jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte und geliebte
+Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende Güte so wohlthätige
+Sonnenblicke auf den späten Abend meines Lebens geworfen."
+
+Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende Aufnahme, die
+Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, bei der hochherzigen
+Fürstin fand. Sie zog ihn in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den
+Kreis seiner ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm
+Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin ernannt, eine
+der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts der Fürstin in
+Tiefurt befand sich Wieland oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete,
+bewies auch sein Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur
+Bühne, auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete,
+fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht mehr der Opfer, mit denen
+er während seines Aufenthalts in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte
+erkaufen müssen. Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen
+Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's Leitung. Wieland glaubte so
+wenigstens einigen Ersatz dafür zu finden, daß die von Goethe
+herausgegebene Zeitschrift: "die Propyläen", für die er sich lebhaft
+interessirt, aufgehört hatte.
+
+So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen Gemüthsstimmung
+zu erhalten, die jedoch durch den Tod Herders am 18. December 1803 heftig
+erschüttert ward. Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: "Es
+ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die Welt und
+für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen mein einziger
+Freund in Weimar. Ich habe sehr viel an ihm verloren, und hatte große
+Ursache, auch um meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so
+beträchtlich jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und
+Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist; und mir wird
+diese Ergebung freilich insofern leichter, als mein Gefühl für Schmerz und
+für Freude durch den 8. November 1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist
+es Pflicht, sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und
+sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß wir mit unsern
+Geliebten, nachdem sie unsern Augen und Armen entschwunden sind, uns noch
+immer fort unterhalten können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes
+ist menschlich; aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken,
+daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist, und unendlich besser,
+als uns."
+
+In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung in das unvermeidliche
+Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit ward dadurch nicht gelähmt. Von
+besonderem Interesse war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift:
+"Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode." Ihr Verfasser,
+=Dr.= Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar zugeeignet, und sie ward in
+einem Hofcirkel, in welchem sich auch Wieland befand, vorgelesen und
+vielfach besprochen. Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund
+und Verleger Göschen: "Ich arbeite seit einigen Monaten an einem kleinen
+Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen wünsche, und es daher zu einer
+Bedingung machen muß, daß es besonders, und als ein Werk für sich, im
+Buchhandel erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über das
+Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift: Meiner Gattin wirkliche
+Erscheinung nach ihrem Tode. Diese Euthanasia wird aus drei oder vier
+Dialogen bestehen, wovon der erste und größte vollkommen fertig ist. Das
+Ganze wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen."
+
+Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern Briefe über die
+vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser. "Ich glaube," schrieb er,
+"daß der Herr Doctor oder Magister Wötzel durch meine Analyse seines über
+allen Ausdruck elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen wird.
+Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu bedanken, möcht' ich ihm
+rathen, sich in bevorstehender Messe um Geld sehen zu lassen. Wirklich
+wäre ein Hermaphrodit mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein
+sehenswürdigerer Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß einzige
+Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel, Pfiffigkeit, Albernheit und
+Plattheit auf eine Art, die allen Psychologen zu schaffen machen sollte,
+vereinigt sind. Wer sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches
+Mißgeschöpf mit Augen zu sehen!"
+
+Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland hinlänglich
+Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang der Geisterwelt mit dem
+irdischen Leben reiflich nachzudenken. Er glaubte sich aber gegen alle
+Geistererscheinungen erklären zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen
+seines eignen Lebens zurückrief. "Wäre eine Möglichkeit", schrieb er, "daß
+die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum habe ich von meiner
+Gattin, dieser treuen Seele, nie eine Erscheinung gehabt? Warum, wenn
+Geister auf unsre Seelenorgane wirken können, erscheint sie mir nicht alle
+Wochen wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit mir, da sie doch
+weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich durch eine solche
+Herablassung zur menschlichen Schwachheit machen könnte? Sie _kann_ also
+nicht, oder sie _darf_ nicht, und warum sollte es denn nicht mit allen
+Andern eben diese Bewandtniß haben?
+
+Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen, hatte Wieland die
+Vollendung des "Aristipp" fast gänzlich aus den Augen verloren, besonders
+als ein literarischer Plan, den er schon vor zwanzig Jahren (1790)
+entworfen, der Ausführung entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der
+sämmtlichen Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen
+Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen war ihm diese
+Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über die Eindrücke der politischen
+Ereignisse hinwegtrug. Freude und Leid griffen damals rasch wechselnd in
+sein Leben ein. Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der
+Vermählungsfeier des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs)
+von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna. Den Dichter, der
+jenes frohe Ereigniß durch das Drama: "die Huldigung der Künste" gefeiert,
+mußte Wieland bald nachher scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805,
+und Goethe war damals gefährlich krank. "Ich kann mir vorstellen", schrieb
+Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, "welche Sensation die Nachricht von
+Schillers Tode in Leipzig gemacht hat. Nach Herder, und so lange uns
+Goethe noch erhalten wird, konnte Deutschlands Literatur keinen
+empfindlichern Verlust erleiden." Seinen eigenen Gesundheitszustand
+schilderte Wieland in diesem Briefe mit den Worten: "Einen so strengen und
+fast ununterbrochen fortdauernden Winter habe ich in 72 Jahren nicht
+erlebt, und ich wundere mich alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte
+Maschine, wie diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche
+unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als ich in der That
+diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern vermögend gewesen ist."
+
+Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse zu ertragen,
+welche die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 über Weimars Bewohner
+verhängte. Bei der allgemeinen Plünderung jener Residenz hatte er jedoch
+am wenigsten Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu
+beklagen. Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats ward ihm der
+unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert. Tief erschüttert von dem
+allgemeinen Unglück und innig beklagend, daß er den Tag erlebt, wo seine
+fürstliche Gönnerin ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt, hatte
+verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein Asyl im Auslande hatte
+suchen müssen, begann Wieland wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen,
+den 1. November 1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe
+Ciceros, die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der Gegenwart so
+entschieden ablenkte, daß er, nach seinem eigenen Geständniß, von allem,
+was um ihn her vorging, wenig gewahr ward.
+
+In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen Schwierigkeiten
+nannte er sie, zumal für einen Greis von 72 Jahren, ein großes Wagstück.
+"Kaum kann ich", schrieb er, "etwas anderes zu meiner Entschuldigung
+anführen, als die _Zeit_, in welcher, und die _Art_, mit welcher dieser
+verwegene Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen ist. Ich fühlte
+damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß in mir, ohne dessen
+unmittelbare Stillung ich nicht länger ausdauern zu können glaubte. Das
+eine war: mich je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden
+Gegenwart in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen, die
+längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale Menschen vom
+Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; -- das Andere: irgend eine große,
+schwere und mühselige, aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien
+passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen ließ, daß sie
+mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die mit der Ausführung
+selbst nothwendig verbundene unvermerkte Steigerung meiner Kräfte
+vielleicht so weit gelingen dürfte, daß ich die Welt mit dem Troste
+verlassen könnte, die letzten Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos
+zugebracht zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten
+Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter Genius einen
+glücklichern Vorsatz einhauchen können, als die Uebersetzung der Briefe
+Cicero's?"
+
+Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem die
+Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem Tode der Herzogin Amalia.
+Am 10. April 1807 war ihr standhafter Geist von den Schicksalen, die sie
+ertragen, überwältigt worden. Wielands ganze philosophische
+Standhaftigkeit war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen
+Verlust zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten und
+die Heimkehr des Herzogs Carl August in seine Staaten. Dennoch aber
+bedurfte Wieland des rastlosen Fleißes, den er seiner Uebersetzung der
+Briefe Cicero's widmete, um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu
+erliegen. Der Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu
+seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen Anhöhe, dem
+Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln Fichten ein
+Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte, bald mit der Lectüre irgend
+eines römischen oder griechischen Classikers sich beschäftigte. Mit
+ruhigem Gleichmuth und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3.
+November 1809 an seine Freundin Sophie la Roche: "Was uns noch bevorsteht,
+weiß allein der Himmel. Unser künftiges Schicksal ist ungewiß. Wie es aber
+auch entschieden werden mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich
+selbst in keinem Falle verlassen."
+
+Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert werden.
+Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner eben erwähnten
+Jugendfreundin, deren letztes Werk, "Melusinens Sommerabende", er noch
+revidirt und mit einer Vorrede begleitet hatte. "Es scheint", schrieb er,
+"mein Schicksal, daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und
+innigsten liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit von mir
+entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber der Verlust, den ich am
+9. November 1801 erlitt, hat mich auch gegen jeden andern völlig
+abgestumpft. Die Welt kann zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau,
+die von ihrer Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang
+besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen gänzlich in Eins
+verwebten und gleichsam zusammengewachsenen Geistes dankbar und undankbar
+genossen zu haben. Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer
+gedenken und das wollen wir."
+
+In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland einen Rückblick auf
+seine Laufbahn. "Ich habe", schrieb er, "zwar in vollen 75 Jahren Gottlob!
+kein glänzendes, noch sonderliches Glück gemacht; sondern auch das
+herzdrückende Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner
+Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet verdanke
+ich der Mutter Natur eine so glückliche Organisation und Sinnesart, und
+meinem guten Genius so manche glücklichen Ereignisse, und ein so
+freundlich schönes Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit
+eingerechnet), daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen
+trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht verschonen
+konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte Tage eines so frohen
+Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher, ohne thörichte Forderungen an
+den Himmel zu machen, von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer
+verlangen kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen
+Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten."
+
+Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal, ungeachtet er, nach
+seinem eignen Geständnisse, "sich von den Erdengöttern so viel als möglich
+entfernt gehalten," ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als
+Napoleon mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt versammelten
+Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar aufhielt. Er wünschte den
+Dichter zu sehen, der ihm durch die früher erwähnte Prophezeiung, "daß
+Frankreichs Heil nur allein auf Buonaparte beruhe", merkwürdig geworden
+war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe. Unter dem Vorwande
+des Unwohlseyns hatte er eine Einladung zum Ball abgelehnt. Eine
+Vorstellung von Voltaires Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's
+Theater, wo er seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog
+einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland gewesen sei, den
+er dort in seinem einfachen Kleide und einem Sammtkäppchen auf dem Haupt
+gesehen hatte, erkundigte er sich auf dem Ball wiederholt nach ihm.
+
+"Nun war kein andrer Rath", gestand Wieland in einem Briefe vom 13.
+October 1808, "als mich in den Hofwagen, der mir geschickt wurde, zu
+setzen und -- in meinem gewöhnlichen =accoutrement=, eine Calotte auf dem
+Kopfe, ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig
+costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen halb eilf Uhr. Kaum war
+ich etliche Minuten dagewesen, so kam Napoleon von einer andern Seite des
+Saals auf mich zu. Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte
+mir ganz leutselig -- das Gewöhnliche, indem er mich zugleich scharf in's
+Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein Sterblicher die Gabe, einen
+Menschen gleich auf den ersten Blick zu durchschauen, in einem höhern
+Grade besessen, als Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität
+zum Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und da er, wie
+es schien, für immer einen guten Eindruck auf mich machen wollte, so
+verwandelte er sich augenblicklich in die Form, in welcher er sicher seyn
+konnte, seine Absicht zu erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen
+einfachern, ruhigern, sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen.
+Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer Monarch zu seyn
+sich bewußt war. Er unterhielt sich mit mir, wie ein alter Bekannter mit
+_seines_ Gleichen, und was noch keinem Andern _meines_ Gleichen
+widerfahren war, an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz
+allein, zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr ungeübter,
+schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war es glücklich für mich,
+daß er gerade in der Laune war, viel zu sprechen, und die =frais de la
+conversation= fast allein auf sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich
+endlich zu fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen könne.
+Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich schwerlich irgend ein
+andrer Deutscher oder Franzose unterstanden hätte. Ich bat Se. Majestät,
+mich zu entlassen, weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen
+länger auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. =Allez donc=, sagte er mit
+freundlichem Ton und Miene, =allez! bon soir!="
+
+In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein freundlich Napoleon auch
+gegen ihn gewesen, habe er doch an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und
+es sei ihm mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze gegossen.
+"Indessen", schrieb Wieland, "hatte ich es doch dahin gebracht, daß ich
+ihm ganz offen endlich die Frage vorlegte, wie es denn komme, daß der
+Cultus, den er in Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem
+Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd erwiederte
+hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland, für Philosophen ist er auch
+nicht gemacht, denn die Philosophen glauben weder an mich, noch an meinen
+Cultus, und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder genug
+thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion für Philosophen stiften
+könnte, die sollte freilich anders beschaffen seyn. An diesen Faden spann
+sich nun das Gespräch über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so
+sehr machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte. Das war
+aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den er da auskramte, und ich
+fand an seiner Freigeisterei nichts zu bewundern, als die Offenheit, mit
+welcher er sich mir preisgab."
+
+Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch den ihm übersandten
+Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser Alexander verdankte er gleichzeitig
+(1808) den St. Annenorden, wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung
+aufdrang, daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne, als die
+Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete jedoch nicht durch
+solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon den außerordentlichen Mann zu
+verkennen, den er für ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte
+sich Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen, die das
+Unterjochungssystem des französischen Machthabers über Deutschland
+verhängte.
+
+Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der Gedanke, sich so
+vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt und geliebt hatte.
+Herder, Schiller, Gleim waren ihm vorangegangen, in der letzten Periode
+seines Lebens auch noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland
+neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit seines
+Charakters, den offnen, geraden Sinn. "Es ist eine Freude", schrieb er,
+"derbe Wahrheiten so freimüthig und kräftig, und doch so manierlich gesagt
+zu hören. Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen wird, daß
+englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen. Ich habe von jeher
+große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten, deren Ideal Lucian in seinem
+Kyniskos so trefflich aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch
+und der wahre Weise, und =minor Jove=, wie Horaz sagt. Das alte
+Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen 500 Jahren
+aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume der Einzige, den ich wenigstens
+kenne."
+
+Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für Wieland häusliche
+und persönliche Leiden. Seine Tochter Julie entriß ihm der Tod. Ein
+hartnäckiges Augenübel untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben.
+Nur langsam genas er im Herbst 1809 von einer lebensgefährlichen
+Krankheit. "Das Sonderbare dabei war", schrieb Wieland, "daß, nach der
+Versicherung meines Arztes, das Herz und die ganze Blutmasse an dem
+schrecklichen Sturm auf alle übrigen Theile meines ohnedieß schwachen
+Körpers keinen Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig
+fortzutreiben schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas
+schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte, Nerven,
+Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet, alle Drüsen so rein
+ausgewunden und ausgetrocknet, alle Fibern so abgespannt, daß ein
+vierteljähriges Kind mehr Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den
+ersten vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar; über
+vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick stehen. Kurz, ich mußte,
+wie ein Kind, von vorn anfangen, und die Verrichtungen des animalischen
+Lebens wieder lernen, als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht'
+ich hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine Lob- und
+Dankrede halten!"
+
+In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch zunehmende
+Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand. "Wohl mir", schrieb
+er, "daß ich im Winter meines Lebens noch mit Gegenständen der Liebe
+umgeben bin, mit Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein Herz
+wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu schlagen aufhört."
+Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben, wenn er noch einmal seinen
+ganzen Familienkreis um sich hätte versammeln können, der immer kleiner
+geworden war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter mit
+zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter Luise bestand. In
+dankbarer Erinnerung an die Feier seines Geburtstags im Jahr 1810 schrieb
+Wieland an Böttiger: "Auch wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz
+besonders freundlich, heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir
+vorbeigewankt, gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt und
+geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine hübsche Sache um's
+lange Leben, wenn einem am Vorabend des 78sten Jahres noch solche Stunden
+zu Theil werden, wie ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen
+Kreise brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte meinem
+Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige Zeichen
+herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe zu empfangen."
+
+Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher erwähnten
+Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe
+mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten. Neben dieser Beschäftigung
+trug er sich damals mit dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner
+sämmtlichen Werke. Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu
+aufgefordert und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche
+Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb Wieland:
+"Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese: ob die neue Auflage
+_alles_, was in der ersten ist enthalten soll oder nicht? Da diese Frage,
+meines Erachtens, blos aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden
+werden kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als daß sie mir
+viele und kaltblütige Ueberlegung von allen Seiten zu erfordern scheint.
+Glauben Sie Ihre Rechnung bei einer Auswahl des Besten und
+Interessantesten eher zu finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner
+_sämmtlichen_ Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich bemerken,
+daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren ließe, höchstens drei
+oder vier Bändchen ausmachen, und manchen Lesern auch damit vielleicht
+kein Gefallen geschehen würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder
+meines Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind, auf
+einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern Gründen wohl das
+Beste seyn möchte: ob die poetischen von den prosaischen Werken
+abgesondert werden, und also zwei Classen ausmachen sollen? Auch dies kann
+und soll blos von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische
+Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben, es dürfte
+vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner Schriften angenehmer seyn,
+ohne Hinsicht auf Verse und Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben
+wurden, zu lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen und
+aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr die Belege zur
+Geschichte meines geistigen Lebens an die Hand geben, welche ich, wenn der
+schwarzbraunige Bruder des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben
+gedenke."
+
+Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig Ernst zu seyn. In
+seinem literarischen Nachlaß fand sich auch nicht das kleinste Fragment
+jener "Memorabilien," wie er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände
+verhinderten die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe
+seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner Uebersetzung des
+Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser Arbeit überraschte, sein
+Freund und Landsmann Gräter die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's
+hinzufügte.
+
+Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte Wieland die Berge
+und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen zu können. Er leistete daher im
+Sommer 1811 Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und
+beschränkte sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten. Am
+11. September 1811 hatte er das Unglück, als der Wagen umwarf, das
+Schlüsselbein zu zerbrechen. Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter
+verletzt. Wahrhaft bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung,
+der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen Folgen des Falles
+und die Langeweile der Genesung ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte
+sich seine Lebensphilosophie, die ihn noch nie verlassen hatte.
+
+"Es gehört," schrieb er den 18. October 1811, "unter die größten Uebel der
+schon oft von mir recht herzlich verwünschten Celebrität (zu deutsch
+Berühmtheit) -- die übrigens auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes
+Gute hat -- daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige ein
+Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen will, brechen
+kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern der Welt verkündigt,
+und dadurch alle entfernten Freunde des Verunglückten unschuldiger und
+ungebührlicher Weise, gegen den Willen desselben, zum Mitleiden
+aufgefordert, beunruhigt, und nicht selten ist der Fall gesetzt werden,
+sich das Uebel ärger vorzustellen, als es ist."
+
+Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand ihn sein
+achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von Freunden feierte, die
+ihn nach Jena eingeladen hatten, und ihm an jenen Tage eine silberne
+Denkmünze überreichten, mit der Aufschrift: "Dem unsterblichen Sänger."
+Mit den heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück, wo ihn
+Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater erwarteten. Er schien
+sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen. Seine Gesundheit blieb sich
+gleich. In der Nacht vom 10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein
+Anfall von Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand,
+durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage zu Tage bedenklicher.
+
+Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen. In schmerzlosen
+Stunden beschäftigte sich seine Phantasie mit seinen Kindern. Auch sprach
+er bisweilen mit lebhaftem Interesse von seiner Uebersetzung der
+Ciceronianischen Briefe. Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch
+ärztliche Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder
+zurückkehrte, schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland, bald in
+Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten seine Kinder ihn schwach,
+doch vornehmlich, Hamlets berühmten Monolog: "Seyn oder Nichtseyn", bald
+deutsch, bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen
+Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr unter den
+Lebendigen.
+
+Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines Todes. Die Brüder
+des Freimaurerbundes, dem er angehörte, beschlossen eine feierliche
+Bestattung des Entschlummerten. Architektonische Verzierungen schmückten
+in dem mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar, das von
+seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte Local, wo Wielands
+sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar ausgestellt ward. Seine
+zahlreichen Verehrer und Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen,
+sein mit einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen,
+mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine ähnliche Decke breitete
+sich aus über den untern Theil des Sargs. Der Körper war in ein weißes
+Tuch gehüllt. Ein Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden
+Gedichte: "Oberon" und "Musarion", die in einem Einbande von Maroquin auf
+einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel des Sargs ruhten. Dort sah man
+auch auf einem kleinern weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen
+und französischen Ordens.
+
+Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst Wielands
+Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht seine irdischen
+Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar 1813 Nachmittags die
+sämmtlichen Brüder der Loge Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands
+Freunden und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an, welches
+der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit des Dichters ältestem
+Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut
+der Dorfglocken lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt
+herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch immer nannten, wollten
+sie die letzte Ehre erweisen. Der Zug ging die lange Allee hinab, die der
+Dichter oft durchwandelt hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst
+seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem Grabe folgte eine
+kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths Günther, der die
+Verdienste des Dahingeschiedenen in ergreifenden Umrissen schilderte.
+
+Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten gewesen im Leben,
+neben Sophie Brentano und seiner Gattin Anna Dorothea, erhielt Wieland,
+seinem oft geäußerten Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei
+dreiseitigen Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten, erhob
+sich auch sein Grab.
+
+Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale in Seeberger Sandstein
+ausgeführt. Für Sophie Brentano war das Emblem einer Psyche mit einem
+Rosenkranz umgeben gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild der
+Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem Eichenkranz. Die
+geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit darüber ward für Wieland
+zum Sinnbilde gewählt. Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die
+treffende Inschrift verfertigt:
+
+ "Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben,
+ Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein."
+
+Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland näher gekannt,
+bestätigen die richtige und partheilose Schilderung seines liebenswürdigen
+Charakters, die einer seiner Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf:
+"Mild gegen den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft, für
+Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit heilig seyn muß, weil es
+allein dem höhern Menschenleben Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger
+Kämpfer, aber eben deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile,
+aller Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung seines
+Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte nicht von Religion und
+Philosophie, aber er bethätigte sie im Leben, in welchem er dankbar alles
+Gute, und mit ruhiger Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts
+Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den Sinn stets auf das
+Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter Mensch, Gatte, Vater, Freund und
+Bürger zu seyn."
+
+ ---- ---- ----
+
+[Errata / Druckfehler:
+
+"Betrachtungen über Rousseau's ursprünglichen Zustand des Menschen,"
+ original: urspünglichen
+die meisten Klöster in den / österreichischen Staaten aufgehoben
+ original: östereichischen
+Der Erbprinz Carl August
+ original: Erbpinz
+"Hann / und Gulpenheh"
+ original: Han
+zum Weimarischen Hofe
+ original: Weimaririschen
+jener zwiefach harte Schicksalsschlag
+ original: hatte
+so wenig Geschmack abgewinnen
+ original: Geschack
+seinen Entschluß, das ganze Gut
+ original: daß
+Ereignisse hinwegtrug
+ original: hiwegtrug
+einer lebensgefährlichen / Krankheit
+ original: lebensgefahrlichen]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE ***
+
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+
+Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online
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+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+The Project Gutenberg EBook of Chr. M. Wieland's Biographie, by H. Doering
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Chr. M. Wieland's Biographie
+
+Author: H. Doering
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+Release Date: January 4, 2006 [EBook #17454]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CHR. M. WIELAND'S BIOGRAPHIE ***
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+Produced by richyfourtytwo, Hagen von Eitzen and the Online
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+<p class="front"><span class="sp"><span class="big2">Biographien</span><br/>
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+<p class="front"><span class="big2">Chr. M. Wieland's</span><br/>
+<span class="big3"><span class="sp2">Biographie</span></span><br/>
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+<span class="big1"><span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> H. Doering.</span></p>
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+<span class="sp">1853</span>.</p>
+
+<hr class="front"/>
+
+
+<h1>Wieland's Leben.</h1>
+
+
+<p><i>Christoph Martin Wieland</i> erblickte in dem unfern
+der ehemaligen freien Reichsstadt Biberach gelegenen Dorfe
+Ober-Holzheim am 5. September 1733 das Licht der Welt.
+Sein Vater,<i> Matthias</i>, der dort eine Pfarrstelle bekleidete,
+doch bald nachher Prediger an der Marien-Magdalenenkirche
+zu Biberach ward, hatte die Jurisprudenz, der
+er sich anfangs gewidmet, später in Halle mit dem Studium
+der Theologie vertauscht. Er war ein eifriger Anhänger
+Spener's und des damals weit verbreiteten Pietismus geworden.
+Vorherrschend blieb in seinem Benehmen immer
+eine gewisse Abgemessenheit, ein feierlicher Ernst, den er
+von der priesterlichen Würde für unzertrennlich hielt. Seine
+Liebe zur Einsamkeit hatte zum Theil in seinen beschränkten
+Verhältnissen ihren Grund. Durch langwierige Processe seiner
+Mutter hatte er sein kleines Erbtheil fast ganz eingebüßt.
+Mit gleicher Resignation, wie er, ertrug seine Gattin,
+eine geborne<i> Kieke</i>, die mannigfachen Entbehrungen, die
+ihres Mannes Lage zu fordern schien. Sie war eine stille,
+anspruchslose Hausfrau, die jede überflüssige Ausgabe zu
+vermeiden suchte. Mit inniger Liebe hing sie an ihrem
+Sohne, und diese Liebe verminderte sich nicht, als ihm noch
+ein Bruder geboren ward, der schon früh an Engbrüstigkeit
+litt, und bereits im Jünglingsalter starb.</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-4" title="Seite 4"></a>Seiner Amme verdankte Wieland, wie er in spätern
+Jahren erzählte, seine große Liebe zur Reinlichkeit. Als
+ihm einst der Dreier, wofür er sich beim Gange in die Schule
+sein Frühstück kaufen sollte, zufällig aus der Hand fiel, konnte
+er sich nicht entschließen, die sehr beschmutzte Kupfermünze
+wieder aufzuheben. Er zog es vor, hungrig die Schule zu
+betreten. Ein gewisser Ernst, der ihn selbst bei seinen jugendlichen
+Spielen nie ganz verließ, blieb ihm in seinen
+Knabenjahren eigen. Von Natur war er schwächlich. Aber
+bei dem Unterricht, den ihm sein Vater schon im dritten
+Lebensjahre ertheilte, entwickelten sich bald seine Geistesanlagen
+in reger Wißbegier, schneller Auffassungsgabe und
+einem trefflichen Gedächtniß. Er war noch sehr jung, als
+er, außer einer gründlichen Kenntniß des Lateinischen und
+Griechischen, auch in der Mathematik, Logik und Geschichte
+bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Mit einer sehr regen
+Phantasie verband er Wärme und Innigkeit des Gefühls.
+Durch seine Gemüthsanlagen, vielleicht auch durch das Beispiel
+seines Vaters neigte er sich früh zur religiösen Schwärmerei.
+Verändert ward diese Geistesrichtung durch das mit
+großem Eifer von ihm betriebene Studium der römischen
+und griechischen Classiker. Die Lebensbeschreibungen der Helden
+im Cornelius Nepos begeisterten&nbsp;ihn.</p>
+
+<p>Lebhaft regte sich seit seinem zwölften Jahre Wielands
+Gefühl für Poesie, noch ehe er den Virgil und Horaz gelesen
+hatte, die späterhin seine treuen Begleiter auf einsamen
+Spaziergängen wurden. Seine ersten poetischen Versuche
+waren lateinische Verse. Anakreon war sein Vorbild
+<a class="pgnum" id="page-5" title="Seite 5"></a>bei einem Gedicht von der Echo, dem er eine Ausdehnung
+von beinahe 600 Versen gab. Nicht viel kürzer war ein anderes
+Gedicht in Distichen, zu welchem ihm die bekannte
+Fabel von den Pygmäen den Stoff bot. Dies Gedicht war
+eigentlich eine Satyre auf die sehr kleine Frau des Rectors
+an der Schule zu Biberach. In deutschen Versen wählte
+sich Wieland den durch sein &#8222;Irdisches Vergnügen in Gott&#8220;
+gefeierten Dichter Brockes zum Muster. Von Gottsched,
+dem damaligem Tonangeber des guten Geschmacks, entfernte
+ihn sein sehr feines Gefühl für das wahre Schöne.</p>
+
+<p>Nicht blos der Form, auch dem Inhalt nach, blieb
+Brockes Wielands Vorbild in mehreren Cantaten und andern
+religiösen Dichtungen, die er zwischen seinem zwölften
+und dreizehnten Jahre schrieb. Auch einige Opern und Ballette
+fielen in jene Zeit. Seine Begeisterung für die Poesie
+hatte jedoch mit manchen Hindernissen zu kämpfen. Das
+vaterliche Verbot, mit irgend etwas Anderem, als wissenschaftlichen
+Gegenständen sich zu beschäftigen, nöthigte ihn,
+früh aufzustehen, und die Morgenstunden zu seinen poetischen
+Arbeiten zu benutzen. Keins seiner dichterischen Versuche,
+ein Epos, &#8222;die Zerstörung Jerusalems&#8220; betitelt, nicht ausgenommen,
+genügte ihm. In jugendlichem Unmuth verbrannte
+Wieland die meisten seiner poetischen Versuche, und auch die
+wenigen, die seine Mutter gerettet hatte, traf späterhin ein
+gleiches Schicksal.</p>
+
+<p>Wielands Gefühl für die Schönheiten der Natur ward
+früh geweckt durch die anmuthigen Umgebungen der Stadt
+Biberach. Die Liebe zur Einsamkeit blieb ein vorherrschender
+<a class="pgnum" id="page-6" title="Seite 6"></a>Zug in seinem Charakter. Oft brachte er nicht blos einen
+großen Theil des Tages, sondern auch manche Sommernacht
+in dem an der väterlichen Wohnung gelegenen Garten zu.
+In froher Erinnerung an seine Jugendzeit dichtete er später
+(1780) in seinem &#8222;Oberon&#8220; die Verse: &#8222;Du kleiner Ort,
+wo ich das erste Licht gesogen, den ersten Schmerz, die erste
+Lust empfand&#8220; u.s.w. In einem spätern Briefe an einen
+Freund gestand Wieland, daß sein Jugendleben in einer anmuthigen
+Gegend großen Einfluß auf seine Bildung gehabt
+habe.</p>
+
+<p>Sein vierzehntes Jahr hatte er kaum erreicht, als ihn
+sein Vater nach der bei Magdeburg gelegenen Lehranstalt
+Klosterbergen sandte. Unter dem Abt Steinmetz, dem damaligen
+Director jenes Instituts, war Wieland, bei dessen Hinneigung
+zum Pietismus, der Gefahr ausgesetzt, ein religiöser
+Schwärmer zu werden. Seine Liebe zur Einsamkeit fand in
+Klosterbergen neue Nahrung. Heilsam war ihm daher das
+mit besonderem Eifer betriebene Studium der neuern Sprachen.
+Im Französischen machte Wieland, ungeachtet eines
+sehr mittelmäßigen Lehrers, schnelle Fortschritte. Bald war
+er im Stande, ohne Hülfe eines Wörterbuchs, mehrere französische
+Schriftsteller zu lesen. Fontenelle, d'Argens und
+Voltaire waren seine Lieblinge, obschon der Letztere durch
+seinen Spott über religiöse Gegenstände Wielands Gefühl
+empörte. Er war durch diese Lectüre allmälig ein Skeptiker
+geworden. In einem philosophischen Aufsatze suchte er zu
+beweisen, daß das Universum, ohne einen Gott, aus ewigen
+Elementen sich habe bilden können. Die harten Vorwürfe,
+<a class="pgnum" id="page-7" title="Seite 7"></a>die ihn von seinem Lehrer wegen dieses Jugendproducts trafen,
+konnte nur Wielands tadelloses, rein sittliches Leben
+einigermaßen mildern. Er klagte jedoch sich selbst hart an
+wegen seiner Zweifel an der Existenz Gottes. In schlaflosen
+Nächten rang er sich die Hände fast wund, und vergoß bittere
+Thränen der Reue. Er war an seinem Glauben irre
+geworden, und fürchtete die Ewigkeit der Höllenstrafen.</p>
+
+<p>Eine freiere Richtung nahm Wielands Geist, als er sich
+wieder den classischen Studien zuwandte. Während seines
+zweijährigen Aufenthalts hatte er den Livius, Terenz, Horaz,
+Virgil und andere römische Autoren für sich gelesen.
+Auch einige griechische Schriftsteller wählte er zu seiner Lectüre.
+Den größten Einfluß auf seine Denk- und Sinnesart
+gewann Xenophon. In spätern Jahren erzählte Wieland,
+wie er sich damals an der Cyropädie nicht habe satt lesen
+können. Besonders gefiel ihm die Episode von &#8222;Araspes
+und Panthea,&#8220; die er späterhin zum Stoff einer Dichtung
+wählte. Die &#8222;Denkwürdigkeiten des Sokrates&#8220; galten ihm,
+nach seinem eignen Ausdruck, für &#8222;das Evangelium der Welterlösung.&#8220;
+Eine ähnliche Richtung, wie sie Xenophon verfolgte,
+fand Wieland in dem
+<span class="antiqua" lang="en">Spectator, Tatler, Guardian</span>
+und andern englischen Journalen, die ihm damals zufällig
+in die Hände geriethen.</p>
+
+<p>Philosophische Studien, die er schon früh lieb gewonnen
+hatte, behielten noch immer einen lebhaften Reiz für ihn.
+Unter den Alten war Cicero sein Liebling. Das ernste Studium
+von Wolfs Schriften und von Bayle's historisch-kritischem
+Wörterbuche vollendete Wielands philosophische Bildung.
+<a class="pgnum" id="page-8" title="Seite 8"></a>In spätern Jahren gestand er, daß er &#8222;durch eine
+poetische Manier, in den metaphysischen <span class="antiqua" lang="la">terris incognitis</span>
+herum zu vagiren,&#8220; damals von einem System zum andern
+übergesprungen sei. Von diesem Schwanken befreite ihn
+einer seiner Lehrer, Räther mit Namen, der sich seiner wahrhaft
+väterlich annahm. Auch der Conventual Gräter machte
+sich vielfach um seine Geistesbildung verdient.</p>
+
+<p>Wielands Fleiß während seines zweijährigen Aufenthalts
+in Klosterbergen war musterhaft. Neben seinen philologischen
+und philosophischen Studien betrieb er mit Eifer sein künftiges
+Berufsfach, die Theologie. Er fand noch Muße, sich
+im deutschen Styl zu üben, für den in den damaligen Lehranstalten
+wenig gesorgt war. Belehrend waren für ihn die
+zahlreichen Beispiele aus alten und neuern Schriftstellen in
+Breitinger's kritischer Dichtkunst. Auch durch das Lesen mancher
+kritischer Blätter suchte er sich zu bilden. Er fand darin
+reichen Stoff zum Vergleichen und Prüfen, nachdem er seine
+eignen poetischen Kräfte mehrfach versucht hatte.</p>
+
+<p>Obgleich weniger productiv, als früher, hatte Wielands
+Neigung zur Dichtkunst sich nicht vermindert. Anziehend
+waren für ihn, außer Gellert und Hagedorn, besonders Hallers
+Gedichte durch ihren philosophischen Inhalt und durch
+die Würde der Sprache. Verdrängt aber wurden jene Dichter,
+als Klopstock mit seinem &#8222;Messias&#8220; hervortrat. Unbeschreiblich
+war Wielands Enthusiasmus, als er die ersten
+Gesänge jener Dichtung in den &#8222;Neuen Beiträgen zum Vergnügen
+des Verstandes und Witzes&#8220; gelesen hatte. Er fand
+<a class="pgnum" id="page-9" title="Seite 9"></a>in jenen Gesängen volle Befriedigung für Geist und Herz,
+für seine Religiösität und für sein poetisches Gefühl.</p>
+
+<p>Der Dichtkunst blieb Wieland auch in Erfurt treu. Auf
+den Wunsch seines Vaters hatte er sich 1749 in die genannte
+Stadt begeben. Er war damals sechszehn Jahre alt. Den
+größten Theil der poetischen Versuche, die in jener Zeit entstanden,
+verwarf Wieland wieder, oder ließ sie wenigstens
+unvollendet. Zu einem ziemlich langen Epos in Hexametern
+bot ihm die griechische Mythologie den Stoff. Unter solchen
+Beschäftigungen führte er auch in Erfurt ein einsames Leben.
+Der Mangel eines Jugendfreundes nöthigte ihn, sich an
+ältere Personen anzuschließen, zu denen ihn der Ernst seines
+Wesens ohnedieß hinzog.</p>
+
+<p>Einen väterlichen Freund fand er in Erfurt an dem
+mit seiner Familie verwandten <span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Baumer, der später
+eine Professur der Medicin und Chemie in Gießen erhielt,
+und dort als Hessen-Darmstädtischer Bergrath starb. Seine
+Kenntnisse in der Philosophie zu berichtigen und zu erweitern,
+war die Hauptaufgabe, die Wieland in Erfurt sich stellte.
+Baumer's logische Vorlesungen und ein Privatissimum über
+die Wolfische Philosophie gaben seinem Geiste reiche Nahrung.
+Mit Vergnügen erinnerte sich Wieland in spätern
+Jahren, an den Genuß, den ihm Baumer verschafft, als er
+ihm zur Lectüre des Don Quixote verholfen. Aus jenem
+Roman habe er &#8222;die große allgemeine Naturgeschichte der
+menschlichen Thorheit und Narrheit&#8220; kennen gelernt.</p>
+
+<p>Bereichert mit mannigfachen Kenntnissen, kehrte Wieland
+1750 nach Biberach zurück. Der Sommer, den er im
+<a class="pgnum" id="page-10" title="Seite 10"></a>elterlichen Hause zubrachte, war eine der merkwürdigsten
+Perioden seines Lebens. In diese Zeit fiel Wielands erste
+Liebe. Ihr Gegenstand war Sophie v. Gutermann, die Tochter
+eines Arztes, der mit Wielands Eltern in freundschaftlichen
+Verhältnissen stand. Nicht durch blühende Schönheit,
+durch jugendliche Reize fühlte sich Wieland zu Sophien hingezogen.
+An seinem rein platonischen Liebesverhältniß hatte
+die Sinnlichkeit auch nicht den entferntesten Antheil. Was
+ihn an Sophien fesselte, war ihre ausgezeichnete Geistesbildung,
+die sie schon früh durch das Lesen der besten deutschen
+Schriftsteller erlangt hatte, ihr rastloses Streben nach Erweiterung
+ihrer Kenntnisse, und ihr glühender Enthusiasmus
+für alles Gute, Wahre und Schöne. Obgleich nur zwei
+Jahre älter, als Wieland, übte Sophie doch durch die Festigkeit
+ihres Charakters und innere Haltung eine seltene
+Herrschaft über den jungen Schwärmer aus. An Kenntnissen
+ihr überlegen, suchte Wieland mit poetischer Begeisterung
+Sophiens rege Wißbegierde zu befriedigen.</p>
+
+<p>Diesem Verhältniß dankte Wielands erstes gedrucktes
+Gedicht seinen Ursprung. Auf einem einsamen Spaziergange
+nach dem St. Martinskirchhofe traf Sophie einst ihren Freund,
+und ihre Gefühle begegneten sich dort zum ersten Mal in
+der Begeisterung für die Schönheiten der Natur. Ein solches
+Stillleben, meinte Wieland, sei allen geräuschvollen
+Freuden der Welt vorzuziehen. Durch den Umgang mit
+Sophien, äußerte er in einem spätern Briefe, mit Hindeutung
+auf seinen frühern Skeptizismus, sei er ein ganz anderer
+Mensch, ein Freund der Tugend und Religion geworden.
+<a class="pgnum" id="page-11" title="Seite 11"></a>Unvergeßlich blieb ihm noch in spätern Jahren ein
+schöner Sommertag, an welchem er mit der Geliebten in
+den freundlichen Umgebungen von Biberach umhergewandelt,
+und sich mit ihr von der Bestimmung der Geister und Menschen
+und von der Würde der menschlichen Seele unterhalten
+hatte. Durch eine Predigt seines Vaters über den Text:
+Gott ist die Liebe, war er auf dies Thema geführt worden.
+Die Frucht jenes enthusiastischen Gesprächs, das seine Begleiterin
+bis zu Thränen rührte, war Wielands Lehrgedicht:
+&#8222;Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt.&#8220; Es
+ward im Februar 1751 begonnen, im April des genannten
+Jahres vollendet, und noch im Jahr 1770 zum dritten Mal
+gedruckt.</p>
+
+<p>Mit Schmerz trennte sich Wieland von der Geliebten,
+die im Herbst 1750 nach Augsburg zurückkehrte, wo ihr
+Vater, früher in Kaufbeuern ansässig, sich niedergelassen
+hatte. Noch oft trat in Tübingen, wo Wieland um diese
+Zeit seine akademische Laufbahn eröffnete, Sophiens Bild
+vor seine Seele. Der Eindruck, den sie auf sein Herz gemacht,
+war so tief, daß die in einem Briefe seines Vaters
+ausgesprochenen Zweifel an der Beständigkeit seiner Liebe
+ihn sehr schmerzten.</p>
+
+<p>In seiner schwärmerischen Stimmung kannte er kein höheres
+Glück, als Sophiens Besitz. Ueber die mannigfachen
+Schwierigkeiten, die der Erfüllung seines Lieblingswunsches
+entgegen treten konnten, setzte er sich leicht hinweg. Im Geist
+sah er schon seine bürgerliche Existenz begründet, während
+er noch nicht mit sich einig war über das Berufsfach, dem
+<a class="pgnum" id="page-12" title="Seite 12"></a>er sich widmen wollte. Die Jurisprudenz schreckte ihn durch
+ihre Trockenheit. Um Theolog zu werden, hätte er eine
+stärkere Brust haben müssen. Das Studium der Medicin
+ward ihm verleidet durch seine unüberwindliche Scheu vor
+todten Körpern, Krankenstuben und Spitälern. Er besuchte
+in Tübingen fast gar kein Collegium. Die Liebe zur Einsamkeit
+fesselte ihn an sein Zimmer. Ohne Freunde, ja fast
+ohne allen Umgang, brütete sein Geist über der Idee, die
+schönsten poetischen Blüthen, die ihm sein Dichtertalent bieten
+möchte, zur Verherrlichung seiner Geliebten in einen
+Kranz zu flechten. So entstand sein früher erwähntes Gedicht:
+&#8222;Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt.&#8220;</p>
+
+<p>Begeistert von diesem Product, das er später einer sehr
+strengen Beurtheilung unterwarf, sandte Wieland sein Gedicht
+dem Professor Meier in Halle, der damals als philosophischer
+Kopf und als Kritiker viel galt. Weder seinen
+Namen, noch seinen Aufenthaltsort erwähnte er in seinem
+Briefe. Meier hielt einen Adlichen für den Verfasser des
+ihm gesandten Gedichts, das er sofort drucken ließ, und es
+mit einer Vorrede begleitete. Noch ehe er das Schicksal
+seines Werks erfahren, hatte Wieland einen neuen poetischen
+Plan entworfen. Die fünf ersten Gesänge eines epischen
+Gedichts, &#8222;Hermann&#8220; betitelt, sandte er an Bodmer in
+Zürich, der damals in dem lebhaftesten literarischen Kampfe
+mit Gottsched und seinen Anhängern verwickelt war. Bodmer
+nahm die ihm gesandte Probe günstig auf, vielleicht
+schon deshalb, weil Wieland in jugendlicher Begeistrung
+<a class="pgnum" id="page-13" title="Seite 13"></a>seine Parthei ergriffen hatte. Er trat mit dem jungen Autor
+in einen fortgesetzten Briefwechsel.</p>
+
+<p>In einer anmuthigen Sommerwohnung, späterhin das
+Wielandshäuschen genannt, auf einem Weinberge unweit
+Tübingen, diesseits des Neckars gelegen, lebte Wieland damals
+dem Genuß der Natur, einsamen Studien und mancherlei
+poetischen Versuchen, von allem Umgang entfernt, in
+fast gänzlicher Abgeschiedenheit. Seine Geistesrichtung und
+Empfindungsweise schilderte er in einem damaligen Briefe
+mit den Worten: &#8222;Ich habe von der Dichtkunst keinen
+kleinern Begriff, als daß sie die Sängerin Gottes, seiner
+Werke und der Tugend seyn soll. Inzwischen gefallen mir
+doch auch die Aeußerungen jugendlicher Freude, wenn sie
+unschuldig ist, und Gleim und Hagedorn haben mich oft
+ergötzt.&#8220; In wechselnder Stimmung war Wieland jedoch
+auch den unschuldigsten Scherzen so abgeneigt, daß er die
+genannten Dichter eines sträflichen Leichtsinns beschuldigte.
