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+The Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Uber die Dichtkunst
+
+Author: Aristoteles
+
+Release Date: October 16, 2005 [EBook #16880]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe
+
+
+
+
+ÜBER DIE DICHTKUNST
+
+BEIM
+
+ARISTOTELES
+
+NEU ÜBERSETZT UND
+MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN
+NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN
+
+VON
+
+ALFRED GUDEMAN
+
+
+1921
+
+
+ * * * * *
+
+
+VORWORT
+
+
+Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek
+eine Neuauflage der vergriffenen _Ueberwegschen_ Übersetzung der
+aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der
+Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins
+und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen
+Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die
+mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die
+unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen
+Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken
+habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen.
+Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil
+derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen
+Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes
+Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke
+größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten
+auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.
+
+Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht
+festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine
+solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die
+_Ueberwegsche_ Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene
+beruhte nämlich noch auf dem _Bekkerschen_ Texte, der im wesentlichen
+nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus
+konservativ, selbst von dem _Vahlen_'s (1886) an fast 300 Stellen
+abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend
+ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1]
+Sodann hatte sich _Ueberweg_, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und
+Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen
+und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen,
+lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark
+elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig
+und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer
+Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis
+attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an
+einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein
+Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu
+erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei
+Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der
+weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß
+ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung _Ueberwegs_ nicht
+aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen
+und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen.
+Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio
+gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne
+Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der
+textkritische Anhang _Ueberwegs_ in Wegfall kommen mußte, versteht sich
+von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden
+Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser
+selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen".
+Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,
+in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege
+ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek"
+vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich
+jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte
+Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun
+erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich
+das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich
+schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen
+Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden
+Raum nicht zu überschreiten.
+
+Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt
+auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren
+Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die
+obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen
+dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.
+
+Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine
+wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.
+
+München, Juli 1920.
+
+Alfred Gudeman.
+
+
+ * * * * *
+
+
+INHALTSVERZEICHNIS (s. VI)
+
+
+ * * * * *
+
+/*
+I. Allgemeiner Teil: c. 1--5.
+
+
+ 1. Kurze Inhaltsangabe: c. 1, 1.
+
+ 2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: c. 1, 2.
+
+ 3. Dreifacher Unterschied: c. 1, 3--3, 2.
+
+ a) Nach den Mitteln: c. 1, 4--6.
+
+ (1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): c. 1, 4.
+
+ (2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): c. 1, 4.
+
+ (3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische
+ Dialoge): c. 1, 5.
+
+ (4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): c. 1, 6.
+
+ b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): c. 2, 1--3.
+
+ c) Nach der Art und Weise: c. 3, 1--2.
+
+ (1) Erzählend (Epos): c. 3, 1.
+
+ (2) Handelnd (Drama): c. 3, 1.
+
+ (3) Schlußfolgerung: c. 3, 2.
+
+ 4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas,
+ insbesondere der Komödie: c. 3, 3--4.
+
+ 5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.
+
+ a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: c. 4, 1--2.
+
+ b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: c. 4, 3.
+
+ 6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter.
+ Die literargeschichtliche Entwicklung: c. 4, 4--5, 2.
+
+ 7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend:
+ c. 5, 3--4.
+
+
+ * * * * *
+
+
+II. Besonderer Teil: c. 6--26.
+
+
+ A. _Die Tragödie_: c. 6--22.
+
+ 1. Die Definition der Tragödie: c. 6, 1--2.
+
+ 2. Die sechs qualitativen Teile: c. 6, 3--5.
+
+ 3. Deren Rangordnung: c. 6, 6--15.
+
+ a) Die Fabel: c. 6, 6--10.
+
+ b) Die Charaktere: c. 6, 11.
+
+ c) Die Gedanken: c. 6, 12-13.
+
+ d) Der sprachliche Ausdruck: c. 6, 14.
+
+ e) Die musikalische Komposition: c. 6, 15.
+
+ f) Die szenische Ausstattung: c. 6, 15.
+
+ 4. Die Fabel: c. 7--14. 16--18. (s. VII)
+
+ a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein:
+ c. 7, 1--3.
+
+ b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich:
+ c. 8, 1--4.
+
+ c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers:
+ c. 9, 1--7.
+
+ d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: c. 9, 8.
+
+ e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: c. 9, 9.
+
+ f) Einfache und verflochtene Fabeln: c. 10, 1--2.
+
+ g) Die drei Teile der Fabel: c. 11.
+
+ (1) Peripetie: c. 11, 1.
+ (2) Erkennung: c. 11, 2--4.
+ (3) Die leidvolle Tat (Pathos): c. 11, 5.
+
+ h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: c. 12, 1--2.
+
+ (1) Prolog.
+ (2) Epeisodion.
+ (3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos).
+ (4) Exodos.
+
+ i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu
+ erregen: c. 13--14.
+
+ (1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen
+ dem Makellosen und dem Bösewicht: c. 13, 1--3.
+ (2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: c. 13, 4--6.
+ (3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen
+ und deren Rangordnung: c. 14,1--9.
+
+ (a) A kennt B und tötet ihn.
+ (b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne
+ Erkennung nach der Tat.
+ (c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn
+ zu töten.
+ (d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem
+ Versuch ihn zu töten verhindert.
+
+ 5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: c. 15, 1--10.
+
+ a) Sittlich-gut: c. 15, 1.
+ b) Angemessen: c. 15, 2.
+ c) Historisch ähnlich: c. 15, 3.
+ d) Konsequent: c. 15, 4.
+ e) Gegensätze: 15, 5--10.
+
+ 6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert: (s. VIII)
+ c. 16, 1--5.
+
+ a) Zeichen: c. 16, 1.
+ (1) Angeborene.
+ (2) Erworbene.
+ (a) Körperliche.
+ (b) Andere äußerliche.
+
+ b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: c. 16, 2.
+
+ c) Vermittelst der Erinnerung: c. 16, 3.
+
+ d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: c. 16, 4.
+
+ 7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: c. 17--18.
+
+ a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen
+ c. 17, 1.
+
+ b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst
+ darstellend erproben: c. 17, 2.
+
+ c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen
+ und dann Namen und Episoden einfügen: c. 17, 3.
+
+ d) Die Episoden müssen begrenzt sein: c. 17, 4.
+
+ e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: c. 18, 1--3
+
+ f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: c. 18,4--5.
+
+ g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen
+ und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische
+ Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: c. 18, 6.
+
+ 8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: c 19, 1.
+
+ 9. Der sprachliche Ausdruck: c. 19, 2--c. 22.
+
+ a) Die Modalitäten der Rede: c. 19, 2.
+ Befehl (Imperativ)--Wunsch (Optativ)--Erzählung (Indikativ)--Drohung,
+ Frage und Antwort.
+
+ b) Die Bestandteile der Rede: c. 20, 1--8.
+
+ (1) Buchstabe: c. 20, 1.
+ (2) Silbe: c. 20, 2.
+ (3) Bindewort: c. 20, 3.
+ (4) Artikel: c. 20, 4.
+ (5) Substantiv: c. 20, 5.
+ (6) Verbum: c. 20, 6.
+ (7) Flexion: c. 20, 7.
+ (8) Satz: c. 20, 8.
+
+ c) Ausdrucksarten: c. 21v»
+
+ (1) Komposita: c. 21, I.
+ (2) Wortklassen: c. 21, 2.
+
+ (a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: c 21, 3. (s. IX)
+ (b) Glosse: c 21, 3.
+ (c) Metapher: c. 21, 4.
+
+ aa. Von der Gattung auf die Art.
+ bb. Von der Art auf die Gattung,
+ cc. Von der Art auf die Art.
+ dd. Auf Grund einer Proportion.
+
+ (d) Schmückendes Beiwort: c. 21, 5.
+ (e) Neugebildetes Wort: c. 21, 6.
+ (f) Verlängertes und verkürztes Wort: c. 21, 7.
+ (g) Umgewandeltes Wort: c. 21, 8.
+
+ (3) Das grammatische Geschlecht: c. 21, 9.
+
+ d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: c. 22, 1--8.
+
+ B. _Das Epos_: c. 23--c. 24.
+
+ 1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: c. 23-24, 4.
+
+ 2. Einheitliches Versmaß: c. 24, 5.
+
+ 3. Weitere homerische Vorzüge: c. 24, 6.
+
+ 4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie
+ in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: c. 24, 7.
+
+ 5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische
+ Illusion): c 24, 8.
+
+ 6. Das Vernunftwidrige im Epos: c. 24, 9.
+
+ 7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: c. 24, 10.
+
+ C.[2] Die _fünf Probleme_ (kritischen Einwendungen) in einem
+ Dichtwerk und deren _zwölf Lösungen_ (Widerlegungen,
+ Rechtfertigungen): c. 25, 1--22.
+
+ (I.) Das _Unmögliche_:
+ 1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst.
+ 2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges.
+ (II.) Das _Vernunftwidrige_ oder Unwahrscheinliche.
+ 3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung).
+ 4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben.
+ 5. Es ist historisch beglaubigt.
+ (III.) Das _moralisch Schädliche_.
+ 6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein
+ relativer.
+ (IV.) Das _Widerspruchsvolle_.
+ 7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.
+
+ (V.) _Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit_. (s. X)
+ 8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher.
+ 9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus).
+ 10. Der Interpunktion.
+ 11. Der Amphibolie (Doppelsinn).
+ 12. Des Sprachgebrauchs.
+
+ D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: c. 26, 1--9
+*/
+
+
+ * * * * *
+
+
+EINLEITUNG
+
+
+ * * * * *
+
+1. Die Bedeutung der Poetik.
+
+Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich (s. XI) auch nur
+entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik
+Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr,
+wie einst _Lessing_, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die
+Elemente des _Euklid_. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben
+müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart--das Epos kommt nicht in
+Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist--_Aristoteles_ als
+literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.
+
+Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand
+der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur
+oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs
+und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen
+will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker
+oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen
+seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der
+Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen
+Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik
+des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.
+
+ * * * * *
+
+2. Die Poetik im Altertum.
+
+Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß
+sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster
+Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der
+aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht
+auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des
+_Aristoteles_, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß
+jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren
+Quellen entlehnt sind.
+
+Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes
+dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von _Andronikos_
+v. Rhodos, einem Zeitgenossen _Ciceros_, zusammen mit anderen Werken des
+_Aristoteles_ in Rom herausgegeben worden zu sein. _Horaz_, bzw. sein
+viel älterer Gewährsmann, _Neoptolemos_ v. Parion (c. 260 v. Chr.),
+zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung
+der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken
+erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser
+_Philodemos_ v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann
+brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt
+nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen
+Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die
+Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose
+Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen
+Epen, wie die des Oppian, _Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos,
+Triphiodor_, ja selbst des _Nonnos_, stammen aus sehr später Zeit und
+kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn
+auch von den Lehren des _Aristoteles_ keinen Hauch verspüren lassen. Es
+darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des
+Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder
+finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte
+Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben,
+daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz
+verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste
+aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die
+Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen
+Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der
+Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem
+unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen
+oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war,
+erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere
+Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie
+als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich
+stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften
+vereint überliefert wurde.
+
+ * * * * *
+
+3. Textgeschichte.
+
+Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne
+Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen
+Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger
+Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden
+gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch
+wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits
+die Vorlage für die arabische Übersetzung des _Abu Bishar Matta_
+(990--1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser
+Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die
+jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten
+arabischen Gelehrten _Averröes_ (1126 bis 1198), denn die
+orientalischen Übersetzer standen (S. XIV) dem Inhalt der Poetik mit der
+denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue
+Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene
+alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die
+älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß
+die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater
+aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht
+entspricht.
+
+ * * * * *
+
+4. Die Poetik in der Neuzeit.
+
+Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die
+Hegemonie des _Philosophen Aristoteles_, der die Gedankenwelt des
+Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik
+aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun
+alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das
+verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien
+zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des _Georgius Valla_
+(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer
+Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. _Robortelli_ (Florenz l548),
+dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche
+Kommentare folgten: _Madius_ (Venedig 1550), _P. Victorius_ (Florenz
+1560) und _Castelvetro_ (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh.
+waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen--die
+Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa
+herausgegeben,--doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch
+in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten
+Leistungen zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten (S.
+XV) zweier Engländer, _Twining_ (1789) und _Tyrwhitt_ (1794) ein,
+während _Lessing_ etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8)
+das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste
+deutsche Übersetzung von _Curtius_ (1755) war nämlich als solche sehr
+kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz
+von _Dacier_ (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben
+Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl
+_Goethe_ wie _Schiller_ die aristotelische Schrift aus ihr kennen
+lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung
+begann dann erst wieder mit _Vahlen_, der zuerst konsequent die Recensio
+auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A^c), aufbaute und in
+seinen "Beiträgen zu _Aristoteles_ Poetik" ("Wien 1865/6), einer der
+hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das
+Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war
+sodann die glänzende Abhandlung von _J. Bernays_ (1857) über die
+Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde,
+die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
+
+Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des
+16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der
+Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des _Castelvetro_ besonders
+verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei
+Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen
+_Aristoteles_ einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf
+einem Mißverständnis des _Castelvetro_. Sogenannte "Poetiken" sprangen
+vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu
+den wirklichen, leider zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des
+_Aristoteles_ (S. XVI) Stellung und gar bald versuchten epische und
+dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren
+praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von
+Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die
+einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere
+Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: _Minturno_, De poeta
+(1559), _J.C. Scaliger_, Poetices libri VII (1561),[3] _Sir Philip
+Sidney_, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), _Patrizzi_, Della
+Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des _Aristoteles_ und seiner
+Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des _Aristoteles_ standen
+und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken
+sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: _Trissino_, dessen
+"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555),
+_Fracastoro_, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), _T. Tasso_,
+Discorsi dell' Arte Poetica (1586), _Jean de la Taille_, Préface zu Saul
+(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie
+_Jodelle_, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre
+(1552), _Vauquelin de la Fresnaye_, Art poetique (begonnen 1574,
+gedruckt 1605), _Ronsard_ und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie
+alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den
+aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es
+scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer
+italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der
+heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen
+Interesses trat. _Mairet_, der die erste "regelrechte" Tragödie,
+"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die (S. XVII) Poetik aus erster
+Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und
+dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse
+(1636--1640), wie _Chapelain_ und _Hedelin d'Aubignac_. _Corneille_
+selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus
+erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren
+Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf _Aristoteles_ Bezug nimmt. In
+seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch
+nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben
+entsprechen.
+
+Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen
+vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch
+diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten."
+Daß _Shakespeare_ diese kannte, geht aus der Ansprache an die
+Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der
+Zeit im Wintermärchen (IV(1)) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber
+noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen
+(ein _Marlow, Jonson, Greene, Beaumont_ und _Fletcher_), so möchte ich
+doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache
+hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die
+beiden letzten[4] Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und
+der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher
+verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im
+"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt.
+Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker die
+Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," (S. XVIII) soweit die
+Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh.
+haben dann _Milton_, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson
+Agonistes" (1671), und insbesondere _Dryden_, namentlich in seinem
+"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein
+besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem
+Einfluß von _Corneille Rapin, de Bossu_ und _Boileau_.
+
+Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie
+erwähnt, mit _Lessing_. _Goethe_ und durch ihn veranlaßt auch Schiller
+(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem
+Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden
+Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die
+Empfindung, daß in diesem Briefwechsel _Schiller_ durchaus der Gebende
+ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist _Goethe_ in seiner
+ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand
+zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung
+verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der
+Tragödiendefinition gibt.
+
+Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten
+Abhandlung von _Bernays_ abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich
+allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so _E. Müller,
+Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet,
+Nietzsche, Baumgart_ und _Carrière_, um nur diese zu nennen. In den
+Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des
+Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher
+zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs
+einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als sie schon in
+den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen (S. XIX) Lehrsätzen des
+_Aristoteles_ uns vorliegen.
+
+ * * * * *
+
+5. Die Quellen der Poetik.
+
+Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne
+gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der
+Vergangenheit[5] und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt
+abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt
+nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden
+Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem
+Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im
+Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten
+Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität
+als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn
+zweifellos auch die Poetik des _Aristoteles_ nicht wie Athene in voller
+Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar
+nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor
+allem in den Schriften der _Sophisten_, schon vorgefunden und so weit
+zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt.
+Gegen das Verdammungsurteil, das _Platon_ gegen das Epos und Drama
+geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen
+stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich
+und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals
+nennt.
+
+Daß einzelne Gedankengänge _Platons_ über die Dichtkunst (S. XX) auf
+_Aristoteles_ eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben
+und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast
+selbstverständlich und allgemein anerkannt.
+
+Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,[6]
+das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht
+worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und
+sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß
+gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der
+schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung
+eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht
+unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige
+Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die
+angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch
+selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten,
+durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu
+verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des _Aristoteles_ zu
+_Platon_ überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf
+eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken!
+Sodann ist zu bemerken, daß _Platon_ sich zwar mehr oder minder
+ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Ursprung der Dichtung
+ausgesprochen hat, daß aber von (S. XXI) einer Technik der
+Dichtkunst--und das ist doch wohl unsere Poetik--sich schlechterdings
+nichts findet, was dem _Aristoteles_ als Grundlage oder Quelle der
+Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der
+nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre
+Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des _Aristoteles_ sehr erheblich
+ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen,
+wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den
+Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung
+zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische
+Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der
+Betrachtung, daß _Platon_ sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu
+anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei
+es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen
+Gewaltmitteln die Abhängigkeit des _Aristoteles_ von _Platon_ glaubhaft
+gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel
+angeführt. Mit der dem _Aristoteles_ eigenen analytischen Schärfe werden
+die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste
+festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und
+Weise (c. 1), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer
+kunstgerechten Tragödie bewährt (c. 6). Diese tief durchdachte
+Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut
+dem _Platon_ entnommen sein. In der Rep. III 392^c schließt
+nämlich _Sokrates_ eine längere Erörterung darüber, daß in seinem
+Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit
+folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt,
+völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was ausgesprochen werden
+soll und wie." Inhaltlich haben, wie (S. XXII) man sieht, diese Worte,
+wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch
+nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch
+fatalerweise das dritte Glied--die Mittel! Aber durch solche
+Kleinigkeiten läßt sich _Finsler_ seine Kreise nicht stören.
+_Aristoteles_ wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten
+Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte
+ausdrücken lassen, dem _Platon_ entlehnt zu haben. So z.B. daß die
+Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser
+Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn
+_Aristoteles_ sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes
+"Drama", von der bei _Platon_ nirgends die Rede ist, "einige" auf eben
+jene Tatsache sich berufen hätten.
+
+Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des
+_Aristoteles_ von _Platon_ hält demnach vor einer unbefangenen und
+vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen
+Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede
+gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in
+Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt,
+einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.
+
+Während uns _Platons_ Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind
+die sonstigen Vorgänger des _Aristoteles_ gänzlich verschollen und
+selbst Schriften wie die eines _Demokrites_ "Über die Dichtung" und
+"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten _Hippias_ "Über Musik"
+und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen
+allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß aber
+eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt (S. XXIII)
+hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem _Aristoteles_ zur
+Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des _Aristophanes_ (405),
+die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des
+Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen
+Voraussetzung haben.
+
+Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle
+Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an
+nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich _Aristoteles_
+ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung
+(_Protagoras_, _Hippias_ von Thasos, _Eukleides_, _Glaukon_ und
+_Ariphrades_). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten
+in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei _Glaukon_ dagegen
+um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche
+Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos
+sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird.
+Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man
+seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich
+damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten,
+die _Aristoteles_ nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es
+seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken
+Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist
+unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.),
+wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die
+Umgebung, in der die betreffenden Stellen[7] stehen, genauer ansehen,
+ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile
+handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen Untersuchungen über
+alle in unmittelbarem Zusammenhang (S. XXIV) stehenden Fragen abgegeben
+sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind
+wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über
+die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (c. 3) mit großer
+Wahrscheinlichkeit die Chronica des _Dieuchidas_ von Megara, eines
+älteren Zeitgenossen des _Aristoteles_, vermuten können.
+
+Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler
+voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des
+Dramas (c. 4). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt
+betreffend (c. 21, 3), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem
+_Aristoteles_ wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als
+Verfasser kyprischer Glossen zitierte _Glaukon_ aus bisher unbestimmter
+Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz
+aus _Herodot_ (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird
+auch wohl die Quelle für c. 25, 10 gewesen sein. Und so mag
+_Aristoteles_ noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der
+Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder
+vermuten können.
+
+Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so
+viel positives Wissen _Aristoteles_ von früheren Forschern übernommen
+haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft
+allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der
+Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und
+Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als
+ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis
+eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen
+dürfen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+ARISTOTELES
+
+ÜBER DIE DICHTKUNST
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL I
+
+
+1. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (S. 1) (1447a) sich,
+wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen
+Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein
+soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und
+desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag.
+Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.
+
+2. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die
+dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik,
+sie alle sind in ihrer Gesamtheit _nachahmende Darstellungen_ (Mimesis).
+
+3. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in
+bezug auf die verschiedenen _Mittel_, die verschiedenen _Gegenstände_
+und die verschiedene _Art_ der Darstellung und zwar nicht in gleicher
+Weise.
+
+[Sidenote: c. 1, 4--6. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+4. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf
+Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung
+erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles
+nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt
+die Nachahmung vermittelst des _Rhythmus_, der _Rede_ und der _Harmonie_
+bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt _Harmonie
+und Rhythmus allein_ wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik
+an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, wie z.B.
+die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein (S. 2) mit _Rhythmus ohne
+Harmonie_, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer
+Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen
+nach.
+
+5. _Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient_, sei es der
+ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder
+mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur _eine_ Versgattung
+(1447b) anwendet, _hat bis jetzt keinen Namen_. Denn wir wüßten keine
+gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines _Sophron_ und
+_Xenarchos_ und die _Sokratischen Gespräche_ einerseits, noch
+andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern
+oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen
+dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende
+Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen
+Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund
+der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des
+gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen,
+der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen
+darstellt und doch haben _Homer_ und _Empedokles_ nichts miteinander
+gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter
+nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte.
+In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner
+nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies
+_Chairemon_ in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die
+verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das
+Urteil über diese Dinge lauten.
+
+[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+6. Nun gibt es _einige Künste, die sich aller genannten
+Darstellungsmittel bedienen_, (S. 3) ich meine nämlich des Rhythmus, der
+gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die _Dithyramben_-_und
+Nomendichtung_, die _Tragödie_ sowohl wie die _Komödie_. Sie
+unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese
+Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies
+sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL II
+
+
+1. Da nun die Nachahmenden _Handelnde nachahmen_ (1448a) so folgt daraus
+mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn
+allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen
+Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch
+Laster und Tugend unterscheiden
+
+2. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser
+als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen
+ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn _Polygnot_ pflegte
+bessere, _Pauson_ schlechtere und _Dionysios_ der Wirklichkeit
+entsprechende Menschen nachzubilden.
+
+[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.]
+
+3. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden
+Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine
+verschiedene sein wird, als sie verschiedene _Objekte_ nachahmt. Denn
+auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese
+Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein
+metrischen Darstellung So hat z.B. _Homer_ bessere Charaktere,
+_Klēophon_ uns ähnliche, _Hegēmon_ der Thasier aber, (S. 4) der erste
+Parodiendichter und _Nikochares_, der Verfasser der "Deliade",
+schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben
+und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich
+nachahmend darstellen, wie _Argas_ ... oder wie _Timotheos_ und
+_Philoxenos_ den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch
+ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will
+schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als
+sie heutzutage sind.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL III
+
+1. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich
+nun als _dritter_, _die Art und Weise_, in der man die einzelnen
+Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben
+Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber
+einerseits _erzählen_--und zwar entweder, wie _Homer_ dies tut, in der
+Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu
+ändern--andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen
+als _handelnd_ und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die
+Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu
+Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den
+Gegenständen und der Art und Weise.
+
+2. Darnach wäre also nach der einen Seite _Sophokles_ derselbe
+nachahmende Darsteller wie _Homer_, denn beide ahmen edle Personen nach,
+in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie
+_Aristophanes_ da beide handelnde und dramatisch tätige Personen
+nachahmen.
+
+[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
+
+3. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke (S. 5) "Dramen" genannt
+werden, weil sie handelnde Personen (_drōntas_) nachahmen.
+
+4. Deshalb machen auch die _Dorier_ Anspruch auf die Tragödie und
+Komödie. Die Komödie wollen die _Megarer_ erfunden haben, sowohl die
+hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie
+aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme _Epicharmos_,
+der bei weitem älter gewesen sei als _Chionides_ und _Magnes_. Auch
+führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie,
+würden umherliegende Ortschaften "_kōmai_" (Dörfer), bei den Athenern
+aber "_dēmoi_" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa
+von "_kōmázein_" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren
+Wanderung durch die _kōmai_, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner
+Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln"
+"_drān_" gebrauchen, die Athener aber "_práttein_"]. Auf die Erfindung
+der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch <....> Über die
+Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge
+also dies gesagt sein.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL IV
+
+
+[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.]
+
+1. Im allgemeinen scheinen es etwa _zwei und zwar in der menschlichen
+Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst
+hervorgebracht haben_. Denn das _Nachahmen_ ist dem Menschen von
+Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen
+anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung
+beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse vermittelst
+der Nachahmung sich erwirbt. Auch (S. 6) die Freude aller an
+nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis
+dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von
+denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir
+besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie
+z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen
+Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein
+Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf
+kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.
+
+2. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem
+Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild
+vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den
+betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die
+nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt,
+sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen
+des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.
+
+3. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt
+von dem _Gefühl für Harmonie und Rhythmus_--denn daß das Metrum nur ein
+Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein--so haben die Menschen, da sie von
+Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders
+vervollkommneten, aus _Stegreifversuchen_ die Dichtkunst ins Leben
+gerufen.
+
+[Sidenote: c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.]
+
+4. _Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern
+eigentümlichen Sinnesart_, denn die edler veranlagten ahmten sittlich
+gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger
+Gesinnung aber die Handlungen schlechter Menschen, indem sie zuerst
+Spottlieder dichteten, wie (S. 7) die anderen Hymnen und Loblieder. Von
+den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges
+Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele
+Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit _Homer_ aber, haben wir
+gleich seinen _Margites_ und ähnliches.
+
+5. In diesen Gedichten stellte sich auch das _passende Versmaß_ ein,
+deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem
+Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten
+Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen
+Ependichter.
+
+6. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute _Homer_ ein wirklicher
+Dichter war--hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet,
+sondern auch dramatische Handlungen dargestellt--, so hat er auch als
+Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein
+Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der
+_Margites_ dem Drama ganz analog, denn wie sich die _Ilias_ und (1449a)
+_Odyssee_ zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.
+
+7. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da
+verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen
+Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell
+entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von
+Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt
+waren als jene (älteren).
+
+8. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist
+oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die
+öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie
+selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich _von Stegreifversuchen_ (S.
+8) _ausgegangen_ und zwar jene von dem Chor, der den _Dithyrambus_
+anstimmte, diese von den _phallischen Liedern_, die sich ja bis auf den
+heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.
+
+9. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans
+Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele
+Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen
+entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat
+_Aischylos_ von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des
+Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle
+zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat
+_Sophokles_ eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus
+Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe <....> _Der sprachliche
+Ausdruck_, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem
+Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und
+der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen)
+Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung
+satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber
+der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für
+diesen _passende Metrum_, denn von allen Versmaßen eignet sich das
+jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir
+sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen
+(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn
+wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die
+Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes
+ausgerüstet worden sein soll, lasse man als gesagt gelten, denn es wäre
+doch wohl (S. 9) recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend
+besprechen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL V
+
+
+[Sidenote: c. 5, 3. Geschichtliche Entwicklung.]
+
+1. Die Komödie ist, wie wir sagten, die nachahmende Darstellung von
+niedrigeren Charakteren, jedoch keineswegs im vollen Umfang des
+Schlechten, sondern des Unschönen, von dem das Lächerliche ein Teil ist.
+Denn das _Lächerliche_ ist sowohl eine Art Vergehen als auch eine
+Entstellung, die keinen Schmerz verursacht und schadlos ist, wie denn
+gleich die komische Maske etwas Häßliches und Verzerrtes ist, aber
+nichts Schmerzhaftes an sich hat.
+
+2. Die _Veränderungen der Tragödie und deren Urheber_ sind nicht
+verborgen geblieben, die der _Komödie_ aber, da sie ursprünglich nicht
+ernsthaft betrieben wurde, gerieten in Vergessenheit, denn
+(verhältnismäßig erst spät bewilligte der Archon den Komödiendichtern
+einen Chor, der (früher) nur aus (1449b) Freiwilligen bestand. Erst als
+die Komödie ihrerseits gewisse Kunstformen hatte, werden ihre uns
+überlieferten Dichter genannt. Wer aber die Masken oder den Prolog
+eingeführt oder die Zahl der Schauspieler vermehrt hat und was
+dergleichen mehr ist, ist unbekannt. Die Kunst zusammenhängende
+Handlungen zu dichten stammt aus Sizilien..., von den Dichtern Athens
+aber begann _Krates_ als erster, indem er die Form des persönlichen
+Spottes aufgab, allgemeine Stoffe, d.h. Handlungen zu dramatisieren.
+
+[Sidenote: c. 5, 3. Besonderer Teil. Definition der Tragödie.]
+
+3. Das Epos hält mit der Tragödie nur bis auf die in metrischer Rede (?)
+nachahmende Darstellung ernsthafter Stoffe gleichen Schritt,
+unterscheidet sich aber von ihr darin, daß es ein und dasselbe Versmaß
+und die Form der Erzählung anwendet. Ferner in bezug (S. 10) auf den
+Umfang der Handlung. Während nämlich die _Tragödie sich besonders bemüht
+innerhalb eines Sonnenumlaufs zu bleiben_ oder doch nur um ein weniges
+darüber hinauszugehen, ist die epische Handlung in der Zeit unbegrenzt.
+Also auch darin besteht zwischen ihnen ein Unterschied. Indessen machte
+man es ursprünglich darin mit den Tragödien ebenso wie mit den epischen
+Dichtungen.
+
+4. Was nun ihre _Teile_ anbelangt, so sind diese entweder die nämlichen
+oder sie sind nur der Tragödie eigentümlich. Wer also über eine
+Tragödie, ob sie gut oder schlecht ist, ein Urteil hat, hat es auch über
+das Epos. Denn was die epische Dichtung enthält, besitzt auch die
+Tragödie, was aber diese hat, besitzt nicht alles die epische Dichtung.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VI
+
+
+1. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie
+werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden,
+indem wir die _Definition_ ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen.
+
+2. Die _Tragödie_ ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich
+ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll
+gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen
+verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt,
+durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (_Katharsis_)
+von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter
+Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang
+enthält, und unter dem "gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß
+einiges (S. 11) rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt
+wird....[8]
+
+3. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung
+vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck,
+der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil
+der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche
+Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung
+erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße
+Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem
+Wesen nach allen offenkundig ist.
+
+4. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer _Handlung_ zu
+tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in
+Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten
+Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den
+Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich
+naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die
+Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen.
+
+5. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die _Fabel_.
+Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten,
+unter _Charakter_ aber, wonach wir den handelnden Personen eine
+bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter _Gedanken_ endlich das, womit
+die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck
+verleihen.
+
+[Sidenote: c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.]
+
+[Sidenote: c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.]
+
+6. Somit gibt es also _sechs Bestandteile_ einer jeden Tragödie, nach
+welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit hat. Es sind diese: die
+_Fabel, die_ (S. 12) _Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die
+Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition_.
+Zwei[9] von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine[10] zu der Art
+und Weise und drei[11] zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung.
+Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel
+Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso
+wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und
+Gedankeninhalt.
+
+7. _Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der
+Begebenheiten_, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht
+der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück
+beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine
+Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen,
+unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln
+die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen,
+sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung
+mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das
+Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die
+Hauptsache.
+
+8. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere
+aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten
+Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt
+dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern _Zeuxis_
+zu _Polygnot_. Dieser ist ein vortrefflicher Charaktermaler, die
+Malerei des (S. 13) _Zeuxis_ hingegen entbehrt der Charakterisierung.
+
+[Sidenote: c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.]
+
+9. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im
+sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so
+würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene
+Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von
+jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine
+Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist.
+
+10. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie
+ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen)
+und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind.
+
+11. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger
+in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der
+Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als
+die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast
+alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der
+Tragödie ist also die Fabel.
+
+12. An zweiter Stelle kommen die _Charaktere_. Eine Parallele bietet uns
+auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den
+herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er
+nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine
+(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit
+der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst
+dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen.
+
+[Sidenote: c. 6, 13. Die Fabel.]
+
+13. Die _dritte Stelle_ nehmen die _Gedanken_ ein. Ich verstehe darunter
+das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen,
+genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer
+Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter (S. 14)
+ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten
+reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf.
+
+14. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der
+Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine
+Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet,
+was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man
+beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz
+ausspricht.
+
+15. Der _vierte_ der (literarischen) Bestandteile ist der _sprachliche
+Ausdruck_. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die
+Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie
+ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft.
+
+16. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die
+musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die
+szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der
+Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung
+der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne
+Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen
+Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VII
+
+1. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, _wie etwa
+die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß_, da dies in der
+Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als auch das wichtigste ist.
+Es stand uns also fest, daß (S. 15) die Tragödie die nachahmende
+Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die
+eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine
+(eigentliche) Größe hat. Ein _Ganzes_ ist nämlich das, was _Anfang wie
+Mitte und Ende hat_. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise
+auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen
+ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es
+notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte
+endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein
+anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von
+irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich
+nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten.
+
+[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.]
+
+2. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein
+Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser
+Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht
+dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das _Schöne beruht auf Ordnung
+und Größe_. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön
+sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines
+unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen,
+noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal
+(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den
+Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das
+Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen
+Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden,
+diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein
+bestimmter Umfang erforderlich, der seinerseits leicht im Gedächtnis
+behalten (S. 16) werden kann.
+
+[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.]
+
+3. Was nun aber diesen _Umfang_ selbst anbelangt, so ist dessen
+Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das
+Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn
+wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so
+würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei
+anderer Gelegenheit[12] uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der
+Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die
+ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick
+auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere
+Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs,
+wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse
+nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück
+in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL VIII
+
+1. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen,
+wenn sie sich um eine _einzelne Person_ dreht, denn unendlich viele
+Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine
+_Einheit_ darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer
+einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich
+entwickelt.
+
+2. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine
+_Herakleis_ und eine _Theseis_ und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn
+sie glauben, weil _Herakles_ eine einzelne Person sei, komme auch (S.
+17) der Fabel ein einheitlicher Charakter zu.
+
+[Sidenote: c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.]
+
+3. _Homer_ dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint
+auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge
+erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner
+_Odyssee_ hat er nicht alles, was _Odysseus_ selbst widerfuhr,
+behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß[13] und den
+vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,[14] da von diesen Begebnissen
+keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die _Odyssee_ um
+eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut
+und desgleichen auch die _Ilias_.
+
+4. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die
+einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so
+auch die _Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung
+einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein_. Und es müssen
+die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer
+dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und
+auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen
+springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein
+kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL IX (S. 18)
+
+
+[Sidenote: c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.]
+
+1. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist
+_das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich
+hätte zutragen können_ und was nach Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit möglich ist.
