summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--17362-8.txt3207
-rw-r--r--17362-8.zipbin0 -> 81708 bytes
-rw-r--r--17362-h.zipbin0 -> 663707 bytes
-rw-r--r--17362-h/17362-h.htm3300
-rw-r--r--17362-h/images/01.jpgbin0 -> 62257 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/02.jpgbin0 -> 38694 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/03.jpgbin0 -> 64868 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/04.jpgbin0 -> 55372 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/05.jpgbin0 -> 44732 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/06.jpgbin0 -> 48472 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/07.jpgbin0 -> 86325 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/08.jpgbin0 -> 62379 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/09.jpgbin0 -> 45991 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/10.jpgbin0 -> 44743 bytes
-rw-r--r--17362-h/images/11.jpgbin0 -> 37339 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
18 files changed, 6523 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/17362-8.txt b/17362-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..b8c9d83
--- /dev/null
+++ b/17362-8.txt
@@ -0,0 +1,3207 @@
+The Project Gutenberg eBook, Der Goldene Topf, by E. T. A. Hoffmann,
+Illustrated by Edmund Schaefer
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Der Goldene Topf
+
+
+Author: E. T. A. Hoffmann
+
+
+
+Release Date: December 20, 2005 [eBook #17362]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***
+
+
+E-text prepared by Robert Kropf and the Project Gutenberg Online
+Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net/)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 17362-h.htm or 17362-h.zip:
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h/17362-h.htm)
+ or
+ (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h.zip)
+
+ _ gesperrter Text / spaced text
+ [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+
+
+
+
+
+DER GOLDENE TOPF
+
+von
+
+E.T.A. HOFFMANN:
+
+Mit 11 Federzeichnungen von Edmund Schaefer
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration: Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden]
+
+
+
+Erstes bis fünftes Tausend
+Verlag von Gustav Kiepenheuer Weimar 1913
+
+
+
+
+ERSTE VIGILIE.
+
+
+Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann
+Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen.
+
+
+Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in
+Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und
+Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß Alles, was der
+Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die
+Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr
+zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die
+Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen
+Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er,
+vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders
+gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell
+einsteckte. Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der
+junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja, renne -- renne nur
+zu, Satanskind -- ins Kristall bald Dein Fall -- ins Kristall! -- Die
+gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß
+die Spaziergänger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst
+verbreitet, mit einem Mal verstummte. -- Der Student Anselmus (niemand
+anders war der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes
+sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkürlichen Grausen
+ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn
+gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun
+durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er überall
+murmeln: »Der arme junge Mann -- ei! über das verdammte Weib!« -- Auf ganz
+sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem
+lächerlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so daß man
+dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer
+verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern
+Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings alles
+Ungeschick, so wie den ganz außer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug.
+Sein hechtgrauer Frack war nämlich so zugeschnitten, als habe der
+Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hörensagen gekannt,
+und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen
+gewissen magistermäßigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung
+durchaus nicht fügen wollte. -- Als der Student schon beinahe das Ende der
+Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade führt, wollte ihm beinahe der
+Atem ausgehen. Er war genötigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den
+Blick in die Höhe zu richten, denn noch immer sah er die Äpfel und Kuchen
+um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war
+ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelächters am schwarzen Tor. So war er
+bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich
+gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten
+ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der
+lustigen Gäste. Die Tränen wären dem armen Studenten Anselmus beinahe in
+die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein
+besonderes Familienfest für ihn gewesen, an der Glückseligkeit des
+Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion
+Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so
+recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt
+und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den Äpfelkorb um
+alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an
+Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen -- kurz -- an alle geträumten
+Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich
+den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem
+Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein
+freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife
+von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann,
+geschenkt. -- Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben
+Wellen des schönen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche
+Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen
+Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch
+grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge
+Kunde vom fernen Böhmerland. Aber finster vor sich hinblickend blies der
+Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich
+laut, indem er sprach: »Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz
+und Elend geboren! -- Daß ich niemals Bohnenkönig geworden, daß ich im Paar
+oder Unpaar immer falsch geraten, daß mein Butterbrot immer auf die fette
+Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist
+es nicht ein schreckliches Verhängnis, daß ich, als ich denn doch nun dem
+Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke sein und bleiben
+mußte? -- Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal
+einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem übeleingeschlagenen
+Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich wohl je einen Herrn
+Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar
+auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich
+nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis
+vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt,
+meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges
+Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit
+gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich
+vor die Tür hinstellte, den Drücker in der Hand? denn so wie ich mit dem
+Glockenschlage aufdrücken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken über
+den Kopf, oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß ich
+in tausend Händel verwickelt wurde und darüber Alles versäumte. -- Ach!
+ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz
+wähnte, ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber
+hat mir mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? -- Ich weiß, daß
+der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden
+mag; mit Mühe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem
+Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die unglückselige
+Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschnüffelt, apportiert im Jubel
+das Zöpfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und stürze
+über den Tisch, an dem er frühstückend gearbeitet hat, so daß Tassen,
+Teller, Tintenfaß, Sandbüchse klirrend herabstürzen, und der Strom von
+Schokolade und Tinte sich über die eben geschriebene Relation ergießt.
+Herr, sind Sie des Teufels? brüllt der erzürnte geheime Rat und schiebt
+mich zur Tür hinaus. -- Was hilft es, daß mir der Konrektor Paulmann
+Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern
+zulassen, der mich überall verfolgt? -- Nur noch heute! -- Ich wollte den
+lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemütlichkeit feiern, ich wollte
+ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte eben so gut wie jeder andre
+Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Marqueur -- eine Flasche Doppelbier
+-- aber vom besten bitte ich! -- Ich hätte bis spät Abends sitzen können,
+und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich
+geputzter schöner Mädchen. Ich weiß es schon, der Mut wäre mir gekommen,
+ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich hätte es so weit
+gebracht, daß wenn diese oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt
+sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da wäre ich mit leichtem
+Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder über die Bank zu
+stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorwärts bewegend,
+hätte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die
+Ouvertüre aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen.
+-- Hätte mir das ein Mensch in der Welt übel deuten können? -- Nein! sage
+ich, die Mädchen hätten sich so schalkhaft lächelnd angesehen, wie es wohl
+zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, daß ich mich auch
+wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen weiß. Aber
+da führt mich der Satan in den verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in
+der Einsamkeit meinen Sanitätsknaster -- « Hier wurde der Student Anselmus
+in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln
+unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die
+Zweige und Blätter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich über seinem
+Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald
+als kosten Vöglein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen
+Hin- und Herflattern rührend. Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und
+es war als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Anselmus
+horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und
+Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:
+
+ Zwischen durch -- zwischen ein -- zwischen Zweigen, zwischen
+ schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns --
+ Schwesterlein -- Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer -- schnell,
+ schnell herauf -- herab -- Abendsonne schießt Strahlen, zischelt
+ der Abendwind -- raschelt der Abendwind -- raschelt der Tau --
+ Blüten singen -- rühren wie Zünglein, singen wir mit Blüten und
+ Zweigen -- Sterne bald glänzen -- müssen herab -- zwischen durch,
+ zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns
+ Schwesterlein. --
+
+So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte:
+das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich
+verständlichen Worten flüstert. -- Aber in dem Augenblick ertönte es über
+seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf
+und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die
+Zweige gewickelt hatten und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten.
+Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein
+schlüpften und kosten auf und nieder durch die Blätter und Zweige; und wie
+sie sich so schnell rührten, da war es als streue der Holunderbusch tausend
+funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die
+so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da
+ertönten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr
+Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein
+elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten -- er starrte hinauf, und ein
+Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher
+Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des
+tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen
+Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten stärker in
+lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen
+auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um ihn herflackernd
+und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch rührte sich und
+sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß Dich, aber Du
+verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe
+entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »Ich umspielte Deine
+Schläfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn
+ihn die Liebe entzündet.« Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk und
+der Schein brannte wie in Worten: »Ich umgoß Dich mit glühendem Gold, aber
+Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe
+entzündet.«
+
+Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen
+Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte
+und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüten
+dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend
+Flötenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen
+vorüberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl
+der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die Dämmerung ihren
+Flor über die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe
+Stimme:
+
+Hei, hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? -- Hei,
+hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug
+gesungen. -- Hei, hei! durch Busch und Gras -- durch Gras und Strom! --
+Hei, -- hei -- Her u -- u -- u nter -- Her u -- u -- u nter!
+
+So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die
+Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und
+Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras
+nach dem Strome schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in
+die Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes
+Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend
+verdampfte.
+
+
+
+
+ZWEITE VIGILIE.
+
+
+Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. --
+Die Fahrt über die Elbe. -- Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun.
+Conradis Magen-Likör und das bronzierte Äpfelweib.
+
+
+»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau,
+die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit
+übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus
+zusah. _Der_ hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und
+rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal
+blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal
+laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr
+holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in
+Schmerz und heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der
+tiefsten Brust recht kläglich, und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld
+den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und
+unvernehmlich mit den Blättern rauschte, und so den Schmerz des Studenten
+Anselmus ordentlich zu verhöhnen schien. -- »Der Herr ist wohl nicht recht
+bei Troste,« sagte die Bürgersfrau, und dem Anselmus war es so, als würde
+er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen,
+um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er
+war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu
+getrieben habe, ganz allein für sich selbst in laute Worte auszubrechen.
+Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der
+zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen
+auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm
+getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich stützend mit Verwunderung
+dem Studenten zugehört und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel
+auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend:
+»Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er
+nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als daß Er zu viel ins
+Gläschen geguckt -- geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs
+Ohr!« Der Student Anselmus schämte sich sehr, er stieß ein weinerliches
+Ach! aus. -- »Nun, nun«, fuhr der Bürgersmann fort, »laß es der Herr nur
+gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann
+man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlückchen über den Durst tun.
+
+[Illustration: Der Student]
+
+Das passiert auch wohl einem Manne Gottes -- der Herr ist ja doch wohl
+ein Kandidat. -- Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein
+Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.« Dies
+sagte der Bürger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel
+einstecken wollte, und nun reinigte der Bürger langsam und bedächtig seine
+Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere Bürgermädchen waren
+dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit
+einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als stände er auf
+lauter spitzigen Dornen und glühenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und
+Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er
+Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedächtnis geschwunden, und er
+besann sich nur, daß er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz
+laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher
+einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan
+schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der
+Tat. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae
+gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich. Schon wollte er in
+die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter
+ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend
+Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden
+gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues Unglück
+auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Herr Anselmus,
+so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! -- Nun vernahm der
+Student erst, daß es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief;
+er ging zurück an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden
+Töchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in
+eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit
+ihm über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt
+gelegenen Wohnung Abends über bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das
+recht gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängnis, das heute über
+ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab
+es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein
+Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in
+die Höhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften, tausend
+knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß
+in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den
+Widerschein der in der Luft herumsprühenden und knisternden Funken und
+Flammen erblickte, da war es ihm als zögen die goldnen Schlänglein durch
+die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat
+wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die
+unaussprechliche Sehnsucht, das glühende Verlangen, welches dort seine
+Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken erschüttert. »Ach, seid ihr es
+denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange
+erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen -- ach, seid
+ihr denn unter den Fluten!« -- So rief der Student Anselmus und machte
+dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die
+Flut stürzen. »Ist der Herr des Teufels?« rief der Schiffer, und erwischte
+ihn beim Rockschoß. Die Mädchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im
+Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator
+Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser
+mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte
+verstand: »Dergleichen Anfälle -- noch nicht bemerkt?« -- Gleich nachher
+stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen
+ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand
+nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus
+vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller
+Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl
+deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein
+gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber
+ein nie gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog
+krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder
+ins Wasser hineinschlug, daß es wie im Zorn sich emporkräuselnd plätscherte
+und rauschte, da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und
+Flüstern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir
+herziehen? -- Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an -- glaube -- glaube
+-- glaube an uns! -- Und es war ihm, als säh er im Widerschein drei
+grünglühende Streifen. Aber als er dann recht wehmütig ins Wasser
+hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut
+herausschauen würden, da gewahrte er wohl, daß der Schein nur von den
+erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und
+im Innern mit sich kämpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch
+heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmütig antwortete der
+Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten, was ich eben unter
+dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen
+Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach, Sie würden mir es gar
+nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend -- Ei, ei, Herr Anselmus,
+fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer für einen soliden
+jungen Mann gehalten, -- aber träumen -- mit hellen offenen Augen träumen,
+und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das -- verzeihen Sie
+mir, können nur Wahnwitzige oder Narren! -- Der Student Anselmus wurde ganz
+betrübt über seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns älteste Tochter
+Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Aber,
+lieber Vater, es muß dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein,
+und er glaubt vielleicht nur, daß er gewacht habe, unerachtet er unter dem
+Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei närrisches Zeug
+vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. -- Und, teuerste Mademoiselle,
+werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn
+nicht auch wachend in einen gewissen träumerischen Zustand versinken
+können? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in
+einem solchen Hinbrüten, dem eigentlichen Moment körperlicher und geistiger
+Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenstücks wie durch Inspiration
+eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche
+große lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher.
+Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben
+immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verfällt man leicht
+in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es
+wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten Lage, für betrunken oder
+wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster
+geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht
+schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm jedoch jenes wunderbare
+Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam.
+Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer
+unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fühlte sich so leicht und
+froh, ja er trieb es wie im lustigen Übermute so weit, daß er bei dem
+Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hülfreiche
+Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie
+mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er
+nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige
+Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas weißes Kleid nur ganz wenig
+bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die glückliche Änderung des
+Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten
+Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja,
+fügte er hinzu, man hat wohl Beispiele, daß oft gewisse Phantasmata dem
+Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können; das ist
+aber körperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia,
+dem Hintern appliziert, wie ein berühmter bereits verstorbener Gelehrter
+bewiesen. Der Student Anselmus wußte nun in der Tat selbst nicht, ob er
+betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber
+die Blutigel ganz unnütz, da die etwaigen Phantasmata gänzlich verschwunden
+und er sich immer heiterer fühlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei
+Artigkeiten um die hübsche Veronika zu bemühen. Es wurde wie gewöhnlich
+nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mußte sich
+ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle klare Stimme hören. --
+Werte Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme
+wie eine Kristallglocke! -- »Das nun wohl nicht!« fuhr es dem Studenten
+heraus, er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und
+betroffen an. -- »Kristallglocken tönen in Holunderbäumen wunderbar!
+wunderbar!« fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte
+Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da,
+Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu
+spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator
+Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine
+Bravourarie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte
+noch manches, und ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das
+der Konrektor Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fröhlichste
+Stimmung. Es war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff
+nach Hut und Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin
+und sprach: Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn
+Anselmus selbst -- nun! wovon wir vorhin sprachen -- Mit tausend Freuden,
+erwiderte der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise
+gesetzt, ohne weiteres in folgender Art: »Es ist hier im Orte ein alter
+wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime
+Wissenschaften; da es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte
+ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen
+experimentierenden Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen
+Archivarius Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen
+alten Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in
+seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber
+niemanden hineinläßt. Er besitzt außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl
+zum Teil arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner
+bekannten Sprache angehören, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf
+geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich
+darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der größten Genauigkeit
+und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu
+können. Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner
+Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch während der Arbeit jeden
+Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn
+die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist täglich von
+zwölf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er
+schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene
+Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet,
+ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht,
+lieber Herr Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber schreiben,
+als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in
+dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den
+Speziestaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie
+sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen
+bekannt sein wird. Aber hüten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fällt er
+auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf
+das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster
+hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.« -- Der Student Anselmus war
+voll inniger Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht
+allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch
+seine wahre Passion, mit mühsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben;
+er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und
+versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah
+der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und hörte ihren
+lieblichen Klang. -- Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche
+Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick betrogen, jeden Heller zu Rate
+halten und manchem Genuß, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen
+mußte. Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine
+Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er,
+kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen
+musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine
+Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das
+Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein
+besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich
+beim ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche
+zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in
+den Staub, als er schon sauber abgebürstet. -- Kurz! -- Punkt halb zwölf
+Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen
+schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und
+Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradis Laden
+und trank -- eins -- zwei Gläschen des besten Magenlikörs; denn hier,
+dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald
+Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame
+Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war
+der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und
+schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten
+die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der
+Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene
+Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden
+Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen
+Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern
+schnarrte es: »Du Narre -- Narre -- Narre -- warte, warte! warum warst
+hinausgerannt! Narr!« -- Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er
+wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur
+und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen,
+und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein
+Fall ins Kristall! -- Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im
+krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte
+sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand
+und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die
+mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den
+Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn
+rot färbend. -- Töte mich, töte mich! wollte er schreien in der
+entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. -- Die
+Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem
+Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jählings
+die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. -- Als er wieder
+zu sich selbst kam, lag er auf seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand
+aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels
+Willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!
+
+[Illustration: Anselmus und die Schlange]
+
+
+
+
+DRITTE VIGILIE.
+
+
+Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue
+Augen. Der Registrator Heerbrand.
+
+
+Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in
+schäumenden Wogen und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihre
+schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende
+Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrönten Häupter empor, das
+Tal schützend, bis es die Sonne in ihren mütterlichen Schoß nahm und es
+umfassend mit ihren Strahlen wie mit glühenden Armen pflegte und wärmte. Da
+erwachten tausend Keime, die unter dem öden Sande geschlummert, aus dem
+tiefen Schlafe und streckten ihre grünen Blättlein und Halme zum Angesicht
+der Mutter hinauf, und wie lächelnde Kinder in grüner Wiege, ruhten in den
+Blüten und Knospen Blümlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten
+und sich schmückten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf
+tausendfache Weise bunt gefärbt. Aber in der Mitte des Tals war ein
+schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen,
+wenn glühende Sehnsucht sie schwellt. -- Aus den Abgründen rollten die
+Dünste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie
+das Angesicht der Mutter feindlich zu verhüllen; die rief aber den Sturm
+herbei, der fuhr zerstäubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den
+schwarzen Hügel berührte, da brach im Übermaß des Entzückens eine herrliche
+Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der
+Mutter süße Küsse zu empfangen. -- Nun schritt ein glänzendes Leuchten in
+das Tal! es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte
+von heißer, sehnsüchtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du
+schöner Jüngling! denn ich liebe Dich und muß vergehen, wenn Du mich
+verlassest. Da sprach der Jüngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du
+schöne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter
+verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst größer und
+mächtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir
+freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohltätig erwärmt, wird
+in hundert Strahlen zerspaltet Dich quälen und martern; denn der Sinn wird
+die Sinne gebären, und die höchste Wonne, die der Funke entzündet, den ich
+in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst,
+um aufs neue fremdartig emporzukeimen. -- Dieser Funke ist der Gedanke!
+-- Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in
+mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann
+ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da küßte sie der
+Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in
+Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale
+entfliehend im unendlichen Raume herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die
+Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling. Der klagte um die
+verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der
+schönen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre Häupter
+teilnehmend vor dem Jammer des Jünglings. Aber einer öffnete seinen Schoß
+und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und
+sprach: meine Brüder, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets
+munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend
+erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es
+auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittich; da war es wieder die
+Lilie, aber der bleibende Gedanke zerriß ihr Innerstes und die Liebe zu dem
+Jüngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen
+Dünsten angehaucht, die Blümlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut,
+verwelkten und starben. Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende
+Rüstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kämpfte mit dem
+Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, daß er hell
+erklang; und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und
+umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden und der
+besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der
+Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer
+Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja
+selbst die hohen Granitfelsen als Königin des Tals. -- Erlauben Sie, das
+ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator
+Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun
+pflegen, uns etwas aus Ihrem höchst merkwürdigen Leben, etwa von Ihren
+Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erzählen. -- Nun was denn?
+erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erzählt, ist das
+Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und gehört in
+gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her,
+und die Feuerlilie, die zuletzt als Königin herrschte, ist meine
+Ur-ur-ur-ur-Großmutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin.
+-- Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. -- Ja lacht nur recht
+herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich
+freilich nur in ganz dürftigen Zügen erzählt habe, unsinnig und toll
+vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder
+auch nur allegorisch gemeint, sondern buchstäblich wahr. Hätte ich aber
+gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine
+Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber
+manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch
+mitbrachte. -- »Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius?
+-- Wo ist er denn -- wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten, oder
+vielleicht ein privatisierender Gelehrter?« So fragte man von allen Seiten.
+-- »Nein!« erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise
+nehmend, »er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die
+Drachen gegangen.« -- »Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester
+Archivarius,« nahm der Registrator Heerbrand das Wort, »unter die Drachen?«
+-- »Unter die Drachen?« hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach.
+-- »Ja, unter die Drachen«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich
+war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], daß mein Vater vor
+ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreihundertfünfundachtzig
+Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling,
+einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir
+zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche
+Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bösen
+Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging
+stehenden Fußes unter die Drachen. Jetzt hält er sich in einem
+Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berühmten mystischen
+Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein
+Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein
+Viertelstündchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete
+besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzählen, was es
+gutes Neues an den Quellen des Nils gibt.« -- Zum zweiten Male brachen die
+Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus, aber dem Studenten Anselmus
+wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum
+in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst
+unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar
+metallartig tönende Stimme des Archivarius Lindhorst für ihn etwas
+geheimnisvoll Eindringendes, daß er Mark und Bein erzittern fühlte. Der
+eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das
+Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach
+jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nämlich der
+Student Anselmus nicht dahin zu vermögen gewesen, den Besuch zum zweiten
+Male zu wagen; denn nach seiner innigsten Überzeugung hatte nur der Zufall
+ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit.
+Der Konrektor Paulmann war eben durch die Straße gegangen, als er ganz von
+Sinnen vor der Haustür lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und
+Äpfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn beschäftigt war. Der Konrektor Paulmann
+hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause
+transportiert. »Man mag von mir denken, was man will«, sagte der Student
+Anselmus, »man mag mich für einen Narren halten oder nicht -- genug! -- an
+dem Türklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen
+Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden;
+aber wäre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und hätte das verwünschte
+Äpfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich
+beschäftigte Weib), mich hätte augenblicklich der Schlag gerührt, oder ich
+wäre wahnsinnig geworden.« Alles Zureden, alle vernünftigen Vorstellungen
+des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar
+nichts, und selbst die blauäugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem
+gewissen tiefsinnigen Zustande zu reißen, in den er versunken. Man hielt
+ihn nun in der Tat für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen,
+worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher sein
+könne als die Beschäftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nämlich das
+Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf
+gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der
+Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beinahe jeden Abend ein gewisses
+bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden
+Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein
+Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene
+Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft des Abschreibens
+der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst
+annahm. »Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen
+Menschen zur Raison bringen,« sagte der Konrektor Paulmann. -- »Gottes
+Lohn!« wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und
+lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht
+artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! -- Als der Archivarius Lindhorst
+eben mit Hut und Stock zur Tür hinausschreiten wollte, da ergriff der
+Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit
+ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: »Geschätztester Herr
+geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein
+geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte
+kopieren will.« -- »Das ist mir ganz ungemein lieb,« erwiderte der
+Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den
+Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei
+Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe hinab, so daß beide ganz
+verblüfft dastanden und die Stubentür anguckten, die er dicht vor ihnen
+zugeschlagen, daß die Angeln klirrten. »Das ist ja ein ganz wunderlicher
+alter Mann,« sagte der Registrator Heerbrand, -- »Wunderlicher alter Mann,«
+stotterte der Student Anselmus nach, fühlend, wie ein Eisstrom ihm durch
+alle Adern fröstelte, daß er beinahe zur starren Bildsäule geworden. Aber
+alle Gäste lachten und sagten: »Der Archivarius war heute einmal wieder in
+seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß sanftmütig und spricht kein
+Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen;
+man muß sich daran gar nicht kehren.« -- »Das ist auch wahr« dachte der
+Student Anselmus, »wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr
+Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine
+Manuskripte kopieren wolle? -- Und warum vertrat ihm auch der Registrator
+Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? -- Nein, nein, es
+ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius
+Lindhorst, und liberal erstaunlich -- nur kurios in absonderlichen
+Redensarten. -- Allein was schadet das mir? -- Morgen gehe ich hin Punkt
+zwölf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte Äpfelweiber dagegen.«
+
+
+
+
+VIERTE VIGILIE
+
+
+Melancholie des Studenten Anselmus. -- Der smaragdene Spiegel. -- Wie
+Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davonflog und der Student Anselmus
+niemandem begegnete.
+
+
+Wohl darf ich geradezu Dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob Du in
+Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all'
+Dein gewöhnliches Tun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen erregte,
+und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und
+Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erschien. Du
+wußtest dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest.
+Ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher,
+den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden,
+den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht
+auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem
+unbekannten Etwas, das Dich überall, wo Du gingst und standest, wie ein
+duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden
+Gestalten umschwebte, verstummtest Du für alles was Dich hier umgab. Du
+schlichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles,
+was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander
+treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest
+Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, günstiger Leser, jemals so zu Mute
+gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich
+der Student Anselmus befand. Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon
+jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft
+vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich
+dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so
+viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben
+ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir
+bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den
+Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen
+den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet
+wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden
+umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll
+herrlicher Wunder, die die höchste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in
+gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin ihren Schleier
+lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen -- aber ein Lächeln
+schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der
+in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit
+ihren liebsten Kindern tändelt -- ja, in diesem Reiche, das uns der Geist
+so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die
+bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen
+Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß Dir
+jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wohl meintest, welches
+ich nun eben recht herzlich wünsche, und Dir in der seltsamen Geschichte
+des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. -- Also, wie gesagt, der Student
+Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst
+gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, daß [das] ihn für jede äußere
+Berührung des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte. Er fühlte, wie ein
+unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen
+Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein
+anderes, höheres Sein verheißt. Am liebsten war es ihm, wenn er allein
+durch Wiesen und Wälder schweifen und wie losgelöst von allem, was ihn an
+sein dürftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder,
+die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte.
+So kam es denn, daß er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend,
+bei jenem merkwürdigen Holunderbusch vorüberschritt, unter dem er damals
+wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fühlte sich
+wunderbarlich von dem grünen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum
+hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in
+einer himmlischen Verzückung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt
+aus seiner Seele verdrängt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben
+vorschwebte, als sähe er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals
+war es ihm, daß die holdseligen blauen Augen der goldgrünen Schlange
+angehören, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und daß in
+den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockentöne
+hervorblitzen mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten. So wie
+damals am Himmelfahrtstage, umfaßte er den Holunderbaum und rief in die
+Zweige und Blätter hinein: »Ach nur noch einmal schlängle und schlinge und
+winde Dich, Du holdes grünes Schlänglein, in den Zweigen, daß ich Dich
+schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen!
+Ach ich liebe Dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht
+wiederkehrst!« Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte
+der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern.
+Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem
+Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer
+unendlichen Sehnsucht zerreiße. »Ist es denn etwas anderes,« sprach er,
+»als daß ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du
+herrliches goldenes Schlängelein, ja daß ich ohne Dich nicht zu leben
+vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht
+wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens -- aber ich
+weiß es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Träume aus einer
+andern höhern Welt mir verheißen, erfüllt sein.« -- Nun ging der Student
+Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr
+funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust
+mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden
+Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein. Als er dieses wieder einmal nach
+gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einem
+weiten lichtgrauen Überrock gehüllt und rief, indem er ihn mit seinen
+großen feurigen Augen anblitzte: »Hei, hei, was klagt und winselt denn da?
+-- Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren
+will.« Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme;
+denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei!
+was ist das für ein Gemunkel und Geflüster usw. Er konnte vor Staunen und
+Schreck kein Wort herausbringen. -- »Nun, was ist Ihnen denn, Herr
+Anselmus?« fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann
+im weißgrauen Überrock), »was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?« --
+Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht, den
+Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er
+sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er
+seine schönen Träume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die
+schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art
+Verzweiflung und er brach ungestüm los: »Sie mögen mich nun für wahnsinnig
+halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier
+auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrüne Schlange
+-- ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen
+Kristalltönen, aber Sie -- Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so
+schrecklich übers Wasser her.« -- »Wie das, mein Gönner?« unterbrach ihn
+der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise
+nahm. -- Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte,
+als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es
+war ihm als sei es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu
+beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm
+sich zusammen, sprechend: »Nun, so will ich denn alles erzählen, was mir an
+dem Himmelfahrtsabende Verhängnisvolles begegnet und dann mögen Sie reden
+und tun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.« -- Er erzählte nun
+wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in
+den Äpfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrünen Schlangen übers
+Wasser und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten.
+»Das alles,« schloß der Student Anselmus, »habe ich wirklich gesehen und
+tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen,
+die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor
+Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen
+glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werter Herr Archivarius,
+wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugnis meiner
+erhitzten, überspannten Einbildungskraft halten.« -- »Mit nichten,«
+erwiderte der Archivarius in der größten Ruhe und Gelassenheit, »die
+goldgrünen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen,
+waren nun eben meine drei Töchter, und daß Sie sich in die blauen Augen der
+jüngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich
+wußte es übrigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am
+Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich
+den losen Dirnen zu, daß es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne
+ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken
+erlustigt!« -- Dem Studenten Anselmus war es als würde ihm nur etwas mit
+deutlichen Worten gesagt, was er längst geahnt; und ob er gleich zu
+bemerken glaubte, daß sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle
+Gegenstände rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch
+zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius ließ ihn nicht zu
+Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und
+indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines
+Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her,
+werter Herr Anselmus, Sie können darüber, was Sie erblicken, eine Freude
+haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie
+aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen
+verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in
+mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander
+schlingend, die drei goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften. Und wenn
+die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da
+erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte
+wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus und die
+dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn -- glaubst Du denn an
+mich, Anselmus? -- nur in dem Glauben ist Liebe -- kannst Du denn lieben?
+-- O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem
+Entzücken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel,
+da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurück, und
+an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, über den der
+Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schlänglein gesehen,
+Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte
+der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der
+Archivarius Lindhorst fort, genug für heute! übrigens können Sie ja, wenn
+Sie sich entschließen wollen bei mir zu arbeiten, meine Töchter oft genug
+sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergnügen verschaffen,
+wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das heißt: mit der größten
+Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar
+nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie
+würden sich nächstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens
+gewartet. -- Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte,
+war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit
+beiden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus, und
+der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichgültige Ton,
+in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren
+Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas
+Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus
+den knöchernen Höhlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Gehäuse
+hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht
+dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause
+bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erzählte. Nur mit
+Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es über sich, alles zu
+erzählen, was ihm an der Haustür begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der
+Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, lieber Herr Anselmus,
+ich kenne wohl das Äpfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine
+fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat
+bronzieren lassen, um als Türklopfer die mir angenehmen Besuche zu
+verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie
+doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und
+wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst
+etwas Weniges von diesem Likör auf die Nase tröpfeln; dann wird sich
+sogleich alles geben.
+
+[Illustration: Wie ein großer Vogel]
+
+Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will
+ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zurückzukehren. Adieu! auf
+Wiedersehen, morgen um zwölf Uhr. -- Der Archivarius hatte dem Studenten
+Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Likör gegeben und nun
+schritt er rasch von dannen, so daß er in der tiefen Dämmerung, die
+unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen
+schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der
+Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie
+ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten und es dem Studenten
+Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite
+ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. -- Wie der Student nun
+so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrei
+ein weißgrauer Geier hoch in die Lüfte und er merkte nun wohl, daß das
+weiße Geflatter, das er noch immer für den davonschreitenden Archivarius
+gehalten, schon eben der Geier gewesen sein müsse, unerachtet er nicht
+begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden.
+»Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr
+Archivarius Lindhorst,« sprach der Student Anselmus zu sich selbst; »denn
+ich sehe und fühle nun wohl, daß alle die fremden Gestalten aus einer
+fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen
+Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr
+Spiel mit mir treiben. -- Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und glühst
+in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche
+Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt. Ach, wann werde ich in Dein
+holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina!« -- -- So rief der
+Student Anselmus ganz laut. -- »Das ist ein schnöder unchristlicher Name,«
+murmelte eine Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergänger
+gehörte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte
+raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: wäre es
+nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der
+Registrator Heerbrand begegnete! -- Aber er begegnete keinem von beiden.
+
+
+
+
+FÜNFTE VIGILIE
+
+
+Die Frau Hofrätin Anselmus. -- Cicero de officiis. -- Meerkatzen und
+anderes Gesindel. -- Die alte Lise. -- Das Aequinoctium.
+
+
+Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der
+Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind
+fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die
+besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind.
+Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll lächelnd:
+Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das
+ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage:
+viel, so heißt das: ein geheimer Sekretär, oder wohl gar ein Hofrat. -- Hof
+-- fing der Konrektor im größten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken.
+-- Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich weiß, was ich
+weiß! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und
+kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu
+mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird
+was; -- und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen -- still -- still
+-- sprechen wir uns übers Jahr! -- Mit diesen Worten ging der Registrator
+in fortwährendem schlauem Lächeln zur Tür hinaus und ließ den vor Erstaunen
+und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf
+Veronika hatte das Gespräch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's
+denn nicht schon immer gewußt, dachte sie, daß der Herr Anselmus ein recht
+gescheiter, liebenswürdiger junger Mann ist, aus dem noch was Großes wird?
+Wenn ich nur wüßte, ob er mir wirklich gut ist! -- Aber hat er mir nicht
+jenen Abend, als wir über die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrückt? Hat
+er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die
+bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut -- und ich --
+Veronika überließ sich ganz, wie junge Mädchen wohl pflegen, den süßen
+Träumen von einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofrätin, bewohnte ein
+schönes Logis in der Schloßgasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der
+Moritzstraße -- der moderne Hut, der neue türkische Schal stand ihr
+vortrefflich -- sie frühstückte im eleganten Negligee im Erker, der Köchin
+die nötigen Befehle für den Tag erteilend. »Aber daß Sie mir die Schüssel
+nicht verdirbt, es ist des Herrn Hofrats Leibessen!« -- Vorübergehende
+Elegants schielen herauf, sie hört deutlich: »Es ist doch eine göttliche
+Frau, die Hofrätin, wie ihr das Spitzenhäubchen so allerliebst steht!« --
+Die geheime Rätin Ypsilon schickt den Bedienten und läßt fragen, ob es der
+Frau Hofrätin gefällig wäre, heute ins Linkesche Bad zu fahren? -- »Viel
+Empfehlungen, es täte mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee
+bei der Präsidentin Tz.« -- Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon früh in
+Geschäften ausgegangen, zurück; er ist nach der letzten Mode gekleidet;
+»wahrhaftig schon zehn,« ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren läßt
+und der jungen Frau einen Kuß gibt: »wie geht's, liebes Weibchen, weißt Du
+auch, was ich für Dich habe?« fährt er schäkernd fort und zieht ein Paar
+herrliche, nach der neuesten Art gefaßte Ohrringe aus der Westentasche, die
+er ihr statt der sonst getragenen gewöhnlichen einhängt. »Ach, die schönen
+niedlichen Ohrringe!« ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit
+wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu
+beschauen. »Nun, was soll denn das sein?« sagte der Konrektor Paulmann,
+der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen,
+»man hat ja Anfälle wie der Anselmus.« Aber da trat der Student Anselmus,
+der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins
+Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in
+seinem ganzen Wesen verändert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm
+sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens,
+die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm
+geöffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen vermöchte. Der Konrektor
+Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand
+gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen,
+als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei
+dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter
+Gewandtheit die Hand geküßt, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen
+war. »Das war ja schon der Hofrat,« murmelte Veronika in sich hinein, »und
+er hat mir die Hand geküßt, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fuß zu
+treten, wie sonst! -- er hat mir einen recht zärtlichen Blick zugeworfen
+-- er ist mir wohl in der Tat gut.« -- Veronika überließ sich aufs neue
+jener Träumerei, indessen war es als träte immer eine feindselige Gestalt
+unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem künftigen häuslichen
+Leben als Frau Hofrätin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht höhnisch
+und sprach: »das ist ja alles recht dummes ordinäres Zeug und noch dazu
+erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt
+Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und
+eine feine Hand.« -- Da goß sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und
+ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur
+noch erst im Spitzenhäubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die
+Tränen wären ihr beinahe aus den Augen gestürzt und sie sprach laut: »Ach,
+es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau
+Hofrätin!« »Romanstreiche, Romanstreiche!« schrie der Konrektor Paulmann,
+nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. -- Das fehlte noch,
+seufzte Veronika und ärgerte sich recht über die zwölfjährige Schwester,
+welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte.
+Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer
+aufzuräumen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster
+hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schränkchen,
+das Veronika wegrückte, hinter den Notenbüchern, die sie vom Klavier,
+hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm,
+sprang jene Gestalt wie ein Alräunchen hervor und lachte höhnisch und
+schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch
+nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles
+stehen und liegen ließ und in die Mitte des Zimmers flüchtete, sah es mit
+langer Nase riesengroß hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er
+wird doch nicht Dein Mann! »Hörst Du denn nichts, siehst Du denn nichts,
+Schwester?« rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr
+anrühren mochte. Fränzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem
+Stickrahmen auf und sagte: »Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja
+alles durcheinander, daß es klippert und klappert, ich muß Dir nur helfen.«
+Aber da traten schon die muntern Mädchen in vollem Lachen herein und in dem
+Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, daß sie den Ofenaufsatz für eine
+Gestalt und das Knarren der übel verschlossenen Ofentür für die
+feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam
+ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, daß die
+Freundinnen nicht ihre ungewöhnliche Spannung, die selbst ihre Blässe, ihr
+verstörtes Gesicht verriet, hätten bemerken sollen. Als sie schnell
+abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erzählen wollten, in die
+Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mußte
+Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und
+plötzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr
+sonst gar nicht eigen, übermannt worden. Nun erzählte sie so lebhaft, wie
+aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues Männchen sie geneckt und
+gehöhnt habe, daß die Mesdemoiselles Oster sich schüchtern nach allen
+Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da
+trat Fränzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich
+besinnend, lachten über ihre eigene Albernheit. Angelika, so hieß die
+älteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand
+und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, daß man an seinem Tode,
+oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies
+hatte Angelika in die tiefste Betrübnis gestürzt, aber heute war sie
+fröhlich bis zur Ausgelassenheit, worüber Veronika sich nicht wenig
+wunderte und es ihr unverhohlen äußerte. »Liebes Mädchen«, sagte Angelika,
+»glaubst Du denn nicht, daß ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn
+und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! -- ach Gott! -- so
+glücklich, so selig in meinem ganzen Gemüte! denn mein Viktor ist wohl, und
+ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmückt mit den
+Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine
+starke, aber durchaus nicht gefährliche Verwundung des rechten Arms, und
+zwar durch den Säbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu
+schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus
+sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmöglich mir
+Nachricht zu geben; aber heute Abend erhält er die bestimmte Weisung, sich
+erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem
+er in den Wagen steigen will, erfährt er seine Ernennung zum Rittmeister,«
+-- »Aber liebe Angelika,« fiel Veronika ein, »das weißt Du jetzt schon
+alles?« -- »Lache mich nicht aus, liebe Freundin,« fuhr Angelika fort,
+»aber Du wirst es nicht, denn könnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine
+graue Männchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? -- Genug, ich kann
+mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil
+sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, möcht' ich sagen, in
+mein Leben getreten. Vorzüglich kommt es mir nun garnicht einmal so
+wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, daß es Leute geben kann,
+denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte
+untrügliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine
+alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres
+Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem
+Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende
+Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein
+wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte
+deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage schöpft. Ich war gestern
+Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren
+Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.« -- Angelika's Erzählung warf
+einen Funken in Veronika's Gemüt, der schnell den Gedanken entzündete, die
+Alte über den Anselmus und über ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr,
+daß die alte [Alte] Frau Rauerin hieße, in einer entlegenen Straße vor dem
+Seetor wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr
+abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu
+treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. -- Es war eben
+Mittwoch, und Veronika beschloß, unter dem Vorwande die Osters nach Hause
+zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat
+ausführte. Kaum hatte sie nämlich von den Freundinnen, die in der Neustadt
+wohnten, vor der Elbbrücke Abschied genommen, als sie geflügelten Schrittes
+vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen
+Straße befand, an deren Ende sie das kleine rote Häuschen erblickte, in
+welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen
+unheimlichen Gefühls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor
+der Haustür stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens
+unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Tür öffnete
+und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock
+führte, wie es Angelika beschrieben. »Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?«
+rief sie in den öden Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl
+statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein großer schwarzer Kater
+schritt mit hochgekrümmtem Rücken, den Schweif in Wellenringeln hin- und
+herdrehend, gravitätisch vor ihr her bis an die Stubentür, die auf ein
+zweites Miau geöffnet wurde. »Ach sieh da, Töchterchen, bist Du schon hier?
+komm herein -- herein!« So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick
+Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen
+gehülltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn,
+verzog sich das zahnlose Maul, von der knöchernen Habichtsnase beschattet,
+zum grinsenden Lächeln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken
+werfend durch die große Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten
+Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gräßlichen erhoben
+das ekle Antlitz zwei große Brandflecke, die sich von der linken Backe über
+die Nase wegzogen. -- Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der
+gepreßten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe
+Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und
+bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und
+Gekrächze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den
+Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten
+winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den
+Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater,
+als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem großen
+Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. --
+
+[Illustration: "Frau Rauerin"]
+
+Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so
+unheimlich als draußen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht
+mehr so scheußlich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. -- Allerhand
+häßliche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes
+seltsames Geräte lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte
+ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken
+emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte
+Fledermäuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich
+hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der rußigen Mauer,
+und dann erklangen schneidende, heulende Jammertöne, daß Veronika von Angst
+und Grausen ergriffen wurde. »Mit Verlaub, Mamsellchen,« sagte die Alte
+schmunzelnd, erfaßte einen großen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in
+einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie
+von dickem Rauch erfüllt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald
+trat die Alte, die in ein Kämmerchen gegangen, mit einem angezündeten Licht
+wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den
+Gerätschaften, es war eine gewöhnliche ärmlich ausstaffierte Stube. Die
+Alte trat ihr näher und sagte mit schnarrender Stimme: »Ich weiß wohl, was
+Du bei mir willst, mein Töchterchen: was gilt es, Du möchtest erfahren, ob
+Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden!« -- Veronika
+erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: »Du hast mir ja
+alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war
+ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Töchterchen, höre! Laß
+ab, laß ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen
+Söhnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Söhnlein, den Äpfelchen mit
+den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus
+den Taschen in meinen Korb zurückrollen. Er hält's mit dem Alten; er hat
+mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, daß ich
+beinahe darüber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen,
+Töchterchen! Laß ab von ihm, laß ab! -- Er liebt Dich nicht: denn er liebt
+die goldgrüne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den
+Salamandern hat anstellen lassen, und er will die grüne Schlange heiraten,
+laß ab von ihm, laß ab!« -- Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes
+Gemüt hatte und mädchenhaften Schreck bald zu überwinden wußte, trat einen
+Schritt zurück und sprach mit ernsthaftem gefaßtem Ton: »Alte! ich habe
+von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehört und wollte darum,
+vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus,
+den ich liebe und hoch schätze, jemals mein werden würde. Wollt Ihr mich
+daher, statt meinen Wunsch zu erfüllen, mit Eurem tollen unsinnigen
+Geschwätze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr
+Andern, wie ich weiß, gewährtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten
+Gedanken wisset, so wäre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir
+manches zu enthüllen, was mich jetzt quält und ängstigt, aber nach Euern
+albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts
+erfahren. Gute Nacht!« -- Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte
+weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das Mädchen am Kleide
+festhaltend: »Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die
+Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und gehätschelt?« Veronika
+traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes
+Alter und vorzüglich durch die Brandflecke entstellte ehemalige Wärterin,
+die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die
+Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des häßlichen
+buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen
+eine großblumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie
+stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag
+Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem
+leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen
+Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die Hände gefallen, und der
+will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein größter
+Feind, und ich könnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die würdest Du aber
+nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber
+ich bin die weise Frau -- es mag darum sein! -- Ich merke nun wohl, daß Du
+den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Kräften beistehen,
+daß Du recht glücklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es
+wünschest.« -- »Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise!« fiel
+Veronika ein -- Still, Kind -- still! unterbrach sie die Alte, ich weiß was
+Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mußte,
+ich konnte nicht anders. Nun also! -- ich kenne das Mittel, das den
+Anselmus von der törichten Liebe zur grünen Schlange heilt und ihn als den
+liebenswürdigsten Hofrat in Deine Arme führt; aber Du mußt helfen! -- »Sage
+es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den
+Anselmus sehr!« lispelte Veronika kaum hörbar. -- Ich kenne Dich, fuhr die
+Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau
+zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann öffnetest Du die Augen, um
+den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und
+erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also!
+-- ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die
+grüne Schlange zu überwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat
+Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der künftigen Tag- und
+Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich
+werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld
+durchschneidet, wir bereiten das nötige, und alles wunderliche was Du
+vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun,
+Töchterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. -- Veronika
+eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschluß, die Nacht des
+Äquinoktiums nicht zu versäumen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der
+Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlöse ihn daraus
+und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der
+Hofrat Anselmus.
+
+
+
+
+SECHSTE VIGILIE
+
+
+Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvögeln. -- Der
+goldene Topf. -- Die englische Kursivschrift. -- Schnöde Hahnenfüße. -- Der
+Geisterfürst.
+
+
+Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, daß der
+superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas
+begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der
+Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz
+nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte,
+Trotz bieten. -- Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem
+Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und
+kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten
+Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das
+Fläschchen mit dem gelben Likör in die Augen fiel, das er von dem
+Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen
+Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein
+namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust.
+Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: »Ach, gehe ich denn
+nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche
+Serpentina?« -- Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentina's
+Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er
+unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der
+Lindhorstischen Manuskripte. -- Daß ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder
+vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen könne, wie
+neulich, davon war er überzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's
+Magenwasser, sondern steckte schnell den Likör in die Westentasche, um ganz
+nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte Äpfelweib
+sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. -- Erhob sich denn nicht auch
+wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem
+Türdrücker, als er ihn auf den Schlag zwölf Uhr ergreifen wollte? -- Da
+spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Likör in das fatale Gesicht
+hinein, und es glättete und plättete sich augenblicklich aus zum glänzenden
+kugelrunden Türklopfer. Die Tür ging auf, die Glocken läuteten gar lieblich
+durch das ganze Haus: klingling -- Jüngling -- flink -- flink -- spring
+-- spring -- klingling. -- Er stieg getrost die schöne breite Treppe hinauf
+und weidete sich an dem Duft des seltenen Räucherwerks, der durch das Haus
+floß. Ungewiß blieb er auf dem Flur stehen, denn er wußte nicht, an welche
+der vielen schönen Türen er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius
+Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: »Nun es
+freut mich, Herr Anselmus, daß Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur
+nach, denn ich muß Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium führen.« Damit
+schritt er schnell den langen Flur hinauf und öffnete eine kleine
+Seitentür, die in einen Korridor führte. Anselmus schritt getrost hinter
+dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr
+in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke
+hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja große Bäume mit
+sonderbar gestalteten Blättern und Blüten. Ein magisches blendendes Licht
+verbreitete sich überall, ohne daß man bemerken konnte, wo es herkam, da
+durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die
+Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne
+auszudehnen. -- Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten
+Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen
+hervorspritzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche;
+seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren
+Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder. Der Archivarius war
+verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glühender
+Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den süßen Düften des Feengartens
+berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es überall an zu
+kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und höhnten: Herr
+Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich
+denn so schön geputzt, Herr Anselmus? -- Wollen Sie eins mit uns plappern,
+wie die Großmutter das Ei mit dem Steiß zerdrückte und der Junker einen
+Klecks auf die Sonntagsweste bekam? Können Sie die neue Arie schon
+auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? -- Sie sehen
+recht possierlich aus in der gläsernen Perücke und dem [den] postpapiernen
+Stülpstiefeln! -- So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln
+hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei
+bunte Vögel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelächter aushöhnten.
+-- In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, -- und er
+sah, daß es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot
+glänzender Schlafrock ihn nur getäuscht hatte. »Verzeihen Sie, werter Herr
+Anselmus,« sagte der Archivarius, »daß ich Sie stehn ließ, aber
+vorübergehend sah ich nur nach meinem schönen Kaktus, der diese Nacht seine
+Blüten aufschließen wird -- aber wie gefällt Ihnen denn mein kleiner
+Hausgarten?« -- »Ach Gott, über alle Maßen schön ist es hier,
+geschätztester Herr Archivarius,« erwiderte der Student, »aber die bunten
+Vögel moquieren sich über meine Wenigkeit gar zu sehr!« -- »Was ist denn
+das für ein Gewäsche?« rief der Archivarius zornig in die Büsche hinein. Da
+flatterte ein großer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius
+auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravitätisch
+durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel saß, anblickend, schnarrte
+er: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben
+sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst
+daran schuld, denn -- »Still da! still da!« unterbrach der Archivarius den
+Alten, »ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten,
+mein Freund! -- gehen wir weiter, Herr Anselmus!« -- Noch durch manches
+fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so daß der Student
+ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die glänzenden sonderbar geformten
+Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles überfüllt
+war. Endlich traten sie in ein großes Gemach, in dem der Archivarius, den
+Blick in die Höhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich
+an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewährte,
+zu weiden.
+
+[Illustration: Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen
+Topf]
+
+Aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume
+hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde glänzenden Blätter
+oben zur Decke wölbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler
+Bronze gegossenen ägyptischen Löwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein
+einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun
+gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend
+schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde
+-- manchmal sah er sich selbst mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen -- ach!
+neben dem Holunderbusch -- Serpentina schlängelte sich auf und nieder, ihn
+anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war außer sich vor
+wahnsinnigem Entzücken. »Serpentina! -- Serpentina!« schrie er laut auf, da
+wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: »Was meinen
+Sie, werter Herr Anselmus? -- Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu
+rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer
+und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter!« Anselmus folgte
+beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hörte
+nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und
+sprach: »Nun sind wir an Ort und Stelle!« Anselmus erwachte wie aus einem
+Traum und bemerkte nun, daß er sich in einem hohen, rings mit
+Bücherschränken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von
+gewöhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand
+ein großer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben.
+»Dieses,« sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr
+Arbeitszimmer; ob Sie künftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in
+dem Sie so plötzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, weiß ich
+noch nicht; -- aber nun wünschte ich mich erst von Ihrer Fähigkeit, die
+Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedürfnis gemäß
+auszuführen, zu überzeugen.« Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz
+und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der
+Überzeugung, den Archivarius durch sein ungewöhnliches Talent höchlich zu
+erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der
+Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der
+elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar
+lächelte und mit dem Kopfe schüttelte. Das wiederholte er bei jedem
+folgenden Blatte, so daß dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg
+und er, als das Lächeln zuletzt recht höhnisch und verächtlich wurde, in
+vollem Unmute losbrach: »Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen
+Talenten nicht ganz zufrieden?« -- »Lieber Herr Anselmus,« sagte der
+Archivarius Lindhorst, »Sie haben für die Kunst des Schönschreibens
+wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, muß ich mehr
+auf Ihren Fleiß, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit.
+Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.«
+-- Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten
+Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern.
+Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und
+sprach: »Urteilen Sie selbst!« -- Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen,
+als ihm seine Handschrift so höchst miserabel vorkam. Da war keine Ründe in
+den Zügen, kein Druck richtig, kein Verhältnis der großen und kleinen
+Buchstaben; ja, schülermäßige schnöde Hahnenfüße verdarben oft die sonst
+ziemlich geratene Zeile. »Und dann,« fuhr der Archivarius Lindhorst fort,
+»ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.« Er tunkte den Finger in ein mit
+Wasser gefülltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte,
+war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schnüre
+ein Ungetüm ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So
+stand er da, das unglückliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius
+Lindhorst lachte laut auf und sagte: »Lassen Sie sich das nicht anfechten,
+wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird
+hier bei mir vielleicht besser sich fügen; ohnedies finden Sie ein besseres
+Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost
+an!« -- Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flüssige schwarze Masse,
+die einen ganz eigentümlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefärbte,
+scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weiße und Glätte,
+dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke
+herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verließ er das Zimmer.
+Der Student Anselmus hatte schon öfters arabische Schrift kopiert, die
+erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lösen. »Wie die
+Hahnenfüße in meine schöne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und
+der Archivarius Lindhorst wissen,« sprach er, »aber daß sie nicht von
+_meiner_ Hand sind, darauf will ich sterben.« -- Mit jedem Worte, das
+nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine
+Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich,
+und die geheimnisvolle Tinte floß rabenschwarz und gefügig auf das blendend
+weiße Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit
+arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er
+hatte sich schon ganz in das Geschäft, welches er glücklich zu vollenden
+hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das
+Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der
+Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte
+sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem
+Registrator Heerbrand und wußte vorzüglich von dem letztern recht viel
+Ergötzliches zu erzählen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus
+gar sehr und machte ihn gesprächiger, als er wohl sonst zu sein pflegte.
+Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und
+diese Pünktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War
+ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen geglückt, so
+ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die
+Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Züge der
+fremden Schrift nachzumalen vermochte. -- Aber es war als flüsterte aus dem
+innersten Gemüte eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! könntest du denn
+das vollbringen, wenn du _sie_ nicht in Sinn und Gedanken trügest,
+wenn du nicht an _sie_, an _ihre_ Liebe glaubtest? -- Da wehte es
+wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklängen durch das Zimmer: Ich bin
+Dir nahe -- nahe -- nahe! -- ich helfe Dir -- sei mutig -- sei standhaft,
+lieber Anselmus! -- ich mühe mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so
+wie er voll inneren Entzückens die Töne vernahm, wurden ihm immer
+verständlicher die unbekannten Zeichen -- er durfte kaum mehr hineinblicken
+in das Original -- ja es war, als stünden schon wie in blasser Schrift die
+Zeichen auf dem Pergament, und er dürfe sie nur mit geübter Hand schwarz
+überziehen. So arbeitete er fort von lieblichen tröstenden Klängen, wie von
+süßem zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der
+Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar lächelnd an den
+Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so
+wie in höhnendem Spott lächeld [lächelnd] an; kaum hatte er aber in die
+Abschrift geblickt, als das Lächeln in dem tiefen feierlichen Ernst
+unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. -- Bald schien
+er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten,
+blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte
+Röte färbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund
+zusammenpreßte, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu öffnen
+zur weisheitvollen ins Gemüt dringenden Rede. Die ganze Gestalt war höher,
+würdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Königsmantel in
+breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weißen Löckchen,
+welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner
+Reif. »Junger Mensch,« fing der Archivarius an im feierlichen Ton, »junger
+Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen
+erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! -- Serpentina liebt
+Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche
+Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige
+Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem
+Kampfe entsprießt Dein Glück im höheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen
+Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst,
+kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest,
+überstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis führen Dich zum nahen
+Ziele, wenn Du festhältst an dem, was Du beginnen mußtest. Trage sie recht
+getreulich im Gemüte, _sie_, die Dich liebt, und Du wirst die
+herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich sein immerdar.
+-- Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwölf
+Uhr in Deinem Kabinet! -- Gehab Dich wohl!« -- Der Archivarius schob den
+Studenten Anselmus sanft zur Tür hinaus, die er dann verschloß, und er
+befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige Tür auf
+den Flur führte. Ganz betäubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er
+vor der Haustür stehen, da wurde über ihm ein Fenster geöffnet, er schaute
+hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weißgrauen
+Rocke, wie er ihn sonst gesehen. -- Er rief ihm zu: »Ei, werter Herr
+Anselmus, worüber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen
+nicht aus dem Kopf? Grüßen Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie
+etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwölf Uhr wieder. Das
+Honorar für heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.« -- Der
+Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten
+Tasche, aber er freute sich gar nicht darüber. -- »Was aus dem allen werden
+wird, weiß ich nicht,« sprach er zu sich selbst; »umfängt mich aber auch
+nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die
+liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber
+untergehen ganz und gar, denn ich weiß doch, daß der Gedanke in mir ewig
+ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke
+denn was anderes als Serpentina's Liebe?«
+
+
+
+
+SIEBENTE VIGILIE
+
+
+Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging.
+-- Rembrandt und Höllen-Breughel. -- Der Zauberspiegel und des Doktors
+Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.
+
+
+Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist
+es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. -- »Ja wohl,« erwiderte die
+durch des Vaters längeres Aufbleiben beängstete Veronika, »denn es schlug
+längst zehn Uhr.« Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und
+Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fränzchens schwerere Atemzüge kundgetan,
+daß sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch
+ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel
+umwarf und zum Hause hinausschlüpfte. -- Seit dem Augenblick, als Veronika
+die alte Lise verlassen, stand ihr unaufhörlich der Anselmus vor Augen, und
+sie wußte selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und
+ewig wiederholte, daß sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person
+herrühre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle
+Mittel der magischen Kunst zerreißen könne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise
+wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen
+stumpfte sich ab, so daß alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses
+mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien,
+wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei
+ihr fest, selbst mit Gefahr, vermißt zu werden und in tausend
+Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu
+bestehen. -- Endlich war nun die verhängnisvolle Nacht des Äquinoktiums, in
+der ihr die alte Lise Hülfe und Trost verheißen, eingetreten, und Veronika,
+mit dem Gedanken der nächtlichen Wanderung längst vertraut geworden, fühlte
+sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straßen, des
+Sturmes nicht achtend, der durch die Lüfte brauste und ihr die dicken
+Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf dröhnendem Klange schlug die
+Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchnäßt vor dem Hause
+der Alten stand. »Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! -- nun warte, warte!«
+-- rief es von oben herab -- und gleich darauf stand auch die Alte, mit
+einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der Tür. »So wollen
+wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der
+Nacht, die dem Werke günstig.« Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter
+Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab,
+während sie selbst einen Kessel, Dreifuß und Spaten auspackte. Als sie ins
+Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war stärker geworden;
+tausendstimmig heulte es in den Lüften. Ein entsetzlicher
+herzzerschneidender Jammer tönte herab aus den schwarzen Wolken, die sich
+in schneller Flucht zusammenballten und alles einhüllten in dicke
+Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend:
+»leuchte -- leuchte, mein Junge!« Da schlängelten und kreuzten sich blaue
+Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, daß der Kater knisternde
+Funken sprühend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen ängstliches
+grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick
+schwieg. -- Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte
+Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich
+fester an die Alte klammernd sprach sie: »Nun muß alles vollbracht werden,
+und es mag geschehen was da will!« -- »Recht so, mein Töchterchen!«
+erwiderte die Alte, »bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Schönes
+und dem Anselmus obendrein!« Endlich stand die Alte still und sprach: »Nun
+sind wir an Ort und Stelle!« Sie grub ein Loch in die Erde, schüttete
+Kohlen hinein und stellte den Dreifuß darüber, auf den sie den Kessel
+setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Gebärden, während der
+Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif sprühten Funken, die einen
+Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu glühen, und endlich
+schlugen blaue Flammen unter dem Dreifuß hervor. Veronika mußte Mantel und
+Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre Hände
+ergriff und fest drückte, mit den funkelnden Augen das Mädchen anstarrend.
+Nun fingen die sonderbaren Massen -- waren es Blumen -- Metalle -- Kräuter
+-- Tiere, man konnte es nicht unterscheiden -- die die Alte aus dem Korbe
+genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte
+ließ Veronika los, sie ergriff einen eisernen Löffel, mit dem sie in die
+glühende Masse hineinfuhr und darin rührte, während Veronika auf ihr Geheiß
+festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den
+Anselmus richten mußte. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und
+auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie
+einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie
+unverständliche, durch die Nacht grausig gellende Töne ausstieß, und der
+Kater im unaufhörlichen Rennen winselte und ächzte. -- -- Ich wollte, daß
+Du, günstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach
+Dresden begriffen gewesen wärest; vergebens suchte man, als der späte
+Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der
+freundliche Wirt stellte Dir vor, es stürme und regne doch gar zu sehr und
+überhaupt sei es auch nicht geheuer in der Äquinoktialnacht so ins Dunkle
+hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig
+annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin
+spätestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm
+oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches
+Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherfährst, siehst Du
+plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. Näher
+gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel,
+aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschießen,
+zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde
+prusten und stampfen und bäumen sich -- der Postillon flucht und betet
+-- und peitscht auf die Pferde hinein -- sie gehen nicht von der Stelle.
+-- Unwillkürlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte
+vorwärts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mädchen, die im weißen
+dünnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten
+aufgelöst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lüften.
+Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen
+steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom
+darüber goß, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in
+den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem
+Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter
+gepreßten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die
+kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als
+riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetümen
+der Hölle, die, dem mächtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen
+werden. -- So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenüber
+sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib
+mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen
+Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knöchernen Arme hervor, und
+rührend in dem Höllensud lacht und ruft sie mit krächzender Stimme durch
+den brausenden tosenden Sturm. -- Ich glaube wohl, daß Dir, günstiger
+Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem
+Anblick dieses Rembrandtschen oder Höllen-Breughelschen Gemäldes, das nun
+ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätten.
+
+[Illustration: Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank]
+
+Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im höllischen Treiben
+befangenen Mädchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine
+Fibern und Nerven zitterte, entzündete mit der Schnelligkeit des Blitzes in
+Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen Mächten des
+Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte
+auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als
+seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode geängstigte
+Mädchen flehte, ja als müßtest Du nur gleich Dein Taschenpistol
+hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschießen! Aber, indem Du das
+lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten?
+oder: was treibt ihr da? -- Der Postillon stieß schmetternd in sein Horn,
+die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal
+verschwunden in dickem Qualm. -- Ob Du das Mädchen, das Du nun mit recht
+innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden hättest, mag ich
+nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstört, und
+den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben,
+gelöst. -- Weder Du, günstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging
+aber am dreiundzwanzigsten September in der stürmischen den Hexenkünsten
+günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in
+tödlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. -- Sie vernahm wohl, wie
+es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen
+durcheinander blökten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht
+auf, denn sie fühlte, wie der Anblick des Gräßlichen, des Ensetzlichen
+[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstörenden
+Wahnsinn stürzen könne. Die Alte hatte aufgehört im Kessel zu rühren, immer
+schwächer und schwächer wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine
+leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika,
+mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn
+-- was siehst Du denn? -- Aber Veronika vermochte nicht zu antworten,
+unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im
+Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten
+hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr
+reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut:
+Ach, der Anselmus! -- der Anselmus! -- Rasch öffnete die Alte den am Kessel
+befindlichen Hahn, und glühendes Metall strömte zischend und prasselnd in
+eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und
+kreischte, mit wilder gräßlicher Gebärde sich herumschwingend: Vollendet
+ist das Werk -- Dank Dir, mein Junge! -- hast Wache gehalten -- Hui -- Hui
+-- er kommt! -- beiß ihn tot, beiß ihn tot! Aber da brauste es mächtig
+durch die Lüfte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den
+Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: »Hei,
+hei! -- ihr Gesindel! nun ist's aus -- nun ist's aus -- fort zu Haus!« Die
+Alte stürzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken.
+-- Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag
+in ihrem Bette und Fränzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr,
+sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun
+schon eine Stunde oder länger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze
+besinnungslos da und stöhnest und ächzest, daß uns angst und bange wird.
+Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird
+gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. -- Veronika nahm schweigend den
+Tee; indem sie ihn hinunterschlürfte, traten ihr die gräßlichen Bilder der
+Nacht lebhaft vor Augen. »So war denn wohl alles nur ein ängstlicher Traum,
+der mich gequält hat? -- Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten
+gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? -- Doch bin ich wohl
+schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet,
+und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und
+an die wunderliche alte Frau, die sich für die Lise ausgab und mich wohl
+nur damit geneckt hat.« -- Fränzchen, die hinausgegangen, trat wieder
+herein mit Veronika's ganz durchnäßtem Mantel in der Hand. »Sieh nur,
+Schwester!« sagte sie, »wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm
+in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag,
+umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz
+naß.« -- Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl,
+daß nicht ein Traum sie gequält, sondern daß sie wirklich bei der Alten
+gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte
+durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest über
+sich; aber da fühlte sie, daß etwas Hartes ihre Brust drückte, und als sie
+mit der Hand danach faßte, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es
+hervor, als Fränzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner
+runder hellpolierter Metallspiegel. »Das ist ein Geschenk der Alten[,]«
+rief sie lebhaft, und es war als schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel,
+die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erwärmten; der Fieberfrost
+war vorüber und es durchströmte sie ein unbeschreibliches Gefühl von
+Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mußte sie denken, und als sie
+immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr
+freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturporträt. Aber
+bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild -- nein! -- sondern den
+Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er saß in einem hohen seltsam
+ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten,
+ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch
+um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als
+umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau
+hinsah, waren es doch nur große Bücher mit vergoldetem Schnitt. Aber
+endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es
+als müsse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lächelte
+er und sprach: Ach! -- sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum
+belieben Sie sich denn zuweilen als Schlänglein zu gebärden? Veronika mußte
+über diese seltsamen Worte laut auflachen; darüber erwachte sie wie aus
+einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die
+Tür aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer
+kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, faßte lange in tiefem
+Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf
+schrieb er ein Rezept, faßte noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei!
+und verließ die Patientin. Aus diesen Äußerungen des Doktors Eckstein
+konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der
+Veronika denn wohl eigentlich fehlen möge.
+
+
+
+
+ACHTE VIGILIE
+
+
+Die Bibliothek der Palmbäume. -- Schicksale eines unglücklichen
+Salamanders. -- Wie die schwarze Feder eine Runkelrübe liebkoste und der
+Registrator Heerbrand sich sehr betrank.
+
+
+Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius
+Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren für ihn die glücklichsten
+seines Lebens, denn immer von lieblichen Klängen von Serpentina's
+tröstenden Worten umflossen, ja oft von einem vorübergleitenden Hauche
+leise berührt, durchströmte ihn eine nie gefühlte Behaglichkeit, die oft
+bis zur höchsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner
+dürftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem
+neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er
+alle Wunder einer höheren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen
+erfüllt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm
+immer mehr dünkte, er schreibe nur längst gekannte Züge auf das Pergament
+hin und dürfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der größten
+Genauigkeit nachzumalen. -- Außer der Tischzeit ließ sich der Archivarius
+Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem
+Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift
+vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verließ ihn aber gleich
+wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen Stäbchen die Tinte
+umgerührt und die gebrauchten Federn mit neuen, schärfer gespitzten
+vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zwölf
+bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die Tür, durch die er
+gewöhnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst
+erschien in seinem wunderlichen wie mit glänzenden Blumen bestreuten
+Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: »Heute kommen Sie nur hier
+herein, werter Anselmus, denn wir müssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's
+Meister unsrer warten.« Er schritt durch den Korridor und führte Anselmus
+durch dieselben Gemächer und Säle, wie das erste Mal. Der Student Anselmus
+erstaunte auf's neue über die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er
+sah nun deutlich, daß manche seltsame Blüten, die an den dunklen Büschen
+hingen, eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit
+den Flüglein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd
+sich mit ihren Saugrüsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die
+rosenfarbenen und himmelblauen Vögel duftende Blumen, und der Geruch, den
+sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen,
+die sich mit dem Geplätscher der fernen Brunnen, mit dem Säuseln der hohen
+Stauden und Bäume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht
+vermischten. Die Spottvögel, die ihn das erste Mal so geneckt und gehöhnt,
+flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen
+unaufhörlich: »Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so -- gucken
+Sie nicht so in die Wolken -- Sie könnten auf die Nase fallen. -- He, he!
+Herr Studiosus -- nehmen Sie den Pudermantel um -- Gevatter Schuhu soll
+Ihnen den Toupet frisieren.« So ging es fort in allerlei dummem Geschwätz,
+bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich
+in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden,
+statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem
+Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers
+und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. »Lieber Herr
+Anselmus,« sagte der Archivarius Lindhorst, »Sie haben nun schon manches
+Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben
+sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun übrig,
+und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen
+Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und
+die nur an Ort und Stelle kopiert werden können. Sie werden daher künftig
+hier arbeiten, aber ich muß Ihnen die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit
+empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verhüten möge, ein
+Tintenfleck auf das Original gespritzt, stürzt Sie ins Unglück.« --
+Anselmus bemerkte, daß aus den goldnen Stämmen der Palmbäume kleine
+smaragdgrüne Blätter herausragten; eins dieser Blätter erfaßte der
+Archivarius, und Anselmus wurde gewahr, daß das Blatt eigentlich in einer
+Pergamentrolle bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den
+Tisch breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig über die seltsam
+verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen Pünktchen, Striche
+und Züge und Schnörkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten
+darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau
+nachmalen zu können. Er geriet darüber in tiefe Gedanken. »Mut gefaßt,
+junger Mensch!« rief der Archivarius, »hast Du bewährten Glauben und wahre
+Liebe, so hilft Dir Serpentina!« Seine Stimme tönte wie klingendes Metall,
+und als Anselmus in jähem Schreck aufblickte, stand der Archivarius
+Lindhorst in der königlichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten
+Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als müsse er
+von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der
+Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die Höhe und
+verschwand in den smaragdnen Blättern. -- Der Student Anselmus begriff, daß
+der Geisterfürst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer
+hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als
+Gesandte zu ihm geschickt, Rücksprache zu halten, was nun mit ihm und der
+holden Serpentina geschehen solle. -- Auch kann es sein, dachte er ferner,
+daß ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder daß ein Magus aus
+Lappland ihn besucht -- mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen.
+-- Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu
+studieren. -- Die wunderbare Musik des Gartens tönte zu ihm herüber und
+umgab ihn mit süßen lieblichen Düften, auch hörte er wohl die Spottvögel
+kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war.
+Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Blätter der Palmbäume
+und als strahlten dann die holden Kristallklänge, welche Anselmus an jenem
+verhängnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch hörte, durch das
+Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gestärkt durch dies Tönen und
+Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die
+Überschrift der Pergamentrolle, und bald fühlte er wie aus dem Innersten
+heraus, daß die Zeichen nichts anders bedeuten könnten, als die Worte: Von
+der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange. -- Da ertönte ein
+starker Dreiklang heller Kristallglocken. -- »Anselmus, lieber Anselmus,«
+wehte es ihm zu aus den Blättern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums
+schlängelte sich die grüne Schlange herab. -- »Serpentina! holde
+Serpentina!« rief Anselmus wie im Wahnsinn des höchsten Entzückens, denn so
+wie er schärfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mädchen,
+die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll
+unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die
+Blätter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, überall sproßten
+Stacheln aus den Stämmen, aber Serpentina wand und schlängelte sich
+geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben
+glänzendes Gewand nach sich zog, so daß es sich dem schlanken Körper
+anschmiegend nirgends hängen blieb an den hervorragenden Spitzen und
+Stacheln der Palmbäume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben
+Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drückend, so daß er den
+Hauch, der von ihren Lippen strömte, die elektrische Wärme ihres Körpers
+fühlte. »Lieber Anselmus!« fing Serpentina an, »nun bist Du bald ganz mein,
+durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe
+Dir den goldnen Topf, der uns beide beglückt immerdar.« -- »O Du holde,
+liebe Serpentina,« sagte Anselmus, »wenn ich nur Dich habe, was kümmert
+mich sonst alles Übrige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen
+in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befängt seit dem
+Augenblick, als ich Dich sah.« -- »Ich weiß wohl,« fuhr Serpentina fort,
+»daß das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel
+seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber
+jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in
+diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus
+tiefem Gemüte, aus tiefer Seele haarklein zu erzählen, was Dir zu wissen
+nötig, um meinen Vater ganz zu kennen und überhaupt recht deutlich
+einzusehen, was es mit ihm und mit mir für eine Bewandtnis hat.« Dem
+Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und
+gar umschlungen und umwunden, daß er sich nur mit ihr regen und bewegen
+könne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern
+und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein
+Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in
+ihm entzündete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib
+gelegt, aber der schillernde glänzende Stoff ihres Gewandes war so glatt,
+so schlüpfrig, daß es ihm schien, als könne sie, sich ihm schnell
+entwindend, unaufhaltsam entschlüpfen, und er erbebte bei dem Gedanken.
+»Ach, verlaß mich nicht, holde Serpentina!« rief er unwillkürlich aus, »nur
+Du bist mein Leben!« -- »Nicht eher heute,« sagte Serpentina, »als bis ich
+alles erzählt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. --
+Wisse also, Geliebter, daß mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der
+Salamander abstammt, und daß ich mein Dasein seiner Liebe zur grünen
+Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis
+der mächtige Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten.
+Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in
+dem prächtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schönsten Gaben
+auf das herrlichste geschmückt hatte, umher und hörte, wie eine hohe Lilie
+in leisen Tönen sang: »Drücke fest die Äuglein zu, bis mein Geliebter, der
+Morgenwind, Dich weckt.« Er trat hinzu; von seinem glühenden Hauch berührt,
+erschloß die Lilie ihre Blätter und er erblickte der Lilie Tochter, die
+grüne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander
+von heißer Liebe zu der schönen Schlange ergriffen, und er raubte sie der
+Lilie, deren Düfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der
+geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schloß des
+Phosphorus getragen und bat ihn: vermähle mich mit der Geliebten, denn sie
+soll mein eigen sein immerdar. Törichter, was verlangst du! sprach der
+Geisterfürst, wisse, daß einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir
+herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten
+und nur der Sieg über den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in
+Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, daß ihre Blätter stark genug
+blieben, den Funken in sich zu schließen und zu bewahren. Aber, wenn Du die
+grüne Schlange umarmst, wird Deine Glut den Körper verzehren und ein neues
+Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete
+der Warnung des Geisterfürsten nicht; voll glühenden Verlangens schloß er
+die grüne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflügeltes
+Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lüfte. Da ergriff den
+Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen
+sprühend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, daß die
+schönsten Blumen und Blüten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft
+erfüllte. Der hocherzürnte Geisterfürst erfaßte im Grimm den Salamander und
+sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer -- erloschen sind Deine Flammen,
+erblindet Deine Strahlen -- sinke hinab zu den Erdgeistern, die mögen Dich
+necken und höhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder
+entzündet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.
+
+[Illustration: Die Lilie]
+
+Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mürrische
+Erdgeist, der des Phosphorus Gärtner war, hinzu und sprach: Herr! wer
+sollte mehr über den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die
+schönen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schönsten Metallen geputzt?
+habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche
+schöne Farbe verschwendet? -- und doch nehme ich mich des armen Salamanders
+an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur
+Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwüstet. Erlasse ihm die zu
+harte Strafe! -- Sein Feuer ist für jetzt erloschen, sprach der
+Geisterfürst; in der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem
+entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich sein, wenn die
+Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen
+Anklängen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise
+entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem
+wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch
+Glaube und Liebe in seinem Gemüte wohnten, -- in dieser unglücklichen Zeit
+entzündet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum
+Menschen keimt er empor und muß, ganz eingehend in das dürftige Leben,
+dessen Bedrängnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen
+Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen
+Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der
+verbrüderten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er
+dann die grüne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermählung mit ihr
+sind drei Töchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen.
+Zur Frühlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch hängen und
+ihre lieblichen Kristallstimmen ertönen lassen. Findet sich dann in der
+dürftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jüngling, der ihren
+Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen
+Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen
+Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die Bürde des
+Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an
+die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern
+glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis
+drei Jünglinge dieser Art erfunden und mit den drei Töchtern vermählt
+werden, darf der Salamander seine lästige Bürde abwerfen und zu seinen
+Brüdern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, daß ich diesen drei
+Töchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl
+verherrlicht. Jede erhält von mir einen Topf vom schönsten Metall, das ich
+besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in
+seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang
+mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein
+abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermählung eine
+Feuerlilie entsprießen, deren ewige Blüte den bewährt befundenen Jüngling
+süß duftend umfängt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres
+Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. -- Du
+weißt nun wohl, lieber Anselmus, daß mein Vater eben der Salamander ist,
+von dem ich Dir erzählt. Er mußte seiner höheren Natur unerachtet sich den
+kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher
+kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir
+oft gesagt, daß für die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der
+Geistesfürst Phosphorus damals als Bedingnis der Vermählung mit mir und
+meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur
+zu oft unschicklicher Weise gemißbraucht werde; man nenne das nämlich ein
+kindliches poetisches Gemüt. -- Oft finde man dieses Gemüt bei Jünglingen,
+die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der
+sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pöbel verspottet würden. Ach,
+lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang
+-- meinen Blick -- Du liebst die grüne Schlange, Du glaubst an mich und
+willst mein sein immerdar! Die schöne Lilie wird emporblühen aus dem
+goldnen Topf und wir werden vereint glücklich und selig in Atlantis wohnen!
