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+The Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Uber die Dichtkunst
+
+Author: Aristoteles
+
+Release Date: October 16, 2005 [EBook #16880]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe
+
+
+
+
+ÜBER DIE DICHTKUNST
+
+BEIM
+
+ARISTOTELES
+
+NEU ÜBERSETZT UND
+MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN
+NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN
+
+VON
+
+ALFRED GUDEMAN
+
+
+1921
+
+
+ * * * * *
+
+
+VORWORT
+
+
+Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek
+eine Neuauflage der vergriffenen _Ueberwegschen_ Übersetzung der
+aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der
+Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins
+und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen
+Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die
+mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die
+unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen
+Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken
+habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen.
+Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil
+derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen
+Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes
+Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke
+größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten
+auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.
+
+Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht
+festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine
+solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die
+_Ueberwegsche_ Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene
+beruhte nämlich noch auf dem _Bekkerschen_ Texte, der im wesentlichen
+nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus
+konservativ, selbst von dem _Vahlen_'s (1886) an fast 300 Stellen
+abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend
+ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1]
+Sodann hatte sich _Ueberweg_, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und
+Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen
+und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen,
+lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark
+elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig
+und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer
+Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis
+attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an
+einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein
+Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu
+erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei
+Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der
+weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß
+ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung _Ueberwegs_ nicht
+aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen
+und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen.
+Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio
+gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne
+Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der
+textkritische Anhang _Ueberwegs_ in Wegfall kommen mußte, versteht sich
+von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden
+Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser
+selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen".
+Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,
+in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege
+ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek"
+vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich
+jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte
+Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun
+erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich
+das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich
+schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen
+Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden
+Raum nicht zu überschreiten.
+
+Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt
+auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren
+Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die
+obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen
+dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.
+
+Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine
+wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.
+
+München, Juli 1920.
+
+Alfred Gudeman.
+
+
+ * * * * *
+
+
+INHALTSVERZEICHNIS (s. VI)
+
+
+ * * * * *
+
+/*
+I. Allgemeiner Teil: c. 1--5.
+
+
+ 1. Kurze Inhaltsangabe: c. 1, 1.
+
+ 2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: c. 1, 2.
+
+ 3. Dreifacher Unterschied: c. 1, 3--3, 2.
+
+ a) Nach den Mitteln: c. 1, 4--6.
+
+ (1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): c. 1, 4.
+
+ (2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): c. 1, 4.
+
+ (3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische
+ Dialoge): c. 1, 5.
+
+ (4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): c. 1, 6.
+
+ b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): c. 2, 1--3.
+
+ c) Nach der Art und Weise: c. 3, 1--2.
+
+ (1) Erzählend (Epos): c. 3, 1.
+
+ (2) Handelnd (Drama): c. 3, 1.
+
+ (3) Schlußfolgerung: c. 3, 2.
+
+ 4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas,
+ insbesondere der Komödie: c. 3, 3--4.
+
+ 5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.
+
+ a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: c. 4, 1--2.
+
+ b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: c. 4, 3.
+
+ 6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter.
+ Die literargeschichtliche Entwicklung: c. 4, 4--5, 2.
+
+ 7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend:
+ c. 5, 3--4.
+
+
+ * * * * *
+
+
+II. Besonderer Teil: c. 6--26.
+
+
+ A. _Die Tragödie_: c. 6--22.
+
+ 1. Die Definition der Tragödie: c. 6, 1--2.
+
+ 2. Die sechs qualitativen Teile: c. 6, 3--5.
+
+ 3. Deren Rangordnung: c. 6, 6--15.
+
+ a) Die Fabel: c. 6, 6--10.
+
+ b) Die Charaktere: c. 6, 11.
+
+ c) Die Gedanken: c. 6, 12-13.
+
+ d) Der sprachliche Ausdruck: c. 6, 14.
+
+ e) Die musikalische Komposition: c. 6, 15.
+
+ f) Die szenische Ausstattung: c. 6, 15.
+
+ 4. Die Fabel: c. 7--14. 16--18. (s. VII)
+
+ a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein:
+ c. 7, 1--3.
+
+ b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich:
+ c. 8, 1--4.
+
+ c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers:
+ c. 9, 1--7.
+
+ d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: c. 9, 8.
+
+ e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: c. 9, 9.
+
+ f) Einfache und verflochtene Fabeln: c. 10, 1--2.
+
+ g) Die drei Teile der Fabel: c. 11.
+
+ (1) Peripetie: c. 11, 1.
+ (2) Erkennung: c. 11, 2--4.
+ (3) Die leidvolle Tat (Pathos): c. 11, 5.
+
+ h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: c. 12, 1--2.
+
+ (1) Prolog.
+ (2) Epeisodion.
+ (3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos).
+ (4) Exodos.
+
+ i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu
+ erregen: c. 13--14.
+
+ (1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen
+ dem Makellosen und dem Bösewicht: c. 13, 1--3.
+ (2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: c. 13, 4--6.
+ (3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen
+ und deren Rangordnung: c. 14,1--9.
+
+ (a) A kennt B und tötet ihn.
+ (b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne
+ Erkennung nach der Tat.
+ (c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn
+ zu töten.
+ (d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem
+ Versuch ihn zu töten verhindert.
+
+ 5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: c. 15, 1--10.
+
+ a) Sittlich-gut: c. 15, 1.
+ b) Angemessen: c. 15, 2.
+ c) Historisch ähnlich: c. 15, 3.
+ d) Konsequent: c. 15, 4.
+ e) Gegensätze: 15, 5--10.
+
+ 6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert: (s. VIII)
+ c. 16, 1--5.
+
+ a) Zeichen: c. 16, 1.
+ (1) Angeborene.
+ (2) Erworbene.
+ (a) Körperliche.
+ (b) Andere äußerliche.
+
+ b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: c. 16, 2.
+
+ c) Vermittelst der Erinnerung: c. 16, 3.
+
+ d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: c. 16, 4.
+
+ 7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: c. 17--18.
+
+ a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen
+ c. 17, 1.
+
+ b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst
+ darstellend erproben: c. 17, 2.
+
+ c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen
+ und dann Namen und Episoden einfügen: c. 17, 3.
+
+ d) Die Episoden müssen begrenzt sein: c. 17, 4.
+
+ e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: c. 18, 1--3
+
+ f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: c. 18,4--5.
+
+ g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen
+ und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische
+ Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: c. 18, 6.
+
+ 8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: c 19, 1.
+
+ 9. Der sprachliche Ausdruck: c. 19, 2--c. 22.
+
+ a) Die Modalitäten der Rede: c. 19, 2.
+ Befehl (Imperativ)--Wunsch (Optativ)--Erzählung (Indikativ)--Drohung,
+ Frage und Antwort.
+
+ b) Die Bestandteile der Rede: c. 20, 1--8.
+
+ (1) Buchstabe: c. 20, 1.
+ (2) Silbe: c. 20, 2.
+ (3) Bindewort: c. 20, 3.
+ (4) Artikel: c. 20, 4.
+ (5) Substantiv: c. 20, 5.
+ (6) Verbum: c. 20, 6.
+ (7) Flexion: c. 20, 7.
+ (8) Satz: c. 20, 8.
+
+ c) Ausdrucksarten: c. 21v»
+
+ (1) Komposita: c. 21, I.
+ (2) Wortklassen: c. 21, 2.
+
+ (a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: c 21, 3. (s. IX)
+ (b) Glosse: c 21, 3.
+ (c) Metapher: c. 21, 4.
+
+ aa. Von der Gattung auf die Art.
+ bb. Von der Art auf die Gattung,
+ cc. Von der Art auf die Art.
+ dd. Auf Grund einer Proportion.
+
+ (d) Schmückendes Beiwort: c. 21, 5.
+ (e) Neugebildetes Wort: c. 21, 6.
+ (f) Verlängertes und verkürztes Wort: c. 21, 7.
+ (g) Umgewandeltes Wort: c. 21, 8.
+
+ (3) Das grammatische Geschlecht: c. 21, 9.
+
+ d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: c. 22, 1--8.
+
+ B. _Das Epos_: c. 23--c. 24.
+
+ 1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: c. 23-24, 4.
+
+ 2. Einheitliches Versmaß: c. 24, 5.
+
+ 3. Weitere homerische Vorzüge: c. 24, 6.
+
+ 4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie
+ in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: c. 24, 7.
+
+ 5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische
+ Illusion): c 24, 8.
+
+ 6. Das Vernunftwidrige im Epos: c. 24, 9.
+
+ 7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: c. 24, 10.
+
+ C.[2] Die _fünf Probleme_ (kritischen Einwendungen) in einem
+ Dichtwerk und deren _zwölf Lösungen_ (Widerlegungen,
+ Rechtfertigungen): c. 25, 1--22.
+
+ (I.) Das _Unmögliche_:
+ 1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst.
+ 2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges.
+ (II.) Das _Vernunftwidrige_ oder Unwahrscheinliche.
+ 3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung).
+ 4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben.
+ 5. Es ist historisch beglaubigt.
+ (III.) Das _moralisch Schädliche_.
+ 6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein
+ relativer.
+ (IV.) Das _Widerspruchsvolle_.
+ 7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.
+
+ (V.) _Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit_. (s. X)
+ 8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher.
+ 9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus).
+ 10. Der Interpunktion.
+ 11. Der Amphibolie (Doppelsinn).
+ 12. Des Sprachgebrauchs.
+
+ D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: c. 26, 1--9
+*/
+
+
+ * * * * *
+
+
+EINLEITUNG
+
+
+ * * * * *
+
+1. Die Bedeutung der Poetik.
+
+Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich (s. XI) auch nur
+entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik
+Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr,
+wie einst _Lessing_, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die
+Elemente des _Euklid_. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben
+müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart--das Epos kommt nicht in
+Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist--_Aristoteles_ als
+literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.
+
+Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand
+der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur
+oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs
+und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen
+will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker
+oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen
+seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der
+Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen
+Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik
+des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.
+
+ * * * * *
+
+2. Die Poetik im Altertum.
+
+Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß
+sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster
+Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der
+aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht
+auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des
+_Aristoteles_, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß
+jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren
+Quellen entlehnt sind.
+
+Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes
+dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von _Andronikos_
+v. Rhodos, einem Zeitgenossen _Ciceros_, zusammen mit anderen Werken des
+_Aristoteles_ in Rom herausgegeben worden zu sein. _Horaz_, bzw. sein
+viel älterer Gewährsmann, _Neoptolemos_ v. Parion (c. 260 v. Chr.),
+zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung
+der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken
+erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser
+_Philodemos_ v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann
+brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt
+nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen
+Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die
+Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose
+Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen
+Epen, wie die des Oppian, _Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos,
+Triphiodor_, ja selbst des _Nonnos_, stammen aus sehr später Zeit und
+kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn
+auch von den Lehren des _Aristoteles_ keinen Hauch verspüren lassen. Es
+darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des
+Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder
+finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte
+Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben,
+daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz
+verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste
+aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die
+Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen
+Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der
+Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem
+unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen
+oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war,
+erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere
+Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie
+als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich
+stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften
+vereint überliefert wurde.
+
+ * * * * *
+
+3. Textgeschichte.
+
+Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne
+Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen
+Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger
+Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden
+gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch
+wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits
+die Vorlage für die arabische Übersetzung des _Abu Bishar Matta_
+(990--1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser
+Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die
+jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten
+arabischen Gelehrten _Averröes_ (1126 bis 1198), denn die
+orientalischen Übersetzer standen (S. XIV) dem Inhalt der Poetik mit der
+denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue
+Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene
+alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die
+älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß
+die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater
+aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht
+entspricht.
+
+ * * * * *
+
+4. Die Poetik in der Neuzeit.
+
+Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die
+Hegemonie des _Philosophen Aristoteles_, der die Gedankenwelt des
+Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik
+aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun
+alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das
+verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien
+zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des _Georgius Valla_
+(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer
+Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. _Robortelli_ (Florenz l548),
+dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche
+Kommentare folgten: _Madius_ (Venedig 1550), _P. Victorius_ (Florenz
+1560) und _Castelvetro_ (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh.
+waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen--die
+Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa
+herausgegeben,--doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch
+in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten
+Leistungen zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten (S.
+XV) zweier Engländer, _Twining_ (1789) und _Tyrwhitt_ (1794) ein,
+während _Lessing_ etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8)
+das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste
+deutsche Übersetzung von _Curtius_ (1755) war nämlich als solche sehr
+kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz
+von _Dacier_ (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben
+Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl
+_Goethe_ wie _Schiller_ die aristotelische Schrift aus ihr kennen
+lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung
+begann dann erst wieder mit _Vahlen_, der zuerst konsequent die Recensio
+auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A^c), aufbaute und in
+seinen "Beiträgen zu _Aristoteles_ Poetik" ("Wien 1865/6), einer der
+hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das
+Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war
+sodann die glänzende Abhandlung von _J. Bernays_ (1857) über die
+Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde,
+die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
+
+Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des
+16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der
+Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des _Castelvetro_ besonders
+verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei
+Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen
+_Aristoteles_ einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf
+einem Mißverständnis des _Castelvetro_. Sogenannte "Poetiken" sprangen
+vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu
+den wirklichen, leider zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des
+_Aristoteles_ (S. XVI) Stellung und gar bald versuchten epische und
+dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren
+praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von
+Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die
+einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere
+Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: _Minturno_, De poeta
+(1559), _J.C. Scaliger_, Poetices libri VII (1561),[3] _Sir Philip
+Sidney_, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), _Patrizzi_, Della
+Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des _Aristoteles_ und seiner
+Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des _Aristoteles_ standen
+und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken
+sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: _Trissino_, dessen
+"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555),
+_Fracastoro_, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), _T. Tasso_,
+Discorsi dell' Arte Poetica (1586), _Jean de la Taille_, Préface zu Saul
+(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie
+_Jodelle_, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre
+(1552), _Vauquelin de la Fresnaye_, Art poetique (begonnen 1574,
+gedruckt 1605), _Ronsard_ und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie
+alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den
+aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es
+scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer
+italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der
+heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen
+Interesses trat. _Mairet_, der die erste "regelrechte" Tragödie,
+"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die (S. XVII) Poetik aus erster
+Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und
+dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse
+(1636--1640), wie _Chapelain_ und _Hedelin d'Aubignac_. _Corneille_
+selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus
+erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren
+Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf _Aristoteles_ Bezug nimmt. In
+seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch
+nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben
+entsprechen.
+
+Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen
+vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch
+diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten."
+Daß _Shakespeare_ diese kannte, geht aus der Ansprache an die
+Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der
+Zeit im Wintermärchen (IV(1)) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber
+noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen
+(ein _Marlow, Jonson, Greene, Beaumont_ und _Fletcher_), so möchte ich
+doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache
+hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die
+beiden letzten[4] Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und
+der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher
+verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im
+"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt.
+Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker die
+Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," (S. XVIII) soweit die
+Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh.
+haben dann _Milton_, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson
+Agonistes" (1671), und insbesondere _Dryden_, namentlich in seinem
+"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein
+besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem
+Einfluß von _Corneille Rapin, de Bossu_ und _Boileau_.
+
+Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie
+erwähnt, mit _Lessing_. _Goethe_ und durch ihn veranlaßt auch Schiller
+(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem
+Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden
+Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die
+Empfindung, daß in diesem Briefwechsel _Schiller_ durchaus der Gebende
+ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist _Goethe_ in seiner
+ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand
+zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung
+verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der
+Tragödiendefinition gibt.
+
+Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten
+Abhandlung von _Bernays_ abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich
+allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so _E. Müller,
+Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet,
+Nietzsche, Baumgart_ und _Carrière_, um nur diese zu nennen. In den
+Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des
+Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher
+zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs
+einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als sie schon in
+den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen (S. XIX) Lehrsätzen des
+_Aristoteles_ uns vorliegen.
+
+ * * * * *
+
+5. Die Quellen der Poetik.
+
+Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne
+gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der
+Vergangenheit[5] und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt
+abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt
+nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden
+Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem
+Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im
+Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten
+Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität
+als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn
+zweifellos auch die Poetik des _Aristoteles_ nicht wie Athene in voller
+Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar
+nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor
+allem in den Schriften der _Sophisten_, schon vorgefunden und so weit
+zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt.
+Gegen das Verdammungsurteil, das _Platon_ gegen das Epos und Drama
+geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen
+stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich
+und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals
+nennt.
+
+Daß einzelne Gedankengänge _Platons_ über die Dichtkunst (S. XX) auf
+_Aristoteles_ eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben
+und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast
+selbstverständlich und allgemein anerkannt.
+
+Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,[6]
+das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht
+worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und
+sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß
+gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der
+schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung
+eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht
+unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige
+Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die
+angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch
+selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten,
+durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu
+verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des _Aristoteles_ zu
+_Platon_ überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf
+eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken!
+Sodann ist zu bemerken, daß _Platon_ sich zwar mehr oder minder
+ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Ursprung der Dichtung
+ausgesprochen hat, daß aber von (S. XXI) einer Technik der
+Dichtkunst--und das ist doch wohl unsere Poetik--sich schlechterdings
+nichts findet, was dem _Aristoteles_ als Grundlage oder Quelle der
+Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der
+nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre
+Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des _Aristoteles_ sehr erheblich
+ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen,
+wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den
+Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung
+zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische
+Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der
+Betrachtung, daß _Platon_ sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu
+anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei
+es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen
+Gewaltmitteln die Abhängigkeit des _Aristoteles_ von _Platon_ glaubhaft
+gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel
+angeführt. Mit der dem _Aristoteles_ eigenen analytischen Schärfe werden
+die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste
+festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und
+Weise (c. 1), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer
+kunstgerechten Tragödie bewährt (c. 6). Diese tief durchdachte
+Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut
+dem _Platon_ entnommen sein. In der Rep. III 392^c schließt
+nämlich _Sokrates_ eine längere Erörterung darüber, daß in seinem
+Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit
+folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt,
+völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was ausgesprochen werden
+soll und wie." Inhaltlich haben, wie (S. XXII) man sieht, diese Worte,
+wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch
+nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch
+fatalerweise das dritte Glied--die Mittel! Aber durch solche
+Kleinigkeiten läßt sich _Finsler_ seine Kreise nicht stören.
+_Aristoteles_ wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten
+Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte
+ausdrücken lassen, dem _Platon_ entlehnt zu haben. So z.B. daß die
+Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser
+Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn
+_Aristoteles_ sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes
+"Drama", von der bei _Platon_ nirgends die Rede ist, "einige" auf eben
+jene Tatsache sich berufen hätten.
+
+Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des
+_Aristoteles_ von _Platon_ hält demnach vor einer unbefangenen und
+vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen
+Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede
+gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in
+Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt,
+einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.
+
+Während uns _Platons_ Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind
+die sonstigen Vorgänger des _Aristoteles_ gänzlich verschollen und
+selbst Schriften wie die eines _Demokrites_ "Über die Dichtung" und
+"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten _Hippias_ "Über Musik"
+und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen
+allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß aber
+eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt (S. XXIII)
+hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem _Aristoteles_ zur
+Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des _Aristophanes_ (405),
+die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des
+Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen
+Voraussetzung haben.
+
+Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle
+Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an
+nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich _Aristoteles_
+ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung
+(_Protagoras_, _Hippias_ von Thasos, _Eukleides_, _Glaukon_ und
+_Ariphrades_). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten
+in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei _Glaukon_ dagegen
+um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche
+Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos
+sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird.
+Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man
+seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich
+damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten,
+die _Aristoteles_ nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es
+seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken
+Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist
+unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.),
+wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die
+Umgebung, in der die betreffenden Stellen[7] stehen, genauer ansehen,
+ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile
+handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen Untersuchungen über
+alle in unmittelbarem Zusammenhang (S. XXIV) stehenden Fragen abgegeben
+sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind
+wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über
+die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (c. 3) mit großer
+Wahrscheinlichkeit die Chronica des _Dieuchidas_ von Megara, eines
+älteren Zeitgenossen des _Aristoteles_, vermuten können.
+
+Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler
+voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des
+Dramas (c. 4). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt
+betreffend (c. 21, 3), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem
+_Aristoteles_ wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als
+Verfasser kyprischer Glossen zitierte _Glaukon_ aus bisher unbestimmter
+Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz
+aus _Herodot_ (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird
+auch wohl die Quelle für c. 25, 10 gewesen sein. Und so mag
+_Aristoteles_ noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der
+Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder
+vermuten können.
+
+Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so
+viel positives Wissen _Aristoteles_ von früheren Forschern übernommen
+haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft
+allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der
+Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und
+Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als
+ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis
+eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen
+dürfen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ARISTOTELES
+
+ÜBER DIE DICHTKUNST
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL I
+
+
+1. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (S. 1) (1447a) sich,
+wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen
+Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein
+soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und
+desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag.
+Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.
+
+2. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die
+dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik,
+sie alle sind in ihrer Gesamtheit _nachahmende Darstellungen_ (Mimesis).
+
+3. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in
+bezug auf die verschiedenen _Mittel_, die verschiedenen _Gegenstände_
+und die verschiedene _Art_ der Darstellung und zwar nicht in gleicher
+Weise.
+
+[Sidenote: c. 1, 4--6. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+4. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf
+Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung
+erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles
+nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt
+die Nachahmung vermittelst des _Rhythmus_, der _Rede_ und der _Harmonie_
+bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt _Harmonie
+und Rhythmus allein_ wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik
+an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, wie z.B.
+die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein (S. 2) mit _Rhythmus ohne
+Harmonie_, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer
+Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen
+nach.
+
+5. _Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient_, sei es der
+ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder
+mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur _eine_ Versgattung
+(1447b) anwendet, _hat bis jetzt keinen Namen_. Denn wir wüßten keine
+gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines _Sophron_ und
+_Xenarchos_ und die _Sokratischen Gespräche_ einerseits, noch
+andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern
+oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen
+dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende
+Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen
+Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund
+der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des
+gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen,
+der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen
+darstellt und doch haben _Homer_ und _Empedokles_ nichts miteinander
+gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter
+nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte.
+In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner
+nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies
+_Chairemon_ in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die
+verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das
+Urteil über diese Dinge lauten.
+
+[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+6. Nun gibt es _einige Künste, die sich aller genannten
+Darstellungsmittel bedienen_, (S. 3) ich meine nämlich des Rhythmus, der
+gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die _Dithyramben_-_und
+Nomendichtung_, die _Tragödie_ sowohl wie die _Komödie_. Sie
+unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese
+Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies
+sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL II
+
+
+1. Da nun die Nachahmenden _Handelnde nachahmen_ (1448a) so folgt daraus
+mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn
+allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen
+Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch
+Laster und Tugend unterscheiden
+
+2. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser
+als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen
+ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn _Polygnot_ pflegte
+bessere, _Pauson_ schlechtere und _Dionysios_ der Wirklichkeit
+entsprechende Menschen nachzubilden.
+
+[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+3. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden
+Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine
+verschiedene sein wird, als sie verschiedene _Objekte_ nachahmt. Denn
+auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese
+Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein
+metrischen Darstellung So hat z.B. _Homer_ bessere Charaktere,
+_Klēophon_ uns ähnliche, _Hegēmon_ der Thasier aber, (S. 4) der erste
+Parodiendichter und _Nikochares_, der Verfasser der "Deliade",
+schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben
+und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich
+nachahmend darstellen, wie _Argas_ ... oder wie _Timotheos_ und
+_Philoxenos_ den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch
+ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will
+schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als
+sie heutzutage sind.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL III
+
+1. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich
+nun als _dritter_, _die Art und Weise_, in der man die einzelnen
+Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben
+Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber
+einerseits _erzählen_--und zwar entweder, wie _Homer_ dies tut, in der
+Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu
+ändern--andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen
+als _handelnd_ und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die
+Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu
+Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den
+Gegenständen und der Art und Weise.
+
+2. Darnach wäre also nach der einen Seite _Sophokles_ derselbe
+nachahmende Darsteller wie _Homer_, denn beide ahmen edle Personen nach,
+in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie
+_Aristophanes_ da beide handelnde und dramatisch tätige Personen
+nachahmen.
+
+[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
+
+3. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke (S. 5) "Dramen" genannt
+werden, weil sie handelnde Personen (_drōntas_) nachahmen.
+
+4. Deshalb machen auch die _Dorier_ Anspruch auf die Tragödie und
+Komödie. Die Komödie wollen die _Megarer_ erfunden haben, sowohl die
+hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie
+aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme _Epicharmos_,
+der bei weitem älter gewesen sei als _Chionides_ und _Magnes_. Auch
+führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie,
+würden umherliegende Ortschaften "_kōmai_" (Dörfer), bei den Athenern
+aber "_dēmoi_" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa
+von "_kōmázein_" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren
+Wanderung durch die _kōmai_, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner
+Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln"
+"_drān_" gebrauchen, die Athener aber "_práttein_"]. Auf die Erfindung
+der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch <....> Über die
+Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge
+also dies gesagt sein.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL IV
+
+
+[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
+
+1. Im allgemeinen scheinen es etwa _zwei und zwar in der menschlichen
+Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst
+hervorgebracht haben_. Denn das _Nachahmen_ ist dem Menschen von
+Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen
+anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung
+beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse vermittelst
+der Nachahmung sich erwirbt. Auch (S. 6) die Freude aller an
+nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis
+dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von
+denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir
+besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie
+z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen
+Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein
+Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf
+kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.
+
+2. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem
+Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild
+vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den
+betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die
+nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt,
+sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen
+des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.
+
+3. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt
+von dem _Gefühl für Harmonie und Rhythmus_--denn daß das Metrum nur ein
+Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein--so haben die Menschen, da sie von
+Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders
+vervollkommneten, aus _Stegreifversuchen_ die Dichtkunst ins Leben
+gerufen.
+
+[Sidenote: c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.]
+
+4. _Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern
+eigentümlichen Sinnesart_, denn die edler veranlagten ahmten sittlich
+gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger
+Gesinnung aber die Handlungen schlechter Menschen, indem sie zuerst
+Spottlieder dichteten, wie (S. 7) die anderen Hymnen und Loblieder. Von
+den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges
+Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele
+Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit _Homer_ aber, haben wir
+gleich seinen _Margites_ und ähnliches.
+
+5. In diesen Gedichten stellte sich auch das _passende Versmaß_ ein,
+deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem
+Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten
+Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen
+Ependichter.
+
+6. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute _Homer_ ein wirklicher
+Dichter war--hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet,
+sondern auch dramatische Handlungen dargestellt--, so hat er auch als
+Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein
+Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der
+_Margites_ dem Drama ganz analog, denn wie sich die _Ilias_ und (1449a)
+_Odyssee_ zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.
+
+7. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da
+verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen
+Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell
+entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von
+Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt
+waren als jene (älteren).
+
+8. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist
+oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die
+öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie
+selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich _von Stegreifversuchen_ (S.
+8) _ausgegangen_ und zwar jene von dem Chor, der den _Dithyrambus_
+anstimmte, diese von den _phallischen Liedern_, die sich ja bis auf den
+heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.
+
+9. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans
+Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele
+Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen
+entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat
+_Aischylos_ von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des
+Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle
+zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat
+_Sophokles_ eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus
+Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe <....> _Der sprachliche
+Ausdruck_, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem
+Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und
+der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen)
+Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung
+satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber
+der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für
+diesen _passende Metrum_, denn von allen Versmaßen eignet sich das
+jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir
+sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen
+(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn
+wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die
+Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes
+ausgerüstet worden sein soll, lasse man als gesagt gelten, denn es wäre
+doch wohl (S. 9) recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend
+besprechen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL V
+
+
+[Sidenote: c. 5, 3. Geschichtliche Entwicklung.]
+
+1. Die Komödie ist, wie wir sagten, die nachahmende Darstellung von
+niedrigeren Charakteren, jedoch keineswegs im vollen Umfang des
+Schlechten, sondern des Unschönen, von dem das Lächerliche ein Teil ist.
+Denn das _Lächerliche_ ist sowohl eine Art Vergehen als auch eine
+Entstellung, die keinen Schmerz verursacht und schadlos ist, wie denn
+gleich die komische Maske etwas Häßliches und Verzerrtes ist, aber
+nichts Schmerzhaftes an sich hat.
+
+2. Die _Veränderungen der Tragödie und deren Urheber_ sind nicht
+verborgen geblieben, die der _Komödie_ aber, da sie ursprünglich nicht
+ernsthaft betrieben wurde, gerieten in Vergessenheit, denn
+(verhältnismäßig erst spät bewilligte der Archon den Komödiendichtern
+einen Chor, der (früher) nur aus (1449b) Freiwilligen bestand. Erst als
+die Komödie ihrerseits gewisse Kunstformen hatte, werden ihre uns
+überlieferten Dichter genannt. Wer aber die Masken oder den Prolog
+eingeführt oder die Zahl der Schauspieler vermehrt hat und was
+dergleichen mehr ist, ist unbekannt. Die Kunst zusammenhängende
+Handlungen zu dichten stammt aus Sizilien..., von den Dichtern Athens
+aber begann _Krates_ als erster, indem er die Form des persönlichen
+Spottes aufgab, allgemeine Stoffe, d.h. Handlungen zu dramatisieren.
+
+[Sidenote: c. 5, 3. Besonderer Teil. Definition der Tragödie.]
+
+3. Das Epos hält mit der Tragödie nur bis auf die in metrischer Rede (?)