+Der Ernst seiner Natur zog ihn zu den englischen Poeten,
+zu Milton, Pope, Addison, Young, Thomson u.A. &#8222;Den
+Franzosen,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;bin ich, ihres flüchtigen und
+affenmäßigen Charakters wegen, recht gram, und noch mehr
+den Deutschen, die ihren Geist lieber nach diesen lächerlichen
+Geschöpfen bilden wollen, als nach den denkenden, männlich
+schönen und zuweilen himmlischen Britten.&#8220;</p>
+
+<p>Aus einer schwärmerischen Ueberspannung seines Geistes
+ging Wielands Streben hervor, die Irreligiosität und den
+Leichtsinn zu bekämpfen. Er wollte der Welt zeigen, daß
+das Schöne im ächt platonischen Sinne mit dem Guten
+<a class="pgnum" id="page-14" title="Seite 14"></a>einerlei sei. Auf keinen Dichter seiner Zeit lenkte sich Wielands
+Aufmerksamkeit entschiedener, als auf Klopstock. Von
+der enthusiastischen Verehrung jenes Sängers zeugten mehrere
+damalige Briefe Wielands. Ein Nachahmer Klopstocks
+ward er nicht, ungeachtet es in seiner Natur lag, leicht
+etwas anzunehmen von der Manier der Schriftsteller, die
+seinem Geschmack besonders zusagten. Wielands &#8222;Lobgesang
+auf die Liebe&#8220;, und ein Gedicht, &#8222;der Frühling&#8220; überschrieben,
+zeigten unverkennbar den Einfluß, den Kleist auf sein
+poetisches Talent gehabt hatte. Er machte keinen Versuch, den
+Sänger der Messiade auf dem kühnen Fluge seiner Phantasie
+zu begleiten. Nur als Mensch wollte er ihm gleichen. Ihn
+beseelte ein gewisser moralischer Stolz, der noch genährt ward
+durch die Vergleichung des gewöhnlichen Lebens und Treibens
+der Menschen mit den erhabenen Mustern von Tugend
+und Seelengröße, die ihm ältere und neuere Schriststeller
+vor Augen stellten. Mit Enthusiasmus hatte er als Knabe,
+wie früher erwähnt, den Cornelius Nepos gelesen. Noch
+höher begeisterte ihn als Jüngling die Schilderung jeder
+edlen That, während er sich von schlechten Handlungen mit
+Abscheu hinweg wandte.</p>
+
+<p>Auch in der Poesie, wie im Leben, blieb ihm ein lebendiges
+Gefühl für das Reinsittliche. Den philosophischen
+und moralischen Gedichten gab er vor allen andern den
+Vorzug. Er schrieb darüber unter andern: &#8222;Ich schätze
+die heroischen Gedichte sehr hoch; aber ich überlasse es größern
+Geistern, darin groß zu seyn oder sich darin zu versuchen.
+Ich begnüge mich, die wenigen Nebenstunden, die
+<a class="pgnum" id="page-15" title="Seite 15"></a>mir meine Muse gleichsam entwendet, dazu zu benutzen, in
+philosophischen und moralischen Gedichten, und also in Absicht
+der Dichtkunst in einer kleinen Sphäre, die liebenswürdige
+Tugend zu preisen.&#8220;</p>
+
+<p>Unter den Gedichten Wielands, die während seines
+Aufenthalts in Tübingen entstanden, war der &#8222;Anti-Ovid&#8220;,
+im Sommer 1752 verfaßt, nicht blos gegen den Leichtsinn
+der Römer, sondern auch der Franzosen gerichtet. Die Liebe
+begeisterte ihn, in diesem Lehrgedicht einen Gegenstand zu
+wählen, dem er, wie er in spätern Jahren gestand, damals
+kaum gewachsen war, da es ihm in seiner Einsamkeit, umgeben
+von seinen Büchern, an der nöthigen Menschenkenntniß
+fehlte, die er nur aus der Beobachtung der Lebensverhältnisse
+schöpfen konnte.</p>
+
+<p>Einige Monate früher, als der &#8222;Anti-Ovid&#8220;, im Mai
+1752, entstanden Wielands &#8222;moralische Erzählungen.&#8220; Bereits
+am Schluß des Jahres 1751 hatte er seine &#8222;moralischen
+Briefe&#8220; herausgegeben. Von seinen bisherigen Gedichten
+unterschieden sich die hier genannten weniger durch ihren
+Gehalt, als durch die Form. Für die &#8222;moralischen Briefe&#8220;
+hatte Wieland Alexandriner, für die &#8222;moralischen Erzählungen&#8220;
+reimlose Jamben gewählt, und für den &#8222;Anti-Ovid&#8220;
+ein freies Versmaß in wiederkehrenden Reimen. Unter
+solchen Beschäftigungen lebte Wieland weniger in der
+wirklichen Welt, als in dem Reich der Ideale, das ihm
+seine Phantasie vorzauberte. Seine Zukunft schien ihn wenig
+zu kümmern. In einer Art von Selbstcharakteristik, die
+er noch während seines Aufenthalts in Tübingen in einem
+<a class="pgnum" id="page-16" title="Seite 16"></a>Briefe an seine geliebte Sophie entwarf, gestand er, trotz
+seiner mannigfachen Fehler, sich &#8222;ein gutes Herz und einigen
+Geist&#8220; zu, dabei glaubte er mit Wahrheit versichern zu können,
+daß es &#8222;sein Geist gewesen, der sein Herz zu einem so
+guten gemacht habe.&#8220;</p>
+
+<p>Im Juni 1752 war Wieland aus Tübingen wieder in
+das elterliche Haus nach Biberach zurückgekehrt. Lebhaft
+misbilligte sein Vater die Art und Weise, wie er bisher
+seine Studien betrieben hatte. Ueber dem Versemachen hatte
+er seinen künftigen Beruf fast gänzlich aus den Augen verloren.
+Einer sogenannten Brodwissenschaft sich zu widmen,
+war ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Sehr abgeneigt
+war er daher dem väterlichen Plan, sich in Göttingen der
+Laufbahn eines akademischen Docenten zu widmen. Wieland
+meinte, daß er dazu, wie zu manchem Andern, gar nicht
+passe. Er hoffte wohl noch einen Wirkungskreis zu finden,
+der mit seinen Fähigkeiten und Neigungen mehr harmonirte.
+Einer Lehrstelle an einem Gymnasium glaubte er gewachsen zu
+seyn. Sein sehnlichster Wunsch war eine Professur an dem
+Carolinum zu Braunschweig, besonders deshalb, weil er
+dadurch mit Gärtner, Ebert, Zachariä u.a. talentvollen
+Männern, die in dem genannten Institut Lehrstellen bekleideten,
+in nähere Berührung zu kommen hoffte. Zur Erfüllung
+seines Lieblingswunsches zeigte sich jedoch keine
+Aussicht.</p>
+
+<p>Von dem peinlichen Gefühl, seinen Eltern durch weitere
+Unterstützung beschwerlich zu fallen, ward Wieland befreit
+durch eine Einladung Bodmer's, zu ihm nach Zürich zu
+<a class="pgnum" id="page-17" title="Seite 17"></a>kommen. Er hatte den jungen Autor, nach den poetischen
+Versuchen, die ihm Wieland gesendet, sehr liebgewonnen.
+Gegen die Reise nach der Schweiz, die im Herbst 1752 angetreten
+werden sollte, hatte Wielands Vater nichts einzuwenden.
+Er glaubte vielmehr, daß eine solche Entfernung
+seinen Sohn in mannigfacher Hinsicht heilsam seyn möchte,
+besonders auch in Bezug auf seine Herzensangelegenheit, von
+der er sich keinen sonderlichen Ausgang versprach. Wieland
+aber wollte Biberach nicht verlassen, ohne seine geliebte
+Sophie noch einmal gesehen zu haben. Manche Umstände
+traten ein, die seine Hoffnung von einer Zeit zur andern
+verzögerten. Er versank darüber, wie er sich in einem seiner
+Briefe äußerte, &#8222;in einen Zustand von Unthätigkeit und
+Verdrießlichkeit, der ihm oft zur Last ward.&#8220; Eine Beurtheilung
+von Bodmer's &#8222;Noachide&#8220; half ihm die langweilige
+Zeit einigermaßen verkürzen.</p>
+
+<p>Genußreiche Tage versprach sich Wieland von dem Leben
+in Zürich. Da er seine dortigen Freunde nicht so bald wieder
+verlassen wollte, so wünschte er in der Schweiz durch
+eine Hofmeisterstelle sich die Mittel zu seiner Subsistenz
+zu sichern. Noch eh' er nach Zürich abgereist war, wandte
+er sich deshalb schriftlich an Bodmer's Freund, den Rathsherrn
+Schinz, und bat ihn um seinen Rath. In Bodmer's
+anmuthig gelegener Wohnung, wo er am 13. October 1752
+eintraf, fand er einen freundlichen Empfang. Ehrfurcht, Liebe
+und Dankbarkeit fesselten ihn bald an den Mann, der durch
+Mittheilung seiner literarischen Schätze und durch seine belehrenden
+Gespräche sehr günstig auf Wieland einwirkte. Mit
+<a class="pgnum" id="page-18" title="Seite 18"></a>seiner Denk- und Empfindungsweise harmonirte Bodmer's
+einfaches Leben, seine Zurückgezogenheit von der Welt und
+die Neigung zu literarischen Beschäftigungen. Auch nachdem
+sie längere Zeit zusammen gelebt, trat in ihrem freundschaftlichen
+Verhältniß keine wesentliche Störung ein. Noch in
+spätern Jahren nannte Wieland jene Periode die glücklichste
+seines Lebens.</p>
+
+<p>In so heiterer Stimmung vollendete er seine schon zu
+Biberach angefangene &#8222;Abhandlung von den Schönheiten
+des epischen Gedichts Noah&#8220;, das sein väterlicher Freund
+Bodmer verfaßt hatte. Bodmer ließ jene Abhandlung 1753 zu
+Zürich drucken, und bald nachher auch ein von Wieland verfaßtes
+&#8222;Schreiben über die Würde und Bestimmung eines
+schönen Geistes.&#8220; Auch zur Poesie kehrte Wieland in Zürich
+wieder zurück. Auf Bodmers Vorschlag schrieb er ein kleines
+Epos, &#8222;die Prüfung Abrahams&#8220; betitelt. Zu seinen
+damals gedichteten &#8222;Briefen Verstorbener an ihre noch lebenden
+Freunde&#8220; hatte er sich durch das von der englischen
+Dichterin Elisabeth Rowe herausgegebene Werk: <span class="antiqua" lang="en">&#8222;Friendship
+in death&#8220;</span> veranlaßt gefunden.</p>
+
+<p>Noch immer trug sich Wieland mit dem Gedanken,
+seine geliebte Sophie einst ganz die Seinige nennen zu können.
+Daß die Schwierigkeiten, zu ihrem Besitz zu gelangen,
+sich noch gehäuft hatten, ahnte er nicht. Versunken in seine
+poetischen Träume, fühlte er sich tief erschüttert durch einen
+Brief, in welchem Sophie ihr bisheriges Verhältniß zu ihm
+für aufgelöst erklärte. Dies Schreiben, das er zu Anfang
+des December 1753 erhielt, meldete ihm zugleich Sophiens
+<a class="pgnum" id="page-19" title="Seite 19"></a>Vermählung mit dem Churmainzischen Hofrath de la Roche.
+Diesem geistreichen und allgemein geachteten Manne hatte
+sie aus Gehorsam gegen ihre Eltern ihre Hand gereicht,
+und die Stimme ihres Herzens, die noch immer für Wieland
+sprach, wenig beachtet.</p>
+
+<p>Die innige Theilnahme seiner Freunde mußte ihm dies
+harte Schicksal ertragen helfen. Mit größerer Selbstüberwindung,
+als sich von seiner reizbaren Gemüthsart erwarten ließ,
+billigte er in einem Briefe an die Geliebte ihren Entschluß,
+und wünschte ihr aufrichtig Glück zu ihrer Verbindung. Oft
+aber kehrte ihm noch die Klage um den Verlust seiner Sophie
+wieder. Auf ihren dereinstigen Besitz mochte er wohl mitgerechnet
+haben, als er einen Plan entwarf zur Errichtung
+einer Privaterziehungsanstalt, oder, wie er sie selbst nannte,
+einer &#8222;Akademie zur Bildung des Verstandes und Herzens
+junger Leute.&#8220; Durch das peinliche Gefühl, als Bodmer's
+Haus- und Tischgenosse seinem Gönner noch länger zur
+Last zu fallen, ward Wieland bewogen, 1754 bei einem
+Herrn v. Grebel in Zürich eine Hauslehrerstelle anzunehmen.
+Weder die ausgezeichnete Achtung, die er in seinem neuen
+Verhältniß genoß, noch die große Rücksicht, die man auf
+seine kleinen Eigenheiten nahm, konnte in ihm den Schmerz
+um den Verlust seiner Geliebten mildern. Er sah sich in
+seinen schönsten Hoffnungen getäuscht, und versank in einen
+Trübsinn, den nichts zu erheitern vermochte. In dieser Stimmung
+nahm er seine Zuflucht zu philosophischen Studien.
+Mit großer Anstrengung las er fast Tag und Nacht in Plato's
+Werken. Auch die Schriften mehrerer Mystiker und die
+<a class="pgnum" id="page-20" title="Seite 20"></a>Lebensbeschreibungen von Heiligen gehörten zu Wielands damaliger
+Lectüre. Dadurch neigte er sich zu einer immer
+strengern Ascetik hin. In solcher Stimmung schrieb er
+einem Freunde: &#8222;So einsiedlerisch ich hier Vielen scheine,
+bin ich es doch noch lange nicht so, wie ich es gern seyn
+möchte. Melden Sie mir doch, ob es keine Wüste in Ihrer
+Gegend giebt. Ich habe schon seit manchen Jahren große
+Lust, ein Eremit zu werden; denn ich versichre Sie im Ernst,
+daß ich der Thorheiten der Welt und meiner eigenen herzlich
+müde bin.&#8220;</p>
+
+<p>Wieland hatte damals alle Anlage, ein religiöser Schwärmer
+zu werden. Die Lectüre von Youngs Nachtgedanken
+und von Klopstocks Mesias war geeignet, jene Stimmung
+zu unterhalten, und ihn über die Grenzen eines ruhigen Forschens
+weit hinaus zu führen. Sein Eifer für Glauben und
+Frömmigkeit kannte kein Maaß und Ziel, und Toleranz
+war ihm ein völlig fremder Begriff. Ueber Ovid, Anakreon,
+Tibull und mehrere französische und englische Dichter, besonders
+aber Chaulien, Gay und Prior, sprach er in seinen
+1754 herausgegebenen &#8222;Sympathien&#8220; öffentlich ein Verdammungsurtheil
+aus. Auf ähnliche Weise eiferte Wieland
+in den 1755 geschriebenen &#8222;Empfindungen eines Christen&#8220;
+gegen die &#8222;schwärmerischen Anbeter des Bacchus und der
+Venus.&#8220; Den Oberconsistorialrath Sack in Berlin, dem er
+dies Werk zugeeignet hatte, forderte er dringend auf, &#8222;das
+Aergerniß zu rügen, das jene leichtsinnigen Witzlinge angerichtet.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-21" title="Seite 21"></a>Ein milderer Ton, doch eine eigentümliche mystische
+Richtung war vorherrschend in mehrern &#8222;Hymnen&#8220; Wielands,
+von denen er später nur den &#8222;Hymnus auf Gott&#8220; in seine
+Werke aufnahm. Mit seinen &#8222;Erinnerungen an eine Freundin&#8220;
+dem Inhalt nach verwandt war Wielands &#8222;Timoklea&#8220;,
+eine Frucht seiner philosophischen Studien, besonders der
+Lectüre des Plato und Shaftsbury. Wieland's &#8222;Platonische
+Betrachtungen über den Menschen&#8220; dankten ebenfalls jenen
+Studien ihren Ursprung. In diesen Schriften sowohl, als
+in zwei Aufsätzen, die er selbst als &#8222;Visionen&#8220; bezeichnete,
+in dem &#8222;Gesicht des Mirza&#8220; und in dem &#8222;Gesicht von einer
+Welt unschuldiger Menschen&#8220; sprach Wieland mit ergreifender
+Wärme von der Tugend, Schönheit und Liebe im edelsten
+Sinne des Worts.</p>
+
+<p>In seiner &#8222;Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen&#8220;
+unternahm er einen kritischen Feldzug gegen Gottsched,
+den damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks
+und gegen seine Anhänger. Aus der leidenschaftlichen
+Reizbarkeit seiner Natur versank er wieder in eine Art
+von Abspannung des Geistes, die mitunter einen sehr hohen
+Grad erreichte. &#8222;Ich verschlummere&#8220;, schrieb er 1756 einem
+Freunde, &#8222;wider meinen Willen einen großen Theil meiner
+Existenz. Ich fühle, daß mein Leib immer schwächer wird,
+und daß sowohl meine sehr blöden Augen, als mein Gehirn
+dem denkenden Wesen oft versagen. Zuweilen wünsche ich,
+daß ich ein halbes Dutzend munterer Seelen hätte, die der
+meinigen subordinirt wären, und die alles das nach meinem
+Sinne ausführten, was ich nicht kann. Dergleichen Wünsche
+<a class="pgnum" id="page-22" title="Seite 22"></a>sind fast alles, was mir von meiner ehemaligen jugendlichen
+Lebhaftigkeit übrig geblieben ist.&#8220;</p>
+
+<p>Seinem Trübsinn ward Wieland entrissen, als er seinen
+bisher auf Bodmer und dessen Freunde beschränkten Umgang
+allmälig erweiterte. Geneigter als bisher ward er wieder
+den Freuden des geselligen Lebens. Außer dem bekannten
+Fabeldichter Meyer von Knonau, gehörten Geßner, der Verfasser
+der Idyllen, späterhin auch Zimmermann, der Autor
+des berühmten Buches über die Einsamkeit, zu Wielands
+vertrautesten Freunden. Mit Frauenzimmern verkehrte er
+wenig; er war sogar ihrem Umgange völlig abgeneigt. Seine
+geliebte Sophie hatte ihn verwöhnt, an das weibliche Geschlecht
+Ansprüche zu machen, die nicht jedes Mädchen erfüllen
+konnte.</p>
+
+<p>In einer Art von Selbstcharakteristik meinte Wieland,
+sein Herz, trotz allen seinen Fehlern, sei doch noch das Beste
+an ihm. An Zimmermann schrieb er darüber: &#8222;Sie dürfen
+viel Gutes von meinem Herzen denken, ohne sich zu betrügen.
+Was Sie mein Genie nennen, sind sehr reizbare Fibern
+und eine daraus entspringende Lebhaftigkeit der Empfindungen,
+Imagination, Activität, Kühnheit, Neigung
+zum Wunderbaren, zum Ausschweifenden u. dergl. Verdient
+das, daß ich mich hochachte, oder daß ich mir selbst etwas
+darauf einbilde? Gewiß nicht! Aber dafür danke ich Gott,
+daß ich von Jugend an die Wahrheit geliebt, und für das,
+was gut, recht und moralisch schön ist, sehr empfindsam
+gewesen. Dieses ist für mich sehr glücklich, aber da ich es
+mit vielen Tausenden gemein habe, so ist es nichts Vorzügliches.
+<a class="pgnum" id="page-23" title="Seite 23"></a>Daß ich hypochondrisch bin, begreife ich. Schwach
+bin ich in der That, aber noch voll Leben. Ich liebe mehr
+die Aussichten in ein anderes, als in dieses Leben. Hier
+bin ich nur <span class="antiqua" lang="fr">par devoir,</span> nicht <span class="antiqua" lang="fr">par inclination.&#8220;</span></p>
+
+<p>Diese trübe Lebensansicht kehrte ihm noch oft wieder.
+Erst gereiftere Jahre, größere Erfahrung und eine gründlichere
+Welt- und Menschenkenntniß bewirkten eine merkwürdige
+Veränderung in Wielands Wesen. Er schien heiterer gestimmt.
+Seine Weiberscheu hatte sich verloren, und dem
+Platonismus in der Liebe huldigte er nicht mehr so unbedingt
+als früher. Auch sein hartes und unbilliges Urtheil
+über mehrere alte und neuere Dichter nahm er zurück. Auf
+seine eigenen literarischen Erzeugnisse hatte jene Sinnesänderung
+den wohlthätigsten Einfluß. Er beurtheilte seine
+Arbeiten mit nachsichtsloser Strenge. Seinen Roman &#8222;Araspes
+und Panthea&#8220;, zu welchem ihm eine Erzählung Xenophon's
+den Stoff dargeboten hatte, nannte er in einem
+seiner damaligen Briefe &#8222;eine unreife und unvollendete Geburt.&#8220;
+Entschiedenen Antheil nahm er an der deutschen
+Bühne. Fleißig wohnte er den theatralischen Vorstellungen
+der Ackermannschen Schauspielertruppe bei, die damals (1757)
+durch die Drangsale des siebenjährigen Krieges aus Deutschland
+vertrieben, längere Zeit in der Schweiz und namentlich
+in Zürich sich aufhielt. In seinem Trauerspiel &#8222;Johanna
+Gray&#8220; machte Wieland den ersten dramatischen Versuch.
+Statt der Alexandriner, des bisher allgemein üblichen Versmaßes,
+wählte er die fünffüßigen Jamben für seine Tragödie.
+Sie ward am 20. Juli 1758 zum erstenmal in Winterthur,
+<a class="pgnum" id="page-24" title="Seite 24"></a>und später auch an andern Orten nicht ohne Beifall
+aufgeführt.</p>
+
+<p>Auch in andern Gattungen der Poesie versuchte sich
+Wieland damals. Viel versprach er sich besonders von einem
+epischen Gedicht, zu welchem ihm einer seiner Lieblingsschriftsteller,
+Zachariä in Braunschweig, den Stoff dargeboten hatte,
+während ihm bei dem Entwurf seines Ideals vielleicht Friedrich
+II. vorschwebte, der damals im Kampfe mit ganz Europa
+durch Größe des Geistes und die glänzendsten Eigenschaften
+selbst seinen Feinden Bewundrung abnöthigte. Sein &#8222;Cyrus&#8220;,
+wie das von Wieland beabsichtigte Gedicht hieß,
+sollte auf achtzehn Gesänge ausgedehnt werden. Auch
+seinen vertrautesten Freunden hatte Wieland seinen Plan
+verschwiegen. Als er jedoch zu Anfange des Jahrs 1758
+die Ausführung seiner poetischen Idee begann, stieß er auf
+mancherlei Schwierigkeiten, und fürchtete sich an ein Unternehmen
+gewagt zu haben, dem er nicht gewachsen war.
+In einem seiner damaligen Briefe meinte Wieland, &#8222;er stehe
+zu tief unter einem Helden, um ihn würdig darstellen zu
+können.&#8220; Selbst der Styl und die Versification kosteten ihm,
+nach seinem eignen Geständniß, unsägliche Mühe. Er fühlte,
+daß er bisher mehr in dem Reiche seiner Ideen, als in der
+wirklichen Welt gelebt. Ein gründliches Studium der Geschichte
+und Politik hielt er für unerläßlich, um seinem
+Werke den höchsten Grad von Vollendung zu geben. Fleißig
+studirte er Macchiavelli's und Montesquieu's Werke. Auch
+die Lectüre von Plato's Republik beschäftigte&nbsp;ihn.</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-25" title="Seite 25"></a>Das Resultat dieser Studien war Wieland's erste politische
+Schrift: &#8222;Gedanken über den patriotischen Traum,
+die Eidgenossenschaft zu verjüngen.&#8220; Diese Schrift erschien,
+während Wieland sich noch fleißig mit seinem &#8222;Cyrus&#8220; beschäftigte.
+Eine neu aufkeimende Idee drohte dies Epos zu
+unterbrechen. Durch Lucian und Swift begeistert, entwarf
+Wieland den Plan zu einem satyrischen Roman. Unter dem
+Titel: &#8222;Lucian's des Jüngern wahrhafte Geschichten&#8220;,
+wollte er in diesem, auf drei Bände berechneten Werke zwei
+Republiken, einen Staat verständiger Bienen, die seltsame
+Regierung, Sitten und Gebräuche eines Volks, Pagoden
+genannt, und ähnliche wunderbare Dinge schildern. Die
+Ausführung dieser Idee unterblieb. Von seinem &#8222;Cyrus&#8220;
+hatte er indessen die ersten fünf Gesänge beinahe vollendet,
+und bei größerer Gemüthsruhe würde dies Werk noch rascher
+fortgeschritten seyn.</p>
+
+<p>Was ihn sehr bekümmerte, war die Sorge um seine
+fernere Subsistenz in Zürich. Seine bisherigen Zöglinge
+hatten anderweitige Bestimmungen erhalten, und Wieland
+mußte daher an seine eigene Zukunft denken. Eine Zeit lang
+beschäftigte ihn die Idee der Herausgabe einer Wochenschrift,
+von deren Ertrag er in Zürich leben zu können hoffte. In
+einem seiner damaligen Briefe äußerte Wieland: er wolle
+alle seine Kräfte zusammennehmen, um jener periodischen
+Schrift die höchste Vollkommenheit zu geben. Aber seine
+schönsten Stunden, meinte er, gehörten doch dem &#8222;Cyrus&#8220;.
+Um sich in ungestörter Einsamkeit mit diesem Gedicht beschäftigen
+zu können, kam er auf den Gedanken, sich wieder
+<a class="pgnum" id="page-26" title="Seite 26"></a>in seine Heimath zu begeben. Einen bestimmten Lebensplan
+schien er an die Rückkehr in das elterliche Haus nicht geknüpft
+zu haben.</p>
+
+<p>Der Wunsch, einige Jahre in völliger Muße und Unabhängigkeit
+zu leben, machte ihn gleichgültig gegen mehrere
+zum Theil vortheilhafte Anträge zu auswärtigen Lehrstellen.
+Längere Zeit schwankte Wieland, ob er sich nach Marseille
+begeben sollte, um dort in der sehr angesehenen Familie
+Semandi Unterricht zu ertheilen. Seine Unentschlossenheit
+ward vermehrt durch einen Antrag Zimmermanns, der ihn
+dem Rathsherrn v. Sinner in Bern zum Erzieher seines
+einzigen Sohnes empfohlen hatte. Sein Empfang in Bern,
+wohin er sich am 13. Juni 1759 begab, übertraf in jeder
+Hinsicht seine Erwartungen. Gleichwohl behagte ihm das
+neue Verhältniß, in das er getreten war, nicht lange. Er
+liebte zu sehr die Einsamkeit, um für sie Ersatz zu finden in
+den Gesellschaftskreisen, in die er wider seinen Willen hineingezogen
+ward. Unmuthig äußerte er sich darüber in mehreren
+Briefen. Aber auch seine Lehrerstelle behagte ihm nicht.
+Zum Unterricht, besonders in den ersten Elementen, schien
+ein Geist nicht geschaffen, der, wie Wieland selbst äußerte,
+&#8222;den Cyrus denken, und mit Shaftsbury, Diderot und
+Rousseau wetteifern wollte.&#8220; Bereits nach einem Vierteljahre,
+im September 1759, gab er seine Hauslehrerstelle
+wieder&nbsp;auf.</p>
+
+<p>Eine Art von Erwerbsquelle eröffnete sich Wieland durch
+philosophische Vorlesungen, die er &#8222;gegen ein jährliches
+Honorar von 200 Kronen&#8220; einigen Jünglingen aus angesehenen
+<a class="pgnum" id="page-27" title="Seite 27"></a>Familien hielt. Er hatte an Freiheit und an Zeit
+viel gewonnen, da jene Vorlesungen ihm täglich nur zwei
+Stunden raubten. Demungeachtet rückte sein mehrfach erwähntes
+Epos, der &#8222;Cyrus&#8220; nur langsam fort. Entmuthigt
+durch den geringen Beifall, den die von ihm mitgetheilten
+Proben fanden, entwarf er den Plan zu einem philosophischen
+Gedicht über den Landbau. Die Ausführung unterblieb
+jedoch. Das einzige Product, das er während seines
+Aufenthalts in Bern vollendete, war sein mit großem Beifall
+aufgeführtes Trauerspiel &#8222;Clementine von Porretta.&#8220;
+Aus seinem Lieblingsschriftsteller Richardson hatte Wieland
+den Stoff zu dieser Tragödie geschöpft. Ein Held, wie
+Grandison, mußte ihn vor vielen andern interessiren zu
+einer Zeit, wo ihn das Gefühl einer Liebe ergriffen hatte,
+die eben so platonisch, als jemals, und nicht minder schwärmerisch
+war.</p>
+
+<p>Eine reizende Bernerin, Mariane Fels, war längst
+schon die Königin seines Herzens, als Julie Bondeli, die
+Tochter eines Diakonus in Bern, ihr den Sieg streitig
+machte. Julie war, glaubwürdigen Zeugnissen und ihrem
+noch erhaltenen Portrait in Lavater's Physiognomik zufolge,
+eine der häßlichsten ihres Geschlechts. Was die Natur ihr
+indeß an Reizen versagt, hatte sie ihr durch Geistesgaben
+reichlich vergütet. Die gelehrtesten Männer ihrer Zeit erkannten
+dies, und standen mit ihr in Briefwechsel. Das
+Gerücht sagte von ihr, daß sie mehr gelesen und studirt,
+als irgend ein Frauenzimmer, und mit ausgebreiteten Kenntnissen
+in den verschiedenartigsten wissenschaftlichen Fächern
+<a class="pgnum" id="page-28" title="Seite 28"></a>ein sehr richtiges Urtheil verbinde. Darin fühlte sich Wieland
+nicht getäuscht, als ihn die Neugier trieb, sie kennen
+zu lernen. Von dem begeisternden Eindruck, den Julie auf
+ihn machte, gab er in mehreren Briefen Rechenschaft. &#8222;Nie
+hab' ich,&#8220; schrieb er unter andern, &#8222;ein Frauenzimmer gesehen,
+das bei einer außerordentlichen Gleichheit der Gemüthsart,
+bei dem heitersten Humor und der größten moralischen
+Simplicität, die nur in ihrem Alter möglich scheint,
+mehr Lebhaftigkeit und unerschöpfliche Resourcen im Umgange
+gehabt hätte, als sie. In diesen Stücken ist Sophie noch
+weiter hinter ihr, als Julie in Absicht der Schönheit hinter
+Sophie'n ist. Der aufgeklärteste Geist, den ich je an einem
+Frauenzimmer gesehen habe, und ein Herz, das der edelsten
+Freundschaft würdig ist.&#8220;</p>
+
+<p>In einem spätern Briefe gestand Wieland, daß Julie
+weder eine Idee, noch Empfindung von der Liebe zu haben
+scheine, die in Romanen und Tragödien herrsche. Sie wolle
+Freunde haben, sie halte die Freundschaft für eine vernünftige
+und beständige Liebe, und weil sie nicht anders geliebt
+seyn wolle, so hasse sie alles, was den Schein einer überspannten,
+fanatischen Leidenschaft trage. &#8222;Ich selbst,&#8220; schrieb
+Wieland, &#8222;bin, wie ich glaube, in Absicht der Liebe der
+Einzige in meiner Art, und ich bin stolz genug zu glauben,
+daß meine Art zu lieben der Liebe der Geister wirklich so
+nahe kommt, als es unter dem Monde möglich ist. Ich
+liebe alle wahrhaft tugendhaften Frauen eben so sehr, wie
+ich die Tugend lieben würde, wenn sie sichtbar wäre. Das
+sind keine Großsprechereien. Wenn die Weisheit, die Tugend,
+<a class="pgnum" id="page-29" title="Seite 29"></a>die moralische Venus, eine weibliche Gestalt annimmt, so
+muß freilich der Instinct, der uns zu diesen lieblichen Geschöpfen
+zieht, sich unter die reine geistige Liebe mischen,
+die unserem Geiste für das wahre Schöne, Gute und Erhabene
+natürlich ist. Aber darin besteht mein Privilegium,
+daß, wenn mein Gegenstand eine Julie ist (aber nicht eine
+Julie wie die Tochter des Augustus), die Liebe der Engel
+sich natürlicher und ungezwungener Weise zu der thierischen
+verhält, wie eine Weltkugel zu einem Sonnenstaube.&#8220; Diesem
+Briefe fügte Wieland noch die charakteristische Aeußerung
+bei: &#8222;Wir sind übereingekommen, daß jedes das Andere
+nach seiner eigenen, ihm natürlichen Weise, ohne den mindesten
+Zwang lieben solle &mdash; ich mit Enthusiasmus, weil
+meine Natur es so mit sich bringt, sie ohne Enthusiasmus,
+aus gleichem Grunde. Ich weissagte ihr, sie würde noch so
+gut Enthusiast werden, als ich; sie zweifelte und sagte, sie
+wünsche es, um mich glücklich machen zu können.&#8220;</p>
+
+<p>Lebhaft beschäftigte sich Wieland oft mit dem Gedanken
+an eine eheliche Verbindung. Er gestand, alles in der Welt,
+was nicht mit den Grundsätzen der Rechtlichkeit streite, unbedenklich
+thun zu wollen, wenn er dadurch zu Juliens Besitz
+gelangen könnte. &#8222;Sie würde,&#8220; schrieb er, &#8222;mich unaussprechlich
+glücklich machen. Aber ich sehe keine Möglichkeit.
+Ich müßte auf eine sehr anständige und vorteilhafte Art
+etablirt seyn, wenn ich berechtigt seyn sollte, eine solche Prätension
+zu machen, und bisher ist kein Anschein zu einem
+solchen Etablissement.&#8220; Worauf sich Wielands Wünsche beschränkten,
+schilderte er in einem seiner damaligen Briefe
+<a class="pgnum" id="page-30" title="Seite 30"></a>mit den Worten: &#8222;Ich bin nicht für das gemacht, was
+man Welt nennt. Alle ihre Ergötzlichkeiten sind innere Plagen
+für mich, obgleich ich aus Gewohnheit daran Antheil
+nehme und vergnügt dabei scheine. Freiheit, Muße, Einsamkeit,
+ein Freund und eine Freundin bei mir &mdash; das ist die
+Situation, nach der mich dürstet, und zu der ich nie gelangen
+werde.&#8220;</p>
+
+<p>Das Städtchen Zopfingen, im Kanton Bern gelegen,
+hielten Wielands Freunde für den passendsten Ort, um, wie
+er damals willens war, eine mit einer Buchdruckerei verbundene
+Buchhandlung zu errichten. Während er sich auf diese
+Weise einen anständigen Unterhalt zu verschaffen hoffte, wollte
+er zugleich auf die Bildung seiner Zeitgenossen kräftig einwirken
+durch interessante Verlagsartikel, zu denen er vorzüglich
+Uebersetzungen der Classiker, des Virgil, Horaz, Xenophon,
+Theokrit u.a. seiner Liebligsschriftsteller rechnete.
+Auch durch einzelne Stücke aus der Philosophie und schönen
+Literatur hoffte er das Interesse des Publikums zu fesseln.
+Die bessern Köpfe Deutschlands für eine periodische Schrift
+zu gewinnen, war ein Gedanke, der, schon früher entstanden,
+wieder in ihm auftauchte. Wieland wollte in jenem Journal
+unter andern ein Gemälde des Menschen entwerfen, nach
+den verschiedenen Nüancen, die er durch das Klima, die Religion,
+Staatseinrichtung u.s.w. erhalte; er wollte zeigen,
+daß der Mensch gebildet werden müsse, und daß die meisten
+Gesetzgeber und Moralisten sich bisher auf diese Kunst nicht
+gar zu wohl verstanden hätten. Auch Biographieen und
+<a class="pgnum" id="page-31" title="Seite 31"></a>Charakteristiken ausgezeichneter Männer des Alterthums sollten
+in seinem Journal einen Platz finden.</p>
+
+<p>Mehrere Aufsätze, die er für seine Zeitschrift bestimmt,
+hatte Wieland theils ausgearbeitet, theils den Plan dazu
+entworfen, als ein Brief seiner Mutter ihn mit der Nachricht
+einer bestimmten Anstellung zu Biberach überraschte.
+Seiner Vaterstadt, von der er acht Jahre getrennt gewesen,
+in dem ihm angewiesenen Wirkungskreis so viel als möglich
+zu nützen, war der feste Entschluß, mit welchem Wieland
+am 20. März 1760 die Schweiz und seine dortigen Freunde
+verließ, in dankbarer Rückerinnerung an die frohen Jahre,
+die er in ihrer Mitte verlebt hatte. Schmerzlich war ihm
+vor allen der Abschied von Julie Bondeli. Nur die Hoffnung
+ihres Besitzes konnte ihn trösten.</p>
+
+<p>Mit nicht zu grellen Farben hatte Wieland, noch vor
+seiner Abreise aus der Schweiz, einigen seiner Freunde die
+Verhältnisse geschildert, die ihn in seiner Vaterstadt erwarteten.
+Zum ersten Male mußte er, so fremd dies auch seiner
+Natur war, eine Rolle spielen in den mannigfachen politischen
+Intriguen, welche die Wahl eines Bürgermeisters in
+Biberach herbeiführte. Wieland hatte dort die ziemlich einträgliche
+Stelle eines Kanzleidirectors erhalten. Abgesehen
+davon, daß dies Amt seinen Neigungen durchaus nicht entsprach,
+fürchtete er bereits nach zwei Jahren jene Stelle
+wieder zu verlieren durch einen langwierigen Prozeß zwischen
+den evangelischen und katholischen Rathsmitgliedern seiner
+Vaterstadt. Von dem Wankelmuth seiner Freunde und Gönner
+machte Wieland die trübsten Erfahrungen. Mehrere seiner
+<a class="pgnum" id="page-32" title="Seite 32"></a>damaligen Briefe enthielten rührende Geständnisse seiner
+unsichern Lage und seiner durch heftige Gemütsbewegungen
+sehr erschütterten Gesundheit. Mit Schmerz ergriff ihn der
+oft wiederkehrende Gedanke, was er in einer andern Stellung,
+in Verhältnissen, die den Musen günstiger wären, hätte leisten
+können. In einem Briefe vom 16. März 1763 äußerte
+Wieland: &#8222;Ich möchte zuweilen eine Satyre wider die beste
+Welt schreiben, wenn ich mir vorstelle, daß kein anderer Platz
+in der Welt für mich seyn soll, als eine Stadtschreiber-, Consulenten- und
+Rathsherrnstelle in diesem kleinen schwäbischen
+Reichsstädtchen. Denn es ist noch nicht entschieden, welche
+von diesen drei Personen, die sich ungefähr gleich gut für
+mich schicken, ich noch werde vorstellen müssen.&#8220;</p>
+
+<p>In so trauriger Lage trat oft die Erinnerung an die Vergangenheit
+und an seinen Aufenthalt in der Schweiz vor
+Wielands Seele. Rastlos sann er auf Mittel, sich aus Verhältnissen
+zu befreien, die seinen Neigungen so wenig entsprachen,
+und ihm unsäglichen Verdruß bereiteten. Mitunter
+kam ihm die Idee, um eine Professur an einem Gymnasium
+in Berlin, Breslau, Gotha oder andern bedeutenden
+Orten sich zu bewerben. Die Einkünfte einer solchen Stelle,
+meinte Wieland, wären zwar gering, aber dafür sei ihm desto
+mehr Muße gegönnt, und er könne arbeiten, was er wollte.
+Selbst die spärliche Zeit, die ihm in Biberach seine Amtsgeschäfte
+gönnten, konnte er nicht so nützlich, als er wohl
+gewünscht hatte, für sich verwenden. Ueberall stieß er auf
+Hindernisse, die sich seiner höhern Ausbildung entgegenstellten.
+<a class="pgnum" id="page-33" title="Seite 33"></a>Am schmerzlichsten fühlte er in seiner Vaterstadt den Mangel
+einer bedeutenden Bibliothek.</p>
+
+<p>&#8222;Hier gehen meine Talente für das Publikum verloren,&#8220;
+klagte Wieland in einem Briefe an Zimmermann. &#8222;Unter
+solchen Zerstreuungen, bei einem solchen Amte, ohne Aufmunterung,
+was kann ich da thun? Wenn ich auch Zeit
+und Gemüthsruhe und Muth genug hätte, etwas zu unternehmen,
+so verbietet mir der einzige Umstand, daß wir keine
+Bibliotheken haben, alle Unternehmungen von Wichtigkeit.
+Ich bin genöthigt, immer aus mir selbst herauszuspinnen.
+Es sind schon viele Jahre her, daß ich mit einer philosophischen
+Geschichte nach einem besondern Plan schwanger gehe.
+Die Art, wie ich nunmehr ein solches Werk ausführen würde,
+dürfte es zu einem nützlichen und angenehmen, vielleicht unentbehrlichen
+Buche machen. Ohne eine Bibliothek von den
+vollständigsten und kostbarsten Büchern zur Hand zu haben,
+ist an ein solches Werk nicht zu denken. Sollte es nicht
+Schade seyn, daß es nur darum unterbleiben soll, weil ich
+zu Biberach und nicht in Berlin oder an einem andern Orte
+bin, wo eine öffentliche Büchersammlung mir die Folianten
+und Quartanten darbietet, die man bei einer solchen Arbeit
+alle Augenblicke zum Nachschlagen braucht?&#8220;</p>
+
+<p>Unter solchen Umständen blieb ihm kein Trost, als zu
+seinen trocknen und verdrießlichen Amtsarbeiten wieder zurückzukehren.
+Er unterzog sich diesen Arbeiten mit einer
+seltenen Ausdauer und Gewandtheit, die jedoch keine andere
+Folge für ihn hatte, als daß seine erprobte Thätigkeit noch
+mehr und fast übermäßig in Anspruch genommen ward. Oft
+<a class="pgnum" id="page-34" title="Seite 34"></a>fand ihn die Mitternacht noch an seinem Schreibtisch, wo
+er den Concipienten und den Copisten in Einer Person vorstellen
+mußte, als sich die Arbeiten häuften. Dies war vorzüglich
+1764 der Fall, wo der früher erwähnte Proceß durch
+zwei kaiserliche Commissarien, die aus Wien nach Biberach
+gekommen waren, gütlich ausgeglichen ward.</p>
+
+<p>Den Gedanken an eine eheliche Verbindung mit Julie
+Bondeli hatte Wieland aufgegeben. Beide schienen sich in
+dem, was sie eigentlich für einander fühlten, getäuscht zu
+haben. In ihrem Verhältnisse war eine Spannung eingetreten,
+welche Juliens Eifersucht veranlaßt, und Wielands
+Reizbarkeit bis zu einem so hohen Grade gesteigert hatte, daß
+ein völliger Bruch fast unvermeidlich schien. In einem
+Briefe an Zimmermann rechtfertigte sich Wieland gegen allerlei
+Beschuldigungen, die, wie er äußerte, &#8222;nur durch Niedrigkeit
+und Bosheit ihm hätten angedichtet werden können.&#8220;
+Ungeachtet mancher sehr leidenschaftlicher Aeußerungen, die
+ihm sein Unmuth über Juliens Benehmen eingab, blickte
+doch auch wieder das Gefühl noch nicht ganz erloschener
+Zärtlichkeit aus mehreren Stellen seines Briefes hervor.
