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Hoffmann + + + +Release Date: December 20, 2005 [eBook #17362] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF*** + + +E-text prepared by Robert Kropf and the Project Gutenberg Online +Distributed Proofreading Team (https://www.pgdp.net/) + + + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustrations. + See 17362-h.htm or 17362-h.zip: + (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h/17362-h.htm) + or + (https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362/17362-h.zip) + + _ gesperrter Text / spaced text + [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos + + + + + +DER GOLDENE TOPF + +von + +E.T.A. HOFFMANN: + +Mit 11 Federzeichnungen von Edmund Schaefer + + + + + + + +[Illustration: Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden] + + + +Erstes bis fünftes Tausend +Verlag von Gustav Kiepenheuer Weimar 1913 + + + + +ERSTE VIGILIE. + + +Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann +Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen. + + +Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in +Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und +Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß Alles, was der +Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die +Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr +zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die +Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen +Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er, +vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders +gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell +einsteckte. Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der +junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja, renne -- renne nur +zu, Satanskind -- ins Kristall bald Dein Fall -- ins Kristall! -- Die +gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß +die Spaziergänger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst +verbreitet, mit einem Mal verstummte. -- Der Student Anselmus (niemand +anders war der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes +sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkürlichen Grausen +ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn +gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun +durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er überall +murmeln: »Der arme junge Mann -- ei! über das verdammte Weib!« -- Auf ganz +sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem +lächerlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so daß man +dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer +verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern +Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings alles +Ungeschick, so wie den ganz außer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug. +Sein hechtgrauer Frack war nämlich so zugeschnitten, als habe der +Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hörensagen gekannt, +und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen +gewissen magistermäßigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung +durchaus nicht fügen wollte. -- Als der Student schon beinahe das Ende der +Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade führt, wollte ihm beinahe der +Atem ausgehen. Er war genötigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den +Blick in die Höhe zu richten, denn noch immer sah er die Äpfel und Kuchen +um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war +ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelächters am schwarzen Tor. So war er +bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich +gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten +ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der +lustigen Gäste. Die Tränen wären dem armen Studenten Anselmus beinahe in +die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein +besonderes Familienfest für ihn gewesen, an der Glückseligkeit des +Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion +Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so +recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt +und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den Äpfelkorb um +alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an +Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen -- kurz -- an alle geträumten +Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich +den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem +Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein +freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife +von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann, +geschenkt. -- Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben +Wellen des schönen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche +Dresden kühn und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen +Himmelsgrund, der sich hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch +grünenden Wälder, und aus tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge +Kunde vom fernen Böhmerland. Aber finster vor sich hinblickend blies der +Student Anselmus die Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich +laut, indem er sprach: »Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz +und Elend geboren! -- Daß ich niemals Bohnenkönig geworden, daß ich im Paar +oder Unpaar immer falsch geraten, daß mein Butterbrot immer auf die fette +Seite gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist +es nicht ein schreckliches Verhängnis, daß ich, als ich denn doch nun dem +Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke sein und bleiben +mußte? -- Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal +einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem übeleingeschlagenen +Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich wohl je einen Herrn +Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar +auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich +nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis +vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt, +meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges +Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit +gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich +vor die Tür hinstellte, den Drücker in der Hand? denn so wie ich mit dem +Glockenschlage aufdrücken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken über +den Kopf, oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß ich +in tausend Händel verwickelt wurde und darüber Alles versäumte. -- Ach! +ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz +wähnte, ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber +hat mir mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? -- Ich weiß, daß +der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden +mag; mit Mühe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem +Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die unglückselige +Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschnüffelt, apportiert im Jubel +das Zöpfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und stürze +über den Tisch, an dem er frühstückend gearbeitet hat, so daß Tassen, +Teller, Tintenfaß, Sandbüchse klirrend herabstürzen, und der Strom von +Schokolade und Tinte sich über die eben geschriebene Relation ergießt. +Herr, sind Sie des Teufels? brüllt der erzürnte geheime Rat und schiebt +mich zur Tür hinaus. -- Was hilft es, daß mir der Konrektor Paulmann +Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern +zulassen, der mich überall verfolgt? -- Nur noch heute! -- Ich wollte den +lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemütlichkeit feiern, ich wollte +ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte eben so gut wie jeder andre +Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Marqueur -- eine Flasche Doppelbier +-- aber vom besten bitte ich! -- Ich hätte bis spät Abends sitzen können, +und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich +geputzter schöner Mädchen. Ich weiß es schon, der Mut wäre mir gekommen, +ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich hätte es so weit +gebracht, daß wenn diese oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt +sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da wäre ich mit leichtem +Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder über die Bank zu +stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorwärts bewegend, +hätte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die +Ouvertüre aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen. +-- Hätte mir das ein Mensch in der Welt übel deuten können? -- Nein! sage +ich, die Mädchen hätten sich so schalkhaft lächelnd angesehen, wie es wohl +zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, daß ich mich auch +wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen weiß. Aber +da führt mich der Satan in den verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in +der Einsamkeit meinen Sanitätsknaster -- « Hier wurde der Student Anselmus +in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln +unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die +Zweige und Blätter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich über seinem +Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald +als kosten Vöglein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen +Hin- und Herflattern rührend. Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und +es war als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Anselmus +horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und +Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten: + + Zwischen durch -- zwischen ein -- zwischen Zweigen, zwischen + schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns -- + Schwesterlein -- Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer -- schnell, + schnell herauf -- herab -- Abendsonne schießt Strahlen, zischelt + der Abendwind -- raschelt der Abendwind -- raschelt der Tau -- + Blüten singen -- rühren wie Zünglein, singen wir mit Blüten und + Zweigen -- Sterne bald glänzen -- müssen herab -- zwischen durch, + zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns + Schwesterlein. -- + +So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: +das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich +verständlichen Worten flüstert. -- Aber in dem Augenblick ertönte es über +seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf +und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die +Zweige gewickelt hatten und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. +Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein +schlüpften und kosten auf und nieder durch die Blätter und Zweige; und wie +sie sich so schnell rührten, da war es als streue der Holunderbusch tausend +funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die +so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da +ertönten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr +Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein +elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten -- er starrte hinauf, und ein +Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher +Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des +tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen +Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten stärker in +lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen +auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um ihn herflackernd +und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch rührte sich und +sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß Dich, aber Du +verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe +entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »Ich umspielte Deine +Schläfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn +ihn die Liebe entzündet.« Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk und +der Schein brannte wie in Worten: »Ich umgoß Dich mit glühendem Gold, aber +Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe +entzündet.« + +Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen +Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte +und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüten +dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend +Flötenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen +vorüberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl +der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die Dämmerung ihren +Flor über die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe +Stimme: + +Hei, hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? -- Hei, +hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug +gesungen. -- Hei, hei! durch Busch und Gras -- durch Gras und Strom! -- +Hei, -- hei -- Her u -- u -- u nter -- Her u -- u -- u nter! + +So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die +Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und +Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras +nach dem Strome schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in +die Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes +Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend +verdampfte. + + + + +ZWEITE VIGILIE. + + +Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. -- +Die Fahrt über die Elbe. -- Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun. +Conradis Magen-Likör und das bronzierte Äpfelweib. + + +»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau, +die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit +übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus +zusah. _Der_ hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und +rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal +blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal +laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr +holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in +Schmerz und heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der +tiefsten Brust recht kläglich, und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld +den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und +unvernehmlich mit den Blättern rauschte, und so den Schmerz des Studenten +Anselmus ordentlich zu verhöhnen schien. -- »Der Herr ist wohl nicht recht +bei Troste,« sagte die Bürgersfrau, und dem Anselmus war es so, als würde +er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen, +um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er +war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu +getrieben habe, ganz allein für sich selbst in laute Worte auszubrechen. +Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der +zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen +auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm +getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich stützend mit Verwunderung +dem Studenten zugehört und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel +auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend: +»Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er +nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als daß Er zu viel ins +Gläschen geguckt -- geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs +Ohr!« Der Student Anselmus schämte sich sehr, er stieß ein weinerliches +Ach! aus. -- »Nun, nun«, fuhr der Bürgersmann fort, »laß es der Herr nur +gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann +man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlückchen über den Durst tun. + +[Illustration: Der Student] + +Das passiert auch wohl einem Manne Gottes -- der Herr ist ja doch wohl +ein Kandidat. -- Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein +Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.« Dies +sagte der Bürger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel +einstecken wollte, und nun reinigte der Bürger langsam und bedächtig seine +Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere Bürgermädchen waren +dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit +einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als stände er auf +lauter spitzigen Dornen und glühenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und +Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er +Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedächtnis geschwunden, und er +besann sich nur, daß er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz +laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher +einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan +schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der +Tat. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae +gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich. Schon wollte er in +die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter +ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend +Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden +gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues Unglück +auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Herr Anselmus, +so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! -- Nun vernahm der +Student erst, daß es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief; +er ging zurück an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden +Töchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in +eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit +ihm über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt +gelegenen Wohnung Abends über bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das +recht gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängnis, das heute über +ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab +es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein +Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in +die Höhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften, tausend +knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß +in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den +Widerschein der in der Luft herumsprühenden und knisternden Funken und +Flammen erblickte, da war es ihm als zögen die goldnen Schlänglein durch +die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat +wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die +unaussprechliche Sehnsucht, das glühende Verlangen, welches dort seine +Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken erschüttert. »Ach, seid ihr es +denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange +erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen -- ach, seid +ihr denn unter den Fluten!« -- So rief der Student Anselmus und machte +dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die +Flut stürzen. »Ist der Herr des Teufels?« rief der Schiffer, und erwischte +ihn beim Rockschoß. Die Mädchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im +Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator +Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser +mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte +verstand: »Dergleichen Anfälle -- noch nicht bemerkt?« -- Gleich nachher +stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen +ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand +nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus +vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller +Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl +deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein +gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber +ein nie gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog +krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder +ins Wasser hineinschlug, daß es wie im Zorn sich emporkräuselnd plätscherte +und rauschte, da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und +Flüstern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir +herziehen? -- Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an -- glaube -- glaube +-- glaube an uns! -- Und es war ihm, als säh er im Widerschein drei +grünglühende Streifen. Aber als er dann recht wehmütig ins Wasser +hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut +herausschauen würden, da gewahrte er wohl, daß der Schein nur von den +erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und +im Innern mit sich kämpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch +heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmütig antwortete der +Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten, was ich eben unter +dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen +Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach, Sie würden mir es gar +nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend -- Ei, ei, Herr Anselmus, +fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer für einen soliden +jungen Mann gehalten, -- aber träumen -- mit hellen offenen Augen träumen, +und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das -- verzeihen Sie +mir, können nur Wahnwitzige oder Narren! -- Der Student Anselmus wurde ganz +betrübt über seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns älteste Tochter +Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Aber, +lieber Vater, es muß dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein, +und er glaubt vielleicht nur, daß er gewacht habe, unerachtet er unter dem +Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei närrisches Zeug +vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. -- Und, teuerste Mademoiselle, +werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn +nicht auch wachend in einen gewissen träumerischen Zustand versinken +können? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in +einem solchen Hinbrüten, dem eigentlichen Moment körperlicher und geistiger +Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenstücks wie durch Inspiration +eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche +große lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher. +Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben +immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verfällt man leicht +in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es +wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten Lage, für betrunken oder +wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster +geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht +schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm jedoch jenes wunderbare +Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam. +Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer +unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fühlte sich so leicht und +froh, ja er trieb es wie im lustigen Übermute so weit, daß er bei dem +Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hülfreiche +Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie +mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er +nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige +Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas weißes Kleid nur ganz wenig +bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die glückliche Änderung des +Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten +Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja, +fügte er hinzu, man hat wohl Beispiele, daß oft gewisse Phantasmata dem +Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können; das ist +aber körperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia, +dem Hintern appliziert, wie ein berühmter bereits verstorbener Gelehrter +bewiesen. Der Student Anselmus wußte nun in der Tat selbst nicht, ob er +betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber +die Blutigel ganz unnütz, da die etwaigen Phantasmata gänzlich verschwunden +und er sich immer heiterer fühlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei +Artigkeiten um die hübsche Veronika zu bemühen. Es wurde wie gewöhnlich +nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mußte sich +ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle klare Stimme hören. -- +Werte Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme +wie eine Kristallglocke! -- »Das nun wohl nicht!« fuhr es dem Studenten +heraus, er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und +betroffen an. -- »Kristallglocken tönen in Holunderbäumen wunderbar! +wunderbar!« fuhr der Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte +Veronika ihre Hand auf seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da, +Herr Anselmus? Gleich wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu +spielen. Der Konrektor Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator +Heerbrand legte ein Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine +Bravourarie vom Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte +noch manches, und ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das +der Konrektor Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fröhlichste +Stimmung. Es war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff +nach Hut und Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin +und sprach: Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn +Anselmus selbst -- nun! wovon wir vorhin sprachen -- Mit tausend Freuden, +erwiderte der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise +gesetzt, ohne weiteres in folgender Art: »Es ist hier im Orte ein alter +wunderlicher merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime +Wissenschaften; da es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte +ich ihn eher für einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen +experimentierenden Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen +Archivarius Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen +alten Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in +seiner Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber +niemanden hineinläßt. Er besitzt außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl +zum Teil arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner +bekannten Sprache angehören, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf +geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich +darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der größten Genauigkeit +und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu +können. Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner +Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch während der Arbeit jeden +Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn +die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist täglich von +zwölf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er +schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene +Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet, +ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht, +lieber Herr Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber schreiben, +als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in +dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den +Speziestaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie +sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen +bekannt sein wird. Aber hüten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fällt er +auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf +das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster +hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.« -- Der Student Anselmus war +voll inniger Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht +allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch +seine wahre Passion, mit mühsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben; +er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und +versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah +der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und hörte ihren +lieblichen Klang. -- Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche +Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick betrogen, jeden Heller zu Rate +halten und manchem Genuß, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen +mußte. Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine +Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er, +kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen +musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine +Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das +Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein +besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich +beim ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche +zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in +den Staub, als er schon sauber abgebürstet. -- Kurz! -- Punkt halb zwölf +Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen +schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und +Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradis Laden +und trank -- eins -- zwei Gläschen des besten Magenlikörs; denn hier, +dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald +Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame +Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war +der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und +schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten +die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der +Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene +Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden +Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen +Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern +schnarrte es: »Du Narre -- Narre -- Narre -- warte, warte! warum warst +hinausgerannt! Narr!« -- Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er +wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur +und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, +und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein +Fall ins Kristall! -- Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im +krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte +sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand +und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die +mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den +Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn +rot färbend. -- Töte mich, töte mich! wollte er schreien in der +entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. -- Die +Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem +Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jählings +die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. -- Als er wieder +zu sich selbst kam, lag er auf seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand +aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels +Willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus! + +[Illustration: Anselmus und die Schlange] + + + + +DRITTE VIGILIE. + + +Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue +Augen. Der Registrator Heerbrand. + + +Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in +schäumenden Wogen und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihre +schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende +Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrönten Häupter empor, das +Tal schützend, bis es die Sonne in ihren mütterlichen Schoß nahm und es +umfassend mit ihren Strahlen wie mit glühenden Armen pflegte und wärmte. Da +erwachten tausend Keime, die unter dem öden Sande geschlummert, aus dem +tiefen Schlafe und streckten ihre grünen Blättlein und Halme zum Angesicht +der Mutter hinauf, und wie lächelnde Kinder in grüner Wiege, ruhten in den +Blüten und Knospen Blümlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten +und sich schmückten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf +tausendfache Weise bunt gefärbt. Aber in der Mitte des Tals war ein +schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen, +wenn glühende Sehnsucht sie schwellt. -- Aus den Abgründen rollten die +Dünste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie +das Angesicht der Mutter feindlich zu verhüllen; die rief aber den Sturm +herbei, der fuhr zerstäubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den +schwarzen Hügel berührte, da brach im Übermaß des Entzückens eine herrliche +Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der +Mutter süße Küsse zu empfangen. -- Nun schritt ein glänzendes Leuchten in +das Tal! es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte +von heißer, sehnsüchtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du +schöner Jüngling! denn ich liebe Dich und muß vergehen, wenn Du mich +verlassest. Da sprach der Jüngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du +schöne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter +verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst größer und +mächtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir +freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohltätig erwärmt, wird +in hundert Strahlen zerspaltet Dich quälen und martern; denn der Sinn wird +die Sinne gebären, und die höchste Wonne, die der Funke entzündet, den ich +in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst, +um aufs neue fremdartig emporzukeimen. -- Dieser Funke ist der Gedanke! +-- Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in +mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann +ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da küßte sie der +Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in +Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale +entfliehend im unendlichen Raume herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die +Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling. Der klagte um die +verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der +schönen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre Häupter +teilnehmend vor dem Jammer des Jünglings. Aber einer öffnete seinen Schoß +und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und +sprach: meine Brüder, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets +munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend +erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es +auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittich; da war es wieder die +Lilie, aber der bleibende Gedanke zerriß ihr Innerstes und die Liebe zu dem +Jüngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen +Dünsten angehaucht, die Blümlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut, +verwelkten und starben. Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende +Rüstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kämpfte mit dem +Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, daß er hell +erklang; und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und +umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden und der +besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der +Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer +Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja +selbst die hohen Granitfelsen als Königin des Tals. -- Erlauben Sie, das +ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator +Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun +pflegen, uns etwas aus Ihrem höchst merkwürdigen Leben, etwa von Ihren +Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erzählen. -- Nun was denn? +erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erzählt, ist das +Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und gehört in +gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her, +und die Feuerlilie, die zuletzt als Königin herrschte, ist meine +Ur-ur-ur-ur-Großmutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin. +-- Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. -- Ja lacht nur recht +herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich +freilich nur in ganz dürftigen Zügen erzählt habe, unsinnig und toll +vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder +auch nur allegorisch gemeint, sondern buchstäblich wahr. Hätte ich aber +gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine +Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber +manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch +mitbrachte. -- »Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius? +-- Wo ist er denn -- wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten, oder +vielleicht ein privatisierender Gelehrter?« So fragte man von allen Seiten. +-- »Nein!« erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise +nehmend, »er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die +Drachen gegangen.« -- »Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester +Archivarius,« nahm der Registrator Heerbrand das Wort, »unter die Drachen?« +-- »Unter die Drachen?« hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach. +-- »Ja, unter die Drachen«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich +war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], daß mein Vater vor +ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreihundertfünfundachtzig +Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling, +einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir +zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche +Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bösen +Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging +stehenden Fußes unter die Drachen. Jetzt hält er sich in einem +Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berühmten mystischen +Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein +Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein +Viertelstündchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete +besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzählen, was es +gutes Neues an den Quellen des Nils gibt.« -- Zum zweiten Male brachen die +Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus, aber dem Studenten Anselmus +wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum +in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst +unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar +metallartig tönende Stimme des Archivarius Lindhorst für ihn etwas +geheimnisvoll Eindringendes, daß er Mark und Bein erzittern fühlte. Der +eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das +Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach +jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nämlich der +Student Anselmus nicht dahin zu vermögen gewesen, den Besuch zum zweiten +Male zu wagen; denn nach seiner innigsten Überzeugung hatte nur der Zufall +ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit. +Der Konrektor Paulmann war eben durch die Straße gegangen, als er ganz von +Sinnen vor der Haustür lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und +Äpfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn beschäftigt war. Der Konrektor Paulmann +hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause +transportiert. »Man mag von mir denken, was man will«, sagte der Student +Anselmus, »man mag mich für einen Narren halten oder nicht -- genug! -- an +dem Türklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen +Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden; +aber wäre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und hätte das verwünschte +Äpfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich +beschäftigte Weib), mich hätte augenblicklich der Schlag gerührt, oder ich +wäre wahnsinnig geworden.« Alles Zureden, alle vernünftigen Vorstellungen +des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar +nichts, und selbst die blauäugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem +gewissen tiefsinnigen Zustande zu reißen, in den er versunken. Man hielt +ihn nun in der Tat für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen, +worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher sein +könne als die Beschäftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nämlich das +Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf +gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der +Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beinahe jeden Abend ein gewisses +bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden +Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein +Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene +Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft des Abschreibens +der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst +annahm. »Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen +Menschen zur Raison bringen,« sagte der Konrektor Paulmann. -- »Gottes +Lohn!« wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und +lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht +artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! -- Als der Archivarius Lindhorst +eben mit Hut und Stock zur Tür hinausschreiten wollte, da ergriff der +Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit +ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: »Geschätztester Herr +geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein +geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte +kopieren will.« -- »Das ist mir ganz ungemein lieb,« erwiderte der +Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den +Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei +Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe hinab, so daß beide ganz +verblüfft dastanden und die Stubentür anguckten, die er dicht vor ihnen +zugeschlagen, daß die Angeln klirrten. »Das ist ja ein ganz wunderlicher +alter Mann,« sagte der Registrator Heerbrand, -- »Wunderlicher alter Mann,« +stotterte der Student Anselmus nach, fühlend, wie ein Eisstrom ihm durch +alle Adern fröstelte, daß er beinahe zur starren Bildsäule geworden. Aber +alle Gäste lachten und sagten: »Der Archivarius war heute einmal wieder in +seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß sanftmütig und spricht kein +Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen; +man muß sich daran gar nicht kehren.« -- »Das ist auch wahr« dachte der +Student Anselmus, »wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr +Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine +Manuskripte kopieren wolle? -- Und warum vertrat ihm auch der Registrator +Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? -- Nein, nein, es +ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius +Lindhorst, und liberal erstaunlich -- nur kurios in absonderlichen +Redensarten. -- Allein was schadet das mir? -- Morgen gehe ich hin Punkt +zwölf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte Äpfelweiber dagegen.« + + + + +VIERTE VIGILIE + + +Melancholie des Studenten Anselmus. -- Der smaragdene Spiegel. -- Wie +Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davonflog und der Student Anselmus +niemandem begegnete. + + +Wohl darf ich geradezu Dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob Du in +Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all' +Dein gewöhnliches Tun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen erregte, +und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und +Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erschien. Du +wußtest dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest. +Ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher, +den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden, +den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht +auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem +unbekannten Etwas, das Dich überall, wo Du gingst und standest, wie ein +duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden +Gestalten umschwebte, verstummtest Du für alles was Dich hier umgab. Du +schlichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles, +was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander +treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest +Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, günstiger Leser, jemals so zu Mute +gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich +der Student Anselmus befand. Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon +jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft +vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich +dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so +viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben +ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir +bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den +Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen +den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet +wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden +umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll +herrlicher Wunder, die die höchste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in +gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin ihren Schleier +lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen -- aber ein Lächeln +schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der +in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit +ihren liebsten Kindern tändelt -- ja, in diesem Reiche, das uns der Geist +so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die +bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen +Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß Dir +jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wohl meintest, welches +ich nun eben recht herzlich wünsche, und Dir in der seltsamen Geschichte +des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. -- Also, wie gesagt, der Student +Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst +gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, daß [das] ihn für jede äußere +Berührung des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte. Er fühlte, wie ein +unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen +Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein +anderes, höheres Sein verheißt. Am liebsten war es ihm, wenn er allein +durch Wiesen und Wälder schweifen und wie losgelöst von allem, was ihn an +sein dürftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder, +die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte. +So kam es denn, daß er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend, +bei jenem merkwürdigen Holunderbusch vorüberschritt, unter dem er damals +wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fühlte sich +wunderbarlich von dem grünen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum +hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in +einer himmlischen Verzückung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt +aus seiner Seele verdrängt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben +vorschwebte, als sähe er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals +war es ihm, daß die holdseligen blauen Augen der goldgrünen Schlange +angehören, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und daß in +den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockentöne +hervorblitzen mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten. So wie +damals am Himmelfahrtstage, umfaßte er den Holunderbaum und rief in die +Zweige und Blätter hinein: »Ach nur noch einmal schlängle und schlinge und +winde Dich, Du holdes grünes Schlänglein, in den Zweigen, daß ich Dich +schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen! +Ach ich liebe Dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht +wiederkehrst!« Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte +der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern. +Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem +Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer +unendlichen Sehnsucht zerreiße. »Ist es denn etwas anderes,« sprach er, +»als daß ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du +herrliches goldenes Schlängelein, ja daß ich ohne Dich nicht zu leben +vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht +wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens -- aber ich +weiß es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Träume aus einer +andern höhern Welt mir verheißen, erfüllt sein.« -- Nun ging der Student +Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr +funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust +mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden +Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein. Als er dieses wieder einmal nach +gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einem +weiten lichtgrauen Überrock gehüllt und rief, indem er ihn mit seinen +großen feurigen Augen anblitzte: »Hei, hei, was klagt und winselt denn da? +-- Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren +will.« Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme; +denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei! +was ist das für ein Gemunkel und Geflüster usw. Er konnte vor Staunen und +Schreck kein Wort herausbringen. -- »Nun, was ist Ihnen denn, Herr +Anselmus?« fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann +im weißgrauen Überrock), »was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum +sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?« -- +Wirklich hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht, den +Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er +sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er +seine schönen Träume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die +schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art +Verzweiflung und er brach ungestüm los: »Sie mögen mich nun für wahnsinnig +halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier +auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrüne Schlange +-- ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen +Kristalltönen, aber Sie -- Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so +schrecklich übers Wasser her.« -- »Wie das, mein Gönner?« unterbrach ihn +der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise +nahm. -- Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte, +als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es +war ihm als sei es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu +beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm +sich zusammen, sprechend: »Nun, so will ich denn alles erzählen, was mir an +dem Himmelfahrtsabende Verhängnisvolles begegnet und dann mögen Sie reden +und tun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.« -- Er erzählte nun +wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in +den Äpfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrünen Schlangen übers +Wasser und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten. +»Das alles,« schloß der Student Anselmus, »habe ich wirklich gesehen und +tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen, +die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor +Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen +glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werter Herr Archivarius, +wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugnis meiner +erhitzten, überspannten Einbildungskraft halten.« -- »Mit nichten,« +erwiderte der Archivarius in der größten Ruhe und Gelassenheit, »die +goldgrünen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen, +waren nun eben meine drei Töchter, und daß Sie sich in die blauen Augen der +jüngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich +wußte es übrigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am +Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich +den losen Dirnen zu, daß es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne +ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken +erlustigt!« -- Dem Studenten Anselmus war es als würde ihm nur etwas mit +deutlichen Worten gesagt, was er längst geahnt; und ob er gleich zu +bemerken glaubte, daß sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle +Gegenstände rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch +zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius ließ ihn nicht zu +Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und +indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines +Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her, +werter Herr Anselmus, Sie können darüber, was Sie erblicken, eine Freude +haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie +aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen +verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in +mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander +schlingend, die drei goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften. Und wenn +die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da +erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte +wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus und die +dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn -- glaubst Du denn an +mich, Anselmus? -- nur in dem Glauben ist Liebe -- kannst Du denn lieben? +-- O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem +Entzücken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel, +da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurück, und +an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, über den der +Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schlänglein gesehen, +Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte +der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der +Archivarius Lindhorst fort, genug für heute! übrigens können Sie ja, wenn +Sie sich entschließen wollen bei mir zu arbeiten, meine Töchter oft genug +sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergnügen verschaffen, +wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das heißt: mit der größten +Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar +nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie +würden sich nächstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens +gewartet. -- Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte, +war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit +beiden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus, und +der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichgültige Ton, +in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren +Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas +Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus +den knöchernen Höhlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Gehäuse +hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht +dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause +bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erzählte. Nur mit +Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum +sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es über sich, alles zu +erzählen, was ihm an der Haustür begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der +Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, lieber Herr Anselmus, +ich kenne wohl das Äpfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine +fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat +bronzieren lassen, um als Türklopfer die mir angenehmen Besuche zu +verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie +doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und +wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst +etwas Weniges von diesem Likör auf die Nase tröpfeln; dann wird sich +sogleich alles geben. + +[Illustration: Wie ein großer Vogel] + +Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will +ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zurückzukehren. Adieu! auf +Wiedersehen, morgen um zwölf Uhr. -- Der Archivarius hatte dem Studenten +Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Likör gegeben und nun +schritt er rasch von dannen, so daß er in der tiefen Dämmerung, die +unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen +schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der +Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie +ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten und es dem Studenten +Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite +ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. -- Wie der Student nun +so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrei +ein weißgrauer Geier hoch in die Lüfte und er merkte nun wohl, daß das +weiße Geflatter, das er noch immer für den davonschreitenden Archivarius +gehalten, schon eben der Geier gewesen sein müsse, unerachtet er nicht +begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden. +»Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr +Archivarius Lindhorst,« sprach der Student Anselmus zu sich selbst; »denn +ich sehe und fühle nun wohl, daß alle die fremden Gestalten aus einer +fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen +Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr +Spiel mit mir treiben. -- Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und glühst +in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche +Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt. Ach, wann werde ich in Dein +holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina!« -- -- So rief der +Student Anselmus ganz laut. -- »Das ist ein schnöder unchristlicher Name,« +murmelte eine Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergänger +gehörte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte +raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: wäre es +nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der +Registrator Heerbrand begegnete! -- Aber er begegnete keinem von beiden. + + + + +FÜNFTE VIGILIE + + +Die Frau Hofrätin Anselmus. -- Cicero de officiis. -- Meerkatzen und +anderes Gesindel. -- Die alte Lise. -- Das Aequinoctium. + + +Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der +Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind +fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die +besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind. +Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll lächelnd: +Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das +ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage: +viel, so heißt das: ein geheimer Sekretär, oder wohl gar ein Hofrat. -- Hof +-- fing der Konrektor im größten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken. +-- Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich weiß, was ich +weiß! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und +kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu +mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird +was; -- und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen -- still -- still +-- sprechen wir uns übers Jahr! -- Mit diesen Worten ging der Registrator +in fortwährendem schlauem Lächeln zur Tür hinaus und ließ den vor Erstaunen +und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf +Veronika hatte das Gespräch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's +denn nicht schon immer gewußt, dachte sie, daß der Herr Anselmus ein recht +gescheiter, liebenswürdiger junger Mann ist, aus dem noch was Großes wird? +Wenn ich nur wüßte, ob er mir wirklich gut ist! -- Aber hat er mir nicht +jenen Abend, als wir über die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrückt? Hat +er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die +bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut -- und ich -- +Veronika überließ sich ganz, wie junge Mädchen wohl pflegen, den süßen +Träumen von einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofrätin, bewohnte ein +schönes Logis in der Schloßgasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der +Moritzstraße -- der moderne Hut, der neue türkische Schal stand ihr +vortrefflich -- sie frühstückte im eleganten Negligee im Erker, der Köchin +die nötigen Befehle für den Tag erteilend. »Aber daß Sie mir die Schüssel +nicht verdirbt, es ist des Herrn Hofrats Leibessen!« -- Vorübergehende +Elegants schielen herauf, sie hört deutlich: »Es ist doch eine göttliche +Frau, die Hofrätin, wie ihr das Spitzenhäubchen so allerliebst steht!« -- +Die geheime Rätin Ypsilon schickt den Bedienten und läßt fragen, ob es der +Frau Hofrätin gefällig wäre, heute ins Linkesche Bad zu fahren? -- »Viel +Empfehlungen, es täte mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee +bei der Präsidentin Tz.« -- Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon früh in +Geschäften ausgegangen, zurück; er ist nach der letzten Mode gekleidet; +»wahrhaftig schon zehn,« ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren läßt +und der jungen Frau einen Kuß gibt: »wie geht's, liebes Weibchen, weißt Du +auch, was ich für Dich habe?« fährt er schäkernd fort und zieht ein Paar +herrliche, nach der neuesten Art gefaßte Ohrringe aus der Westentasche, die +er ihr statt der sonst getragenen gewöhnlichen einhängt. »Ach, die schönen +niedlichen Ohrringe!« ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit +wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu +beschauen. »Nun, was soll denn das sein?« sagte der Konrektor Paulmann, +der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen, +»man hat ja Anfälle wie der Anselmus.« Aber da trat der Student Anselmus, +der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins +Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in +seinem ganzen Wesen verändert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm +sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens, +die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm +geöffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen vermöchte. Der Konrektor +Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand +gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen, +als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei +dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter +Gewandtheit die Hand geküßt, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen +war. »Das war ja schon der Hofrat,« murmelte Veronika in sich hinein, »und +er hat mir die Hand geküßt, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fuß zu +treten, wie sonst! -- er hat mir einen recht zärtlichen Blick zugeworfen +-- er ist mir wohl in der Tat gut.« -- Veronika überließ sich aufs neue +jener Träumerei, indessen war es als träte immer eine feindselige Gestalt +unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem künftigen häuslichen +Leben als Frau Hofrätin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht höhnisch +und sprach: »das ist ja alles recht dummes ordinäres Zeug und noch dazu +erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt +Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und +eine feine Hand.« -- Da goß sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und +ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur +noch erst im Spitzenhäubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die +Tränen wären ihr beinahe aus den Augen gestürzt und sie sprach laut: »Ach, +es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau +Hofrätin!« »Romanstreiche, Romanstreiche!« schrie der Konrektor Paulmann, +nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. -- Das fehlte noch, +seufzte Veronika und ärgerte sich recht über die zwölfjährige Schwester, +welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte. +Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer +aufzuräumen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster +hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schränkchen, +das Veronika wegrückte, hinter den Notenbüchern, die sie vom Klavier, +hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm, +sprang jene Gestalt wie ein Alräunchen hervor und lachte höhnisch und +schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch +nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles +stehen und liegen ließ und in die Mitte des Zimmers flüchtete, sah es mit +langer Nase riesengroß hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er +wird doch nicht Dein Mann! »Hörst Du denn nichts, siehst Du denn nichts, +Schwester?« rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr +anrühren mochte. Fränzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem +Stickrahmen auf und sagte: »Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja +alles durcheinander, daß es klippert und klappert, ich muß Dir nur helfen.« +Aber da traten schon die muntern Mädchen in vollem Lachen herein und in dem +Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, daß sie den Ofenaufsatz für eine +Gestalt und das Knarren der übel verschlossenen Ofentür für die +feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam +ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, daß die +Freundinnen nicht ihre ungewöhnliche Spannung, die selbst ihre Blässe, ihr +verstörtes Gesicht verriet, hätten bemerken sollen. Als sie schnell +abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erzählen wollten, in die +Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mußte +Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und +plötzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr +sonst gar nicht eigen, übermannt worden. Nun erzählte sie so lebhaft, wie +aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues Männchen sie geneckt und +gehöhnt habe, daß die Mesdemoiselles Oster sich schüchtern nach allen +Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da +trat Fränzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich +besinnend, lachten über ihre eigene Albernheit. Angelika, so hieß die +älteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand +und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, daß man an seinem Tode, +oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies +hatte Angelika in die tiefste Betrübnis gestürzt, aber heute war sie +fröhlich bis zur Ausgelassenheit, worüber Veronika sich nicht wenig +wunderte und es ihr unverhohlen äußerte. »Liebes Mädchen«, sagte Angelika, +»glaubst Du denn nicht, daß ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn +und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! -- ach Gott! -- so +glücklich, so selig in meinem ganzen Gemüte! denn mein Viktor ist wohl, und +ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmückt mit den +Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine +starke, aber durchaus nicht gefährliche Verwundung des rechten Arms, und +zwar durch den Säbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu +schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus +sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmöglich mir +Nachricht zu geben; aber heute Abend erhält er die bestimmte Weisung, sich +erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem +er in den Wagen steigen will, erfährt er seine Ernennung zum Rittmeister,« +-- »Aber liebe Angelika,« fiel Veronika ein, »das weißt Du jetzt schon +alles?« -- »Lache mich nicht aus, liebe Freundin,« fuhr Angelika fort, +»aber Du wirst es nicht, denn könnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine +graue Männchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? -- Genug, ich kann +mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil +sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, möcht' ich sagen, in +mein Leben getreten. Vorzüglich kommt es mir nun garnicht einmal so +wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, daß es Leute geben kann, +denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte +untrügliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine +alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres +Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem +Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende +Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein +wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte +deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage schöpft. Ich war gestern +Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren +Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.« -- Angelika's Erzählung warf +einen Funken in Veronika's Gemüt, der schnell den Gedanken entzündete, die +Alte über den Anselmus und über ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr, +daß die alte [Alte] Frau Rauerin hieße, in einer entlegenen Straße vor dem +Seetor wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr +abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu +treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. -- Es war eben +Mittwoch, und Veronika beschloß, unter dem Vorwande die Osters nach Hause +zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat +ausführte. Kaum hatte sie nämlich von den Freundinnen, die in der Neustadt +wohnten, vor der Elbbrücke Abschied genommen, als sie geflügelten Schrittes +vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen +Straße befand, an deren Ende sie das kleine rote Häuschen erblickte, in +welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen +unheimlichen Gefühls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor +der Haustür stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens +unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Tür öffnete +und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock +führte, wie es Angelika beschrieben. »Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?« +rief sie in den öden Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl +statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein großer schwarzer Kater +schritt mit hochgekrümmtem Rücken, den Schweif in Wellenringeln hin- und +herdrehend, gravitätisch vor ihr her bis an die Stubentür, die auf ein +zweites Miau geöffnet wurde. »Ach sieh da, Töchterchen, bist Du schon hier? +komm herein -- herein!« So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick +Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen +gehülltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn, +verzog sich das zahnlose Maul, von der knöchernen Habichtsnase beschattet, +zum grinsenden Lächeln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken +werfend durch die große Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten +Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gräßlichen erhoben +das ekle Antlitz zwei große Brandflecke, die sich von der linken Backe über +die Nase wegzogen. -- Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der +gepreßten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe +Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und +bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und +Gekrächze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den +Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten +winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den +Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater, +als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem großen +Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. -- + +[Illustration: "Frau Rauerin"] + +Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so +unheimlich als draußen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht +mehr so scheußlich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. -- Allerhand +häßliche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes +seltsames Geräte lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte +ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken +emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte +Fledermäuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich +hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der rußigen Mauer, +und dann erklangen schneidende, heulende Jammertöne, daß Veronika von Angst +und Grausen ergriffen wurde. »Mit Verlaub, Mamsellchen,« sagte die Alte +schmunzelnd, erfaßte einen großen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in +einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie +von dickem Rauch erfüllt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald +trat die Alte, die in ein Kämmerchen gegangen, mit einem angezündeten Licht +wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den +Gerätschaften, es war eine gewöhnliche ärmlich ausstaffierte Stube. Die +Alte trat ihr näher und sagte mit schnarrender Stimme: »Ich weiß wohl, was +Du bei mir willst, mein Töchterchen: was gilt es, Du möchtest erfahren, ob +Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden!« -- Veronika +erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: »Du hast mir ja +alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war +ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Töchterchen, höre! Laß +ab, laß ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen +Söhnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Söhnlein, den Äpfelchen mit +den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus +den Taschen in meinen Korb zurückrollen. Er hält's mit dem Alten; er hat +mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, daß ich +beinahe darüber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen, +Töchterchen! Laß ab von ihm, laß ab! -- Er liebt Dich nicht: denn er liebt +die goldgrüne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den +Salamandern hat anstellen lassen, und er will die grüne Schlange heiraten, +laß ab von ihm, laß ab!« -- Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes +Gemüt hatte und mädchenhaften Schreck bald zu überwinden wußte, trat einen +Schritt zurück und sprach mit ernsthaftem gefaßtem Ton: »Alte! ich habe +von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehört und wollte darum, +vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus, +den ich liebe und hoch schätze, jemals mein werden würde. Wollt Ihr mich +daher, statt meinen Wunsch zu erfüllen, mit Eurem tollen unsinnigen +Geschwätze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr +Andern, wie ich weiß, gewährtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten +Gedanken wisset, so wäre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir +manches zu enthüllen, was mich jetzt quält und ängstigt, aber nach Euern +albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts +erfahren. Gute Nacht!« -- Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte +weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das Mädchen am Kleide +festhaltend: »Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die +Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und gehätschelt?« Veronika +traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes +Alter und vorzüglich durch die Brandflecke entstellte ehemalige Wärterin, +die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die +Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des häßlichen +buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen +eine großblumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie +stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag +Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem +leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen +Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die Hände gefallen, und der +will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein größter +Feind, und ich könnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die würdest Du aber +nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber +ich bin die weise Frau -- es mag darum sein! -- Ich merke nun wohl, daß Du +den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Kräften beistehen, +daß Du recht glücklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es +wünschest.« -- »Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise!« fiel +Veronika ein -- Still, Kind -- still! unterbrach sie die Alte, ich weiß was +Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mußte, +ich konnte nicht anders. Nun also! -- ich kenne das Mittel, das den +Anselmus von der törichten Liebe zur grünen Schlange heilt und ihn als den +liebenswürdigsten Hofrat in Deine Arme führt; aber Du mußt helfen! -- »Sage +es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den +Anselmus sehr!« lispelte Veronika kaum hörbar. -- Ich kenne Dich, fuhr die +Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau +zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann öffnetest Du die Augen, um +den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und +erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also! +-- ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die +grüne Schlange zu überwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat +Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der künftigen Tag- und +Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich +werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld +durchschneidet, wir bereiten das nötige, und alles wunderliche was Du +vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun, +Töchterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. -- Veronika +eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschluß, die Nacht des +Äquinoktiums nicht zu versäumen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der +Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlöse ihn daraus +und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der +Hofrat Anselmus. + + + + +SECHSTE VIGILIE + + +Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvögeln. -- Der +goldene Topf. -- Die englische Kursivschrift. -- Schnöde Hahnenfüße. -- Der +Geisterfürst. + + +Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, daß der +superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas +begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der +Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz +nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, +Trotz bieten. -- Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem +Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und +kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten +Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das +Fläschchen mit dem gelben Likör in die Augen fiel, das er von dem +Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen +Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein +namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. +Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: »Ach, gehe ich denn +nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche +Serpentina?« -- Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentina's +Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er +unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der +Lindhorstischen Manuskripte. -- Daß ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder +vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen könne, wie +neulich, davon war er überzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's +Magenwasser, sondern steckte schnell den Likör in die Westentasche, um ganz +nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte Äpfelweib +sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. -- Erhob sich denn nicht auch +wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem +Türdrücker, als er ihn auf den Schlag zwölf Uhr ergreifen wollte? -- Da +spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Likör in das fatale Gesicht +hinein, und es glättete und plättete sich augenblicklich aus zum glänzenden +kugelrunden Türklopfer. Die Tür ging auf, die Glocken läuteten gar lieblich +durch das ganze Haus: klingling -- Jüngling -- flink -- flink -- spring +-- spring -- klingling. -- Er stieg getrost die schöne breite Treppe hinauf +und weidete sich an dem Duft des seltenen Räucherwerks, der durch das Haus +floß. Ungewiß blieb er auf dem Flur stehen, denn er wußte nicht, an welche +der vielen schönen Türen er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius +Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: »Nun es +freut mich, Herr Anselmus, daß Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur +nach, denn ich muß Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium führen.« Damit +schritt er schnell den langen Flur hinauf und öffnete eine kleine +Seitentür, die in einen Korridor führte. Anselmus schritt getrost hinter +dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr +in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke +hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja große Bäume mit +sonderbar gestalteten Blättern und Blüten. Ein magisches blendendes Licht +verbreitete sich überall, ohne daß man bemerken konnte, wo es herkam, da +durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die +Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne +auszudehnen. -- Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten +Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen +hervorspritzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche; +seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren +Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder. Der Archivarius war +verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glühender +Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den süßen Düften des Feengartens +berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es überall an zu +kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und höhnten: Herr +Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich +denn so schön geputzt, Herr Anselmus? -- Wollen Sie eins mit uns plappern, +wie die Großmutter das Ei mit dem Steiß zerdrückte und der Junker einen +Klecks auf die Sonntagsweste bekam? Können Sie die neue Arie schon +auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? -- Sie sehen +recht possierlich aus in der gläsernen Perücke und dem [den] postpapiernen +Stülpstiefeln! -- So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln +hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei +bunte Vögel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelächter aushöhnten. +-- In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, -- und er +sah, daß es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot +glänzender Schlafrock ihn nur getäuscht hatte. »Verzeihen Sie, werter Herr +Anselmus,« sagte der Archivarius, »daß ich Sie stehn ließ, aber +vorübergehend sah ich nur nach meinem schönen Kaktus, der diese Nacht seine +Blüten aufschließen wird -- aber wie gefällt Ihnen denn mein kleiner +Hausgarten?« -- »Ach Gott, über alle Maßen schön ist es hier, +geschätztester Herr Archivarius,« erwiderte der Student, »aber die bunten +Vögel moquieren sich über meine Wenigkeit gar zu sehr!« -- »Was ist denn +das für ein Gewäsche?« rief der Archivarius zornig in die Büsche hinein. Da +flatterte ein großer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius +auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravitätisch +durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel saß, anblickend, schnarrte +er: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben +sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst +daran schuld, denn -- »Still da! still da!« unterbrach der Archivarius den +Alten, »ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten, +mein Freund! -- gehen wir weiter, Herr Anselmus!« -- Noch durch manches +fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so daß der Student +ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die glänzenden sonderbar geformten +Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles überfüllt +war. Endlich traten sie in ein großes Gemach, in dem der Archivarius, den +Blick in die Höhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich +an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewährte, +zu weiden. + +[Illustration: Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen +Topf] + +Aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume +hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde glänzenden Blätter +oben zur Decke wölbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler +Bronze gegossenen ägyptischen Löwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein +einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun +gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend +schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde +-- manchmal sah er sich selbst mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen -- ach! +neben dem Holunderbusch -- Serpentina schlängelte sich auf und nieder, ihn +anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war außer sich vor +wahnsinnigem Entzücken. »Serpentina! -- Serpentina!« schrie er laut auf, da +wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: »Was meinen +Sie, werter Herr Anselmus? -- Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu +rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer +und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter!« Anselmus folgte +beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hörte +nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und +sprach: »Nun sind wir an Ort und Stelle!« Anselmus erwachte wie aus einem +Traum und bemerkte nun, daß er sich in einem hohen, rings mit +Bücherschränken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von +gewöhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand +ein großer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben. +»Dieses,« sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr +Arbeitszimmer; ob Sie künftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in +dem Sie so plötzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, weiß ich +noch nicht; -- aber nun wünschte ich mich erst von Ihrer Fähigkeit, die +Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedürfnis gemäß +auszuführen, zu überzeugen.« Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz +und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der +Überzeugung, den Archivarius durch sein ungewöhnliches Talent höchlich zu +erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der +Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der +elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar +lächelte und mit dem Kopfe schüttelte. Das wiederholte er bei jedem +folgenden Blatte, so daß dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg +und er, als das Lächeln zuletzt recht höhnisch und verächtlich wurde, in +vollem Unmute losbrach: »Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen +Talenten nicht ganz zufrieden?« -- »Lieber Herr Anselmus,« sagte der +Archivarius Lindhorst, »Sie haben für die Kunst des Schönschreibens +wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, muß ich mehr +auf Ihren Fleiß, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit. +Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.« +-- Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten +Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern. +Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und +sprach: »Urteilen Sie selbst!« -- Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen, +als ihm seine Handschrift so höchst miserabel vorkam. Da war keine Ründe in +den Zügen, kein Druck richtig, kein Verhältnis der großen und kleinen +Buchstaben; ja, schülermäßige schnöde Hahnenfüße verdarben oft die sonst +ziemlich geratene Zeile. »Und dann,« fuhr der Archivarius Lindhorst fort, +»ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.« Er tunkte den Finger in ein mit +Wasser gefülltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte, +war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schnüre +ein Ungetüm ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So +stand er da, das unglückliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius +Lindhorst lachte laut auf und sagte: »Lassen Sie sich das nicht anfechten, +wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird +hier bei mir vielleicht besser sich fügen; ohnedies finden Sie ein besseres +Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost +an!« -- Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flüssige schwarze Masse, +die einen ganz eigentümlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefärbte, +scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weiße und Glätte, +dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke +herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verließ er das Zimmer. +Der Student Anselmus hatte schon öfters arabische Schrift kopiert, die +erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lösen. »Wie die +Hahnenfüße in meine schöne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und +der Archivarius Lindhorst wissen,« sprach er, »aber daß sie nicht von +_meiner_ Hand sind, darauf will ich sterben.« -- Mit jedem Worte, das +nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine +Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich, +und die geheimnisvolle Tinte floß rabenschwarz und gefügig auf das blendend +weiße Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit +arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er +hatte sich schon ganz in das Geschäft, welches er glücklich zu vollenden +hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das +Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der +Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte +sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem +Registrator Heerbrand und wußte vorzüglich von dem letztern recht viel +Ergötzliches zu erzählen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus +gar sehr und machte ihn gesprächiger, als er wohl sonst zu sein pflegte. +Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und +diese Pünktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War +ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen geglückt, so +ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die +Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Züge der +fremden Schrift nachzumalen vermochte. -- Aber es war als flüsterte aus dem +innersten Gemüte eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! könntest du denn +das vollbringen, wenn du _sie_ nicht in Sinn und Gedanken trügest, +wenn du nicht an _sie_, an _ihre_ Liebe glaubtest? -- Da wehte es +wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklängen durch das Zimmer: Ich bin +Dir nahe -- nahe -- nahe! -- ich helfe Dir -- sei mutig -- sei standhaft, +lieber Anselmus! -- ich mühe mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so +wie er voll inneren Entzückens die Töne vernahm, wurden ihm immer +verständlicher die unbekannten Zeichen -- er durfte kaum mehr hineinblicken +in das Original -- ja es war, als stünden schon wie in blasser Schrift die +Zeichen auf dem Pergament, und er dürfe sie nur mit geübter Hand schwarz +überziehen. So arbeitete er fort von lieblichen tröstenden Klängen, wie von +süßem zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der +Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar lächelnd an den +Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so +wie in höhnendem Spott lächeld [lächelnd] an; kaum hatte er aber in die +Abschrift geblickt, als das Lächeln in dem tiefen feierlichen Ernst +unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. -- Bald schien +er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten, +blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte +Röte färbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund +zusammenpreßte, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu öffnen +zur weisheitvollen ins Gemüt dringenden Rede. Die ganze Gestalt war höher, +würdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Königsmantel in +breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weißen Löckchen, +welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner +Reif. »Junger Mensch,« fing der Archivarius an im feierlichen Ton, »junger +Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen +erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! -- Serpentina liebt +Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche +Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige +Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem +Kampfe entsprießt Dein Glück im höheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen +Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst, +kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest, +überstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis führen Dich zum nahen +Ziele, wenn Du festhältst an dem, was Du beginnen mußtest. Trage sie recht +getreulich im Gemüte, _sie_, die Dich liebt, und Du wirst die +herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich sein immerdar. +-- Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwölf +Uhr in Deinem Kabinet! -- Gehab Dich wohl!« -- Der Archivarius schob den +Studenten Anselmus sanft zur Tür hinaus, die er dann verschloß, und er +befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige Tür auf +den Flur führte. Ganz betäubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er +vor der Haustür stehen, da wurde über ihm ein Fenster geöffnet, er schaute +hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weißgrauen +Rocke, wie er ihn sonst gesehen. -- Er rief ihm zu: »Ei, werter Herr +Anselmus, worüber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen +nicht aus dem Kopf? Grüßen Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie +etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwölf Uhr wieder. Das +Honorar für heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.« -- Der +Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten +Tasche, aber er freute sich gar nicht darüber. -- »Was aus dem allen werden +wird, weiß ich nicht,« sprach er zu sich selbst; »umfängt mich aber auch +nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die +liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber +untergehen ganz und gar, denn ich weiß doch, daß der Gedanke in mir ewig +ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke +denn was anderes als Serpentina's Liebe?« + + + + +SIEBENTE VIGILIE + + +Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging. +-- Rembrandt und Höllen-Breughel. -- Der Zauberspiegel und des Doktors +Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit. + + +Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist +es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. -- »Ja wohl,« erwiderte die +durch des Vaters längeres Aufbleiben beängstete Veronika, »denn es schlug +längst zehn Uhr.« Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und +Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fränzchens schwerere Atemzüge kundgetan, +daß sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch +ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel +umwarf und zum Hause hinausschlüpfte. -- Seit dem Augenblick, als Veronika +die alte Lise verlassen, stand ihr unaufhörlich der Anselmus vor Augen, und +sie wußte selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und +ewig wiederholte, daß sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person +herrühre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle +Mittel der magischen Kunst zerreißen könne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise +wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen +stumpfte sich ab, so daß alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses +mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien, +wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei +ihr fest, selbst mit Gefahr, vermißt zu werden und in tausend +Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu +bestehen. -- Endlich war nun die verhängnisvolle Nacht des Äquinoktiums, in +der ihr die alte Lise Hülfe und Trost verheißen, eingetreten, und Veronika, +mit dem Gedanken der nächtlichen Wanderung längst vertraut geworden, fühlte +sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straßen, des +Sturmes nicht achtend, der durch die Lüfte brauste und ihr die dicken +Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf dröhnendem Klange schlug die +Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchnäßt vor dem Hause +der Alten stand. »Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! -- nun warte, warte!