+nachahmende Darstellung ernsthafter Stoffe gleichen Schritt,
+unterscheidet sich aber von ihr darin, daß es ein und dasselbe Versmaß
+und die Form der Erzählung anwendet. Ferner in bezug (S. 10) auf den
+Umfang der Handlung. Während nämlich die _Tragödie sich besonders bemüht
+innerhalb eines Sonnenumlaufs zu bleiben_ oder doch nur um ein weniges
+darüber hinauszugehen, ist die epische Handlung in der Zeit unbegrenzt.
+Also auch darin besteht zwischen ihnen ein Unterschied. Indessen machte
+man es ursprünglich darin mit den Tragödien ebenso wie mit den epischen
+Dichtungen.
+
+4. Was nun ihre _Teile_ anbelangt, so sind diese entweder die nämlichen
+oder sie sind nur der Tragödie eigentümlich. Wer also über eine
+Tragödie, ob sie gut oder schlecht ist, ein Urteil hat, hat es auch über
+das Epos. Denn was die epische Dichtung enthält, besitzt auch die
+Tragödie, was aber diese hat, besitzt nicht alles die epische Dichtung.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VI
+
+
+1. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie
+werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden,
+indem wir die _Definition_ ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen.
+
+2. Die _Tragödie_ ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich
+ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll
+gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen
+verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt,
+durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (_Katharsis_)
+von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter
+Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang
+enthält, und unter dem "gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß
+einiges (S. 11) rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt
+wird....[8]
+
+3. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung
+vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck,
+der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil
+der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche
+Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung
+erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße
+Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem
+Wesen nach allen offenkundig ist.
+
+4. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer _Handlung_ zu
+tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in
+Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten
+Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den
+Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich
+naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die
+Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen.
+
+5. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die _Fabel_.
+Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten,
+unter _Charakter_ aber, wonach wir den handelnden Personen eine
+bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter _Gedanken_ endlich das, womit
+die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck
+verleihen.
+
+[Sidenote: c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.]
+
+[Sidenote: c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.]
+
+6. Somit gibt es also _sechs Bestandteile_ einer jeden Tragödie, nach
+welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit hat. Es sind diese: die
+_Fabel, die_ (S. 12) _Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die
+Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition_.
+Zwei[9] von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine[10] zu der Art
+und Weise und drei[11] zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung.
+Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel
+Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso
+wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und
+Gedankeninhalt.
+
+7. _Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der
+Begebenheiten_, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht
+der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück
+beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine
+Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen,
+unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln
+die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen,
+sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung
+mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das
+Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die
+Hauptsache.
+
+8. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere
+aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten
+Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt
+dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern _Zeuxis_
+zu _Polygnot_. Dieser ist ein vortrefflicher Charaktermaler, die
+Malerei des (S. 13) _Zeuxis_ hingegen entbehrt der Charakterisierung.
+
+[Sidenote: c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.]
+
+9. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im
+sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so
+würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene
+Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von
+jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine
+Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist.
+
+10. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie
+ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen)
+und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind.
+
+11. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger
+in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der
+Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als
+die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast
+alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der
+Tragödie ist also die Fabel.
+
+12. An zweiter Stelle kommen die _Charaktere_. Eine Parallele bietet uns
+auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den
+herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er
+nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine
+(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit
+der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst
+dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen.
+
+[Sidenote: c. 6, 13. Die Fabel.]
+
+13. Die _dritte Stelle_ nehmen die _Gedanken_ ein. Ich verstehe darunter
+das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen,
+genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer
+Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter (S. 14)
+ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten
+reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf.
+
+14. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der
+Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine
+Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet,
+was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man
+beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz
+ausspricht.
+
+15. Der _vierte_ der (literarischen) Bestandteile ist der _sprachliche
+Ausdruck_. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die
+Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie
+ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft.
+
+16. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die
+musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die
+szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der
+Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung
+der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne
+Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen
+Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VII
+
+1. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, _wie etwa
+die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß_, da dies in der
+Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als auch das wichtigste ist.
+Es stand uns also fest, daß (S. 15) die Tragödie die nachahmende
+Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die
+eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine
+(eigentliche) Größe hat. Ein _Ganzes_ ist nämlich das, was _Anfang wie
+Mitte und Ende hat_. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise
+auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen
+ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es
+notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte
+endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein
+anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von
+irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich
+nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten.
+
+[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.]
+
+2. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein
+Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser
+Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht
+dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das _Schöne beruht auf Ordnung
+und Größe_. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön
+sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines
+unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen,
+noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal
+(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den
+Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das
+Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen
+Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden,
+diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein
+bestimmter Umfang erforderlich, der seinerseits leicht im Gedächtnis
+behalten (S. 16) werden kann.
+
+[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.]
+
+3. Was nun aber diesen _Umfang_ selbst anbelangt, so ist dessen
+Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das
+Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn
+wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so
+würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei
+anderer Gelegenheit[12] uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der
+Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die
+ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick
+auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere
+Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs,
+wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse
+nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück
+in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VIII
+
+1. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen,
+wenn sie sich um eine _einzelne Person_ dreht, denn unendlich viele
+Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine
+_Einheit_ darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer
+einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich
+entwickelt.
+
+2. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine
+_Herakleis_ und eine _Theseis_ und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn
+sie glauben, weil _Herakles_ eine einzelne Person sei, komme auch (S.
+17) der Fabel ein einheitlicher Charakter zu.
+
+[Sidenote: c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.]
+
+3. _Homer_ dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint
+auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge
+erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner
+_Odyssee_ hat er nicht alles, was _Odysseus_ selbst widerfuhr,
+behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß[13] und den
+vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,[14] da von diesen Begebnissen
+keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die _Odyssee_ um
+eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut
+und desgleichen auch die _Ilias_.
+
+4. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die
+einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so
+auch die _Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung
+einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein_. Und es müssen
+die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer
+dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und
+auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen
+springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein
+kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL IX (S. 18)
+
+
+[Sidenote: c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.]
+
+1. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist
+_das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich
+hätte zutragen können_ und was nach Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit möglich ist.
+
+2. _Der Geschichtsschreiber_ und der _Dichter_ (1451b) unterscheiden
+sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man
+könnte das Werk des _Herodot_ in Verse setzen und es würde nach wie vor
+eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der
+Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt,
+dieser, was sich hätte zutragen können.
+
+3. Deshalb ist auch die _Poesie philosophischer und höher einzuschätzen
+als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine,
+die Geschichtsschreibung das Einzelne dar_. Das Allgemeine besteht
+darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der
+Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und
+darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das
+Einzelne ist aber, was ein _Alkibiades_ getan oder erlitten hat.
+
+4. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die
+Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger
+Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend
+beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit
+einer historischen Persönlichkeit befaßt.
+
+5. In der _Tragödie_ dagegen _hält man sich an die überlieferten Namen_.
+Der Grund dafür ist, daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber
+(S. 19) noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir
+nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits
+zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es
+unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht
+anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen,
+während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt
+kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem
+Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch
+gewährt es eine nicht geringere Freude.
+
+6. Deshalb soll man auch _nicht um jeden Preis darnach trachten sich an
+die überlieferten Sagenstoffe_, die den Tragödien zugrundeliegen, _zu
+binden_, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das
+Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle.
+
+7. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein _Dichter von
+Sagenstoffen als von Versmaßen_ sein muß, insofern er ein Dichter auf
+Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und
+sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen
+hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts
+hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der
+Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf
+diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten.
+
+[Sidenote: c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.]
+
+8. Von _mangelhaften_ Fabeln, d.h. Handlungen sind die _episodischen_
+die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine
+solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden von minderwertigen
+Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens (S. 20) verfaßt, von guten
+dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen
+aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie
+oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in
+Unordnung zu bringen. (1452a)
+
+9. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun
+haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und
+mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann
+entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange
+ergeben, <so ist das _Wunderbare_ ein wirkungsvolles Element der
+Tragödie>. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben,
+als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei
+rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des
+Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der
+Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des _Mitys_ in Argos
+den, der an dem Tode des _Mitys_ schuld war, erschlug, indem sie, gerade
+als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich
+nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe
+notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren).
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL X
+
+1. Von Fabeln sind die einen _einfach_, die anderen _verflochten_, denn
+derart sind auch ihrer Natur nach die Handlungen, deren nachahmende
+Darstellungen ja die Fabeln sind. Unter einer einfachen Fabel verstehe
+ich eine solche, in deren ununterbrochenem und einheitlichem Verlauf
+unserer Bestimmung (S. 21) gemäß der Umschwung ohne Peripetie oder
+Erkennung herbeigeführt wird, eine verflochtene dagegen bei der der
+Umschwung mit Erkennung oder Peripetie oder mit beiden zugleich
+zustandekommt.
+
+2. Diese beiden müssen aber aus dem Aufbau der Fabel selbst sich ergeben
+und zwar so, daß sie aus den jeweilig vorhergegangenen Begebenheiten,
+sei es mit Notwendigkeit, sei es mit Wahrscheinlichkeit sich entwickeln.
+Denn es macht einen erheblichen Unterschied ob etwas "propter hoc" oder
+"post hoc" erfolgt.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XI
+
+1. _Peripetie_ ist der Umschwung dessen, was man tut, in sein Gegenteil
+und zwar unserer Ansicht entsprechend auf Grund der Wahrscheinlichkeit
+oder Notwendigkeit So kommt z.B. einer im _Oidipus_,[15] um den
+_Oidipus_ zu erfreuen und ihn von seiner Furcht in betreff seiner Mutter
+zu befreien; indem er aber dadurch dessen Herkunft offenbart, bewirkt er
+das gerade Gegenteil und im _Lynkeus_ wird der eine zum Tode geführt,
+ein anderer [Danaos] folgt ihm, um ihn zu töten, es ergibt sich aber aus
+dem, was sie taten, daß dieser den Tod erleidet, jener aber gerettet
+wird.
+
+[Sidenote: c. 11, 2. Die Fabel. Peripetie und Anagnorisis.]
+
+2. _Erkennung_ (Anagnorisis) ist, wie ja auch schon der Name besagt, die
+Umwandlung aus Unkenntnis in Kenntnis, die entweder zur Freundschaft
+oder Feindschaft der zu Glück oder Unglück ausersehenen Personen führt.
+Am kunstvollsten ist die Erkennung, wenn zugleich damit eine Peripetie
+eintritt, wofür die (S. 22) Erkennung im _Oidipus_ ein Beispiel bietet.
+
+3. Es gibt nun freilich auch andere Arten der Erkennung denn in bezug
+sowohl auf leblose wie auf ganz beliebige Dinge kann sie in der
+erwähnten Weise eintreten, und man kann erkennen, ob jemand etwas getan
+oder ob er es nicht getan hat. Aber die wichtigste für die Fabel, d.h.
+die wichtigste für die Handlung ist die erstgenannte. Denn eine
+derartige Erkennung und Peripetie werden entweder Mitleid erwecken oder
+auch Furcht und als nachahmende Darstellung (1452b) solcher Handlungen
+gilt uns ja die Tragödie. Ferner werden ja auch Glück und Unglück durch
+solche Erkennungen bedingt sein.
+
+4. Da nun die Erkennung (vorzugsweise) eine Erkennung von gewissen
+Personen ist, so gibt es einerseits Erkennungen, die nur von einer
+einzelnen Person in bezug auf die andere stattfinden, falls es nämlich
+bekannt ist, wer die andere Person ist; andrerseits müssen beide
+Parteien sich erkennen, wie z.B. _Iphigeneia_ von _Orestes_ vermittelst
+der Absendung ihres Briefes erkannt wurde, dieser aber von Seiten der
+Iphigeneia noch einer anderen Erkennungsart bedurfte.
+
+5. Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und
+Erkennung? die _dritte_ ist die _leidvolle Tat_. Eine leidvolle Tat aber
+ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da
+sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen,
+Verwundungen und sonstiges dieser Art.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XII
+
+1. Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir vorhin besprochen; was die _quantitativen_ anbelangt,
+d.h. die gesonderten (S. 23) Teile, in die sie geschieden werden, so sind
+es folgende: _Prolog, Epeisodion, Exodos, Chorlied_, das seinerseits in
+die _Parodos_ und das _Stasimon_ zerfällt. Diese Bestandteile sind allen
+Dramen gemeinsam, der Tragödie eigentümlich die _Gesänge von der Bühne_
+und die _Kommoi_.
+
+2. Es ist aber der Prolog ein vollständiger Teil der Tragödie vor dem
+Einzug des Chors, das Epeisodion ein vollständiger Teil der Tragödie,
+der zwischen vollständigen Chorgesängen liegt, die Exodos ein
+vollständiger Teil der Tragödie, nach dem kein Chorgesang folgt. Von den
+Chorpartien ist die Parodos der erste Vortrag des ganzen Chors, das
+Stasimon der Chorgesang ohne Anapaest und Trochaeus, der Kommos endlich
+ist der Trauergesang des Chors zusammen mit den Gesängen von der Bühne.
+Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir also vorhin besprochen, was die quantitativen anbelangt,
+d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind es die
+genannten.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIII
+
+
+1. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß
+und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf
+Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden.
+
+[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.]
+
+[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.]
+
+2. Da die _Komposition der Tragödie_ keine einfache sondern eine
+_verflochtene_ sein soll und diese _furcht- und mitleiderregende_
+Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das
+Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist
+zunächst folgendes klar: _Weder dürfen sittlich hervorragende aus Glück
+in (S. 24) Unglück geratene Männer vor Augen treten_, denn dies wäre
+weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch
+sollen _schlechte aus Unglück in Glück geraten_, denn dies wäre das
+Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt,
+indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder
+mitleid- noch furchterregend ist. Ferner _soll auch nicht der
+Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen_, denn ein solcher Vorgang
+würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch
+Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden,
+letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis
+nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat.
+
+3. Es bleibt mithin nur noch _Einer übrig, der zwischen jenen
+Charakteren die Mitte hält_. Es ist dies aber ein solcher, der weder
+durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch
+andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät,
+sondern _infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem
+Ansehen_ und in glücklicher Lebenslage, wie bei _Oidipus_ und _Thyestes_
+und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern.
+
+4. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel _vielmehr einen
+einseitigen Ausgang als einen doppelten_, wie manche meinen, haben muß
+und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil
+aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit,
+sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes
+der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen
+Beweis dafür liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn
+(S. 25) anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige
+Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige
+Familienhäuser, wie um einen _Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros,
+Thyestes, Telephos_ und solch' andere, denen es beschieden war, entweder
+Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen.
+
+5. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den
+Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch
+diejenigen im Irrtum, die _Euripides_ tadeln, weil er dieses Verfahren
+in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich
+enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste
+Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade
+derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders
+wirksam und deshalb erscheint _Euripides_, mag auch in anderen Dingen
+seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als
+andere Dichter.