+Entschlossen äußerte er jedoch am Schlusse seines Schreibens:
+&#8222;Ich werde allein bleiben, und so lange es Gott gefällt, ein
+Leben fortschleppen, das bei einer ununterbrochenen Folge
+von Unannehmlichkeiten, ohne Beimischung eines wahren
+Vergnügens, kurz genug seyn wird.&#8220;</p>
+
+<p>Eine ruhige Ueberlegung mußte ihm sagen, daß es ein
+bedenklicher Schritt sei, in seiner damaligen Lage sich zu
+verheirathen. Ungeschwächt erhielt sich jedoch Zeitlebens ein
+<a class="pgnum" id="page-35" title="Seite 35"></a>herzliches Freundschaftsverhältniß zwischen Wieland und Julie
+Bondeli. &#8222;Den Beweis einer höhern für ihn sorgenden
+Vorsehung&#8220; glaubte Wieland, nach seiner eignen Aeußerung,
+in dem Zusammentreffen mannigfacher Umstände zu finden, die
+für sein Lebensschicksal entscheidend wurden. In dem kaum eine
+Stunde von Biberach entfernten Marktflecken Warthausen lernte
+Wieland den Grafen von Stadion kennen, in dessen nächster
+Umgebung er den Churmainzischen Hofrath de la Roche, den
+Gatten seiner geliebten Sophie fand. Nach einem Raum von
+zehn Jahren begegnete ihm auf seinem Lebenswege seine ehemalige
+Braut, die ihm nun mit der innigsten herzlichsten
+Freundschaft entgegenkam. Ein gleicher Empfang ward ihm
+auch von ihrem Gatten zu Theil, einem vielseitig gebildeten
+Manne, der sich in seinen &#8222;Briefen über das Mönchswesen&#8220;,
+auch als Schriftsteller von einer beachtenswerthen Seite gezeigt
+hatte. Wielands Charakter gereichte es zur Ehre, daß
+er in mehreren Briefen unpartheiisch die Verdienste eines
+Mannes anerkannte, der ihm seine Geliebte entrissen hatte.</p>
+
+<p>Zu dem geselligen Kreise, in welchen Wieland eingetreten
+war, gehörten, außer den bereits genannten Personen,
+des Grafen Stadion älteste Tochter, eine Gräfin v. Schall
+und deren Schwester, eine Stiftsdame in Buchau. Sehr
+wohl fühlte sich Wieland, wenn er von Biberach, wo er
+durchaus keine angemessene Gesellschaft fand, nach Warthausen
+eilte, um dort einige Tage zuzubringen. Für Geist und
+Herz fand er in seinen neuen Umgebungen volle Befriedigung.
+Fleißig benutzte er die an literarischen Schätzen reiche Bibliothek
+des Grafen Stadion. Hatte Wieland den Morgen sich
+<a class="pgnum" id="page-36" title="Seite 36"></a>mit dieser Büchersammlung beschäftigt, so unternahm er einen
+Spaziergang durch die reizende Umgegend, bis ihn die
+Tafel zu einem köstlichen Mahle einlud. Lesen und Gespräche
+der verschiedensten Art verkürzten ihm den übrigen
+Theil des Tages, welchen Abends gewöhnlich eine musikalische
+Unterhaltung beschloß.</p>
+
+<p>Was Wieland jenem Kreise besonders verdankte, war
+die Erweiterung seiner Welt- und Menschenkenntniß, die
+durch sein zurückgezogenes Leben in Biberach, wo er den
+größten Theil des Tages an seinen Actentisch gefesselt war,
+nicht sonderlich hatte gefördert werden können. Der feine
+Weltton trat ihm in dem Umgange mit geistreichen Männern
+und liebenswürdigen Frauen überall entgegen, zu einer
+Zeit, wo er in das praktische Leben eingetreten und zu der
+Ueberzeugung gekommen war, daß er, von den Träumen seiner
+Phantasie befangen, sich die Wirklichkeit ganz anders
+gedacht, als er sie jetzt fand.</p>
+
+<p>Nach jenem freundlichen Asyl zog ihn aber auch seine
+Jugendgeliebte, die sich noch immer den frühern Platz in
+seinem Herzen bewahrt zu haben schien. Reizbar und für
+Liebe empfänglich, mochte es ihm manchen Kampf kosten,
+das äußerst zarte Verhältniß zu Sophien in der Reinheit
+zu bewahren, wie es sich, glaubwürdigen Zeugnissen zufolge,
+fortwährend erhielt. Wieland war sogar fähig, mit seiner
+Liebe und über sie zu scherzen, was er unter andern in einem
+Briefe that, in welchem er mit der feinsten, gegen sich selbst gerichteten
+Ironie, Sophien eine Art von Liebeserklärung machte.
+In einem freundschaftlichen Verhältnisse stand er mit ihrem
+<a class="pgnum" id="page-37" title="Seite 37"></a>Gatten, der sich, ohne die merkwürdige Veränderung, die
+in Wielands ganzem Wesen vorgegangen war, schwerlich so
+innig an ihn angeschlossen haben würde. In einem damaligen
+Briefe gestand Wieland, daß er nichts von dem mehr
+sei, was er gewesen, &#8222;weder Enthusiast, noch Hexametrist,
+noch Ascet, Prophet und Mystiker. Seit geraumer Zeit
+sei er von alle dem zurückgekommen, und befände sich ganz
+natürlich auf dem Punkte, von dem er vor zehn Jahren
+ausgegangen.&#8220;</p>
+
+<p>An seinen Freund Zimmermann schrieb Wieland darüber:
+&#8222;Was am meisten dazu beigetragen hat, diese Verwandlung,
+oder, wenn Sie wollen, diese Herstellung meiner ursprünglichen
+Gestalt, woraus die Magie des Enthusiasmus mich verdrängt
+hatte, zu bewirken, das war hauptsächlich die Unzahl von
+Misgeschick, Noth und Plagen, die mich seit der Rückkehr
+in mein Vaterland verfolgte. Da fühlte ich das Nichts
+all' der großen Worte, all' der glänzenden Phantome, die
+in einer süßen Einsamkeit oder an der Seite einer Gyon oder
+Rowe so verführerische Reize haben für ein empfindsames
+Herz, wie das meinige, und für eine Einbildungskraft, die
+um so thätiger war, da sie mich für alles, was den Sinnen
+abging, entschädigen mußte.&#8220;</p>
+
+<p>Zu einer heitern und ruhigen Gemüthsstimmung konnte
+gleichwohl Wieland noch immer nicht gelangen, seit er, wie
+er sich in einem seiner Briefe darüber ausdrückte, &#8222;aus den
+Wolken auf die Erde herabgestiegen&#8220; oder mit andern Worten
+seine idealen Träume mit der rauhen Wirklichkeit vertauscht
+hatte. Seine Lage, seine Geschäfte waren geeignet,
+<a class="pgnum" id="page-38" title="Seite 38"></a>seinen Unmuth zu nähren und zu steigern. Vergebens suchte
+er Trost in dem Studium der Philosophie, das ihn damals
+ernsthaft beschäftigte. Er wandte sich wieder zu poetischen
+Schöpfungen, und entwarf zu einer Zeit, wo seine Verstimmung
+den höchsten Grad erreicht zu haben schien, den Plan
+zu seinem Roman &#8222;Agathon.&#8220; Die Vollendung dieses Werks
+erfreute ihn, weil er dadurch zu der Ueberzeugung gelangte,
+daß die Schwungkraft seines Geistes noch nicht so gelähmt
+wäre, als er geglaubt hatte. Die erste Idee zu seinem Roman
+hatte ihm der &#8222;Ion&#8220; des Euripides gegeben. Aber
+Wieland hatte in seinem Helden sich selbst geschildert, nicht
+blos dem Charakter, sondern auch den Hauptsituationen
+und dem ganzen Streben nach. Mit Grund konnte er daher
+in einem seiner Briefe behaupten: &#8222;Agathon sei eine
+wirkliche Person, die er vor allen am genauesten kenne.&#8220;
+Nur die Nebenumstände hatte er erfunden. Agathon's Seelengeschichte
+war im Wesentlichen Wielands eigene, und
+eine der treuesten Selbstschilderungen.</p>
+
+<p>Noch ehe die vier Theile des &#8222;Agathon&#8220; vollständig erschienen,
+hatte Wieland einen andern Roman, den &#8222;Don
+Sylvio von Rosalva&#8220; herausgegeben. Nach seinem eignen
+Geständnisse war die Beschäftigung mit diesem satyrischen
+Roman das einzige Mittel gewesen, ihn zu erheitern zu
+einer Zeit, wo Mißgeschick, Plagen und schmerzliche Empfindungen
+von allen Seiten auf ihn eingedrungen waren.
+Durch die Schilderung ergötzlicher Thorheiten suchte Wieland
+das Gefühl seiner Uebel zu mildern und abzustumpfen. Cervantes
+war damals sein Lieblingsschriftsteller. Durch das
+<a class="pgnum" id="page-39" title="Seite 39"></a>wiederholte Lesen des &#8222;Don Quixote&#8220; kam ihm die Idee,
+nach jenem Muster die herrschenden Modethorheiten zu verspotten,
+und besonders dem Aberglauben einen tödtlichen
+Stoß zu versetzen.</p>
+
+<p>Eine seiner wichtigen literarischen Arbeiten war die
+von ihm unternommene Uebersetzung Shakspeares. Sie erschien
+in den Jahren 1762&ndash;1768 zu Zürich in acht Octavbänden.
+Schon während seines dortigen Aufenthalts hatte
+Wieland den großen brittischen Dichter näher kennen gelernt.
+Die Bibliothek des Grafen Stadion in Warthausen bot ihm
+die Hülfsmittel dar, jenen Dichter auch in Deutschland,
+wo man ihn bisher noch wenig kannte, durch eine Uebersetzung
+einzuführen. Es war ein kühnes Unternehmen, dessen Wichtigkeit
+er wohl nicht ganz erwogen haben mochte, als er nach
+seinen Aeußerungen in der Vorrede zu seiner Uebersetzung &#8222;jene
+Arbeit mitten unter allen Arten von Geschäften und Zerstreuungen
+fortsetzen zu können glaubte.&#8220; Für Wielands Geist
+war diese Beschäftigung von dem günstigsten Einfluß. Mit
+gereifterer Weltanschauung, die ihm durch den großen Britten
+geworden war, neigte er sich immer mehr zur romantischen
+Poesie. In Shakspeare's Humor glaubte er den Hauptgrund
+zu finden, weshalb dieser Schriftsteller, ungeachtet Sprache,
+Sitten und Geschmack seit der Zeit, in der er lebte, sich
+wesentlich verändert, doch noch immer unter seinen Landsleuten
+den Reiz der Neuheit behalten habe und für sie noch
+immer weit anziehender sei, &#8222;als alle neuern Schriftsteller,
+die nach französischen Modellen gearbeitet hätten.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-40" title="Seite 40"></a>Die durch Shakspeare zuerst in Wieland geweckte Vorliebe
+für das Humoristische erhielt neue Nahrung durch einen
+andern englischen Autor. Es war Sterne oder Yorik, wie
+er sich auf dem Titel einiger seiner Schriften nannte. Fast noch
+von keinem Werke war Wieland so ergriffen worden, als von
+dem unter dem Titel: &#8222;Tristram Shandy's Leben und Meinungen&#8220;
+damals erschienenen Roman jenes Schriftstellers.
+Noch in spätern Jahren war Wieland unerschöpflich im Lobe
+jenes Werks.</p>
+
+<p>Seine äußern Lebensverhältnisse hatten sich allmälig
+günstiger gestaltet. 1764 war er zum wirklichen Kanzleidirector
+ernannt worden. Mannigfachen Verdrießlichkeiten
+und lästigen Arbeiten überhoben, schien seine Existenz im
+Wesentlichen mehr gesichert zu seyn, als früher. Wie er
+sein Verhältniß als Stadtschreiber in Biberach betrachtete,
+schilderte er in einem Briefe an den Buchhändler Geßner in
+Zürich, dem er zugleich meldete, daß er nicht abgeneigt sei,
+sich nächstens zu verheirathen.</p>
+
+<p>&#8222;Ich habe nun,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;auf all' mein Lebelang
+ein zwar ziemlich mühseliges, aber doch einträgliches
+und honorables Amt &mdash; ein Umstand, der allezeit die Basis
+von meiner Ruhe ausmacht, und mich über die niederschlagenden
+Nahrungssorgen hinwegsetzt. Nun geht mir von den
+Bedürfnissen des menschlichen Lebens nichts ab, als ein
+Weib, und da ich durch den Tod meines Bruders die Ehre
+habe, der Einzige von meiner Familie zu seyn, so werde ich
+von meinen lieben alten Eltern über diesen Punkt so sehr in
+die Enge getrieben, daß ich bald genöthigt seyn werde, in
+<a class="pgnum" id="page-41" title="Seite 41"></a>die ganze Welt um ein Weib auszuschreiben. Hier findet
+sich keine für mich, denn ich sollte eine hübsche, gescheidte,
+muntere, und wo möglich eine reiche Frau haben, und die
+drei oder vier Jungfrauen, welche hier, Standes halber, ein
+Recht an mich haben könnten, sind nicht für mich. Ich
+wollte, daß sich in den dreizehn hochlöblichen Kantonen ein
+artiges Mädchen fände, das so viel christliche Liebe hätte,
+einen ehrlichen Biberachschen Kanzleidirector, der ganz hübsche
+Verse macht, von seinem Amt ungefähr tausend Gulden
+Einkünfte und die zärtlichste Seele von der Welt hat, glücklich
+zu machen. Wenn Sie ein solches Mädchen wissen, lieber
+Freund, so recommandiren Sie mich, ich bitte gar schön.&#8220;</p>
+
+<p>Am 7. November 1765 meldete Wieland seine Vermählung.
+&#8222;Ich habe,&#8220; schrieb er, &#8222;ein Weib genommen, oder
+eigentlicher zu reden, ein Weibchen: denn es ist ein kleines,
+wiewohl in meinen Augen ganz artiges, liebenswürdiges
+Geschöpf, das ich mir, ich weiß selbst nicht recht wie, von
+meinen Eltern und guten Freunden habe beilegen lassen.&#8220;
+Wieland berichtete zugleich: seine Frau stamme aus einem
+Augsburger Kaufmannshause, das unter dem Namen Jakob
+Hillebrandt's selige Erben der merkantilischen Welt
+nicht unbekannt sei.<del>&#8220;</del> &#8222;Meine Frau,&#8220; schrieb Wieland,
+&#8222;hat wenig oder nichts von schimmernden Eigenschaften,
+auf welche ich, vermuthlich, weil ich Anlässe gehabt habe,
+ihrer satt zu werden, bei der Wahl einer Gattin nicht gesehen
+habe. Sie ist, mit Haller zu reden, gewählt für mein
+Herz, und meinen Wünschen gleich &mdash; ein unschuldiges, von
+der Welt unangetastetes, sanftes, fröhliches, gefälliges
+<a class="pgnum" id="page-42" title="Seite 42"></a>Geschöpf, nicht so gar hübsch, aber doch hübsch genug für
+einen ehrlichen Mann, der gern eine Frau für sich selbst
+hat &mdash; eine Prätension, welche man bei den großen Schönheiten
+vergebens macht.&#8220;</p>
+
+<p>Mehrere seiner damaligen Briefe schilderten, wie glücklich
+sich Wieland nach seiner Verheirathung fühlte. Sehr
+richtig hatte er sich beurtheilt, als er meinte: &#8222;wenn er sich
+nur erst in seinem neuen Stande werde zurecht gesetzt haben,
+so sollten hoffentlich die Musen, falls sie anders jemals
+einen Antheil an den Geburten seines Gehirns gehabt, nichts
+dabei verlieren.&#8220; Durch manche lästige Amtsarbeiten ward
+ihm die Poesie verleidet. Immer jedoch kehrte er mit erneuter
+Liebe wieder zu ihr zurück. Mehrere seiner damaligen
+literarischen Erzeugnisse entstanden auf dem Rathhause, in
+der Kanzleistube, mitten unter dem Andrang der lästigsten
+und trockensten Amtsgeschäfte. Die Fruchtbarkeit seines
+Geistes war nie größer gewesen, als in dieser Periode seines
+Lebens. Außer der Vollendung des &#8222;Agathon&#8220; schrieb Wieland
+damals seine &#8222;Komischen Erzählungen&#8220; (das Urtheil
+des Paris, Endymion, Juno und Ganymed, Aurora und
+Cephalus). 1768 erschien sein Gedicht &#8222;Musarion&#8220;, zwei
+Jahre später &#8222;Idris und Zenide&#8220;; hierauf die erste Hälfte
+des &#8222;Neuen Amadis&#8220; und ein Theil des Gedichts: &#8222;die
+Grazien.&#8220; In einem Briefe an Geßner gestand Wieland:
+&#8222;der poetische Taumelgeist habe ihn so mächtig ergriffen,
+daß er seine Mußestunden nicht besser auszufüllen wisse,
+als mit Reimen.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-43" title="Seite 43"></a>Zu manchen poetischen Entwürfen, mit denen sich Wieland
+beschäftigte, gehörte die bald wieder aufgegebene Idee,
+Alexander den Großen zum Helden eines epischen Gedichts
+zu wählen. Länger verweilte er bei dem Entwurf eines Gedichts,
+welches unter dem Titel &#8222;Psyche&#8220; die reinste Blüthe
+der wahren Philosophie und zugleich eine &#8222;kritische Naturgeschichte
+unsrer Seele&#8220; enthalten sollte. Gegen den ihm gemachten
+Vorwurf, in mehreren seiner Gedichte einen zu muthwilligen,
+sarkastischen Ton angestimmt zu haben, suchte sich
+Wieland zu rechtfertigen. &#8222;Ich gestehe&#8220;, schrieb er, &#8222;die
+Ironie ist meine Lieblingsfigur, und ich schmeichle mir, einiges
+Talent dafür zu haben. Freilich ist's ein ziemlich gefährliches
+Talent; zum Glück aber hat mich die Natur mit
+einem guten und redlichen Herzen begabt. Mein Menschenhaß
+ist nur gemacht. Ich liebe von Natur die Menschheit
+und die Menschen, und wenn ich auch über die Gebrechen
+der Einen, und die Schwachheiten der Andern spotte,
+so geschieht's in der Regel freundlich und in der Absicht,
+ihnen scherzend heilsame Wahrheiten zu sagen, die man zuweilen
+geradezu nicht zu sagen pflegt.&#8220;</p>
+
+<p>Große Sensation erregte die Keckheit, womit Wieland
+den Platonismus in der Liebe, dem er früher gehuldigt hatte,
+mit allen Waffen des Witzes bekämpfte. Die Stimme der
+öffentlichen Kritik warnte vor der Tendenz seiner Schriften,
+weil sie ein Gift enthielten, das, je süßer, um so gefährlicher
+sei. Mit Bedauern sprach man von dem Mißbrauch
+seiner großen und seltenen Talente, und ging selbst so weit,
+ihn als einen Dichter zu bezeichnen, der die Liebe von der
+<a class="pgnum" id="page-44" title="Seite 44"></a>Wollust gar nicht mehr zu unterscheiden scheine. Wieland's
+&#8222;Agathon&#8220; war in Zürich verboten worden. Für den &#8222;Don
+Sylvio von Rosalva&#8220; hatte er in Ulm einen Verleger suchen
+müssen. Am härtesten lauteten die ziemlich übereinstimmenden
+Urtheile über Wielands &#8222;Komische Erzählungen.&#8220;</p>
+
+<p>Fast noch schmerzlicher, als die öffentliche Mißbilligung
+seiner Schriften, war für Wieland der Gedanke, in der guten
+Meinung seiner Freunde gesunken zu seyn. Er, der einst
+so warm der Tugend und Religion das Wort geredet hatte,
+schien jetzt ein Epikuräer und Skeptiker. Von dem Dichter
+schloß man zurück auf den Menschen. Seine wärmsten
+Freunde, unter andern Zimmermann, schienen den nachtheiligen
+Gerüchten, die sich über Wielands sittlichen Wandel
+verbreiteten, nicht allen Glauben zu versagen. In einem
+Briefe an Julie Bondeli rechtfertigte sich Wieland gegen die
+ihn getroffenen Beschuldigungen. &#8222;Ich war&#8220;, schrieb er,
+&#8222;ehemals Enthusiast in Ansehung der Religion, der Metaphysik
+und Moral, und ich war es ganz aufrichtig. So war
+damals meine Art zu seyn, oder das Resultat von hunderttausend
+physischen und moralischen Ursachen. Hab' ich nun
+aber auch in Einem Sinne aufgehört, Enthusiast zu seyn,
+so bin ich doch nicht weniger ein Freund der Wahrheit, und
+finde die Tugend nicht weniger liebenswürdig, wenn ich
+gleich nicht mehr an die Präexistenz der Seele glaube, und
+beim Bilde eines rosenfarbnen Seraphs mit Flügeln von
+Gold und Azur nicht mehr verzückt werde. Solche erkünstelte
+Speculationen sind nichts als Stelzen, auf denen die menschliche
+Eitelkeit gern einherschreitet, angenehme Hirngespinste,
+<a class="pgnum" id="page-45" title="Seite 45"></a>woran wollüstige Seelen sich ergötzen. Ich mußte entweder
+meinen Platonismus reformiren, oder eine Einsiedelei in Tyrol
+aufsuchen, um da zu leben. Die Erfahrung hat mir einen Wahn
+nach dem andern genommen, und endlich kam ich in's Gleichgewicht.
+Ich hoffe, Sie zu überzeugen, daß ich stets, selbst bei
+meinen Fehlern, den Charakter eines Biedermannes behauptet
+habe. Für ein Tugendmuster hab' ich mich nie gehalten.
+Man wird finden, daß mein Geist zwar zuweilen thöricht,
+mein Herz aber immer gut war. Man hält mich für einen
+Libertin, und giebt mir eine Menge Maitressen. Die Wahrheit
+ist, daß ich in freund- und verwandtschaftlichen Verhältnissen
+mit zwei oder drei Damen stehe, die nicht ihrer
+Gestalt, sondern ihrer Verdienste wegen, Achtung verdienen,
+und daß ich einige flüchtige Neigungen für junge Personen
+gehabt habe, die ich heirathen sollte, ich weiß nicht warum.
+Alle meine Liebschaften &mdash; und ich habe deren seit meinem
+siebzehnten Jahre wenigstens ein volles Dutzend gehabt, &mdash; haben
+mir große Pein verursacht. Sie waren alle von der Art,
+die man <span class="antiqua" lang="en">passions</span> nennt; alle meine Geliebten waren Göttinnen,
+die ich anbetete, und ich habe wohl einigemal die platonische
+Liebe bis zu einem Heroismus getrieben, dessen ich
+mich nicht mehr fähig fühle. Vergesse man doch endlich diese
+moralischen Donquiroterien meiner Jugend! Wenn sich ernste
+und strenge Personen verwundern, mich als den Verfasser
+meiner neuen Werke zu sehen, so bin ich zu beklagen; sie
+können mich schelten, aber sie sollen nicht so weit gehen,
+deshalb nachtheilig zu denken von meinen Sitten und von
+meinem Charakter.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-46" title="Seite 46"></a>Mit dem innern Bewußtsein der moralischen Reinheit
+seiner Gefühle mußte sich Wieland trösten, als ihn der
+grundlose Verdacht traf, der Unmäßigkeit und Wollust ergeben
+zu seyn. War ihm auch der Platonismus in der Liebe verdächtig
+geworden, so konnte er doch für keinen Epikuräer im
+schlimmsten Sinne des Worts gelten. Daß er in seinen
+neuen poetischen Werken der Sinnlichkeit das Wort zu reden
+schien, war ein bloßes Spiel seiner Phantasie. Er dachte
+sich nichts Arges bei den ihm zur Last gelegten Schilderungen,
+die ihm unter beschwerlichen Amtsgeschäften Trost und Erheitrung
+gewährten. Keinen unwesentlichen Antheil an der
+Tendenz seiner damaligen Producte hatte auch die Wahl
+seiner Lectüre. Lucian, Horaz, Cervantes, Ariost und besonders
+Sterne, waren seine Lieblingsschriftsteller.</p>
+
+<p>An der Seite seiner Gattin Dorothea Hillenbrandt fühlte
+Wieland sich sehr glücklich, obgleich sie, seinem eignen Geständniß
+nach, keine &#8222;Musarion&#8220; war. In einem Raum
+von funfzehn Jahren hatte er so manche Erfahrungen in der
+Liebe gemacht, daß er sie wohl im Stillen einer Musterung
+für werth hielt. Schon in früherer Zeit hatte Wieland den
+Plan entworfen, eine &#8222;philosophische Geschichte der Liebe&#8220; zu
+schreiben. Dieser Plan blieb unausgeführt; aber er bot ihm
+den Stoff zu seinem Gedicht &#8222;Idris und Zenide,&#8220; in welchem
+er beabsichtigte, die verschiedenen Arten der Liebe gegen
+einander in Contrast zu stellen, und zu diesem Behuf verschiedene
+Charaktere in eigentümlichen Situationen sich entwickeln
+zu lassen. Im Wesentlichen unverändert kehrte die
+Idee, die dem erwähnten Gedicht Wielands zu Grunde lag,
+<a class="pgnum" id="page-47" title="Seite 47"></a>in seinem &#8222;Neuen Amadis&#8220; wieder, mit dem er sich gleichzeitig
+beschäftigte. Ariost's rasender Roland war sein Vorbild.
+Den Sieg der Natur über die Schwärmerei, der Wahrheit
+über die Heuchelei zu verherrlichen, war nach Wielands
+eignen Worten die Aufgabe, die er sich bei seinem &#8222;Neuen
+Amadis&#8220; stellte. Von dem Muster, das ihm bei diesem
+Gedicht vorgeschwebt hatte, entfernte er sich in seinen
+&#8222;Grazien.&#8220; Nach seinen eignen Aeußerungen wollte er in
+diesem Gedicht &#8222;den Uebergang des Menschen aus dem Naturstande
+zur Stufe einer verfeinerten Bildung&#8220; schildern.</p>
+
+<p>Von dem Eindruck, den seine Schriften auf das Publikum
+machten, erfuhr Niemand weniger, als Wieland selbst.
+Aus den öffentlichen Kritiken, die oft parteiisch und befangen
+waren, konnte er jenen Eindruck nicht kennen lernen. Es
+lag aber auch in seinen Verhältnissen, daß er überhaupt mit
+dem Gange der Literatur unbekannt blieb. Die meiste Zeit
+brachte er in der Kanzlei, in den Rathssessionen und an seinem
+Actentisch zu, ohne am Abend eine andere Gesellschaft
+zu finden, als an einem Kartentisch oder in häuslichen Cirkeln,
+wo er seine Literaturkenntniß eben nicht sonderlich erweitern
+konnte. Durch Gewohnheit fühlte er sich nicht unbehaglich
+in diesem einförmigen Lebenskreise, und aus seiner
+scheinbaren Verstimmung blickte oft ein unverwüstlicher Humor
+hervor. &#8222;Wenn ich,&#8220; schrieb er, &#8222;auch zuweilen schwermüthig
+werde, und mit dem Strumpfband in der Hand mich
+nach einem tauglichen Nagel umzusehen anfange, so besinne
+ich mich doch allemal so lange, bis wieder nichts daraus
+wird &mdash; ein überzeugender Beweis, daß ich noch etwas in
+<a class="pgnum" id="page-48" title="Seite 48"></a>meinem Zustande finde, das der Versuchung, mich aufzuhängen,
+wenigstens das Gleichgewicht hält.&#8220;</p>
+
+<p>Diese Zeilen hatte Wieland noch vor seiner Verheirathung
+geschrieben. Seine sehr glückliche Ehe zeigte ihm auch
+seine Amtsverhältnisse, so bitter er sich auch oft darüber
+beklagt hatte, in einem minder ungünstigen Lichte. In einem
+seiner damaligen Briefe bat er einen Freund, &#8222;sich die Sache
+nicht so gar gräßlich vorzustellen.&#8220; Ueber die Nachmittage,
+äußerte Wieland, könne er frei disponiren, und seine Geschäfte
+gingen ihm leicht von der Hand. &#8222;Dafür bin ich
+aber auch,&#8220; fügte er hinzu, &#8222;einer der expeditivsten Leute
+im ganzen Schwabenlande. Nur ein kleines Tusculanum
+geht mir noch ab, und bis ich erben werde (wozu in den
+nächsten zwanzig Jahren wenig Hoffnung ist) sehe ich auch
+keine Möglichkeit, eins zu bekommen. In Ermangelung dessen
+habe ich ganz nahe an der Stadt, aber doch in einem
+etwas einsamen Orte, ein artiges Gartenhaus gemiethet, wo
+ich die angenehmste Landaussicht von der Welt habe, und,
+so nahe es meinem Hause in der Stadt ist, doch völlig auf
+dem Lande bin. Hier bringe ich im Sommer meine meisten
+müssigen Stunden zu, <span class="antiqua" lang="la">solus cum sola,</span> oder ganz allein mit
+den Musen, Faunen und Grasnymphen, deren ich von Zeit
+zu Zeit einige im Gesicht habe, welche auch den enthaltsamsten
+Einsiedler unversucht lassen würden. Ich rieche den
+lieblich erfrischenden Geruch des Heu's, ich sehe schneiden
+und Flachs bereiten. Auf der einen Seite erinnert mich aus
+der Ferne der Kirchhof, wo die Gebeine meiner Voreltern
+liegen, daß ich leben soll, so lange und gut ich kann; auf
+<a class="pgnum" id="page-49" title="Seite 49"></a>der andern Seite lockt mir ein durch Gebüsche halb verdeckter
+Galgen fernher den Wunsch ab, daß ein halb Dutzend
+Schurken, die ich ganz trotzig <span class="antiqua" lang="fr">tète levée</span> herumgehen sehe,
+daran hängen möchten. Ich sehe Mühlen, Dörfer, einzelne
+Höfe, ein langes angenehmes Thal, das sich mit einem zwischen
+Bäumen hervorragenden Dorfe mit einem schönen
+schneeweißen Kirchthurm endet, und über demselben eine
+Reihe ferner blauer Berge. Das zusammen macht eine Aussicht,
+über der ich alles, was mir unangenehm seyn kann,
+vergesse, und, mit diesem Prospect vor mir, sitze ich an einem
+kleinen Tisch, und &mdash; reime.&#8220;</p>
+
+<p>Wegen seiner Zukunft, wenn sich sein Blick dahin verirrte,
+konnte Wieland unbesorgt seyn. Durch Pünktlichkeit
+und unermüdete Berufstreue hatte er sich die Achtung und
+das Vertrauen seiner Obern erworben. Seine ökonomischen
+Verhältnisse überhoben ihn der Sorgen. Noch nie hatte sich
+der Wunsch in ihm geregt, seine Lage mit einer andern zu
+vertauschen. Er wußte es daher anfangs seinen Freunden
+wenig Dank, als sie ihm eine andere Stellung zu verschaffen
+suchten, die, wie sie glaubten, mit seinen Fähigkeiten und
+Neigungen mehr harmonirte.</p>
+
+<p>Eine flüchtig hingeworfene Aeußerung Wielands, daß er
+nicht abgeneigt wäre, ein akademisches Lehramt zu bekleiden,
+hatte in dem Churmainzischen Minister v. Großschlag, der
+ihn in Warthausen kennen gelernt, die Idee geweckt, ihn
+nach Erfurt zu ziehen. Wieland schwankte eine Zeit lang,
+ob er dem an ihn ergangenen Rufe folgen sollte. Zufrieden
+mit seinen bisherigen Verhältnissen, fesselten ihn Familienverhältnisse,
+<a class="pgnum" id="page-50" title="Seite 50"></a>Eltern und Schwiegereltern an seine Vaterstadt
+Biberach. Er fürchtete außerdem von seiner neuen Lage
+manche Unannehmlichkeiten. Die Promotion war das Erste,
+was er zu umgehen wünschte. Magister zu werden, meinte
+Wieland, werde sich für ihn um so weniger schicken, da er
+&#8222;die Ehre habe, <span class="antiqua" lang="la">Comes Palatii Caesarei</span> zu seyn, und vermöge
+seines Diploms selbst fähig sei, Meister der freien Künste zu
+creiren.&#8220; Manche dieser Hindernisse räumte Wielands Freund,
+der Professor Riedel in Erfurt, hinweg. Was ihn hauptsächlich
+bestimmte, den Ruf nach Erfurt anzunehmen, war
+die Vorstellung, daß er dort die ersehnte Muße zu literarischen
+Arbeiten zu erlangen hoffte. Das Schreiben, in welchem
+ihm eine Professur der Philosophie mit dem Charakter
+eines Churfürstl. Mainzischen Regierungsraths und einem
+Gehalt von 600 Rthlrn. zugesichert worden war, enthielt
+zugleich die schmeichelhafte Aeußerung, daß sein Name das
+Hauptmotiv gewesen wäre, ihn nach Erfurt zu ziehen. Man
+sei, hieß es ausdrücklich in jenem Schreiben, &#8222;schon zufrieden,
+wenn er nur komme, sollte er auch gleich nichts anderes
+thun, als da seyn und machen, was ihm selbst gefalle.&#8220; Diese
+Aussicht einer unbeschränkten literarischen Thätigkeit hatte
+so viel Lockendes für Wieland, daß er sich entschloß, den
+Ruf nach Erfurt anzunehmen, und der Magisterpromotion
+sich zu unterwerfen, so manches er auch, wie vorhin erwähnt,
+dagegen einzuwenden gehabt hatte.</p>
+
+<p>In der letzten Zeit seines Aufenthalts in Biberach beschäftigten
+ihn mancherlei schriftstellerische Pläne, die er in
+Erfurt zu realisiren hoffte. Er wollte unter andern &#8222;Briefe
+<a class="pgnum" id="page-51" title="Seite 51"></a>über die Literatur&#8220; schreiben, und sie &#8222;in kleinen Bändchen
+in die Welt fliegen lassen.&#8220; Die Muße, welche ihm seine
+Kanzleigeschäfte irgend gönnten, benutzte er zu einer Revision
+seiner poetischen Schriften, die damals neu gedruckt
+werden sollten. Längst zerfallen mit seinem früheren Freunde
+Bodmer, der sogar Spottgedichte gegen ihn gerichtet hatte,
+folgte Wieland, der schönen Vergangenheit sich dankbar erinnernd,
+nur den Eingebungen seines Herzens, als er jene
+Sammlung &#8222;seinen alten und ehrwürdigen Freunden, dem
+Herrn Kanonikus Breitinger und dem Herrn Professor Bodmer&#8220;
+mit einer für beide sehr schmeichelhaften Dedication
+widmete.</p>
+
+<p>Am 1. Juni 1769 kam Wieland in Erfurt an, durch
+Hitze, Staub und andere Unannehmlichkeiten der Reise so
+gänzlich erschöpft, daß er, seinen eignen Aeußerungen nach,
+&#8222;einem Ritter von der traurigen Gestalt um einen großen Theil
+ähnlicher sah, als einem der sieben Weisen.&#8220; Das Schicksal
+hatte ihn wieder in die Stadt zurückgeführt, wo er seine
+philosophischen Studien begonnen, doch damals durchaus
+keine Neigung zu einem akademischen Lehramt in sich verspürt
+hatte. Außer seinem Freunde Riedel fand er in Erfurt
+Meusel, Chr. H. Schmid, den Verfasser einer vielgelesenen
+Theorie der Dichtkunst, den eben so berühmten als berüchtigten
+<span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Bahrdt u.A. Keiner von diesen talentvollen Köpfen
+hatte damals schon einen so festbegründeten literarischen
+Ruf, als Wieland, der von mehreren seiner Collegen schon
+deßhalb beneidet werden mochte. Vorzüglich fühlten sie sich
+verletzt durch seine Ernennung zum ersten Professor der Philosophie.
+<a class="pgnum" id="page-52" title="Seite 52"></a>Neue Nahrung erhielt ihre Mißgunst, als Wieland
+nach einem halben Jahre auch zum außerordentlichen
+Beisitzer des <span class="antiqua" lang="la">Collegii academici</span> ernannt ward.</p>
+
+<p>Auf seinen Freund, den Professor Riedel, beschränkte
+Wieland seinen Umgang. Mit den übrigen Lehrern der Erfurter
+Hochschule kam er in wenige Berührung. Den Freuden
+des geselligen Lebens, die nie besondern Reiz für ihn
+gehabt, sich in Erfurt fast gänzlich zu entziehen, ward ihm
+nicht schwer. Ersatz dafür bot ihm seine freundliche Gartenwohnung
+im Gasthofe zum Schwan, hinter dem Schottenkloster.
+Dies Asyl befriedigte in jeder Hinsicht seine mäßigen
+Wünsche. Er fühlte sich glücklich, seiner Familie, sich
+selbst und den Musen ungestörter leben zu können, als es
+seine Verhältnisse in Biberach gestattet hatten. Sein Lehramt
+eröffnete er mit Vorträgen über die Geschichte der Menschheit,
+nach einem bekannten Werke von Iselin über diesen Gegenstand.
+Späterhin hielt er Vorlesungen über die Geschichte
+der Philosophie, las über die allgemeine Theorie der schönen
+Künste, und erklärte einige Lustspiele des Aristophanes und
+die Briefe des Horaz. Auch gab er eine historisch-kritische
+Uebersicht der besten griechischen, lateinischen, italienischen,
+französischen und englischen Schriftsteller.</p>
+
+<p>Am liebenswürdigsten zeigte sich Wieland in seinem Familienkreise.
+In einem Briefe an seine Freundin Sophie
+la Roche gestand er, daß er &#8222;das Vergnügen, mit seinen
+kleinen Kindern zu spielen, allem Vergnügen der Welt vorziehe.&#8220;
+Das meinte er den Grazien zu verdanken, die überhaupt
+für ihn &#8222;sehr wesentliche Gottheiten&#8220; wären. Bei
+<a class="pgnum" id="page-53" title="Seite 53"></a>Uebersendung des unter diesem Namen von ihm verfaßten
+Gedichts, das er 1770 vollendet hatte, schrieb Wieland:
+&#8222;Die Grazien thun mir unendlich viel Gutes; sie geben
+meinen Gedichten Reiz, mir zuweilen Heiterkeit und noch
+öfter Zufriedenheit mit meinem Zustande; kurz, sie sind
+meine Schutzgöttinnen, und ich werde ihnen bis zum letzten
+Lebensaugenblicke dienen.&#8220;</p>
+
+<p>Nichts weniger als das Ideal eines Weisen, sollte der
+&#8222;Diogenes von Sinope&#8220; seyn, dessen &#8222;Dialogen&#8220; Wieland
+noch während des Sommers 1770 herausgegeben hatte. Auch
+ohne Lucians Vorliebe für diesen Sonderling, mußte schon
+für Wieland die Untersuchung Interesse haben, wie ein Mann
+wohl hätte seyn<i> können</i>, über den so seltsame und widersprechende
+Gerüchte herrschten. Seinem Helden gab Wieland
+weniger Cynismus und mehr ächte Lebensweisheit, als man
+ihm bisher gewöhnlich zugestanden hatte. Das kleine Werk,
+in welchem ernste und komische, sentimentale und satyrische
+Schilderungen abwechselten, empfahl sich besonders durch
+eine Basis von Sokratischer Philosophie.</p>
+
+<p>In einem Briefe an seine Freundin Sophie la Roche
+gestand Wieland, daß er über manche Dinge, die sich auf
+den moralischen Theil der menschlichen Natur bezögen, nicht
+mehr so denke, wie ehemals, und z.B. die Clarisse'n, die
+Carl Grandison's und ähnliche Werke nicht liebe, aus dem
+einzigen Grunde, weil sie ihm zu vollkommen wären. &#8222;Vielleicht
+habe ich Unrecht,&#8220; schrieb er; &#8222;sollte ich aber Recht
+haben, so spotte ich doch nicht über ihre Denkart. Ich halte
+vielmehr dafür, daß die Verschiedenheit der Ansichten der
+<a class="pgnum" id="page-54" title="Seite 54"></a>Dinge von der Natur herrührt, und ihr nicht weniger gemäß
+ist, als der Unterschied, den sie in den Gesichtern, in den
+Temperamenten, und in allem macht, was damit in Beziehung
+steht; und wofern die öffentliche Ruhe und das allgemeine
+Wohl nicht darunter leidet, behaupte ich, es müsse
+erlaubt seyn, daß der Eine für heilig halte, was dem Andern
+als sehr profan erscheint; daß der Eine mit<i> dem</i> sein Spiel
+treibe, was der Andere für sehr ernst und wichtig nimmt u.s.w.<ins>&#8220;</ins></p>
+
+<p>So suchte sich Wieland als humoristischer Schriftsteller,
+wofür er gelten wollte, und nach seinen Anlagen auch wohl
+gelten konnte, von den Fesseln zu befreien, die den Flug
+seines Geistes hemmten, und sich zugleich über den in seinen
+Schriften angestimmten Ton zu rechtfertigen, den die öffentliche
+Meinung mit der Würde eines Professors der Philosophie
+für nicht verträglich zu halten schien. Er äußerte sich darüber
+mit den Worten: &#8222;Man glaubt hier, die Geistesschwere,
+gewöhnlich Gravität genannt, sei eine wesentliche Eigenschaft
+eines akademischen Lehrers, und man kann oder will nicht
+sehen, daß ein Autor, der für das Publikum und für Menschen
+von Geist schreibt, nicht wie ein Schulmeister schreiben
+darf.&#8220;</p>
+
+<p>Dieser Aeußerungen ungeachtet, glaubte Wieland doch
+seinen Beruf als Professor auch in literarischer Hinsicht rechtfertigen
+zu müssen. Der Entwurf, eine &#8222;Geschichte des
+menschlichen Geistes&#8220; zu schreiben, die er dem Churfürsten
+von Mainz zueignen wollte, blieb zwar unausgeführt. Aber
+Bruchstücke einer solchen Geschichte waren gewissermaßen
+<a class="pgnum" id="page-55" title="Seite 55"></a>alle Werke Wielands, die in den Jahren 1770&ndash;1772 entstanden.
+Das Studium der Natur des Menschen ward
+sein angelegentlichstes Geschäft. In den Aufsätzen: &#8222;Was
+ist Wahrheit?&#8220; und &#8222;Welchen Zweck hat die Philosophie?&#8220;
+hatte er sich zwei wichtige Fragen vorgelegt, ohne sich jedoch
+einzubilden, daß er mit den kurzen Antworten, die er darauf
+gab, seinen Gegenstand erschöpft habe. Seinen &#8222;Betrachtungen
+über Rousseau's ursp<ins>r</ins>ünglichen Zustand des Menschen,&#8220;
+fügte Wieland, gewissermaßen als Ergänzung, einen
+Aufsatz bei: &#8222;Ueber die Behauptung, daß ungehemmte Ausbildung
+der menschlichen Gattung nachtheilig sei.&#8220; Den
+Contrast zwischen den von Rousseau geäußerten Ideen und
+der Beschaffenheit der menschlichen Natur wollte Wieland
+durch Beispiele noch anschaulicher machen. Zu diesem Behuf
+schrieb er außer einem Roman, &#8222;Koxkox oder Kikequetzel&#8220;
+betitelt, die &#8222;Reisen und Bekenntnisse des Priesters Abulfauaris.&#8220;</p>
+
+<p>Entschieden richtete sich Wielands Aufmerksamkeit damals
+auf einen Monarchen, dar mit mächtiger Hand die Fesseln
+zerbrechen zu wollen schien, welche bisher die Geistesfreiheit
+gelähmt hatten. Durch den Kaiser Joseph II. waren
+zugleich mit dem Jesuitenorden, die meisten Klöster in den
+öster<ins>r</ins>eichischen Staaten aufgehoben und dadurch die Gewalt
+des Mönchthums in mehrfacher Weise beschränkt worden.
