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+The Project Gutenberg eBook, Der Goldene Topf, by E. T. A. Hoffmann,
+Illustrated by Edmund Schaefer
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Der Goldene Topf
+
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+
+
+Release Date: December 20, 2005 [eBook #17362]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***
+
+
+E-text prepared by Robert Kropf and the Project Gutenberg Online
+Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net/)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 17362-h.htm or 17362-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h/17362-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h.zip)
+
+ _ gesperrter Text / spaced text
+ [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+
+
+
+
+
+DER GOLDENE TOPF
+
+von
+
+E.T.A. HOFFMANN:
+
+Mit 11 Federzeichnungen von Edmund Schaefer
+
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+[Illustration: Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden]
+
+
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+Erstes bis fünftes Tausend
+Verlag von Gustav Kiepenheuer Weimar 1913
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+
+ERSTE VIGILIE.
+
+
+Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann
+Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen.
+
+
+Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in
+Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und
+Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß Alles, was der
+Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die
+Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr
+zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die
+Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen
+Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er,
+vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders
+gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell
+einsteckte. Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der
+junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja, renne -- renne nur
+zu, Satanskind -- ins Kristall bald Dein Fall -- ins Kristall! -- Die
+gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß
+die Spaziergänger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst
+verbreitet, mit einem Mal verstummte. -- Der Student Anselmus (niemand
+anders war der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes
+sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkürlichen Grausen
+ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn
+gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun
+durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er überall
+murmeln: »Der arme junge Mann -- ei! über das verdammte Weib!« -- Auf ganz
+sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem
+lächerlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so daß man
+dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer
+verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern
+Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings alles
+Ungeschick, so wie den ganz außer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug.
+Sein hechtgrauer Frack war nämlich so zugeschnitten, als habe der
+Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hörensagen gekannt,
+und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen
+gewissen magistermäßigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung
+durchaus nicht fügen wollte. -- Als der Student schon beinahe das Ende der
+Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade führt, wollte ihm beinahe der
+Atem ausgehen. Er war genötigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den
+Blick in die Höhe zu richten, denn noch immer sah er die Äpfel und Kuchen
+um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war
+ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelächters am schwarzen Tor. So war er
+bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich
+gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten
+ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der
+lustigen Gäste. Die Tränen wären dem armen Studenten Anselmus beinahe in
+die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein
+besonderes Familienfest für ihn gewesen, an der Glückseligkeit des
+Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion
+Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so
+recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt
+und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den Äpfelkorb um
+alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an
+Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen -- kurz -- an alle geträumten
+Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich
+den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem
+Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein
+freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife
+von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann,
+geschenkt. -- Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben
+Wellen des schönen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche
+Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen
+Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch
+grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge
+Kunde vom fernen Böhmerland. Aber finster vor sich hinblickend blies der
+Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich
+laut, indem er sprach: »Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz
+und Elend geboren! -- Daß ich niemals Bohnenkönig geworden, daß ich im Paar
+oder Unpaar immer falsch geraten, daß mein Butterbrot immer auf die fette
+Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist
+es nicht ein schreckliches Verhängnis, daß ich, als ich denn doch nun dem
+Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke sein und bleiben
+mußte? -- Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal
+einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem übeleingeschlagenen
+Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich wohl je einen Herrn
+Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar
+auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich
+nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis
+vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt,
+meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges
+Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit
+gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich
+vor die Tür hinstellte, den Drücker in der Hand? denn so wie ich mit dem
+Glockenschlage aufdrücken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken über
+den Kopf, oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß ich
+in tausend Händel verwickelt wurde und darüber Alles versäumte. -- Ach!
+ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz
+wähnte, ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber
+hat mir mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? -- Ich weiß, daß
+der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden
+mag; mit Mühe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem
+Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die unglückselige
+Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschnüffelt, apportiert im Jubel
+das Zöpfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und stürze
+über den Tisch, an dem er frühstückend gearbeitet hat, so daß Tassen,
+Teller, Tintenfaß, Sandbüchse klirrend herabstürzen, und der Strom von
+Schokolade und Tinte sich über die eben geschriebene Relation ergießt.
+Herr, sind Sie des Teufels? brüllt der erzürnte geheime Rat und schiebt
+mich zur Tür hinaus. -- Was hilft es, daß mir der Konrektor Paulmann
+Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern
+zulassen, der mich überall verfolgt? -- Nur noch heute! -- Ich wollte den
+lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemütlichkeit feiern, ich wollte
+ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte eben so gut wie jeder andre
+Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Marqueur -- eine Flasche Doppelbier
+-- aber vom besten bitte ich! -- Ich hätte bis spät Abends sitzen können,
+und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich
+geputzter schöner Mädchen. Ich weiß es schon, der Mut wäre mir gekommen,
+ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich hätte es so weit
+gebracht, daß wenn diese oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt
+sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da wäre ich mit leichtem
+Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder über die Bank zu
+stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorwärts bewegend,
+hätte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die
+Ouvertüre aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen.
+-- Hätte mir das ein Mensch in der Welt übel deuten können? -- Nein! sage
+ich, die Mädchen hätten sich so schalkhaft lächelnd angesehen, wie es wohl
+zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, daß ich mich auch
+wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen weiß. Aber
+da führt mich der Satan in den verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in
+der Einsamkeit meinen Sanitätsknaster -- « Hier wurde der Student Anselmus
+in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln
+unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die
+Zweige und Blätter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich über seinem
+Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald
+als kosten Vöglein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen
+Hin- und Herflattern rührend. Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und
+es war als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Anselmus
+horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und
+Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:
+
+ Zwischen durch -- zwischen ein -- zwischen Zweigen, zwischen
+ schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns --
+ Schwesterlein -- Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer -- schnell,
+ schnell herauf -- herab -- Abendsonne schießt Strahlen, zischelt
+ der Abendwind -- raschelt der Abendwind -- raschelt der Tau --
+ Blüten singen -- rühren wie Zünglein, singen wir mit Blüten und
+ Zweigen -- Sterne bald glänzen -- müssen herab -- zwischen durch,
+ zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns
+ Schwesterlein. --
+
+So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte:
+das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich
+verständlichen Worten flüstert. -- Aber in dem Augenblick ertönte es über
+seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf
+und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die
+Zweige gewickelt hatten und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten.
+Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein
+schlüpften und kosten auf und nieder durch die Blätter und Zweige; und wie
+sie sich so schnell rührten, da war es als streue der Holunderbusch tausend
+funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die
+so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da
+ertönten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr
+Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein
+elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten -- er starrte hinauf, und ein
+Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher
+Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des
+tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen
+Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten stärker in
+lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen
+auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um ihn herflackernd
+und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch rührte sich und
+sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß Dich, aber Du
+verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe
+entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »Ich umspielte Deine
+Schläfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn
+ihn die Liebe entzündet.« Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk und
+der Schein brannte wie in Worten: »Ich umgoß Dich mit glühendem Gold, aber
+Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe
+entzündet.«
+
+Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen
+Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte
+und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüten
+dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend
+Flötenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen
+vorüberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl
+der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die Dämmerung ihren
+Flor über die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe
+Stimme:
+
+Hei, hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? -- Hei,
+hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug
+gesungen. -- Hei, hei! durch Busch und Gras -- durch Gras und Strom! --
+Hei, -- hei -- Her u -- u -- u nter -- Her u -- u -- u nter!
+
+So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die
+Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und
+Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras
+nach dem Strome schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in
+die Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes
+Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend
+verdampfte.
+
+
+
+
+ZWEITE VIGILIE.
+
+
+Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. --
+Die Fahrt über die Elbe. -- Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun.
+Conradis Magen-Likör und das bronzierte Äpfelweib.
+
+
+»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau,
+die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit
+übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus
+zusah. _Der_ hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und
+rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal
+blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal
+laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr
+holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in
+Schmerz und heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der
+tiefsten Brust recht kläglich, und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld
+den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und
+unvernehmlich mit den Blättern rauschte, und so den Schmerz des Studenten
+Anselmus ordentlich zu verhöhnen schien. -- »Der Herr ist wohl nicht recht
+bei Troste,« sagte die Bürgersfrau, und dem Anselmus war es so, als würde
+er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen,
+um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er
+war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu
+getrieben habe, ganz allein für sich selbst in laute Worte auszubrechen.
+Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der
+zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen
+auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm
+getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich stützend mit Verwunderung
+dem Studenten zugehört und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel
+auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend:
+»Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er
+nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als daß Er zu viel ins
+Gläschen geguckt -- geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs
+Ohr!« Der Student Anselmus schämte sich sehr, er stieß ein weinerliches
+Ach! aus. -- »Nun, nun«, fuhr der Bürgersmann fort, »laß es der Herr nur
+gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann
+man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlückchen über den Durst tun.
+
+[Illustration: Der Student]
+
+Das passiert auch wohl einem Manne Gottes -- der Herr ist ja doch wohl
+ein Kandidat. -- Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein
+Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.« Dies
+sagte der Bürger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel
+einstecken wollte, und nun reinigte der Bürger langsam und bedächtig seine
+Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere Bürgermädchen waren
+dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit
+einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als stände er auf
+lauter spitzigen Dornen und glühenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und
+Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er
+Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedächtnis geschwunden, und er
+besann sich nur, daß er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz
+laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher
+einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan
+schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der
+Tat. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae
+gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich. Schon wollte er in
+die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter
+ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend
+Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden
+gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues Unglück
+auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Herr Anselmus,
+so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! -- Nun vernahm der
+Student erst, daß es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief;
+er ging zurück an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden
+Töchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in
+eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit
+ihm über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt
+gelegenen Wohnung Abends über bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das
+recht gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängnis, das heute über
+ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab
+es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein
+Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in
+die Höhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften, tausend
+knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß
+in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den
+Widerschein der in der Luft herumsprühenden und knisternden Funken und
+Flammen erblickte, da war es ihm als zögen die goldnen Schlänglein durch
+die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat
+wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die
+unaussprechliche Sehnsucht, das glühende Verlangen, welches dort seine
+Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken erschüttert. »Ach, seid ihr es
+denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange
+erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen -- ach, seid
+ihr denn unter den Fluten!« -- So rief der Student Anselmus und machte
+dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die
+Flut stürzen. »Ist der Herr des Teufels?« rief der Schiffer, und erwischte
+ihn beim Rockschoß. Die Mädchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im
+Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator
+Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser
+mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte
+verstand: »Dergleichen Anfälle -- noch nicht bemerkt?« -- Gleich nachher
+stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen
+ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand
+nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus
+vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller
+Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl
+deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein
+gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber
+ein nie gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog
+krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder
+ins Wasser hineinschlug, daß es wie im Zorn sich emporkräuselnd plätscherte
+und rauschte, da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und
+Flüstern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir
+herziehen? -- Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an -- glaube -- glaube
+-- glaube an uns! -- Und es war ihm, als säh er im Widerschein drei
+grünglühende Streifen. Aber als er dann recht wehmütig ins Wasser
+hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut
+herausschauen würden, da gewahrte er wohl, daß der Schein nur von den
+erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und
+im Innern mit sich kämpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch
+heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmütig antwortete der
+Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten, was ich eben unter
+dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen
+Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach, Sie würden mir es gar
+nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend -- Ei, ei, Herr Anselmus,
+fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer für einen soliden
+jungen Mann gehalten, -- aber träumen -- mit hellen offenen Augen träumen,
+und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das -- verzeihen Sie
+mir, können nur Wahnwitzige oder Narren! -- Der Student Anselmus wurde ganz
+betrübt über seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns älteste Tochter
+Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Aber,
+lieber Vater, es muß dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein,
+und er glaubt vielleicht nur, daß er gewacht habe, unerachtet er unter dem
+Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei närrisches Zeug
+vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. -- Und, teuerste Mademoiselle,
+werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn
+nicht auch wachend in einen gewissen träumerischen Zustand versinken
+können? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in
+einem solchen Hinbrüten, dem eigentlichen Moment körperlicher und geistiger
+Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenstücks wie durch Inspiration
+eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche
+große lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher.
+Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben
+immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verfällt man leicht
+in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es
+wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten Lage, für betrunken oder
+wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster
+geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht
+schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm jedoch jenes wunderbare
+Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam.
+Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer
+unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fühlte sich so leicht und
+froh, ja er trieb es wie im lustigen Übermute so weit, daß er bei dem
+Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hülfreiche
+Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie
+mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er
+nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige
+Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas weißes Kleid nur ganz wenig
+bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die glückliche Änderung des
+Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten
+Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja,
+fügte er hinzu, man hat wohl Beispiele, daß oft gewisse Phantasmata dem
+Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können; das ist
+aber körperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia,
+dem Hintern appliziert, wie ein berühmter bereits verstorbener Gelehrter
+bewiesen. Der Student Anselmus wußte nun in der Tat selbst nicht, ob er
+betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber
+die Blutigel ganz unnütz, da die etwaigen Phantasmata gänzlich verschwunden
+und er sich immer heiterer fühlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei
+Artigkeiten um die hübsche Veronika zu bemühen. Es wurde wie gewöhnlich
+nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mußte sich
+ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle klare Stimme hören. --
+Werte Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme
+wie eine Kristallglocke! -- »Das nun wohl nicht!« fuhr es dem Studenten
+heraus, er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und
+betroffen an. -- »Kristallglocken tönen in Holunderbäumen wunderbar!
+wunderbar!« fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte
+Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da,
+Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu
+spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator
+Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine
+Bravourarie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte
+noch manches, und ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das
+der Konrektor Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fröhlichste
+Stimmung. Es war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff
+nach Hut und Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin
+und sprach: Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn
+Anselmus selbst -- nun! wovon wir vorhin sprachen -- Mit tausend Freuden,
+erwiderte der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise
+gesetzt, ohne weiteres in folgender Art: »Es ist hier im Orte ein alter
+wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime
+Wissenschaften; da es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte
+ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen
+experimentierenden Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen
+Archivarius Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen
+alten Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in
+seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber
+niemanden hineinläßt. Er besitzt außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl
+zum Teil arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner
+bekannten Sprache angehören, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf
+geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich
+darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der größten Genauigkeit
+und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu
+können. Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner
+Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch während der Arbeit jeden
+Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn
+die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist täglich von
+zwölf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er
+schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene
+Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet,
+ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht,
+lieber Herr Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber schreiben,
+als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in
+dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den
+Speziestaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie
+sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen
+bekannt sein wird. Aber hüten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fällt er
+auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf
+das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster
+hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.« -- Der Student Anselmus war
+voll inniger Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht
+allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch
+seine wahre Passion, mit mühsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben;
+er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und
+versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah
+der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und hörte ihren
+lieblichen Klang. -- Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche
+Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick betrogen, jeden Heller zu Rate
+halten und manchem Genuß, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen
+mußte. Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine
+Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er,
+kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen
+musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine
+Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das
+Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein
+besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich
+beim ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche
+zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in
+den Staub, als er schon sauber abgebürstet. -- Kurz! -- Punkt halb zwölf
+Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen
+schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und
+Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradis Laden
+und trank -- eins -- zwei Gläschen des besten Magenlikörs; denn hier,
+dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald
+Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame
+Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war
+der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und
+schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten
+die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der
+Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene
+Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden
+Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen
+Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern
+schnarrte es: »Du Narre -- Narre -- Narre -- warte, warte! warum warst
+hinausgerannt! Narr!« -- Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er
+wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur
+und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen,
+und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein
+Fall ins Kristall! -- Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im
+krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte
+sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand
+und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die
+mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den
+Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn
+rot färbend. -- Töte mich, töte mich! wollte er schreien in der
+entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. -- Die
+Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem
+Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jählings
+die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. -- Als er wieder
+zu sich selbst kam, lag er auf seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand
+aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels
+Willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!