+
+6. An _zweiter_ Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von
+einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, _welche eine doppelte
+Anlage enthält_ wie die _Odyssee_, und für die Besseren und Schlechteren
+(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber
+die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen
+richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der
+Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie
+ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie
+eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde
+sind, wie z.B. _Orestes_ und _Aigisthos_, am Schluß als Freunde abziehen
+und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIV
+
+
+[Sidenote: c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.]
+
+l. Es kann nun das _Furcht- und Mitleiderregende_ (S. 26) (1453b) aus
+der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der
+_Verknüpfung der Ereignisse_ selbst sich ergeben und dies ist das
+Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch
+ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon
+beim _bloßen Anhören_ aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid
+empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung
+der _Oidipus_-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben
+kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen
+Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer)
+theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst
+szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern
+lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit
+der Tragödie gemein, denn _nicht jede Lustempfindung darf man von der
+Tragödie verlangen_, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da
+also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer
+nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so
+ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen
+muß.
+
+2. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche _Art von Vorgängen als
+schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist_. Notwendigerweise
+spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die _entweder
+untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden_ sind.
+Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen
+oder nur im Begriff sein sie auszuführen, so ist das nicht mitleid-
+oder furchterregend, wenn wir (S. 27) (im ersteren Falle) von dem
+leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen
+zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen.
+
+3. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn
+der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der
+Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein
+anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten,
+die man aufsuchen muß.
+
+4. Den Kern der _überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören_, ich
+meine, daß z.B. _Klytaimestra_ von der Hand des _Orestes_ fällt und
+_Eriphyle_ von der des _Alkmeon_; im übrigen soll der Dichter selbst
+erfinden und die überlieferten Stoffe _kunstvoll_ verwerten. Was wir
+unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die
+Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter
+Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen
+pflegten, wie noch _Euripides_[16] _Medea_ ihre Kinder mordend
+darstellte.
+
+[Sidenote: c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.]
+
+5. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des
+Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch
+unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft
+erkannt wird, wie der _Oidipus_ des _Sophokles_, wo freilich die Tat
+außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein
+Beispiel der _Alkmeon_ des _Astydamas_ oder _Telegonos_ im "_Verwundeten
+Odysseus_." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine
+ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das
+Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn
+notwendiger weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und (S.
+28) zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis.
+
+6. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat
+nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste.
+Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich,
+fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges
+dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der _Antigone Haimon_
+gegenüber _Kreon_ (1454a) so verfährt[17].
+
+7. _An zweiter Stelle_ kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei
+die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden
+Erkennung die bessere ist.
+
+8. Die _wirkungsvollste_ Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im
+_Kresphontes Merope_ sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht
+tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der _Iphigeneia_ die
+Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der _Helle_
+der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt.
+
+9. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht
+viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es
+den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst
+derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so
+gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen
+eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung
+der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist
+also hiermit hinreichend gesprochen worden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XV (S.29)
+
+
+1. Was die _Charaktere_ anbelangt, so sind es _viererlei_ Eigenschaften,
+auf die man sein Augenmerk richten muß. _Erstes_ und wichtigstes
+Erfordernis ist, daß sie _sittlich gut_ seien. Charakter wird aber
+jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise
+irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und
+zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine
+sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung
+vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave,
+obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere
+ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.
+
+2. Das _zweite_ ist das _Angemessene_. Es kann z.B. ein Charakter tapfer
+sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein
+solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.
+
+3. Das _dritte_ ist die (historische) _Ähnlichkeit_. Dies ist nämlich
+etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns
+ausdrückten, darzustellen.
+
+4. Das _vierte_ ist die _Konsequenz_, denn selbst wenn irgend eine
+Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt,
+inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter
+vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.
+
+[Sidenote: c. 15, 5. Die Charaktere.]
+
+5. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer)
+Notwendigkeit ist beispielsweise _Menelaos_ im _Orestes_, von einem
+unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des _Odysseus_ in
+der _Skylla_ und die Rede der _Melanippe_, <von einem ohne historische
+Ähnlichkeit z.B.... >, von einem inkonsequenten endlich die _Iphigeneia
+in Aulis_, (S. 30) denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner
+Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).[18]
+
+6. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der
+Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit,
+sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener
+Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine
+Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit
+entsprechend erfolgen muß.
+
+7. Es ist demnach klar, daß auch die _Lösungen in den Fabeln_ sich aus
+dem _Charakter_ selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der
+_Medea_[19] durch die (Theater-) Maschine und in der _Ilias_[20]
+anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr
+nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es
+in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein
+Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die
+der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir
+ja zu, daß sie alles wahrnehmen.
+
+8. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn
+ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im _Oidipus_
+des _Sophokles_.[21]
+
+9. Da nun die Tragödie _eine nachahmende Darstellung besserer Menschen_,
+als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler als
+nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich (S. 31) diese ihren
+Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß
+ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der
+nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder
+mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden
+hat, sie in ihrer Eigenart als _sittlich vortreffliche Menschen
+zeichnen_, wie z.B. _Homer_ den sich fernhaltenden _Achill_ als einen
+guten Menschen geschildert hat.
+
+10. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der
+Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch
+bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in
+meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVI
+
+
+[Sidenote: c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.]
+
+1. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die _Arten der
+Erkennung_ betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich
+die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen.
+Von diesen sind nun (a) die einen _angeboren_, wie z.B. die Lanze,
+welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im
+_Thyestes_ des _Karkinos_. Andere (b) sind _erworben_ und diese wiederum
+sind teils _körperlich_, wie Narben, teils _äußerliche Gegenstände_, wie
+beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte
+Erkennung in der _Tyro_. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder
+minder geschickt anwenden. So wurde z.B. _Odysseus_ an der Narbe auf die
+eine Weise von der Amme,[22] auf eine andere von dem Sauhirten[23]
+erkannt. Allerdings (S. 32) sind die lediglich der Beglaubigung wegen
+eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein
+äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich
+ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene[24],
+(verhältnismäßig) besser.
+
+2. Eine _zweite_ Art sind die vom Dichter _erfundenen_ und eben darum
+unkünstlerisch. So erkannte z.B. _Iphigeneia_ in der _Iphigeneia_, daß
+_Orestes_ (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief
+erkannt[25], dieser sagt aber selbst[26], was dem Dichter beliebt, nicht
+aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem
+erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut
+einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres)
+Beispiel liefert "_die Stimme der Spindel_" im _Tereus_ des _Sophokles_.
+
+3. Die _dritte_ Art kommt auf Grund einer _Erinnerung_ zustande, indem
+man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der
+Vorgang in den _Kypriern_ des _Dikaiogenes_, denn (daselbst) (1455a)
+brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in
+der "Mär des _Alkinoos_," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten
+zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte,
+vergoß er Tränen,[27] wodurch sie dann beide erkannt wurden.
+
+4. Die _vierte_ Art endlich beruht auf einer _Schlußfolgerung_ wie z.B.
+in den _Choephoren_[28]: Jemand (dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich
+ist angekommen, (S. 33) (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer
+_Orestes_. Also ist _Orestes_ angekommen. Ferner die Erkennungsszene in
+betreff der _Iphigeneia_ bei _Polyidos_, dem Sophisten, denn es war
+(durchaus) wahrscheinlich daß _Orestes_ den Schluß zog, weil seine
+Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu
+werden. Ferner im _Tydeus_ des _Theodektes_: Gekommen seinen Sohn zu
+finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den
+_Phiniden_: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie
+auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem
+Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber
+auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des
+einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "_Odysseus der Trugbote_".
+Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und
+kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen;
+wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er
+doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich)
+wiedererkennen, ein Fehlschluß.
+
+[Sidenote: c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.]
+
+5. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den
+Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung
+auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im _Oidipus_ des
+_Sophokles_[29] und in der _Iphigeneia_[30], denn es ist durchaus
+wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese
+Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie
+Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich
+ergebende.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVII (S. 34)
+
+
+[Sidenote: c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.]
+
+1. Man muß bei der _Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen
+Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen
+stellen_, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als
+wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende
+finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist,
+was dem _Karkinos_ einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person
+[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel <....> Dies entging dem Dichter, der
+sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der
+Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer
+erregte.
+
+2. _Sodann soll der Dichter_, soweit es irgend wie angeht, _Mienen und
+Geberden seiner Personen an sich_ (darstellerisch) _miterproben_, denn
+am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich
+in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am
+Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen
+und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die
+_Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen_,
+denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band.
+
+3. Der Dichter soll ferner die _Sagenstoffe_ und zwar (1455b) sowohl die
+bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, _zuerst in einem
+allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten_, d.h. erweitern.
+Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der _Iphigeneia_ so
+veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt
+und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde in ein
+anderes Land[31] versetzt, wo es Brauch war (S. 35) Fremde der (Landes)
+Göttin[32] zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.[33] Nach einiger
+Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder[34] eintraf--die Tatsache, daß der
+Gott[35] aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu
+kommen und in welcher Absicht,[36] liegt außerhalb der dramatischen
+Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff
+geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie
+_Euripides_[37], sei es wie _Polyidos_ die Erkennung (des Bruders)
+herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun
+läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert
+werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen
+und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man
+Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie
+z.B. beim _Orestes_ der Wahnsinnsanfall[38], der seine Ergreifung
+veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.[39]
+
+[Sidenote: c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.]
+
+4. In den _Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein_, das Epos
+dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der
+_Odyssee_ nicht eben lang: Ein Mann[40] ist viele Jahre von der Heimat
+entfernt, er wird von einem Gott[41] feindselig überwacht und findet
+sich schließlich allein? in (S. 36) seinem Hause lagen inzwischen die
+Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem
+Sohne[42] nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen
+Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben
+hatte[43], geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird,
+während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles
+andere sind Episoden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVIII
+
+
+1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der
+Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige,
+die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter
+Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu
+demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein
+Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige
+vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_
+die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was
+unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der
+Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.
+
+2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der
+Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf
+Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat
+enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a)
+_Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie
+die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in
+Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der
+_Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz
+besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen,
+falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten,
+zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu
+unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie)
+vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die
+Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.
+
+3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im
+Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn
+sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn
+Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den
+Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß
+beides im Einklang stehe.
+
+[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.]
+
+4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran
+erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe
+ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen
+Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich
+in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den
+Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz
+entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen,
+welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht
+einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht
+wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht
+abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein
+einen Mißerfolg zu verzeichnen.
+
+5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in
+bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist
+eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall
+tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_,
+hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter <wie
+...> unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es
+_Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles
+Unwahrscheinliche sich ereignet_."
+
+6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler
+auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der
+dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie
+bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht
+viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen
+Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen,
+ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein
+Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede
+aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes
+Episodion]?
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIX
+
+
+1. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es
+erübrigt noch über den _sprachlichen Ausdruck_ und die _Gedanken_
+zureden. Das, was die _Gedanken_ angeht, mag in den Büchern über die
+Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet
+eigen ist. In den Bereich der Gedankenbildung fällt das, was
+vermittelst der (S. 39) (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren
+Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von
+Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es
+sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung
+von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen
+dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder
+mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen
+will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne
+(sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die
+Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein
+Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die
+Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede
+in Erscheinung treten würden?
+
+[Sidenote: c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+2. Von dem nun, was in das Gebiet des _sprachlichen Ausdrucks_ gehört,
+bilden _einen_ Teil der Untersuchung die _Satzarten_, deren Kenntnis
+übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren
+Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder
+Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst
+derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der
+Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen.
+Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was _Protagoras_ rügt,
+daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem
+er sagt: _Singe, o Göttin, den Zorn_[44], denn, so behauptet er,
+jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XX
+
+
+[Sidenote: c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+1. Der _sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit_ (S. 40) enthält
+folgende Teile: den _Buchstaben_, die _Silbe_, das _Bindewort_, den
+_Artikel_, das _Nennwort_ (Substantiv), das _Zeitwort_ (Verbum), die
+_Beugung_ (Flexion) und den _Satz_ (Wortgefüge). Der _Buchstabe_ ist ein
+unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus
+ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann,
+denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen
+als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile
+dieses Lautes sind der _Selbstlauter_ (Vokal), der _Nichtlauter_ (Muta)
+und der _Halbvokal_ (Liquida).
+
+Ein _Vokal_ hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen
+oder die Zähne gebildeten Laut, der _Halbvokal_ hat einen mit Anlegung
+(der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der
+_Nichtlauter_ ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat
+aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur
+hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes
+Lautgebilde haben, wie z.B. G und D.
+
+Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen
+und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper
+und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und
+Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen
+gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen.
+
+2. Die _Silbe_ ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet
+aus einer Muta <oder Liquida> und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet
+keine Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die (S. 41) Erörterung
+auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik.
+
+3. _Bindewort_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a)
+Lautgebilde, wie z.B. _men_ (= zwar), _ētoi_ (= wahrlich), _dê_"
+(= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren
+Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?)
+herzustellen.
+
+4. _Artikel_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde,
+welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie
+z.B. _amphi_ (= um), _perí_ (= über) usw. oder[45] aber ein
+zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen
+bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder
+verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie
+auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt.
+
+5. _Substantiv_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn
+in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und
+für sich bedeutsam, wie z.B. in _Theodoros_ (= Gottesgeschenk) _dōros_
+keine (selbständige) Bedeutung hat.
+
+[Sidenote: c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+6. _Verbum_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und
+für sich Bedeutung hat. So bezeichnet _Mensch_ oder _weiß_ nicht das
+Wann, dagegen _er geht_ oder _er ist gegangen gangen_ oder _er wird
+gehen_ bezeichnet die Gegenwart (S. 42) Vergangenheit und Zukunft.
+
+7. _Beugung_ (_Flexion_) bezieht sich auf das Substantivum oder das
+Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ)
+und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie _der Mensch_
+oder _die Menschen_, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage
+und Befehl, denn _ging er_? oder _geh_! ist eine Flexion des Verbums
+nach diesen Modalitäten.
+
+8. Das _Wortgefüge_ (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames
+Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn
+nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die
+Definition des Menschen[46], sondern es kann auch ohne Verba ein
+Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen
+bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. _Im Gehen, Kleon, der Sohn
+des Kleon_.
+
+9. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein,
+entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder
+aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B.
+die _Ilias_ eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom
+Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXI
+
+
+1. Von den _Arten des Substantivs_ sind die einen _einfach_, die anderen
+_zweiteilig_. Unter einem einfachen verstehe ich ein solches, das aus
+nicht bezeichnenden (S. 43) Teilen besteht, wie z.B. _Erde_ (Gé), unter
+diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem
+nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen)
+Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in
+Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen
+zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches
+Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der
+Massalioten, z.B. _Hermokaikoxanthos_. (1457b)
+
+2. Jedes Wort ist entweder ein _allgemein gebräuchliches_ oder eine
+_Glosse_ oder eine _Metapher_ oder eine _schmückende Bezeichnung_ oder
+ein _neugebildetes_ oder ein _gedehntes_ oder ein _verkürztes_ oder ein
+_umgewandeltes_.
