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+ <meta http-equiv="content-type" content="text/html; charset=iso-8859-1" />
+ <title>The Project Gutenberg eBook of Salambo, by Gustave Flaubert</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Salambo
+ Ein Roman aus Alt-Karthago
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+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Artur Schurig
+
+Release Date: June 6, 2005 [EBook #15995]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
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+Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net.
+Scanned by Projekt Gutenberg-DE
+
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+
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+<div class="ctr">
+<p>
+Bibliothek der Romane
+</p>
+
+<p>
+Vierzehnter Band
+</p>
+
+
+
+
+
+<h1>Salambo</h1>
+
+<h2>Ein<br />
+
+Roman aus Alt-Karthago</h2>
+
+<p>
+von
+</p>
+
+<h2>Gustave Flaubert</h2>
+
+<p>
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+</p>
+
+</div>
+
+<hr />
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+
+<ol style="list-style-type:upper-roman;">
+ <li><a href="#ch01">Das Gelage</a></li>
+
+ <li><a href="#ch02">In Sikka</a></li>
+
+ <li><a href="#ch03">Salambo</a></li>
+
+ <li><a href="#ch04">Vor Karthagos Mauern</a></li>
+
+ <li><a href="#ch05">Tanit</a></li>
+
+ <li><a href="#ch06">Hanno</a></li>
+
+ <li><a href="#ch07">Hamilkar Barkas</a></li>
+
+ <li><a href="#ch08">Die Schlacht am Makar</a></li>
+
+ <li><a href="#ch09">Im Felde</a></li>
+
+ <li><a href="#ch10">Die Schlange</a></li>
+
+ <li><a href="#ch11">Im Zelte</a></li>
+
+ <li><a href="#ch12">Die Wasserleitung</a></li>
+
+ <li><a href="#ch13">Moloch</a></li>
+
+ <li><a href="#ch14">In der Säge</a></li>
+
+ <li><a href="#ch15">Matho</a></li>
+</ol>
+
+<ul style="list-style-type:none;">
+ <li><a href="#anh">Anhang</a></li>
+</ul>
+
+<hr />
+
+
+<h2 id="ch01">I</h2>
+
+<h2>Das Gelage</h2>
+
+
+<p id="p001">
+Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago,
+in den Gärten Hamilkars.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten
+den Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes
+Gelage. Da der Feldmarschall abwesend und die Versammlung
+zahlreich war, schmauste und zechte man auf
+das zwangloseste.
+</p>
+
+<p>
+Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der
+Hauptallee gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt,
+das von der Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse
+ausgespannt war. Die Scharen der Gemeinen
+lagen weithin unter den Bäumen, durch die man zahlreiche
+flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen,
+Speicher, Backhäuser und Waffenschuppen schimmern
+sah, einen Elefantenhof, Zwinger für die wilden Tiere
+und ein Sklavengefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain
+endete an einem Meere grüner Büsche, daraus rote
+Granatäpfel zwischen weißen Baumwollenkotten leuchteten.
+Traubenschwere Weinreben strebten bis in die
+Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld.
+Hier und da wiegten sich Lilien über dem Grase.
+Die Wege bedeckte schwarzer Kies, mit rotem Korallenstaub
+vermischt. Von einem Ende zum andern durchschnitt
+den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem
+Säulengange grüner Obelisken.
+</p>
+
+<p>
+Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau
+das Schloß mit seinen vier terrassenartigen Stockwerken,
+aus numidischem, gelbgesprenkeltem Marmor. Seine
+monumentale Freitreppe aus Ebenholz, deren einzelne
+Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter
+Schlachtschiffe geschmückt waren, &ndash; seine roten Türen,
+die je ein schwarzes Kreuz vierteilte, &ndash; seine Fensteröffnungen,
+die im untersten Stock Drahtgaze vor den
+Skorpionen schützte, während sie in den oberen Reihen
+vergoldetes Gitter zeigten, &ndash; all diese wuchtige Pracht
+dünkte die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.
+</p>
+
+<p id="p006">
+Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem
+Orte statt. Die Verwundeten, die im Eschmuntempel
+lagen, waren bei Morgengrauen aufgebrochen und hatten
+sich an Krücken und Stöcken hergeschleppt. Immer
+mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strömten
+sie herbei, unaufhörlich, wie sich Bäche in einen See
+ergießen. Die Küchensklaven liefen unter den Bäumen
+hin und her, hastig und halbnackt. Klagend flohen von
+den Rasenplätzen die Gazellen. Die Sonne ging unter.
+Der Zitronenbäume Duft machte den Dunst der erhitzten
+Menschenmenge noch schwerer.
+</p>
+
+<p>
+Alle Völker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier,
+Neger und römische Überläufer. Neben der
+schwerfälligen dorischen Mundart dröhnten, rasselnd wie
+Feldgeschütz, die Worte der Kelten, und die klangvollen
+jonischen Endungen wurden von Wüstenlauten
+verschlungen, rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen
+erkannte man an seiner schlanken Gestalt, den Ägypter
+an den hohen Schultern, den Kantabrer an den feisten
+Waden. Karier schüttelten stolz die Federbüsche ihrer
+Helme. Kappadokische Bogenschützen sah man, die auf
+ihrem Körper Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensäften
+aufgemalt. Auch Lydier saßen beim Mahle, in
+Frauengewändern und Pantoffeln, Gehänge in den Ohren.
+Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen
+und sahen aus wie Statuen aus Korall.
+</p>
+
+<p>
+Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um große
+Schüsseln oder lagen auf dem Bauche, die Ellbogen
+aufgestemmt, und zogen die Fleischstücke zu sich heran,
+alle in der gemächlichen Haltung von Löwen, die ihre
+Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an
+den Bäumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die
+unter ihren scharlachroten Decken halb verschwanden,
+und harrten, bis die Reihe an sie kam.
+</p>
+
+<p>
+Da Hamilkars Küchen nicht ausreichten, hatte der Rat
+Sklaven, Geschirr und Liegebänke geschickt. In der
+Mitte des Gartens flammten wie auf einem Schlachtfelde,
+wenn man die Toten verbrennt, große helle Feuer,
+an denen Ochsen gebraten wurden.
+Brote, mit Anis bestreut, lagen neben Käsen, größer
+und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrüge voll Wein
+und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, in
+denen Blumen dufteten. Die Freude, nun endlich nach
+Belieben schwelgen zu können, weitete aller Augen. Hier
+und da erklang bereits ein Lied.
+</p>
+
+<p>
+Auf roten Tonschüsseln mit schwarzen Verzierungen trug
+man zuerst Vögel in grüner Sauce auf, dann allerlei
+Muscheln, wie man sie an den punischen Küsten aufliest,
+Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und Schnecken,
+in Kümmel gekocht, auf Platten von Bernstein.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen:
+Antilopen noch mit ihren Hörnern, Pfauen in ihrem
+Gefieder, ganze Hammel, in süßem Wein gedünstet, Kamel-
+und Büffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene
+Heuschrecken und eingemachte Siebenschläfer. In Mulden
+aus Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt große
+Speckstücke. Alles war reichlich gewürzt mit Salz, Trüffeln
+und Asant. Früchte rollten über Honigscheiben. Auch
+hatte man nicht vergessen, ein paar von den kleinen,
+dickbäuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen,
+die mit Oliventrebern gemästet waren, ein karthagisches
+Gericht, das die andern Völker verabscheuten.
+Die Verwunderung über neue Gerichte erregte die Lust,
+davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf
+dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen
+und Limonen, die sie mit der Schale verzehrten.
+Neger, die noch nie Langusten gesehen, zerstachen sich
+das Gesicht an ihren roten Stacheln. Die glattrasierten
+Griechen, weißer als Marmor, warfen die Abfälle ihrer
+Mahlzeit hinter sich, während bruttinische Hirten, in
+Wolfsfelle gehüllt, das ganze Gesicht in ihre Schüsseln
+tauchten und ihr Essen schweigsam verschlangen.
+</p>
+
+<p>
+Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach über
+der großen Zypressenallee und brachte Fackeln.
+Der flackernde Schein des Steinöls, das in Porphyrschalen
+brannte, erschreckte die dem Mond geweihten
+Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut,
+den Söldnern zur Belustigung.
+</p>
+
+<p>
+Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit
+Edelsteinen eingelegten Schüsseln glitzerten in bunten
+Lichtern. Die Mischkrüge, deren Bäuche gewölbte Spiegel
+bildeten, gaben das in die Breite verzerrte Bild eines
+jeden Dinges wieder. Die Söldner drängten sich um
+diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter,
+um sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre
+warfen sich über die Tische hinweg mit elfenbeinernen
+Fußbänken und goldnen Löffeln und schlürften in vollen
+Zügen Wein: griechischen, den man in Schläuchen aufbewahrt,
+kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist,
+kantabrischen, der in Fässern verfrachtet wird, auch Wein
+aus Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden
+stand er in Lachen, darin man ausglitt. Der Dampf
+der Speisen stieg, mit dem Dunst des Atems vermischt,
+in das Laubwerk der Bäume. In das Krachen der
+Kinnbacken tönte der Lärm der Stimmen, der Lieder und
+der Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs,
+das in Stücke zersprang, und der helle Klang der großen
+Silberschüsseln.
+</p>
+
+<p id="p010">
+Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte
+man der Unredlichkeit Karthagos. Die durch den
+Krieg erschöpfte Republik hatte nämlich die Ansammlung
+aller Söldner in der Stadt zugelassen. Gisgo, ihr
+General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur abteilungsweise
+von Sizilien nach Afrika zu schicken, um
+die Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat
+hatte gemeint, sie würden zu guter Letzt in Abzüge einwilligen.
+Jetzt haßte man sie, weil man sie nicht bezahlen
+konnte. In den Köpfen der Karthager verwuchs
+diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius
+beim Friedensschluß ausbedungen, und die Söldner erschienen
+ihnen als ihre Feinde, genau so wie Rom. Das
+hatten die Truppen in Erfahrung gebracht, und ihre Entrüstung
+war in Drohungen und Ausschreitungen zum Ausdruck
+gekommen. Schließlich hatten sie verlangt, sich zur
+Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu dürfen.
+Die Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar,
+der die Seele des Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars
+starkem Widerspruch hatte der Feldzug ein Ende genommen,
+worauf der Feldherr &ndash; an Karthago verzweifelnd &ndash; den
+Oberbefehl über die Söldner an Gisgo abgegeben
+hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast
+dem Soldatenfeste zur Verfügung stellten, so wälzten sie
+damit einen Teil des Hasses, der den Söldnern galt, auf
+Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos riesigen Ausgaben
+möglichst allein zur Last fallen.
+</p>
+
+<p>
+Stolz darauf, daß sich die Republik ihrem Willen gebeugt
+hatte, wähnten die Söldner, nun endlich heimkehren
+zu können, mit dem Lohn für ihr Blut in der
+Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen
+ihnen die überstandenen Strapazen ungeheuer groß und
+in keinem Verhältnis zu dem kärglichen Solde. Sie zeigten
+einander ihre Wunden und erzählten sich von ihren
+Kämpfen, ihren Fahrten und den Jagden in ihrer Heimat.
+Sie ahmten das Geschrei und die Sprünge der wilden
+Tiere nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man
+steckte den Kopf in die großen Steinkrüge und trank, ohne
+abzusetzen, wie verschmachtete Dromedare. Ein Lusitanier,
+ein wahrer Hüne, trug auf jeder Hand einen Mann
+und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei
+Feuer aus den Nasenlöchern blies. Lakedämonier, die
+ihre Panzer nicht abgelegt hatten, tanzten schwerfällig
+herum. Einige sprangen mit unanständigen Gebärden
+vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen
+sich nackt aus, um inmitten des Trinkgeräts gleich Gladiatoren
+miteinander zu kämpfen. Ein Fähnlein Griechen
+hüpfte um eine Vase, auf der Nymphen tanzten, während
+ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf
+einem Blechschild schlug.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald
+laut, bald leise durch die Lüfte zitterte, wie der Flügelschlag
+eines verwundeten Vogels.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Söldner
+sprangen mit einem Satz auf und verschwanden, um sie
+zu befreien.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen zurück und trieben unter lautem Geschrei
+etwa zwanzig Männer mit auffällig bleichen Gesichtern
+durch den Staub vor sich her. Kleine kegelförmige
+Mützen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen
+Köpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten
+klirrten wie das Rasseln rollender Wagen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich
+unter die Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen
+war abseits stehen geblieben. Durch die Risse seiner
+Tunika erblickte man lange Striemen an seinen Schultern.
+Mit gesenktem Haupte blickte er mißtrauisch um sich und
+kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er
+aber sah, daß ihm keiner von den bewaffneten Männern
+etwas zuleide tat, entrang sich seiner Brust ein tiefer
+Seufzer. Er stammelte und lachte unter hellen Tränen,
+die ihm über das Antlitz rannen. Dann ergriff er eine
+bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob
+sie hoch in die Luft mit den Armen, von denen noch die
+Ketten herabhingen, blickte gen Himmel und rief, das
+Gefäß immerfort hochhaltend:
+</p>
+
+<p>
+»Gruß zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die
+Menschen meiner Heimat Äskulap nennen! Und euch,
+ihr Geister der Quellen, des Lichts und der Wälder!
+Und euch, ihr Götter, die ihr in den Bergen und Höhlen
+der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Männer
+in glänzender Rüstung, die ihr mich befreit habt!«
+</p>
+
+<p id="p012">
+Dann ließ er das Gefäß sinken und erzählte seine Geschichte.
+Er hieß Spendius. Die Karthager hatten ihn
+in der Schlacht bei den Ägatischen Inseln gefangen genommen.
+In griechischer, ligurischer und punischer
+Sprache dankte er nochmals den Söldnern, küßte ihnen
+die Hände und beglückwünschte sie schließlich zu dem Gelage.
+Dabei sprach er seine Verwunderung darüber aus,
+daß er nirgends die Trinkschalen der karthagischen Garde
+erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer sechs goldenen
+Flächen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden
+trugen, gehörten einem Regiment, das ausschließlich aus
+den stattlichsten Patriziersöhnen bestand. Ihr Besitz war
+ein Vorrecht, und so ward denn auch nichts aus dem
+Schatze der Republik von den Söldnern heißer begehrt.
+Um dieser Gefäße willen haßten sie die Garde, und schon
+mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergnügens
+wegen, aus jenen Schalen zu trinken.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt befahlen die Söldner, die Schalen herbeizuholen.
+Die befanden sich im Gewahrsam der Syssitien. Das
+waren staatsrechtlich organisierte Familienverbände. Die
+Sklaven kamen zurück mit der Mitteilung, zu dieser
+Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien.
+</p>
+
+<p>
+»So weckt sie!« riefen die Söldner daraufhin.
+</p>
+
+<p>
+Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht
+wieder, die Schalen seien in einem Tempel eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+»Man öffne ihn!« brüllten die Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefäße wären
+in den Händen des Generals Gisgo.
+</p>
+
+<p>
+»So soll er sie selber herbringen!« schrien die Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens,
+von einer Leibwache aus Gardisten umgeben. Sein weiter
+schwarzer Mantel, an der goldnen, edelsteingeschmückten
+Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn bis auf
+die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne
+mit dem Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen
+weißen Bart, das Gefunkel seines Kopfschmuckes und die
+dreifache Halskette aus breiten blauen Schildern, die
+ihm auf die Brust herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Als er nahte, begrüßten ihn die Söldner mit lautem
+Willkommengeschrei.
+</p>
+
+<p>
+»Die Schalen!« riefen sie. »Die Schalen!«
+</p>
+
+<p>
+Er begann mit der Erklärung, sie seien der Schalen in
+Anbetracht ihres Mutes durchaus würdig.
+</p>
+
+<p>
+Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall.
+</p>
+
+<p>
+Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrüben
+geführt habe und mit der letzten Kompagnie auf der
+letzten Galeere zurückgekehrt sei!
+</p>
+
+<p>
+»Das ist wahr! Das ist wahr!« rief man.
+</p>
+
+<p>
+Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach
+Völkern, ihre Bräuche und ihren Glauben geachtet. Sie
+seien frei in Karthago! Was aber die Schalen der
+Garde anbeträfe, so sei das Privateigentum.
+</p>
+
+<p>
+Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden
+hatte, über die Tische weg, gerade auf Gisgo zu und
+fuchtelte drohend mit zwei bloßen Schwertern vor ihm
+herum.
+</p>
+
+<p>
+Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General
+mit seinem schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der
+Barbar brach zusammen. Die Gallier heulten. Ihre Wut
+teilte sich den andern mit und drohte sich gegen die Leibwache
+zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die
+Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, daß sein eigner
+Mut gegenüber rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei.
+Besser wäre es, dachte er, sich später durch eine Hinterlist
+an ihnen zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam
+zurück. Unter der Pforte aber wandte er sich noch
+einmal nach den Söldnern um und rief ihnen zu, das
+solle sie eines Tages gereuen.
+</p>
+
+<p>
+Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte
+zurückkommen und sie durch Umstellung der Vorstadt, die
+an die äußeren Wälle stieß, gegen die Mauern drücken.
+Trotz ihrer Anzahl fühlten sie sich mit einem Male verlassen;
+und die große Stadt, die im Dunkel unter ihnen
+schlief, flößte ihnen plötzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr,
+mit ihren hohen düstern Häusern und ihren
+unbekannten Göttern, die noch grauenhafter waren als
+selbst die Bewohner. In der Ferne spielten Scheinwerfer
+über den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht.
+Da gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte
+er sie verlassen, als der Friede geschlossen war? Sein
+Zerwürfnis mit dem Rat war gewiß nur Blendwerk,
+um sie zu verderben. Ihr ungestillter Haß übertrug sich
+auf ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn
+aneinander zur Wut. In diesem Augenblick entstand ein
+Auflauf unter den Platanen. Mit Händen und Füßen
+um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden,
+mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf
+den Lippen. Jemand schrie, er sei vergiftet. Da wähnten
+sich alle vergiftet. Sie fielen über die Sklaven her. Ein
+furchtbares Geschrei erhob sich, und ein Taumel wilder
+Zerstörungswut erfaßte das trunkene Heer. Man schlug
+wie blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten
+Fackeln in die Baumkronen. Andre lehnten sich
+über die Brüstung der Löwengrube und schossen nach den
+Löwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu den Elefanten,
+um ihnen die Rüssel abzuschlagen. Es gelüstete
+sie nach Elfenbein.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemächlicher
+plündern zu können, um die Ecke des Palastes gelaufen.
+Sie stießen auf ein hohes Gitter aus indischem
+Rohr, durchschnitten die Riemen des verschlossenen Tores
+mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der Karthago
+zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten
+mit verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander
+gepflanzter weißer Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen
+Boden weite Bogen gleich Sternenketten. Die
+dunkeln Gebüsche hauchten schwüle Honigdüfte aus. Mit
+Zinnober bestrichene Baumstümpfe schimmerten wie blutige
+Säulen. In der Mitte des Gartens trugen zwölf
+kupferne Träger je eine große Glaskugel, in deren Rundungen
+bizarre rötliche Lichter spielten; sie glichen riesigen,
+lebendigen, zuckenden Augäpfeln. Die Söldner
+leuchteten mit Pechfackeln, indes sie über den abschüssigen
+und tief umgegrabenen Boden stolperten.
+Da erblickten sie einen Weiher, der durch Wände von
+blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das
+Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf
+den Grund fiel und auf einem Bett von weißen Steinen
+und Goldstaub zitterte. Das Wasser begann zu schäumen.
+Sprühende Funken glitten durch die Flut, und große
+Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur
+Oberfläche empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner steckten ihnen unter lautem Gelächter die
+Finger in die Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten sämtlich
+von jenen Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrütet
+hatten, aus dem die Göttin entstanden war. Der
+Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen, reizte die Begierde
+der Söldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen
+Becken und ergötzten sich daran, die schönen Fische im
+kochenden Wasser zappeln zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner schoben und drängten sich. Sie hatten
+keine Furcht mehr. Von neuem begannen sie zu zechen.
+Die Salben, die ihnen von der Stirn trieften, flossen in
+schweren Tropfen auf ihre zerrissenen Waffenröcke. Sie
+stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie
+Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren,
+trunkenen Blicken umher, um wenigstens mit den Augen
+zu verschlingen, was sie nicht mitnehmen konnten. Andre
+stampften mitten unter den Schüsseln auf den purpurnen
+Tischdecken herum und zertrümmerten mit Fußtritten die
+Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefäße. Gesänge
+mischten sich in das Röcheln der Sklaven, die zwischen
+den Scherben der Trinkgefäße ihr Leben aushauchten.
+Man forderte Wein, Fleisch, Gold. Man schrie nach
+Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen.
+Einige glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems,
+der sie umwogte. Andre wähnten sich beim Anblick des
+Laubwerks auf der Jagd und stürmten auf ihre Gefährten
+ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum
+zu Baum, und die hohen grünen Massen, aus denen
+lange weiße Rauchkringel emporstiegen, sahen wie Vulkane
+aus, die zu qualmen beginnen. Das Geschrei nahm
+zu. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen.
+</p>
+
+<p id="p017">
+Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des
+Palastes. Die Mitteltür tat sich auf, und eine weibliche
+Gestalt, Hamilkars Tochter, in einem schwarzen Gewande,
+erschien auf der Schwelle. Sie stieg die erste
+Treppe hinab, die schräg vom obersten Stockwerk abwärts
+lief, dann die zweite, die dritte. Auf der untersten
+Terrasse, am oberen Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnäbeln,
+blieb sie stehen. Unbeweglich und gesenkten
+Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab.
+</p>
+
+<p>
+Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen
+bleicher Männer in weißen rotgesäumten Gewändern,
+die in senkrechten Falten bis auf die Füße herabwallten.
+Sie hatten weder Bärte noch Haare noch Brauen. In
+ringfunkelnden Händen trugen sie riesige Lyren, und mit
+gellenden Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos
+Göttlichkeit. Es waren die Eunuchenpriester aus
+dem Tempel der Tanit, die Salambo des öfteren in ihr
+Haus berief.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester
+folgten. Dann schritt sie die Zypressenallee hin, langsam,
+zwischen den Tischen der Hauptleute, die ein wenig
+zur Seite rückten, als sie vorüberging.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert
+und nach der Sitte der kanaanitischen Jungfrauen
+hochgetürmt. Es ließ sie größer erscheinen, als sie wirklich
+war. An den Schläfen festgesteckte Perlenschnüre
+hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie
+ein aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust
+trug sie einen Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt
+wie das Schuppenkleid einer Muräne. Ihre diamantgeschmückten
+Arme traten nackt aus der ärmellosen schwarzen
+Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war.
+Zwischen den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen,
+das ihre Schritte regelte, und ihr weiter dunkelpurpurner
+Mantel aus fremdländischem seltenen Stoffe schleppte
+hinter ihr her.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern
+halb erstickte Akkorde, und wenn diese Musik schwieg,
+vernahm man das leise Geklirr des Goldkettchens und
+das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen Salambos.
+</p>
+
+<p>
+Niemand kannte sie bis dahin. Man wußte nur, daß sie
+zurückgezogen in frommer Andacht lebte. Soldaten hatten
+sie manchmal nachts auf dem flachen Dache des Palastes
+gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln qualmender
+Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag.
+Der Mondschein hatte sie blaß gemacht, und etwas Göttliches
+umwob sie wie leiser Duft. Ihre Augen schienen
+über das Irdische hinweg in weite Fernen zu schauen.
+Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten
+eine kleine Lyra aus Ebenholz.
+</p>
+
+<p>
+»Tot! Alle tot!« hörte man sie murmeln. »Nie mehr
+werdet ihr, meinem Rufe gehorsam, zu mir eilen wie
+einst, wenn ich am Rande des Wassers saß und euch
+Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf
+dem Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen
+der Ströme.« Und sie rief sie bei ihren Namen,
+den Namen der Monate: »Sivan, Thammus, Elul,
+Tischri, Schebar ... O Göttin, erbarme dich meiner!«
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner umdrängten sie, ohne ihre Rede zu verstehen.
+Sie staunten ihren Schmuck an. Salambo aber
+ließ einen langen erschrockenen Blick über die Menge
+gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und
+rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male:
+</p>
+
+<p>
+»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet
+ihr nicht Brot und Fleisch und Öl und alles Malobathron
+aus den Speichern, um euch zu erlaben? Aus Hekatompylos
+hatte ich Ochsen kommen lassen. Jäger hatte
+ich in die Wüste geschickt ...« Ihre Stimme schwoll an,
+ihre Wangen röteten sich. »Wo seid ihr denn hier?
+In einer eroberten Stadt oder im Schlosse eines Herrschers?
+Und welches Herrschers? Meines Vaters, des
+Suffeten Hamilkar, des Dieners der Götter! Er war
+es, der sich weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern,
+eure Waffen, an denen jetzt das rote Blut seiner
+Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern Heimatlanden,
+der besser Schlachten zu lenken weiß? Schaut empor!
+Die Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen
+unsrer Siege. Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich
+werde den Genius meines Hauses mit mir nehmen,
+meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblättern
+schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und
+wenn ich in die Galeere steige, wird sie im Kielwasser
+meines Schiffs auf dem Schaume der Wogen hinter mir
+hereilen ...«
+</p>
+
+<p>
+Ihre feinen Nasenflügel bebten. Sie zerbrach ihre
+Fingernägel an den Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz
+ihrer Augen ermattete. Abermals begann sie:
+</p>
+
+<p>
+»O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast
+zu deinem Schutze nicht mehr die Helden der Vorzeit,
+die über die Ozeane schifften, um an fernen Küsten Tempel
+zu erbauen! Alle Länder arbeiteten für dich, und die
+Meeresfläche, von deinen Rudern gepflügt, wiegte deine
+Beute!«
+</p>
+
+<p>
+Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu
+singen, des Gottes der Sidonier und des Ahnherrn ihres
+Hauses.
+</p>
+
+<p>
+So erzählte sie von der Besteigung der ersiphonischen
+Berge, von der Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen
+die Masisabal, um die Königin der Schlangen zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+»Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif
+sich über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner
+Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo Frauen auf den
+Flossen ihrer Drachenleiber um ein großes Feuer standen.
+Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen
+Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen
+gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...«
+</p>
+
+<p>
+Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth
+die Masisabal bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt
+am Bug seines Schiffes befestigte. »Bei jedem Schlage
+der Wellen tauchte es in den Schaum! Doch die Sonne
+balsamierte es ein, und es ward härter denn Gold. Die
+Augen aber hörten nicht auf zu weinen, und die Tränen
+rollten beständig in das Meer ...«
+</p>
+
+<p>
+Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen
+Mundart, die keiner der Barbaren verstand. Sie fragten
+sich, was sie ihnen mit den furchtbaren Gebärden,
+die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte. Aber
+sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebänke
+und in die Äste der Sykomoren stiegen, mit offenem
+Mund und vorgestrecktem Kopfe, und mühten sich,
+die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel, das
+über dem Ursprung der Götter liegt, wallte vor ihrer
+Phantasie, wie Gespenster in den Wolken.
+</p>
+
+<p>
+Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre
+welken Hände hingen zitternd in den Saiten der Leiern
+und entlockten ihnen von Zeit zu Zeit einen dumpfen
+Akkord. Schwächer als alte Weiber, bebten sie gleichzeitig
+in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern.
+Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem
+Gesange der Jungfrau.
+</p>
+
+<p>
+Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger
+numidischer Häuptling, der am Tische der Hauptleute
+unter den Soldaten seines Volkes saß. Sein Gürtel starrte
+dermaßen von Wurfspießen, daß er unter dem weiten
+Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schläfen
+befestigt war, einen Höcker bildete. Der Mantel bauschte
+sich auf seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so
+daß man nur das Feuer seiner beiden starren Augen
+gewahrte. Er wohnte zufällig dem Feste bei. Es war
+Brauch, daß die afrikanischen Fürsten, um Bündnisse
+anzuknüpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhäuser
+schickten. So ließ ihn sein Vater in der Familie Barkas
+leben. Doch Naravas hatte Salambo in den sechs
+Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht bekommen.
+Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart
+in den Schäften seiner Wurfspieße vergraben, blickte er
+auf sie mit geblähten Nüstern, wie ein Leopard, der im
+Bambusdickicht kauert.
+</p>
+
+<p>
+Auf der andern Seite des Tisches saß ein Libyer von
+riesenhaftem Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar.
+Er trug nichts als seinen Küraß, dessen eherne Schuppen
+den Purpurstoff des Polsters aufschlitzten. Ein Halsband
+aus silbernen Monden verwickelte sich in die Zotteln
+seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf
+den linken Ellbogen gestützt, lächelte er mit weit geöffnetem
+Munde.
+</p>
+
+<p>
+Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem
+Feingefühl redete sie nun die Barbaren in ihren
+eigenen Sprachen an, um ihren Zorn zu besänftigen. Zu
+den Griechen sprach sie griechisch, dann wandte sie sich
+zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein
+jeder, der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die süßen
+Laute seiner Heimat wieder.
+</p>
+
+<p>
+Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert,
+sang sie nun von den alten Schlachten gegen
+Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie berauschte sich am
+Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme weit
+geöffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ...
+</p>
+
+<p>
+Indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte, stand sie
+eine Weile mit geschlossenen Augenlidern da und weidete
+sich an der Erregung aller der Männer vor ihr.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkürlich
+trat sie auf ihn zu und füllte, von ihrem befriedigten
+Ehrgeiz getrieben, eine goldene Schale mit Wein. Dies
+sollte sie mit dem Heere versöhnen.
+</p>
+
+<p>
+»Trink!« gebot sie.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff die Schale und führte sie zum Munde, als ein
+Gallier &ndash; jener, den Gisgo niederschlagen hatte &ndash; ihm
+auf die Schulter klopfte und mit vergnügter Miene einen
+Scherz in seiner Muttersprache machte. Spendius stand
+in der Nähe. Er bot sich als Dolmetsch an.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« sprach Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Die Götter sind dir gnädig! Du wirst reich werden!
+Wann ist die Hochzeit?«
+</p>
+
+<p>
+»Was für eine Hochzeit?«
+</p>
+
+<p>
+»Deine!« entgegnete der Gallier. »Wenn nämlich bei
+uns ein Weib einem Krieger einen Trunk spendet, so
+bietet sie ihm damit ihr Bett an.«
+</p>
+
+<p>
+Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas
+aufsprang, einen Wurfspieß aus seinem Gürtel riß, den
+rechten Fuß auf den Tischrand stemmte und die Waffe
+gegen Matho schleuderte.
+</p>
+
+<p>
+Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin,
+durchbohrte den Arm des Libyers und nagelte ihn mit
+solcher Wucht an die Tischplatte, daß der Schaft in der
+Luft vibrierte.
+</p>
+
+<p>
+Matho riß ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen
+und nackt. Da hob er mit beiden Armen den beladenen
+Tisch hoch und schleuderte ihn gegen Naravas,
+mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die
+Söldner und die Numidier standen so dicht, daß sie ihre
+Schwerter nicht ziehen konnten. Matho brach sich Bahn,
+indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen die Menge
+stieß. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden.
+Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war
+fort.
+</p>
+
+<p>
+Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte,
+wie sich ganz oben die rote Tür mit dem schwarzen
+Kreuze eben schloß. Er stürzte hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Man sah ihn zwischen den Schiffsschnäbeln laufen,
+dann auf den drei schrägen Treppen hinaufeilen und
+schließlich oben gegen die rote Tür mit der Wucht seines
+ganzen Körpers anrennen. Schwer atmend lehnte er sich
+an die Mauer, um nicht umzusinken.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit &ndash; der
+Lichterschein des Festes wurde durch die Ecke
+des Palastes abgeschnitten &ndash; erkannte er Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Weg!« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine
+Tunika mit den Zähnen zu zerreißen. Dann kniete er
+neben Matho nieder, faßte behutsam dessen Arm und
+befühlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und
+Spendius erblickte in der Mitte des Armes eine klaffende
+Wunde. Er verband sie mit dem Stück Stoff. Doch
+der andre rief zornig:
+</p>
+
+<p>
+»Laß mich! Laß mich!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein!« antwortete der Sklave. »Du hast mich
+aus dem Kerker befreit. Ich bin dein, und du bist mein
+Gebieter! Befiehl!«
+</p>
+
+<p>
+Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse
+entlang. Bei jedem Schritte horchte er auf und
+tauchte seinen Blick durch die vergoldeten Gitterstäbe
+hinein in die stillen Gemächer. Endlich blieb er verzweifelt
+stehen.
+</p>
+
+<p>
+»Höre!« redete der Sklave ihn an. »Verachte mich nicht
+wegen meiner Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast
+gelebt. Wie eine Schlange kann ich durch die Mauern
+schlüpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein Goldbarren
+unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang
+führt zu den Gräbern ...«
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmert das mich!« antwortete Matho.
+</p>
+
+<p>
+Spendius schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse
+breitete sich vor ihnen in phantastischer Gliederung
+aus, wie die gigantischen Wogen eines schwarzen
+versteinerten Meeres.
+</p>
+
+<p>
+Da glühte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief
+unten begannen die Kanäle von Megara mit ihren silbernen
+Windungen im Grün der Gärten aufzublitzen.
+Allmählich reckten die kegelförmigen Dächer der siebenseitigen
+Tempel, die Treppen, Terrassen und Wälle ihre
+Umrisse aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings
+um die karthagische Halbinsel brodelte ein weißer
+Schaumgürtel. Das smaragdgrüne Meer schlief noch in
+der Morgenfrische. Je höher die Röte am Himmel emporstieg,
+um so deutlicher wurden die hohen Häuser, die
+sich an die Hänge klammerten oder wie eine zu Tal
+ziehende Herde schwarzer Ziegen abwärts drängten. Die
+menschenleeren Straßen schienen endlos lang. Palmen,
+die hier und da die Mauern überragten, standen regungslos.
+Die bis an den Rand gefüllten Zisternen in den
+Höfen glichen silbernen dort liegen gelassenen Schilden.
+Das Leuchtturmfeuer auf dem hermäischen Vorgebirge
+glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem
+Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen
+witternd, ihre Hufe auf die Marmorbrüstung und wieherten
+der Sonne entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stieß
+einen Schrei aus.
+</p>
+
+<p id="p026">
+Alles war von Rot überflutet. Der Gott goß wie in
+Selbstopferung den Goldregen seines Blutes in vollen
+Strömen über Karthago aus. Die Schnäbel der Galeeren
+blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein
+Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel,
+deren Pforten sich nun auftaten, schimmerten matte Lichter.
+Große Karren, die vom Lande hereinkamen, rollten
+und rasselten über das Straßenpflaster. Dromedare, mit
+Ballen beladen, schwankten die Abhänge hinab. Die
+Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdächer über
+ihren Läden auf. Störche flogen dahin. Weiße Segel
+flatterten. Im Haine der Tanit erklangen die Schellentrommeln
+der geheiligten Hetären, und auf der Höhe der
+Mappalierstraße begann der Rauch aus den Öfen zu wirbeln,
+in denen die Tonsärge gebrannt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Spendius beugte sich über das Geländer. Seine Zähne schlugen
+aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+»Ja ... ja ... Herr!« wiederholte er mehrmals. »Ich
+begreife, warum du soeben vom Plündern des Hauses
+nichts wissen wolltest!«
+</p>
+
+<p>
+Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus
+einem Traume. Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, was für Reichtümer!« hob Spendius von neuem
+an. »Und ihre Besitzer haben nicht einmal Schwerter,
+sie zu verteidigen!«
+</p>
+
+<p>
+Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein
+paar Leute aus dem niedern Volke, die auf dem Sande vor
+dem Hafendamm herumkrochen und Goldkörner suchten.
+</p>
+
+<p>
+»Sieh!« sagte er. »Die Republik gleicht diesen Schelmen.
+An den Gestaden der Meere hockend, wühlt sie
+mit gierigen Händen in allen Landen. Das Rauschen
+der Wogen betäubt ihr Ohr, und sie hört nichts; auch
+nicht wenn ihr von rückwärts der Tritt eines Herrschers
+nahte!«
+</p>
+
+<p>
+Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse
+und zeigte ihm den Park, wo die Schwerter der
+Söldner an den Bäumen hingen und in der Sonne
+glänzten.
+</p>
+
+<p>
+»Hier aber sind starke Männer voll grimmigsten Hasses,
+die nichts an Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht,
+kein Gott!«
+</p>
+
+<p>
+Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat
+dicht an ihn heran und fuhr mit flüsternder Stimme fort:
+</p>
+
+<p>
+»Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmänteln
+könnten wir einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerüchen
+baden. Ich hätte dann selber Sklaven! Bist
+du's nicht müde, auf harter Erde zu schlafen, den sauren
+Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale
+zu hören? Später willst du dich ausruhen,
+nicht wahr? Wenn man dir den Küraß vom Leibe reißt
+und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder vielleicht,
+wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe
+einherschleichst, von Tür zu Tür, und kleinen Kindern
+und Hausierern von deinen Jugendträumen erzählst!
+Erinnere dich all der Schindereien deiner Vorgesetzten,
+der Biwaks im Schnee, der Märsche im Sonnenbrande,
+der Härte der Manneszucht und des stets drohenden
+Todes am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man
+dir einen Orden verliehen, just wie man den Eseln ein
+Schellenhalsband umhängt, um sie auf dem Marsche einzulullen,
+damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann
+wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest!
+Ha! Wie wohl wäre dir zumute in einem hohen
+kühlen Saale bei Leierklang, auf einem Blumenlager,
+von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien
+Phantastereien! Haben die Söldner nicht schon Rhegium
+und andre feste Plätze Italiens besessen? Wer hindert
+dich? Hamilkar ist weit. Das Volk verabscheut die Patrizier.
+Gisgo vermag mit seinen Feiglingen nichts anzufangen!
+Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen.
+Führe du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sprach Matho. »Molochs Fluch lastet auf mir.
+Ich hab es in den Augen der Einzigen gelesen, und eben
+ist in einem Tempel ein schwarzer Widder vor mir zurückgewichen ... Wo
+ist sie?« fügte er hinzu, indem er sich
+umschaute.
+</p>
+
+<p>
+Spendius begriff, daß den Libyer eine ungeheure innere
+Erregung quälte. Er wagte nicht weiter zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Die Bäume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten
+Zweigen fielen hin und wieder halbverbrannte
+Affenknochen in die Schüsseln hinab. Die trunkenen
+Söldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen,
+und die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet
+vom Morgensonnenlicht. Auf dem zerstampften Boden
+starrten große Blutlachen. Die Elefanten in ihren
+Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rüssel hin und
+her. In den offenen Speichern lag das Getreide ausgeschüttet,
+und unter dem Tor stand ein Wirrwarr von
+Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die
+Pfauen auf den Zedernästen entfächerten ihre Schweife
+und begannen zu schreien.
+</p>
+
+<p>
+Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen.
+Der Libyer war noch bleicher denn zuvor und verfolgte,
+beide Fäuste auf die Terrassenmauer gestützt, mit starrem
+Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich vor und
+entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner
+Punkt rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach
+Utika. Es war die Radnabe eines mit zwei Maultieren
+bespannten Gefährts. Ein Sklave lief an der Spitze der
+Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem
+Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere
+standen nach persischer Sitte kammartig hoch zwischen den
+Ohren unter einem Netz von blauen Perlen. Spendius
+erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen Aufschrei.
+</p>
+
+<p>
+Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein.
+</p>
+
+
+
+
+
+<h2 id="ch02">II</h2>
+
+<h2>In Sikka</h2>
+
+
+<p>
+Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago.
+Man hatte einem jeden ein Goldstück gezahlt, unter
+der Bedingung, daß sie ihr Standquartier nach Sikka
+verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien
+gesagt:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es
+in Hungersnot bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet
+es zahlungsunfähig. Marschiert ab! Die Republik
+wird euch einstens für diese Willfährigkeit Dank wissen.
+Wir werden unverzüglich Steuern erheben. Euer Sold
+soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden.
+Dazu wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure
+Heimat zurückbringen.«
+</p>
+
+<p>
+Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern
+sollten. Zudem langweilte die kriegsgewohnten
+Männer der Aufenthalt in der Stadt. Und so waren
+sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg auf
+die Mauern, um sie abziehen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das
+Kirtaer Tor. Bunt durcheinander zogen sie ab: leichte
+Bogenschützen neben Schwerbewaffneten, Offiziere neben
+Gemeinen, Lusitanier neben Griechen. Stolzen Schritts
+marschierten sie vorbei und ließen ihre schweren Stahlstiefel
+auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen
+Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter
+waren vom Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe
+drangen aus ihren dichten Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden
+klapperten über den Schwertergriffen, und durch
+die Löcher im Erz sah man ihre nackten Glieder, drohend
+wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die
+Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte
+im Takt in gleicher Bewegung. Die Straße war von
+dem Zuge derartig angefüllt, daß die Mauern dröhnten.
+Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die
+mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der
+gewappneten Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus
+Eisen oder Rohr saßen verschleierte Frauen und sahen
+schweigend dem Vorbeimarsch der Barbaren zu.
+</p>
+
+<p>
+Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand
+unter der Masse der schwarz gekleideten Karthager. Die
+Jacken der Matrosen leuchteten in dieser dunklen Menge
+wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren blendender
+Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von
+den Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen
+der Palmen herab. Mehrere der »Alten« hatten sich
+auf die flachen Dächer der Türme gestellt, aber man
+wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in bestimmten
+Abständen so nachdenklich dort oben wachten.
+Von weitem gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde
+des Himmels unheimlich wie Gespenster ab und unbeweglich
+wie Steinbilder.
+</p>
+
+<p>
+Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die
+Barbaren könnten, da sie sich so stark sahen, auf den
+Einfall kommen, bleiben zu wollen. Doch sie zogen so
+vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut schöpften
+und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie
+mit Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige
+redeten ihnen sogar aus übertriebener Berechnung und
+verwegener Heuchelei zu, die Stadt nicht zu verlassen.
+Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke
+zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten,
+hatte aber vorher dreimal darauf gespien, um den
+Tod herbeizubeschwören, oder Schakalhaare hineingetan,
+die das Herz feig machen. Laut rief man Melkarths
+Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen
+seinen Fluch.
+</p>
+
+<p>
+Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und
+Nachzügler. Kranke saßen stöhnend auf Dromedaren.
+Andre hinkten vorüber, auf einen Lanzenstumpf gestützt.
+Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich, Gefräßige
+Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern,
+Eis in Leinwandsäcken. Etliche sah man mit
+Sonnenschirmen in der Hand und Papageien auf den
+Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und
+Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten
+auf Eseln. Sie verhöhnten die Negerweiber, die den
+Soldaten zuliebe die Bordelle von Malka verlassen hatten.
+Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an ihren
+Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen
+anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten
+Zelte kaum zu erschleppen. Ein Schwarm Knechte
+und Wasserträger, hager, fiebergelb und voller Ungeziefer,
+die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich den Barbaren
+an.
+</p>
+
+<p>
+Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk
+blieb auf den Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald
+die ganze Breite der Landenge. Er teilte sich in ungleiche
+Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe Grashalme
+aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken.
+Wenn von den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte,
+sah er nichts denn die langen Mauern, deren
+verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da
+sie nicht einmal wußten, wie viele ihrer waren, dachten
+sie, daß einige von ihnen in der Stadt zurückgeblieben
+seien und sich das Vergnügen machten, einen Tempel zu
+plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten
+ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst
+die weite Ebene gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen
+stimmten den alten Sang der Mamertiner an:
+</p>
+
+<p>
+»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich
+und ernt ich. Ich bin der Herr des Hauses. Der
+Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich Herr und
+Großkönig.«
+</p>
+
+<p>
+Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an
+Geschichten zu erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber.
+Als man Tunis erreichte, bemerkten einige, daß
+ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte.
+»Die werden nicht weit sein! Sicherlich!«
+Weiter gedachte man ihrer nicht.
+</p>
+
+<p>
+Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern
+kampierten am Fuße der Mauern. Die Leute aus der
+Stadt kamen heraus und plauderten mit den Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der
+Richtung auf Karthago Feuer brennen. Der Lichtschein &ndash; wie
+von Riesenfackeln &ndash; spiegelte sich auf dem regungslos
+liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen,
+welches Fest man dahinten feierte.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben
+bebaute Gegend. An der Straße folgten die
+Meierhöfe der Patrizier, einer auf den andern. Durch
+Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen
+in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte
+über dem Hügelland. Dahinter dämmerten blaue Berge.
+Ein heißer Wind ging. Chamäleons schlüpften über die
+breiten Kaktusblätter.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.
+</p>
+
+<p id="p034">
+Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in
+weiten Abständen voneinander hin. Man pflückte sich
+Trauben am Rande der Weinberge. Man streckte sich
+ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen, künstlich
+gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze
+ihrer Wolle mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen,
+die sich in Rhombenlinien kreuzten, die
+Pflugschare, die Schiffsankern glichen, und die Granatbäume,
+die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit
+des Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen
+allen wunderbar vor.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie
+aufzuschlagen. Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen
+sie ein und träumten von dem Feste in Hamilkars
+Gärten.
+</p>
+
+<p>
+Am Mittag des dritten Tages machte man in den
+Oleanderbüschen am Gestade eines Flusses halt. Die
+Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde und Bandoliere
+ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften
+die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem
+Bauche liegend, inmitten der Maultiere, denen das Gepäck
+vom Rücken glitt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten
+Dromedare, erblickte von weitem Matho, der, den
+Arm in der Binde, barhäuptig und kopfhängerisch ins
+Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken ließ.
+Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!«
+schnurstracks durch die Menge auf ihn zu.
+Matho dankte kaum für den Gruß. Spendius nahm
+ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen Schritten zu
+folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten
+Blick nach Karthago zurück.
+</p>
+
+<p>
+Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst
+und einer kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte
+er durch Mädchenhandel Geld verdient, dann aber, als
+er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen verloren,
+hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft.
+Man hatte ihn gefangen genommen; er war
+entflohen. Wiederergriffen, hatte er in den Steinbrüchen
+gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter Mißhandlungen
+geschrien, vielfach den Herrn gewechselt
+und allen Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung
+hatte er sich einmal vom Bord der Triere, auf
+der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen Hamilkars
+hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago
+ins Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer
+an Rom ausgeliefert werden mußten, hatte er
+die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den Söldnern
+zu entfliehen.
+</p>
+
+<p>
+Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er
+brachte ihm zu essen, half ihm beim Absitzen und breitete
+nachts eine Decke unter sein Haupt. Durch diese
+kleinen Dienste ward Matho schließlich gerührt, und nach
+und nach sprach er mit dem Griechen.
+</p>
+
+<p>
+Matho war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater
+hatte ihn auf einer Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen.
+Dann hatte er in den Wäldern der Garamanten
+Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen
+Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von
+Drepanum war er zum Offizier befördert worden. Die
+Republik schuldete ihm vier Pferde, zwölfhundert Liter
+Getreide und den Sold für einen Winter. Er war gottesfürchtig
+und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu
+sterben.
+</p>
+
+<p>
+Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den
+Völkern und Tempeln, die er besucht hatte. Er verstand
+sich auf viele Dinge. Er konnte Sandalen, Jagdgerät und
+Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern
+Schrei aus. Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier
+seinen Gang, und die andern beeilten sich zu folgen.
+Dann erzählte Spendius weiter, aber immer voll Angst
+und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er
+ruhiger.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts
+vom Heer, auf dem Abhang eines Hügelzuges. Drunten
+dehnte sich die weite Ebene, in den Nebeln der Nacht
+verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden
+Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit
+zu Zeit kamen sie über mondbeglänzte Anhöhen. Dann
+sprühten Sterne an den Spitzen der Lanzen, und das
+Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke
+lang, dann verschwand alles, und immer neue
+Trupps kamen. In der Ferne blökten aufgeschreckte Herden.
+Es war, als ob unendlicher Friede auf die Erde
+herabsänke.
+</p>
+
+<p>
+Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern
+sog Spendius in tiefen Zügen den frischen Wind ein.
+Er streckte die Arme aus und spreizte die Finger, um
+den kosenden Hauch, der seinen Körper umströmte,
+noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war
+wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand
+auf den Mund, um ein Jauchzen zu ersticken, und halb
+bewußtlos in seinem Glücksrausch, überließ er die Zügel
+seinem Dromedar, das mit geräumigen gleichmäßigen
+Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut
+zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde
+hinab, und seine Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch
+das Gras.
+</p>
+
+<p>
+Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er
+kein Ende nehmen. Hatte man ein Stück Ebene durchschritten,
+so kam man jedesmal auf ein rundes Hochland,
+und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die
+Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen
+beim Näherkommen immer von neuem in die Ferne. Von
+Zeit zu Zeit blinkte ein Bach zwischen dem Grün von
+Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel verkroch
+er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock
+auf, der wie ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel
+eines verschwundenen Kolosses.
+</p>
+
+<p>
+In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige
+Kapellen: Raststätten für die Pilger, die gen
+Sikka wanderten. Die Libyer, die Einlaß begehrten,
+klopften mit starken Schlägen an die Pforten; doch
+niemand im Innern antwortete.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt
+folgten Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen.
+Schafherden weideten zwischen großen Steinen.
+Eine Frau &ndash; ein blaues Schurzfell um die Hüften &ndash; hütete
+sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen
+den Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.
+</p>
+
+<p id="p038">
+Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei
+rötlichen Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter
+Geruch drang dem Heere entgegen, und an der Krone
+eines Johannisbrotbaumes hing etwas Seltsames: ein
+Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte.
+</p>
+
+<p>
+Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen
+vieren wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte.
+Der riesige Kopf hing auf die Brust herab, und die
+zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne zur
+Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt
+wie die Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter
+der stark gespannten Haut einzeln hervor. Die Hinterbeine
+waren übereinander genagelt und ein wenig emporgezogen.
+Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert
+und am Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing,
+zu dicken Klumpen geronnen. Die Söldner standen
+lachend rundherum, nannten den toten Löwen »Konsul«
+und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen
+Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen.
+</p>
+
+<p>
+Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und
+mit einem Male tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An
+jedem ein Löwe. Manche waren schon so lange tot, daß
+nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze hingen:
+andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu
+furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die
+Stämme der Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten
+im Winde, während Rabenschwärme unablässig über
+ihren Köpfen kreisten. So rächten sich die karthagischen
+Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie hofften,
+die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren
+lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie.
+»Welch ein Volk,« dachten sie, »das zu seinem Vergnügen
+Löwen kreuzigt!«
+</p>
+
+<p>
+Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich
+nervös erregt und halbkrank. Ihre Hände waren
+wund von den Stacheln der Aloe. Große Stechmücken
+summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im
+Heere aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer
+nicht sichtbar ward. Man bekam Angst, sich in die
+Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes und des
+Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren.
+Ein Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße
+eines Berges hingewandert war, bog der Weg plötzlich
+scharf nach rechts ab, und ein Mauerstreifen, auf weißen
+Felsen ruhend und gleichsam eins geworden mit ihnen,
+tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue,
+gelbe, weiße Schleier wehten im Abendrot über den
+Mauern. Es waren die Priesterinnen der Tanit, die
+zum Empfange der Söldner herbeigeeilt kamen. Sie
+standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen
+Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten
+Strahlen der Sonne, die hinter den numidischen Bergen
+versank, spielten an den Harfensaiten und den nackten
+Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die Instrumente
+plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder,
+langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch
+eine vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward.
+Etliche der Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen,
+das Kinn in der Hand, unbeweglicher denn Sphinxe, und
+starrten aus großen schwarzen Augen das herannahende
+Heer an.
+</p>
+
+<p>
+Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es
+eine solche Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel
+allein mit seinen Nebengebäuden nahm die Hälfte der
+Stadt ein. Die Barbaren lagerten sich daher ganz nach
+Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in regelmäßigen
+Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie
+es ihnen just gutdünkte.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in
+gleichlaufenden Reihen auf. Die Iberer bauten ihre
+Leinendächer im Kreise. Die Gallier errichteten sich
+Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und die
+Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den
+Sand, darin sie schliefen. Viele, die sich nicht
+unterzubringen wußten, trieben sich zwischen den Packwagen
+umher und verbrachten in ihren zerschlissenen Mänteln
+die Nächte auf dem Erdboden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von
+Bergzügen begrenzt. Hier und dort neigte sich ein Palmbaum
+über einen Sandhügel. Fichten und Eichen sprenkelten
+die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing
+ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab,
+der blau und klar über der Landschaft lachte. Dann
+wirbelte ein warmer Wind Staubwolken auf, und ein
+Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas Felsenhöhe
+herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus,
+der Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und
+seinem goldenen Dache erhob. Sie erfüllte die Landschaft
+mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer Kraft offenbarte
+sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen
+Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres
+ewigen Lächelns im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel
+hatten die Form von Mondsicheln, oder sie glichen
+vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren verspürten vor dieser
+Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche wonnevolles
+Wohlgefühl.
+</p>
+
+<p>
+Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen
+Sklaven gekauft. Den ganzen Tag lang schlief er, vor
+Mathos Zelt ausgestreckt. Oft schreckte er empor. Er
+wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu hören.
+Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben
+an seinen Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen
+gedrückt hatten, und schlief wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging,
+begleitete ihn Spendius wie ein Trabant, mit einem
+langem Schwert an der Seite; oder Matho stützte nachlässig
+den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war
+klein.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen
+gingen, erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter
+ihnen Naravas, den numidischen Fürsten. Matho erbebte.
+</p>
+
+<p>
+»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!«
+</p>
+
+<p>
+»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>
+Naravas trat bereits an Matho heran.
+</p>
+
+<p>
+Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner
+kameradschaftlichen Gesinnung und entschuldigte seinen
+neulichen Zorn mit der trunkenen Feststimmung. Sodann
+sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago,
+doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren
+geführt hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich
+Spendius. Da er aber aus allem Bösen Vorteil zu
+ziehen gedachte, so war ihm jedwede zukünftige Verräterei
+des Naravas nur angenehm.
+</p>
+
+<p>
+Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er
+schien sich mit Matho befreunden zu wollen, sandte ihm
+gemästete Ziegen, Goldstaub und Straußenfedern. Der
+Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt, schwankte,
+ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte.
+Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich
+von dem Sklaven leiten. Er war ein Mensch, der nie
+wußte, was er wollte, und jetzt zumal in einem Zustande
+unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand, der einen
+Trank genommen hat, an dem er sterben muß.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen,
+verbarg Naravas einen Dolch in seinem Mantel. Spendius
+blieb ihm beständig auf den Fersen, und sie kehrten
+zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch gezückt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis
+an die Grenzen seines Reiches. Sie kamen in eine enge
+Schlucht. Da erklärte Naravas lächelnd, er wisse den
+Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.
+</p>
+
+<p>
+Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur,
+schon bei Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen.
+Er streckte sich auf den Sand hin und
+blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.
+</p>
+
+<p id="p043">
+Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres:
+die den Lauf der Schlangen beobachteten, die in den
+Sternen lasen und die auf die Asche der Toten bliesen.
+Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes Viperngift
+ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische
+Lieder sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen
+Dolchen. Er behängte sich mit Halsbändern und
+Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon, Moloch, die
+sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen
+an. Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und
+verscharrte sie im Sande an der Schwelle seines Zeltes.
+Spendius hörte ihn seufzen und mit sich selbst reden.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachts trat er in sein Zelt.
+</p>
+
+<p>
+Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie
+ein Leichnam, das Gesicht in beide Hände vergraben.
+Eine Hängelampe beleuchtete seine Waffen, die ihm zu
+Häupten am Zeltmaste hingen.
+</p>
+
+<p>
+»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt
+dir? Antworte mir!« Dabei schüttelte er ihn an der
+Schulter und rief immer wieder: »Herr, Herr!«
+Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu
+ihm auf.
+</p>
+
+<p>
+»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen
+legend. »Es ist die Rache der Götter. Hamilkars Tochter
+verfolgt mich! Ich fürchte mich vor ihr, Spendius!«
+Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie ein Kind,
+dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich
+bin krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht!
+Doch du, du kennst vielleicht mächtigere Götter
+oder irgend eine Beschwörung, die wirklich hilft.«
+</p>
+
+<p>
+»Wogegen?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn.
+»Um mich aus Salambos Bann zu erlösen!« Und wie
+zu sich selber sagte er in abgebrochenen Sätzen:
+</p>
+
+<p>
+»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den
+Göttern gelobt hat ... Sie hält mich gefesselt ... mit
+einer unsichtbaren Kette ... Gehe ich, so schreitet sie
+voran ... bleibe ich stehen, so verweilt sie ... Ihre
+Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie
+umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob
+sie meine Seele geworden sei ... Und doch droht etwas
+zwischen uns wie die unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen
+Meeres ... Sie ist mir fern und ganz unerreichbar ...
+Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit
+Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt
+ich sie nie gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei
+alles nur ein Traum! ...«
+</p>
+
+<p>
+So durchjammerte Matho die Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte
+sich an jene Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen
+Gefäßen in den Händen angefleht hatten, wenn
+er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt hatte.
+Mitleid ergriff ihn, und er sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen
+und flehe nicht mehr zu den Göttern, denn die Gebete
+der Menschen rühren sie nicht. Du weinst wie ein
+Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib
+so leidest?«
+</p>
+
+<p>
+»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst
+du, daß mich das Gesicht und der Gesang eines Weibes
+noch rühren? Wir hatten in Drepanum ihrer genug.
+Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen während
+des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und
+wenn die Geschütze vom Rückschlag noch zitterten! ...
+Doch dieses Weib, dieses Weib!«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave unterbrach ihn:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre ...«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern
+Töchtern der Menschen gemein! Hast du ihre großen
+Augen unter den großen Brauen gesehen? So leuchten
+Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als
+sie erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen
+den Diamanten ihrer Halskette schimmerten Stellen
+ihres blanken Busens. Wo sie gegangen, duftete es wie
+nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem ganzen
+Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher
+als der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb
+sie stehen ...«
+</p>
+
+<p>
+Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho
+da und starrte vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst
+sterbe ich! Bei dem Gedanken, sie an meine Brust zu
+drücken, ergreift mich wilde Freude. Und doch hasse
+ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was soll ich
+tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave
+zu werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle
+mir von ihr! Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie
+das Dach ihres Palastes? Ach, die Steine müssen erbeben
+unter ihren Sandalen und die Sterne sich neigen,
+um sie zu schauen!«
+</p>
+
+<p>
+Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter
+Stier.
+</p>
+
+<p>
+Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin,
+deren Schweif sich über das dürre Laub schlängelte wie
+ein silberner Bach.« Mit langgezogenen Tönen ahmte
+er dabei Salambos Stimme nach, indes die Finger seiner
+ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten
+sie in den Saiten einer Lyra.
+</p>
+
+<p>
+Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit
+den gleichen Reden. So vergingen den beiden die Nächte
+unter Klagen und Trostworten.
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der
+Trunkenheit war er noch trauriger. Er versuchte, sich
+beim Würfelspiel zu zerstreuen, wobei er nach und nach
+die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ sich
+zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er
+den Hügel wieder herab, wie jemand, der von einem
+Begräbnis heimkehrt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer.
+Man sah ihn in den aus Reisig errichteten Schenken
+mitten unter den Soldaten reden. Er flickte alte Rüstungen
+aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen
+und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken.
+Er war lustig, schlau, beredt und hatte tausend gute
+Einfälle. Die Barbaren gewöhnten sich an seine Dienste.
+Er machte sich bei ihnen beliebt.
+</p>
+
+<p>
+Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago,
+der ihnen auf Maultieren Körbe voll Gold bringen
+sollte. Immer wieder überschlugen sie die alte Rechnung
+und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand. Ein
+jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten
+sich Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre
+wollten ihre Schätze vergraben oder sie im Seehandel aufs
+Spiel setzen. Aber bei dieser Untätigkeit erhitzten sich die
+Gemüter. Fortwährend kam es zu Zwistigkeiten zwischen
+Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und Griechen,
+und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.
+</p>
+
+<p>
+Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die
+zum Schutz gegen die Sonne Gras auf dem Haupte
+trugen. Es waren Schuldner reicher Karthager, von
+ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern gezwungen
+und nun entronnen. Libyer strömten herbei,
+Bauern, die durch die Steuern zugrunde gerichtet waren,
+Geächtete und Missetäter. Der Troß der Krämer, die
+Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie nicht
+bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago
+zu ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik.
+Bald wurden die Lebensmittel knapp. Man
+sprach davon, vereint auf Karthago zu marschieren und
+die Römer herbeizurufen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man
+ein dumpfes, verworrenes Geräusch, das allmählich näher
+kam. In der Ferne, im welligen Gelände, tauchte etwas
+Rotes auf.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken
+mit Büscheln von Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten
+und Perlengirlanden schlugen gegen die geschlossenen
+Vorhänge. Kamele folgten, und die großen
+Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend
+durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom
+Fuße bis zum Halse in goldnen Schuppenpanzern.
+</p>
+
+<p>
+Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um
+den Behältern hinter den Sätteln ihren runden Schild,
+ihr breites Schwert und ihren böotischen Helm zu entnehmen.
+Einige blieben bei den Kamelen, die andern
+setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen
+die Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein
+Pferdekopf oder ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren
+sprangen alle auf und klatschten Beifall. Die Weiber
+liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen die
+Füsse.
+</p>
+
+<p>
+Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern,
+die mit kleinen, raschen Schritten im Takte liefen. Sie
+mußten bald nach rechts, bald nach links ausbiegen,
+behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende Tiere und
+die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal
+schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein
+wenig auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche
+Worte aus. Da machten die Träger Halt und
+schlugen einen andern Weg quer durch das Lager ein.
+Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und
+man erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen
+Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die
+Augenbrauen sahen wie zwei Bogen von Ebenholz aus,
+die mit den Enden aneinander stießen. Goldflitter blinkten
+in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich, wie
+mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand
+unter einer Menge von Fellen.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten
+Hanno. Sie hatten noch wohl im Gedächtnisse, daß
+seine Langsamkeit schuld war am Verluste der Schlacht
+bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem
+Siege über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt
+hatte, so war dies nach ihrer Meinung nur aus Habgier
+geschehen, denn er hatte sämtliche Gefangene auf
+eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod
+gemeldet.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen
+Platz für eine Anrede an die Soldaten umgesehen
+hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte machte
+Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen
+heraus.
+</p>
+
+<p>
+Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät.
+Seine Beine waren wie die einer Mumie mit Binden
+umwickelt, und das Fleisch quoll zwischen den sich
+kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing über
+den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte,
+und die Falten seines fetten Halses hingen ihm &ndash; wie
+einem Stier die Wampe &ndash; bis auf die Brust. Seine
+mit Blumen bestickte Tunika krachte in den Achselhöhlen.
+Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen schwarzen
+Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines
+Anzuges, sein breites Halsband aus blauen Steinen,
+die goldenen Spangen und die schweren Ohrgehänge
+machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah aus
+wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das
+leblose Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen
+ganzen Körper bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie
+ein Geierschnabel, bewegte sich heftig, beim Einatmen,
+und seine kleinen Augen mit den klebrigen Wimpern
+schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der
+Hand hielt er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die
+Haut zu kratzen.
+</p>
+
+<p>
+Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner.
+Der Lärm legte sich, und Hanno fing an zu sprechen.
+Er begann mit einer Lobrede auf die Götter und auf
+die Republik. Die Barbaren sollten sich glücklich preisen,
+ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein, die
+Zeiten seien schwer &ndash; »und wenn ein Herr nur drei
+Oliven hat, ist es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?«
+</p>
+
+<p>
+Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern
+und Gleichnissen und nickte dabei in einem fort
+mit dem Kopfe, als wolle er damit Beifall hervorrufen.
+</p>
+
+<p>
+Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten,
+die ohne ihre Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner,
+Gallier und Griechen, so daß ihn von den vielen
+Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte es, hielt
+inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von
+einem Bein auf das andre.
+</p>
+
+<p>
+Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen,
+und seine Trompeter riefen diesen Befehl auf
+griechisch aus. Seit Xanthipp war Griechisch die Kommandosprache
+im karthagischen Heere.
+</p>
+
+<p>
+Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner
+mit Peitschenhieben zurück, und alsbald nahten die Hauptleute
+der nach spartanischem Muster gebildeten Phalanx
+und die Offiziere der Barbarenkompagnien in ihren nationalen
+Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht
+war herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum
+in der Ebene. Da und dort brannten Lagerfeuer. Man
+ging von einem zum andern und fragte einander: »Was
+soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?«
+</p>
+
+<p>
+Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen
+Lasten der Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der
+Tribut an die Römer sei erdrückend ... »Wir wissen
+nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist wirklich beklagenswert!«
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem
+Aloespatel, oder er unterbrach sich, um aus einer silbernen
+Schale, die ein Sklave ihm reichte, einen Trank
+aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln zu
+schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem
+Scharlachtuch und hub wieder an:
+</p>
+
+<p>
+»Was früher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei
+Sekel Gold. Die während des Krieges verwahrlosten
+Äcker bringen nichts ein. Unsre Purpurfischereien sind
+fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen werden
+äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug
+zum Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft,
+so will ich gar nicht davon reden ... Das ist
+ein Elend! Aus Mangel an Galeeren bekommen wir
+keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze
+von Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium
+verschaffen. Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte,
+ist uns jetzt verschlossen. Gestern erst habe ich für einen
+Badeknecht und vier Küchenjungen mehr gezahlt als für
+ein Paar Elefanten!«
+</p>
+
+<p>
+Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne
+eine einzige Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von
+der Regierung gemacht worden waren: so viel hatte die
+Wiederherstellung der Tempel gekostet, so viel die Straßenpflasterung,
+so viel der Bau der Kriegsschiffe, so viel die
+Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien
+und so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande
+der Kantabrer.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch
+wie die Gemeinen, wiewohl sich die Söldner in dieser
+Sprache begrüßten. Man pflegte in den Barbarenheeren
+einige karthagische Offiziere anzustellen, die als Dolmetscher
+dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege
+aus Furcht vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht,
+und Hanno hatte nicht daran gedacht, welche
+mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe Stimme
+im Winde.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um
+den Leib lauschten gespannt und bemühten sich, Hannos
+Worte zu erraten, während die Bergbewohner, in Pelze
+gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln beschlagenen
+Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder
+gähnten. Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend
+ihren hohen Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue
+Wollkittel gemummt, hörten unbeweglich zu. Andre kamen
+von hinten herzu. Die Gardisten, von dem Schwarme gedrängt,
+schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten
+brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager,
+der auf einen Rasenhügel getreten war, fuhr in
+seiner Ansprache fort.
+</p>
+
+<p>
+Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren
+erhob sich. Ein jeder rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte
+mit seinem Spatel. Die einen wollten die andern
+zum Schweigen bringen, überschrien einander und
+vermehrten dadurch den Tumult.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor
+Hannos Füße, entriß einem Herold die Trompete und
+stieß hinein. Spendius war es. Er erklärte, daß er etwas
+Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung hin,
+die er rasch in fünf Sprachen &ndash; griechisch, lateinisch,
+gallisch, libysch, balearisch &ndash; wiederholte, antworteten
+die Hauptleute halb belustigt, halb überrascht:
+</p>
+
+<p>
+»Sprich! Sprich!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich
+an die Libyer, die am zahlreichsten anwesend waren, und
+sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes
+gehört!«
+</p>
+
+<p>
+Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch,
+und Spendius wiederholte, um die Probe fortzusetzen,
+den nämlichen Satz in den andern barbarischen
+Sprachen.
+</p>
+
+<p>
+Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten
+alle, in der Einbildung, Hannos Rede doch verstanden
+zu haben, zum Zeichen ihrer Zustimmung wie in stummer
+Übereinkunft mit den Köpfen.
+</p>
+
+<p>
+Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker
+seien neben Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er
+hat euch Feiglinge, Gauner, Lügner, Hunde und Söhne
+von Hündinnen genannt! Ohne euch &ndash; so hat er gesagt &ndash; wäre
+die Republik nicht gezwungen, den Römern
+Tribut zu zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet
+ihr die Vorräte an Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven
+und Silphium erschöpft, denn ihr wäret im Einvernehmen
+mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die
+Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis
+dieser Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern,
+beim Schiffsbau und bei der Ausschmückung
+der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen sollen im Lande
+der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!«
+</p>
+
+<p>
+Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern,
+den Baleariern. Da die Söldner mehrere von den
+Eigennamen, die ihr Ohr bei Hannos Rede getroffen
+hatte, wieder heraushörten, so waren sie überzeugt, daß
+Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben
+habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!«
+Doch der Lärm der übrigen verschlang ihre Stimmen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius begann abermals:
+</p>
+
+<p>
+»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem
+Lager eine Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein
+Signal stürmen sie herbei, um euch alle zu erwürgen!«
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung.
+Da, als sich die Menge gerade teilte, tauchte aus
+ihrer Mitte, langsam wie ein Gespenst, ein menschliches
+Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig nackt, bis zu
+den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von vertrockneten
+Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und
+Knie waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden.
+Die welke erdfarbene Haut hing um seine entfleischten
+Glieder wie Lumpen auf dürren Zweigen. Seine
+Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen stützte
+er sich auf einen Olivenstock.
+</p>
+
+<p>
+Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste
+wie ein Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch
+sehen. Mit großen verstörten Augen schaute er die
+Menge der umstehenden Barbaren an.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte
+hinter sie und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da
+sind sie! Da sind sie!« stammelte er, auf die Leibwache
+des Suffeten weisend, die in ihrer glänzenden Rüstung
+unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom Scheine
+der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften
+mit den Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im
+Krampf am Boden und heulte:
+</p>
+
+<p>
+»Sie haben alle erschlagen!«
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen,
+traten die Balearier näher und erkannten in ihm
+einen Kameraden namens Zarzas. Ohne ihnen zu antworten,
+wiederholte er:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben!
+Die schönen Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden,
+meine und eure!«
+</p>
+
+<p>
+Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand
+er Worte.
+</p>
+
+<p>
+Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen,
+indes er den Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge
+verdolmetschte, die Zarzas berichtete. Er glaubte selbst
+kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.
+</p>
+
+<p>
+Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre
+Landsleute umgekommen waren.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am
+Tage vorher ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde
+des Abmarsches verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz
+kam, waren die Barbaren schon ausgerückt, und
+sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem übrigen
+Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch
+die Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit
+Erzplatten beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte
+sich das Volk wie ein Mann auf sie geworfen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch
+Geschrei vernommen zu haben. Spendius, der bei der
+Spitze der Marschkolonne geritten war, hatte nichts gehört.
+</p>
+
+<p>
+Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt
+worden, die um den Khamontempel herumstanden. Man
+schob den Ermordeten alle Verbrechen der Söldner in die
+Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre Diebstähle, ihre Freveltaten,
+ihre Übergriffe und den Mord der Fische im Garten
+Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf
+die schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das
+Haar, um die Seelen zu martern. Schließlich hängte
+man sie zerstückelt bei den Fleischhändlern auf. Einige
+bissen sogar hinein, und am Abend zündete man Scheiterhaufen
+an den Straßenecken an, um die letzte Spur von
+ihnen zu vertilgen.
+</p>
+
+<p>
+Das waren die Feuer, die so weithin über den See
+geleuchtet hatten! Da dabei einige Häuser in Brand geraten
+waren, hatte man die Reste der Toten und Sterbenden
+flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich bis
+zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten.
+Dann war er auf den Feldern herumgeirrt und
+den Spuren des Heeres im Sande gefolgt. Tagsüber
+verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er seinen
+Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert
+und krank, nur von Wurzeln und Aas genährt.
+Eines Tages endlich bemerkte er Lanzen am Horizont.
+Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand war durch
+Schreck und Not verstört.
+</p>
+
+<p>
+Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung.
+Nun brach sie wie ein Gewitter los. Am liebsten
+hätten sie die Gardisten samt dem Suffeten niedergemetzelt.
+Einige aber legten sich ins Mittel und sagten,
+man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren,
+ob sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle:
+»Unser Geld!« Hanno erwiderte, er habe es mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem
+Gepäck, von den Barbaren vorwärts getrieben, gelangten
+bis in die Mitte des Lagers. Ohne auf die Sklaven zu
+warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man fand darin
+hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser,
+Bürsten, Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen
+der Augen, &ndash; alles den Gardisten gehörig, reichen Leuten,
+die an solche Luxusdinge gewöhnt waren. Ferner entdeckte
+man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne. Sie
+gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er
+hatte für sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar
+Wiesel aus Hekatompylos in Käfigen mitgenommen,
+die man lebendig verbrannte, um Arznei für ihn zu bereiten.
+Und da die Krankheit seine Eßlust sehr gesteigert
+hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein
+mit sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes
+aus Kommagene und geschmolzenes Gänsefett,
+das mit Schnee und Häcksel bedeckt war. Die Vorräte
+waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man aufmachte,
+kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten
+sich vor Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe.
+In dem einen erblickte man sogar die runden
+Lederstücke, deren sich die Republik zur Ersparnis von
+Metallgeld bediente. Als der Suffet das große Erstaunen
+der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die Prüfung
+ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten
+hätten noch keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten
+sie ihnen dies.
+</p>
+
+<p>
+Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere,
+Diener, Sänfte, Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen
+die Geldbeutel, um Hanno damit zu erschlagen.
+Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh,
+sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend,
+gestoßen und gequetscht, indes er den Fluch aller Götter
+auf das Heer herabflehte. Sein breites Halsgehänge aus
+Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit den Zähnen
+hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm herschleifte.
+Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm
+nach: »Pack dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs!
+Schwitze in deinem Gold und deiner Pest! Fort!
+Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her.
+</p>
+
+<p>
+Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann
+sich, daß mehrere von ihnen, die sich wieder nach
+Karthago gewandt hatten, nicht zurückgekehrt waren.
+Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So viele
+Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die
+Zeltpfähle auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die
+Pferde aufzuzäumen. Ein jeder griff nach Helm und
+Schwert, und im Nu war alles marschbereit. Wer keine
+Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu
+schneiden.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten
+und füllten die Straßen. »Sie marschieren gegen
+Karthago!« sagte man, und bald verbreitete sich dies Gerücht
+durch die ganze Gegend.
+</p>
+
+<p>
+Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten
+Menschen herbei. Man sah die Hirten von den Bergen
+herabeilen.