« +-- rief es von oben herab -- und gleich darauf stand auch die Alte, mit +einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der Tür. »So wollen +wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der +Nacht, die dem Werke günstig.« Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter +Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab, +während sie selbst einen Kessel, Dreifuß und Spaten auspackte. Als sie ins +Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war stärker geworden; +tausendstimmig heulte es in den Lüften. Ein entsetzlicher +herzzerschneidender Jammer tönte herab aus den schwarzen Wolken, die sich +in schneller Flucht zusammenballten und alles einhüllten in dicke +Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend: +»leuchte -- leuchte, mein Junge!« Da schlängelten und kreuzten sich blaue +Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, daß der Kater knisternde +Funken sprühend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen ängstliches +grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick +schwieg. -- Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte +Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich +fester an die Alte klammernd sprach sie: »Nun muß alles vollbracht werden, +und es mag geschehen was da will!« -- »Recht so, mein Töchterchen!« +erwiderte die Alte, »bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Schönes +und dem Anselmus obendrein!« Endlich stand die Alte still und sprach: »Nun +sind wir an Ort und Stelle!« Sie grub ein Loch in die Erde, schüttete +Kohlen hinein und stellte den Dreifuß darüber, auf den sie den Kessel +setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Gebärden, während der +Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif sprühten Funken, die einen +Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu glühen, und endlich +schlugen blaue Flammen unter dem Dreifuß hervor. Veronika mußte Mantel und +Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre Hände +ergriff und fest drückte, mit den funkelnden Augen das Mädchen anstarrend. +Nun fingen die sonderbaren Massen -- waren es Blumen -- Metalle -- Kräuter +-- Tiere, man konnte es nicht unterscheiden -- die die Alte aus dem Korbe +genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte +ließ Veronika los, sie ergriff einen eisernen Löffel, mit dem sie in die +glühende Masse hineinfuhr und darin rührte, während Veronika auf ihr Geheiß +festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den +Anselmus richten mußte. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und +auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie +einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie +unverständliche, durch die Nacht grausig gellende Töne ausstieß, und der +Kater im unaufhörlichen Rennen winselte und ächzte. -- -- Ich wollte, daß +Du, günstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach +Dresden begriffen gewesen wärest; vergebens suchte man, als der späte +Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der +freundliche Wirt stellte Dir vor, es stürme und regne doch gar zu sehr und +überhaupt sei es auch nicht geheuer in der Äquinoktialnacht so ins Dunkle +hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig +annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin +spätestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm +oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches +Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherfährst, siehst Du +plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. Näher +gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel, +aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschießen, +zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde +prusten und stampfen und bäumen sich -- der Postillon flucht und betet +-- und peitscht auf die Pferde hinein -- sie gehen nicht von der Stelle. +-- Unwillkürlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte +vorwärts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mädchen, die im weißen +dünnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten +aufgelöst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lüften. +Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen +steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom +darüber goß, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in +den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem +Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter +gepreßten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die +kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als +riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetümen +der Hölle, die, dem mächtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen +werden. -- So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenüber +sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib +mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen +Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knöchernen Arme hervor, und +rührend in dem Höllensud lacht und ruft sie mit krächzender Stimme durch +den brausenden tosenden Sturm. -- Ich glaube wohl, daß Dir, günstiger +Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem +Anblick dieses Rembrandtschen oder Höllen-Breughelschen Gemäldes, das nun +ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätten. + +[Illustration: Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank] + +Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im höllischen Treiben +befangenen Mädchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine +Fibern und Nerven zitterte, entzündete mit der Schnelligkeit des Blitzes in +Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen Mächten des +Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte +auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als +seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode geängstigte +Mädchen flehte, ja als müßtest Du nur gleich Dein Taschenpistol +hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschießen! Aber, indem Du das +lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten? +oder: was treibt ihr da? -- Der Postillon stieß schmetternd in sein Horn, +die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal +verschwunden in dickem Qualm. -- Ob Du das Mädchen, das Du nun mit recht +innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden hättest, mag ich +nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstört, und +den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben, +gelöst. -- Weder Du, günstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging +aber am dreiundzwanzigsten September in der stürmischen den Hexenkünsten +günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in +tödlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. -- Sie vernahm wohl, wie +es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen +durcheinander blökten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht +auf, denn sie fühlte, wie der Anblick des Gräßlichen, des Ensetzlichen +[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstörenden +Wahnsinn stürzen könne. Die Alte hatte aufgehört im Kessel zu rühren, immer +schwächer und schwächer wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine +leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika, +mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn +-- was siehst Du denn? -- Aber Veronika vermochte nicht zu antworten, +unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im +Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten +hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr +reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut: +Ach, der Anselmus! -- der Anselmus! -- Rasch öffnete die Alte den am Kessel +befindlichen Hahn, und glühendes Metall strömte zischend und prasselnd in +eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und +kreischte, mit wilder gräßlicher Gebärde sich herumschwingend: Vollendet +ist das Werk -- Dank Dir, mein Junge! -- hast Wache gehalten -- Hui -- Hui +-- er kommt! -- beiß ihn tot, beiß ihn tot! Aber da brauste es mächtig +durch die Lüfte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den +Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: »Hei, +hei! -- ihr Gesindel! nun ist's aus -- nun ist's aus -- fort zu Haus!« Die +Alte stürzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken. +-- Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag +in ihrem Bette und Fränzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr, +sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun +schon eine Stunde oder länger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze +besinnungslos da und stöhnest und ächzest, daß uns angst und bange wird. +Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird +gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. -- Veronika nahm schweigend den +Tee; indem sie ihn hinunterschlürfte, traten ihr die gräßlichen Bilder der +Nacht lebhaft vor Augen. »So war denn wohl alles nur ein ängstlicher Traum, +der mich gequält hat? -- Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten +gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? -- Doch bin ich wohl +schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet, +und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und +an die wunderliche alte Frau, die sich für die Lise ausgab und mich wohl +nur damit geneckt hat.« -- Fränzchen, die hinausgegangen, trat wieder +herein mit Veronika's ganz durchnäßtem Mantel in der Hand. »Sieh nur, +Schwester!« sagte sie, »wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm +in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag, +umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz +naß.« -- Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl, +daß nicht ein Traum sie gequält, sondern daß sie wirklich bei der Alten +gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte +durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest über +sich; aber da fühlte sie, daß etwas Hartes ihre Brust drückte, und als sie +mit der Hand danach faßte, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es +hervor, als Fränzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner +runder hellpolierter Metallspiegel. »Das ist ein Geschenk der Alten[,]« +rief sie lebhaft, und es war als schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel, +die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erwärmten; der Fieberfrost +war vorüber und es durchströmte sie ein unbeschreibliches Gefühl von +Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mußte sie denken, und als sie +immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr +freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturporträt. Aber +bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild -- nein! -- sondern den +Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er saß in einem hohen seltsam +ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten, +ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch +um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als +umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau +hinsah, waren es doch nur große Bücher mit vergoldetem Schnitt. Aber +endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es +als müsse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lächelte +er und sprach: Ach! -- sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum +belieben Sie sich denn zuweilen als Schlänglein zu gebärden? Veronika mußte +über diese seltsamen Worte laut auflachen; darüber erwachte sie wie aus +einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die +Tür aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer +kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, faßte lange in tiefem +Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf +schrieb er ein Rezept, faßte noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei! +und verließ die Patientin. Aus diesen Äußerungen des Doktors Eckstein +konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der +Veronika denn wohl eigentlich fehlen möge. + + + + +ACHTE VIGILIE + + +Die Bibliothek der Palmbäume. -- Schicksale eines unglücklichen +Salamanders. -- Wie die schwarze Feder eine Runkelrübe liebkoste und der +Registrator Heerbrand sich sehr betrank. + + +Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius +Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren für ihn die glücklichsten +seines Lebens, denn immer von lieblichen Klängen von Serpentina's +tröstenden Worten umflossen, ja oft von einem vorübergleitenden Hauche +leise berührt, durchströmte ihn eine nie gefühlte Behaglichkeit, die oft +bis zur höchsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner +dürftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem +neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er +alle Wunder einer höheren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen +erfüllt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm +immer mehr dünkte, er schreibe nur längst gekannte Züge auf das Pergament +hin und dürfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der größten +Genauigkeit nachzumalen. -- Außer der Tischzeit ließ sich der Archivarius +Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem +Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift +vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verließ ihn aber gleich +wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen Stäbchen die Tinte +umgerührt und die gebrauchten Federn mit neuen, schärfer gespitzten +vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zwölf +bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die Tür, durch die er +gewöhnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst +erschien in seinem wunderlichen wie mit glänzenden Blumen bestreuten +Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: »Heute kommen Sie nur hier +herein, werter Anselmus, denn wir müssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's +Meister unsrer warten.« Er schritt durch den Korridor und führte Anselmus +durch dieselben Gemächer und Säle, wie das erste Mal. Der Student Anselmus +erstaunte auf's neue über die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er +sah nun deutlich, daß manche seltsame Blüten, die an den dunklen Büschen +hingen, eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit +den Flüglein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd +sich mit ihren Saugrüsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die +rosenfarbenen und himmelblauen Vögel duftende Blumen, und der Geruch, den +sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen, +die sich mit dem Geplätscher der fernen Brunnen, mit dem Säuseln der hohen +Stauden und Bäume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht +vermischten. Die Spottvögel, die ihn das erste Mal so geneckt und gehöhnt, +flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen +unaufhörlich: »Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so -- gucken +Sie nicht so in die Wolken -- Sie könnten auf die Nase fallen. -- He, he! +Herr Studiosus -- nehmen Sie den Pudermantel um -- Gevatter Schuhu soll +Ihnen den Toupet frisieren.« So ging es fort in allerlei dummem Geschwätz, +bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich +in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden, +statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem +Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers +und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. »Lieber Herr +Anselmus,« sagte der Archivarius Lindhorst, »Sie haben nun schon manches +Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben +sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun übrig, +und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen +Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und +die nur an Ort und Stelle kopiert werden können. Sie werden daher künftig +hier arbeiten, aber ich muß Ihnen die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit +empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verhüten möge, ein +Tintenfleck auf das Original gespritzt, stürzt Sie ins Unglück.« -- +Anselmus bemerkte, daß aus den goldnen Stämmen der Palmbäume kleine +smaragdgrüne Blätter herausragten; eins dieser Blätter erfaßte der +Archivarius, und Anselmus wurde gewahr, daß das Blatt eigentlich in einer +Pergamentrolle bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den +Tisch breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig über die seltsam +verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen Pünktchen, Striche +und Züge und Schnörkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten +darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau +nachmalen zu können. Er geriet darüber in tiefe Gedanken. »Mut gefaßt, +junger Mensch!« rief der Archivarius, »hast Du bewährten Glauben und wahre +Liebe, so hilft Dir Serpentina!« Seine Stimme tönte wie klingendes Metall, +und als Anselmus in jähem Schreck aufblickte, stand der Archivarius +Lindhorst in der königlichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten +Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als müsse er +von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der +Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die Höhe und +verschwand in den smaragdnen Blättern. -- Der Student Anselmus begriff, daß +der Geisterfürst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer +hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als +Gesandte zu ihm geschickt, Rücksprache zu halten, was nun mit ihm und der +holden Serpentina geschehen solle. -- Auch kann es sein, dachte er ferner, +daß ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder daß ein Magus aus +Lappland ihn besucht -- mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen. +-- Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu +studieren. -- Die wunderbare Musik des Gartens tönte zu ihm herüber und +umgab ihn mit süßen lieblichen Düften, auch hörte er wohl die Spottvögel +kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war. +Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Blätter der Palmbäume +und als strahlten dann die holden Kristallklänge, welche Anselmus an jenem +verhängnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch hörte, durch das +Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gestärkt durch dies Tönen und +Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die +Überschrift der Pergamentrolle, und bald fühlte er wie aus dem Innersten +heraus, daß die Zeichen nichts anders bedeuten könnten, als die Worte: Von +der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange. -- Da ertönte ein +starker Dreiklang heller Kristallglocken. -- »Anselmus, lieber Anselmus,« +wehte es ihm zu aus den Blättern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums +schlängelte sich die grüne Schlange herab. -- »Serpentina! holde +Serpentina!« rief Anselmus wie im Wahnsinn des höchsten Entzückens, denn so +wie er schärfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mädchen, +die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll +unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die +Blätter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, überall sproßten +Stacheln aus den Stämmen, aber Serpentina wand und schlängelte sich +geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben +glänzendes Gewand nach sich zog, so daß es sich dem schlanken Körper +anschmiegend nirgends hängen blieb an den hervorragenden Spitzen und +Stacheln der Palmbäume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben +Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drückend, so daß er den +Hauch, der von ihren Lippen strömte, die elektrische Wärme ihres Körpers +fühlte. »Lieber Anselmus!« fing Serpentina an, »nun bist Du bald ganz mein, +durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe +Dir den goldnen Topf, der uns beide beglückt immerdar.« -- »O Du holde, +liebe Serpentina,« sagte Anselmus, »wenn ich nur Dich habe, was kümmert +mich sonst alles Übrige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen +in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befängt seit dem +Augenblick, als ich Dich sah.« -- »Ich weiß wohl,« fuhr Serpentina fort, +»daß das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel +seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber +jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in +diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus +tiefem Gemüte, aus tiefer Seele haarklein zu erzählen, was Dir zu wissen +nötig, um meinen Vater ganz zu kennen und überhaupt recht deutlich +einzusehen, was es mit ihm und mit mir für eine Bewandtnis hat.« Dem +Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und +gar umschlungen und umwunden, daß er sich nur mit ihr regen und bewegen +könne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern +und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein +Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in +ihm entzündete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib +gelegt, aber der schillernde glänzende Stoff ihres Gewandes war so glatt, +so schlüpfrig, daß es ihm schien, als könne sie, sich ihm schnell +entwindend, unaufhaltsam entschlüpfen, und er erbebte bei dem Gedanken. +»Ach, verlaß mich nicht, holde Serpentina!« rief er unwillkürlich aus, »nur +Du bist mein Leben!« -- »Nicht eher heute,« sagte Serpentina, »als bis ich +alles erzählt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. -- +Wisse also, Geliebter, daß mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der +Salamander abstammt, und daß ich mein Dasein seiner Liebe zur grünen +Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis +der mächtige Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten. +Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in +dem prächtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schönsten Gaben +auf das herrlichste geschmückt hatte, umher und hörte, wie eine hohe Lilie +in leisen Tönen sang: »Drücke fest die Äuglein zu, bis mein Geliebter, der +Morgenwind, Dich weckt.« Er trat hinzu; von seinem glühenden Hauch berührt, +erschloß die Lilie ihre Blätter und er erblickte der Lilie Tochter, die +grüne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander +von heißer Liebe zu der schönen Schlange ergriffen, und er raubte sie der +Lilie, deren Düfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der +geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schloß des +Phosphorus getragen und bat ihn: vermähle mich mit der Geliebten, denn sie +soll mein eigen sein immerdar. Törichter, was verlangst du! sprach der +Geisterfürst, wisse, daß einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir +herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten +und nur der Sieg über den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in +Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, daß ihre Blätter stark genug +blieben, den Funken in sich zu schließen und zu bewahren. Aber, wenn Du die +grüne Schlange umarmst, wird Deine Glut den Körper verzehren und ein neues +Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete +der Warnung des Geisterfürsten nicht; voll glühenden Verlangens schloß er +die grüne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflügeltes +Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lüfte. Da ergriff den +Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen +sprühend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, daß die +schönsten Blumen und Blüten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft +erfüllte. Der hocherzürnte Geisterfürst erfaßte im Grimm den Salamander und +sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer -- erloschen sind Deine Flammen, +erblindet Deine Strahlen -- sinke hinab zu den Erdgeistern, die mögen Dich +necken und höhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder +entzündet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt. + +[Illustration: Die Lilie] + +Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mürrische +Erdgeist, der des Phosphorus Gärtner war, hinzu und sprach: Herr! wer +sollte mehr über den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die +schönen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schönsten Metallen geputzt? +habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche +schöne Farbe verschwendet? -- und doch nehme ich mich des armen Salamanders +an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur +Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwüstet. Erlasse ihm die zu +harte Strafe! -- Sein Feuer ist für jetzt erloschen, sprach der +Geisterfürst; in der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem +entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich sein, wenn die +Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen +Anklängen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise +entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem +wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch +Glaube und Liebe in seinem Gemüte wohnten, -- in dieser unglücklichen Zeit +entzündet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum +Menschen keimt er empor und muß, ganz eingehend in das dürftige Leben, +dessen Bedrängnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen +Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen +Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der +verbrüderten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er +dann die grüne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermählung mit ihr +sind drei Töchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen. +Zur Frühlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch hängen und +ihre lieblichen Kristallstimmen ertönen lassen. Findet sich dann in der +dürftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jüngling, der ihren +Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen +Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen +Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die Bürde des +Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an +die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern +glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis +drei Jünglinge dieser Art erfunden und mit den drei Töchtern vermählt +werden, darf der Salamander seine lästige Bürde abwerfen und zu seinen +Brüdern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, daß ich diesen drei +Töchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl +verherrlicht. Jede erhält von mir einen Topf vom schönsten Metall, das ich +besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in +seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang +mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein +abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermählung eine +Feuerlilie entsprießen, deren ewige Blüte den bewährt befundenen Jüngling +süß duftend umfängt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres +Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. -- Du +weißt nun wohl, lieber Anselmus, daß mein Vater eben der Salamander ist, +von dem ich Dir erzählt. Er mußte seiner höheren Natur unerachtet sich den +kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher +kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir +oft gesagt, daß für die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der +Geistesfürst Phosphorus damals als Bedingnis der Vermählung mit mir und +meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur +zu oft unschicklicher Weise gemißbraucht werde; man nenne das nämlich ein +kindliches poetisches Gemüt. -- Oft finde man dieses Gemüt bei Jünglingen, +die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der +sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pöbel verspottet würden. Ach, +lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang +-- meinen Blick -- Du liebst die grüne Schlange, Du glaubst an mich und +willst mein sein immerdar! Die schöne Lilie wird emporblühen aus dem +goldnen Topf und wir werden vereint glücklich und selig in Atlantis wohnen! +-- Aber nicht verhehlen kann ich Dir, daß im gräßlichen Kampf mit den +Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die +Lüfte davonbrauste. Phosphorus hält ihn zwar wieder in Banden, aber aus den +schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stäubten, keimten feindliche +Geister empor, die überall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben. +Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein +Vater recht gut weiß, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr +Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgestäubten +Feder zu einer Runkelrübe zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre +Gewalt, denn in dem Stöhnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden +ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie +bietet alle Mittel auf, von außen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie +mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders +hervorschießen, bekämpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in schädlichen +Kräutern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend, +in günstiger Konstellation, manchen bösen Spuk, der des Menschen Sinne mit +Grauen und Entsetzen befängt und ihn der Macht jener Dämonen, die der +Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten +in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes +Gemüt schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet. -- Halte treu -- treu +-- an mir, bald bist Du am Ziel!« -- »O meine -- meine Serpentina!« rief +der Student Anselmus, »wie sollte ich denn nur von Dir lassen können, wie +sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!« -- Ein Kuß brannte auf seinem +Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war +verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er +nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der +Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des +geheimnisvollen Manuskripts war glücklich beendigt, und er glaubte, +schärfer die Züge betrachtend, Serpentina's Erzählung von ihrem Vater, dem +Liebling des Geisterfürsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis, +abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem +weißgrauen Überrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein; +er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine große +Priese und sagte lächelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der +Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade +gehen -- nur mir nach! -- Der Archivarius schritt rasch durch den Garten, +in dem ein solcher Lärm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war, +daß der Student Anselmus ganz betäubt wurde und dem Himmel dankte, als er +sich auf der Straße befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als +sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschloß. Vor +dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand +beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius +Lindhorst ganz unwillig: »was Feuerzeug! -- hier ist Feuer, so viel Sie +wollen!« Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen große Funken +strömten, die die Pfeifen schnell anzündeten. »Sehen Sie das chemische +Kunststückchen,« sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus +dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. -- Im Linkeschen Bade +trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, daß er, sonst +ein gutmütiger stiller Mann, anfing in einem quäkenden Tenor Burschenlieder +zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und +endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mußte, als der +Archivarius Lindhorst schon längst auf und davon war. + + + + +NEUNTE VIGILIE + + +Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. -- Die +Punschgesellschaft. -- Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann für +einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzürnte. -- Der Tintenklecks und +seine Folgen. + + +Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich +begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt. Er sah keinen +seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte +Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß. Und doch, indem sein ganzes Gemüt +der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius +Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika +denken, ja manchmal schien es ihm als träte sie zu ihm hin und gestehe +errötend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den +Phantomen, von denen er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen. +Zuweilen war es, als risse eine fremde, plötzlich auf ihn einbrechende +Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr +folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mädchen. Gerade +in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer +wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis +der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange offenbar worden, +trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. -- Ja! -- erst als er +erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt habe, da er +überzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck +eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß es ihre innige +Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung +hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben geraten +werde. Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie +kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine +Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime +magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine +Nebenstraße einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend +laut rief: »Ei, ei! -- wertester Herr Anselmus! -- Amice! -- Amice! wo um +des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr +sehen -- wissen Sie wohl, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins +mit Ihnen zu singen? -- Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!« +Der Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das +Haus traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet +entgegen, so daß der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum +so geputzt, hat man denn Besuch erwartet? -- aber hier bringe ich den Herrn +Anselmus! -- Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die +Hand küßte, fühlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle +Fibern und Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst, +und als Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wußte sie durch +allerhand Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, daß +er alle Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mädchen im +Zimmer herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der Dämon des Ungeschicks +über den Hals, er stieß an den Tisch und Veronikas niedliches Nähkästchen +fiel herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es +blinkte ihm ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz +eigner Lust hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte +die Hand auf seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm über +die Schulter auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein +Kampf in seinem Innern: -- Gedanken -- Bilder -- blitzten hervor und +vergingen wieder -- der Archivarius Lindhorst -- Serpentina -- die grüne +Schlange -- endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und +gestaltete sich zum deutlichen Bewußtsein. Ihm wurde es nun klar, daß er +nur beständig an Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern +in dem blauen Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die +phantastische Sage von der Vermählung des Salamanders mit der grünen +Schlange ja nur von ihm geschrieben, keineswegs aber erzählt worden sei. Er +wunderte sich selbst über seine Träumereien und schrieb sie lediglich +seinem durch die Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der +Arbeit bei dem Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch überdem +so sonderbar betäubend dufte. Er mußte herzlich über die tolle Einbildung +lachen, in eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten +geheimen Archivarius für einen Salamander zu halten. »Ja, ja! -- es ist +Veronika!« rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade +in Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten. +Ein dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den +seinigen brannten. »O ich Glücklicher!« seufzte der entzückte Student, »was +ich gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil.« -- +»Und willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?« +fragte Veronika. »Allerdings!« antwortete der Student Anselmus; indem +knarrte die Tür und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein: +»Nun, wertester Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen +vorlieb mit einer Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen +Kaffee, den wir mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen +versprochen, genießen.« -- »Ach, bester Herr Konrektor,« erwiderte der +Student Anselmus, »wissen Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst +muß, des Abschreibens wegen?« -- »Schauen Sie Amice!« sagte der Konrektor +Paulmann, indem er ihm die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies. +Der Student Anselmus sah nun wohl ein, daß es viel zu spät sei zu dem +Archivarius Lindhorst zu wandern und fügte sich den Wünschen des Konrektors +um so lieber, als er nun die Veronika den ganzen Tag über schauen und wohl +manchen verstohlenen Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja +wohl gar einen Kuß zu erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die +Wünsche des Studenten Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute, +je mehr er sich überzeugte, daß er bald von all den phantastischen +Einbildungen befreit sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum +wahnwitzigen Narren hätten machen können. -- Der Registrator Heerbrand fand +sich wirklich nach Tische ein und als der Kaffee genossen und die Dämmerung +bereits eingebrochen, gab er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu +verstehen: er trage etwas mit sich, was durch Veronikas schöne Hände +gemischt und in gehörige Form gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert, +ihnen allen an dem kühlen Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken +Sie denn nur heraus mit dem geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, +geschätztester Registrator,« rief der Konrektor Paulmann; aber der +Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte +in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. +Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf +Paulmanns Tische. Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei +gemütliche muntere Gespräche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten +Anselmus der Geist des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des +Wunderbaren, Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück. Er sah +den Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor +erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde +ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben; es +brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch, +und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!« +seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator +Heerbrand rief ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand +klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. -- Nun, er soll +leben! stoßen Sie an, Herr Anselmus!« -- Da fuhr der Student Anselmus auf +aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand +anstieß: »Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der +Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten +des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne +Schlange davongeflogen.« -- »Wie -- was?« fragte der Konrektor Paulmann. +-- »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort, »deshalb muß er nun königlicher +Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirtschaften, +die aber weiter nichts sind als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in +Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken +wie die Sirenen.« -- »Herr Anselmus, Herr Anselmus!« rief der Konrektor +Paulmann, »rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen +Sie für ungewaschenes Zeug?« -- »Er hat Recht,« fiel der Registrator +Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander, +der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den +Überrock brennen wie glühender Schwamm. -- Ja, ja, Du hast Recht, +Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und damit +schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die +Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste +Konrektor. -- »Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun +wieder an?« -- »Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als +ein Vogel -- ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« -- +»Was? -- ich ein Vogel -- ein Schuhu -- ein Friseur?« -- schrie der +Konrektor voller Zorn -- »Herr, Sie sind toll -- toll!« -- »Aber die Alte +kommt ihm über den Hals,« rief der Registrator Heerbrand. -- »Ja, die Alte +ist mächtig,« fiel der Student Anselmus ein, »unerachtet sie nur von +niederer Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch +und ihre Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie +allerlei feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.« +-- »Das ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit zornglühenden +Augen, »die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine +feindliche Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten +und ihr Cousin germain.« -- »Kann der Salamander fressen, ohne sich den +Bart zu versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator +Heerbrand. »Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr +wird er das können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein +kindliches Gemüt und habe Serpentinas Augen geschaut.« -- »Die wird der +Kater auskratzen,« rief Veronika. -- »Salamander -- Salamander bezwingt sie +alle -- alle,« brüllte der Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin +ich in einem Tollhause? bin ich selbst toll? -- was schwatze ich denn für +wahnwitziges Zeug? -- Ja ich bin auch toll -- auch toll!« -- Damit sprang +der Konrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte +sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im +gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten. Da ergriffen +der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die +Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die +Scherben klirrend und klingend umhersprangen. »Vivat Salamander! -- pereat +-- pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen +aus! -- Vöglein -- Vöglein aus den Lüften -- Eheu -- Eheu -- Evoe +-- Salamander!« -- So schrien und brüllten die Drei wie Besessene +durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika lag +winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf, alles +war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen +herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich +zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor +allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß +sie eher eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!« +schnarrte das possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus +Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und +er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse +er schönstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit +schritt er wieder zur Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das +gravitätische Männlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor +Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch +das Zimmer dröhnte und dazwischen winselte und ächzte Veronika wie von +namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der +Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch +die Straßen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf +trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn +im Rausch so geängstigt habe und er möge sich nur vor neuen Einbildungen +hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. »Gute Nacht, gute +Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika und hauchte einen Kuß +auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die +Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Nun +mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches lachen; aber +indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem behaglichen +Gefühl durchdrungen. + +[Illustration: Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des +Achivarius Lindhorst] + +Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich +von meinen albernen Grillen zurückgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es +nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die +Stube nicht verließ, aus Furcht von den Hühnern gefressen zu werden, weil +er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat +geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin +glücklich. -- Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst +ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so +seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche +Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke und dergleichen. Statt +der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige +Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei +erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch +ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die +natürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden +Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können. -- Der Archivarius +sah ihn mit einem ganz eignen ironischen Lächeln an und fragte: »Nun, wie +hat Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?« -- »Ach gewiß +hat Ihnen der Papagei,« -- erwiderte der Student Anselmus ganz beschämt; +aber er stockte: denn er dachte nun wieder daran, daß auch die Erscheinung +des Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. »Ei, ich war +ja selbst in der Gesellschaft,« fiel der Archivarius Lindhorst ein, »haben +Sie mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt, +wäre ich beinahe hart beschädigt worden; denn ich saß eben in dem +Augenblicke noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach +griff, um sie gegen die Decke zu schleudern und mußte mich schnell in des +Konrektors Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! -- seien Sie +fleißig, auch für den gestrigen versäumten Tag zahle ich den Speziestaler, +da Sie bisher so wacker gearbeitet.« -- »Wie kann der Archivarius nur solch +tolles Zeug faseln!« sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte +sich an den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der +Archivarius wie gewöhnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der +Pergamentrolle so viele sonderbare krause Züge und Schnörkel durcheinander, +die, ohne dem Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten, +daß es ihm beinahe unmöglich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem +Überblick des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor +oder ein mit Moosen durchsprenkelter Stein. -- Er wollte dessen unerachtet +das Mögliche versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte +wollte durchaus nicht fließen, er spritzte die Feder ungeduldig aus und -- +o Himmel! ein großer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend +und brausend fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlängelte sich +krachend durch das Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf +aus den Wänden, die Blätter fingen an zu rauschen wie vom Sturme +geschüttelt und aus ihnen schossen blinkende Basilisken im flackernden +Feuer herab, den Dampf entzündend, daß die Flammenmassen prasselnd sich um +den Anselmus wälzten. Die goldnen Stämme der Palmbäume wurden zu +Riesenschlangen, die ihre gräßlichen Häupter in schneidendem Metallklange +zusammenstießen und mit den geschuppten Leibern den Anselmus umwanden. +»Wahnsinniger! erleide nun die Strafe dafür, was Du im frechen Frevel +tatest!« -- So rief die fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der +über den Schlangen wie ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und +nun sprühten ihre aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und +es war als verdichteten sich die Feuerströme um seinen Körper und würden +zur festen eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger +sich zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder +zu sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von +einem glänzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand +erheben oder sonst sich rühren, stieß. -- Ach! er saß in einer +wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer +des Archivarius Lindhorst. + +[Illustration: Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche] + + + + +ZEHNTE VIGILIE + + +Die Leiden des Studenten Anselmus in der gläsernen Flasche. -- Glückliches +Leben der Kreuzschüler und Praktikanten. -- Die Schlacht im +Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. -- Sieg des Salamanders und +Befreiung des Studenten Anselmus. + + +Mit Recht darf ich zweifeln, daß Du, günstiger Leser, jemals in einer +gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, daß ein +lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen +befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten +Anselmus recht lebhaft fühlen. Hast Du aber auch dergleichen nie geträumt, +so schließt Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl +auf einige Augenblicke in das Kristall ein. -- Du bist von blendendem +Glanze dicht umflossen, alle Gegenstände ringsumher erscheinen Dir von +strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben -- alles zittert und +wankt und dröhnt im Schimmer -- Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie +in einem festgefrornen Äther, der Dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens +dem toten Körper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger drückt die +zentnerschwere Last Deine Brust -- immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug +die Lüftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten -- Deine +Pulsadern schwellen auf und von gräßlicher Angst durchschnitten zuckt jeder +Nerv im Todeskampfe blutend. -- Habe Mitleid, günstiger Leser, mit dem +Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem gläsernen +Gefängnisse ergriff; aber er fühlte wohl, daß der Tod ihn nicht erlösen +könne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im Übermaß +seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und +freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte +kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im +mißtönenden Klange betäubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist +sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. -- +Da schrie er auf in Verzweiflung: »O Serpentina -- Serpentina, rette mich +von dieser Höllenqual!« Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die +legten sich um die Flasche wie grüne durchsichtige Holunderblätter; das +Tönen hörte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er +atmete freier. »Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst +Schuld? ach! habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina +gefrevelt? habe ich nicht schnöde Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht +den Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch beglücken +sollte? Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, für mich ist der goldne +Topf verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein +einziges Mal möcht' ich Dich sehen, Deine holde süße Stimme hören, +liebliche Serpentina!« -- So klagte der Student Anselmus von tiefem +schneidendem Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: »Ich weiß +garnicht was Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so über alle +Maßen?« -- Der Student Anselmus wurde gewahr, daß neben ihm auf demselben +Repositorium noch fünf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzschüler +und zwei Praktikanten erblickte. -- »Ach, meine Herren und Gefährten im +Unglück,« rief er aus, »wie ist es Ihnen denn möglich, so gelassen, ja so +vergnügt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja +doch eben so gut eingesperrt in gläsernen Flaschen als ich und können sich +nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vernünftiges denken, ohne daß +ein Mordlärmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne daß es Ihnen im +Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewiß nicht an +den Salamander und an die grüne Schlange!« -- Sie faseln wohl, mein Herr +Studiosus,« erwiderte ein Kreuzschüler, »nie haben wir uns besser befunden +als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius +erhalten für allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir dürfen jetzt +keine italienischen Chöre mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage +zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl +schmecken, sehen auch wohl einem hübschen Mädchen in die Augen, singen wie +wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergnügt.« -- »Die +Herren haben ganz recht,« fiel ein Praktikant ein, »auch ich bin mit +Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und +spaziere fleißig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei +zwischen vier Wänden zu sitzen.« -- »Aber meine besten wertesten Herren,« +sagte der Student Anselmus, »spüren Sie es denn nicht, daß Sie alle samt +und sonders in gläsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen, +viel weniger umherspazieren können?« -- Da schlugen die Kreuzschüler und +die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: »Der Studiosus ist toll, +er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen und steht auf der +Elbbrücke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!« +-- »Ach,« seufzte der Student, »die schauten niemals die holde Serpentina, +sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb +spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander +bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Unglücklicher +werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich +liebe, mich nicht rettet.« -- Da wehte und säuselte Serpentina's Stimme +durch das Zimmer: »Anselmus! glaube, liebe, hoffe!« -- Und jeder Laut +strahlte in das Gefängnis des Anselmus hinein und das Kristall mußte seiner +Gewalt weichen und sich ausdehnen, daß die Brust des Gefangenen sich regen +und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes +und er merkte wohl, daß ihn Serpentina noch liebe und daß nur _sie_ es +sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall erträglich mache. Er bekümmerte +sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Unglücksgefährten, sondern richtete +Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. -- Aber plötzlich entstand +von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald +deutlich bemerken, daß dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit +halbzerbrochenem Deckel herrührte, die ihm gegenüber auf einem kleinen +Schrank hingestellt war. Sowie er schärfer hinschaute, entwickelten sich +immer mehr die garstigen Züge eines alten verschrumpften Weibergesichts und +bald stand das Äpfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die +grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: »Ei, ei, +Kindchen! -- mußt Du nun ausharren? -- Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich +Dir's nicht längst vorausgesagt?« -- »Höhne und spotte nur, Du verdammtes +Hexenweib,« sagte der Student Anselmus, »Du bist Schuld an allem, aber der +Salamander wird Dich treffen, Du schnöde Runkelrübe!« -- »Ho, ho!« +erwiderte die Alte, »nur nicht so stolz! Du hast meinen Söhnlein ins +Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir +gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein Töchterchen +ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn +ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau +Gevatterin, die Ratte, welche gleich über Dir auf dem Boden wohnt, die soll +das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und +ich fange Dich auf in der Schürze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlägst, +sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhältst und ich trage Dich flugs zu +Mamsell Veronika, die mußt Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden.« -- »Laß +ab von mir, Satansgeburt,« schrie der Student Anselmus voller Grimm, »nur +Deine höllischen Künste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun +abbüßen muß. -- Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich +sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfängt! -- Hör' es +Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur +Serpentina -- ich will nie Hofrat werden -- nie die Veronika schauen, die +mich durch Dich zum Bösen verlockt! -- Kann die grüne Schlange nicht mein +werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! -- Hebe Dich weg +-- hebe Dich weg -- Du schnöder Wechselbalg!« -- Da lachte die Alte auf, +daß es im Zimmer gellte und rief: »So sitze denn und verderbe, aber nun +ist's Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Geschäft hier ist noch von anderer +Art.« -- Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter +Nacktheit, dann fuhr sie in Kreisen umher und große Folianten stürzten +herab, aus denen riß sie Pergamentblätter, und diese im künstlichen Gefüge +schnell zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen +seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuersprühend sprang der +schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und +heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Tür +verschwand. Anselmus merkte, daß sie nach dem blauen Zimmer gegangen und +bald hörte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vögel im Garten +schrien, der Papagei schnarrte: »Rette -- rette! Raub -- Raub!« -- In dem +Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurückgesprungen, den goldenen Topf auf +dem Arm tragend und mit gräßlicher Geberde wild durch die Lüfte schreiend: +»Glück auf! -- Glück auf! -- Söhnlein -- töte die grüne Schlange! auf, +Söhnlein, auf!« -- Es war dem Anselmus als höre er ein tiefes Stöhnen, als +höre er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung. +-- Er raffte alle seine Kräfte zusammen; er stieß mit Gewalt, als sollten +Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall -- ein schneidender Klang +fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Tür in seinem +glänzenden damastnen Schlafrock; »Hei, hei! Gesindel, toller Spuk +-- Hexenwerk -- hierher -- heisa!« So schrie er. Da richteten sich die +schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen +erglänzten von höllischem Feuer und die spitzigen Zähne des weiten Rachens +zusammenbeißend, zischte sie: »frisch -- frisch 'raus -- zisch aus, zisch +aus! und lachte und meckerte höhnend und spottend und drückte den goldnen +Topf fest an sich und warf daraus Fäuste voll glänzender Erde auf den +Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berührte, wurden Blumen +daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des +Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer +brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in +die Höhe sprang und den pergamentnen Harnisch schüttelte, verlöschten die +Lilien und zerfielen in Asche. »Frisch darauf, mein Junge!« kreischte die +Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Tür über +den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und faßte +ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, daß rotes feuriges Blut ihm aus dem +Halse stürzte und Serpentina's Stimme rief: »Gerettet! -- gerettet!« -- Die +Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den +Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der dürren Fäuste +emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser riß schnell den +Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und +sprühten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblättern +und die Alte wälzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde +aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentblätter aus den Büchern zu +erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang +Erde oder Pergamentblätter auf sich zu stürzen, verlöschte das Feuer. Aber +nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen +auf die Alte. »Hei, hei! drauf und dran -- Sieg dem Salamander!« dröhnte +die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze +schlängelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und +brausend fuhren in wütendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich +schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den +Krallen ihn durchspießend und festhaltend, daß er in der Todesnot gräßlich +heulte und ächzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glühenden +Augen aus, daß der brennende Gischt herausspritzte. -- Dicker Qualm strömte +da empor, wo die Alte zur Erde niedergestürzt unter dem Schlafrock gelegen; +ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in +weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet, +verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag +eine garstige Runkelrübe. »Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den +überwundenen Feind,« sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius +Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. »Sehr gut, mein +Lieber,« antwortete der Archivarius, »hier liegt auch meine überwundene +Feindin, besorgen Sie gütigst nunmehr das Übrige; noch heute erhalten Sie +als ein kleines Douceur sechs Kokosnüsse und eine neue Brille, da, wie ich +sehe, der Kater Ihnen die Gläser schändlich zerbrochen.« -- »Lebenslang der +Ihrige, verehrungswürdiger Freund und Gönner!« versetzte der Papagei sehr +vergnügt, nahm die Runkelrübe in den Schnabel und flatterte damit zum +Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geöffnet. + +[Illustration: Der Rauch verdampfte] + +Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: »Serpentina, +Serpentina!« -- Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut über den +Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den +Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des +Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Würde zu ihm +hinaufschaute. -- »Anselmus,« sprach der Geisterfürst, »nicht Du, sondern +nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in Dein Inneres zu dringen und +Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben. +Du hast Deine Treue bewährt, sei frei und glücklich.« Ein Blitz zuckte +durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken +ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen -- seine Fibern und +Nerven erbebten -- aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch +das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er +stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina. + + + + +ELFTE VIGILIE + + +Des Konrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene +Tollheit. -- Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im stärksten +Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging. -- Veronika's +Geständnisse. -- Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel. + + +Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der +vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis +treiben konnte?« -- Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern +Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in +dessen Mitte die unglückliche Perücke in ihre ursprünglichen Bestandteile +aufgelöst im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur Tür +hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der +Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den +Köpfen aneinander rennend, bis Fränzchen den schwindligen Papa mit vieler +Mühe ins Bett brachte und der Registrator in höchster Ermattung aufs Sofa +sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flüchtend, verlassen. Der +Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt, +sah ganz blaß und melancholisch aus und stöhnte: »Ach, werter Konrektor, +nicht der Punsch, den Mamsell Veronika köstlich bereitet, nein! -- sondern +lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie +denn nicht, daß er schon längst mente captus ist? Aber wissen Sie denn +nicht auch, daß der Wahnsinn ansteckt? -- Ein Narr macht viele; verzeihen +Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorzüglich, wenn man ein Gläschen +getrunken, da gerät man leicht in die Tollheit und manövriert unwillkürlich +nach und bricht aus in die Exercitia, die der verrückte Flügelmann +vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, daß mir noch ganz schwindlig ist, +wenn ich an den grauen Papagei denke?« -- »Ach was,« fiel der Konrektor +ein, »Possen! -- es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der +einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.« -- »Es +kann sein,« versetzte der Registrator Heerbrand, »aber ich muß gestehen, +daß mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht über hat es so +wunderlich georgelt und gepfiffen.« -- »Das war ich«, erwiderte der +Konrektor, »denn ich schnarche stark.« -- »Nun, mag das sein,« fuhr der +Registrator fort, »aber Konrektor, Konrektor! -- nicht ohne Ursache hatte +ich gestern dafür gesorgt, uns einige Fröhlichkeit zu bereiten -- aber der +Anselmus hat mir alles verdorben. -- Sie wissen nicht -- o Konrektor, +Konrektor!« -- Der Registrator Heerbrand sprang auf, riß das Tuch vom +Kopfe, umarmte den Konrektor, drückte ihm feurig die Hand, rief noch einmal +ganz herzbrechend: »O Konrektor, Konrektor!« und rannte Hut und Stock +ergreifend schnell von dannen. »Der Anselmus soll mir nicht mehr über die +Schwelle,« sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, »denn ich sehe nun +wohl, daß er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr +bißchen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert -- ich habe +mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark +anklopfte, könnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben. +-- Also apage Satanas! -- fort mit dem Anselmus!« -- Veronika war ganz +tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lächelte nur zuweilen ganz +seltsam und war am liebsten allein. »Die hat Anselmus auch auf der Seele«, +sagte der Konrektor voller Bosheit, »aber es ist gut, daß er sich garnicht +sehen läßt, ich weiß, daß er sich vor mir fürchtet -- der Anselmus, deshalb +kommt er garnicht her.« Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut, +da stürzten der Veronika, die eben gegenwärtig, die Tränen aus den Augen +und sie seufzte: »Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon +längst in die gläserne Flasche eingesperrt.« -- »Wie? was?« rief der +Konrektor Paulmann. »Ach Gott -- ach Gott, auch sie faselt schon wie der +Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. -- Ach du verdammter +abscheulicher Anselmus!« -- Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der +lächelte und sagte wieder: »Ei, ei!« -- Er verschrieb aber nichts, sondern +setzte dem wenigen, was er geäußert, noch weggehend hinzu: »Nervenzufälle! +-- wird sich geben von selbst -- in die Luft führen -- spazieren fahren +-- sich zerstreuen -- Theater -- Sonntagskind -- Schwestern von Prag -- +wird sich geben!« -- »So beredt war der Doktor selten,« dachte der +Konrektor Paulmann, »ordentlich geschwätzig.« -- Mehrere Tage und Wochen +und Monate waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der +Registrator Heerbrand ließ sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da +trat er in einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und +seidenen Strümpfen, des starken Frostes unerachtet, einen großen Strauß +lebendiger Blumen in der Hand, mittags Punkt zwölf Uhr in das Zimmer des +Konrektors Paulmann, der nicht wenig über seinen geputzten Freund +erstaunte. Feierlich schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor +los, umarmte ihn mit feinem Anstande und sprach dann: »Heute an dem +Namenstage Ihrer lieben verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn +nun alles gerade heraussagen, was mir längst auf dem Herzen gelegen! +Damals, an dem unglücklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem +verderblichen Punsch in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es +im Sinn, eine freudige Nachricht Ihnen mitzuteilen und den glückseligen Tag +in Fröhlichkeit zu feiern; schon damals hatte ich es erfahren, daß ich +Hofrat geworden, über welche Standeserhöhung ich jetzt das Patent cum +nomine et sigillo principis erhalten und in der Tasche trage.« -- »Ach, +ach! Herr Registr -- Herr Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen,« stammelte +der Konrektor. -- »Aber Sie, verehrter Konrektor,« fuhr der nunmehrige +Hofrat Heerbrand fort: »Sie können erst mein Glück vollenden. Schon längst +habe ich die Mamsell Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches +freundlichen Blickes rühmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich +gezeigt, daß sie mir wohl nicht abhold sein dürfte. Kurz, verehrter +Konrektor! -- ich, der Hofrat Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer +liebenswürdigen Demoiselle Tochter Veronika, die ich, haben Sie nichts +dagegen, in kurzer Zeit heimzuführen gedenke.« -- Der Konrektor Paulmann +schlug voll Verwunderung die Hände zusammen und rief: »Ei -- Ei -- Ei -- +Herr Registr -- Herr Hofrat wollte ich sagen, wer hätte das gedacht! -- +Nun, wenn Veronika Sie in der Tat liebt, ich meines Teils habe nichts +dagegen; vielleicht ist auch ihre jetzige Schwermut nur eine versteckte +Verliebtheit in Sie, verehrter Hofrat; man kennt ja die Possen.« -- In dem +Augenblick trat Veronika herein, blaß und verstört, wie sie jetzt +gewöhnlich war. Da schritt der Hofrat Heerbrand auf sie zu, erwähnte in +wohlgesetzter Rede ihres Namenstages und überreichte ihr den duftenden +Blumenstrauß nebst einem kleinen Päckchen, aus dem ihr, als sie es öffnete, +ein paar glänzende Ohrgehänge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende +Röte färbte ihre Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: »Ei, +mein Gott! Das sind ja dieselben Ohrgehänge, die ich schon vor mehreren +Wochen trug und mich daran ergötzte!« -- »Wie ist denn das möglich?« fiel +der Hofrat Heerbrand etwas bestürzt und empfindlich ein, »da ich dieses +Geschmeide erst seit einer Stunde in der Schloßgasse für schmähliches Geld +erkauft?« -- Aber die Veronika hörte nicht darauf, sondern stand schon vor +dem Spiegel, um die Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen +Öhrchen gehängt, zu erforschen. Der Konrektor Paulmann eröffnete ihr mit +gravitätischer Miene und mit ernstem Ton die Standeserhöhung Freund +Heerbrands und seinen Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit +durchdringendem Blick an und sprach: »Das wußte ich längst, daß Sie mich +heiraten wollten. -- Nun es sei! -- ich verspreche Ihnen Herz und Hand, +aber ich muß Ihnen nur gleich -- Ihnen Beiden nämlich, dem Vater und dem +Bräutigam, manches entdecken, was mir recht schwer in Sinn und Gedanken +liegt -- jetzt gleich, und sollte darüber die Suppe kalt werden, die, wie +ich sehe, Fränzchen soeben auf den Tisch setzt.« Ohne des Konrektors und +des Hofrats Antwort abzuwarten, unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf +den Lippen schwebten, fuhr Veronika fort: »Sie können es mir glauben, +bester Vater, daß ich den Anselmus recht von Herzen liebte und als der +Registrator Heerbrand, der nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der +Anselmus könne es wohl zu so etwas bringen, beschloß ich, er und kein +anderer solle mein Mann werden. Da schien es aber, als wenn fremde +feindliche Wesen ihn mir entreißen wollten und ich nahm meine Zuflucht zu +der alten Lise, die ehemals meine Wärterin war und jetzt eine weise Frau, +eine große Zauberin ist. _Die_ versprach mir zu helfen und den Anselmus mir +ganz in die Hände zu liefern. Wir gingen Mitternachts in der Tag- und +Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie beschwor die höllischen Geister und mit +Hilfe des schwarzen Katers brachten wir einen kleinen Metallspiegel zu +Stande, in den ich, meine Gedanken auf den Anselmus richtend, nur blicken +durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken zu beherrschen. -- Aber ich bereue +jetzt herzlich das alles getan zu haben, ich schwöre allen Satanskünsten +ab. Der Salamander hat über die Alte gesiegt, ich hörte ihr Jammergeschrei, +aber es war keine Hilfe möglich, sowie sie als Runkelrübe vom Papagei +verzehrt worden, zerbrach mit schneidendem Klange mein Metallspiegel.« +Veronika holte die beiden Stücke des zerbrochenen Spiegels und eine Locke +aus dem Nähkästchen und beides dem Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie +fort: »Hier nehmen Sie, geliebter Hofrat, die Stücke des Spiegels, werfen +Sie sie heute Nacht um zwölf Uhr von der Elbbrücke, und zwar von da wo das +Kreuz steht, hinab in den Strom, der dort nicht zugefroren, die Locke aber +bewahren Sie auf treuer Brust. Ich schwöre nochmals allen Satanskünsten ab +und gönne dem Anselmus herzlich sein Glück, da er nunmehr mit der grünen +Schlange verbunden, die viel schöner und reicher ist als ich. Ich will Sie, +geliebter Hofrat, als eine rechtschaffene Frau lieben und verehren!« -- +»Ach Gott! -- ach Gott!« rief der Konrektor Paulmann voller Schmerz, »sie +ist wahnsinnig, sie ist wahnsinnig -- sie kann nimmermehr Frau Hofrätin +werden -- sie ist wahnsinnig!« -- »Mit nichten,« fiel der Hofrat Heerbrand +ein, »ich weiß wohl, daß Mamsell Veronika eine Neigung für den vertrackten +Anselmus gehegt, und es mag sein, daß sie vielleicht in einer gewissen +Überspannung sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl +niemand anders sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegießerin vor dem +Seetore, kurz, die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, daß es +wirklich wohl geheime Künste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr +ihren feindlichen Einfluß äußern, man liest schon davon in den Alten; was +aber Mamsell Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung +des Anselmus mit der grünen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine +poetische Allegorie -- gleichsam ein Gedicht, worin sie den gänzlichen +Abschied von dem Studenten besungen.« -- »Halten Sie das wofür Sie wollen, +bester Hofrat!« fiel Veronika ein, »vielleicht für einen recht albernen +Traum.« -- »Keineswegs tue ich das,« versetzte der Hofrat Heerbrand, »denn +ich weiß ja wohl, daß der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die +ihn zu allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.« Länger konnte +der Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: »Halt, um Gottes +willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder übernommen im verdammten +Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen +Sie denn auch wieder für Zeug? -- Ich will indessen glauben, daß es die +Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der +Ehe, sonst wäre mir bange, daß auch _Sie_ in einigen Wahnsinn +verfallen, verehrungswürdiger Hofrat und würde dann Sorge tragen wegen der +Deszendenz, die das malum der Eltern vererben könnte. -- Nun, ich gebe +meinen väterlichen Segen zu der fröhlichen Verbindung und erlaube, daß Ihr +Euch als Braut und Bräutigam küsset.« Dies geschah sofort und es war, noch +ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die förmliche Verlobung +geschlossen. Wenige Wochen nachher saß die Frau Hofrätin Heerbrand +wirklich, wie sie sich schon früher im Geiste erblickt, in dem Erker eines +schönen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lächelnd auf die Elegants +hinab, die vorübergehend und hinauflorgnettierend sprachen: »Es ist doch +eine göttliche Frau, die Hofrätin Heerbrand!« -- -- + + + + +ZWÖLFTE VIGILIE + + +Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst +Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. -- Beschluß. + + +Wie fühlte ich recht in der Tiefe des Gemüts die hohe Seligkeit des +Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun +nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er für die +Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erfüllte Brust +schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, günstiger +Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur +einigermaßen in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die +Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich fühlte mich befangen in den Armseligkeiten +des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in quälendem Mißbehagen, ich +schlich umher wie ein Träumender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des +Studenten Anselmus, den ich Dir, günstiger Leser, in der vierten Vigilie +beschrieben. Ich härmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich +glücklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, daß es mir wohl +niemals vergönnt sein werde, die zwölfte als Schlußstein hinzuzufügen: denn +so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es +als hielten mir recht tückische Geister (es mochten wohl Verwandte +-- vielleicht cousins germains der getöteten Hexe sein) ein glänzend +poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, blaß, übernächtig und +melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. -- Da +warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem +glücklichen Anselmus und der holden Serpentina zu träumen. So hatte das +schon mehrere Tage und Nächte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von +dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes +schrieb: + +Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale +meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters +Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und quälen sich jetzt sehr ab, in der +zwölften und letzten Vigilie einiges von seinem glücklichen Leben in +Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das hübsche Rittergut, +welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe, +daß Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich +vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend +Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende +Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und +mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten könne, und +inwiefern ihm überhaupt solide Geschäfte anzuvertrauen, da nach Gabalis und +Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen -- unerachtet nun +meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich könnte +in plötzlichem Übermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und +Sonntagsrock verderben -- unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew. +Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel +Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich +wäre die beiden übrigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die +zwölfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten fünf Treppen +hinunter, verlassen Sie Ihr Stübchen und kommen Sie zu mir. Im blauen +Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die gehörigen +Schreibmaterialien und Sie können dann mit wenigen Worten den Lesern kund +tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitläufige +Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom Hörensagen kennen. Mit +Achtung + + Ew. Wohlgeboren ergebenster + + der Salamander Lindhorst + p. t. königl. geh. Archivarius. + +Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des +Archivarius Lindhorst war mir höchst angenehm. Zwar schien es gewiß, daß +der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines +Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir +selbst, günstiger Leser, verschweigen mußte, wohl unterrichtet sei, aber er +hatte das nicht so übel vermerkt, als ich wohl befürchten konnte. Er bot ja +selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit +Recht schließen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, daß +seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt +werde. Es kann sein, dachte ich, daß er selbst die Hoffnung daraus schöpft, +desto eher seine beiden noch übrigen Töchter an den Mann zu bringen, denn +vielleicht fällt doch ein Funke in dieses oder jenes Jünglings Brust, der +die Sehnsucht nach der grünen Schlange entzündet, welche er dann in dem +Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglück, das +den Anselmus betroffen, als er in die gläserne Flasche gebannt wurde, wird +er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht +ernstlich zu hüten. Punkt elf Uhr löschte ich meine Studierlampe aus und +schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete. +»Sind Sie da -- Hochverehrter! -- nun das ist mir lieb, daß Sie meine +guten Absichten nicht verkennen -- kommen Sie nur!« -- Und damit führte er +mich durch den von blendendem Glanze erfüllten Garten in das azurblaue +Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der +Anselmus gearbeitet. -- Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber +gleich wieder mit einem schönen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine +blaue Flamme hoch emporknisterte. »Hier,« sprach er, »bringe ich Ihnen das +Lieblingsgetränk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. -- +Es ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie +was weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner +Lust, und um, während Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten +Gesellschaft zu genießen, in dem Pokal auf- und niedersteigen.« -- »Wie es +Ihnen gefällig ist, verehrter Herr Archivarius,« versetzte ich; »aber wenn +ich nun von dem Getränk genießen will, werden Sie nicht« -- »Tragen Sie +keine Sorge, mein Bester!« rief der Archivarius, warf den Schlafrock +schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und +verschwand in den Flammen. -- Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise +weghauchend, von dem Getränk, es war köstlich! + + * * * * * + +Rühren sich nicht in sanftem Säuseln und Rauschen die smaragdenen Blätter +der Palmbäume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? -- Erwacht aus +dem Schlafe heben und regen sie sich und flüstern geheimnisvoll von den +Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentöne verkünden! -- Das +Azur löst sich von den Wänden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder, +aber blendende Strahlen schießen durch den Duft, der sich wie in +jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur +unermeßlichen Höhe, die sich über den Palmbäumen wölbt. -- Aber immer +blendender häuft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich +der unabsehbare Hain aufschließt, in dem ich den Anselmus erblicke. +-- Glühende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schönen Häupter +und ihre Düfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glücklichen zu: wandle, +wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst -- unser Duft ist die +Sehnsucht der Liebe -- wir lieben Dich und sind Dein immerdar! -- Die +goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe +entzündet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen +wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! -- Es rischeln und +rauschen die dunklen Büsche -- die hohen Bäume: Komme zu uns! +-- Glücklicher! -- Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser +kühler Schatten. Wir umsäuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns, +weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. -- Die Quellen und Bäche plätschern +und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser +Kristall -- Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast +uns verstanden! -- Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vöglein: Höre +uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe! +-- Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich +in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die +Kapitäle und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und +Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er +betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten +Stufen. »Ach nein,« ruft er wie im Übermaß des Entzückens, »sie ist nicht +mehr fern!« Da tritt in hoher Schönheit und Anmut Serpentina aus dem Innern +des Tempels, sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie +entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glüht in den +holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: »Ach, +Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen -- das Höchste ist +erfüllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« Anselmus +umschlingt sie mit der Inbrunst des glühendsten Verlangens -- die Lilie +brennt in flammenden Strahlen über seinem Haupte. Und lauter regen sich +die Bäume und die Büsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen +-- die Vögel -- allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln -- ein +frohes, freudiges, jubelndes Getümmel in der Luft -- in den Wässern -- auf +der Erde feiert das Fest der Liebe! -- Da zucken Blitze überall leuchtend +durch die Büsche -- Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde +-- hohe Springbäche strahlen aus den Quellen -- seltsame Düfte wehen mit +rauschendem Flügelschlag daher, -- es sind die Elementargeister, die der +Lilie huldigen und des Anselmus Glück verkünden. -- Da erhebt Anselmus das +Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklärung umflossen. -- Sind es Blicke? +-- sind es Worte? -- ist es Gesang? -- Vernehmlich klingt es: »Serpentina! +-- der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur +erschlossen! -- Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der +Urkraft der Erde, noch ehe Phosphorus den Gedanken entzündete, entsproß -- +sie ist die Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser +Erkenntnis lebe ich in höchster Seligkeit immerdar. -- Ja, ich +Hochbeglückter habe das Höchste erkannt -- ich muß Dich lieben ewiglich, o +Serpentina! -- nimmer verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie +Glaube und Liebe, ist ewig die Erkenntnis.« + + * * * * * + +Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute +in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Künsten des Salamanders und +herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem +Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich +von mir selbst aufgeschrieben fand. -- Aber nun fühlte ich mich von jähem +Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach glücklicher Anselmus, der Du die +Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden +Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude +auf Deinem Rittergut in Atlantis! -- Aber ich Armer! -- bald -- ja in +wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein +Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen und die +Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick +ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals +die Lilie schauen werde.« -- Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise +auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so! +-- Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch +dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres +innern Sinns? -- Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als +das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als +tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?« + + * * * * * + + Ende des Märchens. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF*** + + +******* This file should be named 17362-8.txt or 17362-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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T. A. Hoffmann, +Illustrated by Edmund Schaefer</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Der Goldene Topf</p> +<p>Author: E. T. A. Hoffmann</p> +<p>Release Date: December 20, 2005 [eBook #17362]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Robert Kropf<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (https://www.pgdp.net/)</h3> +<p> </p> +<div class="center"> +Transcriber's note: [ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos</div> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> + +<div class="figcenter"><img src="images/01.jpg" alt="Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden" title="Titelbild. Die Frauenkirche in Dresden" /></div> + +<h1>E.T.A. HOFFMANN:</h1> + +<h1>DER<br />GOLDENE TOPF</h1> + +<div class="center"> +<br /><br /> +MIT 11 FEDERZEICHNUNGEN VON EDMUND SCHAEFER<br /> +<br /><br /> +ERSTES BIS FÜNFTES TAUSEND<br /> +<br /><br /> +VERLAG VON GUSTAV KIEPENHEUER WEIMAR 1913<br /> +<br /><br /><br /> + +<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. --> + <a href="#ERSTE_VIGILIE"><b>ERSTE VIGILIE.</b></a><br /> + <a href="#ZWEITE_VIGILIE"><b>ZWEITE VIGILIE.</b></a><br /> + <a href="#DRITTE_VIGILIE"><b>DRITTE VIGILIE.</b></a><br /> + <a href="#VIERTE_VIGILIE"><b>VIERTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#FUNFTE_VIGILIE"><b>FÜNFTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#SECHSTE_VIGILIE"><b>SECHSTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#SIEBENTE_VIGILIE"><b>SIEBENTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#ACHTE_VIGILIE"><b>ACHTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#NEUNTE_VIGILIE"><b>NEUNTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#ZEHNTE_VIGILIE"><b>ZEHNTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#ELFTE_VIGILIE"><b>ELFTE VIGILIE</b></a><br /> + <a href="#ZWOLFTE_VIGILIE"><b>ZWÖLFTE VIGILIE</b></a><br /> +<!-- End Autogenerated TOC. --> +</div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ERSTE_VIGILIE" id="ERSTE_VIGILIE" ></a>ERSTE VIGILIE.</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Die Unglücksfälle des Studenten Anselmus. Des Konrektors Paulmann +Sanitätsknaster und die goldgrünen Schlangen.</p></div> + + +<p>Am Himmelfahrtstage, Nachmittags um drei Uhr rannte ein junger Mensch in +Dresden durchs schwarze Tor und geradezu in einen Korb mit Äpfeln und +Kuchen hinein, die ein altes häßliches Weib feilbot, so daß Alles, was der +Quetschung glücklich entgangen, hinausgeschleudert wurde, und die +Straßenjungen sich lustig in die Beute teilten, die ihnen der hastige Herr +zugeworfen. Auf das Zetergeschrei, das die Alte erhob, verließen die +Gevatterinnen ihre Kuchen- und Branntweintische, umringten den jungen +Menschen und schimpften mit pöbelhaftem Ungestüm auf ihn hinein, so daß er, +vor Ärger und Scham verstummend, nur seinen kleinen nicht eben besonders +gefüllten Geldbeutel hinhielt, den die Alte begierig ergriff und schnell +einsteckte. Nun öffnete sich der festgeschlossene Kreis, aber indem der +junge Mensch hinausschoß, rief ihm die Alte nach: Ja, renne — renne nur +zu, Satanskind — ins Kristall bald Dein Fall — ins Kristall! — Die +gellende, krächzende Stimme des Weibes hatte etwas Entsetzliches, so daß +die Spaziergänger verwundert still standen, und das Lachen, das sich erst +verbreitet, mit einem Mal verstummte. — Der Student Anselmus (niemand +anders war der junge Mensch) fühlte sich, unerachtet er des Weibes +sonderbare Worte durchaus nicht verstand, von einem unwillkürlichen Grausen +ergriffen, und er beflügelte noch mehr seine Schritte, um sich den auf ihn +gerichteten Blicken der neugierigen Menge zu entziehen. Wie er sich nun +durch das Gewühl geputzter Menschen durcharbeitete, hörte er überall +murmeln: »Der arme junge Mann — ei! über das verdammte Weib!