+
+[Illustration: Anselmus und die Schlange]
+
+
+
+
+DRITTE VIGILIE.
+
+
+Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue
+Augen. Der Registrator Heerbrand.
+
+
+Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in
+schäumenden Wogen und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihre
+schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende
+Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrönten Häupter empor, das
+Tal schützend, bis es die Sonne in ihren mütterlichen Schoß nahm und es
+umfassend mit ihren Strahlen wie mit glühenden Armen pflegte und wärmte. Da
+erwachten tausend Keime, die unter dem öden Sande geschlummert, aus dem
+tiefen Schlafe und streckten ihre grünen Blättlein und Halme zum Angesicht
+der Mutter hinauf, und wie lächelnde Kinder in grüner Wiege, ruhten in den
+Blüten und Knospen Blümlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten
+und sich schmückten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf
+tausendfache Weise bunt gefärbt. Aber in der Mitte des Tals war ein
+schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen,
+wenn glühende Sehnsucht sie schwellt. -- Aus den Abgründen rollten die
+Dünste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie
+das Angesicht der Mutter feindlich zu verhüllen; die rief aber den Sturm
+herbei, der fuhr zerstäubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den
+schwarzen Hügel berührte, da brach im Übermaß des Entzückens eine herrliche
+Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der
+Mutter süße Küsse zu empfangen. -- Nun schritt ein glänzendes Leuchten in
+das Tal! es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte
+von heißer, sehnsüchtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du
+schöner Jüngling! denn ich liebe Dich und muß vergehen, wenn Du mich
+verlassest. Da sprach der Jüngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du
+schöne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter
+verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst größer und
+mächtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir
+freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohltätig erwärmt, wird
+in hundert Strahlen zerspaltet Dich quälen und martern; denn der Sinn wird
+die Sinne gebären, und die höchste Wonne, die der Funke entzündet, den ich
+in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst,
+um aufs neue fremdartig emporzukeimen. -- Dieser Funke ist der Gedanke!
+-- Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in
+mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann
+ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da küßte sie der
+Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in
+Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale
+entfliehend im unendlichen Raume herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die
+Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling. Der klagte um die
+verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der
+schönen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre Häupter
+teilnehmend vor dem Jammer des Jünglings. Aber einer öffnete seinen Schoß
+und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und
+sprach: meine Brüder, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets
+munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend
+erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es
+auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittich; da war es wieder die
+Lilie, aber der bleibende Gedanke zerriß ihr Innerstes und die Liebe zu dem
+Jüngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen
+Dünsten angehaucht, die Blümlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut,
+verwelkten und starben. Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende
+Rüstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kämpfte mit dem
+Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, daß er hell
+erklang; und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und
+umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden und der
+besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der
+Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer
+Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja
+selbst die hohen Granitfelsen als Königin des Tals. -- Erlauben Sie, das
+ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator
+Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun
+pflegen, uns etwas aus Ihrem höchst merkwürdigen Leben, etwa von Ihren
+Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erzählen. -- Nun was denn?
+erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erzählt, ist das
+Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und gehört in
+gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her,
+und die Feuerlilie, die zuletzt als Königin herrschte, ist meine
+Ur-ur-ur-ur-Großmutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin.
+-- Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. -- Ja lacht nur recht
+herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich
+freilich nur in ganz dürftigen Zügen erzählt habe, unsinnig und toll
+vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder
+auch nur allegorisch gemeint, sondern buchstäblich wahr. Hätte ich aber
+gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine
+Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber
+manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch
+mitbrachte. -- »Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius?
+-- Wo ist er denn -- wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten, oder
+vielleicht ein privatisierender Gelehrter?« So fragte man von allen Seiten.
+-- »Nein!« erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise
+nehmend, »er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die
+Drachen gegangen.« -- »Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester
+Archivarius,« nahm der Registrator Heerbrand das Wort, »unter die Drachen?«
+-- »Unter die Drachen?« hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach.
+-- »Ja, unter die Drachen«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich
+war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], daß mein Vater vor
+ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreihundertfünfundachtzig
+Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling,
+einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir
+zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche
+Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bösen
+Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging
+stehenden Fußes unter die Drachen. Jetzt hält er sich in einem
+Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berühmten mystischen
+Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein
+Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein
+Viertelstündchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete
+besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzählen, was es
+gutes Neues an den Quellen des Nils gibt.« -- Zum zweiten Male brachen die
+Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus, aber dem Studenten Anselmus
+wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum
+in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst
+unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar
+metallartig tönende Stimme des Archivarius Lindhorst für ihn etwas
+geheimnisvoll Eindringendes, daß er Mark und Bein erzittern fühlte. Der
+eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das
+Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach
+jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nämlich der
+Student Anselmus nicht dahin zu vermögen gewesen, den Besuch zum zweiten
+Male zu wagen; denn nach seiner innigsten Überzeugung hatte nur der Zufall
+ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit.
+Der Konrektor Paulmann war eben durch die Straße gegangen, als er ganz von
+Sinnen vor der Haustür lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und
+Äpfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn beschäftigt war. Der Konrektor Paulmann
+hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause
+transportiert. »Man mag von mir denken, was man will«, sagte der Student
+Anselmus, »man mag mich für einen Narren halten oder nicht -- genug! -- an
+dem Türklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen
+Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden;
+aber wäre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und hätte das verwünschte
+Äpfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich
+beschäftigte Weib), mich hätte augenblicklich der Schlag gerührt, oder ich
+wäre wahnsinnig geworden.« Alles Zureden, alle vernünftigen Vorstellungen
+des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar
+nichts, und selbst die blauäugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem
+gewissen tiefsinnigen Zustande zu reißen, in den er versunken. Man hielt
+ihn nun in der Tat für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen,
+worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher sein
+könne als die Beschäftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nämlich das
+Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf
+gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der
+Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beinahe jeden Abend ein gewisses
+bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden
+Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein
+Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene
+Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft des Abschreibens
+der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst
+annahm. »Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen
+Menschen zur Raison bringen,« sagte der Konrektor Paulmann. -- »Gottes
+Lohn!« wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und
+lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht
+artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! -- Als der Archivarius Lindhorst
+eben mit Hut und Stock zur Tür hinausschreiten wollte, da ergriff der
+Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit
+ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: »Geschätztester Herr
+geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein
+geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte
+kopieren will.« -- »Das ist mir ganz ungemein lieb,« erwiderte der
+Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den
+Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei
+Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe hinab, so daß beide ganz
+verblüfft dastanden und die Stubentür anguckten, die er dicht vor ihnen
+zugeschlagen, daß die Angeln klirrten. »Das ist ja ein ganz wunderlicher
+alter Mann,« sagte der Registrator Heerbrand, -- »Wunderlicher alter Mann,«
+stotterte der Student Anselmus nach, fühlend, wie ein Eisstrom ihm durch
+alle Adern fröstelte, daß er beinahe zur starren Bildsäule geworden. Aber
+alle Gäste lachten und sagten: »Der Archivarius war heute einmal wieder in
+seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß sanftmütig und spricht kein
+Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen;
+man muß sich daran gar nicht kehren.« -- »Das ist auch wahr« dachte der
+Student Anselmus, »wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr
+Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine
+Manuskripte kopieren wolle? -- Und warum vertrat ihm auch der Registrator
+Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? -- Nein, nein, es
+ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius
+Lindhorst, und liberal erstaunlich -- nur kurios in absonderlichen
+Redensarten. -- Allein was schadet das mir? -- Morgen gehe ich hin Punkt
+zwölf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte Äpfelweiber dagegen.«
+
+
+
+
+VIERTE VIGILIE
+
+
+Melancholie des Studenten Anselmus. -- Der smaragdene Spiegel. -- Wie
+Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davonflog und der Student Anselmus
+niemandem begegnete.
+
+
+Wohl darf ich geradezu Dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob Du in
+Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all'
+Dein gewöhnliches Tun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen erregte,
+und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und
+Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erschien. Du
+wußtest dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest.
+Ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher,
+den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden,
+den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht
+auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem
+unbekannten Etwas, das Dich überall, wo Du gingst und standest, wie ein
+duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden
+Gestalten umschwebte, verstummtest Du für alles was Dich hier umgab. Du
+schlichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles,
+was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander
+treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest
+Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, günstiger Leser, jemals so zu Mute
+gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich
+der Student Anselmus befand. Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon
+jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft
+vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich
+dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so
+viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben
+ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir
+bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den
+Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen
+den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet
+wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden
+umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll
+herrlicher Wunder, die die höchste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in
+gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin ihren Schleier
+lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen -- aber ein Lächeln
+schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der
+in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit
+ihren liebsten Kindern tändelt -- ja, in diesem Reiche, das uns der Geist
+so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die
+bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen
+Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß Dir
+jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wohl meintest, welches
+ich nun eben recht herzlich wünsche, und Dir in der seltsamen Geschichte
+des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. -- Also, wie gesagt, der Student
+Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst
+gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, daß [das] ihn für jede äußere
+Berührung des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte. Er fühlte, wie ein
+unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen
+Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein
+anderes, höheres Sein verheißt. Am liebsten war es ihm, wenn er allein
+durch Wiesen und Wälder schweifen und wie losgelöst von allem, was ihn an
+sein dürftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder,
+die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte.
+So kam es denn, daß er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend,
+bei jenem merkwürdigen Holunderbusch vorüberschritt, unter dem er damals
+wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fühlte sich
+wunderbarlich von dem grünen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum
+hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in
+einer himmlischen Verzückung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt
+aus seiner Seele verdrängt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben
+vorschwebte, als sähe er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals
+war es ihm, daß die holdseligen blauen Augen der goldgrünen Schlange
+angehören, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und daß in
+den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockentöne
+hervorblitzen mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten. So wie
+damals am Himmelfahrtstage, umfaßte er den Holunderbaum und rief in die
+Zweige und Blätter hinein: »Ach nur noch einmal schlängle und schlinge und
+winde Dich, Du holdes grünes Schlänglein, in den Zweigen, daß ich Dich
+schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen!
+Ach ich liebe Dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht
+wiederkehrst!« Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte
+der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern.
+Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem
+Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer
+unendlichen Sehnsucht zerreiße. »Ist es denn etwas anderes,« sprach er,
+»als daß ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du
+herrliches goldenes Schlängelein, ja daß ich ohne Dich nicht zu leben
+vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht
+wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens -- aber ich
+weiß es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Träume aus einer
+andern höhern Welt mir verheißen, erfüllt sein.« -- Nun ging der Student
+Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr
+funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust
+mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden
+Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein. Als er dieses wieder einmal nach
+gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einem
+weiten lichtgrauen Überrock gehüllt und rief, indem er ihn mit seinen
+großen feurigen Augen anblitzte: »Hei, hei, was klagt und winselt denn da?
+-- Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren
+will.« Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme;
+denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei!
+was ist das für ein Gemunkel und Geflüster usw. Er konnte vor Staunen und
+Schreck kein Wort herausbringen. -- »Nun, was ist Ihnen denn, Herr
+Anselmus?« fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann
+im weißgrauen Überrock), »was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?« --
+Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht, den
+Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er
+sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er
+seine schönen Träume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die
+schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art
+Verzweiflung und er brach ungestüm los: »Sie mögen mich nun für wahnsinnig
+halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier
+auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrüne Schlange
+-- ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen
+Kristalltönen, aber Sie -- Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so
+schrecklich übers Wasser her.« -- »Wie das, mein Gönner?« unterbrach ihn
+der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise
+nahm. -- Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte,
+als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es
+war ihm als sei es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu
+beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm
+sich zusammen, sprechend: »Nun, so will ich denn alles erzählen, was mir an
+dem Himmelfahrtsabende Verhängnisvolles begegnet und dann mögen Sie reden
+und tun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.« -- Er erzählte nun
+wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in
+den Äpfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrünen Schlangen übers
+Wasser und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten.
+»Das alles,« schloß der Student Anselmus, »habe ich wirklich gesehen und
+tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen,
+die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor
+Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen
+glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werter Herr Archivarius,
+wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugnis meiner
+erhitzten, überspannten Einbildungskraft halten.« -- »Mit nichten,«
+erwiderte der Archivarius in der größten Ruhe und Gelassenheit, »die
+goldgrünen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen,
+waren nun eben meine drei Töchter, und daß Sie sich in die blauen Augen der
+jüngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich
+wußte es übrigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am
+Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich
+den losen Dirnen zu, daß es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne
+ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken
+erlustigt!« -- Dem Studenten Anselmus war es als würde ihm nur etwas mit
+deutlichen Worten gesagt, was er längst geahnt; und ob er gleich zu
+bemerken glaubte, daß sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle
+Gegenstände rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch
+zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius ließ ihn nicht zu
+Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und
+indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines
+Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her,
+werter Herr Anselmus, Sie können darüber, was Sie erblicken, eine Freude
+haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie
+aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen
+verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in
+mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander
+schlingend, die drei goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften. Und wenn
+die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da
+erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte
+wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus und die
+dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn -- glaubst Du denn an
+mich, Anselmus? -- nur in dem Glauben ist Liebe -- kannst Du denn lieben?
+-- O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem
+Entzücken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel,
+da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurück, und
+an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, über den der
+Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schlänglein gesehen,
+Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte
+der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der
+Archivarius Lindhorst fort, genug für heute! übrigens können Sie ja, wenn
+Sie sich entschließen wollen bei mir zu arbeiten, meine Töchter oft genug
+sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergnügen verschaffen,
+wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das heißt: mit der größten
+Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar
+nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie
+würden sich nächstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens
+gewartet. -- Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte,
+war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit
+beiden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus, und
+der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichgültige Ton,
+in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren
+Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas
+Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus
+den knöchernen Höhlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Gehäuse
+hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht
+dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause
+bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erzählte. Nur mit
+Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es über sich, alles zu
+erzählen, was ihm an der Haustür begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der
+Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, lieber Herr Anselmus,
+ich kenne wohl das Äpfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine
+fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat
+bronzieren lassen, um als Türklopfer die mir angenehmen Besuche zu
+verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie
+doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und
+wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst
+etwas Weniges von diesem Likör auf die Nase tröpfeln; dann wird sich
+sogleich alles geben.