+</p>
+
+<p>
+Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam
+Spendius auf einem punischen Hengste von einem Ritt
+durch die Ebene zurück. Sein Sklave folgte ihm mit einem
+dritten Pferde zur Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+»Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!«
+</p>
+
+<p>
+»Wohin?« fragte Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Nach Karthago!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der
+Tür am Zügel hielt.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch03">III</h2>
+
+<h2>Salambo</h2>
+
+
+<p>
+Der Mond kam über dem Saum der See heraus. Noch
+war die Stadt im Dunkel. Nur hier und da blinkten
+leuchtende Punkte und lichte Flecke: die Deichsel eines
+Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehängtes Stück
+Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der
+Brust eines Götterbildes. Da und dort funkelten die
+Glaskugeln auf den Tempeldächern wie riesige Diamanten,
+während linienlose Gebäudeteile, schwarze Flächen Landes
+und Baumgruppen in der Dunkelheit noch massiger
+und düsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhörte,
+spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern,
+wie ungeheure Fledermäuse mit entfalteten Flügeln. Das
+Knarren der Räder, die das Wasser bis in die obersten
+Stockwerke der Paläste trieben, war verstummt. Auf den
+Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie Strauße
+auf dem Bauche liegend. Die Türhüter schliefen auf den
+Straßen vor den Haustüren. Über die menschenleeren
+Plätze krochen die Schatten gigantischer Monumente. An
+verschiedenen Stellen in der Ferne drang durch die Lücken
+eherner Dächer die Lohe von Opferfeuern. Der schwüle
+Seewind trug Blütenduft vermischt mit Meeresgeruch
+und dem Dunst sonnendurchglühter Mauern her. Rings
+um Karthago glitzerte die starre Meeresflut. Der Mond
+goß sein Licht über den bergumfriedeten Golf und über
+das Haff von Tunis, auf dessen Sanddünen Flamingos in
+langen rosigen Reihen hockten, während weiter weg,
+hinter der Totenstadt, die große Salzlagune wie eine
+Silberplatte glänzte. Das dunkelblaue Himmelsgewölbe
+versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen,
+auf der andern in den Dämpfen des Meeres. Oben
+auf der Akropolis wiegten die hohen spitzigen Zypressen,
+die den Eschmuntempel umhüteten, ihre Wipfel und
+rauschten genau so monoton wie die Wogen, die zu
+Füßen der Befestigungen in schwerfälliger Regelmäßigkeit
+an den Quadern des langen Hafendammes zerstoben.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt
+von einer Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende
+Kohlen trug. Mitten auf der Terrasse stand ein niedriges
+Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle und mit Papageienfedern
+gefüllte Kissen lagen darauf. Diese weissagenden
+Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken
+waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien,
+Narde, Zimt und Myrrhen. Die Sklavin entzündete das
+Räucherwerk.
+</p>
+
+<p id="p061">
+Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich
+die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen
+Sande nieder, der &ndash; ein zweiter Himmel &ndash; mit goldenen
+Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die
+Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete die
+Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht
+voll ins Angesicht schien, und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»O Rabbetna ... Baalet ... Tanit!« Das klang wie
+Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis ...
+Astarte ... Derketo ... Astoreth ... Mylitta ...
+Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen Symbolen ...
+in der heiligen Musik ... in den Furchen der
+Äcker ... im ewigen Schweigen ... und in der ewigen
+Fruchtbarkeit ... Herrin des düsteren Meeres ... und
+der blauen Gestade ... o Königin des Feuchten ... sei
+mir gegrüßt!«
+</p>
+
+<p>
+Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und
+zurück, dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen mit
+der Stirn in den Sand. Die Sklavin richtete sie sofort
+wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß mußte man
+den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter
+ihn erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme
+Pflicht niemals.
+</p>
+
+<p>
+Kaufleute aus dem darischen Gätulien hatten Taanach als
+kleines Kind nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer
+Freilassung hatte sie ihre Herrschaft nicht verlassen, was
+das weite Loch in ihrem rechten Ohrläppchen vermeldete.
+Ihr buntgestreifter Rock, um die Hüften von einem Gürtel
+gehalten, reichte bis zu den Knöcheln hinab, an denen
+je zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes
+Gesicht war gelb wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe
+bildeten überlange silberne Nadeln eine Sonne.
+Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So stand
+sie, starr wie eine Bildsäule, mit fast geschlossenen Lidern,
+neben dem Ruhebett.
+</p>
+
+<p>
+Salambo trat an das Geländer der Terrasse. Einen
+Augenblick lang liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann
+senkten sie sich zur schlummernden Stadt. Sie stieß einen
+Seufzer aus, der ihren Busen schwellte und das lange
+weiße spangen- und gürtellose Schleppgewand von oben
+bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwärts
+gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Fülle
+von Smaragden, und ihr loses Haar ward von einem Netz
+aus Purpurfäden zusammengehalten.
+</p>
+
+<p>
+Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond.
+Indem sie Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte,
+murmelte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des
+ungreifbaren Äthers. Um dich herum schläft er. Erst
+deine Bewegung und dein Gang wecken die Winde und
+streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du zunimmst
+oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken
+der Panther groß oder klein. In Kindesnöten schreien
+die Mütter deinen Namen. Du läßt die Muscheln schwellen,
+den Wein gären, die Toten zu Staub zerfallen. Du
+formst die Perlen im Meeresgrunde.
+</p>
+
+<p>
+»O Göttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen
+deiner Nebel. Wenn du erscheinst, fließt Frieden in die
+Welt hinab. Die Blumen schließen sich, die Fluten schlummern
+ein, die müden Menschen strecken sich nieder, die
+Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren
+und Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie
+in einem Spiegel. Weiß bist du, mild, licht, makellos,
+hilfreich, beseligend und heiter!«
+</p>
+
+<p id="p063">
+In diesem Augenblicke stand die Mondsichel über dem
+Berge der heißen Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden
+Gipfeln, jenseits des Golfes. Unter ihr blinzelte ein
+kleiner Stern, und um sie herum schimmerte fahler Schein.
+Salambo fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich
+entstehen die Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die
+trügerischen Träume. Dein Blick nagt an den Steinen
+der Häuser, und die Affen werden krank, sooft du dich
+verjüngst.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin läufst du? Warum wandelt sich immerfort deine
+Gestalt? Als schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff
+ohne Mast durch den weiten Weltraum. Hütest die Schar
+der Sterne, wie ein hagerer Schäfer seine Herde. Rund
+aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines
+Wagens über den Kamm der Berge.
+</p>
+
+<p>
+»O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu
+dir empor. Nein, nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau,
+und ich bleibe auf der starren Erde.
+</p>
+
+<p>
+»Taanach, nimm die Harfe und rühre lind und leise die
+silberne Saite, denn mein Herz ist traurig!«
+</p>
+
+<p>
+Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz,
+höher als sie selber und dreieckig wie ein Delta,
+stellte es mit der unteren Spitze in einen Glasnapf und
+begann mit beiden Händen zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+Die Töne folgten dumpf und ungestüm aufeinander wie
+Bienengesumm. Allmählich wurden sie heller und lauter
+und flohen in die Nacht hinaus, zu den wimmernden
+Wogen und den rauschenden hohen Bäumen auf der Kuppe
+der Akropolis.
+</p>
+
+<p>
+»Hör auf!« rief Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter
+weht, Wolken, die schon wieder weg sind, alles bewegt und
+erregt dich jetzt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es nicht!«
+</p>
+
+<p>
+»Du machst dich matt durch zu viel Beten.«
+</p>
+
+<p>
+»O Taanach, ich möchte in meinem Gebete zerfließen
+wie der Duft einer Blume im Wein.«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Salambo. »In den Wohlgerüchen wohnen
+der Götter Seelen.«
+</p>
+
+<p id="p065">
+Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube,
+er sei nach dem Lande des Bernsteins gefahren, über die
+Säulen des Melkarth hinaus. »Und wenn er nicht wiederkommt,«
+flüsterte sie, »dann mußt du dir, wie es sein
+Wille war, unter den Söhnen der Alten einen Gatten
+wählen. In den Armen eines Mannes wird dann dein
+Kummer vergehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wieso?«
+</p>
+
+<p>
+Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr
+allesamt Furcht ein mit ihrem wilden Lachen und ihren
+plumpen Gliedern.
+</p>
+
+<p>
+»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens
+heißer Hauch auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans.
+Stimmen rufen mich. In meiner Brust rollt und
+kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und vermeine
+zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer
+meinen Leib vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung
+ist's, die mich umfängt. Ich fühle mich bedrückt,
+als ob ein Gott sich über mich legte. Ach, ich möchte mich
+verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der Quellen,
+im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen.
+Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein
+schimmernder Schein, und aufschweben zu dir, o Mutter!«
+</p>
+
+<p>
+Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück.
+In ihrem langen Gewande sah sie licht und leicht aus
+wie die Mondsichel selbst. Dann sank sie stöhnend auf das
+elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr eine Bernsteinkette
+mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen die
+Angst.
+</p>
+
+<p>
+Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:
+</p>
+
+<p>
+»Hol mir Schahabarim!«
+</p>
+
+<p>
+Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden
+der Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen
+Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt
+wurde. Er sparte sie für irgendein Bündnis auf, das
+seine politischen Pläne fördern sollte. Darum lebte Salambo
+einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange
+tot.
+</p>
+
+<p>
+In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien
+war sie aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen
+und ernsten Dingen. Ihr Körper war von Parfümerien
+durchtränkt, ihre Seele erfüllt von Gebeten. Nie hatte
+sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein unheiliges
+Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen.
+Jeder Gott kann sich in verschiedener Gestalt offenbaren,
+und voneinander ganz verschiedene Kulte haben oft denselben
+Grundgedanken. Salambo betete die Göttin in
+ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr jungfräulicher
+Leib stand in seinem Banne. Wenn der
+Mond abnahm, fühlte sie sich schwach. Den ganzen
+Tag über matt und müde, lebte sie immer erst abends
+auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe
+gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste
+entzogene Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen
+heim, die um so stärker waren, je wesenloser
+sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und wurden
+durch ihn genährt.
+Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von Tanit beunruhigt.
+Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten
+und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über
+die Lippen kamen, ohne daß sie damit deutliche Vorstellungen
+verband. Um in die Tiefe dieses Kults einzudringen,
+begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das
+altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen
+Mantel trug, an dem Karthagos Geschick hing. Der
+Gottesbegriff wurde von seiner Verkörperung kaum getrennt.
+Wer ein Götterbild berührte oder auch nur ansah,
+raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und
+gewann in gewisser Weise sogar Macht über ihn.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der
+goldenen Glöckchen vernommen, die Schahabarim am
+Saume seines Kleides trug. Er kam die Treppe herauf.
+Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte
+die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen
+in einer Gruft. Sein linnenes Gewand schlotterte
+um einen schlanken mageren Körper. Es war an den
+Säumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknöpfen
+besetzt. Schahabarim hatte schwächliche Glieder, einen
+Kegelkopf und ein spitzes Kinn. Wer seine Hand anfaßte,
+empfand Kälte, und sein gelbes tiefgefurchtes
+Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer
+verzerrt.
+</p>
+
+<p>
+Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher.
+</p>
+
+<p>
+»Sag, was willst du?« sprach er sie an.
+</p>
+
+<p>
+»Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen?« Sie
+stockte und geriet in Verwirrung. Plötzlich aber fuhr
+sie fort: »Warum mißachtest du mich? Hab ich irgendeine
+fromme Pflicht versäumt? Du bist mein Lehrmeister.
+Du hast mir gesagt, niemand wüßte so viel von der Göttin
+wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst.
+Hab ich recht, Vater?«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.«
+</p>
+
+<p>
+Da sagte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Etwas Geheimnisvolles treibt mich zu meiner Verehrung.
+Ich bin die Stufen Eschmuns hinaufgestiegen,
+des Gottes der Planeten und der denkenden Wesen. Ich
+habe unter dem goldenen Ölbaume Melkarths geschlafen,
+des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch
+die Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders
+und Befruchters. Ich habe den Erdgeistern geopfert, den
+Göttern der Wälder, der Winde, der Ströme und der
+Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu fremd. Verstehst
+du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie
+erfüllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen.
+Mir ist's, als wolle sie sich aus mir herauswinden, um
+sich von mir loszumachen. Ich vermeine ihre Stimme zu
+hören, ihr Angesicht zu schauen. Blitze blenden mich ...
+und dann sinke ich zurück in die Finsternis.«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich
+bittenden Blicken an. Endlich gab er ihr einen Wink,
+die Sklavin wegzuschicken, die nicht von kanaanitischer
+Rasse war.
+</p>
+
+<p>
+Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme
+gen Himmel und hub an:
+</p>
+
+<p>
+»Ehe es noch Götter gab, herrschte Finsternis, und es
+wehte ein Hauch, schwül und trüb wie das Bewußtsein
+der Menschen im Traume. Der Hauch verdichtete sich und
+erzeugte Gewölk und die Sehnsucht. Und aus der Sehnsucht
+und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war
+ein tiefer, schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten
+fühllose Ungeheuer, zusammenhangslose Elemente der
+werdenden Wesen, wie sie auf den Wänden der Tempel
+abgebildet sind.
+</p>
+
+<p>
+»Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei.
+Das zerbarst. Die eine Hälfte wurde zur Erde, die andere
+zum Himmelsgewölbe. Sonne, Mond, Winde und
+Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die denkenden
+Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf,
+Khamon erstrahlte in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit
+starkem Arm bis hinter Gades zurück. Die Erdgeister
+stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna neigte sich
+gleich einer Amme über die Welt, und spendete ihr Licht
+wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu
+wie mit einem Mantel ...«
+</p>
+
+<p>
+»Und dann?« fragte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte ihr das Geheimnis der Schöpfung erzählt, um
+sie durch weite Ausblicke abzulenken. Aber an seinen
+letzten Worten entzündete sich das Begehren der Jungfrau
+von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem Nachgeben
+fort:
+</p>
+
+<p>
+»Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Die Liebe im Menschen ...« wiederholte Salambo
+versonnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Hohepriester redete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie überall webt
+und lebt, ist ihre Heimat hier bei uns unter dem heiligen
+Mantel.«
+</p>
+
+<p>
+»O Vater!« rief Salambo. »Ich werde sie schauen,
+nicht wahr? Du wirst mich zu ihr führen! Lange hab ich
+gezaudert. Das Begehren, sie zu sehen, verzehrt mich.
+Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!«
+</p>
+
+<p>
+Mit heftiger und hochmütiger Gebärde stieß er sie zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Niemals! Weißt du nicht, daß man dann sterben muß?
+Die doppelgeschlechtlichen Götter entschleiern sich nur uns
+allein, die wir Männer durch den Geist und Weiber durch
+die Schwäche sind. Dein Begehren ist Gotteslästerung.
+Begnüge dich mit dem, was du kennst!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue
+die beiden Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert
+durch die Worte des Priesters. Zorn, Schrecken
+und Demut erfüllten sie gleichzeitig.
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefühlloser
+als die Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos
+Gestalt herab, die zitternd zu seinen Füßen lag, und empfand
+eine seltsame Freude, weil er sie für seine Gottheit,
+die selbst er nicht ganz zu erfassen imstande war,
+so leiden sah.
+</p>
+
+<p>
+Schon begannen die Vögel zu singen, kalter Wind
+wehte, und kleine Wölkchen jagten über den erblassenden
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis
+etwas wie einen leichten Nebelstreifen, der über das
+Land hin zu ziehen schien. Eine Weile später verwandelte
+sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von
+grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mächtigen Masse
+tauchten Kamelköpfe, Lanzen und Schilde auf.
+</p>
+
+<p>
+Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago
+vormarschierte.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch04">IV</h2>
+
+<h2>Vor den Mauern von Karthago</h2>
+
+
+<p>
+Landleute, auf Eseln oder zu Fuße, strömten bleich, atemlos
+und irr vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor
+dem Heere. In drei Tagen hatte es den Weg von Sikka
+zurückgelegt, um Karthago zu berennen und in Grund und
+Boden zu zerstören.
+</p>
+
+<p>
+Man schloß die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen
+die Barbaren, machten jedoch auf der Mitte der Landenge
+am Haffufer Halt.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere
+kamen nahe heran, Palmenzweige in den Händen. Man
+trieb sie mit Pfeilschüssen zurück. So groß war die Bestürzung.
+</p>
+
+<p>
+Frühmorgens und in der Abenddämmerung patrouillierten
+Aufklärer vor den Stadtmauern. Besonders fiel
+ein kleiner Mann auf, der sorgfältig in einen Mantel gehüllt
+war und dessen Gesicht unter der tief herabgezogenen
+Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und betrachtete
+den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher
+Beharrlichkeit, daß er die Karthager offenbar über seine
+wahren Absichten täuschen wollte. Ein andrer begleitete
+ihn, ein wahrer Riese, der barhäuptig einherging.
+</p>
+
+<p>
+Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark
+befestigt: zuerst durch einen Graben, dann durch einen
+Rasenwall und schließlich durch eine dreißig Ellen hohe
+zweistöckige Quadermauer. Darin befanden sich Ställe
+für dreihundert Elefanten, Rüstkammern für ihre Harnische
+und ihr Kettenzeug, dazu Futterböden. Ferner
+Unterkunftsräume für viertausend Pferde samt Sattelzeug
+und Fourage, sowie Kasernen für zwanzigtausend
+Soldaten mit ihren Rüstungen und allem Kriegsgerät.
+Aus dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrönte
+Türme, die an der Außenseite Panzerplatten, an Krampen
+befestigt, trugen.
+</p>
+
+<p>
+Diese erste Befestigungslinie schützte unmittelbar Malka,
+das Viertel der Seeleute und Färber. Masten ragten da,
+an denen Purpurgewebe trockneten, während aus den
+flachen Dächern weiter weg Tonöfen zum Sieden der
+Salzlake rauchten.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter türmte sich amphitheatralisch die Stadt mit
+ihren hohen würfelförmigen Häusern, die teils aus Steinen,
+teils aus Holz, Sand, Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut
+waren. Die Tempelhaine schimmerten wie grüne
+Seen in diesem Gebirge bunter Blöcke. Die öffentlichen
+Plätze bildeten in unregelmäßigen Abständen Ebenen
+darin. Zahllose Gassen durchschnitten das Häusermeer
+kreuz und quer, von oben bis unten. Man erkannte die
+Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die jetzt miteinander
+verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie
+steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflächen,
+halb mit Blumen überwachsen, geschwärzt
+und von breiten Ausgußstreifen durchzogen. Durch die
+klaffenden Lücken liefen Straßen, wie Flüsse unter
+Brücken.
+</p>
+
+<p>
+Der Hügel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das
+heißt des Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem
+Wirrwarr von Bauwerken. Da standen Tempel mit gewundenen
+Säulen, die eherne Kapitäle und metallene
+Ketten trugen, blaugestreifte mörtellose Steinkegel, kupferne
+Kuppeldächer, Marmorarchitrave, babylonische
+Strebepfeiler, Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit
+der Spitze auf dem Boden ruhten. Vorhallen stießen an
+Giebel, Voluten kräuselten sich zwischen Säulengängen,
+Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwände. Das
+alles kletterte eins über das andre und vermengte sich in
+wunderlicher, unbegreiflicher Weise. Es kündete vom
+Wechsel der Zeiten und rief die halbvergessene Heimat
+der einzelnen Erbauer wach.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Akropolis zog sich durch rötliches Erdreich,
+mit Grabmälern besäumt, die Straße der Mappalier
+schnurgerade von der Küste bis zur Gräberstadt. Seitwärts
+sah man lange Gebäude, von Gärten umgeben.
+Das dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte
+sich bis zur felsigen Meeresküste, über der sich ein riesiger
+Leuchtturm erhob, Nacht für Nacht sein Licht spendend.
+</p>
+
+<p>
+So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der
+Ebene lagernden Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Von fern erkannten sie die Marktplätze und Straßenkreuzungen.
+Sie stritten sich über die Lage der Tempel.
+Der Khamontempel gegenüber den Syssitien hatte goldene
+Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom Eschmuntempel
+trug Korallenäste auf seinem Dache. Weiterhin
+wölbte sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom
+Heiligtume Tanits. Das düstere Haus Molochs stand am
+Fuße der Zisternen nach der Seite des Leuchtturms hin.
+Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern, an
+den Ecken der Plätze, überall erblickte man Götterbilder
+mit scheußlichen Köpfen, riesengroß oder untersetzt, mit
+dicken oder unnatürlich platten Bäuchen, offnen Mäulern
+und ausgestreckten Armen, Gabeln, Ketten oder Speere
+in den Händen. Im Hintergrunde der Straßen aber, die
+durch den schrägen Einblick noch steiler erschienen, schimmerte
+das blaue Meer.
+</p>
+
+<p>
+Eine lärmende Menge erfüllte die Straßen vom Morgen
+bis zum Abend. Knaben schrien, Schellen schwingend,
+an den Türen der Bäder. Die Buden mit warmen Getränken
+rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der Ambosse.
+Auf den Terrassen krähten die weißen, der Sonne
+geweihten Hähne. In den Tempeln brüllten die Opferstiere,
+die man abwürgte. Sklaven mit Körben auf den
+Köpfen eilten dahin, und in der Tiefe der Säulenhallen
+tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem Mantel,
+barfüßig und mit spitzer Mütze.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren.
+Sie bewunderten und verabscheuten es. Sie hätten es
+gleichzeitig zerstören und bewohnen mögen. Was barg
+dort der Kriegshafen, den eine dreifache Mauer beschirmte?
+Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch
+höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß.
+</p>
+
+<p>
+Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er
+kletterte auf Olbäume und beugte sich vor, indem er die
+Augen mit der Handfläche beschattete. Aber die Gärten
+waren leer, und die rote Tür mit dem schwarzen Kreuz
+blieb beständig geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte
+nach einem Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts
+stürzte er sich in den Golf und schwamm drei Stunden
+lang. Er gelangte bis an das Seetor und wollte die steile
+Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig und
+zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins
+Meer und kehrte um.
+</p>
+
+<p>
+Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf
+dieses Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden,
+der sie leiblich besessen hätte. Seine Erschöpfung
+hörte auf, und tolle fortwährende Tatenlust erfüllte ihn.
+Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und rauher
+Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er
+saß am Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand.
+Oder er schoß mit Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier.
+Sein Herz quoll in wütenden Worten über.
+</p>
+
+<p>
+»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden
+Streitwagen!« sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe,
+verwüste und morde! Derlei Leid wird nur mit Blut
+gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen kannst, so
+mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!«
+</p>
+
+<p>
+Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner.
+Er ließ sie schonungslos exerzieren. Man achtete
+ihn wegen seines Mutes und vor allem um seiner Kraft
+willen. Außerdem flößte er eine Art mystische Furcht ein:
+man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel
+ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das
+Heer in guter Zucht. Die Karthager hörten in ihren
+Häusern die Trompetensignale, die den Dienst regelten.
+Nun rückten die Barbaren näher.
+</p>
+
+<p>
+Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier
+Heere bedurft, die ihnen gleichzeitig in den Rücken
+hätten fallen müssen, nachdem das eine im Golfe von
+Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet
+wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner
+Garde beginnen, die höchstens sechstausend Mann stark
+war? Wandten sich die Barbaren nach Osten, so konnten
+sie sich mit den Nomaden vereinigen und die Straße nach
+Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten
+sie sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich
+mußte der Mangel an Lebensmitteln sie früher oder später
+zwingen, die Umgegend zu verwüsten wie Heuschreckenschwärme.
+Die Patrizier zitterten für ihre schönen Landsitze,
+ihre Weingärten und Äcker.
+</p>
+
+<p>
+Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln
+vor. Man solle auf den Kopf jedes Barbaren einen hohen
+Preis setzen oder ihr Lager mit Hilfe von Schiffen und
+Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder Gisgo
+dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber
+die Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke.
+Sie fürchteten in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten
+sich, aus Angst vor der Monarchie, alles zu schwächen,
+was noch davon bestand oder zu ihr zurückführen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer
+Rasse und unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine
+und aßen Weichtiere und Schlangen. In Fallgruben
+fingen sie lebendige Hyänen, die sie des Abends
+zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen
+den Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus
+Schlamm und Schilf klebten am Hange der Küste wie
+Schwalbennester. So lebten sie ohne Regierung und ohne
+Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und schwächlich
+zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung
+wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten
+die Posten, daß sie sämtlich verschwunden waren.
+</p>
+
+<p>
+Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen
+Entschluß. Sie gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit
+offenen Sandalen ins Lager, wie zu Nachbarn. Ruhigen
+Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße zu
+und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu
+sprechen. Sie erklärten, es sei alles beendet, und man
+wolle ihren Ansprüchen gerecht werden.
+</p>
+
+<p>
+Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Söldnerlager.
+Statt des Durcheinanders, das sie vermutet hatten,
+herrschte überall Ordnung und beängstigende Stille. Das
+ganze umschloß ein hoher Rasenwall, der den Geschossen
+der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte.
+Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt.
+Durch die Zelttüren erblickte man wilde Augen, die im
+Dunkeln glühten. Die Lanzenpyramiden und die aufgehängten
+Rüstungen blendeten wie Spiegel. Die Karthager
+sprachen leise miteinander und nahmen sich in
+acht, daß sie mit ihren langen Mänteln nichts umrissen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner forderten Lebensmittel und verpflichteten
+sich, sie mit dem ausstehenden Solde zu bezahlen.
+</p>
+
+<p>
+Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhühner, getrocknete
+Früchte und Lupinen, auch geräucherte Makrelen von
+jener vortrefflichen Sorte, die Karthago nach allen Häfen
+versandte. Doch die Söldner betrachteten das prächtige
+Vieh geringschätzig von allen Seiten, und indem sie herabsetzten,
+was sie begehrten, boten sie für einen Widder den
+Preis einer Taube, für drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel
+wert war. Die »Esser unreiner Speisen« warfen
+sich zu Sachverständigen auf und behaupteten, man
+betröge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren Schwertern
+herum und drohten mit Mord und Totschlag.
+</p>
+
+<p>
+Bevollmächtigte des Großen Rates buchten die Zahl der
+Dienstjahre, für die man jedem Soldaten den Sold schuldete.
+Doch es war jetzt unmöglich noch zu wissen, wieviele
+Söldner man angenommen hatte, und die Alten
+waren entsetzt über die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen
+hatten. Man war gezwungen, die Silphiumvorräte
+zu verkaufen und die Handelsstädte zu besteuern. Die
+Söldner mußten indessen ungeduldig werden. Schon hatte
+Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos Wutausbrüche
+und die Vorwürfe seines Amtsgenossen nervös gewordenen
+Patrizier legten es deshalb jedem Bürger nahe,
+der zufällig einen der Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen
+und ihm gute Worte zu geben, damit er wieder
+freundlich gesinnt würde. Solches Vertrauen sollte die
+Söldner beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien
+begaben sich zu den Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Diese ließen alle Karthager ins Lager, aber nur durch
+einen einzigen Eingang, der so eng war, daß sich vier
+nebeneinandergehende Männer mit den Ellbogen berührten.
+Spendius stand an der Schranke und ließ alle genau
+durchsuchen. Matho, ihm gegenüber, musterte die
+Menge, um irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo
+gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen
+und Leben. Die beiden deutlich unterscheidbaren
+Massen vermengten sich, ohne sich völlig zu vermischen:
+die eine in leinenen oder wollenen Gewändern mit Filzhüten,
+die wie Pinienäpfel aussahen, die andere in Panzerkleid
+und Helm. Zwischen den Troßknechten und
+Marketendern trieben sich Weiber von allerhand Rassen
+umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so grünlich,
+wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in
+Spelunken aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der
+Plünderung von Städten gefangen. Man hetzte sie mit
+Liebe, solange sie jung waren, und überhäufte sie mit
+Schlägen, wenn sie alt wurden, bis sie schließlich auf
+irgendeinem Rückzuge, mit dem Gepäck und den Lasttieren
+im Stich gelassen, am Wege starben. Die Frauen der
+Nomaden gingen wiegenden Schrittes, in karierten gelbroten
+langen Kamelhaarröcken. Lautenspielerinnen aus
+der Kyrenaika, in violette Gaze gehüllt, mit gemalten
+Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte
+Negerweiber mit Hängebrüsten lasen Tiermist auf, den
+man dann in der Sonne dörrte und zum Feueranmachen
+benutzte. Die Syrakusanerinnen trugen Goldplättchen im
+Haar, die Frauen der Lusitanier Muschelhalsbänder, die
+Weiber der Gallier Wolfsfelle über der weißen Brust.
+Kräftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten,
+rannten den Vorübergehenden mit dem Kopf vor den
+Leib oder schlichen sich hinterrücks heran wie junge Tiger,
+um sie in die Finger zu beißen.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt über
+die Menge von Gegenständen, mit denen es vollgepfropft
+war. Die Allerärmsten wurden traurig. Die andern ließen
+sich ihre Unruhe nicht anmerken.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie
+aufzuheitern. Wen immer sie erblickten, den luden sie zu
+ihren Spielen ein. Beim Diskoswerfen richteten sie es
+dann so ein, daß dem Aufgeforderten die Füße zerquetscht
+wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm
+beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten
+die Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwörer
+mit ihren Vipern, die Reiter mit ihren Pferden.
+Die an friedliche Beschäftigungen gewöhnten Leute
+ließen alle Verhöhnungen stumm über sich ergehen und
+bemühten sich sogar zu lächeln. Einige, die sich tapfer
+zeigen wollten, gaben zu verstehen, daß sie Soldaten werden
+möchten. Man hieß sie Holz spalten und Maultiere
+striegeln oder schnallte sie in eine Rüstung und rollte sie
+wie Tonnen durch die Lagergassen. Wenn sie sich dann
+zum Aufbruch anschickten, rauften sich die Söldner unter
+albernen Verrenkungen die Haare.
+</p>
+
+<p>
+Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben,
+alle Karthager für steinreich. Sie liefen hinter
+ihnen her und baten und bettelten, ihnen etwas zu schenken.
+Sie begehrten alles, was ihnen gefiel: Ringe, Gürtel,
+Sandalen, Gewandfransen, alles mögliche, und
+wenn der ausgeplünderte Karthager schließlich ausrief:
+»Ich habe nichts mehr! Was willst du noch« so antworteten
+sie: »Dein Weib!« oder auch wohl: »Dein Leben!«
+</p>
+
+<p>
+Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt,
+den Soldaten vorgelesen und endgültig anerkannt. Nun
+forderten sie Zelte. Man gab sie ihnen. Dann verlangten
+die Offiziere der Griechen eine Anzahl der schönen
+Rüstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Große
+Rat bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und
+billig, behaupteten sodann die Reiter, daß die Republik
+sie für ihre eingebüßten Pferde entschädige. Der eine
+behauptete, bei der und jener Belagerung drei, ein
+andrer auf dem und jenem Marsche fünf verloren zu
+haben. Einem dritten waren beim Passieren des Gebirges
+vierzehn abgestürzt. Man bot ihnen Hengste von Hekatompylos
+an, aber alle zogen Geld vor.
+</p>
+
+<p id="p080">
+Weiterhin verlangten sie, daß man ihnen in bar &ndash; in
+Silbermünzen, nicht in Ledergeld &ndash; alles Getreide bezahlte,
+das man ihnen noch schuldete, und zwar zu dem höchsten
+Preise, den es während des Krieges gehabt hatte, so daß
+sie für ein Maß Mehl vierhundertmal mehr verlangten,
+als sie für einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten.
+Diese Unredlichkeit empörte die Karthager; trotzdem mußten
+sie nachgeben.
+</p>
+
+<p>
+Danach söhnten sich die Bevollmächtigten der Söldner
+mit den Abgesandten des Großen Rates aus, wozu sie
+beim Schutzgeist Karthagos und bei den Göttern der Barbaren
+schworen. Unter morgenländischem Wortschwall
+und Gebärdenspiel überboten sie einander in Entschuldigungen
+und Schmeicheleien. Dann forderten die Söldner
+als Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verräter,
+die das Heer mit der Republik veruneinigt hätten.
+</p>
+
+<p>
+Man tat, als verstände man sie nicht. Jene erklärten
+sich etwas deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten.
+</p>
+
+<p>
+Täglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus
+und trieben sich am Fuße der Mauern herum. Sie riefen,
+man solle ihnen den Kopf des Suffeten herabwerfen, und
+breiteten ihre Mäntel aus, um ihn aufzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Der Große Rat hätte vielleicht auch hierin nachgegeben,
+wenn nicht ein letztes Ansinnen gestellt worden wäre, unverschämter
+als alle andern. Die Söldner forderten nämlich
+Jungfrauen aus den vornehmsten Häusern zu Gattinnen
+für ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von
+Spendius, den manche ganz einfach und sehr wohl ausführbar
+fanden. Aber die Anmaßung der Barbaren, sich
+mit punischem Blute vermischen zu wollen, empörte das
+karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bündig,
+daß sie nichts mehr zu empfangen hätten. Nun schrien
+sie, man habe sie betrogen, und wenn der Sold nicht
+binnen drei Tagen ankäme, würden sie nach Karthago
+kommen und sich ihn selbst holen.
+</p>
+
+<p>
+Die Unredlichkeit der Söldner war nicht so groß, wie
+ihre Feinde meinten. Hamilkar hatte ihnen tatsächlich
+wiederholt und in feierlicher, wenn auch unbestimmter
+Form weitgehende Versprechungen gemacht. Bei ihrer
+Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anlaß gehabt
+zu glauben, man würde ihnen die Stadt preisgeben,
+deren Schätze sie unter sich teilen sollten. Als sie nun
+aber merkten, daß ihnen kaum der Sold ausgezahlt ward,
+war dies eine Enttäuschung für ihren Stolz wie für ihre
+Begehrlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale
+Alexanders nicht Beispiele wunderbaren Glücks geliefert?
+Das Vorbild des Herkules, den die Kanaaniter der Sonne
+verglichen, stand allen Soldaten leuchtend vor Augen.
+Man dachte daran, daß einfache Krieger Kronen errungen
+hatten, und der dröhnende Sturz großer Reiche
+verführte den Gallier in seinen Eichenwäldern, den Äthiopier
+in seinen Sandwüsten zu hohen Träumen. Und es
+gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer
+auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoßene Dieb,
+der auf den Straßen umherirrende Vatermörder, der von
+den Göttern verfolgte Tempelschänder, alle Hungrigen
+und Verzweifelten rangen sich bis zu dem Hafen durch,
+wo der punische Werber Söldner aushob. Gewöhnlich
+hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch
+hatte sein grenzenloser Geiz es zu einem gefährlichen
+Wortbruch verleitet. Die Numidier, die Libyer, ganz
+Afrika drohte sich gegen die Punier zu erheben. Nur
+das Meer war frei. Dort aber stieß Karthago mit den
+Römern zusammen. Wie ein von Mördern Überfallener
+blickte es rings dem Tod ins Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Es mußte sich wohl oder übel an Gisgo wenden. Die
+Barbaren nahmen seine Vermittlung an. Eines Morgens
+sahen sie die Ketten des Hafens sinken, und drei flache
+Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das Haff
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Am Bug des ersten erblickte man Gisgo. Hinter ihm,
+höher als ein Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen
+versehen, die hängenden Kronen glichen. Dann tauchte
+die Schar der Dolmetscher auf, mit Kopfbedeckungen wie
+Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die Brust
+tätowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen
+und so zahlreich, daß sie Schulter an Schulter standen.
+Die drei langen Barken, bis zum Sinken voll, nahten
+unter den Beifallrufen des Heeres, das ihnen entgegensah.
+Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm entgegen.
+Er ließ aus Säcken eine Art Rednerbühne errichten und
+erklärte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos
+gelöhnt wären.
+</p>
+
+<p>
+Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht
+wieder zu Worte kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler
+der Republik und die der Barbaren. Die Schuld läge
+an einigen Meuterern, die Karthago durch ihre Gewalttätigkeit
+erschreckt hätten. Der beste Beweis für die
+guten Absichten der Karthager sei der, daß man ihn, den
+unversöhnlichen Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt
+habe. Sie sollten die Republik weder für so töricht
+halten, daß sie sich tapfere Männer verfeinden wolle,
+noch für so undankbar, daß sie ihre Dienste verkenne.
+Darauf schickte er sich an, die Söldner abzulohnen, indem
+er mit den Libyern begann. Da sie die Listen für
+unrichtig erklärten, so bediente er sich ihrer nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie zogen nach Stämmen geordnet an ihm vorüber, indem
+sie mit hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre
+angaben. Man malte jedem, der seine Löhnung empfangen,
+mit grüner Farbe ein Zeichen auf den linken
+Arm. Schreiber zahlten aus der geöffneten Kiste, während
+andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel
+auf eine Bleiplatte ritzten.
+</p>
+
+<p>
+Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann
+heran.
+</p>
+
+<p>
+»Komm einmal zu mir herauf!« gebot der Suffet, der
+einen Betrug witterte. »Wieviel Jahre hast du gedient?«
+</p>
+
+<p>
+»Zwölf!« antwortete der Libyer.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die
+Schuppenketten der Helme verursachten nämlich nach
+langem Tragen an dieser Stelle der Haut Schwielen, die
+man »Johannisbrote« nannte, und »Johannisbrote
+haben«, das bedeutete Veteran sein.
+</p>
+
+<p>
+»Gauner!« rief der Suffet. »Was dir im Gesicht fehlt,
+wirst du auf dem Buckel haben.« Er riß dem Manne
+die Tunika ab und entblößte seinen Rücken, der mit blutigen
+Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus
+Hippo-Diarrhyt. Hohngelächter erscholl. Er ward enthauptet.
+</p>
+
+<p>
+Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und
+hielt ihnen folgende Rede:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker
+abgelohnt sind, werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr
+bleibt in Afrika, in Stämme zersplittert und ohne jeglichen
+Schutz! Dann wird sich die Republik rächen. Seht
+euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schönen
+Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverständnis!
+Gisgo hintergeht euch! Denkt an die Insel der Totenknochen
+und an Xantipp, den sie auf einer morschen
+Galeere nach Sparta zurückgesandt haben!«
+</p>
+
+<p>
+»Was sollen wir tun?« fragten sie.
+</p>
+
+<p>
+»Überlegt's euch!« entgegnete Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablöhnung
+der Söldner von Magdala, Leptis und Hekatompylos.
+Spendius machte sich an die Gallier heran.
+</p>
+
+<p>
+»Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen,
+die Balearier, die Asiaten und alle andern dran! Ihr
+aber, die ihr nur wenige seid, ihr werdet leer ausgehn!
+Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr werdet
+keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um
+die Verpflegung zu sparen!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit,
+den Gisgo in den Gärten Hamilkars geschlagen hatte,
+forderte eine Erklärung von ihm. Aber er wurde von
+den Sklaven zurückgetrieben und trollte sich mit dem
+Schwure, sich zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnäckigsten
+drangen in das Zelt des Suffeten. Um ihn zu
+erweichen, ergriffen sie seine Hände und nötigten ihn,
+ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und ihre
+Wundmale zu betasten. Die noch keine Löhnung erhalten,
+gerieten in Wut, während die andern, die ihren Sold
+empfangen hatten, nun auch die Entschädigungsgelder für
+ihre Pferde forderten. Landstreicher und vom Heere Ausgestoßene
+legten Rüstungen an und behaupteten, man
+vergäße sie. Jeden Augenblick drängten neue Lärmer herbei.
+Die Zelte krachten und fielen zusammen. Die zwischen
+die Lagerwälle eingekeilte Menge wogte laut tobend
+von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und her.
+Wenn der Tumult zu stark wurde, stützte Gisgo den Ellbogen
+auf seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete
+seine Blicke hinaus auf das Meer. Unbeweglich saß
+er dann da, die Finger in seinen Bart vergraben.
+</p>
+
+<p>
+Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius
+zu unterreden. Dann stellte er sich wieder dem Suffeten
+gegenüber auf, und Gisgo fühlte fortwährend seine Blicke
+wie zwei flammende Brandpfeile auf sich gerichtet. Über
+die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male Schimpfworte
+zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm
+die Löhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen
+Hindernissen einen Ausweg fand.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der
+Münzen Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen
+derartige Erklärungen, daß sie sich ohne Murren zurückzogen.
+Die Neger verlangten weiße Muscheln, wie
+sie im Innern Afrikas im Verkehr üblich waren. Der
+Suffet erbot sich, deren aus Karthago holen zu lassen.
+Darauf nahmen sie Silbergeld an wie die anderen.
+</p>
+
+<p>
+Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert,
+nämlich Frauen. Gisgo erklärte, daß man eine
+ganze Karawane von Jungfrauen für sie erwarte, doch
+der Weg sei weit, und es würden noch sechs Monde
+vergehen. Wenn dann aber die Mädchen wieder in gutem
+Körperzustand und reichlich mit Benzoe gesalbt wären,
+würde man sie ihnen auf Schiffen in die balearischen
+Häfen senden.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang Zarzas, wieder schön und kräftig, wie
+ein Gaukler auf die Schultern seiner Freunde und schrie,
+auf das Khamontor von Karthago hinzeigend:
+</p>
+
+<p>
+»Hast du auch welche für die Toten bestimmt?«
+</p>
+
+<p>
+Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten,
+erglühten in den letzten Sonnenstrahlen. Die
+Barbaren wähnten, einen Blutstreifen darauf zu erkennen.
+Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von neuem
+an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen
+Sitz und schloß sich in sein Zelt ein.
+</p>
+
+<p>
+Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten
+sich seine Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur
+Ruhe hingelegt hatten. Sie lagen auf dem Rücken, mit
+starren Augen, heraushängender Zunge und blauem Gesicht.
+Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre
+Glieder waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt
+wären. Jeder trug um den Hals eine dünne Binsenschnur.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung
+der Balearier, die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis
+zurückgerufen hatte, bestärkte das von Spendius
+erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik
+suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein
+Ende machen! Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas,
+der sich einen Kranz um den Kopf geschlungen hatte,
+sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes Schwert.
+Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den
+andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich
+selbst bezahlt zu machen. Die minder Aufgebrachten forderten,
+daß die Ablöhnung fortgesetzt würde. Keiner
+legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller vereinigte
+sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse.
+</p>
+
+<p>
+Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen
+ausstießen, hörte man sie geduldig an. Sobald
+sie aber das geringste Wort für ihn sprachen, wurden sie
+unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen hinterrücks
+mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften
+Säcke sahen blutiger aus als ein Opferaltar.
+</p>
+
+<p>
+Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal
+wenn Wein getrunken worden war. Dieser Genuß
+war in den punischen Heeren bei Todesstrafe verboten.
+Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um seiner
+Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven
+des Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden.
+Der Ruf: »Steinigt ihn!« &ndash; in jeder Sprache verschieden &ndash; ward
+von allen verstanden.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche
+ließ. Angesichts aller Undankbarkeit wollte er trotzdem
+die Ehre Karthagos hochhalten. Als die Söldner ihn
+daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe versprochen
+habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten
+zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen
+vom Halse und warf es in die Menge als Pfand seines
+Eides.
+</p>
+
+<p>
+Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen
+des Großen Rates. Gisgo legte amtliche
+Rechnungen vor, die mit violetter Tinte auf Lammfelle
+geschrieben waren. Er verlas alles, was nach Karthago
+eingeführt worden war, Monat für Monat und
+Tag für Tag.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen
+den Ziffern sein Todesurteil.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch
+verkleinert und das Getreide, das in der Zeit der größten
+Kriegsnot verkauft worden war, zu einem so niedrigen
+Preis angerechnet, daß kein vernünftiger Mensch getäuscht
+werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen,
+der Feigling! Aufgepaßt!«
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner ahnten nicht, daß man sie betrog, und nahmen
+die Rechnungsauszüge für richtig an. Aber der Überfluß,
+der in Karthago geherrscht, versetzte sie in wilde
+Eifersucht. Sie zertrümmerten die Sykomorenholzkiste.
+Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche Summen
+aus ihr hervorgehen sehn, daß man sie für unerschöpflich
+gehalten. Gisgo mußte Geld in seinem Zelte
+vergraben haben! Man stürmte die Rednerbühne. Matho
+war der Anstifter. Als man schrie: »Das Geld! Das
+Geld!« antwortete Gisgo schließlich:
+</p>
+
+<p>
+»So mag's euer Führer euch geben!«
+</p>
+
+<p>
+Fortan schwieg er und blickte mit den großen gelben
+Augen seines langen Gesichtes, das weißer war als sein
+Bart, kaltblütig in den Tumult. Ein Pfeil, von seinem
+eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des Suffeten großem
+goldenen Ohrring hängen, und Blut rann, gleich einem
+roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab.
+</p>
+
+<p>
+Auf einen Wink Mathos stürzten alle auf Gisgo ein. Er
+breitete die Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer
+Schlinge an den Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu
+Boden, und er verschwand im Getümmel der Menge, die
+über die Säcke stürmte.
+</p>
+
+<p>
+Man plünderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten
+Gegenstände fand man darin, und später, bei
+genauerem Suchen, noch drei Bilder der Tanit und, in
+Affenhaut gewickelt, einen schwarzen Stein, der vom
+Monde heruntergefallen sein sollte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet,
+angesehene vornehme Männer, sämtlich zur Kriegspartei
+gehörig. Man riß sie aus den Zelten und warf
+sie kopfüber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten, die
+man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfähle
+gefesselt. Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen
+von Wurfspießen.
+</p>
+
+<p>
+Autarit, der sie bewachte, überschüttete sie mit Schimpfworten.
+Da sie aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten
+sie nicht. Von Zeit zu Zeit warf er ihnen Steine
+ins Gesicht, damit sie schreien sollten.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Am nächsten Tage ergriff eine Art Erschöpfung das Heer.
+Jetzt, da der Zorn verraucht war, stellten sich Angst und
+Sorge ein. Matho litt an namenloser Traurigkeit. Ihm
+war, als habe er Salambo mittelbar beleidigt. Die gefangenen
+Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehör zu
+ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand
+ihrer Grube und fand im Wimmern dort unten etwas
+von der Stimme wieder, die sein Herz erfüllte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt
+worden waren. Aber während die nationalen Gegensätze
+und der persönliche Haß erwachten, fühlte man
+auch die Gefahr, die darin lag, diesen Leidenschaften nachzugeben.
+Die Vergeltung für den Vorfall mußte furchtbar
+ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos
+zuvorzukommen. Die Beratungen und öffentlichen Reden
+nahmen kein Ende. Jeder sprach, keiner hörte zu, und
+Spendius, der sonst so gesprächig war, schüttelte zu allen
+Vorschlägen den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends fragte er Matho beiläufig, ob es keine
+Quellen in der Stadt gäbe.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht eine!« antwortete der.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum Seeufer.
+</p>
+
+<p>
+»Herr!« begann der ehemalige Sklave. »Wenn dein
+Herz unerschrocken ist, will ich dich nach Karthago hineinführen.«
+</p>
+
+<p>
+»Auf welche Weise?« fragte der andere, nach Atem
+ringend.
+</p>
+
+<p>
+»Schwöre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen
+und mir wie ein Schatten zu folgen!«
+</p>
+
+<p>
+Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Bei der Tanit, ich schwör es dir!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fuße
+der Wasserleitung, zwischen dem neunten und zehnten
+Bogen. Bring eine eiserne Hacke, einen Helm ohne Federbusch
+und ein paar Ledersandalen mit!«
+</p>
+
+<p>
+Der Aquädukt, von dem er sprach, ein bedeutendes
+Bauwerk, das von den Römern später noch vergrößert
+wurde, lief schräg über die ganze Landenge hin. Auf
+drei übereinandergebauten mächtigen Bogenreihen, mit
+Strebepfeilern an den Basen und Löwenköpfen an den
+Scheiteln, führte er bis zum westlichen Teil der Akropolis
+hin und senkte sich dann zur Stadt hinab, um die
+Zisternen von Megara mit einer stromähnlichen Wassermenge
+zu versehen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er
+knüpfte alsbald eine Art Harpune an das Ende eines
+Seiles und ließ dies rasch wie eine Schleuder schwirren.
+Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und nun
+begannen sie, hintereinander emporzuklimmen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie das erste Geschoß erreicht hatten, fiel der Haken
+bei jedem Wurfe wieder zurück. Bis sie eine geeignete
+Stelle entdeckten, mußten sie um die Pfeiler herum auf
+dem Sims gehen, den sie bei jeder höheren Bogenreihe
+immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das
+Seil. Mehrere Male wäre es beinahe gerissen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius
+bückte sich von Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit
+der Hand zu betasten.
+</p>
+
+<p>
+»Hier geht's!« sagte er. »Fangen wir hier an!« Und
+indem sie sich beide gegen den Spieß stemmten, den Matho
+mitgebracht hatte, gelang es ihnen, eine der Steinplatten
+zu lockern.
+</p>
+
+<p id="p092">
+In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die
+auf zügellosen Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen
+Armreifen tanzten über den undeutlichen Falten ihrer
+Mäntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone von
+Straußenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze.
+</p>
+
+<p>
+»Naravas!« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmert uns der?« entgegnete Spendius und
+sprang in das Loch, das durch das Aufheben der Platte
+entstanden war.
+</p>
+
+<p>
+Seiner Weisung gemäß versuchte auch Matho einen der
+Steinblöcke zu lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit.
+</p>
+
+<p>
+»Es wird auch so gehen!« meinte Spendius. »Geh
+voran!«
+</p>
+
+<p>
+Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber
+gerieten sie ins Schwanken und mußten schwimmen. Dabei
+stießen sie mit den Händen und Füßen gegen die Wände
+des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast unmittelbar
+unter den Deckplatten hinfloß. Sie rissen sich
+das Gesicht auf. Die Strömung trug sie fort ... Eine
+Luft, schwerer als im Grabe, lastete auf ihrer Brust. Die
+Arme vor den Kopf haltend, die Knie geschlossen, sich so
+lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen sie pfeilschnell
+durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, röchelnd
+und dem Tode nahe. Plötzlich ward es stockfinster vor
+ihnen, und die Strömung wurde reißend. Die beiden
+Männer gerieten in das Gefälle ...
+</p>
+
+<p>
+Als sie wieder an die Oberfläche der Flut kamen, ließen
+sie sich einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen
+die Luft ein. Bogenreihen, eine hinter der andern, öffneten
+sich in der Mitte mächtiger Mauern, die den Raum in
+einzelne Becken zerlegten. Alle waren gefüllt, und das
+Wasser in den Zisternen bildete eine einzige Fläche. Durch
+die Luftlöcher in den Deckenwölbungen fiel bleicher Schein,
+der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum,
+der sich nach den Wänden zu verdichtete, ließ diese
+ins unbestimmte zurücktreten. Das geringste Geräusch
+erweckte lauten Widerhall.
+</p>
+
+<p>
+Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen.
+Durch die Bogenöffnungen gelangten sie von einem
+Becken immer in das nächste. Auf beiden Seiten lief noch
+je eine parallele Reihe kleinerer Becken hin. Die Schwimmer
+verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe Stelle
+zurück. Endlich fühlten sie festen Boden unter den Füßen.
+Es war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen
+herumlief.
+</p>
+
+<p>
+Mit großer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das
+Mauerwerk ab, um einen Ausgang zu finden. Aber ihre
+Füße glitten ab, und sie stürzten wieder in das tiefe Becken.
+Sie kletterten von neuem empor und fielen abermals zurück.
+Eine furchtbare Ermüdung überkam sie, als ob ihre Glieder
+sich beim Schwimmen im Wasser aufgelöst hätten. Die
+Augen fielen ihnen zu. Sie kämpften mit dem Tode.
+</p>
+
+<p>
+Da stieß Spendius mit der Hand gegen die Stäbe eines
+Gitters. Beide rüttelten daran. Es gab nach, und sie
+befanden sich auf den Stufen einer Treppe. Oben kamen
+sie vor eine verschlossene Bronzetür. Mit der Spitze eines
+Dolches schoben sie den Riegel zurück, der sich nur von
+außen öffnen ließ, und plötzlich umfing sie die frische
+freie Luft.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher
+Tiefe. Hier und da ragten Baumgruppen über die
+langen Mauerlinien hinweg. Die Stadt lag im Schlummer.
+Die Wachtfeuer der Vorposten glänzten wie herabgefallene
+Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte,
+kannte die Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um
+zum Palaste Hamilkars zu gelangen, müsse man sich nach
+links wenden und die Straße der Mappalier überschreiten.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Spendius. »Führe mich zum Tempel der
+Tanit!«
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte widersprechen.
+</p>
+
+<p>
+»Denke daran!« unterbrach ihn der ehemalige Sklave,
+indem er den Arm erhob und nach dem Monde wies, der
+am Himmel glänzte.
+</p>
+
+<p>
+Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis.
+</p>
+
+<p>
+Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die
+Wege einfaßten. Das Wasser rann von ihren Leibern in
+den Staub. Ihre feuchten Sandalen verursachten kein
+Geräusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie
+Fackeln glühten, bei jedem Schritt die Gebüsche ab. Er
+ging hinter Matho, die Hände an den beiden Dolchen,
+die er unter den Armen trug und die ihm, an einem Lederriemen
+befestigt, von den Schultern herabhingen.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch05">V</h2>
+
+<h2>Tanit</h2>
+
+
+<p>
+Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich
+durch die Mauer zwischen Megara und der Altstadt
+am Weitergehn gehindert. Da entdeckten sie einen schmalen
+Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und kamen
+hindurch.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde.
+Sie schritten über einen freien Platz.
+</p>
+
+<p>
+»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem
+fürchte nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!«
+</p>
+
+<p>
+Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene
+an. Offenbar suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich
+noch, wie ich dir damals auf Salambos Terrasse bei
+Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem Tage
+waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und
+mit feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum
+der Tanit befindet sich ein geheimnisvoller Mantel,
+der vom Himmel gefallen ist und die Göttin umhüllt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es,« entgegnete Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist
+ein Teil der Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild
+weilt. Karthago ist mächtig, weil es diesen Mantel
+besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich habe dich
+hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!«
+</p>
+
+<p>
+Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch
+einem abscheulichen Frevel nicht helfen!«
+</p>
+
+<p>
+»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie
+verfolgt dich, und du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich!
+Sie soll dir untertan werden! Du wirst fast unsterblich
+und unüberwindbar sein!«
+</p>
+
+<p>
+Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben.
+Wir haben weder Flucht, noch Beistand, noch Vergebung
+zu erhoffen! Welche Strafe der Götter brauchst du aber
+zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den Händen
+hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage
+elend im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des
+Pöbels auf einem Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines
+Tages wirst du in Karthago einziehen, von den Priestern
+umringt, die deine Sandalen küssen! Und wenn dich dann
+noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du
+ihn in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben
+ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel
+besitzen mögen, doch ohne Tempelraub zu begehen.
+Er überlegte sich, ob er das Heiligtum wirklich rauben
+müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er spann seinen
+Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte
+stehen, wo er davor erschrak.
+</p>
+
+<p>
+»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide
+raschen Schritts, Seite an Seite, ohne zu sprechen.
+</p>
+
+<p id="p098">
+Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher.
+Die beiden Männer kamen in enge Gassen,
+die in tiefem Dunkel lagen. Die geflochtenen Matten,
+mit denen die Türen verhängt waren, schlugen gegen die
+Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor
+Haufen von Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger
+Bäume. Ein Rudel Hunde bellte sie an. Plötzlich weitete
+sich die Aussicht, und sie erblickten die Westseite der Akropolis.
+Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine lange düstere
+Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von
+Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen
+Mauer aus groben Steinen umgrenzt. Spendius
+und Matho kletterten darüber.
+</p>
+
+<p>
+Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain,
+der zum Schutz gegen die Pest und gegen verunreinigte
+Luft angelegt war. Hier und da standen Zelte, in denen
+man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel, Wohlgerüche,
+Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin
+und Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke
+eingeritzt.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo
+der Mond nicht schien, fanden keine Gottesdienste statt.
+Trotzdem verlangsamte Matho seine Schritte, und vor den
+drei Ebenholzstufen, die in die zweite Umzäunung führten,
+blieb er stehen.
+</p>
+
+<p>
+»Weiter!« ermunterte ihn Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle
+unbeweglich, wie aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig
+miteinander ab. Der blaue Kies des Weges knirschte
+unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte ein
+Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen.
+Sie kamen vor ein eirundes Becken, über dem
+ein Gitter lag. Matho, den die Stille bedrückte, sagte
+zu Spendius:
+</p>
+
+<p>
+»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.«
+</p>
+
+<p>
+»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte
+der ehemalige Sklave, »in der Stadt Maphug!«
+</p>
+
+<p>
+Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr
+hinauf in die dritte Einzäunung.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren
+Zweige waren über und über mit Bändern und Halsketten
+behängt, &ndash; von den Gläubigen dargebracht. Nach ein
+paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die Tempelfassade.
+</p>
+
+<p>
+Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform
+der Halbmond ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus,
+deren Architrave auf dicken Pfeilern ruhten. Über den
+Enden der Gänge und an den vier Ecken des Turmes
+flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle
+waren mit Granaten und Koloquinten geschmückt. An den
+Wänden wechselten Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe
+miteinander ab, und ein Zaun aus Silberfiligran
+bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe,
+die von der Vorhalle abwärts führte.
+</p>
+
+<p>
+Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer
+smaragdnen Stele ein Steinkegel. Matho küßte sich beim
+Vorbeigehen die rechte Hand.
+</p>
+
+<p>
+Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose Öffnungen
+durchbrachen die Decke, so daß man beim Aufsehen die
+Sterne erblickte. Ringsum an den Wänden standen Rohrkörbe,
+mit Bärten und Haaren angefüllt, den Erstlingsopfern
+junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden
+Saales wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel
+ein weiblicher Körper hervor. Das dicke bärtige Gesicht
+hatte halbgeschlossene Augen und einen lächelnden
+Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße
+des dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten
+Quergang, in dem ein Miniaturaltar an einer
+Elfenbeintür stand. Hier war der Gang zu Ende. Nur
+die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel war
+kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte
+Wohnung einer Gottheit.
+</p>
+
+<p>
+»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran
+hast du nicht gedacht! Wir wollen umkehren!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte
+den Mantel haben! Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute &ndash; Spendius
+glaubte nur an Orakel &ndash;, sondern weil
+er überzeugt war, daß die Karthager, seiner beraubt,
+tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu
+finden, schlichen sie hinten um den Tempel herum.
+</p>
+
+<p>
+Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen
+in verschiedener Bauart. Hier und da ragte ein steinerner
+Phallus empor. Große Hirsche streiften friedlich umher
+und brachten mit ihren gespaltenen Hufen abgefallene
+Pinienäpfel ins Rollen.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange
+Galerien, die nebeneinander herliefen. Sie enthielten
+Reihen kleiner Zellen. An den Zedernholzsäulen hingen
+von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor den
+Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre
+Leiber trieften von Salben und dufteten nach Spezereien
+und Weihrauch. Sie waren mit Tätowierungen, Halsbändern,
+Ringen, Zinnober- und Antimonmalereien derart
+bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen
+ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf
+der Erde lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen
+Springbrunnen schwammen Fische. Weiter hinten, an
+der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit gläsernen
+Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein
+der Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und
+über die Gesichter der Schläferinnen.
+</p>
+
+<p>
+Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die
+Zedernholzwände ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung,
+die Wohlgerüche, das Spiel der Lichter, die
+Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all diesem
+mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn
+eins mit der Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus
+neue Nahrung, wie die großen Lotosblumen, die aus der
+Tiefe des Wassers emporwuchsen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem
+beim Verkauf von so vielen Frauen wie diese hier verdient
+hätte, und mit raschem Blick schätzte er im Vorübergehen
+die goldnen Halsbänder ab.
+</p>
+
+<p>
+Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich
+wie aus der andern. Sie kehrten wieder zurück in den
+unbedeckten Gang. Während Spendius suchte und spähte,
+hatte sich Matho vor der elfenbeinernen Tür niedergeworfen
+und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den Tempelraub
+nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten
+zu besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten
+zu richten pflegt.
+</p>
+
+<p>
+Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung.
+»Steh auf!« sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit
+dem Rücken an die Wand stellen. Dann setzte er einen
+Fuß auf Mathos Hände, den andern auf seinen Kopf,
+gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und
+verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf
+seine Schulter den mit Knoten versehenen Strick fallen,
+den Spendius sich um den Leib gewickelt hatte, ehe sie
+sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer klomm mit beiden
+Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite
+seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle.
+</p>
+
+<p>
+Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches.
+Die Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen
+zeigte allein schon, daß man damit überhaupt nicht
+rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle Mauern.
+Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus.
+Die beiden gingen darauf zu. Es war ein brennendes
+Lämpchen in einer Muschel vor dem Sockel eines Standbildes,
+dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das lange
+blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten
+übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die
+in die Steinfliesen eingelassen waren. Matho unterdrückte
+einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!« stammelte er.
+Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten.
+</p>
+
+<p>
+»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem
+folgte er ihm.
+</p>
+
+<p>
+Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als
+ein schwarzes Wandgemälde, das eine Frau darstellte.
+Die Beine liefen an der einen Wand empor, und der
+Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing
+an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern
+Wand neigte sich der Körper hinab, mit dem Kopfe
+nach unten, so daß die Fingerspitzen den Steinboden berührten.
+</p>
+
+<p>
+Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden
+Teppich zurück. Der Luftzug blies ihr Licht aus.
+</p>
+
+<p>
+Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes
+umher. Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter
+ihren Füßen. Funken knisterten und sprühten. Sie
+schritten wie durch Feuer. Spendius betastete den Boden
+und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen ausgeschlagen
+war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes,
+kaltes, feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen
+hinglitt. Durch schmale Spalten im Mauerwerk
+drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In diesem Dämmerdunkel
+schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große
+schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl
+es ... sie kommt!«
+</p>
+
+<p>
+»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr
+hier!«
+</p>
+
+<p>
+Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen.
+Dann erblickten sie rings an den Wänden eine
+Unmenge von Tierkarikaturen mit erhobenen Tatzen, die
+sich in geheimnisvollem, fürchterlichem Wirrwarr durcheinander
+drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte
+Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten,
+Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen,
+und Elefanten mit erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze
+Adler durch die blaue Luft schwebten. In gräßlicher
+Kraftentfaltung reckten alle ihre unvollständigen oder
+verdoppelten Glieder, und auf ihren hervorschießenden
+Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen. Alle
+Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als
+wäre die Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte
+sich über die Wände dieser Halle ergossen.
+</p>
+
+<p>
+Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise
+an den Wänden, von Ungeheuern in Tigergestalt getragen.
+Ihre Augen quollen weit vor, wie die der Schnecken.
+Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe
+wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen
+Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die
+Allbefruchterin, die zuletzt Erschaffene.
+</p>
+
+<p>
+Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen,
+Federn, Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge
+trug sie silberne Zimbeln, die ihre Wangen berührten.
+Ihre großen Augen blickten starr, und auf
+ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt,
+ein leuchtender Stein, der den ganzen Saal erhellte und
+über der Tür in roten Kupferspiegeln widerstrahlte.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen
+Füßen nach, und plötzlich begannen die Kugeln sich
+zu drehen, die Ungeheuer zu brüllen. Dazu erklang
+Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie der
+Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum.
+Matho hatte das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie
+hoch wie die Halle, als breite sie die Arme aus. Plötzlich
+schlossen die Ungeheuer ihre Rachen, und die Kristallkugeln
+standen wieder still.
+</p>
+
+<p>
+Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die
+Luft, bis sie endlich verhallten.
+</p>
+
+<p>
+»Und der Mantel?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte
+man ihn finden? Wenn ihn die Priester nun versteckt
+hatten? Matho empfand einen Stich durch das Herz. Er
+kam sich wie genarrt vor.
+</p>
+
+<p>
+»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete
+ihn. Er zog Matho hinter den Wagen der Tanit, wo
+eine Spalte, eine Elle breit, die Mauer von oben bis unten
+durchschnitt.
+</p>
+
+<p>
+Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so
+hoch war, daß man das Gefühl hatte, sich im Innern
+einer Säule zu befinden. In der Mitte schimmerte ein
+großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein Sessel.
+Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges
+Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne
+funkelten. Aus tiefen Falten leuchteten Figuren hervor:
+Eschmun mit den Erdgeistern, wiederum einige Ungeheuer,
+die heiligen Tiere der Babylonier und andre, die den
+beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein
+Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die
+langen Enden waren an der Wand hochgezogen und mit
+den Zipfeln daran befestigt. Es schillerte blau wie die
+Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie die
+Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd
+und duftig. Das war der Mantel der Göttin,
+der heilige Zaimph, den kein Mensch anschauen durfte.
+</p>
+
+<p>
+Sie erbleichten beide.
+</p>
+
+<p>
+»Nimm ihn!« gebot Matho endlich.
+</p>
+
+<p>
+Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt,
+machte er den Mantel los, der zu Boden glitt. Matho
+hob ihn auf. Dann steckte er seinen Kopf durch den Halsausschnitt
+und breitete die Arme aus, um das Gewebe
+besser zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+»Fort!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich rief er aus:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht
+mehr vor ihrer Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich?
+Jetzt bin ich mehr als ein Mensch! Ich könnte durch
+Flammen schreiten, über das Meer wandeln! Begeisterung
+reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin
+dein Herr und Meister!«
+</p>
+
+<p>
+Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher
+von Gestalt und wie verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging
+auf, und ein Mann erschien, ein Priester mit hoher Mütze.
+Er riß die Augen weit auf. Ehe er aber eine Bewegung
+gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte ihn
+mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche
+in die Seiten gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten
+auf die Fliesen. Dann standen sie eine Weile
+ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und lauschten.
+Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die
+offene Tür.
+</p>
+
+<p>
+Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn.
+Matho folgte. Sie befanden sich fast unmittelbar an der
+dritten Umwallung, zwischen den Seitenhallen, in denen
+die Priesterwohnungen waren.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange
+führen. Sie beschleunigten ihre Schritte.
+</p>
+
+<p>
+Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder
+und wusch sich das Blut von den Händen. Die Frauen
+schliefen noch. Der smaragdene Weinstock glänzte. Sie
+setzten ihren Weg fort.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und
+Matho, der den Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand
+von unten ganz sacht daran zupfte. Es war ein großer
+Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk frei herumliefen.
+Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich
+um einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen,
+aus Furcht, er möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte
+sich sein Ärger, und er trabte wiegenden Ganges
+mit seinen langen herabhängenden Armen neben ihnen
+her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze
+in einen Palmbaum.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre
+Schritte nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff,
+daß es erfolglos war, Matho davon abbringen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz,
+den Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn.
+An einer Mauerecke fuhr ein Mann vor ihnen zurück, erschreckt
+durch den glänzenden Gegenstand, der die Finsternis
+durchstrahlte.
+</p>
+
+<p>
+»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.
+</p>
+
+<p>
+Endlich erkannten sie die Häuser von Megara.
+</p>
+
+<p>
+Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel
+weithin mit rotem Schein, und der Schatten des
+Palastes mit seinen übereinander getürmten Terrassen fiel
+über die Gärten hin wie eine ungeheure Pyramide. Sie
+drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit
+ihren Dolchen einen Weg bahnten.
+</p>
+
+<p>
+Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der
+Söldner. Zäune waren niedergerissen, Wasserrinnen versiegt,
+Kerkertüren standen offen. In der Nähe der Küchen
+und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho und Spendius
+wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach
+als hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten,
+die in ihren Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln
+des lohenden Aloefeuers auf dem Leuchtturm.
+</p>
+
+<p>
+Matho wiederholte immer von neuem:
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!«
+</p>
+
+<p>
+»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien.
+Ihre Sklaven werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft
+wird man dich niedermachen.«
+</p>
+
+<p>
+So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte
+empor und glaubte ganz oben einen matten Lichtschimmer
+zu bemerken. Spendius wollte ihn zurückhalten, aber der
+Libyer stürmte die Stufen hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter
+zum ersten Male erblickt hatte, schwand die ganze
+inzwischen verflossene Zeit aus seinem Gedächtnisse. Noch
+eben hatte Salambo da zwischen den Tischen gesungen.
+Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts
+getan, war nur die Treppe emporgestiegen ... Der
+Himmel zu seinen Häupten flammte in Feuer. Das
+Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt weitete
+sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer
+höher, mit der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum
+empfindet.
+</p>
+
+<p>
+Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte
+ihn an seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner
+Hoffnung wußte er jetzt nicht mehr, was er tun sollte, und
+diese Unsicherheit machte ihn scheu.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen
+Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In
+mehreren wähnte er schlafende Menschen zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen
+Würfel auf der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es
+langsam.
+</p>
+
+<p>
+Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das
+die kleinen Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren
+regelmäßigen Abständen sahen sie in der Dunkelheit wie
+Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote Tür mit dem
+schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen
+mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf.
+</p>
+
+<p>
+Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in
+der Tiefe des Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem
+silbernen Kiel entglitten, zitterten über das hohe Getäfel,
+dessen rote Bemalung von schwarzen Streifen unterbrochen
+ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen Balken; sie
+waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt.
+Von der einen Langseite des Gemaches zur
+andern zog sich ein niedriges Lager aus weißem Leder
+hin, und darüber öffneten sich in der Wand in Muschelform
+gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand
+bis zum Boden herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am
+Rande standen ein Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut
+und ein Krug aus Alabaster. Daneben bemerkte
+man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche erfüllten
+die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und
+Glas ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten
+Stein hinging, war es ihm, als ob seine Füße einsänken
+wie in Sand.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges
+himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden
+Ketten frei schwebte. Er schritt mit krummem
+Rücken und offenem Mund darauf los.
+</p>
+
+<p>
+Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen
+zwischen Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen
+und Elfenbeinspateln umher. An Antilopenhörnern
+steckten Fingerringe und Armreifen. Tongefäße, die in
+der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen, kühlten
+im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den
+Füßen an, denn der Fußboden bestand aus Flächen von
+ungleicher Höhe, die den Raum gewissermaßen in eine
+Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde umgab
+ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten
+Teppich. Endlich gelangte er an das Hängebett, neben
+dem ein Ebenholzschemel zum Hinaufsteigen diente.
+</p>
+
+<p>
+Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag
+wie ein großer Vorhang darüber. Man konnte nur einen
+Zipfel der roten Matratze erkennen und die Spitze eines
+kleinen bloßen Fußes, der auf dem Knöchel ruhte. Matho
+nahm behutsam die Lampe herab.
+</p>
+
+<p>
+Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den
+andern Arm hatte sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in
+solcher Lockenfülle, daß sie auf schwarzen Federn zu ruhen
+schien. Ihr weites weißes Gewand schmiegte sich in weichen
+Falten den Biegungen ihres Körpers an und reichte
+bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen
+Lidern sah man ein wenig von den Augen. Senkrecht
+herabfallende Vorhänge hüllten die Schlummernde in bläuliche
+Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen teilten
+sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar
+hin und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte
+um das Lager.
+</p>
+
+<p>
+Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt.
+Da fing das Mückennetz mit einem Male Feuer.
+Es verflog. Salambo erwachte.
+</p>
+
+<p>
+Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte
+sprach kein Wort. Die Lampe warf lange, wie Wellen
+rieselnde Lichtstreifen auf die Täfelung.
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das?« fragte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»Der Mantel der Göttin!«
+</p>
+
+<p>
+»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den
+Rand ihres Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!«
+fuhr er fort. »Schau!«
+</p>
+
+<p>
+Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.
+</p>
+
+<p>
+»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst
+du mir im Traume, doch ich erriet den stummen Befehl
+deiner Augen nicht!« Sie setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel.
+»Hätte ich ihn verstanden, so wäre ich herbeigeeilt.
+Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht
+aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich
+durch die Höhle von Hadrumet ins Schattenreich hinab!
+Vergib! Wie Berge lastete es auf meinem Leben,
+und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu gelangen!
+Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ...
+Komm! Du mußt mir folgen! Oder, wenn du nicht
+willst, so bleib ich! Mir ist's gleichgültig ... Ersticke
+meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen meine
+Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände
+drücke!«
+</p>
+
+<p>
+»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!«
+</p>
+
+<p>
+Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über
+das Marienglas der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig
+in die Kissen ihres Lagers zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Ich liebe dich!« schrie Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Gib her!« stammelte sie.
+</p>
+
+<p>
+Sie näherten sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden
+Gewande. Ihre großen Augen starrten auf den Mantel.
+Matho betrachtete sie einen Augenblick, vom Glanz ihres
+Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr den Zaimph entgegen
+und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme
+aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander
+eine Weile fest in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein
+Schauder. Ihre feinen Augenbrauen zogen sich empor,
+ihre Lippen öffneten sich. Sie zitterte. Dann aber schlug
+sie auf eine der Metallscheiben, die an den Zipfeln der
+roten Matratze herabhingen, und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser!
+Verfluchter! Her zu mir, Taanach! Krohum!
+Eva! Mizipsa! Schahul!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen
+den Tonkrügen auftauchte, zischelte:
+</p>
+
+<p>
+»Flieh! Sie kommen!«
+</p>
+
+<p>
+Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten.
+Ein Strom von Menschen: Frauen, Lakaien und
+Sklaven stürzte in das Gemach mit Spießen, Keulen,
+Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie gelähmt,
+als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen
+ein Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die
+Eunuchen erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.
+</p>
+
+<p>
+Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt,
+sah er aus wie ein Sternengott im Firmament.
+Die Sklaven wollten sich auf ihn stürzen. Salambo hielt
+sie zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!«
+</p>
+
+<p>
+Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt
+tat sie einen Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen
+Arm gegen ihn aus und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß,
+Rache, Mord und Qual! Möge Gurzil, der Gott der
+Schlachten, dich zerreißen, Matisman, der Gott der
+Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man
+nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!«
+</p>
+
+<p>
+Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert
+durchbohrt.
+</p>
+
+<p>
+Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!«
+</p>
+
+<p>
+Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit
+gesenktem Haupte langsam mitten hindurch. An der Tür
+konnte er nicht weiter, weil sich der Zaimph an einem
+der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte. Mit
+einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und
+eilte die Treppen hinab.
+</p>
+
+<p>
+Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über
+die Hecken und Wassergräben und entkam aus den Gärten.
+Er gelangte an den Unterbau des Leuchtturms. Die
+Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das Ufer
+hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich
+auf den Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze
+Höhe hinunter. Dann erreichte er schwimmend das Vorgebirge
+der Gräber, machte einen weiten Bogen um die
+Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der
+Barbaren zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe
+auf dem Rückzuge schritt Matho dahin, furchtbare Blicke
+um sich werfend.
+</p>
+
+<p>
+Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war
+vom Palast ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne,
+wo die Akropolis lag. Die einen sagten, der Schatz der
+Republik sei aus dem Molochtempel geraubt. Andre
+munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte
+man, die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern
+hinauskommen sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte
+ihn. Alsbald erhob sich lautes Geschrei. Der
+Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand eine
+große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der
+Burg, von der Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte
+die Menge herbei. Die Patrizier verließen ihre Häuser, die
+Händler ihre Läden, die Mütter ihre Kinder. Man griff
+zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das Hindernis,
+das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie
+sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick
+war schon Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine
+Berührung brachte den Tod.
+</p>
+
+<p>
+In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester
+verzweifelt die Arme. Patrouillen der Garde sprengten
+ziellos umher. Man stieg auf die Häuser, auf die
+Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das Mastwerk
+der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei
+jedem seiner Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken.
+Die Straßen wurden bei seinem Erscheinen leer,
+und der Strom der Fliehenden brandete auf beiden Seiten
+zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall erblickte
+Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten verschlungen
+hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste.
+Salambos Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren
+Kehlen wider.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer.
+Steine sausten. Aber alle diese Geschosse waren schlecht
+gezielt, aus Furcht, den Zaimph zu treffen, und so flogen
+sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem gebrauchte er
+den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts,
+bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger
+wußten nicht, was sie tun sollten. Er ging immer
+schneller und lief in die offenen Straßen hinein. Sie waren
+mit Seilen, Karren und Schlingen gesperrt, so daß er bei
+jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich erreichte
+er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden
+waren. Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem
+Tode Verfallener. Jetzt war er verloren. Die Menge
+klatschte in die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war
+riesenhoch, ganz aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln
+und ehernen Platten beschlagen. Matho warf sich dagegen.
+Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen,
+als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine
+Sandale, spie darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen
+Torflügel. Die ganze Stadt stieß ein Wutgeheul
+aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte
+Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen
+wirren Augen an. Seine Schläfen pochten wild, er war
+halbtot, betäubt wie ein Trunkener. Plötzlich gewahrte
+er die lange Kette, die zur Handhabung des Hebebaums
+diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und
+hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da
+sprangen die riesigen Torflügel endlich auf.
