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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/16880-0.txt b/16880-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ffc5b66 --- /dev/null +++ b/16880-0.txt @@ -0,0 +1,4639 @@ +The Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Uber die Dichtkunst + +Author: Aristoteles + +Release Date: October 16, 2005 [EBook #16880] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe + + + + +ÜBER DIE DICHTKUNST + +BEIM + +ARISTOTELES + +NEU ÜBERSETZT UND +MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN +NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN + +VON + +ALFRED GUDEMAN + + +1921 + + + * * * * * + + +VORWORT + + +Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen (s. III) Bibliothek +eine Neuauflage der vergriffenen _Ueberwegschen_ Übersetzung der +aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der +Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins +und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen +Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die +mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die +unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen +Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken +habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen. +Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil +derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen +Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes +Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke +größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten +auch nur annähernd im voraus zu bestimmen. + +Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht +festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine +solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die +_Ueberwegsche_ Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene +beruhte nämlich noch auf dem _Bekkerschen_ Texte, der im wesentlichen +nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus +konservativ, selbst von dem _Vahlen_'s (1886) an fast 300 Stellen +abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend +ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.[1] +Sodann hatte sich _Ueberweg_, ebenso wie (s. IV) seine Vorgänger und +Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen +und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen, +lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark +elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig +und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer +Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis +attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an +einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein +Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu +erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei +Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der +weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß +ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung _Ueberwegs_ nicht +aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen +und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen. +Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio +gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne +Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der +textkritische Anhang _Ueberwegs_ in Wegfall kommen mußte, versteht sich +von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden +Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser +selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen". +Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben, +in jedem Fall waren auch sie, (s. V) einige rein sachliche Belege +ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek" +vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich +jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte +Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun +erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich +das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich +schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen +Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden +Raum nicht zu überschreiten. + +Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt +auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren +Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die +obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen +dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird. + +Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine +wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet. + +München, Juli 1920. + +Alfred Gudeman. + + + * * * * * + + +INHALTSVERZEICHNIS (s. VI) + + + * * * * * + +/* +I. Allgemeiner Teil: c. 1--5. + + + 1. Kurze Inhaltsangabe: c. 1, 1. + + 2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: c. 1, 2. + + 3. Dreifacher Unterschied: c. 1, 3--3, 2. + + a) Nach den Mitteln: c. 1, 4--6. + + (1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): c. 1, 4. + + (2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): c. 1, 4. + + (3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische + Dialoge): c. 1, 5. + + (4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): c. 1, 6. + + b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): c. 2, 1--3. + + c) Nach der Art und Weise: c. 3, 1--2. + + (1) Erzählend (Epos): c. 3, 1. + + (2) Handelnd (Drama): c. 3, 1. + + (3) Schlußfolgerung: c. 3, 2. + + 4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas, + insbesondere der Komödie: c. 3, 3--4. + + 5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen. + + a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: c. 4, 1--2. + + b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: c. 4, 3. + + 6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter. + Die literargeschichtliche Entwicklung: c. 4, 4--5, 2. + + 7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend: + c. 5, 3--4. + + + * * * * * + + +II. Besonderer Teil: c. 6--26. + + + A. _Die Tragödie_: c. 6--22. + + 1. Die Definition der Tragödie: c. 6, 1--2. + + 2. Die sechs qualitativen Teile: c. 6, 3--5. + + 3. Deren Rangordnung: c. 6, 6--15. + + a) Die Fabel: c. 6, 6--10. + + b) Die Charaktere: c. 6, 11. + + c) Die Gedanken: c. 6, 12-13. + + d) Der sprachliche Ausdruck: c. 6, 14. + + e) Die musikalische Komposition: c. 6, 15. + + f) Die szenische Ausstattung: c. 6, 15. + + 4. Die Fabel: c. 7--14. 16--18. (s. VII) + + a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein: + c. 7, 1--3. + + b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich: + c. 8, 1--4. + + c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers: + c. 9, 1--7. + + d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: c. 9, 8. + + e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: c. 9, 9. + + f) Einfache und verflochtene Fabeln: c. 10, 1--2. + + g) Die drei Teile der Fabel: c. 11. + + (1) Peripetie: c. 11, 1. + (2) Erkennung: c. 11, 2--4. + (3) Die leidvolle Tat (Pathos): c. 11, 5. + + h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: c. 12, 1--2. + + (1) Prolog. + (2) Epeisodion. + (3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos). + (4) Exodos. + + i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu + erregen: c. 13--14. + + (1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen + dem Makellosen und dem Bösewicht: c. 13, 1--3. + (2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: c. 13, 4--6. + (3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen + und deren Rangordnung: c. 14,1--9. + + (a) A kennt B und tötet ihn. + (b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne + Erkennung nach der Tat. + (c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn + zu töten. + (d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem + Versuch ihn zu töten verhindert. + + 5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: c. 15, 1--10. + + a) Sittlich-gut: c. 15, 1. + b) Angemessen: c. 15, 2. + c) Historisch ähnlich: c. 15, 3. + d) Konsequent: c. 15, 4. + e) Gegensätze: 15, 5--10. + + 6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert: (s. VIII) + c. 16, 1--5. + + a) Zeichen: c. 16, 1. + (1) Angeborene. + (2) Erworbene. + (a) Körperliche. + (b) Andere äußerliche. + + b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: c. 16, 2. + + c) Vermittelst der Erinnerung: c. 16, 3. + + d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: c. 16, 4. + + 7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: c. 17--18. + + a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen + c. 17, 1. + + b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst + darstellend erproben: c. 17, 2. + + c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen + und dann Namen und Episoden einfügen: c. 17, 3. + + d) Die Episoden müssen begrenzt sein: c. 17, 4. + + e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: c. 18, 1--3 + + f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: c. 18,4--5. + + g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen + und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische + Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: c. 18, 6. + + 8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: c 19, 1. + + 9. Der sprachliche Ausdruck: c. 19, 2--c. 22. + + a) Die Modalitäten der Rede: c. 19, 2. + Befehl (Imperativ)--Wunsch (Optativ)--Erzählung (Indikativ)--Drohung, + Frage und Antwort. + + b) Die Bestandteile der Rede: c. 20, 1--8. + + (1) Buchstabe: c. 20, 1. + (2) Silbe: c. 20, 2. + (3) Bindewort: c. 20, 3. + (4) Artikel: c. 20, 4. + (5) Substantiv: c. 20, 5. + (6) Verbum: c. 20, 6. + (7) Flexion: c. 20, 7. + (8) Satz: c. 20, 8. + + c) Ausdrucksarten: c. 21v» + + (1) Komposita: c. 21, I. + (2) Wortklassen: c. 21, 2. + + (a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: c 21, 3. (s. IX) + (b) Glosse: c 21, 3. + (c) Metapher: c. 21, 4. + + aa. Von der Gattung auf die Art. + bb. Von der Art auf die Gattung, + cc. Von der Art auf die Art. + dd. Auf Grund einer Proportion. + + (d) Schmückendes Beiwort: c. 21, 5. + (e) Neugebildetes Wort: c. 21, 6. + (f) Verlängertes und verkürztes Wort: c. 21, 7. + (g) Umgewandeltes Wort: c. 21, 8. + + (3) Das grammatische Geschlecht: c. 21, 9. + + d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: c. 22, 1--8. + + B. _Das Epos_: c. 23--c. 24. + + 1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: c. 23-24, 4. + + 2. Einheitliches Versmaß: c. 24, 5. + + 3. Weitere homerische Vorzüge: c. 24, 6. + + 4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie + in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: c. 24, 7. + + 5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische + Illusion): c 24, 8. + + 6. Das Vernunftwidrige im Epos: c. 24, 9. + + 7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: c. 24, 10. + + C.[2] Die _fünf Probleme_ (kritischen Einwendungen) in einem + Dichtwerk und deren _zwölf Lösungen_ (Widerlegungen, + Rechtfertigungen): c. 25, 1--22. + + (I.) Das _Unmögliche_: + 1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst. + 2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges. + (II.) Das _Vernunftwidrige_ oder Unwahrscheinliche. + 3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung). + 4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben. + 5. Es ist historisch beglaubigt. + (III.) Das _moralisch Schädliche_. + 6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein + relativer. + (IV.) Das _Widerspruchsvolle_. + 7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen. + + (V.) _Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit_. (s. X) + 8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher. + 9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus). + 10. Der Interpunktion. + 11. Der Amphibolie (Doppelsinn). + 12. Des Sprachgebrauchs. + + D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: c. 26, 1--9 +*/ + + + * * * * * + + +EINLEITUNG + + + * * * * * + +1. Die Bedeutung der Poetik. + +Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich (s. XI) auch nur +entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik +Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr, +wie einst _Lessing_, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die +Elemente des _Euklid_. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben +müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart--das Epos kommt nicht in +Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist--_Aristoteles_ als +literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist. + +Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand +der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur +oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs +und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen +will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker +oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen +seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der +Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen +Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik +des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes. + + * * * * * + +2. Die Poetik im Altertum. + +Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß +sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster +Hand geschöpften Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der +aristotelischen (S. XII) Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht +auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des +_Aristoteles_, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß +jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren +Quellen entlehnt sind. + +Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes +dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von _Andronikos_ +v. Rhodos, einem Zeitgenossen _Ciceros_, zusammen mit anderen Werken des +_Aristoteles_ in Rom herausgegeben worden zu sein. _Horaz_, bzw. sein +viel älterer Gewährsmann, _Neoptolemos_ v. Parion (c. 260 v. Chr.), +zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung +der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken +erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser +_Philodemos_ v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann +brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt +nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen +Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die +Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose +Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen +Epen, wie die des Oppian, _Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos, +Triphiodor_, ja selbst des _Nonnos_, stammen aus sehr später Zeit und +kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn +auch von den Lehren des _Aristoteles_ keinen Hauch verspüren lassen. Es +darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des +Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder +finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben entgegengebrachte +Gleichgültigkeit wird es wohl auch (S. XIII) zum Teil verschuldet haben, +daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz +verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste +aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die +Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen +Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der +Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem +unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen +oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war, +erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere +Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie +als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich +stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften +vereint überliefert wurde. + + * * * * * + +3. Textgeschichte. + +Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne +Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen +Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger +Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden +gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch +wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits +die Vorlage für die arabische Übersetzung des _Abu Bishar Matta_ +(990--1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser +Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die +jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten +arabischen Gelehrten _Averröes_ (1126 bis 1198), denn die +orientalischen Übersetzer standen (S. XIV) dem Inhalt der Poetik mit der +denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue +Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene +alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die +älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß +die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater +aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht +entspricht. + + * * * * * + +4. Die Poetik in der Neuzeit. + +Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die +Hegemonie des _Philosophen Aristoteles_, der die Gedankenwelt des +Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik +aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun +alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das +verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien +zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des _Georgius Valla_ +(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer +Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. _Robortelli_ (Florenz l548), +dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche +Kommentare folgten: _Madius_ (Venedig 1550), _P. Victorius_ (Florenz +1560) und _Castelvetro_ (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh. +waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen--die +Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa +herausgegeben,--doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch +in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten +Leistungen zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten (S. +XV) zweier Engländer, _Twining_ (1789) und _Tyrwhitt_ (1794) ein, +während _Lessing_ etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8) +das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste +deutsche Übersetzung von _Curtius_ (1755) war nämlich als solche sehr +kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz +von _Dacier_ (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben +Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl +_Goethe_ wie _Schiller_ die aristotelische Schrift aus ihr kennen +lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung +begann dann erst wieder mit _Vahlen_, der zuerst konsequent die Recensio +auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A^c), aufbaute und in +seinen "Beiträgen zu _Aristoteles_ Poetik" ("Wien 1865/6), einer der +hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das +Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war +sodann die glänzende Abhandlung von _J. Bernays_ (1857) über die +Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde, +die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist. + +Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des +16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der +Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des _Castelvetro_ besonders +verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei +Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen +_Aristoteles_ einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf +einem Mißverständnis des _Castelvetro_. Sogenannte "Poetiken" sprangen +vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu +den wirklichen, leider zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des +_Aristoteles_ (S. XVI) Stellung und gar bald versuchten epische und +dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren +praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von +Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die +einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere +Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: _Minturno_, De poeta +(1559), _J.C. Scaliger_, Poetices libri VII (1561),[3] _Sir Philip +Sidney_, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), _Patrizzi_, Della +Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des _Aristoteles_ und seiner +Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des _Aristoteles_ standen +und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken +sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: _Trissino_, dessen +"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555), +_Fracastoro_, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), _T. Tasso_, +Discorsi dell' Arte Poetica (1586), _Jean de la Taille_, Préface zu Saul +(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie +_Jodelle_, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre +(1552), _Vauquelin de la Fresnaye_, Art poetique (begonnen 1574, +gedruckt 1605), _Ronsard_ und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie +alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den +aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es +scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer +italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der +heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen +Interesses trat. _Mairet_, der die erste "regelrechte" Tragödie, +"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die (S. XVII) Poetik aus erster +Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und +dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse +(1636--1640), wie _Chapelain_ und _Hedelin d'Aubignac_. _Corneille_ +selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus +erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren +Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf _Aristoteles_ Bezug nimmt. In +seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch +nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben +entsprechen. + +Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen +vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch +diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten." +Daß _Shakespeare_ diese kannte, geht aus der Ansprache an die +Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der +Zeit im Wintermärchen (IV(1)) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber +noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen +(ein _Marlow, Jonson, Greene, Beaumont_ und _Fletcher_), so möchte ich +doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache +hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die +beiden letzten[4] Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und +der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher +verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im +"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt. +Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker die +Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," (S. XVIII) soweit die +Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh. +haben dann _Milton_, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson +Agonistes" (1671), und insbesondere _Dryden_, namentlich in seinem +"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein +besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem +Einfluß von _Corneille Rapin, de Bossu_ und _Boileau_. + +Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie +erwähnt, mit _Lessing_. _Goethe_ und durch ihn veranlaßt auch Schiller +(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem +Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden +Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die +Empfindung, daß in diesem Briefwechsel _Schiller_ durchaus der Gebende +ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist _Goethe_ in seiner +ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand +zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung +verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der +Tragödiendefinition gibt. + +Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten +Abhandlung von _Bernays_ abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich +allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so _E. Müller, +Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet, +Nietzsche, Baumgart_ und _Carrière_, um nur diese zu nennen. In den +Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des +Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher +zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs +einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als sie schon in +den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen (S. XIX) Lehrsätzen des +_Aristoteles_ uns vorliegen. + + * * * * * + +5. Die Quellen der Poetik. + +Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne +gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der +Vergangenheit[5] und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt +abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt +nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden +Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem +Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im +Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten +Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität +als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn +zweifellos auch die Poetik des _Aristoteles_ nicht wie Athene in voller +Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar +nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor +allem in den Schriften der _Sophisten_, schon vorgefunden und so weit +zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt. +Gegen das Verdammungsurteil, das _Platon_ gegen das Epos und Drama +geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen +stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich +und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals +nennt. + +Daß einzelne Gedankengänge _Platons_ über die Dichtkunst (S. XX) auf +_Aristoteles_ eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben +und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast +selbstverständlich und allgemein anerkannt. + +Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,[6] +das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht +worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und +sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß +gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der +schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung +eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht +unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige +Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die +angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch +selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten, +durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu +verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des _Aristoteles_ zu +_Platon_ überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf +eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken! +Sodann ist zu bemerken, daß _Platon_ sich zwar mehr oder minder +ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Ursprung der Dichtung +ausgesprochen hat, daß aber von (S. XXI) einer Technik der +Dichtkunst--und das ist doch wohl unsere Poetik--sich schlechterdings +nichts findet, was dem _Aristoteles_ als Grundlage oder Quelle der +Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der +nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre +Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des _Aristoteles_ sehr erheblich +ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen, +wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den +Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung +zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische +Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der +Betrachtung, daß _Platon_ sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu +anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei +es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen +Gewaltmitteln die Abhängigkeit des _Aristoteles_ von _Platon_ glaubhaft +gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel +angeführt. Mit der dem _Aristoteles_ eigenen analytischen Schärfe werden +die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste +festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und +Weise (c. 1), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer +kunstgerechten Tragödie bewährt (c. 6). Diese tief durchdachte +Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut +dem _Platon_ entnommen sein. In der Rep. III 392^c schließt +nämlich _Sokrates_ eine längere Erörterung darüber, daß in seinem +Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit +folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt, +völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was ausgesprochen werden +soll und wie." Inhaltlich haben, wie (S. XXII) man sieht, diese Worte, +wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch +nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch +fatalerweise das dritte Glied--die Mittel! Aber durch solche +Kleinigkeiten läßt sich _Finsler_ seine Kreise nicht stören. +_Aristoteles_ wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten +Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte +ausdrücken lassen, dem _Platon_ entlehnt zu haben. So z.B. daß die +Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser +Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn +_Aristoteles_ sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes +"Drama", von der bei _Platon_ nirgends die Rede ist, "einige" auf eben +jene Tatsache sich berufen hätten. + +Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des +_Aristoteles_ von _Platon_ hält demnach vor einer unbefangenen und +vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen +Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede +gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in +Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt, +einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben. + +Während uns _Platons_ Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind +die sonstigen Vorgänger des _Aristoteles_ gänzlich verschollen und +selbst Schriften wie die eines _Demokrites_ "Über die Dichtung" und +"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten _Hippias_ "Über Musik" +und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen +allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß aber +eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt (S. XXIII) +hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem _Aristoteles_ zur +Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des _Aristophanes_ (405), +die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des +Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen +Voraussetzung haben. + +Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle +Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an +nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich _Aristoteles_ +ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung +(_Protagoras_, _Hippias_ von Thasos, _Eukleides_, _Glaukon_ und +_Ariphrades_). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten +in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei _Glaukon_ dagegen +um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche +Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos +sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird. +Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man +seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich +damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten, +die _Aristoteles_ nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es +seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken +Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist +unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.), +wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die +Umgebung, in der die betreffenden Stellen[7] stehen, genauer ansehen, +ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile +handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen Untersuchungen über +alle in unmittelbarem Zusammenhang (S. XXIV) stehenden Fragen abgegeben +sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind +wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über +die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (c. 3) mit großer +Wahrscheinlichkeit die Chronica des _Dieuchidas_ von Megara, eines +älteren Zeitgenossen des _Aristoteles_, vermuten können. + +Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler +voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des +Dramas (c. 4). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt +betreffend (c. 21, 3), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem +_Aristoteles_ wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als +Verfasser kyprischer Glossen zitierte _Glaukon_ aus bisher unbestimmter +Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz +aus _Herodot_ (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird +auch wohl die Quelle für c. 25, 10 gewesen sein. Und so mag +_Aristoteles_ noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der +Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder +vermuten können. + +Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so +viel positives Wissen _Aristoteles_ von früheren Forschern übernommen +haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft +allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der +Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und +Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als +ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis +eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen +dürfen. + + + * * * * * + + +ARISTOTELES + +ÜBER DIE DICHTKUNST + + + * * * * * + + +KAPITEL I + + +1. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (S. 1) (1447a) sich, +wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen +Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein +soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und +desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag. +Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus. + +2. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die +dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik, +sie alle sind in ihrer Gesamtheit _nachahmende Darstellungen_ (Mimesis). + +3. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in +bezug auf die verschiedenen _Mittel_, die verschiedenen _Gegenstände_ +und die verschiedene _Art_ der Darstellung und zwar nicht in gleicher +Weise. + +[Sidenote: c. 1, 4--6. Arten und Unterschiede der Dichtung.] + +4. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf +Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung +erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles +nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt +die Nachahmung vermittelst des _Rhythmus_, der _Rede_ und der _Harmonie_ +bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt _Harmonie +und Rhythmus allein_ wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik +an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, wie z.B. +die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein (S. 2) mit _Rhythmus ohne +Harmonie_, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer +Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen +nach. + +5. _Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient_, sei es der +ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder +mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur _eine_ Versgattung +(1447b) anwendet, _hat bis jetzt keinen Namen_. Denn wir wüßten keine +gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines _Sophron_ und +_Xenarchos_ und die _Sokratischen Gespräche_ einerseits, noch +andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern +oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen +dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende +Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen +Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund +der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des +gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen, +der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen +darstellt und doch haben _Homer_ und _Empedokles_ nichts miteinander +gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter +nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte. +In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner +nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies +_Chairemon_ in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die +verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das +Urteil über diese Dinge lauten. + +[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.] + +6. Nun gibt es _einige Künste, die sich aller genannten +Darstellungsmittel bedienen_, (S. 3) ich meine nämlich des Rhythmus, der +gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die _Dithyramben_-_und +Nomendichtung_, die _Tragödie_ sowohl wie die _Komödie_. Sie +unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese +Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies +sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln. + + + * * * * * + + +KAPITEL II + + +1. Da nun die Nachahmenden _Handelnde nachahmen_ (1448a) so folgt daraus +mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn +allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen +Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch +Laster und Tugend unterscheiden + +2. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser +als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen +ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn _Polygnot_ pflegte +bessere, _Pauson_ schlechtere und _Dionysios_ der Wirklichkeit +entsprechende Menschen nachzubilden. + +[Sidenote: c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.] + +3. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden +Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine +verschiedene sein wird, als sie verschiedene _Objekte_ nachahmt. Denn +auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese +Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein +metrischen Darstellung So hat z.B. _Homer_ bessere Charaktere, +_Klēophon_ uns ähnliche, _Hegēmon_ der Thasier aber, (S. 4) der erste +Parodiendichter und _Nikochares_, der Verfasser der "Deliade", +schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben +und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich +nachahmend darstellen, wie _Argas_ ... oder wie _Timotheos_ und +_Philoxenos_ den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch +ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will +schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als +sie heutzutage sind. + + + * * * * * + + +KAPITEL III + +1. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich +nun als _dritter_, _die Art und Weise_, in der man die einzelnen +Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben +Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber +einerseits _erzählen_--und zwar entweder, wie _Homer_ dies tut, in der +Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu +ändern--andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen +als _handelnd_ und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die +Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu +Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den +Gegenständen und der Art und Weise. + +2. Darnach wäre also nach der einen Seite _Sophokles_ derselbe +nachahmende Darsteller wie _Homer_, denn beide ahmen edle Personen nach, +in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie +_Aristophanes_ da beide handelnde und dramatisch tätige Personen +nachahmen. + +[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.] + +3. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke (S. 5) "Dramen" genannt +werden, weil sie handelnde Personen (_drōntas_) nachahmen. + +4. Deshalb machen auch die _Dorier_ Anspruch auf die Tragödie und +Komödie. Die Komödie wollen die _Megarer_ erfunden haben, sowohl die +hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie +aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme _Epicharmos_, +der bei weitem älter gewesen sei als _Chionides_ und _Magnes_. Auch +führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie, +würden umherliegende Ortschaften "_kōmai_" (Dörfer), bei den Athenern +aber "_dēmoi_" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa +von "_kōmázein_" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren +Wanderung durch die _kōmai_, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner +Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln" +"_drān_" gebrauchen, die Athener aber "_práttein_"]. Auf die Erfindung +der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch <....> Über die +Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge +also dies gesagt sein. + + + * * * * * + + +KAPITEL IV + + +[Sidenote: c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.] + +1. Im allgemeinen scheinen es etwa _zwei und zwar in der menschlichen +Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst +hervorgebracht haben_. Denn das _Nachahmen_ ist dem Menschen von +Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen +anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung +beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse vermittelst +der Nachahmung sich erwirbt. Auch (S. 6) die Freude aller an +nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis +dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von +denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir +besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie +z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen +Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein +Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf +kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen. + +2. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem +Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild +vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den +betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die +nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt, +sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen +des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde. + +3. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt +von dem _Gefühl für Harmonie und Rhythmus_--denn daß das Metrum nur ein +Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein--so haben die Menschen, da sie von +Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders +vervollkommneten, aus _Stegreifversuchen_ die Dichtkunst ins Leben +gerufen. + +[Sidenote: c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.] + +4. _Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern +eigentümlichen Sinnesart_, denn die edler veranlagten ahmten sittlich +gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger +Gesinnung aber die Handlungen schlechter Menschen, indem sie zuerst +Spottlieder dichteten, wie (S. 7) die anderen Hymnen und Loblieder. Von +den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges +Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele +Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit _Homer_ aber, haben wir +gleich seinen _Margites_ und ähnliches. + +5. In diesen Gedichten stellte sich auch das _passende Versmaß_ ein, +deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem +Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten +Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen +Ependichter. + +6. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute _Homer_ ein wirklicher +Dichter war--hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet, +sondern auch dramatische Handlungen dargestellt--, so hat er auch als +Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein +Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der +_Margites_ dem Drama ganz analog, denn wie sich die _Ilias_ und (1449a) +_Odyssee_ zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie. + +7. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da +verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen +Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell +entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von +Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt +waren als jene (älteren). + +8. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist +oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die +öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie +selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich _von Stegreifversuchen_ (S. +8) _ausgegangen_ und zwar jene von dem Chor, der den _Dithyrambus_ +anstimmte, diese von den _phallischen Liedern_, die sich ja bis auf den +heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben. + +9. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans +Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele +Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen +entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat +_Aischylos_ von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des +Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle +zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat +_Sophokles_ eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus +Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe <....> _Der sprachliche +Ausdruck_, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem +Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und +der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen) +Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung +satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber +der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für +diesen _passende Metrum_, denn von allen Versmaßen eignet sich das +jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir +sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen +(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn +wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die +Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes +ausgerüstet worden sein soll, lasse man als gesagt gelten, denn es wäre +doch wohl (S. 9) recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend +besprechen. + + + * * * * * + + +KAPITEL V + + +[Sidenote: c. 5, 3. Geschichtliche Entwicklung.] + +1. Die Komödie ist, wie wir sagten, die nachahmende Darstellung von +niedrigeren Charakteren, jedoch keineswegs im vollen Umfang des +Schlechten, sondern des Unschönen, von dem das Lächerliche ein Teil ist. +Denn das _Lächerliche_ ist sowohl eine Art Vergehen als auch eine +Entstellung, die keinen Schmerz verursacht und schadlos ist, wie denn +gleich die komische Maske etwas Häßliches und Verzerrtes ist, aber +nichts Schmerzhaftes an sich hat. + +2. Die _Veränderungen der Tragödie und deren Urheber_ sind nicht +verborgen geblieben, die der _Komödie_ aber, da sie ursprünglich nicht +ernsthaft betrieben wurde, gerieten in Vergessenheit, denn +(verhältnismäßig erst spät bewilligte der Archon den Komödiendichtern +einen Chor, der (früher) nur aus (1449b) Freiwilligen bestand. Erst als +die Komödie ihrerseits gewisse Kunstformen hatte, werden ihre uns +überlieferten Dichter genannt. Wer aber die Masken oder den Prolog +eingeführt oder die Zahl der Schauspieler vermehrt hat und was +dergleichen mehr ist, ist unbekannt. Die Kunst zusammenhängende +Handlungen zu dichten stammt aus Sizilien..., von den Dichtern Athens +aber begann _Krates_ als erster, indem er die Form des persönlichen +Spottes aufgab, allgemeine Stoffe, d.h. Handlungen zu dramatisieren. + +[Sidenote: c. 5, 3. Besonderer Teil. Definition der Tragödie.] + +3. Das Epos hält mit der Tragödie nur bis auf die in metrischer Rede (?) +nachahmende Darstellung ernsthafter Stoffe gleichen Schritt, +unterscheidet sich aber von ihr darin, daß es ein und dasselbe Versmaß +und die Form der Erzählung anwendet. Ferner in bezug (S. 10) auf den +Umfang der Handlung. Während nämlich die _Tragödie sich besonders bemüht +innerhalb eines Sonnenumlaufs zu bleiben_ oder doch nur um ein weniges +darüber hinauszugehen, ist die epische Handlung in der Zeit unbegrenzt. +Also auch darin besteht zwischen ihnen ein Unterschied. Indessen machte +man es ursprünglich darin mit den Tragödien ebenso wie mit den epischen +Dichtungen. + +4. Was nun ihre _Teile_ anbelangt, so sind diese entweder die nämlichen +oder sie sind nur der Tragödie eigentümlich. Wer also über eine +Tragödie, ob sie gut oder schlecht ist, ein Urteil hat, hat es auch über +das Epos. Denn was die epische Dichtung enthält, besitzt auch die +Tragödie, was aber diese hat, besitzt nicht alles die epische Dichtung. + + + * * * * * + + +KAPITEL VI + + +1. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie +werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden, +indem wir die _Definition_ ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen. + +2. Die _Tragödie_ ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich +ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll +gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen +verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt, +durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (_Katharsis_) +von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter +Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang +enthält, und unter dem "gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß +einiges (S. 11) rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt +wird....[8] + +3. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung +vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck, +der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil +der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche +Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung +erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße +Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem +Wesen nach allen offenkundig ist. + +4. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer _Handlung_ zu +tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in +Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten +Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den +Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich +naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die +Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen. + +5. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die _Fabel_. +Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten, +unter _Charakter_ aber, wonach wir den handelnden Personen eine +bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter _Gedanken_ endlich das, womit +die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck +verleihen. + +[Sidenote: c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.] + +[Sidenote: c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.] + +6. Somit gibt es also _sechs Bestandteile_ einer jeden Tragödie, nach +welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit hat. Es sind diese: die +_Fabel, die_ (S. 12) _Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die +Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition_. +Zwei[9] von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine[10] zu der Art +und Weise und drei[11] zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung. +Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel +Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso +wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und +Gedankeninhalt. + +7. _Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der +Begebenheiten_, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht +der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück +beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine +Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen, +unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln +die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen, +sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung +mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das +Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die +Hauptsache. + +8. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere +aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten +Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt +dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern _Zeuxis_ +zu _Polygnot_. Dieser ist ein vortrefflicher Charaktermaler, die +Malerei des (S. 13) _Zeuxis_ hingegen entbehrt der Charakterisierung. + +[Sidenote: c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.] + +9. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im +sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so +würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene +Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von +jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine +Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist. + +10. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie +ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen) +und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind. + +11. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger +in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der +Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als +die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast +alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der +Tragödie ist also die Fabel. + +12. An zweiter Stelle kommen die _Charaktere_. Eine Parallele bietet uns +auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den +herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er +nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine +(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit +der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst +dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen. + +[Sidenote: c. 6, 13. Die Fabel.] + +13. Die _dritte Stelle_ nehmen die _Gedanken_ ein. Ich verstehe darunter +das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen, +genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer +Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter (S. 14) +ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten +reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf. + +14. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der +Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine +Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet, +was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man +beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz +ausspricht. + +15. Der _vierte_ der (literarischen) Bestandteile ist der _sprachliche +Ausdruck_. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die +Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie +ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft. + +16. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die +musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die +szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der +Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung +der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne +Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen +Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter. + + + * * * * * + + +KAPITEL VII + +1. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, _wie etwa +die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß_, da dies in der +Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als auch das wichtigste ist. +Es stand uns also fest, daß (S. 15) die Tragödie die nachahmende +Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die +eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine +(eigentliche) Größe hat. Ein _Ganzes_ ist nämlich das, was _Anfang wie +Mitte und Ende hat_. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise +auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen +ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es +notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte +endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein +anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von +irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich +nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten. + +[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.] + +2. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein +Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser +Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht +dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das _Schöne beruht auf Ordnung +und Größe_. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön +sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines +unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen, +noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal +(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den +Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das +Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen +Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden, +diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein +bestimmter Umfang erforderlich, der seinerseits leicht im Gedächtnis +behalten (S. 16) werden kann. + +[Sidenote: c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.] + +3. Was nun aber diesen _Umfang_ selbst anbelangt, so ist dessen +Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das +Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn +wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so +würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei +anderer Gelegenheit[12] uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der +Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die +ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick +auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere +Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs, +wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse +nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück +in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht. + + + * * * * * + + +KAPITEL VIII + +1. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen, +wenn sie sich um eine _einzelne Person_ dreht, denn unendlich viele +Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine +_Einheit_ darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer +einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich +entwickelt. + +2. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine +_Herakleis_ und eine _Theseis_ und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn +sie glauben, weil _Herakles_ eine einzelne Person sei, komme auch (S. +17) der Fabel ein einheitlicher Charakter zu. + +[Sidenote: c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.] + +3. _Homer_ dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint +auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge +erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner +_Odyssee_ hat er nicht alles, was _Odysseus_ selbst widerfuhr, +behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß[13] und den +vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,[14] da von diesen Begebnissen +keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder +Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die _Odyssee_ um +eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut +und desgleichen auch die _Ilias_. + +4. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die +einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so +auch die _Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung +einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein_. Und es müssen +die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer +dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und +auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen +springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein +kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr. + + + * * * * * + + +KAPITEL IX (S. 18) + + +[Sidenote: c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.] + +1. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist +_das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich +hätte zutragen können_ und was nach Wahrscheinlichkeit oder +Notwendigkeit möglich ist. + +2. _Der Geschichtsschreiber_ und der _Dichter_ (1451b) unterscheiden +sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man +könnte das Werk des _Herodot_ in Verse setzen und es würde nach wie vor +eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der +Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt, +dieser, was sich hätte zutragen können. + +3. Deshalb ist auch die _Poesie philosophischer und höher einzuschätzen +als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine, +die Geschichtsschreibung das Einzelne dar_. Das Allgemeine besteht +darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der +Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und +darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das +Einzelne ist aber, was ein _Alkibiades_ getan oder erlitten hat. + +4. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die +Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger +Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend +beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit +einer historischen Persönlichkeit befaßt. + +5. In der _Tragödie_ dagegen _hält man sich an die überlieferten Namen_. +Der Grund dafür ist, daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber +(S. 19) noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir +nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits +zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es +unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht +anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen, +während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt +kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem +Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch +gewährt es eine nicht geringere Freude. + +6. Deshalb soll man auch _nicht um jeden Preis darnach trachten sich an +die überlieferten Sagenstoffe_, die den Tragödien zugrundeliegen, _zu +binden_, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das +Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle. + +7. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein _Dichter von +Sagenstoffen als von Versmaßen_ sein muß, insofern er ein Dichter auf +Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und +sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen +hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts +hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der +Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf +diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten. + +[Sidenote: c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.] + +8. Von _mangelhaften_ Fabeln, d.h. Handlungen sind die _episodischen_ +die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine +solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder +Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden von minderwertigen +Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens (S. 20) verfaßt, von guten +dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen +aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie +oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in +Unordnung zu bringen. (1452a) + +9. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun +haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und +mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann +entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange +ergeben, <so ist das _Wunderbare_ ein wirkungsvolles Element der +Tragödie>. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben, +als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei +rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des +Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der +Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des _Mitys_ in Argos +den, der an dem Tode des _Mitys_ schuld war, erschlug, indem sie, gerade +als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich +nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe +notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren). + + + * * * * * + + +KAPITEL X + +1. Von Fabeln sind die einen _einfach_, die anderen _verflochten_, denn +derart sind auch ihrer Natur nach die Handlungen, deren nachahmende +Darstellungen ja die Fabeln sind. Unter einer einfachen Fabel verstehe +ich eine solche, in deren ununterbrochenem und einheitlichem Verlauf +unserer Bestimmung (S. 21) gemäß der Umschwung ohne Peripetie oder +Erkennung herbeigeführt wird, eine verflochtene dagegen bei der der +Umschwung mit Erkennung oder Peripetie oder mit beiden zugleich +zustandekommt. + +2. Diese beiden müssen aber aus dem Aufbau der Fabel selbst sich ergeben +und zwar so, daß sie aus den jeweilig vorhergegangenen Begebenheiten, +sei es mit Notwendigkeit, sei es mit Wahrscheinlichkeit sich entwickeln. +Denn es macht einen erheblichen Unterschied ob etwas "propter hoc" oder +"post hoc" erfolgt. + + + * * * * * + + +KAPITEL XI + +1. _Peripetie_ ist der Umschwung dessen, was man tut, in sein Gegenteil +und zwar unserer Ansicht entsprechend auf Grund der Wahrscheinlichkeit +oder Notwendigkeit So kommt z.B. einer im _Oidipus_,[15] um den +_Oidipus_ zu erfreuen und ihn von seiner Furcht in betreff seiner Mutter +zu befreien; indem er aber dadurch dessen Herkunft offenbart, bewirkt er +das gerade Gegenteil und im _Lynkeus_ wird der eine zum Tode geführt, +ein anderer [Danaos] folgt ihm, um ihn zu töten, es ergibt sich aber aus +dem, was sie taten, daß dieser den Tod erleidet, jener aber gerettet +wird. + +[Sidenote: c. 11, 2. Die Fabel. Peripetie und Anagnorisis.] + +2. _Erkennung_ (Anagnorisis) ist, wie ja auch schon der Name besagt, die +Umwandlung aus Unkenntnis in Kenntnis, die entweder zur Freundschaft +oder Feindschaft der zu Glück oder Unglück ausersehenen Personen führt. +Am kunstvollsten ist die Erkennung, wenn zugleich damit eine Peripetie +eintritt, wofür die (S. 22) Erkennung im _Oidipus_ ein Beispiel bietet. + +3. Es gibt nun freilich auch andere Arten der Erkennung denn in bezug +sowohl auf leblose wie auf ganz beliebige Dinge kann sie in der +erwähnten Weise eintreten, und man kann erkennen, ob jemand etwas getan +oder ob er es nicht getan hat. Aber die wichtigste für die Fabel, d.h. +die wichtigste für die Handlung ist die erstgenannte. Denn eine +derartige Erkennung und Peripetie werden entweder Mitleid erwecken oder +auch Furcht und als nachahmende Darstellung (1452b) solcher Handlungen +gilt uns ja die Tragödie. Ferner werden ja auch Glück und Unglück durch +solche Erkennungen bedingt sein. + +4. Da nun die Erkennung (vorzugsweise) eine Erkennung von gewissen +Personen ist, so gibt es einerseits Erkennungen, die nur von einer +einzelnen Person in bezug auf die andere stattfinden, falls es nämlich +bekannt ist, wer die andere Person ist; andrerseits müssen beide +Parteien sich erkennen, wie z.B. _Iphigeneia_ von _Orestes_ vermittelst +der Absendung ihres Briefes erkannt wurde, dieser aber von Seiten der +Iphigeneia noch einer anderen Erkennungsart bedurfte. + +5. Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und +Erkennung? die _dritte_ ist die _leidvolle Tat_. Eine leidvolle Tat aber +ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da +sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen, +Verwundungen und sonstiges dieser Art. + + + * * * * * + + +KAPITEL XII + +1. Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden +muß, haben wir vorhin besprochen; was die _quantitativen_ anbelangt, +d.h. die gesonderten (S. 23) Teile, in die sie geschieden werden, so sind +es folgende: _Prolog, Epeisodion, Exodos, Chorlied_, das seinerseits in +die _Parodos_ und das _Stasimon_ zerfällt. Diese Bestandteile sind allen +Dramen gemeinsam, der Tragödie eigentümlich die _Gesänge von der Bühne_ +und die _Kommoi_. + +2. Es ist aber der Prolog ein vollständiger Teil der Tragödie vor dem +Einzug des Chors, das Epeisodion ein vollständiger Teil der Tragödie, +der zwischen vollständigen Chorgesängen liegt, die Exodos ein +vollständiger Teil der Tragödie, nach dem kein Chorgesang folgt. Von den +Chorpartien ist die Parodos der erste Vortrag des ganzen Chors, das +Stasimon der Chorgesang ohne Anapaest und Trochaeus, der Kommos endlich +ist der Trauergesang des Chors zusammen mit den Gesängen von der Bühne. +Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden +muß, haben wir also vorhin besprochen, was die quantitativen anbelangt, +d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind es die +genannten. + + + * * * * * + + +KAPITEL XIII + + +1. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß +und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf +Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden. + +[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.] + +[Sidenote: c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.] + +2. Da die _Komposition der Tragödie_ keine einfache sondern eine +_verflochtene_ sein soll und diese _furcht- und mitleiderregende_ +Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das +Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist +zunächst folgendes klar: _Weder dürfen sittlich hervorragende aus Glück +in (S. 24) Unglück geratene Männer vor Augen treten_, denn dies wäre +weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch +sollen _schlechte aus Unglück in Glück geraten_, denn dies wäre das +Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt, +indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder +mitleid- noch furchterregend ist. Ferner _soll auch nicht der +Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen_, denn ein solcher Vorgang +würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch +Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden, +letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis +nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat. + +3. Es bleibt mithin nur noch _Einer übrig, der zwischen jenen +Charakteren die Mitte hält_. Es ist dies aber ein solcher, der weder +durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch +andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät, +sondern _infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem +Ansehen_ und in glücklicher Lebenslage, wie bei _Oidipus_ und _Thyestes_ +und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern. + +4. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel _vielmehr einen +einseitigen Ausgang als einen doppelten_, wie manche meinen, haben muß +und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil +aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit, +sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes +der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen +Beweis dafür liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn +(S. 25) anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige +Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige +Familienhäuser, wie um einen _Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros, +Thyestes, Telephos_ und solch' andere, denen es beschieden war, entweder +Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen. + +5. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den +Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch +diejenigen im Irrtum, die _Euripides_ tadeln, weil er dieses Verfahren +in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich +enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste +Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade +derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders +wirksam und deshalb erscheint _Euripides_, mag auch in anderen Dingen +seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als +andere Dichter. + +6. An _zweiter_ Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von +einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, _welche eine doppelte +Anlage enthält_ wie die _Odyssee_, und für die Besseren und Schlechteren +(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber +die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen +richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der +Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie +ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie +eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde +sind, wie z.B. _Orestes_ und _Aigisthos_, am Schluß als Freunde abziehen +und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet. + + + * * * * * + + +KAPITEL XIV + + +[Sidenote: c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.] + +l. Es kann nun das _Furcht- und Mitleiderregende_ (S. 26) (1453b) aus +der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der +_Verknüpfung der Ereignisse_ selbst sich ergeben und dies ist das +Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch +ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon +beim _bloßen Anhören_ aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid +empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung +der _Oidipus_-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben +kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen +Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer) +theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst +szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern +lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit +der Tragödie gemein, denn _nicht jede Lustempfindung darf man von der +Tragödie verlangen_, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da +also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer +nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so +ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen +muß. + +2. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche _Art von Vorgängen als +schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist_. Notwendigerweise +spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die _entweder +untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden_ sind. +Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen +oder nur im Begriff sein sie auszuführen, so ist das nicht mitleid- +oder furchterregend, wenn wir (S. 27) (im ersteren Falle) von dem +leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen +zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen. + +3. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn +der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der +Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein +anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten, +die man aufsuchen muß. + +4. Den Kern der _überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören_, ich +meine, daß z.B. _Klytaimestra_ von der Hand des _Orestes_ fällt und +_Eriphyle_ von der des _Alkmeon_; im übrigen soll der Dichter selbst +erfinden und die überlieferten Stoffe _kunstvoll_ verwerten. Was wir +unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die +Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter +Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen +pflegten, wie noch _Euripides_[16] _Medea_ ihre Kinder mordend +darstellte. + +[Sidenote: c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.] + +5. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des +Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch +unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft +erkannt wird, wie der _Oidipus_ des _Sophokles_, wo freilich die Tat +außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein +Beispiel der _Alkmeon_ des _Astydamas_ oder _Telegonos_ im "_Verwundeten +Odysseus_." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine +ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das +Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn +notwendiger weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und (S. +28) zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis. + +6. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat +nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste. +Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich, +fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges +dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der _Antigone Haimon_ +gegenüber _Kreon_ (1454a) so verfährt[17]. + +7. _An zweiter Stelle_ kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei +die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden +Erkennung die bessere ist. + +8. Die _wirkungsvollste_ Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im +_Kresphontes Merope_ sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht +tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der _Iphigeneia_ die +Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der _Helle_ +der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt. + +9. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht +viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es +den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst +derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so +gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen +eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung +der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist +also hiermit hinreichend gesprochen worden. + + + * * * * * + + +KAPITEL XV (S.29) + + +1. Was die _Charaktere_ anbelangt, so sind es _viererlei_ Eigenschaften, +auf die man sein Augenmerk richten muß. _Erstes_ und wichtigstes +Erfordernis ist, daß sie _sittlich gut_ seien. Charakter wird aber +jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise +irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und +zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine +sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung +vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave, +obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere +ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist. + +2. Das _zweite_ ist das _Angemessene_. Es kann z.B. ein Charakter tapfer +sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein +solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist. + +3. Das _dritte_ ist die (historische) _Ähnlichkeit_. Dies ist nämlich +etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns +ausdrückten, darzustellen. + +4. Das _vierte_ ist die _Konsequenz_, denn selbst wenn irgend eine +Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt, +inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter +vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein. + +[Sidenote: c. 15, 5. Die Charaktere.] + +5. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer) +Notwendigkeit ist beispielsweise _Menelaos_ im _Orestes_, von einem +unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des _Odysseus_ in +der _Skylla_ und die Rede der _Melanippe_, <von einem ohne historische +Ähnlichkeit z.B.... >, von einem inkonsequenten endlich die _Iphigeneia +in Aulis_, (S. 30) denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner +Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).[18] + +6. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der +Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit, +sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener +Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder +Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine +Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit +entsprechend erfolgen muß. + +7. Es ist demnach klar, daß auch die _Lösungen in den Fabeln_ sich aus +dem _Charakter_ selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der +_Medea_[19] durch die (Theater-) Maschine und in der _Ilias_[20] +anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr +nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es +in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein +Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die +der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir +ja zu, daß sie alles wahrnehmen. + +8. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn +ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im _Oidipus_ +des _Sophokles_.[21] + +9. Da nun die Tragödie _eine nachahmende Darstellung besserer Menschen_, +als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler als +nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich (S. 31) diese ihren +Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß +ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der +nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder +mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden +hat, sie in ihrer Eigenart als _sittlich vortreffliche Menschen +zeichnen_, wie z.B. _Homer_ den sich fernhaltenden _Achill_ als einen +guten Menschen geschildert hat. + +10. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der +Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch +bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in +meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden. + + + * * * * * + + +KAPITEL XVI + + +[Sidenote: c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.] + +1. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die _Arten der +Erkennung_ betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich +die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen. +Von diesen sind nun (a) die einen _angeboren_, wie z.B. die Lanze, +welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im +_Thyestes_ des _Karkinos_. Andere (b) sind _erworben_ und diese wiederum +sind teils _körperlich_, wie Narben, teils _äußerliche Gegenstände_, wie +beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte +Erkennung in der _Tyro_. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder +minder geschickt anwenden. So wurde z.B. _Odysseus_ an der Narbe auf die +eine Weise von der Amme,[22] auf eine andere von dem Sauhirten[23] +erkannt. Allerdings (S. 32) sind die lediglich der Beglaubigung wegen +eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein +äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich +ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene[24], +(verhältnismäßig) besser. + +2. Eine _zweite_ Art sind die vom Dichter _erfundenen_ und eben darum +unkünstlerisch. So erkannte z.B. _Iphigeneia_ in der _Iphigeneia_, daß +_Orestes_ (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief +erkannt[25], dieser sagt aber selbst[26], was dem Dichter beliebt, nicht +aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem +erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut +einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres) +Beispiel liefert "_die Stimme der Spindel_" im _Tereus_ des _Sophokles_. + +3. Die _dritte_ Art kommt auf Grund einer _Erinnerung_ zustande, indem +man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der +Vorgang in den _Kypriern_ des _Dikaiogenes_, denn (daselbst) (1455a) +brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in +der "Mär des _Alkinoos_," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten +zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte, +vergoß er Tränen,[27] wodurch sie dann beide erkannt wurden. + +4. Die _vierte_ Art endlich beruht auf einer _Schlußfolgerung_ wie z.B. +in den _Choephoren_[28]: Jemand (dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich +ist angekommen, (S. 33) (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer +_Orestes_. Also ist _Orestes_ angekommen. Ferner die Erkennungsszene in +betreff der _Iphigeneia_ bei _Polyidos_, dem Sophisten, denn es war +(durchaus) wahrscheinlich daß _Orestes_ den Schluß zog, weil seine +Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu +werden. Ferner im _Tydeus_ des _Theodektes_: Gekommen seinen Sohn zu +finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den +_Phiniden_: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie +auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem +Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber +auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des +einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "_Odysseus der Trugbote_". +Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und +kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen; +wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er +doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich) +wiedererkennen, ein Fehlschluß. + +[Sidenote: c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.] + +5. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den +Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung +auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im _Oidipus_ des +_Sophokles_[29] und in der _Iphigeneia_[30], denn es ist durchaus +wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese +Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie +Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich +ergebende. + + + * * * * * + + +KAPITEL XVII (S. 34) + + +[Sidenote: c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.] + +1. Man muß bei der _Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen +Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen +stellen_, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als +wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende +finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist, +was dem _Karkinos_ einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person +[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel <....> Dies entging dem Dichter, der +sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der +Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer +erregte. + +2. _Sodann soll der Dichter_, soweit es irgend wie angeht, _Mienen und +Geberden seiner Personen an sich_ (darstellerisch) _miterproben_, denn +am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich +in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am +Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen +und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die +_Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen_, +denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band. + +3. Der Dichter soll ferner die _Sagenstoffe_ und zwar (1455b) sowohl die +bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, _zuerst in einem +allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten_, d.h. erweitern. +Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der _Iphigeneia_ so +veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt +und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde in ein +anderes Land[31] versetzt, wo es Brauch war (S. 35) Fremde der (Landes) +Göttin[32] zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.[33] Nach einiger +Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder[34] eintraf--die Tatsache, daß der +Gott[35] aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu +kommen und in welcher Absicht,[36] liegt außerhalb der dramatischen +Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff +geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie +_Euripides_[37], sei es wie _Polyidos_ die Erkennung (des Bruders) +herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun +läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert +werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen +und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man +Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie +z.B. beim _Orestes_ der Wahnsinnsanfall[38], der seine Ergreifung +veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.[39] + +[Sidenote: c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.] + +4. In den _Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein_, das Epos +dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der +_Odyssee_ nicht eben lang: Ein Mann[40] ist viele Jahre von der Heimat +entfernt, er wird von einem Gott[41] feindselig überwacht und findet +sich schließlich allein? in (S. 36) seinem Hause lagen inzwischen die +Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem +Sohne[42] nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen +Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben +hatte[43], geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird, +während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles +andere sind Episoden. + + + * * * * * + + +KAPITEL XVIII + + +1. Jede Tragödie besteht aus einer _Lösung_ und einer _Schürzung_. Der +Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige, +die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter +Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu +demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein +Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige +vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im _Lynkeus_ des _Theodektes_ +die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was +unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der +Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß. + +2. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der +Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf +Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat +enthaltende (pathetische), wie z.B. die _Aias_--und (S. 37) (1456a) +_Ixion_dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie +die _Phthiotinnen_ und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in +Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die _Phorkiden_, der +_Prometheus_ und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz +besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen, +falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten, +zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu +unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie) +vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die +Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll. + +3. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im +Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn +sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn +Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt _schürzen viele den +Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht_. Es ist aber nötig, daß +beides im Einklang stehe. + +[Sidenote: c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.] + +4. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran +erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe +ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen +Stoff der _Ilias_ dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich +in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den +Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz +entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen, +welche die Zerstörung _Ilions_ als Ganzes dramatisierten und nicht +einzelne Teile, wie _Euripides_, oder die Sage der _Niobe_, und nicht +wie _Aischylos_, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht +abschnitten, hat doch sogar _Agathon_ in diesem Punkte (S. 38) allein +einen Mißerfolg zu verzeichnen. + +5. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in +bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist +eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall +tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie _Sisyphos_, +hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter <wie +...> unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es +_Agathon_ versteht, "_Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles +Unwahrscheinliche sich ereignet_." + +6. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der _Schauspieler +auffassen_, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der +dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei _Euripides_, sondern wie +bei _Sophokles_. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht +viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen +Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen, +ein Brauch, den zuerst _Agathon_ aufbrachte. Und doch welch' ein +Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede +aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes +Episodion]? + + + * * * * * + + +KAPITEL XIX + + +1. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es +erübrigt noch über den _sprachlichen Ausdruck_ und die _Gedanken_ +zureden. Das, was die _Gedanken_ angeht, mag in den Büchern über die +Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet +eigen ist. In den Bereich der Gedankenbildung fällt das, was +vermittelst der (S. 39) (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren +Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von +Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es +sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung +von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen +dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder +mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen +will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne +(sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die +Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein +Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die +Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede +in Erscheinung treten würden? + +[Sidenote: c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.] + +2. Von dem nun, was in das Gebiet des _sprachlichen Ausdrucks_ gehört, +bilden _einen_ Teil der Untersuchung die _Satzarten_, deren Kenntnis +übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren +Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder +Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst +derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der +Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen. +Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was _Protagoras_ rügt, +daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem +er sagt: _Singe, o Göttin, den Zorn_[44], denn, so behauptet er, +jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl. + + + * * * * * + + +KAPITEL XX + + +[Sidenote: c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.] + +1. Der _sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit_ (S. 40) enthält +folgende Teile: den _Buchstaben_, die _Silbe_, das _Bindewort_, den +_Artikel_, das _Nennwort_ (Substantiv), das _Zeitwort_ (Verbum), die +_Beugung_ (Flexion) und den _Satz_ (Wortgefüge). Der _Buchstabe_ ist ein +unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus +ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann, +denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen +als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile +dieses Lautes sind der _Selbstlauter_ (Vokal), der _Nichtlauter_ (Muta) +und der _Halbvokal_ (Liquida). + +Ein _Vokal_ hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen +oder die Zähne gebildeten Laut, der _Halbvokal_ hat einen mit Anlegung +(der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der +_Nichtlauter_ ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat +aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur +hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes +Lautgebilde haben, wie z.B. G und D. + +Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen +und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper +und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und +Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen +gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen. + +2. Die _Silbe_ ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet +aus einer Muta <oder Liquida> und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet +keine Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die (S. 41) Erörterung +auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik. + +3. _Bindewort_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a) +Lautgebilde, wie z.B. _men_ (= zwar), _ētoi_ (= wahrlich), _dê_" +(= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren +Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?) +herzustellen. + +4. _Artikel_ ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde, +welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie +z.B. _amphi_ (= um), _perí_ (= über) usw. oder[45] aber ein +zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen +bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder +verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie +auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt. + +5. _Substantiv_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne +Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn +in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und +für sich bedeutsam, wie z.B. in _Theodoros_ (= Gottesgeschenk) _dōros_ +keine (selbständige) Bedeutung hat. + +[Sidenote: c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.] + +6. _Verbum_ ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit +Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und +für sich Bedeutung hat. So bezeichnet _Mensch_ oder _weiß_ nicht das +Wann, dagegen _er geht_ oder _er ist gegangen gangen_ oder _er wird +gehen_ bezeichnet die Gegenwart (S. 42) Vergangenheit und Zukunft. + +7. _Beugung_ (_Flexion_) bezieht sich auf das Substantivum oder das +Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ) +und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie _der Mensch_ +oder _die Menschen_, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage +und Befehl, denn _ging er_? oder _geh_! ist eine Flexion des Verbums +nach diesen Modalitäten. + +8. Das _Wortgefüge_ (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames +Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn +nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die +Definition des Menschen[46], sondern es kann auch ohne Verba ein +Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen +bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. _Im Gehen, Kleon, der Sohn +des Kleon_. + +9. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein, +entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder +aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B. +die _Ilias_ eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom +Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXI + + +1. Von den _Arten des Substantivs_ sind die einen _einfach_, die anderen +_zweiteilig_. Unter einem einfachen verstehe ich ein solches, das aus +nicht bezeichnenden (S. 43) Teilen besteht, wie z.B. _Erde_ (Gé), unter +diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem +nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen) +Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in +Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen +zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches +Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der +Massalioten, z.B. _Hermokaikoxanthos_. (1457b) + +2. Jedes Wort ist entweder ein _allgemein gebräuchliches_ oder eine +_Glosse_ oder eine _Metapher_ oder eine _schmückende Bezeichnung_ oder +ein _neugebildetes_ oder ein _gedehntes_ oder ein _verkürztes_ oder ein +_umgewandeltes_. + +3. Unter einem _allgemein gebräuchlichen_ Wort verstehe ich, was +jedermann gebraucht, unter einer _Glosse_ das, was Fremde gebrauchen, so +daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein +gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So +ist _Sígynon_ (= Wurfspieß) bei den _Kypriern_ allgemein gebräuchlich, +bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt _dory_ (= Wurfspieß) bei uns +allgemein gebräuchlich, bei den _Kypriern_ dagegen eine Glosse. + +[Sidenote: c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.] + +4. Eine _Metapher_ besteht darin, daß man einem Worte eine ihm +(ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der +Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von +der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer +Proportion. + +Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein +Schiff"[47], denn "vor Anker liegen" bezeichnet das "Stehen" eines +bestimmten Gegenstandes (S. 44) + +(2) Von der Art auf die Gattung: "_Ja, der zehntausend herrliche Taten +vollbrachte, Odysseus_".[48] Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er +(der Dichter) nämlich statt "viele". + +(3) Von der Art auf die Art z.B. "_Mit dem Erze abschöpfend die Seele_" +und "_abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen +Kruge_,[49] denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier +dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere) +Bezeichnungen für etwas "wegnehmen". + +(4) Eine _Proportion_ nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten +(A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an +Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das +zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle +man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden +hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich +zu _Dionysos_ (A) genau so wie der Schild (D) zu _Ares_ (C). Man wird +mithin die Trinkschale (B) den Schild des _Dionysos_ (D + A) und den +Schild (D) die _Trinkschale des Ares_[50] (B + C) nennen können. Oder, +was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage +(A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A) +oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens +(B + C) oder den _Untergang des Lebens_[51] nennen können. + +Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für (S. 45) das +proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise +ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen +gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene +Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne +(A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen <Ausstreuenden> (C) und +deshalb sagt (der Dichter): _Säend die gottgeschaffene Flamme_ +(D + A)[52]. + +Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen +Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und +ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften +abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber +nicht des _Ares_, sondern "weinlos" nennen würde. + +5. < _Die schmückende Bezeichnung _...> + +6. Ein _neugebildetes Wort_ ist, was von niemandem überhaupt (vorher) +gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es +scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner" +_érnyges_(--Sprossen)[53] und statt "Priester" ārētēr (= Beter)[54]. + +[Sidenote: c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.] + +7. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht +ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt +oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen +wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. _polēos_ (--Stadt) neben _poleōs_ +und < _Pēlēos_ neben> _Pēleos_ und _Pělēiádeō_ <neben _Pēleidou_>; +ein verkürztes (S. 46) z.B. _krí_ (= kríthē "Gerste") und _dō_ (= dōma +"Haus") und + +_Eins wird beider Anschau_ (= Anschauung, _ops_ für _opsis_).[55] + +8. _Umgewandelt_ ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil +beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der +"_rechteren_" _Brust_[56], statt der rechten (_dexíteron_ = _déxion_). + +9. Von Substantiven selbst sind die einen _männlich_, andere _weiblich_, +wieder andere _dazwischen_ (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N +und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind, +deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die +stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter +den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich, +daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die +gleiche ist, denn _Xi_ und _Psi_ sind nur zusammengesetzt. Auf einen +Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen +Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich _méli_ (Honig), _kómmi_ (Gummi), +_péperi_ (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich _dóry_ (= Lanze), _pōy_ +(= Herde), _nápy_ (= Senf), _góny_(= Knie), _ásty_(Stadt). Die +sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B. +_déndron_ (= Baum) auf N und _génos_ (= Geschlecht) auf S. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXII + + +1. Die _Güte des sprachlichen Ausdrucks_ be steht darin, daß er _klar_ +und _nicht flach_ (banal) (S. 47) ist. Am klarsten ist er nun freilich, +wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber +Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des +_Kleophon_ und die des _Sthenelos_. Erhaben und das Gewöhnliche +(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger +Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die +Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem +Alltäglichen entfernt. + +2. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich +entweder ein _Rätsel_ oder ein _Kauderwelsch_ (Barbarismus) ergeben und +zwar, falls in Metaphern, ein _Rätsel_; falls in Glossen, ein +Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu +sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer +Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von +Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B. + +_Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern_[57] und +dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus <z.B. +....>. + +Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die +schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer +gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und +nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die +(nötige) Deutlichkeit verleihen. + +[Sidenote: c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.] + +3. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des +sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen +Verlängerungen, Verkürzungen und Umwandlungen bei. Da sie nämlich +anders lauten als (S. 48) das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom +Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch +die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die +Klarheit sich ergeben. + +4. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige +Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer) +verhöhnen, wie _Eukleides_ der Ältere es getan, indem er behauptete, daß +es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach +Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem +Ausdruck selbst verspottete.[58] + +_Ĕ̅pichár|en_[59] _ĭ̅|don Mara|thónade bă̅di|zonta_ (= _Aepicharen sah +ich gen Marathón spazieren gehen_) + +_Ouk an|g' ě̅ramen|os ton|keínon|ellě̅|bŏ̅ron_[60] (= _Der wohl kaum in +Liebe entbrannte für jenes Niésswurz_.) + +Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art +lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame +(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte +jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung +rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er +dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen). + +[Sidenote: c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.] + +5. Welch einen _Unterschied die angemessene Verwendung_ (dieser Formen) +_macht_, möge man am Epos sich veranschaulichen, indem man die +_allgemein_ (S. 49) _gebräuchlichen Wörter in den Vers_ setzt und auch +wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die +allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß +unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen +(Trimeter) gedichtet wie _Aischylos_ und nur durch das Einsetzen eines +einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein +gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich, +der _des Aischylos_ aber gewöhnlich erscheint. _Aischylos_ dichtete +nämlich im _Philoktet_: + +/* + _Das Krebsgeschwür, das meines Fußes + Fleisch frißt_. +*/ +Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust." + +Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse + +/* + _Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés_[61] +*/ + +(_Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein_) + +die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde: + +/* + _Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés_ +*/ + +(_Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein_) + +und ebenso statt + +/* + _díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan_[62] +*/ + +(_Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch_) + +/* + _díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan_ (S. 50) +*/ + +(_Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch_) + +oder endlich, statt + +/* + Ēiones boóōsin[63] (es brüllten die Ufer) + Ēiones krázousin (es schrien die Ufer). +*/ + +6. So hat auch _Ariphrades_ die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke +anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn +apó (von den Häusern weg[64], [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern) +und séthen[65] (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt +autón[66]), und Achilléōs peri[67] (Achilles wegen) [nicht peri +Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn +gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein +gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den +Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht. + +7. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in +angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen, +so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn +diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch +gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern erfinden +heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das (S. 51) Ähnliche (im +Unähnlichen) haben. + +8. Von den Wortarten selbst nun eignen sich _Komposita_ am meisten für +die _Dithyramben_, die _Glossen_ für die _Heldengedichte_, die +_Metaphern_ für _jambische Trimeter_ (der Tragödie). In Heldengedichten +sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen, +da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen +sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede +sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die +Metapher und die schmückende Bezeichnung. + +Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende +nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXIII + + +1. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte +nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe +wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich +um eine _einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung +bewegen müssen_, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein +einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche +Lustempfindung hervorrufe. + +[Sidenote: c. 23, 2. Das Epos.] + +2. Auch ist es klar, daß _diese Kompositionen nicht den +Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen_, die sich notwendigerweise +nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen, +sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in +diesem an einer Person oder an mehreren sich ereignet hat, von welchen +Begebenheiten jede in (S. 52) einem beliebigen Verhältnis zu einer +anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei _Salamis_ und die Schlacht +der _Karthager_ in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf +dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng +aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen +keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten +(epischen) Dichter dementsprechend verfahren. + +3. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin _Homer_ sich +als ein gottbegnadeter _Dichter_ im Vergleich zu den übrigen erweisen, +daß er gar _nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen_ (Trojanischen) +_Krieg_, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches) +Ende hat, _darzustellen_. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte +der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf +den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch +seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat +er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in +Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog[68] und andere +Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt. + +4. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine +einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn +schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der +Verfasser der _Kyprien_ und der der _Kleinen Ilias_. Denn aus einer +_Ilias_ und _Odyssee_ läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder +höchstens zwei, aus den _Kyprien_ dagegen viele und aus der _Kleinen +Ilias_ acht, nämlich das Waffengericht, _Neoptolemos_, (S. 53) 1459b +[Eurypylos] _Philoktet_, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die +Zerstörung _Ilions_, die Abfahrt, _Sinon_ und die _Troerinnen_[69]. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXIV + + +1. Weiterhin muß die _epische Dichtung dieselben Arten haben wie die +Tragödie_, denn sie muß entweder einfach oder verflochten, +charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die +Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen +Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der +Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen +Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck +kunstgerecht sein. + +2. All diesen Forderungen hat _Homer_, sowohl als erster wie in +genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte +dementsprechend angelegt, die _Ilias_ einfach und leidvoll, die +_Odyssee_ verflochten --beruht sie doch ganz auf Erkennungen--und +charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in +der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben. + +[Sidenote: c. 24, 3. Das Epos.] + +3. Was nun die _Komposition_ anbelangt, so unterscheidet sich die +epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer _Ausdehnung_ und +ihres _Versmaßes_. In bezug auf die _Ausdehnung_ dürfte die bereits +angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein +müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn +einerseits die Kompositionea von geringerer Ausdehnung als die der +alten (Epiker) (S. 54) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine +einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen. + +4. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner +eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der +Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich +gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den +Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern +abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden +Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile +vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des +Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner +Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt +und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das +nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu +verschulden pflegt. + +5. Was aber das _Versmaß_ anbelangt, so hat sich das heroische (der +Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte +jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung +nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend +erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste +und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und +Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende +Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen +Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter +haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz, +jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) wäre es, wenn jemand +allerhand Versmaße untereinander (S. 55) mischen würde, wie dies +_Chairemon_ getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische) +Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet, +sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende +Versmaß zu wählen gelehrt. + +6. _Homer_, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch +darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist, +_was er selbst zu tun habe_. Der Dichter soll nämlich _so wenig wie +möglich in eigner Person reden_, denn nicht nach dieser Richtung hin ist +er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen +treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges +und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt +nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend +eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern +mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter. + +[Sidenote: c. 24, 7. Das Epos.] + +7. In der Tragödie muß man das _Wunderbare_ darstellen in der epischen +Dichtung dagegen hat vielmehr das _Vernunftwidrige_, auf dem in der +Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst) +nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge +bei der Verfolgung _Hektors_[70] auf der Bühne dargestellt einen +lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die +stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer[71], +der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen +Vorgangs) verborgen, denn das Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein +Beweis dafür (S. 56) ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht +damit zu erfreuen. + +8. Im besonderen hat _Homer_ auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man +(zweckmäßig) _Unwahres sagen könne_. Dies beruht aber auf einem +_Trugschluß_. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die +erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite +Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist, +auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein +Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B) +aber--die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt --notwendigerweise +wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B) +hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser +Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes +aus der Badeszene[72] <....> + +9. Endlich muß man dem _unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen +Unglaubhaften den Vorzug geben_. Allerdings darf man nicht die Stoffe +auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich +überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht +möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung +Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im _Oidipus_, seine Unkenntnis +nämlich, auf welche Weise _Laios_ ums Leben kam[73], aber nicht +innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra[74] die Berichterstattung +über die pythischen Spiele oder in den _Mysern_ der Mann, (S. 57) der +stumm von Tegea bis Mysien wanderte.[75] Zu sagen, daß sonst die Fabel +in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von +vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch +getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man +auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die +Unzuträglichkeit der Szenen in der _Odyssee_, die sich bei der +Aussetzung[76] (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in +die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte. +Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das +Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt. + +10. Dem _sprachlichen Ausdruck_ soll der Dichter seine _besondere +Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden_, d.h. solchen, die weder +durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen. +Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die +Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXV + + +[Sidenote: c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.] + +1. Über die _Probleme_[77] (kritische Bedenken) und deren _Lösungen_ +(Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie +beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen +können. Da nämlich der Dichter ebenso wie der Maler oder irgend ein +anderer bildschaffender (S. 58) Künstler ein nachahmender Darsteller +ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von _drei_ +möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) _wie die +Dinge waren oder sind_ oder (2) _wie man sagt, daß sie seien_ oder _wie +sie zu sein scheinen_ oder (3) _wie sie sein sollen_. Diese Dinge werden +nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder +auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen +des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir +ja den Dichtern. + +2. Dazu kommt ferner, daß die _Richtigkeit in der Politik und der +Dichtkunst_ sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft +und der Dichtkunst _ein und dasselbe bedeutet_. In der Dichtkunst selbst +gibt es _zweierlei Fehler_, der eine betrifft ihr _Wesen_, der andere +ist rein _äußerlich_. + +3. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen <etwas richtig> nachahmend +darzustellen, <verfehlt aber sein Ziel> aus eigenem Unvermögen, so liegt +der _Fehler in der Dichtkunst selbst_; wenn er dagegen den Vorwurf +richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd, +das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in +jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art +auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser _nicht das Wesen_ +der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden +Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen). + +4. Erstens also was die _Lösungen_ in bezug auf die gegen die Kunst als +solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn _Unmögliches_ dargestellt +wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch ihre +Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung (S. 59) erreicht wird; +der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine +erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem +anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des +_Hektor_.[78] Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem +oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen +herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht +seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt +keinerlei Fehler begangen werden. + +5. Man kann ferner die Frage aufwerfen, _worin denn_ der Fehler begangen +ist, _ob gegen die Kunstregel_ oder _irgend etwas anderes Zufälliges_; +denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß +die Hindin keine Hörner hat[79], als wenn er sie ohne (eigentlich) +nachahmend darzustellen gezeichnet hätte. + +6. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte +man den Einwand so entkräften: Aber _vielleicht wie sie sein sollte_, +wie ja auch _Sophokles_ gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein +sollen, _Euripides_ aber, wie sie sind. + +[Sidenote: c. 25, 7. Probleme und Lösungen.] + +7. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf +berufen, daß _man eben so sagt_, wie in den Erzählungen über die Götter. +Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der +Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so, +wie es bei _Xenophanes_ lautet[80] (1461a) <....>, dann (erwidere man), +allein man sagt nun (S. 60) einmal so. + +8. Anderes wiederum ist zwar _vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar +tatsächlich einmal so_, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "_Aber die +Lanzen_ | _standen empor auf dem Fuße des Schaftes_[81], solchen Brauch +nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier. + +9. In der Beurteilung der Frage, _ob das von jemand Gesagte oder Getane +sittlich gut oder nicht ist_, muß man nicht nur die Handlung und die +Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder +gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen +(und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten +oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes +wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet +werden soll. + +10. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des _sprachlichen +Ausdrucks_ beseitigen, z.B. durch Annahme einer _Glosse_. "_Die Mäuler +zuerst_."[82] Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte +_ourēas_, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt +er: "_Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich_"[83]. Damit bezeichnet er +nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht; +gebrauchen doch die _Kreter_ das Wort _eueides_ (= schöngestaltet) im +Sinne von _euprosōpon_(= schön von Antlitz). Ferner, "_Mische reineren +Wein_"(zōróteron),[84] d.h. nicht ungemischten Wein, wie für +Trunkenbolde (S. 61) sondern (mische) "schneller." + +11. Ein anderes ist _metaphorisch_ gesagt z.B. + +/* + "_Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger + Schliefen die ganze Nacht_" +*/ + +und doch heißt es unmittelbar darauf + +/* + "_Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde. + Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_."[85] +*/ + +Jenes, "_Alle_" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein +"Alles" ist nur eine Art des "Vielen". + +Auch jenes "_allein nicht teilnimmt_"[90] ist metaphorisch zu verstehen, +denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige". + +12. Ferner kann man auf Grund der _Prosodie_ (Einwände widerlegen), wie +_Hippias_ der Thasier dies tat in jenem "_wir gewähren_ (dídomen) _ihm +aber_"[87] und "_Das zum Teil durch den Regen verfault_"[88]. + +[Sidenote: c. 25, 13. Probleme und Losungen.] + +13. Wieder anderes vermittelst der _Interpunktion_, wie z.B. +_Empedokles_[89] sagt: + +/* + "_Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte, + Und als gemischt, was lauter zuvor_." +*/ + +[Sidenote: c. 25, 14. Probleme und Lösungen.] + +14. Anderes sodann durch die Annahme einer _Amphibolie_ (S. 62) +(Doppelsinn): + +/* + "_Von der Nacht entschwand der größere Teil_"[91] +*/ + +denn der Ausdruck "größere" (_pleíō_) ist doppelsinnig. + +15. Andere _Bedenken_ (lösen sich) mit Berufung auf den +_Sprachgebrauch_: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein. + +Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet: + +/* + "_Schiene von neubereitetem Zinne_"[92], +*/ + +nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter. + +Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es: +Ganymed +/* + "_schenkt dem Zeus Wein ein_", +*/ + +obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken[93]. Doch könnte man dieses +Beispiel auch als Metapher auffassen. + +16. Man muß auch, wenn ein Wort etwas _Widersprechendes_ zu bezeichnen +scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden) +Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "_Da hielt die eherne Lanze +an_"[94], wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann. + +17. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen +möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem _Glaukon_ +berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach dem +sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt (S. 63) haben, bauen +sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas +stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das +gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen +über _Ikarios_. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein +_Lakone_. Es schien daher ungereimt, daß _Telemachos_, als er nach +_Sparta_ kam[95], mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich +damit aber vielleicht so, wie die _Kephallenier_ berichten. Sie +erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei +_Ikadios_ und nicht _Ikarios_ (sein Schwiegervater). Demnach ist es +wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist. + +18. Im allgemeinen muß man das _Unmögliche_ in der Dichtung entweder auf +das _Zweckmäßigere_ oder auf die _herrschende Meinung_ zurückführen. +Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar +Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht +unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. _Zeuxis_ zu +malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem +Ideal gebührt der Vorrang. + +19. _Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen, +zurückführen_ und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie +auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es +wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich +ereignet. + +[Sidenote: c. 25, 20. Probleme und Lösungen.] + +20. _Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die +Widerlegungen in der Dialektik_, ob es sich um das Nämliche oder ob es +in derselben Beziehung oder derselben (S. 64) Art und Weise gilt, mithin +auch der _Dichter_ entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen +das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in +Widerspruch verwickeln darf). + +21. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie +Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des +Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des _Aigeus_[96], +oder der Charakterschlechtigkeit, wie im _Orestes_[97] der des +_Menelaos_. + +22. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus _fünf Arten_, denn +entweder _tadelt_ man etwas als _unmöglich_ oder als _vernunftwidrig_ +oder als _sittenverderblich_ oder als _widerspruchsvoll_ oder als _einen +Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit_. Die _Lösungen_ +(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu +betrachten deren es _zwölf_ gibt. + + + * * * * * + + +KAPITEL XXVI + + +1. Man könnte nun die Frage aufwerfen, _ob die epische nachahmende +Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei_. Ist nämlich die +minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein +besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige +nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine +plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein +Verständnis (für die Darstellung) zeigen, falls er (der Schauspieler) +nicht seinerseits etwas dazu (S. 65) beiträgt, so bewegen sich diese in +starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten, +wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den +Chorführer (am Gewände), wenn sie die _Skylla_ blasen. + +2. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre +Nachfolger beurteilten, denn _Mynniskos_ nannte den _Kallipides_, weil +er gar zu sehr übertrieb, einen _Kallias_[98] und in einem ähnlichen +(üblen) Rufe stand auch _Pindaros_. Wie sich nun (1462a) jene (älteren +Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze +(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man, +wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen +bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine +plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende. + +3. Allein _erstens_ ist das eine Anklage _gar nicht gegen die +Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst_, denn es kann auch der +Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies _Sosistratos_ getan und +(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies _Mnasitheos_ der +Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen, +da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von +Stümpern, wie ja auch _Kallipides_ getadelt wurde und heutzutage andere, +weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen. + +[Sidenote: c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.] + +4. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung +_ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung_, denn schon durch die +bloße Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie (S. 66) also +im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls +jener Tadel nicht notwendig anzuhaften. + +5. Sodann (2) (ist sie überlegen) _weil sie alles besitzt was die +epische Dichtung hat_, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und +darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der +musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche +die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt +sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den +(tatsächlichen) Aufführungen. + +6. Ferner (3) _erreicht die Tragödie das Ziel_ (1462b) _der_ +nachahmenden Darstellung _innerhalb eines kleineren Umfangs_; denn was +gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit +Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den +_Oidipus_ des _Sophokles_ in so viel Verse setzen würde wie die _Ilias_ +hat <....>. + +7. Endlich (4) ist die _epische Dichtung eine weniger einheitliche_ +nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen +nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß, +selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten, +diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit +der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält, +wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus +mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die _Ilias_ viele derartige +Teile hat und die _Odyssee_, Teile, die auch für sich schon eine +(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte +in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende +Darstellung, soweit dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen +Handlung. (S. 67) + +8. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) _überlegen_ +ist und überdies indem _Ziel_ der Kunst--denn diese (Dichtarten) sollen +nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits +erwähnte--so leuchtet ein, _daß sie vortrefflicher als die epische +Dichtung ist_, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht. + +[Sidenote: c. 26, 9. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.] + +9. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre +Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich +unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges +sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt +sein.... + + + * * * * * + + +NAMENVERZEICHNIS[99] (S. 68) + + +Agathon (c. 447--400): c. 9, 5. 18, 4. 5. 6. Berühmter, von Aristoteles +hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der +Rahmenerzählung von Piatons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als +Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität +kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge +von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders +seine völlig freierfundene Tragödie _Anthe_, früher fälschlich _Anthos_ +"Blume" und seit Welcker oft auch _Antheus_ betitelt. + +_Aias_dramen: c. 18, 2. Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles +auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d. +J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um +die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias +so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er +unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde, +Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam +und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert. +Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit +Recht zu den pathetischen zählt. + +_Aigisthos_: c. 13, 6. Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon +und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und +Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).--Die Komödie, auf die hier +angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten +Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des +Aristoteles. + +_Aischylos_ (525/4--456): c. 4, 9. In der Poetik kaum berücksichtigt, ja +Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was +c. 18, 4 geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird. + +/# + _Choephoren_: c. 16, 4. Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders + aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles + gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich", + "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles, + Euripides und Aristophanes auf diese Erkennungsszene anspielen, ist + das erstere, mit alleiniger (S. 69) Berücksichtigung der Haarlocke, + wahrscheinlicher. + + _Myser_: c 24, 9. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war + Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem + Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld + gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon, + Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr + beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint, + ist. + + _Niobe_: c. 18, 4. Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen + wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und + einem gewissen Meliton. + + _Philoktet_: c. 22, 5. 23, 4. Nicht erhalten, doch kennen wir seine + Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und + Euripides aus Dio Chrysostomos. + + _Phorkiden_: c. 18, 2. Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen + Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein. + + _Prometheus_: c. 18, 2. Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns + erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist. +#/ + +_Alkinoos_, Mär des: S. Homer. + +_Alkmeon_: c. 18, 4. 14, 4. Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein +vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon, +Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren (c. 14, 5). + +[_Amphiaraos_]: S. Karkinos. + +_Anthe_: S. Agathon. + +_Antigone_: S. Sophokles. + +_Argas_: c. 2, 3. Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem +Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel +des Nomos ist ausgefallen. + +_Ariphrades_: c. 22, 6. Wohl der Verfasser einer Schrift über den +tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit +dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling. + +_Aristophanes_ (c. 450--385): c. 3, 2. Die Art der Erwähnung zeigt, daß +schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders +freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der +Gattung anerkannt war. + +_Astydamas_ (Ende des 4. Jahrh.): c. 14, 5. Urgroßneffe des Aischylos, +sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische +Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse +erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger. + +_C_. s. auch unter K. (S. 70) + +_Chairemon_: c. 1, 5. 24, 5. Älterer Zeitgenosse des Aristoteles, +gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein +"Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in c. 14, 5 im +Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus Akanthoplex. Das hier erwähnte +polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum +Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet +wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so +geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten +Dialogpartien. + +_Chionides_: c. 3, 4. Der älteste attische Komödiendichter, dessen +erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des +Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch +Magnes. + +_Choephoren_: S. Aischylos. + +[_Danaos_]: S. Theodektes. + +_Dikaiogenes_: c. 16, 3. Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse +des Agathon. Neben den _Kypriern_ wird noch eine Tragödie "Medea" +genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem +Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine +Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene +zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt +sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt +voraussetzen konnte. + +_Dionysios_: c 2, 2. Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des +Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in +vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem +ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt. + +_Dolon_: c. 25, 10. Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B. +X der Ilias. + +_Elektra_: S. Sophokles. + +_Empedokles_ (blühte um 450) aus Agrigent: c. 1, 5 [21, 4]. 25, 13. +Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und +Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten. +Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu 1, 5, gerade +als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird, +so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich +dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden war. +Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen (S. 71) +Gesichtspunkt aus beurteilt. + +_Epichares_: c. 22, 4. Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter +Eigenname. + +_Epicharmos_ (blühte Ende des 6. Jahrh.): c. 3, 4. Einer der +berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint, +"Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch +nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos, +geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in +Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer +auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser +tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden. + +_Eriphyle_: S. Alkmeon. + +_Eukleides_: c. 22, 4. Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch +bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings +ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon +und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei +Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher +könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den +Freund des Sokrates und Platon, denken. + +_Euripides_ (485--407/6): c. 13, 4. 17, 3. 18, 4. 6. 25, 6. Der jüngste +der drei großen Tragiker. Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich +gegen dessen mangelhafte Technik. + +/# + (_Elektra_: c. 13, 6. 14, 4. Orestes und Aigisthos. Personen im + Drama. + + _Iphigeneia in Aulis_: c. 15, 5. Der hier ausgesprochene Tadel ist + von Schiller energisch zurückgewiesen worden. + + _Iphigeneia_, Taurische: c. 14, 9. 16, 2. 5. 17, 3. --: c. 11, 4. + 16, 2. Person im Drama, ebenso Orestes in c 11, 4. 16, 2. Dieses + Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei + Mustertragödien. + + _Kresphontes_: c. 14, 9. Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch + zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und + in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St + 37--50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des + Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden + Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit + dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren + eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator + Polyphontes, der den Gatten der Merope ermordet und die Witwe + gezwungen (S. 72) hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard + III. + + _Medea_: c. 14, 4. 15, 7. 25, 21. Der Tadel an letzter Stelle + bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des + Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters. + + _Melanippe_ die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene + desselben Dichters: c. 15, 5. Die Anspielung bezieht sich auf ihre + berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen + Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon + heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und + gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die + Anfangsworte sind uns zufällig erhalten. + + _Orestes_: c 15, 5. 25, 21. Darin spielt Menelaos eine charakterlose + Rolle. + + _Philoktetes_: c. 22, 5. S. Aischylos' Philoktetes. + + _Troerinnen_: c. 23, 4. S. Ilias, die Kleine. +#/ + +[_Eurypylos_]: S. Sophokles. + +_Ganymedes_: S. Probleme. + +_Glaukon_: c. 25, 17. Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller +denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an +den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht +Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken. + +_Hades_dramen: c. 18, 2. Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt +waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und +Achaios' Peirithoos. + +_Haimon_: S. Sophokles Antigone. + +_Hegemon_ v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): c 2, 3. Berühmter Parode und +auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr +häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei +Trimeter. + +_Helle_: c. 14, 9. Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da +Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der +hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung +völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei +_Söhnen_, die sie dem Poseidon geboren hatte. + +_Herakleis_: c. 8, 2. Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750), +Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in +14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten. + +_Hermokaikoxanthos_: c. 21, 1. Ein aus drei Flußnamen (S. 73) des +westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum. +Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige +Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und +zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein. + +_Herodot_ (blühte um 450): c. 9, 2. Der "Vater der Geschichte". Seine +Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der +Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach +dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders +zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein +hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich +eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh n. Chr.) in Jamben +übertragen wurde. + +_Hippias_ von Thasos: c. 25, 12. Nur hier genannt, denn seine Erwähnung +bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe +"Problem", geht auf unsere Stelle zurück. + +_Homer_: c. 1, 5. 2, 3. 3, 1. 2. 4, 4. 6. 8, 3. 15, 9. 23, 3. 24, 2, 6. +8. + +/# + _Ilias_: c. 4, 6. 8, 3. 15, 7. 18,4. 20, 19. 23, 4. 24, 2. 25, 4. + 26, 7. Die "_Abfahrt_" (c. 15, 6) bezieht sich auf die a.a.O. + zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen der Göttin Athene + die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.--Schiffskatalog (c. 23, + 3). Teiltitel des 2. B. (s. u.). + + _Odyssee_: c. 4, 6. 8, 3. 13, 6. 17, 4. 23, 4. 24, 2. 9. 26, 7. _Mär + des Alkinoos_ (c. 16, 3) und _Badeszene_ (Niptra, c. 16, 1. 24, 8) + sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten + Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach c. 24, 8 + das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der + Penelope. + + _Margites_: c. 4, 4. 6. Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und + jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise + einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als + unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden + zu sein. +#/ + +_Ikadios_: c. 25, 17. Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des +Odysseus, statt des homerischen lkarios, begegnet nur hier. + +_Ilias_ s. Homer. + +_Ilias_, Die Kleine: c. 23, 4. Ein nachhomerisches, dem sogenannten +"Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches +von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der +Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa +da, wo die homerische Ilias aufhörte (Lösung Hektors) und endete (S. +74) mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen +Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng +chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei +Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien. + +/# + _Waffengericht_: S. Aiasdramen. + + _Philoktet_: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon, + Philokles, Theodektes dramatisiert. + + _Neoptolemos_(= Eurypylos s. Sophokles): Von Nikomachos. + + _Bettlerrhapsodie_ (= Lakonierinnen s. Sophokles). + + _Ilions Zerstörung_: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des + Sophokles und ein Epos des "Kyklos". + + _Abfahrt_ des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der + Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama + dieses Titels ist nicht bekannt. + + _Sinon_: S. Sophokles. Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt. + + _Troerinnen_: S. Euripides. Die Schicksale der trojanischen + Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen + dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die + Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos, + Agamemnon (Kassandra). +#/ + +_Iphigeneia_: S. Euripides und Polyidos. + +_Ixion_dramen: c. 18, 2. Unter anderen Missetaten versuchte er sich an +Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein +geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der +Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos +und Timesitheos dramatisiert. + +_Kallipides_: c 26, 2. 3. Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des +Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist. + +_Karkinos_: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des +Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt. + +/# + _Thyestes_: c. 16, 1. Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit + seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da + der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides, + mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt + haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der + Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In + welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich + jeder Vermutung. + + [_Amphiaraos_]: e. 17, 1. Der Vater des Alkmeon (s.d.) und (S. 75) + Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer + Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch + arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der + griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr + erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte. +#/ + +_Karthager_: c. 23, 2. Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und +Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an +demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept. +480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen +Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale +politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch +jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in +Abrede gestellt. + +_Kentauros_ s. Chairemon. + +_Kephallenier_: c. 25, 17. Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen +Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch +unbekannt. + +_Kleophon_: c. 2, 4. 22, 1. Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik +ein Werk _Mandrobulos_, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn +mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert +sind, ist er kaum identisch. + +_Klytaimestra_: c. 14, 4. Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so +erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion +war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für +Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das +Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt. + +_Krates_: c. 5, 2. Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den +Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl +Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern +der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten +Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht. + +_Kreon_: S. Sophokles Antigone. + +_Kreter_: c. 25, 10. Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier +mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar +entnommen haben. S.u. Kyprier. + +_Kyklop_: S. Philoxenos, Timotheos. + +_Kypria_: c. 23, 4. Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos +in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem +Homer abgesprochen. Spätere legten es einem Stasimos oder Hegesias +(Hegesinos) bei. Das Gedicht (S. 76) behandelte die Vorgeschichte des +trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete +eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel +nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur +die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse. +Daselbst war auch die c. 8, 3 erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte +sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber +durch eine List von Palamedes entlarvt. + +_Kyprier_: S. Dikaiogenes. --Dialekt der: c 21, 3: S. Einleitung S. +XXIV. + +_Laios_: c. 24, 9. Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und +dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte +Unwahrscheinlichkeit wurde bereits c. 14, 5 angespielt. + +[_Lakonierinnen_]: S.Sophokles. + +_Lynkeus_: S. Theodektes. + +_Magnes_: c. 3, 4 Neben Chionides (s.d.) der älteste attische Komiker. +Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist +zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat. +Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt, +was die alten Kritiker schon erkannt hatten. + +_Margites_: S. Homer. + +_Massalioten_: S. Hermokaikoxanthos. + +_Medea_: S. Euripides. + +_Megarer_: c. 3, 4. Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu +sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische +Begründung nicht haltbar ist. + +_Melanippe_: S. Euripides. + +_Meleagros_: c. 13, 4. Eine berühmte Sagenfigur und Held der +"Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die +Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein +Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem +Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame +Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern, +behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach +Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische +Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die +Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage). + +_Menelaos_: S. Euripides Orestes. (S. 77) + +_Merope_: S. Euripides Kresphontes. + +_Mitys_: c. 9, 9. Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn +Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer _Festfeier_ +ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes +"theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen +Bedeutung gebraucht. + +_Mnasitheos_: c 26, 3. Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen +auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse +des Aristoteles. + +_Mynniskos_: c. 26, 2. Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den +späteren Tragödien des Aischylos. + +_Myser_: S. Aischylos. + +_Mysien_: c. 24, 9. Provinz im Nordwesten Kleinasiens. + +_Neoptolemos_: c. 23, 4. Sohn des Achilles. S. Ilias, Die Kleine und +Sophokles. + +_Nikochares_: c 2, 3. Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos, +der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem +Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des +Aristophanes aufgeführt wurden. + +_Niobe_: S. Aischylos. + +_Odyssee_: S. Homer. + +_Odysseus_, der Verwundete: S. Karkinos und Sophokles. + +/* + --, der Trugbote: c. 16, 4. Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama. + --, in der Skylla: S. Timotheos. +*/ +_Oidipus_: S. Sophokles. + +_Orestes_: c. 13, 4. Die Sage des O. +/* + --: S. Aischylos Agamemnon, Choephoren. + --: S. Sophokles Elektra + --: S. Euripides Elektra, Iphigeneia, Orestes. + --: S. Polyidos Iphigeneia. +*/ +_Pauson_: c. 2. 2. Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des +5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt +die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange +in der Gunst des Publikums erhalten zu haben. + +_Peleus_: S. Sophokles. + +_Peloponnesier_: c 3, 4. Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie +gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen +gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche +Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen +Stadt. + +_Philoktetes_: S. Aischylos. (S. 78) + +_Philoxenos_ (435--380): c. 2, 3. Berühmter Dithyrambiker, geboren in +Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb +in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop" +(Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll +unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur +Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste +erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen +Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung +schlechterer Charaktere angeführt zu werden. + +_Phiniden_ c. 16, 4. Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist +ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung +führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der +Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig +ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König +Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend, +seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ. +Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet +oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter +Accius und einen Dithyrambos des Timotheos. + +_Phorkiden_: S. Aischylos. + +_Phthiotinnen_: S. Sophokles. + +_Pindaros_: c. 26, 2. Ein nur hier genannter Schauspieler, dem +Zusammenhang nach Zeitgenosse des Kallipides (s.d.). + +_Polyeidos_ der Sophist: c. 16, 4. 17, 3. Der Name ist äußerst selten, +so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll. +Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und +Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter +Dithyrambos wie die Skylla des Timotheos (s.d.) und zweifellos +nacheuripideisch. + +_Polygnotos_: 2, 2. 6, 7. Einer der berühmtesten und ältesten +griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine +bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458--447). +Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei +Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des +Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5). + +_Prometheus_: S. Aischylos. + +_Protagoras_ v. Abdera (c. 485--c. 416): c. 19, 2. Neben Gorgias der +bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der griechischen +Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen (S. 79) +Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.) +wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu +Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die +sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den +Wolken des Aristophanes. + +_Pythische_ Spiele: c. 24, 9. In derElektra des Sophokles schildert der +Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei +denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals +(11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte. +Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem +Tleptolemos begangen. + +_Salamis_: S. Karthager. + +_Sinon_: S. Ilias, Die Kleine und Sophokles. + +_Sisyphos_: c. 18, 5. Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines +überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen +Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen +bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder +hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so +von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen +Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten +Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm +verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht. + +_Skylla_: S. Timotheos. + +_Sophokles_ (497/6--406/5): c. 3, 2. 4, 9. 18, 6. 25, 6. Für Aristoteles +der künstlerisch vollendetste Tragiker. + +/# + _Antigone_: c. 14, 6. In der erwähnten Szene versucht Hainion, der + Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem + Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar. + + _Elektra_: c. 24, 9. Orestes, Person im Drama: c. 13, 6. 14, 4. + + _Eurypylos_: c. 23, 4. Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S. + Ilias, die Kleine. + + [_Lakonierinnen_]: c. 23, 4. In dem Drama bildeten die spartanischen + Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des + troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner + Verkleidung als Bettler erkannte. S. Ilias, die Kleine. + + _Odysseus_, der verwundete, c. 14, 5. So hieß ein Drama des + Chairemon (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber + stets als _O. Akanthoplex_ (der vom Rochenstachel getroffene) + zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), (S. 80) Sohn des Odysseus + und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und + verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß + Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete + Odysseus sei. + + _Oidipus_: c. 11, 1. 2. 15, 8. 16, 5. 24 ,9. 26, 6. Stets ohne + Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos, + nie den Oidipus Coloneus, versteht. /* --: c. 13, 4. 14, 1. Die Sage + des Oidipus. --: 11, 1. 13, 3. 14, 5. Die Person im Drama. */ + _Peleus_: c. 18, 2. Peleus, der greise Vater des Achilles, durch + seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel + Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach + war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende + Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und + Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben. + + _Phthiotinnen_: c. 18, 2. Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem + Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht + verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der + Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von + demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends + bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine + Willkür. + + _Sinon_: c. 23, 4. S. Ilias, Die Kleine. + + _Tereus_: c. 16, 2. Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester + seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn + nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was + ihr widerfahren--dies die "Stimme der Spindel"--und die Schwestern + rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys. + Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos, + und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles. + + _Thyestes_: c. 13, 4. Held in dem gleichbetitelten Drama. S. + Thyestes. + + _Tyro_: c. 16, 1. Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren + und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und + als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer + Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der + eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre + Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre + Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen. Von den (S. 81) + zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine + Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und + Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8) + verdanken. +#/ + +_Sokratische Gespräche_: c. 1, 5. Aristoteles versteht darunter stets +nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner +auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines, +Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche. + +_Sophron_ (c. 450): c. 1, 5. Der Begründer einer neuen Literaturgattung +des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und +in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein +Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht +haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner +Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die +poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt +wurden. + +_Sosistratos_: c. 26, 3. Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer +Zeitgenosse des Aristoteles. + +_Sthenelos_: c. 22, 1. Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen +verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte +ihn des Plagiats. + +_Tegea_: c. 24, 1. Stadt in Arkadien, Heimat des Telephos. + +_Telegonos_: S. Sophokles, Odysseus Akanthoplex. + +_Telemachos_: c. 25, 16. Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise +nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die +sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3--4, 619. + +_Telephos_: c. 13, 4. Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale +sehr oft dramatisiert wurden, so von Aischylos (s.d.), Sophokles, +Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion. + +_Theodektes_: 16, 4. 18, 1. Genialer Schüler des Isokrates und Platon, +Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50 +Dramen und war siebenmal Sieger. + +/# + _Lynkeus_: c. 11, 1. 18, 1. Held der Danaidensage. Hypermnestra war + die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus + gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes + Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung + ereilte ihn aber in einer für uns nicht mehr genau zu erkennenden + Weise das Schicksal, das er (S. 82) jenem zugedacht. + + Tydeus: c. 16, 4. Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben + gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig + unbekannt. +#/ + +_Theodoros_: c. 20, 5. Nur als Beispiel genannt. + +_Theseis_: c. 8, 2. Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker +unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein +Anonymus aus unbestimmter Zeit. + +_Thyestes_: c. 13, 4. Eine der am häufigsten dramatisierten +Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage. +So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros, +Karkinos (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern, +Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus. + +_Timotheos_ v. Milet (✝357): c. 2, 3. Berühmter Komponist, Dithyramben +und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser" +wurde 1902 aufgefunden. + +/# + _Kyklop_: c. 2, 3. S. Philoxenos + + _Skylla_: c. 15, 5. 26, 1. Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee + geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr + schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des + Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den + Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu + veranschaulichen den Helden zu gewinnen. +#/ + +_Xenarchos_: c. 1, 5. Sohn des Sophron (s.d.). Nur hier als Verfasser +von Mimen erwähnt. + +_Xenophanes_ v. Kolophon (c. 570--479): c. 25, 7. Dichter und Begründer +der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus. + +_Zeuxis_ aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: c. 6, 7. 25, 18. +Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert +sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr +Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum +Ausdruck brachte. + + + * * * * * + + +SACHVERZEICHNIS (S. 83) + +_Agon_: c. 6, 16. 7, 3. 13, 4. Der jährlich zweimal in Athen +stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und +Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere +Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien +und einem Satyrdrama) auf.--In den musikalischen Agonen wurden +hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die c. 26, 3 angespielt +wird.--Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf +bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr (c. 7, 3). + +_Amphibolie_ (Doppelsinn): c. 25, 14. + +_Anagnorisis_ (Erkennung): c. 11, 2 definiert. + +_Anapaest_ und _Trochaeus_, ohne: c. 12, 2. Weil jener ein +Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das +stehend gesungene Chorlied (Stasimon). + +_Artikel_: c. 20, 4. Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne +gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein +schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres +Kapitels. + +_Auletik_: c. 1, 2. Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus +unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine +Instrumentalmusik zu verstehen. + +_Beiwort_, schmückendes (Kosmos): c. 21, 5. Definition und Beispiel sind +ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das +epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als +im Drama ist. + +_Beugung_ (Flexion): c. 20, 7. + +_Bindewort_: c. 20, 3. + +_Buchstabe_: c. 20, 1. + +_Demokratie_ in Megara: c. 3, 4. Um 590 v. Chr. + +_Dithyrambische_ Dichtung: c. 1, 2. Hier und mit _einer_ Ausnahme auch +sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich +beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach c. 4, 8 die Tragödie +hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie +ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei +auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein (c. 26, 1). + +_Episode_: Mit Ausnahme von c. 12, 2. [18, 6], wo das Wort etwa mit +"Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein gebräuchlichen +Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung (S. 84) oder Erzählung +in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht. + +_Flexion_: S. Beugung. + +_Furcht_: Definiert c. 13, 2. + +_Geschlecht_: S. Grammatik und Protagoras. + +_Glosse_ (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): c. 21, 3. + +_Grammatik_ (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): c. 20. 21. Trotz +mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. Protagoras) befand sich die +Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr +wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern +und alexandrinischen Philologen verdankt Der damals festgesetzten +Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen, +bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines +Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ). + +Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar +elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei +dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr +zugehörig bezeichnet hat. + +_Halbvokal_ (Liquida): c. 20, 1. + +_Jambos_: c. 4, 5. 9. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der +Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der +zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich +als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte. +Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit +wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den +Gesprächston nicht hinauszugehen. + +_Katharsis_: "Reinigung": c. 6, 2. Die seit Lessing und besonders seit +Bernays (s. Einleitung S. XV) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik. +Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere +Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt +worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher +einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei +Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine +medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die _Wirkung_, nicht den _Zweck_ +der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und +unzweideutig (c. 4, 2. 13, 6. 14, 2. 23, 1. 26, 8.) eine ihr +eigentümliche _Lustempfindung_. Damit erledigt sich auch die Frage von +selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht (S. 85) die Rede ist, +ein _ethisch-moralisches_ oder ein _aesthetisch-psychologisches_ ist +oder seinsoll. Was dagegen die kathartische _Wirkung_ anbelangt, so +dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu +Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen +Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht +berücksichtigte. + +_Kitharistik_: c. 1, 2. Die Guitarre (Lyra) war das übliche +Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus +wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. c. 1, 2). Dennoch wird +man wohl richtiger auch hier, wie bei der Auletik (s.d.) die reine +Instrumentalmusik verstehen müssen + +_Klepsydra_: S. Wasseruhr. + +_Kosmos_: S. Beiwort, schmückendes. + +_Maschine_: c. 15, 7. Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den +bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine +auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion) +bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen +Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias +entnommenen Beispiel (s. Homer, Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich +von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die +Handlung eingreift, gebraucht. + +_Metapher_: c. 21, 4 definiert. 22, 2. 7. + +_Mimesis_ (nachahmende Darstellung): c. 1, 2 u.ö. Das Wort "Nachahmung" +erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn er bezeichnet +bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen in der +Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden +Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns +und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die +künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles +unberücksichtigt geblieben ist. Auch die _lyrische_ Poesie hat +Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht +ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie +einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung +ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen. + +_Mitleid_: c. 13, 2 definiert. + +_Nachahmende Darstellung_: S. Mimesis. + +_Nichtlauter_ (Muta): c. 20, 1. (S. 86) + +_Nomos_: c. 2, 3. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine +mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch Timotheos +(s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder +entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser +Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt +uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen +Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen. +In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete +Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der +Dithyrambus. + +_Probleme_: c. 25, 1--22 Die literarische, wie die Textkritik der +Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den +homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift +"Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit, +namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen, +sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen +und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig +betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine +Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise +oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der +Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für +homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht +oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von +Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder +geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt +unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten +"Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer +wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele +aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da +man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben +darf. + +8. "_Aber die Lanzen_ usw." Man meinte, daß bei der geschilderten +Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und +so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung +entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht. + +10. "_Die Mäuler zuerst_." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo +gesandten Seuche die "Mäuler" _vor_ den schuldigen Menschen +dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung (S. 87) ist hinfällig, denn, +selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte--es kommt nur noch einmal +in einem Verse der Ilias vor,--so trifft sie doch auf das folgende "_und +die hurtigen Hunde_," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu. + +10. "_Der von Gestalt zwar häßlich_." Das "Problem" ist gar nicht +vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren +herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die +merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der +Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men--alla" +(zwar--jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies +gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch +schnellfüßig). + +10. "_Mische reineren Wein_:" Den Anstoß, den man daran nahm, gibt +Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen +Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das +angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig +Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen. + +11. "_Alle_" im Sinne von "Viele." Aristoteles muß in seinem Homertexte +"alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten, +gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter +dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort +"alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht. + +11. "_Allein nicht teilnimmt_." Die astronomische Unrichtigkeit daß das +Bärengestirn _allein_ unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht +untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung +findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der +Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum +Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe +Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin +Hörner gab (c. 25, 5), anführt. + +12."_Wir gewähren ihm_:" Dieses und das folgende Problem wie seine +Lösung--das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen +Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu +nennen--haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen +erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem +der Akzent bei dem Wort _didomen_ auf die erste oder zweite (S. 88) +Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias +nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so +die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben +von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die +spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker +nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers, +der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu +ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert. +Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben. + +12. "_Das zum Teil_": Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird +oder nicht, bedeutet _ou_ entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem +Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle +unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht +vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber +aufgeworfen zu haben. + +13. "_gemischt was lauter zuvor_." Der fast völlige Mangel jeglicher +Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war +zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle +von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig +sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem +Falle kann man im Griechischen das _zuvor_ ebenso gut mit _gemischt_ als +mit _lauter_ verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig +überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem +Zusammenhang entspricht. + +14. "_der größere Teil_". Man glaubte einen argen Widerspruch in der +angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht +verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter +Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu +lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen +Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O. +zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen +erübrigen. + +15. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten +Ungenauigkeiten beruhen auf einer _Metonymie_, wie der technische +Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet +wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar trinken, so wird in noch +auffälligerer Weise Hebe geradezu _Weinschenkin_ (S. 89) _des Nektar_ +(Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel +abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den +biertrunkenen Germanen _vinolenti_ gebraucht wird. + +Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer +Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus, +daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom +Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu +werden.--Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man +schon längst das Eisen bearbeitete. + +Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die +bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich +verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften". + +16. "_hielt die eherne Lanze an_": Ein vielbehandeltes "Problem". Der +berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze +Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein +Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf +Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas +zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die +Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite +sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker +gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte +Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere +Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat +so ziemlich beseitigt wurde. + +_Prolog_: c. 5, 2. Dieser Prolog der primitiven Komödie ist in der uns +allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren +mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es +nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang +voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren +nennen ihn Thespis.--Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird +der Prolog c. 12, 1 definiert. Wieder ganz anderer Art war der +euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des +Chors unmittelbar folgt. + +_Qualen_, übermäßige: c. 11, 5. Falls nur körperliche gemeint sind, so +wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet zu nennen. Sonst +kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des (S. 90) Orestes im Orestes und in +der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in +Betracht. + +_Satz_ (Wortgefüge): c. 20, 8. + +_Schauspieler_, Zahl der: c. 4, 9. 5, 2. Sie betrug nie mehr als drei. +Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen +und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen +Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als +Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits +Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern +Rollen auf den Leib geschrieben haben. + +_Silbe_: c. 20, 2. + +_Stasimon_: c. 12, 1. + +_Substantivum_: c. 20, 5. + +_Szenerie_, gemalte: c. 4, 9. Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos +von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe. + +_Tetrameter_: c. 4, 9. Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus. + +_Tötung auf der Bühne_: c. 11, 5. Uns ist nur ein Beispiel, der +Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen +Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles +zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185 +vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums +töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben, +Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt +für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der +Klytaimestra (Soph. Elektra). + +_Trimeter_: c. 1, 5. Stets der jambische Trimeter. + +_Trochaeus_: c. 12, 2. S. Anapaest. + +_Tragödie_: c. 1. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der +"Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr +Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in +Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im +Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde. + +/# + --, unglücklicher Ausgang der: c. 13, 4. Einschließlich der noch + erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das + Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden + bei Euripides wie 46:16,[100] bei Sophokles wie 43:24, was (S. 91) + das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein + solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem + Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu + Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte + gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene + Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige + Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu + sein". +#/ + +_Verbum_: c. 20, 6. + +_Verwundungen_: c. 11, 5. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den +Tötungen (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein +sicheres Beispiel gibt ("Der verwundete Odysseus?" s.d.), so wären hier +allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides +und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen. +Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt, +zahlreichere Belege gekannt haben. + +_Vokal_: S. Selbstlaut. + +_Wasseruhr_ (Klepsydra): c. 7, 3. In athenischen wie auch in römischen +Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer +vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben +Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe +berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer +szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder +inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen +hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der +syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart. + + + * * * * * + + +FUßNOTE: + + +[1] Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt mein +Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239--265 + +[2] Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht aufgezählten +zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen. + +[3] Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium dictator +perpetuus. + +[4] Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab. + +[5] Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie würde Dich +die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes denken, Das +nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser Gedanke +ist--nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod non sit +dictum prius. + +[6] Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz. 1900: "Wenn +das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so läßt sich von +einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer durchaus ihm +eigentümlichen Theorie sprechen." + +"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre +Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre +systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten +Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim. + +[7] c. 3, 3. 4. 8, 1. 13, 4. 5. 18, 2. 22, 4. 25, 16. + +[8] Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere Erklärung +der Katharsis ausgefallen. + +[9] Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition. + +[10] Szenische Ausstattung. + +[11] Fabel, Charakter, Gedanken. + +[12] S. unter Wasseruhr. + +[13] Odyss 19, 394--466, aber es ist dies hier nur eine episodische +Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck verfolgt. + +[14] S. Namenverzeichnis unter Kypria. + +[15] Soph. Oed. Tyr. 1002 ff. + +[16] Eur. Medea 1225 ff. + +[17] Soph. Antig. 1281 ff. + +[18] Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff. + +[19] Eur. Medea 1310 ff. + +[20] Homer Ilias 2, 155 ff. + +[21] Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9. + +[22] Homer, Od. 19, 386-475. + +[23] a.a.O. 21, 207--227. + +[24] a.a.O. 19. + +[25] Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747--785. + +[26] a.a.O. 795--821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis dafür?" + +[27] Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I +ff. + +[28] Aisch. Choeph. 168 ff. + +[29] 1002 ff. + +[30] Eur. Iph. Taur. 566 ff. + +[31] Tauros (Krim). + +[32] Artemis. + +[33] Eur. Iphig. Taur. 20 ff. + +[34] Orestes. + +[35] Apollo. + +[36 33] a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff. + +[37] c. 16, 2. + +[38] a.a.O. 274 ff. + +[39] a.a.O. 1130 ff. + +[40] Odysseus. + +[41] Poseidon. + +[42] Telemachos. + +[43] Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der Rinderhirt, +Eurykleia, die Amme des Odysseus. + +[44] Ilias 1, 1. + +[45] Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des Bindeworts +wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen Übersetzung +fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden Definitionen +ist bisher nicht erzielt worden. + +[46] "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges, +vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als +Apposition gefaßt wird. + +[47] Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308. + +[48] Homer, Ilias 2, 272. + +[49] Empedokles, Fragm. 138. 143 D. + +[50] Timotheos Fragm. 22 Wilam. + +[51] Empedokles Fragm. 152 D. + +[52] Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos oder von +Empedokles. + +[53] Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst nicht +nachweisbar. + +[54] Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78. + +[55] Empedokles Fragm. 88 D. + +[56] Homer, Ilias, 5, 393. + +[57] Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint. + +[58] Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter wie den +da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher. + +[59] ˘̅ bezeichnet die falsche Verlängerung. + +[60] Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert, doch ist +der Sinn für die Sache belanglos. + +[61] Hom. Odyss. 9, 515. + +[62] Hom. Odyss. 20, 259. + +[63] Hom. Ilias 17, 265. + +[64] Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665, Andr. 63 +(dómōn, statt domátōn, apó). + +[65] Sehr oft und nicht nur bei Tragikern. + +[66] Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. _pros sethen, +ego nin_. + +[67] Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr nachzuweisen. +Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu stellen. _perí_ +eigentlich = über, um. + +[68] Homer, Ilias 2, 479--779. + +[69] S. unter Ilias, die Kleine. + +[70] Ilias 22, 198 ff. + +[71] Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte Achilles." + +[72] Odyssee 19, 164--260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit ähnelnde Lügen +erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von 220--248, daß +nun auch, die Erzählung in 164--200 wahr sei, was nicht der Fall war. + +[73] Soph. Oed. Tyr. 103 ff. + +[74] Soph. Elekt. 681 ff. + +[75] Telephos. + +[76] Homer, Odyssee 18, 119 ff. + +[77] Siehe Sachverzeichnis unter dem Worte. + +[78] Siehe c. 24, 7. + +[79] Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler. + +[80] Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit betrifft, so gab +es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug auf die Götter." + +[81] Homer Ilias 10, 152 f. + +[82] Homer Ilias, 1, 50 "_Aber die Mäuler zuerst_ griff er an und die +eilenden Hunde." + +[83] Ilias 10, 316. _Der_--_häßlich_, jedoch gar hurtigen Fußes. + +[84] Ilias 9, 202. + +[85] Ilias 10, 11--13 "_Siehe_--_Felde_" 12 staunte er ... 13 "_ob der +Syringen und Pfeifen Getön und der Menge_ der Menschen". + +[86] Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "_Es_ (das Bärengestirn), _das allein +nicht teilnimmt_ am Bad in den Fluten des Meeres." + +[87] Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem steht der +Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. Probleme. + +[88] Ilias, 23, 328. + +[89] Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240). 89: +Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I³ 240). + +[90] Ilias 10, 252f. Von--Teil. Zwei der Teile, jedoch der dritte Teil +blieb noch übrig. + +[91] Ilias 21, 592. + +[92] Ilias 20, 234. + +[93] Nach Ilias 6, 341. + +[94] Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist, S. unter +"Probleme". + +[95] Odyssee 4, 1--619. + +[96] Eur. Medea 658. + +[97] Vgl. c. 15. + +[98] Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und zugleich ein +häufiger Eigenname. + +[99] Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a. sind hier +nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag. + +[100] Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos, sowie +natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die +zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt +wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST *** + +***** This file should be named 16880-0.txt or 16880-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/8/8/16880/ + +Produced by Marc D'Hooghe + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/16880-0.zip b/16880-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6a2898c --- /dev/null +++ b/16880-0.zip diff --git a/16880-h.zip b/16880-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8b17673 --- /dev/null +++ b/16880-h.zip diff --git a/16880-h/16880-h.htm b/16880-h/16880-h.htm new file mode 100644 index 0000000..fed770f --- /dev/null +++ b/16880-h/16880-h.htm @@ -0,0 +1,4861 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Über Die Dichtkunst, by Aristoteles. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + h1,h2 { color: #800000; } + hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + table {margin-left: auto; margin-right: auto;} + + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + background: #FAEBD7; + } + + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;} + .pagenum {position: absolute; left: 92%; font-size: smaller; text-align: right;} /* page numbers */ + .sidenote {width: 20%; padding-bottom: .5em; padding-top: .5em; + padding-left: .5em; padding-right: .5em; margin-left: 1em; + float: right; clear: right; margin-top: 1em; + font-size: smaller; background: #eeeeee; border: dashed 1px;} + + .bb {border-bottom: solid 2px;} + .bl {border-left: solid 2px;} + .bt {border-top: solid 2px;} + .br {border-right: solid 2px;} + .bbox {border: solid 2px;} + + .center {text-align: center;} + .smcap {font-variant: small-caps;} + .u {text-decoration: underline;} + .a {text-decoration: none; color: #000080;} + .sub {font-size: 0.9em;} + + .caption {font-weight: bold;} + + .figcenter {margin: auto; text-align: center;} + + .figleft {float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top: + 1em; margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center;} + + .figright {float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center;} + + .footnotes {border: dashed 1px;} + .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right; color: #000080;} + .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none; + color: #000080;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span {display: block; margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Uber die Dichtkunst + +Author: Aristoteles + +Release Date: October 16, 2005 [EBook #16880] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe + + + + + +</pre> + + + +<!-- Autogenerated TOC. Modify or delete as required. --> + +<!-- End Autogenerated TOC. --> + +<h1><a name="Page_1" id="Page_1"></a>ÜBER DIE DICHTKUNST</h1> + +<h4>BEIM</h4> + +<h2>ARISTOTELES</h2> + +<h5>NEU ÜBERSETZT UND</h5> +<h5>MIT EINLEITUNG UND EINEM ERKLÄRENDEN</h5> +<h5>NAMEN- UND SACHVERZEICHNIS VERSEHEN</h5> + +<h5>VON</h5> + +<h4>ALFRED GUDEMAN</h4> + + +<h4>1921<a name="Page_2" id="Page_2"></a></h4> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h3>VORWORT</h3> + + +<p>Die Aufforderung des Verlegers der Philosophischen Bibliothek +eine Neuauflage der vergriffenen <i>Ueberwegschen</i> Übersetzung der +aristotelischen Poetik (1869) zu besorgen, traf mich mitten in der +Vorbereitung eines exegetischen und kritischen Kommentars des Büchleins +und einer ihn begleitenden ausführlichen Abhandlung zu dessen +Textgeschichte. Unter normalen Umständen hätte ich Bedenken gehabt, die +mir aufgetragene Aufgabe vor der Veröffentlichung jener Arbeiten, die +unter anderem die nähere Begründung und Rechtfertigung meines neuen +Textes bringen werden, zu übernehmen. Wenn ich dennoch diese Bedenken +habe fallen lassen, so geschah dies hauptsächlich aus folgenden Gründen. +Jener Übelstand schien insofern nicht allzu schwerwiegend, weil +derartige kritische Erörterungen philologische Leser zur notwendigen +Voraussetzung haben. Sodann gestatten es die zurzeit herrschenden, jedes +Maß überschreitenden Herstellungskosten wissenschaftlicher Werke +größeren Umfangs noch nicht, einen Erscheinungstermin für obige Arbeiten +auch nur annähernd im voraus zu bestimmen.</p> + +<p>Freilich, an dem ursprünglichen Plane einer Neubearbeitung konnte nicht +festgehalten werden, denn es stellte sich gar bald heraus, daß eine +solche sehr unbefriedigend ausfallen müßte und so entschloß ich mich die +<i>Ueberwegsche</i> Übertragung durch eine ganz neue zu ersetzen. Jene +beruhte nämlich noch auf dem <i>Bekkerschen</i> Texte, der im wesentlichen +nur die Aldina wiedergab, während der meinige, obwohl durchaus +konservativ, selbst von dem <i>Vahlen</i>'s (1886) an fast 300 Stellen +abweicht, ein Ergebnis, das zum großen Teil der bisher nicht genügend +ausgebeuteten syrisch-arabischen Übersetzung zuzuschreiben ist.<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a><a name="Page_3" id="Page_3"></a> +Sodann hatte sich <i>Ueberweg</i>, ebenso wie seine Vorgänger und +Nachfolger, nicht eng genug an den Wortlaut des Originals angeschlossen +und gab so einen m.E. irreführenden Eindruck von dem eigentümlichen, +lehrhaften Charakter der Poetik. Denn sie ist mit ihrer stark +elliptischen und wortkargen Ausdrucksweise und ihren oft stichwortartig +und aphoristisch hingeworfenen Gedanken und Lehrsätzen, ihrer +Entstehungsweise durchaus entsprechend, alles eher als ein Erzeugnis +attischer Kunstprosa. Wir haben nämlich in ihr, um kurz zu sagen, was an +einem anderen Orte ausführlich nachgewiesen werden soll, nicht ein +Exzerpt, sondern nur die Überbleibsel eines Kollegienheftes zu +erblicken, das auf aufmerksame und nachprüfende Leser keinerlei +Rücksicht zu nehmen brauchte und das oft nur leise Angedeutete der +weiteren mündlichen Ausführung überließ. Es kam endlich noch hinzu, daß +ich mir an sehr zahlreichen Stellen die Auffassung <i>Ueberwegs</i> nicht +aneignen konnte. Eine Übersetzung soll aber, zumal die einer technischen +und schwierigen Schrift, wenigstens zum Teil einen Kommentar ersetzen. +Dementsprechend war ich vor allem bemüht, den auf eine neue Recensio +gegründeten Text so wort- und sinngetreu wiederzugeben, wie dies ohne +Schädigung des deutschen Ausdrucks nur irgend möglich war. Daß nun der +textkritische Anhang <i>Ueberwegs</i> in Wegfall kommen mußte, versteht sich +von selbst. Dasselbe Schicksal traf aber auch die erklärenden +Anmerkungen, die im wesentlichen dazu bestimmt waren, wie der Verfasser +selbst angibt, "noch unerledigte Streitfragen ihrer Lösung zuzuführen". +Inwieweit sie diesen Zweck erreicht haben, mag hier unerörtert bleiben,<a name="Page_4" id="Page_4"></a> +in jedem Fall waren auch sie, einige rein sachliche Belege +ausgenommen, für den Leser, welchen die "Philosophische Bibliothek" +vorzugsweise im Auge hat, von keinem nennenswerten Nutzen. Sollte sich +jemand dennoch für diese besonders interessieren so ist ja die alte +Ausgabe in Bibliotheken leicht zugänglich. An deren Stelle sind nun +erklärende Verzeichnisse der Namen und Sachen getreten, die lediglich +das geben sollen, was mir für das unmittelbare Verständnis zweckdienlich +schien, wobei von einer Erläuterung oder gar Kritik der aristotelischen +Lehren natürlich abgesehen werden mußte, um den mir zu Gebote stehenden +Raum nicht zu überschreiten.</p> + +<p>Was die ebenfalls neu hinzugekommene Einleitung anbelangt, so bezweckt +auch sie nur eine vorläufige Orientierung. Für die ausführlicheren +Darlegungen aller darin kurz behandelten Fragen muß ich wiederum auf die +obenerwähnten Arbeiten verweisen, in der Hoffnung daß deren Erscheinen +dennoch in absehbarer Zeit ermöglicht wird.</p> + +<p>Meinem Mitleser, Herrn Professor E. Wüst (München), bin ich für seine +wertvolle Hilfe zu besonderem Dank verpflichtet.</p> + +<p>München, Juli 1920.</p> + +<p>Alfred Gudeman.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_5" id="Page_5"></a>INHALTSVERZEICHNIS</h4> + +<p> +<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_10" class="a">Einleitung</a></span> +<br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">I. Allgemeiner Teil: c. 1—5.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">1. Kurze Inhaltsangabe: <a href="#a_1" class="a">c. 1, 1</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">2. Dichtungen sind nachahmende Darstellungen: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">3. Dreifacher Unterschied: <a href="#a_3" class="a">c. 1, 3—3, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Nach den Mitteln: <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4—6</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(1) Harmonie und Rhythmus (Instrumentalkünste): <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(2) Bloßer Rhythmus (Tanzkunst): <a href="#a_4" class="a">c. 1, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(3) Bloße Rede, in Prosa oder Versen (Epos, Mimen, Sokratische</span><br /> +<span style="margin-left: 21em;">Dialoge): <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(4) Harmonie, Rhythmus, Verse (Dithyrambos, Nomos, Drama): <a href="#a_6" class="a">c. 1, 6</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Nach den Gegenständen (Edle und unedle Handlungen): <a href="#b_1" class="a">c. 2, 1—3</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Nach der Art und Weise: <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1—2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(1) Erzählend (Epos): <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(2) Handelnd (Drama): <a href="#c_1" class="a">c. 3, 1</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(3) Schlußfolgerung: <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">4. Einschaltung über die dorischen Ansprüche auf die Erfindung des Dramas,</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">insbesondere der Komödie: <a href="#c_3" class="a">c. 3, 3—4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">5. Die zwei natürlichen, der Poesie zugrundeliegenden Ursachen.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Nachahmungstrieb und Freude an der Nachahmung: <a href="#d_1" class="a">c. 4, 1—2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Gefühl für Rhythmus und Harmonie: <a href="#d_3" class="a">c. 4, 3</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">6. Spaltung der Dichtungsgattungen nach der Sinnesart der Dichter.</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">Die literargeschichtliche Entwicklung: <a href="#d_4" class="a">c. 4, 4—5, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">7. Unterschied zwischen Epos und Tragödie, insbesondere den Umfang betreffend:</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;"><a href="#e_3" class="a">c. 5, 3—4</a>.</span><br /> +</p> +<hr style='width: 45%;' /> +<p> +<span style="margin-left: 14em;">II. Besonderer Teil: c. 6—26.</span><br /> +<br /> + +<span style="margin-left: 14em;">A. <i>Die Tragödie</i>: <a href="#KAPITEL_VI" class="a">c. 6—22</a>.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">1. Die Definition der Tragödie: <a href="#f_1" class="a">c. 6, 1—2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">2. Die sechs qualitativen Teile: <a href="#f_3" class="a">c. 6, 3—5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">3. Deren Rangordnung: <a href="#f_6" class="a">c. 6, 6—15</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Die Fabel: <a href="#f_6" class="a">c. 6, 6—10</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Die Charaktere: <a href="#f_11" class="a">c. 6, 11</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Die Gedanken: <a href="#f_12" class="a">c. 6, 12—13</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">d) Der sprachliche Ausdruck: <a href="#f_14" class="a">c. 6, 14</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">e) Die musikalische Komposition: <a href="#f_15" class="a">c. 6, 15</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">f) Die szenische Ausstattung: <a href="#f_15" class="a">c. 6, 15</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">4. Die Fabel: <a href="#KAPITEL_VII" class="a">c. 7—14. 16—18</a>.</span><a name="Page_6" id="Page_6"></a><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Sie muß ein richtiges Ganze von einem bestimmten Umfang sein:</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;"><a href="#g_1" class="a">c. 7, 1—3</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Einheit der Handlung, nicht Einheit der Person erforderlich:</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;"><a href="#h_1" class="a">c. 8, 1—4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Der Unterschied des Dichters und des Geschichtsschreibers:</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;"><a href="#i_1" class="a">c. 9, 1—7</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">d) Episodische Fabeln ein Verstoß gegen die Einheit: <a href="#i_8" class="a">c. 9, 8</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">e) Das Wunderbare und der Zufall als dramatische Motive: <a href="#i_9" class="a">c. 9, 9</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">f) Einfache und verflochtene Fabeln: <a href="#j_1" class="a">c. 10, 1—2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">g) Die drei Teile der Fabel: <a href="#KAPITEL_XI" class="a">c. 11</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 22em;">(1) Peripetie: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(2) Erkennung: <a href="#k_2" class="a">c. 11, 2—4</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(3) Die leidvolle Tat (Pathos): <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">h) Exkurs über die quantitativen Teile der Tragödie: <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1—2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 22em;">(1) Prolog.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(2) Epeisodion.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(3) Chorlied (Parodos, Stasimon, Kommos).</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(4) Exodos.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">i) Wie die Fabel beschaffen sein muß, um Mitleid und Furcht zu</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">erregen: <a href="#KAPITEL_XIII" class="a">c. 13—14</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(1) Der Held muß eine Mittelstellung einnehmen zwischen</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">dem Makellosen und dem Bösewicht: <a href="#m_1" class="a">c. 13, 1—3</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(2) Der einfache Ausgang dem doppelten vorzuziehen: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4—6</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(3) Die vier Arten der Handlung, die Mitleid und Furcht erregen</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">und deren Rangordnung: <a href="#KAPITEL_XIV" class="a">c. 14,1—9</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 22em;">(a) A kennt B und tötet ihn.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(b) A kennt B nicht und tötet ihn, mit oder ohne</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">Erkennung nach der Tat.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(c) A kennt B und steht von dem Versuch ab, ihn</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">zu töten.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(d) A kennt B nicht, durch Erkennung an dem</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">Versuch ihn zu töten verhindert.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">5. Die vier Charaktereigenschaften und ihre Gegensätze: <a href="#KAPITEL_XV" class="a">c. 15, 1—10</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Sittlich-gut: <a href="#o_1" class="a">c. 15, 1</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">b) Angemessen: <a href="#o_2" class="a">c. 15, 2</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">c) Historisch ähnlich: <a href="#o_3" class="a">c. 15, 3</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">d) Konsequent: <a href="#o_4" class="a">c. 15, 4</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">e) Gegensätze: <a href="#o_5" class="a">15, 5—10</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">6. Die verschiedenen Erkennungsarten und ihr Kunstwert:</span><br /><a name="Page_7" id="Page_7"></a> +<span style="margin-left: 16em;"><a href="#KAPITEL_XVI" class="a">c. 16, 1—5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Zeichen: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(1) Angeborene.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(2) Erworbene.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(a) Körperliche.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(b) Andere äußerliche.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Vom Dichter erfundene Erkennungsarten: <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Vermittelst der Erinnerung: <a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">d) Vermittelst einer Schlußfolgerung: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">7. Vorschriften für die Komposition der Tragödie: <a href="#KAPITEL_XVII" class="a">c. 17—18</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Der Dichter muß sich die Situation leibhaft vergegenwärtigen</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;"><a href="#q_1" class="a">c. 17, 1</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Er muß die Gefühlsstimmungen seiner Personen an sich selbst</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">darstellend erproben: <a href="#q_2" class="a">c. 17, 2</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Er muß erst einen allgemeinen Umriß der Fabel entwerfen</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">und dann Namen und Episoden einfügen: <a href="#q_3" class="a">c. 17, 3</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">d) Die Episoden müssen begrenzt sein: <a href="#q_4" class="a">c. 17, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">e) Schürzung und Lösung des dramatischen Knotens: <a href="#r_1" class="a">c. 18, 1—3</a></span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">f) Die Tragödie darf nicht episch angelegt sein: <a href="#r_4" class="a">c. 18, 4—5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">g) Der Chor muß die Rolle eines Schauspielers annehmen</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">und eng mit der Handlung verknüpft sein. Daher chorische</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">Intermezzi (Embolima) zu verwerfen: <a href="#r_6" class="a">c. 18, 6</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">8. Die Gedankenbildung in das Gebiet der Rhetorik verwiesen: <a href="#s_1" class="a">c. 19, 1</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">9. Der sprachliche Ausdruck: <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2—c. 22</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">a) Die Modalitäten der Rede: <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">Befehl (Imperativ)—Wunsch (Optativ)—Erzählung (Indikativ)—Drohung,</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">Frage und Antwort.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">b) Die Bestandteile der Rede: <a href="#KAPITEL_XX" class="a">c. 20, 1—8</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(1) Buchstabe: <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(2) Silbe: <a href="#t_2" class="a">c. 20, 2</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(3) Bindewort: <a href="#t_3" class="a">c. 20, 3</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(4) Artikel: <a href="#t_4" class="a">c. 20, 4</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(5) Substantiv: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(6) Verbum: <a href="#t_6" class="a">c. 20, 6</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(7) Flexion: <a href="#t_7" class="a">c. 20, 7.</a></span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(8) Satz: <a href="#t_8" class="a">c. 20, 8</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">c) Ausdrucksarten: <a href="#KAPITEL_XXI" class="a">c. 21</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(1) Komposita: <a href="#u_1" class="a">c. 21, 1</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 20em;">(2) Wortklassen: <a href="#u_2" class="a">c. 21, 2.</a></span><br /> + +<span style="margin-left: 22em;">(a) Allgemein gebräuchliche Ausdrücke: <a href="#u_3" class="a">c 21, 3</a>.</span><br /><a name="Page_8" id="Page_8"></a> +<span style="margin-left: 22em;">(b) Glosse: <a href="#u_3" class="a">c 21, 3</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(c) Metapher: <a href="#u_4" class="a">c. 21, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 24em;">aa. Von der Gattung auf die Art.</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">bb. Von der Art auf die Gattung,</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">cc. Von der Art auf die Art.</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">dd. Auf Grund einer Proportion.</span><br /> + +<span style="margin-left: 22em;">(d) Schmückendes Beiwort: <a href="#u_5" class="a">c. 21, 5</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(e) Neugebildetes Wort: <a href="#u_6" class="a">c. 21, 6</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(f) Verlängertes und verkürztes Wort: <a href="#u_7" class="a">c. 21, 7</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">(g) Umgewandeltes Wort: <a href="#u_8" class="a">c. 21, 8</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 20em;">(3) Das grammatische Geschlecht: <a href="#u_9" class="a">c. 21, 9</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 18em;">d) Die Güte des sprachlichen Ausdrucks: <a href="#KAPITEL_XXII" class="a">c. 22, 1—8</a>.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">B. <i>Das Epos</i>: <a href="#KAPITEL_XXIII" class="a">c. 23—c. 24</a>.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">1. Einheit und Umfang des Epos. Vorzüge Homers: <a href="#w_1" class="a">c. 23-24, 4</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">2. Einheitliches Versmaß: <a href="#x_5" class="a">c. 24, 5</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">3. Weitere homerische Vorzüge: <a href="#x_6" class="a">c. 24, 6</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">4. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Epos und Tragödie</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">in der Behandlung gleichzeitiger Ereignisse: <a href="#x_7" class="a">c. 24, 7</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">5. Homer als Lehrer der zweckmäßigen Lüge (dichterische</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">Illusion): <a href="#x_8" class="a">c 24, 8</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">6. Das Vernunftwidrige im Epos: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>.</span><br /> + +<span style="margin-left: 14em;">7. Der sprachliche Ausdruck im Epos: <a href="#x_10" class="a">c. 24, 10</a>.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">C.<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> Die <i>fünf Probleme</i> (kritischen Einwendungen) in einem</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">Dichtwerk und deren <i>zwölf Lösungen</i> (Widerlegungen,</span><br /> +<span style="margin-left: 16em;">Rechtfertigungen): <a href="#KAPITEL_XXV" class="a">c. 25, 1—22</a>.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 18em;">(I.) Das <i>Unmögliche</i>:</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">1. Es entspricht dem Zwecke der Kunst.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">2. Es betrifft Unwesentliches, Zufälliges.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">(II.) Das <i>Vernunftwidrige</i> oder Unwahrscheinliche.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">3. Es hätte so sein sollen (Idealisierung).</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">4. Es entspricht dem allgemeinen Glauben.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">5. Es ist historisch beglaubigt.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">(III.) Das <i>moralisch Schädliche</i>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">6. Der an das Sittliche zu legende Maßstab ist ein</span><br /> +<span style="margin-left: 24em;">relativer.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">(IV.) Das <i>Widerspruchsvolle</i>.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">7. Auf Grund des dialektischen Verfahrens zu lösen.</span><br /> +<span style="margin-left: 18em;">(V.) <i>Verstoß gegen die Kunstrichtigkeit</i>.</span><br /><a name="Page_9" id="Page_9"></a> +<span style="margin-left: 22em;">8. Auf Grund der Annahme einer Glosse oder Metapher.</span><br /> +<span style="margin-left: 22em;">9. Der Prosodie (Akzent und Spiritus).</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">10. Der Interpunktion.</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">11. Der Amphibolie (Doppelsinn).</span><br /> +<span style="margin-left: 21.5em;">12. Des Sprachgebrauchs.</span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;">D. Warum die Tragödie vor dem Epos den Vorzug verdient: <a href="#KAPITEL_XXVI" class="a">c. 26, 1—9</a></span><br /> + +<br /> +<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_91" class="a">Namenverzeichnis</a></span><br /> +<br /> +<span style="margin-left: 14em;"><a href="#Page_106" class="a">Sachverzeignis</a></span> +</p> +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h3><a name="Page_10" id="Page_10"></a>EINLEITUNG</h3> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>1. Die Bedeutung der Poetik.</p> + +<p>Es gibt kein Werk gleich geringen Umfangs, das sich auch nur +entfernt mit dem Einfluß messen kann, den die aristotelische Poetik +Jahrhunderte lang ausgeübt hat. Freilich werden wir heute nicht mehr, +wie einst <i>Lessing</i>, deren Lehren für ebenso unfehlbar halten wie die +Elemente des <i>Euklid</i>. Im Gegenteil, man wird ohne weiteres zugeben +müssen, daß für die Dramatiker der Gegenwart—das Epos kommt nicht in +Betracht da es ganz in dem Roman aufgegangen ist—<i>Aristoteles</i> als +literarischer Gesetzgeber ein völlig überwundener Standpunkt ist.</p> + +<p>Andrerseits ist es aber nicht minder wahr, daß auch heute noch niemand +der Kenntnis der Poetik schadlos entraten kann, der auch nur +oberflächlich sich mit den Literaturen, namentlich Italiens, Frankreichs +und Englands vom 16. bis etwa zur Mitte des 18. Jahrh., beschäftigen +will. Und ebensowenig darf der Ästhetiker, der literarische Kritiker +oder Literarhistoriker an diesem Büchlein achtlos vorübergehen, sollen +seine rein theoretischen Darlegungen über viele in das Gebiet der +Dichtkunst einschlägige Probleme nicht von vornherein einer wichtigen +Grundlage entbehren. Was vollends dem klassischen Philologen die Poetik +des Aristoteles ist und stets sein wird, bedarf keines weiteren Wortes.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>2. Die Poetik im Altertum.</p> + +<p>Unter diesen Umständen mag es auf den ersten Blick sehr befremden, daß +sich im Altertum selbst bisher keine sicheren Spuren einer aus erster +Hand geschöpften <a name="Page_11" id="Page_11"></a>Kenntnis, geschweige denn eines Einflusses der +aristotelischen Poetik haben nachweisen lassen. Dagegen spricht +auch nicht eine Anzahl direkter Zitate bei späten Erklärern des +<i>Aristoteles</i>, zumal man nicht einmal ohne weiteres annehmen darf, daß +jene Stellen nicht einfach den von ihnen ausgeschriebenen, älteren +Quellen entlehnt sind.</p> + +<p>Zur Erklärung dieser bemerkenswerten Tatsache mag vielleicht folgendes +dienen. Zunächst scheint unsere Poetik überhaupt zuerst von <i>Andronikos</i> +v. Rhodos, einem Zeitgenossen <i>Ciceros</i>, zusammen mit anderen Werken des +<i>Aristoteles</i> in Rom herausgegeben worden zu sein. <i>Horaz</i>, bzw. sein +viel älterer Gewährsmann, <i>Neoptolemos</i> v. Parion (c. 260 v. Chr.), +zeigt trotz mancher sachlichen Übereinstimmungen keine direkte Benutzung +der Schrift und dasselbe gilt von einem uns nur in Bruchstücken +erhaltenen, umfangreichen Werke "Über die Dichtungen", dessen Verfasser +<i>Philodemos</i> v. Gadara zum Freundeskreise des Horaz gehörte. Sodann +brachten die Griechen der römischen Kaiserzeit der Poesie überhaupt +nicht das geringste Interesse entgegen. Ist uns doch aus dieser ganzen +Epoche keine einzige Tragödie auch nur dem Titel nach bekannt. An die +Stelle der Komödie waren der dramatische, aber literarisch wertlose +Mimus und der Pantomimus getreten und die wenigen uns meist erhaltenen +Epen, wie die des Oppian, <i>Quintus Smyrnaeus, Claudian, Kolluthos, +Triphiodor</i>, ja selbst des <i>Nonnos</i>, stammen aus sehr später Zeit und +kommen als echte Kunstwerke überhaupt nicht in Betracht, wie sie denn +auch von den Lehren des <i>Aristoteles</i> keinen Hauch verspüren lassen. Es +darf daher nicht Wunder nehmen, daß eine wissenschaftliche Technik des +Dramas und des Epos, wie unsere Poetik, keinerlei Beachtung fand oder +finden konnte. Diese der Dichtkunst allenthalben <a name="Page_12" id="Page_12"></a>entgegengebrachte +Gleichgültigkeit wird es wohl auch zum Teil verschuldet haben, +daß zahlreiche andere literargeschichtliche Werke des Aristoteles ganz +verloren gingen. So vor allem die "Didaskalien", eine vollständige Liste +aller in Athen aufgeführten Dramen, der reichhaltige Dialog "Über die +Dichter" in 3 B., von dem uns noch einige Bruchstücke mannigfachen +Inhalts erhalten sind, und die "Pragmateia (Untersuchung der +Dichtkunst", in 2 B. In dieser wird Aristoteles das, was in dem +unvollständig auf uns gekommenen Kollegienheft skizzenhaft entworfen +oder zwecks weiterer mündlicher Ausführung nur angedeutet war, +erschöpfend, wie wir es bei ihm gewohnt sind, behandelt haben. Unsere +Poetik verdankt ihre Erhaltung wohl nur dem glücklichen Umstand, daß sie +als Anhängsel der Rhetorik oder der Logik, die als Schulfächer sich +stets eifriger Pflege erfreuten, betrachtet und so mit diesen Schriften +vereint überliefert wurde.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>3. Textgeschichte.</p> + +<p>Die nachweisbar älteste Handschrift war ein in Unzialen ohne +Worttrennung oder Interpunktion geschriebener mit zahlreichen +Randbemerkungen versehener und spätestens dem 5./6. Jahrh. angehöriger +Kodex, dem der Schluß der Poetik aber ebenfalls bereits abhanden +gekommen war. Im 9. Jahrh. wurde er von einem Nestorianischen Mönch +wörtlich ins Syrische übersetzt. Diese Übertragung bildete ihrerseits +die Vorlage für die arabische Übersetzung des <i>Abu Bishar Matta</i> +(990—1037), die in einer arg ververstümmelten und lückenhaften Pariser +Hs des 11. Jahrh. erhalten ist. Aufs dem arabischen Text beruhte die +jämmerlich verkürzte, zum Teil sinnlose Paraphrase des berühmten +arabischen Gelehrten <i>Averröes</i> (1126 <a name="Page_13" id="Page_13"></a>bis 1198), denn die +orientalischen Übersetzer standen dem Inhalt der Poetik mit der +denkbar tiefsten Verständnislosigkeit gegenüber. Eine genaue +Untersuchung hat aber den unwiderleglichen Beweis erbracht, daß jene +alte, griechische Hs einen weit vorzüglicheren Text darbot als die +älteste uns erhaltene Hs, der Parisinus 1741 aus dem 10. Jahrh. und daß +die bisher fast allgemein geltende Ansicht, dieser sei der Stammvater +aller späteren, übrigens sehr zahlreichen Hss, den Tatsachen nicht +entspricht.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>4. Die Poetik in der Neuzeit.</p> + +<p>Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß gerade um die Zeit, da die +Hegemonie des <i>Philosophen Aristoteles</i>, der die Gedankenwelt des +Mittelalters beherrscht hatte, sich ihrem Ende zuneigte, seine Poetik +aus langer Vergessenheit im Abendlande wieder auftauchte und er nun +alsbald als literarischer Diktator, gleichsam als Ersatz für das +verlorene Reich, einen erneuten Siegeslauf antrat. Die Poetik erschien +zuerst in einer wörtlichen lateinischen Übersetzung des <i>Georgius Valla</i> +(1498), die editio princeps des Originals zehn Jahre später in einer +Aldina. Den ersten Kommentar lieferte F. <i>Robortelli</i> (Florenz l548), +dem innerhalb zwei Dezennien drei weitere gelehrte und umfangreiche +Kommentare folgten: <i>Madius</i> (Venedig 1550), <i>P. Victorius</i> (Florenz +1560) und <i>Castelvetro</i> (Wien 1570). Bis etwa zur Wende des 18. Jahrh. +waren bereits mehr als 100 Ausgaben und Übersetzungen erschienen—die +Poetik wurde öfter als irgendein anderes Werk griechischer Prosa +herausgegeben,—doch ist im wesentlichen, weder in der Textkritik noch +in der Erklärung, ein nennenswerter Fortschritt über die genannten +Leistungen <a name="Page_14" id="Page_14"></a>zu verzeichnen. Ein solcher trat erst mit den Arbeiten +zweier Engländer, <i>Twining</i> (1789) und <i>Tyrwhitt</i> (1794) ein, +während <i>Lessing</i> etwas früher in der Hamburgischen Dramaturgie (1767/8) +das Studium der Poetik in Deutschland zu neuem Leben erweckte. Die erste +deutsche Übersetzung von <i>Curtius</i> (1755) war nämlich als solche sehr +kläglich ausgefallen und die ihr beigegebenen Abhandlungen waren ganz +von <i>Dacier</i> (1692) abhängig und in Gottschedschem Geiste geschrieben +Sie hat aber insofern ein gewisses historisches Interesse, weil sowohl +<i>Goethe</i> wie <i>Schiller</i> die aristotelische Schrift aus ihr kennen +lernte. Eine neue Epoche sowohl für die Textkritik wie für die Erklärung +begann dann erst wieder mit <i>Vahlen</i>, der zuerst konsequent die Recensio +auf die älteste Hs, den Parisinus 1741 (A<sup>c</sup>), aufbaute und in +seinen "Beiträgen zu <i>Aristoteles</i> Poetik" ("Wien 1865/6), einer der +hervorragendsten hermeneutischen Leistungen unserer Wissenschaft, das +Verständnis der Poetik mächtig förderte. Mehr negativ von Bedeutung war +sodann die glänzende Abhandlung von <i>J. Bernays</i> (1857) über die +Katharsis da sie der Ausgangspunkt einer gewaltigen Kontroverse wurde, +die bis auf den heutigen Tag noch nicht zur Ruhe gekommen ist.</p> + +<p>Etwa gleichzeitig mit jenen vier großen italienischen Kommentatoren des +16. Jahrh. begann die literarische Kritik sich mit den Lehren der +Schrift zu beschäftigen, wobei der Einfluß des <i>Castelvetro</i> besonders +verhängnisvoll werden sollte, denn das berühmte Gesetz der "Drei +Einheiten," der Handlung, der Zeit und des Ortes, von denen +<i>Aristoteles</i> einzig und allein die erste kennt und fordert, beruht auf +einem Mißverständnis des <i>Castelvetro</i>. Sogenannte "Poetiken" sprangen +vom 16. Jahrh. wie Pilze aus dein Boden. Samt und sonders nehmen sie zu +den wirklichen, leider <a name="Page_15" id="Page_15"></a>zu oft auch zu den vermeintlichen Lehren des +<i>Aristoteles</i> Stellung und gar bald versuchten epische und +dramatische Dichter, zuerst in Italien, dann in Frankreich jene Lehren +praktisch zu verwerten. Unter den Kritikern und Verfassern von +Lehrbüchern der Dichtkunst des 16. Jahrh. seien hier nur die +einflussreichsten genannt, was aber keineswegs immer besondere +Originalität oder Selbständigkeit voraussetzt: <i>Minturno</i>, De poeta +(1559), <i>J.C. Scaliger</i>, Poetices libri VII (1561),<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> <i>Sir Philip +Sidney</i>, Defense of Poesy (c. 1583, gedruckt 1595), <i>Patrizzi</i>, Della +Poetica (1586), ein fanatischer Gegner des <i>Aristoteles</i> und seiner +Poetik. Von Dichtern, die unter dem Einfluß des <i>Aristoteles</i> standen +und in eigenen Abhandlungen oder auch in Einleitungen zu ihren Werken +sich mit ihm auseinandersetzten, seien erwähnt: <i>Trissino</i>, dessen +"Sophonisba" als die erste italienische Tragödie gilt (1555), +<i>Fracastoro</i>, Naugerius sive de Poetica dialogus (1555), <i>T. Tasso</i>, +Discorsi dell' Arte Poetica (1586), <i>Jean de la Taille</i>, Préface zu Saul +(1572). Dieser und die früheren französischen Kritiker überhaupt wie +<i>Jodelle</i>, der Verfasser der ersten französischen Tragödie, Cleopâtre +(1552), <i>Vauquelin de la Fresnaye</i>, Art poetique (begonnen 1574, +gedruckt 1605), <i>Ronsard</i> und die anderen Mitglieder der Pléiade, sie +alle beschäftigten sich mehr oder weniger eingehend mit den +aristotelischen Lehrsätzen, aber sie verdankten deren Kenntnis, wie es +scheint, meist nicht dem Original, sondern den Arbeiten ihrer +italienischen Vorgänger. Dies änderte sich erst im 17. Jahrh., als der +heftige Streit um die "Regeln" in den Mittelpunkt des literarischen +Interesses trat. <i>Mairet</i>, der die erste "regelrechte" <a name="Page_16" id="Page_16"></a>Tragödie, +"Sophonisbe", (1629) verfaßte, kannte die Poetik aus erster +Hand, wie er selbst in der Vorrede zu "Silvanire" (1626) bezeugt, und +dies gilt natürlich auch von den Führern in der Cid-Kontroverse +(1636—1640), wie <i>Chapelain</i> und <i>Hedelin d'Aubignac</i>. <i>Corneille</i> +selbst aber scheint sie erst am Ende seiner dramatischen Laufbahn aus +erster Hand kennen gelernt zu haben, obwohl er in einigen früheren +Vorreden zu seinen Dramen wiederholt auf <i>Aristoteles</i> Bezug nimmt. In +seinen drei "Discours" macht er sodann den freilich vergeblichen Versuch +nachzuweisen, daß seine Tragödien den Lehren der Poetik allenthalben +entsprechen.</p> + +<p>Engländern wurde die Poetik durch die Italiener und Franzosen +vermittelt, doch spielte sie bei ihnen nie eine so große Rolle, und auch +diese beschränkte sich fast ausschließlich auf jene drei "Einheiten." +Daß <i>Shakespeare</i> diese kannte, geht aus der Ansprache an die +Schauspieler im Hamlet, den Prologen zu Heinrich V. und dem "Chorus" der +Zeit im Wintermärchen (IV<sub class="sub">1</sub>) hervor. Da er sich sonst ihnen gegenüber +noch weit gleichgültiger verhält als seine dramatischen Zeitgenossen +(ein <i>Marlow, Jonson, Greene, Beaumont</i> und <i>Fletcher</i>), so möchte ich +doch hier nicht unterlassen, wenigstens auf eine interessante Tatsache +hinzuweisen, weil sie bisher m.W. nicht beobachtet worden ist. Die +beiden letzten <a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Dramen aus seiner Feder sind das "Wintermärchen" und +der "Sturm." Während nun in dem ersteren die "Einheiten" weit gröblicher +verletzt werden als in irgend einem anderen Stücke, hat er diese im +"Sturm" und in ihm allein so streng wie nur irgend möglich durchgeführt. +Sollte er damit haben zeigen wollen, daß für den wahren Dramatiker <a name="Page_17" id="Page_17"></a>die +Einhaltung oder die Vernachlässigung der Regeln," soweit die +Wirkung in Betracht kommt, gleichgültig ist? Um die Mitte des 17. Jahrh. +haben dann <i>Milton</i>, in der Einleitung zu seiner Tragödie "Samson +Agonistes" (1671), und insbesondere <i>Dryden</i>, namentlich in seinem +"Essay über dramatische Poesie" (1668), der aristotelischen Poetik ein +besonderes Interesse zugewandt, letzterer allerdings ganz unter dem +Einfluß von <i>Corneille Rapin, de Bossu</i> und <i>Boileau</i>.</p> + +<p>Die Beschäftigung mit unserer Poetik in Deutschland beginnt, wie +erwähnt, mit <i>Lessing</i>. <i>Goethe</i> und durch ihn veranlaßt auch Schiller +(nach 1797) haben sich lebhaft mit ihr befaßt. In ihrem +Gedankenaustausch über die Schrift spiegelt sich die Eigenart der beiden +Dichterfürsten in charakteristischer Weise wieder, doch hat man die +Empfindung, daß in diesem Briefwechsel <i>Schiller</i> durchaus der Gebende +ist. Noch wenige Jahre (1826) vor seinem Tode ist <i>Goethe</i> in seiner +ganz kurzen "Nachlese zur Poetik" nochmals auf den Gegenstand +zurückgekommen, worin er, wohl durch seine künstlerische Weltanschauung +verleitet, eine ganz falsche Übersetzung des Schlusses der +Tragödiendefinition gibt.</p> + +<p>Im 19. Jahrh. ist es, von der mächtigen Wirkung der bereits erwähnten +Abhandlung von <i>Bernays</i> abgesehen, vor allem die Ästhetik, die sich +allenthalben mit unserer Poetik auseinandersetzt, so <i>E. Müller, +Vischer, Volkelt, Günther, Walter, W. Dilthey, Lippe, Bosanquet, +Nietzsche, Baumgart</i> und <i>Carrière</i>, um nur diese zu nennen. In den +Hauptfragen wie über den Ursprung der Poesie, den Begriff des +Kunstschönen, den Endzweck der Dichtung, sind manche dieser Forscher +zwar zu neuen und eigenartigen aber im großen und ganzen keineswegs +einwandfreieren oder sichereren Ergebnissen gelangt, als <a name="Page_18" id="Page_18"></a>sie schon in +den kurzen, fast ohne Begründung hingeworfenen Lehrsätzen des +<i>Aristoteles</i> uns vorliegen.</p> + +<hr style='width: 45%;' /> + +<p>5. Die Quellen der Poetik.