+
+[Illustration: Wie ein großer Vogel]
+
+Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will
+ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zurückzukehren. Adieu! auf
+Wiedersehen, morgen um zwölf Uhr. -- Der Archivarius hatte dem Studenten
+Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Likör gegeben und nun
+schritt er rasch von dannen, so daß er in der tiefen Dämmerung, die
+unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen
+schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der
+Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie
+ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten und es dem Studenten
+Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite
+ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. -- Wie der Student nun
+so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrei
+ein weißgrauer Geier hoch in die Lüfte und er merkte nun wohl, daß das
+weiße Geflatter, das er noch immer für den davonschreitenden Archivarius
+gehalten, schon eben der Geier gewesen sein müsse, unerachtet er nicht
+begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden.
+»Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr
+Archivarius Lindhorst,« sprach der Student Anselmus zu sich selbst; »denn
+ich sehe und fühle nun wohl, daß alle die fremden Gestalten aus einer
+fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen
+Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr
+Spiel mit mir treiben. -- Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und glühst
+in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche
+Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt. Ach, wann werde ich in Dein
+holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina!« -- -- So rief der
+Student Anselmus ganz laut. -- »Das ist ein schnöder unchristlicher Name,«
+murmelte eine Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergänger
+gehörte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte
+raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: wäre es
+nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der
+Registrator Heerbrand begegnete! -- Aber er begegnete keinem von beiden.
+
+
+
+
+FÜNFTE VIGILIE
+
+
+Die Frau Hofrätin Anselmus. -- Cicero de officiis. -- Meerkatzen und
+anderes Gesindel. -- Die alte Lise. -- Das Aequinoctium.
+
+
+Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der
+Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind
+fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die
+besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind.
+Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll lächelnd:
+Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das
+ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage:
+viel, so heißt das: ein geheimer Sekretär, oder wohl gar ein Hofrat. -- Hof
+-- fing der Konrektor im größten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken.
+-- Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich weiß, was ich
+weiß! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und
+kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu
+mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird
+was; -- und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen -- still -- still
+-- sprechen wir uns übers Jahr! -- Mit diesen Worten ging der Registrator
+in fortwährendem schlauem Lächeln zur Tür hinaus und ließ den vor Erstaunen
+und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf
+Veronika hatte das Gespräch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's
+denn nicht schon immer gewußt, dachte sie, daß der Herr Anselmus ein recht
+gescheiter, liebenswürdiger junger Mann ist, aus dem noch was Großes wird?
+Wenn ich nur wüßte, ob er mir wirklich gut ist! -- Aber hat er mir nicht
+jenen Abend, als wir über die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrückt? Hat
+er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die
+bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut -- und ich --
+Veronika überließ sich ganz, wie junge Mädchen wohl pflegen, den süßen
+Träumen von einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofrätin, bewohnte ein
+schönes Logis in der Schloßgasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der
+Moritzstraße -- der moderne Hut, der neue türkische Schal stand ihr
+vortrefflich -- sie frühstückte im eleganten Negligee im Erker, der Köchin
+die nötigen Befehle für den Tag erteilend. »Aber daß Sie mir die Schüssel
+nicht verdirbt, es ist des Herrn Hofrats Leibessen!« -- Vorübergehende
+Elegants schielen herauf, sie hört deutlich: »Es ist doch eine göttliche
+Frau, die Hofrätin, wie ihr das Spitzenhäubchen so allerliebst steht!« --
+Die geheime Rätin Ypsilon schickt den Bedienten und läßt fragen, ob es der
+Frau Hofrätin gefällig wäre, heute ins Linkesche Bad zu fahren? -- »Viel
+Empfehlungen, es täte mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee
+bei der Präsidentin Tz.« -- Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon früh in
+Geschäften ausgegangen, zurück; er ist nach der letzten Mode gekleidet;
+»wahrhaftig schon zehn,« ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren läßt
+und der jungen Frau einen Kuß gibt: »wie geht's, liebes Weibchen, weißt Du
+auch, was ich für Dich habe?« fährt er schäkernd fort und zieht ein Paar
+herrliche, nach der neuesten Art gefaßte Ohrringe aus der Westentasche, die
+er ihr statt der sonst getragenen gewöhnlichen einhängt. »Ach, die schönen
+niedlichen Ohrringe!« ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit
+wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu
+beschauen. »Nun, was soll denn das sein?« sagte der Konrektor Paulmann,
+der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen,
+»man hat ja Anfälle wie der Anselmus.« Aber da trat der Student Anselmus,
+der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins
+Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in
+seinem ganzen Wesen verändert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm
+sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens,
+die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm
+geöffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen vermöchte. Der Konrektor
+Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand
+gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen,
+als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei
+dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter
+Gewandtheit die Hand geküßt, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen
+war. »Das war ja schon der Hofrat,« murmelte Veronika in sich hinein, »und
+er hat mir die Hand geküßt, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fuß zu
+treten, wie sonst! -- er hat mir einen recht zärtlichen Blick zugeworfen
+-- er ist mir wohl in der Tat gut.« -- Veronika überließ sich aufs neue
+jener Träumerei, indessen war es als träte immer eine feindselige Gestalt
+unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem künftigen häuslichen
+Leben als Frau Hofrätin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht höhnisch
+und sprach: »das ist ja alles recht dummes ordinäres Zeug und noch dazu
+erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt
+Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und
+eine feine Hand.« -- Da goß sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und
+ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur
+noch erst im Spitzenhäubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die
+Tränen wären ihr beinahe aus den Augen gestürzt und sie sprach laut: »Ach,
+es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau
+Hofrätin!« »Romanstreiche, Romanstreiche!« schrie der Konrektor Paulmann,
+nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. -- Das fehlte noch,
+seufzte Veronika und ärgerte sich recht über die zwölfjährige Schwester,
+welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte.
+Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer
+aufzuräumen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster
+hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schränkchen,
+das Veronika wegrückte, hinter den Notenbüchern, die sie vom Klavier,
+hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm,
+sprang jene Gestalt wie ein Alräunchen hervor und lachte höhnisch und
+schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch
+nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles
+stehen und liegen ließ und in die Mitte des Zimmers flüchtete, sah es mit
+langer Nase riesengroß hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er
+wird doch nicht Dein Mann! »Hörst Du denn nichts, siehst Du denn nichts,
+Schwester?« rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr
+anrühren mochte. Fränzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem
+Stickrahmen auf und sagte: »Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja
+alles durcheinander, daß es klippert und klappert, ich muß Dir nur helfen.«
+Aber da traten schon die muntern Mädchen in vollem Lachen herein und in dem
+Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, daß sie den Ofenaufsatz für eine
+Gestalt und das Knarren der übel verschlossenen Ofentür für die
+feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam
+ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, daß die
+Freundinnen nicht ihre ungewöhnliche Spannung, die selbst ihre Blässe, ihr
+verstörtes Gesicht verriet, hätten bemerken sollen. Als sie schnell
+abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erzählen wollten, in die
+Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mußte
+Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und
+plötzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr
+sonst gar nicht eigen, übermannt worden. Nun erzählte sie so lebhaft, wie
+aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues Männchen sie geneckt und
+gehöhnt habe, daß die Mesdemoiselles Oster sich schüchtern nach allen
+Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da
+trat Fränzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich
+besinnend, lachten über ihre eigene Albernheit. Angelika, so hieß die
+älteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand
+und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, daß man an seinem Tode,
+oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies
+hatte Angelika in die tiefste Betrübnis gestürzt, aber heute war sie
+fröhlich bis zur Ausgelassenheit, worüber Veronika sich nicht wenig
+wunderte und es ihr unverhohlen äußerte. »Liebes Mädchen«, sagte Angelika,
+»glaubst Du denn nicht, daß ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn
+und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! -- ach Gott! -- so
+glücklich, so selig in meinem ganzen Gemüte! denn mein Viktor ist wohl, und
+ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmückt mit den
+Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine
+starke, aber durchaus nicht gefährliche Verwundung des rechten Arms, und
+zwar durch den Säbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu
+schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus
+sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmöglich mir
+Nachricht zu geben; aber heute Abend erhält er die bestimmte Weisung, sich
+erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem
+er in den Wagen steigen will, erfährt er seine Ernennung zum Rittmeister,«
+-- »Aber liebe Angelika,« fiel Veronika ein, »das weißt Du jetzt schon
+alles?« -- »Lache mich nicht aus, liebe Freundin,« fuhr Angelika fort,
+»aber Du wirst es nicht, denn könnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine
+graue Männchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? -- Genug, ich kann
+mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil
+sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, möcht' ich sagen, in
+mein Leben getreten. Vorzüglich kommt es mir nun garnicht einmal so
+wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, daß es Leute geben kann,
+denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte
+untrügliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine
+alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres
+Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem
+Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende
+Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein
+wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte
+deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage schöpft. Ich war gestern
+Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren
+Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.« -- Angelika's Erzählung warf
+einen Funken in Veronika's Gemüt, der schnell den Gedanken entzündete, die
+Alte über den Anselmus und über ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr,
+daß die alte [Alte] Frau Rauerin hieße, in einer entlegenen Straße vor dem
+Seetor wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr
+abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu
+treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. -- Es war eben
+Mittwoch, und Veronika beschloß, unter dem Vorwande die Osters nach Hause
+zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat
+ausführte. Kaum hatte sie nämlich von den Freundinnen, die in der Neustadt
+wohnten, vor der Elbbrücke Abschied genommen, als sie geflügelten Schrittes
+vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen
+Straße befand, an deren Ende sie das kleine rote Häuschen erblickte, in
+welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen
+unheimlichen Gefühls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor
+der Haustür stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens
+unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Tür öffnete
+und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock
+führte, wie es Angelika beschrieben. »Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?«
+rief sie in den öden Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl
+statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein großer schwarzer Kater
+schritt mit hochgekrümmtem Rücken, den Schweif in Wellenringeln hin- und
+herdrehend, gravitätisch vor ihr her bis an die Stubentür, die auf ein
+zweites Miau geöffnet wurde. »Ach sieh da, Töchterchen, bist Du schon hier?
+komm herein -- herein!« So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick
+Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen
+gehülltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn,
+verzog sich das zahnlose Maul, von der knöchernen Habichtsnase beschattet,
+zum grinsenden Lächeln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken
+werfend durch die große Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten
+Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gräßlichen erhoben
+das ekle Antlitz zwei große Brandflecke, die sich von der linken Backe über
+die Nase wegzogen. -- Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der
+gepreßten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe
+Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und
+bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und
+Gekrächze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den
+Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten
+winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den
+Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater,
+als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem großen
+Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. --
+
+[Illustration: "Frau Rauerin"]
+
+Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so
+unheimlich als draußen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht
+mehr so scheußlich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. -- Allerhand
+häßliche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes
+seltsames Geräte lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte
+ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken
+emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte
+Fledermäuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich
+hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der rußigen Mauer,
+und dann erklangen schneidende, heulende Jammertöne, daß Veronika von Angst
+und Grausen ergriffen wurde. »Mit Verlaub, Mamsellchen,« sagte die Alte
+schmunzelnd, erfaßte einen großen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in
+einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie
+von dickem Rauch erfüllt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald
+trat die Alte, die in ein Kämmerchen gegangen, mit einem angezündeten Licht
+wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den
+Gerätschaften, es war eine gewöhnliche ärmlich ausstaffierte Stube. Die
+Alte trat ihr näher und sagte mit schnarrender Stimme: »Ich weiß wohl, was
+Du bei mir willst, mein Töchterchen: was gilt es, Du möchtest erfahren, ob
+Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden!« -- Veronika
+erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: »Du hast mir ja
+alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war
+ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Töchterchen, höre! Laß
+ab, laß ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen
+Söhnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Söhnlein, den Äpfelchen mit
+den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus
+den Taschen in meinen Korb zurückrollen. Er hält's mit dem Alten; er hat
+mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, daß ich
+beinahe darüber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen,
+Töchterchen! Laß ab von ihm, laß ab! -- Er liebt Dich nicht: denn er liebt
+die goldgrüne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den
+Salamandern hat anstellen lassen, und er will die grüne Schlange heiraten,
+laß ab von ihm, laß ab!« -- Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes
+Gemüt hatte und mädchenhaften Schreck bald zu überwinden wußte, trat einen
+Schritt zurück und sprach mit ernsthaftem gefaßtem Ton: »Alte! ich habe
+von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehört und wollte darum,
+vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus,
+den ich liebe und hoch schätze, jemals mein werden würde. Wollt Ihr mich
+daher, statt meinen Wunsch zu erfüllen, mit Eurem tollen unsinnigen
+Geschwätze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr
+Andern, wie ich weiß, gewährtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten
+Gedanken wisset, so wäre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir
+manches zu enthüllen, was mich jetzt quält und ängstigt, aber nach Euern
+albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts
+erfahren. Gute Nacht!« -- Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte
+weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das Mädchen am Kleide
+festhaltend: »Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die
+Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und gehätschelt?« Veronika
+traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes
+Alter und vorzüglich durch die Brandflecke entstellte ehemalige Wärterin,
+die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die
+Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des häßlichen
+buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen
+eine großblumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie
+stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag
+Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem
+leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen
+Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die Hände gefallen, und der
+will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein größter
+Feind, und ich könnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die würdest Du aber
+nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber
+ich bin die weise Frau -- es mag darum sein! -- Ich merke nun wohl, daß Du
+den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Kräften beistehen,
+daß Du recht glücklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es
+wünschest.« -- »Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise!« fiel
+Veronika ein -- Still, Kind -- still! unterbrach sie die Alte, ich weiß was
+Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mußte,
+ich konnte nicht anders. Nun also! -- ich kenne das Mittel, das den
+Anselmus von der törichten Liebe zur grünen Schlange heilt und ihn als den
+liebenswürdigsten Hofrat in Deine Arme führt; aber Du mußt helfen! -- »Sage
+es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den
+Anselmus sehr!« lispelte Veronika kaum hörbar. -- Ich kenne Dich, fuhr die
+Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau
+zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann öffnetest Du die Augen, um
+den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und
+erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also!
+-- ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die
+grüne Schlange zu überwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat
+Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der künftigen Tag- und
+Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich
+werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld
+durchschneidet, wir bereiten das nötige, und alles wunderliche was Du
+vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun,
+Töchterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. -- Veronika
+eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschluß, die Nacht des
+Äquinoktiums nicht zu versäumen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der
+Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlöse ihn daraus
+und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der
+Hofrat Anselmus.
+
+
+
+
+SECHSTE VIGILIE
+
+
+Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvögeln. -- Der
+goldene Topf. -- Die englische Kursivschrift. -- Schnöde Hahnenfüße. -- Der
+Geisterfürst.
+
+
+Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, daß der
+superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas
+begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der
+Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz
+nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte,
+Trotz bieten. -- Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem
+Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und
+kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten
+Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das
+Fläschchen mit dem gelben Likör in die Augen fiel, das er von dem
+Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen
+Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein
+namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust.
+Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: »Ach, gehe ich denn
+nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche
+Serpentina?« -- Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentina's
+Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er
+unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der
+Lindhorstischen Manuskripte. -- Daß ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder
+vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen könne, wie
+neulich, davon war er überzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's
+Magenwasser, sondern steckte schnell den Likör in die Westentasche, um ganz
+nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte Äpfelweib
+sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. -- Erhob sich denn nicht auch
+wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem
+Türdrücker, als er ihn auf den Schlag zwölf Uhr ergreifen wollte? -- Da
+spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Likör in das fatale Gesicht
+hinein, und es glättete und plättete sich augenblicklich aus zum glänzenden
+kugelrunden Türklopfer. Die Tür ging auf, die Glocken läuteten gar lieblich
+durch das ganze Haus: klingling -- Jüngling -- flink -- flink -- spring
+-- spring -- klingling. -- Er stieg getrost die schöne breite Treppe hinauf
+und weidete sich an dem Duft des seltenen Räucherwerks, der durch das Haus
+floß. Ungewiß blieb er auf dem Flur stehen, denn er wußte nicht, an welche
+der vielen schönen Türen er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius
+Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: »Nun es
+freut mich, Herr Anselmus, daß Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur
+nach, denn ich muß Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium führen.« Damit
+schritt er schnell den langen Flur hinauf und öffnete eine kleine
+Seitentür, die in einen Korridor führte. Anselmus schritt getrost hinter
+dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr
+in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke
+hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja große Bäume mit
+sonderbar gestalteten Blättern und Blüten. Ein magisches blendendes Licht
+verbreitete sich überall, ohne daß man bemerken konnte, wo es herkam, da
+durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die
+Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne
+auszudehnen. -- Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten
+Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen
+hervorspritzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche;
+seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren
+Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder. Der Archivarius war
+verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glühender
+Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den süßen Düften des Feengartens
+berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es überall an zu
+kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und höhnten: Herr
+Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich
+denn so schön geputzt, Herr Anselmus? -- Wollen Sie eins mit uns plappern,
+wie die Großmutter das Ei mit dem Steiß zerdrückte und der Junker einen
+Klecks auf die Sonntagsweste bekam? Können Sie die neue Arie schon
+auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? -- Sie sehen
+recht possierlich aus in der gläsernen Perücke und dem [den] postpapiernen
+Stülpstiefeln! -- So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln
+hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei
+bunte Vögel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelächter aushöhnten.
+-- In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, -- und er
+sah, daß es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot
+glänzender Schlafrock ihn nur getäuscht hatte. »Verzeihen Sie, werter Herr
+Anselmus,« sagte der Archivarius, »daß ich Sie stehn ließ, aber
+vorübergehend sah ich nur nach meinem schönen Kaktus, der diese Nacht seine
+Blüten aufschließen wird -- aber wie gefällt Ihnen denn mein kleiner
+Hausgarten?« -- »Ach Gott, über alle Maßen schön ist es hier,
+geschätztester Herr Archivarius,« erwiderte der Student, »aber die bunten
+Vögel moquieren sich über meine Wenigkeit gar zu sehr!« -- »Was ist denn
+das für ein Gewäsche?« rief der Archivarius zornig in die Büsche hinein. Da
+flatterte ein großer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius
+auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravitätisch
+durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel saß, anblickend, schnarrte
+er: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben
+sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst
+daran schuld, denn -- »Still da! still da!« unterbrach der Archivarius den
+Alten, »ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten,
+mein Freund! -- gehen wir weiter, Herr Anselmus!« -- Noch durch manches
+fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so daß der Student
+ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die glänzenden sonderbar geformten
+Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles überfüllt
+war. Endlich traten sie in ein großes Gemach, in dem der Archivarius, den
+Blick in die Höhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich
+an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewährte,
+zu weiden.
+
+[Illustration: Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen
+Topf]
+
+Aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume
+hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde glänzenden Blätter
+oben zur Decke wölbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler
+Bronze gegossenen ägyptischen Löwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein
+einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun
+gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend
+schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde
+-- manchmal sah er sich selbst mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen -- ach!
+neben dem Holunderbusch -- Serpentina schlängelte sich auf und nieder, ihn
+anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war außer sich vor
+wahnsinnigem Entzücken. »Serpentina! -- Serpentina!« schrie er laut auf, da
+wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: »Was meinen
+Sie, werter Herr Anselmus? -- Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu
+rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer
+und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter!« Anselmus folgte
+beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hörte
+nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und
+sprach: »Nun sind wir an Ort und Stelle!« Anselmus erwachte wie aus einem
+Traum und bemerkte nun, daß er sich in einem hohen, rings mit
+Bücherschränken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von
+gewöhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand
+ein großer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben.
+»Dieses,« sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr
+Arbeitszimmer; ob Sie künftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in
+dem Sie so plötzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, weiß ich
+noch nicht; -- aber nun wünschte ich mich erst von Ihrer Fähigkeit, die
+Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedürfnis gemäß
+auszuführen, zu überzeugen.« Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz
+und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der
+Überzeugung, den Archivarius durch sein ungewöhnliches Talent höchlich zu
+erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der
+Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der
+elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar
+lächelte und mit dem Kopfe schüttelte. Das wiederholte er bei jedem
+folgenden Blatte, so daß dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg
+und er, als das Lächeln zuletzt recht höhnisch und verächtlich wurde, in
+vollem Unmute losbrach: »Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen
+Talenten nicht ganz zufrieden?« -- »Lieber Herr Anselmus,« sagte der
+Archivarius Lindhorst, »Sie haben für die Kunst des Schönschreibens
+wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, muß ich mehr
+auf Ihren Fleiß, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit.
+Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.«
+-- Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten
+Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern.
+Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und
+sprach: »Urteilen Sie selbst!« -- Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen,
+als ihm seine Handschrift so höchst miserabel vorkam. Da war keine Ründe in
+den Zügen, kein Druck richtig, kein Verhältnis der großen und kleinen
+Buchstaben; ja, schülermäßige schnöde Hahnenfüße verdarben oft die sonst
+ziemlich geratene Zeile. »Und dann,« fuhr der Archivarius Lindhorst fort,
+»ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.« Er tunkte den Finger in ein mit
+Wasser gefülltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte,
+war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schnüre
+ein Ungetüm ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So
+stand er da, das unglückliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius
+Lindhorst lachte laut auf und sagte: »Lassen Sie sich das nicht anfechten,
+wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird
+hier bei mir vielleicht besser sich fügen; ohnedies finden Sie ein besseres
+Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost
+an!« -- Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flüssige schwarze Masse,
+die einen ganz eigentümlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefärbte,
+scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weiße und Glätte,
+dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke
+herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verließ er das Zimmer.
+Der Student Anselmus hatte schon öfters arabische Schrift kopiert, die
+erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lösen. »Wie die
+Hahnenfüße in meine schöne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und
+der Archivarius Lindhorst wissen,« sprach er, »aber daß sie nicht von
+_meiner_ Hand sind, darauf will ich sterben.« -- Mit jedem Worte, das
+nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine
+Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich,
+und die geheimnisvolle Tinte floß rabenschwarz und gefügig auf das blendend
+weiße Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit
+arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er
+hatte sich schon ganz in das Geschäft, welches er glücklich zu vollenden
+hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das
+Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der
+Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte
+sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem
+Registrator Heerbrand und wußte vorzüglich von dem letztern recht viel
+Ergötzliches zu erzählen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus
+gar sehr und machte ihn gesprächiger, als er wohl sonst zu sein pflegte.
+Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und
+diese Pünktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War
+ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen geglückt, so
+ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die
+Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Züge der
+fremden Schrift nachzumalen vermochte. -- Aber es war als flüsterte aus dem
+innersten Gemüte eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! könntest du denn
+das vollbringen, wenn du _sie_ nicht in Sinn und Gedanken trügest,
+wenn du nicht an _sie_, an _ihre_ Liebe glaubtest? -- Da wehte es
+wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklängen durch das Zimmer: Ich bin
+Dir nahe -- nahe -- nahe! -- ich helfe Dir -- sei mutig -- sei standhaft,
+lieber Anselmus! -- ich mühe mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so
+wie er voll inneren Entzückens die Töne vernahm, wurden ihm immer
+verständlicher die unbekannten Zeichen -- er durfte kaum mehr hineinblicken
+in das Original -- ja es war, als stünden schon wie in blasser Schrift die
+Zeichen auf dem Pergament, und er dürfe sie nur mit geübter Hand schwarz
+überziehen. So arbeitete er fort von lieblichen tröstenden Klängen, wie von
+süßem zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der
+Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar lächelnd an den
+Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so
+wie in höhnendem Spott lächeld [lächelnd] an; kaum hatte er aber in die
+Abschrift geblickt, als das Lächeln in dem tiefen feierlichen Ernst
+unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. -- Bald schien
+er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten,
+blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte
+Röte färbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund
+zusammenpreßte, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu öffnen
+zur weisheitvollen ins Gemüt dringenden Rede. Die ganze Gestalt war höher,
+würdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Königsmantel in
+breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weißen Löckchen,
+welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner
+Reif. »Junger Mensch,« fing der Archivarius an im feierlichen Ton, »junger
+Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen
+erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! -- Serpentina liebt
+Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche
+Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige
+Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem
+Kampfe entsprießt Dein Glück im höheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen
+Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst,
+kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest,
+überstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis führen Dich zum nahen
+Ziele, wenn Du festhältst an dem, was Du beginnen mußtest. Trage sie recht
+getreulich im Gemüte, _sie_, die Dich liebt, und Du wirst die
+herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich sein immerdar.
+-- Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwölf
+Uhr in Deinem Kabinet! -- Gehab Dich wohl!« -- Der Archivarius schob den
+Studenten Anselmus sanft zur Tür hinaus, die er dann verschloß, und er
+befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige Tür auf
+den Flur führte. Ganz betäubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er
+vor der Haustür stehen, da wurde über ihm ein Fenster geöffnet, er schaute
+hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weißgrauen
+Rocke, wie er ihn sonst gesehen. -- Er rief ihm zu: »Ei, werter Herr
+Anselmus, worüber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen
+nicht aus dem Kopf? Grüßen Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie
+etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwölf Uhr wieder. Das
+Honorar für heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.« -- Der
+Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten
+Tasche, aber er freute sich gar nicht darüber. -- »Was aus dem allen werden
+wird, weiß ich nicht,« sprach er zu sich selbst; »umfängt mich aber auch
+nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die
+liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber
+untergehen ganz und gar, denn ich weiß doch, daß der Gedanke in mir ewig
+ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke
+denn was anderes als Serpentina's Liebe?«
+
+
+
+
+SIEBENTE VIGILIE
+
+
+Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging.
+-- Rembrandt und Höllen-Breughel. -- Der Zauberspiegel und des Doktors
+Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.
+
+
+Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist
+es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. -- »Ja wohl,« erwiderte die
+durch des Vaters längeres Aufbleiben beängstete Veronika, »denn es schlug
+längst zehn Uhr.« Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und
+Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fränzchens schwerere Atemzüge kundgetan,
+daß sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch
+ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel
+umwarf und zum Hause hinausschlüpfte. -- Seit dem Augenblick, als Veronika
+die alte Lise verlassen, stand ihr unaufhörlich der Anselmus vor Augen, und
+sie wußte selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und
+ewig wiederholte, daß sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person
+herrühre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle
+Mittel der magischen Kunst zerreißen könne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise
+wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen
+stumpfte sich ab, so daß alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses
+mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien,
+wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei
+ihr fest, selbst mit Gefahr, vermißt zu werden und in tausend
+Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu
+bestehen. -- Endlich war nun die verhängnisvolle Nacht des Äquinoktiums, in
+der ihr die alte Lise Hülfe und Trost verheißen, eingetreten, und Veronika,
+mit dem Gedanken der nächtlichen Wanderung längst vertraut geworden, fühlte
+sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straßen, des
+Sturmes nicht achtend, der durch die Lüfte brauste und ihr die dicken
+Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf dröhnendem Klange schlug die
+Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchnäßt vor dem Hause
+der Alten stand. »Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! -- nun warte, warte!«
+-- rief es von oben herab -- und gleich darauf stand auch die Alte, mit
+einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der Tür. »So wollen
+wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der
+Nacht, die dem Werke günstig.« Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter
+Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab,
+während sie selbst einen Kessel, Dreifuß und Spaten auspackte. Als sie ins
+Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war stärker geworden;
+tausendstimmig heulte es in den Lüften. Ein entsetzlicher
+herzzerschneidender Jammer tönte herab aus den schwarzen Wolken, die sich
+in schneller Flucht zusammenballten und alles einhüllten in dicke
+Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend:
+»leuchte -- leuchte, mein Junge!« Da schlängelten und kreuzten sich blaue
+Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, daß der Kater knisternde
+Funken sprühend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen ängstliches
+grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick
+schwieg. -- Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte
+Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich
+fester an die Alte klammernd sprach sie: »Nun muß alles vollbracht werden,
+und es mag geschehen was da will!« -- »Recht so, mein Töchterchen!«
+erwiderte die Alte, »bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Schönes
+und dem Anselmus obendrein!« Endlich stand die Alte still und sprach: »Nun
+sind wir an Ort und Stelle!« Sie grub ein Loch in die Erde, schüttete
+Kohlen hinein und stellte den Dreifuß darüber, auf den sie den Kessel
+setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Gebärden, während der
+Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif sprühten Funken, die einen
+Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu glühen, und endlich
+schlugen blaue Flammen unter dem Dreifuß hervor. Veronika mußte Mantel und
+Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre Hände
+ergriff und fest drückte, mit den funkelnden Augen das Mädchen anstarrend.
+Nun fingen die sonderbaren Massen -- waren es Blumen -- Metalle -- Kräuter
+-- Tiere, man konnte es nicht unterscheiden -- die die Alte aus dem Korbe
+genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte
+ließ Veronika los, sie ergriff einen eisernen Löffel, mit dem sie in die
+glühende Masse hineinfuhr und darin rührte, während Veronika auf ihr Geheiß
+festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den
+Anselmus richten mußte. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und
+auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie
+einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie
+unverständliche, durch die Nacht grausig gellende Töne ausstieß, und der
+Kater im unaufhörlichen Rennen winselte und ächzte. -- -- Ich wollte, daß
+Du, günstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach
+Dresden begriffen gewesen wärest; vergebens suchte man, als der späte
+Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der
+freundliche Wirt stellte Dir vor, es stürme und regne doch gar zu sehr und
+überhaupt sei es auch nicht geheuer in der Äquinoktialnacht so ins Dunkle
+hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig
+annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin
+spätestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm
+oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches
+Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherfährst, siehst Du
+plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. Näher
+gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel,
+aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschießen,
+zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde
+prusten und stampfen und bäumen sich -- der Postillon flucht und betet
+-- und peitscht auf die Pferde hinein -- sie gehen nicht von der Stelle.