+Damals (1773) schrieb Wieland seinen Roman: &#8222;der
+goldene Spiegel&#8220;, den er dem als dramatischen Dichter nicht
+unbekannten Kaiserl. Staatsrath v. Gebler in Wien zueignete.
+In einem seiner damaligen Briefe an seine Freundin
+<a class="pgnum" id="page-56" title="Seite 56"></a>Sophie la Roche äußerte Wieland, daß er in seinem
+Roman mit einer nicht gewöhnlichen Unerschrockenheit den
+Großen der Erde einen Spiegel vorgehalten habe, der ihnen
+wahrlich nicht schmeichle. &#8222;Seyn Sie aber deshalb ohne
+Furcht&#8220;, schrieb er. &#8222;Ich fürchte weder Bastille, noch Löwengrube,
+noch feurigen Ofen. Hab' ich auch nicht die
+Ueberzeugung, daß die Fürsten und Minister mich um
+meines Buchs willen mehr lieben werden, so bin ich doch gewiß,
+daß sie sich wohl hüten möchten, mir eine böse Miene
+darüber zu machen.&#8220;</p>
+
+<p>Ohne seine fast gänzliche Zurückgezogenheit und den anhaltendsten
+Fleiß hätte Wieland während seines dreijährigen
+Aufenthalts in Erfurt so viel als Schriftsteller nicht leisten
+können, wie er wirklich leistete. Ueberdies ward er oft unterbrochen
+in seinen literarischen Beschäftigungen theils durch
+Arbeiten, die ihm die churmainzische Regierung übertrug,
+theils durch Aufforderungen zu zweckmäßigen Vorschlägen,
+wie der Flor der Universität zu befördern seyn möchte. Unter
+diesen mannigfachen Geschäften war er nicht der Sorge
+überhoben, mit seiner Familie anständig leben zu können.
+Sein Gehalt war mäßig, und von seinen Vorlesungen, so
+zahlreich sie auch besucht wurden, hatte er wenig Gewinn.
+Auch ohne innern Trieb hätte er zur Feder greifen müssen.
+Nur von seinem anhaltenden Fleiß, nicht von der Gnade
+seines Fürsten, hoffte Wieland, nach seinen eigenen Aeußerungen,
+eine Verbesserung seiner Lage.</p>
+
+<p>Einzelne Ausflüge nach Weimar mußten ihm Ersatz bieten
+für eine größere Reise, die weder seine beschränkte Zeit,
+<a class="pgnum" id="page-57" title="Seite 57"></a>noch seine pecuniären Verhältnisse erlaubten. Als ihm einst
+in Weimar Lessings &#8222;Emilie Galotti&#8220; in die Hände fiel,
+begeisterte ihn dies Trauerspiel zu einem von Lob überströmenden
+Briefe an Lessing. &#8222;Es war,&#8220; äußerte Wieland,
+&#8222;das erste Schreiben, das ich an diesen großen Mann
+richtete.&#8220; Literärische Bekanntschaften und Verbindungen anzuknüpfen,
+und zu Verfolgung schriftstellerischer Zwecke einen
+Briefwechsel zu unterhalten, fühlte Wieland kein Bedürfniß.
+Er hatte schon so viele literärische Pläne wieder aufgeben
+müssen, weil es ihm an Zeit fehlte, sie auszuführen. Der
+Kreis von auswärtigen Freunden, mit denen er in Briefwechsel
+stand, war daher sehr beschränkt. Er schrieb an wenige,
+meistens nur an solche, die sich zuerst an ihn gewendet
+hatten. In ein engeres Freundschaftsverhältniß war er mit
+Gleim und Jacobi getreten. &#8222;Beide,&#8220; schrieb Wieland an
+Sophie la Roche, &#8222;gehören zu der kleinen Zahl der schönen
+Geister, die eine zu schöne Seele haben, um des Neides und
+der Eifersucht fähig zu seyn, und Sie wissen, daß solche zu
+den weißen Raben gehören.&#8220; Zu dem Dichter Jacobi fühlte
+sich Wieland durch eine Art von Geistesverwandtschaft hingezogen.
+Er pflegte ihn seinen<i> eigenen</i> Dichter zu nennen,
+und freute sich herzlich über seines Freundes Streben, in der
+Poesie das Ideal von Vollkommenheit zu erreichen, das vor
+seiner Seele schwebte.</p>
+
+<p>In einem Briefe Jacobi's, welchem Wieland im März
+1771 in Ehrenbreitenstein, wo er sich damals aufhielt, einen
+Besuch machte, hat sich eine Schilderung von Wielands Aeußeren
+und seiner Persönlichkeit in jener Periode seines Lebens
+<a class="pgnum" id="page-58" title="Seite 58"></a>erhalten. &#8222;Beim ersten Anblick,&#8220; schrieb Jacobi, &#8222;schien mir
+seine Physiognomie nicht sehr bedeutend. Seine Augen sind
+klein und etwas trüb, und die Menge von Blatternarben,
+womit seine Haut überdeckt ist, machen, daß seine Züge nicht
+genug hervorstechen, um sich gehörig auszeichnen zu können.
+Nichts desto weniger drückt sich in seiner ganzen Gebehrde
+das Feuer seines Geistes und der Charakter seiner Empfindungsart
+auf eine außerordentliche und eigentümliche Weise
+aus. Wenn er stark gerührt ist, geräth sein ganzer Körper,
+doch auf eine fast unmerkliche Weise, in Bewegung;
+seine Muskeln dehnen sich aus; seine Augen werden heller
+und glänzender; sein Mund öffnet sich etwas; und so bleibt
+er in einer Art von Erstarrung, bis er einige Worte ausgesprochen,
+oder seinem Freunde die Hand gedrückt hat.
+Dieser Ausdruck in Wielands Person ist so fein, daß er den
+Meisten unbemerkt bleiben muß; ich aber bin davon mehr
+als einmal bis auf das Mark erschüttert worden. Wieland
+geht schnell von einem Vorwurf zum andern über, weil er
+in einem Nu eine Reihe von Gedanken oder eine Situation
+durchschaut und empfunden hat. Bei ihm würde es Zeitverderbniß
+seyn, wenn er länger dabei verweilte.&#8220; Zu den
+Eigenschaften, die nach Jacobi's Ausdruck, &#8222;Wielands Charakter
+eben so liebens- und verehrungswürdig machten, als
+sein Genie,&#8220; rechnete Jacobi &#8222;die natürliche, schöne und
+männliche Empfindsamkeit seiner Seele; die unzerstörtere Güte
+seines Herzens; seine warme, uneigennützige, zu Neid und
+Eifersucht ihn ganz unfähig machende Liebe des Wahren und
+<a class="pgnum" id="page-59" title="Seite 59"></a>Schönen; seine ungeheuchelte Bescheidenheit und unglaubliche
+Aufrichtigkeit.&#8220;</p>
+
+<p>So innig, wie sein Freundschaftsbund mit Jacobi, ward
+keine von den Bekanntschaften, welche Wieland während eines
+damaligen Aufenthalts in Leipzig anknüpfte, wohin er
+auf kurze Zeit gereist war. Zu den Wenigen, an die er sich
+näher anschloß, gehörten Weiße und Garve, beide Gellerts
+Freunde, den er nicht mehr unter den Lebenden fand, aber
+zu nicht geringem Verdruß hören mußte, wie Jung und Alt
+sich bemühte, den gefeierten Dichter durch matte Lobgesänge
+zu verherrlichen. &#8222;Es war,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;ein entsetzliches
+Gesinge, Geplärre, Geseufze und Geheul.&#8220; Weiße's
+liebenswürdiger Charakter zog ihn an. Er gehörte zu denen,
+meinte Wieland, mit denen er sein Leben zubringen möchte.
+In Garve verehrte er den Philosophen und scharfsinnigen
+Denker. Nur in geringe Berührung kam er mit Clodius,
+der ihn durch sein Talent für den gefälligen Umgang mehr
+interessirte, als durch seine Geistesvorzüge. Eine gewisse
+Seelenverwandtschaft kettete ihn an Oeser, den er in der
+Winklerschen Gemäldegallerie kennen gelernt hatte. In einem
+seiner damaligen Briefe gestand Wieland: &#8222;Unter allen Männern,
+deren Bekanntschaft ich in Leipzig gemacht, ist Oeser
+der, den ich am meisten nach meinem Herzen gefunden habe,
+eine schöne Seele, ein vortreffliches Herz, bei aller Einfachheit
+von außen, die sich an dem wahren Genie findet.&#8220;</p>
+
+<p>Entscheidend für Wielands späteres Leben ward ein
+Ausflug nach Weimar. Durch die dort angeknüpfte Bekanntschaft
+mit dem Grafen v. Görz hatte er das Glück, der verwittweten
+<a class="pgnum" id="page-60" title="Seite 60"></a>Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar vorgestellt
+zu werden. Seine Persönlichkeit und geistreiche Unterhaltung,
+verbunden mit dem literarischen Ruf, der ihm
+voranging, machten den günstigsten Eindruck auf jene, den
+Musen befreundete Fürstin. Die Herzogin Amalia übertrug
+ihm die Erziehung des damaligen Erbprinzen und nachherigen
+Herzogs Carl August. Nicht lange zuvor hatte Wieland
+Aussichten gehabt, nach Wien gerufen zu werden. Seine
+Hoffnung gründete sich auf das ziemlich allgemein verbreitete
+Gerücht: Joseph II. beabsichtige, die vorzüglichsten Geister
+der deutschen Nation in der Hauptstadt des deutschen Reichs
+zu vereinigen. Die Hoffnung, nach Wien zu kommen, gab
+Wieland auch da noch nicht ganz auf, als er bereits die
+Stelle eines Instructors des Erbprinzen von Sachsen-Weimar
+angenommen hatte. &#8222;Ich stehe nun,&#8220; schrieb er, &#8222;in meinem
+vierzigsten Jahre, und wenn die Göttin Fortuna etwas
+für mich thun will, so ist's hohe Zeit; <span class="antiqua" lang="fr">en attendant,</span> und
+weil ich dieser Humoristin nicht sonderlich traue, bemühe ich
+mich, <span class="antiqua" lang="la">ne ipse desim mihi.&#8220;</span></p>
+
+<p>Die neuen Verhältnisse, in die er zu treten im Begriffe
+stand, überhoben ihn nicht gänzlich der Sorge für die Zukunft,
+oder eigentlicher gesagt, für seine Familie. Ihre Lage
+war unsicher; denn mit Wielands Tode erlosch die lebenslängliche
+Pension von 600 Thlrn., die ihm zugesichert worden
+war, wenn er nicht mehr Instructor des Erbprinzen
+seyn würde. Bis zu diesem Zeitpunkt, der mit dem 3. September
+1775 herannahte, bezog er einen Jahrgehalt von
+1000 Thlrn. Seine Einkünfte hatten sich nur für wenige
+<a class="pgnum" id="page-61" title="Seite 61"></a>Jahre verbessert. Durch seine Anstellung als Prinzenerzieher
+sah er jedoch einen früh gehegten Lieblingswunsch erfüllt,
+mit dem er sich schon während seines Aufenthalts in der
+Schweiz oft lebhaft beschäftigt hatte.</p>
+
+<p>Dem Hofleben konnte Wieland, wenigstens anfangs,
+keinen Geschmack abgewinnen, obgleich die Fesseln, die es
+ihm anlegte, seinem eignen Geständniß nach, nichts weniger
+als drückend waren. Etwas Erfreuliches hatte für ihn aber
+doch die Nähe einer durch Geist und Herz ausgezeichneten
+Fürstin, deren vielseitig gebildeter Geschmack sie für alles
+Große und Schöne, für Wissenschaft und Kunst im weitesten
+Sinne des Worts, empfänglich machte. Darum versammelte
+sie gern einen Kreis feingebildeter Männer und Frauen um
+sich, und jedes Talent konnte sich in ihrer Nähe um so freier
+entwickeln, da Humanität und Herablassung zu den Hauptzügen
+ihres Charakters gehörten, wodurch sie sich allgemeine
+Liebe und Verehrung erwarb. An seinen fürstlichen Zögling,
+den Erbprinzen Carl August, der durch treffliche Anlagen
+und liebenswürdige Eigenschaften zu den schönsten Hoffnungen
+berechtigte, sah sich Wieland bald durch ein Band
+wechselseitiger Zuneigung immer inniger geknüpft. Das
+Interesse für das Wahre, Gute und Schöne in seinem fürstlichen
+Zögling zu wecken und zu nähren, war die Hauptaufgabe,
+die sich Wieland bei seinem Unterricht stellte. Ein
+Zeugniß davon gab er, als er den Geburtstag des Erbprinzen
+durch eine allegorische Dichtung in dramatischer Form,
+&#8222;die Wahl des Herkules&#8220; betitelt, feierte.</p>
+
+<p>Wielands Interesse an der dramatischen Poesie ward
+<a class="pgnum" id="page-62" title="Seite 62"></a>genährt durch die Seylersche Schauspielergesellschaft, deren
+Mitglieder, zu denen der berühmte Eckhof gehörte, damals
+Vorstellungen in Weimar gaben, wo sich noch keine stehende
+Bühne befand. Weder den Dramen, noch den komischen
+Operetten, meistens französischen Mustern nachgebildet, konnte
+Wieland eigentlichen Geschmack abgewinnen, wenn er jenen
+Producten auch nicht geradezu allen Werth absprach. Eine
+größere Wirkung hoffte er von der bisher gänzlich vernachlässigten
+ernsten Oper. Schon in Erfurt hatte ihn dieser
+Gegenstand beschäftigt und ihm manche Erklärungen abgenöthigt,
+seit er seines Freundes Jacobi Cantaten und besonders
+dessen &#8222;Elysium&#8220; gelesen hatte.</p>
+
+<p>Den Beifall, den ein damals von Wieland gedichtetes
+Singspiel &#8222;Aurora&#8220; fand, als es, von Schweizer componirt,
+aufgeführt ward, ermuthigte ihn zu einem größern musikalisch-dramatischen
+Versuche. So entstand Wielands Oper
+&#8222;Alceste,&#8220; die im Mai 1773 zum ersten Mal aufgeführt
+ward. Gleichzeitig schrieb er seinen &#8222;Versuch über das Singspiel.&#8220;
+Wielands Freude über die günstige Aufnahme seiner
+&#8222;Alceste&#8220; ward vermehrt, als der berühmte Gluck ihn aufforderte,
+für ihn eine ähnliche Oper zu schreiben.</p>
+
+<p>Abgelenkt ward Wieland von der dramatischen Poesie
+durch ein literarisches Unternehmen, das seine Zeit und Kräfte
+fast übermäßig in Anspruch zu nehmen drohte. Der sehr
+beliebte <span class="antiqua" lang="fr">Mercure de France</span> gab ihm die Idee zur Herausgabe
+einer ähnlichen Zeitschrift, die unter dem Titel: &#8222;Der
+deutsche Merkur&#8220; erscheinen sollte. Wieland hoffte von diesem
+Journal eine weitverbreitete Wirkung auf seine Zeitgenossen,
+<a class="pgnum" id="page-63" title="Seite 63"></a>und versprach sich selbst davon für die Zukunft
+eine in ökonomischer Hinsicht gesicherte Lage. Nach seinem
+Plane sollten in jener Zeitschrift Gedichte und Aufsätze in
+Prosa von allgemeinem Interesse mit kritischen Uebersichten
+der neuesten Erscheinungen im Gebiet der Philosophie, Geschichte,
+Politik und schönen Literatur abwechseln. Die aufzunehmenden
+Recensionen sollten besonders auch dazu dienen,
+parteiische und unbillige Urtheile über die vorzüglichsten
+Schriften zu berichtigen. Wieland begann die Herausgabe
+des &#8222;deutschen Merkur,&#8220; stieß jedoch bald auf nicht vorhergesehene
+Hindernisse. &#8222;Ohne die Beihülfe unserer besten
+Schriftsteller vermag ich nichts,&#8220; gestand er in einem seiner
+Briefe. Unter den Mitarbeitern, die er für sein Journal zu
+gewinnen wünschte, waren Lessing, Herder, Garve, Möser
+u.A. zu beschäftigt mit eignen literarischen Arbeiten, um
+ihm eine ununterbrochene Theilnahme am &#8222;deutschen Merkur&#8220;
+zusichern zu können. Andere Schriftsteller, die ihm
+nützlich werden konnten, kannte er zu wenig; von mehreren
+wußte er kaum, wo sie lebten, oder welche Stellung sie behaupteten.
+Unter seinen nähern Freunden und Bekannten
+mußte er sich die Mitarbeiter für sein Journal wählen, welches
+ihm übrigens, da er nicht blos die Herausgabe, sondern
+auch den Verlag übernommen hatte, bald durch eine ausgebreitete
+Correspondenz und durch mannigfache Irrungen mit
+Papierhändlern, Druckern und Correctoren unsäglichen Verdruß
+bereitete. Seinem Freunde Jacobi gestand Wieland:
+&#8222;er sei des Merkurs schon satt, noch ehe er begonnen.&#8220; Von
+den Sorgen der Geschäftsführung, für die es ihm durchaus
+<a class="pgnum" id="page-64" title="Seite 64"></a>an Talent fehlte, befreite ihn Bertuch, der nachherige Legationsrath
+und Besitzer des Industrie-Comptoirs in Weimar,
+welche damals sich der Erlernung des Buchhandels widmete,
+und ihm mit Rath und That hülfreich zur Seite stand.</p>
+
+<p>Wieland's kühnste Erwartungen übertraf die Zahl der
+Abonnenten bald nach der Ankündigung des &#8222;deutschen Merkur.&#8220;
+Eine Auflage von 2000 Exemplaren war in kurzer
+Zeit vergriffen, ungeachtet die innere Ausstattung des ersten
+Hefts sehr dürftig ausgefallen war. Außer Wieland und
+Jacobi hatte kein Schriftsteller von anerkanntem Werth einen
+Beitrag geliefert. Gotter, Bürger, Möser u.A. hatten sich
+anonym unterzeichnet. Es war aber weniger der Mangel
+an berühmten Namen, als die im &#8222;deutschen Merkur&#8220; enthaltene
+Kritik, was bald ein nachtheiliges Licht auf jene
+Zeitschrift warf, die so vielversprechend angekündigt worden
+war. Auf eine leidenschaftliche Gegenwirkung mußte Wieland
+gefaßt seyn, als er sich zu einem strengen Kunstrichter
+aufwarf. Schwerlich aber ahnte er das Schicksal, daß er
+durch seine Urtheile es mit allen Partheien auf einmal verderben
+und selbst mit denen zerfallen würde, die er für seine
+treusten Freunde hielt.</p>
+
+<p>In manche Irrungen gerieth Wieland durch die Schärfe
+seiner Kritik mit den Halberstädter Dichtern, mit Gleim,
+Jacobi, Michaelis u.A. Die Göttinger poetische Blumenlese,
+zu welcher er selbst Beiträge geliefert, hatte er mit einer
+Strenge beurtheilt, durch welche der Herausgeber Boie sowohl,
+als die Mitarbeiten sich sehr verletzt fühlten. Es waren
+Bürger, Hölty, Voß, Miller, die Grafen Stolberg u.a.
+<a class="pgnum" id="page-65" title="Seite 65"></a>junge talentvolle Männer, die dem Göttinger Dichterbunde,
+der sich damals gebildet, angehörten. Völlig verscherzte
+Wieland die Achtung jenes Vereins, als sein Tadel auch
+die Bardenpoesie und den kühnen Dithyrambenton traf, den
+die Göttinger Dichter damals in einer Uebersetzung griechischer
+Chöre der alten Tragiker angestimmt hatten. Durch solche
+Bestrebungen meinte Wieland, werde die deutsche Poesie bald
+allen Wohlklang und überhaupt alle Wahrheit, Regelmäßigkeit,
+Anmuth und Eleganz verlieren. Hinsichtlich der Göttinger
+Dichter bemerkte er: &#8222;Sie scheinen sich vorgenommen
+zu haben, den Ausspruch des Demokrit, daß ein Poet rasen
+müsse, durch ihr Beispiel zu rechtfertigen; aber die poetische
+Wuth sollte doch, dächt' ich, nicht gar zu nahe an diejenige
+grenzen, die in die dunkle Stube führt.&#8220; Durch solche
+Aeußerungen, und durch seinen Ausfall auf die Bardenpoesie,
+der zugleich den von den Göttingern hochverehrten Sänger
+der Messiade traf, hatte Wieland jene jungen Männer so
+gereizt, daß sie, als der Dichterbund am 2. Juli 1773 Klopstocks
+Geburtstag feierte, Wielands &#8222;Komische Erzählungen&#8220;
+den Flammen opferten.</p>
+
+<p>Mit den Frankfurter Dichtern, die auf einem andern
+Wege, als die Göttinger, nach einer Nationalpoesie strebten,
+bei der ihnen Shakspeare als Muster galt, war Wieland durch
+eine Recension des &#8222;Götz von Berlichingen&#8220; zerfallen, die,
+wenn auch nicht von ihm selbst herrührend, doch einen Platz
+im &#8222;deutschen Merkur&#8220; gefunden hatte. Das gespannte Verhältniß,
+in welches er dadurch zu Goethe getreten war, der
+sein ausgezeichnetes und vielseitiges Talent bald nachher
+<a class="pgnum" id="page-66" title="Seite 66"></a>durch die &#8222;Leiden Werthers&#8220;, das Trauerspiel &#8222;Clavigo&#8220;
+u.a. Schriften bewährte, ward noch gesteigert durch die
+von Wieland im deutschen Merkur erschienenen &#8222;Briefe über
+das Singspiel Alceste.&#8220; Den Verfasser dieser Briefe wählte
+Goethe zum Gegenstande seiner aristophanischen Laune in
+der damals von ihm gedichteten Posse: &#8222;Götter, Helden
+und Wieland.&#8220; Statt dadurch gereizt, sich zu der Parthei
+der Gegner Goethe's zu schlagen, die die gefährliche und
+sittenverderbliche Tendenz der &#8222;Leiden Werthers&#8220; hervorzuheben
+suchten, empfahl Wieland im &#8222;deutschen Merkur&#8220; die
+gegen ihn gerichtete Schrift &#8222;allen Liebhabern der pasquinischen
+Manier als ein Meisterstück von Persiflage und sophistischem
+Witze, der sich aus allen möglichen Standpunkten
+sorgfältig<i> den</i> auserwähle, aus dem ihm der Gegenstand
+schief vorkommen müsse, und sich dann recht herzlich lustig
+darüber mache, daß das Ding so schief sei.&#8220; Dabei ließ
+Wieland es nicht bewenden. Auch eine früher versprochene
+Vertheidigung des &#8222;Götz von Berlichingen&#8220; hielt er nicht
+zurück und ließ sie bald nachher im &#8222;deutschen Merkur&#8220;
+drucken.</p>
+
+<p>In der gerechten Anerkennung Goethe's, die er durch
+eine sehr ausführliche Beurtheilung des eben genannten
+Schauspiels gezeigt hatte, blieb Wieland sich gleich. Hinsichtlich
+der &#8222;Leiden Werthers&#8220; vertheidigte er in seiner Kritik
+den Verfasser jenes Romans gegen die Beschuldigung,
+dem Selbstmord das Wort geredet zu haben. Wieland
+nannte jenen Roman &#8222;das Gemälde eines innern Seelenkampfes,
+wie ihn nur<i> der</i> entwerfen könne, der den Schöpfer
+<a class="pgnum" id="page-67" title="Seite 67"></a>des Hamlet und des Othello studirt habe.&#8220; So hatte sich
+Wieland wieder ausgesöhnt mit Goethe, der einer seiner
+gefährlichsten Gegner zu werden drohte. Aber auch den Angriffen
+derer, die die Klopstockische Bardenpoesie priesen,
+setzte er nichts entgegen, als einen gelegentlich angebrachten
+heitern Scherz. Auf diese Weise suchte Wieland allen seinen
+Gegnern gegenüber eine würdige Stellung zu behaupten.</p>
+
+<p>Die Irrungen, in die er mit seinen Halberstädter Freunden,
+mit Gleim und Jacobi, gerathen war, wurden ausgeglichen,
+als Gleim zur Versöhnung die Hand bot. Er benutzte
+dazu eine Reise nach Weimar, wo das gestörte Freundschaftsverhältniß
+völlig wieder hergestellt ward. Auch mit
+einem Freunde Gleims, mit Heinse, war Wieland zerfallen.
+Er versöhnte sich aber mit ihm, als er Heinses Roman
+&#8222;Laidion&#8220; gelesen, und ganz bezaubert worden war von
+&#8222;dem schönen, abenteuerlichen Ungeheuer&#8220;, wie er jenes
+Werk nannte.</p>
+
+<p>Auf einen bisherigen Lieblingsgenuß, auf den Besuch
+des Theaters, hatte Wieland einstweilen verzichten müssen.
+Durch den Brand des Weimarischen Schlosses am 6. Mai
+1774, hatte die Schauspielergesellschaft das Local zu ihren
+Vorstellungen eingebüßt, und war entlassen worden. Mit
+dem Schlusse des Jahres 1774 hatte das Erziehungsgeschäft,
+welchem sich Wieland bisher gewidmet, gänzlich
+aufgehört. Der Erbp<ins>r</ins>inz Carl August und sein Bruder Constantin
+hatten, in Begleitung des Grafen v. Görz und des
+Majors v. Knebel, eine Reise durch einen Theil von Deutschland
+angetreten, und sich auch nach Frankreich begeben. Seit
+<a class="pgnum" id="page-68" title="Seite 68"></a>Wieland nicht mehr Instructor war, hatten sich seine Sorgen
+vermehrt. Durch verdoppelten literarischen Fleiß mußte er
+an eine Erweiterung seiner Einkünfte denken. Sein Familienkreis,
+zu welchem vier Töchter gehörten, war noch durch
+seine Mutter vergrößert worden, die bereits 1772, bald nach
+ihres Gatten Tode, zu Wieland nach Weimar gezogen war.
+Der mäßige Absatz des &#8222;deutschen Merkur&#8220; nöthigte ihm in
+einem seiner damaligen Briefe die Klage ab, daß er kaum
+im Stande sei, die Unkosten jenes Journals zu decken.</p>
+
+<p>Zu den Sorgen für seine Subsistenz gesellte sich manche
+Kränkung seines Selbstgefühls. An Veranlagung zu Argwohn
+fehlte es ihm nicht. Ein satyrisches Drama, &#8222;Prometheus,
+Deukalion und seine Recensenten&#8220; betitelt, und
+von Wagner in Frankfurt am Main verfaßt, galt ziemlich
+allgemein für ein Werk Goethe's. Es erschien zu einer Zeit,
+wo Wieland von dem genannten Dichter einige Zeilen erhalten
+hatte, die auf ein freundliches Verhältniß hinzudeuten
+schienen. Gleichgültige Hintansetzung auf der einen Seite,
+und Versöhnung auf der andern, hielt Wieland in seinem
+Unmuth für das Loos, das ihm zu Theil geworden sei, so
+wenig er es verdient zu haben glaubte. &#8222;Nie hab' ich,&#8220;
+schrieb er an Sophie la Roche, &#8222;mehr Liebe für einen Menschen
+gefühlt, als für den Verfasser des Götz und Werther.
+Seine Freundschaft würde mich glücklich machen. Aber er will
+nicht mein Freund seyn. Er will die Freude haben, vor der
+Welt sein Spiel mit mir zu treiben, und in die Art, wie
+er's thut, bringt er alles, was Beleidigungen verzeihlich
+macht. Wodurch hab' ich das alles verdient? Wodurch hab'
+<a class="pgnum" id="page-69" title="Seite 69"></a>ich mich unwürdig gemacht, von wackern rechtschaffenen Leuten
+geliebt und geschätzt zu werden?&#8220;</p>
+
+<p>So rührende Klagen enthielten mehrere von Wieland's
+damaligen Briefen. Eine Reise nach Halberstadt zu Gleim,
+der ihm unter allen seinen Freund fast noch allein geblieben
+war, sollte seinen Unmuth verscheuchen. Ein zweitägiges
+Zusammenleben machte in Wieland und Gleim den Wunsch
+rege, künftig einen und denselben Wohnsitz zu haben. Manche
+Pläne wurden in dieser Hinsicht entworfen und wieder aufgegeben.
+Gleim's Bemühungen, ihm eine Stelle in Berlin
+zu verschaffen, wußte Wieland zu schätzen. Die Gründe,
+weshalb er keinen Gebrauch davon machen konnte, enthielt
+ein bald nach der Rückkehr aus Halberstadt geschriebener Brief
+an Gleim. Darin hieß es unter andern: &#8222;Wahrscheinlich
+wird Carl August mir nie Ursache geben, mich von ihm zu
+entfernen. Ich sitze hier ganz gut. So schön auch immer
+Ihr Berliner Project für mich in unser chimärisches Plänchen
+paßte, so würde es doch in der Ausführung unendliche
+Schwierigkeiten haben. Anderswo, als in Weimar zu leben,
+würde mich doch blos die Noth zwingen können, irgend ein
+öffentliches Amt anzunehmen oder zu suchen. Die Versetzung
+in eine Welt, wie die Berlinische ist, würde sich überdies
+für meine Gemüthsart und meine Umstände kaum schicken.
+<span class="antiqua" lang="fr">Pain cuit et liberté</span> wird ewig mein Wahlspruch bleiben.
+Lieber mit sechshundert Thalern in dem kleinen Dörfchen,
+wo mein Gleim geboren wurde, in einer Hütte an dem
+Schmerlenbach, als in Berlin oder Wien mit so viel tausend
+Thalern, als Sie wollen. Carl August ist mir gewogen
+<a class="pgnum" id="page-70" title="Seite 70"></a>und seine Mutter auch. In Hofintriguen und Staatssachen
+werde ich mich nie mischen, und mich so viel als möglich in
+meinem Schneckenhäuschen ruhig halten. Ich werde also
+wenig oder keine Feinde in Weimar haben, und in Frieden
+und Unschuld dahinleben, so lange es Gott gefällt. Aendern
+sich einmal die Umstände, so wollen wir, um Ruhe zu bekommen,
+uns weder nach Berlin, noch in eine Windmühle
+setzen, sondern uns irgendwo, nahe bei unserm Gleim,
+gerade so ein kleines suetonisches tranquilles Gütchen kaufen,
+wie es einem Danischmende nützt und frommt &mdash; so weit von
+Sultanen und Bonzen, als immer möglich ist. In einer
+kleinen Stadt oder auf dem Lande, nicht weit von einer
+kleinen Stadt, kann so ein Mittelding von Sokrates und
+Horaz, wie ich bin, wohlfeiler glücklich seyn.&#8220;</p>
+
+<p>So schrieb Wieland zu einer Zeit, wo durch den Regierungsantritt
+seines bisherigen Zöglings Carl August und
+dessen Vermählung mit der Prinzessin Luise von Hessen-Darmstadt
+manche Veränderungen in seiner bisherigen Lage
+eintreten konnten. Er schien gefaßt, unter allen Umständen
+die Lebensweisheit zu zeigen, die bisher seine unzertrennliche
+Lebensgefährtin gewesen war. &#8222;Ich habe,&#8220; schrieb er, &#8222;schon
+meine Parthie genommen. Die Hofluft ist mir immer zuwider
+gewesen, und je seltner ich künftig genöthigt seyn werde,
+sie zu athmen, desto glücklicher werd' ich seyn.&#8220; Diesem
+Gleichmuth blieb Wieland treu. In einem seiner damaligen
+Briefe an Sophie la Roche äußerte er: &#8222;Die bevorstehenden
+Auftritte, so unbedeutend sie für die übrige Welt sind oder
+scheinen, sind für uns Weimaraner doch von so großer Wichtigkeit,
+<a class="pgnum" id="page-71" title="Seite 71"></a>daß jetzt Alles bei uns in Erwartung der Dinge
+schwebt, die da kommen werden. Der ruhigste unter allen
+nennt sich Wieland, weil er für sich selbst nichts verlangt,
+mit allem zufrieden ist, und übrigens voll guter Hoffnungen.&#8220;</p>
+
+<p>Wenigstens eine dieser Hoffnungen, die er längst im
+Stillen gehegt, ward erfüllt durch die persönliche Bekanntschaft
+Goethe's, den der junge Herzog auf seiner Reise in
+Frankfurt am Main kennen und schätzen gelernt, und ihn
+aufgefordert hatte, in den Weimarischen Staatsdienst zu
+treten. Wenige Monate, nachdem Carl August die Regierung
+übernommen und seine Vermählung gefeiert hatte, traf
+Goethe den 7. November 1775 in Weimar ein. Mit Begeisterung
+verkündete Wieland dies Ereigniß seinem Freunde
+Jacobi. Neid und Mißgunst waren seiner Seele gänzlich
+fremd. Den jungen Autor, der ihn durch seine Satyre gekränkt,
+bald als Liebling und Vertrauten eines Fürsten zu
+sehen, dem er bisher näher gestanden, machte ihm keine unangenehme
+Empfindung. Goethe galt ihm, nach seiner eignen
+Aeußerung als &#8222;das größte Genie und als der beste,
+liebenswürdigste Mensch, den er bisher gekannt.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands Begeisterung für Goethe kannte keine Grenzen.
+Die Belege dafür findet man in mehrern seiner damaligen
+Briefe. Er war in der frohesten Stimmung, die auch wohl
+darin einen wesentlichen Grund haben mochte, daß in seinen
+bisherigen Lebensverhältnissen nicht die mindeste Veränderung
+eingetreten war. Von dem Herzog Carl August war ihm
+der Genuß seines bisher bezogenen Gehalts auf Lebenszeit
+zugesichert worden. Die Gemahlin seines Fürsten gab ihm
+<a class="pgnum" id="page-72" title="Seite 72"></a>unzweideutige Beweise ihres Wohlwollens, und die Herzogin
+Amalia blieb ihm unveränderlich geneigt. Seinen Lieblingswunsch,
+unbekümmert um das Treiben der Welt, sich
+selbst und seinen Studien zu leben, sah Wieland erfüllt.
+&#8222;In seinem Schneckenhäuschen, wohin er,&#8220; wie er einem
+Freunde meldete, &#8222;sich zurückgezogen,&#8220; kam er nur mit Wenigen
+in Berührung. Wichtig ward jedoch für ihn die persönliche
+Bekanntschaft Herders, der als Generalsuperintendent
+nach Weimar berufen worden war. Den Eindruck, den Herder
+auf ihn machte, schilderte ein im October 1776 geschriebener
+Brief Wielands. &#8222;Meine ganze Seele,&#8220; schrieb er,
+&#8222;ist voll von dem herrlichen Manne. Aber er ist mir zu
+groß, zu herrlich. Ich fühle, wie wenig ich ihm seyn kann.
+Fühlen, einsehen, durchschauen, was er ist, und ihn lieben,
+mehr als ihn noch ein Sterblicher geliebt hat, das kann ich.
+Aber wie unzulänglich ist das für einen so tief denkenden,
+allumfassenden, mächtigen Genius!&#8220;</p>
+
+<p>Durch den Umgang mit Goethe und Herder ward Wieland
+nicht gleichgültig gegen seine entfernten Freunde. Vorzüglich
+war es Gleim, dem er alle seine Freuden und Leiden
+mittheilte, und ihn gewissermaßen in das Innere seines Familienkreises
+führte. Wahrhaft einheimisch fühlte sich Wieland
+erst in Weimar, als er um diese Zeit sich einen vor der
+Stadt gelegenen Garten gekauft hatte. Dort, in ländlicher
+Einsamkeit, konnte er ungestört die Schönheiten der Natur
+genießen, und sich seinen Betrachtungen hingeben. Seine
+ganze Existenz, meinte Wieland, habe dadurch eine andere
+Wendung bekommen. In einem Briefe an Gleim, welchem
+<a class="pgnum" id="page-73" title="Seite 73"></a>er eine Schilderung seiner &#8222;neuen Domaine&#8220; entwarf, bemerkte
+er: &#8222;Sie müssen sich nichts Vornehmes, noch Kostbares
+vorstellen. Bilden Sie sich ein, daß es ungefähr so
+ein Garten ist, wie das kleine Gut, das Plinius dem Sueton
+kaufen will, ein Landgut war, d.i. gerade so, wie ihn
+ein Müsiggänger meiner Art vonnöthen hat; Bäume genug,
+um Schatten zu haben, und groß genug, daß meine Mädchen
+sich müde darin laufen können. Seitdem die Kirschbäume
+zu blühen angefangen haben, bin ich nun den ganzen
+lieben Tag draußen, und habe es schon so weit gebracht,
+daß mir in meinen vier Mauern in der Stadt, nirgends
+wohl ist, bis ich meinen Stab in der Hand habe, um hinaus
+zu gehen und im Freien, im Grünen, unter meinen Bäumen,
+im Angesicht meiner eignen kleinen Pflanzungen, zu
+leben und zu wallen, und den unendlichen Erdgeist einzuziehen,
+mit dem ich je länger, je mehr Sympathie und Verwandtschaft
+fühle.&#8220;</p>
+
+<p>In einem spätern Briefe vom 7. September 1777 meldete
+Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche, daß er seit
+Anfang des Sommers in einem großen Hause vor der Stadt
+wohne, zwar nur zwanzig Schritte vom Thor, doch mit
+allen Annehmlichkeiten des Landlebens, in der beneidenswerthesten
+Freiheit und Ruhe. &#8222;Dort,&#8220; schrieb er, &#8222;leb' ich
+fast ganz allein mit mir selbst und den Meinigen; und wenn
+mir, um ganz glücklich zu seyn, noch etwas abgeht, so ist's,
+daß ich der übrigen Welt nicht so ganz vergessen darf, als
+ich wohl gern möchte. Hinten an meinem Hause hab' ich
+einen Küchengarten mit Obstbäumen, und ein paar hundert
+<a class="pgnum" id="page-74" title="Seite 74"></a>Schritte davon liegt ein größerer Garten, den ich vor anderthalb
+Jahren gekauft habe, und worin ich dieser schönen herbstlichen
+Tage froh werde, die die Natur uns noch ganz unvermuthet
+schenkt.&#8220;</p>
+
+<p>In seiner Zurückgezogenheit blieb Wieland fast gänzlich
+unbekannt mit den abentheuerlichen und großenteils übertriebnen
+Gerüchten, die sich damals über Weimar und das
+dortige Leben und Treiben verbreiteten. Das seltene Freundschaftsverhältniß
+zwischen einem geistreichen Fürsten und
+einem genialen Dichter hatte allgemeine Sensation erregt,
+und war gewissermaßen das Signal geworden für alle Kraft- und
+Dranggenie's, nach Weimar zu wallfahrten. Die wunderlichsten
+Mährchen verbreiteten sich über Goethe und dessen
+Freunde Lenz und Klinger, die damals von Frankfurt nach
+Weimar gekommen waren. Von Lenz gestand Wieland selbst:
+&#8222;er mache alle Tage regelmäßig seinen dummen Streich, und
+wundere sich dann darüber, wie eine Gans, wenn sie ein
+Ei gelegt habe.&#8220; Selbst von Herder ward gefabelt, er predige
+in galonnirten Kleidern, mit Stiefeln und Sporen, und
+reite unmittelbar nach der Predigt zum Thor hinaus.</p>
+
+<p>Gegen den Antheil an jenem Treiben, den ihm das
+Gerücht schuld gab, rechtfertigte sich Wieland in einem Briefe
+vom 7. Februar 1776 mit den Worten: &#8222;Ich höre, daß gewisse
+Leute, die aus verächtlichen Ursachen meine und Goethe's
+Feinde sind, allerlei Calumnien aussprengen, und unter andern
+auch mich, wegen meiner Connexion mit Goethe, mit
+in das, was hier geschieht und nicht geschieht, einmischen,
+und mich zu einem, ich weiß nicht ob Actuar oder Soufleur
+<a class="pgnum" id="page-75" title="Seite 75"></a>oder Lichtputzer bei unsrer Staatscomödie machen, da ich doch,
+Dank sei Gott und meinem Genius, ein bloßer Zuschauer
+bin &mdash; bereit, mit aller möglichen Bonhomie zu klatschen,
+wenn gut gespielt wird, und höchstens die Achseln zuckend,
+oder ein paar <span class="antiqua" lang="fr">sacres bleus</span> zwischen den Zähnen murmelnd,
+wenn es dumm geht.&#8220;</p>
+
+<p>Der Einfluß junger talentvoller Köpfe wirkte aufregend
+für Wielands geistige Kraft, zu einer Zeit, wo er in seinen
+&#8222;Unterredungen mit einem Pfarrer&#8220; eine Apologie seiner frühern
+Schriften niedergelegt hatte. Manche Pläne entwarf er
+damals, seinen &#8222;deutschen Merkur&#8220; gemeinnütziger zu machen.
+Nichts, meinte er, würde dieser Zeitschrift mehr aufhelfen,
+als wenn man &#8222;mehr Urtheile über Bücher und andere
+Dinge&#8220; hinein brächte. &#8222;Den Leuten,&#8220; schrieb Wieland,
+&#8222;liegt an nichts so viel, als zu wissen, was sie über alles
+Vorkommende denken und sagen sollen.&#8220; Seltener waren
+allmälig die Beiträge geworden, durch welche Goethe, Herder,
+Jacobi u.A. vor dem Jahre 1776 sein Journal, dessen
+Aufnahme ihm sehr am Herzen lag, unterstützt hatten. Es
+enthielt mehr Aufsätze von seiner eignen Feder, und fast alle
+seine Werke theilte er bruchstückweise zuerst in dem &#8222;deutschen
+Merkur&#8220;&nbsp;mit.</p>
+
+<p>Seine fast ununterbrochene Beschäftigung mit der Literatur
+der Griechen und Römer entzog ihn nicht philosophischen
+und historischen Studien im weitesten Umfange des
+Worts. Zugleich blieb ihm ein lebendiges Interesse für
+alle Ereignisse der Gegenwart. Die Fortschritte des Menschen
+in seiner Geistescultur beobachtete Wieland mit scharfem
+<a class="pgnum" id="page-76" title="Seite 76"></a>Auge. Er machte sich mit den neuern Reisebeschreibungen
+und mit jeder wichtigen Entdeckung bekannt. Sein reger
+Geist durchwanderte das große Gebiet der Wissenschaften
+und Künste nach allen Richtungen hin. Dadurch erhielt er
+reichhaltige Materialien zu größern und kleinen Aufsätzen für
+den &#8222;deutschen Merkur.&#8220; Die meisten jener Aufsätze charakterisirte
+das Streben, Aufklärung zu verbreiten zu einer Zeit,
+wo schwärmerische Köpfe, wie der Pater Gaßner in Wien,
+der berüchtigte Graf Cagliostro, Meßmer, Schröpfer u.A.