+
+2. _Der Geschichtsschreiber_ und der _Dichter_ (1451b) unterscheiden
+sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man
+könnte das Werk des _Herodot_ in Verse setzen und es würde nach wie vor
+eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der
+Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt,
+dieser, was sich hätte zutragen können.
+
+3. Deshalb ist auch die _Poesie philosophischer und höher einzuschätzen
+als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine,
+die Geschichtsschreibung das Einzelne dar_. Das Allgemeine besteht
+darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der
+Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und
+darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das
+Einzelne ist aber, was ein _Alkibiades_ getan oder erlitten hat.
+
+4. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die
+Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger
+Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend
+beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit
+einer historischen Persönlichkeit befaßt.
+
+5. In der _Tragödie_ dagegen _hält man sich an die überlieferten Namen_.
+Der Grund dafür ist, daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber
+(S. 19) noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir
+nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits
+zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es
+unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht
+anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen,
+während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt
+kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem
+Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch
+gewährt es eine nicht geringere Freude.
+
+6. Deshalb soll man auch _nicht um jeden Preis darnach trachten sich an
+die überlieferten Sagenstoffe_, die den Tragödien zugrundeliegen, _zu
+binden_, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das
+Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle.
+
+7. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein _Dichter von
+Sagenstoffen als von Versmaßen_ sein muß, insofern er ein Dichter auf
+Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und
+sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen
+hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts
+hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der
+Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf
+diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten.
+
+[Sidenote: c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.]
+
+8. Von _mangelhaften_ Fabeln, d.h. Handlungen sind die _episodischen_
+die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine
+solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden von minderwertigen
+Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens (S. 20) verfaßt, von guten
+dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen
+aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie
+oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in
+Unordnung zu bringen. (1452a)
+
+9. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun
+haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und
+mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann
+entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange
+ergeben, <so ist das _Wunderbare_ ein wirkungsvolles Element der
+Tragödie>. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben,
+als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei
+rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des
+Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der
+Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des _Mitys_ in Argos
+den, der an dem Tode des _Mitys_ schuld war, erschlug, indem sie, gerade
+als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich
+nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe
+notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren).
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL X
+
+1. Von Fabeln sind die einen _einfach_, die anderen _verflochten_, denn
+derart sind auch ihrer Natur nach die Handlungen, deren nachahmende
+Darstellungen ja die Fabeln sind. Unter einer einfachen Fabel verstehe
+ich eine solche, in deren ununterbrochenem und einheitlichem Verlauf
+unserer Bestimmung (S. 21) gemäß der Umschwung ohne Peripetie oder
+Erkennung herbeigeführt wird, eine verflochtene dagegen bei der der
+Umschwung mit Erkennung oder Peripetie oder mit beiden zugleich
+zustandekommt.
+
+2. Diese beiden müssen aber aus dem Aufbau der Fabel selbst sich ergeben
+und zwar so, daß sie aus den jeweilig vorhergegangenen Begebenheiten,
+sei es mit Notwendigkeit, sei es mit Wahrscheinlichkeit sich entwickeln.
+Denn es macht einen erheblichen Unterschied ob etwas "propter hoc" oder
+"post hoc" erfolgt.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XI
+
+1. _Peripetie_ ist der Umschwung dessen, was man tut, in sein Gegenteil
+und zwar unserer Ansicht entsprechend auf Grund der Wahrscheinlichkeit
+oder Notwendigkeit So kommt z.B. einer im _Oidipus_,[15] um den
+_Oidipus_ zu erfreuen und ihn von seiner Furcht in betreff seiner Mutter
+zu befreien; indem er aber dadurch dessen Herkunft offenbart, bewirkt er
+das gerade Gegenteil und im _Lynkeus_ wird der eine zum Tode geführt,
+ein anderer [Danaos] folgt ihm, um ihn zu töten, es ergibt sich aber aus
+dem, was sie taten, daß dieser den Tod erleidet, jener aber gerettet
+wird.
+
+[Sidenote: c. 11, 2. Die Fabel. Peripetie und Anagnorisis.]
+
+2. _Erkennung_ (Anagnorisis) ist, wie ja auch schon der Name besagt, die
+Umwandlung aus Unkenntnis in Kenntnis, die entweder zur Freundschaft
+oder Feindschaft der zu Glück oder Unglück ausersehenen Personen führt.
+Am kunstvollsten ist die Erkennung, wenn zugleich damit eine Peripetie
+eintritt, wofür die (S. 22) Erkennung im _Oidipus_ ein Beispiel bietet.
+
+3. Es gibt nun freilich auch andere Arten der Erkennung denn in bezug
+sowohl auf leblose wie auf ganz beliebige Dinge kann sie in der
+erwähnten Weise eintreten, und man kann erkennen, ob jemand etwas getan
+oder ob er es nicht getan hat. Aber die wichtigste für die Fabel, d.h.
+die wichtigste für die Handlung ist die erstgenannte. Denn eine
+derartige Erkennung und Peripetie werden entweder Mitleid erwecken oder
+auch Furcht und als nachahmende Darstellung (1452b) solcher Handlungen
+gilt uns ja die Tragödie. Ferner werden ja auch Glück und Unglück durch
+solche Erkennungen bedingt sein.
+
+4. Da nun die Erkennung (vorzugsweise) eine Erkennung von gewissen
+Personen ist, so gibt es einerseits Erkennungen, die nur von einer
+einzelnen Person in bezug auf die andere stattfinden, falls es nämlich
+bekannt ist, wer die andere Person ist; andrerseits müssen beide
+Parteien sich erkennen, wie z.B. _Iphigeneia_ von _Orestes_ vermittelst
+der Absendung ihres Briefes erkannt wurde, dieser aber von Seiten der
+Iphigeneia noch einer anderen Erkennungsart bedurfte.
+
+5. Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und
+Erkennung? die _dritte_ ist die _leidvolle Tat_. Eine leidvolle Tat aber
+ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da
+sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen,
+Verwundungen und sonstiges dieser Art.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XII
+
+1. Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir vorhin besprochen; was die _quantitativen_ anbelangt,
+d.h. die gesonderten (S. 23) Teile, in die sie geschieden werden, so sind
+es folgende: _Prolog, Epeisodion, Exodos, Chorlied_, das seinerseits in
+die _Parodos_ und das _Stasimon_ zerfällt. Diese Bestandteile sind allen
+Dramen gemeinsam, der Tragödie eigentümlich die _Gesänge von der Bühne_
+und die _Kommoi_.
+
+2. Es ist aber der Prolog ein vollständiger Teil der Tragödie vor dem
+Einzug des Chors, das Epeisodion ein vollständiger Teil der Tragödie,
+der zwischen vollständigen Chorgesängen liegt, die Exodos ein
+vollständiger Teil der Tragödie, nach dem kein Chorgesang folgt. Von den
+Chorpartien ist die Parodos der erste Vortrag des ganzen Chors, das
+Stasimon der Chorgesang ohne Anapaest und Trochaeus, der Kommos endlich
+ist der Trauergesang des Chors zusammen mit den Gesängen von der Bühne.
+Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir also vorhin besprochen, was die quantitativen anbelangt,
+d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind es die
+genannten.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIII
+
+
+1. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß
+und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf
+Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden.
+
+[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.]
+
+[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.]
+
+2. Da die _Komposition der Tragödie_ keine einfache sondern eine
+_verflochtene_ sein soll und diese _furcht- und mitleiderregende_
+Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das
+Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist
+zunächst folgendes klar: _Weder dürfen sittlich hervorragende aus Glück
+in (S. 24) Unglück geratene Männer vor Augen treten_, denn dies wäre
+weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch
+sollen _schlechte aus Unglück in Glück geraten_, denn dies wäre das
+Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt,
+indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder
+mitleid- noch furchterregend ist. Ferner _soll auch nicht der
+Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen_, denn ein solcher Vorgang
+würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch
+Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden,
+letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis
+nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat.
+
+3. Es bleibt mithin nur noch _Einer übrig, der zwischen jenen
+Charakteren die Mitte hält_. Es ist dies aber ein solcher, der weder
+durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch
+andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät,
+sondern _infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem
+Ansehen_ und in glücklicher Lebenslage, wie bei _Oidipus_ und _Thyestes_
+und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern.
+
+4. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel _vielmehr einen
+einseitigen Ausgang als einen doppelten_, wie manche meinen, haben muß
+und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil
+aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit,
+sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes
+der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen
+Beweis dafür liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn
+(S. 25) anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige
+Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige
+Familienhäuser, wie um einen _Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros,
+Thyestes, Telephos_ und solch' andere, denen es beschieden war, entweder
+Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen.
+
+5. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den
+Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch
+diejenigen im Irrtum, die _Euripides_ tadeln, weil er dieses Verfahren
+in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich
+enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste
+Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade
+derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders
+wirksam und deshalb erscheint _Euripides_, mag auch in anderen Dingen
+seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als
+andere Dichter.
+
+6. An _zweiter_ Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von
+einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, _welche eine doppelte
+Anlage enthält_ wie die _Odyssee_, und für die Besseren und Schlechteren
+(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber
+die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen
+richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der
+Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie
+ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie
+eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde
+sind, wie z.B. _Orestes_ und _Aigisthos_, am Schluß als Freunde abziehen
+und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIV
+
+
+[Sidenote: c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.]
+
+l. Es kann nun das _Furcht- und Mitleiderregende_ (S. 26) (1453b) aus
+der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der
+_Verknüpfung der Ereignisse_ selbst sich ergeben und dies ist das
+Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch
+ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon
+beim _bloßen Anhören_ aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid
+empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung
+der _Oidipus_-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben
+kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen
+Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer)
+theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst
+szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern
+lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit
+der Tragödie gemein, denn _nicht jede Lustempfindung darf man von der
+Tragödie verlangen_, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da
+also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer
+nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so
+ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen
+muß.
+
+2. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche _Art von Vorgängen als
+schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist_. Notwendigerweise
+spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die _entweder
+untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden_ sind.
+Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen
+oder nur im Begriff sein sie auszuführen, so ist das nicht mitleid-
+oder furchterregend, wenn wir (S. 27) (im ersteren Falle) von dem
+leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen
+zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen.
+
+3. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn
+der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der
+Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein
+anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten,
+die man aufsuchen muß.
+
+4. Den Kern der _überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören_, ich
+meine, daß z.B. _Klytaimestra_ von der Hand des _Orestes_ fällt und
+_Eriphyle_ von der des _Alkmeon_; im übrigen soll der Dichter selbst
+erfinden und die überlieferten Stoffe _kunstvoll_ verwerten. Was wir
+unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die
+Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter
+Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen
+pflegten, wie noch _Euripides_[16] _Medea_ ihre Kinder mordend
+darstellte.
+
+[Sidenote: c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.]
+
+5. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des
+Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch
+unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft
+erkannt wird, wie der _Oidipus_ des _Sophokles_, wo freilich die Tat
+außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein
+Beispiel der _Alkmeon_ des _Astydamas_ oder _Telegonos_ im "_Verwundeten
+Odysseus_." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine
+ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das
+Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn
+notwendiger weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und (S.
+28) zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis.
+
+6. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat
+nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste.
+Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich,
+fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges
+dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der _Antigone Haimon_
+gegenüber _Kreon_ (1454a) so verfährt[17].
+
+7. _An zweiter Stelle_ kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei
+die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden
+Erkennung die bessere ist.
+
+8. Die _wirkungsvollste_ Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im
+_Kresphontes Merope_ sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht
+tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der _Iphigeneia_ die
+Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der _Helle_
+der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt.
+
+9. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht
+viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es
+den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst
+derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so
+gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen
+eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung
+der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist
+also hiermit hinreichend gesprochen worden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XV (S.29)
+
+
+1. Was die _Charaktere_ anbelangt, so sind es _viererlei_ Eigenschaften,
+auf die man sein Augenmerk richten muß. _Erstes_ und wichtigstes
+Erfordernis ist, daß sie _sittlich gut_ seien. Charakter wird aber
+jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise
+irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und
+zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine
+sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung
+vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave,
+obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere
+ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.
+
+2. Das _zweite_ ist das _Angemessene_. Es kann z.B. ein Charakter tapfer
+sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein
+solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.
+
+3. Das _dritte_ ist die (historische) _Ähnlichkeit_. Dies ist nämlich
+etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns
+ausdrückten, darzustellen.
+
+4. Das _vierte_ ist die _Konsequenz_, denn selbst wenn irgend eine
+Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt,
+inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter
+vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.
+
+[Sidenote: c. 15, 5. Die Charaktere.]
+
+5. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer)
+Notwendigkeit ist beispielsweise _Menelaos_ im _Orestes_, von einem
+unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des _Odysseus_ in
+der _Skylla_ und die Rede der _Melanippe_, <von einem ohne historische
+Ähnlichkeit z.B.... >, von einem inkonsequenten endlich die _Iphigeneia
+in Aulis_, (S. 30) denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner
+Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).[18]
+
+6. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der
+Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit,
+sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener
+Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine
+Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit
+entsprechend erfolgen muß.
+
+7. Es ist demnach klar, daß auch die _Lösungen in den Fabeln_ sich aus
+dem _Charakter_ selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der
+_Medea_[19] durch die (Theater-) Maschine und in der _Ilias_[20]
+anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr
+nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es
+in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein
+Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die
+der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir
+ja zu, daß sie alles wahrnehmen.
+
+8. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn
+ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im _Oidipus_
+des _Sophokles_.[21]
+
+9. Da nun die Tragödie _eine nachahmende Darstellung besserer Menschen_,
+als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler als
+nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich (S. 31) diese ihren
+Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß
+ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der
+nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder
+mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden
+hat, sie in ihrer Eigenart als _sittlich vortreffliche Menschen
+zeichnen_, wie z.B. _Homer_ den sich fernhaltenden _Achill_ als einen
+guten Menschen geschildert hat.
+
+10. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der
+Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch
+bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in
+meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVI
+
+
+[Sidenote: c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.]
+
+1. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die _Arten der
+Erkennung_ betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich
+die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen.
+Von diesen sind nun (a) die einen _angeboren_, wie z.B. die Lanze,
+welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im
+_Thyestes_ des _Karkinos_. Andere (b) sind _erworben_ und diese wiederum
+sind teils _körperlich_, wie Narben, teils _äußerliche Gegenstände_, wie
+beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte
+Erkennung in der _Tyro_. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder
+minder geschickt anwenden. So wurde z.B. _Odysseus_ an der Narbe auf die
+eine Weise von der Amme,[22] auf eine andere von dem Sauhirten[23]
+erkannt. Allerdings (S. 32) sind die lediglich der Beglaubigung wegen
+eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein
+äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich
+ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene[24],
+(verhältnismäßig) besser.
+
+2. Eine _zweite_ Art sind die vom Dichter _erfundenen_ und eben darum
+unkünstlerisch. So erkannte z.B. _Iphigeneia_ in der _Iphigeneia_, daß
+_Orestes_ (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief
+erkannt[25], dieser sagt aber selbst[26], was dem Dichter beliebt, nicht
+aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem
+erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut
+einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres)
+Beispiel liefert "_die Stimme der Spindel_" im _Tereus_ des _Sophokles_.
+
+3. Die _dritte_ Art kommt auf Grund einer _Erinnerung_ zustande, indem
+man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der
+Vorgang in den _Kypriern_ des _Dikaiogenes_, denn (daselbst) (1455a)
+brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in
+der "Mär des _Alkinoos_," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten
+zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte,
+vergoß er Tränen,[27] wodurch sie dann beide erkannt wurden.
+
+4. Die _vierte_ Art endlich beruht auf einer _Schlußfolgerung_ wie z.B.
+in den _Choephoren_[28]: Jemand (dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich
+ist angekommen, (S. 33) (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer
+_Orestes_. Also ist _Orestes_ angekommen. Ferner die Erkennungsszene in
+betreff der _Iphigeneia_ bei _Polyidos_, dem Sophisten, denn es war
+(durchaus) wahrscheinlich daß _Orestes_ den Schluß zog, weil seine
+Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu
+werden. Ferner im _Tydeus_ des _Theodektes_: Gekommen seinen Sohn zu
+finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den
+_Phiniden_: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie
+auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem
+Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber
+auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des
+einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "_Odysseus der Trugbote_".
+Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und
+kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen;
+wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er
+doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich)
+wiedererkennen, ein Fehlschluß.
+
+[Sidenote: c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.]
+
+5. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den
+Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung
+auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im _Oidipus_ des
+_Sophokles_[29] und in der _Iphigeneia_[30], denn es ist durchaus
+wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese
+Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie
+Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich
+ergebende.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVII (S. 34)
+
+
+[Sidenote: c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.]
+
+1. Man muß bei der _Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen
+Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen
+stellen_, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als
+wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende
+finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist,
+was dem _Karkinos_ einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person
+[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel <....> Dies entging dem Dichter, der
+sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der
+Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer
+erregte.
+
+2. _Sodann soll der Dichter_, soweit es irgend wie angeht, _Mienen und
+Geberden seiner Personen an sich_ (darstellerisch) _miterproben_, denn
+am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich
+in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am
+Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen
+und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die
+_Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen_,
+denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band.
+
+3. Der Dichter soll ferner die _Sagenstoffe_ und zwar (1455b) sowohl die
+bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, _zuerst in einem
+allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten_, d.h. erweitern.
+Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der _Iphigeneia_ so
+veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt
+und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde in ein
+anderes Land[31] versetzt, wo es Brauch war (S. 35) Fremde der (Landes)
+Göttin[32] zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.[33] Nach einiger
+Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder[34] eintraf--die Tatsache, daß der
+Gott[35] aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu
+kommen und in welcher Absicht,[36] liegt außerhalb der dramatischen
+Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff
+geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie
+_Euripides_[37], sei es wie _Polyidos_ die Erkennung (des Bruders)
+herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun
+läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert
+werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen
+und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man
+Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie
+z.B. beim _Orestes_ der Wahnsinnsanfall[38], der seine Ergreifung
+veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.[39]
+
+[Sidenote: c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.]
+
+4. In den _Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein_, das Epos
+dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der
+_Odyssee_ nicht eben lang: Ein Mann[40] ist viele Jahre von der Heimat
+entfernt, er wird von einem Gott[41] feindselig überwacht und findet
+sich schließlich allein? in (S. 36) seinem Hause lagen inzwischen die
+Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem
+Sohne[42] nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen
+Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben
+hatte[43], geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird,
+während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles
+andere sind Episoden.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XVIII
+
+
+1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der
+Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige,
+die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter
+Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu
+demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein
+Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige
+vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_
+die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was
+unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der
+Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.
+
+2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der
+Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf
+Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat
+enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a)
+_Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie
+die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in
+Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der
+_Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz
+besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen,
+falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten,
+zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu
+unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie)
+vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die
+Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.
+
+3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im
+Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn
+sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn
+Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den
+Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß
+beides im Einklang stehe.
+
+[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.]
+
+4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran
+erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe
+ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen
+Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich
+in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den
+Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz
+entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen,
+welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht
+einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht
+wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht
+abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein
+einen Mißerfolg zu verzeichnen.
+
+5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in
+bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist
+eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall
+tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_,
+hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter <wie
+...> unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es
+_Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles
+Unwahrscheinliche sich ereignet_."
+
+6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler
+auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der
+dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie
+bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht
+viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen
+Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen,
+ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein
+Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede
+aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes
+Episodion]?
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XIX
+
+
+1. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es
+erübrigt noch über den _sprachlichen Ausdruck_ und die _Gedanken_
+zureden. Das, was die _Gedanken_ angeht, mag in den Büchern über die
+Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet
+eigen ist. In den Bereich der Gedankenbildung fällt das, was
+vermittelst der (S. 39) (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren
+Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von
+Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es
+sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung
+von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen
+dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder
+mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen
+will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne
+(sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die
+Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein
+Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die
+Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede
+in Erscheinung treten würden?
+
+[Sidenote: c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+2. Von dem nun, was in das Gebiet des _sprachlichen Ausdrucks_ gehört,
+bilden _einen_ Teil der Untersuchung die _Satzarten_, deren Kenntnis
+übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren
+Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder
+Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst
+derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der
+Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen.
+Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was _Protagoras_ rügt,
+daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem
+er sagt: _Singe, o Göttin, den Zorn_[44], denn, so behauptet er,
+jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XX
+
+
+[Sidenote: c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+1. Der _sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit_ (S. 40) enthält
+folgende Teile: den _Buchstaben_, die _Silbe_, das _Bindewort_, den
+_Artikel_, das _Nennwort_ (Substantiv), das _Zeitwort_ (Verbum), die
+_Beugung_ (Flexion) und den _Satz_ (Wortgefüge). Der _Buchstabe_ ist ein
+unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus
+ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann,
+denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen
+als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile
+dieses Lautes sind der _Selbstlauter_ (Vokal), der _Nichtlauter_ (Muta)
+und der _Halbvokal_ (Liquida).
+
+Ein _Vokal_ hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen
+oder die Zähne gebildeten Laut, der _Halbvokal_ hat einen mit Anlegung
+(der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der
+_Nichtlauter_ ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat
+aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur
+hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes
+Lautgebilde haben, wie z.B. G und D.
+
+Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen
+und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper
+und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und
+Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen
+gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen.
+
+2. Die _Silbe_ ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet
+aus einer Muta <oder Liquida> und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet
+keine Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die (S. 41) Erörterung
+auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik.
+
+3. _Bindewort_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a)
+Lautgebilde, wie z.B. _men_ (= zwar), _ētoi_ (= wahrlich), _dê_"
+(= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren
+Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?)
+herzustellen.
+
+4. _Artikel_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde,
+welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie
+z.B. _amphi_ (= um), _perí_ (= über) usw. oder[45] aber ein
+zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen
+bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder
+verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie
+auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt.
+
+5. _Substantiv_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn
+in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und
+für sich bedeutsam, wie z.B. in _Theodoros_ (= Gottesgeschenk) _dōros_
+keine (selbständige) Bedeutung hat.
+
+[Sidenote: c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+6. _Verbum_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und
+für sich Bedeutung hat. So bezeichnet _Mensch_ oder _weiß_ nicht das
+Wann, dagegen _er geht_ oder _er ist gegangen gangen_ oder _er wird
+gehen_ bezeichnet die Gegenwart (S. 42) Vergangenheit und Zukunft.
+
+7. _Beugung_ (_Flexion_) bezieht sich auf das Substantivum oder das
+Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ)
+und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie _der Mensch_
+oder _die Menschen_, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage
+und Befehl, denn _ging er_? oder _geh_! ist eine Flexion des Verbums
+nach diesen Modalitäten.
+
+8. Das _Wortgefüge_ (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames
+Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn
+nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die
+Definition des Menschen[46], sondern es kann auch ohne Verba ein
+Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen
+bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. _Im Gehen, Kleon, der Sohn
+des Kleon_.
+
+9. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein,
+entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder
+aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B.
+die _Ilias_ eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom
+Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXI
+
+
+1. Von den _Arten des Substantivs_ sind die einen _einfach_, die anderen
+_zweiteilig_. Unter einem einfachen verstehe ich ein solches, das aus
+nicht bezeichnenden (S. 43) Teilen besteht, wie z.B. _Erde_ (Gé), unter
+diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem
+nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen)
+Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in
+Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen
+zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches
+Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der
+Massalioten, z.B. _Hermokaikoxanthos_. (1457b)
+
+2. Jedes Wort ist entweder ein _allgemein gebräuchliches_ oder eine
+_Glosse_ oder eine _Metapher_ oder eine _schmückende Bezeichnung_ oder
+ein _neugebildetes_ oder ein _gedehntes_ oder ein _verkürztes_ oder ein
+_umgewandeltes_.
+
+3. Unter einem _allgemein gebräuchlichen_ Wort verstehe ich, was
+jedermann gebraucht, unter einer _Glosse_ das, was Fremde gebrauchen, so
+daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein
+gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So
+ist _Sígynon_ (= Wurfspieß) bei den _Kypriern_ allgemein gebräuchlich,
+bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt _dory_ (= Wurfspieß) bei uns
+allgemein gebräuchlich, bei den _Kypriern_ dagegen eine Glosse.
+
+[Sidenote: c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.]
+
+4. Eine _Metapher_ besteht darin, daß man einem Worte eine ihm
+(ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der
+Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von
+der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer
+Proportion.
+
+Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein
+Schiff"[47], denn "vor Anker liegen" bezeichnet das "Stehen" eines
+bestimmten Gegenstandes (S. 44)
+
+(2) Von der Art auf die Gattung: "_Ja, der zehntausend herrliche Taten
+vollbrachte, Odysseus_".[48] Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er
+(der Dichter) nämlich statt "viele".
+
+(3) Von der Art auf die Art z.B. "_Mit dem Erze abschöpfend die Seele_"
+und "_abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen
+Kruge_,[49] denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier
+dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere)
+Bezeichnungen für etwas "wegnehmen".
+
+(4) Eine _Proportion_ nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten
+(A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an
+Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das
+zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle
+man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden
+hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich
+zu _Dionysos_ (A) genau so wie der Schild (D) zu _Ares_ (C). Man wird
+mithin die Trinkschale (B) den Schild des _Dionysos_ (D + A) und den
+Schild (D) die _Trinkschale des Ares_[50] (B + C) nennen können. Oder,
+was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage
+(A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A)
+oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens
+(B + C) oder den _Untergang des Lebens_[51] nennen können.
+
+Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für (S. 45) das
+proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise
+ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen
+gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene
+Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne
+(A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen <Ausstreuenden> (C) und
+deshalb sagt (der Dichter): _Säend die gottgeschaffene Flamme_
+(D + A)[52].
+
+Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen
+Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und
+ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften
+abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber
+nicht des _Ares_, sondern "weinlos" nennen würde.
+
+5. < _Die schmückende Bezeichnung _...>
+
+6. Ein _neugebildetes Wort_ ist, was von niemandem überhaupt (vorher)
+gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es
+scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner"
+_érnyges_(--Sprossen)[53] und statt "Priester" ārētēr (= Beter)[54].
+
+[Sidenote: c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+7. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht
+ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt
+oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen
+wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. _polēos_ (--Stadt) neben _poleōs_
+und < _Pēlēos_ neben> _Pēleos_ und _Pělēiádeō_ <neben _Pēleidou_>;
+ein verkürztes (S. 46) z.B. _krí_ (= kríthē "Gerste") und _dō_ (= dōma
+"Haus") und
+
+_Eins wird beider Anschau_ (= Anschauung, _ops_ für _opsis_).[55]
+
+8. _Umgewandelt_ ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil
+beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der
+"_rechteren_" _Brust_[56], statt der rechten (_dexíteron_ = _déxion_).
+
+9. Von Substantiven selbst sind die einen _männlich_, andere _weiblich_,
+wieder andere _dazwischen_ (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N
+und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind,
+deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die
+stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter
+den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich,
+daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die
+gleiche ist, denn _Xi_ und _Psi_ sind nur zusammengesetzt. Auf einen
+Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen
+Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich _méli_ (Honig), _kómmi_ (Gummi),
+_péperi_ (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich _dóry_ (= Lanze), _pōy_
+(= Herde), _nápy_ (= Senf), _góny_(= Knie), _ásty_(Stadt). Die
+sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B.
+_déndron_ (= Baum) auf N und _génos_ (= Geschlecht) auf S.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXII
+
+
+1. Die _Güte des sprachlichen Ausdrucks_ be steht darin, daß er _klar_
+und _nicht flach_ (banal) (S. 47) ist. Am klarsten ist er nun freilich,
+wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber
+Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des
+_Kleophon_ und die des _Sthenelos_. Erhaben und das Gewöhnliche
+(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger
+Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die
+Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem
+Alltäglichen entfernt.
+
+2. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich
+entweder ein _Rätsel_ oder ein _Kauderwelsch_ (Barbarismus) ergeben und
+zwar, falls in Metaphern, ein _Rätsel_; falls in Glossen, ein
+Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu
+sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer
+Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von
+Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.
+
+_Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern_[57] und
+dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus <z.B.
+....>.
+
+Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die
+schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer
+gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und
+nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die
+(nötige) Deutlichkeit verleihen.
+
+[Sidenote: c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+3. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des
+sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen
+Verlängerungen, Verkürzungen und Umwandlungen bei. Da sie nämlich
+anders lauten als (S. 48) das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom
+Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch
+die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die
+Klarheit sich ergeben.
+
+4. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige
+Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer)
+verhöhnen, wie _Eukleides_ der Ältere es getan, indem er behauptete, daß
+es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach
+Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem
+Ausdruck selbst verspottete.[58]
+
+_Ĕ̅pichár|en_[59] _ĭ̅|don Mara|thónade bă̅di|zonta_ (= _Aepicharen sah
+ich gen Marathón spazieren gehen_)
+
+_Ouk an|g' ě̅ramen|os ton|keínon|ellě̅|bŏ̅ron_[60] (= _Der wohl kaum in
+Liebe entbrannte für jenes Niésswurz_.)
+
+Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art
+lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame
+(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte
+jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung
+rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er
+dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).
+
+[Sidenote: c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.]
+
+5. Welch einen _Unterschied die angemessene Verwendung_ (dieser Formen)
+_macht_, möge man am Epos sich veranschaulichen, indem man die
+_allgemein_ (S. 49) _gebräuchlichen Wörter in den Vers_ setzt und auch
+wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die
+allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß
+unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen
+(Trimeter) gedichtet wie _Aischylos_ und nur durch das Einsetzen eines
+einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein
+gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich,
+der _des Aischylos_ aber gewöhnlich erscheint. _Aischylos_ dichtete
+nämlich im _Philoktet_:
+
+/*
+ _Das Krebsgeschwür, das meines Fußes
+ Fleisch frißt_.
+*/
+Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."
+
+Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse
+
+/*
+ _Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés_[61]
+*/
+
+(_Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein_)
+
+die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde:
+
+/*
+ _Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés_
+*/
+
+(_Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein_)
+
+und ebenso statt
+
+/*
+ _díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan_[62]
+*/
+
+(_Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch_)
+
+/*
+ _díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan_ (S. 50)
+*/
+
+(_Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch_)
+
+oder endlich, statt
+
+/*
+ Ēiones boóōsin[63] (es brüllten die Ufer)
+ Ēiones krázousin (es schrien die Ufer).
+*/
+
+6. So hat auch _Ariphrades_ die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke
+anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn
+apó (von den Häusern weg[64], [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern)
+und séthen[65] (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt
+autón[66]), und Achilléōs peri[67] (Achilles wegen) [nicht peri
+Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn
+gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein
+gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den
+Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht.
+
+7. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in
+angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen,
+so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn
+diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch
+gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern erfinden
+heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das (S. 51) Ähnliche (im
+Unähnlichen) haben.
+
+8. Von den Wortarten selbst nun eignen sich _Komposita_ am meisten für
+die _Dithyramben_, die _Glossen_ für die _Heldengedichte_, die
+_Metaphern_ für _jambische Trimeter_ (der Tragödie). In Heldengedichten
+sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen,
+da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen
+sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede
+sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die
+Metapher und die schmückende Bezeichnung.
+
+Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende
+nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXIII
+
+
+1. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte
+nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe
+wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich
+um eine _einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung
+bewegen müssen_, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein
+einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche
+Lustempfindung hervorrufe.
+
+[Sidenote: c. 23, 2. Das Epos.]
+
+2. Auch ist es klar, daß _diese Kompositionen nicht den
+Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen_, die sich notwendigerweise
+nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen,
+sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in
+diesem an einer Person oder an mehreren sich ereignet hat, von welchen
+Begebenheiten jede in (S. 52) einem beliebigen Verhältnis zu einer
+anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei _Salamis_ und die Schlacht
+der _Karthager_ in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf
+dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng
+aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen
+keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten
+(epischen) Dichter dementsprechend verfahren.
+
+3. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin _Homer_ sich
+als ein gottbegnadeter _Dichter_ im Vergleich zu den übrigen erweisen,
+daß er gar _nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen_ (Trojanischen)
+_Krieg_, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches)
+Ende hat, _darzustellen_. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte
+der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf
+den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch
+seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat
+er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in
+Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog[68] und andere
+Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.
+
+4. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine
+einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn
+schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der
+Verfasser der _Kyprien_ und der der _Kleinen Ilias_. Denn aus einer
+_Ilias_ und _Odyssee_ läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder
+höchstens zwei, aus den _Kyprien_ dagegen viele und aus der _Kleinen
+Ilias_ acht, nämlich das Waffengericht, _Neoptolemos_, (S. 53) 1459b
+[Eurypylos] _Philoktet_, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die
+Zerstörung _Ilions_, die Abfahrt, _Sinon_ und die _Troerinnen_[69].
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXIV
+
+
+1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die
+Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten,
+charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die
+Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen
+Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der
+Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen
+Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck
+kunstgerecht sein.
+
+2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in
+genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte
+dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die
+_Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und
+charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in
+der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.
+
+[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.]
+
+3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die
+epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und
+ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits
+angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein
+müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn
+einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der
+alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine
+einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.
+
+4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner
+eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der
+Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich
+gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den
+Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern
+abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden
+Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile
+vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des
+Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner
+Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt
+und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das
+nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu
+verschulden pflegt.
+
+5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der
+Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte
+jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung
+nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend
+erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste
+und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und
+Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende
+Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen
+Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter
+haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz,
+jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand
+allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies
+_Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische)
+Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet,
+sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende
+Versmaß zu wählen gelehrt.
+
+6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch
+darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist,
+_was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie
+möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist
+er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen
+treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges
+und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt
+nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend
+eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern
+mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.
+
+[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.]
+
+7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen
+Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der
+Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst)
+nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge
+bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen
+lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die
+stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71],
+der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen
+Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein
+Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht
+damit zu erfreuen.
+
+8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man
+(zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem
+_Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die
+erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite
+Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist,
+auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein
+Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B)
+aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise
+wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B)
+hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser
+Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes
+aus der Badeszene[72] <....>
+
+9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen
+Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe
+auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich
+überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht
+möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung
+Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis
+nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht
+innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung
+über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der
+stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel
+in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von
+vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch
+getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man
+auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die
+Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der
+Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in
+die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte.
+Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das
+Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.
+
+10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere
+Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder
+durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen.
+Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die
+Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXV
+
+
+[Sidenote: c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.]
+
+1. Über die _Probleme_[77] (kritische Bedenken) und deren _Lösungen_
+(Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie
+beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen
+können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein
+anderer bildschaffender (S. 58) Künstler ein nachahmender Darsteller
+ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von _drei_
+möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) _wie die
+Dinge waren oder sind_ oder (2) _wie man sagt, daß sie seien_ oder _wie
+sie zu sein scheinen_ oder (3) _wie sie sein sollen_. Diese Dinge werden
+nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder
+auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen
+des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir
+ja den Dichtern.
+
+2. Dazu kommt ferner, daß die _Richtigkeit in der Politik und der
+Dichtkunst_ sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft
+und der Dichtkunst _ein und dasselbe bedeutet_. In der Dichtkunst selbst
+gibt es _zweierlei Fehler_, der eine betrifft ihr _Wesen_, der andere
+ist rein _äußerlich_.
+
+3. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen <etwas richtig> nachahmend
+darzustellen, <verfehlt aber sein Ziel> aus eigenem Unvermögen, so liegt
+der _Fehler in der Dichtkunst selbst_; wenn er dagegen den Vorwurf
+richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd,
+das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in
+jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art
+auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser _nicht das Wesen_
+der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden
+Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).
