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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:47:57 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Salambo
+ Ein Roman aus Alt-Karthago
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Artur Schurig
+
+Release Date: June 6, 2005 [EBook #15995]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
+
+
+
+
+Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net.
+Scanned by Projekt Gutenberg-DE
+
+
+
+
+
+
+Bibliothek der Romane
+
+Vierzehnter Band
+
+
+
+
+Salambo
+
+Ein
+
+Roman aus Alt-Karthago
+
+von
+
+Gustave Flaubert
+
+
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ 1. Das Gelage
+
+ 2. In Sikka
+
+ 3. Salambo
+
+ 4. Vor Karthagos Mauern
+
+ 5. Tanit
+
+ 6. Hanno
+
+ 7. Hamilkar Barkas
+
+ 8. Die Schlacht am Makar
+
+ 9. Im Felde
+
+10. Die Schlange
+
+11. Im Zelte
+
+12. Die Wasserleitung
+
+13. Moloch
+
+14. In der Säge
+
+15. Matho
+
+ Anhang
+
+
+
+
+I
+
+Das Gelage
+
+
+Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago, in den Gärten
+Hamilkars.
+
+Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten den
+Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes Gelage. Da der
+Feldmarschall abwesend und die Versammlung zahlreich war, schmauste
+und zechte man auf das zwangloseste.
+
+Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der Hauptallee
+gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt, das von der
+Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse ausgespannt war. Die
+Scharen der Gemeinen lagen weithin unter den Bäumen, durch die man
+zahlreiche flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen, Speicher,
+Backhäuser und Waffenschuppen schimmern sah, einen Elefantenhof,
+Zwinger für die wilden Tiere und ein Sklavengefängnis.
+
+Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain endete an einem
+Meere grüner Büsche, daraus rote Granatäpfel zwischen weißen
+Baumwollenkotten leuchteten. Traubenschwere Weinreben strebten bis in
+die Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld. Hier und
+da wiegten sich Lilien über dem Grase. Die Wege bedeckte schwarzer
+Kies, mit rotem Korallenstaub vermischt. Von einem Ende zum andern
+durchschnitt den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem
+Säulengange grüner Obelisken.
+
+Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau das Schloß mit
+seinen vier terrassenartigen Stockwerken, aus numidischem,
+gelbgesprenkeltem Marmor. Seine monumentale Freitreppe aus Ebenholz,
+deren einzelne Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter
+Schlachtschiffe geschmückt waren,--seine roten Türen, die je ein
+schwarzes Kreuz vierteilte,--seine Fensteröffnungen, die im untersten
+Stock Drahtgaze vor den Skorpionen schützte, während sie in den oberen
+Reihen vergoldetes Gitter zeigten,--all diese wuchtige Pracht dünkte
+die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.
+
+Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem Orte statt. Die
+Verwundeten, die im Eschmuntempel lagen, waren bei Morgengrauen
+aufgebrochen und hatten sich an Krücken und Stöcken hergeschleppt.
+Immer mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strömten sie herbei,
+unaufhörlich, wie sich Bäche in einen See ergießen. Die Küchensklaven
+liefen unter den Bäumen hin und her, hastig und halbnackt. Klagend
+flohen von den Rasenplätzen die Gazellen. Die Sonne ging unter. Der
+Zitronenbäume Duft machte den Dunst der erhitzten Menschenmenge noch
+schwerer.
+
+Alle Völker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier, Neger und
+römische Überläufer. Neben der schwerfälligen dorischen Mundart
+dröhnten, rasselnd wie Feldgeschütz, die Worte der Kelten, und die
+klangvollen jonischen Endungen wurden von Wüstenlauten verschlungen,
+rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen erkannte man an seiner schlanken
+Gestalt, den Ägypter an den hohen Schultern, den Kantabrer an den
+feisten Waden. Karier schüttelten stolz die Federbüsche ihrer Helme.
+Kappadokische Bogenschützen sah man, die auf ihrem Körper
+Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensäften aufgemalt. Auch Lydier
+saßen beim Mahle, in Frauengewändern und Pantoffeln, Gehänge in den
+Ohren. Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen und
+sahen aus wie Statuen aus Korall.
+
+Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um große Schüsseln oder
+lagen auf dem Bauche, die Ellbogen aufgestemmt, und zogen die
+Fleischstücke zu sich heran, alle in der gemächlichen Haltung von
+Löwen, die ihre Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an den
+Bäumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die unter ihren
+scharlachroten Decken halb verschwanden, und harrten, bis die Reihe an
+sie kam.
+
+Da Hamilkars Küchen nicht ausreichten, hatte der Rat Sklaven, Geschirr
+und Liegebänke geschickt. In der Mitte des Gartens flammten wie auf
+einem Schlachtfelde, wenn man die Toten verbrennt, große helle Feuer,
+an denen Ochsen gebraten wurden. Brote, mit Anis bestreut, lagen neben
+Käsen, größer und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrüge voll Wein
+und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, in denen Blumen
+dufteten. Die Freude, nun endlich nach Belieben schwelgen zu können,
+weitete aller Augen. Hier und da erklang bereits ein Lied.
+
+Auf roten Tonschüsseln mit schwarzen Verzierungen trug man zuerst
+Vögel in grüner Sauce auf, dann allerlei Muscheln, wie man sie an den
+punischen Küsten aufliest, Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und
+Schnecken, in Kümmel gekocht, auf Platten von Bernstein.
+
+Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen: Antilopen noch
+mit ihren Hörnern, Pfauen in ihrem Gefieder, ganze Hammel, in süßem
+Wein gedünstet, Kamel- und Büffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene
+Heuschrecken und eingemachte Siebenschläfer. In Mulden aus
+Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt große Speckstücke. Alles war
+reichlich gewürzt mit Salz, Trüffeln und Asant. Früchte rollten über
+Honigscheiben. Auch hatte man nicht vergessen, ein paar von den
+kleinen, dickbäuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen, die
+mit Oliventrebern gemästet waren, ein karthagisches Gericht, das die
+andern Völker verabscheuten. Die Verwunderung über neue Gerichte
+erregte die Lust, davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf
+dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen und
+Limonen, die sie mit der Schale verzehrten. Neger, die noch nie
+Langusten gesehen, zerstachen sich das Gesicht an ihren roten
+Stacheln. Die glattrasierten Griechen, weißer als Marmor, warfen die
+Abfälle ihrer Mahlzeit hinter sich, während bruttinische Hirten, in
+Wolfsfelle gehüllt, das ganze Gesicht in ihre Schüsseln tauchten und
+ihr Essen schweigsam verschlangen.
+
+Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach über der großen
+Zypressenallee und brachte Fackeln. Der flackernde Schein des
+Steinöls, das in Porphyrschalen brannte, erschreckte die dem Mond
+geweihten Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut, den
+Söldnern zur Belustigung.
+
+Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit Edelsteinen
+eingelegten Schüsseln glitzerten in bunten Lichtern. Die Mischkrüge,
+deren Bäuche gewölbte Spiegel bildeten, gaben das in die Breite
+verzerrte Bild eines jeden Dinges wieder. Die Söldner drängten sich um
+diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter, um
+sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre warfen sich über die
+Tische hinweg mit elfenbeinernen Fußbänken und goldnen Löffeln und
+schlürften in vollen Zügen Wein: griechischen, den man in Schläuchen
+aufbewahrt, kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist,
+kantabrischen, der in Fässern verfrachtet wird, auch Wein aus
+Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden stand er in Lachen,
+darin man ausglitt. Der Dampf der Speisen stieg, mit dem Dunst des
+Atems vermischt, in das Laubwerk der Bäume. In das Krachen der
+Kinnbacken tönte der Lärm der Stimmen, der Lieder und der
+Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs, das in Stücke
+zersprang, und der helle Klang der großen Silberschüsseln.
+
+Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte man der
+Unredlichkeit Karthagos. Die durch den Krieg erschöpfte Republik hatte
+nämlich die Ansammlung aller Söldner in der Stadt zugelassen. Gisgo,
+ihr General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur
+abteilungsweise von Sizilien nach Afrika zu schicken, um die
+Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat hatte gemeint,
+sie würden zu guter Letzt in Abzüge einwilligen. Jetzt haßte man sie,
+weil man sie nicht bezahlen konnte. In den Köpfen der Karthager
+verwuchs diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius beim
+Friedensschluß ausbedungen, und die Söldner erschienen ihnen als ihre
+Feinde, genau so wie Rom. Das hatten die Truppen in Erfahrung
+gebracht, und ihre Entrüstung war in Drohungen und Ausschreitungen zum
+Ausdruck gekommen. Schließlich hatten sie verlangt, sich zur
+Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu dürfen. Die
+Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar, der die Seele des
+Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars starkem Widerspruch hatte der
+Feldzug ein Ende genommen, worauf der Feldherr--an Karthago
+verzweifelnd--den Oberbefehl über die Söldner an Gisgo abgegeben
+hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast dem Soldatenfeste zur
+Verfügung stellten, so wälzten sie damit einen Teil des Hasses, der
+den Söldnern galt, auf Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos
+riesigen Ausgaben möglichst allein zur Last fallen.
+
+Stolz darauf, daß sich die Republik ihrem Willen gebeugt hatte,
+wähnten die Söldner, nun endlich heimkehren zu können, mit dem Lohn
+für ihr Blut in der Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen
+ihnen die überstandenen Strapazen ungeheuer groß und in keinem
+Verhältnis zu dem kärglichen Solde. Sie zeigten einander ihre Wunden
+und erzählten sich von ihren Kämpfen, ihren Fahrten und den Jagden in
+ihrer Heimat. Sie ahmten das Geschrei und die Sprünge der wilden Tiere
+nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man steckte den Kopf in die
+großen Steinkrüge und trank, ohne abzusetzen, wie verschmachtete
+Dromedare. Ein Lusitanier, ein wahrer Hüne, trug auf jeder Hand einen
+Mann und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei Feuer aus
+den Nasenlöchern blies. Lakedämonier, die ihre Panzer nicht abgelegt
+hatten, tanzten schwerfällig herum. Einige sprangen mit unanständigen
+Gebärden vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen sich nackt
+aus, um inmitten des Trinkgeräts gleich Gladiatoren miteinander zu
+kämpfen. Ein Fähnlein Griechen hüpfte um eine Vase, auf der Nymphen
+tanzten, während ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf
+einem Blechschild schlug.
+
+Plötzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald laut, bald leise
+durch die Lüfte zitterte, wie der Flügelschlag eines verwundeten
+Vogels.
+
+Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Söldner sprangen mit einem
+Satz auf und verschwanden, um sie zu befreien.
+
+Sie kamen zurück und trieben unter lautem Geschrei etwa zwanzig Männer
+mit auffällig bleichen Gesichtern durch den Staub vor sich her. Kleine
+kegelförmige Mützen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen
+Köpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten klirrten wie das
+Rasseln rollender Wagen.
+
+Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich unter die
+Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen war abseits stehen
+geblieben. Durch die Risse seiner Tunika erblickte man lange Striemen
+an seinen Schultern. Mit gesenktem Haupte blickte er mißtrauisch um
+sich und kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er aber
+sah, daß ihm keiner von den bewaffneten Männern etwas zuleide tat,
+entrang sich seiner Brust ein tiefer Seufzer. Er stammelte und lachte
+unter hellen Tränen, die ihm über das Antlitz rannen. Dann ergriff er
+eine bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob sie hoch in
+die Luft mit den Armen, von denen noch die Ketten herabhingen, blickte
+gen Himmel und rief, das Gefäß immerfort hochhaltend:
+
+»Gruß zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die Menschen meiner
+Heimat Äskulap nennen! Und euch, ihr Geister der Quellen, des Lichts
+und der Wälder! Und euch, ihr Götter, die ihr in den Bergen und Höhlen
+der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Männer in glänzender
+Rüstung, die ihr mich befreit habt!«
+
+Dann ließ er das Gefäß sinken und erzählte seine Geschichte. Er hieß
+Spendius. Die Karthager hatten ihn in der Schlacht bei den Ägatischen
+Inseln gefangen genommen. In griechischer, ligurischer und punischer
+Sprache dankte er nochmals den Söldnern, küßte ihnen die Hände und
+beglückwünschte sie schließlich zu dem Gelage. Dabei sprach er seine
+Verwunderung darüber aus, daß er nirgends die Trinkschalen der
+karthagischen Garde erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer
+sechs goldenen Flächen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden trugen,
+gehörten einem Regiment, das ausschließlich aus den stattlichsten
+Patriziersöhnen bestand. Ihr Besitz war ein Vorrecht, und so ward denn
+auch nichts aus dem Schatze der Republik von den Söldnern heißer
+begehrt. Um dieser Gefäße willen haßten sie die Garde, und schon
+mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergnügens wegen,
+aus jenen Schalen zu trinken.
+
+Jetzt befahlen die Söldner, die Schalen herbeizuholen. Die befanden
+sich im Gewahrsam der Syssitien. Das waren staatsrechtlich
+organisierte Familienverbände. Die Sklaven kamen zurück mit der
+Mitteilung, zu dieser Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien.
+
+»So weckt sie!« riefen die Söldner daraufhin.
+
+Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht wieder, die Schalen
+seien in einem Tempel eingeschlossen.
+
+»Man öffne ihn!« brüllten die Söldner.
+
+Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefäße wären in den Händen des
+Generals Gisgo.
+
+»So soll er sie selber herbringen!« schrien die Soldaten.
+
+Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens, von einer Leibwache
+aus Gardisten umgeben. Sein weiter schwarzer Mantel, an der goldnen,
+edelsteingeschmückten Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn
+bis auf die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne mit dem
+Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen weißen Bart, das Gefunkel
+seines Kopfschmuckes und die dreifache Halskette aus breiten blauen
+Schildern, die ihm auf die Brust herabhing.
+
+Als er nahte, begrüßten ihn die Söldner mit lautem Willkommengeschrei.
+
+»Die Schalen!« riefen sie. »Die Schalen!«
+
+Er begann mit der Erklärung, sie seien der Schalen in Anbetracht ihres
+Mutes durchaus würdig.
+
+Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall.
+
+Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrüben geführt habe
+und mit der letzten Kompagnie auf der letzten Galeere zurückgekehrt
+sei!
+
+»Das ist wahr! Das ist wahr!« rief man.
+
+Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach Völkern, ihre
+Bräuche und ihren Glauben geachtet. Sie seien frei in Karthago! Was
+aber die Schalen der Garde anbeträfe, so sei das Privateigentum.
+
+Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden hatte, über die
+Tische weg, gerade auf Gisgo zu und fuchtelte drohend mit zwei bloßen
+Schwertern vor ihm herum.
+
+Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General mit seinem
+schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der Barbar brach zusammen. Die
+Gallier heulten. Ihre Wut teilte sich den andern mit und drohte sich
+gegen die Leibwache zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die
+Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, daß sein eigner Mut gegenüber
+rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei. Besser wäre es, dachte er,
+sich später durch eine Hinterlist an ihnen zu rächen.
+
+Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam zurück. Unter
+der Pforte aber wandte er sich noch einmal nach den Söldnern um und
+rief ihnen zu, das solle sie eines Tages gereuen.
+
+Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte zurückkommen und sie
+durch Umstellung der Vorstadt, die an die äußeren Wälle stieß, gegen
+die Mauern drücken. Trotz ihrer Anzahl fühlten sie sich mit einem Male
+verlassen; und die große Stadt, die im Dunkel unter ihnen schlief,
+flößte ihnen plötzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr, mit ihren
+hohen düstern Häusern und ihren unbekannten Göttern, die noch
+grauenhafter waren als selbst die Bewohner. In der Ferne spielten
+Scheinwerfer über den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht. Da
+gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte er sie verlassen, als
+der Friede geschlossen war? Sein Zerwürfnis mit dem Rat war gewiß nur
+Blendwerk, um sie zu verderben. Ihr ungestillter Haß übertrug sich auf
+ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn aneinander zur Wut.