+
+3. Unter einem _allgemein gebräuchlichen_ Wort verstehe ich, was
+jedermann gebraucht, unter einer _Glosse_ das, was Fremde gebrauchen, so
+daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein
+gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So
+ist _Sígynon_ (= Wurfspieß) bei den _Kypriern_ allgemein gebräuchlich,
+bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt _dory_ (= Wurfspieß) bei uns
+allgemein gebräuchlich, bei den _Kypriern_ dagegen eine Glosse.
+
+[Sidenote: c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.]
+
+4. Eine _Metapher_ besteht darin, daß man einem Worte eine ihm
+(ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der
+Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von
+der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer
+Proportion.
+
+Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein
+Schiff"[47], denn "vor Anker liegen" bezeichnet das "Stehen" eines
+bestimmten Gegenstandes (S. 44)
+
+(2) Von der Art auf die Gattung: "_Ja, der zehntausend herrliche Taten
+vollbrachte, Odysseus_".[48] Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er
+(der Dichter) nämlich statt "viele".
+
+(3) Von der Art auf die Art z.B. "_Mit dem Erze abschöpfend die Seele_"
+und "_abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen
+Kruge_,[49] denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier
+dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere)
+Bezeichnungen für etwas "wegnehmen".
+
+(4) Eine _Proportion_ nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten
+(A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an
+Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das
+zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle
+man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden
+hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich
+zu _Dionysos_ (A) genau so wie der Schild (D) zu _Ares_ (C). Man wird
+mithin die Trinkschale (B) den Schild des _Dionysos_ (D + A) und den
+Schild (D) die _Trinkschale des Ares_[50] (B + C) nennen können. Oder,
+was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage
+(A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A)
+oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens
+(B + C) oder den _Untergang des Lebens_[51] nennen können.
+
+Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für (S. 45) das
+proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise
+ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen
+gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene
+Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne
+(A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen <Ausstreuenden> (C) und
+deshalb sagt (der Dichter): _Säend die gottgeschaffene Flamme_
+(D + A)[52].
+
+Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen
+Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und
+ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften
+abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber
+nicht des _Ares_, sondern "weinlos" nennen würde.
+
+5. < _Die schmückende Bezeichnung _...>
+
+6. Ein _neugebildetes Wort_ ist, was von niemandem überhaupt (vorher)
+gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es
+scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner"
+_érnyges_(--Sprossen)[53] und statt "Priester" ārētēr (= Beter)[54].
+
+[Sidenote: c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+7. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht
+ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt
+oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen
+wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. _polēos_ (--Stadt) neben _poleōs_
+und < _Pēlēos_ neben> _Pēleos_ und _Pělēiádeō_ <neben _Pēleidou_>;
+ein verkürztes (S. 46) z.B. _krí_ (= kríthē "Gerste") und _dō_ (= dōma
+"Haus") und
+
+_Eins wird beider Anschau_ (= Anschauung, _ops_ für _opsis_).[55]
+
+8. _Umgewandelt_ ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil
+beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der
+"_rechteren_" _Brust_[56], statt der rechten (_dexíteron_ = _déxion_).
+
+9. Von Substantiven selbst sind die einen _männlich_, andere _weiblich_,
+wieder andere _dazwischen_ (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N
+und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind,
+deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die
+stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter
+den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich,
+daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die
+gleiche ist, denn _Xi_ und _Psi_ sind nur zusammengesetzt. Auf einen
+Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen
+Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich _méli_ (Honig), _kómmi_ (Gummi),
+_péperi_ (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich _dóry_ (= Lanze), _pōy_
+(= Herde), _nápy_ (= Senf), _góny_(= Knie), _ásty_(Stadt). Die
+sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B.
+_déndron_ (= Baum) auf N und _génos_ (= Geschlecht) auf S.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXII
+
+
+1. Die _Güte des sprachlichen Ausdrucks_ be steht darin, daß er _klar_
+und _nicht flach_ (banal) (S. 47) ist. Am klarsten ist er nun freilich,
+wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber
+Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des
+_Kleophon_ und die des _Sthenelos_. Erhaben und das Gewöhnliche
+(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger
+Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die
+Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem
+Alltäglichen entfernt.
+
+2. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich
+entweder ein _Rätsel_ oder ein _Kauderwelsch_ (Barbarismus) ergeben und
+zwar, falls in Metaphern, ein _Rätsel_; falls in Glossen, ein
+Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu
+sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer
+Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von
+Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.
+
+_Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern_[57] und
+dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus <z.B.
+....>.
+
+Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die
+schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer
+gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und
+nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die
+(nötige) Deutlichkeit verleihen.
+
+[Sidenote: c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+3. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des
+sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen
+Verlängerungen, Verkürzungen und Umwandlungen bei. Da sie nämlich
+anders lauten als (S. 48) das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom
+Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch
+die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die
+Klarheit sich ergeben.
+
+4. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige
+Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer)
+verhöhnen, wie _Eukleides_ der Ältere es getan, indem er behauptete, daß
+es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach
+Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem
+Ausdruck selbst verspottete.[58]
+
+_Ĕ̅pichár|en_[59] _ĭ̅|don Mara|thónade bă̅di|zonta_ (= _Aepicharen sah
+ich gen Marathón spazieren gehen_)
+
+_Ouk an|g' ě̅ramen|os ton|keínon|ellě̅|bŏ̅ron_[60] (= _Der wohl kaum in
+Liebe entbrannte für jenes Niésswurz_.)
+
+Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art
+lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame
+(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte
+jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung
+rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er
+dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).
+
+[Sidenote: c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+5. Welch einen _Unterschied die angemessene Verwendung_ (dieser Formen)
+_macht_, möge man am Epos sich veranschaulichen, indem man die
+_allgemein_ (S. 49) _gebräuchlichen Wörter in den Vers_ setzt und auch
+wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die
+allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß
+unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen
+(Trimeter) gedichtet wie _Aischylos_ und nur durch das Einsetzen eines
+einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein
+gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich,
+der _des Aischylos_ aber gewöhnlich erscheint. _Aischylos_ dichtete
+nämlich im _Philoktet_:
+
+/*
+ _Das Krebsgeschwür, das meines Fußes
+ Fleisch frißt_.
+*/
+Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."
+
+Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse
+
+/*
+ _Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés_[61]
+*/
+
+(_Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein_)
+
+die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde:
+
+/*
+ _Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés_
+*/
+
+(_Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein_)
+
+und ebenso statt
+
+/*
+ _díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan_[62]
+*/
+
+(_Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch_)
+
+/*
+ _díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan_ (S. 50)
+*/
+
+(_Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch_)
+
+oder endlich, statt
+
+/*
+ Ēiones boóōsin[63] (es brüllten die Ufer)
+ Ēiones krázousin (es schrien die Ufer).
+*/
+
+6. So hat auch _Ariphrades_ die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke
+anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn
+apó (von den Häusern weg[64], [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern)
+und séthen[65] (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt
+autón[66]), und Achilléōs peri[67] (Achilles wegen) [nicht peri
+Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn
+gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein
+gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den
+Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht.
+
+7. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in
+angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen,
+so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn
+diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch
+gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern erfinden
+heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das (S. 51) Ähnliche (im
+Unähnlichen) haben.
+
+8. Von den Wortarten selbst nun eignen sich _Komposita_ am meisten für
+die _Dithyramben_, die _Glossen_ für die _Heldengedichte_, die
+_Metaphern_ für _jambische Trimeter_ (der Tragödie). In Heldengedichten
+sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen,
+da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen
+sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede
+sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die
+Metapher und die schmückende Bezeichnung.
+
+Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende
+nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXIII
+
+
+1. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte
+nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe
+wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich
+um eine _einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung
+bewegen müssen_, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein
+einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche
+Lustempfindung hervorrufe.
+
+[Sidenote: c. 23, 2. Das Epos.]
+
+2. Auch ist es klar, daß _diese Kompositionen nicht den
+Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen_, die sich notwendigerweise
+nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen,
+sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in
+diesem an einer Person oder an mehreren sich ereignet hat, von welchen
+Begebenheiten jede in (S. 52) einem beliebigen Verhältnis zu einer
+anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei _Salamis_ und die Schlacht
+der _Karthager_ in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf
+dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng
+aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen
+keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten
+(epischen) Dichter dementsprechend verfahren.
+
+3. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin _Homer_ sich
+als ein gottbegnadeter _Dichter_ im Vergleich zu den übrigen erweisen,
+daß er gar _nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen_ (Trojanischen)
+_Krieg_, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches)
+Ende hat, _darzustellen_. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte
+der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf
+den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch
+seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat
+er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in
+Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog[68] und andere
+Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.
+
+4. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine
+einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn
+schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der
+Verfasser der _Kyprien_ und der der _Kleinen Ilias_. Denn aus einer
+_Ilias_ und _Odyssee_ läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder
+höchstens zwei, aus den _Kyprien_ dagegen viele und aus der _Kleinen
+Ilias_ acht, nämlich das Waffengericht, _Neoptolemos_, (S. 53) 1459b
+[Eurypylos] _Philoktet_, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die
+Zerstörung _Ilions_, die Abfahrt, _Sinon_ und die _Troerinnen_[69].
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXIV
+
+
+1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die
+Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten,
+charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die
+Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen
+Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der
+Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen
+Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck
+kunstgerecht sein.
+
+2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in
+genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte
+dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die
+_Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und
+charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in
+der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.
+
+[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.]
+
+3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die
+epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und
+ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits
+angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein
+müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn
+einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der
+alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine
+einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.
+
+4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner
+eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der
+Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich
+gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den
+Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern
+abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden
+Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile
+vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des
+Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner
+Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt
+und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das
+nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu
+verschulden pflegt.
+
+5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der
+Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte
+jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung
+nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend
+erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste
+und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und
+Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende
+Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen
+Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter
+haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz,
+jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand
+allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies
+_Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische)
+Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet,
+sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende
+Versmaß zu wählen gelehrt.
+
+6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch
+darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist,
+_was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie
+möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist
+er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen
+treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges
+und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt
+nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend
+eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern
+mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.
+
+[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.]
+
+7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen
+Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der
+Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst)
+nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge
+bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen
+lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die
+stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71],
+der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen
+Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein
+Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht
+damit zu erfreuen.
+
+8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man
+(zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem
+_Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die
+erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite
+Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist,
+auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein
+Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B)
+aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise
+wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B)
+hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser
+Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes
+aus der Badeszene[72] <....>
+
+9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen
+Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe
+auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich
+überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht
+möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung
+Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis
+nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht
+innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung
+über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der
+stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel
+in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von
+vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch
+getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man
+auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die
+Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der
+Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in
+die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte.
+Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das
+Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.
+
+10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere
+Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder
+durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen.
+Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die
+Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXV
+
+
+[Sidenote: c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.]
+
+1. Über die _Probleme_[77] (kritische Bedenken) und deren _Lösungen_
+(Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie
+beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen
+können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein
+anderer bildschaffender (S. 58) Künstler ein nachahmender Darsteller
+ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von _drei_
+möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) _wie die
+Dinge waren oder sind_ oder (2) _wie man sagt, daß sie seien_ oder _wie
+sie zu sein scheinen_ oder (3) _wie sie sein sollen_. Diese Dinge werden
+nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder
+auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen
+des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir
+ja den Dichtern.
+
+2. Dazu kommt ferner, daß die _Richtigkeit in der Politik und der
+Dichtkunst_ sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft
+und der Dichtkunst _ein und dasselbe bedeutet_. In der Dichtkunst selbst
+gibt es _zweierlei Fehler_, der eine betrifft ihr _Wesen_, der andere
+ist rein _äußerlich_.
+
+3. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen <etwas richtig> nachahmend
+darzustellen, <verfehlt aber sein Ziel> aus eigenem Unvermögen, so liegt
+der _Fehler in der Dichtkunst selbst_; wenn er dagegen den Vorwurf
+richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd,
+das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in
+jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art
+auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser _nicht das Wesen_
+der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden
+Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).
+
+4. Erstens also was die _Lösungen_ in bezug auf die gegen die Kunst als
+solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn _Unmögliches_ dargestellt
+wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre
+Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung (S. 59) erreicht wird;
+der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine
+erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem
+anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des
+_Hektor_.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem
+oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen
+herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht
+seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt
+keinerlei Fehler begangen werden.
+
+5. Man kann ferner die Frage aufwerfen, _worin denn_ der Fehler begangen
+ist, _ob gegen die Kunstregel_ oder _irgend etwas anderes Zufälliges_;
+denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß
+die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich)
+nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.
+
+6. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte
+man den Einwand so entkräften: Aber _vielleicht wie sie sein sollte_,
+wie ja auch _Sophokles_ gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein
+sollen, _Euripides_ aber, wie sie sind.
+
+[Sidenote: c. 25, 7. Probleme und Lösungen.]
+
+7. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf
+berufen, daß _man eben so sagt_, wie in den Erzählungen über die Götter.
+Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der
+Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so,
+wie es bei _Xenophanes_ lautet[80] (1461a) <....>, dann (erwidere man),
+allein man sagt nun (S. 60) einmal so.
+
+8. Anderes wiederum ist zwar _vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar
+tatsächlich einmal so_, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "_Aber die
+Lanzen_ | _standen empor auf dem Fuße des Schaftes_[81], solchen Brauch
+nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.
+
+9. In der Beurteilung der Frage, _ob das von jemand Gesagte oder Getane
+sittlich gut oder nicht ist_, muß man nicht nur die Handlung und die
+Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder
+gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen
+(und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten
+oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes
+wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet
+werden soll.
+
+10. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des _sprachlichen
+Ausdrucks_ beseitigen, z.B. durch Annahme einer _Glosse_. "_Die Mäuler
+zuerst_."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte
+_ourēas_, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt
+er: "_Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich_"[83]. Damit bezeichnet er
+nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht;
+gebrauchen doch die _Kreter_ das Wort _eueides_ (= schöngestaltet) im
+Sinne von _euprosōpon_(= schön von Antlitz). Ferner, "_Mische reineren
+Wein_"(zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für
+Trunkenbolde (S. 61) sondern (mische) "schneller."
+
+11. Ein anderes ist _metaphorisch_ gesagt z.B.
+
+/*
+ "_Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger
+ Schliefen die ganze Nacht_"
+*/
+
+und doch heißt es unmittelbar darauf
+
+/*
+ "_Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.
+ Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_."[85]
+*/
+
+Jenes, "_Alle_" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein
+"Alles" ist nur eine Art des "Vielen".
+
+Auch jenes "_allein nicht teilnimmt_"[90] ist metaphorisch zu verstehen,
+denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".