+-- Unwillkürlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte
+vorwärts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mädchen, die im weißen
+dünnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten
+aufgelöst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lüften.
+Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen
+steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom
+darüber goß, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in
+den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem
+Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter
+gepreßten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die
+kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als
+riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetümen
+der Hölle, die, dem mächtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen
+werden. -- So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenüber
+sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib
+mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen
+Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knöchernen Arme hervor, und
+rührend in dem Höllensud lacht und ruft sie mit krächzender Stimme durch
+den brausenden tosenden Sturm. -- Ich glaube wohl, daß Dir, günstiger
+Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem
+Anblick dieses Rembrandtschen oder Höllen-Breughelschen Gemäldes, das nun
+ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätten.
+
+[Illustration: Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank]
+
+Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im höllischen Treiben
+befangenen Mädchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine
+Fibern und Nerven zitterte, entzündete mit der Schnelligkeit des Blitzes in
+Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen Mächten des
+Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte
+auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als
+seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode geängstigte
+Mädchen flehte, ja als müßtest Du nur gleich Dein Taschenpistol
+hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschießen! Aber, indem Du das
+lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten?
+oder: was treibt ihr da? -- Der Postillon stieß schmetternd in sein Horn,
+die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal
+verschwunden in dickem Qualm. -- Ob Du das Mädchen, das Du nun mit recht
+innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden hättest, mag ich
+nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstört, und
+den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben,
+gelöst. -- Weder Du, günstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging
+aber am dreiundzwanzigsten September in der stürmischen den Hexenkünsten
+günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in
+tödlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. -- Sie vernahm wohl, wie
+es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen
+durcheinander blökten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht
+auf, denn sie fühlte, wie der Anblick des Gräßlichen, des Ensetzlichen
+[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstörenden
+Wahnsinn stürzen könne. Die Alte hatte aufgehört im Kessel zu rühren, immer
+schwächer und schwächer wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine
+leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika,
+mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn
+-- was siehst Du denn? -- Aber Veronika vermochte nicht zu antworten,
+unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im
+Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten
+hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr
+reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut:
+Ach, der Anselmus! -- der Anselmus! -- Rasch öffnete die Alte den am Kessel
+befindlichen Hahn, und glühendes Metall strömte zischend und prasselnd in
+eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und
+kreischte, mit wilder gräßlicher Gebärde sich herumschwingend: Vollendet
+ist das Werk -- Dank Dir, mein Junge! -- hast Wache gehalten -- Hui -- Hui
+-- er kommt! -- beiß ihn tot, beiß ihn tot! Aber da brauste es mächtig
+durch die Lüfte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den
+Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: »Hei,
+hei! -- ihr Gesindel! nun ist's aus -- nun ist's aus -- fort zu Haus!« Die
+Alte stürzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken.
+-- Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag
+in ihrem Bette und Fränzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr,
+sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun
+schon eine Stunde oder länger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze
+besinnungslos da und stöhnest und ächzest, daß uns angst und bange wird.
+Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird
+gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. -- Veronika nahm schweigend den
+Tee; indem sie ihn hinunterschlürfte, traten ihr die gräßlichen Bilder der
+Nacht lebhaft vor Augen. »So war denn wohl alles nur ein ängstlicher Traum,
+der mich gequält hat? -- Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten
+gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? -- Doch bin ich wohl
+schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet,
+und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und
+an die wunderliche alte Frau, die sich für die Lise ausgab und mich wohl
+nur damit geneckt hat.« -- Fränzchen, die hinausgegangen, trat wieder
+herein mit Veronika's ganz durchnäßtem Mantel in der Hand. »Sieh nur,
+Schwester!« sagte sie, »wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm
+in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag,
+umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz
+naß.« -- Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl,
+daß nicht ein Traum sie gequält, sondern daß sie wirklich bei der Alten
+gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte
+durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest über
+sich; aber da fühlte sie, daß etwas Hartes ihre Brust drückte, und als sie
+mit der Hand danach faßte, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es
+hervor, als Fränzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner
+runder hellpolierter Metallspiegel. »Das ist ein Geschenk der Alten[,]«
+rief sie lebhaft, und es war als schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel,
+die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erwärmten; der Fieberfrost
+war vorüber und es durchströmte sie ein unbeschreibliches Gefühl von
+Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mußte sie denken, und als sie
+immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr
+freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturporträt. Aber
+bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild -- nein! -- sondern den
+Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er saß in einem hohen seltsam
+ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten,
+ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch
+um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als
+umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau
+hinsah, waren es doch nur große Bücher mit vergoldetem Schnitt. Aber
+endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es
+als müsse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lächelte
+er und sprach: Ach! -- sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum
+belieben Sie sich denn zuweilen als Schlänglein zu gebärden? Veronika mußte
+über diese seltsamen Worte laut auflachen; darüber erwachte sie wie aus
+einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die
+Tür aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer
+kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, faßte lange in tiefem
+Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf
+schrieb er ein Rezept, faßte noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei!
+und verließ die Patientin. Aus diesen Äußerungen des Doktors Eckstein
+konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der
+Veronika denn wohl eigentlich fehlen möge.
+
+
+
+
+ACHTE VIGILIE
+
+
+Die Bibliothek der Palmbäume. -- Schicksale eines unglücklichen
+Salamanders. -- Wie die schwarze Feder eine Runkelrübe liebkoste und der
+Registrator Heerbrand sich sehr betrank.
+
+
+Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius
+Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren für ihn die glücklichsten
+seines Lebens, denn immer von lieblichen Klängen von Serpentina's
+tröstenden Worten umflossen, ja oft von einem vorübergleitenden Hauche
+leise berührt, durchströmte ihn eine nie gefühlte Behaglichkeit, die oft
+bis zur höchsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner
+dürftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem
+neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er
+alle Wunder einer höheren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen
+erfüllt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm
+immer mehr dünkte, er schreibe nur längst gekannte Züge auf das Pergament
+hin und dürfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der größten
+Genauigkeit nachzumalen. -- Außer der Tischzeit ließ sich der Archivarius
+Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem
+Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift
+vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verließ ihn aber gleich
+wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen Stäbchen die Tinte
+umgerührt und die gebrauchten Federn mit neuen, schärfer gespitzten
+vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zwölf
+bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die Tür, durch die er
+gewöhnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst
+erschien in seinem wunderlichen wie mit glänzenden Blumen bestreuten
+Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: »Heute kommen Sie nur hier
+herein, werter Anselmus, denn wir müssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's
+Meister unsrer warten.« Er schritt durch den Korridor und führte Anselmus
+durch dieselben Gemächer und Säle, wie das erste Mal. Der Student Anselmus
+erstaunte auf's neue über die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er
+sah nun deutlich, daß manche seltsame Blüten, die an den dunklen Büschen
+hingen, eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit
+den Flüglein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd
+sich mit ihren Saugrüsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die
+rosenfarbenen und himmelblauen Vögel duftende Blumen, und der Geruch, den
+sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen,
+die sich mit dem Geplätscher der fernen Brunnen, mit dem Säuseln der hohen
+Stauden und Bäume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht
+vermischten. Die Spottvögel, die ihn das erste Mal so geneckt und gehöhnt,
+flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen
+unaufhörlich: »Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so -- gucken
+Sie nicht so in die Wolken -- Sie könnten auf die Nase fallen. -- He, he!
+Herr Studiosus -- nehmen Sie den Pudermantel um -- Gevatter Schuhu soll
+Ihnen den Toupet frisieren.« So ging es fort in allerlei dummem Geschwätz,
+bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich
+in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden,
+statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem
+Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers
+und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. »Lieber Herr
+Anselmus,« sagte der Archivarius Lindhorst, »Sie haben nun schon manches
+Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben
+sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun übrig,
+und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen
+Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und
+die nur an Ort und Stelle kopiert werden können. Sie werden daher künftig
+hier arbeiten, aber ich muß Ihnen die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit
+empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verhüten möge, ein
+Tintenfleck auf das Original gespritzt, stürzt Sie ins Unglück.« --
+Anselmus bemerkte, daß aus den goldnen Stämmen der Palmbäume kleine
+smaragdgrüne Blätter herausragten; eins dieser Blätter erfaßte der
+Archivarius, und Anselmus wurde gewahr, daß das Blatt eigentlich in einer
+Pergamentrolle bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den
+Tisch breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig über die seltsam
+verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen Pünktchen, Striche
+und Züge und Schnörkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten
+darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau
+nachmalen zu können. Er geriet darüber in tiefe Gedanken. »Mut gefaßt,
+junger Mensch!« rief der Archivarius, »hast Du bewährten Glauben und wahre
+Liebe, so hilft Dir Serpentina!« Seine Stimme tönte wie klingendes Metall,
+und als Anselmus in jähem Schreck aufblickte, stand der Archivarius
+Lindhorst in der königlichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten
+Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als müsse er
+von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der
+Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die Höhe und
+verschwand in den smaragdnen Blättern. -- Der Student Anselmus begriff, daß
+der Geisterfürst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer
+hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als
+Gesandte zu ihm geschickt, Rücksprache zu halten, was nun mit ihm und der
+holden Serpentina geschehen solle. -- Auch kann es sein, dachte er ferner,
+daß ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder daß ein Magus aus
+Lappland ihn besucht -- mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen.
+-- Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu
+studieren. -- Die wunderbare Musik des Gartens tönte zu ihm herüber und
+umgab ihn mit süßen lieblichen Düften, auch hörte er wohl die Spottvögel
+kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war.
+Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Blätter der Palmbäume
+und als strahlten dann die holden Kristallklänge, welche Anselmus an jenem
+verhängnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch hörte, durch das
+Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gestärkt durch dies Tönen und
+Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die
+Überschrift der Pergamentrolle, und bald fühlte er wie aus dem Innersten
+heraus, daß die Zeichen nichts anders bedeuten könnten, als die Worte: Von
+der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange. -- Da ertönte ein
+starker Dreiklang heller Kristallglocken. -- »Anselmus, lieber Anselmus,«
+wehte es ihm zu aus den Blättern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums
+schlängelte sich die grüne Schlange herab. -- »Serpentina! holde
+Serpentina!« rief Anselmus wie im Wahnsinn des höchsten Entzückens, denn so
+wie er schärfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mädchen,
+die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll
+unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die
+Blätter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, überall sproßten
+Stacheln aus den Stämmen, aber Serpentina wand und schlängelte sich
+geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben
+glänzendes Gewand nach sich zog, so daß es sich dem schlanken Körper
+anschmiegend nirgends hängen blieb an den hervorragenden Spitzen und
+Stacheln der Palmbäume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben
+Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drückend, so daß er den
+Hauch, der von ihren Lippen strömte, die elektrische Wärme ihres Körpers
+fühlte. »Lieber Anselmus!« fing Serpentina an, »nun bist Du bald ganz mein,
+durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe
+Dir den goldnen Topf, der uns beide beglückt immerdar.« -- »O Du holde,
+liebe Serpentina,« sagte Anselmus, »wenn ich nur Dich habe, was kümmert
+mich sonst alles Übrige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen
+in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befängt seit dem
+Augenblick, als ich Dich sah.« -- »Ich weiß wohl,« fuhr Serpentina fort,
+»daß das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel
+seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber
+jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in
+diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus
+tiefem Gemüte, aus tiefer Seele haarklein zu erzählen, was Dir zu wissen
+nötig, um meinen Vater ganz zu kennen und überhaupt recht deutlich
+einzusehen, was es mit ihm und mit mir für eine Bewandtnis hat.« Dem
+Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und
+gar umschlungen und umwunden, daß er sich nur mit ihr regen und bewegen
+könne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern
+und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein
+Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in
+ihm entzündete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib
+gelegt, aber der schillernde glänzende Stoff ihres Gewandes war so glatt,
+so schlüpfrig, daß es ihm schien, als könne sie, sich ihm schnell
+entwindend, unaufhaltsam entschlüpfen, und er erbebte bei dem Gedanken.
+»Ach, verlaß mich nicht, holde Serpentina!« rief er unwillkürlich aus, »nur
+Du bist mein Leben!« -- »Nicht eher heute,« sagte Serpentina, »als bis ich
+alles erzählt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. --
+Wisse also, Geliebter, daß mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der
+Salamander abstammt, und daß ich mein Dasein seiner Liebe zur grünen
+Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis
+der mächtige Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten.
+Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in
+dem prächtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schönsten Gaben
+auf das herrlichste geschmückt hatte, umher und hörte, wie eine hohe Lilie
+in leisen Tönen sang: »Drücke fest die Äuglein zu, bis mein Geliebter, der
+Morgenwind, Dich weckt.« Er trat hinzu; von seinem glühenden Hauch berührt,
+erschloß die Lilie ihre Blätter und er erblickte der Lilie Tochter, die
+grüne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander
+von heißer Liebe zu der schönen Schlange ergriffen, und er raubte sie der
+Lilie, deren Düfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der
+geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schloß des
+Phosphorus getragen und bat ihn: vermähle mich mit der Geliebten, denn sie
+soll mein eigen sein immerdar. Törichter, was verlangst du! sprach der
+Geisterfürst, wisse, daß einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir
+herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten
+und nur der Sieg über den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in
+Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, daß ihre Blätter stark genug
+blieben, den Funken in sich zu schließen und zu bewahren. Aber, wenn Du die
+grüne Schlange umarmst, wird Deine Glut den Körper verzehren und ein neues
+Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete
+der Warnung des Geisterfürsten nicht; voll glühenden Verlangens schloß er
+die grüne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflügeltes
+Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lüfte. Da ergriff den
+Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen
+sprühend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, daß die
+schönsten Blumen und Blüten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft
+erfüllte. Der hocherzürnte Geisterfürst erfaßte im Grimm den Salamander und
+sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer -- erloschen sind Deine Flammen,
+erblindet Deine Strahlen -- sinke hinab zu den Erdgeistern, die mögen Dich
+necken und höhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder
+entzündet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.
+
+[Illustration: Die Lilie]
+
+Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mürrische
+Erdgeist, der des Phosphorus Gärtner war, hinzu und sprach: Herr! wer
+sollte mehr über den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die
+schönen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schönsten Metallen geputzt?
+habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche
+schöne Farbe verschwendet? -- und doch nehme ich mich des armen Salamanders
+an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur
+Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwüstet. Erlasse ihm die zu
+harte Strafe! -- Sein Feuer ist für jetzt erloschen, sprach der
+Geisterfürst; in der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem
+entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich sein, wenn die
+Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen
+Anklängen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise
+entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem
+wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch
+Glaube und Liebe in seinem Gemüte wohnten, -- in dieser unglücklichen Zeit
+entzündet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum
+Menschen keimt er empor und muß, ganz eingehend in das dürftige Leben,
+dessen Bedrängnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen
+Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen
+Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der
+verbrüderten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er
+dann die grüne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermählung mit ihr
+sind drei Töchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen.