+
+4. Erstens also was die _Lösungen_ in bezug auf die gegen die Kunst als
+solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn _Unmögliches_ dargestellt
+wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre
+Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung (S. 59) erreicht wird;
+der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine
+erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem
+anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des
+_Hektor_.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem
+oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen
+herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht
+seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt
+keinerlei Fehler begangen werden.
+
+5. Man kann ferner die Frage aufwerfen, _worin denn_ der Fehler begangen
+ist, _ob gegen die Kunstregel_ oder _irgend etwas anderes Zufälliges_;
+denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß
+die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich)
+nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.
+
+6. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte
+man den Einwand so entkräften: Aber _vielleicht wie sie sein sollte_,
+wie ja auch _Sophokles_ gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein
+sollen, _Euripides_ aber, wie sie sind.
+
+[Sidenote: c. 25, 7. Probleme und Lösungen.]
+
+7. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf
+berufen, daß _man eben so sagt_, wie in den Erzählungen über die Götter.
+Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der
+Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so,
+wie es bei _Xenophanes_ lautet[80] (1461a) <....>, dann (erwidere man),
+allein man sagt nun (S. 60) einmal so.
+
+8. Anderes wiederum ist zwar _vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar
+tatsächlich einmal so_, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "_Aber die
+Lanzen_ | _standen empor auf dem Fuße des Schaftes_[81], solchen Brauch
+nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.
+
+9. In der Beurteilung der Frage, _ob das von jemand Gesagte oder Getane
+sittlich gut oder nicht ist_, muß man nicht nur die Handlung und die
+Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder
+gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen
+(und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten
+oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes
+wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet
+werden soll.
+
+10. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des _sprachlichen
+Ausdrucks_ beseitigen, z.B. durch Annahme einer _Glosse_. "_Die Mäuler
+zuerst_."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte
+_ourēas_, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt
+er: "_Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich_"[83]. Damit bezeichnet er
+nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht;
+gebrauchen doch die _Kreter_ das Wort _eueides_ (= schöngestaltet) im
+Sinne von _euprosōpon_(= schön von Antlitz). Ferner, "_Mische reineren
+Wein_"(zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für
+Trunkenbolde (S. 61) sondern (mische) "schneller."
+
+11. Ein anderes ist _metaphorisch_ gesagt z.B.
+
+/*
+ "_Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger
+ Schliefen die ganze Nacht_"
+*/
+
+und doch heißt es unmittelbar darauf
+
+/*
+ "_Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.
+ Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_."[85]
+*/
+
+Jenes, "_Alle_" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein
+"Alles" ist nur eine Art des "Vielen".
+
+Auch jenes "_allein nicht teilnimmt_"[90] ist metaphorisch zu verstehen,
+denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".
+
+12. Ferner kann man auf Grund der _Prosodie_ (Einwände widerlegen), wie
+_Hippias_ der Thasier dies tat in jenem "_wir gewähren_ (dídomen) _ihm
+aber_"[87] und "_Das zum Teil durch den Regen verfault_"[88].
+
+[Sidenote: c. 25, 13. Probleme und Losungen.]
+
+13. Wieder anderes vermittelst der _Interpunktion_, wie z.B.
+_Empedokles_[89] sagt:
+
+/*
+ "_Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,
+ Und als gemischt, was lauter zuvor_."
+*/
+
+[Sidenote: c. 25, 14. Probleme und Lösungen.]
+
+14. Anderes sodann durch die Annahme einer _Amphibolie_ (S. 62)
+(Doppelsinn):
+
+/*
+ "_Von der Nacht entschwand der größere Teil_"[91]
+*/
+
+denn der Ausdruck "größere" (_pleíō_) ist doppelsinnig.
+
+15. Andere _Bedenken_ (lösen sich) mit Berufung auf den
+_Sprachgebrauch_: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.
+
+Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:
+
+/*
+ "_Schiene von neubereitetem Zinne_"[92],
+*/
+
+nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.
+
+Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es:
+Ganymed
+/*
+ "_schenkt dem Zeus Wein ein_",
+*/
+
+obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses
+Beispiel auch als Metapher auffassen.
+
+16. Man muß auch, wenn ein Wort etwas _Widersprechendes_ zu bezeichnen
+scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden)
+Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "_Da hielt die eherne Lanze
+an_"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.
+
+17. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen
+möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem _Glaukon_
+berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem
+sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt (S. 63) haben, bauen
+sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas
+stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das
+gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen
+über _Ikarios_. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein
+_Lakone_. Es schien daher ungereimt, daß _Telemachos_, als er nach
+_Sparta_ kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich
+damit aber vielleicht so, wie die _Kephallenier_ berichten. Sie
+erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei
+_Ikadios_ und nicht _Ikarios_ (sein Schwiegervater). Demnach ist es
+wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.
+
+18. Im allgemeinen muß man das _Unmögliche_ in der Dichtung entweder auf
+das _Zweckmäßigere_ oder auf die _herrschende Meinung_ zurückführen.
+Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar
+Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht
+unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. _Zeuxis_ zu
+malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem
+Ideal gebührt der Vorrang.
+
+19. _Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen,
+zurückführen_ und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie
+auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es
+wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich
+ereignet.
+
+[Sidenote: c. 25, 20. Probleme und Lösungen.]
+
+20. _Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die
+Widerlegungen in der Dialektik_, ob es sich um das Nämliche oder ob es
+in derselben Beziehung oder derselben (S. 64) Art und Weise gilt, mithin
+auch der _Dichter_ entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen
+das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in
+Widerspruch verwickeln darf).
+
+21. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie
+Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des
+Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des _Aigeus_[96],
+oder der Charakterschlechtigkeit, wie im _Orestes_[97] der des
+_Menelaos_.
+
+22. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus _fünf Arten_, denn
+entweder _tadelt_ man etwas als _unmöglich_ oder als _vernunftwidrig_
+oder als _sittenverderblich_ oder als _widerspruchsvoll_ oder als _einen
+Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit_. Die _Lösungen_
+(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu
+betrachten deren es _zwölf_ gibt.
+
+
+ * * * * *
+
+
+KAPITEL XXVI
+
+
+1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, _ob die epische nachahmende
+Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei_. Ist nämlich die
+minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein
+besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige
+nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine
+plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein
+Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler)
+nicht seinerseits etwas dazu (S. 65) beiträgt, so bewegen sich diese in
+starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten,
+wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den
+Chorführer (am Gewände), wenn sie die _Skylla_ blasen.
+
+2. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre
+Nachfolger beurteilten, denn _Mynniskos_ nannte den _Kallipides_, weil
+er gar zu sehr übertrieb, einen _Kallias_[98] und in einem ähnlichen
+(üblen) Rufe stand auch _Pindaros_. Wie sich nun (1462a) jene (älteren
+Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze
+(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man,
+wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen
+bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine
+plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.
+
+3. Allein _erstens_ ist das eine Anklage _gar nicht gegen die
+Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst_, denn es kann auch der
+Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies _Sosistratos_ getan und
+(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies _Mnasitheos_ der
+Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen,
+da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von
+Stümpern, wie ja auch _Kallipides_ getadelt wurde und heutzutage andere,
+weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.
+
+[Sidenote: c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
+
+4. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung
+_ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung_, denn schon durch die
+bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie (S. 66) also
+im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls
+jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.
+
+5. Sodann (2) (ist sie überlegen) _weil sie alles besitzt was die
+epische Dichtung hat_, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und
+darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der
+musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche
+die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt
+sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den
+(tatsächlichen) Aufführungen.
+
+6. Ferner (3) _erreicht die Tragödie das Ziel_ (1462b) _der_
+nachahmenden Darstellung _innerhalb eines kleineren Umfangs_; denn was
+gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit
+Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den
+_Oidipus_ des _Sophokles_ in so viel Verse setzen würde wie die _Ilias_
+hat <....>.
+
+7. Endlich (4) ist die _epische Dichtung eine weniger einheitliche_
+nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen
+nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß,
+selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten,
+diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit
+der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält,
+wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus
+mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die _Ilias_ viele derartige
+Teile hat und die _Odyssee_, Teile, die auch für sich schon eine
+(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte
+in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende
+Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen
+Handlung. (S. 67)
+
+8. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) _überlegen_
+ist und überdies indem _Ziel_ der Kunst--denn diese (Dichtarten) sollen
+nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits
+erwähnte--so leuchtet ein, _daß sie vortrefflicher als die epische
+Dichtung ist_, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.
+
+[Sidenote: c. 26, 9. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.]
+
+9. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre
+Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich
+unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges
+sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt
+sein....
+
+
+ * * * * *
+
+
+NAMENVERZEICHNIS[99] (S. 68)
+
+
+Agathon (c. 447--400): c. 9, 5. 18, 4. 5. 6. Berühmter, von Aristoteles
+hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der
+Rahmenerzählung von Piatons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als
+Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität
+kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge
+von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders
+seine völlig freierfundene Tragödie _Anthe_, früher fälschlich _Anthos_
+"Blume" und seit Welcker oft auch _Antheus_ betitelt.
+
+_Aias_dramen: c. 18, 2. Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles
+auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d.
+J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um
+die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias
+so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er
+unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde,
+Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam
+und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert.
+Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit
+Recht zu den pathetischen zählt.
+
+_Aigisthos_: c. 13, 6. Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon
+und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und
+Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).--Die Komödie, auf die hier
+angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten
+Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des
+Aristoteles.
+
+_Aischylos_ (525/4--456): c. 4, 9. In der Poetik kaum berücksichtigt, ja
+Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was
+c. 18, 4 geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird.
+
+/#
+ _Choephoren_: c. 16, 4. Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders
+ aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles
+ gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich",
+ "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles,
+ Euripides und Aristophanes auf diese Erkennungsszene anspielen, ist
+ das erstere, mit alleiniger (S. 69) Berücksichtigung der Haarlocke,
+ wahrscheinlicher.
+
+ _Myser_: c 24, 9. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war
+ Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem
+ Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld
+ gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon,
+ Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr
+ beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint,
+ ist.
+
+ _Niobe_: c. 18, 4. Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen
+ wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und
+ einem gewissen Meliton.
+
+ _Philoktet_: c. 22, 5. 23, 4. Nicht erhalten, doch kennen wir seine
+ Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und
+ Euripides aus Dio Chrysostomos.
+
+ _Phorkiden_: c. 18, 2. Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen
+ Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein.
+
+ _Prometheus_: c. 18, 2. Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns
+ erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist.
+#/
+
+_Alkinoos_, Mär des: S. Homer.
+
+_Alkmeon_: c. 18, 4. 14, 4. Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein
+vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon,
+Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren (c. 14, 5).
+
+[_Amphiaraos_]: S. Karkinos.
+
+_Anthe_: S. Agathon.
+
+_Antigone_: S. Sophokles.
+
+_Argas_: c. 2, 3. Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem
+Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel
+des Nomos ist ausgefallen.
+
+_Ariphrades_: c. 22, 6. Wohl der Verfasser einer Schrift über den
+tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit
+dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling.
+
+_Aristophanes_ (c. 450--385): c. 3, 2. Die Art der Erwähnung zeigt, daß
+schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders
+freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der
+Gattung anerkannt war.
+
+_Astydamas_ (Ende des 4. Jahrh.): c. 14, 5. Urgroßneffe des Aischylos,
+sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische
+Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse
+erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger.
+
+_C_. s. auch unter K. (S. 70)
+
+_Chairemon_: c. 1, 5. 24, 5. Älterer Zeitgenosse des Aristoteles,
+gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein
+"Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in c. 14, 5 im
+Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus Akanthoplex. Das hier erwähnte
+polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum
+Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet
+wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so
+geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten
+Dialogpartien.
+
+_Chionides_: c. 3, 4. Der älteste attische Komödiendichter, dessen
+erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des
+Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch
+Magnes.
+
+_Choephoren_: S. Aischylos.
+
+[_Danaos_]: S. Theodektes.
+
+_Dikaiogenes_: c. 16, 3. Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse
+des Agathon. Neben den _Kypriern_ wird noch eine Tragödie "Medea"
+genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem
+Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine
+Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene
+zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt
+sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt
+voraussetzen konnte.
+
+_Dionysios_: c 2, 2. Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des
+Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in
+vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem
+ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt.
+
+_Dolon_: c. 25, 10. Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B.
+X der Ilias.
+
+_Elektra_: S. Sophokles.
+
+_Empedokles_ (blühte um 450) aus Agrigent: c. 1, 5 [21, 4]. 25, 13.
+Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und
+Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten.
+Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu 1, 5, gerade
+als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird,
+so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich
+dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden war.
+Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen (S. 71)
+Gesichtspunkt aus beurteilt.
+
+_Epichares_: c. 22, 4. Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter
+Eigenname.
+
+_Epicharmos_ (blühte Ende des 6. Jahrh.): c. 3, 4. Einer der
+berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint,
+"Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch
+nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos,
+geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in
+Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer
+auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser
+tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden.
+
+_Eriphyle_: S. Alkmeon.
+
+_Eukleides_: c. 22, 4. Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch
+bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings
+ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon
+und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei
+Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher
+könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den
+Freund des Sokrates und Platon, denken.
+
+_Euripides_ (485--407/6): c. 13, 4. 17, 3. 18, 4. 6. 25, 6. Der jüngste
+der drei großen Tragiker. Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich
+gegen dessen mangelhafte Technik.
+
+/#
+ (_Elektra_: c. 13, 6. 14, 4. Orestes und Aigisthos. Personen im
+ Drama.
+
+ _Iphigeneia in Aulis_: c. 15, 5. Der hier ausgesprochene Tadel ist
+ von Schiller energisch zurückgewiesen worden.
+
+ _Iphigeneia_, Taurische: c. 14, 9. 16, 2. 5. 17, 3. --: c. 11, 4.
+ 16, 2. Person im Drama, ebenso Orestes in c 11, 4. 16, 2. Dieses
+ Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei
+ Mustertragödien.
+
+ _Kresphontes_: c. 14, 9. Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch
+ zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und
+ in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St
+ 37--50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des
+ Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden
+ Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit
+ dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren
+ eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator
+ Polyphontes, der den Gatten der Merope ermordet und die Witwe
+ gezwungen (S. 72) hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard
+ III.
+
+ _Medea_: c. 14, 4. 15, 7. 25, 21. Der Tadel an letzter Stelle
+ bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des
+ Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters.
+
+ _Melanippe_ die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene
+ desselben Dichters: c. 15, 5. Die Anspielung bezieht sich auf ihre
+ berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen
+ Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon
+ heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und
+ gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die
+ Anfangsworte sind uns zufällig erhalten.
+
+ _Orestes_: c 15, 5. 25, 21. Darin spielt Menelaos eine charakterlose
+ Rolle.
+
+ _Philoktetes_: c. 22, 5. S. Aischylos' Philoktetes.
+
+ _Troerinnen_: c. 23, 4. S. Ilias, die Kleine.
+#/
+
+[_Eurypylos_]: S. Sophokles.
+
+_Ganymedes_: S. Probleme.
+
+_Glaukon_: c. 25, 17. Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller
+denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an
+den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht
+Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken.
+
+_Hades_dramen: c. 18, 2. Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt
+waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und
+Achaios' Peirithoos.
+
+_Haimon_: S. Sophokles Antigone.
+
+_Hegemon_ v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): c 2, 3. Berühmter Parode und
+auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr
+häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei
+Trimeter.
+
+_Helle_: c. 14, 9. Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da
+Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der
+hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung
+völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei
+_Söhnen_, die sie dem Poseidon geboren hatte.
+
+_Herakleis_: c. 8, 2. Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750),
+Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in
+14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten.
+
+_Hermokaikoxanthos_: c. 21, 1. Ein aus drei Flußnamen (S. 73) des
+westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum.
+Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige
+Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und
+zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein.
+
+_Herodot_ (blühte um 450): c. 9, 2. Der "Vater der Geschichte". Seine
+Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der
+Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach
+dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders
+zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein
+hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich
+eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh n. Chr.) in Jamben
+übertragen wurde.
+
+_Hippias_ von Thasos: c. 25, 12. Nur hier genannt, denn seine Erwähnung
+bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe
+"Problem", geht auf unsere Stelle zurück.
+
+_Homer_: c. 1, 5. 2, 3. 3, 1. 2. 4, 4. 6. 8, 3. 15, 9. 23, 3. 24, 2, 6.
+8.
+
+/#
+ _Ilias_: c. 4, 6. 8, 3. 15, 7. 18,4. 20, 19. 23, 4. 24, 2. 25, 4.
+ 26, 7. Die "_Abfahrt_" (c. 15, 6) bezieht sich auf die a.a.O.
+ zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen der Göttin Athene
+ die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.--Schiffskatalog (c. 23,
+ 3). Teiltitel des 2. B. (s. u.).
+
+ _Odyssee_: c. 4, 6. 8, 3. 13, 6. 17, 4. 23, 4. 24, 2. 9. 26, 7. _Mär
+ des Alkinoos_ (c. 16, 3) und _Badeszene_ (Niptra, c. 16, 1. 24, 8)
+ sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten
+ Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach c. 24, 8
+ das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der
+ Penelope.
+
+ _Margites_: c. 4, 4. 6. Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und
+ jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise
+ einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als
+ unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden
+ zu sein.
+#/
+
+_Ikadios_: c. 25, 17. Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des
+Odysseus, statt des homerischen lkarios, begegnet nur hier.
+
+_Ilias_ s. Homer.
+
+_Ilias_, Die Kleine: c. 23, 4. Ein nachhomerisches, dem sogenannten
+"Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches
+von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der
+Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa
+da, wo die homerische Ilias aufhörte (Lösung Hektors) und endete (S.
+74) mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen
+Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng
+chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei
+Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien.
+
+/#
+ _Waffengericht_: S. Aiasdramen.
+
+ _Philoktet_: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon,
+ Philokles, Theodektes dramatisiert.
+
+ _Neoptolemos_(= Eurypylos s. Sophokles): Von Nikomachos.
+
+ _Bettlerrhapsodie_ (= Lakonierinnen s. Sophokles).
+
+ _Ilions Zerstörung_: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des
+ Sophokles und ein Epos des "Kyklos".
+
+ _Abfahrt_ des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der
+ Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama
+ dieses Titels ist nicht bekannt.
+
+ _Sinon_: S. Sophokles. Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt.
+
+ _Troerinnen_: S. Euripides. Die Schicksale der trojanischen
+ Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen
+ dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die
+ Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos,
+ Agamemnon (Kassandra).
+#/
+
+_Iphigeneia_: S. Euripides und Polyidos.
+
+_Ixion_dramen: c. 18, 2. Unter anderen Missetaten versuchte er sich an
+Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein
+geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der
+Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos
+und Timesitheos dramatisiert.
+
+_Kallipides_: c 26, 2. 3. Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des
+Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist.
+
+_Karkinos_: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des
+Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt.
+
+/#
+ _Thyestes_: c. 16, 1. Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit
+ seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da
+ der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides,
+ mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt
+ haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der
+ Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In
+ welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich
+ jeder Vermutung.
+
+ [_Amphiaraos_]: e. 17, 1. Der Vater des Alkmeon (s.d.) und (S. 75)
+ Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer
+ Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch
+ arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der
+ griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr
+ erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte.
+#/
+
+_Karthager_: c. 23, 2. Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und
+Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an
+demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept.
+480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen
+Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale
+politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch
+jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in
+Abrede gestellt.
+
+_Kentauros_ s. Chairemon.
+
+_Kephallenier_: c. 25, 17. Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen
+Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch
+unbekannt.
+
+_Kleophon_: c. 2, 4. 22, 1. Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik
+ein Werk _Mandrobulos_, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn
+mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert
+sind, ist er kaum identisch.
+
+_Klytaimestra_: c. 14, 4. Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so
+erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion
+war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für
+Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das
+Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt.
+
+_Krates_: c. 5, 2. Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den
+Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl
+Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern
+der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten
+Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht.
+
+_Kreon_: S. Sophokles Antigone.
+
+_Kreter_: c. 25, 10. Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier
+mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar
+entnommen haben. S.u. Kyprier.
+
+_Kyklop_: S. Philoxenos, Timotheos.
+
+_Kypria_: c. 23, 4. Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos
+in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem
+Homer abgesprochen. Spätere legten es einem Stasimos oder Hegesias
+(Hegesinos) bei. Das Gedicht (S. 76) behandelte die Vorgeschichte des
+trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete
+eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel
+nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur
+die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse.
+Daselbst war auch die c. 8, 3 erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte
+sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber
+durch eine List von Palamedes entlarvt.
+
+_Kyprier_: S. Dikaiogenes. --Dialekt der: c 21, 3: S. Einleitung S.
+XXIV.
+
+_Laios_: c. 24, 9. Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und
+dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte
+Unwahrscheinlichkeit wurde bereits c. 14, 5 angespielt.
+
+[_Lakonierinnen_]: S.Sophokles.
+
+_Lynkeus_: S. Theodektes.
+
+_Magnes_: c. 3, 4 Neben Chionides (s.d.) der älteste attische Komiker.
+Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist
+zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat.
+Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt,
+was die alten Kritiker schon erkannt hatten.
+
+_Margites_: S. Homer.
+
+_Massalioten_: S. Hermokaikoxanthos.
+
+_Medea_: S. Euripides.
+
+_Megarer_: c. 3, 4. Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu
+sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische
+Begründung nicht haltbar ist.
+
+_Melanippe_: S. Euripides.
+
+_Meleagros_: c. 13, 4. Eine berühmte Sagenfigur und Held der
+"Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die
+Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein
+Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem
+Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame
+Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern,
+behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach
+Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische
+Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die
+Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage).
+
+_Menelaos_: S. Euripides Orestes. (S. 77)
+
+_Merope_: S. Euripides Kresphontes.
+
+_Mitys_: c. 9, 9. Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn
+Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer _Festfeier_
+ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes
+"theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen
+Bedeutung gebraucht.
+
+_Mnasitheos_: c 26, 3. Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen
+auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse
+des Aristoteles.
+
+_Mynniskos_: c. 26, 2. Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den
+späteren Tragödien des Aischylos.
+
+_Myser_: S. Aischylos.
+
+_Mysien_: c. 24, 9. Provinz im Nordwesten Kleinasiens.
+
+_Neoptolemos_: c. 23, 4. Sohn des Achilles. S. Ilias, Die Kleine und
+Sophokles.
+
+_Nikochares_: c 2, 3. Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos,
+der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem
+Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des
+Aristophanes aufgeführt wurden.
+
+_Niobe_: S. Aischylos.
+
+_Odyssee_: S. Homer.
+
+_Odysseus_, der Verwundete: S. Karkinos und Sophokles.
+
+/*
+ --, der Trugbote: c. 16, 4. Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama.
+ --, in der Skylla: S. Timotheos.
+*/
+_Oidipus_: S. Sophokles.
+
+_Orestes_: c. 13, 4. Die Sage des O.
+/*
+ --: S. Aischylos Agamemnon, Choephoren.
+ --: S. Sophokles Elektra
+ --: S. Euripides Elektra, Iphigeneia, Orestes.
+ --: S. Polyidos Iphigeneia.
+*/
+_Pauson_: c. 2. 2. Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des
+5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt
+die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange
+in der Gunst des Publikums erhalten zu haben.
+
+_Peleus_: S. Sophokles.
+
+_Peloponnesier_: c 3, 4. Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie
+gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen
+gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche
+Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen
+Stadt.
+
+_Philoktetes_: S. Aischylos. (S. 78)
+
+_Philoxenos_ (435--380): c. 2, 3. Berühmter Dithyrambiker, geboren in
+Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb
+in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop"
+(Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll
+unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur
+Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste
+erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen
+Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung
+schlechterer Charaktere angeführt zu werden.
+
+_Phiniden_ c. 16, 4. Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist
+ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung
+führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der
+Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig
+ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König
+Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend,
+seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ.
+Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet
+oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter
+Accius und einen Dithyrambos des Timotheos.
+
+_Phorkiden_: S. Aischylos.
+
+_Phthiotinnen_: S. Sophokles.
+
+_Pindaros_: c. 26, 2. Ein nur hier genannter Schauspieler, dem
+Zusammenhang nach Zeitgenosse des Kallipides (s.d.).
+
+_Polyeidos_ der Sophist: c. 16, 4. 17, 3. Der Name ist äußerst selten,
+so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll.
+Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und
+Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter
+Dithyrambos wie die Skylla des Timotheos (s.d.) und zweifellos
+nacheuripideisch.
+
+_Polygnotos_: 2, 2. 6, 7. Einer der berühmtesten und ältesten
+griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine
+bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458--447).
+Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei
+Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des
+Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5).
+
+_Prometheus_: S. Aischylos.
+
+_Protagoras_ v. Abdera (c. 485--c. 416): c. 19, 2. Neben Gorgias der
+bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der griechischen
+Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen (S. 79)
+Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.)
+wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu
+Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die
+sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den
+Wolken des Aristophanes.
+
+_Pythische_ Spiele: c. 24, 9. In derElektra des Sophokles schildert der
+Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei
+denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals
+(11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte.
+Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem
+Tleptolemos begangen.
+
+_Salamis_: S. Karthager.
+
+_Sinon_: S. Ilias, Die Kleine und Sophokles.
+
+_Sisyphos_: c. 18, 5. Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines
+überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen
+Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen
+bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder
+hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so
+von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen
+Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten
+Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm
+verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht.
+
+_Skylla_: S. Timotheos.
+
+_Sophokles_ (497/6--406/5): c. 3, 2. 4, 9. 18, 6. 25, 6. Für Aristoteles
+der künstlerisch vollendetste Tragiker.
+
+/#
+ _Antigone_: c. 14, 6. In der erwähnten Szene versucht Hainion, der
+ Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem
+ Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar.
+
+ _Elektra_: c. 24, 9. Orestes, Person im Drama: c. 13, 6. 14, 4.
+
+ _Eurypylos_: c. 23, 4. Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S.
+ Ilias, die Kleine.
+
+ [_Lakonierinnen_]: c. 23, 4. In dem Drama bildeten die spartanischen
+ Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des
+ troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner
+ Verkleidung als Bettler erkannte. S. Ilias, die Kleine.
+
+ _Odysseus_, der verwundete, c. 14, 5. So hieß ein Drama des
+ Chairemon (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber
+ stets als _O. Akanthoplex_ (der vom Rochenstachel getroffene)
+ zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), (S. 80) Sohn des Odysseus
+ und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und
+ verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß
+ Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete
+ Odysseus sei.
+
+ _Oidipus_: c. 11, 1. 2. 15, 8. 16, 5. 24 ,9. 26, 6. Stets ohne
+ Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos,
+ nie den Oidipus Coloneus, versteht. /* --: c. 13, 4. 14, 1. Die Sage
+ des Oidipus. --: 11, 1. 13, 3. 14, 5. Die Person im Drama. */
+ _Peleus_: c. 18, 2. Peleus, der greise Vater des Achilles, durch
+ seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel
+ Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach
+ war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende
+ Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und
+ Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben.
+
+ _Phthiotinnen_: c. 18, 2. Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem
+ Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht
+ verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der
+ Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von
+ demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends
+ bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine
+ Willkür.
+
+ _Sinon_: c. 23, 4. S. Ilias, Die Kleine.
+
+ _Tereus_: c. 16, 2. Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester
+ seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn
+ nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was
+ ihr widerfahren--dies die "Stimme der Spindel"--und die Schwestern
+ rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys.
+ Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos,
+ und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles.
+
+ _Thyestes_: c. 13, 4. Held in dem gleichbetitelten Drama. S.
+ Thyestes.
+
+ _Tyro_: c. 16, 1. Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren
+ und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und
+ als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer
+ Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der
+ eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre
+ Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre
+ Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen. Von den (S. 81)
+ zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine
+ Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und
+ Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8)
+ verdanken.
+#/
+
+_Sokratische Gespräche_: c. 1, 5. Aristoteles versteht darunter stets
+nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner
+auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines,
+Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche.
+
+_Sophron_ (c. 450): c. 1, 5. Der Begründer einer neuen Literaturgattung
+des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und
+in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein
+Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht
+haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner
+Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die
+poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt
+wurden.
+
+_Sosistratos_: c. 26, 3. Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer
+Zeitgenosse des Aristoteles.
+
+_Sthenelos_: c. 22, 1. Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen
+verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte
+ihn des Plagiats.
+
+_Tegea_: c. 24, 1. Stadt in Arkadien, Heimat des Telephos.
+
+_Telegonos_: S. Sophokles, Odysseus Akanthoplex.
+
+_Telemachos_: c. 25, 16. Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise
+nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die
+sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3--4, 619.
+
+_Telephos_: c. 13, 4. Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale
+sehr oft dramatisiert wurden, so von Aischylos (s.d.), Sophokles,
+Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion.
+
+_Theodektes_: 16, 4. 18, 1. Genialer Schüler des Isokrates und Platon,
+Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50
+Dramen und war siebenmal Sieger.
+
+/#
+ _Lynkeus_: c. 11, 1. 18, 1. Held der Danaidensage. Hypermnestra war
+ die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus
+ gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes
+ Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung
+ ereilte ihn aber in einer für uns nicht mehr genau zu erkennenden
+ Weise das Schicksal, das er (S. 82) jenem zugedacht.
+
+ Tydeus: c. 16, 4. Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben
+ gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig
+ unbekannt.
+#/
+
+_Theodoros_: c. 20, 5. Nur als Beispiel genannt.
+
+_Theseis_: c. 8, 2. Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker
+unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein
+Anonymus aus unbestimmter Zeit.
+
+_Thyestes_: c. 13, 4. Eine der am häufigsten dramatisierten
+Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage.
+So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros,
+Karkinos (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern,
+Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus.
+
+_Timotheos_ v. Milet (✝357): c. 2, 3. Berühmter Komponist, Dithyramben
+und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser"
+wurde 1902 aufgefunden.
+
+/#
+ _Kyklop_: c. 2, 3. S. Philoxenos
+
+ _Skylla_: c. 15, 5. 26, 1. Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee
+ geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr
+ schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des
+ Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den
+ Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu
+ veranschaulichen den Helden zu gewinnen.
+#/
+
+_Xenarchos_: c. 1, 5. Sohn des Sophron (s.d.). Nur hier als Verfasser
+von Mimen erwähnt.
+
+_Xenophanes_ v. Kolophon (c. 570--479): c. 25, 7. Dichter und Begründer
+der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus.
+
+_Zeuxis_ aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: c. 6, 7. 25, 18.
+Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert
+sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr
+Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum
+Ausdruck brachte.
+
+
+ * * * * *
+
+
+SACHVERZEICHNIS (S. 83)
+
+_Agon_: c. 6, 16. 7, 3. 13, 4. Der jährlich zweimal in Athen
+stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und
+Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere
+Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien
+und einem Satyrdrama) auf.--In den musikalischen Agonen wurden
+hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die c. 26, 3 angespielt
+wird.--Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf
+bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr (c. 7, 3).
+
+_Amphibolie_ (Doppelsinn): c. 25, 14.
+
+_Anagnorisis_ (Erkennung): c. 11, 2 definiert.
+
+_Anapaest_ und _Trochaeus_, ohne: c. 12, 2. Weil jener ein
+Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das
+stehend gesungene Chorlied (Stasimon).
+
+_Artikel_: c. 20, 4. Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne
+gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein
+schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres
+Kapitels.
+
+_Auletik_: c. 1, 2. Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus
+unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine
+Instrumentalmusik zu verstehen.
+
+_Beiwort_, schmückendes (Kosmos): c. 21, 5. Definition und Beispiel sind
+ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das
+epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als
+im Drama ist.
+
+_Beugung_ (Flexion): c. 20, 7.
+
+_Bindewort_: c. 20, 3.
+
+_Buchstabe_: c. 20, 1.
+
+_Demokratie_ in Megara: c. 3, 4. Um 590 v. Chr.
+
+_Dithyrambische_ Dichtung: c. 1, 2. Hier und mit _einer_ Ausnahme auch
+sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich
+beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach c. 4, 8 die Tragödie
+hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie
+ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei
+auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein (c. 26, 1).
+
+_Episode_: Mit Ausnahme von c. 12, 2. [18, 6], wo das Wort etwa mit
+"Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein gebräuchlichen
+Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung (S. 84) oder Erzählung
+in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht.
+
+_Flexion_: S. Beugung.
+
+_Furcht_: Definiert c. 13, 2.
+
+_Geschlecht_: S. Grammatik und Protagoras.
+
+_Glosse_ (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): c. 21, 3.
+
+_Grammatik_ (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): c. 20. 21. Trotz
+mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. Protagoras) befand sich die
+Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr
+wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern
+und alexandrinischen Philologen verdankt Der damals festgesetzten
+Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen,
+bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines
+Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ).
+
+Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar
+elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei
+dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr
+zugehörig bezeichnet hat.
+
+_Halbvokal_ (Liquida): c. 20, 1.
+
+_Jambos_: c. 4, 5. 9. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der
+Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der
+zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich
+als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte.
+Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit
+wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den
+Gesprächston nicht hinauszugehen.
+
+_Katharsis_: "Reinigung": c. 6, 2. Die seit Lessing und besonders seit
+Bernays (s. Einleitung S. XV) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik.
+Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere
+Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt
+worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher
+einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei
+Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine
+medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die _Wirkung_, nicht den _Zweck_
+der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und
+unzweideutig (c. 4, 2. 13, 6. 14, 2. 23, 1. 26, 8.) eine ihr
+eigentümliche _Lustempfindung_. Damit erledigt sich auch die Frage von
+selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht (S. 85) die Rede ist,
+ein _ethisch-moralisches_ oder ein _aesthetisch-psychologisches_ ist
+oder seinsoll. Was dagegen die kathartische _Wirkung_ anbelangt, so
+dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu
+Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen
+Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht
+berücksichtigte.
+
+_Kitharistik_: c. 1, 2. Die Guitarre (Lyra) war das übliche
+Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus
+wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. c. 1, 2). Dennoch wird
+man wohl richtiger auch hier, wie bei der Auletik (s.d.) die reine
+Instrumentalmusik verstehen müssen
+
+_Klepsydra_: S. Wasseruhr.
+
+_Kosmos_: S. Beiwort, schmückendes.
+
+_Maschine_: c. 15, 7. Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den
+bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine
+auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion)
+bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen
+Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias
+entnommenen Beispiel (s. Homer, Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich
+von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die
+Handlung eingreift, gebraucht.
+
+_Metapher_: c. 21, 4 definiert. 22, 2. 7.
+
+_Mimesis_ (nachahmende Darstellung): c. 1, 2 u.ö. Das Wort "Nachahmung"
+erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn er bezeichnet
+bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen in der
+Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden
+Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns
+und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die
+künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles
+unberücksichtigt geblieben ist. Auch die _lyrische_ Poesie hat
+Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht
+ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie
+einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung
+ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen.
+
+_Mitleid_: c. 13, 2 definiert.
+
+_Nachahmende Darstellung_: S. Mimesis.
+
+_Nichtlauter_ (Muta): c. 20, 1. (S. 86)
+
+_Nomos_: c. 2, 3. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine
+mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch Timotheos
+(s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder
+entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser
+Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt
+uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen
+Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen.
+In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete
+Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der
+Dithyrambus.
+
+_Probleme_: c. 25, 1--22 Die literarische, wie die Textkritik der
+Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den
+homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift
+"Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit,
+namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen,
+sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen
+und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig
+betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine
+Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise
+oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der
+Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für
+homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht
+oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von
+Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder
+geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt
+unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten
+"Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer
+wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele
+aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da
+man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben
+darf.