</p> + +<p>Originalität ist ein rein relativer Begriff, ja in einem gewissen Sinne +gibt es eine solche überhaupt nicht, ist doch jeder Denker ein Erbe der +Vergangenheit<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> und irgendwie von Vorgängern, wenn nicht direkt +abhängig, so doch, und zwar oft unbewußt, beeinflußt. Andrerseits steckt +nicht minder häufig in der Art, wie ein Forscher den ihm vorliegenden +Stoff verarbeitet, in der Beleuchtung, in die er ihn rückt, in dem +Zusammenhang in den er ihn einreiht oder, falls er sich mit ihm im +Widerspruch befindet, in der Begründung seines entgegengesetzten +Standpunkts ein ebenso hoher Grad von Selbständigkeit und Originalität +als in dem ganz Neuen, das er im übrigen bringen mag. So ist denn +zweifellos auch die Poetik des <i>Aristoteles</i> nicht wie Athene in voller +Rüstung aus dem Haupte des Zeus entsprungen, auch er hat, und zwar +nachweisbar, eine umfangreiche Literatur über seinen Gegenstand, vor +allem in den Schriften der <i>Sophisten</i>, schon vorgefunden und so weit +zweckdienlich verwertet oder auch zu widerlegen sich veranlaßt gefühlt. +Gegen das Verdammungsurteil, das <i>Platon</i> gegen das Epos und Drama +geschleudert hat, bildet die Poetik als Ganzes gleichsam einen +stillschweigenden Protest, der in einer Anzahl Stellen sogar deutlich +und greifbar hervortritt, obwohl er den Namen seines Lehrers niemals +nennt. <a name="Page_19" id="Page_19"></a>Daß einzelne Gedankengänge <i>Platons</i> über +die Dichtkunst auf <i>Aristoteles</i> eingewirkt, seinen Theorien eine gewisse Richtung gegeben +und ihn bewogen haben zu ihm seinerseits Stellung zu nehmen, ist fast +selbstverständlich und allgemein anerkannt.</p> + +<p>Wenn aber neuerdings in einem geistvollen und formvollendeten Buche,<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> +das sich nicht nur an fachkundige Leser wendet, der Versuch gemacht +worden ist, dem Verfasser der Poetik jede Originalität abzusprechen und +sie zu einem bloßen Echo platonischer Gedanken herabzusetzen, so muß +gegen diese tendenziöse Entstellung des wirklichen Tatbestandes der +schärfste Einspruch erhoben werden. Die Widerlegung dieser Verirrung +eines sonst trefflichen Gelehrten im Einzelnen kann hier nicht +unternommen werden, ich muß mich damit bescheiden, auf einige wenige +Punkte aufmerksam zu machen, die aber allein schon genügen dürften, die +angewandte Beweisführung in ein grelles Licht zu setzen und den Versuch +selbst ad absurdum zu führen. Angesichts seiner unten[5b] zitierten, +durch nichts gemilderten Behauptungen ist die Beobachtung geradezu +verblüffend, daß diese sich, soweit das Verhältnis des <i>Aristoteles</i> zu +<i>Platon</i> überhaupt in Frage kommen könnte, so gut wie ausschließlich auf +eine Anzahl Lehrsätze und Gedanken der ersten sechs Kapitel beschränken! +Sodann ist zu bemerken, daß <i>Platon</i> sich zwar mehr oder minder +ausführlich über Zweck, Wirkung, Charakter und Urs<a name="Page_20" id="Page_20"></a>prung der Dichtung +ausgesprochen hat, daß aber von einer Technik der +Dichtkunst—und das ist doch wohl unsere Poetik—sich schlechterdings +nichts findet, was dem <i>Aristoteles</i> als Grundlage oder Quelle der +Erkenntnis hätte dienen können. Selbst die platonische Auffassung der +nachahmenden Tätigkeit des Künstlers (Mimesis) weicht durch ihre +Verknüpfung mit der Ideenlehre von der des <i>Aristoteles</i> sehr erheblich +ab. Und dasselbe gilt von einer großen Anzahl gelegentlicher Äußerungen, +wie über die furcht- und mitleiderregende Wirkung der Tragödie, über den +Unterschied zwischen dem Drama und dem Epos, über die der Dichtung +zugrundeliegenden Ursachen und über den Dithyrambus als nicht mimetische +Darstellung. Und selbst bei diesen Fragen ergibt oft die Art der +Betrachtung, daß <i>Platon</i> sie nicht zuerst aufgeworfen, sondern zu +anderweitig bereits erörterten literarischen Problemen seinerseits, sei +es zustimmend, sei es ablehnend, Stellung nimmt. Mit welchen +Gewaltmitteln die Abhängigkeit des <i>Aristoteles</i> von <i>Platon</i> glaubhaft +gemacht werden soll, dafür sei wenigstens ein besonders krasses Beispiel +angeführt. Mit der dem <i>Aristoteles</i> eigenen analytischen Schärfe werden +die Unterschiede In der nachahmenden Darstellung aller musischen Künste +festgestellt, nämlich in den Mitteln, den Gegenständen und der Art und +Weise (<a href="#KAPITEL_I" class="a">c. 1</a>), eine Einteilung, die sich auch für die sechs Teile einer +kunstgerechten Tragödie bewährt (<a href="#KAPITEL_VI" class="a">c. 6</a>). Diese tief durchdachte +Unterscheidung soll nun nicht nur sachlich, sondern sogar im Wortlaut +dem <i>Platon</i> entnommen sein. In der Rep. III 392<sup>c</sup> schließt +nämlich <i>Sokrates</i> eine längere Erörterung darüber, daß in seinem +Idealstaate nur Spezialisten als Lehrer Zulaß haben sollten, mit +folgenden Worten: "Wir sind nun, was die musische Bildung anbelangt, +völlig zu Ende gekommen und haben angegeben, was <a name="Page_21" id="Page_21"></a>ausgesprochen werden +soll und wie." Inhaltlich haben, wie man sieht, diese Worte, +wie auch der ganze Zusammenhang mit der aristotelischen Betrachtung auch +nicht das mindeste gemein und auch abgesehen davon, fehlt noch +fatalerweise das dritte Glied—die Mittel! Aber durch solche +Kleinigkeiten läßt sich <i>Finsler</i> seine Kreise nicht stören. +<i>Aristoteles</i> wird wiederholt beschuldigt auch die einfachsten +Redewendungen, wo der Gedanke sich griechisch kaum anders hätte +ausdrücken lassen, dem <i>Platon</i> entlehnt zu haben. So z.B. daß die +Dichter Handelnde nachahmen (Rep. 10, 603°), obwohl gerade dieser +Gedanke gar nicht einmal platonischen Ursprungs sein dürfte, denn +<i>Aristoteles</i> sagt ausdrücklich, daß bei der Ableitung des Wortes +"Drama", von der bei <i>Platon</i> nirgends die Rede ist, "einige" auf eben +jene Tatsache sich berufen hätten.</p> + +<p>Die Behauptung einer durchgängigen, fast sklavischen Abhängigkeit des +<i>Aristoteles</i> von <i>Platon</i> hält demnach vor einer unbefangenen und +vorurteilslosen Prüfung nicht Stand. Ein Einfluß des Lehrers auf seinen +Schüler in dem oben angedeuteten Sinne soll darum keineswegs in Abrede +gestellt werden, aber soweit die uns vorliegenden Lehren der Poetik in +Betracht kommen, hätte ihr Verfasser keinerlei Veranlassung gehabt, +einem "Pereant qui ante nos nostra dixerunt" Ausdruck zu geben.</p> + +<p>Während uns <i>Platons</i> Werke vollständig zum Vergleich vorliegen, sind +die sonstigen Vorgänger des <i>Aristoteles</i> gänzlich verschollen und +selbst Schriften wie die eines <i>Demokrites</i> "Über die Dichtung" und +"Über Rhythmen und Harmonie" oder des Sophisten <i>Hippias</i> "Über Musik" +und "Über Rhythmen und Harmonien", die auf ähnliche Erörterungen +allenfalls schließen ließen, sind für uns nur leere Titel. Daß <a name="Page_22" id="Page_22"></a>aber +eine reiche fachmännische Literatur, die, wie gesagt +hauptsächlich aus sophistischen Kreisen stammte, dem <i>Aristoteles</i> zur +Verfügung stand, beweisen allein die Frösche des <i>Aristophanes</i> (405), +die bereits eine staunenswerte, allgemeine Kenntnis über die Technik des +Dramas von Seiten des athenischen Theaterpublikums zur notwendigen +Voraussetzung haben.</p> + +<p>Glücklicherweise gibt unsere Poetik selbst uns noch wertvolle +Andeutungen über frühere Schriftsteller auf diesem Gebiete, denn an +nicht weniger als 12 bezw. 13 Stellen beruft sich <i>Aristoteles</i> +ausdrücklich auf Vorgänger und zwar fünfmal mit Namennennung +(<i>Protagoras</i>, <i>Hippias</i> von Thasos, <i>Eukleides</i>, <i>Glaukon</i> und +<i>Ariphrades</i>). Bei vier von diesen handelt es sich meist um Einzelheiten +in betreff des Versbaues und des Sprachgebrauchs, bei <i>Glaukon</i> dagegen +um eine von ihm unter Zustimmung des Verfassers gegeißelte falsche +Methode zahlreicher, literarischer Kritiker, die für uns zwar namenlos +sind, deren Existenz aber eben durch jenen Ausfall erwiesen wird. +Wichtiger für die Quellenfrage sind die übrigen Stellen, aus denen man +seltsamerweise bisher nicht die Konsequenzen gezogen hat, sondern sich +damit begnügte, sie als gleichsam isolierte Äußerungen zu betrachten, +die <i>Aristoteles</i> nur erwähnt, um sie abzuweisen. Mit dem Motiv mag es +seine Richtigkeit haben, entspricht es doch durchaus der antiken +Zitiermethode, auf einen Vorgänger nur dann anzuspielen, und zwar meist +unter dem Deckmantel des Plurals ("einige behaupten, man sagt" u.ä.), +wenn man ihn bekämpfen oder widerlegen will. Sobald wir uns aber die +Umgebung, in der die betreffenden Stellen<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> stehen, genauer ansehen, +ergibt sich sofort daß es sich unmöglich nur um gelegentliche Urteile +handelte, sondern daß diese nur in ausführlichen <a name="Page_23" id="Page_23"></a>Untersuchungen über +alle in unmittelbarem Zusammenhang stehenden Fragen abgegeben +sein konnten. Die Namen der Verfasser, wie die Titel ihrer Werke, sind +wie gesagt, sämtlich verloren, es sei denn, daß wir in dem Bericht über +die Ansprüche der Dorer auf die Erfindung der Komödie (<a href="#c_1" class="a">c. 3</a>) mit großer +Wahrscheinlichkeit die Chronica des <i>Dieuchidas</i> von Megara, eines +älteren Zeitgenossen des <i>Aristoteles</i>, vermuten können.</p> + +<p>Auch in anderen Partien der Poetik werden wir literarische Vermittler +voraussetzen müssen. So insbesondere über die Entwicklungsgeschichte des +Dramas (<a href="#d_1" class="a">c. 4</a>). Ja, in einer Kleinigkeit den kyprischen Dialekt +betreffend (c. <a href="#u_3" class="a">21, 3</a>), dessen Kenntnis man doch nicht ohne weiteres dem +<i>Aristoteles</i> wird zutrauen wollen, dürfte vielleicht der einmal als +Verfasser kyprischer Glossen zitierte <i>Glaukon</i> aus bisher unbestimmter +Zeit sein Gewährsmann gewesen sein, falls nicht etwa eine Reminiscenz +aus <i>Herodot</i> (5, 9) vorliegt. Ein ähnliches, kretisches Glossarium wird +auch wohl die Quelle für <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a> gewesen sein. Und so mag +<i>Aristoteles</i> noch mehr Einzelheiten, auch der Theorie und Technik der +Dichtkunst, seinen Vorgängern verdanken als wir jetzt nachweisen oder +vermuten können.</p> + +<p>Aber so mannigfach auch immer diese Anregungen gewesen sein mögen und so +viel positives Wissen <i>Aristoteles</i> von früheren Forschern übernommen +haben mag, so trägt dennoch selbst unser unvollständiges Kollegienheft +allenthalben den echten Stempel seines Geistes unverkennbar an der +Stirn. Es enthält aber überdies so zahlreiche geistreiche Gedanken und +Lehrsätze von ewiger Gültigkeit, daß wir die Poetik auch fernerhin als +ein Meisterwerk auf diesem Gebiete und als ein köstliches Vermächtnis +eines der größten Geistesheroen der Menschheit werden einschätzen +dürfen.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h3><a name="Page_24" id="Page_24"></a>ARISTOTELES</h3> + +<h2>ÜBER DIE DICHTKUNST</h2> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_I" id="KAPITEL_I">KAPITEL I</a></h4> + + +<p><a name="a_1" id="a_1">1</a>. "Wir wollen reden über die Dichtkunst, sowohl an (1447a) sich, +wie über ihre Arten, deren Wesen im einzelnen und wie die dichterischen +Stoffe gestaltet werden müssen, wenn anders die Dichtung kunstvoll sein +soll? ferner über Zahl und Beschaffenheit der Teile eines Dichtwerks und +desgleichen, was sonst noch in dasselbe Untersuchungsgebiet fallen mag. +Und zwar gehen wir, wie dies naturgemäß, von dem ersten zuerst aus.</p> + +<p><a name="a_2" id="a_2">2</a>. Das Epos also und die Dichtung der Tragödie, ferner die Komödie, die +dithyrambische Poesie und der größte Teil der Auletik und Kitharistik, +sie alle sind in ihrer Gesamtheit <i>nachahmende Darstellungen</i> (Mimesis).</p> + +<p><a name="a_3" id="a_3">3</a>. Es besteht aber unter ihnen ein dreifacher Unterschied, nämlich in +bezug auf die verschiedenen <i>Mittel</i>, die verschiedenen <i>Gegenstände</i> +und die verschiedene <i>Art</i> der Darstellung und zwar nicht in gleicher +Weise.</p> + +<div class="sidenote">c. 1, 4—6. Arten und Unterschiede der Dichtung.</div> + +<p><a name="a_4" id="a_4">4</a>. Wie nämlich manche sowohl mit Farben als auch mit Figuren, sei es auf +Grund künstlerischer Begabung, sei es infolge einer durch Übung +erlangten Geschicklichkeit andere dagegen mit der Stimme vieles +nachbildend nachahmen, so wird auch in den erwähnten Künsten insgesamt +die Nachahmung vermittelst des <i>Rhythmus</i>, der <i>Rede</i> und der <i>Harmonie</i> +bewerkstelligt und zwar gesondert oder miteinander vermischt <i>Harmonie +und Rhythmus allein</i> wenden beispielsweise die Auletik und Kitharistik +an und was es sonst noch an Künsten derselben Art geben mag, <a name="Page_25" id="Page_25"></a>wie z.B. +die Kunst der Syrinx (Hirtenpfeife); allein mit <i>Rhythmus ohne +Harmonie</i>, die Kunst der Tänzer, denn diese ahmen mittelst rhythmischer +Körperbewegungen Charaktereigenschaften, Gemütsstimmungen und Handlungen +nach.</p> + +<p><a name="a_5" id="a_5">5</a>. <i>Die Kunstform aber, die sich bloß der Rede bedient</i>, sei es der +ungebundenen, sei es der metrischen und, falls der letzteren, entweder +mehrere Versmaße miteinander verbindet oder nur <i>eine</i> Versgattung +(1447b) anwendet, <i>hat bis jetzt keinen Namen</i>. Denn wir wüßten keine +gemeinsame Bezeichnung anzugeben für die Mimen eines <i>Sophron</i> und +<i>Xenarchos</i> und die <i>Sokratischen Gespräche</i> einerseits, noch +andrerseits für eine nachahmende Darstellung in (jambischen) Trimetern +oder im elegischen Distichon oder in irgend welchen anderen Versmaßen +dieser Art. Allerdings knüpft man gewöhnlich an die betreffende +Versbezeichnung das Wort "dichten" und nennt so die einen +Elegiendichter, andere epische Dichter, indem man sie nicht auf Grund +der nachahmenden Darstellung zu Dichtern stempelt, sondern des +gemeinsamen Metrums wegen. Ja, man pflegt sogar denjenigen so zu nennen, +der irgend etwas aus der Medizin oder der Naturwissenschaft in Versen +darstellt und doch haben <i>Homer</i> und <i>Empedokles</i> nichts miteinander +gemein als das Metrum, so daß man zwar jenen mit Eecht einen Dichter +nennt, diesen aber vielmehr als einen Naturforscher bezeichnen sollte. +In ähnlicher Weise käme auch dem der Dichtername zu, der in seiner +nachahmenden Darstellung allerlei Versmaße verwendet, wie dies +<i>Chairemon</i> in seinem Epyllion "Der Kentaur", in dem die +verschiedenartigsten Versmaße vorkommen getan hat. So mag also das +Urteil über diese Dinge lauten.</p> + +<p><a name="a_6" id="a_6">6</a>. Nun gibt es <i>einige Künste, die sich aller <a name="Page_26" id="Page_26"></a>genannten +Darstellungsmittel bedienen</i>, ich meine nämlich des Rhythmus, der +gesungenen Rede und des Metrums, wie z.B. die <i>Dithyramben</i>-<i>und +Nomendichtung</i>, die <i>Tragödie</i> sowohl wie die <i>Komödie</i>. Sie +unterscheiden sich aber wiederum darin, daß die beiden ersteren diese +Mittel durchgängig diese aber nur an bestimmten Teilen anwenden. Dies +sind also die Unterschiede der Künste nach ihren Darstellungsmitteln.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL II</h4> + + +<p><a name="b_1" id="b_1">1</a>. Da nun die Nachahmenden <i>Handelnde nachahmen</i> (1448a) so folgt daraus +mit Notwendigkeit, daß diese entweder tugend- oder lasterhaft sind, denn +allein auf diese Gegensätze laufen doch wohl stets unsere sittlichen +Eigenschaften hinaus, indem sich alle in bezug auf ihren Charakter durch +Laster und Tugend unterscheiden</p> + +<p><a name="b_2" id="b_2">2</a>. Dementsprechend ahmen die Dichter Handelnde nach, die entweder besser +als wir Durchschnittsmenschen sind oder schlechter oder auch diesen +ähnlich Dasselbe finden wir bei den Malern, denn <i>Polygnot</i> pflegte +bessere, <i>Pauson</i> schlechtere und <i>Dionysios</i> der Wirklichkeit +entsprechende Menschen nachzubilden.</p> + +<div class="sidenote">c. 2, 3. Arten und Unterschiede der Dichtung.</div> + +<p><a name="b_3" id="b_3">3</a>. Fernerhin ist es klar, daß auch eine jede der erwähnten nachahmenden +Darstellungen eben diese Unterschiede aufweisen wird, insofern aber eine +verschiedene sein wird, als sie verschiedene <i>Objekte</i> nachahmt. Denn +auch beim Tanze, dem Spiel der Flöte und Guitarre können diese +Unähnlichkeiten auftreten und nicht minder in der prosaischen und rein +metrischen Darstellung So hat z.B. <i>Homer</i> bessere Charaktere, +<a name="Page_27" id="Page_27"></a><i>Klēophon</i> uns ähnliche, <i>Hegēmon</i> der Thasier aber, der erste +Parodiendichter und <i>Nikochares</i>, der Verfasser der "Deliade", +schlechtere nachgeahmt. In ähnlicher Weise können bei den Dithyramben +und Nomen diese Verschiedenheiten eintreten. Man könnte nämlich +nachahmend darstellen, wie <i>Argas</i> ... oder wie <i>Timotheos</i> und +<i>Philoxenos</i> den Kyklopen dargestellt haben. Und eben darin besteht auch +ein Unterschied zwischen der Tragödie und Komödie, denn diese will +schlechtere Charaktere nachahmend darstellen, jene dagegen bessere als +sie heutzutage sind.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL III</h4> + +<p><a name="c_1" id="c_1">1</a>. Zu den (im obigen behandelten) Darstellungsunterschieden gesellt sich +nun als <i>dritter</i>, <i>die Art und Weise</i>, in der man die einzelnen +Gegenstände nachahmen könnte. Man kann nämlich mit denselben +Darstellungsmitteln dieselben Gegenstände darstellen, dabei aber +einerseits <i>erzählen</i>—und zwar entweder, wie <i>Homer</i> dies tut, in der +Person eines anderen oder aber in eigner Person ohne sich zu +ändern—andrerseits so, daß man alle nachahmend dargestellten Personen +als <i>handelnd</i> und in Tätigkeit vorführt. Diese drei also sind die +Unterschiede, in denen sich die nachahmende Darstellung, wie wir zu +Anfang bemerkt haben, vollzieht, nämlich in den Mitteln, den +Gegenständen und der Art und Weise.</p> + +<p><a name="c_2" id="c_2">2</a>. Darnach wäre also nach der einen Seite <i>Sophokles</i> derselbe +nachahmende Darsteller wie <i>Homer</i>, denn beide ahmen edle Personen nach, +in anderer Hinsicht aber stünde er auf derselben Stufe wie +<i>Aristophanes</i> da beide handelnde und dramatisch tätige Personen +nachahmen.</p> + +<p><a name="c_3" id="c_3">3</a>. Daher behaupten auch einige, daß diese Werke "Dramen" genannt +werden, weil sie handelnde Personen (<i>drōntas</i>) nachahmen.</p> + +<p><a name="c_4" id="c_4">4</a>. Deshalb machen auch die <i>Dorier</i> Anspruch auf die Tragödie und +Komödie. Die Komödie wollen die <i>Megarer</i> erfunden haben, sowohl die +hier im Mutterlande und zwar zur Zeit als bei ihnen die Demokratie +aufkam, als auch die von Sizilien, denn von dort stamme <i>Epicharmos</i>, +der bei weitem älter gewesen sei als <i>Chionides</i> und <i>Magnes</i>. Auch +führen sie die Namen als Beweis ins Feld. Bei ihnen nämlich, sagen sie, +würden umherliegende Ortschaften "<i>kōmai</i>" (Dörfer), bei den Athenern +aber "<i>dēmoi</i>" genannt und sie fügen hinzu, daß "Komödiant" nicht etwa +von "<i>kōmázein</i>" (umherschwärmen) abgeleitet sei, sondern von deren +Wanderung durch die <i>kōmai</i>, weil sie in der Stadt in (1448b) keiner +Achtung standen. [Ferner behaupten sie, daß sie selbst für "handeln" +"<i>drān</i>" gebrauchen, die Athener aber "<i>práttein</i>"]. Auf die Erfindung +der Tragödie erheben einige im Peloponnes Anspruch ‹....› Über die +Unterschiede einer nachahmenden Darstellung, deren Zahl und Art, möge +also dies gesagt sein.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL IV</h4> + + +<div class="sidenote">c. 4, 1. Ursprung der Dichtung.</div> + +<p><a name="d_1" id="d_1">1</a>. Im allgemeinen scheinen es etwa <i>zwei und zwar in der menschlichen +Natur begründete Ursachen gewesen zu sein, die die Dichtkunst +hervorgebracht haben</i>. Denn das <i>Nachahmen</i> ist dem Menschen von +Kindheit an eingepflanzt, unterscheidet er sich doch dadurch von allen +anderen lebenden Wesen, daß er das am eifrigsten der Nachahmung +beflissene Wesen ist, und daß er seine ersten Kenntnisse <a name="Page_29" id="Page_29"></a>vermittelst +der Nachahmung sich erwirbt. Auch die Freude aller an +nachahmenden Darstellungen ist für ihn charakteristisch. Ein Beweis +dafür ist, was uns bei Kunstwerken tatsächlich begegnet. Denn von +denselben Gegenständen, die wir mit Unlust betrachten, sehen. wir +besonders sorgfältig angefertigte Abbildungen mit "Wohlgefallen an, wie +z.B. die Formen von ganz widerwärtigen Tieren und selbst von Leichnamen +Der Grund dafür ist, daß das Lernen nicht nur für Philosophen ein +Hochgenuß ist, sondern ebenso für alle anderen, wenn auch diese nur auf +kurze Zeit an dieser Freude teilnehmen.</p> + +<p><a name="d_2" id="d_2">2</a>. Man betrachtet aber Bilder deshalb mit Vergnügen, weil bei ihrem +Anblick ein Lernen, d.h. ein Schluß sich ergibt, was ein jegliches Bild +vorstellt, nämlich daß dieser so und so sei. Hat man aber zufällig den +betreffenden Gegenstand nicht früher schon gesehen so ist es nicht die +nachahmende Darstellung als solche, die unsere Lustempfindung erregt, +sondern es geschieht dies wegen der technischen Ausführung oder wegen +des Kolorits oder aus irgend einem anderen ähnlichen Grunde.</p> + +<p><a name="d_3" id="d_3">3</a>. Da uns nun der Nachahmungstrieb von Natur eigen ist und dasselbe gilt +von dem <i>Gefühl für Harmonie und Rhythmus</i>—denn daß das Metrum nur ein +Teil des Rhythmus ist, leuchtet ein—so haben die Menschen, da sie von +Haus aus dafür begabt waren und diese Eigenschaften allmählich besonders +vervollkommneten, aus <i>Stegreifversuchen</i> die Dichtkunst ins Leben +gerufen.</p> + +<div class="sidenote">c. 4, 8. Geschichtliche Entwicklung.</div> + +<p><a name="d_4" id="d_4">4</a>. <i>Es spaltete sich aber die Dichtung nach der den Dichtern +eigentümlichen Sinnesart</i>, denn die edler veranlagten ahmten sittlich +gute Taten und Handlungen solcher Personen nach, die von niedriger +Gesinnung aber die Handlungen schlechter <a name="Page_30" id="Page_30"></a>Menschen, indem sie zuerst +Spottlieder dichteten, wie die anderen Hymnen und Loblieder. Von +den vorhomerischen Dichtern können wir freilich kein derartiges +Spottgedicht namhaft machen, aber es ist wahrscheinlich daß es viele +Dichter dieser Art gegeben hat. Beginnend mit <i>Homer</i> aber, haben wir +gleich seinen <i>Margites</i> und ähnliches.</p> + +<p><a name="d_5" id="d_5">5</a>. In diesen Gedichten stellte sich auch das <i>passende Versmaß</i> ein, +deshalb wird es auch jetzt das jambische genannt, weil man in diesem +Versmaß sich gegenseitig zu verspotten pflegte (iámbizon). Von den alten +Dichtern wurden dementsprechend die einen Jambendichter, andere dagegen +Ependichter.</p> + +<p><a name="d_6" id="d_6">6</a>. Wie nun auch in bezug auf das sittlich Gute <i>Homer</i> ein wirklicher +Dichter war—hat er doch allein nicht nur vortrefflich gedichtet, +sondern auch dramatische Handlungen dargestellt—, so hat er auch als +Erster die Grundformen der Komödie angedeutet, indem er nicht ein +Spottlied verfaßte, sondern das Lächerliche dramatisierte. Ist doch der +<i>Margites</i> dem Drama ganz analog, denn wie sich die <i>Ilias</i> und (1449a) +<i>Odyssee</i> zur Tragödie, so verhält sich jener zur Komödie.</p> + +<p><a name="d_7" id="d_7">7</a>. Als nun aber die Tragödie und die Komödie aufgekommen waren, da +verfaßten die Dichter, je nachdem sie sich zu der einen oder der anderen +Dichtungsart hingezogen fühlten, ihrem eigentümlichen Naturell +entsprechend Komödien statt Spottgedichte und Tragödien an Stelle von +Epen, weil diese Dichtungsfonnen bedeutungsvoller und höher geschätzt +waren als jene (älteren).</p> + +<p><a name="d_8" id="d_8">8</a>. Die Untersuchung, ob die Tragödie bereits hinreichend entwickelt ist +oder nicht, sowohl an sich betrachtet als auch in Hinsicht auf die +öffentliche Aufführung ist eine Frage für sich. Jedenfalls ist sie +<a name="Page_31" id="Page_31"></a>selbst, wie auch die Komödie, ursprünglich <i>von Stegreifversuchen</i> +<i>ausgegangen</i> und zwar jene von dem Chor, der den <i>Dithyrambus</i> +anstimmte, diese von den <i>phallischen Liedern</i>, die sich ja bis auf den +heutigen Tag noch in vielen Städten im Gebrauch erhalten haben.</p> + +<p><a name="d_9" id="d_9">9</a>. So ist denn die Tragödie allmählich herangereift, indem man jede ans +Licht tretende Entwicklungsstufe vervollkommnete. Nachdem sie dann viele +Wandlungen durchgemacht hatte, blieb sie stehen, da sie die ihrem Wesen +entsprechende Gestalt erhalten hatte. Die Zahl der Schauspieler hat +<i>Aischylos</i> von einem auf zwei gebracht, auch hat er den Anteil des +Chors verringert und dementsprechend dem Dialog die Hauptrolle +zugewiesen. Den dritten Schauspieler und gemalte Szenerie hat +<i>Sophokles</i> eingeführt. (Eine weitere Entwicklungsstufe) war die aus +Fabeln geringen Umfangs entstandene Größe ‹....› <i>Der sprachliche +Ausdruck</i>, der aus einem burlesken Stil hervorging da er sich aus dem +Satyrspiel entwickelte, erlangte erst spät einen würdigen Charakter und +der (jambische) Trimeter trat an die Stelle des (trochäischen) +Tetrameters. Ursprünglich gebrauchte man nämlich, da die Dichtung +satyrhafter und tanzartiger war, den (trochäischen) Tetrameter. Als aber +der (tragische) Stil sich gebildet hatte, fand die Natur selbst das für +diesen <i>passende Metrum</i>, denn von allen Versmaßen eignet sich das +jambische am meisten für den Gesprächston. Beweis dafür ist, daß wir +sehr häufig in unserer Unterhaltung miteinander in jambischen +(Trimetern) reden, nur selten aber in Hexametern und auch dann nur, wenn +wir über den gewöhnlichen Gesprächston hinausgehen. Ferner ist auch die +Zahl der Akte (Episoden) zu erwähnen. Alles übrige aber, wie ein jedes +ausgerüstet worden sein soll, <a name="Page_32" id="Page_32"></a>lasse man als gesagt gelten, denn es wäre +doch wohl recht mühsam, wollte man das Einzelne eingehend +besprechen.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL V</h4> + + +<div class="sidenote">c. 5, 3. Geschichtliche Entwicklung.</div> + +<p><a name="e_1" id="e_1">1</a>. Die Komödie ist, wie wir sagten, die nachahmende Darstellung von +niedrigeren Charakteren, jedoch keineswegs im vollen Umfang des +Schlechten, sondern des Unschönen, von dem das Lächerliche ein Teil ist. +Denn das <i>Lächerliche</i> ist sowohl eine Art Vergehen als auch eine +Entstellung, die keinen Schmerz verursacht und schadlos ist, wie denn +gleich die komische Maske etwas Häßliches und Verzerrtes ist, aber +nichts Schmerzhaftes an sich hat.</p> + +<p><a name="e_2" id="e_2">2</a>. Die <i>Veränderungen der Tragödie und deren Urheber</i> sind nicht +verborgen geblieben, die der <i>Komödie</i> aber, da sie ursprünglich nicht +ernsthaft betrieben wurde, gerieten in Vergessenheit, denn +(verhältnismäßig erst spät bewilligte der Archon den Komödiendichtern +einen Chor, der (früher) nur aus (1449b) Freiwilligen bestand. Erst als +die Komödie ihrerseits gewisse Kunstformen hatte, werden ihre uns +überlieferten Dichter genannt. Wer aber die Masken oder den Prolog +eingeführt oder die Zahl der Schauspieler vermehrt hat und was +dergleichen mehr ist, ist unbekannt. Die Kunst zusammenhängende +Handlungen zu dichten stammt aus Sizilien..., von den Dichtern Athens +aber begann <i>Krates</i> als erster, indem er die Form des persönlichen +Spottes aufgab, allgemeine Stoffe, d.h. Handlungen zu dramatisieren.</p> + +<div class="sidenote">c. 5, 3. Besonderer Teil. Definition der Tragödie.</div> + +<p><a name="e_3" id="e_3">3</a>. Das Epos hält mit der Tragödie nur bis auf die in metrischer Rede (?) +nachahmende Darstellung ernsthafter Stoffe gleichen Schritt, +unterscheidet sich aber von ihr darin, daß es ein und dasselbe Versmaß +und <a name="Page_33" id="Page_33"></a>die Form der Erzählung anwendet. Ferner in bezug auf den +Umfang der Handlung. Während nämlich die <i>Tragödie sich besonders bemüht +innerhalb eines Sonnenumlaufs zu bleiben</i> oder doch nur um ein weniges +darüber hinauszugehen, ist die epische Handlung in der Zeit unbegrenzt. +Also auch darin besteht zwischen ihnen ein Unterschied. Indessen machte +man es ursprünglich darin mit den Tragödien ebenso wie mit den epischen +Dichtungen.</p> + +<p><a name="e_4" id="e_4">4</a>. Was nun ihre <i>Teile</i> anbelangt, so sind diese entweder die nämlichen +oder sie sind nur der Tragödie eigentümlich. Wer also über eine +Tragödie, ob sie gut oder schlecht ist, ein Urteil hat, hat es auch über +das Epos. Denn was die epische Dichtung enthält, besitzt auch die +Tragödie, was aber diese hat, besitzt nicht alles die epische Dichtung.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_VI" id="KAPITEL_VI">KAPITEL VI</a></h4> + + +<p><a name="f_1" id="f_1">1</a>. Über die in Hexametern nachahmende Darstellung wie über die Komödie +werden wir später handeln, jetzt wollen wir über die Tragödie reden, +indem wir die <i>Definition</i> ihres Wesens dem bereits Gesagten entnehmen.</p> + +<p><a name="f_2" id="f_2">2</a>. Die <i>Tragödie</i> ist demnach die nachahmende Darstellung einer sittlich +ernsten, in sich abgeschlossenen, umfangreichen Handlung, in kunstvoll +gewürzter Rede, deren einzelne Arten gesondert in (verschiedenen) Teilen +verwandt werden, von handelnden Personen aufgeführt, nicht erzählt, +durch die Erregung von Mitleid und Furcht die Reinigung (<i>Katharsis</i>) +von derartigen Gemütsstimmungen bewirkend. Unter "kunstvoll gewürzter +Rede" verstehe ich eine solche, die Rhythmus wie Harmonie, d.h. Gesang +enthält, und unter dem "<a name="Page_34" id="Page_34"></a>gesondert in seinen (verschiedenen) Arten," daß +einiges (rein metrisch, anderes dagegen musikalisch ausgeführt +wird....<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a></p> + +<p><a name="f_3" id="f_3">3</a>. Da es nun handelnde Personen sind, die die nachahmende Darstellung +vollziehen, so ergibt sich erstens mit Notwendigkeit, daß der Schmuck, +der in der szenischen Ausstattung liegt, gewissermaßen ein Bestandteil +der Tragödie ist, ferner die Gesangskomposition und der sprachliche +Ausdruck, denn mit diesen Mitteln wird die nachahmende Darstellung +erreicht. Unter sprachlichem Ausdruck verstehe ich hier die bloße +Verbindung der Verse, unter Gesangskomposition aber das, was seinem +Wesen nach allen offenkundig ist.</p> + +<p><a name="f_4" id="f_4">4</a>. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer <i>Handlung</i> zu +tun haben, diese aber durch gewisse handelnde Personen erfolgt, die in +Hinblick auf ihren Charakter und ihre Gedanken von einer bestimmten +Beschaffenheit sein müssen, denn eben daraufhin legen wir ja den +Handlungen eine gewisse Beschaffenheit (1450a) bei, so ergeben sich +naturgemäß zwei Ursachen für eine Handlung, eben der Charakter und die +Gedanken, denen gemäß alle ihr Ziel erreichen oder verfehlen.</p> + +<p><a name="f_5" id="f_5">5</a>. Nun ist aber die nachahmende Darstellung einer Handlung die <i>Fabel</i>. +Unter Fabel verstehe ich nämlich die Verknüpfung der Begebenheiten, +unter <i>Charakter</i> aber, wonach wir den handelnden Personen eine +bestimmte Beschaffenheit zuweisen, unter <i>Gedanken</i> endlich das, womit +die Eedenden etwas beweisen oder einer allgemeinen Wahrheit Ausdruck +verleihen.</p> + +<div class="sidenote">c. 6, 6. Bestandteile der Tragödie.</div> + +<div class="sidenote">c. 6, 6. Rangordnung der Bestandteile.</div> + +<p><a name="f_6" id="f_6">6</a>. Somit gibt es also <i>sechs Bestandteile</i> einer jeden Tragödie, nach +welchen sie eine bestimmte Beschaffenheit <a name="Page_35" id="Page_35"></a>hat. Es sind diese: die +<i>Fabel, die</i> <i>Charaktere, der sprachliche Ausdruck, die +Gedanken, die szenische Ausstattung und die musikalische Komposition</i>. +Zwei<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> von diesen Teilen gehören zu den Mitteln, eine<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> zu der Art +und Weise und drei<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> zu den Gegenständen der nachahmenden Darstellung. +Weitere gibt es nicht. Von diesen Formen hat man auch in der Regel +Gebrauch gemacht, denn szenische Ausstattung hat ein jedes Drama, ebenso +wie Charakterzeichnung, eine Fabel, sprachlichen Ausdruck, Gesang und +Gedankeninhalt.</p> + +<p><a name="f_7" id="f_7">7</a>. <i>Der bedeutsamste dieser Bestandteile ist aber die Verknüpfung der +Begebenheiten</i>, denn die Tragödie ist eine nachahmende Darstellung nicht +der Menschen, sondern ihrer Handlungen und des Lebens. Glück und Unglück +beruhen auf Handlung und ihr Endzweck ist eine Art Tätigkeit, nicht eine +Beschaffenheit. Dem Charakter nach sind wir so oder so beschaffen, +unseren Handlungen nach aber glücklich oder das Gegenteil. Daher handeln +die Nachahmenden nicht um die Charaktere nachahmend darzustellen, +sondern der Handlung zu Liebe werden die Charaktere in ihre Darstellung +mitaufgenommen. So sind die Handlungen, will sagen die Fabel, das +Endziel der Tragödie, das Endziel ist aber von allen Dingen die +Hauptsache.</p> + +<p><a name="f_8" id="f_8">8</a>. Ferner, ohne Handlung könnte es keine Tragödie geben, ohne Charaktere +aber wäre dies wohl möglich, weisen doch die Tragödien der meisten +Neueren keine (individuelle) Charakterzeichnung auf und überhaupt gilt +dies von vielen Dichtern. Ähnlich verhält sich unter den Malern <i>Zeuxis</i> +zu <i>Polygnot</i>. Dieser ist <a name="Page_36" id="Page_36"></a>ein vortrefflicher Charaktermaler, die +Malerei des <i>Zeuxis</i> hingegen entbehrt der Charakterisierung.</p> + +<div class="sidenote">c. 6, 13. Rangordnung der Bestandteile.</div> + +<p><a name="f_9" id="f_9">9</a>. Wiederum, sollte jemand charakterzeichnende Tiraden wohlgelungen im +sprachlichen Ausdruck wie in den Gedanken hintereinander aufreihen, so +würde er damit noch keineswegs die von uns der Tragödie zugewiesene +Aufgabe erfüllen, um vieles eher würde dies eine Tragödie tun, die von +jenen Dingen einen mangelhafteren Gebrauch macht, dagegen aber eine +Fabel d.h. eine Verknüpfung der Begebenheiten aufweist.</p> + +<p><a name="f_10" id="f_10">10</a>. Dazu kommt, daß gerade diejenigen Mittel, mit denen die Tragödie +ihren Hauptreiz ausübt, ich meine die Peripetien (Schicksalswendungen) +und Wiedererkennungen Bestandteile der Fabel sind.</p> + +<p><a name="f_11" id="f_11">11</a>. Ein weiterer Beweis (für obige Behauptung) liegt darin, daß Anfänger +in der Dichtkunst eher im sprachlichen Ausdruck und in der Zeichnung der +Charaktere strengen Anforderungen der Kunst zu genügen imstande sind als +die Begebenheiten gehörig zu verknüpfen und dasselbe trifft auf fast +alle Dichter der ältesten Zeit zu. Grundlage und gleichsam die Seele der +Tragödie ist also die Fabel.</p> + +<p><a name="f_12" id="f_12">12</a>. An zweiter Stelle kommen die <i>Charaktere</i>. Eine Parallele bietet uns +auch hier die Malerei. Wollte nämlich jemand eine Tafel mit den +herrlichsten Farben (1450b) aufs geratewohl bestreichen, so würde er +nicht ein gleiches Wohlgefallen hervorrufen, als wenn er nur eine +(monochrome) Zeichnung grau in grau geben würde. Wir haben es eben mit +der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun und vermittelst +dieser vorzugsweise einer solchen von handelnden Personen.</p> + +<div class="sidenote">c. 6, 13. Die Fabel.</div> + +<p><a name="f_13" id="f_13">13</a>. Die <i>dritte Stelle</i> nehmen die <i>Gedanken</i> ein. Ich verstehe darunter +das Vermögen das von den Umständen Gebotene und Angemessene zu sagen, +genau dasselbe, was in der Beredsamkeit die Aufgabe politischer +<a name="Page_37" id="Page_37"></a>Einsicht und rhetorischer Schulung ist. Die alten Dichter +ließen nämlich ihre Personen nach ethisch-politischen Gesichtspunkten +reden, bei den neueren aber treten sie als Redekünstler auf.</p> + +<p><a name="f_14" id="f_14">14</a>. Die Charakterzeichnung ist derart, daß sie die Beschaffenheit der +Willensrichtung offenbart und deshalb haben diejenigen Tragödien keine +Charakterzeichnung in den Dialogpartien, in denen sich garnichts findet, +was der Redende begehrt oder meidet? Gedanken sind aber das, womit man +beweist, daß etwas ist oder nicht ist, oder was einen allgemeinen Satz +ausspricht.</p> + +<p><a name="f_15" id="f_15">15</a>. Der <i>vierte</i> der (literarischen) Bestandteile ist der <i>sprachliche +Ausdruck</i>. Ich verstehe darunter, wie bereits früher bemerkt wurde, die +Fähigkeit sich in Worten auszudrücken, was übrigens bei gebundener wie +ungebundener Rede im wesentlichen auf dasselbe hinausläuft.</p> + +<p><a name="f_16" id="f_16">16</a>. Was die noch übrigbleibenden Bestandteile anbelangt so ist die +musikalische Komposition das wichtigste der Verschönerungsmittel, die +szenische Ausstattung dagegen ist zwar reizvoll, liegt aber der +Dichtkunst ganz fern und ist ihr am wenigsten angemessen. Die Wirkung +der Tragödie wird nämlich auch ohne öffentliche Aufführung und ohne +Schauspieler erreicht. Außerdem gehört die Herstellung der szenischen +Ausstattung mehr der Kunst des Theatermeisters an als der der Dichter.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_VII" id="KAPITEL_VII">KAPITEL VII</a></h4> + +<p><a name="g_1" id="g_1">1</a>. Nach diesen Bestimmungen wollen wir zunächst darüber reden, <i>wie etwa +die Verknüpfung der Begebenheiten beschaffen sein muß</i>, da dies in der +Tragödie sowohl zuerst in Betracht kommt als <a name="Page_38" id="Page_38"></a>auch das wichtigste ist. +Es stand uns also fest, daß die Tragödie die nachahmende +Darstellung einer in sich abgeschlossenen und ganzen Handlung ist, die +eine bestimmte Größe hat, denn es gibt auch ein Ganzes, das keine +(eigentliche) Größe hat. Ein <i>Ganzes</i> ist nämlich das, was <i>Anfang wie +Mitte und Ende hat</i>. Anfang ist das, was selbst nicht notwendigerweise +auf ein anderes folgt, nach dem aber naturgemäß etwas ist, Ende dagegen +ist das, was selbst naturgemäß nach einem anderen ist, sei es +notwendigerweise oder in der Regel, nach dem aber nichts folgt, Mitte +endlich ist das, was auch selbst nach einem anderen und nach dem ein +anderes folgt. Gutgebaute Fabeln müssen daher weder aufs geratewohl von +irgend woher anfangen noch aufs geratewohl irgendwo enden, sondern sich +nach den erwähnten Begriffsbestimmungen richten.</p> + +<div class="sidenote">c. 7, 2. Die Fabel. Beschaffenheit.</div> + +<p><a name="g_2" id="g_2">2</a>. Ferner, das Schöne, sei es ein lebendes Wesen, sei es irgend ein +Gegenstand, der aus bestimmten Teilen zusammengesetzt ist, bedarf dieser +Teile nicht nur in wohlgegliederter Folge, sondern muß auch eine nicht +dem Zufall unterworfene Größe haben, denn das <i>Schöne beruht auf Ordnung +und Größe</i>. Deshalb könnte weder irgend ein winzig kleines Wesen schön +sein, denn dessen Betrachtung, die sich hart an der Grenze eines +unwahrnehmbaren Zeitpunkts vollzieht, würde verworren zusammenfließen, +noch ein übermäßig großes, denn die Wahrnehmung könnte nicht auf einmal +(1451a) zustande kommen, sondern das Eine und Ganze würde den +Betrachtenden aus dem Gesichtsfeld entschwinden wie z.B. wenn das +Geschöpf 10000 Stadien lang wäre. Wie daher bei körperlichen +Gegenständen und bei lebenden Wesen (um schön zu sein) Größe vorhanden, +diese aber leicht zu übersehen sein muß, so ist auch bei den Fabeln ein +bestimmter Umfang erforderlich, <a name="Page_39" id="Page_39"></a>der seinerseits leicht im Gedächtnis +behalten werden kann.</p> + +<div class="sidenote">c. 7, 2. Die Fabel. Umfang und Einheit.</div> + +<p><a name="g_3" id="g_3">3</a>. Was nun aber diesen <i>Umfang</i> selbst anbelangt, so ist dessen +Umgrenzung in Rücksicht auf die öffentliche Aufführung und das +Wahrnehmungsvermögen (der Zuschauer) nicht Sache der Dichtkunst. Denn +wenn man (d.i. die Schauspieler) hundert Tragödien aufzuführen hätte, so +würde man sie nach der Wasseruhr (Klepsydra) aufführen, wie wir bei +anderer Gelegenheit<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> uns auszudrücken pflegen. Die aus der Natur der +Sache selbst sich ergebende Umgrenzung ist aber diese: Stets wird die +ausgedehntere Fabel, insofern sie übersichtlich ist, auch im Hinblick +auf ihren Umfang die vorzüglichere sein. Um aber eine einfachere +Bestimmung zu treffen, so ist es eine genügende Umgrenzung des Umfangs, +wenn man (d.i. der Held) innerhalb der aufeinander folgenden Ereignisse +nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit einen Umschwung aus Unglück +in Glück oder aus Glück in Unglück durchmacht.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL VIII</h4> + +<p><a name="h_1" id="h_1">1</a>. Die Fabel ist aber nicht schon eine einheitliche, wie einige meinen, +wenn sie sich um eine <i>einzelne Person</i> dreht, denn unendlich viele +Dinge begegnen einer einzelnen Person, von denen manche gar keine +<i>Einheit</i> darstellen und so gibt es auch viele Handlungen einer +einzelnen Person, aus denen keine einzige einheitliche Handlung sich +entwickelt.</p> + +<p><a name="h_2" id="h_2">2</a>. Daher scheinen mir alle jene Dichter im Irrtum zu sein, die eine +<i>Herakleis</i> und eine <i>Theseis</i> und ähnliche Werke gedichtet haben. Denn +sie glauben, <a name="Page_40" id="Page_40"></a>weil <i>Herakles</i> eine einzelne Person sei, komme auch +der Fabel ein einheitlicher Charakter zu.</p> + +<div class="sidenote">c. 8, 4 Die Fabel. Einheit.</div> + +<p><a name="h_3" id="h_3">3</a>. <i>Homer</i> dagegen, wie er ja auch in allem anderen hervorragt, scheint +auch hier einen künstlerischen Blick gehabt zu haben, sei es infolge +erworbener oder angeborener Tüchtigkeit. Denn bei der Abfassung seiner +<i>Odyssee</i> hat er nicht alles, was <i>Odysseus</i> selbst widerfuhr, +behandelt, wie z.B. die Verwundung auf dem Parnaß<a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13"></a><a href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> und den +vorgeschützten Wahnsinn bei dem Aufgebot,<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14"></a><a href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> da von diesen Begebnissen +keins, falls das eine eintrat, auch das andere mit Notwendigkeit oder +Wahrscheinlichkeit eintreten mußte. Er hat vielmehr die <i>Odyssee</i> um +eine einheitliche Handlung, wie wir sie eben bestimmt haben, aufgebaut +und desgleichen auch die <i>Ilias</i>.</p> + +<p><a name="h_4" id="h_4">4</a>. Es muß daher, wie auch in den anderen nachahmenden Darstellungen die +einzelne Nachahmung Darstellung eines einzelnen Gegenstandes ist, so +auch die <i>Fabel, da sie die Nachahmung einer Handlung ist, Nachahmung +einer einheitlichen und zwar einer vollständigen sein</i>. Und es müssen +die Teile der Begebenheiten so zusammenhängen, daß, wenn auch nur einer +dieser Teile versetzt oder weggenommen wird, das Ganze zerstört wird und +auseinander fällt. Denn dasjenige, was ohne einen in die Augen +springenden Eindruck zu machen, vorhanden oder nicht vorhanden sein +kann, ist kein (wesentlicher) Teil des Ganzen mehr.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_41" id="Page_41"></a>KAPITEL IX</h4> + + +<div class="sidenote">c. 9, 1, Die Fabel. Dichter und Historiker.</div> + +<p><a name="i_1" id="i_1">1</a>. Aus dem Gesagten erhellt, daß es nicht die Aufgabe des Dichters ist +<i>das, was sich wirklich zugetragen zu erzählen, sondern das, was sich +hätte zutragen können</i> und was nach Wahrscheinlichkeit oder +Notwendigkeit möglich ist.</p> + +<p><a name="i_2" id="i_2">2</a>. <i>Der Geschichtsschreiber</i> und der <i>Dichter</i> (1451b) unterscheiden +sich nämlich nicht durch die gebundene oder ungebundene Rede, denn man +könnte das Werk des <i>Herodot</i> in Verse setzen und es würde nach wie vor +eine Art Geschichtsdarstellung sein, mit Versmaß oder ohne Verse. Der +Unterschied ist vielmehr der, daß jener, was sich zugetragen darstellt, +dieser, was sich hätte zutragen können.</p> + +<p><a name="i_3" id="i_3">3</a>. Deshalb ist auch die <i>Poesie philosophischer und höher einzuschätzen +als die Geschichtsschreibung denn die Poesie stellt mehr das Allgemeine, +die Geschichtsschreibung das Einzelne dar</i>. Das Allgemeine besteht +darin, daß dem so oder so Beschaffenen es zukommt, so oder so nach der +Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit zu reden oder zu handeln und +darauf richtet die Dichtkunst bei der Namengebung ihr Augenmerk, das +Einzelne ist aber, was ein <i>Alkibiades</i> getan oder erlitten hat.</p> + +<p><a name="i_4" id="i_4">4</a>. Bei der Komödie ist nun dies bereits augenfällig geworden. Indem die +Dichter nämlich ihren Stoff auf Grund wahrscheinlicher oder notwendiger +Begebenheiten gestalteten, haben sie ihren Personen dementsprechend +beliebige Namen beigegeben und nicht wie die Jambendichter sich mit +einer historischen Persönlichkeit befaßt.</p> + +<p><a name="i_5" id="i_5">5</a>. In der <i>Tragödie</i> dagegen <i>hält man sich an die überlieferten Namen</i>. +Der Grund dafür ist, <a name="Page_42" id="Page_42"></a>daß das Mögliche auch glaublich ist. Was sich aber +noch nicht zugetragen hat, an dessen Möglichkeit glauben wir +nicht ohne weiteres, dagegen ist offenbar das möglich was sich bereits +zugetragen hat, denn es hätte sich ja gar nicht zutragen können, wenn es +unmöglich gewesen wäre. Indessen verhält es sich in den Tragödien nicht +anders, in einigen gehört nur der eine oder zwei zu den bekannten Namen, +während die übrigen erdichtet sind, in anderen findet sich überhaupt +kein einziger bekannter Name, wie in der Anthē des Agathon, in welchem +Drama die Begebenheiten ebenso wie die Namen erfunden sind, und dennoch +gewährt es eine nicht geringere Freude.</p> + +<p><a name="i_6" id="i_6">6</a>. Deshalb soll man auch <i>nicht um jeden Preis darnach trachten sich an +die überlieferten Sagenstoffe</i>, die den Tragödien zugrundeliegen, <i>zu +binden</i>, denn es wäre lächerlich darnach zu trachten, ist doch auch das +Bekannte nur wenigen bekannt und trotzdem erfreut es alle.</p> + +<p><a name="i_7" id="i_7">7</a>. Es ist demnach klar, daß der Dichter vielmehr ein <i>Dichter von +Sagenstoffen als von Versmaßen</i> sein muß, insofern er ein Dichter auf +Grund der nachahmenden Darstellung ist und zwar Handlungen nachahmt Und +sollte es sich einmal treffen, daß er das, was sich wirklich zugetragen +hat, darstellt, so ist er nichtsdestoweniger ein Dichter. Denn nichts +hindert, daß von dem, was sich tatsächlich zugetragen hat, manches der +Wahrscheinlichkeit entsprechend sich zugetragen hat und in bezug auf +diesen Punkt erweist er sich eben als ein Dichter jener Begebenheiten.</p> + +<div class="sidenote">c. 9, 8. Die Fabel. Arten der Fabel.</div> + +<p><a name="i_8" id="i_8">8</a>. Von <i>mangelhaften</i> Fabeln, d.h. Handlungen sind die <i>episodischen</i> +die schlechtesten. Ich verstehe unter einer episodischen Fabel eine +solche, in der die episodischen Teile ohne Wahrscheinlichkeit oder +Notwendigkeit aufeinander folgen. Solche werden <a name="Page_43" id="Page_43"></a>von minderwertigen +Dichtern infolge ihres eigenen Unvermögens verfaßt, von guten +dagegen aus Rücksicht auf die Schauspieler. Da sie nämlich Dramen +aufführen und einmal die Fabel über Gebühr ausgedehnt haben, kommen sie +oft in die Zwangslage die (natürliche Abfolge (der Begebenheiten) in +Unordnung zu bringen. (1452a)</p> + +<p><a name="i_9" id="i_9">9</a>. Da wir es nun mit der nachahmenden Darstellung einer Handlung zu tun +haben, die nicht nur in sich abgeschlossen ist, sondern auch furcht- und +mitleiderregende Vorgänge enthält, diese aber ganz besonders dann +entstehen, wenn sie sich wider Erwarten aus dem (inneren) Zusammenhange +ergeben, ‹so ist das <i>Wunderbare</i> ein wirkungsvolles Element der +Tragödie›. Und es wird das Wunderbare eine noch größere Wirkung ausüben, +als wenn es nur von Ungefähr oder durch Zufall eintritt, da selbst bei +rein zufälligen Ereignissen diejenigen den größten Eindruck des +Wunderbaren machen, deren Vorkommen gleichsam den Schein der +Absichtlichkeit erwecken, wie z.B. die Bildsäule des <i>Mitys</i> in Argos +den, der an dem Tode des <i>Mitys</i> schuld war, erschlug, indem sie, gerade +als er sie betrachtete auf ihn niederfiel. So etwas scheint nämlich +nicht auf Zufall zu beruhen. Es sind also derartig beschaffene Stoffe +notwendigerweise die kunstgerechteren (schöneren).</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL X</h4> + +<p><a name="j_1" id="j_1">1</a>. Von Fabeln sind die einen <i>einfach</i>, die anderen <i>verflochten</i>, denn +derart sind auch ihrer Natur nach die Handlungen, deren nachahmende +Darstellungen ja die Fabeln sind. Unter einer einfachen Fabel verstehe +ich eine solche, in deren ununterbrochenem <a name="Page_44" id="Page_44"></a>und einheitlichem Verlauf +unserer Bestimmung gemäß der Umschwung ohne Peripetie oder +Erkennung herbeigeführt wird, eine verflochtene dagegen bei der der +Umschwung mit Erkennung oder Peripetie oder mit beiden zugleich +zustandekommt.</p> + +<p><a name="j_2" id="j_2">2</a>. Diese beiden müssen aber aus dem Aufbau der Fabel selbst sich ergeben +und zwar so, daß sie aus den jeweilig vorhergegangenen Begebenheiten, +sei es mit Notwendigkeit, sei es mit Wahrscheinlichkeit sich entwickeln. +Denn es macht einen erheblichen Unterschied ob etwas "propter hoc" oder +"post hoc" erfolgt.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XI" id="KAPITEL_XI">KAPITEL XI</a></h4> + +<p><a name="k_1" id="k_1">1</a>. <i>Peripetie</i> ist der Umschwung dessen, was man tut, in sein Gegenteil +und zwar unserer Ansicht entsprechend auf Grund der Wahrscheinlichkeit +oder Notwendigkeit So kommt z.B. einer im <i>Oidipus</i>,<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15"></a><a href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> um den +<i>Oidipus</i> zu erfreuen und ihn von seiner Furcht in betreff seiner Mutter +zu befreien; indem er aber dadurch dessen Herkunft offenbart, bewirkt er +das gerade Gegenteil und im <i>Lynkeus</i> wird der eine zum Tode geführt, +ein anderer [Danaos] folgt ihm, um ihn zu töten, es ergibt sich aber aus +dem, was sie taten, daß dieser den Tod erleidet, jener aber gerettet +wird.</p> + +<div class="sidenote">c. 11, 2. Die Fabel. Peripetie und Anagnorisis.</div> + +<p><a name="k_2" id="k_2">2</a>. <i>Erkennung</i> (Anagnorisis) ist, wie ja auch schon der Name besagt, die +Umwandlung aus Unkenntnis in Kenntnis, die entweder zur Freundschaft +oder Feindschaft der zu Glück oder Unglück ausersehenen Personen führt. +Am kunstvollsten ist die Erkennung, <a name="Page_45" id="Page_45"></a>wenn zugleich damit eine Peripetie +eintritt, wofür die Erkennung im <i>Oidipus</i> ein Beispiel bietet.</p> + +<p><a name="k_3" id="k_3">3</a>. Es gibt nun freilich auch andere Arten der Erkennung denn in bezug +sowohl auf leblose wie auf ganz beliebige Dinge kann sie in der +erwähnten Weise eintreten, und man kann erkennen, ob jemand etwas getan +oder ob er es nicht getan hat. Aber die wichtigste für die Fabel, d.h. +die wichtigste für die Handlung ist die erstgenannte. Denn eine +derartige Erkennung und Peripetie werden entweder Mitleid erwecken oder +auch Furcht und als nachahmende Darstellung (1452b) solcher Handlungen +gilt uns ja die Tragödie. Ferner werden ja auch Glück und Unglück durch +solche Erkennungen bedingt sein.</p> + +<p><a name="k_4" id="k_4">4</a>. Da nun die Erkennung (vorzugsweise) eine Erkennung von gewissen +Personen ist, so gibt es einerseits Erkennungen, die nur von einer +einzelnen Person in bezug auf die andere stattfinden, falls es nämlich +bekannt ist, wer die andere Person ist; andrerseits müssen beide +Parteien sich erkennen, wie z.B. <i>Iphigeneia</i> von <i>Orestes</i> vermittelst +der Absendung ihres Briefes erkannt wurde, dieser aber von Seiten der +Iphigeneia noch einer anderen Erkennungsart bedurfte.</p> + +<p><a name="k_5" id="k_5">5</a>. Dieses wären also zwei Bestandteile der Fabel, nämlich Peripetie und +Erkennung? die <i>dritte</i> ist die <i>leidvolle Tat</i>. Eine leidvolle Tat aber +ist eine verderbenbringende und schmerzverursachende Handlung als da +sind Tötungen vor den Augen der Zuschauer Fälle, von übermäßigen Qualen, +Verwundungen und sonstiges dieser Art.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL XII</h4> + +<p><a name="l_1" id="l_1">1</a>. Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden +muß, haben wir vorhin besprochen; <a name="Page_46" id="Page_46"></a>was die <i>quantitativen</i> anbelangt, +d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind +es folgende: <i>Prolog, Epeisodion, Exodos, Chorlied</i>, das seinerseits in +die <i>Parodos</i> und das <i>Stasimon</i> zerfällt. Diese Bestandteile sind allen +Dramen gemeinsam, der Tragödie eigentümlich die <i>Gesänge von der Bühne</i> +und die <i>Kommoi</i>.</p> + +<p><a name="l_2" id="l_2">2</a>. Es ist aber der Prolog ein vollständiger Teil der Tragödie vor dem +Einzug des Chors, das Epeisodion ein vollständiger Teil der Tragödie, +der zwischen vollständigen Chorgesängen liegt, die Exodos ein +vollständiger Teil der Tragödie, nach dem kein Chorgesang folgt. Von den +Chorpartien ist die Parodos der erste Vortrag des ganzen Chors, das +Stasimon der Chorgesang ohne Anapaest und Trochaeus, der Kommos endlich +ist der Trauergesang des Chors zusammen mit den Gesängen von der Bühne. +Die (qualitativen) Teile der Tragödie, welche man als Arten verwenden +muß, haben wir also vorhin besprochen, was die quantitativen anbelangt, +d.h. die gesonderten Teile, in die sie geschieden werden, so sind es die +genannten.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XIII" id="KAPITEL_XIII">KAPITEL XIII</a></h4> + + +<p><a name="m_1" id="m_1">1</a>. Was man bei dem Aufbau der Fabeln erstreben und was man vermeiden muß +und wodurch die Aufgabe der Tragödie erreicht werden wird, soll nun auf +Grund des bereits Erörterten im folgenden dargestellt werden.</p> + +<div class="sidenote">c. 13, 2. Die Fabel. Quantitative Teile der Tragödie.</div> + +<div class="sidenote">c. 13, 2. Die Fabel. Beschaffenheit der Handlung.</div> + +<p><a name="m_2" id="m_2">2</a>. Da die <i>Komposition der Tragödie</i> keine einfache sondern eine +<i>verflochtene</i> sein soll und diese <i>furcht- und mitleiderregende</i> +Ereignisse nachahmend darzustellen hat, liegt doch eben darin das +Charakteristische einer derartigen nachahmenden Darstellung so ist +zunächst folgendes klar: <i>Weder <a name="Page_47" id="Page_47"></a>dürfen sittlich hervorragende aus Glück +in Unglück geratene Männer vor Augen treten</i>, denn dies wäre +weder furcht- noch mitleiderregend, sondern (einfach) gräßlich, noch +sollen <i>schlechte aus Unglück in Glück geraten</i>, denn dies wäre das +Untragischste von allen, da es keine der Forderungen (1453a) erfüllt, +indem es die allgemein menschliche Teilnahme unberührt läßt und weder +mitleid- noch furchterregend ist. Ferner <i>soll auch nicht der +Erzbösewicht aus Glück ins Unglück stürzen</i>, denn ein solcher Vorgang +würde zwar menschliche Teilnahme erwecken, aber weder Mitleid noch +Furcht. Ersteres nämlich bezieht sich auf einen unverdient Leidenden, +letztere auf einen unseres gleichen, so daß ein derartiges Ereignis +nichts Mitleid- oder Furchterregendes an sich hat.</p> + +<p><a name="m_3" id="m_3">3</a>. Es bleibt mithin nur noch <i>Einer übrig, der zwischen jenen +Charakteren die Mitte hält</i>. Es ist dies aber ein solcher, der weder +durch sittliche Tüchtigkeit und Gerechtigkeit hervorragt, noch +andrerseits durch Schlechtigkeit und Gemeinheit in Unglück gerät, +sondern <i>infolge einer Art Irrtum und zwar bei Personen von großem +Ansehen</i> und in glücklicher Lebenslage, wie bei <i>Oidipus</i> und <i>Thyestes</i> +und anderen erlauchten Männern aus solchen Geschlechtern.</p> + +<p><a name="m_4" id="m_4">4</a>. Es ist daher notwendig, daß eine kunstgerechte Fabel <i>vielmehr einen +einseitigen Ausgang als einen doppelten</i>, wie manche meinen, haben muß +und daß der Umschwung nicht in Glück aus Unglück, sondern im Gegenteil +aus Glück in Unglück stattfinde und zwar nicht durch Schlechtigkeit, +sondern auf Grund eines folgenschweren Irrtums von seiten eines Mannes +der angegebenen Art oder eines, der eher besser als schlechter ist Einen +Beweis dafür <a name="Page_48" id="Page_48"></a>liefert auch die (literarhistorische) Entwicklung, denn +anfangs wählten die Dichter der Reihe nach beliebige +Sagenstoffe, jetzt aber drehen sich die Tragödien nur um wenige +Familienhäuser, wie um einen <i>Alkmeon, Oidipus, Orestes, Meleagros, +Thyestes, Telephos</i> und solch' andere, denen es beschieden war, entweder +Schreckliches zu leiden oder zu vollbringen.</p> + +<p><a name="m_5" id="m_5">5</a>. Aus einer derartig aufgebauten Handlung entsteht also die nach den +Regeln der Kunst gebaute schönste Tragödie. Deshalb befinden sich auch +diejenigen im Irrtum, die <i>Euripides</i> tadeln, weil er dieses Verfahren +in seinen Tragödien einschlägt und viele seiner Dramen unglücklich +enden. Denn gerade dies ist, wie gesagt, das Richtige. Der schlagendste +Beweis dafür ist folgender. Bei der Bühnenaufführung erscheinen gerade +derartige Stücke, falls sie gut gespielt werden, tragisch ganz besonders +wirksam und deshalb erscheint <i>Euripides</i>, mag auch in anderen Dingen +seine Technik nicht (immer) lobenswert sein, doch tragisch wirksamer als +andere Dichter.</p> + +<div class="sidenote"> c. 13, 6. Die Fabel. Ausgang der Tragödie.</div> + +<p><a name="m_6" id="m_6">6</a>. An <i>zweiter</i> Stelle kommt diejenige Anlage der Handlung, der von +einigen die erste eingeräumt wird, nämlich die, <i>welche eine doppelte +Anlage enthält</i> wie die <i>Odyssee</i>, und für die Besseren und Schlechteren +(wider Erwarten) in entgegengesetzter Weise ausläuft. Sie scheint aber +die erste Stelle auf Grund der Schwäche des Theaterpublikums einzunehmen +richten sich doch die Dichter in ihren Werken nach den Wünschen der +Zuschauer. Aber nicht dies ist das Lustgefühl, das von der Tragödie +ausgehen soll, sondern jener Vorgang ist vielmehr der Komödie +eigentümlich, wo nämlich Personen, die in der Sage die größten Feinde +sind, wie z.B. <i>Orestes</i> und <i>Aigisthos</i>, am Schluß als Freunde abziehen +und keiner den Tod von der Hand des anderen erleidet.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_49" id="Page_49"></a><a name="KAPITEL_XIV" id="KAPITEL_XIV">KAPITEL XIV</a></h4> + + +<div class="sidenote">c. 14, 1. Die Fabel. Arten der Handlung.