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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:47:57 -0700 |
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diff --git a/15995-h/15995-h.htm b/15995-h/15995-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b57e467 --- /dev/null +++ b/15995-h/15995-h.htm @@ -0,0 +1,19683 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> + <meta http-equiv="content-type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> + <title>The Project Gutenberg eBook of Salambo, by Gustave Flaubert</title> + +<style type="text/css" title="text/css"> +/* <![CDATA[ */ + body { margin-left: 7%; margin-right: 7%;} + p {line-height: 1.33em;} + h2 { margin-top: 2em; } + h3 { margin-top: 1.5em; } + hr { width: 40%; } + ol.TOC { + list-style-type: upper-roman; + position: relative; + margin-right: 5%; + } + span.tocright { + position: absolute; right: 0; + } + .ctr { text-align: center; } + div.ctr img { margin-left: auto; margin-right: auto; } + p.caption { margin-top: 0; font-size: smaller; } + ins.correction { + text-decoration:none; + border-bottom: thin dotted gray; + } +/* ]]> */ +</style> + +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Salambo + Ein Roman aus Alt-Karthago + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Artur Schurig + +Release Date: June 6, 2005 [EBook #15995] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO *** + + + + +Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. +Scanned by Projekt Gutenberg-DE + + + + + + +</pre> + +<div class="ctr"> +<p> +Bibliothek der Romane +</p> + +<p> +Vierzehnter Band +</p> + + + + + +<h1>Salambo</h1> + +<h2>Ein<br /> + +Roman aus Alt-Karthago</h2> + +<p> +von +</p> + +<h2>Gustave Flaubert</h2> + +<p> +Im Insel-Verlag zu Leipzig +</p> + +</div> + +<hr /> + +<h2>Inhalt</h2> + + +<ol style="list-style-type:upper-roman;"> + <li><a href="#ch01">Das Gelage</a></li> + + <li><a href="#ch02">In Sikka</a></li> + + <li><a href="#ch03">Salambo</a></li> + + <li><a href="#ch04">Vor Karthagos Mauern</a></li> + + <li><a href="#ch05">Tanit</a></li> + + <li><a href="#ch06">Hanno</a></li> + + <li><a href="#ch07">Hamilkar Barkas</a></li> + + <li><a href="#ch08">Die Schlacht am Makar</a></li> + + <li><a href="#ch09">Im Felde</a></li> + + <li><a href="#ch10">Die Schlange</a></li> + + <li><a href="#ch11">Im Zelte</a></li> + + <li><a href="#ch12">Die Wasserleitung</a></li> + + <li><a href="#ch13">Moloch</a></li> + + <li><a href="#ch14">In der Säge</a></li> + + <li><a href="#ch15">Matho</a></li> +</ol> + +<ul style="list-style-type:none;"> + <li><a href="#anh">Anhang</a></li> +</ul> + +<hr /> + + +<h2 id="ch01">I</h2> + +<h2>Das Gelage</h2> + + +<p id="p001"> +Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago, +in den Gärten Hamilkars. +</p> + +<p> +Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten +den Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes +Gelage. Da der Feldmarschall abwesend und die Versammlung +zahlreich war, schmauste und zechte man auf +das zwangloseste. +</p> + +<p> +Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der +Hauptallee gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt, +das von der Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse +ausgespannt war. Die Scharen der Gemeinen +lagen weithin unter den Bäumen, durch die man zahlreiche +flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen, +Speicher, Backhäuser und Waffenschuppen schimmern +sah, einen Elefantenhof, Zwinger für die wilden Tiere +und ein Sklavengefängnis. +</p> + +<p> +Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain +endete an einem Meere grüner Büsche, daraus rote +Granatäpfel zwischen weißen Baumwollenkotten leuchteten. +Traubenschwere Weinreben strebten bis in die +Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld. +Hier und da wiegten sich Lilien über dem Grase. +Die Wege bedeckte schwarzer Kies, mit rotem Korallenstaub +vermischt. Von einem Ende zum andern durchschnitt +den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem +Säulengange grüner Obelisken. +</p> + +<p> +Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau +das Schloß mit seinen vier terrassenartigen Stockwerken, +aus numidischem, gelbgesprenkeltem Marmor. Seine +monumentale Freitreppe aus Ebenholz, deren einzelne +Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter +Schlachtschiffe geschmückt waren, – seine roten Türen, +die je ein schwarzes Kreuz vierteilte, – seine Fensteröffnungen, +die im untersten Stock Drahtgaze vor den +Skorpionen schützte, während sie in den oberen Reihen +vergoldetes Gitter zeigten, – all diese wuchtige Pracht +dünkte die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz. +</p> + +<p id="p006"> +Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem +Orte statt. Die Verwundeten, die im Eschmuntempel +lagen, waren bei Morgengrauen aufgebrochen und hatten +sich an Krücken und Stöcken hergeschleppt. Immer +mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strömten +sie herbei, unaufhörlich, wie sich Bäche in einen See +ergießen. Die Küchensklaven liefen unter den Bäumen +hin und her, hastig und halbnackt. Klagend flohen von +den Rasenplätzen die Gazellen. Die Sonne ging unter. +Der Zitronenbäume Duft machte den Dunst der erhitzten +Menschenmenge noch schwerer. +</p> + +<p> +Alle Völker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier, +Neger und römische Überläufer. Neben der +schwerfälligen dorischen Mundart dröhnten, rasselnd wie +Feldgeschütz, die Worte der Kelten, und die klangvollen +jonischen Endungen wurden von Wüstenlauten +verschlungen, rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen +erkannte man an seiner schlanken Gestalt, den Ägypter +an den hohen Schultern, den Kantabrer an den feisten +Waden. Karier schüttelten stolz die Federbüsche ihrer +Helme. Kappadokische Bogenschützen sah man, die auf +ihrem Körper Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensäften +aufgemalt. Auch Lydier saßen beim Mahle, in +Frauengewändern und Pantoffeln, Gehänge in den Ohren. +Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen +und sahen aus wie Statuen aus Korall. +</p> + +<p> +Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um große +Schüsseln oder lagen auf dem Bauche, die Ellbogen +aufgestemmt, und zogen die Fleischstücke zu sich heran, +alle in der gemächlichen Haltung von Löwen, die ihre +Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an +den Bäumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die +unter ihren scharlachroten Decken halb verschwanden, +und harrten, bis die Reihe an sie kam. +</p> + +<p> +Da Hamilkars Küchen nicht ausreichten, hatte der Rat +Sklaven, Geschirr und Liegebänke geschickt. In der +Mitte des Gartens flammten wie auf einem Schlachtfelde, +wenn man die Toten verbrennt, große helle Feuer, +an denen Ochsen gebraten wurden. +Brote, mit Anis bestreut, lagen neben Käsen, größer +und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrüge voll Wein +und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, in +denen Blumen dufteten. Die Freude, nun endlich nach +Belieben schwelgen zu können, weitete aller Augen. Hier +und da erklang bereits ein Lied. +</p> + +<p> +Auf roten Tonschüsseln mit schwarzen Verzierungen trug +man zuerst Vögel in grüner Sauce auf, dann allerlei +Muscheln, wie man sie an den punischen Küsten aufliest, +Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und Schnecken, +in Kümmel gekocht, auf Platten von Bernstein. +</p> + +<p> +Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen: +Antilopen noch mit ihren Hörnern, Pfauen in ihrem +Gefieder, ganze Hammel, in süßem Wein gedünstet, Kamel- +und Büffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene +Heuschrecken und eingemachte Siebenschläfer. In Mulden +aus Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt große +Speckstücke. Alles war reichlich gewürzt mit Salz, Trüffeln +und Asant. Früchte rollten über Honigscheiben. Auch +hatte man nicht vergessen, ein paar von den kleinen, +dickbäuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen, +die mit Oliventrebern gemästet waren, ein karthagisches +Gericht, das die andern Völker verabscheuten. +Die Verwunderung über neue Gerichte erregte die Lust, +davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf +dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen +und Limonen, die sie mit der Schale verzehrten. +Neger, die noch nie Langusten gesehen, zerstachen sich +das Gesicht an ihren roten Stacheln. Die glattrasierten +Griechen, weißer als Marmor, warfen die Abfälle ihrer +Mahlzeit hinter sich, während bruttinische Hirten, in +Wolfsfelle gehüllt, das ganze Gesicht in ihre Schüsseln +tauchten und ihr Essen schweigsam verschlangen. +</p> + +<p> +Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach über +der großen Zypressenallee und brachte Fackeln. +Der flackernde Schein des Steinöls, das in Porphyrschalen +brannte, erschreckte die dem Mond geweihten +Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut, +den Söldnern zur Belustigung. +</p> + +<p> +Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit +Edelsteinen eingelegten Schüsseln glitzerten in bunten +Lichtern. Die Mischkrüge, deren Bäuche gewölbte Spiegel +bildeten, gaben das in die Breite verzerrte Bild eines +jeden Dinges wieder. Die Söldner drängten sich um +diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter, +um sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre +warfen sich über die Tische hinweg mit elfenbeinernen +Fußbänken und goldnen Löffeln und schlürften in vollen +Zügen Wein: griechischen, den man in Schläuchen aufbewahrt, +kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist, +kantabrischen, der in Fässern verfrachtet wird, auch Wein +aus Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden +stand er in Lachen, darin man ausglitt. Der Dampf +der Speisen stieg, mit dem Dunst des Atems vermischt, +in das Laubwerk der Bäume. In das Krachen der +Kinnbacken tönte der Lärm der Stimmen, der Lieder und +der Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs, +das in Stücke zersprang, und der helle Klang der großen +Silberschüsseln. +</p> + +<p id="p010"> +Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte +man der Unredlichkeit Karthagos. Die durch den +Krieg erschöpfte Republik hatte nämlich die Ansammlung +aller Söldner in der Stadt zugelassen. Gisgo, ihr +General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur abteilungsweise +von Sizilien nach Afrika zu schicken, um +die Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat +hatte gemeint, sie würden zu guter Letzt in Abzüge einwilligen. +Jetzt haßte man sie, weil man sie nicht bezahlen +konnte. In den Köpfen der Karthager verwuchs +diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius +beim Friedensschluß ausbedungen, und die Söldner erschienen +ihnen als ihre Feinde, genau so wie Rom. Das +hatten die Truppen in Erfahrung gebracht, und ihre Entrüstung +war in Drohungen und Ausschreitungen zum Ausdruck +gekommen. Schließlich hatten sie verlangt, sich zur +Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu dürfen. +Die Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar, +der die Seele des Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars +starkem Widerspruch hatte der Feldzug ein Ende genommen, +worauf der Feldherr – an Karthago verzweifelnd – den +Oberbefehl über die Söldner an Gisgo abgegeben +hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast +dem Soldatenfeste zur Verfügung stellten, so wälzten sie +damit einen Teil des Hasses, der den Söldnern galt, auf +Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos riesigen Ausgaben +möglichst allein zur Last fallen. +</p> + +<p> +Stolz darauf, daß sich die Republik ihrem Willen gebeugt +hatte, wähnten die Söldner, nun endlich heimkehren +zu können, mit dem Lohn für ihr Blut in der +Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen +ihnen die überstandenen Strapazen ungeheuer groß und +in keinem Verhältnis zu dem kärglichen Solde. Sie zeigten +einander ihre Wunden und erzählten sich von ihren +Kämpfen, ihren Fahrten und den Jagden in ihrer Heimat. +Sie ahmten das Geschrei und die Sprünge der wilden +Tiere nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man +steckte den Kopf in die großen Steinkrüge und trank, ohne +abzusetzen, wie verschmachtete Dromedare. Ein Lusitanier, +ein wahrer Hüne, trug auf jeder Hand einen Mann +und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei +Feuer aus den Nasenlöchern blies. Lakedämonier, die +ihre Panzer nicht abgelegt hatten, tanzten schwerfällig +herum. Einige sprangen mit unanständigen Gebärden +vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen +sich nackt aus, um inmitten des Trinkgeräts gleich Gladiatoren +miteinander zu kämpfen. Ein Fähnlein Griechen +hüpfte um eine Vase, auf der Nymphen tanzten, während +ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf +einem Blechschild schlug. +</p> + +<p> +Plötzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald +laut, bald leise durch die Lüfte zitterte, wie der Flügelschlag +eines verwundeten Vogels. +</p> + +<p> +Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Söldner +sprangen mit einem Satz auf und verschwanden, um sie +zu befreien. +</p> + +<p> +Sie kamen zurück und trieben unter lautem Geschrei +etwa zwanzig Männer mit auffällig bleichen Gesichtern +durch den Staub vor sich her. Kleine kegelförmige +Mützen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen +Köpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten +klirrten wie das Rasseln rollender Wagen. +</p> + +<p> +Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich +unter die Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen +war abseits stehen geblieben. Durch die Risse seiner +Tunika erblickte man lange Striemen an seinen Schultern. +Mit gesenktem Haupte blickte er mißtrauisch um sich und +kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er +aber sah, daß ihm keiner von den bewaffneten Männern +etwas zuleide tat, entrang sich seiner Brust ein tiefer +Seufzer. Er stammelte und lachte unter hellen Tränen, +die ihm über das Antlitz rannen. Dann ergriff er eine +bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob +sie hoch in die Luft mit den Armen, von denen noch die +Ketten herabhingen, blickte gen Himmel und rief, das +Gefäß immerfort hochhaltend: +</p> + +<p> +»Gruß zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die +Menschen meiner Heimat Äskulap nennen! Und euch, +ihr Geister der Quellen, des Lichts und der Wälder! +Und euch, ihr Götter, die ihr in den Bergen und Höhlen +der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Männer +in glänzender Rüstung, die ihr mich befreit habt!« +</p> + +<p id="p012"> +Dann ließ er das Gefäß sinken und erzählte seine Geschichte. +Er hieß Spendius. Die Karthager hatten ihn +in der Schlacht bei den Ägatischen Inseln gefangen genommen. +In griechischer, ligurischer und punischer +Sprache dankte er nochmals den Söldnern, küßte ihnen +die Hände und beglückwünschte sie schließlich zu dem Gelage. +Dabei sprach er seine Verwunderung darüber aus, +daß er nirgends die Trinkschalen der karthagischen Garde +erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer sechs goldenen +Flächen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden +trugen, gehörten einem Regiment, das ausschließlich aus +den stattlichsten Patriziersöhnen bestand. Ihr Besitz war +ein Vorrecht, und so ward denn auch nichts aus dem +Schatze der Republik von den Söldnern heißer begehrt. +Um dieser Gefäße willen haßten sie die Garde, und schon +mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergnügens +wegen, aus jenen Schalen zu trinken. +</p> + +<p> +Jetzt befahlen die Söldner, die Schalen herbeizuholen. +Die befanden sich im Gewahrsam der Syssitien. Das +waren staatsrechtlich organisierte Familienverbände. Die +Sklaven kamen zurück mit der Mitteilung, zu dieser +Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien. +</p> + +<p> +»So weckt sie!« riefen die Söldner daraufhin. +</p> + +<p> +Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht +wieder, die Schalen seien in einem Tempel eingeschlossen. +</p> + +<p> +»Man öffne ihn!« brüllten die Söldner. +</p> + +<p> +Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefäße wären +in den Händen des Generals Gisgo. +</p> + +<p> +»So soll er sie selber herbringen!« schrien die Soldaten. +</p> + +<p> +Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens, +von einer Leibwache aus Gardisten umgeben. Sein weiter +schwarzer Mantel, an der goldnen, edelsteingeschmückten +Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn bis auf +die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne +mit dem Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen +weißen Bart, das Gefunkel seines Kopfschmuckes und die +dreifache Halskette aus breiten blauen Schildern, die +ihm auf die Brust herabhing. +</p> + +<p> +Als er nahte, begrüßten ihn die Söldner mit lautem +Willkommengeschrei. +</p> + +<p> +»Die Schalen!« riefen sie. »Die Schalen!« +</p> + +<p> +Er begann mit der Erklärung, sie seien der Schalen in +Anbetracht ihres Mutes durchaus würdig. +</p> + +<p> +Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall. +</p> + +<p> +Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrüben +geführt habe und mit der letzten Kompagnie auf der +letzten Galeere zurückgekehrt sei! +</p> + +<p> +»Das ist wahr! Das ist wahr!« rief man. +</p> + +<p> +Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach +Völkern, ihre Bräuche und ihren Glauben geachtet. Sie +seien frei in Karthago! Was aber die Schalen der +Garde anbeträfe, so sei das Privateigentum. +</p> + +<p> +Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden +hatte, über die Tische weg, gerade auf Gisgo zu und +fuchtelte drohend mit zwei bloßen Schwertern vor ihm +herum. +</p> + +<p> +Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General +mit seinem schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der +Barbar brach zusammen. Die Gallier heulten. Ihre Wut +teilte sich den andern mit und drohte sich gegen die Leibwache +zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die +Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, daß sein eigner +Mut gegenüber rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei. +Besser wäre es, dachte er, sich später durch eine Hinterlist +an ihnen zu rächen. +</p> + +<p> +Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam +zurück. Unter der Pforte aber wandte er sich noch +einmal nach den Söldnern um und rief ihnen zu, das +solle sie eines Tages gereuen. +</p> + +<p> +Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte +zurückkommen und sie durch Umstellung der Vorstadt, die +an die äußeren Wälle stieß, gegen die Mauern drücken. +Trotz ihrer Anzahl fühlten sie sich mit einem Male verlassen; +und die große Stadt, die im Dunkel unter ihnen +schlief, flößte ihnen plötzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr, +mit ihren hohen düstern Häusern und ihren +unbekannten Göttern, die noch grauenhafter waren als +selbst die Bewohner. In der Ferne spielten Scheinwerfer +über den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht. +Da gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte +er sie verlassen, als der Friede geschlossen war? Sein +Zerwürfnis mit dem Rat war gewiß nur Blendwerk, +um sie zu verderben. Ihr ungestillter Haß übertrug sich +auf ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn +aneinander zur Wut. In diesem Augenblick entstand ein +Auflauf unter den Platanen. Mit Händen und Füßen +um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden, +mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf +den Lippen. Jemand schrie, er sei vergiftet. Da wähnten +sich alle vergiftet. Sie fielen über die Sklaven her. Ein +furchtbares Geschrei erhob sich, und ein Taumel wilder +Zerstörungswut erfaßte das trunkene Heer. Man schlug +wie blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten +Fackeln in die Baumkronen. Andre lehnten sich +über die Brüstung der Löwengrube und schossen nach den +Löwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu den Elefanten, +um ihnen die Rüssel abzuschlagen. Es gelüstete +sie nach Elfenbein. +</p> + +<p> +Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemächlicher +plündern zu können, um die Ecke des Palastes gelaufen. +Sie stießen auf ein hohes Gitter aus indischem +Rohr, durchschnitten die Riemen des verschlossenen Tores +mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der Karthago +zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten +mit verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander +gepflanzter weißer Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen +Boden weite Bogen gleich Sternenketten. Die +dunkeln Gebüsche hauchten schwüle Honigdüfte aus. Mit +Zinnober bestrichene Baumstümpfe schimmerten wie blutige +Säulen. In der Mitte des Gartens trugen zwölf +kupferne Träger je eine große Glaskugel, in deren Rundungen +bizarre rötliche Lichter spielten; sie glichen riesigen, +lebendigen, zuckenden Augäpfeln. Die Söldner +leuchteten mit Pechfackeln, indes sie über den abschüssigen +und tief umgegrabenen Boden stolperten. +Da erblickten sie einen Weiher, der durch Wände von +blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das +Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf +den Grund fiel und auf einem Bett von weißen Steinen +und Goldstaub zitterte. Das Wasser begann zu schäumen. +Sprühende Funken glitten durch die Flut, und große +Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur +Oberfläche empor. +</p> + +<p> +Die Söldner steckten ihnen unter lautem Gelächter die +Finger in die Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen. +</p> + +<p> +Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten sämtlich +von jenen Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrütet +hatten, aus dem die Göttin entstanden war. Der +Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen, reizte die Begierde +der Söldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen +Becken und ergötzten sich daran, die schönen Fische im +kochenden Wasser zappeln zu sehen. +</p> + +<p> +Die Söldner schoben und drängten sich. Sie hatten +keine Furcht mehr. Von neuem begannen sie zu zechen. +Die Salben, die ihnen von der Stirn trieften, flossen in +schweren Tropfen auf ihre zerrissenen Waffenröcke. Sie +stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie +Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren, +trunkenen Blicken umher, um wenigstens mit den Augen +zu verschlingen, was sie nicht mitnehmen konnten. Andre +stampften mitten unter den Schüsseln auf den purpurnen +Tischdecken herum und zertrümmerten mit Fußtritten die +Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefäße. Gesänge +mischten sich in das Röcheln der Sklaven, die zwischen +den Scherben der Trinkgefäße ihr Leben aushauchten. +Man forderte Wein, Fleisch, Gold. Man schrie nach +Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen. +Einige glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems, +der sie umwogte. Andre wähnten sich beim Anblick des +Laubwerks auf der Jagd und stürmten auf ihre Gefährten +ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum +zu Baum, und die hohen grünen Massen, aus denen +lange weiße Rauchkringel emporstiegen, sahen wie Vulkane +aus, die zu qualmen beginnen. Das Geschrei nahm +zu. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen. +</p> + +<p id="p017"> +Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des +Palastes. Die Mitteltür tat sich auf, und eine weibliche +Gestalt, Hamilkars Tochter, in einem schwarzen Gewande, +erschien auf der Schwelle. Sie stieg die erste +Treppe hinab, die schräg vom obersten Stockwerk abwärts +lief, dann die zweite, die dritte. Auf der untersten +Terrasse, am oberen Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnäbeln, +blieb sie stehen. Unbeweglich und gesenkten +Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab. +</p> + +<p> +Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen +bleicher Männer in weißen rotgesäumten Gewändern, +die in senkrechten Falten bis auf die Füße herabwallten. +Sie hatten weder Bärte noch Haare noch Brauen. In +ringfunkelnden Händen trugen sie riesige Lyren, und mit +gellenden Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos +Göttlichkeit. Es waren die Eunuchenpriester aus +dem Tempel der Tanit, die Salambo des öfteren in ihr +Haus berief. +</p> + +<p> +Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester +folgten. Dann schritt sie die Zypressenallee hin, langsam, +zwischen den Tischen der Hauptleute, die ein wenig +zur Seite rückten, als sie vorüberging. +</p> + +<p> +Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert +und nach der Sitte der kanaanitischen Jungfrauen +hochgetürmt. Es ließ sie größer erscheinen, als sie wirklich +war. An den Schläfen festgesteckte Perlenschnüre +hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie +ein aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust +trug sie einen Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt +wie das Schuppenkleid einer Muräne. Ihre diamantgeschmückten +Arme traten nackt aus der ärmellosen schwarzen +Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war. +Zwischen den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen, +das ihre Schritte regelte, und ihr weiter dunkelpurpurner +Mantel aus fremdländischem seltenen Stoffe schleppte +hinter ihr her. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern +halb erstickte Akkorde, und wenn diese Musik schwieg, +vernahm man das leise Geklirr des Goldkettchens und +das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen Salambos. +</p> + +<p> +Niemand kannte sie bis dahin. Man wußte nur, daß sie +zurückgezogen in frommer Andacht lebte. Soldaten hatten +sie manchmal nachts auf dem flachen Dache des Palastes +gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln qualmender +Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag. +Der Mondschein hatte sie blaß gemacht, und etwas Göttliches +umwob sie wie leiser Duft. Ihre Augen schienen +über das Irdische hinweg in weite Fernen zu schauen. +Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten +eine kleine Lyra aus Ebenholz. +</p> + +<p> +»Tot! Alle tot!« hörte man sie murmeln. »Nie mehr +werdet ihr, meinem Rufe gehorsam, zu mir eilen wie +einst, wenn ich am Rande des Wassers saß und euch +Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf +dem Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen +der Ströme.« Und sie rief sie bei ihren Namen, +den Namen der Monate: »Sivan, Thammus, Elul, +Tischri, Schebar ... O Göttin, erbarme dich meiner!« +</p> + +<p> +Die Söldner umdrängten sie, ohne ihre Rede zu verstehen. +Sie staunten ihren Schmuck an. Salambo aber +ließ einen langen erschrockenen Blick über die Menge +gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und +rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male: +</p> + +<p> +»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet +ihr nicht Brot und Fleisch und Öl und alles Malobathron +aus den Speichern, um euch zu erlaben? Aus Hekatompylos +hatte ich Ochsen kommen lassen. Jäger hatte +ich in die Wüste geschickt ...« Ihre Stimme schwoll an, +ihre Wangen röteten sich. »Wo seid ihr denn hier? +In einer eroberten Stadt oder im Schlosse eines Herrschers? +Und welches Herrschers? Meines Vaters, des +Suffeten Hamilkar, des Dieners der Götter! Er war +es, der sich weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern, +eure Waffen, an denen jetzt das rote Blut seiner +Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern Heimatlanden, +der besser Schlachten zu lenken weiß? Schaut empor! +Die Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen +unsrer Siege. Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich +werde den Genius meines Hauses mit mir nehmen, +meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblättern +schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und +wenn ich in die Galeere steige, wird sie im Kielwasser +meines Schiffs auf dem Schaume der Wogen hinter mir +hereilen ...« +</p> + +<p> +Ihre feinen Nasenflügel bebten. Sie zerbrach ihre +Fingernägel an den Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz +ihrer Augen ermattete. Abermals begann sie: +</p> + +<p> +»O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast +zu deinem Schutze nicht mehr die Helden der Vorzeit, +die über die Ozeane schifften, um an fernen Küsten Tempel +zu erbauen! Alle Länder arbeiteten für dich, und die +Meeresfläche, von deinen Rudern gepflügt, wiegte deine +Beute!« +</p> + +<p> +Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu +singen, des Gottes der Sidonier und des Ahnherrn ihres +Hauses. +</p> + +<p> +So erzählte sie von der Besteigung der ersiphonischen +Berge, von der Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen +die Masisabal, um die Königin der Schlangen zu rächen. +</p> + +<p> +»Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif +sich über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner +Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo Frauen auf den +Flossen ihrer Drachenleiber um ein großes Feuer standen. +Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen +Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen +gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...« +</p> + +<p> +Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth +die Masisabal bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt +am Bug seines Schiffes befestigte. »Bei jedem Schlage +der Wellen tauchte es in den Schaum! Doch die Sonne +balsamierte es ein, und es ward härter denn Gold. Die +Augen aber hörten nicht auf zu weinen, und die Tränen +rollten beständig in das Meer ...« +</p> + +<p> +Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen +Mundart, die keiner der Barbaren verstand. Sie fragten +sich, was sie ihnen mit den furchtbaren Gebärden, +die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte. Aber +sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebänke +und in die Äste der Sykomoren stiegen, mit offenem +Mund und vorgestrecktem Kopfe, und mühten sich, +die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel, das +über dem Ursprung der Götter liegt, wallte vor ihrer +Phantasie, wie Gespenster in den Wolken. +</p> + +<p> +Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre +welken Hände hingen zitternd in den Saiten der Leiern +und entlockten ihnen von Zeit zu Zeit einen dumpfen +Akkord. Schwächer als alte Weiber, bebten sie gleichzeitig +in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern. +Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem +Gesange der Jungfrau. +</p> + +<p> +Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger +numidischer Häuptling, der am Tische der Hauptleute +unter den Soldaten seines Volkes saß. Sein Gürtel starrte +dermaßen von Wurfspießen, daß er unter dem weiten +Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schläfen +befestigt war, einen Höcker bildete. Der Mantel bauschte +sich auf seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so +daß man nur das Feuer seiner beiden starren Augen +gewahrte. Er wohnte zufällig dem Feste bei. Es war +Brauch, daß die afrikanischen Fürsten, um Bündnisse +anzuknüpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhäuser +schickten. So ließ ihn sein Vater in der Familie Barkas +leben. Doch Naravas hatte Salambo in den sechs +Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht bekommen. +Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart +in den Schäften seiner Wurfspieße vergraben, blickte er +auf sie mit geblähten Nüstern, wie ein Leopard, der im +Bambusdickicht kauert. +</p> + +<p> +Auf der andern Seite des Tisches saß ein Libyer von +riesenhaftem Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar. +Er trug nichts als seinen Küraß, dessen eherne Schuppen +den Purpurstoff des Polsters aufschlitzten. Ein Halsband +aus silbernen Monden verwickelte sich in die Zotteln +seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf +den linken Ellbogen gestützt, lächelte er mit weit geöffnetem +Munde. +</p> + +<p> +Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem +Feingefühl redete sie nun die Barbaren in ihren +eigenen Sprachen an, um ihren Zorn zu besänftigen. Zu +den Griechen sprach sie griechisch, dann wandte sie sich +zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein +jeder, der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die süßen +Laute seiner Heimat wieder. +</p> + +<p> +Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert, +sang sie nun von den alten Schlachten gegen +Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie berauschte sich am +Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme weit +geöffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ... +</p> + +<p> +Indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte, stand sie +eine Weile mit geschlossenen Augenlidern da und weidete +sich an der Erregung aller der Männer vor ihr. +</p> + +<p> +Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkürlich +trat sie auf ihn zu und füllte, von ihrem befriedigten +Ehrgeiz getrieben, eine goldene Schale mit Wein. Dies +sollte sie mit dem Heere versöhnen. +</p> + +<p> +»Trink!« gebot sie. +</p> + +<p> +Er ergriff die Schale und führte sie zum Munde, als ein +Gallier – jener, den Gisgo niederschlagen hatte – ihm +auf die Schulter klopfte und mit vergnügter Miene einen +Scherz in seiner Muttersprache machte. Spendius stand +in der Nähe. Er bot sich als Dolmetsch an. +</p> + +<p> +»Rede!« sprach Matho. +</p> + +<p> +»Die Götter sind dir gnädig! Du wirst reich werden! +Wann ist die Hochzeit?« +</p> + +<p> +»Was für eine Hochzeit?« +</p> + +<p> +»Deine!« entgegnete der Gallier. »Wenn nämlich bei +uns ein Weib einem Krieger einen Trunk spendet, so +bietet sie ihm damit ihr Bett an.« +</p> + +<p> +Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas +aufsprang, einen Wurfspieß aus seinem Gürtel riß, den +rechten Fuß auf den Tischrand stemmte und die Waffe +gegen Matho schleuderte. +</p> + +<p> +Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin, +durchbohrte den Arm des Libyers und nagelte ihn mit +solcher Wucht an die Tischplatte, daß der Schaft in der +Luft vibrierte. +</p> + +<p> +Matho riß ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen +und nackt. Da hob er mit beiden Armen den beladenen +Tisch hoch und schleuderte ihn gegen Naravas, +mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die +Söldner und die Numidier standen so dicht, daß sie ihre +Schwerter nicht ziehen konnten. Matho brach sich Bahn, +indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen die Menge +stieß. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden. +Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war +fort. +</p> + +<p> +Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte, +wie sich ganz oben die rote Tür mit dem schwarzen +Kreuze eben schloß. Er stürzte hinauf. +</p> + +<p> +Man sah ihn zwischen den Schiffsschnäbeln laufen, +dann auf den drei schrägen Treppen hinaufeilen und +schließlich oben gegen die rote Tür mit der Wucht seines +ganzen Körpers anrennen. Schwer atmend lehnte er sich +an die Mauer, um nicht umzusinken. +</p> + +<p> +Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit – der +Lichterschein des Festes wurde durch die Ecke +des Palastes abgeschnitten – erkannte er Spendius. +</p> + +<p> +»Weg!« rief Matho. +</p> + +<p> +Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine +Tunika mit den Zähnen zu zerreißen. Dann kniete er +neben Matho nieder, faßte behutsam dessen Arm und +befühlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden. +</p> + +<p> +Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und +Spendius erblickte in der Mitte des Armes eine klaffende +Wunde. Er verband sie mit dem Stück Stoff. Doch +der andre rief zornig: +</p> + +<p> +»Laß mich! Laß mich!« +</p> + +<p> +»Nein, nein!« antwortete der Sklave. »Du hast mich +aus dem Kerker befreit. Ich bin dein, und du bist mein +Gebieter! Befiehl!« +</p> + +<p> +Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse +entlang. Bei jedem Schritte horchte er auf und +tauchte seinen Blick durch die vergoldeten Gitterstäbe +hinein in die stillen Gemächer. Endlich blieb er verzweifelt +stehen. +</p> + +<p> +»Höre!« redete der Sklave ihn an. »Verachte mich nicht +wegen meiner Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast +gelebt. Wie eine Schlange kann ich durch die Mauern +schlüpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein Goldbarren +unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang +führt zu den Gräbern ...« +</p> + +<p> +»Was kümmert das mich!« antwortete Matho. +</p> + +<p> +Spendius schwieg. +</p> + +<p> +Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse +breitete sich vor ihnen in phantastischer Gliederung +aus, wie die gigantischen Wogen eines schwarzen +versteinerten Meeres. +</p> + +<p> +Da glühte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief +unten begannen die Kanäle von Megara mit ihren silbernen +Windungen im Grün der Gärten aufzublitzen. +Allmählich reckten die kegelförmigen Dächer der siebenseitigen +Tempel, die Treppen, Terrassen und Wälle ihre +Umrisse aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings +um die karthagische Halbinsel brodelte ein weißer +Schaumgürtel. Das smaragdgrüne Meer schlief noch in +der Morgenfrische. Je höher die Röte am Himmel emporstieg, +um so deutlicher wurden die hohen Häuser, die +sich an die Hänge klammerten oder wie eine zu Tal +ziehende Herde schwarzer Ziegen abwärts drängten. Die +menschenleeren Straßen schienen endlos lang. Palmen, +die hier und da die Mauern überragten, standen regungslos. +Die bis an den Rand gefüllten Zisternen in den +Höfen glichen silbernen dort liegen gelassenen Schilden. +Das Leuchtturmfeuer auf dem hermäischen Vorgebirge +glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem +Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen +witternd, ihre Hufe auf die Marmorbrüstung und wieherten +der Sonne entgegen. +</p> + +<p> +Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stieß +einen Schrei aus. +</p> + +<p id="p026"> +Alles war von Rot überflutet. Der Gott goß wie in +Selbstopferung den Goldregen seines Blutes in vollen +Strömen über Karthago aus. Die Schnäbel der Galeeren +blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein +Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel, +deren Pforten sich nun auftaten, schimmerten matte Lichter. +Große Karren, die vom Lande hereinkamen, rollten +und rasselten über das Straßenpflaster. Dromedare, mit +Ballen beladen, schwankten die Abhänge hinab. Die +Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdächer über +ihren Läden auf. Störche flogen dahin. Weiße Segel +flatterten. Im Haine der Tanit erklangen die Schellentrommeln +der geheiligten Hetären, und auf der Höhe der +Mappalierstraße begann der Rauch aus den Öfen zu wirbeln, +in denen die Tonsärge gebrannt wurden. +</p> + +<p> +Spendius beugte sich über das Geländer. Seine Zähne schlugen +aufeinander. +</p> + +<p> +»Ja ... ja ... Herr!« wiederholte er mehrmals. »Ich +begreife, warum du soeben vom Plündern des Hauses +nichts wissen wolltest!« +</p> + +<p> +Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus +einem Traume. Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden. +</p> + +<p> +»Ach, was für Reichtümer!« hob Spendius von neuem +an. »Und ihre Besitzer haben nicht einmal Schwerter, +sie zu verteidigen!« +</p> + +<p> +Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein +paar Leute aus dem niedern Volke, die auf dem Sande vor +dem Hafendamm herumkrochen und Goldkörner suchten. +</p> + +<p> +»Sieh!« sagte er. »Die Republik gleicht diesen Schelmen. +An den Gestaden der Meere hockend, wühlt sie +mit gierigen Händen in allen Landen. Das Rauschen +der Wogen betäubt ihr Ohr, und sie hört nichts; auch +nicht wenn ihr von rückwärts der Tritt eines Herrschers +nahte!« +</p> + +<p> +Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse +und zeigte ihm den Park, wo die Schwerter der +Söldner an den Bäumen hingen und in der Sonne +glänzten. +</p> + +<p> +»Hier aber sind starke Männer voll grimmigsten Hasses, +die nichts an Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht, +kein Gott!« +</p> + +<p> +Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat +dicht an ihn heran und fuhr mit flüsternder Stimme fort: +</p> + +<p> +»Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmänteln +könnten wir einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerüchen +baden. Ich hätte dann selber Sklaven! Bist +du's nicht müde, auf harter Erde zu schlafen, den sauren +Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale +zu hören? Später willst du dich ausruhen, +nicht wahr? Wenn man dir den Küraß vom Leibe reißt +und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder vielleicht, +wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe +einherschleichst, von Tür zu Tür, und kleinen Kindern +und Hausierern von deinen Jugendträumen erzählst! +Erinnere dich all der Schindereien deiner Vorgesetzten, +der Biwaks im Schnee, der Märsche im Sonnenbrande, +der Härte der Manneszucht und des stets drohenden +Todes am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man +dir einen Orden verliehen, just wie man den Eseln ein +Schellenhalsband umhängt, um sie auf dem Marsche einzulullen, +damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann +wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest! +Ha! Wie wohl wäre dir zumute in einem hohen +kühlen Saale bei Leierklang, auf einem Blumenlager, +von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien +Phantastereien! Haben die Söldner nicht schon Rhegium +und andre feste Plätze Italiens besessen? Wer hindert +dich? Hamilkar ist weit. Das Volk verabscheut die Patrizier. +Gisgo vermag mit seinen Feiglingen nichts anzufangen! +Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen. +Führe du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!« +</p> + +<p> +»Nein!« sprach Matho. »Molochs Fluch lastet auf mir. +Ich hab es in den Augen der Einzigen gelesen, und eben +ist in einem Tempel ein schwarzer Widder vor mir zurückgewichen ... Wo +ist sie?« fügte er hinzu, indem er sich +umschaute. +</p> + +<p> +Spendius begriff, daß den Libyer eine ungeheure innere +Erregung quälte. Er wagte nicht weiter zu reden. +</p> + +<p> +Die Bäume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten +Zweigen fielen hin und wieder halbverbrannte +Affenknochen in die Schüsseln hinab. Die trunkenen +Söldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen, +und die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet +vom Morgensonnenlicht. Auf dem zerstampften Boden +starrten große Blutlachen. Die Elefanten in ihren +Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rüssel hin und +her. In den offenen Speichern lag das Getreide ausgeschüttet, +und unter dem Tor stand ein Wirrwarr von +Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die +Pfauen auf den Zedernästen entfächerten ihre Schweife +und begannen zu schreien. +</p> + +<p> +Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen. +Der Libyer war noch bleicher denn zuvor und verfolgte, +beide Fäuste auf die Terrassenmauer gestützt, mit starrem +Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich vor und +entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner +Punkt rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach +Utika. Es war die Radnabe eines mit zwei Maultieren +bespannten Gefährts. Ein Sklave lief an der Spitze der +Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem +Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere +standen nach persischer Sitte kammartig hoch zwischen den +Ohren unter einem Netz von blauen Perlen. Spendius +erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen Aufschrei. +</p> + +<p> +Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein. +</p> + + + + + +<h2 id="ch02">II</h2> + +<h2>In Sikka</h2> + + +<p> +Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago. +Man hatte einem jeden ein Goldstück gezahlt, unter +der Bedingung, daß sie ihr Standquartier nach Sikka +verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien +gesagt: +</p> + +<p> +»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es +in Hungersnot bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet +es zahlungsunfähig. Marschiert ab! Die Republik +wird euch einstens für diese Willfährigkeit Dank wissen. +Wir werden unverzüglich Steuern erheben. Euer Sold +soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden. +Dazu wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure +Heimat zurückbringen.« +</p> + +<p> +Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern +sollten. Zudem langweilte die kriegsgewohnten +Männer der Aufenthalt in der Stadt. Und so waren +sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg auf +die Mauern, um sie abziehen zu sehen. +</p> + +<p> +Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das +Kirtaer Tor. Bunt durcheinander zogen sie ab: leichte +Bogenschützen neben Schwerbewaffneten, Offiziere neben +Gemeinen, Lusitanier neben Griechen. Stolzen Schritts +marschierten sie vorbei und ließen ihre schweren Stahlstiefel +auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen +Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter +waren vom Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe +drangen aus ihren dichten Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden +klapperten über den Schwertergriffen, und durch +die Löcher im Erz sah man ihre nackten Glieder, drohend +wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die +Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte +im Takt in gleicher Bewegung. Die Straße war von +dem Zuge derartig angefüllt, daß die Mauern dröhnten. +Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die +mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der +gewappneten Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus +Eisen oder Rohr saßen verschleierte Frauen und sahen +schweigend dem Vorbeimarsch der Barbaren zu. +</p> + +<p> +Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand +unter der Masse der schwarz gekleideten Karthager. Die +Jacken der Matrosen leuchteten in dieser dunklen Menge +wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren blendender +Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von +den Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen +der Palmen herab. Mehrere der »Alten« hatten sich +auf die flachen Dächer der Türme gestellt, aber man +wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in bestimmten +Abständen so nachdenklich dort oben wachten. +Von weitem gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde +des Himmels unheimlich wie Gespenster ab und unbeweglich +wie Steinbilder. +</p> + +<p> +Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die +Barbaren könnten, da sie sich so stark sahen, auf den +Einfall kommen, bleiben zu wollen. Doch sie zogen so +vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut schöpften +und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie +mit Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige +redeten ihnen sogar aus übertriebener Berechnung und +verwegener Heuchelei zu, die Stadt nicht zu verlassen. +Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke +zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, +hatte aber vorher dreimal darauf gespien, um den +Tod herbeizubeschwören, oder Schakalhaare hineingetan, +die das Herz feig machen. Laut rief man Melkarths +Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen +seinen Fluch. +</p> + +<p> +Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und +Nachzügler. Kranke saßen stöhnend auf Dromedaren. +Andre hinkten vorüber, auf einen Lanzenstumpf gestützt. +Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich, Gefräßige +Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern, +Eis in Leinwandsäcken. Etliche sah man mit +Sonnenschirmen in der Hand und Papageien auf den +Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und +Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten +auf Eseln. Sie verhöhnten die Negerweiber, die den +Soldaten zuliebe die Bordelle von Malka verlassen hatten. +Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an ihren +Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen +anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten +Zelte kaum zu erschleppen. Ein Schwarm Knechte +und Wasserträger, hager, fiebergelb und voller Ungeziefer, +die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich den Barbaren +an. +</p> + +<p> +Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk +blieb auf den Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald +die ganze Breite der Landenge. Er teilte sich in ungleiche +Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe Grashalme +aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken. +Wenn von den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte, +sah er nichts denn die langen Mauern, deren +verlassene Zinnen in den Himmel schnitten. +</p> + +<p> +Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da +sie nicht einmal wußten, wie viele ihrer waren, dachten +sie, daß einige von ihnen in der Stadt zurückgeblieben +seien und sich das Vergnügen machten, einen Tempel zu +plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten +ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst +die weite Ebene gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen +stimmten den alten Sang der Mamertiner an: +</p> + +<p> +»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich +und ernt ich. Ich bin der Herr des Hauses. Der +Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich Herr und +Großkönig.« +</p> + +<p> +Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an +Geschichten zu erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber. +Als man Tunis erreichte, bemerkten einige, daß +ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte. +»Die werden nicht weit sein! Sicherlich!« +Weiter gedachte man ihrer nicht. +</p> + +<p> +Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern +kampierten am Fuße der Mauern. Die Leute aus der +Stadt kamen heraus und plauderten mit den Soldaten. +</p> + +<p> +Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der +Richtung auf Karthago Feuer brennen. Der Lichtschein – wie +von Riesenfackeln – spiegelte sich auf dem regungslos +liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen, +welches Fest man dahinten feierte. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben +bebaute Gegend. An der Straße folgten die +Meierhöfe der Patrizier, einer auf den andern. Durch +Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen +in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte +über dem Hügelland. Dahinter dämmerten blaue Berge. +Ein heißer Wind ging. Chamäleons schlüpften über die +breiten Kaktusblätter. +</p> + +<p> +Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch. +</p> + +<p id="p034"> +Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in +weiten Abständen voneinander hin. Man pflückte sich +Trauben am Rande der Weinberge. Man streckte sich +ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen, künstlich +gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze +ihrer Wolle mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen, +die sich in Rhombenlinien kreuzten, die +Pflugschare, die Schiffsankern glichen, und die Granatbäume, +die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit +des Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen +allen wunderbar vor. +</p> + +<p> +Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie +aufzuschlagen. Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen +sie ein und träumten von dem Feste in Hamilkars +Gärten. +</p> + +<p> +Am Mittag des dritten Tages machte man in den +Oleanderbüschen am Gestade eines Flusses halt. Die +Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde und Bandoliere +ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften +die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem +Bauche liegend, inmitten der Maultiere, denen das Gepäck +vom Rücken glitt. +</p> + +<p> +Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten +Dromedare, erblickte von weitem Matho, der, den +Arm in der Binde, barhäuptig und kopfhängerisch ins +Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken ließ. +Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!« +schnurstracks durch die Menge auf ihn zu. +Matho dankte kaum für den Gruß. Spendius nahm +ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen Schritten zu +folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten +Blick nach Karthago zurück. +</p> + +<p> +Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst +und einer kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte +er durch Mädchenhandel Geld verdient, dann aber, als +er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen verloren, +hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft. +Man hatte ihn gefangen genommen; er war +entflohen. Wiederergriffen, hatte er in den Steinbrüchen +gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter Mißhandlungen +geschrien, vielfach den Herrn gewechselt +und allen Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung +hatte er sich einmal vom Bord der Triere, auf +der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen Hamilkars +hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago +ins Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer +an Rom ausgeliefert werden mußten, hatte er +die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den Söldnern +zu entfliehen. +</p> + +<p> +Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er +brachte ihm zu essen, half ihm beim Absitzen und breitete +nachts eine Decke unter sein Haupt. Durch diese +kleinen Dienste ward Matho schließlich gerührt, und nach +und nach sprach er mit dem Griechen. +</p> + +<p> +Matho war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater +hatte ihn auf einer Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen. +Dann hatte er in den Wäldern der Garamanten +Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen +Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von +Drepanum war er zum Offizier befördert worden. Die +Republik schuldete ihm vier Pferde, zwölfhundert Liter +Getreide und den Sold für einen Winter. Er war gottesfürchtig +und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu +sterben. +</p> + +<p> +Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den +Völkern und Tempeln, die er besucht hatte. Er verstand +sich auf viele Dinge. Er konnte Sandalen, Jagdgerät und +Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte bereiten. +</p> + +<p> +Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern +Schrei aus. Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier +seinen Gang, und die andern beeilten sich zu folgen. +Dann erzählte Spendius weiter, aber immer voll Angst +und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er +ruhiger. +</p> + +<p> +Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts +vom Heer, auf dem Abhang eines Hügelzuges. Drunten +dehnte sich die weite Ebene, in den Nebeln der Nacht +verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden +Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit +zu Zeit kamen sie über mondbeglänzte Anhöhen. Dann +sprühten Sterne an den Spitzen der Lanzen, und das +Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke +lang, dann verschwand alles, und immer neue +Trupps kamen. In der Ferne blökten aufgeschreckte Herden. +Es war, als ob unendlicher Friede auf die Erde +herabsänke. +</p> + +<p> +Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern +sog Spendius in tiefen Zügen den frischen Wind ein. +Er streckte die Arme aus und spreizte die Finger, um +den kosenden Hauch, der seinen Körper umströmte, +noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war +wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand +auf den Mund, um ein Jauchzen zu ersticken, und halb +bewußtlos in seinem Glücksrausch, überließ er die Zügel +seinem Dromedar, das mit geräumigen gleichmäßigen +Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut +zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde +hinab, und seine Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch +das Gras. +</p> + +<p> +Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er +kein Ende nehmen. Hatte man ein Stück Ebene durchschritten, +so kam man jedesmal auf ein rundes Hochland, +und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die +Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen +beim Näherkommen immer von neuem in die Ferne. Von +Zeit zu Zeit blinkte ein Bach zwischen dem Grün von +Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel verkroch +er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock +auf, der wie ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel +eines verschwundenen Kolosses. +</p> + +<p> +In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige +Kapellen: Raststätten für die Pilger, die gen +Sikka wanderten. Die Libyer, die Einlaß begehrten, +klopften mit starken Schlägen an die Pforten; doch +niemand im Innern antwortete. +</p> + +<p> +Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt +folgten Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen. +Schafherden weideten zwischen großen Steinen. +Eine Frau – ein blaues Schurzfell um die Hüften – hütete +sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen +den Felsen erblickte, entfloh sie kreischend. +</p> + +<p id="p038"> +Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei +rötlichen Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter +Geruch drang dem Heere entgegen, und an der Krone +eines Johannisbrotbaumes hing etwas Seltsames: ein +Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte. +</p> + +<p> +Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen +vieren wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte. +Der riesige Kopf hing auf die Brust herab, und die +zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne zur +Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt +wie die Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter +der stark gespannten Haut einzeln hervor. Die Hinterbeine +waren übereinander genagelt und ein wenig emporgezogen. +Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert +und am Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing, +zu dicken Klumpen geronnen. Die Söldner standen +lachend rundherum, nannten den toten Löwen »Konsul« +und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen +Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen. +</p> + +<p> +Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und +mit einem Male tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An +jedem ein Löwe. Manche waren schon so lange tot, daß +nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze hingen: +andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu +furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die +Stämme der Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten +im Winde, während Rabenschwärme unablässig über +ihren Köpfen kreisten. So rächten sich die karthagischen +Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie hofften, +die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren +lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie. +»Welch ein Volk,« dachten sie, »das zu seinem Vergnügen +Löwen kreuzigt!« +</p> + +<p> +Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich +nervös erregt und halbkrank. Ihre Hände waren +wund von den Stacheln der Aloe. Große Stechmücken +summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im +Heere aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer +nicht sichtbar ward. Man bekam Angst, sich in die +Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes und des +Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren. +Ein Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago. +</p> + +<p> +Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße +eines Berges hingewandert war, bog der Weg plötzlich +scharf nach rechts ab, und ein Mauerstreifen, auf weißen +Felsen ruhend und gleichsam eins geworden mit ihnen, +tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue, +gelbe, weiße Schleier wehten im Abendrot über den +Mauern. Es waren die Priesterinnen der Tanit, die +zum Empfange der Söldner herbeigeeilt kamen. Sie +standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen +Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten +Strahlen der Sonne, die hinter den numidischen Bergen +versank, spielten an den Harfensaiten und den nackten +Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die Instrumente +plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder, +langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch +eine vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward. +Etliche der Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen, +das Kinn in der Hand, unbeweglicher denn Sphinxe, und +starrten aus großen schwarzen Augen das herannahende +Heer an. +</p> + +<p> +Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es +eine solche Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel +allein mit seinen Nebengebäuden nahm die Hälfte der +Stadt ein. Die Barbaren lagerten sich daher ganz nach +Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in regelmäßigen +Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie +es ihnen just gutdünkte. +</p> + +<p> +Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in +gleichlaufenden Reihen auf. Die Iberer bauten ihre +Leinendächer im Kreise. Die Gallier errichteten sich +Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und die +Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den +Sand, darin sie schliefen. Viele, die sich nicht +unterzubringen wußten, trieben sich zwischen den Packwagen +umher und verbrachten in ihren zerschlissenen Mänteln +die Nächte auf dem Erdboden. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von +Bergzügen begrenzt. Hier und dort neigte sich ein Palmbaum +über einen Sandhügel. Fichten und Eichen sprenkelten +die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing +ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab, +der blau und klar über der Landschaft lachte. Dann +wirbelte ein warmer Wind Staubwolken auf, und ein +Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas Felsenhöhe +herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus, +der Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und +seinem goldenen Dache erhob. Sie erfüllte die Landschaft +mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer Kraft offenbarte +sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen +Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres +ewigen Lächelns im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel +hatten die Form von Mondsicheln, oder sie glichen +vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren verspürten vor dieser +Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche wonnevolles +Wohlgefühl. +</p> + +<p> +Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen +Sklaven gekauft. Den ganzen Tag lang schlief er, vor +Mathos Zelt ausgestreckt. Oft schreckte er empor. Er +wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu hören. +Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben +an seinen Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen +gedrückt hatten, und schlief wieder ein. +</p> + +<p> +Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging, +begleitete ihn Spendius wie ein Trabant, mit einem +langem Schwert an der Seite; oder Matho stützte nachlässig +den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war +klein. +</p> + +<p> +Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen +gingen, erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter +ihnen Naravas, den numidischen Fürsten. Matho erbebte. +</p> + +<p> +»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!« +</p> + +<p> +»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück. +</p> + +<p> +Naravas trat bereits an Matho heran. +</p> + +<p> +Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner +kameradschaftlichen Gesinnung und entschuldigte seinen +neulichen Zorn mit der trunkenen Feststimmung. Sodann +sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago, +doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren +geführt hatte. +</p> + +<p> +»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich +Spendius. Da er aber aus allem Bösen Vorteil zu +ziehen gedachte, so war ihm jedwede zukünftige Verräterei +des Naravas nur angenehm. +</p> + +<p> +Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er +schien sich mit Matho befreunden zu wollen, sandte ihm +gemästete Ziegen, Goldstaub und Straußenfedern. Der +Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt, schwankte, +ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte. +Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich +von dem Sklaven leiten. Er war ein Mensch, der nie +wußte, was er wollte, und jetzt zumal in einem Zustande +unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand, der einen +Trank genommen hat, an dem er sterben muß. +</p> + +<p> +Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen, +verbarg Naravas einen Dolch in seinem Mantel. Spendius +blieb ihm beständig auf den Fersen, und sie kehrten +zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch gezückt hatte. +</p> + +<p> +Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis +an die Grenzen seines Reiches. Sie kamen in eine enge +Schlucht. Da erklärte Naravas lächelnd, er wisse den +Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder. +</p> + +<p> +Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur, +schon bei Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen. +Er streckte sich auf den Sand hin und +blieb bis zum Abend unbeweglich liegen. +</p> + +<p id="p043"> +Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres: +die den Lauf der Schlangen beobachteten, die in den +Sternen lasen und die auf die Asche der Toten bliesen. +Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes Viperngift +ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische +Lieder sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen +Dolchen. Er behängte sich mit Halsbändern und +Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon, Moloch, die +sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen +an. Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und +verscharrte sie im Sande an der Schwelle seines Zeltes. +Spendius hörte ihn seufzen und mit sich selbst reden. +</p> + +<p> +Eines Nachts trat er in sein Zelt. +</p> + +<p> +Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie +ein Leichnam, das Gesicht in beide Hände vergraben. +Eine Hängelampe beleuchtete seine Waffen, die ihm zu +Häupten am Zeltmaste hingen. +</p> + +<p> +»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt +dir? Antworte mir!« Dabei schüttelte er ihn an der +Schulter und rief immer wieder: »Herr, Herr!« +Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu +ihm auf. +</p> + +<p> +»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen +legend. »Es ist die Rache der Götter. Hamilkars Tochter +verfolgt mich! Ich fürchte mich vor ihr, Spendius!« +Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie ein Kind, +dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich +bin krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht! +Doch du, du kennst vielleicht mächtigere Götter +oder irgend eine Beschwörung, die wirklich hilft.« +</p> + +<p> +»Wogegen?« fragte Spendius. +</p> + +<p> +Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn. +»Um mich aus Salambos Bann zu erlösen!« Und wie +zu sich selber sagte er in abgebrochenen Sätzen: +</p> + +<p> +»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den +Göttern gelobt hat ... Sie hält mich gefesselt ... mit +einer unsichtbaren Kette ... Gehe ich, so schreitet sie +voran ... bleibe ich stehen, so verweilt sie ... Ihre +Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie +umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob +sie meine Seele geworden sei ... Und doch droht etwas +zwischen uns wie die unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen +Meeres ... Sie ist mir fern und ganz unerreichbar ... +Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit +Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt +ich sie nie gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei +alles nur ein Traum! ...« +</p> + +<p> +So durchjammerte Matho die Nacht. +</p> + +<p> +Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte +sich an jene Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen +Gefäßen in den Händen angefleht hatten, wenn +er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt hatte. +Mitleid ergriff ihn, und er sprach: +</p> + +<p> +»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen +und flehe nicht mehr zu den Göttern, denn die Gebete +der Menschen rühren sie nicht. Du weinst wie ein +Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib +so leidest?« +</p> + +<p> +»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst +du, daß mich das Gesicht und der Gesang eines Weibes +noch rühren? Wir hatten in Drepanum ihrer genug. +Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen während +des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und +wenn die Geschütze vom Rückschlag noch zitterten! ... +Doch dieses Weib, dieses Weib!« +</p> + +<p> +Der Sklave unterbrach ihn: +</p> + +<p> +»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre ...« +</p> + +<p> +»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern +Töchtern der Menschen gemein! Hast du ihre großen +Augen unter den großen Brauen gesehen? So leuchten +Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als +sie erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen +den Diamanten ihrer Halskette schimmerten Stellen +ihres blanken Busens. Wo sie gegangen, duftete es wie +nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem ganzen +Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher +als der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb +sie stehen ...« +</p> + +<p> +Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho +da und starrte vor sich hin. +</p> + +<p> +»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst +sterbe ich! Bei dem Gedanken, sie an meine Brust zu +drücken, ergreift mich wilde Freude. Und doch hasse +ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was soll ich +tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave +zu werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle +mir von ihr! Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie +das Dach ihres Palastes? Ach, die Steine müssen erbeben +unter ihren Sandalen und die Sterne sich neigen, +um sie zu schauen!« +</p> + +<p> +Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter +Stier. +</p> + +<p> +Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin, +deren Schweif sich über das dürre Laub schlängelte wie +ein silberner Bach.« Mit langgezogenen Tönen ahmte +er dabei Salambos Stimme nach, indes die Finger seiner +ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten +sie in den Saiten einer Lyra. +</p> + +<p> +Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit +den gleichen Reden. So vergingen den beiden die Nächte +unter Klagen und Trostworten. +</p> + +<p> +Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der +Trunkenheit war er noch trauriger. Er versuchte, sich +beim Würfelspiel zu zerstreuen, wobei er nach und nach +die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ sich +zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er +den Hügel wieder herab, wie jemand, der von einem +Begräbnis heimkehrt. +</p> + +<p> +Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer. +Man sah ihn in den aus Reisig errichteten Schenken +mitten unter den Soldaten reden. Er flickte alte Rüstungen +aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen +und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken. +Er war lustig, schlau, beredt und hatte tausend gute +Einfälle. Die Barbaren gewöhnten sich an seine Dienste. +Er machte sich bei ihnen beliebt. +</p> + +<p> +Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago, +der ihnen auf Maultieren Körbe voll Gold bringen +sollte. Immer wieder überschlugen sie die alte Rechnung +und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand. Ein +jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten +sich Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre +wollten ihre Schätze vergraben oder sie im Seehandel aufs +Spiel setzen. Aber bei dieser Untätigkeit erhitzten sich die +Gemüter. Fortwährend kam es zu Zwistigkeiten zwischen +Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und Griechen, +und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber. +</p> + +<p> +Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die +zum Schutz gegen die Sonne Gras auf dem Haupte +trugen. Es waren Schuldner reicher Karthager, von +ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern gezwungen +und nun entronnen. Libyer strömten herbei, +Bauern, die durch die Steuern zugrunde gerichtet waren, +Geächtete und Missetäter. Der Troß der Krämer, die +Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie nicht +bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago +zu ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik. +Bald wurden die Lebensmittel knapp. Man +sprach davon, vereint auf Karthago zu marschieren und +die Römer herbeizurufen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man +ein dumpfes, verworrenes Geräusch, das allmählich näher +kam. In der Ferne, im welligen Gelände, tauchte etwas +Rotes auf. +</p> + +<p> +Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken +mit Büscheln von Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten +und Perlengirlanden schlugen gegen die geschlossenen +Vorhänge. Kamele folgten, und die großen +Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend +durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom +Fuße bis zum Halse in goldnen Schuppenpanzern. +</p> + +<p> +Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um +den Behältern hinter den Sätteln ihren runden Schild, +ihr breites Schwert und ihren böotischen Helm zu entnehmen. +Einige blieben bei den Kamelen, die andern +setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen +die Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein +Pferdekopf oder ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren +sprangen alle auf und klatschten Beifall. Die Weiber +liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen die +Füsse. +</p> + +<p> +Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern, +die mit kleinen, raschen Schritten im Takte liefen. Sie +mußten bald nach rechts, bald nach links ausbiegen, +behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende Tiere und +die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal +schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein +wenig auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche +Worte aus. Da machten die Träger Halt und +schlugen einen andern Weg quer durch das Lager ein. +Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und +man erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen +Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die +Augenbrauen sahen wie zwei Bogen von Ebenholz aus, +die mit den Enden aneinander stießen. Goldflitter blinkten +in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich, wie +mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand +unter einer Menge von Fellen. +</p> + +<p> +Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten +Hanno. Sie hatten noch wohl im Gedächtnisse, daß +seine Langsamkeit schuld war am Verluste der Schlacht +bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem +Siege über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt +hatte, so war dies nach ihrer Meinung nur aus Habgier +geschehen, denn er hatte sämtliche Gefangene auf +eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod +gemeldet. +</p> + +<p> +Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen +Platz für eine Anrede an die Soldaten umgesehen +hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte machte +Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen +heraus. +</p> + +<p> +Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät. +Seine Beine waren wie die einer Mumie mit Binden +umwickelt, und das Fleisch quoll zwischen den sich +kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing über +den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte, +und die Falten seines fetten Halses hingen ihm – wie +einem Stier die Wampe – bis auf die Brust. Seine +mit Blumen bestickte Tunika krachte in den Achselhöhlen. +Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen schwarzen +Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines +Anzuges, sein breites Halsband aus blauen Steinen, +die goldenen Spangen und die schweren Ohrgehänge +machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah aus +wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das +leblose Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen +ganzen Körper bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie +ein Geierschnabel, bewegte sich heftig, beim Einatmen, +und seine kleinen Augen mit den klebrigen Wimpern +schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der +Hand hielt er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die +Haut zu kratzen. +</p> + +<p> +Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner. +Der Lärm legte sich, und Hanno fing an zu sprechen. +Er begann mit einer Lobrede auf die Götter und auf +die Republik. Die Barbaren sollten sich glücklich preisen, +ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein, die +Zeiten seien schwer – »und wenn ein Herr nur drei +Oliven hat, ist es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?« +</p> + +<p> +Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern +und Gleichnissen und nickte dabei in einem fort +mit dem Kopfe, als wolle er damit Beifall hervorrufen. +</p> + +<p> +Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten, +die ohne ihre Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner, +Gallier und Griechen, so daß ihn von den vielen +Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte es, hielt +inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von +einem Bein auf das andre. +</p> + +<p> +Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen, +und seine Trompeter riefen diesen Befehl auf +griechisch aus. Seit Xanthipp war Griechisch die Kommandosprache +im karthagischen Heere. +</p> + +<p> +Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner +mit Peitschenhieben zurück, und alsbald nahten die Hauptleute +der nach spartanischem Muster gebildeten Phalanx +und die Offiziere der Barbarenkompagnien in ihren nationalen +Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht +war herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum +in der Ebene. Da und dort brannten Lagerfeuer. Man +ging von einem zum andern und fragte einander: »Was +soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?« +</p> + +<p> +Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen +Lasten der Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der +Tribut an die Römer sei erdrückend ... »Wir wissen +nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist wirklich beklagenswert!« +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem +Aloespatel, oder er unterbrach sich, um aus einer silbernen +Schale, die ein Sklave ihm reichte, einen Trank +aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln zu +schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem +Scharlachtuch und hub wieder an: +</p> + +<p> +»Was früher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei +Sekel Gold. Die während des Krieges verwahrlosten +Äcker bringen nichts ein. Unsre Purpurfischereien sind +fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen werden +äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug +zum Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft, +so will ich gar nicht davon reden ... Das ist +ein Elend! Aus Mangel an Galeeren bekommen wir +keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze +von Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium +verschaffen. Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte, +ist uns jetzt verschlossen. Gestern erst habe ich für einen +Badeknecht und vier Küchenjungen mehr gezahlt als für +ein Paar Elefanten!« +</p> + +<p> +Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne +eine einzige Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von +der Regierung gemacht worden waren: so viel hatte die +Wiederherstellung der Tempel gekostet, so viel die Straßenpflasterung, +so viel der Bau der Kriegsschiffe, so viel die +Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien +und so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande +der Kantabrer. +</p> + +<p> +Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch +wie die Gemeinen, wiewohl sich die Söldner in dieser +Sprache begrüßten. Man pflegte in den Barbarenheeren +einige karthagische Offiziere anzustellen, die als Dolmetscher +dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege +aus Furcht vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht, +und Hanno hatte nicht daran gedacht, welche +mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe Stimme +im Winde. +</p> + +<p> +Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um +den Leib lauschten gespannt und bemühten sich, Hannos +Worte zu erraten, während die Bergbewohner, in Pelze +gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln beschlagenen +Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder +gähnten. Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend +ihren hohen Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue +Wollkittel gemummt, hörten unbeweglich zu. Andre kamen +von hinten herzu. Die Gardisten, von dem Schwarme gedrängt, +schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten +brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager, +der auf einen Rasenhügel getreten war, fuhr in +seiner Ansprache fort. +</p> + +<p> +Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren +erhob sich. Ein jeder rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte +mit seinem Spatel. Die einen wollten die andern +zum Schweigen bringen, überschrien einander und +vermehrten dadurch den Tumult. +</p> + +<p> +Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor +Hannos Füße, entriß einem Herold die Trompete und +stieß hinein. Spendius war es. Er erklärte, daß er etwas +Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung hin, +die er rasch in fünf Sprachen – griechisch, lateinisch, +gallisch, libysch, balearisch – wiederholte, antworteten +die Hauptleute halb belustigt, halb überrascht: +</p> + +<p> +»Sprich! Sprich!« +</p> + +<p> +Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich +an die Libyer, die am zahlreichsten anwesend waren, und +sagte: +</p> + +<p> +»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes +gehört!« +</p> + +<p> +Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch, +und Spendius wiederholte, um die Probe fortzusetzen, +den nämlichen Satz in den andern barbarischen +Sprachen. +</p> + +<p> +Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten +alle, in der Einbildung, Hannos Rede doch verstanden +zu haben, zum Zeichen ihrer Zustimmung wie in stummer +Übereinkunft mit den Köpfen. +</p> + +<p> +Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme: +</p> + +<p> +»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker +seien neben Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er +hat euch Feiglinge, Gauner, Lügner, Hunde und Söhne +von Hündinnen genannt! Ohne euch – so hat er gesagt – wäre +die Republik nicht gezwungen, den Römern +Tribut zu zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet +ihr die Vorräte an Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven +und Silphium erschöpft, denn ihr wäret im Einvernehmen +mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die +Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis +dieser Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern, +beim Schiffsbau und bei der Ausschmückung +der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen sollen im Lande +der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!« +</p> + +<p> +Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern, +den Baleariern. Da die Söldner mehrere von den +Eigennamen, die ihr Ohr bei Hannos Rede getroffen +hatte, wieder heraushörten, so waren sie überzeugt, daß +Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben +habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!« +Doch der Lärm der übrigen verschlang ihre Stimmen. +</p> + +<p> +Spendius begann abermals: +</p> + +<p> +»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem +Lager eine Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein +Signal stürmen sie herbei, um euch alle zu erwürgen!« +</p> + +<p> +Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung. +Da, als sich die Menge gerade teilte, tauchte aus +ihrer Mitte, langsam wie ein Gespenst, ein menschliches +Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig nackt, bis zu +den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von vertrockneten +Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und +Knie waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden. +Die welke erdfarbene Haut hing um seine entfleischten +Glieder wie Lumpen auf dürren Zweigen. Seine +Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen stützte +er sich auf einen Olivenstock. +</p> + +<p> +Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste +wie ein Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch +sehen. Mit großen verstörten Augen schaute er die +Menge der umstehenden Barbaren an. +</p> + +<p> +Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte +hinter sie und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da +sind sie! Da sind sie!« stammelte er, auf die Leibwache +des Suffeten weisend, die in ihrer glänzenden Rüstung +unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom Scheine +der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften +mit den Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im +Krampf am Boden und heulte: +</p> + +<p> +»Sie haben alle erschlagen!« +</p> + +<p> +Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen, +traten die Balearier näher und erkannten in ihm +einen Kameraden namens Zarzas. Ohne ihnen zu antworten, +wiederholte er: +</p> + +<p> +»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben! +Die schönen Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden, +meine und eure!« +</p> + +<p> +Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand +er Worte. +</p> + +<p> +Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen, +indes er den Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge +verdolmetschte, die Zarzas berichtete. Er glaubte selbst +kaum daran, so gelegen kamen sie ihm. +</p> + +<p> +Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre +Landsleute umgekommen waren. +</p> + +<p> +Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am +Tage vorher ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde +des Abmarsches verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz +kam, waren die Barbaren schon ausgerückt, und +sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem übrigen +Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch +die Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit +Erzplatten beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte +sich das Volk wie ein Mann auf sie geworfen. +</p> + +<p> +Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch +Geschrei vernommen zu haben. Spendius, der bei der +Spitze der Marschkolonne geritten war, hatte nichts gehört. +</p> + +<p> +Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt +worden, die um den Khamontempel herumstanden. Man +schob den Ermordeten alle Verbrechen der Söldner in die +Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre Diebstähle, ihre Freveltaten, +ihre Übergriffe und den Mord der Fische im Garten +Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf +die schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das +Haar, um die Seelen zu martern. Schließlich hängte +man sie zerstückelt bei den Fleischhändlern auf. Einige +bissen sogar hinein, und am Abend zündete man Scheiterhaufen +an den Straßenecken an, um die letzte Spur von +ihnen zu vertilgen. +</p> + +<p> +Das waren die Feuer, die so weithin über den See +geleuchtet hatten! Da dabei einige Häuser in Brand geraten +waren, hatte man die Reste der Toten und Sterbenden +flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich bis +zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten. +Dann war er auf den Feldern herumgeirrt und +den Spuren des Heeres im Sande gefolgt. Tagsüber +verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er seinen +Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert +und krank, nur von Wurzeln und Aas genährt. +Eines Tages endlich bemerkte er Lanzen am Horizont. +Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand war durch +Schreck und Not verstört. +</p> + +<p> +Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung. +Nun brach sie wie ein Gewitter los. Am liebsten +hätten sie die Gardisten samt dem Suffeten niedergemetzelt. +Einige aber legten sich ins Mittel und sagten, +man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren, +ob sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle: +»Unser Geld!