+-- Aber nicht verhehlen kann ich Dir, daß im gräßlichen Kampf mit den
+Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die
+Lüfte davonbrauste. Phosphorus hält ihn zwar wieder in Banden, aber aus den
+schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stäubten, keimten feindliche
+Geister empor, die überall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben.
+Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein
+Vater recht gut weiß, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr
+Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgestäubten
+Feder zu einer Runkelrübe zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre
+Gewalt, denn in dem Stöhnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden
+ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie
+bietet alle Mittel auf, von außen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie
+mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders
+hervorschießen, bekämpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in schädlichen
+Kräutern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend,
+in günstiger Konstellation, manchen bösen Spuk, der des Menschen Sinne mit
+Grauen und Entsetzen befängt und ihn der Macht jener Dämonen, die der
+Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten
+in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes
+Gemüt schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet. -- Halte treu -- treu
+-- an mir, bald bist Du am Ziel!« -- »O meine -- meine Serpentina!« rief
+der Student Anselmus, »wie sollte ich denn nur von Dir lassen können, wie
+sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!« -- Ein Kuß brannte auf seinem
+Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war
+verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er
+nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der
+Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des
+geheimnisvollen Manuskripts war glücklich beendigt, und er glaubte,
+schärfer die Züge betrachtend, Serpentina's Erzählung von ihrem Vater, dem
+Liebling des Geisterfürsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis,
+abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem
+weißgrauen Überrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein;
+er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine große
+Priese und sagte lächelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der
+Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade
+gehen -- nur mir nach! -- Der Archivarius schritt rasch durch den Garten,
+in dem ein solcher Lärm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war,
+daß der Student Anselmus ganz betäubt wurde und dem Himmel dankte, als er
+sich auf der Straße befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als
+sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschloß. Vor
+dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand
+beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius
+Lindhorst ganz unwillig: »was Feuerzeug! -- hier ist Feuer, so viel Sie
+wollen!« Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen große Funken
+strömten, die die Pfeifen schnell anzündeten. »Sehen Sie das chemische
+Kunststückchen,« sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus
+dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. -- Im Linkeschen Bade
+trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, daß er, sonst
+ein gutmütiger stiller Mann, anfing in einem quäkenden Tenor Burschenlieder
+zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und
+endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mußte, als der
+Archivarius Lindhorst schon längst auf und davon war.
+
+
+
+
+NEUNTE VIGILIE
+
+
+Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. -- Die
+Punschgesellschaft. -- Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann für
+einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzürnte. -- Der Tintenklecks und
+seine Folgen.
+
+
+Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich
+begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt. Er sah keinen
+seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte
+Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß. Und doch, indem sein ganzes Gemüt
+der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius
+Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika
+denken, ja manchmal schien es ihm als träte sie zu ihm hin und gestehe
+errötend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den
+Phantomen, von denen er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen.
+Zuweilen war es, als risse eine fremde, plötzlich auf ihn einbrechende
+Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr
+folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mädchen. Gerade
+in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer
+wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis
+der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange offenbar worden,
+trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. -- Ja! -- erst als er
+erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt habe, da er
+überzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck
+eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß es ihre innige
+Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung
+hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben geraten
+werde. Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie
+kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine
+Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime
+magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine
+Nebenstraße einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend
+laut rief: »Ei, ei! -- wertester Herr Anselmus! -- Amice! -- Amice! wo um
+des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr
+sehen -- wissen Sie wohl, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins
+mit Ihnen zu singen? -- Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!«
+Der Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das
+Haus traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet
+entgegen, so daß der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum
+so geputzt, hat man denn Besuch erwartet? -- aber hier bringe ich den Herrn
+Anselmus! -- Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die
+Hand küßte, fühlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle
+Fibern und Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst,
+und als Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wußte sie durch
+allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, daß
+er alle Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mädchen im
+Zimmer herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der Dämon des Ungeschicks
+über den Hals, er stieß an den Tisch und Veronikas niedliches Nähkästchen
+fiel herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es
+blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz
+eigner Lust hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte
+die Hand auf seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm über
+die Schulter auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein
+Kampf in seinem Innern: -- Gedanken -- Bilder -- blitzten hervor und
+vergingen wieder -- der Archivarius Lindhorst -- Serpentina -- die grüne
+Schlange -- endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und
+gestaltete sich zum deutlichen Bewußtsein. Ihm wurde es nun klar, daß er
+nur beständig an Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern
+in dem blauen Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die
+phantastische Sage von der Vermählung des Salamanders mit der grünen
+Schlange ja nur von ihm geschrieben, keineswegs aber erzählt worden sei. Er
+wunderte sich selbst über seine Träumereien und schrieb sie lediglich
+seinem durch die Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der
+Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch überdem
+so sonderbar betäubend dufte. Er mußte herzlich über die tolle Einbildung
+lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten
+geheimen Archivarius für einen Salamander zu halten. »Ja, ja! -- es ist
+Veronika!« rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade
+in Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten.
+Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den
+seinigen brannten. »O ich Glücklicher!« seufzte der entzückte Student, »was
+ich gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil.« --
+»Und willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?«
+fragte Veronika. »Allerdings!« antwortete der Student Anselmus; indem
+knarrte die Tür und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein:
+»Nun, wertester Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen
+vorlieb mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen
+Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen
+versprochen, genießen.« -- »Ach, bester Herr Konrektor,« erwiderte der
+Student Anselmus, »wissen Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst
+muß, des Abschreibens wegen?« -- »Schauen Sie Amice!« sagte der Konrektor
+Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies.
+Der Student Anselmus sah nun wohl ein, daß es viel zu spät sei zu dem
+Archivarius Lindhorst zu wandern und fügte sich den Wünschen des Konrektors
+um so lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag über schauen und wohl
+manchen verstohlenen Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja
+wohl gar einen Kuß zu erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die
+Wünsche des Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute,
+je mehr er sich überzeugte, daß er bald von all den phantastischen
+Einbildungen befreit sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum
+wahnwitzigen Narren hätten machen können. -- Der Registrator Heerbrand fand
+sich wirklich nach Tische ein und als der Kaffee genossen und die Dämmerung
+bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu
+verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronikas schöne Hände
+gemischt und in gehörige Form gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert,
+ihnen allen an dem kühlen Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken
+Sie denn nur heraus mit dem geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen,
+geschätztester Registrator,« rief der Konrektor Paulmann; aber der
+Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte
+in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein.
+Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf
+Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei
+gemütliche muntere Gespräche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten
+Anselmus der Geist des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des
+Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück. Er sah
+den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor
+erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde
+ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben; es
+brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch,
+und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!«
+seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator
+Heerbrand rief ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand
+klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. -- Nun, er soll
+leben! stoßen Sie an, Herr Anselmus!« -- Da fuhr der Student Anselmus auf
+aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand
+anstieß: »Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der
+Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten
+des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne
+Schlange davongeflogen.« -- »Wie -- was?« fragte der Konrektor Paulmann.
+-- »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort, »deshalb muß er nun königlicher
+Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirtschaften,
+die aber weiter nichts sind als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in
+Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken
+wie die Sirenen.« -- »Herr Anselmus, Herr Anselmus!« rief der Konrektor
+Paulmann, »rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen
+Sie für ungewaschenes Zeug?« -- »Er hat Recht,« fiel der Registrator
+Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander,
+der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den
+Überrock brennen wie glühender Schwamm. -- Ja, ja, Du hast Recht,
+Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und damit
+schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die
+Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste
+Konrektor. -- »Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun
+wieder an?« -- »Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als
+ein Vogel -- ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« --
+»Was? -- ich ein Vogel -- ein Schuhu -- ein Friseur?« -- schrie der
+Konrektor voller Zorn -- »Herr, Sie sind toll -- toll!« -- »Aber die Alte
+kommt ihm über den Hals,« rief der Registrator Heerbrand. -- »Ja, die Alte
+ist mächtig,« fiel der Student Anselmus ein, »unerachtet sie nur von
+niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch
+und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie
+allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.«
+-- »Das ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit zornglühenden
+Augen, »die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine
+feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten
+und ihr Cousin germain.« -- »Kann der Salamander fressen, ohne sich den
+Bart zu versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator
+Heerbrand. »Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr
+wird er das können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein
+kindliches Gemüt und habe Serpentinas Augen geschaut.« -- »Die wird der
+Kater auskratzen,« rief Veronika. -- »Salamander -- Salamander bezwingt sie
+alle -- alle,« brüllte der Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin
+ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? -- was schwatze ich denn für
+wahnwitziges Zeug? -- Ja ich bin auch toll -- auch toll!« -- Damit sprang
+der Konrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte
+sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im
+gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten. Da ergriffen
+der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die
+Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die
+Scherben klirrend und klingend umhersprangen. »Vivat Salamander! -- pereat
+-- pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen
+aus! -- Vöglein -- Vöglein aus den Lüften -- Eheu -- Eheu -- Evoe
+-- Salamander!« -- So schrien und brüllten die Drei wie Besessene
+durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika lag
+winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf, alles
+war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen
+herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich
+zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor
+allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß
+sie eher eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!«
+schnarrte das possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus
+Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und
+er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse
+er schönstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit
+schritt er wieder zur Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das
+gravitätische Männlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor
+Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch
+das Zimmer dröhnte und dazwischen winselte und ächzte Veronika wie von
+namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der
+Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch
+die Straßen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf
+trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn
+im Rausch so geängstigt habe und er möge sich nur vor neuen Einbildungen
+hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. »Gute Nacht, gute
+Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika und hauchte einen Kuß
+auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die
+Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Nun
+mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches lachen; aber
+indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem behaglichen
+Gefühl durchdrungen.
+
+[Illustration: Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des
+Achivarius Lindhorst]
+
+Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich
+von meinen albernen Grillen zurückgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es
+nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die
+Stube nicht verließ, aus Furcht von den Hühnern gefressen zu werden, weil
+er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat
+geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin
+glücklich. -- Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst
+ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so
+seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche
+Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke und dergleichen. Statt
+der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige
+Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei
+erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch
+ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die
+natürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden
+Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können. -- Der Archivarius
+sah ihn mit einem ganz eignen ironischen Lächeln an und fragte: »Nun, wie
+hat Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?« -- »Ach gewiß
+hat Ihnen der Papagei,« -- erwiderte der Student Anselmus ganz beschämt;
+aber er stockte: denn er dachte nun wieder daran, daß auch die Erscheinung
+des Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. »Ei, ich war
+ja selbst in der Gesellschaft,« fiel der Archivarius Lindhorst ein, »haben
+Sie mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt,
+wäre ich beinahe hart beschädigt worden; denn ich saß eben in dem
+Augenblicke noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach
+griff, um sie gegen die Decke zu schleudern und mußte mich schnell in des
+Konrektors Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! -- seien Sie
+fleißig, auch für den gestrigen versäumten Tag zahle ich den Speziestaler,
+da Sie bisher so wacker gearbeitet.« -- »Wie kann der Archivarius nur solch
+tolles Zeug faseln!« sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte
+sich an den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der
+Archivarius wie gewöhnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der
+Pergamentrolle so viele sonderbare krause Züge und Schnörkel durcheinander,
+die, ohne dem Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten,
+daß es ihm beinahe unmöglich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem
+Überblick des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor
+oder ein mit Moosen durchsprenkelter Stein. -- Er wollte dessen unerachtet
+das Mögliche versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte
+wollte durchaus nicht fließen, er spritzte die Feder ungeduldig aus und --
+o Himmel! ein großer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend
+und brausend fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlängelte sich
+krachend durch das Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf
+aus den Wänden, die Blätter fingen an zu rauschen wie vom Sturme
+geschüttelt und aus ihnen schossen blinkende Basilisken im flackernden
+Feuer herab, den Dampf entzündend, daß die Flammenmassen prasselnd sich um
+den Anselmus wälzten. Die goldnen Stämme der Palmbäume wurden zu
+Riesenschlangen, die ihre gräßlichen Häupter in schneidendem Metallklange
+zusammenstießen und mit den geschuppten Leibern den Anselmus umwanden.
+»Wahnsinniger! erleide nun die Strafe dafür, was Du im frechen Frevel
+tatest!« -- So rief die fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der
+über den Schlangen wie ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und
+nun sprühten ihre aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und
+es war als verdichteten sich die Feuerströme um seinen Körper und würden
+zur festen eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger
+sich zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder
+zu sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von
+einem glänzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand
+erheben oder sonst sich rühren, stieß. -- Ach! er saß in einer
+wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer
+des Archivarius Lindhorst.
+
+[Illustration: Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche]
+
+
+
+
+ZEHNTE VIGILIE
+
+
+Die Leiden des Studenten Anselmus in der gläsernen Flasche. -- Glückliches
+Leben der Kreuzschüler und Praktikanten. -- Die Schlacht im
+Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. -- Sieg des Salamanders und
+Befreiung des Studenten Anselmus.
+
+
+Mit Recht darf ich zweifeln, daß Du, günstiger Leser, jemals in einer
+gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, daß ein
+lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen
+befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten
+Anselmus recht lebhaft fühlen. Hast Du aber auch dergleichen nie geträumt,
+so schließt Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl
+auf einige Augenblicke in das Kristall ein. -- Du bist von blendendem
+Glanze dicht umflossen, alle Gegenstände ringsumher erscheinen Dir von
+strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben -- alles zittert und
+wankt und dröhnt im Schimmer -- Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie
+in einem festgefrornen Äther, der Dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens
+dem toten Körper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger drückt die
+zentnerschwere Last Deine Brust -- immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug
+die Lüftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten -- Deine
+Pulsadern schwellen auf und von gräßlicher Angst durchschnitten zuckt jeder
+Nerv im Todeskampfe blutend. -- Habe Mitleid, günstiger Leser, mit dem
+Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem gläsernen
+Gefängnisse ergriff; aber er fühlte wohl, daß der Tod ihn nicht erlösen
+könne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im Übermaß
+seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und
+freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte
+kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im
+mißtönenden Klange betäubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist
+sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. --
+Da schrie er auf in Verzweiflung: »O Serpentina -- Serpentina, rette mich
+von dieser Höllenqual!« Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die
+legten sich um die Flasche wie grüne durchsichtige Holunderblätter; das
+Tönen hörte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er
+atmete freier. »Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst
+Schuld? ach! habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina
+gefrevelt? habe ich nicht schnöde Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht
+den Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch beglücken
+sollte? Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, für mich ist der goldne
+Topf verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein
+einziges Mal möcht' ich Dich sehen, Deine holde süße Stimme hören,
+liebliche Serpentina!« -- So klagte der Student Anselmus von tiefem
+schneidendem Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: »Ich weiß
+garnicht was Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so über alle
+Maßen?« -- Der Student Anselmus wurde gewahr, daß neben ihm auf demselben
+Repositorium noch fünf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzschüler
+und zwei Praktikanten erblickte. -- »Ach, meine Herren und Gefährten im
+Unglück,« rief er aus, »wie ist es Ihnen denn möglich, so gelassen, ja so
+vergnügt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja
+doch eben so gut eingesperrt in gläsernen Flaschen als ich und können sich
+nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vernünftiges denken, ohne daß
+ein Mordlärmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne daß es Ihnen im
+Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewiß nicht an
+den Salamander und an die grüne Schlange!« -- Sie faseln wohl, mein Herr
+Studiosus,« erwiderte ein Kreuzschüler, »nie haben wir uns besser befunden
+als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius
+erhalten für allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir dürfen jetzt
+keine italienischen Chöre mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage
+zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl
+schmecken, sehen auch wohl einem hübschen Mädchen in die Augen, singen wie
+wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergnügt.« -- »Die
+Herren haben ganz recht,« fiel ein Praktikant ein, »auch ich bin mit
+Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und
+spaziere fleißig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei
+zwischen vier Wänden zu sitzen.« -- »Aber meine besten wertesten Herren,«
+sagte der Student Anselmus, »spüren Sie es denn nicht, daß Sie alle samt
+und sonders in gläsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen,
+viel weniger umherspazieren können?« -- Da schlugen die Kreuzschüler und
+die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: »Der Studiosus ist toll,
+er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen und steht auf der
+Elbbrücke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!«
+-- »Ach,« seufzte der Student, »die schauten niemals die holde Serpentina,
+sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb
+spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander
+bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Unglücklicher
+werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich
+liebe, mich nicht rettet.« -- Da wehte und säuselte Serpentina's Stimme
+durch das Zimmer: »Anselmus! glaube, liebe, hoffe!« -- Und jeder Laut
+strahlte in das Gefängnis des Anselmus hinein und das Kristall mußte seiner
+Gewalt weichen und sich ausdehnen, daß die Brust des Gefangenen sich regen
+und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes
+und er merkte wohl, daß ihn Serpentina noch liebe und daß nur _sie_ es
+sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall erträglich mache. Er bekümmerte
+sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Unglücksgefährten, sondern richtete
+Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. -- Aber plötzlich entstand
+von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald
+deutlich bemerken, daß dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit
+halbzerbrochenem Deckel herrührte, die ihm gegenüber auf einem kleinen
+Schrank hingestellt war. Sowie er schärfer hinschaute, entwickelten sich
+immer mehr die garstigen Züge eines alten verschrumpften Weibergesichts und
+bald stand das Äpfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die
+grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: »Ei, ei,
+Kindchen! -- mußt Du nun ausharren? -- Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich
+Dir's nicht längst vorausgesagt?« -- »Höhne und spotte nur, Du verdammtes
+Hexenweib,« sagte der Student Anselmus, »Du bist Schuld an allem, aber der
+Salamander wird Dich treffen, Du schnöde Runkelrübe!« -- »Ho, ho!«
+erwiderte die Alte, »nur nicht so stolz! Du hast meinen Söhnlein ins
+Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir
+gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein Töchterchen
+ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn
+ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau
+Gevatterin, die Ratte, welche gleich über Dir auf dem Boden wohnt, die soll
+das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und
+ich fange Dich auf in der Schürze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlägst,
+sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhältst und ich trage Dich flugs zu
+Mamsell Veronika, die mußt Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden.« -- »Laß
+ab von mir, Satansgeburt,« schrie der Student Anselmus voller Grimm, »nur
+Deine höllischen Künste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun
+abbüßen muß. -- Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich
+sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfängt! -- Hör' es
+Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur
+Serpentina -- ich will nie Hofrat werden -- nie die Veronika schauen, die
+mich durch Dich zum Bösen verlockt! -- Kann die grüne Schlange nicht mein
+werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! -- Hebe Dich weg
+-- hebe Dich weg -- Du schnöder Wechselbalg!« -- Da lachte die Alte auf,
+daß es im Zimmer gellte und rief: »So sitze denn und verderbe, aber nun
+ist's Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Geschäft hier ist noch von anderer
+Art.« -- Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter
+Nacktheit, dann fuhr sie in Kreisen umher und große Folianten stürzten
+herab, aus denen riß sie Pergamentblätter, und diese im künstlichen Gefüge
+schnell zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen
+seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuersprühend sprang der
+schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und
+heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Tür
+verschwand. Anselmus merkte, daß sie nach dem blauen Zimmer gegangen und
+bald hörte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vögel im Garten
+schrien, der Papagei schnarrte: »Rette -- rette! Raub -- Raub!« -- In dem
+Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurückgesprungen, den goldenen Topf auf
+dem Arm tragend und mit gräßlicher Geberde wild durch die Lüfte schreiend:
+»Glück auf! -- Glück auf! -- Söhnlein -- töte die grüne Schlange! auf,
+Söhnlein, auf!« -- Es war dem Anselmus als höre er ein tiefes Stöhnen, als
+höre er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung.
+-- Er raffte alle seine Kräfte zusammen; er stieß mit Gewalt, als sollten
+Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall -- ein schneidender Klang
+fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Tür in seinem
+glänzenden damastnen Schlafrock; »Hei, hei! Gesindel, toller Spuk
+-- Hexenwerk -- hierher -- heisa!« So schrie er. Da richteten sich die
+schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen
+erglänzten von höllischem Feuer und die spitzigen Zähne des weiten Rachens
+zusammenbeißend, zischte sie: »frisch -- frisch 'raus -- zisch aus, zisch
+aus! und lachte und meckerte höhnend und spottend und drückte den goldnen
+Topf fest an sich und warf daraus Fäuste voll glänzender Erde auf den
+Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berührte, wurden Blumen
+daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des
+Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer
+brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in
+die Höhe sprang und den pergamentnen Harnisch schüttelte, verlöschten die
+Lilien und zerfielen in Asche. »Frisch darauf, mein Junge!« kreischte die
+Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Tür über
+den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und faßte
+ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, daß rotes feuriges Blut ihm aus dem
+Halse stürzte und Serpentina's Stimme rief: »Gerettet! -- gerettet!« -- Die
+Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den
+Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der dürren Fäuste
+emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser riß schnell den
+Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und
+sprühten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblättern
+und die Alte wälzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde
+aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentblätter aus den Büchern zu
+erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang
+Erde oder Pergamentblätter auf sich zu stürzen, verlöschte das Feuer. Aber
+nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen
+auf die Alte. »Hei, hei! drauf und dran -- Sieg dem Salamander!« dröhnte
+die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze
+schlängelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und
+brausend fuhren in wütendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich
+schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den
+Krallen ihn durchspießend und festhaltend, daß er in der Todesnot gräßlich
+heulte und ächzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glühenden
+Augen aus, daß der brennende Gischt herausspritzte. -- Dicker Qualm strömte
+da empor, wo die Alte zur Erde niedergestürzt unter dem Schlafrock gelegen;
+ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in
+weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet,
+verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag
+eine garstige Runkelrübe. »Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den
+überwundenen Feind,« sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius
+Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. »Sehr gut, mein
+Lieber,« antwortete der Archivarius, »hier liegt auch meine überwundene
+Feindin, besorgen Sie gütigst nunmehr das Übrige; noch heute erhalten Sie
+als ein kleines Douceur sechs Kokosnüsse und eine neue Brille, da, wie ich
+sehe, der Kater Ihnen die Gläser schändlich zerbrochen.« -- »Lebenslang der
+Ihrige, verehrungswürdiger Freund und Gönner!« versetzte der Papagei sehr
+vergnügt, nahm die Runkelrübe in den Schnabel und flatterte damit zum
+Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geöffnet.
+
+[Illustration: Der Rauch verdampfte]
+
+Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: »Serpentina,
+Serpentina!« -- Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut über den
+Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den
+Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des
+Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Würde zu ihm
+hinaufschaute. -- »Anselmus,« sprach der Geisterfürst, »nicht Du, sondern
+nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in Dein Inneres zu dringen und
+Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben.
+Du hast Deine Treue bewährt, sei frei und glücklich.« Ein Blitz zuckte
+durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken
+ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen -- seine Fibern und
+Nerven erbebten -- aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch
+das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er
+stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.
+
+
+
+
+ELFTE VIGILIE
+
+
+Des Konrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene
+Tollheit. -- Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im stärksten
+Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging. -- Veronika's
+Geständnisse. -- Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel.
+
+
+Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der
+vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis
+treiben konnte?« -- Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern
+Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in
+dessen Mitte die unglückliche Perücke in ihre ursprünglichen Bestandteile
+aufgelöst im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur Tür
+hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der
+Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den
+Köpfen aneinander rennend, bis Fränzchen den schwindligen Papa mit vieler
+Mühe ins Bett brachte und der Registrator in höchster Ermattung aufs Sofa
+sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flüchtend, verlassen. Der
+Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt,
+sah ganz blaß und melancholisch aus und stöhnte: »Ach, werter Konrektor,
+nicht der Punsch, den Mamsell Veronika köstlich bereitet, nein! -- sondern
+lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie
+denn nicht, daß er schon längst mente captus ist? Aber wissen Sie denn
+nicht auch, daß der Wahnsinn ansteckt? -- Ein Narr macht viele; verzeihen
+Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorzüglich, wenn man ein Gläschen
+getrunken, da gerät man leicht in die Tollheit und manövriert unwillkürlich
+nach und bricht aus in die Exercitia, die der verrückte Flügelmann
+vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, daß mir noch ganz schwindlig ist,
+wenn ich an den grauen Papagei denke?« -- »Ach was,« fiel der Konrektor
+ein, »Possen! -- es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der
+einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.« -- »Es
+kann sein,« versetzte der Registrator Heerbrand, »aber ich muß gestehen,
+daß mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht über hat es so
+wunderlich georgelt und gepfiffen.« -- »Das war ich«, erwiderte der
+Konrektor, »denn ich schnarche stark.« -- »Nun, mag das sein,« fuhr der
+Registrator fort, »aber Konrektor, Konrektor! -- nicht ohne Ursache hatte
+ich gestern dafür gesorgt, uns einige Fröhlichkeit zu bereiten -- aber der
+Anselmus hat mir alles verdorben. -- Sie wissen nicht -- o Konrektor,
+Konrektor!« -- Der Registrator Heerbrand sprang auf, riß das Tuch vom
+Kopfe, umarmte den Konrektor, drückte ihm feurig die Hand, rief noch einmal
+ganz herzbrechend: »O Konrektor, Konrektor!« und rannte Hut und Stock
+ergreifend schnell von dannen. »Der Anselmus soll mir nicht mehr über die
+Schwelle,« sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, »denn ich sehe nun
+wohl, daß er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr
+bißchen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert -- ich habe
+mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark
+anklopfte, könnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben.
+-- Also apage Satanas! -- fort mit dem Anselmus!« -- Veronika war ganz
+tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lächelte nur zuweilen ganz
+seltsam und war am liebsten allein. »Die hat Anselmus auch auf der Seele«,
+sagte der Konrektor voller Bosheit, »aber es ist gut, daß er sich garnicht
+sehen läßt, ich weiß, daß er sich vor mir fürchtet -- der Anselmus, deshalb
+kommt er garnicht her.« Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut,
+da stürzten der Veronika, die eben gegenwärtig, die Tränen aus den Augen
+und sie seufzte: »Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon
+längst in die gläserne Flasche eingesperrt.« -- »Wie? was?« rief der
+Konrektor Paulmann. »Ach Gott -- ach Gott, auch sie faselt schon wie der
+Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. -- Ach du verdammter
+abscheulicher Anselmus!« -- Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der
+lächelte und sagte wieder: »Ei, ei!« -- Er verschrieb aber nichts, sondern
+setzte dem wenigen, was er geäußert, noch weggehend hinzu: »Nervenzufälle!
+-- wird sich geben von selbst -- in die Luft führen -- spazieren fahren
+-- sich zerstreuen -- Theater -- Sonntagskind -- Schwestern von Prag --
+wird sich geben!« -- »So beredt war der Doktor selten,« dachte der
+Konrektor Paulmann, »ordentlich geschwätzig.« -- Mehrere Tage und Wochen
+und Monate waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der
+Registrator Heerbrand ließ sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da
+trat er in einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und
+seidenen Strümpfen, des starken Frostes unerachtet, einen großen Strauß
+lebendiger Blumen in der Hand, mittags Punkt zwölf Uhr in das Zimmer des
+Konrektors Paulmann, der nicht wenig über seinen geputzten Freund
+erstaunte. Feierlich schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor
+los, umarmte ihn mit feinem Anstande und sprach dann: »Heute an dem
+Namenstage Ihrer lieben verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn
+nun alles gerade heraussagen, was mir längst auf dem Herzen gelegen!
+Damals, an dem unglücklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem
+verderblichen Punsch in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es
+im Sinn, eine freudige Nachricht Ihnen mitzuteilen und den glückseligen Tag
+in Fröhlichkeit zu feiern; schon damals hatte ich es erfahren, daß ich
+Hofrat geworden, über welche Standeserhöhung ich jetzt das Patent cum
+nomine et sigillo principis erhalten und in der Tasche trage.« -- »Ach,
+ach! Herr Registr -- Herr Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen,« stammelte
+der Konrektor. -- »Aber Sie, verehrter Konrektor,« fuhr der nunmehrige
+Hofrat Heerbrand fort: »Sie können erst mein Glück vollenden. Schon längst
+habe ich die Mamsell Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches
+freundlichen Blickes rühmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich
+gezeigt, daß sie mir wohl nicht abhold sein dürfte. Kurz, verehrter
+Konrektor! -- ich, der Hofrat Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer
+liebenswürdigen Demoiselle Tochter Veronika, die ich, haben Sie nichts
+dagegen, in kurzer Zeit heimzuführen gedenke.« -- Der Konrektor Paulmann
+schlug voll Verwunderung die Hände zusammen und rief: »Ei -- Ei -- Ei --
+Herr Registr -- Herr Hofrat wollte ich sagen, wer hätte das gedacht! --
+Nun, wenn Veronika Sie in der Tat liebt, ich meines Teils habe nichts
+dagegen; vielleicht ist auch ihre jetzige Schwermut nur eine versteckte
+Verliebtheit in Sie, verehrter Hofrat; man kennt ja die Possen.« -- In dem
+Augenblick trat Veronika herein, blaß und verstört, wie sie jetzt
+gewöhnlich war. Da schritt der Hofrat Heerbrand auf sie zu, erwähnte in
+wohlgesetzter Rede ihres Namenstages und überreichte ihr den duftenden
+Blumenstrauß nebst einem kleinen Päckchen, aus dem ihr, als sie es öffnete,
+ein paar glänzende Ohrgehänge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende
+Röte färbte ihre Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: »Ei,
+mein Gott! Das sind ja dieselben Ohrgehänge, die ich schon vor mehreren
+Wochen trug und mich daran ergötzte!« -- »Wie ist denn das möglich?« fiel
+der Hofrat Heerbrand etwas bestürzt und empfindlich ein, »da ich dieses
+Geschmeide erst seit einer Stunde in der Schloßgasse für schmähliches Geld
+erkauft?« -- Aber die Veronika hörte nicht darauf, sondern stand schon vor
+dem Spiegel, um die Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen
+Öhrchen gehängt, zu erforschen. Der Konrektor Paulmann eröffnete ihr mit
+gravitätischer Miene und mit ernstem Ton die Standeserhöhung Freund
+Heerbrands und seinen Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit
+durchdringendem Blick an und sprach: »Das wußte ich längst, daß Sie mich
+heiraten wollten. -- Nun es sei! -- ich verspreche Ihnen Herz und Hand,
+aber ich muß Ihnen nur gleich -- Ihnen Beiden nämlich, dem Vater und dem
+Bräutigam, manches entdecken, was mir recht schwer in Sinn und Gedanken
+liegt -- jetzt gleich, und sollte darüber die Suppe kalt werden, die, wie
+ich sehe, Fränzchen soeben auf den Tisch setzt.« Ohne des Konrektors und
+des Hofrats Antwort abzuwarten, unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf
+den Lippen schwebten, fuhr Veronika fort: »Sie können es mir glauben,
+bester Vater, daß ich den Anselmus recht von Herzen liebte und als der
+Registrator Heerbrand, der nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der
+Anselmus könne es wohl zu so etwas bringen, beschloß ich, er und kein
+anderer solle mein Mann werden. Da schien es aber, als wenn fremde
+feindliche Wesen ihn mir entreißen wollten und ich nahm meine Zuflucht zu
+der alten Lise, die ehemals meine Wärterin war und jetzt eine weise Frau,
+eine große Zauberin ist. _Die_ versprach mir zu helfen und den Anselmus mir
+ganz in die Hände zu liefern. Wir gingen Mitternachts in der Tag- und
+Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie beschwor die höllischen Geister und mit
+Hilfe des schwarzen Katers brachten wir einen kleinen Metallspiegel zu
+Stande, in den ich, meine Gedanken auf den Anselmus richtend, nur blicken
+durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken zu beherrschen. -- Aber ich bereue
+jetzt herzlich das alles getan zu haben, ich schwöre allen Satanskünsten
+ab. Der Salamander hat über die Alte gesiegt, ich hörte ihr Jammergeschrei,
+aber es war keine Hilfe möglich, sowie sie als Runkelrübe vom Papagei
+verzehrt worden, zerbrach mit schneidendem Klange mein Metallspiegel.«
+Veronika holte die beiden Stücke des zerbrochenen Spiegels und eine Locke
+aus dem Nähkästchen und beides dem Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie
+fort: »Hier nehmen Sie, geliebter Hofrat, die Stücke des Spiegels, werfen
+Sie sie heute Nacht um zwölf Uhr von der Elbbrücke, und zwar von da wo das
+Kreuz steht, hinab in den Strom, der dort nicht zugefroren, die Locke aber
+bewahren Sie auf treuer Brust. Ich schwöre nochmals allen Satanskünsten ab
+und gönne dem Anselmus herzlich sein Glück, da er nunmehr mit der grünen
+Schlange verbunden, die viel schöner und reicher ist als ich. Ich will Sie,
+geliebter Hofrat, als eine rechtschaffene Frau lieben und verehren!« --
+»Ach Gott! -- ach Gott!« rief der Konrektor Paulmann voller Schmerz, »sie
+ist wahnsinnig, sie ist wahnsinnig -- sie kann nimmermehr Frau Hofrätin
+werden -- sie ist wahnsinnig!« -- »Mit nichten,« fiel der Hofrat Heerbrand
+ein, »ich weiß wohl, daß Mamsell Veronika eine Neigung für den vertrackten
+Anselmus gehegt, und es mag sein, daß sie vielleicht in einer gewissen
+Überspannung sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl
+niemand anders sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegießerin vor dem
+Seetore, kurz, die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, daß es
+wirklich wohl geheime Künste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr
+ihren feindlichen Einfluß äußern, man liest schon davon in den Alten; was
+aber Mamsell Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung
+des Anselmus mit der grünen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine
+poetische Allegorie -- gleichsam ein Gedicht, worin sie den gänzlichen
+Abschied von dem Studenten besungen.« -- »Halten Sie das wofür Sie wollen,
+bester Hofrat!« fiel Veronika ein, »vielleicht für einen recht albernen
+Traum.« -- »Keineswegs tue ich das,« versetzte der Hofrat Heerbrand, »denn
+ich weiß ja wohl, daß der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die
+ihn zu allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.« Länger konnte
+der Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: »Halt, um Gottes
+willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder übernommen im verdammten
+Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen
+Sie denn auch wieder für Zeug? -- Ich will indessen glauben, daß es die
+Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der
+Ehe, sonst wäre mir bange, daß auch _Sie_ in einigen Wahnsinn
+verfallen, verehrungswürdiger Hofrat und würde dann Sorge tragen wegen der
+Deszendenz, die das malum der Eltern vererben könnte. -- Nun, ich gebe
+meinen väterlichen Segen zu der fröhlichen Verbindung und erlaube, daß Ihr
+Euch als Braut und Bräutigam küsset.« Dies geschah sofort und es war, noch
+ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die förmliche Verlobung
+geschlossen. Wenige Wochen nachher saß die Frau Hofrätin Heerbrand
+wirklich, wie sie sich schon früher im Geiste erblickt, in dem Erker eines
+schönen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lächelnd auf die Elegants
+hinab, die vorübergehend und hinauflorgnettierend sprachen: »Es ist doch
+eine göttliche Frau, die Hofrätin Heerbrand!« -- --
+
+
+
+
+ZWÖLFTE VIGILIE
+
+
+Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst
+Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. -- Beschluß.
+
+
+Wie fühlte ich recht in der Tiefe des Gemüts die hohe Seligkeit des
+Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun
+nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er für die
+Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erfüllte Brust
+schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, günstiger
+Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur
+einigermaßen in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die
+Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich fühlte mich befangen in den Armseligkeiten
+des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in quälendem Mißbehagen, ich
+schlich umher wie ein Träumender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des
+Studenten Anselmus, den ich Dir, günstiger Leser, in der vierten Vigilie
+beschrieben. Ich härmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich
+glücklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, daß es mir wohl
+niemals vergönnt sein werde, die zwölfte als Schlußstein hinzuzufügen: denn
+so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es
+als hielten mir recht tückische Geister (es mochten wohl Verwandte
+-- vielleicht cousins germains der getöteten Hexe sein) ein glänzend
+poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, blaß, übernächtig und
+melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. -- Da
+warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem
+glücklichen Anselmus und der holden Serpentina zu träumen. So hatte das
+schon mehrere Tage und Nächte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von
+dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes
+schrieb:
+
+Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale
+meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters
+Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und quälen sich jetzt sehr ab, in der
+zwölften und letzten Vigilie einiges von seinem glücklichen Leben in
+Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das hübsche Rittergut,
+welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe,
+daß Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich
+vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend
+Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende
+Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und
+mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten könne, und
+inwiefern ihm überhaupt solide Geschäfte anzuvertrauen, da nach Gabalis und
+Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen -- unerachtet nun
+meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich könnte
+in plötzlichem Übermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und
+Sonntagsrock verderben -- unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew.
+Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel
+Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich
+wäre die beiden übrigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die
+zwölfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten fünf Treppen
+hinunter, verlassen Sie Ihr Stübchen und kommen Sie zu mir. Im blauen
+Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die gehörigen
+Schreibmaterialien und Sie können dann mit wenigen Worten den Lesern kund
+tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitläufige
+Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom Hörensagen kennen. Mit
+Achtung
+
+ Ew. Wohlgeboren ergebenster
+
+ der Salamander Lindhorst
+ p. t. königl. geh. Archivarius.
+
+Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des
+Archivarius Lindhorst war mir höchst angenehm. Zwar schien es gewiß, daß
+der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines
+Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir
+selbst, günstiger Leser, verschweigen mußte, wohl unterrichtet sei, aber er
+hatte das nicht so übel vermerkt, als ich wohl befürchten konnte. Er bot ja
+selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit
+Recht schließen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, daß
+seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt
+werde. Es kann sein, dachte ich, daß er selbst die Hoffnung daraus schöpft,
+desto eher seine beiden noch übrigen Töchter an den Mann zu bringen, denn
+vielleicht fällt doch ein Funke in dieses oder jenes Jünglings Brust, der
+die Sehnsucht nach der grünen Schlange entzündet, welche er dann in dem
+Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglück, das
+den Anselmus betroffen, als er in die gläserne Flasche gebannt wurde, wird
+er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht
+ernstlich zu hüten. Punkt elf Uhr löschte ich meine Studierlampe aus und
+schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete.