+
+12. Ferner kann man auf Grund der _Prosodie_ (Einwände widerlegen), wie
+_Hippias_ der Thasier dies tat in jenem "_wir gewähren_ (dídomen) _ihm
+aber_"[87] und "_Das zum Teil durch den Regen verfault_"[88].
+
+[Sidenote: c. 25, 13. Probleme und Losungen.]
+
+13. Wieder anderes vermittelst der _Interpunktion_, wie z.B.
+_Empedokles_[89] sagt:
+
+/*
+ "_Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,
+ Und als gemischt, was lauter zuvor_."
+*/
+
+[Sidenote: c. 25, 14. Probleme und Lösungen.]
+
+14. Anderes sodann durch die Annahme einer _Amphibolie_ (S. 62)
+(Doppelsinn):
+
+/*
+ "_Von der Nacht entschwand der größere Teil_"[91]
+*/
+
+denn der Ausdruck "größere" (_pleíō_) ist doppelsinnig.
+
+15. Andere _Bedenken_ (lösen sich) mit Berufung auf den
+_Sprachgebrauch_: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.
+
+Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:
+
+/*
+ "_Schiene von neubereitetem Zinne_"[92],
+*/
+
+nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.
+
+Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es:
+Ganymed
+/*
+ "_schenkt dem Zeus Wein ein_",
+*/
+
+obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses
+Beispiel auch als Metapher auffassen.
+
+16. Man muß auch, wenn ein Wort etwas _Widersprechendes_ zu bezeichnen
+scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden)
+Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "_Da hielt die eherne Lanze
+an_"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.
+
+17. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen
+möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem _Glaukon_
+berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem
+sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt (S. 63) haben, bauen
+sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas
+stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das
+gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen
+über _Ikarios_. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein
+_Lakone_. Es schien daher ungereimt, daß _Telemachos_, als er nach
+_Sparta_ kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich
+damit aber vielleicht so, wie die _Kephallenier_ berichten. Sie
+erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei
+_Ikadios_ und nicht _Ikarios_ (sein Schwiegervater). Demnach ist es
+wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.
+
+18. Im allgemeinen muß man das _Unmögliche_ in der Dichtung entweder auf
+das _Zweckmäßigere_ oder auf die _herrschende Meinung_ zurückführen.
+Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar
+Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht
+unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. _Zeuxis_ zu
+malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem
+Ideal gebührt der Vorrang.
+
+19. _Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen,
+zurückführen_ und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie
+auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es
+wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich
+ereignet.
+
+[Sidenote: c. 25, 20. Probleme und Lösungen.]
+
+20. _Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die
+Widerlegungen in der Dialektik_, ob es sich um das Nämliche oder ob es
+in derselben Beziehung oder derselben (S. 64) Art und Weise gilt, mithin
+auch der _Dichter_ entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen
+das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in
+Widerspruch verwickeln darf).
+
+21. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie
+Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des
+Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des _Aigeus_[96],
+oder der Charakterschlechtigkeit, wie im _Orestes_[97] der des
+_Menelaos_.
+
+22. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus _fünf Arten_, denn
+entweder _tadelt_ man etwas als _unmöglich_ oder als _vernunftwidrig_
+oder als _sittenverderblich_ oder als _widerspruchsvoll_ oder als _einen
+Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit_. Die _Lösungen_
+(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu
+betrachten deren es _zwölf_ gibt.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXVI
+
+
+1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, _ob die epische nachahmende
+Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei_. Ist nämlich die
+minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein
+besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige
+nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine
+plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein
+Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler)
+nicht seinerseits etwas dazu (S. 65) beiträgt, so bewegen sich diese in
+starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten,
+wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den
+Chorführer (am Gewände), wenn sie die _Skylla_ blasen.
+
+2. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre
+Nachfolger beurteilten, denn _Mynniskos_ nannte den _Kallipides_, weil
+er gar zu sehr übertrieb, einen _Kallias_[98] und in einem ähnlichen
+(üblen) Rufe stand auch _Pindaros_. Wie sich nun (1462a) jene (älteren
+Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze
+(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man,
+wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen
+bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine
+plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.
+
+3. Allein _erstens_ ist das eine Anklage _gar nicht gegen die
+Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst_, denn es kann auch der
+Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies _Sosistratos_ getan und
+(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies _Mnasitheos_ der
+Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen,
+da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von
+Stümpern, wie ja auch _Kallipides_ getadelt wurde und heutzutage andere,
+weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.
+
+[Sidenote: c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
+
+4. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung
+_ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung_, denn schon durch die
+bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie (S. 66) also
+im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls
+jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.
+
+5. Sodann (2) (ist sie überlegen) _weil sie alles besitzt was die
+epische Dichtung hat_, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und
+darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der
+musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche
+die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt
+sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den
+(tatsächlichen) Aufführungen.
+
+6. Ferner (3) _erreicht die Tragödie das Ziel_ (1462b) _der_
+nachahmenden Darstellung _innerhalb eines kleineren Umfangs_; denn was
+gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit
+Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den
+_Oidipus_ des _Sophokles_ in so viel Verse setzen würde wie die _Ilias_
+hat <....>.
+
+7. Endlich (4) ist die _epische Dichtung eine weniger einheitliche_
+nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen
+nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß,
+selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten,
+diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit
+der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält,
+wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus
+mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die _Ilias_ viele derartige
+Teile hat und die _Odyssee_, Teile, die auch für sich schon eine
+(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte
+in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende
+Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen
+Handlung. (S. 67)
+
+8. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) _überlegen_
+ist und überdies indem _Ziel_ der Kunst--denn diese (Dichtarten) sollen
+nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits
+erwähnte--so leuchtet ein, _daß sie vortrefflicher als die epische
+Dichtung ist_, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.
+
+[Sidenote: c. 26, 9. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
+
+9. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre
+Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich
+unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges
+sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt
+sein....
+
+
+ * * * * *
+
+
+NAMENVERZEICHNIS[99] (S. 68)
+
+
+Agathon (c. 447--400): c. 9, 5. 18, 4. 5. 6. Berühmter, von Aristoteles
+hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der
+Rahmenerzählung von Piatons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als
+Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität
+kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge
+von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders
+seine völlig freierfundene Tragödie _Anthe_, früher fälschlich _Anthos_
+"Blume" und seit Welcker oft auch _Antheus_ betitelt.
+
+_Aias_dramen: c. 18, 2. Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles
+auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d.
+J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um
+die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias
+so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er
+unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde,
+Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam
+und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert.
+Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit
+Recht zu den pathetischen zählt.
+
+_Aigisthos_: c. 13, 6. Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon
+und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und
+Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).--Die Komödie, auf die hier
+angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten
+Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des
+Aristoteles.
+
+_Aischylos_ (525/4--456): c. 4, 9. In der Poetik kaum berücksichtigt, ja
+Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was
+c. 18, 4 geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird.
+
+/#
+ _Choephoren_: c. 16, 4. Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders
+ aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles
+ gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich",
+ "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles,
+ Euripides und Aristophanes auf diese Erkennungsszene anspielen, ist
+ das erstere, mit alleiniger (S. 69) Berücksichtigung der Haarlocke,
+ wahrscheinlicher.
+
+ _Myser_: c 24, 9. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war
+ Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem
+ Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld
+ gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon,
+ Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr
+ beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint,
+ ist.
+
+ _Niobe_: c. 18, 4. Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen
+ wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und
+ einem gewissen Meliton.
+
+ _Philoktet_: c. 22, 5. 23, 4. Nicht erhalten, doch kennen wir seine
+ Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und
+ Euripides aus Dio Chrysostomos.
+
+ _Phorkiden_: c. 18, 2. Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen
+ Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein.
+
+ _Prometheus_: c. 18, 2. Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns
+ erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist.
+#/
+
+_Alkinoos_, Mär des: S. Homer.
+
+_Alkmeon_: c. 18, 4. 14, 4. Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein
+vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon,
+Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren (c. 14, 5).
+
+[_Amphiaraos_]: S. Karkinos.
+
+_Anthe_: S. Agathon.
+
+_Antigone_: S. Sophokles.
+
+_Argas_: c. 2, 3. Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem
+Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel
+des Nomos ist ausgefallen.
+
+_Ariphrades_: c. 22, 6. Wohl der Verfasser einer Schrift über den
+tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit
+dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling.
+
+_Aristophanes_ (c. 450--385): c. 3, 2. Die Art der Erwähnung zeigt, daß
+schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders
+freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der
+Gattung anerkannt war.
+
+_Astydamas_ (Ende des 4. Jahrh.): c. 14, 5. Urgroßneffe des Aischylos,
+sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische
+Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse
+erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger.
+
+_C_. s. auch unter K. (S. 70)
+
+_Chairemon_: c. 1, 5. 24, 5. Älterer Zeitgenosse des Aristoteles,
+gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein
+"Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in c. 14, 5 im
+Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus Akanthoplex. Das hier erwähnte
+polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum
+Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet
+wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so
+geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten
+Dialogpartien.
+
+_Chionides_: c. 3, 4. Der älteste attische Komödiendichter, dessen
+erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des
+Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch
+Magnes.
+
+_Choephoren_: S. Aischylos.
+
+[_Danaos_]: S. Theodektes.
+
+_Dikaiogenes_: c. 16, 3. Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse
+des Agathon. Neben den _Kypriern_ wird noch eine Tragödie "Medea"
+genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem
+Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine
+Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene
+zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt
+sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt
+voraussetzen konnte.
+
+_Dionysios_: c 2, 2. Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des
+Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in
+vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem
+ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt.
+
+_Dolon_: c. 25, 10. Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B.
+X der Ilias.
+
+_Elektra_: S. Sophokles.
+
+_Empedokles_ (blühte um 450) aus Agrigent: c. 1, 5 [21, 4]. 25, 13.
+Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und
+Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten.
+Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu 1, 5, gerade
+als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird,
+so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich
+dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden war.
+Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen (S. 71)
+Gesichtspunkt aus beurteilt.
+
+_Epichares_: c. 22, 4. Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter
+Eigenname.
+
+_Epicharmos_ (blühte Ende des 6. Jahrh.): c. 3, 4. Einer der
+berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint,
+"Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch
+nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos,
+geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in
+Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer
+auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser
+tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden.
+
+_Eriphyle_: S. Alkmeon.
+
+_Eukleides_: c. 22, 4. Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch
+bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings
+ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon
+und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei
+Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher
+könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den
+Freund des Sokrates und Platon, denken.
+
+_Euripides_ (485--407/6): c. 13, 4. 17, 3. 18, 4. 6. 25, 6. Der jüngste
+der drei großen Tragiker. Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich
+gegen dessen mangelhafte Technik.
+
+/#
+ (_Elektra_: c. 13, 6. 14, 4. Orestes und Aigisthos. Personen im
+ Drama.
+
+ _Iphigeneia in Aulis_: c. 15, 5. Der hier ausgesprochene Tadel ist
+ von Schiller energisch zurückgewiesen worden.
+
+ _Iphigeneia_, Taurische: c. 14, 9. 16, 2. 5. 17, 3. --: c. 11, 4.
+ 16, 2. Person im Drama, ebenso Orestes in c 11, 4. 16, 2. Dieses
+ Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei
+ Mustertragödien.
+
+ _Kresphontes_: c. 14, 9. Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch
+ zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und
+ in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St
+ 37--50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des
+ Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden
+ Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit
+ dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren
+ eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator
+ Polyphontes, der den Gatten der Merope ermordet und die Witwe
+ gezwungen (S. 72) hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard
+ III.
+
+ _Medea_: c. 14, 4. 15, 7. 25, 21. Der Tadel an letzter Stelle
+ bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des
+ Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters.
+
+ _Melanippe_ die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene
+ desselben Dichters: c. 15, 5. Die Anspielung bezieht sich auf ihre
+ berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen
+ Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon
+ heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und
+ gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die
+ Anfangsworte sind uns zufällig erhalten.
+
+ _Orestes_: c 15, 5. 25, 21. Darin spielt Menelaos eine charakterlose
+ Rolle.
+
+ _Philoktetes_: c. 22, 5. S. Aischylos' Philoktetes.
+
+ _Troerinnen_: c. 23, 4. S. Ilias, die Kleine.
+#/
+
+[_Eurypylos_]: S. Sophokles.
+
+_Ganymedes_: S. Probleme.
+
+_Glaukon_: c. 25, 17. Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller
+denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an
+den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht
+Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken.
+
+_Hades_dramen: c. 18, 2. Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt
+waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und
+Achaios' Peirithoos.
+
+_Haimon_: S. Sophokles Antigone.
+
+_Hegemon_ v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): c 2, 3. Berühmter Parode und
+auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr
+häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei
+Trimeter.
+
+_Helle_: c. 14, 9. Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da
+Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der
+hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung
+völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei
+_Söhnen_, die sie dem Poseidon geboren hatte.
+
+_Herakleis_: c. 8, 2. Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750),
+Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in
+14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten.
+
+_Hermokaikoxanthos_: c. 21, 1. Ein aus drei Flußnamen (S. 73) des
+westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum.
+Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige
+Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und
+zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein.
+
+_Herodot_ (blühte um 450): c. 9, 2. Der "Vater der Geschichte". Seine
+Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der
+Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach
+dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders
+zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein
+hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich
+eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh n. Chr.) in Jamben
+übertragen wurde.
+
+_Hippias_ von Thasos: c. 25, 12. Nur hier genannt, denn seine Erwähnung
+bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe
+"Problem", geht auf unsere Stelle zurück.
+
+_Homer_: c. 1, 5. 2, 3. 3, 1. 2. 4, 4. 6. 8, 3. 15, 9. 23, 3. 24, 2, 6.
+8.
+
+/#
+ _Ilias_: c. 4, 6. 8, 3. 15, 7. 18,4. 20, 19. 23, 4. 24, 2. 25, 4.
+ 26, 7. Die "_Abfahrt_" (c. 15, 6) bezieht sich auf die a.a.O.
+ zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen der Göttin Athene
+ die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.--Schiffskatalog (c. 23,
+ 3). Teiltitel des 2. B. (s. u.).
+
+ _Odyssee_: c. 4, 6. 8, 3. 13, 6. 17, 4. 23, 4. 24, 2. 9. 26, 7. _Mär
+ des Alkinoos_ (c. 16, 3) und _Badeszene_ (Niptra, c. 16, 1. 24, 8)
+ sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten
+ Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach c. 24, 8
+ das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der
+ Penelope.
+
+ _Margites_: c. 4, 4. 6. Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und
+ jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise
+ einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als
+ unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden
+ zu sein.
+#/
+
+_Ikadios_: c. 25, 17. Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des
+Odysseus, statt des homerischen lkarios, begegnet nur hier.
+
+_Ilias_ s. Homer.
+
+_Ilias_, Die Kleine: c. 23, 4. Ein nachhomerisches, dem sogenannten
+"Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches
+von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der
+Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa
+da, wo die homerische Ilias aufhörte (Lösung Hektors) und endete (S.