+In diesem Augenblick entstand ein Auflauf unter den Platanen. Mit
+Händen und Füßen um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden,
+mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf den Lippen. Jemand
+schrie, er sei vergiftet. Da wähnten sich alle vergiftet. Sie fielen
+über die Sklaven her. Ein furchtbares Geschrei erhob sich, und ein
+Taumel wilder Zerstörungswut erfaßte das trunkene Heer. Man schlug wie
+blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten Fackeln in
+die Baumkronen. Andre lehnten sich über die Brüstung der Löwengrube
+und schossen nach den Löwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu
+den Elefanten, um ihnen die Rüssel abzuschlagen. Es gelüstete sie nach
+Elfenbein.
+
+Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemächlicher plündern zu
+können, um die Ecke des Palastes gelaufen. Sie stießen auf ein hohes
+Gitter aus indischem Rohr, durchschnitten die Riemen des
+verschlossenen Tores mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der
+Karthago zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten mit
+verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander gepflanzter
+weißer Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen Boden weite Bogen
+gleich Sternenketten. Die dunkeln Gebüsche hauchten schwüle Honigdüfte
+aus. Mit Zinnober bestrichene Baumstümpfe schimmerten wie blutige
+Säulen. In der Mitte des Gartens trugen zwölf kupferne Träger je eine
+große Glaskugel, in deren Rundungen bizarre rötliche Lichter spielten;
+sie glichen riesigen, lebendigen, zuckenden Augäpfeln. Die Söldner
+leuchteten mit Pechfackeln, indes sie über den abschüssigen und tief
+umgegrabenen Boden stolperten. Da erblickten sie einen Weiher, der
+durch Wände von blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das
+Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf den Grund fiel
+und auf einem Bett von weißen Steinen und Goldstaub zitterte. Das
+Wasser begann zu schäumen. Sprühende Funken glitten durch die Flut,
+und große Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur
+Oberfläche empor.
+
+Die Söldner steckten ihnen unter lautem Gelächter die Finger in die
+Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen.
+
+Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten sämtlich von jenen
+Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrütet hatten, aus dem die
+Göttin entstanden war. Der Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen,
+reizte die Begierde der Söldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen
+Becken und ergötzten sich daran, die schönen Fische im kochenden
+Wasser zappeln zu sehen.
+
+Die Söldner schoben und drängten sich. Sie hatten keine Furcht mehr.
+Von neuem begannen sie zu zechen. Die Salben, die ihnen von der Stirn
+trieften, flossen in schweren Tropfen auf ihre zerrissenen
+Waffenröcke. Sie stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie
+Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren, trunkenen
+Blicken umher, um wenigstens mit den Augen zu verschlingen, was sie
+nicht mitnehmen konnten. Andre stampften mitten unter den Schüsseln
+auf den purpurnen Tischdecken herum und zertrümmerten mit Fußtritten
+die Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefäße. Gesänge mischten
+sich in das Röcheln der Sklaven, die zwischen den Scherben der
+Trinkgefäße ihr Leben aushauchten. Man forderte Wein, Fleisch, Gold.
+Man schrie nach Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen. Einige
+glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems, der sie umwogte. Andre
+wähnten sich beim Anblick des Laubwerks auf der Jagd und stürmten auf
+ihre Gefährten ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum zu Baum,
+und die hohen grünen Massen, aus denen lange weiße Rauchkringel
+emporstiegen, sahen wie Vulkane aus, die zu qualmen beginnen. Das
+Geschrei nahm zu. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen.
+
+Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des Palastes. Die
+Mitteltür tat sich auf, und eine weibliche Gestalt, Hamilkars Tochter,
+in einem schwarzen Gewande, erschien auf der Schwelle. Sie stieg die
+erste Treppe hinab, die schräg vom obersten Stockwerk abwärts lief,
+dann die zweite, die dritte. Auf der untersten Terrasse, am oberen
+Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnäbeln, blieb sie stehen.
+Unbeweglich und gesenkten Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab.
+
+Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen bleicher Männer
+in weißen rotgesäumten Gewändern, die in senkrechten Falten bis auf
+die Füße herabwallten. Sie hatten weder Bärte noch Haare noch Brauen.
+In ringfunkelnden Händen trugen sie riesige Lyren, und mit gellenden
+Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos Göttlichkeit. Es waren
+die Eunuchenpriester aus dem Tempel der Tanit, die Salambo des öfteren
+in ihr Haus berief.
+
+Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester folgten. Dann
+schritt sie die Zypressenallee hin, langsam, zwischen den Tischen der
+Hauptleute, die ein wenig zur Seite rückten, als sie vorüberging.
+
+Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert und nach der
+Sitte der kanaanitischen Jungfrauen hochgetürmt. Es ließ sie größer
+erscheinen, als sie wirklich war. An den Schläfen festgesteckte
+Perlenschnüre hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie ein
+aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust trug sie einen
+Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt wie das Schuppenkleid einer
+Muräne. Ihre diamantgeschmückten Arme traten nackt aus der ärmellosen
+schwarzen Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war. Zwischen
+den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen, das ihre Schritte regelte,
+und ihr weiter dunkelpurpurner Mantel aus fremdländischem seltenen
+Stoffe schleppte hinter ihr her.
+
+Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern halb erstickte
+Akkorde, und wenn diese Musik schwieg, vernahm man das leise Geklirr
+des Goldkettchens und das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen
+Salambos.
+
+Niemand kannte sie bis dahin. Man wußte nur, daß sie zurückgezogen in
+frommer Andacht lebte. Soldaten hatten sie manchmal nachts auf dem
+flachen Dache des Palastes gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln
+qualmender Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag. Der
+Mondschein hatte sie blaß gemacht, und etwas Göttliches umwob sie wie
+leiser Duft. Ihre Augen schienen über das Irdische hinweg in weite
+Fernen zu schauen. Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten
+eine kleine Lyra aus Ebenholz.
+
+»Tot! Alle tot!« hörte man sie murmeln. »Nie mehr werdet ihr, meinem
+Rufe gehorsam, zu mir eilen wie einst, wenn ich am Rande des Wassers
+saß und euch Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf dem
+Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen der Ströme.«
+Und sie rief sie bei ihren Namen, den Namen der Monate: »Sivan,
+Thammus, Elul, Tischri, Schebar ... O Göttin, erbarme dich meiner!«
+
+Die Söldner umdrängten sie, ohne ihre Rede zu verstehen. Sie staunten
+ihren Schmuck an. Salambo aber ließ einen langen erschrockenen Blick
+über die Menge gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und
+rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male:
+
+»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet ihr nicht Brot und
+Fleisch und Öl und alles Malobathron aus den Speichern, um euch zu
+erlaben? Aus Hekatompylos hatte ich Ochsen kommen lassen. Jäger hatte
+ich in die Wüste geschickt ...« Ihre Stimme schwoll an, ihre Wangen
+röteten sich. »Wo seid ihr denn hier? In einer eroberten Stadt oder im
+Schlosse eines Herrschers? Und welches Herrschers? Meines Vaters, des
+Suffeten Hamilkar, des Dieners der Götter! Er war es, der sich
+weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern, eure Waffen, an denen
+jetzt das rote Blut seiner Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern
+Heimatlanden, der besser Schlachten zu lenken weiß? Schaut empor! Die
+Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen unsrer Siege.
+Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich werde den Genius meines Hauses mit
+mir nehmen, meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblättern
+schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und wenn ich in die
+Galeere steige, wird sie im Kielwasser meines Schiffs auf dem Schaume
+der Wogen hinter mir hereilen ...«
+
+Ihre feinen Nasenflügel bebten. Sie zerbrach ihre Fingernägel an den
+Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz ihrer Augen ermattete. Abermals
+begann sie:
+
+»O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast zu deinem Schutze
+nicht mehr die Helden der Vorzeit, die über die Ozeane schifften, um
+an fernen Küsten Tempel zu erbauen! Alle Länder arbeiteten für dich,
+und die Meeresfläche, von deinen Rudern gepflügt, wiegte deine Beute!«
+
+Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu singen, des Gottes der
+Sidonier und des Ahnherrn ihres Hauses.
+
+So erzählte sie von der Besteigung der ersiphonischen Berge, von der
+Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen die Masisabal, um die Königin
+der Schlangen zu rächen.
+
+»Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich über das dürre
+Laub schlängelte wie ein silberner Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo
+Frauen auf den Flossen ihrer Drachenleiber um ein großes Feuer
+standen. Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen
+Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen
+gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...«
+
+Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth die Masisabal
+bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt am Bug seines Schiffes
+befestigte. »Bei jedem Schlage der Wellen tauchte es in den Schaum!
+Doch die Sonne balsamierte es ein, und es ward härter denn Gold. Die
+Augen aber hörten nicht auf zu weinen, und die Tränen rollten
+beständig in das Meer ...«
+
+Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen Mundart, die
+keiner der Barbaren verstand. Sie fragten sich, was sie ihnen mit den
+furchtbaren Gebärden, die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte.
+Aber sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebänke und
+in die Äste der Sykomoren stiegen, mit offenem Mund und vorgestrecktem
+Kopfe, und mühten sich, die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel,
+das über dem Ursprung der Götter liegt, wallte vor ihrer Phantasie,
+wie Gespenster in den Wolken.
+
+Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre welken Hände
+hingen zitternd in den Saiten der Leiern und entlockten ihnen von Zeit
+zu Zeit einen dumpfen Akkord. Schwächer als alte Weiber, bebten sie
+gleichzeitig in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern.
+Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem Gesange der
+Jungfrau.
+
+Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger numidischer
+Häuptling, der am Tische der Hauptleute unter den Soldaten seines
+Volkes saß. Sein Gürtel starrte dermaßen von Wurfspießen, daß er unter
+dem weiten Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schläfen
+befestigt war, einen Höcker bildete. Der Mantel bauschte sich auf
+seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so daß man nur das
+Feuer seiner beiden starren Augen gewahrte. Er wohnte zufällig dem
+Feste bei. Es war Brauch, daß die afrikanischen Fürsten, um Bündnisse
+anzuknüpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhäuser schickten. So
+ließ ihn sein Vater in der Familie Barkas leben. Doch Naravas hatte
+Salambo in den sechs Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht
+bekommen. Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart in den Schäften
+seiner Wurfspieße vergraben, blickte er auf sie mit geblähten Nüstern,
+wie ein Leopard, der im Bambusdickicht kauert.
+
+Auf der andern Seite des Tisches saß ein Libyer von riesenhaftem
+Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar. Er trug nichts als seinen
+Küraß, dessen eherne Schuppen den Purpurstoff des Polsters
+aufschlitzten. Ein Halsband aus silbernen Monden verwickelte sich in
+die Zotteln seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf
+den linken Ellbogen gestützt, lächelte er mit weit geöffnetem Munde.
+
+Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem Feingefühl
+redete sie nun die Barbaren in ihren eigenen Sprachen an, um ihren
+Zorn zu besänftigen. Zu den Griechen sprach sie griechisch, dann
+wandte sie sich zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein jeder,
+der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die süßen Laute seiner
+Heimat wieder.
+
+Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert, sang sie nun
+von den alten Schlachten gegen Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie
+berauschte sich am Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme
+weit geöffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ...
+
+Indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte, stand sie eine Weile mit
+geschlossenen Augenlidern da und weidete sich an der Erregung aller
+der Männer vor ihr.
+
+Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkürlich trat sie auf
+ihn zu und füllte, von ihrem befriedigten Ehrgeiz getrieben, eine
+goldene Schale mit Wein. Dies sollte sie mit dem Heere versöhnen.
+
+»Trink!« gebot sie.
+
+Er ergriff die Schale und führte sie zum Munde, als ein
+Gallier--jener, den Gisgo niederschlagen hatte--ihm auf die Schulter
+klopfte und mit vergnügter Miene einen Scherz in seiner Muttersprache
+machte. Spendius stand in der Nähe. Er bot sich als Dolmetsch an.
+
+»Rede!« sprach Matho.
+
+»Die Götter sind dir gnädig! Du wirst reich werden! Wann ist die
+Hochzeit?«
+
+»Was für eine Hochzeit?«
+
+»Deine!« entgegnete der Gallier. »Wenn nämlich bei uns ein Weib einem
+Krieger einen Trunk spendet, so bietet sie ihm damit ihr Bett an.«
+
+Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas aufsprang, einen
+Wurfspieß aus seinem Gürtel riß, den rechten Fuß auf den Tischrand
+stemmte und die Waffe gegen Matho schleuderte.
+
+Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin, durchbohrte den Arm
+des Libyers und nagelte ihn mit solcher Wucht an die Tischplatte, daß
+der Schaft in der Luft vibrierte.
+
+Matho riß ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen und nackt. Da hob
+er mit beiden Armen den beladenen Tisch hoch und schleuderte ihn gegen
+Naravas, mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die Söldner und
+die Numidier standen so dicht, daß sie ihre Schwerter nicht ziehen
+konnten. Matho brach sich Bahn, indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen
+die Menge stieß. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden.
+Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war fort.
+
+Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte, wie sich ganz
+oben die rote Tür mit dem schwarzen Kreuze eben schloß. Er stürzte
+hinauf.
+
+Man sah ihn zwischen den Schiffsschnäbeln laufen, dann auf den drei
+schrägen Treppen hinaufeilen und schließlich oben gegen die rote Tür
+mit der Wucht seines ganzen Körpers anrennen. Schwer atmend lehnte er
+sich an die Mauer, um nicht umzusinken.
+
+Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit--der Lichterschein
+des Festes wurde durch die Ecke des Palastes abgeschnitten--erkannte
+er Spendius.
+
+»Weg!« rief Matho.
+
+Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine Tunika mit den Zähnen
+zu zerreißen. Dann kniete er neben Matho nieder, faßte behutsam dessen
+Arm und befühlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden.
+
+Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und Spendius erblickte in
+der Mitte des Armes eine klaffende Wunde. Er verband sie mit dem Stück
+Stoff. Doch der andre rief zornig:
+
+»Laß mich! Laß mich!«
+
+»Nein, nein!« antwortete der Sklave. »Du hast mich aus dem Kerker
+befreit. Ich bin dein, und du bist mein Gebieter! Befiehl!«
+
+Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse entlang. Bei
+jedem Schritte horchte er auf und tauchte seinen Blick durch die
+vergoldeten Gitterstäbe hinein in die stillen Gemächer. Endlich blieb
+er verzweifelt stehen.
+
+»Höre!« redete der Sklave ihn an. »Verachte mich nicht wegen meiner
+Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast gelebt. Wie eine Schlange kann
+ich durch die Mauern schlüpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein
+Goldbarren unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang führt zu
+den Gräbern ...«
+
+»Was kümmert das mich!« antwortete Matho.
+
+Spendius schwieg.
+
+Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse breitete
+sich vor ihnen in phantastischer Gliederung aus, wie die gigantischen
+Wogen eines schwarzen versteinerten Meeres.
+
+Da glühte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief unten begannen
+die Kanäle von Megara mit ihren silbernen Windungen im Grün der Gärten
+aufzublitzen. Allmählich reckten die kegelförmigen Dächer der
+siebenseitigen Tempel, die Treppen, Terrassen und Wälle ihre Umrisse
+aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings um die karthagische
+Halbinsel brodelte ein weißer Schaumgürtel. Das smaragdgrüne Meer
+schlief noch in der Morgenfrische. Je höher die Röte am Himmel
+emporstieg, um so deutlicher wurden die hohen Häuser, die sich an die
+Hänge klammerten oder wie eine zu Tal ziehende Herde schwarzer Ziegen
+abwärts drängten. Die menschenleeren Straßen schienen endlos lang.