+Zur Frühlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch hängen und
+ihre lieblichen Kristallstimmen ertönen lassen. Findet sich dann in der
+dürftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jüngling, der ihren
+Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen
+Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen
+Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die Bürde des
+Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an
+die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern
+glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis
+drei Jünglinge dieser Art erfunden und mit den drei Töchtern vermählt
+werden, darf der Salamander seine lästige Bürde abwerfen und zu seinen
+Brüdern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, daß ich diesen drei
+Töchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl
+verherrlicht. Jede erhält von mir einen Topf vom schönsten Metall, das ich
+besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in
+seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang
+mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein
+abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermählung eine
+Feuerlilie entsprießen, deren ewige Blüte den bewährt befundenen Jüngling
+süß duftend umfängt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres
+Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. -- Du
+weißt nun wohl, lieber Anselmus, daß mein Vater eben der Salamander ist,
+von dem ich Dir erzählt. Er mußte seiner höheren Natur unerachtet sich den
+kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher
+kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir
+oft gesagt, daß für die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der
+Geistesfürst Phosphorus damals als Bedingnis der Vermählung mit mir und
+meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur
+zu oft unschicklicher Weise gemißbraucht werde; man nenne das nämlich ein
+kindliches poetisches Gemüt. -- Oft finde man dieses Gemüt bei Jünglingen,
+die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der
+sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pöbel verspottet würden. Ach,
+lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang
+-- meinen Blick -- Du liebst die grüne Schlange, Du glaubst an mich und
+willst mein sein immerdar! Die schöne Lilie wird emporblühen aus dem
+goldnen Topf und wir werden vereint glücklich und selig in Atlantis wohnen!
+-- Aber nicht verhehlen kann ich Dir, daß im gräßlichen Kampf mit den
+Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die
+Lüfte davonbrauste. Phosphorus hält ihn zwar wieder in Banden, aber aus den
+schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stäubten, keimten feindliche
+Geister empor, die überall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben.
+Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein
+Vater recht gut weiß, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr
+Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgestäubten
+Feder zu einer Runkelrübe zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre
+Gewalt, denn in dem Stöhnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden
+ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie
+bietet alle Mittel auf, von außen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie
+mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders
+hervorschießen, bekämpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in schädlichen
+Kräutern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend,
+in günstiger Konstellation, manchen bösen Spuk, der des Menschen Sinne mit
+Grauen und Entsetzen befängt und ihn der Macht jener Dämonen, die der
+Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten
+in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes
+Gemüt schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet. -- Halte treu -- treu
+-- an mir, bald bist Du am Ziel!« -- »O meine -- meine Serpentina!« rief
+der Student Anselmus, »wie sollte ich denn nur von Dir lassen können, wie
+sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!« -- Ein Kuß brannte auf seinem
+Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war
+verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er
+nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der
+Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des
+geheimnisvollen Manuskripts war glücklich beendigt, und er glaubte,
+schärfer die Züge betrachtend, Serpentina's Erzählung von ihrem Vater, dem
+Liebling des Geisterfürsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis,
+abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem
+weißgrauen Überrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein;
+er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine große
+Priese und sagte lächelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der
+Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade
+gehen -- nur mir nach! -- Der Archivarius schritt rasch durch den Garten,
+in dem ein solcher Lärm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war,
+daß der Student Anselmus ganz betäubt wurde und dem Himmel dankte, als er
+sich auf der Straße befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als
+sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschloß. Vor
+dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand
+beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius
+Lindhorst ganz unwillig: »was Feuerzeug! -- hier ist Feuer, so viel Sie
+wollen!« Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen große Funken
+strömten, die die Pfeifen schnell anzündeten. »Sehen Sie das chemische
+Kunststückchen,« sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus
+dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. -- Im Linkeschen Bade
+trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, daß er, sonst
+ein gutmütiger stiller Mann, anfing in einem quäkenden Tenor Burschenlieder
+zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und
+endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mußte, als der
+Archivarius Lindhorst schon längst auf und davon war.
+
+
+
+
+NEUNTE VIGILIE
+
+
+Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. -- Die
+Punschgesellschaft. -- Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann für
+einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzürnte. -- Der Tintenklecks und
+seine Folgen.
+
+
+Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich
+begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt. Er sah keinen
+seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte
+Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß. Und doch, indem sein ganzes Gemüt
+der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius
+Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika
+denken, ja manchmal schien es ihm als träte sie zu ihm hin und gestehe
+errötend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den
+Phantomen, von denen er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen.
+Zuweilen war es, als risse eine fremde, plötzlich auf ihn einbrechende
+Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr
+folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mädchen. Gerade
+in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer
+wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis
+der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange offenbar worden,
+trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. -- Ja! -- erst als er
+erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt habe, da er
+überzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck
+eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß es ihre innige
+Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung
+hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben geraten
+werde. Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie
+kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine
+Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime
+magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine
+Nebenstraße einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend
+laut rief: »Ei, ei! -- wertester Herr Anselmus! -- Amice! -- Amice! wo um
+des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr
+sehen -- wissen Sie wohl, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins
+mit Ihnen zu singen? -- Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!«
+Der Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das
+Haus traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet
+entgegen, so daß der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum
+so geputzt, hat man denn Besuch erwartet? -- aber hier bringe ich den Herrn
+Anselmus! -- Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die
+Hand küßte, fühlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle
+Fibern und Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst,
+und als Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wußte sie durch
+allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, daß
+er alle Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mädchen im
+Zimmer herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der Dämon des Ungeschicks
+über den Hals, er stieß an den Tisch und Veronikas niedliches Nähkästchen
+fiel herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es
+blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz
+eigner Lust hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte
+die Hand auf seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm über
+die Schulter auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein
+Kampf in seinem Innern: -- Gedanken -- Bilder -- blitzten hervor und
+vergingen wieder -- der Archivarius Lindhorst -- Serpentina -- die grüne
+Schlange -- endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und
+gestaltete sich zum deutlichen Bewußtsein. Ihm wurde es nun klar, daß er
+nur beständig an Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern
+in dem blauen Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die
+phantastische Sage von der Vermählung des Salamanders mit der grünen
+Schlange ja nur von ihm geschrieben, keineswegs aber erzählt worden sei. Er
+wunderte sich selbst über seine Träumereien und schrieb sie lediglich
+seinem durch die Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der
+Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch überdem
+so sonderbar betäubend dufte. Er mußte herzlich über die tolle Einbildung
+lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten
+geheimen Archivarius für einen Salamander zu halten. »Ja, ja! -- es ist
+Veronika!« rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade
+in Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten.
+Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den
+seinigen brannten. »O ich Glücklicher!« seufzte der entzückte Student, »was
+ich gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil.« --
+»Und willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?«
+fragte Veronika. »Allerdings!« antwortete der Student Anselmus; indem
+knarrte die Tür und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein:
+»Nun, wertester Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen
+vorlieb mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen
+Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen
+versprochen, genießen.« -- »Ach, bester Herr Konrektor,« erwiderte der
+Student Anselmus, »wissen Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst
+muß, des Abschreibens wegen?« -- »Schauen Sie Amice!« sagte der Konrektor
+Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies.
+Der Student Anselmus sah nun wohl ein, daß es viel zu spät sei zu dem
+Archivarius Lindhorst zu wandern und fügte sich den Wünschen des Konrektors
+um so lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag über schauen und wohl
+manchen verstohlenen Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja
+wohl gar einen Kuß zu erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die
+Wünsche des Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute,
+je mehr er sich überzeugte, daß er bald von all den phantastischen
+Einbildungen befreit sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum
+wahnwitzigen Narren hätten machen können. -- Der Registrator Heerbrand fand
+sich wirklich nach Tische ein und als der Kaffee genossen und die Dämmerung
+bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu
+verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronikas schöne Hände
+gemischt und in gehörige Form gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert,
+ihnen allen an dem kühlen Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken
+Sie denn nur heraus mit dem geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen,
+geschätztester Registrator,« rief der Konrektor Paulmann; aber der
+Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte
+in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein.
+Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf
+Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei
+gemütliche muntere Gespräche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten
+Anselmus der Geist des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des
+Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück. Er sah
+den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor
+erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde
+ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben; es
+brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch,
+und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!«
+seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator
+Heerbrand rief ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand
+klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. -- Nun, er soll
+leben! stoßen Sie an, Herr Anselmus!« -- Da fuhr der Student Anselmus auf
+aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand
+anstieß: »Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der
+Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten
+des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne
+Schlange davongeflogen.« -- »Wie -- was?« fragte der Konrektor Paulmann.
+-- »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort, »deshalb muß er nun königlicher
+Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirtschaften,
+die aber weiter nichts sind als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in
+Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken
+wie die Sirenen.« -- »Herr Anselmus, Herr Anselmus!« rief der Konrektor
+Paulmann, »rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen
+Sie für ungewaschenes Zeug?« -- »Er hat Recht,« fiel der Registrator
+Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander,
+der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den
+Überrock brennen wie glühender Schwamm. -- Ja, ja, Du hast Recht,
+Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und damit
+schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die
+Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste
+Konrektor. -- »Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun
+wieder an?« -- »Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als
+ein Vogel -- ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« --
+»Was? -- ich ein Vogel -- ein Schuhu -- ein Friseur?« -- schrie der
+Konrektor voller Zorn -- »Herr, Sie sind toll -- toll!« -- »Aber die Alte
+kommt ihm über den Hals,« rief der Registrator Heerbrand. -- »Ja, die Alte
+ist mächtig,« fiel der Student Anselmus ein, »unerachtet sie nur von
+niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch
+und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie
+allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.«
+-- »Das ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit zornglühenden
+Augen, »die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine
+feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten
+und ihr Cousin germain.« -- »Kann der Salamander fressen, ohne sich den
+Bart zu versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator
+Heerbrand. »Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr
+wird er das können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein
+kindliches Gemüt und habe Serpentinas Augen geschaut.« -- »Die wird der
+Kater auskratzen,« rief Veronika. -- »Salamander -- Salamander bezwingt sie
+alle -- alle,« brüllte der Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin
+ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? -- was schwatze ich denn für
+wahnwitziges Zeug? -- Ja ich bin auch toll -- auch toll!« -- Damit sprang
+der Konrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte
+sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im
+gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten. Da ergriffen
+der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die
+Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die
+Scherben klirrend und klingend umhersprangen. »Vivat Salamander! -- pereat
+-- pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen
+aus! -- Vöglein -- Vöglein aus den Lüften -- Eheu -- Eheu -- Evoe
+-- Salamander!« -- So schrien und brüllten die Drei wie Besessene
+durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika lag
+winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf, alles
+war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen
+herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich
+zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor
+allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß
+sie eher eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!«
+schnarrte das possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus
+Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und
+er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse
+er schönstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit
+schritt er wieder zur Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das
+gravitätische Männlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor
+Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch
+das Zimmer dröhnte und dazwischen winselte und ächzte Veronika wie von
+namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der
+Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch
+die Straßen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf
+trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn
+im Rausch so geängstigt habe und er möge sich nur vor neuen Einbildungen
+hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. »Gute Nacht, gute
+Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika und hauchte einen Kuß
+auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die
+Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Nun
+mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches lachen; aber
+indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem behaglichen
+Gefühl durchdrungen.
+
+[Illustration: Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des
+Achivarius Lindhorst]
+
+Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich
+von meinen albernen Grillen zurückgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es
+nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die
+Stube nicht verließ, aus Furcht von den Hühnern gefressen zu werden, weil
+er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat
+geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin
+glücklich. -- Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst
+ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so
+seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche
+Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke und dergleichen. Statt
+der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige
+Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei
+erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch
+ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die
+natürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden
+Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können. -- Der Archivarius
+sah ihn mit einem ganz eignen ironischen Lächeln an und fragte: »Nun, wie
+hat Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?« -- »Ach gewiß
+hat Ihnen der Papagei,« -- erwiderte der Student Anselmus ganz beschämt;
+aber er stockte: denn er dachte nun wieder daran, daß auch die Erscheinung
+des Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. »Ei, ich war
+ja selbst in der Gesellschaft,« fiel der Archivarius Lindhorst ein, »haben
+Sie mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt,
+wäre ich beinahe hart beschädigt worden; denn ich saß eben in dem
+Augenblicke noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach
+griff, um sie gegen die Decke zu schleudern und mußte mich schnell in des
+Konrektors Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! -- seien Sie
+fleißig, auch für den gestrigen versäumten Tag zahle ich den Speziestaler,
+da Sie bisher so wacker gearbeitet.« -- »Wie kann der Archivarius nur solch
+tolles Zeug faseln!« sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte
+sich an den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der
+Archivarius wie gewöhnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der
+Pergamentrolle so viele sonderbare krause Züge und Schnörkel durcheinander,
+die, ohne dem Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten,
+daß es ihm beinahe unmöglich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem
+Überblick des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor
+oder ein mit Moosen durchsprenkelter Stein. -- Er wollte dessen unerachtet
+das Mögliche versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte
+wollte durchaus nicht fließen, er spritzte die Feder ungeduldig aus und --
+o Himmel! ein großer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend
+und brausend fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlängelte sich
+krachend durch das Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf
+aus den Wänden, die Blätter fingen an zu rauschen wie vom Sturme
+geschüttelt und aus ihnen schossen blinkende Basilisken im flackernden
+Feuer herab, den Dampf entzündend, daß die Flammenmassen prasselnd sich um
+den Anselmus wälzten. Die goldnen Stämme der Palmbäume wurden zu
+Riesenschlangen, die ihre gräßlichen Häupter in schneidendem Metallklange
+zusammenstießen und mit den geschuppten Leibern den Anselmus umwanden.
+»Wahnsinniger! erleide nun die Strafe dafür, was Du im frechen Frevel
+tatest!« -- So rief die fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der
+über den Schlangen wie ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und
+nun sprühten ihre aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und
+es war als verdichteten sich die Feuerströme um seinen Körper und würden
+zur festen eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger
+sich zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder
+zu sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von
+einem glänzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand
+erheben oder sonst sich rühren, stieß. -- Ach! er saß in einer
+wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer
+des Archivarius Lindhorst.
+
+[Illustration: Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche]
+
+
+
+
+ZEHNTE VIGILIE
+
+
+Die Leiden des Studenten Anselmus in der gläsernen Flasche. -- Glückliches
+Leben der Kreuzschüler und Praktikanten. -- Die Schlacht im
+Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. -- Sieg des Salamanders und
+Befreiung des Studenten Anselmus.