</div> + +<p><a name="n_1" id="n_l">l</a>. Es kann nun das <i>Furcht- und Mitleiderregende</i> (1453b) aus +der szenischen Ausstattung erwachsen, es kann aber auch aus der +<i>Verknüpfung der Ereignisse</i> selbst sich ergeben und dies ist das +Vortrefflichere und Sache des besseren Dichters. Man muß nämlich auch +ohne Rücksicht auf die Aufführung die Fabel so gestalten, daß man schon +beim <i>bloßen Anhören</i> aus dem, was sich zuträgt, Schauder und Mitleid +empfindet, eine Wirkung, die jemand, der die (dramatische) Darstellung +der <i>Oidipus</i>-Geschichte auch nur (vorlesen) hört, an sich erproben +kann. Diese Wirkung aber (allein) durch Vermittlung der szenischen +Ausstattung zu erzielen ist unkünstlerischer, weil sie (rein äußerer) +theatralischer Mittel bedarf. Diejenigen aber, die vermittelst +szenischer Ausstattung nicht das Furcht- und Mitleiderregende, sondern +lediglich Wundererscheinungen bezwecken, haben überhaupt nichts mehr mit +der Tragödie gemein, denn <i>nicht jede Lustempfindung darf man von der +Tragödie verlangen</i>, sondern nur die (ihrem Wesen) eigentümliche. Da +also der Dichter nur die aus Mitleid und Furcht vermittelst einer +nachahmenden Darstellung sich ergebende Lustempfindung bereiten soll, so +ist klar, daß er diese Wirkung eben in die Begebenheiten selbst verlegen +muß.</p> + +<p><a name="n_2" id="n_2">2</a>. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche <i>Art von Vorgängen als +schrecklich, welche als mitleidvollanzusehen ist</i>. Notwendigerweise +spielen sich derartige Handlungen unter Personen ab, die <i>entweder +untereinander verwandt oder verfeindet oder keins von beiden</i> sind. +Greift ein Feind einen Feind an, mag er nun die Tat wirklich ausführen +oder nur im Begriff sein sie auszuführen, <a name="Page_50" id="Page_50"></a>so ist das nicht mitleid- +oder furchterregend, wenn wir (im ersteren Falle) von dem +leidvollen Vorgang als solchem absehen, und dasselbe trifft auf Personen +zu, die sich gleichgültig gegenüberstehen.</p> + +<p><a name="n_3" id="n_3">3</a>. Wenn aber die leidvollen Taten unter Verwandten stattfinden, wie wenn +der Bruder den Bruder, der Sohn den Vater, die Mutter den Sohn oder der +Sohn die Mutter tötet oder zu töten im Begriff ist oder irgend ein +anderer (Verwandter) etwas der Art tut, so sind dies die Begebenheiten, +die man aufsuchen muß.</p> + +<p><a name="n_4" id="n_4">4</a>. Den Kern der <i>überkommenen Sagen darf man aber nicht zerstören</i>, ich +meine, daß z.B. <i>Klytaimestra</i> von der Hand des <i>Orestes</i> fällt und +<i>Eriphyle</i> von der des <i>Alkmeon</i>; im übrigen soll der Dichter selbst +erfinden und die überlieferten Stoffe <i>kunstvoll</i> verwerten. Was wir +unter "kunstvoll" verstehen, wollen wir etwas genauer erläutern. Die +Handlung kann nämlich (1) so sich abspielen, wie die alten Dichter +Personen, die (ihre Opfer) kennen und wissen, wer sie sind, darzustellen +pflegten, wie noch <i>Euripides</i><a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16"></a><a href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> <i>Medea</i> ihre Kinder mordend +darstellte.</p> + +<div class="sidenote">c. 14, 5. Die Fabel. Arten der Handlung.</div> + +<p><a name="n_5" id="n_5">5</a>. Ein weiterer Fall ist (2) der, in dem die Tat in Unkenntnis (des +Opfers) begangen wird oder aber, (3) wo das Schreckliche zwar auch +unwissentlich ausgeführt wird, aber erst hinterher die Verwandtschaft +erkannt wird, wie der <i>Oidipus</i> des <i>Sophokles</i>, wo freilich die Tat +außerhalb des Dramas liegt; innerhalb der Tragödie selbst gibt uns ein +Beispiel der <i>Alkmeon</i> des <i>Astydamas</i> oder <i>Telegonos</i> im "<i>Verwundeten +Odysseus</i>." Sodann (4) kann man nur im Begriff sein, irgend eine +ruchlose Tat in Unkenntnis zu begehen, vor der Ausführung aber (das +Opfer) erkennen. Außer diesen Fällen gibt es keine anderen. Denn +notwendiger <a name="Page_51" id="Page_51"></a>weise ist die Tat entweder vollbracht oder nicht, und +zwar wiederum entweder in Kenntnis (des Opfers) oder in Unkenntnis.</p> + +<p><a name="n_6" id="n_6">6</a>. Von diesen (Möglichkeiten) ist nun in Kenntnis (des Opfers) die Tat +nur zu beabsichtigen, aber nicht zu vollführen, die minderwertigste. +Denn dies hat etwas Abscheuerweckendes und nichts Tragisches an sich, +fehlt ihr doch die leidvolle Tat. Darum hat auch niemand derartiges +dargestellt, oder doch nur selten, wie z.B. in der <i>Antigone Haimon</i> +gegenüber <i>Kreon</i> (1454a) so verfährt<a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17"></a><a href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a>.</p> + +<p><a name="n_7" id="n_7">7</a>. <i>An zweiter Stelle</i> kommt die wirkliche Vollziehung der Tat, wobei +die zwar in Unkenntnis vollzogene, aber mit einer nach der Tat folgenden +Erkennung die bessere ist.</p> + +<p><a name="n_8" id="n_8">8</a>. Die <i>wirkungsvollste</i> Art aber ist die letzte. Ich meine z.B., wie im +<i>Kresphontes Merope</i> sich anschickt ihren Sohn zu töten, ihn aber nicht +tötet, sondern (vorher) erkennt und wie in der <i>Iphigeneia</i> die +Schwester den Bruder erkennt, (ehe sie ihn tötet), und in der <i>Helle</i> +der Sohn im Begriff die Mutter (dem Tode) auszuliefern sie erkennt.</p> + +<p><a name="n_9" id="n_9">9</a>. Deshalb bewegen sich, wie bereits erwähnt, die Tragödien um nicht +viele Geschlechter. Denn auf der Jagd nach (passenden) Stoffen gelang es +den Dichtern weniger durch ihre eigene Kunst als durch des Zufalls Gunst +derartige Wirkungen in ihren Fabeln anzubringen, und sie wurden so +gezwungen bei denjenigen Familienhäusern zusammenzutreffen, in denen +eben derartige leidvolle Taten sich ereignet haben. Über die Verknüpfung +der Begebenheiten und die nötige Beschaffenheit dieser Sagenstoffe ist +also hiermit hinreichend gesprochen worden.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_52" id="Page_52"></a><a name="KAPITEL_XV" id="KAPITEL_XV">KAPITEL XV</a></h4> + + +<p><a name="o_1" id="o_1">1</a>. Was die <i>Charaktere</i> anbelangt, so sind es <i>viererlei</i> Eigenschaften, +auf die man sein Augenmerk richten muß. <i>Erstes</i> und wichtigstes +Erfordernis ist, daß sie <i>sittlich gut</i> seien. Charakter wird aber +jemand haben, wenn, wie bereits erwähnt, seine Eede oder Handlungsweise +irgendeine Willensrichtung, welcher Art sie auch sein mag, offenbart und +zwar einen sittlich guten Charakter, wenn diese Willensrichtung eine +sittlich gute ist. Ein solcher ist aber in jeder menschlichen Gattung +vorhanden, denn auch ein Weib kann sittlich gut sein und ein Sklave, +obgleich vielleicht von diesen die eine ein minderwertiges, der andere +ein ganz und gar untaugliches Geschöpf ist.</p> + +<p><a name="o_2" id="o_2">2</a>. Das <i>zweite</i> ist das <i>Angemessene</i>. Es kann z.B. ein Charakter tapfer +sein, ohne daß dies für ein Weib angemessen sein würde, wie denn ein +solcher im allgemeinen bei ihr auch nicht üblich ist.</p> + +<p><a name="o_3" id="o_3">3</a>. Das <i>dritte</i> ist die (historische) <i>Ähnlichkeit</i>. Dies ist nämlich +etwas anderes als den Charakter sittlich gut und angemessen, wie wir uns +ausdrückten, darzustellen.</p> + +<p><a name="o_4" id="o_4">4</a>. Das <i>vierte</i> ist die <i>Konsequenz</i>, denn selbst wenn irgend eine +Person, die den Gegenstand der nachahmenden Darstellung abgibt, +inkonsequent sein sollte und als ein derartiger Charakter dem Dichter +vorgelegen hat, so muß sie gleichwohl konsequent inkonsequent sein.</p> + +<div class="sidenote">c. 15, 5. Die Charaktere.</div> + +<p><a name="o_5" id="o_5">5</a>. Ein Beispiel einer Schlechtigkeit des Charakters von nicht (innerer) +Notwendigkeit ist beispielsweise <i>Menelaos</i> im <i>Orestes</i>, von einem +unpassenden und unangemessenen, z.B. der Klagegesang des <i>Odysseus</i> in +der <i>Skylla</i> und die Rede der <i>Melanippe</i>, ‹von einem ohne historische +Ähnlichkeit z.B....›, von <a name="Page_53" id="Page_53"></a>einem inkonsequenten endlich die <i>Iphigeneia +in Aulis</i>, denn die (um ihr Leben) Flehende gleicht in keiner +Weise der späteren (sich freiwillig opfernden).<a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18"></a><a href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a></p> + +<p><a name="o_6" id="o_6">6</a>. Man soll auch in der Zeichnung der Charaktere, ebenso gut wie in der +Verknüpfung der Handlungen, stets, sei es auf deren Wahrscheinlichkeit, +sei es auf deren Notwendigkeit bedacht sein, auf daß ein so beschaffener +Charakter so oder so, entweder nach der Notwendigkeit oder +Wahrscheinlichkeit auch rede oder handle, wie ja auch die eine +Begebenheit auf die andere der Notwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit +entsprechend erfolgen muß.</p> + +<p><a name="o_7" id="o_7">7</a>. Es ist demnach klar, daß auch die <i>Lösungen in den Fabeln</i> sich aus +dem <i>Charakter</i> selbst ergeben (1454b) müssen und nicht wie in der +<i>Medea</i><a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19"></a><a href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> durch die (Theater-) Maschine und in der <i>Ilias</i><a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20"></a><a href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> +anläßlich der Vorgänge bei der Abfahrt, denn die Maschine darf vielmehr +nur für Begebenheiten außerhalb des Dramas in Anwendung kommen, sei es +in Bezug auf Ereignisse der Vergangenheit oder bei Vorgängen, die ein +Mensch nicht wohl wissen konnte, oder aber bei zukünftigen Dingen, die +der Vorhersagung und Verkündigung bedürfen denn den Göttern gestehen wir +ja zu, daß sie alles wahrnehmen.</p> + +<p><a name="o_8" id="o_8">8</a>. Aber auch keine Ungereimtheit darf in Tragödien vorkommen und, wenn +ja einmal, nur außerhalb der Tragödie, wie jene bekannte im <i>Oidipus</i> +des <i>Sophokles</i>.<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21"></a><a href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p> + +<p><a name="o_9" id="o_9">9</a>. Da nun die Tragödie <i>eine nachahmende Darstellung besserer Menschen</i>, +als wir es zusein pflegen, ist, so muß man die guten Portraitmaler <a name="Page_54" id="Page_54"></a>als +nachzuahmendes Vorbild nehmen. Indem nämlich diese ihren +Personen zwar die ihnen eigentümliche Gestalt verleihen und sie demgemäß +ähnlich bilden, malen sie sie dennoch schöner. So muß auch der +nachahmend darstellende Dichter, wenn er zornige oder leichtmütige oder +mit anderen derartigen Charakterzügen ausgestattete Personen zu bilden +hat, sie in ihrer Eigenart als <i>sittlich vortreffliche Menschen +zeichnen</i>, wie z.B. <i>Homer</i> den sich fernhaltenden <i>Achill</i> als einen +guten Menschen geschildert hat.</p> + +<p><a name="o_10" id="o_10">10</a>. Auf diese Dinge muß man also achten und überdies auch auf die der +Dichtung sich notwendig anpassende sinnfällige Darstellung, denn auch +bei dieser kann man oft in die Irre gehen. Doch ist darüber bereits in +meinen herausgegebenen Schriften zur Genüge gehandelt worden.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XVI" id="KAPITEL_XVI">KAPITEL XVI</a></h4> + + +<div class="sidenote">c. 16, 1. Arten der Anagnorisis.</div> + +<p><a name="p_1" id="p_1">1</a>. Was Erkennung ist, wurde früher gesagt. Was nun die <i>Arten der +Erkennung</i> betrifft, so ist die erste die unkünstlerischste, deren sich +die meisten als Verlegenheitsmittel bedienen, nämlich die durch Zeichen. +Von diesen sind nun (a) die einen <i>angeboren</i>, wie z.B. die Lanze, +welche die Erdgeborenen tragen, oder die Sterne, wie z.B. die im +<i>Thyestes</i> des <i>Karkinos</i>. Andere (b) sind <i>erworben</i> und diese wiederum +sind teils <i>körperlich</i>, wie Narben, teils <i>äußerliche Gegenstände</i>, wie +beispielsweise Halsbänder und die durch die Wanne herbeigeführte +Erkennung in der <i>Tyro</i>. Aber auch diese Zeichen kann man mehr oder +minder geschickt anwenden. So wurde z.B. <i>Odysseus</i> an der Narbe auf die +eine Weise von der Amme,<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> auf <a name="Page_55" id="Page_55"></a>eine andere von dem Sauhirten<a name="FNanchor_23_23" id="FNanchor_23_23"></a><a href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> +erkannt. Allerdings sind die lediglich der Beglaubigung wegen +eingeführten Erkennungen weniger kunstvoll und überhaupt alle rein +äußerlichen Erkennungen dieser Art. Doch sind die aus der Peripetie sich +ergebenden, wie die in der (eben genannten) Badeszene<a name="FNanchor_24_24" id="FNanchor_24_24"></a><a href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>, +(verhältnismäßig) besser.</p> + +<p><a name="p_2" id="p_2">2</a>. Eine <i>zweite</i> Art sind die vom Dichter <i>erfundenen</i> und eben darum +unkünstlerisch. So erkannte z.B. <i>Iphigeneia</i> in der <i>Iphigeneia</i>, daß +<i>Orestes</i> (vor ihr stehe). Jene nämlich wurde durch den Brief +erkannt<a name="FNanchor_25_25" id="FNanchor_25_25"></a><a href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>, dieser sagt aber selbst<a name="FNanchor_26_26" id="FNanchor_26_26"></a><a href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a>, was dem Dichter beliebt, nicht +aber was die Handlung fordert. Deshalb kommt dies (Verfahren) dem +erwähnten Mißgriff ziemlich nahe, denn er (Orestes) hätte ebensogut +einige (Erkennungszeichen auch an sich tragen können. Ein (weiteres) +Beispiel liefert "<i>die Stimme der Spindel</i>" im <i>Tereus</i> des <i>Sophokles</i>.</p> + +<p><a name="p_3" id="p_3">3</a>. Die <i>dritte</i> Art kommt auf Grund einer <i>Erinnerung</i> zustande, indem +man sich einer Sache bewußt wird, die man wahrgenommen hat, wie der +Vorgang in den <i>Kypriern</i> des <i>Dikaiogenes</i>, denn (daselbst) (1455a) +brach (der Held) beim Anblick des Bildes in Weinen aus, und derjenige in +der "Mär des <i>Alkinoos</i>," denn nachdem er (Odysseus) dem Kitharisten +zugehört hatte und sich der (vorgetragenen Begebenheiten) erinnerte, +vergoß er Tränen,<a name="FNanchor_27_27" id="FNanchor_27_27"></a><a href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a> wodurch sie dann beide erkannt wurden.</p> + +<p><a name="p_4" id="p_4">4</a>. Die <i>vierte</i> Art endlich beruht auf einer <i>Schlußfolgerung</i> wie z.B. +in den <i>Choephoren</i><a name="FNanchor_28_28" id="FNanchor_28_28"></a><a href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a>: Jemand <a name="Page_56" id="Page_56"></a>(dem Orestes oder mir, Elektra) ähnlich +ist angekommen, (ihm oder mir) ähnlich ist aber niemand außer +<i>Orestes</i>. Also ist <i>Orestes</i> angekommen. Ferner die Erkennungsszene in +betreff der <i>Iphigeneia</i> bei <i>Polyidos</i>, dem Sophisten, denn es war +(durchaus) wahrscheinlich daß <i>Orestes</i> den Schluß zog, weil seine +Schwester geopfert wurde, so sei es auch ihm nun beschieden geopfert zu +werden. Ferner im <i>Tydeus</i> des <i>Theodektes</i>: Gekommen seinen Sohn zu +finden, verfalle er nun selbst dem Tode. Endlich die Szene in den +<i>Phiniden</i>: Nachdem die Frauen des Ortes ansichtig wurden, schlössen sie +auf ihr Verhängnis, weil ihnen das Schicksal bestimmt hatte an diesem +Ort zu sterben, denn eben dort seien sie ausgesetzt worden. Es gibt aber +auch eine zusammengesetzte Art der Erkennung aus dem Fehlschluß des +einen, (der angeredeten Person), wie z.B. im "<i>Odysseus der Trugbote</i>". +Da behauptete der eine (Odysseus), er allein könne den Bogen spannen und +kein anderer. Dies läßt ihn der Dichter nach der Überlieferung sagen; +wenn er nun aber hinzufügt, er werde den Bogen wiedererkennen, den er +doch niemals gesehen, so war die Annahme, er werde diesen (wirklich) +wiedererkennen, ein Fehlschluß.</p> + +<div class="sidenote">c. 16, 5. Arten der Anagnorisis.</div> + +<p><a name="p_5" id="p_5">5</a>. Von allen Erkennungsarten ist aber diejenige, die aus den +Begebenheiten selbst entspringt, die beste, insofern die Überraschung +auf Grund wahrscheinlicher Vorgänge erfolgt, wie im <i>Oidipus</i> des +<i>Sophokles</i><a name="FNanchor_29_29" id="FNanchor_29_29"></a><a href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> und in der <i>Iphigeneia</i><a name="FNanchor_30_30" id="FNanchor_30_30"></a><a href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a>, denn es ist durchaus +wahrscheinlich daß sie ein Schreiben mitzugeben wünscht. Diese +Erkennungen bestehen für sich allein ohne erdichtete Zeichen, wie +Halsbänder. An zweiter Stelle kommt die aus einer Schlußfolgerung sich +ergebende.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_57" id="Page_57"></a><a name="KAPITEL_XVII" id="KAPITEL_XVII">KAPITEL XVII</a></h4> + + +<div class="sidenote">c. 17, 1. Vorschriften für den Tragödiendichter.</div> + +<p><a name="q_1" id="q_1">1</a>. Man muß bei der <i>Gestaltung der Fabeln und ihrer sprachlichen +Ausarbeitung die Vorgänge soweit wie irgend möglich sich vor Augen +stellen</i>, denn nur wenn der Dichter diese im klarsten Lichte sieht, als +wäre er bei den Begebenheiten selbst zugegen, dürfte er das Passende +finden und auch Widersprüche schwerlich übersehen. Ein Beweis dafür ist, +was dem <i>Karkinos</i> einmal zum Vorwurf gemacht wurde. Eine Person +[Amphiaraos?] entstieg dem Tempel ‹....› Dies entging dem Dichter, der +sich die Situation nicht vergegenwärtigte, und so fiel er bei der +Aufführung durch, weil dieser Verstoß den Unwillen der Zuschauer +erregte.</p> + +<p><a name="q_2" id="q_2">2</a>. <i>Sodann soll der Dichter</i>, soweit es irgend wie angeht, <i>Mienen und +Geberden seiner Personen an sich</i> (darstellerisch) <i>miterproben</i>, denn +am überzeugendsten sind die, welche kraft ihres eigenen Naturells sich +in (die betreffenden) Gemütsstimmungen versetzen können, und am +Wahrheitsgetreuesten wird der selbst heftig Erregte aufregend darstellen +und der Erzürnte seinen Zorn auf andere übertragen. Deshalb ist die +<i>Dichtkunst vielmehr Sache eines Hochbegabten als eines Besessenen</i>, +denn jene sind reichlich bildsam, diese aber außer Rand und Band.</p> + +<p><a name="q_3" id="q_3">3</a>. Der Dichter soll ferner die <i>Sagenstoffe</i> und zwar (1455b) sowohl die +bereits erfundenen als die, welche er selbst erfindet, <i>zuerst in einem +allgemeinen Umriß entwerfen, dann Episoden einflechten</i>, d.h. erweitern. +Ich meine, das Allgemeine läßt sich z.B. an der <i>Iphigeneia</i> so +veranschaulichen: Eine gewisse Jungfrau wurde auf den Opferaltar gelegt +und den Opfernden auf unbekannte Weise entrückt, sie wurde <a name="Page_58" id="Page_58"></a>in ein +anderes Land<a name="FNanchor_31_31" id="FNanchor_31_31"></a><a href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a> versetzt, wo es Brauch war Fremde der (Landes) +Göttin<a name="FNanchor_32_32" id="FNanchor_32_32"></a><a href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a> zu opfern. Sie erhielt dieses Priesteramt.<a name="FNanchor_33_33" id="FNanchor_33_33"></a><a href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a> Nach einiger +Zeit fügte es sich, daß ihr Bruder<a name="FNanchor_34_34" id="FNanchor_34_34"></a><a href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> eintraf—die Tatsache, daß der +Gott<a name="FNanchor_35_35" id="FNanchor_35_35"></a><a href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a> aus einem bestimmten Grunde ihm befohlen hatte dorthin zu +kommen und in welcher Absicht,<a name="FNanchor_36_36" id="FNanchor_36_36"></a><a href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> liegt außerhalb der dramatischen +Handlung. Genug, er kam, wurde festgenommen und gerade im Begriff +geopfert zu werden, erkannte er seine Schwester, sei es, wie +<i>Euripides</i><a name="FNanchor_37_37" id="FNanchor_37_37"></a><a href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>, sei es wie <i>Polyidos</i> die Erkennung (des Bruders) +herbeiführte, indem er ihn in wahrscheinlicher Weise die Äußerung tun +läßt, daß also nicht nur seine Schwester, sondern nun auch er geopfert +werde, und daraus erfolgte seine Rettung. Nachdem dieser Umriß entworfen +und die Namen (den Personen) bereits beigelegt worden sind, füge man +Episoden ein, achte aber darauf, daß diese Episoden passend sind, wie +z.B. beim <i>Orestes</i> der Wahnsinnsanfall<a name="FNanchor_38_38" id="FNanchor_38_38"></a><a href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a>, der seine Ergreifung +veranlaßte, und seine Rettung vermittelst der Reinigung.<a name="FNanchor_39_39" id="FNanchor_39_39"></a><a href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a></p> + +<div class="sidenote">c. 17, 4. Vorschriften für den Tragödiendichter.</div> + +<p><a name="q_4" id="q_4">4</a>. In den <i>Dramen müssen die Episoden eng begrenzt sein</i>, das Epos +dagegen wird durch sie (gebührend) verlängert. So ist die Geschichte der +<i>Odyssee</i> nicht eben lang: Ein Mann<a name="FNanchor_40_40" id="FNanchor_40_40"></a><a href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a> ist viele Jahre von der Heimat +entfernt, er wird von einem Gott<a name="FNanchor_41_41" id="FNanchor_41_41"></a><a href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> feindselig <a name="Page_59" id="Page_59"></a>überwacht und findet +sich schließlich allein? in seinem Hause lagen inzwischen die +Verhältnisse so, daß von Freiern seine Habe verschwendet und seinem +Sohne<a name="FNanchor_42_42" id="FNanchor_42_42"></a><a href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a> nachgestellt wird. Da kommt der (einst) von Unglücksstürmen +Umhergeworfene heim und, nachdem er einigen sich zu erkennen gegeben +hatte<a name="FNanchor_43_43" id="FNanchor_43_43"></a><a href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a>, geht er zum Angriff über, wobei er selbst gerettet wird, +während er seine Feinde vernichtet. Dies der eigentliche Kern, alles +andere sind Episoden.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL XVIII</h4> + + +<p><a name="r_1" id="r_1">1</a>. Jede Tragödie besteht aus einer <i>Lösung</i> und einer <i>Schürzung</i>. Der +Schürzung gehören oft Begebenheiten an, die noch außerhalb und einige, +die innerhalb der Handlung fallen, das übrige bildet die Lösung. Unter +Schürzung verstehe ich aber diejenige Verknüpfung, die vom Anfang bis zu +demjenigen Teil reicht, der die Grenze bezeichnet, von der aus ein +Umschwung in Glück oder Unglück sich vollzieht; unter Lösung diejenige +vom Umschwung bis zum Schluß. So umfaßt im <i>Lynkeus</i> des <i>Theodektes</i> +die Schürzung die Vorgeschichte, die Wegnahme des Kindes und was +unmittelbar darauf folgt, die Lösung dagegen reicht von der +Anschuldigung des Mordes bis zum Schluß.</p> + +<p><a name="r_2" id="r_2">2</a>. Es gibt vier Arten der Tragödie und ebensoviele (?) Teile der +Tragödie waren genannt worden, nämlich die verflochtene, die ganz auf +Peripetie oder Erkennung hinausläuft, ferner die eine leidvolle Tat +enthaltende <a name="Page_60" id="Page_60"></a>(pathetische), wie z.B. die <i>Aias</i>—und (1456a) +<i>Ixion</i>dramen, und die auf Charakterzeichnung beruhende (ethische), wie +die <i>Phthiotinnen</i> und der Peleus, die vierte, einfache erscheint in +Verbindung mit den beiden letzteren, wie z.B. die <i>Phorkiden</i>, der +<i>Prometheus</i> und die Stücke, die im Hades spielen. Man sollte nun ganz +besonders darnach trachten, alle diese Behandlungsarten sich anzueignen, +falls dies aber nicht möglich, so doch die wichtigsten und meisten, +zumal man gerade heutzutage die Dichter einer gehässigen Kritik zu +unterziehen pflegt. Da es nämlich für jeden Teil (einer Tragödie) +vortreffliche Dichter gibt, fordert man, daß der Einzelne die +Virtuosität (Spezialität) eines jeden überbieten soll.</p> + +<p><a name="r_3" id="r_3">3</a>. Von Rechts wegen darf man eine ganz verschiedene Tragödie (im +Verhältnis zu einer anderen) als die nämliche ansprechen, selbst wenn +sie im Stoff nicht zueinander stimmen. Dieser Fall tritt ein, wenn +Schürzung und Lösung dieselben sind. Überhaupt <i>schürzen viele den +Knoten vortrefflich, lösen ihn aber schlecht</i>. Es ist aber nötig, daß +beides im Einklang stehe.</p> + +<div class="sidenote">c. 18, 4. Vorschriften für den Tragödiendiohter.</div> + +<p><a name="r_4" id="r_4">4</a>. Der Dichter muß ferner, wie wiederholt bemerkt wurde, sich daran +erinnern seine Tragödie nicht episch zu gestalten. Unter episch verstehe +ich aber einen vielstoffigen Inhalt, wie wenn jemand z.B. den ganzen +Stoff der <i>Ilias</i> dramatisieren wollte. Dort (im Epos) erhalten nämlich +in Folge seiner Länge die Teile ihre angemessene Ausdehnung, in den +Dramen aber wird dies (Verfahren) einen der Erwartung ganz +entgegengesetzten Erfolg haben. Ein Beweis dafür ist, daß diejenigen, +welche die Zerstörung <i>Ilions</i> als Ganzes dramatisierten und nicht +einzelne Teile, wie <i>Euripides</i>, oder die Sage der <i>Niobe</i>, und nicht +wie <i>Aischylos</i>, entweder durchfielen oder im Wettkampf schlecht +abschnitten, <a name="Page_61" id="Page_61"></a>hat doch sogar <i>Agathon</i> in diesem Punkte allein +einen Mißerfolg zu verzeichnen.</p> + +<p><a name="r_5" id="r_5">5</a>. In Peripetien und in einfachen Handlungen erreichen die Dichter in +bewundernswerter Weise die Wirkung, die sie erstreben. Denn diese ist +eine tragische und erweckt somit menschliche Teilnahme. Dieser Fall +tritt ein, wenn ein kluger, aber schlechter Mensch, wie <i>Sisyphos</i>, +hintergangen wird und ein mannhafter, aber ungerechter Charakter ‹wie +...› unterliegt. Denn auch das ist in dem Sinne wahrscheinlich, wie es +<i>Agathon</i> versteht, "<i>Ist es doch wahrscheinlich, daß vieles +Unwahrscheinliche sich ereignet</i>."</p> + +<p><a name="r_6" id="r_6">6</a>. Ferner muß der Dichter den Chor wie einen der <i>Schauspieler +auffassen</i>, er soll ein (organisches) Glied des Ganzen sein und an der +dramatischen Handlung teilnehmen, nicht wie bei <i>Euripides</i>, sondern wie +bei <i>Sophokles</i>. Bei zahlreichen (Dichtern) haben die Chorlieder nicht +viel mehr mit der betreffenden Fabel zu tun als mit irgend einer anderen +Tragödie. Deshalb lassen sie (sogenannte) Embolima (Einlagen) singen, +ein Brauch, den zuerst <i>Agathon</i> aufbrachte. Und doch welch' ein +Unterschied besteht darin, solche Intermezzi zu singen oder eine Rede +aus einem Stück in ein anderes einzufügen [oder gar ein ganzes +Episodion]?</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL XIX</h4> + + +<p><a name="s_1" id="s_1">1</a>. Über die anderen Arten (der Tragödie) ist nun gesprochen worden, es +erübrigt noch über den <i>sprachlichen Ausdruck</i> und die <i>Gedanken</i> +zureden. Das, was die <i>Gedanken</i> angeht, mag in den Büchern über die +Rhetorik seinen Platz haben, da dies mehr diesem Untersuchungsgebiet +eigen ist. In den Bereich <a name="Page_62" id="Page_62"></a>der Gedankenbildung fällt das, was +vermittelst der (1456b) Rede bewerkstelligt werden muß, zu deren +Funktionen das Beweisen und Widerlegen und die Erregung von +Gemütsstimmungen gehört, wie Mitleid oder Furcht oder Zorn oder was es +sonst noch derartiges gibt; ferner die Vergrößerung und Verkleinerung +von Dingen. Es leuchtet aber ein, daß man auch in den Handlungen +dieselben Gesichtspunkte anwenden muß, wenn man sie entweder +mitleiderregend oder schrecklich oder groß oder wahrscheinlich machen +will. Ein Unterschied besteht lediglich darin, daß diese Handlungen ohne +(sprachliche) Belehrung sich kundgeben müssen, während die durch die +Rede vermittelten von dem Redenden selbst bewerkstelligt werden und ein +Ergebnis der Rede sein müssen, denn worin bestände denn sonst die +Aufgabe des Redenden, wenn die Gedanken auch ohne Vermittlung der Rede +in Erscheinung treten würden?</p> + +<div class="sidenote">c. 19, 2. Gedankenbildung. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="s_2" id="s_2">2</a>. Von dem nun, was in das Gebiet des <i>sprachlichen Ausdrucks</i> gehört, +bilden <i>einen</i> Teil der Untersuchung die <i>Satzarten</i>, deren Kenntnis +übrigens mehr Sache der Vortragskunst ist und desjenigen, der deren +Kunsttheorie beherrscht, wie z.B. was Befehl ist und was Wunsch oder +Erzählung oder Drohung oder Frage oder Antwort und was es sonst +derartiges gibt. Aus deren Kenntnis oder Unkenntnis kann aber der +Dichtkunst keinerlei Tadel, der der Beachtung würdig wäre, erwachsen. +Denn wer wird darin einen Fehler erkennen wollen, was <i>Protagoras</i> rügt, +daß (Homer) z.B. in der Meinung eine Bitte auszusprechen befiehlt, indem +er sagt: <i>Singe, o Göttin, den Zorn</i><a name="FNanchor_44_44" id="FNanchor_44_44"></a><a href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>, denn, so behauptet er, +jemanden auffordern etwas zu tun oder nicht zu tun sei ein Befehl.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_63" id="Page_63"></a><a name="KAPITEL_XX" id="KAPITEL_XX">KAPITEL XX</a></h4> + + +<div class="sidenote">c. 20, 1. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="t_1" id="t_1">1</a>. Der <i>sprachliche Ausdruck in seiner Gesamtheit</i> enthält +folgende Teile: den <i>Buchstaben</i>, die <i>Silbe</i>, das <i>Bindewort</i>, den +<i>Artikel</i>, das <i>Nennwort</i> (Substantiv), das <i>Zeitwort</i> (Verbum), die +<i>Beugung</i> (Flexion) und den <i>Satz</i> (Wortgefüge). Der <i>Buchstabe</i> ist ein +unzerlegbarer Laut, aber nicht in allen Fällen, sondern nur, wenn aus +ihm naturgemäß ein zusammengesetztes Lautgebilde sich entwickeln kann, +denn auch Tiere haben unzerlegbare Laute, von denen ich keinen einzigen +als einen zusammengesetzten oder einen Buchstaben bezeichne. Die Teile +dieses Lautes sind der <i>Selbstlauter</i> (Vokal), der <i>Nichtlauter</i> (Muta) +und der <i>Halbvokal</i> (Liquida).</p> + +<p>Ein <i>Vokal</i> hat einen hörbaren, ohne Anlegung (der Zunge) an die Lippen +oder die Zähne gebildeten Laut, der <i>Halbvokal</i> hat einen mit Anlegung +(der Zunge) gebildeten, hörbaren Laut, wie z.B. R und S, der +<i>Nichtlauter</i> ist zwar ebenfalls mit Anlegung (der Zunge) gebildet, hat +aber für sich keinen zusammengesetzten hörbaren Laut, sondern wird nur +hörbar in Verbindung mit solchen, die irgend ein zusammengesetztes +Lautgebilde haben, wie z.B. G und D.</p> + +<p>Diese Lautgebilde unterscheiden sich nun wiederum nach den Mundbildungen +und den Mundstellen, durch den rauhen und leichten Hauch (Spiritus asper +und lenis), durch Länge und Kürze (Quantität), endlich durch Tonhöhe und +Tiefe und das Mittlere. Die Erörterung über diese Dinge im Einzelnen +gehört aber in das Gebiet metrischer Untersuchungen.</p> + +<p><a name="t_2" id="t_2">2</a>. Die <i>Silbe</i> ist ein zusammengesetzter, bedeutungsloser Laut, gebildet +aus einer Muta ‹oder Liquida› und einem Vokal, denn G + R ohne A bildet +keine <a name="Page_64" id="Page_64"></a>Silbe, wohl aber mit A, wie in GRA. Jedoch die Erörterung +auch dieser Unterschiede ist Sache der Metrik.</p> + +<p><a name="t_3" id="t_3">3</a>. <i>Bindewort</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses (1457a) +Lautgebilde, wie z.B. <i>men</i> (= zwar), <i>ētoi</i> (= wahrlich), <i>dê</i> +(= aber), oder aber ein Lautgebilde, das dazu bestimmt ist, aus mehreren +Lautgebilden eines Lautes (?) einen einzigen bedeutsamen Laut (?) +herzustellen.</p> + +<p><a name="t_4" id="t_4">4</a>. <i>Artikel</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutungsloses Lautgebilde, +welches Anfang oder Ende oder die Gliederung eines Satzes anzeigt, wie +z.B. <i>amphi</i> (= um), <i>perí</i> (= über) usw. oder<a name="FNanchor_45_45" id="FNanchor_45_45"></a><a href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> aber ein +zusammengesetztes bedeutungsloses Lautgebilde, welches einen einzigen +bedeutungsvollen und aus mehreren Lauten entstandenen Laut weder +verhindert noch hervorbringt und naturgemäß sowohl an die Spitze wie +auch in die Mitte (des Satzes) sich stellen läßt.</p> + +<p><a name="t_5" id="t_5">5</a>. <i>Substantiv</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde ohne +Zeitbestimmung, von dem kein Teil an und für sich etwas bedeutet, denn +in zusammengesetzten Wörtern gebrauchen wir ihre Teile nicht als an und +für sich bedeutsam, wie z.B. in <i>Theodoros</i> (= Gottesgeschenk) <i>dōros</i> +keine (selbständige) Bedeutung hat.</p> + +<div class="sidenote">c. 20, 6. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="t_6" id="t_6">6</a>. <i>Verbum</i> ist ein zusammengesetztes, bedeutsames Lautgebilde mit +Zeitbestimmung, von dem kein Teil ebenso wie beim Substantivum an und +für sich Bedeutung hat. So bezeichnet <i>Mensch</i> oder <i>weiß</i> nicht das +Wann, dagegen <i>er geht</i> oder <i>er ist gegangen <a name="Page_65" id="Page_65"></a>gangen</i> oder <i>er wird +gehen</i> bezeichnet die Gegenwart Vergangenheit und Zukunft.</p> + +<p><a name="t_7" id="t_7">7</a>. <i>Beugung</i> (<i>Flexion</i>) bezieht sich auf das Substantivum oder das +Verbum und bezeichnet teils das Wessen (= Genetiv) oder Wem (= Dativ) +und anderes der Art, teils die Einzahl oder Mehrzahl, wie <i>der Mensch</i> +oder <i>die Menschen</i>, teils endlich die Ausdrucksweisen, wie z.B. Frage +und Befehl, denn <i>ging er</i>? oder <i>geh</i>! ist eine Flexion des Verbums +nach diesen Modalitäten.</p> + +<p><a name="t_8" id="t_8">8</a>. Das <i>Wortgefüge</i> (Satz) ist ein zusammengesetztes bedeutsames +Lautgebilde, von dem einige Teile an und für sich etwas bedeuten, denn +nicht jedes Wortgefüge besteht aus Verben und Substantiven, wie z.B. die +Definition des Menschen<a name="FNanchor_46_46" id="FNanchor_46_46"></a><a href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>, sondern es kann auch ohne Verba ein +Satzgefüge entstehen, aber es wird dennoch stets irgend einen +bedeutsamen Bestandteil enthalten, wie z.B. <i>Im Gehen, Kleon, der Sohn +des Kleon</i>.</p> + +<p><a name="t_9" id="t_9">9</a>. Eine Einheit kann aber auch das Wortgefüge auf zweifache Weise sein, +entweder nämlich, daß es (an sich) ein Einheitliches bezeichnet oder +aber, daß dieses aus der Verbindung von mehreren entsteht. So ist z.B. +die <i>Ilias</i> eine Einheit durch eine solche Verbindung der Satz vom +Menschen aber dadurch, daß er (aus sich) eine Einheit bezeichnet.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XXI" id="KAPITEL_XXI">KAPITEL XXI</a></h4> + + +<p><a name="u_1" id="u_1">1</a>. Von den <i>Arten des Substantivs</i> sind die einen <i>einfach</i>, die anderen +<i>zweiteilig</i>. Unter einem <a name="Page_66" id="Page_66"></a>einfachen verstehe ich ein solches, das aus +nicht bezeichnenden Teilen besteht, wie z.B. <i>Erde</i> (Gé), unter +diesem ein solches, das einerseits aus einem bezeichnenden und einem +nichtbedeutsamen Teil besteht, nur daß innerhalb des (zweiteiligen) +Substantivums der bezeichnende und nichtbedeutsame Bestandteil nicht in +Betracht kommt, andrerseits sich nur aus bezeichnenden Bestandteilen +zusammensetzt. Es gibt freilich auch ein dreifaches und vierfaches +Kompositum, ja sogar ein vielfaches, wie viele Bildungen der +Massalioten, z.B. <i>Hermokaikoxanthos</i>. (1457b)</p> + +<p><a name="u_2" id="u_2">2</a>. Jedes Wort ist entweder ein <i>allgemein gebräuchliches</i> oder eine +<i>Glosse</i> oder eine <i>Metapher</i> oder eine <i>schmückende Bezeichnung</i> oder +ein <i>neugebildetes</i> oder ein <i>gedehntes</i> oder ein <i>verkürztes</i> oder ein +<i>umgewandeltes</i>.</p> + +<p><a name="u_3" id="u_3">3</a>. Unter einem <i>allgemein gebräuchlichen</i> Wort verstehe ich, was +jedermann gebraucht, unter einer <i>Glosse</i> das, was Fremde gebrauchen, so +daß offenbar ein und dasselbe Wort sowohl eine Glosse wie allgemein +gebräuchlich sein kann, nur freilich nicht bei denselben Personen. So +ist <i>Sígynon</i> (= Wurfspieß) bei den <i>Kypriern</i> allgemein gebräuchlich, +bei uns aber eine Glosse, und umgekehrt <i>dory</i> (= Wurfspieß) bei uns +allgemein gebräuchlich, bei den <i>Kypriern</i> dagegen eine Glosse.</p> + +<div class="sidenote">c. 21, 4. Der sprachliche Ausdruok.</div> + +<p><a name="u_4" id="u_4">4</a>. Eine <i>Metapher</i> besteht darin, daß man einem Worte eine ihm +(ursprünglich) nicht zukommende Bedeutung beilegt, sei es (1) von der +Gattung auf die Art oder (2) von der Art auf die Gattung oder (3) von +der Art auf eine (andere) Art oder endlich (4) auf Grund einer +Proportion.</p> + +<p>Als Beispiel von der Gattung auf die Art nenne ich "Hier steht mein +Schiff"<a name="FNanchor_47_47" id="FNanchor_47_47"></a><a href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>, denn "vor Anker <a name="Page_67" id="Page_67"></a>liegen" bezeichnet das "Stehen" eines +bestimmten Gegenstandes</p> + +<p>(2) Von der Art auf die Gattung: "<i>Ja, der zehntausend herrliche Taten +vollbrachte, Odysseus</i>".<a name="FNanchor_48_48" id="FNanchor_48_48"></a><a href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a> Diesen Ausdruck "zehntausend" braucht er +(der Dichter) nämlich statt "viele".</p> + +<p>(3) Von der Art auf die Art z.B. "<i>Mit dem Erze abschöpfend die Seele</i>" +und "<i>abschneidend (von fünf Brunnen) mit dem unverwüstlichen ehernen +Kruge</i>,<a name="FNanchor_49_49" id="FNanchor_49_49"></a><a href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a> denn dort bezeichnet das "Wegschöpfen" ein "Schneiden", hier +dagegen das "Schneiden" ein "Wegschöpfen", beides sind aber (besondere) +Bezeichnungen für etwas "wegnehmen".</p> + +<p>(4) Eine <i>Proportion</i> nehme ich an, wenn das Zweite (B) sich zum ersten +(A) ebenso verhält, wie das vierte (D) zum dritten (C). Dann wird man an +Stelle des zweiten (B) das vierte (D) oder an Stelle des vierten (D) das +zweite (B) nennen können. Zuweilen fügte man auch das, an dessen Stelle +man etwas nennt, zu dem mit ihm in einem gewissen Verhältnis stehenden +hinzu (+ A oder + C). Ich meine z.B., die Trinkschale (B) verhält sich +zu <i>Dionysos</i> (A) genau so wie der Schild (D) zu <i>Ares</i> (C). Man wird +mithin die Trinkschale (B) den Schild des <i>Dionysos</i> (D + A) und den +Schild (D) die <i>Trinkschale des Ares</i><a name="FNanchor_50_50" id="FNanchor_50_50"></a><a href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a> (B + C) nennen können. Oder, +was das Greisenalter (D) zum Leben (C), das ist der Abend (B) zum Tage +(A). Man wird mithin den Abend (B) als das Greisenalter des Tages (D + A) +oder auch [wie Empedokles] das Greisenalter (D) den Abend des Lebens +(B + C) oder den <i>Untergang des Lebens</i><a name="FNanchor_51_51" id="FNanchor_51_51"></a><a href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a> nennen können.</p> + +<p><a name="Page_68" id="Page_68"></a>Bei einigen Metaphern gibt es keine Bezeichnung für das +proportionale Glied, trotzdem wird man sich in ähnlicher Weise +ausdrücken können. Z.B. heißt den "Samen ausstreuen" "säen", dagegen +gibt es für "Flamme ausstreuen" von Seiten der Sonne keine eigene +Bezeichnung aber dies (Ausstreuen der Flamme) (B) verhält sich zur Sonne +(A) ebenso wie das "Säen" (D) zu dem "Samen ‹Ausstreuenden› (C) und +deshalb sagt (der Dichter): <i>Säend die gottgeschaffene Flamme</i> +(D + A)<a name="FNanchor_52_52" id="FNanchor_52_52"></a><a href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a>.</p> + +<p>Nun kann man aber diese Art der Metapher auch noch in einer anderen +Weise anwenden, indem man einem Gegenstande Fremdartiges unterlegt und +ihm dadurch zugleich etwas von seinen eigentümlichen Eigenschaften +abspricht, so z.B., wenn man den Schild zwar eine Trinkschale, aber +nicht des <i>Ares</i>, sondern "weinlos" nennen würde.</p> + +<p><a name="u_5" id="u_5">5</a>. ‹<i>Die schmückende Bezeichnung</i>...›</p> + +<p><a name="u_6" id="u_6">6</a>. Ein <i>neugebildetes Wort</i> ist, was von niemandem überhaupt (vorher) +gebraucht der Dichter selbst (dem Sprachschatz) hinzufügt, denn es +scheint einige Wörter dieser Art zu geben, wie z.B. statt "Hörner" +<i>érnyges</i>(= Sprossen)<a name="FNanchor_53_53" id="FNanchor_53_53"></a><a href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> und statt "Priester" ārētēr (= Beter)<a name="FNanchor_54_54" id="FNanchor_54_54"></a><a href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a>.</p> + +<div class="sidenote">c. 21, 7. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="u_7" id="u_7">7</a>. Das verlängerte und verkürzte Wort betreffend, (1458a) so entsteht +ersteres durch die Anwendung eines längeren Vokals als dem Worte zukommt +oder durch Hinzufügung einer Silbe, letzteres, wenn ihm etwas entzogen +wird. Ein verlängertes Wort ist z.B. <i>polēos</i> (= Stadt) neben <i>poleōs</i> +und ‹<i>Pēlēos</i> neben› <a name="Page_69" id="Page_69"></a><i>Pēleos</i> und <i>Pělēiádeō</i> ‹neben <i>Pēleidou</i>‹; +ein verkürztes z.B. <i>krí</i> (= kríthē "Gerste") und <i>dō</i> (= dōma +"Haus") und</p> + +<p><i>Eins wird beider Anschau</i> (= Anschauung, <i>ops</i> für <i>opsis</i>).<a name="FNanchor_55_55" id="FNanchor_55_55"></a><a href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p> + +<p><a name="u_8" id="u_8">8</a>. <i>Umgewandelt</i> ist endlich ein Wort, wenn man den einen Teil +beibehält, einen anderen aber hinzufügt, wie z.B. unter der +"<i>rechteren</i>" <i>Brust</i><a name="FNanchor_56_56" id="FNanchor_56_56"></a><a href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a>, statt der rechten (<i>dexíteron</i> = <i>déxion</i>).</p> + +<p><a name="u_9" id="u_9">9</a>. Von Substantiven selbst sind die einen <i>männlich</i>, andere <i>weiblich</i>, +wieder andere <i>dazwischen</i> (= sächlich). Männlich sind die, welche auf N +und E und S ausgehen und solche, die mit letzterem zusammengesetzt sind, +deren es zwei gibt, Xi (= Ksi) und Psi; weiblich, die auf Vokale, die +stets lang sind, nämlich auf Eta und Omega (ē u. ō), und auf A, unter +den Vokalen, die verlängert werden können, ausgehen. So trifft es sich, +daß die Anzahl der Endungen für die männlichen und weiblichen die +gleiche ist, denn <i>Xi</i> und <i>Psi</i> sind nur zusammengesetzt. Auf einen +Stummlauter (Muta) endet kein Substantivum, noch auf einen stets kurzen +Vokal. Auf "i" nur drei, nämlich <i>méli</i> (Honig), <i>kómmi</i> (Gummi), +<i>péperi</i> (= Pfeffer), auf y ("ü") fünf, nämlich <i>dóry</i> (= Lanze), <i>pōy</i> +(= Herde), <i>nápy</i> (= Senf), <i>góny</i>(= Knie), <i>ásty</i> (Stadt). Die +sächlichen enden auf dieselben Buchstaben sowie auf N und S, wie z.B. +<i>déndron</i> (= Baum) auf N und <i>génos</i> (= Geschlecht) auf S.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XXII" id="KAPITEL_XXII">KAPITEL XXII</a></h4> + + +<p><a name="v_1" id="v_1">1</a>. Die <i>Güte des sprachlichen Ausdrucks</i> be <a name="Page_70" id="Page_70"></a>steht darin, daß er <i>klar</i> +und <i>nicht flach</i> (banal) ist. Am klarsten ist er nun freilich, +wenn er sich nur allgemein gebräuchlicher Wörter bedient, was aber +Flachheit mit sich bringt. Ein Beispiel dafür bietet die Dichtung des +<i>Kleophon</i> und die des <i>Sthenelos</i>. Erhaben und das Gewöhnliche +(Alltägliche abstreifend wird er durch die Anwendung fremdartiger +Wörter. Unter einem fremdartigen Wort verstehe ich die Glosse, die +Metapher, die Erweiterung und überhaupt alles, was sich von dem +Alltäglichen entfernt.</p> + +<p><a name="v_2" id="v_2">2</a>. Wollte aber jemand in lauter derartigen Wörtern dichten, so wird sich +entweder ein <i>Rätsel</i> oder ein <i>Kauderwelsch</i> (Barbarismus) ergeben und +zwar, falls in Metaphern, ein <i>Rätsel</i>; falls in Glossen, ein +Kauderwelsch. Denn es liegt im Wesen des Rätsels, zwar Tatsächliches zu +sagen, aber Unmögliches zu verbinden. Durch die Verknüpfung anderer +Wörter kann man dies nicht bewirken, durch eine Verknüpfung von +Metaphern aber ist dies möglich, wie z.B.</p> + +<p><i>Einen sah ich mit Feuer das Erz anlöten dem andern</i><a name="FNanchor_57_57" id="FNanchor_57_57"></a><a href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a> und +dergleichen. Aus Glossen entsteht (wie gesagt), der Barbarismus ‹z.B. +....›.</p> + +<p>Man muß daher diese Formen, nämlich die Glosse, die Metapher, die +schmückende Bezeichnung und die übrigen bereits erwähnten Arten in einer +gewissen Mischung verwenden. So wird man etwas nicht Alltägliches und +nicht Flaches schaffen, das Allgemeingebräuchliche wird dagegen die +(nötige) Deutlichkeit verleihen.</p> + +<div class="sidenote">c. 22, 3. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="v_3" id="v_3">3</a>. Aber den keineswegs geringsten Teil zur Klarheit (1458b) des +sprachlichen Ausdrucks, ohne darum ins Alltägliche zu verfallen, tragen +Verlängerungen, Verkürzungen und <a name="Page_71" id="Page_71"></a>Umwandlungen bei. Da sie nämlich +anders lauten als das allgemein Gebräuchliche bewirkt das vom +Üblichen Abweichende, daß man nichts Alltägliches zustande bringt; durch +die Verquickung mit dem allgemein Gebräuchlichen dagegen wird die +Klarheit sich ergeben.</p> + +<p><a name="v_4" id="v_4">4</a>. Deshalb sind diejenigen Nörgler im Unrecht, welche eine derartige +Redeweise einer scharfen Kritik unterziehen und den Dichter (Homer) +verhöhnen, wie <i>Eukleides</i> der Ältere es getan, indem er behauptete, daß +es gar leicht sei zu dichten, wenn jemand berechtigt wäre, (Vokale) nach +Gutdünken zu verlängern oder zu verkürzen und jenes (Verfahren) in dem +Ausdruck selbst verspottete.<a name="FNanchor_58_58" id="FNanchor_58_58"></a><a href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a></p> + +<p><i>Ĕ̅pichár</i> | <i>en</i><a name="FNanchor_59_59" id="FNanchor_59_59"></a><a href="#Footnote_59_59" class="fnanchor">[59]</a> <i>ĭ̅</i> | <i>don Mara</i> | <i>thónade bă̅di</i> | <i>zonta</i> (= <i>Aepicharen sah +ich gen Marathón spazieren gehen</i>)</p> + +<p><i>Ouk an</i> | <i>g' ě̅ramen</i> | <i>os ton</i> | <i>keínon</i> | <i>ellě̅</i> | <i>bŏ̅ron</i><a name="FNanchor_60_60" id="FNanchor_60_60"></a><a href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a> (= <i>Der wohl kaum in +Liebe entbrannte für jenes Niésswurz</i>.)</p> + +<p>Freilich ist ein irgendwie augenfälliges Verfahren dieser Art +lächerlich. Aber eine maßvolle Anwendung ist überhaupt eine gemeinsame +(Vorbedingung) für alle Teile (des sprachlichen Ausdrucks). Denn wollte +jemand geschmacklos, d.h. absichtlich auf die komische Wirkung +rechnend, Metaphern, Glossen und die übrigen Arten anwenden, würde er +dasselbe erreichen (wie bei jenen Dehnungen).</p> + +<div class="sidenote">c. 22, 5. Der sprachliche Ausdruck.</div> + +<p><a name="v_5" id="v_5">5</a>. Welch einen <i>Unterschied die angemessene Verwendung</i> (dieser Formen) +<i>macht</i>, möge man am <a name="Page_72" id="Page_72"></a>Epos sich veranschaulichen, indem man die +<i>allgemein</i> <i>gebräuchlichen Wörter in den Vers</i> setzt und auch +wenn jemand bei der Glosse, der Metapher und den übrigen Arten die +allgemein gebräuchlichen Wörter dafür eintauscht, würde er sehen, daß +unsere Behauptung wahr ist. So hat z.B. Euripides denselben jambischen +(Trimeter) gedichtet wie <i>Aischylos</i> und nur durch das Einsetzen eines +einzigen Wortes, nämlich einer Glosse statt eines allgemein +gebräuchlichen, üblichen Wortes, bewirkt, daß sein Vers nun trefflich, +der <i>des Aischylos</i> aber gewöhnlich erscheint. <i>Aischylos</i> dichtete +nämlich im <i>Philoktet</i>:</p> + + +<p><span style="margin-left: 2em;"><i>Das Krebsgeschwür, das meines Fußes</i></span><br /> +<span style="margin-left: 3em;"><i>Fleisch frißt</i>.</span><br /></p> + +<p>Jener (Euripides) setzte an Stelle von "frißt" den Ausdruck "schmaust."</p> + +<p>Und ebenso (gewöhnlich würde es sein), wenn jemand in dem Verse</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;"><i>Nun de m'eón olígos te kai outidanós kai aeikés</i><a name="FNanchor_61_61" id="FNanchor_61_61"></a><a href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a></span><br /> +</p> + +<p>(<i>Nun aber ist's so ein Zwerg, so ein nichtsnutz'ges, unschönes Männlein</i>)</p> + +<p>die allgemein gebräuchlichen Wörter einsetzen würde:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;"><i>Nyn de m'eón mikrós te kai asthenikós kai aeidés</i></span><br /> +</p> + +<p>(<i>Nun aber ist's so ein kleines und schwächliches häßliches Männlein</i>)</p> + +<p>und ebenso statt</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;"><i>díphron t'aikélion katathéis oligén te trápezan</i><a name="FNanchor_62_62" id="FNanchor_62_62"></a><a href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a></span><br /> +</p> + +<p>(<i>Niedersetzend den armsel'gen Stuhl und den winzigen Eßtisch</i>)</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;"><i>díphron mochtherón katatheís mikrán te trápezan</i></span><a name="Page_73" id="Page_73"></a><br /> +</p> + +<p>(<i>Niedersetzend den schlechten Stuhl und den kleinlichen Eßtisch</i>)</p> + +<p>oder endlich, statt</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">Ēiones boóōsin<a name="FNanchor_63_63" id="FNanchor_63_63"></a><a href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> (es brüllten die Ufer)</span><br /> +<span style="margin-left: 2em;">Ēiones krázousin (es schrien die Ufer).</span><br /> +</p> + +<p><a name="v_6" id="v_6">6</a>. So hat auch <i>Ariphrades</i> die Tragiker verspottet, weil sie Ausdrücke +anwenden, deren sich niemand in der Umgangssprache bediene, z.B. domátōn +apó (von den Häusern weg<a name="FNanchor_64_64" id="FNanchor_64_64"></a><a href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a>, [nicht apó domátōn] (weg von den Häusern) +und séthen<a name="FNanchor_65_65" id="FNanchor_65_65"></a><a href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a> (= deines, statt su), egó de nin (= ich aber ihn statt +autón<a name="FNanchor_66_66" id="FNanchor_66_66"></a><a href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a>), und Achilléōs peri<a name="FNanchor_67_67" id="FNanchor_67_67"></a><a href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a> (Achilles wegen) [nicht peri +Achilléōs] (wegen Achilles) und was dergleichen (1459a) mehr sind. Denn +gerade weil alle derartigen Wendungen nicht unter die allgemein +gebräuchlichen fallen, verleihen sie dem sprachlichen Ausdruck den +Charakter des nicht Alltäglichen. Das wußte aber jener (Spötter) nicht.</p> + +<p><a name="v_7" id="v_7">7</a>. Ist es nun schon wichtig jede der erwähnten Ausdrucksarten in +angemessener Weise zu verwenden, sowohl die Komposita wie die Glossen, +so ist doch der metaphorische Ausdruck der bei weitem wichtigste, denn +diesen allein kann man nicht von einem anderen lernen, ist dies doch +gewissermaßen ein Zeichen von Genialität. Denn gute Metaphern <a name="Page_74" id="Page_74"></a>erfinden +heißt einen Spürsinn (scharfen Blick) für das Ähnliche (im +Unähnlichen) haben.</p> + +<p><a name="v_8" id="v_8">8</a>. Von den Wortarten selbst nun eignen sich <i>Komposita</i> am meisten für +die <i>Dithyramben</i>, die <i>Glossen</i> für die <i>Heldengedichte</i>, die +<i>Metaphern</i> für <i>jambische Trimeter</i> (der Tragödie). In Heldengedichten +sind alle die genannten Arten anwendbar, in jambische Trimeter dagegen, +da sie, soweit wie irgend möglich, den Gesprächston nachahmen, fügen +sich nur diejenigen Wortarten, deren jemand auch in der prosaischen Rede +sich bedienen würde, der Art sind aber das allgemein Gebräuchliche, die +Metapher und die schmückende Bezeichnung.</p> + +<p>Über die Tragödie, d.h. über die im Handeln sich vollziehende +nachahmende Darstellung mag uns also das Gesagte genügen.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XXIII" id="KAPITEL_XXIII">KAPITEL XXIII</a></h4> + + +<p><a name="w_1" id="w_1">1</a>. Was nun die erzählende und in einem (einheitlichen) Versmaß verfaßte +nachahmende Darstellung betrifft, so leuchtet es ein, daß diese Stoffe +wie in den Tragödien dramatisch angelegt sein müssen, d.h. daß sie sich +um eine <i>einheitliche, eine ganze und in sich abgeschlossene Handlung +bewegen müssen</i>, die Anfang und Mitte und Ende hat, auf daß sie, wie ein +einheitliches und vollständiges Lebewesen, die ihr eigentümliche +Lustempfindung hervorrufe.</p> + +<div class="sidenote">c. 23, 2. Das Epos.</div> + +<p><a name="w_2" id="w_2">2</a>. Auch ist es klar, daß <i>diese Kompositionen nicht den +Geschichtsdarstellungen ähnlich sein dürfen</i>, die sich notwendigerweise +nicht die Darlegung einer einheitlichen Handlung zum Ziel setzen, +sondern die eines einzelnen Zeitabschnittes und alles, was etwa in +diesem an einer Person oder an mehreren <a name="Page_75" id="Page_75"></a>sich ereignet hat, von welchen +Begebenheiten jede in einem beliebigen Verhältnis zu einer +anderen steht. So fanden die Seeschlacht bei <i>Salamis</i> und die Schlacht +der <i>Karthager</i> in Sizilien zwar gleichzeitig statt, ohne jedoch auf +dasselbe Endziel hinzusteuern. Und so erfolgt auch zuweilen in eng +aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten das Eine auf das Andere, von denen +keines auf ein und denselben Zweck abzielt, wenngleich die meisten +(epischen) Dichter dementsprechend verfahren.</p> + +<p><a name="w_3" id="w_3">3</a>. Deshalb, wie wir schon hervorhoben, dürfte auch darin <i>Homer</i> sich +als ein gottbegnadeter <i>Dichter</i> im Vergleich zu den übrigen erweisen, +daß er gar <i>nicht den Versuch gemacht hat, den ganzen</i> (Trojanischen) +<i>Krieg</i>, wiewohl er einen (regelrechten) Anfang und ein (ebensolches) +Ende hat, <i>darzustellen</i>. Denn gar zu groß und unübersichtlich dürfte +der Stoff geworden sein oder, selbst wenn der Dichter sich in bezug auf +den Umfang Grenzen auferlegt hätte, so würde der Stoff trotzdem durch +seine bunte Fülle allzu verwickelt gewesen sein. Bei dieser Sachlage hat +er nur einen Teilabschnitt abgesondert und viele der Begebenheiten in +Episoden untergebracht, wie z.B. den Schiffskatalog<a name="FNanchor_68_68" id="FNanchor_68_68"></a><a href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a> und andere +Episoden, mit denen er seine Dichtung schmückt.</p> + +<p><a name="w_4" id="w_4">4</a>. Die übrigen (Epiker) dagegen behandelten, was sich in bezug auf eine +einzelne Person oder einen einzelnen Zeitabschnitt abspielte oder, wenn +schon auf eine einzige Handlung, so doch eine vielteilige, wie z.B. der +Verfasser der <i>Kyprien</i> und der der <i>Kleinen Ilias</i>. Denn aus einer +<i>Ilias</i> und <i>Odyssee</i> läßt sich nur je eine Tragödie entnehmen oder +höchstens zwei, aus den <i>Kyprien</i> dagegen viele und aus der <i>Kleinen +<a name="Page_76" id="Page_76"></a>Ilias</i> acht, nämlich das Waffengericht, <i>Neoptolemos</i>, (1459b) +[Eurypylos] <i>Philoktet</i>, Die Bettlerrhapsodie, [Die Lakonierinnen] die +Zerstörung <i>Ilions</i>, die Abfahrt, <i>Sinon</i> und die <i>Troerinnen</i><a name="FNanchor_69_69" id="FNanchor_69_69"></a><a href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a>.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4>KAPITEL XXIV</h4> + + +<p><a name="x_1" id="x_1">1</a>. Weiterhin muß die <i>epische Dichtung dieselben Arten haben wie die +Tragödie</i>, denn sie muß entweder einfach oder verflochten, +charakterzeichnend (ethisch) oder leidvoll (pathetisch) sein, auch die +Teile mit Ausnahme der musikalischen Komposition und der szenischen +Ausstattung müssen die nämlichen sein, denn auch das Epos bedarf der +Peripetien (Schicksalswendungen), der Erkennungen und der leidvollen +Begebenheiten Endlich müssen die Gedanken und der sprachliche Ausdruck +kunstgerecht sein.</p> + +<p><a name="x_2" id="x_2">2</a>. All diesen Forderungen hat <i>Homer</i>, sowohl als erster wie in +genügender Weise, Eechnung getragen. Denn er hat jedes seiner Gedichte +dementsprechend angelegt, die <i>Ilias</i> einfach und leidvoll, die +<i>Odyssee</i> verflochten —beruht sie doch ganz auf Erkennungen—und +charakterschildernd. Dazu kommt, daß sie im sprachlichen Ausdruck und in +der Gedankenbildung alle (anderen Epen) übertroffen haben.</p> + +<div class="sidenote">c. 24, 3. Das Epos.</div> + +<p><a name="x_3" id="x_3">3</a>. Was nun die <i>Komposition</i> anbelangt, so unterscheidet sich die +epische Dichtung (von der Tragödie) in betreff ihrer <i>Ausdehnung</i> und +ihres <i>Versmaßes</i>. In bezug auf die <i>Ausdehnung</i> dürfte die bereits +angegebene Begrenzung hinreichend sein, nämlich, daß man imstande sein +müsse Anfang und Ende zu überblicken. Dies wäre der Fall, wenn +einerseits die Kompositionea <a name="Page_77" id="Page_77"></a>von geringerer Ausdehnung als die der +alten (Epiker) wären, andrerseits dem Gesamtumfang der für eine +einzelne (Tages-) Vorstellung angesetzten Tragödien gleichkämen.</p> + +<p><a name="x_4" id="x_4">4</a>. Für die Ausdehnung des Umfangs kommt nun der epischen Dichtung ferner +eine gewisse Eigentümlichkeit sehr zu statten, insofern es in der +Tragödie (dem Dichter) nicht möglich ist, viele Teile, die sich +gleichzeitig zugetragen haben, nachahmend darzustellen, sondern nur den +Teil, der sich auf der Bühne und in Verbindung mit den Schauspielern +abspielt. In der epischen Dichtung dagegen als einer erzählenden +Darstellung kann man viele sich gleichzeitig vollziehende Teile +vorführen, wodurch, falls sie innerlich zusammenhängen der Körper des +Dichtwerks stattlicher wird, so daß dieser (vorteilhafte) Umstand seiner +Prachtentfaltung dient, den Zuhörer in einen Stimmungswechsel versetzt +und das Gedicht durch ungleichartige Episoden erweitert; ist es doch das +nur zu rasch sättigende Einerlei, das den Mißerfolg von Tragödien zu +verschulden pflegt.</p> + +<p><a name="x_5" id="x_5">5</a>. Was aber das <i>Versmaß</i> anbelangt, so hat sich das heroische (der +Hexameter) erfahrungsgemäß als das angemessene erwiesen. Denn wollte +jemand in irgend einem anderen Versmaße eine erzählende Dichtung +nachahmend darstellen oder gar in mehreren, so würde das unpassend +erscheinen. Denn das heroische ist von allen Versmaßen das gemessenste +und gewichtvollste, weshalb es auch vorzugsweise Glossen, Metaphern und +Zusätze aller Art aufnimmt; sticht doch auch die erzählende nachahmende +Darstellung (selbst) gerade darin von anderen dichterischen +Darstellungen ab. Der jambische Trimeter und der trochäische Tetrameter +haben einen beweglichen Charakter, und zwar eignet sich dieser zum Tanz, +jener zum Handeln. Noch verkehrter (1460a) <a name="Page_78" id="Page_78"></a>wäre es, wenn jemand +allerhand Versmaße untereinander mischen würde, wie dies +<i>Chairemon</i> getan. Deshalb hat auch noch niemand eine lange (epische) +Komposition in einem anderen als dem heroischen Versmaß gedichtet, +sondern die Natur selbst hat, wie wir sagten, das jener zusagende +Versmaß zu wählen gelehrt.</p> + +<p><a name="x_6" id="x_6">6</a>. <i>Homer</i>, wie er in vielen anderen Dingen lobenswert ist, ist es auch +darin, daß er allein unter allen Dichtern nicht im Unklaren darüber ist, +<i>was er selbst zu tun habe</i>. Der Dichter soll nämlich <i>so wenig wie +möglich in eigner Person reden</i>, denn nicht nach dieser Richtung hin ist +er ein nachahmender Darsteller. Die übrigen (epischen) Dichter dagegen +treten durchgängig in eigener Person auf und stellen daher nur weniges +und auch das nur gelegentlich nachahmend dar. Jener aber (Homer) führt +nach einer kurzen Einleitung sofort einen Mann oder ein Weib oder irgend +eine andere Figur ein, und zwar nicht ohne Charaktereigenschaft, sondern +mit einem (bestimmt ausgeprägten) Charakter.