+Palmen, die hier und da die Mauern überragten, standen regungslos. Die
+bis an den Rand gefüllten Zisternen in den Höfen glichen silbernen
+dort liegen gelassenen Schilden. Das Leuchtturmfeuer auf dem
+hermäischen Vorgebirge glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem
+Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen witternd, ihre
+Hufe auf die Marmorbrüstung und wieherten der Sonne entgegen.
+
+Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stieß einen Schrei aus.
+
+Alles war von Rot überflutet. Der Gott goß wie in Selbstopferung den
+Goldregen seines Blutes in vollen Strömen über Karthago aus. Die
+Schnäbel der Galeeren blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein
+Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel, deren Pforten sich nun
+auftaten, schimmerten matte Lichter. Große Karren, die vom Lande
+hereinkamen, rollten und rasselten über das Straßenpflaster.
+Dromedare, mit Ballen beladen, schwankten die Abhänge hinab. Die
+Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdächer über ihren Läden auf.
+Störche flogen dahin. Weiße Segel flatterten. Im Haine der Tanit
+erklangen die Schellentrommeln der geheiligten Hetären, und auf der
+Höhe der Mappalierstraße begann der Rauch aus den Öfen zu wirbeln, in
+denen die Tonsärge gebrannt wurden.
+
+Spendius beugte sich über das Geländer. Seine Zähne schlugen
+aufeinander.
+
+»Ja ... ja ... Herr!« wiederholte er mehrmals. »Ich begreife, warum du
+soeben vom Plündern des Hauses nichts wissen wolltest!«
+
+Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus einem Traume.
+Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden.
+
+»Ach, was für Reichtümer!« hob Spendius von neuem an. »Und ihre
+Besitzer haben nicht einmal Schwerter, sie zu verteidigen!«
+
+Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein paar Leute aus dem
+niedern Volke, die auf dem Sande vor dem Hafendamm herumkrochen und
+Goldkörner suchten.
+
+»Sieh!« sagte er. »Die Republik gleicht diesen Schelmen. An den
+Gestaden der Meere hockend, wühlt sie mit gierigen Händen in allen
+Landen. Das Rauschen der Wogen betäubt ihr Ohr, und sie hört nichts;
+auch nicht wenn ihr von rückwärts der Tritt eines Herrschers nahte!«
+
+Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse und zeigte ihm
+den Park, wo die Schwerter der Söldner an den Bäumen hingen und in der
+Sonne glänzten.
+
+»Hier aber sind starke Männer voll grimmigsten Hasses, die nichts an
+Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht, kein Gott!«
+
+Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat dicht an ihn heran und
+fuhr mit flüsternder Stimme fort:
+
+»Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmänteln könnten wir
+einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerüchen baden. Ich hätte dann
+selber Sklaven! Bist du's nicht müde, auf harter Erde zu schlafen, den
+sauren Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale zu
+hören? Später willst du dich ausruhen, nicht wahr? Wenn man dir den
+Küraß vom Leibe reißt und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder
+vielleicht, wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe
+einherschleichst, von Tür zu Tür, und kleinen Kindern und Hausierern
+von deinen Jugendträumen erzählst! Erinnere dich all der Schindereien
+deiner Vorgesetzten, der Biwaks im Schnee, der Märsche im
+Sonnenbrande, der Härte der Manneszucht und des stets drohenden Todes
+am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man dir einen Orden verliehen,
+just wie man den Eseln ein Schellenhalsband umhängt, um sie auf dem
+Marsche einzulullen, damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann
+wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest! Ha! Wie wohl
+wäre dir zumute in einem hohen kühlen Saale bei Leierklang, auf einem
+Blumenlager, von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien
+Phantastereien! Haben die Söldner nicht schon Rhegium und andre feste
+Plätze Italiens besessen? Wer hindert dich? Hamilkar ist weit. Das
+Volk verabscheut die Patrizier. Gisgo vermag mit seinen Feiglingen
+nichts anzufangen! Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen.
+Führe du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!«
+
+»Nein!« sprach Matho. »Molochs Fluch lastet auf mir. Ich hab es in den
+Augen der Einzigen gelesen, und eben ist in einem Tempel ein schwarzer
+Widder vor mir zurückgewichen ... Wo ist sie?« fügte er hinzu, indem
+er sich umschaute.
+
+Spendius begriff, daß den Libyer eine ungeheure innere Erregung
+quälte. Er wagte nicht weiter zu reden.
+
+Die Bäume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten Zweigen fielen hin
+und wieder halbverbrannte Affenknochen in die Schüsseln hinab. Die
+trunkenen Söldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen, und
+die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet vom Morgensonnenlicht.
+Auf dem zerstampften Boden starrten große Blutlachen. Die Elefanten in
+ihren Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rüssel hin und her. In den
+offenen Speichern lag das Getreide ausgeschüttet, und unter dem Tor
+stand ein Wirrwarr von Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die
+Pfauen auf den Zedernästen entfächerten ihre Schweife und begannen zu
+schreien.
+
+Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen. Der Libyer war noch
+bleicher denn zuvor und verfolgte, beide Fäuste auf die Terrassenmauer
+gestützt, mit starrem Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich
+vor und entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner Punkt
+rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach Utika. Es war die
+Radnabe eines mit zwei Maultieren bespannten Gefährts. Ein Sklave lief
+an der Spitze der Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem
+Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere standen nach persischer
+Sitte kammartig hoch zwischen den Ohren unter einem Netz von blauen
+Perlen. Spendius erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen
+Aufschrei.
+
+Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein.
+
+
+
+
+II
+
+In Sikka
+
+
+Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago. Man hatte einem jeden
+ein Goldstück gezahlt, unter der Bedingung, daß sie ihr Standquartier
+nach Sikka verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien
+gesagt:
+
+»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es in Hungersnot
+bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet es zahlungsunfähig.
+Marschiert ab! Die Republik wird euch einstens für diese
+Willfährigkeit Dank wissen. Wir werden unverzüglich Steuern erheben.
+Euer Sold soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden. Dazu
+wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure Heimat zurückbringen.«
+
+Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern sollten.
+Zudem langweilte die kriegsgewohnten Männer der Aufenthalt in der
+Stadt. Und so waren sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg
+auf die Mauern, um sie abziehen zu sehen.
+
+Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das Kirtaer Tor. Bunt
+durcheinander zogen sie ab: leichte Bogenschützen neben
+Schwerbewaffneten, Offiziere neben Gemeinen, Lusitanier neben
+Griechen. Stolzen Schritts marschierten sie vorbei und ließen ihre
+schweren Stahlstiefel auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen
+Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter waren vom
+Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe drangen aus ihren dichten
+Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden klapperten über den
+Schwertergriffen, und durch die Löcher im Erz sah man ihre nackten
+Glieder, drohend wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die
+Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte im Takt in
+gleicher Bewegung. Die Straße war von dem Zuge derartig angefüllt, daß
+die Mauern dröhnten. Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die
+mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der gewappneten
+Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus Eisen oder Rohr saßen
+verschleierte Frauen und sahen schweigend dem Vorbeimarsch der
+Barbaren zu.
+
+Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand unter der Masse der
+schwarz gekleideten Karthager. Die Jacken der Matrosen leuchteten in
+dieser dunklen Menge wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren
+blendender Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von den
+Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen der Palmen herab.
+Mehrere der »Alten« hatten sich auf die flachen Dächer der Türme
+gestellt, aber man wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in
+bestimmten Abständen so nachdenklich dort oben wachten. Von weitem
+gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde des Himmels unheimlich wie
+Gespenster ab und unbeweglich wie Steinbilder.
+
+Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die Barbaren
+könnten, da sie sich so stark sahen, auf den Einfall kommen, bleiben
+zu wollen. Doch sie zogen so vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut
+schöpften und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie mit
+Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige redeten ihnen sogar
+aus übertriebener Berechnung und verwegener Heuchelei zu, die Stadt
+nicht zu verlassen. Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke
+zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, hatte aber vorher
+dreimal darauf gespien, um den Tod herbeizubeschwören, oder
+Schakalhaare hineingetan, die das Herz feig machen. Laut rief man
+Melkarths Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen seinen
+Fluch.
+
+Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und Nachzügler. Kranke
+saßen stöhnend auf Dromedaren. Andre hinkten vorüber, auf einen
+Lanzenstumpf gestützt. Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich,
+Gefräßige Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern, Eis in
+Leinwandsäcken. Etliche sah man mit Sonnenschirmen in der Hand und
+Papageien auf den Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und
+Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten auf Eseln. Sie
+verhöhnten die Negerweiber, die den Soldaten zuliebe die Bordelle von
+Malka verlassen hatten. Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an
+ihren Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen
+anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten Zelte kaum zu
+erschleppen. Ein Schwarm Knechte und Wasserträger, hager, fiebergelb
+und voller Ungeziefer, die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich
+den Barbaren an.
+
+Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk blieb auf den
+Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald die ganze Breite der Landenge.
+Er teilte sich in ungleiche Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe
+Grashalme aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken. Wenn von
+den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte, sah er nichts denn die
+langen Mauern, deren verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.
+
+Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da sie nicht einmal
+wußten, wie viele ihrer waren, dachten sie, daß einige von ihnen in
+der Stadt zurückgeblieben seien und sich das Vergnügen machten, einen
+Tempel zu plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten
+ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst die weite Ebene
+gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen stimmten den alten Sang der
+Mamertiner an:
+
+»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich und ernt ich. Ich bin
+der Herr des Hauses. Der Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich
+Herr und Großkönig.«
+
+Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an Geschichten zu
+erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber. Als man Tunis erreichte,
+bemerkten einige, daß ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte.
+»Die werden nicht weit sein! Sicherlich!« Weiter gedachte man ihrer
+nicht.
+
+Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern kampierten am
+Fuße der Mauern. Die Leute aus der Stadt kamen heraus und plauderten
+mit den Soldaten.
+
+Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der Richtung auf Karthago
+Feuer brennen. Der Lichtschein--wie von Riesenfackeln--spiegelte sich auf
+dem regungslos liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen, welches
+Fest man dahinten feierte.
+
+Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben bebaute
+Gegend. An der Straße folgten die Meierhöfe der Patrizier, einer auf
+den andern. Durch Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen
+in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte über dem Hügelland.
+Dahinter dämmerten blaue Berge. Ein heißer Wind ging. Chamäleons
+schlüpften über die breiten Kaktusblätter.
+
+Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.
+
+Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in weiten Abständen
+voneinander hin. Man pflückte sich Trauben am Rande der Weinberge. Man
+streckte sich ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen,
+künstlich gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze ihrer Wolle
+mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen, die sich in
+Rhombenlinien kreuzten, die Pflugschare, die Schiffsankern glichen,
+und die Granatbäume, die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit des
+Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen allen wunderbar vor.
+
+Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie aufzuschlagen.
+Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen sie ein und träumten von
+dem Feste in Hamilkars Gärten.
+
+Am Mittag des dritten Tages machte man in den Oleanderbüschen am
+Gestade eines Flusses halt. Die Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde
+und Bandoliere ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften
+die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem Bauche liegend,
+inmitten der Maultiere, denen das Gepäck vom Rücken glitt.
+
+Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten Dromedare,
+erblickte von weitem Matho, der, den Arm in der Binde, barhäuptig und
+kopfhängerisch ins Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken
+ließ. Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!«
+schnurstracks durch die Menge auf ihn zu. Matho dankte kaum für den
+Gruß. Spendius nahm ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen
+Schritten zu folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten
+Blick nach Karthago zurück.
+
+Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst und einer
+kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte er durch Mädchenhandel Geld
+verdient, dann aber, als er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen
+verloren, hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft. Man
+hatte ihn gefangen genommen; er war entflohen. Wiederergriffen, hatte
+er in den Steinbrüchen gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter
+Mißhandlungen geschrien, vielfach den Herrn gewechselt und allen
+Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung hatte er sich einmal vom
+Bord der Triere, auf der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen
+Hamilkars hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago ins
+Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer an Rom ausgeliefert
+werden mußten, hatte er die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den
+Söldnern zu entfliehen.
+
+Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er brachte ihm zu
+essen, half ihm beim Absitzen und breitete nachts eine Decke unter
+sein Haupt. Durch diese kleinen Dienste ward Matho schließlich
+gerührt, und nach und nach sprach er mit dem Griechen.
+
+Matho war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater hatte ihn auf einer
+Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen. Dann hatte er in den Wäldern
+der Garamanten Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen
+Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von Drepanum war er zum
+Offizier befördert worden. Die Republik schuldete ihm vier Pferde,
+zwölfhundert Liter Getreide und den Sold für einen Winter. Er war
+gottesfürchtig und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu sterben.
+
+Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den Völkern und Tempeln,
+die er besucht hatte. Er verstand sich auf viele Dinge. Er konnte
+Sandalen, Jagdgerät und Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte
+bereiten.
+
+Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern Schrei aus.
+Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier seinen Gang, und die andern
+beeilten sich zu folgen. Dann erzählte Spendius weiter, aber immer
+voll Angst und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er
+ruhiger.
+
+Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts vom Heer, auf dem
+Abhang eines Hügelzuges. Drunten dehnte sich die weite Ebene, in den
+Nebeln der Nacht verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden
+Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit zu Zeit kamen sie
+über mondbeglänzte Anhöhen. Dann sprühten Sterne an den Spitzen der
+Lanzen, und das Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke
+lang, dann verschwand alles, und immer neue Trupps kamen. In der Ferne
+blökten aufgeschreckte Herden. Es war, als ob unendlicher Friede auf
+die Erde herabsänke.
+
+Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern sog Spendius in
+tiefen Zügen den frischen Wind ein. Er streckte die Arme aus und
+spreizte die Finger, um den kosenden Hauch, der seinen Körper
+umströmte, noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war
+wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand auf den Mund, um
+ein Jauchzen zu ersticken, und halb bewußtlos in seinem Glücksrausch,
+überließ er die Zügel seinem Dromedar, das mit geräumigen
+gleichmäßigen Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut
+zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde hinab, und seine
+Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch das Gras.
+
+Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er kein Ende nehmen.
+Hatte man ein Stück Ebene durchschritten, so kam man jedesmal auf ein
+rundes Hochland, und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die
+Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen beim Näherkommen
+immer von neuem in die Ferne. Von Zeit zu Zeit blinkte ein Bach
+zwischen dem Grün von Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel
+verkroch er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock auf, der wie
+ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel eines verschwundenen
+Kolosses.
+
+In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige Kapellen:
+Raststätten für die Pilger, die gen Sikka wanderten. Die Libyer, die
+Einlaß begehrten, klopften mit starken Schlägen an die Pforten; doch
+niemand im Innern antwortete.
+
+Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt folgten
+Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen. Schafherden weideten
+zwischen großen Steinen. Eine Frau--ein blaues Schurzfell um die
+Hüften--hütete sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen den
+Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.
+
+Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei rötlichen
+Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter Geruch drang dem Heere
+entgegen, und an der Krone eines Johannisbrotbaumes hing etwas
+Seltsames: ein Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte.
+
+Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen vieren wie einen
+Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte. Der riesige Kopf hing auf die
+Brust herab, und die zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne
+zur Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt wie die
+Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter der stark gespannten Haut
+einzeln hervor. Die Hinterbeine waren übereinander genagelt und ein
+wenig emporgezogen. Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert und am
+Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing, zu dicken Klumpen
+geronnen. Die Söldner standen lachend rundherum, nannten den toten
+Löwen »Konsul« und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen
+Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen.
+
+Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und mit einem Male
+tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An jedem ein Löwe. Manche waren
+schon so lange tot, daß nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze
+hingen: andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu
+furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die Stämme der
+Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten im Winde, während
+Rabenschwärme unablässig über ihren Köpfen kreisten. So rächten sich
+die karthagischen Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie
+hofften, die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren
+lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie. »Welch ein Volk,«
+dachten sie, »das zu seinem Vergnügen Löwen kreuzigt!«
+
+Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich nervös
+erregt und halbkrank. Ihre Hände waren wund von den Stacheln der Aloe.