« — Auf ganz +sonderbare Weise hatten die geheimnisvollen Worte der Alten dem +lächerlichen Abenteuer eine gewisse tragische Wendung gegeben, so daß man +dem vorhin ganz Unbemerkten jetzt teilnehmend nachsah. Die Frauenzimmer +verziehen dem wohlgebildeten Gesichte, dessen Ausdruck die Glut des innern +Grimms noch erhöhte, so wie dem kräftigen Wuchse des Jünglings alles +Ungeschick, so wie den ganz außer dem Gebiete aller Mode liegenden Anzug. +Sein hechtgrauer Frack war nämlich so zugeschnitten, als habe der +Schneider, der ihn gearbeitet, die moderne Form nur vom Hörensagen gekannt, +und das schwarzatlasne wohlgeschonte Unterkleid gab dem Ganzen einen +gewissen magistermäßigen Stil, dem sich nun wieder Gang und Stellung +durchaus nicht fügen wollte. — Als der Student schon beinahe das Ende der +Allee erreicht, die nach dem Linkschen Bade führt, wollte ihm beinahe der +Atem ausgehen. Er war genötigt langsamer zu wandeln; aber kaum wagte er den +Blick in die Höhe zu richten, denn noch immer sah er die Äpfel und Kuchen +um sich tanzen, und jeder freundliche Blick dieses oder jenes Mädchens war +ihm nur der Reflex des schadenfrohen Gelächters am schwarzen Tor. So war er +bis an den Eingang des Linkschen Bades gekommen; eine Reihe festlich +gekleideter Menschen nach der andern zog herein. Musik von Blasinstrumenten +ertönte von innen, und immer lauter und lauter wurde das Gewühl der +lustigen Gäste. Die Tränen wären dem armen Studenten Anselmus beinahe in +die Augen getreten; denn auch er hatte, da der Himmelfahrtstag immer ein +besonderes Familienfest für ihn gewesen, an der Glückseligkeit des +Linkschen Paradieses teilnehmen, ja er hatte es bis zu einer halben Portion +Kaffee mit Rum und einer Bouteille Doppelbier treiben wollen, und um so +recht schlampampen zu können, mehr Geld eingesteckt, als eigentlich erlaubt +und tunlich war. Und nun hatte ihn der fatale Tritt in den Äpfelkorb um +alles gebracht, was er bei sich getragen. An Kaffee, an Doppelbier, an +Musik, an den Anblick der geputzten Mädchen — kurz — an alle geträumten +Genüsse war nicht zu denken; er schlich langsam vorbei und schlug endlich +den Weg an der Elbe ein, der gerade ganz einsam war. Unter einem +Holunderbaume, der aus der Mauer hervorgesprossen, fand er ein +freundliches Rasenplätzchen; da setzte er sich hin und stopfte eine Pfeife +von dem Sanitätsknaster, den ihm sein Freund, der Konrektor Paulmann, +geschenkt. — Dicht vor ihm plätscherten und rauschten die goldgelben Wellen +des schönen Elbstroms; hinter demselben streckte das herrliche Dresden kühn +und stolz seine lichten Türme empor in den duftigen Himmelsgrund, der sich +hinabsenkte auf die blumigen Wiesen und frisch grünenden Wälder, und aus +tiefer Dämmerung gaben die zackichten Gebirge Kunde vom fernen Böhmerland. +Aber finster vor sich hinblickend blies der Student Anselmus die +Dampfwolken in die Luft, und sein Unmut wurde endlich laut, indem er +sprach: »Wahr ist es doch, ich bin zu allem möglichen Kreuz und Elend +geboren! — Daß ich niemals Bohnenkönig geworden, daß ich im Paar oder +Unpaar immer falsch geraten, daß mein Butterbrot immer auf die fette Seite +gefallen, von allem diesen Jammer will ich gar nicht reden: aber ist es +nicht ein schreckliches Verhängnis, daß ich, als ich denn doch nun dem +Satan zum Trotz Student geworden war, ein Kümmeltürke sein und bleiben +mußte? — Ziehe ich wohl je einen neuen Rock an, ohne gleich das erstemal +einen Talgfleck hineinzubringen, oder mir an einem übeleingeschlagenen +Nagel ein verwünschtes Loch hineinzureißen? Grüße ich wohl je einen Herrn +Hofrat oder eine Dame, ohne den Hut weit von mir zu schleudern, oder gar +auf dem glatten Boden auszugleiten und schändlich umzustülpen? Hatte ich +nicht schon in Halle jeden Markttag eine bestimmte Ausgabe von drei bis +vier Groschen für zertretene Töpfe, weil mir der Teufel in den Kopf setzt, +meinen Gang geradeaus zu nehmen, wie die Laminge? Bin ich denn ein einziges +Mal ins Kollegium, oder wo man mich sonst hinbeschieden, zu rechter Zeit +gekommen? Was half es, daß ich eine halbe Stunde vorher ausging und mich +vor die Tür hinstellte, den Drücker in der Hand? denn so wie ich mit dem +Glockenschlage aufdrücken wollte, goß mir der Satan ein Waschbecken über +den Kopf, oder ließ mich mit einem Heraustretenden zusammenrennen, daß ich +in tausend Händel verwickelt wurde und darüber Alles versäumte. — Ach! +ach! wo seid ihr hin, ihr seligen Träume künftigen Glücks, wie ich stolz +wähnte, ich könne es wohl hier noch bis zum geheimen Sekretär bringen! Aber +hat mir mein Unstern nicht die besten Gönner verfeindet? — Ich weiß, daß +der geheime Rat, an den ich empfohlen bin, verschnittenes Haar nicht leiden +mag; mit Mühe befestigt der Friseur einen kleinen Zopf an meinem +Hinterhaupt, aber bei der ersten Verbeugung springt die unglückselige +Schnur, und ein munterer Mops, der mich umschnüffelt, apportiert im Jubel +das Zöpfchen dem geheimen Rate. Ich springe erschrocken nach und stürze +über den Tisch, an dem er frühstückend gearbeitet hat, so daß Tassen, +Teller, Tintenfaß, Sandbüchse klirrend herabstürzen, und der Strom von +Schokolade und Tinte sich über die eben geschriebene Relation ergießt. +Herr, sind Sie des Teufels? brüllt der erzürnte geheime Rat und schiebt +mich zur Tür hinaus. — Was hilft es, daß mir der Konrektor Paulmann +Hoffnung zu einem Schreiberdienste gemacht hat? Wird es denn mein Unstern +zulassen, der mich überall verfolgt? — Nur noch heute! — Ich wollte den +lieben Himmelfahrtstag recht in der Gemütlichkeit feiern, ich wollte +ordentlich was daraufgehen lassen. Ich hätte eben so gut wie jeder andre +Gast in Linkes Bade stolz rufen können: Marqueur — eine Flasche Doppelbier +— aber vom besten bitte ich! — Ich hätte bis spät Abends sitzen können, +und noch dazu ganz nahe bei dieser oder jener Gesellschaft herrlich +geputzter schöner Mädchen. Ich weiß es schon, der Mut wäre mir gekommen, +ich wäre ein ganz anderer Mensch geworden; ja, ich hätte es so weit +gebracht, daß wenn diese oder jene gefragt: wie spät mag es wohl jetzt +sein? oder: was ist denn das, was sie spielen? da wäre ich mit leichtem +Anstande aufgesprungen, ohne mein Glas umzuwerfen, oder über die Bank zu +stolpern; mich in gebeugter Stellung anderthalb Schritte vorwärts bewegend, +hätte ich gesagt: Erlauben Sie, Mademoiselle, Ihnen zu dienen, es ist die +Ouvertüre aus dem Donauweibchen, oder: es wird gleich sechs Uhr schlagen. +— Hätte mir das ein Mensch in der Welt übel deuten können? — Nein! sage +ich, die Mädchen hätten sich so schalkhaft lächelnd angesehen, wie es wohl +zu geschehen pflegt, wenn ich mich ermutige zu zeigen, daß ich mich auch +wohl auf den leichten Weltton verstehe und mit Damen umzugehen weiß. Aber +da führt mich der Satan in den verwünschten Äpfelkorb, und nun muß ich in +der Einsamkeit meinen Sanitätsknaster — « Hier wurde der Student Anselmus +in seinem Selbstgespräche durch ein sonderbares Rieseln und Rascheln +unterbrochen, das sich dicht neben ihm im Grase erhob, bald aber in die +Zweige und Blätter des Holunderbaumes hinaufglitt, der sich über seinem +Haupte wölbte. Bald war es, als schüttle der Abendwind die Blätter, bald +als kosten Vöglein in den Zweigen, die kleinen Fittiche im mutwilligen +Hin- und Herflattern rührend. Da fing es an zu flüstern und zu lispeln, und +es war als ertönten die Blüten wie aufgehangene Kristallglöckchen. Anselmus +horchte und horchte. Da wurde, er wußte selbst nicht wie, das Gelispel und +Geflüster und Geklingel zu leisen halbverwehten Worten:</p> + +<div class="blockquot"><p>Zwischen durch — zwischen ein — zwischen Zweigen, zwischen + schwellenden Blüten, schwingen, schlängeln, schlingen wir uns — + Schwesterlein — Schwesterlein, schwinge dich im Schimmer — schnell, + schnell herauf — herab — Abendsonne schießt Strahlen, zischelt + der Abendwind — raschelt der Abendwind — raschelt der Tau — + Blüten singen — rühren wie Zünglein, singen wir mit Blüten und + Zweigen — Sterne bald glänzen — müssen herab — zwischen durch, + zwischen ein schlängeln, schlingen, schwingen wir uns + Schwesterlein. —</p></div> + +<p>So ging es fort im Sinne verwirrender Rede. Der Student Anselmus dachte: +das ist denn doch nur der Abendwind, der heute mit ordentlich +verständlichen Worten flüstert. — Aber in dem Augenblick ertönte es über +seinem Haupte wie ein Dreiklang heller Kristallglocken; er schaute hinauf +und erblickte drei in grünem Gold erglänzende Schlänglein, die sich um die +Zweige gewickelt hatten und die Köpfchen der Abendsonne entgegenstreckten. +Da flüsterte und lispelte es von neuem in jenen Worten, und die Schlänglein +schlüpften und kosten auf und nieder durch die Blätter und Zweige; und wie +sie sich so schnell rührten, da war es als streue der Holunderbusch tausend +funkelnde Smaragde durch seine dunklen Blätter. Das ist die Abendsonne, die +so in dem Holunderbusch spielt, dachte der Student Anselmus: aber da +ertönten die Glocken wieder und Anselmus sah, wie eine Schlange ihr +Köpfchen nach ihm herabstreckte. Durch alle Glieder fuhr es ihm wie ein +elektrischer Schlag, er erbebte im Innersten — er starrte hinauf, und ein +Paar herrliche dunkelblaue Augen blickten ihn an mit unaussprechlicher +Sehnsucht, so daß ein nie gekanntes Gefühl der höchsten Seligkeit und des +tiefsten Schmerzes seine Brust zersprengen wollte. Und wie er voll heißen +Verlangens immer in die holdseligen Augen schaute, da ertönten stärker in +lieblichen Akkorden die Kristallglocken, und die funkelnden Smaragde fielen +auf ihn herab und umspannen ihn, in tausend Flämmchen um ihn herflackernd +und spielend mit schimmernden Goldfaden. Der Holunderbusch rührte sich und +sprach: »Du lagst in meinem Schatten, mein Duft umfloß Dich, aber Du +verstandest mich nicht: der Duft ist meine Sprache, wenn ihn die Liebe +entzündet.« Der Abendwind strich vorüber und sprach: »Ich umspielte Deine +Schläfe, aber Du verstandest mich nicht: der Hauch ist meine Sprache, wenn +ihn die Liebe entzündet.« Die Sonnenstrahlen brachen durch das Gewölk und +der Schein brannte wie in Worten: »Ich umgoß Dich mit glühendem Gold, aber +Du verstandest mich nicht: Glut ist meine Sprache, wenn sie die Liebe +entzündet.«</p> + +<p>Und immer inniger und inniger versunken in den Blick des herrlichen +Augenpaars, wurde heißer die Sehnsucht, glühender das Verlangen. Da regte +und bewegte sich alles, wie zum frohen Leben erwacht. Blumen und Blüten +dufteten um ihn her, und ihr Duft war wie herrlicher Gesang von tausend +Flötenstimmen; und was sie gesungen, trugen im Widerhall die goldenen +vorüberfliehenden Abendwolken in ferne Lande. Aber als der letzte Strahl +der Sonne schnell hinter den Bergen verschwand und nun die Dämmerung ihren +Flor über die Gegend warf, da rief, wie aus weiter Ferne, eine rauhe tiefe +Stimme:</p> + +<p>Hei, hei! was ist das für ein Gemunkel und Geflüster da drüben? — Hei, +hei! wer sucht mir doch den Strahl hinter den Bergen! genug gesonnt, genug +gesungen. — Hei, hei! durch Busch und Gras — durch Gras und Strom! — Hei, +— hei — Her u — u — u nter — Her u — u — u nter!</p> + +<p>So verschwand die Stimme wie im Murmeln eines fernen Donners, aber die +Kristallglocken zerbrachen im schneidenden Mißton. Alles war verstummt, und +Anselmus sah, wie die drei Schlangen schimmernd und blinkend durch das Gras +nach dem Strome schlüpften; rischelnd und raschelnd stürzten sie sich in +die Elbe, und über den Wogen, wo sie verschwunden, knisterte ein grünes +Feuer empor, das in schiefer Richtung nach der Stadt zu leuchtend +verdampfte.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ZWEITE_VIGILIE" id="ZWEITE_VIGILIE" ></a>ZWEITE VIGILIE.</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. — Die +Fahrt über die Elbe. — Die Bravourarie des Kapellmeisters Graun. Conradis +Magen-Likör und das bronzierte Äpfelweib.</p></div> + + +<p>»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau, +die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, still stand und mit +übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus +zusah. <i>Der</i> hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfaßt und +rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal +blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal +laßt eure Glockenstimmchen hören! Nur noch einmal blicket mich an, ihr +holdseligen blauen Augen, nur noch einmal, ich muß ja sonst vergehen in +Schmerz und heißer Sehnsucht!« Und dabei seufzte und ächzte er aus der +tiefsten Brust recht kläglich, und schüttelte vor Verlangen und Ungeduld +den Holunderbaum, der aber statt aller Antwort nur ganz dumpf und +unvernehmlich mit den Blättern rauschte, und so den Schmerz des Studenten +Anselmus ordentlich zu verhöhnen schien. — »Der Herr ist wohl nicht recht +bei Troste,« sagte die Bürgersfrau, und dem Anselmus war es so, als würde +er aus einem tiefen Traum gerüttelt oder gar mit eiskaltem Wasser begossen, +um ja recht jähling zu erwachen. Nun sah er erst wieder deutlich, wo er +war, und besann sich, wie ein sonderbarer Spuk ihn geneckt und gar dazu +getrieben habe, ganz allein für sich selbst in laute Worte auszubrechen. +Bestürzt blickte er die Bürgersfrau an und griff endlich nach dem Hute, der +zur Erde gefallen, um davon zu eilen. Der Familienvater war unterdessen +auch herangekommen und hatte, nachdem er das Kleine, das er auf dem Arm +getragen, ins Gras gesetzt, auf seinen Stock sich stützend mit Verwunderung +dem Studenten zugehört und zugeschaut. Er hob jetzt Pfeife und Tabaksbeutel +auf, die der Student fallen lassen, und sprach, beides ihm hinreichend: +»Lamentier' der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier' Er +nicht die Leute, wenn ihm sonst nichts fehlt, als daß Er zu viel ins +Gläschen geguckt — geh' Er fein ordentlich zu Hause und leg' Er sich aufs +Ohr!« Der Student Anselmus schämte sich sehr, er stieß ein weinerliches +Ach! aus. — »Nun, nun«, fuhr der Bürgersmann fort, »laß es der Herr nur +gut sein, so was geschieht dem Besten, und am lieben Himmelfahrtstage kann +man wohl in der Freude seines Herzens ein Schlückchen über den Durst tun.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/02.jpg" alt="Der Student" title="Der Student" /></div> + +<p>Das passiert auch wohl einem Manne Gottes — der Herr ist ja doch wohl +ein Kandidat. — Aber wenn es der Herr erlaubt, stopf' ich mir ein +Pfeifchen von seinem Tabak, meiner ist mir da droben ausgegangen.« Dies +sagte der Bürger, als der Student Anselmus schon Pfeife und Beutel +einstecken wollte, und nun reinigte der Bürger langsam und bedächtig seine +Pfeife, und fing eben so langsam an zu stopfen. Mehrere Bürgermädchen waren +dazugetreten, die sprachen heimlich mit der Frau und kicherten mit +einander, indem sie den Anselmus ansahen. Dem war es, als stände er auf +lauter spitzigen Dornen und glühenden Nadeln. So wie er nur Pfeife und +Tabaksbeutel erhalten, rannte er spornstreichs davon. Alles was er +Wunderbares gesehen, war ihm rein aus dem Gedächtnis geschwunden, und er +besann sich nur, daß er unter dem Holunderbaum allerlei tolles Zeug ganz +laut geschwatzt, was ihm denn um so entsetzlicher war, als er von jeher +einen innerlichen Abscheu gegen alle Selbstredner gehegt. Der Satan +schwatzt aus ihnen, sagte sein Rektor, und daran glaubte er auch in der +Tat. Für einen am Himmelfahrtstage betrunkenen Candidatus theologiae +gehalten zu werden, der Gedanke war ihm unerträglich. Schon wollte er in +die Pappelallee bei dem Koselschen Garten einbiegen, als eine Stimme hinter +ihm her rief: Herr Anselmus! Herr Anselmus! wo rennen Sie denn um tausend +Himmelswillen hin in solcher Hast? Der Student blieb wie in den Boden +gewurzelt stehen, denn er war überzeugt, daß nun gleich ein neues Unglück +auf ihn einbrechen werde. Die Stimme ließ sich wieder hören: Herr Anselmus, +so kommen Sie doch zurück, wir warten hier am Wasser! — Nun vernahm der +Student erst, daß es sein Freund, der Konrektor Paulmann war, der ihn rief; +er ging zurück an die Elbe und fand den Konrektor mit seinen beiden +Töchtern, sowie den Registrator Heerbrand, wie sie eben im Begriff waren in +eine Gondel zu steigen. Der Konrektor Paulmann lud den Studenten ein, mit +ihm über die Elbe zu fahren und dann in seiner, auf der Pirnaer Vorstadt +gelegenen Wohnung Abends über bei ihm zu bleiben. Student Anselmus nahm das +recht gern an, weil er denn doch so dem bösen Verhängnis, das heute über +ihn walte, zu entrinnen glaubte. Als sie nun über den Strom fuhren, begab +es sich, daß auf dem jenseitigen Ufer bei dem Antonschen Garten ein +Feuerwerk abgebrannt wurde. Prasselnd und zischend fuhren die Raketen in +die Höhe und die leuchtenden Sterne zersprangen in den Lüften, tausend +knisternde Strahlen und Flammen um sich sprühend. Der Student Anselmus saß +in sich gekehrt bei dem rudernden Schiffer; als er nun aber im Wasser den +Widerschein der in der Luft herumsprühenden und knisternden Funken und +Flammen erblickte, da war es ihm als zögen die goldnen Schlänglein durch +die Flut. Alles, was er unter dem Holunderbaum Seltsames geschaut, trat +wieder lebendig in Sinn und Gedanken, und aufs neue ergriff ihn die +unaussprechliche Sehnsucht, das glühende Verlangen, welches dort seine +Brust in krampfhaft schmerzvollem Entzücken erschüttert. »Ach, seid ihr es +denn wieder, ihr goldenen Schlänglein, singt nur, singt! In eurem Gesange +erscheinen ja wieder die holden lieblichen dunkelblauen Augen — ach, seid +ihr denn unter den Fluten!« — So rief der Student Anselmus und machte +dabei eine heftige Bewegung, als wolle er sich gleich aus der Gondel in die +Flut stürzen. »Ist der Herr des Teufels?« rief der Schiffer, und erwischte +ihn beim Rockschoß. Die Mädchen, welche bei ihm gesessen, schrieen im +Schreck auf und flüchteten auf die andere Seite der Gondel! der Registrator +Heerbrand sagte dem Konrektor Paulmann etwas ins Ohr, worauf dieser +mehreres antwortete, wovon der Student Anselmus aber nur die Worte +verstand: »Dergleichen Anfälle — noch nicht bemerkt?« — Gleich nachher +stand auch der Konrektor Paulmann auf und setzte sich mit einer gewissen +ernsten gravitätischen Amtsmiene zu dem Studenten Anselmus, seine Hand +nehmend und sprechend: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Dem Studenten Anselmus +vergingen beinahe die Sinne, denn in seinem Innern erhob sich ein toller +Zwiespalt, den er vergebens beschwichtigen wollte. Er sah nun wohl +deutlich, daß das, was er für das Leuchten der goldenen Schlänglein +gehalten, nur der Widerschein des Feuerwerks bei Antons Garten war; aber +ein nie gekanntes Gefühl, er wußte selbst nicht, ob Wonne, ob Schmerz, zog +krampfhaft seine Brust zusammen, und wenn der Schiffer nun so mit dem Ruder +ins Wasser hineinschlug, daß es wie im Zorn sich emporkräuselnd plätscherte +und rauschte, da vernahm er in dem Getöse ein heimliches Lispeln und +Flüstern: Anselmus! Anselmus! siehst Du nicht, wie wir stets vor Dir +herziehen? — Schwesterlein blickt Dich wohl wieder an — glaube — glaube +— glaube an uns! — Und es war ihm, als säh er im Widerschein drei +grünglühende Streifen. Aber als er dann recht wehmütig ins Wasser +hineinblickte, ob nun nicht die holdseligen Augen aus der Flut +herausschauen würden, da gewahrte er wohl, daß der Schein nur von den +erleuchteten Fenstern der nahen Häuser herrührte. Schweigend saß er da und +im Innern mit sich kämpfend; aber der Konrektor Paulmann sprach noch +heftiger: Wie ist Ihnen, Herr Anselmus? Ganz kleinmütig antwortete der +Student: Ach, lieber Herr Konrektor, wenn Sie wüßten, was ich eben unter +dem Holunderbaum bei der Linkeschen Gartenmauer ganz wachend mit offnen +Augen für ganz besondere Dinge geträumt habe, ach, Sie würden mir es gar +nicht verdenken, daß ich so gleichsam abwesend — Ei, ei, Herr Anselmus, +fiel der Konrektor Paulmann ein, ich habe Sie immer für einen soliden +jungen Mann gehalten, — aber träumen — mit hellen offenen Augen träumen, +und dann mit einem Mal ins Wasser springen wollen, das — verzeihen Sie +mir, können nur Wahnwitzige oder Narren! — Der Student Anselmus wurde ganz +betrübt über seines Freundes harte Rede; da sagte Paulmanns älteste Tochter +Veronika, ein recht hübsches blühendes Mädchen von sechzehn Jahren: Aber, +lieber Vater, es muß dem Herrn Anselmus doch was Besonderes begegnet sein, +und er glaubt vielleicht nur, daß er gewacht habe, unerachtet er unter dem +Holunderbaum wirklich geschlafen und ihm allerlei närrisches Zeug +vorgekommen, was ihm noch in Gedanken liegt. — Und, teuerste Mademoiselle, +werter Konrektor, nahm der Registrator Heerbrand das Wort, sollte man denn +nicht auch wachend in einen gewissen träumerischen Zustand versinken +können? So ist mir in der Tat selbst einmal Nachmittags beim Kaffee in +einem solchen Hinbrüten, dem eigentlichen Moment körperlicher und geistiger +Verdauung, die Lage eines verlornen Aktenstücks wie durch Inspiration +eingefallen, und nur noch gestern tanzte auf gleiche Weise eine herrliche +große lateinische Frakturschrift vor meinen hellen offenen Augen umher. +Ach, geehrtester Registrator, erwiderte der Konrektor Paulmann, Sie haben +immer solch einen Hang zu den Poeticis gehabt, und da verfällt man leicht +in das Phantastische und Romanhafte. Aber dem Studenten Anselmus tat es +wohl, daß man sich seiner in der höchst betrübten Lage, für betrunken oder +wahnwitzig gehalten zu werden, annahm; und unerachtet es ziemlich finster +geworden, glaubte er doch zum erstenmale zu bemerken, wie Veronika recht +schöne dunkelblaue Augen habe, ohne daß ihm jedoch jenes wunderbare +Augenpaar, das er in dem Holunderbaum geschaut, in die Gedanken kam. +Überhaupt war dem Studenten Anselmus mit einem Mal nun wieder das Abenteuer +unter dem Holunderbaum ganz verschwunden; er fühlte sich so leicht und +froh, ja er trieb es wie im lustigen Übermute so weit, daß er bei dem +Heraussteigen aus der Gondel seiner Schutzrednerin Veronika die hülfreiche +Hand bot, und ohne weiteres, als sie ihren Arm in den seinigen hing, sie +mit so vieler Geschicklichkeit und so vielem Glück zu Hause führte, daß er +nur ein einziges Mal ausglitt und, da es gerade der einzige schmutzige +Fleck auf dem ganzen Wege war, Veronikas weißes Kleid nur ganz wenig +bespritzte. Dem Konrektor Paulmann entging die glückliche Änderung des +Studenten Anselmus nicht, er gewann ihn wieder lieb und bat ihn der harten +Worte wegen, die er vorhin gegen ihn fallen lassen, um Verzeihung. Ja, +fügte er hinzu, man hat wohl Beispiele, daß oft gewisse Phantasmata dem +Menschen vorkommen und ihn ordentlich ängstigen und quälen können; das ist +aber körperliche Krankheit, und es helfen Blutigel, die man, salva venia, +dem Hintern appliziert, wie ein berühmter bereits verstorbener Gelehrter +bewiesen. Der Student Anselmus wußte nun in der Tat selbst nicht, ob er +betrunken, wahnwitzig oder krank gewesen; auf jeden Fall schienen ihm aber +die Blutigel ganz unnütz, da die etwaigen Phantasmata gänzlich verschwunden +und er sich immer heiterer fühlte, je mehr es ihm gelang sich in allerlei +Artigkeiten um die hübsche Veronika zu bemühen. Es wurde wie gewöhnlich +nach der frugalen Mahlzeit Musik gemacht; der Student Anselmus mußte sich +ans Klavier setzen und Veronika ließ ihre helle klare Stimme hören. — Werte +Mademoiselle, sagte der Registrator Heerbrand, Sie haben eine Stimme wie +eine Kristallglocke! — »Das nun wohl nicht!« fuhr es dem Studenten heraus, +er wußte selbst nicht wie, und alle sahen ihn verwundert und betroffen an. +— »Kristallglocken tönen in Holunderbäumen wunderbar! wunderbar!« fuhr der +Student Anselmus halbleise murmelnd fort. Da legte Veronika ihre Hand auf +seine Schulter und sagte: Was sprechen Sie denn da, Herr Anselmus? Gleich +wurde der Student wieder ganz munter und fing an zu spielen. Der Konrektor +Paulmann sah ihn finster an, aber der Registrator Heerbrand legte ein +Notenblatt auf das Pult und sang zum Entzücken eine Bravourarie vom +Kapellmeister Graun. Der Student Anselmus akkompagnierte noch manches, und +ein fugiertes Duett, das er mit Veronika vortrug und das der Konrektor +Paulmann selbst komponiert, setzte alles in die fröhlichste Stimmung. Es +war ziemlich spät worden und der Registrator Heerbrand griff nach Hut und +Stock, da trat der Konrektor Paulmann geheimnisvoll zu ihm hin und sprach: +Ei, wollten Sie nicht, geehrter Registrator, dem guten Herrn Anselmus +selbst — nun! wovon wir vorhin sprachen — Mit tausend Freuden, erwiderte +der Registrator Heerbrand, und begann, nachdem sie sich im Kreise gesetzt, +ohne weiteres in folgender Art: »Es ist hier im Orte ein alter wunderlicher +merkwürdiger Mann, man sagt, er treibe allerlei geheime Wissenschaften; da +es nun eigentlich dergleichen gar nicht gibt, so halte ich ihn eher für +einen forschenden Antiquar, auch wohl nebenher für einen experimentierenden +Chemiker. Ich meine niemand andern als unsern geheimen Archivarius +Lindhorst. Er lebt, wie Sie wissen, einsam in seinem entlegenen alten +Hause, und wenn ihn der Dienst nicht beschäftigt, findet man ihn in seiner +Bibliothek oder in seinem chemischen Laboratorio, wo er aber niemanden +hineinläßt. Er besitzt außer vielen seltenen Büchern eine Anzahl zum Teil +arabischer, koptischer, und gar in sonderbaren Zeichen, die keiner +bekannten Sprache angehören, geschriebene Manuskripte. Diese will er auf +geschickte Weise kopieren lassen, und es bedarf dazu eines Mannes, der sich +darauf versteht mit der Feder zu zeichnen, um mit der größten Genauigkeit +und Treue alle Zeichen auf Pergament und zwar mit Tusche übertragen zu +können. Er läßt in einem besondern Zimmer seines Hauses unter seiner +Aufsicht arbeiten, bezahlt außer dem freien Tisch während der Arbeit jeden +Tag einen Speziestaler, und verspricht noch ein ansehnliches Geschenk, wenn +die Abschriften glücklich beendet. Die Zeit der Arbeit ist täglich von +zwölf bis sechs Uhr. Von drei bis vier Uhr wird geruht und gegessen. Da er +schon mit ein paar jungen Leuten vergeblich den Versuch gemacht hat, jene +Manuskripte kopieren zu lassen, so hat er sich endlich an mich gewendet, +ihm einen geschickten Zeichner zuzuweisen; da habe ich an Sie gedacht, +lieber Herr Anselmus, denn ich weiß, daß Sie sowohl sehr sauber schreiben, +als auch mit der Feder sehr zierlich und rein zeichnen. Wollen Sie daher in +dieser schlechten Zeit und bis zu Ihrer etwanigen [etwaigen] Anstellung den +Speziestaler täglich verdienen und das Geschenk obendrein, so bemühen Sie +sich morgen Punkt zwölf Uhr zu dem Herrn Archivarius, dessen Wohnung Ihnen +bekannt sein wird. Aber hüten Sie sich ja vor jedem Tintenflecken; fällt er +auf die Abschrift, so müssen Sie ohne Gnade von vorn anfangen, fällt er auf +das Original, so ist der Herr Archivarius imstande Sie zum Fenster +hinauszuwerfen, denn es ist ein zorniger Mann.« — Der Student Anselmus war +voll inniger Freude über den Antrag des Registrators Heerbrand: denn nicht +allein, daß er sauber schrieb und mit der Feder zeichnete, so war es auch +seine wahre Passion, mit mühsamem kalligraphischem Aufwande abzuschreiben; +er dankte daher seinen Gönnern in den verbindlichsten Ausdrücken und +versprach die morgende Mittagsstunde nicht zu versäumen. In der Nacht sah +der Student Anselmus nichts als blanke Speziestaler und hörte ihren +lieblichen Klang. — Wer mag das dem Armen verargen, der um so manche +Hoffnung durch ein launisches Mißgeschick betrogen, jeden Heller zu Rate +halten und manchem Genuß, den jugendliche Lebenslust forderte, entsagen +mußte. Schon am frühen Morgen suchte er seine Bleistifte, seine +Rabenfedern, seine chinesische Tusche zusammen; denn besser, dachte er, +kann der Herr Archivarius keine Materialien erfinden. Vor allen Dingen +musterte und ordnete er seine kalligraphischen Meisterstücke und seine +Zeichnungen, um sie dem Archivarius, zum Beweis seiner Fähigkeit das +Verlangte zu erfüllen, aufzuweisen. Alles ging glücklich von statten, ein +besonderer Glücksstern schien über ihn zu walten, die Halsbinde saß gleich +beim ersten Umknüpfen wie sie sollte, keine Naht platzte, keine Masche +zerriß in den schwarzseidenen Strümpfen, der Hut fiel nicht noch einmal in +den Staub, als er schon sauber abgebürstet. — Kurz! — Punkt halb zwölf +Uhr stand der Student Anselmus in seinem hechtgrauen Frack und seinen +schwarzatlasnen Unterkleidern, eine Rolle Schönschriften und +Federzeichnungen in der Tasche, schon auf der Schloßgasse in Conradis Laden +und trank — eins — zwei Gläschen des besten Magenlikörs; denn hier, +dachte er, indem er auf die annoch leere Tasche schlug, werden bald +Speziestaler erklingen. Unerachtet des weiten Weges bis in die einsame +Straße, in der sich das uralte Haus des Archivarius Lindhorst befand, war +der Student Anselmus doch vor zwölf Uhr an der Haustür. Da stand er und +schaute den großen bronzenen Türklopfer an; aber als er nun auf den letzten +die Luft mit mächtigem Klange durchbebenden Schlag der Turmuhr an der +Kreuzkirche den Türklopfer ergreifen wollte, da verzog sich das metallene +Gesicht im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke zum grinsenden +Lächeln. Ach! es war ja das Äpfelweib vom schwarzen Tor. Die spitzigen +Zähne klappten in dem schlaffen Maule zusammen, und in dem Klappern +schnarrte es: »Du Narre — Narre — Narre — warte, warte! warum warst +hinausgerannt! Narr!« — Entsetzt taumelte der Student Anselmus zurück, er +wollte den Türpfosten ergreifen, aber seine Hand erfaßte die Klingelschnur +und zog sie an, da läutete es stärker und stärker in gellenden Mißtönen, +und durch das ganze öde Haus rief und spottete der Widerhall: Bald Dein +Fall ins Kristall! — Den Studenten Anselmus ergriff ein Grausen, das im +krampfhaften Fieberfrost durch alle Glieder bebte. Die Klingelschnur senkte +sich hinab und wurde zur weißen durchsichtigen Riesenschlange, die umwand +und drückte ihn, fester und fester ihr Gewinde schnürend, zusammen, daß die +mürben zermalmten Glieder knackend zerbröckelten und sein Blut aus den +Adern spritzte, eindringend in den durchsichtigen Leib der Schlange und ihn +rot färbend. — Töte mich, töte mich! wollte er schreien in der +entsetzlichen Angst, aber sein Geschrei war nur ein dumpfes Röcheln. — Die +Schlange erhob ihr Haupt und legte die lange spitzige Zunge von glühendem +Erz auf die Brust des Anselmus, da zerriß ein schneidender Schmerz jählings +die Pulsader des Lebens und es vergingen ihm die Gedanken. — Als er wieder +zu sich selbst kam, lag er auf seinem dürftigen Bettlein, vor ihm stand +aber der Konrektor Paulmann und sprach: Was treiben Sie denn um des Himmels +Willen für tolles Zeug, lieber Herr Anselmus!</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/03.jpg" alt="Anselmus und die Schlange" title="Anselmus und die Schlange" /></div> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="DRITTE_VIGILIE" id="DRITTE_VIGILIE" ></a>DRITTE VIGILIE.</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Nachrichten von der Familie des Archivarius Lindhorst. Veronikas blaue +Augen. Der Registrator Heerbrand.</p></div> + + +<p>Der Geist schaute auf das Wasser, da bewegte es sich und brauste in +schäumenden Wogen und stürzte sich donnernd in die Abgründe, die ihre +schwarzen Rachen aufsperrten, es gierig zu verschlingen. Wie triumphierende +Sieger hoben die Granitfelsen ihre zackicht gekrönten Häupter empor, das +Tal schützend, bis es die Sonne in ihren mütterlichen Schoß nahm und es +umfassend mit ihren Strahlen wie mit glühenden Armen pflegte und wärmte. Da +erwachten tausend Keime, die unter dem öden Sande geschlummert, aus dem +tiefen Schlafe und streckten ihre grünen Blättlein und Halme zum Angesicht +der Mutter hinauf, und wie lächelnde Kinder in grüner Wiege, ruhten in den +Blüten und Knospen Blümlein, bis auch sie von der Mutter geweckt erwachten +und sich schmückten mit den Lichtern, die die Mutter ihnen zur Freude auf +tausendfache Weise bunt gefärbt. Aber in der Mitte des Tals war ein +schwarzer Hügel, der hob sich auf und nieder wie die Brust des Menschen, +wenn glühende Sehnsucht sie schwellt. — Aus den Abgründen rollten die +Dünste empor, und sich zusammenballend in gewaltige Massen, strebten sie +das Angesicht der Mutter feindlich zu verhüllen; die rief aber den Sturm +herbei, der fuhr zerstäubend unter sie; und als der reine Strahl wieder den +schwarzen Hügel berührte, da brach im Übermaß des Entzückens eine herrliche +Feuerlilie hervor, die schönen Blätter wie holdselige Lippen öffnend, der +Mutter süße Küsse zu empfangen. — Nun schritt ein glänzendes Leuchten in +das Tal! es war der Jüngling Phosphorus, den sah die Feuerlilie und flehte +von heißer, sehnsüchtiger Liebe befangen: sei doch mein ewiglich, Du +schöner Jüngling! denn ich liebe Dich und muß vergehen, wenn Du mich +verlassest. Da sprach der Jüngling Phosphorus: ich will Dein sein, Du +schöne Blume, aber dann wirst Du, wie ein entartet Kind, Vater und Mutter +verlassen, Du wirst Deine Gespielen nicht mehr kennen, Du wirst größer und +mächtiger sein wollen als alles, was sich jetzt als Deinesgleichen mit Dir +freut. Die Sehnsucht, die jetzt Dein ganzes Wesen wohltätig erwärmt, wird +in hundert Strahlen zerspaltet Dich quälen und martern; denn der Sinn wird +die Sinne gebären, und die höchste Wonne, die der Funke entzündet, den ich +in Dich hineinwerfe, ist der hoffnungslose Schmerz, in dem Du untergehst, +um aufs neue fremdartig emporzukeimen. — Dieser Funke ist der Gedanke! +— Ach! klagte die Lilie, kann ich denn nicht in der Glut, wie sie jetzt in +mir brennt, Dein sein? Kann ich Dich denn mehr lieben als jetzt, und kann +ich Dich denn schauen wie jetzt, wenn Du mich vernichtest? Da küßte sie der +Jüngling Phosphorus, und wie vom Lichte durchstrahlt loderte sie auf in +Flammen, aus denen ein fremdes Wesen hervorbrach, das schnell dem Tale +entfliehend im unendlichen Raume herumschwärmte, sich nicht kümmernd um die +Gespielen der Jugend und um den geliebten Jüngling. Der klagte um die +verlorne Geliebte, denn auch ihn brachte ja nur die unendliche Liebe zu der +schönen Lilie in das einsame Tal, und die Granitfelsen neigten ihre Häupter +teilnehmend vor dem Jammer des Jünglings. Aber einer öffnete seinen Schoß +und es kam ein schwarzer geflügelter Drache rauschend herausgeflattert und +sprach: meine Brüder, die Metalle schlafen da drinnen, aber ich bin stets +munter und wach und will dir helfen. Sich auf- und niederschwingend +erhaschte endlich der Drache das Wesen, das der Lilie entsprossen, trug es +auf den Hügel und umschloß es mit seinem Fittich; da war es wieder die +Lilie, aber der bleibende Gedanke zerriß ihr Innerstes und die Liebe zu dem +Jüngling Phosphorus war ein schneidender Jammer, vor dem, von giftigen +Dünsten angehaucht, die Blümlein, die sonst sich ihres Blickes gefreut, +verwelkten und starben. Der Jüngling Phosphorus legte eine glänzende +Rüstung an, die in tausendfarbigen Strahlen spielte, und kämpfte mit dem +Drachen, der mit seinem schwarzen Fittich an den Panzer schlug, daß er hell +erklang; und von dem mächtigen Klange lebten die Blümlein wieder auf und +umflatterten wie bunte Vögel den Drachen, dessen Kräfte schwanden und der +besiegt sich in der Tiefe der Erde verbarg. Die Lilie war befreit, der +Jüngling Phosphorus umschlang sie voll glühenden Verlangens himmlischer +Liebe, und im hochjubelnden Hymnus huldigten ihr die Blumen, die Vögel, ja +selbst die hohen Granitfelsen als Königin des Tals. — Erlauben Sie, das +ist orientalischer Schwulst, werter Herr Archivarius! sagte der Registrator +Heerbrand, und wir baten denn doch, Sie sollten, wie Sie sonst wohl zu tun +pflegen, uns etwas aus Ihrem höchst merkwürdigen Leben, etwa von Ihren +Reiseabenteuern und zwar etwas Wahrhaftiges erzählen. — Nun was denn? +erwiderte der Archivarius Lindhorst, das was ich soeben erzählt, ist das +Wahrhaftigste, was ich Euch auftischen kann, Ihr Leute, und gehört in +gewisser Art auch zu meinem Leben. Denn ich stamme eben aus jenem Tale her, +und die Feuerlilie, die zuletzt als Königin herrschte, ist meine +Ur-ur-ur-ur-Großmutter, weshalb ich denn auch eigentlich ein Prinz bin. +— Alle brachen in ein schallendes Gelächter aus. — Ja lacht nur recht +herzlich, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, Euch mag wohl das, was ich +freilich nur in ganz dürftigen Zügen erzählt habe, unsinnig und toll +vorkommen, aber es ist dessen unerachtet nichts weniger als ungereimt oder +auch nur allegorisch gemeint, sondern buchstäblich wahr. Hätte ich aber +gewußt, daß Euch die herrliche Liebesgeschichte, der auch ich meine +Entstehung zu verdanken habe, so wenig gefallen würde, so hätte ich lieber +manches Neue mitgeteilt, das mir mein Bruder beim gestrigen Besuch +mitbrachte. — »Ei, wie das? Haben Sie denn einen Bruder, Herr Archivarius? +— Wo ist er denn — wo lebt er denn? Auch in königlichen Diensten, oder +vielleicht ein privatisierender Gelehrter?« So fragte man von allen Seiten. +— »Nein!« erwiderte der Archivarius, ganz kalt und gelassen eine Prise +nehmend, »er hat sich auf die schlechte Seite gelegt und ist unter die +Drachen gegangen.« — »Wie beliebten Sie doch zu sagen, wertester +Archivarius,« nahm der Registrator Heerbrand das Wort, »unter die Drachen?« +— »Unter die Drachen?« hallte es von allen Seiten wie ein Echo nach. +— »Ja, unter die Drachen«, fuhr der Archivarius Lindhorst fort, eigentlich +war es Desperation. Sie wissen, meine Heren [Herren], daß mein Vater vor +ganz kurzer Zeit starb, es sind nur höchstens dreihundertfünfundachtzig +Jahre her, weshalb ich auch noch Trauer trage; der hatte mir, dem Liebling, +einen prächtigen Onyx vermacht, den durchaus mein Bruder haben wollte. Wir +zankten uns bei der Leiche des Vaters darüber auf eine ungebührliche +Weise, bis der Selige, der die Geduld verlor, aufsprang und den bösen +Bruder die Treppe hinunterwarf. Das wurmte meinen Bruder, und er ging +stehenden Fußes unter die Drachen. Jetzt hält er sich in einem +Cypressenwalde dicht bei Tunis auf, dort hat er einen berühmten mystischen +Karfunkel zu bewachen, dem ein Teufelskerl von Nekromant, der ein +Sommerlogis in Lappland bezogen, nachstellt, weshalb er denn nur auf ein +Viertelstündchen, wenn gerade der Nekromant im Garten seine Salamanderbeete +besorgt, abkommen kann, um mir in der Geschwindigkeit zu erzählen, was es +gutes Neues an den Quellen des Nils gibt.« — Zum zweiten Male brachen die +Anwesenden in ein schallendes Gelächter aus, aber dem Studenten Anselmus +wurde ganz unheimlich zu Mute, und er konnte den Archivarius Lindhorst kaum +in die starren, ernsten Augen sehen, ohne innerlich auf eine ihm selbst +unbegreifliche Weise zu erbeben. Zumal hatte die rauhe, aber sonderbar +metallartig tönende Stimme des Archivarius Lindhorst für ihn etwas +geheimnisvoll Eindringendes, daß er Mark und Bein erzittern fühlte. Der +eigentliche Zweck, weshalb ihn der Registrator Heerbrand mit in das +Kaffeehaus genommen hatte, schien heute nicht erreichbar zu sein. Nach +jenem Vorfalle vor dem Hause des Archivarius Lindhorst war nämlich der +Student Anselmus nicht dahin zu vermögen gewesen, den Besuch zum zweiten +Male zu wagen; denn nach seiner innigsten Überzeugung hatte nur der Zufall +ihn, wo nicht vom Tode, doch von der Gefahr, wahnsinnig zu werden befreit. +Der Konrektor Paulmann war eben durch die Straße gegangen, als er ganz von +Sinnen vor der Haustür lag, und ein altes Weib, die ihren Kuchen- und +Äpfelkorb bei Seite gesetzt, um ihn beschäftigt war. Der Konrektor Paulmann +hatte sogleich eine Portechaise herbeigerufen und ihn so nach Hause +transportiert. »Man mag von mir denken, was man will«, sagte der Student +Anselmus, »man mag mich für einen Narren halten oder nicht — genug! — an +dem Türklopfer grinste mir das vermaledeite Gesicht der Hexe vom schwarzen +Tore entgegen; was nachher geschah, davon will ich lieber gar nicht reden; +aber wäre ich aus meiner Ohnmacht erwacht und hätte das verwünschte +Äpfelweib vor mir gesehen (denn niemand anders war doch das alte um mich +beschäftigte Weib), mich hätte augenblicklich der Schlag gerührt, oder ich +wäre wahnsinnig geworden.« Alles Zureden, alle vernünftigen Vorstellungen +des Konrektors Paulmann und des Registrators Heerbrand fruchteten gar +nichts, und selbst die blauäugige Veronika vermochte nicht, ihn aus einem +gewissen tiefsinnigen Zustande zu reißen, in den er versunken. Man hielt +ihn nun in der Tat für seelenkrank und sann auf Mittel, ihn zu zerstreuen, +worauf der Registrator Heerbrand meinte, daß nichts dazu dienlicher sein +könne als die Beschäftigung bei dem Archivarius Lindhorst, nämlich das +Nachmalen der Manuskripte. Es kam nur darauf an, den Studenten Anselmus auf +gute Art dem Archivarius Lindhorst bekannt zu machen, und da der +Registrator Heerbrand wußte, daß dieser beinahe jeden Abend ein gewisses +bekanntes Kaffeehaus besuchte, so lud er den Studenten Anselmus ein, jeden +Abend so lange auf seine, des Registrators Kosten in jenem Kaffeehause ein +Glas Bier zu trinken und eine Pfeife zu rauchen, bis er auf diese oder jene +Art dem Archivarius bekannt und mit ihm über das Geschäft des Abschreibens +der Manuskripte einig geworden, welches der Student Anselmus dankbarlichst +annahm. »Sie verdienen Gottes Lohn, werter Registrator, wenn Sie den jungen +Menschen zur Raison bringen,« sagte der Konrektor Paulmann. — »Gottes +Lohn!« wiederholte Veronika, indem sie die Augen fromm zum Himmel erhob und +lebhaft daran dachte, wie der Student Anselmus schon jetzt ein recht +artiger junger Mann sei, auch ohne Raison! — Als der Archivarius Lindhorst +eben mit Hut und Stock zur Tür hinausschreiten wollte, da ergriff der +Registrator Heerbrand den Studenten Anselmus rasch bei der Hand, und mit +ihm dem Archivarius den Weg vertretend, sprach er: »Geschätztester Herr +geheimer Archivarius, hier ist der Student Anselmus, der, ungemein +geschickt im Schönschreiben und Zeichnen, Ihre seltenen Manuskripte +kopieren will.« — »Das ist mir ganz ungemein lieb,« erwiderte der +Archivarius Lindhorst rasch, warf den dreieckigen soldatischen Hut auf den +Kopf und eilte, den Registrator Heerbrand und den Studenten Anselmus bei +Seite schiebend, mit vielem Geräusch die Treppe hinab, so daß beide ganz +verblüfft dastanden und die Stubentür anguckten, die er dicht vor ihnen +zugeschlagen, daß die Angeln klirrten. »Das ist ja ein ganz wunderlicher +alter Mann,« sagte der Registrator Heerbrand, — »Wunderlicher alter Mann,« +stotterte der Student Anselmus nach, fühlend, wie ein Eisstrom ihm durch +alle Adern fröstelte, daß er beinahe zur starren Bildsäule geworden. Aber +alle Gäste lachten und sagten: »Der Archivarius war heute einmal wieder in +seiner besonderen Laune, morgen ist er gewiß sanftmütig und spricht kein +Wort, sondern sieht in die Dampfwirbel seiner Pfeife oder liest Zeitungen; +man muß sich daran gar nicht kehren.« — »Das ist auch wahr« dachte der +Student Anselmus, »wer wird sich an so etwas kehren! Hat der Herr +Archivarius nicht gesagt, es sei ihm ganz ungemein lieb, daß ich seine +Manuskripte kopieren wolle? — Und warum vertrat ihm auch der Registrator +Heerbrand den Weg, als er gerade nach Hause gehen wollte? — Nein, nein, es +ist ein lieber Mann, im Grunde genommen, der Herr geheime Archivarius +Lindhorst, und liberal erstaunlich — nur kurios in absonderlichen +Redensarten. — Allein was schadet das mir? — Morgen gehe ich hin Punkt +zwölf Uhr, und setzten sich hundert bronzierte Äpfelweiber dagegen.«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="VIERTE_VIGILIE" id="VIERTE_VIGILIE" ></a>VIERTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Melancholie des Studenten Anselmus. — Der smaragdene Spiegel. — Wie +Archivarius Lindhorst als Stoßgeier davonflog und der Student Anselmus +niemandem begegnete.</p></div> + + +<p>Wohl darf ich geradezu Dich selbst, günstiger Leser, fragen, ob Du in +Deinem Leben nicht Stunden, ja Tage und Wochen hattest, in denen Dir all' +Dein gewöhnliches Tun und Treiben ein recht quälendes Mißbehagen erregte, +und in denen Dir, alles was Dir sonst recht wichtig und wert in Sinn und +Gedanken zu tragen vorkam, nun läppisch und nichtswürdig erschien. Du +wußtest dann selbst nicht, was Du tun und wohin Du Dich wenden solltest. +Ein dunkles Gefühl, es müsse irgendwo und zu irgend einer Zeit ein hoher, +den Kreis alles irdischen Genusses überschreitender Wunsch erfüllt werden, +den der Geist, wie ein strenggehaltenes furchtsames Kind gar nicht +auszusprechen wage, erhob Deine Brust, und in dieser Sehnsucht nach dem +unbekannten Etwas, das Dich überall, wo Du gingst und standest, wie ein +duftiger Traum mit durchsichtigen, vor dem schärferen Blick zerfließenden +Gestalten umschwebte, verstummtest Du für alles was Dich hier umgab. Du +schlichst mit trübem Blick umher wie ein hoffnungslos Liebender, und alles, +was Du die Menschen auf allerlei Weise im bunten Gewühl durcheinander +treiben sahst, erregte Dir keinen Schmerz und keine Freude, als gehörtest +Du nicht mehr dieser Welt an. Ist Dir, günstiger Leser, jemals so zu Mute +gewesen, so kennst Du selbst aus eigener Erfahrung den Zustand, in dem sich +der Student Anselmus befand. Überhaupt wünschte ich, es wäre mir schon +jetzt gelungen, Dir, geneigter Leser, den Studenten Anselmus recht lebhaft +vor Augen zu bringen. Denn in der Tat, ich habe in den Nachtwachen, die ich +dazu verwende, seine höchst sonderbare Geschichte aufzuschreiben, noch so +viel Wunderliches, das wie eine spukhafte Erscheinung das alltägliche Leben +ganz gewöhnlicher Menschen ins Blaue hinausrückte, zu erzählen, daß mir +bange ist, Du werdest am Ende weder an den Studenten Anselmus noch an den +Archivarius Lindhorst glauben, ja wohl gar einige ungerechte Zweifel gegen +den Konrektor Paulmann und den Registrator Heerbrand hegen, unerachtet +wenigstens die letztgenannten achtbaren Männer noch jetzt in Dresden +umherwandeln. Versuche es, geneigter Leser, in dem feenhaften Reiche voll +herrlicher Wunder, die die höchste Wonne, sowie das tiefste Entsetzen in +gewaltigen Schlägen hervorrufen, ja, wo die ernste Göttin ihren Schleier +lüftet, daß wir ihr Antlitz zu schauen wähnen — aber ein Lächeln +schimmert oft aus dem ernsten Blick, und das ist der neckhafte Scherz, der +in allerlei verwirrendem Zauber mit uns spielt, so wie die Mutter oft mit +ihren liebsten Kindern tändelt — ja, in diesem Reiche, das uns der Geist +so oft, wenigstens im Traume aufschließt, versuche es, geneigter Leser, die +bekannten Gestalten, wie sie täglich, wie man zu sagen pflegt, im gemeinen +Leben, um Dich herwandeln, wiederzuerkennen. Du wirst dann glauben, daß Dir +jenes herrliche Reich viel näher liege, als Du sonst wohl meintest, welches +ich nun eben recht herzlich wünsche, und Dir in der seltsamen Geschichte +des Studenten Anselmus anzudeuten strebe. — Also, wie gesagt, der Student +Anselmus geriet seit jenem Abende, als er den Archivarius Lindhorst +gesehen, in ein träumerisches Hinbrüten, daß [das] ihn für jede äußere Berührung +des gewöhnlichen Lebens unempfindlich machte. Er fühlte, wie ein +unbekanntes Etwas in seinem Innersten sich regte und ihm jenen wonnevollen +Schmerz verursachte, der eben die Sehnsucht ist, welche dem Menschen ein +anderes, höheres Sein verheißt. Am liebsten war es ihm, wenn er allein +durch Wiesen und Wälder schweifen und wie losgelöst von allem, was ihn an +sein dürftiges Leben fesselte, nur im Anschauen der mannigfachen Bilder, +die aus seinem Innern stiegen, sich gleichsam selbst wiederfinden konnte. +So kam es denn, daß er einst, von einem weiten Spaziergange heimkehrend, +bei jenem merkwürdigen Holunderbusch vorüberschritt, unter dem er damals +wie von Feerei befangen, so viel Seltsames sah; er fühlte sich +wunderbarlich von dem grünen heimatlichen Rasenfleck angezogen, aber kaum +hatte er sich daselbst niedergelassen, als alles, was er damals wie in +einer himmlischen Verzückung geschaut, und das wie von einer fremden Gewalt +aus seiner Seele verdrängt worden, ihm wieder in den lebhaftesten Farben +vorschwebte, als sähe er es zum zweiten Mal. Ja, noch deutlicher als damals +war es ihm, daß die holdseligen blauen Augen der goldgrünen Schlange +angehören, die in der Mitte des Holunderbaumes sich emporwand, und daß in +den Windungen des schlanken Leibes all' die herrlichen Krystall-Glockentöne +hervorblitzen mußten, die ihn mit Wonne und Entzücken erfüllten. So wie +damals am Himmelfahrtstage, umfaßte er den Holunderbaum und rief in die +Zweige und Blätter hinein: »Ach nur noch einmal schlängle und schlinge und +winde Dich, Du holdes grünes Schlänglein, in den Zweigen, daß ich Dich +schauen mag! Nur noch einmal blicke mich an mit Deinen holdseligen Augen! +Ach ich liebe Dich ja und muß in Trauer und Schmerz vergehen, wenn Du nicht +wiederkehrst!« Alles blieb jedoch stumm und still, und wie damals rauschte +der Holunderbaum nur ganz unvernehmlich mit seinen Zweigen und Blättern. +Aber dem Studenten Anselmus war es als wisse er nun, was sich in seinem +Innern so rege und bewege, ja was seine Brust so im Schmerz einer +unendlichen Sehnsucht zerreiße. »Ist es denn etwas anderes,« sprach er, +»als daß ich Dich so ganz mit voller Seele bis zum Tode liebe, Du +herrliches goldenes Schlängelein, ja daß ich ohne Dich nicht zu leben +vermag und vergehen muß in hoffnungsloser Not, wenn ich Dich nicht +wiedersehe, Dich nicht habe wie die Geliebte meines Herzens — aber ich +weiß es, Du wirst mein und dann alles, was herrliche Träume aus einer +andern höhern Welt mir verheißen, erfüllt sein.« — Nun ging der Student +Anselmus jeden Abend, wenn die Sonne nur noch in die Spitzen der Bäume ihr +funkelndes Gold streute, unter den Holunderbaum und rief aus tiefer Brust +mit ganz kläglichen Tönen in die Blätter und Zweige hinein nach der holden +Geliebten, dem goldgrünen Schlänglein. Als er dieses wieder einmal nach +gewöhnlicher Weise trieb, stand plötzlich ein langer hagerer Mann in einem +weiten lichtgrauen Überrock gehüllt und rief, indem er ihn mit seinen +großen feurigen Augen anblitzte: »Hei, hei, was klagt und winselt denn da? +— Hei, hei, das ist ja Herr Anselmus, der meine Manuskripte kopieren +will.« Der Student Anselmus erschrak nicht wenig vor der gewaltigen Stimme; +denn es war ja dieselbe, die damals am Himmelfahrtstage gerufen: Hei, hei! +was ist das für ein Gemunkel und Geflüster usw. Er konnte vor Staunen und +Schreck kein Wort herausbringen. — »Nun, was ist Ihnen denn, Herr +Anselmus?« fuhr der Archivarius Lindhorst fort (niemand anders war der Mann +im weißgrauen Überrock), »was wollen Sie von dem Holunderbaum und warum +sind Sie denn nicht zu mir gekommen, um Ihre Arbeit anzufangen?« — Wirklich +hatte der Student Anselmus es noch nicht über sich vermocht, den +Archivarius Lindhorst wieder in seinem Hause aufzusuchen, unerachtet er +sich jenen Abend ganz dazu ermutigt; in diesem Augenblick aber, als er +seine schönen Träume und noch dazu durch dieselbe feindselige Stimme, die +schon damals ihm die Geliebte geraubt, zerrissen sah, erfaßte ihn eine Art +Verzweiflung und er brach ungestüm los: »Sie mögen mich nun für wahnsinnig +halten oder nicht, Herr Archivarius, das gilt mir ganz gleich, aber hier +auf diesem Baume erblickte ich am Himmelfahrtstage die goldgrüne Schlange +— ach! die ewig Geliebte meiner Seele und sie sprach zu mir in herrlichen +Kristalltönen, aber Sie — Sie, Herr Archivarius, schrieen und riefen so +schrecklich übers Wasser her.