+»Sind Sie da -- Hochverehrter! -- nun das ist mir lieb, daß Sie meine
+guten Absichten nicht verkennen -- kommen Sie nur!« -- Und damit führte er
+mich durch den von blendendem Glanze erfüllten Garten in das azurblaue
+Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der
+Anselmus gearbeitet. -- Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber
+gleich wieder mit einem schönen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine
+blaue Flamme hoch emporknisterte. »Hier,« sprach er, »bringe ich Ihnen das
+Lieblingsgetränk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. --
+Es ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie
+was weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner
+Lust, und um, während Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten
+Gesellschaft zu genießen, in dem Pokal auf- und niedersteigen.« -- »Wie es
+Ihnen gefällig ist, verehrter Herr Archivarius,« versetzte ich; »aber wenn
+ich nun von dem Getränk genießen will, werden Sie nicht« -- »Tragen Sie
+keine Sorge, mein Bester!« rief der Archivarius, warf den Schlafrock
+schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und
+verschwand in den Flammen. -- Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise
+weghauchend, von dem Getränk, es war köstlich!
+
+ * * * * *
+
+Rühren sich nicht in sanftem Säuseln und Rauschen die smaragdenen Blätter
+der Palmbäume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? -- Erwacht aus
+dem Schlafe heben und regen sie sich und flüstern geheimnisvoll von den
+Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentöne verkünden! -- Das
+Azur löst sich von den Wänden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder,
+aber blendende Strahlen schießen durch den Duft, der sich wie in
+jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur
+unermeßlichen Höhe, die sich über den Palmbäumen wölbt. -- Aber immer
+blendender häuft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich
+der unabsehbare Hain aufschließt, in dem ich den Anselmus erblicke.
+-- Glühende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schönen Häupter
+und ihre Düfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glücklichen zu: wandle,
+wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst -- unser Duft ist die
+Sehnsucht der Liebe -- wir lieben Dich und sind Dein immerdar! -- Die
+goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe
+entzündet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen
+wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! -- Es rischeln und
+rauschen die dunklen Büsche -- die hohen Bäume: Komme zu uns!
+-- Glücklicher! -- Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser
+kühler Schatten. Wir umsäuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns,
+weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. -- Die Quellen und Bäche plätschern
+und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser
+Kristall -- Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast
+uns verstanden! -- Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vöglein: Höre
+uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe!
+-- Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich
+in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die
+Kapitäle und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und
+Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er
+betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten
+Stufen. »Ach nein,« ruft er wie im Übermaß des Entzückens, »sie ist nicht
+mehr fern!« Da tritt in hoher Schönheit und Anmut Serpentina aus dem Innern
+des Tempels, sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie
+entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glüht in den
+holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: »Ach,
+Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen -- das Höchste ist
+erfüllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« Anselmus
+umschlingt sie mit der Inbrunst des glühendsten Verlangens -- die Lilie
+brennt in flammenden Strahlen über seinem Haupte. Und lauter regen sich
+die Bäume und die Büsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen
+-- die Vögel -- allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln -- ein
+frohes, freudiges, jubelndes Getümmel in der Luft -- in den Wässern -- auf
+der Erde feiert das Fest der Liebe! -- Da zucken Blitze überall leuchtend
+durch die Büsche -- Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde
+-- hohe Springbäche strahlen aus den Quellen -- seltsame Düfte wehen mit
+rauschendem Flügelschlag daher, -- es sind die Elementargeister, die der
+Lilie huldigen und des Anselmus Glück verkünden. -- Da erhebt Anselmus das
+Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklärung umflossen. -- Sind es Blicke?
+-- sind es Worte? -- ist es Gesang? -- Vernehmlich klingt es: »Serpentina!
+-- der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur
+erschlossen! -- Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der
+Urkraft der Erde, noch ehe Phosphorus den Gedanken entzündete, entsproß --
+sie ist die Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser
+Erkenntnis lebe ich in höchster Seligkeit immerdar. -- Ja, ich
+Hochbeglückter habe das Höchste erkannt -- ich muß Dich lieben ewiglich, o
+Serpentina! -- nimmer verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie
+Glaube und Liebe, ist ewig die Erkenntnis.«
+
+ * * * * *
+
+Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute
+in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Künsten des Salamanders und
+herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem
+Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich
+von mir selbst aufgeschrieben fand. -- Aber nun fühlte ich mich von jähem
+Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach glücklicher Anselmus, der Du die
+Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden
+Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude
+auf Deinem Rittergut in Atlantis! -- Aber ich Armer! -- bald -- ja in
+wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein
+Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen und die
+Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick
+ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals
+die Lilie schauen werde.« -- Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise
+auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so!
+-- Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch
+dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres
+innern Sinns? -- Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als
+das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als
+tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?«
+
+ * * * * *
+
+ Ende des Märchens.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***
+
+
+******* This file should be named 17362-8.txt or 17362-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/17362-8.zip b/17362-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..1ab7416
--- /dev/null
+++ b/17362-8.zip
Binary files differ
diff --git a/17362-h.zip b/17362-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..1a38544
--- /dev/null
+++ b/17362-h.zip
Binary files differ
diff --git a/17362-h/17362-h.htm b/17362-h/17362-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..a2825af
--- /dev/null
+++ b/17362-h/17362-h.htm
@@ -0,0 +1,3300 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html>
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Der Goldene Topf, by E. T. A. Hoffmann</title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ p { margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ }
+ h1,h2,h3,h4,h5,h6 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ }
+ hr { width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ }
+
+ table {margin-left: auto; margin-right: auto;}
+
+ body{margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ }
+
+ .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */
+ .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;}
+ .blockquotsmall{margin-left: 5%; margin-right: 10%; font-size: smaller}
+ .pagenum {position: absolute; left: 92%; font-size: smaller; text-align: right;} /* page numbers */
+ .sidenote {width: 20%; padding-bottom: .5em; padding-top: .5em;
+ padding-left: .5em; padding-right: .5em; margin-left: 1em;
+ float: right; clear: right; margin-top: 1em;
+ font-size: smaller; background: #eeeeee; border: dashed 1px;}
+
+ .bb {border-bottom: solid 2px;}
+ .bl {border-left: solid 2px;}
+ .bt {border-top: solid 2px;}
+ .br {border-right: solid 2px;}
+ .bbox {border: solid 2px;}
+
+ .center {text-align: center;}
+ .smcap {font-variant: small-caps;}
+
+ .caption {font-weight: bold;}
+
+ .figcenter {margin: auto; text-align: center; margin-bottom: 3em; margin-top: 3em;}
+
+ .figleft {float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top:
+ 1em; margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center;}
+
+ .figright {float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em;
+ margin-top: 1em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center;}
+
+ .footnotes {border: dashed 1px;}
+ .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+ .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+ .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none;}
+
+ .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;}
+ .poem br {display: none;}
+ .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
+ .poem span {display: block; margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em;}
+ .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em;}
+ hr.full { width: 100%; }
+ pre {font-size: 75%;}
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+</head>
+<body>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, Der Goldene Topf, by E. T. A. Hoffmann,
+Illustrated by Edmund Schaefer</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Der Goldene Topf</p>
+<p>Author: E. T. A. Hoffmann</p>
+<p>Release Date: December 20, 2005 [eBook #17362]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Robert Kropf<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (https://www.pgdp.net/)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+Transcriber's note: [&nbsp;&nbsp;] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/01.jpg" alt="Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden" title="Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden" /></div>
+
+<h1>E.T.A. HOFFMANN:</h1>
+
+<h1>DER<br />GOLDENE TOPF</h1>
+
+<div class="center">
+<br /><br />
+MIT 11 FEDERZEICHNUNGEN VON EDMUND SCHAEFER<br />
+<br /><br />
+ERSTES BIS F&Uuml;NFTES TAUSEND<br />
+<br /><br />
+VERLAG VON GUSTAV KIEPENHEUER WEIMAR 1913<br />
+<br /><br /><br />
+
+<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. -->
+ <a href="#ERSTE_VIGILIE"><b>ERSTE VIGILIE.</b></a><br />
+ <a href="#ZWEITE_VIGILIE"><b>ZWEITE VIGILIE.</b></a><br />
+ <a href="#DRITTE_VIGILIE"><b>DRITTE VIGILIE.</b></a><br />
+ <a href="#VIERTE_VIGILIE"><b>VIERTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#FUNFTE_VIGILIE"><b>F&Uuml;NFTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#SECHSTE_VIGILIE"><b>SECHSTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#SIEBENTE_VIGILIE"><b>SIEBENTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#ACHTE_VIGILIE"><b>ACHTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#NEUNTE_VIGILIE"><b>NEUNTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#ZEHNTE_VIGILIE"><b>ZEHNTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#ELFTE_VIGILIE"><b>ELFTE VIGILIE</b></a><br />
+ <a href="#ZWOLFTE_VIGILIE"><b>ZW&Ouml;LFTE VIGILIE</b></a><br />
+<!-- End Autogenerated TOC. -->
+</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ERSTE_VIGILIE" id="ERSTE_VIGILIE" ></a>ERSTE VIGILIE.</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Die Ungl&uuml;cksf&auml;lle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann
+Sanit&auml;tsknaster und die goldgr&uuml;nen Schlangen.</p></div>
+
+
+<p>Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in
+Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit &Auml;pfeln und
+Kuchen hinein, die ein altes h&auml;&szlig;liches Weib feilbot, so da&szlig; Alles, was der
+Quetschung gl&uuml;cklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die
+Stra&szlig;enjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr
+zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verlie&szlig;en die
+Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen
+Menschen und schimpften mit p&ouml;belhaftem Ungest&uuml;m auf ihn hinein, so da&szlig; er,
+vor &Auml;rger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders
+gef&uuml;llten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell
+einsteckte. Nun &ouml;ffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der
+junge Mensch hinausscho&szlig;, rief ihm die Alte nach: Ja, renne &mdash; renne nur
+zu, Satanskind &mdash; ins Kristall bald Dein Fall &mdash; ins Kristall! &mdash; Die
+gellende, kr&auml;chzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so da&szlig;
+die Spazierg&auml;nger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst
+verbreitet, mit einem Mal verstummte. &mdash; Der Student Anselmus (niemand
+anders war der junge Mensch) f&uuml;hlte sich, unerachtet er des Weibes
+sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillk&uuml;rlichen Grausen
+ergriffen, und er befl&uuml;gelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn
+gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun
+durch das Gew&uuml;hl geputzter Menschen durcharbeitete, h&ouml;rte er &uuml;berall
+murmeln: &raquo;Der arme junge Mann &mdash; ei! &uuml;ber das verdammte Weib!&laquo; &mdash; Auf ganz
+sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem
+l&auml;cherlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so da&szlig; man
+dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer
+verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern
+Grimms noch erh&ouml;hte, so wie dem kr&auml;ftigen Wuchse des J&uuml;nglings alles
+Ungeschick, so wie den ganz au&szlig;er dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug.
+Sein hechtgrauer Frack war n&auml;mlich so zugeschnitten, als habe der
+Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom H&ouml;rensagen gekannt,
+und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen
+gewissen magisterm&auml;&szlig;igen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung
+durchaus nicht f&uuml;gen wollte. &mdash; Als der Student schon beinahe das Ende der
+Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade f&uuml;hrt, wollte ihm beinahe der
+Atem ausgehen. Er war gen&ouml;tigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den
+Blick in die H&ouml;he zu richten, denn noch immer sah er die &Auml;pfel und Kuchen
+um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes M&auml;dchens war
+ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gel&auml;chters am schwarzen Tor. So war er
+bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich
+gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten
+ert&ouml;nte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gew&uuml;hl der
+lustigen G&auml;ste. Die Tr&auml;nen w&auml;ren dem armen Studenten Anselmus beinahe in
+die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein
+besonderes Familienfest f&uuml;r ihn gewesen, an der Gl&uuml;ckseligkeit des
+Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion
+Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so
+recht schlampampen zu k&ouml;nnen, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt
+und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den &Auml;pfelkorb um
+alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an
+Musik, an den Anblick der geputzten M&auml;dchen &mdash; kurz &mdash; an alle getr&auml;umten
+Gen&uuml;sse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich
+den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem
+Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein
+freundliches Rasenpl&auml;tzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife
+von dem Sanit&auml;tsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann,
+geschenkt. &mdash; Dicht vor ihm pl&auml;tscherten und rauschten die goldgelben Wellen
+des sch&ouml;nen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche Dresden k&uuml;hn
+und stolz seine lichten T&uuml;rme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich
+hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch gr&uuml;nenden W&auml;lder, und aus
+tiefer D&auml;mmerung gaben die zackichten Gebirge Kunde vom fernen B&ouml;hmerland.
+Aber finster vor sich hinblickend blies der Student Anselmus die
+Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich laut, indem er
+sprach: &raquo;Wahr ist es doch, ich bin zu allem m&ouml;glichen Kreuz und Elend
+geboren! &mdash; Da&szlig; ich niemals Bohnenk&ouml;nig geworden, da&szlig; ich im Paar oder
+Unpaar immer falsch geraten, da&szlig; mein Butterbrot immer auf die fette Seite
+gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist es
+nicht ein schreckliches Verh&auml;ngnis, da&szlig; ich, als ich denn doch nun dem
+Satan zum Trotz Student geworden war, ein K&uuml;mmelt&uuml;rke sein und bleiben
+mu&szlig;te? &mdash; Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal
+einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem &uuml;beleingeschlagenen
+Nagel ein verw&uuml;nschtes Loch hineinzurei&szlig;en? Gr&uuml;&szlig;e ich wohl je einen Herrn
+Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar
+auf dem glatten Boden auszugleiten und sch&auml;ndlich umzust&uuml;lpen? Hatte ich
+nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis
+vier Groschen f&uuml;r zertretene T&ouml;pfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt,
+meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges
+Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit
+gekommen? Was half es, da&szlig; ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich
+vor die T&uuml;r hinstellte, den Dr&uuml;cker in der Hand? denn so wie ich mit dem
+Glockenschlage aufdr&uuml;cken wollte, go&szlig; mir der Satan ein Waschbecken &uuml;ber
+den Kopf, oder lie&szlig; mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, da&szlig; ich
+in tausend H&auml;ndel verwickelt wurde und dar&uuml;ber Alles vers&auml;umte. &mdash; Ach!
+ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Tr&auml;ume k&uuml;nftigen Gl&uuml;cks, wie ich stolz
+w&auml;hnte, ich k&ouml;nne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekret&auml;r bringen! Aber
+hat mir mein Unstern nicht die besten G&ouml;nner verfeindet? &mdash; Ich wei&szlig;, da&szlig;
+der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden
+mag; mit M&uuml;he befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem
+Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die ungl&uuml;ckselige
+Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschn&uuml;ffelt, apportiert im Jubel
+das Z&ouml;pfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und st&uuml;rze
+&uuml;ber den Tisch, an dem er fr&uuml;hst&uuml;ckend gearbeitet hat, so da&szlig; Tassen,
+Teller, Tintenfa&szlig;, Sandb&uuml;chse klirrend herabst&uuml;rzen, und der Strom von
+Schokolade und Tinte sich &uuml;ber die eben geschriebene Relation ergie&szlig;t.
+Herr, sind Sie des Teufels? br&uuml;llt der erz&uuml;rnte geheime Rat und schiebt
+mich zur T&uuml;r hinaus. &mdash; Was hilft es, da&szlig; mir der Konrektor Paulmann
+Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern
+zulassen, der mich &uuml;berall verfolgt? &mdash; Nur noch heute! &mdash; Ich wollte den
+lieben Himmelfahrtstag recht in der Gem&uuml;tlichkeit feiern, ich wollte
+ordentlich was daraufgehen lassen. Ich h&auml;tte eben so gut wie jeder andre
+Gast in Linkes Bade stolz rufen k&ouml;nnen: Marqueur &mdash; eine Flasche Doppelbier
+&mdash; aber vom besten bitte ich! &mdash; Ich h&auml;tte bis sp&auml;t Abends sitzen k&ouml;nnen,
+und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich
+geputzter sch&ouml;ner M&auml;dchen. Ich wei&szlig; es schon, der Mut w&auml;re mir gekommen,
+ich w&auml;re ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich h&auml;tte es so weit
+gebracht, da&szlig; wenn diese oder jene gefragt: wie sp&auml;t mag es wohl jetzt
+sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da w&auml;re ich mit leichtem
+Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder &uuml;ber die Bank zu
+stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorw&auml;rts bewegend,
+h&auml;tte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die
+Ouvert&uuml;re aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen.
+&mdash; H&auml;tte mir das ein Mensch in der Welt &uuml;bel deuten k&ouml;nnen? &mdash; Nein! sage
+ich, die M&auml;dchen h&auml;tten sich so schalkhaft l&auml;chelnd angesehen, wie es wohl
+zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, da&szlig; ich mich auch
+wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen wei&szlig;. Aber
+da f&uuml;hrt mich der Satan in den verw&uuml;nschten &Auml;pfelkorb, und nun mu&szlig; ich in
+der Einsamkeit meinen Sanit&auml;tsknaster &mdash; &laquo; Hier wurde der Student Anselmus
+in seinem Selbstgespr&auml;che durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln
+unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die
+Zweige und Bl&auml;tter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich &uuml;ber seinem
+Haupte w&ouml;lbte. Bald war es, als sch&uuml;ttle der Abendwind die Bl&auml;tter, bald
+als kosten V&ouml;glein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen
+Hin- und Herflattern r&uuml;hrend. Da fing es an zu fl&uuml;stern und zu lispeln, und
+es war als ert&ouml;nten die Bl&uuml;ten wie aufgehangene Kristallgl&ouml;ckchen. Anselmus
+horchte und horchte. Da wurde, er wu&szlig;te selbst nicht wie, das Gelispel und
+Gefl&uuml;ster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:</p>
+
+<div class="blockquot"><p>Zwischen durch &mdash; zwischen ein &mdash; zwischen Zweigen, zwischen
+ schwellenden Bl&uuml;ten, schwingen, schl&auml;ngeln, schlingen wir uns &mdash;
+ Schwesterlein &mdash; Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer &mdash; schnell,
+ schnell herauf &mdash; herab &mdash; Abendsonne schie&szlig;t Strahlen, zischelt
+ der Abendwind &mdash; raschelt der Abendwind &mdash; raschelt der Tau &mdash;
+ Bl&uuml;ten singen &mdash; r&uuml;hren wie Z&uuml;nglein, singen wir mit Bl&uuml;ten und
+ Zweigen &mdash; Sterne bald gl&auml;nzen &mdash; m&uuml;ssen herab &mdash; zwischen durch,
+ zwischen ein schl&auml;ngeln, schlingen, schwingen wir uns
+ Schwesterlein. &mdash;</p></div>
+
+<p>So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte:
+das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich
+verst&auml;ndlichen Worten fl&uuml;stert. &mdash; Aber in dem Augenblick ert&ouml;nte es &uuml;ber
+seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf
+und erblickte drei in gr&uuml;nem Gold ergl&auml;nzende Schl&auml;nglein, die sich um die
+Zweige gewickelt hatten und die K&ouml;pfchen der Abendsonne entgegenstreckten.
+Da fl&uuml;sterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schl&auml;nglein
+schl&uuml;pften und kosten auf und nieder durch die Bl&auml;tter und Zweige; und wie
+sie sich so schnell r&uuml;hrten, da war es als streue der Holunderbusch tausend
+funkelnde Smaragde durch seine dunklen Bl&auml;tter. Das ist die Abendsonne, die
+so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da
+ert&ouml;nten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr
+K&ouml;pfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein
+elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten &mdash; er starrte hinauf, und ein
+Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher
+Sehnsucht, so da&szlig; ein nie gekanntes Gef&uuml;hl der h&ouml;chsten Seligkeit und des
+tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll hei&szlig;en
+Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ert&ouml;nten st&auml;rker in
+lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen
+auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Fl&auml;mmchen um ihn herflackernd
+und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch r&uuml;hrte sich und
+sprach: &raquo;Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umflo&szlig; Dich, aber Du
+verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe
+entz&uuml;ndet.&laquo; Der Abendwind strich vor&uuml;ber und sprach: &raquo;Ich umspielte Deine
+Schl&auml;fe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn
+ihn die Liebe entz&uuml;ndet.&laquo; Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gew&ouml;lk und
+der Schein brannte wie in Worten: &raquo;Ich umgo&szlig; Dich mit gl&uuml;hendem Gold, aber
+Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe
+entz&uuml;ndet.&laquo;</p>
+
+<p>Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen
+Augenpaars, wurde hei&szlig;er die Sehnsucht, gl&uuml;hender das Verlangen. Da regte
+und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Bl&uuml;ten
+dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend
+Fl&ouml;tenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen
+vor&uuml;berfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl
+der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die D&auml;mmerung ihren
+Flor &uuml;ber die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe
+Stimme:</p>
+
+<p>Hei, hei! was ist das f&uuml;r ein Gemunkel und Gefl&uuml;ster da dr&uuml;ben? &mdash; Hei,
+hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug
+gesungen. &mdash; Hei, hei! durch Busch und Gras &mdash; durch Gras und Strom! &mdash; Hei,
+&mdash; hei &mdash; Her u &mdash; u &mdash; u nter &mdash; Her u &mdash; u &mdash; u nter!</p>
+
+<p>So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die
+Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mi&szlig;ton. Alles war verstummt, und
+Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras
+nach dem Strome schl&uuml;pften; rischelnd und raschelnd st&uuml;rzten sie sich in
+die Elbe, und &uuml;ber den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein gr&uuml;nes
+Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend
+verdampfte.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ZWEITE_VIGILIE" id="ZWEITE_VIGILIE" ></a>ZWEITE VIGILIE.</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Wie der Student Anselmus f&uuml;r betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. &mdash; Die
+Fahrt &uuml;ber die Elbe. &mdash; Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun. Conradis
+Magen-Lik&ouml;r und das bronzierte &Auml;pfelweib.</p></div>
+
+
+<p>&raquo;Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste&laquo;, sagte eine ehrbare B&uuml;rgersfrau,
+die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit
+&uuml;bereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus
+zusah. <i>Der</i> hatte n&auml;mlich den Stamm des Holunderbaumes umfa&szlig;t und
+rief unaufh&ouml;rlich in die Zweige und Bl&auml;tter hinein: &raquo;O nur noch einmal
+blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schl&auml;nglein, nur noch einmal
+la&szlig;t eure Glockenstimmchen h&ouml;ren! Nur noch einmal blicket mich an, ihr
+holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich mu&szlig; ja sonst vergehen in
+Schmerz und hei&szlig;er Sehnsucht!&laquo; Und dabei seufzte und &auml;chzte er aus der
+tiefsten Brust recht kl&auml;glich, und sch&uuml;ttelte vor Verlangen und Ungeduld
+den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und
+unvernehmlich mit den Bl&auml;ttern rauschte, und so den Schmerz des Studenten
+Anselmus ordentlich zu verh&ouml;hnen schien. &mdash; &raquo;Der Herr ist wohl nicht recht
+bei Troste,&laquo; sagte die B&uuml;rgersfrau, und dem Anselmus war es so, als w&uuml;rde
+er aus einem tiefen Traum ger&uuml;ttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen,
+um ja recht j&auml;hling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er
+war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu
+getrieben habe, ganz allein f&uuml;r sich selbst in laute Worte auszubrechen.
+Best&uuml;rzt blickte er die B&uuml;rgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der
+zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen
+auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm
+getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich st&uuml;tzend mit Verwunderung
+dem Studenten zugeh&ouml;rt und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel
+auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend:
+&raquo;Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er
+nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als da&szlig; Er zu viel ins
+Gl&auml;schen geguckt &mdash; geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs
+Ohr!&laquo; Der Student Anselmus sch&auml;mte sich sehr, er stie&szlig; ein weinerliches
+Ach! aus. &mdash; &raquo;Nun, nun&laquo;, fuhr der B&uuml;rgersmann fort, &raquo;la&szlig; es der Herr nur
+gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann
+man wohl in der Freude seines Herzens ein Schl&uuml;ckchen &uuml;ber den Durst tun.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/02.jpg" alt="Der Student" title="Der Student" /></div>
+
+<p>Das passiert auch wohl einem Manne Gottes &mdash; der Herr ist ja doch wohl
+ein Kandidat. &mdash; Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein
+Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.&laquo; Dies
+sagte der B&uuml;rger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel
+einstecken wollte, und nun reinigte der B&uuml;rger langsam und bed&auml;chtig seine
+Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere B&uuml;rgerm&auml;dchen waren
+dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit
+einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als st&auml;nde er auf
+lauter spitzigen Dornen und gl&uuml;henden Nadeln. So wie er nur Pfeife und
+Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er
+Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Ged&auml;chtnis geschwunden, und er
+besann sich nur, da&szlig; er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz
+laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher
+einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan
+schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der
+Tat. F&uuml;r einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae
+gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unertr&auml;glich. Schon wollte er in
+die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter
+ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend
+Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden
+gewurzelt stehen, denn er war &uuml;berzeugt, da&szlig; nun gleich ein neues Ungl&uuml;ck
+auf ihn einbrechen werde. Die Stimme lie&szlig; sich wieder h&ouml;ren: Herr Anselmus,
+so kommen Sie doch zur&uuml;ck, wir warten hier am Wasser! &mdash; Nun vernahm der
+Student erst, da&szlig; es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief;
+er ging zur&uuml;ck an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden
+T&ouml;chtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in
+eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit
+ihm &uuml;ber die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt
+gelegenen Wohnung Abends &uuml;ber bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das
+recht gern an, weil er denn doch so dem b&ouml;sen Verh&auml;ngnis, das heute &uuml;ber
+ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun &uuml;ber den Strom fuhren, begab
+es sich, da&szlig; auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein
+Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in
+die H&ouml;he und die leuchtenden Sterne zersprangen in den L&uuml;ften, tausend
+knisternde Strahlen und Flammen um sich spr&uuml;hend. Der Student Anselmus sa&szlig;
+in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den
+Widerschein der in der Luft herumspr&uuml;henden und knisternden Funken und
+Flammen erblickte, da war es ihm als z&ouml;gen die goldnen Schl&auml;nglein durch
+die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat
+wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die
+unaussprechliche Sehnsucht, das gl&uuml;hende Verlangen, welches dort seine
+Brust in krampfhaft schmerzvollem Entz&uuml;cken ersch&uuml;ttert. &raquo;Ach, seid ihr es
+denn wieder, ihr goldenen Schl&auml;nglein, singt nur, singt! In eurem Gesange
+erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen &mdash; ach, seid
+ihr denn unter den Fluten!&laquo; &mdash; So rief der Student Anselmus und machte
+dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die
+Flut st&uuml;rzen. &raquo;Ist der Herr des Teufels?&laquo; rief der Schiffer, und erwischte
+ihn beim Rockscho&szlig;. Die M&auml;dchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im
+Schreck auf und fl&uuml;chteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator
+Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser
+mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte
+verstand: &raquo;Dergleichen Anf&auml;lle &mdash; noch nicht bemerkt?&laquo; &mdash; Gleich nachher
+stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen
+ernsten gravit&auml;tischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand
+nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus
+vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller
+Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl
+deutlich, da&szlig; das, was er f&uuml;r das Leuchten der goldenen Schl&auml;nglein
+gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber
+ein nie gekanntes Gef&uuml;hl, er wu&szlig;te selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog
+krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder
+ins Wasser hineinschlug, da&szlig; es wie im Zorn sich emporkr&auml;uselnd pl&auml;tscherte
+und rauschte, da vernahm er in dem Get&ouml;se ein heimliches Lispeln und
+Fl&uuml;stern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir
+herziehen? &mdash; Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an &mdash; glaube &mdash; glaube
+&mdash; glaube an uns! &mdash; Und es war ihm, als s&auml;h er im Widerschein drei
+gr&uuml;ngl&uuml;hende Streifen. Aber als er dann recht wehm&uuml;tig ins Wasser
+hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut
+herausschauen w&uuml;rden, da gewahrte er wohl, da&szlig; der Schein nur von den
+erleuchteten Fenstern der nahen H&auml;user herr&uuml;hrte. Schweigend sa&szlig; er da und
+im Innern mit sich k&auml;mpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch
+heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinm&uuml;tig antwortete der
+Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie w&uuml;&szlig;ten, was ich eben unter
+dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen
+Augen f&uuml;r ganz besondere Dinge getr&auml;umt habe, ach, Sie w&uuml;rden mir es gar
+nicht verdenken, da&szlig; ich so gleichsam abwesend &mdash; Ei, ei, Herr Anselmus,
+fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer f&uuml;r einen soliden
+jungen Mann gehalten, &mdash; aber tr&auml;umen &mdash; mit hellen offenen Augen tr&auml;umen,
+und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das &mdash; verzeihen Sie
+mir, k&ouml;nnen nur Wahnwitzige oder Narren! &mdash; Der Student Anselmus wurde ganz
+betr&uuml;bt &uuml;ber seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns &auml;lteste Tochter
+Veronika, ein recht h&uuml;bsches bl&uuml;hendes M&auml;dchen von sechzehn Jahren: Aber,
+lieber Vater, es mu&szlig; dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein,
+und er glaubt vielleicht nur, da&szlig; er gewacht habe, unerachtet er unter dem
+Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei n&auml;rrisches Zeug
+vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. &mdash; Und, teuerste Mademoiselle,
+werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn
+nicht auch wachend in einen gewissen tr&auml;umerischen Zustand versinken
+k&ouml;nnen? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in
+einem solchen Hinbr&uuml;ten, dem eigentlichen Moment k&ouml;rperlicher und geistiger
+Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenst&uuml;cks wie durch Inspiration
+eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche
+gro&szlig;e lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher.
+Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben
+immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verf&auml;llt man leicht
+in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es
+wohl, da&szlig; man sich seiner in der h&ouml;chst betr&uuml;bten Lage, f&uuml;r betrunken oder
+wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster
+geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht
+sch&ouml;ne dunkelblaue Augen habe, ohne da&szlig; ihm jedoch jenes wunderbare
+Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam.
+&Uuml;berhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer
+unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er f&uuml;hlte sich so leicht und
+froh, ja er trieb es wie im lustigen &Uuml;bermute so weit, da&szlig; er bei dem
+Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die h&uuml;lfreiche
+Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie
+mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Gl&uuml;ck zu Hause f&uuml;hrte, da&szlig; er
+nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige
+Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas wei&szlig;es Kleid nur ganz wenig
+bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die gl&uuml;ckliche &Auml;nderung des
+Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten
+Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja,
+f&uuml;gte er hinzu, man hat wohl Beispiele, da&szlig; oft gewisse Phantasmata dem
+Menschen vorkommen und ihn ordentlich &auml;ngstigen und qu&auml;len k&ouml;nnen; das ist
+aber k&ouml;rperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia,
+dem Hintern appliziert, wie ein ber&uuml;hmter bereits verstorbener Gelehrter
+bewiesen. Der Student Anselmus wu&szlig;te nun in der Tat selbst nicht, ob er
+betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber
+die Blutigel ganz unn&uuml;tz, da die etwaigen Phantasmata g&auml;nzlich verschwunden
+und er sich immer heiterer f&uuml;hlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei
+Artigkeiten um die h&uuml;bsche Veronika zu bem&uuml;hen. Es wurde wie gew&ouml;hnlich
+nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mu&szlig;te sich
+ans Klavier setzen und Veronika lie&szlig; ihre helle klare Stimme h&ouml;ren. &mdash; Werte
+Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme wie
+eine Kristallglocke! &mdash; &raquo;Das nun wohl nicht!&laquo; fuhr es dem Studenten heraus,
+er wu&szlig;te selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und betroffen an.
+&mdash; &raquo;Kristallglocken t&ouml;nen in Holunderb&auml;umen wunderbar! wunderbar!&laquo; fuhr der
+Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte Veronika ihre Hand auf
+seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da, Herr Anselmus? Gleich
+wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu spielen. Der Konrektor
+Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator Heerbrand legte ein
+Notenblatt auf das Pult und sang zum Entz&uuml;cken eine Bravourarie vom
+Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte noch manches, und
+ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das der Konrektor
+Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fr&ouml;hlichste Stimmung. Es
+war ziemlich sp&auml;t worden und der Registrator Heerbrand griff nach Hut und
+Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin und sprach:
+Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn Anselmus
+selbst &mdash; nun! wovon wir vorhin sprachen &mdash; Mit tausend Freuden, erwiderte
+der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise gesetzt,
+ohne weiteres in folgender Art: &raquo;Es ist hier im Orte ein alter wunderlicher
+merkw&uuml;rdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften; da
+es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte ich ihn eher f&uuml;r
+einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher f&uuml;r einen experimentierenden
+Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen Archivarius
+Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen alten
+Hause, und wenn ihn der Dienst nicht besch&auml;ftigt, findet man ihn in seiner
+Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber niemanden
+hineinl&auml;&szlig;t. Er besitzt au&szlig;er vielen seltenen B&uuml;chern eine Anzahl zum Teil
+arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner
+bekannten Sprache angeh&ouml;ren, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf
+geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich
+darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der gr&ouml;&szlig;ten Genauigkeit
+und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche &uuml;bertragen zu
+k&ouml;nnen. Er l&auml;&szlig;t in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner
+Aufsicht arbeiten, bezahlt au&szlig;er dem freien Tisch w&auml;hrend der Arbeit jeden
+Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn
+die Abschriften gl&uuml;cklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist t&auml;glich von
+zw&ouml;lf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er
+schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene
+Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet,
+ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht,
+lieber Herr Anselmus, denn ich wei&szlig;, da&szlig; Sie sowohl sehr sauber schreiben,
+als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in
+dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den
+Speziestaler t&auml;glich verdienen und das Geschenk obendrein, so bem&uuml;hen Sie
+sich morgen Punkt zw&ouml;lf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen
+bekannt sein wird. Aber h&uuml;ten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; f&auml;llt er
+auf die Abschrift, so m&uuml;ssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, f&auml;llt er auf
+das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster
+hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.&laquo; &mdash; Der Student Anselmus war
+voll inniger Freude &uuml;ber den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht
+allein, da&szlig; er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch
+seine wahre Passion, mit m&uuml;hsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben;
+er dankte daher seinen G&ouml;nnern in den verbindlichsten Ausdr&uuml;cken und
+versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu vers&auml;umen. In der Nacht sah
+der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und h&ouml;rte ihren
+lieblichen Klang. &mdash; Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche
+Hoffnung durch ein launisches Mi&szlig;geschick betrogen, jeden Heller zu Rate
+halten und manchem Genu&szlig;, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen
+mu&szlig;te. Schon am fr&uuml;hen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine
+Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er,
+kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen
+musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterst&uuml;cke und seine
+Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner F&auml;higkeit das
+Verlangte zu erf&uuml;llen, aufzuweisen. Alles ging gl&uuml;cklich von statten, ein
+besonderer Gl&uuml;cksstern schien &uuml;ber ihn zu walten, die Halsbinde sa&szlig; gleich
+beim ersten Umkn&uuml;pfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche
+zerri&szlig; in den schwarzseidenen Str&uuml;mpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in
+den Staub, als er schon sauber abgeb&uuml;rstet. &mdash; Kurz! &mdash; Punkt halb zw&ouml;lf
+Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen
+schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Sch&ouml;nschriften und
+Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schlo&szlig;gasse in Conradis Laden
+und trank &mdash; eins &mdash; zwei Gl&auml;schen des besten Magenlik&ouml;rs; denn hier,
+dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald
+Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame
+Stra&szlig;e, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war
+der Student Anselmus doch vor zw&ouml;lf Uhr an der Haust&uuml;r. Da stand er und
+schaute den gro&szlig;en bronzenen T&uuml;rklopfer an; aber als er nun auf den letzten
+die Luft mit m&auml;chtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der
+Kreuzkirche den T&uuml;rklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene
+Gesicht im ekelhaften Spiel blaugl&uuml;hender Lichtblicke zum grinsenden
+L&auml;cheln. Ach! es war ja das &Auml;pfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen
+Z&auml;hne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern
+schnarrte es: &raquo;Du Narre &mdash; Narre &mdash; Narre &mdash; warte, warte! warum warst
+hinausgerannt! Narr!&laquo; &mdash; Entsetzt taumelte der Student Anselmus zur&uuml;ck, er
+wollte den T&uuml;rpfosten ergreifen, aber seine Hand erfa&szlig;te die Klingelschnur
+und zog sie an, da l&auml;utete es st&auml;rker und st&auml;rker in gellenden Mi&szlig;t&ouml;nen,
+und durch das ganze &ouml;de Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein
+Fall ins Kristall! &mdash; Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im
+krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte
+sich hinab und wurde zur wei&szlig;en durchsichtigen Riesenschlange, die umwand
+und dr&uuml;ckte ihn, fester und fester ihr Gewinde schn&uuml;rend, zusammen, da&szlig; die
+m&uuml;rben zermalmten Glieder knackend zerbr&ouml;ckelten und sein Blut aus den
+Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn
+rot f&auml;rbend. &mdash; T&ouml;te mich, t&ouml;te mich! wollte er schreien in der
+entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes R&ouml;cheln. &mdash; Die
+Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von gl&uuml;hendem
+Erz auf die Brust des Anselmus, da zerri&szlig; ein schneidender Schmerz j&auml;hlings
+die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. &mdash; Als er wieder
+zu sich selbst kam, lag er auf seinem d&uuml;rftigen Bettlein, vor ihm stand
+aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels
+Willen f&uuml;r tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/03.jpg" alt="Anselmus und die Schlange" title="Anselmus und die Schlange" /></div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="DRITTE_VIGILIE" id="DRITTE_VIGILIE" ></a>DRITTE VIGILIE.</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue
+Augen. Der Registrator Heerbrand.</p></div>
+
+
+<p>Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in
+sch&auml;umenden Wogen und st&uuml;rzte sich donnernd in die Abgr&uuml;nde, die ihre
+schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende
+Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekr&ouml;nten H&auml;upter empor, das
+Tal sch&uuml;tzend, bis es die Sonne in ihren m&uuml;tterlichen Scho&szlig; nahm und es
+umfassend mit ihren Strahlen wie mit gl&uuml;henden Armen pflegte und w&auml;rmte. Da
+erwachten tausend Keime, die unter dem &ouml;den Sande geschlummert, aus dem
+tiefen Schlafe und streckten ihre gr&uuml;nen Bl&auml;ttlein und Halme zum Angesicht
+der Mutter hinauf, und wie l&auml;chelnde Kinder in gr&uuml;ner Wiege, ruhten in den
+Bl&uuml;ten und Knospen Bl&uuml;mlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten
+und sich schm&uuml;ckten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf
+tausendfache Weise bunt gef&auml;rbt. Aber in der Mitte des Tals war ein
+schwarzer H&uuml;gel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen,
+wenn gl&uuml;hende Sehnsucht sie schwellt. &mdash; Aus den Abgr&uuml;nden rollten die
+D&uuml;nste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie
+das Angesicht der Mutter feindlich zu verh&uuml;llen; die rief aber den Sturm
+herbei, der fuhr zerst&auml;ubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den
+schwarzen H&uuml;gel ber&uuml;hrte, da brach im &Uuml;berma&szlig; des Entz&uuml;ckens eine herrliche
+Feuerlilie hervor, die sch&ouml;nen Bl&auml;tter wie holdselige Lippen &ouml;ffnend, der
+Mutter s&uuml;&szlig;e K&uuml;sse zu empfangen. &mdash; Nun schritt ein gl&auml;nzendes Leuchten in
+das Tal! es war der J&uuml;ngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte
+von hei&szlig;er, sehns&uuml;chtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du
+sch&ouml;ner J&uuml;ngling! denn ich liebe Dich und mu&szlig; vergehen, wenn Du mich
+verlassest. Da sprach der J&uuml;ngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du
+sch&ouml;ne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter
+verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst gr&ouml;&szlig;er und
+m&auml;chtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir
+freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohlt&auml;tig erw&auml;rmt, wird
+in hundert Strahlen zerspaltet Dich qu&auml;len und martern; denn der Sinn wird
+die Sinne geb&auml;ren, und die h&ouml;chste Wonne, die der Funke entz&uuml;ndet, den ich
+in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst,
+um aufs neue fremdartig emporzukeimen. &mdash; Dieser Funke ist der Gedanke!