+Große Stechmücken summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im Heere
+aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer nicht sichtbar ward. Man
+bekam Angst, sich in die Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes
+und des Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren. Ein
+Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago.
+
+Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße eines Berges
+hingewandert war, bog der Weg plötzlich scharf nach rechts ab, und ein
+Mauerstreifen, auf weißen Felsen ruhend und gleichsam eins geworden
+mit ihnen, tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue, gelbe,
+weiße Schleier wehten im Abendrot über den Mauern. Es waren die
+Priesterinnen der Tanit, die zum Empfange der Söldner herbeigeeilt
+kamen. Sie standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen
+Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten Strahlen der
+Sonne, die hinter den numidischen Bergen versank, spielten an den
+Harfensaiten und den nackten Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die
+Instrumente plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder,
+langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch eine
+vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward. Etliche der
+Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen, das Kinn in der Hand,
+unbeweglicher denn Sphinxe, und starrten aus großen schwarzen Augen
+das herannahende Heer an.
+
+Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es eine solche
+Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel allein mit seinen
+Nebengebäuden nahm die Hälfte der Stadt ein. Die Barbaren lagerten
+sich daher ganz nach Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in
+regelmäßigen Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie es ihnen
+just gutdünkte.
+
+Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in gleichlaufenden Reihen
+auf. Die Iberer bauten ihre Leinendächer im Kreise. Die Gallier
+errichteten sich Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und
+die Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den Sand, darin
+sie schliefen. Viele, die sich nicht unterzubringen wußten, trieben
+sich zwischen den Packwagen umher und verbrachten in ihren
+zerschlissenen Mänteln die Nächte auf dem Erdboden.
+
+ * * * * *
+
+Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von Bergzügen begrenzt.
+Hier und dort neigte sich ein Palmbaum über einen Sandhügel. Fichten
+und Eichen sprenkelten die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing
+ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab, der blau und
+klar über der Landschaft lachte. Dann wirbelte ein warmer Wind
+Staubwolken auf, und ein Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas
+Felsenhöhe herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus, der
+Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und seinem goldenen Dache
+erhob. Sie erfüllte die Landschaft mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer
+Kraft offenbarte sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen
+Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres ewigen Lächelns
+im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel hatten die Form von
+Mondsicheln, oder sie glichen vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren
+verspürten vor dieser Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche
+wonnevolles Wohlgefühl.
+
+Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen Sklaven gekauft.
+Den ganzen Tag lang schlief er, vor Mathos Zelt ausgestreckt. Oft
+schreckte er empor. Er wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu
+hören. Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben an seinen
+Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen gedrückt hatten, und
+schlief wieder ein.
+
+Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging, begleitete ihn
+Spendius wie ein Trabant, mit einem langem Schwert an der Seite; oder
+Matho stützte nachlässig den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war
+klein.
+
+Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen gingen,
+erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter ihnen Naravas, den
+numidischen Fürsten. Matho erbebte.
+
+»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!«
+
+»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück.
+
+Naravas trat bereits an Matho heran.
+
+Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner kameradschaftlichen
+Gesinnung und entschuldigte seinen neulichen Zorn mit der trunkenen
+Feststimmung. Sodann sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago,
+doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren geführt
+hatte.
+
+»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich Spendius. Da er
+aber aus allem Bösen Vorteil zu ziehen gedachte, so war ihm jedwede
+zukünftige Verräterei des Naravas nur angenehm.
+
+Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er schien sich mit
+Matho befreunden zu wollen, sandte ihm gemästete Ziegen, Goldstaub und
+Straußenfedern. Der Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt,
+schwankte, ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte.
+Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich von dem Sklaven
+leiten. Er war ein Mensch, der nie wußte, was er wollte, und jetzt
+zumal in einem Zustande unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand,
+der einen Trank genommen hat, an dem er sterben muß.
+
+Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen, verbarg Naravas
+einen Dolch in seinem Mantel. Spendius blieb ihm beständig auf den
+Fersen, und sie kehrten zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch
+gezückt hatte.
+
+Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis an die Grenzen
+seines Reiches. Sie kamen in eine enge Schlucht. Da erklärte Naravas
+lächelnd, er wisse den Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.
+
+Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur, schon bei
+Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen. Er streckte sich
+auf den Sand hin und blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.
+
+Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres: die den Lauf der
+Schlangen beobachteten, die in den Sternen lasen und die auf die Asche
+der Toten bliesen. Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes
+Viperngift ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische Lieder
+sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen Dolchen. Er behängte
+sich mit Halsbändern und Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon,
+Moloch, die sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen an.
+Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und verscharrte sie im Sande
+an der Schwelle seines Zeltes. Spendius hörte ihn seufzen und mit sich
+selbst reden.
+
+Eines Nachts trat er in sein Zelt.
+
+Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie ein Leichnam,
+das Gesicht in beide Hände vergraben. Eine Hängelampe beleuchtete
+seine Waffen, die ihm zu Häupten am Zeltmaste hingen.
+
+»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt dir? Antworte mir!«
+Dabei schüttelte er ihn an der Schulter und rief immer wieder: »Herr,
+Herr!« Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu ihm auf.
+
+»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen legend. »Es ist
+die Rache der Götter. Hamilkars Tochter verfolgt mich! Ich fürchte
+mich vor ihr, Spendius!« Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie
+ein Kind, dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich bin
+krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht! Doch du, du
+kennst vielleicht mächtigere Götter oder irgend eine Beschwörung, die
+wirklich hilft.«
+
+»Wogegen?« fragte Spendius.
+
+Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn. »Um mich aus
+Salambos Bann zu erlösen!« Und wie zu sich selber sagte er in
+abgebrochenen Sätzen:
+
+»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den Göttern gelobt
+hat ... Sie hält mich gefesselt ... mit einer unsichtbaren Kette ...
+Gehe ich, so schreitet sie voran ... bleibe ich stehen, so verweilt
+sie ... Ihre Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie
+umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob sie meine Seele
+geworden sei ... Und doch droht etwas zwischen uns wie die
+unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen Meeres ... Sie ist mir fern und
+ganz unerreichbar ... Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit
+Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt ich sie nie
+gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei alles nur ein Traum! ...«
+
+So durchjammerte Matho die Nacht.
+
+Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte sich an jene
+Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen Gefäßen in den Händen
+angefleht hatten, wenn er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt
+hatte. Mitleid ergriff ihn, und er sprach:
+
+»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen und flehe nicht
+mehr zu den Göttern, denn die Gebete der Menschen rühren sie nicht. Du
+weinst wie ein Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib so
+leidest?«
+
+»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst du, daß mich das
+Gesicht und der Gesang eines Weibes noch rühren? Wir hatten in
+Drepanum ihrer genug. Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen
+während des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und wenn die
+Geschütze vom Rückschlag noch zitterten! ... Doch dieses Weib, dieses
+Weib!«
+
+Der Sklave unterbrach ihn:
+
+»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre ...«
+
+»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern Töchtern der
+Menschen gemein! Hast du ihre großen Augen unter den großen Brauen
+gesehen? So leuchten Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als sie
+erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen den Diamanten
+ihrer Halskette schimmerten Stellen ihres blanken Busens. Wo sie
+gegangen, duftete es wie nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem
+ganzen Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher als
+der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb sie stehen ...«
+
+Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho da und starrte vor
+sich hin.
+
+»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst sterbe ich! Bei
+dem Gedanken, sie an meine Brust zu drücken, ergreift mich wilde
+Freude. Und doch hasse ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was
+soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave zu
+werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle mir von ihr!
+Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie das Dach ihres Palastes? Ach,
+die Steine müssen erbeben unter ihren Sandalen und die Sterne sich
+neigen, um sie zu schauen!«
+
+Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter Stier.
+
+Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich
+über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner Bach.« Mit
+langgezogenen Tönen ahmte er dabei Salambos Stimme nach, indes die
+Finger seiner ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten
+sie in den Saiten einer Lyra.
+
+Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit den gleichen Reden.
+So vergingen den beiden die Nächte unter Klagen und Trostworten.
+
+Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der Trunkenheit war er
+noch trauriger. Er versuchte, sich beim Würfelspiel zu zerstreuen,
+wobei er nach und nach die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ
+sich zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er den Hügel
+wieder herab, wie jemand, der von einem Begräbnis heimkehrt.
+
+Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer. Man sah ihn in den
+aus Reisig errichteten Schenken mitten unter den Soldaten reden. Er
+flickte alte Rüstungen aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen
+und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken. Er war lustig,
+schlau, beredt und hatte tausend gute Einfälle. Die Barbaren gewöhnten
+sich an seine Dienste. Er machte sich bei ihnen beliebt.
+
+Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago, der ihnen auf
+Maultieren Körbe voll Gold bringen sollte. Immer wieder überschlugen
+sie die alte Rechnung und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand.
+Ein jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten sich
+Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre wollten ihre Schätze
+vergraben oder sie im Seehandel aufs Spiel setzen. Aber bei dieser
+Untätigkeit erhitzten sich die Gemüter. Fortwährend kam es zu
+Zwistigkeiten zwischen Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und
+Griechen, und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.
+
+Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die zum Schutz gegen
+die Sonne Gras auf dem Haupte trugen. Es waren Schuldner reicher
+Karthager, von ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern
+gezwungen und nun entronnen. Libyer strömten herbei, Bauern, die durch
+die Steuern zugrunde gerichtet waren, Geächtete und Missetäter. Der
+Troß der Krämer, die Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie
+nicht bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago zu
+ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik. Bald wurden
+die Lebensmittel knapp. Man sprach davon, vereint auf Karthago zu
+marschieren und die Römer herbeizurufen.
+
+ * * * * *
+
+Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man ein dumpfes,
+verworrenes Geräusch, das allmählich näher kam. In der Ferne, im
+welligen Gelände, tauchte etwas Rotes auf.
+
+Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken mit Büscheln von
+Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten und Perlengirlanden
+schlugen gegen die geschlossenen Vorhänge. Kamele folgten, und die
+großen Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend
+durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom Fuße bis zum Halse
+in goldnen Schuppenpanzern.
+
+Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um den Behältern
+hinter den Sätteln ihren runden Schild, ihr breites Schwert und ihren
+böotischen Helm zu entnehmen. Einige blieben bei den Kamelen, die
+andern setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen die
+Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein Pferdekopf oder
+ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren sprangen alle auf und klatschten
+Beifall. Die Weiber liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen
+die Füsse.
+
+Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern, die mit kleinen,
+raschen Schritten im Takte liefen. Sie mußten bald nach rechts, bald
+nach links ausbiegen, behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende
+Tiere und die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal
+schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein wenig
+auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche Worte aus. Da
+machten die Träger Halt und schlugen einen andern Weg quer durch das
+Lager ein. Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und man
+erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen
+Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die Augenbrauen sahen wie zwei
+Bogen von Ebenholz aus, die mit den Enden aneinander stießen.
+Goldflitter blinkten in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich,
+wie mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand unter einer
+Menge von Fellen.
+
+Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten Hanno. Sie hatten noch
+wohl im Gedächtnisse, daß seine Langsamkeit schuld war am Verluste der
+Schlacht bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem Siege
+über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt hatte, so war dies nach
+ihrer Meinung nur aus Habgier geschehen, denn er hatte sämtliche
+Gefangene auf eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod
+gemeldet.
+
+Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen Platz für eine
+Anrede an die Soldaten umgesehen hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte
+machte Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen
+heraus.
+
+Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät. Seine Beine
+waren wie die einer Mumie mit Binden umwickelt, und das Fleisch quoll
+zwischen den sich kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing
+über den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte, und die
+Falten seines fetten Halses hingen ihm--wie einem Stier die Wampe--bis
+auf die Brust. Seine mit Blumen bestickte Tunika krachte in den
+Achselhöhlen. Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen
+schwarzen Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines Anzuges,
+sein breites Halsband aus blauen Steinen, die goldenen Spangen und die
+schweren Ohrgehänge machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah
+aus wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das leblose
+Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen ganzen Körper
+bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie ein Geierschnabel, bewegte
+sich heftig, beim Einatmen, und seine kleinen Augen mit den klebrigen
+Wimpern schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der Hand hielt
+er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die Haut zu kratzen.
+
+Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner. Der Lärm
+legte sich, und Hanno fing an zu sprechen. Er begann mit einer Lobrede
+auf die Götter und auf die Republik. Die Barbaren sollten sich
+glücklich preisen, ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein,
+die Zeiten seien schwer--»und wenn ein Herr nur drei Oliven hat, ist
+es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?«
+
+Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern und
+Gleichnissen und nickte dabei in einem fort mit dem Kopfe, als wolle
+er damit Beifall hervorrufen.
+
+Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten, die ohne ihre
+Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner, Gallier und Griechen, so
+daß ihn von den vielen Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte
+es, hielt inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von einem
+Bein auf das andre.
+
+Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen, und seine
+Trompeter riefen diesen Befehl auf griechisch aus. Seit Xanthipp war
+Griechisch die Kommandosprache im karthagischen Heere.
+
+Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner mit Peitschenhieben
+zurück, und alsbald nahten die Hauptleute der nach spartanischem
+Muster gebildeten Phalanx und die Offiziere der Barbarenkompagnien in
+ihren nationalen Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht war
+herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum in der Ebene. Da und
+dort brannten Lagerfeuer. Man ging von einem zum andern und fragte
+einander: »Was soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?«
+
+Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen Lasten der
+Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der Tribut an die Römer sei
+erdrückend ... »Wir wissen nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist
+wirklich beklagenswert!«
+
+Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem Aloespatel, oder
+er unterbrach sich, um aus einer silbernen Schale, die ein Sklave ihm
+reichte, einen Trank aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln
+zu schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem Scharlachtuch
+und hub wieder an:
+
+»Was früher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei Sekel Gold.
+Die während des Krieges verwahrlosten Äcker bringen nichts ein. Unsre
+Purpurfischereien sind fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen
+werden äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug zum
+Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft, so will ich gar
+nicht davon reden ... Das ist ein Elend! Aus Mangel an Galeeren
+bekommen wir keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze von
+Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium verschaffen.
+Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte, ist uns jetzt verschlossen.
+Gestern erst habe ich für einen Badeknecht und vier Küchenjungen mehr
+gezahlt als für ein Paar Elefanten!«
+
+Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne eine einzige
+Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von der Regierung gemacht
+worden waren: so viel hatte die Wiederherstellung der Tempel gekostet,
+so viel die Straßenpflasterung, so viel der Bau der Kriegsschiffe, so
+viel die Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien und
+so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande der Kantabrer.
+
+Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch wie die Gemeinen,
+wiewohl sich die Söldner in dieser Sprache begrüßten. Man pflegte in
+den Barbarenheeren einige karthagische Offiziere anzustellen, die als
+Dolmetscher dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege aus Furcht
+vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht, und Hanno hatte nicht
+daran gedacht, welche mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe
+Stimme im Winde.
+
+Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um den Leib lauschten
+gespannt und bemühten sich, Hannos Worte zu erraten, während die
+Bergbewohner, in Pelze gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln
+beschlagenen Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder gähnten.
+Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend ihren hohen
+Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue Wollkittel gemummt, hörten
+unbeweglich zu. Andre kamen von hinten herzu. Die Gardisten, von dem
+Schwarme gedrängt, schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten
+brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager, der auf einen
+Rasenhügel getreten war, fuhr in seiner Ansprache fort.
+
+Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren erhob sich. Ein jeder
+rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte mit seinem Spatel. Die einen
+wollten die andern zum Schweigen bringen, überschrien einander und
+vermehrten dadurch den Tumult.