« — »Wie das, mein Gönner?« unterbrach ihn +der Archivarius Lindhorst, indem er ganz sonderbar lächelnd eine Prise +nahm. — Der Student Anselmus fühlte, wie seine Brust sich erleichterte, +als es ihm nur gelungen, von jenem wunderbaren Abenteuer anzufangen und es +war ihm als sei es schon ganz recht, daß er den Archivarius geradezu +beschuldigt: er sei es gewesen, der so aus der Ferne gedonnert. Er nahm +sich zusammen, sprechend: »Nun, so will ich denn alles erzählen, was mir an +dem Himmelfahrtsabende Verhängnisvolles begegnet und dann mögen Sie reden +und tun und überhaupt denken über mich was Sie wollen.« — Er erzählte nun +wirklich die ganze wunderliche Begebenheit von dem unglücklichen Tritt in +den Äpfelkorb an, bis zum Entfliehen der drei goldgrünen Schlangen übers +Wasser und wie ihn nun die Menschen für betrunken oder wahnsinnig gehalten. +»Das alles,« schloß der Student Anselmus, »habe ich wirklich gesehen und +tief in der Brust ertönen noch im hellen Nachklange die lieblichen Stimmen, +die zu mir sprachen; es war keineswegs ein Traum und soll ich nicht vor +Liebe und Sehnsucht sterben, so muß ich an die goldgrünen Schlangen +glauben, unerachtet ich an Ihrem Lächeln, werter Herr Archivarius, +wahrnehme, daß Sie eben diese Schlangen nur für ein Erzeugnis meiner +erhitzten, überspannten Einbildungskraft halten.« — »Mit nichten,« +erwiderte der Archivarius in der größten Ruhe und Gelassenheit, »die +goldgrünen Schlangen, die Sie, Herr Anselmus, in dem Holunderbusch gesehen, +waren nun eben meine drei Töchter, und daß Sie sich in die blauen Augen der +jüngsten, Serpentina genannt, gar sehr verliebt, das ist nun wohl klar. Ich +wußte es übrigens schon am Himmelfahrtstage und da mir zu Hause, am +Arbeitstisch sitzend, des Gemunkels und Geklingels zuviel wurde, rief ich +den losen Dirnen zu, daß es Zeit sei nach Hause zu eilen; denn die Sonne +ging schon unter und sie hatten sich genug mit Singen und Strahlentrinken +erlustigt!« — Dem Studenten Anselmus war es als würde ihm nur etwas mit +deutlichen Worten gesagt, was er längst geahnt; und ob er gleich zu +bemerken glaubte, daß sich Holunderbusch, Mauer, Rasenboden und alle +Gegenstände rings umher leise zu drehen anfingen, so raffte er sich doch +zusammen und wollte etwas reden; aber der Archivarius ließ ihn nicht zu +Worte kommen, sondern zog schnell den Handschuh von der linken Hand, und +indem er den in wunderbaren Funken und Flammen blitzenden Stein eines +Ringes dem Studenten vor die Augen hielt, sprach er: Schauen Sie her, +werter Herr Anselmus, Sie können darüber, was Sie erblicken, eine Freude +haben. Der Student Anselmus schaute hin, und, o Wunder! Der Stein warf wie +aus einem brennenden Fokus Strahlen rings herum, und die Strahlen +verspannen sich zum hellen, leuchtenden Kristallspiegel, in dem in +mancherlei Windungen, bald einander fliehend, bald sich in einander +schlingend, die drei goldgrünen Schlänglein tanzten und hüpften. Und wenn +die schlanken in tausend Funken blitzenden Leiber sich berührten, da +erklangen herrliche Akkorde wie Kristallglocken und die mittelste streckte +wie voll Sehnsucht und Verlangen das Köpfchen zum Spiegel heraus und die +dunkelblauen Augen sprachen: Kennst Du mich denn — glaubst Du denn an +mich, Anselmus? — nur in dem Glauben ist Liebe — kannst Du denn lieben? +— O Serpentina, Serpentina! schrie der Student Anselmus in wahnsinnigem +Entzücken; aber der Archivarius Lindhorst hauchte schnell auf den Spiegel, +da fuhren in elektrischem Geknister die Strahlen in den Fokus zurück, und +an der Hand blitzte nur wieder ein kleiner Smaragd, über den der +Archivarius den Handschuh zog. Haben Sie die goldnen Schlänglein gesehen, +Herr Anselmus? fragte der Archivarius Lindhorst. Ach Gott, ja! erwiderte +der Student, und die holde liebliche Serpentina. Still! fuhr der +Archivarius Lindhorst fort, genug für heute! übrigens können Sie ja, wenn +Sie sich entschließen wollen bei mir zu arbeiten, meine Töchter oft genug +sehen, oder vielmehr, ich will Ihnen das wahrhaftige Vergnügen verschaffen, +wenn Sie sich bei der Arbeit recht brav halten, das heißt: mit der größten +Genauigkeit und Reinheit jedes Zeichen kopieren. Aber Sie kommen ja gar +nicht zu mir, unerachtet mir der Registrator Heerbrand versicherte, Sie +würden sich nächstens einfinden und ich deshalb mehrere Tage vergebens +gewartet. — Sowie der Archivarius Lindhorst den Namen Heerbrand nannte, +war es dem Studenten Anselmus erst wieder, als stehe er wirklich mit +beiden Füßen auf der Erde und er wäre wirklich der Student Anselmus, und +der vor ihm stehende Mann der Archivarius Lindhorst. Der gleichgültige Ton, +in dem dieser sprach, hatte im grellen Kontrast mit den wunderbaren +Erscheinungen, die er wie ein wahrhafter Nekromant hervorrief, etwas +Grauenhaftes, das durch den stechenden Blick der funkelnden Augen, die aus +den knöchernen Höhlen des magern, runzligen Gesichts wie aus einem Gehäuse +hervorstrahlten, noch erhöht wurde, und den Studenten ergriff mit Macht +dasselbe unheimliche Gefühl, welches sich seiner schon auf dem Kaffeehause +bemeisterte, als der Archivarius so viel Abenteuerliches erzählte. Nur mit +Mühe faßte er sich, und als der Archivarius nochmals fragte: nun, warum +sind Sie denn nicht zu mir gekommen? da erhielt er es über sich, alles zu +erzählen, was ihm an der Haustür begegnet. Lieber Herr Anselmus, sagte der +Archivarius, als der Student seine Erzählung geendet, lieber Herr Anselmus, +ich kenne wohl das Äpfelweib, von dem Sie zu sprechen belieben; es ist eine +fatale Kreatur, die mir allerhand Possen spielt, und daß sie sich hat +bronzieren lassen, um als Türklopfer die mir angenehmen Besuche zu +verscheuchen, das ist in der Tat sehr arg und nicht zu leiden. Wollten Sie +doch, werter Herr Anselmus, wenn Sie morgen um zwölf Uhr zu mir kommen und +wieder etwas von dem Angrinsen und Anschnarren vermerken, ihr gefälligst +etwas Weniges von diesem Likör auf die Nase tröpfeln; dann wird sich +sogleich alles geben.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/04.jpg" alt="Wie ein großer Vogel" title="Wie ein großer Vogel" /></div> + +<p>Und nun Adieu! lieber Herr Anselmus, ich gehe etwas rasch, deshalb will +ich Ihnen nicht zumuten, mit mir nach der Stadt zurückzukehren. Adieu! auf +Wiedersehen, morgen um zwölf Uhr. — Der Archivarius hatte dem Studenten +Anselmus ein kleines Fläschchen mit einem goldgelben Likör gegeben und nun +schritt er rasch von dannen, so daß er in der tiefen Dämmerung, die +unterdessen eingebrochen, mehr in das Tal hinabzuschweben als zu gehen +schien. Schon war er in der Nähe des Koselschen Gartens, da setzte sich der +Wind in den weiten Überrock und trieb die Schöße auseinander, daß sie wie +ein Paar große Flügel in den Lüften flatterten und es dem Studenten +Anselmus, der verwunderungsvoll dem Archivarius nachsah, vorkam, als breite +ein großer Vogel die Fittiche aus zum raschen Fluge. — Wie der Student nun +so in die Dämmerung hineinstarrte, da erhob sich mit krächzendem Geschrei +ein weißgrauer Geier hoch in die Lüfte und er merkte nun wohl, daß das +weiße Geflatter, das er noch immer für den davonschreitenden Archivarius +gehalten, schon eben der Geier gewesen sein müsse, unerachtet er nicht +begreifen konnte, wo denn der Archivarius mit einem Male hingeschwunden. +»Er kann aber auch selbst in Person davongeflogen sein, der Herr +Archivarius Lindhorst,« sprach der Student Anselmus zu sich selbst; »denn +ich sehe und fühle nun wohl, daß alle die fremden Gestalten aus einer +fernen wundervollen Welt, die ich sonst nur in ganz besondern merkwürdigen +Träumen schaute, jetzt in mein waches reges Leben geschritten sind und ihr +Spiel mit mir treiben. — Dem sei aber wie ihm wolle! Du lebst und glühst +in meiner Brust, holde, liebliche Serpentina, nur Du kannst die unendliche +Sehnsucht stillen, die mein Innerstes zerreißt. Ach, wann werde ich in Dein +holdseliges Auge blicken, liebe, liebe Serpentina!« — — So rief der +Student Anselmus ganz laut. — »Das ist ein schnöder unchristlicher Name,« +murmelte eine Baßstimme neben ihm, die einem heimkehrenden Spaziergänger +gehörte. Der Student Anselmus, zu rechter Zeit erinnert wo er war, eilte +raschen Schrittes von dannen, indem er bei sich selbst dachte: wäre es +nicht ein rechtes Unglück, wenn mir jetzt der Konrektor Paulmann oder der +Registrator Heerbrand begegnete! — Aber er begegnete keinem von beiden.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="FUNFTE_VIGILIE" id="FUNFTE_VIGILIE" ></a>FÜNFTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Die Frau Hofrätin Anselmus. — Cicero de officiis. — Meerkatzen und +anderes Gesindel. — Die alte Lise. — Das Aequinoctium.</p></div> + + +<p>Mit dem Anselmus ist nun einmal in der Welt nichts anzufangen, sagte der +Konrektor Paulmann, alle meine guten Lehren, alle meine Ermahnungen sind +fruchtlos, er will sich ja zu gar nichts applizieren, unerachtet er die +besten Schulstudia besitzt, die denn doch die Grundlage von allem sind. +Aber der Registrator Heerbrand erwiderte schlau und geheimnisvoll lächelnd: +Lassen Sie dem Anselmus doch nur Raum und Zeit, wertester Konrektor, das +ist ein kurioses Subjekt, aber es steckt viel in ihm und wenn ich sage: +viel, so heißt das: ein geheimer Sekretär, oder wohl gar ein Hofrat. — Hof +— fing der Konrektor im größten Erstaunen an, das Wort blieb ihm stecken. +— Still, still, fuhr der Registrator Heerbrand fort, ich weiß, was ich +weiß! Schon seit zwei Tagen sitzt er bei dem Archivarius Lindhorst und +kopiert, und der Archivarius sagte gestern Abend auf dem Kaffeehause zu +mir: Sie haben mir einen wackern Mann empfohlen, Verehrter; aus dem wird +was; — und nun bedenken Sie des Archivarii Konnexionen — still — still +— sprechen wir uns übers Jahr! — Mit diesen Worten ging der Registrator +in fortwährendem schlauem Lächeln zur Tür hinaus und ließ den vor Erstaunen +und Neugier verstummten Konrektor im Stuhle festgebannt sitzen. Aber auf +Veronika hatte das Gespräch einen ganz eignen Eindruck gemacht. Habe ich's +denn nicht schon immer gewußt, dachte sie, daß der Herr Anselmus ein recht +gescheiter, liebenswürdiger junger Mann ist, aus dem noch was Großes wird? +Wenn ich nur wüßte, ob er mir wirklich gut ist! — Aber hat er mir nicht +jenen Abend, als wir über die Elbe fuhren, zweimal die Hand gedrückt? Hat +er mich nicht im Duett angesehen mit solchen ganz sonderbaren Blicken, die +bis ins Herz drangen? Ja, ja, er ist mir wirklich gut — und ich — Veronika +überließ sich ganz, wie junge Mädchen wohl pflegen, den süßen Träumen von +einer heitern Zukunft. Sie war Frau Hofrätin, bewohnte ein schönes Logis in +der Schloßgasse oder auf dem Neumarkt, oder auf der Moritzstraße — der +moderne Hut, der neue türkische Schal stand ihr vortrefflich — sie +frühstückte im eleganten Negligee im Erker, der Köchin die nötigen Befehle +für den Tag erteilend. »Aber daß Sie mir die Schüssel nicht verdirbt, es +ist des Herrn Hofrats Leibessen!« — Vorübergehende Elegants schielen +herauf, sie hört deutlich: »Es ist doch eine göttliche Frau, die Hofrätin, +wie ihr das Spitzenhäubchen so allerliebst steht!« — Die geheime Rätin +Ypsilon schickt den Bedienten und läßt fragen, ob es der Frau Hofrätin +gefällig wäre, heute ins Linkesche Bad zu fahren? — »Viel Empfehlungen, es +täte mir unendlich leid, ich sei schon engagiert zum Tee bei der +Präsidentin Tz.« — Da kommt der Hofrat Anselmus, der schon früh in +Geschäften ausgegangen, zurück; er ist nach der letzten Mode gekleidet; +»wahrhaftig schon zehn,« ruft er, indem er die goldne Uhr repetieren läßt +und der jungen Frau einen Kuß gibt: »wie geht's, liebes Weibchen, weißt Du +auch, was ich für Dich habe?« fährt er schäkernd fort und zieht ein Paar +herrliche, nach der neuesten Art gefaßte Ohrringe aus der Westentasche, die +er ihr statt der sonst getragenen gewöhnlichen einhängt. »Ach, die schönen +niedlichen Ohrringe!« ruft Veronika ganz laut und springt, die Arbeit +wegwerfend, vom Stuhl auf, um in dem Spiegel die Ohrringe wirklich zu +beschauen. »Nun, was soll denn das sein?« sagte der Konrektor Paulmann, +der, eben in Cicero de officiis vertieft, beinahe das Buch fallen gelassen, +»man hat ja Anfälle wie der Anselmus.« Aber da trat der Student Anselmus, +der wider seine Gewohnheit sich mehrere Tage nicht hatte sehen lassen ins +Zimmer, zu Veronikas Schreck und Erstaunen, denn in der Tat war er in +seinem ganzen Wesen verändert. Mit einer gewissen Bestimmtheit, die ihm +sonst gar nicht eigen, sprach er von ganz andern Tendenzen seines Lebens, +die ihm klar geworden, von den herrlichen Aussichten, die sich ihm +geöffnet, die mancher aber gar nicht zu schauen vermöchte. Der Konrektor +Paulmann wurde, der geheimnisvollen Rede des Registrators Heerbrand +gedenkend, noch mehr betroffen und konnte kaum eine Silbe hervorbringen, +als der Student Anselmus, nachdem er einige Worte von dringender Arbeit bei +dem Archivarius Lindhorst fallen gelassen und der Veronika mit eleganter +Gewandtheit die Hand geküßt, schon die Treppe hinunter, auf und von dannen +war. »Das war ja schon der Hofrat,« murmelte Veronika in sich hinein, »und +er hat mir die Hand geküßt, ohne dabei auszugleiten oder mir auf den Fuß zu +treten, wie sonst! — er hat mir einen recht zärtlichen Blick zugeworfen +— er ist mir wohl in der Tat gut.« — Veronika überließ sich aufs neue +jener Träumerei, indessen war es als träte immer eine feindselige Gestalt +unter die lieblichen Erscheinungen, wie sie aus dem künftigen häuslichen +Leben als Frau Hofrätin hervorgingen, und die Gestalt lachte recht höhnisch +und sprach: »das ist ja alles recht dummes ordinäres Zeug und noch dazu +erlogen, denn der Anselmus wird nimmermehr Hofrat und Dein Mann; er liebt +Dich ja nicht, unerachtet Du blaue Augen hast und einen schlanken Wuchs und +eine feine Hand.« — Da goß sich ein Eisstrom durch Veronikas Inneres und +ein tiefes Entsetzen vernichtete die Behaglichkeit, mit der sie sich nur +noch erst im Spitzenhäubchen und den eleganten Ohrringen gesehen. Die +Tränen wären ihr beinahe aus den Augen gestürzt und sie sprach laut: »Ach, +es ist ja wahr, er liebt mich nicht und ich werde nimmermehr Frau +Hofrätin!« »Romanstreiche, Romanstreiche!« schrie der Konrektor Paulmann, +nahm Hut und Stock und eilte zornig von dannen. — Das fehlte noch, +seufzte Veronika und ärgerte sich recht über die zwölfjährige Schwester, +welche, teilnahmslos an ihrem Rahmen sitzend, fortgestickt hatte. +Unterdessen war es beinahe drei Uhr geworden und nun gerade Zeit das Zimmer +aufzuräumen und den Kaffeetisch zu ordnen; denn die Mesdemoiselles Oster +hatten sich bei der Freundin ansagen lassen. Aber hinter jedem Schränkchen, +das Veronika wegrückte, hinter den Notenbüchern, die sie vom Klavier, +hinter jeder Tasse, hinter der Kaffeekanne, die sie aus dem Schrank nahm, +sprang jene Gestalt wie ein Alräunchen hervor und lachte höhnisch und +schlug mit den kleinen Spinnenfingern Schnippchen und schrie: er wird doch +nicht Dein Mann, er wird doch nicht Dein Mann! Und dann, wenn sie alles +stehen und liegen ließ und in die Mitte des Zimmers flüchtete, sah es mit +langer Nase riesengroß hinter dem Ofen hervor und knurrte und schnurrte: er +wird doch nicht Dein Mann! »Hörst Du denn nichts, siehst Du denn nichts, +Schwester?« rief Veronika, die vor Furcht und Zittern gar nichts mehr +anrühren mochte. Fränzchen stand ganz ernsthaft und ruhig von ihrem +Stickrahmen auf und sagte: »Was ist Dir denn heute, Schwester? Du wirfst ja +alles durcheinander, daß es klippert und klappert, ich muß Dir nur helfen.« +Aber da traten schon die muntern Mädchen in vollem Lachen herein und in dem +Augenblick wurde nun auch Veronika gewahr, daß sie den Ofenaufsatz für eine +Gestalt und das Knarren der übel verschlossenen Ofentür für die +feindseligen Worte gehalten hatte. Von einem innern Entsetzen gewaltsam +ergriffen, konnte sie sich aber nicht so schnell erholen, daß die +Freundinnen nicht ihre ungewöhnliche Spannung, die selbst ihre Blässe, ihr +verstörtes Gesicht verriet, hätten bemerken sollen. Als sie schnell +abbrechend von all dem Lustigen, das sie eben erzählen wollten, in die +Freundin drangen, was ihr denn um des Himmels willen widerfahren, mußte +Veronika eingestehen, wie sie sich ganz besondern Gedanken hingegeben und +plötzlich am hellen Tage von einer sonderbaren Gespensterfurcht, die ihr +sonst gar nicht eigen, übermannt worden. Nun erzählte sie so lebhaft, wie +aus allen Winkeln des Zimmers ein kleines graues Männchen sie geneckt und +gehöhnt habe, daß die Mesdemoiselles Oster sich schüchtern nach allen +Seiten umsahen und ihnen bald gar unheimlich und grausig zu Mute wurde. Da +trat Fränzchen mit dem dampfenden Kaffee herein, und alle drei sich +besinnend, lachten über ihre eigene Albernheit. Angelika, so hieß die +älteste Oster, war mit einem Offizier versprochen, der bei der Armee stand +und von dem die Nachrichten solange ausgeblieben, daß man an seinem Tode, +oder wenigstens an seiner schweren Verwundung kaum zweifeln konnte. Dies +hatte Angelika in die tiefste Betrübnis gestürzt, aber heute war sie +fröhlich bis zur Ausgelassenheit, worüber Veronika sich nicht wenig +wunderte und es ihr unverhohlen äußerte. »Liebes Mädchen«, sagte Angelika, +»glaubst Du denn nicht, daß ich meinen Viktor immerdar im Herzen, in Sinn +und Gedanken trage? aber eben deshalb bin ich so heiter! — ach Gott! — so +glücklich, so selig in meinem ganzen Gemüte! denn mein Viktor ist wohl, und +ich sehe ihn in weniger Zeit als Rittmeister, geschmückt mit den +Ehrenzeichen, die ihm seine unbegrenzte Tapferkeit erwarben, wieder. Eine +starke, aber durchaus nicht gefährliche Verwundung des rechten Arms, und +zwar durch den Säbelhieb eines feindlichen Husaren, verhindert ihn zu +schreiben, und der schnelle Wechsel seines Aufenthaltes, da er durchaus +sein Regiment nicht verlassen will, macht es auch noch immer unmöglich mir +Nachricht zu geben; aber heute Abend erhält er die bestimmte Weisung, sich +erst ganz heilen zu lassen. Er reiset morgen ab, um herzukommen, und indem +er in den Wagen steigen will, erfährt er seine Ernennung zum Rittmeister,« +— »Aber liebe Angelika,« fiel Veronika ein, »das weißt Du jetzt schon +alles?« — »Lache mich nicht aus, liebe Freundin,« fuhr Angelika fort, +»aber Du wirst es nicht, denn könnte nicht Dir zur Strafe gleich das kleine +graue Männchen dort hinter dem Spiegel hervorgucken? — Genug, ich kann +mich von dem Glauben an gewisse geheimnisvolle Dinge nicht losmachen, weil +sie oft genug ganz sichtbarlich und handgreiflich, möcht' ich sagen, in +mein Leben getreten. Vorzüglich kommt es mir nun garnicht einmal so +wunderbar und unglaublich vor, als manchem andern, daß es Leute geben kann, +denen eine gewisse Sehergabe eigen, die sie durch ihnen bekannte +untrügliche Mittel in Bewegung zu setzen wissen. Es ist hier am Orte eine +alte Frau, die diese Gabe besonders besitzt. Nicht sowie andere ihres +Gelichters, prophezeit sie aus Karten, gegossenem Blei oder aus dem +Kaffeesatze, sondern nach gewissen Vorbereitungen, an denen die fragende +Person teilnimmt, erscheint in einem hellpolierten Metallspiegel ein +wunderliches Gemisch von allerlei Figuren und Gestalten, welche die Alte +deutet und aus ihnen die Antwort auf die Frage schöpft. Ich war gestern +Abend bei ihr und erhielt jene Nachrichten von meinem Viktor, an deren +Wahrheit ich nicht einen Augenblick zweifle.« — Angelika's Erzählung warf +einen Funken in Veronika's Gemüt, der schnell den Gedanken entzündete, die +Alte über den Anselmus und über ihre Hoffnungen zu befragen. Sie erfuhr, +daß die alte [Alte] Frau Rauerin hieße, in einer entlegenen Straße vor dem Seetor +wohne, durchaus nur Dienstags, Mittwochs und Freitags von sieben Uhr +abends, dann aber die ganze Nacht hindurch bis zum Sonnen-Aufgang zu +treffen sei und es gern sehe, wenn man allein komme. — Es war eben +Mittwoch, und Veronika beschloß, unter dem Vorwande die Osters nach Hause +zu begleiten, die Alte aufzusuchen, welches sie denn auch in der Tat +ausführte. Kaum hatte sie nämlich von den Freundinnen, die in der Neustadt +wohnten, vor der Elbbrücke Abschied genommen, als sie geflügelten Schrittes +vor das Seetor eilte und sich bald in der beschriebenen abgelegenen engen +Straße befand, an deren Ende sie das kleine rote Häuschen erblickte, in +welchem die Frau Rauerin wohnen sollte. Sie konnte sich eines gewissen +unheimlichen Gefühls, ja eines innern Erbebens nicht erwehren, als sie vor +der Haustür stand. Endlich raffte sie sich, des innern Widerstrebens +unerachtet, zusammen, und zog an der Klingel, worauf sich die Tür öffnete +und sie durch den finstern Gang nach der Treppe tappte, die zum obern Stock +führte, wie es Angelika beschrieben. »Wohnt hier nicht die Frau Rauerin?« +rief sie in den öden Hausflur hinein, als sich niemand zeigte; da erscholl +statt der Antwort ein langes klares Miau, und ein großer schwarzer Kater +schritt mit hochgekrümmtem Rücken, den Schweif in Wellenringeln hin- und +herdrehend, gravitätisch vor ihr her bis an die Stubentür, die auf ein +zweites Miau geöffnet wurde. »Ach sieh da, Töchterchen, bist Du schon hier? +komm herein — herein!« So rief die heraustretende Gestalt, deren Anblick +Veronika an den Boden festbannte. Ein langes, hagres, in schwarze Lumpen +gehülltes Weib! indem sie sprach, wackelte das hervorragende spitze Kinn, +verzog sich das zahnlose Maul, von der knöchernen Habichtsnase beschattet, +zum grinsenden Lächeln, und leuchtende Katzenaugen flackerten Funken +werfend durch die große Brille. Aus dem bunten um den Kopf gewickelten +Tuche starrten schwarze borstige Haare hervor, aber zum Gräßlichen erhoben +das ekle Antlitz zwei große Brandflecke, die sich von der linken Backe über +die Nase wegzogen. — Veronika's Atem stockte, und der Schrei, der der +gepreßten Brust Luft machen sollte, wurde zum tiefen Seufzer, als der Hexe +Knochenhand sie ergriff und in das Zimmer hineinzog. Drinnen regte und +bewegte sich alles, es war ein Sinne verwirrendes Quieken und Miauen und +Gekrächze und Gepiepe durcheinander. Die Alte schlug mit der Faust auf den +Tisch und schrie: Still da, ihr Gesindel! Und die Meerkatzen kletterten +winselnd auf das hohe Himmelbett, und die Meerschweinchen liefen unter den +Ofen und der Rabe flatterte auf den runden Spiegel; nur der schwarze Kater, +als gingen ihn die Scheltworte nichts an, blieb ruhig auf dem großen +Polsterstuhl sitzen, auf den er gleich nach dem Eintritt gesprungen. —</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/05.jpg" alt=""Frau Rauerin"" title=""Frau Rauerin"" /></div> + +<p>Sowie es still wurde, ermutigte sich Veronika; es war ihr nicht so +unheimlich als draußen auf dem Flur, ja selbst das Weib schien ihr nicht +mehr so scheußlich. Jetzt erst blickte sie im Zimmer umher. — Allerhand +häßliche ausgestopfte Tiere hingen von der Decke herab, unbekanntes +seltsames Geräte lag durcheinander auf dem Boden, und in dem Kamin brannte +ein blaues sparsames Feuer, das nur dann und wann in gelben Funken +emporknisterte; aber dann rauschte es von oben herab, und ekelhafte +Fledermäuse wie mit verzerrten lachenden Menschengesichtern schwangen sich +hin und her, und zuweilen leckte die Flamme herauf an der rußigen Mauer, +und dann erklangen schneidende, heulende Jammertöne, daß Veronika von Angst +und Grausen ergriffen wurde. »Mit Verlaub, Mamsellchen,« sagte die Alte +schmunzelnd, erfaßte einen großen Wedel und besprengte, nachdem sie ihn in +einen kupfernen Kessel getaucht, den Kamin. Da erlosch das Feuer, und wie +von dickem Rauch erfüllt, wurde es stockfinster in der Stube, aber bald +trat die Alte, die in ein Kämmerchen gegangen, mit einem angezündeten Licht +wieder herein, und Veronika erblickte nichts mehr von den Tieren, von den +Gerätschaften, es war eine gewöhnliche ärmlich ausstaffierte Stube. Die +Alte trat ihr näher und sagte mit schnarrender Stimme: »Ich weiß wohl, was +Du bei mir willst, mein Töchterchen: was gilt es, Du möchtest erfahren, ob +Du den Anselmus heiraten wirst, wenn er Hofrat worden!« — Veronika +erstarrte vor Staunen und Schreck, aber die Alte fuhr fort: »Du hast mir ja +alles gesagt zu Hause beim Papa, als die Kaffeekanne vor Dir stand, ich war +ja die Kaffeekanne, hast Du mich denn nicht gekannt? Töchterchen, höre! Laß +ab, laß ab, von dem Anselmus, das ist ein garstiger Mensch, der hat meinen +Söhnlein ins Gesicht getreten, meinen lieben Söhnlein, den Äpfelchen mit +den roten Backen, die, wenn sie die Leute gekauft haben, ihnen wieder aus +den Taschen in meinen Korb zurückrollen. Er hält's mit dem Alten; er hat +mir vorgestern den verdammten Auripigment ins Gesicht gegossen, daß ich +beinahe darüber erblindet, Du kannst noch die Brandflecken sehen, +Töchterchen! Laß ab von ihm, laß ab! — Er liebt Dich nicht: denn er liebt +die goldgrüne Schlange, er wird niemals Hofrat werden, weil er sich bei den +Salamandern hat anstellen lassen, und er will die grüne Schlange heiraten, +laß ab von ihm, laß ab!« — Veronika, die eigentlich ein festes standhaftes +Gemüt hatte und mädchenhaften Schreck bald zu überwinden wußte, trat einen +Schritt zurück und sprach mit ernsthaftem gefaßtem Ton: »Alte! ich habe +von Eurer Gabe in die Zukunft zu blicken gehört und wollte darum, +vielleicht zu neugierig und voreilig, von Euch wissen, ob wohl Anselmus, +den ich liebe und hoch schätze, jemals mein werden würde. Wollt Ihr mich +daher, statt meinen Wunsch zu erfüllen, mit Eurem tollen unsinnigen +Geschwätze necken, so tut Ihr Unrecht; denn ich habe nur gewollt, was Ihr +Andern, wie ich weiß, gewährtet. Da Ihr, wie es scheint, meine innigsten +Gedanken wisset, so wäre es Euch vielleicht ein Leichtes gewesen, mir +manches zu enthüllen, was mich jetzt quält und ängstigt, aber nach Euern +albernen Verleumdungen des guten Anselmus mag ich von Euch weiter nichts +erfahren. Gute Nacht!« — Veronika wollte davoneilen, da fiel die Alte +weinend und jammernd auf die Knie nieder und rief das Mädchen am Kleide +festhaltend: »Veronikchen, kennst Du denn die alte Lise nicht mehr, die +Dich so oft auf den Armen getragen und gepflegt und gehätschelt?« Veronika +traute kaum ihren Augen; denn sie erkannte ihre, freilich nur durch hohes +Alter und vorzüglich durch die Brandflecke entstellte ehemalige Wärterin, +die vor mehreren Jahren aus des Konrektor Paulmann's Hause verschwand. Die +Alte sah auch nun ganz anders aus, sie hatte statt des häßlichen +buntgefleckten Tuches, eine ehrbare Haube, und statt der schwarzen Lumpen +eine großblumige Jacke an, wie sie sonst wohl gekleidet gegangen. Sie +stand vom Boden auf und fuhr, Veronika in ihre Arme nehmend, fort: es mag +Dir alles, was ich Dir gesagt, wohl recht toll vorkommen, aber es ist dem +leider so. Der Anselmus hat mir viel zu Leide getan, doch wider seinen +Willen; er ist dem Archivarius Lindhorst in die Hände gefallen, und der +will ihn mit seiner Tochter verheiraten. Der Archivarius ist mein größter +Feind, und ich könnte Dir allerlei Dinge von ihm sagen, die würdest Du aber +nicht verstehen, oder Dich doch sehr entsetzen. Er ist der weise Mann, aber +ich bin die weise Frau — es mag darum sein! — Ich merke nun wohl, daß Du +den Anselmus recht lieb hast, und ich will Dir mit allen Kräften beistehen, +daß Du recht glücklich werden und fein ins Ehebett kommen sollst, wie Du es +wünschest.« — »Aber sage Sie mir um des Himmels willen, Lise!« fiel +Veronika ein — Still, Kind — still! unterbrach sie die Alte, ich weiß was +Du sagen willst, ich bin das worden, was ich bin, weil ich es werden mußte, +ich konnte nicht anders. Nun also! — ich kenne das Mittel, das den +Anselmus von der törichten Liebe zur grünen Schlange heilt und ihn als den +liebenswürdigsten Hofrat in Deine Arme führt; aber Du mußt helfen! — »Sage +es nur gerade heraus, Lise! ich will ja alles tun; denn ich liebe den +Anselmus sehr!« lispelte Veronika kaum hörbar. — Ich kenne Dich, fuhr die +Alte fort, als ein beherztes Kind, vergebens habe ich Dich mit dem Wauwau +zum Schlaf treiben wollen: denn gerade alsdann öffnetest Du die Augen, um +den Wauwau zu sehen; Du gingst ohne Licht in die hinterste Stube und +erschrecktest oft in des Vaters Pudermantel des Nachbars Kinder. Nun also! +— ist's Dir Ernst, durch meine Kunst den Archivarius Lindhorst und die +grüne Schlange zu überwinden, ist's Dir Ernst, den Anselmus als Hofrat +Deinen Mann zu nennen, so schleiche Dich in der künftigen Tag- und +Nachtgleiche nachts um elf Uhr aus des Vaters Hause und komme zu mir; ich +werde dann mit Dir auf den Kreuzweg gehen, der unfern das Feld +durchschneidet, wir bereiten das nötige, und alles wunderliche was Du +vielleicht erblicken wirst, soll Dich nicht anfechten. Und nun, +Töchterchen, gute, Nacht, der Papa wartet schon mit der Suppe. — Veronika +eilte von dannen, fest stand bei ihr der Entschluß, die Nacht des +Äquinoktiums nicht zu versäumen, denn, dachte sie, die Lise hat Recht, der +Anselmus ist verstrickt in wunderliche Bande, aber ich erlöse ihn daraus +und nenne ihn mein immerdar und ewiglich, mein ist und bleibt er, der +Hofrat Anselmus.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="SECHSTE_VIGILIE" id="SECHSTE_VIGILIE" ></a>SECHSTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Der Garten des Archivarius Lindhorst nebst einigen Spottvögeln. — Der +goldene Topf. — Die englische Kursivschrift. — Schnöde Hahnenfüße. — Der +Geisterfürst.</p></div> + + +<p>Es kann aber auch sein, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, daß der +superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas +begierig genossen, alle die tollen Phantasmata geschaffen, die mich vor der +Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz +nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, +Trotz bieten. — Sowie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem +Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und +kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten +Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das +Fläschchen mit dem gelben Likör in die Augen fiel, das er von dem +Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all' die seltsamen +Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein +namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. +Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: »Ach, gehe ich denn +nicht zum Archivarius, nur um Dich zu sehen, Du holde liebliche +Serpentina?« — Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentina's +Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er +unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der +Lindhorstischen Manuskripte. — Daß ihm schon beim Eintritt ins Haus, oder +vielmehr noch vor demselben allerlei wunderliches begegnen könne, wie +neulich, davon war er überzeugt. Er dachte nicht mehr an Conradi's +Magenwasser, sondern steckte schnell den Likör in die Westentasche, um ganz +nach des Archivarius Vorschrift zu verfahren, wenn das bronzierte Äpfelweib +sich unterstehen sollte ihn anzugrinsen. — Erhob sich denn nicht auch +wirklich gleich die spitze Nase; funkelten nicht die Katzenaugen aus dem +Türdrücker, als er ihn auf den Schlag zwölf Uhr ergreifen wollte? — Da +spritzte er, ohne sich weiter zu bedenken, den Likör in das fatale Gesicht +hinein, und es glättete und plättete sich augenblicklich aus zum glänzenden +kugelrunden Türklopfer. Die Tür ging auf, die Glocken läuteten gar lieblich +durch das ganze Haus: klingling — Jüngling — flink — flink — spring +— spring — klingling. — Er stieg getrost die schöne breite Treppe hinauf +und weidete sich an dem Duft des seltenen Räucherwerks, der durch das Haus +floß. Ungewiß blieb er auf dem Flur stehen, denn er wußte nicht, an welche +der vielen schönen Türen er wohl pochen sollte; da trat der Archivarius +Lindhorst in einem weiten damastenen Schlafrock heraus und rief: »Nun es +freut mich, Herr Anselmus, daß Sie endlich Wort halten, kommen Sie mir nur +nach, denn ich muß Sie ja doch wohl gleich ins Laboratorium führen.« Damit +schritt er schnell den langen Flur hinauf und öffnete eine kleine +Seitentür, die in einen Korridor führte. Anselmus schritt getrost hinter +dem Archivarius her; sie kamen aus dem Korridor in einen Saal oder vielmehr +in ein herrliches Gewächshaus, denn von beiden Seiten bis an die Decke +hinauf standen allerlei seltene wunderbare Blumen, ja große Bäume mit +sonderbar gestalteten Blättern und Blüten. Ein magisches blendendes Licht +verbreitete sich überall, ohne daß man bemerken konnte, wo es herkam, da +durchaus kein Fenster zu sehen war. So wie der Student Anselmus in die +Büsche und Bäume hineinblickte, schienen lange Gänge sich in weiter Ferne +auszudehnen. — Im tiefen Dunkel dicker Zypressenstauden schimmerten +Marmorbecken, aus denen sich wunderliche Figuren erhoben, Kristallstrahlen +hervorspritzend, die plätschernd niederfielen in leuchtende Lilienkelche; +seltsame Stimmen rauschten und säuselten durch den Wald der wunderbaren +Gewächse, und herrliche Düfte strömten auf und nieder. Der Archivarius war +verschwunden und Anselmus erblickte nur einen riesenhaften Busch glühender +Feuerlilien vor sich. Von dem Anblick, von den süßen Düften des Feengartens +berauscht, blieb Anselmus festgezaubert stehen. Da fing es überall an zu +kichern und zu lachen und feine Stimmchen neckten und höhnten: Herr +Studiosus, Herr Studiosus! wo kommen sie denn her? warum haben Sie sich +denn so schön geputzt, Herr Anselmus? — Wollen Sie eins mit uns plappern, +wie die Großmutter das Ei mit dem Steiß zerdrückte und der Junker einen +Klecks auf die Sonntagsweste bekam? Können Sie die neue Arie schon +auswendig, die Sie vom Papa Starmatz gelernt, Herr Anselmus? — Sie sehen +recht possierlich aus in der gläsernen Perücke und dem [den] postpapiernen +Stülpstiefeln! — So rief und kicherte und neckte es aus allen Winkeln +hervor, ja dicht neben dem Studenten, der nun erst wahrnahm, wie allerlei +bunte Vögel ihn umflatterten und ihn so in vollem Gelächter aushöhnten. +— In dem Augenblick schritt der Feuerlilienbusch auf ihn zu, — und er sah, +daß es der Archivarius Lindhorst war, dessen blumigter in gelb und rot +glänzender Schlafrock ihn nur getäuscht hatte. »Verzeihen Sie, werter Herr +Anselmus,« sagte der Archivarius, »daß ich Sie stehn ließ, aber +vorübergehend sah ich nur nach meinem schönen Kaktus, der diese Nacht seine +Blüten aufschließen wird — aber wie gefällt Ihnen denn mein kleiner +Hausgarten?« — »Ach Gott, über alle Maßen schön ist es hier, +geschätztester Herr Archivarius,« erwiderte der Student, »aber die bunten +Vögel moquieren sich über meine Wenigkeit gar zu sehr!« — »Was ist denn +das für ein Gewäsche?« rief der Archivarius zornig in die Büsche hinein. Da +flatterte ein großer grauer Papagei hervor, und sich neben dem Archivarius +auf einen Myrtenast setzend und ihn ungemein ernsthaft und gravitätisch +durch eine Brille, die auf dem krummen Schnabel saß, anblickend, schnarrte +er: Nehmen Sie es nicht übel, Herr Archivarius, meine mutwilligen Buben +sind einmal wieder recht ausgelassen, aber der Herr Studiosus sind selbst +daran schuld, denn — »Still da! still da!« unterbrach der Archivarius den +Alten, »ich kenne die Schelme, aber Er sollte sie besser in Zucht halten, +mein Freund! — gehen wir weiter, Herr Anselmus!« — Noch durch manches +fremdartig aufgeputzte Gemach schritt der Archivarius, so daß der Student +ihm kaum folgen und einen Blick auf all' die glänzenden sonderbar geformten +Mobilien und andere unbekannte Sachen werfen konnte, womit alles überfüllt +war. Endlich traten sie in ein großes Gemach, in dem der Archivarius, den +Blick in die Höhe gerichtet, stehen blieb, und Anselmus Zeit gewann, sich +an dem herrlichen Anblick, den der einfache Schmuck dieses Saals gewährte, +zu weiden.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/06.jpg" alt="Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen Topf" title="Der Archivarius, Anselmus und Serpentina unter dem goldenen Topf" /></div> + +<p>Aus den azurblauen Wänden traten die goldbronzenen Stämme hoher Palmbäume +hervor, welche ihre kolossalen, wie funkelnde Smaragde glänzenden Blätter +oben zur Decke wölbten; in der Mitte des Zimmers ruhte auf drei aus dunkler +Bronze gegossenen ägyptischen Löwen eine Porphyrplatte, auf welcher ein +einfacher goldener Topf stand, von dem, als er ihn erblickte, Anselmus nun +gar nicht mehr die Augen wegwenden konnte. Es war als spielten in tausend +schimmernden Reflexen allerlei Gestalten auf dem strahlend polierten Golde +— manchmal sah er sich selbst mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen — ach! +neben dem Holunderbusch — Serpentina schlängelte sich auf und nieder, ihn +anblickend mit den holdseligen Augen. Anselmus war außer sich vor +wahnsinnigem Entzücken. »Serpentina! — Serpentina!« schrie er laut auf, da +wandte sich der Archivarius Lindhorst schnell um und sprach: »Was meinen +Sie, werter Herr Anselmus? — Ich glaube, Sie belieben meine Tochter zu +rufen, die ist aber ganz auf der andern Seite meines Hauses in ihrem Zimmer +und hat soeben Klavierstunde; kommen Sie nur weiter!« Anselmus folgte +beinahe besinnungslos dem davonschreitenden Archivarius, er sah und hörte +nichts mehr, bis ihn der Archivarius heftig bei der Hand ergriff und +sprach: »Nun sind wir an Ort und Stelle!« Anselmus erwachte wie aus einem +Traum und bemerkte nun, daß er sich in einem hohen, rings mit +Bücherschränken umstellten Zimmer befand, welches sich in keiner Art von +gewöhnlichen Bibliothek- und Studierzimmern unterschied. In der Mitte stand +ein großer Arbeitstisch und ein gepolsterter Lehnstuhl vor demselben. +»Dieses,« sagte der Archivarius Lindhorst, ist vor der Hand Ihr +Arbeitszimmer; ob Sie künftig auch in dem andern blauen Bibliotheksaal, in +dem Sie so plötzlich meiner Tochter Namen riefen, arbeiten werden, weiß ich +noch nicht; — aber nun wünschte ich mich erst von Ihrer Fähigkeit, die +Ihnen zugedachte Arbeit wirklich meinem Wunsch und Bedürfnis gemäß +auszuführen, zu überzeugen.« Der Student Anselmus ermutigte sich nun ganz +und gar, und zog nicht ohne innere Selbstzufriedenheit und in der +Überzeugung, den Archivarius durch sein ungewöhnliches Talent höchlich zu +erfreuen, seine Zeichnungen und Schreibereien aus der Tasche. Der +Archivarius hatte kaum das erste Blatt, eine Handschrift in der +elegantesten englischen Schreibmanier, erblickt, als er recht sonderbar +lächelte und mit dem Kopfe schüttelte. Das wiederholte er bei jedem +folgenden Blatte, so daß dem Studenten Anselmus das Blut in den Kopf stieg +und er, als das Lächeln zuletzt recht höhnisch und verächtlich wurde, in +vollem Unmute losbrach: »Der Herr Archivarius scheinen mit meinen geringen +Talenten nicht ganz zufrieden?« — »Lieber Herr Anselmus,« sagte der +Archivarius Lindhorst, »Sie haben für die Kunst des Schönschreibens +wirklich treffliche Anlagen, aber vor der Hand, sehe ich wohl, muß ich mehr +auf Ihren Fleiß, auf Ihren guten Willen rechnen, als auf Ihre Fertigkeit. +Es mag auch wohl an den schlechten Materialien liegen, die Sie verwandt.« +— Der Student Anselmus sprach viel von seiner sonst anerkannten +Kunstfertigkeit, von chinesischer Tusche und ganz auserlesenen Rabenfedern. +Da reichte ihm der Archivarius Lindhorst das englische Blatt hin und +sprach: »Urteilen Sie selbst!« — Anselmus wurde wie vom Blitz getroffen, +als ihm seine Handschrift so höchst miserabel vorkam. Da war keine Ründe in +den Zügen, kein Druck richtig, kein Verhältnis der großen und kleinen +Buchstaben; ja, schülermäßige schnöde Hahnenfüße verdarben oft die sonst +ziemlich geratene Zeile. »Und dann,« fuhr der Archivarius Lindhorst fort, +»ist Ihre Tusche auch nicht haltbar.« Er tunkte den Finger in ein mit +Wasser gefülltes Glas, und indem er nur leicht auf die Buchstaben tupfte, +war alles spurlos verschwunden. Dem Studenten Anselmus war es, als schnüre +ein Ungetüm ihm die Kehle zusammen, er konnte kein Wort herausbringen. So +stand er da, das unglückliche Blatt in der Hand, aber der Archivarius +Lindhorst lachte laut auf und sagte: »Lassen Sie sich das nicht anfechten, +wertester Herr Anselmus; was Sie bisher nicht vollbringen konnten, wird +hier bei mir vielleicht besser sich fügen; ohnedies finden Sie ein besseres +Material, als Ihnen sonst wohl zu Gebote stand. Fangen Sie nur getrost +an!« — Der Archivarius Lindhorst holte erst eine flüssige schwarze Masse, +die einen ganz eigentümlichen Geruch verbreitete, sonderbar gefärbte, +scharf zugespitzte Federn und ein Blatt von besonderer Weiße und Glätte, +dann aber ein arabisches Manuskript aus einem verschlossenen Schranke +herbei, und so wie Anselmus sich zur Arbeit gesetzt, verließ er das Zimmer. +Der Student Anselmus hatte schon öfters arabische Schrift kopiert, die +erste Aufgabe schien ihm daher nicht so schwer zu lösen. »Wie die +Hahnenfüße in meine schöne englische Kursivschrift gekommen, mag Gott und +der Archivarius Lindhorst wissen,« sprach er, »aber daß sie nicht von +<i>meiner</i> Hand sind, darauf will ich sterben.« — Mit jedem Worte, das +nun wohlgelungen auf dem Pergamente stand, wuchs sein Mut und mit ihm seine +Geschicklichkeit. In der Tat schrieb es sich mit den Federn ganz herrlich, +und die geheimnisvolle Tinte floß rabenschwarz und gefügig auf das blendend +weiße Pergament. Als er nun so emsig und mit angestrengter Aufmerksamkeit +arbeitete, wurde es ihm immer heimlicher in dem einsamen Zimmer, und er +hatte sich schon ganz in das Geschäft, welches er glücklich zu vollenden +hoffte, geschickt, als auf den Schlag drei Uhr ihn der Archivarius in das +Nebenzimmer zu dem wohlbereiteten Mittagsmahl rief. Bei Tische war der +Archivarius Lindhorst bei ganz besonderer heiterer Laune; er erkundigte +sich nach des Studenten Anselmus Freunden, dem Konrektor Paulmann und dem +Registrator Heerbrand und wußte vorzüglich von dem letztern recht viel +Ergötzliches zu erzählen. Der gute alte Rheinwein schmeckte dem Anselmus +gar sehr und machte ihn gesprächiger, als er wohl sonst zu sein pflegte. +Auf den Schlag vier Uhr stand er auf, um an seine Arbeit zu gehen, und +diese Pünktlichkeit schien dem Archivarius Lindhorst wohl zu gefallen. War +ihm schon vor dem Essen das Kopieren der arabischen Zeichen geglückt, so +ging die Arbeit jetzt noch viel besser vonstatten, ja er konnte selbst die +Schnelle und Leichtigkeit nicht begreifen, womit er die krausen Züge der +fremden Schrift nachzumalen vermochte. — Aber es war als flüsterte aus dem +innersten Gemüte eine Stimme in vernehmlichen Worten: ach! könntest du denn +das vollbringen, wenn du <i>sie</i> nicht in Sinn und Gedanken trügest, +wenn du nicht an <i>sie</i>, an <i>ihre</i> Liebe glaubtest? — Da wehte es +wie in leisen, leisen, lispelnden Kristallklängen durch das Zimmer: Ich bin +Dir nahe — nahe — nahe! — ich helfe Dir — sei mutig — sei standhaft, +lieber Anselmus! — ich mühe mich mit Dir, damit Du mein werdest! Und so +wie er voll inneren Entzückens die Töne vernahm, wurden ihm immer +verständlicher die unbekannten Zeichen — er durfte kaum mehr hineinblicken +in das Original — ja es war, als stünden schon wie in blasser Schrift die +Zeichen auf dem Pergament, und er dürfe sie nur mit geübter Hand schwarz +überziehen. So arbeitete er fort von lieblichen tröstenden Klängen, wie von +süßem zartem Hauch umflossen, bis die Glocke sechs Uhr schlug und der +Archivarius Lindhorst in das Zimmer trat. Er ging sonderbar lächelnd an den +Tisch, Anselmus stand schweigend auf, der Archivarius sah ihn noch immer so +wie in höhnendem Spott lächeld [lächelnd] an; kaum hatte er aber in die +Abschrift geblickt, als das Lächeln in dem tiefen feierlichen Ernst +unterging, zu dem sich alle Muskeln des Gesichts verzogen. — Bald schien +er nicht mehr derselbe. Die Augen, welche sonst funkelndes Feuer strahlten, +blickten jetzt mit unbeschreiblicher Milde den Anselmus an, eine sanfte +Röte färbte die bleichen Wangen, und statt der Ironie, die sonst den Mund +zusammenpreßte, schienen die weichgeformten anmutigen Lippen sich zu öffnen +zur weisheitvollen ins Gemüt dringenden Rede. Die ganze Gestalt war höher, +würdevoller; der weite Schlafrock legte sich wie ein Königsmantel in +breiten Falten um Brust und Schultern, und durch die weißen Löckchen, +welche an der hohen offenen Stirn lagen, schlang sich ein schmaler goldner +Reif. »Junger Mensch,« fing der Archivarius an im feierlichen Ton, »junger +Mensch, ich habe noch ehe Du es ahntest, all' die geheimen Beziehungen +erkannt, die Dich an mein Liebstes, Heiligstes fesseln! — Serpentina liebt +Dich, und ein seltsames Geschick, dessen verhängnisvollen Faden feindliche +Mächte spannen, ist erfüllt, wenn sie Dein wird, und wenn Du als notwendige +Mitgift den goldnen Topf erhältst, der ihr Eigentum ist. Aber nur dem +Kampfe entsprießt Dein Glück im höheren Leben. Feindliche Prinzipe fallen +Dich an, und nur die innere Kraft, mit der Du den Anfechtungen widerstehst, +kann Dich retten von Schmach und Verderben. Indem Du hier arbeitest, +überstehst Du Deine Lehrzeit; Glauben und Erkenntnis führen Dich zum nahen +Ziele, wenn Du festhältst an dem, was Du beginnen mußtest. Trage sie recht +getreulich im Gemüte, <i>sie</i>, die Dich liebt, und Du wirst die +herrlichen Wunder des goldnen Topfs schauen und glücklich sein immerdar. +— Gehab Dich wohl! Der Archivarius Lindhorst erwartet Dich morgen um zwölf +Uhr in Deinem Kabinet! — Gehab Dich wohl!« — Der Archivarius schob den +Studenten Anselmus sanft zur Tür hinaus, die er dann verschloß, und er +befand sich in dem Zimmer, in welchem er gespeist, dessen einzige Tür auf +den Flur führte. Ganz betäubt von den wunderbaren Erscheinungen blieb er +vor der Haustür stehen, da wurde über ihm ein Fenster geöffnet, er schaute +hinauf, es war der Archivarius Lindhorst; ganz der Alte im weißgrauen +Rocke, wie er ihn sonst gesehen. — Er rief ihm zu: »Ei, werter Herr +Anselmus, worüber sinnen Sie denn so, was gilt's, das Arabische geht Ihnen +nicht aus dem Kopf? Grüßen Sie doch den Herrn Konrektor Paulmann, wenn Sie +etwa zu ihm gehen, und kommen Sie morgen Punkt zwölf Uhr wieder. Das +Honorar für heute steckt bereits in Ihrer rechten Westentasche.« — Der +Student Anselmus fand wirklich den blanken Speziestaler in der bezeichneten +Tasche, aber er freute sich gar nicht darüber. — »Was aus dem allen werden +wird, weiß ich nicht,« sprach er zu sich selbst; »umfängt mich aber auch +nur ein toller Wahn und Spuk, so lebt und webt doch in meinem Innern die +liebliche Serpentina, und ich will, ehe ich von ihr lasse, lieber +untergehen ganz und gar, denn ich weiß doch, daß der Gedanke in mir ewig +ist, und kein feindliches Prinzip kann ihn vernichten; aber ist der Gedanke +denn was anderes als Serpentina's Liebe?«</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="SIEBENTE_VIGILIE" id="SIEBENTE_VIGILIE" ></a>SIEBENTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Wie der Konrektor Paulmann die Pfeife ausklopfte und zu Bett ging. +— Rembrandt und Höllen-Breughel. — Der Zauberspiegel und des Doktors +Eckstein Rezept gegen eine unbekannte Krankheit.</p></div> + + +<p>Endlich klopfte der Konrektor Paulmann die Pfeife aus, sprechend: Nun ist +es doch wohl Zeit, sich zur Ruhe zu begeben. — »Ja wohl,« erwiderte die +durch des Vaters längeres Aufbleiben beängstete Veronika, »denn es schlug +längst zehn Uhr.