+&mdash; Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in
+mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann
+ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da k&uuml;&szlig;te sie der
+J&uuml;ngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in
+Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale
+entfliehend im unendlichen Raume herumschw&auml;rmte, sich nicht k&uuml;mmernd um die
+Gespielen der Jugend und um den geliebten J&uuml;ngling. Der klagte um die
+verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der
+sch&ouml;nen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre H&auml;upter
+teilnehmend vor dem Jammer des J&uuml;nglings. Aber einer &ouml;ffnete seinen Scho&szlig;
+und es kam ein schwarzer gefl&uuml;gelter Drache rauschend herausgeflattert und
+sprach: meine Br&uuml;der, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets
+munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend
+erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es
+auf den H&uuml;gel und umschlo&szlig; es mit seinem Fittich; da war es wieder die
+Lilie, aber der bleibende Gedanke zerri&szlig; ihr Innerstes und die Liebe zu dem
+J&uuml;ngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen
+D&uuml;nsten angehaucht, die Bl&uuml;mlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut,
+verwelkten und starben. Der J&uuml;ngling Phosphorus legte eine gl&auml;nzende
+R&uuml;stung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und k&auml;mpfte mit dem
+Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, da&szlig; er hell
+erklang; und von dem m&auml;chtigen Klange lebten die Bl&uuml;mlein wieder auf und
+umflatterten wie bunte V&ouml;gel den Drachen, dessen Kr&auml;fte schwanden und der
+besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der
+J&uuml;ngling Phosphorus umschlang sie voll gl&uuml;henden Verlangens himmlischer
+Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die V&ouml;gel, ja
+selbst die hohen Granitfelsen als K&ouml;nigin des Tals. &mdash; Erlauben Sie, das
+ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator
+Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun
+pflegen, uns etwas aus Ihrem h&ouml;chst merkw&uuml;rdigen Leben, etwa von Ihren
+Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erz&auml;hlen. &mdash; Nun was denn?
+erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erz&auml;hlt, ist das
+Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und geh&ouml;rt in
+gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her,
+und die Feuerlilie, die zuletzt als K&ouml;nigin herrschte, ist meine
+Ur-ur-ur-ur-Gro&szlig;mutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin.
+&mdash; Alle brachen in ein schallendes Gel&auml;chter aus. &mdash; Ja lacht nur recht
+herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich
+freilich nur in ganz d&uuml;rftigen Z&uuml;gen erz&auml;hlt habe, unsinnig und toll
+vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder
+auch nur allegorisch gemeint, sondern buchst&auml;blich wahr. H&auml;tte ich aber
+gewu&szlig;t, da&szlig; Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine
+Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen w&uuml;rde, so h&auml;tte ich lieber
+manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch
+mitbrachte. &mdash; &raquo;Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius?
+&mdash; Wo ist er denn &mdash; wo lebt er denn? Auch in k&ouml;niglichen Diensten, oder
+vielleicht ein privatisierender Gelehrter?&laquo; So fragte man von allen Seiten.
+&mdash; &raquo;Nein!&laquo; erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise
+nehmend, &raquo;er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die
+Drachen gegangen.&laquo; &mdash; &raquo;Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester
+Archivarius,&laquo; nahm der Registrator Heerbrand das Wort, &raquo;unter die Drachen?&laquo;
+&mdash; &raquo;Unter die Drachen?&laquo; hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach.
+&mdash; &raquo;Ja, unter die Drachen&laquo;, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich
+war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], da&szlig; mein Vater vor
+ganz kurzer Zeit starb, es sind nur h&ouml;chstens dreihundertf&uuml;nfundachtzig
+Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling,
+einen pr&auml;chtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir
+zankten uns bei der Leiche des Vaters dar&uuml;ber auf eine ungeb&uuml;hrliche
+Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den b&ouml;sen
+Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging
+stehenden Fu&szlig;es unter die Drachen. Jetzt h&auml;lt er sich in einem
+Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen ber&uuml;hmten mystischen
+Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein
+Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein
+Viertelst&uuml;ndchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete
+besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erz&auml;hlen, was es
+gutes Neues an den Quellen des Nils gibt.&laquo; &mdash; Zum zweiten Male brachen die
+Anwesenden in ein schallendes Gel&auml;chter aus, aber dem Studenten Anselmus
+wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum
+in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst
+unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar
+metallartig t&ouml;nende Stimme des Archivarius Lindhorst f&uuml;r ihn etwas
+geheimnisvoll Eindringendes, da&szlig; er Mark und Bein erzittern f&uuml;hlte. Der
+eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das
+Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach
+jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war n&auml;mlich der
+Student Anselmus nicht dahin zu verm&ouml;gen gewesen, den Besuch zum zweiten
+Male zu wagen; denn nach seiner innigsten &Uuml;berzeugung hatte nur der Zufall
+ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit.
+Der Konrektor Paulmann war eben durch die Stra&szlig;e gegangen, als er ganz von
+Sinnen vor der Haust&uuml;r lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und
+&Auml;pfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn besch&auml;ftigt war. Der Konrektor Paulmann
+hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause
+transportiert. &raquo;Man mag von mir denken, was man will&laquo;, sagte der Student
+Anselmus, &raquo;man mag mich f&uuml;r einen Narren halten oder nicht &mdash; genug! &mdash; an
+dem T&uuml;rklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen
+Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden;
+aber w&auml;re ich aus meiner Ohnmacht erwacht und h&auml;tte das verw&uuml;nschte
+&Auml;pfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich
+besch&auml;ftigte Weib), mich h&auml;tte augenblicklich der Schlag ger&uuml;hrt, oder ich
+w&auml;re wahnsinnig geworden.&laquo; Alles Zureden, alle vern&uuml;nftigen Vorstellungen
+des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar
+nichts, und selbst die blau&auml;ugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem
+gewissen tiefsinnigen Zustande zu rei&szlig;en, in den er versunken. Man hielt
+ihn nun in der Tat f&uuml;r seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen,
+worauf der Registrator Heerbrand meinte, da&szlig; nichts dazu dienlicher sein
+k&ouml;nne als die Besch&auml;ftigung bei dem Archivarius Lindhorst, n&auml;mlich das
+Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf
+gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der
+Registrator Heerbrand wu&szlig;te, da&szlig; dieser beinahe jeden Abend ein gewisses
+bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden
+Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein
+Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene
+Art dem Archivarius bekannt und mit ihm &uuml;ber das Gesch&auml;ft des Abschreibens
+der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst
+annahm. &raquo;Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen
+Menschen zur Raison bringen,&laquo; sagte der Konrektor Paulmann. &mdash; &raquo;Gottes
+Lohn!&laquo; wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und
+lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht
+artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! &mdash; Als der Archivarius Lindhorst
+eben mit Hut und Stock zur T&uuml;r hinausschreiten wollte, da ergriff der
+Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit
+ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: &raquo;Gesch&auml;tztester Herr
+geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein
+geschickt im Sch&ouml;nschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte
+kopieren will.&laquo; &mdash; &raquo;Das ist mir ganz ungemein lieb,&laquo; erwiderte der
+Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den
+Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei
+Seite schiebend, mit vielem Ger&auml;usch die Treppe hinab, so da&szlig; beide ganz
+verbl&uuml;fft dastanden und die Stubent&uuml;r anguckten, die er dicht vor ihnen
+zugeschlagen, da&szlig; die Angeln klirrten. &raquo;Das ist ja ein ganz wunderlicher
+alter Mann,&laquo; sagte der Registrator Heerbrand, &mdash; &raquo;Wunderlicher alter Mann,&laquo;
+stotterte der Student Anselmus nach, f&uuml;hlend, wie ein Eisstrom ihm durch
+alle Adern fr&ouml;stelte, da&szlig; er beinahe zur starren Bilds&auml;ule geworden. Aber
+alle G&auml;ste lachten und sagten: &raquo;Der Archivarius war heute einmal wieder in
+seiner besonderen Laune, morgen ist er gewi&szlig; sanftm&uuml;tig und spricht kein
+Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen;
+man mu&szlig; sich daran gar nicht kehren.&laquo; &mdash; &raquo;Das ist auch wahr&laquo; dachte der
+Student Anselmus, &raquo;wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr
+Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, da&szlig; ich seine
+Manuskripte kopieren wolle? &mdash; Und warum vertrat ihm auch der Registrator
+Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? &mdash; Nein, nein, es
+ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius
+Lindhorst, und liberal erstaunlich &mdash; nur kurios in absonderlichen
+Redensarten. &mdash; Allein was schadet das mir? &mdash; Morgen gehe ich hin Punkt
+zw&ouml;lf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte &Auml;pfelweiber dagegen.&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="VIERTE_VIGILIE" id="VIERTE_VIGILIE" ></a>VIERTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Melancholie des Studenten Anselmus. &mdash; Der smaragdene Spiegel. &mdash; Wie
+Archivarius Lindhorst als Sto&szlig;geier davonflog und der Student Anselmus
+niemandem begegnete.</p></div>
+
+
+<p>Wohl darf ich geradezu Dich selbst, g&uuml;nstiger Leser, fragen, ob Du in
+Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all'
+Dein gew&ouml;hnliches Tun und Treiben ein recht qu&auml;lendes Mi&szlig;behagen erregte,
+und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und
+Gedanken zu tragen vorkam, nun l&auml;ppisch und nichtsw&uuml;rdig erschien. Du
+wu&szlig;test dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest.
+Ein dunkles Gef&uuml;hl, es m&uuml;sse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher,
+den Kreis alles irdischen Genusses &uuml;berschreitender Wunsch erf&uuml;llt werden,
+den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht
+auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem
+unbekannten Etwas, das Dich &uuml;berall, wo Du gingst und standest, wie ein
+duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem sch&auml;rferen Blick zerflie&szlig;enden
+Gestalten umschwebte, verstummtest Du f&uuml;r alles was Dich hier umgab. Du
+schlichst mit tr&uuml;bem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles,
+was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gew&uuml;hl durcheinander
+treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als geh&ouml;rtest
+Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, g&uuml;nstiger Leser, jemals so zu Mute
+gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich
+der Student Anselmus befand. &Uuml;berhaupt w&uuml;nschte ich, es w&auml;re mir schon
+jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft
+vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich
+dazu verwende, seine h&ouml;chst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so
+viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das allt&auml;gliche Leben
+ganz gew&ouml;hnlicher Menschen ins Blaue hinausr&uuml;ckte, zu erz&auml;hlen, da&szlig; mir
+bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den
+Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen
+den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet
+wenigstens die letztgenannten achtbaren M&auml;nner noch jetzt in Dresden
+umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll
+herrlicher Wunder, die die h&ouml;chste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in
+gewaltigen Schl&auml;gen hervorrufen, ja, wo die ernste G&ouml;ttin ihren Schleier
+l&uuml;ftet, da&szlig; wir ihr Antlitz zu schauen w&auml;hnen &mdash; aber ein L&auml;cheln
+schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der
+in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit
+ihren liebsten Kindern t&auml;ndelt &mdash; ja, in diesem Reiche, das uns der Geist
+so oft, wenigstens im Traume aufschlie&szlig;t, versuche es, geneigter Leser, die
+bekannten Gestalten, wie sie t&auml;glich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen
+Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, da&szlig; Dir
+jenes herrliche Reich viel n&auml;her liege, als Du sonst wohl meintest, welches
+ich nun eben recht herzlich w&uuml;nsche, und Dir in der seltsamen Geschichte
+des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. &mdash; Also, wie gesagt, der Student
+Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst
+gesehen, in ein tr&auml;umerisches Hinbr&uuml;ten, da&szlig; [das] ihn f&uuml;r jede &auml;u&szlig;ere Ber&uuml;hrung
+des gew&ouml;hnlichen Lebens unempfindlich machte. Er f&uuml;hlte, wie ein
+unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen
+Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein
+anderes, h&ouml;heres Sein verhei&szlig;t. Am liebsten war es ihm, wenn er allein
+durch Wiesen und W&auml;lder schweifen und wie losgel&ouml;st von allem, was ihn an
+sein d&uuml;rftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder,
+die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte.
+So kam es denn, da&szlig; er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend,
+bei jenem merkw&uuml;rdigen Holunderbusch vor&uuml;berschritt, unter dem er damals
+wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er f&uuml;hlte sich
+wunderbarlich von dem gr&uuml;nen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum
+hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in
+einer himmlischen Verz&uuml;ckung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt
+aus seiner Seele verdr&auml;ngt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben
+vorschwebte, als s&auml;he er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals
+war es ihm, da&szlig; die holdseligen blauen Augen der goldgr&uuml;nen Schlange
+angeh&ouml;ren, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und da&szlig; in
+den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockent&ouml;ne
+hervorblitzen mu&szlig;ten, die ihn mit Wonne und Entz&uuml;cken erf&uuml;llten. So wie
+damals am Himmelfahrtstage, umfa&szlig;te er den Holunderbaum und rief in die
+Zweige und Bl&auml;tter hinein: &raquo;Ach nur noch einmal schl&auml;ngle und schlinge und
+winde Dich, Du holdes gr&uuml;nes Schl&auml;nglein, in den Zweigen, da&szlig; ich Dich
+schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen!
+Ach ich liebe Dich ja und mu&szlig; in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht
+wiederkehrst!&laquo; Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte
+der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Bl&auml;ttern.
+Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem
+Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer
+unendlichen Sehnsucht zerrei&szlig;e. &raquo;Ist es denn etwas anderes,&laquo; sprach er,
+&raquo;als da&szlig; ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du
+herrliches goldenes Schl&auml;ngelein, ja da&szlig; ich ohne Dich nicht zu leben
+vermag und vergehen mu&szlig; in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht
+wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens &mdash; aber ich
+wei&szlig; es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Tr&auml;ume aus einer
+andern h&ouml;hern Welt mir verhei&szlig;en, erf&uuml;llt sein.&laquo; &mdash; Nun ging der Student
+Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der B&auml;ume ihr
+funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust
+mit ganz kl&auml;glichen T&ouml;nen in die Bl&auml;tter und Zweige hinein nach der holden
+Geliebten, dem goldgr&uuml;nen Schl&auml;nglein. Als er dieses wieder einmal nach
+gew&ouml;hnlicher Weise trieb, stand pl&ouml;tzlich ein langer hagerer Mann in einem
+weiten lichtgrauen &Uuml;berrock geh&uuml;llt und rief, indem er ihn mit seinen
+gro&szlig;en feurigen Augen anblitzte: &raquo;Hei, hei, was klagt und winselt denn da?
+&mdash; Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren
+will.&laquo; Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme;
+denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei!
+was ist das f&uuml;r ein Gemunkel und Gefl&uuml;ster usw. Er konnte vor Staunen und
+Schreck kein Wort herausbringen. &mdash; &raquo;Nun, was ist Ihnen denn, Herr
+Anselmus?&laquo; fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann
+im wei&szlig;grauen &Uuml;berrock), &raquo;was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?&laquo; &mdash; Wirklich
+hatte der Student Anselmus es noch nicht &uuml;ber sich vermocht, den
+Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er
+sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er
+seine sch&ouml;nen Tr&auml;ume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die
+schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfa&szlig;te ihn eine Art
+Verzweiflung und er brach ungest&uuml;m los: &raquo;Sie m&ouml;gen mich nun f&uuml;r wahnsinnig
+halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier
+auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgr&uuml;ne Schlange
+&mdash; ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen
+Kristallt&ouml;nen, aber Sie &mdash; Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so
+schrecklich &uuml;bers Wasser her.&laquo; &mdash; &raquo;Wie das, mein G&ouml;nner?&laquo; unterbrach ihn
+der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar l&auml;chelnd eine Prise
+nahm. &mdash; Der Student Anselmus f&uuml;hlte, wie seine Brust sich erleichterte,
+als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es
+war ihm als sei es schon ganz recht, da&szlig; er den Archivarius geradezu
+beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm
+sich zusammen, sprechend: &raquo;Nun, so will ich denn alles erz&auml;hlen, was mir an
+dem Himmelfahrtsabende Verh&auml;ngnisvolles begegnet und dann m&ouml;gen Sie reden
+und tun und &uuml;berhaupt denken &uuml;ber mich was Sie wollen.&laquo; &mdash; Er erz&auml;hlte nun
+wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem ungl&uuml;cklichen Tritt in
+den &Auml;pfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgr&uuml;nen Schlangen &uuml;bers
+Wasser und wie ihn nun die Menschen f&uuml;r betrunken oder wahnsinnig gehalten.
+&raquo;Das alles,&laquo; schlo&szlig; der Student Anselmus, &raquo;habe ich wirklich gesehen und
+tief in der Brust ert&ouml;nen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen,
+die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor
+Liebe und Sehnsucht sterben, so mu&szlig; ich an die goldgr&uuml;nen Schlangen
+glauben, unerachtet ich an Ihrem L&auml;cheln, werter Herr Archivarius,
+wahrnehme, da&szlig; Sie eben diese Schlangen nur f&uuml;r ein Erzeugnis meiner
+erhitzten, &uuml;berspannten Einbildungskraft halten.&laquo; &mdash; &raquo;Mit nichten,&laquo;
+erwiderte der Archivarius in der gr&ouml;&szlig;ten Ruhe und Gelassenheit, &raquo;die
+goldgr&uuml;nen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen,
+waren nun eben meine drei T&ouml;chter, und da&szlig; Sie sich in die blauen Augen der
+j&uuml;ngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich
+wu&szlig;te es &uuml;brigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am
+Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich
+den losen Dirnen zu, da&szlig; es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne
+ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken
+erlustigt!&laquo; &mdash; Dem Studenten Anselmus war es als w&uuml;rde ihm nur etwas mit
+deutlichen Worten gesagt, was er l&auml;ngst geahnt; und ob er gleich zu
+bemerken glaubte, da&szlig; sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle
+Gegenst&auml;nde rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch
+zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius lie&szlig; ihn nicht zu
+Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und
+indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines
+Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her,
+werter Herr Anselmus, Sie k&ouml;nnen dar&uuml;ber, was Sie erblicken, eine Freude
+haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie
+aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen
+verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in
+mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander
+schlingend, die drei goldgr&uuml;nen Schl&auml;nglein tanzten und h&uuml;pften. Und wenn
+die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich ber&uuml;hrten, da
+erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte
+wie voll Sehnsucht und Verlangen das K&ouml;pfchen zum Spiegel heraus und die
+dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn &mdash; glaubst Du denn an
+mich, Anselmus? &mdash; nur in dem Glauben ist Liebe &mdash; kannst Du denn lieben?
+&mdash; O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem
+Entz&uuml;cken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel,
+da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zur&uuml;ck, und
+an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, &uuml;ber den der
+Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schl&auml;nglein gesehen,
+Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte
+der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der
+Archivarius Lindhorst fort, genug f&uuml;r heute! &uuml;brigens k&ouml;nnen Sie ja, wenn
+Sie sich entschlie&szlig;en wollen bei mir zu arbeiten, meine T&ouml;chter oft genug
+sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergn&uuml;gen verschaffen,
+wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das hei&szlig;t: mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar
+nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie
+w&uuml;rden sich n&auml;chstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens
+gewartet. &mdash; Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte,
+war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit
+beiden F&uuml;&szlig;en auf der Erde und er w&auml;re wirklich der Student Anselmus, und
+der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichg&uuml;ltige Ton,
+in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren
+Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas
+Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus
+den kn&ouml;chernen H&ouml;hlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Geh&auml;use
+hervorstrahlten, noch erh&ouml;ht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht
+dasselbe unheimliche Gef&uuml;hl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause
+bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erz&auml;hlte. Nur mit
+M&uuml;he fa&szlig;te er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum
+sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es &uuml;ber sich, alles zu
+erz&auml;hlen, was ihm an der Haust&uuml;r begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der
+Archivarius, als der Student seine Erz&auml;hlung geendet, lieber Herr Anselmus,
+ich kenne wohl das &Auml;pfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine
+fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und da&szlig; sie sich hat
+bronzieren lassen, um als T&uuml;rklopfer die mir angenehmen Besuche zu
+verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie
+doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zw&ouml;lf Uhr zu mir kommen und
+wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gef&auml;lligst
+etwas Weniges von diesem Lik&ouml;r auf die Nase tr&ouml;pfeln; dann wird sich
+sogleich alles geben.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/04.jpg" alt="Wie ein gro&szlig;er Vogel" title="Wie ein gro&szlig;er Vogel" /></div>
+
+<p>Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will
+ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zur&uuml;ckzukehren. Adieu! auf
+Wiedersehen, morgen um zw&ouml;lf Uhr. &mdash; Der Archivarius hatte dem Studenten
+Anselmus ein kleines Fl&auml;schchen mit einem goldgelben Lik&ouml;r gegeben und nun
+schritt er rasch von dannen, so da&szlig; er in der tiefen D&auml;mmerung, die
+unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen
+schien. Schon war er in der N&auml;he des Koselschen Gartens, da setzte sich der
+Wind in den weiten &Uuml;berrock und trieb die Sch&ouml;&szlig;e auseinander, da&szlig; sie wie
+ein Paar gro&szlig;e Fl&uuml;gel in den L&uuml;ften flatterten und es dem Studenten
+Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite
+ein gro&szlig;er Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. &mdash; Wie der Student nun
+so in die D&auml;mmerung hineinstarrte, da erhob sich mit kr&auml;chzendem Geschrei
+ein wei&szlig;grauer Geier hoch in die L&uuml;fte und er merkte nun wohl, da&szlig; das
+wei&szlig;e Geflatter, das er noch immer f&uuml;r den davonschreitenden Archivarius
+gehalten, schon eben der Geier gewesen sein m&uuml;sse, unerachtet er nicht
+begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden.
+&raquo;Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr
+Archivarius Lindhorst,&laquo; sprach der Student Anselmus zu sich selbst; &raquo;denn
+ich sehe und f&uuml;hle nun wohl, da&szlig; alle die fremden Gestalten aus einer
+fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkw&uuml;rdigen
+Tr&auml;umen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr
+Spiel mit mir treiben. &mdash; Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und gl&uuml;hst
+in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche
+Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerrei&szlig;t. Ach, wann werde ich in Dein
+holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina!&laquo; &mdash; &mdash; So rief der
+Student Anselmus ganz laut. &mdash; &raquo;Das ist ein schn&ouml;der unchristlicher Name,&laquo;
+murmelte eine Ba&szlig;stimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spazierg&auml;nger
+geh&ouml;rte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte
+raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: w&auml;re es
+nicht ein rechtes Ungl&uuml;ck, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der
+Registrator Heerbrand begegnete! &mdash; Aber er begegnete keinem von beiden.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="FUNFTE_VIGILIE" id="FUNFTE_VIGILIE" ></a>F&Uuml;NFTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Die Frau Hofr&auml;tin Anselmus. &mdash; Cicero de officiis. &mdash; Meerkatzen und
+anderes Gesindel. &mdash; Die alte Lise. &mdash; Das Aequinoctium.</p></div>
+
+
+<p>Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der
+Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind
+fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die
+besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind.
+Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll l&auml;chelnd:
+Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das
+ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage:
+viel, so hei&szlig;t das: ein geheimer Sekret&auml;r, oder wohl gar ein Hofrat. &mdash; Hof
+&mdash; fing der Konrektor im gr&ouml;&szlig;ten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken.
+&mdash; Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich wei&szlig;, was ich
+wei&szlig;! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und
+kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu
+mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird
+was; &mdash; und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen &mdash; still &mdash; still
+&mdash; sprechen wir uns &uuml;bers Jahr! &mdash; Mit diesen Worten ging der Registrator
+in fortw&auml;hrendem schlauem L&auml;cheln zur T&uuml;r hinaus und lie&szlig; den vor Erstaunen
+und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf
+Veronika hatte das Gespr&auml;ch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's
+denn nicht schon immer gewu&szlig;t, dachte sie, da&szlig; der Herr Anselmus ein recht
+gescheiter, liebensw&uuml;rdiger junger Mann ist, aus dem noch was Gro&szlig;es wird?
+Wenn ich nur w&uuml;&szlig;te, ob er mir wirklich gut ist! &mdash; Aber hat er mir nicht
+jenen Abend, als wir &uuml;ber die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedr&uuml;ckt? Hat
+er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die
+bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut &mdash; und ich &mdash; Veronika
+&uuml;berlie&szlig; sich ganz, wie junge M&auml;dchen wohl pflegen, den s&uuml;&szlig;en Tr&auml;umen von
+einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofr&auml;tin, bewohnte ein sch&ouml;nes Logis in
+der Schlo&szlig;gasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der Moritzstra&szlig;e &mdash; der
+moderne Hut, der neue t&uuml;rkische Schal stand ihr vortrefflich &mdash; sie
+fr&uuml;hst&uuml;ckte im eleganten Negligee im Erker, der K&ouml;chin die n&ouml;tigen Befehle
+f&uuml;r den Tag erteilend. &raquo;Aber da&szlig; Sie mir die Sch&uuml;ssel nicht verdirbt, es
+ist des Herrn Hofrats Leibessen!&laquo; &mdash; Vor&uuml;bergehende Elegants schielen
+herauf, sie h&ouml;rt deutlich: &raquo;Es ist doch eine g&ouml;ttliche Frau, die Hofr&auml;tin,
+wie ihr das Spitzenh&auml;ubchen so allerliebst steht!&laquo; &mdash; Die geheime R&auml;tin
+Ypsilon schickt den Bedienten und l&auml;&szlig;t fragen, ob es der Frau Hofr&auml;tin
+gef&auml;llig w&auml;re, heute ins Linkesche Bad zu fahren? &mdash; &raquo;Viel Empfehlungen, es
+t&auml;te mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee bei der
+Pr&auml;sidentin Tz.&laquo; &mdash; Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon fr&uuml;h in
+Gesch&auml;ften ausgegangen, zur&uuml;ck; er ist nach der letzten Mode gekleidet;
+&raquo;wahrhaftig schon zehn,&laquo; ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren l&auml;&szlig;t
+und der jungen Frau einen Ku&szlig; gibt: &raquo;wie geht's, liebes Weibchen, wei&szlig;t Du
+auch, was ich f&uuml;r Dich habe?&laquo; f&auml;hrt er sch&auml;kernd fort und zieht ein Paar
+herrliche, nach der neuesten Art gefa&szlig;te Ohrringe aus der Westentasche, die
+er ihr statt der sonst getragenen gew&ouml;hnlichen einh&auml;ngt. &raquo;Ach, die sch&ouml;nen
+niedlichen Ohrringe!&laquo; ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit
+wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu
+beschauen. &raquo;Nun, was soll denn das sein?&laquo; sagte der Konrektor Paulmann,
+der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen,
+&raquo;man hat ja Anf&auml;lle wie der Anselmus.&laquo; Aber da trat der Student Anselmus,
+der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins
+Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in
+seinem ganzen Wesen ver&auml;ndert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm
+sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens,
+die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm
+ge&ouml;ffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen verm&ouml;chte. Der Konrektor
+Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand
+gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen,
+als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei
+dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter
+Gewandtheit die Hand gek&uuml;&szlig;t, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen
+war. &raquo;Das war ja schon der Hofrat,&laquo; murmelte Veronika in sich hinein, &raquo;und
+er hat mir die Hand gek&uuml;&szlig;t, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fu&szlig; zu
+treten, wie sonst! &mdash; er hat mir einen recht z&auml;rtlichen Blick zugeworfen
+&mdash; er ist mir wohl in der Tat gut.&laquo; &mdash; Veronika &uuml;berlie&szlig; sich aufs neue
+jener Tr&auml;umerei, indessen war es als tr&auml;te immer eine feindselige Gestalt
+unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem k&uuml;nftigen h&auml;uslichen
+Leben als Frau Hofr&auml;tin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht h&ouml;hnisch
+und sprach: &raquo;das ist ja alles recht dummes ordin&auml;res Zeug und noch dazu
+erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt
+Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und
+eine feine Hand.&laquo; &mdash; Da go&szlig; sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und
+ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur
+noch erst im Spitzenh&auml;ubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die
+Tr&auml;nen w&auml;ren ihr beinahe aus den Augen gest&uuml;rzt und sie sprach laut: &raquo;Ach,
+es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau
+Hofr&auml;tin!&laquo; &raquo;Romanstreiche, Romanstreiche!&laquo; schrie der Konrektor Paulmann,
+nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. &mdash; Das fehlte noch,
+seufzte Veronika und &auml;rgerte sich recht &uuml;ber die zw&ouml;lfj&auml;hrige Schwester,
+welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte.
+Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer
+aufzur&auml;umen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster
+hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schr&auml;nkchen,
+das Veronika wegr&uuml;ckte, hinter den Notenb&uuml;chern, die sie vom Klavier,
+hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm,
+sprang jene Gestalt wie ein Alr&auml;unchen hervor und lachte h&ouml;hnisch und
+schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch
+nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles
+stehen und liegen lie&szlig; und in die Mitte des Zimmers fl&uuml;chtete, sah es mit
+langer Nase riesengro&szlig; hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er
+wird doch nicht Dein Mann! &raquo;H&ouml;rst Du denn nichts, siehst Du denn nichts,
+Schwester?&laquo; rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr
+anr&uuml;hren mochte. Fr&auml;nzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem
+Stickrahmen auf und sagte: &raquo;Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja
+alles durcheinander, da&szlig; es klippert und klappert, ich mu&szlig; Dir nur helfen.&laquo;
+Aber da traten schon die muntern M&auml;dchen in vollem Lachen herein und in dem
+Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, da&szlig; sie den Ofenaufsatz f&uuml;r eine
+Gestalt und das Knarren der &uuml;bel verschlossenen Ofent&uuml;r f&uuml;r die
+feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam
+ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, da&szlig; die
+Freundinnen nicht ihre ungew&ouml;hnliche Spannung, die selbst ihre Bl&auml;sse, ihr
+verst&ouml;rtes Gesicht verriet, h&auml;tten bemerken sollen. Als sie schnell
+abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erz&auml;hlen wollten, in die
+Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mu&szlig;te
+Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und
+pl&ouml;tzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr
+sonst gar nicht eigen, &uuml;bermannt worden. Nun erz&auml;hlte sie so lebhaft, wie
+aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues M&auml;nnchen sie geneckt und
+geh&ouml;hnt habe, da&szlig; die Mesdemoiselles Oster sich sch&uuml;chtern nach allen
+Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da
+trat Fr&auml;nzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich
+besinnend, lachten &uuml;ber ihre eigene Albernheit. Angelika, so hie&szlig; die
+&auml;lteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand
+und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, da&szlig; man an seinem Tode,
+oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies
+hatte Angelika in die tiefste Betr&uuml;bnis gest&uuml;rzt, aber heute war sie
+fr&ouml;hlich bis zur Ausgelassenheit, wor&uuml;ber Veronika sich nicht wenig
+wunderte und es ihr unverhohlen &auml;u&szlig;erte. &raquo;Liebes M&auml;dchen&laquo;, sagte Angelika,
+&raquo;glaubst Du denn nicht, da&szlig; ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn
+und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! &mdash; ach Gott! &mdash; so
+gl&uuml;cklich, so selig in meinem ganzen Gem&uuml;te! denn mein Viktor ist wohl, und
+ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschm&uuml;ckt mit den
+Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine
+starke, aber durchaus nicht gef&auml;hrliche Verwundung des rechten Arms, und
+zwar durch den S&auml;belhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu
+schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus
+sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unm&ouml;glich mir
+Nachricht zu geben; aber heute Abend erh&auml;lt er die bestimmte Weisung, sich
+erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem
+er in den Wagen steigen will, erf&auml;hrt er seine Ernennung zum Rittmeister,&laquo;
+&mdash; &raquo;Aber liebe Angelika,&laquo; fiel Veronika ein, &raquo;das wei&szlig;t Du jetzt schon
+alles?&laquo; &mdash; &raquo;Lache mich nicht aus, liebe Freundin,&laquo; fuhr Angelika fort,
+&raquo;aber Du wirst es nicht, denn k&ouml;nnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine
+graue M&auml;nnchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? &mdash; Genug, ich kann
+mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil
+sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, m&ouml;cht' ich sagen, in
+mein Leben getreten. Vorz&uuml;glich kommt es mir nun garnicht einmal so
+wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, da&szlig; es Leute geben kann,
+denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte
+untr&uuml;gliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine
+alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres
+Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem
+Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende
+Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein
+wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte
+deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage sch&ouml;pft. Ich war gestern
+Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren
+Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.&laquo; &mdash; Angelika's Erz&auml;hlung warf
+einen Funken in Veronika's Gem&uuml;t, der schnell den Gedanken entz&uuml;ndete, die
+Alte &uuml;ber den Anselmus und &uuml;ber ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr,
+da&szlig; die alte [Alte] Frau Rauerin hie&szlig;e, in einer entlegenen Stra&szlig;e vor dem Seetor
+wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr
+abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu
+treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. &mdash; Es war eben
+Mittwoch, und Veronika beschlo&szlig;, unter dem Vorwande die Osters nach Hause
+zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat
+ausf&uuml;hrte. Kaum hatte sie n&auml;mlich von den Freundinnen, die in der Neustadt
+wohnten, vor der Elbbr&uuml;cke Abschied genommen, als sie gefl&uuml;gelten Schrittes
+vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen
+Stra&szlig;e befand, an deren Ende sie das kleine rote H&auml;uschen erblickte, in
+welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen
+unheimlichen Gef&uuml;hls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor
+der Haust&uuml;r stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens
+unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die T&uuml;r &ouml;ffnete
+und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock
+f&uuml;hrte, wie es Angelika beschrieben. &raquo;Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?&laquo;
+rief sie in den &ouml;den Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl
+statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein gro&szlig;er schwarzer Kater
+schritt mit hochgekr&uuml;mmtem R&uuml;cken, den Schweif in Wellenringeln hin- und
+herdrehend, gravit&auml;tisch vor ihr her bis an die Stubent&uuml;r, die auf ein
+zweites Miau ge&ouml;ffnet wurde. &raquo;Ach sieh da, T&ouml;chterchen, bist Du schon hier?