+
+Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor Hannos Füße,
+entriß einem Herold die Trompete und stieß hinein. Spendius war es. Er
+erklärte, daß er etwas Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung
+hin, die er rasch in fünf Sprachen--griechisch, lateinisch, gallisch,
+libysch, balearisch--wiederholte, antworteten die Hauptleute halb
+belustigt, halb überrascht:
+
+»Sprich! Sprich!«
+
+Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich an die Libyer,
+die am zahlreichsten anwesend waren, und sagte:
+
+»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes gehört!«
+
+Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch, und Spendius
+wiederholte, um die Probe fortzusetzen, den nämlichen Satz in den
+andern barbarischen Sprachen.
+
+Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten alle, in der
+Einbildung, Hannos Rede doch verstanden zu haben, zum Zeichen ihrer
+Zustimmung wie in stummer Übereinkunft mit den Köpfen.
+
+Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:
+
+»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker seien neben
+Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er hat euch Feiglinge, Gauner,
+Lügner, Hunde und Söhne von Hündinnen genannt! Ohne euch--so hat er
+gesagt--wäre die Republik nicht gezwungen, den Römern Tribut zu
+zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet ihr die Vorräte an
+Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven und Silphium erschöpft, denn ihr wäret
+im Einvernehmen mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die
+Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis dieser
+Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern, beim Schiffsbau
+und bei der Ausschmückung der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen
+sollen im Lande der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!«
+
+Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern, den
+Baleariern. Da die Söldner mehrere von den Eigennamen, die ihr Ohr bei
+Hannos Rede getroffen hatte, wieder heraushörten, so waren sie
+überzeugt, daß Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben
+habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!« Doch der Lärm der
+übrigen verschlang ihre Stimmen.
+
+Spendius begann abermals:
+
+»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem Lager eine
+Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein Signal stürmen sie
+herbei, um euch alle zu erwürgen!«
+
+Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung. Da, als sich
+die Menge gerade teilte, tauchte aus ihrer Mitte, langsam wie ein
+Gespenst, ein menschliches Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig
+nackt, bis zu den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von
+vertrockneten Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und Knie
+waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden. Die welke
+erdfarbene Haut hing um seine entfleischten Glieder wie Lumpen auf
+dürren Zweigen. Seine Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen
+stützte er sich auf einen Olivenstock.
+
+Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste wie ein
+Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch sehen. Mit großen
+verstörten Augen schaute er die Menge der umstehenden Barbaren an.
+
+Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte hinter sie
+und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da sind sie! Da sind sie!«
+stammelte er, auf die Leibwache des Suffeten weisend, die in ihrer
+glänzenden Rüstung unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom
+Scheine der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften mit den
+Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im Krampf am Boden und
+heulte:
+
+»Sie haben alle erschlagen!«
+
+Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen, traten die
+Balearier näher und erkannten in ihm einen Kameraden namens Zarzas.
+Ohne ihnen zu antworten, wiederholte er:
+
+»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben! Die schönen
+Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden, meine und eure!«
+
+Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand er Worte.
+
+Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen, indes er den
+Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge verdolmetschte, die Zarzas
+berichtete. Er glaubte selbst kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.
+
+Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre Landsleute
+umgekommen waren.
+
+Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am Tage vorher
+ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde des Abmarsches
+verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz kam, waren die Barbaren schon
+ausgerückt, und sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem
+übrigen Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch die
+Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit Erzplatten
+beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte sich das Volk wie ein
+Mann auf sie geworfen.
+
+Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch Geschrei vernommen
+zu haben. Spendius, der bei der Spitze der Marschkolonne geritten war,
+hatte nichts gehört.
+
+Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt worden, die um
+den Khamontempel herumstanden. Man schob den Ermordeten alle
+Verbrechen der Söldner in die Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre
+Diebstähle, ihre Freveltaten, ihre Übergriffe und den Mord der Fische
+im Garten Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf die
+schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das Haar, um die Seelen
+zu martern. Schließlich hängte man sie zerstückelt bei den
+Fleischhändlern auf. Einige bissen sogar hinein, und am Abend zündete
+man Scheiterhaufen an den Straßenecken an, um die letzte Spur von
+ihnen zu vertilgen.
+
+Das waren die Feuer, die so weithin über den See geleuchtet hatten! Da
+dabei einige Häuser in Brand geraten waren, hatte man die Reste der
+Toten und Sterbenden flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich
+bis zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten. Dann
+war er auf den Feldern herumgeirrt und den Spuren des Heeres im Sande
+gefolgt. Tagsüber verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er
+seinen Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert und
+krank, nur von Wurzeln und Aas genährt. Eines Tages endlich bemerkte
+er Lanzen am Horizont. Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand
+war durch Schreck und Not verstört.
+
+Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung. Nun brach
+sie wie ein Gewitter los. Am liebsten hätten sie die Gardisten samt
+dem Suffeten niedergemetzelt. Einige aber legten sich ins Mittel und
+sagten, man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren, ob
+sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle: »Unser Geld!« Hanno
+erwiderte, er habe es mitgebracht.
+
+Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem Gepäck, von den
+Barbaren vorwärts getrieben, gelangten bis in die Mitte des Lagers.
+Ohne auf die Sklaven zu warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man
+fand darin hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser, Bürsten,
+Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen der Augen,--alles den
+Gardisten gehörig, reichen Leuten, die an solche Luxusdinge gewöhnt
+waren. Ferner entdeckte man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne.
+Sie gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er hatte für
+sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar Wiesel aus
+Hekatompylos in Käfigen mitgenommen, die man lebendig verbrannte, um
+Arznei für ihn zu bereiten. Und da die Krankheit seine Eßlust sehr
+gesteigert hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein mit
+sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes aus
+Kommagene und geschmolzenes Gänsefett, das mit Schnee und Häcksel
+bedeckt war. Die Vorräte waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man
+aufmachte, kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten
+sich vor Lachen.
+
+Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe. In dem
+einen erblickte man sogar die runden Lederstücke, deren sich die
+Republik zur Ersparnis von Metallgeld bediente. Als der Suffet das
+große Erstaunen der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die
+Prüfung ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten hätten noch
+keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten sie ihnen dies.
+
+Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere, Diener, Sänfte,
+Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen die Geldbeutel, um Hanno damit
+zu erschlagen. Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh,
+sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend, gestoßen und
+gequetscht, indes er den Fluch aller Götter auf das Heer herabflehte.
+Sein breites Halsgehänge aus Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit
+den Zähnen hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm
+herschleifte. Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm nach: »Pack
+dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs! Schwitze in deinem Gold und
+deiner Pest! Fort! Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her.
+
+Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann sich, daß
+mehrere von ihnen, die sich wieder nach Karthago gewandt hatten, nicht
+zurückgekehrt waren. Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So
+viele Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die Zeltpfähle
+auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die Pferde aufzuzäumen. Ein
+jeder griff nach Helm und Schwert, und im Nu war alles marschbereit.
+Wer keine Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu
+schneiden.
+
+Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten und füllten die
+Straßen. »Sie marschieren gegen Karthago!« sagte man, und bald
+verbreitete sich dies Gerücht durch die ganze Gegend.
+
+Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten Menschen herbei. Man
+sah die Hirten von den Bergen herabeilen.
+
+Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam Spendius auf einem
+punischen Hengste von einem Ritt durch die Ebene zurück. Sein Sklave
+folgte ihm mit einem dritten Pferde zur Hand.
+
+Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat hinein.
+
+»Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!«
+
+»Wohin?« fragte Matho.
+
+»Nach Karthago!« rief Spendius.
+
+Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der Tür am Zügel hielt.
+
+
+
+
+III
+
+Salambo
+
+
+Der Mond kam über dem Saum der See heraus. Noch war die Stadt im
+Dunkel. Nur hier und da blinkten leuchtende Punkte und lichte Flecke:
+die Deichsel eines Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehängtes Stück
+Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der Brust eines
+Götterbildes. Da und dort funkelten die Glaskugeln auf den
+Tempeldächern wie riesige Diamanten, während linienlose Gebäudeteile,
+schwarze Flächen Landes und Baumgruppen in der Dunkelheit noch
+massiger und düsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhörte,
+spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern, wie ungeheure
+Fledermäuse mit entfalteten Flügeln. Das Knarren der Räder, die das
+Wasser bis in die obersten Stockwerke der Paläste trieben, war
+verstummt. Auf den Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie
+Strauße auf dem Bauche liegend. Die Türhüter schliefen auf den Straßen
+vor den Haustüren. Über die menschenleeren Plätze krochen die Schatten
+gigantischer Monumente. An verschiedenen Stellen in der Ferne drang
+durch die Lücken eherner Dächer die Lohe von Opferfeuern. Der schwüle
+Seewind trug Blütenduft vermischt mit Meeresgeruch und dem Dunst
+sonnendurchglühter Mauern her. Rings um Karthago glitzerte die starre
+Meeresflut. Der Mond goß sein Licht über den bergumfriedeten Golf und
+über das Haff von Tunis, auf dessen Sanddünen Flamingos in langen
+rosigen Reihen hockten, während weiter weg, hinter der Totenstadt, die
+große Salzlagune wie eine Silberplatte glänzte. Das dunkelblaue
+Himmelsgewölbe versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen,
+auf der andern in den Dämpfen des Meeres. Oben auf der Akropolis
+wiegten die hohen spitzigen Zypressen, die den Eschmuntempel
+umhüteten, ihre Wipfel und rauschten genau so monoton wie die Wogen,
+die zu Füßen der Befestigungen in schwerfälliger Regelmäßigkeit an den
+Quadern des langen Hafendammes zerstoben.
+
+Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt von einer
+Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende Kohlen trug. Mitten auf
+der Terrasse stand ein niedriges Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle
+und mit Papageienfedern gefüllte Kissen lagen darauf. Diese
+weissagenden Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken
+waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien, Narde, Zimt und
+Myrrhen. Die Sklavin entzündete das Räucherwerk.
+
+Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich die vier
+Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der--ein
+zweiter Himmel--mit goldenen Sternen besät war. Sie drückte die
+Ellbogen an die Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete
+die Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht voll ins
+Angesicht schien, und sprach:
+
+»O Rabbetna ... Baalet ... Tanit!« Das klang wie Klagelaute, gedehnt,
+wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis ... Astarte ... Derketo ...
+Astoreth ... Mylitta ... Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen
+Symbolen ... in der heiligen Musik ... in den Furchen der Äcker ... im
+ewigen Schweigen ... und in der ewigen Fruchtbarkeit ... Herrin des
+düsteren Meeres ... und der blauen Gestade ... o Königin des Feuchten
+... sei mir gegrüßt!«
+
+Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und zurück, dann warf
+sie sich mit ausgestreckten Armen mit der Stirn in den Sand. Die
+Sklavin richtete sie sofort wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß
+mußte man den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter ihn
+erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme Pflicht niemals.
+
+Kaufleute aus dem darischen Gätulien hatten Taanach als kleines Kind
+nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer Freilassung hatte sie ihre
+Herrschaft nicht verlassen, was das weite Loch in ihrem rechten
+Ohrläppchen vermeldete. Ihr buntgestreifter Rock, um die Hüften von
+einem Gürtel gehalten, reichte bis zu den Knöcheln hinab, an denen je
+zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes Gesicht war gelb
+wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe bildeten überlange silberne
+Nadeln eine Sonne. Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So
+stand sie, starr wie eine Bildsäule, mit fast geschlossenen Lidern,
+neben dem Ruhebett.
+
+Salambo trat an das Geländer der Terrasse. Einen Augenblick lang
+liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann senkten sie sich zur
+schlummernden Stadt. Sie stieß einen Seufzer aus, der ihren Busen
+schwellte und das lange weiße spangen- und gürtellose Schleppgewand
+von oben bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwärts
+gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Fülle von Smaragden, und
+ihr loses Haar ward von einem Netz aus Purpurfäden zusammengehalten.
+
+Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond. Indem sie
+Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte, murmelte sie.
+
+»Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des ungreifbaren
+Äthers. Um dich herum schläft er. Erst deine Bewegung und dein Gang
+wecken die Winde und streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du
+zunimmst oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken der
+Panther groß oder klein. In Kindesnöten schreien die Mütter deinen
+Namen. Du läßt die Muscheln schwellen, den Wein gären, die Toten zu
+Staub zerfallen. Du formst die Perlen im Meeresgrunde.
+
+»O Göttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen deiner Nebel. Wenn
+du erscheinst, fließt Frieden in die Welt hinab. Die Blumen schließen
+sich, die Fluten schlummern ein, die müden Menschen strecken sich
+nieder, die Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren und
+Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie in einem Spiegel.
+Weiß bist du, mild, licht, makellos, hilfreich, beseligend und
+heiter!«
+
+In diesem Augenblicke stand die Mondsichel über dem Berge der heißen
+Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden Gipfeln, jenseits des Golfes.
+Unter ihr blinzelte ein kleiner Stern, und um sie herum schimmerte
+fahler Schein. Salambo fuhr fort:
+
+»Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich entstehen die
+Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die trügerischen Träume. Dein
+Blick nagt an den Steinen der Häuser, und die Affen werden krank,
+sooft du dich verjüngst.
+
+»Wohin läufst du? Warum wandelt sich immerfort deine Gestalt? Als
+schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff ohne Mast durch den weiten
+Weltraum. Hütest die Schar der Sterne, wie ein hagerer Schäfer seine
+Herde. Rund aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines
+Wagens über den Kamm der Berge.
+
+»O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu dir empor. Nein,
+nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau, und ich bleibe auf der
+starren Erde.
+
+»Taanach, nimm die Harfe und rühre lind und leise die silberne Saite,
+denn mein Herz ist traurig!«
+
+Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz, höher als sie
+selber und dreieckig wie ein Delta, stellte es mit der unteren Spitze
+in einen Glasnapf und begann mit beiden Händen zu spielen.
+
+Die Töne folgten dumpf und ungestüm aufeinander wie Bienengesumm.
+Allmählich wurden sie heller und lauter und flohen in die Nacht
+hinaus, zu den wimmernden Wogen und den rauschenden hohen Bäumen auf
+der Kuppe der Akropolis.
+
+»Hör auf!« rief Salambo.
+
+»Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter weht, Wolken, die
+schon wieder weg sind, alles bewegt und erregt dich jetzt.«
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+»Du machst dich matt durch zu viel Beten.«
+
+»O Taanach, ich möchte in meinem Gebete zerfließen wie der Duft einer
+Blume im Wein.«
+
+»Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?«
+
+»Nein!« sagte Salambo. »In den Wohlgerüchen wohnen der Götter Seelen.«
+
+Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube, er sei nach dem Lande
+des Bernsteins gefahren, über die Säulen des Melkarth hinaus. »Und
+wenn er nicht wiederkommt,« flüsterte sie, »dann mußt du dir, wie es
+sein Wille war, unter den Söhnen der Alten einen Gatten wählen. In den
+Armen eines Mannes wird dann dein Kummer vergehen.«
+
+»Wieso?«
+
+Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr allesamt Furcht
+ein mit ihrem wilden Lachen und ihren plumpen Gliedern.
+
+»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens heißer Hauch
+auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans. Stimmen rufen mich. In
+meiner Brust rollt und kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und
+vermeine zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer meinen Leib
+vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung ist's, die mich umfängt.
+Ich fühle mich bedrückt, als ob ein Gott sich über mich legte. Ach,
+ich möchte mich verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der
+Quellen, im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen.
+Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein schimmernder Schein,
+und aufschweben zu dir, o Mutter!«
+
+Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück. In ihrem
+langen Gewande sah sie licht und leicht aus wie die Mondsichel selbst.
+Dann sank sie stöhnend auf das elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr
+eine Bernsteinkette mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen
+die Angst.
+
+Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:
+
+»Hol mir Schahabarim!«
+
+Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden der
+Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen
+Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt wurde. Er sparte sie für
+irgendein Bündnis auf, das seine politischen Pläne fördern sollte.