« Kaum war nun der Konrektor in sein Studier- und +Schlafzimmer gegangen, kaum hatten Fränzchens schwerere Atemzüge kundgetan, +daß sie wirklich fest eingeschlafen, als Veronika, die sich zum Schein auch +ins Bett gelegt, leise, leise wieder aufstand, sich anzog, den Mantel +umwarf und zum Hause hinausschlüpfte. — Seit dem Augenblick, als Veronika +die alte Lise verlassen, stand ihr unaufhörlich der Anselmus vor Augen, und +sie wußte selbst nicht, welch eine fremde Stimme im Innern ihr immer und +ewig wiederholte, daß sein Widerstreben von einer ihr feindlichen Person +herrühre, die ihn in Banden halte, welche Veronika durch geheimnisvolle +Mittel der magischen Kunst zerreißen könne. Ihr Vertrauen zu der alten Lise +wuchs mit jedem Tage, und selbst der Eindruck des Unheimlichen, Grausigen +stumpfte sich ab, so daß alles Wunderliche, Seltsame ihres Verhältnisses +mit der Alten ihr nur im Schimmer des Ungewöhnlichen, Romanhaften erschien, +wovon sie eben recht angezogen wurde. Deshalb stand auch der Vorsatz bei +ihr fest, selbst mit Gefahr, vermißt zu werden und in tausend +Unannehmlichkeiten zu geraten, das Abenteuer der Tag- und Nachtgleiche zu +bestehen. — Endlich war nun die verhängnisvolle Nacht des Äquinoktiums, in +der ihr die alte Lise Hülfe und Trost verheißen, eingetreten, und Veronika, +mit dem Gedanken der nächtlichen Wanderung längst vertraut geworden, fühlte +sich ganz ermutigt. Pfeilschnell flog sie durch die einsamen Straßen, des +Sturmes nicht achtend, der durch die Lüfte brauste und ihr die dicken +Regentropfen ins Gesicht warf. Mit dumpf dröhnendem Klange schlug die +Glocke des Kreuzturmes elf Uhr, als Veronika ganz durchnäßt vor dem Hause +der Alten stand. »Ei, Liebchen, Liebchen, schon da! — nun warte, warte!« +— rief es von oben herab — und gleich darauf stand auch die Alte, mit +einem Korbe beladen und von ihrem Kater begleitet, vor der Tür. »So wollen +wir denn gehen und tun und treiben, was ziemlich ist und gedeiht in der +Nacht, die dem Werke günstig.« Dies sprechend ergriff die Alte mit kalter +Hand die zitternde Veronika, welcher sie den schweren Korb zu tragen gab, +während sie selbst einen Kessel, Dreifuß und Spaten auspackte. Als sie ins +Freie kamen, regnete es nicht mehr, aber der Sturm war stärker geworden; +tausendstimmig heulte es in den Lüften. Ein entsetzlicher +herzzerschneidender Jammer tönte herab aus den schwarzen Wolken, die sich +in schneller Flucht zusammenballten und alles einhüllten in dicke +Finsternis. Aber die Alte schritt rasch fort, mit gellender Stimme rufend: +»leuchte — leuchte, mein Junge!« Da schlängelten und kreuzten sich blaue +Blitze vor ihnen her, und Veronika wurde inne, daß der Kater knisternde +Funken sprühend und leuchtend vor ihnen herumsprang, und dessen ängstliches +grausiges Zetergeschrei sie vernahm, wenn der Sturm nur einen Augenblick +schwieg. — Ihr wollte der Atem vergehen, es war als griffen eiskalte +Krallen in ihr Inneres, aber gewaltsam raffte sie sich zusammen, und sich +fester an die Alte klammernd sprach sie: »Nun muß alles vollbracht werden, +und es mag geschehen was da will!« — »Recht so, mein Töchterchen!« +erwiderte die Alte, »bleibe fein standhaft, und ich schenke Dir was Schönes +und dem Anselmus obendrein!« Endlich stand die Alte still und sprach: »Nun +sind wir an Ort und Stelle!« Sie grub ein Loch in die Erde, schüttete +Kohlen hinein und stellte den Dreifuß darüber, auf den sie den Kessel +setzte. Alles dieses begleitete sie mit seltsamen Gebärden, während der +Kater sie umkreiste. Aus seinem Schweif sprühten Funken, die einen +Feuerreif bildeten. Bald fingen die Kohlen an zu glühen, und endlich +schlugen blaue Flammen unter dem Dreifuß hervor. Veronika mußte Mantel und +Schleier ablegen und sich bei der Alten niederkauern, die ihre Hände +ergriff und fest drückte, mit den funkelnden Augen das Mädchen anstarrend. +Nun fingen die sonderbaren Massen — waren es Blumen — Metalle — Kräuter +— Tiere, man konnte es nicht unterscheiden — die die Alte aus dem Korbe +genommen und in den Kessel geworfen, an zu sieden und zu brausen. Die Alte +ließ Veronika los, sie ergriff einen eisernen Löffel, mit dem sie in die +glühende Masse hineinfuhr und darin rührte, während Veronika auf ihr Geheiß +festen Blickes in den Kessel hineinschauen und ihre Gedanken auf den +Anselmus richten mußte. Nun warf die Alte aufs neue blinkende Metalle und +auch eine Haarlocke, die sich Veronika vom Kopfwirbel geschnitten, sowie +einen kleinen Ring, den sie lange getragen, in den Kessel, indem sie +unverständliche, durch die Nacht grausig gellende Töne ausstieß, und der +Kater im unaufhörlichen Rennen winselte und ächzte. — — Ich wollte, daß +Du, günstiger Leser, am dreiundzwanzigsten September auf der Reise nach +Dresden begriffen gewesen wärest; vergebens suchte man, als der späte +Abend hereinbrach, Dich auf der letzten Station aufzuhalten; der +freundliche Wirt stellte Dir vor, es stürme und regne doch gar zu sehr und +überhaupt sei es auch nicht geheuer in der Äquinoktialnacht so ins Dunkle +hineinzufahren; aber Du achtetest dessen nicht, indem Du ganz richtig +annahmst: ich zahle dem Postillon einen ganzen Taler Trinkgeld und bin +spätestens um ein Uhr in Dresden, wo mich im goldenen Engel oder im Helm +oder in der Stadt Naumburg ein gut zugerichtetes Abendessen und ein weiches +Bett erwartet. Wie Du nun so in der Finsternis daherfährst, siehst Du +plötzlich in der Ferne ein ganz seltsames flackerndes Leuchten. Näher +gekommen erblickst Du einen Feuerreif, in dessen Mitte bei einem Kessel, +aus dem dicker Qualm und blitzende rote Strahlen und Funken emporschießen, +zwei Gestalten sitzen. Gerade durch das Feuer geht der Weg, aber die Pferde +prusten und stampfen und bäumen sich — der Postillon flucht und betet +— und peitscht auf die Pferde hinein — sie gehen nicht von der Stelle. +— Unwillkürlich springst Du aus dem Wagen und rennst einige Schritte +vorwärts. Nun siehst Du deutlich das schlanke holde Mädchen, die im weißen +dünnen Nachtgewande bei dem Kessel kniet. Der Sturm hat die Flechten +aufgelöst und das lange kastanienbraune Haar flattert frei in den Lüften. +Ganz im blendenden Feuer der unter dem Dreifuß emporflackernden Flammen +steht das engelschöne Gesicht, aber in dem Entsetzen, das seinen Eisstrom +darüber goß, ist es erstarrt zur Totenbleiche, und in dem stieren Blick, in +den hinaufgezogenen Augenbrauen, in dem Munde, der sich vergebens dem +Schrei der Todesangst öffnet, welcher sich nicht der von namenloser Folter +gepreßten Brust entwinden kann, siehst Du ihr Grausen, ihr Entsetzen; die +kleinen Händchen hält sie krampfhaft zusammengefaltet in die Höhe, als +riefe sie betend die Schutzengel herbei, sie zu schirmen vor den Ungetümen +der Hölle, die, dem mächtigen Zauber gehorchend, nun gleich erscheinen +werden. — So kniet sie da, unbeweglich wie ein Marmorbild. Ihr gegenüber +sitzt auf dem Boden niedergekauert ein langes, hageres, kupfergelbes Weib +mit spitzer Habichtsnase und funkelnden Katzenaugen; aus dem schwarzen +Mantel, den sie umgeworfen, starren die nackten knöchernen Arme hervor, und +rührend in dem Höllensud lacht und ruft sie mit krächzender Stimme durch +den brausenden tosenden Sturm. — Ich glaube wohl, daß Dir, günstiger +Leser, kenntest du auch sonst keine Furcht und Scheu, sich doch bei dem +Anblick dieses Rembrandtschen oder Höllen-Breughelschen Gemäldes, das nun +ins Leben getreten, vor Grausen die Haare auf dem Kopfe gesträubt hätten.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/07.jpg" alt="Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank" title="Veronika und Frau Rauerin brauen den Liebestrank" /></div> + +<p>Aber Dein Blick konnte nicht loskommen von dem im höllischen Treiben +befangenen Mädchen, und der elektrische Schlag, der durch alle Deine +Fibern und Nerven zitterte, entzündete mit der Schnelligkeit des Blitzes in +Dir den mutigen Gedanken, Trotz zu bieten den geheimnisvollen Mächten des +Feuerkreises; in ihm ging Dein Grausen unter, ja der Gedanke selbst keimte +auf in diesem Grausen und Entsetzen als dessen Erzeugnis. Es war Dir, als +seist Du selbst der Schutzengel einer, zu denen das zum Tode geängstigte +Mädchen flehte, ja als müßtest Du nur gleich Dein Taschenpistol +hervorziehen und die Alte ohne weiteres totschießen! Aber, indem Du das +lebhaft dachtest, schriest Du laut auf: Heda! oder: was gibt es dorten? +oder: was treibt ihr da? — Der Postillon stieß schmetternd in sein Horn, +die Alte kugelte um in ihren Sud hinein, und alles war mit einem Mal +verschwunden in dickem Qualm. — Ob Du das Mädchen, das Du nun mit recht +innigem Verlangen in der Finsternis suchtest, gefunden hättest, mag ich +nicht behaupten, aber den Spuk des alten Weibes hattest Du zerstört, und +den Bann des magischen Kreises, in den sich Veronika leichtsinnig begeben, +gelöst. — Weder Du, günstiger Leser, noch sonst jemand, fuhr oder ging +aber am dreiundzwanzigsten September in der stürmischen den Hexenkünsten +günstigen Nacht des Weges, und Veronika mußte ausharren am Kessel in +tödlicher Angst, bis das Werk der Vollendung nahe. — Sie vernahm wohl, wie +es um sie her heulte und brauste, wie allerlei widrige Stimmen +durcheinander blökten und schnatterten, aber sie schlug die Augen nicht +auf, denn sie fühlte, wie der Anblick des Gräßlichen, des Ensetzlichen +[Entsetzlichen], von dem sie umgeben, sie in unheilbaren zerstörenden +Wahnsinn stürzen könne. Die Alte hatte aufgehört im Kessel zu rühren, immer +schwächer und schwächer wurde der Qualm und zuletzt brannte nur eine +leichte Spiritusflamme im Boden des Kessels. Da rief die Alte: Veronika, +mein Kind! mein Liebchen! schau hinein in den Grund! was siehst Du denn +— was siehst Du denn? — Aber Veronika vermochte nicht zu antworten, +unerachtet es ihr schien, als drehten sich allerlei verworrene Figuren im +Kessel durcheinander; immer deutlicher und deutlicher gingen Gestalten +hervor, und mit einem Mal trat, sie freundlich anblickend und die Hand ihr +reichend, der Student Anselmus aus der Tiefe des Kessels. Da rief sie laut: +Ach, der Anselmus! — der Anselmus! — Rasch öffnete die Alte den am Kessel +befindlichen Hahn, und glühendes Metall strömte zischend und prasselnd in +eine kleine Form, die sie daneben gestellt. Nun sprang das Weib auf und +kreischte, mit wilder gräßlicher Gebärde sich herumschwingend: Vollendet +ist das Werk — Dank Dir, mein Junge! — hast Wache gehalten — Hui — Hui +— er kommt! — beiß ihn tot, beiß ihn tot! Aber da brauste es mächtig +durch die Lüfte, es war als rausche ein ungeheurer Adler herab, mit den +Fittichen um sich schlagend, und es rief mit entsetzlicher Stimme: »Hei, +hei! — ihr Gesindel! nun ist's aus — nun ist's aus — fort zu Haus!« Die +Alte stürzte heulend nieder, aber der Veronika vergingen Sinn und Gedanken. +— Als sie wieder zu sich selbst kam, war es heller Tag geworden, sie lag +in ihrem Bette und Fränzchen stand mit einer Tasse dampfenden Tees vor ihr, +sprechend: Aber sage mir nur, Schwester, was Dir ist! da stehe ich nun +schon eine Stunde oder länger vor Dir, und Du liegst wie in der Fieberhitze +besinnungslos da und stöhnest und ächzest, daß uns angst und bange wird. +Der Vater ist Deinetwegen heute nicht in die Klasse gegangen und wird +gleich mit dem Herrn Doktor hereinkommen. — Veronika nahm schweigend den +Tee; indem sie ihn hinunterschlürfte, traten ihr die gräßlichen Bilder der +Nacht lebhaft vor Augen. »So war denn wohl alles nur ein ängstlicher Traum, +der mich gequält hat? — Aber ich bin doch gestern Abend wirklich zur Alten +gegangen, es war ja der dreiundzwanzigste September? — Doch bin ich wohl +schon gestern recht krank geworden und habe mir das alles nur eingebildet, +und nichts hat mich krank gemacht, als das ewige Denken an den Anselmus und +an die wunderliche alte Frau, die sich für die Lise ausgab und mich wohl +nur damit geneckt hat.« — Fränzchen, die hinausgegangen, trat wieder +herein mit Veronika's ganz durchnäßtem Mantel in der Hand. »Sieh nur, +Schwester!« sagte sie, »wie es Deinem Mantel ergangen ist; da hat der Sturm +in der Nacht das Fenster aufgerissen und den Stuhl, auf dem der Mantel lag, +umgeworfen, da hat es nun wohl hineingeregnet, denn der Mantel ist ganz +naß.« — Das fiel der Veronika schwer aufs Herz, denn sie merkte nun wohl, +daß nicht ein Traum sie gequält, sondern daß sie wirklich bei der Alten +gewesen. Da ergriff sie Angst und Grausen und ein Fieberfrost zitterte +durch alle Glieder. Im krampfhaften Erbeben zog sie die Bettdecke fest über +sich; aber da fühlte sie, daß etwas Hartes ihre Brust drückte, und als sie +mit der Hand danach faßte, schien es ein Medaillon zu sein; sie zog es +hervor, als Fränzchen mit dem Mantel fortgegangen, und es war ein kleiner +runder hellpolierter Metallspiegel. »Das ist ein Geschenk der Alten[,]« +rief sie lebhaft, und es war als schössen feurige Strahlen aus dem Spiegel, +die in ihr Innerstes drangen und es wohltuend erwärmten; der Fieberfrost +war vorüber und es durchströmte sie ein unbeschreibliches Gefühl von +Behaglichkeit und Wohlsein. An den Anselmus mußte sie denken, und als sie +immer fester und fester den Gedanken auf ihn richtete, da lächelte er ihr +freundlich aus dem Spiegel entgegen wie ein lebhaftes Miniaturporträt. Aber +bald war es ihr, als sähe sie nicht mehr das Bild — nein! — sondern den +Studenten Anselmus selbst leibhaftig. Er saß in einem hohen seltsam +ausstaffierten Zimmer und schrieb emsig. Veronika wollte zu ihm hintreten, +ihn auf die Schulter klopfen und sprechen: Herr Anselmus, schauen Sie doch +um sich, ich bin ja da! Aber das ging durchaus nicht an, denn es war als +umgebe ihn ein leuchtender Feuerstrom, und wenn Veronika recht genau +hinsah, waren es doch nur große Bücher mit vergoldetem Schnitt. Aber +endlich gelang es der Veronika, den Anselmus ins Auge zu fassen, da war es +als müsse er im Anschauen sich erst auf sie besinnen, doch endlich lächelte +er und sprach: Ach! — sind Sie es, liebe Mademoiselle Paulmann? Aber warum +belieben Sie sich denn zuweilen als Schlänglein zu gebärden? Veronika mußte +über diese seltsamen Worte laut auflachen; darüber erwachte sie wie aus +einem tiefen Traume, und sie verbarg schnell den kleinen Spiegel, als die +Tür aufging und der Konrektor Paulmann mit dem Doktor Eckstein ins Zimmer +kam. Der Doktor Eckstein ging sogleich ans Bett, faßte lange in tiefem +Nachdenken versunken Veronika's Puls und sagte dann: Ei! Ei! Hierauf +schrieb er ein Rezept, faßte noch einmal den Puls, sagte wiederum: Ei! Ei! +und verließ die Patientin. Aus diesen Äußerungen des Doktors Eckstein +konnte aber der Konrektor Paulmann nicht recht deutlich entnehmen, was der +Veronika denn wohl eigentlich fehlen möge.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ACHTE_VIGILIE" id="ACHTE_VIGILIE" ></a>ACHTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Die Bibliothek der Palmbäume. — Schicksale eines unglücklichen +Salamanders. — Wie die schwarze Feder eine Runkelrübe liebkoste und der +Registrator Heerbrand sich sehr betrank.</p></div> + + +<p>Der Student Anselmus hatte nun schon mehrere Tage bei dem Archivarius +Lindhorst gearbeitet; diese Arbeitsstunden waren für ihn die glücklichsten +seines Lebens, denn immer von lieblichen Klängen von Serpentina's +tröstenden Worten umflossen, ja oft von einem vorübergleitenden Hauche +leise berührt, durchströmte ihn eine nie gefühlte Behaglichkeit, die oft +bis zur höchsten Wonne stieg. Jede Not, jede kleinliche Sorge seiner +dürftigen Existenz war ihm aus Sinn und Gedanken entschwunden, und in dem +neuen Leben, das ihm wie im hellen Sonnenglanze aufgegangen, begriff er +alle Wunder einer höheren Welt, die ihn sonst mit Staunen, ja mit Grausen +erfüllt hatten. Mit dem Abschreiben ging es sehr schnell, indem es ihm +immer mehr dünkte, er schreibe nur längst gekannte Züge auf das Pergament +hin und dürfe kaum nach dem Original sehen, um alles mit der größten +Genauigkeit nachzumalen. — Außer der Tischzeit ließ sich der Archivarius +Lindhorst nur dann und wann sehen, aber jedesmal erschien er genau in dem +Augenblick, wenn Anselmus eben die letzten Zeichen einer Handschrift +vollendet hatte, und gab ihm dann eine andere, verließ ihn aber gleich +wieder schweigend, nachdem er nur mit einem schwarzen Stäbchen die Tinte +umgerührt und die gebrauchten Federn mit neuen, schärfer gespitzten +vertauscht hatte. Eines Tages, als Anselmus mit dem Glockenschlag zwölf +bereits die Treppe hinaufgestiegen, fand er die Tür, durch die er +gewöhnlich hineingegangen, verschlossen, und der Archivarius Lindhorst +erschien in seinem wunderlichen wie mit glänzenden Blumen bestreuten +Schlafrock von der andern Seite. Er rief laut: »Heute kommen Sie nur hier +herein, werter Anselmus, denn wir müssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita's +Meister unsrer warten.« Er schritt durch den Korridor und führte Anselmus +durch dieselben Gemächer und Säle, wie das erste Mal. Der Student Anselmus +erstaunte auf's neue über die wunderbare Herrlichkeit des Gartens, aber er +sah nun deutlich, daß manche seltsame Blüten, die an den dunklen Büschen +hingen, eigentlich in glänzenden Farben prunkende Insekten waren, die mit +den Flüglein auf und nieder schlugen und durcheinander tanzend und wirbelnd +sich mit ihren Saugrüsseln zu liebkosen schienen. Dagegen waren wieder die +rosenfarbenen und himmelblauen Vögel duftende Blumen, und der Geruch, den +sie verbreiteten, stieg aus ihren Kelchen empor in leisen lieblichen Tönen, +die sich mit dem Geplätscher der fernen Brunnen, mit dem Säuseln der hohen +Stauden und Bäume zu geheimnisvollen Akkorden einer tiefklagenden Sehnsucht +vermischten. Die Spottvögel, die ihn das erste Mal so geneckt und gehöhnt, +flatterten ihm wieder um den Kopf und schrieen mit ihren feinen Stimmchen +unaufhörlich: »Herr Studiosus, Herr Studiosus, eilen Sie nicht so — gucken +Sie nicht so in die Wolken — Sie könnten auf die Nase fallen. — He, he! +Herr Studiosus — nehmen Sie den Pudermantel um — Gevatter Schuhu soll +Ihnen den Toupet frisieren.« So ging es fort in allerlei dummem Geschwätz, +bis Anselmus den Garten verlassen. Der Archivarius Lindhorst trat endlich +in das azurblaue Zimmer; der Porphyr mit dem goldnen Topf war verschwunden, +statt dessen stand ein mit violettem Samt behangener Tisch, auf dem die dem +Anselmus bekannten Schreibmaterialien befindlich, in der Mitte des Zimmers +und ein ebenso beschlagener Lehnstuhl stand vor demselben. »Lieber Herr +Anselmus,« sagte der Archivarius Lindhorst, »Sie haben nun schon manches +Manuskript schnell und richtig zu meiner Zufriedenheit kopiert, Sie haben +sich mein Zutrauen erworben; das Wichtigste bleibt aber noch zu tun übrig, +und das ist das Abschreiben oder vielmehr Nachmalen gewisser in besonderen +Zeichen geschriebener Werke, die ich hier in diesem Zimmer aufbewahre und +die nur an Ort und Stelle kopiert werden können. Sie werden daher künftig +hier arbeiten, aber ich muß Ihnen die größte Vorsicht und Aufmerksamkeit +empfehlen; ein falscher Strich, oder was der Himmel verhüten möge, ein +Tintenfleck auf das Original gespritzt, stürzt Sie ins Unglück.« — Anselmus +bemerkte, daß aus den goldnen Stämmen der Palmbäume kleine smaragdgrüne +Blätter herausragten; eins dieser Blätter erfaßte der Archivarius, und +Anselmus wurde gewahr, daß das Blatt eigentlich in einer Pergamentrolle +bestand, die der Archivarius aufwickelte und vor ihm auf den Tisch +breitete. Anselmus wunderte sich nicht wenig über die seltsam +verschlungenen Zeichen, und bei dem Anblick der vielen Pünktchen, Striche +und Züge und Schnörkel, die bald Pflanzen, bald Moose, bald Tiergestalten +darzustellen schienen, wollte ihm beinahe der Mut sinken, alles so genau +nachmalen zu können. Er geriet darüber in tiefe Gedanken. »Mut gefaßt, +junger Mensch!« rief der Archivarius, »hast Du bewährten Glauben und wahre +Liebe, so hilft Dir Serpentina!« Seine Stimme tönte wie klingendes Metall, +und als Anselmus in jähem Schreck aufblickte, stand der Archivarius +Lindhorst in der königlichen Gestalt vor ihm, wie er ihm bei dem ersten +Besuch im Bibliothekzimmer erschienen. Es war dem Anselmus, als müsse er +von Ehrfurcht durchdrungen auf die Knie sinken, aber da stieg der +Archivarius Lindhorst an dem Stamm eines Palmbaums in die Höhe und +verschwand in den smaragdnen Blättern. — Der Student Anselmus begriff, daß +der Geisterfürst mit ihm gesprochen und nun in sein Studierzimmer +hinaufgestiegen, um vielleicht mit den Strahlen, die einige Planeten als +Gesandte zu ihm geschickt, Rücksprache zu halten, was nun mit ihm und der +holden Serpentina geschehen solle. — Auch kann es sein, dachte er ferner, +daß ihn Neues von den Quellen des Nils erwartet, oder daß ein Magus aus +Lappland ihn besucht — mir geziemt es nun, emsig an die Arbeit zu gehen. +— Und damit fing er an die fremden Zeichen der Pergamentrolle zu +studieren. — Die wunderbare Musik des Gartens tönte zu ihm herüber und +umgab ihn mit süßen lieblichen Düften, auch hörte er wohl die Spottvögel +kickern, doch verstand er ihre Worte nicht, was ihm auch recht lieb war. +Zuweilen war es auch als rauschten die smaragdenen Blätter der Palmbäume +und als strahlten dann die holden Kristallklänge, welche Anselmus an jenem +verhängnisvollen Himmelfahrtstage unter dem Holunderbusch hörte, durch das +Zimmer. Der Student Anselmus, wunderbar gestärkt durch dies Tönen und +Leuchten, richtete immer fester und fester Sinn und Gedanken auf die +Überschrift der Pergamentrolle, und bald fühlte er wie aus dem Innersten +heraus, daß die Zeichen nichts anders bedeuten könnten, als die Worte: Von +der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange. — Da ertönte ein +starker Dreiklang heller Kristallglocken. — »Anselmus, lieber Anselmus,« +wehte es ihm zu aus den Blättern, und o Wunder! an dem Stamm des Palmbaums +schlängelte sich die grüne Schlange herab. — »Serpentina! holde +Serpentina!« rief Anselmus wie im Wahnsinn des höchsten Entzückens, denn so +wie er schärfer hinblickte, da war es ja ein liebliches herrliches Mädchen, +die mit den dunkelblauen Augen, wie sie in seinem Innern lebten, voll +unaussprechlicher Sehnsucht ihn anschauend, ihm entgegenschwebte. Die +Blätter schienen sich herabzulassen und auszudehnen, überall sproßten +Stacheln aus den Stämmen, aber Serpentina wand und schlängelte sich +geschickt durch, indem sie ihr flatterndes, wie in schillernden Farben +glänzendes Gewand nach sich zog, so daß es sich dem schlanken Körper +anschmiegend nirgends hängen blieb an den hervorragenden Spitzen und +Stacheln der Palmbäume. Sie setzte sich neben dem Anselmus auf denselben +Stuhl, ihn mit dem Arm umschlingend und an sich drückend, so daß er den +Hauch, der von ihren Lippen strömte, die elektrische Wärme ihres Körpers +fühlte. »Lieber Anselmus!« fing Serpentina an, »nun bist Du bald ganz mein, +durch Deinen Glauben, durch Deine Liebe erringst Du mich, und ich bringe +Dir den goldnen Topf, der uns beide beglückt immerdar.« — »O Du holde, +liebe Serpentina,« sagte Anselmus, »wenn ich nur Dich habe, was kümmert +mich sonst alles Übrige? Wenn Du nur mein bist, so will ich gern untergehen +in all' dem Wunderbaren und Seltsamen, was mich befängt seit dem +Augenblick, als ich Dich sah.« — »Ich weiß wohl,« fuhr Serpentina fort, +»daß das Unbekannte und Wunderbare, womit mein Vater oft nur zum Spiel +seiner Laune Dich umfangen, Grausen und Entsetzen in Dir erregt hat, aber +jetzt soll es, wie ich hoffe, nicht wieder geschehen, denn ich bin in +diesem Augenblick nur da, um Dir, mein lieber Anselmus, alles und jedes aus +tiefem Gemüte, aus tiefer Seele haarklein zu erzählen, was Dir zu wissen +nötig, um meinen Vater ganz zu kennen und überhaupt recht deutlich +einzusehen, was es mit ihm und mit mir für eine Bewandtnis hat.« Dem +Anselmus war es, als sei er von der holden lieblichen Gestalt so ganz und +gar umschlungen und umwunden, daß er sich nur mit ihr regen und bewegen +könne, und als sei es nur der Schlag ihres Pulses, der durch seine Fibern +und Nerven zitterte; er horchte auf jedes ihrer Worte, das bis in sein +Innerstes erklang und wie ein leuchtender Strahl die Wonne des Himmels in +ihm entzündete. Er hatte den Arm um ihren schlanker als schlanken Leib +gelegt, aber der schillernde glänzende Stoff ihres Gewandes war so glatt, +so schlüpfrig, daß es ihm schien, als könne sie, sich ihm schnell +entwindend, unaufhaltsam entschlüpfen, und er erbebte bei dem Gedanken. +»Ach, verlaß mich nicht, holde Serpentina!« rief er unwillkürlich aus, »nur +Du bist mein Leben!« — »Nicht eher heute,« sagte Serpentina, »als bis ich +alles erzählt habe, was Du in Deiner Liebe zu mir begreifen kannst. — Wisse +also, Geliebter, daß mein Vater aus dem wunderbaren Geschlecht der +Salamander abstammt, und daß ich mein Dasein seiner Liebe zur grünen +Schlange verdanke. In uralter Zeit herrschte in dem Wunderlande Atlantis +der mächtige Geisterfürst Phosphorus, dem die Elementargeister dienten. +Einst ging der Salamander, den er vor allen liebte (es war mein Vater), in +dem prächtigen Garten, den des Phosphorus Mutter mit ihren schönsten Gaben +auf das herrlichste geschmückt hatte, umher und hörte, wie eine hohe Lilie +in leisen Tönen sang: »Drücke fest die Äuglein zu, bis mein Geliebter, der +Morgenwind, Dich weckt.« Er trat hinzu; von seinem glühenden Hauch berührt, +erschloß die Lilie ihre Blätter und er erblickte der Lilie Tochter, die +grüne Schlange, welche in dem Kelch schlummerte. Da wurde der Salamander +von heißer Liebe zu der schönen Schlange ergriffen, und er raubte sie der +Lilie, deren Düfte in namenloser Klage vergebens im ganzen Garten nach der +geliebten Tochter riefen. Denn der Salamander hatte sie in das Schloß des +Phosphorus getragen und bat ihn: vermähle mich mit der Geliebten, denn sie +soll mein eigen sein immerdar. Törichter, was verlangst du! sprach der +Geisterfürst, wisse, daß einst die Lilie meine Geliebte war und mit mir +herrschte; aber der Funke, den ich in sie warf, drohte sie zu vernichten +und nur der Sieg über den schwarzen Drachen, den jetzt die Erdgeister in +Ketten gebunden halten, erhielt die Lilie, daß ihre Blätter stark genug +blieben, den Funken in sich zu schließen und zu bewahren. Aber, wenn Du die +grüne Schlange umarmst, wird Deine Glut den Körper verzehren und ein neues +Wesen schnell emporkeimend sich Dir entschwingen. Der Salamander achtete +der Warnung des Geisterfürsten nicht; voll glühenden Verlangens schloß er +die grüne Schlange in seine Arme, sie zerfiel in Asche und ein geflügeltes +Wesen aus der Asche geboren rauschte fort durch die Lüfte. Da ergriff den +Salamander der Wahnsinn der Verzweiflung und er rannte Feuer und Flammen +sprühend durch den Garten und verheerte ihn in wilder Wut, daß die +schönsten Blumen und Blüten verbrannt niedersanken und ihr Jammer die Luft +erfüllte. Der hocherzürnte Geisterfürst erfaßte im Grimm den Salamander und +sprach: Ausgeraset hat Dein Feuer — erloschen sind Deine Flammen, +erblindet Deine Strahlen — sinke hinab zu den Erdgeistern, die mögen Dich +necken und höhnen und gefangen halten, bis der Feuerstoff sich wieder +entzündet und mit Dir als einem neuen Wesen aus der Erde emporstrahlt.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/08.jpg" alt="Die Lilie" title="Die Lilie" /></div> + +<p>Der arme Salamander sank erloschen hinab, aber da trat der alte mürrische +Erdgeist, der des Phosphorus Gärtner war, hinzu und sprach: Herr! wer +sollte mehr über den Salamander klagen als ich? Habe ich nicht all die +schönen Blumen, die er verbrannt, mit meinen schönsten Metallen geputzt? +habe ich nicht ihre Keime wacker gehegt und gepflegt und an ihnen manche +schöne Farbe verschwendet? — und doch nehme ich mich des armen Salamanders +an, den nur die Liebe, von der Du selbst schon oft, o Herr, befangen, zur +Verzweiflung getrieben, in der er den Garten verwüstet. Erlasse ihm die zu +harte Strafe! — Sein Feuer ist für jetzt erloschen, sprach der +Geisterfürst; in der unglücklichen Zeit, wenn die Sprache der Natur dem +entarteten Geschlecht der Menschen nicht mehr verständlich sein, wenn die +Elementargeister in ihre Regionen gebannt, nur aus weiter Ferne in dumpfen +Anklängen zu den Menschen sprechen werden, wenn dem harmonischen Kreise +entrückt, nur ein unendliches Sehnen ihm die dunkle Kunde von dem +wundervollen Reiche geben wird, das er sonst bewohnen durfte, als noch +Glaube und Liebe in seinem Gemüte wohnten, — in dieser unglücklichen Zeit +entzündet sich der Feuerstoff des Salamanders auf's neue, doch nur zum +Menschen keimt er empor und muß, ganz eingehend in das dürftige Leben, +dessen Bedrängnisse ertragen. Aber nicht allein die Erinnerung an seinen +Urzustand soll ihm bleiben, sondern er lebt auch wieder auf in der heiligen +Harmonie mit der ganzen Natur, er versteht ihre Wunder und die Macht der +verbrüderten Geister steht ihm zu Gebote. In einem Lilienbusch findet er +dann die grüne Schlange wieder, und die Frucht seiner Vermählung mit ihr +sind drei Töchter, die den Menschen in der Gestalt der Mutter erscheinen. +Zur Frühlingszeit sollen sie sich in den dunklen Holunderbusch hängen und +ihre lieblichen Kristallstimmen ertönen lassen. Findet sich dann in der +dürftigen armseligen Zeit der innern Verstocktheit ein Jüngling, der ihren +Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen +Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen +Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, weil er die Bürde des +Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an +die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern +glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. Aber nicht eher, bis +drei Jünglinge dieser Art erfunden und mit den drei Töchtern vermählt +werden, darf der Salamander seine lästige Bürde abwerfen und zu seinen +Brüdern gehen. Erlaube, Herr, sagte der Erdgeist, daß ich diesen drei +Töchtern ein Geschenk mache, das ihr Leben mit dem gefundenen Gemahl +verherrlicht. Jede erhält von mir einen Topf vom schönsten Metall, das ich +besitze; den poliere ich mit Strahlen, die ich dem Diamant entnommen; in +seinem Glanze soll sich unser wundervolles Reich, wie es jetzt im Einklang +mit der ganzen Natur besteht, in blendendem herrlichem Widerschein +abspiegeln, aus seinem Innern aber in dem Augenblick der Vermählung eine +Feuerlilie entsprießen, deren ewige Blüte den bewährt befundenen Jüngling +süß duftend umfängt. Bald wird er dann ihre Sprache, die Wunder unseres +Reichs verstehen und selbst mit der Geliebten in Atlantis wohnen. — Du +weißt nun wohl, lieber Anselmus, daß mein Vater eben der Salamander ist, +von dem ich Dir erzählt. Er mußte seiner höheren Natur unerachtet sich den +kleinlichsten Bedrängnissen des gemeinen Lebens unterwerfen, und daher +kommt wohl oft die schadenfrohe Laune, mit der er manche neckt. Er hat mir +oft gesagt, daß für die innere Geistesbeschaffenheit, wie sie der +Geistesfürst Phosphorus damals als Bedingnis der Vermählung mit mir und +meinen Schwestern aufgestellt, man jetzt einen Ausdruck habe, der aber nur +zu oft unschicklicher Weise gemißbraucht werde; man nenne das nämlich ein +kindliches poetisches Gemüt. — Oft finde man dieses Gemüt bei Jünglingen, +die der hohen Einfachheit ihrer Sitten wegen und weil es ihnen ganz an der +sogenannten Weltbildung fehle, von dem Pöbel verspottet würden. Ach, +lieber Anselmus, Du verstandest ja unter dem Holunderbusch meinen Gesang +— meinen Blick — Du liebst die grüne Schlange, Du glaubst an mich und +willst mein sein immerdar! Die schöne Lilie wird emporblühen aus dem +goldnen Topf und wir werden vereint glücklich und selig in Atlantis wohnen! +— Aber nicht verhehlen kann ich Dir, daß im gräßlichen Kampf mit den +Salamandern und Erdgeistern sich der schwarze Drache loswand und durch die +Lüfte davonbrauste. Phosphorus hält ihn zwar wieder in Banden, aber aus den +schwarzen Federn, die im Kampfe auf die Erde stäubten, keimten feindliche +Geister empor, die überall den Salamandern und Erdgeistern widerstreben. +Jenes Weib, das Dir so feindlich ist, lieber Anselmus, und das, wie mein +Vater recht gut weiß, nach dem Besitz des goldnen Topfes strebt, hat ihr +Dasein der Liebe einer solchen, aus dem Fittich des Drachen herabgestäubten +Feder zu einer Runkelrübe zu verdanken. Sie erkennt ihren Ursprung und ihre +Gewalt, denn in dem Stöhnen, in den Zuckungen des gefangenen Drachen werden +ihr die Geheimnisse mancher wundervollen Konstellation offenbar, und sie +bietet alle Mittel auf, von außen hinein ins Innere zu wirken, wogegen sie +mein Vater mit den Blitzen, die aus dem Innern des Salamanders +hervorschießen, bekämpft. Alle die feindlichen Prinzipe, die in schädlichen +Kräutern und giftigen Tieren wohnen, sammelt sie und erregt, sie mischend, +in günstiger Konstellation, manchen bösen Spuk, der des Menschen Sinne mit +Grauen und Entsetzen befängt und ihn der Macht jener Dämonen, die der +Drache im Kampfe unterliegend erzeugte, unterwirft. Nimm Dich vor der Alten +in acht, lieber Anselmus, sie ist Dir feind, weil Dein kindlich frommes +Gemüt schon manchen ihrer bösen Zauber vernichtet. — Halte treu — treu +— an mir, bald bist Du am Ziel!« — »O meine — meine Serpentina!« rief der +Student Anselmus, »wie sollte ich denn nur von Dir lassen können, wie +sollte ich Dich nicht lieben ewiglich!« — Ein Kuß brannte auf seinem +Munde, er erwachte wie aus einem tiefen Traume; Serpentina war +verschwunden, es schlug sechs Uhr, da fiel es ihm schwer aufs Herz, daß er +nicht das mindeste kopiert habe; er blickte voll Besorgnis, was der +Archivarius wohl sagen werde, auf das Blatt, und o Wunder! die Kopie des +geheimnisvollen Manuskripts war glücklich beendigt, und er glaubte, +schärfer die Züge betrachtend, Serpentina's Erzählung von ihrem Vater, dem +Liebling des Geisterfürsten Phosphorus im Wunderlande Atlantis, +abgeschrieben zu haben. Jetzt trat der Archivarius Lindhorst in seinem +weißgrauen Überrock, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, herein; +er sah in das von dem Anselmus beschriebene Pergament, nahm eine große +Priese und sagte lächelnd; das dacht ich wohl! Nun! hier ist der +Speziestaler, Herr Anselmus, jetzt wollen wir noch nach dem Linkeschen Bade +gehen — nur mir nach! — Der Archivarius schritt rasch durch den Garten, +in dem ein solcher Lärm von Singen, Pfeifen, Sprechen durcheinander war, +daß der Student Anselmus ganz betäubt wurde und dem Himmel dankte, als er +sich auf der Straße befand. Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als +sie dem Registrator Heerbrand begegneten, der freundlich sich anschloß. Vor +dem Tore stopften sie die mitgenommenen Pfeifen; der Registrator Heerbrand +beklagte kein Feuerzeug bei sich zu tragen, da rief der Archivarius +Lindhorst ganz unwillig: »was Feuerzeug! — hier ist Feuer, so viel Sie +wollen!« Und damit schnippte er mit den Fingern, aus denen große Funken +strömten, die die Pfeifen schnell anzündeten. »Sehen Sie das chemische +Kunststückchen,« sagte der Registrator Heerbrand, aber der Student Anselmus +dachte nicht ohne inneres Erbeben an den Salamander. — Im Linkeschen Bade +trank der Registrator Heerbrand so viel starkes Doppelbier, daß er, sonst +ein gutmütiger stiller Mann, anfing in einem quäkenden Tenor Burschenlieder +zu singen, und jeden hitzig fragte: ob er sein Freund sei oder nicht, und +endlich von dem Studenten Anselmus zu Hause gebracht werden mußte, als der +Archivarius Lindhorst schon längst auf und davon war.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="NEUNTE_VIGILIE" id="NEUNTE_VIGILIE" ></a>NEUNTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Wie der Student Anselmus zu einiger Vernunft gelangte. — Die +Punschgesellschaft. — Wie der Student Anselmus den Konrektor Paulmann für +einen Schuhu hielt und dieser darob sehr erzürnte. — Der Tintenklecks und +seine Folgen.</p></div> + + +<p>Alles das Seltsame und Wundervolle, welches dem Studenten Anselmus täglich +begegnet war, hatte ihn ganz dem gewöhnlichen Leben entrückt. Er sah keinen +seiner Freunde mehr und harrte jeden Morgen mit Ungeduld auf die zwölfte +Stunde, die ihm sein Paradies aufschloß. Und doch, indem sein ganzes Gemüt +der holden Serpentina und den Wundern des Feenreiches bei dem Archivarius +Lindhorst zugewandt war, mußte er zuweilen unwillkürlich an Veronika +denken, ja manchmal schien es ihm als träte sie zu ihm hin und gestehe +errötend, wie herzlich sie ihn liebe und wie sie danach trachte, ihn den +Phantomen, von denen er nur geneckt und verhöhnt werde, zu entreißen. +Zuweilen war es, als risse eine fremde, plötzlich auf ihn einbrechende +Macht ihn unwiderstehlich hin zur vergessenen Veronika, und er müsse ihr +folgen wohin sie nur wolle, als sei er festgekettet an das Mädchen. Gerade +in der Nacht darauf, als er Serpentina zum erstenmal in der Gestalt einer +wunderbar holdseligen Jungfrau geschaut, als ihm das wunderbare Geheimnis +der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange offenbar worden, +trat ihm Veronika lebhafter vor die Augen als jemals. — Ja! — erst als er +erwachte, wurde er deutlich gewahr, daß er nur geträumt habe, da er +überzeugt gewesen, Veronika sei wirklich bei ihm und klage mit dem Ausdruck +eines tiefen Schmerzes, der sein Innerstes durchdrang, daß es ihre innige +Liebe den phantastischen Erscheinungen, die nur seine innere Zerrüttung +hervorrufe, aufopfern und noch darüber in Unglück und Verderben geraten +werde. Veronika war liebenswürdiger, als er sie je gesehen; er konnte sie +kaum aus den Gedanken bringen, und dieser Zustand verursachte ihm eine +Qual, der er bei einem Morgenspaziergang zu entrinnen hoffte. Eine geheime +magische Gewalt zog ihn vor das Pirnaer Tor und eben wollte er in eine +Nebenstraße einbiegen, als der Konrektor Paulmann hinter ihm her kommend +laut rief: »Ei, ei! — wertester Herr Anselmus! — Amice! — Amice! wo um +des Himmels willen stecken Sie denn? Sie lassen sich ja gar nicht mehr +sehen — wissen Sie wohl, daß sich Veronika recht sehnt wieder einmal eins +mit Ihnen zu singen? — Nun kommen Sie nur, Sie wollten ja doch zu mir!« Der +Student Anselmus ging notgedrungen mit dem Konrektor. Als sie in das Haus +traten, kam ihnen Veronika sehr sauber und sorgfältig gekleidet entgegen, +so daß der Konrektor Paulmann voll Erstaunen fragte: Nun, warum so geputzt, +hat man denn Besuch erwartet? — aber hier bringe ich den Herrn Anselmus! +— Als der Student Anselmus sittig und artig der Veronika die Hand küßte, +fühlte er einen leisen Druck, der wie ein Glutstrom durch alle Fibern und +Nerven zuckte. Veronika war die Heiterkeit, die Anmut selbst, und als +Paulmann nach seinem Studierzimmer gegangen, wußte sie durch allerhand +Neckerei und Schalkheit den Anselmus so hinauf zu schrauben, daß er alle +Blödigkeit vergaß und sich zuletzt mit dem ausgelassenen Mädchen im Zimmer +herumjagte. Da kam ihm aber wieder einmal der Dämon des Ungeschicks über +den Hals, er stieß an den Tisch und Veronikas niedliches Nähkästchen fiel +herab. Anselmus hob es auf, der Deckel war aufgesprungen und es blinkte ihm +ein kleiner runder Metallspiegel entgegen, in den er mit ganz eigner Lust +hineinschaute. Veronika schlich sich leise hinter ihn, legte die Hand auf +seinen Arm und schaute, sich fest an ihn schmiegend, ihm über die Schulter +auch in den Spiegel. Da war es dem Anselmus, als beginne ein Kampf in +seinem Innern: — Gedanken — Bilder — blitzten hervor und vergingen +wieder — der Archivarius Lindhorst — Serpentina — die grüne Schlange +— endlich wurde es ruhiger und alles Verworrene fügte und gestaltete sich +zum deutlichen Bewußtsein. Ihm wurde es nun klar, daß er nur beständig an +Veronika gedacht, ja daß die Gestalt, welche ihm gestern in dem blauen +Zimmer erschienen, auch eben Veronika gewesen, und daß die phantastische +Sage von der Vermählung des Salamanders mit der grünen Schlange ja nur von +ihm geschrieben, keineswegs aber erzählt worden sei. Er wunderte sich +selbst über seine Träumereien und schrieb sie lediglich seinem durch die +Liebe zu Veronika exaltierten Seelenzustande, sowie der Arbeit bei dem +Archivarius Lindhorst zu, in dessen Zimmern es noch überdem so sonderbar +betäubend dufte. Er mußte herzlich über die tolle Einbildung lachen, in +eine kleine Schlange verliebt zu sein und einen wohlbestallten geheimen +Archivarius für einen Salamander zu halten. »Ja, ja! — es ist Veronika!« +rief er laut; aber indem er den Kopf umwandte, schaute er gerade in +Veronikas blaue Augen hinein, in denen Liebe und Sehnsucht strahlten. Ein +dumpfes Ach! entfloh ihren Lippen, die in dem Augenblick auf den seinigen +brannten. »O ich Glücklicher!« seufzte der entzückte Student, »was ich +gestern nur träumte, wird mir heute wirklich und in der Tat zuteil.« — »Und +willst Du mich denn wirklich heiraten, wenn Du Hofrat geworden?« fragte +Veronika. »Allerdings!« antwortete der Student Anselmus; indem knarrte die +Tür und der Konrektor Paulmann trat mit den Worten herein: »Nun, wertester +Herr Anselmus, lasse ich Sie heute nicht fort, Sie nehmen vorlieb mit einer +Suppe, und nachher bereitet uns Veronika einen köstlichen Kaffee, den wir +mit dem Registrator Heerbrand, welcher herzukommen versprochen, genießen.« +— »Ach, bester Herr Konrektor,« erwiderte der Student Anselmus, »wissen +Sie denn nicht, daß ich zum Archivarius Lindhorst muß, des Abschreibens +wegen?« — »Schauen Sie Amice!« sagte der Konrektor Paulmann, indem er ihm +die Taschenuhr hinhielt, welche auf halb eins wies. Der Student Anselmus +sah nun wohl ein, daß es viel zu spät sei zu dem Archivarius Lindhorst zu +wandern und fügte sich den Wünschen des Konrektors um so lieber, als er nun +die Veronika den ganzen Tag über schauen und wohl manchen verstohlenen +Blick, manchen zärtlichen Händedruck zu erhalten, ja wohl gar einen Kuß zu +erobern hoffte. So hoch verstiegen sich jetzt die Wünsche des Studenten +Anselmus, und es wurde ihm immer behaglicher zu Mute, je mehr er sich +überzeugte, daß er bald von all den phantastischen Einbildungen befreit +sein werde, die ihn wirklich ganz und gar zum wahnwitzigen Narren hätten +machen können. — Der Registrator Heerbrand fand sich wirklich nach Tische +ein und als der Kaffee genossen und die Dämmerung bereits eingebrochen, gab +er schmunzelnd und fröhlich die Hände reibend zu verstehen: er trage etwas +mit sich, was durch Veronikas schöne Hände gemischt und in gehörige Form +gebracht, gleichsam foliiert und rubriziert, ihnen allen an dem kühlen +Oktoberabende erfreulich sein werde. »So rücken Sie denn nur heraus mit dem +geheimnisvollen Wesen, das Sie bei sich tragen, geschätztester +Registrator,« rief der Konrektor Paulmann; aber der Registrator Heerbrand +griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine +Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe +Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische. +Veronika kredenzte das Getränk, und es gab allerlei gemütliche muntere +Gespräche unter den Freunden. Aber so wie dem Studenten Anselmus der Geist +des Getränkes zu Kopfe stieg, kamen auch alle Bilder des Wunderbaren, +Seltsamen, was er in kurzer Zeit erlebt, wieder zurück. Er sah den +Archivarius Lindhorst in seinem damastnen Schlafrock, der wie Phosphor +erglänzte; er sah das azurblaue Zimmer, die goldnen Palmbäume, ja es wurde +ihm wieder so zu Mute, als müsse er doch an die Serpentina glauben; es +brauste, es gärte in seinem Innern. Veronika reichte ihm ein Glas Punsch, +und indem er es faßte, berührte er leise ihre Hand. »Serpentina! Veronika!« +seufzte er in sich hinein. Er versank in tiefe Träume, aber der Registrator +Heerbrand rief ganz laut: »Ein wunderlicher alter Mann, aus dem niemand +klug wird, bleibt er doch, der Archivarius Lindhorst. — Nun, er soll +leben! stoßen Sie an, Herr Anselmus!« — Da fuhr der Student Anselmus auf +aus seinen Träumen und sagte, indem er mit dem Registrator Heerbrand +anstieß: »Das kommt daher, verehrungswürdiger Herr Registrator, weil der +Herr Archivarius Lindhorst eigentlich ein Salamander ist, der den Garten +des Geisterfürsten Phosphorus im Zorn verwüstete, weil ihm die grüne +Schlange davongeflogen.« — »Wie — was?« fragte der Konrektor Paulmann. +— »Ja,« fuhr der Student Anselmus fort, »deshalb muß er nun königlicher +Archivarius sein und hier in Dresden mit seinen drei Töchtern wirtschaften, +die aber weiter nichts sind als kleine goldgrüne Schlänglein, die sich in +Holunderbüschen sonnen, verführerisch singen und die jungen Leute verlocken +wie die Sirenen.« — »Herr Anselmus, Herr Anselmus!« rief der Konrektor +Paulmann, »rappelt's Ihnen im Kopfe? was um des Himmels willen schwatzen +Sie für ungewaschenes Zeug?« — »Er hat Recht,« fiel der Registrator +Heerbrand ein, »der Kerl, der Archivarius, ist ein verfluchter Salamander, +der mit den Fingern feurige Schnippchen schlägt, die einem Löcher in den +Überrock brennen wie glühender Schwamm. — Ja, ja, Du hast Recht, +Brüderchen Anselmus, und wer es nicht glaubt, ist mein Feind!« Und damit +schlug der Registrator Heerbrand mit der Faust auf den Tisch, daß die +Gläser klirrten. »Registrator! sind Sie rasend?« schrie der erboste +Konrektor. — »Herr Studiosus! Herr Studiosus! was richten Sie denn nun +wieder an?« — »Ach!« sagte der Student, »Sie sind auch weiter nichts als +ein Vogel — ein Schuhu, der die Toupets frisiert, Herr Konrektor!« — »Was? +— ich ein Vogel — ein Schuhu — ein Friseur?« — schrie der Konrektor +voller Zorn — »Herr, Sie sind toll — toll!« — »Aber die Alte kommt ihm +über den Hals,« rief der Registrator Heerbrand. — »Ja, die Alte ist +mächtig,« fiel der Student Anselmus ein, »unerachtet sie nur von niederer +Herkunft; denn ihr Papa ist nichts als ein lumpiger Flederwisch und ihre +Mama eine schnöde Runkelrübe, aber ihre meiste Kraft verdankt sie allerlei +feindlichen Kreaturen, giftigen Kanaillen, von denen sie umgeben.« — »Das +ist eine abscheuliche Verleumdung,« rief Veronika mit zornglühenden Augen, +»die alte Lise ist eine weise Frau und der schwarze Kater keine feindliche +Kreatur, sondern ein gebildeter junger Mann von feinen Sitten und ihr +Cousin germain.« — »Kann der Salamander fressen, ohne sich den Bart zu +versengen und elendiglich draufzugehn?« sagte der Registrator Heerbrand. +»Nein, nein!« schrie der Student Anselmus, »nun und nimmermehr wird er das +können: und die grüne Schlange liebt mich; denn ich bin ein kindliches +Gemüt und habe Serpentinas Augen geschaut.« — »Die wird der Kater +auskratzen,« rief Veronika. — »Salamander — Salamander bezwingt sie alle +— alle,« brüllte der Konrektor Paulmann in höchster Wut; »aber bin ich in +einem Tollhause? bin ich selbst toll? — was schwatze ich denn für +wahnwitziges Zeug? — Ja ich bin auch toll — auch toll!« — Damit sprang +der Konrektor Paulmann auf, riß sich die Perücke vom Kopfe und schleuderte +sie gegen die Stubendecke, daß die gequetschten Locken ächzten und im +gänzlichen Verderben aufgelöst den Puder weit umherstäubten. Da ergriffen +der Student Anselmus und der Registrator Heerbrand die Punschterrine, die +Gläser, und warfen sie jubelnd und jauchzend an die Stubendecke, daß die +Scherben klirrend und klingend umhersprangen. »Vivat Salamander! — pereat +— pereat die Alte! zerbrecht den Metallspiegel, hackt dem Kater die Augen +aus! — Vöglein — Vöglein aus den Lüften — Eheu — Eheu — Evoe +— Salamander!« — So schrien und brüllten die Drei wie Besessene +durcheinander. Laut weinend sprang Fränzchen davon; aber Veronika lag +winselnd vor Jammer und Schmerz auf dem Sopha. Da ging die Tür auf, alles +war plötzlich still und es trat ein kleiner Mann in einem grauen Mäntelchen +herein. Sein Gesicht hatte etwas seltsam Gravitätisches, und vorzüglich +zeichnete sich die krummgebogene Nase, auf der eine große Brille saß, vor +allen jemals gesehenen aus. Auch trug er solch eine besondere Perücke, daß +sie eher eine Federmütze zu sein schien. »Ei, schönen guten Abend!« +schnarrte das possierliche Männlein, »hier finde ich ja wohl den Studiosus +Herrn Anselmus? Gehorsamste Empfehlung vom Herrn Archivarius Lindhorst und +er habe heute vergebens auf den Herrn Anselmus gewartet; aber morgen lasse +er schönstens bitten, ja nicht die gewohnte Stunde zu versäumen.