+74) mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen
+Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng
+chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei
+Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien.
+
+/#
+ _Waffengericht_: S. Aiasdramen.
+
+ _Philoktet_: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon,
+ Philokles, Theodektes dramatisiert.
+
+ _Neoptolemos_(= Eurypylos s. Sophokles): Von Nikomachos.
+
+ _Bettlerrhapsodie_ (= Lakonierinnen s. Sophokles).
+
+ _Ilions Zerstörung_: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des
+ Sophokles und ein Epos des "Kyklos".
+
+ _Abfahrt_ des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der
+ Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama
+ dieses Titels ist nicht bekannt.
+
+ _Sinon_: S. Sophokles. Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt.
+
+ _Troerinnen_: S. Euripides. Die Schicksale der trojanischen
+ Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen
+ dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die
+ Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos,
+ Agamemnon (Kassandra).
+#/
+
+_Iphigeneia_: S. Euripides und Polyidos.
+
+_Ixion_dramen: c. 18, 2. Unter anderen Missetaten versuchte er sich an
+Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein
+geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der
+Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos
+und Timesitheos dramatisiert.
+
+_Kallipides_: c 26, 2. 3. Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des
+Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist.
+
+_Karkinos_: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des
+Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt.
+
+/#
+ _Thyestes_: c. 16, 1. Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit
+ seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da
+ der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides,
+ mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt
+ haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der
+ Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In
+ welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich
+ jeder Vermutung.
+
+ [_Amphiaraos_]: e. 17, 1. Der Vater des Alkmeon (s.d.) und (S. 75)
+ Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer
+ Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch
+ arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der
+ griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr
+ erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte.
+#/
+
+_Karthager_: c. 23, 2. Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und
+Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an
+demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept.
+480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen
+Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale
+politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch
+jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in
+Abrede gestellt.
+
+_Kentauros_ s. Chairemon.
+
+_Kephallenier_: c. 25, 17. Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen
+Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch
+unbekannt.
+
+_Kleophon_: c. 2, 4. 22, 1. Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik
+ein Werk _Mandrobulos_, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn
+mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert
+sind, ist er kaum identisch.
+
+_Klytaimestra_: c. 14, 4. Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so
+erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion
+war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für
+Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das
+Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt.
+
+_Krates_: c. 5, 2. Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den
+Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl
+Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern
+der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten
+Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht.
+
+_Kreon_: S. Sophokles Antigone.
+
+_Kreter_: c. 25, 10. Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier
+mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar
+entnommen haben. S.u. Kyprier.
+
+_Kyklop_: S. Philoxenos, Timotheos.
+
+_Kypria_: c. 23, 4. Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos
+in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem
+Homer abgesprochen. Spätere legten es einem Stasimos oder Hegesias
+(Hegesinos) bei. Das Gedicht (S. 76) behandelte die Vorgeschichte des
+trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete
+eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel
+nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur
+die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse.
+Daselbst war auch die c. 8, 3 erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte
+sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber
+durch eine List von Palamedes entlarvt.
+
+_Kyprier_: S. Dikaiogenes. --Dialekt der: c 21, 3: S. Einleitung S.
+XXIV.
+
+_Laios_: c. 24, 9. Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und
+dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte
+Unwahrscheinlichkeit wurde bereits c. 14, 5 angespielt.
+
+[_Lakonierinnen_]: S.Sophokles.
+
+_Lynkeus_: S. Theodektes.
+
+_Magnes_: c. 3, 4 Neben Chionides (s.d.) der älteste attische Komiker.
+Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist
+zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat.
+Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt,
+was die alten Kritiker schon erkannt hatten.
+
+_Margites_: S. Homer.
+
+_Massalioten_: S. Hermokaikoxanthos.
+
+_Medea_: S. Euripides.
+
+_Megarer_: c. 3, 4. Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu
+sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische
+Begründung nicht haltbar ist.
+
+_Melanippe_: S. Euripides.
+
+_Meleagros_: c. 13, 4. Eine berühmte Sagenfigur und Held der
+"Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die
+Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein
+Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem
+Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame
+Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern,
+behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach
+Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische
+Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die
+Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage).
+
+_Menelaos_: S. Euripides Orestes. (S. 77)
+
+_Merope_: S. Euripides Kresphontes.
+
+_Mitys_: c. 9, 9. Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn
+Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer _Festfeier_
+ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes
+"theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen
+Bedeutung gebraucht.
+
+_Mnasitheos_: c 26, 3. Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen
+auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse
+des Aristoteles.
+
+_Mynniskos_: c. 26, 2. Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den
+späteren Tragödien des Aischylos.
+
+_Myser_: S. Aischylos.
+
+_Mysien_: c. 24, 9. Provinz im Nordwesten Kleinasiens.
+
+_Neoptolemos_: c. 23, 4. Sohn des Achilles. S. Ilias, Die Kleine und
+Sophokles.
+
+_Nikochares_: c 2, 3. Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos,
+der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem
+Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des
+Aristophanes aufgeführt wurden.
+
+_Niobe_: S. Aischylos.
+
+_Odyssee_: S. Homer.
+
+_Odysseus_, der Verwundete: S. Karkinos und Sophokles.
+
+/*
+ --, der Trugbote: c. 16, 4. Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama.
+ --, in der Skylla: S. Timotheos.
+*/
+_Oidipus_: S. Sophokles.
+
+_Orestes_: c. 13, 4. Die Sage des O.
+/*
+ --: S. Aischylos Agamemnon, Choephoren.
+ --: S. Sophokles Elektra
+ --: S. Euripides Elektra, Iphigeneia, Orestes.
+ --: S. Polyidos Iphigeneia.
+*/
+_Pauson_: c. 2. 2. Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des
+5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt
+die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange
+in der Gunst des Publikums erhalten zu haben.
+
+_Peleus_: S. Sophokles.
+
+_Peloponnesier_: c 3, 4. Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie
+gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen
+gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche
+Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen
+Stadt.
+
+_Philoktetes_: S. Aischylos. (S. 78)
+
+_Philoxenos_ (435--380): c. 2, 3. Berühmter Dithyrambiker, geboren in
+Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb
+in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop"
+(Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll
+unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur
+Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste
+erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen
+Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung
+schlechterer Charaktere angeführt zu werden.
+
+_Phiniden_ c. 16, 4. Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist
+ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung
+führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der
+Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig
+ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König
+Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend,
+seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ.
+Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet
+oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter
+Accius und einen Dithyrambos des Timotheos.
+
+_Phorkiden_: S. Aischylos.
+
+_Phthiotinnen_: S. Sophokles.
+
+_Pindaros_: c. 26, 2. Ein nur hier genannter Schauspieler, dem
+Zusammenhang nach Zeitgenosse des Kallipides (s.d.).
+
+_Polyeidos_ der Sophist: c. 16, 4. 17, 3. Der Name ist äußerst selten,
+so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll.
+Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und
+Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter
+Dithyrambos wie die Skylla des Timotheos (s.d.) und zweifellos
+nacheuripideisch.
+
+_Polygnotos_: 2, 2. 6, 7. Einer der berühmtesten und ältesten
+griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine
+bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458--447).
+Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei
+Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des
+Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5).
+
+_Prometheus_: S. Aischylos.
+
+_Protagoras_ v. Abdera (c. 485--c. 416): c. 19, 2. Neben Gorgias der
+bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der griechischen
+Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen (S. 79)
+Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.)
+wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu
+Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die
+sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den
+Wolken des Aristophanes.
+
+_Pythische_ Spiele: c. 24, 9. In derElektra des Sophokles schildert der
+Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei
+denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals
+(11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte.
+Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem
+Tleptolemos begangen.
+
+_Salamis_: S. Karthager.
+
+_Sinon_: S. Ilias, Die Kleine und Sophokles.
+
+_Sisyphos_: c. 18, 5. Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines
+überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen
+Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen
+bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder
+hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so
+von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen
+Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten
+Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm
+verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht.
+
+_Skylla_: S. Timotheos.
+
+_Sophokles_ (497/6--406/5): c. 3, 2. 4, 9. 18, 6. 25, 6. Für Aristoteles
+der künstlerisch vollendetste Tragiker.
+
+/#
+ _Antigone_: c. 14, 6. In der erwähnten Szene versucht Hainion, der
+ Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem
+ Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar.
+
+ _Elektra_: c. 24, 9. Orestes, Person im Drama: c. 13, 6. 14, 4.
+
+ _Eurypylos_: c. 23, 4. Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S.
+ Ilias, die Kleine.
+
+ [_Lakonierinnen_]: c. 23, 4. In dem Drama bildeten die spartanischen
+ Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des
+ troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner
+ Verkleidung als Bettler erkannte. S. Ilias, die Kleine.
+
+ _Odysseus_, der verwundete, c. 14, 5. So hieß ein Drama des
+ Chairemon (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber
+ stets als _O. Akanthoplex_ (der vom Rochenstachel getroffene)
+ zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), (S. 80) Sohn des Odysseus
+ und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und
+ verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß
+ Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete
+ Odysseus sei.
+
+ _Oidipus_: c. 11, 1. 2. 15, 8. 16, 5. 24 ,9. 26, 6. Stets ohne
+ Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos,
+ nie den Oidipus Coloneus, versteht. /* --: c. 13, 4. 14, 1. Die Sage
+ des Oidipus. --: 11, 1. 13, 3. 14, 5. Die Person im Drama. */
+ _Peleus_: c. 18, 2. Peleus, der greise Vater des Achilles, durch
+ seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel
+ Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach
+ war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende
+ Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und
+ Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben.
+
+ _Phthiotinnen_: c. 18, 2. Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem
+ Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht
+ verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der
+ Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von
+ demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends
+ bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine
+ Willkür.
+
+ _Sinon_: c. 23, 4. S. Ilias, Die Kleine.
+
+ _Tereus_: c. 16, 2. Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester
+ seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn
+ nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was
+ ihr widerfahren--dies die "Stimme der Spindel"--und die Schwestern
+ rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys.
+ Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos,
+ und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles.
+
+ _Thyestes_: c. 13, 4. Held in dem gleichbetitelten Drama. S.
+ Thyestes.
+
+ _Tyro_: c. 16, 1. Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren
+ und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und
+ als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer
+ Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der
+ eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre
+ Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre
+ Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen. Von den (S. 81)
+ zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine
+ Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und
+ Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8)
+ verdanken.
+#/
+
+_Sokratische Gespräche_: c. 1, 5. Aristoteles versteht darunter stets
+nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner
+auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines,
+Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche.
+
+_Sophron_ (c. 450): c. 1, 5. Der Begründer einer neuen Literaturgattung
+des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und
+in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein
+Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht
+haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner
+Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die
+poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt
+wurden.
+
+_Sosistratos_: c. 26, 3. Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer
+Zeitgenosse des Aristoteles.
+
+_Sthenelos_: c. 22, 1. Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen
+verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte
+ihn des Plagiats.
+
+_Tegea_: c. 24, 1. Stadt in Arkadien, Heimat des Telephos.
+
+_Telegonos_: S. Sophokles, Odysseus Akanthoplex.
+
+_Telemachos_: c. 25, 16. Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise
+nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die
+sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3--4, 619.
+
+_Telephos_: c. 13, 4. Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale
+sehr oft dramatisiert wurden, so von Aischylos (s.d.), Sophokles,
+Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion.
+
+_Theodektes_: 16, 4. 18, 1. Genialer Schüler des Isokrates und Platon,
+Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50
+Dramen und war siebenmal Sieger.
+
+/#
+ _Lynkeus_: c. 11, 1. 18, 1. Held der Danaidensage. Hypermnestra war
+ die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus
+ gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes
+ Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung
+ ereilte ihn aber in einer für uns nicht mehr genau zu erkennenden
+ Weise das Schicksal, das er (S. 82) jenem zugedacht.
+
+ Tydeus: c. 16, 4. Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben
+ gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig
+ unbekannt.
+#/
+
+_Theodoros_: c. 20, 5. Nur als Beispiel genannt.
+
+_Theseis_: c. 8, 2. Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker
+unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein
+Anonymus aus unbestimmter Zeit.
+
+_Thyestes_: c. 13, 4. Eine der am häufigsten dramatisierten
+Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage.
+So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros,
+Karkinos (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern,
+Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus.
+
+_Timotheos_ v. Milet (✝357): c. 2, 3. Berühmter Komponist, Dithyramben
+und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser"
+wurde 1902 aufgefunden.
+
+/#
+ _Kyklop_: c. 2, 3. S. Philoxenos
+
+ _Skylla_: c. 15, 5. 26, 1. Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee
+ geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr
+ schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des
+ Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den
+ Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu
+ veranschaulichen den Helden zu gewinnen.
+#/
+
+_Xenarchos_: c. 1, 5. Sohn des Sophron (s.d.). Nur hier als Verfasser
+von Mimen erwähnt.
+
+_Xenophanes_ v. Kolophon (c. 570--479): c. 25, 7. Dichter und Begründer
+der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus.
+
+_Zeuxis_ aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: c. 6, 7. 25, 18.
+Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert
+sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr
+Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum
+Ausdruck brachte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+SACHVERZEICHNIS (S. 83)
+
+_Agon_: c. 6, 16. 7, 3. 13, 4. Der jährlich zweimal in Athen
+stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und
+Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere
+Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien
+und einem Satyrdrama) auf.--In den musikalischen Agonen wurden
+hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die c. 26, 3 angespielt
+wird.--Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf
+bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr (c. 7, 3).
+
+_Amphibolie_ (Doppelsinn): c. 25, 14.
+
+_Anagnorisis_ (Erkennung): c. 11, 2 definiert.
+
+_Anapaest_ und _Trochaeus_, ohne: c. 12, 2. Weil jener ein
+Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das
+stehend gesungene Chorlied (Stasimon).
+
+_Artikel_: c. 20, 4. Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne
+gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein
+schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres
+Kapitels.
+
+_Auletik_: c. 1, 2. Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus
+unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine
+Instrumentalmusik zu verstehen.
+
+_Beiwort_, schmückendes (Kosmos): c. 21, 5. Definition und Beispiel sind
+ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das
+epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als
+im Drama ist.
+
+_Beugung_ (Flexion): c. 20, 7.
+
+_Bindewort_: c. 20, 3.
+
+_Buchstabe_: c. 20, 1.
+
+_Demokratie_ in Megara: c. 3, 4. Um 590 v. Chr.
+
+_Dithyrambische_ Dichtung: c. 1, 2. Hier und mit _einer_ Ausnahme auch
+sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich
+beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach c. 4, 8 die Tragödie
+hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie
+ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei
+auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein (c. 26, 1).
+
+_Episode_: Mit Ausnahme von c. 12, 2. [18, 6], wo das Wort etwa mit
+"Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein gebräuchlichen
+Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung (S. 84) oder Erzählung
+in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht.
+
+_Flexion_: S. Beugung.
+
+_Furcht_: Definiert c. 13, 2.
+
+_Geschlecht_: S. Grammatik und Protagoras.