+dem Zeitgeiste eine so wunderbare Richtung gaben, daß man
+sich des Unglaubens auf der einen Seite, und des Aberglaubens
+auf der andern beschuldigte. Behutsam aber glaubte
+Wieland zu Werke gehen zu müssen, und nicht zu verkennen
+war seine Gewissenhaftigkeit in Allem, was er über religiöse
+Gegenstände schrieb.</p>
+
+<p>Unter seinen mannigfachen Studien und Beschäftigungen
+ward er der Dichtkunst nicht untreu. In diese Zeit seines
+Lebens fallen die poetischen Erzählungen: &#8222;Gandelin&#8220; oder
+&#8222;Liebe um Liebe&#8220;; das &#8222;Winter- und Sommermährchen&#8220;;
+&#8222;Pervonte&#8220;; der &#8222;Vogelfang&#8220; oder &#8222;die drei Lehren&#8220;, &#8222;Han<ins>n</ins>
+und Gulpenheh&#8220; u.a.m. Seine Natur neigte sich entschieden
+zur romantischen Poesie. Nach seinen eignen Aeußerungen
+war er überzeugt, daß sich &#8222;dem Mährchen ein höherer
+Zweck unterlegen lasse, als bloße Unterhaltung kleiner
+und großer Kinder.&#8220; Bei den meisten der vorhin erwähnten
+Gedichte hatte Wieland französische Quellen benutzt, die <span class="antiqua" lang="fr">Fabliaux</span>
+von <span class="antiqua" lang="fr">Chretien de Troyes,</span> die <span class="antiqua" lang="fr">Lays de l'Oiselet</span> u.a.m.
+Aus einer altfranzösischen Sage, <span class="antiqua" lang="fr">Huon de Bordeaux</span>
+<a class="pgnum" id="page-77" title="Seite 77"></a>betitelt, schöpfte Wieland auch den Stoff zu seinem &#8222;Oberon&#8220;,
+durch den er seinen Dichterruhm für immer begründete.</p>
+
+<p>Für eine eigenthümliche Schönheit des Plans und der
+Composition seines Epos hielt Wieland, nach seinem eignen
+Geständniß, &#8222;die Art und Weise, wie die Geschichte von
+Oberon's Zwist mit seiner Gemahlin Titania in der Geschichte
+Hüons und Rezia's eingewebt worden sei.&#8220; Er schrieb darüber
+einem Freunde: &#8222;Oberon ist nicht nur aus zwei,
+sondern, wenn man es genau nehmen will, aus drei Haupthandlungen
+zusammengesetzt, nämlich aus dem Abentheuer,
+welches Hüon auf Befehl des Kaisers zu bestehen übernommen,
+der Geschichte seines Liebesverhältnisses mit Rezia,
+und der Wiederaussöhnung der Titania mit Oberon. Aber
+diese drei Handlungen oder Fabeln sind dergestalt in Einen
+Hauptknoten verschlungen, daß keiner ohne die andern bestehen,
+oder einen glücklichen Ausgang gewinnen könnte. Ohne
+Oberon's Beistand würde Hüon Kaiser Carl's Auftrag unmöglich
+haben ausführen können; ohne seine Liebe zu Rezia,
+und ohne die Hoffnung, welche Oberon auf die Treue und
+Standhaftigkeit der beiden Liebenden, als Werkzeuge seiner
+eignen Wiedervereinigung mit Titania gründete, würde dieser
+Geisterfürst keine Ursache gehabt haben, einen so innigen
+Antheil an ihrem Schicksal zu nehmen. Aus dieser, auf
+wechselseitige Unentbehrlichkeit gegründeten Verwebung ihres
+verschiedenen Interesses entsteht eine Art von Einheit, die
+meines Erachtens das Verdienst der Neuheit hat, und deren
+gute Wirkung der Leser durch sein eigene Theilnahme an
+<a class="pgnum" id="page-78" title="Seite 78"></a>den sämmtlichen handelnden Personen zu stark fühlt, als daß
+sie ihm irgend ein Kunstrichter wegdisputiren könnte.&#8220;</p>
+
+<p>In seinem &#8222;Oberon&#8220;, der sich dadurch von Wielands
+bisherigen Gedichten unterschied, daß durchaus keine Spur
+von satyrischer Tendenz darin zu entdecken war, hatte er
+alle Elemente des Romantischen zu vereinigen gesucht,
+Schwärmerei im Heroismus, in der Liebe und der Religion.
+&#8222;Es scheint&#8220;, schrieb er, &#8222;einer der feinsten Kunstgriffe in
+Gedichten romantischer Gattung, daß man die Genien und
+Feen als Wesen einer höhern Ordnung und Bürger einer
+andern Welt einführt, deren Natur, Wirkungskreis und Geschichte
+für uns immer etwas Räthselhaftes, Geheimes und
+Unerklärliches hat, auch alsdann, wenn unsre Begebenheiten
+durch eine noch höhere und geheimere Ordnung der Dinge,
+die man wohl Schicksal nennt, in die übrigen eingeflochten,
+und wir, ohne zu wissen, wie und warum, Werkzeuge abgeben,
+wodurch das Schicksal ihnen Gutes erweist.&#8220;</p>
+
+<p>Wieland war noch beschäftigt mit seinem &#8222;Oberon&#8220;, als
+das Studium der Alten, an dem er noch immer mit Liebe
+hing, in ihm die Idee weckte, seinen Lieblingsdichter Horaz
+zu übersetzen. Ausgeführt ward diese Idee erst, als er den
+&#8222;Oberon&#8220; vollendet hatte. Wieland beschränkte sich in
+seiner Uebersetzung des Horaz nur auf die Briefe und Satyren
+des römischen Dichters. Es war ihm mehr darum zu
+thun, den Geist seines Originals wiederzugeben, als sich
+streng an die Form zu halten und die Treue seiner Uebersetzung
+bis auf das Buchstäbliche auszudehnen. Um die Manier
+und den Ton seines Autors besser zu treffen, wählte er,
+<a class="pgnum" id="page-79" title="Seite 79"></a>statt des Hexameters, den jambischen Vers, den er für geeigneter
+hielt, die Leichtigkeit und Gewandtheit der Conversationssprache
+wiederzugeben. Auch bei seiner Uebersetzung
+des Lucian, die er einige Jahre später unternahm, ging er
+mit gleicher Freiheit zu Werke, wodurch der Ausdruck bald
+kürzer, bald weitläufiger ward als der des Originals. Einen
+bleibenden Werth verlieh er seinen Uebersetzungen, durch die
+denselben beigefügten Einleitungen und Erläuterungen, die
+von der gründlichsten Sachkenntniß zeugten. An die Uebersetzung
+des Lucian erinnerte sich Wieland noch in spätern Jahren
+oft mit Vergnügen. Zwischen ihm und jenem Autor fand eine
+Art von Geistesverwandtschaft statt, und Wieland äußerte
+scherzend, daß er während jener literarischen Arbeit sich oft
+dem Glauben an eine Seelenwanderung überlassen habe.</p>
+
+<p>Einen sehr ernsten Zweck suchte Wieland zu verfolgen in
+seinen großentheils durch die politischen Ereignisse veranlaßten
+&#8222;Gesprächen in Elysium&#8220; und in seinen &#8222;Göttergesprächen.&#8220;
+Früher, als diese Schrift, entstand ein Werk, das durch
+seinen Inhalt große Sensation erregte. Die erste Idee zu seiner
+&#8222;Geschichte der Abderiten&#8220; gaben ihm vermuthlich Erinnerungen
+an die republikanische Verfassung seiner Vaterstadt Biberach
+und eine Vergleichung jener Constitution mit der monarchischen
+Regierung in Weimar. Er ward jedoch immer vorsichtiger
+und behutsamer in seinen Schriften und Aufsätzen über
+politische Gegenstände. Schon sein Verhältniß zum
+Weimari<del>ri</del>schen
+Hofe bestimmte ihn, in dieser Hinsicht Rücksichten zu
+nehmen. Sein Freund Jacobi mußte sich's gefallen lassen,
+daß Wieland in den für den &#8222;deutschen Merkur&#8220; bestimmten
+<a class="pgnum" id="page-80" title="Seite 80"></a>Bruchstücken des Romans &#8222;Alwill&#8220; mehrere Stellen strich,
+besonders eine über den Fürstendienst. Er schrieb darüber an
+Jacobi: &#8222;Gott weiß, wie Du, mit dem Bewußtseyn deiner und
+meiner Verhältnisse, so etwas hinschreiben konntest, daß ich's
+drucken lassen sollte.&#8220; Bescheidenheit hielt Wieland für eine
+unerläßliche Bedingung, unter der ein Privatmann öffentlich
+über Staatsangelegenheiten sprechen, und über Maßregeln,
+von denen das Wohl oder Wehe ganzer Nationen abhängig
+sei, ein Urtheil fällen sollte. Er war der Ansicht: die
+Wünsche des Volks und die Meinung verständiger und
+unparteiischer Männer zu vernehmen, müsse den Fürsten immer
+willkommen seyn, so lange sie noch keine entschiedene
+Parthei ergriffen hätten. Sei aber einmal der unglückliche
+Wurf geschehen, so könne das Einmischen von Privatleuten
+und ihr Urtheil über die ergriffenen Maßregeln nichts mehr
+helfen, wohl aber schaden. Wiederholt warnte Wieland vor
+dem Mißbrauch der Presse. Aber eine Reform in den politischen
+Verhältnissen wünschte und hoffte er sehnlich. Eine kühnere
+Sprache als manche seiner Aeußerungen erwarten ließen,
+führte Wieland in einem 1784 gedruckten Aufsatze.</p>
+
+<p>&#8222;Wenn man&#8220;, äußerte er darin, &#8222;mit der Religion und
+der Priesterschaft fertig ist, so wird wahrscheinlich auch die
+Reihe an Untersuchungen kommen, die unsern weltlichen
+Gewalthabern nicht behagen dürften, so gleichgültig auch
+das Gefühl ihrer Stärke sie jetzt dagegen machen mag.
+Denn auch sie wird man endlich fragen: Aus welcher
+Macht thut ihr dies und das? Von wem habt ihr diese
+Macht empfangen, und wem habt ihr Rechenschaft davon
+<a class="pgnum" id="page-81" title="Seite 81"></a>zu geben? Worauf gründen sich eure Vorrechte, Besitzthümer
+und Ansprüche? Wenn sich alle eure Vorrechte &mdash; wie
+uns unsre Philosophen von allen Dächern herabpredigen &mdash; auf
+einen bloßen Vertrag zwischen uns und euch gründen;
+wenn alles, was ihr besitzt, blos anvertrautes Gut ist, und
+euer Ansehn keinen andern rechtschaffnen Grund hat, noch
+haben kann, als eine von uns empfangene bedingte Vollmacht,
+die wir alle Tage zurücknehmen können, sobald wir
+uns auf eine vorteilhaftere Art einzurichten wissen: wie
+könnt ihr erwarten, daß so aufgeklärte Leute, wie wir, in
+der wichtigen Angelegenheit unsres zeitlichen Lebens euch
+eine willkührliche und unbeschränkte Gewalt über unsere Personen,
+unser Eigenthum und unser Leben einräumen werden?
+Ehe wir euern Verordnungen gehorchen, wollen wir untersuchen,
+ob sie uns glücklich machen werden. Ehe wir euch
+Subsidien bewilligen, wollen wir erst wissen, wie ihr sie
+zu unserm Nutzen anzuwenden gedenkt. Und ehe wir uns an
+die Schlachtbank führen, oder uns der Gefahr aussetzen lassen,
+unser Feld verwüstet, unsre Wohnungen angezündet
+und unsere Söhne in die Kriegsknechtschaft geführt zu sehen,
+wollen wir vorher untersuchen, was uns daran gelegen ist,
+ob ihr etliche Quadratmeilen mehr oder weniger zu besteuern
+habt, oder nicht.&#8220;</p>
+
+<p>Diese Aeußerungen waren prophetische Worte, die bald
+nach Friedrichs II. Tode (1786) und noch mehr durch die
+spätern politischen Ereignisse sich bewährten. Die Stellung,
+welche Wieland damals als Schriftsteller und Journalist
+zu behaupten suchte, bezeichnete er selbst in den Worten:</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-82" title="Seite 82"></a>&#8222;Es ist eben so wenig meine Absicht, unserm Jahrhundert
+Hohn zu sprechen, als ihm zu schmeicheln. Ich halte es für
+eins der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern,
+wenn man ihnen, wie Swift, immer beleidigende Dinge sagt.
+Sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen
+und in Schlaf zu singen, taugt nichts.&#8220;</p>
+
+<p>Die Rechte der Menschheit gegen den Druck des Despotismus
+in Schutz zu nehmen, war Wielands unablässiges
+Bestreben. Bei der sich immer mehr ausbreitenden Aufklärung,
+bei den immer raschern Fortschritten der Cultur, hielt
+er den Zeitpunkt nicht für entfernt, wo, nach seinem eignen
+Ausdruck &#8222;die schafsmäßigsten Menschen zu Tigern werden
+könnten.&#8220; Nur einer einzigen Commotion, meinte er, bedürfe
+es, &#8222;um zehn oder zwanzig Millionen, die nichts
+mehr als das nackte Leben zu verlieren hätten, dahin zu
+bringen, auch dies gegen Alles aufs Spiel zu setzen.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands Welt- und Menschenkenntniß hatte ihn nicht
+getäuscht. Noch vor dem Schluß des achtzehnten Jahrhunderts
+gingen seine Worte durch den Ausbruch der französischen
+Revolution fast buchstäblich in Erfüllung. Wie mächtig
+dies politische Ereigniß auf ihn eingewirkt, zeigten mehrere
+Schriften und Aufsätze, in denen er seine politische Meinung
+niederlegte. Cosmopolit im eigentlichsten Sinne des
+Worts, durfte er sich wohl das Zeugniß geben, daß &#8222;in
+Allem, was er seit dem 14. Juni 1789 über die öffentlichen
+Begebenheiten in Frankreich geschrieben habe, ein gewisser
+Geist von Unpartheilichkeit, Billigkeit und Mäßigung athme.&#8220;</p>
+
+<p>Die Hauptmaxime, die ihn &#8222;in seinem Urtheil über die
+<a class="pgnum" id="page-83" title="Seite 83"></a>menschlichen Dinge&#8220; leitete, zeigte Wielands eignes Geständniß.
+&#8222;Nie vergesse ich,&#8220; schrieb er, &#8222;daß Menschen in allen
+Umständen und Zeiten weder mehr noch weniger, als Menschen
+sind. Daher kommt es, daß nicht leicht etwas so gut
+oder schlimm, so vernünftig oder so albern, so edel oder so
+schlecht ist, daß ich es ihnen nicht unter gewissen Umständen
+zutrauen sollte. Daher kommt es, daß ich nichts Vollkommenes
+von ihnen erwarte, und mich nie darüber formalisire,
+wenn sie, zumal in außerordentlichen Lagen und im Gedränge
+großer Schwierigkeiten, nicht wie Götter, reine Geister oder
+stoische Weise, sondern nur wie arme Erdenklöse, weder weiser,
+noch consequenter, noch uneigennütziger handeln, als
+man es seit so vielen Jahrtausenden von den Adamskindern
+gewohnt ist, oder doch billig gewohnt seyn sollte.&#8220;</p>
+
+<p>Von den Greueln der französischen Revolution wandte
+sich Wieland mit Abscheu hinweg. Die Vaterlandsliebe regte
+sich wieder mächtiger in ihm. Rühmend hob er das Gute
+hervor in der wegen ihrer Mängel oft von ihm getadelten
+Constitution der deutschen Staaten. In der Liebe zu der
+bestehenden Verfassung zeigte sich ihm die wahre Vaterlandsliebe.
+&#8222;Was kann,&#8220; schrieb er, &#8222;deutscher Patriotismus
+anders seyn, als das aufrichtige Bestreben, zur Erhaltung
+und Vervollkommnung der gegenwärtigen Verfassung des
+gemeinen Wesens alles beizutragen, was jeder, nach seinem
+Stande, Vermögen und Verhältniß zum Ganzen dazu beizutragen
+fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von
+uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den
+Landleuten sagt: <span class="antiqua" lang="la">Felices sua si bona norint!</span> Glücklich,
+<a class="pgnum" id="page-84" title="Seite 84"></a>wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig,
+blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unserer
+Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen,
+wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt,
+wenn man sie verloren.&#8220;</p>
+
+<p>Als politischer Schriftsteller entging Wieland nicht dem
+Schicksal, wegen seiner Grundsätze von allen Partheien, sowohl
+der monarchischen, als aristokratischen und demokratischen,
+verkannt, und oft hart angefochten zu werden. Seine
+heftigsten Gegner waren die Aristokraten, die ihm seine Abneigung
+gegen das Kastenwesen und Privilegien aller Art
+sehr verübelten. Gegen den Vorwurf, &#8222;die Schuster- und
+Schneider-Aufklärung befördert zu haben,&#8220; vertheidigte sich
+Wieland mit den Worten: &#8222;Meiner geringen Meinung
+nach, ist das Beste für den Schuster &mdash; Schuhe zu machen.
+Sollte aber &mdash; was denn am Ende doch auch keine Unmöglichkeit
+ist &mdash; ein Schuster glauben, daß er auch <span class="antiqua" lang="la">ultra crepidam</span>
+etwas Gemeinnütziges oder ein Wort zu seiner Zeit zu
+sagen habe, warum sollte das nicht erlaubt seyn? Einer
+von Sokrates bravsten Jüngern war zwar kein Schuster,
+aber doch einer, der für die Schuster arbeitet, ein Gerber;
+und die Athenienser konnten es wohl leiden, in mehr als dreißig
+Sokratischen Dialogen, die er schrieb, die Wahrheit zu
+hören. Und sagte nicht der wackere Schuster Hans Sachs
+seinen Nürnbergern und der ganzen Welt, in seinem naiven
+Reimen manche heilsame, mitunter auch manche derbe Wahrheit,
+ohne daß ein Mensch etwas dagegen einzuwenden
+hatte? &mdash; Aber freilich hatte man auch vor 200 Jahren in
+<a class="pgnum" id="page-85" title="Seite 85"></a>Deutschland noch etwas mehr Respect vor einem Menschen
+und vor einem Bürger, als heut zu Tage!&#8220;</p>
+
+<p>Durch Verschiedenheit der Meinung sah sich Wieland
+oft den heftigsten Angriffen blosgestellt. Das Bewußtseyn,
+einen guten Zweck verfolgt zu haben, mußte ihn trösten.
+Daß er oft schärfer gesehen, als Andere, und manches in
+prophetischem Geiste gesprochen hatte, bewies er in seinen &#8222;Gesprächen
+unter vier Augen&#8220; durch den Vorschlag: das demokratische
+Frankreich möchte zu seiner eignen Rettung &mdash; Buonaparte
+zum Dictator ernennen. In jenen politischen Dialogen
+sah Wielands Blick weit in die ferne Zukunft hinaus,
+und in mehreren Schilderungen entwarf er ein anschauliches
+Bild von der Zeit, die jenseits der Grenzen seines Lebens
+lag.</p>
+
+<p>Von solchen Beschäftigungen ward Wieland wieder zu
+den Musen zurückgeführt in den geistreichen Cirkeln, welche
+die Herzogin Amalia in Ettersburg und Tiefurth zu versammeln
+pflegte. Was irgend im Gebiet der Poesie und
+Musik von Bedeutung schien, ward in jenen Cirkeln, an denen
+Goethe, Herder, Einsiedel, Knebel, Bertuch u.A. Theil
+nahmen, zu einem Gegenstande der Unterhaltung. Ländliche
+Feste und Schauspiele, in denen die eben genannten Männer,
+nebst einer Corona Schröter, Amalie v. Göchhausen u.a.
+geistreichen Damen sich in die Rollen theilten, wechselten
+mit Ergötzlichkeiten anderer Art ab. Einen Beitrag zu den
+dramatischen Vorstellungen jener Dilettantengesellschaft, die
+bald das Schloß zu Ettersburg, bald die nahgelegene Waldung
+zum Schauplatz wählte, lieferte Wieland in seiner
+<a class="pgnum" id="page-86" title="Seite 86"></a>&#8222;Pandora.&#8220; Mehrere Gedichte und Aufsätze legte er auch
+in dem noch handschriftlich erhaltenen &#8222;Tiefurther Journal&#8220;
+nieder.</p>
+
+<p>In solchen Kreisen fühlte sich Wieland sehr behaglich,
+so wenig er sonst auch dem Hofleben und der damit verbundenen
+Etiquette Geschmack abgewinnen konnte. Noch in
+späterer Zeit pries er oft das Glück, so geistreichen Cirkeln
+angehört zu haben, die durch den lebhaften Austausch der
+mannigfachsten Ideen für ihn immer das Interesse der Neuheit
+behielten. Die in einem Briefe vom Jahr 1782 enthaltene
+Schilderung der völligen Zufriedenheit mit seiner Lage
+paßte auch für seine spätern Lebensjahre. Jenes Schreiben
+enthielt das Geständniß: &#8222;In einer erwünschten Befreiung
+von öffentlichen Geschäften lebe ich den Musen und mir
+selbst, ein unscheinbares, aber glückliches Leben, begünstigt
+durch die Gnade meines Fürsten und durch die Liebe vieler
+Rechtschaffenen.&#8220;</p>
+
+<p>Der erwähnte Brief schilderte ihn zugleich &#8222;umgeben
+von einer zahlreichen, um ihn her theils aufblühenden, theils
+noch aufkeimenden Familie, die seine Existenz auf die interessanteste
+Weise vervielfältige und durch die süßen Sorgen und
+angenehmen Pachten des Hausvaters sein sonst sehr einförmiges
+Leben vor Stockung bewahre.&#8220; Fühlbar mußte ihm
+jedoch werden, daß er, bei aller Sparsamkeit, seinen literarischen
+Fleiß verdoppeln mußte, wenn er für den anständigen
+Unterhalt seiner nicht kleinen Familie gehörig sorgen wollte.
+Von vierzehn Kindern, die ihm seine Gattin geboren, lebten
+damals noch eilf. Der Vortheil, den er bisher von seinen
+<a class="pgnum" id="page-87" title="Seite 87"></a>schriftstellerischen Arbeiten gezogen, war gering. Den meisten
+Gewinn hatte er noch der Herausgabe des &#8222;deutschen
+Merkurs&#8220; zu danken gehabt. Bei den meisten seiner frühern
+poetischen Werke hatte er sich mit einem Dukaten für den
+Druckbogen begnügen müssen. In Bezug auf das Honorar
+für seine &#8222;Komischen Erzählungen&#8220; gestand Wieland einem
+Freunde: &#8222;Jedermann, welcher weiß, daß in Frankreich dem
+mittelmäßigsten Reimer und Romanschreiber wenigstens zwei
+Louisd'or für den Bogen bezahlt werden, lacht mich aus,
+daß die Komischen Erzählungen mir nicht mehr noch weniger
+eingetragen haben, als fünf Gulden für den Bogen.&#8220;</p>
+
+<p>Einigermaßen verbessert hatten sich Wielands literärische
+Einkünfte durch seine Bekanntschaft mit dem Buchhändler
+Reich in Leipzig, der ihm für das Gedicht &#8222;Musarion&#8220; ein
+Honorar von dreißig Dukaten und für den &#8222;Diogenes von
+Sinope&#8220; funfzig gesendet hatte. Der Gelehrtenbuchhandlung
+in Dessau hatte Wieland eine nicht unbedeutende Summe
+auf Actien geliehen und sie größtentheils eingebüßt.
+Zurückgeschreckt durch so bittere Erfahrungen, schwankte er, ein
+Capital von 1000 Thlrn. daran zu wagen, als die Unternehmer
+der Jenaischen Literaturzeitung, Schütz und Bertuch,
+ihn im Jahr 1784 zum Beitritt aufgefordert hatten. Dagegen
+trat Wieland, nach Reichs Tode, in nähere Verbindung
+mit dem damals noch sehr jungen Buchhändler Göschen
+in Leipzig, der zuerst den &#8222;Peregrinus Proteus&#8220; und
+die &#8222;Göttergespräche&#8220; druckte, und nachher der Verleger von
+Wielands sämmtlichen Werken ward.</p>
+
+<p>Durch eine genaue Revision und Feile wünschte Wieland
+<a class="pgnum" id="page-88" title="Seite 88"></a>seinen Schriften den höchsten Grad von Vollendung zu geben.
+In der Ankündigung der Gesammtausgabe seiner Werke im
+zwölften Stück des &#8222;deutschen Merkur&#8220; vom Jahr 1793
+äußerte Wieland, daß ihn jene Arbeit schon seit einigen Jahren
+beschäftige. &#8222;Ich widme ihr,&#8220; schrieb er, &#8222;die heitersten
+Tage und Stunden meines Lebens, und spare weder Zeit
+noch Mühe, um den kleinsten Flecken wegzubringen, den ich
+an einem bereits vollendet scheinenden Werke gewahr werde.
+Es ist ein süßer Gedanke, zumal in den letzten Herbsttagen
+des Lebens, auch nach seinem Tode noch unter den Menschen,
+die man geliebt hat, fortzuleben, ihnen noch werth und nützlich
+zu seyn, und von den Besten unter ihnen noch geliebt
+zu werden. Wenn auch die Hoffnung, daß die Zukunft diesen
+Gedanken realisiren werde, nur Täuschung wäre: welche
+Aufforderung, welche Nachtwachen könnten zu viel seyn, um
+sich noch in seinem Leben eine so süße Täuschung zu verschaffen?
+Niemand kann es stärker fühlen und einsehen, als
+ich selbst, daß, meiner angestrengtesten Bemühungen ungeachtet,
+auch die besten Producte meines Geistes noch immer
+weit unter meiner eignen Idee, geschweige denn unter den
+Ideal des Schönen und Guten in ihrer Art bleiben. Dieser
+Gedanke wird meine Aufmerksamkeit schärfen, und meinen
+Fleiß verdoppeln; und so werde ich, was auch der Erfolg
+seyn mag, die Welt dereinst desto ruhiger verlassen können,
+wenn ich mir bewußt seyn werde, alles, was in meinen
+Kräften stand, gethan zu haben, um ihr meinen geistigen
+Nachlaß so wohl beschaffen und in so guter Ordnung, als
+mir möglich war, zu hinterlassen.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-89" title="Seite 89"></a>Bei der Durchsicht seiner Schriften überzeugte sich Wieland,
+wie sehr sein Styl und Geschmack sich allmälig geläutert
+hatten. Seinen Jugendarbeiten beurtheilte er mit nachsichtsloser
+Strenge. Nur wenige nahm er in die Sammlung
+seiner Werke auf. Den meisten Werth legte er noch auf
+seine &#8222;moralischen Erzählungen.&#8220; Nach einem seiner damaligen
+Briefe hielt er diese Erzählungen &#8222;für das Beste
+von allem, was er vor seinem fünf und zwanzigsten Jahre
+geschrieben habe.&#8220; Ueber den Platz, den er seinen ersten
+schriftstellerischen Versuchen in der Gesammtausgabe seiner
+Werke anweisen sollte, schwankte er lange. In Bezug
+auf seine Erzählung: &#8222;Araspes und Panthea&#8220; äußerte er in
+einem Briefe an seinen Verleger Göschen: &#8222;Ich finde, daß
+es die höchste Unschicklichkeit wäre, dies noch sehr jugendliche
+und meinen frühern Jugendwerken noch viel zu ähnliche
+Product an die Spitze meiner sämmtlichen Schriften
+zu stellen, und zwar nicht hinsichtlich des Inhalts oder der
+darin geäußerten Geisteskräfte (in welcher Rücksicht es nicht
+zu verachten ist), sondern weil mein Geschmack und Styl
+damals noch zu unreif, und von dem, was er im Agathon
+und im goldnen Spiegel ist, noch zu weit entfernt war.&#8220;
+Oft verwarf Wieland wieder die bereits getroffenen Anordnungen.
+Endlich entschloß er sich, seine Jugendarbeiten der
+Ausgabe seiner Werke beizufügen, weil sie doch, wie er äußerte,
+&#8222;gewissermaßen zur Geschichte unserer Literatur gehörten
+und zeigten, von welchem Punkte er ausgegangen sei.&#8220;</p>
+
+<p>Längere Zeit beschäftigte sich Wieland mit dem Gedanken,
+auch seine Uebersetzungen in die Sammlung seiner
+<a class="pgnum" id="page-90" title="Seite 90"></a>Werke aufzunehmen. Ueber diese Idee, die er wieder verwarf,
+äußerte er sich in einem Briefe vom 1. November 1793
+mit den Worten: &#8222;Alle Welt stimmt mit Recht darin
+überein, daß meine Uebersetzungen des Horaz und des Lucian
+so viel von meinem Eignen haben, und sich so weit
+von der gewöhnlichen Uebersetzer-Manier entfernen, daß sie
+so gut, als irgend eins meiner Originalwerke in eine Sammlung
+aller meiner Schriften gehören, zumal da der Commentar
+einen eben so beträchtlichen Theil ausmacht. Ich glaube
+es dem Publikum schuldig zu seyn, daß die allgemeine Ausgabe
+aller meiner Werke, auch die Satyren und Briefe des
+Horaz, und wenigstens die auserlesenen Werke Lucian's nebst
+meinem Commentar enthalte.&#8220;</p>
+
+<p>Im Allgemeinen erklärte sich Wieland über die Gesammtausgabe
+seiner Schriften in einem Briefe vom 30. Juni 1795
+mit den Worten: &#8222;Unter meinen sämmtlichen Werken will
+ich eigentlich nichts verstanden haben, als was ich nach meiner
+besten Ueberzeugung für werth halte, unter die besten
+und reifsten Producte meines Geistes aufgenommen zu werden.&#8220;
+Mehrere seiner Werke wurden von ihm umgearbeitet,
+um sie dem ihm vorschwebenden Ideal von Vollkommenheit
+möglichst zu nähern. Er scheute weder Zeit noch Mühe,
+siebzehn Gesänge seines &#8222;Neuen Amadis,&#8220; dessen &#8222;licensiöse
+Versart&#8220; ihm nicht behagte, in zehnzeilige Stanzen umzuschmelzen.
+Nach seinem eignen Geständniß ging Wielands
+Bemühen hauptsächlich darauf hinaus, sowohl dem eben erwähnten
+Gedicht, als seinen übrigen poetischen Arbeiten,
+&#8222;ohne Nachtheil der ungezwungenen Leichtigkeit, Correctheit
+<a class="pgnum" id="page-91" title="Seite 91"></a>des Stils und der Sprache zu geben.&#8220; Zu Anfange des
+Februar hatte er die &#8222;wirklich mühsame Revision der dreißig
+Bände seiner sämmtlichen Werke&#8220; vollendet. Er sah sich
+dadurch mancher Sorgen überhoben. Einer reinen Freude
+überließ er sich indeß erst, als die empfangenen Nachrichten
+von zahlreichen Subscriptionen einigermaßen seine Besorgnisse
+milderten, daß das Unternehmen für seinen Verleger
+einen bedeutenden Verlust herbeiführen möchte.</p>
+
+<p>Die politischen Ereignisse vermehrten in dieser Hinsicht
+Wielands Besorgniß. Nicht für sonderlich günstig hielt er
+den Moment, in welchem die Gesammtausgabe seiner Werke
+an's Licht trat. &#8222;Wir sind leider,&#8220; schrieb er, &#8222;in eine unglückliche
+Zeit gefallen, und selbst die Hoffnung, das Einzige,
+was uns zum Trost noch übrig blieb, scheint bereit, mit
+jedem Augenblicke die Flügel aufzuspannen, und uns durch
+die Flucht einem Zustande zu überlassen, der durch seine Ungewißheit
+beinahe noch schlimmer ist, als das Aergste, was
+uns wirklich treffen kann.&#8220; Manches Unerfreuliche brachte
+ihm aber auch schon die Gegenwart. Wielands Unmuth
+kannte keine Grenzen, als ein Wiener Nachdruck seiner Werke,
+ihren rechtmäßigen Verleger, der bei dem Unternehmen kein
+Opfer gescheut, mit einem bedeutenden Verlust bedrohte.</p>
+
+<p>In seinem Familienkreise mußte Wieland Trost und Erheiterung
+suchen, und er suchte dort beides nicht vergebens.
+Kaum hätte er eine Gattin finden können, die die Pflichten
+einer thätigen Hausfrau und sorgsamen Mutter pünktlicher
+erfüllt hätte, als seine liebe Dorothea. Ungestört konnte er
+den größten Theil des Tages an seinem Arbeitstisch zubringen,
+<a class="pgnum" id="page-92" title="Seite 92"></a>und dadurch nach allen Kräften für das Wohl seiner Familie
+sorgen. Ohne durch ihr Aeußeres, noch durch Talente sich
+auszuzeichnen, war Wielands Gattin sein höchstes Lebensglück.
+In einem seiner Briefe nannte er sie ein Muster jeder
+weiblichen und häuslichen Tugend. &#8222;Sie ist&#8220;, schrieb
+er, &#8222;frei von jedem Fehler ihres Geschlechts, mit einem
+Kopf ohne Vorurteil, und mit einem moralischen Charakter,
+der einer Heiligen Ehre machen würde. Die Jahre, die ich
+mit ihr lebe, sind herangekommen, ohne daß ich nur ein
+einziges Mal gewünscht hätte, nicht verheirathet zu seyn.
+Im Gegentheil ist sie und ihre Existenz so mit der meinigen
+verwebt, daß ich nicht acht Tage von ihr entfernt seyn kann,
+ohne etwas dem Schweizer-Heimweh Aehnliches zu empfinden.&#8220;
+Die innige Liebe zu seiner Gattin gab ihm auch in
+einem Briefe an Gleim die Worte ein: &#8222;Gott hat mich
+aus einer Gefahr erlöst, an die ich ohne Schaudern nicht
+denken kann. Ich war nahe daran, oder wenigstens machte
+mich Liebe und Angst denken, das beste, für mich allein
+geschaffene Weibchen zu verlieren. Alle lieben Engel Gottes
+haben Mitleid mit mir und meinen armen Kindern gehabt;
+wir haben unser bestes Mütterchen wieder, und sie befindet
+sich außer Gefahr.&#8220;</p>
+
+<p>Die Geburt eines Kindes hielt Wieland immer für
+einen Zuwachs seiner häuslichen Glückseligkeit. Mit reiner
+Vaterfreude betrachtete er die Entwicklung der &#8222;kleinen krabblichten
+Mitteldinger von Aeffchen und Engelchen&#8220;, wie er
+seine lieben Sprößlinge scherzweise nannte. Es war ein herzerfreuender
+Anblick für ihn, und oft bat er einen auswärtigen
+<a class="pgnum" id="page-93" title="Seite 93"></a>Freund, doch zu ihm zu kommen und seine Freude darüber
+zu theilen, daß die Herzogin Mutter, der Herzog,
+Prinz Constantin, Goethe, Gleim u.A. bei der Taufe seiner
+Kinder Pathenstellen übernommen. Seine Gattin hatte
+ihm vierzehn Kinder geboren, von denen ihm sechs Töchter
+und drei Söhne am Leben blieben. Zwei liebe Kinder, Philipp
+und Wilhelm, entriß ihm der Tod. &#8222;Die Zeit&#8220;, schrieb
+Wieland &#8222;heilt wohl Wunden dieser Art, aber die Narbe,
+die sie zurücklassen, bleibt so lange wir leben.&#8220;</p>
+
+<p>Noch ehe ihn jener zwiefach <del>hatte</del> <ins>harte</ins>
+Schicksalsschlag getroffen,
+hatte Wieland seiner Jugendfreundin Sophie la Roche
+geschrieben: &#8222;Ich habe eine ganz artige Nachkommenschaft
+um mich her, alle so gesund und munter, gutartig und hoffnungsvoll,
+jedes in seiner Art, daß ich meine Lust und Freude
+daran habe, und mich gerade wegen dessen, was die Meisten
+für eine große Last halten würden, für einen der glücklichen
+Sterblichen auf Gottes Erdboden halte. Das Alter überschleicht
+mich ganz unmerklich mitten unter dieser um mich
+aufsprossenden und aufblühenden jungen Welt. Ich erfahre
+je länger je mehr, daß alle wahre menschliche Seligkeit innerhalb
+der Räume des ehelichen Lebens liegt. Ich werde
+immer mehr Mensch, und in eben der Proportion immer
+glücklicher und besser. Arbeiten wird meine Lust, weil ich
+für meine Kinder arbeite, und auch davon bin ich im Innersten
+überzeugt, daß mein ruhiges Vertrauen auf die Hand,
+die das Gewebe unserer Schickungen webt, weder mich, noch
+die Meinigen betrügen werde.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands Familienkreis war noch durch einen talentvollen
+<a class="pgnum" id="page-94" title="Seite 94"></a>jungen Mann erweitert worden, den er bereits 1785
+als Haus- und Tischgenossen bei sich aufgenommen hatte.
+Dieser junge Mann, der, anfangs Hauslehrer von Wielands
+Kindern, späterhin durch Familienbande noch näher an ihn
+geknüpft ward, war Reinhold. &#8222;Es ist eine wunderbare
+Geschichte&#8220;, schrieb Wieland den 15. Mai 1785 an Gleim,
+&#8222;wie und auf was für Art dieser junge Mann aus den
+Wolken, oder vielmehr aus den Armen irgend eines Gottes
+in meinen Schooß gefallen, und mir und meiner Frau so
+lieb geworden ist, daß wir ihn mit einstimmigem Beifall
+unseres Kopfes und Herzens zu unserem Sohne angenommen
+haben.&#8220;</p>
+
+<p>Aus Wien gebürtig und in einem Jesuitencollegium erzogen,
+hatte Reinhold dem Mönchsleben in dem Barnabiter-Orden
+so wenig Gesch<ins>m</ins>ack abgewinnen können, daß er heimlich
+nach Leipzig entfloh und von da nach Weimar ging, wohin
+ihn seine Freunde v. Gemmingen und Blumauer an Wieland
+empfohlen hatten. Die wohlwollende Aufnahme, die er
+dort fand, verbunden mit dem Genuß der Denkfreiheit in einem
+protestantischen Lande, versetzte ihn in die froheste Stimmung.
+Selbst über seine noch ungewisse Zukunft konnte er sich beruhigen,
+da Wieland ihn seines Charakters und seiner Kenntnisse
+wegen schätzte, ihm einen Antheil an der Redaction
+des &#8222;deutschen Merkurs&#8220; gönnte, und später durch seinen
+Einfluß ihm eine Professur der Philosophie auf der Universität
+Jena verschaffte. Noch fester ward Reinhold's Verhältniß
+zur Wielandschen Familie durch seine Neigung zu des Dichters
+ältester Tochter, der damals sechzehnjährigen Sophie.
+<a class="pgnum" id="page-95" title="Seite 95"></a>Reinhold erhielt am Altar ihre Hand, und fortwährend,
+auch später, als er einem Ruf nach Kiel gefolgt war, bestand
+zwischen ihm und Wieland ein ungetrübtes Freundschaftsverhältniß.</p>
+
+<p>Wielands Vaterfreuden wurden erhöht, als er auch seine
+übrigen erwachsenen Töchter glücklich vermählt sah. Die
+Prediger Schorcht und Liebeskind, letzterer bekannt als Verfasser
+der von Herder herausgegebenen &#8222;Palmblätter&#8220; und
+als Mitarbeiter an Wielands &#8222;Dschinnistan&#8220;, hatten sich mit
+Caroline und Amalie Wieland verheirathet. Julie war die
+Gattin des Kammerraths Stichling in Weimar geworden,
+und Charlotte, die 1794 mit dem Dichter Baggesen und
+dessen Gattin nach der Schweiz gereist war, knüpfte dort
+unvermutet ein Ehebündniß. Wieland schrieb darüber den
+17. April 1795: &#8222;Wenn je eine Ehe im Himmel geschlossen
+worden, so ist es gewiß diese, die sich auf eine beinahe
+wunderbare Art, und doch wieder so natürlich durch die entschiedenste
+Sympathie der Herzen, Gemüthsart, Neigungen,
+Sitten &mdash; zwischen dem Sohne Salomo Geßners, meines
+liebsten und einzigen Jugendfreundes und einer Tochter seines
+Freundes Wieland geschlossen hat &mdash; eine Verbindung,
+die in jedem Betracht so ganz nach den innersten Wünschen
+meines Herzens ist, daß ich mich nicht erwehren kann, dem
+schönen Wahn der vortrefflichen Salomo Geßnerschen Wittwe
+Raum zu geben, und mit ihr zu glauben, daß der Geist
+meines verewigten Freundes selbst diese Ehe geknüpft habe.&#8220;</p>
+
+<p>In seiner eigenen Ehe blieb Wieland immer dem schon
+früh gefaßten Grundsatze treu, in seinem Aufwande nie die
+<a class="pgnum" id="page-96" title="Seite 96"></a>durch seine Lage und seine Verhältnisse ihm vorgeschriebenen
+Grenzen zu überschreiten. Einfach und schlicht, wie
+seine Lebensweise, war Wielands Wohnung und Kleidung.
+Nichts erinnerte in seinen Umgebungen an Prunk und Glanz,
+und Luxusartikel kannte er fast gar nicht. Ueberall aber
+zeigte sich in seinem Haushalt die äußerste Sauberkeit und
+Ordnung. Sein Mittagstisch war einfach, und überhaupt
+jede Ueppigkeit und Verschwendung ihm völlig fremd. Er
+sah ein, daß der Seinigen Ruhe, wie seine eigene, durch
+einen seine Kräfte übersteigenden Aufwand leicht gefährdet
+werden konnte.</p>
+
+<p>Seine Sparsamkeit artete nie in Geiz aus. Es war
+ein harmloses Spiel, wenn er zuweilen mit Wohlgefallen
+empfangene Goldstücke betrachtete oder sich dergleichen Münzen
+gegen Silbergeld einwechselte. Er mußte sich sagen,
+daß er sie doch nicht behalten konnte, und willig gab er sie
+hin zu nöthigen und unentbehrlichen Ausgaben.</p>
+
+<p>Völlig fremd war Wielands Charakter jede Art von Habsucht
+und Eigennutz. Sein poetischer Sinn machte ihn gleichgültig
+gegen den Erwerb, so wenig er das Erworbene verschwendete.
+Schon seinen hausväterlichen Pflichten glaubte
+er das schuldig zu seyn. Doch übte er Gastfreundschaft im
+schönsten Sinne des Worts. Seine Freunde fanden bei ihm
+immer die herzliche Aufnahme, die ihm selbst in seinen Jugendjahren
+in Bodmers Hause zu Theil geworden war. So
+weit es seine Kräfte irgend erlaubten, half er jedem, der
+sich an ihn wandte, gern mit Rath und That. Um aufkeimende
+Talente zu unterstützen, bewilligte er für Beiträge zu
+<a class="pgnum" id="page-97" title="Seite 97"></a>seinem &#8222;deutschen Merkur&#8220; mitunter ein höheres Honorar,
+als er selbst erhielt. Aus Gutmüthigkeit wies er selbst Manuscripte,
+die er nie abdrucken ließ, nicht zurück, sondern
+zeigte sich bereit, sie zu bezahlen &mdash; eine Liberalität, durch
+welche der Gewinn, den ihm sein Journal abwarf, nie bedeutend
+werden konnte.</p>
+
+<p>Im Grunde war Wieland in Bezug auf sich selbst sparsamer,
+als gegen Andere. Darin lag auch vielleicht der
+Grund, weshalb er während seines Aufenthalts in Weimar
+nur wenige Reisen unternahm, obgleich er sie zur Erholung
+von angestrengten Geistesarbeiten wohl bedurft hätte.