+Darum lebte Salambo einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange
+tot.
+
+In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien war sie
+aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen und ernsten Dingen. Ihr
+Körper war von Parfümerien durchtränkt, ihre Seele erfüllt von
+Gebeten. Nie hatte sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein
+unheiliges Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten.
+
+Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen. Jeder Gott kann
+sich in verschiedener Gestalt offenbaren, und voneinander ganz
+verschiedene Kulte haben oft denselben Grundgedanken. Salambo betete
+die Göttin in ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr
+jungfräulicher Leib stand in seinem Banne. Wenn der Mond abnahm,
+fühlte sie sich schwach. Den ganzen Tag über matt und müde, lebte sie
+immer erst abends auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe
+gestorben.
+
+Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste entzogene
+Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen heim, die um so
+stärker waren, je wesenloser sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und
+wurden durch ihn genährt. Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von
+Tanit beunruhigt. Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten
+und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über die Lippen kamen, ohne
+daß sie damit deutliche Vorstellungen verband. Um in die Tiefe dieses
+Kults einzudringen, begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das
+altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen Mantel trug,
+an dem Karthagos Geschick hing. Der Gottesbegriff wurde von seiner
+Verkörperung kaum getrennt. Wer ein Götterbild berührte oder auch nur
+ansah, raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und gewann in gewisser
+Weise sogar Macht über ihn.
+
+Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der goldenen Glöckchen
+vernommen, die Schahabarim am Saume seines Kleides trug. Er kam die
+Treppe herauf. Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte
+die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen in einer Gruft.
+Sein linnenes Gewand schlotterte um einen schlanken mageren Körper. Es
+war an den Säumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknöpfen besetzt.
+Schahabarim hatte schwächliche Glieder, einen Kegelkopf und ein
+spitzes Kinn. Wer seine Hand anfaßte, empfand Kälte, und sein gelbes
+tiefgefurchtes Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer
+verzerrt.
+
+Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher.
+
+»Sag, was willst du?« sprach er sie an.
+
+»Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen?« Sie stockte und
+geriet in Verwirrung. Plötzlich aber fuhr sie fort: »Warum mißachtest
+du mich? Hab ich irgendeine fromme Pflicht versäumt? Du bist mein
+Lehrmeister. Du hast mir gesagt, niemand wüßte so viel von der Göttin
+wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst. Hab
+ich recht, Vater?«
+
+Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte:
+
+»Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.«
+
+Da sagte sie:
+
+»Etwas Geheimnisvolles treibt mich zu meiner Verehrung. Ich bin die
+Stufen Eschmuns hinaufgestiegen, des Gottes der Planeten und der
+denkenden Wesen. Ich habe unter dem goldenen Ölbaume Melkarths
+geschlafen, des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch die
+Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders und Befruchters.
+Ich habe den Erdgeistern geopfert, den Göttern der Wälder, der Winde,
+der Ströme und der Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu
+fremd. Verstehst du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie
+erfüllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen. Mir ist's,
+als wolle sie sich aus mir herauswinden, um sich von mir loszumachen.
+Ich vermeine ihre Stimme zu hören, ihr Angesicht zu schauen. Blitze
+blenden mich ... und dann sinke ich zurück in die Finsternis.«
+
+Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich bittenden Blicken
+an. Endlich gab er ihr einen Wink, die Sklavin wegzuschicken, die
+nicht von kanaanitischer Rasse war.
+
+Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme gen Himmel und hub
+an:
+
+»Ehe es noch Götter gab, herrschte Finsternis, und es wehte ein Hauch,
+schwül und trüb wie das Bewußtsein der Menschen im Traume. Der Hauch
+verdichtete sich und erzeugte Gewölk und die Sehnsucht. Und aus der
+Sehnsucht und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war ein tiefer,
+schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten fühllose Ungeheuer,
+zusammenhangslose Elemente der werdenden Wesen, wie sie auf den Wänden
+der Tempel abgebildet sind.
+
+»Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei. Das zerbarst. Die
+eine Hälfte wurde zur Erde, die andere zum Himmelsgewölbe. Sonne,
+Mond, Winde und Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die
+denkenden Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf, Khamon erstrahlte
+in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit starkem Arm bis hinter Gades
+zurück. Die Erdgeister stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna
+neigte sich gleich einer Amme über die Welt, und spendete ihr Licht
+wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu wie mit einem
+Mantel ...«
+
+»Und dann?« fragte Salambo.
+
+Er hatte ihr das Geheimnis der Schöpfung erzählt, um sie durch weite
+Ausblicke abzulenken. Aber an seinen letzten Worten entzündete sich
+das Begehren der Jungfrau von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem
+Nachgeben fort:
+
+»Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...«
+
+»Die Liebe im Menschen ...« wiederholte Salambo versonnen.
+
+Der Hohepriester redete weiter:
+
+»Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie überall webt und lebt, ist ihre
+Heimat hier bei uns unter dem heiligen Mantel.«
+
+»O Vater!« rief Salambo. »Ich werde sie schauen, nicht wahr? Du wirst
+mich zu ihr führen! Lange hab ich gezaudert. Das Begehren, sie zu
+sehen, verzehrt mich. Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!«
+
+Mit heftiger und hochmütiger Gebärde stieß er sie zurück.
+
+»Niemals! Weißt du nicht, daß man dann sterben muß? Die
+doppelgeschlechtlichen Götter entschleiern sich nur uns allein, die
+wir Männer durch den Geist und Weiber durch die Schwäche sind. Dein
+Begehren ist Gotteslästerung. Begnüge dich mit dem, was du kennst!«
+
+Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue die beiden
+Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert durch die
+Worte des Priesters. Zorn, Schrecken und Demut erfüllten sie
+gleichzeitig.
+
+Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefühlloser als die
+Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos Gestalt herab, die
+zitternd zu seinen Füßen lag, und empfand eine seltsame Freude, weil
+er sie für seine Gottheit, die selbst er nicht ganz zu erfassen
+imstande war, so leiden sah.
+
+Schon begannen die Vögel zu singen, kalter Wind wehte, und kleine
+Wölkchen jagten über den erblassenden Himmel.
+
+Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis etwas wie einen
+leichten Nebelstreifen, der über das Land hin zu ziehen schien. Eine
+Weile später verwandelte sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von
+grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mächtigen Masse tauchten
+Kamelköpfe, Lanzen und Schilde auf.
+
+Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago vormarschierte.
+
+
+
+
+IV
+
+Vor den Mauern von Karthago
+
+
+Landleute, auf Eseln oder zu Fuße, strömten bleich, atemlos und irr
+vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor dem Heere. In drei Tagen hatte
+es den Weg von Sikka zurückgelegt, um Karthago zu berennen und in
+Grund und Boden zu zerstören.
+
+Man schloß die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen die Barbaren,
+machten jedoch auf der Mitte der Landenge am Haffufer Halt.
+
+Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere kamen nahe
+heran, Palmenzweige in den Händen. Man trieb sie mit Pfeilschüssen
+zurück. So groß war die Bestürzung.
+
+Frühmorgens und in der Abenddämmerung patrouillierten Aufklärer vor
+den Stadtmauern. Besonders fiel ein kleiner Mann auf, der sorgfältig
+in einen Mantel gehüllt war und dessen Gesicht unter der tief
+herabgezogenen Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und
+betrachtete den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher
+Beharrlichkeit, daß er die Karthager offenbar über seine wahren
+Absichten täuschen wollte. Ein andrer begleitete ihn, ein wahrer
+Riese, der barhäuptig einherging.
+
+Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark befestigt: zuerst
+durch einen Graben, dann durch einen Rasenwall und schließlich durch
+eine dreißig Ellen hohe zweistöckige Quadermauer. Darin befanden sich
+Ställe für dreihundert Elefanten, Rüstkammern für ihre Harnische und
+ihr Kettenzeug, dazu Futterböden. Ferner Unterkunftsräume für
+viertausend Pferde samt Sattelzeug und Fourage, sowie Kasernen für
+zwanzigtausend Soldaten mit ihren Rüstungen und allem Kriegsgerät. Aus
+dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrönte Türme, die an der
+Außenseite Panzerplatten, an Krampen befestigt, trugen.
+
+Diese erste Befestigungslinie schützte unmittelbar Malka, das Viertel
+der Seeleute und Färber. Masten ragten da, an denen Purpurgewebe
+trockneten, während aus den flachen Dächern weiter weg Tonöfen zum
+Sieden der Salzlake rauchten.
+
+Dahinter türmte sich amphitheatralisch die Stadt mit ihren hohen
+würfelförmigen Häusern, die teils aus Steinen, teils aus Holz, Sand,
+Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut waren. Die Tempelhaine schimmerten
+wie grüne Seen in diesem Gebirge bunter Blöcke. Die öffentlichen
+Plätze bildeten in unregelmäßigen Abständen Ebenen darin. Zahllose
+Gassen durchschnitten das Häusermeer kreuz und quer, von oben bis
+unten. Man erkannte die Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die
+jetzt miteinander verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie
+steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflächen, halb mit
+Blumen überwachsen, geschwärzt und von breiten Ausgußstreifen
+durchzogen. Durch die klaffenden Lücken liefen Straßen, wie Flüsse
+unter Brücken.
+
+Der Hügel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das heißt des
+Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem Wirrwarr von Bauwerken. Da
+standen Tempel mit gewundenen Säulen, die eherne Kapitäle und
+metallene Ketten trugen, blaugestreifte mörtellose Steinkegel,
+kupferne Kuppeldächer, Marmorarchitrave, babylonische Strebepfeiler,
+Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit der Spitze auf dem Boden
+ruhten. Vorhallen stießen an Giebel, Voluten kräuselten sich zwischen
+Säulengängen, Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwände. Das alles
+kletterte eins über das andre und vermengte sich in wunderlicher,
+unbegreiflicher Weise. Es kündete vom Wechsel der Zeiten und rief die
+halbvergessene Heimat der einzelnen Erbauer wach.
+
+Hinter der Akropolis zog sich durch rötliches Erdreich, mit Grabmälern
+besäumt, die Straße der Mappalier schnurgerade von der Küste bis zur
+Gräberstadt. Seitwärts sah man lange Gebäude, von Gärten umgeben. Das
+dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte sich bis zur
+felsigen Meeresküste, über der sich ein riesiger Leuchtturm erhob,
+Nacht für Nacht sein Licht spendend.
+
+So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der Ebene lagernden
+Söldner.
+
+Von fern erkannten sie die Marktplätze und Straßenkreuzungen. Sie
+stritten sich über die Lage der Tempel. Der Khamontempel gegenüber den
+Syssitien hatte goldene Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom
+Eschmuntempel trug Korallenäste auf seinem Dache. Weiterhin wölbte
+sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom Heiligtume Tanits.
+Das düstere Haus Molochs stand am Fuße der Zisternen nach der Seite
+des Leuchtturms hin. Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern,
+an den Ecken der Plätze, überall erblickte man Götterbilder mit
+scheußlichen Köpfen, riesengroß oder untersetzt, mit dicken oder
+unnatürlich platten Bäuchen, offnen Mäulern und ausgestreckten Armen,
+Gabeln, Ketten oder Speere in den Händen. Im Hintergrunde der Straßen
+aber, die durch den schrägen Einblick noch steiler erschienen,
+schimmerte das blaue Meer.
+
+Eine lärmende Menge erfüllte die Straßen vom Morgen bis zum Abend.
+Knaben schrien, Schellen schwingend, an den Türen der Bäder. Die Buden
+mit warmen Getränken rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der
+Ambosse. Auf den Terrassen krähten die weißen, der Sonne geweihten
+Hähne. In den Tempeln brüllten die Opferstiere, die man abwürgte.
+Sklaven mit Körben auf den Köpfen eilten dahin, und in der Tiefe der
+Säulenhallen tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem
+Mantel, barfüßig und mit spitzer Mütze.
+
+Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren. Sie bewunderten
+und verabscheuten es. Sie hätten es gleichzeitig zerstören und
+bewohnen mögen. Was barg dort der Kriegshafen, den eine dreifache
+Mauer beschirmte? Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch
+höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß.
+
+Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er kletterte auf
+Olbäume und beugte sich vor, indem er die Augen mit der Handfläche
+beschattete. Aber die Gärten waren leer, und die rote Tür mit dem
+schwarzen Kreuz blieb beständig geschlossen.
+
+Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte nach einem
+Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts stürzte er sich in den Golf
+und schwamm drei Stunden lang. Er gelangte bis an das Seetor und
+wollte die steile Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig
+und zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins Meer und
+kehrte um.
+
+Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf dieses
+Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden, der sie leiblich
+besessen hätte. Seine Erschöpfung hörte auf, und tolle fortwährende
+Tatenlust erfüllte ihn. Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und
+rauher Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er saß am
+Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand. Oder er schoß mit
+Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier. Sein Herz quoll in wütenden
+Worten über.
+
+»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden Streitwagen!«
+sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe, verwüste und morde! Derlei
+Leid wird nur mit Blut gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen
+kannst, so mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!«
+
+Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner. Er ließ sie
+schonungslos exerzieren. Man achtete ihn wegen seines Mutes und vor
+allem um seiner Kraft willen. Außerdem flößte er eine Art mystische
+Furcht ein: man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel
+ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das Heer in guter Zucht. Die
+Karthager hörten in ihren Häusern die Trompetensignale, die den Dienst
+regelten. Nun rückten die Barbaren näher.
+
+Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier Heere bedurft,
+die ihnen gleichzeitig in den Rücken hätten fallen müssen, nachdem das
+eine im Golfe von Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet
+wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner Garde beginnen,
+die höchstens sechstausend Mann stark war? Wandten sich die Barbaren
+nach Osten, so konnten sie sich mit den Nomaden vereinigen und die
+Straße nach Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten sie
+sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich mußte der Mangel
+an Lebensmitteln sie früher oder später zwingen, die Umgegend zu
+verwüsten wie Heuschreckenschwärme. Die Patrizier zitterten für ihre
+schönen Landsitze, ihre Weingärten und Äcker.
+
+Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln vor. Man solle auf
+den Kopf jedes Barbaren einen hohen Preis setzen oder ihr Lager mit
+Hilfe von Schiffen und Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder
+Gisgo dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber die
+Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke. Sie fürchteten
+in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten sich, aus Angst vor der
+Monarchie, alles zu schwächen, was noch davon bestand oder zu ihr
+zurückführen konnte.
+
+Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer Rasse und
+unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine und aßen Weichtiere
+und Schlangen. In Fallgruben fingen sie lebendige Hyänen, die sie des
+Abends zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen den
+Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus Schlamm und Schilf
+klebten am Hange der Küste wie Schwalbennester. So lebten sie ohne
+Regierung und ohne Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und
+schwächlich zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung
+wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten die Posten, daß sie
+sämtlich verschwunden waren.
+
+Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen Entschluß. Sie
+gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit offenen Sandalen ins Lager, wie
+zu Nachbarn. Ruhigen Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße
+zu und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu sprechen.
+Sie erklärten, es sei alles beendet, und man wolle ihren Ansprüchen
+gerecht werden.
+
+Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Söldnerlager. Statt des
+Durcheinanders, das sie vermutet hatten, herrschte überall Ordnung und
+beängstigende Stille. Das ganze umschloß ein hoher Rasenwall, der den
+Geschossen der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte.
+Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt. Durch die
+Zelttüren erblickte man wilde Augen, die im Dunkeln glühten. Die
+Lanzenpyramiden und die aufgehängten Rüstungen blendeten wie Spiegel.
+Die Karthager sprachen leise miteinander und nahmen sich in acht, daß
+sie mit ihren langen Mänteln nichts umrissen.
+
+Die Söldner forderten Lebensmittel und verpflichteten sich, sie mit
+dem ausstehenden Solde zu bezahlen.