« Damit +schritt er wieder zur Tür hinaus und alle sahen nun wohl, daß das +gravitätische Männlein eigentlich ein grauer Papagei war. Der Konrektor +Paulmann und der Registrator Heerbrand schlugen eine Lache auf, die durch +das Zimmer dröhnte und dazwischen winselte und ächzte Veronika wie von +namenlosem Jammer zerrissen; aber den Studenten Anselmus durchzuckte der +Wahnsinn des innern Entsetzens und er rannte bewußtlos zur Tür hinaus durch +die Straßen. Mechanisch fand er seine Wohnung, sein Stübchen. Bald darauf +trat Veronika friedlich und freundlich zu ihm und fragte: warum er sie denn +im Rausch so geängstigt habe und er möge sich nur vor neuen Einbildungen +hüten, wenn er bei dem Archivarius Lindhorst arbeite. »Gute Nacht, gute +Nacht, mein lieber Freund,« lispelte leise Veronika und hauchte einen Kuß +auf seine Lippen. Er wollte sie mit seinen Armen umfangen, aber die +Traumgestalt war verschwunden und er erwachte heiter und gestärkt. Nun +mußte er selbst recht herzlich über die Wirkungen des Punsches lachen; aber +indem er an Veronika dachte, fühlte er sich recht von einem behaglichen +Gefühl durchdrungen.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/09.jpg" alt="Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des Achivarius Lindhorst" title="Der Graue Papagei überbringt Anselmus eine Botschaft des Achivarius Lindhorst" /></div> + +<p>Ihr allein, sprach er zu sich selbst, habe ich es zu verdanken, daß ich +von meinen albernen Grillen zurückgekommen bin. Wahrhaftig, mir ging es +nicht besser als jenem, welcher glaubte, er sei von Glas, oder dem, der die +Stube nicht verließ, aus Furcht von den Hühnern gefressen zu werden, weil +er sich einbildete, ein Gerstenkorn zu sein. Aber, sowie ich Hofrat +geworden, heirate ich ohne weiteres die Mademoiselle Paulmann und bin +glücklich. — Als er nun mittags durch den Garten des Archivarius Lindhorst +ging, konnte er sich nicht genug wundern, wie ihm das alles sonst so +seltsam und wundervoll habe vorkommen können. Er sah nichts als gewöhnliche +Scherbenpflanzen, allerlei Geranien, Myrtenstöcke und dergleichen. Statt +der glänzenden bunten Vögel, die ihn sonst geneckt, flatterten nur einige +Sperlinge hin und her, die ein unverständliches unangenehmes Geschrei +erhoben, als sie den Anselmus gewahr wurden. Das blaue Zimmer kam ihm auch +ganz anders vor und er begriff nicht, wie ihm das grelle Blau und die +natürlichen goldnen Stämme der Palmbäume mit den unförmlichen blinkenden +Blättern nur einen Augenblick hatten gefallen können. — Der Archivarius sah +ihn mit einem ganz eignen ironischen Lächeln an und fragte: »Nun, wie hat +Ihnen gestern der Punsch geschmeckt, werter Anselmus?« — »Ach gewiß hat +Ihnen der Papagei,« — erwiderte der Student Anselmus ganz beschämt; aber er +stockte: denn er dachte nun wieder daran, daß auch die Erscheinung des +Papageis wohl nur Blendwerk der befangenen Sinne gewesen. »Ei, ich war ja +selbst in der Gesellschaft,« fiel der Archivarius Lindhorst ein, »haben Sie +mich denn nicht gesehen? Aber bei dem tollen Unwesen, das Ihr triebt, wäre +ich beinahe hart beschädigt worden; denn ich saß eben in dem Augenblicke +noch in der Terrine, als der Registrator Heerbrand danach griff, um sie +gegen die Decke zu schleudern und mußte mich schnell in des Konrektors +Pfeifenkopf retirieren. Nun Adieu, Herr Anselmus! — seien Sie fleißig, +auch für den gestrigen versäumten Tag zahle ich den Speziestaler, da Sie +bisher so wacker gearbeitet.« — »Wie kann der Archivarius nur solch tolles +Zeug faseln!« sagte der Student Anselmus zu sich selbst und setzte sich an +den Tisch, um die Kopie des Manuskripts zu beginnen, das der Archivarius +wie gewöhnlich vor ihm ausgebreitet. Aber er sah auf der Pergamentrolle so +viele sonderbare krause Züge und Schnörkel durcheinander, die, ohne dem +Auge einen einzigen Ruhepunkt zu geben, den Blick verwirrten, daß es ihm +beinahe unmöglich schien das alles genau nachzumalen. Ja bei dem Überblick +des Ganzen schien das Pergament nur ein bunt geaderter Marmor oder ein mit +Moosen durchsprenkelter Stein. — Er wollte dessen unerachtet das Mögliche +versuchen und tunkte getrost die Feder ein; aber die Tinte wollte durchaus +nicht fließen, er spritzte die Feder ungeduldig aus und — o Himmel! ein +großer Klecks fiel auf das ausgebreitete Original. Zischend und brausend +fuhr ein blauer Blitz aus dem Fleck und schlängelte sich krachend durch das +Zimmer bis zur Decke hinauf. Da quoll ein dicker Dampf aus den Wänden, die +Blätter fingen an zu rauschen wie vom Sturme geschüttelt und aus ihnen +schossen blinkende Basilisken im flackernden Feuer herab, den Dampf +entzündend, daß die Flammenmassen prasselnd sich um den Anselmus wälzten. +Die goldnen Stämme der Palmbäume wurden zu Riesenschlangen, die ihre +gräßlichen Häupter in schneidendem Metallklange zusammenstießen und mit den +geschuppten Leibern den Anselmus umwanden. »Wahnsinniger! erleide nun die +Strafe dafür, was Du im frechen Frevel tatest!« — So rief die +fürchterliche Stimme des gekrönten Salamanders, der über den Schlangen wie +ein blendender Strahl in den Flammen erschien, und nun sprühten ihre +aufgesperrten Rachen Feuerkatarakte auf den Anselmus und es war als +verdichteten sich die Feuerströme um seinen Körper und würden zur festen +eiskalten Masse. Aber indem des Anselmus Glieder enger und enger sich +zusammenziehend erstarrten, vergingen ihm die Gedanken. Als er wieder zu +sich selbst kam, konnte er sich nicht regen und bewegen, er war wie von +einem glänzenden Schein umgeben, an dem er sich, wollte er nur die Hand +erheben oder sonst sich rühren, stieß. — Ach! er saß in einer +wohlverstopften Kristallflasche auf einem Repositorium im Bibliothekzimmer +des Archivarius Lindhorst.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/10.jpg" alt="Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche" title="Anselmus saß in einer wohlverstopften Kristallflasche" /></div> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ZEHNTE_VIGILIE" id="ZEHNTE_VIGILIE" ></a>ZEHNTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Die Leiden des Studenten Anselmus in der gläsernen Flasche. — Glückliches +Leben der Kreuzschüler und Praktikanten. — Die Schlacht im +Bibliothekzimmer des Archivarius Lindhorst. — Sieg des Salamanders und +Befreiung des Studenten Anselmus.</p></div> + + +<p>Mit Recht darf ich zweifeln, daß Du, günstiger Leser, jemals in einer +gläsernen Flasche verschlossen gewesen sein solltest, es sei denn, daß ein +lebendiger neckhafter Traum Dich einmal mit solchem feeischen Unwesen +befangen. War das der Fall, so wirst Du das Elend des armen Studenten +Anselmus recht lebhaft fühlen. Hast Du aber auch dergleichen nie geträumt, +so schließt Dich Deine rege Phantasie mir und dem Anselmus zu Gefallen wohl +auf einige Augenblicke in das Kristall ein. — Du bist von blendendem +Glanze dicht umflossen, alle Gegenstände ringsumher erscheinen Dir von +strahlenden Regenbogenfarben erleuchtet und umgeben — alles zittert und +wankt und dröhnt im Schimmer — Du schwimmst regungs- und bewegungslos wie +in einem festgefrornen Äther, der Dich einpreßt, sodaß der Geist vergebens +dem toten Körper gebietet. Immer gewichtiger und gewichtiger drückt die +zentnerschwere Last Deine Brust — immer mehr und mehr zehrt jeder Atemzug +die Lüftchen weg, die im engen Raum noch auf- und niederwallten — Deine +Pulsadern schwellen auf und von gräßlicher Angst durchschnitten zuckt jeder +Nerv im Todeskampfe blutend. — Habe Mitleid, günstiger Leser, mit dem +Studenten Anselmus, den diese namenlose Marter in seinem gläsernen +Gefängnisse ergriff; aber er fühlte wohl, daß der Tod ihn nicht erlösen +könne: denn erwachte er nicht aus der tiefen Ohnmacht, in die er im Übermaß +seiner Qual versunken, als die Morgensonne in das Zimmer hell und +freundlich hineinschien und fing seine Marter nicht von neuem an? Er konnte +kein Glied regen; aber seine Gedanken schlugen an das Glas, ihn im +mißtönenden Klange betäubend und er vernahm statt der Worte, die der Geist +sonst aus dem Innern gesprochen, nur das dumpfe Brausen des Wahnsinns. — Da +schrie er auf in Verzweiflung: »O Serpentina — Serpentina, rette mich von +dieser Höllenqual!« Und es war als umwehten ihn leise Seufzer, die legten +sich um die Flasche wie grüne durchsichtige Holunderblätter; das Tönen +hörte auf, der blendende verwirrende Schein war verschwunden und er atmete +freier. »Bin ich denn nicht an meinem Elende lediglich selbst Schuld? ach! +habe ich nicht gegen Dich selbst, holde, geliebte Serpentina gefrevelt? +habe ich nicht schnöde Zweifel gegen Dich gehegt? habe ich nicht den +Glauben verloren und mit ihm alles, alles was mich hoch beglücken sollte? +Ach Du wirst nun wohl nimmer mein werden, für mich ist der goldne Topf +verloren, ich darf seine Wunder nimmermehr schauen! Ach, nur ein einziges +Mal möcht' ich Dich sehen, Deine holde süße Stimme hören, liebliche +Serpentina!« — So klagte der Student Anselmus von tiefem schneidendem +Schmerz ergriffen; da sagte jemand dicht neben ihm: »Ich weiß garnicht was +Sie wollen, Herr Studiosus, warum lamentieren Sie so über alle Maßen?« +— Der Student Anselmus wurde gewahr, daß neben ihm auf demselben +Repositorium noch fünf Flaschen standen, in welchen er drei Kreuzschüler +und zwei Praktikanten erblickte. — »Ach, meine Herren und Gefährten im +Unglück,« rief er aus, »wie ist es Ihnen denn möglich, so gelassen, ja so +vergnügt zu sein, wie ich es an Ihren heitern Mienen bemerke? Sie sitzen ja +doch eben so gut eingesperrt in gläsernen Flaschen als ich und können sich +nicht regen und bewegen, ja nicht einmal was Vernünftiges denken, ohne daß +ein Mordlärmen entsteht mit Klingen und Schallen und ohne daß es Ihnen im +Kopfe ganz schrecklich saust und braust. Aber Sie glauben gewiß nicht an +den Salamander und an die grüne Schlange!« — Sie faseln wohl, mein Herr +Studiosus,« erwiderte ein Kreuzschüler, »nie haben wir uns besser befunden +als jetzt: denn die Speziestaler, welche wir von dem tollen Archivarius +erhalten für allerlei konfuse Abschriften, tun uns wohl; wir dürfen jetzt +keine italienischen Chöre mehr auswendig lernen, wir gehen jetzt alle Tage +zu Josephs oder sonst in andere Kneipen, lassen uns das Doppelbier wohl +schmecken, sehen auch wohl einem hübschen Mädchen in die Augen, singen wie +wirkliche Studenten: gaudeamus igitur und sind seelenvergnügt.« — »Die +Herren haben ganz recht,« fiel ein Praktikant ein, »auch ich bin mit +Speziestalern reichlich versehen, wie hier mein teurer Kollege nebenan und +spaziere fleißig auf den Weinberg, statt bei der leidigen Aktenschreiberei +zwischen vier Wänden zu sitzen.« — »Aber meine besten wertesten Herren,« +sagte der Student Anselmus, »spüren Sie es denn nicht, daß Sie alle samt +und sonders in gläsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen, +viel weniger umherspazieren können?« — Da schlugen die Kreuzschüler und +die Praktikanten eine helle Lache auf und schrien: »Der Studiosus ist toll, +er bildet sich ein in einer gläsernen Flasche zu sitzen und steht auf der +Elbbrücke und sieht gerade hinein ins Wasser. Gehen wir nur weiter!« +— »Ach,« seufzte der Student, »die schauten niemals die holde Serpentina, +sie wissen nicht was Freiheit und Leben in Glauben und Liebe ist! deshalb +spüren sie nicht den Druck des Gefängnisses, in das sie der Salamander +bannte, ihrer Torheit, ihres gemeinen Sinnes wegen; aber ich Unglücklicher +werde vergehen in Schmach und Elend, wenn sie, die ich so unaussprechlich +liebe, mich nicht rettet.« — Da wehte und säuselte Serpentina's Stimme +durch das Zimmer: »Anselmus! glaube, liebe, hoffe!« — Und jeder Laut +strahlte in das Gefängnis des Anselmus hinein und das Kristall mußte seiner +Gewalt weichen und sich ausdehnen, daß die Brust des Gefangenen sich regen +und bewegen konnte. Immer mehr verringerte sich die Qual seines Zustandes +und er merkte wohl, daß ihn Serpentina noch liebe und daß nur <i>sie</i> es +sei, die ihm den Aufenthalt in dem Kristall erträglich mache. Er bekümmerte +sich nicht mehr um seine leichtsinnigen Unglücksgefährten, sondern richtete +Sinn und Gedanken nur auf die holde Serpentina. — Aber plötzlich entstand +von der andern Seite her ein dumpfes widriges Gemurmel. Er konnte bald +deutlich bemerken, daß dies Gemurmel von einer alten Kaffeekanne mit +halbzerbrochenem Deckel herrührte, die ihm gegenüber auf einem kleinen +Schrank hingestellt war. Sowie er schärfer hinschaute, entwickelten sich +immer mehr die garstigen Züge eines alten verschrumpften Weibergesichts und +bald stand das Äpfelweib vom schwarzen Tor vor dem Repositorium. Die +grinste und lachte ihn an und rief mit gellender Stimme: »Ei, ei, +Kindchen! — mußt Du nun ausharren? — Ins Kristall nun Dein Fall! hab' ich +Dir's nicht längst vorausgesagt?« — »Höhne und spotte nur, Du verdammtes +Hexenweib,« sagte der Student Anselmus, »Du bist Schuld an allem, aber der +Salamander wird Dich treffen, Du schnöde Runkelrübe!« — »Ho, ho!« +erwiderte die Alte, »nur nicht so stolz! Du hast meinen Söhnlein ins +Gesicht getreten, Du hast mir die Nase verbrannt, aber doch bin ich Dir +gut, Du Schelm, weil Du sonst ein artiger Mensch warst und mein Töchterchen +ist Dir auch gut. Aus dem Kristall kommst Du aber nun einmal nicht, wenn +ich Dir nicht helfe; hinauflangen zu Dir kann ich nicht; aber meine Frau +Gevatterin, die Ratte, welche gleich über Dir auf dem Boden wohnt, die soll +das Brett entzweinagen, auf dem Du stehst, dann purzelst Du hinunter und +ich fange Dich auf in der Schürze, damit Du Dir die Nase nicht zerschlägst, +sondern fein Dein glattes Gesichtlein erhältst und ich trage Dich flugs zu +Mamsell Veronika, die mußt Du heiraten, wenn Du Hofrat geworden.« — »Laß +ab von mir, Satansgeburt,« schrie der Student Anselmus voller Grimm, »nur +Deine höllischen Künste haben mich zu dem Frevel gereizt, den ich nun +abbüßen muß. — Aber geduldig ertrage ich alles: denn nur hier kann ich +sein, wo die holde Serpentina mich mit Liebe und Trost umfängt! — Hör' es +Alte und verzweifle! Trotz biete ich Deiner Macht, ich liebe ewiglich nur +Serpentina — ich will nie Hofrat werden — nie die Veronika schauen, die +mich durch Dich zum Bösen verlockt! — Kann die grüne Schlange nicht mein +werden, so will ich untergehen in Sehnsucht und Schmerz! — Hebe Dich weg +— hebe Dich weg — Du schnöder Wechselbalg!« — Da lachte die Alte auf, daß +es im Zimmer gellte und rief: »So sitze denn und verderbe, aber nun ist's +Zeit ans Werk zu gehen: denn mein Geschäft hier ist noch von anderer Art.« +— Sie warf den schwarzen Mantel ab und stand da in ekelhafter Nacktheit, +dann fuhr sie in Kreisen umher und große Folianten stürzten herab, aus +denen riß sie Pergamentblätter, und diese im künstlichen Gefüge schnell +zusammenheftend und auf den Leib ziehend, war sie bald wie in einen +seltsamen bunten Schuppenharnisch gekleidet. Feuersprühend sprang der +schwarze Kater aus dem Tintenfasse, das auf dem Schreibtische stand und +heulte der Alten entgegen, die laut aufjubelte und mit ihm durch die Tür +verschwand. Anselmus merkte, daß sie nach dem blauen Zimmer gegangen und +bald hörte er es in der Ferne zischen und brausen, die Vögel im Garten +schrien, der Papagei schnarrte: »Rette — rette! Raub — Raub!« — In dem +Augenblick kam die Alte ins Zimmer zurückgesprungen, den goldenen Topf auf +dem Arm tragend und mit gräßlicher Geberde wild durch die Lüfte schreiend: +»Glück auf! — Glück auf! — Söhnlein — töte die grüne Schlange! auf, +Söhnlein, auf!« — Es war dem Anselmus als höre er ein tiefes Stöhnen, als +höre er Serpentina's Stimme. Da ergriff ihn Entsetzen und Verzweiflung. +— Er raffte alle seine Kräfte zusammen; er stieß mit Gewalt, als sollten +Nerven und Adern zerspringen, gegen das Kristall — ein schneidender Klang +fuhr durch das Zimmer und der Archivarius stand in der Tür in seinem +glänzenden damastnen Schlafrock; »Hei, hei! Gesindel, toller Spuk +— Hexenwerk — hierher — heisa!« So schrie er. Da richteten sich die +schwarzen Haare der Alten wie Borsten empor, ihre glutroten Augen +erglänzten von höllischem Feuer und die spitzigen Zähne des weiten Rachens +zusammenbeißend, zischte sie: »frisch — frisch 'raus — zisch aus, zisch +aus! und lachte und meckerte höhnend und spottend und drückte den goldnen +Topf fest an sich und warf daraus Fäuste voll glänzender Erde auf den +Archivarius, aber so wie die Erde den Schlafrock berührte, wurden Blumen +daraus, die herabfielen. Da flackerten und flammten die Lilien des +Schlafrocks empor und der Archivarius schleuderte die in knisterndem Feuer +brennenden Lilien auf die Hexe, die vor Schmerz heulte; aber indem sie in +die Höhe sprang und den pergamentnen Harnisch schüttelte, verlöschten die +Lilien und zerfielen in Asche. »Frisch darauf, mein Junge!« kreischte die +Alte, da fuhr der Kater auf in die Luft und brauste fort nach der Tür über +den Archivarius; aber der graue Papagei flatterte ihm entgegen und faßte +ihn mit dem krummen Schnabel im Genick, daß rotes feuriges Blut ihm aus dem +Halse stürzte und Serpentina's Stimme rief: »Gerettet! — gerettet!« — Die +Alte sprang voll Wut und Verzweiflung auf den Archivarius los, sie warf den +Topf hinter sich und wollte, die langen Finger der dürren Fäuste +emporspreizend, den Archivarius umkrallen; aber dieser riß schnell den +Schlafrock herunter und schleuderte ihn der Alten entgegen. Da zischten und +sprühten und brausten blaue knisternde Flammen aus den Pergamentblättern +und die Alte wälzte sich im heulenden Jammer und trachtete immer mehr Erde +aus dem Topfe zu greifen, immer mehr Pergamentblätter aus den Büchern zu +erhaschen, um die lodernden Flammen zu ersticken; und wenn ihr es gelang +Erde oder Pergamentblätter auf sich zu stürzen, verlöschte das Feuer. Aber +nun fuhren wie aus dem Innern des Archivarius flackernde zischende Strahlen +auf die Alte. »Hei, hei! drauf und dran — Sieg dem Salamander!« dröhnte +die Stimme des Archivarius durch das Zimmer, und hundert Blitze +schlängelten sich in feurigen Kreisen um die kreischende Alte. Sausend und +brausend fuhren in wütendem Kampfe Kater und Papagei umher; aber endlich +schlug der Papagei mit den starken Fittichen den Kater zu Boden und mit den +Krallen ihn durchspießend und festhaltend, daß er in der Todesnot gräßlich +heulte und ächzte, hackte er ihm mit dem scharfen Schnabel die glühenden +Augen aus, daß der brennende Gischt herausspritzte. — Dicker Qualm strömte +da empor, wo die Alte zur Erde niedergestürzt unter dem Schlafrock gelegen; +ihr Geheul, ihr entsetzliches schneidendes Jammergeschrei verhallte in +weiter Ferne. Der Rauch, der sich mit durchdringendem Gestank verbreitet, +verdampfte, der Archivarius hob den Schlafrock auf und unter demselben lag +eine garstige Runkelrübe. »Verehrter Herr Archivarius, hier bringe ich den +überwundenen Feind,« sprach der Papagei, indem er den [dem] Archivarius +Lindhorst ein schwarzes Haar im Schnabel darreichte. »Sehr gut, mein +Lieber,« antwortete der Archivarius, »hier liegt auch meine überwundene +Feindin, besorgen Sie gütigst nunmehr das Übrige; noch heute erhalten Sie +als ein kleines Douceur sechs Kokosnüsse und eine neue Brille, da, wie ich +sehe, der Kater Ihnen die Gläser schändlich zerbrochen.« — »Lebenslang der +Ihrige, verehrungswürdiger Freund und Gönner!« versetzte der Papagei sehr +vergnügt, nahm die Runkelrübe in den Schnabel und flatterte damit zum +Fenster hinaus, das ihm der Archivarius Lindhorst geöffnet.</p> + +<div class="figcenter"><img src="images/11.jpg" alt="Der Rauch verdampfte" title="Der Rauch verdampfte" /></div> + +<p>Dieser ergriff den goldenen Topf und rief stark: »Serpentina, +Serpentina!« — Aber wie nun der Student Anselmus hoch erfreut über den +Untergang des schnöden Weibes, das ihn ins Verderben gestürzt, den +Archivarius anblickte, da war es wieder die hohe majestätische Gestalt des +Geisterfürsten, die mit unbeschreiblicher Anmut und Würde zu ihm +hinaufschaute. — »Anselmus,« sprach der Geisterfürst, »nicht Du, sondern +nur ein feindliches Prinzip, das zerstörend in Dein Inneres zu dringen und +Dich mit Dir selbst zu entzweien trachtete, war Schuld an Deinem Unglauben. +Du hast Deine Treue bewährt, sei frei und glücklich.« Ein Blitz zuckte +durch das Innere des Anselmus, der herrliche Dreiklang der Kristallglocken +ertönte stärker und mächtiger, als er ihn je vernommen — seine Fibern und +Nerven erbebten — aber immer mehr anschwellend dröhnte der Akkord durch +das Zimmer, das Glas, welches den Anselmus umschlossen, zersprang und er +stürzte in die Arme der holden lieblichen Serpentina.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ELFTE_VIGILIE" id="ELFTE_VIGILIE" ></a>ELFTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Des Konrektors Paulmann Unwille über die in seiner Familie ausgebrochene +Tollheit. — Wie der Registrator Heerbrand Hofrat worden und im stärksten +Froste in Schuhen und seidenen Strümpfen einherging. — Veronika's +Geständnisse. — Verlobung bei der dampfenden Suppenschüssel.</p></div> + + +<p>Aber sagen Sie mir nur, wertester Registrator, wie uns gestern der +vermaledeite Punsch so in den Kopf steigen und zu allerlei Allotriis +treiben konnte?« — Dies sprach der Konrektor Paulmann, indem er am andern +Morgen in das Zimmer trat, das noch voll zerbrochener Scherben lag und in +dessen Mitte die unglückliche Perücke in ihre ursprünglichen Bestandteile +aufgelöst im Punsche umherschwamm. Als der Student Anselmus zur Tür +hinausgerannt war, kreuzten und wackelten der Konrektor Paulmann und der +Registrator Heerbrand durch das Zimmer, schreiend wie Besessene und mit den +Köpfen aneinander rennend, bis Fränzchen den schwindligen Papa mit vieler +Mühe ins Bett brachte und der Registrator in höchster Ermattung aufs Sofa +sank, welches Veronika, ins Schlafzimmer flüchtend, verlassen. Der +Registrator Heerbrand hatte sein blaues Schnupftuch um den Kopf gewickelt, +sah ganz blaß und melancholisch aus und stöhnte: »Ach, werter Konrektor, +nicht der Punsch, den Mamsell Veronika köstlich bereitet, nein! — sondern +lediglich der verdammte Student ist an all' dem Unwesen schuld. Merken Sie +denn nicht, daß er schon längst mente captus ist? Aber wissen Sie denn +nicht auch, daß der Wahnsinn ansteckt? — Ein Narr macht viele; verzeihen +Sie, dies ist ein altes Sprichwort; vorzüglich, wenn man ein Gläschen +getrunken, da gerät man leicht in die Tollheit und manövriert unwillkürlich +nach und bricht aus in die Exercitia, die der verrückte Flügelmann +vormacht. Glauben Sie denn, Konrektor, daß mir noch ganz schwindlig ist, +wenn ich an den grauen Papagei denke?« — »Ach was,« fiel der Konrektor +ein, »Possen! — es war ja der alte kleine Famulus des Archivarii, der +einen grauen Mantel umgenommen und den Studenten Anselmus suchte.« — »Es +kann sein,« versetzte der Registrator Heerbrand, »aber ich muß gestehen, +daß mir ganz miserabel zu Mute ist; die ganze Nacht über hat es so +wunderlich georgelt und gepfiffen.« — »Das war ich«, erwiderte der +Konrektor, »denn ich schnarche stark.« — »Nun, mag das sein,« fuhr der +Registrator fort, »aber Konrektor, Konrektor! — nicht ohne Ursache hatte +ich gestern dafür gesorgt, uns einige Fröhlichkeit zu bereiten — aber der +Anselmus hat mir alles verdorben. — Sie wissen nicht — o Konrektor, +Konrektor!« — Der Registrator Heerbrand sprang auf, riß das Tuch vom +Kopfe, umarmte den Konrektor, drückte ihm feurig die Hand, rief noch einmal +ganz herzbrechend: »O Konrektor, Konrektor!« und rannte Hut und Stock +ergreifend schnell von dannen. »Der Anselmus soll mir nicht mehr über die +Schwelle,« sprach der Konrektor Paulmann zu sich selbst, »denn ich sehe nun +wohl, daß er mit seinem verstockten innern Wahnsinn die besten Leute um ihr +bißchen Vernunft bringt; der Registrator ist nun auch geliefert — ich habe +mich bisher noch gehalten, aber der Teufel, der gestern im Rausch stark +anklopfte, könnte doch wohl am Ende einbrechen und sein Spiel treiben. +— Also apage Satanas! — fort mit dem Anselmus!« — Veronika war ganz +tiefsinnig geworden, sie sprach kein Wort, lächelte nur zuweilen ganz +seltsam und war am liebsten allein. »Die hat Anselmus auch auf der Seele«, +sagte der Konrektor voller Bosheit, »aber es ist gut, daß er sich garnicht +sehen läßt, ich weiß, daß er sich vor mir fürchtet — der Anselmus, deshalb +kommt er garnicht her.« Das Letzte sprach der Konrektor Paulmann ganz laut, +da stürzten der Veronika, die eben gegenwärtig, die Tränen aus den Augen +und sie seufzte: »Ach, kann denn der Anselmus herkommen? Der ist ja schon +längst in die gläserne Flasche eingesperrt.« — »Wie? was?« rief der +Konrektor Paulmann. »Ach Gott — ach Gott, auch sie faselt schon wie der +Registrator, es wird bald zum Ausbruch kommen. — Ach du verdammter +abscheulicher Anselmus!« — Er rannte gleich fort zum Doktor Eckstein, der +lächelte und sagte wieder: »Ei, ei!« — Er verschrieb aber nichts, sondern +setzte dem wenigen, was er geäußert, noch weggehend hinzu: »Nervenzufälle! +— wird sich geben von selbst — in die Luft führen — spazieren fahren +— sich zerstreuen — Theater — Sonntagskind — Schwestern von Prag — wird +sich geben!« — »So beredt war der Doktor selten,« dachte der Konrektor +Paulmann, »ordentlich geschwätzig.« — Mehrere Tage und Wochen und Monate +waren vergangen, der Anselmus war verschwunden, aber auch der Registrator +Heerbrand ließ sich nicht sehen, bis am vierten Februar, da trat er in +einem neuen modernen Kleide vom besten Tuch, in Schuhen und seidenen +Strümpfen, des starken Frostes unerachtet, einen großen Strauß lebendiger +Blumen in der Hand, mittags Punkt zwölf Uhr in das Zimmer des Konrektors +Paulmann, der nicht wenig über seinen geputzten Freund erstaunte. Feierlich +schritt der Registrator Heerbrand auf den Konrektor los, umarmte ihn mit +feinem Anstande und sprach dann: »Heute an dem Namenstage Ihrer lieben +verehrten Mamsell Tochter Veronika will ich denn nun alles gerade +heraussagen, was mir längst auf dem Herzen gelegen! Damals, an dem +unglücklichen Abend, als ich die Ingredienzien zu dem verderblichen Punsch +in der Tasche meines Matins herbeitrug, hatte ich es im Sinn, eine freudige +Nachricht Ihnen mitzuteilen und den glückseligen Tag in Fröhlichkeit zu +feiern; schon damals hatte ich es erfahren, daß ich Hofrat geworden, über +welche Standeserhöhung ich jetzt das Patent cum nomine et sigillo principis +erhalten und in der Tasche trage.« — »Ach, ach! Herr Registr — Herr +Hofrat Heerbrand, wollte ich sagen,« stammelte der Konrektor. — »Aber Sie, +verehrter Konrektor,« fuhr der nunmehrige Hofrat Heerbrand fort: »Sie +können erst mein Glück vollenden. Schon längst habe ich die Mamsell +Veronika im Stillen geliebt und kann mich manches freundlichen Blickes +rühmen, den sie mir zugeworfen und der mir deutlich gezeigt, daß sie mir +wohl nicht abhold sein dürfte. Kurz, verehrter Konrektor! — ich, der Hofrat +Heerbrand, bitte um die Hand Ihrer liebenswürdigen Demoiselle Tochter +Veronika, die ich, haben Sie nichts dagegen, in kurzer Zeit heimzuführen +gedenke.« — Der Konrektor Paulmann schlug voll Verwunderung die Hände +zusammen und rief: »Ei — Ei — Ei — Herr Registr — Herr Hofrat wollte +ich sagen, wer hätte das gedacht! — Nun, wenn Veronika Sie in der Tat +liebt, ich meines Teils habe nichts dagegen; vielleicht ist auch ihre +jetzige Schwermut nur eine versteckte Verliebtheit in Sie, verehrter +Hofrat; man kennt ja die Possen.« — In dem Augenblick trat Veronika +herein, blaß und verstört, wie sie jetzt gewöhnlich war. Da schritt der +Hofrat Heerbrand auf sie zu, erwähnte in wohlgesetzter Rede ihres +Namenstages und überreichte ihr den duftenden Blumenstrauß nebst einem +kleinen Päckchen, aus dem ihr, als sie es öffnete, ein paar glänzende +Ohrgehänge entgegenstrahlten. Eine schnelle fliegende Röte färbte ihre +Wangen, die Augen blitzten lebhafter und sie rief: »Ei, mein Gott! Das sind +ja dieselben Ohrgehänge, die ich schon vor mehreren Wochen trug und mich +daran ergötzte!« — »Wie ist denn das möglich?« fiel der Hofrat Heerbrand +etwas bestürzt und empfindlich ein, »da ich dieses Geschmeide erst seit +einer Stunde in der Schloßgasse für schmähliches Geld erkauft?« — Aber die +Veronika hörte nicht darauf, sondern stand schon vor dem Spiegel, um die +Wirkung des Geschmeides, das sie bereits in die kleinen Öhrchen gehängt, zu +erforschen. Der Konrektor Paulmann eröffnete ihr mit gravitätischer Miene +und mit ernstem Ton die Standeserhöhung Freund Heerbrands und seinen +Antrag. Veronika schaute den Hofrat mit durchdringendem Blick an und +sprach: »Das wußte ich längst, daß Sie mich heiraten wollten. — Nun es +sei! — ich verspreche Ihnen Herz und Hand, aber ich muß Ihnen nur gleich +— Ihnen Beiden nämlich, dem Vater und dem Bräutigam, manches entdecken, +was mir recht schwer in Sinn und Gedanken liegt — jetzt gleich, und sollte +darüber die Suppe kalt werden, die, wie ich sehe, Fränzchen soeben auf den +Tisch setzt.« Ohne des Konrektors und des Hofrats Antwort abzuwarten, +unerachtet ihnen sichtlich die Worte auf den Lippen schwebten, fuhr +Veronika fort: »Sie können es mir glauben, bester Vater, daß ich den +Anselmus recht von Herzen liebte und als der Registrator Heerbrand, der +nunmehr selbst Hofrat geworden, versicherte, der Anselmus könne es wohl zu +so etwas bringen, beschloß ich, er und kein anderer solle mein Mann werden. +Da schien es aber, als wenn fremde feindliche Wesen ihn mir entreißen +wollten und ich nahm meine Zuflucht zu der alten Lise, die ehemals meine +Wärterin war und jetzt eine weise Frau, eine große Zauberin ist. <i>Die</i> +versprach mir zu helfen und den Anselmus mir ganz in die Hände zu liefern. +Wir gingen Mitternachts in der Tag- und Nachtgleiche auf den Kreuzweg, sie +beschwor die höllischen Geister und mit Hilfe des schwarzen Katers brachten +wir einen kleinen Metallspiegel zu Stande, in den ich, meine Gedanken auf +den Anselmus richtend, nur blicken durfte, um ihn ganz in Sinn und Gedanken +zu beherrschen. — Aber ich bereue jetzt herzlich das alles getan zu haben, +ich schwöre allen Satanskünsten ab. Der Salamander hat über die Alte +gesiegt, ich hörte ihr Jammergeschrei, aber es war keine Hilfe möglich, +sowie sie als Runkelrübe vom Papagei verzehrt worden, zerbrach mit +schneidendem Klange mein Metallspiegel.« Veronika holte die beiden Stücke +des zerbrochenen Spiegels und eine Locke aus dem Nähkästchen und beides dem +Hofrat Heerbrand hinreichend, fuhr sie fort: »Hier nehmen Sie, geliebter +Hofrat, die Stücke des Spiegels, werfen Sie sie heute Nacht um zwölf Uhr +von der Elbbrücke, und zwar von da wo das Kreuz steht, hinab in den Strom, +der dort nicht zugefroren, die Locke aber bewahren Sie auf treuer Brust. +Ich schwöre nochmals allen Satanskünsten ab und gönne dem Anselmus herzlich +sein Glück, da er nunmehr mit der grünen Schlange verbunden, die viel +schöner und reicher ist als ich. Ich will Sie, geliebter Hofrat, als eine +rechtschaffene Frau lieben und verehren!« — »Ach Gott! — ach Gott!« rief +der Konrektor Paulmann voller Schmerz, »sie ist wahnsinnig, sie ist +wahnsinnig — sie kann nimmermehr Frau Hofrätin werden — sie ist +wahnsinnig!« — »Mit nichten,« fiel der Hofrat Heerbrand ein, »ich weiß +wohl, daß Mamsell Veronika eine Neigung für den vertrackten Anselmus +gehegt, und es mag sein, daß sie vielleicht in einer gewissen Überspannung +sich an die weise Frau gewendet, die, wie ich merke, wohl niemand anders +sein kann als die Kartenlegerin und Kaffeegießerin vor dem Seetore, kurz, +die alte Rauerin. Nun ist auch nicht zu leugnen, daß es wirklich wohl +geheime Künste gibt, die auf den Menschen nur gar zu sehr ihren feindlichen +Einfluß äußern, man liest schon davon in den Alten; was aber Mamsell +Veronika von dem Sieg des Salamanders und von der Verbindung des Anselmus +mit der grünen Schlange gesprochen, ist wohl nur eine poetische Allegorie +— gleichsam ein Gedicht, worin sie den gänzlichen Abschied von dem +Studenten besungen.« — »Halten Sie das wofür Sie wollen, bester Hofrat!« +fiel Veronika ein, »vielleicht für einen recht albernen Traum.« +— »Keineswegs tue ich das,« versetzte der Hofrat Heerbrand, »denn ich weiß +ja wohl, daß der Anselmus auch von geheimen Mächten befangen, die ihn zu +allen möglichen tollen Streichen necken und treiben.« Länger konnte der +Konrektor Paulmann nicht an sich halten, er brach los: »Halt, um Gottes +willen, halt! Haben wir uns denn etwa wieder übernommen im verdammten +Punsch, oder wirkt des Anselmi Wahnsinn auf uns? Herr Hofrat, was sprechen +Sie denn auch wieder für Zeug? — Ich will indessen glauben, daß es die +Liebe ist, die Euch in dem Gehirn spukt; das gibt sich aber bald in der +Ehe, sonst wäre mir bange, daß auch <i>Sie</i> in einigen Wahnsinn +verfallen, verehrungswürdiger Hofrat und würde dann Sorge tragen wegen der +Deszendenz, die das malum der Eltern vererben könnte. — Nun, ich gebe +meinen väterlichen Segen zu der fröhlichen Verbindung und erlaube, daß Ihr +Euch als Braut und Bräutigam küsset.« Dies geschah sofort und es war, noch +ehe die aufgetragene Suppe kalt geworden, die förmliche Verlobung +geschlossen. Wenige Wochen nachher saß die Frau Hofrätin Heerbrand +wirklich, wie sie sich schon früher im Geiste erblickt, in dem Erker eines +schönen Hauses auf dem Neumarkt und schaute lächelnd auf die Elegants +hinab, die vorübergehend und hinauflorgnettierend sprachen: »Es ist doch +eine göttliche Frau, die Hofrätin Heerbrand!« — —</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="ZWOLFTE_VIGILIE" id="ZWOLFTE_VIGILIE" ></a>ZWÖLFTE VIGILIE</h2> + + +<div class="blockquot"><p>Nachricht von dem Rittergut, das der Anselmus als des Archivarius Lindhorst +Schwiegersohn bezogen, und wie er dort mit Serpentina lebt. — Beschluß.</p></div> + + +<p>Wie fühlte ich recht in der Tiefe des Gemüts die hohe Seligkeit des +Studenten Anselmus, der mit der holden Serpentina innigst verbunden, nun +nach dem geheimnisvollen wunderbaren Reiche gezogen war, das er für die +Heimat erkannte, nach der sich seine von seltsamen Ahnungen erfüllte Brust +schon so lange gesehnt! Aber vergebens blieb alles Streben, Dir, günstiger +Leser, all' die Herrlichkeiten, von denen der Anselmus umgeben, auch nur +einigermaßen in Worten anzudeuten. Mit Widerwillen gewahrte ich die +Mattigkeit jedes Ausdrucks. Ich fühlte mich befangen in den Armseligkeiten +des kleinlichen Alltagslebens, ich erkrankte in quälendem Mißbehagen, ich +schlich umher wie ein Träumender, kurz, ich geriet in jenen Zustand des +Studenten Anselmus, den ich Dir, günstiger Leser, in der vierten Vigilie +beschrieben. Ich härmte mich recht ab, wenn ich die elf Vigilien, die ich +glücklich zu stande gebracht, durchlief, und nun dachte, daß es mir wohl +niemals vergönnt sein werde, die zwölfte als Schlußstein hinzuzufügen: denn +so oft ich mich zur Nachtzeit hinsetzte, um das Werk zu vollenden, war es +als hielten mir recht tückische Geister (es mochten wohl Verwandte +— vielleicht cousins germains der getöteten Hexe sein) ein glänzend +poliertes Metall vor, in dem ich mein Ich erblickte, blaß, übernächtig und +melancholisch, wie der Registrator Heerbrand nach dem Punschrausch. — Da +warf ich denn die Feder hin und eilte ins Bett, um wenigstens von dem +glücklichen Anselmus und der holden Serpentina zu träumen. So hatte das +schon mehrere Tage und Nächte gedauert, als ich endlich ganz unerwartet von +dem Archivarius Lindhorst ein Billet erhielt, worin er mir folgendes +schrieb:</p> + +<p>Ew. Wohlgeboren haben, wie mir bekannt geworden, die seltsamen Schicksale +meines guten Schwiegersohnes, des vormaligen Studenten, jetzigen Dichters +Anselmus, in elf Vigilien beschrieben und quälen sich jetzt sehr ab, in der +zwölften und letzten Vigilie einiges von seinem glücklichen Leben in +Atlantis zu sagen, wohin er mit meiner Tochter auf das hübsche Rittergut, +welches ich dort besitze, gezogen. Unerachtet ich nun nicht eben gern sehe, +daß Sie mein eigentliches Wesen der Lesewelt kundgetan, da es mich +vielleicht in meinem Dienst als geheimer Archivarius tausend +Unannehmlichkeiten aussetzen, ja wohl gar im Collegio die zu ventilierende +Frage veranlassen wird: inwiefern wohl ein Salamander sich rechtlich und +mit verbindenden Folgen als Staatsdiener eidlich verpflichten könne, und +inwiefern ihm überhaupt solide Geschäfte anzuvertrauen, da nach Gabalis und +Swedenborg den Elementargeistern durchaus nicht zu trauen — unerachtet nun +meine besten Freunde meine Umarmung scheuen werden, aus Furcht, ich könnte +in plötzlichem Übermut was weniges blitzen und ihnen Frisur und +Sonntagsrock verderben — unerachtet alles dessen sage ich, will ich Ew. +Wohlgeboren doch in der Vollendung des Werks behilflich sein, da darin viel +Gutes von mir und von meiner lieben verheirateten Tochter (ich wollte, ich +wäre die beiden übrigen auch schon los) enthalten. Wollen Sie daher die +zwölfte Vigilie schreiben, so steigen Sie Ihre verdammten fünf Treppen +hinunter, verlassen Sie Ihr Stübchen und kommen Sie zu mir. Im blauen +Palmbaumzimmer, das Ihnen schon bekannt, finden Sie die gehörigen +Schreibmaterialien und Sie können dann mit wenigen Worten den Lesern kund +tun, was Sie geschaut: das wird ihnen besser sein, als eine weitläufige +Beschreibung eines Lebens, das Sie ja doch nur vom Hörensagen kennen. Mit +Achtung</p> + +<div class="blockquot"> +Ew. Wohlgeboren ergebenster<br /> +der Salamander Lindhorst</div> +<div class="blockquotsmall"> +p. t. königl. geh. Archivarius.</div> + +<p>Dies freilich etwas rauhe, aber doch freundschaftliche Billet des +Archivarius Lindhorst war mir höchst angenehm. Zwar schien es gewiß, daß +der wunderliche Alte von der seltsamen Art, wie mir die Schicksale seines +Schwiegersohnes bekannt geworden, die ich, zum Geheimnis verpflichtet, Dir +selbst, günstiger Leser, verschweigen mußte, wohl unterrichtet sei, aber er +hatte das nicht so übel vermerkt, als ich wohl befürchten konnte. Er bot ja +selbst hilfreiche Hand, mein Werk zu vollenden, und daraus konnte ich mit +Recht schließen, wie er im Grunde genommen damit einverstanden sei, daß +seine wunderliche Existenz in der Geisterwelt durch den Druck bekannt +werde. Es kann sein, dachte ich, daß er selbst die Hoffnung daraus schöpft, +desto eher seine beiden noch übrigen Töchter an den Mann zu bringen, denn +vielleicht fällt doch ein Funke in dieses oder jenes Jünglings Brust, der +die Sehnsucht nach der grünen Schlange entzündet, welche er dann in dem +Holunderbusch am Himmelfahrtstage sucht und findet. Aus dem Unglück, das +den Anselmus betroffen, als er in die gläserne Flasche gebannt wurde, wird +er die Warnung entnehmen, sich vor jedem Zweifel, vor jedem Unglauben recht +ernstlich zu hüten. Punkt elf Uhr löschte ich meine Studierlampe aus und +schlich zum Archivarius Lindhorst, der mich schon auf dem Flur erwartete. +»Sind Sie da — Hochverehrter! — nun das ist mir lieb, daß Sie meine +guten Absichten nicht verkennen — kommen Sie nur!« — Und damit führte er +mich durch den von blendendem Glanze erfüllten Garten in das azurblaue +Zimmer, in welchem ich den violetten Schreibtisch erblickte, an welchem der +Anselmus gearbeitet. — Der Archivarius Lindhorst verschwand, erschien aber +gleich wieder mit einem schönen goldenen Pokal in der Hand, aus dem eine +blaue Flamme hoch emporknisterte. »Hier,« sprach er, »bringe ich Ihnen das +Lieblingsgetränk Ihres Freundes, des Kapellmeisters Johannes Kreisler. — Es +ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen. Nippen Sie was +weniges davon, ich will gleich meinen Schlafrock abwerfen und zu meiner +Lust, und um, während Sie sitzen und schauen und schreiben, Ihrer werten +Gesellschaft zu genießen, in dem Pokal auf- und niedersteigen.« — »Wie es +Ihnen gefällig ist, verehrter Herr Archivarius,« versetzte ich; »aber wenn +ich nun von dem Getränk genießen will, werden Sie nicht« — »Tragen Sie +keine Sorge, mein Bester!« rief der Archivarius, warf den Schlafrock +schnell ab, stieg zu meinem nicht geringen Erstaunen in den Pokal und +verschwand in den Flammen. — Ohne Scheu kostete ich, die Flamme leise +weghauchend, von dem Getränk, es war köstlich!</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Rühren sich nicht in sanftem Säuseln und Rauschen die smaragdenen Blätter +der Palmbäume, wie vom Hauch des Morgenwindes geliebkost? — Erwacht aus +dem Schlafe heben und regen sie sich und flüstern geheimnisvoll von den +Wundern, die wie aus weiter Ferne holdselige Harfentöne verkünden! — Das +Azur löst sich von den Wänden und wallt wie duftiger Nebel auf und nieder, +aber blendende Strahlen schießen durch den Duft, der sich wie in +jauchzender kindischer Lust wirbelt und dreht und aufsteigt bis zur +unermeßlichen Höhe, die sich über den Palmbäumen wölbt. — Aber immer +blendender häuft sich Strahl auf Strahl, bis in hellem Sonnenglanze sich +der unabsehbare Hain aufschließt, in dem ich den Anselmus erblicke. +— Glühende Hyazinthen und Tulpianen und Rosen erheben ihre schönen Häupter +und ihre Düfte rufen in gar lieblichen Lauten dem Glücklichen zu: wandle, +wandle unter uns, Geliebter, der Du uns verstehst — unser Duft ist die +Sehnsucht der Liebe — wir lieben Dich und sind Dein immerdar! — Die +goldnen Strahlen brennen in glühenden Tönen: wir sind Feuer von der Liebe +entzündet. Der Duft ist die Sehnsucht, aber Feuer das Verlangen, und wohnen +wir nicht in Deiner Brust? Wir sind ja Dein eigen! — Es rischeln und +rauschen die dunklen Büsche — die hohen Bäume: Komme zu uns! +— Glücklicher! — Geliebter! Feuer ist das Verlangen, aber Hoffnung unser +kühler Schatten. Wir umsäuseln liebend Dein Haupt, denn Du verstehst uns, +weil die Liebe in Deiner Brust wohnet. — Die Quellen und Bäche plätschern +und sprudeln: Geliebter, wandle nicht so schnell vorüber, schaue in unser +Kristall — Dein Bild wohnt in uns, das wir liebend bewahren, denn Du hast +uns verstanden! — Im Jubelchor zwitschern und singen bunte Vöglein: Höre +uns, höre uns, wir sind die Freude, die Wonne, das Entzücken der Liebe! +— Aber sehnsuchtsvoll schaut Anselmus nach dem herrlichen Tempel, der sich +in weiter Ferne erhebt. Die künstlichen Säulen scheinen Bäume und die +Kapitäle und Gesimse Akanthusblätter, die in wundervollen Gewinden und +Figuren herrliche Verzierungen bilden. Anselmus schreitet dem Tempel zu, er +betrachtet mit inniger Wonne den bunten Marmor, die wunderbar bemoosten +Stufen. »Ach nein,« ruft er wie im Übermaß des Entzückens, »sie ist nicht +mehr fern!« Da tritt in hoher Schönheit und Anmut Serpentina aus dem Innern +des Tempels, sie trägt den goldenen Topf, aus dem eine herrliche Lilie +entsprossen. Die namenlose Wonne der unendlichen Sehnsucht glüht in den +holdseligen Augen, so blickt sie den Anselmus an, sprechend: »Ach, +Geliebter! die Lilie hat ihren Kelch erschlossen — das Höchste ist +erfüllt: Gibt es denn eine Seligkeit, die der unsrigen gleicht?« Anselmus +umschlingt sie mit der Inbrunst des glühendsten Verlangens — die Lilie +brennt in flammenden Strahlen über seinem Haupte. Und lauter regen sich +die Bäume und die Büsche, und heller und freudiger jauchzen die Quellen +— die Vögel — allerlei bunte Insekten tanzen in den Luftwirbeln — ein +frohes, freudiges, jubelndes Getümmel in der Luft — in den Wässern — auf +der Erde feiert das Fest der Liebe! — Da zucken Blitze überall leuchtend +durch die Büsche — Diamanten blicken wie funkelnde Augen aus der Erde +— hohe Springbäche strahlen aus den Quellen — seltsame Düfte wehen mit +rauschendem Flügelschlag daher, — es sind die Elementargeister, die der +Lilie huldigen und des Anselmus Glück verkünden. — Da erhebt Anselmus das +Haupt wie vom Strahlenglanz der Verklärung umflossen. — Sind es Blicke? +— sind es Worte? — ist es Gesang? — Vernehmlich klingt es: »Serpentina! +— der Glaube an Dich, die Liebe hat mir das Innerste der Natur erschlossen! +— Du brachtest mir die Lilie, die aus dem Golde, aus der Urkraft der Erde, +noch ehe Phosphorus den Gedanken entzündete, entsproß — sie ist die +Erkenntnis des heiligen Einklangs aller Wesen und in dieser Erkenntnis lebe +ich in höchster Seligkeit immerdar. — Ja, ich Hochbeglückter habe das +Höchste erkannt — ich muß Dich lieben ewiglich, o Serpentina! — nimmer +verbleichen die goldenen Strahlen der Lilie, denn wie Glaube und Liebe, ist +ewig die Erkenntnis.«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>Die Vision, in der ich nun den Anselmus leibhaftig auf seinem Rittergute +in Atlantis gesehen, verdanke ich wohl den Künsten des Salamanders und +herrlich war es, daß ich sie, als alles wie im Nebel verloschen, auf dem +Papier, das auf dem violetten Tisch lag, recht sauber und augenscheinlich +von mir selbst aufgeschrieben fand. — Aber nun fühlte ich mich von jähem +Schmerz durchbohrt und zerrissen. »Ach glücklicher Anselmus, der Du die +Bürde des alltäglichen Lebens abgeworfen, der Du in der Liebe zu der holden +Serpentina die Schwingen rüstig rührtest und nun lebst in Wonne und Freude +auf Deinem Rittergut in Atlantis! — Aber ich Armer! — bald — ja in +wenigen Minuten bin ich selbst aus diesem schönen Saal, der noch lange kein +Rittergut in Atlantis ist, versetzt in mein Dachstübchen und die +Armseligkeiten des bedürftigen Lebens befangen meinen Sinn und mein Blick +ist von tausend Unheil wie von dickem Nebel umhüllt, daß ich wohl niemals +die Lilie schauen werde.« — Da klopfte mir der Archivarius Lindhorst leise +auf die Achsel und sprach: »Still, still, Verehrter! klagen Sie nicht so! +— Waren Sie nicht eben selbst in Atlantis und haben Sie denn nicht auch +dort wenigstens einen artigen Meierhof als poetisches Besitztum Ihres +innern Sinns? — Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwa anderes als +das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als +tiefstes Geheimnis der Natur offenbaret?«</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<div class="center">Ende des Märchens.</div> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GOLDENE TOPF***</p> +<p>******* This file should be named 17362-h.txt or 17362-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/1/7/3/6/17362">https://www.gutenberg.org/1/7/3/6/17362</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution.</p> + + + +<pre> +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +<a href="https://gutenberg.org/license">https://gutenberg.org/license)</a>. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + +https://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: +https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: +<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a> + +*** END: FULL LICENSE *** +</pre> +</body> +</html> diff --git a/17362-h/images/01.jpg b/17362-h/images/01.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fabeb1d --- /dev/null +++ b/17362-h/images/01.jpg diff --git a/17362-h/images/02.jpg b/17362-h/images/02.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c27ccf2 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/02.jpg diff --git a/17362-h/images/03.jpg b/17362-h/images/03.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a43c4a8 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/03.jpg diff --git a/17362-h/images/04.jpg b/17362-h/images/04.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7f943e8 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/04.jpg diff --git a/17362-h/images/05.jpg b/17362-h/images/05.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..613e884 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/05.jpg diff --git a/17362-h/images/06.jpg b/17362-h/images/06.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a1e6dd2 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/06.jpg diff --git a/17362-h/images/07.jpg b/17362-h/images/07.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..85d2fc3 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/07.jpg diff --git a/17362-h/images/08.jpg b/17362-h/images/08.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..427055a --- /dev/null +++ b/17362-h/images/08.jpg diff --git a/17362-h/images/09.jpg b/17362-h/images/09.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cc8a9a5 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/09.jpg diff --git a/17362-h/images/10.jpg b/17362-h/images/10.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..cdf5f10 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/10.jpg diff --git a/17362-h/images/11.jpg b/17362-h/images/11.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e9e1181 --- /dev/null +++ b/17362-h/images/11.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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