+Seine eigene Aeußerung, daß er &#8222;ein Mensch sei, der selten
+aus seinem Schneckenhäuschen heraus krieche&#8220;, schien sich
+an ihm bewähren zu wollen. In einem Briefe an Gleim
+setzte er die Gründe auseinander, weshalb er einer Einladung,
+nach Halberstadt zu kommen, nicht folgen könne. &#8222;Tausend
+seidene Bänder&#8220;, schrieb er, &#8222;fesseln mich an Weimar. Ich
+bin in den Boden eingewurzelt und um nur Eins zu sagen,
+wie kann ich, oder wie könnte meine Frau mit mir, sich von
+den Kindern trennen? Unser Haus ist eine kleine Welt für
+uns geworden. Aber Sie, liebster Gleim, Sie haben keine
+solchen Hindernisse. Kommen Sie zu uns, und versuchen
+Sie einmal, wie sich's in meinem Hause lebt, wo alle Augenblicke
+aus irgend einem Winkel ein anderes Bübchen oder
+Mädchen, auf das man nicht gerechnet hatte, hervorgekrochen
+kommt.&#8220;</p>
+
+<p>Eine Reihe von Jahren verstrich, ehe Wieland, den nicht
+blos die Liebe zur Gemächlichkeit, sondern auch die mannigfachen
+<a class="pgnum" id="page-98" title="Seite 98"></a>mit der Herausgabe des &#8222;deutschen Merkur&#8220; verbundenen
+Geschäfte an sein Haus fesselten, sich mit Reiseplänen
+beschäftigte. Zur Stärkung seiner Gesundheit entschloß er
+sich 1794 zu einem Ausflug nach Leipzig und Dresden.
+Nach der letztgenannten Stadt zog ihn die dortige Gemäldegallerie.
+Er wünschte in Dresden das strengste Incognito zu
+beobachten. An seinen Freund und Verleger Göschen schrieb
+er darüber: &#8222;Ich weiß nicht, warum Frau Fama so grillenhaft
+ist, sich schon im Voraus mit einer so unbedeutenden
+Sache, als meine Excursion nach Dresden ist, so viel zu
+thun zu machen. Es ist meine Meinung gar nicht, mich in
+Dresden Allen, die mich in Beschlag nehmen sollten, preiszugeben.
+Weder meine Gesundheit, noch meine Diät, die
+ich in meinen Jahren bei einer äußerst zarten und reizbaren
+Constitution zu beobachten habe, noch meine Absicht, meine
+Zeit in Dresden zur Betrachtung der dortigen herrlichen Gemäldesammlung
+zu benutzen, könnte sich mit vielen Aufwartungen,
+Besuchen, Diners und Soupee's vertragen, und ich
+wollte die Reise dorthin lieber ganz aufgeben, als die Freiheit,
+auch in Dresden (wo freilich keine Freiheitsbäume so leicht
+Wurzel fassen können) nach meinem eigenen Sinn und Willen
+zu leben.&#8220;</p>
+
+<p>Dieser Wunsch ging nicht ganz in Erfüllung. So gern
+auch Wieland jeder Gelegenheit, sich gefeiert zu sehen, auswich,
+hatte er es doch nicht vermeiden können, in Pillnitz
+dem Churfürsten vorgestellt zu werden. Manche interessante
+Bekanntschaften, die er in Dresden machte, ließen ihn jedoch
+seine Reise nicht bereuen. Mit größern Hindernissen hatte
+<a class="pgnum" id="page-99" title="Seite 99"></a>er zu kämpfen, ehe er die Idee, das Land wieder zu sehen
+in dem er seine Jugend verlebt, realisirte. Nicht nur für
+den &#8222;deutschen Merkur&#8220;, sondern auch für die ununterbrochene
+Fortsetzung des Drucks seiner sämmtlichen Werke hatte
+er Sorge tragen müssen, ehe er an einen sechsmonatlichen
+Aufenthalt in der Schweiz denken konnte, von welchem er
+sich, nach seiner eigenen Aeußerung, &#8222;für seinen innern und
+äußern Menschen viel Gutes versprach.&#8220; Nicht blos die Sehnsucht,
+seine an den Buchhändler Geßner in Zürich verheirathete
+Tochter Charlotte wiederzusehen, bewog ihn zu jener
+Reise. Auch sein leidender Gesundheitszustand mußte ihm
+sagen, daß ihm Erholung höchst nöthig sei. &#8222;Ich bedarf&#8220;,
+schrieb Wieland, &#8222;einer solchen Aufziehung meines innern
+Uhrwerks, und die Freuden des Herzens, die mich in der
+Geßnerschen Familie erwarten, werden ein Trunk aus der
+<span class="antiqua" lang="fr">Fontaine de Juvence</span> für mich seyn.&#8220;</p>
+
+<p>Ein Anflug von Hypochondrie, wie er selbst gestand,
+machte allerlei Bedenklichkeiten in Wieland rege, ehe er sich
+entschloß, die Reise nach der Schweiz anzutreten. &#8222;Man
+spricht und schreibt&#8220;, äußerte er in einem seiner damaligen
+Briefe, &#8222;gar so viel von der Unsicherheit der Landstraßen in
+Franken und Schwaben, wo zahlreiche Räuberbanden sich
+eingenistet haben sollen, daß ich in der That nicht weiß,
+ob ich Recht thue, eine so gefährliche Reise mit Weib und
+Kindern zu wagen. Ueberhaupt kommt mir ganz Deutschland
+jetzt nicht viel besser vor, als es in den Zeiten des dreißigjährigen
+Krieges war, und ich gestehe, daß ich alles Zutrauen
+zu den Menschen verloren habe, und in jedem Unbekannten
+<a class="pgnum" id="page-100" title="Seite 100"></a>einen Dieb und Mörder zu sehen glaube.&#8220; An seinen Schwiegersohn,
+den Buchhändler Geßner, schrieb Wieland bald
+nachher: &#8222;Ich sollte freilich, wenn ich auch nur so viel
+Glauben hätte, als der zehnte Theil eines Senfkorns, mehr
+Vertrauen setzen in die lieben Engelein, die uns geleiten
+werden. Aber das ist eben das Elend, daß ich weniger
+Glauben habe, als der heilige Sanct Thomas, und auch
+nicht viel mehr Herz als Glauben. Da lob' ich mir meine
+ehrliche Hausfrau, eure Mutter! Die ist so zart, als ob
+sie aus Postpapierschnitzeln gemacht wäre, und hat Herz und
+Unerschrockenheit und Heldenmuth, trotz der tapfersten aller
+Marfisen und Bradamanten.&#8220;</p>
+
+<p>Am 24. Mai 1795 war Wieland mit seiner Frau und
+drei Kindern, Caroline, Wilhelm und Luise, in einen bequemen
+Wagen, den er der Herzogin Amalia verdankte, von
+Weimar abgereist. Die freundliche Aufnahme, die er unterwegs
+an mehrern Orten, besonders in Nürnberg gefunden,
+ward noch übertroffen durch die zahlreichen Beweise von Liebe
+und Wohlwollen, die er von ältern und jüngern Freunden
+bei seinem Eintritt in die Schweiz empfing. An Göschen
+schrieb Wieland den 8. August 1795. &#8222;Sie erhalten dies
+Blättchen nicht &mdash; wie Sie billig vermuthen könnten &mdash; von
+den Ufern des Lethe, dessen Anwohner ein süßes Vergessen
+aller Dinge über der Erde eingesogen haben, sondern von
+dem rechten Ufer des Zürchersees, in dessen Nachbarschaft ich
+ein artiges kleines Häuschen schon seit ungefähr acht Wochen
+bewohne, und mich so wohl befinde, als ob ich in meinem
+nun bald zurückgelegten 63sten Jahre auf neue Rechnung zu
+<a class="pgnum" id="page-101" title="Seite 101"></a>leben anfangen sollte. Sie kennen das Land und den Ort
+und die liebenswürdigen Menschen, mit denen ich lebe. Sie
+haben sich selbst, wenn ich nicht irre, mehrere Tage in dem
+Geßnerschen Hause aufgehalten, und wenn Sie sich nun das
+Vergnügen denken, in welches ich durch eins meiner liebsten
+Kinder mit demselben gekommen bin, so werden Sie sich
+leicht vorstellen können, daß Tage und Wochen mit einer
+mir selbst kaum begreiflichen Geschwindigkeit, über meinem
+Haupt wegfliegen, und wie lange mein hiesiger Aufenthalt
+auch währen könnte, er mir am überraschenden Tage des
+Scheidens doch immer nur ein kurzer Morgentraum scheinen
+wird.&#8220;</p>
+
+<p>Durch manche Besorgnisse, die der Gang der politischen
+Ereignisse in ihm weckte, fühlte sich Wieland bewogen, seine
+Abreise zu beschleunigen. &#8222;Der Krieg&#8220;, schrieb er, &#8222;hat
+sich nun von den Ufern des Rheins und Neckars bis in's
+Herz von Deutschland gezogen. Alles weicht dem unaufhaltsamen
+Strom, und es fehlt hier nicht an Gerüchten,
+die uns auch für die Reiche von Thüringen und Sachsen
+bekümmert machen könnten, wofern es den Westfranken
+vielleicht Ernst seyn sollte, allen freiwilligen sowohl als gezwungenen
+Theilnehmern an dem Göttern und Menschen
+verhaßten Kriege ihre schwere Hand fühlen zu lassen. Haben
+nun auch die Zeitumstände mich die Wonnetage, die ich mir
+von meinem hiesigen Aufenthalt versprach, nicht so rein genießen
+lassen, als ich wohl gewünscht hätte, so ist doch einer
+von den Hauptzwecken meiner Reise erreicht. Ich befinde
+mich ungemein wohl, und wenn der gute Genius, der meine
+<a class="pgnum" id="page-102" title="Seite 102"></a>Reise von Weimar nach Zürich begünstigte, mich auch
+von Zürich nach Weimar zurückgeleitet, so darf ich hoffen,
+die guten Folgen derselben für meine Gesundheit und die
+Munterkeit meines Geistes noch mehrere Jahren zu verspüren.&#8220;</p>
+
+<p>Am 15. September 1795 meldete Wieland, daß er letztverwichenen
+Sonntag um zwei Uhr Nachmittags mit seiner
+lieben Reisegesellschaft gesund und wohlbehalten in Weimar
+angekommen sei. &#8222;Sein guter Genius&#8220;, schrieb er, &#8222;habe
+es so geleitet, daß er auf der ganzen Route über Stuttgart,
+Heilbronn, Schwäbisch-Hall, Anspach, Nürnberg, Bamberg,
+Coburg und Saalfeld keinen Franzosen zu Gesicht bekommen,
+auch nirgends kaiserliche Truppen angetroffen, auf keiner
+Post länger als eine Stunde aufgehalten worden sei, daß er
+seine aus Vorsicht mitgenommenen deutschen und französischen
+Pässe auch nicht ein einziges Mal nöthig gehabt, und
+mit Einem Worte so ruhig und bequem gereist sei, als ob
+überall Friede wäre.&#8220;</p>
+
+<p>Sein Aufenthalt in der Schweiz hatte ihm das Landleben
+von einer so anmuthigen Seite gezeigt, daß ihm, der, nach
+seinem eignen Geständniß, &#8222;gern wie Horaz, durch's Leben
+weggeschlichen wäre, und der nichts mehr haßte als Stadt-,
+Hof- und Weltgetümmel&#8220;, sich oft der sehnsuchtsvolle
+Wunsch aufdrang, in ländlicher Zurückgezogenheit, der Natur,
+sich selbst und den Seinigen leben zu können. Die Achtung
+und Neigung fürstlicher Gönner, die Freundschaft mancher
+vorzüglichen Männer, die Weimar damals in sich versammelte,
+hätten ihn in jenem Entschluß wankend machen können.
+<a class="pgnum" id="page-103" title="Seite 103"></a>Oft aber ergoß sich Wieland in bittere Klagen, daß er bei
+aller Muße doch ein sehr zerstückeltes Leben führe, mit Unterbrechungen
+durch Besuche von Einheimischen und Fremden.
+Sein Zartgefühl für das Schickliche versetzte ihn in eine sehr
+unmuthige Stimmung, wenn er von Fremden im Schlafrock
+und in der Nachtmütze überrascht ward. Trostlos machte
+ihn besonders die Vorstellung, daß seine arglos hingeworfenen
+Aeußerungen von solchen Besuchenden aufgefangen
+und öffentlich bekannt gemacht werden könnten. All' diesem
+Ungemach glaubte er in einer ländlichen Zurückgezogenheit
+zu entgehen, die ihm überdieß manchen Lieblingsplan, der
+seinen Geist beschäftigte, auszuführen vergönnte. Ernstlich
+dachte er längere Zeit daran, seinen bisherigen Aufenthalt
+in Weimar mit einem freundlichen Landhause bei Hohenstädt,
+unweit Grimma, zu vertauschen. Viel Lockendes hatte für
+ihn die Idee, dort seines Freundes Göschen Nachbar zu
+werden. Seine Verhältnisse zum Weimarischen Hofe nöthigten
+ihn indeß, diesen Plan wieder aufzugeben.</p>
+
+<p>Den Aufenthalt in dem unweit Weimar gelegenen Rittergute
+Tannrode malte sich Wielands Poesie mit den glänzendsten
+Farben aus. Ueber den Ankauf dieses Gutes, das
+der Familie von Egloffstein gehörte, pflog er Unterhandlungen.
+Er nannte es in einem seiner Briefe ein ächtes Horazisches
+Sabinum. &#8222;Ich schmeichle mir&#8220;, schrieb er, &#8222;wenn ich erst
+in meinem alten Schlößchen Tannrode etablirt seyn werde,
+in der herrlichen Luft und der schönen Natur, die mich dort
+umgeben wird, neue Munterkeit und Kraft zu meinen Geistesarbeiten
+zu erhalten.&#8220; Diese Idee gab Wieland jedoch
+<a class="pgnum" id="page-104" title="Seite 104"></a>wieder auf. Er entschloß sich zu dem Kauf des unweit
+Weimar gelegenen Gutes Osmanstädt für die Summe von
+22,000 Thalern. Diese Summe glaubte er theils durch den
+Verkauf seines Hauses in Weimar, theils durch ein etliche
+Jahre verzinsliches und nach und nach abzutragendes Capital
+decken zu können, das er durch Vermittlung seines Freundes
+Göschen zu erhalten hoffte.</p>
+
+<p>Mit manchen Hindernissen hatte Wieland, da Göschen's
+Antwort ablehnend ausfiel, noch zu kämpfen, ehe er seinen
+Lieblingswunsch realisiren konnte. Seinen Credit in Weimar
+wollte er nicht benutzen. &#8222;Davon bin ich ziemlich überzeugt&#8220;,
+schrieb er, &#8222;wenn alle andern Stricke reißen sollten, der Herzog
+würde mich nicht in der Noth stecken lassen. Aber ich
+habe mehr als Eine Ursache, zu diesem heroischen Mittel,
+nur im äußersten Nothfall zu concurriren.<ins>&#8220;</ins> In einem Briefe
+an Göschen äußerte Wieland: &#8222;Hören Sie, lieber Freund,
+wie ich glaube, daß meine Angelegenheit, ohne daß Ihnen
+oder mir zu wehe dabei geschieht, arrangirt werden könnte;
+denn ganz kann ich Sie freilich nicht aus dem Spiel lassen,
+so sehr ich's auch thun zu können wünschte. Sie sind nun einmal,
+weil Sie es selbst so gewollt haben, mein Verleger,
+und müssen es seyn und bleiben, dafür ist kein Rath.&#8220; &mdash; Nachdem
+Wieland nun das Honorar für die neue Ausgabe
+seiner Werke auf 7000 Thaler festgesetzt hatte, schloß er seinen
+Brief an Göschen mit den Worten. &#8222;Warum ich Sie bitte,
+ist, daß ich auf künftigen Michaelistag 4000 Thaler von
+Ihnen zu empfangen sicher rechnen könnte.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-105" title="Seite 105"></a>Wie wohl sich Wieland fühlte in seinem &#8222;Osmantinum&#8220;
+oder seiner &#8222;Oberinstädtischen Retraite&#8220;, wie er sein ländliches
+Asyl mitunter nannte, schilderten mehrere seiner damaligen
+Briefe. Am 25. April 1797 hatte er dort, nach abgeschlossenem
+Kauf, seinen Einzug gehalten. Ein Vierteljahr
+später, den 25. Juli, schrieb er: &#8222;Mir ist, als ob gar keine
+andere Art zu existiren für mich möglich sei, und die Weimarischen
+Propheten, die als ganz unfehlbar voraussahen,
+daß ich mich gar jämmerlich auf dem Lande und <span class="antiqua" lang="fr">vis à vis de
+moi même</span> langweilen würde, bestehen mit Schande. Auch
+sperren sie die Augen mächtig darüber auf, daß ich so heiter
+und vergnügt aussehe, und können sich daß Phänomen gar
+nicht erklären. Ich hingegen begreife das Wunder sehr gut,
+und in der That ungleich besser, als wie ich die vier und
+zwanzig Jahre, die ich in Weimar gelebt, noch so leidlich
+habe aushalten können. Landluft, unverkünstelte Natur,
+viel Gras und schöne Bäume, äußere Ruhe und freie Disposition
+über mich selbst und meine Zeit &mdash; das Alles zusammengenommen
+ist, so zu sagen, mein Element, so gut,
+wie die Luft des Vogels und das Wasser des Fisches Element
+ist; und es geht also ganz natürlich zu, daß ich darin gedeihe.&#8220;</p>
+
+<p>Wieland war damals unerschöpflich im Lobe des Landlebens,
+das, wie er glaubte, sehr wohlthätig auf seinen Gesundheitszustand
+einwirke. Er schrieb darüber den 19. December
+1797 einem Freunde: &#8222;Das Angenehmste ist, daß
+ich in diesem veränderlichen, dumpfen und schlackrigen Winter
+eine über alle Menschenerwartung hinausgehende Probe
+<a class="pgnum" id="page-106" title="Seite 106"></a>über meine Leibesconstitution mache. In der Stadt würde
+ich mich in diesen verwichenen acht Wochen wahrscheinlich
+ziemlich schlecht befunden haben; hier in meinem Hause zu
+Osmanstädt befinde ich mich ununterbrochen wohl und munter,
+arbeite an meinem Schreibtisch mit Succeß, habe, ungeachtet
+ich wenig an die Thür komme, guten Appetit, und
+schlafe weit besser, als ehemals. Alles dies entscheidet, wenigstens
+was mich betrifft, den Vorzug des Landlebens vor
+dem Stadtleben, nichts von den negativen und passiven Vorzügen
+zu gedenken, welche die Landmaus beim Horaz gegen
+ihre Freundin, die Stadtmaus, geltend macht. Nebenher
+thut mir auch das Bewußtseyn wohl, daß ich meinen Garten
+bereits in einen merklich bessern Zustand versetzt habe. Ueber
+dreihundert Bäume habe ich gepflanzt, von deren größerem
+Theil, wenn sie gut durch diesen Winter kommen, ich wenigstens
+die ersten Früchte zu erleben hoffen kann; und das,
+was ich auf Cultur und Verbesserung verschiedener, nach
+und nach durch Verwahrlosung in Abnahme gekommener
+Parthien bereits gewandt habe und noch verwenden werde,
+wird schon im künftigen Jahre so auffallend seyn, daß, wer
+mich wieder besucht, sich in ein kleines Paradies versetzt zu
+sehen glauben wird.&#8220;</p>
+
+<p>Unter den erwähnten ländlichen Beschäftigungen war
+Wieland seinen literarischen Arbeiten nicht untreu geworden,
+obgleich manche darunter ihm so viel Beschwerden und Verdruß
+bereiteten, daß er sehnlich wünschte, sich ihrer entledigen
+zu können. Den &#8222;deutschen Merkur&#8220; würde er, wenn
+er den mäßigen Gewinn, den ihm diese Zeitschrift abwarf,
+<a class="pgnum" id="page-107" title="Seite 107"></a>hätte entbehren können, zuerst aufgegeben haben. Sehr unwillig
+ward er mitunter über die reichlichen Zusendungen
+schlechter Verse und anderer mittelmäßiger Produkte. Besonders
+ward Wielands Zeit zerstückelt durch die Beantwortung
+zahlreicher Briefe, die aus allen Gegenden Deutschlands
+an ihn gelangten. In dieser Beantwortung war er freilich
+mitunter so saumselig, daß er die deshalb ihm gemachten Vorwürfe
+wohl verdient zu haben glaubte, und sich selbst bisweilen
+noch schärfer tadelte. Wielands Humor, der ihn nie
+ganz verließ, gab ihm einst eine öffentliche Erklärung ein,
+durch die er den zu häufigen und werthlosen Manuscriptsendungen
+vorbeugen wollte.</p>
+
+<p>&#8222;Verschiedene, welche mich,&#8220; schrieb er, &#8222;mit allerlei
+theils versificirten, theils prosaisch-poetischen Aufsätzen, Idyllen
+u. dgl. für den Merkur zu beschenken die Gewogenheit
+hatten, setzen mich in eine Art von Verlegenheit, deren ich
+gern auf immer überhoben zu seyn wünsche. Ihr geneigter
+Wille verdient Dank; aber es entsteht hier eine leidige Collision
+von Pflichten, deren Effekte weder ihnen noch mir angenehm
+seyn können. Einige scheinen von der Güte ihrer
+Producte so überzeugt zu seyn, daß man ihnen, ohne Beleidigung,
+weder sagen, noch zu verstehen geben kann, man sei
+anderer Meinung. Andere sind zwar bescheidener, geben sich
+blos für Anfänger aus, bitten um Nachsicht, oder daß man
+ihnen ihre Lection corrigiren, oder ihnen wenigstens sagen
+möchte, ob sie zur Dichterei berufen seien oder nicht. Aber
+sie bringen das mit einer so sichtbaren Erwartung eines höflichen,
+d.i. ihrer Eigenliebe schmeichelnden Bescheides vor,
+<a class="pgnum" id="page-108" title="Seite 108"></a>daß man's kaum über's Herz bringen kann, ihnen durch eine
+ehrliche Antwort wehe zu thun. Hierzu kommt noch, daß
+unser einer &mdash; der von einem solchen jungen Candidaten des
+Musenpriesterthums gefragt wird: Meister, was soll ich
+thun? und ihm nach seinem Gewissen die Antwort werden
+läßt: Alles, lieber Freund, nur keine Verse machen! &mdash; sich
+darauf verlassen kann, daß der junge Aspirant diese Antwort
+geradezu für einen Beruf annehmen wird, sich nun erst recht
+auf's Versemachen zu legen. Denn &mdash; sagt er zu sich selbst &mdash; meine
+Verse müssen doch wohl gut seyn, weil Wieland
+sich fürchtet, daß ich ihn ausstechen werde, und mich also
+gleich an der Schwelle des Musentempels gern zurückschrecken
+möchte. &mdash; Wie könnte der arme Verfasser des Winter- und
+Sommermährchens sich unterstehen, einem solchen Rivalen
+etwas Unangenehmes zu sagen? Der junge Mann würde
+natürlicher Weise denken müssen, es verdrieße Wieland nur,
+sich in Leichtigkeit der Verse und guter Art zu erzählen,
+übertroffen zu sehen. Das will ich denn auch dem jungen
+Dichter hiermit ohne Widerrede zugestanden haben. Nur
+der Merkur ist kein würdiger Schauplatz für solche Originalwerke.
+Mein unmaßgeblicher Rath ist, sie besonders, und
+um des Effects willen, auf prächtigem holländischen Papier,
+mit Kupfern von Chodowiecky, abdrucken zu lassen. Der
+Verfasser wird an der Wirkung sein Wunder sehen! Jetzt
+ist gerade der rechte Zeitpunkt, wo die Nation für solche
+Werke Sinn hat, denn man sieht ja, wie gut sie den Oberon
+aufgenommen, der doch nur auf schlechtem Papier, und ohne
+<a class="pgnum" id="page-109" title="Seite 109"></a>Kupfer von irgend Jemand, sein Fortkommen in der Welt
+suchen mußte.&#8220;</p>
+
+<p>Ein anderes Ungemach, worüber Wieland sich oft bitter
+beklagte, erwuchs ihm aus den zeitraubenden Correcturen,
+die er zwanzig Jahre hindurch allein besorgt, und erst 1793
+sie einem Hausgenossen, einem Candidaten der Theologie,
+Lütkemüller mit Namen, übertragen hatte. Mit Unmuth
+äußerte sich Wieland oft über das unleserliche Manuscript.
+Jeder Gelehrte und Schriftsteller, äußerte er, sollte eine leserliche
+Hand schreiben, das könne man mit Fug und Recht
+fordern; sonst müsse er seine Druckschriften von einem seiner
+Hand kundigen Schreiber gut copiren lassen. Dergleichen
+Verdrießlichkeiten, gegen die er durch lange Gewohnheit hätte
+gleichgültig werden sollen, erzeugten in ihm sogar den Gedanken,
+die Herausgabe des &#8222;deutschen Merkurs&#8220; aufzugeben,
+ungeachtet dies Journal für ihn bisher keine unbedeutende
+Erwerbsquelle gewesen, und von talentvollen Köpfen, unter
+andern seit 1785 von Reinhold, und seit 1788 von Schiller
+durch gehaltvolle Beiträge unterstützt worden&nbsp;war.</p>
+
+<p>Am 26. November 1798 theilte Wieland seinem Freunde
+Göschen die Nachricht mit, daß der &#8222;deutsche Merkur&#8220; mit
+dem December aufhören werde. Vierzehn Tage nachher widerrief
+er jedoch diesen Entschluß, und erklärte sich für die
+Fortsetzung seines Journals, wenigstens bis zum Schluß des
+Jahrhunderts. Der Rath seiner Freunde mochte ihn zu diesem
+Entschluß gebracht haben, von welchem ihn ein Blick
+auf den damaligen Zustand der deutschen Literatur zurückgeschreckt
+hatte. Die Kantische Philosophie, die ihm durch
+<a class="pgnum" id="page-110" title="Seite 110"></a>Reinholds Bemühungen, ihre Principien immer allgemeiner
+zu verbreiten, nicht unbekannt hatte bleiben können, äußerte
+ihren Einfluß auf alle wissenschaftliche Forschungen. Unverkennbar
+war besonders der Einfluß jener Philosophie auf die
+neuere Aesthetik, an deren Stelle jetzt eine Geschmackscritik
+treten sollte. Dagegen hatte Wieland im Wesentlichen nichts
+einzuwenden. Aber die neue philosophische Schule, die sich
+aus der Kantischen gebildet, schien ihm eine gänzliche Umgestaltung
+der Aesthetik herbeizuführen, seit man angefangen
+hatte, sie auf die Grundideen der Fichte'schen Wissenschaftslehre
+zu reduciren. Dies war besonders von Schiller in den
+&#8222;Horen&#8220; geschehen. Mit wachsender Besorgniß sah Wieland
+an die Stelle ruhiger Untersuchungen eine neue Sturm- und
+Drangperiode treten, und wie in der politischen Welt, schien
+auch im Gebiet der Aesthetik eine Art von Terrorismus vorherrschend
+werden zu wollen. Auf's Heftigste erregt ward
+die Leidenschaft der verschiedenen Partheien durch die in dem
+Schillerschen Musenalmanach vom Jahr 1797 gedruckten
+&#8222;Xenien.&#8220;</p>
+
+<p>Die Verfasser dieser Epigramme, Goethe und Schiller,
+waren Wielands Freunde. Seiner Verehrung Goethe's ist
+bereits früher gedacht worden. Schillers Talenten jedoch
+hatte Wieland anfangs nicht volle Gerechtigkeit widerfahren
+lassen in einer ziemlich harten und fast unbilligen Beurtheilung
+einiger Scenen des &#8222;Don Carlos&#8220;, welche Schiller
+in der &#8222;Thalia&#8220; mitgetheilt hatte. Wielands Urtheil enthielt
+ein Brief vom 6. März 1785. &#8222;Ich kann irren,&#8220;
+schrieb er, &#8222;jedenfalls aber spreche ich nach meiner innigsten
+<a class="pgnum" id="page-111" title="Seite 111"></a>Ueberzeugung, wenn ich sage, daß ich weder die Charaktere
+in diesem Stück richtig gezeichnet, noch die Leidenschaften
+mit Wahrheit dargestellt finde; daß ich auch dann, wenn ich
+zugeben könnte, daß es einem Tragödienschreiber, der seine
+Personen aus dem sechzehnten Jahrhundert an dem Hofe
+König Philipps II. nimmt, erlaubt sei, sie in ideale Phantasiegeschöpfe
+zu verwandeln, doch die psychologische Wahrheit
+nicht selten an ihnen vermisse, ohne welche sie allenfalls,
+wenn man will, schöne Carricaturen seyn mögen, aber doch
+immer nur Carricaturen sind; daß ich ziemlich häufig auf
+Gedanken und Ausdrücke gestoßen bin, die, meinem Gefühl
+nach, bald schwülstig, bald zur Unzeit witzig, bald sonst unschicklich
+und der redenden Person nicht anständig sind; und
+daß überhaupt die Sprache in diesem Stück sehr weit davon
+entfernt ist, was nach meinem von Sophokles und Racine
+abgezogenen Ideal die schöne Sprache der Tragödie seyn soll.&#8220;</p>
+
+<p>Ungeachtet dieser strengen Critik, die ihm eine unmuthige
+Stimmung eingegeben haben mochte, ward Schiller, als er
+einige Jahre später (1787) nach Weimar kam, von Wieland
+mit väterlicher Zuneigung empfangen. &#8222;Wir werden schöne
+Stunden haben,&#8220; schrieb Schiller; &#8222;Wieland ist jung, wenn
+er liebt.&#8220; Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden
+Dichtern dauerte fort, und ward noch fester geknüpft durch
+Schillers Beiträge zum &#8222;deutschen Merkur.&#8220; Im December
+1787 eröffnete Wieland dem Publikum die Aussicht, daß
+&#8222;Schiller mit dem nächsten Jahrgange vielleicht jedes Monatsstück
+mit einem Aufsatze seiner Hand zieren werde, die
+schon in ihren ersten Versuchen den künftigen Meister verrathe,
+<a class="pgnum" id="page-112" title="Seite 112"></a>und nun, da sein Geist den Punkt der Reise erreicht
+habe, die Erwartung rechtfertige, die sich das Publikum von
+dem Verfasser des &#8222;Fiesko&#8220; und des &#8222;Don Carlos&#8220; zu
+machen Ursache gehabt habe.&#8220; Wieland fügte hinzu: &#8222;Da
+ich selbst vom Mittelpunkt des Lebens schon einige Jahre
+herabsteige, und täglich mehr Gelegenheit finde, an mir selbst
+zu erfahren, wie wahr das Virgilische: <span class="antiqua" lang="la">Facilis descensus
+Averni</span> in mehr als Einem Sinne ist, so gereicht es mir zu
+nicht geringer Ermunterung, diesen vortrefflichen jungen
+Mann an meiner Seite zu sehen; und mit solcher Unterstützung
+darf ich sicher hoffen, den deutschen Merkur seinem
+ersten gemeinnützigen Zwecke in Kurzem auf eine sehr
+merkliche Art näher zu bringen.&#8220;</p>
+
+<p>Mehrere Stellen in Wielands damaligen Briefen sprachen
+für seine Anerkennung und Hochachtung Schillers.
+Mit liebenswürdiger Bescheidenheit weigerte sich Wieland,
+für den &#8222;historischen Calender&#8220;, den Schiller damals herausgab,
+das Leben des Cardinals Richelieu zu schildern. Er
+wollte nicht mit Schiller in die Schranken treten, der für
+jenen Calender seine &#8222;Geschichte des dreißigjährigen Kriegs&#8220;
+lieferte. &#8222;Diese Geschichte,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;hat so viele
+Leser gehabt, als es in dem ganzen Umfang unserer Sprache
+Personen giebt, die auf einigen Grad von Cultur des Geistes
+Anspruch zu machen haben. Von einem Schriftsteller
+verfaßt, dessen frühere Werke in der dramatischen Dichtkunst
+sowohl, als in derjenigen, die sich mehr dem Gebiet der historischen
+Muse nähert, große Erwartungen von dem, was
+sein Geist in dem Zeitpunkt seiner Reise leisten könnte, erweckt
+<a class="pgnum" id="page-113" title="Seite 113"></a>hatten, übertraf sie selbst diejenigen, zu welchen man
+sich durch seinen ersten Versuch in dem historischen Fache berechtigt hielt;
+einen Versuch, der bereits alles, was unsere
+Literatur in dieser Hinsicht aufzuweisen hatte, hinter sich
+zurückließ, und natürlicher Weise in Allen, denen der Ruhm
+der Nation nicht gleichgültig ist, den Wunsch erregen mußte,
+daß ein Schriftsteller, der bei seinen ersten Schritten in dieser
+neuen Laufbahn ein so entschiedenes Talent gezeigt hatte,
+sich zu einem Platze neben Hume, Robertson und Gibbon
+emporzuschwingen, sich, wo nicht gänzlich, doch hauptsächlich,
+der Geschichte unseres Vaterlandes widmen möchte.&#8220;</p>
+
+<p>Mit diesem Urtheil war es Wieland Ernst, und das
+Verhältnis zwischen ihm und Schiller erhielt sich in der ursprünglichen
+Reinheit, wie es der Letztere mehrere Jahre zuvor
+(1787) durch die Worte bezeichnet hatte: &#8222;Mit Wieland
+bin ich ziemlich genau verbunden, und ihm gebührt ein großer
+Antheil an meiner jetzigen Behaglichkeit, weil ich ihn
+liebe, und Ursache habe zu glauben, daß er mich auch liebt.&#8220;
+Schillers Gesinnungen gegen Wieland, wenn sich auch
+seine ästhetischen Ansichten geändert hatten, waren dieselben
+geblieben. Wieland dagegen schien ihn mit einer Art von
+Neid zu betrachten. Die Anzeige der neuen Ausgabe seiner
+Werke, von denen die erste Lieferung erschienen war, hatte
+er mit den Worten begleitet: &#8222;Wäre es auch nur, damit
+man uns nicht gar über den neu erschienenen Horen aus dem
+Gesicht verliert, die jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit beschäftigen,
+und in der Allgemeinen Literaturzeitung so pompös
+angekündigt und so hyper-pompös recensirt worden sind.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-114" title="Seite 114"></a>Weder in den &#8222;Horen&#8220;, noch in den &#8222;Xenien&#8220; war
+Wieland in Vergleich mit andern Schriftstellern auf eine
+Weise angegriffen worden, die ihn hätte veranlassen können,
+sich persönlich zu beklagen. Nur in einem Anflug übler
+Laune hatte er sich durch einige Xenien (Göschen an die
+deutschen Dichter, Peregrinus Proteus u.a.) verletzt fühlen
+können. Der Tadel war meistens weniger gegen ihn, als
+gegen seine Nachahmer, besonders den Rector Manso in
+Breslau, gerichtet. Aber der Ton, der in jenen Epigrammen
+herrschte, und der Uebermuth, der sie charakterisirte,
+war Wielands Urbanität zuwider. Er glaubte, seine Meinung
+darüber öffentlich aussprechen zu müssen, und wählte
+dazu die Form des Dialogs, der ihm gönnte, den schärfsten
+Tadel auszusprechen, und sich doch zugleich den Schein zu
+geben, als vertheidige er die Verfasser der &#8222;Xenien.&#8220; Er
+bezweifelte sogar, daß sie, ungeachtet des allgemeinen Gerüchts,
+aus Schiller's und Goethe's Feder geflossen seyn
+könnten. Die bedenkliche Frage, wie diese Epigramme in
+den Musenalmanach gekommen wären, suchte Wieland mit
+einer seinen satyrischen Wendung dadurch zu erklären, daß
+Schiller, aus Mangel an Zeit, das Ordnen seiner Distichen
+nicht selbst besorgt habe. &#8222;Das Geschäft,&#8220; schrieb Wieland,
+&#8222;kam zur bösen Stunde in die Hände irgend eines jungen,
+lebhaften, von Witz und Muthwillen strotzenden, für Goethe
+und Schiller enthusiastisch eingenommenen Kunstjüngers,
+welcher der Versuchung nicht widerstehen konnte, diese Gelegenheit
+zu benutzen, und &mdash; vielleicht weniger in der Absicht,
+sich ein Verdienst um seine <span class="antiqua" lang="la">magnos amicos</span> zu erwerben,
+<a class="pgnum" id="page-115" title="Seite 115"></a>als um sie zu rächen, und ein schreckliches Exempel an
+ihren Widersachern zu statuiren &mdash; in aller Stille eine gute
+Anzahl derber, handfester Distichen von seiner eignen Fabrik
+hinzuthat. Das in den <span class="antiqua" lang="la">parvum amicum</span> gesetzte allzu große
+Vertrauen wäre denn also das Einzige, was dem Herausgeber
+des Almanachs zur Last gelegt werden könnte, und wofür
+er durch den häßlichen Spuk, den die &#8222;Xenien&#8220; machen,
+mehr als zu viel bestraft ist. Wer weiß, welches Meisterwerk,
+das uns allen Freude machen wird, ihn damals beschäftigte,
+als er dem jungen Brausekopf die Sorge für seinen
+Musenalmanach überließ, und sich dadurch unwissend
+manchen bittern Augenblick bereitete.&#8220;</p>
+
+<p>Unter dieser schonenden Wendung verbarg Wielands
+Ironie seine wahre Meinung, die er in einem Briefe an
+Göschen vom 29. November 1796 mit den Worten aussprach:
+&#8222;Ich habe wenig Freude daran, wenn Männer, wie Goethe
+und Schiller, der Welt eine solche Farce geben, und durch
+einen Muthwillen, der in ihren Jahren kaum verzeihlich ist,
+sich selbst eine pöbelhafte Behandlung zuziehen. Ich möchte
+eher darüber weinen, als lachen.<ins>&#8220;</ins> Ueber die ihm gesandten
+Gegen-Xenien, die der Buchhändler Dyk in Leipzig verfaßt
+hatte, schrieb Wieland: &#8222;Ich werde mich wohl hüten, dieses
+von der Pleiße zu uns herüberschallende Echo hier Jemand mitzutheilen;
+ich fürchte jedoch, es wird ohne mich bekannt genug
+werden.&#8220; In einem spätern Briefe vom 5. December
+1796 äußerte Wieland: &#8222;Das hätten die Herren Götterbuben,
+um mit dem Verfasser des Ardinghello zu reden,
+<a class="pgnum" id="page-116" title="Seite 116"></a>doch voraussehen sollen, daß man beschmutzt wird, wenn
+man sich zum Spaß mit Gassenbuben herumbalgt.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands Unmuth über die &#8222;Xenien&#8220;, die er seinen
+Freunden geraume Zeit nicht verzeihen konnte, erhielt neue
+Nahrung durch die Reform im Gebiet der Aesthetik, die
+damals von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich
+Schlegel ausging. Ein patriotisches Interesse schien es nicht
+zu seyn, was ihre vereinten Bemühungen leitete, der deutschen
+Poesie einen neuen Schwung zu geben. Sie begünstigten
+vielmehr die poetischen Formen des Auslandes, und suchten
+durch Uebersetzungen und Nachbildungen eine neue Dichterschule
+zu begründen, die der romantischen Poesie vorzugsweise
+das Wort redete. Gewohnt, das Schöne und Gute
+überall anzuerkennen, wo er es fand, war Wieland jenen
+Bestrebungen nicht abgeneigt. Er erinnerte sich, daß er einst
+selbst ähnliche Wege betreten hatte, und erkannte daher das
+Fortschreiten einer jüngern Generation gern an. Was ihm
+aber keineswegs behagte, war der polemische Ton, durch
+den die Häupter der romantischen Schule die von ihnen aufgestellten
+Principien geltend zu machen suchten. Schonungslos
+griff eine von den Gebrüdern Schlegel herausgegebene
+Zeitschrift, &#8222;Athenäum&#8220; betitelt, seit dem Jahr 1798 alles
+an, was die &#8222;Xenien&#8220; noch verschont hatten. Auch Wieland
+entging diesem Schicksal nicht durch eine, späterhin von
+ihm selbst als voreilig erklärte Aeußerung in der Vorrede zu
+seinen sämmtlichen Werken. &#8222;Seine beinahe ein halbes Jahrhundert
+umfassende Laufbahn&#8220;, schrieb er dort, &#8222;habe begonnen,
+<a class="pgnum" id="page-117" title="Seite 117"></a>da eben die Morgenröthe unserer Literatur vor der aufgehenden
+Sonne zu schwinden angefangen, und er beschließe
+sie, wie es scheine, mit ihrem Untergange.&#8220;</p>
+
+<p>Unter mehrern Angriffen, die seitdem von den Häuptern
+und Anhängern der romantischen Schule gegen das sogenannte
+goldene Zeitalter der Literatur gerichtet wurden, befand sich
+auch im zweiten Bande des &#8222;Athenäums&#8220; eine gegen Wieland
+gerichtete <span class="antiqua" lang="la">&#8222;Citatio edictalis.&#8220;</span> Sie lautete: &#8222;Nachdem
+über die Poesie des Hofraths und <span class="antiqua" lang="la">Comes Palatinus Caesarius</span>
+Wieland in Weimar, auf Ansuchen der Herren Lucian, Fielding,
+Sterne, Bayle, Voltaire, Crebillon, Hamilton und
+vieler anderer Autoren <span class="antiqua" lang="la">Concursus creditorum</span> eröffnet, auch
+in der Masse mehreres verdächtigt, und dem Anschein nach
+dem Horaz, Ariost, Cervantes und Shakspeare zustehende
+Eigenthum sich vorgefunden: als wird jeder, der ähnliche
+Ansprüche <span class="antiqua" lang="la">titulo legitimo</span> machen kann, hierdurch vorgeladen,
+sich binnen sächsischer Frist zu melden, hernachmal aber zu
+schweigen.&#8220; Dieser öffentliche Angriff Wielands war das
+Signal für alle Anhänger der romantischen Schule, über
+den genannten Dichter die wegwerfendsten Urtheile zu fällen,
+und ihm unter andern die Anerkennung des Hans Sachs
+im &#8222;deutschen Merkur&#8220; als sein bedeutendstes Verdienst um
+die literarische Welt anzurechnen. Kaum konnte ihm verargt
+werden, wenn er, tief gekränkt, in seinem Unmuth die Frage
+aufwarf: &#8222;Ob er das um seine Zeit und seine Nation verdient
+habe?&#8220;</p>
+
+<p>Was ihn hauptsächlich schmerzte, war, daß der größere
+Theil derer, die ihn nicht tief genug herabwürdigen zu können
+<a class="pgnum" id="page-118" title="Seite 118"></a>glaubten, unter Goethes Aegide zu stehen schien, da das
+&#8222;Athenäum&#8220;, unerschöpflich in dem Lobe dieses Dichters, zu
+den &#8222;drei größten Tendenzen des Zeitalters&#8220; außer der französischen
+Revolution und Fichte's &#8222;Wissenschaftslehre&#8220;, auch
+&#8222;Wilhelm Meister's Lehrjahre&#8220; gerechnet hatte. Obschon
+der aufrichtigste Verehrer und Bewunderer Goethe's, fühlte
+Wieland sich ihm allmälich entfremdet, wenn auch Goethe's
+Persönlichkeit noch immer einen unwiderstehlichen Reiz auf
+ihn ausübte. An Herder, für den er längst eine große Zuneigung
+empfunden, schloß er sich um so inniger an, da Goethe
+und Schiller sich einander mehr genähert hatten, als es
+bisher der Fall gewesen war. Aber während Wieland Herder's
+Unmuth über Kant's &#8222;Kritik der reinen Vernunft&#8220;
+theilte, und sich bei einer Anzeige an Herders &#8222;Metakritik&#8220; zu
+einer leidenschaftlichen Philippika hinreißen ließ, fand er selbst
+Niemand, der die unbillige Behauptung, &#8222;er habe sich selbst
+überlebt&#8220;, zu wiederlegen suchte. Zwar bemühten sich Kotzebue
+und Merkel, in dem &#8222;Freimüthigen&#8220; und in den &#8222;Briefen
+über die wichtigsten Produkte der schönen Literatur&#8220;, Wieland
+an seinen Gegnern zu rächen, doch geschah es nicht selten
+auf eine für ihn unwürdige Weise.</p>
+
+<p>Wie Wieland selbst über seine Gegner urtheilte, zeigte
+ein 1799 an einen Freund gerichteter Brief, der zugleich
+einige Andeutungen über sein Verhältniß zu Goethe und
+Schiller enthielt. &#8222;Warum ich Sie bitten möchte&#8220;, schrieb
+Wieland, &#8222;wäre besonders dies: sich mit den Gebrüdern
+Schlegel und Comp. nicht abzugeben. Es sind grobe, aber
+witz- und sinnreiche Patrone, die sich Alles erlauben, nichts
+<a class="pgnum" id="page-119" title="Seite 119"></a>zu verlieren haben, nicht wissen, was Erröthen ist, und
+mit denen man sich beschmutzen würde, wenn man auch den
+Sieg über sie erhielte, welches doch beinahe unmöglich ist,
+da sie, auch geschlagen und niedergeworfen, gleich wieder
+aufstehn, und es nur desto ärger machen würden. Können
+Sie's aber ja nicht lassen, den Muthwilligen, die durch ein
+in Deutschland noch neues <span class="antiqua" lang="fr">genre,</span> nämlich französische <span class="antiqua" lang="fr">persiflage,</span>
+ihr Glück zu machen hoffen, etwas abzugeben, so
+beschwöre ich Sie bei allen Göttern, lassen Sie wenigstens
+Goethe und Schiller aus dem Spiel, wär' es auch nur mir
+zu Liebe, und um allem Argwohn auszuweichen, als ob ich
+irgend einen directen oder indirecten Antheil an der Sache hätte.