« Hanno erwiderte, er habe es mitgebracht. +</p> + +<p> +Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem +Gepäck, von den Barbaren vorwärts getrieben, gelangten +bis in die Mitte des Lagers. Ohne auf die Sklaven zu +warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man fand darin +hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser, +Bürsten, Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen +der Augen, – alles den Gardisten gehörig, reichen Leuten, +die an solche Luxusdinge gewöhnt waren. Ferner entdeckte +man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne. Sie +gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er +hatte für sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar +Wiesel aus Hekatompylos in Käfigen mitgenommen, +die man lebendig verbrannte, um Arznei für ihn zu bereiten. +Und da die Krankheit seine Eßlust sehr gesteigert +hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein +mit sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes +aus Kommagene und geschmolzenes Gänsefett, +das mit Schnee und Häcksel bedeckt war. Die Vorräte +waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man aufmachte, +kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten +sich vor Lachen. +</p> + +<p> +Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe. +In dem einen erblickte man sogar die runden +Lederstücke, deren sich die Republik zur Ersparnis von +Metallgeld bediente. Als der Suffet das große Erstaunen +der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die Prüfung +ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten +hätten noch keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten +sie ihnen dies. +</p> + +<p> +Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere, +Diener, Sänfte, Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen +die Geldbeutel, um Hanno damit zu erschlagen. +Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh, +sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend, +gestoßen und gequetscht, indes er den Fluch aller Götter +auf das Heer herabflehte. Sein breites Halsgehänge aus +Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit den Zähnen +hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm herschleifte. +Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm +nach: »Pack dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs! +Schwitze in deinem Gold und deiner Pest! Fort! +Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her. +</p> + +<p> +Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann +sich, daß mehrere von ihnen, die sich wieder nach +Karthago gewandt hatten, nicht zurückgekehrt waren. +Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So viele +Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die +Zeltpfähle auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die +Pferde aufzuzäumen. Ein jeder griff nach Helm und +Schwert, und im Nu war alles marschbereit. Wer keine +Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu +schneiden. +</p> + +<p> +Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten +und füllten die Straßen. »Sie marschieren gegen +Karthago!« sagte man, und bald verbreitete sich dies Gerücht +durch die ganze Gegend. +</p> + +<p> +Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten +Menschen herbei. Man sah die Hirten von den Bergen +herabeilen. +</p> + +<p> +Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam +Spendius auf einem punischen Hengste von einem Ritt +durch die Ebene zurück. Sein Sklave folgte ihm mit einem +dritten Pferde zur Hand. +</p> + +<p> +Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat +hinein. +</p> + +<p> +»Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!« +</p> + +<p> +»Wohin?« fragte Matho. +</p> + +<p> +»Nach Karthago!« rief Spendius. +</p> + +<p> +Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der +Tür am Zügel hielt. +</p> + + + + +<h2 id="ch03">III</h2> + +<h2>Salambo</h2> + + +<p> +Der Mond kam über dem Saum der See heraus. Noch +war die Stadt im Dunkel. Nur hier und da blinkten +leuchtende Punkte und lichte Flecke: die Deichsel eines +Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehängtes Stück +Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der +Brust eines Götterbildes. Da und dort funkelten die +Glaskugeln auf den Tempeldächern wie riesige Diamanten, +während linienlose Gebäudeteile, schwarze Flächen Landes +und Baumgruppen in der Dunkelheit noch massiger +und düsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhörte, +spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern, +wie ungeheure Fledermäuse mit entfalteten Flügeln. Das +Knarren der Räder, die das Wasser bis in die obersten +Stockwerke der Paläste trieben, war verstummt. Auf den +Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie Strauße +auf dem Bauche liegend. Die Türhüter schliefen auf den +Straßen vor den Haustüren. Über die menschenleeren +Plätze krochen die Schatten gigantischer Monumente. An +verschiedenen Stellen in der Ferne drang durch die Lücken +eherner Dächer die Lohe von Opferfeuern. Der schwüle +Seewind trug Blütenduft vermischt mit Meeresgeruch +und dem Dunst sonnendurchglühter Mauern her. Rings +um Karthago glitzerte die starre Meeresflut. Der Mond +goß sein Licht über den bergumfriedeten Golf und über +das Haff von Tunis, auf dessen Sanddünen Flamingos in +langen rosigen Reihen hockten, während weiter weg, +hinter der Totenstadt, die große Salzlagune wie eine +Silberplatte glänzte. Das dunkelblaue Himmelsgewölbe +versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen, +auf der andern in den Dämpfen des Meeres. Oben +auf der Akropolis wiegten die hohen spitzigen Zypressen, +die den Eschmuntempel umhüteten, ihre Wipfel und +rauschten genau so monoton wie die Wogen, die zu +Füßen der Befestigungen in schwerfälliger Regelmäßigkeit +an den Quadern des langen Hafendammes zerstoben. +</p> + +<p> +Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt +von einer Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende +Kohlen trug. Mitten auf der Terrasse stand ein niedriges +Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle und mit Papageienfedern +gefüllte Kissen lagen darauf. Diese weissagenden +Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken +waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien, +Narde, Zimt und Myrrhen. Die Sklavin entzündete das +Räucherwerk. +</p> + +<p id="p061"> +Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich +die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen +Sande nieder, der – ein zweiter Himmel – mit goldenen +Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die +Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete die +Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht +voll ins Angesicht schien, und sprach: +</p> + +<p> +»O Rabbetna ... Baalet ... Tanit!« Das klang wie +Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis ... +Astarte ... Derketo ... Astoreth ... Mylitta ... +Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen Symbolen ... +in der heiligen Musik ... in den Furchen der +Äcker ... im ewigen Schweigen ... und in der ewigen +Fruchtbarkeit ... Herrin des düsteren Meeres ... und +der blauen Gestade ... o Königin des Feuchten ... sei +mir gegrüßt!« +</p> + +<p> +Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und +zurück, dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen mit +der Stirn in den Sand. Die Sklavin richtete sie sofort +wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß mußte man +den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter +ihn erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme +Pflicht niemals. +</p> + +<p> +Kaufleute aus dem darischen Gätulien hatten Taanach als +kleines Kind nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer +Freilassung hatte sie ihre Herrschaft nicht verlassen, was +das weite Loch in ihrem rechten Ohrläppchen vermeldete. +Ihr buntgestreifter Rock, um die Hüften von einem Gürtel +gehalten, reichte bis zu den Knöcheln hinab, an denen +je zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes +Gesicht war gelb wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe +bildeten überlange silberne Nadeln eine Sonne. +Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So stand +sie, starr wie eine Bildsäule, mit fast geschlossenen Lidern, +neben dem Ruhebett. +</p> + +<p> +Salambo trat an das Geländer der Terrasse. Einen +Augenblick lang liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann +senkten sie sich zur schlummernden Stadt. Sie stieß einen +Seufzer aus, der ihren Busen schwellte und das lange +weiße spangen- und gürtellose Schleppgewand von oben +bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwärts +gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Fülle +von Smaragden, und ihr loses Haar ward von einem Netz +aus Purpurfäden zusammengehalten. +</p> + +<p> +Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond. +Indem sie Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte, +murmelte sie. +</p> + +<p> +»Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des +ungreifbaren Äthers. Um dich herum schläft er. Erst +deine Bewegung und dein Gang wecken die Winde und +streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du zunimmst +oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken +der Panther groß oder klein. In Kindesnöten schreien +die Mütter deinen Namen. Du läßt die Muscheln schwellen, +den Wein gären, die Toten zu Staub zerfallen. Du +formst die Perlen im Meeresgrunde. +</p> + +<p> +»O Göttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen +deiner Nebel. Wenn du erscheinst, fließt Frieden in die +Welt hinab. Die Blumen schließen sich, die Fluten schlummern +ein, die müden Menschen strecken sich nieder, die +Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren +und Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie +in einem Spiegel. Weiß bist du, mild, licht, makellos, +hilfreich, beseligend und heiter!« +</p> + +<p id="p063"> +In diesem Augenblicke stand die Mondsichel über dem +Berge der heißen Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden +Gipfeln, jenseits des Golfes. Unter ihr blinzelte ein +kleiner Stern, und um sie herum schimmerte fahler Schein. +Salambo fuhr fort: +</p> + +<p> +»Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich +entstehen die Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die +trügerischen Träume. Dein Blick nagt an den Steinen +der Häuser, und die Affen werden krank, sooft du dich +verjüngst. +</p> + +<p> +»Wohin läufst du? Warum wandelt sich immerfort deine +Gestalt? Als schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff +ohne Mast durch den weiten Weltraum. Hütest die Schar +der Sterne, wie ein hagerer Schäfer seine Herde. Rund +aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines +Wagens über den Kamm der Berge. +</p> + +<p> +»O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu +dir empor. Nein, nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau, +und ich bleibe auf der starren Erde. +</p> + +<p> +»Taanach, nimm die Harfe und rühre lind und leise die +silberne Saite, denn mein Herz ist traurig!« +</p> + +<p> +Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz, +höher als sie selber und dreieckig wie ein Delta, +stellte es mit der unteren Spitze in einen Glasnapf und +begann mit beiden Händen zu spielen. +</p> + +<p> +Die Töne folgten dumpf und ungestüm aufeinander wie +Bienengesumm. Allmählich wurden sie heller und lauter +und flohen in die Nacht hinaus, zu den wimmernden +Wogen und den rauschenden hohen Bäumen auf der Kuppe +der Akropolis. +</p> + +<p> +»Hör auf!« rief Salambo. +</p> + +<p> +»Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter +weht, Wolken, die schon wieder weg sind, alles bewegt und +erregt dich jetzt.« +</p> + +<p> +»Ich weiß es nicht!« +</p> + +<p> +»Du machst dich matt durch zu viel Beten.« +</p> + +<p> +»O Taanach, ich möchte in meinem Gebete zerfließen +wie der Duft einer Blume im Wein.« +</p> + +<p> +»Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?« +</p> + +<p> +»Nein!« sagte Salambo. »In den Wohlgerüchen wohnen +der Götter Seelen.« +</p> + +<p id="p065"> +Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube, +er sei nach dem Lande des Bernsteins gefahren, über die +Säulen des Melkarth hinaus. »Und wenn er nicht wiederkommt,« +flüsterte sie, »dann mußt du dir, wie es sein +Wille war, unter den Söhnen der Alten einen Gatten +wählen. In den Armen eines Mannes wird dann dein +Kummer vergehen.« +</p> + +<p> +»Wieso?« +</p> + +<p> +Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr +allesamt Furcht ein mit ihrem wilden Lachen und ihren +plumpen Gliedern. +</p> + +<p> +»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens +heißer Hauch auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans. +Stimmen rufen mich. In meiner Brust rollt und +kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und vermeine +zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer +meinen Leib vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung +ist's, die mich umfängt. Ich fühle mich bedrückt, +als ob ein Gott sich über mich legte. Ach, ich möchte mich +verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der Quellen, +im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen. +Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein +schimmernder Schein, und aufschweben zu dir, o Mutter!« +</p> + +<p> +Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück. +In ihrem langen Gewande sah sie licht und leicht aus +wie die Mondsichel selbst. Dann sank sie stöhnend auf das +elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr eine Bernsteinkette +mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen die +Angst. +</p> + +<p> +Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo: +</p> + +<p> +»Hol mir Schahabarim!« +</p> + +<p> +Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden +der Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen +Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt +wurde. Er sparte sie für irgendein Bündnis auf, das +seine politischen Pläne fördern sollte. Darum lebte Salambo +einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange +tot. +</p> + +<p> +In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien +war sie aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen +und ernsten Dingen. Ihr Körper war von Parfümerien +durchtränkt, ihre Seele erfüllt von Gebeten. Nie hatte +sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein unheiliges +Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten. +</p> + +<p> +Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen. +Jeder Gott kann sich in verschiedener Gestalt offenbaren, +und voneinander ganz verschiedene Kulte haben oft denselben +Grundgedanken. Salambo betete die Göttin in +ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr jungfräulicher +Leib stand in seinem Banne. Wenn der +Mond abnahm, fühlte sie sich schwach. Den ganzen +Tag über matt und müde, lebte sie immer erst abends +auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe +gestorben. +</p> + +<p> +Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste +entzogene Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen +heim, die um so stärker waren, je wesenloser +sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und wurden +durch ihn genährt. +Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von Tanit beunruhigt. +Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten +und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über +die Lippen kamen, ohne daß sie damit deutliche Vorstellungen +verband. Um in die Tiefe dieses Kults einzudringen, +begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das +altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen +Mantel trug, an dem Karthagos Geschick hing. Der +Gottesbegriff wurde von seiner Verkörperung kaum getrennt. +Wer ein Götterbild berührte oder auch nur ansah, +raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und +gewann in gewisser Weise sogar Macht über ihn. +</p> + +<p> +Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der +goldenen Glöckchen vernommen, die Schahabarim am +Saume seines Kleides trug. Er kam die Treppe herauf. +Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte +die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen +in einer Gruft. Sein linnenes Gewand schlotterte +um einen schlanken mageren Körper. Es war an den +Säumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknöpfen +besetzt. Schahabarim hatte schwächliche Glieder, einen +Kegelkopf und ein spitzes Kinn. Wer seine Hand anfaßte, +empfand Kälte, und sein gelbes tiefgefurchtes +Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer +verzerrt. +</p> + +<p> +Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher. +</p> + +<p> +»Sag, was willst du?« sprach er sie an. +</p> + +<p> +»Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen?« Sie +stockte und geriet in Verwirrung. Plötzlich aber fuhr +sie fort: »Warum mißachtest du mich? Hab ich irgendeine +fromme Pflicht versäumt? Du bist mein Lehrmeister. +Du hast mir gesagt, niemand wüßte so viel von der Göttin +wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst. +Hab ich recht, Vater?« +</p> + +<p> +Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte: +</p> + +<p> +»Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.« +</p> + +<p> +Da sagte sie: +</p> + +<p> +»Etwas Geheimnisvolles treibt mich zu meiner Verehrung. +Ich bin die Stufen Eschmuns hinaufgestiegen, +des Gottes der Planeten und der denkenden Wesen. Ich +habe unter dem goldenen Ölbaume Melkarths geschlafen, +des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch +die Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders +und Befruchters. Ich habe den Erdgeistern geopfert, den +Göttern der Wälder, der Winde, der Ströme und der +Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu fremd. Verstehst +du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie +erfüllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen. +Mir ist's, als wolle sie sich aus mir herauswinden, um +sich von mir loszumachen. Ich vermeine ihre Stimme zu +hören, ihr Angesicht zu schauen. Blitze blenden mich ... +und dann sinke ich zurück in die Finsternis.« +</p> + +<p> +Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich +bittenden Blicken an. Endlich gab er ihr einen Wink, +die Sklavin wegzuschicken, die nicht von kanaanitischer +Rasse war. +</p> + +<p> +Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme +gen Himmel und hub an: +</p> + +<p> +»Ehe es noch Götter gab, herrschte Finsternis, und es +wehte ein Hauch, schwül und trüb wie das Bewußtsein +der Menschen im Traume. Der Hauch verdichtete sich und +erzeugte Gewölk und die Sehnsucht. Und aus der Sehnsucht +und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war +ein tiefer, schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten +fühllose Ungeheuer, zusammenhangslose Elemente der +werdenden Wesen, wie sie auf den Wänden der Tempel +abgebildet sind. +</p> + +<p> +»Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei. +Das zerbarst. Die eine Hälfte wurde zur Erde, die andere +zum Himmelsgewölbe. Sonne, Mond, Winde und +Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die denkenden +Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf, +Khamon erstrahlte in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit +starkem Arm bis hinter Gades zurück. Die Erdgeister +stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna neigte sich +gleich einer Amme über die Welt, und spendete ihr Licht +wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu +wie mit einem Mantel ...« +</p> + +<p> +»Und dann?« fragte Salambo. +</p> + +<p> +Er hatte ihr das Geheimnis der Schöpfung erzählt, um +sie durch weite Ausblicke abzulenken. Aber an seinen +letzten Worten entzündete sich das Begehren der Jungfrau +von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem Nachgeben +fort: +</p> + +<p> +»Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...« +</p> + +<p> +»Die Liebe im Menschen ...« wiederholte Salambo +versonnen. +</p> + +<p> +Der Hohepriester redete weiter: +</p> + +<p> +»Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie überall webt +und lebt, ist ihre Heimat hier bei uns unter dem heiligen +Mantel.« +</p> + +<p> +»O Vater!« rief Salambo. »Ich werde sie schauen, +nicht wahr? Du wirst mich zu ihr führen! Lange hab ich +gezaudert. Das Begehren, sie zu sehen, verzehrt mich. +Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!« +</p> + +<p> +Mit heftiger und hochmütiger Gebärde stieß er sie zurück. +</p> + +<p> +»Niemals! Weißt du nicht, daß man dann sterben muß? +Die doppelgeschlechtlichen Götter entschleiern sich nur uns +allein, die wir Männer durch den Geist und Weiber durch +die Schwäche sind. Dein Begehren ist Gotteslästerung. +Begnüge dich mit dem, was du kennst!« +</p> + +<p> +Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue +die beiden Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert +durch die Worte des Priesters. Zorn, Schrecken +und Demut erfüllten sie gleichzeitig. +</p> + +<p> +Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefühlloser +als die Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos +Gestalt herab, die zitternd zu seinen Füßen lag, und empfand +eine seltsame Freude, weil er sie für seine Gottheit, +die selbst er nicht ganz zu erfassen imstande war, +so leiden sah. +</p> + +<p> +Schon begannen die Vögel zu singen, kalter Wind +wehte, und kleine Wölkchen jagten über den erblassenden +Himmel. +</p> + +<p> +Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis +etwas wie einen leichten Nebelstreifen, der über das +Land hin zu ziehen schien. Eine Weile später verwandelte +sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von +grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mächtigen Masse +tauchten Kamelköpfe, Lanzen und Schilde auf. +</p> + +<p> +Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago +vormarschierte. +</p> + + + + +<h2 id="ch04">IV</h2> + +<h2>Vor den Mauern von Karthago</h2> + + +<p> +Landleute, auf Eseln oder zu Fuße, strömten bleich, atemlos +und irr vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor +dem Heere. In drei Tagen hatte es den Weg von Sikka +zurückgelegt, um Karthago zu berennen und in Grund und +Boden zu zerstören. +</p> + +<p> +Man schloß die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen +die Barbaren, machten jedoch auf der Mitte der Landenge +am Haffufer Halt. +</p> + +<p> +Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere +kamen nahe heran, Palmenzweige in den Händen. Man +trieb sie mit Pfeilschüssen zurück. So groß war die Bestürzung. +</p> + +<p> +Frühmorgens und in der Abenddämmerung patrouillierten +Aufklärer vor den Stadtmauern. Besonders fiel +ein kleiner Mann auf, der sorgfältig in einen Mantel gehüllt +war und dessen Gesicht unter der tief herabgezogenen +Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und betrachtete +den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher +Beharrlichkeit, daß er die Karthager offenbar über seine +wahren Absichten täuschen wollte. Ein andrer begleitete +ihn, ein wahrer Riese, der barhäuptig einherging. +</p> + +<p> +Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark +befestigt: zuerst durch einen Graben, dann durch einen +Rasenwall und schließlich durch eine dreißig Ellen hohe +zweistöckige Quadermauer. Darin befanden sich Ställe +für dreihundert Elefanten, Rüstkammern für ihre Harnische +und ihr Kettenzeug, dazu Futterböden. Ferner +Unterkunftsräume für viertausend Pferde samt Sattelzeug +und Fourage, sowie Kasernen für zwanzigtausend +Soldaten mit ihren Rüstungen und allem Kriegsgerät. +Aus dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrönte +Türme, die an der Außenseite Panzerplatten, an Krampen +befestigt, trugen. +</p> + +<p> +Diese erste Befestigungslinie schützte unmittelbar Malka, +das Viertel der Seeleute und Färber. Masten ragten da, +an denen Purpurgewebe trockneten, während aus den +flachen Dächern weiter weg Tonöfen zum Sieden der +Salzlake rauchten. +</p> + +<p> +Dahinter türmte sich amphitheatralisch die Stadt mit +ihren hohen würfelförmigen Häusern, die teils aus Steinen, +teils aus Holz, Sand, Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut +waren. Die Tempelhaine schimmerten wie grüne +Seen in diesem Gebirge bunter Blöcke. Die öffentlichen +Plätze bildeten in unregelmäßigen Abständen Ebenen +darin. Zahllose Gassen durchschnitten das Häusermeer +kreuz und quer, von oben bis unten. Man erkannte die +Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die jetzt miteinander +verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie +steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflächen, +halb mit Blumen überwachsen, geschwärzt +und von breiten Ausgußstreifen durchzogen. Durch die +klaffenden Lücken liefen Straßen, wie Flüsse unter +Brücken. +</p> + +<p> +Der Hügel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das +heißt des Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem +Wirrwarr von Bauwerken. Da standen Tempel mit gewundenen +Säulen, die eherne Kapitäle und metallene +Ketten trugen, blaugestreifte mörtellose Steinkegel, kupferne +Kuppeldächer, Marmorarchitrave, babylonische +Strebepfeiler, Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit +der Spitze auf dem Boden ruhten. Vorhallen stießen an +Giebel, Voluten kräuselten sich zwischen Säulengängen, +Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwände. Das +alles kletterte eins über das andre und vermengte sich in +wunderlicher, unbegreiflicher Weise. Es kündete vom +Wechsel der Zeiten und rief die halbvergessene Heimat +der einzelnen Erbauer wach. +</p> + +<p> +Hinter der Akropolis zog sich durch rötliches Erdreich, +mit Grabmälern besäumt, die Straße der Mappalier +schnurgerade von der Küste bis zur Gräberstadt. Seitwärts +sah man lange Gebäude, von Gärten umgeben. +Das dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte +sich bis zur felsigen Meeresküste, über der sich ein riesiger +Leuchtturm erhob, Nacht für Nacht sein Licht spendend. +</p> + +<p> +So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der +Ebene lagernden Söldner. +</p> + +<p> +Von fern erkannten sie die Marktplätze und Straßenkreuzungen. +Sie stritten sich über die Lage der Tempel. +Der Khamontempel gegenüber den Syssitien hatte goldene +Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom Eschmuntempel +trug Korallenäste auf seinem Dache. Weiterhin +wölbte sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom +Heiligtume Tanits. Das düstere Haus Molochs stand am +Fuße der Zisternen nach der Seite des Leuchtturms hin. +Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern, an +den Ecken der Plätze, überall erblickte man Götterbilder +mit scheußlichen Köpfen, riesengroß oder untersetzt, mit +dicken oder unnatürlich platten Bäuchen, offnen Mäulern +und ausgestreckten Armen, Gabeln, Ketten oder Speere +in den Händen. Im Hintergrunde der Straßen aber, die +durch den schrägen Einblick noch steiler erschienen, schimmerte +das blaue Meer. +</p> + +<p> +Eine lärmende Menge erfüllte die Straßen vom Morgen +bis zum Abend. Knaben schrien, Schellen schwingend, +an den Türen der Bäder. Die Buden mit warmen Getränken +rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der Ambosse. +Auf den Terrassen krähten die weißen, der Sonne +geweihten Hähne. In den Tempeln brüllten die Opferstiere, +die man abwürgte. Sklaven mit Körben auf den +Köpfen eilten dahin, und in der Tiefe der Säulenhallen +tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem Mantel, +barfüßig und mit spitzer Mütze. +</p> + +<p> +Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren. +Sie bewunderten und verabscheuten es. Sie hätten es +gleichzeitig zerstören und bewohnen mögen. Was barg +dort der Kriegshafen, den eine dreifache Mauer beschirmte? +Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch +höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß. +</p> + +<p> +Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er +kletterte auf Olbäume und beugte sich vor, indem er die +Augen mit der Handfläche beschattete. Aber die Gärten +waren leer, und die rote Tür mit dem schwarzen Kreuz +blieb beständig geschlossen. +</p> + +<p> +Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte +nach einem Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts +stürzte er sich in den Golf und schwamm drei Stunden +lang. Er gelangte bis an das Seetor und wollte die steile +Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig und +zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins +Meer und kehrte um. +</p> + +<p> +Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf +dieses Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden, +der sie leiblich besessen hätte. Seine Erschöpfung +hörte auf, und tolle fortwährende Tatenlust erfüllte ihn. +Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und rauher +Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er +saß am Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand. +Oder er schoß mit Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier. +Sein Herz quoll in wütenden Worten über. +</p> + +<p> +»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden +Streitwagen!« sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe, +verwüste und morde! Derlei Leid wird nur mit Blut +gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen kannst, so +mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!« +</p> + +<p> +Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner. +Er ließ sie schonungslos exerzieren. Man achtete +ihn wegen seines Mutes und vor allem um seiner Kraft +willen. Außerdem flößte er eine Art mystische Furcht ein: +man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel +ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das +Heer in guter Zucht. Die Karthager hörten in ihren +Häusern die Trompetensignale, die den Dienst regelten. +Nun rückten die Barbaren näher. +</p> + +<p> +Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier +Heere bedurft, die ihnen gleichzeitig in den Rücken +hätten fallen müssen, nachdem das eine im Golfe von +Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet +wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner +Garde beginnen, die höchstens sechstausend Mann stark +war? Wandten sich die Barbaren nach Osten, so konnten +sie sich mit den Nomaden vereinigen und die Straße nach +Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten +sie sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich +mußte der Mangel an Lebensmitteln sie früher oder später +zwingen, die Umgegend zu verwüsten wie Heuschreckenschwärme. +Die Patrizier zitterten für ihre schönen Landsitze, +ihre Weingärten und Äcker. +</p> + +<p> +Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln +vor. Man solle auf den Kopf jedes Barbaren einen hohen +Preis setzen oder ihr Lager mit Hilfe von Schiffen und +Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder Gisgo +dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber +die Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke. +Sie fürchteten in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten +sich, aus Angst vor der Monarchie, alles zu schwächen, +was noch davon bestand oder zu ihr zurückführen +konnte. +</p> + +<p> +Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer +Rasse und unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine +und aßen Weichtiere und Schlangen. In Fallgruben +fingen sie lebendige Hyänen, die sie des Abends +zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen +den Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus +Schlamm und Schilf klebten am Hange der Küste wie +Schwalbennester. So lebten sie ohne Regierung und ohne +Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und schwächlich +zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung +wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten +die Posten, daß sie sämtlich verschwunden waren. +</p> + +<p> +Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen +Entschluß. Sie gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit +offenen Sandalen ins Lager, wie zu Nachbarn. Ruhigen +Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße zu +und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu +sprechen. Sie erklärten, es sei alles beendet, und man +wolle ihren Ansprüchen gerecht werden. +</p> + +<p> +Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Söldnerlager. +Statt des Durcheinanders, das sie vermutet hatten, +herrschte überall Ordnung und beängstigende Stille. Das +ganze umschloß ein hoher Rasenwall, der den Geschossen +der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte. +Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt. +Durch die Zelttüren erblickte man wilde Augen, die im +Dunkeln glühten. Die Lanzenpyramiden und die aufgehängten +Rüstungen blendeten wie Spiegel. Die Karthager +sprachen leise miteinander und nahmen sich in +acht, daß sie mit ihren langen Mänteln nichts umrissen. +</p> + +<p> +Die Söldner forderten Lebensmittel und verpflichteten +sich, sie mit dem ausstehenden Solde zu bezahlen. +</p> + +<p> +Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhühner, getrocknete +Früchte und Lupinen, auch geräucherte Makrelen von +jener vortrefflichen Sorte, die Karthago nach allen Häfen +versandte. Doch die Söldner betrachteten das prächtige +Vieh geringschätzig von allen Seiten, und indem sie herabsetzten, +was sie begehrten, boten sie für einen Widder den +Preis einer Taube, für drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel +wert war. Die »Esser unreiner Speisen« warfen +sich zu Sachverständigen auf und behaupteten, man +betröge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren Schwertern +herum und drohten mit Mord und Totschlag. +</p> + +<p> +Bevollmächtigte des Großen Rates buchten die Zahl der +Dienstjahre, für die man jedem Soldaten den Sold schuldete. +Doch es war jetzt unmöglich noch zu wissen, wieviele +Söldner man angenommen hatte, und die Alten +waren entsetzt über die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen +hatten. Man war gezwungen, die Silphiumvorräte +zu verkaufen und die Handelsstädte zu besteuern. Die +Söldner mußten indessen ungeduldig werden. Schon hatte +Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos Wutausbrüche +und die Vorwürfe seines Amtsgenossen nervös gewordenen +Patrizier legten es deshalb jedem Bürger nahe, +der zufällig einen der Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen +und ihm gute Worte zu geben, damit er wieder +freundlich gesinnt würde. Solches Vertrauen sollte die +Söldner beruhigen. +</p> + +<p> +Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien +begaben sich zu den Barbaren. +</p> + +<p> +Diese ließen alle Karthager ins Lager, aber nur durch +einen einzigen Eingang, der so eng war, daß sich vier +nebeneinandergehende Männer mit den Ellbogen berührten. +Spendius stand an der Schranke und ließ alle genau +durchsuchen. Matho, ihm gegenüber, musterte die +Menge, um irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo +gesehen hatte. +</p> + +<p> +Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen +und Leben. Die beiden deutlich unterscheidbaren +Massen vermengten sich, ohne sich völlig zu vermischen: +die eine in leinenen oder wollenen Gewändern mit Filzhüten, +die wie Pinienäpfel aussahen, die andere in Panzerkleid +und Helm. Zwischen den Troßknechten und +Marketendern trieben sich Weiber von allerhand Rassen +umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so grünlich, +wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in +Spelunken aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der +Plünderung von Städten gefangen. Man hetzte sie mit +Liebe, solange sie jung waren, und überhäufte sie mit +Schlägen, wenn sie alt wurden, bis sie schließlich auf +irgendeinem Rückzuge, mit dem Gepäck und den Lasttieren +im Stich gelassen, am Wege starben. Die Frauen der +Nomaden gingen wiegenden Schrittes, in karierten gelbroten +langen Kamelhaarröcken. Lautenspielerinnen aus +der Kyrenaika, in violette Gaze gehüllt, mit gemalten +Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte +Negerweiber mit Hängebrüsten lasen Tiermist auf, den +man dann in der Sonne dörrte und zum Feueranmachen +benutzte. Die Syrakusanerinnen trugen Goldplättchen im +Haar, die Frauen der Lusitanier Muschelhalsbänder, die +Weiber der Gallier Wolfsfelle über der weißen Brust. +Kräftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten, +rannten den Vorübergehenden mit dem Kopf vor den +Leib oder schlichen sich hinterrücks heran wie junge Tiger, +um sie in die Finger zu beißen. +</p> + +<p> +Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt über +die Menge von Gegenständen, mit denen es vollgepfropft +war. Die Allerärmsten wurden traurig. Die andern ließen +sich ihre Unruhe nicht anmerken. +</p> + +<p> +Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie +aufzuheitern. Wen immer sie erblickten, den luden sie zu +ihren Spielen ein. Beim Diskoswerfen richteten sie es +dann so ein, daß dem Aufgeforderten die Füße zerquetscht +wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm +beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten +die Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwörer +mit ihren Vipern, die Reiter mit ihren Pferden. +Die an friedliche Beschäftigungen gewöhnten Leute +ließen alle Verhöhnungen stumm über sich ergehen und +bemühten sich sogar zu lächeln. Einige, die sich tapfer +zeigen wollten, gaben zu verstehen, daß sie Soldaten werden +möchten. Man hieß sie Holz spalten und Maultiere +striegeln oder schnallte sie in eine Rüstung und rollte sie +wie Tonnen durch die Lagergassen. Wenn sie sich dann +zum Aufbruch anschickten, rauften sich die Söldner unter +albernen Verrenkungen die Haare. +</p> + +<p> +Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben, +alle Karthager für steinreich. Sie liefen hinter +ihnen her und baten und bettelten, ihnen etwas zu schenken. +Sie begehrten alles, was ihnen gefiel: Ringe, Gürtel, +Sandalen, Gewandfransen, alles mögliche, und +wenn der ausgeplünderte Karthager schließlich ausrief: +»Ich habe nichts mehr! Was willst du noch« so antworteten +sie: »Dein Weib!« oder auch wohl: »Dein Leben!« +</p> + +<p> +Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt, +den Soldaten vorgelesen und endgültig anerkannt. Nun +forderten sie Zelte. Man gab sie ihnen. Dann verlangten +die Offiziere der Griechen eine Anzahl der schönen +Rüstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Große +Rat bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und +billig, behaupteten sodann die Reiter, daß die Republik +sie für ihre eingebüßten Pferde entschädige. Der eine +behauptete, bei der und jener Belagerung drei, ein +andrer auf dem und jenem Marsche fünf verloren zu +haben. Einem dritten waren beim Passieren des Gebirges +vierzehn abgestürzt. Man bot ihnen Hengste von Hekatompylos +an, aber alle zogen Geld vor. +</p> + +<p id="p080"> +Weiterhin verlangten sie, daß man ihnen in bar – in +Silbermünzen, nicht in Ledergeld – alles Getreide bezahlte, +das man ihnen noch schuldete, und zwar zu dem höchsten +Preise, den es während des Krieges gehabt hatte, so daß +sie für ein Maß Mehl vierhundertmal mehr verlangten, +als sie für einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten. +Diese Unredlichkeit empörte die Karthager; trotzdem mußten +sie nachgeben. +</p> + +<p> +Danach söhnten sich die Bevollmächtigten der Söldner +mit den Abgesandten des Großen Rates aus, wozu sie +beim Schutzgeist Karthagos und bei den Göttern der Barbaren +schworen. Unter morgenländischem Wortschwall +und Gebärdenspiel überboten sie einander in Entschuldigungen +und Schmeicheleien. Dann forderten die Söldner +als Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verräter, +die das Heer mit der Republik veruneinigt hätten. +</p> + +<p> +Man tat, als verstände man sie nicht. Jene erklärten +sich etwas deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten. +</p> + +<p> +Täglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus +und trieben sich am Fuße der Mauern herum. Sie riefen, +man solle ihnen den Kopf des Suffeten herabwerfen, und +breiteten ihre Mäntel aus, um ihn aufzufangen. +</p> + +<p> +Der Große Rat hätte vielleicht auch hierin nachgegeben, +wenn nicht ein letztes Ansinnen gestellt worden wäre, unverschämter +als alle andern. Die Söldner forderten nämlich +Jungfrauen aus den vornehmsten Häusern zu Gattinnen +für ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von +Spendius, den manche ganz einfach und sehr wohl ausführbar +fanden. Aber die Anmaßung der Barbaren, sich +mit punischem Blute vermischen zu wollen, empörte das +karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bündig, +daß sie nichts mehr zu empfangen hätten. Nun schrien +sie, man habe sie betrogen, und wenn der Sold nicht +binnen drei Tagen ankäme, würden sie nach Karthago +kommen und sich ihn selbst holen. +</p> + +<p> +Die Unredlichkeit der Söldner war nicht so groß, wie +ihre Feinde meinten. Hamilkar hatte ihnen tatsächlich +wiederholt und in feierlicher, wenn auch unbestimmter +Form weitgehende Versprechungen gemacht. Bei ihrer +Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anlaß gehabt +zu glauben, man würde ihnen die Stadt preisgeben, +deren Schätze sie unter sich teilen sollten. Als sie nun +aber merkten, daß ihnen kaum der Sold ausgezahlt ward, +war dies eine Enttäuschung für ihren Stolz wie für ihre +Begehrlichkeit. +</p> + +<p> +Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale +Alexanders nicht Beispiele wunderbaren Glücks geliefert? +Das Vorbild des Herkules, den die Kanaaniter der Sonne +verglichen, stand allen Soldaten leuchtend vor Augen. +Man dachte daran, daß einfache Krieger Kronen errungen +hatten, und der dröhnende Sturz großer Reiche +verführte den Gallier in seinen Eichenwäldern, den Äthiopier +in seinen Sandwüsten zu hohen Träumen. Und es +gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer +auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoßene Dieb, +der auf den Straßen umherirrende Vatermörder, der von +den Göttern verfolgte Tempelschänder, alle Hungrigen +und Verzweifelten rangen sich bis zu dem Hafen durch, +wo der punische Werber Söldner aushob. Gewöhnlich +hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch +hatte sein grenzenloser Geiz es zu einem gefährlichen +Wortbruch verleitet. Die Numidier, die Libyer, ganz +Afrika drohte sich gegen die Punier zu erheben. Nur +das Meer war frei. Dort aber stieß Karthago mit den +Römern zusammen. Wie ein von Mördern Überfallener +blickte es rings dem Tod ins Antlitz. +</p> + +<p> +Es mußte sich wohl oder übel an Gisgo wenden. Die +Barbaren nahmen seine Vermittlung an. Eines Morgens +sahen sie die Ketten des Hafens sinken, und drei flache +Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das Haff +ein. +</p> + +<p> +Am Bug des ersten erblickte man Gisgo. Hinter ihm, +höher als ein Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen +versehen, die hängenden Kronen glichen. Dann tauchte +die Schar der Dolmetscher auf, mit Kopfbedeckungen wie +Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die Brust +tätowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen +und so zahlreich, daß sie Schulter an Schulter standen. +Die drei langen Barken, bis zum Sinken voll, nahten +unter den Beifallrufen des Heeres, das ihnen entgegensah. +Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm entgegen. +Er ließ aus Säcken eine Art Rednerbühne errichten und +erklärte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos +gelöhnt wären. +</p> + +<p> +Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht +wieder zu Worte kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler +der Republik und die der Barbaren. Die Schuld läge +an einigen Meuterern, die Karthago durch ihre Gewalttätigkeit +erschreckt hätten. Der beste Beweis für die +guten Absichten der Karthager sei der, daß man ihn, den +unversöhnlichen Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt +habe. Sie sollten die Republik weder für so töricht +halten, daß sie sich tapfere Männer verfeinden wolle, +noch für so undankbar, daß sie ihre Dienste verkenne. +Darauf schickte er sich an, die Söldner abzulohnen, indem +er mit den Libyern begann. Da sie die Listen für +unrichtig erklärten, so bediente er sich ihrer nicht. +</p> + +<p> +Sie zogen nach Stämmen geordnet an ihm vorüber, indem +sie mit hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre +angaben. Man malte jedem, der seine Löhnung empfangen, +mit grüner Farbe ein Zeichen auf den linken +Arm. Schreiber zahlten aus der geöffneten Kiste, während +andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel +auf eine Bleiplatte ritzten. +</p> + +<p> +Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann +heran. +</p> + +<p> +»Komm einmal zu mir herauf!« gebot der Suffet, der +einen Betrug witterte. »Wieviel Jahre hast du gedient?« +</p> + +<p> +»Zwölf!« antwortete der Libyer. +</p> + +<p> +Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die +Schuppenketten der Helme verursachten nämlich nach +langem Tragen an dieser Stelle der Haut Schwielen, die +man »Johannisbrote« nannte, und »Johannisbrote +haben«, das bedeutete Veteran sein. +</p> + +<p> +»Gauner!« rief der Suffet. »Was dir im Gesicht fehlt, +wirst du auf dem Buckel haben.« Er riß dem Manne +die Tunika ab und entblößte seinen Rücken, der mit blutigen +Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus +Hippo-Diarrhyt. Hohngelächter erscholl. Er ward enthauptet. +</p> + +<p> +Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und +hielt ihnen folgende Rede: +</p> + +<p> +»Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker +abgelohnt sind, werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr +bleibt in Afrika, in Stämme zersplittert und ohne jeglichen +Schutz! Dann wird sich die Republik rächen. Seht +euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schönen +Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverständnis! +Gisgo hintergeht euch! Denkt an die Insel der Totenknochen +und an Xantipp, den sie auf einer morschen +Galeere nach Sparta zurückgesandt haben!« +</p> + +<p> +»Was sollen wir tun?« fragten sie. +</p> + +<p> +»Überlegt's euch!« entgegnete Spendius. +</p> + +<p> +Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablöhnung +der Söldner von Magdala, Leptis und Hekatompylos. +Spendius machte sich an die Gallier heran. +</p> + +<p> +»Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen, +die Balearier, die Asiaten und alle andern dran! Ihr +aber, die ihr nur wenige seid, ihr werdet leer ausgehn! +Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr werdet +keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um +die Verpflegung zu sparen!« +</p> + +<p> +Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit, +den Gisgo in den Gärten Hamilkars geschlagen hatte, +forderte eine Erklärung von ihm. Aber er wurde von +den Sklaven zurückgetrieben und trollte sich mit dem +Schwure, sich zu rächen. +</p> + +<p> +Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnäckigsten +drangen in das Zelt des Suffeten. Um ihn zu +erweichen, ergriffen sie seine Hände und nötigten ihn, +ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und ihre +Wundmale zu betasten. Die noch keine Löhnung erhalten, +gerieten in Wut, während die andern, die ihren Sold +empfangen hatten, nun auch die Entschädigungsgelder für +ihre Pferde forderten. Landstreicher und vom Heere Ausgestoßene +legten Rüstungen an und behaupteten, man +vergäße sie. Jeden Augenblick drängten neue Lärmer herbei. +Die Zelte krachten und fielen zusammen. Die zwischen +die Lagerwälle eingekeilte Menge wogte laut tobend +von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und her. +Wenn der Tumult zu stark wurde, stützte Gisgo den Ellbogen +auf seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete +seine Blicke hinaus auf das Meer. Unbeweglich saß +er dann da, die Finger in seinen Bart vergraben. +</p> + +<p> +Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius +zu unterreden. Dann stellte er sich wieder dem Suffeten +gegenüber auf, und Gisgo fühlte fortwährend seine Blicke +wie zwei flammende Brandpfeile auf sich gerichtet. Über +die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male Schimpfworte +zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm +die Löhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen +Hindernissen einen Ausweg fand. +</p> + +<p> +Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der +Münzen Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen +derartige Erklärungen, daß sie sich ohne Murren zurückzogen. +Die Neger verlangten weiße Muscheln, wie +sie im Innern Afrikas im Verkehr üblich waren. Der +Suffet erbot sich, deren aus Karthago holen zu lassen. +Darauf nahmen sie Silbergeld an wie die anderen. +</p> + +<p> +Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert, +nämlich Frauen. Gisgo erklärte, daß man eine +ganze Karawane von Jungfrauen für sie erwarte, doch +der Weg sei weit, und es würden noch sechs Monde +vergehen. Wenn dann aber die Mädchen wieder in gutem +Körperzustand und reichlich mit Benzoe gesalbt wären, +würde man sie ihnen auf Schiffen in die balearischen +Häfen senden. +</p> + +<p> +Plötzlich sprang Zarzas, wieder schön und kräftig, wie +ein Gaukler auf die Schultern seiner Freunde und schrie, +auf das Khamontor von Karthago hinzeigend: +</p> + +<p> +»Hast du auch welche für die Toten bestimmt?« +</p> + +<p> +Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten, +erglühten in den letzten Sonnenstrahlen. Die +Barbaren wähnten, einen Blutstreifen darauf zu erkennen. +Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von neuem +an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen +Sitz und schloß sich in sein Zelt ein. +</p> + +<p> +Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten +sich seine Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur +Ruhe hingelegt hatten. Sie lagen auf dem Rücken, mit +starren Augen, heraushängender Zunge und blauem Gesicht. +Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre +Glieder waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt +wären. Jeder trug um den Hals eine dünne Binsenschnur. +</p> + +<p> +Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung +der Balearier, die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis +zurückgerufen hatte, bestärkte das von Spendius +erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik +suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein +Ende machen! Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas, +der sich einen Kranz um den Kopf geschlungen hatte, +sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes Schwert. +Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den +andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich +selbst bezahlt zu machen. Die minder Aufgebrachten forderten, +daß die Ablöhnung fortgesetzt würde. Keiner +legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller vereinigte +sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse. +</p> + +<p> +Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen +ausstießen, hörte man sie geduldig an. Sobald +sie aber das geringste Wort für ihn sprachen, wurden sie +unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen hinterrücks +mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften +Säcke sahen blutiger aus als ein Opferaltar. +</p> + +<p> +Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal +wenn Wein getrunken worden war. Dieser Genuß +war in den punischen Heeren bei Todesstrafe verboten. +Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um seiner +Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven +des Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden. +Der Ruf: »Steinigt ihn!« – in jeder Sprache verschieden – ward +von allen verstanden. +</p> + +<p> +Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche +ließ. Angesichts aller Undankbarkeit wollte er trotzdem +die Ehre Karthagos hochhalten. Als die Söldner ihn +daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe versprochen +habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten +zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen +vom Halse und warf es in die Menge als Pfand seines +Eides. +</p> + +<p> +Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen +des Großen Rates. Gisgo legte amtliche +Rechnungen vor, die mit violetter Tinte auf Lammfelle +geschrieben waren. Er verlas alles, was nach Karthago +eingeführt worden war, Monat für Monat und +Tag für Tag. +</p> + +<p> +Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen +den Ziffern sein Todesurteil. +</p> + +<p> +In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch +verkleinert und das Getreide, das in der Zeit der größten +Kriegsnot verkauft worden war, zu einem so niedrigen +Preis angerechnet, daß kein vernünftiger Mensch getäuscht +werden konnte. +</p> + +<p> +»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen, +der Feigling! Aufgepaßt!« +</p> + +<p> +Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter. +</p> + +<p> +Die Söldner ahnten nicht, daß man sie betrog, und nahmen +die Rechnungsauszüge für richtig an. Aber der Überfluß, +der in Karthago geherrscht, versetzte sie in wilde +Eifersucht. Sie zertrümmerten die Sykomorenholzkiste. +Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche Summen +aus ihr hervorgehen sehn, daß man sie für unerschöpflich +gehalten. Gisgo mußte Geld in seinem Zelte +vergraben haben! Man stürmte die Rednerbühne. Matho +war der Anstifter. Als man schrie: »Das Geld! Das +Geld!« antwortete Gisgo schließlich: +</p> + +<p> +»So mag's euer Führer euch geben!« +</p> + +<p> +Fortan schwieg er und blickte mit den großen gelben +Augen seines langen Gesichtes, das weißer war als sein +Bart, kaltblütig in den Tumult. Ein Pfeil, von seinem +eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des Suffeten großem +goldenen Ohrring hängen, und Blut rann, gleich einem +roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab. +</p> + +<p> +Auf einen Wink Mathos stürzten alle auf Gisgo ein. Er +breitete die Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer +Schlinge an den Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu +Boden, und er verschwand im Getümmel der Menge, die +über die Säcke stürmte. +</p> + +<p> +Man plünderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten +Gegenstände fand man darin, und später, bei +genauerem Suchen, noch drei Bilder der Tanit und, in +Affenhaut gewickelt, einen schwarzen Stein, der vom +Monde heruntergefallen sein sollte. +</p> + +<p> +Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet, +angesehene vornehme Männer, sämtlich zur Kriegspartei +gehörig. Man riß sie aus den Zelten und warf +sie kopfüber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten, die +man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfähle +gefesselt. Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen +von Wurfspießen. +</p> + +<p> +Autarit, der sie bewachte, überschüttete sie mit Schimpfworten. +Da sie aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten +sie nicht. Von Zeit zu Zeit warf er ihnen Steine +ins Gesicht, damit sie schreien sollten. +</p> + +<hr /> + +<p> +Am nächsten Tage ergriff eine Art Erschöpfung das Heer. +Jetzt, da der Zorn verraucht war, stellten sich Angst und +Sorge ein. Matho litt an namenloser Traurigkeit. Ihm +war, als habe er Salambo mittelbar beleidigt. Die gefangenen +Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehör zu +ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand +ihrer Grube und fand im Wimmern dort unten etwas +von der Stimme wieder, die sein Herz erfüllte. +</p> + +<p> +Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt +worden waren. Aber während die nationalen Gegensätze +und der persönliche Haß erwachten, fühlte man +auch die Gefahr, die darin lag, diesen Leidenschaften nachzugeben. +Die Vergeltung für den Vorfall mußte furchtbar +ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos +zuvorzukommen. Die Beratungen und öffentlichen Reden +nahmen kein Ende. Jeder sprach, keiner hörte zu, und +Spendius, der sonst so gesprächig war, schüttelte zu allen +Vorschlägen den Kopf. +</p> + +<p> +Eines Abends fragte er Matho beiläufig, ob es keine +Quellen in der Stadt gäbe. +</p> + +<p> +»Nicht eine!« antwortete der. +</p> + +<p> +Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum Seeufer. +</p> + +<p> +»Herr!« begann der ehemalige Sklave. »Wenn dein +Herz unerschrocken ist, will ich dich nach Karthago hineinführen.« +</p> + +<p> +»Auf welche Weise?« fragte der andere, nach Atem +ringend. +</p> + +<p> +»Schwöre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen +und mir wie ein Schatten zu folgen!« +</p> + +<p> +Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief: +</p> + +<p> +»Bei der Tanit, ich schwör es dir!« +</p> + +<p> +Spendius fuhr fort: +</p> + +<p> +»Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fuße +der Wasserleitung, zwischen dem neunten und zehnten +Bogen. Bring eine eiserne Hacke, einen Helm ohne Federbusch +und ein paar Ledersandalen mit!« +</p> + +<p> +Der Aquädukt, von dem er sprach, ein bedeutendes +Bauwerk, das von den Römern später noch vergrößert +wurde, lief schräg über die ganze Landenge hin. Auf +drei übereinandergebauten mächtigen Bogenreihen, mit +Strebepfeilern an den Basen und Löwenköpfen an den +Scheiteln, führte er bis zum westlichen Teil der Akropolis +hin und senkte sich dann zur Stadt hinab, um die +Zisternen von Megara mit einer stromähnlichen Wassermenge +zu versehen. +</p> + +<p> +Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er +knüpfte alsbald eine Art Harpune an das Ende eines +Seiles und ließ dies rasch wie eine Schleuder schwirren. +Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und nun +begannen sie, hintereinander emporzuklimmen. +</p> + +<p> +Als sie das erste Geschoß erreicht hatten, fiel der Haken +bei jedem Wurfe wieder zurück. Bis sie eine geeignete +Stelle entdeckten, mußten sie um die Pfeiler herum auf +dem Sims gehen, den sie bei jeder höheren Bogenreihe +immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das +Seil. Mehrere Male wäre es beinahe gerissen. +</p> + +<p> +Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius +bückte sich von Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit +der Hand zu betasten. +</p> + +<p> +»Hier geht's!« sagte er. »Fangen wir hier an!« Und +indem sie sich beide gegen den Spieß stemmten, den Matho +mitgebracht hatte, gelang es ihnen, eine der Steinplatten +zu lockern. +</p> + +<p id="p092"> +In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die +auf zügellosen Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen +Armreifen tanzten über den undeutlichen Falten ihrer +Mäntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone von +Straußenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze. +</p> + +<p> +»Naravas!« rief Matho. +</p> + +<p> +»Was kümmert uns der?« entgegnete Spendius und +sprang in das Loch, das durch das Aufheben der Platte +entstanden war. +</p> + +<p> +Seiner Weisung gemäß versuchte auch Matho einen der +Steinblöcke zu lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit. +</p> + +<p> +»Es wird auch so gehen!« meinte Spendius. »Geh +voran!« +</p> + +<p> +Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung. +</p> + +<p> +Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber +gerieten sie ins Schwanken und mußten schwimmen. Dabei +stießen sie mit den Händen und Füßen gegen die Wände +des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast unmittelbar +unter den Deckplatten hinfloß. Sie rissen sich +das Gesicht auf. Die Strömung trug sie fort ... Eine +Luft, schwerer als im Grabe, lastete auf ihrer Brust. Die +Arme vor den Kopf haltend, die Knie geschlossen, sich so +lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen sie pfeilschnell +durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, röchelnd +und dem Tode nahe. Plötzlich ward es stockfinster vor +ihnen, und die Strömung wurde reißend. Die beiden +Männer gerieten in das Gefälle ... +</p> + +<p> +Als sie wieder an die Oberfläche der Flut kamen, ließen +sie sich einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen +die Luft ein. Bogenreihen, eine hinter der andern, öffneten +sich in der Mitte mächtiger Mauern, die den Raum in +einzelne Becken zerlegten. Alle waren gefüllt, und das +Wasser in den Zisternen bildete eine einzige Fläche. Durch +die Luftlöcher in den Deckenwölbungen fiel bleicher Schein, +der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum, +der sich nach den Wänden zu verdichtete, ließ diese +ins unbestimmte zurücktreten. Das geringste Geräusch +erweckte lauten Widerhall. +</p> + +<p> +Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen. +Durch die Bogenöffnungen gelangten sie von einem +Becken immer in das nächste. Auf beiden Seiten lief noch +je eine parallele Reihe kleinerer Becken hin. Die Schwimmer +verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe Stelle +zurück. Endlich fühlten sie festen Boden unter den Füßen. +Es war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen +herumlief. +</p> + +<p> +Mit großer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das +Mauerwerk ab, um einen Ausgang zu finden. Aber ihre +Füße glitten ab, und sie stürzten wieder in das tiefe Becken. +Sie kletterten von neuem empor und fielen abermals zurück. +Eine furchtbare Ermüdung überkam sie, als ob ihre Glieder +sich beim Schwimmen im Wasser aufgelöst hätten. Die +Augen fielen ihnen zu. Sie kämpften mit dem Tode. +</p> + +<p> +Da stieß Spendius mit der Hand gegen die Stäbe eines +Gitters. Beide rüttelten daran. Es gab nach, und sie +befanden sich auf den Stufen einer Treppe. Oben kamen +sie vor eine verschlossene Bronzetür. Mit der Spitze eines +Dolches schoben sie den Riegel zurück, der sich nur von +außen öffnen ließ, und plötzlich umfing sie die frische +freie Luft. +</p> + +<p> +Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher +Tiefe. Hier und da ragten Baumgruppen über die +langen Mauerlinien hinweg. Die Stadt lag im Schlummer. +Die Wachtfeuer der Vorposten glänzten wie herabgefallene +Sterne. +</p> + +<p> +Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte, +kannte die Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um +zum Palaste Hamilkars zu gelangen, müsse man sich nach +links wenden und die Straße der Mappalier überschreiten. +</p> + +<p> +»Nein!« sagte Spendius. »Führe mich zum Tempel der +Tanit!« +</p> + +<p> +Matho wollte widersprechen. +</p> + +<p> +»Denke daran!« unterbrach ihn der ehemalige Sklave, +indem er den Arm erhob und nach dem Monde wies, der +am Himmel glänzte. +</p> + +<p> +Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis. +</p> + +<p> +Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die +Wege einfaßten. Das Wasser rann von ihren Leibern in +den Staub. Ihre feuchten Sandalen verursachten kein +Geräusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie +Fackeln glühten, bei jedem Schritt die Gebüsche ab. Er +ging hinter Matho, die Hände an den beiden Dolchen, +die er unter den Armen trug und die ihm, an einem Lederriemen +befestigt, von den Schultern herabhingen. +</p> + + + + +<h2 id="ch05">V</h2> + +<h2>Tanit</h2> + + +<p> +Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich +durch die Mauer zwischen Megara und der Altstadt +am Weitergehn gehindert. Da entdeckten sie einen schmalen +Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und kamen +hindurch. +</p> + +<p> +Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde. +Sie schritten über einen freien Platz. +</p> + +<p> +»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem +fürchte nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!« +</p> + +<p> +Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene +an. Offenbar suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich +noch, wie ich dir damals auf Salambos Terrasse bei +Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem Tage +waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und +mit feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum +der Tanit befindet sich ein geheimnisvoller Mantel, +der vom Himmel gefallen ist und die Göttin umhüllt.« +</p> + +<p> +»Ich weiß es,« entgegnete Matho. +</p> + +<p> +»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist +ein Teil der Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild +weilt. Karthago ist mächtig, weil es diesen Mantel +besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich habe dich +hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!« +</p> + +<p> +Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück. +</p> + +<p> +»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch +einem abscheulichen Frevel nicht helfen!« +</p> + +<p> +»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie +verfolgt dich, und du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich! +Sie soll dir untertan werden! Du wirst fast unsterblich +und unüberwindbar sein!« +</p> + +<p> +Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort: +</p> + +<p> +»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben. +Wir haben weder Flucht, noch Beistand, noch Vergebung +zu erhoffen! Welche Strafe der Götter brauchst du aber +zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den Händen +hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage +elend im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des +Pöbels auf einem Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines +Tages wirst du in Karthago einziehen, von den Priestern +umringt, die deine Sandalen küssen! Und wenn dich dann +noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du +ihn in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben +ihn!« +</p> + +<p> +Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel +besitzen mögen, doch ohne Tempelraub zu begehen. +Er überlegte sich, ob er das Heiligtum wirklich rauben +müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er spann seinen +Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte +stehen, wo er davor erschrak. +</p> + +<p> +»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide +raschen Schritts, Seite an Seite, ohne zu sprechen. +</p> + +<p id="p098"> +Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher. +Die beiden Männer kamen in enge Gassen, +die in tiefem Dunkel lagen. Die geflochtenen Matten, +mit denen die Türen verhängt waren, schlugen gegen die +Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor +Haufen von Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger +Bäume. Ein Rudel Hunde bellte sie an. Plötzlich weitete +sich die Aussicht, und sie erblickten die Westseite der Akropolis. +Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine lange düstere +Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von +Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen +Mauer aus groben Steinen umgrenzt. Spendius +und Matho kletterten darüber. +</p> + +<p> +Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain, +der zum Schutz gegen die Pest und gegen verunreinigte +Luft angelegt war. Hier und da standen Zelte, in denen +man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel, Wohlgerüche, +Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin +und Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke +eingeritzt. +</p> + +<p> +Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo +der Mond nicht schien, fanden keine Gottesdienste statt. +Trotzdem verlangsamte Matho seine Schritte, und vor den +drei Ebenholzstufen, die in die zweite Umzäunung führten, +blieb er stehen. +</p> + +<p> +»Weiter!« ermunterte ihn Spendius. +</p> + +<p> +Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle +unbeweglich, wie aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig +miteinander ab. Der blaue Kies des Weges knirschte +unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte ein +Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen. +Sie kamen vor ein eirundes Becken, über dem +ein Gitter lag. Matho, den die Stille bedrückte, sagte +zu Spendius: +</p> + +<p> +»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.« +</p> + +<p> +»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte +der ehemalige Sklave, »in der Stadt Maphug!« +</p> + +<p> +Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr +hinauf in die dritte Einzäunung. +</p> + +<p> +In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren +Zweige waren über und über mit Bändern und Halsketten +behängt, – von den Gläubigen dargebracht. Nach ein +paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die Tempelfassade. +</p> + +<p> +Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform +der Halbmond ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus, +deren Architrave auf dicken Pfeilern ruhten. Über den +Enden der Gänge und an den vier Ecken des Turmes +flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle +waren mit Granaten und Koloquinten geschmückt. An den +Wänden wechselten Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe +miteinander ab, und ein Zaun aus Silberfiligran +bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe, +die von der Vorhalle abwärts führte. +</p> + +<p> +Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer +smaragdnen Stele ein Steinkegel. Matho küßte sich beim +Vorbeigehen die rechte Hand. +</p> + +<p> +Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose Öffnungen +durchbrachen die Decke, so daß man beim Aufsehen die +Sterne erblickte. Ringsum an den Wänden standen Rohrkörbe, +mit Bärten und Haaren angefüllt, den Erstlingsopfern +junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden +Saales wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel +ein weiblicher Körper hervor. Das dicke bärtige Gesicht +hatte halbgeschlossene Augen und einen lächelnden +Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße +des dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert +hatten. +</p> + +<p> +Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten +Quergang, in dem ein Miniaturaltar an einer +Elfenbeintür stand. Hier war der Gang zu Ende. Nur +die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel war +kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte +Wohnung einer Gottheit. +</p> + +<p> +»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran +hast du nicht gedacht! Wir wollen umkehren!« +</p> + +<p> +Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte +den Mantel haben! Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute – Spendius +glaubte nur an Orakel –, sondern weil +er überzeugt war, daß die Karthager, seiner beraubt, +tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu +finden, schlichen sie hinten um den Tempel herum. +</p> + +<p> +Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen +in verschiedener Bauart. Hier und da ragte ein steinerner +Phallus empor. Große Hirsche streiften friedlich umher +und brachten mit ihren gespaltenen Hufen abgefallene +Pinienäpfel ins Rollen. +</p> + +<p> +Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange +Galerien, die nebeneinander herliefen. Sie enthielten +Reihen kleiner Zellen. An den Zedernholzsäulen hingen +von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor den +Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre +Leiber trieften von Salben und dufteten nach Spezereien +und Weihrauch. Sie waren mit Tätowierungen, Halsbändern, +Ringen, Zinnober- und Antimonmalereien derart +bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen +ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf +der Erde lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen +Springbrunnen schwammen Fische. Weiter hinten, an +der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit gläsernen +Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein +der Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und +über die Gesichter der Schläferinnen. +</p> + +<p> +Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die +Zedernholzwände ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung, +die Wohlgerüche, das Spiel der Lichter, die +Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all diesem +mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn +eins mit der Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus +neue Nahrung, wie die großen Lotosblumen, die aus der +Tiefe des Wassers emporwuchsen. +</p> + +<p> +Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem +beim Verkauf von so vielen Frauen wie diese hier verdient +hätte, und mit raschem Blick schätzte er im Vorübergehen +die goldnen Halsbänder ab. +</p> + +<p> +Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich +wie aus der andern. Sie kehrten wieder zurück in den +unbedeckten Gang. Während Spendius suchte und spähte, +hatte sich Matho vor der elfenbeinernen Tür niedergeworfen +und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den Tempelraub +nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten +zu besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten +zu richten pflegt. +</p> + +<p> +Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung. +»Steh auf!« sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit +dem Rücken an die Wand stellen. Dann setzte er einen +Fuß auf Mathos Hände, den andern auf seinen Kopf, +gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und +verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf +seine Schulter den mit Knoten versehenen Strick fallen, +den Spendius sich um den Leib gewickelt hatte, ehe sie +sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer klomm mit beiden +Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite +seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle. +</p> + +<p> +Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches. +Die Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen +zeigte allein schon, daß man damit überhaupt nicht +rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle Mauern. +Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt. +</p> + +<p> +Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus. +Die beiden gingen darauf zu. Es war ein brennendes +Lämpchen in einer Muschel vor dem Sockel eines Standbildes, +dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das lange +blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten +übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die +in die Steinfliesen eingelassen waren. Matho unterdrückte +einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!« stammelte er. +Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten. +</p> + +<p> +»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem +folgte er ihm. +</p> + +<p> +Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als +ein schwarzes Wandgemälde, das eine Frau darstellte. +Die Beine liefen an der einen Wand empor, und der +Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing +an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern +Wand neigte sich der Körper hinab, mit dem Kopfe +nach unten, so daß die Fingerspitzen den Steinboden berührten. +</p> + +<p> +Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden +Teppich zurück. Der Luftzug blies ihr Licht aus. +</p> + +<p> +Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes +umher. Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter +ihren Füßen. Funken knisterten und sprühten. Sie +schritten wie durch Feuer. Spendius betastete den Boden +und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen ausgeschlagen +war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes, +kaltes, feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen +hinglitt. Durch schmale Spalten im Mauerwerk +drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In diesem Dämmerdunkel +schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große +schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand. +</p> + +<p> +»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl +es ... sie kommt!« +</p> + +<p> +»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr +hier!« +</p> + +<p> +Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen. +Dann erblickten sie rings an den Wänden eine +Unmenge von Tierkarikaturen mit erhobenen Tatzen, die +sich in geheimnisvollem, fürchterlichem Wirrwarr durcheinander +drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte +Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten, +Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen, +und Elefanten mit erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze +Adler durch die blaue Luft schwebten. In gräßlicher +Kraftentfaltung reckten alle ihre unvollständigen oder +verdoppelten Glieder, und auf ihren hervorschießenden +Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen. Alle +Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als +wäre die Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte +sich über die Wände dieser Halle ergossen. +</p> + +<p> +Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise +an den Wänden, von Ungeheuern in Tigergestalt getragen. +Ihre Augen quollen weit vor, wie die der Schnecken. +Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe +wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen +Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die +Allbefruchterin, die zuletzt Erschaffene. +</p> + +<p> +Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen, +Federn, Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge +trug sie silberne Zimbeln, die ihre Wangen berührten. +Ihre großen Augen blickten starr, und auf +ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt, +ein leuchtender Stein, der den ganzen Saal erhellte und +über der Tür in roten Kupferspiegeln widerstrahlte. +</p> + +<p> +Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen +Füßen nach, und plötzlich begannen die Kugeln sich +zu drehen, die Ungeheuer zu brüllen. Dazu erklang +Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie der +Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum. +Matho hatte das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie +hoch wie die Halle, als breite sie die Arme aus. Plötzlich +schlossen die Ungeheuer ihre Rachen, und die Kristallkugeln +standen wieder still. +</p> + +<p> +Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die +Luft, bis sie endlich verhallten. +</p> + +<p> +»Und der Mantel?« fragte Spendius. +</p> + +<p> +Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte +man ihn finden? Wenn ihn die Priester nun versteckt +hatten? Matho empfand einen Stich durch das Herz. Er +kam sich wie genarrt vor. +</p> + +<p> +»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete +ihn. Er zog Matho hinter den Wagen der Tanit, wo +eine Spalte, eine Elle breit, die Mauer von oben bis unten +durchschnitt. +</p> + +<p> +Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so +hoch war, daß man das Gefühl hatte, sich im Innern +einer Säule zu befinden. In der Mitte schimmerte ein +großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein Sessel. +Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges +Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei +Armen. +</p> + +<p> +Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne +funkelten. Aus tiefen Falten leuchteten Figuren hervor: +Eschmun mit den Erdgeistern, wiederum einige Ungeheuer, +die heiligen Tiere der Babylonier und andre, die den +beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein +Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die +langen Enden waren an der Wand hochgezogen und mit +den Zipfeln daran befestigt. Es schillerte blau wie die +Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie die +Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd +und duftig. Das war der Mantel der Göttin, +der heilige Zaimph, den kein Mensch anschauen durfte. +</p> + +<p> +Sie erbleichten beide. +</p> + +<p> +»Nimm ihn!« gebot Matho endlich. +</p> + +<p> +Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt, +machte er den Mantel los, der zu Boden glitt. Matho +hob ihn auf. Dann steckte er seinen Kopf durch den Halsausschnitt +und breitete die Arme aus, um das Gewebe +besser zu betrachten. +</p> + +<p> +»Fort!« rief Spendius. +</p> + +<p> +Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden. +</p> + +<p> +Plötzlich rief er aus: +</p> + +<p> +»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht +mehr vor ihrer Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich? +Jetzt bin ich mehr als ein Mensch! Ich könnte durch +Flammen schreiten, über das Meer wandeln! Begeisterung +reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin +dein Herr und Meister!« +</p> + +<p> +Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher +von Gestalt und wie verwandelt. +</p> + +<p> +Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging +auf, und ein Mann erschien, ein Priester mit hoher Mütze. +Er riß die Augen weit auf. Ehe er aber eine Bewegung +gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte ihn +mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche +in die Seiten gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten +auf die Fliesen. Dann standen sie eine Weile +ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und lauschten. +Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die +offene Tür. +</p> + +<p> +Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn. +Matho folgte. Sie befanden sich fast unmittelbar an der +dritten Umwallung, zwischen den Seitenhallen, in denen +die Priesterwohnungen waren. +</p> + +<p> +Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange +führen. Sie beschleunigten ihre Schritte. +</p> + +<p> +Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder +und wusch sich das Blut von den Händen. Die Frauen +schliefen noch. Der smaragdene Weinstock glänzte. Sie +setzten ihren Weg fort. +</p> + +<p> +Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und +Matho, der den Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand +von unten ganz sacht daran zupfte. Es war ein großer +Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk frei herumliefen. +Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich +um einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen, +aus Furcht, er möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte +sich sein Ärger, und er trabte wiegenden Ganges +mit seinen langen herabhängenden Armen neben ihnen +her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze +in einen Palmbaum. +</p> + +<p> +Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre +Schritte nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff, +daß es erfolglos war, Matho davon abbringen zu wollen. +</p> + +<p> +Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz, +den Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn. +An einer Mauerecke fuhr ein Mann vor ihnen zurück, erschreckt +durch den glänzenden Gegenstand, der die Finsternis +durchstrahlte. +</p> + +<p> +»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius. +</p> + +<p> +Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht. +</p> + +<p> +Endlich erkannten sie die Häuser von Megara. +</p> + +<p> +Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel +weithin mit rotem Schein, und der Schatten des +Palastes mit seinen übereinander getürmten Terrassen fiel +über die Gärten hin wie eine ungeheure Pyramide. Sie +drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit +ihren Dolchen einen Weg bahnten. +</p> + +<p> +Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der +Söldner. Zäune waren niedergerissen, Wasserrinnen versiegt, +Kerkertüren standen offen. In der Nähe der Küchen +und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho und Spendius +wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach +als hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten, +die in ihren Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln +des lohenden Aloefeuers auf dem Leuchtturm. +</p> + +<p> +Matho wiederholte immer von neuem: +</p> + +<p> +»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!« +</p> + +<p> +»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien. +Ihre Sklaven werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft +wird man dich niedermachen.« +</p> + +<p> +So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte +empor und glaubte ganz oben einen matten Lichtschimmer +zu bemerken. Spendius wollte ihn zurückhalten, aber der +Libyer stürmte die Stufen hinauf. +</p> + +<p> +Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter +zum ersten Male erblickt hatte, schwand die ganze +inzwischen verflossene Zeit aus seinem Gedächtnisse. Noch +eben hatte Salambo da zwischen den Tischen gesungen. +Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts +getan, war nur die Treppe emporgestiegen ... Der +Himmel zu seinen Häupten flammte in Feuer. Das +Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt weitete +sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer +höher, mit der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum +empfindet. +</p> + +<p> +Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte +ihn an seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner +Hoffnung wußte er jetzt nicht mehr, was er tun sollte, und +diese Unsicherheit machte ihn scheu. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen +Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In +mehreren wähnte er schlafende Menschen zu erkennen. +</p> + +<p> +Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen +Würfel auf der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es +langsam. +</p> + +<p> +Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das +die kleinen Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren +regelmäßigen Abständen sahen sie in der Dunkelheit wie +Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote Tür mit dem +schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen +mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf. +</p> + +<p> +Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in +der Tiefe des Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem +silbernen Kiel entglitten, zitterten über das hohe Getäfel, +dessen rote Bemalung von schwarzen Streifen unterbrochen +ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen Balken; sie +waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt. +Von der einen Langseite des Gemaches zur +andern zog sich ein niedriges Lager aus weißem Leder +hin, und darüber öffneten sich in der Wand in Muschelform +gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand +bis zum Boden herabhing. +</p> + +<p> +Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am +Rande standen ein Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut +und ein Krug aus Alabaster. Daneben bemerkte +man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche erfüllten +die Luft. +</p> + +<p> +Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und +Glas ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten +Stein hinging, war es ihm, als ob seine Füße einsänken +wie in Sand. +</p> + +<p> +Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges +himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden +Ketten frei schwebte. Er schritt mit krummem +Rücken und offenem Mund darauf los. +</p> + +<p> +Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen +zwischen Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen +und Elfenbeinspateln umher. An Antilopenhörnern +steckten Fingerringe und Armreifen. Tongefäße, die in +der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen, kühlten +im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den +Füßen an, denn der Fußboden bestand aus Flächen von +ungleicher Höhe, die den Raum gewissermaßen in eine +Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde umgab +ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten +Teppich. Endlich gelangte er an das Hängebett, neben +dem ein Ebenholzschemel zum Hinaufsteigen diente. +</p> + +<p> +Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag +wie ein großer Vorhang darüber. Man konnte nur einen +Zipfel der roten Matratze erkennen und die Spitze eines +kleinen bloßen Fußes, der auf dem Knöchel ruhte. Matho +nahm behutsam die Lampe herab. +</p> + +<p> +Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den +andern Arm hatte sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in +solcher Lockenfülle, daß sie auf schwarzen Federn zu ruhen +schien. Ihr weites weißes Gewand schmiegte sich in weichen +Falten den Biegungen ihres Körpers an und reichte +bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen +Lidern sah man ein wenig von den Augen. Senkrecht +herabfallende Vorhänge hüllten die Schlummernde in bläuliche +Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen teilten +sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar +hin und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte +um das Lager. +</p> + +<p> +Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt. +Da fing das Mückennetz mit einem Male Feuer. +Es verflog. Salambo erwachte. +</p> + +<p> +Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte +sprach kein Wort. Die Lampe warf lange, wie Wellen +rieselnde Lichtstreifen auf die Täfelung. +</p> + +<p> +»Was ist das?« fragte Salambo. +</p> + +<p> +»Der Mantel der Göttin!« +</p> + +<p> +»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus. +</p> + +<p> +Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den +Rand ihres Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe. +</p> + +<p> +»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!« +fuhr er fort. »Schau!« +</p> + +<p> +Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer. +</p> + +<p> +»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst +du mir im Traume, doch ich erriet den stummen Befehl +deiner Augen nicht!« Sie setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel. +»Hätte ich ihn verstanden, so wäre ich herbeigeeilt. +Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht +aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich +durch die Höhle von Hadrumet ins Schattenreich hinab! +Vergib! Wie Berge lastete es auf meinem Leben, +und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu gelangen! +Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ... +Komm! Du mußt mir folgen! Oder, wenn du nicht +willst, so bleib ich! Mir ist's gleichgültig ... Ersticke +meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen meine +Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände +drücke!« +</p> + +<p> +»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!« +</p> + +<p> +Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über +das Marienglas der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig +in die Kissen ihres Lagers zurück. +</p> + +<p> +»Ich liebe dich!« schrie Matho. +</p> + +<p> +»Gib her!« stammelte sie. +</p> + +<p> +Sie näherten sich. +</p> + +<p> +Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden +Gewande. Ihre großen Augen starrten auf den Mantel. +Matho betrachtete sie einen Augenblick, vom Glanz ihres +Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr den Zaimph entgegen +und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme +aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander +eine Weile fest in die Augen. +</p> + +<p> +Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein +Schauder. Ihre feinen Augenbrauen zogen sich empor, +ihre Lippen öffneten sich. Sie zitterte. Dann aber schlug +sie auf eine der Metallscheiben, die an den Zipfeln der +roten Matratze herabhingen, und rief: +</p> + +<p> +»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser! +Verfluchter! Her zu mir, Taanach! Krohum! +Eva! Mizipsa! Schahul!« +</p> + +<p> +Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen +den Tonkrügen auftauchte, zischelte: +</p> + +<p> +»Flieh! Sie kommen!« +</p> + +<p> +Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten. +Ein Strom von Menschen: Frauen, Lakaien und +Sklaven stürzte in das Gemach mit Spießen, Keulen, +Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie gelähmt, +als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen +ein Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die +Eunuchen erbleichten unter ihrer schwarzen Haut. +</p> + +<p> +Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt, +sah er aus wie ein Sternengott im Firmament. +Die Sklaven wollten sich auf ihn stürzen. Salambo hielt +sie zurück. +</p> + +<p> +»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!