+
+
+Mit Recht darf ich zweifeln, daß Du, günstiger Leser, jemals in einer
+gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, daß ein
+lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen
+befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten
+Anselmus recht lebhaft fühlen. Hast Du aber auch dergleichen nie geträumt,
+so schließt Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl
+auf einige Augenblicke in das Kristall ein. -- Du bist von blendendem
+Glanze dicht umflossen, alle Gegenstände ringsumher erscheinen Dir von
+strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben -- alles zittert und
+wankt und dröhnt im Schimmer -- Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie
+in einem festgefrornen Äther, der Dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens
+dem toten Körper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger drückt die
+zentnerschwere Last Deine Brust -- immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug
+die Lüftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten -- Deine
+Pulsadern schwellen auf und von gräßlicher Angst durchschnitten zuckt jeder
+Nerv im Todeskampfe blutend. -- Habe Mitleid, günstiger Leser, mit dem
+Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem gläsernen
+Gefängnisse ergriff; aber er fühlte wohl, daß der Tod ihn nicht erlösen
+könne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im Übermaß
+seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und
+freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte
+kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im
+mißtönenden Klange betäubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist
+sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. --
+Da schrie er auf in Verzweiflung: »O Serpentina -- Serpentina, rette mich
+von dieser Höllenqual!« Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die
+legten sich um die Flasche wie grüne durchsichtige Holunderblätter; das
+Tönen hörte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er
+atmete freier. »Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst
+Schuld? ach! habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina
+gefrevelt? habe ich nicht schnöde Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht
+den Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch beglücken
+sollte? Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, für mich ist der goldne
+Topf verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein
+einziges Mal möcht' ich Dich sehen, Deine holde süße Stimme hören,
+liebliche Serpentina!« -- So klagte der Student Anselmus von tiefem
+schneidendem Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: »Ich weiß
+garnicht was Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so über alle
+Maßen?« -- Der Student Anselmus wurde gewahr, daß neben ihm auf demselben
+Repositorium noch fünf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzschüler
+und zwei Praktikanten erblickte. -- »Ach, meine Herren und Gefährten im
+Unglück,« rief er aus, »wie ist es Ihnen denn möglich, so gelassen, ja so
+vergnügt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja
+doch eben so gut eingesperrt in gläsernen Flaschen als ich und können sich
+nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vernünftiges denken, ohne daß
+ein Mordlärmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne daß es Ihnen im
+Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewiß nicht an
+den Salamander und an die grüne Schlange!« -- Sie faseln wohl, mein Herr
+Studiosus,« erwiderte ein Kreuzschüler, »nie haben wir uns besser befunden
+als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius
+erhalten für allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir dürfen jetzt
+keine italienischen Chöre mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage
+zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl
+schmecken, sehen auch wohl einem hübschen Mädchen in die Augen, singen wie
+wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergnügt.« -- »Die
+Herren haben ganz recht,« fiel ein Praktikant ein, »auch ich bin mit
+Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und
+spaziere fleißig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei
+zwischen vier Wänden zu sitzen.« -- »Aber meine besten wertesten Herren,«
+sagte der Student Anselmus, »spüren Sie es denn nicht, daß Sie alle samt
+und sonders in gläsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen,
+viel weniger umherspazieren können?« -- Da schlugen die Kreuzschüler und
+die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: »Der Studiosus ist toll,
+er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen und steht auf der
+Elbbrücke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!«
+-- »Ach,« seufzte der Student, »die schauten niemals die holde Serpentina,
+sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb
+spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander
+bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Unglücklicher
+werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich
+liebe, mich nicht rettet.« -- Da wehte und säuselte Serpentina's Stimme
+durch das Zimmer: »Anselmus! glaube, liebe, hoffe!« -- Und jeder Laut
+strahlte in das Gefängnis des Anselmus hinein und das Kristall mußte seiner
+Gewalt weichen und sich ausdehnen, daß die Brust des Gefangenen sich regen
+und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes
+und er merkte wohl, daß ihn Serpentina noch liebe und daß nur _sie_ es
+sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall erträglich mache. Er bekümmerte
+sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Unglücksgefährten, sondern richtete
+Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. -- Aber plötzlich entstand
+von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald
+deutlich bemerken, daß dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit
+halbzerbrochenem Deckel herrührte, die ihm gegenüber auf einem kleinen
+Schrank hingestellt war. Sowie er schärfer hinschaute, entwickelten sich
+immer mehr die garstigen Züge eines alten verschrumpften Weibergesichts und
+bald stand das Äpfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die
+grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: »Ei, ei,
+Kindchen! -- mußt Du nun ausharren? -- Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich
+Dir's nicht längst vorausgesagt?« -- »Höhne und spotte nur, Du verdammtes
+Hexenweib,« sagte der Student Anselmus, »Du bist Schuld an allem, aber der
+Salamander wird Dich treffen, Du schnöde Runkelrübe!« -- »Ho, ho!«
+erwiderte die Alte, »nur nicht so stolz! Du hast meinen Söhnlein ins
+Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir
+gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein Töchterchen
+ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn
+ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau
+Gevatterin, die Ratte, welche gleich über Dir auf dem Boden wohnt, die soll
+das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und
+ich fange Dich auf in der Schürze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlägst,
+sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhältst und ich trage Dich flugs zu
+Mamsell Veronika, die mußt Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden.« -- »Laß
+ab von mir, Satansgeburt,« schrie der Student Anselmus voller Grimm, »nur
+Deine höllischen Künste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun
+abbüßen muß. -- Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich
+sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfängt! -- Hör' es
+Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur
+Serpentina -- ich will nie Hofrat werden -- nie die Veronika schauen, die
+mich durch Dich zum Bösen verlockt! -- Kann die grüne Schlange nicht mein
+werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! -- Hebe Dich weg
+-- hebe Dich weg -- Du schnöder Wechselbalg!« -- Da lachte die Alte auf,
+daß es im Zimmer gellte und rief: »So sitze denn und verderbe, aber nun
+ist's Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Geschäft hier ist noch von anderer
+Art.« -- Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter
+Nacktheit, dann fuhr sie in Kreisen umher und große Folianten stürzten
+herab, aus denen riß sie Pergamentblätter, und diese im künstlichen Gefüge
+schnell zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen
+seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuersprühend sprang der
+schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und
+heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Tür
+verschwand. Anselmus merkte, daß sie nach dem blauen Zimmer gegangen und
+bald hörte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vögel im Garten
+schrien, der Papagei schnarrte: »Rette -- rette! Raub -- Raub!« -- In dem
+Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurückgesprungen, den goldenen Topf auf
+dem Arm tragend und mit gräßlicher Geberde wild durch die Lüfte schreiend:
+»Glück auf! -- Glück auf! -- Söhnlein -- töte die grüne Schlange! auf,
+Söhnlein, auf!« -- Es war dem Anselmus als höre er ein tiefes Stöhnen, als
+höre er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung.
+-- Er raffte alle seine Kräfte zusammen; er stieß mit Gewalt, als sollten
+Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall -- ein schneidender Klang
+fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Tür in seinem
+glänzenden damastnen Schlafrock; »Hei, hei! Gesindel, toller Spuk
+-- Hexenwerk -- hierher -- heisa!« So schrie er. Da richteten sich die
+schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen
+erglänzten von höllischem Feuer und die spitzigen Zähne des weiten Rachens
+zusammenbeißend, zischte sie: »frisch -- frisch 'raus -- zisch aus, zisch
+aus! und lachte und meckerte höhnend und spottend und drückte den goldnen
+Topf fest an sich und warf daraus Fäuste voll glänzender Erde auf den
+Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berührte, wurden Blumen
+daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des
+Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer
+brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in
+die Höhe sprang und den pergamentnen Harnisch schüttelte, verlöschten die
+Lilien und zerfielen in Asche. »Frisch darauf, mein Junge!« kreischte die
+Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Tür über
+den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und faßte
+ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, daß rotes feuriges Blut ihm aus dem
+Halse stürzte und Serpentina's Stimme rief: »Gerettet! -- gerettet!« -- Die
+Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den
+Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der dürren Fäuste
+emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser riß schnell den
+Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und
+sprühten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblättern
+und die Alte wälzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde
+aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentblätter aus den Büchern zu
+erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang
+Erde oder Pergamentblätter auf sich zu stürzen, verlöschte das Feuer. Aber
+nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen
+auf die Alte. »Hei, hei! drauf und dran -- Sieg dem Salamander!« dröhnte
+die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze
+schlängelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und
+brausend fuhren in wütendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich
+schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den
+Krallen ihn durchspießend und festhaltend, daß er in der Todesnot gräßlich
+heulte und ächzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glühenden
+Augen aus, daß der brennende Gischt herausspritzte. -- Dicker Qualm strömte
+da empor, wo die Alte zur Erde niedergestürzt unter dem Schlafrock gelegen;
+ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in
+weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet,
+verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag
+eine garstige Runkelrübe. »Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den
+überwundenen Feind,« sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius
+Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. »Sehr gut, mein
+Lieber,« antwortete der Archivarius, »hier liegt auch meine überwundene
+Feindin, besorgen Sie gütigst nunmehr das Übrige; noch heute erhalten Sie
+als ein kleines Douceur sechs Kokosnüsse und eine neue Brille, da, wie ich
+sehe, der Kater Ihnen die Gläser schändlich zerbrochen.« -- »Lebenslang der
+Ihrige, verehrungswürdiger Freund und Gönner!« versetzte der Papagei sehr
+vergnügt, nahm die Runkelrübe in den Schnabel und flatterte damit zum
+Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geöffnet.
+
+[Illustration: Der Rauch verdampfte]
+
+Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: »Serpentina,
+Serpentina!« -- Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut über den
+Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den
+Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des
+Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Würde zu ihm
+hinaufschaute. -- »Anselmus,« sprach der Geisterfürst, »nicht Du, sondern
+nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in Dein Inneres zu dringen und
+Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben.
+Du hast Deine Treue bewährt, sei frei und glücklich.« Ein Blitz zuckte
+durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken
+ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen -- seine Fibern und
+Nerven erbebten -- aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch
+das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er
+stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.
+
+
+
+
+ELFTE VIGILIE
+
+
+Des Konrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene
+Tollheit. -- Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im stärksten
+Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging. -- Veronika's
+Geständnisse. -- Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel.
+
+
+Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der
+vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis
+treiben konnte?« -- Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern
+Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in
+dessen Mitte die unglückliche Perücke in ihre ursprünglichen Bestandteile
+aufgelöst im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur Tür
+hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der
+Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den
+Köpfen aneinander rennend, bis Fränzchen den schwindligen Papa mit vieler
+Mühe ins Bett brachte und der Registrator in höchster Ermattung aufs Sofa
+sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flüchtend, verlassen. Der
+Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt,
+sah ganz blaß und melancholisch aus und stöhnte: »Ach, werter Konrektor,
+nicht der Punsch, den Mamsell Veronika köstlich bereitet, nein! -- sondern
+lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie
+denn nicht, daß er schon längst mente captus ist? Aber wissen Sie denn
+nicht auch, daß der Wahnsinn ansteckt? -- Ein Narr macht viele; verzeihen
+Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorzüglich, wenn man ein Gläschen
+getrunken, da gerät man leicht in die Tollheit und manövriert unwillkürlich
+nach und bricht aus in die Exercitia, die der verrückte Flügelmann
+vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, daß mir noch ganz schwindlig ist,
+wenn ich an den grauen Papagei denke?« -- »Ach was,« fiel der Konrektor
+ein, »Possen! -- es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der
+einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.« -- »Es
+kann sein,« versetzte der Registrator Heerbrand, »aber ich muß gestehen,
+daß mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht über hat es so
+wunderlich georgelt und gepfiffen.« -- »Das war ich«, erwiderte der
+Konrektor, »denn ich schnarche stark.« -- »Nun, mag das sein,« fuhr der
+Registrator fort, »aber Konrektor, Konrektor! -- nicht ohne Ursache hatte
+ich gestern dafür gesorgt, uns einige Fröhlichkeit zu bereiten -- aber der
+Anselmus hat mir alles verdorben. -- Sie wissen nicht -- o Konrektor,
+Konrektor!« -- Der Registrator Heerbrand sprang auf, riß das Tuch vom
+Kopfe, umarmte den Konrektor, drückte ihm feurig die Hand, rief noch einmal
+ganz herzbrechend: »O Konrektor, Konrektor!« und rannte Hut und Stock
+ergreifend schnell von dannen. »Der Anselmus soll mir nicht mehr über die
+Schwelle,« sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, »denn ich sehe nun
+wohl, daß er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr
+bißchen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert -- ich habe
+mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark
+anklopfte, könnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben.
+-- Also apage Satanas! -- fort mit dem Anselmus!« -- Veronika war ganz
+tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lächelte nur zuweilen ganz
+seltsam und war am liebsten allein. »Die hat Anselmus auch auf der Seele«,
+sagte der Konrektor voller Bosheit, »aber es ist gut, daß er sich garnicht
+sehen läßt, ich weiß, daß er sich vor mir fürchtet -- der Anselmus, deshalb
+kommt er garnicht her.« Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut,
+da stürzten der Veronika, die eben gegenwärtig, die Tränen aus den Augen
+und sie seufzte: »Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon
+längst in die gläserne Flasche eingesperrt.« -- »Wie? was?« rief der
+Konrektor Paulmann. »Ach Gott -- ach Gott, auch sie faselt schon wie der
+Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. -- Ach du verdammter
+abscheulicher Anselmus!« -- Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der
+lächelte und sagte wieder: »Ei, ei!« -- Er verschrieb aber nichts, sondern
+setzte dem wenigen, was er geäußert, noch weggehend hinzu: »Nervenzufälle!
+-- wird sich geben von selbst -- in die Luft führen -- spazieren fahren
+-- sich zerstreuen -- Theater -- Sonntagskind -- Schwestern von Prag --
+wird sich geben!« -- »So beredt war der Doktor selten,« dachte der
+Konrektor Paulmann, »ordentlich geschwätzig.« -- Mehrere Tage und Wochen
+und Monate waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der
+Registrator Heerbrand ließ sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da
+trat er in einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und
+seidenen Strümpfen, des starken Frostes unerachtet, einen großen Strauß
+lebendiger Blumen in der Hand, mittags Punkt zwölf Uhr in das Zimmer des
+Konrektors Paulmann, der nicht wenig über seinen geputzten Freund
+erstaunte. Feierlich schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor
+los, umarmte ihn mit feinem Anstande und sprach dann: »Heute an dem
+Namenstage Ihrer lieben verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn
+nun alles gerade heraussagen, was mir längst auf dem Herzen gelegen!