+Ich stehe mit diesen beiden Matadoren in einem guten, mit
+Goethe in einem beinahe freundschaftlichen Verhältniß wie
+ich mir einbilde, wenigstens vor der Welt, denn <span class="antiqua" lang="la">de occultis
+non judicat praetor</span>. Aber die Herren sind empfindlich und
+ein wenig argwöhnisch. Ich kann mich also nicht nur selbst,
+sondern auch meine Freunde können sich, mir zu Liebe, nicht
+genug in Acht nehmen, daß ich mit ihnen nicht compromittirt
+werde.&#8220;</p>
+
+<p>Von dem damaligen Unwesen in der deutschen Literatur
+fürchtete Wieland, nach einem Briefe vom 15. Februar 1801,
+einen dreifachen beträchtlichen Schaden. Jener jacobinische
+Sansculotismus, meinte er, werde erstens den Charakter
+unserer Nation, einer an Stupidität grenzenden Gleichgültigkeit
+gegen das Wahre, Schöne und Gute verdächtig machen;
+zweitens die ganze Classe der Gelehrten und Schriftsteller,
+die so ehrwürdig und vielvermögend seyn könnten, in
+<a class="pgnum" id="page-120" title="Seite 120"></a>der öffentlichen Meinung tief herabsetzen, sie ihres wichtigsten
+Einflusses berauben, und dadurch ihren Verächtern und
+Verfolgern unter den Großen und Aristokraten gewonnen
+Spiel geben. Endlich drittens werde jener Sansculotismus
+jungen Leuten, theils für eine kleinere Zeit, theils für ihr
+ganzes Leben, Kopf, Geschmack und Herz verwirren. &#8222;Alles
+aber&#8220;, fügte Wieland hinzu, &#8222;will seine Zeit haben. Auch
+diese Periode der schändlichsten Anarchie in der Gelehrtenrepublik
+wird vorübergehen, und das unfehlbarste Mittel, ihr
+Ende zu beschleunigen, wäre, es wie ich zu machen, und
+zu thun, als ob gar keine Schlegel, Tieck's, Bernhardi's,
+Clemens Brentano's, und wie die Gesellen alle heißen, in
+der Welt wären.&#8220;</p>
+
+<p>Auf ähnliche Weise äußerte sich Wieland in einem Briefe
+an Voß: &#8222;Ich fange an, immer gleichgültiger zu werden
+gegen Bübereien dieser Art, und hülle mich sehr ruhig in das
+Bewußtseyn, daß ich ein Besseres um die Zeit, in der ich
+lebe, verdient habe. Was seit dem Moment, da ich etwas
+Gutes habe drucken lassen, d.i. etwa vom Agathon an,
+mir widerfahren ist und noch täglich widerfährt, wäre hinreichend,
+jeden Jüngling, der sich mit einiger Fähigkeit dem
+Dienst der Musen widmen wollte, abzuschrecken. Indeß hat
+die fast unbegreifliche Ungerechtigkeit meiner Zeitgenossen
+wenig Einfluß auf meine Glückseligkeit, und es war kein
+Compliment, sondern wahres herzliches Gefühl, als ich zu
+meiner Muse sagte:</p>
+
+<div class="poem">
+<p>Du machst das Glück von meinem Leben,</p>
+<p>Und hört dir Niemand zu, so singst du mir allein.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent"><a class="pgnum" id="page-121" title="Seite 121"></a>Uebrigens hab' ich doch immer das Glück gehabt, dessen
+Horaz sich rühmte, von einer kleinen Zahl solcher Leute geliebt
+zu werden, deren jeder ein Publikum werth ist; und
+dies war auch immer für mein Herz genug. Ich habe immer
+die Kunst der Musen um ihrer selbst willen geliebt, und
+sie mit Liebe und aus Liebe getrieben. Das lauteste Zujauchzen
+aller Leser in der Welt würde mich für den kleinsten
+Fehler, den ich vermeiden konnte, und nicht vermieden
+hätte, nicht schadlos halten, wenn ihn gleich Niemand gesehen
+hätte, als ich.&#8220;</p>
+
+<p>So tröstete sich Wieland, und überließ sich in dem Gartenhäuschen,
+das er sich in seinem &#8222;Osmantinum&#8220;, wie er
+seinen Wohnsitz gewöhnlich nannte, hatte erbauen lassen,
+der freundlichen Hoffnung, &#8222;noch manche selige Stunde zuzubringen
+und noch manchen geheimen Besuch von seiner
+Muse zu erhalten.&#8220; Zu den Plänen, die er in seiner ländlichen
+Zurückgezogenheit entwarf und zum Theil ausführte,
+gehörten besonders Uebersetzungen aus dem Griechischen, aus
+Xenophon, Euripides und Aristophanes, die er unter dem
+Titel eines &#8222;Attischen Museums&#8220; herausgeben wollte. Tüchtige
+Gehülfen hatte er bei diesem Unternehmen an Jacobs
+und Hottinger. Den Letztern hatte er während seines Aufenthalts
+in der Schweiz kennen gelernt, und schätzte ihn sehr.
+&#8222;Ich kenne,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;keinen so ganz rein nach
+dem sokratischen Modell gebildeten Geist, als Hottinger.&#8220;</p>
+
+<p>Unter den Uebersetzungen der alten Classiker, die er für
+das &#8222;Attische Museum&#8220; unternahm, fesselte ihn vorzüglich
+der &#8222;Ion&#8220; des Euripides. Mit der Wahl dieser Tragödie
+<a class="pgnum" id="page-122" title="Seite 122"></a>verband Wieland eine Nebenabsicht. Durch eine fließende,
+dem Original treu nachgebildete Uebersetzung wollte er das
+gebildete Publikum veranlagen, dieselbe mit dem von A. W.
+Schlegel gedichteten Trauerspiel &#8222;Ion&#8220; zu vergleichen, das
+damals auf die Weimarische Bühne gebracht und vielfach
+besprochen worden war. So könnte man, meinte Wieland,
+mit eignen Augen sehen, wie beide denselben Stoff bearbeitende
+Künstler und ihre Werke sich gegen einander verhielten.
+Eine solche Vergleichung aber, &#8222;mit reinem Sinn für das
+Wahre, Schöne und Geziemende angestellt,&#8220; könne für
+Freunde und Jünger der Kunst nicht anders als unterhaltend
+und belehrend seyn.</p>
+
+<p>Von zwei eigenen Werken, &#8222;Agathodämon&#8220; und &#8222;Solon&#8220;,
+die, wie er an Göschen schrieb, &#8222;noch als Embryonen
+in seinem Kopfe lägen,&#8220; gab Wieland den Plan zu dem
+zuletzt genannten Werke wieder auf. Eine großartige Wirkung
+versprach er sich von den mannigfachen Schilderungen,
+die er in den &#8222;Briefen Aristipp's und seiner Zeitgenossen&#8220;
+entwerfen wollte. Dies Werk, von welchem er einen ausführlichen
+Plan entwarf, sollte eine seiner umfassendsten
+Schriften werden. Während der Ausarbeitung beschäftigten
+ihn indeß noch manche andere literarische Arbeiten. An seinen
+Freund und Verleger Göschen in Leipzig schrieb er den
+19. Dezember 1797: &#8222;Es ist hohe Zeit, daß ich Ihnen einmal
+wieder ein kleines Lebenszeichen gebe. In der That,
+was das geistige, oder, vielleicht richtiger gesagt, was das
+literarische Leben betrifft, so lebe ich, seit die unfreundliche
+Jahreszeit eingetreten ist, vollauf. Ich komme nur selten
+<a class="pgnum" id="page-123" title="Seite 123"></a>aus meinem Museum, aus dem Hause gar nicht, arbeite von
+Morgen bis in die Nacht, finde Tage und Wochen unbegreiflich
+kurz und schnell, und habe demungeachtet seit dem
+23. November eins der schwersten literarischen Abentheuer,
+eine metrische Uebersetzung der Wolken des Aristophanes
+glücklich, wie ich wenigstens hoffe, zu Stande gebracht.&#8220;</p>
+
+<p>Am 18. Februar 1798 meldete Wieland, daß er einige
+Dialoge politischen Inhalts, unter dem Titel &#8222;Gespräche
+unter vier Augen&#8220; auszuarbeiten angefangen habe, und noch
+mehrere folgen lassen werde, bis er &#8222;alles vom Herzen habe,
+was er in diesen kunterbunten Zeitläuften für Worte zu
+rechter Zeit halte.&#8220; Daß er dabei doch einige Rücksichten
+genommen, zeigte seine eigene Aeußerung in einem spätern
+Briefe vom 7. November 1798. &#8222;Obgleich in meinen Gesprächen,&#8220;
+schrieb Wieland, &#8222;die Sache der Menschheit freimüthig
+geführt wird, und Wahrheiten gesagt werden, die
+man weder zu Paris, noch zu Wien oder Petersburg von
+den Dächern predigen hört, so hab' ich, meiner Denkart und
+der Klugheit gemäß, vor allem, was einem auch nur halbweg
+vernünftigen Leser anstößig, oder dem Respect, den man den
+Machthabern schuldig ist, zuwiderlaufend scheinen könnte,
+mich sorgfältig gehütet, und hoffe also mit der Leipziger Censur
+in keine Collision zu kommen, wiewohl ich nicht dafür
+stehe, daß das Buch nicht zu Wien verboten werden wird,
+wie beinahe alles Gute, was außerhalb Wien an's Licht
+tritt.&#8220;</p>
+
+<p>Für eins seiner besten Werke hielt Wieland den bereits
+erwähnten &#8222;Agathodämon.&#8220; Dies Urtheil, meinte er, werde
+<a class="pgnum" id="page-124" title="Seite 124"></a>die Nachwelt darüber fällen, so gleichgültig sein Werk auch
+für den Augenblick aufgenommen werden möchte. &#8222;Das
+siebente Buch des Agathodämon,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;war
+mir eine sehr schwere Aufgabe, vielleicht die schwerste von
+allen, die ich mir aufgeben konnte. Die Ausführung ward
+mir um so mühsamer, da Jahreszeit und Witterung Geistesarbeiten
+dieser Art sehr ungünstig waren, um mich selbst
+zu befriedigen. Ich habe das ganze Buch mehr als sechs
+Mal von neuem durch &mdash; und einige Hauptstellen ganz umgearbeitet,
+und des Feilens und Polirens wollte kein Ende
+werden. Nun ist es &mdash; wie es ist; ich bin mit mir selbst zufrieden,
+denn ich weiß, daß ich als Mensch, als schriftstellerischer
+Volkslehrer und als Dichter mein Bestes, und also
+meine Schuldigkeit gethan habe.&#8220;</p>
+
+<p>In eine sehr unmuthige Stimmung ward Wieland
+durch die Nachrichten versetzt, die er von dem geringen Absatz
+der Gesammtausgabe seiner Werke erhielt. An seinen
+Verleger, Göschen in Leipzig, schrieb er darüber den 15. Juli
+1799. &#8222;Ich kann nicht anders, als mit tiefem Gefühl beklagen,
+daß ich mich selbst bereits überlebt habe. Ich weiß
+nicht, wie ich zu solchem Verfall meines Credits und meiner
+Gunst bei dem lesenden Publikum gekommen bin, und theile
+daher Ihre Meinung, daß es bei den zwei und dreißig Bänden
+wenigstens für das achtzehnte Jahrhundert sein Bewenden
+haben müsse. Vielleicht geht im neunzehnten Jahrhundert
+ein günstigerer Stern über uns auf, und ich will mich
+indeß, wie jener griechische Flötenspieler, begnügen, den Musen
+und mir selbst zu spielen.&#8220;</p>
+
+<p><a class="pgnum" id="page-125" title="Seite 125"></a>Erholung von anstrengenden Geistesarbeiten fand Wieland
+in seinem ländlichen Asyl. Mannigfache Pläne zu Verbesserungen
+in seinem Hause und Garten gaben ihm die heitere
+Stimmung wieder, die er durch den Gedanken, wie tief
+sein literarischer Ruhm gesunken sei, verloren hatte. Noch
+öfterer würde er dem Mißmuth anheim gefallen seyn, wenn
+zu jener Verstimmung seines Gemüths sich noch körperliche
+Leiden gesellt hätten. Doch selbst in höherem Alter war ihm
+eine fast ununterbrochene Gesundheit geblieben. In einem
+Briefe an Göschen, vom 24. December 1798 wunderte sich
+Wieland selbst über sein Wohlbefinden. &#8222;Sie gründen darauf,&#8220;
+schrieb er, &#8222;Ihre Hoffnung, daß ich ein ziemlich betagter
+Patriarch werden dürfte. Vor zwanzig Jahren hatte
+ich gar keinen Begriff davon, wie ich sechzig sollte alt werden
+können, und hatte zu diesem Mißtrauen in meiner Leibesbeschaffenheit
+allerdings viele und triftige Ursachen. Nach
+dem fünf und funfzigsten Jahre wurde meine Gesundheit
+unvermerkt immer fester, und ich befinde mich nun im sechs
+und sechszigsten so, daß ich ohne Absurdität mein zehntes
+Stufenjahr zu übersehen hoffen kann. Sie aber, lieber Freund,
+sollen und müssen mich überleben, wäre es auch nur, um
+meine <span class="antiqua" lang="en">Confessions</span> oder Nachrichten von mir selbst und meinen
+Schriften, oder wie Sie meine Selbstrecension betiteln
+wollen, verlegen zu können, die nicht eher, als nach meinem
+Hingang aus dieser Welt gedruckt werden soll.&#8220;</p>
+
+<p>Der Gedanke, daß dieser Zeitpunkt sich ihm immer mehr
+nähere, trübte nicht Wielands Heiterkeit. Er fühlte sich in
+seinem Alter sehr glücklich unter literarischen und ländlichen
+<a class="pgnum" id="page-126" title="Seite 126"></a>Beschäftigungen und Genüssen. Immer neues Vergnügen
+schöpfte er aus der Betrachtung der von ihm selbst geschaffenen
+Gartenanlagen, auf Spaziergängen durch seine Lindenallee,
+oder durch ein Birkenwäldchen am Ufer der Ilm, wo
+er sich ungestört seinen Ideen überließ. In solchen Augenblicken
+glaubte er zu seiner völligen Zufriedenheit kaum noch
+etwas zu bedürfen. An seinen Schwiegersohn, den Buchhändler
+Geßner in Zürich, schrieb Wieland im Januar 1799:
+&#8222;Ich freue mich so lebhaft auf die wiederkehrende schöne Jahreszeit,
+daß ich sie wirklich im Geist schon genieße, und den
+dazwischen liegenden Winter um so weniger lang finden
+werde, da die literarischen Arbeiten, womit ich ihn auszufüllen
+gedenke, mehr als hinlänglich wären, mich eine doppelt
+so lange Zeit zu beschäftigen. Ich werde aber fleißig seyn;
+denn es ist nicht mehr als billig, daß ich das Recht, den
+Sommer blos mit Genießen zuzubringen, im Winter durch
+Arbeiten erkaufe.&#8220;</p>
+
+<p>In einem nicht lange nachher geschriebenen Briefe an
+Gleim erkannte Wieland es dankbar, daß ihm, neben der
+Glückseligkeit, ungestört mit den Geistern der Weisen und
+Dichter der Vorwelt Umgang pflegen zu können, noch das
+Vergnügen gegönnt sei, seinen guten Genius, in Gestalt
+eines Weibes, an seiner Seite, und einen Kreis von Kindern
+und Enkeln um sich zu haben, unter welchen ihm seine Tage
+so leicht und schnell entschlüpften, wie den Bewohnern des
+dichterischen Elysiums. &#8222;Das Einzige&#8220;, schrieb er, &#8222;was
+allenfalls (wenigstens zur vollständigen Aehnlichkeit mit dem
+Elysium, das uns Lucian so genial geschildert hat) noch abgeht,
+<a class="pgnum" id="page-127" title="Seite 127"></a>sind die Buttersemmeln und Bratwürstchen, die auf
+den Bäumen wachsen, die gebratenen Rebhühner, die von
+selbst auf den Tisch geflogen kommen, und die schönen
+crystallenen Kelchgläser, die man von den Hecken abbricht,
+um sie aus Quellen und Bächen mit köstlichem Wein zu
+füllen, die eben so freiwillig, als unerschöpflich aus allen
+Felsen hervorsprudeln u.s.w. So bequem und wohlfeil
+hab' ich's nun freilich nicht. Aber, die reine Wahrheit zu
+sagen, ich möcht' es nicht einmal so bequem und wohlfeil
+haben; denn ich halte das Gesetz, daß uns die Götter nichts
+Gutes ohne Arbeit geben, für ein sehr weises Gesetz, und
+betrachte eine gewisse Portion Mühe und Sorge <span class="antiqua" lang="la">quantum satis,</span>
+als die unentbehrlichste Würze zum wahren Lebensgenuß.&#8220;</p>
+
+<p>Erhöht ward dieser Genuß für Wieland noch durch Besuche
+seiner Weimarischen Freunde. Selbst sein Fürst, seine
+Fürstin, die Herzogin Mutter verschmähten nicht, ihn unter
+dem Schatten seiner Bäume zu begrüßen. Der lebhafte
+Ideenaustausch in mannigfachen Gesprächen, die ihn in die
+Vergangenheit zurückführten, hatte für Wieland viel Anziehendes.
+Von großem Interesse war ihm auch die damals angeknüpfte
+Bekanntschaft mit Jean Paul, von dem er sich vielseitig
+angeregt, doch, nach seinem eignen Geständnisse, auch
+eben so oft abgestoßen, als angezogen fühlte.</p>
+
+<p>Unstreitig einer der schönsten Momente in Wielands
+späterem Leben war das Wiedersehn seiner Jugendfreundin
+Sophie la Roche, die ihn 1799 in Osmannstädt besuchte,
+begleitet von einer ihrer Enkelinnen, Sophie Brentano, einer
+<a class="pgnum" id="page-128" title="Seite 128"></a>Schwester des bekannten Dichters Clemens Brentano. Die
+Erinnerung an die genußreichen Tage, die Wieland damals
+verlebte, blieb ihm unvergeßlich. Wieder angefrischt ward sie,
+als Sophie Brentano im Mai 1800 ihn abermals in seinem
+ländlichen Asyl begrüßte. Erheiternd wirkte auf ihn die Gegenwart
+des durch Geist und Herz ausgezeichneten Mädchens,
+das damals in der vollen Blüthe jugendlicher Schönheit
+stand. Einen eigentümlichen Reiz erhielt ihr Wesen durch
+einen Zug stiller Melancholie. Wieland beklagte oft, daß
+Sophie, so ganz geschaffen, Andrer Leben zu verschönern,
+sich von den Menschen hinwegwende und die Einsamkeit suche.
+Früher jedoch, als er selbst oder irgend Jemand ahnen mochte,
+zerstörten die Eindrücke eines längst zerrütteten Gemüths
+ihren von Natur zarten Körper. Das friedliche Osmantinum,
+nach dem sie sich so oft gesehnt hatte, war bestimmt, ihre
+irdischen Uebereste zu empfangen.</p>
+
+<p>&#8222;Ich und meine Familie&#8220;, schrieb Wieland den 29.
+September 1800 an Göschen, &#8222;haben in diesem Monat einen
+harten Stand gehabt. Sophie Brentano, das liebenswürdigste
+und interessanteste Mädchen von 24 Jahren, das vielleicht
+der Erdboden trug, ward am 24. September von einer
+der sonderbarsten und verwickelten Nervenkrankheiten befallen,
+die sich in wenig Tagen als gefährlich ankündigte, mit
+jedem Tage trostlosere Symptome zeigte, und unerachtet aller
+ersinnlichen angewandten Hülfe, mit dem Tode endigte.
+Was wir in diesen trübseligen sechzehn Tagen erfahren und
+gelitten, möge Ihnen Ihre eigene Einbildungskraft und Ihr
+eigenes Herz sagen. &mdash; Die Hülle, die der entflohene Engel
+<a class="pgnum" id="page-129" title="Seite 129"></a>zurück ließ, ruht nun in einem stillen Plätzchen meines durch
+sie geheiligten Gartens.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands stille Trauer um das zu früh verblühte
+holde Mädchen erklang noch oft in den Briefen an seine
+Freundin Sophie la Roche. Den 24. April 1801 schrieb
+er: &#8222;Die Wiederkehr der schönen Jahreszeit giebt der geistigen
+Gemeinschaft, die bisher zwischen unsrer Sophie
+Brentano und mir ziemlich ununterbrochen fortgedauert, ein
+neues Leben. Alle meine Spaziergänge führen zu ihrem
+Grabe; meine liebsten Ruheplätze sind nur wenige Schritte
+davon entfernt, und der Gedanke, daß uns nur noch ein
+kleiner Zeitraum trennt, wird unvermerkt zu einem still fortdauernden
+Gefühl, das meinem Aufenthalt im Garten ein
+ganz eignes melancholisch süßes Interesse giebt. Weil es
+indessen gut ist, daß ich noch, so lange als möglich, für
+meine Kinder lebe, so helfen Sie mir, theure Freundin,
+Gott für die Erhaltung meiner bessern Hälfte bitten, deren
+zeither abnehmende und noch immer schwankende Gesundheit
+mich nur zu oft beim Blick auf Sophiens Ruhestätte mit
+Trübsinn und herzzerdrückenden Ahnungen erfüllt. Noch
+hoffen wir, was wir sehnlich wünschen, daß die immer näher
+kommende schöne und milde Jahreszeit das Beste bei ihr thun,
+und uns eine Gattin und Mutter, die so wenige ihres Gleichen
+hat, und uns so unentbehrlich ist, auf lange Zeit wieder
+schenken werde.&#8220;</p>
+
+<p>Ein ungewöhnlich rauher Sommer, über den er sich
+bitter beklagte, vereitelte Wielands Hoffnungen. &#8222;Der Juni&#8220;,
+schrieb er, &#8222;war so kalt, windig und unfreundlich, daß wir
+oft vierzehn Tage lang täglich zweimal die Wohnzimmer
+heizen lassen mußten. Aber noch viel schlimmer spielte uns der
+Juli mit. Stürmische Westwinde bei Tag und Nacht, ein
+<a class="pgnum" id="page-130" title="Seite 130"></a>immer dichtbewölkter Himmel, kaum zwei bis drei Tage, an
+denen die Sonne zuweilen durchzubrechen vermochte, und
+zwei Regentage gegen einen, sind diesen ganzen Monat über
+unser Loos. Seit mehr als vier Wochen steht der Barometer
+meist anderthalb, zwei, drei, höchstens vier Linien über
+sieben und zwanzig Zoll, und so oft er ein wenig über vier
+Grad stieg, konnten wir auf einen vollständigen Landregen
+rechnen. Wie eine solche Witterung nicht nur den Menschen,
+sondern auch den Feld- und Gartenfrüchten aller Art bekommt,
+können Sie sich vorstellen. Die dadurch bisher aufgehaltene
+Ernte ist vor der Thür, und noch ist kein Anschein zu einer
+schon so lange und so sehnlich erwarteten Veränderung. Doch
+der Mensch ist nun einmal in der Gewalt der großen elementarischen
+Massen, und Geduld! Geduld! Geduld! ist die
+unwillkommene Lection, die sie uns einbläuen, und an der
+wir unser Lebelang zu lernen haben, weil uns nichts schwerer
+eingeht.&#8220;</p>
+
+<p>Mehrfache Veranlassung, sich in der Geduld zu üben,
+so schwer ihm dies auch werden mochte, fand Wieland, als
+der in einem frühern Briefe erwähnte Gesundheitszustand seiner
+Gattin im Herbst 1801 sich täglich verschlimmerte. Wielands
+Empfindungen schilderte ein Brief an Göschen vom 19. October
+1801. &#8222;Zwar bin ich&#8220;, schrieb er, &#8222;noch nicht in der
+traurigen Nothwendigkeit, das Aergste erwarten zu müssen;
+aber ich kann doch nur selten über mich gewinnen, es nicht
+zu fürchten. So wenig beneidenswerth auch meine übrige
+Lage ist, würde ich mich doch für den glücklichsten aller
+Menschen halten, wenn mir der Himmel nur<i> sie</i>, die nun
+sechs und dreißig Jahre lang das ganze stille Glück meines
+Lebens machte, nur noch einige Zeit erhalten wollte. Sie
+<a class="pgnum" id="page-131" title="Seite 131"></a>allein ist mein Ersatz für alles Andere; ohne sie &mdash; Gott
+allein weiß, ob und wie ich ohne sie leben könnte.&#8220;</p>
+
+<p>Am 8. November 1801 sah sich Wieland für immer getrennt
+von seiner Gefährtin, im Kreise derer, denen sie das
+Leben gegeben, und für deren Wohl sie kein Opfer gescheut
+hatte. Den tiefen Eindruck jenes Verlustes zeigte ein Brief
+Wielands an Göschen vom 31. December. Er äußerte darin
+unter andern: &#8222;Mit mir geht es &mdash; wie es kann; leidlich
+wenigstens. Ich arbeite viel, aber es ist, als ob mir die
+Schwungfedern gestutzt wären. Sonst arbeitete ich mit Freude,
+mit Munterkeit; jetzt mühsam, entgeistert, schwerfällig. Möglich,
+daß auch die trübselige, immer veränderliche und gar
+nicht wintermäßige Witterung etwas dazu beiträgt. Gewiß
+aber ist, daß ein Herkules, der mir meine Alceste, nur mit
+so viel Gesundheit, als sie noch vor drei Jahren besaß, aus
+dem Elysium zurückbringen könnte, auf einmal einen ganz
+andern Menschen aus mir machen würde.&#8220;</p>
+
+<p>In einem spätern Briefe vom 15. Februar 1802 wunderte
+sich Wieland selbst über seinen leidlichen Gesundheitszustand
+in einem Alter von beinahe siebzig Jahren. Er schrieb einem
+Freunde: &#8222;Daß die Engelsseele, die nun meinen körperlichen
+Augen unsichtbar geworden, mir geistiger Weise immer
+gegenwärtig ist, und daß ich mich nach und nach an diese
+rein geistige Art Liebe und Freundschaft gewöhne, trägt ohne
+Zweifel das Meiste dazu bei, daß ich mich so wohl, d.h.
+nicht viel schlimmer befinde.&#8220;</p>
+
+<p>Dankbar erkannte Wieland die zarte Aufmerksamkeit und
+Theilnahme der Herzogin Amalia, die ihn, um seinem Geiste
+eine andere Richtung zu geben, im Juli 1802 nach Tiefurt
+eingeladen, und nach Wielands eignem Geständnisse, ihr
+Möglichstes gethan hatte, ihn zu erheitern und vergessen zu
+<a class="pgnum" id="page-132" title="Seite 132"></a>machen, daß er, &#8222;ohne seine Alceste, die ihm kein Herkules
+wieder bringe,&#8220; wohl zuweilen glücklich scheinen, doch nicht
+glücklich seyn könne. &#8222;Der besten Fürstin zu Gefallen&#8220;,
+schrieb Wieland, &#8222;arbeite ich, wiewohl unter mancherlei
+Unterbrechungen, etwas langsam in den Vormittagsstunden
+an einer Uebersetzung der Helena des Euripides. Bevor ich
+mit dieser Arbeit zu Stande bin, ist an den Aristipp nicht
+zu denken; denn mit diesem kann und will ich nicht anders,
+als mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüth und mit allen
+mir noch übrigen Kräften mich beschäftigen.&#8220;</p>
+
+<p>Ermuntert fühlte sich Wieland zu dem eben erwähnten
+Werke, das später unter dem Titel: &#8222;Aristipp und seine
+Zeitgenossen&#8220; erschien, durch die Theilnahme, die ihm nicht
+blos in seinen nächsten Umgebungen, sondern auch durch
+briefliche Mittheilungen entgegen kam. &#8222;Was Sie mir&#8220;,
+schrieb er an Göschen, &#8222;über die Entwicklung und Ausführung
+der beiden Hauptcharaktere des Aristipp und der Lais
+schreiben, hat mir großes Vergnügen gemacht. Solche Leser,
+für welche nicht nur im Detail nichts verloren geht, sondern
+die auch Sinn für die Composition, Haltung und Ausführung
+des Ganzen haben, d.h. gerade für das, worauf Alles
+ankommt &mdash; solcher Leser wünsch' ich mir recht viele. Aber
+unglücklicher Weise giebt es deren unter hundert kaum Einen,
+weil in der That beinahe eben so viel Genie, Kopf, Bildung
+und Kunstsinn dazu erfordert wird, ein solcher Leser zu seyn,
+als ein Autor, der im Stande ist, solche Leser zu befriedigen.&#8220;</p>
+
+<p>Unter einzelnen Unterbrechungen hatte Wieland so fleißig
+an seinem &#8222;Aristipp&#8220; gearbeitet, daß er im Sommer 1801
+das vollständige Manuscript seinem Verleger Göschen senden
+zu können glaubte. Das Werk erlitt jedoch eine Unterbrechung
+durch die Idee, seinem &#8222;Aristipp&#8220; eine ausführliche
+<a class="pgnum" id="page-133" title="Seite 133"></a>Beurtheilung der vorzüglichsten Werke Plato's in den Mund
+zu legen. Schon vier Monate, schrieb Wieland an Göschen,
+beschäftige ihn einzig die Lösung dieser Aufgabe. &#8222;Sie können
+sich nicht vorstellen,&#8220; heißt es in jenem Briefe, &#8222;was für
+ein Stück Arbeit dies ist. Wenn ich aber so glücklich seyn
+sollte, mich mit Ehren aus der Sache zu ziehen, so wird es
+das wichtigste und beste Morceau meines ganzen Werks
+seyn.&#8220; Ueber den Umfang desselben war Wieland eine Zeitlang
+nicht mit sich einig. &#8222;Es findet sich&#8220;, schrieb er,
+&#8222;daß ich mit dem vierten Bande allerdings schließen kann,
+aber daß die Ausführung meines Plans, den Aristipp bis
+nahe an seinen Tod fortzuführen, wenigstens noch einen
+starken Band erfordern würde. Im vierten kann ich ihn
+nicht weiter bringen, als bis zum Tode seiner Kleone und
+zu seinem Entschluß, Cyrene wieder zu verlassen, und sich
+zu seinem Freunde Philistus zu Syrakus zu wenden. Ich
+bin aber gleichwohl entschlossen, es vor der Hand bei den
+vier Bänden zu lassen, und nicht eher an den fünften zu
+gehen, als bis unsre &mdash; merken, daß dem Werke noch was
+fehlt, und bis sie Ursache finden, mich nicht als Freund,
+sondern als Verleger, zum fünften Bande aufzufordern.
+Dabei muß und wird es einstweilen bleiben; denn wenn ich
+noch vor Fertigung dieses fünften Bandes aus der Welt ginge,
+so blieben die vier Bände ein doch für sich bestehendes Werk,
+und Niemand hätte sich zu beklagen, daß es unvollständig
+wäre.&#8220;</p>
+
+<p>Eine Art von Fragment blieb gleichwohl der &#8222;Aristipp&#8220;,
+so lange Wieland nicht den vierten Band dieses Werks geliefert
+hatte. Darüber war jedoch eine geraume Zeit vergangen.
+Der Grund zu dieser Zögerung war der Gesundheitszustand
+seiner geliebten Dorothea. Wieland schwebte
+<a class="pgnum" id="page-134" title="Seite 134"></a>fortwährend zwischen Furcht und Hoffnung. Bei seinem
+Freunde und Verleger Göschen entschuldigte er sich, daß es
+ihm in den letzten sechs Wochen physisch und moralisch unmöglich
+gewesen sei, irgend einer Geistesarbeit sich mit dem
+freien und muntern Sinne zu widmen, der eine der unerläßlichsten
+Bedingungen sei. &#8222;Seyn Sie indeß versichert&#8220;, schrieb
+Wieland, &#8222;daß ich nicht ruhen werde, bis das Werk vollendet,
+und so vollendet ist, daß ich selbst einiges Wohlgefallen
+daran haben kann.&#8220;</p>
+
+<p>Diesem Vorsatz blieb er treu, ohne sich durch den damals
+entworfnen Plan irre machen zu lassen, nach dem
+Muster des <span class="antiqua" lang="fr">Théatre des Grecs,</span> gemeinschaftlich mit Böttiger
+und Jacobs ein &#8222;Theater der Griechen&#8220; herauszugeben,
+welches Uebersetzungen, mit Anmerkungen und Abhandlungen
+begleitet, enthalten sollte. Von der Ausarbeitung des fünften
+Bandes seines &#8222;Aristipp&#8220; ward Wieland indeß bald
+wieder abgelenkt durch mehrfache neue Entwürfe zu literarischen
+Arbeiten, die jedoch zum Theil unausgeführt blieben,
+wie unter andern das Werk &#8222;Osmanstädtische Unterhaltungen&#8220;
+betitelt, worin er einige sehr gelungene Erzählungen seines
+Sohnes Ludwig aufnehmen, und ihn dadurch als Schriftsteller
+in's Publikum einführen wollte.</p>
+
+<p>Wielands literarische Thätigkeit war damals sehr groß.
+Ehe er seinen &#8222;Aristipp&#8220; vollendet hatte, lieferte er einige
+Seitenstücke zu diesem Werke. Dahin gehörten die beiden griechischen
+Gemälde &#8222;Menander und Glycerion&#8220;, und &#8222;Krates
+und Hipparchia&#8220;, die er als Taschenbuch für die Jahre 1804 und
+1805 herausgab, und außerdem sechs Erzählungen, zuerst in
+Almanachen gedruckt und hierauf unter dem Titel: &#8222;das
+Hexameron von Rosenhain&#8220; in einem Bändchen vereinigt.
+Wieland war dadurch mit mehreren Buchhändlern in Verbindung
+<a class="pgnum" id="page-135" title="Seite 135"></a>getreten, mit Cotta in Tübingen, Wilmans in Bremen,
+und Vieweg in Braunschweig, wodurch sich sein vieljähriger
+Verleger Göschen verletzt fühlte. Wieland suchte ihn zu beruhigen.
+&#8222;Ich kann&#8220;, schrieb er, &#8222;den Gedanken nicht
+ertragen, daß die Irrungen, die ein doppeltes Paar alter
+Griechen und Griechinnen unschuldiger Weise zwischen uns
+veranlaßt haben, das Grab unserer vieljährigen Freundschaft
+seyn sollten. Ich glaube, Sie können sich meinen kleinen
+Verkehr mit den Taschenbüchern um so mehr gefallen lassen,
+da Sie auch nichts dagegen hätten, wenn ich dergleichen Aufsätze
+im Merkur abdrucken ließe, der noch unter meinem Namen
+und Böttigers Redaktion fortläuft. Wäre es nicht
+Thorheit gewesen, wenn ich, in meinen Umständen, solche
+Gelegenheiten nicht hätte benutzen wollen?&#8220;</p>
+
+<p>Schon in einem frühern Briefe an Göschen hatte Wieland
+offen gestanden, daß &#8222;die eiserne Noth, die ehemals
+den Horaz zum Dichter gemacht, ihn drücke und dränge, und
+daß er alles, was seine alte Muse noch gebähre, bald möglichst
+in baares Geld umsetzen müßte.&#8220; Dadurch hoffte er
+wenigstens einigermaßen sich die sorgenvolle Lage zu erleichtern,
+in die er durch den Kauf seines Guts, durch mannigfache
+kostspielige Bauten und Verbesserungen, und durch den
+geringen jährlichen Ertrag seines Besitzthums gerathen war.
+Daß er &#8222;bei seiner Landwirtschaft keine Seide spinne,&#8220; gestand
+er offen seinem vieljährigen Freunde Göschen.</p>
+
+<p>&#8222;Ich habe,&#8220; schrieb Wieland den 21. April 1802, &#8222;eine
+Last auf mich geladen, unter der ich erliegen würde, wenn
+ich nicht ernstlich darauf bedacht wäre, sie je eher je lieber
+von meinen alten Schultern abzuwälzen, in sofern es ohne
+Nachtheil und vielmehr zum wirklichen Vortheil meiner armen
+Kinder geschehen kann. So lange der holde Engel, der
+<a class="pgnum" id="page-136" title="Seite 136"></a>mich vor sechs Monaten verlassen mußte, noch sichtbar um
+mich war, fühlt' ich diese Last zwar auch, aber sie drückte
+mich weniger. Ich hatte mehr Muth und Hoffnung, mehr
+Lust und Freudigkeit zum Arbeiten, und alles, was mein
+Geist unternahm, ging leicht und munter von statten. Seitdem
+ist alles leider ganz anders. &mdash; Ich fühle, wenn ich
+noch einige Jahre den Meinigen, der Welt und meinen
+Freunden leben soll, so ist es schlechterdings nothwendig,
+daß ich mich gänzlich schuldenfrei mache &mdash; und dazu ist
+möglicher Weise nur Ein Mittel. Das ganze Gut zu verkaufen,
+wenn sich auch ein Käufer dazu fände, der mir dafür
+geben wollte, was mich's kostet, dazu kann ich mich aus
+mehreren und verschiedenen Ursachen nicht entschließen. Meine
+Idee ist, das Gut zu zerschlagen, den Pavillon, den ich bewohne,
+nebst dem Garten und einer einzigen Hufe Ackerland
+für mich zu behalten, aus allem Uebrigen aber ein für sich bestehendes
+kleines Erblehngut zu machen, und es gegen baare
+Bezahlung an den, der Lust dazu haben wird, zu verkaufen.
+Da das Gütchen so klein ist, so ist es natürlicher Weise
+keine Sache für reiche Leute. Indessen könnte und sollte
+sich doch wohl in ganz Germanien unter 24 Millionen Menschen
+irgend Jemand finden, dem gerade ein solches kleines
+Landgut anstünde, und in dessen Augen es dadurch noch
+einen besondern Werth erhielte, daß er mein lieber Nachbar
+würde, und (alles vorausgesetzt, was hierbei vorauszusetzen
+ist), mit mir und meiner Familie in einem beiden Theilen
+angenehmen freundschaftlichen Verhältniß leben könnte.
+Wenn meine Imagination bei guter Laune ist, so poetisirt
+sie mir verschiedene Arten möglicher Subjecte vor, die hiezu
+geeigenschaftet seyn könnten. Ich gestehe übrigens gern, daß
+diese meine Idee einem utopischen Traum ziemlich ähnlich
+<a class="pgnum" id="page-137" title="Seite 137"></a>sieht.
+Indessen sind doch schon viel unwahrscheinlichere Dinge
+realisirt worden.&#8220;</p>
+
+<p>Im August 1802 meldete Wieland seinen Entschluß, <del>daß</del> <ins>das</ins>
+ganze Gut zu verkaufen, doch mit Vorbehalt des von ihm
+bewohnten Hauses und dazu gehörigen Gartens, von welchem
+er jedoch den <span class="antiqua" lang="la">usum fructuum</span> und jede selbstbeliebige Benutzung
+dem Käufer des Guts überlassen wolle. &#8222;Der Garten,&#8220;
+schrieb er, &#8222;soll, so lange es nur immer möglich seyn
+wird, meiner Familie bleiben, und dies um so mehr, da er
+das heilige Grab meiner Geliebten, und dereinst auch das
+meinige neben ihr, in sich schließt. Finde ich einen annehmlichen
+Käufer zum Gute, so lebe ich künftig wieder in der
+Stadt, und bringe nur die schöne Jahreszeit in meiner Osmanstädtischen
+Villa zu.&#8220;</p>
+
+<p>Eine unverhoffte Fügung des Schicksals, oder, wie Wieland
+sich ausdrückte, &#8222;seines, noch immer zu seinem Besten
+geschäftigen guten Genius,&#8220; hatte ihm im Februar 1803 in
+dem Hofrath Kühn aus Hamburg einen Käufer seines Guts
+zugeführt, der sich zu der Kaufsumme von 30,000 Thlrn.
+anheischig machte. &#8222;So ungern,&#8220; schrieb Wieland, &#8222;ich mich
+auch von dem Boden trenne, worin die heiligen Gebeine
+meiner geliebten Dorothea ruhen, so kann ich diesen Verkauf
+doch nicht anders, als für das Glücklichste halten, was mir
+in meinem Leben noch begegnen konnte. Ich bin dadurch
+von einer Last befreit, die mich öfters zu Boden drückte;
+ich werde auf einmal schuldenfrei, und es bleibt immer noch
+so viel übrig, daß ich für meine noch unversorgten Kinder
+ungleich mehr thun kann, als mir möglich gewesen wäre,
+wenn ich das Gut noch länger hätte behaupten müssen.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands damalige Briefe enthielten mehrfache rührende
+Geständnisse über seine drückende Lage und über die Mittel,
+<a class="pgnum" id="page-138" title="Seite 138"></a>die er ergriffen, sie durch eine erweiterte literarische Thätigkeit
+zu verbessern, die beinahe seine Kräfte überstieg. In
+Bezug auf seine Beiträge zu mehreren Taschenbüchern schrieb
+er: &#8222;Ich schäme mich, daß ich durch die Etourderie, mit
+der ich mein ganzes Leben hindurch zu kämpfen gehabt, mich
+selbst in meinem siebzigsten Jahre noch zu Projecten solcher
+Art hinreißen lassen konnte. Aber die Summe, deren ich bedurfte,
+um blos meine unvermeidlichen Ausgaben zu bestreiten,
+stand, zumal in den letzten Jahren, mit dem Ertrag des
+Gutes und meiner übrigen fixen Einnahmen in einem so
+unproportionirten Verhältniß, daß ich, um das sehr beträchtliche
+Deficit zu decken, alle meine Kräfte aufbieten mußte,
+das <span class="antiqua" lang="la">vacuum,</span> das Ceres und Pales in meinem Beutel ließen,
+durch den Ertrag der Früchte meines Geistes zu ersetzen.