« +</p> + +<p> +Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt +tat sie einen Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen +Arm gegen ihn aus und rief: +</p> + +<p> +»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß, +Rache, Mord und Qual! Möge Gurzil, der Gott der +Schlachten, dich zerreißen, Matisman, der Gott der +Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man +nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!« +</p> + +<p> +Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert +durchbohrt. +</p> + +<p> +Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!« +</p> + +<p> +Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit +gesenktem Haupte langsam mitten hindurch. An der Tür +konnte er nicht weiter, weil sich der Zaimph an einem +der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte. Mit +einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und +eilte die Treppen hinab. +</p> + +<p> +Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über +die Hecken und Wassergräben und entkam aus den Gärten. +Er gelangte an den Unterbau des Leuchtturms. Die +Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das Ufer +hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich +auf den Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze +Höhe hinunter. Dann erreichte er schwimmend das Vorgebirge +der Gräber, machte einen weiten Bogen um die +Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der +Barbaren zurück. +</p> + +<p> +Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe +auf dem Rückzuge schritt Matho dahin, furchtbare Blicke +um sich werfend. +</p> + +<p> +Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war +vom Palast ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne, +wo die Akropolis lag. Die einen sagten, der Schatz der +Republik sei aus dem Molochtempel geraubt. Andre +munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte +man, die Barbaren seien in die Stadt gedrungen. +</p> + +<p> +Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern +hinauskommen sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte +ihn. Alsbald erhob sich lautes Geschrei. Der +Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand eine +große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen +aus. +</p> + +<p> +Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der +Burg, von der Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte +die Menge herbei. Die Patrizier verließen ihre Häuser, die +Händler ihre Läden, die Mütter ihre Kinder. Man griff +zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das Hindernis, +das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie +sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick +war schon Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine +Berührung brachte den Tod. +</p> + +<p> +In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester +verzweifelt die Arme. Patrouillen der Garde sprengten +ziellos umher. Man stieg auf die Häuser, auf die +Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das Mastwerk +der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei +jedem seiner Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken. +Die Straßen wurden bei seinem Erscheinen leer, +und der Strom der Fliehenden brandete auf beiden Seiten +zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall erblickte +Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten verschlungen +hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste. +Salambos Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren +Kehlen wider. +</p> + +<p> +Plötzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer. +Steine sausten. Aber alle diese Geschosse waren schlecht +gezielt, aus Furcht, den Zaimph zu treffen, und so flogen +sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem gebrauchte er +den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts, +bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger +wußten nicht, was sie tun sollten. Er ging immer +schneller und lief in die offenen Straßen hinein. Sie waren +mit Seilen, Karren und Schlingen gesperrt, so daß er bei +jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich erreichte +er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden +waren. Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem +Tode Verfallener. Jetzt war er verloren. Die Menge +klatschte in die Hände. +</p> + +<p> +Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war +riesenhoch, ganz aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln +und ehernen Platten beschlagen. Matho warf sich dagegen. +Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen, +als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine +Sandale, spie darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen +Torflügel. Die ganze Stadt stieß ein Wutgeheul +aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte +Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen +wirren Augen an. Seine Schläfen pochten wild, er war +halbtot, betäubt wie ein Trunkener. Plötzlich gewahrte +er die lange Kette, die zur Handhabung des Hebebaums +diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und +hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da +sprangen die riesigen Torflügel endlich auf. +</p> + +<p> +Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern +und hielt ihn hoch über seinen Kopf. Vom Seewind +gebläht, schillerte und schimmerte das Gewebe in der Sonne +mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und Götterbildern. +So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten +der Söldner. +</p> + +<p> +Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück +entschwand. +</p> + + + + +<h2 id="ch06">VI</h2> + +<h2>Hanno</h2> + + +<p> +»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend +zu Spendius. »Hätte sie erfassen sollen und aus +ihrem Hause reißen! Niemand hätte mir entgegenzutreten +gewagt.« +</p> + +<p> +Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf +dem Rücken und ruhte sich aus. Neben ihm stand ein +großer Tonkrug mit Honigwasser, in den er von Zeit zu +Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu tun. +</p> + +<p> +»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals +nach Karthago hineinkommen?« +</p> + +<p> +»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius. +Diese Gleichgültigkeit erbitterte den Libyer. +</p> + +<p> +»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst +du mich, und dann läßt du mich im Stich! Feigling +du! Warum soll ich dir gehorchen? Bildest du +dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave, +du Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und +erhob seine breite Hand gegen Spendius. +</p> + +<p> +Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte +matt am Zeltmast, an dem der Zaimph über der aufgehängten +Rüstung schimmerte. +</p> + +<p> +Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich +seinen Küraß um und nahm seinen Helm. +</p> + +<p> +»Wohin willst du?« fragte Spendius. +</p> + +<p> +»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer +mir entgegentritt, den zertret ich wie eine Viper! Ich +töte sie, Spendius! Ja, ich töte sie, du sollst sehen, daß +ich sie töte!« +</p> + +<p> +Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph +herunter, warf ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke +darüber. Draußen erhob sich Stimmengewirr. Fackeln +leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa zwanzig +Männern begleitet. +</p> + +<p> +Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne +Halsbänder, Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell. +Sie blieben am Eingang stehen und stützten sich auf +ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf ihre Hirtenstäbe. +Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte +Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen, +der sein weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte +ihm eine Straußenfeder über die Schulter herab. Ein +beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen. Seine Blicke +waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen +Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit. +</p> + +<p> +Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern +zu verbünden. Die Republik bedrohe seit langem sein +Reich. Es sei also sein eigner Vorteil, wenn er die Barbaren +unterstütze; aber auch ihnen könne er von Nutzen +sein. +</p> + +<p> +»Ich werde euch Elefanten liefern – in meinen Wäldern +sind ihrer eine Unmenge – Wein, Öl, Gerste, Datteln, +Pech und Schwefel für die Belagerungen, zwanzigtausend +Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn ich mich +an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der +Besitz des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht +hat. Überdies«, setzte er hinzu, »sind wir ja alte Freunde.« +</p> + +<p> +Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle +sitzend zuhörte und durch ein leises Nicken mit dem Kopfe +seine Zustimmung verriet. Naravas sprach weiter. Er +rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte Karthago. +Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß. +Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul +aus. Durch ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus, +er nehme das Bündnis an. +</p> + +<p> +Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes +Schaf herbei, Wahrzeichen von Tag und Nacht, und +schlachtete sie am Rand einer Grube. Als sie mit Blut +gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre Arme hinein. +Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos +Brust, und dieser die seine auf die Brust des Naravas. +Dasselbe Blutzeichen drückte man auf die Leinwand der +Zelte. Man verbrachte alsdann die Nacht beim Schmause. +Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen, die Hörner +und Hufe wurden verbrannt. +</p> + +<p> +Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen +war, hatte ihn ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die +nicht kanaanitischen Glaubens waren, merkten an ihrer +vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist nahe war. +Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen. +Die geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem +Barbarensinn, Matho als rechtmäßigen Besitzer anzusehn. +So dachten die Söldner afrikanischer Herkunft. Die andern, +deren Haß gegen Karthago nicht so alt war, wußten +nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie Schiffe +gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer +Heimat zu. +</p> + +<p> +Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle +Stämme im punischen Gebiet. +</p> + +<p> +Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure +Steuern von ihnen, und mit Ketten, Beil oder Kreuz +ward jede Verzögerung, jedes Murren bestraft. Sie +mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern, +was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe +zu besitzen. Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre +Bewohner als Sklaven verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten +wurden nach den Summen geschätzt, die +sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern unmittelbar +unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten, +die nur einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter +schwärmten die Nomaden, die man nötigenfalls +auf jene losließ. Durch dieses System waren die Ernten +stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die +Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein +Kenner in Dingen der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung, +war noch zweiundneunzig Jahre später höchlichst +erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den er +in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck +habgierigster Eifersucht. +</p> + +<p> +Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen +verdoppelt, so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus +ihre Tore geöffnet hatten. Zur Strafe hatte man +ihnen tausend Talente – das sind über vier Millionen +Mark – zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub +und bedeutende Vorauslieferungen von Getreide +auferlegt. Die Häuptlinge der Stämme aber waren gekreuzigt +oder den Löwen vorgeworfen worden. +</p> + +<p> +Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die +Hauptstadt, verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts +ihrer Mauern lag es im Sumpf am Binnensee, +zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das starr nach +ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die +Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es +hatte Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt. +Die Esser unreiner Speisen fanden hier sofort Wehr und +Waffen. +</p> + +<p> +Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen +ein allgemeiner Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich +erdrosselte man in den Bädern die Vertreter und Beamten +der Republik, holte die alten Waffen, die man versteckt +hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus +den Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an +den Türschwellen, und die Weiber gaben ihre Halsbänder, +Ringe und Ohrringe hin, und alles, was irgendwie zur +Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder wollte +dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die Lanzenbündel +wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh +und Geld. Matho zahlte den Söldnern rasch den rückständigen +Sold, und diese Tat, deren Vater Spendius +war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der +Barbaren. +</p> + +<p> +Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen +die Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven. +Negerkarawanen wurden aufgegriffen und bewaffnet, +und Kaufleute, die nach Karthago zogen, schlossen sich +den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen +zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis +konnte man sehen, wie das Heer anwuchs. +</p> + +<p> +Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette +von Posten der Garde und neben ihnen in bestimmten +Abständen eiserne Bottiche, in denen flüssiger Asphalt brodelte. +Drunten in der Ebene wogte die gewaltige Menge +der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren unschlüssig, +voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets +vor Festungen zu empfinden pflegen. +</p> + +<p> +Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis +zurück. Als phönizische Kolonien – gleich Karthago – hatten +sie ihre eignen Regierungen und ließen in die +Verträge, die sie mit der Republik schlossen, immer von +neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit +aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere Schwester, +die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß +ein Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im +Gegenteil: man war überzeugt, daß die Söldner mit +Stumpf und Stiel vernichtet würden. Daher wünschte +man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu verhalten. +</p> + +<p> +Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos +Feinde sie keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief +drinnen an einem Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago +von auswärts Hilfe zu schicken. Fiel Utika allein, +so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden weiter nordwestlich +an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt, von +dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar. +</p> + +<p> +Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos. +Naravas war dagegen. Man müsse sich zunächst +der umliegenden Orte bemächtigen. Das war ebenso +die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so +wurde bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt +angreifen sollten. Das dritte Heer sollte sich +an Tunis anlehnen und die Ebene vor Karthago besetzen. +Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in sein +Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit +seiner Reiterei die Zugangsstraßen aufklären. +</p> + +<p> +Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß. +Sie gelüstete es nach dem Geschmeide der punischen Damen. +Auch die Libyer erhoben Widerspruch. Man habe sie +gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man ab. Die +Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine +Landsleute sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer +aus dem Westen und von den Inseln, während alle, die +Griechisch sprachen, dem Spendius folgten, seiner Klugheit +wegen. +</p> + +<p> +In Karthago war das Erstaunen groß, als man das +Heer plötzlich aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen +Bergen die Straße nach Utika hin, auf der Seeseite. +Eine Abteilung blieb vor Tunis stehen. Der Rest +verschwand und tauchte erst am andern Gestade des Golfes +wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich +verlor. +</p> + +<p> +Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen +Städte, so meinten sie, würden keinen Widerstand +leisten. Alsdann sollte es von neuem gegen Karthago +gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt bereits +vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt. +Die Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne +Beihilfe der Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger +nicht wie in Rom Steuern zahlten. Ein höherer politischer +Geist fehlte in Karthago. Seine unersättliche +Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die weitblickender +Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande +vor Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche +Arbeit. Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten, +und der geringste Sturm erschütterte seinen Riesenleib. +</p> + +<p> +Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und +durch all das Hin- und Herfeilschen mit den Barbaren +vergeudet und vertan worden. Man brauchte aber Soldaten, +und keine Großmacht traute der Republik! Erst +kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal +zehn Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte +der Raub des heiligen Mantels allgemeine Entmutigung +zur Folge. Spendius hatte das richtig vorhergesehn. +</p> + +<p> +Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld +und seine Götter am Herzen, und seine Vaterlandsliebe +wurde durch die Art seiner Regierung genährt. +</p> + +<p id="p124"> +Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug, +sie an sich zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden +an das Gemeinwesen. Die Männer kanaanitischer Abkunft +hatten das Vorrecht des Handels. Indem sie den Ertrag +der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten +und den Grund und Boden, die Sklaven und +Armen maßlos ausbeuteten, waren etliche zu Reichtum +gelangt. Nur dieser erschloß die obersten Staatsämter; +und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern +forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil +ein jeder emporzukommen hoffte. +</p> + +<p> +Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen +Großen Rat aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig +den Rat der Alten bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben +existierte ein Staatsgerichtshof, das Kollegium der +Hundertmänner. Auch diese waren Ratsmitglieder, repräsentierten +aber eine Behörde für sich von beträchtlichem +Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden +von den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf +Ratsmitgliedern bestanden. Die beiden alljährlich aus +der Gerusia neugewählten Suffeten waren Schattenkönige, +die weniger Macht hatten als die Konsuln in Rom. +Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit sie +sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über +den Krieg beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ +der Große Rat sie kreuzigen. +</p> + +<p> +Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus, +das heißt von einem großen Hofe im Mittelpunkte von +Malka, an der Stelle, wo nach der Überlieferung einst +die erste Barke mit phönizischen Matrosen gelandet war. +Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab +es eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart, +aus Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren +voneinander geschieden, um die Einzelverbände getrennt +aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich dort massenweise +den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und +die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis +zur Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie +ihre Ruhebetten auf die Plattform hinaufschaffen, die entlang +der Hofmauer hinlief. Von unten sah man sie dann +hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und Mäntel, +mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien +glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den +Schenkkannen herabhingen, alle stark und wohlbeleibt, +halbnackt, fröhlich, lachend und in freier blauer Luft +schmausend, wie sich große Haifische im Meer ergötzen. +</p> + +<p> +Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen: +sie waren allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den +Pforten und begleitete sie bis zu ihren Palästen, um ihnen +Neuigkeiten zu entlocken. Wie in Pestzeiten waren alle +Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und leerten sich +ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief +nach dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat +Versammlungen ab. Schließlich ward das Volk auf den +Khamonplatz berufen, und man beschloß, sich an Hanno +zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos. +</p> + +<p> +Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos +gegen die Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte +kamen denen der Barkiden gleich. Niemand besaß +so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten wie er. +</p> + +<p> +Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger, +ließ Geschütze auf den Türmen aufstellen und brachte übermäßige +Waffenvorräte zusammen. Sogar den Bau von +vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man zurzeit +gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst +gebucht und beurkundet würde. +</p> + +<p> +Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm, +zu den Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine +große Sänfte die Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe +emporschwanken. Nachts in seinem Palaste, da er nicht +schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer Stimme Kommandos, +um sich auf den Krieg vorzubereiten. +</p> + +<p> +Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig. +Schon beim ersten Hahnenschrei versammelten +sich die Patrizier längs der Straße der Mappalier +und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im Lanzenfechten. +Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es +öfters Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft +auf die Gräber, dann begann man von neuem. Manche +unterwarfen sich sogar einer bestimmten Lebensweise. Die +einen bildeten sich ein, daß man viel essen müsse, um +Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von +ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden. +</p> + +<p> +Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten. +Aber Hanno wollte nicht ausrücken, solange auch nur +eine Schraube noch an den Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor +allein drei Monate mit der Ausrüstung der hundertundzwölf +Elefanten, die in Kasematten untergebracht waren. +Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk liebte +sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug +behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen, +mit denen man ihre Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne +vergolden, ihre Türme vergrößern und die schönsten Purpurdecken +mit ganz schweren Fransen für sie anfertigen. +Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier +nannte – ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus +Indien gekommen waren –, alle nach indischer Sitte zu +kleiden, mit weißen Turbanen und baumwollenen Pumphosen, +die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften +bauschten. +</p> + +<p> +Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt +durch einen Wall, der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen +und auf seinem Kamme mit Heckenhindernissen +versehen worden war. Hier und da hatten die Neger +hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen, +Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen +darangehängt, die dem Feind entgegengrinsten und +ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten sich die Barbaren +unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander +und machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago +dem baldigen Untergang geweiht sei. Jeder andre +als Hanno hätte diese Soldateska, die durch einen Vieh- +und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit behindert +war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen, +war sie taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust +und verlangte schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten. +</p> + +<p> +Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen +rollend, vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt, +zog er seinen Waffenrock von Robbenhaar aus, löste das +Band, das seine langen roten Haare zusammenhielt, und +tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß er ehedem +nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf +dem Eryx zu den Römern übergegangen war. +</p> + +<p> +Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren +Strahlenglanz. Dann brütete der Golf und das offene +Meer unbeweglich wie geschmolzenes Blei. Eine braune +lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb wirbelnd heran. +Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte +Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann +röchelte der Gallier, die Lippen an die Löcher seines Zeltes +pressend, vor Erschöpfung und Schwermut. Er träumte +vom Herbstmorgenduft der Weiden, von Schneeflocken, +vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen; +und indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen +strohgedeckten Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen +und ihren Schein über das Moor hinhuschen zu sehen. +</p> + +<p> +Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl +sie ihnen nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager +konnten nämlich jenseits des Golfes an den Hängen des +Burgberges die über die Höfe gespannten Zeltdächer +ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von +Wachen umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame +Kette geschmiedet. Jeder trug ein Halseisen. Die +Menge ward nicht müde, sie anzugaffen. Die Weiber +zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen Gewänder, +die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten +Glieder hingen. +</p> + +<p> +Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn +von neuem Wut über die ihm dereinst angetane Beschimpfung. +Ohne den Schwur, den er Naravas geleistet, +hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte der Gallier +in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und +Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst +wieder am hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt. +</p> + +<p> +Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt. +</p> + +<p> +Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem +Meer in Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen, +und auf den Höhen, die sie beherrschten, zog sich überdies +eine mit Türmen verstärkte Mauer hin. Matho hatte +noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet. Dazu +peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er +träumte vom Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte +sich sein Stolz an ihr rächen. Es war ein qualvolles, +wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar daran, sich +als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er +erst in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach +ließ er zum Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten, +auf den Damm, den man im Meere aufzuschütten +versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen los, +warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem +Schwerte um sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem +Gewirr. Die Sturmleitern brachen krachend zusammen, +und Massen von Menschen stürzten ins Wasser, das in +roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ +das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück, – um +baldigst wieder von neuem zu stürmen. +</p> + +<p> +Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte +sich mit dem Arm das blutbespritzte Gesicht ab und starrte +nach dem Horizont in der Richtung auf Karthago. +</p> + +<p> +Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen, +dehnten sich zwei große Teiche, die mit einem See +in Verbindung standen, dessen Ufer in der Ferne verschwammen. +Hinter einem Berge stiegen weitere Berge auf, und +aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine +Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des +Golfes, wellten sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte +Wogen, während das Meer, glatt wie eine Platte aus +Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das Grün der +Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen. +Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe. +Weinreben hingen von den Wipfeln der +Sykomoren herab. Man hörte Wasser rauschen. Haubenlerchen +hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen +vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen +hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen. +</p> + +<p> +Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf +den Boden, grub seine Nägel in den Sand und weinte. +Er fühlte sich elend, gebrochen, verlassen. Niemals würde +er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine Stadt zu erobern +vermochte! +</p> + +<p> +Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete +er den Zaimph. Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel +regten sich im Geiste des Barbaren. Dann wieder schien +es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand der Göttin mit +Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe +ein Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er +betastete es, sog seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht +darein und küßte es unter Tränen. Er hing es sich wieder +um die Schultern, um sich selbst zu täuschen, und er bildete +sich ein, er sei wieder bei ihr. +</p> + +<p> +Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht +schritt er über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel +gehüllt, schliefen. Vor den Toren des Lagers schwang er +sich dann auf ein Pferd, und zwei Stunden später war er +vor Utika im Zelte des Spendius. +</p> + +<p> +Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war +nur gekommen, um von Salambo zu reden und so seinen +Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte ihn zur Vernunft. +</p> + +<p> +»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine +Seele! Einst gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer! +Und wenn auch Karthago nicht erobert wird, so muß man +uns doch wenigstens Provinzen abtreten, und wir sind +Könige!« +</p> + +<p> +Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht +den Sieg? Spendius meinte, man müsse es abwarten. +Matho bildete sich ein, der Mantel übe seine Wunderkraft +nur auf Männer kanaanitischen Stammes aus, und +mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich +wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber +jene verloren haben, kann er auch ihnen nicht helfen.« +</p> + +<p> +Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete, +Moloch zu beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der +Libyer, anbete, und so fragte er Spendius ängstlich, welchem +von beiden man guttäte, ein Menschenopfer zu bringen. +</p> + +<p> +»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend. +</p> + +<p> +Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte, +daß der Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht +reden wolle. +</p> + +<p> +In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme +auch alle Religionen zusammen. Man achtete die +Götter der andern, denn auch sie erregten Schrecken. +Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren heimischen +Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten, +so brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation +Unheil oder Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett, +das man zufällig bei Gefahr fand, ward zur Gottheit. +Oder es war oft nur ein Name, nichts als ein +Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur +versuchte, seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel +geplündert, viele Völker und manche Metzelei gesehen +hatte, so war manchem nur noch der Glaube an Tod und +Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der +Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse +des olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er +sich, im Dunkeln laut zu reden, und er versäumte nie, jeden +Morgen zuerst seinen rechten Fuß in den Stiefel zu stecken. +</p> + +<p> +Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen. +Doch in dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich +auch der Stadtwall. Was die einen zerstörten, ward von +den andern fast unmittelbar wieder aufgebaut. Spendius +schonte seine Leute und brütete über allerlei Plänen. Er +suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er +auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam +nur Naravas nicht zurück? Man war voller Besorgnis +und Unruhe. +</p> + +<p> +Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer +mondlosen Nacht ließ er seine Elefanten und Soldaten +auf Flößen über den Golf von Karthago setzen. Dann +umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit +auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit +weiter, daß man am dritten Tage, statt die Barbaren im +Morgengrauen zu überraschen, wie der Suffet es berechnet +hatte, erst gegen Mittag an Ort und Stelle gelangte. +</p> + +<p> +Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher +Richtung bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten +Winkel zu dieser Ebene mündete dicht südlich Utika +von Südwesten her ein Tal, von zwei niedrigen Höhenzügen +umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren +hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen, +um auch den Hafen im Gesichtskreise zu haben. +Sie schliefen in ihren Zelten – an diesem Tage ruhte +nämlich Freund wie Feind kampfesmüde –, als hinter dem +Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte. +</p> + +<p> +Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt +auf den Flügeln aufgestellt. In der vordersten +Front ritt die Garde in ihren goldenen Schuppenpanzern +auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und Ohren, +die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit +sie Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen +marschierte junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen +auf dem Kopf, in jeder Hand einen Wurfspieß aus +Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des +schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber +mit Waffen überladen. Man sah manche, die eine Lanze, +eine Streitaxt, eine Keule und zwei Schwerter trugen. +Andre starrten wie Stachelschweine von Wurfspießen, +während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten +Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen +die hohen Gerüste der Kriegsmaschinen. Karroballisten, +Onager, Katapulte und Skorpione schwankten auf +Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen +gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte, +um so emsiger eilten die Hauptleute bald nach rechts und +bald nach links, um unter lauten Befehlen geschlossene +Ordnung, Fühlung und Marschrichtung aufrecht zu erhalten. +Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren, prunkten +in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in +den Riemen ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter, +über und über mit Zinnober bestrichen, glänzten +unter ungeheuren Helmen, auf denen sich Göttergestalten +abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten Elfenbeinrändern +leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern. +</p> + +<p> +Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die +Söldner sie höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen. +Sie schrien ihnen zu, sie würden ihnen demnächst +die dicken Bäuche erleichtern, die Vergoldung von der Haut +klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben. +</p> + +<p> +Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt +war, ward eine Standarte von grüner Leinwand gehißt: +das war das Zeichen zum Kampfe. +</p> + +<p> +Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem +gewaltigen Lärm ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und +Flöten aus Eselskinnbacken. Die Barbaren waren bereits +über die Palisaden gesprungen. Beide Heere standen einander +auf Speerwurfweite gegenüber. +</p> + +<p> +Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte +eine Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem +er die nötigen Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang +ein Elfenbeinschild, und die beiden Heere wurden +handgemein. +</p> + +<p> +Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren +Lanzenspitzen in die Nüstern, so daß sie sich überschlugen +und auf ihre eignen Reiter fielen. Die Sklaven hatten +zu große Steine geschleudert, die deshalb unweit vor +ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen +mit ihren langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen +ihre rechte Flanke ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen +die Reihen und machten sie rottenweise nieder. +Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie nichts +sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte. +Dieses Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern, +Schwertern und Gliedmaßen drehte sich um sich selbst, +dehnte sich aus und zog sich elastisch wieder zusammen. +Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr. +Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am +Ende verschwand sogar die Sänfte des Suffeten, seine +große kristallglitzernde Sänfte, die man seit Kampfesbeginn +immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und niederwogen +sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne +Zweifel war Hanno gefallen! Alsbald sahen sich die +Barbaren allein. +</p> + +<p> +Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits +zu singen. Da erschien Hanno in eigenster Person auf +einem Elefanten. Barhäuptig saß er unter einem baumwollnen +Sonnenschirm, den ein hinter ihm stehender Neger +hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern klirrte +über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika. Diamantreifen +umspannten seine dicken Arme. Sein Mund +war geöffnet. Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der +Spitze wie eine Lotosblume aussah, glänzte heller als +ein Spiegel. Alsbald dröhnte der Erdboden, und die Barbaren +sahen in einer einzigen Linie die sämtlichen Elefanten +Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten Stoßzähnen, +ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern. +Auf ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme, +in denen je drei Bogenschützen mit großen gespannten +Bogen standen. +</p> + +<p> +Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen. +Sie bildeten aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der +Schreck machte sie starr und ratlos. +</p> + +<p> +Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse +und Bleimassen auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten +sich an den Fransen der Decken fest und wollten +hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln die Hände +ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der +andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen +entzwei. Die Elefanten brachen in die Reihen ein, wie +Eber in ein Gebüsch. Sie rissen mit ihren Rüsseln die +Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager von einem Ende +zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die +Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung +hinter den Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das +die Karthager marschiert waren. +</p> + +<p> +Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ +er die Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen +oben auf einem Turme in einer Scharte der Brustwehr. +</p> + +<p> +Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete +Gäste aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte +man ein, ihn mit einem schwachen Geleit einzulassen. Für +die Elefanten waren die Straßen zu eng. Sie mußten +draußen bleiben. +</p> + +<p> +Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier, +ihn zu begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen +und rief seine Köche. +</p> + +<hr /> + +<p> +Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl +gefüllten großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor +ihm ausgespannt. Aus ihr, als Tisch, schmauste er im Bade +Flamingozungen mit Mohnkörnern in Honigsauce. Neben +ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein +griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes +Öl nachgießen. Zwei Knaben lagen über die Stufen des +Beckens gebeugt und massierten dem Badenden die Beine. +Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner politischen +Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an +den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte, +überlegte er sich, welch gräßliche Züchtigung er für sie +erfinden solle. +</p> + +<p> +»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen +Hand schrieb. »Man führe ein paar von den Gefangenen +herein! Ich will sie sehen!« +</p> + +<p> +Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten +Raumes, in dem die Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten, +trieb man alsbald drei Barbaren herbei: einen Samniter, +einen Spartiaten und einen Kappadokier. +</p> + +<p> +»Schreib weiter!« rief Hanno. +</p> + +<p> +»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen +Hunde ausgerottet! Segen über die Republik! +Ordnet Gebete an!« Da erblickte er die Gefangnen und +brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von Sikka! +Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch! +Erkennt ihr mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter? +Ihr seid schreckliche Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als +wolle er sich verstecken, als fürchte er sich vor ihnen. »Ihr +habt Gäule, Weiber, Land, Ämter verlangt, natürlich, und +Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land schicken, das ihr +nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr umarmen, +ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus +geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe +Stellen will ich euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe, +damit euch die Geier recht nahe sind ...« +</p> + +<p> +Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren +blickten ihn an, ohne zu verstehen, was er sagte. Man +hatte die an den Knien Verwundeten gefangen, indem +man ihnen Stricke überwarf. Die Enden ihrer schweren +Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno +ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend. +</p> + +<p> +»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer! +Mist! Und ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt! – Man +soll ihnen lebendig das Fell abziehen! +Auf der Stelle!« +</p> + +<p> +Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen. +Das wohlriechende Öl floß durch eine plumpe Bewegung +seines Körpers über und umschäumte seine schuppige +Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus. +</p> + +<p> +Er fuhr fort zu diktieren: +</p> + +<p> +»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand +gelitten. Beim Übergang über den Makar Verluste +an Maultieren. Trotz der starken Stellung hat der +außerordentliche Mut ... – Demonades! Ich habe große +Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!« +</p> + +<p> +Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns. +Der Weihrauch in den breiten Pfannen wirbelte +stärker, und die nackten Badeknechte, die wie Schwämme +schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit einer +Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch, +Myrrhen, Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher +Durst verzehrte ihn. Aber den Mann im gelben +Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm einen +goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte. +</p> + +<p> +»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen +Schlangen in das Mark der Knochen dringe, +und fasse Mut, du Ebenbild der Götter! Du weißt überdies, +daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne +in der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit +herrührt. Sie verblassen wie die Flecken auf deiner +Haut. Du wirst also nicht daran sterben.« +</p> + +<p> +»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß +nicht daran sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte +ein Atem, ekelhafter als die Ausdünstung eines +Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle seiner wimpernlosen +Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein +Klumpen runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und +sahen dadurch um so größer aus, und die tiefen Furchen, +die in Halbkreisen um seine Nasenflügel liefen, verliehen +ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen +eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie +Brüllen. +</p> + +<p> +»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In +der Tat, hier: mehrere Geschwüre haben sich geschlossen! +Ich fühle mich kräftig. Da, sieh nur, wie ich esse!« +</p> + +<p> +Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust +als aus Prahlerei und um sich selbst zu beweisen, daß +er gesund sei, an die Farce von Käse und Majoran, an +die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern, Eier, Rettiche, +Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen +Vögel. Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen +und weidete sich in Gedanken an der ihnen bevorstehenden +Marter. Doch da fiel ihm Sikka ein, und die Wut über +all seinen damaligen Ärger entlud sich in Schmähungen +gegen die drei Männer. +</p> + +<p> +»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte! +Ihr habt mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten! +Eure Dienste? Den Lohn für euer Blut? Habt ihr +nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie zu +sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben! +Nicht einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser, +sie nach Karthago mitzunehmen? Als Staffage für mich? +Doch ... ganz gewiß hab ich nicht Ketten genug mitgebracht ... +Schreib: Sendet mir ... – wieviele Gefangene +sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach! +Fort! Nur kein Mitleid! Man bringe mir in Körben +ihre abgehauenen Hände!« +</p> + +<p> +In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei, +heiser und doch schrill, in das Gemach und übertönte Hannos +Stimme und das Klirren der Schüsseln, die man ihm +auftafelte. Es ward immer stärker, und plötzlich erscholl +das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht von +neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte +es laut. +</p> + +<p> +Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren +zu verfolgen. Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert, +mit ihrem Gepäck, ihren Dienern und ihrem ganzen +fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren schönen, perlengeschmückten +Zelten, während das Söldnerlager draußen +in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war. +Spendius hatte seinen Mut wiedergefunden. Er sandte +Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze und sammelte +seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend. +Man ordnete sich wieder in Reih und Glied, voller Wut, +daß man ohne Kampf besiegt worden war. Da entdeckte +man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar von den +Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ +sofort Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie +mit dem Erdöl, zündete es an und ließ die Tiere auf +Utika hetzen. +</p> + +<p> +Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die +Flucht und liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße +nach. Da machten sie Kehrt und schlitzten den Karthagern +mit ihren Stoßzähnen die Leiber auf oder erdrückten +und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den +Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische +Lager, das keinen Wall hatte, wurde beim ersten +Anlauf genommen und geplündert. Die Karthager wurden +gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht +vor den Söldnern wollte man nicht öffnen. +Der Tag brach an. Von Westen her sah man Mathos +Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten Reiterscharen +auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern. +Sie setzten über Hecken und Gräben weg und hetzten die +Flüchtlinge, wie Jagdhunde die Hasen. Dieser Wechsel +des Kriegsglücks überraschte den Suffeten. Er schrie, man +solle ihm aus dem Bade helfen. +</p> + +<p> +Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da +flüsterte ihm ein Neger – der nämliche, der in der Schlacht +seinen Sonnenschirm trug – ein paar Worte ins Ohr. +</p> + +<p> +»Ach so?« entgegnete der Suffet langsam. »Ja, töte +sie!« fügte er in barschem Tone hinzu. +</p> + +<p> +Der Äthiopier zog einen langen Dolch aus seinem Gürtel, +und die drei Köpfe fielen. Einer davon rollte über +die Reste des Mahls und fiel in das Badebecken. Eine +Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die +Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust. +Ihr Blut strömte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen. +Ein Teppich von Blut rann über die Mosaik, die +mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet tauchte die +Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie +damit! Es galt dies als Heilmittel. +</p> + +<p> +Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge +aus der Stadt. In der Richtung auf die Berge +wollte er sein Heer einholen. Er fand nur die Trümmer +davon wieder. +</p> + +<p id="p142"> +Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Höhe über +einem Paß, als sich die Truppen des Spendius in der +Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten Lanzen, gegen die Vorhut +ihrer Marschkolonne gerichtet, hätte man sie leicht aufhalten +können. Doch die Karthager ließen sie in höchster +Bestürzung vorübermarschieren. Hanno erkannte bei der +Nachhut den Fürsten der Numidier. Naravas neigte +sich zum Gruß und machte dabei ein Zeichen, das der +Karthager nicht verstand. +</p> + +<p> +Unter allerhand Nöten gelangte man nach Karthago zurück. +Nur des Nachts ward marschiert, tagsüber verbarg +man sich in den Olivenwäldern. Auf jeder Rast starben +Leute. Mehrere Male glaubte man sich völlig verloren. +Endlich ward das Hermäische Vorgebirge erreicht, wo +Schiffe sie aufnahmen. +</p> + +<p> +Hanno war so ermüdet, so verzweifelt – besonders bedrückte +ihn der Verlust der Elefanten –, daß er Demonades +um Gift bat, um seinem Leben ein Ende zu machen. +Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz geschlagen. +</p> + +<p> +Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen. +Die Expedition hatte beinahe eine Million Mark, +achtzehn Elefanten, vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert +Patrizier, achttausend Bürger, Getreide für drei Monate, +beträchtlich viel Gepäck und sämtliche Kriegsmaschinen +gekostet. Der Abfall des Naravas stand außer +Zweifel. Die beiden Belagerungen begannen von neuem. +Autarits Heer dehnte sich jetzt von Tunis bis Rades +aus. Von der Höhe der Akropolis sah man in der +Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen. +Das waren die brennenden prächtigen Landsitze der karthagischen +Patrizier. Ein einziger Mann konnte die Republik +noch retten. Man bereute es, ihn verkannt zu haben, +und selbst die Friedenspartei stimmte dafür, den Göttern +Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurückkehre. +</p> + +<p> +Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschüttert. +Nachts glaubte sie die Schritte der Göttin zu hören und +wachte mit entsetztem Schrei auf. Tagtäglich ließ sie +Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief sich beim +Ausführen ihrer Befehle müde, und Schahabarim verließ +sie nicht mehr. +</p> + + + + +<h2 id="ch07">VII</h2> + +<h2>Hamilkar Barkas</h2> + + +<p> +Der Mondsignalist, der allnächtlich auf dem Dache +des Eschmuntempels wachte und mit seiner Trompete +die Bewegungen des Gestirns verkündete, bemerkte eines +Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der +mit langen Flügeln über die Meeresfläche hinglitt. +Es war ein Schiff mit drei Ruderreihen. Am Bug trug +es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne ging auf. Der Beobachter +hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff +er rasch zu seiner Trompete und ließ ihren ehernen Ruf +weit über Karthago hin erschallen. +</p> + +<p> +Aus allen Häusern stürzten Menschen. Man wollte dem +Gerücht nicht glauben. Man stritt sich. Der Außenkai +war mit Volk bedeckt. Endlich erkannte man die Trireme +Hamilkars. +</p> + +<p> +In stolzer, trotziger Haltung näherte sich das Schlachtschiff. +Die Rah genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt, +das dreieckige Segel in der ganzen Mastlänge gebläht, +so durchschnitt es den Schaum der Wogen, indes +seine riesigen Ruder das Wasser taktmäßig schlugen. Von +Zeit zu Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten +Kieles zum Vorschein, und unter dem Rammsporn, +in den der Bug auslief, leuchtete der Elfenbeinkopf +des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine über die +Meeresfläche zu galoppieren schienen. +</p> + +<p> +Am Vorgebirge, wo der Wind aufhörte, sank das Segel, +und man sah neben dem Lotsen einen Mann unbedeckten +Hauptes stehen. Das war er. Der Suffet Hamilkar! +Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein +roter Mantel, an den Schultern befestigt, ließ seine Arme +frei. Zwei sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren, +und sein dichter schwarzer Bart wallte ihm bis auf die +Brust herab. +</p> + +<p> +Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen +und dann den Kai entlang. Die Menge folgte ihr +auf dem Pflaster und rief: +</p> + +<p> +»Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser +Befreier! Die Patrizier sind an allem schuld! Sie +wollen dich umbringen! Sei auf der Hut, Barkas!« +</p> + +<p> +Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere +und der Lärm der Schlachten taub gemacht hätten. Doch +als er unter der großen Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur +Akropolis führte, erhob er das Haupt und betrachtete, die +Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann schweifte +sein Blick noch höher hinauf in den weiten klaren Himmel. +Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl +zu. Die Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem +Götterbilde, das am Vorsprunge des Außenkais aufgestellt +war, um die Stürme zu bannen, und durch den länglichen +Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und Fruchtschalen +war. Sie stieß und drängte die Kauffahrteischiffe +beiseite, die an Pfählen befestigt lagen und in Krokodilsrachen +ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten +heranzuschwimmen. Doch schon war die Galeere +am Ende des Handelshafens vor dem nägelbeschlagenen +Tor. Es rasselte in die Höhe, und die Trireme verschwand +in der Tiefe der Wölbung. +</p> + +<p id="p146"> +Der Kriegshafen war von der Stadt völlig abgeschlossen. +Wenn Gesandte kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern +durch einen Gang geleitet, der durch die westliche +Hafenmauer nach dem Khamontempel führte. Die weite +Wasserfläche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale +und von einem Kai mit zweihundertzwanzig radial +angeordneten Schiffshallen – für je eine Pentere – eingefaßt. +Vor ihnen, über den Trennungsmauern der Dockrinnen, +ragte je eine Säule mit Ammonshörnern an den +Kapitälen. Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe, +ein Säulengang, ringsum das Hafenrund. In der Mitte, +auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus. +</p> + +<p> +Das Wasser war so klar, daß man bis auf das weiße +Kieselsteinpflaster des Grundes hinabsehen konnte. Der +Straßenlärm drang nicht bis hierher. Im Vorbeifahren +erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er früher befehligt +hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig. +Sie lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt, +andre aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck +und geschweiften Schnäbeln, die mit Vergoldungen und +mystischen Symbolen geschmückt waren. Die Schimären +hatten ihre Flügel verloren, die Götterbilder ihre Arme, +die Stiere ihre silbernen Hörner. Alle diese Schiffe waren +verblichen, untätig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen +und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten +umweht. Wie invalide Soldaten, die ihren alten +Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm zuzurufen: +»Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!« +</p> + +<p> +Niemand außer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus +betreten. Solange man nicht den Beweis für seinen +Tod hatte, betrachtete man ihn als noch am Leben. Die +Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher weniger. +Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht +verstoßen. +</p> + +<p> +Der Suffet betrat die öden Räume. Auf Schritt und +Tritt sah er Rüstzeug, Gerät und Gegenstände wieder, die +ihm bekannt waren und ihn im Augenblick doch überraschten. +In der Vorhalle lag in einer Opferpfanne +noch die Asche des Räucherwerks, das bei der Abfahrt +verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwören. +So hatte er nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er +vollbracht und erlebt, zog wieder an seinem Geiste vorüber: +die Sturmangriffe, die Feuersbrünste, die Legionen, die +Seestürme, Drepanum, Syrakus, Lilybäum, der Ätna, +die Hochfläche des Eryx, fünf Jahre voller Kämpfe – bis +zu dem Unglückstage, an dem man die Waffen niedergelegt +und Sizilien verloren hatte. Dann wieder sah +er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen Bergen, +und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das +neue Karthago, das dort drüben erstehen sollte. Pläne +und Erinnerungen schwirrten ihm durch den Kopf, der +noch vom Schwanken des Schiffes betäubt war. Bangigkeit +bedrückte ihn, und plötzlich empfand er das Bedürfnis, +sich den Göttern zu nahen. +</p> + +<p> +Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf, +entnahm einer goldnen Muschel, die an seinem Arme hing, +einen Schlüssel und öffnete ein kleines Gemach, dessen +Wände ein Eirund bildeten. +</p> + +<p> +Durch dünne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen +und durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches +Licht. Zwischen den Reihen dieser gleichgroßen Scheiben +waren Nischen in der Wand, wie in Grabkammern für die +Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler, schwerer +Stein. Menschen von höherer Einsicht verehrten diese +vom Mond gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshöhen +gekommen, waren sie Symbole der Gestirne, des Himmels +und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie an die +dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang +aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfüllte +diesen geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der +Wind durch die Tür hereingetrieben hatte, überzog die +runden Steine in den Nischen mit leichtem Weiß. Hamilkar +zählte sie mit der Fingerspitze, einen nach dem andern. +Dann hüllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier +und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden. +</p> + +<p> +Draußen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben. +Zweigartige Schatten, kleine Hügel, wirbelnde Linien, +unbestimmte Tierformen zeichneten sich auf den matthellen +Platten ab. Das Licht drang hindurch, grausig und doch +friedsam, wie es hinter der Sonne in den düsteren Werkstätten +der Schöpfung sein mag. Hamilkar bemühte sich, +aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen +der Götter zu verbannen, um besser den unwandelbaren +Geist zu erfassen, den der äußere Schein verbirgt. +Etwas von der Lebenskraft der Planeten durchdrang ihn, +und er empfand gegen den Tod und alle Wechselfälle +des Lebens eine bewußt tiefe Verachtung. Als er sich +erhob, war er heiteren Mutes, unzugänglich der Furcht +und dem Mitleid; und um sich ganz frei zu fühlen, bestieg +er den Söller des Turmes, der Karthago hoch überragte. +</p> + +<p> +In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten: +Karthago mit seinen Kuppeln, Tempeln und Golddächern, +seinem Häusermeer, den hie und da dazwischen gestreuten +Palmengruppen, den vielen feuersprühenden Glaskugeln. +Die Wälle bildeten gleichsam die gigantische +Rundung des Füllhorns, das sich vor ihm ausgoß. Er +sah unter sich die Häfen, die Plätze, das Innere der +Höfe, das Netz der Straßen und ganz klein die Menschen, +kaum vom Pflaster unterscheidbar. +</p> + +<p> +Ach, wäre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den +Ägatischen Inseln nicht zu spät gekommen! +</p> + +<p> +Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften, +und er streckte zitternd beide Arme aus in der Richtung +nach Rom. +</p> + +<p> +Die Menge füllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem +Khamonplatze drängte man sich, um den Suffeten herauskommen +zu sehen. Immer mehr Menschen bedeckten die +Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grüßte ihn. Aber +er zog sich zurück, um die Ungeduld des Volkes noch mehr +zu reizen. +</p> + +<p> +Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Männer +seiner Partei versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon, +Yehubas und andre. Sie berichteten ihm alles, was sich +seit dem Friedensschlusse zugetragen hatte: den Geiz der +Alten, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre übertriebenen +Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den +Raub des Zaimphs, Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung. +Niemand aber wagte ihm die Ereignisse zu berichten, +die ihn persönlich betrafen. Schließlich trennte +man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten +im Molochtempel wiederzusehn. +</p> + +<p> +Hamilkar war kaum allein, als sich draußen vor der Tür +Lärm erhob. Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand +einzudringen, und da der Tumult zunahm, befahl +der Suffet, den Unbekannten hereinzuführen. +</p> + +<p> +Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig, +blöd dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite +blaue Schleier gehüllt. Sie trat vor den Suffeten, und +beide blickten sich eine Weile an. Plötzlich erbebte Hamilkar. +Auf einen Wink seiner Hand gingen die Sklaven +hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise mitzukommen, +und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach. +</p> + +<p> +Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen. Er +riß sie heftig wieder hoch. +</p> + +<p> +»Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?« +</p> + +<p> +»Da drüben, Herr!« +</p> + +<p> +Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich +mit dem Ärmel das Gesicht. Die schwarze Farbe, das +greisenhafte Zittern, der krumme Rücken, alles das verschwand. +Jetzt stand ein kräftiger alter Mann da, dessen +Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah. +Auf seinem Haupte ragte ein Büschel weißer Haare +hoch, wie der Federstutz eines Vogels. Mit einem spöttischen +Blick wies er auf die am Boden liegende Verkleidung. +</p> + +<p> +»Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut!« Und +ihn mit seinem scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte +Hamilkar: »Es ahnt doch keiner etwas?« +</p> + +<p> +Der Greis schwur bei den Kabiren, daß das Geheimnis +bewahrt sei. »Nie,« so sagte er, »verlassen wir unsre Hütte, +die drei Tagereisen von Hadrumet fern liegt. Der Strand +ist dort nur von Schildkröten bevölkert, und Palmenbäume +wachsen auf den Dünen. Und wie du befohlen, Herr, +lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.« +</p> + +<p> +»Er ist kräftig, nicht wahr?« +</p> + +<p> +»Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er fürchtet sich weder +vor Schlangen, noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern. +Barfuß wie ein Hirtenbub läuft er am Rande der Abgründe +hin.« +</p> + +<p> +»Erzähl mir mehr! Sprich!« +</p> + +<p> +»Er erfindet Fallen für die wilden Tiere. Vorigen Mond – wirst +du es glauben? – hat er einen Adler gefangen. +Er brachte ihn hinter sich hergeschleppt, und die großen +Blutstropfen des Vogels und des Kindes fielen wie abgeschlagene +Rosen. Das wütende Tier schlug mit seinen +Flügeln um sich. Der Junge erwürgte es an seiner Brust, +und je matter es wurde, um so lauter und stolzer erscholl +sein Lachen – wie Schwertergeklirr.« +</p> + +<p> +Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen +künftiger Größe. +</p> + +<p> +»Aber seit einiger Zeit quält ihn Unruhe. Er schaut +immer nach den Segeln, die in der Ferne vorüberziehen. +Er ist trübsinnig, will nicht essen, fragt nach den Göttern +und will Karthago kennen lernen ...« +</p> + +<p> +»Nein, nein! Noch nicht!« rief der Suffet. +</p> + +<p> +Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar +schreckte, und er fuhr fort: +</p> + +<p> +»Wie soll ich ihn zurückhalten? Schon muß ich ihm +Versprechungen machen, und ich bin nur nach Karthago +gekommen, um ihm einen Dolch mit einem silbernen perlenbesetzten +Griff zu kaufen.« Dann erzählte er noch, +daß er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei +den Hafenwächtern für eine der Frauen Salambos ausgegeben +hätte, um zu ihm zu gelangen. +</p> + +<p> +Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich +sagte er: +</p> + +<p> +»Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara +hinter der Purpurfabrik einfinden und dreimal den +Schrei des Schakals nachahmen. Siehst du mich nicht, +dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach Karthago +zurück. Vergiß das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst +du ihm von Hamilkar erzählen.« +</p> + +<p> +Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie +verließen zusammen das Haus und den Hafen. +</p> + +<p> +Hamilkar schritt zu Fuß und ohne Begleitung weiter, +denn die Versammlungen der Alten waren bei außergewöhnlichen +Umständen stets geheim, und man begab sich +möglichst unauffällig dahin. +</p> + +<p> +Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang, +ging dann über den Gemüsemarkt, durch die Galerien von +Kinisdo und das Stadtviertel der Spezereienhändler. Die +wenigen Lichter erloschen, eins nach dem andern. Die +breiteren Straßen wurden still. Alsbald huschten Schatten +durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen +dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Straße +der Mappalier. +</p> + +<p id="p152"> +Der Molochtempel stand am Fuß einer steilen Schlucht, +an einem unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur +endlos emporsteigende Mauern, gleich den Wänden eines +ungeheuren Grabmals. Die Nacht war dunkel. Grauer +Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem röchelnden, +jammernden Geräusch gegen die Klippen schlug. Die +Schatten verschwanden nach und nach, als seien sie in +die Mauern hineingeschlüpft. +</p> + +<p> +Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich +in einem weiten viereckigen Hofe, der rings von Säulengängen +umgeben war. In der Mitte erhob sich ein +großes achtseitiges Gebäude, von Kuppeln überragt, die +ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte +eine Art von Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel +auf der Spitze abschloß. +</p> + +<p> +In zylinderförmigen Silberdrahtkörben auf Stangen, +die von Männern getragen wurden, brannten Feuer. +Bei jähen Windstößen flackerten die Flammen und warfen +roten Schein auf die goldenen Kämme, die das geflochtene +Haar der Fackelträger im Nacken hielten. Sie +liefen hin und her und riefen einander, um die Alten +zu empfangen. +</p> + +<p> +In bestimmten Abständen hockten auf den Steinfliesen – wie +Sphinxe – ungeheure Löwen, lebendige Symbole der +verzehrenden Sonne. Sie schliefen mit halbgeschlossenen +Lidern. Die Schritte und Stimmen weckten sie auf. Sie +erhoben sich gemächlich und trotteten den Alten entgegen. +Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an +ihren Beinen und krümmten unter lautem Gähnen den +Rücken. Ihr Atem flog in das flackernde Fackellicht. +Das Geräusch nahm zu. Türen schlossen sich. +</p> + +<p> +Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden +unter den Säulen, die eine tiefe Vorhalle rings +um den Tempel bildeten. +</p> + +<p> +In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Säulen +die saturnische Periode in der Weise dar, daß die Jahre +die Monate und die Monate die Tage umschlossen. Der +innerste Säulenkreis stieß an die Mauer des Allerheiligsten. +</p> + +<p> +Dort legten die Alten ihre Stöcke aus Narwalhorn ab. +Ein nie außer acht gelassenes Gesetz bestrafte nämlich +jeden mit dem Tode, der in der Sitzung mit irgendeiner +Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum ihres +Gewandes einen Riß, zum Zeichen, daß sie bei der Trauer +um den Tod ihrer Angehörigen ihre Kleider nicht geschont +hatten. Doch verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter +Purpurstreifen, daß er größer wurde. Andre trugen +ihren Bart in einem Beutel aus veilchenblauem Leder, +der mit zwei Bändern an den Ohren befestigt war. Alle +begrüßten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten +Hamilkar und beglückwünschten ihn. Man hätte +meinen können, Brüder sähen einen Bruder wieder. +</p> + +<p> +Diese Männer waren in der Mehrzahl untersetzt und +hatten gebogene Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche +jedoch verrieten durch ihre vorspringenden Backenknochen, +ihren höheren Wuchs und ihre schmäleren Füße +afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die +beständig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter. +Andre verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst +der Wüste, und seltsame Juwelen funkelten an allen +Fingern ihrer Hände, die von fernen Sonnen gebräunt +waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden +Gang, während die Landwirte nach der Kelter, nach +Heu und Maultierschweiß rochen. Diese alten Seeräuber +waren Ackerbauer geworden, diese Wucherer rüsteten +Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich Sklaven, +die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den +religiösen Bräuchen bewandert, in Ränken erfahren, unbarmherzig +und reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre +flammenden Augen blickten mißtrauisch. Das fortwährende +Reisen und Lügen, Schachern und Befehlen hatte +ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewalttätigkeit, +eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit +verliehen. Überdies verdüsterte sie die fromme Umgebung. +</p> + +<p> +Zuerst durchschritten sie einen gewölbten Saal, dessen +Grundriß eiförmig war. Sieben Türen, den sieben Planeten +entsprechend, bildeten an der Wand verschiedenfarbige +Vierecke. Ein langes Gemach folgte. Dann ging +es wieder in einen dem ersten ähnlichen Saal. +</p> + +<p> +Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, über und über +mit ziselierten Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen +Arme trug einen Kelch von Diamanten mit einem +Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der langen +Stufen, die zu einem großen Altar führten, dessen Ecken +eherne Hörner schmückten. Zwei seitliche Treppen führten +zur Altarplatte hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen. +Sie glich einem Berg aufgehäufter Asche, auf +dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam rauchte. Darüber, +höher als der Kandelaber und viel höher als der +Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer +Männerbrust, in der eine weite Öffnung klaffte. Seine +ausgespannten Flügel erstreckten sich über die Wand, und +seine überlangen Hände reichten bis zum Boden hinab. +Drei schwarze Steine mit gelben Rändern funkelten als +drei Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er +brüllen und als recke er mit furchtbarer Anstrengung +seinen Stierkopf in die Höhe. +</p> + +<p> +Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt. +Hinter einem jeden stand auf drei Klauen ein +eherner Fackelhalter. Die vielen Flammenscheine spiegelten +sich in den Perlmutterrauten, mit denen der Fußboden +getäfelt war. Der Saal war so hoch, daß das +Rot der Wände gegen die Wölbung hin schwarz erschien, +und die drei Augen des Götzenbildes hoch oben schimmerten +wie halb im Dunkel verlorene Sterne. +</p> + +<p> +Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie +die Schleppen ihrer Gewänder über die Köpfe gezogen +hatten. Unbeweglich saßen sie da, die Hände in ihren +weiten Ärmeln übereinander gelegt. Der Perlmutterboden +aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis +zur Tür unter ihren bloßen Füßen hinrieselte. +</p> + +<p> +In der Mitte saßen, Rücken an Rücken, die vier Oberpriester +auf vier Elfenbeinstühlen, die im Kreuz aufgestellt +waren. Der Oberpriester Eschmuns war in ein +hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in weißes +Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs +in Purpur. +</p> + +<p> +Hamilkar näherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn +herum und betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute +er wohlriechendes Pulver darauf. Violette Flammen +loderten in den Kelchen auf. +</p> + +<p> +Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete, +und die hundert Alten, die vier Oberpriester und +Hamilkar, der immer noch stand, stimmten einen Hymnus +an. Sie wiederholten immerfort die gleichen Silben, verstärkten +aber jedesmal den Ton, und so schwollen ihre Stimmen +an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit +einem Schlage schwiegen. +</p> + +<p> +Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus +seinem Busen eine kleine saphirblaue Statuette mit drei +Köpfen und stellte sie vor sich hin. Das war das Bild der +Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist seiner Worte machte. +Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von plötzlicher +Wut ergriffen, schrien alle durcheinander: +</p> + +<p> +»Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verräter! +Verruchter! Du kommst zurück, um unsern Untergang anzusehen, +nicht wahr? – Laßt ihn reden! – Nein, nein ...!« +</p> + +<p> +Sie rächten sich für den Zwang, den ihnen das staatsmännische +Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl +sie Hamilkars Rückkehr gewünscht hatten, so waren sie jetzt +doch darüber entrüstet, daß er ihrem Unglück nicht vorgebeugt, +oder vielmehr, daß er es nicht mit ihnen geteilt +hatte. +</p> + +<p> +Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester +Molochs auf. +</p> + +<p> +»Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago +zurückgekehrt?« +</p> + +<p> +»Was geht das euch an?« antwortete der Suffet verächtlich. +</p> + +<p> +Das Geschrei ward noch einmal so groß. +</p> + +<p> +»Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg +schlecht geführt? Ihr habt meine Schlachtpläne gesehen, +ihr, die ihr gemütlich zulaßt, daß Barbaren ...« +</p> + +<p> +»Genug! Genug!« +</p> + +<p> +Mit leiser Stimme, damit schärfer darauf gehört würde, +fuhr er fort: +</p> + +<p> +»Ach, wahrlich, ich täusche mich, ihr Gottbegnadeten! +Es gibt doch noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich!« +Er schritt mit halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar +hin, als ob er jemanden suchte, wobei er wiederholte: +»Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen. Sie +werden dich schützen! Aber wo ist er?« Dann, als besänne +er sich, gab er sich selbst zur Antwort: »Ach, gewiß +in seinem Hause, im Kreise seiner Söhne. Er gebietet seinen +Sklaven. Er ist glücklich. Er zählt an der Wand die +Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!« +</p> + +<p> +Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben +getroffen. +</p> + +<p> +»So wißt ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist?« Und +ohne sich um ihr Geschrei zu kümmern, erklärte er: Indem +sie den Suffeten im Stich gelassen hätten, sei die Republik +selbst in Gefahr geraten. Auch der Friede mit Rom, so +vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als zwanzig +Schlachten. +</p> + +<p> +Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des +Rates, die allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder +zur Tyrannis zu neigen. Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten +und Syssitienvorstände, hatten indessen die Majorität. +Die Angesehensten hatten sich um Hanno geschart, +der am andern Ende des Saals vor der hohen Tür saß, +die ein hyazinthenblauer Vorhang verhängte. +</p> + +<p> +Er hatte die Schwären seines Gesichts mit Schminke +bestrichen. Der Goldpuder seiner Haare war ihm auf +die Schultern gefallen und bildete dort zwei glänzende +Flecke. Dadurch sah das Haar weißlich, dünn und kraus +wie Wolle aus. Seine Hände waren mit Binden umwickelt, +die mit wohlriechendem Öle getränkt waren, das +auf den Boden herabtropfte. Seine Krankheit hatte sich +offenbar beträchtlich verschlimmert, denn seine Augen +verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu +können, mußte er den Kopf zurückbiegen. Seine Anhänger +veranlaßten ihn zu reden. Endlich begann er mit +heiserer, widerwärtiger Stimme: +</p> + +<p> +»Weniger Anmaßung, Barkas! Wir alle sind besiegt +worden! Jeder trage sein Unglück! Füge dich!« +</p> + +<p> +Hamilkar lächelte und sprach: +</p> + +<p> +»Erzähle uns lieber, wie du unsre Penteren in die +römische Flotte hineinmanövriert hast!« +</p> + +<p> +»Ich wurde vom Winde getrieben,« gab Hanno zur Antwort. +</p> + +<p> +»Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist +herumtrampelt. Du stellst deine eigne Dummheit zur +Schau! Schweig!« +</p> + +<p> +Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei +den Ägatischen Inseln anzuschuldigen. +</p> + +<p> +Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht +entgegen gekommen. +</p> + +<p> +»Ei, dann hätte ich den Eryx entblößt. Du mußtest die +offene See gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach, +ich vergaß: die Elefanten haben ja alle Angst vor dem +Meere!« +</p> + +<p> +Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, daß sie in +ein lautes Gelächter ausbrachen. Die Wölbung hallte davon +wider, als hätte man Pauken geschlagen. +</p> + +<p> +Hanno wies auf das Unwürdige einer solchen Beleidigung +hin. Er habe sich seine Krankheit bei der Belagerung von +Hekatompylos durch eine Erkältung zugezogen. Dabei +rannen ihm die Tränen über das Antlitz, wie ein Winterregen +über eine verfallene Mauer. +</p> + +<p> +Hamilkar fuhr fort: +</p> + +<p> +»Hättet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so +wäre jetzt eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich +euch um Hilfe angerufen! Und stets versagtet ihr mir +das Geld!« +</p> + +<p> +»Wir brauchten es selber!« erklärten die Syssitienvorstände. +</p> + +<p> +»Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den +Urin unsrer Maultiere tranken und an den Riemen unsrer +Sandalen nagten, als ich am liebsten Soldaten aus dem +Erdboden gestampft und die Asche unsrer Toten zu Heerhaufen +verwandelt hätte, da rieft ihr die Schiffe zurück, +die mir noch geblieben waren!« +</p> + +<p> +»Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen,« entgegnete +Baat-Baal, der im darischen Gätulien Goldminen besaß. +</p> + +<p> +»Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Häusern, +hinter euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po, +die ihr aufreizen mußtet, Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt +wären. Und während die Römer Gesandte an +Ptolemäos schicken ...« +</p> + +<p> +»Jetzt rühmt er uns die Römer!« +</p> + +<p> +Irgend jemand anders schrie ihm zu: »Wieviel haben +sie dir bezahlt, damit du sie verteidigst?« +</p> + +<p> +»Das frage die Ebenen von Brutium, die Trümmer von +Lokri, Metapont und Heraklea! Ich habe alle ihre Bäume +verbrannt, alle ihre Tempel geplündert, und bis zum Tod +der Enkel ihrer Enkel ...« +</p> + +<p> +»Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst!« +rief Kapuras, ein berühmter Kaufherr. »Was willst du +denn eigentlich?« +</p> + +<p> +»Ich sage, man muß entweder klüger oder gefürchteter +sein! Wenn ganz Afrika euer Joch abschüttelt, so geschieht +es, weil ihr schwächliche Herrscher seid, nicht imstande, +das Joch jemandem fest in den Nacken zu drücken! +Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener +Mann braucht nur zu landen, und schon hat er das Land +erobert. Und wenn sich die Libyer im Osten mit den Numidiern +im Westen verbrüdern, wenn die Nomaden von Süden +und die Römer von Norden kommen ...« Ein Schrei des +Entsetzens erhob sich. »Ja, dann werdet ihr an eure Brust +schlagen, euch im Staube wälzen und eure Mäntel zerreißen! +Dann hilft das alles nichts! Ihr werdet doch +fortmüssen, um in der Suburra die Mühlen zu drehen und +auf den Hügeln von Latium Wein zu lesen.« +</p> + +<p> +Sie schlugen sich mit den Händen auf den rechten Schenkel, +um ihre Entrüstung auszudrücken, und die Ärmel ihrer +Gewänder blähten sich wie die großen Flügel erschrockener +Vögel. +</p> + +<p> +Immer noch auf der höchsten Stufe am Altare stehend, +fuhr Hamilkar in heiligem Feuer bebend und drohend fort. +Er erhob die Arme, und die Strahlen der hinter ihm +lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern wie goldne +Pfeile. +</p> + +<p> +»Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgüter, +eure Wagen, eure Hängebetten und eure Sklaven, die +euch die Füße reiben! Die Schakale werden in euren +Palästen hausen, der Pflug wird eure Gräber umwühlen. +Man wird nichts mehr hören als den Schrei der Adler +über Haufen von Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!« +</p> + +<p> +Die vier Oberpriester streckten ihre Hände aus, um den +Fluch abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der +Meersuffet stand als priesterliches Oberhaupt unter dem +Schutz der Sonne und war unverletzlich, solange ihn der +Staatsgerichtshof der Hundert nicht verurteilt hatte. Vom +Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen zurück. +Hamilkar hatte aufgehört zu reden. Starren Blickes, im +Gesicht bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend +da, fast erschrocken über sich selbst. Sein Geist verlor +sich in düstere Visionen. Von seinem erhöhten Standort +erschienen ihm all die Fackeln auf den ehernen Trägern +wie eine mächtige Flammenkrone, die auf den Fliesen lag. +Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich +in das Dunkel der Wölbung. Eine Weile war die Stille +so tief, daß man das Rauschen des Meeres in der Ferne +hörte. +</p> + +<p> +Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr +Eigentum, ja ihr Dasein war durch die Barbaren bedroht. +Aber man konnte diese ohne Hilfe des Suffeten nicht +niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes schließlich +maßgebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es +gab selbstsüchtige Versöhnungen, geheime Abmachungen +und feierliche Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf +keinen Fall mehr mit der Regierung zu tun haben. Alle beschworen +ihn. Man flehte ihn an. Als gar das Wort »Verrat« +von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige Verräter +sei der Große Rat. Denn da die Verpflichtung der +Söldner mit dem Kriege erlösche, so seien sie mit dem +Ende des Krieges frei geworden. Des weiteren übertrieb +er ihre Tapferkeit und alle die Vorteile, die man daraus +ziehen könne, wenn man sie durch Geschenke und Vorrechte +wieder für die Republik gewönne. +</p> + +<p> +Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen, +indem er seine gelben Augen rollte: +</p> + +<p> +»Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein +Grieche oder ein Lateiner geworden, ich weiß nicht was! +Was redest du von Belohnungen für diese Leute? Besser, +daß zehntausend Barbaren zugrunde gehen als ein einziger +von uns!« +</p> + +<p> +Die Alten nickten beifällig und murmelten: »Jawohl, +wozu so viel Rücksichten? Barbaren findet man immer!« +</p> + +<p id="p163"> +»Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht +wahr? Man läßt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien +getan habt. Man benachrichtigt den Feind einfach von +dem Wege, den sie einschlagen müssen, wie bei jenen +Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch wohl +mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich +das Felseneiland gesehen, noch ganz weiß von ihren +Gebeinen!« +</p> + +<p> +»Welch ein Unglück!« meinte Kapuras schamlos. +</p> + +<p> +»Sind sie nicht hundertmal zum Feinde übergegangen!« +schrien die andern. +</p> + +<p> +»Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach +Karthago zurück? Und als sie dann in der Stadt sind, +arm und in Menge, inmitten all eurer Reichtümer, da +kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie durch die geringste +Teilung zu schwächen! Ihr entlaßt sie mit Weib und Kind, +allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurückzubehalten! +Wähntet ihr, sie würden einander morden, um euch +den Schmerz zu ersparen, eure Schwüre zu halten? Ihr +haßt sie, weil sie stark sind! Mich, ihren Marschall, haßt +ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben wohl, als ihr +meine Hände küßtet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht +hineinzubeißen.« +</p> + +<p> +Wären die Löwen, die draußen im Hofe schliefen, mit +Gebrüll hereingestürzt, der Lärm hätte nicht furchtbarer +sein können. Da erhob sich der Oberpriester Eschmuns, +steif, die Knie gegeneinandergepreßt, die Ellbogen an den +Körper gedrückt und die Hände halb geöffnet. +</p> + +<p> +»Barkas!« sprach er. »Karthago bedarf deiner. Du mußt +den Oberbefehl über die punischen Streitkräfte gegen die +Barbaren annehmen!« +</p> + +<p> +»Ich weigere mich!« entgegnete Hamilkar. +</p> + +<p> +»Wir werden dir volle Gewalt geben!« riefen die Häupter +der Syssitien. +</p> + +<p> +»Nein!« +</p> + +<p> +»Ohne jede Überwachung! Alleinige Selbständigkeit! +Du bekommst so viel Geld, als du forderst! Alle Gefangenen! +Die ganze Beute! Vier Quadratfuß Land +für jeden feindlichen Leichnam!« +</p> + +<p> +»Nein, nein! Weil es unmöglich ist, mit euch zu siegen!« +</p> + +<p> +»Er hat Furcht!« +</p> + +<p> +»Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmütig und unbesonnen +seid!« +</p> + +<p> +»Er will die Soldateska schonen!« +</p> + +<p> +»Um sich an ihre Spitze zu stellen!« fügte irgendeiner +hinzu. +</p> + +<p> +»Und über uns herzufallen!« versetzte ein andrer. +</p> + +<p> +Aus dem Hintergrunde aber brüllte Hanno: +</p> + +<p> +»Er will sich zum Könige machen!« +</p> + +<p> +Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln +um. Dolche zückend, stürzten sie nach dem Altar. Doch +Hamilkar griff in seine Ärmel und zog zwei breite Messer +hervor. Vorgebeugt, den linken Fuß vorgesetzt, stand er +mit zusammengepreßten Zähnen und flammenden Augen +da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte +sie trotzig an. +</p> + +<p> +Aus Vorsicht hatten sie also sämtlich Waffen mitgebracht! +Das war ein Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig +an. Doch da alle schuldig waren, beruhigte man sich +rasch, und einer nach dem andern wandte dem Suffeten +den Rücken und stieg, wütend über die Demütigung, wieder +hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurück. Eine +Weile blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern +verletzt und führten sie zum Munde oder wickelten sie +behutsam in den Saum ihrer Mäntel. Man wollte eben +allgemein aufbrechen, da hörte Hamilkar die Worte: +</p> + +<p> +»Pfui! Er tut es aus Rücksicht auf seine Tochter! Er +will sie nicht betrüben!« +</p> + +<p> +Und eine andre lautere Stimme schrie: +</p> + +<p> +»Ohne Zweifel, denn sie wählt sich ja ihre Liebsten unter +den Söldnern!« +</p> + +<p> +Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine +raschen Augen Schahabarim. Der Priester der Tanit war +allein auf seinem Platze verblieben, aber Hamilkar erblickte +von weitem nichts als seine hohe Mütze. Die Versammlung +lachte dem Suffeten höhnisch ins Gesicht. Je +mehr seine Erbitterung wuchs, um so größer ward ihre +Freude, und inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten +Stehenden: +</p> + +<p> +»Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!« +</p> + +<p> +»Eines Morgens im Monat Tammuz!« +</p> + +<p> +»Es war der Räuber des Zaimphs!« +</p> + +<p> +»Ein sehr schöner Mann!« +</p> + +<p> +»Größer als du!« +</p> + +<p> +Hamilkar riß sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen +seiner Würde, seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die +in der Mitte eine Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte +sie mit beiden Händen aus Leibeskräften zu Boden. +Die goldnen Kronen zersprangen und prallten hoch, und +die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte +man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken, +die sich wie eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen +hinringelte. Alle Glieder zitterten ihm. Er stieg eine der +Seitentreppen empor, die auf den Altar führten, und betrat +ihn. Damit deutete er an, daß er sich dem Gotte weihte, +sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte +die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu +Hamilkars Füßen befand, und der feine Staub, den seine +Tritte aufwirbelten, umhüllte ihn bis zu den Lenden wie +eine Wolke. Zwischen den Beinen des ehernen Kolosses +blieb er stehen. Er nahm zwei Hände voll von der Asche, +deren bloßer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben +ließ, und sprach: +</p> + +<p> +»Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht +Feuern der Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren +und Vulkanen! Bei allem, was brennt! Beim Durste der +Wüste und dem Salze des Meeres! Bei der Höhle von +Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende +aller Dinge! Bei der Asche eurer Söhne und der Asche +der Brüder eurer Ahnen, mit der ich jetzt die meine menge! +Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr habt gelogen, +als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar Barkas, +der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und +der Herrscher des Volkes, ich schwöre vor Moloch dem +Stierköpfigen ...