+</p>
+
+<p>
+Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern
+und hielt ihn hoch über seinen Kopf. Vom Seewind
+gebläht, schillerte und schimmerte das Gewebe in der Sonne
+mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und Götterbildern.
+So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten
+der Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück
+entschwand.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch06">VI</h2>
+
+<h2>Hanno</h2>
+
+
+<p>
+»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend
+zu Spendius. »Hätte sie erfassen sollen und aus
+ihrem Hause reißen! Niemand hätte mir entgegenzutreten
+gewagt.«
+</p>
+
+<p>
+Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf
+dem Rücken und ruhte sich aus. Neben ihm stand ein
+großer Tonkrug mit Honigwasser, in den er von Zeit zu
+Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu tun.
+</p>
+
+<p>
+»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals
+nach Karthago hineinkommen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius.
+Diese Gleichgültigkeit erbitterte den Libyer.
+</p>
+
+<p>
+»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst
+du mich, und dann läßt du mich im Stich! Feigling
+du! Warum soll ich dir gehorchen? Bildest du
+dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave,
+du Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und
+erhob seine breite Hand gegen Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte
+matt am Zeltmast, an dem der Zaimph über der aufgehängten
+Rüstung schimmerte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich
+seinen Küraß um und nahm seinen Helm.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin willst du?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer
+mir entgegentritt, den zertret ich wie eine Viper! Ich
+töte sie, Spendius! Ja, ich töte sie, du sollst sehen, daß
+ich sie töte!«
+</p>
+
+<p>
+Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph
+herunter, warf ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke
+darüber. Draußen erhob sich Stimmengewirr. Fackeln
+leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa zwanzig
+Männern begleitet.
+</p>
+
+<p>
+Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne
+Halsbänder, Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell.
+Sie blieben am Eingang stehen und stützten sich auf
+ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf ihre Hirtenstäbe.
+Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte
+Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen,
+der sein weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte
+ihm eine Straußenfeder über die Schulter herab. Ein
+beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen. Seine Blicke
+waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen
+Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.
+</p>
+
+<p>
+Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern
+zu verbünden. Die Republik bedrohe seit langem sein
+Reich. Es sei also sein eigner Vorteil, wenn er die Barbaren
+unterstütze; aber auch ihnen könne er von Nutzen
+sein.
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde euch Elefanten liefern &ndash; in meinen Wäldern
+sind ihrer eine Unmenge &ndash; Wein, Öl, Gerste, Datteln,
+Pech und Schwefel für die Belagerungen, zwanzigtausend
+Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn ich mich
+an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der
+Besitz des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht
+hat. Überdies«, setzte er hinzu, »sind wir ja alte Freunde.«
+</p>
+
+<p>
+Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle
+sitzend zuhörte und durch ein leises Nicken mit dem Kopfe
+seine Zustimmung verriet. Naravas sprach weiter. Er
+rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte Karthago.
+Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß.
+Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul
+aus. Durch ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus,
+er nehme das Bündnis an.
+</p>
+
+<p>
+Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes
+Schaf herbei, Wahrzeichen von Tag und Nacht, und
+schlachtete sie am Rand einer Grube. Als sie mit Blut
+gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre Arme hinein.
+Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos
+Brust, und dieser die seine auf die Brust des Naravas.
+Dasselbe Blutzeichen drückte man auf die Leinwand der
+Zelte. Man verbrachte alsdann die Nacht beim Schmause.
+Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen, die Hörner
+und Hufe wurden verbrannt.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen
+war, hatte ihn ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die
+nicht kanaanitischen Glaubens waren, merkten an ihrer
+vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist nahe war.
+Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen.
+Die geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem
+Barbarensinn, Matho als rechtmäßigen Besitzer anzusehn.
+So dachten die Söldner afrikanischer Herkunft. Die andern,
+deren Haß gegen Karthago nicht so alt war, wußten
+nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie Schiffe
+gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer
+Heimat zu.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle
+Stämme im punischen Gebiet.
+</p>
+
+<p>
+Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure
+Steuern von ihnen, und mit Ketten, Beil oder Kreuz
+ward jede Verzögerung, jedes Murren bestraft. Sie
+mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern,
+was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe
+zu besitzen. Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre
+Bewohner als Sklaven verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten
+wurden nach den Summen geschätzt, die
+sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern unmittelbar
+unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten,
+die nur einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter
+schwärmten die Nomaden, die man nötigenfalls
+auf jene losließ. Durch dieses System waren die Ernten
+stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die
+Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein
+Kenner in Dingen der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung,
+war noch zweiundneunzig Jahre später höchlichst
+erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den er
+in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck
+habgierigster Eifersucht.
+</p>
+
+<p>
+Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen
+verdoppelt, so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus
+ihre Tore geöffnet hatten. Zur Strafe hatte man
+ihnen tausend Talente &ndash; das sind über vier Millionen
+Mark &ndash; zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub
+und bedeutende Vorauslieferungen von Getreide
+auferlegt. Die Häuptlinge der Stämme aber waren gekreuzigt
+oder den Löwen vorgeworfen worden.
+</p>
+
+<p>
+Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die
+Hauptstadt, verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts
+ihrer Mauern lag es im Sumpf am Binnensee,
+zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das starr nach
+ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die
+Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es
+hatte Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt.
+Die Esser unreiner Speisen fanden hier sofort Wehr und
+Waffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen
+ein allgemeiner Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich
+erdrosselte man in den Bädern die Vertreter und Beamten
+der Republik, holte die alten Waffen, die man versteckt
+hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus
+den Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an
+den Türschwellen, und die Weiber gaben ihre Halsbänder,
+Ringe und Ohrringe hin, und alles, was irgendwie zur
+Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder wollte
+dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die Lanzenbündel
+wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh
+und Geld. Matho zahlte den Söldnern rasch den rückständigen
+Sold, und diese Tat, deren Vater Spendius
+war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der
+Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen
+die Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven.
+Negerkarawanen wurden aufgegriffen und bewaffnet,
+und Kaufleute, die nach Karthago zogen, schlossen sich
+den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen
+zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis
+konnte man sehen, wie das Heer anwuchs.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette
+von Posten der Garde und neben ihnen in bestimmten
+Abständen eiserne Bottiche, in denen flüssiger Asphalt brodelte.
+Drunten in der Ebene wogte die gewaltige Menge
+der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren unschlüssig,
+voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets
+vor Festungen zu empfinden pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis
+zurück. Als phönizische Kolonien &ndash; gleich Karthago &ndash; hatten
+sie ihre eignen Regierungen und ließen in die
+Verträge, die sie mit der Republik schlossen, immer von
+neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit
+aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere Schwester,
+die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß
+ein Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im
+Gegenteil: man war überzeugt, daß die Söldner mit
+Stumpf und Stiel vernichtet würden. Daher wünschte
+man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu verhalten.
+</p>
+
+<p>
+Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos
+Feinde sie keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief
+drinnen an einem Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago
+von auswärts Hilfe zu schicken. Fiel Utika allein,
+so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden weiter nordwestlich
+an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt, von
+dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.
+</p>
+
+<p>
+Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos.
+Naravas war dagegen. Man müsse sich zunächst
+der umliegenden Orte bemächtigen. Das war ebenso
+die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so
+wurde bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt
+angreifen sollten. Das dritte Heer sollte sich
+an Tunis anlehnen und die Ebene vor Karthago besetzen.
+Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in sein
+Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit
+seiner Reiterei die Zugangsstraßen aufklären.
+</p>
+
+<p>
+Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß.
+Sie gelüstete es nach dem Geschmeide der punischen Damen.
+Auch die Libyer erhoben Widerspruch. Man habe sie
+gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man ab. Die
+Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine
+Landsleute sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer
+aus dem Westen und von den Inseln, während alle, die
+Griechisch sprachen, dem Spendius folgten, seiner Klugheit
+wegen.
+</p>
+
+<p>
+In Karthago war das Erstaunen groß, als man das
+Heer plötzlich aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen
+Bergen die Straße nach Utika hin, auf der Seeseite.
+Eine Abteilung blieb vor Tunis stehen. Der Rest
+verschwand und tauchte erst am andern Gestade des Golfes
+wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich
+verlor.
+</p>
+
+<p>
+Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen
+Städte, so meinten sie, würden keinen Widerstand
+leisten. Alsdann sollte es von neuem gegen Karthago
+gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt bereits
+vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt.
+Die Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne
+Beihilfe der Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger
+nicht wie in Rom Steuern zahlten. Ein höherer politischer
+Geist fehlte in Karthago. Seine unersättliche
+Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die weitblickender
+Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande
+vor Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche
+Arbeit. Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten,
+und der geringste Sturm erschütterte seinen Riesenleib.
+</p>
+
+<p>
+Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und
+durch all das Hin- und Herfeilschen mit den Barbaren
+vergeudet und vertan worden. Man brauchte aber Soldaten,
+und keine Großmacht traute der Republik! Erst
+kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal
+zehn Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte
+der Raub des heiligen Mantels allgemeine Entmutigung
+zur Folge. Spendius hatte das richtig vorhergesehn.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld
+und seine Götter am Herzen, und seine Vaterlandsliebe
+wurde durch die Art seiner Regierung genährt.
+</p>
+
+<p id="p124">
+Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug,
+sie an sich zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden
+an das Gemeinwesen. Die Männer kanaanitischer Abkunft
+hatten das Vorrecht des Handels. Indem sie den Ertrag
+der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten
+und den Grund und Boden, die Sklaven und
+Armen maßlos ausbeuteten, waren etliche zu Reichtum
+gelangt. Nur dieser erschloß die obersten Staatsämter;
+und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern
+forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil
+ein jeder emporzukommen hoffte.
+</p>
+
+<p>
+Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen
+Großen Rat aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig
+den Rat der Alten bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben
+existierte ein Staatsgerichtshof, das Kollegium der
+Hundertmänner. Auch diese waren Ratsmitglieder, repräsentierten
+aber eine Behörde für sich von beträchtlichem
+Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden
+von den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf
+Ratsmitgliedern bestanden. Die beiden alljährlich aus
+der Gerusia neugewählten Suffeten waren Schattenkönige,
+die weniger Macht hatten als die Konsuln in Rom.
+Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit sie
+sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über
+den Krieg beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ
+der Große Rat sie kreuzigen.
+</p>
+
+<p>
+Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus,
+das heißt von einem großen Hofe im Mittelpunkte von
+Malka, an der Stelle, wo nach der Überlieferung einst
+die erste Barke mit phönizischen Matrosen gelandet war.
+Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab
+es eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart,
+aus Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren
+voneinander geschieden, um die Einzelverbände getrennt
+aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich dort massenweise
+den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und
+die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis
+zur Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie
+ihre Ruhebetten auf die Plattform hinaufschaffen, die entlang
+der Hofmauer hinlief. Von unten sah man sie dann
+hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und Mäntel,
+mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien
+glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den
+Schenkkannen herabhingen, alle stark und wohlbeleibt,
+halbnackt, fröhlich, lachend und in freier blauer Luft
+schmausend, wie sich große Haifische im Meer ergötzen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen:
+sie waren allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den
+Pforten und begleitete sie bis zu ihren Palästen, um ihnen
+Neuigkeiten zu entlocken. Wie in Pestzeiten waren alle
+Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und leerten sich
+ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief
+nach dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat
+Versammlungen ab. Schließlich ward das Volk auf den
+Khamonplatz berufen, und man beschloß, sich an Hanno
+zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.
+</p>
+
+<p>
+Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos
+gegen die Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte
+kamen denen der Barkiden gleich. Niemand besaß
+so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten wie er.
+</p>
+
+<p>
+Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger,
+ließ Geschütze auf den Türmen aufstellen und brachte übermäßige
+Waffenvorräte zusammen. Sogar den Bau von
+vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man zurzeit
+gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst
+gebucht und beurkundet würde.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm,
+zu den Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine
+große Sänfte die Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe
+emporschwanken. Nachts in seinem Palaste, da er nicht
+schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer Stimme Kommandos,
+um sich auf den Krieg vorzubereiten.
+</p>
+
+<p>
+Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig.
+Schon beim ersten Hahnenschrei versammelten
+sich die Patrizier längs der Straße der Mappalier
+und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im Lanzenfechten.
+Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es
+öfters Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft
+auf die Gräber, dann begann man von neuem. Manche
+unterwarfen sich sogar einer bestimmten Lebensweise. Die
+einen bildeten sich ein, daß man viel essen müsse, um
+Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von
+ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten.
+Aber Hanno wollte nicht ausrücken, solange auch nur
+eine Schraube noch an den Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor
+allein drei Monate mit der Ausrüstung der hundertundzwölf
+Elefanten, die in Kasematten untergebracht waren.
+Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk liebte
+sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug
+behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen,
+mit denen man ihre Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne
+vergolden, ihre Türme vergrößern und die schönsten Purpurdecken
+mit ganz schweren Fransen für sie anfertigen.
+Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier
+nannte &ndash; ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus
+Indien gekommen waren &ndash;, alle nach indischer Sitte zu
+kleiden, mit weißen Turbanen und baumwollenen Pumphosen,
+die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften
+bauschten.
+</p>
+
+<p>
+Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt
+durch einen Wall, der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen
+und auf seinem Kamme mit Heckenhindernissen
+versehen worden war. Hier und da hatten die Neger
+hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen,
+Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen
+darangehängt, die dem Feind entgegengrinsten und
+ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten sich die Barbaren
+unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander
+und machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago
+dem baldigen Untergang geweiht sei. Jeder andre
+als Hanno hätte diese Soldateska, die durch einen Vieh-
+und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit behindert
+war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen,
+war sie taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust
+und verlangte schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten.
+</p>
+
+<p>
+Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen
+rollend, vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt,
+zog er seinen Waffenrock von Robbenhaar aus, löste das
+Band, das seine langen roten Haare zusammenhielt, und
+tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß er ehedem
+nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf
+dem Eryx zu den Römern übergegangen war.
+</p>
+
+<p>
+Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren
+Strahlenglanz. Dann brütete der Golf und das offene
+Meer unbeweglich wie geschmolzenes Blei. Eine braune
+lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb wirbelnd heran.
+Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte
+Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann
+röchelte der Gallier, die Lippen an die Löcher seines Zeltes
+pressend, vor Erschöpfung und Schwermut. Er träumte
+vom Herbstmorgenduft der Weiden, von Schneeflocken,
+vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen;
+und indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen
+strohgedeckten Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen
+und ihren Schein über das Moor hinhuschen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl
+sie ihnen nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager
+konnten nämlich jenseits des Golfes an den Hängen des
+Burgberges die über die Höfe gespannten Zeltdächer
+ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von
+Wachen umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame
+Kette geschmiedet. Jeder trug ein Halseisen. Die
+Menge ward nicht müde, sie anzugaffen. Die Weiber
+zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen Gewänder,
+die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten
+Glieder hingen.
+</p>
+
+<p>
+Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn
+von neuem Wut über die ihm dereinst angetane Beschimpfung.
+Ohne den Schwur, den er Naravas geleistet,
+hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte der Gallier
+in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und
+Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst
+wieder am hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.
+</p>
+
+<p>
+Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem
+Meer in Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen,
+und auf den Höhen, die sie beherrschten, zog sich überdies
+eine mit Türmen verstärkte Mauer hin. Matho hatte
+noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet. Dazu
+peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er
+träumte vom Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte
+sich sein Stolz an ihr rächen. Es war ein qualvolles,
+wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar daran, sich
+als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er
+erst in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach
+ließ er zum Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten,
+auf den Damm, den man im Meere aufzuschütten
+versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen los,
+warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem
+Schwerte um sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem
+Gewirr. Die Sturmleitern brachen krachend zusammen,
+und Massen von Menschen stürzten ins Wasser, das in
+roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ
+das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück, &ndash; um
+baldigst wieder von neuem zu stürmen.
+</p>
+
+<p>
+Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte
+sich mit dem Arm das blutbespritzte Gesicht ab und starrte
+nach dem Horizont in der Richtung auf Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen,
+dehnten sich zwei große Teiche, die mit einem See
+in Verbindung standen, dessen Ufer in der Ferne verschwammen.
+Hinter einem Berge stiegen weitere Berge auf, und
+aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine
+Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des
+Golfes, wellten sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte
+Wogen, während das Meer, glatt wie eine Platte aus
+Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das Grün der
+Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen.
+Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe.
+Weinreben hingen von den Wipfeln der
+Sykomoren herab. Man hörte Wasser rauschen. Haubenlerchen
+hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen
+vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen
+hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen.
+</p>
+
+<p>
+Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf
+den Boden, grub seine Nägel in den Sand und weinte.
+Er fühlte sich elend, gebrochen, verlassen. Niemals würde
+er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine Stadt zu erobern
+vermochte!
+</p>
+
+<p>
+Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete
+er den Zaimph. Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel
+regten sich im Geiste des Barbaren. Dann wieder schien
+es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand der Göttin mit
+Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe
+ein Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er
+betastete es, sog seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht
+darein und küßte es unter Tränen. Er hing es sich wieder
+um die Schultern, um sich selbst zu täuschen, und er bildete
+sich ein, er sei wieder bei ihr.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht
+schritt er über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel
+gehüllt, schliefen. Vor den Toren des Lagers schwang er
+sich dann auf ein Pferd, und zwei Stunden später war er
+vor Utika im Zelte des Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war
+nur gekommen, um von Salambo zu reden und so seinen
+Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte ihn zur Vernunft.
+</p>
+
+<p>
+»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine
+Seele! Einst gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer!
+Und wenn auch Karthago nicht erobert wird, so muß man
+uns doch wenigstens Provinzen abtreten, und wir sind
+Könige!«
+</p>
+
+<p>
+Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht
+den Sieg? Spendius meinte, man müsse es abwarten.
+Matho bildete sich ein, der Mantel übe seine Wunderkraft
+nur auf Männer kanaanitischen Stammes aus, und
+mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich
+wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber
+jene verloren haben, kann er auch ihnen nicht helfen.«
+</p>
+
+<p>
+Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete,
+Moloch zu beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der
+Libyer, anbete, und so fragte er Spendius ängstlich, welchem
+von beiden man guttäte, ein Menschenopfer zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte,
+daß der Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht
+reden wolle.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme
+auch alle Religionen zusammen. Man achtete die
+Götter der andern, denn auch sie erregten Schrecken.
+Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren heimischen
+Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten,
+so brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation
+Unheil oder Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett,
+das man zufällig bei Gefahr fand, ward zur Gottheit.
+Oder es war oft nur ein Name, nichts als ein
+Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur
+versuchte, seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel
+geplündert, viele Völker und manche Metzelei gesehen
+hatte, so war manchem nur noch der Glaube an Tod und
+Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der
+Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse
+des olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er
+sich, im Dunkeln laut zu reden, und er versäumte nie, jeden
+Morgen zuerst seinen rechten Fuß in den Stiefel zu stecken.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen.
+Doch in dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich
+auch der Stadtwall. Was die einen zerstörten, ward von
+den andern fast unmittelbar wieder aufgebaut. Spendius
+schonte seine Leute und brütete über allerlei Plänen. Er
+suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er
+auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam
+nur Naravas nicht zurück? Man war voller Besorgnis
+und Unruhe.
+</p>
+
+<p>
+Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer
+mondlosen Nacht ließ er seine Elefanten und Soldaten
+auf Flößen über den Golf von Karthago setzen. Dann
+umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit
+auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit
+weiter, daß man am dritten Tage, statt die Barbaren im
+Morgengrauen zu überraschen, wie der Suffet es berechnet
+hatte, erst gegen Mittag an Ort und Stelle gelangte.
+</p>
+
+<p>
+Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher
+Richtung bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten
+Winkel zu dieser Ebene mündete dicht südlich Utika
+von Südwesten her ein Tal, von zwei niedrigen Höhenzügen
+umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren
+hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen,
+um auch den Hafen im Gesichtskreise zu haben.
+Sie schliefen in ihren Zelten &ndash; an diesem Tage ruhte
+nämlich Freund wie Feind kampfesmüde &ndash;, als hinter dem
+Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte.
+</p>
+
+<p>
+Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt
+auf den Flügeln aufgestellt. In der vordersten
+Front ritt die Garde in ihren goldenen Schuppenpanzern
+auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und Ohren,
+die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit
+sie Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen
+marschierte junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen
+auf dem Kopf, in jeder Hand einen Wurfspieß aus
+Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des
+schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber
+mit Waffen überladen. Man sah manche, die eine Lanze,
+eine Streitaxt, eine Keule und zwei Schwerter trugen.
+Andre starrten wie Stachelschweine von Wurfspießen,
+während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten
+Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen
+die hohen Gerüste der Kriegsmaschinen. Karroballisten,
+Onager, Katapulte und Skorpione schwankten auf
+Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen
+gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte,
+um so emsiger eilten die Hauptleute bald nach rechts und
+bald nach links, um unter lauten Befehlen geschlossene
+Ordnung, Fühlung und Marschrichtung aufrecht zu erhalten.
+Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren, prunkten
+in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in
+den Riemen ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter,
+über und über mit Zinnober bestrichen, glänzten
+unter ungeheuren Helmen, auf denen sich Göttergestalten
+abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten Elfenbeinrändern
+leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die
+Söldner sie höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen.
+Sie schrien ihnen zu, sie würden ihnen demnächst
+die dicken Bäuche erleichtern, die Vergoldung von der Haut
+klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.
+</p>
+
+<p>
+Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt
+war, ward eine Standarte von grüner Leinwand gehißt:
+das war das Zeichen zum Kampfe.
+</p>
+
+<p>
+Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem
+gewaltigen Lärm ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und
+Flöten aus Eselskinnbacken. Die Barbaren waren bereits
+über die Palisaden gesprungen. Beide Heere standen einander
+auf Speerwurfweite gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte
+eine Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem
+er die nötigen Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang
+ein Elfenbeinschild, und die beiden Heere wurden
+handgemein.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren
+Lanzenspitzen in die Nüstern, so daß sie sich überschlugen
+und auf ihre eignen Reiter fielen. Die Sklaven hatten
+zu große Steine geschleudert, die deshalb unweit vor
+ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen
+mit ihren langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen
+ihre rechte Flanke ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen
+die Reihen und machten sie rottenweise nieder.
+Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie nichts
+sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte.
+Dieses Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern,
+Schwertern und Gliedmaßen drehte sich um sich selbst,
+dehnte sich aus und zog sich elastisch wieder zusammen.
+Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr.
+Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am
+Ende verschwand sogar die Sänfte des Suffeten, seine
+große kristallglitzernde Sänfte, die man seit Kampfesbeginn
+immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und niederwogen
+sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne
+Zweifel war Hanno gefallen! Alsbald sahen sich die
+Barbaren allein.
+</p>
+
+<p>
+Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits
+zu singen. Da erschien Hanno in eigenster Person auf
+einem Elefanten. Barhäuptig saß er unter einem baumwollnen
+Sonnenschirm, den ein hinter ihm stehender Neger
+hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern klirrte
+über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika. Diamantreifen
+umspannten seine dicken Arme. Sein Mund
+war geöffnet. Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der
+Spitze wie eine Lotosblume aussah, glänzte heller als
+ein Spiegel. Alsbald dröhnte der Erdboden, und die Barbaren
+sahen in einer einzigen Linie die sämtlichen Elefanten
+Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten Stoßzähnen,
+ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern.
+Auf ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme,
+in denen je drei Bogenschützen mit großen gespannten
+Bogen standen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen.
+Sie bildeten aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der
+Schreck machte sie starr und ratlos.
+</p>
+
+<p>
+Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse
+und Bleimassen auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten
+sich an den Fransen der Decken fest und wollten
+hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln die Hände
+ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der
+andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen
+entzwei. Die Elefanten brachen in die Reihen ein, wie
+Eber in ein Gebüsch. Sie rissen mit ihren Rüsseln die
+Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager von einem Ende
+zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die
+Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung
+hinter den Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das
+die Karthager marschiert waren.
+</p>
+
+<p>
+Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ
+er die Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen
+oben auf einem Turme in einer Scharte der Brustwehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete
+Gäste aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte
+man ein, ihn mit einem schwachen Geleit einzulassen. Für
+die Elefanten waren die Straßen zu eng. Sie mußten
+draußen bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier,
+ihn zu begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen
+und rief seine Köche.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl
+gefüllten großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor
+ihm ausgespannt. Aus ihr, als Tisch, schmauste er im Bade
+Flamingozungen mit Mohnkörnern in Honigsauce. Neben
+ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein
+griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes
+Öl nachgießen. Zwei Knaben lagen über die Stufen des
+Beckens gebeugt und massierten dem Badenden die Beine.
+Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner politischen
+Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an
+den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte,
+überlegte er sich, welch gräßliche Züchtigung er für sie
+erfinden solle.
+</p>
+
+<p>
+»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen
+Hand schrieb. »Man führe ein paar von den Gefangenen
+herein! Ich will sie sehen!«
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten
+Raumes, in dem die Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten,
+trieb man alsbald drei Barbaren herbei: einen Samniter,
+einen Spartiaten und einen Kappadokier.
+</p>
+
+<p>
+»Schreib weiter!« rief Hanno.
+</p>
+
+<p>
+»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen
+Hunde ausgerottet! Segen über die Republik!
+Ordnet Gebete an!« Da erblickte er die Gefangnen und
+brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von Sikka!
+Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch!
+Erkennt ihr mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter?
+Ihr seid schreckliche Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als
+wolle er sich verstecken, als fürchte er sich vor ihnen. »Ihr
+habt Gäule, Weiber, Land, Ämter verlangt, natürlich, und
+Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land schicken, das ihr
+nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr umarmen,
+ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus
+geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe
+Stellen will ich euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe,
+damit euch die Geier recht nahe sind ...«
+</p>
+
+<p>
+Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren
+blickten ihn an, ohne zu verstehen, was er sagte. Man
+hatte die an den Knien Verwundeten gefangen, indem
+man ihnen Stricke überwarf. Die Enden ihrer schweren
+Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno
+ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend.
+</p>
+
+<p>
+»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer!
+Mist! Und ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt! &ndash; Man
+soll ihnen lebendig das Fell abziehen!
+Auf der Stelle!«
+</p>
+
+<p>
+Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen.
+Das wohlriechende Öl floß durch eine plumpe Bewegung
+seines Körpers über und umschäumte seine schuppige
+Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr fort zu diktieren:
+</p>
+
+<p>
+»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand
+gelitten. Beim Übergang über den Makar Verluste
+an Maultieren. Trotz der starken Stellung hat der
+außerordentliche Mut ... &ndash; Demonades! Ich habe große
+Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!«
+</p>
+
+<p>
+Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns.
+Der Weihrauch in den breiten Pfannen wirbelte
+stärker, und die nackten Badeknechte, die wie Schwämme
+schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit einer
+Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch,
+Myrrhen, Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher
+Durst verzehrte ihn. Aber den Mann im gelben
+Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm einen
+goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte.
+</p>
+
+<p>
+»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen
+Schlangen in das Mark der Knochen dringe,
+und fasse Mut, du Ebenbild der Götter! Du weißt überdies,
+daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne
+in der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit
+herrührt. Sie verblassen wie die Flecken auf deiner
+Haut. Du wirst also nicht daran sterben.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß
+nicht daran sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte
+ein Atem, ekelhafter als die Ausdünstung eines
+Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle seiner wimpernlosen
+Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein
+Klumpen runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und
+sahen dadurch um so größer aus, und die tiefen Furchen,
+die in Halbkreisen um seine Nasenflügel liefen, verliehen
+ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen
+eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie
+Brüllen.
+</p>
+
+<p>
+»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In
+der Tat, hier: mehrere Geschwüre haben sich geschlossen!
+Ich fühle mich kräftig. Da, sieh nur, wie ich esse!«
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust
+als aus Prahlerei und um sich selbst zu beweisen, daß
+er gesund sei, an die Farce von Käse und Majoran, an
+die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern, Eier, Rettiche,
+Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen
+Vögel. Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen
+und weidete sich in Gedanken an der ihnen bevorstehenden
+Marter. Doch da fiel ihm Sikka ein, und die Wut über
+all seinen damaligen Ärger entlud sich in Schmähungen
+gegen die drei Männer.
+</p>
+
+<p>
+»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte!
+Ihr habt mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten!
+Eure Dienste? Den Lohn für euer Blut? Habt ihr
+nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie zu
+sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben!
+Nicht einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser,
+sie nach Karthago mitzunehmen? Als Staffage für mich?
+Doch ... ganz gewiß hab ich nicht Ketten genug mitgebracht ...
+Schreib: Sendet mir ... &ndash; wieviele Gefangene
+sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach!
+Fort! Nur kein Mitleid! Man bringe mir in Körben
+ihre abgehauenen Hände!«
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei,
+heiser und doch schrill, in das Gemach und übertönte Hannos
+Stimme und das Klirren der Schüsseln, die man ihm
+auftafelte. Es ward immer stärker, und plötzlich erscholl
+das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht von
+neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte
+es laut.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren
+zu verfolgen. Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert,
+mit ihrem Gepäck, ihren Dienern und ihrem ganzen
+fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren schönen, perlengeschmückten
+Zelten, während das Söldnerlager draußen
+in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war.
+Spendius hatte seinen Mut wiedergefunden. Er sandte
+Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze und sammelte
+seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend.
+Man ordnete sich wieder in Reih und Glied, voller Wut,
+daß man ohne Kampf besiegt worden war. Da entdeckte
+man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar von den
+Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ
+sofort Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie
+mit dem Erdöl, zündete es an und ließ die Tiere auf
+Utika hetzen.
+</p>
+
+<p>
+Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die
+Flucht und liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße
+nach. Da machten sie Kehrt und schlitzten den Karthagern
+mit ihren Stoßzähnen die Leiber auf oder erdrückten
+und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den
+Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische
+Lager, das keinen Wall hatte, wurde beim ersten
+Anlauf genommen und geplündert. Die Karthager wurden
+gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht
+vor den Söldnern wollte man nicht öffnen.
+Der Tag brach an. Von Westen her sah man Mathos
+Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten Reiterscharen
+auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern.
+Sie setzten über Hecken und Gräben weg und hetzten die
+Flüchtlinge, wie Jagdhunde die Hasen. Dieser Wechsel
+des Kriegsglücks überraschte den Suffeten. Er schrie, man
+solle ihm aus dem Bade helfen.
+</p>
+
+<p>
+Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da
+flüsterte ihm ein Neger &ndash; der nämliche, der in der Schlacht
+seinen Sonnenschirm trug &ndash; ein paar Worte ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+»Ach so?« entgegnete der Suffet langsam. »Ja, töte
+sie!« fügte er in barschem Tone hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Der Äthiopier zog einen langen Dolch aus seinem Gürtel,
+und die drei Köpfe fielen. Einer davon rollte über
+die Reste des Mahls und fiel in das Badebecken. Eine
+Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die
+Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust.
+Ihr Blut strömte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen.
+Ein Teppich von Blut rann über die Mosaik, die
+mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet tauchte die
+Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie
+damit! Es galt dies als Heilmittel.
+</p>
+
+<p>
+Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge
+aus der Stadt. In der Richtung auf die Berge
+wollte er sein Heer einholen. Er fand nur die Trümmer
+davon wieder.
+</p>
+
+<p id="p142">
+Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Höhe über
+einem Paß, als sich die Truppen des Spendius in der
+Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten Lanzen, gegen die Vorhut
+ihrer Marschkolonne gerichtet, hätte man sie leicht aufhalten
+können. Doch die Karthager ließen sie in höchster
+Bestürzung vorübermarschieren. Hanno erkannte bei der
+Nachhut den Fürsten der Numidier. Naravas neigte
+sich zum Gruß und machte dabei ein Zeichen, das der
+Karthager nicht verstand.
+</p>
+
+<p>
+Unter allerhand Nöten gelangte man nach Karthago zurück.
+Nur des Nachts ward marschiert, tagsüber verbarg
+man sich in den Olivenwäldern. Auf jeder Rast starben
+Leute. Mehrere Male glaubte man sich völlig verloren.
+Endlich ward das Hermäische Vorgebirge erreicht, wo
+Schiffe sie aufnahmen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno war so ermüdet, so verzweifelt &ndash; besonders bedrückte
+ihn der Verlust der Elefanten &ndash;, daß er Demonades
+um Gift bat, um seinem Leben ein Ende zu machen.
+Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen.
+Die Expedition hatte beinahe eine Million Mark,
+achtzehn Elefanten, vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert
+Patrizier, achttausend Bürger, Getreide für drei Monate,
+beträchtlich viel Gepäck und sämtliche Kriegsmaschinen
+gekostet. Der Abfall des Naravas stand außer
+Zweifel. Die beiden Belagerungen begannen von neuem.
+Autarits Heer dehnte sich jetzt von Tunis bis Rades
+aus. Von der Höhe der Akropolis sah man in der
+Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen.
+Das waren die brennenden prächtigen Landsitze der karthagischen
+Patrizier. Ein einziger Mann konnte die Republik
+noch retten. Man bereute es, ihn verkannt zu haben,
+und selbst die Friedenspartei stimmte dafür, den Göttern
+Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurückkehre.
+</p>
+
+<p>
+Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschüttert.
+Nachts glaubte sie die Schritte der Göttin zu hören und
+wachte mit entsetztem Schrei auf. Tagtäglich ließ sie
+Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief sich beim
+Ausführen ihrer Befehle müde, und Schahabarim verließ
+sie nicht mehr.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch07">VII</h2>
+
+<h2>Hamilkar Barkas</h2>
+
+
+<p>
+Der Mondsignalist, der allnächtlich auf dem Dache
+des Eschmuntempels wachte und mit seiner Trompete
+die Bewegungen des Gestirns verkündete, bemerkte eines
+Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der
+mit langen Flügeln über die Meeresfläche hinglitt.
+Es war ein Schiff mit drei Ruderreihen. Am Bug trug
+es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne ging auf. Der Beobachter
+hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff
+er rasch zu seiner Trompete und ließ ihren ehernen Ruf
+weit über Karthago hin erschallen.
+</p>
+
+<p>
+Aus allen Häusern stürzten Menschen. Man wollte dem
+Gerücht nicht glauben. Man stritt sich. Der Außenkai
+war mit Volk bedeckt. Endlich erkannte man die Trireme
+Hamilkars.
+</p>
+
+<p>
+In stolzer, trotziger Haltung näherte sich das Schlachtschiff.
+Die Rah genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt,
+das dreieckige Segel in der ganzen Mastlänge gebläht,
+so durchschnitt es den Schaum der Wogen, indes
+seine riesigen Ruder das Wasser taktmäßig schlugen. Von
+Zeit zu Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten
+Kieles zum Vorschein, und unter dem Rammsporn,
+in den der Bug auslief, leuchtete der Elfenbeinkopf
+des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine über die
+Meeresfläche zu galoppieren schienen.
+</p>
+
+<p>
+Am Vorgebirge, wo der Wind aufhörte, sank das Segel,
+und man sah neben dem Lotsen einen Mann unbedeckten
+Hauptes stehen. Das war er. Der Suffet Hamilkar!
+Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein
+roter Mantel, an den Schultern befestigt, ließ seine Arme
+frei. Zwei sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren,
+und sein dichter schwarzer Bart wallte ihm bis auf die
+Brust herab.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen
+und dann den Kai entlang. Die Menge folgte ihr
+auf dem Pflaster und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser
+Befreier! Die Patrizier sind an allem schuld! Sie
+wollen dich umbringen! Sei auf der Hut, Barkas!«
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere
+und der Lärm der Schlachten taub gemacht hätten. Doch
+als er unter der großen Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur
+Akropolis führte, erhob er das Haupt und betrachtete, die
+Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann schweifte
+sein Blick noch höher hinauf in den weiten klaren Himmel.
+Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl
+zu. Die Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem
+Götterbilde, das am Vorsprunge des Außenkais aufgestellt
+war, um die Stürme zu bannen, und durch den länglichen
+Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und Fruchtschalen
+war. Sie stieß und drängte die Kauffahrteischiffe
+beiseite, die an Pfählen befestigt lagen und in Krokodilsrachen
+ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten
+heranzuschwimmen. Doch schon war die Galeere
+am Ende des Handelshafens vor dem nägelbeschlagenen
+Tor. Es rasselte in die Höhe, und die Trireme verschwand
+in der Tiefe der Wölbung.
+</p>
+
+<p id="p146">
+Der Kriegshafen war von der Stadt völlig abgeschlossen.
+Wenn Gesandte kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern
+durch einen Gang geleitet, der durch die westliche
+Hafenmauer nach dem Khamontempel führte. Die weite
+Wasserfläche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale
+und von einem Kai mit zweihundertzwanzig radial
+angeordneten Schiffshallen &ndash; für je eine Pentere &ndash; eingefaßt.
+Vor ihnen, über den Trennungsmauern der Dockrinnen,
+ragte je eine Säule mit Ammonshörnern an den
+Kapitälen. Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe,
+ein Säulengang, ringsum das Hafenrund. In der Mitte,
+auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser war so klar, daß man bis auf das weiße
+Kieselsteinpflaster des Grundes hinabsehen konnte. Der
+Straßenlärm drang nicht bis hierher. Im Vorbeifahren
+erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er früher befehligt
+hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig.
+Sie lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt,
+andre aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck
+und geschweiften Schnäbeln, die mit Vergoldungen und
+mystischen Symbolen geschmückt waren. Die Schimären
+hatten ihre Flügel verloren, die Götterbilder ihre Arme,
+die Stiere ihre silbernen Hörner. Alle diese Schiffe waren
+verblichen, untätig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen
+und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten
+umweht. Wie invalide Soldaten, die ihren alten
+Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm zuzurufen:
+»Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!«
+</p>
+
+<p>
+Niemand außer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus
+betreten. Solange man nicht den Beweis für seinen
+Tod hatte, betrachtete man ihn als noch am Leben. Die
+Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher weniger.
+Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht
+verstoßen.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet betrat die öden Räume. Auf Schritt und
+Tritt sah er Rüstzeug, Gerät und Gegenstände wieder, die
+ihm bekannt waren und ihn im Augenblick doch überraschten.
+In der Vorhalle lag in einer Opferpfanne
+noch die Asche des Räucherwerks, das bei der Abfahrt
+verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwören.
+So hatte er nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er
+vollbracht und erlebt, zog wieder an seinem Geiste vorüber:
+die Sturmangriffe, die Feuersbrünste, die Legionen, die
+Seestürme, Drepanum, Syrakus, Lilybäum, der Ätna,
+die Hochfläche des Eryx, fünf Jahre voller Kämpfe &ndash; bis
+zu dem Unglückstage, an dem man die Waffen niedergelegt
+und Sizilien verloren hatte. Dann wieder sah
+er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen Bergen,
+und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das
+neue Karthago, das dort drüben erstehen sollte. Pläne
+und Erinnerungen schwirrten ihm durch den Kopf, der
+noch vom Schwanken des Schiffes betäubt war. Bangigkeit
+bedrückte ihn, und plötzlich empfand er das Bedürfnis,
+sich den Göttern zu nahen.
+</p>
+
+<p>
+Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf,
+entnahm einer goldnen Muschel, die an seinem Arme hing,
+einen Schlüssel und öffnete ein kleines Gemach, dessen
+Wände ein Eirund bildeten.
+</p>
+
+<p>
+Durch dünne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen
+und durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches
+Licht. Zwischen den Reihen dieser gleichgroßen Scheiben
+waren Nischen in der Wand, wie in Grabkammern für die
+Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler, schwerer
+Stein. Menschen von höherer Einsicht verehrten diese
+vom Mond gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshöhen
+gekommen, waren sie Symbole der Gestirne, des Himmels
+und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie an die
+dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang
+aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfüllte
+diesen geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der
+Wind durch die Tür hereingetrieben hatte, überzog die
+runden Steine in den Nischen mit leichtem Weiß. Hamilkar
+zählte sie mit der Fingerspitze, einen nach dem andern.
+Dann hüllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier
+und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Draußen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben.
+Zweigartige Schatten, kleine Hügel, wirbelnde Linien,
+unbestimmte Tierformen zeichneten sich auf den matthellen
+Platten ab. Das Licht drang hindurch, grausig und doch
+friedsam, wie es hinter der Sonne in den düsteren Werkstätten
+der Schöpfung sein mag. Hamilkar bemühte sich,
+aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen
+der Götter zu verbannen, um besser den unwandelbaren
+Geist zu erfassen, den der äußere Schein verbirgt.
+Etwas von der Lebenskraft der Planeten durchdrang ihn,
+und er empfand gegen den Tod und alle Wechselfälle
+des Lebens eine bewußt tiefe Verachtung. Als er sich
+erhob, war er heiteren Mutes, unzugänglich der Furcht
+und dem Mitleid; und um sich ganz frei zu fühlen, bestieg
+er den Söller des Turmes, der Karthago hoch überragte.
+</p>
+
+<p>
+In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten:
+Karthago mit seinen Kuppeln, Tempeln und Golddächern,
+seinem Häusermeer, den hie und da dazwischen gestreuten
+Palmengruppen, den vielen feuersprühenden Glaskugeln.
+Die Wälle bildeten gleichsam die gigantische
+Rundung des Füllhorns, das sich vor ihm ausgoß. Er
+sah unter sich die Häfen, die Plätze, das Innere der
+Höfe, das Netz der Straßen und ganz klein die Menschen,
+kaum vom Pflaster unterscheidbar.
+</p>
+
+<p>
+Ach, wäre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den
+Ägatischen Inseln nicht zu spät gekommen!
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften,
+und er streckte zitternd beide Arme aus in der Richtung
+nach Rom.
+</p>
+
+<p>
+Die Menge füllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem
+Khamonplatze drängte man sich, um den Suffeten herauskommen
+zu sehen. Immer mehr Menschen bedeckten die
+Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grüßte ihn. Aber
+er zog sich zurück, um die Ungeduld des Volkes noch mehr
+zu reizen.
+</p>
+
+<p>
+Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Männer
+seiner Partei versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon,
+Yehubas und andre. Sie berichteten ihm alles, was sich
+seit dem Friedensschlusse zugetragen hatte: den Geiz der
+Alten, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre übertriebenen
+Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den
+Raub des Zaimphs, Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung.
+Niemand aber wagte ihm die Ereignisse zu berichten,
+die ihn persönlich betrafen. Schließlich trennte
+man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten
+im Molochtempel wiederzusehn.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar war kaum allein, als sich draußen vor der Tür
+Lärm erhob. Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand
+einzudringen, und da der Tumult zunahm, befahl
+der Suffet, den Unbekannten hereinzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig,
+blöd dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite
+blaue Schleier gehüllt. Sie trat vor den Suffeten, und
+beide blickten sich eine Weile an. Plötzlich erbebte Hamilkar.
+Auf einen Wink seiner Hand gingen die Sklaven
+hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise mitzukommen,
+und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen. Er
+riß sie heftig wieder hoch.
+</p>
+
+<p>
+»Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?«
+</p>
+
+<p>
+»Da drüben, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich
+mit dem Ärmel das Gesicht. Die schwarze Farbe, das
+greisenhafte Zittern, der krumme Rücken, alles das verschwand.
+Jetzt stand ein kräftiger alter Mann da, dessen
+Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah.
+Auf seinem Haupte ragte ein Büschel weißer Haare
+hoch, wie der Federstutz eines Vogels. Mit einem spöttischen
+Blick wies er auf die am Boden liegende Verkleidung.
+</p>
+
+<p>
+»Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut!« Und
+ihn mit seinem scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte
+Hamilkar: »Es ahnt doch keiner etwas?«
+</p>
+
+<p>
+Der Greis schwur bei den Kabiren, daß das Geheimnis
+bewahrt sei. »Nie,« so sagte er, »verlassen wir unsre Hütte,
+die drei Tagereisen von Hadrumet fern liegt. Der Strand
+ist dort nur von Schildkröten bevölkert, und Palmenbäume
+wachsen auf den Dünen. Und wie du befohlen, Herr,
+lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist kräftig, nicht wahr?«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er fürchtet sich weder
+vor Schlangen, noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern.
+Barfuß wie ein Hirtenbub läuft er am Rande der Abgründe
+hin.«
+</p>
+
+<p>
+»Erzähl mir mehr! Sprich!«
+</p>
+
+<p>
+»Er erfindet Fallen für die wilden Tiere. Vorigen Mond &ndash; wirst
+du es glauben? &ndash; hat er einen Adler gefangen.
+Er brachte ihn hinter sich hergeschleppt, und die großen
+Blutstropfen des Vogels und des Kindes fielen wie abgeschlagene
+Rosen. Das wütende Tier schlug mit seinen
+Flügeln um sich. Der Junge erwürgte es an seiner Brust,
+und je matter es wurde, um so lauter und stolzer erscholl
+sein Lachen &ndash; wie Schwertergeklirr.«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen
+künftiger Größe.
+</p>
+
+<p>
+»Aber seit einiger Zeit quält ihn Unruhe. Er schaut
+immer nach den Segeln, die in der Ferne vorüberziehen.
+Er ist trübsinnig, will nicht essen, fragt nach den Göttern
+und will Karthago kennen lernen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Noch nicht!« rief der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar
+schreckte, und er fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Wie soll ich ihn zurückhalten? Schon muß ich ihm
+Versprechungen machen, und ich bin nur nach Karthago
+gekommen, um ihm einen Dolch mit einem silbernen perlenbesetzten
+Griff zu kaufen.« Dann erzählte er noch,
+daß er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei
+den Hafenwächtern für eine der Frauen Salambos ausgegeben
+hätte, um zu ihm zu gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich
+sagte er:
+</p>
+
+<p>
+»Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara
+hinter der Purpurfabrik einfinden und dreimal den
+Schrei des Schakals nachahmen. Siehst du mich nicht,
+dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach Karthago
+zurück. Vergiß das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst
+du ihm von Hamilkar erzählen.«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie
+verließen zusammen das Haus und den Hafen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schritt zu Fuß und ohne Begleitung weiter,
+denn die Versammlungen der Alten waren bei außergewöhnlichen
+Umständen stets geheim, und man begab sich
+möglichst unauffällig dahin.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang,
+ging dann über den Gemüsemarkt, durch die Galerien von
+Kinisdo und das Stadtviertel der Spezereienhändler. Die
+wenigen Lichter erloschen, eins nach dem andern. Die
+breiteren Straßen wurden still. Alsbald huschten Schatten
+durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen
+dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Straße
+der Mappalier.
+</p>
+
+<p id="p152">
+Der Molochtempel stand am Fuß einer steilen Schlucht,
+an einem unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur
+endlos emporsteigende Mauern, gleich den Wänden eines
+ungeheuren Grabmals. Die Nacht war dunkel. Grauer
+Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem röchelnden,
+jammernden Geräusch gegen die Klippen schlug. Die
+Schatten verschwanden nach und nach, als seien sie in
+die Mauern hineingeschlüpft.
+</p>
+
+<p>
+Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich
+in einem weiten viereckigen Hofe, der rings von Säulengängen
+umgeben war. In der Mitte erhob sich ein
+großes achtseitiges Gebäude, von Kuppeln überragt, die
+ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte
+eine Art von Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel
+auf der Spitze abschloß.
+</p>
+
+<p>
+In zylinderförmigen Silberdrahtkörben auf Stangen,
+die von Männern getragen wurden, brannten Feuer.
+Bei jähen Windstößen flackerten die Flammen und warfen
+roten Schein auf die goldenen Kämme, die das geflochtene
+Haar der Fackelträger im Nacken hielten. Sie
+liefen hin und her und riefen einander, um die Alten
+zu empfangen.
+</p>
+
+<p>
+In bestimmten Abständen hockten auf den Steinfliesen &ndash; wie
+Sphinxe &ndash; ungeheure Löwen, lebendige Symbole der
+verzehrenden Sonne. Sie schliefen mit halbgeschlossenen
+Lidern. Die Schritte und Stimmen weckten sie auf. Sie
+erhoben sich gemächlich und trotteten den Alten entgegen.
+Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an
+ihren Beinen und krümmten unter lautem Gähnen den
+Rücken. Ihr Atem flog in das flackernde Fackellicht.
+Das Geräusch nahm zu. Türen schlossen sich.
+</p>
+
+<p>
+Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden
+unter den Säulen, die eine tiefe Vorhalle rings
+um den Tempel bildeten.
+</p>
+
+<p>
+In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Säulen
+die saturnische Periode in der Weise dar, daß die Jahre
+die Monate und die Monate die Tage umschlossen. Der
+innerste Säulenkreis stieß an die Mauer des Allerheiligsten.
+</p>
+
+<p>
+Dort legten die Alten ihre Stöcke aus Narwalhorn ab.
+Ein nie außer acht gelassenes Gesetz bestrafte nämlich
+jeden mit dem Tode, der in der Sitzung mit irgendeiner
+Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum ihres
+Gewandes einen Riß, zum Zeichen, daß sie bei der Trauer
+um den Tod ihrer Angehörigen ihre Kleider nicht geschont
+hatten. Doch verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter
+Purpurstreifen, daß er größer wurde. Andre trugen
+ihren Bart in einem Beutel aus veilchenblauem Leder,
+der mit zwei Bändern an den Ohren befestigt war. Alle
+begrüßten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten
+Hamilkar und beglückwünschten ihn. Man hätte
+meinen können, Brüder sähen einen Bruder wieder.
+</p>
+
+<p>
+Diese Männer waren in der Mehrzahl untersetzt und
+hatten gebogene Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche
+jedoch verrieten durch ihre vorspringenden Backenknochen,
+ihren höheren Wuchs und ihre schmäleren Füße
+afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die
+beständig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter.
+Andre verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst
+der Wüste, und seltsame Juwelen funkelten an allen
+Fingern ihrer Hände, die von fernen Sonnen gebräunt
+waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden
+Gang, während die Landwirte nach der Kelter, nach
+Heu und Maultierschweiß rochen. Diese alten Seeräuber
+waren Ackerbauer geworden, diese Wucherer rüsteten
+Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich Sklaven,
+die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den
+religiösen Bräuchen bewandert, in Ränken erfahren, unbarmherzig
+und reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre
+flammenden Augen blickten mißtrauisch. Das fortwährende
+Reisen und Lügen, Schachern und Befehlen hatte
+ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewalttätigkeit,
+eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit
+verliehen. Überdies verdüsterte sie die fromme Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst durchschritten sie einen gewölbten Saal, dessen
+Grundriß eiförmig war. Sieben Türen, den sieben Planeten
+entsprechend, bildeten an der Wand verschiedenfarbige
+Vierecke. Ein langes Gemach folgte. Dann ging
+es wieder in einen dem ersten ähnlichen Saal.
+</p>
+
+<p>
+Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, über und über
+mit ziselierten Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen
+Arme trug einen Kelch von Diamanten mit einem
+Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der langen
+Stufen, die zu einem großen Altar führten, dessen Ecken
+eherne Hörner schmückten. Zwei seitliche Treppen führten
+zur Altarplatte hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen.
+Sie glich einem Berg aufgehäufter Asche, auf
+dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam rauchte. Darüber,
+höher als der Kandelaber und viel höher als der
+Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer
+Männerbrust, in der eine weite Öffnung klaffte. Seine
+ausgespannten Flügel erstreckten sich über die Wand, und
+seine überlangen Hände reichten bis zum Boden hinab.
+Drei schwarze Steine mit gelben Rändern funkelten als
+drei Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er
+brüllen und als recke er mit furchtbarer Anstrengung
+seinen Stierkopf in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt.
+Hinter einem jeden stand auf drei Klauen ein
+eherner Fackelhalter. Die vielen Flammenscheine spiegelten
+sich in den Perlmutterrauten, mit denen der Fußboden
+getäfelt war. Der Saal war so hoch, daß das
+Rot der Wände gegen die Wölbung hin schwarz erschien,
+und die drei Augen des Götzenbildes hoch oben schimmerten
+wie halb im Dunkel verlorene Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie
+die Schleppen ihrer Gewänder über die Köpfe gezogen
+hatten. Unbeweglich saßen sie da, die Hände in ihren
+weiten Ärmeln übereinander gelegt. Der Perlmutterboden
+aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis
+zur Tür unter ihren bloßen Füßen hinrieselte.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte saßen, Rücken an Rücken, die vier Oberpriester
+auf vier Elfenbeinstühlen, die im Kreuz aufgestellt
+waren. Der Oberpriester Eschmuns war in ein
+hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in weißes
+Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs
+in Purpur.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar näherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn
+herum und betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute
+er wohlriechendes Pulver darauf. Violette Flammen
+loderten in den Kelchen auf.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete,
+und die hundert Alten, die vier Oberpriester und
+Hamilkar, der immer noch stand, stimmten einen Hymnus
+an. Sie wiederholten immerfort die gleichen Silben, verstärkten
+aber jedesmal den Ton, und so schwollen ihre Stimmen
+an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit
+einem Schlage schwiegen.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus
+seinem Busen eine kleine saphirblaue Statuette mit drei
+Köpfen und stellte sie vor sich hin. Das war das Bild der
+Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist seiner Worte machte.
+Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von plötzlicher
+Wut ergriffen, schrien alle durcheinander:
+</p>
+
+<p>
+»Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verräter!
+Verruchter! Du kommst zurück, um unsern Untergang anzusehen,
+nicht wahr? &ndash; Laßt ihn reden! &ndash; Nein, nein ...!«
+</p>
+
+<p>
+Sie rächten sich für den Zwang, den ihnen das staatsmännische
+Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl
+sie Hamilkars Rückkehr gewünscht hatten, so waren sie jetzt
+doch darüber entrüstet, daß er ihrem Unglück nicht vorgebeugt,
+oder vielmehr, daß er es nicht mit ihnen geteilt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester
+Molochs auf.
+</p>
+
+<p>
+»Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago
+zurückgekehrt?«
+</p>
+
+<p>
+»Was geht das euch an?« antwortete der Suffet verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Das Geschrei ward noch einmal so groß.
+</p>
+
+<p>
+»Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg
+schlecht geführt? Ihr habt meine Schlachtpläne gesehen,
+ihr, die ihr gemütlich zulaßt, daß Barbaren ...«
+</p>
+
+<p>
+»Genug! Genug!«
+</p>
+
+<p>
+Mit leiser Stimme, damit schärfer darauf gehört würde,
+fuhr er fort:
+</p>
+
+<p>
+»Ach, wahrlich, ich täusche mich, ihr Gottbegnadeten!
+Es gibt doch noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich!«
+Er schritt mit halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar
+hin, als ob er jemanden suchte, wobei er wiederholte:
+»Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen. Sie
+werden dich schützen! Aber wo ist er?« Dann, als besänne
+er sich, gab er sich selbst zur Antwort: »Ach, gewiß
+in seinem Hause, im Kreise seiner Söhne. Er gebietet seinen
+Sklaven. Er ist glücklich. Er zählt an der Wand die
+Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!«
+</p>
+
+<p>
+Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben
+getroffen.
+</p>
+
+<p>
+»So wißt ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist?« Und
+ohne sich um ihr Geschrei zu kümmern, erklärte er: Indem
+sie den Suffeten im Stich gelassen hätten, sei die Republik
+selbst in Gefahr geraten. Auch der Friede mit Rom, so
+vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als zwanzig
+Schlachten.
+</p>
+
+<p>
+Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des
+Rates, die allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder
+zur Tyrannis zu neigen. Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten
+und Syssitienvorstände, hatten indessen die Majorität.
+Die Angesehensten hatten sich um Hanno geschart,
+der am andern Ende des Saals vor der hohen Tür saß,
+die ein hyazinthenblauer Vorhang verhängte.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte die Schwären seines Gesichts mit Schminke
+bestrichen. Der Goldpuder seiner Haare war ihm auf
+die Schultern gefallen und bildete dort zwei glänzende
+Flecke. Dadurch sah das Haar weißlich, dünn und kraus
+wie Wolle aus. Seine Hände waren mit Binden umwickelt,
+die mit wohlriechendem Öle getränkt waren, das
+auf den Boden herabtropfte. Seine Krankheit hatte sich
+offenbar beträchtlich verschlimmert, denn seine Augen
+verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu
+können, mußte er den Kopf zurückbiegen. Seine Anhänger
+veranlaßten ihn zu reden. Endlich begann er mit
+heiserer, widerwärtiger Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Weniger Anmaßung, Barkas! Wir alle sind besiegt
+worden! Jeder trage sein Unglück! Füge dich!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar lächelte und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Erzähle uns lieber, wie du unsre Penteren in die
+römische Flotte hineinmanövriert hast!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich wurde vom Winde getrieben,« gab Hanno zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+»Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist
+herumtrampelt. Du stellst deine eigne Dummheit zur
+Schau! Schweig!«
+</p>
+
+<p>
+Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei
+den Ägatischen Inseln anzuschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht
+entgegen gekommen.
+</p>
+
+<p>
+»Ei, dann hätte ich den Eryx entblößt. Du mußtest die
+offene See gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach,
+ich vergaß: die Elefanten haben ja alle Angst vor dem
+Meere!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, daß sie in
+ein lautes Gelächter ausbrachen. Die Wölbung hallte davon
+wider, als hätte man Pauken geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno wies auf das Unwürdige einer solchen Beleidigung
+hin. Er habe sich seine Krankheit bei der Belagerung von
+Hekatompylos durch eine Erkältung zugezogen. Dabei
+rannen ihm die Tränen über das Antlitz, wie ein Winterregen
+über eine verfallene Mauer.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Hättet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so
+wäre jetzt eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich
+euch um Hilfe angerufen! Und stets versagtet ihr mir
+das Geld!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir brauchten es selber!« erklärten die Syssitienvorstände.
+</p>
+
+<p>
+»Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den
+Urin unsrer Maultiere tranken und an den Riemen unsrer
+Sandalen nagten, als ich am liebsten Soldaten aus dem
+Erdboden gestampft und die Asche unsrer Toten zu Heerhaufen
+verwandelt hätte, da rieft ihr die Schiffe zurück,
+die mir noch geblieben waren!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen,« entgegnete
+Baat-Baal, der im darischen Gätulien Goldminen besaß.
+</p>
+
+<p>
+»Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Häusern,
+hinter euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po,
+die ihr aufreizen mußtet, Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt
+wären. Und während die Römer Gesandte an
+Ptolemäos schicken ...«
+</p>
+
+<p>
+»Jetzt rühmt er uns die Römer!«
+</p>
+
+<p>
+Irgend jemand anders schrie ihm zu: »Wieviel haben
+sie dir bezahlt, damit du sie verteidigst?«
+</p>
+
+<p>
+»Das frage die Ebenen von Brutium, die Trümmer von
+Lokri, Metapont und Heraklea! Ich habe alle ihre Bäume
+verbrannt, alle ihre Tempel geplündert, und bis zum Tod
+der Enkel ihrer Enkel ...«
+</p>
+
+<p>
+»Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst!«
+rief Kapuras, ein berühmter Kaufherr. »Was willst du
+denn eigentlich?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich sage, man muß entweder klüger oder gefürchteter
+sein! Wenn ganz Afrika euer Joch abschüttelt, so geschieht
+es, weil ihr schwächliche Herrscher seid, nicht imstande,
+das Joch jemandem fest in den Nacken zu drücken!
+Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener
+Mann braucht nur zu landen, und schon hat er das Land
+erobert. Und wenn sich die Libyer im Osten mit den Numidiern
+im Westen verbrüdern, wenn die Nomaden von Süden
+und die Römer von Norden kommen ...« Ein Schrei des
+Entsetzens erhob sich. »Ja, dann werdet ihr an eure Brust
+schlagen, euch im Staube wälzen und eure Mäntel zerreißen!
+Dann hilft das alles nichts! Ihr werdet doch
+fortmüssen, um in der Suburra die Mühlen zu drehen und
+auf den Hügeln von Latium Wein zu lesen.«
+</p>
+
+<p>
+Sie schlugen sich mit den Händen auf den rechten Schenkel,
+um ihre Entrüstung auszudrücken, und die Ärmel ihrer
+Gewänder blähten sich wie die großen Flügel erschrockener
+Vögel.
+</p>
+
+<p>
+Immer noch auf der höchsten Stufe am Altare stehend,
+fuhr Hamilkar in heiligem Feuer bebend und drohend fort.
+Er erhob die Arme, und die Strahlen der hinter ihm
+lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern wie goldne
+Pfeile.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgüter,
+eure Wagen, eure Hängebetten und eure Sklaven, die
+euch die Füße reiben! Die Schakale werden in euren
+Palästen hausen, der Pflug wird eure Gräber umwühlen.
+Man wird nichts mehr hören als den Schrei der Adler
+über Haufen von Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!«
+</p>
+
+<p>
+Die vier Oberpriester streckten ihre Hände aus, um den
+Fluch abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der
+Meersuffet stand als priesterliches Oberhaupt unter dem
+Schutz der Sonne und war unverletzlich, solange ihn der
+Staatsgerichtshof der Hundert nicht verurteilt hatte. Vom
+Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen zurück.
+Hamilkar hatte aufgehört zu reden. Starren Blickes, im
+Gesicht bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend
+da, fast erschrocken über sich selbst. Sein Geist verlor
+sich in düstere Visionen. Von seinem erhöhten Standort
+erschienen ihm all die Fackeln auf den ehernen Trägern
+wie eine mächtige Flammenkrone, die auf den Fliesen lag.
+Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich
+in das Dunkel der Wölbung. Eine Weile war die Stille
+so tief, daß man das Rauschen des Meeres in der Ferne
+hörte.
+</p>
+
+<p>
+Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr
+Eigentum, ja ihr Dasein war durch die Barbaren bedroht.
+Aber man konnte diese ohne Hilfe des Suffeten nicht
+niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes schließlich
+maßgebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es
+gab selbstsüchtige Versöhnungen, geheime Abmachungen
+und feierliche Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf
+keinen Fall mehr mit der Regierung zu tun haben. Alle beschworen
+ihn. Man flehte ihn an. Als gar das Wort »Verrat«
+von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige Verräter
+sei der Große Rat. Denn da die Verpflichtung der
+Söldner mit dem Kriege erlösche, so seien sie mit dem
+Ende des Krieges frei geworden. Des weiteren übertrieb
+er ihre Tapferkeit und alle die Vorteile, die man daraus
+ziehen könne, wenn man sie durch Geschenke und Vorrechte
+wieder für die Republik gewönne.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen,
+indem er seine gelben Augen rollte:
+</p>
+
+<p>
+»Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein
+Grieche oder ein Lateiner geworden, ich weiß nicht was!
+Was redest du von Belohnungen für diese Leute? Besser,
+daß zehntausend Barbaren zugrunde gehen als ein einziger
+von uns!«
+</p>
+
+<p>
+Die Alten nickten beifällig und murmelten: »Jawohl,
+wozu so viel Rücksichten? Barbaren findet man immer!«
+</p>
+
+<p id="p163">
+»Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht
+wahr? Man läßt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien
+getan habt. Man benachrichtigt den Feind einfach von
+dem Wege, den sie einschlagen müssen, wie bei jenen
+Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch wohl
+mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich
+das Felseneiland gesehen, noch ganz weiß von ihren
+Gebeinen!«
+</p>
+
+<p>
+»Welch ein Unglück!« meinte Kapuras schamlos.
+</p>
+
+<p>
+»Sind sie nicht hundertmal zum Feinde übergegangen!«
+schrien die andern.
+</p>
+
+<p>
+»Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach
+Karthago zurück? Und als sie dann in der Stadt sind,
+arm und in Menge, inmitten all eurer Reichtümer, da
+kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie durch die geringste
+Teilung zu schwächen! Ihr entlaßt sie mit Weib und Kind,
+allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurückzubehalten!
+Wähntet ihr, sie würden einander morden, um euch
+den Schmerz zu ersparen, eure Schwüre zu halten? Ihr
+haßt sie, weil sie stark sind! Mich, ihren Marschall, haßt
+ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben wohl, als ihr
+meine Hände küßtet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht
+hineinzubeißen.«
+</p>
+
+<p>
+Wären die Löwen, die draußen im Hofe schliefen, mit
+Gebrüll hereingestürzt, der Lärm hätte nicht furchtbarer
+sein können. Da erhob sich der Oberpriester Eschmuns,
+steif, die Knie gegeneinandergepreßt, die Ellbogen an den
+Körper gedrückt und die Hände halb geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+»Barkas!« sprach er. »Karthago bedarf deiner. Du mußt
+den Oberbefehl über die punischen Streitkräfte gegen die
+Barbaren annehmen!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weigere mich!« entgegnete Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden dir volle Gewalt geben!« riefen die Häupter
+der Syssitien.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!«
+</p>
+
+<p>
+»Ohne jede Überwachung! Alleinige Selbständigkeit!
+Du bekommst so viel Geld, als du forderst! Alle Gefangenen!
+Die ganze Beute! Vier Quadratfuß Land
+für jeden feindlichen Leichnam!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Weil es unmöglich ist, mit euch zu siegen!«
+</p>
+
+<p>
+»Er hat Furcht!«
+</p>
+
+<p>
+»Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmütig und unbesonnen
+seid!«
+</p>
+
+<p>
+»Er will die Soldateska schonen!«
+</p>
+
+<p>
+»Um sich an ihre Spitze zu stellen!« fügte irgendeiner
+hinzu.
+</p>
+
+<p>
+»Und über uns herzufallen!« versetzte ein andrer.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Hintergrunde aber brüllte Hanno:
+</p>
+
+<p>
+»Er will sich zum Könige machen!«
+</p>
+
+<p>
+Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln
+um. Dolche zückend, stürzten sie nach dem Altar. Doch
+Hamilkar griff in seine Ärmel und zog zwei breite Messer
+hervor. Vorgebeugt, den linken Fuß vorgesetzt, stand er
+mit zusammengepreßten Zähnen und flammenden Augen
+da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte
+sie trotzig an.
+</p>
+
+<p>
+Aus Vorsicht hatten sie also sämtlich Waffen mitgebracht!
+Das war ein Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig
+an. Doch da alle schuldig waren, beruhigte man sich
+rasch, und einer nach dem andern wandte dem Suffeten
+den Rücken und stieg, wütend über die Demütigung, wieder
+hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurück. Eine
+Weile blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern
+verletzt und führten sie zum Munde oder wickelten sie
+behutsam in den Saum ihrer Mäntel. Man wollte eben
+allgemein aufbrechen, da hörte Hamilkar die Worte:
+</p>
+
+<p>
+»Pfui! Er tut es aus Rücksicht auf seine Tochter! Er
+will sie nicht betrüben!«
+</p>
+
+<p>
+Und eine andre lautere Stimme schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Ohne Zweifel, denn sie wählt sich ja ihre Liebsten unter
+den Söldnern!«
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine
+raschen Augen Schahabarim. Der Priester der Tanit war
+allein auf seinem Platze verblieben, aber Hamilkar erblickte
+von weitem nichts als seine hohe Mütze. Die Versammlung
+lachte dem Suffeten höhnisch ins Gesicht. Je
+mehr seine Erbitterung wuchs, um so größer ward ihre
+Freude, und inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten
+Stehenden:
+</p>
+
+<p>
+»Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Eines Morgens im Monat Tammuz!«
+</p>
+
+<p>
+»Es war der Räuber des Zaimphs!«
+</p>
+
+<p>
+»Ein sehr schöner Mann!«
+</p>
+
+<p>
+»Größer als du!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar riß sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen
+seiner Würde, seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die
+in der Mitte eine Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte
+sie mit beiden Händen aus Leibeskräften zu Boden.
+Die goldnen Kronen zersprangen und prallten hoch, und
+die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte
+man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken,
+die sich wie eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen
+hinringelte. Alle Glieder zitterten ihm. Er stieg eine der
+Seitentreppen empor, die auf den Altar führten, und betrat
+ihn. Damit deutete er an, daß er sich dem Gotte weihte,
+sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte
+die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu
+Hamilkars Füßen befand, und der feine Staub, den seine
+Tritte aufwirbelten, umhüllte ihn bis zu den Lenden wie
+eine Wolke. Zwischen den Beinen des ehernen Kolosses
+blieb er stehen. Er nahm zwei Hände voll von der Asche,
+deren bloßer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben
+ließ, und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht
+Feuern der Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren
+und Vulkanen! Bei allem, was brennt! Beim Durste der
+Wüste und dem Salze des Meeres! Bei der Höhle von
+Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende
+aller Dinge! Bei der Asche eurer Söhne und der Asche
+der Brüder eurer Ahnen, mit der ich jetzt die meine menge!
+Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr habt gelogen,
+als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar Barkas,
+der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und
+der Herrscher des Volkes, ich schwöre vor Moloch dem
+Stierköpfigen ...« Man erwartete etwas Entsetzliches,
+doch er fuhr mit lauter und ruhiger Stimme fort: »... daß
+ich nicht einmal mit ihr darüber reden werde!«
+</p>
+
+<p>
+Die Tempeldiener, goldne Kämme im Haar, traten ein,
+mit Purpurschwämmen und Palmzweigen. Sie hoben
+den hyazinthblauen Vorhang auf, der vor die Türe gespannt
+war. Durch die Öffnung erblickte man im Hintergrunde
+der Säle den weiten rosenroten Himmel, der
+die Wölbung der Decke fortzusetzen schien und sich am
+Horizont auf das tiefblaue Meer stützte. Die Sonne erhob
+sich aus den Fluten und stieg empor. Ihre Strahlen
+trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zähnen
+starrender Rachen tat sich in schrecklichem Gähnen auf.
+Seine ungeheuern Nasenflügel erweiterten sich. Das helle
+Licht belebte ihn und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes
+Aussehen, als ob er sich hinausstürzen wollte, um sich
+mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen und mit ihm zusammen
+die Unendlichkeit zu durchstürmen.
+</p>
+
+<p>
+Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter,
+und ihr Widerschein goß hier und dort auf die Perlmutterfliesen
+rote Flecke wie von Blut hin. Die Alten taumelten
+vor Ermattung. Sie atmeten die frische Luft mit
+vollen Zügen. Schweiß rann über ihre bleigrauen Lippen.
+Sie hatten alle so viel geschrien, daß sie einander
+nicht mehr verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten
+war nicht erloschen. Zum Abschied warfen sie ihm
+Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel
+Eschmuns!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde da sein!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden dich durch die Hundertmänner verurteilen
+lassen!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich euch durch das Volk!«
+</p>
+
+<p>
+»Nimm dich nur in acht, daß du nicht am Kreuze endest!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ihr, daß ihr nicht in den Straßen zerrissen werdet!«
+</p>
+
+<p>
+Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden,
+nahmen sie wieder eine ruhige Haltung an.
+</p>
+
+<p>
+Die Läufer und Wagenführer erwarteten ihre Herren
+am Tor. Die meisten Gerusiasten ritten auf weißen Maultieren
+davon. Der Suffet sprang in seinen zweirädrigen
+Wagen und ergriff selbst die Zügel. Die beiden Rosse
+trabten im Takt in stolzer Beizäumung über die aufspringenden
+Kiesel. Die ganze Straße der Mappalier hinan
+galoppierten sie. Der silberne Geier vorn an der Deichsel
+schien zu fliegen, so schnell stürmte der Wagen dahin.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben
+pyramidenförmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war.
+Sie trugen in der Mitte ausgemeißelt eine offene Hand,
+als ob der Tote, der darunter lag, sie gen Himmel emporstrecke,
+um etwas zu erbitten. Dann kamen verstreute
+Hütten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelförmig
+errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen
+mit gießendem Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke
+und Hecken von Feigenkaktus trennten in unregelmäßiger
+Weise die einzelnen Behausungen, die immer zahlreicher
+wurden und sich bis zu den Gärten des Suffeten hinzogen.
+Hamilkar heftete seine Blicke auf einen großen Turm,
+dessen drei Stockwerke die Form von drei ungeheuren
+Zylindern hatten. Das unterste war aus Stein, das
+zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus Zedernholz
+erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig
+Säulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form
+von durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen.
+Der hochragende Bau beherrschte die Gebäude, die zur
+Rechten standen, die Speicher und das Verwaltungshaus,
+während der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen hervorlugte,
+die wie zwei eherne Mauern Wache hielten.
+</p>
+
+<p>
+Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren
+war, hielt er unter einem breiten Schutzdache, unter dem
+angehalfterte Pferde an Heubündeln fraßen.
+</p>
+
+<p>
+Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge
+vorhanden, da man auch die auf den Feldern Arbeitenden,
+aus Furcht vor den Söldnern, in die Stadt
+hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen Tierfelle
+und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel
+zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken
+hatten rotgefärbte Arme wie Scharfrichter.
+Die Seeleute trugen grüne Mützen, die Fischer Korallenhalsbänder,
+die Jäger ein Netz auf der Schulter und die
+im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze
+Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder
+Leinwand, je nach ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese
+Vagabunden lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung.
+Sie schliefen des Nachts in den Gärten und nährten sich
+von den Küchenabfällen. Es war gleichsam menschlicher
+Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar
+duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem
+Erbarmen. Sie hatten sich allesamt zum
+Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die Ohren gesteckt.
+Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich
+auf alle diese Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken
+rechts und links um sich. Dies geschah, um die auf den
+Anblick ihres Gebieters neugierigen Sklaven zurückzutreiben.
+Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt
+und durch ihren Geruch nicht belästigt werden.
+</p>
+
+<p>
+Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien:
+»Götterliebling, dein Haus blühe!« Durch diesen in der
+Zypressenallee auf dem Boden liegenden Schwarm schritt
+der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen weißen
+Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt
+von all ihren Frauen, die immer, wenn ihre Herrin eine
+Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die Köpfe der Negerinnen
+hoben sich als große schwarze Punkte in der langen
+Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen
+der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne
+Pfeile, Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig
+geordnete lange Nadeln. Auf dem Gewirr der weißen,
+gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe, Spangen,
+Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe
+knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und
+das dumpfe Treten der bloßen Füße auf den Holzstufen.
+Hier und da ragte ein großer Eunuch über die Frauen hinweg
+mit seinen hohen Schultern und seinem lächelnden
+Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten,
+stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend,
+seltsame Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar,
+so wild und so schrill, daß die große, ganz mit Frauen
+bedeckte Ebenholztreppe von oben bis unten dumpf erdröhnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden
+wiegten sich sacht. Es war im Monat Schebaz,
+mitten im Winter. Die blühenden Granatbäume zeichneten
+sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und
+durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen
+Eiland, halb im Dunste verschwommen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war
+ihm nach dem Tode mehrerer Knaben geboren worden.
+Zudem galt die Geburt von Töchtern in allen Ländern der
+Sonnenanbetung für ein Unglück. Später hatten ihm die
+Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner
+Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter
+ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch
+verblieben. Inzwischen kam Salambo heran.
+</p>
+
+<p>
+Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben
+von ihren Ohren auf die Schultern herab bis an die
+Ellbogen. Ihr Haar war so gekräuselt, daß es wie eine
+Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine viereckige Goldplättchen.
+Auf jedem war eine Frau zwischen zwei aufrecht
+stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre
+Kleidung der der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand
+mit weiten Ärmeln schloß sich eng um ihre Hüften und erweiterte
+sich nach unten. Der Zinnober auf ihren Lippen
+ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in
+ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen,
+aus Vogelbälgen geschnitten, hatten überhohe Absätze.