+
+_Glosse_ (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): c. 21, 3.
+
+_Grammatik_ (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): c. 20. 21. Trotz
+mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. Protagoras) befand sich die
+Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr
+wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern
+und alexandrinischen Philologen verdankt Der damals festgesetzten
+Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen,
+bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines
+Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ).
+
+Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar
+elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei
+dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr
+zugehörig bezeichnet hat.
+
+_Halbvokal_ (Liquida): c. 20, 1.
+
+_Jambos_: c. 4, 5. 9. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der
+Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der
+zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich
+als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte.
+Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit
+wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den
+Gesprächston nicht hinauszugehen.
+
+_Katharsis_: "Reinigung": c. 6, 2. Die seit Lessing und besonders seit
+Bernays (s. Einleitung S. XV) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik.
+Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere
+Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt
+worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher
+einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei
+Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine
+medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die _Wirkung_, nicht den _Zweck_
+der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und
+unzweideutig (c. 4, 2. 13, 6. 14, 2. 23, 1. 26, 8.) eine ihr
+eigentümliche _Lustempfindung_. Damit erledigt sich auch die Frage von
+selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht (S. 85) die Rede ist,
+ein _ethisch-moralisches_ oder ein _aesthetisch-psychologisches_ ist
+oder seinsoll. Was dagegen die kathartische _Wirkung_ anbelangt, so
+dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu
+Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen
+Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht
+berücksichtigte.
+
+_Kitharistik_: c. 1, 2. Die Guitarre (Lyra) war das übliche
+Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus
+wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. c. 1, 2). Dennoch wird
+man wohl richtiger auch hier, wie bei der Auletik (s.d.) die reine
+Instrumentalmusik verstehen müssen
+
+_Klepsydra_: S. Wasseruhr.
+
+_Kosmos_: S. Beiwort, schmückendes.
+
+_Maschine_: c. 15, 7. Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den
+bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine
+auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion)
+bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen
+Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias
+entnommenen Beispiel (s. Homer, Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich
+von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die
+Handlung eingreift, gebraucht.
+
+_Metapher_: c. 21, 4 definiert. 22, 2. 7.
+
+_Mimesis_ (nachahmende Darstellung): c. 1, 2 u.ö. Das Wort "Nachahmung"
+erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn er bezeichnet
+bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen in der
+Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden
+Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns
+und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die
+künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles
+unberücksichtigt geblieben ist. Auch die _lyrische_ Poesie hat
+Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht
+ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie
+einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung
+ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen.
+
+_Mitleid_: c. 13, 2 definiert.
+
+_Nachahmende Darstellung_: S. Mimesis.
+
+_Nichtlauter_ (Muta): c. 20, 1. (S. 86)
+
+_Nomos_: c. 2, 3. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine
+mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch Timotheos
+(s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder
+entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser
+Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt
+uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen
+Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen.
+In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete
+Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der
+Dithyrambus.
+
+_Probleme_: c. 25, 1--22 Die literarische, wie die Textkritik der
+Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den
+homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift
+"Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit,
+namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen,
+sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen
+und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig
+betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine
+Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise
+oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der
+Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für
+homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht
+oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von
+Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder
+geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt
+unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten
+"Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer
+wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele
+aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da
+man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben
+darf.
+
+8. "_Aber die Lanzen_ usw." Man meinte, daß bei der geschilderten
+Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und
+so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung
+entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.
+
+10. "_Die Mäuler zuerst_." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo
+gesandten Seuche die "Mäuler" _vor_ den schuldigen Menschen
+dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung (S. 87) ist hinfällig, denn,
+selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte--es kommt nur noch einmal
+in einem Verse der Ilias vor,--so trifft sie doch auf das folgende "_und
+die hurtigen Hunde_," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.
+
+10. "_Der von Gestalt zwar häßlich_." Das "Problem" ist gar nicht
+vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren
+herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die
+merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der
+Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men--alla"
+(zwar--jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies
+gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch
+schnellfüßig).
+
+10. "_Mische reineren Wein_:" Den Anstoß, den man daran nahm, gibt
+Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen
+Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das
+angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig
+Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.
+
+11. "_Alle_" im Sinne von "Viele." Aristoteles muß in seinem Homertexte
+"alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten,
+gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter
+dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort
+"alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.
+
+11. "_Allein nicht teilnimmt_." Die astronomische Unrichtigkeit daß das
+Bärengestirn _allein_ unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht
+untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung
+findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der
+Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum
+Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe
+Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin
+Hörner gab (c. 25, 5), anführt.
+
+12."_Wir gewähren ihm_:" Dieses und das folgende Problem wie seine
+Lösung--das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen
+Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu
+nennen--haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen
+erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem
+der Akzent bei dem Wort _didomen_ auf die erste oder zweite (S. 88)
+Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias
+nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so
+die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben
+von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die
+spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker
+nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers,
+der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu
+ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert.
+Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.
+
+12. "_Das zum Teil_": Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird
+oder nicht, bedeutet _ou_ entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem
+Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle
+unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht
+vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber
+aufgeworfen zu haben.
+
+13. "_gemischt was lauter zuvor_." Der fast völlige Mangel jeglicher
+Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war
+zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle
+von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig
+sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem
+Falle kann man im Griechischen das _zuvor_ ebenso gut mit _gemischt_ als
+mit _lauter_ verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig
+überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem
+Zusammenhang entspricht.
+
+14. "_der größere Teil_". Man glaubte einen argen Widerspruch in der
+angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht
+verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter
+Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu
+lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen
+Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O.
+zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen
+erübrigen.
+
+15. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten
+Ungenauigkeiten beruhen auf einer _Metonymie_, wie der technische
+Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet
+wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar trinken, so wird in noch
+auffälligerer Weise Hebe geradezu _Weinschenkin_ (S. 89) _des Nektar_
+(Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel
+abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den
+biertrunkenen Germanen _vinolenti_ gebraucht wird.
+
+Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer
+Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus,
+daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom
+Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu
+werden.--Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man
+schon längst das Eisen bearbeitete.
+
+Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die
+bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich
+verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".
+
+16. "_hielt die eherne Lanze an_": Ein vielbehandeltes "Problem". Der
+berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze
+Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein
+Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf
+Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas
+zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die
+Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite
+sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker
+gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte
+Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere
+Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat
+so ziemlich beseitigt wurde.
+
+_Prolog_: c. 5, 2. Dieser Prolog der primitiven Komödie ist in der uns
+allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren
+mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es
+nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang
+voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren
+nennen ihn Thespis.--Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird
+der Prolog c. 12, 1 definiert. Wieder ganz anderer Art war der
+euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des
+Chors unmittelbar folgt.
+
+_Qualen_, übermäßige: c. 11, 5. Falls nur körperliche gemeint sind, so
+wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet zu nennen. Sonst
+kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des (S. 90) Orestes im Orestes und in
+der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in
+Betracht.
+
+_Satz_ (Wortgefüge): c. 20, 8.
+
+_Schauspieler_, Zahl der: c. 4, 9. 5, 2. Sie betrug nie mehr als drei.
+Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen
+und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen
+Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als
+Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits
+Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern
+Rollen auf den Leib geschrieben haben.
+
+_Silbe_: c. 20, 2.
+
+_Stasimon_: c. 12, 1.
+
+_Substantivum_: c. 20, 5.
+
+_Szenerie_, gemalte: c. 4, 9. Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos
+von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.
+
+_Tetrameter_: c. 4, 9. Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.
+
+_Tötung auf der Bühne_: c. 11, 5. Uns ist nur ein Beispiel, der
+Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen
+Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles
+zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185
+vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums
+töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben,
+Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt
+für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der
+Klytaimestra (Soph. Elektra).
+
+_Trimeter_: c. 1, 5. Stets der jambische Trimeter.
+
+_Trochaeus_: c. 12, 2. S. Anapaest.
+
+_Tragödie_: c. 1. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der
+"Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr
+Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in
+Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im
+Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.
+
+/#
+ --, unglücklicher Ausgang der: c. 13, 4. Einschließlich der noch
+ erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das
+ Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden
+ bei Euripides wie 46:16,[100] bei Sophokles wie 43:24, was (S. 91)
+ das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein
+ solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem
+ Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu
+ Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte
+ gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene
+ Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige
+ Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu
+ sein".
+#/
+
+_Verbum_: c. 20, 6.
+
+_Verwundungen_: c. 11, 5. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den
+Tötungen (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein
+sicheres Beispiel gibt ("Der verwundete Odysseus?" s.d.), so wären hier
+allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides
+und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen.
+Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt,
+zahlreichere Belege gekannt haben.
+
+_Vokal_: S. Selbstlaut.
+
+_Wasseruhr_ (Klepsydra): c. 7, 3. In athenischen wie auch in römischen
+Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer
+vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben
+Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe
+berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer
+szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder
+inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen
+hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der
+syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.
+
+
+ * * * * *
+
+
+FUßNOTE:
+
+
+[1] Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt mein
+Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239--265
+
+[2] Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht aufgezählten
+zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen.
+
+[3] Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium dictator
+perpetuus.
+
+[4] Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab.
+
+[5] Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie würde Dich
+die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Das
+nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser Gedanke
+ist--nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod non sit
+dictum prius.
+
+[6] Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz. 1900: "Wenn
+das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so läßt sich von
+einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer durchaus ihm
+eigentümlichen Theorie sprechen."
+
+"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre
+Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre
+systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten
+Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim.
+
+[7] c. 3, 3. 4. 8, 1. 13, 4. 5. 18, 2. 22, 4. 25, 16.
+
+[8] Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere Erklärung
+der Katharsis ausgefallen.
+
+[9] Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition.
+
+[10] Szenische Ausstattung.
+
+[11] Fabel, Charakter, Gedanken.
+
+[12] S. unter Wasseruhr.
+
+[13] Odyss 19, 394--466, aber es ist dies hier nur eine episodische
+Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck verfolgt.
+
+[14] S. Namenverzeichnis unter Kypria.
+
+[15] Soph. Oed. Tyr. 1002 ff.
+
+[16] Eur. Medea 1225 ff.
+
+[17] Soph. Antig. 1281 ff.
+
+[18] Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff.
+
+[19] Eur. Medea 1310 ff.
+
+[20] Homer Ilias 2, 155 ff.
+
+[21] Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9.
+
+[22] Homer, Od. 19, 386-475.
+
+[23] a.a.O. 21, 207--227.
+
+[24] a.a.O. 19.
+
+[25] Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747--785.
+
+[26] a.a.O. 795--821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis dafür?"
+
+[27] Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I
+ff.
+
+[28] Aisch. Choeph. 168 ff.
+
+[29] 1002 ff.
+
+[30] Eur. Iph. Taur. 566 ff.
+
+[31] Tauros (Krim).
+
+[32] Artemis.
+
+[33] Eur. Iphig. Taur. 20 ff.
+
+[34] Orestes.
+
+[35] Apollo.
+
+[36 33] a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff.
+
+[37] c. 16, 2.
+
+[38] a.a.O. 274 ff.
+
+[39] a.a.O. 1130 ff.
+
+[40] Odysseus.
+
+[41] Poseidon.
+
+[42] Telemachos.
+
+[43] Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der Rinderhirt,
+Eurykleia, die Amme des Odysseus.
+
+[44] Ilias 1, 1.
+
+[45] Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des Bindeworts
+wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen Übersetzung
+fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden Definitionen
+ist bisher nicht erzielt worden.
+
+[46] "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges,
+vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als
+Apposition gefaßt wird.
+
+[47] Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308.
+
+[48] Homer, Ilias 2, 272.
+
+[49] Empedokles, Fragm. 138. 143 D.
+
+[50] Timotheos Fragm. 22 Wilam.
+
+[51] Empedokles Fragm. 152 D.
+
+[52] Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos oder von
+Empedokles.
+
+[53] Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst nicht
+nachweisbar.
+
+[54] Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78.
+
+[55] Empedokles Fragm. 88 D.
+
+[56] Homer, Ilias, 5, 393.
+
+[57] Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint.
+
+[58] Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter wie den
+da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher.
+
+[59] ˘̅ bezeichnet die falsche Verlängerung.
+
+[60] Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert, doch ist
+der Sinn für die Sache belanglos.
+
+[61] Hom. Odyss. 9, 515.
+
+[62] Hom. Odyss. 20, 259.
+
+[63] Hom. Ilias 17, 265.
+
+[64] Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665, Andr. 63
+(dómōn, statt domátōn, apó).
+
+[65] Sehr oft und nicht nur bei Tragikern.
+
+[66] Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. _pros sethen,
+ego nin_.
+
+[67] Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr nachzuweisen.
+Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu stellen. _perí_
+eigentlich = über, um.
+
+[68] Homer, Ilias 2, 479--779.
+
+[69] S. unter Ilias, die Kleine.
+
+[70] Ilias 22, 198 ff.
+
+[71] Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte Achilles."
+
+[72] Odyssee 19, 164--260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit ähnelnde Lügen
+erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von 220--248, daß
+nun auch, die Erzählung in 164--200 wahr sei, was nicht der Fall war.
+
+[73] Soph. Oed. Tyr. 103 ff.
+
+[74] Soph. Elekt. 681 ff.
+
+[75] Telephos.
+
+[76] Homer, Odyssee 18, 119 ff.
+
+[77] Siehe Sachverzeichnis unter dem Worte.
+
+[78] Siehe c. 24, 7.
+
+[79] Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler.
+
+[80] Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit betrifft, so gab
+es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug auf die Götter."
+
+[81] Homer Ilias 10, 152 f.
+
+[82] Homer Ilias, 1, 50 "_Aber die Mäuler zuerst_ griff er an und die
+eilenden Hunde."
+
+[83] Ilias 10, 316. _Der_--_häßlich_, jedoch gar hurtigen Fußes.
+
+[84] Ilias 9, 202.
+
+[85] Ilias 10, 11--13 "_Siehe_--_Felde_" 12 staunte er ... 13 "_ob der
+Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_ der Menschen".
+
+[86] Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "_Es_ (das Bärengestirn), _das allein
+nicht teilnimmt_ am Bad in den Fluten des Meeres."
+
+[87] Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem steht der
+Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. Probleme.
+
+[88] Ilias, 23, 328.
+
+[89] Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240). 89:
+Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240).
+
+[90] Ilias 10, 252f. Von--Teil. Zwei der Teile, jedoch der dritte Teil
+blieb noch übrig.
+
+[91] Ilias 21, 592.
+
+[92] Ilias 20, 234.
+
+[93] Nach Ilias 6, 341.
+
+[94] Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist, S. unter
+"Probleme".
+
+[95] Odyssee 4, 1--619.
+
+[96] Eur. Medea 658.
+
+[97] Vgl. c. 15.
+
+[98] Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und zugleich ein
+häufiger Eigenname.
+
+[99] Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a. sind hier
+nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag.
+
+[100] Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos, sowie
+natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die
+zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt
+wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht.
+
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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