+komm herein &mdash; herein!&laquo; So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick
+Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen
+geh&uuml;lltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn,
+verzog sich das zahnlose Maul, von der kn&ouml;chernen Habichtsnase beschattet,
+zum grinsenden L&auml;cheln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken
+werfend durch die gro&szlig;e Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten
+Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gr&auml;&szlig;lichen erhoben
+das ekle Antlitz zwei gro&szlig;e Brandflecke, die sich von der linken Backe &uuml;ber
+die Nase wegzogen. &mdash; Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der
+gepre&szlig;ten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe
+Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und
+bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und
+Gekr&auml;chze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den
+Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten
+winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den
+Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater,
+als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem gro&szlig;en
+Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. &mdash;</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/05.jpg" alt="&quot;Frau Rauerin&quot;" title="&quot;Frau Rauerin&quot;" /></div>
+
+<p>Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so
+unheimlich als drau&szlig;en auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht
+mehr so scheu&szlig;lich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. &mdash; Allerhand
+h&auml;&szlig;liche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes
+seltsames Ger&auml;te lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte
+ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken
+emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte
+Flederm&auml;use wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich
+hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der ru&szlig;igen Mauer,
+und dann erklangen schneidende, heulende Jammert&ouml;ne, da&szlig; Veronika von Angst
+und Grausen ergriffen wurde. &raquo;Mit Verlaub, Mamsellchen,&laquo; sagte die Alte
+schmunzelnd, erfa&szlig;te einen gro&szlig;en Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in
+einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie
+von dickem Rauch erf&uuml;llt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald
+trat die Alte, die in ein K&auml;mmerchen gegangen, mit einem angez&uuml;ndeten Licht
+wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den
+Ger&auml;tschaften, es war eine gew&ouml;hnliche &auml;rmlich ausstaffierte Stube. Die
+Alte trat ihr n&auml;her und sagte mit schnarrender Stimme: &raquo;Ich wei&szlig; wohl, was
+Du bei mir willst, mein T&ouml;chterchen: was gilt es, Du m&ouml;chtest erfahren, ob
+Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden!&laquo; &mdash; Veronika
+erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: &raquo;Du hast mir ja
+alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war
+ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? T&ouml;chterchen, h&ouml;re! La&szlig;
+ab, la&szlig; ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen
+S&ouml;hnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben S&ouml;hnlein, den &Auml;pfelchen mit
+den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus
+den Taschen in meinen Korb zur&uuml;ckrollen. Er h&auml;lt's mit dem Alten; er hat
+mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, da&szlig; ich
+beinahe dar&uuml;ber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen,
+T&ouml;chterchen! La&szlig; ab von ihm, la&szlig; ab! &mdash; Er liebt Dich nicht: denn er liebt
+die goldgr&uuml;ne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den
+Salamandern hat anstellen lassen, und er will die gr&uuml;ne Schlange heiraten,
+la&szlig; ab von ihm, la&szlig; ab!&laquo; &mdash; Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes
+Gem&uuml;t hatte und m&auml;dchenhaften Schreck bald zu &uuml;berwinden wu&szlig;te, trat einen
+Schritt zur&uuml;ck und sprach mit ernsthaftem gefa&szlig;tem Ton: &raquo;Alte! ich habe
+von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken geh&ouml;rt und wollte darum,
+vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus,
+den ich liebe und hoch sch&auml;tze, jemals mein werden w&uuml;rde. Wollt Ihr mich
+daher, statt meinen Wunsch zu erf&uuml;llen, mit Eurem tollen unsinnigen
+Geschw&auml;tze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr
+Andern, wie ich wei&szlig;, gew&auml;hrtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten
+Gedanken wisset, so w&auml;re es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir
+manches zu enth&uuml;llen, was mich jetzt qu&auml;lt und &auml;ngstigt, aber nach Euern
+albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts
+erfahren. Gute Nacht!&laquo; &mdash; Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte
+weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das M&auml;dchen am Kleide
+festhaltend: &raquo;Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die
+Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und geh&auml;tschelt?&laquo; Veronika
+traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes
+Alter und vorz&uuml;glich durch die Brandflecke entstellte ehemalige W&auml;rterin,
+die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die
+Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des h&auml;&szlig;lichen
+buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen
+eine gro&szlig;blumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie
+stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag
+Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem
+leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen
+Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die H&auml;nde gefallen, und der
+will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein gr&ouml;&szlig;ter
+Feind, und ich k&ouml;nnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die w&uuml;rdest Du aber
+nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber
+ich bin die weise Frau &mdash; es mag darum sein! &mdash; Ich merke nun wohl, da&szlig; Du
+den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Kr&auml;ften beistehen,
+da&szlig; Du recht gl&uuml;cklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es
+w&uuml;nschest.&laquo; &mdash; &raquo;Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise!&laquo; fiel
+Veronika ein &mdash; Still, Kind &mdash; still! unterbrach sie die Alte, ich wei&szlig; was
+Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mu&szlig;te,
+ich konnte nicht anders. Nun also! &mdash; ich kenne das Mittel, das den
+Anselmus von der t&ouml;richten Liebe zur gr&uuml;nen Schlange heilt und ihn als den
+liebensw&uuml;rdigsten Hofrat in Deine Arme f&uuml;hrt; aber Du mu&szlig;t helfen! &mdash; &raquo;Sage
+es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den
+Anselmus sehr!&laquo; lispelte Veronika kaum h&ouml;rbar. &mdash; Ich kenne Dich, fuhr die
+Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau
+zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann &ouml;ffnetest Du die Augen, um
+den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und
+erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also!
+&mdash; ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die
+gr&uuml;ne Schlange zu &uuml;berwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat
+Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der k&uuml;nftigen Tag- und
+Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich
+werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld
+durchschneidet, wir bereiten das n&ouml;tige, und alles wunderliche was Du
+vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun,
+T&ouml;chterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. &mdash; Veronika
+eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschlu&szlig;, die Nacht des
+&Auml;quinoktiums nicht zu vers&auml;umen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der
+Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erl&ouml;se ihn daraus
+und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der
+Hofrat Anselmus.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="SECHSTE_VIGILIE" id="SECHSTE_VIGILIE" ></a>SECHSTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottv&ouml;geln. &mdash; Der
+goldene Topf. &mdash; Die englische Kursivschrift. &mdash; Schn&ouml;de Hahnenf&uuml;&szlig;e. &mdash; Der
+Geisterf&uuml;rst.</p></div>
+
+
+<p>Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, da&szlig; der
+superfeine starke Magenlik&ouml;r, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas
+begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der
+Haust&uuml;r des Archivarius Lindhorst &auml;ngsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz
+n&uuml;chtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen k&ouml;nnte,
+Trotz bieten. &mdash; Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem
+Archivarius Lindhorst r&uuml;stete, steckte er seine Federzeichnungen und
+kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten
+Rabenfedern ein, und schon wollte er zur T&uuml;r hinausschreiten, als ihm das
+Fl&auml;schchen mit dem gelben Lik&ouml;r in die Augen fiel, das er von dem
+Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen
+Abenteuer, welche er erlebt, mit gl&uuml;henden Farben durch den Sinn, und ein
+namenloses Gef&uuml;hl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust.
+Unwillk&uuml;rlich rief er mit recht kl&auml;glicher Stimme aus: &raquo;Ach, gehe ich denn
+nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche
+Serpentina?&laquo; &mdash; Es war ihm in dem Augenblick so, als k&ouml;nne Serpentina's
+Liebe der Preis einer m&uuml;hevollen gef&auml;hrlichen Arbeit sein, die er
+unternehmen m&uuml;&szlig;te, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der
+Lindhorstischen Manuskripte. &mdash; Da&szlig; ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder
+vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen k&ouml;nne, wie
+neulich, davon war er &uuml;berzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's
+Magenwasser, sondern steckte schnell den Lik&ouml;r in die Westentasche, um ganz
+nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte &Auml;pfelweib
+sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. &mdash; Erhob sich denn nicht auch
+wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem
+T&uuml;rdr&uuml;cker, als er ihn auf den Schlag zw&ouml;lf Uhr ergreifen wollte? &mdash; Da
+spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Lik&ouml;r in das fatale Gesicht
+hinein, und es gl&auml;ttete und pl&auml;ttete sich augenblicklich aus zum gl&auml;nzenden
+kugelrunden T&uuml;rklopfer. Die T&uuml;r ging auf, die Glocken l&auml;uteten gar lieblich
+durch das ganze Haus: klingling &mdash; J&uuml;ngling &mdash; flink &mdash; flink &mdash; spring
+&mdash; spring &mdash; klingling. &mdash; Er stieg getrost die sch&ouml;ne breite Treppe hinauf
+und weidete sich an dem Duft des seltenen R&auml;ucherwerks, der durch das Haus
+flo&szlig;. Ungewi&szlig; blieb er auf dem Flur stehen, denn er wu&szlig;te nicht, an welche
+der vielen sch&ouml;nen T&uuml;ren er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius
+Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: &raquo;Nun es
+freut mich, Herr Anselmus, da&szlig; Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur
+nach, denn ich mu&szlig; Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium f&uuml;hren.&laquo; Damit
+schritt er schnell den langen Flur hinauf und &ouml;ffnete eine kleine
+Seitent&uuml;r, die in einen Korridor f&uuml;hrte. Anselmus schritt getrost hinter
+dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr
+in ein herrliches Gew&auml;chshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke
+hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja gro&szlig;e B&auml;ume mit
+sonderbar gestalteten Bl&auml;ttern und Bl&uuml;ten. Ein magisches blendendes Licht
+verbreitete sich &uuml;berall, ohne da&szlig; man bemerken konnte, wo es herkam, da
+durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die
+B&uuml;sche und B&auml;ume hineinblickte, schienen lange G&auml;nge sich in weiter Ferne
+auszudehnen. &mdash; Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten
+Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen
+hervorspritzend, die pl&auml;tschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche;
+seltsame Stimmen rauschten und s&auml;uselten durch den Wald der wunderbaren
+Gew&auml;chse, und herrliche D&uuml;fte str&ouml;mten auf und nieder. Der Archivarius war
+verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch gl&uuml;hender
+Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den s&uuml;&szlig;en D&uuml;ften des Feengartens
+berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es &uuml;berall an zu
+kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und h&ouml;hnten: Herr
+Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich
+denn so sch&ouml;n geputzt, Herr Anselmus? &mdash; Wollen Sie eins mit uns plappern,
+wie die Gro&szlig;mutter das Ei mit dem Stei&szlig; zerdr&uuml;ckte und der Junker einen
+Klecks auf die Sonntagsweste bekam? K&ouml;nnen Sie die neue Arie schon
+auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? &mdash; Sie sehen
+recht possierlich aus in der gl&auml;sernen Per&uuml;cke und dem [den] postpapiernen
+St&uuml;lpstiefeln! &mdash; So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln
+hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei
+bunte V&ouml;gel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gel&auml;chter aush&ouml;hnten.
+&mdash; In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, &mdash; und er sah,
+da&szlig; es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot
+gl&auml;nzender Schlafrock ihn nur get&auml;uscht hatte. &raquo;Verzeihen Sie, werter Herr
+Anselmus,&laquo; sagte der Archivarius, &raquo;da&szlig; ich Sie stehn lie&szlig;, aber
+vor&uuml;bergehend sah ich nur nach meinem sch&ouml;nen Kaktus, der diese Nacht seine
+Bl&uuml;ten aufschlie&szlig;en wird &mdash; aber wie gef&auml;llt Ihnen denn mein kleiner
+Hausgarten?&laquo; &mdash; &raquo;Ach Gott, &uuml;ber alle Ma&szlig;en sch&ouml;n ist es hier,
+gesch&auml;tztester Herr Archivarius,&laquo; erwiderte der Student, &raquo;aber die bunten
+V&ouml;gel moquieren sich &uuml;ber meine Wenigkeit gar zu sehr!&laquo; &mdash; &raquo;Was ist denn
+das f&uuml;r ein Gew&auml;sche?&laquo; rief der Archivarius zornig in die B&uuml;sche hinein. Da
+flatterte ein gro&szlig;er grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius
+auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravit&auml;tisch
+durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel sa&szlig;, anblickend, schnarrte
+er: Nehmen Sie es nicht &uuml;bel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben
+sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst
+daran schuld, denn &mdash; &raquo;Still da! still da!&laquo; unterbrach der Archivarius den
+Alten, &raquo;ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten,
+mein Freund! &mdash; gehen wir weiter, Herr Anselmus!&laquo; &mdash; Noch durch manches
+fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so da&szlig; der Student
+ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die gl&auml;nzenden sonderbar geformten
+Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles &uuml;berf&uuml;llt
+war. Endlich traten sie in ein gro&szlig;es Gemach, in dem der Archivarius, den
+Blick in die H&ouml;he gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich
+an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gew&auml;hrte,
+zu weiden.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/06.jpg" alt="Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen Topf" title="Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen Topf" /></div>
+
+<p>Aus den azurblauen W&auml;nden traten die goldbronzenen St&auml;mme hoher Palmb&auml;ume
+hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde gl&auml;nzenden Bl&auml;tter
+oben zur Decke w&ouml;lbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler
+Bronze gegossenen &auml;gyptischen L&ouml;wen eine Porphyrplatte, auf welcher ein
+einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun
+gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend
+schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde
+&mdash; manchmal sah er sich selbst mit sehns&uuml;chtig ausgebreiteten Armen &mdash; ach!
+neben dem Holunderbusch &mdash; Serpentina schl&auml;ngelte sich auf und nieder, ihn
+anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war au&szlig;er sich vor
+wahnsinnigem Entz&uuml;cken. &raquo;Serpentina! &mdash; Serpentina!&laquo; schrie er laut auf, da
+wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: &raquo;Was meinen
+Sie, werter Herr Anselmus? &mdash; Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu
+rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer
+und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter!&laquo; Anselmus folgte
+beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und h&ouml;rte
+nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und
+sprach: &raquo;Nun sind wir an Ort und Stelle!&laquo; Anselmus erwachte wie aus einem
+Traum und bemerkte nun, da&szlig; er sich in einem hohen, rings mit
+B&uuml;cherschr&auml;nken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von
+gew&ouml;hnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand
+ein gro&szlig;er Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben.
+&raquo;Dieses,&laquo; sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr
+Arbeitszimmer; ob Sie k&uuml;nftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in
+dem Sie so pl&ouml;tzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, wei&szlig; ich
+noch nicht; &mdash; aber nun w&uuml;nschte ich mich erst von Ihrer F&auml;higkeit, die
+Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bed&uuml;rfnis gem&auml;&szlig;
+auszuf&uuml;hren, zu &uuml;berzeugen.&laquo; Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz
+und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der
+&Uuml;berzeugung, den Archivarius durch sein ungew&ouml;hnliches Talent h&ouml;chlich zu
+erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der
+Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der
+elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar
+l&auml;chelte und mit dem Kopfe sch&uuml;ttelte. Das wiederholte er bei jedem
+folgenden Blatte, so da&szlig; dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg
+und er, als das L&auml;cheln zuletzt recht h&ouml;hnisch und ver&auml;chtlich wurde, in
+vollem Unmute losbrach: &raquo;Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen
+Talenten nicht ganz zufrieden?&laquo; &mdash; &raquo;Lieber Herr Anselmus,&laquo; sagte der
+Archivarius Lindhorst, &raquo;Sie haben f&uuml;r die Kunst des Sch&ouml;nschreibens
+wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, mu&szlig; ich mehr
+auf Ihren Flei&szlig;, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit.
+Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.&laquo;
+&mdash; Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten
+Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern.
+Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und
+sprach: &raquo;Urteilen Sie selbst!&laquo; &mdash; Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen,
+als ihm seine Handschrift so h&ouml;chst miserabel vorkam. Da war keine R&uuml;nde in
+den Z&uuml;gen, kein Druck richtig, kein Verh&auml;ltnis der gro&szlig;en und kleinen
+Buchstaben; ja, sch&uuml;lerm&auml;&szlig;ige schn&ouml;de Hahnenf&uuml;&szlig;e verdarben oft die sonst
+ziemlich geratene Zeile. &raquo;Und dann,&laquo; fuhr der Archivarius Lindhorst fort,
+&raquo;ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.&laquo; Er tunkte den Finger in ein mit
+Wasser gef&uuml;lltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte,
+war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schn&uuml;re
+ein Unget&uuml;m ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So
+stand er da, das ungl&uuml;ckliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius
+Lindhorst lachte laut auf und sagte: &raquo;Lassen Sie sich das nicht anfechten,
+wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird
+hier bei mir vielleicht besser sich f&uuml;gen; ohnedies finden Sie ein besseres
+Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost
+an!&laquo; &mdash; Der Archivarius Lindhorst holte erst eine fl&uuml;ssige schwarze Masse,
+die einen ganz eigent&uuml;mlichen Geruch verbreitete, sonderbar gef&auml;rbte,
+scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Wei&szlig;e und Gl&auml;tte,
+dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke
+herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verlie&szlig; er das Zimmer.
+Der Student Anselmus hatte schon &ouml;fters arabische Schrift kopiert, die
+erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu l&ouml;sen. &raquo;Wie die
+Hahnenf&uuml;&szlig;e in meine sch&ouml;ne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und
+der Archivarius Lindhorst wissen,&laquo; sprach er, &raquo;aber da&szlig; sie nicht von
+<i>meiner</i> Hand sind, darauf will ich sterben.&laquo; &mdash; Mit jedem Worte, das
+nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine
+Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich,
+und die geheimnisvolle Tinte flo&szlig; rabenschwarz und gef&uuml;gig auf das blendend
+wei&szlig;e Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit
+arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er
+hatte sich schon ganz in das Gesch&auml;ft, welches er gl&uuml;cklich zu vollenden
+hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das
+Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der
+Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte
+sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem
+Registrator Heerbrand und wu&szlig;te vorz&uuml;glich von dem letztern recht viel
+Erg&ouml;tzliches zu erz&auml;hlen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus
+gar sehr und machte ihn gespr&auml;chiger, als er wohl sonst zu sein pflegte.
+Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und
+diese P&uuml;nktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War
+ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen gegl&uuml;ckt, so
+ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die
+Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Z&uuml;ge der
+fremden Schrift nachzumalen vermochte. &mdash; Aber es war als fl&uuml;sterte aus dem
+innersten Gem&uuml;te eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! k&ouml;nntest du denn
+das vollbringen, wenn du <i>sie</i> nicht in Sinn und Gedanken tr&uuml;gest,
+wenn du nicht an <i>sie</i>, an <i>ihre</i> Liebe glaubtest? &mdash; Da wehte es
+wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallkl&auml;ngen durch das Zimmer: Ich bin
+Dir nahe &mdash; nahe &mdash; nahe! &mdash; ich helfe Dir &mdash; sei mutig &mdash; sei standhaft,
+lieber Anselmus! &mdash; ich m&uuml;he mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so
+wie er voll inneren Entz&uuml;ckens die T&ouml;ne vernahm, wurden ihm immer
+verst&auml;ndlicher die unbekannten Zeichen &mdash; er durfte kaum mehr hineinblicken
+in das Original &mdash; ja es war, als st&uuml;nden schon wie in blasser Schrift die
+Zeichen auf dem Pergament, und er d&uuml;rfe sie nur mit ge&uuml;bter Hand schwarz
+&uuml;berziehen. So arbeitete er fort von lieblichen tr&ouml;stenden Kl&auml;ngen, wie von
+s&uuml;&szlig;em zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der
+Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar l&auml;chelnd an den
+Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so
+wie in h&ouml;hnendem Spott l&auml;cheld [l&auml;chelnd] an; kaum hatte er aber in die
+Abschrift geblickt, als das L&auml;cheln in dem tiefen feierlichen Ernst
+unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. &mdash; Bald schien
+er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten,
+blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte
+R&ouml;te f&auml;rbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund
+zusammenpre&szlig;te, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu &ouml;ffnen
+zur weisheitvollen ins Gem&uuml;t dringenden Rede. Die ganze Gestalt war h&ouml;her,
+w&uuml;rdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein K&ouml;nigsmantel in
+breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die wei&szlig;en L&ouml;ckchen,
+welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner
+Reif. &raquo;Junger Mensch,&laquo; fing der Archivarius an im feierlichen Ton, &raquo;junger
+Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen
+erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! &mdash; Serpentina liebt
+Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verh&auml;ngnisvollen Faden feindliche
+M&auml;chte spannen, ist erf&uuml;llt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige
+Mitgift den goldnen Topf erh&auml;ltst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem
+Kampfe entsprie&szlig;t Dein Gl&uuml;ck im h&ouml;heren Leben. Feindliche Prinzipe fallen
+Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst,
+kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest,
+&uuml;berstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis f&uuml;hren Dich zum nahen
+Ziele, wenn Du festh&auml;ltst an dem, was Du beginnen mu&szlig;test. Trage sie recht
+getreulich im Gem&uuml;te, <i>sie</i>, die Dich liebt, und Du wirst die
+herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und gl&uuml;cklich sein immerdar.
+&mdash; Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zw&ouml;lf
+Uhr in Deinem Kabinet! &mdash; Gehab Dich wohl!&laquo; &mdash; Der Archivarius schob den
+Studenten Anselmus sanft zur T&uuml;r hinaus, die er dann verschlo&szlig;, und er
+befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige T&uuml;r auf
+den Flur f&uuml;hrte. Ganz bet&auml;ubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er
+vor der Haust&uuml;r stehen, da wurde &uuml;ber ihm ein Fenster ge&ouml;ffnet, er schaute
+hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im wei&szlig;grauen
+Rocke, wie er ihn sonst gesehen. &mdash; Er rief ihm zu: &raquo;Ei, werter Herr
+Anselmus, wor&uuml;ber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen
+nicht aus dem Kopf? Gr&uuml;&szlig;en Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie
+etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zw&ouml;lf Uhr wieder. Das
+Honorar f&uuml;r heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.&laquo; &mdash; Der
+Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten
+Tasche, aber er freute sich gar nicht dar&uuml;ber. &mdash; &raquo;Was aus dem allen werden
+wird, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sprach er zu sich selbst; &raquo;umf&auml;ngt mich aber auch
+nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die
+liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber
+untergehen ganz und gar, denn ich wei&szlig; doch, da&szlig; der Gedanke in mir ewig
+ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke
+denn was anderes als Serpentina's Liebe?&laquo;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="SIEBENTE_VIGILIE" id="SIEBENTE_VIGILIE" ></a>SIEBENTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging.
+&mdash; Rembrandt und H&ouml;llen-Breughel. &mdash; Der Zauberspiegel und des Doktors
+Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.</p></div>
+
+
+<p>Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist
+es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. &mdash; &raquo;Ja wohl,&laquo; erwiderte die
+durch des Vaters l&auml;ngeres Aufbleiben be&auml;ngstete Veronika, &raquo;denn es schlug
+l&auml;ngst zehn Uhr.&laquo; Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und
+Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fr&auml;nzchens schwerere Atemz&uuml;ge kundgetan,
+da&szlig; sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch
+ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel
+umwarf und zum Hause hinausschl&uuml;pfte. &mdash; Seit dem Augenblick, als Veronika
+die alte Lise verlassen, stand ihr unaufh&ouml;rlich der Anselmus vor Augen, und
+sie wu&szlig;te selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und
+ewig wiederholte, da&szlig; sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person
+herr&uuml;hre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle
+Mittel der magischen Kunst zerrei&szlig;en k&ouml;nne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise
+wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen
+stumpfte sich ab, so da&szlig; alles Wunderliche, Seltsame ihres Verh&auml;ltnisses
+mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungew&ouml;hnlichen, Romanhaften erschien,
+wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei
+ihr fest, selbst mit Gefahr, vermi&szlig;t zu werden und in tausend
+Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu
+bestehen. &mdash; Endlich war nun die verh&auml;ngnisvolle Nacht des &Auml;quinoktiums, in
+der ihr die alte Lise H&uuml;lfe und Trost verhei&szlig;en, eingetreten, und Veronika,
+mit dem Gedanken der n&auml;chtlichen Wanderung l&auml;ngst vertraut geworden, f&uuml;hlte
+sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Stra&szlig;en, des
+Sturmes nicht achtend, der durch die L&uuml;fte brauste und ihr die dicken
+Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf dr&ouml;hnendem Klange schlug die
+Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchn&auml;&szlig;t vor dem Hause
+der Alten stand. &raquo;Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! &mdash; nun warte, warte!&laquo;
+&mdash; rief es von oben herab &mdash; und gleich darauf stand auch die Alte, mit
+einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der T&uuml;r. &raquo;So wollen
+wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der
+Nacht, die dem Werke g&uuml;nstig.&laquo; Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter
+Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab,
+w&auml;hrend sie selbst einen Kessel, Dreifu&szlig; und Spaten auspackte. Als sie ins
+Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war st&auml;rker geworden;
+tausendstimmig heulte es in den L&uuml;ften. Ein entsetzlicher
+herzzerschneidender Jammer t&ouml;nte herab aus den schwarzen Wolken, die sich
+in schneller Flucht zusammenballten und alles einh&uuml;llten in dicke
+Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend:
+&raquo;leuchte &mdash; leuchte, mein Junge!&laquo; Da schl&auml;ngelten und kreuzten sich blaue
+Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, da&szlig; der Kater knisternde
+Funken spr&uuml;hend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen &auml;ngstliches
+grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick
+schwieg. &mdash; Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte
+Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich
+fester an die Alte klammernd sprach sie: &raquo;Nun mu&szlig; alles vollbracht werden,
+und es mag geschehen was da will!&laquo; &mdash; &raquo;Recht so, mein T&ouml;chterchen!&laquo;
+erwiderte die Alte, &raquo;bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Sch&ouml;nes
+und dem Anselmus obendrein!&laquo; Endlich stand die Alte still und sprach: &raquo;Nun
+sind wir an Ort und Stelle!&laquo; Sie grub ein Loch in die Erde, sch&uuml;ttete
+Kohlen hinein und stellte den Dreifu&szlig; dar&uuml;ber, auf den sie den Kessel
+setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Geb&auml;rden, w&auml;hrend der
+Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif spr&uuml;hten Funken, die einen
+Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu gl&uuml;hen, und endlich
+schlugen blaue Flammen unter dem Dreifu&szlig; hervor. Veronika mu&szlig;te Mantel und
+Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre H&auml;nde
+ergriff und fest dr&uuml;ckte, mit den funkelnden Augen das M&auml;dchen anstarrend.
+Nun fingen die sonderbaren Massen &mdash; waren es Blumen &mdash; Metalle &mdash; Kr&auml;uter
+&mdash; Tiere, man konnte es nicht unterscheiden &mdash; die die Alte aus dem Korbe
+genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte
+lie&szlig; Veronika los, sie ergriff einen eisernen L&ouml;ffel, mit dem sie in die
+gl&uuml;hende Masse hineinfuhr und darin r&uuml;hrte, w&auml;hrend Veronika auf ihr Gehei&szlig;
+festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den
+Anselmus richten mu&szlig;te. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und
+auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie
+einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie
+unverst&auml;ndliche, durch die Nacht grausig gellende T&ouml;ne ausstie&szlig;, und der
+Kater im unaufh&ouml;rlichen Rennen winselte und &auml;chzte. &mdash; &mdash; Ich wollte, da&szlig;
+Du, g&uuml;nstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach
+Dresden begriffen gewesen w&auml;rest; vergebens suchte man, als der sp&auml;te
+Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der
+freundliche Wirt stellte Dir vor, es st&uuml;rme und regne doch gar zu sehr und
+&uuml;berhaupt sei es auch nicht geheuer in der &Auml;quinoktialnacht so ins Dunkle
+hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig
+annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin
+sp&auml;testens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm
+oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches
+Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherf&auml;hrst, siehst Du
+pl&ouml;tzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. N&auml;her
+gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel,
+aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschie&szlig;en,
+zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde
+prusten und stampfen und b&auml;umen sich &mdash; der Postillon flucht und betet
+&mdash; und peitscht auf die Pferde hinein &mdash; sie gehen nicht von der Stelle.
+&mdash; Unwillk&uuml;rlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte
+vorw&auml;rts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde M&auml;dchen, die im wei&szlig;en
+d&uuml;nnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten
+aufgel&ouml;st und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den L&uuml;ften.
+Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifu&szlig; emporflackernden Flammen
+steht das engelsch&ouml;ne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom
+dar&uuml;ber go&szlig;, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in
+den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem
+Schrei der Todesangst &ouml;ffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter
+gepre&szlig;ten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die
+kleinen H&auml;ndchen h&auml;lt sie krampfhaft zusammengefaltet in die H&ouml;he, als
+riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Unget&uuml;men
+der H&ouml;lle, die, dem m&auml;chtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen
+werden. &mdash; So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegen&uuml;ber
+sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib
+mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen
+Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten kn&ouml;chernen Arme hervor, und
+r&uuml;hrend in dem H&ouml;llensud lacht und ruft sie mit kr&auml;chzender Stimme durch
+den brausenden tosenden Sturm. &mdash; Ich glaube wohl, da&szlig; Dir, g&uuml;nstiger
+Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem
+Anblick dieses Rembrandtschen oder H&ouml;llen-Breughelschen Gem&auml;ldes, das nun
+ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gestr&auml;ubt h&auml;tten.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/07.jpg" alt="Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank" title="Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank" /></div>
+
+<p>Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im h&ouml;llischen Treiben
+befangenen M&auml;dchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine
+Fibern und Nerven zitterte, entz&uuml;ndete mit der Schnelligkeit des Blitzes in
+Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen M&auml;chten des
+Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte
+auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als
+seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode ge&auml;ngstigte
+M&auml;dchen flehte, ja als m&uuml;&szlig;test Du nur gleich Dein Taschenpistol
+hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschie&szlig;en! Aber, indem Du das
+lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten?
+oder: was treibt ihr da? &mdash; Der Postillon stie&szlig; schmetternd in sein Horn,
+die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal
+verschwunden in dickem Qualm. &mdash; Ob Du das M&auml;dchen, das Du nun mit recht
+innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden h&auml;ttest, mag ich
+nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerst&ouml;rt, und
+den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben,
+gel&ouml;st. &mdash; Weder Du, g&uuml;nstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging
+aber am dreiundzwanzigsten September in der st&uuml;rmischen den Hexenk&uuml;nsten
+g&uuml;nstigen Nacht des Weges, und Veronika mu&szlig;te ausharren am Kessel in
+t&ouml;dlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. &mdash; Sie vernahm wohl, wie
+es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen
+durcheinander bl&ouml;kten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht
+auf, denn sie f&uuml;hlte, wie der Anblick des Gr&auml;&szlig;lichen, des Ensetzlichen
+[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerst&ouml;renden
+Wahnsinn st&uuml;rzen k&ouml;nne. Die Alte hatte aufgeh&ouml;rt im Kessel zu r&uuml;hren, immer
+schw&auml;cher und schw&auml;cher wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine
+leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika,
+mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn
+&mdash; was siehst Du denn? &mdash; Aber Veronika vermochte nicht zu antworten,
+unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im
+Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten
+hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr
+reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut:
+Ach, der Anselmus! &mdash; der Anselmus! &mdash; Rasch &ouml;ffnete die Alte den am Kessel
+befindlichen Hahn, und gl&uuml;hendes Metall str&ouml;mte zischend und prasselnd in
+eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und
+kreischte, mit wilder gr&auml;&szlig;licher Geb&auml;rde sich herumschwingend: Vollendet
+ist das Werk &mdash; Dank Dir, mein Junge! &mdash; hast Wache gehalten &mdash; Hui &mdash; Hui
+&mdash; er kommt! &mdash; bei&szlig; ihn tot, bei&szlig; ihn tot! Aber da brauste es m&auml;chtig
+durch die L&uuml;fte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den
+Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: &raquo;Hei,
+hei! &mdash; ihr Gesindel! nun ist's aus &mdash; nun ist's aus &mdash; fort zu Haus!&laquo; Die
+Alte st&uuml;rzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken.
+&mdash; Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag
+in ihrem Bette und Fr&auml;nzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr,
+sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun
+schon eine Stunde oder l&auml;nger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze
+besinnungslos da und st&ouml;hnest und &auml;chzest, da&szlig; uns angst und bange wird.
+Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird
+gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. &mdash; Veronika nahm schweigend den
+Tee; indem sie ihn hinunterschl&uuml;rfte, traten ihr die gr&auml;&szlig;lichen Bilder der
+Nacht lebhaft vor Augen. &raquo;So war denn wohl alles nur ein &auml;ngstlicher Traum,
+der mich gequ&auml;lt hat? &mdash; Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten
+gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? &mdash; Doch bin ich wohl
+schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet,
+und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und
+an die wunderliche alte Frau, die sich f&uuml;r die Lise ausgab und mich wohl
+nur damit geneckt hat.&laquo; &mdash; Fr&auml;nzchen, die hinausgegangen, trat wieder
+herein mit Veronika's ganz durchn&auml;&szlig;tem Mantel in der Hand. &raquo;Sieh nur,
+Schwester!&laquo; sagte sie, &raquo;wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm
+in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag,
+umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz
+na&szlig;.&laquo; &mdash; Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl,
+da&szlig; nicht ein Traum sie gequ&auml;lt, sondern da&szlig; sie wirklich bei der Alten
+gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte
+durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest &uuml;ber
+sich; aber da f&uuml;hlte sie, da&szlig; etwas Hartes ihre Brust dr&uuml;ckte, und als sie
+mit der Hand danach fa&szlig;te, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es
+hervor, als Fr&auml;nzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner
+runder hellpolierter Metallspiegel. &raquo;Das ist ein Geschenk der Alten[,]&laquo;
+rief sie lebhaft, und es war als sch&ouml;ssen feurige Strahlen aus dem Spiegel,
+die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erw&auml;rmten; der Fieberfrost
+war vor&uuml;ber und es durchstr&ouml;mte sie ein unbeschreibliches Gef&uuml;hl von
+Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mu&szlig;te sie denken, und als sie
+immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da l&auml;chelte er ihr
+freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturportr&auml;t. Aber
+bald war es ihr, als s&auml;he sie nicht mehr das Bild &mdash; nein! &mdash; sondern den
+Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er sa&szlig; in einem hohen seltsam
+ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten,
+ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch
+um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als
+umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau
+hinsah, waren es doch nur gro&szlig;e B&uuml;cher mit vergoldetem Schnitt. Aber
+endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es
+als m&uuml;sse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich l&auml;chelte
+er und sprach: Ach! &mdash; sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum
+belieben Sie sich denn zuweilen als Schl&auml;nglein zu geb&auml;rden? Veronika mu&szlig;te
+&uuml;ber diese seltsamen Worte laut auflachen; dar&uuml;ber erwachte sie wie aus
+einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die
+T&uuml;r aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer
+kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, fa&szlig;te lange in tiefem
+Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf
+schrieb er ein Rezept, fa&szlig;te noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei!
+und verlie&szlig; die Patientin. Aus diesen &Auml;u&szlig;erungen des Doktors Eckstein
+konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der
+Veronika denn wohl eigentlich fehlen m&ouml;ge.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ACHTE_VIGILIE" id="ACHTE_VIGILIE" ></a>ACHTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Die Bibliothek der Palmb&auml;ume. &mdash; Schicksale eines ungl&uuml;cklichen
+Salamanders. &mdash; Wie die schwarze Feder eine Runkelr&uuml;be liebkoste und der
+Registrator Heerbrand sich sehr betrank.</p></div>
+
+
+<p>Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius
+Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren f&uuml;r ihn die gl&uuml;cklichsten
+seines Lebens, denn immer von lieblichen Kl&auml;ngen von Serpentina's
+tr&ouml;stenden Worten umflossen, ja oft von einem vor&uuml;bergleitenden Hauche
+leise ber&uuml;hrt, durchstr&ouml;mte ihn eine nie gef&uuml;hlte Behaglichkeit, die oft
+bis zur h&ouml;chsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner
+d&uuml;rftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem
+neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er
+alle Wunder einer h&ouml;heren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen
+erf&uuml;llt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm
+immer mehr d&uuml;nkte, er schreibe nur l&auml;ngst gekannte Z&uuml;ge auf das Pergament
+hin und d&uuml;rfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der gr&ouml;&szlig;ten
+Genauigkeit nachzumalen. &mdash; Au&szlig;er der Tischzeit lie&szlig; sich der Archivarius
+Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem
+Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift
+vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verlie&szlig; ihn aber gleich
+wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen St&auml;bchen die Tinte
+umger&uuml;hrt und die gebrauchten Federn mit neuen, sch&auml;rfer gespitzten
+vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zw&ouml;lf
+bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die T&uuml;r, durch die er
+gew&ouml;hnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst
+erschien in seinem wunderlichen wie mit gl&auml;nzenden Blumen bestreuten
+Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: &raquo;Heute kommen Sie nur hier
+herein, werter Anselmus, denn wir m&uuml;ssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's
+Meister unsrer warten.&laquo; Er schritt durch den Korridor und f&uuml;hrte Anselmus
+durch dieselben Gem&auml;cher und S&auml;le, wie das erste Mal. Der Student Anselmus
+erstaunte auf's neue &uuml;ber die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er
+sah nun deutlich, da&szlig; manche seltsame Bl&uuml;ten, die an den dunklen B&uuml;schen
+hingen, eigentlich in gl&auml;nzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit
+den Fl&uuml;glein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd
+sich mit ihren Saugr&uuml;sseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die
+rosenfarbenen und himmelblauen V&ouml;gel duftende Blumen, und der Geruch, den
+sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen T&ouml;nen,
+die sich mit dem Gepl&auml;tscher der fernen Brunnen, mit dem S&auml;useln der hohen
+Stauden und B&auml;ume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht
+vermischten. Die Spottv&ouml;gel, die ihn das erste Mal so geneckt und geh&ouml;hnt,
+flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen
+unaufh&ouml;rlich: &raquo;Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so &mdash; gucken
+Sie nicht so in die Wolken &mdash; Sie k&ouml;nnten auf die Nase fallen. &mdash; He, he!
+Herr Studiosus &mdash; nehmen Sie den Pudermantel um &mdash; Gevatter Schuhu soll
+Ihnen den Toupet frisieren.&laquo; So ging es fort in allerlei dummem Geschw&auml;tz,
+bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich
+in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden,
+statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem
+Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers
+und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. &raquo;Lieber Herr
+Anselmus,&laquo; sagte der Archivarius Lindhorst, &raquo;Sie haben nun schon manches
+Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben
+sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun &uuml;brig,
+und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen
+Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und
+die nur an Ort und Stelle kopiert werden k&ouml;nnen. Sie werden daher k&uuml;nftig
+hier arbeiten, aber ich mu&szlig; Ihnen die gr&ouml;&szlig;te Vorsicht und Aufmerksamkeit
+empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verh&uuml;ten m&ouml;ge, ein
+Tintenfleck auf das Original gespritzt, st&uuml;rzt Sie ins Ungl&uuml;ck.&laquo; &mdash; Anselmus
+bemerkte, da&szlig; aus den goldnen St&auml;mmen der Palmb&auml;ume kleine smaragdgr&uuml;ne
+Bl&auml;tter herausragten; eins dieser Bl&auml;tter erfa&szlig;te der Archivarius, und
+Anselmus wurde gewahr, da&szlig; das Blatt eigentlich in einer Pergamentrolle
+bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den Tisch
+breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig &uuml;ber die seltsam
+verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen P&uuml;nktchen, Striche
+und Z&uuml;ge und Schn&ouml;rkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten
+darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau
+nachmalen zu k&ouml;nnen. Er geriet dar&uuml;ber in tiefe Gedanken. &raquo;Mut gefa&szlig;t,
+junger Mensch!&laquo; rief der Archivarius, &raquo;hast Du bew&auml;hrten Glauben und wahre
+Liebe, so hilft Dir Serpentina!&laquo; Seine Stimme t&ouml;nte wie klingendes Metall,
+und als Anselmus in j&auml;hem Schreck aufblickte, stand der Archivarius
+Lindhorst in der k&ouml;niglichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten
+Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als m&uuml;sse er
+von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der
+Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die H&ouml;he und
+verschwand in den smaragdnen Bl&auml;ttern. &mdash; Der Student Anselmus begriff, da&szlig;
+der Geisterf&uuml;rst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer
+hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als
+Gesandte zu ihm geschickt, R&uuml;cksprache zu halten, was nun mit ihm und der
+holden Serpentina geschehen solle. &mdash; Auch kann es sein, dachte er ferner,
+da&szlig; ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder da&szlig; ein Magus aus
+Lappland ihn besucht &mdash; mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen.