+Offenbar vor Kälte war Salambo sehr blaß.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken,
+ohne den Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Heil dir, Götterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg,
+Muße, Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz
+traurig und das Haus voller Sehnsucht. Doch der Herr,
+der heimkehrt, strahlt wie die Lenzessonne, die wiederauferstandene;
+und unter deinem Blick, Vater, wird Freude
+und neues Leben überall erblühen!«
+</p>
+
+<p>
+Und indem sie aus Taanachs Händen ein kleines längliches
+Gefäß nahm, in dem eine Mischung von Mehl,
+Butter, Paradieskörnern und Wein dampfte, fuhr sie fort:
+</p>
+
+<p>
+»Trink in vollen Zügen den Trank der Heimkehr, den
+deine Magd dir bereitet!«
+</p>
+
+<p>
+Er erwiderte: »Segen über dich!« und ergriff mechanisch
+die goldne Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er
+sie so scharfen Blicks, daß sie verwirrt stammelte:
+</p>
+
+<p>
+»Man hat dir gesagt, Herr ...«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich weiß,« versetzte Hamilkar leise.
+</p>
+
+<p>
+War das ein Geständnis oder meinte sie die Barbaren?
+Er fügte ein paar inhaltslose Worte über die Not der
+Stadt hinzu, der er unbedingt ein Ende setzen wolle.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, Vater!« rief Salambo aus. »Was dahin ist, ist
+dahin! Unwiederbringlich!«
+</p>
+
+<p>
+Da wich er zurück. Salambo aber staunte über seine Bestürzung.
+Sie hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern
+den Tempelraub, als dessen Mitschuldige sie sich fühlte.
+Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den sie selber kaum
+kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte alles
+erraten, er wußte alles! Etwas Schreckliches mußte geschehen.
+</p>
+
+<p>
+»Gnade!« rief sie.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar senkte langsam das Haupt.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht
+die Lippen zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis,
+sich zu beklagen und getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte
+gegen den Drang, seinen Schwur zu brechen. Er hielt
+ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der Ungewißheit
+zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins
+Antlitz, um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres
+Herzens verberge.
+</p>
+
+<p>
+Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo
+mehr und mehr den Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt
+war er überzeugt, daß sie in der Umarmung eines Barbaren
+schwach geworden war. Er bebte und hob beide Fäuste
+empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme
+ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar
+der Verwalter folgte ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen
+weiten runden Saal, von dem, wie die Speichen eines
+Rades von der Nabe, lange Gänge ausliefen, die zu andern
+Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine Art steinernes
+Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den
+Teppich herabgeglitten waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten
+auf und ab. Er atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß
+auf den Boden und fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
+wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt wird. Dann
+schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften
+Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick
+in die Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch
+selteneren Schätzen gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen
+und Eisenbarren standen neben Zinnblöcken, die
+über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen waren.
+Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus
+ihren Säcken von Palmenbast hervor, und der Goldstaub,
+der in Schläuche gefüllt war, stäubte unmerklich
+durch die altersschwachen Nähte. Zwischen dünnen Fasern,
+aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus
+Ägypten, Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße
+der Mauern starrten Korallen wie große Sträucher empor.
+Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer Geruch:
+die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze
+und der Straußenfedern, die in großen Büscheln von der
+Deckenwölbung herabhingen. Vor jedem Gange standen
+Elefantenzähne, mit den Spitzen aneinandergelegt, und
+bildeten einen Spitzbogen als Eingang.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen
+alle mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte da. Nur
+Abdalonims spitze Mütze ragte stolz empor.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe,
+einen alten Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust
+hatten. Weiße Haarflocken reichten bis zu seinen Hüften
+herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen im Barte
+hängen geblieben.
+</p>
+
+<p id="p174">
+Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades
+und Senegambien ausgesandt mit der Order, das Horn
+des Südens und das Vorgebirge der Gewürze zu umschiffen
+und Eziongaber in Arabien zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Andre Schiffe &ndash; so berichtete er &ndash; waren vier Monde
+lang gen Westen gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann
+hemmte Seegras den Bug der Schiffe. Am Horizont
+donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote Nebel verdunkelten
+die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte
+die Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis
+der Leute so verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten.
+Inzwischen war man die Flüsse der Szythen
+hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den Jugriern
+und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert
+Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber,
+die man jenseits des Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man
+in den Grund gebohrt, damit das Geheimnis der Wege
+unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den Weihrauch
+von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika
+und die Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot
+senkte die Stimme, als er meldete, daß eine Trireme bei
+Rusikada von den Numidiern gekapert worden war: »denn
+sie halten es mit ihnen, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter
+der Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug
+ein braunes, gürtelloses Gewand, und seinen Kopf umhüllte
+eine lange Binde aus weißem Stoff, die am Rande
+seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter
+fiel.
+</p>
+
+<p>
+Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag-
+und Nachtgleiche abgegangen. Doch von fünfzehnhundert
+Leuten, die mit vortrefflichen Kamelen, neuen Schläuchen
+und Vorräten bunter Leinwand nach Hinter-Äthiopien
+den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger nach
+Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen
+erlegen oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden.
+Der Gerettete berichtete, er habe weit jenseits
+des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem
+Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen.
+Die geringsten Geräte seien dort aus lauterem Golde.
+Ferner habe er einen Strom gesehen von milchweißer
+Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von blauen
+Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern,
+die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich
+wie Blumen entfalteten, wenn sie einen anblickten. Endlich
+hätte es hinter Seen, die von Drachen wimmelten,
+kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne schliefe.
+Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit
+Pfauen, Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die
+den Weg nach den Syrten und zum Ammontempel eingeschlagen
+hatten, um Chalzedone zu kaufen, die waren
+ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen
+nach Gätulien und Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse
+von dort mitgebracht. Zurzeit &ndash; so schloß der Verwalter
+der Karawanen seinen Bericht &ndash; wage er keine
+neuen Expeditionen auszuschicken.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene
+besetzt. Mit einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den
+andern Ellbogen. Der Verwalter der Landgüter hatte
+nunmehr solche Furcht zu reden, daß er trotz seiner breiten
+Schultern und seiner dicken roten Augen entsetzlich zitterte.
+Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer Dogge. Auf
+dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die
+Hüften einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare
+Messer blinkten.
+</p>
+
+<p>
+Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle
+Götter anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne
+nichts dafür! Er hätte die Witterung, den Boden und die
+Sterne beobachtet, hätte die Anpflanzungen zur Zeit der
+Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei abnehmendem
+Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre
+Kleider geschont ...
+</p>
+
+<p>
+Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte
+mit der Zunge, aber der Mann mit den Messern fuhr
+hastig fort:
+</p>
+
+<p id="p176">
+»Ach, Herr, sie haben alles geplündert! Alles durcheinandergeworfen!
+Alles zerstört! In Maschala sind dreitausend
+Fuß Bäume niedergeschlagen, in Ubada die Speicher
+zertrümmert und die Zisternen verschüttet. In Tedes
+haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in
+Marazzana alle Hirten getötet, die Herden verzehrt und
+dein Haus eingeäschert, dein schönes Haus aus Zedernholz,
+wo du im Sommer zu verweilen pflegtest! Die
+Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die
+Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere,
+die Rinder von Taormina und die oringischen Pferde, &ndash; nicht
+eins ist mehr da, alle sind geraubt! Es ist ein Fluch!
+Ich überlebe das nicht!« Weinend fuhr er fort: »Ach,
+wüßtest du, wie die Keller gefüllt waren, wie die Pflüge
+glänzten! Und ach, die schönen Widder! Ach, die schönen
+Stiere!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los:
+</p>
+
+<p>
+»Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lügen!
+Sprecht die Wahrheit! Ich will alles wissen, was ich verloren
+habe, alles bis auf Heller und Pfennig, bis auf
+Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die Rechnungen
+über die Schiffe, über die Karawanen, die Landgüter
+und den Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht
+rein ist, wehe euern Häuptern! &ndash; Geht!«
+</p>
+
+<p>
+Alle Verwalter gingen rücklings hinaus, tief gebeugt, so
+daß ihre Hände den Boden berührten.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes,
+der in die Mauer eingebaut war, mit Knoten bedeckte
+Schnüre, Leinen- und Papyrosrollen und Schulterblätter
+von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt waren. Er
+legte sie Hamilkar zu Füßen, gab ihm einen Holzrahmen
+in die Hand mit drei eingespannten Fäden, auf denen
+Kugeln von Gold, Silber und Horn aufgereiht waren.
+Sodann begann er:
+</p>
+
+<p>
+»Hundertzweiundneunzig Häuser in der Straße der
+Mappalier, an Neukarthager zu einem Talent monatlich
+vermietet.«
+</p>
+
+<p>
+»Die Miete ist zu hoch! Schone die Armen! Auch sollst
+du mir die Namen derer aufschreiben, die dir am kühnsten
+erscheinen, und zu ermitteln trachten, ob sie der Republik
+treu gesinnt sind. Weiter!«
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim zauderte. Solche Großmut überraschte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar riß ihm die Leinwandrollen aus der Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das? Drei Paläste am Khamonplatze zu zwölf
+Kesitah den Monat? Setze zwanzig! Von Reichen laß ich
+mich nicht ausbeuten!«
+</p>
+
+<p>
+Der Haushofmeister verneigte sich tief, dann fuhr er fort:
+</p>
+
+<p id="p178">
+»An Tigillas bis Ende der Schiffahrtszeit ausgeliehen:
+zwei Talente zu dreiunddreißig ein drittel Prozent. Überseegeschäft!
+An Barmalkarth fünfzehnhundert Sekel gegen
+ein Pfand von dreißig Sklaven. Zwölf davon sind allerdings
+in den Salzteichen eingegangen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Weil sie überhaupt schon kaputt waren!« lachte der
+Suffet. »Einerlei! Wenn er Geld braucht, soll er welches
+haben! Das Geld muß immer arbeiten, zu verschiedenem
+Zins, je nach dem Reichtum der Abnehmer.«
+</p>
+
+<p>
+Der Diener las weiterhin rasch alle Einnahmen vor:
+aus den Eisenminen in Annaba, den Korallenfischereien,
+den Purpurfabriken, aus der Pacht der den ansässigen
+Griechen auferlegten Steuern, aus der Silberausfuhr
+nach Arabien, wo es zehnfachen Goldwert hatte, aus gekaperten
+Schiffen, &ndash; abzüglich des Zehnten für den Tempel
+der Göttin.
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar rechnete mit den Kugeln der Rechenmaschine
+nach, die unter seinen Fingern klapperten.
+</p>
+
+<p>
+»Genug! Was hast du in bar gezahlt?«
+</p>
+
+<p>
+»An Stratonikles in Korinth und an drei Kaufleute in
+Alexandrien auf diese Wechsel hier &ndash; sie sind am Fälligkeitstage
+vorgezeigt worden &ndash; zehntausend athenische Drachmen
+und zwölf syrische Goldtalente. Verpflegung der
+Schiffsmannschaften, zwanzig Minen monatlich für jede
+Triere ...«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß! Haben wir Verluste gehabt?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Rechnung darüber steht auf diesen Bleitafeln!« vermeldete
+der Beamte. »Was die mit andern Gesellschaftern
+gemeinsam befrachteten Schiffe anbetrifft, so mußte
+man mehrfach Ladungen über Bord werfen. Der Verlust
+ist auf alle Teilhaber verteilt worden. Für Tauwerk, das
+aus den Arsenalen geliehen wurde und nicht zurückerstattet
+werden konnte, haben die Syssitien vor dem Zuge
+nach Utika achthundert Kesitah gefordert ...«
+</p>
+
+<p>
+»Immer wieder die!« murmelte Hamilkar mit gesenktem
+Haupte. Eine Weile saß er wie niedergedrückt von dem
+großen Haß, den er auf sich lasten fühlte. »Aber ich finde
+die Ausgaben für Megara nicht!«
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim erbleichte und holte aus einem andern Schranke
+Tafeln von Sykomorenholz, die bündelweise auf Lederschnuren
+gereiht waren.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hörte neugierig auf die Einzelheiten des Haushaltsberichts.
+Die Eintönigkeit der Stimme, die ihm
+die Ziffern vorlas, beruhigte ihn allmählich. Dann las
+Abdalonim langsamer. Plötzlich ließ er die Holztafeln
+fallen und warf sich selbst mit ausgestreckten Armen lang
+auf den Boden, wie ein Verurteilter. Hamilkar hob die
+Tafeln mit gleichgültiger Miene auf. Doch seine Lippen
+öffneten sich, und seine Augen erweiterten sich, wie er unter
+den Ausgaben eines einzigen Tages einen ungeheuren
+Verbrauch an Fleisch, Fischen, Geflügel, Wein und Gewürz,
+dazu eine Aufzählung von zerbrochenen Gefäßen,
+getöteten Sklaven und verdorbenen Teppichen fand.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim, noch immer am Boden liegend, berichtete
+ihm nun von dem Festschmause der Söldner. Er hätte
+sich dem Befehl der Alten nicht entziehen können; dazu
+habe Salambo gewünscht, daß die Soldaten auf das beste
+bewirtet werden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Beim Namen seiner Tochter fuhr Hamilkar mit einem
+Satz in die Höhe. Dann sank er auf die Kissen zurück. Er
+biß sich auf die Lippen, zerrte mit den Nägeln an den
+Fransen eines Kissens und atmete schwer. Sein Blick war
+starr.
+</p>
+
+<p>
+»Steh auf!« gebot er und stieg herab.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim folgte ihm mit schlotternden Knien. Dann
+aber griff er nach einer Eisenstange und machte sich daran,
+wie ein Rasender die Steinfliesen auszuheben. Eine Holzscheibe
+sprang hoch, und alsbald klappten in der Flucht
+des Ganges noch mehrere solcher großen Deckel auf:
+die Verschlüsse von Kellern zur Aufbewahrung von Getreide.
+</p>
+
+<p>
+»Du siehst, Liebling der Götter,« sprach der Diener zitternd,
+»sie haben nicht alles genommen! Diese Keller sind
+tief, jeder fünfzig Ellen, und bis zum Rande gefüllt!
+Während deiner Reise habe ich sie anlegen lassen, auch
+welche in den Arsenalen, in den Gärten, überall! Dein
+Haus ist voll Korn, wie dein Herz voller Weisheit!«
+</p>
+
+<p>
+Ein Lächeln überflog Hamilkars Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist gut so, Abdalonim!« Und flüsternd sagte er
+ihm, sich neigend, ins Ohr: »Du wirst noch mehr kommen
+lassen, aus Etrurien, aus Bruttium, woher du willst und
+zu welchem Preise es auch sei! Häuf es an und bewahr
+es! Ich muß alleiniger Besitzer alles Getreides in Karthago
+sein!«
+</p>
+
+<p>
+Dann, am Ende des Ganges, öffnete Abdalonim mit
+einem der Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen, ein
+großes viereckiges Gemach, das in der Mitte durch Pfeiler
+von Zedernholz geteilt war. Goldne, silberne und
+eherne Münzen, auf Tischen aufgebaut oder in den Nischen
+hochgetürmt, häuften sich an allen vier Wänden bis zu
+den Dachbalken empor.
+</p>
+
+<p id="p181">
+Ungeheure Koffer aus Flußpferdhaut standen in den
+Ecken und bargen ganze Reihen von kleineren Säcken.
+Haufen von Scheidemünzen wölbten sich auf dem Fußboden.
+Hier und dort war ein zu hoher Berg eingestürzt
+und glich nun einer zertrümmerten Säule. Die großen
+karthagischen Münzen mit dem Bilde der Tanit und eines
+Rosses unter einem Palmbaum mischten sich mit den
+Geldstücken der Kolonien, auf denen ein Stier, ein Stern,
+eine Kugel oder ein Halbmond zu sehen war. Weiterhin
+erblickte man, zu ungleichen Haufen geschichtet, Münzen
+von jedem Werte, jeder Form, jedem Zeitalter: von
+den alten assyrischen Münzen, dünn wie Fingernägel,
+bis zu den alten faustdicken Geldstücken Latiums, von
+dem knopfförmigen Geld Äginas bis zu den Tafeln der
+Baktrier und den kurzen Barren des alten Sparta.
+Manche waren mit Rost bedeckt, beschmutzt, im Wasser
+grünspanig geworden oder vom Feuer geschwärzt; man
+hatte sie mit Netzen aufgefischt oder nach Belagerungen
+in den Trümmern der Städte gefunden. Der Suffet
+hatte rasch überschlagen, ob die vorhandenen Summen
+mit den Einnahmen und Verlusten, die ihm Abdalonim
+verlesen, übereinstimmten, und er wollte schon hinausschreiten,
+als er drei große, bis auf den Grund leere
+eherne Krüge sah. Abdalonim wandte vor Entsetzen das
+Haupt ab, aber Hamilkar schwieg resigniert.
+</p>
+
+<p>
+Sie durchschritten andre Gänge und Räume und kamen
+schließlich vor eine Tür, vor der zur besseren Bewachung
+an einer langen, um seinen Leib und an die Mauer geschmiedeten
+Kette ein Mann lag. (Das war eine römische
+Sitte, noch nicht lange in Karthago eingeführt.)
+Bart und Fingernägel des Angeketteten waren übermäßig
+lang, und er wiegte sich fortwährend nach rechts und nach
+links wie ein gefangenes Tier. Sobald er Hamilkar erkannte,
+stürzte er ihm entgegen und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Gnade! Liebling der Götter! Erbarmen! Töte mich!
+Zehn Jahre sind es nun, daß ich die Sonne nicht gesehen!
+Im Namen deines Vaters, Gnade!«
+</p>
+
+<p>
+Ohne ihm zu antworten, klatschte Hamilkar in die Hände.
+Drei Männer erschienen, und alle vier zogen mit einem
+gleichzeitigen starken Ruck die riesige Eisenstange, die das
+Tor verschloß, aus ihren Ringen. Hamilkar ergriff eine
+Fackel und verschwand im Dunkeln.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt diesen Raum lediglich für die Familiengruft,
+doch hätte man hier höchstens einen weiten Schacht gefunden,
+angelegt, um die Diebe irrezuführen, doch ohne
+Inhalt. Hamilkar ging daran vorüber, dann bückte er sich,
+drehte einen schweren Mühlstein auf seinen Walzen und
+trat durch die so entstandene Öffnung in ein kegelförmiges
+Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Eherne Schuppen bedeckten die Wände. In der Mitte,
+auf einem Sockel aus Granit, erhob sich das Standbild
+eines der Kabiren, namens Aletes, das heißt des ewigen
+Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in Spanien.
+Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzförmig
+angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne
+Gefäße mit verschlossenem Halse und von wunderlicher
+Form, die zu nichts dienen konnten. Es war nämlich
+Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um ihre Verminderung
+oder gar ihre Entwendung fast unmöglich zu
+machen.
+</p>
+
+<p id="p183">
+Hamilkar zündete mit seiner Fackel ein Lämpchen an, das
+an der Mütze des Götterbildes befestigt war, und plötzlich
+erstrahlte der Raum in grünen, gelben, blauen, violetten,
+weinfarbenen und blutroten Lichtern. Er war voller Edelsteine,
+in goldne Schalen gefüllt, die wie Lampenbecken
+an metallenen Trägern hingen. Andre standen, noch im
+Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Türkise,
+durch Schleuderwürfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel,
+aus dem Urin der Luchse entstanden; Glossopetren,
+vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten, Sandaster,
+Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller
+vier Arten und Smaragde aller zwölf Arten. Sie schimmerten
+wie Milchtropfen, wie blaue Eiszapfen, wie
+Silberstaub, und sprühten ihr Licht in breiten Fluten, in
+feinen Strahlen und glühenden Sternen. Meteore, die
+der Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen
+heilen. Man sah Topase vom Berg Zabarka,
+die vor Erschrecken schützen; Opale aus Baktrien, die
+Fehlgeburten verhindern; Ammonshörner, die man unter
+das Bett legt, wenn man Träume haben will.
+</p>
+
+<p>
+Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten
+sich in den großen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit
+verschränkten Armen da und lächelte. Er ergötzte sich
+weniger am Anblick als am Bewußtsein seiner Reichtümer.
+Seine Schätze waren unerreichbar, unerschöpflich, unendlich.
+Seine Ahnen, die hier unter seinen Füßen schliefen,
+sandten seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit.
+Er fühlte sich den unterirdischen Geistern nahe. Er empfand
+gleichsam die Freude eines Erdgeistes, und die langen
+leuchtenden Strahlen, die über sein Gesicht liefen, dünkten
+ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn
+über Abgründe hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknüpfte.
+</p>
+
+<p>
+Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich
+hinter das Götterbild und schritt geradeaus auf die Wand
+zu. Nachdenklich betrachtete er eine Tätowierung auf
+seinem rechten Arm: eine wagerechte Linie in Verbindung
+mit zwei senkrechten: die kanaanitische Ziffer dreizehn.
+Nun zählte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug nochmals
+seinen weiten Ärmel zurück, streckte die rechte Hand
+aus und las auf einer andern Stelle seines Arms andre
+verwickeltere Zeichen, während er seine Finger bewegte
+wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte er mit seinem
+Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte
+sich wie aus einem Stück.
+</p>
+
+<p>
+Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem
+sich geheimnisvolle Dinge befanden, die keinen Namen
+hatten, aber von unberechenbarem Werte waren. Hamilkar
+stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem Silberbecken
+ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flüssigkeit
+schwamm, und stieg dann wieder hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er
+stieß mit seinem langen Stabe, der am Knopf mit Schellen
+besetzt war, auf die Steinfliesen und rief vor jedem Gemache
+den Namen Hamilkars in einem Schwalle von
+Lobpreisungen und Segenswünschen.
+</p>
+
+<p>
+In dem runden Saale, in den alle Gänge mündeten,
+waren längs der Mauern Alguminstangen, Säcke voll
+Henna, Kuchen aus lemnischer Erde und Schildkrötenschalen
+voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet streifte
+alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne
+auch nur die riesigen Bernsteinstücke, diesen fast göttlichen,
+von den Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Öffne!«
+</p>
+
+<p>
+Sie traten ein.
+</p>
+
+<p>
+Nackte Männer kneteten teigige Massen, zerrieben Kräuter,
+schütteten Kohlen, gossen Öl in Krüge, öffneten und
+schlossen die kleinen eiförmigen Zellen, die rings in die
+Mauern führten und so zahlreich waren, daß der Raum
+dem Innern eines Bienenstockes glich. Myrobalan, Odellium,
+Safran und Veilchen quollen daraus hervor. Überall
+waren Harze, Pulver, Wurzeln, Glasflaschen, Filipendelzweige
+und Rosenblätter verstreut. Man erstickte
+schier in Gerüchen, trotz der Rauchwirbel des Storaxharzes,
+das in der Mitte auf einem ehernen Dreifuß knisternd
+kochte.
+</p>
+
+<p>
+Der Verwalter der Parfümerienfabrik, lang und bleich
+wie eine Wachskerze, kam an Hamilkar heran, um in
+dessen Hand eine Rolle Metopion zu zerdrücken, während
+zwei andre Leute ihm die Fersen mit Bakkarisblättern
+einrieben. Der Suffet stieß sie zurück. Es waren Leute
+von verrufenen Sitten, die man jedoch wegen ihrer geheimen
+Kenntnisse schätzte.
+</p>
+
+<p>
+Um seine Ergebenheit zu bezeugen, bot der Verwalter
+dem Suffeten auf einem Bernsteinlöffel etwas Malobathron
+als Probe dar. Dann durchstieß er mit einer Ahle
+drei indische Bezoarsteine. Hamilkar, der alle Kunstkniffe
+kannte, nahm ein Horn voll der Essenz, hielt es
+an die glühenden Kohlen und schüttete einen Tropfen auf
+sein Gewand. Ein brauner Fleck erschien darauf: die
+Tinktur war nicht echt! Er blickte den Verwalter scharf
+an und warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, das Gazellenhorn
+ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+So aufgebracht er indes auch über die zu seinem Schaden
+begangene Fälschung war, so ordnete er doch bei der
+Besichtigung der Nardenvorräte, die man für überseeische
+Länder verpackte, interessiert an, Antimon darunter zu
+mischen, um die Ware schwerer zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte er, wo sich die drei Kisten Psagas befänden,
+die zu seinem persönlichen Gebrauche bestimmt waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Aufseher gestand, daß er nicht wisse, wohin sie gekommen
+seien. Söldner mit Messern wären brüllend
+hereingestürzt, und er hätte ihnen die Kisten öffnen müssen.
+</p>
+
+<p>
+»So fürchtest du sie mehr als mich!« schrie der Suffet,
+und seine Augen blitzten durch den Dampf wie Fackeln
+über den großen bleichen Mann hin, der zu begreifen
+begann. »Abdalonim! Vor Sonnenuntergang wirst du
+ihn Spießruten laufen lassen! Zerfleddere ihn!«
+</p>
+
+<p id="p186">
+Dieser Verlust, geringer als die andern, hatte ihn erbittert,
+denn trotz seines Bemühens, die Barbaren aus
+seinen Gedanken zu verbannen, stieß er überall von neuem
+auf ihre Spuren. Ihre Ausschreitungen verschmolzen
+gleichsam mit der Schande seiner Tochter, und er zürnte
+dem ganzen Hause, daß es darum wisse und ihm doch
+nichts sage. Aber etwas trieb ihn, sich immer tiefer in
+sein Unglück zu verlieren, und von einer Art Spürwut
+ergriffen, besichtigte er in den Schuppen hinter dem Verwaltungshause
+die Vorräte an Erdpech, Holz, Ankern und
+Tauwerk, an Honig und Wachs, sodann die Bekleidungskammern,
+die Vorratsmagazine, das Marmorlager und
+den Silphiumspeicher.
+</p>
+
+<p>
+Darauf besuchte er auf der andern Seite der Gärten
+die Hütten der Handwerker, deren Erzeugnisse verkauft
+wurden. Schneider stickten Mäntel. Andre flochten Netze,
+bemalten Kissen, schnitten Sandalen. Arbeiter aus Ägypten
+glätteten mit Muschelschalen Papyrus. Die Weberschiffchen
+schwirrten, die Ambosse der Waffenschmiede dröhnten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar sagte zu den letzteren:
+</p>
+
+<p>
+»Schmiedet Schwerter! Schmiedet immerfort! Ich werde
+sie brauchen!«
+</p>
+
+<p>
+Dabei zog er aus seinem Busen das giftgebeizte Antilopenfell,
+damit man ihm einen Harnisch daraus schnitte,
+fester denn aus Erz, einen, dem Feuer und Eisen nichts
+anhaben könnten.
+</p>
+
+<p>
+Als er zu den Handwerkern trat, suchte ihn Abdalonim,
+in der Absicht, seinen Zorn von sich abzuwenden, gegen
+diese Leute aufzubringen, indem er ihre Arbeiten mürrisch
+tadelte:
+</p>
+
+<p>
+»Was für eine Arbeit! Es ist eine Schande! Wahrhaftig,
+der Herr ist zu gut!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ging weiter, ohne auf ihn zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Er verlangsamte seine Schritte, denn große, von oben
+bis unten verkohlte Bäume, wie man sie in den Wäldern
+findet, wo Hirten gelagert haben, versperrten den Weg.
+Die Zäune waren niedergerissen, das Wasser in den Gräben
+eingetrocknet, Glasscherben und Affenknochen lagen
+in großen Schlammpfützen umher. Hier und dort hingen
+Zeugfetzen an den Büschen. Unter den Limonenbäumen
+hatten sich verfaulte Blumen zu einem gelben häßlichen
+Haufen getürmt. Offenbar hatte sich die Dienerschaft
+um nichts gekümmert, im Glauben, der Herr käme nicht
+wieder heim.
+</p>
+
+<p>
+Auf Schritt und Tritt entdeckte er immer neues Unheil,
+neue Beweise für das, was zu erforschen er sich untersagt
+hatte. Jetzt besudelte er sogar seine Purpurstiefel,
+indem er in Unrat trat. Warum hatte er die ganze Soldateska
+nicht im Schußfeld eines Geschützes, um sie kurz
+und klein zu schießen! Er fühlte sich gedemütigt, weil
+er ihre Partei genommen. Narretei! Verrat! Da er
+aber weder an den Söldnern, noch an den Alten, noch
+an Salambo oder an sonst jemandem Rache nehmen
+konnte und sein Zorn ein Ziel haben mußte, so verurteilte
+er in Bausch und Bogen sämtliche Gartensklaven
+zur Arbeit in den Bergwerken.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim zitterte jedesmal, wenn er ihn die Richtung
+nach dem Tierparke zu nehmen sah. Aber Hamilkar schlug
+den Weg nach der Mühle ein, aus der ihm schwermütiger
+Gesang entgegenscholl.
+</p>
+
+<p>
+Von Staub umhüllt drehten sich die schweren Mühlsteine,
+das heißt zwei übereinanderliegende Porphyrkegel, deren
+oberer einen Trichter trug und durch starke Stangen auf
+dem unteren bewegt wurde. Sklaven schoben sie mit
+Brust und Armen, während andere an Riemen zogen.
+Das Scheuern des Lederzeugs hatte an ihren Achseln
+eiternde Krusten gebildet, wie man sie auf dem Widerrist
+der Esel sieht; und der schwarze schlaffe Schurz, der
+ihre Hüften bedeckte, mit den herabhängenden Zipfeln,
+die wie lange Schwänze aussahen, schlug ihnen gegen die
+Kniekehlen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Fußketten
+klirrten, ihre Lungen keuchten im Takte. Vor dem Munde
+trugen sie, an zwei Erzketten befestigt, Maulkörbe, so daß
+sie nicht von dem Mehl essen konnten. Ihre Hände steckten
+in Fausthandschuhen, damit sie auch nichts davon nahmen.
+Beim Eintritt des Herrn knarrten die hölzernen Stangen
+stärker. Das Korn knirschte beim Mahlen. Ein paar
+Arbeiter strauchelten und fielen. Die andern mühten sich
+weiter und schritten über sie hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Er fragte nach Giddenem, dem Sklavenaufseher. Er
+erschien. Seine Würde verriet sich im Reichtum seiner
+Kleidung. Seine an den Seiten geschlitzte Tunika war
+von feinem Purpur. Schwere Ohrringe zogen seine Ohren
+herab, und seine Wickelgamaschen hielt eine goldene
+Schnur fest, die sich von den Knöcheln zu den Hüften
+hinaufringelte, wie die Schlange um einen Baum. In
+seinen mit Ringen bedeckten Fingern hielt er eine Kette
+aus Gagatkugeln, ein Mittel, die an der Fallsucht Leidenden
+zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar winkte ihm, die Maulkörbe abnehmen zu lassen.
+Da stürzten alle Sklaven mit einem Geschrei wie
+ausgehungerte Tiere über das Mehl her und verschlangen
+es, wobei sich ihre Gesichter in den Haufen vergruben.
+</p>
+
+<p>
+»Du verlangst zu viel von ihnen!« versetzte der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem antwortete, dies sei möglich, sonst wären sie
+aber nicht zu bändigen.
+</p>
+
+<p>
+»Dann war es also umsonst, daß ich dich nach Syrakus
+in die Sklavenschule geschickt habe! Laß die andern
+kommen!«
+</p>
+
+<p>
+Und die Köche, die Küfer, die Stallknechte, die Läufer,
+die Sänftenträger, die Badediener und die Weiber mit
+ihren Kindern, alle stellten sich im Garten in einer langen
+Reihe auf, die vom Verwaltungshause bis zu den Gehegen
+der wilden Tiere reichte. Sie hielten den Atem
+an. Ungeheure Stille durchdrang Megara. Die Sonne
+stand schräg über der Lagune unter der Totenstadt. Pfauen
+schrien. Hamilkar schritt ganz langsam die Front ab.
+»Was soll ich mit diesen Greisen?« fragte er. »Verkaufe
+sie! Zu viel Gallier! Das sind Trunkenbolde! Und zu
+viel Kreter! Das sind Lügner! Kaufe mir Kappadozier,
+Asiaten und Neger.«
+</p>
+
+<p>
+Er wunderte sich über die geringe Zahl der Kinder.
+»Jedes Haus muß alljährlich Nachwuchs haben, Giddenem!
+Laß alle Nächte die Hütten offen, damit die Leute
+nach Belieben miteinander verkehren können!«
+</p>
+
+<p>
+Dann ließ er sich die Diebe, die Trägen und die Widerspenstigen
+zeigen. Er erteilte Strafen und machte
+Giddenem Vorwürfe. Der senkte wie ein Stier seine
+niedrige Stirn, auf der die breiten Brauen zusammenstießen.
+</p>
+
+<p>
+»Hier, Gottbegnadeter!« sagte er, auf einen kräftigen
+Libyer deutend. »Den da hat man mit einem Strick um
+den Hals ertappt!«
+</p>
+
+<p>
+»So, du möchtest also sterben?« fragte ihn der Suffet
+verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave entgegnete in unerschrockenem Tone: »Ja!«
+</p>
+
+<p>
+Der Fall bot ein Beispiel und war ein materieller Verlust.
+Aber unbekümmert darum gebot Hamilkar den
+Knechten:
+</p>
+
+<p>
+»Führt ihn ab!«
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht hegte er insgeheim die Absicht, ein Opfer zu
+bringen. Er legte sich diesen Verlust auf, um schlimmerem
+vorzubeugen.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem hatte die Verstümmelten hinter den andern
+versteckt. Hamilkar bemerkte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Wer hat dir den Arm abgeschlagen?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Söldner, Gottbegnadeter!«
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte er einen Samniter, der schwankend dastand
+wie ein verwunderter Reiher.
+</p>
+
+<p>
+»Und du, wer hat dir das angetan?«
+</p>
+
+<p>
+Der Aufseher hatte ihm mit einer Eisenstange das Bein
+zerschmettert.
+</p>
+
+<p>
+Diese sinnlose Grausamkeit empörte den Suffeten. Er
+rieß Giddenem die Gagatkette aus den Händen und
+schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Fluch dem Hunde, der seine Herde verletzt! Sklaven
+verstümmeln! Gütige Tanit! Ha, du richtest deinen Herrn
+zugrunde! Man ersticke ihn im Mist! &ndash; Und nun fehlen
+noch eine Menge! Wo sind sie? Hast du sie gemeinsam
+mit den Söldnern ermordet?«
+</p>
+
+<p>
+Sein Gesichtsausdruck war so schrecklich, daß alle Weiber
+entflohen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sklaven verließen ihre Aufstellung und bildeten
+einen weiten Kreis um beide. Giddenem küßte wie wahnsinnig
+die Sandalen Hamilkars, der noch immer mit geballten
+Fäusten vor ihm stand.
+</p>
+
+<p>
+In seinem selbst in der wildesten Schlacht klaren Geiste
+erinnerte er sich jetzt tausend häßlicher und schmählicher
+Dinge, an die er bisher nicht gedacht hatte. Im Licht
+seines Zornes hatte er jetzt wie im Wetterschein mit einem
+Schlage all sein Mißgeschick vor Augen. Die Verwalter
+der Landgüter waren entflohen, aus Furcht vor den Söldnern,
+vielleicht im Einverständnis mit ihnen. Alle betrogen
+ihn. Ach, schon zu lange bezwang er sich!
+</p>
+
+<p>
+»Man führe sie her!« schrie er. »Und brandmarke sie
+auf der Stirn mit glühendem Eisen als Feiglinge!«
+</p>
+
+<p>
+Man brachte Stricke herbei, Halseisen, Messer, Ketten,
+für die zur Bergwerksarbeit Verurteilten; Fußfesseln,
+um die Beine zusammenzupressen; Numellen, über die
+Schultern zu legen; ferner Skorpione, dreisträhnige Peitschen
+mit eisernen Haken an den Enden der Riemen.
+All dieses Folterzeug wurde in der Mitte des Gartens
+niedergelegt.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen
+die Sonne, gegen Moloch den Verzehrer, auf den Bauch
+oder Rücken hingestreckt, die mit Geißelung Bestraften
+aber aufrecht an Bäume gebunden und neben ihnen je
+zwei Männer aufgestellt, einer, der die Schläge zählte,
+und einer, der zuschlug.
+</p>
+
+<p>
+Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und
+rissen die Rinde von den Platanen. Das Blut spritzte wie
+Regen auf die Blätter, und rote Fleischmassen wanden
+sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen Ketten
+angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren
+Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe
+Schläge schallten. Bisweilen gellte ein schriller Schrei
+durch die Luft. In der Nähe der Küchen kauerten Männer
+zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und abgerissenen
+Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch
+von verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten
+brachen zusammen, doch die Stricke an ihren
+Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die Augen und ließen
+die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die
+übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu
+schreien, und die Löwen, die sich vielleicht des Festtages
+erinnerten, reckten sich gähnend hinauf zum Rand ihrer
+Gruben.
+</p>
+
+<p>
+Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse.
+Sie lief vor Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte
+sie. Es schien ihm, als ob sie die Arme gegen ihn ausstreckte,
+um seine Gnade zu erbitten. Mit einer Gebärde
+des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.
+</p>
+
+<p>
+Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen
+Häuser. Sie hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten
+gesiegt, und man verehrte sie als Lieblinge der Sonne.
+Die von Megara waren die stärksten in Karthago. Vor
+seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim schwören lassen,
+daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die meisten
+waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur
+drei lagen noch in der Mitte des Hofes im Sande vor
+ihren zertrümmerten Krippen.
+</p>
+
+<p>
+Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.
+</p>
+
+<p>
+Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der
+andre hatte am Knie eine breite Wunde, dem dritten war
+der Rüssel abgehauen. Die Tiere blickten ihren Herrn
+traurig wie denkende Wesen an, und der eine, der keinen
+Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie beugte
+und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf
+seines Rüssels zu streicheln.
+</p>
+
+<p>
+Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen
+in die Augen. Er stürzte auf Abdalonim los.
+</p>
+
+<p>
+»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!«
+</p>
+
+<p>
+Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam
+zum Himmel schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar
+blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt,
+als ob ihn ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar
+seine eignen Kräfte fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte
+weiterdauernd. Die Sklaven begriffen freilich
+nicht, warum er mit einem Male besänftigt war.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis
+vorüber, einem langen Gebäude aus schwarzen
+Steinen, das in einer großen viereckigen Grube erbaut war.
+Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den vier
+Ecken.
+</p>
+
+<p>
+Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende
+Zeichen gab.
+</p>
+
+<p>
+»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den
+Kerker hinab.
+</p>
+
+<p>
+»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten
+ihm.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen
+Fenster lugte das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene
+Ketten an den Wänden hängen.
+</p>
+
+<p>
+Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben!
+</p>
+
+<p>
+Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter,
+die sich von draußen über die Grube neigten, sahen, wie
+er sich mit der Hand an die Mauer stützte, um nicht umzufallen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar
+blickte auf. Er sprach kein Wort, machte keine Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand
+er hinter der Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung
+der Patrizier im Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten:
+</p>
+
+<p>
+»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl
+unsrer Armee gegen das Heer der Barbaren an!«
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch08">VIII</h2>
+
+<h2>Die Schlacht am Makar</h2>
+
+
+<p>
+Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien
+anderthalb Millionen Mark in Gold und legte
+jedem Mitgliede der dreihundert Patriziergeschlechter eine
+Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die Frauen und
+Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften &ndash; etwas
+Unerhörtes nach karthagischer Sitte &ndash; zwang er, Geld
+herzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen.
+Manche wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre
+Güter wurden einfach verkauft. Um den Geiz der andern
+einzuschüchtern, lieferte er selber sechzig Rüstungen und
+siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war allein soviel,
+wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner
+anzuwerben: dreitausend Bergbewohner, die mit Bären
+zu kämpfen gewohnt waren. Man zahlte ihnen im voraus
+auf sechs Monate den Sold.
+</p>
+
+<p>
+Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er
+nicht, wie Hanno, jeden Bürger an. Zunächst wies er alle
+Leute mit sitzender Lebensweise zurück, ferner solche, die
+einen dicken Bauch oder ein ängstliches Aussehen hatten.
+Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka, Barbarenabkömmlinge
+und Freigelassene. Den Neukarthagern
+versprach er als Belohnung das volle Bürgerrecht.
+</p>
+
+<p>
+Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese
+Truppe von schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische
+Blüte der Republik hielt, wählte sich ihre Führer
+selbst. Er verabschiedete ihre bisherigen Offiziere und faßte
+die Mannschaft hart an, ließ sie laufen, springen, in einem
+Atem den Abhang des Burgbergs erklettern, Speere werfen,
+ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen biwakieren.
+Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.
+</p>
+
+<p>
+Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und
+stärkerem Schuhwerk aus, beschränkte die Zahl der Burschen
+und das Gepäck. Im Molochtempel bewahrte man
+dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des Einspruchs
+des Oberpriesters.
+</p>
+
+<p>
+Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und
+andern aus Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig
+Tieren, die er bis an die Zähne bewaffnete.
+Ihre Führer rüstete er mit Hammern und Meißeln aus,
+damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen
+Tieren die Schädel spalten konnten.
+</p>
+
+<p>
+Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen.
+Die Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten,
+aber er ging nicht darauf ein. Da wagte man nicht
+mehr zu murren. Alles beugte sich der Gewalt seines Geistes.
+</p>
+
+<p>
+Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und
+Finanzen. Um Beschwerden vorzubeugen, forderte er den
+Suffeten Hanno zum Nachprüfen der Rechnungen auf.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen,
+die längst zwecklos gewordenen alten Binnenmauern
+niederreißen. Der Unterschied im Vermögen, der
+an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt die
+Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt.
+Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der
+alten, schon halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen
+an, während sich das Volk darüber freute, ohne recht zu
+wissen warum.
+</p>
+
+<p>
+Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller
+Bewaffnung durch die Straßen. Aller Augenblicke vernahm
+man Trompetensignale. Wagen mit Schilden, Zelten
+und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller
+Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte
+sich den andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik.
+Er hatte seine Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt
+und Sorge getragen, daß in den Langreihen abwechselnd
+immer ein Starker neben einem Schwachen stand, so daß
+der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen
+geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen
+dreitausend Ligurern und der Elite der Karthager konnte
+er freilich nur eine einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig
+Gepanzerten bilden, die eherne Helme trugen
+und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus Eschenholz,
+sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.
+</p>
+
+<p>
+Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen
+und Sandalen ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert
+andre, die Rundschilde und Römerschwerter bekamen.
+</p>
+
+<p>
+Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann,
+dem Reste der Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren
+mit vergoldeten Erzschienen gepanzert. Ferner hatte
+er über vierhundert berittene Bogenschützen, die man Tarentiner
+nannte, mit Mützen aus Wieselfell, Doppeläxten
+und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger
+aus dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt,
+neben den Pferden herlaufen, indem sie sich mit der Hand
+an den Mähnen festhielten. Alles war marschbereit, und
+dennoch rückte Hamilkar nicht aus.
+</p>
+
+<p>
+Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich
+über die Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar.
+Suchte er mit den Söldnern Fühlung? Die Ligurer, die
+in der Straße der Mappalier lagen, schützten sein Haus.
+</p>
+
+<p>
+Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt,
+als man eines Tages dreihundert Barbaren den Mauern
+näher kommen sah. Der Suffet öffnete ihnen die Tore.
+Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem General zurück,
+von Furcht oder Treue getrieben.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht.
+Dieser Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt
+nicht sterben. Er kehrte endlich zurück, um sein Versprechen
+zu erfüllen. Das war eine Hoffnung, die nichts
+Widersinniges hatte. So tief war die Kluft zwischen
+Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt.
+Das Gelage hatte man vergessen.
+</p>
+
+<p>
+Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines
+andern. Das war ein Triumph für die Unzufriednen,
+und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu kam, daß
+die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man
+brachte es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten.
+Viele hatten sich vom Heere getrennt und durchstreiften
+das Land. Bei der Kunde von den Rüstungen der Karthager
+kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude.
+»Endlich! endlich!« rief er aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun
+gegen Hamilkar. Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer
+vor sich. Und da seine Rachgier vielleicht doch Befriedigung
+finden konnte, so wähnte er die Beute schon in seinen Händen
+und weidete sich bereits an ihr. Gleichzeitig ward er
+von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer heftigerer
+Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner
+Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike
+durch die Luft schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem
+Purpurbette, wo er die Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht
+mit Küssen bedeckte und mit den Händen über ihr
+langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser Traum
+nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine
+Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so
+schwor er sich, den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung,
+daß er daraus nicht zurückkehren würde, reizte
+ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen
+herbeiführen! Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren,
+wenn Hamilkar uns angreift! Verstehst du mich? Steh
+auf!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft.
+Matho ließ sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn
+er zuweilen auch heftig erregt gewesen war, so war dieser
+Zustand stets schnell wieder vergangen. Jetzt erschien
+er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen loderte
+ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er
+wohnte jetzt in einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle
+Getränke aus Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein
+Haar wachsen und leitete die Belagerung mit Muße. Übrigens
+hatte er geheime Verbindungen in der Stadt angeknüpft.
+Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt,
+daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte,
+befand sich gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung,
+ja, er tadelte den Libyer, daß er den Feldzugsplan aus
+Tollkühnheit aufgeben wolle.
+</p>
+
+<p>
+»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho
+an. »Du hast uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk
+und Pferde versprochen! Wo sind sie?«
+</p>
+
+<p>
+Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien
+vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange,
+so jage man zurzeit in den Wäldern danach. Das Fußvolk
+würde mobil gemacht. Die Pferde seien unterwegs.
+</p>
+
+<p>
+Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib,
+streichelte die Straußenfedern, die ihm auf die Schultern
+herabwallten, und lächelte in verletzender Weise. Matho
+wußte ihm nichts zu antworten.
+</p>
+
+<p>
+Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt,
+mit verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem
+Gürtel, ganz außer Atem. Seine mageren Flanken schlugen.
+In unverständlicher Mundart berichtete er etwas.
+Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer
+Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und
+rief seine Reiter.
+</p>
+
+<p>
+Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn
+herum. Naravas bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes
+starrte er vor sich hin und biß sich auf die Lippen. Endlich
+teilte er seine Mannschaft in zwei Hälften und gebot
+der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit herrischer
+Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der
+Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete
+Zufälle nicht! Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt
+uns ...«
+</p>
+
+<p>
+»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung
+mit Autarit zuvorzukommen! Doch wenn man die
+Belagerungen jetzt aufhob, kamen die Einwohner wahrscheinlich
+aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in
+den Rücken, während man die Karthager vor der Front
+hatte. Nach vielem Hin- und Herreden wurden folgende
+Maßregeln beschlossen und unverzüglich ausgeführt.
+</p>
+
+<p id="p201">
+Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke,
+zwölf Kilometer vor Utika. Die Brücke war
+durch ein Kastell gedeckt. Es wurde durch Schanzen verstärkt
+und mit vier großen Geschützen besetzt. Alle Wege
+und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden
+durch Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse
+und Steinwälle gesperrt. Auf den Berggipfeln wurde
+Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können, und
+in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute
+Augen hatten, als Beobachtungsposten auf.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der
+Hannos über den Berg der Heißen Wasser zu erwarten.
+Er mußte sich sagen, daß ihm Autarit als Beherrscher
+des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch mußte
+ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten,
+während eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn
+die Söldner erst weiter entfernt standen. Er konnte allerdings
+auch am Vorgebirge der Trauben landen und von
+da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber
+kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings
+war er dieser Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften
+kaum fähig. Folglich mußte er dicht südlich der
+arianischen Berge hinmarschieren, dann nach links schwenken,
+um nicht in das Morastgebiet des Makar zu geraten,
+und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn
+Matho erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten.
+Er eilte nach Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten
+im Gebirge, kam zurück und ruhte keinen Augenblick.
+Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles, was die
+Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der
+Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige
+Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig
+seinem Gefährten. Von Salambo sprachen beide nicht
+mehr. Der eine dachte nicht an sie, und den andern
+machte eine Art Scham schweigsam.
+</p>
+
+<p>
+Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung
+nach Karthago, in der Hoffnung, Hamilkars Annäherung
+zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute er nach dem
+Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und
+wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch
+eines Heeres zu vernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier
+Tage erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft
+entgegenrücken und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage
+verstrichen darüber hinaus. Spendius hielt ihn zurück.
+Am Morgen des sechsten aber brach Matho auf.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht
+erpicht als die Barbaren. In den Zelten und in den
+Häusern herrschte der gleiche Wunsch, die gleiche Besorgnis.
+Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum Zauderer
+mache.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des
+Eschmuntempels zu dem Mondbeobachter und schaute nach
+dem Winde.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages &ndash; es war der dritte im Monat Tibby &ndash; sah
+man ihn hastigen Schritts von der Burg herabkommen.
+In der Straße der Mappalier entstand lauter Lärm. Bald
+ward es auf allen Straßen lebendig, und überall begannen
+sich die Soldaten zu wappnen, umringt von schluchzenden
+Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann
+eilten sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih
+und Glied zu stellen. Niemand durfte ihnen folgen,
+noch gar mit ihnen reden, noch sich den Befestigungswerken
+nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still
+wie ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre
+Lanzen gelehnt. Die Menschen in den Häusern seufzten.
+Bei Sonnenuntergang rückte das Heer durch das Westtor
+ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis einzuschlagen
+oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu marschieren,
+zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die
+Lagune, um die herum runde, über und über mit weißem
+Salz bedeckte Stellen wie riesige Silberschüsseln schimmerten,
+die man am Strande liegen gelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde
+immer sumpfiger. Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt
+stets bei der Vorhut, und sein Pferd, das gelb gescheckt
+war wie ein Drache und Schaum um sich warf, trat geräumigen
+Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht
+sank herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten,
+man renne ins <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Verberben'">Verderben</ins>. Der Suffet entriß den Schreiern
+die Waffen und gab sie den Troßknechten. Der Schlamm
+wurde immer grundloser. Man mußte die Lasttiere besteigen.
+Manche klammerten sich an die Schweife der
+Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die
+ligurischen Schwadronen stießen das Fußvolk mit den
+Lanzenspitzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Man
+hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.
+</p>
+
+<p>
+Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die
+Merkzeichen zu suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten
+Abständen eingerammt worden waren. Sie riefen
+durch die Dunkelheit, und das Heer folgte ihnen von weitem.
+</p>
+
+<p id="p204">
+Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen.
+Bald ließ sich eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen.
+Man befand sich am Ufer des Makar. Trotz der
+Kälte wurden keine Feuer angezündet.
+</p>
+
+<p>
+Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte
+die Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die
+Unteroffiziere klopften ihnen leise auf die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte
+ihm nicht bis zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert
+Schritte oberhalb im Flusse aufzustellen, während die
+übrigen ein Stück unterhalb etwa vom Strome fortgerissene
+Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt das
+ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den
+Fluß wie zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich
+beobachtet, daß der Westwind den Sand vor sich hertrieb
+und den Fluß hemmte, so daß in seiner ganzen Breite
+eine natürliche Straße entstand, eine Barre.
+</p>
+
+<p>
+Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von
+Utika, in einer weiten Ebene, &ndash; ein Vorteil für die Elefanten,
+die Hauptkraft des punischen Heeres.
+</p>
+
+<p>
+Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das
+vollste Vertrauen kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich
+auf die Barbaren werfen. Der Suffet ließ sie
+aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne aufging,
+rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die
+Elefanten voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei
+und schließlich die Phalanx.
+</p>
+
+<p id="p205">
+Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend
+an der Brücke nahmen voll Erstaunen wahr, daß
+sich der Boden in der Ferne bewegte. Der Wind blies
+sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie erhoben
+sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten
+gelben Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen
+immer wieder von neuem, so daß sie das punische Heer
+verbargen. Da die Karthager hochragende Hörner an
+den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern,
+eine Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der
+Mäntel getäuscht, behaupteten, Flügel zu erkennen, und
+Wüstenkenner zuckten die Achseln und erklärten das Ganze
+für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber rückte etwas
+Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn
+wie dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin.
+Die höhersteigende Sonne leuchtete stärker. Ein grelles
+zitterndes Licht rückte das Himmelsgewölbe scheinbar
+mehr in die Höhe, durchleuchtete die Gegenstände und
+machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die
+weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten,
+und die kaum merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum
+äußersten Himmelsrand, durch eine lange blaue Linie begrenzt:
+das Meer, wie man wußte. Die Heere hatten
+ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner
+von Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen
+auf den Wällen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von
+gleichhohen Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter
+und größer. Schwarze Hügel schaukelten auf und ab.
+Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das waren
+Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die
+Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung
+eilten die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung
+heran, um sich gemeinsam auf Hamilkar zu
+werfen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!«
+wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho
+war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit
+zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor
+dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen
+Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend
+Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen
+rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner
+Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er
+klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle
+von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er
+sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken,
+schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann
+schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an,
+goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen
+Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen.
+Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet
+nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern.
+Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die
+Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit
+Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit
+den Rüsseln gegen die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die
+Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen
+Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen,
+Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische
+Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann,
+erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes
+Rechteck mit schmalen Flanken bildete.
+</p>
+
+<p>
+Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren,
+die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude
+ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der
+Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens
+daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von
+Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius
+den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch
+aufgefaßt und schon ausgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die
+über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um
+es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert
+Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten,
+anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren
+ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das
+Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch
+die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder
+zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst!
+Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus
+dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar
+herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts!
+Vorwärts!«
+</p>
+
+<p>
+Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln
+alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in
+den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller
+zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie
+verschwanden wie Schatten in einer Wolke.
+</p>
+
+<p>
+Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten,
+übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie
+wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren
+vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem
+Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte
+hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen,
+und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das
+leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und
+Reiterscharen im Galopp der Attacke.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben,
+die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die
+Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung
+durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch
+auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese
+verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so
+gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo
+sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade
+Schlachtlinie bildeten.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen
+Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je
+sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute
+der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit
+über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre
+Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe
+zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die
+Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte.
+Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden.
+Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel.
+Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis
+zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte
+wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein
+Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei
+Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden
+Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter
+los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben.
+Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen
+Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen
+im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an
+die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne
+Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile
+einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten
+die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen,
+eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand.
+Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger
+neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren
+ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch
+weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die
+Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen
+die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der
+Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die
+neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die
+beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.
+</p>
+
+<p>
+Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie
+nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen
+Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten.
+Alles keuchte, atemlos vom Laufen.
+</p>
+
+<p>
+Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung
+und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß
+im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die
+allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach.
+</p>
+
+<p id="p210">
+Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner
+zu umfassen. Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx
+aber durchbrach nunmehr durch eine nochmalige
+Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden langen
+Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber
+die karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln,
+Wurfspießen und Pfeilen gegen die eingedrungene
+Phalanx zurück. Um den Geschoßangriff abzuschlagen,
+fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die wenige, die da
+war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem rechten
+Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So
+war alles festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen
+Massen loskommen. Die Gefahr war drohend und
+ein Entschluß dringend notwendig.
+</p>
+
+<p>
+Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden
+Flanken anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber
+die Flügelrotten manöverierten so geschickt, daß die Phalanx
+sich auch hier gegen die Barbaren wandte, ebenso
+furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher in der Front
+gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein,
+doch die Reiterei störte sie von hinten im Angriff, und
+die Phalanx, an die Elefanten gelehnt, schloß sich bald
+zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus, bald bildete
+sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein
+Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung
+flutete beständig von der Front nach der Queue. Die
+nämlich, die in den hintern Gliedern standen, drängten
+nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder verwundet
+waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich
+gegen die Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich
+vorwärts. Sie glich einem Meer, in dem die
+roten Federbüsche und die blitzenden Metallschuppen
+wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie
+Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen
+stürzten breite Ströme von einem Ende zum andern und
+fluteten dann wieder zurück, während in der Mitte eine
+schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben
+und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke
+Schwerter in so hastiger Bewegung, daß man nur die
+Spitzen erkannte, und Reiterschwärme brachen durch die
+Masse, die sich hinter ihnen rasch wieder wirbelnd zusammendrängte.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale
+der Trompeten und den schrillen Klang der Leiern pfiffen
+die Blei- und Tonkugeln, um die Schwerter aus den
+Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern.
+Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem
+Schild und streckten die Schwerter vor, den Knauf auf
+den Boden gestemmt. Andre wälzten sich in Blutlachen,
+um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse stand
+so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so
+stark, daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge,
+die sich ergeben wollten, wurden nicht einmal gehört.
+Wenn man keine Waffen mehr hatte, rang man
+Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer,
+und Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen
+zwei sie umklammernden Armen. Eine Kompagnie
+von sechzig Umbriern marschierte festen Tritts, die Lanzen
+eingelegt, zähneknirschend und unerschütterlich vor und
+zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum Weichen.
+Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen
+des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den
+Mähnen und ließen ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen
+ihre Reiter ab und jagten über die Ebene hin. Die ausgeschwärmten
+punischen Schleuderer standen verblüfft da.
+Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen
+ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen
+aus der Reihe. Die Barbaren aber hatten sich
+wieder geordnet. Sie griffen von neuem an: der Sieg
+war ihnen!
+</p>
+
+<p id="p212">
+Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein
+Gebrüll von Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig
+Elefanten, die in zwei Treffen anstürmten. Hamilkar
+hatte nur gewartet, bis die Söldner auf einem
+einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann
+loszulassen. Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam
+gestachelt, daß ihnen das Blut über die breiten Ohren
+rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel standen
+senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit
+einem Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne
+durch eiserne Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt
+waren. Um sie wilder zu machen, hatte man sie
+mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch
+berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder,
+und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den
+über sie hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von
+den Türmen herabzufliegen begannen.
+</p>
+
+<p>
+Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den
+Ungetümen in dichten Haufen entgegen. Die Elefanten
+stürmten ungestüm mitten in sie hinein. Die Spieße an
+ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die Heerscharen,
+die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten
+die Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und
+reichten sie über ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den
+Türmen. Mit ihren Stoßzähnen schlitzten sie den Gegnern
+die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in die Luft.
+Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie
+Tauwerk an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren
+die Augen auszustechen oder die Kniekehlen durchzuschneiden.
+Manche krochen ihnen unter den Bauch, stießen ihnen
+das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von
+ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das
+Riemenzeug und sägten mitten in Flammen, Kugeln und
+Pfeilen die Gurtung durch, bis der Weidenturm umklappte
+wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten vom rechten
+äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt,
+wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen
+die Indier zu ihren Hämmern, setzten die Meißel auf
+die Schädeldecken und schlugen mit aller Kraft zu.
+Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen übereinander.
+Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen
+von Kadavern und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant,
+»Zorn Baals« genannt, die Beine in Ketten verstrickt,
+einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum Abend.
+</p>
+
+<p>
+Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten,
+zerstampften und zertrümmerten die übrigen
+Tiere alles und ließen ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln
+aus. Um die Reihen von Soldaten zurückzudrängen,
+von denen die Kolosse umringt wurden, drehten
+sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum,
+wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die
+Karthager fühlten sich wieder stark und frisch, und die
+Schlacht begann von neuem.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten
+warf ein Teil die Waffen weg. Schrecken
+ergriff die übrigen. Man sah Spendius, auf seinem Dromedar
+hockend, wie er es an den Schultern mit zwei
+Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln
+und eilte auf Utika zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten
+keinen Versuch, die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer,
+von Durst verzehrt, schrien und wollten nach dem Flusse.
+Nur die Karthager, die in der Mitte der Karrees gestanden
+und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften
+vor Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu
+entgehen drohte. Schon machten sie sich zur Verfolgung
+der Söldner auf, &ndash; da erschien Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen
+Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes
+flatternden Bänder wehten hinter ihm im Winde. Seinen
+ovalen Schild hatte er unter den linken Schenkel geschoben.
+Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot er dem
+Heere Halt.
+</p>
+
+<p>
+Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden
+auf ihre Handpferde und galoppierten in verschiedenen
+Richtungen nach der Stadt und nach dem Flusse zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den
+Barbaren noch übrig war. Gegnerischen Schwertern nah,
+hielten die Söldner die Kehle hin und schlossen die Augen.
+Andre verteidigten sich verzweifelt. Man warf sie aus der
+Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte
+befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten
+ihm nur mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen,
+ihre Schwerter in die Leiber der Barbaren zu stoßen.
+Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie Schnitter,
+mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten,
+um Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern,
+die in der Ebene hinter Söldnern herjagten, und
+sahen zu, wie es ihnen gelang, die Flüchtlinge bei den
+Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang festhielten und
+dann mit Axthieben niederschlugen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren
+verschwunden. Flüchtige Elefanten jagten am Horizont
+mit brennenden Türmen umher. Da und dort leuchteten
+sie durch die Finsternis wie halb im Nebel verlorene Blinkfeuer.
+In der weiten Ebene bemerkte man keine andre
+Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die
+vielen Leichen geschwollen war, die er dem Meere zutrug.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein
+der Sterne sah er lange, unregelmäßige Haufen auf dem
+Boden liegen.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich.
+Sie waren alle tot. Er rief. Keine Stimme gab ihm
+Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen
+Hippo-Diarrhyt verlassen, um gegen Karthago zu marschieren.
+Als er Utika erreichte, war das Heer des
+Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren
+eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen.
+Man hatte sich auf beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen.
+Doch als das Getöse, das man in der Richtung
+auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm,
+war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge
+geeilt. Niemand begegnete ihm, da die Barbaren in die
+Ebene flohen.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige
+Massen, und diesseits des Flusses, noch näher, brannten
+dicht über dem Boden unbewegliche Lichter. Die Karthager
+hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen. Um
+die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet zahlreiche
+Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.
+</p>
+
+<p>
+Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen
+zu erkennen. Es waren regungslose Pferdeköpfe auf den
+Spitzen von Lanzenpyramiden, die er undeutlich sah. In
+der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder und Becherklang.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden
+könne. Von Angst befallen, verwirrt und im Dunkel
+verloren, kehrte er in noch größerer Hast auf demselben
+Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der Berghöhe
+Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten
+Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den
+Stadtmauern lehnten, und südlicher das Söldnerlager.
+</p>
+
+<p>
+Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen
+den Soldaten, dicht an den Zelten, schliefen halbnackte
+Männer, auf dem Rücken liegend oder die Stirn
+auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte. Einige
+wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende
+rollten sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und
+brachten ihnen zu trinken. In den engen Lagergassen
+gingen die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen,
+oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in trotziger
+Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet.
+Matho fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand,
+die über zwei in die Erde gerammten Stöcke gespannt
+war. Er saß da, die Hände um die Knie geschlungen,
+mit gesenktem Haupte.
+</p>
+
+<p>
+Lange verharrten beide in Stillschweigen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.
+</p>
+
+<p>
+Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten
+Gebärden.
+</p>
+
+<p>
+Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug
+die Leinwand zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte
+ihn an ein andres Unglück an nämlicher Stätte, und
+zähneknirschend rief er aus:
+</p>
+
+<p>
+»Elender! Schon einmal ...«
+</p>
+
+<p>
+»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am
+Ende werd ich ihn doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn
+töten! Ach, wär ich dagewesen!«
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte
+ihn noch mehr als die Niederlage an sich. Er riß sein
+Schwert ab und schleuderte es zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch
+geschlagen?«
+</p>
+
+<p>
+Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang
+der Schlacht zu erzählen. Matho sah im Geiste alles
+vor sich und geriet in große Aufregung. Das Heer, das
+vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken fallen müssen,
+statt zur Brücke zu eilen, meinte er.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.
+</p>
+
+<p>
+»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief
+nehmen müssen! Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen
+die Phalanx führen! Und Lücken für die Elefanten offen
+halten! Noch im letzten Moment wäre alles wieder zu
+gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius entgegnete:
+</p>
+
+<p>
+»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem
+Arm aus dem Staub emporragen. Wie ein Adler
+flog er an den Flanken der Bataillone hin. Bei jedem
+Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder
+dehnten sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander.
+Er hat mich angeblickt und mir war zumute,
+als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«
+</p>
+
+<p>
+»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte
+Matho bei sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter
+den ungünstigsten Umständen herbeigeführt haben könnte.
+Dann kamen sie auf die Kriegslage zu sprechen. Spendius,
+der seinen Fehler beschönigen oder sich selber ermutigen
+wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief
+Matho. »Ich ganz allein werde den Krieg fortsetzen!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf.
+Mit großen Schritten ging er auf und ab. Seine Augen
+blitzten, und ein seltsames Lächeln verzog sein Schakalgesicht.
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich
+nur nicht wieder! Ich habe kein Geschick für die offnen
+Feldschlachten. Der Glanz der Schwerter trübt meinen
+Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu lange im
+Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen,
+und ich will in die Festungen eindringen und
+die Insassen sollen kalt sein, ehe noch die Hähne krähen!
+Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen Feind, einen
+Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »<i>ein Weib</i>, und
+wäre sie eine Königstochter, &ndash; ich bringe dir schleunigst,
+was du begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst
+mir vor, daß ich die Schlacht gegen Hanno verloren
+hätte. Aber ich habe sie ja dann doch wiedergewonnen!
+Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns
+mehr genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem
+er dem Bedürfnis nachgab, sich herauszustreichen
+und Rache zu üben, zählte er alles auf, was er für die
+Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in den
+Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in
+Sikka, habe ich sie mit der Furcht vor der Republik toll
+gemacht! Gisgo leuchtete ihnen heim, &ndash; ich ließ die Dolmetscher
+gar nicht zu Worte kommen! Ha, wie ihnen
+die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich
+noch? Ich habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich
+habe den Zaimph geraubt! Ich habe dich zu <i>ihr</i> geführt.
+Und ich werde noch mehr tun! Du sollst sehen!«
+</p>
+
+<p>
+Er brach in ein tolles Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand
+Grauen vor diesem Manne, der so feig und dabei so
+schrecklich war.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in
+heiterem Tone fort:
+</p>
+
+<p>
+»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in
+den Steinbrüchen Fronarbeit getan und unter goldnem
+Sonnendache auf einem Schiffe, das mein war, Massiker
+geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den Zweck,
+uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden.
+Es liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«
+</p>
+
+<p>
+Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.
+</p>
+
+<p>
+»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du
+hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine
+Leute gehorchen dir! Stelle sie in das Vortreffen! Die
+meinen werden folgen, um Rache zu nehmen. Ich habe
+noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und
+Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine
+Phalanx formieren. Kehren wir um!«
+</p>
+
+<p>
+Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch
+nicht zu der Überlegung gekommen, wie er es vielleicht
+wieder gutmachen könne. Er hörte mit offenem Munde
+zu, und die Erzschuppen, die seine Brust umspannten,
+drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen.
+Er hob sein Schwert auf und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Folge mir! Vorwärts!«
+</p>
+
+<p>
+Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß
+die Toten der Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört
+und Hamilkar verschwunden sei.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch09">IX</h2>
+
+<h2>Im Felde</h2>
+
+
+<p>
+Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder
+vor Utika erwarten oder gegen ihn vorrücken.
+Aber da er seine Streitkräfte weder zum Angriff noch
+zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf dem
+rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn
+vor einem unmittelbaren Überfalle sicherte.
+</p>
+
+<p>
+Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache
+der Barbaren abspenstig machen, indem er ihnen ihren
+Abfall stillschweigend verzieh. Später freilich, wenn sie
+wieder isoliert dastanden, wollte er einzeln über sie herfallen
+und sie vernichten.
+</p>
+
+<p>
+In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen
+Thukkaber und Utika mit den Städten Tignikabah, Tessurah,
+Vakka und andern Orten weiter im Westen. Das
+in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel
+berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado,
+Thapitis und Hagur schickten ihm Gesandte. Die Landleute
+kamen mit Lebensmitteln, baten ihn um Schutz,
+küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten
+sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken
+die Köpfe von Söldnern, die sie angeblich getötet hatten.
+In Wahrheit hatten sie nur Tote geköpft. Viele von
+den Barbaren hatten sich nämlich auf der Flucht verirrt,
+und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und
+in den Vignen ihre Leichname.
+</p>
+
+<p>
+Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am
+Tage nach dem Siege die zweitausend Gefangenen, die
+man auf dem Schlachtfelde gemacht hatte, nach Karthago
+gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je
+hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen
+hinten aufgebundene Eisenstangen gefesselt. Sogar die
+Verwundeten mußten blutend mitlaufen. Reiter hinter
+ihnen trieben sie mit Peitschenhieben vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich
+immerfort, daß sechstausend Barbaren gefallen waren, daß
+die andern nicht Widerstand leisten könnten, daß also der
+Krieg beendet sei. Man umarmte einander auf den Straßen
+und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit
+Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus,
+als ob sie mit ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und
+den bis zu den Schultern erhobenen Armen unter der frischen
+Bemalung Leben gewönnen und an dem Jubel des
+Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste.
+Die Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die
+Tempel waren allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der
+Göttin zogen nach Malka hinunter und errichteten an den
+Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz, auf denen sie
+sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die Sieger,
+Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für
+den Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den
+Antrag, ihm neue Würden und Vorrechte zu verleihen.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit
+anzuknüpfen, um den alten Gisgo und die mit ihm in
+Gefangenschaft geratenen Karthager gegen gefangene
+Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders
+ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und
+Nomaden, aus denen Autarits Heer bestand, hatten aber
+nur wenig Zusammenhang mit den gefangenen Söldnern,
+die von italischer oder griechischer Abkunft waren. Und
+da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige
+Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die
+andern aber sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle,
+und Autarit lehnte das Angebot ab.
+</p>
+
+<p>
+Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen,
+obwohl ihnen der Suffet geschrieben hatte, man solle sie
+nicht töten. Er gedachte, die besten in sein Heer einzustellen
+und dadurch noch andre zum Abfall zu verlocken. Doch
+der Haß war stärker als alle Rücksichten der Klugheit.
+</p>
+
+<p>
+Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der
+Mappalier an Grabstelen gebunden, und nun kamen Krämer,
+Küchenjungen, Arbeiter, ja sogar Weiber &ndash; die Witwen
+der Gefallenen &ndash; mit ihren Kindern, kurz alle, die es
+danach gelüstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man
+zielte recht lange, um die Qual der Opfer zu verlängern,
+und hob und senkte die Waffe immer wieder. Die Menge
+drängte sich grölend herum. Lahme ließen sich auf Bahren
+herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr Essen mit und
+blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man
+schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente
+sich ein schönes Sümmchen Geld, indem er Bogen verlieh.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende ließ man die mit Pfeilen gespickten Leichen
+stehen, die über den Gräbern wie rote Statuen ragten.
+Die Erregung ergriff selbst die Leute von Malka, die von
+der Urbevölkerung abstammten und in patriotischen Dingen
+sonst sehr gleichgültig waren. Aus Dankbarkeit für das
+Vergnügen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glücke
+des Vaterlands Anteil und fühlten sich als Punier. Die
+Gerusiasten priesen ihre eigene Schlauheit. Sie wähnten
+durch diesen Racheakt das ganze Volk zu einer Einheit
+verschmolzen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Segen der Götter fehlte nicht, denn aus allen
+Himmelsgegenden flogen Raben herbei. Sie kreisten mit
+lautem, heiserem Krächzen durch die Luft und formten eine
+ungeheure Wolke, die sich beständig um sich selbst drehte.
+Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermäischen
+Vorgebirge aus. Manchmal zerriß sie plötzlich, und ihre
+schwarzen Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler
+war mitten in sie gestoßen. Bald flog er wieder weiter.
+Auf den Terrassen, den Kuppeln, den Spitzen der Obelisken
+und den Giebeln der Tempel, überall hockten große Vögel,
+Fetzen von Menschenfleisch in ihren geröteten Schnäbeln.
+</p>
+
+<p>
+Des üblen Geruches wegen sahen sich die Karthager
+genötigt, die Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde
+verbrannt. Die übrigen warf man ins Meer, und die
+vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am
+andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade.
+</p>
+
+<p>
+Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel
+in Schrecken versetzt, denn von der Höhe des Eschmuntempels
+sah man, wie sie ihre Zelte abbrachen, ihr Vieh
+zusammentrieben und ihr Gepäck auf Esel luden. Noch
+am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Indem das Söldnerheer zwischen dem Berge der Heißen
+Wasser und Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte,
+sollte es dem Suffeten die Annäherung an die tyrischen
+Städte unmöglich machen und ihm die Rückkehr nach Karthago
+verlegen.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem sollten die beiden andern Heere versuchen,
+Hamilkar im Süden zu fassen, und zwar Spendius von
+Osten, Matho von Westen her. Schließlich wollten sich alle
+drei vereinigen, ihn überraschen und einschließen. Da
+bekamen sie eine völlig unverhoffte Verstärkung. Naravas
+erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech
+beladene Kamele, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend
+Reiter.
+</p>
+
+<p>
+Um die Söldner zu schwächen, hatte es der Suffet für angebracht
+erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschäftigen.
+Hamilkar hatte sich von Karthago aus mit Masgaba
+verständigt, einem gätulischen Banditenführer, der
+sich ein Reich zu gründen suchte. Dieser Abenteurer hatte
+mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die
+Unabhängigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten
+aufgewiegelt. Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme
+benachrichtigt, war in Kirta eingefallen, hatte den Siegern
+das Zisternenwasser vergiftet, ein paar Köpfe abgeschlagen
+und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er zurück,
+wütender auf den Suffeten als die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Die vier Heerführer verständigten sich über den Kriegsplan.
+Da der Krieg lange dauern würde, mußte alles
+vorgesehen werden.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst kam man überein, den Beistand der Römer anzurufen.
+Man bot diese Sendung Spendius an. Als Überläufer
+aber wagte er sie nicht zu übernehmen. Zwölf Männer
+aus den griechischen Kolonien schifften sich nun in
+Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann
+forderten die Führer von allen Barbaren den Fahneneid.
+Täglich hielten die Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle
+ab. Den Posten wurde der Gebrauch des Schildes
+verboten. Sie waren nämlich häufig an die Lanze gelehnt
+stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit
+sich führte, hatte sich deren zu entledigen. Nach römischem
+Brauch mußte alles Gepäck auf dem Rücken getragen
+werden. Aus Vorsicht gegen die Elefanten errichtete
+Matho ein Kürassierregiment, das, Roß wie Reiter, vom
+Scheitel bis zur Sohle in nägelbeschlagener Nilpferdhaut
+steckte. Um auch die Hufe der Pferde zu schützen,
+flocht man ihnen Schuhe aus Spartofasern.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde verboten, die Ortschaften zu plündern und Einwohner
+nichtpunischer Herkunft zu malträtieren. Da die
+Gegend aber ausgesogen war, befahl Matho, die Lebensmittel
+nur noch nach der Kopfzahl der Soldaten zu verteilen
+und die Weiber nicht mehr zu berücksichtigen. Anfangs
+teilten die Söldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren dadurch
+wegen mangelhafter Ernährung die Kräfte. Unaufhörlich
+kam es zu Zwisten und Schimpfereien, da manche
+die Gefährtinnen andrer durch die Verführungskraft oder
+durch das Versprechen ihrer Portionen zu sich lockten. Matho
+befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders erbarmungslos
+davonzujagen. Sie flüchteten in Autarits Lager, aber
+die Gallierinnen und Libyerinnen daselbst nötigten sie durch
+fortgesetzte Schikanen wieder zum Abzug.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie
+den Schutz der Zeres und der Proserpina anriefen, denn im
+Gebiete der Burg gab es einen Tempel und auch Priester
+dieser Gottheiten, zur Sühne für die Greuel, die einst bei
+der Belagerung von Syrakus begangen worden waren.
+Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten
+die jüngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche
+Neukarthager nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen,
+weil sie blonde Frauen liebten.
+</p>
+
+<p>
+Manche der Weiber aber ließen nicht vom Heere. Sie
+liefen an der Seite der Kompagnien neben den Hauptleuten
+her, riefen ihre Männer beim Namen, zupften sie
+am Mantel, zerschlugen sich die Brust und verwünschten
+sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden Kinder
+hinhielten. Dieser Anblick rührte die Barbaren. Aber
+die Weiber waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man
+stieß sie immer wieder zurück, und doch wichen sie nicht.
+Matho ließ sie schließlich von den Reitern des Naravas
+mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm zuriefen,
+sie müßten Frauen haben, antwortete er: »Ich
+hab auch keine!«
+</p>
+
+<p>
+Molochs Geist kam über ihn. Trotz der Gegenrede seines
+Gewissens vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich
+einbildete, der Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn
+er die Felder nicht verwüsten konnte, so ließ er Steine darauf
+werfen, um sie unfruchtbar zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Durch wiederholte Botschaften drängte er Autarit und
+Spendius zur Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten
+waren unbegreiflich. Nacheinander lagerte Hamilkar
+bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklärer glaubten ihn
+in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches
+des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder,
+daß er den Makar oberhalb Teburba überschritten habe, als
+ob er nach Karthago zurückkehren wolle. Kaum war er an
+einem Orte, so brach er schon nach einem andern auf. Die
+Marschstraßen, die er einschlug, blieben immer unbekannt.
+Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen
+Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch.
+</p>
+
+<p>
+Die Märsche und Gegenmärsche ermüdeten die Karthager
+aber mehr als die Söldner, und Hamilkars Streitkräfte
+nahmen, da sie nicht erneuert wurden, von Tag
+zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die Lebensmittel
+bereits saumseliger. Überall stieß er auf Zaudern und
+stillen Haß, und trotz seiner dringenden Bitten an den
+Großen Rat kam ihm keine Hilfe aus Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Man sagte &ndash; vielleicht glaubte man es auch &ndash;, daß er keine
+nötig hätte. Das sei Arglist oder unnützes Klagen. Um
+ihm zu schaden, übertrieben Hannos Anhänger die Bedeutung
+seines Sieges. Die Truppen, die er befehligte,
+hätte man opferwillig aufgebracht; aber man könne doch
+nicht alle seine Forderungen erfüllen. Der Krieg sei wahrlich
+schwer genug! Er hätte schon zu viel gekostet. Aus
+Hochmut unterstützten Hamilkar die Einflußreichsten seiner
+eigenen Partei nur schwach.
+</p>
+
+<p>
+Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb
+mit Gewalt von den Stämmen alles bei, was er zum
+Kriege brauchte: Korn, Öl, Holz, Vieh und Menschen.
+Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch
+die er marschierte, waren leer. Man durchstöberte die
+Hütten, ohne etwas darin zu finden. Bald umgab schreckliche
+Einöde das punische Heer.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen
+die Provinzen zu verwüsten. Sie verschütteten die Zisternen
+und steckten die Häuser in Brand. Die Funken, vom Winde
+fortgetragen, flogen weit umher. Auf den Bergen gerieten
+ganze Wälder in Brand, und um die Täler flammten
+Feuerkränze. Ehe man durchmarschieren konnte, mußte
+man erst lange warten. Und wenn es soweit war, setzte
+das Heer seinen Marsch in der Sonnenglut auf der
+heißen Asche fort.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen sah man neben der Straße im Gebüsch etwas
+funkeln wie die Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein
+Barbar, der auf den Fersen hockte und sich mit Staub
+beschmiert hatte, um mit der Farbe des Laubes eins zu
+sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hörten
+die Flügelmänner plötzlich Steine rollen, und wenn sie
+aufblickten, sahen sie oben am Rande der Schlucht einen
+barfüßigen Mann davonlaufen.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei,
+da die Söldner sie nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl
+diesen Städten, Hilfe zu schicken. Doch sie wagten
+nicht, sich ihrer Verteidigungskräfte zu entblößen, und so
+antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten, Höflichkeiten
+und Entschuldigungen.
+</p>
+
+<p>
+Er wandte sich nunmehr plötzlich nach Norden, entschlossen,
+sich eine der tyrischen Städte zu erschließen, und
+sollte er sie auch belagern. Er bedurfte eines Stützpunktes
+an der Küste, um von den Inseln oder von Kyrene
+Proviant und Soldaten beziehen zu können. Am meisten
+lockte ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am
+nächsten lag.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig
+den See von Hippo-Diarrhyt. Doch bald war
+er gezwungen, seine Regimenter in lange Marschkolonnen
+auseinander zu ziehen, um über den Höhenrücken zwischen
+den beiden Tälern hinüber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang
+stieg man gerade eine weite kraterartige Schlucht
+vom Kamme hinab, als man vor sich, unmittelbar über
+dem Boden, Wölfinnen aus Metall erblickte, die über das
+Gras zu laufen schienen.
+</p>
+
+<p>
+Dazu tauchten große Helmbüsche auf, und von Flöten
+begleitet, erscholl ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war
+das Heer des Spendius. Seine Kampaner und Griechen
+hatten aus Haß gegen Karthago römische Feldzeichen angenommen.
+Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe Lanzen,
+Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern.
+Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier,
+Balearier und Gätuler. Man hörte die Pferde des Naravas
+wiehern. Die Reiter ritten weitausgeschwärmt
+über den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten
+Scharen, die Autarit führte, die Gallier, Libyer und Nomaden.
+Mitten unter ihnen erkannte man die »Esser
+unreiner Speisen« an den Fischgräten, die sie im Haare
+trugen.
+</p>
+
+<p>
+So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung
+ihrer Marschentfernungen vereint. Doch selber überrascht,
+blieben sie zunächst eine Weile unbeweglich stehen
+und berieten sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisförmigen
+Masse zusammengezogen, so daß sie überallhin
+gleichen Widerstand bieten konnten. Die hohen spitzen
+Schilde waren dicht nebeneinander in den Rasen gesteckt
+und bildeten eine Mauer um das Fußvolk. Die Klinabaren
+standen außerhalb dieses Kreises, und noch weiter
+weg, in Abständen, die Elefanten. Die Söldner waren
+von den Strapazen erschöpft und wollten deshalb lieber
+den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewiß, beschäftigten
+sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten große helle Feuer angezündet, die sie selbst
+blendeten und das punische Heer unter ihnen um so mehr
+ins Dunkel rückten. Nach römischem Brauch ließ Hamilkar
+rings um sein Lager einen Graben von fünfzehn
+Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter
+aus der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen,
+auf dem spitze, sich kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt
+wurden. Als die Sonne aufging, waren die
+Söldner arg erstaunt, daß sie die Karthager so samt und
+sonders wie in einer Festung verschanzt sahen.
+</p>
+
+<p>
+Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er
+umherging und Befehle erteilte. Er trug einen braunen
+kleinschuppigen Panzerrock. Sein Pferd folgte ihm. Von
+Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der ausgestreckten
+Rechten auf etwas zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Manch einer dachte da zurück an ähnliche Morgen, an
+denen der Marschall die Front abgeschritten und man sich
+an seinen Blicken gestärkt hatte wie an einem Becher
+Wein. Eine seltsame Rührung ergriff die Hinabschauenden.
+Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude
+toll, daß man ihn umzingelt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so
+mußte man sich auf dem zu engen Raume gegenseitig
+schaden. Die Numidier konnten zwar eine Attacke mitten
+hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten Klinabaren
+stark überlegen. Und wie sollte man über die
+Schanzpfähle hinwegkommen? Auch die Elefanten waren
+noch nicht genügend abgerichtet.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid allesamt Feiglinge!« schrie Matho.
+</p>
+
+<p>
+Und mit den Tapfersten stürzte er gegen die Verschanzung
+vor. Ein Steinhagel trieb sie zurück, denn der Suffet
+hatte ihre an der Brücke zurückgelassenen Geschütze mitgenommen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Mißerfolg verursachte in den beweglichen Geistern
+der Barbaren einen jähen Umschlag. Ihr Übermut verschwand.
+Sie wollten zwar siegen, aber unter so wenig
+Gefahren wie nur möglich. Spendius meinte, man müsse
+die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten
+und das punische Heer aushungern. Doch die Karthager
+begannen Brunnen zu graben, und da ihr Platz rings
+von Bergen umgeben war, so fanden sie wirklich Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde,
+Mist und Feldsteine, und die sechs Geschütze rollten unablässig
+auf dem Walle vor und zurück.
+</p>
+
+<p>
+Indessen mußten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel
+zu Ende gehen, die Katapulte abgenützt werden und
+die Söldner, an Zahl zehnmal überlegen, schließlich doch
+zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen, begann der Suffet
+Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die Barbaren
+in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes
+Schaffell. Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges.
+Die Alten hätten ihn zum Kriege gezwungen. Um den
+Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halte, bot er ihnen
+Utika oder Hippo-Diarrhyt &ndash; ganz nach Belieben &ndash; zur
+Plünderung an. Zum Schluß erklärte er, keineswegs
+aber hege er Furcht, denn er habe Verräter unter ihnen
+gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde er leicht mit den
+übrigen fertig werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer
+unmittelbaren Beute machte sie nachdenklich. Sie fürchteten
+Verrat, da sie in der Prahlerei des Suffeten keine
+Falle argwöhnten, und begannen einander mit Mißtrauen
+zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das Benehmen
+eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus
+dem Schlafe auf. Viel brachen mit ihren bis dahin besten
+Kameraden. Man wählte sich nach Gutdünken Anschluß
+an andre Truppenteile. So schlossen sich die Gallier unter
+Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie verstanden.
+Die vier Heerführer kamen allabendlich in Mathos Zelt
+zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben
+aufmerksam die kleinen Holzfiguren hin und her, die
+Pyrrhus zur Darstellung von taktischen Hergängen erfunden
+hatte. Spendius wies auf die Hilfsquellen Hamilkars
+hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu verpassen.
+Dabei zitierte er alle möglichen Götter. Matho
+schritt erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg
+gegen Karthago war seine ureigene Angelegenheit. Es empörte
+ihn, daß die andern dareinredeten, ohne ihm gehorchen
+zu wollen. Autarit erriet diese Gedanken an seinem
+Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob verächtlich
+den Kopf. Es gab keine Maßregel, die er nicht
+für verderblich erklärt hätte. Er lächelte nicht mehr.
+Seufzer entschlüpften ihm, als unterdrücke er den Schmerz
+über einen unerfüllbaren Traum, die Verzweiflung über
+ein verfehltes Unternehmen.
+</p>
+
+<p>
+Während die Barbaren unschlüssig hin und her berieten,
+verstärkte der Suffet seine Verteidigungsmittel. Er ließ
+innerhalb seiner Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen
+und an seinen Ecken hölzerne Basteien errichten.
+Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen Vorposten
+hinein, um Fußangeln auszulegen. Die Elefanten,
+deren Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren
+Fesseln. Um Futter zu sparen, befahl der Marschall den
+Klinabaren, ihre minder kräftigen Hengste zu töten. Man
+weigerte sich mehrfach. Hamilkar ließ die Ungehorsamen
+enthaupten. Man verzehrte die getöteten Pferde. Die
+Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden
+Tagen große Traurigkeit hervor.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager
+eingeschlossen waren, sahen sie ringsum auf den Höhen
+die vier Barbarenlager, die voller Bewegung waren.
+Weiber mit Schläuchen auf den Köpfen gingen hin und
+her. Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden.
+Die Posten wurden abgelöst. Man aß, um die
+Feldkessel gelagert. Die Stämme lieferten Lebensmittel
+in Fülle, und die Söldner ahnten selber nicht, wie sehr
+nervös ihre Untätigkeit das punische Heer machte.
+</p>
+
+<p>
+Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager
+der Nomaden einen Haufen von etwa dreihundert Menschen
+bemerkt, die abgesondert blieben. Das waren die
+Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren.
+Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande
+des Grabens auf, traten hinter sie und schleuderten Spieße,
+indem sie die Leiber der Gefangenen als Deckung benutzten.
+Die Unglücklichen waren kaum wiederzuerkennen.
+Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und Schmutz
+gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene
+Haar machte Geschwüre auf ihren Köpfen sichtbar. Dabei
+waren sie so abgemagert und widerlich, daß sie Mumien
+in zerlöcherten Leichentüchern glichen. Manche zitterten
+und schluchzten mit blöder Miene. Andre riefen ihren
+Landsleuten zu, auf die Barbaren zu schießen. Einer stand
+ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und sprach
+kein Wort. Sein langer weißer Bart wallte bis hinab
+auf seine mit Ketten beschwerten Hände. Den Karthagern
+war es zumute, als ob die Republik zusammenbräche:
+sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl die Stelle
+gefährlich war, drängten sie sich heran, um ihn zu sehen.
+Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flußpferdhaut mit
+einer Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein
+Einfall Autarits. Matho mißfiel diese Verhöhnung.
+</p>
+
+<p>
+Erbittert ließ Hamilkar die Palisadenbrustwehr öffnen.
+Er war fest entschlossen, sich durchzuschlagen, &ndash; einerlei
+wie. In einem wütenden Ausfalle drangen die Karthager
+bis zur halben Höhe des Abhanges dreihundert
+Schritte weit hinauf. Da aber stürzte ihnen eine solche
+Flut von Barbaren abwärts entgegen, daß sie in ihre Verschanzung
+zurückgetrieben wurden. Einer von der Garde,
+der noch draußen war, strauchelte über einen Stein. Zarzas
+eilte herbei, warf ihn zu Boden, stieß ihm den Dolch
+in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann stürzte
+er sich auf den Daliegenden, preßte den Mund auf seine
+Wunde und sog, unter krampfartigen Zuckungen und
+wilde Jodler ausstoßend, das Blut in vollen Zügen ein.
+Hinterher setzte er sich ruhig auf den Leichnam, warf den
+Kopf hintenüber, um besser Luft zu bekommen, wie ein
+Hirsch, der eben an einem Gießbach getrunken hat, und
+stimmte mit schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine
+wirre Melodie voll langgezogener Töne, die öfters abbrach
+und sich dann wiederholte wie ein Echo in den Bergen.
+Er rief seine toten Brüder an und lud sie zum Feste
+ein. Dann nahm er seine Hände zwischen die Beine,
+neigte langsam den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte
+die Barbaren, vornehmlich die Griechen.
+</p>
+
+<p>
+Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr.
+Ebensowenig aber dachten sie daran, sich zu ergeben, eines
+qualvollen Todes gewiß.
+</p>
+
+<p>
+Trotz Hamilkars Fürsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich
+ab. Für jeden Mann blieben nur noch zehn
+Khomer Getreide, drei Hin Hirse und zwölf Betza getrocknete
+Früchte. Kein Fleisch, kein Öl, kein Eingesalzenes
+mehr, kein Korn Gerste für die Pferde. Man sah
+sie den abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube
+nach zertretenen Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die
+auf dem Walle stehenden Posten beim Schein des Mondes
+Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in den Abfällen
+wühlten. Man tötete sie mit Steinwürfen, ließ
+sich mit Schildriemen an den Schanzpfählen hinunter
+und verzehrte die Tiere alsdann, ohne ein Wort zu reden.
+Bisweilen freilich erhob sich ein furchtbares Gebell, und
+der Mann kehrte nicht zurück. In der vierten Gliederschaft
+der zwölften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten
+mit Messern im Streit um eine Ratte.
+</p>
+
+<p>
+Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Häusern: die
+Armen nach ihren bienenkorbförmigen Hütten mit Muschelschalen
+an der Türschwelle und einem aufgehängten Netz
+davor, die Patrizier nach ihren geräumigen Gemächern,
+wo sie im Blau der Dämmerung während der heißen
+Tagesstunden zu ruhen und dem gedämpften Straßenlärm
+zu lauschen pflegten, den das Blätterrauschen im
+Garten melodisch machte. Und um sich tiefer in solche
+Träumerei zu versenken und sie mehr zu genießen, schlossen
+sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie
+wieder weckte. Alle Augenblicke gab es ein Gefecht,
+einen Alarm. Die hölzernen Basteien brannten. Die
+»Esser unreiner Speisen« kletterten an den Pfählen
+herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hände ab. Andre
+stürmten heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die
+Zelte hernieder. Man errichtete Gänge aus Rohrgeflecht,
+um sich gegen die Wurfgeschosse zu schützen. Die Karthager
+verbargen sich darunter und rührten sich nicht
+mehr.
+</p>
+
+<p>
+Täglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten
+Morgenstunden wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels
+und ließ ihn dann im Schatten. Die Sonne blieb
+hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten stiegen die
+grauen Hänge empor, mit großen Steinen übersät, die
+mit spärlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darüber
+wölbte sich der ewig klare Himmel, der den Augen
+glatter und kälter erschien als eine Kuppel aus Stahl.
+Hamilkar war so ärgerlich über Karthago, daß er Lust
+spürte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie
+gegen die Stadt zu führen. Schon fingen die Troßknechte,
+die Marketender, die Sklaven zu murren an, und weder
+das Volk, noch der Große Rat, noch sonst jemand sandte
+ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unerträglich, zumal
+bei dem Gedanken, daß sie immer schlimmer werden
+mußte.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Bei der Kunde von diesem Mißgeschick raste man in
+Karthago vor Zorn und Haß. Man hätte den Suffeten
+weniger verwünscht, hätte er sich gleich zu Anfang besiegen
+lassen.
+</p>
+
+<p>
+Um neue Söldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit
+und Geld. Wollte man aber Soldaten in der Stadt ausheben:
+womit sollte man sie ausrüsten? Hamilkar hatte
+alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie befehligen?
+Die besten Hauptleute befanden sich ja draußen
+bei ihm! Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten
+ein, die laut rufend durch die Straßen zogen. Der Große
+Rat geriet darüber in Aufregung und ließ sie beiseite
+schaffen.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Man beschuldigte
+den Barkiden allgemein der Saumseligkeit. Er hätte
+nach seinem Siege die Söldner vernichten sollen. Warum
+hatte er die Stämme gebrandschatzt? Hatte man nicht
+hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten
+über die Kriegssteuern, die man persönlich sowie
+aus den Syssitien gezahlt hatte. Auch wer nichts gegeben
+hatte, klagte mit den übrigen. Das Volk war eifersüchtig
+auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle Bürgerrecht
+versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich
+so tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren
+und verwünschte auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung
+wie ein Verbrechen, wie eine Mitschuld vor.
+Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Läden, die Arbeiter,
+die, ihr bleiernes Winkelmaß in der Hand, vorübergingen,
+die Salzlakehändler, die ihre Körbe spülten,
+die Badeknechte in den Bädern, die Verkäufer warmer
+Getränke, alle erörterten sie die Vorgänge des Feldzuges.
+Man zeichnete mit dem Finger Operationspläne
+in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel,
+der nicht Hamilkars Fehler zu verbessern gewußt
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe für so lange
+Gottlosigkeit. Er hätte keine Opfer gespendet, hätte
+seine Truppen nicht weihen lassen, ja, er hätte sich geweigert,
+Auguren mitzunehmen. Das Ärgernis über seine
+Gottlosigkeit schürte den unterdrückten starken Haß, die
+Wut über die enttäuschten Hoffnungen. Man erinnerte
+sich seines Unglücks in Sizilien. Sein Hochmut, den man
+so lange ertragen, drückte nun mit einem Male mehr
+denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm nicht, daß er
+ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem Großen
+das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn
+er jemals zurückkehre.
+</p>
+
+<p>
+Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewöhnlich
+stark, war eine weitere Plage. Vom Ufer des Haffs
+stiegen ekelhafte Dünste auf. In sie mischten sich die
+Wirbelwolken des Räucherwerks, das an den Straßenecken
+brannte. Unablässig hörte man Hymnen absingen.
+Menschenmassen wogten auf den Treppen der Tempel.
+Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern behängt.
+Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder,
+und das Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann
+in roten Kaskaden die Tempelstufen hinab. Ein düsterer
+Wahnsinn hatte Karthago erfaßt. Aus den engsten
+Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten
+auf, Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zähnen
+knirschten. Schrilles Weibergekreisch erfüllte die Häuser,
+drang durch die Fenstergitter auf die Plätze und beunruhigte
+die dort plaudernden Müßiggänger. Zuweilen
+glaubte man, die Barbaren kämen. Man hatte sie hinter
+dem Berge der Heißen Wasser gesehen. Sie sollten bei
+Tunis lagern. Die Stimmen vervielfältigten sich, schwollen
+an und verschmolzen zu einem einzigen Schrei. Dann
+trat allgemeine Stille ein. Eine Menge Leute hockten auf
+den Dächern der Gebäude und spähten, die Hand über den
+Augen, in die Weite, während andre am Fuße der Wälle
+platt auf dem Boden lagen und aufmerksam lauschten.
+Wenn der Schreck vorüber war, dann begann
+die Wut von neuem. Aber das Bewußtsein ihrer Ohnmacht
+versenkte die Bevölkerung bald wieder in die alte
+Trübsal.
+</p>
+
+<p>
+Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn
+man allgemein auf den Terrassen stand und sich neunmal
+verneigte und die Sonne mit lautem Rufen grüßte. Sie
+sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann mit einem
+Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren,
+verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler
+von der Höhe eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog,
+das Symbol der Erneuerung des Jahres, eine Botschaft
+des Volkes an den höchsten Gott, eine Feier, die
+man als eine Art von Bündnis, als Vermählung mit der
+Kraft der Sonne betrachtete. Übrigens wandte sich das
+haßerfüllte Volk jetzt abergläubisch dem menschenverschlingenden
+Moloch zu, und alle verließen Tanit. In der
+Tat schien die Mondgöttin, ihres Mantels beraubt, einen
+Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die
+Wohltat ihrer Gewässer, sie hatte Karthago verlassen.
+Sie war eine Abtrünnige, eine Feindin. Manche warfen
+mit Steinen nach ihr, um sie zu beschimpfen. Doch während
+man sie arg schmähte, beklagte man sie gleichzeitig.
+Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem.
+</p>
+
+<p>
+Alles Unglück rührte unbedingt vom Verluste des Zaimphs
+her, und Salambo war mittelbar daran schuld. Der
+Groll richtete sich deshalb auch auf sie. Sie müsse bestraft
+werden! Alsbald lief der unbestimmte Gedanke einer Opferung
+im Volke um. Um die Götter zu versöhnen, müsse
+man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschätzbarem
+Werte opfern, ein schönes, junges, jungfräuliches Geschöpf
+aus altem Hause, den Göttern entsprossen, einen Stern
+der Menschheit. Täglich drangen unbekannte Männer in
+die Gärten von Megara. Die Sklaven zitterten für ihr
+eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten.
+Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht über die
+Galeerentreppe hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten
+hinauf nach dem hohen flachen Dache des Schlosses.
+Sie warteten auf Salambo und schrien stundenlang nach
+ihr wie Hunde, die den Mond anheulen.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch10">X</h2>
+
+<h2>Die Schlange</h2>
+
+
+<p>
+Das Pöbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht.
+Sorgen beunruhigten sie. Ihre große
+Schlange, ein schwarzer Python, ward immer matter.
+Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie persönlicher
+Fetisch. Man hielt sie für Kinder des Urschlamms,
+weil sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Füße
+bedürfen, um auf ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte
+an die Wellen im Strom, ihr kühler Körper an
+die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der Kreis, den sie
+beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beißen, an die
+Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns.
+</p>
+
+<p>
+Salambos Schlange hatte schon öfters die vier lebendigen
+Spatzen verschmäht, die man ihr bei jedem Vollmond
+und jedem Neumond brachte. Ihre schöne Haut, wie das
+Himmelsgewölbe mit goldnen Flecken auf tiefschwarzem
+Grund übersät, war jetzt gelb, welk, runzelig und für ihren
+Körper zu weit. Flockiger Schimmel sproß rings um
+ihren Kopf, und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man
+flackernde kleine rote Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo
+an den aus Silberdraht geflochtenen Korb und hob
+den Purpurvorhang, die Lotosblätter und die Daunendecke
+auf, worunter die Schlange beständig in sich zusammengerollt
+lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge
+des steten Hinsehens fühlte Salambo in ihrem eigenen
+Herzen einen Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine
+zweite Schlange allmählich bis hinauf zur Kehle um sie
+winde und sie ersticke.
+</p>
+
+<p>
+Sie war in Verzweiflung, daß sie den Zaimph gesehen
+hatte, und doch empfand sie eine seltsame Freude darüber,
+einen geheimen Stolz. In den schimmernden Falten des
+heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen. Er war
+ein Symbol der Wolken, die die Götter umhüllen, das
+Mysterium des Weltalls. Salambo graute es vor sich
+selbst, aber sie bedauerte doch, den Mantel nicht hochgehoben
+zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs,
+die Hände um ihr linkes Bein geschlungen, mit halbgeöffnetem
+Munde, gesenktem Kinn und starrem Blick. Voll
+Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters ins Gedächtnis.
+Sie hätte in den Libanon Phöniziens zum Tempel
+von Aphaka pilgern mögen, wo Tanit in Gestalt eines
+Sternes auf die Erde gekommen war. Allerlei Vorstellungen
+lockten und schreckten sie. Überdies ward ihre Einsamkeit
+von Tag zu Tag größer. Sie wußte nicht einmal,
+was aus Hamilkar geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich ward sie des Grübelns müd. Sie erhob sich
+und schlürfte in ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen
+bei jedem Schritte gegen ihre Fersen klappten, durch das
+weite stille Gemach, immer hin und her, ohne Zweck und
+Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke
+warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen
+wandte Salambo den Kopf ein wenig nach oben, um sie
+zu betrachten. Sie betastete die aufgehängten zweihenkligen
+Steinkrüge an den Hälsen oder kühlte sich den Busen mit
+breiten Fächern oder vertrieb sich die Zeit damit, in hohlen
+Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging,
+nahm Taanach die schwarzen Filzläden aus den Fenstern
+weg. Flugs kamen dann Salambos Tauben hereingeflattert,
+die mit Moschus eingerieben waren wie die Tauben
+der Tanit, und ihre rosenroten Füßchen hüpften über die
+Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkörnern hin,
+die sie ihnen mit vollen Händen hinstreute, wie ein Landmann
+den Samen auf ein Ackerfeld. Plötzlich aber brach sie
+in Schluchzen aus, und dann lag sie, ohne sich zu rühren,
+auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder, lang hingestreckt,
+während sie immer ein und dasselbe Wort wiederholte,
+mit offnen Augen, totenblaß, kalt und empfindungslos ...
+und doch hörte sie das Gekreisch der Affen draußen
+in den Palmenwipfeln und das unablässige Knarren des
+großen Rades, das durch alle Stockwerke hindurch einen
+Strom reinen Wassers in ihre Porphyrwanne leitete.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume
+sah sie verschleierte Gestirne, die ihr zu Füßen tanzten.
+Sie rief Schahabarim; aber wenn er kam, wußte sie nicht
+mehr, was sie ihn fragen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu
+leben. In ihrer tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner
+Herrschaft. Sie empfand dem Priester gegenüber zugleich
+Furcht, Eifersucht, Haß und eine wunderliche Liebe, der
+Dankbarkeit entsprossen für die eigentümliche Wollust, die
+sie in seiner Nähe fühlte.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte erkannt, daß Salambo im Banne der Tanit
+stand, denn er wußte wohl Bescheid, welche Götter die oder
+jene Krankheit sandten. Um Salambo zu heilen, ließ er
+ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut und Krullfarn
+besprengen. Jeden Morgen mußte sie Alraun einnehmen.
+Nachts schlief sie auf einem Säckchen wohlriechender
+Kräuter, die von den Oberpriestern gemischt worden
+waren. Schahabarim hatte sogar Baaras angewandt, eine
+feuerrote Wurzel, mit der die bösen Geister nach Norden
+vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den
+Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen
+der Tanit. Doch Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen
+wurden immer stärker.
+</p>
+
+<p id="p245">
+Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim.
+In seiner Jugend hatte er auf der Schule der Mogbeds
+zu Borsippa bei Babylon studiert, hatte dann Samöthrake,
+Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Judäa besucht, die Tempel
+der Nabatäer, die halb verweht im Sande lagen, und er
+war zu Fuß an den Ufern des Nils von den Katarakten
+bis zum Meere hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx,
+des Vaters des Schreckens, hatte er mit verschleiertem Antlitz,
+Fackeln schwingend, einen schwarzen Hahn auf einem
+Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten der Proserpina
+hinabgestiegen. Er hatte die fünfhundert Säulen
+des Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter
+von Tarent brennen sehen, der auf seinem Schafte so viele
+Lampen trug, als es Tage im Jahre gibt. Nachts empfing
+er zuweilen Griechen, um von ihnen zu lernen. Die Weltordnung
+beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der
+Götter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria
+die Äquinoktien beobachtet und hatte die Bematisten
+des Euergetes, die den Himmel durch Schrittzählungen
+ausmaßen, bis nach Kyrene begleitet. Und so war in seiner
+Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne
+feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik.
+Den Glauben, daß die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet
+sei, hatte er abgetan. Er hielt sie für rund, für eine Scheibe,
+die ewig falle, in die Unendlichkeit hinein, mit einer so
+fabelhaften Geschwindigkeit, daß man ihren Fall gar nicht
+gewahr wird.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Stellung der Sonne über dem Monde schloß er
+auf die Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne
+selbst nur Widerschein und Sinnbild war. Überdies zwang
+ihn alles, was er von irdischen Dingen beobachtete, zu der
+Erkenntnis, daß das vernichtende männliche Prinzip das
+höhere sei. Auch zieh er die Mondgöttin insgeheim der
+Schuld am Unglücke seines Lebens. Hatte ihn nicht ihretwegen
+der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln
+unter einer Schale siedenden Wassers der künftigen Mannheit
+beraubt? Schwermütig folgte sein Blick den Männern,
+die sich mit den heiligen Hetären der Tanit im Schatten
+der Terebinthenhaine verloren.
+</p>
+
+<p>
+Seine Tage rannen dahin, während er die Räucherpfannen
+beaufsichtigte, die goldnen Gefäße, die Feuerzangen,
+die Harken vor dem Altar, die Gewänder der
+Götterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der
+Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes
+gekräuselt wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock
+mit den Smaragden. Immer zur nämlichen Stunde
+schlug er die breiten Vorhänge der nämlichen Türen
+zurück und ließ sie wieder fallen. In der nämlichen
+Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder
+lag betend auf den nämlichen Steinfliesen, während ein
+Schwarm von Priestern um ihn her barfuß durch die
+Gänge wallte, die in ewigem Dämmerlichte schlummerten.
+</p>
+
+<p>
+In der Öde seines Lebens sah er Salambo wie eine
+Blume in der Spalte einer Gruft. Und doch war er streng
+gegen sie und ersparte ihr keine Buße und kein hartes
+Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen ihr und ihm
+eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger,
+weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schön
+und vor allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es
+ihr schwer fiel, seinen Gedanken zu folgen. Dann ging
+er tieftraurig von ihr, und dann fühlte er sich ganz verlassen,
+einsam und leer.
+</p>
+
+<p>
+Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo
+aufleuchteten wie gewaltige Blitze, die Abgründe
+erhellen. Das geschah in den Nächten oben auf dem
+flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide allein die
+Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren
+Füßen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer,
+das sich im Dunkel der Schatten verlor.
+</p>
+
+<p>
+Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem
+gleichen Wege zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch
+die Zeichen des Tierkreises wandelt. Mit ausgestrecktem
+Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des menschlichen
+Ursprunges und im Steinbock das der Rückkehr zu den
+Göttern. Salambo bemühte sich, sie zu erkennen, denn
+sie hielt diese Vorstellung für Wirklichkeit. Bloße Symbole,
+ja selbst bildliche Ausdrücke nahm sie für wahr an
+sich. Allerdings war auch dem Priester der Unterschied
+nicht immer völlig klar.
+</p>
+
+<p>
+»Die Seelen der Verstorbenen«, sagte er, »lösen sich im
+Monde auf wie ihre Körper in der Erde. Ihre Tränen
+bilden seine Feuchtigkeit. Es ist ein dunkler Ort voller
+Sümpfe, Trümmer und Stürme.«
+</p>
+
+<p>
+Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr würde.
+»Zuerst schwindest du dahin, leicht wie ein Hauch, der
+sich über den Wogen wiegt; und erst nach längeren Prüfungen
+und Ängsten gehst du ein in das hohe Haus der
+Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!«
+</p>
+
+<p>
+Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar &ndash; wie Salambo
+glaubte &ndash; aus Scham über das Mißgeschick seiner
+Göttin. Auch sie sprach immer nur das gewöhnliche
+Wort »Mond« aus, das nichts weiter bedeutete als bloß
+das Gestirn, und sie erschöpfte sich in frommen Worten
+über sein mildes befruchtendes Licht. Schließlich aber
+rief Schahabarim aus:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, so ist das nicht! Der Mond erhält all seine
+Fruchtbarkeit von anderswo! Siehst du denn nicht, wie
+er um die Sonne schleicht wie ein verliebtes Weib, das
+einem Manne über das Feld nachläuft?« Und unaufhörlich
+pries er die Kraft des Sonnenlichtes.
+</p>
+
+<p>
+Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertöten, reizte
+er sie vielmehr auf. Er schien sogar Vergnügen daran zu
+finden, Salambo durch die Offenbarung einer unerbittlichen
+Lehre in Verzweiflung zu stoßen, und sie ging trotz
+der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit bereitete, eifrig
+darauf ein.
+</p>
+
+<p>
+Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto
+mehr gab er sich Mühe, sich doch seinen Glauben an
+sie zu wahren. In tiefster Seele hielt ihn die Angst vor
+späterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem Beweise,
+einer Kundgebung der Göttin, und in der Hoffnung, dies
+zu erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich
+sein Vaterland und seinen Glauben retten sollte.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub
+und das Unglück zu beklagen, das davon ausgegangen
+sei und sich bis in die Weiten des Himmels erstrecke.
+Jetzt verkündete er ihr auch unvermittelt die Gefahr, in
+der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos
+Führung bedrängt. Matho, der Räuber des heiligen
+Mantels, war für die Karthager der Herzog der Barbaren.
+Schahabarim setzte hinzu, daß das Heil der Republik
+und des Suffeten einzig und allein von Salambo
+abhänge.
+</p>
+
+<p>
+»Von mir?« rief sie aus. »Wie kann ich denn ...?«
+</p>
+
+<p>
+Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+»Nie wirst du dich dazu verstehen!«
+</p>
+
+<p>
+Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim:
+</p>
+
+<p>
+»Du mußt zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurückholen!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange,
+am ganzen Leibe zitternd, mit schlaff zwischen den Knien
+herabhängenden Armen sitzen, wie ein Opfertier am
+Fuße des Altars, des Schlages mit der Keule harrend.
+Die Schläfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um
+sich kreisen und begriff in ihrer Betäubung nur noch das
+eine: daß sie bald sterben müsse.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurückkäme
+und Karthago gerettet würde! Was lag dann
+am Leben eines Weibes!
+</p>
+
+<p>
+So dachte Schahabarim. Überdies war es ja möglich,
+daß sie den Mantel erlangte, ohne dabei umzukommen.
+Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am Abend des
+vierten Tages ließ sie ihn rufen.
+</p>
+
+<p>
+Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr
+alle die Schmähungen, die man im versammelten Rate
+gegen Hamilkar ausstieß. Er sagte ihr, daß sie schuldig
+sei, daß sie ihre Sünde sühnen müsse und daß die
+Göttin dies als Opfer von ihr erheische.
+</p>
+
+<p>
+Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Straße der
+Mappalier hinauf nach Megara. Schahabarim und Salambo
+traten rasch hinaus und hielten von der Galeerentreppe
+Ausschau.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen.
+Die Alten weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen
+Versuche für unnütz erachteten. Schon manche
+wären ohne Führer ausgezogen und hätten den Tod gefunden!
+Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in
+den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um
+Moloch eine Art Huldigung darzubringen oder bloß
+aus ziellosem Zerstörungstriebe, in den Tempelhainen
+große Zypressen, zündeten sie an den Ampeln der Kabiren
+an und trugen sie singend durch die Straßen. Diese Riesenfackeln
+bewegten sich in gemächlichem Hin- und Herwiegen
+vorwärts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf
+den Tempelfirsten, auf die Schmuckstücke der Kolosse und
+auf die Schiffsbeschläge. Sie zogen über die Terrassen
+hin und kreisten wie Sonnen durch die Stadt. Sie kamen
+die große Treppe von der Akropolis herab. Das Tor von
+Malka tat sich ihnen auf.
+</p>
+
+<p>
+»Bist du bereit?« fragte Schahabarim. »Oder hast du
+denen da den Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden,
+daß du ihn im Stiche lässest?«
+</p>
+
+<p>
+Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, während
+sich der Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande
+hinabzog.
+</p>
+
+<p>
+Eine vage Angst hielt sie zurück. Sie fühlte Furcht vor
+Moloch, Furcht vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt
+ein Hüne, der Herr des Zaimphs, hatte jetzt die gleiche
+Macht über Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in der nämlichen
+Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die
+Seelen der Götter in den Leibern von Menschen. Und
+hatte Schahabarim, als er von Matho sprach, nicht gefordert,
+daß sie Moloch besiegen solle? Matho und Moloch
+verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie verwechselte
+beide, und beide waren ihre Verfolger.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange.
+Die Haltung der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch
+der Korb war leer. Salambo erschrak.
+</p>
+
+<p>
+Sie fand das Tier neben ihrem Hängebett. Es hatte
+sich um einen Pfeiler des silbernen Geländers geringelt
+und rieb sich daran, um die alte welke Haut abzustreifen,
+aus der sein heller glänzender Leib schon hervorschimmerte
+wie ein halb aus der Scheide gezücktes Schwert.
+</p>
+
+<p>
+Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen überzeugen
+ließ, je geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um
+so gesünder und kräftiger ward ihre Schlange. Sie lebte
+sichtlich wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war Salambo gewiß, daß Schahabarim den Willen
+der Götter übermittle. Eines Morgens erwachte sie
+fest entschlossen und fragte, was sie tun müsse, damit
+Matho den Mantel zurückgäbe.
+</p>
+
+<p>
+»Ihn fordern!« entgegnete Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+»Aber wenn er sich weigert?«
+</p>
+
+<p>
+Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lächeln,
+das sie bei ihm noch nie gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, was dann?« wiederholte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Der Priester spielte mit den Enden der Bänder, die
+von seiner Tiara auf seine Schultern herabfielen, und
+stand unbeweglich da, mit gesenktem Blick. Als er aber
+merkte, daß sie ihn nicht verstand, da sagte er endlich:
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst mit ihm allein sein!«
+</p>
+
+<p>
+»Weiter?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Allein in seinem Zelte!«
+</p>
+
+<p>
+»Was heißt das?«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim biß sich auf die Lippen. Er suchte nach
+einer Umschreibung, einer Ausflucht.
+</p>
+
+<p>
+»Wenn du sterben mußt, so wird das später geschehen!«
+sprach er. »Später! Fürchte also nichts! Und was er
+auch beginnt, rufe nicht! Erschrick nicht! Du mußt
+demütig sein, verstehst du, und seinem Wunsche gefügig,
+denn das ist ein Gebot des Himmels!«
+</p>
+
+<p>
+»Und der Zaimph?«
+</p>
+
+<p>
+»Dafür werden die Götter schon sorgen!« entgegnete
+Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+»Kannst du mich nicht begleiten, Vater?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!«
+</p>
+
+<p>
+Er hieß sie niederknien, drückte die Linke an sich und
+schwor mit der ausgestreckten Rechten für sie, daß sie den
+Mantel der Tanit nach Karthago zurückbringen wolle.
+Unter grauenhaften Formeln weihte er sie den Göttern,
+und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach, wiederholte
+Salambo halb ohnmächtig.
+</p>
+
+<p>
+Er schrieb ihr genau die nötigen Reinigungen vor, und
+wie sie fasten müsse, und wie sie zu Matho gelangen könne.
+Übrigens solle ein wegekundiger Mann sie begleiten.
+</p>
+
+<p>
+Salambo fühlte sich wie erlöst. Sie dachte nur an das
+Glück, den Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie
+Schahabarim für seine frommen Ermahnungen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach
+Sizilien auf den Berg Eryx zum Tempel der Venus zu
+ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem Aufbruch suchten
+und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich flogen
+sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her,
+und wie eine große weiße Wolke schwebten sie am Himmel,
+hoch über dem Meere.
+</p>
+
+<p>
+Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen
+sich allmählich zu den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden
+sie, als wären sie in den Rachen der Sonne hineingestürzt
+und von ihm verschlungen. Salambo, die ihrem
+Fortfliegen zusah, ließ den Kopf sinken, und Taanach, die
+ihren Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr:
+</p>
+
+<p>
+»Sie kehren wieder, Herrin!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich weiß es.«
+</p>
+
+<p>
+»Und du wirst sie wiedersehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht!« versetzte Salambo seufzend.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte ihren Entschluß keinem Menschen anvertraut.
+Um ihn ganz heimlich ausführen zu können, sandte sie
+Taanach in die Vorstadt Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe,
+dessen sie bedurfte: Zinnober, Parfümerien, einen
+leinenen Gürtel und neue Gewänder. Sie wollte diese Dinge
+absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte
+Dienerin erstaunte über diese Zurüstungen, wagte aber
+keine Fragen. So kam der Tag heran, den Schahabarim
+zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Um die zwölfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine
+einen blinden Greis, der sich mit einer Hand auf die
+Schulter eines vor ihm hinschreitenden Kindes stützte
+und mit der andern eine Harfe aus schwarzem Holz gegen
+die Hüfte gepreßt trug. Die Eunuchen, die Sklaven und
+Dienerinnen waren sorgfältig entfernt worden. Niemand
+sollte etwas von dem Mysterium erfahren, das sich zu
+vollziehen begann.
+</p>
+
+<p>
+Taanach zündete in den Ecken des Gemaches vier eherne
+Dreifüße an, die mit kretischem Rosenharz und Paradieskörnern
+gefüllt waren. Dann rollte sie große babylonische
+Teppiche auf und hängte sie an Schnüren rings
+an den Wänden auf. Salambo wollte von niemandem
+gesehen werden, selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler
+hockte hinter der Tür. Der Knabe stand aufrecht
+daneben und hielt eine Schilfflöte an seinen Lippen. In
+der Ferne, halbverklungen, summte der Straßenlärm. Die
+Säulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten,
+und auf der andern Seite des Golfes verschwammen
+die Bergzüge, die Olivenhaine und die gelben, endlos
+sich hinwellenden Felder in bläulichem Dufte. Man hörte
+keinen Laut. Unsägliche Mattigkeit lastete in der Luft.
+Salambo kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der
+Onyxstufe nieder, streifte ihre weiten Ärmel zurück, befestigte
+sie hinter den Schultern und begann ihre Waschungen
+vorschriftsmäßig nach den heiligen Bräuchen.
+</p>
+
+<p>
+Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterfläschchen
+eine halbgeronnene Flüssigkeit. Es war das Blut eines
+schwarzen Hundes, der in einer Winternacht von unfruchtbaren
+Weibern in den Ruinen eines Grabes getötet worden
+war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die Fersen
+und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel
+ein wenig gerötet wurde, als hätte er eine Frucht
+zerdrückt.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen
+Harfe und Flöte ineinander zu tönen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo legte ihre Ohrgehänge, ihr Halsband, ihre
+Armringe und ihr langes weißes Obergewand ab, löste
+ihre Haarbinde und schüttelte ihr sie umwallendes Haar
+eine Weile leise, um sich an den Strähnen die Schultern
+zu kühlen. Die Musik draußen tönte fort: es waren
+drei hastige wilde Töne, die immer wiederkehrten. Die
+Saiten der Harfe klangen schrill, die Flöte gurgelte.
+Taanach schlug den Takt mit ihren Händen. Salambo
+wiegte sich mit ihrem ganzen Körper und sang Gebete
+ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern.
+Einer der schweren Teppiche an der Wand bewegte sich,
+und über der Schnur, die ihn trug, erschien der Kopf der
+Pythonschlange. Langsam glitt sie herab wie ein Wassertropfen,
+der an der Wand herunterrinnt, kroch zwischen
+den daliegenden Gewändern hin und richtete sich dann,
+den Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in
+die Höhe. Ihre starr auf Salambo gerichteten Augen
+blitzten heller denn Karfunkelsteine.
+</p>
+
+<p>
+Aus Scheu vor der Kälte oder vielleicht auch aus Scham
+zögerte Salambo eine Weile. Dann aber fielen ihr die
+Befehle Schahabarims ein, und sie ging auf die Schlange
+zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte ihres Leibes
+auf den Nacken der Jungfrau und ließ Kopf und Schwanz
+herunterhängen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen
+beide Enden zu Boden fallen. Salambo schlang das Tier
+um ihre Hüften, unter ihren Arm hindurch, um ihre Knie.
+Dann faßte sie es beim Kopfe, drückte seinen kleinen dreieckigen
+Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit
+halbgeschlossenen Augen hintenüber. Das weiße Mondlicht
+umsickerte sie mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren
+ihrer Füße glänzten auf den Fliesen. Helle Sterne
+zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange schmiegte
+ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo.
+Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre
+Hüften gaben nach. Sie fühlte sich dem Tode nahe. Der
+Python streichelte ihr mit dem Schwanzende sanft die
+Schenkel ...
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurück.
+</p>
+
+<p>
+Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei
+Lampen aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefüllten
+Kristallkugeln brannten, färbte sie die Handflächen
+ihrer Herrin mit Henna, streute ihr auf die Wangen
+Zinnober, Antimon über die Augenlider, und verlängerte
+ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus,
+Ebenholz und zerquetschten Fliegenfüßen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo saß auf einem Stuhle mit Elfenbeinfüßen und
+überließ sich der Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen,
+der Duft der Parfümerien und der Hunger
+nach dem langen Fasten gingen über ihre Kräfte. Sie
+wurde so bleich, daß Taanach innehielt.
+</p>
+
+<p>
+»Fahr fort!« gebot Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmählich
+wieder zu sich. Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb
+Taanach zur Eile an. Die alte Dienerin murmelte:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!«
+</p>
+
+<p>
+»Doch!« erwiderte Salambo. »Es erwartet mich wohl
+jemand!«
+</p>
+
+<p>
+Taanach fuhr vor Erstaunen zurück, und um mehr zu
+erfahren, fragte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mußt ...«
+</p>
+
+<p>
+Da brach Salambo in Tränen aus.
+</p>
+
+<p>
+»Du leidest!« rief die Sklavin. »Was fehlt dir? Geh
+nicht fort! Nimm mich mit! Als du noch ganz klein
+warst, nahm ich dich an mein Herz, wenn du weintest,
+und brachte dich mit den Spitzen meiner Brüste zum
+Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin!« Dabei schlug
+sie sich auf ihren vertrockneten Busen. »Jetzt bin ich
+alt und kann nichts mehr für dich tun! Du liebst mich
+nicht mehr! Du verheimlichst mir deine Schmerzen! Du
+verachtest die Amme!« Sie weinte vor Liebe und Ärger,
+und die Tränen rannen an ihren Wangen herab durch
+die Narben ihrer Tätowierung.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Salambo. »Ich liebe dich doch! Sei
+guten Muts!«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Lächeln, das der Grimasse eines alten Affen
+glich, nahm Taanach ihre Beschäftigung wieder auf. Die
+Herrin hatte ihr auf Schahabarims Geheiß befohlen, sie
+prächtig zu schmücken, und so ward Salambo nach einem
+barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung von
+Unnatur und Naivität war.
+</p>
+
+<p>
+Über das dünne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit
+Vogelfedern bestickt. Ein breiter goldschuppiger Gürtel
+umschloß ihre Hüften, von dem ihre blauen bauschigen
+mit Silbersternen besetzten Beinkleider herabwallten.
+Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weißer
+Chinaseide mit grünen Streifen an. Auf den
+Schultern befestigte sie ihr ein viereckiges Purpurtuch,
+dessen Saum von Sandasterkörnern beschwert war. Über
+all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel mit
+langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo;
+und stolz auf ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklären:
+</p>
+
+<p>
+»Am Hochzeitstage wirst du nicht schöner aussehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Am Hochzeitstage!« wiederholte Salambo und verlor
+sich in Träumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne
+aus Elfenbein stützte.
+</p>
+
+<p>
+Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so
+hoch und breit war, daß sie sich vollständig darin erblicken
+konnte. Da erhob sich Salambo und schob mit einer
+leichten Handbewegung eine Locke zurück, die zu tief herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn
+gekräuselt und floß in langen Locken, an deren Enden
+Perlen hingen, den Rücken hinab. Das Licht der Lampe
+belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf
+ihren Gewändern und die Blässe ihrer Haut. Um die
+Hüften, an den Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie
+eine solche Fülle von Edelsteinen, daß der Spiegel wie
+von Sonnenstrahlen sprühte. So stand Salambo hochaufgerichtet
+neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu
+betrachten, und lächelte über all den Glanz.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr
+noch blieb, schneller vergehe.
+</p>
+
+<p>
+Da ertönte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo
+einen langen gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang
+ein Tuch um den Hals, fuhr mit den Füßen in blaue
+Lederschuhe und befahl Taanach:
+</p>
+
+<p>
+»Geh und sieh unter den Myrtenbäumen nach, ob da
+nicht ein Mann mit zwei Pferden wartet!«
+</p>
+
+<p>
+Kaum war Taanach zurück, so stieg Salambo die Galeerentreppe
+hinunter.
+</p>
+
+<p>
+»Herrin!« rief ihr die Amme nach.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf
+den Mund, zum Zeichen, daß sie schweigen und sich nicht
+rühren solle.
+</p>
+
+<p>
+Taanach schlich leise an den Schiffsschnäbeln vorüber
+an das Geländer. Im Scheine des Mondes bemerkte
+sie unten in der Zypressenallee einen gigantischen Schatten,
+der schräg zur Linken von Salambo hinhuschte. Das
+mußte ein Vorzeichen des Todes sein!
+</p>
+
+<p>
+Taanach lief in das Zimmer zurück. Dort warf sie sich
+lang hin, zerriß ihr Gesicht mit den Fingernägeln, raufte
+sich das Haar und stieß ein lautes, gellendes Geheul aus.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber kam ihr der Gedanke, man könne sie hören.
+Da ward sie still und schluchzte nur noch ganz leise, den
+Kopf in die Hände und die Stirn auf den Boden gepreßt.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch11">XI</h2>
+
+<h2>Im Zelte</h2>
+
+
+<p>
+Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der
+Richtung nach der Totenstadt, erst bergauf, über den
+Leuchtturm hinaus, dann durch die langgestreckte Vorstadt
+Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der Himmel
+begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus
+den Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu
+bücken. Obwohl die beiden Pferde im Schritt gingen,
+glitten sie doch oft aus. So gelangten sie endlich an das
+Tevester Tor.
+</p>
+
+<p>
+Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden
+ritten hindurch. Dann schloß sich das Tor hinter
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke
+hin. Auf der Höhe der Zisternen angelangt, nahmen
+sie die Richtung nach der Taenia, einer schmalen
+Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff
+trennt und sich bis nach Rades erstreckte.
+</p>
+
+<p>
+Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch
+auf dem Meer oder in der Ebene. Die schiefergraue Flut
+brandete leise, und der leichte Wind, der mit dem Schaum
+spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz aller ihrer
+Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle.
+Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie.
+Dann aber ging die Sonne auf. Bald brannte sie ihr
+auf den Hinterkopf und machte sie schläfrig. Die beiden
+Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre Hufe
+versanken lautlos im Sande.
+</p>
+
+<p>
+Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten,
+wurde der Boden fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten
+sich die Felder, soweit der Blick reichte, doch öde hin
+wie eine Wüste. An einzelnen Stellen lagen Haufen von
+Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die Körner
+aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich
+Dörfer in losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.
+</p>
+
+<p>
+Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am
+Rande des Weges. Die Dächer der Hütten waren eingestürzt,
+und im Innern sah man Topfscherben, Kleiderfetzen,
+allerlei Hausrat und Gegenstände zerbrochen und
+kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in Lumpen
+gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden
+Augen aus den Trümmern hervor, lief aber schleunigst
+wieder davon oder verschwand in irgendeinem Loche.
+Salambo und ihr Führer machten nirgends Halt.
+</p>
+
+<p>
+Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben
+Bodens waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt,
+der hinter den Hufen der Pferde aufwirbelte. Bisweilen
+kamen sie auch an friedsamen Stätten vorüber, wo ein
+Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am andern
+Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab,
+um sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines
+Oleandergebüsches machte ihr Pferd einmal einen großen
+Satz vor dem Leichnam eines Mannes, der am Boden lag.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen
+zurecht. Er war einer von den Tempeldienern, ein Mann,
+den Schahabarim gelegentlich zu gefährlichen Sendungen
+gebrauchte.
+</p>
+
+<p>
+Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den
+Pferden neben Salambo hin und trieb die Tiere mit dem
+Ende eines um den Arm geschlungenen Lederriemens an.
+Mitunter entnahm er einem an seiner Brust hängenden
+Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und
+Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren.
+Er reichte sie Salambo im Gange, ohne ein Wort zu
+sagen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren
+ihren Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf.
+Sie streiften in Trupps von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig
+Mann herum. Manche trieben eine Ziege oder eine lahme
+Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen versehen.
+Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten,
+schmutzigen Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend,
+halb verblüfft. Im Vorüberziehen riefen die einen
+den alltäglichen Gruß, andre zweideutige Scherzworte
+aus, und Salambos Begleiter antwortete einem jeden in
+seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen
+kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen
+Tempel wallfahre.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell.
+Sie ritten darauf zu.
+</p>
+
+<p>
+Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus
+lose aufgehäuften Steinen um ein fragwürdiges Gebäude
+herum. Ein Hund lief auf dem Geröll hin. Der Sklave
+verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie traten in ein
+geräumiges Gewölbe.
+</p>
+
+<p>
+Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem
+Reisigfeuer, dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog.
+Ihr weißes Haar, das ihr bis auf die Knie herabreichte,
+verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte keine Antwort
+geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen
+gegen die Karthager wie gegen die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat
+er wieder zu der Alten und forderte etwas zu essen. Sie
+schüttelte den Kopf und murmelte, in die Kohlen starrend:
+</p>
+
+<p>
+»Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ...
+Der Mund ißt nicht mehr ...«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die
+Alte stürzte sich darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche
+Haltung wieder an.
+</p>
+
+<p>
+Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an
+die Kehle. Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen
+Stein aufzuheben. Schließlich brachte sie eine Amphora
+voll Wein, dazu in Honig eingemachte Fische herbei,
+die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief
+auf den Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke
+des Gemachs auf den Boden gebreitet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Vor Tagesanbruch weckte er sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran
+und hieb ihm mit einem einzigen Messerschlage den
+Kopf ab. Mit seinem Blute bestrich er die Nüstern der
+Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte schleuderte ihm aus
+dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und
+drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten ihren Marsch fort.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien.
+Der Weg hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin.
+Man hörte nichts als das Zirpen der Grillen. Die Sonne
+dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war kreuz und
+quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus
+großen Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine
+Schlange vorbei. Adler flogen über sie hinweg. Der
+Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte unter ihrem
+Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus Furcht,
+ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden.
+</p>
+
+<p>
+In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den
+Karthagern erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die
+beiden traten ein, um ein wenig im Schatten zu rasten,
+und setzten dann ihren Weg fort.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten
+Umweg gemacht. Nun aber begegneten sie niemandem.
+Die Gegend war unfruchtbar, und die Barbaren hatten
+sie darum nicht durchstreift.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung
+bemerkbar. Bisweilen lag mitten auf einem Felde
+eine Mosaik, der einzige Überrest eines verschwundenen
+Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen vorüber,
+die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche.
+Einmal ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser
+bis auf den Grund niedergebrannt waren. An den
+Mauern erblickte man menschliche Skelette, auch solche von
+Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas versperrte
+die Straßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war
+mit Wolken bedeckt.
+</p>
+
+<p>
+Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung
+bergan, dann erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl
+kleiner Feuer.
+</p>
+
+<p>
+Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da
+blitzten goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten.
+Das waren die Panzer der Klinabaren im punischen Lager.
+Dann unterschieden sie in weiten Kreisen noch andre
+zahlreichere Lichter, denn die jetzt vereinigten Heere der
+Söldner nahmen viel Raum ein.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer
+führte sie stark seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles
+hin, der das Barbarenlager umschloß. An einer Stelle
+war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab,
+einen Bogen in der Hand, eine Lanze über der Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und
+ein langer Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels.
+Als sie daraufhin unbeweglich stehen blieb, rief der Posten
+sie an und fragte nach ihrem Begehr.
+</p>
+
+<p>
+»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin
+ein Überläufer aus Karthago.«
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten
+zu Posten wiederholte.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte
+sich schnaubend im Kreise.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo
+auf. Doch da sie ihren gelben Schleier, auf dem schwarze
+Blumen gestickt waren, vor dem Gesicht und so viele Gewänder
+um ihren Leib trug, war sie unerkennbar. Von
+der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die
+formlose Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+Endlich sprach sie zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!«
+</p>
+
+<p>
+Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er
+fühlte, wie sein Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte
+ihn ein.
+</p>
+
+<p>
+»So folge mir!« sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle
+Feuer loderten unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner
+Widerschein beleuchtete grell einzelne Stellen, während
+er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man schrie und rief.
+Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert, in
+der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig,
+aus Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man
+Schilfhütten oder auch einfache Löcher im Sande, wie sie sich
+die Hunde scharren. Die Soldaten fuhren Faschinen, lagen
+mit aufgestütztem Ellbogen auf der Erde oder schickten sich,
+in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um über sie hinwegzugelangen,
+mußte Salambos Pferd mehrere Male springen.
+</p>
+
+<p>
+Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben.
+Nur waren ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer
+und ihre Stimmen rauher. Matho schritt vor ihr her und
+machte ihr mit Gesten des Armes, die seinen roten Mantel
+lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten küßten ihm
+die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung
+an, um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche
+einzige Feldherr der Barbaren. Spendius, Autarit und
+Naravas hatten den Mut verloren. Er dagegen hatte so
+viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß ihm
+alle gehorchten.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos
+Zelt lag am Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt
+von Hamilkars Verschanzungen.
+</p>
+
+<p>
+Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam
+ihr vor, als ob über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter
+auftauchten. Sie sahen wie abgeschnittene Köpfe aus, doch
+ihre Augen bewegten sich, und ihren halbgeöffneten Lippen
+entflohen Klagen in punischer Sprache.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten
+der Zelttür. Matho schlug hastig die Leinwand zurück.
+Salambo folgte ihm.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der
+Mitte. Eine große Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete
+es. Sie war bis zum Rande mit gelbem Öl
+gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel
+erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes
+Schwert lehnte neben einem Schilde an einem Schemel.
+Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln, Schellen und Halsketten
+lagen bunt durcheinander auf geflochtenen Körben.
+Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer
+Ecke auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen
+nachlässig aufgehäuft, und durch die Risse in der Leinwand
+blies der Wind von draußen Staub und den Geruch der
+Elefanten herein, die man fressen und mit ihren Ketten
+rasseln hörte.
+</p>
+
+<p>
+»Wer bist du?« fragte Matho.
+</p>
+
+<p>
+Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne
+zu antworten. Dann wandten sich ihre Augen nach dem
+Hintergrund des Zeltes und blieben auf einem bläulich
+glitzernden Gegenstand haften, der über einem Lager aus
+Palmzweigen hing.
+Sofort schritt sie darauf zu. Ein Schrei entfuhr ihr. Matho
+blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße.
+</p>
+
+<p>
+»Was führt dich her? Wozu kommst du?«
+</p>
+
+<p>
+Sie wies auf den Zaimph und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Um das da zu holen!«
+</p>
+
+<p>
+Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht.
+Matho wich zurück, betroffen, fast erschrocken, die
+Arme nach hinten gestreckt.
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge
+schaute sie ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte
+ihn zurück mit beredten hochmütigen Worten.
+</p>
+
+<p>
+Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren
+in seinen Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden
+Stoffe waren ihm ebenso wie ihre schimmernde Haut
+etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen war. Ihre Augen
+blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer
+Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine,
+die ihre Finger umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer
+Tunika zwängten ihren Busen ein wenig in die Höhe und
+preßten die beiden Brüste näher aneinander. Mathos Gedanken
+verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen
+beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes
+Medaillon herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der
+violetten Gaze hervor. Als Ohrgehänge trug sie zwei
+kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine hohle, mit
+wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch
+winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein
+Tröpfchen des Parfüms herab und benetzte ihre nackten
+Schultern. Matho sah eins fallen.
+</p>
+
+<p>
+Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das
+nach einer unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo
+zitternd mit der Spitze eines Fingers oben am Busen. Das
+kühle Fleisch gab mit elastischem Widerstand nach.
+</p>
+
+<p>
+Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in
+das Mark feiner Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete
+seinen ganzen Körper und drängte ihn jäh nach ihr
+hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich saugen, sie trinken
+mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie
+sanft an sich. Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben
+dem Lager aus Palmzweigen nieder, auf dem ein Löwenfell
+ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht stehen.
+Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom
+Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er.
+</p>
+
+<p>
+»Wie schön bist du! Wie schön bist du!«
+</p>
+
+<p>
+Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet
+waren, taten ihr weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille
+wurde ihr so schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte,
+um nicht aufzuschreien. Schahabarim fiel ihr ein. Sie
+fügte sich.
+</p>
+
+<p>
+Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen,
+aber von Zeit zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen
+Gebotes den Kopf weg und versuchte, sich durch
+eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit weitgeöffneten
+Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte, einen
+unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie
+Weihrauch, einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und
+allerlei Seltsamkeiten.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt?
+Ohne Zweifel hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie
+wegen des Zaimphs gekommen? Seine Arme fielen schlaff
+herab. Er neigte den Kopf und versank in schwermütige
+Träumerei.
+</p>
+
+<p>
+Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?«
+</p>
+
+<p>
+»Deinen Tod?«
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden
+Gärten, zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen
+Sklaven, und deine Wut war so groß, daß du
+auf mich lossprangst und ich fliehen mußte! Dann ist der
+Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die
+Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das
+Hinmorden von Soldaten, &ndash; und du, du hattest verwüstet,
+verheert, gemordet! Ich hasse dich! Der bloße Klang deines
+Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du bist verfluchter
+als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen
+zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich
+bin der Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter
+Moloch herginge!«
+</p>
+
+<p>
+Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz.
+Er fühlte sich erhaben wie ein Gott.
+</p>
+
+<p>
+Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen
+fuhr sie fort:
+</p>
+
+<p>
+»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst
+du zu mir, während ich schlief, in den Zaimph gehüllt.
+Deine Worte habe ich nicht verstanden, aber ich habe wohl
+gefühlt, daß du mich zu etwas Schändlichem verführen,
+mich in einen Abgrund stürzen wolltest ...«
+</p>
+
+<p>
+Matho rang die Hände und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben!
+Mir war, als hätte die Göttin ihr Gewand
+für dich hergegeben, als gehörte es dir! In ihrem Tempel
+oder in deinem Hause, &ndash; ist das nicht dasselbe? Bist du
+nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?«
+</p>
+
+<p>
+Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er
+fort:
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht bist du Tanit selbst!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>
+Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom
+Gewitter erschreckt, blökten Schafe.
+</p>
+
+<p>
+»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher!
+Fürchte nichts!
+</p>
+
+<p>
+»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen
+Haufen der Söldner. Ich war so sanftmütig, daß ich
+für die andern das Holz auf dem Rücken schleppte. Was
+kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl
+wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen,
+und nach all seinen Schätzen, all seinen Provinzen,
+Flotten und Inseln gelüstet mich weniger als nach der
+Frische deiner Lippen und der Rundung deiner Schultern.
+Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen,
+um dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt.
+Ich zertrete jetzt die Menschen wie Muschelschalen, ich
+werfe mich auf die Regimenter, ich stoße mit den Händen
+die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an den Nüstern.
+Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du
+wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen
+ergreift mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde
+von dir, an eine Falte deines Gewandes. Das
+umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine Augen in
+den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der
+Schilde. Ich höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln.
+Wende ich mich um, und du bist nicht da, &ndash; dann stürze
+ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!«
+</p>
+
+<p>
+Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten,
+wie Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß
+rann zwischen den mächtigen Muskeln seiner Brust hinab.
+Sein Atem erschütterte seine Rippen und den ehernen
+Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte
+bis auf die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo,
+die nur Eunuchen gesehen hatte, ward von der
+Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war die Strafe
+der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in
+fünf Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie.
+Halb betäubt hörte sie kaum noch den Ruf der Posten
+draußen, die in Intervallen einander zuriefen.
+</p>
+
+<p>
+Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise
+eindringenden heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze.
+Hinterher ward die Dunkelheit immer um so tiefer, und
+sie sah nichts mehr als Mathos Augen wie zwei glühende
+Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte sie: daß
+das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer
+wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend,
+ging sie auf den Zaimph zu und hob die Hände,
+um ihn zu ergreifen.
+</p>
+
+<p>
+»Was tust du?« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig.
+Er schritt mit verschränkten Armen und so furchtbarer
+Miene auf sie zu, daß sie wie angewurzelt stehen blieb.
+»Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte er. Und
+zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago
+zurück? So, du kamst also, mir den Zaimph zu
+rauben, mich wehrlos zu machen und dann zu verschwinden!
+Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich
+mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner
+großen stillen Augen nicht vergessen, noch, wie du mich
+mit deiner hehren Schönheit zu Boden schmettertest! Jetzt
+ist die Reihe an mir! Du bist meine Gefangene, meine
+Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen
+Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein
+ganzes verruchtes Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend
+Soldaten! Und noch mehr werde ich herbeiholen
+aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem Schoße
+der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre
+Tempel zu verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem
+Meere von Blut schwimmen! Kein Haus, kein Stein,
+kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben! Und
+wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus
+den Gebirgen und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche
+nicht zu entfliehen! Ich töte dich!«
+</p>
+
+<p>
+Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte
+wie eine Harfe, deren Saiten zu zerspringen drohen.
+Plötzlich aber erstickte seine Stimme in Schluchzen, und
+er sank in die Knie:
+</p>
+
+<p>
+»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger
+wert als ein Skorpion, als Kot und Staub! Eben als
+du sprachst, wehte dein Atem über mein Gesicht, und ich
+erquickte mich daran wie ein Verschmachtender, der am
+Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt mich! Wenn
+ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur
+deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich
+liebe dich! Ich liebe dich!«
+</p>
+
+<p>
+Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt,
+und umschlang ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden
+Händen. Die Goldmünzen an seinen Ohren glänzten
+auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen quollen
+aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt
+und murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein
+Hauch und süßer als ein Kuß waren.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen,
+die ihr alles Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches
+und doch Hocherhabenes, ein Gebot der Götter
+zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen sie empor,
+und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager,
+in das Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da
+zersprang das goldne Kettchen, und die beiden Enden
+raschelten gegen die Leinwand wie zwei zuckende Schlangen.
+Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie sah
+Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen.
+</p>
+
+<p>
+»Moloch, du verbrennst mich!«
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als
+Flammen. Es war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß,
+als ob die Glut der Sonne sie durchlodere.
+</p>
+
+<p>
+Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre
+Füße, die langen Flechten ihres Haars.
+</p>
+
+<p>
+»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir
+daran! Entführe aber auch mich! Ich will das Heer
+verlassen! Will auf alles verzichten! Dort hinter Gades,
+zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine
+Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln.
+Auf den Bergen wiegen sich große Blumen, voll Düften,
+die emporwirbeln wie der Rauch heiliger ewiger
+Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als
+Zedern, werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen
+Zähnen die Früchte hinunter auf den Rasen. Die
+Luft ist so mild, daß man nicht sterben kann. O,
+diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden
+in Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch
+wohnt niemand dort, und ich werde König des Landes
+werden!«
+</p>
+
+<p>
+Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte
+ihr ein Stück Granatapfel zwischen die Lippen stecken.
+Er schob ihr Decken unter den Kopf, um ein Kissen für
+sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise dienstbar
+zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße
+wie eine gewöhnliche Decke.
+</p>
+
+<p>
+»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen
+deine Halsbänder hingen?« fragte er. »Die sollst du mir
+schenken! Ich habe sie so gern!«
+</p>
+
+<p>
+Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter
+entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse
+waren jetzt verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei
+Wolken hervor. Sie erblickten ihn durch ein Loch des Zeltes.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick
+versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier,
+der dein Antlitz verbarg. Du blicktest mich durch ihn
+an. Die Erinnerung an dich ward eins mit seinem Licht.
+Ich unterschied euch nicht mehr!«
+</p>
+
+<p>
+Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte
+ohne Ende.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare
+Mann, vor dem Karthago zittert!«
+</p>
+
+<p>
+Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und
+setzte einen Fuß auf die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr
+Kettchen zersprungen war.
+</p>
+
+<p>
+Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser
+daran, diese Fessel als etwas nahezu Heiliges anzusehn.
+Errötend knüpfte Salambo die Kette um ihre Knöchel
+wieder zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate,
+die Gegend, die sie durchritten, alles das tauchte
+in wildem bunten Wirrwarr vor ihr auf, aber doch in
+klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte plötzlich alles
+das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein
+Regentropfen auf das Zeltdach und brachte es in leise
+zitternde Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite.
+Ein Arm von ihm hing über den Rand des Lagers hinab.
+Seine perlengeschmückte Binde hatte sich ein wenig verschoben
+und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln umspielte
+seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen
+seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen
+Augen lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe
+kränkte. Sie stand vor seinem Lager und blickte ihn unbeweglich
+an, mit gesenktem Haupt und übereinandergelegten
+Händen.
+</p>
+
+<p>
+Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz
+ein Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge
+erregte in Salambo ein blutdürstiges Verlangen. Es war
+ihr, als klagten ferne Stimmen durch die Nacht, ein sie
+beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie faßte den
+Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer.
+Da öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen
+Lippen ihre Hände, und der Dolch fiel zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete
+hinter dem Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am
+Eingang zurück: das Lager der Libyer stand in Flammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten
+sich, platzten im Qualm und schossen wie Pfeile davon.
+Am blutroten Horizont sah man schwarze Schatten wirr
+durcheinander laufen. In den Hütten heulten drin Verbliebene.
+Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten
+durch das Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät
+und das aus den Flammen gerettete Gepäck. Dazu
+Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!« Man
+wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt
+Autarits Lager!«
+</p>
+
+<p>
+Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück.
+</p>
+
+<p>
+Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam
+angeschaut hatte, war sie erstaunt, das Glück nicht zu
+fühlen, das sie sich davon ersehnt hatte. Schwermütig stand
+sie vor ihrem unerfüllten Traume.
+</p>
+
+<p>
+Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine
+unförmige Gestalt erschien. Salambo erkannte anfangs
+nichts als zwei Augen und einen langen weißen Bart,
+der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper kroch
+über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes
+behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden
+verschwanden die beiden Hände im Barte und
+kamen dann wieder hervor. So schleppte sich die Gestalt
+bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten
+Gisgo.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit
+sie nicht entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert
+und ließen sie alle durcheinander in der Grube im Unrat
+verkommen. Nur die Stärksten richteten sich schreiend
+hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre vernahmen.
+So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln,
+die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten,
+daß es eine Karthagerin sein müsse, und ergriffen von
+der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses, war es ihm mit
+Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube
+hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und
+Händen die zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt
+geschleppt. Zwei Stimmen sprachen darin. Er hatte draußen
+gelauscht und alles gehört.
+</p>
+
+<p>
+»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?«
+</p>
+
+<p>
+Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?«
+Dabei kroch er so nahe an sie heran, daß er
+sie streifte. »Sie hätten mir den Schmerz erspart, dich
+verfluchen zu müssen!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem
+schmutzigen Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst
+und schrecklich wie ein Ungeheuer.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich
+habe Agathokles gesehen und Regulus. Hab es erlebt,
+daß die römischen Adler die Ernte der punischen Felder
+zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut und das
+Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte!
+Barbaren, deren Feldherr ich war, haben mich nun an
+Händen und Füßen gefesselt wie einen Sklaven, der
+einen Mord begangen hat. Meine Gefährten sterben einer
+nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen
+läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab,
+die ihnen die Augen aushacken wollen. Und dennoch:
+nicht einen Tag hab ich an Karthago verzweifelt! Und
+hätte ich alle Heere der Welt im Kriege gegen die Stadt
+gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als
+die Giebel seiner Tempel aufgelodert, &ndash; ich hätte doch
+an Karthagos Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu
+Ende, alles verloren! Die Götter verabscheuen es! Fluch
+über dich, die du durch deine Schandtat seinen Untergang
+beschleunigt hast!«
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte reden ...
+</p>
+
+<p>
+»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender
+Liebe gesehen wie eine Dirne! Ein Barbar hat
+dir seine Geilheit gezeigt, und du hast ihm deine Hände
+zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen
+Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem
+Beispiel der wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung
+verbergen, nicht aber deine Schande angesichts deines
+Vaters zur Schau stellen!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur
+sechzig Ellen voneinander entfernt sind? Und daß dein
+Matho im Übermaß seiner Frechheit sein Zelt unmittelbar
+vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen hat? Dein
+Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg hinaufsteigen
+könnte, der auf den Wall hinaufführt, so
+würde ich ihm zurufen: Komm und sieh deine Tochter in
+den Armen des Barbaren! Um ihm zu gefallen, hat sie
+das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem Leibe gibt
+sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät
+unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das
+Heil Karthagos!«
+</p>
+
+<p>
+Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte
+sein langer Bart. Seine Augen starrten Salambo an,
+wie um sie zu verschlingen, und im Staube kriechend,
+wiederholte er keuchend:
+</p>
+
+<p>
+»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie
+mit ausgestrecktem Arme hoch. Stumm blickte sie nach
+Hamilkars Lager hinüber.
+</p>
+
+<p>
+»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg
+von hier! Wühle dein Antlitz lieber tief in den Boden
+ein! Das dort ist ein heiliger Ort, den dein Blick entweiht!«
+</p>
+
+<p>
+Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte
+hastig ihren Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch
+auf und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Ich will hin!«
+</p>
+
+<p>
+Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem
+zu begegnen, denn alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm
+ward immer heftiger. Große Flammen röteten den Himmel
+hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte
+eine Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was
+ihr hinaufhelfen könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo,
+und es kam ihr vor, als ob Schreie und Schritte sie verfolgten.
+Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie einen
+Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie
+nahm den Saum ihres Gewandes, der sie behinderte,
+zwischen die Zähne und gelangte mit drei Sprüngen auf
+den Wall hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche,
+den sie jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen
+hatte. Sie beugte sich vor und erkannte den
+Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an
+den Zügeln hielt.
+</p>
+
+<p>
+Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern
+hin und her gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst
+beunruhigt, an den Wall herangegangen und hatte
+versucht, zu erspähen, was in Mathos Lager vorgehe.
+Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten
+lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht
+wieder verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo
+glitt vom Walle zu ihm hinunter. Dann umritten sie
+galoppierend das punische Lager, um einen Eingang zu
+finden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende
+Lampe erhellte es schwach. Er glaubte, Salambo schliefe.