+
+8. "_Aber die Lanzen_ usw." Man meinte, daß bei der geschilderten
+Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und
+so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung
+entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.
+
+10. "_Die Mäuler zuerst_." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo
+gesandten Seuche die "Mäuler" _vor_ den schuldigen Menschen
+dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung (S. 87) ist hinfällig, denn,
+selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte--es kommt nur noch einmal
+in einem Verse der Ilias vor,--so trifft sie doch auf das folgende "_und
+die hurtigen Hunde_," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.
+
+10. "_Der von Gestalt zwar häßlich_." Das "Problem" ist gar nicht
+vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren
+herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die
+merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der
+Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men--alla"
+(zwar--jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies
+gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch
+schnellfüßig).
+
+10. "_Mische reineren Wein_:" Den Anstoß, den man daran nahm, gibt
+Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen
+Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das
+angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig
+Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.
+
+11. "_Alle_" im Sinne von "Viele." Aristoteles muß in seinem Homertexte
+"alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten,
+gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter
+dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort
+"alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.
+
+11. "_Allein nicht teilnimmt_." Die astronomische Unrichtigkeit daß das
+Bärengestirn _allein_ unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht
+untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung
+findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der
+Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum
+Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe
+Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin
+Hörner gab (c. 25, 5), anführt.
+
+12."_Wir gewähren ihm_:" Dieses und das folgende Problem wie seine
+Lösung--das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen
+Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu
+nennen--haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen
+erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem
+der Akzent bei dem Wort _didomen_ auf die erste oder zweite (S. 88)
+Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias
+nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so
+die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben
+von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die
+spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker
+nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers,
+der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu
+ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert.
+Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.
+
+12. "_Das zum Teil_": Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird
+oder nicht, bedeutet _ou_ entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem
+Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle
+unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht
+vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber
+aufgeworfen zu haben.
+
+13. "_gemischt was lauter zuvor_." Der fast völlige Mangel jeglicher
+Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war
+zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle
+von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig
+sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem
+Falle kann man im Griechischen das _zuvor_ ebenso gut mit _gemischt_ als
+mit _lauter_ verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig
+überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem
+Zusammenhang entspricht.
+
+14. "_der größere Teil_". Man glaubte einen argen Widerspruch in der
+angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht
+verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter
+Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu
+lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen
+Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O.
+zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen
+erübrigen.
+
+15. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten
+Ungenauigkeiten beruhen auf einer _Metonymie_, wie der technische
+Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet
+wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar trinken, so wird in noch
+auffälligerer Weise Hebe geradezu _Weinschenkin_ (S. 89) _des Nektar_
+(Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel
+abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den
+biertrunkenen Germanen _vinolenti_ gebraucht wird.
+
+Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer
+Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus,
+daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom
+Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu
+werden.--Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man
+schon längst das Eisen bearbeitete.
+
+Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die
+bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich
+verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".
+
+16. "_hielt die eherne Lanze an_": Ein vielbehandeltes "Problem". Der
+berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze
+Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein
+Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf
+Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas
+zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die
+Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite
+sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker
+gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte
+Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere
+Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat
+so ziemlich beseitigt wurde.
+
+_Prolog_: c. 5, 2. Dieser Prolog der primitiven Komödie ist in der uns
+allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren
+mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es
+nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang
+voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren
+nennen ihn Thespis.--Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird
+der Prolog c. 12, 1 definiert. Wieder ganz anderer Art war der
+euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des
+Chors unmittelbar folgt.
+
+_Qualen_, übermäßige: c. 11, 5. Falls nur körperliche gemeint sind, so
+wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet zu nennen. Sonst
+kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des (S. 90) Orestes im Orestes und in
+der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in
+Betracht.
+
+_Satz_ (Wortgefüge): c. 20, 8.
+
+_Schauspieler_, Zahl der: c. 4, 9. 5, 2. Sie betrug nie mehr als drei.
+Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen
+und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen
+Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als
+Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits
+Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern
+Rollen auf den Leib geschrieben haben.
+
+_Silbe_: c. 20, 2.
+
+_Stasimon_: c. 12, 1.
+
+_Substantivum_: c. 20, 5.
+
+_Szenerie_, gemalte: c. 4, 9. Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos
+von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.
+
+_Tetrameter_: c. 4, 9. Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.
+
+_Tötung auf der Bühne_: c. 11, 5. Uns ist nur ein Beispiel, der
+Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen
+Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles
+zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185
+vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums
+töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben,
+Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt
+für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der
+Klytaimestra (Soph. Elektra).
+
+_Trimeter_: c. 1, 5. Stets der jambische Trimeter.
+
+_Trochaeus_: c. 12, 2. S. Anapaest.
+
+_Tragödie_: c. 1. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der
+"Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr
+Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in
+Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im
+Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.
+
+/#
+ --, unglücklicher Ausgang der: c. 13, 4. Einschließlich der noch
+ erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das
+ Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden
+ bei Euripides wie 46:16,[100] bei Sophokles wie 43:24, was (S. 91)
+ das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein
+ solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem
+ Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu
+ Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte
+ gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene
+ Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige
+ Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu
+ sein".
+#/
+
+_Verbum_: c. 20, 6.
+
+_Verwundungen_: c. 11, 5. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den
+Tötungen (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein
+sicheres Beispiel gibt ("Der verwundete Odysseus?" s.d.), so wären hier
+allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides
+und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen.
+Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt,
+zahlreichere Belege gekannt haben.
+
+_Vokal_: S. Selbstlaut.
+
+_Wasseruhr_ (Klepsydra): c. 7, 3. In athenischen wie auch in römischen
+Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer
+vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben
+Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe
+berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer
+szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder
+inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen
+hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der
+syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.
+
+
+ * * * * *
+
+
+FUßNOTE:
+
+
+[1] Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt mein
+Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239--265
+
+[2] Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht aufgezählten
+zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen.
+
+[3] Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium dictator
+perpetuus.
+
+[4] Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab.
+
+[5] Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie würde Dich
+die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Das
+nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser Gedanke
+ist--nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod non sit
+dictum prius.
+
+[6] Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz. 1900: "Wenn
+das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so läßt sich von
+einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer durchaus ihm
+eigentümlichen Theorie sprechen."
+
+"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre
+Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre
+systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten
+Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim.
+
+[7] c. 3, 3. 4. 8, 1. 13, 4. 5. 18, 2. 22, 4. 25, 16.
+
+[8] Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere Erklärung
+der Katharsis ausgefallen.
+
+[9] Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition.
+
+[10] Szenische Ausstattung.
+
+[11] Fabel, Charakter, Gedanken.
+
+[12] S. unter Wasseruhr.
+
+[13] Odyss 19, 394--466, aber es ist dies hier nur eine episodische
+Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck verfolgt.
+
+[14] S. Namenverzeichnis unter Kypria.
+
+[15] Soph. Oed. Tyr. 1002 ff.
+
+[16] Eur. Medea 1225 ff.
+
+[17] Soph. Antig. 1281 ff.
+
+[18] Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff.
+
+[19] Eur. Medea 1310 ff.
+
+[20] Homer Ilias 2, 155 ff.
+
+[21] Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9.
+
+[22] Homer, Od. 19, 386-475.
+
+[23] a.a.O. 21, 207--227.
+
+[24] a.a.O. 19.
+
+[25] Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747--785.
+
+[26] a.a.O. 795--821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis dafür?"
+
+[27] Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I
+ff.
+
+[28] Aisch. Choeph. 168 ff.
+
+[29] 1002 ff.
+
+[30] Eur. Iph. Taur. 566 ff.
+
+[31] Tauros (Krim).
+
+[32] Artemis.
+
+[33] Eur. Iphig. Taur. 20 ff.
+
+[34] Orestes.
+
+[35] Apollo.
+
+[36 33] a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff.
+
+[37] c. 16, 2.
+
+[38] a.a.O. 274 ff.
+
+[39] a.a.O. 1130 ff.
+
+[40] Odysseus.
+
+[41] Poseidon.
+
+[42] Telemachos.
+
+[43] Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der Rinderhirt,
+Eurykleia, die Amme des Odysseus.
+
+[44] Ilias 1, 1.
+
+[45] Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des Bindeworts
+wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen Übersetzung
+fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden Definitionen
+ist bisher nicht erzielt worden.
+
+[46] "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges,
+vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als
+Apposition gefaßt wird.
+
+[47] Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308.
+
+[48] Homer, Ilias 2, 272.
+
+[49] Empedokles, Fragm. 138. 143 D.
+
+[50] Timotheos Fragm. 22 Wilam.
+
+[51] Empedokles Fragm. 152 D.
+
+[52] Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos oder von
+Empedokles.
+
+[53] Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst nicht
+nachweisbar.
+
+[54] Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78.
+
+[55] Empedokles Fragm. 88 D.
+
+[56] Homer, Ilias, 5, 393.
+
+[57] Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint.
+
+[58] Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter wie den
+da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher.
+
+[59] ˘̅ bezeichnet die falsche Verlängerung.
+
+[60] Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert, doch ist
+der Sinn für die Sache belanglos.
+
+[61] Hom. Odyss. 9, 515.
+
+[62] Hom. Odyss. 20, 259.
+
+[63] Hom. Ilias 17, 265.
+
+[64] Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665, Andr. 63
+(dómōn, statt domátōn, apó).
+
+[65] Sehr oft und nicht nur bei Tragikern.
+
+[66] Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. _pros sethen,
+ego nin_.
+
+[67] Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr nachzuweisen.
+Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu stellen. _perí_
+eigentlich = über, um.
+
+[68] Homer, Ilias 2, 479--779.
+
+[69] S. unter Ilias, die Kleine.
+
+[70] Ilias 22, 198 ff.
+
+[71] Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte Achilles."
+
+[72] Odyssee 19, 164--260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit ähnelnde Lügen
+erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von 220--248, daß
+nun auch, die Erzählung in 164--200 wahr sei, was nicht der Fall war.
+
+[73] Soph. Oed. Tyr. 103 ff.
+
+[74] Soph. Elekt. 681 ff.
+
+[75] Telephos.
+
+[76] Homer, Odyssee 18, 119 ff.
+
+[77] Siehe Sachverzeichnis unter dem Worte.
+
+[78] Siehe c. 24, 7.
+
+[79] Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler.
+
+[80] Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit betrifft, so gab
+es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug auf die Götter."
+
+[81] Homer Ilias 10, 152 f.
+
+[82] Homer Ilias, 1, 50 "_Aber die Mäuler zuerst_ griff er an und die
+eilenden Hunde."
+
+[83] Ilias 10, 316. _Der_--_häßlich_, jedoch gar hurtigen Fußes.
+
+[84] Ilias 9, 202.
+
+[85] Ilias 10, 11--13 "_Siehe_--_Felde_" 12 staunte er ... 13 "_ob der
+Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_ der Menschen".
+
+[86] Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "_Es_ (das Bärengestirn), _das allein
+nicht teilnimmt_ am Bad in den Fluten des Meeres."
+
+[87] Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem steht der
+Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. Probleme.
+
+[88] Ilias, 23, 328.
+
+[89] Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240). 89:
+Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240).
+
+[90] Ilias 10, 252f. Von--Teil. Zwei der Teile, jedoch der dritte Teil
+blieb noch übrig.
+
+[91] Ilias 21, 592.
+
+[92] Ilias 20, 234.
+
+[93] Nach Ilias 6, 341.
+
+[94] Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist, S. unter
+"Probleme".
+
+[95] Odyssee 4, 1--619.
+
+[96] Eur. Medea 658.
+
+[97] Vgl. c. 15.
+
+[98] Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und zugleich ein
+häufiger Eigenname.
+
+[99] Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a. sind hier
+nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag.
+
+[100] Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos, sowie
+natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die
+zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt
+wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST ***
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+1.F.
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
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+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
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+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ /* XML end ]]>*/
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+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Uber die Dichtkunst
+
+Author: Aristoteles
+
+Release Date: October 16, 2005 [EBook #16880]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe
+
+
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+</pre>
+
+
+
+<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. -->
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+<!-- End Autogenerated TOC. -->
+
+<h1><a name="Page_1" id="Page_1"></a>ÜBER DIE DICHTKUNST</h1>
+
+<h4>BEIM</h4>
+
+<h2>ARISTOTELES</h2>
+
+<h5>NEU ÜBERSETZT UND</h5>
+<h5>MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN</h5>
+<h5>NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN</h5>
+
+<h5>VON</h5>
+
+<h4>ALFRED GUDEMAN</h4>
+
+
+<h4>1921<a name="Page_2" id="Page_2"></a></h4>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h3>VORWORT</h3>
+
+
+<p>Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen Bibliothek
+eine Neuauflage der vergriffenen <i>Ueberwegschen</i> Übersetzung der
+aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der
+Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins
+und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen
+Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die
+mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die
+unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen
+Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken
+habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen.
+Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil
+derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen
+Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes
+Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke
+größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten
+auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.</p>
+
+<p>Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht
+festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine
+solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die
+<i>Ueberwegsche</i> Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene
+beruhte nämlich noch auf dem <i>Bekkerschen</i> Texte, der im wesentlichen
+nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus
+konservativ, selbst von dem <i>Vahlen</i>'s (1886) an fast 300 Stellen
+abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend
+ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a><a name="Page_3" id="Page_3"></a>
+Sodann hatte sich <i>Ueberweg</i>, ebenso wie seine Vorgänger und
+Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen
+und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen,
+lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark
+elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig
+und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer
+Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis
+attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an
+einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein
+Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu
+erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei
+Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der
+weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß
+ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung <i>Ueberwegs</i> nicht
+aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen
+und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen.
+Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio
+gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne
+Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der
+textkritische Anhang <i>Ueberwegs</i> in Wegfall kommen mußte, versteht sich
+von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden
+Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser
+selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen".
+Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,<a name="Page_4" id="Page_4"></a>
+in jedem Fall waren auch sie, einige rein sachliche Belege
+ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek"
+vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich
+jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte
+Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun
+erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich
+das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich
+schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen
+Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden
+Raum nicht zu überschreiten.</p>
+
+<p>Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt
+auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren
+Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die
+obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen
+dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.</p>
+
+<p>Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine
+wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.</p>
+
+<p>München, Juli 1920.</p>
+
+<p>Alfred Gudeman.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_5" id="Page_5"></a>INHALTSVERZEICHNIS</h4>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_10" class="a">Einleitung</a></span>
+<br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">I. Allgemeiner Teil: c. 1&mdash;5.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">1. Kurze Inhaltsangabe: <a href="#a_1" class="a">c. 1, 1</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">3. Dreifacher Unterschied: <a href="#a_3" class="a">c. 1, 3&mdash;3, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Nach den Mitteln: <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4&mdash;6</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische</span><br />
+<span style="margin-left: 21em;">Dialoge): <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): <a href="#a_6" class="a">c. 1, 6</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): <a href="#b_1" class="a">c. 2, 1&mdash;3</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Nach der Art und Weise: <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1&mdash;2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Erzählend (Epos): <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Handelnd (Drama): <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(3) Schlußfolgerung: <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas,</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">insbesondere der Komödie: <a href="#c_3" class="a">c. 3, 3&mdash;4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: <a href="#d_1" class="a">c. 4, 1&mdash;2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: <a href="#d_3" class="a">c. 4, 3</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter.</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">Die literargeschichtliche Entwicklung: <a href="#d_4" class="a">c. 4, 4&mdash;5, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend:</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;"><a href="#e_3" class="a">c. 5, 3&mdash;4</a>.</span><br />
+</p>
+<hr style='width: 45%;' />
+<p>
+<span style="margin-left: 14em;">II. Besonderer Teil: c. 6&mdash;26.</span><br />
+<br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">A. <i>Die Tragödie</i>: <a href="#KAPITEL_VI" class="a">c. 6&mdash;22</a>.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">1. Die Definition der Tragödie: <a href="#f_1" class="a">c. 6, 1&mdash;2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">2. Die sechs qualitativen Teile: <a href="#f_3" class="a">c. 6, 3&mdash;5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">3. Deren Rangordnung: <a href="#f_6" class="a">c. 6, 6&mdash;15</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Die Fabel: <a href="#f_6" class="a">c. 6, 6&mdash;10</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Die Charaktere: <a href="#f_11" class="a">c. 6, 11</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Die Gedanken: <a href="#f_12" class="a">c. 6, 12&mdash;13</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">d) Der sprachliche Ausdruck: <a href="#f_14" class="a">c. 6, 14</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">e) Die musikalische Komposition: <a href="#f_15" class="a">c. 6, 15</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">f) Die szenische Ausstattung: <a href="#f_15" class="a">c. 6, 15</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">4. Die Fabel: <a href="#KAPITEL_VII" class="a">c. 7&mdash;14. 16&mdash;18</a>.</span><a name="Page_6" id="Page_6"></a><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein:</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;"><a href="#g_1" class="a">c. 7, 1&mdash;3</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich:</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;"><a href="#h_1" class="a">c. 8, 1&mdash;4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers:</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;"><a href="#i_1" class="a">c. 9, 1&mdash;7</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: <a href="#i_8" class="a">c. 9, 8</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: <a href="#i_9" class="a">c. 9, 9</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">f) Einfache und verflochtene Fabeln: <a href="#j_1" class="a">c. 10, 1&mdash;2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">g) Die drei Teile der Fabel: <a href="#KAPITEL_XI" class="a">c. 11</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 22em;">(1) Peripetie: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(2) Erkennung: <a href="#k_2" class="a">c. 11, 2&mdash;4</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(3) Die leidvolle Tat (Pathos): <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1&mdash;2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 22em;">(1) Prolog.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(2) Epeisodion.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos).</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(4) Exodos.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">erregen: <a href="#KAPITEL_XIII" class="a">c. 13&mdash;14</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">dem Makellosen und dem Bösewicht: <a href="#m_1" class="a">c. 13, 1&mdash;3</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4&mdash;6</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">und deren Rangordnung: <a href="#KAPITEL_XIV" class="a">c. 14,1&mdash;9</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 22em;">(a) A kennt B und tötet ihn.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">Erkennung nach der Tat.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">zu töten.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">Versuch ihn zu töten verhindert.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: <a href="#KAPITEL_XV" class="a">c. 15, 1&mdash;10</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Sittlich-gut: <a href="#o_1" class="a">c. 15, 1</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">b) Angemessen: <a href="#o_2" class="a">c. 15, 2</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">c) Historisch ähnlich: <a href="#o_3" class="a">c. 15, 3</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">d) Konsequent: <a href="#o_4" class="a">c. 15, 4</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">e) Gegensätze: <a href="#o_5" class="a">15, 5&mdash;10</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert:</span><br /><a name="Page_7" id="Page_7"></a>
+<span style="margin-left: 16em;"><a href="#KAPITEL_XVI" class="a">c. 16, 1&mdash;5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Zeichen: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Angeborene.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Erworbene.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(a) Körperliche.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(b) Andere äußerliche.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Vermittelst der Erinnerung: <a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: <a href="#KAPITEL_XVII" class="a">c. 17&mdash;18</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;"><a href="#q_1" class="a">c. 17, 1</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">darstellend erproben: <a href="#q_2" class="a">c. 17, 2</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">und dann Namen und Episoden einfügen: <a href="#q_3" class="a">c. 17, 3</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">d) Die Episoden müssen begrenzt sein: <a href="#q_4" class="a">c. 17, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: <a href="#r_1" class="a">c. 18, 1&mdash;3</a></span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: <a href="#r_4" class="a">c. 18, 4&mdash;5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: <a href="#r_6" class="a">c. 18, 6</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: <a href="#s_1" class="a">c. 19, 1</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">9. Der sprachliche Ausdruck: <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2&mdash;c. 22</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">a) Die Modalitäten der Rede: <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">Befehl (Imperativ)&mdash;Wunsch (Optativ)&mdash;Erzählung (Indikativ)&mdash;Drohung,</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">Frage und Antwort.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">b) Die Bestandteile der Rede: <a href="#KAPITEL_XX" class="a">c. 20, 1&mdash;8</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Buchstabe: <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Silbe: <a href="#t_2" class="a">c. 20, 2</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(3) Bindewort: <a href="#t_3" class="a">c. 20, 3</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(4) Artikel: <a href="#t_4" class="a">c. 20, 4</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(5) Substantiv: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(6) Verbum: <a href="#t_6" class="a">c. 20, 6</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(7) Flexion: <a href="#t_7" class="a">c. 20, 7.</a></span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(8) Satz: <a href="#t_8" class="a">c. 20, 8</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">c) Ausdrucksarten: <a href="#KAPITEL_XXI" class="a">c. 21</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(1) Komposita: <a href="#u_1" class="a">c. 21, 1</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 20em;">(2) Wortklassen: <a href="#u_2" class="a">c. 21, 2.</a></span><br />
+
+<span style="margin-left: 22em;">(a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: <a href="#u_3" class="a">c 21, 3</a>.</span><br /><a name="Page_8" id="Page_8"></a>
+<span style="margin-left: 22em;">(b) Glosse: <a href="#u_3" class="a">c 21, 3</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(c) Metapher: <a href="#u_4" class="a">c. 21, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 24em;">aa. Von der Gattung auf die Art.</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">bb. Von der Art auf die Gattung,</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">cc. Von der Art auf die Art.</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">dd. Auf Grund einer Proportion.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 22em;">(d) Schmückendes Beiwort: <a href="#u_5" class="a">c. 21, 5</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(e) Neugebildetes Wort: <a href="#u_6" class="a">c. 21, 6</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(f) Verlängertes und verkürztes Wort: <a href="#u_7" class="a">c. 21, 7</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">(g) Umgewandeltes Wort: <a href="#u_8" class="a">c. 21, 8</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 20em;">(3) Das grammatische Geschlecht: <a href="#u_9" class="a">c. 21, 9</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 18em;">d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: <a href="#KAPITEL_XXII" class="a">c. 22, 1&mdash;8</a>.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">B. <i>Das Epos</i>: <a href="#KAPITEL_XXIII" class="a">c. 23&mdash;c. 24</a>.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: <a href="#w_1" class="a">c. 23-24, 4</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">2. Einheitliches Versmaß: <a href="#x_5" class="a">c. 24, 5</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">3. Weitere homerische Vorzüge: <a href="#x_6" class="a">c. 24, 6</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: <a href="#x_7" class="a">c. 24, 7</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">Illusion): <a href="#x_8" class="a">c 24, 8</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">6. Das Vernunftwidrige im Epos: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.</span><br />
+
+<span style="margin-left: 14em;">7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: <a href="#x_10" class="a">c. 24, 10</a>.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">C.<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Die <i>fünf Probleme</i> (kritischen Einwendungen) in einem</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">Dichtwerk und deren <i>zwölf Lösungen</i> (Widerlegungen,</span><br />
+<span style="margin-left: 16em;">Rechtfertigungen): <a href="#KAPITEL_XXV" class="a">c. 25, 1&mdash;22</a>.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 18em;">(I.)  Das <i>Unmögliche</i>:</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">(II.)  Das <i>Vernunftwidrige</i> oder Unwahrscheinliche.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung).</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">5. Es ist historisch beglaubigt.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">(III.) Das <i>moralisch Schädliche</i>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein</span><br />
+<span style="margin-left: 24em;">relativer.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">(IV.)  Das <i>Widerspruchsvolle</i>.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.</span><br />
+<span style="margin-left: 18em;">(V.)  <i>Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit</i>.</span><br /><a name="Page_9" id="Page_9"></a>
+<span style="margin-left: 22em;">8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher.</span><br />
+<span style="margin-left: 22em;">9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus).</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">10. Der Interpunktion.</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">11. Der Amphibolie (Doppelsinn).</span><br />
+<span style="margin-left: 21.5em;">12. Des Sprachgebrauchs.</span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;">D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: <a href="#KAPITEL_XXVI" class="a">c. 26, 1&mdash;9</a></span><br />
+
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_91" class="a">Namenverzeichnis</a></span><br />
+<br />
+<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_106" class="a">Sachverzeignis</a></span>
+</p>
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h3><a name="Page_10" id="Page_10"></a>EINLEITUNG</h3>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>1. Die Bedeutung der Poetik.</p>
+
+<p>Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich auch nur
+entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik
+Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr,
+wie einst <i>Lessing</i>, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die
+Elemente des <i>Euklid</i>. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben
+müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart&mdash;das Epos kommt nicht in
+Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist&mdash;<i>Aristoteles</i> als
+literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.</p>
+
+<p>Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand
+der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur
+oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs
+und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen
+will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker
+oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen
+seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der
+Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen
+Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik
+des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>2. Die Poetik im Altertum.</p>
+
+<p>Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß
+sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster
+Hand geschöpften <a name="Page_11" id="Page_11"></a>Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der
+aristotelischen Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht
+auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des
+<i>Aristoteles</i>, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß
+jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren
+Quellen entlehnt sind.</p>
+
+<p>Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes
+dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von <i>Andronikos</i>
+v. Rhodos, einem Zeitgenossen <i>Ciceros</i>, zusammen mit anderen Werken des
+<i>Aristoteles</i> in Rom herausgegeben worden zu sein. <i>Horaz</i>, bzw. sein
+viel älterer Gewährsmann, <i>Neoptolemos</i> v. Parion (c. 260 v. Chr.),
+zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung
+der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken
+erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser
+<i>Philodemos</i> v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann
+brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt
+nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen
+Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die
+Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose
+Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen
+Epen, wie die des Oppian, <i>Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos,
+Triphiodor</i>, ja selbst des <i>Nonnos</i>, stammen aus sehr später Zeit und
+kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn
+auch von den Lehren des <i>Aristoteles</i> keinen Hauch verspüren lassen. Es
+darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des
+Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder
+finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben <a name="Page_12" id="Page_12"></a>entgegengebrachte
+Gleichgültigkeit wird es wohl auch zum Teil verschuldet haben,
+daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz
+verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste
+aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die
+Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen
+Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der
+Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem
+unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen
+oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war,
+erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere
+Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie
+als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich
+stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften
+vereint überliefert wurde.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>3. Textgeschichte.</p>
+
+<p>Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne
+Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen
+Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger
+Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden
+gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch
+wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits
+die Vorlage für die arabische Übersetzung des <i>Abu Bishar Matta</i>
+(990&mdash;1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser
+Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die
+jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten
+arabischen Gelehrten <i>Averröes</i> (1126 <a name="Page_13" id="Page_13"></a>bis 1198), denn die
+orientalischen Übersetzer standen dem Inhalt der Poetik mit der
+denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue
+Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene
+alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die
+älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß
+die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater
+aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht
+entspricht.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>4. Die Poetik in der Neuzeit.</p>
+
+<p>Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die
+Hegemonie des <i>Philosophen Aristoteles</i>, der die Gedankenwelt des
+Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik
+aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun
+alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das
+verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien
+zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des <i>Georgius Valla</i>
+(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer
+Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. <i>Robortelli</i> (Florenz l548),
+dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche
+Kommentare folgten: <i>Madius</i> (Venedig 1550), <i>P. Victorius</i> (Florenz
+1560) und <i>Castelvetro</i> (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh.
+waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen&mdash;die
+Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa
+herausgegeben,&mdash;doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch
+in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten
+Leistungen <a name="Page_14" id="Page_14"></a>zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten
+zweier Engländer, <i>Twining</i> (1789) und <i>Tyrwhitt</i> (1794) ein,
+während <i>Lessing</i> etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8)
+das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste
+deutsche Übersetzung von <i>Curtius</i> (1755) war nämlich als solche sehr
+kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz
+von <i>Dacier</i> (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben
+Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl
+<i>Goethe</i> wie <i>Schiller</i> die aristotelische Schrift aus ihr kennen
+lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung
+begann dann erst wieder mit <i>Vahlen</i>, der zuerst konsequent die Recensio
+auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A<sup>c</sup>), aufbaute und in
+seinen "Beiträgen zu <i>Aristoteles</i> Poetik" ("Wien 1865/6), einer der
+hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das
+Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war
+sodann die glänzende Abhandlung von <i>J. Bernays</i> (1857) über die
+Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde,
+die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.</p>
+
+<p>Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des
+16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der
+Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des <i>Castelvetro</i> besonders
+verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei
+Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen
+<i>Aristoteles</i> einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf
+einem Mißverständnis des <i>Castelvetro</i>. Sogenannte "Poetiken" sprangen
+vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu
+den wirklichen, leider <a name="Page_15" id="Page_15"></a>zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des
+<i>Aristoteles</i> Stellung und gar bald versuchten epische und
+dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren
+praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von
+Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die
+einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere
+Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: <i>Minturno</i>, De poeta
+(1559), <i>J.C. Scaliger</i>, Poetices libri VII (1561),<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> <i>Sir Philip
+Sidney</i>, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), <i>Patrizzi</i>, Della
+Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des <i>Aristoteles</i> und seiner
+Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des <i>Aristoteles</i> standen
+und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken
+sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: <i>Trissino</i>, dessen
+"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555),
+<i>Fracastoro</i>, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), <i>T. Tasso</i>,
+Discorsi dell' Arte Poetica (1586), <i>Jean de la Taille</i>, Préface zu Saul
+(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie
+<i>Jodelle</i>, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre
+(1552), <i>Vauquelin de la Fresnaye</i>, Art poetique (begonnen 1574,
+gedruckt 1605), <i>Ronsard</i> und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie
+alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den
+aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es
+scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer
+italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der
+heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen
+Interesses trat. <i>Mairet</i>, der die erste "regelrechte" <a name="Page_16" id="Page_16"></a>Tragödie,
+"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die Poetik aus erster
+Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und
+dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse
+(1636&mdash;1640), wie <i>Chapelain</i> und <i>Hedelin d'Aubignac</i>. <i>Corneille</i>
+selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus
+erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren
+Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf <i>Aristoteles</i> Bezug nimmt. In
+seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch
+nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben
+entsprechen.</p>
+
+<p>Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen
+vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch
+diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten."
+Daß <i>Shakespeare</i> diese kannte, geht aus der Ansprache an die
+Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der
+Zeit im Wintermärchen (IV<sub class="sub">1</sub>) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber
+noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen
+(ein <i>Marlow, Jonson, Greene, Beaumont</i> und <i>Fletcher</i>), so möchte ich
+doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache
+hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die
+beiden letzten <a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und
+der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher
+verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im
+"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt.
+Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker <a name="Page_17" id="Page_17"></a>die
+Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," soweit die
+Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh.
+haben dann <i>Milton</i>, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson
+Agonistes" (1671), und insbesondere <i>Dryden</i>, namentlich in seinem
+"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein
+besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem
+Einfluß von <i>Corneille Rapin, de Bossu</i> und <i>Boileau</i>.</p>
+
+<p>Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie
+erwähnt, mit <i>Lessing</i>. <i>Goethe</i> und durch ihn veranlaßt auch Schiller
+(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem
+Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden
+Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die
+Empfindung, daß in diesem Briefwechsel <i>Schiller</i> durchaus der Gebende
+ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist <i>Goethe</i> in seiner
+ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand
+zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung
+verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der
+Tragödiendefinition gibt.</p>
+
+<p>Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten
+Abhandlung von <i>Bernays</i> abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich
+allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so <i>E. Müller,
+Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet,
+Nietzsche, Baumgart</i> und <i>Carrière</i>, um nur diese zu nennen. In den
+Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des
+Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher
+zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs
+einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als <a name="Page_18" id="Page_18"></a>sie schon in
+den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen Lehrsätzen des
+<i>Aristoteles</i> uns vorliegen.</p>
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+<p>5. Die Quellen der Poetik.</p>
+
+<p>Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne
+gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der
+Vergangenheit<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt
+abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt
+nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden
+Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem
+Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im
+Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten
+Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität
+als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn
+zweifellos auch die Poetik des <i>Aristoteles</i> nicht wie Athene in voller
+Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar
+nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor
+allem in den Schriften der <i>Sophisten</i>, schon vorgefunden und so weit
+zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt.
+Gegen das Verdammungsurteil, das <i>Platon</i> gegen das Epos und Drama
+geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen
+stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich
+und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals
+nennt. <a name="Page_19" id="Page_19"></a>Daß einzelne Gedankengänge <i>Platons</i> über
+die Dichtkunst auf <i>Aristoteles</i> eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben
+und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast
+selbstverständlich und allgemein anerkannt.</p>
+
+<p>Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a>
+das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht
+worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und
+sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß
+gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der
+schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung
+eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht
+unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige
+Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die
+angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch
+selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten,
+durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu
+verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des <i>Aristoteles</i> zu
+<i>Platon</i> überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf
+eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken!
+Sodann ist zu bemerken, daß <i>Platon</i> sich zwar mehr oder minder
+ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Urs<a name="Page_20" id="Page_20"></a>prung der Dichtung
+ausgesprochen hat, daß aber von einer Technik der
+Dichtkunst&mdash;und das ist doch wohl unsere Poetik&mdash;sich schlechterdings
+nichts findet, was dem <i>Aristoteles</i> als Grundlage oder Quelle der
+Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der
+nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre
+Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des <i>Aristoteles</i> sehr erheblich
+ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen,
+wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den
+Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung
+zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische
+Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der
+Betrachtung, daß <i>Platon</i> sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu
+anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei
+es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen
+Gewaltmitteln die Abhängigkeit des <i>Aristoteles</i> von <i>Platon</i> glaubhaft
+gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel
+angeführt. Mit der dem <i>Aristoteles</i> eigenen analytischen Schärfe werden
+die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste
+festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und
+Weise (<a href="#KAPITEL_I" class="a">c. 1</a>), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer
+kunstgerechten Tragödie bewährt (<a href="#KAPITEL_VI" class="a">c. 6</a>). Diese tief durchdachte
+Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut
+dem <i>Platon</i> entnommen sein. In der Rep. III 392<sup>c</sup> schließt
+nämlich <i>Sokrates</i> eine längere Erörterung darüber, daß in seinem
+Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit
+folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt,
+völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was <a name="Page_21" id="Page_21"></a>ausgesprochen werden
+soll und wie." Inhaltlich haben, wie man sieht, diese Worte,
+wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch
+nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch
+fatalerweise das dritte Glied&mdash;die Mittel! Aber durch solche
+Kleinigkeiten läßt sich <i>Finsler</i> seine Kreise nicht stören.
+<i>Aristoteles</i> wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten
+Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte
+ausdrücken lassen, dem <i>Platon</i> entlehnt zu haben. So z.B. daß die
+Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser
+Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn
+<i>Aristoteles</i> sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes
+"Drama", von der bei <i>Platon</i> nirgends die Rede ist, "einige" auf eben
+jene Tatsache sich berufen hätten.</p>
+
+<p>Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des
+<i>Aristoteles</i> von <i>Platon</i> hält demnach vor einer unbefangenen und
+vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen
+Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede
+gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in
+Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt,
+einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.</p>
+
+<p>Während uns <i>Platons</i> Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind
+die sonstigen Vorgänger des <i>Aristoteles</i> gänzlich verschollen und
+selbst Schriften wie die eines <i>Demokrites</i> "Über die Dichtung" und
+"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten <i>Hippias</i> "Über Musik"
+und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen
+allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß <a name="Page_22" id="Page_22"></a>aber
+eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt
+hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem <i>Aristoteles</i> zur
+Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des <i>Aristophanes</i> (405),
+die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des
+Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen
+Voraussetzung haben.</p>
+
+<p>Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle
+Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an
+nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich <i>Aristoteles</i>
+ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung
+(<i>Protagoras</i>, <i>Hippias</i> von Thasos, <i>Eukleides</i>, <i>Glaukon</i> und
+<i>Ariphrades</i>). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten
+in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei <i>Glaukon</i> dagegen
+um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche
+Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos
+sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird.
+Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man
+seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich
+damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten,
+die <i>Aristoteles</i> nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es
+seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken
+Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist
+unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.),
+wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die
+Umgebung, in der die betreffenden Stellen<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> stehen, genauer ansehen,
+ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile
+handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen <a name="Page_23" id="Page_23"></a>Untersuchungen über
+alle in unmittelbarem Zusammenhang stehenden Fragen abgegeben
+sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind
+wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über
+die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (<a href="#c_1" class="a">c. 3</a>) mit großer
+Wahrscheinlichkeit die Chronica des <i>Dieuchidas</i> von Megara, eines
+älteren Zeitgenossen des <i>Aristoteles</i>, vermuten können.</p>
+
+<p>Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler
+voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des
+Dramas (<a href="#d_1" class="a">c. 4</a>). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt
+betreffend (c. <a href="#u_3" class="a">21, 3</a>), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem
+<i>Aristoteles</i> wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als
+Verfasser kyprischer Glossen zitierte <i>Glaukon</i> aus bisher unbestimmter
+Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz
+aus <i>Herodot</i> (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird
+auch wohl die Quelle für <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a> gewesen sein. Und so mag
+<i>Aristoteles</i> noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der
+Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder
+vermuten können.</p>
+
+<p>Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so
+viel positives Wissen <i>Aristoteles</i> von früheren Forschern übernommen
+haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft
+allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der
+Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und
+Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als
+ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis
+eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen
+dürfen.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h3><a name="Page_24" id="Page_24"></a>ARISTOTELES</h3>
+
+<h2>ÜBER DIE DICHTKUNST</h2>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_I" id="KAPITEL_I">KAPITEL I</a></h4>
+
+
+<p><a name="a_1" id="a_1">1</a>. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (1447a) sich,
+wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen
+Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein
+soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und
+desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag.
+Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.</p>
+
+<p><a name="a_2" id="a_2">2</a>. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die
+dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik,
+sie alle sind in ihrer Gesamtheit <i>nachahmende Darstellungen</i> (Mimesis).</p>
+
+<p><a name="a_3" id="a_3">3</a>. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in
+bezug auf die verschiedenen <i>Mittel</i>, die verschiedenen <i>Gegenstände</i>
+und die verschiedene <i>Art</i> der Darstellung und zwar nicht in gleicher
+Weise.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 1, 4&mdash;6. Arten und Unterschiede der Dichtung.</div>
+
+<p><a name="a_4" id="a_4">4</a>. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf
+Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung
+erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles
+nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt
+die Nachahmung vermittelst des <i>Rhythmus</i>, der <i>Rede</i> und der <i>Harmonie</i>
+bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt <i>Harmonie
+und Rhythmus allein</i> wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik
+an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, <a name="Page_25" id="Page_25"></a>wie z.B.
+die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein mit <i>Rhythmus ohne
+Harmonie</i>, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer
+Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen
+nach.</p>
+
+<p><a name="a_5" id="a_5">5</a>. <i>Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient</i>, sei es der
+ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder
+mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur <i>eine</i> Versgattung
+(1447b) anwendet, <i>hat bis jetzt keinen Namen</i>. Denn wir wüßten keine
+gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines <i>Sophron</i> und
+<i>Xenarchos</i> und die <i>Sokratischen Gespräche</i> einerseits, noch
+andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern
+oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen
+dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende
+Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen
+Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund
+der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des
+gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen,
+der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen
+darstellt und doch haben <i>Homer</i> und <i>Empedokles</i> nichts miteinander
+gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter
+nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte.
+In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner
+nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies
+<i>Chairemon</i> in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die
+verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das
+Urteil über diese Dinge lauten.</p>
+
+<p><a name="a_6" id="a_6">6</a>. Nun gibt es <i>einige Künste, die sich aller <a name="Page_26" id="Page_26"></a>genannten
+Darstellungsmittel bedienen</i>, ich meine nämlich des Rhythmus, der
+gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die <i>Dithyramben</i>-<i>und
+Nomendichtung</i>, die <i>Tragödie</i> sowohl wie die <i>Komödie</i>. Sie
+unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese
+Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies
+sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL II</h4>
+
+
+<p><a name="b_1" id="b_1">1</a>. Da nun die Nachahmenden <i>Handelnde nachahmen</i> (1448a) so folgt daraus
+mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn
+allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen
+Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch
+Laster und Tugend unterscheiden</p>
+
+<p><a name="b_2" id="b_2">2</a>. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser
+als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen
+ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn <i>Polygnot</i> pflegte
+bessere, <i>Pauson</i> schlechtere und <i>Dionysios</i> der Wirklichkeit
+entsprechende Menschen nachzubilden.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.</div>
+
+<p><a name="b_3" id="b_3">3</a>. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden
+Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine
+verschiedene sein wird, als sie verschiedene <i>Objekte</i> nachahmt. Denn
+auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese
+Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein
+metrischen Darstellung So hat z.B. <i>Homer</i> bessere Charaktere,
+<a name="Page_27" id="Page_27"></a><i>Klēophon</i> uns ähnliche, <i>Hegēmon</i> der Thasier aber, der erste
+Parodiendichter und <i>Nikochares</i>, der Verfasser der "Deliade",
+schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben
+und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich
+nachahmend darstellen, wie <i>Argas</i> ... oder wie <i>Timotheos</i> und
+<i>Philoxenos</i> den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch
+ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will
+schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als
+sie heutzutage sind.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL III</h4>
+
+<p><a name="c_1" id="c_1">1</a>. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich
+nun als <i>dritter</i>, <i>die Art und Weise</i>, in der man die einzelnen
+Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben
+Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber
+einerseits <i>erzählen</i>&mdash;und zwar entweder, wie <i>Homer</i> dies tut, in der
+Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu
+ändern&mdash;andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen
+als <i>handelnd</i> und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die
+Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu
+Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den
+Gegenständen und der Art und Weise.</p>
+
+<p><a name="c_2" id="c_2">2</a>. Darnach wäre also nach der einen Seite <i>Sophokles</i> derselbe
+nachahmende Darsteller wie <i>Homer</i>, denn beide ahmen edle Personen nach,
+in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie
+<i>Aristophanes</i> da beide handelnde und dramatisch tätige Personen
+nachahmen.</p>
+
+<p><a name="c_3" id="c_3">3</a>. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke "Dramen" genannt
+werden, weil sie handelnde Personen (<i>drōntas</i>) nachahmen.</p>
+
+<p><a name="c_4" id="c_4">4</a>. Deshalb machen auch die <i>Dorier</i> Anspruch auf die Tragödie und
+Komödie. Die Komödie wollen die <i>Megarer</i> erfunden haben, sowohl die
+hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie
+aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme <i>Epicharmos</i>,
+der bei weitem älter gewesen sei als <i>Chionides</i> und <i>Magnes</i>. Auch
+führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie,
+würden umherliegende Ortschaften "<i>kōmai</i>" (Dörfer), bei den Athenern
+aber "<i>dēmoi</i>" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa
+von "<i>kōmázein</i>" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren
+Wanderung durch die <i>kōmai</i>, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner
+Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln"
+"<i>drān</i>" gebrauchen, die Athener aber "<i>práttein</i>"]. Auf die Erfindung
+der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch ‹....› Über die
+Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge
+also dies gesagt sein.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL IV</h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.</div>
+
+<p><a name="d_1" id="d_1">1</a>. Im allgemeinen scheinen es etwa <i>zwei und zwar in der menschlichen
+Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst
+hervorgebracht haben</i>. Denn das <i>Nachahmen</i> ist dem Menschen von
+Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen
+anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung
+beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse <a name="Page_29" id="Page_29"></a>vermittelst
+der Nachahmung sich erwirbt. Auch die Freude aller an
+nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis
+dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von
+denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir
+besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie
+z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen
+Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein
+Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf
+kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.</p>
+
+<p><a name="d_2" id="d_2">2</a>. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem
+Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild
+vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den
+betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die
+nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt,
+sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen
+des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.</p>
+
+<p><a name="d_3" id="d_3">3</a>. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt
+von dem <i>Gefühl für Harmonie und Rhythmus</i>&mdash;denn daß das Metrum nur ein
+Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein&mdash;so haben die Menschen, da sie von
+Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders
+vervollkommneten, aus <i>Stegreifversuchen</i> die Dichtkunst ins Leben
+gerufen.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.</div>
+
+<p><a name="d_4" id="d_4">4</a>. <i>Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern
+eigentümlichen Sinnesart</i>, denn die edler veranlagten ahmten sittlich
+gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger
+Gesinnung aber die Handlungen schlechter <a name="Page_30" id="Page_30"></a>Menschen, indem sie zuerst
+Spottlieder dichteten, wie die anderen Hymnen und Loblieder. Von
+den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges
+Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele
+Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit <i>Homer</i> aber, haben wir
+gleich seinen <i>Margites</i> und ähnliches.</p>
+
+<p><a name="d_5" id="d_5">5</a>. In diesen Gedichten stellte sich auch das <i>passende Versmaß</i> ein,
+deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem
+Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten
+Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen
+Ependichter.</p>
+
+<p><a name="d_6" id="d_6">6</a>. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute <i>Homer</i> ein wirklicher
+Dichter war&mdash;hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet,
+sondern auch dramatische Handlungen dargestellt&mdash;, so hat er auch als
+Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein
+Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der
+<i>Margites</i> dem Drama ganz analog, denn wie sich die <i>Ilias</i> und (1449a)
+<i>Odyssee</i> zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.</p>
+
+<p><a name="d_7" id="d_7">7</a>. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da
+verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen
+Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell
+entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von
+Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt
+waren als jene (älteren).</p>
+
+<p><a name="d_8" id="d_8">8</a>. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist
+oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die
+öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie
+<a name="Page_31" id="Page_31"></a>selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich <i>von Stegreifversuchen</i>
+<i>ausgegangen</i> und zwar jene von dem Chor, der den <i>Dithyrambus</i>
+anstimmte, diese von den <i>phallischen Liedern</i>, die sich ja bis auf den
+heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.</p>
+
+<p><a name="d_9" id="d_9">9</a>. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans
+Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele
+Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen
+entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat
+<i>Aischylos</i> von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des
+Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle
+zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat
+<i>Sophokles</i> eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus
+Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe ‹....› <i>Der sprachliche
+Ausdruck</i>, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem
+Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und
+der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen)
+Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung
+satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber
+der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für
+diesen <i>passende Metrum</i>, denn von allen Versmaßen eignet sich das
+jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir
+sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen
+(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn
+wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die
+Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes
+ausgerüstet worden sein soll, <a name="Page_32" id="Page_32"></a>lasse man als gesagt gelten, denn es wäre
+doch wohl recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend
+besprechen.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL V</h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 5, 3. Geschichtliche Entwicklung.</div>
+
+<p><a name="e_1" id="e_1">1</a>. Die Komödie ist, wie wir sagten, die nachahmende Darstellung von
+niedrigeren Charakteren, jedoch keineswegs im vollen Umfang des
+Schlechten, sondern des Unschönen, von dem das Lächerliche ein Teil ist.
+Denn das <i>Lächerliche</i> ist sowohl eine Art Vergehen als auch eine
+Entstellung, die keinen Schmerz verursacht und schadlos ist, wie denn
+gleich die komische Maske etwas Häßliches und Verzerrtes ist, aber
+nichts Schmerzhaftes an sich hat.</p>
+
+<p><a name="e_2" id="e_2">2</a>. Die <i>Veränderungen der Tragödie und deren Urheber</i> sind nicht
+verborgen geblieben, die der <i>Komödie</i> aber, da sie ursprünglich nicht
+ernsthaft betrieben wurde, gerieten in Vergessenheit, denn
+(verhältnismäßig erst spät bewilligte der Archon den Komödiendichtern
+einen Chor, der (früher) nur aus (1449b) Freiwilligen bestand. Erst als
+die Komödie ihrerseits gewisse Kunstformen hatte, werden ihre uns
+überlieferten Dichter genannt. Wer aber die Masken oder den Prolog
+eingeführt oder die Zahl der Schauspieler vermehrt hat und was
+dergleichen mehr ist, ist unbekannt. Die Kunst zusammenhängende
+Handlungen zu dichten stammt aus Sizilien..., von den Dichtern Athens
+aber begann <i>Krates</i> als erster, indem er die Form des persönlichen
+Spottes aufgab, allgemeine Stoffe, d.h. Handlungen zu dramatisieren.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 5, 3. Besonderer Teil. Definition der Tragödie.</div>
+
+<p><a name="e_3" id="e_3">3</a>. Das Epos hält mit der Tragödie nur bis auf die in metrischer Rede (?)
+nachahmende Darstellung ernsthafter Stoffe gleichen Schritt,
+unterscheidet sich aber von ihr darin, daß es ein und dasselbe Versmaß
+und <a name="Page_33" id="Page_33"></a>die Form der Erzählung anwendet. Ferner in bezug auf den
+Umfang der Handlung. Während nämlich die <i>Tragödie sich besonders bemüht
+innerhalb eines Sonnenumlaufs zu bleiben</i> oder doch nur um ein weniges
+darüber hinauszugehen, ist die epische Handlung in der Zeit unbegrenzt.
+Also auch darin besteht zwischen ihnen ein Unterschied. Indessen machte
+man es ursprünglich darin mit den Tragödien ebenso wie mit den epischen
+Dichtungen.</p>
+
+<p><a name="e_4" id="e_4">4</a>. Was nun ihre <i>Teile</i> anbelangt, so sind diese entweder die nämlichen
+oder sie sind nur der Tragödie eigentümlich. Wer also über eine
+Tragödie, ob sie gut oder schlecht ist, ein Urteil hat, hat es auch über
+das Epos. Denn was die epische Dichtung enthält, besitzt auch die
+Tragödie, was aber diese hat, besitzt nicht alles die epische Dichtung.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_VI" id="KAPITEL_VI">KAPITEL VI</a></h4>
+
+
+<p><a name="f_1" id="f_1">1</a>. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie
+werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden,
+indem wir die <i>Definition</i> ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen.</p>
+
+<p><a name="f_2" id="f_2">2</a>. Die <i>Tragödie</i> ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich
+ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll
+gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen
+verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt,
+durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (<i>Katharsis</i>)
+von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter
+Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang
+enthält, und unter dem "<a name="Page_34" id="Page_34"></a>gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß
+einiges (rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt
+wird....<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p>
+
+<p><a name="f_3" id="f_3">3</a>. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung
+vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck,
+der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil
+der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche
+Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung
+erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße
+Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem
+Wesen nach allen offenkundig ist.</p>
+
+<p><a name="f_4" id="f_4">4</a>. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer <i>Handlung</i> zu
+tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in
+Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten
+Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den
+Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich
+naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die
+Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen.</p>
+
+<p><a name="f_5" id="f_5">5</a>. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die <i>Fabel</i>.
+Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten,
+unter <i>Charakter</i> aber, wonach wir den handelnden Personen eine
+bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter <i>Gedanken</i> endlich das, womit
+die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck
+verleihen.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.</div>
+
+<div class="sidenote">c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.</div>
+
+<p><a name="f_6" id="f_6">6</a>. Somit gibt es also <i>sechs Bestandteile</i> einer jeden Tragödie, nach
+welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit <a name="Page_35" id="Page_35"></a>hat. Es sind diese: die
+<i>Fabel, die</i> <i>Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die
+Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition</i>.
+Zwei<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> zu der Art
+und Weise und drei<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung.
+Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel
+Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso
+wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und
+Gedankeninhalt.</p>
+
+<p><a name="f_7" id="f_7">7</a>. <i>Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der
+Begebenheiten</i>, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht
+der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück
+beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine
+Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen,
+unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln
+die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen,
+sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung
+mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das
+Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die
+Hauptsache.</p>
+
+<p><a name="f_8" id="f_8">8</a>. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere
+aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten
+Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt
+dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern <i>Zeuxis</i>
+zu <i>Polygnot</i>. Dieser ist <a name="Page_36" id="Page_36"></a>ein vortrefflicher Charaktermaler, die
+Malerei des <i>Zeuxis</i> hingegen entbehrt der Charakterisierung.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.</div>
+
+<p><a name="f_9" id="f_9">9</a>. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im
+sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so
+würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene
+Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von
+jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine
+Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist.</p>
+
+<p><a name="f_10" id="f_10">10</a>. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie
+ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen)
+und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind.</p>
+
+<p><a name="f_11" id="f_11">11</a>. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger
+in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der
+Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als
+die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast
+alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der
+Tragödie ist also die Fabel.</p>
+
+<p><a name="f_12" id="f_12">12</a>. An zweiter Stelle kommen die <i>Charaktere</i>. Eine Parallele bietet uns
+auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den
+herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er
+nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine
+(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit
+der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst
+dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 6, 13. Die Fabel.</div>
+
+<p><a name="f_13" id="f_13">13</a>. Die <i>dritte Stelle</i> nehmen die <i>Gedanken</i> ein. Ich verstehe darunter
+das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen,
+genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer
+<a name="Page_37" id="Page_37"></a>Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter
+ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten
+reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf.</p>
+
+<p><a name="f_14" id="f_14">14</a>. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der
+Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine
+Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet,
+was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man
+beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz
+ausspricht.</p>
+
+<p><a name="f_15" id="f_15">15</a>. Der <i>vierte</i> der (literarischen) Bestandteile ist der <i>sprachliche
+Ausdruck</i>. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die
+Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie
+ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft.</p>
+
+<p><a name="f_16" id="f_16">16</a>. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die
+musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die
+szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der
+Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung
+der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne
+Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen
+Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_VII" id="KAPITEL_VII">KAPITEL VII</a></h4>
+
+<p><a name="g_1" id="g_1">1</a>. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, <i>wie etwa
+die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß</i>, da dies in der
+Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als <a name="Page_38" id="Page_38"></a>auch das wichtigste ist.
+Es stand uns also fest, daß die Tragödie die nachahmende
+Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die
+eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine
+(eigentliche) Größe hat. Ein <i>Ganzes</i> ist nämlich das, was <i>Anfang wie
+Mitte und Ende hat</i>. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise
+auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen
+ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es
+notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte
+endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein
+anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von
+irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich
+nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.</div>
+
+<p><a name="g_2" id="g_2">2</a>. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein
+Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser
+Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht
+dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das <i>Schöne beruht auf Ordnung
+und Größe</i>. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön
+sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines
+unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen,
+noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal
+(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den
+Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das
+Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen
+Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden,
+diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein
+bestimmter Umfang erforderlich, <a name="Page_39" id="Page_39"></a>der seinerseits leicht im Gedächtnis
+behalten werden kann.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.</div>
+
+<p><a name="g_3" id="g_3">3</a>. Was nun aber diesen <i>Umfang</i> selbst anbelangt, so ist dessen
+Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das
+Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn
+wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so
+würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei
+anderer Gelegenheit<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der
+Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die
+ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick
+auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere
+Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs,
+wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse
+nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück
+in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL VIII</h4>
+
+<p><a name="h_1" id="h_1">1</a>. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen,
+wenn sie sich um eine <i>einzelne Person</i> dreht, denn unendlich viele
+Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine
+<i>Einheit</i> darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer
+einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich
+entwickelt.</p>
+
+<p><a name="h_2" id="h_2">2</a>. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine
+<i>Herakleis</i> und eine <i>Theseis</i> und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn
+sie glauben, <a name="Page_40" id="Page_40"></a>weil <i>Herakles</i> eine einzelne Person sei, komme auch
+der Fabel ein einheitlicher Charakter zu.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.</div>
+
+<p><a name="h_3" id="h_3">3</a>. <i>Homer</i> dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint
+auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge
+erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner
+<i>Odyssee</i> hat er nicht alles, was <i>Odysseus</i> selbst widerfuhr,
+behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß<a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> und den
+vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> da von diesen Begebnissen
+keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die <i>Odyssee</i> um
+eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut
+und desgleichen auch die <i>Ilias</i>.</p>
+
+<p><a name="h_4" id="h_4">4</a>. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die
+einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so
+auch die <i>Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung
+einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein</i>. Und es müssen
+die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer
+dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und
+auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen
+springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein
+kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_41" id="Page_41"></a>KAPITEL IX</h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.</div>
+
+<p><a name="i_1" id="i_1">1</a>. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist
+<i>das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich
+hätte zutragen können</i> und was nach Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit möglich ist.</p>
+
+<p><a name="i_2" id="i_2">2</a>. <i>Der Geschichtsschreiber</i> und der <i>Dichter</i> (1451b) unterscheiden
+sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man
+könnte das Werk des <i>Herodot</i> in Verse setzen und es würde nach wie vor
+eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der
+Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt,
+dieser, was sich hätte zutragen können.</p>
+
+<p><a name="i_3" id="i_3">3</a>. Deshalb ist auch die <i>Poesie philosophischer und höher einzuschätzen
+als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine,
+die Geschichtsschreibung das Einzelne dar</i>. Das Allgemeine besteht
+darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der
+Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und
+darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das
+Einzelne ist aber, was ein <i>Alkibiades</i> getan oder erlitten hat.</p>
+
+<p><a name="i_4" id="i_4">4</a>. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die
+Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger
+Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend
+beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit
+einer historischen Persönlichkeit befaßt.</p>
+
+<p><a name="i_5" id="i_5">5</a>. In der <i>Tragödie</i> dagegen <i>hält man sich an die überlieferten Namen</i>.
+Der Grund dafür ist, <a name="Page_42" id="Page_42"></a>daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber
+noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir
+nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits
+zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es
+unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht
+anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen,
+während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt
+kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem
+Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch
+gewährt es eine nicht geringere Freude.</p>
+
+<p><a name="i_6" id="i_6">6</a>. Deshalb soll man auch <i>nicht um jeden Preis darnach trachten sich an
+die überlieferten Sagenstoffe</i>, die den Tragödien zugrundeliegen, <i>zu
+binden</i>, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das
+Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle.</p>
+
+<p><a name="i_7" id="i_7">7</a>. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein <i>Dichter von
+Sagenstoffen als von Versmaßen</i> sein muß, insofern er ein Dichter auf
+Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und
+sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen
+hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts
+hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der
+Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf
+diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.</div>
+
+<p><a name="i_8" id="i_8">8</a>. Von <i>mangelhaften</i> Fabeln, d.h. Handlungen sind die <i>episodischen</i>
+die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine
+solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder
+Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden <a name="Page_43" id="Page_43"></a>von minderwertigen
+Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens verfaßt, von guten
+dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen
+aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie
+oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in
+Unordnung zu bringen. (1452a)</p>
+
+<p><a name="i_9" id="i_9">9</a>. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun
+haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und
+mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann
+entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange
+ergeben, ‹so ist das <i>Wunderbare</i> ein wirkungsvolles Element der
+Tragödie›. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben,
+als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei
+rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des
+Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der
+Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des <i>Mitys</i> in Argos
+den, der an dem Tode des <i>Mitys</i> schuld war, erschlug, indem sie, gerade
+als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich
+nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe
+notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren).</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL X</h4>
+
+<p><a name="j_1" id="j_1">1</a>. Von Fabeln sind die einen <i>einfach</i>, die anderen <i>verflochten</i>, denn
+derart sind auch ihrer Natur nach die Handlungen, deren nachahmende
+Darstellungen ja die Fabeln sind. Unter einer einfachen Fabel verstehe
+ich eine solche, in deren ununterbrochenem <a name="Page_44" id="Page_44"></a>und einheitlichem Verlauf
+unserer Bestimmung gemäß der Umschwung ohne Peripetie oder
+Erkennung herbeigeführt wird, eine verflochtene dagegen bei der der
+Umschwung mit Erkennung oder Peripetie oder mit beiden zugleich
+zustandekommt.</p>
+
+<p><a name="j_2" id="j_2">2</a>. Diese beiden müssen aber aus dem Aufbau der Fabel selbst sich ergeben
+und zwar so, daß sie aus den jeweilig vorhergegangenen Begebenheiten,
+sei es mit Notwendigkeit, sei es mit Wahrscheinlichkeit sich entwickeln.
+Denn es macht einen erheblichen Unterschied ob etwas "propter hoc" oder
+"post hoc" erfolgt.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XI" id="KAPITEL_XI">KAPITEL XI</a></h4>
+
+<p><a name="k_1" id="k_1">1</a>. <i>Peripetie</i> ist der Umschwung dessen, was man tut, in sein Gegenteil
+und zwar unserer Ansicht entsprechend auf Grund der Wahrscheinlichkeit
+oder Notwendigkeit So kommt z.B. einer im <i>Oidipus</i>,<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> um den
+<i>Oidipus</i> zu erfreuen und ihn von seiner Furcht in betreff seiner Mutter
+zu befreien; indem er aber dadurch dessen Herkunft offenbart, bewirkt er
+das gerade Gegenteil und im <i>Lynkeus</i> wird der eine zum Tode geführt,
+ein anderer [Danaos] folgt ihm, um ihn zu töten, es ergibt sich aber aus
+dem, was sie taten, daß dieser den Tod erleidet, jener aber gerettet
+wird.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 11, 2. Die Fabel. Peripetie und Anagnorisis.</div>
+
+<p><a name="k_2" id="k_2">2</a>. <i>Erkennung</i> (Anagnorisis) ist, wie ja auch schon der Name besagt, die
+Umwandlung aus Unkenntnis in Kenntnis, die entweder zur Freundschaft
+oder Feindschaft der zu Glück oder Unglück ausersehenen Personen führt.
+Am kunstvollsten ist die Erkennung, <a name="Page_45" id="Page_45"></a>wenn zugleich damit eine Peripetie
+eintritt, wofür die Erkennung im <i>Oidipus</i> ein Beispiel bietet.</p>
+
+<p><a name="k_3" id="k_3">3</a>. Es gibt nun freilich auch andere Arten der Erkennung denn in bezug
+sowohl auf leblose wie auf ganz beliebige Dinge kann sie in der
+erwähnten Weise eintreten, und man kann erkennen, ob jemand etwas getan
+oder ob er es nicht getan hat. Aber die wichtigste für die Fabel, d.h.
+die wichtigste für die Handlung ist die erstgenannte. Denn eine
+derartige Erkennung und Peripetie werden entweder Mitleid erwecken oder
+auch Furcht und als nachahmende Darstellung (1452b) solcher Handlungen
+gilt uns ja die Tragödie. Ferner werden ja auch Glück und Unglück durch
+solche Erkennungen bedingt sein.</p>
+
+<p><a name="k_4" id="k_4">4</a>. Da nun die Erkennung (vorzugsweise) eine Erkennung von gewissen
+Personen ist, so gibt es einerseits Erkennungen, die nur von einer
+einzelnen Person in bezug auf die andere stattfinden, falls es nämlich
+bekannt ist, wer die andere Person ist; andrerseits müssen beide
+Parteien sich erkennen, wie z.B. <i>Iphigeneia</i> von <i>Orestes</i> vermittelst
+der Absendung ihres Briefes erkannt wurde, dieser aber von Seiten der
+Iphigeneia noch einer anderen Erkennungsart bedurfte.</p>
+
+<p><a name="k_5" id="k_5">5</a>. Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und
+Erkennung? die <i>dritte</i> ist die <i>leidvolle Tat</i>. Eine leidvolle Tat aber
+ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da
+sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen,
+Verwundungen und sonstiges dieser Art.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL XII</h4>
+
+<p><a name="l_1" id="l_1">1</a>. Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir vorhin besprochen; <a name="Page_46" id="Page_46"></a>was die <i>quantitativen</i> anbelangt,
+d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind
+es folgende: <i>Prolog, Epeisodion, Exodos, Chorlied</i>, das seinerseits in
+die <i>Parodos</i> und das <i>Stasimon</i> zerfällt. Diese Bestandteile sind allen
+Dramen gemeinsam, der Tragödie eigentümlich die <i>Gesänge von der Bühne</i>
+und die <i>Kommoi</i>.</p>
+
+<p><a name="l_2" id="l_2">2</a>. Es ist aber der Prolog ein vollständiger Teil der Tragödie vor dem
+Einzug des Chors, das Epeisodion ein vollständiger Teil der Tragödie,
+der zwischen vollständigen Chorgesängen liegt, die Exodos ein
+vollständiger Teil der Tragödie, nach dem kein Chorgesang folgt. Von den
+Chorpartien ist die Parodos der erste Vortrag des ganzen Chors, das
+Stasimon der Chorgesang ohne Anapaest und Trochaeus, der Kommos endlich
+ist der Trauergesang des Chors zusammen mit den Gesängen von der Bühne.
+Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden
+muß, haben wir also vorhin besprochen, was die quantitativen anbelangt,
+d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind es die
+genannten.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XIII" id="KAPITEL_XIII">KAPITEL XIII</a></h4>
+
+
+<p><a name="m_1" id="m_1">1</a>. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß
+und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf
+Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.</div>
+
+<div class="sidenote">c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.</div>
+
+<p><a name="m_2" id="m_2">2</a>. Da die <i>Komposition der Tragödie</i> keine einfache sondern eine
+<i>verflochtene</i> sein soll und diese <i>furcht- und mitleiderregende</i>
+Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das
+Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist
+zunächst folgendes klar: <i>Weder <a name="Page_47" id="Page_47"></a>dürfen sittlich hervorragende aus Glück
+in Unglück geratene Männer vor Augen treten</i>, denn dies wäre
+weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch
+sollen <i>schlechte aus Unglück in Glück geraten</i>, denn dies wäre das
+Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt,
+indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder
+mitleid- noch furchterregend ist. Ferner <i>soll auch nicht der
+Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen</i>, denn ein solcher Vorgang
+würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch
+Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden,
+letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis
+nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat.</p>
+
+<p><a name="m_3" id="m_3">3</a>. Es bleibt mithin nur noch <i>Einer übrig, der zwischen jenen
+Charakteren die Mitte hält</i>. Es ist dies aber ein solcher, der weder
+durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch
+andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät,
+sondern <i>infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem
+Ansehen</i> und in glücklicher Lebenslage, wie bei <i>Oidipus</i> und <i>Thyestes</i>
+und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern.</p>
+
+<p><a name="m_4" id="m_4">4</a>. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel <i>vielmehr einen
+einseitigen Ausgang als einen doppelten</i>, wie manche meinen, haben muß
+und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil
+aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit,
+sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes
+der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen
+Beweis dafür <a name="Page_48" id="Page_48"></a>liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn
+anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige
+Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige
+Familienhäuser, wie um einen <i>Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros,
+Thyestes, Telephos</i> und solch' andere, denen es beschieden war, entweder
+Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen.</p>
+
+<p><a name="m_5" id="m_5">5</a>. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den
+Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch
+diejenigen im Irrtum, die <i>Euripides</i> tadeln, weil er dieses Verfahren
+in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich
+enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste
+Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade
+derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders
+wirksam und deshalb erscheint <i>Euripides</i>, mag auch in anderen Dingen
+seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als
+andere Dichter.</p>
+
+<div class="sidenote"> c. 13, 6. Die Fabel. Ausgang der Tragödie.</div>
+
+<p><a name="m_6" id="m_6">6</a>. An <i>zweiter</i> Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von
+einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, <i>welche eine doppelte
+Anlage enthält</i> wie die <i>Odyssee</i>, und für die Besseren und Schlechteren
+(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber
+die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen
+richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der
+Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie
+ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie
+eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde
+sind, wie z.B. <i>Orestes</i> und <i>Aigisthos</i>, am Schluß als Freunde abziehen
+und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_49" id="Page_49"></a><a name="KAPITEL_XIV" id="KAPITEL_XIV">KAPITEL XIV</a></h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.</div>
+
+<p><a name="n_1" id="n_l">l</a>. Es kann nun das <i>Furcht- und Mitleiderregende</i> (1453b) aus
+der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der
+<i>Verknüpfung der Ereignisse</i> selbst sich ergeben und dies ist das
+Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch
+ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon
+beim <i>bloßen Anhören</i> aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid
+empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung
+der <i>Oidipus</i>-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben
+kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen
+Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer)
+theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst
+szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern
+lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit
+der Tragödie gemein, denn <i>nicht jede Lustempfindung darf man von der
+Tragödie verlangen</i>, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da
+also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer
+nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so
+ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen
+muß.</p>
+
+<p><a name="n_2" id="n_2">2</a>. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche <i>Art von Vorgängen als
+schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist</i>. Notwendigerweise
+spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die <i>entweder
+untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden</i> sind.
+Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen
+oder nur im Begriff sein sie auszuführen, <a name="Page_50" id="Page_50"></a>so ist das nicht mitleid-
+oder furchterregend, wenn wir (im ersteren Falle) von dem
+leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen
+zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen.</p>
+
+<p><a name="n_3" id="n_3">3</a>. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn
+der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der
+Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein
+anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten,
+die man aufsuchen muß.</p>
+
+<p><a name="n_4" id="n_4">4</a>. Den Kern der <i>überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören</i>, ich
+meine, daß z.B. <i>Klytaimestra</i> von der Hand des <i>Orestes</i> fällt und
+<i>Eriphyle</i> von der des <i>Alkmeon</i>; im übrigen soll der Dichter selbst
+erfinden und die überlieferten Stoffe <i>kunstvoll</i> verwerten. Was wir
+unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die
+Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter
+Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen
+pflegten, wie noch <i>Euripides</i><a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> <i>Medea</i> ihre Kinder mordend
+darstellte.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.</div>
+
+<p><a name="n_5" id="n_5">5</a>. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des
+Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch
+unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft
+erkannt wird, wie der <i>Oidipus</i> des <i>Sophokles</i>, wo freilich die Tat
+außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein
+Beispiel der <i>Alkmeon</i> des <i>Astydamas</i> oder <i>Telegonos</i> im "<i>Verwundeten
+Odysseus</i>." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine
+ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das
+Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn
+notwendiger <a name="Page_51" id="Page_51"></a>weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und
+zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis.</p>
+
+<p><a name="n_6" id="n_6">6</a>. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat
+nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste.
+Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich,
+fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges
+dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der <i>Antigone Haimon</i>
+gegenüber <i>Kreon</i> (1454a) so verfährt<a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>.</p>
+
+<p><a name="n_7" id="n_7">7</a>. <i>An zweiter Stelle</i> kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei
+die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden
+Erkennung die bessere ist.</p>
+
+<p><a name="n_8" id="n_8">8</a>. Die <i>wirkungsvollste</i> Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im
+<i>Kresphontes Merope</i> sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht
+tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der <i>Iphigeneia</i> die
+Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der <i>Helle</i>
+der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt.</p>
+
+<p><a name="n_9" id="n_9">9</a>. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht
+viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es
+den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst
+derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so
+gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen
+eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung
+der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist
+also hiermit hinreichend gesprochen worden.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_52" id="Page_52"></a><a name="KAPITEL_XV" id="KAPITEL_XV">KAPITEL XV</a></h4>
+
+
+<p><a name="o_1" id="o_1">1</a>. Was die <i>Charaktere</i> anbelangt, so sind es <i>viererlei</i> Eigenschaften,
+auf die man sein Augenmerk richten muß. <i>Erstes</i> und wichtigstes
+Erfordernis ist, daß sie <i>sittlich gut</i> seien. Charakter wird aber
+jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise
+irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und
+zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine
+sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung
+vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave,
+obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere
+ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.</p>
+
+<p><a name="o_2" id="o_2">2</a>. Das <i>zweite</i> ist das <i>Angemessene</i>. Es kann z.B. ein Charakter tapfer
+sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein
+solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.</p>
+
+<p><a name="o_3" id="o_3">3</a>. Das <i>dritte</i> ist die (historische) <i>Ähnlichkeit</i>. Dies ist nämlich
+etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns
+ausdrückten, darzustellen.</p>
+
+<p><a name="o_4" id="o_4">4</a>. Das <i>vierte</i> ist die <i>Konsequenz</i>, denn selbst wenn irgend eine
+Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt,
+inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter
+vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 15, 5. Die Charaktere.</div>
+
+<p><a name="o_5" id="o_5">5</a>. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer)
+Notwendigkeit ist beispielsweise <i>Menelaos</i> im <i>Orestes</i>, von einem
+unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des <i>Odysseus</i> in
+der <i>Skylla</i> und die Rede der <i>Melanippe</i>, ‹von einem ohne historische
+Ähnlichkeit z.B....›, von <a name="Page_53" id="Page_53"></a>einem inkonsequenten endlich die <i>Iphigeneia
+in Aulis</i>, denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner
+Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).<a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p>
+
+<p><a name="o_6" id="o_6">6</a>. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der
+Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit,
+sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener
+Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder
+Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine
+Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit
+entsprechend erfolgen muß.</p>
+
+<p><a name="o_7" id="o_7">7</a>. Es ist demnach klar, daß auch die <i>Lösungen in den Fabeln</i> sich aus
+dem <i>Charakter</i> selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der
+<i>Medea</i><a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> durch die (Theater-) Maschine und in der <i>Ilias</i><a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a>
+anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr
+nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es
+in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein
+Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die
+der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir
+ja zu, daß sie alles wahrnehmen.</p>
+
+<p><a name="o_8" id="o_8">8</a>. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn
+ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im <i>Oidipus</i>
+des <i>Sophokles</i>.<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
+
+<p><a name="o_9" id="o_9">9</a>. Da nun die Tragödie <i>eine nachahmende Darstellung besserer Menschen</i>,
+als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler <a name="Page_54" id="Page_54"></a>als
+nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich diese ihren
+Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß
+ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der
+nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder
+mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden
+hat, sie in ihrer Eigenart als <i>sittlich vortreffliche Menschen
+zeichnen</i>, wie z.B. <i>Homer</i> den sich fernhaltenden <i>Achill</i> als einen
+guten Menschen geschildert hat.</p>
+
+<p><a name="o_10" id="o_10">10</a>. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der
+Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch
+bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in
+meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XVI" id="KAPITEL_XVI">KAPITEL XVI</a></h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.</div>
+
+<p><a name="p_1" id="p_1">1</a>. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die <i>Arten der
+Erkennung</i> betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich
+die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen.
+Von diesen sind nun (a) die einen <i>angeboren</i>, wie z.B. die Lanze,
+welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im
+<i>Thyestes</i> des <i>Karkinos</i>. Andere (b) sind <i>erworben</i> und diese wiederum
+sind teils <i>körperlich</i>, wie Narben, teils <i>äußerliche Gegenstände</i>, wie
+beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte
+Erkennung in der <i>Tyro</i>. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder
+minder geschickt anwenden. So wurde z.B. <i>Odysseus</i> an der Narbe auf die
+eine Weise von der Amme,<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> auf <a name="Page_55" id="Page_55"></a>eine andere von dem Sauhirten<a name="FNanchor_23_23" id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>
+erkannt. Allerdings sind die lediglich der Beglaubigung wegen
+eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein
+äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich
+ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene<a name="FNanchor_24_24" id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>,
+(verhältnismäßig) besser.</p>
+
+<p><a name="p_2" id="p_2">2</a>. Eine <i>zweite</i> Art sind die vom Dichter <i>erfundenen</i> und eben darum
+unkünstlerisch. So erkannte z.B. <i>Iphigeneia</i> in der <i>Iphigeneia</i>, daß
+<i>Orestes</i> (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief
+erkannt<a name="FNanchor_25_25" id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, dieser sagt aber selbst<a name="FNanchor_26_26" id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>, was dem Dichter beliebt, nicht
+aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem
+erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut
+einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres)
+Beispiel liefert "<i>die Stimme der Spindel</i>" im <i>Tereus</i> des <i>Sophokles</i>.</p>
+
+<p><a name="p_3" id="p_3">3</a>. Die <i>dritte</i> Art kommt auf Grund einer <i>Erinnerung</i> zustande, indem
+man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der
+Vorgang in den <i>Kypriern</i> des <i>Dikaiogenes</i>, denn (daselbst) (1455a)
+brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in
+der "Mär des <i>Alkinoos</i>," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten
+zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte,
+vergoß er Tränen,<a name="FNanchor_27_27" id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> wodurch sie dann beide erkannt wurden.</p>
+
+<p><a name="p_4" id="p_4">4</a>. Die <i>vierte</i> Art endlich beruht auf einer <i>Schlußfolgerung</i> wie z.B.
+in den <i>Choephoren</i><a name="FNanchor_28_28" id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>: Jemand <a name="Page_56" id="Page_56"></a>(dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich
+ist angekommen, (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer
+<i>Orestes</i>. Also ist <i>Orestes</i> angekommen. Ferner die Erkennungsszene in
+betreff der <i>Iphigeneia</i> bei <i>Polyidos</i>, dem Sophisten, denn es war
+(durchaus) wahrscheinlich daß <i>Orestes</i> den Schluß zog, weil seine
+Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu
+werden. Ferner im <i>Tydeus</i> des <i>Theodektes</i>: Gekommen seinen Sohn zu
+finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den
+<i>Phiniden</i>: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie
+auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem
+Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber
+auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des
+einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "<i>Odysseus der Trugbote</i>".
+Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und
+kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen;
+wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er
+doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich)
+wiedererkennen, ein Fehlschluß.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.</div>
+
+<p><a name="p_5" id="p_5">5</a>. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den
+Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung
+auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im <i>Oidipus</i> des
+<i>Sophokles</i><a name="FNanchor_29_29" id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> und in der <i>Iphigeneia</i><a name="FNanchor_30_30" id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>, denn es ist durchaus
+wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese
+Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie
+Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich
+ergebende.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_57" id="Page_57"></a><a name="KAPITEL_XVII" id="KAPITEL_XVII">KAPITEL XVII</a></h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.</div>
+
+<p><a name="q_1" id="q_1">1</a>. Man muß bei der <i>Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen
+Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen
+stellen</i>, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als
+wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende
+finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist,
+was dem <i>Karkinos</i> einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person
+[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel ‹....› Dies entging dem Dichter, der
+sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der
+Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer
+erregte.</p>
+
+<p><a name="q_2" id="q_2">2</a>. <i>Sodann soll der Dichter</i>, soweit es irgend wie angeht, <i>Mienen und
+Geberden seiner Personen an sich</i> (darstellerisch) <i>miterproben</i>, denn
+am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich
+in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am
+Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen
+und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die
+<i>Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen</i>,
+denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band.</p>
+
+<p><a name="q_3" id="q_3">3</a>. Der Dichter soll ferner die <i>Sagenstoffe</i> und zwar (1455b) sowohl die
+bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, <i>zuerst in einem
+allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten</i>, d.h. erweitern.
+Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der <i>Iphigeneia</i> so
+veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt
+und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde <a name="Page_58" id="Page_58"></a>in ein
+anderes Land<a name="FNanchor_31_31" id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> versetzt, wo es Brauch war Fremde der (Landes)
+Göttin<a name="FNanchor_32_32" id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.<a name="FNanchor_33_33" id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Nach einiger
+Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder<a name="FNanchor_34_34" id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> eintraf&mdash;die Tatsache, daß der
+Gott<a name="FNanchor_35_35" id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu
+kommen und in welcher Absicht,<a name="FNanchor_36_36" id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> liegt außerhalb der dramatischen
+Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff
+geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie
+<i>Euripides</i><a name="FNanchor_37_37" id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>, sei es wie <i>Polyidos</i> die Erkennung (des Bruders)
+herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun
+läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert
+werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen
+und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man
+Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie
+z.B. beim <i>Orestes</i> der Wahnsinnsanfall<a name="FNanchor_38_38" id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, der seine Ergreifung
+veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.<a name="FNanchor_39_39" id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p>
+
+<div class="sidenote">c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.</div>
+
+<p><a name="q_4" id="q_4">4</a>. In den <i>Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein</i>, das Epos
+dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der
+<i>Odyssee</i> nicht eben lang: Ein Mann<a name="FNanchor_40_40" id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> ist viele Jahre von der Heimat
+entfernt, er wird von einem Gott<a name="FNanchor_41_41" id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> feindselig <a name="Page_59" id="Page_59"></a>überwacht und findet
+sich schließlich allein? in seinem Hause lagen inzwischen die
+Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem
+Sohne<a name="FNanchor_42_42" id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen
+Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben
+hatte<a name="FNanchor_43_43" id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird,
+während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles
+andere sind Episoden.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL XVIII</h4>
+
+
+<p><a name="r_1" id="r_1">1</a>. Jede Tragödie besteht aus einer <i>Lösung</i> und einer <i>Schürzung</i>. Der
+Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige,
+die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter
+Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu
+demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein
+Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige
+vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im <i>Lynkeus</i> des <i>Theodektes</i>
+die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was
+unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der
+Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.</p>
+
+<p><a name="r_2" id="r_2">2</a>. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der
+Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf
+Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat
+enthaltende <a name="Page_60" id="Page_60"></a>(pathetische), wie z.B. die <i>Aias</i>&mdash;und (1456a)
+<i>Ixion</i>dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie
+die <i>Phthiotinnen</i> und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in
+Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die <i>Phorkiden</i>, der
+<i>Prometheus</i> und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz
+besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen,
+falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten,
+zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu
+unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie)
+vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die
+Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.</p>
+
+<p><a name="r_3" id="r_3">3</a>. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im
+Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn
+sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn
+Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt <i>schürzen viele den
+Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht</i>. Es ist aber nötig, daß
+beides im Einklang stehe.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.</div>
+
+<p><a name="r_4" id="r_4">4</a>. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran
+erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe
+ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen
+Stoff der <i>Ilias</i> dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich
+in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den
+Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz
+entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen,
+welche die Zerstörung <i>Ilions</i> als Ganzes dramatisierten und nicht
+einzelne Teile, wie <i>Euripides</i>, oder die Sage der <i>Niobe</i>, und nicht
+wie <i>Aischylos</i>, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht
+abschnitten, <a name="Page_61" id="Page_61"></a>hat doch sogar <i>Agathon</i> in diesem Punkte allein
+einen Mißerfolg zu verzeichnen.</p>
+
+<p><a name="r_5" id="r_5">5</a>. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in
+bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist
+eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall
+tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie <i>Sisyphos</i>,
+hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter ‹wie
+...› unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es
+<i>Agathon</i> versteht, "<i>Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles
+Unwahrscheinliche sich ereignet</i>."</p>
+
+<p><a name="r_6" id="r_6">6</a>. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der <i>Schauspieler
+auffassen</i>, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der
+dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei <i>Euripides</i>, sondern wie
+bei <i>Sophokles</i>. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht
+viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen
+Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen,
+ein Brauch, den zuerst <i>Agathon</i> aufbrachte. Und doch welch' ein
+Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede
+aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes
+Episodion]?</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL XIX</h4>
+
+
+<p><a name="s_1" id="s_1">1</a>. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es
+erübrigt noch über den <i>sprachlichen Ausdruck</i> und die <i>Gedanken</i>
+zureden. Das, was die <i>Gedanken</i> angeht, mag in den Büchern über die
+Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet
+eigen ist. In den Bereich <a name="Page_62" id="Page_62"></a>der Gedankenbildung fällt das, was
+vermittelst der (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren
+Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von
+Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es
+sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung
+von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen
+dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder
+mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen
+will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne
+(sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die
+Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein
+Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die
+Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede
+in Erscheinung treten würden?</p>
+
+<div class="sidenote">c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="s_2" id="s_2">2</a>. Von dem nun, was in das Gebiet des <i>sprachlichen Ausdrucks</i> gehört,
+bilden <i>einen</i> Teil der Untersuchung die <i>Satzarten</i>, deren Kenntnis
+übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren
+Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder
+Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst
+derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der
+Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen.
+Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was <i>Protagoras</i> rügt,
+daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem
+er sagt: <i>Singe, o Göttin, den Zorn</i><a name="FNanchor_44_44" id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>, denn, so behauptet er,
+jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_63" id="Page_63"></a><a name="KAPITEL_XX" id="KAPITEL_XX">KAPITEL XX</a></h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="t_1" id="t_1">1</a>. Der <i>sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit</i> enthält
+folgende Teile: den <i>Buchstaben</i>, die <i>Silbe</i>, das <i>Bindewort</i>, den
+<i>Artikel</i>, das <i>Nennwort</i> (Substantiv), das <i>Zeitwort</i> (Verbum), die
+<i>Beugung</i> (Flexion) und den <i>Satz</i> (Wortgefüge). Der <i>Buchstabe</i> ist ein
+unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus
+ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann,
+denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen
+als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile
+dieses Lautes sind der <i>Selbstlauter</i> (Vokal), der <i>Nichtlauter</i> (Muta)
+und der <i>Halbvokal</i> (Liquida).</p>
+
+<p>Ein <i>Vokal</i> hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen
+oder die Zähne gebildeten Laut, der <i>Halbvokal</i> hat einen mit Anlegung
+(der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der
+<i>Nichtlauter</i> ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat
+aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur
+hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes
+Lautgebilde haben, wie z.B. G und D.</p>
+
+<p>Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen
+und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper
+und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und
+Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen
+gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen.</p>
+
+<p><a name="t_2" id="t_2">2</a>. Die <i>Silbe</i> ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet
+aus einer Muta ‹oder Liquida› und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet
+keine <a name="Page_64" id="Page_64"></a>Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die Erörterung
+auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik.</p>
+
+<p><a name="t_3" id="t_3">3</a>. <i>Bindewort</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a)
+Lautgebilde, wie z.B. <i>men</i> (= zwar), <i>ētoi</i> (= wahrlich), <i>dê</i>
+(= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren
+Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?)
+herzustellen.</p>
+
+<p><a name="t_4" id="t_4">4</a>. <i>Artikel</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde,
+welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie
+z.B. <i>amphi</i> (= um), <i>perí</i> (= über) usw. oder<a name="FNanchor_45_45" id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> aber ein
+zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen
+bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder
+verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie
+auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt.</p>
+
+<p><a name="t_5" id="t_5">5</a>. <i>Substantiv</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn
+in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und
+für sich bedeutsam, wie z.B. in <i>Theodoros</i> (= Gottesgeschenk) <i>dōros</i>
+keine (selbständige) Bedeutung hat.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="t_6" id="t_6">6</a>. <i>Verbum</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit
+Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und
+für sich Bedeutung hat. So bezeichnet <i>Mensch</i> oder <i>weiß</i> nicht das
+Wann, dagegen <i>er geht</i> oder <i>er ist gegangen <a name="Page_65" id="Page_65"></a>gangen</i> oder <i>er wird
+gehen</i> bezeichnet die Gegenwart Vergangenheit und Zukunft.</p>
+
+<p><a name="t_7" id="t_7">7</a>. <i>Beugung</i> (<i>Flexion</i>) bezieht sich auf das Substantivum oder das
+Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ)
+und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie <i>der Mensch</i>
+oder <i>die Menschen</i>, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage
+und Befehl, denn <i>ging er</i>? oder <i>geh</i>! ist eine Flexion des Verbums
+nach diesen Modalitäten.</p>
+
+<p><a name="t_8" id="t_8">8</a>. Das <i>Wortgefüge</i> (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames
+Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn
+nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die
+Definition des Menschen<a name="FNanchor_46_46" id="FNanchor_46_46"></a><a href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>, sondern es kann auch ohne Verba ein
+Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen
+bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. <i>Im Gehen, Kleon, der Sohn
+des Kleon</i>.</p>
+
+<p><a name="t_9" id="t_9">9</a>. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein,
+entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder
+aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B.
+die <i>Ilias</i> eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom
+Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XXI" id="KAPITEL_XXI">KAPITEL XXI</a></h4>
+
+
+<p><a name="u_1" id="u_1">1</a>. Von den <i>Arten des Substantivs</i> sind die einen <i>einfach</i>, die anderen
+<i>zweiteilig</i>. Unter einem <a name="Page_66" id="Page_66"></a>einfachen verstehe ich ein solches, das aus
+nicht bezeichnenden Teilen besteht, wie z.B. <i>Erde</i> (Gé), unter
+diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem
+nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen)
+Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in
+Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen
+zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches
+Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der
+Massalioten, z.B. <i>Hermokaikoxanthos</i>. (1457b)</p>
+
+<p><a name="u_2" id="u_2">2</a>. Jedes Wort ist entweder ein <i>allgemein gebräuchliches</i> oder eine
+<i>Glosse</i> oder eine <i>Metapher</i> oder eine <i>schmückende Bezeichnung</i> oder
+ein <i>neugebildetes</i> oder ein <i>gedehntes</i> oder ein <i>verkürztes</i> oder ein
+<i>umgewandeltes</i>.</p>
+
+<p><a name="u_3" id="u_3">3</a>. Unter einem <i>allgemein gebräuchlichen</i> Wort verstehe ich, was
+jedermann gebraucht, unter einer <i>Glosse</i> das, was Fremde gebrauchen, so
+daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein
+gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So
+ist <i>Sígynon</i> (= Wurfspieß) bei den <i>Kypriern</i> allgemein gebräuchlich,
+bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt <i>dory</i> (= Wurfspieß) bei uns
+allgemein gebräuchlich, bei den <i>Kypriern</i> dagegen eine Glosse.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.</div>
+
+<p><a name="u_4" id="u_4">4</a>. Eine <i>Metapher</i> besteht darin, daß man einem Worte eine ihm
+(ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der
+Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von
+der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer
+Proportion.</p>
+
+<p>Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein
+Schiff"<a name="FNanchor_47_47" id="FNanchor_47_47"></a><a href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>, denn "vor Anker <a name="Page_67" id="Page_67"></a>liegen" bezeichnet das "Stehen" eines
+bestimmten Gegenstandes</p>
+
+<p>(2) Von der Art auf die Gattung: "<i>Ja, der zehntausend herrliche Taten
+vollbrachte, Odysseus</i>".<a name="FNanchor_48_48" id="FNanchor_48_48"></a><a href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er
+(der Dichter) nämlich statt "viele".</p>
+
+<p>(3) Von der Art auf die Art z.B. "<i>Mit dem Erze abschöpfend die Seele</i>"
+und "<i>abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen
+Kruge</i>,<a name="FNanchor_49_49" id="FNanchor_49_49"></a><a href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier
+dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere)
+Bezeichnungen für etwas "wegnehmen".</p>
+
+<p>(4) Eine <i>Proportion</i> nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten
+(A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an
+Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das
+zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle
+man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden
+hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich
+zu <i>Dionysos</i> (A) genau so wie der Schild (D) zu <i>Ares</i> (C). Man wird
+mithin die Trinkschale (B) den Schild des <i>Dionysos</i> (D + A) und den
+Schild (D) die <i>Trinkschale des Ares</i><a name="FNanchor_50_50" id="FNanchor_50_50"></a><a href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> (B + C) nennen können. Oder,
+was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage
+(A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A)
+oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens
+(B + C) oder den <i>Untergang des Lebens</i><a name="FNanchor_51_51" id="FNanchor_51_51"></a><a href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> nennen können.</p>
+
+<p><a name="Page_68" id="Page_68"></a>Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für das
+proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise
+ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen
+gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene
+Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne
+(A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen ‹Ausstreuenden› (C) und
+deshalb sagt (der Dichter): <i>Säend die gottgeschaffene Flamme</i>
+(D + A)<a name="FNanchor_52_52" id="FNanchor_52_52"></a><a href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a>.</p>
+
+<p>Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen
+Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und
+ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften
+abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber
+nicht des <i>Ares</i>, sondern "weinlos" nennen würde.</p>
+
+<p><a name="u_5" id="u_5">5</a>. ‹<i>Die schmückende Bezeichnung</i>...›</p>
+
+<p><a name="u_6" id="u_6">6</a>. Ein <i>neugebildetes Wort</i> ist, was von niemandem überhaupt (vorher)
+gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es
+scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner"
+<i>érnyges</i>(= Sprossen)<a name="FNanchor_53_53" id="FNanchor_53_53"></a><a href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> und statt "Priester" ārētēr (= Beter)<a name="FNanchor_54_54" id="FNanchor_54_54"></a><a href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="u_7" id="u_7">7</a>. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht
+ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt
+oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen
+wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. <i>polēos</i> (= Stadt) neben <i>poleōs</i>
+und ‹<i>Pēlēos</i> neben› <a name="Page_69" id="Page_69"></a><i>Pēleos</i> und <i>Pělēiádeō</i> ‹neben <i>Pēleidou</i>‹;
+ein verkürztes z.B. <i>krí</i> (= kríthē "Gerste") und <i>dō</i> (= dōma
+"Haus") und</p>
+
+<p><i>Eins wird beider Anschau</i> (= Anschauung, <i>ops</i> für <i>opsis</i>).<a name="FNanchor_55_55" id="FNanchor_55_55"></a><a href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p>
+
+<p><a name="u_8" id="u_8">8</a>. <i>Umgewandelt</i> ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil
+beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der
+"<i>rechteren</i>" <i>Brust</i><a name="FNanchor_56_56" id="FNanchor_56_56"></a><a href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>, statt der rechten (<i>dexíteron</i> = <i>déxion</i>).</p>
+
+<p><a name="u_9" id="u_9">9</a>. Von Substantiven selbst sind die einen <i>männlich</i>, andere <i>weiblich</i>,
+wieder andere <i>dazwischen</i> (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N
+und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind,
+deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die
+stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter
+den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich,
+daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die
+gleiche ist, denn <i>Xi</i> und <i>Psi</i> sind nur zusammengesetzt. Auf einen
+Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen
+Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich <i>méli</i> (Honig), <i>kómmi</i> (Gummi),
+<i>péperi</i> (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich <i>dóry</i> (= Lanze), <i>pōy</i>
+(= Herde), <i>nápy</i> (= Senf), <i>góny</i>(= Knie), <i>ásty</i> (Stadt). Die
+sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B.
+<i>déndron</i> (= Baum) auf N und <i>génos</i> (= Geschlecht) auf S.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XXII" id="KAPITEL_XXII">KAPITEL XXII</a></h4>
+
+
+<p><a name="v_1" id="v_1">1</a>. Die <i>Güte des sprachlichen Ausdrucks</i> be <a name="Page_70" id="Page_70"></a>steht darin, daß er <i>klar</i>
+und <i>nicht flach</i> (banal) ist. Am klarsten ist er nun freilich,
+wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber
+Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des
+<i>Kleophon</i> und die des <i>Sthenelos</i>. Erhaben und das Gewöhnliche
+(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger
+Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die
+Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem
+Alltäglichen entfernt.</p>
+
+<p><a name="v_2" id="v_2">2</a>. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich
+entweder ein <i>Rätsel</i> oder ein <i>Kauderwelsch</i> (Barbarismus) ergeben und
+zwar, falls in Metaphern, ein <i>Rätsel</i>; falls in Glossen, ein
+Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu
+sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer
+Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von
+Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.</p>
+
+<p><i>Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern</i><a name="FNanchor_57_57" id="FNanchor_57_57"></a><a href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> und
+dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus ‹z.B.
+....›.</p>
+
+<p>Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die
+schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer
+gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und
+nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die
+(nötige) Deutlichkeit verleihen.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="v_3" id="v_3">3</a>. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des
+sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen
+Verlängerungen, Verkürzungen und <a name="Page_71" id="Page_71"></a>Umwandlungen bei. Da sie nämlich
+anders lauten als das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom
+Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch
+die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die
+Klarheit sich ergeben.</p>
+
+<p><a name="v_4" id="v_4">4</a>. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige
+Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer)
+verhöhnen, wie <i>Eukleides</i> der Ältere es getan, indem er behauptete, daß
+es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach
+Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem
+Ausdruck selbst verspottete.<a name="FNanchor_58_58" id="FNanchor_58_58"></a><a href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a></p>
+
+<p><i>Ĕ̅pichár</i> | <i>en</i><a name="FNanchor_59_59" id="FNanchor_59_59"></a><a href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> <i>ĭ̅</i> | <i>don Mara</i> | <i>thónade bă̅di</i> | <i>zonta</i> (= <i>Aepicharen sah
+ich gen Marathón spazieren gehen</i>)</p>
+
+<p><i>Ouk an</i> | <i>g' ě̅ramen</i> | <i>os ton</i> | <i>keínon</i> | <i>ellě̅</i> | <i>bŏ̅ron</i><a name="FNanchor_60_60" id="FNanchor_60_60"></a><a href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> (= <i>Der wohl kaum in
+Liebe entbrannte für jenes Niésswurz</i>.)</p>
+
+<p>Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art
+lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame
+(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte
+jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung
+rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er
+dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).</p>
+
+<div class="sidenote">c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.</div>
+
+<p><a name="v_5" id="v_5">5</a>. Welch einen <i>Unterschied die angemessene Verwendung</i> (dieser Formen)
+<i>macht</i>, möge man am <a name="Page_72" id="Page_72"></a>Epos sich veranschaulichen, indem man die
+<i>allgemein</i> <i>gebräuchlichen Wörter in den Vers</i> setzt und auch
+wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die
+allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß
+unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen
+(Trimeter) gedichtet wie <i>Aischylos</i> und nur durch das Einsetzen eines
+einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein
+gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich,
+der <i>des Aischylos</i> aber gewöhnlich erscheint. <i>Aischylos</i> dichtete
+nämlich im <i>Philoktet</i>:</p>
+
+
+<p><span style="margin-left: 2em;"><i>Das Krebsgeschwür, das meines Fußes</i></span><br />
+<span style="margin-left: 3em;"><i>Fleisch frißt</i>.</span><br /></p>
+
+<p>Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."</p>
+
+<p>Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;"><i>Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés</i><a name="FNanchor_61_61" id="FNanchor_61_61"></a><a href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a></span><br />
+</p>
+
+<p>(<i>Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein</i>)</p>
+
+<p>die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;"><i>Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés</i></span><br />
+</p>
+
+<p>(<i>Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein</i>)</p>
+
+<p>und ebenso statt</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;"><i>díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan</i><a name="FNanchor_62_62" id="FNanchor_62_62"></a><a href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a></span><br />
+</p>
+
+<p>(<i>Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch</i>)</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;"><i>díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan</i></span><a name="Page_73" id="Page_73"></a><br />
+</p>
+
+<p>(<i>Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch</i>)</p>
+
+<p>oder endlich, statt</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">Ēiones boóōsin<a name="FNanchor_63_63" id="FNanchor_63_63"></a><a href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> (es brüllten die Ufer)</span><br />
+<span style="margin-left: 2em;">Ēiones krázousin (es schrien die Ufer).</span><br />
+</p>
+
+<p><a name="v_6" id="v_6">6</a>. So hat auch <i>Ariphrades</i> die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke
+anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn
+apó (von den Häusern weg<a name="FNanchor_64_64" id="FNanchor_64_64"></a><a href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a>, [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern)
+und séthen<a name="FNanchor_65_65" id="FNanchor_65_65"></a><a href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt
+autón<a name="FNanchor_66_66" id="FNanchor_66_66"></a><a href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>), und Achilléōs peri<a name="FNanchor_67_67" id="FNanchor_67_67"></a><a href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> (Achilles wegen) [nicht peri
+Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn
+gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein
+gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den
+Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht.</p>
+
+<p><a name="v_7" id="v_7">7</a>. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in
+angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen,
+so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn
+diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch
+gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern <a name="Page_74" id="Page_74"></a>erfinden
+heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das Ähnliche (im
+Unähnlichen) haben.</p>
+
+<p><a name="v_8" id="v_8">8</a>. Von den Wortarten selbst nun eignen sich <i>Komposita</i> am meisten für
+die <i>Dithyramben</i>, die <i>Glossen</i> für die <i>Heldengedichte</i>, die
+<i>Metaphern</i> für <i>jambische Trimeter</i> (der Tragödie). In Heldengedichten
+sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen,
+da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen
+sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede
+sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die
+Metapher und die schmückende Bezeichnung.</p>
+
+<p>Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende
+nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XXIII" id="KAPITEL_XXIII">KAPITEL XXIII</a></h4>
+
+
+<p><a name="w_1" id="w_1">1</a>. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte
+nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe
+wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich
+um eine <i>einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung
+bewegen müssen</i>, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein
+einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche
+Lustempfindung hervorrufe.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 23, 2. Das Epos.</div>
+
+<p><a name="w_2" id="w_2">2</a>. Auch ist es klar, daß <i>diese Kompositionen nicht den
+Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen</i>, die sich notwendigerweise
+nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen,
+sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in
+diesem an einer Person oder an mehreren <a name="Page_75" id="Page_75"></a>sich ereignet hat, von welchen
+Begebenheiten jede in einem beliebigen Verhältnis zu einer
+anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei <i>Salamis</i> und die Schlacht
+der <i>Karthager</i> in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf
+dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng
+aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen
+keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten
+(epischen) Dichter dementsprechend verfahren.</p>
+
+<p><a name="w_3" id="w_3">3</a>. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin <i>Homer</i> sich
+als ein gottbegnadeter <i>Dichter</i> im Vergleich zu den übrigen erweisen,
+daß er gar <i>nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen</i> (Trojanischen)
+<i>Krieg</i>, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches)
+Ende hat, <i>darzustellen</i>. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte
+der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf
+den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch
+seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat
+er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in
+Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog<a name="FNanchor_68_68" id="FNanchor_68_68"></a><a href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> und andere
+Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.</p>
+
+<p><a name="w_4" id="w_4">4</a>. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine
+einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn
+schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der
+Verfasser der <i>Kyprien</i> und der der <i>Kleinen Ilias</i>. Denn aus einer
+<i>Ilias</i> und <i>Odyssee</i> läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder
+höchstens zwei, aus den <i>Kyprien</i> dagegen viele und aus der <i>Kleinen
+<a name="Page_76" id="Page_76"></a>Ilias</i> acht, nämlich das Waffengericht, <i>Neoptolemos</i>, (1459b)
+[Eurypylos] <i>Philoktet</i>, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die
+Zerstörung <i>Ilions</i>, die Abfahrt, <i>Sinon</i> und die <i>Troerinnen</i><a name="FNanchor_69_69" id="FNanchor_69_69"></a><a href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a>.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4>KAPITEL XXIV</h4>
+
+
+<p><a name="x_1" id="x_1">1</a>. Weiterhin muß die <i>epische Dichtung dieselben Arten haben wie die
+Tragödie</i>, denn sie muß entweder einfach oder verflochten,
+charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die
+Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen
+Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der
+Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen
+Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck
+kunstgerecht sein.</p>
+
+<p><a name="x_2" id="x_2">2</a>. All diesen Forderungen hat <i>Homer</i>, sowohl als erster wie in
+genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte
+dementsprechend angelegt, die <i>Ilias</i> einfach und leidvoll, die
+<i>Odyssee</i> verflochten &mdash;beruht sie doch ganz auf Erkennungen&mdash;und
+charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in
+der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 24, 3. Das Epos.</div>
+
+<p><a name="x_3" id="x_3">3</a>. Was nun die <i>Komposition</i> anbelangt, so unterscheidet sich die
+epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer <i>Ausdehnung</i> und
+ihres <i>Versmaßes</i>. In bezug auf die <i>Ausdehnung</i> dürfte die bereits
+angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein
+müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn
+einerseits die Kompositionea <a name="Page_77" id="Page_77"></a>von geringerer Ausdehnung als die der
+alten (Epiker) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine
+einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.</p>
+
+<p><a name="x_4" id="x_4">4</a>. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner
+eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der
+Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich
+gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den
+Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern
+abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden
+Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile
+vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des
+Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner
+Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt
+und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das
+nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu
+verschulden pflegt.</p>
+
+<p><a name="x_5" id="x_5">5</a>. Was aber das <i>Versmaß</i> anbelangt, so hat sich das heroische (der
+Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte
+jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung
+nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend
+erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste
+und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und
+Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende
+Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen
+Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter
+haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz,
+jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) <a name="Page_78" id="Page_78"></a>wäre es, wenn jemand
+allerhand Versmaße untereinander mischen würde, wie dies
+<i>Chairemon</i> getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische)
+Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet,
+sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende
+Versmaß zu wählen gelehrt.</p>
+
+<p><a name="x_6" id="x_6">6</a>. <i>Homer</i>, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch
+darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist,
+<i>was er selbst zu tun habe</i>. Der Dichter soll nämlich <i>so wenig wie
+möglich in eigner Person reden</i>, denn nicht nach dieser Richtung hin ist
+er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen
+treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges
+und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt
+nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend
+eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern
+mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 24, 7. Das Epos.</div>
+
+<p><a name="x_7" id="x_7">7</a>. In der Tragödie muß man das <i>Wunderbare</i> darstellen in der epischen
+Dichtung dagegen hat vielmehr das <i>Vernunftwidrige</i>, auf dem in der
+Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst)
+nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge
+bei der Verfolgung <i>Hektors</i><a name="FNanchor_70_70" id="FNanchor_70_70"></a><a href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> auf der Bühne dargestellt einen
+lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die
+stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer<a name="FNanchor_71_71" id="FNanchor_71_71"></a><a href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>,
+der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen
+Vorgangs) verborgen, denn das <a name="Page_79" id="Page_79"></a>Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein
+Beweis dafür ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht
+damit zu erfreuen.</p>
+
+<p><a name="x_8" id="x_8">8</a>. Im besonderen hat <i>Homer</i> auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man
+(zweckmäßig) <i>Unwahres sagen könne</i>. Dies beruht aber auf einem
+<i>Trugschluß</i>. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die
+erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite
+Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist,
+auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein
+Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B)
+aber&mdash;die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt-&mdash;otwendigerweise
+wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B)
+hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser
+Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes
+aus der Badeszene<a name="FNanchor_72_72" id="FNanchor_72_72"></a><a href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> ‹....›</p>
+
+<p><a name="x_9" id="x_9">9</a>. Endlich muß man dem <i>unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen
+Unglaubhaften den Vorzug geben</i>. Allerdings darf man nicht die Stoffe
+auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich
+überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht
+möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung
+Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im <i>Oidipus</i>, seine Unkenntnis
+nämlich, auf welche Weise <i>Laios</i> ums Leben kam<a name="FNanchor_73_73" id="FNanchor_73_73"></a><a href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a>, aber nicht
+innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra<a name="FNanchor_74_74" id="FNanchor_74_74"></a><a href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> die Berichterstattung
+über <a name="Page_80" id="Page_80"></a>die pythischen Spiele oder in den <i>Mysern</i> der Mann, der
+stumm von Tegea bis Mysien wanderte.<a name="FNanchor_75_75" id="FNanchor_75_75"></a><a href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Zu sagen, daß sonst die Fabel
+in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von
+vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch
+getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man
+auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die
+Unzuträglichkeit der Szenen in der <i>Odyssee</i>, die sich bei der
+Aussetzung<a name="FNanchor_76_76" id="FNanchor_76_76"></a><a href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in
+die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte.
+Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das
+Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.</p>
+
+<p><a name="x_10" id="x_10">10</a>. Dem <i>sprachlichen Ausdruck</i> soll der Dichter seine <i>besondere
+Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden</i>, d.h. solchen, die weder
+durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen.
+Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die
+Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XXV" id="KAPITEL_XXV">KAPITEL XXV</a></h4>
+
+
+<div class="sidenote">c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.</div>
+
+<p><a name="y_1" id="y_1">1</a>. Über die <i>Probleme</i><a name="FNanchor_77_77" id="FNanchor_77_77"></a><a href="#Footnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> (kritische Bedenken) und deren <i>Lösungen</i>
+(Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie
+beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen
+können. Da nämlich der Dichter ebenso wie <a name="Page_81" id="Page_81"></a>der Maler oder irgend ein
+anderer bildschaffender Künstler ein nachahmender Darsteller
+ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von <i>drei</i>
+möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) <i>wie die
+Dinge waren oder sind</i> oder (2) <i>wie man sagt, daß sie seien</i> oder <i>wie
+sie zu sein scheinen</i> oder (3) <i>wie sie sein sollen</i>. Diese Dinge werden
+nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder
+auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen
+des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir
+ja den Dichtern.</p>
+
+<p><a name="y_2" id="y_2">2</a>. Dazu kommt ferner, daß die <i>Richtigkeit in der Politik und der
+Dichtkunst</i> sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft
+und der Dichtkunst <i>ein und dasselbe bedeutet</i>. In der Dichtkunst selbst
+gibt es <i>zweierlei Fehler</i>, der eine betrifft ihr <i>Wesen</i>, der andere
+ist rein <i>äußerlich</i>.</p>
+
+<p><a name="y_3" id="y_3">3</a>. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen ‹etwas richtig› nachahmend
+darzustellen, ‹verfehlt aber sein Ziel› aus eigenem Unvermögen, so liegt
+der <i>Fehler in der Dichtkunst selbst</i>; wenn er dagegen den Vorwurf
+richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd,
+das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in
+jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art
+auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser <i>nicht das Wesen</i>
+der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden
+Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).</p>
+
+<p><a name="y_4" id="y_4">4</a>. Erstens also was die <i>Lösungen</i> in bezug auf die gegen die Kunst als
+solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn <i>Unmögliches</i> dargestellt
+wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch <a name="Page_82" id="Page_82"></a>ihre
+Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung erreicht wird;
+der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine
+erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem
+anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des
+<i>Hektor</i>.<a name="FNanchor_78_78" id="FNanchor_78_78"></a><a href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem
+oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen
+herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht
+seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt
+keinerlei Fehler begangen werden.</p>
+
+<p><a name="y_5" id="y_5">5</a>. Man kann ferner die Frage aufwerfen, <i>worin denn</i> der Fehler begangen
+ist, <i>ob gegen die Kunstregel</i> oder <i>irgend etwas anderes Zufälliges</i>;
+denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß
+die Hindin keine Hörner hat<a name="FNanchor_79_79" id="FNanchor_79_79"></a><a href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>, als wenn er sie ohne (eigentlich)
+nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.</p>
+
+<p><a name="y_6" id="y_6">6</a>. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte
+man den Einwand so entkräften: Aber <i>vielleicht wie sie sein sollte</i>,
+wie ja auch <i>Sophokles</i> gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein
+sollen, <i>Euripides</i> aber, wie sie sind.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 25, 7. Probleme und Lösungen.</div>
+
+<p><a name="y_7" id="y_7">7</a>. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf
+berufen, daß <i>man eben so sagt</i>, wie in den Erzählungen über die Götter.
+Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der
+Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so,
+wie es bei <i>Xenophanes</i> lautet<a name="FNanchor_80_80" id="FNanchor_80_80"></a><a href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> (1461a) <a name="Page_83" id="Page_83"></a>‹....›, dann (erwidere man),
+allein man sagt nun einmal so.</p>
+
+<p><a name="y_8" id="y_8">8</a>. Anderes wiederum ist zwar <i>vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar
+tatsächlich einmal so</i>, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "<i>Aber die
+Lanzen</i> | <i>standen empor auf dem Fuße des Schaftes</i><a name="FNanchor_81_81" id="FNanchor_81_81"></a><a href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a>, solchen Brauch
+nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.</p>
+
+<p><a name="y_9" id="y_9">9</a>. In der Beurteilung der Frage, <i>ob das von jemand Gesagte oder Getane
+sittlich gut oder nicht ist</i>, muß man nicht nur die Handlung und die
+Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder
+gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen
+(und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten
+oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes
+wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet
+werden soll.</p>
+
+<p><a name="y_10" id="y_10">10</a>. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des <i>sprachlichen
+Ausdrucks</i> beseitigen, z.B. durch Annahme einer <i>Glosse</i>. "<i>Die Mäuler
+zuerst</i>."<a name="FNanchor_82_82" id="FNanchor_82_82"></a><a href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte
+<i>ourēas</i>, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt
+er: "<i>Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich</i>"<a name="FNanchor_83_83" id="FNanchor_83_83"></a><a href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>. Damit bezeichnet er
+nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht;
+gebrauchen doch die <i>Kreter</i> das Wort <i>eueides</i> (= schöngestaltet) im
+Sinne von <i>euprosōpon</i> (= schön von Antlitz). Ferner, "<i>Mische reineren
+Wein</i>" (zōróteron),<a name="FNanchor_84_84" id="FNanchor_84_84"></a><a href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> <a name="Page_84" id="Page_84"></a>d.h. nicht ungemischten Wein, wie für
+Trunkenbolde sondern (mische) "schneller."</p>
+
+<p><a name="y_11" id="y_11">11</a>. Ein anderes ist <i>metaphorisch</i> gesagt z.B.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger</i></span><br />
+<span style="margin-left: 2em;"><i>Schliefen die ganze Nacht</i>"</span><br />
+</p>
+
+<p>und doch heißt es unmittelbar darauf</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.</i></span><br />
+<span style="margin-left: 2.5em;"><i>Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge</i>."<a name="FNanchor_85_85" id="FNanchor_85_85"></a><a href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a></span><br />
+</p>
+
+<p>Jenes, "<i>Alle</i>" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein
+"Alles" ist nur eine Art des "Vielen".</p>
+
+<p>Auch jenes "<i>allein nicht teilnimmt</i>"<a name="FNanchor_86_86" id="FNanchor_86_86"></a><a href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> ist metaphorisch zu verstehen,
+denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".</p>
+
+<p><a name="y_12" id="y_12">12</a>. Ferner kann man auf Grund der <i>Prosodie</i> (Einwände widerlegen), wie
+<i>Hippias</i> der Thasier dies tat in jenem "<i>wir gewähren</i> (dídomen) <i>ihm
+aber</i>"<a name="FNanchor_87_87" id="FNanchor_87_87"></a><a href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> und "<i>Das zum Teil durch den Regen verfault</i>"<a name="FNanchor_88_88" id="FNanchor_88_88"></a><a href="#Footnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 25, 13. Probleme und Losungen.</div>
+
+<p><a name="y_13" id="y_13">13</a>. Wieder anderes vermittelst der <i>Interpunktion</i>, wie z.B.
+<i>Empedokles</i><a name="FNanchor_89_89" id="FNanchor_89_89"></a><a href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> sagt:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,</i></span><br />
+<span style="margin-left: 2em;"><i>Und als gemischt, was lauter zuvor</i>."</span><br />
+</p>
+
+
+<p><a name="y_14" id="y_14">14</a>. Anderes sodann durch die Annahme einer <i>Amphibolie</i>
+(Doppelsinn): <a name="Page_85" id="Page_85"></a></p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>Von der Nacht entschwand der größere Teil</i>"<a name="FNanchor_90_90" id="FNanchor_90_90"></a><a href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a></span><br />
+</p>
+
+<p>denn der Ausdruck "größere" (<i>pleíō</i>) ist doppelsinnig.</p>
+
+<p><a name="y_15" id="y_15">15</a>. Andere <i>Bedenken</i> (lösen sich) mit Berufung auf den
+<i>Sprachgebrauch</i>: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.</p>
+
+<p>Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>Schiene von neubereitetem Zinne</i>"<a name="FNanchor_91_91" id="FNanchor_91_91"></a><a href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>,</span><br />
+</p>
+
+<p>nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.</p>
+
+<p>Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es:
+Ganymed
+Ganymed<br />
+<span style="margin-left: 2em;">"<i>schenkt dem Zeus Wein ein</i>"<a name="FNanchor_92_92" id="FNanchor_92_92"></a><a href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a>,</span><br />
+</p>
+
+<p>obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken<a name="FNanchor_93_93" id="FNanchor_93_93"></a><a href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a>. Doch könnte man dieses
+Beispiel auch als Metapher auffassen.</p>
+
+<p><a name="y_16" id="y_16">16</a>. Man muß auch, wenn ein Wort etwas <i>Widersprechendes</i> zu bezeichnen
+scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden)
+Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "<i>Da hielt die eherne Lanze
+an</i>"<a name="FNanchor_94_94" id="FNanchor_94_94"></a><a href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a>, wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.</p>
+
+<p><a name="y_17" id="y_17">17</a>. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen
+möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem <i>Glaukon</i>
+berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach <a name="Page_86" id="Page_86"></a>dem
+sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt haben, bauen
+sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas
+stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das
+gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen
+über <i>Ikarios</i>. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein
+<i>Lakone</i>. Es schien daher ungereimt, daß <i>Telemachos</i>, als er nach
+<i>Sparta</i> kam<a name="FNanchor_95_95" id="FNanchor_95_95"></a><a href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a>, mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich
+damit aber vielleicht so, wie die <i>Kephallenier</i> berichten. Sie
+erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei
+<i>Ikadios</i> und nicht <i>Ikarios</i> (sein Schwiegervater). Demnach ist es
+wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.</p>
+
+<p><a name="y_18" id="y_18">18</a>. Im allgemeinen muß man das <i>Unmögliche</i> in der Dichtung entweder auf
+das <i>Zweckmäßigere</i> oder auf die <i>herrschende Meinung</i> zurückführen.
+Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar
+Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht
+unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. <i>Zeuxis</i> zu
+malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem
+Ideal gebührt der Vorrang.</p>
+
+<p><a name="y_19" id="y_19">19</a>. <i>Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen,
+zurückführen</i> und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie
+auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es
+wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich
+ereignet.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 25, 20. Probleme und Lösungen.</div>
+
+<p><a name="y_20" id="y_20">20</a>. <i>Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die
+Widerlegungen in der Dialektik</i>, ob es sich um das <a name="Page_87" id="Page_87"></a>Nämliche oder ob es
+in derselben Beziehung oder derselben Art und Weise gilt, mithin
+auch der <i>Dichter</i> entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen
+das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in
+Widerspruch verwickeln darf).</p>
+
+<p><a name="y_21" id="y_21">21</a>. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie
+Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des
+Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des <i>Aigeus</i><a name="FNanchor_96_96" id="FNanchor_96_96"></a><a href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a>,
+oder der Charakterschlechtigkeit, wie im <i>Orestes</i><a name="FNanchor_97_97" id="FNanchor_97_97"></a><a href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> der des
+<i>Menelaos</i>.</p>
+
+<p><a name="y_22" id="y_22">22</a>. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus <i>fünf Arten</i>, denn
+entweder <i>tadelt</i> man etwas als <i>unmöglich</i> oder als <i>vernunftwidrig</i>
+oder als <i>sittenverderblich</i> oder als <i>widerspruchsvoll</i> oder als <i>einen
+Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit</i>. Die <i>Lösungen</i>
+(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu
+betrachten deren es <i>zwölf</i> gibt.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="KAPITEL_XXVI" id="KAPITEL_XXVI">KAPITEL XXVI</a></h4>
+
+
+<p><a name="z_1" id="z_1">1</a>. Man könnte nun die Frage aufwerfen, <i>ob die epische nachahmende
+Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei</i>. Ist nämlich die
+minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein
+besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige
+nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine
+plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein
+Verständnis (für die Darstellung) zeigen, <a name="Page_88" id="Page_88"></a>falls er (der Schauspieler)
+nicht seinerseits etwas dazu beiträgt, so bewegen sich diese in
+starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten,
+wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den
+Chorführer (am Gewände), wenn sie die <i>Skylla</i> blasen.</p>
+
+<p><a name="z_2" id="z_2">2</a>. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre
+Nachfolger beurteilten, denn <i>Mynniskos</i> nannte den <i>Kallipides</i>, weil
+er gar zu sehr übertrieb, einen <i>Kallias</i><a name="FNanchor_98_98" id="FNanchor_98_98"></a><a href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> und in einem ähnlichen
+(üblen) Rufe stand auch <i>Pindaros</i>. Wie sich nun (1462a) jene (älteren
+Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze
+(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man,
+wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen
+bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine
+plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.</p>
+
+<p><a name="z_3" id="z_3">3</a>. Allein <i>erstens</i> ist das eine Anklage <i>gar nicht gegen die
+Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst</i>, denn es kann auch der
+Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies <i>Sosistratos</i> getan und
+(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies <i>Mnasitheos</i> der
+Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen,
+da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von
+Stümpern, wie ja auch <i>Kallipides</i> getadelt wurde und heutzutage andere,
+weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.</p>
+
+<div class="sidenote">c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.</div>
+
+<p><a name="z_4" id="z_4">4</a>. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung
+<i>ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung</i>, denn schon durch die
+bloße <a name="Page_89" id="Page_89"></a>Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie also
+im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls
+jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.</p>
+
+<p><a name="z_5" id="z_5">5</a>. Sodann (2) (ist sie überlegen) <i>weil sie alles besitzt was die
+epische Dichtung hat</i>, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und
+darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der
+musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche
+die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt
+sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den
+(tatsächlichen) Aufführungen.</p>
+
+<p><a name="z_6" id="z_6">6</a>. Ferner (3) <i>erreicht die Tragödie das Ziel</i> (1462b) <i>der</i>
+nachahmenden Darstellung <i>innerhalb eines kleineren Umfangs</i>; denn was
+gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit
+Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den
+<i>Oidipus</i> des <i>Sophokles</i> in so viel Verse setzen würde wie die <i>Ilias</i>
+hat ‹....›.</p>
+
+<p><a name="z_7" id="z_7">7</a>. Endlich (4) ist die <i>epische Dichtung eine weniger einheitliche</i>
+nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen
+nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß,
+selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten,
+diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit
+der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält,
+wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus
+mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die <i>Ilias</i> viele derartige
+Teile hat und die <i>Odyssee</i>, Teile, die auch für sich schon eine
+(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte
+in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende
+Darstellung, soweit <a name="Page_90" id="Page_90"></a>dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen
+Handlung.</p>
+
+<p><a name="z_8" id="z_8">8</a>. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) <i>überlegen</i>
+ist und überdies indem <i>Ziel</i> der Kunst&mdash;denn diese (Dichtarten) sollen
+nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits
+erwähnte&mdash;so leuchtet ein, <i>daß sie vortrefflicher als die epische
+Dichtung ist</i>, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.</p>
+
+<p><a name="z_9" id="z_9">9</a>. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre
+Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich
+unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges
+sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt
+sein....</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_91" id="Page_91"></a>NAMENVERZEICHNIS<a name="FNanchor_99_99" id="FNanchor_99_99"></a><a href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></h4>
+
+
+<p><a name="Agathon" id="Agathon">Agathon</a> (c. 447&mdash;400): <a href="#i_5" class="a">c. 9, 5</a>. <a href="#r_4" class="a">18, 4, 5, 6</a>.
+Berühmter, von Aristoteles
+hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der
+Rahmenerzählung von Platons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als
+Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität
+kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge
+von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders
+seine völlig freierfundene Tragödie <i>Anthe</i>, früher fälschlich <i>Anthos</i>
+"Blume" und seit Welcker oft auch <i>Antheus</i> betitelt.</p>
+
+<p><a name="Aiasdramen" id="Aiasdramen"><i>Aias</i>dramen</a>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles
+auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d.
+J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um
+die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias
+so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er
+unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde,
+Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam
+und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert.
+Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit
+Recht zu den pathetischen zählt.</p>
+
+<p><i>Aigisthos</i>: <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>.
+Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon
+und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und
+Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).&mdash;Die Komödie, auf die hier
+angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten
+Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des
+Aristoteles.</p>
+
+<p><a name="Aischylos" id="Aischylos"><i>Aischylos</i></a> (525/4&mdash;456): <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>.
+In der Poetik kaum berücksichtigt, ja
+Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was
+<a href="#r_4" class="a">c. 18, 4</a> geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><a name="Choephoren" id="Choephoren"><i>Choephoren</i></a>: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.
+ Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders
+ aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles
+ gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich",
+ "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles,
+ Euripides und Aristophanes <a name="Page_92" id="Page_92"></a>auf diese Erkennungsszene
+ anspielen, ist das erstere, mit alleiniger Berücksichtigung der Haarlocke,
+ wahrscheinlicher.</p>
+
+<p> <i>Myser</i>: <a href="#x_9" class="a">c 24, 9</a>. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war
+ Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem
+ Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld
+ gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon,
+ Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr
+ beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint,
+ ist.</p>
+
+<p> <i><a name="Niobe" id="Niobe">Niobe</a></i>: <a href="#r_4" class="a">c. 18, 4</a>.
+ Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen
+ wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und
+ einem gewissen Meliton.</p>
+
+<p> <i>Philoktet</i>: <a href="#v_5" class="a">c. 22, 5</a>. <a href="#w_4" class="a">23, 4</a>.
+ Nicht erhalten, doch kennen wir seine
+ Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und
+ Euripides aus Dio Chrysostomos.</p>
+
+<p> <i>Phorkiden</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+ Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen
+ Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein.</p>
+
+<p> <i>Prometheus</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+ Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns
+ erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist. </p></div>
+
+<p><i>Alkinoos</i>, Mär des: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p>
+
+<p><a name="Alkmeon" id="Alkmeon"><i>Alkmeon</i></a>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>.
+Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein
+vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon,
+Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren (<a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>).</p>
+
+<p>[<i>Amphiaraos</i>]: S. <a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a>.</p>
+
+<p><i>Anthe</i>: S. <a href="#Agathon" class="a">Agathon</a>.</p>
+
+<p><i>Antigone</i>: S. <a href="#Antigone" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Argas</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>.
+Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem
+Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel
+des Nomos ist ausgefallen.</p>
+
+<p><i>Ariphrades</i>: <a href="#v_6" class="a">c. 22, 6</a>.
+Wohl der Verfasser einer Schrift über den
+tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit
+dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling.</p>
+
+<p><i>Aristophanes</i> (c. 450&mdash;385): <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>.
+Die Art der Erwähnung zeigt, daß
+schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders
+freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der
+Gattung anerkannt war.</p>
+
+<p><i>Astydamas</i> (Ende des 4. Jahrh.): <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>.
+Urgroßneffe des Aischylos,
+sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische
+Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse
+erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger.</p>
+
+<p><a name="Page_93" id="Page_93"></a><i>C</i>. s. auch unter K.</p>
+
+<p><a name="Chairemon" id="Chairemon"><i>Chairemon</i></a>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. <a href="#x_5" class="a">24, 5</a>.
+Älterer Zeitgenosse des Aristoteles,
+gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein
+"Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a> im
+Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus <a href="#O_Akanthoplex" class="a">Akanthoplex</a>. Das hier erwähnte
+polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum
+Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet
+wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so
+geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten
+Dialogpartien.</p>
+
+<p><a name="Chionides" id="Chionides"><i>Chionides</i></a>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>.
+Der älteste attische Komödiendichter, dessen
+erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des
+Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch
+<a href="#Magnes" class="a">Magnes</a>.</p>
+
+<p><i>Choephoren</i>: S. <a href="#Choephoren" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p>[<i>Danaos</i>]: S. <a href="#Theodektes" class="a">Theodektes</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Dikaiogenes" id="Dikaiogenes">Dikaiogenes</a></i>: <a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>.
+Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse
+des Agathon. Neben den <i>Kypriern</i> wird noch eine Tragödie "Medea"
+genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem
+Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine
+Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene
+zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt
+sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt
+voraussetzen konnte.</p>
+
+<p><i>Dionysios</i>: <a href="#b_2" class="a">c 2, 2</a>.
+Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des
+Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in
+vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem
+ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt.</p>
+
+<p><i>Dolon</i>: <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a>.
+Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B.
+X der Ilias.</p>
+
+<p><i>Elektra</i>: S. <a href="#Elektra_S" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Empedokles</i> (blühte um 450) aus Agrigent: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a> [<a href="#u_4" class="a">21, 4</a>]. <a href="#y_13" class="a">25, 13</a>.
+Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und
+Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten.
+Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu <a href="#a_5" class="a">1, 5</a>, gerade
+als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird,
+so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich
+dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden <a name="Page_94" id="Page_94"></a>war.
+Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen
+Gesichtspunkt aus beurteilt.</p>
+
+<p><i>Epichares</i>: <a href="#v_4" class="a">c. 22, 4</a>.
+Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter Eigenname.</p>
+
+<p><i>Epicharmos</i> (blühte Ende des 6. Jahrh.): <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>.
+Einer der berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint,
+"Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch
+nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos,
+geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in
+Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer
+auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser
+tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden.</p>
+
+<p><i>Eriphyle</i>: S. <a href="#Alkmeon" class="a">Alkmeon</a>.</p>
+
+<p><i>Eukleides</i>: <a href="#v_4" class="a">c. 22, 4</a>.
+Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch
+bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings
+ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon
+und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei
+Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher
+könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den
+Freund des Sokrates und Platon, denken.</p>
+
+<p><i>Euripides</i> (485&mdash;407/6): <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>.
+<a href="#r_4" class="a">18, 4-6</a>. <a href="#y_6" class="a">25, 6</a>.
+Der jüngste der drei großen Tragiker.
+Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich gegen dessen mangelhafte Technik.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>(<i><a name="Elektra" id="Elektra">Elektra</a></i>): <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>. <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>.
+Orestes und Aigisthos. Personen im Drama.</p>
+
+<p> <i><a name="Iphigeneia" id="Iphigeneia">Iphigeneia</a> in Aulis</i>: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>.
+ Der hier ausgesprochene Tadel ist
+ von Schiller energisch zurückgewiesen worden.</p>
+
+<p> <i>Iphigeneia</i>, Taurische: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2-5</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>.<br />
+ &mdash;: <a href="#k_4" class="a">c. 11, 4</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2</a>.
+ Person im Drama, ebenso Orestes in <a href="#k_4" class="a">c 11, 4</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2</a>. Dieses
+ Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei
+ Mustertragödien.</p>
+
+<p> <a name="Kresphontes" id="Kresphontes"><i>Kresphontes</i></a>: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>.
+ Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch
+ zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und
+ in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St
+ 37&mdash;50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des
+ Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden
+ Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit
+ dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren
+ eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator
+ Polyphontes, der <a name="Page_95" id="Page_95"></a>
+ den Gatten der Merope ermordet und die Witwe
+ gezwungen hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard
+ III.</p>
+
+<p> <i><a name="Medea" id="Medea">Medea</a></i>: <a href="#n_4" class="a">c. 14, 4</a>. <a href="#o_7" class="a">15, 7</a>. <a href="#y_21" class="a">25, 21</a>.
+ Der Tadel an letzter Stelle
+ bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des
+ Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters.</p>
+
+<p> <i><a name="Melanippe" id="Melanippe">Melanippe</a></i>
+ die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene
+ desselben Dichters: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>.
+ Die Anspielung bezieht sich auf ihre
+ berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen
+ Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon
+ heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und
+ gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die
+ Anfangsworte sind uns zufällig erhalten.</p>
+
+<p> <a name="Orestes" id="Orestes"><i>Orestes</i></a>: <a href="#o_5" class="a">c 15, 5</a>. <a href="#y_21" class="a">25, 21</a>.
+ Darin spielt Menelaos eine charakterlose Rolle.</p>
+
+<p> <a name="Philoktetes" id="Philoktetes"><i>Philoktetes</i></a>: <a href="#v_5" class="a">c. 22, 5</a>.
+ S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>' Philoktetes.</p>
+
+<p> <a name="Troerinnen" id="Troerinnen"><i>Troerinnen</i></a>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+ S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>. </p></div>
+
+<p>[<i>Eurypylos</i>]: S. <a href="#Eurypylos" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Ganymedes</i>: S. <a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>.</p>
+
+<p><i>Glaukon</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>.
+Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller
+denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an
+den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht
+Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken.</p>
+
+<p><i>Hades</i>dramen: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt
+waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und
+Achaios' Peirithoos.</p>
+
+<p><i>Haimon</i>: S. Sophokles Antigone.</p>
+
+<p><i>Hegemon</i> v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): <a href="#b_3" class="a">c 2, 3</a>.
+Berühmter Parode und auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr
+häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei Trimeter.</p>
+
+<p><i>Helle</i>: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>.
+Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da
+Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der
+hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung
+völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei
+<i>Söhnen</i>, die sie dem Poseidon geboren hatte.</p>
+
+<p><i>Herakleis</i>: <a href="#h_2" class="a">c. 8, 2</a>.
+Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750),
+Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in
+14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten.</p>
+
+<p><a name="Page_96" id="Page_96"></a><a name="Hermokaikoxanthos" id="Hermokaikoxanthos"><i>Hermokaikoxanthos</i></a>: <a href="#u_1" class="a">c. 21, 1</a>.
+Ein aus drei Flußnamen des
+westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum.
+Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige
+Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und
+zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein.</p>
+
+<p><i>Herodot</i> (blühte um 450): <a href="#i_2" class="a">c. 9, 2</a>.
+Der "Vater der Geschichte". Seine
+Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der
+Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach
+dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders
+zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein
+hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich
+eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh. n. Chr.) in Jamben
+übertragen wurde.</p>
+
+<p><i>Hippias</i> von Thasos: <a href="#y_12" class="a">c. 25, 12</a>.
+Nur hier genannt, denn seine Erwähnung
+bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe
+"Problem", geht auf unsere Stelle zurück.</p>
+
+<p><a name="Homer" id="Homer"><i>Homer</i></a>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. <a href="#b_3" class="a">2, 3</a>.
+<a href="#c_1" class="a">3, 1-2</a>. <a href="#d_4" class="a">4, 4-6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>.
+<a href="#o_9" class="a">15, 9</a>.<a href="#w_3" class="a"> 23, 3</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2-6-8</a>8.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i><a name="Ilias" id="Ilias">Ilias</a></i>: <a href="#d_6" class="a">c. 4, 6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>.
+<a href="#o_7" class="a">15, 7</a>. <a href="#r_4" class="a">18, 4</a>. <a href="#t_9" class="a">20, 9.</a>
+<a href="#w_4" class="a">23, 4</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2</a>. <a href="#y_4" class="a">25, 4</a>.
+<a href="#z_7" class="a">26, 7</a>. Die "<i>Abfahrt</i>" (<a href="#o_6" class="a">c. 15, 6</a>)
+bezieht sich auf die a.a.O. zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen
+der Göttin Athene die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.&mdash;Schiffskatalog
+(<a href="#w_3" class="a">c. 23, 3</a>). Teiltitel des 2. B. (s.u.).</p>
+
+<p> <i>Odyssee</i>: <a href="#d_6" class="a">c. 4, 6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>. <a href="#m_6" class="a">13, 6</a>.
+ <a href="#q_4" class="a">17, 4</a>. <a href="#w_4" class="a">23, 4</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2-9</a>.<a href="#z_7" class="a">26, 7</a>.
+ <i>Mär des Alkinoos</i> (<a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>) und <i>Badeszene</i> (Niptra, <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>. <a href="#x_8" class="a">24, 8</a>)
+ sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten
+ Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach <a href="#x_8" class="a">c. 24, 8</a>
+ das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der
+ Penelope.</p>
+
+<p> <i>Margites</i> <a href="#d_4" class="a">c. 4, 4-6</a>.
+ Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und
+ jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise
+ einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als
+ unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden
+ zu sein. </p></div>
+
+<p><i>Ikadios</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>.
+Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des
+Odysseus, statt des homerischen Ikarios, begegnet nur hier.</p>
+
+<p><i>Ilias</i> s. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p>
+
+<p><a name="Ilias_Die_Kleine" id="Ilias_Die_Kleine"><i>Ilias</i>, Die Kleine</a>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. Ein nachhomerisches, dem sogenannten
+"Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches
+von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der
+Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa
+da, wo <a name="Page_97" id="Page_97"></a>die homerische Ilias aufhörte
+(Lösung Hektors) und endete
+mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen
+Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng
+chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei
+Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien.</p>
+
+<div class="blockquot"><i>Waffengericht</i>: S. <a href="#Aiasdramen" class="a">Aiasdramen</a>.
+
+<p> <i>Philoktet</i>: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon,
+ Philokles, Theodektes dramatisiert.</p>
+
+<p> <i>Neoptolemos</i> (= Eurypylos s. <a href="#Eurypylos" class="a">Sophokles</a>): Von Nikomachos.</p>
+
+<p> <i>Bettlerrhapsodie</i> (= <a href="#Lakonierinnen" class="a">Lakonierinnen</a> s. Sophokles).</p>
+
+<p> <i>Ilions Zerstörung</i>: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des
+ Sophokles und ein Epos des "Kyklos".</p>
+
+<p> <i>Abfahrt</i> des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der
+ Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama
+ dieses Titels ist nicht bekannt.</p>
+
+<p> <i>Sinon</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.
+ Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt.</p>
+
+<p> <i>Troerinnen</i>: S. <a href="#Troerinnen" class="a">Euripides</a>.
+ Die Schicksale der trojanischen
+ Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen
+ dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die
+ Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos,
+ Agamemnon (Kassandra). </p></div>
+
+<p><i>Iphigeneia</i>: S. <a href="#Iphigeneia" class="a">Euripides</a> und <a href="#Polyeidos" class="a">Polyeidos</a>.</p>
+
+<p><i>Ixion</i>dramen: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+Unter anderen Missetaten versuchte er sich an
+Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein
+geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der
+Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos
+und Timesitheos dramatisiert.</p>
+
+<p><a name="Kallipides" id="Kallipides"><i>Kallipides</i></a>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2-3</a>.
+Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist.</p>
+
+<p><a name="Karkinos" id="Karkinos"><i>Karkinos</i></a>: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des
+Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Thyestes</i>: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>.
+ Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit
+ seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da
+ der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides,
+ mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt
+ haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der
+ Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In
+ welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich
+ jeder Vermutung.</p>
+
+<p> <a name="Page_98" id="Page_98"></a>[<i>Amphiaraos</i>]: <a href="#q_1" class="a">c. 17, 1</a>.
+ Der Vater des <a href="#Alkmeon" class="a">Alkmeon</a> (s.d.) und
+ Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer
+ Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch
+ arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der
+ griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr
+ erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte. </p></div>
+
+<p><a name="Karthager" id="Karthager"><i>Karthager</i></a>: <a href="#w_2" class="a">c. 23, 2</a>.
+Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und
+Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an
+demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept.
+480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen
+Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale
+politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch
+jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in
+Abrede gestellt.</p>
+
+<p><i>Kentauros</i>: S. <a href="#Chairemon" class="a">Chairemon</a>.</p>
+
+<p><i>Kephallenier</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>.
+Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen
+Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch
+unbekannt.</p>
+
+<p><i>Kleophon</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. <a href="#v_1" class="a">22, 1</a>.
+Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik
+ein Werk <i>Mandrobulos</i>, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn
+mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert
+sind, ist er kaum identisch.</p>
+
+<p><i>Klytaimestra</i>: <a href="#n_4" class="a">c. 14, 4</a>.
+Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so
+erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion
+war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für
+Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das
+Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt.</p>
+
+<p><i>Krates</i>: <a href="#e_2" class="a">c. 5, 2</a>.
+Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den
+Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl
+Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern
+der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten
+Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht.</p>
+
+<p><i>Kreon</i>: S. Sophokles <a href="#Antigone" class="a">Antigone</a>.</p>
+
+<p><i>Kreter</i>: <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a>.
+Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier
+mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar
+entnommen haben. S.u. Kyprier.</p>
+
+<p><i>Kyklop</i>: S. <a href="#Philoxenos" class="a">Philoxenos</a>, <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Kypria" id="Kypria">Kypria</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos
+in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem
+Homer abgesprochen. Spätere legten es <a name="Page_99" id="Page_99"></a>einem Stasimos oder Hegesias
+(Hegesinos) bei. Das Gedicht behandelte die Vorgeschichte des
+trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete
+eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel
+nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur
+die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse.
+Daselbst war auch die <a href="#h_3" class="a">c. 8, 3</a> erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte
+sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber
+durch eine List von Palamedes entlarvt.</p>
+
+<p><i>Kyprier</i>: S. <a href="#Dikaiogenes" class="a">Dikaiogenes</a>.<br />
+&mdash;Dialekt der: <a href="#u_3" class="a">c. 21, 3</a>:
+S. Einleitung <a href="#Page_23" class="a">S. XXIV</a>.</p>
+
+<p><i>Laios</i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.
+Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und
+dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte
+Unwahrscheinlichkeit wurde bereits <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a> angespielt.</p>
+
+<p>[<i>Lakonierinnen</i>]: S. <a href="#Lakonierinnen" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Lynkeus</i>: S. <a href="#Theodektes" class="a">Theodektes</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Magnes" id="Magnes">Magnes</a></i>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>.
+Neben <a href="#Chionides" class="a">Chionides</a> (s.d.) der älteste attische Komiker.
+Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist
+zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat.
+Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt,
+was die alten Kritiker schon erkannt hatten.</p>
+
+<p><i>Margites</i>: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p>
+
+<p><i>Massalioten</i>: S. <a href="#Hermokaikoxanthos" class="a">Hermokaikoxanthos</a>.</p>
+
+<p><i>Medea</i>: S. <a href="#Medea" class="a">Euripides</a>.</p>
+
+<p><i>Megarer</i>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>.
+Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu
+sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische
+Begründung nicht haltbar ist.</p>
+
+<p><i>Melanippe</i>: S. <a href="#Melanippe" class="a">Euripides</a>.</p>
+
+<p><i>Meleagros</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>.
+Eine berühmte Sagenfigur und Held der
+"Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die
+Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein
+Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem
+Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame
+Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern,
+behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach
+Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische
+Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die
+Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage).</p>
+
+<p><a name="Page_100" id="Page_100"></a><i>Menelaos</i>: S. Euripides
+<a href="#Orestes" class="a"> Orestes</a>.</p>
+
+<p><i>Merope</i>: S. Euripides <a href="#Kresphontes" class="a">Kresphontes</a>.</p>
+
+<p><i>Mitys</i>: <a href="#i_9" class="a">c. 9, 9</a>.
+Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn
+Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer <i>Festfeier</i>
+ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes
+"theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen
+Bedeutung gebraucht.</p>
+
+<p><i>Mnasitheos</i>: <a href="#z_3" class="a">c 26, 3</a>.
+Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen
+auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse
+des Aristoteles.</p>
+
+<p><i>Mynniskos</i>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2</a>.
+Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den
+späteren Tragödien des Aischylos.</p>
+
+<p><i>Myser</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p><i>Mysien</i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.
+Provinz im Nordwesten Kleinasiens.</p>
+
+<p><i>Neoptolemos</i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+Sohn des Achilles. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a>
+und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Nikochares</i>: <a href="#b_3" class="a">c 2, 3</a>.
+Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos,
+der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem
+Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des
+Aristophanes aufgeführt wurden.</p>
+
+<p><i>Niobe</i>: S. <a href="#Niobe" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p><i>Odyssee</i>: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p>
+
+<p><i>Odysseus</i>, der Verwundete: S. <a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a>
+und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;, der Trugbote: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.
+Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;, in der Skylla: S. <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</span><br />
+</p>
+<p><i>Oidipus</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Orestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. Die Sage des O.
+<i>Orestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. Die Sage des O.<br />
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a> Agamemnon, <a href="#Choephoren" class="a">Choephoren</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;: S. Sophokles <a href="#Elektra_S" class="a">Elektra</a></span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;: S. Euripides <a href="#Elektra" class="a">Elektra</a>, <a href="#Iphigeneia" class="a">Iphigeneia</a>, <a href="#Orestes" class="a">Orestes</a>.</span><br />
+<span style="margin-left: 1em;">&mdash;: S. <a href="#Polyeidos" class="a">Polyeidos</a> Iphigeneia.</span><br />
+</p>
+<p><i>Pauson</i>: <a href="#b_2" class="a">c. 2. 2</a>.
+Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des
+5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt
+die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange
+in der Gunst des Publikums erhalten zu haben.</p>
+
+<p><i>Peleus</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Peloponnesier</i>: <a href="#c_4" class="a">c 3, 4</a>.
+Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie
+gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen
+gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche
+Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen
+Stadt.</p>
+
+<p><a name="Page_101" id="Page_101"></a><i>Philoktetes</i>:
+S. <a href="#Philoktetes" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Philoxenos" id="Philoxenos">Philoxenos</a></i> (435&mdash;380): <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>.
+Berühmter Dithyrambiker, geboren in
+Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb
+in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop"
+(Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll
+unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur
+Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste
+erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen
+Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung
+schlechterer Charaktere angeführt zu werden.</p>
+
+<p><i>Phiniden</i> <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.
+Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist
+ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung
+führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der
+Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig
+ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König
+Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend,
+seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ.
+Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet
+oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter
+Accius und einen Dithyrambos des Timotheos.</p>
+
+<p><i>Phorkiden</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p><i>Phthiotinnen</i>: S. <a href="#Phthiotinnen" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Pindaros</i>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2</a>.
+Ein nur hier genannter Schauspieler, dem
+Zusammenhang nach Zeitgenosse des <a href="#Kallipides" class="a">Kallipides</a> (s.d.).</p>
+
+<p><i><a name="Polyeidos" id="Polyeidos">Polyeidos</a></i> der Sophist: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>.
+Der Name ist äußerst selten,
+so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll.
+Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und
+Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter
+Dithyrambos wie die Skylla des <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a> (s.d.) und zweifellos
+nacheuripideisch.</p>
+
+<p><i>Polygnotos</i>: <a href="#b_2" class="a">2, 2</a>. <a href="#f_7" class="a">6, 7</a>.
+Einer der berühmtesten und ältesten
+griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine
+bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458&mdash;447).
+Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei
+Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des
+Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5).</p>
+
+<p><i>Prometheus</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Protagoras" id="Protagoras">Protagoras</a></i> v. Abdera (c. 485&mdash;c. 416): <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2</a>.
+Neben Gorgias der bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der <a name="Page_102" id="Page_102"></a>
+griechischen Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen
+Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.)
+wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu
+Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die
+sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den
+Wolken des Aristophanes.</p>
+
+<p><i>Pythische</i> Spiele: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.
+In der Elektra des Sophokles schildert der
+Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei
+denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals
+(11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte.
+Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem
+Tleptolemos begangen.</p>
+
+<p><i>Salamis</i>: S. <a href="#Karthager" class="a">Karthager</a>.</p>
+
+<p><i>Sinon</i>: S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a>
+und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p>
+
+<p><i>Sisyphos</i>: <a href="#r_5" class="a">c. 18, 5</a>.
+Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines
+überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen
+Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen
+bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder
+hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so
+von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen
+Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten
+Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm
+verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht.</p>
+
+<p><i>Skylla</i>: S. <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</p>
+
+<p><i><a name="Sophokles" id="Sophokles">Sophokles</a></i> (497/6&mdash;406/5): <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>. <a href="#d_9" class="a">4, 9</a>.
+<a href="#r_6" class="a">18, 6</a>. <a href="#y_6" class="a">25, 6</a>.
+Für Aristoteles der künstlerisch vollendetste Tragiker.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i><a name="Antigone" id="Antigone" >Antigone</a></i>: <a href="#n_6" class="a">c. 14, 6</a>.
+ In der erwähnten Szene versucht Hainion, der
+ Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem
+ Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar.</p>
+
+<p> <i><a name="Elektra_S" id="Elektra_S">Elektra</a></i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.
+ Orestes, Person im Drama: <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>.
+ <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>.</p>
+
+<p> <i><a name="Eurypylos" id="Eurypylos">Eurypylos</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+ Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p>
+
+<p> [<i><a name="Lakonierinnen" id="Lakonierinnen">Lakonierinnen</a></i>]: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+ In dem Drama bildeten die spartanischen
+ Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des
+ troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner
+ Verkleidung als Bettler erkannte. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p>
+
+<p> <i><a name="Odysseus" id="Odysseus">Odysseus</a></i>, der verwundete, <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>. So hieß ein Drama des
+ <a href="#Chairemon" class="a">Chairemon</a> (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber
+ stets als <i><a name="O_Akanthoplex" id="O_Akanthoplex">O. Akanthoplex</a></i> (der vom Rochenstachel <a name="Page_103" id="Page_103"></a>getroffene)
+ zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), Sohn des Odysseus
+ und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und
+ verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß
+ Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete
+ Odysseus sei.</p>
+
+<p> <i>Oidipus</i>: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1-2</a>. <a href="#o_8" class="a">15, 8</a>.
+ <a href="#p_5" class="a">16, 5</a>. <a href="#x_9" class="a">24, 9</a>. <a href="#z_6" class="a">26, 6</a>.
+ Stets ohne Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos,
+ nie den Oidipus Coloneus, versteht.<br />
+ &mdash;: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#n_1" class="a">14, 1</a>.
+ Die Sage des Oidipus.<br />
+ &mdash;: <a href="#k_1" class="a">11, 1</a>. <a href="#m_3" class="a">13, 3</a>. <a href="#n_5" class="a">14, 5</a>. Die Person im Drama.</p>
+
+<p> <i>Peleus</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+ Peleus, der greise Vater des Achilles, durch
+ seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel
+ Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach
+ war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende
+ Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und
+ Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben.</p>
+
+<p> <i><a name="Phthiotinnen" id="Phthiotinnen">Phthiotinnen</a></i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>.
+ Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem
+ Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht
+ verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der
+ Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von
+ demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends
+ bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine
+ Willkür.</p>
+
+<p> <i><a name="Sinon" id="Sinon">Sinon</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>.
+ S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a>.</p>
+
+<p> <i>Tereus</i>: <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>.
+ Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester
+ seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn
+ nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was
+ ihr widerfahren&mdash;dies die "Stimme der Spindel"&mdash;und die Schwestern
+ rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys.
+ Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos,
+ und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles.</p>
+
+<p> <i>Thyestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>.
+ Held in dem gleichbetitelten Drama. S. Thyestes.</p>
+
+<p> <i>Tyro</i>: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>.
+ Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren
+ und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und
+ als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer
+ Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der
+ eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre
+ Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre
+ <a name="Page_104" id="Page_104"></a>Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen.
+ Von den zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine
+ Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und
+ Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8)
+ verdanken. </p></div>
+
+<p><i>Sokratische Gespräche</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>.
+Aristoteles versteht darunter stets
+nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner
+auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines,
+Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche.</p>
+
+<p><i><a name="Sophron" id="Sophron">Sophron</a></i> (c. 450): <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>.
+Der Begründer einer neuen Literaturgattung
+des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und
+in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein
+Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht
+haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner
+Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die
+poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt
+wurden.</p>
+
+<p><i>Sosistratos</i>: <a href="#z_3" class="a">c. 26, 3</a>.
+Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer Zeitgenosse des Aristoteles.</p>
+
+<p><i>Sthenelos</i>: <a href="#v_1" class="a">c. 22, 1</a>.
+Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen
+verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte
+ihn des Plagiats.</p>
+
+<p><i>Tegea</i>: <a href="#x_1" class="a">c. 24, 1</a>. Stadt in Arkadien,
+Heimat des Telephos.</p>
+
+<p><i>Telegonos</i>: S. Sophokles, Odysseus <a href="#O_Akanthoplex" class="a">Akanthoplex</a>.</p>
+
+<p><i>Telemachos</i>: <a href="#y_16" class="a">c. 25, 16</a>.
+Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise
+nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die
+sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3&mdash;4, 619.</p>
+
+<p><i>Telephos</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>.
+Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale
+sehr oft dramatisiert wurden, so von <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a> (s.d.), Sophokles,
+Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion.</p>
+
+<p><i><a name="Theodektes" id="Theodektes">Theodektes</a></i>: <a href="#p_4" class="a">16, 4</a>. <a href="#r_1" class="a">18, 1</a>.
+Genialer Schüler des Isokrates und Platon,
+Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50
+Dramen und war siebenmal Sieger.</p>
+
+<div class="blockquot"><p><i>Lynkeus</i>: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1</a>. <a href="#r_1" class="a">18, 1</a>.
+ Held der Danaidensage. Hypermnestra war
+ die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus
+ gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes
+ Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung
+ ereilte ihn aber in einer für uns <a name="Page_105" id="Page_105"></a>nicht mehr genau zu erkennenden
+ Weise das Schicksal, das er jenem zugedacht.</p>
+
+<p> Tydeus: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.
+ Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben
+ gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig
+ unbekannt. </p></div>
+
+<p><i>Theodoros</i>: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>. Nur als Beispiel genannt.</p>
+
+<p><i>Theseis</i>: <a href="#h_2" class="a">c. 8, 2</a>.
+Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker
+unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein
+Anonymus aus unbestimmter Zeit.</p>
+
+<p><i>Thyestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>.
+Eine der am häufigsten dramatisierten
+Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage.
+So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros,
+<a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a> (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern,
+Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus.</p>
+
+<p><i><a name="Timotheos" id="Timotheos">Timotheos</a></i> v. Milet (✝357): <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>.
+Berühmter Komponist, Dithyramben und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser"
+wurde 1902 aufgefunden.</p>
+
+<div class="blockquot"><i>Kyklop</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>.
+S. <a href="#Philoxenos" class="a">Philoxenos</a>.
+
+<p> <i>Skylla</i>: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>. <a href="#z_1" class="a">26, 1</a>.
+ Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee
+ geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr
+ schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des
+ Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den
+ Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu
+ veranschaulichen den Helden zu gewinnen. </p></div>
+
+<p><i>Xenarchos</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>.
+Sohn des <a href="#Sophron" class="a">Sophron</a> (s.d.).
+Nur hier als Verfasser von Mimen erwähnt.</p>
+
+<p><i>Xenophanes</i> v. Kolophon (c. 570&mdash;479): <a href="#y_7" class="a">c. 25, 7</a>.
+Dichter und Begründer der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus.</p>
+
+<p><i>Zeuxis</i> aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: <a href="#f_7" class="a">c. 6, 7</a>.
+<a href="#y_18" class="a">25, 18</a>.
+Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert
+sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr
+Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum
+Ausdruck brachte.</p>
+
+
+<hr style='width: 45%;' />
+
+
+<h4><a name="Page_106" id="Page_106"></a>SACHVERZEICHNIS</h4>
+
+<p><i>Agon</i>: <a href="#f_16" class="a">c. 6, 16</a>. <a href="#g_3" class="a">7, 3</a>. <a href="#m_4" class="a">13, 4</a>. Der jährlich zweimal in Athen
+stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und
+Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere
+Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien
+und einem Satyrdrama) auf.&mdash;In den musikalischen Agonen wurden
+hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die <a href="#z_3" class="a">c. 26, 3</a> angespielt
+wird.&mdash;Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf
+bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr (<a href="#g_3" class="a">c. 7, 3</a>).</p>
+
+<p><i>Amphibolie</i> (Doppelsinn): <a href="#y_14" class="a">c. 25, 14</a>.</p>
+
+<p><i>Anagnorisis</i> (Erkennung): <a href="#k_2" class="a">c. 11, 2</a> definiert.</p>
+
+<p><a name="Anapaest" id="Anapaest"><i>Anapaest</i></a> und <i>Trochaeus</i>, ohne: <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>.
+Weil jener ein
+Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das
+stehend gesungene Chorlied (Stasimon).</p>
+
+<p><i>Artikel</i>: <a href="#t_4" class="a">c. 20, 4</a>.
+Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne
+gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein
+schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres
+Kapitels.</p>
+
+<p><a name="Auletik" id="Auletik"><i>Auletik</i></a>: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>.
+Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus
+unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine
+Instrumentalmusik zu verstehen.</p>
+
+<p><i>Beiwort</i>, schmückendes (Kosmos): <a href="#u_5" class="a">c. 21, 5</a>.
+Definition und Beispiel sind
+ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das
+epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als
+im Drama ist.</p>
+
+<p><i>Beugung</i> (Flexion): <a href="#t_7" class="a">c. 20, 7</a>.</p>
+
+<p><i>Bindewort</i>: <a href="#t_3" class="a">c. 20, 3</a>.</p>
+
+<p><i>Buchstabe</i>: <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p>
+
+<p><i>Demokratie</i> in Megara: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. Um 590 v. Chr.</p>
+
+<p><i>Dithyrambische</i> Dichtung: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>.
+Hier und mit <i>einer</i> Ausnahme auch
+sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich
+beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach <a href="#d_8" class="a">c. 4, 8</a>
+die Tragödie
+hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie
+ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei
+auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein (<a href="#z_1" class="a">c. 26, 1</a>).</p>
+
+<p><i>Episode</i>: Mit Ausnahme von <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>. [<a href="#r_6" class="a">18, 6</a>],
+wo das Wort etwa mit "Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein <a name="Page_107" id="Page_107"></a>
+gebräuchlichen Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung oder Erzählung
+in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht.</p>
+
+<p><i>Flexion</i>: S. Beugung.</p>
+
+<p><i>Furcht</i>: Definiert <a href="#m_2" class="a">c. 13, 2</a>.</p>
+
+<p><i>Geschlecht</i>: S. Grammatik und <a href="#Protagoras" class="a">Protagoras</a>.</p>
+
+<p><i>Glosse</i> (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): <a href="#u_3" class="a">c. 21, 3</a>.</p>
+
+<p><i>Grammatik</i> (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): <a href="#KAPITEL_XX" class="a">c. 20-21</a>. Trotz
+mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. <a href="#Protagoras" class="a">Protagoras</a>) befand sich die
+Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr
+wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern
+und alexandrinischen Philologen verdankt. Der damals festgesetzten
+Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen,
+bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines
+Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ).</p>
+
+<p>Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar
+elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei
+dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr
+zugehörig bezeichnet hat.</p>
+
+<p><i>Halbvokal</i> (Liquida): <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p>
+
+<p><i>Jambos</i>: <a href="#d_5" class="a">c. 4, 5-9</a>. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der
+Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der
+zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich
+als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte.
+Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit
+wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den
+Gesprächston nicht hinauszugehen.</p>
+
+<p><i>Katharsis</i>: "Reinigung": <a href="#f_2" class="a">c. 6, 2</a>. Die seit Lessing und besonders seit
+Bernays (s. Einleitung <a href="#Page_14" class="a">S. XV</a>) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik.
+Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere
+Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt
+worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher
+einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei
+Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine
+medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die <i>Wirkung</i>, nicht den <i>Zweck</i>
+der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und
+unzweideutig (<a href="#d_2" class="a">c. 4, 2</a>. <a href="#m_6" class="a">13, 6</a>. <a href="#n_2" class="a">14, 2</a>.
+<a href="#w_1" class="a">23, 1</a>. <a href="#z_8" class="a">26, 8</a>.) eine ihr
+eigentümliche <i>Lustempfindung</i>. Damit erledigt sich auch die <a name="Page_108" id="Page_108"></a>
+Frage von selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht die Rede ist,
+ein <i>ethisch-moralisches</i> oder ein <i>aesthetisch-psychologisches</i> ist
+oder seinsoll. Was dagegen die kathartische <i>Wirkung</i> anbelangt, so
+dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu
+Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen
+Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht
+berücksichtigte.</p>
+
+<p><i>Kitharistik</i>: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>. Die Guitarre (Lyra) war das übliche
+Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus
+wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>).
+Dennoch wird man wohl richtiger auch hier, wie bei der <a href="#Auletik" class="a">
+Auletik</a> (s.d.) die reine Instrumentalmusik verstehen müssen</p>
+
+<p><i>Klepsydra</i>: S. <a href="#Wasseruhr" class="a">Wasseruhr</a>.</p>
+
+<p><i>Kosmos</i>: S. Beiwort, schmückendes.</p>
+
+<p><i>Maschine</i>: <a href="#o_7" class="a">c. 15, 7</a>.
+Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den
+bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine
+auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion)
+bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen
+Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias
+entnommenen Beispiel (s. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>, Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich
+von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die
+Handlung eingreift, gebraucht.</p>
+
+<p><i>Metapher</i>: <a href="#u_4" class="a">c. 21, 4</a> definiert. <a href="#v_2" class="a">22, 2-7</a>.</p>
+
+<p><i>Mimesis</i> (nachahmende Darstellung): <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>
+u.ö. Das Wort "Nachahmung" erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn
+er bezeichnet bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen
+in der Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden
+Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns
+und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die
+künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles
+unberücksichtigt geblieben ist. Auch die <i>lyrische</i> Poesie hat
+Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht
+ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie
+einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung
+ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen.</p>
+
+<p><i>Mitleid</i>: <a href="#m_2" class="a">c. 13, 2</a> definiert.</p>
+
+<p><i>Nachahmende Darstellung</i>: S. Mimesis.</p>
+
+<p><a name="Page_109" id="Page_109"></a><i>Nichtlauter</i> (Muta): <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p>
+
+<p><i>Nomos</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine
+mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>
+(s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder
+entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser
+Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt
+uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen
+Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen.
+In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete
+Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der
+Dithyrambus.</p>
+
+<p><a name="Probleme" id="Probleme"><i>Probleme</i></a>: <a href="#y_1" class="a">c. 25, 1&mdash;22</a> Die literarische, wie die Textkritik der
+Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den
+homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift
+"Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit,
+namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen,
+sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen
+und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig
+betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine
+Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise
+oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der
+Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für
+homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht
+oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von
+Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder
+geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt
+unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten
+"Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer
+wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele
+aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da
+man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben
+darf.</p>
+
+<p><a href="#y_8" class="a">25-8</a>. "<i>Aber die Lanzen</i> usw."
+Man meinte, daß bei der geschilderten
+Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und
+so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung
+entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.</p>
+
+<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Die Mäuler zuerst</i>." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo
+gesandten Seuche die "Mäuler" <i>vor</i> den <a name="Page_110" id="Page_110"></a>schuldigen Menschen
+dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung ist hinfällig, denn,
+selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte&mdash;es kommt nur noch einmal
+in einem Verse der Ilias vor,&mdash;so trifft sie doch auf das folgende "<i>und
+die hurtigen Hunde</i>," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.</p>
+
+<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Der von Gestalt zwar häßlich</i>."
+Das "Problem" ist gar nicht
+vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren
+herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die
+merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der
+Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men&mdash;alla"
+(zwar&mdash;jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies
+gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch
+schnellfüßig).</p>
+
+<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Mische reineren Wein</i>:"
+Den Anstoß, den man daran nahm, gibt
+Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen
+Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das
+angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig
+Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.</p>
+
+<p><a href="#y_11" class="a">25-11</a>. "<i>Alle</i>" im Sinne von "Viele."
+Aristoteles muß in seinem Homertexte
+"alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten,
+gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter
+dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort
+"alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.</p>
+
+<p><a href="#y_11" class="a">25-11</a>. "<i>Allein nicht teilnimmt</i>."
+Die astronomische Unrichtigkeit daß das
+Bärengestirn <i>allein</i> unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht
+untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung
+findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der
+Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum
+Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe
+Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin
+Hörner gab (<a href="#y_5" class="a">c. 25, 5</a>), anführt.</p>
+
+<p><a href="#y_12" class="a">25-12</a>."<i>Wir gewähren ihm</i>:" Dieses und das folgende Problem wie seine
+Lösung&mdash;das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen
+Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu
+nennen&mdash;haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen
+erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem
+<a name="Page_111" id="Page_111"></a>der Akzent bei dem Wort <i>didomen</i> auf die erste oder zweite
+Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias
+nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so
+die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben
+von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die
+spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker
+nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers,
+der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu
+ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert.
+Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.</p>
+
+<p><a href="#y_12" class="a">25-12</a>. "<i>Das zum Teil</i>":
+Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird
+oder nicht, bedeutet <i>ou</i> entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem
+Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle
+unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht
+vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber
+aufgeworfen zu haben.</p>
+
+<p><a href="#y_13" class="a">25-13</a>. "<i>gemischt was lauter zuvor</i>."
+Der fast völlige Mangel jeglicher
+Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war
+zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle
+von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig
+sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem
+Falle kann man im Griechischen das <i>zuvor</i> ebenso gut mit <i>gemischt</i> als
+mit <i>lauter</i> verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig
+überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem
+Zusammenhang entspricht.</p>
+
+<p><a href="#y_14" class="a">25-14</a>. "<i>der größere Teil</i>".
+Man glaubte einen argen Widerspruch in der
+angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht
+verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter
+Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu
+lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen
+Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O.
+zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen
+erübrigen.</p>
+
+<p><a href="#y_15" class="a">25-15</a>. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten
+Ungenauigkeiten beruhen auf einer <i>Metonymie</i>, wie der technische
+Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet
+wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar <a name="Page_112" id="Page_112"></a>trinken, so wird in noch
+auffälligerer Weise Hebe geradezu <i>Weinschenkin</i> <i>des Nektar</i>
+(Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel
+abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den
+biertrunkenen Germanen <i>vinolenti</i> gebraucht wird.</p>
+
+<p>Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer
+Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus,
+daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom
+Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu
+werden.&mdash;Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man
+schon längst das Eisen bearbeitete.</p>
+
+<p>Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die
+bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich
+verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".</p>
+
+<p><a href="#y_16" class="a">25-16</a>. "<i>hielt die eherne Lanze an</i>":
+Ein vielbehandeltes "Problem". Der
+berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze
+Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein
+Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf
+Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas
+zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die
+Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite
+sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker
+gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte
+Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere
+Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat
+so ziemlich beseitigt wurde.</p>
+
+<p><i>Prolog</i>: <a href="#e_2" class="a">c. 5, 2</a>. Dieser Prolog der
+primitiven Komödie ist in der uns
+allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren
+mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es
+nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang
+voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren
+nennen ihn Thespis.&mdash;Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird
+der Prolog <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1</a> definiert. Wieder ganz anderer Art war der
+euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des
+Chors unmittelbar folgt.</p>
+
+<p><i>Qualen</i>, übermäßige: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>. Falls nur körperliche gemeint sind, so
+wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet <a name="Page_113" id="Page_113"></a>zu nennen. Sonst
+kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des Orestes im Orestes und in
+der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in
+Betracht.</p>
+
+<p><i>Satz</i> (Wortgefüge): <a href="#t_8" class="a">c. 20, 8</a>.</p>
+
+<p><i>Schauspieler</i>, Zahl der: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>.
+<a href="#e_2" class="a">5, 2</a>. Sie betrug nie mehr als drei.
+Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen
+und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen
+Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als
+Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits
+Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern
+Rollen auf den Leib geschrieben haben.</p>
+
+<p><i>Silbe</i>: <a href="#t_2" class="a">c. 20, 2</a>.</p>
+
+<p><i>Stasimon</i>: <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1</a>.</p>
+
+<p><i>Substantivum</i>: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>.</p>
+
+<p><i>Szenerie</i>, gemalte: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>.
+Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos
+von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.</p>
+
+<p><i>Tetrameter</i>: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>.
+Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.</p>
+
+<p><i><a name="Totung" id="Totung">Tötung</a> auf der Bühne</i>: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>.
+Uns ist nur ein Beispiel, der
+Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen
+Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles
+zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185
+vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums
+töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben,
+Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt
+für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der
+Klytaimestra (Soph. Elektra).</p>
+
+<p><i>Trimeter</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. Stets der jambische Trimeter.</p>
+
+<p><i>Trochäeus</i>: <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>. S. <a href="#Anapaest" class="a">Anapaest</a>.</p>
+
+<p><i>Tragödie</i>: <a href="#KAPITEL_I" class="a">c. 1</a>. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der
+"Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr
+Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in
+Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im
+Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.</p>
+
+<div class="blockquot"><p>&mdash;, unglücklicher Ausgang der: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>.
+ Einschließlich der noch
+ erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das
+ Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden
+ <a name="Page_114" id="Page_114"></a>bei Euripides wie 46:16,<a name="FNanchor_100_100" id="FNanchor_100_100"></a><a href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> bei Sophokles wie 43:24, was
+ das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein
+ solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem
+ Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu
+ Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte
+ gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene
+ Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige
+ Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu
+ sein".</p></div>
+
+<p><i>Verbum</i>: <a href="#t_6" class="a">c. 20, 6</a>.</p>
+
+<p><i>Verwundungen</i>: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den
+<a href="#Totung" class="a">Tötungen</a> (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein
+sicheres Beispiel gibt ("<a href="#Odysseus" class="a">Der verwundete Odysseus?</a>" s.d.), so wären hier
+allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides
+und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen.
+Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt,
+zahlreichere Belege gekannt haben.</p>
+
+<p><i>Vokal</i>: S. Selbstlaut.</p>
+
+<p><a name="Wasseruhr" id="Wasseruhr"><i>Wasseruhr</i></a> (Klepsydra): <a href="#g_3" class="a">c. 7, 3</a>.
+In athenischen wie auch in römischen
+Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer
+vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben
+Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe
+berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer
+szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder
+inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen
+hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der
+syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.</p>
+
+<hr style="width: 95%;" />
+
+<div class="footnotes"><h3>FUßNOTE:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt
+mein Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239&mdash;265.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht
+aufgezählten zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium
+dictator perpetuus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie
+würde Dich die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes
+denken, Das nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser
+Gedanke ist&mdash;nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod
+non sit dictum prius.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz.
+1900: "Wenn das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so
+läßt sich von einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer
+durchaus ihm eigentümlichen Theorie sprechen."
+</p>
+<p>
+"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre
+Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre
+systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten
+Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <a href="#c_3" class="a">c. 3, 3-4</a>. <a href="#h_1" class="a">8, 1</a>.
+<a href="#m_4" class="a">13, 4-5</a>. <a href="#r_2" class="a">18, 2</a>. <a href="#v_4" class="a">22, 4</a>. <a href="#y_16" class="a">25, 16</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere
+Erklärung der Katharsis ausgefallen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Szenische Ausstattung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Fabel, Charakter, Gedanken.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> S. unter <a href="#Wasseruhr" class="a">Wasseruhr</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Odyss 19, 394&mdash;466, aber es ist dies hier nur eine
+episodische Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck
+verfolgt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> S. Namenverzeichnis unter <a href="#Kypria" class="a">Kypria</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Soph. Oed. Tyr. 1002 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Eur. Medea 1225 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Soph. Antig. 1281 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Eur. Medea 1310 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Homer Ilias 2, 155 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Homer, Od. 19, 386-475.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> a.a.O. 21, 207&mdash;227.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> a.a.O. 19.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747&mdash;785.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> a.a.O. 795&mdash;821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis
+dafür?"</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521
+ff. 9, I ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Aisch. Choeph. 168 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> 1002 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Eur. Iph. Taur. 566 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Tauros (Krim).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32_32" id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Artemis.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_33_33" id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Eur. Iphig. Taur. 20 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_34_34" id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Orestes.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_35_35" id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Apollo.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_36_36" id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_37_37" id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_38_38" id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> a.a.O. 274 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_39_39" id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> a.a.O. 1130 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_40_40" id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Odysseus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_41_41" id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Poseidon.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_42_42" id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Telemachos.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_43_43" id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der
+Rinderhirt, Eurykleia, die Amme des Odysseus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_44_44" id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Ilias 1, 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_45_45" id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des
+Bindeworts wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen
+Übersetzung fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden
+Definitionen ist bisher nicht erzielt worden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_46_46" id="Footnote_46_46"></a><a href="#FNanchor_46_46"><span class="label">[46]</span></a> "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges,
+vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als
+Apposition gefaßt wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_47_47" id="Footnote_47_47"></a><a href="#FNanchor_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_48_48" id="Footnote_48_48"></a><a href="#FNanchor_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Homer, Ilias 2, 272.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_49_49" id="Footnote_49_49"></a><a href="#FNanchor_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Empedokles, Fragm. 138. 143 D.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_50_50" id="Footnote_50_50"></a><a href="#FNanchor_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Timotheos Fragm. 22 Wilam.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_51_51" id="Footnote_51_51"></a><a href="#FNanchor_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Empedokles Fragm. 152 D.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_52_52" id="Footnote_52_52"></a><a href="#FNanchor_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos
+oder von Empedokles.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_53_53" id="Footnote_53_53"></a><a href="#FNanchor_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst
+nicht nachweisbar.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_54_54" id="Footnote_54_54"></a><a href="#FNanchor_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_55_55" id="Footnote_55_55"></a><a href="#FNanchor_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Empedokles Fragm. 88 D.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_56_56" id="Footnote_56_56"></a><a href="#FNanchor_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Homer, Ilias, 5, 393.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_57_57" id="Footnote_57_57"></a><a href="#FNanchor_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_58_58" id="Footnote_58_58"></a><a href="#FNanchor_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter
+wie den da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_59_59" id="Footnote_59_59"></a><a href="#FNanchor_59_59"><span class="label">[̛59]</span></a> ︣̌̄̄̄̄̄̄̌̄̄̄̄̄̄̄̅︣ bezeichnet die falsche Verlängerung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_60_60" id="Footnote_60_60"></a><a href="#FNanchor_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert,
+doch ist der Sinn für die Sache belanglos.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_61_61" id="Footnote_61_61"></a><a href="#FNanchor_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Hom. Odyss. 9, 515.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_62_62" id="Footnote_62_62"></a><a href="#FNanchor_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Hom. Odyss. 20, 259.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_63_63" id="Footnote_63_63"></a><a href="#FNanchor_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Hom. Ilias 17, 265.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_64_64" id="Footnote_64_64"></a><a href="#FNanchor_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665,
+Andr. 63 (dómōn, statt domátōn, apó).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_65_65" id="Footnote_65_65"></a><a href="#FNanchor_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Sehr oft und nicht nur bei Tragikern.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_66_66" id="Footnote_66_66"></a><a href="#FNanchor_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. <i>pros
+sethen, ego nin</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_67_67" id="Footnote_67_67"></a><a href="#FNanchor_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr
+nachzuweisen. Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu
+stellen. <i>perí</i> eigentlich = über, um.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_68_68" id="Footnote_68_68"></a><a href="#FNanchor_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Homer, Ilias 2, 479&mdash;779.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_69_69" id="Footnote_69_69"></a><a href="#FNanchor_69_69"><span class="label">[69]</span></a> S. unter <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_70_70" id="Footnote_70_70"></a><a href="#FNanchor_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Ilias 22, 198 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_71_71" id="Footnote_71_71"></a><a href="#FNanchor_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte
+Achilles."</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_72_72" id="Footnote_72_72"></a><a href="#FNanchor_72_72"><span class="label">[72]</span></a> Odyssee 19, 164&mdash;260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit
+ähnelnde Lügen erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von
+220&mdash;248, daß nun auch, die Erzählung in 164&mdash;200 wahr sei, was nicht
+der Fall war.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_73_73" id="Footnote_73_73"></a><a href="#FNanchor_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Soph. Oed. Tyr. 103 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_74_74" id="Footnote_74_74"></a><a href="#FNanchor_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Soph. Elekt. 681 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_75_75" id="Footnote_75_75"></a><a href="#FNanchor_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Telephos.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_76_76" id="Footnote_76_76"></a><a href="#FNanchor_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Homer, Odyssee 18, 119 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_77_77" id="Footnote_77_77"></a><a href="#FNanchor_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Siehe <a href="#Probleme" class="a">Sachverzeichnis</a> unter dem Worte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_78_78" id="Footnote_78_78"></a><a href="#FNanchor_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Siehe <a href="#x_7" class="a">c. 24, 7</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_79_79" id="Footnote_79_79"></a><a href="#FNanchor_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_80_80" id="Footnote_80_80"></a><a href="#FNanchor_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit
+betrifft, so gab es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug
+auf die Götter."</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_81_81" id="Footnote_81_81"></a><a href="#FNanchor_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Homer Ilias 10, 152 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_82_82" id="Footnote_82_82"></a><a href="#FNanchor_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Homer Ilias, 1, 50 "<i>Aber die Mäuler zuerst</i> griff er an
+und die eilenden Hunde."</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_83_83" id="Footnote_83_83"></a><a href="#FNanchor_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Ilias 10, 316. <i>Der</i>&mdash;<i>häßlich</i>, jedoch gar hurtigen
+Fußes.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_84_84" id="Footnote_84_84"></a><a href="#FNanchor_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Ilias 9, 202.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_85_85" id="Footnote_85_85"></a><a href="#FNanchor_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Ilias 10, 11&mdash;13 "<i>Siehe</i>&mdash;<i>Felde</i>" 12 staunte er ... 13
+"<i>ob der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge</i> der Menschen".</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_86_86" id="Footnote_86_86"></a><a href="#FNanchor_86_86"><span class="label">[86]</span></a> Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "<i>Es</i> (das Bärengestirn),
+<i>das allein nicht teilnimmt</i> am Bad in den Fluten des Meeres."</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_87_87" id="Footnote_87_87"></a><a href="#FNanchor_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem
+steht der Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. <a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_88_88" id="Footnote_88_88"></a><a href="#FNanchor_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Ilias, 23, 328.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_89_89" id="Footnote_89_89"></a><a href="#FNanchor_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I<sup>3</sup> 240). 89:
+Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I<sup>3</sup> 240).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_90_90" id="Footnote_90_90"></a><a href="#FNanchor_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Ilias 10, 252f. Von&mdash;Teil. Zwei der Teile, jedoch der
+dritte Teil blieb noch übrig.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_91_91" id="Footnote_91_91"></a><a href="#FNanchor_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Ilias 21, 592.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_92_92" id="Footnote_92_92"></a><a href="#FNanchor_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Ilias 20, 234.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_93_93" id="Footnote_93_93"></a><a href="#FNanchor_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Nach Ilias 6, 341.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_94_94" id="Footnote_94_94"></a><a href="#FNanchor_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist,
+S. unter "<a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>".</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_95_95" id="Footnote_95_95"></a><a href="#FNanchor_95_95"><span class="label">[95]</span></a> Odyssee 4, 1&mdash;619.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_96_96" id="Footnote_96_96"></a><a href="#FNanchor_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Eur. Medea 658.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_97_97" id="Footnote_97_97"></a><a href="#FNanchor_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Vgl. <a href="#KAPITEL_XV" class="a">c. 15</a>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_98_98" id="Footnote_98_98"></a><a href="#FNanchor_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und
+zugleich ein häufiger Eigenname.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_99_99" id="Footnote_99_99"></a><a href="#FNanchor_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a.
+sind hier nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_100_100" id="Footnote_100_100"></a><a href="#FNanchor_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos,
+sowie natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die
+zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt
+wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht.</p></div>
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+</div>
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+<pre>
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+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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