« Man erwartete etwas Entsetzliches, +doch er fuhr mit lauter und ruhiger Stimme fort: »... daß +ich nicht einmal mit ihr darüber reden werde!« +</p> + +<p> +Die Tempeldiener, goldne Kämme im Haar, traten ein, +mit Purpurschwämmen und Palmzweigen. Sie hoben +den hyazinthblauen Vorhang auf, der vor die Türe gespannt +war. Durch die Öffnung erblickte man im Hintergrunde +der Säle den weiten rosenroten Himmel, der +die Wölbung der Decke fortzusetzen schien und sich am +Horizont auf das tiefblaue Meer stützte. Die Sonne erhob +sich aus den Fluten und stieg empor. Ihre Strahlen +trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zähnen +starrender Rachen tat sich in schrecklichem Gähnen auf. +Seine ungeheuern Nasenflügel erweiterten sich. Das helle +Licht belebte ihn und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes +Aussehen, als ob er sich hinausstürzen wollte, um sich +mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen und mit ihm zusammen +die Unendlichkeit zu durchstürmen. +</p> + +<p> +Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter, +und ihr Widerschein goß hier und dort auf die Perlmutterfliesen +rote Flecke wie von Blut hin. Die Alten taumelten +vor Ermattung. Sie atmeten die frische Luft mit +vollen Zügen. Schweiß rann über ihre bleigrauen Lippen. +Sie hatten alle so viel geschrien, daß sie einander +nicht mehr verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten +war nicht erloschen. Zum Abschied warfen sie ihm +Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie: +</p> + +<p> +»Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel +Eschmuns!« +</p> + +<p> +»Ich werde da sein!« +</p> + +<p> +»Wir werden dich durch die Hundertmänner verurteilen +lassen!« +</p> + +<p> +»Und ich euch durch das Volk!« +</p> + +<p> +»Nimm dich nur in acht, daß du nicht am Kreuze endest!« +</p> + +<p> +»Und ihr, daß ihr nicht in den Straßen zerrissen werdet!« +</p> + +<p> +Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden, +nahmen sie wieder eine ruhige Haltung an. +</p> + +<p> +Die Läufer und Wagenführer erwarteten ihre Herren +am Tor. Die meisten Gerusiasten ritten auf weißen Maultieren +davon. Der Suffet sprang in seinen zweirädrigen +Wagen und ergriff selbst die Zügel. Die beiden Rosse +trabten im Takt in stolzer Beizäumung über die aufspringenden +Kiesel. Die ganze Straße der Mappalier hinan +galoppierten sie. Der silberne Geier vorn an der Deichsel +schien zu fliegen, so schnell stürmte der Wagen dahin. +</p> + +<p> +Die Straße durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben +pyramidenförmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war. +Sie trugen in der Mitte ausgemeißelt eine offene Hand, +als ob der Tote, der darunter lag, sie gen Himmel emporstrecke, +um etwas zu erbitten. Dann kamen verstreute +Hütten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelförmig +errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen +mit gießendem Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke +und Hecken von Feigenkaktus trennten in unregelmäßiger +Weise die einzelnen Behausungen, die immer zahlreicher +wurden und sich bis zu den Gärten des Suffeten hinzogen. +Hamilkar heftete seine Blicke auf einen großen Turm, +dessen drei Stockwerke die Form von drei ungeheuren +Zylindern hatten. Das unterste war aus Stein, das +zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus Zedernholz +erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig +Säulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form +von durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen. +Der hochragende Bau beherrschte die Gebäude, die zur +Rechten standen, die Speicher und das Verwaltungshaus, +während der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen hervorlugte, +die wie zwei eherne Mauern Wache hielten. +</p> + +<p> +Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren +war, hielt er unter einem breiten Schutzdache, unter dem +angehalfterte Pferde an Heubündeln fraßen. +</p> + +<p> +Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge +vorhanden, da man auch die auf den Feldern Arbeitenden, +aus Furcht vor den Söldnern, in die Stadt +hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen Tierfelle +und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel +zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken +hatten rotgefärbte Arme wie Scharfrichter. +Die Seeleute trugen grüne Mützen, die Fischer Korallenhalsbänder, +die Jäger ein Netz auf der Schulter und die +im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze +Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder +Leinwand, je nach ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe. +</p> + +<p> +Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese +Vagabunden lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung. +Sie schliefen des Nachts in den Gärten und nährten sich +von den Küchenabfällen. Es war gleichsam menschlicher +Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar +duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem +Erbarmen. Sie hatten sich allesamt zum +Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die Ohren gesteckt. +Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie gesehen. +</p> + +<p> +Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich +auf alle diese Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken +rechts und links um sich. Dies geschah, um die auf den +Anblick ihres Gebieters neugierigen Sklaven zurückzutreiben. +Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt +und durch ihren Geruch nicht belästigt werden. +</p> + +<p> +Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien: +»Götterliebling, dein Haus blühe!« Durch diesen in der +Zypressenallee auf dem Boden liegenden Schwarm schritt +der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen weißen +Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand. +</p> + +<p> +Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt +von all ihren Frauen, die immer, wenn ihre Herrin eine +Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die Köpfe der Negerinnen +hoben sich als große schwarze Punkte in der langen +Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen +der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne +Pfeile, Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig +geordnete lange Nadeln. Auf dem Gewirr der weißen, +gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe, Spangen, +Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe +knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und +das dumpfe Treten der bloßen Füße auf den Holzstufen. +Hier und da ragte ein großer Eunuch über die Frauen hinweg +mit seinen hohen Schultern und seinem lächelnden +Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten, +stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend, +seltsame Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar, +so wild und so schrill, daß die große, ganz mit Frauen +bedeckte Ebenholztreppe von oben bis unten dumpf erdröhnte. +</p> + +<p> +Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden +wiegten sich sacht. Es war im Monat Schebaz, +mitten im Winter. Die blühenden Granatbäume zeichneten +sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und +durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen +Eiland, halb im Dunste verschwommen. +</p> + +<p> +Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war +ihm nach dem Tode mehrerer Knaben geboren worden. +Zudem galt die Geburt von Töchtern in allen Ländern der +Sonnenanbetung für ein Unglück. Später hatten ihm die +Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner +Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter +ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch +verblieben. Inzwischen kam Salambo heran. +</p> + +<p> +Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben +von ihren Ohren auf die Schultern herab bis an die +Ellbogen. Ihr Haar war so gekräuselt, daß es wie eine +Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine viereckige Goldplättchen. +Auf jedem war eine Frau zwischen zwei aufrecht +stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre +Kleidung der der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand +mit weiten Ärmeln schloß sich eng um ihre Hüften und erweiterte +sich nach unten. Der Zinnober auf ihren Lippen +ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in +ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen, +aus Vogelbälgen geschnitten, hatten überhohe Absätze. +Offenbar vor Kälte war Salambo sehr blaß. +</p> + +<p> +Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken, +ohne den Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm: +</p> + +<p> +»Heil dir, Götterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg, +Muße, Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz +traurig und das Haus voller Sehnsucht. Doch der Herr, +der heimkehrt, strahlt wie die Lenzessonne, die wiederauferstandene; +und unter deinem Blick, Vater, wird Freude +und neues Leben überall erblühen!« +</p> + +<p> +Und indem sie aus Taanachs Händen ein kleines längliches +Gefäß nahm, in dem eine Mischung von Mehl, +Butter, Paradieskörnern und Wein dampfte, fuhr sie fort: +</p> + +<p> +»Trink in vollen Zügen den Trank der Heimkehr, den +deine Magd dir bereitet!« +</p> + +<p> +Er erwiderte: »Segen über dich!« und ergriff mechanisch +die goldne Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er +sie so scharfen Blicks, daß sie verwirrt stammelte: +</p> + +<p> +»Man hat dir gesagt, Herr ...« +</p> + +<p> +»Ja, ich weiß,« versetzte Hamilkar leise. +</p> + +<p> +War das ein Geständnis oder meinte sie die Barbaren? +Er fügte ein paar inhaltslose Worte über die Not der +Stadt hinzu, der er unbedingt ein Ende setzen wolle. +</p> + +<p> +»Ach, Vater!« rief Salambo aus. »Was dahin ist, ist +dahin! Unwiederbringlich!« +</p> + +<p> +Da wich er zurück. Salambo aber staunte über seine Bestürzung. +Sie hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern +den Tempelraub, als dessen Mitschuldige sie sich fühlte. +Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den sie selber kaum +kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte alles +erraten, er wußte alles! Etwas Schreckliches mußte geschehen. +</p> + +<p> +»Gnade!« rief sie. +</p> + +<p> +Hamilkar senkte langsam das Haupt. +</p> + +<p> +Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht +die Lippen zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis, +sich zu beklagen und getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte +gegen den Drang, seinen Schwur zu brechen. Er hielt +ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der Ungewißheit +zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins +Antlitz, um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres +Herzens verberge. +</p> + +<p> +Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo +mehr und mehr den Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt +war er überzeugt, daß sie in der Umarmung eines Barbaren +schwach geworden war. Er bebte und hob beide Fäuste +empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme +ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten. +</p> + +<p> +Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar +der Verwalter folgte ihm nach. +</p> + +<p> +Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen +weiten runden Saal, von dem, wie die Speichen eines +Rades von der Nabe, lange Gänge ausliefen, die zu andern +Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine Art steinernes +Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den +Teppich herabgeglitten waren. +</p> + +<p> +Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten +auf und ab. Er atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß +auf den Boden und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, +wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt wird. Dann +schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften +Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick +in die Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch +selteneren Schätzen gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen +und Eisenbarren standen neben Zinnblöcken, die +über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen waren. +Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus +ihren Säcken von Palmenbast hervor, und der Goldstaub, +der in Schläuche gefüllt war, stäubte unmerklich +durch die altersschwachen Nähte. Zwischen dünnen Fasern, +aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus +Ägypten, Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße +der Mauern starrten Korallen wie große Sträucher empor. +Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer Geruch: +die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze +und der Straußenfedern, die in großen Büscheln von der +Deckenwölbung herabhingen. Vor jedem Gange standen +Elefantenzähne, mit den Spitzen aneinandergelegt, und +bildeten einen Spitzbogen als Eingang. +</p> + +<p> +Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen +alle mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte da. Nur +Abdalonims spitze Mütze ragte stolz empor. +</p> + +<p> +Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe, +einen alten Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust +hatten. Weiße Haarflocken reichten bis zu seinen Hüften +herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen im Barte +hängen geblieben. +</p> + +<p id="p174"> +Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades +und Senegambien ausgesandt mit der Order, das Horn +des Südens und das Vorgebirge der Gewürze zu umschiffen +und Eziongaber in Arabien zu erreichen. +</p> + +<p> +Andre Schiffe – so berichtete er – waren vier Monde +lang gen Westen gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann +hemmte Seegras den Bug der Schiffe. Am Horizont +donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote Nebel verdunkelten +die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte +die Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis +der Leute so verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten. +Inzwischen war man die Flüsse der Szythen +hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den Jugriern +und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert +Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber, +die man jenseits des Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man +in den Grund gebohrt, damit das Geheimnis der Wege +unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den Weihrauch +von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika +und die Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot +senkte die Stimme, als er meldete, daß eine Trireme bei +Rusikada von den Numidiern gekapert worden war: »denn +sie halten es mit ihnen, Herr!« +</p> + +<p> +Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter +der Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug +ein braunes, gürtelloses Gewand, und seinen Kopf umhüllte +eine lange Binde aus weißem Stoff, die am Rande +seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter +fiel. +</p> + +<p> +Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag- +und Nachtgleiche abgegangen. Doch von fünfzehnhundert +Leuten, die mit vortrefflichen Kamelen, neuen Schläuchen +und Vorräten bunter Leinwand nach Hinter-Äthiopien +den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger nach +Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen +erlegen oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden. +Der Gerettete berichtete, er habe weit jenseits +des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem +Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen. +Die geringsten Geräte seien dort aus lauterem Golde. +Ferner habe er einen Strom gesehen von milchweißer +Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von blauen +Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern, +die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich +wie Blumen entfalteten, wenn sie einen anblickten. Endlich +hätte es hinter Seen, die von Drachen wimmelten, +kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne schliefe. +Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit +Pfauen, Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die +den Weg nach den Syrten und zum Ammontempel eingeschlagen +hatten, um Chalzedone zu kaufen, die waren +ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen +nach Gätulien und Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse +von dort mitgebracht. Zurzeit – so schloß der Verwalter +der Karawanen seinen Bericht – wage er keine +neuen Expeditionen auszuschicken. +</p> + +<p> +Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene +besetzt. Mit einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den +andern Ellbogen. Der Verwalter der Landgüter hatte +nunmehr solche Furcht zu reden, daß er trotz seiner breiten +Schultern und seiner dicken roten Augen entsetzlich zitterte. +Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer Dogge. Auf +dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die +Hüften einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare +Messer blinkten. +</p> + +<p> +Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle +Götter anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne +nichts dafür! Er hätte die Witterung, den Boden und die +Sterne beobachtet, hätte die Anpflanzungen zur Zeit der +Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei abnehmendem +Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre +Kleider geschont ... +</p> + +<p> +Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte +mit der Zunge, aber der Mann mit den Messern fuhr +hastig fort: +</p> + +<p id="p176"> +»Ach, Herr, sie haben alles geplündert! Alles durcheinandergeworfen! +Alles zerstört! In Maschala sind dreitausend +Fuß Bäume niedergeschlagen, in Ubada die Speicher +zertrümmert und die Zisternen verschüttet. In Tedes +haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in +Marazzana alle Hirten getötet, die Herden verzehrt und +dein Haus eingeäschert, dein schönes Haus aus Zedernholz, +wo du im Sommer zu verweilen pflegtest! Die +Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die +Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere, +die Rinder von Taormina und die oringischen Pferde, – nicht +eins ist mehr da, alle sind geraubt! Es ist ein Fluch! +Ich überlebe das nicht!« Weinend fuhr er fort: »Ach, +wüßtest du, wie die Keller gefüllt waren, wie die Pflüge +glänzten! Und ach, die schönen Widder! Ach, die schönen +Stiere!« +</p> + +<p> +Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los: +</p> + +<p> +»Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lügen! +Sprecht die Wahrheit! Ich will alles wissen, was ich verloren +habe, alles bis auf Heller und Pfennig, bis auf +Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die Rechnungen +über die Schiffe, über die Karawanen, die Landgüter +und den Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht +rein ist, wehe euern Häuptern! – Geht!« +</p> + +<p> +Alle Verwalter gingen rücklings hinaus, tief gebeugt, so +daß ihre Hände den Boden berührten. +</p> + +<p> +Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes, +der in die Mauer eingebaut war, mit Knoten bedeckte +Schnüre, Leinen- und Papyrosrollen und Schulterblätter +von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt waren. Er +legte sie Hamilkar zu Füßen, gab ihm einen Holzrahmen +in die Hand mit drei eingespannten Fäden, auf denen +Kugeln von Gold, Silber und Horn aufgereiht waren. +Sodann begann er: +</p> + +<p> +»Hundertzweiundneunzig Häuser in der Straße der +Mappalier, an Neukarthager zu einem Talent monatlich +vermietet.« +</p> + +<p> +»Die Miete ist zu hoch! Schone die Armen! Auch sollst +du mir die Namen derer aufschreiben, die dir am kühnsten +erscheinen, und zu ermitteln trachten, ob sie der Republik +treu gesinnt sind. Weiter!« +</p> + +<p> +Abdalonim zauderte. Solche Großmut überraschte ihn. +</p> + +<p> +Hamilkar riß ihm die Leinwandrollen aus der Hand. +</p> + +<p> +»Was ist das? Drei Paläste am Khamonplatze zu zwölf +Kesitah den Monat? Setze zwanzig! Von Reichen laß ich +mich nicht ausbeuten!« +</p> + +<p> +Der Haushofmeister verneigte sich tief, dann fuhr er fort: +</p> + +<p id="p178"> +»An Tigillas bis Ende der Schiffahrtszeit ausgeliehen: +zwei Talente zu dreiunddreißig ein drittel Prozent. Überseegeschäft! +An Barmalkarth fünfzehnhundert Sekel gegen +ein Pfand von dreißig Sklaven. Zwölf davon sind allerdings +in den Salzteichen eingegangen ...« +</p> + +<p> +»Weil sie überhaupt schon kaputt waren!« lachte der +Suffet. »Einerlei! Wenn er Geld braucht, soll er welches +haben! Das Geld muß immer arbeiten, zu verschiedenem +Zins, je nach dem Reichtum der Abnehmer.« +</p> + +<p> +Der Diener las weiterhin rasch alle Einnahmen vor: +aus den Eisenminen in Annaba, den Korallenfischereien, +den Purpurfabriken, aus der Pacht der den ansässigen +Griechen auferlegten Steuern, aus der Silberausfuhr +nach Arabien, wo es zehnfachen Goldwert hatte, aus gekaperten +Schiffen, – abzüglich des Zehnten für den Tempel +der Göttin. +</p> + +<p> +»Ich habe jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!« +</p> + +<p> +Hamilkar rechnete mit den Kugeln der Rechenmaschine +nach, die unter seinen Fingern klapperten. +</p> + +<p> +»Genug! Was hast du in bar gezahlt?« +</p> + +<p> +»An Stratonikles in Korinth und an drei Kaufleute in +Alexandrien auf diese Wechsel hier – sie sind am Fälligkeitstage +vorgezeigt worden – zehntausend athenische Drachmen +und zwölf syrische Goldtalente. Verpflegung der +Schiffsmannschaften, zwanzig Minen monatlich für jede +Triere ...« +</p> + +<p> +»Ich weiß! Haben wir Verluste gehabt?« +</p> + +<p> +»Die Rechnung darüber steht auf diesen Bleitafeln!« vermeldete +der Beamte. »Was die mit andern Gesellschaftern +gemeinsam befrachteten Schiffe anbetrifft, so mußte +man mehrfach Ladungen über Bord werfen. Der Verlust +ist auf alle Teilhaber verteilt worden. Für Tauwerk, das +aus den Arsenalen geliehen wurde und nicht zurückerstattet +werden konnte, haben die Syssitien vor dem Zuge +nach Utika achthundert Kesitah gefordert ...« +</p> + +<p> +»Immer wieder die!« murmelte Hamilkar mit gesenktem +Haupte. Eine Weile saß er wie niedergedrückt von dem +großen Haß, den er auf sich lasten fühlte. »Aber ich finde +die Ausgaben für Megara nicht!« +</p> + +<p> +Abdalonim erbleichte und holte aus einem andern Schranke +Tafeln von Sykomorenholz, die bündelweise auf Lederschnuren +gereiht waren. +</p> + +<p> +Hamilkar hörte neugierig auf die Einzelheiten des Haushaltsberichts. +Die Eintönigkeit der Stimme, die ihm +die Ziffern vorlas, beruhigte ihn allmählich. Dann las +Abdalonim langsamer. Plötzlich ließ er die Holztafeln +fallen und warf sich selbst mit ausgestreckten Armen lang +auf den Boden, wie ein Verurteilter. Hamilkar hob die +Tafeln mit gleichgültiger Miene auf. Doch seine Lippen +öffneten sich, und seine Augen erweiterten sich, wie er unter +den Ausgaben eines einzigen Tages einen ungeheuren +Verbrauch an Fleisch, Fischen, Geflügel, Wein und Gewürz, +dazu eine Aufzählung von zerbrochenen Gefäßen, +getöteten Sklaven und verdorbenen Teppichen fand. +</p> + +<p> +Abdalonim, noch immer am Boden liegend, berichtete +ihm nun von dem Festschmause der Söldner. Er hätte +sich dem Befehl der Alten nicht entziehen können; dazu +habe Salambo gewünscht, daß die Soldaten auf das beste +bewirtet werden sollten. +</p> + +<p> +Beim Namen seiner Tochter fuhr Hamilkar mit einem +Satz in die Höhe. Dann sank er auf die Kissen zurück. Er +biß sich auf die Lippen, zerrte mit den Nägeln an den +Fransen eines Kissens und atmete schwer. Sein Blick war +starr. +</p> + +<p> +»Steh auf!« gebot er und stieg herab. +</p> + +<p> +Abdalonim folgte ihm mit schlotternden Knien. Dann +aber griff er nach einer Eisenstange und machte sich daran, +wie ein Rasender die Steinfliesen auszuheben. Eine Holzscheibe +sprang hoch, und alsbald klappten in der Flucht +des Ganges noch mehrere solcher großen Deckel auf: +die Verschlüsse von Kellern zur Aufbewahrung von Getreide. +</p> + +<p> +»Du siehst, Liebling der Götter,« sprach der Diener zitternd, +»sie haben nicht alles genommen! Diese Keller sind +tief, jeder fünfzig Ellen, und bis zum Rande gefüllt! +Während deiner Reise habe ich sie anlegen lassen, auch +welche in den Arsenalen, in den Gärten, überall! Dein +Haus ist voll Korn, wie dein Herz voller Weisheit!« +</p> + +<p> +Ein Lächeln überflog Hamilkars Antlitz. +</p> + +<p> +»Das ist gut so, Abdalonim!« Und flüsternd sagte er +ihm, sich neigend, ins Ohr: »Du wirst noch mehr kommen +lassen, aus Etrurien, aus Bruttium, woher du willst und +zu welchem Preise es auch sei! Häuf es an und bewahr +es! Ich muß alleiniger Besitzer alles Getreides in Karthago +sein!« +</p> + +<p> +Dann, am Ende des Ganges, öffnete Abdalonim mit +einem der Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen, ein +großes viereckiges Gemach, das in der Mitte durch Pfeiler +von Zedernholz geteilt war. Goldne, silberne und +eherne Münzen, auf Tischen aufgebaut oder in den Nischen +hochgetürmt, häuften sich an allen vier Wänden bis zu +den Dachbalken empor. +</p> + +<p id="p181"> +Ungeheure Koffer aus Flußpferdhaut standen in den +Ecken und bargen ganze Reihen von kleineren Säcken. +Haufen von Scheidemünzen wölbten sich auf dem Fußboden. +Hier und dort war ein zu hoher Berg eingestürzt +und glich nun einer zertrümmerten Säule. Die großen +karthagischen Münzen mit dem Bilde der Tanit und eines +Rosses unter einem Palmbaum mischten sich mit den +Geldstücken der Kolonien, auf denen ein Stier, ein Stern, +eine Kugel oder ein Halbmond zu sehen war. Weiterhin +erblickte man, zu ungleichen Haufen geschichtet, Münzen +von jedem Werte, jeder Form, jedem Zeitalter: von +den alten assyrischen Münzen, dünn wie Fingernägel, +bis zu den alten faustdicken Geldstücken Latiums, von +dem knopfförmigen Geld Äginas bis zu den Tafeln der +Baktrier und den kurzen Barren des alten Sparta. +Manche waren mit Rost bedeckt, beschmutzt, im Wasser +grünspanig geworden oder vom Feuer geschwärzt; man +hatte sie mit Netzen aufgefischt oder nach Belagerungen +in den Trümmern der Städte gefunden. Der Suffet +hatte rasch überschlagen, ob die vorhandenen Summen +mit den Einnahmen und Verlusten, die ihm Abdalonim +verlesen, übereinstimmten, und er wollte schon hinausschreiten, +als er drei große, bis auf den Grund leere +eherne Krüge sah. Abdalonim wandte vor Entsetzen das +Haupt ab, aber Hamilkar schwieg resigniert. +</p> + +<p> +Sie durchschritten andre Gänge und Räume und kamen +schließlich vor eine Tür, vor der zur besseren Bewachung +an einer langen, um seinen Leib und an die Mauer geschmiedeten +Kette ein Mann lag. (Das war eine römische +Sitte, noch nicht lange in Karthago eingeführt.) +Bart und Fingernägel des Angeketteten waren übermäßig +lang, und er wiegte sich fortwährend nach rechts und nach +links wie ein gefangenes Tier. Sobald er Hamilkar erkannte, +stürzte er ihm entgegen und rief: +</p> + +<p> +»Gnade! Liebling der Götter! Erbarmen! Töte mich! +Zehn Jahre sind es nun, daß ich die Sonne nicht gesehen! +Im Namen deines Vaters, Gnade!« +</p> + +<p> +Ohne ihm zu antworten, klatschte Hamilkar in die Hände. +Drei Männer erschienen, und alle vier zogen mit einem +gleichzeitigen starken Ruck die riesige Eisenstange, die das +Tor verschloß, aus ihren Ringen. Hamilkar ergriff eine +Fackel und verschwand im Dunkeln. +</p> + +<p> +Man hielt diesen Raum lediglich für die Familiengruft, +doch hätte man hier höchstens einen weiten Schacht gefunden, +angelegt, um die Diebe irrezuführen, doch ohne +Inhalt. Hamilkar ging daran vorüber, dann bückte er sich, +drehte einen schweren Mühlstein auf seinen Walzen und +trat durch die so entstandene Öffnung in ein kegelförmiges +Gemach. +</p> + +<p> +Eherne Schuppen bedeckten die Wände. In der Mitte, +auf einem Sockel aus Granit, erhob sich das Standbild +eines der Kabiren, namens Aletes, das heißt des ewigen +Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in Spanien. +Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzförmig +angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne +Gefäße mit verschlossenem Halse und von wunderlicher +Form, die zu nichts dienen konnten. Es war nämlich +Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um ihre Verminderung +oder gar ihre Entwendung fast unmöglich zu +machen. +</p> + +<p id="p183"> +Hamilkar zündete mit seiner Fackel ein Lämpchen an, das +an der Mütze des Götterbildes befestigt war, und plötzlich +erstrahlte der Raum in grünen, gelben, blauen, violetten, +weinfarbenen und blutroten Lichtern. Er war voller Edelsteine, +in goldne Schalen gefüllt, die wie Lampenbecken +an metallenen Trägern hingen. Andre standen, noch im +Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Türkise, +durch Schleuderwürfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel, +aus dem Urin der Luchse entstanden; Glossopetren, +vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten, Sandaster, +Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller +vier Arten und Smaragde aller zwölf Arten. Sie schimmerten +wie Milchtropfen, wie blaue Eiszapfen, wie +Silberstaub, und sprühten ihr Licht in breiten Fluten, in +feinen Strahlen und glühenden Sternen. Meteore, die +der Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen +heilen. Man sah Topase vom Berg Zabarka, +die vor Erschrecken schützen; Opale aus Baktrien, die +Fehlgeburten verhindern; Ammonshörner, die man unter +das Bett legt, wenn man Träume haben will. +</p> + +<p> +Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten +sich in den großen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit +verschränkten Armen da und lächelte. Er ergötzte sich +weniger am Anblick als am Bewußtsein seiner Reichtümer. +Seine Schätze waren unerreichbar, unerschöpflich, unendlich. +Seine Ahnen, die hier unter seinen Füßen schliefen, +sandten seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit. +Er fühlte sich den unterirdischen Geistern nahe. Er empfand +gleichsam die Freude eines Erdgeistes, und die langen +leuchtenden Strahlen, die über sein Gesicht liefen, dünkten +ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn +über Abgründe hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknüpfte. +</p> + +<p> +Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich +hinter das Götterbild und schritt geradeaus auf die Wand +zu. Nachdenklich betrachtete er eine Tätowierung auf +seinem rechten Arm: eine wagerechte Linie in Verbindung +mit zwei senkrechten: die kanaanitische Ziffer dreizehn. +Nun zählte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug nochmals +seinen weiten Ärmel zurück, streckte die rechte Hand +aus und las auf einer andern Stelle seines Arms andre +verwickeltere Zeichen, während er seine Finger bewegte +wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte er mit seinem +Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte +sich wie aus einem Stück. +</p> + +<p> +Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem +sich geheimnisvolle Dinge befanden, die keinen Namen +hatten, aber von unberechenbarem Werte waren. Hamilkar +stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem Silberbecken +ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flüssigkeit +schwamm, und stieg dann wieder hinauf. +</p> + +<p> +Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er +stieß mit seinem langen Stabe, der am Knopf mit Schellen +besetzt war, auf die Steinfliesen und rief vor jedem Gemache +den Namen Hamilkars in einem Schwalle von +Lobpreisungen und Segenswünschen. +</p> + +<p> +In dem runden Saale, in den alle Gänge mündeten, +waren längs der Mauern Alguminstangen, Säcke voll +Henna, Kuchen aus lemnischer Erde und Schildkrötenschalen +voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet streifte +alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne +auch nur die riesigen Bernsteinstücke, diesen fast göttlichen, +von den Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten. +</p> + +<p> +Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen. +</p> + +<p> +»Öffne!« +</p> + +<p> +Sie traten ein. +</p> + +<p> +Nackte Männer kneteten teigige Massen, zerrieben Kräuter, +schütteten Kohlen, gossen Öl in Krüge, öffneten und +schlossen die kleinen eiförmigen Zellen, die rings in die +Mauern führten und so zahlreich waren, daß der Raum +dem Innern eines Bienenstockes glich. Myrobalan, Odellium, +Safran und Veilchen quollen daraus hervor. Überall +waren Harze, Pulver, Wurzeln, Glasflaschen, Filipendelzweige +und Rosenblätter verstreut. Man erstickte +schier in Gerüchen, trotz der Rauchwirbel des Storaxharzes, +das in der Mitte auf einem ehernen Dreifuß knisternd +kochte. +</p> + +<p> +Der Verwalter der Parfümerienfabrik, lang und bleich +wie eine Wachskerze, kam an Hamilkar heran, um in +dessen Hand eine Rolle Metopion zu zerdrücken, während +zwei andre Leute ihm die Fersen mit Bakkarisblättern +einrieben. Der Suffet stieß sie zurück. Es waren Leute +von verrufenen Sitten, die man jedoch wegen ihrer geheimen +Kenntnisse schätzte. +</p> + +<p> +Um seine Ergebenheit zu bezeugen, bot der Verwalter +dem Suffeten auf einem Bernsteinlöffel etwas Malobathron +als Probe dar. Dann durchstieß er mit einer Ahle +drei indische Bezoarsteine. Hamilkar, der alle Kunstkniffe +kannte, nahm ein Horn voll der Essenz, hielt es +an die glühenden Kohlen und schüttete einen Tropfen auf +sein Gewand. Ein brauner Fleck erschien darauf: die +Tinktur war nicht echt! Er blickte den Verwalter scharf +an und warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, das Gazellenhorn +ins Gesicht. +</p> + +<p> +So aufgebracht er indes auch über die zu seinem Schaden +begangene Fälschung war, so ordnete er doch bei der +Besichtigung der Nardenvorräte, die man für überseeische +Länder verpackte, interessiert an, Antimon darunter zu +mischen, um die Ware schwerer zu machen. +</p> + +<p> +Dann fragte er, wo sich die drei Kisten Psagas befänden, +die zu seinem persönlichen Gebrauche bestimmt waren. +</p> + +<p> +Der Aufseher gestand, daß er nicht wisse, wohin sie gekommen +seien. Söldner mit Messern wären brüllend +hereingestürzt, und er hätte ihnen die Kisten öffnen müssen. +</p> + +<p> +»So fürchtest du sie mehr als mich!« schrie der Suffet, +und seine Augen blitzten durch den Dampf wie Fackeln +über den großen bleichen Mann hin, der zu begreifen +begann. »Abdalonim! Vor Sonnenuntergang wirst du +ihn Spießruten laufen lassen! Zerfleddere ihn!« +</p> + +<p id="p186"> +Dieser Verlust, geringer als die andern, hatte ihn erbittert, +denn trotz seines Bemühens, die Barbaren aus +seinen Gedanken zu verbannen, stieß er überall von neuem +auf ihre Spuren. Ihre Ausschreitungen verschmolzen +gleichsam mit der Schande seiner Tochter, und er zürnte +dem ganzen Hause, daß es darum wisse und ihm doch +nichts sage. Aber etwas trieb ihn, sich immer tiefer in +sein Unglück zu verlieren, und von einer Art Spürwut +ergriffen, besichtigte er in den Schuppen hinter dem Verwaltungshause +die Vorräte an Erdpech, Holz, Ankern und +Tauwerk, an Honig und Wachs, sodann die Bekleidungskammern, +die Vorratsmagazine, das Marmorlager und +den Silphiumspeicher. +</p> + +<p> +Darauf besuchte er auf der andern Seite der Gärten +die Hütten der Handwerker, deren Erzeugnisse verkauft +wurden. Schneider stickten Mäntel. Andre flochten Netze, +bemalten Kissen, schnitten Sandalen. Arbeiter aus Ägypten +glätteten mit Muschelschalen Papyrus. Die Weberschiffchen +schwirrten, die Ambosse der Waffenschmiede dröhnten. +</p> + +<p> +Hamilkar sagte zu den letzteren: +</p> + +<p> +»Schmiedet Schwerter! Schmiedet immerfort! Ich werde +sie brauchen!« +</p> + +<p> +Dabei zog er aus seinem Busen das giftgebeizte Antilopenfell, +damit man ihm einen Harnisch daraus schnitte, +fester denn aus Erz, einen, dem Feuer und Eisen nichts +anhaben könnten. +</p> + +<p> +Als er zu den Handwerkern trat, suchte ihn Abdalonim, +in der Absicht, seinen Zorn von sich abzuwenden, gegen +diese Leute aufzubringen, indem er ihre Arbeiten mürrisch +tadelte: +</p> + +<p> +»Was für eine Arbeit! Es ist eine Schande! Wahrhaftig, +der Herr ist zu gut!« +</p> + +<p> +Hamilkar ging weiter, ohne auf ihn zu hören. +</p> + +<p> +Er verlangsamte seine Schritte, denn große, von oben +bis unten verkohlte Bäume, wie man sie in den Wäldern +findet, wo Hirten gelagert haben, versperrten den Weg. +Die Zäune waren niedergerissen, das Wasser in den Gräben +eingetrocknet, Glasscherben und Affenknochen lagen +in großen Schlammpfützen umher. Hier und dort hingen +Zeugfetzen an den Büschen. Unter den Limonenbäumen +hatten sich verfaulte Blumen zu einem gelben häßlichen +Haufen getürmt. Offenbar hatte sich die Dienerschaft +um nichts gekümmert, im Glauben, der Herr käme nicht +wieder heim. +</p> + +<p> +Auf Schritt und Tritt entdeckte er immer neues Unheil, +neue Beweise für das, was zu erforschen er sich untersagt +hatte. Jetzt besudelte er sogar seine Purpurstiefel, +indem er in Unrat trat. Warum hatte er die ganze Soldateska +nicht im Schußfeld eines Geschützes, um sie kurz +und klein zu schießen! Er fühlte sich gedemütigt, weil +er ihre Partei genommen. Narretei! Verrat! Da er +aber weder an den Söldnern, noch an den Alten, noch +an Salambo oder an sonst jemandem Rache nehmen +konnte und sein Zorn ein Ziel haben mußte, so verurteilte +er in Bausch und Bogen sämtliche Gartensklaven +zur Arbeit in den Bergwerken. +</p> + +<p> +Abdalonim zitterte jedesmal, wenn er ihn die Richtung +nach dem Tierparke zu nehmen sah. Aber Hamilkar schlug +den Weg nach der Mühle ein, aus der ihm schwermütiger +Gesang entgegenscholl. +</p> + +<p> +Von Staub umhüllt drehten sich die schweren Mühlsteine, +das heißt zwei übereinanderliegende Porphyrkegel, deren +oberer einen Trichter trug und durch starke Stangen auf +dem unteren bewegt wurde. Sklaven schoben sie mit +Brust und Armen, während andere an Riemen zogen. +Das Scheuern des Lederzeugs hatte an ihren Achseln +eiternde Krusten gebildet, wie man sie auf dem Widerrist +der Esel sieht; und der schwarze schlaffe Schurz, der +ihre Hüften bedeckte, mit den herabhängenden Zipfeln, +die wie lange Schwänze aussahen, schlug ihnen gegen die +Kniekehlen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Fußketten +klirrten, ihre Lungen keuchten im Takte. Vor dem Munde +trugen sie, an zwei Erzketten befestigt, Maulkörbe, so daß +sie nicht von dem Mehl essen konnten. Ihre Hände steckten +in Fausthandschuhen, damit sie auch nichts davon nahmen. +Beim Eintritt des Herrn knarrten die hölzernen Stangen +stärker. Das Korn knirschte beim Mahlen. Ein paar +Arbeiter strauchelten und fielen. Die andern mühten sich +weiter und schritten über sie hinweg. +</p> + +<p> +Er fragte nach Giddenem, dem Sklavenaufseher. Er +erschien. Seine Würde verriet sich im Reichtum seiner +Kleidung. Seine an den Seiten geschlitzte Tunika war +von feinem Purpur. Schwere Ohrringe zogen seine Ohren +herab, und seine Wickelgamaschen hielt eine goldene +Schnur fest, die sich von den Knöcheln zu den Hüften +hinaufringelte, wie die Schlange um einen Baum. In +seinen mit Ringen bedeckten Fingern hielt er eine Kette +aus Gagatkugeln, ein Mittel, die an der Fallsucht Leidenden +zu erkennen. +</p> + +<p> +Hamilkar winkte ihm, die Maulkörbe abnehmen zu lassen. +Da stürzten alle Sklaven mit einem Geschrei wie +ausgehungerte Tiere über das Mehl her und verschlangen +es, wobei sich ihre Gesichter in den Haufen vergruben. +</p> + +<p> +»Du verlangst zu viel von ihnen!« versetzte der Suffet. +</p> + +<p> +Giddenem antwortete, dies sei möglich, sonst wären sie +aber nicht zu bändigen. +</p> + +<p> +»Dann war es also umsonst, daß ich dich nach Syrakus +in die Sklavenschule geschickt habe! Laß die andern +kommen!« +</p> + +<p> +Und die Köche, die Küfer, die Stallknechte, die Läufer, +die Sänftenträger, die Badediener und die Weiber mit +ihren Kindern, alle stellten sich im Garten in einer langen +Reihe auf, die vom Verwaltungshause bis zu den Gehegen +der wilden Tiere reichte. Sie hielten den Atem +an. Ungeheure Stille durchdrang Megara. Die Sonne +stand schräg über der Lagune unter der Totenstadt. Pfauen +schrien. Hamilkar schritt ganz langsam die Front ab. +»Was soll ich mit diesen Greisen?« fragte er. »Verkaufe +sie! Zu viel Gallier! Das sind Trunkenbolde! Und zu +viel Kreter! Das sind Lügner! Kaufe mir Kappadozier, +Asiaten und Neger.« +</p> + +<p> +Er wunderte sich über die geringe Zahl der Kinder. +»Jedes Haus muß alljährlich Nachwuchs haben, Giddenem! +Laß alle Nächte die Hütten offen, damit die Leute +nach Belieben miteinander verkehren können!« +</p> + +<p> +Dann ließ er sich die Diebe, die Trägen und die Widerspenstigen +zeigen. Er erteilte Strafen und machte +Giddenem Vorwürfe. Der senkte wie ein Stier seine +niedrige Stirn, auf der die breiten Brauen zusammenstießen. +</p> + +<p> +»Hier, Gottbegnadeter!« sagte er, auf einen kräftigen +Libyer deutend. »Den da hat man mit einem Strick um +den Hals ertappt!« +</p> + +<p> +»So, du möchtest also sterben?« fragte ihn der Suffet +verächtlich. +</p> + +<p> +Der Sklave entgegnete in unerschrockenem Tone: »Ja!« +</p> + +<p> +Der Fall bot ein Beispiel und war ein materieller Verlust. +Aber unbekümmert darum gebot Hamilkar den +Knechten: +</p> + +<p> +»Führt ihn ab!« +</p> + +<p> +Vielleicht hegte er insgeheim die Absicht, ein Opfer zu +bringen. Er legte sich diesen Verlust auf, um schlimmerem +vorzubeugen. +</p> + +<p> +Giddenem hatte die Verstümmelten hinter den andern +versteckt. Hamilkar bemerkte sie. +</p> + +<p> +»Wer hat dir den Arm abgeschlagen?« +</p> + +<p> +»Die Söldner, Gottbegnadeter!« +</p> + +<p> +Dann fragte er einen Samniter, der schwankend dastand +wie ein verwunderter Reiher. +</p> + +<p> +»Und du, wer hat dir das angetan?« +</p> + +<p> +Der Aufseher hatte ihm mit einer Eisenstange das Bein +zerschmettert. +</p> + +<p> +Diese sinnlose Grausamkeit empörte den Suffeten. Er +rieß Giddenem die Gagatkette aus den Händen und +schrie: +</p> + +<p> +»Fluch dem Hunde, der seine Herde verletzt! Sklaven +verstümmeln! Gütige Tanit! Ha, du richtest deinen Herrn +zugrunde! Man ersticke ihn im Mist! – Und nun fehlen +noch eine Menge! Wo sind sie? Hast du sie gemeinsam +mit den Söldnern ermordet?« +</p> + +<p> +Sein Gesichtsausdruck war so schrecklich, daß alle Weiber +entflohen. +</p> + +<p> +Die Sklaven verließen ihre Aufstellung und bildeten +einen weiten Kreis um beide. Giddenem küßte wie wahnsinnig +die Sandalen Hamilkars, der noch immer mit geballten +Fäusten vor ihm stand. +</p> + +<p> +In seinem selbst in der wildesten Schlacht klaren Geiste +erinnerte er sich jetzt tausend häßlicher und schmählicher +Dinge, an die er bisher nicht gedacht hatte. Im Licht +seines Zornes hatte er jetzt wie im Wetterschein mit einem +Schlage all sein Mißgeschick vor Augen. Die Verwalter +der Landgüter waren entflohen, aus Furcht vor den Söldnern, +vielleicht im Einverständnis mit ihnen. Alle betrogen +ihn. Ach, schon zu lange bezwang er sich! +</p> + +<p> +»Man führe sie her!« schrie er. »Und brandmarke sie +auf der Stirn mit glühendem Eisen als Feiglinge!« +</p> + +<p> +Man brachte Stricke herbei, Halseisen, Messer, Ketten, +für die zur Bergwerksarbeit Verurteilten; Fußfesseln, +um die Beine zusammenzupressen; Numellen, über die +Schultern zu legen; ferner Skorpione, dreisträhnige Peitschen +mit eisernen Haken an den Enden der Riemen. +All dieses Folterzeug wurde in der Mitte des Gartens +niedergelegt. +</p> + +<p> +Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen +die Sonne, gegen Moloch den Verzehrer, auf den Bauch +oder Rücken hingestreckt, die mit Geißelung Bestraften +aber aufrecht an Bäume gebunden und neben ihnen je +zwei Männer aufgestellt, einer, der die Schläge zählte, +und einer, der zuschlug. +</p> + +<p> +Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und +rissen die Rinde von den Platanen. Das Blut spritzte wie +Regen auf die Blätter, und rote Fleischmassen wanden +sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen Ketten +angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren +Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe +Schläge schallten. Bisweilen gellte ein schriller Schrei +durch die Luft. In der Nähe der Küchen kauerten Männer +zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und abgerissenen +Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch +von verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten +brachen zusammen, doch die Stricke an ihren +Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die Augen und ließen +die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die +übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu +schreien, und die Löwen, die sich vielleicht des Festtages +erinnerten, reckten sich gähnend hinauf zum Rand ihrer +Gruben. +</p> + +<p> +Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse. +Sie lief vor Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte +sie. Es schien ihm, als ob sie die Arme gegen ihn ausstreckte, +um seine Gnade zu erbitten. Mit einer Gebärde +des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark. +</p> + +<p> +Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen +Häuser. Sie hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten +gesiegt, und man verehrte sie als Lieblinge der Sonne. +Die von Megara waren die stärksten in Karthago. Vor +seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim schwören lassen, +daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die meisten +waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur +drei lagen noch in der Mitte des Hofes im Sande vor +ihren zertrümmerten Krippen. +</p> + +<p> +Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu. +</p> + +<p> +Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der +andre hatte am Knie eine breite Wunde, dem dritten war +der Rüssel abgehauen. Die Tiere blickten ihren Herrn +traurig wie denkende Wesen an, und der eine, der keinen +Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie beugte +und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf +seines Rüssels zu streicheln. +</p> + +<p> +Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen +in die Augen. Er stürzte auf Abdalonim los. +</p> + +<p> +»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!« +</p> + +<p> +Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden. +</p> + +<p> +Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam +zum Himmel schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar +blieb stehen. +</p> + +<p> +Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt, +als ob ihn ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar +seine eignen Kräfte fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte +weiterdauernd. Die Sklaven begriffen freilich +nicht, warum er mit einem Male besänftigt war. +</p> + +<p> +Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis +vorüber, einem langen Gebäude aus schwarzen +Steinen, das in einer großen viereckigen Grube erbaut war. +Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den vier +Ecken. +</p> + +<p> +Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende +Zeichen gab. +</p> + +<p> +»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den +Kerker hinab. +</p> + +<p> +»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten +ihm. +</p> + +<p> +Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen +Fenster lugte das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene +Ketten an den Wänden hängen. +</p> + +<p> +Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben! +</p> + +<p> +Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter, +die sich von draußen über die Grube neigten, sahen, wie +er sich mit der Hand an die Mauer stützte, um nicht umzufallen. +</p> + +<p> +Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar +blickte auf. Er sprach kein Wort, machte keine Gebärde. +</p> + +<p> +Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand +er hinter der Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung +der Patrizier im Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten: +</p> + +<p> +»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl +unsrer Armee gegen das Heer der Barbaren an!« +</p> + + + + +<h2 id="ch08">VIII</h2> + +<h2>Die Schlacht am Makar</h2> + + +<p> +Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien +anderthalb Millionen Mark in Gold und legte +jedem Mitgliede der dreihundert Patriziergeschlechter eine +Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die Frauen und +Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften – etwas +Unerhörtes nach karthagischer Sitte – zwang er, Geld +herzugeben. +</p> + +<p> +Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. +Manche wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre +Güter wurden einfach verkauft. Um den Geiz der andern +einzuschüchtern, lieferte er selber sechzig Rüstungen und +siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war allein soviel, +wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte. +</p> + +<p> +Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner +anzuwerben: dreitausend Bergbewohner, die mit Bären +zu kämpfen gewohnt waren. Man zahlte ihnen im voraus +auf sechs Monate den Sold. +</p> + +<p> +Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er +nicht, wie Hanno, jeden Bürger an. Zunächst wies er alle +Leute mit sitzender Lebensweise zurück, ferner solche, die +einen dicken Bauch oder ein ängstliches Aussehen hatten. +Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka, Barbarenabkömmlinge +und Freigelassene. Den Neukarthagern +versprach er als Belohnung das volle Bürgerrecht. +</p> + +<p> +Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese +Truppe von schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische +Blüte der Republik hielt, wählte sich ihre Führer +selbst. Er verabschiedete ihre bisherigen Offiziere und faßte +die Mannschaft hart an, ließ sie laufen, springen, in einem +Atem den Abhang des Burgbergs erklettern, Speere werfen, +ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen biwakieren. +Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie. +</p> + +<p> +Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und +stärkerem Schuhwerk aus, beschränkte die Zahl der Burschen +und das Gepäck. Im Molochtempel bewahrte man +dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des Einspruchs +des Oberpriesters. +</p> + +<p> +Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und +andern aus Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig +Tieren, die er bis an die Zähne bewaffnete. +Ihre Führer rüstete er mit Hammern und Meißeln aus, +damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen +Tieren die Schädel spalten konnten. +</p> + +<p> +Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen. +Die Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, +aber er ging nicht darauf ein. Da wagte man nicht +mehr zu murren. Alles beugte sich der Gewalt seines Geistes. +</p> + +<p> +Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und +Finanzen. Um Beschwerden vorzubeugen, forderte er den +Suffeten Hanno zum Nachprüfen der Rechnungen auf. +</p> + +<p> +Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen, +die längst zwecklos gewordenen alten Binnenmauern +niederreißen. Der Unterschied im Vermögen, der +an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt die +Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt. +Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der +alten, schon halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen +an, während sich das Volk darüber freute, ohne recht zu +wissen warum. +</p> + +<p> +Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller +Bewaffnung durch die Straßen. Aller Augenblicke vernahm +man Trompetensignale. Wagen mit Schilden, Zelten +und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller +Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte +sich den andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. +Er hatte seine Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt +und Sorge getragen, daß in den Langreihen abwechselnd +immer ein Starker neben einem Schwachen stand, so daß +der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen +geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen +dreitausend Ligurern und der Elite der Karthager konnte +er freilich nur eine einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig +Gepanzerten bilden, die eherne Helme trugen +und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus Eschenholz, +sogenannten Sarissen, bewaffnet waren. +</p> + +<p> +Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen +und Sandalen ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert +andre, die Rundschilde und Römerschwerter bekamen. +</p> + +<p> +Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, +dem Reste der Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren +mit vergoldeten Erzschienen gepanzert. Ferner hatte +er über vierhundert berittene Bogenschützen, die man Tarentiner +nannte, mit Mützen aus Wieselfell, Doppeläxten +und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger +aus dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, +neben den Pferden herlaufen, indem sie sich mit der Hand +an den Mähnen festhielten. Alles war marschbereit, und +dennoch rückte Hamilkar nicht aus. +</p> + +<p> +Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich +über die Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar. +Suchte er mit den Söldnern Fühlung? Die Ligurer, die +in der Straße der Mappalier lagen, schützten sein Haus. +</p> + +<p> +Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, +als man eines Tages dreihundert Barbaren den Mauern +näher kommen sah. Der Suffet öffnete ihnen die Tore. +Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem General zurück, +von Furcht oder Treue getrieben. +</p> + +<p> +Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht. +Dieser Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt +nicht sterben. Er kehrte endlich zurück, um sein Versprechen +zu erfüllen. Das war eine Hoffnung, die nichts +Widersinniges hatte. So tief war die Kluft zwischen +Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt. +Das Gelage hatte man vergessen. +</p> + +<p> +Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines +andern. Das war ein Triumph für die Unzufriednen, +und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu kam, daß +die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man +brachte es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten. +Viele hatten sich vom Heere getrennt und durchstreiften +das Land. Bei der Kunde von den Rüstungen der Karthager +kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude. +»Endlich! endlich!« rief er aus. +</p> + +<p> +Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun +gegen Hamilkar. Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer +vor sich. Und da seine Rachgier vielleicht doch Befriedigung +finden konnte, so wähnte er die Beute schon in seinen Händen +und weidete sich bereits an ihr. Gleichzeitig ward er +von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer heftigerer +Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner +Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike +durch die Luft schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem +Purpurbette, wo er die Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht +mit Küssen bedeckte und mit den Händen über ihr +langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser Traum +nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine +Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so +schwor er sich, den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung, +daß er daraus nicht zurückkehren würde, reizte +ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu wollen. +</p> + +<p> +Er kam zu Spendius und sprach zu ihm: +</p> + +<p> +»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen +herbeiführen! Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren, +wenn Hamilkar uns angreift! Verstehst du mich? Steh +auf!« +</p> + +<p> +Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft. +Matho ließ sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn +er zuweilen auch heftig erregt gewesen war, so war dieser +Zustand stets schnell wieder vergangen. Jetzt erschien +er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen loderte +ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers. +</p> + +<p> +Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er +wohnte jetzt in einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle +Getränke aus Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein +Haar wachsen und leitete die Belagerung mit Muße. Übrigens +hatte er geheime Verbindungen in der Stadt angeknüpft. +Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt, +daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete. +</p> + +<p> +Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte, +befand sich gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung, +ja, er tadelte den Libyer, daß er den Feldzugsplan aus +Tollkühnheit aufgeben wolle. +</p> + +<p> +»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho +an. »Du hast uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk +und Pferde versprochen! Wo sind sie?« +</p> + +<p> +Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien +vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, +so jage man zurzeit in den Wäldern danach. Das Fußvolk +würde mobil gemacht. Die Pferde seien unterwegs. +</p> + +<p> +Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, +streichelte die Straußenfedern, die ihm auf die Schultern +herabwallten, und lächelte in verletzender Weise. Matho +wußte ihm nichts zu antworten. +</p> + +<p> +Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt, +mit verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem +Gürtel, ganz außer Atem. Seine mageren Flanken schlugen. +In unverständlicher Mundart berichtete er etwas. +Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer +Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und +rief seine Reiter. +</p> + +<p> +Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn +herum. Naravas bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes +starrte er vor sich hin und biß sich auf die Lippen. Endlich +teilte er seine Mannschaft in zwei Hälften und gebot +der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit herrischer +Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der +Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden. +</p> + +<p> +»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete +Zufälle nicht! Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt +uns ...« +</p> + +<p> +»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich. +</p> + +<p> +Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung +mit Autarit zuvorzukommen! Doch wenn man die +Belagerungen jetzt aufhob, kamen die Einwohner wahrscheinlich +aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in +den Rücken, während man die Karthager vor der Front +hatte. Nach vielem Hin- und Herreden wurden folgende +Maßregeln beschlossen und unverzüglich ausgeführt. +</p> + +<p id="p201"> +Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke, +zwölf Kilometer vor Utika. Die Brücke war +durch ein Kastell gedeckt. Es wurde durch Schanzen verstärkt +und mit vier großen Geschützen besetzt. Alle Wege +und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden +durch Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse +und Steinwälle gesperrt. Auf den Berggipfeln wurde +Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können, und +in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute +Augen hatten, als Beobachtungsposten auf. +</p> + +<p> +Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der +Hannos über den Berg der Heißen Wasser zu erwarten. +Er mußte sich sagen, daß ihm Autarit als Beherrscher +des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch mußte +ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, +während eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn +die Söldner erst weiter entfernt standen. Er konnte allerdings +auch am Vorgebirge der Trauben landen und von +da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber +kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings +war er dieser Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften +kaum fähig. Folglich mußte er dicht südlich der +arianischen Berge hinmarschieren, dann nach links schwenken, +um nicht in das Morastgebiet des Makar zu geraten, +und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn +Matho erwarten. +</p> + +<p> +Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten. +Er eilte nach Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten +im Gebirge, kam zurück und ruhte keinen Augenblick. +Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles, was die +Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der +Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige +Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig +seinem Gefährten. Von Salambo sprachen beide nicht +mehr. Der eine dachte nicht an sie, und den andern +machte eine Art Scham schweigsam. +</p> + +<p> +Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung +nach Karthago, in der Hoffnung, Hamilkars Annäherung +zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute er nach dem +Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und +wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch +eines Heeres zu vernehmen. +</p> + +<p> +Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier +Tage erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft +entgegenrücken und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage +verstrichen darüber hinaus. Spendius hielt ihn zurück. +Am Morgen des sechsten aber brach Matho auf. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht +erpicht als die Barbaren. In den Zelten und in den +Häusern herrschte der gleiche Wunsch, die gleiche Besorgnis. +Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum Zauderer +mache. +</p> + +<p> +Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des +Eschmuntempels zu dem Mondbeobachter und schaute nach +dem Winde. +</p> + +<p> +Eines Tages – es war der dritte im Monat Tibby – sah +man ihn hastigen Schritts von der Burg herabkommen. +In der Straße der Mappalier entstand lauter Lärm. Bald +ward es auf allen Straßen lebendig, und überall begannen +sich die Soldaten zu wappnen, umringt von schluchzenden +Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann +eilten sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih +und Glied zu stellen. Niemand durfte ihnen folgen, +noch gar mit ihnen reden, noch sich den Befestigungswerken +nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still +wie ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre +Lanzen gelehnt. Die Menschen in den Häusern seufzten. +Bei Sonnenuntergang rückte das Heer durch das Westtor +ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis einzuschlagen +oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu marschieren, +zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die +Lagune, um die herum runde, über und über mit weißem +Salz bedeckte Stellen wie riesige Silberschüsseln schimmerten, +die man am Strande liegen gelassen hatte. +</p> + +<p> +Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde +immer sumpfiger. Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt +stets bei der Vorhut, und sein Pferd, das gelb gescheckt +war wie ein Drache und Schaum um sich warf, trat geräumigen +Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht +sank herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, +man renne ins <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Verberben'">Verderben</ins>. Der Suffet entriß den Schreiern +die Waffen und gab sie den Troßknechten. Der Schlamm +wurde immer grundloser. Man mußte die Lasttiere besteigen. +Manche klammerten sich an die Schweife der +Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die +ligurischen Schwadronen stießen das Fußvolk mit den +Lanzenspitzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Man +hatte den Weg verloren. Alles machte Halt. +</p> + +<p> +Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die +Merkzeichen zu suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten +Abständen eingerammt worden waren. Sie riefen +durch die Dunkelheit, und das Heer folgte ihnen von weitem. +</p> + +<p id="p204"> +Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen. +Bald ließ sich eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen. +Man befand sich am Ufer des Makar. Trotz der +Kälte wurden keine Feuer angezündet. +</p> + +<p> +Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte +die Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die +Unteroffiziere klopften ihnen leise auf die Schultern. +</p> + +<p> +Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte +ihm nicht bis zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten. +</p> + +<p> +Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert +Schritte oberhalb im Flusse aufzustellen, während die +übrigen ein Stück unterhalb etwa vom Strome fortgerissene +Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt das +ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den +Fluß wie zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich +beobachtet, daß der Westwind den Sand vor sich hertrieb +und den Fluß hemmte, so daß in seiner ganzen Breite +eine natürliche Straße entstand, eine Barre. +</p> + +<p> +Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von +Utika, in einer weiten Ebene, – ein Vorteil für die Elefanten, +die Hauptkraft des punischen Heeres. +</p> + +<p> +Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das +vollste Vertrauen kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich +auf die Barbaren werfen. Der Suffet ließ sie +aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne aufging, +rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die +Elefanten voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei +und schließlich die Phalanx. +</p> + +<p id="p205"> +Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend +an der Brücke nahmen voll Erstaunen wahr, daß +sich der Boden in der Ferne bewegte. Der Wind blies +sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie erhoben +sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten +gelben Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen +immer wieder von neuem, so daß sie das punische Heer +verbargen. Da die Karthager hochragende Hörner an +den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern, +eine Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der +Mäntel getäuscht, behaupteten, Flügel zu erkennen, und +Wüstenkenner zuckten die Achseln und erklärten das Ganze +für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber rückte etwas +Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn +wie dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin. +Die höhersteigende Sonne leuchtete stärker. Ein grelles +zitterndes Licht rückte das Himmelsgewölbe scheinbar +mehr in die Höhe, durchleuchtete die Gegenstände und +machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die +weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, +und die kaum merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum +äußersten Himmelsrand, durch eine lange blaue Linie begrenzt: +das Meer, wie man wußte. Die Heere hatten +ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner +von Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen +auf den Wällen. +</p> + +<p> +Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von +gleichhohen Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter +und größer. Schwarze Hügel schaukelten auf und ab. +Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das waren +Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die +Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung +eilten die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung +heran, um sich gemeinsam auf Hamilkar zu +werfen. +</p> + +<p> +Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« +wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho +war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit +zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor +dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen +Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend +Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen +rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner +Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er +klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle +von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er +sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken, +schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann +schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, +goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen +Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen. +Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet +nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern. +Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die +Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit +Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit +den Rüsseln gegen die Schultern. +</p> + +<p> +Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die +Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen +Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen, +Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische +Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann, +erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes +Rechteck mit schmalen Flanken bildete. +</p> + +<p> +Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, +die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude +ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der +Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens +daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von +Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius +den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch +aufgefaßt und schon ausgeführt. +</p> + +<p> +Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die +über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um +es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert +Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten, +anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren +ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das +Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch +die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder +zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst! +Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus +dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar +herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts! +Vorwärts!« +</p> + +<p> +Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln +alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in +den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller +zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie +verschwanden wie Schatten in einer Wolke. +</p> + +<p> +Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, +übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie +wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren +vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem +Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte +hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, +und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das +leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und +Reiterscharen im Galopp der Attacke. +</p> + +<p> +Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, +die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die +Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung +durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch +auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese +verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so +gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo +sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade +Schlachtlinie bildeten. +</p> + +<p> +In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen +Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je +sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute +der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit +über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre +Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe +zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die +Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. +Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden. +Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel. +Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis +zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte +wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein +Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei +Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden +Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter +los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben. +Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen +Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen +im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an +die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne +Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile +einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten +die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, +eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. +Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger +neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren +ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch +weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die +Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen +die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der +Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die +neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die +beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer. +</p> + +<p> +Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie +nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen +Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten. +Alles keuchte, atemlos vom Laufen. +</p> + +<p> +Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung +und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß +im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die +allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach. +</p> + +<p id="p210"> +Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner +zu umfassen. Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx +aber durchbrach nunmehr durch eine nochmalige +Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden langen +Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber +die karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, +Wurfspießen und Pfeilen gegen die eingedrungene +Phalanx zurück. Um den Geschoßangriff abzuschlagen, +fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die wenige, die da +war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem rechten +Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So +war alles festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen +Massen loskommen. Die Gefahr war drohend und +ein Entschluß dringend notwendig. +</p> + +<p> +Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden +Flanken anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber +die Flügelrotten manöverierten so geschickt, daß die Phalanx +sich auch hier gegen die Barbaren wandte, ebenso +furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher in der Front +gewesen war. +</p> + +<p> +Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein, +doch die Reiterei störte sie von hinten im Angriff, und +die Phalanx, an die Elefanten gelehnt, schloß sich bald +zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus, bald bildete +sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein +Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung +flutete beständig von der Front nach der Queue. Die +nämlich, die in den hintern Gliedern standen, drängten +nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder verwundet +waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich +gegen die Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich +vorwärts. Sie glich einem Meer, in dem die +roten Federbüsche und die blitzenden Metallschuppen +wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie +Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen +stürzten breite Ströme von einem Ende zum andern und +fluteten dann wieder zurück, während in der Mitte eine +schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben +und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke +Schwerter in so hastiger Bewegung, daß man nur die +Spitzen erkannte, und Reiterschwärme brachen durch die +Masse, die sich hinter ihnen rasch wieder wirbelnd zusammendrängte. +</p> + +<p> +Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale +der Trompeten und den schrillen Klang der Leiern pfiffen +die Blei- und Tonkugeln, um die Schwerter aus den +Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern. +Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem +Schild und streckten die Schwerter vor, den Knauf auf +den Boden gestemmt. Andre wälzten sich in Blutlachen, +um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse stand +so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so +stark, daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, +die sich ergeben wollten, wurden nicht einmal gehört. +Wenn man keine Waffen mehr hatte, rang man +Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer, +und Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen +zwei sie umklammernden Armen. Eine Kompagnie +von sechzig Umbriern marschierte festen Tritts, die Lanzen +eingelegt, zähneknirschend und unerschütterlich vor und +zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum Weichen. +Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen +des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den +Mähnen und ließen ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen +ihre Reiter ab und jagten über die Ebene hin. Die ausgeschwärmten +punischen Schleuderer standen verblüfft da. +Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen +ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen +aus der Reihe. Die Barbaren aber hatten sich +wieder geordnet. Sie griffen von neuem an: der Sieg +war ihnen! +</p> + +<p id="p212"> +Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein +Gebrüll von Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig +Elefanten, die in zwei Treffen anstürmten. Hamilkar +hatte nur gewartet, bis die Söldner auf einem +einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann +loszulassen. Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam +gestachelt, daß ihnen das Blut über die breiten Ohren +rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel standen +senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit +einem Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne +durch eiserne Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt +waren. Um sie wilder zu machen, hatte man sie +mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch +berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder, +und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den +über sie hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von +den Türmen herabzufliegen begannen. +</p> + +<p> +Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den +Ungetümen in dichten Haufen entgegen. Die Elefanten +stürmten ungestüm mitten in sie hinein. Die Spieße an +ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die Heerscharen, +die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten +die Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und +reichten sie über ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den +Türmen. Mit ihren Stoßzähnen schlitzten sie den Gegnern +die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in die Luft. +Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie +Tauwerk an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren +die Augen auszustechen oder die Kniekehlen durchzuschneiden. +Manche krochen ihnen unter den Bauch, stießen ihnen +das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von +ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das +Riemenzeug und sägten mitten in Flammen, Kugeln und +Pfeilen die Gurtung durch, bis der Weidenturm umklappte +wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten vom rechten +äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt, +wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen +die Indier zu ihren Hämmern, setzten die Meißel auf +die Schädeldecken und schlugen mit aller Kraft zu. +Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen übereinander. +Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen +von Kadavern und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant, +»Zorn Baals« genannt, die Beine in Ketten verstrickt, +einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum Abend. +</p> + +<p> +Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten, +zerstampften und zertrümmerten die übrigen +Tiere alles und ließen ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln +aus. Um die Reihen von Soldaten zurückzudrängen, +von denen die Kolosse umringt wurden, drehten +sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum, +wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die +Karthager fühlten sich wieder stark und frisch, und die +Schlacht begann von neuem. +</p> + +<p> +Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten +warf ein Teil die Waffen weg. Schrecken +ergriff die übrigen. Man sah Spendius, auf seinem Dromedar +hockend, wie er es an den Schultern mit zwei +Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln +und eilte auf Utika zu. +</p> + +<p> +Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten +keinen Versuch, die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer, +von Durst verzehrt, schrien und wollten nach dem Flusse. +Nur die Karthager, die in der Mitte der Karrees gestanden +und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften +vor Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu +entgehen drohte. Schon machten sie sich zur Verfolgung +der Söldner auf, – da erschien Hamilkar. +</p> + +<p> +Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen +Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes +flatternden Bänder wehten hinter ihm im Winde. Seinen +ovalen Schild hatte er unter den linken Schenkel geschoben. +Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot er dem +Heere Halt. +</p> + +<p> +Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden +auf ihre Handpferde und galoppierten in verschiedenen +Richtungen nach der Stadt und nach dem Flusse zu. +</p> + +<p> +Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den +Barbaren noch übrig war. Gegnerischen Schwertern nah, +hielten die Söldner die Kehle hin und schlossen die Augen. +Andre verteidigten sich verzweifelt. Man warf sie aus der +Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte +befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten +ihm nur mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen, +ihre Schwerter in die Leiber der Barbaren zu stoßen. +Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie Schnitter, +mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, +um Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, +die in der Ebene hinter Söldnern herjagten, und +sahen zu, wie es ihnen gelang, die Flüchtlinge bei den +Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang festhielten und +dann mit Axthieben niederschlugen. +</p> + +<p> +Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren +verschwunden. Flüchtige Elefanten jagten am Horizont +mit brennenden Türmen umher. Da und dort leuchteten +sie durch die Finsternis wie halb im Nebel verlorene Blinkfeuer. +In der weiten Ebene bemerkte man keine andre +Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die +vielen Leichen geschwollen war, die er dem Meere zutrug. +</p> + +<hr /> + +<p> +Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein +der Sterne sah er lange, unregelmäßige Haufen auf dem +Boden liegen. +</p> + +<p> +Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich. +Sie waren alle tot. Er rief. Keine Stimme gab ihm +Antwort. +</p> + +<p> +Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen +Hippo-Diarrhyt verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. +Als er Utika erreichte, war das Heer des +Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren +eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. +Man hatte sich auf beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. +Doch als das Getöse, das man in der Richtung +auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm, +war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge +geeilt. Niemand begegnete ihm, da die Barbaren in die +Ebene flohen. +</p> + +<p> +Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige +Massen, und diesseits des Flusses, noch näher, brannten +dicht über dem Boden unbewegliche Lichter. Die Karthager +hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen. Um +die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet zahlreiche +Wachtposten am linken Ufer aufgestellt. +</p> + +<p> +Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen +zu erkennen. Es waren regungslose Pferdeköpfe auf den +Spitzen von Lanzenpyramiden, die er undeutlich sah. In +der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder und Becherklang. +</p> + +<p> +Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden +könne. Von Angst befallen, verwirrt und im Dunkel +verloren, kehrte er in noch größerer Hast auf demselben +Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der Berghöhe +Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten +Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den +Stadtmauern lehnten, und südlicher das Söldnerlager. +</p> + +<p> +Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen +den Soldaten, dicht an den Zelten, schliefen halbnackte +Männer, auf dem Rücken liegend oder die Stirn +auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte. Einige +wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende +rollten sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und +brachten ihnen zu trinken. In den engen Lagergassen +gingen die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen, +oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in trotziger +Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. +Matho fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, +die über zwei in die Erde gerammten Stöcke gespannt +war. Er saß da, die Hände um die Knie geschlungen, +mit gesenktem Haupte. +</p> + +<p> +Lange verharrten beide in Stillschweigen. +</p> + +<p> +Endlich murmelte Matho: »Besiegt!« +</p> + +<p> +»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf. +</p> + +<p> +Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten +Gebärden. +</p> + +<p> +Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug +die Leinwand zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte +ihn an ein andres Unglück an nämlicher Stätte, und +zähneknirschend rief er aus: +</p> + +<p> +»Elender! Schon einmal ...« +</p> + +<p> +»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn +Spendius. +</p> + +<p> +»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am +Ende werd ich ihn doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn +töten! Ach, wär ich dagewesen!« +</p> + +<p> +Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte +ihn noch mehr als die Niederlage an sich. Er riß sein +Schwert ab und schleuderte es zu Boden. +</p> + +<p> +»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch +geschlagen?« +</p> + +<p> +Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang +der Schlacht zu erzählen. Matho sah im Geiste alles +vor sich und geriet in große Aufregung. Das Heer, das +vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken fallen müssen, +statt zur Brücke zu eilen, meinte er. +</p> + +<p> +»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu. +</p> + +<p> +»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief +nehmen müssen! Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen +die Phalanx führen! Und Lücken für die Elefanten offen +halten! Noch im letzten Moment wäre alles wieder zu +gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!« +</p> + +<p> +Spendius entgegnete: +</p> + +<p> +»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem +Arm aus dem Staub emporragen. Wie ein Adler +flog er an den Flanken der Bataillone hin. Bei jedem +Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder +dehnten sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander. +Er hat mich angeblickt und mir war zumute, +als dränge mir kalter Stahl ins Herz!« +</p> + +<p> +»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte +Matho bei sich. +</p> + +<p> +Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter +den ungünstigsten Umständen herbeigeführt haben könnte. +Dann kamen sie auf die Kriegslage zu sprechen. Spendius, +der seinen Fehler beschönigen oder sich selber ermutigen +wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung. +</p> + +<p> +»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief +Matho. »Ich ganz allein werde den Krieg fortsetzen!« +</p> + +<p> +»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf. +Mit großen Schritten ging er auf und ab. Seine Augen +blitzten, und ein seltsames Lächeln verzog sein Schakalgesicht. +</p> + +<p> +»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich +nur nicht wieder! Ich habe kein Geschick für die offnen +Feldschlachten. Der Glanz der Schwerter trübt meinen +Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu lange im +Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen, +und ich will in die Festungen eindringen und +die Insassen sollen kalt sein, ehe noch die Hähne krähen! +Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen Feind, einen +Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »<i>ein Weib</i>, und +wäre sie eine Königstochter, – ich bringe dir schleunigst, +was du begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst +mir vor, daß ich die Schlacht gegen Hanno verloren +hätte. Aber ich habe sie ja dann doch wiedergewonnen! +Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns +mehr genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem +er dem Bedürfnis nachgab, sich herauszustreichen +und Rache zu üben, zählte er alles auf, was er für die +Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in den +Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in +Sikka, habe ich sie mit der Furcht vor der Republik toll +gemacht! Gisgo leuchtete ihnen heim, – ich ließ die Dolmetscher +gar nicht zu Worte kommen! Ha, wie ihnen +die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich +noch? Ich habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich +habe den Zaimph geraubt! Ich habe dich zu <i>ihr</i> geführt. +Und ich werde noch mehr tun! Du sollst sehen!