+Behutsam tastete er mit der Hand über das Löwenfell auf
+dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort. Da riß er
+heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das
+Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes
+Geschrei, Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch
+die Luft. Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen.
+Wie ein Orkan wirbelte es um den Rebellenführer her.
+In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen und stürzte
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang
+hinab, während ihnen die punischen Karrees in schwerfälligem,
+taktmäßigem Marsche entgegenrückten. Der Nebel
+war eben von den ersten Sonnenstrahlen zerrissen worden.
+Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen
+flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen,
+die mehr und mehr sichtbar wurden. Bei der raschen
+Bewegung der Truppenmassen schien es, als ob sich ganze
+Teile des Bodens, die noch im Schatten lagen, mit einem
+Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob sich
+Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige
+Massen herausragten. Matho konnte die Hauptleute,
+die Soldaten, die Herolde erkennen, sogar die Troßknechte
+auf ihren Eseln. Mit einem Male sah er, wie
+Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke
+des Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte,
+als wolle er sich von den Puniern in seine
+eigne Flanke fallen lassen.
+</p>
+
+<p id="p282">
+Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus,
+die nunmehr langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier
+verstärkten ihr Tempo. Mit weit vorgestreckten
+zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder Fahrt dahin,
+daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich
+ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen
+Patrouillen los, warf Schwert, Lanze und Wurfspeere
+von sich und verschwand alsbald unter den Karthagern.
+Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars trat,
+wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht
+hatten, und sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!«
+</p>
+
+<p>
+Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor
+Hamilkar nieder, und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte
+er ihn an alle Einzelheiten seines Verhaltens seit
+dem Ausbruche des Krieges.
+</p>
+
+<p>
+Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von
+Karthago und die Niedermetzelung der Gefangenen verhindert.
+Ferner hätte er den Sieg über Hanno nach der
+Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die tyrischen
+Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen
+seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am
+Makar nicht beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht
+gegen den Marschall kämpfen zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle
+in die punischen Provinzen vergrößern wollen und daher
+die Söldner je nach den Siegesaussichten bald unterstützt,
+bald im Stiche gelassen. Weil er jetzt aber einsah,
+daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging
+er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher
+Groll gegen Matho zugrunde, sei es wegen des
+Oberbefehls oder wegen seiner alten Liebe.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen.
+Der Mann, der sich derart in ein Heer hineinwagte,
+dessen Rache er gewärtig sein mußte, war kein zu verachtender
+Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die
+Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen
+Pläne. Mit Hilfe der Numidier vermochte er die Libyer
+in Schach zu halten. Dann konnte er die westlichen Völker
+bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.
+</p>
+
+<p>
+Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen
+sei, und ohne eine seiner Lügen zu widerlegen, küßte er
+Naravas und umarmte ihn dreimal.
+</p>
+
+<p>
+Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung,
+hatte er das Lager der Libyer in Brand gesteckt.
+Die Numidier kamen ihm wie eine von den Göttern
+gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und
+erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht,
+was die Republik für dich tun wird, aber Hamilkar ist
+kein Undankbarer!«
+</p>
+
+<p>
+Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während
+Hamilkar seine Rüstung anlegte, sagte er:
+</p>
+
+<p>
+»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr
+Fußvolk zwischen deine und meine Elefanten! Vorwärts!
+Vernichte sie!«
+</p>
+
+<p>
+Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo.
+Sie sprang von ihrem Pferde, öffnete ihren weiten
+Mantel, breitete die Arme aus und entfaltete den Zaimph.
+</p>
+
+<p>
+Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen
+war, übersah man den ganzen Umkreis des von Soldaten
+erfüllten Gebirgskessels, und da Salambo gleichsam im
+Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von allen Seiten.
+Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph-
+und Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen
+still. Sterbende stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten
+hin und segneten sie. Auch alle Barbaren wußten nun,
+daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte. Sie sahen Salambo
+von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem
+ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem
+Jubel der Karthager zum Trotz. So stampften und brüllten
+fünf Heere aus ihren an den Hängen gestaffelten
+Stellungen.
+</p>
+
+<p>
+Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem
+Nicken des Hauptes. Seine Augen richteten sich bald
+auf den Zaimph, bald auf seine Tochter. Da bemerkte
+er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er schauderte zusammen,
+von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch
+nahm er seine gleichgültige Miene wieder an und
+blickte Naravas, ohne den Kopf zu wenden, von der
+Seite an.
+</p>
+
+<p>
+Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten.
+Auf seiner Stirn lag noch etwas von dem
+Staube, den er beim Niederfallen berührt hatte. Nach
+einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und sagte in
+feierlicher Weise:
+</p>
+
+<p>
+»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas,
+gebe ich dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir
+Sohn und Bundesgenosse!«
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte
+sich Naravas über Hamilkars Hände und bedeckte sie mit
+Küssen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie
+tat, als verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete
+aber leicht und schlug die Augen nieder. Und ihre langen
+geschweiften Wimpern warfen Schatten über ihre Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren
+Verlöbnisses vollziehen. Man legte Salambo eine
+Lanze in die Hand, die sie Naravas reichte. Dann band
+man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus
+Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die
+Häupter, das um sie her niederfiel und wieder aufsprang
+wie Hagelschlag.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch12">XII</h2>
+
+<h2>Die Wasserleitung</h2>
+
+
+<p>
+Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur
+noch ein Haufen Verwundeter, Toter und Sterbender
+übrig.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen,
+und zwar gegen den westlichen Abhang, der
+nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in der Absicht, die Barbaren
+allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum war. Naravas
+hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei
+umgangen und von rückwärts attackiert, während
+der Marschall sie in der Front zum Wanken brachte und
+vernichtete. Übrigens waren sie durch den Verlust des
+Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die
+sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen
+und eine Art Entkräftung.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte,
+das Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem
+Siege auf die Höhen etwas nördlicher zurückgezogen, von
+wo aus er den Feind in Schach hielt.
+</p>
+
+<p>
+Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an
+den umgerissenen Pikettpfählen. Ein langer schwarzer
+Aschehaufen qualmte an der Stelle, wo das libysche
+Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte
+wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte
+mit ihrer zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit
+mit zwischen Klippen gescheiterten und halb gesunkenen
+Schiffen. Lanzen, Heugabeln, Trompeten, Holz, Erz und
+Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke lagen zwischen
+den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender
+Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck.
+An manchen Stellen war der Boden mit weggeworfenen
+Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver sahen aus wie
+lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine, Sandalen,
+Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch
+die Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie
+Kugeln hinrollten. An den Dornsträuchern hingen Haare.
+Elefanten mit heraushängendem Eingeweide, ihre Türme
+noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen Blutlachen.
+Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich
+es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen.
+</p>
+
+<p>
+Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis
+unten. Die Überlebenden rührten sich ebensowenig wie
+die Toten. In großen und kleinen Gruppen herumhockend,
+blickten sie einander verstört an und sprachen
+kein Wort.
+</p>
+
+<p>
+Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt
+in der untergehenden Sonne. Rechts davon ragten
+enggedrängte weiße Häuser über einen Mauergürtel
+hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer. Das
+Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend
+ihrer Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.
+</p>
+
+<p>
+Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten
+auf. Es ward kühler. Man konnte beobachten, wie
+das Ungeziefer die erkaltenden Toten verließ und über
+den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken saßen
+reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.
+</p>
+
+<p>
+Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige
+Hunde, Bastarde, wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen
+pflegten, zu den Barbaren herangeschlichen. Zuerst
+leckten sie das geronnene Blut von den noch warmen
+Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu
+verzehren, indem sie zuerst die Bäuche anfraßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern,
+wie Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn
+es waren noch immer welche übrig, besonders libysche,
+trotz des furchtbaren Blutbades, das die Numidier unter
+ihnen angerichtet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie
+als Fackeln zu benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen.
+Man legte die Toten darauf und trug sie beiseite.
+</p>
+
+<p>
+Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem
+Rücken, ihre Lanzen neben sich, oder in Haufen übereinander.
+Wenn man einen Vermißten finden wollte,
+mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen.
+Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über
+das Gesicht. Alle die gräßlichen Waffen hatten ihnen
+die verschiedenartigsten Wunden beigebracht. Manchen
+hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre
+waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark
+zerquetscht, blau vom Würgetode oder von den Stoßzähnen
+der Elefanten der Länge nach aufgeschlitzt. Obwohl
+alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden hatten,
+zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen.
+Die Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen,
+während die sehnigen Afrikaner wie geräuchert
+erschienen und bereits vertrockneten. Die Söldner erkannte
+man an der Tätowierung ihrer Hände. Die alten
+Krieger des Antiochus trugen einen Sperber eingebrannt.
+Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im
+Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel
+oder einen Hammer. Die Söldner der griechischen
+Republiken hatten das Bild einer Burg oder
+den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen
+waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen
+Zeichen bedeckt, die sich mit alten Narben und
+neuen Wunden vermischten.
+</p>
+
+<p>
+Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter,
+Etrusker, Kampaner und Bruttier, errichtete man vier
+große Scheiterhaufen.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter
+Gruben aus. Die Spartaner nahmen ihre roten Mäntel
+und hüllten die Toten hinein. Die Athener legten
+sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die
+Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen.
+Die Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten
+sie mit Riemen aus Rindsleder, und die Garamanten
+bestatteten sie am Meeresstrande, damit die Fluten
+sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich,
+daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die
+Nomaden vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten
+zu Mumien wurden, und die Kelten ihre üblichen drei
+unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen Himmel ihrer
+Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.
+</p>
+
+<p>
+Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille.
+Das geschah, um die Seelen zur Rückkehr zu zwingen.
+Nach regelmäßigen Pausen hub das Geschrei immer wieder
+an.
+</p>
+
+<p>
+Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht
+ehren könne, wie die Bräuche es verlangten, denn ohne
+die frommen Zeremonien mußten sie unendliche Zeiträume
+hindurch unter allerlei Schicksalen und Verwandlungen
+umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren
+Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil
+sie sich hatten besiegen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die
+blutleeren Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen
+lehnten, noch bleicher erscheinen. Tränen riefen
+neue Tränen hervor. Das Schluchzen ward heftiger,
+die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder.
+Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn
+auf die Toten. Man mußte sie mit Schlägen wegtreiben,
+wenn man die Gräber zuschaufelte. Man schwärzte sich
+die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich selber
+Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder
+man brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die
+geliebte Tote entstellten. Wehgeschrei durchtönte den
+Klang der Zimbeln. Manche rissen sich ihre Amulette ab
+und spien sie an. Sterbende krümmten sich in blutigem
+Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten
+Fäuste. Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger
+Frühling«, mordeten einander wie Gladiatoren. Bald
+gebrach es an Holz für die Scheiterhaufen. Die Flammen
+erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde vom
+Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen
+neben ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem
+Wunsch, am Leben bleiben zu wollen, und sei es in Angst
+und Not, die andern, um am liebsten nicht wieder zu erwachen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden
+Barbaren Soldaten, die vorübermarschierten, ihre
+Helme auf den Spitzen ihrer Lanzen. Sie grüßten ihre
+Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts in ihrer
+Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher
+heran. Man erkannte alte Gefährten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein
+Heer einzutreten. Manche hatten sich mutig geweigert,
+und da er fest entschlossen war, sie weder zu ernähren
+noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er sie mit
+dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago
+zu kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern
+gefügig machte, hatte man die Waffen der Besiegten
+verteilt, und nun zeigten sie sich ihren alten Kameraden,
+weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in einer
+Anwandlung von Übermut und Neugier.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch
+den Marschall. Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten
+sie, obwohl sie die Feiglinge verachteten. Doch
+bei den ersten Worten des Vorwurfs gerieten jene in
+Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen Schwerter,
+ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen
+auf, sie sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen
+nach Steinen. Da entflohen die Spötter. Bald sah man
+nur noch die Lanzenspitzen über dem Höhenkamm.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr
+niederdrückte als die Demütigung ihrer Niederlage. Sie
+vergegenwärtigten sich das Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend
+starrten sie vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder
+Wut auf die gefangenen Karthager. Die Soldaten des
+Suffeten hatten sie durch Zufall nicht entdeckt, und als
+er das Schlachtfeld verließ, befanden sie sich noch immer
+in der tiefen Grube.
+</p>
+
+<p>
+Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den
+Boden. Posten bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ
+man die Weiber hinein, je dreißig bis vierzig auf einmal.
+Sie wußten, daß man ihnen nicht viel Zeit gewährte,
+und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt
+von einem zum andern, dann aber beugten sie sich über
+die armen Schelme und schlugen sie aus Leibeskräften.
+Die Namen ihrer Männer heulend, zerrissen sie ihnen
+mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen mit
+ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die
+Männer und marterten die Unglücklichen von den Füßen,
+die sie ihnen an den Knöcheln abhieben, bis zur Stirn,
+aus der sie kranzartige Stücke herausschnitten, die sie sich
+um den Kopf schlangen. Insbesondere waren die Esser
+unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie entzündeten
+die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben
+hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder
+andre und warteten. Das Blut floß in Strömen,
+und die Peiniger ergötzten sich daran wie Winzer an ihren
+Keltern.
+</p>
+
+<p>
+Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen
+Stelle, wo er sich nach der Schlacht hingesetzt hatte, die
+Ellbogen auf die Knie gestemmt, die Schläfen in den
+Händen. Er sah nichts, hörte nichts, dachte nichts.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte
+er auf. Vor ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück
+Leinwand, dessen Ende die Erde streifte. Darunter lagen
+Körbe, Decken und ein Löwenfell in buntem Durcheinander.
+Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten
+sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die
+Erde versunken wäre.
+</p>
+
+<p>
+Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen
+berührte der wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte
+er ein rotes Zeichen, offenbar den Abdruck einer Hand.
+Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen ihres einstigen
+Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes
+Stück Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich
+in die Reste seines Zeltes. Dann stieß er mit
+der Spitze seines Panzerstiefels allerlei verstreut umherliegende
+Gegenstände in die Flammen. Es sollte nichts
+übrig bleiben!
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten
+können, aus welcher Richtung.
+</p>
+
+<p>
+Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in
+zwei Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich
+und stieß Klagelaute aus.
+</p>
+
+<p>
+»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß
+schon, daß du ein Held bist!« Die Ungerechtigkeit des
+Schicksals hatte ihn so niedergebeugt, daß er nicht mehr
+die Kraft hatte, sich über Menschen zu entrüsten.
+</p>
+
+<p>
+Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle
+im Hange, wo sich Zarzas und Autarit verborgen hielten.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine
+trotz seiner Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit.
+Wer hätte denn, meinten sie, den Verrat des Naravas,
+den Brand im Lager der Libyer, den Verlust des Zaimphs,
+Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine geschickten
+Manöver ahnen können, durch die er die Söldner
+in den Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den
+Haufen zu rennen? Spendius gestand seine Feigheit
+nicht ein und beharrte darauf, daß er ein zerschmettertes
+Bein habe.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim
+eine Beratung, was nunmehr zu tun sei.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie
+waren zwischen seinem Heer und dem Gebiet des Naravas
+eingeschlossen. Die tyrischen Städte würden sich
+zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte
+man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten
+Kräften zu vernichten.
+</p>
+
+<p>
+Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich
+mußten sie ihn bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber
+wie sollten sie die Notwendigkeit eines endlosen Krieges
+ihren entmutigten, aus frischen Wunden blutenden Leuten
+begreiflich machen?
+</p>
+
+<p>
+»Ich übernehme es!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung
+von Hippo-Diarrhyt in raschem Laufe den Berg herauf.
+Hoch in der Hand schwenkte er eine Schreibtafel. Da
+er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien.
+Sie empfahlen ihren Kameraden in Afrika,
+Gisgo und die andern Gefangenen gut zu bewachen.
+Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der
+von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß
+ein Handstreich in Vorbereitung sei, um sie zu befreien.
+Man rate deshalb den Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu
+treffen. Die Republik sei allmächtig.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst
+nicht in dem Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht
+auf neue Gefahr erregte nur Schrecken, anstatt
+Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung, die
+Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und
+erwartete etwas Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die
+Nacht verlief in lauter Angst. Viele warfen sogar ihre
+Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen, wenn
+er erscheine.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein
+zweiter Bote, noch atemloser und mit noch mehr Staub
+bedeckt. Der Grieche riß ihm eine Papyrosrolle mit
+phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man beschwor
+darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die
+Tapfern von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung
+zu Hilfe kommen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal
+hintereinander vor. Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern
+auf den Schultern herumtragen und verlas ihn
+überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen.
+Er erinnerte die Söldner an die Versprechungen des
+Großen Rates, die Afrikaner an die Grausamkeiten der
+Statthalter, alle Barbaren an die Unredlichkeit Karthagos.
+Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie
+zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als
+Sklave verkauft, im Gefecht Besiegte aber unter Martern
+hingerichtet. Man rede von Flucht? Auf welchem Wege
+denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren lassen.
+Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit,
+Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten
+sie darauf nicht zu warten, denn schon eile ihnen Tunis
+und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt den aufgerollten Papyros
+hoch.
+</p>
+
+<p>
+»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich
+lüge nicht!«
+</p>
+
+<p>
+Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten
+umher. Die Mittagssonne brannte auf die bloßen
+Köpfe. Widriger Geruch stieg von den ungenügend verscharrten
+Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte aus
+der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die
+Wahrheit seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste
+gegen Hamilkar aus.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er,
+um seine Feigheit zu bemänteln, eine Begeisterung zur
+Schau, in die er sich nach und nach wirklich hineinredete.
+Er weihte sich den Göttern und häufte Flüche auf Karthago.
+Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts
+weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack
+immer mit sich herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man
+muß ihnen den Garaus machen! Wir wissen ja, was sie
+vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein Mitleid!
+Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann,
+und haue nach Leibeskräften auf sie los!«
+</p>
+
+<p>
+Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen.
+Mehrere röchelten noch. Man gab ihnen den Rest, indem
+man ihnen mit dem Absatz in den Mund trat oder
+sie mit Lanzenspitzen abstach.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe
+und Verwirrung nahmen überhand. Man wollte
+sich von seinem Tode überzeugen und zugleich daran teilhaben.
+Endlich entdeckten ihn drei samnitische Hirten
+fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden
+hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte
+und riefen die andern.
+</p>
+
+<p>
+Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt
+und die Beine geschlossen, wie ein Toter, der begraben
+werden soll. Doch seine mageren Seiten hoben
+und senkten sich noch und seine weitgeöffneten Augen
+starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher
+Weise immerfort geradeaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen.
+Seit er in der Grube lebte, hatte man ihn fast
+vergessen. Jetzt, im Banne alter Erinnerungen, blieb
+man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte
+nicht, Hand an ihn zu legen.
+</p>
+
+<p>
+Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts,
+bis ein Garamant die Menge durchschritt. Er
+schwang eine Sichel. Alle verstanden seine Absicht. Die
+Gesichter röteten sich, und voll Scham über ihre eigne
+Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!«
+</p>
+
+<p>
+Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo.
+Er ergriff den Kopf des Greises, legte ihn auf sein Knie
+und hackte ihn mit raschen Schnitten ab. Gisgos Haupt
+fiel zu Boden. Zwei große Blutströme bohrten ein Loch
+in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den abgeschnittenen
+Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard
+auf das Lager der Karthager zu.
+</p>
+
+<p>
+Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte,
+zog er Gisgos Kopf am Barte aus seinem Busen hervor,
+kreiste mit seinem Arm mehrmals durch die Luft
+und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen weiten
+Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung.
+Bald darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles
+zwei gekreuzte Fahnen, das übliche Zeichen, daß man die
+Toten zurückfordere.
+</p>
+
+<p>
+Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde
+mit großen Trompeten hinaus und erklärten, durch die
+ehernen Tuben sprechend, daß es fortan zwischen Karthagern
+und Barbaren weder Treu und Glauben, noch
+Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle
+Unterhandlungen ablehne und jeden Unterhändler mit
+abgeschnittenen Händen zurückschicken würde.
+</p>
+
+<p>
+Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt,
+um Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt
+sandte deren noch am selben Abend. Man aß gierig.
+Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die Söldner
+eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen
+Waffen zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen
+und ohne Erbarmen gegen die Verwundeten, die ihnen
+nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo nach dem
+Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen,
+es einzunehmen, denn sie bedurften einer Stadt.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr
+ärgerlich, trotz des stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht
+an und für sich bereitete. Er hätte auf der Stelle mit
+frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein solcher Tag
+und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger
+hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen.
+Auch konnten sich die tyrischen Städte ihnen anschließen.
+Seine Milde gegen die Besiegten hatte nichts genutzt.
+Er faßte den Entschluß, fortan unbarmherzig zu sein.
+Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen Rate
+ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen
+beladen war, und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen,
+ihm Verstärkung zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde
+von seinem Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen
+hervor. Die Rückkunft des Zaimphs, die Hamilkar
+unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder. Offenbar
+gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war
+er die Stütze Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder
+eine Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung
+der einen und der Feigheit der andern stand alsbald ein
+Heer von fünftausend Mann noch vor der bestimmten
+Frist marschbereit.
+</p>
+
+<p>
+Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im
+Rücken zu decken, während weitere dreitausend Mann
+Kerntruppen eingeschifft wurden, um bei Hippo-Diarrhyt
+zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.
+</p>
+
+<p>
+Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab
+aber das Landheer seinem Stellvertreter Magdassan, während
+er die Truppen auf den Schiffen in Person führte.
+Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte nicht mehr
+vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel
+und Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht
+gegraben. Auf zehn Schritte weit sah man ihm in
+den Schlund hinab, und er war sich seiner Ekelhaftigkeit
+so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib verschleierte.
+</p>
+
+<p>
+Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig
+wie auf die der Barbaren. Allerdings ließen
+die Einwohner diesen allmorgendlich Lebensmittel in Körben
+hinab, wobei sie von den Türmen herab vermeldeten,
+die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner
+deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen
+Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf
+dem Meere kreuzte.
+</p>
+
+<p>
+Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte
+keinen Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt,
+dreihundert Soldaten einzulassen. Dann segelte
+er nach dem Vorgebirge der Trauben und machte einen
+weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen, &ndash; ein unzweckmäßiges,
+ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht
+hielt ihn ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing
+dessen Spione ab, durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete
+damit das ganze Unternehmen. Endlich schrieb
+Hamilkar dem Großen Rate und forderte Hannos Entfernung.
+Da ward dieser nach Karthago zurückberufen,
+wütend über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit
+seines Amtsgenossen.
+</p>
+
+<p>
+So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in
+einer beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte
+man sich, darüber nicht nachzudenken, ja nicht einmal
+davon zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr
+man zu alledem, daß die Söldner in Sardinien
+ihren Kommandeur ans Kreuz geschlagen, sich der festen
+Plätze bemächtigt und die Männer kanaanitischer Abkunft
+allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte Rom die
+Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht
+zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte.
+Rom hatte das Bündnis mit den Barbaren angenommen
+und sandte ihnen Frachtschiffe mit Mehl und
+getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge
+und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber
+drei Tage später ging eine Flotte, die von Bysazene mit
+Lebensmitteln nach Karthago kam, bei einem Sturme
+unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die Republik.
+</p>
+
+<p>
+Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert
+Leute Hannos durch einen blinden Alarm auf
+die Stadtmauern, schlichen sich hinter sie, packten sie unversehens
+bei den Beinen und warfen sie über die Wälle.
+Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins
+Meer gejagt.
+</p>
+
+<p>
+Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn
+nach Hannos Befehl und Beispiel hatte Magdassan die
+Stadt eingeschlossen und blieb gegen Hamilkars Bitten
+taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt
+und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit
+rückten die Barbaren an. Magdassan entfloh. Die Tore
+öffneten sich, und fortan bezeigten die beiden tyrischen
+Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche Ergebenheit,
+ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen unbegreiflichen
+Haß.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel,
+ein Aufruf. Allerorts erwachte die Hoffnung auf
+Selbständigkeit von neuem. Völker und Städte, die bis
+dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr. Alles
+begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle
+Hoffnung auf Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich
+verloren.
+</p>
+
+<p>
+Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines
+Reiches zu sichern. Er selbst beschloß, nach Karthago
+zurückzukehren, dort eine neue Aushebung zu machen und
+den Krieg abermals zu beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer,
+wie es aus den Bergen herabkam.
+</p>
+
+<p>
+Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie
+der Hunger. Durch ihre Leiden von Sinnen, wollten sie
+trotz ihrer Schwäche eine Schlacht suchen ... Doch jetzt
+wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also! Man
+konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die
+Barbaren machten sich schleunigst an die Verfolgung.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten.
+Er war diesmal breit, und kein Westwind hatte geweht.
+Die einen schwammen hindurch, die andern setzten auf
+ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie weiter.
+Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts,
+um eine Furt zu finden. Bewaffnete Banden
+aus Tunis eilten herbei, auch von Utika kamen welche.
+Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die
+Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten
+sie Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner
+aufzuhalten, ließ Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel
+hinter sich abschießen. Etliche Barbaren fielen.
+Als der Morgen dämmerte, war man in den arianischen
+Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont
+auf dem Gipfel einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen.
+Der Boden fiel allmählich ab. Obelisken, Kuppeln,
+Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er
+mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken,
+so heftig pochte sein Herz.
+</p>
+
+<p>
+Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war,
+seit er das letztemal dort geweilt hatte! Er war tief
+verwundert, wie betäubt. Dann aber ergriff ihn maßlose
+Freude bei dem Gedanken, Salambo wiederzusehen.
+Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam
+ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich.
+Bebend und mit starren Augen blickte er von der Kuppel
+des Eschmuntempels weg nach der hohen Terrasse des
+Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein verzücktes
+Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer überflute.
+Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in
+den Wind und murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer
+hob seine Brust, und Tränen, lang wie Perlen, rannen
+in seinen Bart.
+</p>
+
+<p>
+»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts!
+Der Marschall wird uns entrinnen! Was? Deine Knie
+zittern? Du schaust mich an wie ein Trunkener!«
+</p>
+
+<p>
+Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und
+indem er die Augen aufriß, als erblicke er plötzlich ein
+lang erstrebtes Ziel, setzte er hinzu:
+</p>
+
+<p>
+»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes
+Aussehn, daß Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte
+und sich fortgerissen fühlte. Die Worte des Griechen
+trafen ihn im Augenblicke tiefster Trübsal, verwandelten
+seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten seiner
+Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die
+bei der Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug
+mit dem langen Riemen aus Leibeskräften auf die Nachzügler
+ein. Abwechselnd lief er rechts und links um die
+Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde
+vorwärts treibt.
+</p>
+
+<p>
+Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen
+enger zusammen. Selbst die Lahmen beschleunigten ihren
+Schritt. Auf der Mitte der Landenge nahm der Abstand
+zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die Vorhut der
+Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager.
+Bald waren sie einander ganz nahe und berührten sich
+beinahe. Doch da taten sich das Malkaer Tor, das Tangaster
+Tor und das große Khamontor auf. Die punischen
+Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie hinein
+und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde
+aber das Gewühl so groß, daß schließlich niemand mehr
+vorwärts kam. Die Lanzen stießen in der Luft aneinander,
+während die Pfeile der Barbaren gegen die Mauern
+prallten.
+</p>
+
+<p>
+Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte
+sich um und rief seinen Leuten zu, Platz zu machen. Er
+selber saß ab und jagte sein Pferd, indem er es mit dem
+Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen
+fütterte und der in die Knie sank, wenn sein
+Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn Hamilkar zurück?
+Wollte er damit ein Opfer bringen?
+</p>
+
+<p>
+Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen
+Lanzen hinein, riß Soldaten um, verwickelte sich mit den
+Füßen in seine Eingeweide, stürzte, sprang dann mit wütenden
+Sätzen wieder auf, und während die Soldaten
+beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft zusahen,
+kamen die Karthager wieder in Ordnung und
+zogen durch das riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter
+ihnen schloß.
+</p>
+
+<p>
+Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen
+an, und ein paar Minuten lang lief durch das Heer
+vom Anfang bis zum Ende eine Wellenbewegung, die
+allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten
+gestellt, die Steine, Kugeln und Balken zu schleudern
+begannen. Spendius machte den Söldnern klar, daß sie
+nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten sich nunmehr
+in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago
+zu erobern.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die
+Grenzen des punischen Reiches hinausgedrungen. Von
+den Säulen des Herkules bis über Kyrene hinaus träumten
+die Hirten davon, während sie ihre Herden weideten,
+und die Karawanen plauderten nachts darüber beim
+Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten,
+das große Karthago anzugreifen, die Stadt, die so glänzend
+war wie die Sonne und furchtbar wie ein Gott!
+Die Königin der Meere! Man hatte schon mehrfach
+ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt,
+weil alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften
+wie die zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen
+wie die unabhängigen kleinen Stämme, kurzum
+alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um seine Macht
+beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten
+hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen.
+Die Niederlage am Makar hatte dann allerdings die
+übrigen zurückgeschreckt, aber schließlich hatten sie wieder
+Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt und näher gekommen,
+und jetzt standen die Männer aus den östlichen
+Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes.
+Sobald sie die Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.
+</p>
+
+<p>
+Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos &ndash; diese
+bildeten schon lange das dritte Heer &ndash;,
+sondern Nomaden aus der Hochebene von Barka, die
+Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne,
+aus Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste
+durchzogen und aus den Brackwasserbrunnen getrunken,
+die aus Kamelsknochen aufgemauert sind. Die Zuaesen,
+mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen
+gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier
+vor dem Gesicht, ritten rücklings auf ihren angemalten
+Stuten. Andre kamen auf Eseln, Wildeseln, Zebras
+oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren
+Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen
+Hütten mit. Man sah Ammoniter, deren Haut
+durch das Wasser der heißen Quellen runzlig war, Ataranten,
+die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die ihre
+Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner
+scheußliche Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden,
+die Läuse verzehren, und Gysanten, die mit Zinnober
+bemalt sind und Affenfleisch essen.
+</p>
+
+<p>
+Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne
+aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken
+im Wirbelwind. Auf der Mitte der Landenge machten
+die Scharen Halt, da die Söldner, die vor ihnen
+unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle
+rührten.
+</p>
+
+<p>
+Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens
+auf, Numidier. Naravas beherrschte nämlich nur die
+Massylier, und da ihnen überdies die Sitte gestattete, nach
+Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen, so hatten sie
+sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten
+Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen
+die Jäger vom Maleluth-Baal und den garaphischen
+Bergen, die Löwenfelle trugen und ihre kleinen, mageren,
+langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen lenkten.
+Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern
+aus Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen
+Kränzen aus Wachs und Harz auf den Köpfen, und endlich
+die Kauner, Makarer und Tillabaren, alle bewaffnet
+mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus Flußpferdhaut.
+Sie machten am Fuße der Totenstadt an der
+Lagune Halt.
+</p>
+
+<p>
+Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der
+Stelle, wo sie gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie
+eine schwarze sich am Boden hinwälzende Wolke aussahen.
+Sie waren aus dem weißen und schwarzen Harudsch, der
+augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen Agazymba
+gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig
+Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten
+lag. Mit ihren Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer
+schmutzigen schwarzen Haut glichen sie reifen Maulbeeren,
+die lange im Staube gerollt sind. Sie trugen
+Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern
+und die Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere.
+Indem sie wie Wölfe heulten, schwenkten sie Stangen,
+an denen Metallringe klirrten, und Kuhschwänze, die
+wie Wimpel an Stöcken flatterten.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten
+die gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir
+gelegenen Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell
+hingen auf ihrem Rücken. Sie führten an Leinen
+riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und nicht
+bellten.
+</p>
+
+<p>
+Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet
+und als ob man, um alle bösen Triebe zu versammeln,
+selbst der Hefe der Völker bedurft hätte, sah
+man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende Menschen
+mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche
+Krankheiten entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge
+von zweifelhaftem Geschlecht, Albinos, die mit roten
+Augen in die Sonne blinzelten. Sie stammelten unverständliche
+Laute und steckten die Finger in den Mund,
+zum Zeichen, daß sie Hunger hätten.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das
+Chaos der Trachten und Völker. Kein Mordwerkzeug
+fehlte, von den hölzernen Dolchen, den Steinbeilen und
+elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen,
+sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen
+gefertigt waren. Man schwang Säbel, die wie
+Antilopenhörner in mehrere Spitzen ausliefen, Messer, die
+an einem langen Strick befestigt waren, eiserne Triangel,
+Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse
+trugen kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche
+hatten Steine in Säcken mitgebracht. Andre waren
+mit leeren Händen gekommen und klapperten mit ihrem
+Gebiß.
+</p>
+
+<p>
+Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen.
+Dromedare, wie Schiffe über und über mit Teer bestrichen,
+rissen die Weiber um, die ihre Kinder auf dem
+Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man
+trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene
+Datteln und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf
+einer von Ungeziefer starrenden Brust an einer dünnen
+Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet hätten,
+schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren.
+Die meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten.
+Ein rätselhafter Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie
+her. Nomaden, die noch nie eine Stadt gesehen, empfanden
+Furcht vor dem Schatten der Mauern.
+</p>
+
+<p id="p309">
+Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt,
+und diese breite Masse, aus der die Zelte hervorragten
+wie die Häusergiebel bei einer großen Überschwemmung,
+dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen des
+waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu
+beiden Seiten des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das
+Erscheinen ihrer Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern
+oder wandelnden Häusern, die von den tyrischen
+Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit ihren
+Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs
+auf sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze,
+achtzig Schleudergeschütze, dreißig Steinböller, fünfzig
+Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei besonders
+schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben
+bis acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen,
+gegen die Untergestelle der Maschinen gestemmt,
+schoben sie vorwärts. Bei jedem Schritt erzitterten sie.
+So gelangten sie vor die Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die
+Zurüstungen vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen
+gewitzigten Söldner wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen
+opfern. Man hatte beiderseits keine Eile, wohl wissend,
+daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg
+oder völliger Vernichtung enden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten
+Mauern hatten eine Reihe vorspringender Basteien;
+eine Anlage, zur Abwehr von Stürmen sehr vorteilhaft.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer
+eingestürzt, und in dunklen Nächten sah man durch die
+verfallenen Stellen die Lichter in den Hütten von Malka,
+die hie und da höher lagen als die Wälle.
+</p>
+
+<p>
+Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber
+der Söldner mit ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten
+Männer wiedersahen, konnten sie nicht widerstehen. Sie
+winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen dann
+in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den
+Söldnern zu plaudern, und eines Morgens ward dem
+Großen Rat vermeldet, daß sie allesamt entflohen waren.
+Die einen hatten sich zwischen den Steinen hindurchgezwängt,
+andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen.
+</p>
+
+<p>
+Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte
+ihn bisher daran gehindert, und seitdem er wieder vor
+der Stadt lag, schien es ihm, als ob die Einwohner
+sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie die
+Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute
+zur Verteidigung der Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im
+Bogenschießen, indem er auf die Flamingos am Haff
+jagte. Dann, an einem mondhellen Abend, bat er Matho,
+mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer anzünden
+und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu
+lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin,
+in der Richtung auf Tunis.
+</p>
+
+<p>
+In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts
+bogen sie nach rechts und gingen stracks auf ihn
+zu. Das Terrain bot keine Deckung. Sie krochen bis an
+den Unterbau der Pfeiler.
+</p>
+
+<p>
+Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf
+und ab.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen
+auf, und Trompeten erklangen. Die Posten glaubten,
+der Feind mache einen Sturmangriff, und eilten
+der Stadt zu.
+</p>
+
+<p>
+Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz
+vom Himmel ab. Der Mond stand gerade hinter ihm,
+und der riesige Schatten des Mannes fiel weit über die
+Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg
+über ihnen stand. Da griff Zarzas nach seiner Schleuder.
+Doch aus Vorsicht oder aus Blutgier hielt Spendius ihn
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu
+viel Lärm! Ich wills tun!«
+</p>
+
+<p>
+Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das
+eine Ende gegen die große Zehe seines linken Fußes
+stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil flog ab.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand.
+»Wäre er verwundet, so würden wir ihn hören!« meinte
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie
+das erstemal, kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu
+Stockwerk hinauf. Als er oben neben dem Erschossenen
+stand, ließ er das Seil hinab. Der Balearier band einen
+Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das Lager
+zurück.
+Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder
+ruhig. Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben,
+war ins Wasser gestiegen und hatte den Gang über sich
+wieder geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte
+berechnete, gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er
+ehedem einen kleinen senkrechten Spalt in der Mauer
+bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei Stunden lang bis
+zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er durch
+die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters
+von Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem
+Tode nahe wähnte. Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock
+stürzte, von Stockwerk zu Stockwerk fallend, hinab,
+und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein voller Wasserstrom
+aus den Lüften hinab in die Ebene. Die durchbrochene
+Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod
+für die Stadt und der Sieg für die Barbaren!
+</p>
+
+<p>
+Bald darauf waren die Karthager alarmiert und
+erschienen auf den Mauern, den Häusern, den Tempeln.
+Die Barbaren stürzten laut jubelnd herbei. Wie
+rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten
+im Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen
+Mann in brauner, zerrissener Tunika. Die Hände in
+die Hüften gestemmt, beugte er sich über den Rand und
+schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk.
+</p>
+
+<p>
+Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick
+stolz über den Horizont schweifen, als wolle er sagen:
+»Das alles ist jetzt mein!« Die Karthager, die ihr Unglück
+voll begriffen, heulten vor Verzweiflung. Da begann
+Spendius auf der Plattform von einem Rande zum
+andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den
+olympischen Spielen triumphiert, hob er im Rausche
+seines Stolzes die Arme gen Himmel.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch13">XIII</h2>
+
+<h2>Moloch</h2>
+
+
+<p>
+Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren
+keines Walles. Das Hinterland war in ihrer
+Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der Stadt
+heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben
+angelegte Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete
+Matho in einem großen Halbkreise an und schloß
+damit Karthago an der Landseite vollständig ab. Das
+schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste
+Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei
+und zuhinterst das Gepäck, die Wagen und die Pferde.
+Vor der ganzen Heeresmasse, dreihundert Schritte von
+den Türmen Karthagos entfernt, standen die Geschütze
+und Belagerungsmaschinen.
+</p>
+
+<p>
+Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen,
+die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewechselt
+hatten, konnte man die Geschütze immerhin noch in
+zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit Horizontalspannung
+und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren,
+die Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile,
+auch Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller,
+warfen Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau
+abgemessene Steine, auch mächtige balkenartige Pfeile.
+Die Katapulte hießen auch Skorpione.
+</p>
+
+<p>
+Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager,
+so genannt nach den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen
+Steine werfen.
+</p>
+
+<p>
+Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte
+wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den
+härtesten Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren
+aus Erz. Die größeren Kaliber wurden nicht mit der
+Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge und dergleichen.
+Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze
+wurde durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung
+erfolgte auf Walzen. Die größten, die man
+stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts des Feindes
+zusammengesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die
+drei Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte
+er einen Widder, vor jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die
+Karroballisten, das waren die Geschütze auf fahrbaren
+Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie überschossen die
+vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus
+den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben
+zuschütten.
+</p>
+
+<p>
+Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der
+Belagerten schützen. Man schob Lauben aus Reisig und
+sogenannte Schildkröten aus Eichenholz vor, die riesigen
+Schilden glichen und auf drei Rädern liefen. Kleine,
+mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras gepolsterte
+Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die
+Katapulte und Ballisten schützte man durch Seilvorhänge,
+die in Essig getaucht waren, um sie unverbrennbar zu
+machen. Frauen und selbst Kinder halfen den Geschützbedienungen,
+indem sie die nötigen Steine suchten und
+herbeischleppten.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager rüsteten sich gleichfalls.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte,
+daß in den Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig
+Tage vorhanden sei. Diese Versicherung, seine Gegenwart
+und namentlich die des heiligen Mantels machten
+die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung,
+und auch die Einwohner nicht kanaanitischer
+Herkunft wurden durch den Eifer der andern mit fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser.
+Jeder Bürger erhielt sein Amt und seinen Posten.
+Von den Überläufern waren noch zwölfhundert da.
+Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren. Die
+Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten
+angestellt. Die Karthager besaßen noch
+einige schwere Geschütze, den Friedensbedingungen mit
+den Römern zuwider. Man setzte sie wieder instand. Die
+Handwerker verstanden sich darauf.
+</p>
+
+<p>
+Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer
+und den Golf geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die
+von den Barbaren belagerte Mauer auf der Landenge
+schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche mit
+Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte
+Steine auf der Plattform der Türme und füllte die
+Häuser, die unmittelbar an den Wall stießen, mit Sand,
+um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und Stärke zu
+zu vermehren.
+</p>
+
+<p>
+Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in
+Wut. Sie wollten den Kampf unverzüglich beginnen.
+Die Steine, mit denen sie ihre Ballisten luden, waren
+aber so ungeheuer schwer, daß die Geschütze defekt wurden.
+Der Sturm mußte aufgeschoben werden.
+</p>
+
+<p>
+Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar,
+vernahm man in der Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen
+Stoß gegen das Khamontor.
+</p>
+
+<p>
+Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder
+heran. Das war ein mächtiger Balken, der an Ketten
+wagrecht von einem Gerüste herabhing und vorn in einen
+ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den Balken
+mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen
+Reifen umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein
+Mannskörper und siebzig Meter lang. Wenn ihn die
+Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er in regelmäßigen
+Schwingungen vor und wieder zurück.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre
+Tätigkeit. In den hohlen Treträdern sah man Menschen
+von Staffel zu Staffel springen. Die Flaschenzüge und
+Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhänge sanken
+herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste
+mit einem Male los. Die Schleuderer liefen sämtlich
+in ausgeschwärmter Ordnung vor. Einige, die Töpfe
+voll brennenden Harzes unter ihren Schilden versteckt
+trugen, näherten sich dem Walle. Dort schleuderten
+sie sie aus Leibeskräften hinüber. Der Pfeil-, Kugel- und
+Feuerregen überflog die oben Kämpfenden und fiel im
+Bogen hinter den Mauern nieder. Auf deren Kamm
+aber erhoben sich lange Kräne, wie sie zum Aufrichten
+der Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie ließ
+man riesige Zangen herab, die in zwei innerlich gezahnte
+Halbkreise ausliefen. Diese packten je einen Widder.
+Die Söldner klammerten sich am Balken fest und zerrten
+ihn rückwärts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor.
+Dieses Ringen dauerte bis zum Abend.
+</p>
+
+<p>
+Als die Söldner am nächsten Morgen den Angriff wieder
+aufnahmen, hingen von den Zinnen der Mauern
+überall Baumwollballen, Decken und Kissen herab, und
+die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen den
+Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe
+von großen Gabeln und Hackmessern, die an Stangen
+befestigt waren. Alsbald begann abermals ein wütender
+Widerstand.
+</p>
+
+<p>
+Baumstämme, von Tauen gehalten, stürzten abwechselnd
+auf die Widder herab und wurden dann wieder hoch gezogen.
+Mit Haken, die durch die Geschütze geworfen
+wurden, riß man die Dächer von den Schutzlauben, und
+von der Plattform der Türme regneten Ströme von
+Ziegeln und Steinen herab.
+</p>
+
+<p>
+Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das
+Khamontor ein. Indessen hatten die Karthager den Torbogen
+mit einer solchen Fülle von Gegenständen verrammelt,
+daß die Flügel nicht aufgingen, sondern stehen
+blieben.
+</p>
+
+<p>
+Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die,
+in den Fugen eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten.
+Die Geschütze wurden nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften
+in Nummern und Ablösungen abgeteilt.
+Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt
+mit der eintönigen Genauigkeit von Webstühlen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius war unermüdlich darin, die Richtungen der
+Geschütze zu prüfen. Er half eigenhändig beim Spannen
+der Ballisten. Da die Spannung rechts wie links
+völlig gleichsein mußte, schlug man, während des Anziehens
+der Spannerven, abwechselnd auf den rechten
+und den linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen
+Klang gaben. Spendius stieg auf die Lafetten und stieß
+mit der Fußspitze leise an die Sehne. Dann lauschte
+er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier stimmt.
+Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschütze
+losgingen, wenn die Säulen der Ballisten vom Rückschlag
+erzitterten, wenn die Steine der Böller und die Pfeile
+der Katapulte dahinsausten, dann beugte er sich mit dem
+ganzen Körper vor und fuhr mit den Händen in die Luft,
+um der Flugbahn zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und
+führten seine Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte
+sie, und unter Anknüpfung an die Bezeichnungen der einzelnen
+Maschinen machten sie Witze. Weil die Zangen
+zum Packen der Widder »Wölfe« hießen und die bedeckten
+Gänge »Weinlauben«, so nannten sie sich selbst
+die »Lämmer«, oder sie scherzten, es gehe »zur Weinlese«.
+Beim Spannen der Onager riefen sie: »Los! Schlag
+mal tüchtig aus!« und zu den Skorpionen: »Stich mal
+feste!« Diese Späße &ndash; immer dieselben &ndash; hielten ihren Mut
+aufrecht.
+</p>
+
+<p>
+Doch die Geschütze vermochten der großen Mauer keine
+Bresche beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei
+Mauern, mit Erde dazwischen. Man zerstörte zwar die
+oberen Teile, doch die Belagerten besserten sie immer
+wieder aus. Matho befahl, Holztürme zu bauen, ebenso
+hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man
+warf Rasenstücke, Balken, große Steine, ganze Karren
+Sand samt ihren Rädern in den Graben, um ihn
+möglichst rasch zu füllen. Und noch ehe er ganz zugeschüttet
+war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren
+mit einem Male von der Landenge her und brandete
+gegen den Fuß der Mauern, wie ein überschäumendes
+Meer.
+</p>
+
+<p>
+Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrücken,
+sogenannte Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei
+Mastbäumen, von denen sich an Tauen und Leitrollen
+eine bewegliche Brücke herabsenkte. Man brachte eine
+Reihe solcher Fallbrücken an die Mauer heran und ließ
+die Brücken im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen.
+Die Söldner stiegen sodann einer hinter dem andern mit
+Waffen in der Hand die schräge Brücke hinauf. Kein
+Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten ziemlich
+nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien
+gleich Drachenschlünden Feuer und Rauch aus.
+</p>
+
+<p>
+Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen
+zu Füßen der Mauer durch die Ritzen der Rüstungen.
+Siedendes Steinöl floß über die Kleider, flüssiges
+Blei rann über die Helme und brannte Löcher ins
+Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer
+gewordene Augenhöhlen schienen mandeldicke Tränen zu
+weinen. Männern, die mit Öl begossen worden waren,
+brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und steckten
+die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem
+man ihnen von weitem blutgetränkte Mäntel überwarf.
+Manche, die unverwundet aussahen, blieben unbeweglich
+und steifer als Pfähle mit offenem Munde und ausgestreckten
+Armen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer
+wieder erneuert. Die Söldner hofften durch ein Übermaß
+von Kraft und Kühnheit zu siegen.
+</p>
+
+<p>
+Hier und da sprangen Männer auf die Schultern der
+andern, bohrten eiserne Stäbe in die Steinfugen, benutzten
+sie als Sprossen zum Hinaufklettern, wobei sie
+einen zweiten und dritten einbohrten. Dadurch gelangten
+sie, durch die vorspringende Mauerzinne über ihnen geschützt,
+allmählich empor. Doch aus einer gewissen Höhe
+stürzten sie rettungslos herab. Der große Graben war
+bald bis über den Rand mit Leichen gefüllt. Unter den
+Füßen der Lebenden lagen Verwundete, Tote und Sterbende
+bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden
+Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten
+halbverkohlte Stümpfe wie schwarze Flecken. Arme und
+Beine ragten halb aus Leichenhügeln hervor, wie Pfähle
+in einem ausgebrannten Weinberg.
+</p>
+
+<p>
+Da man mit den Sturmleitern und Fallbrücken nichts
+ausrichtete, begann man die Tollenonen zu gebrauchen,
+Gerüste mit einem langen Kran, der einen großen viereckigen
+Korb dirigierte, in dem dreißig Mann samt ihren
+Waffen Platz finden konnten.
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen,
+der bereit war; aber Spendius hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der
+Korb schwebte langsam in die Höhe. Die Soldaten
+darin duckten sich eng aneinander, bis ans Kinn versteckt.
+Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb fünfzig
+Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann
+senkte er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf
+seiner Hand eine Schar von Zwergen trägt, und setzte
+schließlich den mit Menschen gefüllten Korb oben auf der
+Stadtmauer ab. Die Soldaten stürzten sich auf die Gegner
+und kehrten niemals zurück.
+</p>
+
+<p>
+Flugs wurden auch die übrigen Tollenonen aufgestellt.
+Doch um die Stadt zu erobern, hätte man ihrer hundertmal
+mehr haben müssen. Man gebrauchte sie nun auf
+eine mörderische Weise. Äthiopische Bogenschützen traten
+in die Körbe und wurden hochgezogen. Nachdem man
+die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Körbe
+in der Schwebe, und die Schützen schossen mit vergifteten
+Pfeilen. So umringten die fünfzig Tollenonen, von denen
+man die Zinnen beherrschte, Karthago wie riesige Geier.
+Die Neger lachten, wenn sie die Wallverteidiger unter
+fürchterlichen Zuckungen sterben sahen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern.
+Er ließ sie alle Morgen vor dem Ausrücken den Saft
+gewisser Kräuter trinken, der sie gegen das Gift feien
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen
+auf Barken und Flößen ein, fuhr in südlicher
+Richtung aus dem Hafen hinaus und landete an der
+Taenia. Von dort rückte er bis an die äußersten Stellungen
+der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und
+richtete unter ihnen ein Blutbad an. Auch wurden nachts
+Männer mit Fackeln an Seilen von den Mauern herabgelassen.
+Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Söldner
+in Brand und wurden dann wieder emporgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Matho war erbittert. Jede Verzögerung, jedes neue
+Hindernis steigerte seine Wut. Er verfiel auf fürchterliche
+und sonderbare Dinge. So lud er Salambo in
+Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann.
+Sie kam natürlich nicht. Das schien ihm ein neuer
+Verrat, und fortan verabscheute er sie. Hätte er ihren
+Leichnam gesehen, so wäre er vielleicht abgezogen. Er
+verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fuße der Stadtmauern
+Gabeln auf, legte Fußangeln an und befahl
+seinen Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen,
+den er anzünden wollte, um Karthago auszuräuchern wie
+einen Fuchsbau.
+</p>
+
+<p>
+Spendius betrieb die Belagerung mit zäher Hartnäckigkeit.
+Er suchte schreckliche Maschinen zu erfinden, wie
+man noch nie welche hergestellt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge
+lagerten, wunderten sich über die Saumseligkeit
+der Belagerung und begannen zu murren. Man ließ
+sie stürmen.
+</p>
+
+<p>
+Sie berannten mit ihren Säbeln und Wurfspießen die
+Tore. Doch ihre nackten Leiber waren mit Leichtigkeit
+kampfunfähig zu machen. Die Karthager erschlugen sie
+in Massen, und die Söldner freuten sich darüber, ohne
+Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plünderung.
+Zwiste und Kämpfe brachen unter den Belagerern aus.
+Da das Hinterland verwüstet war, fing man an, sich
+um die Lebensmittel zu reißen. Viele verloren den Mut,
+und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war
+so groß, daß dies nicht in Betracht kam.
+</p>
+
+<p>
+Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch
+Hamilkar erriet stets die Richtung der Gänge, indem
+er sein Ohr an einen ehernen Schild legte. Er grub
+in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die Holztürme
+darüber hinwegfahren mußten. Wenn man sie dann am
+andern Tage vorschob, brachen sie ein.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, daß die
+Stadt uneinnehmbar war, solange man nicht einen
+langen Erdwall in gleicher Höhe mit der Stadtmauer aufwarf,
+der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher
+Höhe zu kämpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden,
+um die Geschütze darauf hin und her fahren zu können.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber konnte Karthago unmöglich länger Widerstand
+leisten!
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das
+Wasser, das zu Beginn der Belagerung zwei Kesitah
+das Bat gegolten hatte, kostete jetzt einen Silbersekel.
+Auch die Fleisch- und Kornvorräte nahmen stark ab. Man
+fürchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von
+unnützen Mäulern, was alle Welt in Schrecken setzte.
+</p>
+
+<p>
+Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten
+Leichen die Straßen; und da es Hochsommer war, quälten
+große schwarze Fliegen die Kämpfenden. Greise schafften
+die Verwundeten fort. Fromme feierten Scheinbegräbnisse
+von Verwandten und Freunden, die draußen auf
+dem Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit
+Haaren und Kleidern lagen quer vor den Türen und
+schmolzen unter der Hitze der neben ihnen brennenden
+Kerzen. Die Bemalung lief ihnen über die Schultern.
+Tränen aber rannen über die Gesichter der Lebenden,
+die um sie herum ihre Klagelieder sangen. Währenddem
+lief die Menge auf den Straßen hin und her. Scharen
+Bewaffneter zogen vorüber. Die Hauptleute gaben laute
+Befehle. Dazu hörte man immerfort den Stoß der Widder,
+die draußen gegen den Wall donnerten.
+</p>
+
+<p>
+Die Witterung ward so schwül, daß die Leichen aufschwollen
+und nicht mehr in die Särge hineinpaßten.
+Man verbrannte sie auf den Höfen. Doch in der Enge
+sprang das Feuer auf die benachbarten Wände über,
+und plötzlich schossen lange Flammen aus den Häusern,
+wie Blut, das aus einer Ader in die Höhe spritzt. So
+hauste Moloch in Karthago. Er umzingelte draußen die
+Wälle, wälzte sich innen durch die Straßen und verzehrte
+alles, selbst die Toten.
+</p>
+
+<p>
+Männer, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mäntel
+aus aufgelesenen Lappen trugen, stellten sich an den
+Straßenecken auf. Sie führten Reden gegen die Alten,
+gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den völligen
+Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben,
+alles zu zerstören. Die Gefährlichsten waren die Bilsenkrauttrinker.
+In ihrem Taumel hielten sie sich für wilde
+Tiere, sprangen die Vorübergehenden an und zerfleischten
+sie. Um sie herum entstanden Aufläufe. Man vergaß darüber
+die Verteidigung der Stadt. Der Suffet fand Abhilfe.
+Er besoldete Mitbürger, die seine Politik vertraten.
+</p>
+
+<p>
+Um die Geister der Götter in Karthago festzuhalten,
+hatte man ihre Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man
+hüllte die Kabiren in schwarze Schleier und umhing die
+Altäre mit härenen Decken. Man versuchte, den Ehrgeiz
+und die Eifersucht der einzelnen Götter anzustacheln,
+indem man ihnen ins Ohr brüllte: »Du willst dich besiegen
+lassen! Sind fremde Götter am Ende stärker? Ermanne
+dich! Hilf uns! Sonst sagen die andern Völker
+gar: Wo sind jetzt Karthagos Götter!«
+</p>
+
+<p>
+Beständige Angst erfüllte die Priesterschaften, besonders
+die Priester der Mondgöttin, weil die Rückkehr des heiligen
+Mantels nichts genützt hatte. Sie hielten sich in der
+dritten Umfriedigung eingeschlossen, die uneinnehmbar
+war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich
+hinaus: der Oberpriester Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem
+Schweigen und schaute sie mit starren Blicken an,
+oder er machte ihr in einer Flut von Worten härtere
+Vorwürfe denn je.
+</p>
+
+<p>
+Infolge eines unerklärlichen Widerspruches verzieh er
+ihr nicht, daß sie seinen Befehlen folgsam gewesen war.
+Schahabarim hatte alles erraten. Aber diese Vermutung,
+die nicht von ihm wich, mehrte seine ohnmächtige
+Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges
+zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um
+den Zaimph wieder zu erobern. Dabei überschüttete er
+den Barbaren, der sich anmaße, heilige Dinge zu besitzen,
+mit Verwünschungen und Spott. Und doch wollte
+der Priester damit etwas ganz anderes ausdrücken.
+</p>
+
+<p>
+Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die
+Beängstigungen, an denen sie früher gelitten, hatten sich
+verloren. Eine seltsame Ruhe erfüllte sie. Ihre Blicke
+waren nicht mehr unstet, und ihre Augen glänzten in
+klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals
+erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr
+sichtlich gesünder ward, so freute sich die alte Taanach
+darüber. Sie war überzeugt, daß das Tier durch sein
+Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich
+zusammengerollt, kälter als Marmor. Sein Kopf wimmelte
+von Würmern. Auf ihr Geschrei kam Salambo
+herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der
+Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt über
+die Gleichgültigkeit ihrer Herrin.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit
+dem alten Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf
+dem flachen Dache des Schlosses, die Ellbogen auf die
+Brüstung gelehnt, und belustigte sich damit, Ausschau zu
+halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der
+Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel
+ab, und die Lanzen der Posten bildeten längs seiner
+Krone einen Stachelzaun. Jenseits der Mauern erblickte
+sie zwischen den Türmen die Bewegungen der
+Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte,
+konnte sie sogar erkennen, was sie in ihren Lagern trieben.
+Sie flickten ihre Rüstungen aus, salbten sich das
+Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen Arme im
+Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraßen.
+Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen
+wie einen silbernen Krummsäbel am Fuße der
+Berge blinken. Schahabarims Worte kamen ihr wieder
+in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas,
+aber trotz ihres Hasses hätte sie auch Matho gern wiedersehn
+mögen. In ganz Karthago war sie vielleicht der
+einzige Mensch, der ohne Furcht mit ihm gesprochen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend
+auf die Kissen und betrachtete sie mit fast zärtlicher
+Miene, als fände er in ihrem Anblick eine Erholung
+von seinen Mühsalen. Mehrfach forschte er sie
+über ihre Reise in das Lager der Söldner aus. Er
+fragte sogar einmal, ob sie nicht doch von jemandem
+dazu angestiftet worden sei. Sie verneinte es durch eine
+Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf, den heiligen
+Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der
+Suffet unter dem Vorwande, militärische Dinge zu erkunden,
+auf Matho zurück. Insgeheim begriff er nicht,
+wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte gewesen war. Auch
+von Gisgo erzählte Salambo nichts, denn da &ndash; nach
+ihrem Glauben &ndash; schon bloße Worte eine wirkliche Macht
+besitzen, so konnten Verwünschungen, die man jemandem
+berichtete, sich gegen ihn kehren. Ebenso verschwieg sie
+ihr Mordgelüst, aus Furcht, getadelt zu werden, weil sie
+dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der
+Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr
+laut gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzählte
+Salambo nicht, vielleicht aus Scham, vielleicht
+auch, weil sie in ihrer großen Unschuld den Küssen des
+Soldaten keine Bedeutung beimaß. Überdies flossen alle
+jene Vorgänge in ihrem Kopfe wehmütig und wirr durcheinander
+wie die Erinnerung an einen schweren Traum.
+Sie hätte nicht gewußt, auf welche Weise und mit welchen
+Worten sie alles hätte ausdrücken sollen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als sie so einander gegenübersaßen, trat
+Taanach ganz bestürzt ein. Ein Greis mit einem Kinde
+sei unten im Hofe und wolle den Suffeten sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch:
+</p>
+
+<p>
+»Er soll heraufkommen!«
+</p>
+
+<p>
+Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er führte
+einen Knaben an der Hand, der in einen Mantel aus
+Bocksfell gehüllt war. Er zog rasch die Kapuze zurück,
+die das Gesicht des Knaben verhüllte, und sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Da ist er, Herr! Nimm ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des
+Gemaches zurück.
+</p>
+
+<p>
+Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht
+stehen geblieben und musterte mit einem mehr neugierigen
+als erstaunten Blick die Zimmerdecke, das Hausgerät,
+die Perlenschnüre auf den Purpurvorhängen und
+das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte.
+</p>
+
+<p>
+Er war etwa zehn Jahre alt und nicht größer als ein
+Römerschwert. Krause Haare beschatteten seine gewölbte
+Stirn. Seine Augen sahen mit Vorliebe in die Ferne.
+Die feinen Nasenflügel vibrierten ihm. Über seiner ganzen
+Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie
+ihn die haben, die zu großen Taten vorbestimmt sind.
+Als er seinen schweren Mantel abgeworfen hatte, stand
+er in einem Luchsfell da, das seine Hüften umkleidete,
+und stampfte mit seinen kleinen bloßen Füßen,
+die weiß vom Staube waren, fest auf die Fliesen.
+Offenbar erriet er, daß man wichtige Dinge verhandelte,
+denn er blieb unbeweglich stehen, eine Hand auf
+dem Rücken und den Kopf gesenkt, einen Finger im
+Munde.
+</p>
+
+<p>
+Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte
+leise zu ihr:
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand,
+selbst keiner im Hause, darf um sein Dasein wissen!«
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Tür fragte er Iddibal noch einmal, ob er
+sicher sei, daß ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe.
+</p>
+
+<p>
+»Sicherlich niemand!« versetzte der Sklave. »Die Straßen
+waren leer.«
+</p>
+
+<p>
+Da sich der Krieg über alle Provinzen ausdehnte, hatte
+Iddibal um den Sohn seines Herrn Angst bekommen,
+und da er nicht wußte, wo er ihn verbergen sollte, war
+er in einem Boot an der Küste entlang gefahren. Drei
+Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wälle
+beobachtet. Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung
+des Khamontempels menschenleer war, hatte er
+die Durchfahrt schnell passiert und war am Arsenal gelandet.
+Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel
+später freilich legten die Barbaren ein riesiges Floß davor,
+um den Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Außerdem
+errichteten sie hölzerne Türme. Gleichzeitig stieg
+auch der Erdwall empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Verbindung nach außen war nunmehr abgeschnitten,
+und eine unerträgliche Hungersnot begann.
+</p>
+
+<p>
+Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann
+auch die fünfzehn Elefanten, die der Suffet zurückgebracht
+hatte. Die Löwen des Molochtempels waren toll geworden,
+und die Tempeldiener wagten sich nicht mehr
+an sie heran. Man fütterte sie anfangs mit verwundeten
+Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch
+warm waren. Aber die Bestien verschmähten sie, und so
+starben sie sämtlich. In der Dämmerung irrten Leute längs
+der alten Mauern zwischen der Altstadt und Megara hin
+und pflückten zwischen den Steinen Kräuter und Blumen,
+die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden.
+Andre schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten
+und drangen in die Zelte, um Nahrungsmittel zu
+rauben. Die Barbaren waren darüber so verblüfft, daß sie
+die Dreisten bisweilen entkommen ließen. Endlich kam der
+Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich
+zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mähnen
+die Priester mit goldenen Bändern durchflochten. Sie
+versinnbildlichten die Bewegung der Sonne, die Idee
+des Feuers in seiner höchsten Gestalt. Ihr Fleisch wurde
+in gleichgroße Stücke zerlegt und hinter dem Altar vergraben.
+Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht
+vorschützend, allabendlich zum Tempel hinauf und sättigten
+sich verstohlen. Auch nahmen sie unter ihrem Gewande
+Stücke für ihre Kinder mit. In den einsamen
+Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten
+sich die weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern
+verrammelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Steine der feindlichen Geschütze und die Zerstörungen,
+die zur Verteidigung der Stadt angeordnet worden
+waren, hatten die Straßen mit Schutt und Trümmern
+erfüllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft schreiende
+Volksmassen durch. Von der Höhe der Burg betrachtet,
+sahen die Feuersbrünste wie hie und da auf die flachen
+Dächer geworfene Purpurtücher aus, die im Winde zu
+flattern schienen.
+</p>
+
+<p>
+Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten
+Geschütze der Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie
+anrichteten, waren außerordentlich. So ward der Kopf
+eines Mannes bis an den Giebel der Syssitien geschleudert.
+In der Kinisdostraße ward eine Wöchnerin von
+einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr
+Kind mitsamt dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag
+geworfen, wo man die Decke wiederfand.
+</p>
+
+<p>
+Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln.
+Sie fielen auf die Dächer, in die Gärten und in die
+Höfe, während man ängstlich beim kargen Mahle saß.
+Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte Buchstaben,
+die sich in das Fleisch eindrückten. So konnte man auf
+der Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: »Schwein!«
+»Raubtier!« »Dreck!« oder Spöttereien wie: »Fang
+mich!« oder »Ich habs verdient!«
+</p>
+
+<p>
+In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag,
+wurden Breschen gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner
+von Malka zwischen der alten Mauer, die Megara
+von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern des
+Burgbezirks im Rücken und den Barbaren von vorn eingekeilt.
+Doch man hatte genug zu tun, die Innenmauer am
+Burgberge instand zu setzen und sie so hoch wie möglich
+zu machen. Man konnte sich nicht um arme Leute kümmern
+und ließ sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich
+sie allgemein verhaßt waren, erregte das doch einen
+großen Abscheu gegen Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage darauf öffnete er die Keller, in denen er
+sein Getreide aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten
+es unter das Volk. Drei Tage lang stopfte man sich
+damit voll.
+</p>
+
+<p>
+Der Durst ward nun erst recht unerträglich. Dabei
+hatte man immerfort die große Kaskade vor Augen, in
+der das klare Wasser der zerstörten Leitung herabplätscherte.
+Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf,
+umhüllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen
+schwang sich darüber. Ein kleiner Bach aber
+schlängelte sich durch die Ebene und ergoß sich in das
+Haff.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein
+Ereignis, auf etwas Entscheidendes, auf ein Wunder.
+Seine Sklaven rissen die silbernen Platten vom Melkarthtempel.
+Im Hafen zog man vier große Transportschiffe
+ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende
+der Straße der Mappalier und durchbrach dort die Mauer
+zwischen Straße und Meer. Die Schiffe gingen von da
+aus nach Gallien in See, um dort um jeden Preis Söldner
+anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem
+großen Ärger vom Numidierfürsten abgeschnitten, obwohl
+er wußte, daß Naravas hinter den Barbaren
+stand, bereit, ihnen in den Rücken zu fallen. Naravas
+war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff
+wagen. Der Suffet ließ den Wall um drei Meter erhöhen,
+alles Kriegsgerät aus den Zeughäusern nach der
+Burg schaffen und die Geschütze abermals ausbessern.
+</p>
+
+<p>
+Zu den Spannerven der Steingeschütze benutzte man
+Genicksehnen von Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen.
+Nun aber gab es in Karthago weder Hirsche noch
+Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten das
+Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das
+genügte noch nicht. In den Gebäuden der Syssitien befanden
+sich zwölfhundert mannbare Sklavinnen, die für
+die Prostitution in Griechenland und in Italien bestimmt
+waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den Gebrauch
+von Salben, vorzüglich geeignet gewesen wäre.
+Doch der Verlust hätte sich später zu fühlbar gemacht. Daher
+ward beschlossen, unter den Frauen der Plebejer das
+schönste Haar auszuwählen. Aber gleichgültig gegen
+die Bedürfnisse des Vaterlandes schreien sie verzweifelt,
+als die Schergen der Hundertmänner mit Scheren kamen
+und Hand an sie legten.
+</p>
+
+<p>
+Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von
+weitem, wie sie Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen
+damit zu ölen. Andre rissen den Toten die
+Nägel von den Händen und Füßen und nähten sie Stück
+für Stück aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam
+auf den Einfall, Gefäße voll Schlangen, die von Negern
+herbeigebracht wurden, in die Ballisten zu laden. Die
+so in die Stadt geschleuderten Tontöpfe zerbrachen
+auf dem Pflaster, die Schlangen schlüpften heraus und
+waren schließlich in solchen Mengen anzutreffen, daß
+es aussah, als kämen sie aus den Mauern. Fortwährend
+verbesserten die Barbaren ihre Erfindungen, da sie ihnen
+noch immer nicht genügten. Sie schleuderten Unrat aller
+Art, Menschenkot, Stücke von Aas und Leichen. Die Pest
+brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zähne
+aus dem Munde, und ihr Zahnfleisch ward blaß, wie
+das der Kamele nach einer allzu weiten Reise.
+</p>
+
+<p>
+Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt,
+obwohl er noch nicht überall die Höhe der Stadtmauer
+erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig Steintürmen erhoben
+sich dreiundzwanzig hölzerne. Alle Tollenonen
+waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte
+die furchtbare »Helepolis«, eine Erfindung von Demetrius
+Poliorketes, eine fahrbare Riesenbatterie, die Spendius
+mühselig nachkonstruiert hatte. Sie hatte die Gestalt
+einer oben abgestumpften Pyramide, ähnlich wie der Leuchtturm
+von Alexandria. Die Seitenlänge ihrer quadratischen
+Basis betrug fünfundzwanzig Meter, ihre Höhe fünfzig
+Meter. Sie bestand aus neun Stockwerken, eins immer
+kleiner, im Durchmesser wie in der Höhe, als das andre.
+Die Front und die beiden Seiten waren mit Eisenblech
+ausgeschlagen und mit zahlreichen Schießscharten versehen.
+Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt.
+Der ganze Turm war voller Soldaten und durch
+sechsundzwanzig Geschütze, darunter zehn schwere, armiert.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ließ Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder
+kommen sollte, der von Übergabe rede. Sogar Frauen
+wurden als Soldaten eingestellt. Man schlief auf den
+Straßen und wartete voller Bangigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang &ndash; es war am
+siebenten Tage des Monats Nyssan &ndash; vernahm man
+in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das alle Barbaren
+draußen zugleich ausstießen. Die bleiernen Fanfaren
+schmetterten dumpf, und die großen paphlagonischen
+Hörner brüllten wie Stiere. Alles sprang auf und eilte
+nach dem Walle.
+</p>
+
+<p>
+Ein Wald von Lanzen, Spießen und Schwertern wälzte
+sich heran und brandete an die Mauern. Sturmleitern
+wurden angelegt, und in den Scharten der Brustwehren
+tauchten Barbarenköpfe auf.
+</p>
+
+<p>
+Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten
+gegen die Tore. An den Stellen, wo kein Erdwall gegenüberstand,
+rückten die Söldner in geschlossenen Kompagnien
+zur Zerstörung der Mauer heran. Das erste
+Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und
+die übrigen duckten sich stufenweise immer weniger, so
+daß die letzten ganz aufrecht standen, während an andern
+Stellen, wo man dadurch eine Art Treppe schaffen wollte,
+die Aufrechtstehenden zuvorderst und die Liegenden zuhinterst
+standen. Alle drückten mit der Linken den Schild
+auf ihren Helm und hielten die Ränder so dicht zusammen,
+daß sie wie ein Haufen großer Schildkröten aussahen.
+An diesen schrägen Dächern glitten die Geschosse
+ohnmächtig ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager schleuderten Mühlsteine, Mörserkeulen,
+Bottiche, Tonnen und Bettstellen herab, alles, was Gewicht
+hatte und jemanden erschlagen konnte. Manche
+lauerten mit Netzen an den Scharten, und wenn ein
+Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt
+und wie ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar
+die Zinnen um. Die Mauerstücke stürzten hinab und
+wirbelten große Staubwolken auf. Die schweren Geschütze
+auf den Wällen beschossen sich gegenseitig. Ihre Steine
+prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in
+tausend Stücke, wodurch die Kämpfer von einem dichten
+Steinsplitterhagel überschüttet wurden.
+</p>
+
+<p>
+Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch
+einen einzigen Strom von Menschenleibern, der den Raum
+zwischen den beiden Wällen erfüllte und, an den Rändern
+etwas dünner, beständig hin und her wogte, ohne seinen
+Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem Boden
+liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten
+sich über die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an
+ihren Schleiern hinab, und ihre plötzlich entblößten weißen
+Leiber glänzten in den Armen der Neger, die ihnen den
+Dolch ins Gekröse stießen. In dem ungeheuren Gedränge
+fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der Lebendigen
+hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht
+weiter, mit starren Augen. Manche, denen beide Schläfen
+von einem Wurfspieß durchbohrt waren, wiegten den
+Kopf wie Bären. Zum Schreien geöffnete Lippen blieben
+aufgesperrt. Abgehauene Hände flogen umher. Es
+fielen mächtige Streiche, von denen die Überlebenden
+noch lange sprachen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen sprühten die Pfeile von den Stein- und
+Holztürmen. Die Tollenonen bewegten rastlos ihre langen
+Arme. Die Barbaren hatten den alten Begräbnisplatz
+der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt geplündert und
+schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter der
+Last zu schwerer Körbe rissen bisweilen die Taue der
+Sturmkrane. Ganze Knäuel von Menschen stürzten mit
+emporgestreckten Armen aus den Lüften herab.
+</p>
+
+<p>
+Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten
+hartnäckig gegen die Taenia angestürmt, um
+in den Hafen zu dringen und die Flotte zu zerstören.
+Hamilkar ließ auf dem Dache des Khamontempels ein
+Feuer aus feuchtem Stroh anzünden. Der Rauch trieb den
+Angreifern in die Augen und blendete sie. Da warfen sie
+sich nach links und vermehrten das fürchterliche Getümmel
+in Malka. Kompagnien aus kräftigen, eigens dazu
+ausgewählten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt.
+Hohe Verhaue aus nägelbeschlagenen Brettern
+hielten sie auf. Ein viertes Tor gab mühelos nach. Man
+stürmte im Laufschritt durch und stürzte in eine Grube,
+in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten.
+Autarit und seine Leute zerstörten die südlichste Bastei der
+Mauer, deren Durchgänge mit Ziegeln verbaut worden
+waren. Dahinter stieg das Gelände an. Man eilte im
+Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine zweite Mauer
+aus Steinen und großen wagerechten Balken, die schachbrettförmig
+angeordnet waren. Das war eine gallische
+Art, die der Suffet den Bedürfnissen des Augenblicks
+angepaßt hatte. Die Gallier glaubten sich vor einer
+Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne Nachdruck an und
+wurden zurückgeworfen.
+</p>
+
+<p>
+Von der Khamonstraße bis zum Gemüsemarkt war jetzt
+der ganze innere Wallgang im Besitze der Barbaren.
+Die Samniter machten den Sterbenden mit Lanzenstichen
+den Garaus. Andre blickten, mit einem Fuß an der
+Mauer stehend, auf die rauchenden Trümmer zu ihren
+Füßen und sahen von weitem der Schlacht zu, die von
+neuem begann.
+</p>
+
+<p>
+Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit
+großen Abständen voneinander aufgestellt waren, schossen
+unablässig. Doch vielfach waren die Federn an den akarnanischen
+Schleudern durch den übermäßigen Gebrauch zerbrochen,
+und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten
+Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln
+mit Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen
+schwarzen Haar, das ihm die Schultern umwallte, sprang
+bald hierin, bald dorthin und feuerte die Balearier an. An
+seinen Hüften hingen zwei Hirtentaschen, in die er unaufhörlich
+mit der Linken griff, während sein rechter Arm
+sich schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad.
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten,
+um den Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn
+am Golfe bei den Söldnern, an der Lagune bei den Numidiern
+und am Ufer des Haffs zwischen den Negern gesehen.
+Unaufhörlich trieb er die aus der Tiefe der Ebene
+anstürmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen
+vor. Allmählich kam er ihnen selbst näher. Der Blutgeruch,
+der Anblick des Gemetzels und das Trompetengeschmetter
+steigerten seine Kampfeslust. Darum war
+er in sein Zelt zurückgekehrt, hatte seinen Harnisch abgeworfen
+und sein Löwenfell angelegt, das für den Nahkampf
+bequemer war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte
+seinen Kopf und umsäumte sein Gesicht mit einem
+Kreise von Raubtierzähnen. Die beiden Vordertatzen
+kreuzten sich über seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen
+schlugen ihm in die Kniekehlen.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt
+blitzte. Sein großes Schwert mit beiden Händen
+schwingend, warf er sich ungestüm in eine der Breschen.
+Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige abschneidet und
+deren so viel wie möglich abzuschlagen trachtet, um recht
+viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mähte die
+Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von
+der Seite zu fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf
+nieder. Wer ihn von vorn angriff, den durchbohrte
+er. Fliehenden spaltete er den Schädel. Einmal sprangen
+ihm zwei Männer zugleich auf den Rücken. Mit einem
+Satze sprang er rückwärts gegen ein Tor und zerquetschte
+sie. Sein Schwert hob und senkte sich in einem fort. An
+einer Mauerecke zersprang es. Da faßte er seine schwere
+Axt und schlachtete die Karthager vor und hinter sich ab
+wie eine Hammelherde. Sie wichen vor ihm zurück, und
+so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer
+am Fuße des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte
+Gegenstände sperrten die Treppenstufen und überragten
+die Mauer. Inmitten dieser Trümmer wandte sich Matho
+um und rief seine Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Er sah Helmbüsche hier und da über der Menge. Dann
+tauchten sie unter. Ihre Träger waren in Gefahr. Matho
+stürzte ihnen entgegen. Da zog sich der weite Kranz
+roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den Führer
+erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergoß
+sich ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen.
+Der Libyer wurde um die Hüften gepackt, hoch gehoben
+und bis vor die Mauer zu einer Stelle gerissen,
+wo die Befestigung besonders hoch war.
+</p>
+
+<p>
+Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich
+auf die Helme. Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett
+zur Mauer zu bekommen und wieder in die Stadt
+einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend, lief er
+über die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein
+Meergott, der seinen Dreizack über den Fluten schwingt.
+</p>
+
+<p>
+Indessen schritt ein Mann in weißem Gewande, gleichgültig
+und fühllos gegen den Tod, der ihn umringte, auf
+der Krone des Walles hin. Bisweilen legte er seine
+Hand über die Augen, als spähe er nach jemandem aus.
+Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des
+Mannes flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte
+sich. Seine beiden mageren Arme erhebend, rief er dem
+Libyer Schmähworte zu.
+</p>
+
+<p>
+Matho verstand sie nicht, aber er fühlte sich von einem
+so grausamen Blicke durchbohrt, daß er ein Gebrüll ausstieß.
+Er schleuderte seine langstielige Axt nach ihm. Es
+war Schahabarim. Leute warfen sich auf den Priester.
+Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschöpft zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ein fürchterliches, donnerndes Geräusch näherte sich,
+vermischt mit dem Klange rauher, im Takt singender
+Stimmen. Es war die mächtige Helepolis, inmitten von
+mehreren hundert Söldnern. Man zog sie mit beiden
+Händen an Seilen oder schob mit den Schultern nach,
+denn obwohl sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer
+nur mäßig hob, so war diese schwache Steigung
+doch für einen Wandelturm von so fabelhafter Schwere
+Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen
+Meter breite Räder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie
+sich seit Morgen nur langsam vorwärts, gleich wie ein Berg,
+der sich über einen andern wälzt. Aus ihrem untersten
+Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor. An den drei
+Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden
+heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine
+große Schar gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen,
+die durch alle Stockwerke liefen, stiegen immerfort
+welche hinauf und hinunter. Andre warteten darauf,
+hervorzustürzen, sobald die Haken der Fallbrücken die
+Mauer gefaßt hätten. Hinter den Schießscharten drehten
+sich die Stränge der Ballisten, und die Schnellbalken der
+Schleudergeschütze gingen hoch und nieder.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache
+des Melkarthtempels. Er hatte berechnet, daß die Helepolis
+gerade auf ihn zukommen und gegen eine unersteigliche
+Stelle der Mauer anrennen mußte, die eben deswegen
+nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer
+Zeit trugen seine Sklaven Schläuche voll Wasser auf den
+Wallgang, auf dem sie an der bestimmten Stelle aus
+Lehm zwei Querwände errichtet hatten, wodurch eine Art
+Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich
+in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise
+nicht zu beunruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Als die Helepolis nur noch gegen dreißig Schritt
+entfernt war, ließ er von den Zisternen bis zum Wall
+über die Straßen hin von Haus zu Haus Bretter legen.
+Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand
+Helme und Krüge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen.
+Die Karthager entrüsteten sich über diese sichtliche
+Wasservergeudung. Der Widder zertrümmerte die
+Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den gelockerten
+Quadern hervor, und das neunstöckige gepanzerte Gerüst,
+das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu
+schwanken wie ein Schiff. Das Wasser, das durch die
+Bresche herausquoll, weichte den Weg vor der Helepolis
+auf. Alsbald blieben die Räder im Morast stecken. Im
+ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder
+der Schießscharten der Kopf des Spendius auf, der aus
+vollen Backen in ein Elfenbeinhorn stieß. Die Riesenbatterie
+kam ruckweise wohl noch zehn Schritte weiter,
+dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die
+Räder versanken bis an die Achsen, und schließlich stand
+die Helepolis still und neigte sich bedrohlich nach einer
+Seite. Die schweren Geschütze in den unteren Stockwerken
+schoben sich von ihren Plätzen und nahmen dem
+Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch
+und richtete arge Zerstörung im Innern an. Die Soldaten,
+die schon an den Fallbrücken standen, wurden herausgeschleudert
+oder klammerten sich draußen an und vermehrten
+so durch ihr Gewicht die Neigung des Ungetüms,
+das in allen Fugen krachte und schließlich zusammenbrach.
+</p>
+
+<p>
+Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete
+sich ein dichter Menschenknäuel. Da machten die Karthager
+vom Walle herab einen Ausfall, fielen ihnen in
+den Rücken und machten sie mühelos nieder. Jetzt brausten
+die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise
+um das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre
+Mauern. Die Nacht brach an. Nach und nach zogen sich
+die Barbaren zurück.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Ebene erblickte man vom bläulichschimmernden
+Golf bis zu der weißen Lagune nichts als ein rabenschwarzes
+Gewimmel, und das blutrote Haff dehnte sich
+in das Land hinein wie ein großer Purpursumpf.
+</p>
+
+<p>
+Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, daß er aus
+Menschenleibern errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten
+die Trümmer der Helepolis, Waffen und Rüstungen darüber.
+Von Zeit zu Zeit lösten sich große Bruchstücke von
+ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstürzenden
+Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar,
+wo das geschmolzene Blei geflossen war. Hier und
+da brannte ein umgerissener Holzturm. Das Häusermeer
+verschwamm im Dunkel und sah aus wie die Stufen
+eines zerstörten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden
+stiegen empor und wirbelten Funken in die Höhe, die sich
+am schwarzen Himmel verloren.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt,
+nach den Zisternen gestürzt. Sie erbrachen die Tore.
+Schlammpfützen standen auf dem Grunde der Becken.
+</p>
+
+<p>
+Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzählige.
+Sobald sie sich erholt hatten, würden sie wieder
+anstürmen!
+</p>
+
+<p>
+Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise,
+an den Straßenecken. Die einen meinten, man
+müsse die Weiber, die Kranken und Greise fortschicken.
+Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und sich in
+einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten,
+und als die Sonne aufging, war noch kein Entschluß
+gefaßt.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Tage wurde nicht gekämpft. Die Erschöpfung
+auf beiden Parteien war zu groß. Die Schlafenden sahen
+aus wie Tote.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks
+nach. Da fiel ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer,
+das sie dem tyrischen Melkarth schuldeten, noch nicht
+nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer Schrecken
+erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik
+und wollten gründliche Rache üben.
+</p>
+
+<p>
+Man sah in den Göttern grausame Herren, die man
+durch Gebete besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen
+konnte. Alle aber waren ohnmächtig vor Moloch,
+dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch der
+Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern
+Brauch, ihm einen Teil davon zu opfern, um seine Gier
+zu stillen. Man brannte den Kindern an der Stirn oder
+im Nacken Zeichen ein, und da diese symbolische Art, den
+Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld eintrug, so
+verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg
+höchlichst zu empfehlen.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik.
+Da jeder Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft
+werden muß und jeder Vertrag sich nach dem Bedürfnis
+des Schwächeren und der Forderung des Stärkeren
+regelt, so durfte für den Gott, der am entsetzlichsten sein
+Ergötzen hatte und in dessen Hand man jetzt völlig war,
+kein Opfer zu groß sein. Man mußte Moloch sattsam
+befriedigen. Beispiele bewiesen, daß das Übel dann aufhörte.
+Überdies glaubte man, ein Brandopfer würde Karthago
+entsühnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten
+sich sofort. Zudem mußte die Wahl der Opfer lediglich
+die Patrizierfamilien treffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten versammelten sich. Die Sitzung währte lange.
+Auch Hanno nahm daran teil. Da er nicht mehr sitzen
+konnte, lag er neben der Tür, von den Fransen des hohen
+Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester Molochs
+fragte, ob man bereit wäre, die Kinder zu opfern, da
+erscholl Hannos Stimme plötzlich aus dem Dunkel wie
+das Gebrüll eines bösen Geistes aus einer tiefen Höhle.
+Er bedaure, sagte er, keine Kinder eigenen Blutes opfern
+zu können. Dabei schielte er Hamilkar an, der ihm gegenüber
+am andern Ende des Saales saß. Der Suffet ward
+durch diesen Blick derart verwirrt, daß er die Augen
+niederschlug. Alle bejahten die Frage des Oberpriesters
+der Reihe nach durch Kopfnicken. Auch Hamilkar mußte
+dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!« Darauf
+ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche
+Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen
+als auszuführen sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Beschluß ward fast augenblicklich in Karthago bekannt.
+Wehgeschrei erscholl. Überall hörte man die Frauen
+jammern. Die Männer trösteten oder schalten sie und
+redeten ihnen zu.
+</p>
+
+<p>
+Drei Stunden später verbreitete sich eine neue wichtige
+Nachricht: der Suffet hatte am Fuße der steilen Küste
+Quellen gefunden. Man eilte hin. Im Sande waren Löcher
+gegraben. Wasser stand darin, und schon lagen Menschen
+flach auf dem Bauche und tranken daraus.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wußte selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung
+durch die Götter oder die dunkle Erinnerung an eine
+vertrauliche Mitteilung war, die ihm sein Vater einst
+gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er zum
+Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven
+begonnen, den Sand aufzuscharren.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ Gewänder, Schuhe und Wein verteilen. Er
+gab das letzte Getreide hin, das er noch besaß. Er ließ die
+Menge sogar in sein Schloß ein und öffnete die Küchen,
+die Vorratskammern und alle Gemächer außer denen Salambos.
+Er machte bekannt, daß sechstausend gallische
+Söldner unterwegs seien und daß der König von Mazedonien
+Hilfstruppen schicke.
+</p>
+
+<p>
+Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen,
+und am Abend des dritten waren sie völlig versiegt.
+Da lief der Befehl der Alten abermals von Mund
+zu Munde, und die Molochpriester gingen nunmehr an
+ihre Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Männer in schwarzen Gewändern erschienen in den
+Häusern und Palästen. Viele Bewohner hatten sie vorher
+verlassen, indem sie ein Geschäft oder eine Besorgung
+vorschützten. Die Schergen Molochs traten rücksichtslos
+ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen
+stumpfsinnig selbst aus. Man führte die Kleinen zum
+Tempel der Tanit, deren Priesterinnen es oblag, sie bis
+zu dem Tage der Feier zu belustigen und zu ernähren.
+</p>
+
+<p>
+Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem
+Garten.
+</p>
+
+<p>
+»Barkas! Wir kommen. Du weißt, weshalb ... Dein
+Sohn ...«
+</p>
+
+<p>
+Sie fügten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine
+Hannibal in der Straße der Mappalier gesehen worden.
+Ein alter Mann habe ihn an der Hand geführt.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerührt.
+Doch er begriff rasch, daß alles Leugnen vergeblich wäre.
+Er verneigte sich und führte sie in das Verwaltungshaus.
+Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt waren,
+bewachten die Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Ganz verstört betrat er Salambos Gemach. Er ergriff
+Hannibal mit einer Hand, riß mit der andern die
+Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab, band den
+Knaben an Händen und Füßen, stopfte ihm das Ende
+als Knebel in den Mund und verbarg ihn unter dem
+rindsledernen Lager, über das er eine große Decke bis
+zum Fußboden breitete.
+</p>
+
+<p>
+Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich
+im Kreise herum und biß sich auf die Lippen. Endlich
+blieb er mit stieren Blicken stehen und atmete schwer, als
+ob er dem Tode nahe sei.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich klatschte er dreimal in die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem erschien.
+</p>
+
+<p>
+»Gib acht!« befahl er ihm. »Suche unter den Sklaven
+einen Knaben im Alter von acht bis neun Jahren mit
+schwarzem Haar und gewölbter runder Stirn und bring
+ihn hierher! Aber sofort!«
+</p>
+
+<p>
+Giddenem kehrte bald zurück und brachte einen Knaben
+mit, ein armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen.
+Seine Haut sah ebenso grau aus wie die häßlichen Lappen,
+die um seine Hüften hingen. Sein Kopf steckte zwischen
+den Schultern. Mit dem Handrücken rieb er sich
+die Augen, die voller Schmutz waren.
+</p>
+
+<p>
+Wie hätte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln
+können! Doch es war keine Zeit mehr, einen andern
+zu holen. Hamilkar blickte Giddenem an. Am liebsten
+hätte er ihn erwürgt.
+</p>
+
+<p>
+»Pack dich!« schrie er.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklavenaufseher verschwand.
+</p>
+
+<p>
+So war das Unglück, das er so lange gefürchtet, also
+hereingebrochen! Er gab sich die erdenklichste Mühe,
+einen Ausweg zu ersinnen.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim ward hinter der Tür hörbar. Man verlangte
+nach dem Suffeten. Die Schergen Molochs seien
+ungeduldig.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar unterdrückte einen Schrei. Es war ihm, als
+wenn er mit glühendem Eisen gefoltert würde. Von
+neuem begann er wie ein Rasender im Zimmer auf und
+ab zu laufen. Dann brach er am Geländer zusammen
+und preßte die Stirn in seine geballten Fäuste.
+</p>
+
+<p>
+Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser
+für Salambos Waschungen. Trotz seines Widerwillens
+und all seines Hochmutes tauchte der Suffet das Kind eigenhändig
+hinein und begann es wie ein Sklavenhändler zu
+waschen und mit Bürsten und mit rotem Ocker zu reiben.
+Dann entnahm er den Wandschränken zwei viereckige Stück
+Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf
+den Rücken und befestigte sie über den Schlüsselbeinen
+mit zwei Diamantspangen. Er goß dem Jungen noch
+Parfüm über den Kopf, legte ihm eine Bernsteinkette
+um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmückten
+Absätzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte
+er vor Scham und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich
+war, sah ebenso blaß aus wie er. Das Kind
+lachte, entzückt über all die Herrlichkeiten. Es ward
+dreister und begann in die Hände zu klatschen und zu
+springen. Da zog Hamilkar es fort. Mit starker Hand
+hielt er es am Arme fest, als fürchte er, es zu verlieren.
+Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu weinen, während
+es neben ihm herlief.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe des Gefängnisses, unter einem Palmenbaum,
+stammelte eine klägliche flehende Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Herr! Ach, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen
+widerlich aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfähigen,
+die im Hause hinvegetierten.
+</p>
+
+<p>
+»Was willst du?« fragte der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte:
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin sein Vater!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit
+gekrümmtem Rücken, schlotternden Knien und vorgestrecktem
+Halse. Unsägliche Angst verzerrte sein Gesicht.
+Unterdrücktes Schluchzen erstickte seine Stimme. Es
+drängte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn
+um Gnade anzuflehen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen
+zu berühren.
+</p>
+
+<p>
+»Willst du ihn ...«
+</p>
+
+<p>
+Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar
+blieb stehen, ganz verwundert über diesen Schmerz.
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er daran gedacht &ndash; so groß war der Abstand
+zwischen Herrn und Sklaven! &ndash;, daß es zwischen ihnen
+etwas Gemeinsames geben könne. Das erschien ihm
+geradezu als eine Beleidigung, eine Schmälerung seiner
+Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der kälter
+und schwerer war als das Beil eines Henkers. Der
+Sklave sank ohnmächtig in den Staub. Hamilkar schritt
+über ihn hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Die drei schwarz gekleideten Männer erwarteten ihn
+stehend in der großen Halle des Verwaltungshauses.
+Alsobald zerriß Hamilkar sein Gewand und sank mit einem
+schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein
+Trost! Meine Hoffnung! Mein Leben! Tötet mich mit!
+Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!«
+</p>
+
+<p>
+Er zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln, raufte sich
+die Haare und heulte wie die Klageweiber bei einem
+Begräbnisse.
+</p>
+
+<p>
+»Führt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort!
+Tötet mich wie ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Die Schergen Molochs waren betroffen, den großen
+Hamilkar so schwach zu sehen. Sie wurden fast gerührt.
+</p>
+
+<p>
+Da hörte man den Tritt nackter Füße und ein stoßweises
+Röcheln, das dem Schnaufen eines heranjagenden wilden
+Tieres glich. Auf der Schwelle der Haupttüre erschien
+der bleiche, verstörte Mensch, streckte die Arme aus
+und schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Mein Kind!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven,
+verschloß ihm den Mund mit seinen Händen und überschrie
+ihn:
+</p>
+
+<p>
+»Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen
+hat! Er nennt ihn sein Kind! Er wird wohl nun seinen
+Verstand ganz verlieren! Machen wir ein Ende!«
+</p>
+
+<p>
+Damit drängte er die drei Priester und ihr Opfer an
+den Schultern zum Ausgang, trat mit ihnen hinaus
+und warf die Tür hinter sich mit einem mächtigen Fußtritt
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er fürchtete,
+die drei könnten zurückkommen. Dann dachte er daran,
+den Sklaven zu beseitigen, um seines Schweigens sicher
+zu sein. Die Gefahr war noch nicht völlig vorüber, aber
+ein Mord konnte durch den Zorn der Götter auf das
+Haupt seines Sohnes zurückfallen. Da änderte er seinen
+Plan und sandte dem Sklaven durch Taanach die besten
+Speisen aus der Küche: ein Stück Bockfleisch, Bohnen
+und eingemachte Granatäpfel. Der Unglückliche, der
+lange nichts gegessen hatte, stürzte sich darauf. Seine
+Tränen fielen in die Schüsseln.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurück und löste
+Hannibals Fesseln. Der aufgeregte Knabe biß ihm die
+Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn mit einer Liebkosung
+ab.
+</p>
+
+<p>
+Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschüchtern,
+indem sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin
+aus Kyrene, erzählte.
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist sie denn?« fragte der Knabe.
+</p>
+
+<p>
+Nun erzählte man ihm, es seien Räuber dagewesen, um
+ihn einzukerkern. Er erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Mögen sie kommen! Ich töte sie!«
+</p>
+
+<p>
+Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal
+aber ward gegen seinen eigenen Vater zornig und
+behauptete, als Karthagos Herr könne er doch das ganze
+Volk ausrotten.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung
+erschöpft, in einen unruhigen Schlaf. Er redete
+im Traume. Mit dem Rücken auf einem Scharlachkissen,
+den Kopf etwas hintenüber, machte sein ausgestrecktes
+Ärmchen eine gebieterische Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam
+auf und stieg ohne Fackel die Galeerentreppe
+hinab. Er ging durch das Verwaltungshaus und nahm
+einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren Wassers
+mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das
+Kind im Edelsteingewölbe und lächelte &ndash; ganz wie das
+Kind des Sklaven &ndash; auf dem Arm seines Vaters beim
+Glanze der Pracht ringsumher.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war Hamilkar sicher, daß man ihm seinen Sohn
+nicht raubte. Der Ort war unzugänglich und stand durch
+einen unterirdischen Gang, den er allein kannte, mit der
+Küste in Verbindung. Er blickte sich um und holte tief
+Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel
+neben den goldenen Schilden.
+</p>
+
+<p>
+Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt
+zu sein. Das erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter,
+die ihren verlorenen Erstgeborenen wiederfindet,
+warf er sich auf seinen Sohn, drückte ihn an seine Brust,
+lachte und weinte zugleich, gab ihm die zärtlichsten Namen
+und bedeckte ihn mit Küssen. Der kleine Hannibal,
+von dieser wilden Zärtlichkeit erschreckt, blieb ganz still.
+</p>
+
+<p>
+Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurück, indem er
+sich an den Mauern entlang tastete. So gelangte er in
+die große Halle, in die das Mondlicht durch einen Spalt
+in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag der gesättigte
+Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen
+und schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art
+Mitleid ergriff ihn. Mit der Spitze seines Panzerstiefels
+schob er ihm einen Teppich unter den Kopf. Dann erhob
+er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren
+schmale Sichel am Himmel glänzte. Er fühlte sich stärker
+als alle Götter und voller Verachtung gegen sie.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Zurüstungen zum Opfer hatten indessen begonnen.
+Man entfernte ein Stück aus der Hintermauer des Molochtempels
+und zog das eherne Götterbild hindurch bis ins
+Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu berühren. Sobald
+die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es
+weiter nach dem Khamonplatze.
+</p>
+
+<p>
+Das Götterbild bewegte sich rückwärts auf rollenden
+Walzen. Seine Schultern ragten über die Mauern hinweg.
+Die Karthager entflohen eiligst, sobald sie es nur
+von ferne erblickten. Denn nur dann durfte man den
+Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genüge
+tat.
+</p>
+
+<p>
+Weihrauchduft wehte durch die Straßen. Alle Tempel
+hatten sich gleichzeitig geöffnet, und heraus kamen Tabernakel
+auf Wagen und auf Sänften, von Priestern getragen.
+Hohe Federbüsche nickten an ihren Ecken, und Strahlen
+blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von Kugeln aus
+Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrönt waren.
+</p>
+
+<p>
+Das waren die punischen Götter, Nebensonnen des höchsten
+Gottes, die zu ihrem Herrn und Meister wallten,
+um sich vor seiner Macht zu demütigen und vor seinem
+Glanze zu vergehen.
+</p>
+
+<p>
+Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Sänfte Melkarths
+brannte eine Erdölflamme. Auf dem hyazinthenblauen
+Tabernakel Khamons ragte ein Phallus aus Elfenbein,
+rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den himmelblauen
+Vorhängen Eschmuns schlief eine zusammengerollte
+Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren
+Priestern im Arme getragen wurden, glichen großen
+Wickelkindern, die mit den Füßen die Erde streiften.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal
+Samin, der Gott der Himmelsräume, Baal Peor, der
+Gott der heiligen Berge, Beelzebub, der Gott der Verderbnis,
+ferner die Götter der Nachbarländer und stammesverwandten
+Völker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech
+Chaldäas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem
+Jungfrauenantlitz kroch auf ihren Flossen, und die Mumie
+des Tammuz ward zwischen Fackeln und Haarkränzen
+auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die Herrscher
+des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen
+und zu verhindern, daß ihr besonderer Einfluß den seinen
+störe, schwenkte man an langen Stangen verschiedenfarbige
+Metallsterne. Alle waren vertreten, vom schwarzen
+Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem scheußlichen Rahab,
+der Verkörperung des Sternbilds des Krokodils.
+Die Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind,
+kreisten an Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester
+trugen auf Körben kleine Brote von der Gestalt
+weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre Fetische,
+ihre Amulette. Vergessene Götterbilder tauchten auf.
+Sogar von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole
+genommen, als wolle sich ganz Karthago versammeln
+in dem einen Gedanken des Todes und der Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>
+Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe
+ein großes Gefäß, in dem Weihrauch brannte. Dampfwolken
+schwebten über dem Zuge, über den Teppichen,
+den Behängen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei
+ihrer beträchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwärts.
+Bisweilen blieb einer der Wagen wegen irgendeines
+Hemmnisses stehen. Dann benutzten die Gläubigen
+die Gelegenheit, die Götterbilder mit ihren Gewändern
+zu berühren, die dann selber wie Heiligtümer in
+Ehren gehalten wurden.
+</p>
+
+<p>
+Der eherne Koloß rückte dem Khamonplatz immer
+näher. Die Patrizier, die Zepter mit Smaragdknäufen
+trugen, brachen jetzt von Megara auf. Die Alten, mit Diademen
+geschmückt, hatten sich in Kinisdo versammelt, und
+die Staatswürdenträger, die Statthalter der Provinzen,
+die Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der
+ganze Schwarm, der bei Begräbnissen verwendet ward,
+alle mit den Abzeichen ihrer Würden oder den Werkzeugen
+ihres Handwerkes versehen, strömten den Tabernakeln
+zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis
+herabwallten.
+</p>
+
+<p>
+Aus Verehrung für Moloch hatten die Priester ihre
+glänzendsten Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten
+auf den schwarzen Kutten. Zu weite Ringe glitten an abgemagerten
+Händen hin und her. Ein trübseliger Anblick:
+diese schweigende Schar, deren Ohrgehänge gegen die
+bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren
+fanatische starre Stirnen krönten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des
+Platzes. Seine Priester errichteten aus Gittern eine Umzäunung,
+um die Menge zurückzuhalten, und stellten sich
+zu seinen Füßen um ihn herum auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewändern
+ordneten sich unter den Säulen der Vorhalle ihres Tempels
+zu Reihen. Die Priester Eschmuns in leinenen
+Mänteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen,
+und spitzen Mützen, nahmen auf der Treppe der Akropolis
+Aufstellung. Die Priester Melkarths in violetten
+Tuniken nahmen die Westseite des Platzes ein. Die
+Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem Stoffe
+umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Südseite
+wies man den Nekromanten an, die über und über mit
+Tätowierungen bedeckt waren, ferner den Heulern, die
+in geflickte Mäntel gehüllt waren, den Dienern der Kabiren
+und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft
+einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester
+in ihren blauen Gewändern hatten klüglich in
+der Sathebstraße Halt gemacht und sangen mit leiser
+Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit zogen Reihen völlig nackter Männer
+heran, die sich mit ausgestreckten Armen bei den Schultern
+hielten. Sie stießen heisere, hohlklingende Brusttöne
+aus. Ihre Augen, auf den Koloß gerichtet, funkelten,
+staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Körper im
+Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben.
+Sie waren so in Raserei, daß die Tempeldiener, um die
+Ordnung aufrecht zu erhalten, sie schließlich durch Stockschläge
+nötigten, sich flach auf den Bauch zu legen und
+sich damit zu begnügen, das Gesicht gegen die ehernen
+Gitter zu pressen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt näherte sich vom Hintergrund des Platzes ein
+Mann in weißem Gewande. Er bahnte sich langsam
+einen Weg durch die Menge, und man erkannte einen
+Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich,
+denn die Vergötterung der Männlichkeit herrschte an
+diesem Tage in aller Herzen vor. Ja, die Göttin war
+derart vergessen, daß man das Fehlen ihrer Priesterschaft
+gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen verdoppelte
+sich, als man den Oberpriester eine der Türen
+der Gitter öffnen sah, die nur für solche bestimmt waren,
+die dem Gotte Opfer bringen wollten. Das war &ndash; so
+meinten die Molochpriester &ndash; ein Schimpf, den er
+ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen
+Gesten zurückzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der
+Opfertiere nährten, die wie Könige in Purpur gehüllt
+waren und dreifache Kronen trugen, spien nach diesem
+bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen, und
+zorniges Gelächter erschütterte ihre schwarzen Bärte,
+die sonnenförmig ihre Brust bedeckten.
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten.
+Er durchquerte Schritt für Schritt den ganzen umfriedigten
+Raum, kam bis zu den Füßen des Kolosses und
+berührte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er ihn
+umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung.
+Die Mondgöttin quälte ihn schon allzu lange, und aus
+Verzweiflung, vielleicht auch aus Mangel an einem
+Gotte, der seine Gedankenwelt völlig befriedigte, ging
+er jetzt zu Moloch über.
+</p>
+
+<p>
+Entsetzt über diese Abtrünnigkeit, stieß die Menge ein
+nicht endenwollendes Murren aus. Man fühlte das
+letzte Band zerrissen, das die Seelen an eine milde
+Gottheit fesselte.
+</p>
+
+<p>
+Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des
+Gottes teilnehmen. Die Männer in den Purpurmänteln
+vertrieben ihn aus der Umzäunung. Wieder draußen,
+ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum.
+Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener,
+der keinen Gott mehr hatte. Man wich zurück, wo er
+nahte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und
+Lorbeerholz zwischen den Beinen des Kolosses angezündet
+worden. Die Spitzen seiner langen Flügel tauchten in
+die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen war,
+rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um
+das runde Postament, auf dem seine Füße ruhten, standen
+die Kinder, in schwarze Schleier gehüllt, unbeweglich im
+Kreise. Seine übermäßig langen Arme reichten mit den
+Händen bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen lebendigen
+Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben.
+</p>
+
+<p>
+Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze
+Volksmenge drängten sich hinter den Priestern, überallhin,
+bis auf die flachen Dächer der Häuser. Die großen
+bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel waren
+auf den Boden gestellt, und die Qualmsäulen der
+Weihrauchfässer stiegen senkrecht empor, wie riesige Bäume,
+die ihre bläulichen Wipfel im Äther entfalten.
+</p>
+
+<p>
+Manche wurden ohnmächtig. Andre standen starr und
+versteinert in ihrer Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete
+auf aller Brust. Die letzten Rufe verhallten nach und
+nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und lechzte
+nach dem Entsetzlichen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken
+unter die Schleier der Kinder, riß einem eine Haarlocke
+von der Stirn und warf sie in die Flammen. Dann
+stimmten die Männer in den roten Mänteln den heiligen
+Hymnus an:
+</p>
+
+<p>
+»Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der
+sich selbst erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn,
+Gott und Göttin, Göttin und Gott!«
+</p>
+
+<p>
+Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente,
+die alle auf einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer
+zu übertönen. Die achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen
+Kinnors und die zwölfsaitigen Nebals knarrten,
+pfiffen und stöhnten. Riesige Dudelsäcke gaben ihren
+scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus Leibeskräften
+geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden
+Wirbeln, und durch das wütende Trompetengeschmetter
+rauschten die Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflügel.
+</p>
+
+<p>
+Bevor die eigentliche Feier begann, prüfte man vorsichtigerweise
+die Arme des Gottes. Dünne Ketten liefen
+von seinen Fingern zu den Schultern hinauf und über den
+Rücken wieder hinab, wo sie von Männern gezogen wurden.
+Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hände bis
+zur Höhe der Ellbogen empor, näherten sich einander
+und legten sich dann vor die Opfermündung seines Leibes.
+Man zog die Ketten mehrmals hintereinander mit kleinen
+ruckweisen Bewegungen und ließ dann wieder los. Dann
+schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.
+</p>
+
+<p>
+Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin
+und her und beobachteten die Menge.
+</p>
+
+<p>
+Es bedurfte eines persönlichen, gänzlich freiwilligen
+Opfers, das gewissermaßen die andern nach sich zog. Bisher
+aber zeigte sich niemand, und die sieben Gänge, die
+von den Schranken hin zu dem Kolosse führten, blieben
+leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu ermutigen,
+Geißeln aus ihren Gürteln und zerfetzten sich die Gesichter.
+Nun ließ man auch die Geweihten, die draußen auf dem
+Boden hingestreckt lagen, in die Umzäunung. Man warf
+ihnen ein Bündel furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und
+jeder wählte sich eins. Sie stießen sich Nadeln in die
+Brust, schlitzten sich die Wangen auf und setzten sich Dornenkronen
+aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander
+mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten
+großen Kreise, der sich bald zusammenzog, bald erweiterte.
+Sie liefen bis an das Geländer zurück, stürzten
+wieder vor und fingen immer von neuem an, indem
+sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lärmvollen
+Schauspiels anlockten.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich kamen Leute bis an das Ende der Gänge.
+Sie warfen Perlen, goldene Schalen, Becher, Leuchter,
+all ihre Reichtümer in die Flammen. Die Opfer wurden
+immer kostbarer und massenhafter. Schließlich wankte ein
+Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch,
+und stieß ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man
+zwischen den Händen des Kolosses eine kleine schwarze
+Masse, die oben in der unheimlichen Öffnung verschwand.
+Die Priester neigten sich über den Rand des Postaments,
+und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes
+und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben,
+und da der Rauch in großen Schwaden emporwirbelte,
+so sah es von weitem aus, als verschwänden
+sie in einer Wolke. Keins rührte sich. Sie waren an
+Händen und Füßen gefesselt, und ihre dunklen Schleier
+hinderten sie, etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel,
+stand vor dem Baal neben der großen Zehe des rechten
+Fußes des Kolosses. Als man das vierzehnte Kind
+opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige Gebärde
+des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frühere
+Stellung wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden.
+Auf der andern Seite der Bildsäule stand der Oberpriester
+ebenso unbeweglich wie er, eine assyrische Mitra
+auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und betrachtete
+sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen,
+in denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben
+widerspiegelten. Bei Hamilkars Gebärde erschrak und
+erblaßte er. Der Suffet sah nicht hin. Beide standen
+dem glühenden Ofen so nahe, daß der wallende Saum
+ihrer Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.
+</p>
+
+<p>
+Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten
+keinen Augenblick mehr. Jedesmal, wenn man wieder
+ein Kind darauf legte, streckten die Molochpriester die
+Hände darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu
+belasten, und schrien:
+</p>
+
+<p>
+»Es sind keine Menschen, sondern Tiere!«
+</p>
+
+<p>
+Und die Menge ringsum wiederholte: »Tiere! Tiere!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gläubigen riefen: »Herr, iß!« Und die Priester der
+Proserpina, die sich aus Angst mit den Bräuchen Karthagos
+abfanden, murmelten die eleusinische Formel:
+»Gieß Regen aus! Sei fruchtbar!«
+</p>
+
+<p>
+Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer
+wie Wassertropfen auf einer glühenden Platte. Und eine
+weiße Rauchwolke stieg jedesmal aus der scharlachroten
+Glut empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Gier des Gottes war unersättlich. Er verlangte
+immer mehr. Um ihn zu befriedigen, schichtete man mehrere
+Kinder auf einmal in seinen Händen auf und schlang
+eine Kette darüber, um sie festzuhalten. Anfangs wollten
+einige Gläubige die Opfer zählen, um zu sehen, ob
+ihre Zahl den Tagen des Sonnenjahres entspräche. Doch
+man legte eins auf das andre, und es war bei der raschen
+Bewegung der furchtbaren Arme unmöglich, die einzelnen
+zu unterscheiden. Das währte lange, endlos, bis
+zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler,
+und man erkannte brennendes Fleisch. Manche glaubten
+sogar Haare, Glieder und ganze Körper wahrzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag ging zur Rüste. Rauchwolken schwebten über
+dem Baal. Der Opferherd glühte nur noch. Eine Aschenpyramide
+war herabgerieselt, die dem Gotte bis zu den
+Knien reichte. Über und über rot, wie ein blutüberströmter
+Riese, schien er mit seinem zurückgeworfenen Haupte unter
+der Last seiner Sattheit zu wanken.
+</p>
+
+<p>
+Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der
+Wahnsinn des Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer
+übrig waren, schrien die einen, man solle diese schonen,
+aber die andern riefen, man müsse ihrer noch mehr holen.
+Es war, als ob die mit Menschen beladenen Mauern unter
+dem Gebrüll des Entsetzens und der mystischen Wollust zusammenbrächen.
+Gläubige drängten sich in die Gänge und
+schleppten ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten.
+Sie schlugen sie, um sie von sich loszumachen und
+den roten Männern zu überliefern. Die Spielleute hielten
+bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das
+Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das
+auf die Kohlen herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker
+krochen auf allen vieren um den Koloß herum und brüllten
+wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die Geweihten
+sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken
+durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer.
+Väter, deren Kinder vordem gestorben waren, warfen
+wenigstens deren Bilder, Spielzeug und aufbewahrtes
+Gebein ins Feuer. Manche stürzten sich mit Messern auf
+die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die Tempeldiener
+scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen
+aus Erz und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung
+über die ganze Stadt und bis in den Sternenraum zu
+senden.
+</p>
+
+<p>
+Der laute Lärm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren
+an den Fuß der Mauern gelockt. Um besser zu
+sehen, kletterten sie an den Trümmern der Helepolis hoch
+und schauten starr vor Entsetzen zu.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch14">XIV</h2>
+
+<h2>In der Säge</h2>
+
+
+<p>
+Die Karthager waren noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt,
+als sich die Wolken bereits dichter ballten.
+Die vor dem Koloß Gebliebenen fühlten große Tropfen
+auf der Stirn. Der Regen begann.
+</p>
+
+<p>
+Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strömen.
+Donner rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte
+Tanit besiegt, und die befruchtete Göttin öffnete nun
+droben ihren Riesenschoß. Bisweilen erblickte man sie durch
+zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald aber
+schlossen sich die düsteren Dunstgebilde wieder, als sei
+Tanit noch müde und wolle weiterschlafen. Die Karthager,
+nach deren Glauben das Wasser vom Monde geboren
+wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen erleichtern.
+</p>
+
+<p>
+Der Regen schlug auf die Terrassen und überschwemmte
+sie, bildete Teiche auf den Höfen, Wasserfälle auf den
+Treppen und Strudel an den Straßenecken. Er ergoß
+sich hier in schweren trüben Massen, dort in hurtigen Strahlen.
+Von allen Hausgiebeln plätscherten breite schäumende
+Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen
+wie loses graues Tuch. Die abgespülten Tempeldächer
+blinkten im Schein der Blitze. In tausend Rinnen stürzten
+Kaskaden von der Akropolis herab. Häuser brachen zusammen,
+und Dachbalken, Stuck und Gerät schwammen
+in den Bächen, die jäh über das Pflaster hinschossen.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte Schüsseln und Krüge aufgestellt und Segel
+ausgespannt. Die Fackeln erloschen. Man nahm
+glimmende Scheite aus der Glut Molochs. Auf den
+Straßen bogen sich die Leute hintenüber und öffneten
+den Mund, um den Regen zu trinken. Andre lagen am
+Rande schmutziger Pfützen, tauchten die Arme bis zu
+den Achseln hinein und schlürften sich so voll Wasser,
+daß sie es wie Büffel wieder ausspien. Allmählich ward
+die Witterung kühl und frisch. Alle sogen die feuchte
+Luft ein und reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch
+entsprang alsbald eine grenzenlose Zuversicht.
+Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mußte wieder
+auferstehen.
+</p>
+
+<p>
+Man empfand das Bedürfnis, die maßlose Wut, die
+man in sich selbst nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen.
+Das Opfer durfte nicht nutzlos bleiben. Wenngleich
+niemand Reue empfand, so fühlten sich doch alle
+von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an
+unsühnbarem Verbrechen ersteht.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht
+schließenden Zelten überrascht. Noch am nächsten Tage
+wateten sie völlig durchnäßt im Schlamm umher und
+suchten ihre verdorbenen Vorräte und verlorenen Waffen
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar begab sich aus freien Stücken zu Hanno und
+übergab ihm kraft seiner Machtvollkommenheit den Befehl
+über die Stadt. Der alte Suffet schwankte eine
+Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schließlich aber
+nahm er an.
+</p>
+
+<p>
+Hierauf ließ Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am
+Bug wie am Steuer mit je einem Geschütz ausgerüstet
+war. Sie ging im Golfe dem Floß gegenüber vor Anker.
+Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch verfügbaren
+Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden
+steuernd, verschwand er im Nebel.
+</p>
+
+<p>
+Doch drei Tage später &ndash; man wollte eben von neuem
+Sturm laufen &ndash; kamen Leute von der libyschen Küste
+unter großem Geschrei in das Söldnerlager. Barkas sei
+bei ihnen gelandet, mache überall Beitreibungen und ginge
+immer weiter hinein in das Land.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren entrüsteten sich darüber, als ob Hamilkar
+sie verraten hätte. Die der Belagerung Überdrüssigen,
+besonders die Gallier, verließen ohne weiteres die Belagerungswerke,
+um zu ihm zu stoßen. Spendius wollte
+die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken
+eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara
+gezogen und sich geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurücken.
+Von der Mannschaft beider Befehlshaber rührte
+sich keiner vom Flecke. Die andern zogen unter Autarits
+Führung ab und gaben damit den westlichen Teil der
+Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so groß, daß man
+gar nicht daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen.
+</p>
+
+<p>
+Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Während
+der Nacht ritt er mit allen seinen Numidiern auf
+der Seeseite der Lagune am Meeresgestade hin und zog
+in Karthago ein.
+</p>
+
+<p>
+Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter
+in der Not. Sie trugen sämtlich Mehl unter den Mänteln.
+Seine vierzig Elefanten waren mit Futter und getrocknetem
+Fleisch beladen. Man drängte sich um sie
+und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft
+einer solchen Hilfe erfreute die Karthager der Anblick
+dieser gewaltigen, dem Sonnengotte geweihten Tiere.
+Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade, ein Zeichen,
+daß er ihnen endlich beistehen und in den Krieg eingreifen
+wolle.
+</p>
+
+<p>
+Naravas nahm die höflichen Worte der Alten entgegen.
+Dann stieg er zu Salambo die Schloßtreppe empor.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars
+Zelt, im Schoße der fünf Heere, ihre kleine, weiche, kühle
+Hand in der seinen gehalten hatte. Nach der Verlobung
+war sie nach Karthago zurückgekehrt. Seine Liebe, die
+eine Weile seinen ehrgeizigen Plänen gewichen war, erwachte
+von neuem. Jetzt gedachte er in den Genuß
+seiner Rechte zu treten, die Karthagerin zu seiner Frau
+zu machen und sie mit sich zu nehmen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr
+Gebieter werden könne. Obwohl sie Tanit alle Tage um
+Mathos Tod anflehte, ward ihr Abscheu vor dem Libyer
+doch immer geringer. Sie hatte das dunkle Gefühl, daß
+der Haß, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges
+sei. Sie hätte in Naravas' Wesen einen Abglanz
+jener wilden Heftigkeit sehn mögen, von der sie immer
+noch bezaubert war. Wohl wünschte sie den Numidier
+näher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr
+doch unangenehm. Sie ließ ihm antworten, sie dürfe
+ihn nicht empfangen.
+</p>
+
+<p>
+Überdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem
+jungen Numidierfürsten keinen Zutritt zu Salambo zu
+gewähren. Er glaubte seiner Treue sicherer zu sein, wenn
+er die Belohnung dafür bis zum Ende des Krieges aufsparte.
+Naravas zog sich aus Respekt vor dem Suffeten
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Gegen die punischen Behörden zeigte er sich nicht so
+demütig. Er änderte von ihnen getroffene Anordnungen,
+forderte Vorrechte für seine Leute und stellte sie auf wichtige
+Posten. Die Barbaren machten große Augen, als
+sie auf einmal Numidier auf den Türmen der Stadt erblickten.
+</p>
+
+<p>
+Die allgemeine Verwunderung ward noch viel größer,
+als auf einer alten punischen Trireme vierhundert Karthager
+anlangten, die während des Krieges in Sizilien
+gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte
+nämlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der
+latinischen Schiffe, die er vor dem Abfall der tyrischen
+Städte gekapert hatte, zurückgesandt, und zum Dank für
+dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom die dortigen Gefangenen
+zurück. Auch lehnten die Römer das Anerbieten
+der sardinischen Söldner ab und schlugen sogar die ihnen
+angetragene Schutzherrschaft über Utika aus.
+</p>
+
+<p>
+Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel.
+Um sein Reich zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht
+beider Großmächte nötig. Es lag ihm also an der
+Rettung der Punier. Er erklärte sich zu ihrem Freunde
+und sandte ihnen zwölfhundert Rinder und dreiundfünfzigtausend
+Nebel reinen Weizens.
+</p>
+
+<p>
+Der eigentliche Grund für diese Unterstützung Karthagos
+lag tiefer: man fühlte, daß bei einem endgültigen Siege
+der Söldner alles, was überhaupt in Sold stand, vom
+Soldaten bis zum Küchenjungen, aufsässig würde, und
+daß dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine
+Unabhängigkeit wahren könne.
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die östlichen Landstriche.
+Er trieb die Gallier zurück, und die Barbaren
+sahen sich nunmehr selber gleichsam wieder belagert.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam
+und verschwand wieder und wiederholte dieses Manöver so
+lange, bis er sie nach und nach aus ihren Lagern fortlockte.
+Spendius war genötigt, den andern zu folgen,
+und schließlich zog auch Matho ab.
+</p>
+
+<p>
+Letzterer ging jedoch nicht über Tunis hinaus, sondern
+setzte sich in dieser Stadt fest. Die Hartnäckigkeit, mit
+der er dort verblieb, war sehr klug, denn alsbald sah man
+Naravas mit seinen Truppen und Elefanten zum Khamontor
+herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich gerufen.
+Schon streiften die übrigen Barbaren durch die Provinzen
+zur Verfolgung des Suffeten.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte in Klypea eine Verstärkung von dreitausend
+Galliern erhalten. Aus der Kyrenaika ließ er Pferde,
+aus Bruttium Rüstungen kommen. Er begann den Krieg
+von neuem.
+</p>
+
+<p>
+Noch nie war sein Genie so reg und schöpferisch gewesen.
+Fünf Monate lang lockte er die Söldner hinter
+sich her. Er hatte ein festes Ziel vor Augen. Er wollte sie
+nach einem bestimmten Orte verführen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im
+Kleinkrieg beizukommen, aber die kleinen Abteilungen
+hatten keine Erfolge. Nun blieben sie vereint. Ihr Heer
+belief sich auf etwa vierzigtausend Mann. Jetzt hatten sie
+in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager zurückweichen
+zu sehn.
+</p>
+
+<p>
+Stark belästigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas.
+Oft zur heißesten Tageszeit, wenn man unter der
+Last der Waffen schlaftrunken durch die Ebene zog, stieg
+plötzlich dichter Staub am Horizont auf. Etwas Unsichtbares
+brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke,
+in der eine Menge flammender Augen blitzte,
+schoß ein Pfeilhagel hervor. Von weißen Mänteln umflatterte
+Numidier stießen ein lautes Geheul aus, reckten die
+Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit kräftigem
+Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger
+Entfernung führten sie stets auf Dromedaren Vorräte an
+Wurfspießen mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher
+wieder, heulten wie Wölfe und flohen abermals
+wie die Geier. Die Flügelmänner der Barbaren fielen
+einer nach dem andern. Das währte so fort bis zum
+Abend, wo man ins Gebirge zu entkommen suchte.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl die Berge für die Elefanten gefährlich waren,
+wagte sich Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen
+Kette, die sich vom Hermäischen Vorgebirge bis zum
+Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine Gegner glaubten,
+er wolle dadurch die Schwäche seiner Truppen verbergen.
+Die beständige Ungewißheit, in der er sie erhielt, erbitterte
+sie schließlich mehr als eine Niederlage. Entmutigen ließen
+sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter
+ihm her.
+</p>
+
+<p id="p369">
+Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine
+Abteilung leichten Fußvolks zwischen dem Silberberg
+und dem Bleiberg in einer wüsten Felsengegend am Eingang
+zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das
+ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch
+und Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden
+alsbald in den Schluchten. Der Engweg führte
+in einen Talkessel hinab, der rings von hohen Felswänden
+umgeben war, die das Aussehen einer Säge
+hatten und dem Ort den Namen »die Säge« verliehen.
+Um die Flüchtigen einzuholen, stürzten die Barbaren
+nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager, dabei
+eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes
+Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem
+roten Mantel. Das sei der Marschall, hieß es. Mit um
+so mehr Wut und Freude stürmte man weiter. Einige
+waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang
+des Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen
+Reiter hervor und jagten sie mit Lanzenstößen und
+Säbelhieben den andern nach. Bald waren alle Barbaren
+zwischen den Felsenwänden.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter
+gewogt war, machte man Halt. Man fand vorn keinen
+Ausgang.
+</p>
+
+<p>
+Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um,
+doch auch der Weg dahin war wie verschwunden. Man
+rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren. Diese sahen
+sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun
+auf die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den
+Herweg wiederzufinden wüßten.
+</p>
+
+<p>
+Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen,
+als Männer, die sich hinter den Felsen versteckt gehalten
+hatten, große Blöcke mit Balken hoben und umstürzten.
+Da der Abhang steil war, rollten die gewaltigen
+Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang
+vollständig.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer,
+vielfach von Klüften durchschnittener Gang durch eine
+Schlucht wieder zur Hochebene hinauf. Dort befand sich
+das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im
+voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die
+Windungen der Schlucht geschützt, konnte das leichte
+Fußvolk rasch auf den Leitern emporklettern, ehe es von
+den Söldnern eingeholt wurde. Einige verliefen sich
+bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen herauf,
+denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und
+war so steil, daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen
+konnte. Die Barbaren langten fast unmittelbar
+hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes Drahtgitter,
+genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich
+vor ihnen herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.
+</p>
+
+<p>
+So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner
+von den Söldnern kannte das Gebirge, und die Vorhut
+der Marschkolonne hatte die übrigen nach sich gezogen.
+Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren,
+hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles
+vorwärts eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne
+ein Geschrei erhoben, als sei es in Not. Allerdings
+hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk aufs Spiel gesetzt,
+doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den Erfolg
+einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal
+mehr geopfert.
+</p>
+
+<p>
+Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener
+Ordnung von einem Ende des Talkessels zum
+andern. Sie betasteten die Hänge mit ihren Händen und
+suchten einen Ausgang.
+</p>
+
+<p>
+Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen
+weißen, senkrecht aufsteigenden Felswände. Und kein
+Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die beiden natürlichen
+Ausgänge der Sackgasse waren durch das Drahthindernis
+und die Felshaufen gesperrt.
+</p>
+
+<p>
+Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch
+Mut. Allen lief es eiskalt über den Rücken. Die Lider
+wurden ihnen schwer wie Blei. Und doch rafften sie sich
+wieder auf und rannten gegen die Felsen an. Aber die
+unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden
+unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern,
+um den Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige
+Gestalt der Steinsäulen bot nirgends Stützpunkte. Man
+wollte den Fels zu beiden Seiten der Schlucht sprengen,
+aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen zündete
+man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte
+man das Felsgebirge nicht.
+</p>
+
+<p>
+Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis.
+Es starrte von langen pfahldicken Nägeln, spitzer als
+die Stacheln eines Igels und dichter als die Borsten
+einer Bürste. Die Söldner wurden von einer solchen
+Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten
+wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten
+prallten zurück, und schließlich stand man allgemein
+davon ab, Fleischfetzen und blutige Haarbüschel an den
+entsetzlichen Stacheln zurücklassend.
+</p>
+
+<p>
+Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man
+fest, wieviel Lebensmittel noch vorhanden waren. Die
+Söldner, deren Gepäck verloren gegangen war, besaßen
+kaum noch für zwei Tage Vorrat und die übrigen Truppen
+überhaupt keinen, da sie auf eine von den Dörfern
+des Südens versprochene Zufuhr gerechnet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern
+in die Schlucht getrieben worden waren, um
+die Barbaren anzulocken. Man tötete sie mit Lanzenstichen
+und verzehrte sie, und als die Magen gefüllt waren,
+heiterten sich die Gedanken ein wenig auf.
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa
+vierzig Stück. Dann zog man die Häute ab, kochte die
+Eingeweide und zerstieß die Knochen zu Mehl. Noch
+verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mußte ohne
+Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrücken!
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des fünften Tages war der Hunger wieder
+groß. Man nagte schon an den Lederkoppeln und den
+kleinen Schwämmen, die im Innern der Helme angebracht
+waren.
+</p>
+
+<p>
+So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von
+Rennbahn zusammengepfercht, rings von hohen Bergwänden
+umschlossen. Einige blieben vor dem Drahthindernis,
+andre an den Felsblöcken am Eingang. Die übrigen
+lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die
+Starken gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen
+suchten die Mutigen auf, die ihnen doch auch nicht
+helfen konnten.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten
+wegen ihrer Ausdünstung sofort verscharrt. Die Grabstellen
+waren nicht mehr zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren lagerten alle entkräftet am Boden. Nur
+hier und da schritt ein Veteran durch die Reihen. Man
+heulte Verwünschungen gegen die Karthager, gegen
+Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an diesem
+Mißgeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch
+ein, daß die Leiden geringer sein mußten, wenn er bei
+ihnen wäre. Nun seufzten sie. Manche weinten leise wie
+kleine Kinder.
+</p>
+
+<p>
+Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel.
+Die aber antworteten nicht oder griffen wutentbrannt
+nach Steinen und warfen sie den Leuten ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Manche bewahrten in Erdlöchern sorgfältig einen kleinen
+Eßvorrat, ein paar Hände voll Datteln und etwas
+Mehl. Davon aßen sie des Nachts, wobei sie den Kopf
+unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert besaß,
+hielt es gezückt in der Hand. Noch Mißtrauischere blieben
+an die Felswand gelehnt stehen.
+</p>
+
+<p>
+Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit
+ließ sich trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der
+Hartnäckigkeit des Barbaren, der vor nichts zurückschreckt,
+ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den Felsblöcken,
+immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu
+finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten
+pelzbedeckten Schultern erinnerte seine Gefährten an den
+Gang eines Bären, der im Frühjahr aus seiner Höhle
+hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist.
+</p>
+
+<p>
+Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen
+in einer der Felsspalten. Er hatte Furcht und ließ das
+Gerücht verbreiten, er sei gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit.
+Ihre Haut bedeckte sich mit bläulichen Flecken. Am
+Abend des neunten Tages starben drei Iberer. Ihre
+entsetzten Gefährten verließen die Stelle. Man entkleidete
+sie, und die nackten weißen Leiber blieben in der Sonne
+auf dem Sande liegen.
+</p>
+
+<p>
+Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen.
+Es waren das Leute, an das Leben in der
+Wüste gewöhnt, die keinen Gott fürchteten. Schließlich
+gab der Älteste der Schar ein Zeichen. Die andern beugten
+sich über die Leichen und schnitten mit ihren Messern
+Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend,
+verzehrten sie es. Die übrigen Barbaren sahen von weitem
+zu. Man stieß Schreie des Abscheus aus, und doch
+beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut.
+</p>
+
+<p>
+Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht näher
+und baten, ihre Begierde verhehlend, um einen kleinen
+Bissen, nur um davon zu kosten, wie sie sagten. Kühnere
+traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein
+ganzer Haufen. Die meisten ließen jedoch die Hand wieder
+sinken, als sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fühlten.
+Manche freilich verschlangen es mit Wonne.
+</p>
+
+<p>
+Um durchs Beispiel verführt zu werden, munterte man
+sich gegenseitig auf. Mancher, der das Leichenfleisch
+anfangs zurückgewiesen hatte, ging zu den Garamanten und
+kam nicht wieder. Man briet die Stücke an den Schwertspitzen
+über Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt
+sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts
+mehr übrig war, schweiften die Augen der Esser über die
+ganze Ebene, um andre zu erspähen.
+</p>
+
+<p>
+Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager
+gefangen genommen, die bisher niemand beachtet hatte?
+Sie verschwanden. Das war obendrein eine Rache!
+Und da man leben mußte, da sich der Geschmack an solcher
+Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern
+war, so schlachtete man weiterhin die Wasserträger,
+die Troßknechte und die Burschen der Söldner. Jeden
+Tag wurden ein paar abgestochen. Manche aßen viel,
+kamen wieder zu Kräften und waren nicht mehr traurig.
+</p>
+
+<p>
+Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich
+die Gier auf die Verwundeten und Kranken. Da sie doch
+nicht wieder gesund würden, sei es besser, sie von ihren
+Qualen zu erlösen. Sobald ein Mann matt wurde,
+schrien alle, er sei verloren und müsse den andern als
+Speise dienen. Um den Tod solcher Unglücklichen zu
+beschleunigen, wandte man Hinterlist an. Man stahl ihnen
+den letzten Rest ihrer Nahrung oder trat wie aus Versehen
+auf sie. Damit man sie für frisch und kräftig halte,
+versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken,
+aufzustehn, zu lachen. Ohnmächtige erwachten bei der
+Berührung schartiger Klingen, die ihnen ein Glied vom
+Leibe sägten. Manche mordeten auch ohne Bedürfnis,
+aus Blutgier, um die Wut zu stillen.
+</p>
+
+<p>
+Ein schwerer schwüler Nebel, wie er in diesen Landstrichen
+gegen das Ende des Winters eintritt, senkte sich am
+vierzehnten Tage auf das Heer herab. Dieser Witterungswechsel
+führte zahlreiche Todesfälle herbei, und in der
+feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswänden verfing,
+vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit.
+Der Sprühregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte
+sie auf und verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in
+eine riesige Aasgrube. Weiße Dünste wogten über ihr,
+reizten die Nase, durchdrangen die Haut und trübten die
+Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem,
+die Seelen ihrer toten Kameraden zu spüren. Ungeheurer
+Ekel ergriff sie. Sie vermochten keine Leiche mehr
+anzurühren. Lieber wollten sie selber sterben.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage später wurde das Wetter wieder klar, und
+der Hunger stellte sich von neuem ein. Bisweilen war es
+den Leidenden, als risse man ihnen den Magen mit Zangen
+aus dem Leibe. Sie wälzten sich in Krämpfen, steckten
+sich Hände voll Erde in den Mund, bissen sich in die
+Arme und brachen in irres Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Quälender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen
+Wasser mehr. Die Schläuche waren seit dem neunten
+Tage völlig leer. Um den Gaumen zu täuschen, legte
+man sich die Metallschuppen der Koppeln, die Elfenbeinknäufe
+und die Klingen der Schwerter auf die Zungen.
+Ehemalige Karawanenführer schnürten sich den Leib mit
+Stricken zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen.
+Man trank Urin, den man vorher in den ehernen Helmen
+erkalten ließ. Und immer noch wartete man auf das Heer
+von Tunis! Daß es so lange dauerte, bis es eintraf,
+das war &ndash; so bildete man sich ein &ndash; eine Gewähr für sein
+baldiges Erscheinen. Überdies sei Matho ein wackerer
+Mann, der niemanden im Stiche ließ! »Morgen wird
+er kommen!« tröstete man sich. Doch das »morgen« verging.
+</p>
+
+<p>
+Zu Anfang hatten die Söldner Gebete gesprochen, Gelübde
+getan, alle möglichen Verschwörungen angewandt.
+Jetzt aber empfanden sie gegen ihre Götter nur noch Haß,
+und aus Rache gab man sich Mühe, nicht mehr an sie zu
+glauben.
+</p>
+
+<p>
+Naturen von heftiger Gemütsart kamen zuerst um. Die
+Afrikaner widerstanden besser als die Gallier. Zarzas
+lag zwischen seinen Baleariern der Länge nach ausgestreckt,
+sein Haupthaar über den Arm geworfen. Er rührte sich
+nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit breiten
+saftreichen Blättern entdeckt und nährte sich von ihr,
+nachdem er sie für giftig erklärt hatte, um andere davon
+abzuschrecken.
+</p>
+
+<p>
+Man war zu schwach, um durch Steinwürfe die umherfliegenden
+Raben zu töten. Zuweilen, wenn ein Lämmergeier
+auf eine der Leichen geflogen war und schon seit
+einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner, mit
+einem Wurfspieß zwischen den Zähnen, an ihn heran,
+stützte sich auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt
+hatte, schoß er seine Waffe ab. Der weißgefiederte Vogel
+hielt inne, durch das Geräusch gestört, und blickte ruhig
+umher wie ein Seerabe auf einer Klippe. Dann hackte
+er mit seinem scheußlichen gelben Schnabel wieder in
+die Leiche, und der Schütze sank verzweifelt in den Sand.
+Manchen gelang es, Chamäleons und Schlangen ausfindig
+zu machen. Was aber eigentlich am Leben erhielt,
+das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und
+Trachten war ausschließlich auf diesen einen Gedanken
+gerichtet. Man klammerte sich an das Dasein mit einer
+Willenskraft, die es verlängerte.
+</p>
+
+<p>
+Die Gleichmütigsten hockten hier und dort in dem weiten
+Tal im Kreise beisammen und überließen sich, in ihre
+Mäntel gehüllt, schweigsam ihrer Trübsal.
+</p>
+
+<p>
+Die in Städten Geborenen vergegenwärtigten sich geräuschvolle
+Straßen, Schenken und Schauspiele, Bäder
+und Barbierstuben, wo man Geschichten erzählen hört.
+Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe Ähren
+wogten, und große Ochsen trotteten an der Pflugschar
+langsam die Höhe hinauf. Wüstenwanderer dachten an
+Oasen, Jäger an ihre Wälder, Veteranen an bestimmte
+Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die alle betäubte,
+gewannen diese Phantastereien die Farben und
+die Plastik von Träumen. Sinnestäuschungen traten auf.
+Manche suchten an der Bergwand nach einer Tür, um
+zu entfliehen, und wollten durch den Fels hindurch.
+Andre wähnten sich während eines Sturmes zu Schiff
+und erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder
+wichen entsetzt zurück, da sie in den Wolken punische
+Heerscharen erblickten. Noch andre glaubten bei einem
+Feste zu sein. Sie sangen.
+</p>
+
+<p>
+Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstörung
+immer dasselbe Wort oder dieselbe Gebärde. Wenn
+sie dann den Kopf erhoben und einander anschauten, erstickten
+sie beim gegenseitigen Anblick ihrer furchtbar verstörten
+Gesichter in Tränen. Manche fühlten keine Schmerzen
+mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzählten sie
+von Gefahren, denen sie entronnen wären.
+</p>
+
+<p>
+Allen war der Tod gewiß und nahe. Wie oft hatten
+sie nicht versucht, sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten
+sie den Sieger um seine Bedingungen bitten! Aber
+durch welche Vermittlung? Wußte man doch nicht einmal,
+wo sich Hamilkar befand!
+</p>
+
+<p>
+Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos ließ er
+den Sand in Bächen in das Drahthindernis rieseln. Die
+Mäntel und das Haar der Barbaren bedeckten sich damit,
+als ob sich die Erde über sie hinwälze und sie begraben
+wolle. Nichts rührte sich. Die ewigstarren Berge
+schienen jeden Morgen noch höher geworden zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen zogen Vogelschwärme raschen Fluges am
+klaren blauen Himmel über den Eingeschlossenen hin, in
+der Freiheit der Lüfte. Man schloß die Augen, um sie
+nicht zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Manche verspürten ein Summen in den Ohren. Dann wurden
+ihre Fingernägel schwarz, und Kälte ergriff die Brust.
+Sie legten sich auf die Seite und verschieden ohne Laut.
+</p>
+
+<p>
+Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fünfzehnhundert
+von den Inseln, achttausend Libyer, die Jüngsten
+unter den Söldnern und ganze Landsmannschaften
+tot, &ndash; insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer.
+Autarit, der nur noch fünfzig von seinen Galliern hatte,
+wollte sich schon töten lassen, um allem Leid überhoben
+zu sein. Da glaubte er, auf einem Saumpfad hoch in
+den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war so weit
+entfernt, daß er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte
+Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattförmigen
+Schild.
+</p>
+
+<p>
+»Ein Karthager!« schrie er.
+</p>
+
+<p>
+Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis
+zu den Felsblöcken, alles auf den Beinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager schritt an den abschüssigen Hängen hin.
+Die Barbaren sahen ihm von unten aus zu.
+</p>
+
+<p>
+Spendius nahm einen Ochsenschädel auf, krönte ihn um
+die Hörner mit einer Art Diadem, aus zwei Gürteln
+hergestellt, und befestigte ihn als Symbol friedlicher Gesinnung
+an einer Stange.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager verschwand. Man wartete.
+</p>
+
+<p>
+Endlich am Abend fiel plötzlich von der Felswand ein
+Bandolier herab wie ein losgelöster Stein. Es war aus
+rotem Leder, mit Stickereien bedeckt und mit drei Diamantsternen
+besetzt. In der Mitte trug es ein Siegel
+mit dem Wappen des Großen Rates: ein Roß unter
+einem Palmbaum. Das war Hamilkars Antwort, der
+Geleitbrief, den er ihnen sandte.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten im Grunde nichts zu fürchten:
+jede Änderung ihres Schicksals war wenigstens das
+Ende der bisherigen Qual. Maßlose Freude ergriff sie.
+Sie umarmten einander unter Tränen. Spendius, Autarit
+und Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei
+Spartiaten erboten sich zu Unterhändlern. Man erteilte
+ihnen unverzüglich Vollmacht. Allerdings wußten
+sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht.
+Der oberste Felsblock wankte und rollte über
+die andern hinab. Während die Blöcke nämlich auf der
+Seite der Barbaren unerschütterlich waren, da man sie
+eine schräge Fläche hätte hinaufschieben müssen &ndash; zudem
+waren sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrängt &ndash;,
+so genügte von der andern Seite ein starker
+Stoß, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten dies,
+und bei Tagesanbruch rollten die Blöcke in die Tiefebene
+hinunter wie die Stufen einer zerstörten Riesentreppe.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne
+weiteres über sie hinweg. Man reichte ihnen Leitern.
+Alle stürzten sich darauf. Das Geschoß eines schweren
+Geschützes trieb die Menge zurück. Nur die Zehn wurden
+durchgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich
+mit einer Hand auf den Rücken der Pferde aufstützen
+durften, sonst hätten sie sich vor Mattigkeit nicht aufrecht
+halten können.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen
+sich die Zehn Sorgen zu machen. Hamilkars Forderungen
+würden grausam sein! Doch Spendius beruhigte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde schon reden!« Und er rühmte sich zu wissen,
+was zum Heile des Heeres zu sagen dienlich sei.
+</p>
+
+<p>
+Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte
+Posten. Beim Anblick des Bandoliers, das Spendius
+über seine Schulter trug, salutierten die Posten.
+</p>
+
+<p>
+Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft
+von der Menge umdrängt. Man vernahm Geflüster
+und Lachen. Eine Zelttür öffnete sich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar saß im Hintergrunde auf einem Schemel
+neben einem niedrigen Tische, auf dem sein blankes Schwert
+lag. Offiziere umstanden ihn.
+</p>
+
+<p>
+Als er die Unterhändler erblickte, fuhr er zurück. Dann
+beugte er sich vor, um sie zu betrachten.
+Ihre Augen waren unnatürlich groß. Breite schwarze
+Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie.
+Ihre bläulichen Nasen standen spitz und weit ab von
+den hohlen, tief gefurchten Wangen. Die Haut war für
+die Körper zu weit geworden und überdies unter einer
+schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die Lippen
+klebten an den gelben Zähnen. Ein widerlicher Geruch
+machte sich bemerkbar, wie aus geöffneten Gräbern, von
+wandelnden Leichen.
+</p>
+
+<p>
+Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die
+Offiziere niederlassen sollten, eine Schüssel mit dampfenden
+Kürbissen. Die Barbaren starrten sie an, am ganzen
+Leibe schlotternd. Tränen traten ihnen in die Augen.
+Trotzdem bezwangen sie sich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere
+zu sprechen. Da stürzten die Zehn über das Gericht her,
+indem sie sich flach auf den Bauch warfen. Ihre Gesichter
+tauchten in das Fett, und das Geräusch des Hinterschlingens
+mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das
+sie dabei ausstießen. Offenbar mehr aus Verwunderung
+denn aus Mitleid ließ man sie die Schüssel leeren. Als
+sie sich wieder erhoben hatten, winkte Hamilkar dem
+Träger des Bandoliers, zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Spendius ward ängstlich. Er stotterte.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hörte ihm zu, während er den großen goldnen
+Siegelring an seinem Finger drehte, mit dem er das
+Wappen Karthagos auf das Bandolier gedrückt hatte.
+Er ließ ihn auf die Erde fallen. Spendius hob ihn
+rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges
+Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern
+erbebten vor Entrüstung über diese freiwillige Demütigung.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos
+Übeltaten hin, den er als Feind des Barkas kannte, und
+suchte Hamilkar durch eine Schilderung der Einzelheiten
+ihres Elends und durch den Hinweis auf ihre frühere
+Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher,
+durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem
+Enthusiasmus fortgerissen, vergaß er sich schließlich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen
+an. Es solle also Friede gemacht werden, und diesmal
+endgültig! Doch verlange er, daß man ihm zehn Söldner
+nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne
+Kleidung.
+</p>
+
+<p>
+Solche Milde hatten sie nicht erwartet.
+</p>
+
+<p>
+»O, zwanzig, wenn du willst, Herr!« rief Spendius aus.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, zehn genügen mir!« antwortete Hamilkar gnädig.
+</p>
+
+<p>
+Man ließ die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich
+beraten konnten. Sobald sie allein waren, sprach Autarit
+zugunsten der zu opfernden Kameraden, und Zarzas sagte
+zu Spendius:
+</p>
+
+<p>
+»Warum hast du ihn nicht getötet? Sein Schwert lag
+dicht neben dir!«
+</p>
+
+<p>
+»Ihn!« stieß Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte
+er: »Ihn! Ihn!« &ndash; als ob das ein Ding der Unmöglichkeit
+und Hamilkar ein Unsterblicher sei.
+</p>
+
+<p>
+Eine solche Mattigkeit überkam alle, daß sie sich mit dem
+Rücken auf die Erde legten. Sie wußten nicht, wozu
+sie sich entschließen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich
+willigten sie ein und traten wieder in das Zelt.
+</p>
+
+<p>
+Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in
+die Hände der zehn Barbaren und drückte ihnen den Daumen.
+Hinterher wischte er sich die Hand an seinem Gewand
+ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen verursachte
+bei der Berührung eine rauhe und zugleich weiche
+Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann
+sprach er zu ihnen:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt
+als Bevollmächtigte die Bedingung angenommen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl!« antworteten sie.
+</p>
+
+<p>
+»... aus freien Stücken, ohne Arglist, und in der Absicht,
+die Zusage zu halten?«
+</p>
+
+<p>
+Sie versicherten, daß die Bedingung nach ihrer Rückkehr
+zum Heere erfüllt würde.
+</p>
+
+<p>
+»Gut!« sagte der Suffet. »Kraft der Vereinbarung,
+zwischen mir, Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmächtigten
+der Söldner, geschlossen, wähle ich <i>euch und
+behalte euch</i>!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius sank ohnmächtig auf die Matte. Die Barbaren
+drängten sich nach der andern Seite eng zusammen,
+als hätten sie nichts mit ihm gemein. Kein Wort, keine
+Klage ward laut.
+</p>
+
+<p>
+Die in der Säge Eingeschlossenen, die der Unterhändler
+harrten und sie nicht zurückkehren sahen, hielten sich für
+verraten. Offenbar hatten sich die Zehn dem Suffeten
+ergeben.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten
+ward ein Entschluß gefaßt. Auf Strickleitern, die man
+aus Lanzen, Pfeilen und Leinwandstücken herstellte, gelang
+es vielen, die Felsen zu erklimmen. Unter Zurücklassung
+der Schwächeren machten sich auf diese Weise
+etwa dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis
+zu stoßen.
+</p>
+
+<p>
+Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit
+kärglichem Gesträuch bewachsen. Die Barbaren verzehrten
+die Knospen. Dann fanden sie ein Bohnenfeld. Bald
+war es verschwunden, als wäre ein Heuschreckenschwarm
+darüber hergefallen. Drei Stunden später gelangte man
+auf eine Hochebene, die ein Kranz von grünen Hügeln
+umrahmte.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Hügeln glänzten in gleichen Abständen
+silberne Bündel. Darunter erblickten die Barbaren, von
+der Sonne geblendet, undeutliche dicke, schwarze Massen,
+auf denen diese Bündel lagerten. Mit einem Male
+entfalteten sie sich, als ob sie aufblühten. Es waren die
+Lanzen in den Türmen grauenhaft bewaffneter Elefanten.
+</p>
+
+<p>
+Außer den Spießen an ihrer Brust, den Eisenspitzen
+ihrer Stoßzähne, den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten,
+und den scharfen Dolchen an ihren eisernen Kniekappen
+trugen sie in ihren Rüsseln Lederschlaufen, an
+denen breite Säbel befestigt waren. Alle Elefanten waren
+gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und
+rückten von allen Seiten gleichmäßig heran.
+</p>
+
+<p>
+Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie
+machten nicht einmal den Versuch, zu fliehen. Schon
+waren sie umzingelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die
+Spieße an ihrer Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer
+Stoßzähne wühlten sie auf wie Pflugschare. Die Säbel an
+ihren Rüsseln zerschnitten und zerhackten sie. Die Türme
+mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen.
+Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das
+Menschenfleisch weiße Flecke, die Erzplatten graue Flächen
+und das Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren
+Tiere, die mitten hindurchstampften, gruben schwarze
+Furchen hinein. Das wütendste wurde von einem Numidier
+gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug.
+Er schleuderte Wurfspieße mit gräßlicher Geschwindigkeit
+und stieß dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen
+Pfiff aus. Folgsam wie Hunde, wandten die riesigen
+Tiere während des Gemetzels fortwährend ihre Blicke
+nach ihm.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren
+leisteten keinen Widerstand weiter. Bald waren die
+Elefanten in der Mitte der Hochebene. Schon hatten sie
+keinen genügenden Raum mehr. Sie drängten sich und
+gerieten aneinander. Ihre Hauer berührten sich bereits.
+Aber Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und
+trabten nach den Hügeln zurück.
+</p>
+
+<p>
+Indessen hatten sich zwei Kompagnien Söldner nach
+rechts in eine Mulde geflüchtet und ihre Waffen weggeworfen.
+Dort fielen sie in die Knie und streckten die Arme,
+Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus.
+</p>
+
+<p>
+Man fesselte sie an Händen und Füßen. Als sie dann
+nebeneinander auf dem Boden lagen, führte man die
+Elefanten zurück.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald krachten die Brustkörbe wie einbrechende Kästen.
+Jeder Tritt zermalmte zwei Menschen. Die plumpen
+Füße schlürften über die Leiber hin mit Bewegungen,
+die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam vollendeten
+sie ihr Werk.
+</p>
+
+<p>
+Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die
+Nacht brach an. Hamilkar weidete sich am Anblick seiner
+Rache. Doch plötzlich erbebte er.
+</p>
+
+<p>
+Er und alle erblickten zur Linken auf der Höhe eines
+Hügels auf sechshundert Schritt Entfernung noch andre
+Barbaren. In der Tat hatten sich vierhundert der tüchtigsten
+Söldner, Etrusker, Libyer und Spartiaten, von
+Anfang an in die Hügel zurückgezogen und waren dort
+bisher unschlüssig verblieben. Nach der Niedermetzlung
+ihrer Gefährten beschlossen sie, sich durch die Karthager
+durchzuschlagen. Just marschierten sie nun in einer wohlgeordneten
+Breitkolonne herab, ein wunderbar schrecklicher
+Anblick.