+Damals, an dem unglücklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem
+verderblichen Punsch in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es
+im Sinn, eine freudige Nachricht Ihnen mitzuteilen und den glückseligen Tag
+in Fröhlichkeit zu feiern; schon damals hatte ich es erfahren, daß ich
+Hofrat geworden, über welche Standeserhöhung ich jetzt das Patent cum
+nomine et sigillo principis erhalten und in der Tasche trage.« -- »Ach,
+ach! Herr Registr -- Herr Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen,« stammelte
+der Konrektor. -- »Aber Sie, verehrter Konrektor,« fuhr der nunmehrige
+Hofrat Heerbrand fort: »Sie können erst mein Glück vollenden. Schon längst
+habe ich die Mamsell Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches
+freundlichen Blickes rühmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich
+gezeigt, daß sie mir wohl nicht abhold sein dürfte. Kurz, verehrter
+Konrektor! -- ich, der Hofrat Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer
+liebenswürdigen Demoiselle Tochter Veronika, die ich, haben Sie nichts
+dagegen, in kurzer Zeit heimzuführen gedenke.« -- Der Konrektor Paulmann
+schlug voll Verwunderung die Hände zusammen und rief: »Ei -- Ei -- Ei --
+Herr Registr -- Herr Hofrat wollte ich sagen, wer hätte das gedacht! --
+Nun, wenn Veronika Sie in der Tat liebt, ich meines Teils habe nichts
+dagegen; vielleicht ist auch ihre jetzige Schwermut nur eine versteckte
+Verliebtheit in Sie, verehrter Hofrat; man kennt ja die Possen.« -- In dem
+Augenblick trat Veronika herein, blaß und verstört, wie sie jetzt
+gewöhnlich war. Da schritt der Hofrat Heerbrand auf sie zu, erwähnte in
+wohlgesetzter Rede ihres Namenstages und überreichte ihr den duftenden
+Blumenstrauß nebst einem kleinen Päckchen, aus dem ihr, als sie es öffnete,
+ein paar glänzende Ohrgehänge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende
+Röte färbte ihre Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: »Ei,
+mein Gott! Das sind ja dieselben Ohrgehänge, die ich schon vor mehreren
+Wochen trug und mich daran ergötzte!« -- »Wie ist denn das möglich?« fiel
+der Hofrat Heerbrand etwas bestürzt und empfindlich ein, »da ich dieses
+Geschmeide erst seit einer Stunde in der Schloßgasse für schmähliches Geld
+erkauft?« -- Aber die Veronika hörte nicht darauf, sondern stand schon vor
+dem Spiegel, um die Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen
+Öhrchen gehängt, zu erforschen. Der Konrektor Paulmann eröffnete ihr mit
+gravitätischer Miene und mit ernstem Ton die Standeserhöhung Freund
+Heerbrands und seinen Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit
+durchdringendem Blick an und sprach: »Das wußte ich längst, daß Sie mich
+heiraten wollten. -- Nun es sei! -- ich verspreche Ihnen Herz und Hand,
+aber ich muß Ihnen nur gleich -- Ihnen Beiden nämlich, dem Vater und dem
+Bräutigam, manches entdecken, was mir recht schwer in Sinn und Gedanken
+liegt -- jetzt gleich, und sollte darüber die Suppe kalt werden, die, wie
+ich sehe, Fränzchen soeben auf den Tisch setzt.« Ohne des Konrektors und
+des Hofrats Antwort abzuwarten, unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf
+den Lippen schwebten, fuhr Veronika fort: »Sie können es mir glauben,
+bester Vater, daß ich den Anselmus recht von Herzen liebte und als der
+Registrator Heerbrand, der nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der
+Anselmus könne es wohl zu so etwas bringen, beschloß ich, er und kein
+anderer solle mein Mann werden. Da schien es aber, als wenn fremde
+feindliche Wesen ihn mir entreißen wollten und ich nahm meine Zuflucht zu
+der alten Lise, die ehemals meine Wärterin war und jetzt eine weise Frau,
+eine große Zauberin ist. _Die_ versprach mir zu helfen und den Anselmus mir
+ganz in die Hände zu liefern. Wir gingen Mitternachts in der Tag- und
+Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie beschwor die höllischen Geister und mit
+Hilfe des schwarzen Katers brachten wir einen kleinen Metallspiegel zu
+Stande, in den ich, meine Gedanken auf den Anselmus richtend, nur blicken
+durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken zu beherrschen. -- Aber ich bereue
+jetzt herzlich das alles getan zu haben, ich schwöre allen Satanskünsten
+ab. Der Salamander hat über die Alte gesiegt, ich hörte ihr Jammergeschrei,
+aber es war keine Hilfe möglich, sowie sie als Runkelrübe vom Papagei
+verzehrt worden, zerbrach mit schneidendem Klange mein Metallspiegel.«
+Veronika holte die beiden Stücke des zerbrochenen Spiegels und eine Locke
+aus dem Nähkästchen und beides dem Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie
+fort: »Hier nehmen Sie, geliebter Hofrat, die Stücke des Spiegels, werfen
+Sie sie heute Nacht um zwölf Uhr von der Elbbrücke, und zwar von da wo das
+Kreuz steht, hinab in den Strom, der dort nicht zugefroren, die Locke aber
+bewahren Sie auf treuer Brust. Ich schwöre nochmals allen Satanskünsten ab
+und gönne dem Anselmus herzlich sein Glück, da er nunmehr mit der grünen
+Schlange verbunden, die viel schöner und reicher ist als ich. Ich will Sie,
+geliebter Hofrat, als eine rechtschaffene Frau lieben und verehren!« --
+»Ach Gott! -- ach Gott!« rief der Konrektor Paulmann voller Schmerz, »sie
+ist wahnsinnig, sie ist wahnsinnig -- sie kann nimmermehr Frau Hofrätin
+werden -- sie ist wahnsinnig!« -- »Mit nichten,« fiel der Hofrat Heerbrand
+ein, »ich weiß wohl, daß Mamsell Veronika eine Neigung für den vertrackten
+Anselmus gehegt, und es mag sein, daß sie vielleicht in einer gewissen
+Überspannung sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl
+niemand anders sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegießerin vor dem
+Seetore, kurz, die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, daß es
+wirklich wohl geheime Künste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr
+ihren feindlichen Einfluß äußern, man liest schon davon in den Alten; was
+aber Mamsell Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung
+des Anselmus mit der grünen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine
+poetische Allegorie -- gleichsam ein Gedicht, worin sie den gänzlichen
+Abschied von dem Studenten besungen.« -- »Halten Sie das wofür Sie wollen,
+bester Hofrat!« fiel Veronika ein, »vielleicht für einen recht albernen
+Traum.« -- »Keineswegs tue ich das,« versetzte der Hofrat Heerbrand, »denn
+ich weiß ja wohl, daß der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die
+ihn zu allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.« Länger konnte
+der Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: »Halt, um Gottes
+willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder übernommen im verdammten
+Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen
+Sie denn auch wieder für Zeug? -- Ich will indessen glauben, daß es die
+Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der
+Ehe, sonst wäre mir bange, daß auch _Sie_ in einigen Wahnsinn
+verfallen, verehrungswürdiger Hofrat und würde dann Sorge tragen wegen der
+Deszendenz, die das malum der Eltern vererben könnte. -- Nun, ich gebe
+meinen väterlichen Segen zu der fröhlichen Verbindung und erlaube, daß Ihr
+Euch als Braut und Bräutigam küsset.« Dies geschah sofort und es war, noch
+ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die förmliche Verlobung
+geschlossen. Wenige Wochen nachher saß die Frau Hofrätin Heerbrand
+wirklich, wie sie sich schon früher im Geiste erblickt, in dem Erker eines
+schönen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lächelnd auf die Elegants
+hinab, die vorübergehend und hinauflorgnettierend sprachen: »Es ist doch
+eine göttliche Frau, die Hofrätin Heerbrand!« -- --
+
+
+
+
+ZWÖLFTE VIGILIE
+
+
+Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst
+Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. -- Beschluß.
+
+
+Wie fühlte ich recht in der Tiefe des Gemüts die hohe Seligkeit des
+Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun
+nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er für die
+Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erfüllte Brust
+schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, günstiger
+Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur
+einigermaßen in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die
+Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich fühlte mich befangen in den Armseligkeiten
+des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in quälendem Mißbehagen, ich
+schlich umher wie ein Träumender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des
+Studenten Anselmus, den ich Dir, günstiger Leser, in der vierten Vigilie
+beschrieben. Ich härmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich
+glücklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, daß es mir wohl
+niemals vergönnt sein werde, die zwölfte als Schlußstein hinzuzufügen: denn
+so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es
+als hielten mir recht tückische Geister (es mochten wohl Verwandte
+-- vielleicht cousins germains der getöteten Hexe sein) ein glänzend
+poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, blaß, übernächtig und
+melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. -- Da
+warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem
+glücklichen Anselmus und der holden Serpentina zu träumen. So hatte das
+schon mehrere Tage und Nächte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von
+dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes
+schrieb:
+
+Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale
+meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters
+Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und quälen sich jetzt sehr ab, in der
+zwölften und letzten Vigilie einiges von seinem glücklichen Leben in
+Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das hübsche Rittergut,
+welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe,
+daß Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich
+vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend
+Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende
+Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und
+mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten könne, und
+inwiefern ihm überhaupt solide Geschäfte anzuvertrauen, da nach Gabalis und
+Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen -- unerachtet nun
+meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich könnte
+in plötzlichem Übermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und
+Sonntagsrock verderben -- unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew.
+Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel
+Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich
+wäre die beiden übrigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die
+zwölfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten fünf Treppen
+hinunter, verlassen Sie Ihr Stübchen und kommen Sie zu mir. Im blauen
+Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die gehörigen
+Schreibmaterialien und Sie können dann mit wenigen Worten den Lesern kund
+tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitläufige
+Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom Hörensagen kennen. Mit
+Achtung
+
+ Ew. Wohlgeboren ergebenster
+
+ der Salamander Lindhorst
+ p. t. königl. geh. Archivarius.
+
+Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des
+Archivarius Lindhorst war mir höchst angenehm. Zwar schien es gewiß, daß
+der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines
+Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir
+selbst, günstiger Leser, verschweigen mußte, wohl unterrichtet sei, aber er
+hatte das nicht so übel vermerkt, als ich wohl befürchten konnte. Er bot ja
+selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit
+Recht schließen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, daß
+seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt
+werde. Es kann sein, dachte ich, daß er selbst die Hoffnung daraus schöpft,
+desto eher seine beiden noch übrigen Töchter an den Mann zu bringen, denn
+vielleicht fällt doch ein Funke in dieses oder jenes Jünglings Brust, der
+die Sehnsucht nach der grünen Schlange entzündet, welche er dann in dem
+Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglück, das
+den Anselmus betroffen, als er in die gläserne Flasche gebannt wurde, wird
+er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht
+ernstlich zu hüten. Punkt elf Uhr löschte ich meine Studierlampe aus und
+schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete.
+»Sind Sie da -- Hochverehrter! -- nun das ist mir lieb, daß Sie meine
+guten Absichten nicht verkennen -- kommen Sie nur!« -- Und damit führte er
+mich durch den von blendendem Glanze erfüllten Garten in das azurblaue
+Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der
+Anselmus gearbeitet. -- Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber
+gleich wieder mit einem schönen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine
+blaue Flamme hoch emporknisterte. »Hier,« sprach er, »bringe ich Ihnen das
+Lieblingsgetränk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. --
+Es ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie
+was weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner
+Lust, und um, während Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten
+Gesellschaft zu genießen, in dem Pokal auf- und niedersteigen.« -- »Wie es
+Ihnen gefällig ist, verehrter Herr Archivarius,« versetzte ich; »aber wenn
+ich nun von dem Getränk genießen will, werden Sie nicht« -- »Tragen Sie
+keine Sorge, mein Bester!« rief der Archivarius, warf den Schlafrock
+schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und
+verschwand in den Flammen. -- Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise
+weghauchend, von dem Getränk, es war köstlich!
+
+ * * * * *
+
+Rühren sich nicht in sanftem Säuseln und Rauschen die smaragdenen Blätter
+der Palmbäume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? -- Erwacht aus
+dem Schlafe heben und regen sie sich und flüstern geheimnisvoll von den
+Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentöne verkünden! -- Das
+Azur löst sich von den Wänden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder,
+aber blendende Strahlen schießen durch den Duft, der sich wie in
+jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur
+unermeßlichen Höhe, die sich über den Palmbäumen wölbt. -- Aber immer
+blendender häuft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich
+der unabsehbare Hain aufschließt, in dem ich den Anselmus erblicke.
+-- Glühende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schönen Häupter
+und ihre Düfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glücklichen zu: wandle,
+wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst -- unser Duft ist die
+Sehnsucht der Liebe -- wir lieben Dich und sind Dein immerdar! -- Die
+goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe
+entzündet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen
+wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! -- Es rischeln und
+rauschen die dunklen Büsche -- die hohen Bäume: Komme zu uns!
+-- Glücklicher! -- Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser
+kühler Schatten. Wir umsäuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns,
+weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. -- Die Quellen und Bäche plätschern
+und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser
+Kristall -- Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast
+uns verstanden! -- Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vöglein: Höre
+uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe!
+-- Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich
+in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die
+Kapitäle und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und
+Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er
+betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten
+Stufen. »Ach nein,« ruft er wie im Übermaß des Entzückens, »sie ist nicht
+mehr fern!« Da tritt in hoher Schönheit und Anmut Serpentina aus dem Innern
+des Tempels, sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie
+entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glüht in den
+holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: »Ach,
+Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen -- das Höchste ist
+erfüllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« Anselmus
+umschlingt sie mit der Inbrunst des glühendsten Verlangens -- die Lilie
+brennt in flammenden Strahlen über seinem Haupte. Und lauter regen sich
+die Bäume und die Büsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen
+-- die Vögel -- allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln -- ein
+frohes, freudiges, jubelndes Getümmel in der Luft -- in den Wässern -- auf
+der Erde feiert das Fest der Liebe! -- Da zucken Blitze überall leuchtend
+durch die Büsche -- Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde
+-- hohe Springbäche strahlen aus den Quellen -- seltsame Düfte wehen mit
+rauschendem Flügelschlag daher, -- es sind die Elementargeister, die der
+Lilie huldigen und des Anselmus Glück verkünden. -- Da erhebt Anselmus das
+Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklärung umflossen. -- Sind es Blicke?
+-- sind es Worte? -- ist es Gesang? -- Vernehmlich klingt es: »Serpentina!
+-- der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur
+erschlossen! -- Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der
+Urkraft der Erde, noch ehe Phosphorus den Gedanken entzündete, entsproß --
+sie ist die Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser
+Erkenntnis lebe ich in höchster Seligkeit immerdar. -- Ja, ich
+Hochbeglückter habe das Höchste erkannt -- ich muß Dich lieben ewiglich, o
+Serpentina! -- nimmer verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie
+Glaube und Liebe, ist ewig die Erkenntnis.«
+
+ * * * * *
+
+Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute
+in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Künsten des Salamanders und
+herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem
+Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich
+von mir selbst aufgeschrieben fand. -- Aber nun fühlte ich mich von jähem
+Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach glücklicher Anselmus, der Du die
+Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden
+Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude
+auf Deinem Rittergut in Atlantis! -- Aber ich Armer! -- bald -- ja in
+wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein
+Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen und die
+Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick
+ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals
+die Lilie schauen werde.« -- Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise
+auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so!
+-- Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch
+dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres
+innern Sinns? -- Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als
+das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als
+tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?«
+
+ * * * * *
+
+ Ende des Märchens.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***
+
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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