</p> + +<div class="sidenote">c. 24, 7. Das Epos.</div> + +<p><a name="x_7" id="x_7">7</a>. In der Tragödie muß man das <i>Wunderbare</i> darstellen in der epischen +Dichtung dagegen hat vielmehr das <i>Vernunftwidrige</i>, auf dem in der +Hauptsache das Wunderbare beruht, seinen Platz, weil man (daselbst) +nicht auf den Handelnden seine Blicke wendet; wie denn z.B. die Vorgänge +bei der Verfolgung <i>Hektors</i><a name="FNanchor_70_70" id="FNanchor_70_70"></a><a href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a> auf der Bühne dargestellt einen +lächerlichen Eindruck machen würden, auf der einen Seite die +stillstehenden und nicht verfolgenden Mannen, auf der anderen einer<a name="FNanchor_71_71" id="FNanchor_71_71"></a><a href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>, +der abwinkt. Im Epos dagegen bleibt das Widersinnige (eines solchen +Vorgangs) verborgen, denn das <a name="Page_79" id="Page_79"></a>Wunderbare erregt Wohlgefallen. Ein +Beweis dafür ist, daß alle Erzähler übertreiben, in der Absicht +damit zu erfreuen.</p> + +<p><a name="x_8" id="x_8">8</a>. Im besonderen hat <i>Homer</i> auch die anderen (Epiker) belehrt, wie man +(zweckmäßig) <i>Unwahres sagen könne</i>. Dies beruht aber auf einem +<i>Trugschluß</i>. Die Menschen glauben nämlich, da, wenn ein erstes (A, die +erste Praemisse) ist oder geschieht, auch ein zweites (B, die zweite +Praemisse) eintritt, daß nun ebenso, falls das Spätere (B) wirklich ist, +auch das Frühere (A) wirklich ist oder geschieht. Das ist aber ein +Fehlschluß. Falls nämlich das erste (A) falsch ist, etwas anderes (B) +aber—die Richtigkeit des ersten (A) vorausgesetzt-—otwendigerweise +wirklich ist oder geschieht, so muß man eben jenes zweite (B) +hinzufügen. Denn weil man weiß, daß dieses (B) wahr ist, schließt unser +Geist, daß nun auch das erste (A) wahr ist. Ein Beispiel ist folgendes +aus der Badeszene<a name="FNanchor_72_72" id="FNanchor_72_72"></a><a href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> ‹....›</p> + +<p><a name="x_9" id="x_9">9</a>. Endlich muß man dem <i>unmöglichen Wahrscheinlichen vor dem möglichen +Unglaubhaften den Vorzug geben</i>. Allerdings darf man nicht die Stoffe +auf vernunftwidrige Einzelteile aufbauen, sie sollen wo möglich +überhaupt nichts Vernunftwidriges enthalten, wenn aber dies nicht +möglich, so möge es (wenigstens) außerhalb der (eigentlichen) Handlung +Hegen, wie z.B. (das Vernunftwidrige) im <i>Oidipus</i>, seine Unkenntnis +nämlich, auf welche Weise <i>Laios</i> ums Leben kam<a name="FNanchor_73_73" id="FNanchor_73_73"></a><a href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a>, aber nicht +innerhalb des Dramas, wie z.B. in der Elektra<a name="FNanchor_74_74" id="FNanchor_74_74"></a><a href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a> die Berichterstattung +über <a name="Page_80" id="Page_80"></a>die pythischen Spiele oder in den <i>Mysern</i> der Mann, der +stumm von Tegea bis Mysien wanderte.<a name="FNanchor_75_75" id="FNanchor_75_75"></a><a href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Zu sagen, daß sonst die Fabel +in die Brüche gehen würde, wäre also lächerlich, man muß eben von +vornherein keine derartigen Fabeln anlegen. Hat man es aber dennoch +getan und erscheint das Stück im allgemeinen glaubwürdig, so mag man +auch das etwa Vernunftwidrige mit in den Kauf nehmen. Würde doch die +Unzuträglichkeit der Szenen in der <i>Odyssee</i>, die sich bei der +Aussetzung<a name="FNanchor_76_76" id="FNanchor_76_76"></a><a href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> (des schlafenden Odysseus) abspielen (1460b) sofort in +die Augen fallen, wenn ein minderwertiger Dichter sie verfaßt hätte. +Wie die Sache aber liegt, hat der Dichter durch andere Vorzüge das +Vernunftwidrige versüßt und dadurch (dem Bewußtsein) entrückt.</p> + +<p><a name="x_10" id="x_10">10</a>. Dem <i>sprachlichen Ausdruck</i> soll der Dichter seine <i>besondere +Sorgfalt in den inhaltsleeren Teilen zuwenden</i>, d.h. solchen, die weder +durch Charakterschilderung noch durch Gedanken sich auszeichnen. +Andrerseits würde freilich ein allzu glänzender Stil sowohl die +Charakterzeichnung wie den Gedankeninhalt verdunkeln.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XXV" id="KAPITEL_XXV">KAPITEL XXV</a></h4> + + +<div class="sidenote">c. 25, 1. Das Epos, Probleme und Lösungen.</div> + +<p><a name="y_1" id="y_1">1</a>. Über die <i>Probleme</i><a name="FNanchor_77_77" id="FNanchor_77_77"></a><a href="#Footnote_77_77" class="fnanchor">[77]</a> (kritische Bedenken) und deren <i>Lösungen</i> +(Widerlegungen), auf wie vielen und wie beschaffenen Gesichtspunkten sie +beruhen, wird man sich durch folgende Betrachtung ein klares Bild machen +können. Da nämlich der Dichter ebenso wie <a name="Page_81" id="Page_81"></a>der Maler oder irgend ein +anderer bildschaffender Künstler ein nachahmender Darsteller +ist, so muß er notwendigerweise stets eine bestimmte von <i>drei</i> +möglichen Arten nachahmend darstellen, nämlich entweder (1) <i>wie die +Dinge waren oder sind</i> oder (2) <i>wie man sagt, daß sie seien</i> oder <i>wie +sie zu sein scheinen</i> oder (3) <i>wie sie sein sollen</i>. Diese Dinge werden +nun dargestellt durch die allgemein gebräuchliche Ausdrucksweise oder +auch durch Glossen und Metaphern oder was es sonst noch von Wandlungen +des sprachlichen Ausdrucks gibt, denn diese (Freiheiten) gestatten wir +ja den Dichtern.</p> + +<p><a name="y_2" id="y_2">2</a>. Dazu kommt ferner, daß die <i>Richtigkeit in der Politik und der +Dichtkunst</i> sowenig als in irgend einer anderen Kunst oder Wissenschaft +und der Dichtkunst <i>ein und dasselbe bedeutet</i>. In der Dichtkunst selbst +gibt es <i>zweierlei Fehler</i>, der eine betrifft ihr <i>Wesen</i>, der andere +ist rein <i>äußerlich</i>.</p> + +<p><a name="y_3" id="y_3">3</a>. Hat sich der Dichter zum Vorwurf genommen ‹etwas richtig› nachahmend +darzustellen, ‹verfehlt aber sein Ziel› aus eigenem Unvermögen, so liegt +der <i>Fehler in der Dichtkunst selbst</i>; wenn er dagegen den Vorwurf +richtig gestellt, aber Unmögliches geschildert hat, wie z.B. ein Pferd, +das mit beiden rechten Beinen zugleich ausschreitet, oder was sonst in +jeglicher Kunst, wie der Medizin oder irgend einer anderen, welcher Art +auch immer, ein Fehler sein würde, so betrifft dieser <i>nicht das Wesen</i> +der Kunst. Man muß daher nach diesen Gesichtspunkten die tadelnden +Einwürfe in den Problemen betrachten und lösen (widerlegen).</p> + +<p><a name="y_4" id="y_4">4</a>. Erstens also was die <i>Lösungen</i> in bezug auf die gegen die Kunst als +solche gerichteten Einwürfe betrifft Wenn <i>Unmögliches</i> dargestellt +wurde, so liegt zwar ein Verstoß vor, aber die Sache hat doch <a name="Page_82" id="Page_82"></a>ihre +Richtigkeit, falls damit der Zweck der Dichtung erreicht wird; +der Zweck nämlich ist, wie bereits erwähnt wenn der Dichter eine +erschütterndere "Wirkung, sei es in dem betreffenden Teil oder in einem +anderen, damit erzielt. Ein Beispiel bietet jene Verfolgung des +<i>Hektor</i>.<a name="FNanchor_78_78" id="FNanchor_78_78"></a><a href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a> Wenn es aber möglich war, den Zweck, sei es in höherem +oder geringerem Grade, auch entsprechend der in diesen Dingen +herrschenden Kunstregel zu erreichen, so hat es mit dem Fehler nicht +seine Richtigkeit, denn, wenn es irgendwie angeht, soll überhaupt +keinerlei Fehler begangen werden.</p> + +<p><a name="y_5" id="y_5">5</a>. Man kann ferner die Frage aufwerfen, <i>worin denn</i> der Fehler begangen +ist, <i>ob gegen die Kunstregel</i> oder <i>irgend etwas anderes Zufälliges</i>; +denn weit geringer ist das Versehen, wenn jemand z.B. nicht wußte, daß +die Hindin keine Hörner hat<a name="FNanchor_79_79" id="FNanchor_79_79"></a><a href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>, als wenn er sie ohne (eigentlich) +nachahmend darzustellen gezeichnet hätte.</p> + +<p><a name="y_6" id="y_6">6</a>. Wenn ferner getadelt wird, daß die Darstellung nicht wahr sei, müßte +man den Einwand so entkräften: Aber <i>vielleicht wie sie sein sollte</i>, +wie ja auch <i>Sophokles</i> gesagt hat, er stelle Menschen dar, wie sie sein +sollen, <i>Euripides</i> aber, wie sie sind.</p> + +<div class="sidenote">c. 25, 7. Probleme und Lösungen.</div> + +<p><a name="y_7" id="y_7">7</a>. Läßt sich aber keins von beiden behaupten, so kann man sich darauf +berufen, daß <i>man eben so sagt</i>, wie in den Erzählungen über die Götter. +Vielleicht ist es aber weder besser sie so darzustellen, noch der +Wahrheit entsprechend, sondern es verhält sich möglicherweise damit so, +wie es bei <i>Xenophanes</i> lautet<a name="FNanchor_80_80" id="FNanchor_80_80"></a><a href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a> (1461a) <a name="Page_83" id="Page_83"></a>‹....›, dann (erwidere man), +allein man sagt nun einmal so.</p> + +<p><a name="y_8" id="y_8">8</a>. Anderes wiederum ist zwar <i>vielleicht nicht zweckmäßiger, aber eswar +tatsächlich einmal so</i>, wie z.B. das über die Waffen Gesagte: "<i>Aber die +Lanzen</i> | <i>standen empor auf dem Fuße des Schaftes</i><a name="FNanchor_81_81" id="FNanchor_81_81"></a><a href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a>, solchen Brauch +nämlich befolgte man damals, wie auch heute noch die Illyrier.</p> + +<p><a name="y_9" id="y_9">9</a>. In der Beurteilung der Frage, <i>ob das von jemand Gesagte oder Getane +sittlich gut oder nicht ist</i>, muß man nicht nur die Handlung und die +Eede selbst in Betracht ziehen und darauf achten, ob sie edel oder +gemein ist, sondern auch den Handelnden oder Redenden ins Auge fassen +(und untersuchen) im Verhältnis, zu wem oder wann oder zu wessen Gunsten +oder zu welchem Zweck (es geschieht), z.B., ob eines größeren Gutes +wegen, das erreicht, oder eines größeren Übels wegen, das verhütet +werden soll.</p> + +<p><a name="y_10" id="y_10">10</a>. Andere Einwände muß man durch Beobachtung des <i>sprachlichen +Ausdrucks</i> beseitigen, z.B. durch Annahme einer <i>Glosse</i>. "<i>Die Mäuler +zuerst</i>."<a name="FNanchor_82_82" id="FNanchor_82_82"></a><a href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a> Vielleicht meint nämlich (der Dichter) mit dem Worte +<i>ourēas</i>, nicht "Maultier", sondern die "Wächter". Und von Dolon sagt +er: "<i>Der von Gestalt (eidos) zwar häßlich</i>"<a name="FNanchor_83_83" id="FNanchor_83_83"></a><a href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>. Damit bezeichnet er +nicht einen unebenmäßigen Körper, sondern ein häßliches Gesicht; +gebrauchen doch die <i>Kreter</i> das Wort <i>eueides</i> (= schöngestaltet) im +Sinne von <i>euprosōpon</i> (= schön von Antlitz). Ferner, "<i>Mische reineren +Wein</i>" (zōróteron),<a name="FNanchor_84_84" id="FNanchor_84_84"></a><a href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> <a name="Page_84" id="Page_84"></a>d.h. nicht ungemischten Wein, wie für +Trunkenbolde sondern (mische) "schneller."</p> + +<p><a name="y_11" id="y_11">11</a>. Ein anderes ist <i>metaphorisch</i> gesagt z.B.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>Alle nunmehr, so Götter wie rossegerüstete Krieger</i></span><br /> +<span style="margin-left: 2em;"><i>Schliefen die ganze Nacht</i>"</span><br /> +</p> + +<p>und doch heißt es unmittelbar darauf</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>Siehe, so oft er sein Aug' hinwandte zum troischen Felde.</i></span><br /> +<span style="margin-left: 2.5em;"><i>Der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge</i>."<a name="FNanchor_85_85" id="FNanchor_85_85"></a><a href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a></span><br /> +</p> + +<p>Jenes, "<i>Alle</i>" wird an Stelle von "Viele" metaphorisch gesagt, denn ein +"Alles" ist nur eine Art des "Vielen".</p> + +<p>Auch jenes "<i>allein nicht teilnimmt</i>"<a name="FNanchor_86_86" id="FNanchor_86_86"></a><a href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a> ist metaphorisch zu verstehen, +denn das "bekannteste" ist (hier) das "alleinige".</p> + +<p><a name="y_12" id="y_12">12</a>. Ferner kann man auf Grund der <i>Prosodie</i> (Einwände widerlegen), wie +<i>Hippias</i> der Thasier dies tat in jenem "<i>wir gewähren</i> (dídomen) <i>ihm +aber</i>"<a name="FNanchor_87_87" id="FNanchor_87_87"></a><a href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a> und "<i>Das zum Teil durch den Regen verfault</i>"<a name="FNanchor_88_88" id="FNanchor_88_88"></a><a href="#Footnote_88_88" class="fnanchor">[88]</a>.</p> + +<div class="sidenote">c. 25, 13. Probleme und Losungen.</div> + +<p><a name="y_13" id="y_13">13</a>. Wieder anderes vermittelst der <i>Interpunktion</i>, wie z.B. +<i>Empedokles</i><a name="FNanchor_89_89" id="FNanchor_89_89"></a><a href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> sagt:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>Schnell erwuchs als sterblich, wasfrüher unsterblich sich wußte,</i></span><br /> +<span style="margin-left: 2em;"><i>Und als gemischt, was lauter zuvor</i>."</span><br /> +</p> + + +<p><a name="y_14" id="y_14">14</a>. Anderes sodann durch die Annahme einer <i>Amphibolie</i> +(Doppelsinn): <a name="Page_85" id="Page_85"></a></p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>Von der Nacht entschwand der größere Teil</i>"<a name="FNanchor_90_90" id="FNanchor_90_90"></a><a href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a></span><br /> +</p> + +<p>denn der Ausdruck "größere" (<i>pleíō</i>) ist doppelsinnig.</p> + +<p><a name="y_15" id="y_15">15</a>. Andere <i>Bedenken</i> (lösen sich) mit Berufung auf den +<i>Sprachgebrauch</i>: Ein Mischgetränk, sagt man, sei Wein.</p> + +<p>Nach diesem Gesichtspunkt wurde gebildet:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>Schiene von neubereitetem Zinne</i>"<a name="FNanchor_91_91" id="FNanchor_91_91"></a><a href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>,</span><br /> +</p> + +<p>nennt man doch die Eisenschmiede auch Kupferarbeiter.</p> + +<p>Wiederum nach demselben Gesichtspunkt heißt es: +Ganymed +Ganymed<br /> +<span style="margin-left: 2em;">"<i>schenkt dem Zeus Wein ein</i>"<a name="FNanchor_92_92" id="FNanchor_92_92"></a><a href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a>,</span><br /> +</p> + +<p>obwohl sie (die Götter) keinen Wein trinken<a name="FNanchor_93_93" id="FNanchor_93_93"></a><a href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a>. Doch könnte man dieses +Beispiel auch als Metapher auffassen.</p> + +<p><a name="y_16" id="y_16">16</a>. Man muß auch, wenn ein Wort etwas <i>Widersprechendes</i> zu bezeichnen +scheint, untersuchen, wie vielfach es diesen Sinn an der (betreffenden) +Stelle haben kann, wie z.B. in jenem "<i>Da hielt die eherne Lanze +an</i>"<a name="FNanchor_94_94" id="FNanchor_94_94"></a><a href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a>, wie vielfach es dort den Sinn "hemmen" annehmen kann.</p> + +<p><a name="y_17" id="y_17">17</a>. Ob so oder wie jemand die Sache vorzugsweise (1461b) auffassen +möchte, ist zu erwägen, im Gegensatz zu dem Verfahren, von dem <i>Glaukon</i> +berichtet. Einige gehen von grundlosen Voraussetzungen aus und nach <a name="Page_86" id="Page_86"></a>dem +sie eigenmächtig ein richterliches Urteil gefällt haben, bauen +sie Schlüsse darauf und tadeln dann den Dichter, falls sie auf etwas +stoßen, das ihrer (vorgefaßten Meinung widerspricht, weil er nicht das +gesagt hat, was in ihren Kram paßt. So erging es mit den Erörterungen +über <i>Ikarios</i>. Man geht nämlich von der Voraussetzung aus, er sei ein +<i>Lakone</i>. Es schien daher ungereimt, daß <i>Telemachos</i>, als er nach +<i>Sparta</i> kam<a name="FNanchor_95_95" id="FNanchor_95_95"></a><a href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a>, mit ihm nicht zusammengetroffen sei. Es verhielt sich +damit aber vielleicht so, wie die <i>Kephallenier</i> berichten. Sie +erzählen, daß Odysseus sich bei ihnen seine Frau geholt habe und es sei +<i>Ikadios</i> und nicht <i>Ikarios</i> (sein Schwiegervater). Demnach ist es +wahrscheinlich, daß jenes Problem einem Mißverständnis entsprungen ist.</p> + +<p><a name="y_18" id="y_18">18</a>. Im allgemeinen muß man das <i>Unmögliche</i> in der Dichtung entweder auf +das <i>Zweckmäßigere</i> oder auf die <i>herrschende Meinung</i> zurückführen. +Denn für die Dichtung ist das glaubhaft Unmögliche dem zwar +Unglaubhaften, jedoch Möglichen vorzuziehen Mag es nun auch vielleicht +unmöglich sein, daß es solche Personen gibt, wie sie z.B. <i>Zeuxis</i> zu +malen pflegte, so ist es doch zweckmäßig (sie so darzustellen), denn dem +Ideal gebührt der Vorrang.</p> + +<p><a name="y_19" id="y_19">19</a>. <i>Das Vernunftwidrige muß man auf das, was die Leute sagen, +zurückführen</i> und man kann es sowohl in dieser Weise rechtfertigen, wie +auch damit, daß es zuweilen ja gar nicht vernunftwidrig sei, da es +wahrscheinlich ist, daß etwas auch gegen die Wahrscheinlichkeit sich +ereignet.</p> + +<div class="sidenote">c. 25, 20. Probleme und Lösungen.</div> + +<p><a name="y_20" id="y_20">20</a>. <i>Das in widerspruchsvoller Weise Gesagte soll man so prüfen, wie die +Widerlegungen in der Dialektik</i>, ob es sich um das <a name="Page_87" id="Page_87"></a>Nämliche oder ob es +in derselben Beziehung oder derselben Art und Weise gilt, mithin +auch der <i>Dichter</i> entweder gegen das, was er selbst sagt, oder gegen +das, was ein vernünftiger Mensch voraussetzen würde, (sich in +Widerspruch verwickeln darf).</p> + +<p><a name="y_21" id="y_21">21</a>. Gerecht dagegen ist der Tadel, sowohl gegen Vernunftwidrigkeit wie +Schlechtigkeit, wenn (der Dichter) ohne jeden äußeren Zwang sich des +Vernunftwidrigen bedient, wie z.B. Euripides im Falle des <i>Aigeus</i><a name="FNanchor_96_96" id="FNanchor_96_96"></a><a href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a>, +oder der Charakterschlechtigkeit, wie im <i>Orestes</i><a name="FNanchor_97_97" id="FNanchor_97_97"></a><a href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> der des +<i>Menelaos</i>.</p> + +<p><a name="y_22" id="y_22">22</a>. Die Einwendungen ergeben sich demnach aus <i>fünf Arten</i>, denn +entweder <i>tadelt</i> man etwas als <i>unmöglich</i> oder als <i>vernunftwidrig</i> +oder als <i>sittenverderblich</i> oder als <i>widerspruchsvoll</i> oder als <i>einen +Verstoß gegen die technische Kunstrichtigkeit</i>. Die <i>Lösungen</i> +(Widerlegungen) aber sind nach den aufgezählten Unterabteilungen zu +betrachten deren es <i>zwölf</i> gibt.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="KAPITEL_XXVI" id="KAPITEL_XXVI">KAPITEL XXVI</a></h4> + + +<p><a name="z_1" id="z_1">1</a>. Man könnte nun die Frage aufwerfen, <i>ob die epische nachahmende +Darstellung oder die tragische die vorzüglichere sei</i>. Ist nämlich die +minder plumpe die vorzüglichere, der Art ist aber die, welche auf ein +besseres (gebildeteres) Publikum Bezug nimmt, so ist offenbar diejenige +nachahmende Darstellung, die sich an Krethi und Plethi wendet, eine +plumpe. In der Überzeugung nämlich, die Zuschauer würden kein +Verständnis (für die Darstellung) zeigen, <a name="Page_88" id="Page_88"></a>falls er (der Schauspieler) +nicht seinerseits etwas dazu beiträgt, so bewegen sich diese in +starken Verrenkungen; es wälzen sich z.B. die stümperhaften Flötisten, +wenn es gilt den Diskuswurf nachahmend darzustellen und zerren den +Chorführer (am Gewände), wenn sie die <i>Skylla</i> blasen.</p> + +<p><a name="z_2" id="z_2">2</a>. Die Tragödie ist nun der Art, wie auch die älteren Schauspieler ihre +Nachfolger beurteilten, denn <i>Mynniskos</i> nannte den <i>Kallipides</i>, weil +er gar zu sehr übertrieb, einen <i>Kallias</i><a name="FNanchor_98_98" id="FNanchor_98_98"></a><a href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> und in einem ähnlichen +(üblen) Rufe stand auch <i>Pindaros</i>. Wie sich nun (1462a) jene (älteren +Schauspieler) zu diesen verhalten, so verhalte sich die ganze +(tragische) Kunst zur epischen Dichtkunst. Diese, so behauptet man, +wende sich an hochstehende Zuschauer, die keiner (tänzelnden) Bewegungen +bedürfen, die tragische dagegen an niedrige. Wenn sie demnach eine +plumpe Kunst ist, so sei sie offenbar auch die tiefer stehende.</p> + +<p><a name="z_3" id="z_3">3</a>. Allein <i>erstens</i> ist das eine Anklage <i>gar nicht gegen die +Dichtkunst, sondern gegen die Vortragskunst</i>, denn es kann auch der +Rhapsode durch Bewegungen übertreiben, wie dies <i>Sosistratos</i> getan und +(ebenso) bei den musischen Wettkämpfen, wie dies <i>Mnasitheos</i> der +Opuntier getan. Sodann ist keineswegs jede Körperbewegung zu verwerfen, +da ja auch der Tanz nicht verworfen wird, sondern nur die Bewegung von +Stümpern, wie ja auch <i>Kallipides</i> getadelt wurde und heutzutage andere, +weil sie freie Frauen nachahmend darzustellen nicht verständen.</p> + +<div class="sidenote">c. 26, 4. Vorzug der Tragödie vor dem Epos.</div> + +<p><a name="z_4" id="z_4">4</a>. Ferner erreicht die Tragödie auch ohne (schauspielerische Bewegung +<i>ihren Zweck, genau so wie die epische Dichtung</i>, denn schon durch die +bloße <a name="Page_89" id="Page_89"></a>Lektüre zeigt sie, von welcher Art sie ist. Wenn sie also +im übrigen wenigstens (dem Epos) überlegen ist, braucht ihr jedenfalls +jener Tadel nicht notwendig anzuhaften.</p> + +<p><a name="z_5" id="z_5">5</a>. Sodann (2) (ist sie überlegen) <i>weil sie alles besitzt was die +epische Dichtung hat</i>, denn auch dasselbe Metrum kann sie anwenden und +darüber hinaus hat sie einen nicht unbedeutenden Teil an der +musikalischen Aufführung und den szenischen Ausstattungen durch welche +die Lustempfindungen überaus lebendig verwirklicht werden. Sodann übt +sie diese lebendige Wirkung auch aus sowohl bei der Lektüre wie bei den +(tatsächlichen) Aufführungen.</p> + +<p><a name="z_6" id="z_6">6</a>. Ferner (3) <i>erreicht die Tragödie das Ziel</i> (1462b) <i>der</i> +nachahmenden Darstellung <i>innerhalb eines kleineren Umfangs</i>; denn was +gedrängter ist, ist angenehmer, als was mit viel Zeitaufwand (wie mit +Wasser) vermischt ist. Ich denke dabei an folgendes: Wenn jemand den +<i>Oidipus</i> des <i>Sophokles</i> in so viel Verse setzen würde wie die <i>Ilias</i> +hat ‹....›.</p> + +<p><a name="z_7" id="z_7">7</a>. Endlich (4) ist die <i>epische Dichtung eine weniger einheitliche</i> +nachahmende Darstellung. Beweis dafür ist, daß aus jeder beliebigen +nachahmenden Darstellung sich mehrere Tragödien bilden lassen, sodaß, +selbst wenn sie (die Epiker) eine einheitliche Fabel schaffen sollten, +diese, entweder abgehackt, falls kurz dargestellt oder, falls sie mit +der Ausdehnung der (epischen) Versgattung gleichen Schritt hält, +wässerig erscheinen würde. Ich meine damit, wenn es (das Epos) z.B. aus +mehreren Handlungen sich zusammensetzt wie die <i>Ilias</i> viele derartige +Teile hat und die <i>Odyssee</i>, Teile, die auch für sich schon eine +(genügende) Ausdehnung besitzen. Und doch hat er (Homer) diese Gedichte +in der denkbar trefflichsten Weise gebaut und es ist seine nachahmende +Darstellung, soweit <a name="Page_90" id="Page_90"></a>dies nur irgend möglich, die einer einheitlichen +Handlung.</p> + +<p><a name="z_8" id="z_8">8</a>. Wenn demnach sie (die Tragödie) in all diesen (Vorzügen) <i>überlegen</i> +ist und überdies indem <i>Ziel</i> der Kunst—denn diese (Dichtarten) sollen +nicht jede beliebige Lustempfindung erzeugen, sondern nur die bereits +erwähnte—so leuchtet ein, <i>daß sie vortrefflicher als die epische +Dichtung ist</i>, indem sie ihren Endzweck vollständiger erreicht.</p> + +<p><a name="z_9" id="z_9">9</a>. Über die Tragödie also und das Epos sowohl an sich wie über ihre +Arten und Bestandteile, wie viele deren sind und wie sie sich +unterscheiden, welches die Ursachen ihres Erfolges oder Mißerfolges +sind, und über die Probleme und deren Lösungen mag derartiges gesagt +sein....</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_91" id="Page_91"></a>NAMENVERZEICHNIS<a name="FNanchor_99_99" id="FNanchor_99_99"></a><a href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a></h4> + + +<p><a name="Agathon" id="Agathon">Agathon</a> (c. 447—400): <a href="#i_5" class="a">c. 9, 5</a>. <a href="#r_4" class="a">18, 4, 5, 6</a>. +Berühmter, von Aristoteles +hochgeschätzter Tragiker. Sein erster Sieg (417/6) liegt der +Rahmenerzählung von Platons Gastmahl zugrunde, an dem er auch als +Unterredner teilnimmt. Seine Selbständigkeit und Originalität +kennzeichnen die allerdings nicht lobenswerte Loslösung der Chorgesänge +von der Handlung durch Einlegung von Intermezzi (Embolima) und besonders +seine völlig freierfundene Tragödie <i>Anthe</i>, früher fälschlich <i>Anthos</i> +"Blume" und seit Welcker oft auch <i>Antheus</i> betitelt.</p> + +<p><a name="Aiasdramen" id="Aiasdramen"><i>Aias</i>dramen</a>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. +Solche gab es außer dem erhaltenen des Sophokles +auch von Aischylos ("Waffengericht"), Karkinos, Theodektes, Astydamas d. +J., Livius, Ennius, Pacuvius, Accius und Augustus. In dem Wettstreit um +die Waffen des Achilles siegte Odysseus. Diese Niederlage nahm sich Aias +so zu Herzen, daß er in Wahnsinn verfiel. In diesem Zustande richtete er +unter einer Viehherde ein Blutbad an in dem Glauben, seine Feinde, +Agamemnon und Odysseus, zu vernichten. Als er dann wieder zu sich kam +und seinen Irrtum erkannte, stürzte er sich aus Scham in sein Schwert. +Aus dieser Inhaltsübersicht ersieht man, daß Aristoteles das Drama mit +Recht zu den pathetischen zählt.</p> + +<p><i>Aigisthos</i>: <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>. +Der Buhle der Klytaimestra, Mörder des Agamemnon +und von deren Sohn, Orestes, getötet (Aischylos' Agamemnon und +Choephoren, Soph. und Eurip. Elektra).—Die Komödie, auf die hier +angespielt wird, war vermutlich von Alexis, einem der berühmtesten +Vertreter der sogenannten mittleren Komödie und Zeitgenossen des +Aristoteles.</p> + +<p><a name="Aischylos" id="Aischylos"><i>Aischylos</i></a> (525/4—456): <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>. +In der Poetik kaum berücksichtigt, ja +Aristoteles ignoriert sogar den trilogischen Aufbau seiner Dramen, was +<a href="#r_4" class="a">c. 18, 4</a> geradezu bestätigt, nicht widerlegt wird.</p> + +<div class="blockquot"><p><a name="Choephoren" id="Choephoren"><i>Choephoren</i></a>: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. + Elektra erschließt die Ankunft ihres Bruders + aus der Haarlocke am Altar und aus Fußtapfen. In dem von Aristoteles + gebildeten Syllogismus läßt sich nicht erkennen ob zu "ähnlich", + "Orestes" oder "mir" zu ergänzen ist. Nach der Art, wie Sophokles, + Euripides und Aristophanes <a name="Page_92" id="Page_92"></a>auf diese Erkennungsszene + anspielen, ist das erstere, mit alleiniger Berücksichtigung der Haarlocke, + wahrscheinlicher.</p> + +<p> <i>Myser</i>: <a href="#x_9" class="a">c 24, 9</a>. Der Held der nicht erhaltenen Tragödie war + Telephos, der Sohn des Herakles und der Auge. Er war nach sakralem + Brauch zum Schweigen verurteüt, bis er sich von einer Blutschuld + gereinigt hatte. Denselben Stoff behandelten Sophokles, Agathon, + Nikomachos und auch Euripides, doch spricht das bei Aischylos sehr + beliebte Schweigmotiv mehr dafür, daß dessen Drama hier gemeint, + ist.</p> + +<p> <i><a name="Niobe" id="Niobe">Niobe</a></i>: <a href="#r_4" class="a">c. 18, 4</a>. + Wer den ganzen Sagenstoff behandelt hat, wissen + wir nicht. Tragödien desselben Titels gab es aber von Sophokles und + einem gewissen Meliton.</p> + +<p> <i>Philoktet</i>: <a href="#v_5" class="a">c. 22, 5</a>. <a href="#w_4" class="a">23, 4</a>. + Nicht erhalten, doch kennen wir seine + Behandlung im Vergleich zu der des Sophokles (erhalten) und + Euripides aus Dio Chrysostomos.</p> + +<p> <i>Phorkiden</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. + Ein 339 wieder aufgeführtes Satyrdrama dessen + Inhalt unbekannt ist, doch scheint Perseus der Held gewesen zu sein.</p> + +<p> <i>Prometheus</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. + Es ist nicht zu entscheiden, ob der uns + erhaltene oder der "Gelöste Prometheus" hier gemeint ist. </p></div> + +<p><i>Alkinoos</i>, Mär des: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p> + +<p><a name="Alkmeon" id="Alkmeon"><i>Alkmeon</i></a>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>. +Ermordete seine Mutter Eriphyle. Ein +vielbehandelter Tragödienstoff, so von Sophokles, Euripides, Agathon, +Nikomachos, Euaretos, Theodektes und Astydamas d. Älteren (<a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>).</p> + +<p>[<i>Amphiaraos</i>]: S. <a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a>.</p> + +<p><i>Anthe</i>: S. <a href="#Agathon" class="a">Agathon</a>.</p> + +<p><i>Antigone</i>: S. <a href="#Antigone" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Argas</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. +Falls die Lesart richtig, wohl identisch mit dem +Dichter und Kitharoden, einem Zeitgenossen des Aristoteles. Der Titel +des Nomos ist ausgefallen.</p> + +<p><i>Ariphrades</i>: <a href="#v_6" class="a">c. 22, 6</a>. +Wohl der Verfasser einer Schrift über den +tragischen oder den dichterischen Stil überhaupt. Nicht identisch mit +dem von Aristophanes gegeißelten Lüstling.</p> + +<p><i>Aristophanes</i> (c. 450—385): <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>. +Die Art der Erwähnung zeigt, daß +schon zur Zeit des Aristoteles, der der "alten Komödie" nicht besonders +freundlich gesinnt war, Aristophanes bereits als der Hauptvertreter der +Gattung anerkannt war.</p> + +<p><i>Astydamas</i> (Ende des 4. Jahrh.): <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>. +Urgroßneffe des Aischylos, +sein Sohn gleichen Namens und sein Vater waren ebenfalls tragische +Dichter. Er soll 240 Tragödien verfaßt haben, von denen nur 18 Verse +erhalten sind, von dem hier genannten "Alkmeon" kein einziger.</p> + +<p><a name="Page_93" id="Page_93"></a><i>C</i>. s. auch unter K.</p> + +<p><a name="Chairemon" id="Chairemon"><i>Chairemon</i></a>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. <a href="#x_5" class="a">24, 5</a>. +Älterer Zeitgenosse des Aristoteles, +gewöhnlich als Verfasser von Lesedramen genannt, zu denen wohl auch sein +"Verwundete Odysseus" gehörte den Aristoteles vielleicht in <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a> im +Auge hatte. S. unter Sophokles Odysseus <a href="#O_Akanthoplex" class="a">Akanthoplex</a>. Das hier erwähnte +polymetrische Gedicht "Der Kentaur" muß eine Art Epyllion, das zum +Vortrag bestimmt war, gewesen sein, da es als eine Rhapsodie bezeichnet +wird. Wenn es einmal auch als "polymetrisches Drama" zitiert wird, so +geschah dies wohl wegen einiger in jambischen Trimetern verfaßten +Dialogpartien.</p> + +<p><a name="Chionides" id="Chionides"><i>Chionides</i></a>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. +Der älteste attische Komödiendichter, dessen +erster Sieg in das Jahr 487 fällt. Die unter seinem Namen zur Zeit des +Aristoteles im Umlauf gewesenen Komödien waren aber Fälschungen. S. auch +<a href="#Magnes" class="a">Magnes</a>.</p> + +<p><i>Choephoren</i>: S. <a href="#Choephoren" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p>[<i>Danaos</i>]: S. <a href="#Theodektes" class="a">Theodektes</a>.</p> + +<p><i><a name="Dikaiogenes" id="Dikaiogenes">Dikaiogenes</a></i>: <a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>. +Tragiker und Dithyrambendichter, Zeitgenosse +des Agathon. Neben den <i>Kypriern</i> wird noch eine Tragödie "Medea" +genannt. In jener scheint Teukros der Held gewesen zu sein. Nach dem +Tode seines Vaters, Telamon, der ihn verstoßen hatte, kehrte er in seine +Heimat Salamis zurück, woselbst sich die hier erwähnte Erkennungsszene +zugetragen haben wird. Aus der Art, wie Aristoteles darauf anspielt läßt +sich schließen daß er die Tragödie bei seinen Zuhörern als bekannt +voraussetzen konnte.</p> + +<p><i>Dionysios</i>: <a href="#b_2" class="a">c 2, 2</a>. +Berühmter Maler aus Kolophon, Zeitgenosse des +Polygnot, mit dem er auch sonst zusammengestellt wurde. Er war ihm in +vielem nicht unähnlich, nur daß ihm die Erhabenheit abging, was mit dem +ihm hier zugeschriebenen Realismus sich wohl vereinigen läßt.</p> + +<p><i>Dolon</i>: <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a>. +Der trojanische Held der sogenannten Doloneia in B. +X der Ilias.</p> + +<p><i>Elektra</i>: S. <a href="#Elektra_S" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Empedokles</i> (blühte um 450) aus Agrigent: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a> [<a href="#u_4" class="a">21, 4</a>]. <a href="#y_13" class="a">25, 13</a>. +Berühmter Dichterphilosoph, auch Naturforscher. Arzt, Redner und +Priester. Sehr zahlreiche, zum Teil umfangreiche Fragmente erhalten. +Wenn er in dem Dialog "Über die Dichter", im Gegensatz zu <a href="#a_5" class="a">1, 5</a>, gerade +als Dichter verherrlicht und mit dem Beinamen "homerisch" geehrt wird, +so ist dies nur ein scheinbarer Widerspruch, da jenes Loblied vermutlich +dem Gesprächsgegner des Aristoteles in den Mund gelegt worden <a name="Page_94" id="Page_94"></a>war. +Überdies wird er an unserer Stelle von einem anderen +Gesichtspunkt aus beurteilt.</p> + +<p><i>Epichares</i>: <a href="#v_4" class="a">c. 22, 4</a>. +Ein fingierter, aber auch sonst bezeugter Eigenname.</p> + +<p><i>Epicharmos</i> (blühte Ende des 6. Jahrh.): <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. +Einer der berühmtesten griechischen Komödiendichter, von dessen, wie es scheint, +"Dramen" betitelten Werken wir noch sehr zahlreiche Überreste, jedoch +nur kleineren Umfangs besitzen. Er war in Krastos (Sizilien), nicht Kos, +geboren, wirkte aber als Dichter in dem hybläischen Megara und in +Syrakus. Es waren dies dorische Kolonien, daher die Ansprüche der Dorer +auf die Erfindung der Komödie. Das "um vieles älter" darf in dieser +tendenziösen Beweisführung nicht zu wörtlich genommen werden.</p> + +<p><i>Eriphyle</i>: S. <a href="#Alkmeon" class="a">Alkmeon</a>.</p> + +<p><i>Eukleides</i>: <a href="#v_4" class="a">c. 22, 4</a>. +Durch den Zusatz "der Alte" von den vielen, auch +bekannten Namensvettern unterschieden. Gegen die neuerdings +ausgesprochene Vermutung, er sei mit dem berühmten athenischen Archon +und Reformator des attischen Alphabets (403) identisch spricht bei +Aristoteles, seinem jüngeren Zeitgenossen, gerade jener Zusatz. Eher +könnte man an den Begründer der megarischen Philosophenschule, den +Freund des Sokrates und Platon, denken.</p> + +<p><i>Euripides</i> (485—407/6): <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>. +<a href="#r_4" class="a">18, 4-6</a>. <a href="#y_6" class="a">25, 6</a>. +Der jüngste der drei großen Tragiker. +Der häufige Tadel des Aristoteles richtet sich gegen dessen mangelhafte Technik.</p> + +<div class="blockquot"><p>(<i><a name="Elektra" id="Elektra">Elektra</a></i>): <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>. <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>. +Orestes und Aigisthos. Personen im Drama.</p> + +<p> <i><a name="Iphigeneia" id="Iphigeneia">Iphigeneia</a> in Aulis</i>: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>. + Der hier ausgesprochene Tadel ist + von Schiller energisch zurückgewiesen worden.</p> + +<p> <i>Iphigeneia</i>, Taurische: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2-5</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>.<br /> + —: <a href="#k_4" class="a">c. 11, 4</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2</a>. + Person im Drama, ebenso Orestes in <a href="#k_4" class="a">c 11, 4</a>. <a href="#p_2" class="a">16, 2</a>. Dieses + Drama und der Oed. Tyr. des Sophokles sind dem Aristoteles die zwei + Mustertragödien.</p> + +<p> <a name="Kresphontes" id="Kresphontes"><i>Kresphontes</i></a>: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>. + Eines seiner berühmtesten Dramen, das noch + zu Plutarchs Zeiten seine erschütternde Wirkung nicht verfehlte und + in der Neuzeit sehr oft nachgeahmt wurde (s. Lessing, Hamb. Dram. St + 37—50) Der Inhalt ist uns hauptsächlich aus den sog. Fabeln des + Hygin (184) bekannt. Merope im Begriff einen im Schlafe liegenden + Jüngling, den sie für den Mörder ihres Sohnes Kresphontes hält, mit + dem Beil zu erschlagen, erkennt in ihm noch rechtzeitig ihren + eigenen Sohn. Beide töten sodann im Verein den Usurpator + Polyphontes, der <a name="Page_95" id="Page_95"></a> + den Gatten der Merope ermordet und die Witwe + gezwungen hatte ihn zu heiraten. Vgl. Hamlet und Richard + III.</p> + +<p> <i><a name="Medea" id="Medea">Medea</a></i>: <a href="#n_4" class="a">c. 14, 4</a>. <a href="#o_7" class="a">15, 7</a>. <a href="#y_21" class="a">25, 21</a>. + Der Tadel an letzter Stelle + bezieht sich doch wohl auf die scheinbar unmotivierte Einführung des + Aigeus, nicht auf das so betitelte Drama desselben Dichters.</p> + +<p> <i><a name="Melanippe" id="Melanippe">Melanippe</a></i> + die Weise, im Unterschiede von Melanippe die Gefangene + desselben Dichters: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>. + Die Anspielung bezieht sich auf ihre + berüchtigte Verteidigungsrede, in der sie sich mit sophistischen + Gründen bemüht, ihrem Vater zu beweisen daß ihre dem Poseidon + heimlich geborenen Kinder auch von einer Kuh zur Welt gebracht und + gesäugt werden konnten, ohne die Naturgesetze zu verletzen. Die + Anfangsworte sind uns zufällig erhalten.</p> + +<p> <a name="Orestes" id="Orestes"><i>Orestes</i></a>: <a href="#o_5" class="a">c 15, 5</a>. <a href="#y_21" class="a">25, 21</a>. + Darin spielt Menelaos eine charakterlose Rolle.</p> + +<p> <a name="Philoktetes" id="Philoktetes"><i>Philoktetes</i></a>: <a href="#v_5" class="a">c. 22, 5</a>. + S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>' Philoktetes.</p> + +<p> <a name="Troerinnen" id="Troerinnen"><i>Troerinnen</i></a>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. + S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>. </p></div> + +<p>[<i>Eurypylos</i>]: S. <a href="#Eurypylos" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Ganymedes</i>: S. <a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>.</p> + +<p><i>Glaukon</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>. +Wohl ein Grammatiker. Da zahlreiche Schriftsteller +denselben Namen tragen, ist eine Identifizierung nicht möglich. Nur an +den Rheginer, den ältesten Homer-erklärer, der überdies Glaukos, nicht +Glaukon hieß, darf man schon wegen des Inhalts des Zitats nicht denken.</p> + +<p><i>Hades</i>dramen: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. +Dramen mit dem Schauplatz in der Unterwelt +waren: Aischylos' Sisyphos der Steinwälzer, Euripides' (Kritias?) und +Achaios' Peirithoos.</p> + +<p><i>Haimon</i>: S. Sophokles Antigone.</p> + +<p><i>Hegemon</i> v. Thasos (Ende des 5. Jahrh.): <a href="#b_3" class="a">c 2, 3</a>. +Berühmter Parode und auch Komödiendichter, von Aristoteles zuerst erwähnt, später sehr +häufig. Erhalten sind ein längeres Fragment (21 Hexameter) und zwei Trimeter.</p> + +<p><i>Helle</i>: <a href="#n_9" class="a">c. 14, 9</a>. +Verlorene Tragödie eines wohl berühmten Dichters, da +Aristoteles seinen Namen zu nennen nicht für nötig hält. Auch von der +hier zugrundeliegenden Sagenversion, die von der sonstigen Überlieferung +völlig abweicht, ist uns keine Kunde erhalten, doch wußte man von drei +<i>Söhnen</i>, die sie dem Poseidon geboren hatte.</p> + +<p><i>Herakleis</i>: <a href="#h_2" class="a">c. 8, 2</a>. +Heraklesepen dichteten Kinaithon (c. 750), +Peisandros (c. 650) und Panyasis, der Onkel des Herodot, 9000 Verse in +14 B. Nur von diesem sind einige Bruchstücke erhalten.</p> + +<p><a name="Page_96" id="Page_96"></a><a name="Hermokaikoxanthos" id="Hermokaikoxanthos"><i>Hermokaikoxanthos</i></a>: <a href="#u_1" class="a">c. 21, 1</a>. +Ein aus drei Flußnamen des +westlichen Kleinasiens, Hermos, Kaïkos, Xanthos, gebildetes Kompositum. +Nach der Lesart der arabischen Übersetzung waren derartige +Zusammensetzungen bei den Bewohnern von Massalia (Marseille) üblich und +zwar soll die hier erwähnte ein lokaler Beiname des Zeus gewesen sein.</p> + +<p><i>Herodot</i> (blühte um 450): <a href="#i_2" class="a">c. 9, 2</a>. +Der "Vater der Geschichte". Seine +Verwendung als typisches Beispiel verdankt er nicht so sehr der +Wertschätzung seitens des Aristoteles, als dem Umstand, daß das vielfach +dichterische Kolorit seines Werkes ihn im Zusammenhange ganz besonders +zur Exemplifizierung geeignet erscheinen ließ. Der von Aristoteles rein +hypothetisch gesetzte Fall ist übrigens bei Livius tatsächlich +eingetreten, der von Festus Avienus (4. Jahrh. n. Chr.) in Jamben +übertragen wurde.</p> + +<p><i>Hippias</i> von Thasos: <a href="#y_12" class="a">c. 25, 12</a>. +Nur hier genannt, denn seine Erwähnung +bei einem späten Erklärer des Aristoteles, es handelt sich um dasselbe +"Problem", geht auf unsere Stelle zurück.</p> + +<p><a name="Homer" id="Homer"><i>Homer</i></a>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. <a href="#b_3" class="a">2, 3</a>. +<a href="#c_1" class="a">3, 1-2</a>. <a href="#d_4" class="a">4, 4-6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>. +<a href="#o_9" class="a">15, 9</a>.<a href="#w_3" class="a"> 23, 3</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2-6-8</a>8.</p> + +<div class="blockquot"><p><i><a name="Ilias" id="Ilias">Ilias</a></i>: <a href="#d_6" class="a">c. 4, 6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>. +<a href="#o_7" class="a">15, 7</a>. <a href="#r_4" class="a">18, 4</a>. <a href="#t_9" class="a">20, 9.</a> +<a href="#w_4" class="a">23, 4</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2</a>. <a href="#y_4" class="a">25, 4</a>. +<a href="#z_7" class="a">26, 7</a>. Die "<i>Abfahrt</i>" (<a href="#o_6" class="a">c. 15, 6</a>) +bezieht sich auf die a.a.O. zitierte Stelle der Ilias, wo durch das Erscheinen +der Göttin Athene die Heimkehr des Heeres verhindert wurde.—Schiffskatalog +(<a href="#w_3" class="a">c. 23, 3</a>). Teiltitel des 2. B. (s.u.).</p> + +<p> <i>Odyssee</i>: <a href="#d_6" class="a">c. 4, 6</a>. <a href="#h_3" class="a">8, 3</a>. <a href="#m_6" class="a">13, 6</a>. + <a href="#q_4" class="a">17, 4</a>. <a href="#w_4" class="a">23, 4</a>. <a href="#x_2" class="a">24, 2-9</a>.<a href="#z_7" class="a">26, 7</a>. + <i>Mär des Alkinoos</i> (<a href="#p_3" class="a">c. 16, 3</a>) und <i>Badeszene</i> (Niptra, <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>. <a href="#x_8" class="a">24, 8</a>) + sind Teiltitel der Odyssee, die vor der erst später eingeführten + Buchzählung im Gebrauch waren. Der Titel umfaßte aber nach <a href="#x_8" class="a">c. 24, 8</a> + das ganze 19. B, einschließlich der Begegnung des Odysseus und der + Penelope.</p> + +<p> <i>Margites</i> <a href="#d_4" class="a">c. 4, 4-6</a>. + Ein burleskes Epyllion, in dem Hexameter und + jambische Trimeter abwechselten. Es schilderte in ergötzlicher Weise + einen Tölpel, "der viele Dinge wußte, aber alle schlecht". Als + unhomerisch scheint es erst nach Kallimachos (c. 150) erkannt worden + zu sein. </p></div> + +<p><i>Ikadios</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>. +Dieser angebliche Name des Schwiegervaters des +Odysseus, statt des homerischen Ikarios, begegnet nur hier.</p> + +<p><i>Ilias</i> s. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p> + +<p><a name="Ilias_Die_Kleine" id="Ilias_Die_Kleine"><i>Ilias</i>, Die Kleine</a>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. Ein nachhomerisches, dem sogenannten +"Epischen Kyklos" angehöriges Epos. Wenn Spätere allgemein einen Lesches +von Lesbos als Verfasser nennen, so fällt das aristotelische Zeugnis der +Anonymität dagegen entscheidend ins Gewicht. Die Erzählung begann etwa +da, wo <a name="Page_97" id="Page_97"></a>die homerische Ilias aufhörte +(Lösung Hektors) und endete +mit dem Fall Trojas und der Erzählung des Schicksals der gefangenen +Troerinnen. Die Liste des Aristoteles ist nicht vollständig noch streng +chronologisch und vermutlich nach dem Gedächtnis angegeben. Mit zwei +Ausnahmen decken sich die Titel mit denen noch nachweisbarer Tragödien.</p> + +<div class="blockquot"><i>Waffengericht</i>: S. <a href="#Aiasdramen" class="a">Aiasdramen</a>. + +<p> <i>Philoktet</i>: Von Aischylos, Sophokles, Euripides, Achaios, Antiphon, + Philokles, Theodektes dramatisiert.</p> + +<p> <i>Neoptolemos</i> (= Eurypylos s. <a href="#Eurypylos" class="a">Sophokles</a>): Von Nikomachos.</p> + +<p> <i>Bettlerrhapsodie</i> (= <a href="#Lakonierinnen" class="a">Lakonierinnen</a> s. Sophokles).</p> + +<p> <i>Ilions Zerstörung</i>: So hieß ein Drama Iophons, des Sohnes des + Sophokles und ein Epos des "Kyklos".</p> + +<p> <i>Abfahrt</i> des griechischen Heeres nach der Insel Tenedos, vor der + Erzählung des Hölzernen Pferdes und der Einnahme Trojas. Ein Drama + dieses Titels ist nicht bekannt.</p> + +<p> <i>Sinon</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>. + Durch Vergils Aeneis II allgemein bekannt.</p> + +<p> <i>Troerinnen</i>: S. <a href="#Troerinnen" class="a">Euripides</a>. + Die Schicksale der trojanischen + Gefangenen (Hekuba, Andromache, Kassandra, Polyxena) sind von vielen + dramatisiert worden. Erhalten sind neben den Troerinnen nur die + Hekuba und Andromache, ebenfalls von Euripides, und Aischylos, + Agamemnon (Kassandra). </p></div> + +<p><i>Iphigeneia</i>: S. <a href="#Iphigeneia" class="a">Euripides</a> und <a href="#Polyeidos" class="a">Polyeidos</a>.</p> + +<p><i>Ixion</i>dramen: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. +Unter anderen Missetaten versuchte er sich an +Hera zu vergreifen und wurde dafür gemartert, indem er an ein +geflügeltes, sich ewig drehendes, feuriges Rad gebunden wurde. Der +Sagenstoff wurde von Aischylos, Sophokles (?), Euripides, Kallistratos +und Timesitheos dramatisiert.</p> + +<p><a name="Kallipides" id="Kallipides"><i>Kallipides</i></a>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2-3</a>. +Berühmter Schauspieler, Zeitgenosse des Sokrates, von dem eine Anzahl Anekdoten überliefert ist.</p> + +<p><a name="Karkinos" id="Karkinos"><i>Karkinos</i></a>: Der jüngere Tragiker dieses Namens, Zeitgenosse des +Aristoteles. Er soll 160 Tragödien verfaßt haben und hat elfmal gesiegt.</p> + +<div class="blockquot"><p><i>Thyestes</i>: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>. + Nur hier genannt und nicht ohne weiteres mit + seiner ebenfalls nur einmal erwähnten Aerope zu identifizieren, da + der fruchtbare Tragiker, wie z. B auch Sophokles und Euripides, + mehrere Tragödien aus demselben reichhaltigen *agenstoffe behandelt + haben kann. Die "Sterne" waren angeblich ein auf der Schulter der + Nachkommen des Pelops befindliches, hellglänzendes Zeichen. In + welcher Situation es für eine Erkennung benutzt wurde, entzieht sich + jeder Vermutung.</p> + +<p> <a name="Page_98" id="Page_98"></a>[<i>Amphiaraos</i>]: <a href="#q_1" class="a">c. 17, 1</a>. + Der Vater des <a href="#Alkmeon" class="a">Alkmeon</a> (s.d.) und + Gatte der Eriphyle. Der Name scheint aber nur aus einer + Randbemerkung in den Text gedrungen zu sein, da er in der syrisch + arabischen Übersetzung fehlt, die überdies einen Zusatz in der + griechischen Vorlage voraussetzt, der wohl die jetzt nicht mehr + erkennbare Art des Verstoßes deutlicher machte. </p></div> + +<p><a name="Karthager" id="Karthager"><i>Karthager</i></a>: <a href="#w_2" class="a">c. 23, 2</a>. +Es handelt sich um den großen Sieg Gelons und +Therons über die Karthager bei Himera in Sizilien, der nach Herodot an +demselben Tage, wie der griechische Seesieg bei Salamis (27./28. Sept. +480) stattgefunden haben soll. Von diesem bis auf den Tag genauen +Synchronismus hält sich Aristoteles frei. Der von ihm geleugnete kausale +politische Zusammenhang, den die alten Historiker behaupten, wird auch +jetzt wieder, aber, wie es scheint, mit Unrecht, meist gänzlich in +Abrede gestellt.</p> + +<p><i>Kentauros</i>: S. <a href="#Chairemon" class="a">Chairemon</a>.</p> + +<p><i>Kephallenier</i>: <a href="#y_17" class="a">c. 25, 17</a>. +Die Bewohner der dem Odysseus untertänigen +Inseln und des Festlandes. Kephallenia als Inselname ist Homer noch +unbekannt.</p> + +<p><i>Kleophon</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. <a href="#v_1" class="a">22, 1</a>. +Epiker, von dem Aristoteles in der Rhetorik +ein Werk <i>Mandrobulos</i>, wohl ein Epyllion, nennt. Sonst unbekannt, denn +mit dem Tragiker gleichen Namens, von dem 10 Dramentitel überliefert +sind, ist er kaum identisch.</p> + +<p><i>Klytaimestra</i>: <a href="#n_4" class="a">c. 14, 4</a>. +Homer kennt K. weder als Gattenmörderin (so +erst seit Stesichoros) noch Orestes als Muttermörder. Diese Sagenversion +war aber durch Aischylos so festgewurzelt, daß die ursprüngliche für +Aristoteles wohl nicht mehr in Betracht kam, denn sonst wäre das +Beispiel im Zusammenhang nicht glücklich gewählt.</p> + +<p><i>Krates</i>: <a href="#e_2" class="a">c. 5, 2</a>. +Attischer Komödiendichter, zuerst Schauspieler in den +Stücken des Kratinos. Er errang seinen ersten Sieg 449. Eine Anzahl +Titel und einige Bruchstücke sind erhalten. Er nahm unter den Dichtern +der alten Komödie eine Sonderstellung ein, wie schon aus der berühmten +Kritik in den Rittern des Aristophanes hervorgeht.</p> + +<p><i>Kreon</i>: S. Sophokles <a href="#Antigone" class="a">Antigone</a>.</p> + +<p><i>Kreter</i>: <a href="#y_10" class="a">c. 25, 10</a>. +Aristoteles oder sein Gewährsmann wird die hier +mitgeteilte sprachliche Beobachtung einem attisch-kretischen Glossar +entnommen haben. S.u. Kyprier.</p> + +<p><i>Kyklop</i>: S. <a href="#Philoxenos" class="a">Philoxenos</a>, <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</p> + +<p><i><a name="Kypria" id="Kypria">Kypria</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. +Nachhomerisches, anonymes Epos des Epischen Kyklos +in 11 B., vermutlich in Kypros entstanden und schon von Herodot dem +Homer abgesprochen. Spätere legten es <a name="Page_99" id="Page_99"></a>einem Stasimos oder Hegesias +(Hegesinos) bei. Das Gedicht behandelte die Vorgeschichte des +trojanischen Krieges, beginnend mit dem Urteil des Paris, und bildete +eine Fundgrube für tragische Stoffe. Wir können noch etwa 15 Dramentitel +nachweisen, von denen allein 9 auf Sophokles fallen. Erhalten ist nur +die Iphigenia in Aulis des Euripides, von dem Epos nur wenige Verse. +Daselbst war auch die <a href="#h_3" class="a">c. 8, 3</a> erwähnte Episode erzählt. Odysseus stellte +sich wahnsinnig, um dem Zugegen Troja nicht folgen zu müssen, wurde aber +durch eine List von Palamedes entlarvt.</p> + +<p><i>Kyprier</i>: S. <a href="#Dikaiogenes" class="a">Dikaiogenes</a>.<br /> +—Dialekt der: <a href="#u_3" class="a">c. 21, 3</a>: +S. Einleitung <a href="#Page_23" class="a">S. XXIV</a>.</p> + +<p><i>Laios</i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>. +Vater des Oidipus, der ihn unerkannt erschlug und +dessen Nachfolger auf dem Thron Thebens wurde. Auf die hier erwähnte +Unwahrscheinlichkeit wurde bereits <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a> angespielt.</p> + +<p>[<i>Lakonierinnen</i>]: S. <a href="#Lakonierinnen" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Lynkeus</i>: S. <a href="#Theodektes" class="a">Theodektes</a>.</p> + +<p><i><a name="Magnes" id="Magnes">Magnes</a></i>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. +Neben <a href="#Chionides" class="a">Chionides</a> (s.d.) der älteste attische Komiker. +Er hat elfmal gesiegt. Uns sind einige Titel erhalten. Es ist +zweifelhaft, ob selbst Aristophanes noch Stücke von ihm gelesen hat. +Jedenfalls waren etwaige dem Aristoteles bekannte Komödien nicht echt, +was die alten Kritiker schon erkannt hatten.</p> + +<p><i>Margites</i>: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p> + +<p><i>Massalioten</i>: S. <a href="#Hermokaikoxanthos" class="a">Hermokaikoxanthos</a>.</p> + +<p><i>Medea</i>: S. <a href="#Medea" class="a">Euripides</a>.</p> + +<p><i>Megarer</i>: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. +Ihre Ansprüche scheinen nicht unbegründet gewesen zu +sein, wenn auch die von Aristoteles selbst zurückgewiesene etymologische +Begründung nicht haltbar ist.</p> + +<p><i>Melanippe</i>: S. <a href="#Melanippe" class="a">Euripides</a>.</p> + +<p><i>Meleagros</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. +Eine berühmte Sagenfigur und Held der +"Kalydonischen Jagd". Bei der Verteilung der Beute erschlägt er die +Brüder seiner Mutter Althaia. Sie verflucht ihn darob und verbrennt ein +Holzscheit, an das sein Leben geknüpft war, so daß er in jugendlichem +Alter stirbt. Der dankbare Mythos, in dem auch Atalante eine bedeutsame +Rolle spielt, wurde von vielen Dichtern, insbesondere von den Tragikern, +behandelt, so von Phrynichos, Sophokles, Antiphon, Euripides und, nach +Aristoteles, von Sosiphanes. Die einzige uns erhaltene dichterische +Darstellung ist die des Ovid (met. 8, 270 ff.). Sehr beliebt war die +Sage auch in der Kunst (Vasen, Tempelgiebel und Sarkophage).</p> + +<p><a name="Page_100" id="Page_100"></a><i>Menelaos</i>: S. Euripides +<a href="#Orestes" class="a"> Orestes</a>.</p> + +<p><i>Merope</i>: S. Euripides <a href="#Kresphontes" class="a">Kresphontes</a>.</p> + +<p><i>Mitys</i>: <a href="#i_9" class="a">c. 9, 9</a>. +Er war in einem Straßenaufruhr getötet worden. Wenn +Plutarch angibt, daß die Strafe den Mörder bei einer <i>Festfeier</i> +ereilte, so beruht dies wohl auf einem Mißverständnis des Wortes +"theorunti" ("anschauen"), das Aristoteles sonst nie in seiner sakralen +Bedeutung gebraucht.</p> + +<p><i>Mnasitheos</i>: <a href="#z_3" class="a">c 26, 3</a>. +Ein nur hier erwähnter, in lyrischen Wettkämpfen +auftretender Sänger. Dem ganzen Zusammenhang nach wohl ein Zeitgenosse +des Aristoteles.</p> + +<p><i>Mynniskos</i>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2</a>. +Darsteller von Heldenrollen (Protagonist) in den +späteren Tragödien des Aischylos.</p> + +<p><i>Myser</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p><i>Mysien</i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>. +Provinz im Nordwesten Kleinasiens.</p> + +<p><i>Neoptolemos</i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. +Sohn des Achilles. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a> +und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Nikochares</i>: <a href="#b_3" class="a">c 2, 3</a>. +Verfasser eines, wie es scheint, burlesken Epos, +der Deliade, nur hier erwähnt. Vielleicht identisch mit dem +Komödiendichter, dessen "Lakoner" zusammen mit dem "Plutos" des +Aristophanes aufgeführt wurden.</p> + +<p><i>Niobe</i>: S. <a href="#Niobe" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p><i>Odyssee</i>: S. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>.</p> + +<p><i>Odysseus</i>, der Verwundete: S. <a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a> +und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">—, der Trugbote: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. +Verfasser unbekannt. Vielleicht ein Satyrdrama.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">—, in der Skylla: S. <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</span><br /> +</p> +<p><i>Oidipus</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Orestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. Die Sage des O. +<i>Orestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. Die Sage des O.<br /> +<span style="margin-left: 1em;">—: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a> Agamemnon, <a href="#Choephoren" class="a">Choephoren</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">—: S. Sophokles <a href="#Elektra_S" class="a">Elektra</a></span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">—: S. Euripides <a href="#Elektra" class="a">Elektra</a>, <a href="#Iphigeneia" class="a">Iphigeneia</a>, <a href="#Orestes" class="a">Orestes</a>.</span><br /> +<span style="margin-left: 1em;">—: S. <a href="#Polyeidos" class="a">Polyeidos</a> Iphigeneia.</span><br /> +</p> +<p><i>Pauson</i>: <a href="#b_2" class="a">c. 2. 2</a>. +Attischer Karikaturenmaler aus der zweiten Hälfte des +5. Jahrh. Schon von Aristophanes verspottet und noch Aristoteles warnt +die Jugend vor seinen Bildern. Seine Malerei scheint sich demnach lange +in der Gunst des Publikums erhalten zu haben.</p> + +<p><i>Peleus</i>: S. <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Peloponnesier</i>: <a href="#c_4" class="a">c 3, 4</a>. +Die Ansprüche, auf die Erfindung der Tragödie +gingen, wie es scheint, von den Sikyoniern aus und Spätere nennen einen +gewissen Epigenes als den Begründer. Auch Pratinas, der angebliche +Erfinder des Satyrspiels, stammte aus Phlius, einer peloponnesischen +Stadt.</p> + +<p><a name="Page_101" id="Page_101"></a><i>Philoktetes</i>: +S. <a href="#Philoktetes" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p><i><a name="Philoxenos" id="Philoxenos">Philoxenos</a></i> (435—380): <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. +Berühmter Dithyrambiker, geboren in +Kythera, lebte dann am Hofe des älteren Dionysios in Syrakus. Er starb +in Ephesos. Unter seinen 24 Dithyramben war der berühmteste der "Kyklop" +(Werbung um Galateia), wohl die Vorlage von Theokrit, Idyll XI. Er soll +unter der Maske des Kyklopen den Dionysios verspottet haben, der ihn zur +Strafe dafür in die Steinbrüche sandte. Es sind nur dürftige Überreste +erhalten. Hier scheint das Gedicht im Gegensatz zu dem gleichnamigen +Dithyrambos oder Nomos des Timotheos als Beispiel der Darstellung +schlechterer Charaktere angeführt zu werden.</p> + +<p><i>Phiniden</i> <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. +Der Verfasser dieses schaurigen Familiendramas ist +ebenso unbekannt wie alle Umstände, die zu der hier erwähnten Erkennung +führten. Auch wissen wir nicht, ob dadurch die Rettung oder Tötung der +Frauen erfolgte. Im übrigen sind wir über die verschiedenartig +ausgestaltete Sage gut unterrichtet. Es handelt sich um den König +Phineus, der, Verleumdungen seiner zweiten Gemahlin Gehör schenkend, +seine erste Gattin einkerkern und seine Söhne martern oder blenden ließ. +Sie wurden von den Argonauten befreit und Phineus seinerseits geblendet +oder getötet. Es gab eine Tragödie des Namens von dem römischen Dichter +Accius und einen Dithyrambos des Timotheos.