+</p>
+
+<p>
+Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet
+brauche Soldaten. Er bewundere ihre Tapferkeit so, daß
+er sie bedingungslos annehme. Sie dürften sogar, fügte
+der Karthager hinzu, noch etwas näher rücken, bis zu
+einer Stelle, die er ihnen bezeichnen ließ. Dort fänden
+sie Lebensmittel.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die
+Nacht mit Essen. Da murrten die Karthager über die
+parteiische Vorliebe des Suffeten für die Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Gab er in der Folge diesen Äußerungen unersättlichen
+Hasses nach, oder war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete
+Verräterei? Jedenfalls kam er selbst am nächsten
+Morgen, ohne Schwert, barhäuptig, mit einem kleinen
+Stabe von Klinabaren zu den Söldnern und erklärte
+ihnen, er hätte schon allzuviel Leute zu ernähren und beabsichtige
+darum nicht, sie allesamt zu behalten. Da er
+jedoch Soldaten brauche und nicht wisse, auf welche Weise
+er die Tüchtigsten von ihnen ermitteln könne, so sollten
+sie auf Tod und Leben miteinander kämpfen. Die Sieger
+wolle er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein
+Tod sei ja so gut wie jeder andre. Dabei zeigte er ihnen,
+indem er seine Truppen auseinander rücken ließ &ndash; denn
+die punischen Fahnen hatten den Söldnern bisher das
+verborgen, was weiter hinten stand &ndash;: die hundertundzweiundneunzig
+Elefanten des Naravas, die eine einzige
+gerade Linie bildeten und mit ihren Rüsseln breite Klingen
+schwangen. Da ward den Barbaren zumute, als ob Riesenarme
+Henkersbeile über ihre Köpfe hielten.
+</p>
+
+<p>
+Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war
+es, der sie durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang,
+der ihnen angetan ward.
+</p>
+
+<p>
+Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen
+den Söldnern geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten
+die Heimat. Da sie ohne Familie lebten, widmeten sie ihr
+Zärtlichkeitsbedürfnis einem Waffengefährten, mit dem
+sie Seite an Seite, unter demselben Mantel, im Sternenlichte
+schliefen. Auch waren bei dem beständigen Wandern
+durch aller Herren Länder, den gemeinsamen Todesgefahren
+und Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden,
+unzüchtige Verbindungen, ihnen ebenso ernsthaft
+wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der Stärkere
+den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, ihm beim
+Sprung über Abgründe half, ihm den Fieberschweiß von
+der Stirn trocknete und Nahrung für ihn stahl, während
+der andere, ein am Straßenrand aufgelesener Bursche,
+der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe mit
+tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten
+einer Gattin vergalt.
+</p>
+
+<p>
+Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus,
+Geschenke, die sie sich dereinst nach irgendeiner großen
+Gefahr, in trunkenen Stunden gemacht hatten. Alle verlangten
+den Tod, keiner wollte ihn geben. Es war da
+manch ein Jüngling, der zu einem graubärtigen Manne
+sagte: »Nein, nein, du bist der Stärkere! Du wirst uns
+rächen! Töte mich!« Und der alte Landsknecht erwiderte:
+»Ich hab nicht lange mehr zu leben! Stoß mir ins Herz
+und denk nicht mehr daran!« Brüder blickten sich Hand
+in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf
+ewig Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern
+hingen.
+</p>
+
+<p>
+Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher
+durchdrängen. Da kamen wie Inschriften an Denkmälern
+die Narben der schweren Wunden zum Vorschein, die sie
+für Karthago empfangen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Man ordnete sich in vier gleichgroßen Reihen nach Gladiatorenart
+und begann zaghaft gegeneinander zu fechten.
+Manche hatten sich sogar die Augen verbunden, und
+ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft wie der
+Stock eines Blinden. Die Karthager stießen ein Hohngeschrei
+aus und schimpften: »Feiglinge!« Das regte die
+Barbaren auf, und bald ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich
+und gräßlich.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne,
+sank einander in die Arme und starb unter Küssen. Keiner
+wich zurück. Man stürzte in gezückte Klingen. Die Raserei
+ward so wild, daß die Karthager trotz der Entfernung
+Angst bekamen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut,
+und man erkannte wilde Augen zwischen langem, wirrem
+Haar, das blutig herabhing, als wär es einem Purpurbade
+entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich selbst
+wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre
+standen unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu
+ihren Füßen. Dann zerrissen sie sich plötzlich das Gesicht
+mit den Fingernägeln, packten ihr Schwert mit beiden
+Händen und stießen es sich in den eigenen Leib.
+</p>
+
+<p>
+Sechzig waren noch übrig. Sie verlangten zu trinken.
+Man rief ihnen zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen.
+Nachdem sie das getan, brachte man ihnen Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Während sie tranken und das Gesicht tief in die Gefäße
+drückten, sprangen sechzig Karthager hinterrücks auf sie
+zu und erdolchten sie.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ dies alles geschehen, um den Gelüsten seines
+Heeres nachzukommen und es durch diesen Verrat an
+seine Person zu fesseln.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man
+es. Matho würde keinen Widerstand leisten! In seiner
+Ungeduld befahl der Suffet sofort den Abmarsch.
+Seine Aufklärer meldeten ihm, sie hätten einen Wagenzug
+gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge.
+Hamilkar kümmerte sich nicht darum. Waren erst die
+Söldner völlig vernichtet, so sollten ihm die Nomaden
+keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die
+Einnahme von Tunis. In starken Tagesmärschen eilte
+er dorthin.
+</p>
+
+<p>
+Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde
+zu überbringen. Stolz auf seine Erfolge, trat der
+Numidierfürst vor Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in
+ihren Gärten unter einer breitästigen Sykomore. Taanach
+stand neben ihr. Salambos Gesicht war mit einem weißen
+Schleier bedeckt, der ihr so über Mund und Stirn gewunden
+war, daß er nur die Augen frei ließ. Aber ihre
+Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die
+Edelsteine an ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hände
+verhüllt. Während des ganzen Gespräches machte sie nicht
+eine Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren.
+Sie dankte ihm mit einem Segensspruche für die ihrem
+Vater geleisteten Dienste. Darauf begann er den ganzen
+Feldzug zu erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise.
+Haubenlerchen, tartessische Wachteln und punische Perlhühner
+hüpften im Grase. Der Garten war seit langem
+vernachlässigt und verwildert. Koloquinten kletterten in
+die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in
+den Rosenbeeten. Allerlei Gewächse rankten sich durcheinander
+und formten Lauben. Wie in einem Walde malten
+die schrägen Sonnenstrahlen da und dort die Schatten
+der Blätter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder verwildert
+waren, flohen beim leisesten Geräusch. Bisweilen
+erblickte man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen
+Hufen verlorene Pfauenfedern hingen. Der ferne Lärm
+der Stadt ertrank im Rauschen der Meereswogen. Der
+Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den Fluten.
+</p>
+
+<p>
+Naravas hatte auserzählt. Salambo blickte ihn an,
+ohne zu sprechen. Er trug ein mit Blumen bemaltes
+Linnengewand mit goldenen Fransen am Saum. Zwei
+silberne Pfeile hielten sein über den Ohren geflochtenes
+Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den
+Schaft seiner Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbüscheln geschmückt war.
+</p>
+
+<p>
+Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer
+in lose Gedanken. Der Jüngling mit seiner sanften
+Stimme und seiner frauenhaften Gestalt bezauberte ihre
+Augen durch die Anmut seiner Erscheinung. Er erschien
+ihr wie eine ältere Schwester, von den Göttern zu ihrem
+Schutze gesandt. Da aber überkam sie die Erinnerung an
+Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach
+dem künftigen Schicksal des Libyers zu fragen.
+</p>
+
+<p>
+Naravas antwortete ihr, daß die Karthager auf Tunis
+marschierten, um es zu erobern. Je ausführlicher er über
+die Wahrscheinlichkeit des Gelingens und über Mathos
+Schwäche sprach, desto mehr schien sie von einem ganz besonderen
+Wunsche erfüllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust
+atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit
+eigener Hand zu töten, rief sie:
+</p>
+
+<p>
+»Ja! Töte ihn! Es muß sein!«
+</p>
+
+<p>
+Der Numidier entgegnete, auch er wünsche Mathos Tod
+leidenschaftlich, da der Krieg dann beendet sei und er
+ihr Gemahl werde.
+</p>
+
+<p>
+Salambo schrak zusammen und ließ den Kopf sinken.
+</p>
+
+<p>
+Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wünsche mit
+Blumen, die nach dem Regen dürsten, und mit verirrten
+Wanderern, die des Tages harren. Er sagte ihr, sie sei
+schöner als der Mond, köstlicher als der Morgenwind
+und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge
+für sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in
+Karthago nicht gäbe, und die Gemächer ihres Schlosses
+sollten mit Goldstaub bestreut werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend nahte. Balsamische Düfte durchwehten die
+Luft. Die beiden blickten einander lange schweigend an,
+und Salambos Augen blitzten zwischen ihren breiten
+Schleiern wie zwei Sterne aus einem Wolkenspalt. Ehe
+die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten fühlten sich von einer großen Sorge befreit,
+als Naravas Karthago wieder verließ. Das Volk hatte
+ihm mit noch größerer Begeisterung zugejauchzt, als bei
+seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar und der Numidierfürst
+allein über die Söldner triumphierten, so war
+jeder Widerstand gegen die beiden unmöglich! Daher beschlossen
+die Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno,
+an der Rettung der Republik teilnehmen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno begab sich unverzüglich nach den westlichen Provinzen,
+damit die Orte, die seine Schmach erlebt hatten,
+auch seine Rache sähen. Doch die Einwohner und
+die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen. Nun
+ließ er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die
+Trümmer der Trümmer, ließ keinen Baum, keinen Halm
+stehen, richtete die Kinder und die Kranken, die man aufgriff,
+unter Martern hin, und gab seinen Soldaten die
+Weiber preis, ehe er sie morden ließ. Die schönsten wurden
+in seine Sänfte geworfen, denn seine scheußliche Krankheit
+reizte ihn zu wilden Gelüsten, die er mit der ganzen
+Wut eines Verzweifelten befriedigte.
+</p>
+
+<p>
+Oft sanken auf dem Kamme der Hügel schwarze Zelte,
+wie vom Winde verweht, zusammen, und breite Scheiben
+mit glänzendem Rande, die man als Wagenräder
+erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut hinab
+in die Täler. Auf diese Weise irrten einzelne Stämme,
+die von der Belagerung Karthagos Abstand genommen
+hatten, durch die Provinzen und warteten auf eine Gelegenheit,
+auf einen Sieg der Söldner, um wiederzukommen.
+Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie
+schließlich alle den Heimweg ein und verschwanden.
+Hamilkar war auf Hannos Erfolge keineswegs eifersüchtig.
+Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu beenden.
+Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno,
+der glühende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor
+den Mauern der Stadt ein.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte zu ihrer Verteidigung die eingeborene Bevölkerung,
+dazu zwölftausend Söldner und alle Esser unreiner
+Speisen, denn sie standen ebenso wie Matho im
+Banne Karthagos. Der Pöbel wie der Schalischim betrachteten
+von fern seine hohen Mauern und träumten von
+den unendlichen Genüssen, die sie bargen. Bei solchem
+Einklang im Hasse war der Widerstand rasch ins Werk
+gesetzt. Man nahm Schläuche, um Helme daraus zu
+machen, fällte alle Palmen in den Gärten, um Lanzen
+herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel
+zu haben, am Ufer des Hafen die großen weißen Fische,
+die sich von Leichen und Abfällen nährten. Die Wälle,
+die dank der Eifersucht Karthagos in Trümmern lagen,
+waren freilich so schwach, daß man sie durch einen Stoß
+mit der Schulter umwerfen konnte. Matho ließ die Löcher
+und Lücken darin mit den Steinen der Häuser verstopfen.
+Es galt den letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und
+doch sagte er sich, das Glück sei wandelbar.
+</p>
+
+<p>
+Beim Anrücken bemerkten die Karthager auf dem Wall
+einen Mann, der halb über die Brustwehr ragte. Die
+Pfeile, die ihn umschwirrten, schienen ihn nicht mehr zu
+schrecken als ein Schwarm von Schwalben. Seltsamerweise
+traf ihn keins der Geschosse.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schlug sein Lager auf der Südseite der Stadt
+auf, Naravas besetzte östlich davon das ebene Land um
+Rades. Hanno nahm eine Stellung nördlich von Tunis,
+an der Straße nach Karthago ein. Die drei Generale
+sollten später auf Verabredung die Stadtmauern von allen
+Seiten zugleich angreifen.
+</p>
+
+<p>
+Zuvörderst aber wollte Hamilkar den Söldnern zeigen,
+daß er sie wie Sklaven zu behandeln gedachte. Er ließ die
+zehn Gesandten, einen neben dem andern, auf einer Anhöhe
+im Angesicht der Stadt ans Kreuz schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Anblick verließen die Belagerten den Wall.
+Matho erfuhr, daß Hannos Lager nicht genügend gesichert
+sei und daß daselbst Unordnung und Sorglosigkeit
+herrsche. Sofort entschloß er sich zu einem kräftigen
+Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, daß Matho die überraschten
+Karthager über den Haufen warf und, den Flüchtlingen
+nachdrängend, in das Lager und bis an Hannos
+Zelt gelangte, der gerade dreißig der vornehmsten Karthager,
+die gesamte Gerusia, bei sich hatte.
+</p>
+
+<p>
+Sichtlich entsetzt über die kühnen Eindringlinge, rief er
+nach seinen Unterführern. Aber die Barbaren griffen mit
+zahllosen Händen nach seiner Gurgel und schrien ihn mit
+Schimpfworten an. Es entstand ein allgemeines Gedränge,
+und die, die Hanno in den Händen hatten, hielten ihn
+nur mit großer Mühe fest. Inzwischen suchte er ihnen
+ins Ohr zu flüstern: »Ich gebe euch alles, was ihr verlangt!
+Ich bin reich! Rettet mich nur!« Man zerrte ihn
+fort. So schwer er war, so berührten doch seine Füße
+den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm
+fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Sein Schrecken steigerte sich: »Ihr habt mich besiegt!
+Ich bin euer Gefangener! Ich kaufe mich los! Hört mich,
+meine Freunde!«
+</p>
+
+<p>
+Unter den zahllosen Händen, die sich gegen ihn reckten,
+wiederholte er immer wieder: »Was wollt ihr? Was
+verlangt ihr? Ihr seht ja, ich widersetze mich nicht! Ich
+bin immer gutmütig gewesen!«
+</p>
+
+<p>
+Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren
+brüllten: »Hierher! Hierher!« Hanno überschrie sie und
+beschwor sie bei ihren Göttern, ihn zum Schalischim zu
+führen, denn er habe diesem etwas anzuvertrauen, wovon
+ihr Heil abhinge.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt inne. Einige meinten, es wäre klug, Matho
+zu rufen. Man eilte, ihn zu suchen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz
+an Kreuz, als ob sich die Todesmarter, die ihm bevorstand,
+im voraus vervielfältige. Er suchte sich einzureden,
+daß er sich täusche, daß nur ein einziges dastehe,
+ja, daß überhaupt keins vorhanden sei. Da hob man
+ihn auf.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« sprach Matho.
+</p>
+
+<p>
+Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle
+er zusammen mit dem Söldner in Karthago einziehen,
+beide als Könige.
+</p>
+
+<p>
+Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu
+beeilen. Er hielt den Vorschlag nur für eine List, um
+Zeit zu gewinnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Barbar täuschte sich. Hanno war in einer jener
+verzweifelten Lagen, wo man nichts mehr achtet. Überdies
+haßte er Hamilkar so sehr, daß er ihn bei der geringsten
+Hoffnung auf Rettung mit allen seinen Soldaten
+geopfert hätte.
+</p>
+
+<p id="p397">
+Am Fuße der dreißig Kreuze lagen die Alten halb ohnmächtig
+am Boden. Schon waren ihnen Stricke unter
+die Achseln gelegt. Da begriff der alte Suffet, daß er
+sterben mußte, und begann zu weinen.
+Man riß ihm die Reste seiner Kleider vom Leibe, und
+sein widerlicher Körper kam zum Vorschein. Schwären
+bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt. Die Nägel
+seiner Füße verschwanden unter den Fettwülsten seiner
+Beine. An seinen Fingern hing es wie grünliche Lappen,
+und die Tränen, die zwischen den Eiterbeulen seiner
+Wangen herabrannen, verliehen seinem Gesicht etwas
+so entsetzlich Trauriges, daß es aussah, als ob sie hier
+mehr Raum einnähmen als auf einem andern Menschenantlitz.
+Seine Hoheitsbinde hatte sich halb gelöst und
+schleifte mit feinen weißen Haaren im Staube.
+Man glaubte, nicht genügend starke Stricke zu haben, um
+ihn am Kreuze emporziehen zu können. Daher nagelte
+man ihn, ehe das Holz wieder aufgerichtet ward, nach
+punischem Brauche daran fest. Sein Stolz erwachte im
+Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmähworten
+zu überschütten. Er schäumte und wand sich wie ein
+Meerungeheuer, das man am Strande erschlägt. Er
+weissagte ihnen, daß sie alle noch viel schrecklicher umkommen
+und daß er gerächt werden würde.
+</p>
+
+<p>
+Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt
+rangen die zehn Gesandten der Söldner an ihren Kreuzen
+mit dem Tode.
+</p>
+
+<p>
+Einige, die anfangs ohnmächtig geworden waren, kamen
+im frischen Winde wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb
+auf der Brust liegen, und ihr Körper sank ein wenig
+herab, trotzdem ihre Arme etwas höher als der Kopf angenagelt
+waren. Von ihren Fersen und Händen rann
+das Blut in dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife
+Früchte von den Zweigen eines Baumes fallen. Karthago,
+der Golf, die Berge und die Ebenen, alles schien
+sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen
+wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und
+hüllte sie ein. Fürchterlicher Durst verzehrte sie. Die
+Zunge klebte ihnen am Gaumen, und sie fühlten einen
+eisigen Schweiß über ihre Glieder rinnen, während das
+Leben langsam entfloh.
+</p>
+
+<p>
+Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straßen,
+marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlärm
+drang verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen
+zu Schiffbrüchigen, die in den Masten eines
+Schiffes verschmachten. Die Italiker, kräftiger als die
+andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben stumm
+und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll,
+neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der Äthiopier
+neben ihm hatte den Kopf rückwärts über den Querbalken
+des Kreuzes geworfen. Autarit hing unbeweglich und rollte
+nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an einem
+Spane des Holzes über seinem Haupte festgeklemmt hatte,
+stand auf seiner Stirn hoch, und das Röcheln, das er
+ausstieß, klang fast wie Wutgebrüll. Über Spendius
+war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt verachtete er
+das Leben, in der Gewißheit, bald für immer erlöst zu
+sein, und gleichgültig erwartete er den Tod.
+</p>
+
+<p>
+Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen
+bei der Berührung von Federn, die ihre Gesichter
+streiften. Große Fittiche warfen schwankende Schatten
+über sie. Krächzen ertönte in der Luft, und da Spendius
+am höchsten Kreuze hing, stieß der erste Geier auf ihn
+hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und
+sagte langsam, mit unbeschreiblichem Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+»Entsinnst du dich der Löwen am Wege nach Sikka!«
+</p>
+
+<p>
+»Das waren unsre Brüder!« erwiderte der Gallier und
+verschied.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Der Suffet hatte von allen diesen Vorgängen nichts bemerkt.
+Die Stadt vor ihm verdeckte das jenseitige Gelände.
+Im übrigen war er von Hannos Abteilung nördlich
+von Tunis durch das Haff und im Westen durch die
+vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune völlig getrennt.
+Die Offiziere, die er nach und nach an die beiden
+andern Feldherren abgesandt hatte, waren nicht zurückgekehrt.
+Jetzt aber kamen Flüchtlinge an, die von Hannos
+Niederlage berichteten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar begab sich unverzüglich auf einen erhöhten
+Punkt, um sich über die neue Lage zu vergewissern. Er
+sah Hannos Lager in Brand, aber ein Windstoß trieb
+den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei
+bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute
+zu erkennen, die auf der Plattform des Eschmuntempels
+Ausschau hielten. Dann wandte er den Blick mehr nach
+links und erkannte am Ufer des Haffs die dreißig riesigen
+Kreuze.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren hatten sie nämlich, um den grausigen
+Eindruck zu erhöhen, aus aneinandergesetzten Zeltmasten
+errichtet, und so ragten die dreißig Leichen der Alten hoch
+in den Himmel. Auf ihrer Brust schimmerte etwas wie
+weiße Schmetterlinge. Es war das Gefieder der Pfeile,
+die man von unten auf sie abgeschossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+An der Spitze des höchsten Kreuzes glänzte ein breites
+goldenes Band. Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten
+hinab. Der Arm fehlte der Leiche auf dieser Seite.
+Hamilkar hatte Mühe, Hanno zu erkennen. Die schwammigen
+Knochen des Gerichteten waren an den Eisennägeln
+nicht fest hängen geblieben. Teile seiner Gliedmaßen
+hatten sich losgelöst, und so hingen am Kreuze nur unförmige
+Bruchstücke, Tierresten ähnlich, die sich Jäger
+an ihre Türen zu nageln pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten
+Unglücks wie betäubt. Es hörte nicht auf Hamilkars
+Befehle.
+</p>
+
+<p>
+Matho benutzte diese Untätigkeit, sich nunmehr gegen die
+Numidier zu wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos
+rechtzeitig bemerkt. Wohl war er mit seinen Reitern und
+Elefanten nach Südwesten vorgerückt, um Hamilkar den
+Rücken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus
+Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschränktheit? Man
+hat es nie erfahren.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen
+Elefanten rückten an. Aber die Söldner machten sich
+Fackeln und rückten, sie schwenkend, in die Ebene vor.
+Die mächtigen Tiere scheuten und rannten nach rückwärts
+in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich gegenseitig
+töteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch
+seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Söldner
+warfen sich jedoch mit den Gesichtern auf den Boden,
+und als die Pferde auf drei Schritt heran waren, sprangen
+sie ihnen unter die Bäuche und schlitzten sie mit
+Dolchstößen auf. Als Barkas endlich herbeikam, war
+bereits die Hälfte der Numidier gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Erschöpft, wie sie waren, vermochten die Söldner Hamilkars
+Truppen nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen
+sich daher in guter Ordnung nach dem Berge der Heißen
+Wasser zurück. Der Suffet war so klug, sie nicht zu verfolgen.
+Er gab die Belagerung von Tunis auf und
+wandte sich nach der Makarmündung.
+</p>
+
+<p>
+Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom
+Winde geführt, am Gestade des Golfes hin, wie schwarze
+schwimmende Inseln. Um den Krieg mit Nachdruck zu
+unterstützen, hatte Naravas seine Wälder erschöpft. Er
+hatte die jungen und die alten Tiere, die Männchen und
+die Weibchen genommen. Diese kriegerische Kraft seines
+Reiches erholte sich nie wieder.
+</p>
+
+<p>
+Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem
+umkommen sehn und war untröstlich darüber. Männer
+jammerten auf den Straßen und riefen ihre Namen wie
+die verstorbener Freunde: »Ach, der Unbesiegliche! Der
+Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe!« Am ersten Tag sprach
+man von ihnen mehr als von den gefallenen Bürgern.
+Doch am nächsten Tage erblickte man die Zelte der Söldner
+am Berge der Heißen Wasser. Da ward die allgemeine
+Verzweiflung so groß, daß sich viele, namentlich
+Frauen, kopfüber von der Akropolis hinabstürzten.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Hamilkars Pläne kannte keiner. Er lebte einsam in
+seinem Zelte. Nur ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand
+aß mit den beiden, nicht einmal Naravas. Gleichwohl
+bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage
+ungewöhnliche Höflichkeit. Der Numidierfürst begehrte
+zwar nichts sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn
+zu werden, aber er war trotzdem mißtrauisch.
+</p>
+
+<p>
+Des Marschalls scheinbare Untätigkeit verdeckte in der
+Tat schlaue Machenschaften und Absichten. Durch allerhand
+Kunstkniffe gewann er die Dorfältesten und die
+Söldner wurden gejagt, vertrieben und umstellt wie wilde
+Tiere. Wenn sie in ein Gehölz kamen, begann es zu
+brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet.
+Man vermauerte die Höhlen, in denen sie nachts
+lagerten. Die Nomadenstämme, ihre früheren Mitschuldigen,
+die bisher auf ihrer Seite gestanden hatten, wurden
+jetzt die Verfolger der Söldner. Man bemerkte bei
+diesen Banden stets karthagische Rüstungen.
+</p>
+
+<p>
+Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man
+munkelte, das sei durch die Berührung von Hannos Leib
+entstanden. Andre bildeten sich ein, es wäre die Strafe
+dafür, daß sie Salambos Fische gegessen hätten. Doch
+weit entfernt, Reue darüber zu empfinden, sannen sie
+auf noch abscheulichere Frevel, um die punischen Götter
+noch mehr zu beschimpfen. Man hätte sie am liebsten
+ausgerottet.
+</p>
+
+<p>
+So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostküste
+hin und dann über die Sellumer Berge hinaus
+bis zum Rande der Wüste. Man suchte einen Zufluchtsort,
+gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt
+waren treu geblieben. Doch beide Städte wurden von
+Hamilkar belagert. Deshalb zog man schließlich auf gut
+Glück wieder gen Norden, ohne die Straßen zu kennen.
+Das lange Elend hatte die Köpfe schwachsinnig gemacht.
+Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende
+Erbitterung. Eines Tages waren die Söldner wieder
+in den Schluchten von Kobus, abermals vor Karthago.
+</p>
+
+<p id="p403">
+Nun wurden die Treffen häufiger. Das Kriegsglück
+war wechselnd. Doch Freund wie Feind war derart erschöpft,
+daß man auf beiden Seiten anstatt dieser kleinen
+Scharmützel eine große Schlacht herbeiwünschte. Man
+sehnte sich nach der letzten Entscheidung.
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persönlich
+zu überbringen. Aber einer seiner Libyer übernahm
+das Wagnis. Als man ihn abziehen sah, waren
+alle überzeugt, daß er nie wiederkäme.
+</p>
+
+<p>
+Er kehrte noch am selben Abend zurück.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte
+sich am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang in der
+Ebene von Rades treffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas
+gesagt hätte, und der Libyer berichtete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf
+ich noch wartete. Ich antwortete: &rsaquo;Daß man mich töte!&lsaquo;
+Da erwiderte er: &rsaquo;Nein! Geh! Du stirbst morgen mit den
+andern!&lsaquo;«
+</p>
+
+<p>
+Diese Großmut verwunderte die Barbaren. Viele waren
+entsetzt darüber, und Matho bedauerte, daß der Bote
+nicht getötet worden war.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwölfhundert
+Griechen, fünfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer,
+vierhundert Etrusker, fünfhundert Samniter, vierzig
+Gallier und eine Schar Naffurs, das waren heimatlose
+Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte, insgesamt
+siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten,
+aber darunter keine einzige vollständige Kompagnie. Die
+Truppen hatten die Löcher ihrer Harnische mit den Schulterblättern
+von Vierfüßlern geflickt und ihre Panzerstiefel
+durch Sandalen aus Lumpen ersetzt. Kupfer- und
+Eisenstücke beschwerten ihre Röcke. Ihre Panzerhemden
+hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer
+Arme und Gesichter liefen die Narben wie Purpurfäden.
+</p>
+
+<p>
+Der Zorn ihrer toten Gefährten beseelte sie und vermehrte
+ihre Kräfte. Sie fühlten dunkel, daß sie Diener
+eines Gottes waren, der in den Herzen der Unterdrückten
+waltete, und hielten sich für die heiligen Werkzeuge der
+allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die maßlose Perfidie
+der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders
+der Umriß Karthagos am Horizonte. Man schwur sich
+zu, bis in den Tod füreinander zu kämpfen.
+</p>
+
+<p>
+Man tötete Lasttiere und aß soviel wie möglich, um sich
+zu stärken. Dann schlief man ein. Manche beteten zu
+irgend einem Sternenbilde.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene
+an. Sie hatten die Schildränder mit Öl bestrichen, damit
+die Pfeile besser abglitten. Die Infanterie, die langes
+Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht über der Stirn ab.
+Hamilkar ließ um die fünfte Stunde alle Feldkessel umwerfen,
+denn er wußte, daß es sich mit überfülltem Magen
+nicht gut fechten läßt. Sein Heer zählte vierzehntausend
+Mann, das Doppelte des Barbarenheeres. Trotzdem hatte
+er nie eine gleiche Unruhe empfunden. Wenn er unterlag,
+so war die Republik verloren, und er selbst mußte
+am Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er über
+die Pyrenäen, Gallien und die Alpen nach Italien gelangen,
+und das Reich der Barkiden war von ewiger
+Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht, um
+alles bis auf die geringsten Einzelheiten persönlich zu
+überwachen. Was seine Truppen betraf, so waren sie
+durch die lange Schreckenszeit arg erbittert.
+</p>
+
+<p>
+Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem
+konnten die Barbaren siegen. Eine seltsame Schwäche
+hatte ihn ergriffen. Aller Augenblicke trank er einen
+großen Becher Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Da öffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf
+den Boden eine Krone aus Steinsalz mit symbolischem
+Zierat aus Schwefelkristallen und Perlmuttervierecken.
+Man sandte bisweilen dem Bräutigam solch eine Hochzeitskrone.
+Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zärtlichkeit
+für Naravas. Die Erinnerung an Matho beunruhigte
+sie in unerträglicher Weise. Es dünkte ihr, als ob der
+Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen
+müsse, wie man den Biß einer Giftschlange heilt, indem
+man sie auf der Wunde zerquetscht. Der Numidierfürst
+schmachtete nach ihr. Ungeduldig harrte er seiner Hochzeit,
+und da diese dem Siege folgen sollte, so sandte Salambo
+ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da
+verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an
+das Glück, ein so schönes Weib besitzen zu sollen.
+</p>
+
+<p>
+Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang
+seine Liebe und widmete sich völlig seinen Waffengefährten.
+Er liebte sie wie Teile seines eigenen Ichs.
+Sein Haß beseligte ihn. Er fühlte seine Seele geläutert
+und seine Arme gekräftigt. Alles, was er auszuführen
+hatte, stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen
+ein Seufzer entschlüpfte, so galt er dem Angedenken des
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen.
+In die Mitte nahm er die Etrusker, die alle
+durch eine eherne Kette aneinandergefesselt waren. Hinter
+ihnen standen die Schützen. Auf die beiden Flügel stellte
+er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit Straußenfedern geschmückte
+Kamele ritten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet brachte seine Karthager in eine ähnliche
+Schlachtordnung. Rechts und links von der Phalanx des
+gepanzerten Fußvolks stellte er die Leichtbewaffneten und
+die Klinabaren auf, an den Flügeln die Numidier.
+Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung
+gegenüber und musterten einander von weitem mit
+großen wilden Augen. Zuerst zauderte man, dann aber
+setzten sie sich gegeneinander in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren rückten langsam vor, um nicht außer
+Atem zu kommen. Der Boden dröhnte unter dem Takte
+ihres Marsches. Die Mitte des punischen Heeres war
+in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte
+ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen
+zweier gegeneinander stoßenden Flotten. Die vorderste
+Linie der Barbaren schloß sich rasch auf. Die dahinter
+gedeckt stehenden Schützen schleuderten jetzt ihre Kugeln,
+Pfeile und Wurfspieße. Nunmehr flachte sich der Bogen
+der karthagischen Mitte allmählich ab. Sie wurde gerade,
+ja sie bog sich nach innen. Jetzt schwenkten die
+beiden Massen der Leichtbewaffneten schräg vorwärts wie
+die beiden Schenkel eines sich schließenden Zirkels. Die
+Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx,
+waren nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten.
+Das wäre ihr Verderben gewesen. Matho beorderte sie
+zurück, und während die punischen Leichtbewaffneten in
+ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte er
+seine Reserven gegen sie. Dadurch verlängerte sich alsbald
+sein Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung
+erschien um das Dreifache verlängert.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen,
+namentlich die auf dem linken, die bald ihre Pfeile
+verschossen hatten, waren zu schwach. Als die punischen
+Leichtbewaffneten gegen sie anstürmten, wurden sie in
+Unordnung gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Matho ordnete die Rückwärtsbewegung seines linken
+Flügels an. Auf dem rechten Flügel hatte er noch die
+mit Äxten bewaffneten Kampaner. Er warf sie gegen
+den linken Flügel der Karthager. Sein Mitteltreffen griff
+ebenfalls wieder an, und der linke Flügel, jetzt außer Gefahr,
+hielt den Leichtbewaffneten wieder stand.
+</p>
+
+<p>
+Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf
+und ließ sie attackieren.
+</p>
+
+<p>
+Diese kegelförmigen Massen zeigten in der Front Reiter,
+während ihre breiteren Flanken von den Lanzen
+Schwerbewaffneter starrten. Die Barbaren vermochten
+nicht standzuhalten. Allein das griechische Fußvolk besaß
+Kürasse und Lanzen, alle andern führten nur Messer,
+an langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen
+sich beim Schlagen, und während man sie mit den
+Stiefelabsätzen wieder geradetrat, machten die Karthager
+die Wehrlosen von rechts und links mühelos nieder.
+</p>
+
+<p>
+Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten
+nicht. Da die Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten
+sie die Lebenden mit ihren Leibern. Die breite,
+eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog sie sich wieder
+zusammen, biegsam wie eine Schlange und unerschütterlich
+wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter
+ihr immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen
+dann wieder hervor, die Stümpfe ihrer Waffen schwingend.
+</p>
+
+<p>
+Viele hatten überhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen
+auf die Karthager los und bissen ihnen ins Gesicht wie
+Hunde. Die Gallier warfen hochmütig ihre Waffenröcke
+ab und zeigten von weitem ihre kräftigen weißen Körper
+oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf.
+In den punischen Kompagnien hörte man die Stimme der
+Signalisten nicht mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen
+wurden. Nur die Standarten, die aus dem Staube
+ragten, hielten die Verbände einigermaßen zusammen. Der
+einzelne Mann ward von den Wogen des wilden Getümmels
+fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ den Numidiern den Befehl zur Attacke
+zugehen. Die Naffurs warfen sich ihnen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie trugen weite schwarze Gewänder, Haarschöpfe auf
+dem Wirbel, Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen
+Klingen ohne Griffe, die an einem Strick befestigt waren.
+Ihre über und über mit Federn gespickten Kamele stießen
+langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen
+genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurück, und das
+getroffene Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere
+galoppierten mitten durch die Kompagnien. Einige, denen
+ein Bein zerschmettert worden war, hüpften wie verwundete
+Strauße.
+</p>
+
+<p>
+Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem
+auf die Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die
+auseinandergesprengten Züge wirbelten um sich selbst, und die
+glänzenden Kürasse und Waffen der Karthager umschlossen
+sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes Gewühl
+herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf
+die Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren
+lagen in der Ebene niedergestreckt. Die Söldner rissen
+ihnen die Rüstungen ab, legten sie selbst an und stürzten
+sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht, rannten
+manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die
+Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei,
+das in der Ferne erscholl, trieb sie hin und her,
+wie Schiffstrümmer der Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung.
+Alles drohte dem Genie Mathos und dem
+unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es
+war eine Schar von Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen
+Kindern, ja selbst Frauen, die ihre Angst nicht länger
+bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen
+waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem
+zu stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark
+den einzigen Elefanten mitgenommen, den die Republik
+noch besaß. Es war der, dessen Rüssel abgehauen worden
+war.
+</p>
+
+<p>
+Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt
+ihre Mauern verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen
+zu gebieten, für die Heimat zu sterben. Ungeheure Wut
+ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle übrigen mit fort.
+Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit
+dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine
+Hoffnung mehr auf Sieg, nicht einmal auf ihr Leben.
+Aber dieser Rest bestand aus den besten, unerschrockensten
+und stärksten Leuten.
+</p>
+
+<p>
+Der karthagische Landsturm begann Bratspieße, Spicknadeln
+und Hämmer zu schleudern. Männer, vor denen
+römische Konsuln gezittert, starben nun unter Knüppeln
+in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die
+Söldner mit Stumpf und Stiel.
+</p>
+
+<p>
+Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels
+zurück. Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis
+wieder. Zweimal brachen sie vor. Ein Gegenstoß warf
+sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager waren zu
+viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen
+den Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl
+zu. Man glitt vor Blut aus. Die Toten rollten
+den steilen Abhang hinab und umtürmten den Elefanten,
+der den Hügel erklimmen wollte, bis an den
+Bauch. Es hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne
+auf ihnen herum, und sein Rüsselstumpf erhob sich von
+Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.
+</p>
+
+<p>
+Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager
+schauten zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die
+Barbaren standen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel
+begann von neuem. Mehrfach ließen die Söldner
+sie dicht herankommen, indem sie ihnen zuriefen, sie wollten
+sich ergeben. Dann aber töteten sie sich selber mit
+entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto
+höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war,
+als wachse allmählich eine Pyramide auf.
+Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann zwanzig, dann
+drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit
+einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert
+besaß.
+</p>
+
+<p>
+Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts
+und links. Dabei warnte er Matho vor den Schlägen,
+die man gegen ihn führte:
+</p>
+
+<p>
+»Achtung, Herr! Dort! Da!«
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren.
+Er war vollständig nackt und bleicher als die Toten
+um ihn herum. Das Haar stand ihm in die Höhe, und
+zwei Schaumstreifen flossen aus seinen Mundwinkeln.
+Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es
+ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte
+es am Griff. Der Samniter war gefallen,
+und die Flut der Karthager umbrandete nun den letzten
+der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da hob er
+seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen
+und stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen,
+wie ein Mensch, der sich von einem Vorgebirge ins Meer
+wirft.
+</p>
+
+<p>
+Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die
+Karthager an. Doch immer wieder gaben sie ihm Raum
+und wandten ihre Waffen ab.
+Mathos Fuß stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen.
+Da fühlte er sich an Händen und Füßen gefesselt
+und fiel zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und
+Tritt mit einem jener großen Netze gefolgt, mit denen
+man wilde Tiere fängt. Indem er den Augenblick benutzte,
+wo Matho sich bückte, hatte er es ihm übergeworfen.
+Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig
+weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten
+begleiteten ihn im Sturmschritt, unter wildem
+Lärm nach Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon
+in der dritten Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr
+am Khamontempel zeigte die fünfte Stunde, als man
+Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf. Auf
+den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter,
+daß die Stadt in Flammen zu stehen schien.
+</p>
+
+<p>
+Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er
+lag auf dem Rücken und betrachtete die Sterne.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der
+letzte von denen, die in der »Säge« zurückgeblieben
+waren.
+</p>
+
+<p>
+An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren,
+hatten heimziehende Zuaesen die Felsen weggerollt und
+die Barbaren auf kurze Frist ernährt.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und
+wollte den Ort nicht verlassen, aus Mutlosigkeit und
+Ermattung, auch aus jenem Eigensinn, mit dem sich
+Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber
+waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen
+weitergezogen.
+</p>
+
+<p>
+Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert
+Mann von den Söldnern übrig waren. Um ihnen ein
+Ende zu bereiten, bedurfte man keiner Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit
+den drei Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas
+hatte eine große Treibjagd veranstaltet, wobei er
+in bestimmten Abständen Ziegen an Pfähle gebunden
+und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort
+hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam,
+um festzustellen, was von den Barbaren noch übrig
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote,
+Waffen und Kleider bildeten eine einzige Masse. Fast
+allen Leichnamen fehlte der Kopf oder irgendein Glied.
+Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu
+Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus
+Helmen. Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor.
+Skelette trugen noch Mäntel, und gebleichte Gebeine
+leuchteten wie helle Flecken im Sande.
+</p>
+
+<p>
+Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten
+Vordertatzen auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht,
+das grell von den weißen Felsen zurückstrahlte, blinzelten
+sie. Andre saßen auf den Hintertatzen und starrten
+vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu Knäueln
+zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen.
+Alle sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus.
+Unbeweglich lagen sie wie das Gebirge und die Toten.
+Die Nacht sank herab. Breite rote Streifen flammten
+im Westen am Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten
+Haufen erhob sich eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst.
+Einer der Löwen schritt ihr entgegen. Sein
+Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom purpurroten
+Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz
+nahe war, schlug er ihn mit einem Schlag seiner Tatze
+zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit
+seinen Zähnen langsam die Eingeweide heraus.
+Nach einiger Zeit öffnete er seinen Rachen in ganzer
+Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes
+Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es
+schließlich in der Einöde verhallte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab.
+Tritte huschten über den Boden. Von der Schlucht und
+der Drahtsperre her tauchten spitze Schnauzen und große
+Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten. Das waren
+die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu verzehren.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager, der das, über den steilen Rand der
+Halde herabgebeugt, sah, machte sich auf den Heimweg.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch15">XV</h2>
+
+<h2>Matho</h2>
+
+
+<p>
+Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser,
+wahnwitziger Freude. Man hatte die Zerstörungen
+flüchtig ausgebessert, die Götterbilder neu bemalt, das Pflaster
+mit Myrtenzweigen bestreut und an den Straßenecken
+Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen
+glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten
+in hängenden Gärten.
+</p>
+
+<p>
+Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch
+die Rufe der Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten.
+Sklaven Hamilkars boten in seinem Namen
+geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar. Man
+begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen
+Städte waren erobert, die Nomaden zerstreut, die
+Barbaren mit Stumpf und Stiel vernichtet. Die Akropolis
+war vor lauter bunten Zeltdächern kaum noch zu
+sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen
+Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten
+wie eine lange Diamantenkette. Überall war die Ordnung
+wiederhergestellt. Neues Leben begann. Ein ungeheures
+Glück schwebte über allem: es war der Tag von Salambos
+Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen,
+mit massigem Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an
+denen die Priester, die Alten und die Patrizier Platz
+nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht stehender Tisch
+war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt.
+Da Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des
+Schleiers gerettet hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit
+wie ein Nationalfest und harrte drunten auf dem Platze
+ihres Erscheinens.
+</p>
+
+<p>
+Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine
+Ungeduld: Mathos Tod war für diese Feier verheißen.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden,
+ihm Blei in die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern
+zu lassen. Dann sollte er an einen Baum gebunden
+werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein
+auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt!
+Die heiligen Tiere der Göttin sollten Rache üben!
+Andre machten den Vorschlag, man solle ihn auf einem
+Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn
+mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen
+gespickt hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem
+Gedanken, wie das große Tier durch die Straßen jagte
+und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte wie
+ein Kerzenlicht im Winde.
+</p>
+
+<p>
+Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut
+werden, und warum sollte man die andern des Genusses
+berauben? Man forderte darum allgemein eine
+Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei
+der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago
+bis zum Straßenpflaster und den Fluten des Golfes,
+zerreißen, zermalmen, vernichten konnten. So bestimmten
+denn die Alten, daß er ohne Geleit, die Hände auf den
+Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum Khamonplatze
+gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu
+treffen &ndash; damit er möglichst lange lebe &ndash;, oder ihm die
+Augen auszustechen &ndash;, damit er seine Marter bis zu Ende
+selber sehen könne. Auch durfte nicht nach ihm geworfen
+werden, und niemand sollte ihn nicht mit mehr als drei
+Fingern berühren.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte,
+glaubte man ihn lange vorher schon ein paarmal zu erblicken.
+Man stürzte nach der Burg. Die Straßen leerten sich,
+dann aber kehrte man mit lautem Murren wieder zurück.
+Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen
+auf ein und derselben Stelle. Sie riefen einander von
+weitem zu und zeigten ihre Fingernägel, die sie sich hatten
+wachsen lassen, um sie recht tief in Mathos Fleisch bohren
+zu können. Andre gingen aufgeregt auf und ab.
+Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung
+entgegensahn.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe
+Federfächer über den Köpfen auf. Das war Salambo,
+die vom väterlichen Palast her nahte. Seufzer der Erleichterung
+liefen durch die Menge.
+</p>
+
+<p>
+Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er
+bewegte sich feierlich-langsam.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die
+Eschmuns, Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften,
+eine nach der andern, mit denselben Abzeichen und der
+gleichen Ordnung wie damals beim Opfer. Die Molochpriester
+kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von
+einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die
+Priester der Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern
+in den Händen. Die heiligen Hetären folgten ihnen in
+durchsichtigen Gewändern von gelber oder von schwarzer
+Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie
+Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise,
+um den Reigen der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten
+Gewändern entströmten schwere Düfte überallhin. Mit
+besonderem Beifall begrüßte man unter diesen Weibern
+die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie versinnbildlichten
+die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit.
+Ihnen waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht
+eigen wie den priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer
+flachen Brüste und ihrer schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt
+beherrschte und erfüllte die Verherrlichung des
+Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische Lüsternheit
+schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die
+Fackeln in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der
+Nacht eine allgemeine geschlechtliche Tummelei stattfinden
+sollte. Drei Schiffe aus Sizilien hatten Dirnen hergeführt,
+und auch aus der Wüste waren welche gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres
+Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und
+längs der doppelten Treppen des Tempels, die an der
+Mauer emporliefen und sich oben wieder einander näherten.
+Reihen langer weißer Gewänder wehten zwischen
+den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen
+Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der
+Provinzen und alle Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges
+Getöse. Aus den anstoßenden Straßen strömte das
+Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit Stockschlägen
+zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren
+trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen
+purpurnen Baldachin, Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten
+schallten lauter, die Tamburine rasselten, und der
+große Purpurbaldachin verschwand zwischen den beiden
+Pylonen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein.
+Salambo schritt, nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin
+und dann quer über die Terrasse, um sich im Hintergrund
+auf einem Thron niederzulassen, der aus einer
+Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen
+Elfenbeinschemel mit drei Stufen unter die Füße. Am
+Rande der untersten knieten zwei Negerkinder. Hin
+und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen belasteten
+Hände auf die Köpfe der Kleinen.
+</p>
+
+<p>
+Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein
+Gewebe gehüllt, dessen enge Maschen wie Fischschuppen
+aussahen und wie Perlmutter glänzten. Ein dunkelblauer
+Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über zwei mondsichelförmigen
+Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen
+durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz
+bestand aus edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter
+schneeweißer Mantel fiel hinter ihr herab. So saß sie
+da, die Ellbogen angelegt, die Knie geschlossen, die Oberarme
+mit Diamantenreifen geschmückt, starr und steif
+wie ein Götterbild.
+</p>
+
+<p>
+Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und
+ihr Gatte nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar
+gekleidet, trug seine Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus
+der zwei gewundene Haarflechten wie Ammonshörner
+hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen Weinranken
+bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an
+der Seite.
+</p>
+
+<p>
+Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange
+des Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl
+und beschrieb, sich in den Schwanz beißend, einen
+großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand eine
+kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne
+darauf fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen
+Seiten.
+</p>
+
+<p>
+Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren
+Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten
+mit ihren Tiaren eine lange goldene Reihe, links die
+Patrizier mit ihren Smaragdzeptern ein breites grünes
+Band, während die Molochpriester mit ihren roten Mänteln
+den Hintergrund wie mit einer Purpurwand abschlossen.
+Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren
+Terrassen ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg
+auf die Dächer und stand in dichten Reihen bis zur
+Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu ihren
+Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das
+unendliche Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick
+in die Binnenländer hatte, da ward sie in ihrem Glanze
+eins mit Tanit und erschien als Karthagos Patronin,
+als die verkörperte Seele der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige
+Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken
+aus bunter Wolle, mit denen die niedrigen Tische bedeckt
+waren. Große Bernsteinkrüge, Amphoren aus blauem
+Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote umgaben
+die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben
+waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen
+wie um Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf
+Schüsseln aus Ebenholz. Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse
+und Melonen türmten sich über breiten Silberplatten.
+Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen
+von Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß
+es aussah, als sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben
+lagen Muschelschalen, mit Fleischragout gefüllt. Das
+Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn man die
+Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter
+Tunika auf den Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit
+spielten Leiern eine Hymne, oder es erhob sich ein Chorgesang.
+Der Lärm des Volkes, anhaltend wie Meeresrauschen,
+umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie
+der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten
+des Gelages der Söldner. Man überließ sich glückseligen
+Träumen. Die Sonne begann zu sinken, und auf der
+andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand
+sie gerufen. Das Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der
+Richtung ihres Blickes.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers,
+der zu Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen
+war, soeben geöffnet. Ein Mann stand auf der Schwelle
+der schwarzen Öffnung.
+</p>
+
+<p>
+Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene
+eines wilden Tieres, das man plötzlich freigelassen hat.
+Das Licht blendete ihn. Eine Weile blieb er unbeweglich
+stehen. Man hatte ihn allgemein erkannt und hielt
+den Atem an.
+</p>
+
+<p>
+Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes,
+fast von einem Heiligenschein umstrahlt. Man beugte
+sich vor, um ihn zu sehn, vornehmlich die Weiber. Sie
+waren darauf erpicht, den zu betrachten, der ihre Kinder
+und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele
+erhob sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn
+vollständig kennen zu lernen, ein Gelüst, das sich mit
+Reue paarte und in ein Übermaß von Haß umschlug.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung
+der ersten Überraschung. Tausend Arme streckten sich
+empor, aber man sah ihn nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte
+sie hinab, wie in einem Gießbach vom Gipfel eines
+Berges hinuntergerissen. Dreimal sah man ihn hochschnellen.
+Endlich kam er unten wieder auf die Füße.
+</p>
+
+<p>
+Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen
+Stößen, und er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln
+zu zerreißen, daß seine auf dem bloßen Rücken gefesselten
+Arme anschwollen wie Schlangenleiber.
+</p>
+
+<p>
+Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen
+aus. Durch jede von ihnen spannten sich zwei dreifache
+Reihen eherne Ketten, die am Nabel von Kabirenbildsäulen
+befestigt waren, in gleicher Richtung von einem
+Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser
+gedrängt. In der Mitte schritten Ratsdiener und
+schwangen Peitschen.
+</p>
+
+<p>
+Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag
+an. Da begann er von neuem seinen Leidensgang.
+</p>
+
+<p>
+Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der
+Weg sei ihm allzu breit gelassen worden. Er aber schritt,
+von tausend Fingern betastet, gestochen und zerhackt
+immer weiter. War er am Ende einer Straße, so tat
+sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite,
+um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge
+brach in Hohngelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen,
+das unter seinem Ärmel eine spitzige Spindel versteckt
+hatte, zerschlitzte ihm die Backe. Man riß ihm Hände
+voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre beschmierten
+ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht
+und auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite
+schoß ein Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn
+vollends aus. Dieser letzte der Barbaren war für
+das Volk der Vertreter aller andern, des ganzen Heeres.
+An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle Schande.
+Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres
+Blutdurstes zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten
+sich und drohten zu brechen. Man fühlte die Schläge der
+Sklaven nicht mehr, die auf die Massen einhieben, um
+sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern der
+Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit
+Köpfen erfüllt, und das Böse, das man dem Libyer nicht
+antun konnte, brüllte man ihm wenigstens zu.
+</p>
+
+<p>
+Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt
+mit spöttischen Zurufen und Flüchen; und da man an
+seiner gegenwärtigen Marter nicht genug hatte, kündigte
+man ihm noch fürchterlichere Qualen für die Ewigkeit an.
+</p>
+
+<p>
+Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger
+Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein
+heiserer, dumpfer, wilder Laut ein minutenlanges Echo
+im ganzen Volke. Die Mauern erbebten von diesem Geschrei
+vom Grund bis zum Giebel, und Matho war zumute,
+als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen
+und ihn vom Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme,
+um ihn in der Luft zu erwürgen.
+</p>
+
+<p>
+Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden
+zu haben. Die gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen
+Blicke, die gleiche Raserei! Nur war er damals frei, damals
+wichen alle vor ihm aus, damals beschirmte ihn ein
+Gott! Und diese Erinnerung, die immer deutlicher ward,
+erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit. Schatten
+schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor
+ihm. Das Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der
+Hüfte. Er fühlte den Tod. Seine Knie schlotterten, und
+er sank langsam auf das Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels
+die auf Kohlen glühend gemachte Querstange eines Dreifußes,
+schob sie unter der obersten Kette hindurch und
+stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das Fleisch rauchen.
+Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei
+des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen.
+Sechs Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann
+noch ein drittes-, ein viertesmal. Immer jagte ihn eine
+neue Marter wieder auf. Man bespritzte ihn durch Röhren
+mit siedendem Öl, streute Glasscherben unter seine Füße.
+Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße lehnte
+er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken
+gegen die Mauer und ging nicht mehr weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen
+aus Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die
+Fransen ihrer Tuniken von Schweiß troffen. Matho
+schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich aber nahm
+er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen,
+während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost
+habe. Er stürzte durch die Budesstraße, die Söpogasse,
+über den Gemüsemarkt und langte auf dem Khamonplatz
+an.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten
+die Menge zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum.
+Matho schaute sich um, und seine Blicke trafen Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden
+und unwillkürlich, je näher er kam, immer
+mehr bis an den Rand der Terrasse vorgetreten. Bald
+war die Außenwelt für sie verschwunden. Sie sah nur
+noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden.
+Einer jener Abgründe hatte sich in ihr aufgetan, in dem
+die ganze Welt versinkt unter der Wucht eines einzigen Gedankens,
+einer Erinnerung, eines Blickes. Dieser Mann,
+der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt in seinen
+Bann.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenähnliches
+mehr. Sein Körper war eine über und über
+rote Masse. Die zerrissenen Stricke hingen an seinen
+Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den
+Sehnen seiner völlig entfleischten Fäuste zu unterscheiden.
+Sein Mund stand weit offen. Aus seinen Augenhöhlen
+sprühten zwei Flammen, die bis zu seinen Haaren emporzulodern
+schienen, &ndash; und doch schritt der Unglückliche immer
+noch weiter.
+</p>
+
+<p>
+Er kam gerade bis an den Fuß der Terrasse. Salambo
+hatte sich über die Brüstung geneigt. Seine fürchterlichen
+Augen blickten sie an, und plötzlich kam ihr alles ins
+Bewußtsein, was er für sie gelitten hatte. Dort lag er
+im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den
+Knien liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen
+und Koseworte stammeln. Es dürstete sie darnach, die
+Worte von damals noch einmal zu hören. Er sollte
+nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein
+heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da stürzte er rücklings
+zu Boden und regte sich nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Halb ohnmächtig wurde Salambo von den Priestern,
+die sich um sie bemühten, auf ihren Thron zurückgetragen.
+Man beglückwünschte sie. Das war ihr Werk! Überall
+um sie herum klatschte man in die Hände, stampfte mit
+den Füßen und heulte ihren Namen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann stürzte auf den Toten. Wiewohl er bartlos
+war, trug er doch den Mantel der Molochpriester um
+die Schultern und am Gürtel ein eigentümliches Messer,
+das zum Zerlegen des Opferfleisches diente und am Ende
+des Stieles in einen goldnen Spatel auslief. Mit einem
+einzigen Schnitt spaltete er Mathos Brust, riß das Herz
+heraus und legte es auf den Löffel. Es war Schahabarim.
+Er hob den Arm hoch und bot das Herz der
+Sonne dar.
+</p>
+
+<p>
+Glühend stand sie über den Fluten, und ihre letzten Strahlen
+trafen wie lange Pfeile das blutrote Herz. Je tiefer
+ihre Scheibe ins Meer sank, desto schwächer wurden seine
+Schläge, und bei dem letzten Zucken des Muskels schwand
+auch die Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl vom Golf bis zur Lagune und von der
+Landenge bis zum Leuchtturm, in allen Straßen und auf
+allen Tempeln, ein einziger Schrei, der bisweilen aufhörte
+und dann wieder erklang. Die Gebäude erbebten.
+Karthago zuckte zusammen wie im Krampfe titanischer
+Freude und grenzenloser Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+Naravas, von Stolz berauscht, legte zum Zeichen des
+Besitzes seinen Arm um Salambos Leib und ergriff mit
+der Rechten eine goldene Schale, die er auf Karthagos
+Glück leerte.
+</p>
+
+<p>
+Salambo erhob sich, gleich ihrem Gemahl, mit einer
+Schale in der Hand, um ebenfalls zu trinken. Da sank
+sie mit zurückgebogenem Haupt auf die Lehne des Thrones
+nieder, bleich, starr, mit offenen Lippen. Ihr gelöstes
+Haar wallte zum Boden herab.
+</p>
+
+<p>
+So starb Hamilkars Tochter, weil sie den heiligen Mantel
+der Tanit berührt hatte.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="anh">Anhang</h2>
+
+<h2>Anmerkungen des Übersetzers</h2>
+
+
+<p>
+Salammbô ist 1862 erschienen. Die französische Urhandschrift
+befindet sich heute im Besitze der Nichte Flauberts,
+Madame Franklin-Grout in Antibes (Villa Tanit), und
+wird dermaleinst Eigentum der Pariser Nationalbibliothek.
+Sie besteht aus 340 Blättern »großen Formats«
+und trägt auf dem Pappdeckel des Einbandes die Daten
+»September 1857&ndash;April 1852«. Die Kapitelüberschriften
+fehlen. Die Kapitel sind nur numeriert. Flaubert hat
+sie erst in die Korrektur gefügt. Alle Verbesserungen, die
+Flaubert in der Druckkorrektur angebracht hat, sind von
+dem gewissenhaften Dichter in Bleistiftschrift auch in das
+Manuskript eingetragen worden. Es sei bemerkt, daß
+die Edition définitive (Paris, Charpentier) im Druck und
+stellenweise auch im Text nicht die Sorgfalt verrät, die
+einem Flaubert gebührt.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die erste Idee zu einem antik-orientalischen Roman
+faßte Flaubert während seiner Reise durch Ägypten und
+Syrien, 1849-50. Kurz nach dem berichtet er von einem
+Entwurf »Anubis«, in dem die Heldin die Liebe eines
+Gottes ersehnt. Das Studium des bekannten Werkes
+»Die Phönizier« von Franz Karl Movers (1841&ndash;56, zwei
+Bände) lenkte Flaubert auf Karthago. Im Jahre 1858
+besuchte er die Ruinenstätte. Die Tagebuchblätter dieser
+Reise sind neuerdings veröffentlicht worden (Au Pays
+de Salammbô, in der Revue de Paris vom 1. Dez. 1911).
+Es ist selbstverständlich, daß der Dichter die gesamte Punier-Literatur,
+soweit sie bis 1862 erschienen, gekannt
+hat, auch die fremdländische, obgleich er als echter Franzose
+außer dem Latein keine fremde Sprache beherrschte.
+Die antiken Autoren, ebenso Movers, benutzte er in französischen
+Übersetzungen. Den Engländer Dr. N. Davis,
+der in der Zeit von 1856&ndash;59 in Karthago und Umgegend
+Ausgrabungen leitete, hat Flaubert an Ort und Stelle
+kennen gelernt. Freilich sprach Davis nicht französisch
+und Flaubert &ndash; wie schon bemerkt &ndash; nicht englisch. Aber
+»wir verstehen uns sehr gut« schreibt Flaubert damals
+an seine Nichte.
+</p>
+
+<p>
+Genannt seien als von Flaubert benutzte Werke: Ch.E.
+Beulé, Fouilles à Carthage (Paris, 1860), &ndash; N. Davis,
+Carthage and her remains (London, 1861), &ndash; ferner die
+Arbeiten von Falbe, Dureau de la Malle, u.a. Von den
+beiden erstgenannten existieren übrigens &ndash; allerdings nicht
+ganz einwandfreie &ndash; deutsche Ausgaben. An kartographischem
+Material stand Flaubert vor allem die zuverlässige
+Terrainaufnahme des Kapitäns C.T. Falbe
+(1:16000, Paris 1833) zu Gebote. Es existiert noch keine
+wissenschaftliche Untersuchung des Verhältnisses des Romans
+zu den Quellen und Hilfsmitteln Flauberts.
+</p>
+
+<p>
+Wer sich, angeregt durch die Salambo, über den heutigen
+Stand der wissenschaftlichen Kenntnis von Karthago
+belehren lassen möchte, sei auf das sorgfältige Lebenswerk
+von Otto Meltzer hingewiesen: Geschichte der Karthager,
+Berlin, Weidmann, besonders auf den zweiten
+Band (1896). Hinsichtlich der punischen Religion seien
+genannt die Studien des Grafen Wolf Baudissin »Esmun-Asklepios«
+(1906), »Jahve et Moloch« u.a.m. Das
+maßgebende Kartenwerk bilden heute die Blätter La
+Marsa, El Ariana, La Goulette, Tunis usw. des Service
+géographique de l'Armee (1:50000, aufgenommen
+1890 ff.) und der sich hierauf stützende wertvolle Atlas
+archéologique de la Tunisie ... accompagné d'une text
+explicatif, Paris, Leroux, 1892 ff.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Zu einigen wenigen Stellen des Romans seien im folgenden
+knappe Erläuterungen erlaubt.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p001">Seite 5.</a> Die Stadt Eryx auf halber Höhe des gleichnamigen
+Berges (in Sizilien) wurde von Hamilkar im
+Jahre 244 v. Chr. genommen. Flauberts Roman beginnt
+etwa Anfang September des Jahres 241 v. Chr.
+Der Söldnerkrieg währte nach Polybios drei Jahre und
+vier Monate (241&ndash;238 v. Chr.).
+</p>
+
+<p>
+Die Lage der Villa Hamilkars in der Vorstadt Megara
+ist nicht überliefert. Flaubert nimmt sie auf der Höhe
+über dem Seetor an.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p006">Seite 6.</a> Der Eschmuntempel stand auf der Akropolis.
+Eine monumentale Freitreppe von sechzig Stufen, in drei
+Absätze gegliedert, führte hinauf. Um den Tempel waren
+breite Terrassen, die den Eindruck einer mächtigen Befestigung
+erweckten. Der Tempel war das allenthalben
+sichtbare Wahrzeichen der Stadt, der Sankt Peter Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p010">Seite 10.</a> Die Abgabe des Oberbefehls über die Truppen
+in Lilybäum an den General Gisgo &ndash; nach dem
+Friedensschlusse im Hochsommer des Jahres 241 v. Chr. &ndash; erfolgte
+nicht freiwillig. Hamilkar wurde dazu genötigt.
+Dieser schwere Fehler in der Kriegsführung gegen Rom
+fällt den Umtrieben der inzwischen in der Heimat aus
+Ruder gekommenen Partei des Hanno zu.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p012">Seite 12.</a> Über die Syssitien der Hetärien, sowie über
+die komplizierte Staatsverfassung der Republik, die von
+Aristoteles als hervorragend gepriesen worden ist, vgl.
+Meltzer, Geschichte der Karthager, II, 34 ff.
+</p>
+
+<p>
+Die karthagische Garde: bei Polybios die Heilige Schar.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p017">Seite 17.</a> Polybios nennt den Namen der Tochter Hamilkars
+nicht. Nach anderer Überlieferung soll sie Salwamba
+(d.h. magna mater) geheißen haben.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p026">Seite 26.</a> Die Via Mapaliensis (Straße der Mappalier,
+d.h. der Zeltbewohner = der Numidier) führte von der
+See quer durch die Stadt nach den Katakomben. Flaubert
+rekonstruiert sie als die Via Appia Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#ch02">Seite 30.</a> Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer
+südwestlich von Karthago. Der dort betriebene zynische
+Venuskult war berüchtigt.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p038">Seite 38.</a> Die Erwähnung der gekreuzigten Löwen
+stützt sich auf Plinius c. 18, wo erzählt wird, daß Scipio
+Aemilianus und Polybios auf einem gemeinsamen Spazierritt
+in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte
+Tiere sahen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p043">Seite 43.</a> Über die Kabiren (d.h. die Mächtigen) und
+die Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie,
+4. Aufl., Berlin, 1894, Bd. I, 847&ndash;864.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p061">Seite 61.</a> Über den Kult der Tanit (identisch mit Astarte
+u.a.) vgl. Münter, Religion der Karthager, 2. Aufl.,
+S. 79 ff. Über ihren Tempel vgl. N. Davis, Karthago
+und seine Überreste, Leipzig, 1863, S. 110 ff.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p063">Seite 63.</a> Der doppelgipflige Berg der Heißen Wasser,
+von Virgil gepriesen, jetzt Hammam el Enf, liegt 15 Kilometer
+südlich von Karthago.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p065">Seite 65.</a> Die Säulen des Melkarth sind natürlich
+die Säulen des Herkules (Gibraltar).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p080">Seite 80.</a> Das vielumstrittene »Ledergeld« entspricht
+unserm heutigen Papiergeld.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p092">Seite 92</a>, ebenso <a href="#p282">Seite 282</a>. »Zügellose Pferde«. Dies
+stützt sich auf Livius XXI, c. 44. Wahrscheinlich hatten
+die Numidier nur leichte Trensengebisse, was der Römer
+als »ungezäumt« ansieht.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p098">Seite 98.</a> Flaubert antwortete auf den Angriff eines
+Gelehrten u.a.: »Hinsichtlich des Tanittempels bin ich
+sicher, ihn so rekonstruiert zu haben, wie er war: an der
+Hand der Abhandlung über die syrische Göttin, &ndash; der
+Münzen des Herzogs von Luynes, &ndash; dessen, was man vom
+Jerusalemer Tempel weiß, &ndash; einer Stelle aus dem heiligen
+Hieronymus, zitiert von Selden (De diis syriis), &ndash; des
+Planes vom Tempel in Gozzo, der sicher karthagisch ist, &ndash; und
+vor allem nach den Ruinen des Tempels von
+Thugga, den ich mit eigenen Augen gesehen habe ...«
+(Anhang zur Edition définitive, p. 356).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p124">Seite 124.</a> Die afrikanischen Phönizier nannten sich
+noch in der römischen Kaiserzeit »Kanaaniter«, nach ihrer
+Heimat Chna (d.h. Niederung).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p142">Seite 142.</a> Die Lage von Gorza ist nicht überliefert.
+Wahrscheinlich lag sie südlich des Unterlaufs des Bagradas.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p146">Seite 146.</a> Flaubert nimmt augenscheinlich den Khamontempel
+am Markt (Forum) und westlich der Hafenanlagen
+gelegen an.
+</p>
+
+<p>
+Der Haupttyp der Schlachtschiffe war um 240 v. Chr.
+bereits die Pentere, sowohl auf karthagischer wie römischer
+Seite.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p152">Seite 152.</a> Der Molochtempel hat nördlich der Akropolis
+gelegen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p163">Seite 163.</a> Die »Insel der Totenknochen«, ein kleines
+ödes Eiland, gehört zu den Liparischen Inseln (nördlich
+von Sizilien). Der Bericht Diodors, daß die Karthager
+auf Befehl der Gerusia dort 6000 Söldner ausgesetzt
+hätten, ist eine Legende, wie wohl so mancher uns überlieferter
+Zug von punischer Grausamkeit und Perfidie.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p174">Seite 174 ff.</a> Die Legende, daß die Punier Afrika umschifft
+haben und nach Indien und Arabien um das Kap
+der guten Hoffnung gefahren sein sollen, ist kaum haltbar.
+Man darf nicht vergessen, daß es auch im Altertum
+einen Suezkanal gegeben hat.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p176">Seite 176.</a> Die oringischen Pferde sind aus Oringis
+in Spanien eingeführt, wo im Altertume berühmte Gestüte
+existierten.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p178">Seite 178.</a> Das Talent (damals im Werte von etwa
+4200 Mark) hatte 60 Minen zu je 100 Drachmen zu je
+6 Obolen. Das punische Talent hieß Kikar. Es galt
+60 Minen zu je 50 Sekel.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p181">Seite 181.</a> Betreffs der punischen Münzen vgl. L. Müller,
+Numismatique de l'ancienne Afrique, Kopenhagen, 1860,
+3 Bde. und 1 Supplement (1874).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p183">Seite 183.</a> Flaubert nennt als Hauptquelle seiner Kenntnisse
+der antiken Edelsteine: Theophrast, Traktat über
+die Edelsteine.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p186">Seite 186.</a> Sylphium (auch <a href="#p034">Seite 34</a> erwähnt), vielleicht
+identisch mit Asant, ein bedeutender Handelsartikel
+im Altertum, ist ein starkes aromatisches Gewürz, das
+man den Speisen und Getränken zusetzte, ähnlich wie wir
+heute die Zwiebel oder die Zitrone verwenden oder bei
+Mischgetränken den Angostura.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p204">Seite 204 ff.</a> Makar ist der punische Name für den
+Bagradas (heute: Medscherda). Er mündete damals
+18 Kilometer südlicher denn jetzt, so daß seine Mündungsstelle
+nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war. Der
+Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und
+Kap Kamart in drei großen Ausbuchtungen tief (bis zu
+mehr denn 10 Kilometer) in das Land ein, so daß Utika
+(heute: Bu Schater) am Meere lag.
+</p>
+
+<p>
+Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner »Geschichte«
+einen verhältnismäßig langen Bericht über die Schlacht
+am Bagradas, indessen genügt er nicht, den taktischen
+Verlauf der Schlacht klar zu rekonstruieren. Hans Delbrück,
+unsre Autorität in der Kenntnis der antiken Schlachten,
+übergeht daher in seiner »Geschichte der Kriegskunst«
+(II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den
+ersten punischen Krieg gänzlich. Flauberts anschauliche
+Schilderung gibt gerade im Charakteristikum eine unmögliche
+Schlacht. Hamilkar marschierte mit seinen
+10000 Mann nach dem genialen Übergang über den Fluß
+stromauf auf dem linken Bagradasufer. Während sich
+seine Vorhut gegen die Söldner am verschanzten Brückenkopf
+entwickelte, verblieb er mit seinen Kerntruppen in
+Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen Kräfte
+vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Maßnahmen
+verraten hatten, konnte er an eine vollständige
+Entwicklung seiner numerisch geringeren Truppen gar
+nicht denken. Nach Polybios lag es in der Absicht der
+beiden Söldner-Detachements, die Karthager »in die
+Mitte« zu bekommen. Nur in der Übereilung kam es
+zu der <i>taktisch falschen</i> Vereinigung beider Abteilungen.
+Die Scheinentwicklung der punischen Vorhut
+hatte somit ihren Zweck überraschend bald erreicht.
+Während sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht führte
+und die gesamten gegnerischen Kräfte zur Entwicklung
+verlockte, verlor sich die Gefahr, in der Hamilkar zunächst
+geschwebt hatte: ein gegen seine rechte Flanke
+gerichteter Angriff des von Utika herankommenden Detachements.
+Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Kräfte
+einsetzen. Er ließ höchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren
+und bildete seine Phalanx rechts rückwärts der
+im Gefecht befindlichen Vorhut, vielleicht im stumpfen
+Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als die
+Phalanx dann vorrückte, gingen die Vortruppen langsam
+zurück, bis sie in die gleiche Höhe mit ihr kamen. Sodann
+konnten sie sich wieder ordnen und von neuem an der
+Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts, daß die längst
+aufgelösten, bereits im Gefecht gewesenen und dann zurückbefohlenen
+Vortruppen (Schützen, Reiterei, Elefanten)
+durch die Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und
+vorrückenden Phalanx durchgelassen worden seien, ist eine
+taktische Unmöglichkeit. Dergleichen wagt kein Feldherr,
+und es gelänge auch keinem. Es ist undenkbar, einmal
+entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus dem
+Gefecht loszulösen und sie gar noch auf so gekünstelte
+Art und Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen
+zurückzudirigieren. Selbst wenn eine derartige Rückwärtsbewegung
+exerzierplatzmäßig halbwegs zu stande
+käme, würde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden
+Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p201">Seite 201</a> und <a href="#p205">205</a>. Nach Polybios standen 10000
+Mann am Brückenkopf und 15000 vor Utika. Flaubert
+wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus Irrtum.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p210">Seite 210.</a> Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie
+attackierte die Reiterei der Alten nicht im stärksten Tempo,
+sondern im Schritt, höchstens im kurzen Trabe. Wir
+müssen uns schwergepanzerte Ritter, nicht behende Reiter
+vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die Spahis
+von damals!
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p212">Seite 212.</a> Über die überaus interessante Verwendung
+der Elefanten als Gefechtstruppe vgl. H. Delbrück, loc.
+cit. Wahrscheinlich hatte man im ersten Punischen Kriege
+keine Gefechtstürme auf diesen Tieren.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p245">Seite 245.</a> Euergetes, d.h. »Wohltäter«, ist der Beiname
+des Ägypterkönigs Ptolemäus III. (247&ndash;221 v. Chr.).
+Seine Gemahlin war die bekannte Berenike.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p309">Seite 309 ff.</a> Einzelheiten über die Belagerung Karthagos
+durch die Söldner sind uns nicht überliefert. Flaubert
+kam es darauf an, das typische Bild einer Städtebelagerung
+jener Zeit zu geben. Über die Geschütze und
+Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rüstow und
+H. Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens,
+Aarau, 1852, und Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertümer,
+2. Aufl., München, 1892.
+</p>
+
+<p>
+Die Hauptquelle der Kenntnisse hierüber ist Vitruv, der
+aber gerade in den hier in Frage kommenden Kapiteln
+verdorben überliefert ist. Dazu hat Flaubert die häufig
+irreführende französische Vitruv-Übersetzung von Perrault
+benutzt. Dadurch ist er stellenweise ein Opfer ungenügender
+Hilfsmittel geworden. In der vorliegenden
+Salambo-Übersetzung sind Irrtümer in der Beschreibung
+nach den antiken Quellen berichtigt worden. Der gewissenhafte
+Flaubert würde das selbst getan haben, wenn
+er in der Lage gewesen wäre, es tun zu können.
+</p>
+
+<p>
+Flaubert rüstet die Söldner mit allem nur erdenklichen
+Belagerungsmaterial aus, u.a. mit 173 Geschützen und
+sogar mit einer Nachahmung der berühmten »Helepolis«
+des Demetrios Poliorketes, die dieser bei der Belagerung
+von Rhodos (305 v. Chr.) erbaut hat. Einem ausgesprochenen
+Feldheer wie dem der Söldner standen derartig
+großartige Hilfsmittel zweifellos nicht zu Gebote.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p369">Seite 369.</a> Die Örtlichkeit der »Säge« glaubt Ch. Tissot
+(Géographie comparée de la province romaine d'Afrique,
+Paris, 2 Bde., 1884) in dem Berglande zwischen dem
+Wed Nebhan und dem Wed el Kebir unweit westlich der
+Ebene von Kairwan wiedergefunden zu haben. Flaubert
+nimmt den Ort in der Nähe des Bleiberges an, das
+ist zwischen dem Berge der Heißen Wasser und dem
+Zoghwan.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p397">Seite 397.</a> Hanno »der Große« endete nicht vor Tunis.
+Der vor dieser Stadt von den Söldnern gekreuzigte General
+hieß Hannibal. Hanno war nicht mit vor Tunis.
+Nach Appian soll er noch das Ende des zweiten Punischen
+Krieges erlebt haben. Flaubert wollte die Nennung
+eines »Hannibal« vermeiden, damit nicht etwa irgend
+ein Leser irrtümlicherweise an den großen Feldherrn
+denken könne. Über Hannos Krankheit vgl. Forbes,
+Oriental Memoirs, London, 1813, passim.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p403">Seite 403.</a> Die Endkämpfe gegen Matho führten Hamilkar
+und Hanno gemeinsam. Die Entscheidungsschlacht
+fand in der Nähe von Klein-Leptis statt. Der größte
+Teil der Söldner fiel. Matho und der letzte Rest seiner
+Getreuen schlugen sich nach einer &ndash; uns namentlich nicht
+bekannten &ndash; Stadt durch, wo sie bald kapitulieren mußten.
+</p>
+
+<p>
+Die grausame Todesart Mathos ist keine Erfindung
+Flauberts. Sie ist historisch und ein charakteristischer Abschluß
+des greuelvollsten Krieges, der &ndash; vielleicht neben
+dem dreißigjährigen Kriege &ndash; je unter Mitwirkung von
+Kulturmenschen geführt worden ist.
+</p>
+
+<p>
+Arthur Schurig.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p class="ctr">
+Die Verdeutschung des Romans
+Salambo ist von Arthur Schurig
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
+
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+Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
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+
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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