+
+Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhühner, getrocknete Früchte und
+Lupinen, auch geräucherte Makrelen von jener vortrefflichen Sorte, die
+Karthago nach allen Häfen versandte. Doch die Söldner betrachteten das
+prächtige Vieh geringschätzig von allen Seiten, und indem sie
+herabsetzten, was sie begehrten, boten sie für einen Widder den Preis
+einer Taube, für drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel wert war.
+Die »Esser unreiner Speisen« warfen sich zu Sachverständigen auf und
+behaupteten, man betröge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren
+Schwertern herum und drohten mit Mord und Totschlag.
+
+Bevollmächtigte des Großen Rates buchten die Zahl der Dienstjahre, für
+die man jedem Soldaten den Sold schuldete. Doch es war jetzt unmöglich
+noch zu wissen, wieviele Söldner man angenommen hatte, und die Alten
+waren entsetzt über die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen hatten.
+Man war gezwungen, die Silphiumvorräte zu verkaufen und die
+Handelsstädte zu besteuern. Die Söldner mußten indessen ungeduldig
+werden. Schon hatte Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos
+Wutausbrüche und die Vorwürfe seines Amtsgenossen nervös gewordenen
+Patrizier legten es deshalb jedem Bürger nahe, der zufällig einen der
+Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen und ihm gute Worte zu geben,
+damit er wieder freundlich gesinnt würde. Solches Vertrauen sollte die
+Söldner beruhigen.
+
+Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien begaben sich zu
+den Barbaren.
+
+Diese ließen alle Karthager ins Lager, aber nur durch einen einzigen
+Eingang, der so eng war, daß sich vier nebeneinandergehende Männer mit
+den Ellbogen berührten. Spendius stand an der Schranke und ließ alle
+genau durchsuchen. Matho, ihm gegenüber, musterte die Menge, um
+irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo gesehen hatte.
+
+Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen und Leben.
+Die beiden deutlich unterscheidbaren Massen vermengten sich, ohne sich
+völlig zu vermischen: die eine in leinenen oder wollenen Gewändern mit
+Filzhüten, die wie Pinienäpfel aussahen, die andere in Panzerkleid und
+Helm. Zwischen den Troßknechten und Marketendern trieben sich Weiber
+von allerhand Rassen umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so
+grünlich, wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in Spelunken
+aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der Plünderung von Städten
+gefangen. Man hetzte sie mit Liebe, solange sie jung waren, und
+überhäufte sie mit Schlägen, wenn sie alt wurden, bis sie schließlich
+auf irgendeinem Rückzuge, mit dem Gepäck und den Lasttieren im Stich
+gelassen, am Wege starben. Die Frauen der Nomaden gingen wiegenden
+Schrittes, in karierten gelbroten langen Kamelhaarröcken.
+Lautenspielerinnen aus der Kyrenaika, in violette Gaze gehüllt, mit
+gemalten Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte
+Negerweiber mit Hängebrüsten lasen Tiermist auf, den man dann in der
+Sonne dörrte und zum Feueranmachen benutzte. Die Syrakusanerinnen
+trugen Goldplättchen im Haar, die Frauen der Lusitanier
+Muschelhalsbänder, die Weiber der Gallier Wolfsfelle über der weißen
+Brust. Kräftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten,
+rannten den Vorübergehenden mit dem Kopf vor den Leib oder schlichen
+sich hinterrücks heran wie junge Tiger, um sie in die Finger zu
+beißen.
+
+Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt über die Menge von
+Gegenständen, mit denen es vollgepfropft war. Die Allerärmsten wurden
+traurig. Die andern ließen sich ihre Unruhe nicht anmerken.
+
+Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie aufzuheitern.
+Wen immer sie erblickten, den luden sie zu ihren Spielen ein. Beim
+Diskoswerfen richteten sie es dann so ein, daß dem Aufgeforderten die
+Füße zerquetscht wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm
+beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten die
+Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwörer mit ihren
+Vipern, die Reiter mit ihren Pferden. Die an friedliche
+Beschäftigungen gewöhnten Leute ließen alle Verhöhnungen stumm über
+sich ergehen und bemühten sich sogar zu lächeln. Einige, die sich
+tapfer zeigen wollten, gaben zu verstehen, daß sie Soldaten werden
+möchten. Man hieß sie Holz spalten und Maultiere striegeln oder
+schnallte sie in eine Rüstung und rollte sie wie Tonnen durch die
+Lagergassen. Wenn sie sich dann zum Aufbruch anschickten, rauften sich
+die Söldner unter albernen Verrenkungen die Haare.
+
+Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben, alle
+Karthager für steinreich. Sie liefen hinter ihnen her und baten und
+bettelten, ihnen etwas zu schenken. Sie begehrten alles, was ihnen
+gefiel: Ringe, Gürtel, Sandalen, Gewandfransen, alles mögliche, und
+wenn der ausgeplünderte Karthager schließlich ausrief: »Ich habe
+nichts mehr! Was willst du noch« so antworteten sie: »Dein Weib!« oder
+auch wohl: »Dein Leben!«
+
+Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt, den Soldaten
+vorgelesen und endgültig anerkannt. Nun forderten sie Zelte. Man gab
+sie ihnen. Dann verlangten die Offiziere der Griechen eine Anzahl der
+schönen Rüstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Große Rat
+bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und billig, behaupteten
+sodann die Reiter, daß die Republik sie für ihre eingebüßten Pferde
+entschädige. Der eine behauptete, bei der und jener Belagerung drei,
+ein andrer auf dem und jenem Marsche fünf verloren zu haben. Einem
+dritten waren beim Passieren des Gebirges vierzehn abgestürzt. Man bot
+ihnen Hengste von Hekatompylos an, aber alle zogen Geld vor.
+
+Weiterhin verlangten sie, daß man ihnen in bar--in Silbermünzen, nicht
+in Ledergeld--alles Getreide bezahlte, das man ihnen noch schuldete,
+und zwar zu dem höchsten Preise, den es während des Krieges gehabt
+hatte, so daß sie für ein Maß Mehl vierhundertmal mehr verlangten, als
+sie für einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten. Diese Unredlichkeit
+empörte die Karthager; trotzdem mußten sie nachgeben.
+
+Danach söhnten sich die Bevollmächtigten der Söldner mit den
+Abgesandten des Großen Rates aus, wozu sie beim Schutzgeist Karthagos
+und bei den Göttern der Barbaren schworen. Unter morgenländischem
+Wortschwall und Gebärdenspiel überboten sie einander in
+Entschuldigungen und Schmeicheleien. Dann forderten die Söldner als
+Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verräter, die das Heer mit der
+Republik veruneinigt hätten.
+
+Man tat, als verstände man sie nicht. Jene erklärten sich etwas
+deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten.
+
+Täglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus und trieben sich
+am Fuße der Mauern herum. Sie riefen, man solle ihnen den Kopf des
+Suffeten herabwerfen, und breiteten ihre Mäntel aus, um ihn
+aufzufangen.
+
+Der Große Rat hätte vielleicht auch hierin nachgegeben, wenn nicht ein
+letztes Ansinnen gestellt worden wäre, unverschämter als alle andern.
+Die Söldner forderten nämlich Jungfrauen aus den vornehmsten Häusern
+zu Gattinnen für ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von Spendius,
+den manche ganz einfach und sehr wohl ausführbar fanden. Aber die
+Anmaßung der Barbaren, sich mit punischem Blute vermischen zu wollen,
+empörte das karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bündig,
+daß sie nichts mehr zu empfangen hätten. Nun schrien sie, man habe sie
+betrogen, und wenn der Sold nicht binnen drei Tagen ankäme, würden sie
+nach Karthago kommen und sich ihn selbst holen.
+
+Die Unredlichkeit der Söldner war nicht so groß, wie ihre Feinde
+meinten. Hamilkar hatte ihnen tatsächlich wiederholt und in
+feierlicher, wenn auch unbestimmter Form weitgehende Versprechungen
+gemacht. Bei ihrer Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anlaß
+gehabt zu glauben, man würde ihnen die Stadt preisgeben, deren Schätze
+sie unter sich teilen sollten. Als sie nun aber merkten, daß ihnen
+kaum der Sold ausgezahlt ward, war dies eine Enttäuschung für ihren
+Stolz wie für ihre Begehrlichkeit.
+
+Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale Alexanders nicht
+Beispiele wunderbaren Glücks geliefert? Das Vorbild des Herkules, den
+die Kanaaniter der Sonne verglichen, stand allen Soldaten leuchtend
+vor Augen. Man dachte daran, daß einfache Krieger Kronen errungen
+hatten, und der dröhnende Sturz großer Reiche verführte den Gallier in
+seinen Eichenwäldern, den Äthiopier in seinen Sandwüsten zu hohen
+Träumen. Und es gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer
+auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoßene Dieb, der auf den
+Straßen umherirrende Vatermörder, der von den Göttern verfolgte
+Tempelschänder, alle Hungrigen und Verzweifelten rangen sich bis zu
+dem Hafen durch, wo der punische Werber Söldner aushob. Gewöhnlich
+hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch hatte sein
+grenzenloser Geiz es zu einem gefährlichen Wortbruch verleitet. Die
+Numidier, die Libyer, ganz Afrika drohte sich gegen die Punier zu
+erheben. Nur das Meer war frei. Dort aber stieß Karthago mit den
+Römern zusammen. Wie ein von Mördern Überfallener blickte es rings dem
+Tod ins Antlitz.
+
+Es mußte sich wohl oder übel an Gisgo wenden. Die Barbaren nahmen
+seine Vermittlung an. Eines Morgens sahen sie die Ketten des Hafens
+sinken, und drei flache Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das
+Haff ein.
+
+Am Bug des ersten erblickte man Gisgo. Hinter ihm, höher als ein
+Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen versehen, die hängenden
+Kronen glichen. Dann tauchte die Schar der Dolmetscher auf, mit
+Kopfbedeckungen wie Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die
+Brust tätowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen und so
+zahlreich, daß sie Schulter an Schulter standen. Die drei langen
+Barken, bis zum Sinken voll, nahten unter den Beifallrufen des Heeres,
+das ihnen entgegensah. Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm
+entgegen. Er ließ aus Säcken eine Art Rednerbühne errichten und
+erklärte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos gelöhnt
+wären.
+
+Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht wieder zu Worte
+kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler der Republik und die der
+Barbaren. Die Schuld läge an einigen Meuterern, die Karthago durch
+ihre Gewalttätigkeit erschreckt hätten. Der beste Beweis für die guten
+Absichten der Karthager sei der, daß man ihn, den unversöhnlichen
+Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt habe. Sie sollten die
+Republik weder für so töricht halten, daß sie sich tapfere Männer
+verfeinden wolle, noch für so undankbar, daß sie ihre Dienste
+verkenne. Darauf schickte er sich an, die Söldner abzulohnen, indem er
+mit den Libyern begann. Da sie die Listen für unrichtig erklärten, so
+bediente er sich ihrer nicht.
+
+Sie zogen nach Stämmen geordnet an ihm vorüber, indem sie mit
+hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre angaben. Man malte
+jedem, der seine Löhnung empfangen, mit grüner Farbe ein Zeichen auf
+den linken Arm. Schreiber zahlten aus der geöffneten Kiste, während
+andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel auf eine Bleiplatte
+ritzten.
+
+Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann heran.
+
+»Komm einmal zu mir herauf!« gebot der Suffet, der einen Betrug
+witterte. »Wieviel Jahre hast du gedient?«
+
+»Zwölf!« antwortete der Libyer.
+
+Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die Schuppenketten der
+Helme verursachten nämlich nach langem Tragen an dieser Stelle der
+Haut Schwielen, die man »Johannisbrote« nannte, und »Johannisbrote
+haben«, das bedeutete Veteran sein.
+
+»Gauner!« rief der Suffet. »Was dir im Gesicht fehlt, wirst du auf dem
+Buckel haben.« Er riß dem Manne die Tunika ab und entblößte seinen
+Rücken, der mit blutigen Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus
+Hippo-Diarrhyt. Hohngelächter erscholl. Er ward enthauptet.
+
+Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und hielt ihnen
+folgende Rede:
+
+»Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker abgelohnt sind,
+werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr bleibt in Afrika, in Stämme
+zersplittert und ohne jeglichen Schutz! Dann wird sich die Republik
+rächen. Seht euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schönen
+Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverständnis! Gisgo hintergeht
+euch! Denkt an die Insel der Totenknochen und an Xantipp, den sie auf
+einer morschen Galeere nach Sparta zurückgesandt haben!«
+
+»Was sollen wir tun?« fragten sie.
+
+»Überlegt's euch!« entgegnete Spendius.
+
+Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablöhnung der Söldner von
+Magdala, Leptis und Hekatompylos. Spendius machte sich an die Gallier
+heran.
+
+»Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen, die Balearier,
+die Asiaten und alle andern dran! Ihr aber, die ihr nur wenige seid,
+ihr werdet leer ausgehn! Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr
+werdet keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um die
+Verpflegung zu sparen!«
+
+Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit, den Gisgo in den
+Gärten Hamilkars geschlagen hatte, forderte eine Erklärung von ihm.
+Aber er wurde von den Sklaven zurückgetrieben und trollte sich mit dem
+Schwure, sich zu rächen.
+
+Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnäckigsten drangen in
+das Zelt des Suffeten. Um ihn zu erweichen, ergriffen sie seine Hände
+und nötigten ihn, ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und
+ihre Wundmale zu betasten. Die noch keine Löhnung erhalten, gerieten
+in Wut, während die andern, die ihren Sold empfangen hatten, nun auch
+die Entschädigungsgelder für ihre Pferde forderten. Landstreicher und
+vom Heere Ausgestoßene legten Rüstungen an und behaupteten, man
+vergäße sie. Jeden Augenblick drängten neue Lärmer herbei. Die Zelte
+krachten und fielen zusammen. Die zwischen die Lagerwälle eingekeilte
+Menge wogte laut tobend von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und
+her. Wenn der Tumult zu stark wurde, stützte Gisgo den Ellbogen auf
+seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete seine Blicke hinaus
+auf das Meer. Unbeweglich saß er dann da, die Finger in seinen Bart
+vergraben.
+
+Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius zu unterreden. Dann
+stellte er sich wieder dem Suffeten gegenüber auf, und Gisgo fühlte
+fortwährend seine Blicke wie zwei flammende Brandpfeile auf sich
+gerichtet. Über die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male
+Schimpfworte zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm die
+Löhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen Hindernissen einen
+Ausweg fand.
+
+Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der Münzen
+Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen derartige Erklärungen, daß
+sie sich ohne Murren zurückzogen. Die Neger verlangten weiße Muscheln,
+wie sie im Innern Afrikas im Verkehr üblich waren. Der Suffet erbot
+sich, deren aus Karthago holen zu lassen. Darauf nahmen sie Silbergeld
+an wie die anderen.
+
+Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert, nämlich
+Frauen. Gisgo erklärte, daß man eine ganze Karawane von Jungfrauen für
+sie erwarte, doch der Weg sei weit, und es würden noch sechs Monde
+vergehen. Wenn dann aber die Mädchen wieder in gutem Körperzustand und
+reichlich mit Benzoe gesalbt wären, würde man sie ihnen auf Schiffen
+in die balearischen Häfen senden.
+
+Plötzlich sprang Zarzas, wieder schön und kräftig, wie ein Gaukler auf
+die Schultern seiner Freunde und schrie, auf das Khamontor von
+Karthago hinzeigend:
+
+»Hast du auch welche für die Toten bestimmt?«
+
+Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten, erglühten in
+den letzten Sonnenstrahlen. Die Barbaren wähnten, einen Blutstreifen
+darauf zu erkennen. Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von
+neuem an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen Sitz und
+schloß sich in sein Zelt ein.