</p> + +<p><i>Phorkiden</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p><i>Phthiotinnen</i>: S. <a href="#Phthiotinnen" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Pindaros</i>: <a href="#z_2" class="a">c. 26, 2</a>. +Ein nur hier genannter Schauspieler, dem +Zusammenhang nach Zeitgenosse des <a href="#Kallipides" class="a">Kallipides</a> (s.d.).</p> + +<p><i><a name="Polyeidos" id="Polyeidos">Polyeidos</a></i> der Sophist: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. <a href="#q_3" class="a">17, 3</a>. +Der Name ist äußerst selten, +so daß der Zusatz vielleicht nicht nur der Unterscheidung dienen soll. +Er war vermutlich identisch mit dem Dithyrambendichter Musiker und +Maler. Seine taurische Iphigeneia war ein dramatisch angelegter +Dithyrambos wie die Skylla des <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a> (s.d.) und zweifellos +nacheuripideisch.</p> + +<p><i>Polygnotos</i>: <a href="#b_2" class="a">2, 2</a>. <a href="#f_7" class="a">6, 7</a>. +Einer der berühmtesten und ältesten +griechischen Maler, Sohn des Malers Aglaophon in Tarsos. Seine +bedeutendsten Werke malte er in Plataiai, Athen und Delphi (458—447). +Von den letzten besitzen wir eine ausführliche Beschreibung bei +Pausanias. Als Ethograph wird er noch an einer anderen Stelle des +Aristoteles bezeichnet (Politik 8, 5).</p> + +<p><i>Prometheus</i>: S. <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a>.</p> + +<p><i><a name="Protagoras" id="Protagoras">Protagoras</a></i> v. Abdera (c. 485—c. 416): <a href="#s_2" class="a">c. 19, 2</a>. +Neben Gorgias der bedeutendste der Sophisten. Er war der Gründer der <a name="Page_102" id="Page_102"></a> +griechischen Grammatik, indem er sich als erster des grammatischen +Geschlechts und der verbalen Modi (Indikativ, Imperativ Optativ usw.) +wissenschaftlich bewußt wurde. Daß er dabei zuweilen etwas pedantisch zu +Werke ging, wie in dem hier erwähnten Falle, ist verzeihlich. Die +sensationelle Neuheit seiner Entdeckungen beweist der Spott in den +Wolken des Aristophanes.</p> + +<p><i>Pythische</i> Spiele: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>. +In der Elektra des Sophokles schildert der +Paedagogus der Klytaimestra diese in Delphi stattfindenden Spiele, bei +denen ihr Sohn Orestes ums Leben gekommen sei. Solche gab es aber damals +(11. Jahrh.) noch nicht, wie schon ein alter Erklärer bemerkte. +Denselben Anachronismus hatte übrigens der Dichter bereits in seinem +Tleptolemos begangen.</p> + +<p><i>Salamis</i>: S. <a href="#Karthager" class="a">Karthager</a>.</p> + +<p><i>Sinon</i>: S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a> +und <a href="#Sophokles" class="a">Sophokles</a>.</p> + +<p><i>Sisyphos</i>: <a href="#r_5" class="a">c. 18, 5</a>. +Sohn des Aiolos. Galt als der Typ eines +überklugen, aber frevelhaften Menschen. Wegen eines an Zeus begangenen +Verrats wurde er zu der bekannten Strafe verurteilt, einen Felsen +bergaufwärts zu wälzen, der stets kurz vor dem Gipfel wieder +hinabrollte. Der vielgestaltige Sagenstoff wurde oft dramatisiert, so +von Aischylos, Sophokles, Euripides und Kritias. In welchem von diesen +Dramen er überlistet wurde, wissen wir nicht. In der uns bekannten +Überlieferung käme dafür nur Hygin, Fab. 60 über Tyro, die von ihm +verführte Gemahlin seines Bruders Salmoneus, in Betracht.</p> + +<p><i>Skylla</i>: S. <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a>.</p> + +<p><i><a name="Sophokles" id="Sophokles">Sophokles</a></i> (497/6—406/5): <a href="#c_2" class="a">c. 3, 2</a>. <a href="#d_9" class="a">4, 9</a>. +<a href="#r_6" class="a">18, 6</a>. <a href="#y_6" class="a">25, 6</a>. +Für Aristoteles der künstlerisch vollendetste Tragiker.</p> + +<div class="blockquot"><p><i><a name="Antigone" id="Antigone" >Antigone</a></i>: <a href="#n_6" class="a">c. 14, 6</a>. + In der erwähnten Szene versucht Hainion, der + Bräutigam der Antigone, seinen Vater zu töten, der aber dem + Schwertstreich ausweicht. Vgl. Hamlet u. König Claudius am Altar.</p> + +<p> <i><a name="Elektra_S" id="Elektra_S">Elektra</a></i>: <a href="#x_9" class="a">c. 24, 9</a>. + Orestes, Person im Drama: <a href="#m_6" class="a">c. 13, 6</a>. + <a href="#n_4" class="a">14, 4</a>.</p> + +<p> <i><a name="Eurypylos" id="Eurypylos">Eurypylos</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. + Sohn des Telephos von Neoptolemos getötet. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p> + +<p> [<i><a name="Lakonierinnen" id="Lakonierinnen">Lakonierinnen</a></i>]: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. + In dem Drama bildeten die spartanischen + Dienerinnen der Helena den Chor. Es handelte sich um den Raub des + troischen Palladiums durch Odysseus, den Helena trotz seiner + Verkleidung als Bettler erkannte. S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p> + +<p> <i><a name="Odysseus" id="Odysseus">Odysseus</a></i>, der verwundete, <a href="#n_5" class="a">c. 14, 5</a>. So hieß ein Drama des + <a href="#Chairemon" class="a">Chairemon</a> (s.d.). Das inhaltlich gleiche des Sophokles wird aber + stets als <i><a name="O_Akanthoplex" id="O_Akanthoplex">O. Akanthoplex</a></i> (der vom Rochenstachel <a name="Page_103" id="Page_103"></a>getroffene) + zitiert. Telegonos ("Der Ferngeborene"), Sohn des Odysseus + und der Kirke kam auf der Suche nach seinem Vater nach Ithaka und + verwundete ihn tödlich. Die Erkennung erfolgte dadurch, daß + Telegonos in seiner Umgebung zufällig hörte, daß der Getötete + Odysseus sei.</p> + +<p> <i>Oidipus</i>: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1-2</a>. <a href="#o_8" class="a">15, 8</a>. + <a href="#p_5" class="a">16, 5</a>. <a href="#x_9" class="a">24, 9</a>. <a href="#z_6" class="a">26, 6</a>. + Stets ohne Zusatz bei Aristoteles, der darunter aber nur den Oidipus Tyrannos, + nie den Oidipus Coloneus, versteht.<br /> + —: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. <a href="#n_1" class="a">14, 1</a>. + Die Sage des Oidipus.<br /> + —: <a href="#k_1" class="a">11, 1</a>. <a href="#m_3" class="a">13, 3</a>. <a href="#n_5" class="a">14, 5</a>. Die Person im Drama.</p> + +<p> <i>Peleus</i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. + Peleus, der greise Vater des Achilles, durch + seine Söhne aus erster Ehe vom Thron gestoßen sucht seinen Enkel + Neoptolemos auf und stirbt auf der Insel Kos. Dem Zusammenhang nach + war es ein Stück ohne viel Handlung und mehr auf mitleiderregende + Begebenheiten aufgebaut. Auch Euripides schrieb einen Peleus und + Aristoteles mag auch diesen hier im Auge gehabt haben.</p> + +<p> <i><a name="Phthiotinnen" id="Phthiotinnen">Phthiotinnen</a></i>: <a href="#r_2" class="a">c. 18, 2</a>. + Eine, wie oft auch bei Sophokles, nach dem + Chor genannte Tragödie unbestimmbaren, wenn auch vielleicht + verwandten Inhalts mit dem vorigen. In keinem Fall kann aber der + Peleus genau denselben Stoff behandelt haben, gleichviel ob von + demselben Dichter oder nicht. Ihn auf zwei Tragödien einer nirgends + bezeugten Peleus-Trilogie des Aischylos zu verteilen ist reine + Willkür.</p> + +<p> <i><a name="Sinon" id="Sinon">Sinon</a></i>: <a href="#w_4" class="a">c. 23, 4</a>. + S. <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, Die Kleine</a>.</p> + +<p> <i>Tereus</i>: <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>. + Tereus vergewaltigte Philomela, die Schwester + seiner Gattin Prokne und schnitt ihr die Zunge ab, damit sie ihn + nicht anklagen könne. Sie wob aber geschickt in einen Teppich, was + ihr widerfahren—dies die "Stimme der Spindel"—und die Schwestern + rächten sich an dem Frevler durch die Ermordung seines Sohnes Itys. + Den Stoff behandelte auch Philokles, ein Großneffe des Aischylos, + und Sieger über den Oidipus Tyrannos des Sophokles.</p> + +<p> <i>Thyestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. + Held in dem gleichbetitelten Drama. S. Thyestes.</p> + +<p> <i>Tyro</i>: <a href="#p_1" class="a">c. 16, 1</a>. + Tyro hatte dem Poseidon heimlich Zwillinge geboren + und sie in einer Wanne ausgesetzt. Sie wurden jedoch gerettet, und + als sie zu Jünglingen herangewachsen waren, trafen sie mit ihrer + Mutter zusammen und wurden von ihr durch eben jene Wanne, die der + eine mit sich genommen hatte, erkannt. Darauf rächten sie ihre + Mutter für die grausame Behandlung, die ihr Vater Salmoneus und ihre + <a name="Page_104" id="Page_104"></a>Stiefmutter Sidero ihr hatten zuteil werden lassen. + Von den zwei Tragödien dieses Titels war die eine wohl nur eine + Neubearbeitung. Denselben Sagenstoff hatten Astydamos d. Jüngere und + Karkinos dramatisiert, dessen Kenntnis wir Apollodor (1, 9, 8) + verdanken. </p></div> + +<p><i>Sokratische Gespräche</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. +Aristoteles versteht darunter stets +nur die Platonischen Dialoge, in denen Sokrates als Hauptunterredner +auftritt, nicht aber die von anderen Sokrates-schülern, wie Aischines, +Antisthenes, Xenophon, Phaidon verfaßten Gespräche.</p> + +<p><i><a name="Sophron" id="Sophron">Sophron</a></i> (c. 450): <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. +Der Begründer einer neuen Literaturgattung +des Mimus, dramatische Szenen aus dem gewöhnlichen Leben darstellend und +in einer Art rhythmischer Prosa verfaßt. Er war ein +Lieblingsschriftsteller Platons, der seine Werke nach Athen gebracht +haben soll. Die erhaltenen Bruchstücke geben uns kein klares Bild seiner +Eigenart, wohl aber die Nachahmungen des Theokrit (15. Idyll) und die +poetischen Minien des Herondas (c. 250 v. Chr.), die 1891 entdeckt +wurden.</p> + +<p><i>Sosistratos</i>: <a href="#z_3" class="a">c. 26, 3</a>. +Ein nur hier genannter Rhapsode, wohl älterer Zeitgenosse des Aristoteles.</p> + +<p><i>Sthenelos</i>: <a href="#v_1" class="a">c. 22, 1</a>. +Ein von Aristophanes seines frostigen Stils wegen +verspotteten Tragiker (c. 420). Der komische Dichter Platon beschuldigte +ihn des Plagiats.</p> + +<p><i>Tegea</i>: <a href="#x_1" class="a">c. 24, 1</a>. Stadt in Arkadien, +Heimat des Telephos.</p> + +<p><i>Telegonos</i>: S. Sophokles, Odysseus <a href="#O_Akanthoplex" class="a">Akanthoplex</a>.</p> + +<p><i>Telemachos</i>: <a href="#y_16" class="a">c. 25, 16</a>. +Sohn des Odysseus und der Penelope. Seine Reise +nach Sparta, um Erkundigungen über seinen Vater einzuziehen, erzählt die +sogenannte Telemachie, in der Odyssee B. 3—4, 619.</p> + +<p><i>Telephos</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. +Berühmte Sagenfigur, deren mannigfache Schicksale +sehr oft dramatisiert wurden, so von <a href="#Aischylos" class="a">Aischylos</a> (s.d.), Sophokles, +Euripides, Agathon, Nikomachos, Kleophon, Iophon, Moschion.</p> + +<p><i><a name="Theodektes" id="Theodektes">Theodektes</a></i>: <a href="#p_4" class="a">16, 4</a>. <a href="#r_1" class="a">18, 1</a>. +Genialer Schüler des Isokrates und Platon, +Freund des Aristoteles, Rhetor und hochgeschätzter Tragiker, verfaßte 50 +Dramen und war siebenmal Sieger.</p> + +<div class="blockquot"><p><i>Lynkeus</i>: <a href="#k_1" class="a">c. 11, 1</a>. <a href="#r_1" class="a">18, 1</a>. + Held der Danaidensage. Hypermnestra war + die einzige der 50 Töchter des Danaos, die ihren Gatten Lynkeus + gegen den Befehl ihres Vaters rettete. Nach der Geburt ihres Sohnes + Abas versuchte Danaos Lynkeus zu töten. Im Verlaufe der Handlung + ereilte ihn aber in einer für uns <a name="Page_105" id="Page_105"></a>nicht mehr genau zu erkennenden + Weise das Schicksal, das er jenem zugedacht.</p> + +<p> Tydeus: <a href="#p_4" class="a">c. 16, 4</a>. + Nicht mit dem bekannten Kämpfer unter den "Sieben + gegen Theben" identisch. Die hier angedeutete Sage ist uns völlig + unbekannt. </p></div> + +<p><i>Theodoros</i>: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>. Nur als Beispiel genannt.</p> + +<p><i>Theseis</i>: <a href="#h_2" class="a">c. 8, 2</a>. +Theseusepen verfaßten Zopyros, wohl mit dem Orphiker +unter Peisistratos (6. Jahrh.) identisch, Diphilos (5. Jahrh.) und ein +Anonymus aus unbestimmter Zeit.</p> + +<p><i>Thyestes</i>: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. +Eine der am häufigsten dramatisierten +Heldengestalten der an tragischen Ereignissen reichen Pelopidensage. +So von Sophokles (in zwei Dramen), Euripides, Agathon, Apollodoros, +<a href="#Karkinos" class="a">Karkinos</a> (s.d.), Chairemon, Kleophon und den römischen Tragikern, +Ennius, Varius, Seneca (erhalten), Curiatius Maternus.</p> + +<p><i><a name="Timotheos" id="Timotheos">Timotheos</a></i> v. Milet (✝357): <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. +Berühmter Komponist, Dithyramben und Nomendichter. Ein beträchtlicher Teil seines Nomos "Die Perser" +wurde 1902 aufgefunden.</p> + +<div class="blockquot"><i>Kyklop</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. +S. <a href="#Philoxenos" class="a">Philoxenos</a>. + +<p> <i>Skylla</i>: <a href="#o_5" class="a">c. 15, 5</a>. <a href="#z_1" class="a">26, 1</a>. + Ein Dithyrambus, der das in der Odyssee + geschilderte Abenteuer behandelt. Der Klagegesang des in Gefahr + schwebenden Odysseus wird als unmännlich und dem Charakter des + Helden nicht entsprechend gerügt. Der Flötenspieler zerrt den + Chorführer am Gewände, um das Bemühen der Jungfrau zu + veranschaulichen den Helden zu gewinnen. </p></div> + +<p><i>Xenarchos</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. +Sohn des <a href="#Sophron" class="a">Sophron</a> (s.d.). +Nur hier als Verfasser von Mimen erwähnt.</p> + +<p><i>Xenophanes</i> v. Kolophon (c. 570—479): <a href="#y_7" class="a">c. 25, 7</a>. +Dichter und Begründer der eleatischen Philosophenschule. Gegner des Polytheismus.</p> + +<p><i>Zeuxis</i> aus Herakleia (Unteritalien), blühte um 425: <a href="#f_7" class="a">c. 6, 7</a>. +<a href="#y_18" class="a">25, 18</a>. +Einer der größten Maler des Altertums. Nach Aristoteles idealisiert +sowohl Polygnot wie Zeuxis. Ersterer gab jedoch seinen Gestalten mehr +Charakter, weil er mehr das Individuelle Zeuxis das Typische zum +Ausdruck brachte.</p> + + +<hr style='width: 45%;' /> + + +<h4><a name="Page_106" id="Page_106"></a>SACHVERZEICHNIS</h4> + +<p><i>Agon</i>: <a href="#f_16" class="a">c. 6, 16</a>. <a href="#g_3" class="a">7, 3</a>. <a href="#m_4" class="a">13, 4</a>. Der jährlich zweimal in Athen +stattfindende dramatische Wettkampf an den städtischen Dionysien und +Lenaeen. Die Aufführung begann am frühen Morgen und dauerte mehrere +Tage. Jeder der Mitbewerber trat mit einer Tetralogie (drei Tragödien +und einem Satyrdrama) auf.—In den musikalischen Agonen wurden +hauptsächlich Dithyramben und Nomen gegeben, auf die <a href="#z_3" class="a">c. 26, 3</a> angespielt +wird.—Auch der Redekampf der Parteien im Gerichtssaal hieß Agon. Darauf +bezieht sich die Bemerkung über die Wasseruhr (<a href="#g_3" class="a">c. 7, 3</a>).</p> + +<p><i>Amphibolie</i> (Doppelsinn): <a href="#y_14" class="a">c. 25, 14</a>.</p> + +<p><i>Anagnorisis</i> (Erkennung): <a href="#k_2" class="a">c. 11, 2</a> definiert.</p> + +<p><a name="Anapaest" id="Anapaest"><i>Anapaest</i></a> und <i>Trochaeus</i>, ohne: <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>. +Weil jener ein +Marschrhythmus, dieser ein Tanzversmaß, eigneten sie sich nicht für das +stehend gesungene Chorlied (Stasimon).</p> + +<p><i>Artikel</i>: <a href="#t_4" class="a">c. 20, 4</a>. +Bei Aristoteles noch nicht in unserem Sinne +gebraucht. So aber schon bei den stoischen Grammatikern. Dies ein +schwerwiegender Beweis gegen die Annahme der Unechtheit unseres +Kapitels.</p> + +<p><a name="Auletik" id="Auletik"><i>Auletik</i></a>: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>. +Da der von der Flöte begleitete Dithyrambus +unmittelbar vorher genannt wurde, so ist hier darunter die reine +Instrumentalmusik zu verstehen.</p> + +<p><i>Beiwort</i>, schmückendes (Kosmos): <a href="#u_5" class="a">c. 21, 5</a>. +Definition und Beispiel sind +ausgefallen, daher die Deutung nicht ganz sicher. Es ist aber wohl das +epitheton ornans gemeint, das im Epos allerdings weit gebräuchlicher als +im Drama ist.</p> + +<p><i>Beugung</i> (Flexion): <a href="#t_7" class="a">c. 20, 7</a>.</p> + +<p><i>Bindewort</i>: <a href="#t_3" class="a">c. 20, 3</a>.</p> + +<p><i>Buchstabe</i>: <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p> + +<p><i>Demokratie</i> in Megara: <a href="#c_4" class="a">c. 3, 4</a>. Um 590 v. Chr.</p> + +<p><i>Dithyrambische</i> Dichtung: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>. +Hier und mit <i>einer</i> Ausnahme auch +sonst nicht das uralte, noch strophisch gegliederte und inhaltlich +beschränkte dionysische Chorlied, aus dem nach <a href="#d_8" class="a">c. 4, 8</a> +die Tragödie +hervorgegangen sein soll, sondern der halb dramatische Dithyrambus, wie +ihn Aristoteles allein noch kannte. Die Flötenspieler scheinen dabei +auch schauspielerisch tätig gewesen zu sein (<a href="#z_1" class="a">c. 26, 1</a>).</p> + +<p><i>Episode</i>: Mit Ausnahme von <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>. [<a href="#r_6" class="a">18, 6</a>], +wo das Wort etwa mit "Akt" gleichbedeutend ist, stets in der auch uns allein <a name="Page_107" id="Page_107"></a> +gebräuchlichen Bedeutung von einer Zutat, die mit der Handlung oder Erzählung +in nur losem oder auch gar keinem Zusammenhang steht.</p> + +<p><i>Flexion</i>: S. Beugung.</p> + +<p><i>Furcht</i>: Definiert <a href="#m_2" class="a">c. 13, 2</a>.</p> + +<p><i>Geschlecht</i>: S. Grammatik und <a href="#Protagoras" class="a">Protagoras</a>.</p> + +<p><i>Glosse</i> (Fremdwort, Provinzialismus, Dialektwort): <a href="#u_3" class="a">c. 21, 3</a>.</p> + +<p><i>Grammatik</i> (Redeteile, Geschlecht, Kasus, u.ä.): <a href="#KAPITEL_XX" class="a">c. 20-21</a>. Trotz +mancher grundlegenden Vorarbeiten (S. <a href="#Protagoras" class="a">Protagoras</a>) befand sich die +Grammatik noch zur Zeit des Aristoteles in den Kinderschuhen Ihr +wissenschaftlicher Ausbau und die Terminologie werden erst den Stoikern +und alexandrinischen Philologen verdankt. Der damals festgesetzten +Termini bedienen auch wir uns, durch die Vermittlung des Lateinischen, +bis auf den heutigen Tag, selbst unter Beibehaltung eines +Übersetzungsfehlers (Accusativ statt Causativ).</p> + +<p>Wenn man es oft befremdlich gefunden hat, daß derartige scheinbar +elementare Dinge in einer Poetik ausführlich behandelt werden, so sei +dazu bemerkt, daß Aristoteles selbst einmal sie ausdrücklich als ihr +zugehörig bezeichnet hat.</p> + +<p><i>Halbvokal</i> (Liquida): <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p> + +<p><i>Jambos</i>: <a href="#d_5" class="a">c. 4, 5-9</a>. Aristoteles sagt an ersterer Stelle, daß der +Jambos sich besonders passend für das Spottgedicht erwiesen habe. An der +zweiten, daß ebenso naturgemäß der jambische Trimeter sich schließlich +als das für den dramatischen Dialog geeignetste Versmaß herausstellte. +Darin liegt aber kein Widerspruch, denn hier wie dort galt es, soweit +wie irgend möglich, sich der Umgangssprache anzupassen und über den +Gesprächston nicht hinauszugehen.</p> + +<p><i>Katharsis</i>: "Reinigung": <a href="#f_2" class="a">c. 6, 2</a>. Die seit Lessing und besonders seit +Bernays (s. Einleitung <a href="#Page_14" class="a">S. XV</a>) umstrittenste Stelle der ganzen Poetik. +Selbst über den Ort, wo die von Aristoteles versprochene genauere +Erklärung des Ausdrucks gestanden habe, ist noch keine Einigung erzielt +worden. Ohne auf die berühmte Kontroverse hier irgendwie näher +einzugehen, sei nur so viel im allgemeinen bemerkt, daß an zwei +Tatsachen nicht gerüttelt werden sollte: 1. Der Ausdruck ist eine +medizinische Metapher. 2. Er bezeichnet die <i>Wirkung</i>, nicht den <i>Zweck</i> +der Tragödie denn als diesen nennt Aristoteles wiederholt und +unzweideutig (<a href="#d_2" class="a">c. 4, 2</a>. <a href="#m_6" class="a">13, 6</a>. <a href="#n_2" class="a">14, 2</a>. +<a href="#w_1" class="a">23, 1</a>. <a href="#z_8" class="a">26, 8</a>.) eine ihr +eigentümliche <i>Lustempfindung</i>. Damit erledigt sich auch die <a name="Page_108" id="Page_108"></a> +Frage von selbst, ob dieses Endziel, von dem hier garnicht die Rede ist, +ein <i>ethisch-moralisches</i> oder ein <i>aesthetisch-psychologisches</i> ist +oder seinsoll. Was dagegen die kathartische <i>Wirkung</i> anbelangt, so +dürfte Aristoteles beide Möglichkeiten anerkannt haben, im Gegensatz zu +Platon, der bekanntlich die erstere zwar forderte, aber der bisherigen +Tragödie wie dem Epos absprach und eine aesthetische überhaupt nicht +berücksichtigte.</p> + +<p><i>Kitharistik</i>: <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>. Die Guitarre (Lyra) war das übliche +Begleitinstrument des Nomos, der hier neben dem aulodischen Dithyrambus +wohl nur zufällig nicht mit aufgezählt wird (S. <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a>). +Dennoch wird man wohl richtiger auch hier, wie bei der <a href="#Auletik" class="a"> +Auletik</a> (s.d.) die reine Instrumentalmusik verstehen müssen</p> + +<p><i>Klepsydra</i>: S. <a href="#Wasseruhr" class="a">Wasseruhr</a>.</p> + +<p><i>Kosmos</i>: S. Beiwort, schmückendes.</p> + +<p><i>Maschine</i>: <a href="#o_7" class="a">c. 15, 7</a>. +Gewöhnlich bezieht sich der Ausdruck auf den +bekannten deus ex machina, dessen Erscheinen durch die Theatermaschine +auf der erhöhten, sogenannten Götterplattform (Theologeion) +bewerkstelligt wird. Hier handelt es sich ausnahmsweise in dem einen +Falle um den Drachenwagen der fliehenden Medea. In dem anderen der Ilias +entnommenen Beispiel (s. <a href="#Homer" class="a">Homer</a>, Ilias) ist die Bezeichnung rein bildlich +von jeder Göttererscheinung, die plötzlich wie hier Athene in die +Handlung eingreift, gebraucht.</p> + +<p><i>Metapher</i>: <a href="#u_4" class="a">c. 21, 4</a> definiert. <a href="#v_2" class="a">22, 2-7</a>.</p> + +<p><i>Mimesis</i> (nachahmende Darstellung): <a href="#a_2" class="a">c. 1, 2</a> +u.ö. Das Wort "Nachahmung" erschöpft den Begriff dieses Kunstausdrucks nicht, denn +er bezeichnet bei Aristoteles nicht lediglich die Nachbildung von Gegenständen +in der Außenwelt, sondern vornehmlich die von Handlungen und handelnden +Menschen, ist also eine geistige Versinnbildlichung menschlichen Tuns +und Treibens. Es ist daher nicht richtig, wie man behauptet, daß die +künstlerisch schaffende Phantasie in der "Dichtkunst" des Aristoteles +unberücksichtigt geblieben ist. Auch die <i>lyrische</i> Poesie hat +Aristoteles, schon laut Vorwort, von seiner Betrachtung nicht +ausgeschaltet, aber sie kommt für ihn nur soweit in Betracht, als sie +einen Mythos, eine Fabel oder eine Handlung enthält. Deren Erörterung +ist uns aber, wie die über die Komödie, verloren gegangen.</p> + +<p><i>Mitleid</i>: <a href="#m_2" class="a">c. 13, 2</a> definiert.</p> + +<p><i>Nachahmende Darstellung</i>: S. Mimesis.</p> + +<p><a name="Page_109" id="Page_109"></a><i>Nichtlauter</i> (Muta): <a href="#t_1" class="a">c. 20, 1</a>.</p> + +<p><i>Nomos</i>: <a href="#b_3" class="a">c. 2, 3</a>. Ursprünglich ein Chorlied im Apollokult. Seine +mannigfache und interessante Entwicklungsgeschichte fand durch <a href="#Timotheos" class="a">Timotheos</a> +(s.d.) ihren Abschluß, dessen erst in allerneuester Zeit wieder +entdeckte "Perser" uns jetzt eine klare Vorstellung von dieser +Dichtgattung, wenigstens für die Zeit des Aristoteles, geben. Es fehlt +uns aber noch ein vollständiges Beispiel des zeitgenössischen +Dithyrambus, um die Unterschiede zwischen beiden deutlicher zu erkennen. +In der uns vorliegenden Poetik spielt der Nomos eine sehr untergeordnete +Rolle, wohl weil er einen weniger dramatischen Charakter trug als der +Dithyrambus.</p> + +<p><a name="Probleme" id="Probleme"><i>Probleme</i></a>: <a href="#y_1" class="a">c. 25, 1—22</a> Die literarische, wie die Textkritik der +Griechen entwickelte sich, und zwar schon ziemlich frühzeitig, an den +homerischen Gedichten. Von Aristoteles selbst gab es eine Schrift +"Homerische Fragen," die viel benutzt worden ist. In der Folgezeit, +namentlich unter den Alexandrinern, ist die Suche nach Widersprüchen, +sachlichen und textkritischen Schwierigkeiten in den homerischen Epen +und dementsprechend die Auffindung von "Lösungen" fast sportmäßig +betrieben worden. Der darauf verwandte Spürsinn wie die feine +Beobachtungsgabe ist bewunderungswürdig und sie haben begreiflicherweise +oft zu wertvollen Ergebnissen geführt. Andrerseits haben aber auch der +Ehrgeiz durch Scharfsinn zu glänzen und ein Mangel an Verständnis für +homerische Naivität zu sophistischen spitzfindigen und uns oft töricht +oder komisch anmutenden Erklärungen Anlaß gegeben. In einer Anzahl von +Fällen scheint man sogar das "Problem" nur irgend einer gelehrten oder +geistreichen Lösung zu Liebe glatt erfunden zu haben. Für all dies gibt +unser beispielreiches Kapitel Belege. Einige der hier erwähnten +"Probleme und Lösungen" finden sich bei späteren Erklärern des Homer +wieder, andere hat Aristoteles früheren Quellen entnommen. Wie viele +aber sein geistiges Eigentum sind, läßt sich nicht mehr feststellen, da +man ihm nicht ohne weiteres nur die annehmbaren Lösungen zuschreiben +darf.</p> + +<p><a href="#y_8" class="a">25-8</a>. "<i>Aber die Lanzen</i> usw." +Man meinte, daß bei der geschilderten +Aufstellung der Lanzen diese leicht umfallen, andere mit sich ziehen und +so die Nachtruhe des Lagers stören könnten. Die vorgeschlagene Erklärung +entlastet den Dichter, löst aber die angebliche Schwierigkeit nicht.</p> + +<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Die Mäuler zuerst</i>." Man stieß sich daran, daß bei der von Apollo +gesandten Seuche die "Mäuler" <i>vor</i> den <a name="Page_110" id="Page_110"></a>schuldigen Menschen +dahingerafft wurden. Die gegebene Lösung ist hinfällig, denn, +selbst wenn das Wort "Wächter" bedeuten könnte—es kommt nur noch einmal +in einem Verse der Ilias vor,—so trifft sie doch auf das folgende "<i>und +die hurtigen Hunde</i>," das demselben Bedenken unterworfen ist, nicht zu.</p> + +<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Der von Gestalt zwar häßlich</i>." +Das "Problem" ist gar nicht +vorhanden und ist wohl nur erfunden, um die bei den Haaren +herbeigezogene, gelehrte Notiz an den Mann zu bringen. Denn gerade die +merkwürdige Verbindung eines unebenmäßigen Körpers mit Schnelligkeit der +Füße wollte der Dichter hervorheben, wie die Partikeln "men—alla" +(zwar—jedoch) beweisen. Die hier vorgeschlagene Lösung ergibt überdies +gar keinen verständlichen Gegensatz (Häßlich zwar von Angesicht, jedoch +schnellfüßig).</p> + +<p><a href="#y_10" class="a">25-10</a>. "<i>Mische reineren Wein</i>:" +Den Anstoß, den man daran nahm, gibt +Aristoteles im Text an. Die Lösung beruht auf der ganz willkürlichen +Annahme, daß zōrós im Griechischen auch die Bedeutung "schnell" hat. Das +angeblich ethisch "Unpassende" (aprepés) gab auch später sehr häufig +Anlaß zu gewaltsamen Textänderungen und Deutungen.</p> + +<p><a href="#y_11" class="a">25-11</a>. "<i>Alle</i>" im Sinne von "Viele." +Aristoteles muß in seinem Homertexte +"alle," nicht "andere," was sämtliche Hss, auch des Homer, bieten, +gelesen haben, denn sonst wäre die gegebene Lösung gegenstandslos. Unter +dieser Voraussetzung ist sie aber annehmbar, wird doch gerade das Wort +"alle" auch in anderen Sprachen besonders häufig hyperbolisch gebraucht.</p> + +<p><a href="#y_11" class="a">25-11</a>. "<i>Allein nicht teilnimmt</i>." +Die astronomische Unrichtigkeit daß das +Bärengestirn <i>allein</i> unter den am Pol befindlichen Sternbildern nicht +untergehe, hat die Kritiker viel beschäftigt. Die hier gegebene Lösung +findet sich aber sonst nicht. Sie beruht auf der Anschauung der +Allwissenheit des Homer, die später namentlich von den Stoikern zum +Prinzip erhoben wurde. Aristoteles hätte hier ruhig dieselbe +Entschuldigung gelten lassen können, die er für Pindar, der der Hindin +Hörner gab (<a href="#y_5" class="a">c. 25, 5</a>), anführt.</p> + +<p><a href="#y_12" class="a">25-12</a>."<i>Wir gewähren ihm</i>:" Dieses und das folgende Problem wie seine +Lösung—das erstere wird von Aristoteles noch einmal in einer linderen +Schrift ausführlich besprochen, aber ohne Hippias von Thasos zu +nennen—haben die Tatsache zur Voraussetzung daß Akzente und Handweichen +erst etwa um die Wende des 3. Jahrh. v. Chr. gesetzt wurden. Je nachdem +<a name="Page_111" id="Page_111"></a>der Akzent bei dem Wort <i>didomen</i> auf die erste oder zweite +Silbe fällt, kann es "wir gewähren" oder "gewähre!" bedeuten. Hippias +nahm das erstere an, nach dem Grundsatz des "Unpassenden" (s.o.), um so +die Schuld dem Agamemnon ein trügerisches Versprechen gegeben zu haben +von dem höchsten Gott auf den jenem gesandten Traumgott abzuwälzen. Die +spitzfindige Lösung befriedigte scheinbar selbst die alten Kritiker +nicht und so griffen sie zu dem Gewaltmittel den anstößigen Halbvers, +der jetzt an einer weit späteren Stelle steht, durch einen anderen zu +ersetzen, und dieser ist uns daselbst ohne Variante allein überliefert. +Hippias und Aristoteles können ihn aber noch nicht gekannt haben.</p> + +<p><a href="#y_12" class="a">25-12</a>. "<i>Das zum Teil</i>": +Je nachdem das starke Hauchzeichen gesetzt wird +oder nicht, bedeutet <i>ou</i> entweder "dessen" (hu) oder "nicht" (u). Dem +Sinne nach ist nur das letztere überhaupt möglich und so schreiben alle +unsere Homer hss und die alten Erklärer ignorieren das gar nicht +vorhandene Problem völlig. Hippias scheint es nur der Lösung halber +aufgeworfen zu haben.</p> + +<p><a href="#y_13" class="a">25-13</a>. "<i>gemischt was lauter zuvor</i>." +Der fast völlige Mangel jeglicher +Interpunktionszeichen in der in großen Buchstaben abgefaßten Schrift war +zumal bei der freien Wortstellung im Griechischen eine beständige Quelle +von Mißverständnissen. Aristoteles sagt selbst einmal, daß es schwierig +sei, die Sätze des Herakleitos sinngemäß zu interpungieren. In unserem +Falle kann man im Griechischen das <i>zuvor</i> ebenso gut mit <i>gemischt</i> als +mit <i>lauter</i> verbinden. Aus der vollständigeren, anderweitig +überlieferten Stelle ergibt sich aber, daß nur das erstere dem +Zusammenhang entspricht.</p> + +<p><a href="#y_14" class="a">25-14</a>. "<i>der größere Teil</i>". +Man glaubte einen argen Widerspruch in der +angeblichen Behauptung zu finden, daß wenn zwei Drittel der Nacht +verstrichen seien, der größere Teil noch übrig bleiben könne. Ein alter +Erklärer nennt dies ein "überaus abgedroschenes Problem", das viele zu +lösen versuchten, darunter auch Aristoteles (nämlich in den "Homerischen +Fragen"). Das Problem existiert aber gar nicht, wenn man sich die a.a.O. +zitierte Stelle genau ansieht, womit sich auch dessen Lösungen +erübrigen.</p> + +<p><a href="#y_15" class="a">25-15</a>. Die drei auf Grund des Sprachgebrauchs entschuldigten +Ungenauigkeiten beruhen auf einer <i>Metonymie</i>, wie der technische +Ausdruck lautet. Wie Ganymed als "Weinschenk" der Götter bezeichnet +wird, obwohl diese keinen Wein, sondern Nektar <a name="Page_112" id="Page_112"></a>trinken, so wird in noch +auffälligerer Weise Hebe geradezu <i>Weinschenkin</i> <i>des Nektar</i> +(Ilias 4, 3) genannt, was für unsere Stelle ein noch besseres Beispiel +abgegeben hätte. Vergleichen kann man auch Tac. Germ. 22, wo von den +biertrunkenen Germanen <i>vinolenti</i> gebraucht wird.</p> + +<p>Daß die Beinschiene nicht nur aus dem weichen Zinn, sondern aus einer +Metallmischung verfertigt wurde, schloß Aristoteles vermutlich daraus, +daß in der betreuenden Iliasstelle die Beinschiene des Achilles vom +Wurfspieß Agenors getroffen nur mächtig erdröhnte ohne durchbohrt zu +werden.—Kupferschmied das ältere Wort, wurde noch beibehalten, als man +schon längst das Eisen bearbeitete.</p> + +<p>Vergleichen kann man die Bezeichnung des Centumviralgerichts in Rom, die +bestehen blieb, als die Mitglieder weit über 100 zählten. Ähnlich +verhielt es sich mit den germanischen "Hundertschaften".</p> + +<p><a href="#y_16" class="a">25-16</a>. "<i>hielt die eherne Lanze an</i>": +Ein vielbehandeltes "Problem". Der +berühmte alexandrinische Homerkritiker Aristarchos verwarf die ganze +Stelle und war der Meinung, die Verse seien von jemandem nur um ein +Problem zu schaffen interpoliert worden. Es handelt sich um die fünf +Metallschichten des Achilles-Schildes, von denen die Lanze des Aineas +zwei durchbohrt hatte und dann stecken blieb. Strittig war nun, ob die +Goldlage in der Mitte oder, was das natürlichste war, an der Außenseite +sich befand. Im ersteren Fall war die Stoßkraft des Speeres stärker +gehemmt. Vermutlich stammt die in unserem Homertext allein überlieferte +Lesart "eschen" statt "ehern" von einem Kritiker, der die weichere +Goldschicht an die Außenseite setzte, womit die Schwierigkeit in der Tat +so ziemlich beseitigt wurde.</p> + +<p><i>Prolog</i>: <a href="#e_2" class="a">c. 5, 2</a>. Dieser Prolog der +primitiven Komödie ist in der uns +allein bekannten aristophanischen nicht vorhanden, aber in der späteren +mittleren und neuen, wie es scheint, wieder eingeführt worden. Wenn es +nun heißt, der Urheber sei unbekannt so setzt dies im Zusammenhang +voraus, daß das gleiche für den Tragödienprolog nicht gilt. Die Späteren +nennen ihn Thespis.—Als ein quantitativer Bestandteil der Tragödie wird +der Prolog <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1</a> definiert. Wieder ganz anderer Art war der +euripideische, auf den nur zweimal (Supplices, Bacchae) die Parodos des +Chors unmittelbar folgt.</p> + +<p><i>Qualen</i>, übermäßige: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>. Falls nur körperliche gemeint sind, so +wäre allein der sophokleische, uns erhaltene Philoktet <a name="Page_113" id="Page_113"></a>zu nennen. Sonst +kämen auch die Wahnsinnsausbrüche des Orestes im Orestes und in +der taurischen Iphigeneia wie der Hercules Furens von Euripides in +Betracht.</p> + +<p><i>Satz</i> (Wortgefüge): <a href="#t_8" class="a">c. 20, 8</a>.</p> + +<p><i>Schauspieler</i>, Zahl der: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>. +<a href="#e_2" class="a">5, 2</a>. Sie betrug nie mehr als drei. +Schon zur Zeit des Aristoteles waren die Schauspieler zu großem Ansehen +und Einfluß gelangt und erhielten Preise in den dramatischen +Wettkämpfen. Je nach der Bedeutung ihrer Rollen wurden sie als +Protagonisten, Deuteragonisten und Tritagonisten bezeichnet. Bereits +Sophokles soll in der Bearbeitung seiner Dramen berühmten Darstellern +Rollen auf den Leib geschrieben haben.</p> + +<p><i>Silbe</i>: <a href="#t_2" class="a">c. 20, 2</a>.</p> + +<p><i>Stasimon</i>: <a href="#l_1" class="a">c. 12, 1</a>.</p> + +<p><i>Substantivum</i>: <a href="#t_5" class="a">c. 20, 5</a>.</p> + +<p><i>Szenerie</i>, gemalte: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>. +Spätere behaupteten, daß schon Agatharchos +von Samos für Aischylos die Bühnenmalern eingeführt habe.</p> + +<p><i>Tetrameter</i>: <a href="#d_9" class="a">c. 4, 9</a>. +Stets der trochäische. Siehe u. Trochäus.</p> + +<p><i><a name="Totung" id="Totung">Tötung</a> auf der Bühne</i>: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>. +Uns ist nur ein Beispiel, der +Selbstmord des Aias, erhalten und ein alter Erklärer des sophokleischen +Dramas bezeichnet dies als eine Seltenheit. Doch muß wohl Aristoteles +zahlreichere Fälle vor Augen gehabt haben. Wenn Hor. Ars Poetica 185 +vorschreibt, daß Medea ihre Kinder nicht vor den Augen des Publikums +töten darf, so mag auch er eine derartige Tragödie gekannt haben, +Senecas Medea scheidet als reines Lesedrama aus. Noch am nächsten kommt +für uns der Todesschrei des gemordeten Agamemnon (Aischylos) und der +Klytaimestra (Soph. Elektra).</p> + +<p><i>Trimeter</i>: <a href="#a_5" class="a">c. 1, 5</a>. Stets der jambische Trimeter.</p> + +<p><i>Trochäeus</i>: <a href="#l_2" class="a">c. 12, 2</a>. S. <a href="#Anapaest" class="a">Anapaest</a>.</p> + +<p><i>Tragödie</i>: <a href="#KAPITEL_I" class="a">c. 1</a>. Wenn hier nicht Thepsis, der allen Späteren als der +"Erfinder" der attischen Tragödie galt, sondern Aischylos als ihr +Begründer erscheint, so beruht dies auf der richtigen Erwägung, daß in +Wahrheit erst mit der Hinzufügung des zweiten Schauspielers eine im +Dialog sich vollziehende Handlung ermöglicht wurde.</p> + +<div class="blockquot"><p>—, unglücklicher Ausgang der: <a href="#m_4" class="a">c. 13, 4</a>. + Einschließlich der noch + erkennbaren Ausgänge verlorener Tragödien gestaltet sich das + Verhältnis der unglücklich verlaufenden zu den glücklich endenden + <a name="Page_114" id="Page_114"></a>bei Euripides wie 46:16,<a name="FNanchor_100_100" id="FNanchor_100_100"></a><a href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a> bei Sophokles wie 43:24, was + das berühmte Urteil über den ersteren kaum rechtfertigen würde. Ein + solcher Schluß ist jedoch nicht zwingend, wenn man bedenkt, daß dem + Aristoteles ein unendlich reichhaltigeres Beobachtungsmaterial zu + Gebote stand als uns. Es sei aber bemerkt, daß die im Texte + gegebene, auf der syrischen Übersetzung beruhende Fassung jene + Behauptung immerhin etwas abschwächt, denn die bisherige + Überlieferung lautete: "scheint Euripides der tragischste Dichter zu + sein".</p></div> + +<p><i>Verbum</i>: <a href="#t_6" class="a">c. 20, 6</a>.</p> + +<p><i>Verwundungen</i>: <a href="#k_5" class="a">c. 11, 5</a>. Falls es sich nicht auch hier, wie bei den +<a href="#Totung" class="a">Tötungen</a> (s.d.), nur um Vorgänge auf der Bühne handelte, wofür es kein +sicheres Beispiel gibt ("<a href="#Odysseus" class="a">Der verwundete Odysseus?</a>" s.d.), so wären hier +allenfalls das Erscheinen des blinden Polyphem im Kyklops des Euripides +und der selbstgeblendete Oidipus im Oid. Tyr. des Sophokles zu nennen. +Aristoteles dürfte aber auch hier wieder, wie der Plural zeigt, +zahlreichere Belege gekannt haben.</p> + +<p><i>Vokal</i>: S. Selbstlaut.</p> + +<p><a name="Wasseruhr" id="Wasseruhr"><i>Wasseruhr</i></a> (Klepsydra): <a href="#g_3" class="a">c. 7, 3</a>. +In athenischen wie auch in römischen +Gerichtsverhandlungen war den Rednern eine bestimmte Zeitdauer +vorgeschrieben, die nach der Wasseruhr bemessen wurde. Zu demselben +Zwecke verwandte man noch im Jahre 1786 in Venedig, wie Goethe +berichtet, eine Sanduhr. Daß eine derartige Maßregel jemals bei einer +szenischen Aufführung im Gebrauch gewesen sein sollte, entbehrt jeder +inneren Wahrscheinlichkeit. Wenn man dies dennoch allgemein angenommen +hat, so geschah dies lediglich auf Grund einer falschen, jetzt in der +syrisch-arabischen Übersetzung aber richtig gestellten Lesart.</p> + +<hr style="width: 95%;" /> + +<div class="footnotes"><h3>FUßNOTE:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine kleine Probe der Bedeutung dieser Textesquelle gibt +mein Artikel im Philologus LXXVI (1920) S. 239—265.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Ein erneuter Versuch, die von Aristoteles selbst nicht +aufgezählten zwölf Lösungen unter die fünf Probleme zu verteilen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Poet. 7, 2, 1: Aristoteles, Imperator noster, omnium artium +dictator perpetuus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Von Heinrich VIII. sehe ich aus bekannten Gründen ab.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. Goethe: "Original, fahr hin in Deiner Pracht! Wie +würde Dich die Einsicht kränken! Wer kann was Kluges, wer was Dummes +denken, Das nicht schon tausende vor ihm gedacht?" Aber selbst dieser +Gedanke ist—nicht originell! S. Ter. Eun. 41 nullumst iam dictum quod +non sit dictum prius.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Gr. Finsler, Piaton und die aristotelische Poetik, Lpz. +1900: "Wenn das wesentliche darin als Platonisches Gut erkannt ist, so +läßt sich von einer Kunstlehre des Aristoteles nicht mehr im Sinne einer +durchaus ihm eigentümlichen Theorie sprechen." +</p> +<p> +"Seine Poetik ist der Abglanz eines größeren Gestirns und hat ihre +Herrschaft durch die Jahrhunderte nur darum ausüben können, weil ihre +systematische Zusammenfassung mehr Eindruck macht als die zerstreuten +Lichter in den platonischen Dialogen" u. ähnl. passim.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> <a href="#c_3" class="a">c. 3, 3-4</a>. <a href="#h_1" class="a">8, 1</a>. +<a href="#m_4" class="a">13, 4-5</a>. <a href="#r_2" class="a">18, 2</a>. <a href="#v_4" class="a">22, 4</a>. <a href="#y_16" class="a">25, 16</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Hier ist die in der Politik (8, 7) versprochene, genauere +Erklärung der Katharsis ausgefallen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Sprachlicher Ausdruck und musikalische Komposition</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Szenische Ausstattung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Fabel, Charakter, Gedanken.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> S. unter <a href="#Wasseruhr" class="a">Wasseruhr</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13"></a><a href="#FNanchor_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Odyss 19, 394—466, aber es ist dies hier nur eine +episodische Einlage, die einen bestimmten künstlerischen Zweck +verfolgt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14"></a><a href="#FNanchor_14_14"><span class="label">[14]</span></a> S. Namenverzeichnis unter <a href="#Kypria" class="a">Kypria</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15"></a><a href="#FNanchor_15_15"><span class="label">[15]</span></a> Soph. Oed. Tyr. 1002 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16"></a><a href="#FNanchor_16_16"><span class="label">[16]</span></a> Eur. Medea 1225 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17"></a><a href="#FNanchor_17_17"><span class="label">[17]</span></a> Soph. Antig. 1281 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18"></a><a href="#FNanchor_18_18"><span class="label">[18]</span></a> Eur. Iphig. Aulid. 1213 ff. und 1368 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19"></a><a href="#FNanchor_19_19"><span class="label">[19]</span></a> Eur. Medea 1310 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20"></a><a href="#FNanchor_20_20"><span class="label">[20]</span></a> Homer Ilias 2, 155 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21"></a><a href="#FNanchor_21_21"><span class="label">[21]</span></a> Vgl. Oed. Tyr. 103 ff. Vgl. c. 24, 9.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22"></a><a href="#FNanchor_22_22"><span class="label">[22]</span></a> Homer, Od. 19, 386-475.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_23_23" id="Footnote_23_23"></a><a href="#FNanchor_23_23"><span class="label">[23]</span></a> a.a.O. 21, 207—227.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_24_24" id="Footnote_24_24"></a><a href="#FNanchor_24_24"><span class="label">[24]</span></a> a.a.O. 19.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_25_25" id="Footnote_25_25"></a><a href="#FNanchor_25_25"><span class="label">[25]</span></a> Eurip. Iph. Taur. 566 ff. 747—785.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_26_26" id="Footnote_26_26"></a><a href="#FNanchor_26_26"><span class="label">[26]</span></a> a.a.O. 795—821. 796 "Was sagst Du? Hast Du einen Beweis +dafür?"</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_27_27" id="Footnote_27_27"></a><a href="#FNanchor_27_27"><span class="label">[27]</span></a> Homer, Odyss. 8, 521 ff. 9, I ff.27: Homer, Odyss. 8, 521 +ff. 9, I ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_28_28" id="Footnote_28_28"></a><a href="#FNanchor_28_28"><span class="label">[28]</span></a> Aisch. Choeph. 168 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_29_29" id="Footnote_29_29"></a><a href="#FNanchor_29_29"><span class="label">[29]</span></a> 1002 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_30_30" id="Footnote_30_30"></a><a href="#FNanchor_30_30"><span class="label">[30]</span></a> Eur. Iph. Taur. 566 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_31_31" id="Footnote_31_31"></a><a href="#FNanchor_31_31"><span class="label">[31]</span></a> Tauros (Krim).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_32_32" id="Footnote_32_32"></a><a href="#FNanchor_32_32"><span class="label">[32]</span></a> Artemis.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_33_33" id="Footnote_33_33"></a><a href="#FNanchor_33_33"><span class="label">[33]</span></a> Eur. Iphig. Taur. 20 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_34_34" id="Footnote_34_34"></a><a href="#FNanchor_34_34"><span class="label">[34]</span></a> Orestes.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_35_35" id="Footnote_35_35"></a><a href="#FNanchor_35_35"><span class="label">[35]</span></a> Apollo.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_36_36" id="Footnote_36_36"></a><a href="#FNanchor_36_36"><span class="label">[36]</span></a> a.a.O. 77 ff. 912 ff. 952 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_37_37" id="Footnote_37_37"></a><a href="#FNanchor_37_37"><span class="label">[37]</span></a> <a href="#p_2" class="a">c. 16, 2</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_38_38" id="Footnote_38_38"></a><a href="#FNanchor_38_38"><span class="label">[38]</span></a> a.a.O. 274 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_39_39" id="Footnote_39_39"></a><a href="#FNanchor_39_39"><span class="label">[39]</span></a> a.a.O. 1130 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_40_40" id="Footnote_40_40"></a><a href="#FNanchor_40_40"><span class="label">[40]</span></a> Odysseus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_41_41" id="Footnote_41_41"></a><a href="#FNanchor_41_41"><span class="label">[41]</span></a> Poseidon.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_42_42" id="Footnote_42_42"></a><a href="#FNanchor_42_42"><span class="label">[42]</span></a> Telemachos.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_43_43" id="Footnote_43_43"></a><a href="#FNanchor_43_43"><span class="label">[43]</span></a> Telemachos, Eumaios, der Sauhirt, Philoitios, der +Rinderhirt, Eurykleia, die Amme des Odysseus.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_44_44" id="Footnote_44_44"></a><a href="#FNanchor_44_44"><span class="label">[44]</span></a> Ilias 1, 1.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_45_45" id="Footnote_45_45"></a><a href="#FNanchor_45_45"><span class="label">[45]</span></a> Die Stelle ist in allen Hss als zweite Definition des +Bindeworts wörtlich wiederholt, wo sie aber in der syrisch-arabischen +Übersetzung fehlt. Eine befriedigende Erklärung des Sinnes der beiden +Definitionen ist bisher nicht erzielt worden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_46_46" id="Footnote_46_46"></a><a href="#FNanchor_46_46"><span class="label">[46]</span></a> "Mensch (ist) ein auf dem Lande lebendes, zweifüßiges, +vernunftbegabtes Wesen". So Aristoteles öfter, indem das Prädikat als +Apposition gefaßt wird.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_47_47" id="Footnote_47_47"></a><a href="#FNanchor_47_47"><span class="label">[47]</span></a> Homer, Odyssee 1, 185. 24, 308.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_48_48" id="Footnote_48_48"></a><a href="#FNanchor_48_48"><span class="label">[48]</span></a> Homer, Ilias 2, 272.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_49_49" id="Footnote_49_49"></a><a href="#FNanchor_49_49"><span class="label">[49]</span></a> Empedokles, Fragm. 138. 143 D.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_50_50" id="Footnote_50_50"></a><a href="#FNanchor_50_50"><span class="label">[50]</span></a> Timotheos Fragm. 22 Wilam.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_51_51" id="Footnote_51_51"></a><a href="#FNanchor_51_51"><span class="label">[51]</span></a> Empedokles Fragm. 152 D.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_52_52" id="Footnote_52_52"></a><a href="#FNanchor_52_52"><span class="label">[52]</span></a> Unbekannter Herkunft. Vielleicht ebenfalls von Timotheos +oder von Empedokles.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_53_53" id="Footnote_53_53"></a><a href="#FNanchor_53_53"><span class="label">[53]</span></a> Die Form ist zweifelhaft (ernygé, érnytes?) und sonst +nicht nachweisbar.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_54_54" id="Footnote_54_54"></a><a href="#FNanchor_54_54"><span class="label">[54]</span></a> Hom. Ilias 1, 11. 94. 5, 78.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_55_55" id="Footnote_55_55"></a><a href="#FNanchor_55_55"><span class="label">[55]</span></a> Empedokles Fragm. 88 D.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_56_56" id="Footnote_56_56"></a><a href="#FNanchor_56_56"><span class="label">[56]</span></a> Homer, Ilias, 5, 393.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_57_57" id="Footnote_57_57"></a><a href="#FNanchor_57_57"><span class="label">[57]</span></a> Kleobulina Fragm. 2 Bgk. Es ist der Schröpfkopf gemeint.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_58_58" id="Footnote_58_58"></a><a href="#FNanchor_58_58"><span class="label">[58]</span></a> Vgl. das bekannte: In Weimar und Jena macht man Hexameter +wie den da. Aber die Pentameter sind noch viel abscheulicher.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_59_59" id="Footnote_59_59"></a><a href="#FNanchor_59_59"><span class="label">[̛59]</span></a> ︣̌̄̄̄̄̄̄̌̄̄̄̄̄̄̄̅︣ bezeichnet die falsche Verlängerung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_60_60" id="Footnote_60_60"></a><a href="#FNanchor_60_60"><span class="label">[60]</span></a> Dieser angebliche Vers ist nicht einwandfrei tiberliefert, +doch ist der Sinn für die Sache belanglos.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_61_61" id="Footnote_61_61"></a><a href="#FNanchor_61_61"><span class="label">[61]</span></a> Hom. Odyss. 9, 515.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_62_62" id="Footnote_62_62"></a><a href="#FNanchor_62_62"><span class="label">[62]</span></a> Hom. Odyss. 20, 259.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_63_63" id="Footnote_63_63"></a><a href="#FNanchor_63_63"><span class="label">[63]</span></a> Hom. Ilias 17, 265.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_64_64" id="Footnote_64_64"></a><a href="#FNanchor_64_64"><span class="label">[64]</span></a> Nicht mehr nachweisbar. Ähnlich jedoch Eur. Hec. 665, +Andr. 63 (dómōn, statt domátōn, apó).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_65_65" id="Footnote_65_65"></a><a href="#FNanchor_65_65"><span class="label">[65]</span></a> Sehr oft und nicht nur bei Tragikern.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_66_66" id="Footnote_66_66"></a><a href="#FNanchor_66_66"><span class="label">[66]</span></a> Ebenfalls häufig. Beide zusammen in Eur. Orest 1642. <i>pros +sethen, ego nin</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_67_67" id="Footnote_67_67"></a><a href="#FNanchor_67_67"><span class="label">[67]</span></a> Dieses Beispiel der Anastrophe ist nicht mehr +nachzuweisen. Vermutlich später hinzugefügt oder nach dem ersten zu +stellen. <i>perí</i> eigentlich = über, um.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_68_68" id="Footnote_68_68"></a><a href="#FNanchor_68_68"><span class="label">[68]</span></a> Homer, Ilias 2, 479—779.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_69_69" id="Footnote_69_69"></a><a href="#FNanchor_69_69"><span class="label">[69]</span></a> S. unter <a href="#Ilias_Die_Kleine" class="a">Ilias, die Kleine</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_70_70" id="Footnote_70_70"></a><a href="#FNanchor_70_70"><span class="label">[70]</span></a> Ilias 22, 198 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_71_71" id="Footnote_71_71"></a><a href="#FNanchor_71_71"><span class="label">[71]</span></a> Ilias 22, 205: "Seinen Völkern winkte ab mit dem Haupte +Achilles."</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_72_72" id="Footnote_72_72"></a><a href="#FNanchor_72_72"><span class="label">[72]</span></a> Odyssee 19, 164—260. Vgl. 203: "Viele der Wahrheit +ähnelnde Lügen erzählte Odysseus." Penelope schloß aus der Wahrheit von +220—248, daß nun auch, die Erzählung in 164—200 wahr sei, was nicht +der Fall war.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_73_73" id="Footnote_73_73"></a><a href="#FNanchor_73_73"><span class="label">[73]</span></a> Soph. Oed. Tyr. 103 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_74_74" id="Footnote_74_74"></a><a href="#FNanchor_74_74"><span class="label">[74]</span></a> Soph. Elekt. 681 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_75_75" id="Footnote_75_75"></a><a href="#FNanchor_75_75"><span class="label">[75]</span></a> Telephos.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_76_76" id="Footnote_76_76"></a><a href="#FNanchor_76_76"><span class="label">[76]</span></a> Homer, Odyssee 18, 119 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_77_77" id="Footnote_77_77"></a><a href="#FNanchor_77_77"><span class="label">[77]</span></a> Siehe <a href="#Probleme" class="a">Sachverzeichnis</a> unter dem Worte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_78_78" id="Footnote_78_78"></a><a href="#FNanchor_78_78"><span class="label">[78]</span></a> Siehe <a href="#x_7" class="a">c. 24, 7</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_79_79" id="Footnote_79_79"></a><a href="#FNanchor_79_79"><span class="label">[79]</span></a> Pindar, Olymp. 3, 52, sowie andere Dichter und Künstler.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_80_80" id="Footnote_80_80"></a><a href="#FNanchor_80_80"><span class="label">[80]</span></a> Xenophanes Fragm. 34 D. "Und was nun die Wahrheit +betrifft, so gab es und wird es Niemand geben, der sie wüßte in bezug +auf die Götter."</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_81_81" id="Footnote_81_81"></a><a href="#FNanchor_81_81"><span class="label">[81]</span></a> Homer Ilias 10, 152 f.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_82_82" id="Footnote_82_82"></a><a href="#FNanchor_82_82"><span class="label">[82]</span></a> Homer Ilias, 1, 50 "<i>Aber die Mäuler zuerst</i> griff er an +und die eilenden Hunde."</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_83_83" id="Footnote_83_83"></a><a href="#FNanchor_83_83"><span class="label">[83]</span></a> Ilias 10, 316. <i>Der</i>—<i>häßlich</i>, jedoch gar hurtigen +Fußes.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_84_84" id="Footnote_84_84"></a><a href="#FNanchor_84_84"><span class="label">[84]</span></a> Ilias 9, 202.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_85_85" id="Footnote_85_85"></a><a href="#FNanchor_85_85"><span class="label">[85]</span></a> Ilias 10, 11—13 "<i>Siehe</i>—<i>Felde</i>" 12 staunte er ... 13 +"<i>ob der Syringen und Pfeifen Getön und der Menge</i> der Menschen".</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_86_86" id="Footnote_86_86"></a><a href="#FNanchor_86_86"><span class="label">[86]</span></a> Ilias 18, 489. Odyss. 5, 275: "<i>Es</i> (das Bärengestirn), +<i>das allein nicht teilnimmt</i> am Bad in den Fluten des Meeres."</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_87_87" id="Footnote_87_87"></a><a href="#FNanchor_87_87"><span class="label">[87]</span></a> Ilias, 2, 15. So im Homertext des Aristoteles, in unserem +steht der Halbvers 21, 297, dort ein ganz anderer. S. <a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_88_88" id="Footnote_88_88"></a><a href="#FNanchor_88_88"><span class="label">[88]</span></a> Ilias, 23, 328.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_89_89" id="Footnote_89_89"></a><a href="#FNanchor_89_89"><span class="label">[89]</span></a> Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I<sup>3</sup> 240). 89: +Empedokles, Fragm. 35, 14 f, D. (I<sup>3</sup> 240).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_90_90" id="Footnote_90_90"></a><a href="#FNanchor_90_90"><span class="label">[90]</span></a> Ilias 10, 252f. Von—Teil. Zwei der Teile, jedoch der +dritte Teil blieb noch übrig.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_91_91" id="Footnote_91_91"></a><a href="#FNanchor_91_91"><span class="label">[91]</span></a> Ilias 21, 592.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_92_92" id="Footnote_92_92"></a><a href="#FNanchor_92_92"><span class="label">[92]</span></a> Ilias 20, 234.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_93_93" id="Footnote_93_93"></a><a href="#FNanchor_93_93"><span class="label">[93]</span></a> Nach Ilias 6, 341.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_94_94" id="Footnote_94_94"></a><a href="#FNanchor_94_94"><span class="label">[94]</span></a> Ilias 20, 272, wo statt "ehern" "eschen" überliefert ist, +S. unter "<a href="#Probleme" class="a">Probleme</a>".</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_95_95" id="Footnote_95_95"></a><a href="#FNanchor_95_95"><span class="label">[95]</span></a> Odyssee 4, 1—619.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_96_96" id="Footnote_96_96"></a><a href="#FNanchor_96_96"><span class="label">[96]</span></a> Eur. Medea 658.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_97_97" id="Footnote_97_97"></a><a href="#FNanchor_97_97"><span class="label">[97]</span></a> Vgl. <a href="#KAPITEL_XV" class="a">c. 15</a>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_98_98" id="Footnote_98_98"></a><a href="#FNanchor_98_98"><span class="label">[98]</span></a> Ein Wortspiel, denn kalliás ist ein Wort für Affe und +zugleich ein häufiger Eigenname.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_99_99" id="Footnote_99_99"></a><a href="#FNanchor_99_99"><span class="label">[99]</span></a> Allbekannte Namen, wie Athener, Argot, Alkibiades u.a. +sind hier nicht aufgenommen, falls nicht ein besonderer Grund vorlag.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_100_100" id="Footnote_100_100"></a><a href="#FNanchor_100_100"><span class="label">[100]</span></a> Dabei habe ich die Alkestis, den Orestes und den Rhesos, +sowie natürlich die Satyrdramen nicht mitgerechnet, auch nicht die +zweifelhaften Fälle deren es eine kleine Anzahl gibt. Aischylos kommt +wegen der trilogisohan Verknüpfung seiner Dramen hier kaum in Betracht.</p></div> + + + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Uber die Dichtkunst, by Aristoteles + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UBER DIE DICHTKUNST *** + +***** This file should be named 16880-h.htm or 16880-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/6/8/8/16880/ + +Produced by Marc D'Hooghe + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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