« +</p> + +<p> +Er brach in ein tolles Gelächter aus. +</p> + +<p> +Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand +Grauen vor diesem Manne, der so feig und dabei so +schrecklich war. +</p> + +<p> +Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in +heiterem Tone fort: +</p> + +<p> +»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in +den Steinbrüchen Fronarbeit getan und unter goldnem +Sonnendache auf einem Schiffe, das mein war, Massiker +geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den Zweck, +uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden. +Es liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!« +</p> + +<p> +Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme. +</p> + +<p> +»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du +hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine +Leute gehorchen dir! Stelle sie in das Vortreffen! Die +meinen werden folgen, um Rache zu nehmen. Ich habe +noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und +Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine +Phalanx formieren. Kehren wir um!« +</p> + +<p> +Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch +nicht zu der Überlegung gekommen, wie er es vielleicht +wieder gutmachen könne. Er hörte mit offenem Munde +zu, und die Erzschuppen, die seine Brust umspannten, +drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen. +Er hob sein Schwert auf und rief: +</p> + +<p> +»Folge mir! Vorwärts!« +</p> + +<p> +Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß +die Toten der Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört +und Hamilkar verschwunden sei. +</p> + + + + +<h2 id="ch09">IX</h2> + +<h2>Im Felde</h2> + + +<p> +Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder +vor Utika erwarten oder gegen ihn vorrücken. +Aber da er seine Streitkräfte weder zum Angriff noch +zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf dem +rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn +vor einem unmittelbaren Überfalle sicherte. +</p> + +<p> +Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache +der Barbaren abspenstig machen, indem er ihnen ihren +Abfall stillschweigend verzieh. Später freilich, wenn sie +wieder isoliert dastanden, wollte er einzeln über sie herfallen +und sie vernichten. +</p> + +<p> +In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen +Thukkaber und Utika mit den Städten Tignikabah, Tessurah, +Vakka und andern Orten weiter im Westen. Das +in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel +berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado, +Thapitis und Hagur schickten ihm Gesandte. Die Landleute +kamen mit Lebensmitteln, baten ihn um Schutz, +küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten +sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken +die Köpfe von Söldnern, die sie angeblich getötet hatten. +In Wahrheit hatten sie nur Tote geköpft. Viele von +den Barbaren hatten sich nämlich auf der Flucht verirrt, +und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und +in den Vignen ihre Leichname. +</p> + +<p> +Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am +Tage nach dem Siege die zweitausend Gefangenen, die +man auf dem Schlachtfelde gemacht hatte, nach Karthago +gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je +hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen +hinten aufgebundene Eisenstangen gefesselt. Sogar die +Verwundeten mußten blutend mitlaufen. Reiter hinter +ihnen trieben sie mit Peitschenhieben vorwärts. +</p> + +<p> +Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich +immerfort, daß sechstausend Barbaren gefallen waren, daß +die andern nicht Widerstand leisten könnten, daß also der +Krieg beendet sei. Man umarmte einander auf den Straßen +und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit +Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus, +als ob sie mit ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und +den bis zu den Schultern erhobenen Armen unter der frischen +Bemalung Leben gewönnen und an dem Jubel des +Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste. +Die Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die +Tempel waren allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der +Göttin zogen nach Malka hinunter und errichteten an den +Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz, auf denen sie +sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die Sieger, +Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für +den Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den +Antrag, ihm neue Würden und Vorrechte zu verleihen. +</p> + +<p> +Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit +anzuknüpfen, um den alten Gisgo und die mit ihm in +Gefangenschaft geratenen Karthager gegen gefangene +Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders +ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und +Nomaden, aus denen Autarits Heer bestand, hatten aber +nur wenig Zusammenhang mit den gefangenen Söldnern, +die von italischer oder griechischer Abkunft waren. Und +da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige +Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die +andern aber sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle, +und Autarit lehnte das Angebot ab. +</p> + +<p> +Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen, +obwohl ihnen der Suffet geschrieben hatte, man solle sie +nicht töten. Er gedachte, die besten in sein Heer einzustellen +und dadurch noch andre zum Abfall zu verlocken. Doch +der Haß war stärker als alle Rücksichten der Klugheit. +</p> + +<p> +Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der +Mappalier an Grabstelen gebunden, und nun kamen Krämer, +Küchenjungen, Arbeiter, ja sogar Weiber – die Witwen +der Gefallenen – mit ihren Kindern, kurz alle, die es +danach gelüstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man +zielte recht lange, um die Qual der Opfer zu verlängern, +und hob und senkte die Waffe immer wieder. Die Menge +drängte sich grölend herum. Lahme ließen sich auf Bahren +herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr Essen mit und +blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man +schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente +sich ein schönes Sümmchen Geld, indem er Bogen verlieh. +</p> + +<p> +Am Ende ließ man die mit Pfeilen gespickten Leichen +stehen, die über den Gräbern wie rote Statuen ragten. +Die Erregung ergriff selbst die Leute von Malka, die von +der Urbevölkerung abstammten und in patriotischen Dingen +sonst sehr gleichgültig waren. Aus Dankbarkeit für das +Vergnügen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glücke +des Vaterlands Anteil und fühlten sich als Punier. Die +Gerusiasten priesen ihre eigene Schlauheit. Sie wähnten +durch diesen Racheakt das ganze Volk zu einer Einheit +verschmolzen zu haben. +</p> + +<p> +Auch der Segen der Götter fehlte nicht, denn aus allen +Himmelsgegenden flogen Raben herbei. Sie kreisten mit +lautem, heiserem Krächzen durch die Luft und formten eine +ungeheure Wolke, die sich beständig um sich selbst drehte. +Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermäischen +Vorgebirge aus. Manchmal zerriß sie plötzlich, und ihre +schwarzen Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler +war mitten in sie gestoßen. Bald flog er wieder weiter. +Auf den Terrassen, den Kuppeln, den Spitzen der Obelisken +und den Giebeln der Tempel, überall hockten große Vögel, +Fetzen von Menschenfleisch in ihren geröteten Schnäbeln. +</p> + +<p> +Des üblen Geruches wegen sahen sich die Karthager +genötigt, die Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde +verbrannt. Die übrigen warf man ins Meer, und die +vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am +andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade. +</p> + +<p> +Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel +in Schrecken versetzt, denn von der Höhe des Eschmuntempels +sah man, wie sie ihre Zelte abbrachen, ihr Vieh +zusammentrieben und ihr Gepäck auf Esel luden. Noch +am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab. +</p> + +<hr /> + +<p> +Indem das Söldnerheer zwischen dem Berge der Heißen +Wasser und Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte, +sollte es dem Suffeten die Annäherung an die tyrischen +Städte unmöglich machen und ihm die Rückkehr nach Karthago +verlegen. +</p> + +<p> +Währenddem sollten die beiden andern Heere versuchen, +Hamilkar im Süden zu fassen, und zwar Spendius von +Osten, Matho von Westen her. Schließlich wollten sich alle +drei vereinigen, ihn überraschen und einschließen. Da +bekamen sie eine völlig unverhoffte Verstärkung. Naravas +erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech +beladene Kamele, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend +Reiter. +</p> + +<p> +Um die Söldner zu schwächen, hatte es der Suffet für angebracht +erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschäftigen. +Hamilkar hatte sich von Karthago aus mit Masgaba +verständigt, einem gätulischen Banditenführer, der +sich ein Reich zu gründen suchte. Dieser Abenteurer hatte +mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die +Unabhängigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten +aufgewiegelt. Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme +benachrichtigt, war in Kirta eingefallen, hatte den Siegern +das Zisternenwasser vergiftet, ein paar Köpfe abgeschlagen +und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er zurück, +wütender auf den Suffeten als die Barbaren. +</p> + +<p> +Die vier Heerführer verständigten sich über den Kriegsplan. +Da der Krieg lange dauern würde, mußte alles +vorgesehen werden. +</p> + +<p> +Zunächst kam man überein, den Beistand der Römer anzurufen. +Man bot diese Sendung Spendius an. Als Überläufer +aber wagte er sie nicht zu übernehmen. Zwölf Männer +aus den griechischen Kolonien schifften sich nun in +Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann +forderten die Führer von allen Barbaren den Fahneneid. +Täglich hielten die Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle +ab. Den Posten wurde der Gebrauch des Schildes +verboten. Sie waren nämlich häufig an die Lanze gelehnt +stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit +sich führte, hatte sich deren zu entledigen. Nach römischem +Brauch mußte alles Gepäck auf dem Rücken getragen +werden. Aus Vorsicht gegen die Elefanten errichtete +Matho ein Kürassierregiment, das, Roß wie Reiter, vom +Scheitel bis zur Sohle in nägelbeschlagener Nilpferdhaut +steckte. Um auch die Hufe der Pferde zu schützen, +flocht man ihnen Schuhe aus Spartofasern. +</p> + +<p> +Es wurde verboten, die Ortschaften zu plündern und Einwohner +nichtpunischer Herkunft zu malträtieren. Da die +Gegend aber ausgesogen war, befahl Matho, die Lebensmittel +nur noch nach der Kopfzahl der Soldaten zu verteilen +und die Weiber nicht mehr zu berücksichtigen. Anfangs +teilten die Söldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren dadurch +wegen mangelhafter Ernährung die Kräfte. Unaufhörlich +kam es zu Zwisten und Schimpfereien, da manche +die Gefährtinnen andrer durch die Verführungskraft oder +durch das Versprechen ihrer Portionen zu sich lockten. Matho +befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders erbarmungslos +davonzujagen. Sie flüchteten in Autarits Lager, aber +die Gallierinnen und Libyerinnen daselbst nötigten sie durch +fortgesetzte Schikanen wieder zum Abzug. +</p> + +<p> +Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie +den Schutz der Zeres und der Proserpina anriefen, denn im +Gebiete der Burg gab es einen Tempel und auch Priester +dieser Gottheiten, zur Sühne für die Greuel, die einst bei +der Belagerung von Syrakus begangen worden waren. +Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten +die jüngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche +Neukarthager nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen, +weil sie blonde Frauen liebten. +</p> + +<p> +Manche der Weiber aber ließen nicht vom Heere. Sie +liefen an der Seite der Kompagnien neben den Hauptleuten +her, riefen ihre Männer beim Namen, zupften sie +am Mantel, zerschlugen sich die Brust und verwünschten +sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden Kinder +hinhielten. Dieser Anblick rührte die Barbaren. Aber +die Weiber waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man +stieß sie immer wieder zurück, und doch wichen sie nicht. +Matho ließ sie schließlich von den Reitern des Naravas +mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm zuriefen, +sie müßten Frauen haben, antwortete er: »Ich +hab auch keine!« +</p> + +<p> +Molochs Geist kam über ihn. Trotz der Gegenrede seines +Gewissens vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich +einbildete, der Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn +er die Felder nicht verwüsten konnte, so ließ er Steine darauf +werfen, um sie unfruchtbar zu machen. +</p> + +<p> +Durch wiederholte Botschaften drängte er Autarit und +Spendius zur Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten +waren unbegreiflich. Nacheinander lagerte Hamilkar +bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklärer glaubten ihn +in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches +des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder, +daß er den Makar oberhalb Teburba überschritten habe, als +ob er nach Karthago zurückkehren wolle. Kaum war er an +einem Orte, so brach er schon nach einem andern auf. Die +Marschstraßen, die er einschlug, blieben immer unbekannt. +Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen +Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch. +</p> + +<p> +Die Märsche und Gegenmärsche ermüdeten die Karthager +aber mehr als die Söldner, und Hamilkars Streitkräfte +nahmen, da sie nicht erneuert wurden, von Tag +zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die Lebensmittel +bereits saumseliger. Überall stieß er auf Zaudern und +stillen Haß, und trotz seiner dringenden Bitten an den +Großen Rat kam ihm keine Hilfe aus Karthago. +</p> + +<p> +Man sagte – vielleicht glaubte man es auch –, daß er keine +nötig hätte. Das sei Arglist oder unnützes Klagen. Um +ihm zu schaden, übertrieben Hannos Anhänger die Bedeutung +seines Sieges. Die Truppen, die er befehligte, +hätte man opferwillig aufgebracht; aber man könne doch +nicht alle seine Forderungen erfüllen. Der Krieg sei wahrlich +schwer genug! Er hätte schon zu viel gekostet. Aus +Hochmut unterstützten Hamilkar die Einflußreichsten seiner +eigenen Partei nur schwach. +</p> + +<p> +Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb +mit Gewalt von den Stämmen alles bei, was er zum +Kriege brauchte: Korn, Öl, Holz, Vieh und Menschen. +Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch +die er marschierte, waren leer. Man durchstöberte die +Hütten, ohne etwas darin zu finden. Bald umgab schreckliche +Einöde das punische Heer. +</p> + +<p> +Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen +die Provinzen zu verwüsten. Sie verschütteten die Zisternen +und steckten die Häuser in Brand. Die Funken, vom Winde +fortgetragen, flogen weit umher. Auf den Bergen gerieten +ganze Wälder in Brand, und um die Täler flammten +Feuerkränze. Ehe man durchmarschieren konnte, mußte +man erst lange warten. Und wenn es soweit war, setzte +das Heer seinen Marsch in der Sonnenglut auf der +heißen Asche fort. +</p> + +<p> +Bisweilen sah man neben der Straße im Gebüsch etwas +funkeln wie die Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein +Barbar, der auf den Fersen hockte und sich mit Staub +beschmiert hatte, um mit der Farbe des Laubes eins zu +sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hörten +die Flügelmänner plötzlich Steine rollen, und wenn sie +aufblickten, sahen sie oben am Rande der Schlucht einen +barfüßigen Mann davonlaufen. +</p> + +<p> +Währenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei, +da die Söldner sie nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl +diesen Städten, Hilfe zu schicken. Doch sie wagten +nicht, sich ihrer Verteidigungskräfte zu entblößen, und so +antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten, Höflichkeiten +und Entschuldigungen. +</p> + +<p> +Er wandte sich nunmehr plötzlich nach Norden, entschlossen, +sich eine der tyrischen Städte zu erschließen, und +sollte er sie auch belagern. Er bedurfte eines Stützpunktes +an der Küste, um von den Inseln oder von Kyrene +Proviant und Soldaten beziehen zu können. Am meisten +lockte ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am +nächsten lag. +</p> + +<p> +Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig +den See von Hippo-Diarrhyt. Doch bald war +er gezwungen, seine Regimenter in lange Marschkolonnen +auseinander zu ziehen, um über den Höhenrücken zwischen +den beiden Tälern hinüber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang +stieg man gerade eine weite kraterartige Schlucht +vom Kamme hinab, als man vor sich, unmittelbar über +dem Boden, Wölfinnen aus Metall erblickte, die über das +Gras zu laufen schienen. +</p> + +<p> +Dazu tauchten große Helmbüsche auf, und von Flöten +begleitet, erscholl ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war +das Heer des Spendius. Seine Kampaner und Griechen +hatten aus Haß gegen Karthago römische Feldzeichen angenommen. +Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe Lanzen, +Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern. +Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier, +Balearier und Gätuler. Man hörte die Pferde des Naravas +wiehern. Die Reiter ritten weitausgeschwärmt +über den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten +Scharen, die Autarit führte, die Gallier, Libyer und Nomaden. +Mitten unter ihnen erkannte man die »Esser +unreiner Speisen« an den Fischgräten, die sie im Haare +trugen. +</p> + +<p> +So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung +ihrer Marschentfernungen vereint. Doch selber überrascht, +blieben sie zunächst eine Weile unbeweglich stehen +und berieten sich. +</p> + +<p> +Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisförmigen +Masse zusammengezogen, so daß sie überallhin +gleichen Widerstand bieten konnten. Die hohen spitzen +Schilde waren dicht nebeneinander in den Rasen gesteckt +und bildeten eine Mauer um das Fußvolk. Die Klinabaren +standen außerhalb dieses Kreises, und noch weiter +weg, in Abständen, die Elefanten. Die Söldner waren +von den Strapazen erschöpft und wollten deshalb lieber +den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewiß, beschäftigten +sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken. +</p> + +<p> +Sie hatten große helle Feuer angezündet, die sie selbst +blendeten und das punische Heer unter ihnen um so mehr +ins Dunkel rückten. Nach römischem Brauch ließ Hamilkar +rings um sein Lager einen Graben von fünfzehn +Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter +aus der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen, +auf dem spitze, sich kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt +wurden. Als die Sonne aufging, waren die +Söldner arg erstaunt, daß sie die Karthager so samt und +sonders wie in einer Festung verschanzt sahen. +</p> + +<p> +Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er +umherging und Befehle erteilte. Er trug einen braunen +kleinschuppigen Panzerrock. Sein Pferd folgte ihm. Von +Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der ausgestreckten +Rechten auf etwas zu zeigen. +</p> + +<p> +Manch einer dachte da zurück an ähnliche Morgen, an +denen der Marschall die Front abgeschritten und man sich +an seinen Blicken gestärkt hatte wie an einem Becher +Wein. Eine seltsame Rührung ergriff die Hinabschauenden. +Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude +toll, daß man ihn umzingelt hatte. +</p> + +<p> +Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so +mußte man sich auf dem zu engen Raume gegenseitig +schaden. Die Numidier konnten zwar eine Attacke mitten +hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten Klinabaren +stark überlegen. Und wie sollte man über die +Schanzpfähle hinwegkommen? Auch die Elefanten waren +noch nicht genügend abgerichtet. +</p> + +<p> +»Ihr seid allesamt Feiglinge!« schrie Matho. +</p> + +<p> +Und mit den Tapfersten stürzte er gegen die Verschanzung +vor. Ein Steinhagel trieb sie zurück, denn der Suffet +hatte ihre an der Brücke zurückgelassenen Geschütze mitgenommen. +</p> + +<p> +Dieser Mißerfolg verursachte in den beweglichen Geistern +der Barbaren einen jähen Umschlag. Ihr Übermut verschwand. +Sie wollten zwar siegen, aber unter so wenig +Gefahren wie nur möglich. Spendius meinte, man müsse +die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten +und das punische Heer aushungern. Doch die Karthager +begannen Brunnen zu graben, und da ihr Platz rings +von Bergen umgeben war, so fanden sie wirklich Wasser. +</p> + +<p> +Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde, +Mist und Feldsteine, und die sechs Geschütze rollten unablässig +auf dem Walle vor und zurück. +</p> + +<p> +Indessen mußten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel +zu Ende gehen, die Katapulte abgenützt werden und +die Söldner, an Zahl zehnmal überlegen, schließlich doch +zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen, begann der Suffet +Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die Barbaren +in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes +Schaffell. Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges. +Die Alten hätten ihn zum Kriege gezwungen. Um den +Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halte, bot er ihnen +Utika oder Hippo-Diarrhyt – ganz nach Belieben – zur +Plünderung an. Zum Schluß erklärte er, keineswegs +aber hege er Furcht, denn er habe Verräter unter ihnen +gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde er leicht mit den +übrigen fertig werden. +</p> + +<p> +Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer +unmittelbaren Beute machte sie nachdenklich. Sie fürchteten +Verrat, da sie in der Prahlerei des Suffeten keine +Falle argwöhnten, und begannen einander mit Mißtrauen +zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das Benehmen +eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus +dem Schlafe auf. Viel brachen mit ihren bis dahin besten +Kameraden. Man wählte sich nach Gutdünken Anschluß +an andre Truppenteile. So schlossen sich die Gallier unter +Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie verstanden. +Die vier Heerführer kamen allabendlich in Mathos Zelt +zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben +aufmerksam die kleinen Holzfiguren hin und her, die +Pyrrhus zur Darstellung von taktischen Hergängen erfunden +hatte. Spendius wies auf die Hilfsquellen Hamilkars +hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu verpassen. +Dabei zitierte er alle möglichen Götter. Matho +schritt erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg +gegen Karthago war seine ureigene Angelegenheit. Es empörte +ihn, daß die andern dareinredeten, ohne ihm gehorchen +zu wollen. Autarit erriet diese Gedanken an seinem +Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob verächtlich +den Kopf. Es gab keine Maßregel, die er nicht +für verderblich erklärt hätte. Er lächelte nicht mehr. +Seufzer entschlüpften ihm, als unterdrücke er den Schmerz +über einen unerfüllbaren Traum, die Verzweiflung über +ein verfehltes Unternehmen. +</p> + +<p> +Während die Barbaren unschlüssig hin und her berieten, +verstärkte der Suffet seine Verteidigungsmittel. Er ließ +innerhalb seiner Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen +und an seinen Ecken hölzerne Basteien errichten. +Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen Vorposten +hinein, um Fußangeln auszulegen. Die Elefanten, +deren Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren +Fesseln. Um Futter zu sparen, befahl der Marschall den +Klinabaren, ihre minder kräftigen Hengste zu töten. Man +weigerte sich mehrfach. Hamilkar ließ die Ungehorsamen +enthaupten. Man verzehrte die getöteten Pferde. Die +Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden +Tagen große Traurigkeit hervor. +</p> + +<p> +Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager +eingeschlossen waren, sahen sie ringsum auf den Höhen +die vier Barbarenlager, die voller Bewegung waren. +Weiber mit Schläuchen auf den Köpfen gingen hin und +her. Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden. +Die Posten wurden abgelöst. Man aß, um die +Feldkessel gelagert. Die Stämme lieferten Lebensmittel +in Fülle, und die Söldner ahnten selber nicht, wie sehr +nervös ihre Untätigkeit das punische Heer machte. +</p> + +<p> +Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager +der Nomaden einen Haufen von etwa dreihundert Menschen +bemerkt, die abgesondert blieben. Das waren die +Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren. +Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande +des Grabens auf, traten hinter sie und schleuderten Spieße, +indem sie die Leiber der Gefangenen als Deckung benutzten. +Die Unglücklichen waren kaum wiederzuerkennen. +Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und Schmutz +gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene +Haar machte Geschwüre auf ihren Köpfen sichtbar. Dabei +waren sie so abgemagert und widerlich, daß sie Mumien +in zerlöcherten Leichentüchern glichen. Manche zitterten +und schluchzten mit blöder Miene. Andre riefen ihren +Landsleuten zu, auf die Barbaren zu schießen. Einer stand +ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und sprach +kein Wort. Sein langer weißer Bart wallte bis hinab +auf seine mit Ketten beschwerten Hände. Den Karthagern +war es zumute, als ob die Republik zusammenbräche: +sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl die Stelle +gefährlich war, drängten sie sich heran, um ihn zu sehen. +Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flußpferdhaut mit +einer Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein +Einfall Autarits. Matho mißfiel diese Verhöhnung. +</p> + +<p> +Erbittert ließ Hamilkar die Palisadenbrustwehr öffnen. +Er war fest entschlossen, sich durchzuschlagen, – einerlei +wie. In einem wütenden Ausfalle drangen die Karthager +bis zur halben Höhe des Abhanges dreihundert +Schritte weit hinauf. Da aber stürzte ihnen eine solche +Flut von Barbaren abwärts entgegen, daß sie in ihre Verschanzung +zurückgetrieben wurden. Einer von der Garde, +der noch draußen war, strauchelte über einen Stein. Zarzas +eilte herbei, warf ihn zu Boden, stieß ihm den Dolch +in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann stürzte +er sich auf den Daliegenden, preßte den Mund auf seine +Wunde und sog, unter krampfartigen Zuckungen und +wilde Jodler ausstoßend, das Blut in vollen Zügen ein. +Hinterher setzte er sich ruhig auf den Leichnam, warf den +Kopf hintenüber, um besser Luft zu bekommen, wie ein +Hirsch, der eben an einem Gießbach getrunken hat, und +stimmte mit schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine +wirre Melodie voll langgezogener Töne, die öfters abbrach +und sich dann wiederholte wie ein Echo in den Bergen. +Er rief seine toten Brüder an und lud sie zum Feste +ein. Dann nahm er seine Hände zwischen die Beine, +neigte langsam den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte +die Barbaren, vornehmlich die Griechen. +</p> + +<p> +Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr. +Ebensowenig aber dachten sie daran, sich zu ergeben, eines +qualvollen Todes gewiß. +</p> + +<p> +Trotz Hamilkars Fürsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich +ab. Für jeden Mann blieben nur noch zehn +Khomer Getreide, drei Hin Hirse und zwölf Betza getrocknete +Früchte. Kein Fleisch, kein Öl, kein Eingesalzenes +mehr, kein Korn Gerste für die Pferde. Man sah +sie den abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube +nach zertretenen Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die +auf dem Walle stehenden Posten beim Schein des Mondes +Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in den Abfällen +wühlten. Man tötete sie mit Steinwürfen, ließ +sich mit Schildriemen an den Schanzpfählen hinunter +und verzehrte die Tiere alsdann, ohne ein Wort zu reden. +Bisweilen freilich erhob sich ein furchtbares Gebell, und +der Mann kehrte nicht zurück. In der vierten Gliederschaft +der zwölften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten +mit Messern im Streit um eine Ratte. +</p> + +<p> +Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Häusern: die +Armen nach ihren bienenkorbförmigen Hütten mit Muschelschalen +an der Türschwelle und einem aufgehängten Netz +davor, die Patrizier nach ihren geräumigen Gemächern, +wo sie im Blau der Dämmerung während der heißen +Tagesstunden zu ruhen und dem gedämpften Straßenlärm +zu lauschen pflegten, den das Blätterrauschen im +Garten melodisch machte. Und um sich tiefer in solche +Träumerei zu versenken und sie mehr zu genießen, schlossen +sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie +wieder weckte. Alle Augenblicke gab es ein Gefecht, +einen Alarm. Die hölzernen Basteien brannten. Die +»Esser unreiner Speisen« kletterten an den Pfählen +herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hände ab. Andre +stürmten heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die +Zelte hernieder. Man errichtete Gänge aus Rohrgeflecht, +um sich gegen die Wurfgeschosse zu schützen. Die Karthager +verbargen sich darunter und rührten sich nicht +mehr. +</p> + +<p> +Täglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten +Morgenstunden wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels +und ließ ihn dann im Schatten. Die Sonne blieb +hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten stiegen die +grauen Hänge empor, mit großen Steinen übersät, die +mit spärlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darüber +wölbte sich der ewig klare Himmel, der den Augen +glatter und kälter erschien als eine Kuppel aus Stahl. +Hamilkar war so ärgerlich über Karthago, daß er Lust +spürte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie +gegen die Stadt zu führen. Schon fingen die Troßknechte, +die Marketender, die Sklaven zu murren an, und weder +das Volk, noch der Große Rat, noch sonst jemand sandte +ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unerträglich, zumal +bei dem Gedanken, daß sie immer schlimmer werden +mußte. +</p> + +<hr /> + +<p> +Bei der Kunde von diesem Mißgeschick raste man in +Karthago vor Zorn und Haß. Man hätte den Suffeten +weniger verwünscht, hätte er sich gleich zu Anfang besiegen +lassen. +</p> + +<p> +Um neue Söldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit +und Geld. Wollte man aber Soldaten in der Stadt ausheben: +womit sollte man sie ausrüsten? Hamilkar hatte +alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie befehligen? +Die besten Hauptleute befanden sich ja draußen +bei ihm! Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten +ein, die laut rufend durch die Straßen zogen. Der Große +Rat geriet darüber in Aufregung und ließ sie beiseite +schaffen. +</p> + +<p> +Das war eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Man beschuldigte +den Barkiden allgemein der Saumseligkeit. Er hätte +nach seinem Siege die Söldner vernichten sollen. Warum +hatte er die Stämme gebrandschatzt? Hatte man nicht +hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten +über die Kriegssteuern, die man persönlich sowie +aus den Syssitien gezahlt hatte. Auch wer nichts gegeben +hatte, klagte mit den übrigen. Das Volk war eifersüchtig +auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle Bürgerrecht +versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich +so tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren +und verwünschte auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung +wie ein Verbrechen, wie eine Mitschuld vor. +Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Läden, die Arbeiter, +die, ihr bleiernes Winkelmaß in der Hand, vorübergingen, +die Salzlakehändler, die ihre Körbe spülten, +die Badeknechte in den Bädern, die Verkäufer warmer +Getränke, alle erörterten sie die Vorgänge des Feldzuges. +Man zeichnete mit dem Finger Operationspläne +in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel, +der nicht Hamilkars Fehler zu verbessern gewußt +hätte. +</p> + +<p> +Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe für so lange +Gottlosigkeit. Er hätte keine Opfer gespendet, hätte +seine Truppen nicht weihen lassen, ja, er hätte sich geweigert, +Auguren mitzunehmen. Das Ärgernis über seine +Gottlosigkeit schürte den unterdrückten starken Haß, die +Wut über die enttäuschten Hoffnungen. Man erinnerte +sich seines Unglücks in Sizilien. Sein Hochmut, den man +so lange ertragen, drückte nun mit einem Male mehr +denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm nicht, daß er +ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem Großen +das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn +er jemals zurückkehre. +</p> + +<p> +Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewöhnlich +stark, war eine weitere Plage. Vom Ufer des Haffs +stiegen ekelhafte Dünste auf. In sie mischten sich die +Wirbelwolken des Räucherwerks, das an den Straßenecken +brannte. Unablässig hörte man Hymnen absingen. +Menschenmassen wogten auf den Treppen der Tempel. +Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern behängt. +Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder, +und das Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann +in roten Kaskaden die Tempelstufen hinab. Ein düsterer +Wahnsinn hatte Karthago erfaßt. Aus den engsten +Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten +auf, Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zähnen +knirschten. Schrilles Weibergekreisch erfüllte die Häuser, +drang durch die Fenstergitter auf die Plätze und beunruhigte +die dort plaudernden Müßiggänger. Zuweilen +glaubte man, die Barbaren kämen. Man hatte sie hinter +dem Berge der Heißen Wasser gesehen. Sie sollten bei +Tunis lagern. Die Stimmen vervielfältigten sich, schwollen +an und verschmolzen zu einem einzigen Schrei. Dann +trat allgemeine Stille ein. Eine Menge Leute hockten auf +den Dächern der Gebäude und spähten, die Hand über den +Augen, in die Weite, während andre am Fuße der Wälle +platt auf dem Boden lagen und aufmerksam lauschten. +Wenn der Schreck vorüber war, dann begann +die Wut von neuem. Aber das Bewußtsein ihrer Ohnmacht +versenkte die Bevölkerung bald wieder in die alte +Trübsal. +</p> + +<p> +Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn +man allgemein auf den Terrassen stand und sich neunmal +verneigte und die Sonne mit lautem Rufen grüßte. Sie +sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann mit einem +Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren, +verschwand. +</p> + +<p> +Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler +von der Höhe eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog, +das Symbol der Erneuerung des Jahres, eine Botschaft +des Volkes an den höchsten Gott, eine Feier, die +man als eine Art von Bündnis, als Vermählung mit der +Kraft der Sonne betrachtete. Übrigens wandte sich das +haßerfüllte Volk jetzt abergläubisch dem menschenverschlingenden +Moloch zu, und alle verließen Tanit. In der +Tat schien die Mondgöttin, ihres Mantels beraubt, einen +Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die +Wohltat ihrer Gewässer, sie hatte Karthago verlassen. +Sie war eine Abtrünnige, eine Feindin. Manche warfen +mit Steinen nach ihr, um sie zu beschimpfen. Doch während +man sie arg schmähte, beklagte man sie gleichzeitig. +Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem. +</p> + +<p> +Alles Unglück rührte unbedingt vom Verluste des Zaimphs +her, und Salambo war mittelbar daran schuld. Der +Groll richtete sich deshalb auch auf sie. Sie müsse bestraft +werden! Alsbald lief der unbestimmte Gedanke einer Opferung +im Volke um. Um die Götter zu versöhnen, müsse +man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschätzbarem +Werte opfern, ein schönes, junges, jungfräuliches Geschöpf +aus altem Hause, den Göttern entsprossen, einen Stern +der Menschheit. Täglich drangen unbekannte Männer in +die Gärten von Megara. Die Sklaven zitterten für ihr +eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten. +Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht über die +Galeerentreppe hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten +hinauf nach dem hohen flachen Dache des Schlosses. +Sie warteten auf Salambo und schrien stundenlang nach +ihr wie Hunde, die den Mond anheulen. +</p> + + + + +<h2 id="ch10">X</h2> + +<h2>Die Schlange</h2> + + +<p> +Das Pöbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht. +Sorgen beunruhigten sie. Ihre große +Schlange, ein schwarzer Python, ward immer matter. +Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie persönlicher +Fetisch. Man hielt sie für Kinder des Urschlamms, +weil sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Füße +bedürfen, um auf ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte +an die Wellen im Strom, ihr kühler Körper an +die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der Kreis, den sie +beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beißen, an die +Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns. +</p> + +<p> +Salambos Schlange hatte schon öfters die vier lebendigen +Spatzen verschmäht, die man ihr bei jedem Vollmond +und jedem Neumond brachte. Ihre schöne Haut, wie das +Himmelsgewölbe mit goldnen Flecken auf tiefschwarzem +Grund übersät, war jetzt gelb, welk, runzelig und für ihren +Körper zu weit. Flockiger Schimmel sproß rings um +ihren Kopf, und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man +flackernde kleine rote Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo +an den aus Silberdraht geflochtenen Korb und hob +den Purpurvorhang, die Lotosblätter und die Daunendecke +auf, worunter die Schlange beständig in sich zusammengerollt +lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge +des steten Hinsehens fühlte Salambo in ihrem eigenen +Herzen einen Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine +zweite Schlange allmählich bis hinauf zur Kehle um sie +winde und sie ersticke. +</p> + +<p> +Sie war in Verzweiflung, daß sie den Zaimph gesehen +hatte, und doch empfand sie eine seltsame Freude darüber, +einen geheimen Stolz. In den schimmernden Falten des +heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen. Er war +ein Symbol der Wolken, die die Götter umhüllen, das +Mysterium des Weltalls. Salambo graute es vor sich +selbst, aber sie bedauerte doch, den Mantel nicht hochgehoben +zu haben. +</p> + +<p> +Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs, +die Hände um ihr linkes Bein geschlungen, mit halbgeöffnetem +Munde, gesenktem Kinn und starrem Blick. Voll +Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters ins Gedächtnis. +Sie hätte in den Libanon Phöniziens zum Tempel +von Aphaka pilgern mögen, wo Tanit in Gestalt eines +Sternes auf die Erde gekommen war. Allerlei Vorstellungen +lockten und schreckten sie. Überdies ward ihre Einsamkeit +von Tag zu Tag größer. Sie wußte nicht einmal, +was aus Hamilkar geworden war. +</p> + +<p> +Schließlich ward sie des Grübelns müd. Sie erhob sich +und schlürfte in ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen +bei jedem Schritte gegen ihre Fersen klappten, durch das +weite stille Gemach, immer hin und her, ohne Zweck und +Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke +warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen +wandte Salambo den Kopf ein wenig nach oben, um sie +zu betrachten. Sie betastete die aufgehängten zweihenkligen +Steinkrüge an den Hälsen oder kühlte sich den Busen mit +breiten Fächern oder vertrieb sich die Zeit damit, in hohlen +Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging, +nahm Taanach die schwarzen Filzläden aus den Fenstern +weg. Flugs kamen dann Salambos Tauben hereingeflattert, +die mit Moschus eingerieben waren wie die Tauben +der Tanit, und ihre rosenroten Füßchen hüpften über die +Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkörnern hin, +die sie ihnen mit vollen Händen hinstreute, wie ein Landmann +den Samen auf ein Ackerfeld. Plötzlich aber brach sie +in Schluchzen aus, und dann lag sie, ohne sich zu rühren, +auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder, lang hingestreckt, +während sie immer ein und dasselbe Wort wiederholte, +mit offnen Augen, totenblaß, kalt und empfindungslos ... +und doch hörte sie das Gekreisch der Affen draußen +in den Palmenwipfeln und das unablässige Knarren des +großen Rades, das durch alle Stockwerke hindurch einen +Strom reinen Wassers in ihre Porphyrwanne leitete. +</p> + +<p> +Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume +sah sie verschleierte Gestirne, die ihr zu Füßen tanzten. +Sie rief Schahabarim; aber wenn er kam, wußte sie nicht +mehr, was sie ihn fragen wollte. +</p> + +<p> +Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu +leben. In ihrer tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner +Herrschaft. Sie empfand dem Priester gegenüber zugleich +Furcht, Eifersucht, Haß und eine wunderliche Liebe, der +Dankbarkeit entsprossen für die eigentümliche Wollust, die +sie in seiner Nähe fühlte. +</p> + +<p> +Er hatte erkannt, daß Salambo im Banne der Tanit +stand, denn er wußte wohl Bescheid, welche Götter die oder +jene Krankheit sandten. Um Salambo zu heilen, ließ er +ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut und Krullfarn +besprengen. Jeden Morgen mußte sie Alraun einnehmen. +Nachts schlief sie auf einem Säckchen wohlriechender +Kräuter, die von den Oberpriestern gemischt worden +waren. Schahabarim hatte sogar Baaras angewandt, eine +feuerrote Wurzel, mit der die bösen Geister nach Norden +vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den +Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen +der Tanit. Doch Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen +wurden immer stärker. +</p> + +<p id="p245"> +Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim. +In seiner Jugend hatte er auf der Schule der Mogbeds +zu Borsippa bei Babylon studiert, hatte dann Samöthrake, +Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Judäa besucht, die Tempel +der Nabatäer, die halb verweht im Sande lagen, und er +war zu Fuß an den Ufern des Nils von den Katarakten +bis zum Meere hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx, +des Vaters des Schreckens, hatte er mit verschleiertem Antlitz, +Fackeln schwingend, einen schwarzen Hahn auf einem +Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten der Proserpina +hinabgestiegen. Er hatte die fünfhundert Säulen +des Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter +von Tarent brennen sehen, der auf seinem Schafte so viele +Lampen trug, als es Tage im Jahre gibt. Nachts empfing +er zuweilen Griechen, um von ihnen zu lernen. Die Weltordnung +beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der +Götter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria +die Äquinoktien beobachtet und hatte die Bematisten +des Euergetes, die den Himmel durch Schrittzählungen +ausmaßen, bis nach Kyrene begleitet. Und so war in seiner +Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne +feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik. +Den Glauben, daß die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet +sei, hatte er abgetan. Er hielt sie für rund, für eine Scheibe, +die ewig falle, in die Unendlichkeit hinein, mit einer so +fabelhaften Geschwindigkeit, daß man ihren Fall gar nicht +gewahr wird. +</p> + +<p> +Aus der Stellung der Sonne über dem Monde schloß er +auf die Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne +selbst nur Widerschein und Sinnbild war. Überdies zwang +ihn alles, was er von irdischen Dingen beobachtete, zu der +Erkenntnis, daß das vernichtende männliche Prinzip das +höhere sei. Auch zieh er die Mondgöttin insgeheim der +Schuld am Unglücke seines Lebens. Hatte ihn nicht ihretwegen +der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln +unter einer Schale siedenden Wassers der künftigen Mannheit +beraubt? Schwermütig folgte sein Blick den Männern, +die sich mit den heiligen Hetären der Tanit im Schatten +der Terebinthenhaine verloren. +</p> + +<p> +Seine Tage rannen dahin, während er die Räucherpfannen +beaufsichtigte, die goldnen Gefäße, die Feuerzangen, +die Harken vor dem Altar, die Gewänder der +Götterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der +Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes +gekräuselt wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock +mit den Smaragden. Immer zur nämlichen Stunde +schlug er die breiten Vorhänge der nämlichen Türen +zurück und ließ sie wieder fallen. In der nämlichen +Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder +lag betend auf den nämlichen Steinfliesen, während ein +Schwarm von Priestern um ihn her barfuß durch die +Gänge wallte, die in ewigem Dämmerlichte schlummerten. +</p> + +<p> +In der Öde seines Lebens sah er Salambo wie eine +Blume in der Spalte einer Gruft. Und doch war er streng +gegen sie und ersparte ihr keine Buße und kein hartes +Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen ihr und ihm +eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger, +weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schön +und vor allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es +ihr schwer fiel, seinen Gedanken zu folgen. Dann ging +er tieftraurig von ihr, und dann fühlte er sich ganz verlassen, +einsam und leer. +</p> + +<p> +Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo +aufleuchteten wie gewaltige Blitze, die Abgründe +erhellen. Das geschah in den Nächten oben auf dem +flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide allein die +Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren +Füßen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer, +das sich im Dunkel der Schatten verlor. +</p> + +<p> +Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem +gleichen Wege zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch +die Zeichen des Tierkreises wandelt. Mit ausgestrecktem +Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des menschlichen +Ursprunges und im Steinbock das der Rückkehr zu den +Göttern. Salambo bemühte sich, sie zu erkennen, denn +sie hielt diese Vorstellung für Wirklichkeit. Bloße Symbole, +ja selbst bildliche Ausdrücke nahm sie für wahr an +sich. Allerdings war auch dem Priester der Unterschied +nicht immer völlig klar. +</p> + +<p> +»Die Seelen der Verstorbenen«, sagte er, »lösen sich im +Monde auf wie ihre Körper in der Erde. Ihre Tränen +bilden seine Feuchtigkeit. Es ist ein dunkler Ort voller +Sümpfe, Trümmer und Stürme.« +</p> + +<p> +Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr würde. +»Zuerst schwindest du dahin, leicht wie ein Hauch, der +sich über den Wogen wiegt; und erst nach längeren Prüfungen +und Ängsten gehst du ein in das hohe Haus der +Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!« +</p> + +<p> +Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar – wie Salambo +glaubte – aus Scham über das Mißgeschick seiner +Göttin. Auch sie sprach immer nur das gewöhnliche +Wort »Mond« aus, das nichts weiter bedeutete als bloß +das Gestirn, und sie erschöpfte sich in frommen Worten +über sein mildes befruchtendes Licht. Schließlich aber +rief Schahabarim aus: +</p> + +<p> +»Nein, so ist das nicht! Der Mond erhält all seine +Fruchtbarkeit von anderswo! Siehst du denn nicht, wie +er um die Sonne schleicht wie ein verliebtes Weib, das +einem Manne über das Feld nachläuft?« Und unaufhörlich +pries er die Kraft des Sonnenlichtes. +</p> + +<p> +Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertöten, reizte +er sie vielmehr auf. Er schien sogar Vergnügen daran zu +finden, Salambo durch die Offenbarung einer unerbittlichen +Lehre in Verzweiflung zu stoßen, und sie ging trotz +der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit bereitete, eifrig +darauf ein. +</p> + +<p> +Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto +mehr gab er sich Mühe, sich doch seinen Glauben an +sie zu wahren. In tiefster Seele hielt ihn die Angst vor +späterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem Beweise, +einer Kundgebung der Göttin, und in der Hoffnung, dies +zu erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich +sein Vaterland und seinen Glauben retten sollte. +</p> + +<p> +Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub +und das Unglück zu beklagen, das davon ausgegangen +sei und sich bis in die Weiten des Himmels erstrecke. +Jetzt verkündete er ihr auch unvermittelt die Gefahr, in +der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos +Führung bedrängt. Matho, der Räuber des heiligen +Mantels, war für die Karthager der Herzog der Barbaren. +Schahabarim setzte hinzu, daß das Heil der Republik +und des Suffeten einzig und allein von Salambo +abhänge. +</p> + +<p> +»Von mir?« rief sie aus. »Wie kann ich denn ...?« +</p> + +<p> +Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln: +</p> + +<p> +»Nie wirst du dich dazu verstehen!« +</p> + +<p> +Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim: +</p> + +<p> +»Du mußt zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurückholen!« +</p> + +<p> +Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange, +am ganzen Leibe zitternd, mit schlaff zwischen den Knien +herabhängenden Armen sitzen, wie ein Opfertier am +Fuße des Altars, des Schlages mit der Keule harrend. +Die Schläfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um +sich kreisen und begriff in ihrer Betäubung nur noch das +eine: daß sie bald sterben müsse. +</p> + +<p> +Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurückkäme +und Karthago gerettet würde! Was lag dann +am Leben eines Weibes! +</p> + +<p> +So dachte Schahabarim. Überdies war es ja möglich, +daß sie den Mantel erlangte, ohne dabei umzukommen. +Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am Abend des +vierten Tages ließ sie ihn rufen. +</p> + +<p> +Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr +alle die Schmähungen, die man im versammelten Rate +gegen Hamilkar ausstieß. Er sagte ihr, daß sie schuldig +sei, daß sie ihre Sünde sühnen müsse und daß die +Göttin dies als Opfer von ihr erheische. +</p> + +<p> +Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Straße der +Mappalier hinauf nach Megara. Schahabarim und Salambo +traten rasch hinaus und hielten von der Galeerentreppe +Ausschau. +</p> + +<p> +Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen. +Die Alten weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen +Versuche für unnütz erachteten. Schon manche +wären ohne Führer ausgezogen und hätten den Tod gefunden! +Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in +den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um +Moloch eine Art Huldigung darzubringen oder bloß +aus ziellosem Zerstörungstriebe, in den Tempelhainen +große Zypressen, zündeten sie an den Ampeln der Kabiren +an und trugen sie singend durch die Straßen. Diese Riesenfackeln +bewegten sich in gemächlichem Hin- und Herwiegen +vorwärts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf +den Tempelfirsten, auf die Schmuckstücke der Kolosse und +auf die Schiffsbeschläge. Sie zogen über die Terrassen +hin und kreisten wie Sonnen durch die Stadt. Sie kamen +die große Treppe von der Akropolis herab. Das Tor von +Malka tat sich ihnen auf. +</p> + +<p> +»Bist du bereit?« fragte Schahabarim. »Oder hast du +denen da den Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden, +daß du ihn im Stiche lässest?« +</p> + +<p> +Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, während +sich der Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande +hinabzog. +</p> + +<p> +Eine vage Angst hielt sie zurück. Sie fühlte Furcht vor +Moloch, Furcht vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt +ein Hüne, der Herr des Zaimphs, hatte jetzt die gleiche +Macht über Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in der nämlichen +Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die +Seelen der Götter in den Leibern von Menschen. Und +hatte Schahabarim, als er von Matho sprach, nicht gefordert, +daß sie Moloch besiegen solle? Matho und Moloch +verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie verwechselte +beide, und beide waren ihre Verfolger. +</p> + +<p> +Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange. +Die Haltung der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch +der Korb war leer. Salambo erschrak. +</p> + +<p> +Sie fand das Tier neben ihrem Hängebett. Es hatte +sich um einen Pfeiler des silbernen Geländers geringelt +und rieb sich daran, um die alte welke Haut abzustreifen, +aus der sein heller glänzender Leib schon hervorschimmerte +wie ein halb aus der Scheide gezücktes Schwert. +</p> + +<p> +Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen überzeugen +ließ, je geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um +so gesünder und kräftiger ward ihre Schlange. Sie lebte +sichtlich wieder auf. +</p> + +<p> +Jetzt war Salambo gewiß, daß Schahabarim den Willen +der Götter übermittle. Eines Morgens erwachte sie +fest entschlossen und fragte, was sie tun müsse, damit +Matho den Mantel zurückgäbe. +</p> + +<p> +»Ihn fordern!« entgegnete Schahabarim. +</p> + +<p> +»Aber wenn er sich weigert?« +</p> + +<p> +Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lächeln, +das sie bei ihm noch nie gesehen hatte. +</p> + +<p> +»Ja, was dann?« wiederholte Salambo. +</p> + +<p> +Der Priester spielte mit den Enden der Bänder, die +von seiner Tiara auf seine Schultern herabfielen, und +stand unbeweglich da, mit gesenktem Blick. Als er aber +merkte, daß sie ihn nicht verstand, da sagte er endlich: +</p> + +<p> +»Du wirst mit ihm allein sein!« +</p> + +<p> +»Weiter?« fragte sie. +</p> + +<p> +»Allein in seinem Zelte!« +</p> + +<p> +»Was heißt das?« +</p> + +<p> +Schahabarim biß sich auf die Lippen. Er suchte nach +einer Umschreibung, einer Ausflucht. +</p> + +<p> +»Wenn du sterben mußt, so wird das später geschehen!« +sprach er. »Später! Fürchte also nichts! Und was er +auch beginnt, rufe nicht! Erschrick nicht! Du mußt +demütig sein, verstehst du, und seinem Wunsche gefügig, +denn das ist ein Gebot des Himmels!« +</p> + +<p> +»Und der Zaimph?« +</p> + +<p> +»Dafür werden die Götter schon sorgen!« entgegnete +Schahabarim. +</p> + +<p> +»Kannst du mich nicht begleiten, Vater?« +</p> + +<p> +»Nein!« +</p> + +<p> +Er hieß sie niederknien, drückte die Linke an sich und +schwor mit der ausgestreckten Rechten für sie, daß sie den +Mantel der Tanit nach Karthago zurückbringen wolle. +Unter grauenhaften Formeln weihte er sie den Göttern, +und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach, wiederholte +Salambo halb ohnmächtig. +</p> + +<p> +Er schrieb ihr genau die nötigen Reinigungen vor, und +wie sie fasten müsse, und wie sie zu Matho gelangen könne. +Übrigens solle ein wegekundiger Mann sie begleiten. +</p> + +<p> +Salambo fühlte sich wie erlöst. Sie dachte nur an das +Glück, den Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie +Schahabarim für seine frommen Ermahnungen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach +Sizilien auf den Berg Eryx zum Tempel der Venus zu +ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem Aufbruch suchten +und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich flogen +sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her, +und wie eine große weiße Wolke schwebten sie am Himmel, +hoch über dem Meere. +</p> + +<p> +Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen +sich allmählich zu den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden +sie, als wären sie in den Rachen der Sonne hineingestürzt +und von ihm verschlungen. Salambo, die ihrem +Fortfliegen zusah, ließ den Kopf sinken, und Taanach, die +ihren Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr: +</p> + +<p> +»Sie kehren wieder, Herrin!« +</p> + +<p> +»Ja, ich weiß es.« +</p> + +<p> +»Und du wirst sie wiedersehen!« +</p> + +<p> +»Vielleicht!« versetzte Salambo seufzend. +</p> + +<p> +Sie hatte ihren Entschluß keinem Menschen anvertraut. +Um ihn ganz heimlich ausführen zu können, sandte sie +Taanach in die Vorstadt Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe, +dessen sie bedurfte: Zinnober, Parfümerien, einen +leinenen Gürtel und neue Gewänder. Sie wollte diese Dinge +absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte +Dienerin erstaunte über diese Zurüstungen, wagte aber +keine Fragen. So kam der Tag heran, den Schahabarim +zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte. +</p> + +<p> +Um die zwölfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine +einen blinden Greis, der sich mit einer Hand auf die +Schulter eines vor ihm hinschreitenden Kindes stützte +und mit der andern eine Harfe aus schwarzem Holz gegen +die Hüfte gepreßt trug. Die Eunuchen, die Sklaven und +Dienerinnen waren sorgfältig entfernt worden. Niemand +sollte etwas von dem Mysterium erfahren, das sich zu +vollziehen begann. +</p> + +<p> +Taanach zündete in den Ecken des Gemaches vier eherne +Dreifüße an, die mit kretischem Rosenharz und Paradieskörnern +gefüllt waren. Dann rollte sie große babylonische +Teppiche auf und hängte sie an Schnüren rings +an den Wänden auf. Salambo wollte von niemandem +gesehen werden, selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler +hockte hinter der Tür. Der Knabe stand aufrecht +daneben und hielt eine Schilfflöte an seinen Lippen. In +der Ferne, halbverklungen, summte der Straßenlärm. Die +Säulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten, +und auf der andern Seite des Golfes verschwammen +die Bergzüge, die Olivenhaine und die gelben, endlos +sich hinwellenden Felder in bläulichem Dufte. Man hörte +keinen Laut. Unsägliche Mattigkeit lastete in der Luft. +Salambo kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der +Onyxstufe nieder, streifte ihre weiten Ärmel zurück, befestigte +sie hinter den Schultern und begann ihre Waschungen +vorschriftsmäßig nach den heiligen Bräuchen. +</p> + +<p> +Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterfläschchen +eine halbgeronnene Flüssigkeit. Es war das Blut eines +schwarzen Hundes, der in einer Winternacht von unfruchtbaren +Weibern in den Ruinen eines Grabes getötet worden +war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die Fersen +und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel +ein wenig gerötet wurde, als hätte er eine Frucht +zerdrückt. +</p> + +<p> +Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen +Harfe und Flöte ineinander zu tönen. +</p> + +<p> +Salambo legte ihre Ohrgehänge, ihr Halsband, ihre +Armringe und ihr langes weißes Obergewand ab, löste +ihre Haarbinde und schüttelte ihr sie umwallendes Haar +eine Weile leise, um sich an den Strähnen die Schultern +zu kühlen. Die Musik draußen tönte fort: es waren +drei hastige wilde Töne, die immer wiederkehrten. Die +Saiten der Harfe klangen schrill, die Flöte gurgelte. +Taanach schlug den Takt mit ihren Händen. Salambo +wiegte sich mit ihrem ganzen Körper und sang Gebete +ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern. +Einer der schweren Teppiche an der Wand bewegte sich, +und über der Schnur, die ihn trug, erschien der Kopf der +Pythonschlange. Langsam glitt sie herab wie ein Wassertropfen, +der an der Wand herunterrinnt, kroch zwischen +den daliegenden Gewändern hin und richtete sich dann, +den Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in +die Höhe. Ihre starr auf Salambo gerichteten Augen +blitzten heller denn Karfunkelsteine. +</p> + +<p> +Aus Scheu vor der Kälte oder vielleicht auch aus Scham +zögerte Salambo eine Weile. Dann aber fielen ihr die +Befehle Schahabarims ein, und sie ging auf die Schlange +zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte ihres Leibes +auf den Nacken der Jungfrau und ließ Kopf und Schwanz +herunterhängen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen +beide Enden zu Boden fallen. Salambo schlang das Tier +um ihre Hüften, unter ihren Arm hindurch, um ihre Knie. +Dann faßte sie es beim Kopfe, drückte seinen kleinen dreieckigen +Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit +halbgeschlossenen Augen hintenüber. Das weiße Mondlicht +umsickerte sie mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren +ihrer Füße glänzten auf den Fliesen. Helle Sterne +zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange schmiegte +ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo. +Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre +Hüften gaben nach. Sie fühlte sich dem Tode nahe. Der +Python streichelte ihr mit dem Schwanzende sanft die +Schenkel ... +</p> + +<p> +Plötzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurück. +</p> + +<p> +Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei +Lampen aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefüllten +Kristallkugeln brannten, färbte sie die Handflächen +ihrer Herrin mit Henna, streute ihr auf die Wangen +Zinnober, Antimon über die Augenlider, und verlängerte +ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus, +Ebenholz und zerquetschten Fliegenfüßen. +</p> + +<p> +Salambo saß auf einem Stuhle mit Elfenbeinfüßen und +überließ sich der Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen, +der Duft der Parfümerien und der Hunger +nach dem langen Fasten gingen über ihre Kräfte. Sie +wurde so bleich, daß Taanach innehielt. +</p> + +<p> +»Fahr fort!« gebot Salambo. +</p> + +<p> +Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmählich +wieder zu sich. Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb +Taanach zur Eile an. Die alte Dienerin murmelte: +</p> + +<p> +»Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!« +</p> + +<p> +»Doch!« erwiderte Salambo. »Es erwartet mich wohl +jemand!« +</p> + +<p> +Taanach fuhr vor Erstaunen zurück, und um mehr zu +erfahren, fragte sie: +</p> + +<p> +»Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mußt ...« +</p> + +<p> +Da brach Salambo in Tränen aus. +</p> + +<p> +»Du leidest!« rief die Sklavin. »Was fehlt dir? Geh +nicht fort! Nimm mich mit! Als du noch ganz klein +warst, nahm ich dich an mein Herz, wenn du weintest, +und brachte dich mit den Spitzen meiner Brüste zum +Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin!« Dabei schlug +sie sich auf ihren vertrockneten Busen. »Jetzt bin ich +alt und kann nichts mehr für dich tun! Du liebst mich +nicht mehr! Du verheimlichst mir deine Schmerzen! Du +verachtest die Amme!« Sie weinte vor Liebe und Ärger, +und die Tränen rannen an ihren Wangen herab durch +die Narben ihrer Tätowierung. +</p> + +<p> +»Nein!« sagte Salambo. »Ich liebe dich doch! Sei +guten Muts!« +</p> + +<p> +Mit einem Lächeln, das der Grimasse eines alten Affen +glich, nahm Taanach ihre Beschäftigung wieder auf. Die +Herrin hatte ihr auf Schahabarims Geheiß befohlen, sie +prächtig zu schmücken, und so ward Salambo nach einem +barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung von +Unnatur und Naivität war. +</p> + +<p> +Über das dünne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit +Vogelfedern bestickt. Ein breiter goldschuppiger Gürtel +umschloß ihre Hüften, von dem ihre blauen bauschigen +mit Silbersternen besetzten Beinkleider herabwallten. +Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weißer +Chinaseide mit grünen Streifen an. Auf den +Schultern befestigte sie ihr ein viereckiges Purpurtuch, +dessen Saum von Sandasterkörnern beschwert war. Über +all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel mit +langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo; +und stolz auf ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklären: +</p> + +<p> +»Am Hochzeitstage wirst du nicht schöner aussehen!« +</p> + +<p> +»Am Hochzeitstage!« wiederholte Salambo und verlor +sich in Träumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne +aus Elfenbein stützte. +</p> + +<p> +Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so +hoch und breit war, daß sie sich vollständig darin erblicken +konnte. Da erhob sich Salambo und schob mit einer +leichten Handbewegung eine Locke zurück, die zu tief herabhing. +</p> + +<p> +Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn +gekräuselt und floß in langen Locken, an deren Enden +Perlen hingen, den Rücken hinab. Das Licht der Lampe +belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf +ihren Gewändern und die Blässe ihrer Haut. Um die +Hüften, an den Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie +eine solche Fülle von Edelsteinen, daß der Spiegel wie +von Sonnenstrahlen sprühte. So stand Salambo hochaufgerichtet +neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu +betrachten, und lächelte über all den Glanz. +</p> + +<p> +Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr +noch blieb, schneller vergehe. +</p> + +<p> +Da ertönte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo +einen langen gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang +ein Tuch um den Hals, fuhr mit den Füßen in blaue +Lederschuhe und befahl Taanach: +</p> + +<p> +»Geh und sieh unter den Myrtenbäumen nach, ob da +nicht ein Mann mit zwei Pferden wartet!« +</p> + +<p> +Kaum war Taanach zurück, so stieg Salambo die Galeerentreppe +hinunter. +</p> + +<p> +»Herrin!« rief ihr die Amme nach. +</p> + +<p> +Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf +den Mund, zum Zeichen, daß sie schweigen und sich nicht +rühren solle. +</p> + +<p> +Taanach schlich leise an den Schiffsschnäbeln vorüber +an das Geländer. Im Scheine des Mondes bemerkte +sie unten in der Zypressenallee einen gigantischen Schatten, +der schräg zur Linken von Salambo hinhuschte. Das +mußte ein Vorzeichen des Todes sein! +</p> + +<p> +Taanach lief in das Zimmer zurück. Dort warf sie sich +lang hin, zerriß ihr Gesicht mit den Fingernägeln, raufte +sich das Haar und stieß ein lautes, gellendes Geheul aus. +</p> + +<p> +Dann aber kam ihr der Gedanke, man könne sie hören. +Da ward sie still und schluchzte nur noch ganz leise, den +Kopf in die Hände und die Stirn auf den Boden gepreßt. +</p> + + + + +<h2 id="ch11">XI</h2> + +<h2>Im Zelte</h2> + + +<p> +Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der +Richtung nach der Totenstadt, erst bergauf, über den +Leuchtturm hinaus, dann durch die langgestreckte Vorstadt +Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der Himmel +begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus +den Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu +bücken. Obwohl die beiden Pferde im Schritt gingen, +glitten sie doch oft aus. So gelangten sie endlich an das +Tevester Tor. +</p> + +<p> +Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden +ritten hindurch. Dann schloß sich das Tor hinter +ihnen. +</p> + +<p> +Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke +hin. Auf der Höhe der Zisternen angelangt, nahmen +sie die Richtung nach der Taenia, einer schmalen +Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff +trennt und sich bis nach Rades erstreckte. +</p> + +<p> +Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch +auf dem Meer oder in der Ebene. Die schiefergraue Flut +brandete leise, und der leichte Wind, der mit dem Schaum +spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz aller ihrer +Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle. +Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie. +Dann aber ging die Sonne auf. Bald brannte sie ihr +auf den Hinterkopf und machte sie schläfrig. Die beiden +Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre Hufe +versanken lautlos im Sande. +</p> + +<p> +Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten, +wurde der Boden fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart +weiter. +</p> + +<p> +Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten +sich die Felder, soweit der Blick reichte, doch öde hin +wie eine Wüste. An einzelnen Stellen lagen Haufen von +Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die Körner +aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich +Dörfer in losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab. +</p> + +<p> +Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am +Rande des Weges. Die Dächer der Hütten waren eingestürzt, +und im Innern sah man Topfscherben, Kleiderfetzen, +allerlei Hausrat und Gegenstände zerbrochen und +kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in Lumpen +gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden +Augen aus den Trümmern hervor, lief aber schleunigst +wieder davon oder verschwand in irgendeinem Loche. +Salambo und ihr Führer machten nirgends Halt. +</p> + +<p> +Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben +Bodens waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt, +der hinter den Hufen der Pferde aufwirbelte. Bisweilen +kamen sie auch an friedsamen Stätten vorüber, wo ein +Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am andern +Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab, +um sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines +Oleandergebüsches machte ihr Pferd einmal einen großen +Satz vor dem Leichnam eines Mannes, der am Boden lag. +</p> + +<p> +Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen +zurecht. Er war einer von den Tempeldienern, ein Mann, +den Schahabarim gelegentlich zu gefährlichen Sendungen +gebrauchte. +</p> + +<p> +Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den +Pferden neben Salambo hin und trieb die Tiere mit dem +Ende eines um den Arm geschlungenen Lederriemens an. +Mitunter entnahm er einem an seiner Brust hängenden +Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und +Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren. +Er reichte sie Salambo im Gange, ohne ein Wort zu +sagen. +</p> + +<p> +Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren +ihren Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf. +Sie streiften in Trupps von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig +Mann herum. Manche trieben eine Ziege oder eine lahme +Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen versehen. +Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten, +schmutzigen Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend, +halb verblüfft. Im Vorüberziehen riefen die einen +den alltäglichen Gruß, andre zweideutige Scherzworte +aus, und Salambos Begleiter antwortete einem jeden in +seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen +kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen +Tempel wallfahre. +</p> + +<p> +Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell. +Sie ritten darauf zu. +</p> + +<p> +Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus +lose aufgehäuften Steinen um ein fragwürdiges Gebäude +herum. Ein Hund lief auf dem Geröll hin. Der Sklave +verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie traten in ein +geräumiges Gewölbe. +</p> + +<p> +Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem +Reisigfeuer, dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog. +Ihr weißes Haar, das ihr bis auf die Knie herabreichte, +verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte keine Antwort +geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen +gegen die Karthager wie gegen die Barbaren. +</p> + +<p> +Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat +er wieder zu der Alten und forderte etwas zu essen. Sie +schüttelte den Kopf und murmelte, in die Kohlen starrend: +</p> + +<p> +»Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ... +Der Mund ißt nicht mehr ...« +</p> + +<p> +Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die +Alte stürzte sich darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche +Haltung wieder an. +</p> + +<p> +Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an +die Kehle. Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen +Stein aufzuheben. Schließlich brachte sie eine Amphora +voll Wein, dazu in Honig eingemachte Fische herbei, +die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren. +</p> + +<p> +Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief +auf den Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke +des Gemachs auf den Boden gebreitet hatte. +</p> + +<p> +Vor Tagesanbruch weckte er sie. +</p> + +<p> +Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran +und hieb ihm mit einem einzigen Messerschlage den +Kopf ab. Mit seinem Blute bestrich er die Nüstern der +Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte schleuderte ihm aus +dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und +drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich. +</p> + +<p> +Sie setzten ihren Marsch fort. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien. +Der Weg hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin. +Man hörte nichts als das Zirpen der Grillen. Die Sonne +dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war kreuz und +quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus +großen Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine +Schlange vorbei. Adler flogen über sie hinweg. Der +Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte unter ihrem +Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus Furcht, +ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden. +</p> + +<p> +In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den +Karthagern erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die +beiden traten ein, um ein wenig im Schatten zu rasten, +und setzten dann ihren Weg fort. +</p> + +<p> +Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten +Umweg gemacht. Nun aber begegneten sie niemandem. +Die Gegend war unfruchtbar, und die Barbaren hatten +sie darum nicht durchstreift. +</p> + +<p> +Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung +bemerkbar. Bisweilen lag mitten auf einem Felde +eine Mosaik, der einzige Überrest eines verschwundenen +Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen vorüber, +die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche. +Einmal ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser +bis auf den Grund niedergebrannt waren. An den +Mauern erblickte man menschliche Skelette, auch solche von +Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas versperrte +die Straßen. +</p> + +<p> +Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war +mit Wolken bedeckt. +</p> + +<p> +Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung +bergan, dann erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl +kleiner Feuer. +</p> + +<p> +Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da +blitzten goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten. +Das waren die Panzer der Klinabaren im punischen Lager. +Dann unterschieden sie in weiten Kreisen noch andre +zahlreichere Lichter, denn die jetzt vereinigten Heere der +Söldner nahmen viel Raum ein. +</p> + +<p> +Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer +führte sie stark seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles +hin, der das Barbarenlager umschloß. An einer Stelle +war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand. +</p> + +<p> +Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab, +einen Bogen in der Hand, eine Lanze über der Schulter. +</p> + +<p> +Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und +ein langer Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels. +Als sie daraufhin unbeweglich stehen blieb, rief der Posten +sie an und fragte nach ihrem Begehr. +</p> + +<p> +»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin +ein Überläufer aus Karthago.« +</p> + +<p> +Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten +zu Posten wiederholte. +</p> + +<p> +Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte +sich schnaubend im Kreise. +</p> + +<p> +Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo +auf. Doch da sie ihren gelben Schleier, auf dem schwarze +Blumen gestickt waren, vor dem Gesicht und so viele Gewänder +um ihren Leib trug, war sie unerkennbar. Von +der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die +formlose Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst +erschien. +</p> + +<p> +Endlich sprach sie zu ihm: +</p> + +<p> +»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!« +</p> + +<p> +Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er +fühlte, wie sein Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte +ihn ein. +</p> + +<p> +»So folge mir!« sagte er. +</p> + +<p> +Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren. +</p> + +<p> +Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle +Feuer loderten unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner +Widerschein beleuchtete grell einzelne Stellen, während +er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man schrie und rief. +Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert, in +der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig, +aus Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man +Schilfhütten oder auch einfache Löcher im Sande, wie sie sich +die Hunde scharren. Die Soldaten fuhren Faschinen, lagen +mit aufgestütztem Ellbogen auf der Erde oder schickten sich, +in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um über sie hinwegzugelangen, +mußte Salambos Pferd mehrere Male springen. +</p> + +<p> +Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben. +Nur waren ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer +und ihre Stimmen rauher. Matho schritt vor ihr her und +machte ihr mit Gesten des Armes, die seinen roten Mantel +lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten küßten ihm +die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung +an, um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche +einzige Feldherr der Barbaren. Spendius, Autarit und +Naravas hatten den Mut verloren. Er dagegen hatte so +viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß ihm +alle gehorchten. +</p> + +<p> +Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos +Zelt lag am Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt +von Hamilkars Verschanzungen. +</p> + +<p> +Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam +ihr vor, als ob über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter +auftauchten. Sie sahen wie abgeschnittene Köpfe aus, doch +ihre Augen bewegten sich, und ihren halbgeöffneten Lippen +entflohen Klagen in punischer Sprache. +</p> + +<p> +Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten +der Zelttür. Matho schlug hastig die Leinwand zurück. +Salambo folgte ihm. +</p> + +<p> +Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der +Mitte. Eine große Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete +es. Sie war bis zum Rande mit gelbem Öl +gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel +erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes +Schwert lehnte neben einem Schilde an einem Schemel. +Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln, Schellen und Halsketten +lagen bunt durcheinander auf geflochtenen Körben. +Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer +Ecke auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen +nachlässig aufgehäuft, und durch die Risse in der Leinwand +blies der Wind von draußen Staub und den Geruch der +Elefanten herein, die man fressen und mit ihren Ketten +rasseln hörte. +</p> + +<p> +»Wer bist du?« fragte Matho. +</p> + +<p> +Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne +zu antworten. Dann wandten sich ihre Augen nach dem +Hintergrund des Zeltes und blieben auf einem bläulich +glitzernden Gegenstand haften, der über einem Lager aus +Palmzweigen hing. +Sofort schritt sie darauf zu. Ein Schrei entfuhr ihr. Matho +blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße. +</p> + +<p> +»Was führt dich her? Wozu kommst du?« +</p> + +<p> +Sie wies auf den Zaimph und erwiderte: +</p> + +<p> +»Um das da zu holen!« +</p> + +<p> +Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht. +Matho wich zurück, betroffen, fast erschrocken, die +Arme nach hinten gestreckt. +</p> + +<p> +Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge +schaute sie ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte +ihn zurück mit beredten hochmütigen Worten. +</p> + +<p> +Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren +in seinen Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden +Stoffe waren ihm ebenso wie ihre schimmernde Haut +etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen war. Ihre Augen +blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer +Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine, +die ihre Finger umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer +Tunika zwängten ihren Busen ein wenig in die Höhe und +preßten die beiden Brüste näher aneinander. Mathos Gedanken +verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen +beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes +Medaillon herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der +violetten Gaze hervor. Als Ohrgehänge trug sie zwei +kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine hohle, mit +wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch +winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein +Tröpfchen des Parfüms herab und benetzte ihre nackten +Schultern. Matho sah eins fallen. +</p> + +<p> +Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das +nach einer unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo +zitternd mit der Spitze eines Fingers oben am Busen. Das +kühle Fleisch gab mit elastischem Widerstand nach. +</p> + +<p> +Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in +das Mark feiner Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete +seinen ganzen Körper und drängte ihn jäh nach ihr +hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich saugen, sie trinken +mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten aufeinander. +</p> + +<p> +Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie +sanft an sich. Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben +dem Lager aus Palmzweigen nieder, auf dem ein Löwenfell +ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht stehen. +Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom +Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er. +</p> + +<p> +»Wie schön bist du! Wie schön bist du!« +</p> + +<p> +Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet +waren, taten ihr weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille +wurde ihr so schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte, +um nicht aufzuschreien. Schahabarim fiel ihr ein. Sie +fügte sich. +</p> + +<p> +Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen, +aber von Zeit zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen +Gebotes den Kopf weg und versuchte, sich durch +eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit weitgeöffneten +Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte, einen +unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie +Weihrauch, einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und +allerlei Seltsamkeiten. +</p> + +<p> +Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt? +Ohne Zweifel hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie +wegen des Zaimphs gekommen? Seine Arme fielen schlaff +herab. Er neigte den Kopf und versank in schwermütige +Träumerei. +</p> + +<p> +Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme: +</p> + +<p> +»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?« +</p> + +<p> +»Deinen Tod?« +</p> + +<p> +Sie fuhr fort: +</p> + +<p> +»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden +Gärten, zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen +Sklaven, und deine Wut war so groß, daß du +auf mich lossprangst und ich fliehen mußte! Dann ist der +Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die +Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das +Hinmorden von Soldaten, – und du, du hattest verwüstet, +verheert, gemordet! Ich hasse dich! Der bloße Klang deines +Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du bist verfluchter +als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen +zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich +bin der Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter +Moloch herginge!« +</p> + +<p> +Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz. +Er fühlte sich erhaben wie ein Gott. +</p> + +<p> +Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen +fuhr sie fort: +</p> + +<p> +»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst +du zu mir, während ich schlief, in den Zaimph gehüllt. +Deine Worte habe ich nicht verstanden, aber ich habe wohl +gefühlt, daß du mich zu etwas Schändlichem verführen, +mich in einen Abgrund stürzen wolltest ...« +</p> + +<p> +Matho rang die Hände und rief: +</p> + +<p> +»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben! +Mir war, als hätte die Göttin ihr Gewand +für dich hergegeben, als gehörte es dir! In ihrem Tempel +oder in deinem Hause, – ist das nicht dasselbe? Bist du +nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?« +</p> + +<p> +Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er +fort: +</p> + +<p> +»Vielleicht bist du Tanit selbst!« +</p> + +<p> +»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst. +</p> + +<p> +Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom +Gewitter erschreckt, blökten Schafe. +</p> + +<p> +»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher! +Fürchte nichts! +</p> + +<p> +»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen +Haufen der Söldner. Ich war so sanftmütig, daß ich +für die andern das Holz auf dem Rücken schleppte. Was +kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl +wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen, +und nach all seinen Schätzen, all seinen Provinzen, +Flotten und Inseln gelüstet mich weniger als nach der +Frische deiner Lippen und der Rundung deiner Schultern. +Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen, +um dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt. +Ich zertrete jetzt die Menschen wie Muschelschalen, ich +werfe mich auf die Regimenter, ich stoße mit den Händen +die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an den Nüstern. +Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du +wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen +ergreift mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde +von dir, an eine Falte deines Gewandes. Das +umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine Augen in +den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der +Schilde. Ich höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln. +Wende ich mich um, und du bist nicht da, – dann stürze +ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!« +</p> + +<p> +Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten, +wie Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß +rann zwischen den mächtigen Muskeln seiner Brust hinab. +Sein Atem erschütterte seine Rippen und den ehernen +Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte +bis auf die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo, +die nur Eunuchen gesehen hatte, ward von der +Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war die Strafe +der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in +fünf Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie. +Halb betäubt hörte sie kaum noch den Ruf der Posten +draußen, die in Intervallen einander zuriefen. +</p> + +<p> +Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise +eindringenden heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze. +Hinterher ward die Dunkelheit immer um so tiefer, und +sie sah nichts mehr als Mathos Augen wie zwei glühende +Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte sie: daß +das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer +wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend, +ging sie auf den Zaimph zu und hob die Hände, +um ihn zu ergreifen. +</p> + +<p> +»Was tust du?« rief Matho. +</p> + +<p> +»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig. +Er schritt mit verschränkten Armen und so furchtbarer +Miene auf sie zu, daß sie wie angewurzelt stehen blieb. +»Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte er. Und +zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago +zurück? So, du kamst also, mir den Zaimph zu +rauben, mich wehrlos zu machen und dann zu verschwinden! +Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich +mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner +großen stillen Augen nicht vergessen, noch, wie du mich +mit deiner hehren Schönheit zu Boden schmettertest! Jetzt +ist die Reihe an mir! Du bist meine Gefangene, meine +Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen +Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein +ganzes verruchtes Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend +Soldaten! Und noch mehr werde ich herbeiholen +aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem Schoße +der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre +Tempel zu verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem +Meere von Blut schwimmen! Kein Haus, kein Stein, +kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben! Und +wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus +den Gebirgen und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche +nicht zu entfliehen! Ich töte dich!« +</p> + +<p> +Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte +wie eine Harfe, deren Saiten zu zerspringen drohen. +Plötzlich aber erstickte seine Stimme in Schluchzen, und +er sank in die Knie: +</p> + +<p> +»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger +wert als ein Skorpion, als Kot und Staub! Eben als +du sprachst, wehte dein Atem über mein Gesicht, und ich +erquickte mich daran wie ein Verschmachtender, der am +Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt mich! Wenn +ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur +deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich +liebe dich! Ich liebe dich!« +</p> + +<p> +Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt, +und umschlang ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden +Händen. Die Goldmünzen an seinen Ohren glänzten +auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen quollen +aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt +und murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein +Hauch und süßer als ein Kuß waren. +</p> + +<p> +Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen, +die ihr alles Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches +und doch Hocherhabenes, ein Gebot der Götter +zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen sie empor, +und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager, +in das Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da +zersprang das goldne Kettchen, und die beiden Enden +raschelten gegen die Leinwand wie zwei zuckende Schlangen. +Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie sah +Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen. +</p> + +<p> +»Moloch, du verbrennst mich!