+Ich fühlte von Zeit zu Zeit, daß ich über Vermögen arbeitete,
+oder wenigstens daß ich, wenn es noch länger so fortgehen
+müßte, Gefahr liefe, in den traurigen Zustand von
+Erschlaffung und Kraftlosigkeit zu gerathen. Aber Noth hat
+kein Gesetz. Die Hoffnung, mein Gut ohne beträchtlichen
+Schaden verkaufen zu können, war sehr gering, die Last, die
+auf mir lag, immer drückender, und die Gefahr, mit jedem
+Jahr ärmer zu werden, immer größer. Welche Lage für einen
+Siebzigjährigen, von einer zahlreichen Familie umgebenen
+Mann von meiner Sinnesart und Constitution!&#8220;</p>
+
+<p>Mit Böttiger, der ihn kurz zuvor besuchte, ehe sich im
+Februar 1803 sein früher so heiß ersehntes Idyllenleben in
+Osmanstädt schloß, durchwanderte Wieland noch einmal den
+geräumigen Garten. Nicht ohne Rührung betrachtete er
+alle seine Lieblingsplätze. Eine tiefe Wehmuth ergriff ihn,
+als er vor den Gräbern seiner Dorothea und der Sophie
+Brentano stand, und sich sagen mußte, daß er auch diese in
+<a class="pgnum" id="page-139" title="Seite 139"></a>fremden Händen zurücklassen müßte. Nach einigem Schweigen
+sagte Wieland: &#8222;Ich traue es dem wackern Käufer meines
+Guts zu, daß die Stätte, wo auch ich einst neben meiner
+Gattin begraben zu seyn wünsche, ihm stets heilig und
+unantastbar seyn werde.&#8220; Darin täuschte sich Wieland nicht.
+Der neue Besitzer seines Gutes ehrte die heilige Stätte, wo
+die geliebten Todten ruhten.</p>
+
+<p>In einem Schreiben aus Osmanstädt an die Herzogin
+Amalia hatte Wieland sich sehr gefreut, eine Wohnung in
+der Nähe des Palastes seiner von ihm innig verehrten Fürstin
+beziehen zu können. Aus den Fenstern seiner von dem
+Schauspielhause nur durch einen Garten getrennten Wohnung
+sah er auf freundliche Anlagen hinaus, in denen, wie
+er sich äußerte, die geliebte Fürstin als &#8222;die wohlthätigste
+aller Feen walte.&#8220; Nur der Vergünstigung eines Schlüssels,
+meinte er, werde es bedürfen, um mit aller Bequemlichkeit
+in's Himmelreich einzugehen. &#8222;Denn das wird für mich,&#8220;
+schrieb er, &#8222;jeder Ort seyn, wo sich die über alles verehrte
+und geliebte Fürstin aufhält, deren Huld und herablassende
+Güte so wohlthätige Sonnenblicke auf den späten Abend
+meines Lebens geworfen.&#8220;</p>
+
+<p>Seine kühnsten Erwartungen übertraf die wohlwollende
+Aufnahme, die Wieland, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt
+war, bei der hochherzigen Fürstin fand. Sie zog ihn
+in ihre nächsten Umgebungen und erweiterte den Kreis seiner
+ältern Freunde durch neue Bekanntschaften, unter denen ihm
+Fernow, nach Jagemann's Tode zum Bibliothekar der Herzogin
+ernannt, eine der interessantesten war. Während des Sommeraufenthalts
+der Fürstin in Tiefurt befand sich Wieland
+oft dort. Wie sie ihn überall auszeichnete, bewies auch sein
+Ehrenplatz in der herzoglichen Loge. Seine Liebe zur Bühne,
+<a class="pgnum" id="page-140" title="Seite 140"></a>auf der damals manches vielversprechende Talent sich entfaltete,
+fand wieder neue Nahrung, und er bedurfte nicht
+mehr der Opfer, mit denen er während seines Aufenthalts
+in Osmanstädt den theatralischen Genuß hatte erkaufen müssen.
+Erfreulich und belehrend waren für ihn auch die damaligen
+Kunstausstellungen unter Goethe's und Meier's
+Leitung. Wieland glaubte so wenigstens einigen Ersatz dafür
+zu finden, daß die von Goethe herausgegebene Zeitschrift:
+&#8222;die Propyläen&#8220;, für die er sich lebhaft interessirt, aufgehört
+hatte.</p>
+
+<p>So vereinigten sich mehrere Umstände, ihn in einer ruhigen
+Gemüthsstimmung zu erhalten, die jedoch durch den
+Tod Herders am 18. December 1803 heftig erschüttert ward.
+Seiner Freundin Sophie la Roche schrieb er damals: &#8222;Es
+ist ein großer unersetzlicher Verlust für seine Familie, für die
+Welt und für seine Freunde. Er war mein bester und gewissermaßen
+mein einziger Freund in Weimar. Ich habe
+sehr viel an ihm verloren, und hatte große Ursache, auch um
+meiner selbst willen zu wünschen, daß er, der so beträchtlich
+jüngere Mann, mich Alten überleben möchte. Geduld und
+Ergebung ist alles, was uns in solchen Fällen übrig ist;
+und mir wird diese Ergebung freilich insofern leichter, als
+mein Gefühl für Schmerz und für Freude durch den 8. November
+1801 abgestumpft worden ist. Indessen ist es Pflicht,
+sich für die Lebenden so lange als möglich zu erhalten, und
+sich an der geistigen Gemeinschaft genügen zu lassen, daß
+wir mit unsern Geliebten, nachdem sie unsern Augen und
+Armen entschwunden sind, uns noch immer fort unterhalten
+können. Das egoistische Gefühl unseres Verlustes ist menschlich;
+aber immer verliert es sich wieder in dem süßen Gedanken,
+<a class="pgnum" id="page-141" title="Seite 141"></a>daß sie ausgelitten haben, daß ihnen nun wohl ist,
+und unendlich besser, als uns.&#8220;</p>
+
+<p>In ein dumpfes Hinbrüten artete Wielands Ergebung
+in das unvermeidliche Schicksal selten aus, und seine Thätigkeit
+ward dadurch nicht gelähmt. Von besonderem Interesse
+war in seiner damaligen Stimmung für ihn die Schrift:
+&#8222;Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode.&#8220;
+Ihr Verfasser, <span class="antiqua" lang="la">Dr.</span> Wötzel, hatte sie dem Herzog von Weimar
+zugeeignet, und sie ward in einem Hofcirkel, in welchem sich
+auch Wieland befand, vorgelesen und vielfach besprochen.
+Den 20. October 1804 schrieb Wieland an seinen Freund und
+Verleger Göschen: &#8222;Ich arbeite seit einigen Monaten an
+einem kleinen Werke, wovon ich aus wesentlichen Ursachen
+wünsche, und es daher zu einer Bedingung machen muß,
+daß es besonders, und als ein Werk für sich, im Buchhandel
+erscheine. Der Titel ist: Euthanasia, oder Gespräche über
+das Leben nach dem Tode, veranlaßt durch die Schrift:
+Meiner Gattin wirkliche Erscheinung nach ihrem Tode. Diese
+Euthanasia wird aus drei oder vier Dialogen bestehen, wovon
+der erste und größte vollkommen fertig ist. Das Ganze
+wird mich noch bis Ende dieses Jahres beschäftigen.&#8220;</p>
+
+<p>Ein sehr scharfes Urtheil fällte Wieland in einem spätern
+Briefe über die vorhin erwähnte Schrift und ihren Verfasser.
+&#8222;Ich glaube,&#8220; schrieb er, &#8222;daß der Herr Doctor oder Magister
+Wötzel durch meine Analyse seines über allen Ausdruck
+elenden und abgeschmackten Buchs in Reputation kommen
+wird. Aber damit er Ursache habe, sich dafür bei mir zu
+bedanken, möcht' ich ihm rathen, sich in bevorstehender Messe
+um Geld sehen zu lassen. Wirklich wäre ein Hermaphrodit
+mit drei Köpfen, sechs Armen und vier Beinen kein sehenswürdigerer
+Irrthum der Natur, als dieser in seiner Art gewiß
+<a class="pgnum" id="page-142" title="Seite 142"></a>einzige Mensch, in welchem Dummheit, Eigendünkel,
+Pfiffigkeit, Albernheit und Plattheit auf eine Art, die allen
+Psychologen zu schaffen machen sollte, vereinigt sind. Wer
+sollte nicht vier Groschen daran spenden, ein solches Mißgeschöpf
+mit Augen zu sehen!&#8220;</p>
+
+<p>Durch den Tod seiner geliebten Gattin hatte Wieland
+hinlänglich Veranlagung erhalten, über den Zusammenhang
+der Geisterwelt mit dem irdischen Leben reiflich nachzudenken.
+Er glaubte sich aber gegen alle Geistererscheinungen erklären
+zu müssen, wenn er sich die Erfahrungen seines eignen
+Lebens zurückrief. &#8222;Wäre eine Möglichkeit&#8220;, schrieb er,
+&#8222;daß die Geister der Verstorbenen erscheinen könnten, warum
+habe ich von meiner Gattin, dieser treuen Seele, nie eine
+Erscheinung gehabt? Warum, wenn Geister auf unsre Seelenorgane
+wirken können, erscheint sie mir nicht alle Wochen
+wenigstens einmal im Traum, und unterhält sich mit
+mir, da sie doch weiß, wie unaussprechlich glücklich sie mich
+durch eine solche Herablassung zur menschlichen Schwachheit
+machen könnte? Sie<i> kann</i> also nicht, oder sie<i> darf</i> nicht,
+und warum sollte es denn nicht mit allen Andern eben diese
+Bewandtniß haben?<ins>&#8220;</ins></p>
+
+<p>Bei der Richtung, die sein Geist damals genommen,
+hatte Wieland die Vollendung des &#8222;Aristipp&#8220; fast gänzlich
+aus den Augen verloren, besonders als ein literarischer Plan,
+den er schon vor zwanzig Jahren (1790) entworfen, der Ausführung
+entgegenreifte. Es war eine Uebersetzung der sämmtlichen
+Briefe Cicero's. Die mit einer solchen Arbeit verbundenen
+Schwierigkeiten getraute er sich zu überwinden. Willkommen
+war ihm diese Arbeit auch deshalb, weil sie ihn über
+die Eindrücke der politischen Ereignisse hi<ins>n</ins>wegtrug. Freude
+und Leid griffen damals rasch wechselnd in sein Leben ein.
+<a class="pgnum" id="page-143" title="Seite 143"></a>Im November 1804 war er Zeuge gewesen bei der Vermählungsfeier
+des damaligen Erbprinzen (jetztverstorbenen Großherzogs)
+von Weimar mit der russischen Großfürstin Maria Paulowna.
+Den Dichter, der jenes frohe Ereigniß durch das Drama: &#8222;die
+Huldigung der Künste&#8220; gefeiert, mußte Wieland bald nachher
+scheiden sehn. Schiller starb am 9. März 1805, und Goethe
+war damals gefährlich krank. &#8222;Ich kann mir vorstellen&#8220;,
+schrieb Wieland den 6. Juni 1805 an Göschen, &#8222;welche Sensation
+die Nachricht von Schillers Tode in Leipzig gemacht
+hat. Nach Herder, und so lange uns Goethe noch erhalten
+wird, konnte Deutschlands Literatur keinen empfindlichern
+Verlust erleiden.&#8220; Seinen eigenen Gesundheitszustand schilderte
+Wieland in diesem Briefe mit den Worten: &#8222;Einen
+so strengen und fast ununterbrochen fortdauernden Winter
+habe ich in 72 Jahren nicht erlebt, und ich wundere mich
+alle Tage, wie es zugeht, daß eine so zarte Maschine, wie
+diejenige, an die mein Daseyn geknüpft ist, eine solche
+unbarmherzige Witterung mit so wenig Beschwerden, als
+ich in der That diese Zeit her gefühlt habe, auszudauern
+vermögend gewesen ist.&#8220;</p>
+
+<p>Dieser physischen Kraft bedurfte Wieland, um die Schrecknisse
+zu ertragen, welche die Schlacht bei Jena am 14. October
+1806 über Weimars Bewohner verhängte. Bei der allgemeinen
+Plünderung jener Residenz hatte er jedoch am wenigsten
+Ursache gehabt, für seine Person und seine Familie sich zu beklagen.
+Er erhielt eine Sauvegarde, und im Namen Mürats
+ward ihm der unmittelbare kaiserliche Schutz zugesichert.
+Tief erschüttert von dem allgemeinen Unglück und innig beklagend,
+daß er den Tag erlebt, wo seine fürstliche Gönnerin
+ihren Sommeraufenthalt, das freundliche Tiefurt,
+hatte verlassen, und der Erbprinz für seine Gemahlin ein
+<a class="pgnum" id="page-144" title="Seite 144"></a>Asyl im Auslande hatte suchen müssen, begann Wieland
+wenige Wochen nach jenen Schreckenstagen, den 1. November
+1806 seine früher erwähnte Uebersetzung der Briefe Ciceros,
+die seinen Blick von dem vielfach bewegten Leben der
+Gegenwart so entschieden ablenkte, daß er, nach seinem
+eigenen Geständniß, von allem, was um ihn her vorging,
+wenig gewahr ward.</p>
+
+<p>In Bezug auf die mit dieser Uebersetzung verbundenen
+Schwierigkeiten nannte er sie, zumal für einen Greis von 72
+Jahren, ein großes Wagstück. &#8222;Kaum kann ich&#8220;, schrieb er,
+&#8222;etwas anderes zu meiner Entschuldigung anführen, als die<i> Zeit</i>,
+in welcher, und die<i> Art</i>, mit welcher dieser verwegene
+Gedanke wie ein Gewappneter über mich gekommen
+ist. Ich fühlte damals ein zwiefaches dringendes Bedürfniß
+in mir, ohne dessen unmittelbare Stillung ich nicht
+länger ausdauern zu können glaubte. Das eine war: mich
+je eher je lieber aus einer fürchterlich einengenden Gegenwart
+in eine andre Welt, in eine Zeit und unter Menschen,
+die längst nicht mehr waren, wo möglich unter lauter colossale
+Menschen vom Titanen- und Gigantenstamm zu versetzen; &mdash; das
+Andere: irgend eine große, schwere und mühselige,
+aber bei alle dem angenehme und zu meinen Studien
+passende Geistesarbeit zu unternehmen, welche mich hoffen
+ließ, daß sie mir durch Lust und Liebe zur Sache, und durch die
+mit der Ausführung selbst nothwendig verbundene unvermerkte
+Steigerung meiner Kräfte vielleicht so weit gelingen dürfte,
+daß ich die Welt mit dem Troste verlassen könnte, die letzten
+Jahre oder Tage meines Lebens nicht nutzlos zugebracht
+zu haben. Wie hätte mir, zu Befriedigung dieses doppelten
+Bedürfnisses, und zur Erreichung dieser Absicht, mein guter
+<a class="pgnum" id="page-145" title="Seite 145"></a>Genius einen glücklichern Vorsatz einhauchen können, als
+die Uebersetzung der Briefe Cicero's?&#8220;</p>
+
+<p>Mitten unter dieser Beschäftigung erschütterte ihn, nachdem
+die Kriegsstürme geschwiegen, die Nachricht von dem
+Tode der Herzogin Amalia. Am 10. April 1807 war ihr
+standhafter Geist von den Schicksalen, die sie ertragen, überwältigt
+worden. Wielands ganze philosophische Standhaftigkeit
+war nöthig, um sich über den für ihn zu schmerzlichen Verlust
+zu trösten. Frohe Momente brachten ihm die Friedensnachrichten
+und die Heimkehr des Herzogs Carl August in
+seine Staaten. Dennoch aber bedurfte Wieland des rastlosen
+Fleißes, den er seiner Uebersetzung der Briefe Cicero's widmete,
+um nicht der Gewalt schmerzlicher Eindrücke zu erliegen. Der
+Herzog von Weimar hatte ihm das freundliche Belvedere zu
+seinem Sommeraufenthalt angewiesen. Auf einer mäßigen
+Anhöhe, dem Schloßberge gegenüber, fand Wieland unter dunkeln
+Fichten ein Lieblingsplätzchen, wo er bald umherwandelte,
+bald mit der Lectüre irgend eines römischen oder griechischen
+Classikers sich beschäftigte. Mit ruhigem Gleichmuth
+und auf das Unvermeidliche gefaßt, schrieb er den 3. November
+1809 an seine Freundin Sophie la Roche: &#8222;Was uns
+noch bevorsteht, weiß allein der Himmel. Unser künftiges
+Schicksal ist ungewiß. Wie es aber auch entschieden werden
+mag, ich werde es zu ertragen wissen, und mich selbst in
+keinem Falle verlassen.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands philosophischer Gleichmuth sollte jedoch bald erschüttert
+werden. Er erhielt die Nachricht von dem Tode seiner
+eben erwähnten Jugendfreundin, deren letztes Werk, &#8222;Melusinens
+Sommerabende&#8220;, er noch revidirt und mit einer Vorrede
+begleitet hatte. &#8222;Es scheint&#8220;, schrieb er, &#8222;mein Schicksal,
+daß ich alles überleben soll, was ich am meisten und innigsten
+<a class="pgnum" id="page-146" title="Seite 146"></a>liebte. Bald habe ich, außer meinen größtentheils weit
+von mir entfernten Kindern, nichts mehr zu verlieren. Aber
+der Verlust, den ich am 9. November 1801 erlitt, hat mich
+auch gegen jeden andern völlig abgestumpft. Die Welt kann
+zufrieden seyn, eine so außerordentliche Frau, die von ihrer
+Kindheit an für diese Welt viel zu gut war, 76 Jahre lang
+besessen und 36 Jahre die Früchte ihres, mit ihrem Herzen
+gänzlich in Eins verwebten und gleichsam zusammengewachsenen
+Geistes dankbar und undankbar genossen zu haben.
+Für uns lebt sie jetzt nur noch, insofern wir ihrer gedenken
+und das wollen wir.&#8220;</p>
+
+<p>In einem Briefe vom 8. September 1808 warf Wieland
+einen Rückblick auf seine Laufbahn. &#8222;Ich habe&#8220;, schrieb er,
+&#8222;zwar in vollen 75 Jahren Gottlob! kein glänzendes, noch
+sonderliches Glück gemacht; sondern auch das herzdrückende
+Schicksal erfahren, alle Freunde und Freundinnen meiner
+Jugend und meiner besten Jahre zu überleben. Aber demungeachtet
+verdanke ich der Mutter Natur eine so glückliche
+Organisation und Sinnesart, und meinem guten Genius
+so manche glücklichen Ereignisse, und ein so freundlich schönes
+Gewebe der 27,593 Tage (die Schalttage mit eingerechnet),
+daß ich mich nicht zu täuschen glaube, wenn ich gegen Einen
+trüben oder stürmischen Tag, womit die Parzen mich nicht
+verschonen konnten oder wollten, vierzehn heitere und vergnügte
+Tage eines so frohen Lebensgenusses zähle, als ein Sterblicher,
+ohne thörichte Forderungen an den Himmel zu machen,
+von diesem unvollkommenen Erdenleben nur immer verlangen
+kann. Denn für mich sind die Gefühle, worin sich ein Tropfen
+Bitterkeit mit dem Süßen vermischt, immer die angenehmsten.&#8220;</p>
+
+<p>Am Abend seines Lebens brachte Wielands Schicksal,
+<a class="pgnum" id="page-147" title="Seite 147"></a>ungeachtet er, nach seinem eignen Geständnisse, &#8222;sich von
+den Erdengöttern so viel als möglich entfernt gehalten,&#8220;
+ihn noch in Berührung mit Frankreichs Kaiser, als Napoleon
+mit den damals (1808) auf dem Congreß zu Erfurt
+versammelten Fürsten einige Tage sich am Hofe zu Weimar
+aufhielt. Er wünschte den Dichter zu sehen, der ihm durch
+die früher erwähnte Prophezeiung, &#8222;daß Frankreichs Heil
+nur allein auf Buonaparte beruhe&#8220;, merkwürdig geworden
+war. Wieland befand sich gerade den Tag nicht am Hofe.
+Unter dem Vorwande des Unwohlseyns hatte er eine Einladung
+zum Ball abgelehnt. Eine Vorstellung von Voltaires
+Julius Cäsar lockte ihn jedoch Abends in's Theater, wo er
+seinen Platz in einer Seitenloge nahm, die sonst der Herzog
+einzunehmen pflegte. Als Napoleon erfuhr, daß es Wieland
+gewesen sei, den er dort in seinem einfachen Kleide und
+einem Sammtkäppchen auf dem Haupt gesehen hatte, erkundigte
+er sich auf dem Ball wiederholt nach&nbsp;ihm.</p>
+
+<p>&#8222;Nun war kein andrer Rath&#8220;, gestand Wieland in
+einem Briefe vom 13. October 1808, &#8222;als mich in den Hofwagen,
+der mir geschickt wurde, zu setzen und &mdash; in meinem
+gewöhnlichen <span class="antiqua" lang="fr">accoutrement,</span> eine Calotte auf dem Kopfe,
+ungepudert, ohne Degen und in Tuchstiefeln (übrigens anständig
+costumirt) im Tanzsaal zu erscheinen. Es war gegen
+halb eilf Uhr. Kaum war ich etliche Minuten dagewesen, so
+kam Napoleon von einer andern Seite des Saals auf mich zu.
+Die Herzogin präsentirte mich ihm selbst, und er sagte mir
+ganz leutselig &mdash; das Gewöhnliche, indem er mich zugleich
+scharf in's Auge faßte. Schwerlich hat wohl jemals ein
+Sterblicher die Gabe, einen Menschen gleich auf den ersten
+Blick zu durchschauen, in einem höhern Grade besessen, als
+Napoleon. Er sah, daß ich, meiner leidigen Celebrität zum
+<a class="pgnum" id="page-148" title="Seite 148"></a>Trotz, ein schlichter, anspruchsloser, alter Mann war, und
+da er, wie es schien, für immer einen guten Eindruck auf
+mich machen wollte, so verwandelte er sich augenblicklich in
+die Form, in welcher er sicher seyn konnte, seine Absicht zu
+erreichen. In meinem Leben hab' ich keinen einfachern, ruhigern,
+sanftern und anspruchslosern Menschensohn gesehen.
+Keine Spur, daß der Mann, der mit mir sprach, ein großer
+Monarch zu seyn sich bewußt war. Er unterhielt sich mit
+mir, wie ein alter Bekannter mit<i> seines</i> Gleichen, und
+was noch keinem Andern<i> meines</i> Gleichen widerfahren war,
+an anderthalb Stunden lang in Einem fort, und ganz allein,
+zu großem Erstaunen aller Anwesenden. Da ich ein sehr
+ungeübter, schwerzüngiger französischer Orateur bin, so war
+es glücklich für mich, daß er gerade in der Laune war, viel
+zu sprechen, und die <span class="antiqua" lang="fr">frais de la conversation</span> fast allein auf
+sich nahm. Es war nahe an zwölf Uhr, als ich endlich zu
+fühlen anfing, daß ich das Stehen nicht länger ertragen
+könne. Ich nahm mir also eine Freiheit heraus, die sich
+schwerlich irgend ein andrer Deutscher oder Franzose unterstanden
+hätte. Ich bat Se. Majestät, mich zu entlassen,
+weil ich mich nicht stark genug fühle, daß Stehen länger
+auszuhalten. Er nahm es sehr gut auf. <span class="antiqua" lang="fr">Allez donc,</span> sagte
+er mit freundlichem Ton und Miene, <span class="antiqua" lang="fr">allez! bon soir!&#8220;</span></p>
+
+<p>In eben diesem Briefe meinte Wieland, so ungemein
+freundlich Napoleon auch gegen ihn gewesen, habe er doch
+an ihm vermißt, was man Gemüth nenne, und es sei ihm
+mitunter vorgekommen, als wäre der Mann aus Bronze
+gegossen. &#8222;Indessen&#8220;, schrieb Wieland, &#8222;hatte ich es doch
+dahin gebracht, daß ich ihm ganz offen endlich die Frage
+vorlegte, wie es denn komme, daß der Cultus, den er in
+Frankreich reformirt habe, nicht philosophischer und dem
+<a class="pgnum" id="page-149" title="Seite 149"></a>Geist unsrer Zeit nicht angemessener ausgefallen sei. Lächelnd
+erwiederte hierauf Napoleon: Ja, mein lieber Wieland,
+für Philosophen ist er auch nicht gemacht, denn die Philosophen
+glauben weder an mich, noch an meinen Cultus,
+und den Leuten, die daran glauben, kann man nicht Wunder
+genug thun und lassen. Wenn ich einmal eine Religion
+für Philosophen stiften könnte, die sollte freilich anders beschaffen
+seyn. An diesen Faden spann sich nun das Gespräch
+über Religion fort, wobei Napoleon den Skeptiker so sehr
+machte, daß er die historische Existenz Christi bezweifelte.
+Das war aber nur ein sehr allgemeiner Skepticismus, den
+er da auskramte, und ich fand an seiner Freigeisterei nichts
+zu bewundern, als die Offenheit, mit welcher er sich mir
+preisgab.&#8220;</p>
+
+<p>Einen Beweis der Huld Napoleons erhielt Wieland durch
+den ihm übersandten Orden der Ehrenlegion. Dem Kaiser
+Alexander verdankte er gleichzeitig (1808) den St. Annenorden,
+wobei sich ihm unwillkührlich die Bemerkung aufdrang,
+daß das Ausland seine Verdienste gerechter anerkenne,
+als die Nation, zu der er gehöre. Sein Patriotismus erkaltete
+jedoch nicht durch solche Erfahrungen. Ohne in Napoleon
+den außerordentlichen Mann zu verkennen, den er für
+ein Werk in den Händen der Vorsehung hielt, äußerte sich
+Wieland mit tiefem Unmuth über die mannigfachen Bedrückungen,
+die das Unterjochungssystem des französischen
+Machthabers über Deutschland verhängte.</p>
+
+<p>Was ihn oft in eine trübe Stimmung versetzte, war der
+Gedanke, sich so vieler Freunde beraubt zu sehen, die er geschätzt
+und geliebt hatte. Herder, Schiller, Gleim waren
+ihm vorangegangen, in der letzten Periode seines Lebens auch
+noch Fernow und Seume. An dem Letztern schätzte Wieland
+neben seinen Kenntnissen und Talenten besonders die Biederkeit
+seines Charakters, den offnen, geraden Sinn. &#8222;Es
+ist eine Freude&#8220;, schrieb er, &#8222;derbe Wahrheiten so freimüthig
+und kräftig, und doch so manierlich gesagt zu hören.
+Seume kann sicher seyn, daß Niemand glauben und sagen
+wird, daß englische Guineen oder Napoleons aus ihm sprechen.
+Ich habe von jeher große Stücke auf die ächten Cyniker gehalten,
+<a class="pgnum" id="page-150" title="Seite 150"></a>deren Ideal Lucian in seinem Kyniskos so trefflich
+aufhellte. Der ächte Cyniker ist der ächteste Mensch und
+der wahre Weise, und <span class="antiqua" lang="la">minor Jove,</span> wie Horaz sagt. Das
+alte Griechenland hatte ihrer kaum ein halb Dutzend binnen
+500 Jahren aufzuweisen; und in unsern Tagen ist Seume
+der Einzige, den ich wenigstens kenne.&#8220;</p>
+
+<p>Zu dem Schmerz über Seumes Verlust gesellten sich für
+Wieland häusliche und persönliche Leiden. Seine Tochter
+Julie entriß ihm der Tod. Ein hartnäckiges Augenübel
+untersagte ihm mehrere Wochen Lesen und Schreiben. Nur
+langsam genas er im Herbst 1809 von einer
+lebensgef<del>a</del><ins>ä</ins>hrlichen
+Krankheit. &#8222;Das Sonderbare dabei war&#8220;, schrieb Wieland,
+&#8222;daß, nach der Versicherung meines Arztes, das Herz und
+die ganze Blutmasse an dem schrecklichen Sturm auf alle
+übrigen Theile meines ohnedieß schwachen Körpers keinen
+Antheil nahmen, und ihre eigene Oekonomie ruhig fortzutreiben
+schienen. Der Puls ging ruhig und gleich, nur etwas
+schneller, als gewöhnlich. Dafür aber waren die Muskelkräfte,
+Nerven, Flechsen und Sehnen so jämmerlich zugerichtet,
+alle Drüsen so rein ausgewunden und ausgetrocknet,
+alle Fibern so abgespannt, daß ein vierteljähriges Kind mehr
+Stärke in Armen und Beinen hat, als ich in den ersten
+vierzehn Tagen. Meine rechte Hand war lange fast unbrauchbar;
+über vierzehn Tage konnte ich nicht einen Augenblick
+stehen. Kurz, ich mußte, wie ein Kind, von vorn anfangen,
+und die Verrichtungen des animalischen Lebens wieder lernen,
+als ob sie mir etwas Neues wären. Wie gern möcht' ich
+hier meinen mich umgebenden Töchtern und Enkelinnen eine
+Lob- und Dankrede halten!&#8220;</p>
+
+<p>In seinem Familienkreise war es, wo Wieland die durch
+zunehmende Altersschwäche ihm oft geraubte Heiterkeit wiederfand.
+&#8222;Wohl mir&#8220;, schrieb er, &#8222;daß ich im Winter meines
+Lebens noch mit Gegenständen der Liebe umgeben bin, mit
+Kindern und Enkeln, die mir Freude machen, und mein
+Herz wenigstens so lange warm erhalten werden, bis es zu
+schlagen aufhört.&#8220; Sehr glücklich würde er sich gefühlt haben,
+wenn er noch einmal seinen ganzen Familienkreis um
+sich hätte versammeln können, der immer kleiner geworden
+<a class="pgnum" id="page-151" title="Seite 151"></a>war, und zuletzt nur aus einer seiner verwitweten Töchter
+mit zwei Töchtern von dieser, und seiner jüngsten Tochter
+Luise bestand. In dankbarer Erinnerung an die Feier seines
+Geburtstags im Jahr 1810 schrieb Wieland an Böttiger: &#8222;Auch
+wieder ein paar schöne Tage, die sich ganz besonders freundlich,
+heiter und liebevoll an die 28,105, die nun mit mir vorbeigewankt,
+gehüpft, gestolpert, getanzt, gewalzt, gestürmt
+und geschlichen sind, angeschlossen haben! Es ist doch eine
+hübsche Sache um's lange Leben, wenn einem am Vorabend
+des 78sten Jahres noch solche Stunden zu Theil werden, wie
+ich am Abend des 4. September im enggeschlossenen Kreise
+brüderlich verbundener Freunde genossen habe. Es konnte
+meinem Herzen nicht anders als wohlthun, so viele und unzweideutige
+Zeichen herzlicher Theilnahme, Achtung und Liebe
+zu empfangen.&#8220;</p>
+
+<p>Wielands Gesundheit, ziemlich gestärkt seit der früher
+erwähnten Krankheit, gönnte ihm, an seiner Uebersetzung der
+Ciceronianischen Briefe mit wenigen Unterbrechungen fortzuarbeiten.
+Neben dieser Beschäftigung trug er sich damals mit
+dem Gedanken einer neuen Ausgabe seiner sämmtlichen Werke.
+Als sein Freund und Verleger Göschen ihn dazu aufgefordert
+und seinem Wunsche gemäß, versprochen hatte, deutsche
+Lettern, statt der bisherigen lateinischen, zu wählen, schrieb
+Wieland: &#8222;Die erste und wichtigste Frage wäre wohl diese:
+ob die neue Auflage<i> alles</i>, was in der ersten ist enthalten
+soll oder nicht? Da diese Frage, meines Erachtens, blos
+aus buchhändlerischem Gesichtspunkte entschieden werden
+kann und muß, so habe ich nichts darüber zu sagen, als
+daß sie mir viele und kaltblütige Ueberlegung von allen
+Seiten zu erfordern scheint. Glauben Sie Ihre Rechnung
+bei einer Auswahl des Besten und Interessantesten eher zu
+finden, als bei einer wiederholten Auflage meiner<i> sämmtlichen</i>
+Werke, so bin ich's völlig zufrieden; nur muß ich
+bemerken, daß alles, was sich mit gutem Gewissen retouchiren
+ließe, höchstens drei oder vier Bändchen ausmachen,
+und manchen Lesern auch damit vielleicht kein Gefallen geschehen
+würde. Die zweite Frage ist: ob wir die Kinder meines
+Geistes in der Ordnung, wie sie zur Welt gekommen sind,
+<a class="pgnum" id="page-152" title="Seite 152"></a>auf einander folgen lassen wollen? und da dies aus mehrern
+Gründen wohl das Beste seyn möchte: ob die poetischen von
+den prosaischen Werken abgesondert werden, und also zwei
+Classen ausmachen sollen? Auch dies kann und soll blos
+von Ihnen entschieden werden. Wenn nicht merkantilische
+Rücksichten das Letztere rathen, so sollte ich beinahe glauben,
+es dürfte vielen, wo nicht den meisten Liebhabern meiner
+Schriften angenehmer seyn, ohne Hinsicht auf Verse und
+Prosa, in der Ordnung, wie sie geschrieben wurden, zu
+lesen; um so mehr, da sie eben dadurch dem scharfsinnigen
+und aufmerksamen Leser eine Art von Geschichte, oder vielmehr
+die Belege zur Geschichte meines geistigen Lebens an
+die Hand geben, welche ich, wenn der schwarzbraunige Bruder
+des Schlafs mir Zeit dazu läßt, zu schreiben gedenke.&#8220;</p>
+
+<p>Mit dieser Selbstbiographie schien es Wieland wenig
+Ernst zu seyn. In seinem literarischen Nachlaß fand sich
+auch nicht das kleinste Fragment jener &#8222;Memorabilien,&#8220; wie
+er sie zu nennen pflegte. Zufällige Umstände verhinderten
+die in dem vorhin erwähnten Briefe besprochene neue Ausgabe
+seiner Werke. Er gewann dadurch mehr Muße zu seiner
+Uebersetzung des Cicero, zu welcher, als ihn der Tod bei dieser
+Arbeit überraschte, sein Freund und Landsmann Gräter
+die noch übrigen vierzig Briefe Cicero's hinzufügte.</p>
+
+<p>Nicht ohne Nachtheil für seine schwache Brust glaubte
+Wieland die Berge und Anhöhen von Belvedere ferner erklimmen
+zu können. Er leistete daher im Sommer 1811
+Verzicht auf seinen bisherigen Lieblingsaufenthalt, und beschränkte
+sich auf kleine Ausflüge nach Jena und auf Spazierfahrten.
+Am 11. September 1811 hatte er das Unglück,
+als der Wagen umwarf, das Schlüsselbein zu zerbrechen.
+Noch gefährlicher ward seine jüngste Tochter verletzt. Wahrhaft
+bewundernswerth war, nach Goethes Zeugniß, die Fassung,
+der ruhige Gleichmuth, womit Wieland die schmerzlichen
+Folgen des Falles und die Langeweile der Genesung
+ertrug. Auch bei dieser Prüfung bewährte sich seine Lebensphilosophie,
+die ihn noch nie verlassen hatte.</p>
+
+<p>&#8222;Es gehört,&#8220; schrieb er den 18. October 1811, &#8222;unter
+die größten Uebel der schon oft von mir recht herzlich verwünschten
+<a class="pgnum" id="page-153" title="Seite 153"></a>Celebrität (zu deutsch Berühmtheit) &mdash; die übrigens
+auch hin und wieder ihr nicht zu verachtendes Gute
+hat &mdash; daß einer nicht einmal den kleinsten Finger, geschweige
+ein Schlüsselbein, was doch im Grunde auch nicht viel sagen
+will, brechen kann, ohne daß es sogleich in öffentlichen Blättern
+der Welt verkündigt, und dadurch alle entfernten Freunde
+des Verunglückten unschuldiger und ungebührlicher Weise,
+gegen den Willen desselben, zum Mitleiden aufgefordert, beunruhigt,
+und nicht selten ist der Fall gesetzt werden, sich
+das Uebel ärger vorzustellen, als es ist.&#8220;</p>
+
+<p>Wieland genas bald wieder. In völliger Heiterkeit fand
+ihn sein achtzigster Geburtstag, den er in einem Cirkel von
+Freunden feierte, die ihn nach Jena eingeladen hatten, und
+ihm an jenen Tage eine silberne Denkmünze überreichten,
+mit der Aufschrift: &#8222;Dem unsterblichen Sänger.&#8220; Mit den
+heitersten Eindrücken kehrte er wieder nach Weimar zurück,
+wo ihn Ifflands Darstellungen auf dem dortigen Hoftheater
+erwarteten. Er schien sehr lebhaften Antheil daran zu nehmen.
+Seine Gesundheit blieb sich gleich. In der Nacht vom
+10. auf den 11. Januar 1813 traf ihn jedoch ein Anfall von
+Schlag. Aller ärztlichen Hülfe unerachtet, ward sein Zustand,
+durch ein hinzutretendes heftiges Fieber, von Tage
+zu Tage bedenklicher.</p>
+
+<p>Die Nähe seines Todes schien Wieland nicht zu ahnen.
+In schmerzlosen Stunden beschäftigte sich seine Phantasie
+mit seinen Kindern. Auch sprach er bisweilen mit lebhaftem
+Interesse von seiner Uebersetzung der Ciceronianischen Briefe.
+Als am zehnten Tage, den 20. Januar, das durch ärztliche
+Mittel beseitigte Fieber mit größerer Heftigkeit wieder zurückkehrte,
+schwärmte Wielands Phantasie bald in Griechenland,
+bald in Italiens Gefilden. In den Abendstunden hörten
+seine Kinder ihn schwach, doch vornehmlich, Hamlets berühmten
+Monolog: &#8222;Seyn oder Nichtseyn&#8220;, bald deutsch,
+bald englisch recitiren. Er sank hierauf in einen tiefen
+Schlummer, und die Mitternachtsstunde fand ihn nicht mehr
+unter den Lebendigen.</p>
+
+<p>Eine allgemeine Trauer verbreitete die Nachricht seines
+Todes. Die Brüder des Freimaurerbundes, dem er angehörte,
+<a class="pgnum" id="page-154" title="Seite 154"></a>beschlossen eine feierliche Bestattung des Entschlummerten.
+Architektonische Verzierungen schmückten in dem
+mittlern Theile des Landes-Industrie-Comptoirs zu Weimar,
+das von seinem vieljährigen Freunde Bertuch eingeräumte
+Local, wo Wielands sterbliche Hülle am Abend des 24 Januar
+ausgestellt ward. Seine zahlreichen Verehrer und
+Freunde sahen dort, mit fast unveränderten Zügen, sein mit
+einem Lorbeerkranze geschmücktes Haupt, auf einem blauseidnen,
+mit golden Spitzen eingefaßten Kissen ruhen. Eine
+ähnliche Decke breitete sich aus über den untern Theil des
+Sargs. Der Körper war in ein weißes Tuch gehüllt. Ein
+Lorbeerkranz umwand die Prachtausgaben der beiden Gedichte:
+&#8222;Oberon&#8220; und &#8222;Musarion&#8220;, die in einem Einbande
+von Maroquin auf einem rothen Sammtkissen auf dem Deckel
+des Sargs ruhten. Dort sah man auch auf einem kleinern
+weißen Atlaskissen die Decorationen des russischen und französischen
+Ordens.</p>
+
+<p>Der Gartensaal des Gutsgebäudes zu Osmanstädt, einst
+Wielands Lieblingsaufenthalt, empfing in der nächsten Nacht
+seine irdischen Ueberreste. Dort versammelten sich am 25. Januar
+1813 Nachmittags die sämmtlichen Brüder der Loge
+Amalia, nebst einer großen Zahl von Wielands Freunden
+und Verehrern. Sie schlossen sich dem Trauergefolge an,
+welches der französische Gesandte, Baron St. Aignan, mit
+des Dichters ältestem Sohne Ludwig eröffnete. Sechzehn
+Maurerbrüder trugen den Sarg. Das Geläut der Dorfglocken
+lockte einen großen Theil der Bewohner von Osmanstädt
+herbei. Ihrem alten Gutsherrn, wie sie Wieland noch
+immer nannten, wollten sie die letzte Ehre erweisen. Der
+Zug ging die lange Allee hinab, die der Dichter oft durchwandelt
+hatte, bis zu dem Bosket, wo Wieland sich längst
+seine Ruhestätte gewählt. Dem Trauergesange an seinem
+Grabe folgte eine kurze, aber herzliche Rede des Oberconsistorialraths
+Günther, der die Verdienste des Dahingeschiedenen
+in ergreifenden Umrissen schilderte.</p>
+
+<p>Neben den Gräbern derjenigen, die ihm am theuersten
+gewesen im Leben, neben Sophie Brentano und seiner Gattin
+Anna Dorothea, erhielt Wieland, seinem oft geäußerten
+<a class="pgnum" id="page-155" title="Seite 155"></a>Wunsch gemäß, seine Ruhestätte. Neben den zwei dreiseitigen
+Pyramiden, die die Gräber seiner Lieben bezeichneten,
+erhob sich auch sein Grab.</p>
+
+<p>Der Weimarische Bildhauer Weiße hatte jene Denkmale
+in Seeberger Sandstein ausgeführt. Für Sophie Brentano
+war das Emblem einer Psyche mit einem Rosenkranz umgeben
+gewählt worden; für Wielands Gattin das Sinnbild
+der Eintracht und Treue: zwei verschlungene Hände in einem
+Eichenkranz. Die geflügelte Lyra mit dem Stern der Unsterblichkeit
+darüber ward für Wieland zum Sinnbilde gewählt.
+Er selbst hatte bereits 1806 für jene Denkmale die
+treffende Inschrift verfertigt:</p>
+
+<div class="poem">
+<p>&#8222;Lieb' und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen
+im Leben,</p>
+<p>Und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.&#8220;</p>
+</div>
+
+<p>Die übereinstimmenden Zeugnisse Aller, die Wieland
+näher gekannt, bestätigen die richtige und partheilose Schilderung
+seines liebenswürdigen Charakters, die einer seiner
+Freunde in den nachfolgenden Worten entwarf: &#8222;Mild gegen
+den Irrthum, schonend gegen Fehler, war er für Vernunft,
+für Recht und Pflicht, für alles, was der Menschheit
+heilig seyn muß, weil es allein dem höhern Menschenleben
+Werth giebt, ein unermüdlicher, eifriger Kämpfer, aber eben
+deshalb auch ein rastloser Bekämpfer aller Vorurtheile, aller
+Verfinsterung, aller Unterdrückung. Veredlung und Beglückung
+seines Brudergeschlechts war sein Ziel. Er schwatzte
+nicht von Religion und Philosophie, aber er bethätigte sie
+im Leben, in welchem er dankbar alles Gute, und mit ruhiger
+Ergebung das Unglück hinnahm. Für ihn gab es nichts
+Größeres im Leben, als, nie in Gemeinheit sinkend, den
+Sinn stets auf das Edle gerichtet, unausgesetzt ein guter
+Mensch, Gatte, Vater, Freund und Bürger zu seyn.&#8220;</p>
+
+<hr/>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
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+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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