+&mdash; Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu
+studieren. &mdash; Die wunderbare Musik des Gartens t&ouml;nte zu ihm her&uuml;ber und
+umgab ihn mit s&uuml;&szlig;en lieblichen D&uuml;ften, auch h&ouml;rte er wohl die Spottv&ouml;gel
+kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war.
+Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Bl&auml;tter der Palmb&auml;ume
+und als strahlten dann die holden Kristallkl&auml;nge, welche Anselmus an jenem
+verh&auml;ngnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch h&ouml;rte, durch das
+Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gest&auml;rkt durch dies T&ouml;nen und
+Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die
+&Uuml;berschrift der Pergamentrolle, und bald f&uuml;hlte er wie aus dem Innersten
+heraus, da&szlig; die Zeichen nichts anders bedeuten k&ouml;nnten, als die Worte: Von
+der Verm&auml;hlung des Salamanders mit der gr&uuml;nen Schlange. &mdash; Da ert&ouml;nte ein
+starker Dreiklang heller Kristallglocken. &mdash; &raquo;Anselmus, lieber Anselmus,&laquo;
+wehte es ihm zu aus den Bl&auml;ttern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums
+schl&auml;ngelte sich die gr&uuml;ne Schlange herab. &mdash; &raquo;Serpentina! holde
+Serpentina!&laquo; rief Anselmus wie im Wahnsinn des h&ouml;chsten Entz&uuml;ckens, denn so
+wie er sch&auml;rfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches M&auml;dchen,
+die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll
+unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die
+Bl&auml;tter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, &uuml;berall spro&szlig;ten
+Stacheln aus den St&auml;mmen, aber Serpentina wand und schl&auml;ngelte sich
+geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben
+gl&auml;nzendes Gewand nach sich zog, so da&szlig; es sich dem schlanken K&ouml;rper
+anschmiegend nirgends h&auml;ngen blieb an den hervorragenden Spitzen und
+Stacheln der Palmb&auml;ume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben
+Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich dr&uuml;ckend, so da&szlig; er den
+Hauch, der von ihren Lippen str&ouml;mte, die elektrische W&auml;rme ihres K&ouml;rpers
+f&uuml;hlte. &raquo;Lieber Anselmus!&laquo; fing Serpentina an, &raquo;nun bist Du bald ganz mein,
+durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe
+Dir den goldnen Topf, der uns beide begl&uuml;ckt immerdar.&laquo; &mdash; &raquo;O Du holde,
+liebe Serpentina,&laquo; sagte Anselmus, &raquo;wenn ich nur Dich habe, was k&uuml;mmert
+mich sonst alles &Uuml;brige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen
+in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich bef&auml;ngt seit dem
+Augenblick, als ich Dich sah.&laquo; &mdash; &raquo;Ich wei&szlig; wohl,&laquo; fuhr Serpentina fort,
+&raquo;da&szlig; das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel
+seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber
+jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in
+diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus
+tiefem Gem&uuml;te, aus tiefer Seele haarklein zu erz&auml;hlen, was Dir zu wissen
+n&ouml;tig, um meinen Vater ganz zu kennen und &uuml;berhaupt recht deutlich
+einzusehen, was es mit ihm und mit mir f&uuml;r eine Bewandtnis hat.&laquo; Dem
+Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und
+gar umschlungen und umwunden, da&szlig; er sich nur mit ihr regen und bewegen
+k&ouml;nne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern
+und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein
+Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in
+ihm entz&uuml;ndete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib
+gelegt, aber der schillernde gl&auml;nzende Stoff ihres Gewandes war so glatt,
+so schl&uuml;pfrig, da&szlig; es ihm schien, als k&ouml;nne sie, sich ihm schnell
+entwindend, unaufhaltsam entschl&uuml;pfen, und er erbebte bei dem Gedanken.
+&raquo;Ach, verla&szlig; mich nicht, holde Serpentina!&laquo; rief er unwillk&uuml;rlich aus, &raquo;nur
+Du bist mein Leben!&laquo; &mdash; &raquo;Nicht eher heute,&laquo; sagte Serpentina, &raquo;als bis ich
+alles erz&auml;hlt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. &mdash; Wisse
+also, Geliebter, da&szlig; mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der
+Salamander abstammt, und da&szlig; ich mein Dasein seiner Liebe zur gr&uuml;nen
+Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis
+der m&auml;chtige Geisterf&uuml;rst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten.
+Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in
+dem pr&auml;chtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren sch&ouml;nsten Gaben
+auf das herrlichste geschm&uuml;ckt hatte, umher und h&ouml;rte, wie eine hohe Lilie
+in leisen T&ouml;nen sang: &raquo;Dr&uuml;cke fest die &Auml;uglein zu, bis mein Geliebter, der
+Morgenwind, Dich weckt.&laquo; Er trat hinzu; von seinem gl&uuml;henden Hauch ber&uuml;hrt,
+erschlo&szlig; die Lilie ihre Bl&auml;tter und er erblickte der Lilie Tochter, die
+gr&uuml;ne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander
+von hei&szlig;er Liebe zu der sch&ouml;nen Schlange ergriffen, und er raubte sie der
+Lilie, deren D&uuml;fte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der
+geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schlo&szlig; des
+Phosphorus getragen und bat ihn: verm&auml;hle mich mit der Geliebten, denn sie
+soll mein eigen sein immerdar. T&ouml;richter, was verlangst du! sprach der
+Geisterf&uuml;rst, wisse, da&szlig; einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir
+herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten
+und nur der Sieg &uuml;ber den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in
+Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, da&szlig; ihre Bl&auml;tter stark genug
+blieben, den Funken in sich zu schlie&szlig;en und zu bewahren. Aber, wenn Du die
+gr&uuml;ne Schlange umarmst, wird Deine Glut den K&ouml;rper verzehren und ein neues
+Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete
+der Warnung des Geisterf&uuml;rsten nicht; voll gl&uuml;henden Verlangens schlo&szlig; er
+die gr&uuml;ne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein gefl&uuml;geltes
+Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die L&uuml;fte. Da ergriff den
+Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen
+spr&uuml;hend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, da&szlig; die
+sch&ouml;nsten Blumen und Bl&uuml;ten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft
+erf&uuml;llte. Der hocherz&uuml;rnte Geisterf&uuml;rst erfa&szlig;te im Grimm den Salamander und
+sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer &mdash; erloschen sind Deine Flammen,
+erblindet Deine Strahlen &mdash; sinke hinab zu den Erdgeistern, die m&ouml;gen Dich
+necken und h&ouml;hnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder
+entz&uuml;ndet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/08.jpg" alt="Die Lilie" title="Die Lilie" /></div>
+
+<p>Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte m&uuml;rrische
+Erdgeist, der des Phosphorus G&auml;rtner war, hinzu und sprach: Herr! wer
+sollte mehr &uuml;ber den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die
+sch&ouml;nen Blumen, die er verbrannt, mit meinen sch&ouml;nsten Metallen geputzt?
+habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche
+sch&ouml;ne Farbe verschwendet? &mdash; und doch nehme ich mich des armen Salamanders
+an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur
+Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verw&uuml;stet. Erlasse ihm die zu
+harte Strafe! &mdash; Sein Feuer ist f&uuml;r jetzt erloschen, sprach der
+Geisterf&uuml;rst; in der ungl&uuml;cklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem
+entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verst&auml;ndlich sein, wenn die
+Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen
+Ankl&auml;ngen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise
+entr&uuml;ckt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem
+wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch
+Glaube und Liebe in seinem Gem&uuml;te wohnten, &mdash; in dieser ungl&uuml;cklichen Zeit
+entz&uuml;ndet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum
+Menschen keimt er empor und mu&szlig;, ganz eingehend in das d&uuml;rftige Leben,
+dessen Bedr&auml;ngnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen
+Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen
+Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der
+verbr&uuml;derten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er
+dann die gr&uuml;ne Schlange wieder, und die Frucht seiner Verm&auml;hlung mit ihr
+sind drei T&ouml;chter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen.
+Zur Fr&uuml;hlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch h&auml;ngen und
+ihre lieblichen Kristallstimmen ert&ouml;nen lassen. Findet sich dann in der
+d&uuml;rftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein J&uuml;ngling, der ihren
+Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schl&auml;nglein mit ihren holdseligen
+Augen an, entz&uuml;ndet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen
+Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die B&uuml;rde des
+Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an
+die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern
+glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis
+drei J&uuml;nglinge dieser Art erfunden und mit den drei T&ouml;chtern verm&auml;hlt
+werden, darf der Salamander seine l&auml;stige B&uuml;rde abwerfen und zu seinen
+Br&uuml;dern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, da&szlig; ich diesen drei
+T&ouml;chtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl
+verherrlicht. Jede erh&auml;lt von mir einen Topf vom sch&ouml;nsten Metall, das ich
+besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in
+seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang
+mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein
+abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Verm&auml;hlung eine
+Feuerlilie entsprie&szlig;en, deren ewige Bl&uuml;te den bew&auml;hrt befundenen J&uuml;ngling
+s&uuml;&szlig; duftend umf&auml;ngt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres
+Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. &mdash; Du
+wei&szlig;t nun wohl, lieber Anselmus, da&szlig; mein Vater eben der Salamander ist,
+von dem ich Dir erz&auml;hlt. Er mu&szlig;te seiner h&ouml;heren Natur unerachtet sich den
+kleinlichsten Bedr&auml;ngnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher
+kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir
+oft gesagt, da&szlig; f&uuml;r die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der
+Geistesf&uuml;rst Phosphorus damals als Bedingnis der Verm&auml;hlung mit mir und
+meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur
+zu oft unschicklicher Weise gemi&szlig;braucht werde; man nenne das n&auml;mlich ein
+kindliches poetisches Gem&uuml;t. &mdash; Oft finde man dieses Gem&uuml;t bei J&uuml;nglingen,
+die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der
+sogenannten Weltbildung fehle, von dem P&ouml;bel verspottet w&uuml;rden. Ach,
+lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang
+&mdash; meinen Blick &mdash; Du liebst die gr&uuml;ne Schlange, Du glaubst an mich und
+willst mein sein immerdar! Die sch&ouml;ne Lilie wird emporbl&uuml;hen aus dem
+goldnen Topf und wir werden vereint gl&uuml;cklich und selig in Atlantis wohnen!
+&mdash; Aber nicht verhehlen kann ich Dir, da&szlig; im gr&auml;&szlig;lichen Kampf mit den
+Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die
+L&uuml;fte davonbrauste. Phosphorus h&auml;lt ihn zwar wieder in Banden, aber aus den
+schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde st&auml;ubten, keimten feindliche
+Geister empor, die &uuml;berall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben.
+Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein
+Vater recht gut wei&szlig;, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr
+Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgest&auml;ubten
+Feder zu einer Runkelr&uuml;be zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre
+Gewalt, denn in dem St&ouml;hnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden
+ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie
+bietet alle Mittel auf, von au&szlig;en hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie
+mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders
+hervorschie&szlig;en, bek&auml;mpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in sch&auml;dlichen
+Kr&auml;utern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend,
+in g&uuml;nstiger Konstellation, manchen b&ouml;sen Spuk, der des Menschen Sinne mit
+Grauen und Entsetzen bef&auml;ngt und ihn der Macht jener D&auml;monen, die der
+Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten
+in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes
+Gem&uuml;t schon manchen ihrer b&ouml;sen Zauber vernichtet. &mdash; Halte treu &mdash; treu
+&mdash; an mir, bald bist Du am Ziel!&laquo; &mdash; &raquo;O meine &mdash; meine Serpentina!&laquo; rief der
+Student Anselmus, &raquo;wie sollte ich denn nur von Dir lassen k&ouml;nnen, wie
+sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!&laquo; &mdash; Ein Ku&szlig; brannte auf seinem
+Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war
+verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, da&szlig; er
+nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der
+Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des
+geheimnisvollen Manuskripts war gl&uuml;cklich beendigt, und er glaubte,
+sch&auml;rfer die Z&uuml;ge betrachtend, Serpentina's Erz&auml;hlung von ihrem Vater, dem
+Liebling des Geisterf&uuml;rsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis,
+abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem
+wei&szlig;grauen &Uuml;berrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein;
+er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine gro&szlig;e
+Priese und sagte l&auml;chelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der
+Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade
+gehen &mdash; nur mir nach! &mdash; Der Archivarius schritt rasch durch den Garten,
+in dem ein solcher L&auml;rm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war,
+da&szlig; der Student Anselmus ganz bet&auml;ubt wurde und dem Himmel dankte, als er
+sich auf der Stra&szlig;e befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als
+sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschlo&szlig;. Vor
+dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand
+beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius
+Lindhorst ganz unwillig: &raquo;was Feuerzeug! &mdash; hier ist Feuer, so viel Sie
+wollen!&laquo; Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen gro&szlig;e Funken
+str&ouml;mten, die die Pfeifen schnell anz&uuml;ndeten. &raquo;Sehen Sie das chemische
+Kunstst&uuml;ckchen,&laquo; sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus
+dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. &mdash; Im Linkeschen Bade
+trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, da&szlig; er, sonst
+ein gutm&uuml;tiger stiller Mann, anfing in einem qu&auml;kenden Tenor Burschenlieder
+zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und
+endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mu&szlig;te, als der
+Archivarius Lindhorst schon l&auml;ngst auf und davon war.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="NEUNTE_VIGILIE" id="NEUNTE_VIGILIE" ></a>NEUNTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. &mdash; Die
+Punschgesellschaft. &mdash; Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann f&uuml;r
+einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erz&uuml;rnte. &mdash; Der Tintenklecks und
+seine Folgen.</p></div>
+
+
+<p>Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus t&auml;glich
+begegnet war, hatte ihn ganz dem gew&ouml;hnlichen Leben entr&uuml;ckt. Er sah keinen
+seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zw&ouml;lfte
+Stunde, die ihm sein Paradies aufschlo&szlig;. Und doch, indem sein ganzes Gem&uuml;t
+der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius
+Lindhorst zugewandt war, mu&szlig;te er zuweilen unwillk&uuml;rlich an Veronika
+denken, ja manchmal schien es ihm als tr&auml;te sie zu ihm hin und gestehe
+err&ouml;tend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den
+Phantomen, von denen er nur geneckt und verh&ouml;hnt werde, zu entrei&szlig;en.
+Zuweilen war es, als risse eine fremde, pl&ouml;tzlich auf ihn einbrechende
+Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er m&uuml;sse ihr
+folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das M&auml;dchen. Gerade
+in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer
+wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis
+der Verm&auml;hlung des Salamanders mit der gr&uuml;nen Schlange offenbar worden,
+trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. &mdash; Ja! &mdash; erst als er
+erwachte, wurde er deutlich gewahr, da&szlig; er nur getr&auml;umt habe, da er
+&uuml;berzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck
+eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, da&szlig; es ihre innige
+Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerr&uuml;ttung
+hervorrufe, aufopfern und noch dar&uuml;ber in Ungl&uuml;ck und Verderben geraten
+werde. Veronika war liebensw&uuml;rdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie
+kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine
+Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime
+magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine
+Nebenstra&szlig;e einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend
+laut rief: &raquo;Ei, ei! &mdash; wertester Herr Anselmus! &mdash; Amice! &mdash; Amice! wo um
+des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr
+sehen &mdash; wissen Sie wohl, da&szlig; sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins
+mit Ihnen zu singen? &mdash; Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!&laquo; Der
+Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das Haus
+traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgf&auml;ltig gekleidet entgegen,
+so da&szlig; der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum so geputzt,
+hat man denn Besuch erwartet? &mdash; aber hier bringe ich den Herrn Anselmus!
+&mdash; Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die Hand k&uuml;&szlig;te,
+f&uuml;hlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle Fibern und
+Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst, und als
+Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wu&szlig;te sie durch allerhand
+Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, da&szlig; er alle
+Bl&ouml;digkeit verga&szlig; und sich zuletzt mit dem ausgelassenen M&auml;dchen im Zimmer
+herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der D&auml;mon des Ungeschicks &uuml;ber
+den Hals, er stie&szlig; an den Tisch und Veronikas niedliches N&auml;hk&auml;stchen fiel
+herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es blinkte ihm
+ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz eigner Lust
+hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte die Hand auf
+seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm &uuml;ber die Schulter
+auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein Kampf in
+seinem Innern: &mdash; Gedanken &mdash; Bilder &mdash; blitzten hervor und vergingen
+wieder &mdash; der Archivarius Lindhorst &mdash; Serpentina &mdash; die gr&uuml;ne Schlange
+&mdash; endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene f&uuml;gte und gestaltete sich
+zum deutlichen Bewu&szlig;tsein. Ihm wurde es nun klar, da&szlig; er nur best&auml;ndig an
+Veronika gedacht, ja da&szlig; die Gestalt, welche ihm gestern in dem blauen
+Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und da&szlig; die phantastische
+Sage von der Verm&auml;hlung des Salamanders mit der gr&uuml;nen Schlange ja nur von
+ihm geschrieben, keineswegs aber erz&auml;hlt worden sei. Er wunderte sich
+selbst &uuml;ber seine Tr&auml;umereien und schrieb sie lediglich seinem durch die
+Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der Arbeit bei dem
+Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch &uuml;berdem so sonderbar
+bet&auml;ubend dufte. Er mu&szlig;te herzlich &uuml;ber die tolle Einbildung lachen, in
+eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten geheimen
+Archivarius f&uuml;r einen Salamander zu halten. &raquo;Ja, ja! &mdash; es ist Veronika!&laquo;
+rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade in
+Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten. Ein
+dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den seinigen
+brannten. &raquo;O ich Gl&uuml;cklicher!&laquo; seufzte der entz&uuml;ckte Student, &raquo;was ich
+gestern nur tr&auml;umte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil.&laquo; &mdash; &raquo;Und
+willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?&laquo; fragte
+Veronika. &raquo;Allerdings!&laquo; antwortete der Student Anselmus; indem knarrte die
+T&uuml;r und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein: &raquo;Nun, wertester
+Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen vorlieb mit einer
+Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen k&ouml;stlichen Kaffee, den wir
+mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen versprochen, genie&szlig;en.&laquo;
+&mdash; &raquo;Ach, bester Herr Konrektor,&laquo; erwiderte der Student Anselmus, &raquo;wissen
+Sie denn nicht, da&szlig; ich zum Archivarius Lindhorst mu&szlig;, des Abschreibens
+wegen?&laquo; &mdash; &raquo;Schauen Sie Amice!&laquo; sagte der Konrektor Paulmann, indem er ihm
+die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies. Der Student Anselmus
+sah nun wohl ein, da&szlig; es viel zu sp&auml;t sei zu dem Archivarius Lindhorst zu
+wandern und f&uuml;gte sich den W&uuml;nschen des Konrektors um so lieber, als er nun
+die Veronika den ganzen Tag &uuml;ber schauen und wohl manchen verstohlenen
+Blick, manchen z&auml;rtlichen H&auml;ndedruck zu erhalten, ja wohl gar einen Ku&szlig; zu
+erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die W&uuml;nsche des Studenten
+Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute, je mehr er sich
+&uuml;berzeugte, da&szlig; er bald von all den phantastischen Einbildungen befreit
+sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum wahnwitzigen Narren h&auml;tten
+machen k&ouml;nnen. &mdash; Der Registrator Heerbrand fand sich wirklich nach Tische
+ein und als der Kaffee genossen und die D&auml;mmerung bereits eingebrochen, gab
+er schmunzelnd und fr&ouml;hlich die H&auml;nde reibend zu verstehen: er trage etwas
+mit sich, was durch Veronikas sch&ouml;ne H&auml;nde gemischt und in geh&ouml;rige Form
+gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert, ihnen allen an dem k&uuml;hlen
+Oktoberabende erfreulich sein werde. &raquo;So r&uuml;cken Sie denn nur heraus mit dem
+geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, gesch&auml;tztester
+Registrator,&laquo; rief der Konrektor Paulmann; aber der Registrator Heerbrand
+griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine
+Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe
+Stunde vergangen, so dampfte ein k&ouml;stlicher Punsch auf Paulmanns Tische.
+Veronika kredenzte das Getr&auml;nk, und es gab allerlei gem&uuml;tliche muntere
+Gespr&auml;che unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten Anselmus der Geist
+des Getr&auml;nkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des Wunderbaren,
+Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zur&uuml;ck. Er sah den
+Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor
+ergl&auml;nzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmb&auml;ume, ja es wurde
+ihm wieder so zu Mute, als m&uuml;sse er doch an die Serpentina glauben; es
+brauste, es g&auml;rte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch,
+und indem er es fa&szlig;te, ber&uuml;hrte er leise ihre Hand. &raquo;Serpentina! Veronika!&laquo;
+seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Tr&auml;ume, aber der Registrator
+Heerbrand rief ganz laut: &raquo;Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand
+klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. &mdash; Nun, er soll
+leben! sto&szlig;en Sie an, Herr Anselmus!&laquo; &mdash; Da fuhr der Student Anselmus auf
+aus seinen Tr&auml;umen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand
+anstie&szlig;: &raquo;Das kommt daher, verehrungsw&uuml;rdiger Herr Registrator, weil der
+Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten
+des Geisterf&uuml;rsten Phosphorus im Zorn verw&uuml;stete, weil ihm die gr&uuml;ne
+Schlange davongeflogen.&laquo; &mdash; &raquo;Wie &mdash; was?&laquo; fragte der Konrektor Paulmann.
+&mdash; &raquo;Ja,&laquo; fuhr der Student Anselmus fort, &raquo;deshalb mu&szlig; er nun k&ouml;niglicher
+Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei T&ouml;chtern wirtschaften,
+die aber weiter nichts sind als kleine goldgr&uuml;ne Schl&auml;nglein, die sich in
+Holunderb&uuml;schen sonnen, verf&uuml;hrerisch singen und die jungen Leute verlocken
+wie die Sirenen.&laquo; &mdash; &raquo;Herr Anselmus, Herr Anselmus!&laquo; rief der Konrektor
+Paulmann, &raquo;rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen
+Sie f&uuml;r ungewaschenes Zeug?&laquo; &mdash; &raquo;Er hat Recht,&laquo; fiel der Registrator
+Heerbrand ein, &raquo;der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander,
+der mit den Fingern feurige Schnippchen schl&auml;gt, die einem L&ouml;cher in den
+&Uuml;berrock brennen wie gl&uuml;hender Schwamm. &mdash; Ja, ja, Du hast Recht,
+Br&uuml;derchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!&laquo; Und damit
+schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, da&szlig; die
+Gl&auml;ser klirrten. &raquo;Registrator! sind Sie rasend?&laquo; schrie der erboste
+Konrektor. &mdash; &raquo;Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun
+wieder an?&laquo; &mdash; &raquo;Ach!&laquo; sagte der Student, &raquo;Sie sind auch weiter nichts als
+ein Vogel &mdash; ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!&laquo; &mdash; &raquo;Was?
+&mdash; ich ein Vogel &mdash; ein Schuhu &mdash; ein Friseur?&laquo; &mdash; schrie der Konrektor
+voller Zorn &mdash; &raquo;Herr, Sie sind toll &mdash; toll!&laquo; &mdash; &raquo;Aber die Alte kommt ihm
+&uuml;ber den Hals,&laquo; rief der Registrator Heerbrand. &mdash; &raquo;Ja, die Alte ist
+m&auml;chtig,&laquo; fiel der Student Anselmus ein, &raquo;unerachtet sie nur von niederer
+Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch und ihre
+Mama eine schn&ouml;de Runkelr&uuml;be, aber ihre meiste Kraft verdankt sie allerlei
+feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.&laquo; &mdash; &raquo;Das
+ist eine abscheuliche Verleumdung,&laquo; rief Veronika mit zorngl&uuml;henden Augen,
+&raquo;die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine feindliche
+Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten und ihr
+Cousin germain.&laquo; &mdash; &raquo;Kann der Salamander fressen, ohne sich den Bart zu
+versengen und elendiglich draufzugehn?&laquo; sagte der Registrator Heerbrand.
+&raquo;Nein, nein!&laquo; schrie der Student Anselmus, &raquo;nun und nimmermehr wird er das
+k&ouml;nnen: und die gr&uuml;ne Schlange liebt mich; denn ich bin ein kindliches
+Gem&uuml;t und habe Serpentinas Augen geschaut.&laquo; &mdash; &raquo;Die wird der Kater
+auskratzen,&laquo; rief Veronika. &mdash; &raquo;Salamander &mdash; Salamander bezwingt sie alle
+&mdash; alle,&laquo; br&uuml;llte der Konrektor Paulmann in h&ouml;chster Wut; &raquo;aber bin ich in
+einem Tollhause? bin ich selbst toll? &mdash; was schwatze ich denn f&uuml;r
+wahnwitziges Zeug? &mdash; Ja ich bin auch toll &mdash; auch toll!&laquo; &mdash; Damit sprang
+der Konrektor Paulmann auf, ri&szlig; sich die Per&uuml;cke vom Kopfe und schleuderte
+sie gegen die Stubendecke, da&szlig; die gequetschten Locken &auml;chzten und im
+g&auml;nzlichen Verderben aufgel&ouml;st den Puder weit umherst&auml;ubten. Da ergriffen
+der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die
+Gl&auml;ser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, da&szlig; die
+Scherben klirrend und klingend umhersprangen. &raquo;Vivat Salamander! &mdash; pereat
+&mdash; pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen
+aus! &mdash; V&ouml;glein &mdash; V&ouml;glein aus den L&uuml;ften &mdash; Eheu &mdash; Eheu &mdash; Evoe
+&mdash; Salamander!&laquo; &mdash; So schrien und br&uuml;llten die Drei wie Besessene
+durcheinander. Laut weinend sprang Fr&auml;nzchen davon; aber Veronika lag
+winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die T&uuml;r auf, alles
+war pl&ouml;tzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen M&auml;ntelchen
+herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravit&auml;tisches, und vorz&uuml;glich
+zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine gro&szlig;e Brille sa&szlig;, vor
+allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Per&uuml;cke, da&szlig;
+sie eher eine Federm&uuml;tze zu sein schien. &raquo;Ei, sch&ouml;nen guten Abend!&laquo;
+schnarrte das possierliche M&auml;nnlein, &raquo;hier finde ich ja wohl den Studiosus
+Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und
+er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse
+er sch&ouml;nstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu vers&auml;umen.&laquo; Damit
+schritt er wieder zur T&uuml;r hinaus und alle sahen nun wohl, da&szlig; das
+gravit&auml;tische M&auml;nnlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor
+Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch
+das Zimmer dr&ouml;hnte und dazwischen winselte und &auml;chzte Veronika wie von
+namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der
+Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewu&szlig;tlos zur T&uuml;r hinaus durch
+die Stra&szlig;en. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein St&uuml;bchen. Bald darauf
+trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn
+im Rausch so ge&auml;ngstigt habe und er m&ouml;ge sich nur vor neuen Einbildungen
+h&uuml;ten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. &raquo;Gute Nacht, gute
+Nacht, mein lieber Freund,&laquo; lispelte leise Veronika und hauchte einen Ku&szlig;
+auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die
+Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gest&auml;rkt. Nun
+mu&szlig;te er selbst recht herzlich &uuml;ber die Wirkungen des Punsches lachen; aber
+indem er an Veronika dachte, f&uuml;hlte er sich recht von einem behaglichen
+Gef&uuml;hl durchdrungen.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/09.jpg" alt="Der Graue Papagei &uuml;berbringt Anselmus eine Botschaft des Achivarius Lindhorst" title="Der Graue Papagei &uuml;berbringt Anselmus eine Botschaft des Achivarius Lindhorst" /></div>
+
+<p>Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, da&szlig; ich
+von meinen albernen Grillen zur&uuml;ckgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es
+nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die
+Stube nicht verlie&szlig;, aus Furcht von den H&uuml;hnern gefressen zu werden, weil
+er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat
+geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin
+gl&uuml;cklich. &mdash; Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst
+ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so
+seltsam und wundervoll habe vorkommen k&ouml;nnen. Er sah nichts als gew&ouml;hnliche
+Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenst&ouml;cke und dergleichen. Statt
+der gl&auml;nzenden bunten V&ouml;gel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige
+Sperlinge hin und her, die ein unverst&auml;ndliches unangenehmes Geschrei
+erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch
+ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die
+nat&uuml;rlichen goldnen St&auml;mme der Palmb&auml;ume mit den unf&ouml;rmlichen blinkenden
+Bl&auml;ttern nur einen Augenblick hatten gefallen k&ouml;nnen. &mdash; Der Archivarius sah
+ihn mit einem ganz eignen ironischen L&auml;cheln an und fragte: &raquo;Nun, wie hat
+Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?&laquo; &mdash; &raquo;Ach gewi&szlig; hat
+Ihnen der Papagei,&laquo; &mdash; erwiderte der Student Anselmus ganz besch&auml;mt; aber er
+stockte: denn er dachte nun wieder daran, da&szlig; auch die Erscheinung des
+Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. &raquo;Ei, ich war ja
+selbst in der Gesellschaft,&laquo; fiel der Archivarius Lindhorst ein, &raquo;haben Sie
+mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt, w&auml;re
+ich beinahe hart besch&auml;digt worden; denn ich sa&szlig; eben in dem Augenblicke
+noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach griff, um sie
+gegen die Decke zu schleudern und mu&szlig;te mich schnell in des Konrektors
+Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! &mdash; seien Sie flei&szlig;ig,
+auch f&uuml;r den gestrigen vers&auml;umten Tag zahle ich den Speziestaler, da Sie
+bisher so wacker gearbeitet.&laquo; &mdash; &raquo;Wie kann der Archivarius nur solch tolles
+Zeug faseln!&laquo; sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte sich an
+den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der Archivarius
+wie gew&ouml;hnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der Pergamentrolle so
+viele sonderbare krause Z&uuml;ge und Schn&ouml;rkel durcheinander, die, ohne dem
+Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten, da&szlig; es ihm
+beinahe unm&ouml;glich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem &Uuml;berblick
+des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor oder ein mit
+Moosen durchsprenkelter Stein. &mdash; Er wollte dessen unerachtet das M&ouml;gliche
+versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte wollte durchaus
+nicht flie&szlig;en, er spritzte die Feder ungeduldig aus und &mdash; o Himmel! ein
+gro&szlig;er Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend und brausend
+fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schl&auml;ngelte sich krachend durch das
+Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf aus den W&auml;nden, die
+Bl&auml;tter fingen an zu rauschen wie vom Sturme gesch&uuml;ttelt und aus ihnen
+schossen blinkende Basilisken im flackernden Feuer herab, den Dampf
+entz&uuml;ndend, da&szlig; die Flammenmassen prasselnd sich um den Anselmus w&auml;lzten.
+Die goldnen St&auml;mme der Palmb&auml;ume wurden zu Riesenschlangen, die ihre
+gr&auml;&szlig;lichen H&auml;upter in schneidendem Metallklange zusammenstie&szlig;en und mit den
+geschuppten Leibern den Anselmus umwanden. &raquo;Wahnsinniger! erleide nun die
+Strafe daf&uuml;r, was Du im frechen Frevel tatest!&laquo; &mdash; So rief die
+f&uuml;rchterliche Stimme des gekr&ouml;nten Salamanders, der &uuml;ber den Schlangen wie
+ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und nun spr&uuml;hten ihre
+aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und es war als
+verdichteten sich die Feuerstr&ouml;me um seinen K&ouml;rper und w&uuml;rden zur festen
+eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger sich
+zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder zu
+sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von
+einem gl&auml;nzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand
+erheben oder sonst sich r&uuml;hren, stie&szlig;. &mdash; Ach! er sa&szlig; in einer
+wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer
+des Archivarius Lindhorst.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/10.jpg" alt="Anselmus sa&szlig; in einer wohlverstopften Kristallflasche" title="Anselmus sa&szlig; in einer wohlverstopften Kristallflasche" /></div>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ZEHNTE_VIGILIE" id="ZEHNTE_VIGILIE" ></a>ZEHNTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Die Leiden des Studenten Anselmus in der gl&auml;sernen Flasche. &mdash; Gl&uuml;ckliches
+Leben der Kreuzsch&uuml;ler und Praktikanten. &mdash; Die Schlacht im
+Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. &mdash; Sieg des Salamanders und
+Befreiung des Studenten Anselmus.</p></div>
+
+
+<p>Mit Recht darf ich zweifeln, da&szlig; Du, g&uuml;nstiger Leser, jemals in einer
+gl&auml;sernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, da&szlig; ein
+lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen
+befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten
+Anselmus recht lebhaft f&uuml;hlen. Hast Du aber auch dergleichen nie getr&auml;umt,
+so schlie&szlig;t Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl
+auf einige Augenblicke in das Kristall ein. &mdash; Du bist von blendendem
+Glanze dicht umflossen, alle Gegenst&auml;nde ringsumher erscheinen Dir von
+strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben &mdash; alles zittert und
+wankt und dr&ouml;hnt im Schimmer &mdash; Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie
+in einem festgefrornen &Auml;ther, der Dich einpre&szlig;t, soda&szlig; der Geist vergebens
+dem toten K&ouml;rper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger dr&uuml;ckt die
+zentnerschwere Last Deine Brust &mdash; immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug
+die L&uuml;ftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten &mdash; Deine
+Pulsadern schwellen auf und von gr&auml;&szlig;licher Angst durchschnitten zuckt jeder
+Nerv im Todeskampfe blutend. &mdash; Habe Mitleid, g&uuml;nstiger Leser, mit dem
+Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem gl&auml;sernen
+Gef&auml;ngnisse ergriff; aber er f&uuml;hlte wohl, da&szlig; der Tod ihn nicht erl&ouml;sen
+k&ouml;nne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im &Uuml;berma&szlig;
+seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und
+freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte
+kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im
+mi&szlig;t&ouml;nenden Klange bet&auml;ubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist
+sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. &mdash; Da
+schrie er auf in Verzweiflung: &raquo;O Serpentina &mdash; Serpentina, rette mich von
+dieser H&ouml;llenqual!&laquo; Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die legten
+sich um die Flasche wie gr&uuml;ne durchsichtige Holunderbl&auml;tter; das T&ouml;nen
+h&ouml;rte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er atmete
+freier. &raquo;Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst Schuld? ach!
+habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina gefrevelt?
+habe ich nicht schn&ouml;de Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht den
+Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch begl&uuml;cken sollte?
+Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, f&uuml;r mich ist der goldne Topf
+verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein einziges
+Mal m&ouml;cht' ich Dich sehen, Deine holde s&uuml;&szlig;e Stimme h&ouml;ren, liebliche
+Serpentina!&laquo; &mdash; So klagte der Student Anselmus von tiefem schneidendem
+Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: &raquo;Ich wei&szlig; garnicht was
+Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so &uuml;ber alle Ma&szlig;en?&laquo;
+&mdash; Der Student Anselmus wurde gewahr, da&szlig; neben ihm auf demselben
+Repositorium noch f&uuml;nf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzsch&uuml;ler
+und zwei Praktikanten erblickte. &mdash; &raquo;Ach, meine Herren und Gef&auml;hrten im
+Ungl&uuml;ck,&laquo; rief er aus, &raquo;wie ist es Ihnen denn m&ouml;glich, so gelassen, ja so
+vergn&uuml;gt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja
+doch eben so gut eingesperrt in gl&auml;sernen Flaschen als ich und k&ouml;nnen sich
+nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vern&uuml;nftiges denken, ohne da&szlig;
+ein Mordl&auml;rmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne da&szlig; es Ihnen im
+Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewi&szlig; nicht an
+den Salamander und an die gr&uuml;ne Schlange!&laquo; &mdash; Sie faseln wohl, mein Herr
+Studiosus,&laquo; erwiderte ein Kreuzsch&uuml;ler, &raquo;nie haben wir uns besser befunden
+als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius
+erhalten f&uuml;r allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir d&uuml;rfen jetzt
+keine italienischen Ch&ouml;re mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage
+zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl
+schmecken, sehen auch wohl einem h&uuml;bschen M&auml;dchen in die Augen, singen wie
+wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergn&uuml;gt.&laquo; &mdash; &raquo;Die
+Herren haben ganz recht,&laquo; fiel ein Praktikant ein, &raquo;auch ich bin mit
+Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und
+spaziere flei&szlig;ig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei
+zwischen vier W&auml;nden zu sitzen.&laquo; &mdash; &raquo;Aber meine besten wertesten Herren,&laquo;
+sagte der Student Anselmus, &raquo;sp&uuml;ren Sie es denn nicht, da&szlig; Sie alle samt
+und sonders in gl&auml;sernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen,
+viel weniger umherspazieren k&ouml;nnen?&laquo; &mdash; Da schlugen die Kreuzsch&uuml;ler und
+die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: &raquo;Der Studiosus ist toll,
+er bildet sich ein in einer gl&auml;sernen Flasche zu sitzen und steht auf der
+Elbbr&uuml;cke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!&laquo;
+&mdash; &raquo;Ach,&laquo; seufzte der Student, &raquo;die schauten niemals die holde Serpentina,
+sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb
+sp&uuml;ren sie nicht den Druck des Gef&auml;ngnisses, in das sie der Salamander
+bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Ungl&uuml;cklicher
+werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich
+liebe, mich nicht rettet.&laquo; &mdash; Da wehte und s&auml;uselte Serpentina's Stimme
+durch das Zimmer: &raquo;Anselmus! glaube, liebe, hoffe!&laquo; &mdash; Und jeder Laut
+strahlte in das Gef&auml;ngnis des Anselmus hinein und das Kristall mu&szlig;te seiner
+Gewalt weichen und sich ausdehnen, da&szlig; die Brust des Gefangenen sich regen
+und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes
+und er merkte wohl, da&szlig; ihn Serpentina noch liebe und da&szlig; nur <i>sie</i> es
+sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall ertr&auml;glich mache. Er bek&uuml;mmerte
+sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Ungl&uuml;cksgef&auml;hrten, sondern richtete
+Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. &mdash; Aber pl&ouml;tzlich entstand
+von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald
+deutlich bemerken, da&szlig; dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit
+halbzerbrochenem Deckel herr&uuml;hrte, die ihm gegen&uuml;ber auf einem kleinen
+Schrank hingestellt war. Sowie er sch&auml;rfer hinschaute, entwickelten sich
+immer mehr die garstigen Z&uuml;ge eines alten verschrumpften Weibergesichts und
+bald stand das &Auml;pfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die
+grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: &raquo;Ei, ei,
+Kindchen! &mdash; mu&szlig;t Du nun ausharren? &mdash; Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich
+Dir's nicht l&auml;ngst vorausgesagt?&laquo; &mdash; &raquo;H&ouml;hne und spotte nur, Du verdammtes
+Hexenweib,&laquo; sagte der Student Anselmus, &raquo;Du bist Schuld an allem, aber der
+Salamander wird Dich treffen, Du schn&ouml;de Runkelr&uuml;be!&laquo; &mdash; &raquo;Ho, ho!&laquo;
+erwiderte die Alte, &raquo;nur nicht so stolz! Du hast meinen S&ouml;hnlein ins
+Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir
+gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein T&ouml;chterchen
+ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn
+ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau
+Gevatterin, die Ratte, welche gleich &uuml;ber Dir auf dem Boden wohnt, die soll
+das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und
+ich fange Dich auf in der Sch&uuml;rze, damit Du Dir die Nase nicht zerschl&auml;gst,
+sondern fein Dein glattes Gesichtlein erh&auml;ltst und ich trage Dich flugs zu
+Mamsell Veronika, die mu&szlig;t Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden.&laquo; &mdash; &raquo;La&szlig;
+ab von mir, Satansgeburt,&laquo; schrie der Student Anselmus voller Grimm, &raquo;nur
+Deine h&ouml;llischen K&uuml;nste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun
+abb&uuml;&szlig;en mu&szlig;. &mdash; Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich
+sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umf&auml;ngt! &mdash; H&ouml;r' es
+Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur
+Serpentina &mdash; ich will nie Hofrat werden &mdash; nie die Veronika schauen, die
+mich durch Dich zum B&ouml;sen verlockt! &mdash; Kann die gr&uuml;ne Schlange nicht mein
+werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! &mdash; Hebe Dich weg
+&mdash; hebe Dich weg &mdash; Du schn&ouml;der Wechselbalg!&laquo; &mdash; Da lachte die Alte auf, da&szlig;
+es im Zimmer gellte und rief: &raquo;So sitze denn und verderbe, aber nun ist's
+Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Gesch&auml;ft hier ist noch von anderer Art.&laquo;
+&mdash; Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter Nacktheit,
+dann fuhr sie in Kreisen umher und gro&szlig;e Folianten st&uuml;rzten herab, aus
+denen ri&szlig; sie Pergamentbl&auml;tter, und diese im k&uuml;nstlichen Gef&uuml;ge schnell
+zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen
+seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuerspr&uuml;hend sprang der
+schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und
+heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die T&uuml;r
+verschwand. Anselmus merkte, da&szlig; sie nach dem blauen Zimmer gegangen und
+bald h&ouml;rte er es in der Ferne zischen und brausen, die V&ouml;gel im Garten
+schrien, der Papagei schnarrte: &raquo;Rette &mdash; rette! Raub &mdash; Raub!&laquo; &mdash; In dem
+Augenblick kam die Alte ins Zimmer zur&uuml;ckgesprungen, den goldenen Topf auf
+dem Arm tragend und mit gr&auml;&szlig;licher Geberde wild durch die L&uuml;fte schreiend:
+&raquo;Gl&uuml;ck auf! &mdash; Gl&uuml;ck auf! &mdash; S&ouml;hnlein &mdash; t&ouml;te die gr&uuml;ne Schlange! auf,
+S&ouml;hnlein, auf!&laquo; &mdash; Es war dem Anselmus als h&ouml;re er ein tiefes St&ouml;hnen, als
+h&ouml;re er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung.
+&mdash; Er raffte alle seine Kr&auml;fte zusammen; er stie&szlig; mit Gewalt, als sollten
+Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall &mdash; ein schneidender Klang
+fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der T&uuml;r in seinem
+gl&auml;nzenden damastnen Schlafrock; &raquo;Hei, hei! Gesindel, toller Spuk
+&mdash; Hexenwerk &mdash; hierher &mdash; heisa!&laquo; So schrie er. Da richteten sich die
+schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen
+ergl&auml;nzten von h&ouml;llischem Feuer und die spitzigen Z&auml;hne des weiten Rachens
+zusammenbei&szlig;end, zischte sie: &raquo;frisch &mdash; frisch 'raus &mdash; zisch aus, zisch
+aus! und lachte und meckerte h&ouml;hnend und spottend und dr&uuml;ckte den goldnen
+Topf fest an sich und warf daraus F&auml;uste voll gl&auml;nzender Erde auf den
+Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock ber&uuml;hrte, wurden Blumen
+daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des
+Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer
+brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in
+die H&ouml;he sprang und den pergamentnen Harnisch sch&uuml;ttelte, verl&ouml;schten die
+Lilien und zerfielen in Asche. &raquo;Frisch darauf, mein Junge!&laquo; kreischte die
+Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der T&uuml;r &uuml;ber
+den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und fa&szlig;te
+ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, da&szlig; rotes feuriges Blut ihm aus dem
+Halse st&uuml;rzte und Serpentina's Stimme rief: &raquo;Gerettet! &mdash; gerettet!&laquo; &mdash; Die
+Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den
+Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der d&uuml;rren F&auml;uste
+emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser ri&szlig; schnell den
+Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und
+spr&uuml;hten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentbl&auml;ttern
+und die Alte w&auml;lzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde
+aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentbl&auml;tter aus den B&uuml;chern zu
+erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang
+Erde oder Pergamentbl&auml;tter auf sich zu st&uuml;rzen, verl&ouml;schte das Feuer. Aber
+nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen
+auf die Alte. &raquo;Hei, hei! drauf und dran &mdash; Sieg dem Salamander!&laquo; dr&ouml;hnte
+die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze
+schl&auml;ngelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und
+brausend fuhren in w&uuml;tendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich
+schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den
+Krallen ihn durchspie&szlig;end und festhaltend, da&szlig; er in der Todesnot gr&auml;&szlig;lich
+heulte und &auml;chzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die gl&uuml;henden
+Augen aus, da&szlig; der brennende Gischt herausspritzte. &mdash; Dicker Qualm str&ouml;mte
+da empor, wo die Alte zur Erde niedergest&uuml;rzt unter dem Schlafrock gelegen;
+ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in
+weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet,
+verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag
+eine garstige Runkelr&uuml;be. &raquo;Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den
+&uuml;berwundenen Feind,&laquo; sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius
+Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. &raquo;Sehr gut, mein
+Lieber,&laquo; antwortete der Archivarius, &raquo;hier liegt auch meine &uuml;berwundene
+Feindin, besorgen Sie g&uuml;tigst nunmehr das &Uuml;brige; noch heute erhalten Sie
+als ein kleines Douceur sechs Kokosn&uuml;sse und eine neue Brille, da, wie ich
+sehe, der Kater Ihnen die Gl&auml;ser sch&auml;ndlich zerbrochen.&laquo; &mdash; &raquo;Lebenslang der
+Ihrige, verehrungsw&uuml;rdiger Freund und G&ouml;nner!&laquo; versetzte der Papagei sehr
+vergn&uuml;gt, nahm die Runkelr&uuml;be in den Schnabel und flatterte damit zum
+Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst ge&ouml;ffnet.</p>
+
+<div class="figcenter"><img src="images/11.jpg" alt="Der Rauch verdampfte" title="Der Rauch verdampfte" /></div>
+
+<p>Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: &raquo;Serpentina,
+Serpentina!&laquo; &mdash; Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut &uuml;ber den
+Untergang des schn&ouml;den Weibes, das ihn ins Verderben gest&uuml;rzt, den
+Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majest&auml;tische Gestalt des
+Geisterf&uuml;rsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und W&uuml;rde zu ihm
+hinaufschaute. &mdash; &raquo;Anselmus,&laquo; sprach der Geisterf&uuml;rst, &raquo;nicht Du, sondern
+nur ein feindliches Prinzip, das zerst&ouml;rend in Dein Inneres zu dringen und
+Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben.
+Du hast Deine Treue bew&auml;hrt, sei frei und gl&uuml;cklich.&laquo; Ein Blitz zuckte
+durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken
+ert&ouml;nte st&auml;rker und m&auml;chtiger, als er ihn je vernommen &mdash; seine Fibern und
+Nerven erbebten &mdash; aber immer mehr anschwellend dr&ouml;hnte der Akkord durch
+das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er
+st&uuml;rzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ELFTE_VIGILIE" id="ELFTE_VIGILIE" ></a>ELFTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Des Konrektors Paulmann Unwille &uuml;ber die in seiner Familie ausgebrochene
+Tollheit. &mdash; Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im st&auml;rksten
+Froste in Schuhen und seidenen Str&uuml;mpfen einherging. &mdash; Veronika's
+Gest&auml;ndnisse. &mdash; Verlobung bei der dampfenden Suppensch&uuml;ssel.</p></div>
+
+
+<p>Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der
+vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis
+treiben konnte?&laquo; &mdash; Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern
+Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in
+dessen Mitte die ungl&uuml;ckliche Per&uuml;cke in ihre urspr&uuml;nglichen Bestandteile
+aufgel&ouml;st im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur T&uuml;r
+hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der
+Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den
+K&ouml;pfen aneinander rennend, bis Fr&auml;nzchen den schwindligen Papa mit vieler
+M&uuml;he ins Bett brachte und der Registrator in h&ouml;chster Ermattung aufs Sofa
+sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer fl&uuml;chtend, verlassen. Der
+Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt,
+sah ganz bla&szlig; und melancholisch aus und st&ouml;hnte: &raquo;Ach, werter Konrektor,
+nicht der Punsch, den Mamsell Veronika k&ouml;stlich bereitet, nein! &mdash; sondern
+lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie
+denn nicht, da&szlig; er schon l&auml;ngst mente captus ist? Aber wissen Sie denn
+nicht auch, da&szlig; der Wahnsinn ansteckt? &mdash; Ein Narr macht viele; verzeihen
+Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorz&uuml;glich, wenn man ein Gl&auml;schen
+getrunken, da ger&auml;t man leicht in die Tollheit und man&ouml;vriert unwillk&uuml;rlich
+nach und bricht aus in die Exercitia, die der verr&uuml;ckte Fl&uuml;gelmann
+vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, da&szlig; mir noch ganz schwindlig ist,
+wenn ich an den grauen Papagei denke?&laquo; &mdash; &raquo;Ach was,&laquo; fiel der Konrektor
+ein, &raquo;Possen! &mdash; es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der
+einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.&laquo; &mdash; &raquo;Es
+kann sein,&laquo; versetzte der Registrator Heerbrand, &raquo;aber ich mu&szlig; gestehen,
+da&szlig; mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht &uuml;ber hat es so
+wunderlich georgelt und gepfiffen.&laquo; &mdash; &raquo;Das war ich&laquo;, erwiderte der
+Konrektor, &raquo;denn ich schnarche stark.&laquo; &mdash; &raquo;Nun, mag das sein,&laquo; fuhr der
+Registrator fort, &raquo;aber Konrektor, Konrektor! &mdash; nicht ohne Ursache hatte
+ich gestern daf&uuml;r gesorgt, uns einige Fr&ouml;hlichkeit zu bereiten &mdash; aber der
+Anselmus hat mir alles verdorben. &mdash; Sie wissen nicht &mdash; o Konrektor,
+Konrektor!&laquo; &mdash; Der Registrator Heerbrand sprang auf, ri&szlig; das Tuch vom
+Kopfe, umarmte den Konrektor, dr&uuml;ckte ihm feurig die Hand, rief noch einmal
+ganz herzbrechend: &raquo;O Konrektor, Konrektor!&laquo; und rannte Hut und Stock
+ergreifend schnell von dannen. &raquo;Der Anselmus soll mir nicht mehr &uuml;ber die
+Schwelle,&laquo; sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, &raquo;denn ich sehe nun
+wohl, da&szlig; er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr
+bi&szlig;chen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert &mdash; ich habe
+mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark
+anklopfte, k&ouml;nnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben.
+&mdash; Also apage Satanas! &mdash; fort mit dem Anselmus!&laquo; &mdash; Veronika war ganz
+tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, l&auml;chelte nur zuweilen ganz
+seltsam und war am liebsten allein. &raquo;Die hat Anselmus auch auf der Seele&laquo;,
+sagte der Konrektor voller Bosheit, &raquo;aber es ist gut, da&szlig; er sich garnicht
+sehen l&auml;&szlig;t, ich wei&szlig;, da&szlig; er sich vor mir f&uuml;rchtet &mdash; der Anselmus, deshalb
+kommt er garnicht her.&laquo; Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut,
+da st&uuml;rzten der Veronika, die eben gegenw&auml;rtig, die Tr&auml;nen aus den Augen
+und sie seufzte: &raquo;Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon
+l&auml;ngst in die gl&auml;serne Flasche eingesperrt.&laquo; &mdash; &raquo;Wie? was?&laquo; rief der
+Konrektor Paulmann. &raquo;Ach Gott &mdash; ach Gott, auch sie faselt schon wie der
+Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. &mdash; Ach du verdammter
+abscheulicher Anselmus!&laquo; &mdash; Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der
+l&auml;chelte und sagte wieder: &raquo;Ei, ei!&laquo; &mdash; Er verschrieb aber nichts, sondern
+setzte dem wenigen, was er ge&auml;u&szlig;ert, noch weggehend hinzu: &raquo;Nervenzuf&auml;lle!
+&mdash; wird sich geben von selbst &mdash; in die Luft f&uuml;hren &mdash; spazieren fahren
+&mdash; sich zerstreuen &mdash; Theater &mdash; Sonntagskind &mdash; Schwestern von Prag &mdash; wird
+sich geben!&laquo; &mdash; &raquo;So beredt war der Doktor selten,&laquo; dachte der Konrektor
+Paulmann, &raquo;ordentlich geschw&auml;tzig.&laquo; &mdash; Mehrere Tage und Wochen und Monate
+waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der Registrator
+Heerbrand lie&szlig; sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da trat er in
+einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und seidenen
+Str&uuml;mpfen, des starken Frostes unerachtet, einen gro&szlig;en Strau&szlig; lebendiger
+Blumen in der Hand, mittags Punkt zw&ouml;lf Uhr in das Zimmer des Konrektors
+Paulmann, der nicht wenig &uuml;ber seinen geputzten Freund erstaunte. Feierlich
+schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor los, umarmte ihn mit
+feinem Anstande und sprach dann: &raquo;Heute an dem Namenstage Ihrer lieben
+verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn nun alles gerade
+heraussagen, was mir l&auml;ngst auf dem Herzen gelegen! Damals, an dem
+ungl&uuml;cklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem verderblichen Punsch
+in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es im Sinn, eine freudige
+Nachricht Ihnen mitzuteilen und den gl&uuml;ckseligen Tag in Fr&ouml;hlichkeit zu
+feiern; schon damals hatte ich es erfahren, da&szlig; ich Hofrat geworden, &uuml;ber
+welche Standeserh&ouml;hung ich jetzt das Patent cum nomine et sigillo principis
+erhalten und in der Tasche trage.&laquo; &mdash; &raquo;Ach, ach! Herr Registr &mdash; Herr
+Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen,&laquo; stammelte der Konrektor. &mdash; &raquo;Aber Sie,
+verehrter Konrektor,&laquo; fuhr der nunmehrige Hofrat Heerbrand fort: &raquo;Sie
+k&ouml;nnen erst mein Gl&uuml;ck vollenden. Schon l&auml;ngst habe ich die Mamsell
+Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches freundlichen Blickes
+r&uuml;hmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich gezeigt, da&szlig; sie mir
+wohl nicht abhold sein d&uuml;rfte. Kurz, verehrter Konrektor! &mdash; ich, der Hofrat
+Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer liebensw&uuml;rdigen Demoiselle Tochter
+Veronika, die ich, haben Sie nichts dagegen, in kurzer Zeit heimzuf&uuml;hren
+gedenke.&laquo; &mdash; Der Konrektor Paulmann schlug voll Verwunderung die H&auml;nde
+zusammen und rief: &raquo;Ei &mdash; Ei &mdash; Ei &mdash; Herr Registr &mdash; Herr Hofrat wollte
+ich sagen, wer h&auml;tte das gedacht! &mdash; Nun, wenn Veronika Sie in der Tat
+liebt, ich meines Teils habe nichts dagegen; vielleicht ist auch ihre
+jetzige Schwermut nur eine versteckte Verliebtheit in Sie, verehrter
+Hofrat; man kennt ja die Possen.&laquo; &mdash; In dem Augenblick trat Veronika
+herein, bla&szlig; und verst&ouml;rt, wie sie jetzt gew&ouml;hnlich war. Da schritt der
+Hofrat Heerbrand auf sie zu, erw&auml;hnte in wohlgesetzter Rede ihres
+Namenstages und &uuml;berreichte ihr den duftenden Blumenstrau&szlig; nebst einem
+kleinen P&auml;ckchen, aus dem ihr, als sie es &ouml;ffnete, ein paar gl&auml;nzende
+Ohrgeh&auml;nge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende R&ouml;te f&auml;rbte ihre
+Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: &raquo;Ei, mein Gott! Das sind
+ja dieselben Ohrgeh&auml;nge, die ich schon vor mehreren Wochen trug und mich
+daran erg&ouml;tzte!&laquo; &mdash; &raquo;Wie ist denn das m&ouml;glich?&laquo; fiel der Hofrat Heerbrand
+etwas best&uuml;rzt und empfindlich ein, &raquo;da ich dieses Geschmeide erst seit
+einer Stunde in der Schlo&szlig;gasse f&uuml;r schm&auml;hliches Geld erkauft?&laquo; &mdash; Aber die
+Veronika h&ouml;rte nicht darauf, sondern stand schon vor dem Spiegel, um die
+Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen &Ouml;hrchen geh&auml;ngt, zu
+erforschen. Der Konrektor Paulmann er&ouml;ffnete ihr mit gravit&auml;tischer Miene
+und mit ernstem Ton die Standeserh&ouml;hung Freund Heerbrands und seinen
+Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit durchdringendem Blick an und
+sprach: &raquo;Das wu&szlig;te ich l&auml;ngst, da&szlig; Sie mich heiraten wollten. &mdash; Nun es
+sei! &mdash; ich verspreche Ihnen Herz und Hand, aber ich mu&szlig; Ihnen nur gleich
+&mdash; Ihnen Beiden n&auml;mlich, dem Vater und dem Br&auml;utigam, manches entdecken,
+was mir recht schwer in Sinn und Gedanken liegt &mdash; jetzt gleich, und sollte
+dar&uuml;ber die Suppe kalt werden, die, wie ich sehe, Fr&auml;nzchen soeben auf den
+Tisch setzt.&laquo; Ohne des Konrektors und des Hofrats Antwort abzuwarten,
+unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf den Lippen schwebten, fuhr
+Veronika fort: &raquo;Sie k&ouml;nnen es mir glauben, bester Vater, da&szlig; ich den
+Anselmus recht von Herzen liebte und als der Registrator Heerbrand, der
+nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der Anselmus k&ouml;nne es wohl zu
+so etwas bringen, beschlo&szlig; ich, er und kein anderer solle mein Mann werden.
+Da schien es aber, als wenn fremde feindliche Wesen ihn mir entrei&szlig;en
+wollten und ich nahm meine Zuflucht zu der alten Lise, die ehemals meine
+W&auml;rterin war und jetzt eine weise Frau, eine gro&szlig;e Zauberin ist. <i>Die</i>
+versprach mir zu helfen und den Anselmus mir ganz in die H&auml;nde zu liefern.
+Wir gingen Mitternachts in der Tag- und Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie
+beschwor die h&ouml;llischen Geister und mit Hilfe des schwarzen Katers brachten
+wir einen kleinen Metallspiegel zu Stande, in den ich, meine Gedanken auf
+den Anselmus richtend, nur blicken durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken
+zu beherrschen. &mdash; Aber ich bereue jetzt herzlich das alles getan zu haben,
+ich schw&ouml;re allen Satansk&uuml;nsten ab. Der Salamander hat &uuml;ber die Alte
+gesiegt, ich h&ouml;rte ihr Jammergeschrei, aber es war keine Hilfe m&ouml;glich,
+sowie sie als Runkelr&uuml;be vom Papagei verzehrt worden, zerbrach mit
+schneidendem Klange mein Metallspiegel.&laquo; Veronika holte die beiden St&uuml;cke
+des zerbrochenen Spiegels und eine Locke aus dem N&auml;hk&auml;stchen und beides dem
+Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie fort: &raquo;Hier nehmen Sie, geliebter
+Hofrat, die St&uuml;cke des Spiegels, werfen Sie sie heute Nacht um zw&ouml;lf Uhr
+von der Elbbr&uuml;cke, und zwar von da wo das Kreuz steht, hinab in den Strom,
+der dort nicht zugefroren, die Locke aber bewahren Sie auf treuer Brust.
+Ich schw&ouml;re nochmals allen Satansk&uuml;nsten ab und g&ouml;nne dem Anselmus herzlich
+sein Gl&uuml;ck, da er nunmehr mit der gr&uuml;nen Schlange verbunden, die viel
+sch&ouml;ner und reicher ist als ich. Ich will Sie, geliebter Hofrat, als eine
+rechtschaffene Frau lieben und verehren!&laquo; &mdash; &raquo;Ach Gott! &mdash; ach Gott!&laquo; rief
+der Konrektor Paulmann voller Schmerz, &raquo;sie ist wahnsinnig, sie ist
+wahnsinnig &mdash; sie kann nimmermehr Frau Hofr&auml;tin werden &mdash; sie ist
+wahnsinnig!&laquo; &mdash; &raquo;Mit nichten,&laquo; fiel der Hofrat Heerbrand ein, &raquo;ich wei&szlig;
+wohl, da&szlig; Mamsell Veronika eine Neigung f&uuml;r den vertrackten Anselmus
+gehegt, und es mag sein, da&szlig; sie vielleicht in einer gewissen &Uuml;berspannung
+sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl niemand anders
+sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegie&szlig;erin vor dem Seetore, kurz,
+die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, da&szlig; es wirklich wohl
+geheime K&uuml;nste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr ihren feindlichen
+Einflu&szlig; &auml;u&szlig;ern, man liest schon davon in den Alten; was aber Mamsell
+Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung des Anselmus
+mit der gr&uuml;nen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine poetische Allegorie
+&mdash; gleichsam ein Gedicht, worin sie den g&auml;nzlichen Abschied von dem
+Studenten besungen.&laquo; &mdash; &raquo;Halten Sie das wof&uuml;r Sie wollen, bester Hofrat!&laquo;
+fiel Veronika ein, &raquo;vielleicht f&uuml;r einen recht albernen Traum.&laquo;
+&mdash; &raquo;Keineswegs tue ich das,&laquo; versetzte der Hofrat Heerbrand, &raquo;denn ich wei&szlig;
+ja wohl, da&szlig; der Anselmus auch von geheimen M&auml;chten befangen, die ihn zu
+allen m&ouml;glichen tollen Streichen necken und treiben.&laquo; L&auml;nger konnte der
+Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: &raquo;Halt, um Gottes
+willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder &uuml;bernommen im verdammten
+Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen
+Sie denn auch wieder f&uuml;r Zeug? &mdash; Ich will indessen glauben, da&szlig; es die
+Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der
+Ehe, sonst w&auml;re mir bange, da&szlig; auch <i>Sie</i> in einigen Wahnsinn
+verfallen, verehrungsw&uuml;rdiger Hofrat und w&uuml;rde dann Sorge tragen wegen der
+Deszendenz, die das malum der Eltern vererben k&ouml;nnte. &mdash; Nun, ich gebe
+meinen v&auml;terlichen Segen zu der fr&ouml;hlichen Verbindung und erlaube, da&szlig; Ihr
+Euch als Braut und Br&auml;utigam k&uuml;sset.&laquo; Dies geschah sofort und es war, noch
+ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die f&ouml;rmliche Verlobung
+geschlossen. Wenige Wochen nachher sa&szlig; die Frau Hofr&auml;tin Heerbrand
+wirklich, wie sie sich schon fr&uuml;her im Geiste erblickt, in dem Erker eines
+sch&ouml;nen Hauses auf dem Neumarkt und schaute l&auml;chelnd auf die Elegants
+hinab, die vor&uuml;bergehend und hinauflorgnettierend sprachen: &raquo;Es ist doch
+eine g&ouml;ttliche Frau, die Hofr&auml;tin Heerbrand!&laquo; &mdash; &mdash;</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="ZWOLFTE_VIGILIE" id="ZWOLFTE_VIGILIE" ></a>ZW&Ouml;LFTE VIGILIE</h2>
+
+
+<div class="blockquot"><p>Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst
+Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. &mdash; Beschlu&szlig;.</p></div>
+
+
+<p>Wie f&uuml;hlte ich recht in der Tiefe des Gem&uuml;ts die hohe Seligkeit des
+Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun
+nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er f&uuml;r die
+Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erf&uuml;llte Brust
+schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, g&uuml;nstiger
+Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur
+einigerma&szlig;en in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die
+Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich f&uuml;hlte mich befangen in den Armseligkeiten
+des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in qu&auml;lendem Mi&szlig;behagen, ich
+schlich umher wie ein Tr&auml;umender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des
+Studenten Anselmus, den ich Dir, g&uuml;nstiger Leser, in der vierten Vigilie
+beschrieben. Ich h&auml;rmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich
+gl&uuml;cklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, da&szlig; es mir wohl
+niemals verg&ouml;nnt sein werde, die zw&ouml;lfte als Schlu&szlig;stein hinzuzuf&uuml;gen: denn
+so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es
+als hielten mir recht t&uuml;ckische Geister (es mochten wohl Verwandte
+&mdash; vielleicht cousins germains der get&ouml;teten Hexe sein) ein gl&auml;nzend
+poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, bla&szlig;, &uuml;bern&auml;chtig und
+melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. &mdash; Da
+warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem
+gl&uuml;cklichen Anselmus und der holden Serpentina zu tr&auml;umen. So hatte das
+schon mehrere Tage und N&auml;chte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von
+dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes
+schrieb:</p>
+
+<p>Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale
+meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters
+Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und qu&auml;len sich jetzt sehr ab, in der
+zw&ouml;lften und letzten Vigilie einiges von seinem gl&uuml;cklichen Leben in
+Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das h&uuml;bsche Rittergut,
+welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe,
+da&szlig; Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich
+vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend
+Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende
+Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und
+mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten k&ouml;nne, und
+inwiefern ihm &uuml;berhaupt solide Gesch&auml;fte anzuvertrauen, da nach Gabalis und
+Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen &mdash; unerachtet nun
+meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich k&ouml;nnte
+in pl&ouml;tzlichem &Uuml;bermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und
+Sonntagsrock verderben &mdash; unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew.
+Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel
+Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich
+w&auml;re die beiden &uuml;brigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die
+zw&ouml;lfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten f&uuml;nf Treppen
+hinunter, verlassen Sie Ihr St&uuml;bchen und kommen Sie zu mir. Im blauen
+Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die geh&ouml;rigen
+Schreibmaterialien und Sie k&ouml;nnen dann mit wenigen Worten den Lesern kund
+tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitl&auml;ufige
+Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom H&ouml;rensagen kennen. Mit
+Achtung</p>
+
+<div class="blockquot">
+Ew. Wohlgeboren ergebenster<br />
+der Salamander Lindhorst</div>
+<div class="blockquotsmall">
+p. t. k&ouml;nigl. geh. Archivarius.</div>
+
+<p>Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des
+Archivarius Lindhorst war mir h&ouml;chst angenehm. Zwar schien es gewi&szlig;, da&szlig;
+der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines
+Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir
+selbst, g&uuml;nstiger Leser, verschweigen mu&szlig;te, wohl unterrichtet sei, aber er
+hatte das nicht so &uuml;bel vermerkt, als ich wohl bef&uuml;rchten konnte. Er bot ja
+selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit
+Recht schlie&szlig;en, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, da&szlig;
+seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt
+werde. Es kann sein, dachte ich, da&szlig; er selbst die Hoffnung daraus sch&ouml;pft,
+desto eher seine beiden noch &uuml;brigen T&ouml;chter an den Mann zu bringen, denn
+vielleicht f&auml;llt doch ein Funke in dieses oder jenes J&uuml;nglings Brust, der
+die Sehnsucht nach der gr&uuml;nen Schlange entz&uuml;ndet, welche er dann in dem
+Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Ungl&uuml;ck, das
+den Anselmus betroffen, als er in die gl&auml;serne Flasche gebannt wurde, wird
+er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht
+ernstlich zu h&uuml;ten. Punkt elf Uhr l&ouml;schte ich meine Studierlampe aus und
+schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete.
+&raquo;Sind Sie da &mdash; Hochverehrter! &mdash; nun das ist mir lieb, da&szlig; Sie meine
+guten Absichten nicht verkennen &mdash; kommen Sie nur!&laquo; &mdash; Und damit f&uuml;hrte er
+mich durch den von blendendem Glanze erf&uuml;llten Garten in das azurblaue
+Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der
+Anselmus gearbeitet. &mdash; Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber
+gleich wieder mit einem sch&ouml;nen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine
+blaue Flamme hoch emporknisterte. &raquo;Hier,&laquo; sprach er, &raquo;bringe ich Ihnen das
+Lieblingsgetr&auml;nk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. &mdash; Es
+ist angez&uuml;ndeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie was
+weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner
+Lust, und um, w&auml;hrend Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten
+Gesellschaft zu genie&szlig;en, in dem Pokal auf- und niedersteigen.&laquo; &mdash; &raquo;Wie es
+Ihnen gef&auml;llig ist, verehrter Herr Archivarius,&laquo; versetzte ich; &raquo;aber wenn
+ich nun von dem Getr&auml;nk genie&szlig;en will, werden Sie nicht&laquo; &mdash; &raquo;Tragen Sie
+keine Sorge, mein Bester!&laquo; rief der Archivarius, warf den Schlafrock
+schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und
+verschwand in den Flammen. &mdash; Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise
+weghauchend, von dem Getr&auml;nk, es war k&ouml;stlich!</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>R&uuml;hren sich nicht in sanftem S&auml;useln und Rauschen die smaragdenen Bl&auml;tter
+der Palmb&auml;ume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? &mdash; Erwacht aus
+dem Schlafe heben und regen sie sich und fl&uuml;stern geheimnisvoll von den
+Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfent&ouml;ne verk&uuml;nden! &mdash; Das
+Azur l&ouml;st sich von den W&auml;nden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder,
+aber blendende Strahlen schie&szlig;en durch den Duft, der sich wie in
+jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur
+unerme&szlig;lichen H&ouml;he, die sich &uuml;ber den Palmb&auml;umen w&ouml;lbt. &mdash; Aber immer
+blendender h&auml;uft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich
+der unabsehbare Hain aufschlie&szlig;t, in dem ich den Anselmus erblicke.
+&mdash; Gl&uuml;hende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre sch&ouml;nen H&auml;upter
+und ihre D&uuml;fte rufen in gar lieblichen Lauten dem Gl&uuml;cklichen zu: wandle,
+wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst &mdash; unser Duft ist die
+Sehnsucht der Liebe &mdash; wir lieben Dich und sind Dein immerdar! &mdash; Die
+goldnen Strahlen brennen in gl&uuml;henden T&ouml;nen: wir sind Feuer von der Liebe
+entz&uuml;ndet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen
+wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! &mdash; Es rischeln und
+rauschen die dunklen B&uuml;sche &mdash; die hohen B&auml;ume: Komme zu uns!
+&mdash; Gl&uuml;cklicher! &mdash; Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser
+k&uuml;hler Schatten. Wir ums&auml;useln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns,
+weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. &mdash; Die Quellen und B&auml;che pl&auml;tschern
+und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vor&uuml;ber, schaue in unser
+Kristall &mdash; Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast
+uns verstanden! &mdash; Im Jubelchor zwitschern und singen bunte V&ouml;glein: H&ouml;re
+uns, h&ouml;re uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entz&uuml;cken der Liebe!
+&mdash; Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich
+in weiter Ferne erhebt. Die k&uuml;nstlichen S&auml;ulen scheinen B&auml;ume und die
+Kapit&auml;le und Gesimse Akanthusbl&auml;tter, die in wundervollen Gewinden und
+Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er
+betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten
+Stufen. &raquo;Ach nein,&laquo; ruft er wie im &Uuml;berma&szlig; des Entz&uuml;ckens, &raquo;sie ist nicht
+mehr fern!&laquo; Da tritt in hoher Sch&ouml;nheit und Anmut Serpentina aus dem Innern
+des Tempels, sie tr&auml;gt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie
+entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht gl&uuml;ht in den
+holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: &raquo;Ach,
+Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen &mdash; das H&ouml;chste ist
+erf&uuml;llt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?&laquo; Anselmus
+umschlingt sie mit der Inbrunst des gl&uuml;hendsten Verlangens &mdash; die Lilie
+brennt in flammenden Strahlen &uuml;ber seinem Haupte. Und lauter regen sich
+die B&auml;ume und die B&uuml;sche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen
+&mdash; die V&ouml;gel &mdash; allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln &mdash; ein
+frohes, freudiges, jubelndes Get&uuml;mmel in der Luft &mdash; in den W&auml;ssern &mdash; auf
+der Erde feiert das Fest der Liebe! &mdash; Da zucken Blitze &uuml;berall leuchtend
+durch die B&uuml;sche &mdash; Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde
+&mdash; hohe Springb&auml;che strahlen aus den Quellen &mdash; seltsame D&uuml;fte wehen mit
+rauschendem Fl&uuml;gelschlag daher, &mdash; es sind die Elementargeister, die der
+Lilie huldigen und des Anselmus Gl&uuml;ck verk&uuml;nden. &mdash; Da erhebt Anselmus das
+Haupt wie vom Strahlenglanz der Verkl&auml;rung umflossen. &mdash; Sind es Blicke?
+&mdash; sind es Worte? &mdash; ist es Gesang? &mdash; Vernehmlich klingt es: &raquo;Serpentina!
+&mdash; der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur erschlossen!
+&mdash; Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der Urkraft der Erde,
+noch ehe Phosphorus den Gedanken entz&uuml;ndete, entspro&szlig; &mdash; sie ist die
+Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser Erkenntnis lebe
+ich in h&ouml;chster Seligkeit immerdar. &mdash; Ja, ich Hochbegl&uuml;ckter habe das
+H&ouml;chste erkannt &mdash; ich mu&szlig; Dich lieben ewiglich, o Serpentina! &mdash; nimmer
+verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie Glaube und Liebe, ist
+ewig die Erkenntnis.&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute
+in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den K&uuml;nsten des Salamanders und
+herrlich war es, da&szlig; ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem
+Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich
+von mir selbst aufgeschrieben fand. &mdash; Aber nun f&uuml;hlte ich mich von j&auml;hem
+Schmerz durchbohrt und zerrissen. &raquo;Ach gl&uuml;cklicher Anselmus, der Du die
+B&uuml;rde des allt&auml;glichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden
+Serpentina die Schwingen r&uuml;stig r&uuml;hrtest und nun lebst in Wonne und Freude
+auf Deinem Rittergut in Atlantis! &mdash; Aber ich Armer! &mdash; bald &mdash; ja in
+wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem sch&ouml;nen Saal, der noch lange kein
+Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachst&uuml;bchen und die
+Armseligkeiten des bed&uuml;rftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick
+ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umh&uuml;llt, da&szlig; ich wohl niemals
+die Lilie schauen werde.&laquo; &mdash; Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise
+auf die Achsel und sprach: &raquo;Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so!
+&mdash; Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch
+dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres
+innern Sinns? &mdash; Ist denn &uuml;berhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als
+das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als
+tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?&laquo;</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<div class="center">Ende des M&auml;rchens.</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***</p>
+<p>******* This file should be named 17362-h.txt or 17362-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362">https://www.gutenberg.org/1/7/3/6/17362</a></p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
+
+
+
+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+<a href="https://gutenberg.org/license">https://gutenberg.org/license)</a>.
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="https://www.gutenberg.org">https://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>
diff --git a/17362-h/images/01.jpg b/17362-h/images/01.jpg
new file mode 100644
index 0000000..fabeb1d
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/01.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/02.jpg b/17362-h/images/02.jpg
new file mode 100644
index 0000000..c27ccf2
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/02.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/03.jpg b/17362-h/images/03.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a43c4a8
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/03.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/04.jpg b/17362-h/images/04.jpg
new file mode 100644
index 0000000..7f943e8
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/04.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/05.jpg b/17362-h/images/05.jpg
new file mode 100644
index 0000000..613e884
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/05.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/06.jpg b/17362-h/images/06.jpg
new file mode 100644
index 0000000..a1e6dd2
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/06.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/07.jpg b/17362-h/images/07.jpg
new file mode 100644
index 0000000..85d2fc3
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/07.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/08.jpg b/17362-h/images/08.jpg
new file mode 100644
index 0000000..427055a
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/08.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/09.jpg b/17362-h/images/09.jpg
new file mode 100644
index 0000000..cc8a9a5
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/09.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/10.jpg b/17362-h/images/10.jpg
new file mode 100644
index 0000000..cdf5f10
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/10.jpg
Binary files differ
diff --git a/17362-h/images/11.jpg b/17362-h/images/11.jpg
new file mode 100644
index 0000000..e9e1181
--- /dev/null
+++ b/17362-h/images/11.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..d6d4cb2
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #17362 (https://www.gutenberg.org/ebooks/17362)