« +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als +Flammen. Es war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß, +als ob die Glut der Sonne sie durchlodere. +</p> + +<p> +Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre +Füße, die langen Flechten ihres Haars. +</p> + +<p> +»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir +daran! Entführe aber auch mich! Ich will das Heer +verlassen! Will auf alles verzichten! Dort hinter Gades, +zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine +Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln. +Auf den Bergen wiegen sich große Blumen, voll Düften, +die emporwirbeln wie der Rauch heiliger ewiger +Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als +Zedern, werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen +Zähnen die Früchte hinunter auf den Rasen. Die +Luft ist so mild, daß man nicht sterben kann. O, +diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden +in Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch +wohnt niemand dort, und ich werde König des Landes +werden!« +</p> + +<p> +Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte +ihr ein Stück Granatapfel zwischen die Lippen stecken. +Er schob ihr Decken unter den Kopf, um ein Kissen für +sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise dienstbar +zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße +wie eine gewöhnliche Decke. +</p> + +<p> +»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen +deine Halsbänder hingen?« fragte er. »Die sollst du mir +schenken! Ich habe sie so gern!« +</p> + +<p> +Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter +entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse +waren jetzt verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei +Wolken hervor. Sie erblickten ihn durch ein Loch des Zeltes. +</p> + +<p> +»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick +versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier, +der dein Antlitz verbarg. Du blicktest mich durch ihn +an. Die Erinnerung an dich ward eins mit seinem Licht. +Ich unterschied euch nicht mehr!« +</p> + +<p> +Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte +ohne Ende. +</p> + +<p> +»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare +Mann, vor dem Karthago zittert!« +</p> + +<p> +Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und +setzte einen Fuß auf die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr +Kettchen zersprungen war. +</p> + +<p> +Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser +daran, diese Fessel als etwas nahezu Heiliges anzusehn. +Errötend knüpfte Salambo die Kette um ihre Knöchel +wieder zusammen. +</p> + +<p> +Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate, +die Gegend, die sie durchritten, alles das tauchte +in wildem bunten Wirrwarr vor ihr auf, aber doch in +klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte plötzlich alles +das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt. +</p> + +<p> +Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein +Regentropfen auf das Zeltdach und brachte es in leise +zitternde Bewegung. +</p> + +<p> +Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite. +Ein Arm von ihm hing über den Rand des Lagers hinab. +Seine perlengeschmückte Binde hatte sich ein wenig verschoben +und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln umspielte +seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen +seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen +Augen lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe +kränkte. Sie stand vor seinem Lager und blickte ihn unbeweglich +an, mit gesenktem Haupt und übereinandergelegten +Händen. +</p> + +<p> +Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz +ein Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge +erregte in Salambo ein blutdürstiges Verlangen. Es war +ihr, als klagten ferne Stimmen durch die Nacht, ein sie +beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie faßte den +Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer. +Da öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen +Lippen ihre Hände, und der Dolch fiel zu Boden. +</p> + +<p> +Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete +hinter dem Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am +Eingang zurück: das Lager der Libyer stand in Flammen. +</p> + +<p> +Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten +sich, platzten im Qualm und schossen wie Pfeile davon. +Am blutroten Horizont sah man schwarze Schatten wirr +durcheinander laufen. In den Hütten heulten drin Verbliebene. +Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten +durch das Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät +und das aus den Flammen gerettete Gepäck. Dazu +Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!« Man +wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt +Autarits Lager!« +</p> + +<p> +Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück. +</p> + +<p> +Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam +angeschaut hatte, war sie erstaunt, das Glück nicht zu +fühlen, das sie sich davon ersehnt hatte. Schwermütig stand +sie vor ihrem unerfüllten Traume. +</p> + +<p> +Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine +unförmige Gestalt erschien. Salambo erkannte anfangs +nichts als zwei Augen und einen langen weißen Bart, +der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper kroch +über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes +behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden +verschwanden die beiden Hände im Barte und +kamen dann wieder hervor. So schleppte sich die Gestalt +bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten +Gisgo. +</p> + +<p> +Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit +sie nicht entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert +und ließen sie alle durcheinander in der Grube im Unrat +verkommen. Nur die Stärksten richteten sich schreiend +hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre vernahmen. +So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln, +die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten, +daß es eine Karthagerin sein müsse, und ergriffen von +der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses, war es ihm mit +Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube +hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und +Händen die zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt +geschleppt. Zwei Stimmen sprachen darin. Er hatte draußen +gelauscht und alles gehört. +</p> + +<p> +»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt. +</p> + +<p> +Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte: +</p> + +<p> +»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?« +</p> + +<p> +Sie senkte den Kopf. Er redete weiter: +</p> + +<p> +»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?« +Dabei kroch er so nahe an sie heran, daß er +sie streifte. »Sie hätten mir den Schmerz erspart, dich +verfluchen zu müssen!« +</p> + +<p> +Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem +schmutzigen Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst +und schrecklich wie ein Ungeheuer. +</p> + +<p> +»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich +habe Agathokles gesehen und Regulus. Hab es erlebt, +daß die römischen Adler die Ernte der punischen Felder +zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut und das +Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte! +Barbaren, deren Feldherr ich war, haben mich nun an +Händen und Füßen gefesselt wie einen Sklaven, der +einen Mord begangen hat. Meine Gefährten sterben einer +nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen +läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab, +die ihnen die Augen aushacken wollen. Und dennoch: +nicht einen Tag hab ich an Karthago verzweifelt! Und +hätte ich alle Heere der Welt im Kriege gegen die Stadt +gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als +die Giebel seiner Tempel aufgelodert, – ich hätte doch +an Karthagos Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu +Ende, alles verloren! Die Götter verabscheuen es! Fluch +über dich, die du durch deine Schandtat seinen Untergang +beschleunigt hast!« +</p> + +<p> +Sie wollte reden ... +</p> + +<p> +»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender +Liebe gesehen wie eine Dirne! Ein Barbar hat +dir seine Geilheit gezeigt, und du hast ihm deine Hände +zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen +Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem +Beispiel der wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung +verbergen, nicht aber deine Schande angesichts deines +Vaters zur Schau stellen!« +</p> + +<p> +»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo. +</p> + +<p> +»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur +sechzig Ellen voneinander entfernt sind? Und daß dein +Matho im Übermaß seiner Frechheit sein Zelt unmittelbar +vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen hat? Dein +Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg hinaufsteigen +könnte, der auf den Wall hinaufführt, so +würde ich ihm zurufen: Komm und sieh deine Tochter in +den Armen des Barbaren! Um ihm zu gefallen, hat sie +das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem Leibe gibt +sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät +unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das +Heil Karthagos!« +</p> + +<p> +Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte +sein langer Bart. Seine Augen starrten Salambo an, +wie um sie zu verschlingen, und im Staube kriechend, +wiederholte er keuchend: +</p> + +<p> +»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!« +</p> + +<p> +Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie +mit ausgestrecktem Arme hoch. Stumm blickte sie nach +Hamilkars Lager hinüber. +</p> + +<p> +»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie. +</p> + +<p> +»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg +von hier! Wühle dein Antlitz lieber tief in den Boden +ein! Das dort ist ein heiliger Ort, den dein Blick entweiht!« +</p> + +<p> +Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte +hastig ihren Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch +auf und rief: +</p> + +<p> +»Ich will hin!« +</p> + +<p> +Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand. +</p> + +<p> +Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem +zu begegnen, denn alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm +ward immer heftiger. Große Flammen röteten den Himmel +hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr den Weg. +</p> + +<p> +Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte +eine Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was +ihr hinaufhelfen könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo, +und es kam ihr vor, als ob Schreie und Schritte sie verfolgten. +Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie einen +Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie +nahm den Saum ihres Gewandes, der sie behinderte, +zwischen die Zähne und gelangte mit drei Sprüngen auf +den Wall hinauf. +</p> + +<p> +Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche, +den sie jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen +hatte. Sie beugte sich vor und erkannte den +Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an +den Zügeln hielt. +</p> + +<p> +Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern +hin und her gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst +beunruhigt, an den Wall herangegangen und hatte +versucht, zu erspähen, was in Mathos Lager vorgehe. +Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten +lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht +wieder verlassen. +</p> + +<p> +Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo +glitt vom Walle zu ihm hinunter. Dann umritten sie +galoppierend das punische Lager, um einen Eingang zu +finden. +</p> + +<hr /> + +<p> +Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende +Lampe erhellte es schwach. Er glaubte, Salambo schliefe. +Behutsam tastete er mit der Hand über das Löwenfell auf +dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort. Da riß er +heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das +Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden. +</p> + +<p> +Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes +Geschrei, Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch +die Luft. Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen. +Wie ein Orkan wirbelte es um den Rebellenführer her. +In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen und stürzte +hinaus. +</p> + +<p> +In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang +hinab, während ihnen die punischen Karrees in schwerfälligem, +taktmäßigem Marsche entgegenrückten. Der Nebel +war eben von den ersten Sonnenstrahlen zerrissen worden. +Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen +flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen, +die mehr und mehr sichtbar wurden. Bei der raschen +Bewegung der Truppenmassen schien es, als ob sich ganze +Teile des Bodens, die noch im Schatten lagen, mit einem +Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob sich +Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige +Massen herausragten. Matho konnte die Hauptleute, +die Soldaten, die Herolde erkennen, sogar die Troßknechte +auf ihren Eseln. Mit einem Male sah er, wie +Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke +des Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte, +als wolle er sich von den Puniern in seine +eigne Flanke fallen lassen. +</p> + +<p id="p282"> +Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus, +die nunmehr langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier +verstärkten ihr Tempo. Mit weit vorgestreckten +zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder Fahrt dahin, +daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich +ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen +Patrouillen los, warf Schwert, Lanze und Wurfspeere +von sich und verschwand alsbald unter den Karthagern. +Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars trat, +wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht +hatten, und sagte: +</p> + +<p> +»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!« +</p> + +<p> +Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor +Hamilkar nieder, und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte +er ihn an alle Einzelheiten seines Verhaltens seit +dem Ausbruche des Krieges. +</p> + +<p> +Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von +Karthago und die Niedermetzelung der Gefangenen verhindert. +Ferner hätte er den Sieg über Hanno nach der +Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die tyrischen +Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen +seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am +Makar nicht beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht +gegen den Marschall kämpfen zu müssen. +</p> + +<p> +In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle +in die punischen Provinzen vergrößern wollen und daher +die Söldner je nach den Siegesaussichten bald unterstützt, +bald im Stiche gelassen. Weil er jetzt aber einsah, +daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging +er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher +Groll gegen Matho zugrunde, sei es wegen des +Oberbefehls oder wegen seiner alten Liebe. +</p> + +<p> +Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. +Der Mann, der sich derart in ein Heer hineinwagte, +dessen Rache er gewärtig sein mußte, war kein zu verachtender +Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die +Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen +Pläne. Mit Hilfe der Numidier vermochte er die Libyer +in Schach zu halten. Dann konnte er die westlichen Völker +bei der Eroberung Spaniens mit verwenden. +</p> + +<p> +Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen +sei, und ohne eine seiner Lügen zu widerlegen, küßte er +Naravas und umarmte ihn dreimal. +</p> + +<p> +Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung, +hatte er das Lager der Libyer in Brand gesteckt. +Die Numidier kamen ihm wie eine von den Göttern +gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und +erwiderte: +</p> + +<p> +»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht, +was die Republik für dich tun wird, aber Hamilkar ist +kein Undankbarer!« +</p> + +<p> +Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während +Hamilkar seine Rüstung anlegte, sagte er: +</p> + +<p> +»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr +Fußvolk zwischen deine und meine Elefanten! Vorwärts! +Vernichte sie!« +</p> + +<p> +Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo. +Sie sprang von ihrem Pferde, öffnete ihren weiten +Mantel, breitete die Arme aus und entfaltete den Zaimph. +</p> + +<p> +Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen +war, übersah man den ganzen Umkreis des von Soldaten +erfüllten Gebirgskessels, und da Salambo gleichsam im +Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von allen Seiten. +Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph- +und Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen +still. Sterbende stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten +hin und segneten sie. Auch alle Barbaren wußten nun, +daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte. Sie sahen Salambo +von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem +ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem +Jubel der Karthager zum Trotz. So stampften und brüllten +fünf Heere aus ihren an den Hängen gestaffelten +Stellungen. +</p> + +<p> +Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem +Nicken des Hauptes. Seine Augen richteten sich bald +auf den Zaimph, bald auf seine Tochter. Da bemerkte +er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er schauderte zusammen, +von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch +nahm er seine gleichgültige Miene wieder an und +blickte Naravas, ohne den Kopf zu wenden, von der +Seite an. +</p> + +<p> +Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten. +Auf seiner Stirn lag noch etwas von dem +Staube, den er beim Niederfallen berührt hatte. Nach +einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und sagte in +feierlicher Weise: +</p> + +<p> +»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas, +gebe ich dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir +Sohn und Bundesgenosse!« +</p> + +<p> +Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte +sich Naravas über Hamilkars Hände und bedeckte sie mit +Küssen. +</p> + +<p> +Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie +tat, als verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete +aber leicht und schlug die Augen nieder. Und ihre langen +geschweiften Wimpern warfen Schatten über ihre Wangen. +</p> + +<p> +Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren +Verlöbnisses vollziehen. Man legte Salambo eine +Lanze in die Hand, die sie Naravas reichte. Dann band +man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus +Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die +Häupter, das um sie her niederfiel und wieder aufsprang +wie Hagelschlag. +</p> + + + + +<h2 id="ch12">XII</h2> + +<h2>Die Wasserleitung</h2> + + +<p> +Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur +noch ein Haufen Verwundeter, Toter und Sterbender +übrig. +</p> + +<p> +Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen, +und zwar gegen den westlichen Abhang, der +nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in der Absicht, die Barbaren +allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum war. Naravas +hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei +umgangen und von rückwärts attackiert, während +der Marschall sie in der Front zum Wanken brachte und +vernichtete. Übrigens waren sie durch den Verlust des +Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die +sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen +und eine Art Entkräftung. +</p> + +<p> +Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte, +das Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem +Siege auf die Höhen etwas nördlicher zurückgezogen, von +wo aus er den Feind in Schach hielt. +</p> + +<p> +Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an +den umgerissenen Pikettpfählen. Ein langer schwarzer +Aschehaufen qualmte an der Stelle, wo das libysche +Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte +wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte +mit ihrer zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit +mit zwischen Klippen gescheiterten und halb gesunkenen +Schiffen. Lanzen, Heugabeln, Trompeten, Holz, Erz und +Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke lagen zwischen +den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender +Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck. +An manchen Stellen war der Boden mit weggeworfenen +Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver sahen aus wie +lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine, Sandalen, +Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch +die Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie +Kugeln hinrollten. An den Dornsträuchern hingen Haare. +Elefanten mit heraushängendem Eingeweide, ihre Türme +noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen Blutlachen. +Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich +es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen. +</p> + +<p> +Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis +unten. Die Überlebenden rührten sich ebensowenig wie +die Toten. In großen und kleinen Gruppen herumhockend, +blickten sie einander verstört an und sprachen +kein Wort. +</p> + +<p> +Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt +in der untergehenden Sonne. Rechts davon ragten +enggedrängte weiße Häuser über einen Mauergürtel +hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer. Das +Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend +ihrer Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab. +</p> + +<p> +Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten +auf. Es ward kühler. Man konnte beobachten, wie +das Ungeziefer die erkaltenden Toten verließ und über +den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken saßen +reglose Raben und lugten nach den Sterbenden. +</p> + +<p> +Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige +Hunde, Bastarde, wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen +pflegten, zu den Barbaren herangeschlichen. Zuerst +leckten sie das geronnene Blut von den noch warmen +Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu +verzehren, indem sie zuerst die Bäuche anfraßen. +</p> + +<p> +Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern, +wie Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn +es waren noch immer welche übrig, besonders libysche, +trotz des furchtbaren Blutbades, das die Numidier unter +ihnen angerichtet hatten. +</p> + +<p> +Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie +als Fackeln zu benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen. +Man legte die Toten darauf und trug sie beiseite. +</p> + +<p> +Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem +Rücken, ihre Lanzen neben sich, oder in Haufen übereinander. +Wenn man einen Vermißten finden wollte, +mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen. +Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über +das Gesicht. Alle die gräßlichen Waffen hatten ihnen +die verschiedenartigsten Wunden beigebracht. Manchen +hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre +waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark +zerquetscht, blau vom Würgetode oder von den Stoßzähnen +der Elefanten der Länge nach aufgeschlitzt. Obwohl +alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden hatten, +zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen. +Die Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen, +während die sehnigen Afrikaner wie geräuchert +erschienen und bereits vertrockneten. Die Söldner erkannte +man an der Tätowierung ihrer Hände. Die alten +Krieger des Antiochus trugen einen Sperber eingebrannt. +Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im +Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel +oder einen Hammer. Die Söldner der griechischen +Republiken hatten das Bild einer Burg oder +den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen +waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen +Zeichen bedeckt, die sich mit alten Narben und +neuen Wunden vermischten. +</p> + +<p> +Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter, +Etrusker, Kampaner und Bruttier, errichtete man vier +große Scheiterhaufen. +</p> + +<p> +Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter +Gruben aus. Die Spartaner nahmen ihre roten Mäntel +und hüllten die Toten hinein. Die Athener legten +sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die +Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen. +Die Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten +sie mit Riemen aus Rindsleder, und die Garamanten +bestatteten sie am Meeresstrande, damit die Fluten +sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich, +daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die +Nomaden vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten +zu Mumien wurden, und die Kelten ihre üblichen drei +unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen Himmel ihrer +Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln. +</p> + +<p> +Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille. +Das geschah, um die Seelen zur Rückkehr zu zwingen. +Nach regelmäßigen Pausen hub das Geschrei immer wieder +an. +</p> + +<p> +Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht +ehren könne, wie die Bräuche es verlangten, denn ohne +die frommen Zeremonien mußten sie unendliche Zeiträume +hindurch unter allerlei Schicksalen und Verwandlungen +umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren +Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil +sie sich hatten besiegen lassen. +</p> + +<p> +Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die +blutleeren Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen +lehnten, noch bleicher erscheinen. Tränen riefen +neue Tränen hervor. Das Schluchzen ward heftiger, +die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder. +Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn +auf die Toten. Man mußte sie mit Schlägen wegtreiben, +wenn man die Gräber zuschaufelte. Man schwärzte sich +die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich selber +Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder +man brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die +geliebte Tote entstellten. Wehgeschrei durchtönte den +Klang der Zimbeln. Manche rissen sich ihre Amulette ab +und spien sie an. Sterbende krümmten sich in blutigem +Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten +Fäuste. Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger +Frühling«, mordeten einander wie Gladiatoren. Bald +gebrach es an Holz für die Scheiterhaufen. Die Flammen +erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde vom +Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen +neben ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem +Wunsch, am Leben bleiben zu wollen, und sei es in Angst +und Not, die andern, um am liebsten nicht wieder zu erwachen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden +Barbaren Soldaten, die vorübermarschierten, ihre +Helme auf den Spitzen ihrer Lanzen. Sie grüßten ihre +Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts in ihrer +Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher +heran. Man erkannte alte Gefährten. +</p> + +<p> +Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein +Heer einzutreten. Manche hatten sich mutig geweigert, +und da er fest entschlossen war, sie weder zu ernähren +noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er sie mit +dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago +zu kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern +gefügig machte, hatte man die Waffen der Besiegten +verteilt, und nun zeigten sie sich ihren alten Kameraden, +weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in einer +Anwandlung von Übermut und Neugier. +</p> + +<p> +Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch +den Marschall. Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten +sie, obwohl sie die Feiglinge verachteten. Doch +bei den ersten Worten des Vorwurfs gerieten jene in +Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen Schwerter, +ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen +auf, sie sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen +nach Steinen. Da entflohen die Spötter. Bald sah man +nur noch die Lanzenspitzen über dem Höhenkamm. +</p> + +<p> +Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr +niederdrückte als die Demütigung ihrer Niederlage. Sie +vergegenwärtigten sich das Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend +starrten sie vor sich hin. +</p> + +<p> +Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder +Wut auf die gefangenen Karthager. Die Soldaten des +Suffeten hatten sie durch Zufall nicht entdeckt, und als +er das Schlachtfeld verließ, befanden sie sich noch immer +in der tiefen Grube. +</p> + +<p> +Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den +Boden. Posten bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ +man die Weiber hinein, je dreißig bis vierzig auf einmal. +Sie wußten, daß man ihnen nicht viel Zeit gewährte, +und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt +von einem zum andern, dann aber beugten sie sich über +die armen Schelme und schlugen sie aus Leibeskräften. +Die Namen ihrer Männer heulend, zerrissen sie ihnen +mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen mit +ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die +Männer und marterten die Unglücklichen von den Füßen, +die sie ihnen an den Knöcheln abhieben, bis zur Stirn, +aus der sie kranzartige Stücke herausschnitten, die sie sich +um den Kopf schlangen. Insbesondere waren die Esser +unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie entzündeten +die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben +hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder +andre und warteten. Das Blut floß in Strömen, +und die Peiniger ergötzten sich daran wie Winzer an ihren +Keltern. +</p> + +<p> +Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen +Stelle, wo er sich nach der Schlacht hingesetzt hatte, die +Ellbogen auf die Knie gestemmt, die Schläfen in den +Händen. Er sah nichts, hörte nichts, dachte nichts. +</p> + +<p> +Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte +er auf. Vor ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück +Leinwand, dessen Ende die Erde streifte. Darunter lagen +Körbe, Decken und ein Löwenfell in buntem Durcheinander. +Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten +sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die +Erde versunken wäre. +</p> + +<p> +Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen +berührte der wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte +er ein rotes Zeichen, offenbar den Abdruck einer Hand. +Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen ihres einstigen +Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes +Stück Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich +in die Reste seines Zeltes. Dann stieß er mit +der Spitze seines Panzerstiefels allerlei verstreut umherliegende +Gegenstände in die Flammen. Es sollte nichts +übrig bleiben! +</p> + +<p> +Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten +können, aus welcher Richtung. +</p> + +<p> +Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in +zwei Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich +und stieß Klagelaute aus. +</p> + +<p> +»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß +schon, daß du ein Held bist!« Die Ungerechtigkeit des +Schicksals hatte ihn so niedergebeugt, daß er nicht mehr +die Kraft hatte, sich über Menschen zu entrüsten. +</p> + +<p> +Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle +im Hange, wo sich Zarzas und Autarit verborgen hielten. +</p> + +<p> +Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine +trotz seiner Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit. +Wer hätte denn, meinten sie, den Verrat des Naravas, +den Brand im Lager der Libyer, den Verlust des Zaimphs, +Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine geschickten +Manöver ahnen können, durch die er die Söldner +in den Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den +Haufen zu rennen? Spendius gestand seine Feigheit +nicht ein und beharrte darauf, daß er ein zerschmettertes +Bein habe. +</p> + +<p> +Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim +eine Beratung, was nunmehr zu tun sei. +</p> + +<p> +Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie +waren zwischen seinem Heer und dem Gebiet des Naravas +eingeschlossen. Die tyrischen Städte würden sich +zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte +man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten +Kräften zu vernichten. +</p> + +<p> +Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich +mußten sie ihn bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber +wie sollten sie die Notwendigkeit eines endlosen Krieges +ihren entmutigten, aus frischen Wunden blutenden Leuten +begreiflich machen? +</p> + +<p> +»Ich übernehme es!« rief Spendius. +</p> + +<p> +Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung +von Hippo-Diarrhyt in raschem Laufe den Berg herauf. +Hoch in der Hand schwenkte er eine Schreibtafel. Da +er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren. +</p> + +<p> +Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien. +Sie empfahlen ihren Kameraden in Afrika, +Gisgo und die andern Gefangenen gut zu bewachen. +Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der +von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß +ein Handstreich in Vorbereitung sei, um sie zu befreien. +Man rate deshalb den Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu +treffen. Die Republik sei allmächtig. +</p> + +<p> +Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst +nicht in dem Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht +auf neue Gefahr erregte nur Schrecken, anstatt +Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung, die +Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und +erwartete etwas Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die +Nacht verlief in lauter Angst. Viele warfen sogar ihre +Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen, wenn +er erscheine. +</p> + +<p> +Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein +zweiter Bote, noch atemloser und mit noch mehr Staub +bedeckt. Der Grieche riß ihm eine Papyrosrolle mit +phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man beschwor +darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die +Tapfern von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung +zu Hilfe kommen. +</p> + +<p> +Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal +hintereinander vor. Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern +auf den Schultern herumtragen und verlas ihn +überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen. +Er erinnerte die Söldner an die Versprechungen des +Großen Rates, die Afrikaner an die Grausamkeiten der +Statthalter, alle Barbaren an die Unredlichkeit Karthagos. +Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie +zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als +Sklave verkauft, im Gefecht Besiegte aber unter Martern +hingerichtet. Man rede von Flucht? Auf welchem Wege +denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren lassen. +Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit, +Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten +sie darauf nicht zu warten, denn schon eile ihnen Tunis +und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt den aufgerollten Papyros +hoch. +</p> + +<p> +»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich +lüge nicht!« +</p> + +<p> +Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten +umher. Die Mittagssonne brannte auf die bloßen +Köpfe. Widriger Geruch stieg von den ungenügend verscharrten +Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte aus +der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die +Wahrheit seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste +gegen Hamilkar aus. +</p> + +<p> +Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er, +um seine Feigheit zu bemänteln, eine Begeisterung zur +Schau, in die er sich nach und nach wirklich hineinredete. +Er weihte sich den Göttern und häufte Flüche auf Karthago. +Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts +weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack +immer mit sich herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man +muß ihnen den Garaus machen! Wir wissen ja, was sie +vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein Mitleid! +Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann, +und haue nach Leibeskräften auf sie los!« +</p> + +<p> +Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen. +Mehrere röchelten noch. Man gab ihnen den Rest, indem +man ihnen mit dem Absatz in den Mund trat oder +sie mit Lanzenspitzen abstach. +</p> + +<p> +Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe +und Verwirrung nahmen überhand. Man wollte +sich von seinem Tode überzeugen und zugleich daran teilhaben. +Endlich entdeckten ihn drei samnitische Hirten +fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden +hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte +und riefen die andern. +</p> + +<p> +Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt +und die Beine geschlossen, wie ein Toter, der begraben +werden soll. Doch seine mageren Seiten hoben +und senkten sich noch und seine weitgeöffneten Augen +starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher +Weise immerfort geradeaus. +</p> + +<p> +Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen. +Seit er in der Grube lebte, hatte man ihn fast +vergessen. Jetzt, im Banne alter Erinnerungen, blieb +man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte +nicht, Hand an ihn zu legen. +</p> + +<p> +Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts, +bis ein Garamant die Menge durchschritt. Er +schwang eine Sichel. Alle verstanden seine Absicht. Die +Gesichter röteten sich, und voll Scham über ihre eigne +Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!« +</p> + +<p> +Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo. +Er ergriff den Kopf des Greises, legte ihn auf sein Knie +und hackte ihn mit raschen Schnitten ab. Gisgos Haupt +fiel zu Boden. Zwei große Blutströme bohrten ein Loch +in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den abgeschnittenen +Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard +auf das Lager der Karthager zu. +</p> + +<p> +Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte, +zog er Gisgos Kopf am Barte aus seinem Busen hervor, +kreiste mit seinem Arm mehrmals durch die Luft +und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen weiten +Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung. +Bald darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles +zwei gekreuzte Fahnen, das übliche Zeichen, daß man die +Toten zurückfordere. +</p> + +<p> +Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde +mit großen Trompeten hinaus und erklärten, durch die +ehernen Tuben sprechend, daß es fortan zwischen Karthagern +und Barbaren weder Treu und Glauben, noch +Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle +Unterhandlungen ablehne und jeden Unterhändler mit +abgeschnittenen Händen zurückschicken würde. +</p> + +<p> +Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt, +um Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt +sandte deren noch am selben Abend. Man aß gierig. +Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die Söldner +eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen +Waffen zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen +und ohne Erbarmen gegen die Verwundeten, die ihnen +nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo nach dem +Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe. +</p> + +<p> +Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen, +es einzunehmen, denn sie bedurften einer Stadt. +</p> + +<hr /> + +<p> +Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr +ärgerlich, trotz des stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht +an und für sich bereitete. Er hätte auf der Stelle mit +frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein solcher Tag +und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger +hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen. +Auch konnten sich die tyrischen Städte ihnen anschließen. +Seine Milde gegen die Besiegten hatte nichts genutzt. +Er faßte den Entschluß, fortan unbarmherzig zu sein. +Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen Rate +ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen +beladen war, und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen, +ihm Verstärkung zu schicken. +</p> + +<p> +Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde +von seinem Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen +hervor. Die Rückkunft des Zaimphs, die Hamilkar +unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder. Offenbar +gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war +er die Stütze Karthagos. +</p> + +<p> +Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder +eine Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung +der einen und der Feigheit der andern stand alsbald ein +Heer von fünftausend Mann noch vor der bestimmten +Frist marschbereit. +</p> + +<p> +Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im +Rücken zu decken, während weitere dreitausend Mann +Kerntruppen eingeschifft wurden, um bei Hippo-Diarrhyt +zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben. +</p> + +<p> +Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab +aber das Landheer seinem Stellvertreter Magdassan, während +er die Truppen auf den Schiffen in Person führte. +Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte nicht mehr +vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel +und Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht +gegraben. Auf zehn Schritte weit sah man ihm in +den Schlund hinab, und er war sich seiner Ekelhaftigkeit +so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib verschleierte. +</p> + +<p> +Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig +wie auf die der Barbaren. Allerdings ließen +die Einwohner diesen allmorgendlich Lebensmittel in Körben +hinab, wobei sie von den Türmen herab vermeldeten, +die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner +deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen +Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf +dem Meere kreuzte. +</p> + +<p> +Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte +keinen Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt, +dreihundert Soldaten einzulassen. Dann segelte +er nach dem Vorgebirge der Trauben und machte einen +weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen, – ein unzweckmäßiges, +ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht +hielt ihn ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing +dessen Spione ab, durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete +damit das ganze Unternehmen. Endlich schrieb +Hamilkar dem Großen Rate und forderte Hannos Entfernung. +Da ward dieser nach Karthago zurückberufen, +wütend über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit +seines Amtsgenossen. +</p> + +<p> +So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in +einer beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte +man sich, darüber nicht nachzudenken, ja nicht einmal +davon zu reden. +</p> + +<p> +Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr +man zu alledem, daß die Söldner in Sardinien +ihren Kommandeur ans Kreuz geschlagen, sich der festen +Plätze bemächtigt und die Männer kanaanitischer Abkunft +allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte Rom die +Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht +zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte. +Rom hatte das Bündnis mit den Barbaren angenommen +und sandte ihnen Frachtschiffe mit Mehl und +getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge +und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber +drei Tage später ging eine Flotte, die von Bysazene mit +Lebensmitteln nach Karthago kam, bei einem Sturme +unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die Republik. +</p> + +<p> +Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert +Leute Hannos durch einen blinden Alarm auf +die Stadtmauern, schlichen sich hinter sie, packten sie unversehens +bei den Beinen und warfen sie über die Wälle. +Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins +Meer gejagt. +</p> + +<p> +Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn +nach Hannos Befehl und Beispiel hatte Magdassan die +Stadt eingeschlossen und blieb gegen Hamilkars Bitten +taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt +und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit +rückten die Barbaren an. Magdassan entfloh. Die Tore +öffneten sich, und fortan bezeigten die beiden tyrischen +Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche Ergebenheit, +ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen unbegreiflichen +Haß. +</p> + +<p> +Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel, +ein Aufruf. Allerorts erwachte die Hoffnung auf +Selbständigkeit von neuem. Völker und Städte, die bis +dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr. Alles +begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle +Hoffnung auf Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich +verloren. +</p> + +<p> +Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines +Reiches zu sichern. Er selbst beschloß, nach Karthago +zurückzukehren, dort eine neue Aushebung zu machen und +den Krieg abermals zu beginnen. +</p> + +<p> +Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer, +wie es aus den Bergen herabkam. +</p> + +<p> +Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie +der Hunger. Durch ihre Leiden von Sinnen, wollten sie +trotz ihrer Schwäche eine Schlacht suchen ... Doch jetzt +wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also! Man +konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die +Barbaren machten sich schleunigst an die Verfolgung. +</p> + +<p> +Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten. +Er war diesmal breit, und kein Westwind hatte geweht. +Die einen schwammen hindurch, die andern setzten auf +ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie weiter. +Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr. +</p> + +<p> +Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts, +um eine Furt zu finden. Bewaffnete Banden +aus Tunis eilten herbei, auch von Utika kamen welche. +Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die +Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten +sie Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner +aufzuhalten, ließ Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel +hinter sich abschießen. Etliche Barbaren fielen. +Als der Morgen dämmerte, war man in den arianischen +Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung +machte. +</p> + +<p> +Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont +auf dem Gipfel einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen. +Der Boden fiel allmählich ab. Obelisken, Kuppeln, +Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er +mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken, +so heftig pochte sein Herz. +</p> + +<p> +Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war, +seit er das letztemal dort geweilt hatte! Er war tief +verwundert, wie betäubt. Dann aber ergriff ihn maßlose +Freude bei dem Gedanken, Salambo wiederzusehen. +Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam +ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich. +Bebend und mit starren Augen blickte er von der Kuppel +des Eschmuntempels weg nach der hohen Terrasse des +Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein verzücktes +Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer überflute. +Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in +den Wind und murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer +hob seine Brust, und Tränen, lang wie Perlen, rannen +in seinen Bart. +</p> + +<p> +»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts! +Der Marschall wird uns entrinnen! Was? Deine Knie +zittern? Du schaust mich an wie ein Trunkener!« +</p> + +<p> +Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und +indem er die Augen aufriß, als erblicke er plötzlich ein +lang erstrebtes Ziel, setzte er hinzu: +</p> + +<p> +»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!« +</p> + +<p> +Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes +Aussehn, daß Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte +und sich fortgerissen fühlte. Die Worte des Griechen +trafen ihn im Augenblicke tiefster Trübsal, verwandelten +seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten seiner +Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die +bei der Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug +mit dem langen Riemen aus Leibeskräften auf die Nachzügler +ein. Abwechselnd lief er rechts und links um die +Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde +vorwärts treibt. +</p> + +<p> +Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen +enger zusammen. Selbst die Lahmen beschleunigten ihren +Schritt. Auf der Mitte der Landenge nahm der Abstand +zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die Vorhut der +Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager. +Bald waren sie einander ganz nahe und berührten sich +beinahe. Doch da taten sich das Malkaer Tor, das Tangaster +Tor und das große Khamontor auf. Die punischen +Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie hinein +und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde +aber das Gewühl so groß, daß schließlich niemand mehr +vorwärts kam. Die Lanzen stießen in der Luft aneinander, +während die Pfeile der Barbaren gegen die Mauern +prallten. +</p> + +<p> +Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte +sich um und rief seinen Leuten zu, Platz zu machen. Er +selber saß ab und jagte sein Pferd, indem er es mit dem +Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren entgegen. +</p> + +<p> +Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen +fütterte und der in die Knie sank, wenn sein +Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn Hamilkar zurück? +Wollte er damit ein Opfer bringen? +</p> + +<p> +Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen +Lanzen hinein, riß Soldaten um, verwickelte sich mit den +Füßen in seine Eingeweide, stürzte, sprang dann mit wütenden +Sätzen wieder auf, und während die Soldaten +beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft zusahen, +kamen die Karthager wieder in Ordnung und +zogen durch das riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter +ihnen schloß. +</p> + +<p> +Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen +an, und ein paar Minuten lang lief durch das Heer +vom Anfang bis zum Ende eine Wellenbewegung, die +allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte. +</p> + +<p> +Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten +gestellt, die Steine, Kugeln und Balken zu schleudern +begannen. Spendius machte den Söldnern klar, daß sie +nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten sich nunmehr +in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago +zu erobern. +</p> + +<hr /> + +<p> +Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die +Grenzen des punischen Reiches hinausgedrungen. Von +den Säulen des Herkules bis über Kyrene hinaus träumten +die Hirten davon, während sie ihre Herden weideten, +und die Karawanen plauderten nachts darüber beim +Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten, +das große Karthago anzugreifen, die Stadt, die so glänzend +war wie die Sonne und furchtbar wie ein Gott! +Die Königin der Meere! Man hatte schon mehrfach +ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt, +weil alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften +wie die zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen +wie die unabhängigen kleinen Stämme, kurzum +alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um seine Macht +beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten +hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen. +Die Niederlage am Makar hatte dann allerdings die +übrigen zurückgeschreckt, aber schließlich hatten sie wieder +Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt und näher gekommen, +und jetzt standen die Männer aus den östlichen +Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes. +Sobald sie die Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein. +</p> + +<p> +Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos – diese +bildeten schon lange das dritte Heer –, +sondern Nomaden aus der Hochebene von Barka, die +Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne, +aus Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste +durchzogen und aus den Brackwasserbrunnen getrunken, +die aus Kamelsknochen aufgemauert sind. Die Zuaesen, +mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen +gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier +vor dem Gesicht, ritten rücklings auf ihren angemalten +Stuten. Andre kamen auf Eseln, Wildeseln, Zebras +oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren +Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen +Hütten mit. Man sah Ammoniter, deren Haut +durch das Wasser der heißen Quellen runzlig war, Ataranten, +die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die ihre +Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner +scheußliche Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden, +die Läuse verzehren, und Gysanten, die mit Zinnober +bemalt sind und Affenfleisch essen. +</p> + +<p> +Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne +aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken +im Wirbelwind. Auf der Mitte der Landenge machten +die Scharen Halt, da die Söldner, die vor ihnen +unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle +rührten. +</p> + +<p> +Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens +auf, Numidier. Naravas beherrschte nämlich nur die +Massylier, und da ihnen überdies die Sitte gestattete, nach +Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen, so hatten sie +sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten +Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen +die Jäger vom Maleluth-Baal und den garaphischen +Bergen, die Löwenfelle trugen und ihre kleinen, mageren, +langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen lenkten. +Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern +aus Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen +Kränzen aus Wachs und Harz auf den Köpfen, und endlich +die Kauner, Makarer und Tillabaren, alle bewaffnet +mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus Flußpferdhaut. +Sie machten am Fuße der Totenstadt an der +Lagune Halt. +</p> + +<p> +Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der +Stelle, wo sie gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie +eine schwarze sich am Boden hinwälzende Wolke aussahen. +Sie waren aus dem weißen und schwarzen Harudsch, der +augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen Agazymba +gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig +Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten +lag. Mit ihren Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer +schmutzigen schwarzen Haut glichen sie reifen Maulbeeren, +die lange im Staube gerollt sind. Sie trugen +Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern +und die Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere. +Indem sie wie Wölfe heulten, schwenkten sie Stangen, +an denen Metallringe klirrten, und Kuhschwänze, die +wie Wimpel an Stöcken flatterten. +</p> + +<p> +Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten +die gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir +gelegenen Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell +hingen auf ihrem Rücken. Sie führten an Leinen +riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und nicht +bellten. +</p> + +<p> +Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet +und als ob man, um alle bösen Triebe zu versammeln, +selbst der Hefe der Völker bedurft hätte, sah +man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende Menschen +mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche +Krankheiten entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge +von zweifelhaftem Geschlecht, Albinos, die mit roten +Augen in die Sonne blinzelten. Sie stammelten unverständliche +Laute und steckten die Finger in den Mund, +zum Zeichen, daß sie Hunger hätten. +</p> + +<p> +Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das +Chaos der Trachten und Völker. Kein Mordwerkzeug +fehlte, von den hölzernen Dolchen, den Steinbeilen und +elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen, +sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen +gefertigt waren. Man schwang Säbel, die wie +Antilopenhörner in mehrere Spitzen ausliefen, Messer, die +an einem langen Strick befestigt waren, eiserne Triangel, +Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse +trugen kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche +hatten Steine in Säcken mitgebracht. Andre waren +mit leeren Händen gekommen und klapperten mit ihrem +Gebiß. +</p> + +<p> +Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen. +Dromedare, wie Schiffe über und über mit Teer bestrichen, +rissen die Weiber um, die ihre Kinder auf dem +Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man +trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene +Datteln und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf +einer von Ungeziefer starrenden Brust an einer dünnen +Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet hätten, +schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren. +Die meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten. +Ein rätselhafter Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie +her. Nomaden, die noch nie eine Stadt gesehen, empfanden +Furcht vor dem Schatten der Mauern. +</p> + +<p id="p309"> +Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt, +und diese breite Masse, aus der die Zelte hervorragten +wie die Häusergiebel bei einer großen Überschwemmung, +dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen des +waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu +beiden Seiten des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen +war. +</p> + +<p> +Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das +Erscheinen ihrer Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern +oder wandelnden Häusern, die von den tyrischen +Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit ihren +Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs +auf sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze, +achtzig Schleudergeschütze, dreißig Steinböller, fünfzig +Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei besonders +schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben +bis acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen, +gegen die Untergestelle der Maschinen gestemmt, +schoben sie vorwärts. Bei jedem Schritt erzitterten sie. +So gelangten sie vor die Mauern. +</p> + +<p> +Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die +Zurüstungen vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen +gewitzigten Söldner wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen +opfern. Man hatte beiderseits keine Eile, wohl wissend, +daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg +oder völliger Vernichtung enden mußte. +</p> + +<p> +Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten +Mauern hatten eine Reihe vorspringender Basteien; +eine Anlage, zur Abwehr von Stürmen sehr vorteilhaft. +</p> + +<p> +Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer +eingestürzt, und in dunklen Nächten sah man durch die +verfallenen Stellen die Lichter in den Hütten von Malka, +die hie und da höher lagen als die Wälle. +</p> + +<p> +Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber +der Söldner mit ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten +Männer wiedersahen, konnten sie nicht widerstehen. Sie +winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen dann +in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den +Söldnern zu plaudern, und eines Morgens ward dem +Großen Rat vermeldet, daß sie allesamt entflohen waren. +Die einen hatten sich zwischen den Steinen hindurchgezwängt, +andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen. +</p> + +<p> +Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen. +</p> + +<p> +Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte +ihn bisher daran gehindert, und seitdem er wieder vor +der Stadt lag, schien es ihm, als ob die Einwohner +sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie die +Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute +zur Verteidigung der Mauern. +</p> + +<p> +Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im +Bogenschießen, indem er auf die Flamingos am Haff +jagte. Dann, an einem mondhellen Abend, bat er Matho, +mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer anzünden +und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu +lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin, +in der Richtung auf Tunis. +</p> + +<p> +In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts +bogen sie nach rechts und gingen stracks auf ihn +zu. Das Terrain bot keine Deckung. Sie krochen bis an +den Unterbau der Pfeiler. +</p> + +<p> +Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf +und ab. +</p> + +<p> +In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen +auf, und Trompeten erklangen. Die Posten glaubten, +der Feind mache einen Sturmangriff, und eilten +der Stadt zu. +</p> + +<p> +Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz +vom Himmel ab. Der Mond stand gerade hinter ihm, +und der riesige Schatten des Mannes fiel weit über die +Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich. +</p> + +<p> +Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg +über ihnen stand. Da griff Zarzas nach seiner Schleuder. +Doch aus Vorsicht oder aus Blutgier hielt Spendius ihn +zurück. +</p> + +<p> +»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu +viel Lärm! Ich wills tun!« +</p> + +<p> +Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das +eine Ende gegen die große Zehe seines linken Fußes +stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil flog ab. +</p> + +<p> +Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand. +»Wäre er verwundet, so würden wir ihn hören!« meinte +Spendius. +</p> + +<p> +Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie +das erstemal, kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu +Stockwerk hinauf. Als er oben neben dem Erschossenen +stand, ließ er das Seil hinab. Der Balearier band einen +Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das Lager +zurück. +Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder +ruhig. Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben, +war ins Wasser gestiegen und hatte den Gang über sich +wieder geschlossen. +</p> + +<p> +Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte +berechnete, gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er +ehedem einen kleinen senkrechten Spalt in der Mauer +bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei Stunden lang bis +zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er durch +die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters +von Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem +Tode nahe wähnte. Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock +stürzte, von Stockwerk zu Stockwerk fallend, hinab, +und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein voller Wasserstrom +aus den Lüften hinab in die Ebene. Die durchbrochene +Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod +für die Stadt und der Sieg für die Barbaren! +</p> + +<p> +Bald darauf waren die Karthager alarmiert und +erschienen auf den Mauern, den Häusern, den Tempeln. +Die Barbaren stürzten laut jubelnd herbei. Wie +rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten +im Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten. +</p> + +<p> +Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen +Mann in brauner, zerrissener Tunika. Die Hände in +die Hüften gestemmt, beugte er sich über den Rand und +schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk. +</p> + +<p> +Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick +stolz über den Horizont schweifen, als wolle er sagen: +»Das alles ist jetzt mein!« Die Karthager, die ihr Unglück +voll begriffen, heulten vor Verzweiflung. Da begann +Spendius auf der Plattform von einem Rande zum +andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den +olympischen Spielen triumphiert, hob er im Rausche +seines Stolzes die Arme gen Himmel. +</p> + + + + +<h2 id="ch13">XIII</h2> + +<h2>Moloch</h2> + + +<p> +Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren +keines Walles. Das Hinterland war in ihrer +Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der Stadt +heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben +angelegte Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete +Matho in einem großen Halbkreise an und schloß +damit Karthago an der Landseite vollständig ab. Das +schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste +Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei +und zuhinterst das Gepäck, die Wagen und die Pferde. +Vor der ganzen Heeresmasse, dreihundert Schritte von +den Türmen Karthagos entfernt, standen die Geschütze +und Belagerungsmaschinen. +</p> + +<p> +Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen, +die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewechselt +hatten, konnte man die Geschütze immerhin noch in +zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit Horizontalspannung +und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren, +die Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile, +auch Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller, +warfen Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau +abgemessene Steine, auch mächtige balkenartige Pfeile. +Die Katapulte hießen auch Skorpione. +</p> + +<p> +Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager, +so genannt nach den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen +Steine werfen. +</p> + +<p> +Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte +wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den +härtesten Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren +aus Erz. Die größeren Kaliber wurden nicht mit der +Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge und dergleichen. +Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze +wurde durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung +erfolgte auf Walzen. Die größten, die man +stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts des Feindes +zusammengesetzt. +</p> + +<p> +Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die +drei Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte +er einen Widder, vor jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die +Karroballisten, das waren die Geschütze auf fahrbaren +Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie überschossen die +vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus +den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben +zuschütten. +</p> + +<p> +Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der +Belagerten schützen. Man schob Lauben aus Reisig und +sogenannte Schildkröten aus Eichenholz vor, die riesigen +Schilden glichen und auf drei Rädern liefen. Kleine, +mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras gepolsterte +Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die +Katapulte und Ballisten schützte man durch Seilvorhänge, +die in Essig getaucht waren, um sie unverbrennbar zu +machen. Frauen und selbst Kinder halfen den Geschützbedienungen, +indem sie die nötigen Steine suchten und +herbeischleppten. +</p> + +<p> +Die Karthager rüsteten sich gleichfalls. +</p> + +<p> +Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte, +daß in den Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig +Tage vorhanden sei. Diese Versicherung, seine Gegenwart +und namentlich die des heiligen Mantels machten +die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung, +und auch die Einwohner nicht kanaanitischer +Herkunft wurden durch den Eifer der andern mit fortgerissen. +</p> + +<p> +Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser. +Jeder Bürger erhielt sein Amt und seinen Posten. +Von den Überläufern waren noch zwölfhundert da. +Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren. Die +Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten +angestellt. Die Karthager besaßen noch +einige schwere Geschütze, den Friedensbedingungen mit +den Römern zuwider. Man setzte sie wieder instand. Die +Handwerker verstanden sich darauf. +</p> + +<p> +Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer +und den Golf geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die +von den Barbaren belagerte Mauer auf der Landenge +schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche mit +Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte +Steine auf der Plattform der Türme und füllte die +Häuser, die unmittelbar an den Wall stießen, mit Sand, +um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und Stärke zu +zu vermehren. +</p> + +<p> +Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in +Wut. Sie wollten den Kampf unverzüglich beginnen. +Die Steine, mit denen sie ihre Ballisten luden, waren +aber so ungeheuer schwer, daß die Geschütze defekt wurden. +Der Sturm mußte aufgeschoben werden. +</p> + +<p> +Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar, +vernahm man in der Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen +Stoß gegen das Khamontor. +</p> + +<p> +Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder +heran. Das war ein mächtiger Balken, der an Ketten +wagrecht von einem Gerüste herabhing und vorn in einen +ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den Balken +mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen +Reifen umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein +Mannskörper und siebzig Meter lang. Wenn ihn die +Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er in regelmäßigen +Schwingungen vor und wieder zurück. +</p> + +<p> +Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre +Tätigkeit. In den hohlen Treträdern sah man Menschen +von Staffel zu Staffel springen. Die Flaschenzüge und +Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhänge sanken +herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste +mit einem Male los. Die Schleuderer liefen sämtlich +in ausgeschwärmter Ordnung vor. Einige, die Töpfe +voll brennenden Harzes unter ihren Schilden versteckt +trugen, näherten sich dem Walle. Dort schleuderten +sie sie aus Leibeskräften hinüber. Der Pfeil-, Kugel- und +Feuerregen überflog die oben Kämpfenden und fiel im +Bogen hinter den Mauern nieder. Auf deren Kamm +aber erhoben sich lange Kräne, wie sie zum Aufrichten +der Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie ließ +man riesige Zangen herab, die in zwei innerlich gezahnte +Halbkreise ausliefen. Diese packten je einen Widder. +Die Söldner klammerten sich am Balken fest und zerrten +ihn rückwärts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor. +Dieses Ringen dauerte bis zum Abend. +</p> + +<p> +Als die Söldner am nächsten Morgen den Angriff wieder +aufnahmen, hingen von den Zinnen der Mauern +überall Baumwollballen, Decken und Kissen herab, und +die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen den +Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe +von großen Gabeln und Hackmessern, die an Stangen +befestigt waren. Alsbald begann abermals ein wütender +Widerstand. +</p> + +<p> +Baumstämme, von Tauen gehalten, stürzten abwechselnd +auf die Widder herab und wurden dann wieder hoch gezogen. +Mit Haken, die durch die Geschütze geworfen +wurden, riß man die Dächer von den Schutzlauben, und +von der Plattform der Türme regneten Ströme von +Ziegeln und Steinen herab. +</p> + +<p> +Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das +Khamontor ein. Indessen hatten die Karthager den Torbogen +mit einer solchen Fülle von Gegenständen verrammelt, +daß die Flügel nicht aufgingen, sondern stehen +blieben. +</p> + +<p> +Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die, +in den Fugen eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten. +Die Geschütze wurden nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften +in Nummern und Ablösungen abgeteilt. +Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt +mit der eintönigen Genauigkeit von Webstühlen. +</p> + +<p> +Spendius war unermüdlich darin, die Richtungen der +Geschütze zu prüfen. Er half eigenhändig beim Spannen +der Ballisten. Da die Spannung rechts wie links +völlig gleichsein mußte, schlug man, während des Anziehens +der Spannerven, abwechselnd auf den rechten +und den linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen +Klang gaben. Spendius stieg auf die Lafetten und stieß +mit der Fußspitze leise an die Sehne. Dann lauschte +er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier stimmt. +Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschütze +losgingen, wenn die Säulen der Ballisten vom Rückschlag +erzitterten, wenn die Steine der Böller und die Pfeile +der Katapulte dahinsausten, dann beugte er sich mit dem +ganzen Körper vor und fuhr mit den Händen in die Luft, +um der Flugbahn zu folgen. +</p> + +<p> +Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und +führten seine Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte +sie, und unter Anknüpfung an die Bezeichnungen der einzelnen +Maschinen machten sie Witze. Weil die Zangen +zum Packen der Widder »Wölfe« hießen und die bedeckten +Gänge »Weinlauben«, so nannten sie sich selbst +die »Lämmer«, oder sie scherzten, es gehe »zur Weinlese«. +Beim Spannen der Onager riefen sie: »Los! Schlag +mal tüchtig aus!« und zu den Skorpionen: »Stich mal +feste!« Diese Späße – immer dieselben – hielten ihren Mut +aufrecht. +</p> + +<p> +Doch die Geschütze vermochten der großen Mauer keine +Bresche beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei +Mauern, mit Erde dazwischen. Man zerstörte zwar die +oberen Teile, doch die Belagerten besserten sie immer +wieder aus. Matho befahl, Holztürme zu bauen, ebenso +hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man +warf Rasenstücke, Balken, große Steine, ganze Karren +Sand samt ihren Rädern in den Graben, um ihn +möglichst rasch zu füllen. Und noch ehe er ganz zugeschüttet +war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren +mit einem Male von der Landenge her und brandete +gegen den Fuß der Mauern, wie ein überschäumendes +Meer. +</p> + +<p> +Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrücken, +sogenannte Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei +Mastbäumen, von denen sich an Tauen und Leitrollen +eine bewegliche Brücke herabsenkte. Man brachte eine +Reihe solcher Fallbrücken an die Mauer heran und ließ +die Brücken im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen. +Die Söldner stiegen sodann einer hinter dem andern mit +Waffen in der Hand die schräge Brücke hinauf. Kein +Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten ziemlich +nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien +gleich Drachenschlünden Feuer und Rauch aus. +</p> + +<p> +Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen +zu Füßen der Mauer durch die Ritzen der Rüstungen. +Siedendes Steinöl floß über die Kleider, flüssiges +Blei rann über die Helme und brannte Löcher ins +Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer +gewordene Augenhöhlen schienen mandeldicke Tränen zu +weinen. Männern, die mit Öl begossen worden waren, +brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und steckten +die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem +man ihnen von weitem blutgetränkte Mäntel überwarf. +Manche, die unverwundet aussahen, blieben unbeweglich +und steifer als Pfähle mit offenem Munde und ausgestreckten +Armen stehen. +</p> + +<p> +Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer +wieder erneuert. Die Söldner hofften durch ein Übermaß +von Kraft und Kühnheit zu siegen. +</p> + +<p> +Hier und da sprangen Männer auf die Schultern der +andern, bohrten eiserne Stäbe in die Steinfugen, benutzten +sie als Sprossen zum Hinaufklettern, wobei sie +einen zweiten und dritten einbohrten. Dadurch gelangten +sie, durch die vorspringende Mauerzinne über ihnen geschützt, +allmählich empor. Doch aus einer gewissen Höhe +stürzten sie rettungslos herab. Der große Graben war +bald bis über den Rand mit Leichen gefüllt. Unter den +Füßen der Lebenden lagen Verwundete, Tote und Sterbende +bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden +Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten +halbverkohlte Stümpfe wie schwarze Flecken. Arme und +Beine ragten halb aus Leichenhügeln hervor, wie Pfähle +in einem ausgebrannten Weinberg. +</p> + +<p> +Da man mit den Sturmleitern und Fallbrücken nichts +ausrichtete, begann man die Tollenonen zu gebrauchen, +Gerüste mit einem langen Kran, der einen großen viereckigen +Korb dirigierte, in dem dreißig Mann samt ihren +Waffen Platz finden konnten. +</p> + +<p> +Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen, +der bereit war; aber Spendius hielt ihn zurück. +</p> + +<p> +Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der +Korb schwebte langsam in die Höhe. Die Soldaten +darin duckten sich eng aneinander, bis ans Kinn versteckt. +Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb fünfzig +Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann +senkte er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf +seiner Hand eine Schar von Zwergen trägt, und setzte +schließlich den mit Menschen gefüllten Korb oben auf der +Stadtmauer ab. Die Soldaten stürzten sich auf die Gegner +und kehrten niemals zurück. +</p> + +<p> +Flugs wurden auch die übrigen Tollenonen aufgestellt. +Doch um die Stadt zu erobern, hätte man ihrer hundertmal +mehr haben müssen. Man gebrauchte sie nun auf +eine mörderische Weise. Äthiopische Bogenschützen traten +in die Körbe und wurden hochgezogen. Nachdem man +die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Körbe +in der Schwebe, und die Schützen schossen mit vergifteten +Pfeilen. So umringten die fünfzig Tollenonen, von denen +man die Zinnen beherrschte, Karthago wie riesige Geier. +Die Neger lachten, wenn sie die Wallverteidiger unter +fürchterlichen Zuckungen sterben sahen. +</p> + +<p> +Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern. +Er ließ sie alle Morgen vor dem Ausrücken den Saft +gewisser Kräuter trinken, der sie gegen das Gift feien +sollte. +</p> + +<p> +Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen +auf Barken und Flößen ein, fuhr in südlicher +Richtung aus dem Hafen hinaus und landete an der +Taenia. Von dort rückte er bis an die äußersten Stellungen +der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und +richtete unter ihnen ein Blutbad an. Auch wurden nachts +Männer mit Fackeln an Seilen von den Mauern herabgelassen. +Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Söldner +in Brand und wurden dann wieder emporgezogen. +</p> + +<p> +Matho war erbittert. Jede Verzögerung, jedes neue +Hindernis steigerte seine Wut. Er verfiel auf fürchterliche +und sonderbare Dinge. So lud er Salambo in +Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann. +Sie kam natürlich nicht. Das schien ihm ein neuer +Verrat, und fortan verabscheute er sie. Hätte er ihren +Leichnam gesehen, so wäre er vielleicht abgezogen. Er +verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fuße der Stadtmauern +Gabeln auf, legte Fußangeln an und befahl +seinen Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen, +den er anzünden wollte, um Karthago auszuräuchern wie +einen Fuchsbau. +</p> + +<p> +Spendius betrieb die Belagerung mit zäher Hartnäckigkeit. +Er suchte schreckliche Maschinen zu erfinden, wie +man noch nie welche hergestellt hatte. +</p> + +<p> +Die übrigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge +lagerten, wunderten sich über die Saumseligkeit +der Belagerung und begannen zu murren. Man ließ +sie stürmen. +</p> + +<p> +Sie berannten mit ihren Säbeln und Wurfspießen die +Tore. Doch ihre nackten Leiber waren mit Leichtigkeit +kampfunfähig zu machen. Die Karthager erschlugen sie +in Massen, und die Söldner freuten sich darüber, ohne +Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plünderung. +Zwiste und Kämpfe brachen unter den Belagerern aus. +Da das Hinterland verwüstet war, fing man an, sich +um die Lebensmittel zu reißen. Viele verloren den Mut, +und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war +so groß, daß dies nicht in Betracht kam. +</p> + +<p> +Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch +Hamilkar erriet stets die Richtung der Gänge, indem +er sein Ohr an einen ehernen Schild legte. Er grub +in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die Holztürme +darüber hinwegfahren mußten. Wenn man sie dann am +andern Tage vorschob, brachen sie ein. +</p> + +<p> +Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, daß die +Stadt uneinnehmbar war, solange man nicht einen +langen Erdwall in gleicher Höhe mit der Stadtmauer aufwarf, +der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher +Höhe zu kämpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden, +um die Geschütze darauf hin und her fahren zu können. +</p> + +<p> +Dann aber konnte Karthago unmöglich länger Widerstand +leisten! +</p> + +<p> +Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das +Wasser, das zu Beginn der Belagerung zwei Kesitah +das Bat gegolten hatte, kostete jetzt einen Silbersekel. +Auch die Fleisch- und Kornvorräte nahmen stark ab. Man +fürchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von +unnützen Mäulern, was alle Welt in Schrecken setzte. +</p> + +<p> +Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten +Leichen die Straßen; und da es Hochsommer war, quälten +große schwarze Fliegen die Kämpfenden. Greise schafften +die Verwundeten fort. Fromme feierten Scheinbegräbnisse +von Verwandten und Freunden, die draußen auf +dem Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit +Haaren und Kleidern lagen quer vor den Türen und +schmolzen unter der Hitze der neben ihnen brennenden +Kerzen. Die Bemalung lief ihnen über die Schultern. +Tränen aber rannen über die Gesichter der Lebenden, +die um sie herum ihre Klagelieder sangen. Währenddem +lief die Menge auf den Straßen hin und her. Scharen +Bewaffneter zogen vorüber. Die Hauptleute gaben laute +Befehle. Dazu hörte man immerfort den Stoß der Widder, +die draußen gegen den Wall donnerten. +</p> + +<p> +Die Witterung ward so schwül, daß die Leichen aufschwollen +und nicht mehr in die Särge hineinpaßten. +Man verbrannte sie auf den Höfen. Doch in der Enge +sprang das Feuer auf die benachbarten Wände über, +und plötzlich schossen lange Flammen aus den Häusern, +wie Blut, das aus einer Ader in die Höhe spritzt. So +hauste Moloch in Karthago. Er umzingelte draußen die +Wälle, wälzte sich innen durch die Straßen und verzehrte +alles, selbst die Toten. +</p> + +<p> +Männer, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mäntel +aus aufgelesenen Lappen trugen, stellten sich an den +Straßenecken auf. Sie führten Reden gegen die Alten, +gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den völligen +Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben, +alles zu zerstören. Die Gefährlichsten waren die Bilsenkrauttrinker. +In ihrem Taumel hielten sie sich für wilde +Tiere, sprangen die Vorübergehenden an und zerfleischten +sie. Um sie herum entstanden Aufläufe. Man vergaß darüber +die Verteidigung der Stadt. Der Suffet fand Abhilfe. +Er besoldete Mitbürger, die seine Politik vertraten. +</p> + +<p> +Um die Geister der Götter in Karthago festzuhalten, +hatte man ihre Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man +hüllte die Kabiren in schwarze Schleier und umhing die +Altäre mit härenen Decken. Man versuchte, den Ehrgeiz +und die Eifersucht der einzelnen Götter anzustacheln, +indem man ihnen ins Ohr brüllte: »Du willst dich besiegen +lassen! Sind fremde Götter am Ende stärker? Ermanne +dich! Hilf uns! Sonst sagen die andern Völker +gar: Wo sind jetzt Karthagos Götter!« +</p> + +<p> +Beständige Angst erfüllte die Priesterschaften, besonders +die Priester der Mondgöttin, weil die Rückkehr des heiligen +Mantels nichts genützt hatte. Sie hielten sich in der +dritten Umfriedigung eingeschlossen, die uneinnehmbar +war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich +hinaus: der Oberpriester Schahabarim. +</p> + +<p> +Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem +Schweigen und schaute sie mit starren Blicken an, +oder er machte ihr in einer Flut von Worten härtere +Vorwürfe denn je. +</p> + +<p> +Infolge eines unerklärlichen Widerspruches verzieh er +ihr nicht, daß sie seinen Befehlen folgsam gewesen war. +Schahabarim hatte alles erraten. Aber diese Vermutung, +die nicht von ihm wich, mehrte seine ohnmächtige +Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges +zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um +den Zaimph wieder zu erobern. Dabei überschüttete er +den Barbaren, der sich anmaße, heilige Dinge zu besitzen, +mit Verwünschungen und Spott. Und doch wollte +der Priester damit etwas ganz anderes ausdrücken. +</p> + +<p> +Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die +Beängstigungen, an denen sie früher gelitten, hatten sich +verloren. Eine seltsame Ruhe erfüllte sie. Ihre Blicke +waren nicht mehr unstet, und ihre Augen glänzten in +klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals +erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr +sichtlich gesünder ward, so freute sich die alte Taanach +darüber. Sie war überzeugt, daß das Tier durch sein +Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme. +</p> + +<p> +Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich +zusammengerollt, kälter als Marmor. Sein Kopf wimmelte +von Würmern. Auf ihr Geschrei kam Salambo +herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der +Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt über +die Gleichgültigkeit ihrer Herrin. +</p> + +<p> +Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit +dem alten Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf +dem flachen Dache des Schlosses, die Ellbogen auf die +Brüstung gelehnt, und belustigte sich damit, Ausschau zu +halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der +Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel +ab, und die Lanzen der Posten bildeten längs seiner +Krone einen Stachelzaun. Jenseits der Mauern erblickte +sie zwischen den Türmen die Bewegungen der +Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte, +konnte sie sogar erkennen, was sie in ihren Lagern trieben. +Sie flickten ihre Rüstungen aus, salbten sich das +Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen Arme im +Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraßen. +Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen +wie einen silbernen Krummsäbel am Fuße der +Berge blinken. Schahabarims Worte kamen ihr wieder +in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas, +aber trotz ihres Hasses hätte sie auch Matho gern wiedersehn +mögen. In ganz Karthago war sie vielleicht der +einzige Mensch, der ohne Furcht mit ihm gesprochen hätte. +</p> + +<p> +Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend +auf die Kissen und betrachtete sie mit fast zärtlicher +Miene, als fände er in ihrem Anblick eine Erholung +von seinen Mühsalen. Mehrfach forschte er sie +über ihre Reise in das Lager der Söldner aus. Er +fragte sogar einmal, ob sie nicht doch von jemandem +dazu angestiftet worden sei. Sie verneinte es durch eine +Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf, den heiligen +Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der +Suffet unter dem Vorwande, militärische Dinge zu erkunden, +auf Matho zurück. Insgeheim begriff er nicht, +wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte gewesen war. Auch +von Gisgo erzählte Salambo nichts, denn da – nach +ihrem Glauben – schon bloße Worte eine wirkliche Macht +besitzen, so konnten Verwünschungen, die man jemandem +berichtete, sich gegen ihn kehren. Ebenso verschwieg sie +ihr Mordgelüst, aus Furcht, getadelt zu werden, weil sie +dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der +Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr +laut gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzählte +Salambo nicht, vielleicht aus Scham, vielleicht +auch, weil sie in ihrer großen Unschuld den Küssen des +Soldaten keine Bedeutung beimaß. Überdies flossen alle +jene Vorgänge in ihrem Kopfe wehmütig und wirr durcheinander +wie die Erinnerung an einen schweren Traum. +Sie hätte nicht gewußt, auf welche Weise und mit welchen +Worten sie alles hätte ausdrücken sollen. +</p> + +<p> +Eines Abends, als sie so einander gegenübersaßen, trat +Taanach ganz bestürzt ein. Ein Greis mit einem Kinde +sei unten im Hofe und wolle den Suffeten sprechen. +</p> + +<p> +Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch: +</p> + +<p> +»Er soll heraufkommen!« +</p> + +<p> +Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er führte +einen Knaben an der Hand, der in einen Mantel aus +Bocksfell gehüllt war. Er zog rasch die Kapuze zurück, +die das Gesicht des Knaben verhüllte, und sagte: +</p> + +<p> +»Da ist er, Herr! Nimm ihn!« +</p> + +<p> +Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des +Gemaches zurück. +</p> + +<p> +Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht +stehen geblieben und musterte mit einem mehr neugierigen +als erstaunten Blick die Zimmerdecke, das Hausgerät, +die Perlenschnüre auf den Purpurvorhängen und +das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte. +</p> + +<p> +Er war etwa zehn Jahre alt und nicht größer als ein +Römerschwert. Krause Haare beschatteten seine gewölbte +Stirn. Seine Augen sahen mit Vorliebe in die Ferne. +Die feinen Nasenflügel vibrierten ihm. Über seiner ganzen +Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie +ihn die haben, die zu großen Taten vorbestimmt sind. +Als er seinen schweren Mantel abgeworfen hatte, stand +er in einem Luchsfell da, das seine Hüften umkleidete, +und stampfte mit seinen kleinen bloßen Füßen, +die weiß vom Staube waren, fest auf die Fliesen. +Offenbar erriet er, daß man wichtige Dinge verhandelte, +denn er blieb unbeweglich stehen, eine Hand auf +dem Rücken und den Kopf gesenkt, einen Finger im +Munde. +</p> + +<p> +Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte +leise zu ihr: +</p> + +<p> +»Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand, +selbst keiner im Hause, darf um sein Dasein wissen!« +</p> + +<p> +Hinter der Tür fragte er Iddibal noch einmal, ob er +sicher sei, daß ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe. +</p> + +<p> +»Sicherlich niemand!« versetzte der Sklave. »Die Straßen +waren leer.« +</p> + +<p> +Da sich der Krieg über alle Provinzen ausdehnte, hatte +Iddibal um den Sohn seines Herrn Angst bekommen, +und da er nicht wußte, wo er ihn verbergen sollte, war +er in einem Boot an der Küste entlang gefahren. Drei +Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wälle +beobachtet. Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung +des Khamontempels menschenleer war, hatte er +die Durchfahrt schnell passiert und war am Arsenal gelandet. +Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel +später freilich legten die Barbaren ein riesiges Floß davor, +um den Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Außerdem +errichteten sie hölzerne Türme. Gleichzeitig stieg +auch der Erdwall empor. +</p> + +<p> +Die Verbindung nach außen war nunmehr abgeschnitten, +und eine unerträgliche Hungersnot begann. +</p> + +<p> +Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann +auch die fünfzehn Elefanten, die der Suffet zurückgebracht +hatte. Die Löwen des Molochtempels waren toll geworden, +und die Tempeldiener wagten sich nicht mehr +an sie heran. Man fütterte sie anfangs mit verwundeten +Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch +warm waren. Aber die Bestien verschmähten sie, und so +starben sie sämtlich. In der Dämmerung irrten Leute längs +der alten Mauern zwischen der Altstadt und Megara hin +und pflückten zwischen den Steinen Kräuter und Blumen, +die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden. +Andre schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten +und drangen in die Zelte, um Nahrungsmittel zu +rauben. Die Barbaren waren darüber so verblüfft, daß sie +die Dreisten bisweilen entkommen ließen. Endlich kam der +Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich +zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mähnen +die Priester mit goldenen Bändern durchflochten. Sie +versinnbildlichten die Bewegung der Sonne, die Idee +des Feuers in seiner höchsten Gestalt. Ihr Fleisch wurde +in gleichgroße Stücke zerlegt und hinter dem Altar vergraben. +Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht +vorschützend, allabendlich zum Tempel hinauf und sättigten +sich verstohlen. Auch nahmen sie unter ihrem Gewande +Stücke für ihre Kinder mit. In den einsamen +Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten +sich die weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern +verrammelt. +</p> + +<p> +Die Steine der feindlichen Geschütze und die Zerstörungen, +die zur Verteidigung der Stadt angeordnet worden +waren, hatten die Straßen mit Schutt und Trümmern +erfüllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft schreiende +Volksmassen durch. Von der Höhe der Burg betrachtet, +sahen die Feuersbrünste wie hie und da auf die flachen +Dächer geworfene Purpurtücher aus, die im Winde zu +flattern schienen. +</p> + +<p> +Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten +Geschütze der Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie +anrichteten, waren außerordentlich. So ward der Kopf +eines Mannes bis an den Giebel der Syssitien geschleudert. +In der Kinisdostraße ward eine Wöchnerin von +einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr +Kind mitsamt dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag +geworfen, wo man die Decke wiederfand. +</p> + +<p> +Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln. +Sie fielen auf die Dächer, in die Gärten und in die +Höfe, während man ängstlich beim kargen Mahle saß. +Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte Buchstaben, +die sich in das Fleisch eindrückten. So konnte man auf +der Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: »Schwein!« +»Raubtier!« »Dreck!« oder Spöttereien wie: »Fang +mich!« oder »Ich habs verdient!« +</p> + +<p> +In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag, +wurden Breschen gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner +von Malka zwischen der alten Mauer, die Megara +von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern des +Burgbezirks im Rücken und den Barbaren von vorn eingekeilt. +Doch man hatte genug zu tun, die Innenmauer am +Burgberge instand zu setzen und sie so hoch wie möglich +zu machen. Man konnte sich nicht um arme Leute kümmern +und ließ sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich +sie allgemein verhaßt waren, erregte das doch einen +großen Abscheu gegen Hamilkar. +</p> + +<p> +Am Tage darauf öffnete er die Keller, in denen er +sein Getreide aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten +es unter das Volk. Drei Tage lang stopfte man sich +damit voll. +</p> + +<p> +Der Durst ward nun erst recht unerträglich. Dabei +hatte man immerfort die große Kaskade vor Augen, in +der das klare Wasser der zerstörten Leitung herabplätscherte. +Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf, +umhüllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen +schwang sich darüber. Ein kleiner Bach aber +schlängelte sich durch die Ebene und ergoß sich in das +Haff. +</p> + +<p> +Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein +Ereignis, auf etwas Entscheidendes, auf ein Wunder. +Seine Sklaven rissen die silbernen Platten vom Melkarthtempel. +Im Hafen zog man vier große Transportschiffe +ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende +der Straße der Mappalier und durchbrach dort die Mauer +zwischen Straße und Meer. Die Schiffe gingen von da +aus nach Gallien in See, um dort um jeden Preis Söldner +anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem +großen Ärger vom Numidierfürsten abgeschnitten, obwohl +er wußte, daß Naravas hinter den Barbaren +stand, bereit, ihnen in den Rücken zu fallen. Naravas +war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff +wagen. Der Suffet ließ den Wall um drei Meter erhöhen, +alles Kriegsgerät aus den Zeughäusern nach der +Burg schaffen und die Geschütze abermals ausbessern. +</p> + +<p> +Zu den Spannerven der Steingeschütze benutzte man +Genicksehnen von Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen. +Nun aber gab es in Karthago weder Hirsche noch +Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten das +Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das +genügte noch nicht. In den Gebäuden der Syssitien befanden +sich zwölfhundert mannbare Sklavinnen, die für +die Prostitution in Griechenland und in Italien bestimmt +waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den Gebrauch +von Salben, vorzüglich geeignet gewesen wäre. +Doch der Verlust hätte sich später zu fühlbar gemacht. Daher +ward beschlossen, unter den Frauen der Plebejer das +schönste Haar auszuwählen. Aber gleichgültig gegen +die Bedürfnisse des Vaterlandes schreien sie verzweifelt, +als die Schergen der Hundertmänner mit Scheren kamen +und Hand an sie legten. +</p> + +<p> +Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von +weitem, wie sie Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen +damit zu ölen. Andre rissen den Toten die +Nägel von den Händen und Füßen und nähten sie Stück +für Stück aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam +auf den Einfall, Gefäße voll Schlangen, die von Negern +herbeigebracht wurden, in die Ballisten zu laden. Die +so in die Stadt geschleuderten Tontöpfe zerbrachen +auf dem Pflaster, die Schlangen schlüpften heraus und +waren schließlich in solchen Mengen anzutreffen, daß +es aussah, als kämen sie aus den Mauern. Fortwährend +verbesserten die Barbaren ihre Erfindungen, da sie ihnen +noch immer nicht genügten. Sie schleuderten Unrat aller +Art, Menschenkot, Stücke von Aas und Leichen. Die Pest +brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zähne +aus dem Munde, und ihr Zahnfleisch ward blaß, wie +das der Kamele nach einer allzu weiten Reise. +</p> + +<p> +Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt, +obwohl er noch nicht überall die Höhe der Stadtmauer +erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig Steintürmen erhoben +sich dreiundzwanzig hölzerne. Alle Tollenonen +waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte +die furchtbare »Helepolis«, eine Erfindung von Demetrius +Poliorketes, eine fahrbare Riesenbatterie, die Spendius +mühselig nachkonstruiert hatte. Sie hatte die Gestalt +einer oben abgestumpften Pyramide, ähnlich wie der Leuchtturm +von Alexandria. Die Seitenlänge ihrer quadratischen +Basis betrug fünfundzwanzig Meter, ihre Höhe fünfzig +Meter. Sie bestand aus neun Stockwerken, eins immer +kleiner, im Durchmesser wie in der Höhe, als das andre. +Die Front und die beiden Seiten waren mit Eisenblech +ausgeschlagen und mit zahlreichen Schießscharten versehen. +Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt. +Der ganze Turm war voller Soldaten und durch +sechsundzwanzig Geschütze, darunter zehn schwere, armiert. +</p> + +<p> +Jetzt ließ Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder +kommen sollte, der von Übergabe rede. Sogar Frauen +wurden als Soldaten eingestellt. Man schlief auf den +Straßen und wartete voller Bangigkeit. +</p> + +<p> +Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang – es war am +siebenten Tage des Monats Nyssan – vernahm man +in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das alle Barbaren +draußen zugleich ausstießen. Die bleiernen Fanfaren +schmetterten dumpf, und die großen paphlagonischen +Hörner brüllten wie Stiere. Alles sprang auf und eilte +nach dem Walle. +</p> + +<p> +Ein Wald von Lanzen, Spießen und Schwertern wälzte +sich heran und brandete an die Mauern. Sturmleitern +wurden angelegt, und in den Scharten der Brustwehren +tauchten Barbarenköpfe auf. +</p> + +<p> +Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten +gegen die Tore. An den Stellen, wo kein Erdwall gegenüberstand, +rückten die Söldner in geschlossenen Kompagnien +zur Zerstörung der Mauer heran. Das erste +Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und +die übrigen duckten sich stufenweise immer weniger, so +daß die letzten ganz aufrecht standen, während an andern +Stellen, wo man dadurch eine Art Treppe schaffen wollte, +die Aufrechtstehenden zuvorderst und die Liegenden zuhinterst +standen. Alle drückten mit der Linken den Schild +auf ihren Helm und hielten die Ränder so dicht zusammen, +daß sie wie ein Haufen großer Schildkröten aussahen. +An diesen schrägen Dächern glitten die Geschosse +ohnmächtig ab. +</p> + +<p> +Die Karthager schleuderten Mühlsteine, Mörserkeulen, +Bottiche, Tonnen und Bettstellen herab, alles, was Gewicht +hatte und jemanden erschlagen konnte. Manche +lauerten mit Netzen an den Scharten, und wenn ein +Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt +und wie ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar +die Zinnen um. Die Mauerstücke stürzten hinab und +wirbelten große Staubwolken auf. Die schweren Geschütze +auf den Wällen beschossen sich gegenseitig. Ihre Steine +prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in +tausend Stücke, wodurch die Kämpfer von einem dichten +Steinsplitterhagel überschüttet wurden. +</p> + +<p> +Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch +einen einzigen Strom von Menschenleibern, der den Raum +zwischen den beiden Wällen erfüllte und, an den Rändern +etwas dünner, beständig hin und her wogte, ohne seinen +Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem Boden +liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten +sich über die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an +ihren Schleiern hinab, und ihre plötzlich entblößten weißen +Leiber glänzten in den Armen der Neger, die ihnen den +Dolch ins Gekröse stießen. In dem ungeheuren Gedränge +fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der Lebendigen +hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht +weiter, mit starren Augen. Manche, denen beide Schläfen +von einem Wurfspieß durchbohrt waren, wiegten den +Kopf wie Bären. Zum Schreien geöffnete Lippen blieben +aufgesperrt. Abgehauene Hände flogen umher. Es +fielen mächtige Streiche, von denen die Überlebenden +noch lange sprachen. +</p> + +<p> +Inzwischen sprühten die Pfeile von den Stein- und +Holztürmen. Die Tollenonen bewegten rastlos ihre langen +Arme. Die Barbaren hatten den alten Begräbnisplatz +der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt geplündert und +schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter der +Last zu schwerer Körbe rissen bisweilen die Taue der +Sturmkrane. Ganze Knäuel von Menschen stürzten mit +emporgestreckten Armen aus den Lüften herab. +</p> + +<p> +Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten +hartnäckig gegen die Taenia angestürmt, um +in den Hafen zu dringen und die Flotte zu zerstören. +Hamilkar ließ auf dem Dache des Khamontempels ein +Feuer aus feuchtem Stroh anzünden. Der Rauch trieb den +Angreifern in die Augen und blendete sie. Da warfen sie +sich nach links und vermehrten das fürchterliche Getümmel +in Malka. Kompagnien aus kräftigen, eigens dazu +ausgewählten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt. +Hohe Verhaue aus nägelbeschlagenen Brettern +hielten sie auf. Ein viertes Tor gab mühelos nach. Man +stürmte im Laufschritt durch und stürzte in eine Grube, +in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten. +Autarit und seine Leute zerstörten die südlichste Bastei der +Mauer, deren Durchgänge mit Ziegeln verbaut worden +waren. Dahinter stieg das Gelände an. Man eilte im +Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine zweite Mauer +aus Steinen und großen wagerechten Balken, die schachbrettförmig +angeordnet waren. Das war eine gallische +Art, die der Suffet den Bedürfnissen des Augenblicks +angepaßt hatte. Die Gallier glaubten sich vor einer +Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne Nachdruck an und +wurden zurückgeworfen. +</p> + +<p> +Von der Khamonstraße bis zum Gemüsemarkt war jetzt +der ganze innere Wallgang im Besitze der Barbaren. +Die Samniter machten den Sterbenden mit Lanzenstichen +den Garaus. Andre blickten, mit einem Fuß an der +Mauer stehend, auf die rauchenden Trümmer zu ihren +Füßen und sahen von weitem der Schlacht zu, die von +neuem begann. +</p> + +<p> +Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit +großen Abständen voneinander aufgestellt waren, schossen +unablässig. Doch vielfach waren die Federn an den akarnanischen +Schleudern durch den übermäßigen Gebrauch zerbrochen, +und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten +Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln +mit Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen +schwarzen Haar, das ihm die Schultern umwallte, sprang +bald hierin, bald dorthin und feuerte die Balearier an. An +seinen Hüften hingen zwei Hirtentaschen, in die er unaufhörlich +mit der Linken griff, während sein rechter Arm +sich schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad. +</p> + +<p> +Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten, +um den Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn +am Golfe bei den Söldnern, an der Lagune bei den Numidiern +und am Ufer des Haffs zwischen den Negern gesehen. +Unaufhörlich trieb er die aus der Tiefe der Ebene +anstürmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen +vor. Allmählich kam er ihnen selbst näher. Der Blutgeruch, +der Anblick des Gemetzels und das Trompetengeschmetter +steigerten seine Kampfeslust. Darum war +er in sein Zelt zurückgekehrt, hatte seinen Harnisch abgeworfen +und sein Löwenfell angelegt, das für den Nahkampf +bequemer war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte +seinen Kopf und umsäumte sein Gesicht mit einem +Kreise von Raubtierzähnen. Die beiden Vordertatzen +kreuzten sich über seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen +schlugen ihm in die Kniekehlen. +</p> + +<p> +Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt +blitzte. Sein großes Schwert mit beiden Händen +schwingend, warf er sich ungestüm in eine der Breschen. +Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige abschneidet und +deren so viel wie möglich abzuschlagen trachtet, um recht +viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mähte die +Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von +der Seite zu fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf +nieder. Wer ihn von vorn angriff, den durchbohrte +er. Fliehenden spaltete er den Schädel. Einmal sprangen +ihm zwei Männer zugleich auf den Rücken. Mit einem +Satze sprang er rückwärts gegen ein Tor und zerquetschte +sie. Sein Schwert hob und senkte sich in einem fort. An +einer Mauerecke zersprang es. Da faßte er seine schwere +Axt und schlachtete die Karthager vor und hinter sich ab +wie eine Hammelherde. Sie wichen vor ihm zurück, und +so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer +am Fuße des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte +Gegenstände sperrten die Treppenstufen und überragten +die Mauer. Inmitten dieser Trümmer wandte sich Matho +um und rief seine Kameraden. +</p> + +<p> +Er sah Helmbüsche hier und da über der Menge. Dann +tauchten sie unter. Ihre Träger waren in Gefahr. Matho +stürzte ihnen entgegen. Da zog sich der weite Kranz +roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den Führer +erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergoß +sich ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen. +Der Libyer wurde um die Hüften gepackt, hoch gehoben +und bis vor die Mauer zu einer Stelle gerissen, +wo die Befestigung besonders hoch war. +</p> + +<p> +Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich +auf die Helme. Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett +zur Mauer zu bekommen und wieder in die Stadt +einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend, lief er +über die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein +Meergott, der seinen Dreizack über den Fluten schwingt. +</p> + +<p> +Indessen schritt ein Mann in weißem Gewande, gleichgültig +und fühllos gegen den Tod, der ihn umringte, auf +der Krone des Walles hin. Bisweilen legte er seine +Hand über die Augen, als spähe er nach jemandem aus. +Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des +Mannes flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte +sich. Seine beiden mageren Arme erhebend, rief er dem +Libyer Schmähworte zu. +</p> + +<p> +Matho verstand sie nicht, aber er fühlte sich von einem +so grausamen Blicke durchbohrt, daß er ein Gebrüll ausstieß. +Er schleuderte seine langstielige Axt nach ihm. Es +war Schahabarim. Leute warfen sich auf den Priester. +Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschöpft zurück. +</p> + +<p> +Ein fürchterliches, donnerndes Geräusch näherte sich, +vermischt mit dem Klange rauher, im Takt singender +Stimmen. Es war die mächtige Helepolis, inmitten von +mehreren hundert Söldnern. Man zog sie mit beiden +Händen an Seilen oder schob mit den Schultern nach, +denn obwohl sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer +nur mäßig hob, so war diese schwache Steigung +doch für einen Wandelturm von so fabelhafter Schwere +Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen +Meter breite Räder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie +sich seit Morgen nur langsam vorwärts, gleich wie ein Berg, +der sich über einen andern wälzt. Aus ihrem untersten +Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor. An den drei +Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden +heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine +große Schar gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen, +die durch alle Stockwerke liefen, stiegen immerfort +welche hinauf und hinunter. Andre warteten darauf, +hervorzustürzen, sobald die Haken der Fallbrücken die +Mauer gefaßt hätten. Hinter den Schießscharten drehten +sich die Stränge der Ballisten, und die Schnellbalken der +Schleudergeschütze gingen hoch und nieder. +</p> + +<p> +Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache +des Melkarthtempels. Er hatte berechnet, daß die Helepolis +gerade auf ihn zukommen und gegen eine unersteigliche +Stelle der Mauer anrennen mußte, die eben deswegen +nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer +Zeit trugen seine Sklaven Schläuche voll Wasser auf den +Wallgang, auf dem sie an der bestimmten Stelle aus +Lehm zwei Querwände errichtet hatten, wodurch eine Art +Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich +in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise +nicht zu beunruhigen. +</p> + +<p> +Als die Helepolis nur noch gegen dreißig Schritt +entfernt war, ließ er von den Zisternen bis zum Wall +über die Straßen hin von Haus zu Haus Bretter legen. +Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand +Helme und Krüge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen. +Die Karthager entrüsteten sich über diese sichtliche +Wasservergeudung. Der Widder zertrümmerte die +Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den gelockerten +Quadern hervor, und das neunstöckige gepanzerte Gerüst, +das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu +schwanken wie ein Schiff. Das Wasser, das durch die +Bresche herausquoll, weichte den Weg vor der Helepolis +auf. Alsbald blieben die Räder im Morast stecken. Im +ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder +der Schießscharten der Kopf des Spendius auf, der aus +vollen Backen in ein Elfenbeinhorn stieß. Die Riesenbatterie +kam ruckweise wohl noch zehn Schritte weiter, +dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die +Räder versanken bis an die Achsen, und schließlich stand +die Helepolis still und neigte sich bedrohlich nach einer +Seite. Die schweren Geschütze in den unteren Stockwerken +schoben sich von ihren Plätzen und nahmen dem +Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch +und richtete arge Zerstörung im Innern an. Die Soldaten, +die schon an den Fallbrücken standen, wurden herausgeschleudert +oder klammerten sich draußen an und vermehrten +so durch ihr Gewicht die Neigung des Ungetüms, +das in allen Fugen krachte und schließlich zusammenbrach. +</p> + +<p> +Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete +sich ein dichter Menschenknäuel. Da machten die Karthager +vom Walle herab einen Ausfall, fielen ihnen in +den Rücken und machten sie mühelos nieder. Jetzt brausten +die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise +um das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre +Mauern. Die Nacht brach an. Nach und nach zogen sich +die Barbaren zurück. +</p> + +<p> +Auf der Ebene erblickte man vom bläulichschimmernden +Golf bis zu der weißen Lagune nichts als ein rabenschwarzes +Gewimmel, und das blutrote Haff dehnte sich +in das Land hinein wie ein großer Purpursumpf. +</p> + +<p> +Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, daß er aus +Menschenleibern errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten +die Trümmer der Helepolis, Waffen und Rüstungen darüber. +Von Zeit zu Zeit lösten sich große Bruchstücke von +ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstürzenden +Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar, +wo das geschmolzene Blei geflossen war. Hier und +da brannte ein umgerissener Holzturm. Das Häusermeer +verschwamm im Dunkel und sah aus wie die Stufen +eines zerstörten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden +stiegen empor und wirbelten Funken in die Höhe, die sich +am schwarzen Himmel verloren. +</p> + +<p> +Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt, +nach den Zisternen gestürzt. Sie erbrachen die Tore. +Schlammpfützen standen auf dem Grunde der Becken. +</p> + +<p> +Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzählige. +Sobald sie sich erholt hatten, würden sie wieder +anstürmen! +</p> + +<p> +Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise, +an den Straßenecken. Die einen meinten, man +müsse die Weiber, die Kranken und Greise fortschicken. +Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und sich in +einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten, +und als die Sonne aufging, war noch kein Entschluß +gefaßt. +</p> + +<p> +An diesem Tage wurde nicht gekämpft. Die Erschöpfung +auf beiden Parteien war zu groß. Die Schlafenden sahen +aus wie Tote. +</p> + +<p> +Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks +nach. Da fiel ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer, +das sie dem tyrischen Melkarth schuldeten, noch nicht +nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer Schrecken +erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik +und wollten gründliche Rache üben. +</p> + +<p> +Man sah in den Göttern grausame Herren, die man +durch Gebete besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen +konnte. Alle aber waren ohnmächtig vor Moloch, +dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch der +Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern +Brauch, ihm einen Teil davon zu opfern, um seine Gier +zu stillen. Man brannte den Kindern an der Stirn oder +im Nacken Zeichen ein, und da diese symbolische Art, den +Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld eintrug, so +verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg +höchlichst zu empfehlen. +</p> + +<p> +Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik. +Da jeder Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft +werden muß und jeder Vertrag sich nach dem Bedürfnis +des Schwächeren und der Forderung des Stärkeren +regelt, so durfte für den Gott, der am entsetzlichsten sein +Ergötzen hatte und in dessen Hand man jetzt völlig war, +kein Opfer zu groß sein. Man mußte Moloch sattsam +befriedigen. Beispiele bewiesen, daß das Übel dann aufhörte. +Überdies glaubte man, ein Brandopfer würde Karthago +entsühnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten +sich sofort. Zudem mußte die Wahl der Opfer lediglich +die Patrizierfamilien treffen. +</p> + +<p> +Die Alten versammelten sich. Die Sitzung währte lange. +Auch Hanno nahm daran teil. Da er nicht mehr sitzen +konnte, lag er neben der Tür, von den Fransen des hohen +Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester Molochs +fragte, ob man bereit wäre, die Kinder zu opfern, da +erscholl Hannos Stimme plötzlich aus dem Dunkel wie +das Gebrüll eines bösen Geistes aus einer tiefen Höhle. +Er bedaure, sagte er, keine Kinder eigenen Blutes opfern +zu können. Dabei schielte er Hamilkar an, der ihm gegenüber +am andern Ende des Saales saß. Der Suffet ward +durch diesen Blick derart verwirrt, daß er die Augen +niederschlug. Alle bejahten die Frage des Oberpriesters +der Reihe nach durch Kopfnicken. Auch Hamilkar mußte +dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!« Darauf +ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche +Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen +als auszuführen sind. +</p> + +<p> +Der Beschluß ward fast augenblicklich in Karthago bekannt. +Wehgeschrei erscholl. Überall hörte man die Frauen +jammern. Die Männer trösteten oder schalten sie und +redeten ihnen zu. +</p> + +<p> +Drei Stunden später verbreitete sich eine neue wichtige +Nachricht: der Suffet hatte am Fuße der steilen Küste +Quellen gefunden. Man eilte hin. Im Sande waren Löcher +gegraben. Wasser stand darin, und schon lagen Menschen +flach auf dem Bauche und tranken daraus. +</p> + +<p> +Hamilkar wußte selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung +durch die Götter oder die dunkle Erinnerung an eine +vertrauliche Mitteilung war, die ihm sein Vater einst +gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er zum +Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven +begonnen, den Sand aufzuscharren. +</p> + +<p> +Er ließ Gewänder, Schuhe und Wein verteilen. Er +gab das letzte Getreide hin, das er noch besaß. Er ließ die +Menge sogar in sein Schloß ein und öffnete die Küchen, +die Vorratskammern und alle Gemächer außer denen Salambos. +Er machte bekannt, daß sechstausend gallische +Söldner unterwegs seien und daß der König von Mazedonien +Hilfstruppen schicke. +</p> + +<p> +Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen, +und am Abend des dritten waren sie völlig versiegt. +Da lief der Befehl der Alten abermals von Mund +zu Munde, und die Molochpriester gingen nunmehr an +ihre Arbeit. +</p> + +<p> +Männer in schwarzen Gewändern erschienen in den +Häusern und Palästen. Viele Bewohner hatten sie vorher +verlassen, indem sie ein Geschäft oder eine Besorgung +vorschützten. Die Schergen Molochs traten rücksichtslos +ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen +stumpfsinnig selbst aus. Man führte die Kleinen zum +Tempel der Tanit, deren Priesterinnen es oblag, sie bis +zu dem Tage der Feier zu belustigen und zu ernähren. +</p> + +<p> +Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem +Garten. +</p> + +<p> +»Barkas! Wir kommen. Du weißt, weshalb ... Dein +Sohn ...« +</p> + +<p> +Sie fügten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine +Hannibal in der Straße der Mappalier gesehen worden. +Ein alter Mann habe ihn an der Hand geführt. +</p> + +<p> +Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerührt. +Doch er begriff rasch, daß alles Leugnen vergeblich wäre. +Er verneigte sich und führte sie in das Verwaltungshaus. +Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt waren, +bewachten die Umgebung. +</p> + +<p> +Ganz verstört betrat er Salambos Gemach. Er ergriff +Hannibal mit einer Hand, riß mit der andern die +Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab, band den +Knaben an Händen und Füßen, stopfte ihm das Ende +als Knebel in den Mund und verbarg ihn unter dem +rindsledernen Lager, über das er eine große Decke bis +zum Fußboden breitete. +</p> + +<p> +Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich +im Kreise herum und biß sich auf die Lippen. Endlich +blieb er mit stieren Blicken stehen und atmete schwer, als +ob er dem Tode nahe sei. +</p> + +<p> +Plötzlich klatschte er dreimal in die Hände. +</p> + +<p> +Giddenem erschien. +</p> + +<p> +»Gib acht!« befahl er ihm. »Suche unter den Sklaven +einen Knaben im Alter von acht bis neun Jahren mit +schwarzem Haar und gewölbter runder Stirn und bring +ihn hierher! Aber sofort!« +</p> + +<p> +Giddenem kehrte bald zurück und brachte einen Knaben +mit, ein armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen. +Seine Haut sah ebenso grau aus wie die häßlichen Lappen, +die um seine Hüften hingen. Sein Kopf steckte zwischen +den Schultern. Mit dem Handrücken rieb er sich +die Augen, die voller Schmutz waren. +</p> + +<p> +Wie hätte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln +können! Doch es war keine Zeit mehr, einen andern +zu holen. Hamilkar blickte Giddenem an. Am liebsten +hätte er ihn erwürgt. +</p> + +<p> +»Pack dich!« schrie er. +</p> + +<p> +Der Sklavenaufseher verschwand. +</p> + +<p> +So war das Unglück, das er so lange gefürchtet, also +hereingebrochen! Er gab sich die erdenklichste Mühe, +einen Ausweg zu ersinnen. +</p> + +<p> +Abdalonim ward hinter der Tür hörbar. Man verlangte +nach dem Suffeten. Die Schergen Molochs seien +ungeduldig. +</p> + +<p> +Hamilkar unterdrückte einen Schrei. Es war ihm, als +wenn er mit glühendem Eisen gefoltert würde. Von +neuem begann er wie ein Rasender im Zimmer auf und +ab zu laufen. Dann brach er am Geländer zusammen +und preßte die Stirn in seine geballten Fäuste. +</p> + +<p> +Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser +für Salambos Waschungen. Trotz seines Widerwillens +und all seines Hochmutes tauchte der Suffet das Kind eigenhändig +hinein und begann es wie ein Sklavenhändler zu +waschen und mit Bürsten und mit rotem Ocker zu reiben. +Dann entnahm er den Wandschränken zwei viereckige Stück +Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf +den Rücken und befestigte sie über den Schlüsselbeinen +mit zwei Diamantspangen. Er goß dem Jungen noch +Parfüm über den Kopf, legte ihm eine Bernsteinkette +um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmückten +Absätzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte +er vor Scham und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich +war, sah ebenso blaß aus wie er. Das Kind +lachte, entzückt über all die Herrlichkeiten. Es ward +dreister und begann in die Hände zu klatschen und zu +springen. Da zog Hamilkar es fort. Mit starker Hand +hielt er es am Arme fest, als fürchte er, es zu verlieren. +Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu weinen, während +es neben ihm herlief. +</p> + +<p> +In der Nähe des Gefängnisses, unter einem Palmenbaum, +stammelte eine klägliche flehende Stimme: +</p> + +<p> +»Herr! Ach, Herr!« +</p> + +<p> +Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen +widerlich aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfähigen, +die im Hause hinvegetierten. +</p> + +<p> +»Was willst du?« fragte der Suffet. +</p> + +<p> +Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte: +</p> + +<p> +»Ich bin sein Vater!« +</p> + +<p> +Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit +gekrümmtem Rücken, schlotternden Knien und vorgestrecktem +Halse. Unsägliche Angst verzerrte sein Gesicht. +Unterdrücktes Schluchzen erstickte seine Stimme. Es +drängte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn +um Gnade anzuflehen. +</p> + +<p> +Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen +zu berühren. +</p> + +<p> +»Willst du ihn ...« +</p> + +<p> +Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar +blieb stehen, ganz verwundert über diesen Schmerz. +</p> + +<p> +Nie hatte er daran gedacht – so groß war der Abstand +zwischen Herrn und Sklaven! –, daß es zwischen ihnen +etwas Gemeinsames geben könne. Das erschien ihm +geradezu als eine Beleidigung, eine Schmälerung seiner +Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der kälter +und schwerer war als das Beil eines Henkers. Der +Sklave sank ohnmächtig in den Staub. Hamilkar schritt +über ihn hinweg. +</p> + +<p> +Die drei schwarz gekleideten Männer erwarteten ihn +stehend in der großen Halle des Verwaltungshauses. +Alsobald zerriß Hamilkar sein Gewand und sank mit einem +schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen. +</p> + +<p> +»Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein +Trost! Meine Hoffnung! Mein Leben! Tötet mich mit! +Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!« +</p> + +<p> +Er zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln, raufte sich +die Haare und heulte wie die Klageweiber bei einem +Begräbnisse. +</p> + +<p> +»Führt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort! +Tötet mich wie ihn!« +</p> + +<p> +Die Schergen Molochs waren betroffen, den großen +Hamilkar so schwach zu sehen. Sie wurden fast gerührt. +</p> + +<p> +Da hörte man den Tritt nackter Füße und ein stoßweises +Röcheln, das dem Schnaufen eines heranjagenden wilden +Tieres glich. Auf der Schwelle der Haupttüre erschien +der bleiche, verstörte Mensch, streckte die Arme aus +und schrie: +</p> + +<p> +»Mein Kind!« +</p> + +<p> +Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven, +verschloß ihm den Mund mit seinen Händen und überschrie +ihn: +</p> + +<p> +»Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen +hat! Er nennt ihn sein Kind! Er wird wohl nun seinen +Verstand ganz verlieren! Machen wir ein Ende!« +</p> + +<p> +Damit drängte er die drei Priester und ihr Opfer an +den Schultern zum Ausgang, trat mit ihnen hinaus +und warf die Tür hinter sich mit einem mächtigen Fußtritt +zu. +</p> + +<p> +Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er fürchtete, +die drei könnten zurückkommen. Dann dachte er daran, +den Sklaven zu beseitigen, um seines Schweigens sicher +zu sein. Die Gefahr war noch nicht völlig vorüber, aber +ein Mord konnte durch den Zorn der Götter auf das +Haupt seines Sohnes zurückfallen. Da änderte er seinen +Plan und sandte dem Sklaven durch Taanach die besten +Speisen aus der Küche: ein Stück Bockfleisch, Bohnen +und eingemachte Granatäpfel. Der Unglückliche, der +lange nichts gegessen hatte, stürzte sich darauf. Seine +Tränen fielen in die Schüsseln. +</p> + +<p> +Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurück und löste +Hannibals Fesseln. Der aufgeregte Knabe biß ihm die +Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn mit einer Liebkosung +ab. +</p> + +<p> +Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschüchtern, +indem sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin +aus Kyrene, erzählte. +</p> + +<p> +»Wo ist sie denn?« fragte der Knabe. +</p> + +<p> +Nun erzählte man ihm, es seien Räuber dagewesen, um +ihn einzukerkern. Er erwiderte: +</p> + +<p> +»Mögen sie kommen! Ich töte sie!« +</p> + +<p> +Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal +aber ward gegen seinen eigenen Vater zornig und +behauptete, als Karthagos Herr könne er doch das ganze +Volk ausrotten. +</p> + +<p> +Schließlich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung +erschöpft, in einen unruhigen Schlaf. Er redete +im Traume. Mit dem Rücken auf einem Scharlachkissen, +den Kopf etwas hintenüber, machte sein ausgestrecktes +Ärmchen eine gebieterische Gebärde. +</p> + +<p> +Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam +auf und stieg ohne Fackel die Galeerentreppe +hinab. Er ging durch das Verwaltungshaus und nahm +einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren Wassers +mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das +Kind im Edelsteingewölbe und lächelte – ganz wie das +Kind des Sklaven – auf dem Arm seines Vaters beim +Glanze der Pracht ringsumher. +</p> + +<p> +Jetzt war Hamilkar sicher, daß man ihm seinen Sohn +nicht raubte. Der Ort war unzugänglich und stand durch +einen unterirdischen Gang, den er allein kannte, mit der +Küste in Verbindung. Er blickte sich um und holte tief +Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel +neben den goldenen Schilden. +</p> + +<p> +Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt +zu sein. Das erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter, +die ihren verlorenen Erstgeborenen wiederfindet, +warf er sich auf seinen Sohn, drückte ihn an seine Brust, +lachte und weinte zugleich, gab ihm die zärtlichsten Namen +und bedeckte ihn mit Küssen. Der kleine Hannibal, +von dieser wilden Zärtlichkeit erschreckt, blieb ganz still. +</p> + +<p> +Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurück, indem er +sich an den Mauern entlang tastete. So gelangte er in +die große Halle, in die das Mondlicht durch einen Spalt +in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag der gesättigte +Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen +und schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art +Mitleid ergriff ihn. Mit der Spitze seines Panzerstiefels +schob er ihm einen Teppich unter den Kopf. Dann erhob +er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren +schmale Sichel am Himmel glänzte. Er fühlte sich stärker +als alle Götter und voller Verachtung gegen sie. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Zurüstungen zum Opfer hatten indessen begonnen. +Man entfernte ein Stück aus der Hintermauer des Molochtempels +und zog das eherne Götterbild hindurch bis ins +Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu berühren. Sobald +die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es +weiter nach dem Khamonplatze. +</p> + +<p> +Das Götterbild bewegte sich rückwärts auf rollenden +Walzen. Seine Schultern ragten über die Mauern hinweg. +Die Karthager entflohen eiligst, sobald sie es nur +von ferne erblickten. Denn nur dann durfte man den +Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genüge +tat. +</p> + +<p> +Weihrauchduft wehte durch die Straßen. Alle Tempel +hatten sich gleichzeitig geöffnet, und heraus kamen Tabernakel +auf Wagen und auf Sänften, von Priestern getragen. +Hohe Federbüsche nickten an ihren Ecken, und Strahlen +blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von Kugeln aus +Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrönt waren. +</p> + +<p> +Das waren die punischen Götter, Nebensonnen des höchsten +Gottes, die zu ihrem Herrn und Meister wallten, +um sich vor seiner Macht zu demütigen und vor seinem +Glanze zu vergehen. +</p> + +<p> +Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Sänfte Melkarths +brannte eine Erdölflamme. Auf dem hyazinthenblauen +Tabernakel Khamons ragte ein Phallus aus Elfenbein, +rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den himmelblauen +Vorhängen Eschmuns schlief eine zusammengerollte +Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren +Priestern im Arme getragen wurden, glichen großen +Wickelkindern, die mit den Füßen die Erde streiften. +</p> + +<p> +Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal +Samin, der Gott der Himmelsräume, Baal Peor, der +Gott der heiligen Berge, Beelzebub, der Gott der Verderbnis, +ferner die Götter der Nachbarländer und stammesverwandten +Völker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech +Chaldäas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem +Jungfrauenantlitz kroch auf ihren Flossen, und die Mumie +des Tammuz ward zwischen Fackeln und Haarkränzen +auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die Herrscher +des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen +und zu verhindern, daß ihr besonderer Einfluß den seinen +störe, schwenkte man an langen Stangen verschiedenfarbige +Metallsterne. Alle waren vertreten, vom schwarzen +Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem scheußlichen Rahab, +der Verkörperung des Sternbilds des Krokodils. +Die Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind, +kreisten an Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester +trugen auf Körben kleine Brote von der Gestalt +weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre Fetische, +ihre Amulette. Vergessene Götterbilder tauchten auf. +Sogar von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole +genommen, als wolle sich ganz Karthago versammeln +in dem einen Gedanken des Todes und der Verzweiflung. +</p> + +<p> +Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe +ein großes Gefäß, in dem Weihrauch brannte. Dampfwolken +schwebten über dem Zuge, über den Teppichen, +den Behängen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei +ihrer beträchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwärts. +Bisweilen blieb einer der Wagen wegen irgendeines +Hemmnisses stehen. Dann benutzten die Gläubigen +die Gelegenheit, die Götterbilder mit ihren Gewändern +zu berühren, die dann selber wie Heiligtümer in +Ehren gehalten wurden. +</p> + +<p> +Der eherne Koloß rückte dem Khamonplatz immer +näher. Die Patrizier, die Zepter mit Smaragdknäufen +trugen, brachen jetzt von Megara auf. Die Alten, mit Diademen +geschmückt, hatten sich in Kinisdo versammelt, und +die Staatswürdenträger, die Statthalter der Provinzen, +die Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der +ganze Schwarm, der bei Begräbnissen verwendet ward, +alle mit den Abzeichen ihrer Würden oder den Werkzeugen +ihres Handwerkes versehen, strömten den Tabernakeln +zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis +herabwallten. +</p> + +<p> +Aus Verehrung für Moloch hatten die Priester ihre +glänzendsten Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten +auf den schwarzen Kutten. Zu weite Ringe glitten an abgemagerten +Händen hin und her. Ein trübseliger Anblick: +diese schweigende Schar, deren Ohrgehänge gegen die +bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren +fanatische starre Stirnen krönten. +</p> + +<p> +Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des +Platzes. Seine Priester errichteten aus Gittern eine Umzäunung, +um die Menge zurückzuhalten, und stellten sich +zu seinen Füßen um ihn herum auf. +</p> + +<p> +Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewändern +ordneten sich unter den Säulen der Vorhalle ihres Tempels +zu Reihen. Die Priester Eschmuns in leinenen +Mänteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen, +und spitzen Mützen, nahmen auf der Treppe der Akropolis +Aufstellung. Die Priester Melkarths in violetten +Tuniken nahmen die Westseite des Platzes ein. Die +Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem Stoffe +umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Südseite +wies man den Nekromanten an, die über und über mit +Tätowierungen bedeckt waren, ferner den Heulern, die +in geflickte Mäntel gehüllt waren, den Dienern der Kabiren +und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft +einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester +in ihren blauen Gewändern hatten klüglich in +der Sathebstraße Halt gemacht und sangen mit leiser +Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab. +</p> + +<p> +Von Zeit zu Zeit zogen Reihen völlig nackter Männer +heran, die sich mit ausgestreckten Armen bei den Schultern +hielten. Sie stießen heisere, hohlklingende Brusttöne +aus. Ihre Augen, auf den Koloß gerichtet, funkelten, +staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Körper im +Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben. +Sie waren so in Raserei, daß die Tempeldiener, um die +Ordnung aufrecht zu erhalten, sie schließlich durch Stockschläge +nötigten, sich flach auf den Bauch zu legen und +sich damit zu begnügen, das Gesicht gegen die ehernen +Gitter zu pressen. +</p> + +<p> +Jetzt näherte sich vom Hintergrund des Platzes ein +Mann in weißem Gewande. Er bahnte sich langsam +einen Weg durch die Menge, und man erkannte einen +Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich, +denn die Vergötterung der Männlichkeit herrschte an +diesem Tage in aller Herzen vor. Ja, die Göttin war +derart vergessen, daß man das Fehlen ihrer Priesterschaft +gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen verdoppelte +sich, als man den Oberpriester eine der Türen +der Gitter öffnen sah, die nur für solche bestimmt waren, +die dem Gotte Opfer bringen wollten. Das war – so +meinten die Molochpriester – ein Schimpf, den er +ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen +Gesten zurückzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der +Opfertiere nährten, die wie Könige in Purpur gehüllt +waren und dreifache Kronen trugen, spien nach diesem +bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen, und +zorniges Gelächter erschütterte ihre schwarzen Bärte, +die sonnenförmig ihre Brust bedeckten. +</p> + +<p> +Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten. +Er durchquerte Schritt für Schritt den ganzen umfriedigten +Raum, kam bis zu den Füßen des Kolosses und +berührte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er ihn +umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung. +Die Mondgöttin quälte ihn schon allzu lange, und aus +Verzweiflung, vielleicht auch aus Mangel an einem +Gotte, der seine Gedankenwelt völlig befriedigte, ging +er jetzt zu Moloch über. +</p> + +<p> +Entsetzt über diese Abtrünnigkeit, stieß die Menge ein +nicht endenwollendes Murren aus. Man fühlte das +letzte Band zerrissen, das die Seelen an eine milde +Gottheit fesselte. +</p> + +<p> +Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des +Gottes teilnehmen. Die Männer in den Purpurmänteln +vertrieben ihn aus der Umzäunung. Wieder draußen, +ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum. +Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener, +der keinen Gott mehr hatte. Man wich zurück, wo er +nahte. +</p> + +<p> +Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und +Lorbeerholz zwischen den Beinen des Kolosses angezündet +worden. Die Spitzen seiner langen Flügel tauchten in +die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen war, +rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um +das runde Postament, auf dem seine Füße ruhten, standen +die Kinder, in schwarze Schleier gehüllt, unbeweglich im +Kreise. Seine übermäßig langen Arme reichten mit den +Händen bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen lebendigen +Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben. +</p> + +<p> +Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze +Volksmenge drängten sich hinter den Priestern, überallhin, +bis auf die flachen Dächer der Häuser. Die großen +bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel waren +auf den Boden gestellt, und die Qualmsäulen der +Weihrauchfässer stiegen senkrecht empor, wie riesige Bäume, +die ihre bläulichen Wipfel im Äther entfalten. +</p> + +<p> +Manche wurden ohnmächtig. Andre standen starr und +versteinert in ihrer Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete +auf aller Brust. Die letzten Rufe verhallten nach und +nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und lechzte +nach dem Entsetzlichen. +</p> + +<p> +Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken +unter die Schleier der Kinder, riß einem eine Haarlocke +von der Stirn und warf sie in die Flammen. Dann +stimmten die Männer in den roten Mänteln den heiligen +Hymnus an: +</p> + +<p> +»Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der +sich selbst erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn, +Gott und Göttin, Göttin und Gott!« +</p> + +<p> +Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente, +die alle auf einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer +zu übertönen. Die achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen +Kinnors und die zwölfsaitigen Nebals knarrten, +pfiffen und stöhnten. Riesige Dudelsäcke gaben ihren +scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus Leibeskräften +geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden +Wirbeln, und durch das wütende Trompetengeschmetter +rauschten die Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflügel. +</p> + +<p> +Bevor die eigentliche Feier begann, prüfte man vorsichtigerweise +die Arme des Gottes. Dünne Ketten liefen +von seinen Fingern zu den Schultern hinauf und über den +Rücken wieder hinab, wo sie von Männern gezogen wurden. +Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hände bis +zur Höhe der Ellbogen empor, näherten sich einander +und legten sich dann vor die Opfermündung seines Leibes. +Man zog die Ketten mehrmals hintereinander mit kleinen +ruckweisen Bewegungen und ließ dann wieder los. Dann +schwieg die Musik. Das Feuer prasselte. +</p> + +<p> +Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin +und her und beobachteten die Menge. +</p> + +<p> +Es bedurfte eines persönlichen, gänzlich freiwilligen +Opfers, das gewissermaßen die andern nach sich zog. Bisher +aber zeigte sich niemand, und die sieben Gänge, die +von den Schranken hin zu dem Kolosse führten, blieben +leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu ermutigen, +Geißeln aus ihren Gürteln und zerfetzten sich die Gesichter. +Nun ließ man auch die Geweihten, die draußen auf dem +Boden hingestreckt lagen, in die Umzäunung. Man warf +ihnen ein Bündel furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und +jeder wählte sich eins. Sie stießen sich Nadeln in die +Brust, schlitzten sich die Wangen auf und setzten sich Dornenkronen +aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander +mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten +großen Kreise, der sich bald zusammenzog, bald erweiterte. +Sie liefen bis an das Geländer zurück, stürzten +wieder vor und fingen immer von neuem an, indem +sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lärmvollen +Schauspiels anlockten. +</p> + +<p> +Allmählich kamen Leute bis an das Ende der Gänge. +Sie warfen Perlen, goldene Schalen, Becher, Leuchter, +all ihre Reichtümer in die Flammen. Die Opfer wurden +immer kostbarer und massenhafter. Schließlich wankte ein +Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch, +und stieß ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man +zwischen den Händen des Kolosses eine kleine schwarze +Masse, die oben in der unheimlichen Öffnung verschwand. +Die Priester neigten sich über den Rand des Postaments, +und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes +und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries. +</p> + +<p> +Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben, +und da der Rauch in großen Schwaden emporwirbelte, +so sah es von weitem aus, als verschwänden +sie in einer Wolke. Keins rührte sich. Sie waren an +Händen und Füßen gefesselt, und ihre dunklen Schleier +hinderten sie, etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden. +</p> + +<p> +Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel, +stand vor dem Baal neben der großen Zehe des rechten +Fußes des Kolosses. Als man das vierzehnte Kind +opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige Gebärde +des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frühere +Stellung wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden. +Auf der andern Seite der Bildsäule stand der Oberpriester +ebenso unbeweglich wie er, eine assyrische Mitra +auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und betrachtete +sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen, +in denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben +widerspiegelten. Bei Hamilkars Gebärde erschrak und +erblaßte er. Der Suffet sah nicht hin. Beide standen +dem glühenden Ofen so nahe, daß der wallende Saum +ihrer Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte. +</p> + +<p> +Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten +keinen Augenblick mehr. Jedesmal, wenn man wieder +ein Kind darauf legte, streckten die Molochpriester die +Hände darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu +belasten, und schrien: +</p> + +<p> +»Es sind keine Menschen, sondern Tiere!« +</p> + +<p> +Und die Menge ringsum wiederholte: »Tiere! Tiere!« +</p> + +<p> +Die Gläubigen riefen: »Herr, iß!« Und die Priester der +Proserpina, die sich aus Angst mit den Bräuchen Karthagos +abfanden, murmelten die eleusinische Formel: +»Gieß Regen aus! Sei fruchtbar!« +</p> + +<p> +Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer +wie Wassertropfen auf einer glühenden Platte. Und eine +weiße Rauchwolke stieg jedesmal aus der scharlachroten +Glut empor. +</p> + +<p> +Die Gier des Gottes war unersättlich. Er verlangte +immer mehr. Um ihn zu befriedigen, schichtete man mehrere +Kinder auf einmal in seinen Händen auf und schlang +eine Kette darüber, um sie festzuhalten. Anfangs wollten +einige Gläubige die Opfer zählen, um zu sehen, ob +ihre Zahl den Tagen des Sonnenjahres entspräche. Doch +man legte eins auf das andre, und es war bei der raschen +Bewegung der furchtbaren Arme unmöglich, die einzelnen +zu unterscheiden. Das währte lange, endlos, bis +zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler, +und man erkannte brennendes Fleisch. Manche glaubten +sogar Haare, Glieder und ganze Körper wahrzunehmen. +</p> + +<p> +Der Tag ging zur Rüste. Rauchwolken schwebten über +dem Baal. Der Opferherd glühte nur noch. Eine Aschenpyramide +war herabgerieselt, die dem Gotte bis zu den +Knien reichte. Über und über rot, wie ein blutüberströmter +Riese, schien er mit seinem zurückgeworfenen Haupte unter +der Last seiner Sattheit zu wanken. +</p> + +<p> +Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der +Wahnsinn des Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer +übrig waren, schrien die einen, man solle diese schonen, +aber die andern riefen, man müsse ihrer noch mehr holen. +Es war, als ob die mit Menschen beladenen Mauern unter +dem Gebrüll des Entsetzens und der mystischen Wollust zusammenbrächen. +Gläubige drängten sich in die Gänge und +schleppten ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten. +Sie schlugen sie, um sie von sich loszumachen und +den roten Männern zu überliefern. Die Spielleute hielten +bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das +Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das +auf die Kohlen herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker +krochen auf allen vieren um den Koloß herum und brüllten +wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die Geweihten +sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken +durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer. +Väter, deren Kinder vordem gestorben waren, warfen +wenigstens deren Bilder, Spielzeug und aufbewahrtes +Gebein ins Feuer. Manche stürzten sich mit Messern auf +die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die Tempeldiener +scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen +aus Erz und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung +über die ganze Stadt und bis in den Sternenraum zu +senden. +</p> + +<p> +Der laute Lärm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren +an den Fuß der Mauern gelockt. Um besser zu +sehen, kletterten sie an den Trümmern der Helepolis hoch +und schauten starr vor Entsetzen zu. +</p> + + + + +<h2 id="ch14">XIV</h2> + +<h2>In der Säge</h2> + + +<p> +Die Karthager waren noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt, +als sich die Wolken bereits dichter ballten. +Die vor dem Koloß Gebliebenen fühlten große Tropfen +auf der Stirn. Der Regen begann. +</p> + +<p> +Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strömen. +Donner rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte +Tanit besiegt, und die befruchtete Göttin öffnete nun +droben ihren Riesenschoß. Bisweilen erblickte man sie durch +zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald aber +schlossen sich die düsteren Dunstgebilde wieder, als sei +Tanit noch müde und wolle weiterschlafen. Die Karthager, +nach deren Glauben das Wasser vom Monde geboren +wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen erleichtern. +</p> + +<p> +Der Regen schlug auf die Terrassen und überschwemmte +sie, bildete Teiche auf den Höfen, Wasserfälle auf den +Treppen und Strudel an den Straßenecken. Er ergoß +sich hier in schweren trüben Massen, dort in hurtigen Strahlen. +Von allen Hausgiebeln plätscherten breite schäumende +Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen +wie loses graues Tuch. Die abgespülten Tempeldächer +blinkten im Schein der Blitze. In tausend Rinnen stürzten +Kaskaden von der Akropolis herab. Häuser brachen zusammen, +und Dachbalken, Stuck und Gerät schwammen +in den Bächen, die jäh über das Pflaster hinschossen. +</p> + +<p> +Man hatte Schüsseln und Krüge aufgestellt und Segel +ausgespannt. Die Fackeln erloschen. Man nahm +glimmende Scheite aus der Glut Molochs. Auf den +Straßen bogen sich die Leute hintenüber und öffneten +den Mund, um den Regen zu trinken. Andre lagen am +Rande schmutziger Pfützen, tauchten die Arme bis zu +den Achseln hinein und schlürften sich so voll Wasser, +daß sie es wie Büffel wieder ausspien. Allmählich ward +die Witterung kühl und frisch. Alle sogen die feuchte +Luft ein und reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch +entsprang alsbald eine grenzenlose Zuversicht. +Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mußte wieder +auferstehen. +</p> + +<p> +Man empfand das Bedürfnis, die maßlose Wut, die +man in sich selbst nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen. +Das Opfer durfte nicht nutzlos bleiben. Wenngleich +niemand Reue empfand, so fühlten sich doch alle +von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an +unsühnbarem Verbrechen ersteht. +</p> + +<p> +Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht +schließenden Zelten überrascht. Noch am nächsten Tage +wateten sie völlig durchnäßt im Schlamm umher und +suchten ihre verdorbenen Vorräte und verlorenen Waffen +zusammen. +</p> + +<p> +Hamilkar begab sich aus freien Stücken zu Hanno und +übergab ihm kraft seiner Machtvollkommenheit den Befehl +über die Stadt. Der alte Suffet schwankte eine +Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schließlich aber +nahm er an. +</p> + +<p> +Hierauf ließ Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am +Bug wie am Steuer mit je einem Geschütz ausgerüstet +war. Sie ging im Golfe dem Floß gegenüber vor Anker. +Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch verfügbaren +Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden +steuernd, verschwand er im Nebel. +</p> + +<p> +Doch drei Tage später – man wollte eben von neuem +Sturm laufen – kamen Leute von der libyschen Küste +unter großem Geschrei in das Söldnerlager. Barkas sei +bei ihnen gelandet, mache überall Beitreibungen und ginge +immer weiter hinein in das Land. +</p> + +<p> +Die Barbaren entrüsteten sich darüber, als ob Hamilkar +sie verraten hätte. Die der Belagerung Überdrüssigen, +besonders die Gallier, verließen ohne weiteres die Belagerungswerke, +um zu ihm zu stoßen. Spendius wollte +die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken +eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara +gezogen und sich geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurücken. +Von der Mannschaft beider Befehlshaber rührte +sich keiner vom Flecke. Die andern zogen unter Autarits +Führung ab und gaben damit den westlichen Teil der +Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so groß, daß man +gar nicht daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen. +</p> + +<p> +Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Während +der Nacht ritt er mit allen seinen Numidiern auf +der Seeseite der Lagune am Meeresgestade hin und zog +in Karthago ein. +</p> + +<p> +Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter +in der Not. Sie trugen sämtlich Mehl unter den Mänteln. +Seine vierzig Elefanten waren mit Futter und getrocknetem +Fleisch beladen. Man drängte sich um sie +und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft +einer solchen Hilfe erfreute die Karthager der Anblick +dieser gewaltigen, dem Sonnengotte geweihten Tiere. +Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade, ein Zeichen, +daß er ihnen endlich beistehen und in den Krieg eingreifen +wolle. +</p> + +<p> +Naravas nahm die höflichen Worte der Alten entgegen. +Dann stieg er zu Salambo die Schloßtreppe empor. +</p> + +<p> +Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars +Zelt, im Schoße der fünf Heere, ihre kleine, weiche, kühle +Hand in der seinen gehalten hatte. Nach der Verlobung +war sie nach Karthago zurückgekehrt. Seine Liebe, die +eine Weile seinen ehrgeizigen Plänen gewichen war, erwachte +von neuem. Jetzt gedachte er in den Genuß +seiner Rechte zu treten, die Karthagerin zu seiner Frau +zu machen und sie mit sich zu nehmen. +</p> + +<p> +Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr +Gebieter werden könne. Obwohl sie Tanit alle Tage um +Mathos Tod anflehte, ward ihr Abscheu vor dem Libyer +doch immer geringer. Sie hatte das dunkle Gefühl, daß +der Haß, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges +sei. Sie hätte in Naravas' Wesen einen Abglanz +jener wilden Heftigkeit sehn mögen, von der sie immer +noch bezaubert war. Wohl wünschte sie den Numidier +näher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr +doch unangenehm. Sie ließ ihm antworten, sie dürfe +ihn nicht empfangen. +</p> + +<p> +Überdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem +jungen Numidierfürsten keinen Zutritt zu Salambo zu +gewähren. Er glaubte seiner Treue sicherer zu sein, wenn +er die Belohnung dafür bis zum Ende des Krieges aufsparte. +Naravas zog sich aus Respekt vor dem Suffeten +zurück. +</p> + +<p> +Gegen die punischen Behörden zeigte er sich nicht so +demütig. Er änderte von ihnen getroffene Anordnungen, +forderte Vorrechte für seine Leute und stellte sie auf wichtige +Posten. Die Barbaren machten große Augen, als +sie auf einmal Numidier auf den Türmen der Stadt erblickten. +</p> + +<p> +Die allgemeine Verwunderung ward noch viel größer, +als auf einer alten punischen Trireme vierhundert Karthager +anlangten, die während des Krieges in Sizilien +gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte +nämlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der +latinischen Schiffe, die er vor dem Abfall der tyrischen +Städte gekapert hatte, zurückgesandt, und zum Dank für +dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom die dortigen Gefangenen +zurück. Auch lehnten die Römer das Anerbieten +der sardinischen Söldner ab und schlugen sogar die ihnen +angetragene Schutzherrschaft über Utika aus. +</p> + +<p> +Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel. +Um sein Reich zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht +beider Großmächte nötig. Es lag ihm also an der +Rettung der Punier. Er erklärte sich zu ihrem Freunde +und sandte ihnen zwölfhundert Rinder und dreiundfünfzigtausend +Nebel reinen Weizens. +</p> + +<p> +Der eigentliche Grund für diese Unterstützung Karthagos +lag tiefer: man fühlte, daß bei einem endgültigen Siege +der Söldner alles, was überhaupt in Sold stand, vom +Soldaten bis zum Küchenjungen, aufsässig würde, und +daß dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine +Unabhängigkeit wahren könne. +</p> + +<p> +Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die östlichen Landstriche. +Er trieb die Gallier zurück, und die Barbaren +sahen sich nunmehr selber gleichsam wieder belagert. +</p> + +<p> +Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam +und verschwand wieder und wiederholte dieses Manöver so +lange, bis er sie nach und nach aus ihren Lagern fortlockte. +Spendius war genötigt, den andern zu folgen, +und schließlich zog auch Matho ab. +</p> + +<p> +Letzterer ging jedoch nicht über Tunis hinaus, sondern +setzte sich in dieser Stadt fest. Die Hartnäckigkeit, mit +der er dort verblieb, war sehr klug, denn alsbald sah man +Naravas mit seinen Truppen und Elefanten zum Khamontor +herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich gerufen. +Schon streiften die übrigen Barbaren durch die Provinzen +zur Verfolgung des Suffeten. +</p> + +<p> +Er hatte in Klypea eine Verstärkung von dreitausend +Galliern erhalten. Aus der Kyrenaika ließ er Pferde, +aus Bruttium Rüstungen kommen. Er begann den Krieg +von neuem. +</p> + +<p> +Noch nie war sein Genie so reg und schöpferisch gewesen. +Fünf Monate lang lockte er die Söldner hinter +sich her. Er hatte ein festes Ziel vor Augen. Er wollte sie +nach einem bestimmten Orte verführen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im +Kleinkrieg beizukommen, aber die kleinen Abteilungen +hatten keine Erfolge. Nun blieben sie vereint. Ihr Heer +belief sich auf etwa vierzigtausend Mann. Jetzt hatten sie +in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager zurückweichen +zu sehn. +</p> + +<p> +Stark belästigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas. +Oft zur heißesten Tageszeit, wenn man unter der +Last der Waffen schlaftrunken durch die Ebene zog, stieg +plötzlich dichter Staub am Horizont auf. Etwas Unsichtbares +brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke, +in der eine Menge flammender Augen blitzte, +schoß ein Pfeilhagel hervor. Von weißen Mänteln umflatterte +Numidier stießen ein lautes Geheul aus, reckten die +Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit kräftigem +Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger +Entfernung führten sie stets auf Dromedaren Vorräte an +Wurfspießen mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher +wieder, heulten wie Wölfe und flohen abermals +wie die Geier. Die Flügelmänner der Barbaren fielen +einer nach dem andern. Das währte so fort bis zum +Abend, wo man ins Gebirge zu entkommen suchte. +</p> + +<p> +Obwohl die Berge für die Elefanten gefährlich waren, +wagte sich Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen +Kette, die sich vom Hermäischen Vorgebirge bis zum +Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine Gegner glaubten, +er wolle dadurch die Schwäche seiner Truppen verbergen. +Die beständige Ungewißheit, in der er sie erhielt, erbitterte +sie schließlich mehr als eine Niederlage. Entmutigen ließen +sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter +ihm her. +</p> + +<p id="p369"> +Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine +Abteilung leichten Fußvolks zwischen dem Silberberg +und dem Bleiberg in einer wüsten Felsengegend am Eingang +zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das +ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch +und Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden +alsbald in den Schluchten. Der Engweg führte +in einen Talkessel hinab, der rings von hohen Felswänden +umgeben war, die das Aussehen einer Säge +hatten und dem Ort den Namen »die Säge« verliehen. +Um die Flüchtigen einzuholen, stürzten die Barbaren +nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager, dabei +eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes +Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem +roten Mantel. Das sei der Marschall, hieß es. Mit um +so mehr Wut und Freude stürmte man weiter. Einige +waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang +des Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen +Reiter hervor und jagten sie mit Lanzenstößen und +Säbelhieben den andern nach. Bald waren alle Barbaren +zwischen den Felsenwänden. +</p> + +<p> +Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter +gewogt war, machte man Halt. Man fand vorn keinen +Ausgang. +</p> + +<p> +Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um, +doch auch der Weg dahin war wie verschwunden. Man +rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren. Diese sahen +sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun +auf die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den +Herweg wiederzufinden wüßten. +</p> + +<p> +Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen, +als Männer, die sich hinter den Felsen versteckt gehalten +hatten, große Blöcke mit Balken hoben und umstürzten. +Da der Abhang steil war, rollten die gewaltigen +Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang +vollständig. +</p> + +<p> +Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer, +vielfach von Klüften durchschnittener Gang durch eine +Schlucht wieder zur Hochebene hinauf. Dort befand sich +das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im +voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die +Windungen der Schlucht geschützt, konnte das leichte +Fußvolk rasch auf den Leitern emporklettern, ehe es von +den Söldnern eingeholt wurde. Einige verliefen sich +bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen herauf, +denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und +war so steil, daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen +konnte. Die Barbaren langten fast unmittelbar +hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes Drahtgitter, +genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich +vor ihnen herab, wie ein vom Himmel fallender Wall. +</p> + +<p> +So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner +von den Söldnern kannte das Gebirge, und die Vorhut +der Marschkolonne hatte die übrigen nach sich gezogen. +Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren, +hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles +vorwärts eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne +ein Geschrei erhoben, als sei es in Not. Allerdings +hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk aufs Spiel gesetzt, +doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den Erfolg +einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal +mehr geopfert. +</p> + +<p> +Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener +Ordnung von einem Ende des Talkessels zum +andern. Sie betasteten die Hänge mit ihren Händen und +suchten einen Ausgang. +</p> + +<p> +Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen +weißen, senkrecht aufsteigenden Felswände. Und kein +Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die beiden natürlichen +Ausgänge der Sackgasse waren durch das Drahthindernis +und die Felshaufen gesperrt. +</p> + +<p> +Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch +Mut. Allen lief es eiskalt über den Rücken. Die Lider +wurden ihnen schwer wie Blei. Und doch rafften sie sich +wieder auf und rannten gegen die Felsen an. Aber die +unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden +unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern, +um den Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige +Gestalt der Steinsäulen bot nirgends Stützpunkte. Man +wollte den Fels zu beiden Seiten der Schlucht sprengen, +aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen zündete +man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte +man das Felsgebirge nicht. +</p> + +<p> +Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis. +Es starrte von langen pfahldicken Nägeln, spitzer als +die Stacheln eines Igels und dichter als die Borsten +einer Bürste. Die Söldner wurden von einer solchen +Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten +wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten +prallten zurück, und schließlich stand man allgemein +davon ab, Fleischfetzen und blutige Haarbüschel an den +entsetzlichen Stacheln zurücklassend. +</p> + +<p> +Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man +fest, wieviel Lebensmittel noch vorhanden waren. Die +Söldner, deren Gepäck verloren gegangen war, besaßen +kaum noch für zwei Tage Vorrat und die übrigen Truppen +überhaupt keinen, da sie auf eine von den Dörfern +des Südens versprochene Zufuhr gerechnet hatten. +</p> + +<p> +Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern +in die Schlucht getrieben worden waren, um +die Barbaren anzulocken. Man tötete sie mit Lanzenstichen +und verzehrte sie, und als die Magen gefüllt waren, +heiterten sich die Gedanken ein wenig auf. +</p> + +<p> +Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa +vierzig Stück. Dann zog man die Häute ab, kochte die +Eingeweide und zerstieß die Knochen zu Mehl. Noch +verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mußte ohne +Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrücken! +</p> + +<p> +Am Abend des fünften Tages war der Hunger wieder +groß. Man nagte schon an den Lederkoppeln und den +kleinen Schwämmen, die im Innern der Helme angebracht +waren. +</p> + +<p> +So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von +Rennbahn zusammengepfercht, rings von hohen Bergwänden +umschlossen. Einige blieben vor dem Drahthindernis, +andre an den Felsblöcken am Eingang. Die übrigen +lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die +Starken gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen +suchten die Mutigen auf, die ihnen doch auch nicht +helfen konnten. +</p> + +<p> +Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten +wegen ihrer Ausdünstung sofort verscharrt. Die Grabstellen +waren nicht mehr zu erkennen. +</p> + +<p> +Die Barbaren lagerten alle entkräftet am Boden. Nur +hier und da schritt ein Veteran durch die Reihen. Man +heulte Verwünschungen gegen die Karthager, gegen +Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an diesem +Mißgeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch +ein, daß die Leiden geringer sein mußten, wenn er bei +ihnen wäre. Nun seufzten sie. Manche weinten leise wie +kleine Kinder. +</p> + +<p> +Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel. +Die aber antworteten nicht oder griffen wutentbrannt +nach Steinen und warfen sie den Leuten ins Gesicht. +</p> + +<p> +Manche bewahrten in Erdlöchern sorgfältig einen kleinen +Eßvorrat, ein paar Hände voll Datteln und etwas +Mehl. Davon aßen sie des Nachts, wobei sie den Kopf +unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert besaß, +hielt es gezückt in der Hand. Noch Mißtrauischere blieben +an die Felswand gelehnt stehen. +</p> + +<p> +Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit +ließ sich trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der +Hartnäckigkeit des Barbaren, der vor nichts zurückschreckt, +ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den Felsblöcken, +immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu +finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten +pelzbedeckten Schultern erinnerte seine Gefährten an den +Gang eines Bären, der im Frühjahr aus seiner Höhle +hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist. +</p> + +<p> +Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen +in einer der Felsspalten. Er hatte Furcht und ließ das +Gerücht verbreiten, er sei gestorben. +</p> + +<p> +Die Söldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit. +Ihre Haut bedeckte sich mit bläulichen Flecken. Am +Abend des neunten Tages starben drei Iberer. Ihre +entsetzten Gefährten verließen die Stelle. Man entkleidete +sie, und die nackten weißen Leiber blieben in der Sonne +auf dem Sande liegen. +</p> + +<p> +Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen. +Es waren das Leute, an das Leben in der +Wüste gewöhnt, die keinen Gott fürchteten. Schließlich +gab der Älteste der Schar ein Zeichen. Die andern beugten +sich über die Leichen und schnitten mit ihren Messern +Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend, +verzehrten sie es. Die übrigen Barbaren sahen von weitem +zu. Man stieß Schreie des Abscheus aus, und doch +beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut. +</p> + +<p> +Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht näher +und baten, ihre Begierde verhehlend, um einen kleinen +Bissen, nur um davon zu kosten, wie sie sagten. Kühnere +traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein +ganzer Haufen. Die meisten ließen jedoch die Hand wieder +sinken, als sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fühlten. +Manche freilich verschlangen es mit Wonne. +</p> + +<p> +Um durchs Beispiel verführt zu werden, munterte man +sich gegenseitig auf. Mancher, der das Leichenfleisch +anfangs zurückgewiesen hatte, ging zu den Garamanten und +kam nicht wieder. Man briet die Stücke an den Schwertspitzen +über Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt +sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts +mehr übrig war, schweiften die Augen der Esser über die +ganze Ebene, um andre zu erspähen. +</p> + +<p> +Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager +gefangen genommen, die bisher niemand beachtet hatte? +Sie verschwanden. Das war obendrein eine Rache! +Und da man leben mußte, da sich der Geschmack an solcher +Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern +war, so schlachtete man weiterhin die Wasserträger, +die Troßknechte und die Burschen der Söldner. Jeden +Tag wurden ein paar abgestochen. Manche aßen viel, +kamen wieder zu Kräften und waren nicht mehr traurig. +</p> + +<p> +Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich +die Gier auf die Verwundeten und Kranken. Da sie doch +nicht wieder gesund würden, sei es besser, sie von ihren +Qualen zu erlösen. Sobald ein Mann matt wurde, +schrien alle, er sei verloren und müsse den andern als +Speise dienen. Um den Tod solcher Unglücklichen zu +beschleunigen, wandte man Hinterlist an. Man stahl ihnen +den letzten Rest ihrer Nahrung oder trat wie aus Versehen +auf sie. Damit man sie für frisch und kräftig halte, +versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken, +aufzustehn, zu lachen. Ohnmächtige erwachten bei der +Berührung schartiger Klingen, die ihnen ein Glied vom +Leibe sägten. Manche mordeten auch ohne Bedürfnis, +aus Blutgier, um die Wut zu stillen. +</p> + +<p> +Ein schwerer schwüler Nebel, wie er in diesen Landstrichen +gegen das Ende des Winters eintritt, senkte sich am +vierzehnten Tage auf das Heer herab. Dieser Witterungswechsel +führte zahlreiche Todesfälle herbei, und in der +feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswänden verfing, +vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit. +Der Sprühregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte +sie auf und verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in +eine riesige Aasgrube. Weiße Dünste wogten über ihr, +reizten die Nase, durchdrangen die Haut und trübten die +Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem, +die Seelen ihrer toten Kameraden zu spüren. Ungeheurer +Ekel ergriff sie. Sie vermochten keine Leiche mehr +anzurühren. Lieber wollten sie selber sterben. +</p> + +<p> +Zwei Tage später wurde das Wetter wieder klar, und +der Hunger stellte sich von neuem ein. Bisweilen war es +den Leidenden, als risse man ihnen den Magen mit Zangen +aus dem Leibe. Sie wälzten sich in Krämpfen, steckten +sich Hände voll Erde in den Mund, bissen sich in die +Arme und brachen in irres Gelächter aus. +</p> + +<p> +Quälender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen +Wasser mehr. Die Schläuche waren seit dem neunten +Tage völlig leer. Um den Gaumen zu täuschen, legte +man sich die Metallschuppen der Koppeln, die Elfenbeinknäufe +und die Klingen der Schwerter auf die Zungen. +Ehemalige Karawanenführer schnürten sich den Leib mit +Stricken zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen. +Man trank Urin, den man vorher in den ehernen Helmen +erkalten ließ. Und immer noch wartete man auf das Heer +von Tunis! Daß es so lange dauerte, bis es eintraf, +das war – so bildete man sich ein – eine Gewähr für sein +baldiges Erscheinen. Überdies sei Matho ein wackerer +Mann, der niemanden im Stiche ließ! »Morgen wird +er kommen!« tröstete man sich. Doch das »morgen« verging. +</p> + +<p> +Zu Anfang hatten die Söldner Gebete gesprochen, Gelübde +getan, alle möglichen Verschwörungen angewandt. +Jetzt aber empfanden sie gegen ihre Götter nur noch Haß, +und aus Rache gab man sich Mühe, nicht mehr an sie zu +glauben. +</p> + +<p> +Naturen von heftiger Gemütsart kamen zuerst um. Die +Afrikaner widerstanden besser als die Gallier. Zarzas +lag zwischen seinen Baleariern der Länge nach ausgestreckt, +sein Haupthaar über den Arm geworfen. Er rührte sich +nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit breiten +saftreichen Blättern entdeckt und nährte sich von ihr, +nachdem er sie für giftig erklärt hatte, um andere davon +abzuschrecken. +</p> + +<p> +Man war zu schwach, um durch Steinwürfe die umherfliegenden +Raben zu töten. Zuweilen, wenn ein Lämmergeier +auf eine der Leichen geflogen war und schon seit +einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner, mit +einem Wurfspieß zwischen den Zähnen, an ihn heran, +stützte sich auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt +hatte, schoß er seine Waffe ab. Der weißgefiederte Vogel +hielt inne, durch das Geräusch gestört, und blickte ruhig +umher wie ein Seerabe auf einer Klippe. Dann hackte +er mit seinem scheußlichen gelben Schnabel wieder in +die Leiche, und der Schütze sank verzweifelt in den Sand. +Manchen gelang es, Chamäleons und Schlangen ausfindig +zu machen. Was aber eigentlich am Leben erhielt, +das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und +Trachten war ausschließlich auf diesen einen Gedanken +gerichtet. Man klammerte sich an das Dasein mit einer +Willenskraft, die es verlängerte. +</p> + +<p> +Die Gleichmütigsten hockten hier und dort in dem weiten +Tal im Kreise beisammen und überließen sich, in ihre +Mäntel gehüllt, schweigsam ihrer Trübsal. +</p> + +<p> +Die in Städten Geborenen vergegenwärtigten sich geräuschvolle +Straßen, Schenken und Schauspiele, Bäder +und Barbierstuben, wo man Geschichten erzählen hört. +Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe Ähren +wogten, und große Ochsen trotteten an der Pflugschar +langsam die Höhe hinauf. Wüstenwanderer dachten an +Oasen, Jäger an ihre Wälder, Veteranen an bestimmte +Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die alle betäubte, +gewannen diese Phantastereien die Farben und +die Plastik von Träumen. Sinnestäuschungen traten auf. +Manche suchten an der Bergwand nach einer Tür, um +zu entfliehen, und wollten durch den Fels hindurch. +Andre wähnten sich während eines Sturmes zu Schiff +und erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder +wichen entsetzt zurück, da sie in den Wolken punische +Heerscharen erblickten. Noch andre glaubten bei einem +Feste zu sein. Sie sangen. +</p> + +<p> +Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstörung +immer dasselbe Wort oder dieselbe Gebärde. Wenn +sie dann den Kopf erhoben und einander anschauten, erstickten +sie beim gegenseitigen Anblick ihrer furchtbar verstörten +Gesichter in Tränen. Manche fühlten keine Schmerzen +mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzählten sie +von Gefahren, denen sie entronnen wären. +</p> + +<p> +Allen war der Tod gewiß und nahe. Wie oft hatten +sie nicht versucht, sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten +sie den Sieger um seine Bedingungen bitten! Aber +durch welche Vermittlung? Wußte man doch nicht einmal, +wo sich Hamilkar befand! +</p> + +<p> +Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos ließ er +den Sand in Bächen in das Drahthindernis rieseln. Die +Mäntel und das Haar der Barbaren bedeckten sich damit, +als ob sich die Erde über sie hinwälze und sie begraben +wolle. Nichts rührte sich. Die ewigstarren Berge +schienen jeden Morgen noch höher geworden zu sein. +</p> + +<p> +Bisweilen zogen Vogelschwärme raschen Fluges am +klaren blauen Himmel über den Eingeschlossenen hin, in +der Freiheit der Lüfte. Man schloß die Augen, um sie +nicht zu sehen. +</p> + +<p> +Manche verspürten ein Summen in den Ohren. Dann wurden +ihre Fingernägel schwarz, und Kälte ergriff die Brust. +Sie legten sich auf die Seite und verschieden ohne Laut. +</p> + +<p> +Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fünfzehnhundert +von den Inseln, achttausend Libyer, die Jüngsten +unter den Söldnern und ganze Landsmannschaften +tot, – insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer. +Autarit, der nur noch fünfzig von seinen Galliern hatte, +wollte sich schon töten lassen, um allem Leid überhoben +zu sein. Da glaubte er, auf einem Saumpfad hoch in +den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war so weit +entfernt, daß er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte +Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattförmigen +Schild. +</p> + +<p> +»Ein Karthager!« schrie er. +</p> + +<p> +Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis +zu den Felsblöcken, alles auf den Beinen. +</p> + +<p> +Der Karthager schritt an den abschüssigen Hängen hin. +Die Barbaren sahen ihm von unten aus zu. +</p> + +<p> +Spendius nahm einen Ochsenschädel auf, krönte ihn um +die Hörner mit einer Art Diadem, aus zwei Gürteln +hergestellt, und befestigte ihn als Symbol friedlicher Gesinnung +an einer Stange. +</p> + +<p> +Der Karthager verschwand. Man wartete. +</p> + +<p> +Endlich am Abend fiel plötzlich von der Felswand ein +Bandolier herab wie ein losgelöster Stein. Es war aus +rotem Leder, mit Stickereien bedeckt und mit drei Diamantsternen +besetzt. In der Mitte trug es ein Siegel +mit dem Wappen des Großen Rates: ein Roß unter +einem Palmbaum. Das war Hamilkars Antwort, der +Geleitbrief, den er ihnen sandte. +</p> + +<p> +Die Söldner hatten im Grunde nichts zu fürchten: +jede Änderung ihres Schicksals war wenigstens das +Ende der bisherigen Qual. Maßlose Freude ergriff sie. +Sie umarmten einander unter Tränen. Spendius, Autarit +und Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei +Spartiaten erboten sich zu Unterhändlern. Man erteilte +ihnen unverzüglich Vollmacht. Allerdings wußten +sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten. +</p> + +<p> +Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht. +Der oberste Felsblock wankte und rollte über +die andern hinab. Während die Blöcke nämlich auf der +Seite der Barbaren unerschütterlich waren, da man sie +eine schräge Fläche hätte hinaufschieben müssen – zudem +waren sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrängt –, +so genügte von der andern Seite ein starker +Stoß, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten dies, +und bei Tagesanbruch rollten die Blöcke in die Tiefebene +hinunter wie die Stufen einer zerstörten Riesentreppe. +</p> + +<p> +Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne +weiteres über sie hinweg. Man reichte ihnen Leitern. +Alle stürzten sich darauf. Das Geschoß eines schweren +Geschützes trieb die Menge zurück. Nur die Zehn wurden +durchgelassen. +</p> + +<p> +Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich +mit einer Hand auf den Rücken der Pferde aufstützen +durften, sonst hätten sie sich vor Mattigkeit nicht aufrecht +halten können. +</p> + +<p> +Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen +sich die Zehn Sorgen zu machen. Hamilkars Forderungen +würden grausam sein! Doch Spendius beruhigte sie: +</p> + +<p> +»Ich werde schon reden!« Und er rühmte sich zu wissen, +was zum Heile des Heeres zu sagen dienlich sei. +</p> + +<p> +Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte +Posten. Beim Anblick des Bandoliers, das Spendius +über seine Schulter trug, salutierten die Posten. +</p> + +<p> +Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft +von der Menge umdrängt. Man vernahm Geflüster +und Lachen. Eine Zelttür öffnete sich. +</p> + +<p> +Hamilkar saß im Hintergrunde auf einem Schemel +neben einem niedrigen Tische, auf dem sein blankes Schwert +lag. Offiziere umstanden ihn. +</p> + +<p> +Als er die Unterhändler erblickte, fuhr er zurück. Dann +beugte er sich vor, um sie zu betrachten. +Ihre Augen waren unnatürlich groß. Breite schwarze +Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie. +Ihre bläulichen Nasen standen spitz und weit ab von +den hohlen, tief gefurchten Wangen. Die Haut war für +die Körper zu weit geworden und überdies unter einer +schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die Lippen +klebten an den gelben Zähnen. Ein widerlicher Geruch +machte sich bemerkbar, wie aus geöffneten Gräbern, von +wandelnden Leichen. +</p> + +<p> +Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die +Offiziere niederlassen sollten, eine Schüssel mit dampfenden +Kürbissen. Die Barbaren starrten sie an, am ganzen +Leibe schlotternd. Tränen traten ihnen in die Augen. +Trotzdem bezwangen sie sich. +</p> + +<p> +Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere +zu sprechen. Da stürzten die Zehn über das Gericht her, +indem sie sich flach auf den Bauch warfen. Ihre Gesichter +tauchten in das Fett, und das Geräusch des Hinterschlingens +mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das +sie dabei ausstießen. Offenbar mehr aus Verwunderung +denn aus Mitleid ließ man sie die Schüssel leeren. Als +sie sich wieder erhoben hatten, winkte Hamilkar dem +Träger des Bandoliers, zu reden. +</p> + +<p> +Spendius ward ängstlich. Er stotterte. +</p> + +<p> +Hamilkar hörte ihm zu, während er den großen goldnen +Siegelring an seinem Finger drehte, mit dem er das +Wappen Karthagos auf das Bandolier gedrückt hatte. +Er ließ ihn auf die Erde fallen. Spendius hob ihn +rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges +Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern +erbebten vor Entrüstung über diese freiwillige Demütigung. +</p> + +<p> +Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos +Übeltaten hin, den er als Feind des Barkas kannte, und +suchte Hamilkar durch eine Schilderung der Einzelheiten +ihres Elends und durch den Hinweis auf ihre frühere +Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher, +durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem +Enthusiasmus fortgerissen, vergaß er sich schließlich. +</p> + +<p> +Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen +an. Es solle also Friede gemacht werden, und diesmal +endgültig! Doch verlange er, daß man ihm zehn Söldner +nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne +Kleidung. +</p> + +<p> +Solche Milde hatten sie nicht erwartet. +</p> + +<p> +»O, zwanzig, wenn du willst, Herr!« rief Spendius aus. +</p> + +<p> +»Nein, zehn genügen mir!« antwortete Hamilkar gnädig. +</p> + +<p> +Man ließ die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich +beraten konnten. Sobald sie allein waren, sprach Autarit +zugunsten der zu opfernden Kameraden, und Zarzas sagte +zu Spendius: +</p> + +<p> +»Warum hast du ihn nicht getötet? Sein Schwert lag +dicht neben dir!« +</p> + +<p> +»Ihn!« stieß Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte +er: »Ihn! Ihn!« – als ob das ein Ding der Unmöglichkeit +und Hamilkar ein Unsterblicher sei. +</p> + +<p> +Eine solche Mattigkeit überkam alle, daß sie sich mit dem +Rücken auf die Erde legten. Sie wußten nicht, wozu +sie sich entschließen sollten. +</p> + +<p> +Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich +willigten sie ein und traten wieder in das Zelt. +</p> + +<p> +Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in +die Hände der zehn Barbaren und drückte ihnen den Daumen. +Hinterher wischte er sich die Hand an seinem Gewand +ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen verursachte +bei der Berührung eine rauhe und zugleich weiche +Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann +sprach er zu ihnen: +</p> + +<p> +»Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt +als Bevollmächtigte die Bedingung angenommen ...« +</p> + +<p> +»Jawohl!« antworteten sie. +</p> + +<p> +»... aus freien Stücken, ohne Arglist, und in der Absicht, +die Zusage zu halten?« +</p> + +<p> +Sie versicherten, daß die Bedingung nach ihrer Rückkehr +zum Heere erfüllt würde. +</p> + +<p> +»Gut!« sagte der Suffet. »Kraft der Vereinbarung, +zwischen mir, Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmächtigten +der Söldner, geschlossen, wähle ich <i>euch und +behalte euch</i>!« +</p> + +<p> +Spendius sank ohnmächtig auf die Matte. Die Barbaren +drängten sich nach der andern Seite eng zusammen, +als hätten sie nichts mit ihm gemein. Kein Wort, keine +Klage ward laut. +</p> + +<p> +Die in der Säge Eingeschlossenen, die der Unterhändler +harrten und sie nicht zurückkehren sahen, hielten sich für +verraten. Offenbar hatten sich die Zehn dem Suffeten +ergeben. +</p> + +<p> +Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten +ward ein Entschluß gefaßt. Auf Strickleitern, die man +aus Lanzen, Pfeilen und Leinwandstücken herstellte, gelang +es vielen, die Felsen zu erklimmen. Unter Zurücklassung +der Schwächeren machten sich auf diese Weise +etwa dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis +zu stoßen. +</p> + +<p> +Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit +kärglichem Gesträuch bewachsen. Die Barbaren verzehrten +die Knospen. Dann fanden sie ein Bohnenfeld. Bald +war es verschwunden, als wäre ein Heuschreckenschwarm +darüber hergefallen. Drei Stunden später gelangte man +auf eine Hochebene, die ein Kranz von grünen Hügeln +umrahmte. +</p> + +<p> +Zwischen den Hügeln glänzten in gleichen Abständen +silberne Bündel. Darunter erblickten die Barbaren, von +der Sonne geblendet, undeutliche dicke, schwarze Massen, +auf denen diese Bündel lagerten. Mit einem Male +entfalteten sie sich, als ob sie aufblühten. Es waren die +Lanzen in den Türmen grauenhaft bewaffneter Elefanten. +</p> + +<p> +Außer den Spießen an ihrer Brust, den Eisenspitzen +ihrer Stoßzähne, den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten, +und den scharfen Dolchen an ihren eisernen Kniekappen +trugen sie in ihren Rüsseln Lederschlaufen, an +denen breite Säbel befestigt waren. Alle Elefanten waren +gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und +rückten von allen Seiten gleichmäßig heran. +</p> + +<p> +Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie +machten nicht einmal den Versuch, zu fliehen. Schon +waren sie umzingelt. +</p> + +<p> +Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die +Spieße an ihrer Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer +Stoßzähne wühlten sie auf wie Pflugschare. Die Säbel an +ihren Rüsseln zerschnitten und zerhackten sie. Die Türme +mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen. +Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das +Menschenfleisch weiße Flecke, die Erzplatten graue Flächen +und das Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren +Tiere, die mitten hindurchstampften, gruben schwarze +Furchen hinein. Das wütendste wurde von einem Numidier +gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug. +Er schleuderte Wurfspieße mit gräßlicher Geschwindigkeit +und stieß dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen +Pfiff aus. Folgsam wie Hunde, wandten die riesigen +Tiere während des Gemetzels fortwährend ihre Blicke +nach ihm. +</p> + +<p> +Allmählich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren +leisteten keinen Widerstand weiter. Bald waren die +Elefanten in der Mitte der Hochebene. Schon hatten sie +keinen genügenden Raum mehr. Sie drängten sich und +gerieten aneinander. Ihre Hauer berührten sich bereits. +Aber Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und +trabten nach den Hügeln zurück. +</p> + +<p> +Indessen hatten sich zwei Kompagnien Söldner nach +rechts in eine Mulde geflüchtet und ihre Waffen weggeworfen. +Dort fielen sie in die Knie und streckten die Arme, +Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus. +</p> + +<p> +Man fesselte sie an Händen und Füßen. Als sie dann +nebeneinander auf dem Boden lagen, führte man die +Elefanten zurück. +</p> + +<p> +Alsbald krachten die Brustkörbe wie einbrechende Kästen. +Jeder Tritt zermalmte zwei Menschen. Die plumpen +Füße schlürften über die Leiber hin mit Bewegungen, +die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam vollendeten +sie ihr Werk. +</p> + +<p> +Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die +Nacht brach an. Hamilkar weidete sich am Anblick seiner +Rache. Doch plötzlich erbebte er. +</p> + +<p> +Er und alle erblickten zur Linken auf der Höhe eines +Hügels auf sechshundert Schritt Entfernung noch andre +Barbaren. In der Tat hatten sich vierhundert der tüchtigsten +Söldner, Etrusker, Libyer und Spartiaten, von +Anfang an in die Hügel zurückgezogen und waren dort +bisher unschlüssig verblieben. Nach der Niedermetzlung +ihrer Gefährten beschlossen sie, sich durch die Karthager +durchzuschlagen. Just marschierten sie nun in einer wohlgeordneten +Breitkolonne herab, ein wunderbar schrecklicher +Anblick. +</p> + +<p> +Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet +brauche Soldaten. Er bewundere ihre Tapferkeit so, daß +er sie bedingungslos annehme. Sie dürften sogar, fügte +der Karthager hinzu, noch etwas näher rücken, bis zu +einer Stelle, die er ihnen bezeichnen ließ. Dort fänden +sie Lebensmittel. +</p> + +<p> +Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die +Nacht mit Essen. Da murrten die Karthager über die +parteiische Vorliebe des Suffeten für die Söldner. +</p> + +<p> +Gab er in der Folge diesen Äußerungen unersättlichen +Hasses nach, oder war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete +Verräterei? Jedenfalls kam er selbst am nächsten +Morgen, ohne Schwert, barhäuptig, mit einem kleinen +Stabe von Klinabaren zu den Söldnern und erklärte +ihnen, er hätte schon allzuviel Leute zu ernähren und beabsichtige +darum nicht, sie allesamt zu behalten. Da er +jedoch Soldaten brauche und nicht wisse, auf welche Weise +er die Tüchtigsten von ihnen ermitteln könne, so sollten +sie auf Tod und Leben miteinander kämpfen. Die Sieger +wolle er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein +Tod sei ja so gut wie jeder andre. Dabei zeigte er ihnen, +indem er seine Truppen auseinander rücken ließ – denn +die punischen Fahnen hatten den Söldnern bisher das +verborgen, was weiter hinten stand –: die hundertundzweiundneunzig +Elefanten des Naravas, die eine einzige +gerade Linie bildeten und mit ihren Rüsseln breite Klingen +schwangen. Da ward den Barbaren zumute, als ob Riesenarme +Henkersbeile über ihre Köpfe hielten. +</p> + +<p> +Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war +es, der sie durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang, +der ihnen angetan ward. +</p> + +<p> +Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen +den Söldnern geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten +die Heimat. Da sie ohne Familie lebten, widmeten sie ihr +Zärtlichkeitsbedürfnis einem Waffengefährten, mit dem +sie Seite an Seite, unter demselben Mantel, im Sternenlichte +schliefen. Auch waren bei dem beständigen Wandern +durch aller Herren Länder, den gemeinsamen Todesgefahren +und Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden, +unzüchtige Verbindungen, ihnen ebenso ernsthaft +wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der Stärkere +den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, ihm beim +Sprung über Abgründe half, ihm den Fieberschweiß von +der Stirn trocknete und Nahrung für ihn stahl, während +der andere, ein am Straßenrand aufgelesener Bursche, +der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe mit +tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten +einer Gattin vergalt. +</p> + +<p> +Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus, +Geschenke, die sie sich dereinst nach irgendeiner großen +Gefahr, in trunkenen Stunden gemacht hatten. Alle verlangten +den Tod, keiner wollte ihn geben. Es war da +manch ein Jüngling, der zu einem graubärtigen Manne +sagte: »Nein, nein, du bist der Stärkere! Du wirst uns +rächen! Töte mich!« Und der alte Landsknecht erwiderte: +»Ich hab nicht lange mehr zu leben! Stoß mir ins Herz +und denk nicht mehr daran!« Brüder blickten sich Hand +in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf +ewig Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern +hingen. +</p> + +<p> +Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher +durchdrängen. Da kamen wie Inschriften an Denkmälern +die Narben der schweren Wunden zum Vorschein, die sie +für Karthago empfangen hatten. +</p> + +<p> +Man ordnete sich in vier gleichgroßen Reihen nach Gladiatorenart +und begann zaghaft gegeneinander zu fechten. +Manche hatten sich sogar die Augen verbunden, und +ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft wie der +Stock eines Blinden. Die Karthager stießen ein Hohngeschrei +aus und schimpften: »Feiglinge!« Das regte die +Barbaren auf, und bald ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich +und gräßlich. +</p> + +<p> +Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne, +sank einander in die Arme und starb unter Küssen. Keiner +wich zurück. Man stürzte in gezückte Klingen. Die Raserei +ward so wild, daß die Karthager trotz der Entfernung +Angst bekamen. +</p> + +<p> +Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut, +und man erkannte wilde Augen zwischen langem, wirrem +Haar, das blutig herabhing, als wär es einem Purpurbade +entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich selbst +wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre +standen unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu +ihren Füßen. Dann zerrissen sie sich plötzlich das Gesicht +mit den Fingernägeln, packten ihr Schwert mit beiden +Händen und stießen es sich in den eigenen Leib. +</p> + +<p> +Sechzig waren noch übrig. Sie verlangten zu trinken. +Man rief ihnen zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen. +Nachdem sie das getan, brachte man ihnen Wasser. +</p> + +<p> +Während sie tranken und das Gesicht tief in die Gefäße +drückten, sprangen sechzig Karthager hinterrücks auf sie +zu und erdolchten sie. +</p> + +<p> +Hamilkar ließ dies alles geschehen, um den Gelüsten seines +Heeres nachzukommen und es durch diesen Verrat an +seine Person zu fesseln. +</p> + +<hr /> + +<p> +Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man +es. Matho würde keinen Widerstand leisten! In seiner +Ungeduld befahl der Suffet sofort den Abmarsch. +Seine Aufklärer meldeten ihm, sie hätten einen Wagenzug +gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge. +Hamilkar kümmerte sich nicht darum. Waren erst die +Söldner völlig vernichtet, so sollten ihm die Nomaden +keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die +Einnahme von Tunis. In starken Tagesmärschen eilte +er dorthin. +</p> + +<p> +Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde +zu überbringen. Stolz auf seine Erfolge, trat der +Numidierfürst vor Salambo. +</p> + +<p> +Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in +ihren Gärten unter einer breitästigen Sykomore. Taanach +stand neben ihr. Salambos Gesicht war mit einem weißen +Schleier bedeckt, der ihr so über Mund und Stirn gewunden +war, daß er nur die Augen frei ließ. Aber ihre +Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die +Edelsteine an ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hände +verhüllt. Während des ganzen Gespräches machte sie nicht +eine Gebärde. +</p> + +<p> +Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren. +Sie dankte ihm mit einem Segensspruche für die ihrem +Vater geleisteten Dienste. Darauf begann er den ganzen +Feldzug zu erzählen. +</p> + +<p> +Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise. +Haubenlerchen, tartessische Wachteln und punische Perlhühner +hüpften im Grase. Der Garten war seit langem +vernachlässigt und verwildert. Koloquinten kletterten in +die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in +den Rosenbeeten. Allerlei Gewächse rankten sich durcheinander +und formten Lauben. Wie in einem Walde malten +die schrägen Sonnenstrahlen da und dort die Schatten +der Blätter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder verwildert +waren, flohen beim leisesten Geräusch. Bisweilen +erblickte man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen +Hufen verlorene Pfauenfedern hingen. Der ferne Lärm +der Stadt ertrank im Rauschen der Meereswogen. Der +Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den Fluten. +</p> + +<p> +Naravas hatte auserzählt. Salambo blickte ihn an, +ohne zu sprechen. Er trug ein mit Blumen bemaltes +Linnengewand mit goldenen Fransen am Saum. Zwei +silberne Pfeile hielten sein über den Ohren geflochtenes +Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den +Schaft seiner Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbüscheln geschmückt war. +</p> + +<p> +Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer +in lose Gedanken. Der Jüngling mit seiner sanften +Stimme und seiner frauenhaften Gestalt bezauberte ihre +Augen durch die Anmut seiner Erscheinung. Er erschien +ihr wie eine ältere Schwester, von den Göttern zu ihrem +Schutze gesandt. Da aber überkam sie die Erinnerung an +Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach +dem künftigen Schicksal des Libyers zu fragen. +</p> + +<p> +Naravas antwortete ihr, daß die Karthager auf Tunis +marschierten, um es zu erobern. Je ausführlicher er über +die Wahrscheinlichkeit des Gelingens und über Mathos +Schwäche sprach, desto mehr schien sie von einem ganz besonderen +Wunsche erfüllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust +atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit +eigener Hand zu töten, rief sie: +</p> + +<p> +»Ja! Töte ihn! Es muß sein!« +</p> + +<p> +Der Numidier entgegnete, auch er wünsche Mathos Tod +leidenschaftlich, da der Krieg dann beendet sei und er +ihr Gemahl werde. +</p> + +<p> +Salambo schrak zusammen und ließ den Kopf sinken. +</p> + +<p> +Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wünsche mit +Blumen, die nach dem Regen dürsten, und mit verirrten +Wanderern, die des Tages harren. Er sagte ihr, sie sei +schöner als der Mond, köstlicher als der Morgenwind +und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge +für sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in +Karthago nicht gäbe, und die Gemächer ihres Schlosses +sollten mit Goldstaub bestreut werden. +</p> + +<p> +Der Abend nahte. Balsamische Düfte durchwehten die +Luft. Die beiden blickten einander lange schweigend an, +und Salambos Augen blitzten zwischen ihren breiten +Schleiern wie zwei Sterne aus einem Wolkenspalt. Ehe +die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas. +</p> + +<p> +Die Alten fühlten sich von einer großen Sorge befreit, +als Naravas Karthago wieder verließ. Das Volk hatte +ihm mit noch größerer Begeisterung zugejauchzt, als bei +seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar und der Numidierfürst +allein über die Söldner triumphierten, so war +jeder Widerstand gegen die beiden unmöglich! Daher beschlossen +die Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno, +an der Rettung der Republik teilnehmen zu lassen. +</p> + +<p> +Hanno begab sich unverzüglich nach den westlichen Provinzen, +damit die Orte, die seine Schmach erlebt hatten, +auch seine Rache sähen. Doch die Einwohner und +die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen. Nun +ließ er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die +Trümmer der Trümmer, ließ keinen Baum, keinen Halm +stehen, richtete die Kinder und die Kranken, die man aufgriff, +unter Martern hin, und gab seinen Soldaten die +Weiber preis, ehe er sie morden ließ. Die schönsten wurden +in seine Sänfte geworfen, denn seine scheußliche Krankheit +reizte ihn zu wilden Gelüsten, die er mit der ganzen +Wut eines Verzweifelten befriedigte. +</p> + +<p> +Oft sanken auf dem Kamme der Hügel schwarze Zelte, +wie vom Winde verweht, zusammen, und breite Scheiben +mit glänzendem Rande, die man als Wagenräder +erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut hinab +in die Täler. Auf diese Weise irrten einzelne Stämme, +die von der Belagerung Karthagos Abstand genommen +hatten, durch die Provinzen und warteten auf eine Gelegenheit, +auf einen Sieg der Söldner, um wiederzukommen. +Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie +schließlich alle den Heimweg ein und verschwanden. +Hamilkar war auf Hannos Erfolge keineswegs eifersüchtig. +Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu beenden. +Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno, +der glühende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor +den Mauern der Stadt ein. +</p> + +<p> +Sie hatte zu ihrer Verteidigung die eingeborene Bevölkerung, +dazu zwölftausend Söldner und alle Esser unreiner +Speisen, denn sie standen ebenso wie Matho im +Banne Karthagos. Der Pöbel wie der Schalischim betrachteten +von fern seine hohen Mauern und träumten von +den unendlichen Genüssen, die sie bargen. Bei solchem +Einklang im Hasse war der Widerstand rasch ins Werk +gesetzt. Man nahm Schläuche, um Helme daraus zu +machen, fällte alle Palmen in den Gärten, um Lanzen +herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel +zu haben, am Ufer des Hafen die großen weißen Fische, +die sich von Leichen und Abfällen nährten. Die Wälle, +die dank der Eifersucht Karthagos in Trümmern lagen, +waren freilich so schwach, daß man sie durch einen Stoß +mit der Schulter umwerfen konnte. Matho ließ die Löcher +und Lücken darin mit den Steinen der Häuser verstopfen. +Es galt den letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und +doch sagte er sich, das Glück sei wandelbar. +</p> + +<p> +Beim Anrücken bemerkten die Karthager auf dem Wall +einen Mann, der halb über die Brustwehr ragte. Die +Pfeile, die ihn umschwirrten, schienen ihn nicht mehr zu +schrecken als ein Schwarm von Schwalben. Seltsamerweise +traf ihn keins der Geschosse. +</p> + +<p> +Hamilkar schlug sein Lager auf der Südseite der Stadt +auf, Naravas besetzte östlich davon das ebene Land um +Rades. Hanno nahm eine Stellung nördlich von Tunis, +an der Straße nach Karthago ein. Die drei Generale +sollten später auf Verabredung die Stadtmauern von allen +Seiten zugleich angreifen. +</p> + +<p> +Zuvörderst aber wollte Hamilkar den Söldnern zeigen, +daß er sie wie Sklaven zu behandeln gedachte. Er ließ die +zehn Gesandten, einen neben dem andern, auf einer Anhöhe +im Angesicht der Stadt ans Kreuz schlagen. +</p> + +<p> +Bei diesem Anblick verließen die Belagerten den Wall. +Matho erfuhr, daß Hannos Lager nicht genügend gesichert +sei und daß daselbst Unordnung und Sorglosigkeit +herrsche. Sofort entschloß er sich zu einem kräftigen +Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, daß Matho die überraschten +Karthager über den Haufen warf und, den Flüchtlingen +nachdrängend, in das Lager und bis an Hannos +Zelt gelangte, der gerade dreißig der vornehmsten Karthager, +die gesamte Gerusia, bei sich hatte. +</p> + +<p> +Sichtlich entsetzt über die kühnen Eindringlinge, rief er +nach seinen Unterführern. Aber die Barbaren griffen mit +zahllosen Händen nach seiner Gurgel und schrien ihn mit +Schimpfworten an. Es entstand ein allgemeines Gedränge, +und die, die Hanno in den Händen hatten, hielten ihn +nur mit großer Mühe fest. Inzwischen suchte er ihnen +ins Ohr zu flüstern: »Ich gebe euch alles, was ihr verlangt! +Ich bin reich! Rettet mich nur!« Man zerrte ihn +fort. So schwer er war, so berührten doch seine Füße +den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm +fortgerissen. +</p> + +<p> +Sein Schrecken steigerte sich: »Ihr habt mich besiegt! +Ich bin euer Gefangener! Ich kaufe mich los! Hört mich, +meine Freunde!« +</p> + +<p> +Unter den zahllosen Händen, die sich gegen ihn reckten, +wiederholte er immer wieder: »Was wollt ihr? Was +verlangt ihr? Ihr seht ja, ich widersetze mich nicht! Ich +bin immer gutmütig gewesen!« +</p> + +<p> +Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren +brüllten: »Hierher! Hierher!« Hanno überschrie sie und +beschwor sie bei ihren Göttern, ihn zum Schalischim zu +führen, denn er habe diesem etwas anzuvertrauen, wovon +ihr Heil abhinge. +</p> + +<p> +Man hielt inne. Einige meinten, es wäre klug, Matho +zu rufen. Man eilte, ihn zu suchen. +</p> + +<p> +Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz +an Kreuz, als ob sich die Todesmarter, die ihm bevorstand, +im voraus vervielfältige. Er suchte sich einzureden, +daß er sich täusche, daß nur ein einziges dastehe, +ja, daß überhaupt keins vorhanden sei. Da hob man +ihn auf. +</p> + +<p> +»Rede!« sprach Matho. +</p> + +<p> +Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle +er zusammen mit dem Söldner in Karthago einziehen, +beide als Könige. +</p> + +<p> +Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu +beeilen. Er hielt den Vorschlag nur für eine List, um +Zeit zu gewinnen. +</p> + +<p> +Der Barbar täuschte sich. Hanno war in einer jener +verzweifelten Lagen, wo man nichts mehr achtet. Überdies +haßte er Hamilkar so sehr, daß er ihn bei der geringsten +Hoffnung auf Rettung mit allen seinen Soldaten +geopfert hätte. +</p> + +<p id="p397"> +Am Fuße der dreißig Kreuze lagen die Alten halb ohnmächtig +am Boden. Schon waren ihnen Stricke unter +die Achseln gelegt. Da begriff der alte Suffet, daß er +sterben mußte, und begann zu weinen. +Man riß ihm die Reste seiner Kleider vom Leibe, und +sein widerlicher Körper kam zum Vorschein. Schwären +bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt. Die Nägel +seiner Füße verschwanden unter den Fettwülsten seiner +Beine. An seinen Fingern hing es wie grünliche Lappen, +und die Tränen, die zwischen den Eiterbeulen seiner +Wangen herabrannen, verliehen seinem Gesicht etwas +so entsetzlich Trauriges, daß es aussah, als ob sie hier +mehr Raum einnähmen als auf einem andern Menschenantlitz. +Seine Hoheitsbinde hatte sich halb gelöst und +schleifte mit feinen weißen Haaren im Staube. +Man glaubte, nicht genügend starke Stricke zu haben, um +ihn am Kreuze emporziehen zu können. Daher nagelte +man ihn, ehe das Holz wieder aufgerichtet ward, nach +punischem Brauche daran fest. Sein Stolz erwachte im +Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmähworten +zu überschütten. Er schäumte und wand sich wie ein +Meerungeheuer, das man am Strande erschlägt. Er +weissagte ihnen, daß sie alle noch viel schrecklicher umkommen +und daß er gerächt werden würde. +</p> + +<p> +Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt +rangen die zehn Gesandten der Söldner an ihren Kreuzen +mit dem Tode. +</p> + +<p> +Einige, die anfangs ohnmächtig geworden waren, kamen +im frischen Winde wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb +auf der Brust liegen, und ihr Körper sank ein wenig +herab, trotzdem ihre Arme etwas höher als der Kopf angenagelt +waren. Von ihren Fersen und Händen rann +das Blut in dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife +Früchte von den Zweigen eines Baumes fallen. Karthago, +der Golf, die Berge und die Ebenen, alles schien +sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen +wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und +hüllte sie ein. Fürchterlicher Durst verzehrte sie. Die +Zunge klebte ihnen am Gaumen, und sie fühlten einen +eisigen Schweiß über ihre Glieder rinnen, während das +Leben langsam entfloh. +</p> + +<p> +Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straßen, +marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlärm +drang verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen +zu Schiffbrüchigen, die in den Masten eines +Schiffes verschmachten. Die Italiker, kräftiger als die +andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben stumm +und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll, +neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der Äthiopier +neben ihm hatte den Kopf rückwärts über den Querbalken +des Kreuzes geworfen. Autarit hing unbeweglich und rollte +nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an einem +Spane des Holzes über seinem Haupte festgeklemmt hatte, +stand auf seiner Stirn hoch, und das Röcheln, das er +ausstieß, klang fast wie Wutgebrüll. Über Spendius +war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt verachtete er +das Leben, in der Gewißheit, bald für immer erlöst zu +sein, und gleichgültig erwartete er den Tod. +</p> + +<p> +Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen +bei der Berührung von Federn, die ihre Gesichter +streiften. Große Fittiche warfen schwankende Schatten +über sie. Krächzen ertönte in der Luft, und da Spendius +am höchsten Kreuze hing, stieß der erste Geier auf ihn +hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und +sagte langsam, mit unbeschreiblichem Lächeln: +</p> + +<p> +»Entsinnst du dich der Löwen am Wege nach Sikka!« +</p> + +<p> +»Das waren unsre Brüder!« erwiderte der Gallier und +verschied. +</p> + +<hr /> + +<p> +Der Suffet hatte von allen diesen Vorgängen nichts bemerkt. +Die Stadt vor ihm verdeckte das jenseitige Gelände. +Im übrigen war er von Hannos Abteilung nördlich +von Tunis durch das Haff und im Westen durch die +vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune völlig getrennt. +Die Offiziere, die er nach und nach an die beiden +andern Feldherren abgesandt hatte, waren nicht zurückgekehrt. +Jetzt aber kamen Flüchtlinge an, die von Hannos +Niederlage berichteten. +</p> + +<p> +Hamilkar begab sich unverzüglich auf einen erhöhten +Punkt, um sich über die neue Lage zu vergewissern. Er +sah Hannos Lager in Brand, aber ein Windstoß trieb +den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei +bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute +zu erkennen, die auf der Plattform des Eschmuntempels +Ausschau hielten. Dann wandte er den Blick mehr nach +links und erkannte am Ufer des Haffs die dreißig riesigen +Kreuze. +</p> + +<p> +Die Barbaren hatten sie nämlich, um den grausigen +Eindruck zu erhöhen, aus aneinandergesetzten Zeltmasten +errichtet, und so ragten die dreißig Leichen der Alten hoch +in den Himmel. Auf ihrer Brust schimmerte etwas wie +weiße Schmetterlinge. Es war das Gefieder der Pfeile, +die man von unten auf sie abgeschossen hatte. +</p> + +<p> +An der Spitze des höchsten Kreuzes glänzte ein breites +goldenes Band. Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten +hinab. Der Arm fehlte der Leiche auf dieser Seite. +Hamilkar hatte Mühe, Hanno zu erkennen. Die schwammigen +Knochen des Gerichteten waren an den Eisennägeln +nicht fest hängen geblieben. Teile seiner Gliedmaßen +hatten sich losgelöst, und so hingen am Kreuze nur unförmige +Bruchstücke, Tierresten ähnlich, die sich Jäger +an ihre Türen zu nageln pflegen. +</p> + +<p> +Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten +Unglücks wie betäubt. Es hörte nicht auf Hamilkars +Befehle. +</p> + +<p> +Matho benutzte diese Untätigkeit, sich nunmehr gegen die +Numidier zu wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos +rechtzeitig bemerkt. Wohl war er mit seinen Reitern und +Elefanten nach Südwesten vorgerückt, um Hamilkar den +Rücken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus +Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschränktheit? Man +hat es nie erfahren. +</p> + +<p> +Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen +Elefanten rückten an. Aber die Söldner machten sich +Fackeln und rückten, sie schwenkend, in die Ebene vor. +Die mächtigen Tiere scheuten und rannten nach rückwärts +in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich gegenseitig +töteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch +seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Söldner +warfen sich jedoch mit den Gesichtern auf den Boden, +und als die Pferde auf drei Schritt heran waren, sprangen +sie ihnen unter die Bäuche und schlitzten sie mit +Dolchstößen auf. Als Barkas endlich herbeikam, war +bereits die Hälfte der Numidier gefallen. +</p> + +<p> +Erschöpft, wie sie waren, vermochten die Söldner Hamilkars +Truppen nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen +sich daher in guter Ordnung nach dem Berge der Heißen +Wasser zurück. Der Suffet war so klug, sie nicht zu verfolgen. +Er gab die Belagerung von Tunis auf und +wandte sich nach der Makarmündung. +</p> + +<p> +Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom +Winde geführt, am Gestade des Golfes hin, wie schwarze +schwimmende Inseln. Um den Krieg mit Nachdruck zu +unterstützen, hatte Naravas seine Wälder erschöpft. Er +hatte die jungen und die alten Tiere, die Männchen und +die Weibchen genommen. Diese kriegerische Kraft seines +Reiches erholte sich nie wieder. +</p> + +<p> +Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem +umkommen sehn und war untröstlich darüber. Männer +jammerten auf den Straßen und riefen ihre Namen wie +die verstorbener Freunde: »Ach, der Unbesiegliche! Der +Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe!« Am ersten Tag sprach +man von ihnen mehr als von den gefallenen Bürgern. +Doch am nächsten Tage erblickte man die Zelte der Söldner +am Berge der Heißen Wasser. Da ward die allgemeine +Verzweiflung so groß, daß sich viele, namentlich +Frauen, kopfüber von der Akropolis hinabstürzten. +</p> + +<hr /> + +<p> +Hamilkars Pläne kannte keiner. Er lebte einsam in +seinem Zelte. Nur ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand +aß mit den beiden, nicht einmal Naravas. Gleichwohl +bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage +ungewöhnliche Höflichkeit. Der Numidierfürst begehrte +zwar nichts sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn +zu werden, aber er war trotzdem mißtrauisch. +</p> + +<p> +Des Marschalls scheinbare Untätigkeit verdeckte in der +Tat schlaue Machenschaften und Absichten. Durch allerhand +Kunstkniffe gewann er die Dorfältesten und die +Söldner wurden gejagt, vertrieben und umstellt wie wilde +Tiere. Wenn sie in ein Gehölz kamen, begann es zu +brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet. +Man vermauerte die Höhlen, in denen sie nachts +lagerten. Die Nomadenstämme, ihre früheren Mitschuldigen, +die bisher auf ihrer Seite gestanden hatten, wurden +jetzt die Verfolger der Söldner. Man bemerkte bei +diesen Banden stets karthagische Rüstungen. +</p> + +<p> +Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man +munkelte, das sei durch die Berührung von Hannos Leib +entstanden. Andre bildeten sich ein, es wäre die Strafe +dafür, daß sie Salambos Fische gegessen hätten. Doch +weit entfernt, Reue darüber zu empfinden, sannen sie +auf noch abscheulichere Frevel, um die punischen Götter +noch mehr zu beschimpfen. Man hätte sie am liebsten +ausgerottet. +</p> + +<p> +So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostküste +hin und dann über die Sellumer Berge hinaus +bis zum Rande der Wüste. Man suchte einen Zufluchtsort, +gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt +waren treu geblieben. Doch beide Städte wurden von +Hamilkar belagert. Deshalb zog man schließlich auf gut +Glück wieder gen Norden, ohne die Straßen zu kennen. +Das lange Elend hatte die Köpfe schwachsinnig gemacht. +Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende +Erbitterung. Eines Tages waren die Söldner wieder +in den Schluchten von Kobus, abermals vor Karthago. +</p> + +<p id="p403"> +Nun wurden die Treffen häufiger. Das Kriegsglück +war wechselnd. Doch Freund wie Feind war derart erschöpft, +daß man auf beiden Seiten anstatt dieser kleinen +Scharmützel eine große Schlacht herbeiwünschte. Man +sehnte sich nach der letzten Entscheidung. +</p> + +<p> +Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persönlich +zu überbringen. Aber einer seiner Libyer übernahm +das Wagnis. Als man ihn abziehen sah, waren +alle überzeugt, daß er nie wiederkäme. +</p> + +<p> +Er kehrte noch am selben Abend zurück. +</p> + +<p> +Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte +sich am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang in der +Ebene von Rades treffen. +</p> + +<p> +Die Söldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas +gesagt hätte, und der Libyer berichtete weiter: +</p> + +<p> +»Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf +ich noch wartete. Ich antwortete: ›Daß man mich töte!‹ +Da erwiderte er: ›Nein! Geh! Du stirbst morgen mit den +andern!‹« +</p> + +<p> +Diese Großmut verwunderte die Barbaren. Viele waren +entsetzt darüber, und Matho bedauerte, daß der Bote +nicht getötet worden war. +</p> + +<hr /> + +<p> +Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwölfhundert +Griechen, fünfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer, +vierhundert Etrusker, fünfhundert Samniter, vierzig +Gallier und eine Schar Naffurs, das waren heimatlose +Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte, insgesamt +siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten, +aber darunter keine einzige vollständige Kompagnie. Die +Truppen hatten die Löcher ihrer Harnische mit den Schulterblättern +von Vierfüßlern geflickt und ihre Panzerstiefel +durch Sandalen aus Lumpen ersetzt. Kupfer- und +Eisenstücke beschwerten ihre Röcke. Ihre Panzerhemden +hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer +Arme und Gesichter liefen die Narben wie Purpurfäden. +</p> + +<p> +Der Zorn ihrer toten Gefährten beseelte sie und vermehrte +ihre Kräfte. Sie fühlten dunkel, daß sie Diener +eines Gottes waren, der in den Herzen der Unterdrückten +waltete, und hielten sich für die heiligen Werkzeuge der +allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die maßlose Perfidie +der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders +der Umriß Karthagos am Horizonte. Man schwur sich +zu, bis in den Tod füreinander zu kämpfen. +</p> + +<p> +Man tötete Lasttiere und aß soviel wie möglich, um sich +zu stärken. Dann schlief man ein. Manche beteten zu +irgend einem Sternenbilde. +</p> + +<p> +Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene +an. Sie hatten die Schildränder mit Öl bestrichen, damit +die Pfeile besser abglitten. Die Infanterie, die langes +Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht über der Stirn ab. +Hamilkar ließ um die fünfte Stunde alle Feldkessel umwerfen, +denn er wußte, daß es sich mit überfülltem Magen +nicht gut fechten läßt. Sein Heer zählte vierzehntausend +Mann, das Doppelte des Barbarenheeres. Trotzdem hatte +er nie eine gleiche Unruhe empfunden. Wenn er unterlag, +so war die Republik verloren, und er selbst mußte +am Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er über +die Pyrenäen, Gallien und die Alpen nach Italien gelangen, +und das Reich der Barkiden war von ewiger +Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht, um +alles bis auf die geringsten Einzelheiten persönlich zu +überwachen. Was seine Truppen betraf, so waren sie +durch die lange Schreckenszeit arg erbittert. +</p> + +<p> +Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem +konnten die Barbaren siegen. Eine seltsame Schwäche +hatte ihn ergriffen. Aller Augenblicke trank er einen +großen Becher Wasser. +</p> + +<p> +Da öffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf +den Boden eine Krone aus Steinsalz mit symbolischem +Zierat aus Schwefelkristallen und Perlmuttervierecken. +Man sandte bisweilen dem Bräutigam solch eine Hochzeitskrone. +Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung. +</p> + +<p> +Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zärtlichkeit +für Naravas. Die Erinnerung an Matho beunruhigte +sie in unerträglicher Weise. Es dünkte ihr, als ob der +Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen +müsse, wie man den Biß einer Giftschlange heilt, indem +man sie auf der Wunde zerquetscht. Der Numidierfürst +schmachtete nach ihr. Ungeduldig harrte er seiner Hochzeit, +und da diese dem Siege folgen sollte, so sandte Salambo +ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da +verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an +das Glück, ein so schönes Weib besitzen zu sollen. +</p> + +<p> +Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang +seine Liebe und widmete sich völlig seinen Waffengefährten. +Er liebte sie wie Teile seines eigenen Ichs. +Sein Haß beseligte ihn. Er fühlte seine Seele geläutert +und seine Arme gekräftigt. Alles, was er auszuführen +hatte, stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen +ein Seufzer entschlüpfte, so galt er dem Angedenken des +Spendius. +</p> + +<p> +Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen. +In die Mitte nahm er die Etrusker, die alle +durch eine eherne Kette aneinandergefesselt waren. Hinter +ihnen standen die Schützen. Auf die beiden Flügel stellte +er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit Straußenfedern geschmückte +Kamele ritten. +</p> + +<p> +Der Suffet brachte seine Karthager in eine ähnliche +Schlachtordnung. Rechts und links von der Phalanx des +gepanzerten Fußvolks stellte er die Leichtbewaffneten und +die Klinabaren auf, an den Flügeln die Numidier. +Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung +gegenüber und musterten einander von weitem mit +großen wilden Augen. Zuerst zauderte man, dann aber +setzten sie sich gegeneinander in Bewegung. +</p> + +<p> +Die Barbaren rückten langsam vor, um nicht außer +Atem zu kommen. Der Boden dröhnte unter dem Takte +ihres Marsches. Die Mitte des punischen Heeres war +in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte +ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen +zweier gegeneinander stoßenden Flotten. Die vorderste +Linie der Barbaren schloß sich rasch auf. Die dahinter +gedeckt stehenden Schützen schleuderten jetzt ihre Kugeln, +Pfeile und Wurfspieße. Nunmehr flachte sich der Bogen +der karthagischen Mitte allmählich ab. Sie wurde gerade, +ja sie bog sich nach innen. Jetzt schwenkten die +beiden Massen der Leichtbewaffneten schräg vorwärts wie +die beiden Schenkel eines sich schließenden Zirkels. Die +Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx, +waren nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten. +Das wäre ihr Verderben gewesen. Matho beorderte sie +zurück, und während die punischen Leichtbewaffneten in +ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte er +seine Reserven gegen sie. Dadurch verlängerte sich alsbald +sein Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung +erschien um das Dreifache verlängert. +</p> + +<p> +Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen, +namentlich die auf dem linken, die bald ihre Pfeile +verschossen hatten, waren zu schwach. Als die punischen +Leichtbewaffneten gegen sie anstürmten, wurden sie in +Unordnung gebracht. +</p> + +<p> +Matho ordnete die Rückwärtsbewegung seines linken +Flügels an. Auf dem rechten Flügel hatte er noch die +mit Äxten bewaffneten Kampaner. Er warf sie gegen +den linken Flügel der Karthager. Sein Mitteltreffen griff +ebenfalls wieder an, und der linke Flügel, jetzt außer Gefahr, +hielt den Leichtbewaffneten wieder stand. +</p> + +<p> +Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf +und ließ sie attackieren. +</p> + +<p> +Diese kegelförmigen Massen zeigten in der Front Reiter, +während ihre breiteren Flanken von den Lanzen +Schwerbewaffneter starrten. Die Barbaren vermochten +nicht standzuhalten. Allein das griechische Fußvolk besaß +Kürasse und Lanzen, alle andern führten nur Messer, +an langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen +sich beim Schlagen, und während man sie mit den +Stiefelabsätzen wieder geradetrat, machten die Karthager +die Wehrlosen von rechts und links mühelos nieder. +</p> + +<p> +Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten +nicht. Da die Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten +sie die Lebenden mit ihren Leibern. Die breite, +eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog sie sich wieder +zusammen, biegsam wie eine Schlange und unerschütterlich +wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter +ihr immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen +dann wieder hervor, die Stümpfe ihrer Waffen schwingend. +</p> + +<p> +Viele hatten überhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen +auf die Karthager los und bissen ihnen ins Gesicht wie +Hunde. Die Gallier warfen hochmütig ihre Waffenröcke +ab und zeigten von weitem ihre kräftigen weißen Körper +oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf. +In den punischen Kompagnien hörte man die Stimme der +Signalisten nicht mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen +wurden. Nur die Standarten, die aus dem Staube +ragten, hielten die Verbände einigermaßen zusammen. Der +einzelne Mann ward von den Wogen des wilden Getümmels +fortgerissen. +</p> + +<p> +Hamilkar ließ den Numidiern den Befehl zur Attacke +zugehen. Die Naffurs warfen sich ihnen entgegen. +</p> + +<p> +Sie trugen weite schwarze Gewänder, Haarschöpfe auf +dem Wirbel, Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen +Klingen ohne Griffe, die an einem Strick befestigt waren. +Ihre über und über mit Federn gespickten Kamele stießen +langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen +genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurück, und das +getroffene Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere +galoppierten mitten durch die Kompagnien. Einige, denen +ein Bein zerschmettert worden war, hüpften wie verwundete +Strauße. +</p> + +<p> +Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem +auf die Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die +auseinandergesprengten Züge wirbelten um sich selbst, und die +glänzenden Kürasse und Waffen der Karthager umschlossen +sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes Gewühl +herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf +die Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren +lagen in der Ebene niedergestreckt. Die Söldner rissen +ihnen die Rüstungen ab, legten sie selbst an und stürzten +sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht, rannten +manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die +Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei, +das in der Ferne erscholl, trieb sie hin und her, +wie Schiffstrümmer der Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung. +Alles drohte dem Genie Mathos und dem +unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen. +</p> + +<p> +Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es +war eine Schar von Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen +Kindern, ja selbst Frauen, die ihre Angst nicht länger +bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen +waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem +zu stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark +den einzigen Elefanten mitgenommen, den die Republik +noch besaß. Es war der, dessen Rüssel abgehauen worden +war. +</p> + +<p> +Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt +ihre Mauern verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen +zu gebieten, für die Heimat zu sterben. Ungeheure Wut +ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle übrigen mit fort. +Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit +dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine +Hoffnung mehr auf Sieg, nicht einmal auf ihr Leben. +Aber dieser Rest bestand aus den besten, unerschrockensten +und stärksten Leuten. +</p> + +<p> +Der karthagische Landsturm begann Bratspieße, Spicknadeln +und Hämmer zu schleudern. Männer, vor denen +römische Konsuln gezittert, starben nun unter Knüppeln +in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die +Söldner mit Stumpf und Stiel. +</p> + +<p> +Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels +zurück. Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis +wieder. Zweimal brachen sie vor. Ein Gegenstoß warf +sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager waren zu +viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen +den Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl +zu. Man glitt vor Blut aus. Die Toten rollten +den steilen Abhang hinab und umtürmten den Elefanten, +der den Hügel erklimmen wollte, bis an den +Bauch. Es hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne +auf ihnen herum, und sein Rüsselstumpf erhob sich von +Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel. +</p> + +<p> +Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager +schauten zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die +Barbaren standen. +</p> + +<p> +Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel +begann von neuem. Mehrfach ließen die Söldner +sie dicht herankommen, indem sie ihnen zuriefen, sie wollten +sich ergeben. Dann aber töteten sie sich selber mit +entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto +höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war, +als wachse allmählich eine Pyramide auf. +Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann zwanzig, dann +drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit +einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert +besaß. +</p> + +<p> +Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts +und links. Dabei warnte er Matho vor den Schlägen, +die man gegen ihn führte: +</p> + +<p> +»Achtung, Herr! Dort! Da!« +</p> + +<p> +Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren. +Er war vollständig nackt und bleicher als die Toten +um ihn herum. Das Haar stand ihm in die Höhe, und +zwei Schaumstreifen flossen aus seinen Mundwinkeln. +Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es +ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte +es am Griff. Der Samniter war gefallen, +und die Flut der Karthager umbrandete nun den letzten +der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da hob er +seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen +und stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen, +wie ein Mensch, der sich von einem Vorgebirge ins Meer +wirft. +</p> + +<p> +Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die +Karthager an. Doch immer wieder gaben sie ihm Raum +und wandten ihre Waffen ab. +Mathos Fuß stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen. +Da fühlte er sich an Händen und Füßen gefesselt +und fiel zu Boden. +</p> + +<p> +Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und +Tritt mit einem jener großen Netze gefolgt, mit denen +man wilde Tiere fängt. Indem er den Augenblick benutzte, +wo Matho sich bückte, hatte er es ihm übergeworfen. +Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig +weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten +begleiteten ihn im Sturmschritt, unter wildem +Lärm nach Karthago. +</p> + +<p> +Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon +in der dritten Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr +am Khamontempel zeigte die fünfte Stunde, als man +Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf. Auf +den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter, +daß die Stadt in Flammen zu stehen schien. +</p> + +<p> +Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er +lag auf dem Rücken und betrachtete die Sterne. +</p> + +<hr /> + +<p> +Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn. +</p> + +<p> +Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der +letzte von denen, die in der »Säge« zurückgeblieben +waren. +</p> + +<p> +An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren, +hatten heimziehende Zuaesen die Felsen weggerollt und +die Barbaren auf kurze Frist ernährt. +</p> + +<p> +Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und +wollte den Ort nicht verlassen, aus Mutlosigkeit und +Ermattung, auch aus jenem Eigensinn, mit dem sich +Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber +waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen +weitergezogen. +</p> + +<p> +Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert +Mann von den Söldnern übrig waren. Um ihnen ein +Ende zu bereiten, bedurfte man keiner Soldaten. +</p> + +<p> +Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit +den drei Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas +hatte eine große Treibjagd veranstaltet, wobei er +in bestimmten Abständen Ziegen an Pfähle gebunden +und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort +hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam, +um festzustellen, was von den Barbaren noch übrig +sei. +</p> + +<p> +Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote, +Waffen und Kleider bildeten eine einzige Masse. Fast +allen Leichnamen fehlte der Kopf oder irgendein Glied. +Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu +Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus +Helmen. Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor. +Skelette trugen noch Mäntel, und gebleichte Gebeine +leuchteten wie helle Flecken im Sande. +</p> + +<p> +Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten +Vordertatzen auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht, +das grell von den weißen Felsen zurückstrahlte, blinzelten +sie. Andre saßen auf den Hintertatzen und starrten +vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu Knäueln +zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen. +Alle sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus. +Unbeweglich lagen sie wie das Gebirge und die Toten. +Die Nacht sank herab. Breite rote Streifen flammten +im Westen am Himmel. +</p> + +<p> +Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten +Haufen erhob sich eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst. +Einer der Löwen schritt ihr entgegen. Sein +Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom purpurroten +Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz +nahe war, schlug er ihn mit einem Schlag seiner Tatze +zu Boden. +</p> + +<p> +Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit +seinen Zähnen langsam die Eingeweide heraus. +Nach einiger Zeit öffnete er seinen Rachen in ganzer +Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes +Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es +schließlich in der Einöde verhallte. +</p> + +<p> +Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab. +Tritte huschten über den Boden. Von der Schlucht und +der Drahtsperre her tauchten spitze Schnauzen und große +Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten. Das waren +die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu verzehren. +</p> + +<p> +Der Karthager, der das, über den steilen Rand der +Halde herabgebeugt, sah, machte sich auf den Heimweg. +</p> + + + + +<h2 id="ch15">XV</h2> + +<h2>Matho</h2> + + +<p> +Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser, +wahnwitziger Freude. Man hatte die Zerstörungen +flüchtig ausgebessert, die Götterbilder neu bemalt, das Pflaster +mit Myrtenzweigen bestreut und an den Straßenecken +Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen +glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten +in hängenden Gärten. +</p> + +<p> +Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch +die Rufe der Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten. +Sklaven Hamilkars boten in seinem Namen +geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar. Man +begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen +Städte waren erobert, die Nomaden zerstreut, die +Barbaren mit Stumpf und Stiel vernichtet. Die Akropolis +war vor lauter bunten Zeltdächern kaum noch zu +sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen +Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten +wie eine lange Diamantenkette. Überall war die Ordnung +wiederhergestellt. Neues Leben begann. Ein ungeheures +Glück schwebte über allem: es war der Tag von Salambos +Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas. +</p> + +<p> +Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen, +mit massigem Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an +denen die Priester, die Alten und die Patrizier Platz +nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht stehender Tisch +war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt. +Da Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des +Schleiers gerettet hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit +wie ein Nationalfest und harrte drunten auf dem Platze +ihres Erscheinens. +</p> + +<p> +Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine +Ungeduld: Mathos Tod war für diese Feier verheißen. +</p> + +<p> +Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden, +ihm Blei in die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern +zu lassen. Dann sollte er an einen Baum gebunden +werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein +auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt! +Die heiligen Tiere der Göttin sollten Rache üben! +Andre machten den Vorschlag, man solle ihn auf einem +Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn +mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen +gespickt hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem +Gedanken, wie das große Tier durch die Straßen jagte +und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte wie +ein Kerzenlicht im Winde. +</p> + +<p> +Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut +werden, und warum sollte man die andern des Genusses +berauben? Man forderte darum allgemein eine +Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei +der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago +bis zum Straßenpflaster und den Fluten des Golfes, +zerreißen, zermalmen, vernichten konnten. So bestimmten +denn die Alten, daß er ohne Geleit, die Hände auf den +Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum Khamonplatze +gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu +treffen – damit er möglichst lange lebe –, oder ihm die +Augen auszustechen –, damit er seine Marter bis zu Ende +selber sehen könne. Auch durfte nicht nach ihm geworfen +werden, und niemand sollte ihn nicht mit mehr als drei +Fingern berühren. +</p> + +<p> +Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte, +glaubte man ihn lange vorher schon ein paarmal zu erblicken. +Man stürzte nach der Burg. Die Straßen leerten sich, +dann aber kehrte man mit lautem Murren wieder zurück. +Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen +auf ein und derselben Stelle. Sie riefen einander von +weitem zu und zeigten ihre Fingernägel, die sie sich hatten +wachsen lassen, um sie recht tief in Mathos Fleisch bohren +zu können. Andre gingen aufgeregt auf und ab. +Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung +entgegensahn. +</p> + +<p> +Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe +Federfächer über den Köpfen auf. Das war Salambo, +die vom väterlichen Palast her nahte. Seufzer der Erleichterung +liefen durch die Menge. +</p> + +<p> +Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er +bewegte sich feierlich-langsam. +</p> + +<p> +Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die +Eschmuns, Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften, +eine nach der andern, mit denselben Abzeichen und der +gleichen Ordnung wie damals beim Opfer. Die Molochpriester +kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von +einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die +Priester der Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern +in den Händen. Die heiligen Hetären folgten ihnen in +durchsichtigen Gewändern von gelber oder von schwarzer +Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie +Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise, +um den Reigen der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten +Gewändern entströmten schwere Düfte überallhin. Mit +besonderem Beifall begrüßte man unter diesen Weibern +die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie versinnbildlichten +die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. +Ihnen waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht +eigen wie den priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer +flachen Brüste und ihrer schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt +beherrschte und erfüllte die Verherrlichung des +Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische Lüsternheit +schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die +Fackeln in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der +Nacht eine allgemeine geschlechtliche Tummelei stattfinden +sollte. Drei Schiffe aus Sizilien hatten Dirnen hergeführt, +und auch aus der Wüste waren welche gekommen. +</p> + +<p> +Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres +Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und +längs der doppelten Treppen des Tempels, die an der +Mauer emporliefen und sich oben wieder einander näherten. +Reihen langer weißer Gewänder wehten zwischen +den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen +Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen. +</p> + +<p> +Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der +Provinzen und alle Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges +Getöse. Aus den anstoßenden Straßen strömte das +Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit Stockschlägen +zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren +trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen +purpurnen Baldachin, Salambo. +</p> + +<p> +Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten +schallten lauter, die Tamburine rasselten, und der +große Purpurbaldachin verschwand zwischen den beiden +Pylonen. +</p> + +<p> +Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein. +Salambo schritt, nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin +und dann quer über die Terrasse, um sich im Hintergrund +auf einem Thron niederzulassen, der aus einer +Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen +Elfenbeinschemel mit drei Stufen unter die Füße. Am +Rande der untersten knieten zwei Negerkinder. Hin +und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen belasteten +Hände auf die Köpfe der Kleinen. +</p> + +<p> +Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein +Gewebe gehüllt, dessen enge Maschen wie Fischschuppen +aussahen und wie Perlmutter glänzten. Ein dunkelblauer +Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über zwei mondsichelförmigen +Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen +durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz +bestand aus edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter +schneeweißer Mantel fiel hinter ihr herab. So saß sie +da, die Ellbogen angelegt, die Knie geschlossen, die Oberarme +mit Diamantenreifen geschmückt, starr und steif +wie ein Götterbild. +</p> + +<p> +Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und +ihr Gatte nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar +gekleidet, trug seine Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus +der zwei gewundene Haarflechten wie Ammonshörner +hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen Weinranken +bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an +der Seite. +</p> + +<p> +Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange +des Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl +und beschrieb, sich in den Schwanz beißend, einen +großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand eine +kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne +darauf fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen +Seiten. +</p> + +<p> +Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren +Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten +mit ihren Tiaren eine lange goldene Reihe, links die +Patrizier mit ihren Smaragdzeptern ein breites grünes +Band, während die Molochpriester mit ihren roten Mänteln +den Hintergrund wie mit einer Purpurwand abschlossen. +Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren +Terrassen ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg +auf die Dächer und stand in dichten Reihen bis zur +Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu ihren +Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das +unendliche Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick +in die Binnenländer hatte, da ward sie in ihrem Glanze +eins mit Tanit und erschien als Karthagos Patronin, +als die verkörperte Seele der Stadt. +</p> + +<p> +Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige +Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken +aus bunter Wolle, mit denen die niedrigen Tische bedeckt +waren. Große Bernsteinkrüge, Amphoren aus blauem +Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote umgaben +die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben +waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen +wie um Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf +Schüsseln aus Ebenholz. Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse +und Melonen türmten sich über breiten Silberplatten. +Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen +von Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß +es aussah, als sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben +lagen Muschelschalen, mit Fleischragout gefüllt. Das +Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn man die +Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus. +</p> + +<p> +Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter +Tunika auf den Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit +spielten Leiern eine Hymne, oder es erhob sich ein Chorgesang. +Der Lärm des Volkes, anhaltend wie Meeresrauschen, +umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie +der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten +des Gelages der Söldner. Man überließ sich glückseligen +Träumen. Die Sonne begann zu sinken, und auf der +andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor. +</p> + +<p> +Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand +sie gerufen. Das Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der +Richtung ihres Blickes. +</p> + +<p> +Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers, +der zu Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen +war, soeben geöffnet. Ein Mann stand auf der Schwelle +der schwarzen Öffnung. +</p> + +<p> +Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene +eines wilden Tieres, das man plötzlich freigelassen hat. +Das Licht blendete ihn. Eine Weile blieb er unbeweglich +stehen. Man hatte ihn allgemein erkannt und hielt +den Atem an. +</p> + +<p> +Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes, +fast von einem Heiligenschein umstrahlt. Man beugte +sich vor, um ihn zu sehn, vornehmlich die Weiber. Sie +waren darauf erpicht, den zu betrachten, der ihre Kinder +und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele +erhob sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn +vollständig kennen zu lernen, ein Gelüst, das sich mit +Reue paarte und in ein Übermaß von Haß umschlug. +</p> + +<p> +Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung +der ersten Überraschung. Tausend Arme streckten sich +empor, aber man sah ihn nicht mehr. +</p> + +<p> +Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte +sie hinab, wie in einem Gießbach vom Gipfel eines +Berges hinuntergerissen. Dreimal sah man ihn hochschnellen. +Endlich kam er unten wieder auf die Füße. +</p> + +<p> +Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen +Stößen, und er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln +zu zerreißen, daß seine auf dem bloßen Rücken gefesselten +Arme anschwollen wie Schlangenleiber. +</p> + +<p> +Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen +aus. Durch jede von ihnen spannten sich zwei dreifache +Reihen eherne Ketten, die am Nabel von Kabirenbildsäulen +befestigt waren, in gleicher Richtung von einem +Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser +gedrängt. In der Mitte schritten Ratsdiener und +schwangen Peitschen. +</p> + +<p> +Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag +an. Da begann er von neuem seinen Leidensgang. +</p> + +<p> +Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der +Weg sei ihm allzu breit gelassen worden. Er aber schritt, +von tausend Fingern betastet, gestochen und zerhackt +immer weiter. War er am Ende einer Straße, so tat +sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite, +um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge +brach in Hohngelächter aus. +</p> + +<p> +Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen, +das unter seinem Ärmel eine spitzige Spindel versteckt +hatte, zerschlitzte ihm die Backe. Man riß ihm Hände +voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre beschmierten +ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht +und auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite +schoß ein Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn +vollends aus. Dieser letzte der Barbaren war für +das Volk der Vertreter aller andern, des ganzen Heeres. +An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle Schande. +Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres +Blutdurstes zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten +sich und drohten zu brechen. Man fühlte die Schläge der +Sklaven nicht mehr, die auf die Massen einhieben, um +sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern der +Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit +Köpfen erfüllt, und das Böse, das man dem Libyer nicht +antun konnte, brüllte man ihm wenigstens zu. +</p> + +<p> +Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt +mit spöttischen Zurufen und Flüchen; und da man an +seiner gegenwärtigen Marter nicht genug hatte, kündigte +man ihm noch fürchterlichere Qualen für die Ewigkeit an. +</p> + +<p> +Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger +Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein +heiserer, dumpfer, wilder Laut ein minutenlanges Echo +im ganzen Volke. Die Mauern erbebten von diesem Geschrei +vom Grund bis zum Giebel, und Matho war zumute, +als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen +und ihn vom Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme, +um ihn in der Luft zu erwürgen. +</p> + +<p> +Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden +zu haben. Die gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen +Blicke, die gleiche Raserei! Nur war er damals frei, damals +wichen alle vor ihm aus, damals beschirmte ihn ein +Gott! Und diese Erinnerung, die immer deutlicher ward, +erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit. Schatten +schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor +ihm. Das Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der +Hüfte. Er fühlte den Tod. Seine Knie schlotterten, und +er sank langsam auf das Pflaster. +</p> + +<p> +Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels +die auf Kohlen glühend gemachte Querstange eines Dreifußes, +schob sie unter der obersten Kette hindurch und +stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das Fleisch rauchen. +Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei +des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen. +Sechs Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann +noch ein drittes-, ein viertesmal. Immer jagte ihn eine +neue Marter wieder auf. Man bespritzte ihn durch Röhren +mit siedendem Öl, streute Glasscherben unter seine Füße. +Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße lehnte +er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken +gegen die Mauer und ging nicht mehr weiter. +</p> + +<p> +Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen +aus Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die +Fransen ihrer Tuniken von Schweiß troffen. Matho +schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich aber nahm +er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen, +während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost +habe. Er stürzte durch die Budesstraße, die Söpogasse, +über den Gemüsemarkt und langte auf dem Khamonplatz +an. +</p> + +<p> +Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten +die Menge zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum. +Matho schaute sich um, und seine Blicke trafen Salambo. +</p> + +<p> +Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden +und unwillkürlich, je näher er kam, immer +mehr bis an den Rand der Terrasse vorgetreten. Bald +war die Außenwelt für sie verschwunden. Sie sah nur +noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden. +Einer jener Abgründe hatte sich in ihr aufgetan, in dem +die ganze Welt versinkt unter der Wucht eines einzigen Gedankens, +einer Erinnerung, eines Blickes. Dieser Mann, +der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt in seinen +Bann. +</p> + +<p> +Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenähnliches +mehr. Sein Körper war eine über und über +rote Masse. Die zerrissenen Stricke hingen an seinen +Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den +Sehnen seiner völlig entfleischten Fäuste zu unterscheiden. +Sein Mund stand weit offen. Aus seinen Augenhöhlen +sprühten zwei Flammen, die bis zu seinen Haaren emporzulodern +schienen, – und doch schritt der Unglückliche immer +noch weiter. +</p> + +<p> +Er kam gerade bis an den Fuß der Terrasse. Salambo +hatte sich über die Brüstung geneigt. Seine fürchterlichen +Augen blickten sie an, und plötzlich kam ihr alles ins +Bewußtsein, was er für sie gelitten hatte. Dort lag er +im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den +Knien liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen +und Koseworte stammeln. Es dürstete sie darnach, die +Worte von damals noch einmal zu hören. Er sollte +nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein +heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da stürzte er rücklings +zu Boden und regte sich nicht mehr. +</p> + +<p> +Halb ohnmächtig wurde Salambo von den Priestern, +die sich um sie bemühten, auf ihren Thron zurückgetragen. +Man beglückwünschte sie. Das war ihr Werk! Überall +um sie herum klatschte man in die Hände, stampfte mit +den Füßen und heulte ihren Namen. +</p> + +<p> +Ein Mann stürzte auf den Toten. Wiewohl er bartlos +war, trug er doch den Mantel der Molochpriester um +die Schultern und am Gürtel ein eigentümliches Messer, +das zum Zerlegen des Opferfleisches diente und am Ende +des Stieles in einen goldnen Spatel auslief. Mit einem +einzigen Schnitt spaltete er Mathos Brust, riß das Herz +heraus und legte es auf den Löffel. Es war Schahabarim. +Er hob den Arm hoch und bot das Herz der +Sonne dar. +</p> + +<p> +Glühend stand sie über den Fluten, und ihre letzten Strahlen +trafen wie lange Pfeile das blutrote Herz. Je tiefer +ihre Scheibe ins Meer sank, desto schwächer wurden seine +Schläge, und bei dem letzten Zucken des Muskels schwand +auch die Sonne. +</p> + +<p> +Da erscholl vom Golf bis zur Lagune und von der +Landenge bis zum Leuchtturm, in allen Straßen und auf +allen Tempeln, ein einziger Schrei, der bisweilen aufhörte +und dann wieder erklang. Die Gebäude erbebten. +Karthago zuckte zusammen wie im Krampfe titanischer +Freude und grenzenloser Hoffnung. +</p> + +<p> +Naravas, von Stolz berauscht, legte zum Zeichen des +Besitzes seinen Arm um Salambos Leib und ergriff mit +der Rechten eine goldene Schale, die er auf Karthagos +Glück leerte. +</p> + +<p> +Salambo erhob sich, gleich ihrem Gemahl, mit einer +Schale in der Hand, um ebenfalls zu trinken. Da sank +sie mit zurückgebogenem Haupt auf die Lehne des Thrones +nieder, bleich, starr, mit offenen Lippen. Ihr gelöstes +Haar wallte zum Boden herab. +</p> + +<p> +So starb Hamilkars Tochter, weil sie den heiligen Mantel +der Tanit berührt hatte. +</p> + + + + +<h2 id="anh">Anhang</h2> + +<h2>Anmerkungen des Übersetzers</h2> + + +<p> +Salammbô ist 1862 erschienen. Die französische Urhandschrift +befindet sich heute im Besitze der Nichte Flauberts, +Madame Franklin-Grout in Antibes (Villa Tanit), und +wird dermaleinst Eigentum der Pariser Nationalbibliothek. +Sie besteht aus 340 Blättern »großen Formats« +und trägt auf dem Pappdeckel des Einbandes die Daten +»September 1857–April 1852«. Die Kapitelüberschriften +fehlen. Die Kapitel sind nur numeriert. Flaubert hat +sie erst in die Korrektur gefügt. Alle Verbesserungen, die +Flaubert in der Druckkorrektur angebracht hat, sind von +dem gewissenhaften Dichter in Bleistiftschrift auch in das +Manuskript eingetragen worden. Es sei bemerkt, daß +die Edition définitive (Paris, Charpentier) im Druck und +stellenweise auch im Text nicht die Sorgfalt verrät, die +einem Flaubert gebührt. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die erste Idee zu einem antik-orientalischen Roman +faßte Flaubert während seiner Reise durch Ägypten und +Syrien, 1849-50. Kurz nach dem berichtet er von einem +Entwurf »Anubis«, in dem die Heldin die Liebe eines +Gottes ersehnt. Das Studium des bekannten Werkes +»Die Phönizier« von Franz Karl Movers (1841–56, zwei +Bände) lenkte Flaubert auf Karthago. Im Jahre 1858 +besuchte er die Ruinenstätte. Die Tagebuchblätter dieser +Reise sind neuerdings veröffentlicht worden (Au Pays +de Salammbô, in der Revue de Paris vom 1. Dez. 1911). +Es ist selbstverständlich, daß der Dichter die gesamte Punier-Literatur, +soweit sie bis 1862 erschienen, gekannt +hat, auch die fremdländische, obgleich er als echter Franzose +außer dem Latein keine fremde Sprache beherrschte. +Die antiken Autoren, ebenso Movers, benutzte er in französischen +Übersetzungen. Den Engländer Dr. N. Davis, +der in der Zeit von 1856–59 in Karthago und Umgegend +Ausgrabungen leitete, hat Flaubert an Ort und Stelle +kennen gelernt. Freilich sprach Davis nicht französisch +und Flaubert – wie schon bemerkt – nicht englisch. Aber +»wir verstehen uns sehr gut« schreibt Flaubert damals +an seine Nichte. +</p> + +<p> +Genannt seien als von Flaubert benutzte Werke: Ch.E. +Beulé, Fouilles à Carthage (Paris, 1860), – N. Davis, +Carthage and her remains (London, 1861), – ferner die +Arbeiten von Falbe, Dureau de la Malle, u.a. Von den +beiden erstgenannten existieren übrigens – allerdings nicht +ganz einwandfreie – deutsche Ausgaben. An kartographischem +Material stand Flaubert vor allem die zuverlässige +Terrainaufnahme des Kapitäns C.T. Falbe +(1:16000, Paris 1833) zu Gebote. Es existiert noch keine +wissenschaftliche Untersuchung des Verhältnisses des Romans +zu den Quellen und Hilfsmitteln Flauberts. +</p> + +<p> +Wer sich, angeregt durch die Salambo, über den heutigen +Stand der wissenschaftlichen Kenntnis von Karthago +belehren lassen möchte, sei auf das sorgfältige Lebenswerk +von Otto Meltzer hingewiesen: Geschichte der Karthager, +Berlin, Weidmann, besonders auf den zweiten +Band (1896). Hinsichtlich der punischen Religion seien +genannt die Studien des Grafen Wolf Baudissin »Esmun-Asklepios« +(1906), »Jahve et Moloch« u.a.m. Das +maßgebende Kartenwerk bilden heute die Blätter La +Marsa, El Ariana, La Goulette, Tunis usw. des Service +géographique de l'Armee (1:50000, aufgenommen +1890 ff.) und der sich hierauf stützende wertvolle Atlas +archéologique de la Tunisie ... accompagné d'une text +explicatif, Paris, Leroux, 1892 ff. +</p> + +<hr /> + +<p> +Zu einigen wenigen Stellen des Romans seien im folgenden +knappe Erläuterungen erlaubt. +</p> + +<p> +<a href="#p001">Seite 5.</a> Die Stadt Eryx auf halber Höhe des gleichnamigen +Berges (in Sizilien) wurde von Hamilkar im +Jahre 244 v. Chr. genommen. Flauberts Roman beginnt +etwa Anfang September des Jahres 241 v. Chr. +Der Söldnerkrieg währte nach Polybios drei Jahre und +vier Monate (241–238 v. Chr.). +</p> + +<p> +Die Lage der Villa Hamilkars in der Vorstadt Megara +ist nicht überliefert. Flaubert nimmt sie auf der Höhe +über dem Seetor an. +</p> + +<p> +<a href="#p006">Seite 6.</a> Der Eschmuntempel stand auf der Akropolis. +Eine monumentale Freitreppe von sechzig Stufen, in drei +Absätze gegliedert, führte hinauf. Um den Tempel waren +breite Terrassen, die den Eindruck einer mächtigen Befestigung +erweckten. Der Tempel war das allenthalben +sichtbare Wahrzeichen der Stadt, der Sankt Peter Karthagos. +</p> + +<p> +<a href="#p010">Seite 10.</a> Die Abgabe des Oberbefehls über die Truppen +in Lilybäum an den General Gisgo – nach dem +Friedensschlusse im Hochsommer des Jahres 241 v. Chr. – erfolgte +nicht freiwillig. Hamilkar wurde dazu genötigt. +Dieser schwere Fehler in der Kriegsführung gegen Rom +fällt den Umtrieben der inzwischen in der Heimat aus +Ruder gekommenen Partei des Hanno zu. +</p> + +<p> +<a href="#p012">Seite 12.</a> Über die Syssitien der Hetärien, sowie über +die komplizierte Staatsverfassung der Republik, die von +Aristoteles als hervorragend gepriesen worden ist, vgl. +Meltzer, Geschichte der Karthager, II, 34 ff. +</p> + +<p> +Die karthagische Garde: bei Polybios die Heilige Schar. +</p> + +<p> +<a href="#p017">Seite 17.</a> Polybios nennt den Namen der Tochter Hamilkars +nicht. Nach anderer Überlieferung soll sie Salwamba +(d.h. magna mater) geheißen haben. +</p> + +<p> +<a href="#p026">Seite 26.</a> Die Via Mapaliensis (Straße der Mappalier, +d.h. der Zeltbewohner = der Numidier) führte von der +See quer durch die Stadt nach den Katakomben. Flaubert +rekonstruiert sie als die Via Appia Karthagos. +</p> + +<p> +<a href="#ch02">Seite 30.</a> Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer +südwestlich von Karthago. Der dort betriebene zynische +Venuskult war berüchtigt. +</p> + +<p> +<a href="#p038">Seite 38.</a> Die Erwähnung der gekreuzigten Löwen +stützt sich auf Plinius c. 18, wo erzählt wird, daß Scipio +Aemilianus und Polybios auf einem gemeinsamen Spazierritt +in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte +Tiere sahen. +</p> + +<p> +<a href="#p043">Seite 43.</a> Über die Kabiren (d.h. die Mächtigen) und +die Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie, +4. Aufl., Berlin, 1894, Bd. I, 847–864. +</p> + +<p> +<a href="#p061">Seite 61.</a> Über den Kult der Tanit (identisch mit Astarte +u.a.) vgl. Münter, Religion der Karthager, 2. Aufl., +S. 79 ff. Über ihren Tempel vgl. N. Davis, Karthago +und seine Überreste, Leipzig, 1863, S. 110 ff. +</p> + +<p> +<a href="#p063">Seite 63.</a> Der doppelgipflige Berg der Heißen Wasser, +von Virgil gepriesen, jetzt Hammam el Enf, liegt 15 Kilometer +südlich von Karthago. +</p> + +<p> +<a href="#p065">Seite 65.</a> Die Säulen des Melkarth sind natürlich +die Säulen des Herkules (Gibraltar). +</p> + +<p> +<a href="#p080">Seite 80.</a> Das vielumstrittene »Ledergeld« entspricht +unserm heutigen Papiergeld. +</p> + +<p> +<a href="#p092">Seite 92</a>, ebenso <a href="#p282">Seite 282</a>. »Zügellose Pferde«. Dies +stützt sich auf Livius XXI, c. 44. Wahrscheinlich hatten +die Numidier nur leichte Trensengebisse, was der Römer +als »ungezäumt« ansieht. +</p> + +<p> +<a href="#p098">Seite 98.</a> Flaubert antwortete auf den Angriff eines +Gelehrten u.a.: »Hinsichtlich des Tanittempels bin ich +sicher, ihn so rekonstruiert zu haben, wie er war: an der +Hand der Abhandlung über die syrische Göttin, – der +Münzen des Herzogs von Luynes, – dessen, was man vom +Jerusalemer Tempel weiß, – einer Stelle aus dem heiligen +Hieronymus, zitiert von Selden (De diis syriis), – des +Planes vom Tempel in Gozzo, der sicher karthagisch ist, – und +vor allem nach den Ruinen des Tempels von +Thugga, den ich mit eigenen Augen gesehen habe ...« +(Anhang zur Edition définitive, p. 356). +</p> + +<p> +<a href="#p124">Seite 124.</a> Die afrikanischen Phönizier nannten sich +noch in der römischen Kaiserzeit »Kanaaniter«, nach ihrer +Heimat Chna (d.h. Niederung). +</p> + +<p> +<a href="#p142">Seite 142.</a> Die Lage von Gorza ist nicht überliefert. +Wahrscheinlich lag sie südlich des Unterlaufs des Bagradas. +</p> + +<p> +<a href="#p146">Seite 146.</a> Flaubert nimmt augenscheinlich den Khamontempel +am Markt (Forum) und westlich der Hafenanlagen +gelegen an. +</p> + +<p> +Der Haupttyp der Schlachtschiffe war um 240 v. Chr. +bereits die Pentere, sowohl auf karthagischer wie römischer +Seite. +</p> + +<p> +<a href="#p152">Seite 152.</a> Der Molochtempel hat nördlich der Akropolis +gelegen. +</p> + +<p> +<a href="#p163">Seite 163.</a> Die »Insel der Totenknochen«, ein kleines +ödes Eiland, gehört zu den Liparischen Inseln (nördlich +von Sizilien). Der Bericht Diodors, daß die Karthager +auf Befehl der Gerusia dort 6000 Söldner ausgesetzt +hätten, ist eine Legende, wie wohl so mancher uns überlieferter +Zug von punischer Grausamkeit und Perfidie. +</p> + +<p> +<a href="#p174">Seite 174 ff.</a> Die Legende, daß die Punier Afrika umschifft +haben und nach Indien und Arabien um das Kap +der guten Hoffnung gefahren sein sollen, ist kaum haltbar. +Man darf nicht vergessen, daß es auch im Altertum +einen Suezkanal gegeben hat. +</p> + +<p> +<a href="#p176">Seite 176.</a> Die oringischen Pferde sind aus Oringis +in Spanien eingeführt, wo im Altertume berühmte Gestüte +existierten. +</p> + +<p> +<a href="#p178">Seite 178.</a> Das Talent (damals im Werte von etwa +4200 Mark) hatte 60 Minen zu je 100 Drachmen zu je +6 Obolen. Das punische Talent hieß Kikar. Es galt +60 Minen zu je 50 Sekel. +</p> + +<p> +<a href="#p181">Seite 181.</a> Betreffs der punischen Münzen vgl. L. Müller, +Numismatique de l'ancienne Afrique, Kopenhagen, 1860, +3 Bde. und 1 Supplement (1874). +</p> + +<p> +<a href="#p183">Seite 183.</a> Flaubert nennt als Hauptquelle seiner Kenntnisse +der antiken Edelsteine: Theophrast, Traktat über +die Edelsteine. +</p> + +<p> +<a href="#p186">Seite 186.</a> Sylphium (auch <a href="#p034">Seite 34</a> erwähnt), vielleicht +identisch mit Asant, ein bedeutender Handelsartikel +im Altertum, ist ein starkes aromatisches Gewürz, das +man den Speisen und Getränken zusetzte, ähnlich wie wir +heute die Zwiebel oder die Zitrone verwenden oder bei +Mischgetränken den Angostura. +</p> + +<p> +<a href="#p204">Seite 204 ff.</a> Makar ist der punische Name für den +Bagradas (heute: Medscherda). Er mündete damals +18 Kilometer südlicher denn jetzt, so daß seine Mündungsstelle +nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war. Der +Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und +Kap Kamart in drei großen Ausbuchtungen tief (bis zu +mehr denn 10 Kilometer) in das Land ein, so daß Utika +(heute: Bu Schater) am Meere lag. +</p> + +<p> +Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner »Geschichte« +einen verhältnismäßig langen Bericht über die Schlacht +am Bagradas, indessen genügt er nicht, den taktischen +Verlauf der Schlacht klar zu rekonstruieren. Hans Delbrück, +unsre Autorität in der Kenntnis der antiken Schlachten, +übergeht daher in seiner »Geschichte der Kriegskunst« +(II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den +ersten punischen Krieg gänzlich. Flauberts anschauliche +Schilderung gibt gerade im Charakteristikum eine unmögliche +Schlacht. Hamilkar marschierte mit seinen +10000 Mann nach dem genialen Übergang über den Fluß +stromauf auf dem linken Bagradasufer. Während sich +seine Vorhut gegen die Söldner am verschanzten Brückenkopf +entwickelte, verblieb er mit seinen Kerntruppen in +Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen Kräfte +vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Maßnahmen +verraten hatten, konnte er an eine vollständige +Entwicklung seiner numerisch geringeren Truppen gar +nicht denken. Nach Polybios lag es in der Absicht der +beiden Söldner-Detachements, die Karthager »in die +Mitte« zu bekommen. Nur in der Übereilung kam es +zu der <i>taktisch falschen</i> Vereinigung beider Abteilungen. +Die Scheinentwicklung der punischen Vorhut +hatte somit ihren Zweck überraschend bald erreicht. +Während sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht führte +und die gesamten gegnerischen Kräfte zur Entwicklung +verlockte, verlor sich die Gefahr, in der Hamilkar zunächst +geschwebt hatte: ein gegen seine rechte Flanke +gerichteter Angriff des von Utika herankommenden Detachements. +Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Kräfte +einsetzen. Er ließ höchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren +und bildete seine Phalanx rechts rückwärts der +im Gefecht befindlichen Vorhut, vielleicht im stumpfen +Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als die +Phalanx dann vorrückte, gingen die Vortruppen langsam +zurück, bis sie in die gleiche Höhe mit ihr kamen. Sodann +konnten sie sich wieder ordnen und von neuem an der +Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts, daß die längst +aufgelösten, bereits im Gefecht gewesenen und dann zurückbefohlenen +Vortruppen (Schützen, Reiterei, Elefanten) +durch die Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und +vorrückenden Phalanx durchgelassen worden seien, ist eine +taktische Unmöglichkeit. Dergleichen wagt kein Feldherr, +und es gelänge auch keinem. Es ist undenkbar, einmal +entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus dem +Gefecht loszulösen und sie gar noch auf so gekünstelte +Art und Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen +zurückzudirigieren. Selbst wenn eine derartige Rückwärtsbewegung +exerzierplatzmäßig halbwegs zu stande +käme, würde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden +Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen. +</p> + +<p> +<a href="#p201">Seite 201</a> und <a href="#p205">205</a>. Nach Polybios standen 10000 +Mann am Brückenkopf und 15000 vor Utika. Flaubert +wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus Irrtum. +</p> + +<p> +<a href="#p210">Seite 210.</a> Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie +attackierte die Reiterei der Alten nicht im stärksten Tempo, +sondern im Schritt, höchstens im kurzen Trabe. Wir +müssen uns schwergepanzerte Ritter, nicht behende Reiter +vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die Spahis +von damals! +</p> + +<p> +<a href="#p212">Seite 212.</a> Über die überaus interessante Verwendung +der Elefanten als Gefechtstruppe vgl. H. Delbrück, loc. +cit. Wahrscheinlich hatte man im ersten Punischen Kriege +keine Gefechtstürme auf diesen Tieren. +</p> + +<p> +<a href="#p245">Seite 245.</a> Euergetes, d.h. »Wohltäter«, ist der Beiname +des Ägypterkönigs Ptolemäus III. (247–221 v. Chr.). +Seine Gemahlin war die bekannte Berenike. +</p> + +<p> +<a href="#p309">Seite 309 ff.</a> Einzelheiten über die Belagerung Karthagos +durch die Söldner sind uns nicht überliefert. Flaubert +kam es darauf an, das typische Bild einer Städtebelagerung +jener Zeit zu geben. Über die Geschütze und +Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rüstow und +H. Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens, +Aarau, 1852, und Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertümer, +2. Aufl., München, 1892. +</p> + +<p> +Die Hauptquelle der Kenntnisse hierüber ist Vitruv, der +aber gerade in den hier in Frage kommenden Kapiteln +verdorben überliefert ist. Dazu hat Flaubert die häufig +irreführende französische Vitruv-Übersetzung von Perrault +benutzt. Dadurch ist er stellenweise ein Opfer ungenügender +Hilfsmittel geworden. In der vorliegenden +Salambo-Übersetzung sind Irrtümer in der Beschreibung +nach den antiken Quellen berichtigt worden. Der gewissenhafte +Flaubert würde das selbst getan haben, wenn +er in der Lage gewesen wäre, es tun zu können. +</p> + +<p> +Flaubert rüstet die Söldner mit allem nur erdenklichen +Belagerungsmaterial aus, u.a. mit 173 Geschützen und +sogar mit einer Nachahmung der berühmten »Helepolis« +des Demetrios Poliorketes, die dieser bei der Belagerung +von Rhodos (305 v. Chr.) erbaut hat. Einem ausgesprochenen +Feldheer wie dem der Söldner standen derartig +großartige Hilfsmittel zweifellos nicht zu Gebote. +</p> + +<p> +<a href="#p369">Seite 369.</a> Die Örtlichkeit der »Säge« glaubt Ch. Tissot +(Géographie comparée de la province romaine d'Afrique, +Paris, 2 Bde., 1884) in dem Berglande zwischen dem +Wed Nebhan und dem Wed el Kebir unweit westlich der +Ebene von Kairwan wiedergefunden zu haben. Flaubert +nimmt den Ort in der Nähe des Bleiberges an, das +ist zwischen dem Berge der Heißen Wasser und dem +Zoghwan. +</p> + +<p> +<a href="#p397">Seite 397.</a> Hanno »der Große« endete nicht vor Tunis. +Der vor dieser Stadt von den Söldnern gekreuzigte General +hieß Hannibal. Hanno war nicht mit vor Tunis. +Nach Appian soll er noch das Ende des zweiten Punischen +Krieges erlebt haben. Flaubert wollte die Nennung +eines »Hannibal« vermeiden, damit nicht etwa irgend +ein Leser irrtümlicherweise an den großen Feldherrn +denken könne. Über Hannos Krankheit vgl. Forbes, +Oriental Memoirs, London, 1813, passim. +</p> + +<p> +<a href="#p403">Seite 403.</a> Die Endkämpfe gegen Matho führten Hamilkar +und Hanno gemeinsam. Die Entscheidungsschlacht +fand in der Nähe von Klein-Leptis statt. Der größte +Teil der Söldner fiel. Matho und der letzte Rest seiner +Getreuen schlugen sich nach einer – uns namentlich nicht +bekannten – Stadt durch, wo sie bald kapitulieren mußten. +</p> + +<p> +Die grausame Todesart Mathos ist keine Erfindung +Flauberts. Sie ist historisch und ein charakteristischer Abschluß +des greuelvollsten Krieges, der – vielleicht neben +dem dreißigjährigen Kriege – je unter Mitwirkung von +Kulturmenschen geführt worden ist. +</p> + +<p> +Arthur Schurig. +</p> + +<hr /> + +<p class="ctr"> +Die Verdeutschung des Romans +Salambo ist von Arthur Schurig +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO *** + +***** This file should be named 15995-h.htm or 15995-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/9/9/15995/ + +Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net. +Scanned by Projekt Gutenberg-DE + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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