+
+Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten sich seine
+Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur Ruhe hingelegt hatten.
+Sie lagen auf dem Rücken, mit starren Augen, heraushängender Zunge und
+blauem Gesicht. Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre Glieder
+waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt wären. Jeder trug um
+den Hals eine dünne Binsenschnur.
+
+Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung der Balearier,
+die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, bestärkte
+das von Spendius erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik
+suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein Ende machen!
+Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas, der sich einen Kranz um den
+Kopf geschlungen hatte, sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes
+Schwert. Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den
+andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich selbst bezahlt zu
+machen. Die minder Aufgebrachten forderten, daß die Ablöhnung
+fortgesetzt würde. Keiner legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller
+vereinigte sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse.
+
+Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen ausstießen,
+hörte man sie geduldig an. Sobald sie aber das geringste Wort für ihn
+sprachen, wurden sie unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen
+hinterrücks mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften Säcke
+sahen blutiger aus als ein Opferaltar.
+
+Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal wenn Wein
+getrunken worden war. Dieser Genuß war in den punischen Heeren bei
+Todesstrafe verboten. Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um
+seiner Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven des
+Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden. Der Ruf: »Steinigt
+ihn!«--in jeder Sprache verschieden--ward von allen verstanden.
+
+Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche ließ. Angesichts
+aller Undankbarkeit wollte er trotzdem die Ehre Karthagos hochhalten.
+Als die Söldner ihn daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe
+versprochen habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten
+zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen vom Halse und warf
+es in die Menge als Pfand seines Eides.
+
+Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen des
+Großen Rates. Gisgo legte amtliche Rechnungen vor, die mit violetter
+Tinte auf Lammfelle geschrieben waren. Er verlas alles, was nach
+Karthago eingeführt worden war, Monat für Monat und Tag für Tag.
+
+Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen den
+Ziffern sein Todesurteil.
+
+In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch verkleinert und
+das Getreide, das in der Zeit der größten Kriegsnot verkauft worden
+war, zu einem so niedrigen Preis angerechnet, daß kein vernünftiger
+Mensch getäuscht werden konnte.
+
+»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen, der Feigling!
+Aufgepaßt!«
+
+Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter.
+
+Die Söldner ahnten nicht, daß man sie betrog, und nahmen die
+Rechnungsauszüge für richtig an. Aber der Überfluß, der in Karthago
+geherrscht, versetzte sie in wilde Eifersucht. Sie zertrümmerten die
+Sykomorenholzkiste. Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche
+Summen aus ihr hervorgehen sehn, daß man sie für unerschöpflich
+gehalten. Gisgo mußte Geld in seinem Zelte vergraben haben! Man
+stürmte die Rednerbühne. Matho war der Anstifter. Als man schrie: »Das
+Geld! Das Geld!« antwortete Gisgo schließlich:
+
+»So mag's euer Führer euch geben!«
+
+Fortan schwieg er und blickte mit den großen gelben Augen seines
+langen Gesichtes, das weißer war als sein Bart, kaltblütig in den
+Tumult. Ein Pfeil, von seinem eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des
+Suffeten großem goldenen Ohrring hängen, und Blut rann, gleich einem
+roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab.
+
+Auf einen Wink Mathos stürzten alle auf Gisgo ein. Er breitete die
+Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer Schlinge an den
+Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu Boden, und er verschwand im
+Getümmel der Menge, die über die Säcke stürmte.
+
+Man plünderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten
+Gegenstände fand man darin, und später, bei genauerem Suchen, noch
+drei Bilder der Tanit und, in Affenhaut gewickelt, einen schwarzen
+Stein, der vom Monde heruntergefallen sein sollte.
+
+Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet, angesehene
+vornehme Männer, sämtlich zur Kriegspartei gehörig. Man riß sie aus
+den Zelten und warf sie kopfüber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten,
+die man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfähle gefesselt.
+Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen von Wurfspießen.
+
+Autarit, der sie bewachte, überschüttete sie mit Schimpfworten. Da sie
+aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten sie nicht. Von Zeit
+zu Zeit warf er ihnen Steine ins Gesicht, damit sie schreien sollten.
+
+ * * * * *
+
+Am nächsten Tage ergriff eine Art Erschöpfung das Heer. Jetzt, da der
+Zorn verraucht war, stellten sich Angst und Sorge ein. Matho litt an
+namenloser Traurigkeit. Ihm war, als habe er Salambo mittelbar
+beleidigt. Die gefangenen Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehör zu
+ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand ihrer Grube und
+fand im Wimmern dort unten etwas von der Stimme wieder, die sein Herz
+erfüllte.
+
+Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt worden
+waren. Aber während die nationalen Gegensätze und der persönliche Haß
+erwachten, fühlte man auch die Gefahr, die darin lag, diesen
+Leidenschaften nachzugeben. Die Vergeltung für den Vorfall mußte
+furchtbar ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos
+zuvorzukommen. Die Beratungen und öffentlichen Reden nahmen kein Ende.
+Jeder sprach, keiner hörte zu, und Spendius, der sonst so gesprächig
+war, schüttelte zu allen Vorschlägen den Kopf.
+
+Eines Abends fragte er Matho beiläufig, ob es keine Quellen in der
+Stadt gäbe.
+
+»Nicht eine!« antwortete der.
+
+Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum Seeufer.
+
+»Herr!« begann der ehemalige Sklave. »Wenn dein Herz unerschrocken
+ist, will ich dich nach Karthago hineinführen.«
+
+»Auf welche Weise?« fragte der andere, nach Atem ringend.
+
+»Schwöre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen und mir wie ein
+Schatten zu folgen!«
+
+Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief:
+
+»Bei der Tanit, ich schwör es dir!«
+
+Spendius fuhr fort:
+
+»Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fuße der Wasserleitung,
+zwischen dem neunten und zehnten Bogen. Bring eine eiserne Hacke,
+einen Helm ohne Federbusch und ein paar Ledersandalen mit!«
+
+Der Aquädukt, von dem er sprach, ein bedeutendes Bauwerk, das von den
+Römern später noch vergrößert wurde, lief schräg über die ganze
+Landenge hin. Auf drei übereinandergebauten mächtigen Bogenreihen, mit
+Strebepfeilern an den Basen und Löwenköpfen an den Scheiteln, führte
+er bis zum westlichen Teil der Akropolis hin und senkte sich dann zur
+Stadt hinab, um die Zisternen von Megara mit einer stromähnlichen
+Wassermenge zu versehen.
+
+Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er knüpfte alsbald eine
+Art Harpune an das Ende eines Seiles und ließ dies rasch wie eine
+Schleuder schwirren. Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und
+nun begannen sie, hintereinander emporzuklimmen.
+
+Als sie das erste Geschoß erreicht hatten, fiel der Haken bei jedem
+Wurfe wieder zurück. Bis sie eine geeignete Stelle entdeckten, mußten
+sie um die Pfeiler herum auf dem Sims gehen, den sie bei jeder höheren
+Bogenreihe immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das Seil.
+Mehrere Male wäre es beinahe gerissen.
+
+Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius bückte sich von
+Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit der Hand zu betasten.
+
+»Hier geht's!« sagte er. »Fangen wir hier an!« Und indem sie sich
+beide gegen den Spieß stemmten, den Matho mitgebracht hatte, gelang es
+ihnen, eine der Steinplatten zu lockern.
+
+In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die auf zügellosen
+Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen Armreifen tanzten über den
+undeutlichen Falten ihrer Mäntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone
+von Straußenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze.
+
+»Naravas!« rief Matho.
+
+»Was kümmert uns der?« entgegnete Spendius und sprang in das Loch, das
+durch das Aufheben der Platte entstanden war.
+
+Seiner Weisung gemäß versuchte auch Matho einen der Steinblöcke zu
+lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit.
+
+»Es wird auch so gehen!« meinte Spendius. »Geh voran!«
+
+Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung.
+
+Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber gerieten sie ins
+Schwanken und mußten schwimmen. Dabei stießen sie mit den Händen und
+Füßen gegen die Wände des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast
+unmittelbar unter den Deckplatten hinfloß. Sie rissen sich das Gesicht
+auf. Die Strömung trug sie fort ... Eine Luft, schwerer als im Grabe,
+lastete auf ihrer Brust. Die Arme vor den Kopf haltend, die Knie
+geschlossen, sich so lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen
+sie pfeilschnell durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, röchelnd
+und dem Tode nahe. Plötzlich ward es stockfinster vor ihnen, und die
+Strömung wurde reißend. Die beiden Männer gerieten in das Gefälle ...
+
+Als sie wieder an die Oberfläche der Flut kamen, ließen sie sich
+einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen die Luft ein.
+Bogenreihen, eine hinter der andern, öffneten sich in der Mitte
+mächtiger Mauern, die den Raum in einzelne Becken zerlegten. Alle
+waren gefüllt, und das Wasser in den Zisternen bildete eine einzige
+Fläche. Durch die Luftlöcher in den Deckenwölbungen fiel bleicher
+Schein, der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum, der
+sich nach den Wänden zu verdichtete, ließ diese ins unbestimmte
+zurücktreten. Das geringste Geräusch erweckte lauten Widerhall.
+
+Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen. Durch die
+Bogenöffnungen gelangten sie von einem Becken immer in das nächste.
+Auf beiden Seiten lief noch je eine parallele Reihe kleinerer Becken
+hin. Die Schwimmer verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe
+Stelle zurück. Endlich fühlten sie festen Boden unter den Füßen. Es
+war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen herumlief.
+
+Mit großer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das Mauerwerk ab,
+um einen Ausgang zu finden. Aber ihre Füße glitten ab, und sie
+stürzten wieder in das tiefe Becken. Sie kletterten von neuem empor
+und fielen abermals zurück. Eine furchtbare Ermüdung überkam sie, als
+ob ihre Glieder sich beim Schwimmen im Wasser aufgelöst hätten. Die
+Augen fielen ihnen zu. Sie kämpften mit dem Tode.
+
+Da stieß Spendius mit der Hand gegen die Stäbe eines Gitters. Beide
+rüttelten daran. Es gab nach, und sie befanden sich auf den Stufen
+einer Treppe. Oben kamen sie vor eine verschlossene Bronzetür. Mit der
+Spitze eines Dolches schoben sie den Riegel zurück, der sich nur von
+außen öffnen ließ, und plötzlich umfing sie die frische freie Luft.
+
+Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher Tiefe. Hier
+und da ragten Baumgruppen über die langen Mauerlinien hinweg. Die
+Stadt lag im Schlummer. Die Wachtfeuer der Vorposten glänzten wie
+herabgefallene Sterne.
+
+Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte, kannte die
+Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um zum Palaste Hamilkars zu
+gelangen, müsse man sich nach links wenden und die Straße der
+Mappalier überschreiten.
+
+»Nein!« sagte Spendius. »Führe mich zum Tempel der Tanit!«
+
+Matho wollte widersprechen.
+
+»Denke daran!« unterbrach ihn der ehemalige Sklave, indem er den Arm
+erhob und nach dem Monde wies, der am Himmel glänzte.
+
+Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis.
+
+Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die Wege einfaßten.
+Das Wasser rann von ihren Leibern in den Staub. Ihre feuchten Sandalen
+verursachten kein Geräusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie
+Fackeln glühten, bei jedem Schritt die Gebüsche ab. Er ging hinter
+Matho, die Hände an den beiden Dolchen, die er unter den Armen trug
+und die ihm, an einem Lederriemen befestigt, von den Schultern
+herabhingen.
+
+
+
+
+V
+
+Tanit
+
+
+Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich durch die
+Mauer zwischen Megara und der Altstadt am Weitergehn gehindert. Da
+entdeckten sie einen schmalen Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und
+kamen hindurch.
+
+Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde. Sie schritten über
+einen freien Platz.
+
+»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem fürchte
+nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!«
+
+Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene an. Offenbar
+suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich noch, wie ich dir damals auf
+Salambos Terrasse bei Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem
+Tage waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und mit
+feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum der Tanit
+befindet sich ein geheimnisvoller Mantel, der vom Himmel gefallen ist
+und die Göttin umhüllt.«
+
+»Ich weiß es,« entgegnete Matho.
+
+»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist ein Teil der
+Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild weilt. Karthago ist mächtig,
+weil es diesen Mantel besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich
+habe dich hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!«
+
+Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück.
+
+»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch einem
+abscheulichen Frevel nicht helfen!«
+
+»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie verfolgt dich, und
+du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich! Sie soll dir untertan werden! Du
+wirst fast unsterblich und unüberwindbar sein!«
+
+Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:
+
+»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben. Wir haben weder
+Flucht, noch Beistand, noch Vergebung zu erhoffen! Welche Strafe der
+Götter brauchst du aber zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den
+Händen hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage elend
+im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des Pöbels auf einem
+Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines Tages wirst du in Karthago
+einziehen, von den Priestern umringt, die deine Sandalen küssen! Und
+wenn dich dann noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du ihn
+in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben ihn!«
+
+Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel besitzen mögen,
+doch ohne Tempelraub zu begehen. Er überlegte sich, ob er das
+Heiligtum wirklich rauben müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er
+spann seinen Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte
+stehen, wo er davor erschrak.
+
+»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide raschen Schritts,
+Seite an Seite, ohne zu sprechen.
+
+Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher. Die beiden
+Männer kamen in enge Gassen, die in tiefem Dunkel lagen. Die
+geflochtenen Matten, mit denen die Türen verhängt waren, schlugen
+gegen die Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor Haufen von
+Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger Bäume. Ein Rudel Hunde
+bellte sie an. Plötzlich weitete sich die Aussicht, und sie erblickten
+die Westseite der Akropolis. Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine
+lange düstere Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von
+Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen Mauer aus
+groben Steinen umgrenzt. Spendius und Matho kletterten darüber.
+
+Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain, der zum Schutz gegen
+die Pest und gegen verunreinigte Luft angelegt war. Hier und da standen
+Zelte, in denen man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel,
+Wohlgerüche, Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin und
+Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke eingeritzt.
+
+Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo der Mond nicht
+schien, fanden keine Gottesdienste statt. Trotzdem verlangsamte Matho
+seine Schritte, und vor den drei Ebenholzstufen, die in die zweite
+Umzäunung führten, blieb er stehen.
+
+»Weiter!« ermunterte ihn Spendius.
+
+Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle unbeweglich, wie
+aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig miteinander ab. Der blaue Kies
+des Weges knirschte unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte
+ein Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen. Sie
+kamen vor ein eirundes Becken, über dem ein Gitter lag. Matho, den die
+Stille bedrückte, sagte zu Spendius:
+
+»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.«
+
+»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte der ehemalige
+Sklave, »in der Stadt Maphug!«
+
+Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr hinauf in die
+dritte Einzäunung.
+
+In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren Zweige waren über
+und über mit Bändern und Halsketten behängt,--von den Gläubigen
+dargebracht. Nach ein paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die
+Tempelfassade.
+
+Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform der Halbmond
+ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus, deren Architrave auf dicken
+Pfeilern ruhten. Über den Enden der Gänge und an den vier Ecken des
+Turmes flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle waren mit
+Granaten und Koloquinten geschmückt. An den Wänden wechselten
+Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe miteinander ab, und ein Zaun aus
+Silberfiligran bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe,
+die von der Vorhalle abwärts führte.
+
+Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer smaragdnen Stele
+ein Steinkegel. Matho küßte sich beim Vorbeigehen die rechte Hand.
+
+Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose Öffnungen durchbrachen die
+Decke, so daß man beim Aufsehen die Sterne erblickte. Ringsum an den
+Wänden standen Rohrkörbe, mit Bärten und Haaren angefüllt, den
+Erstlingsopfern junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden Saales
+wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel ein weiblicher Körper
+hervor. Das dicke bärtige Gesicht hatte halbgeschlossene Augen und
+einen lächelnden Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße des
+dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert hatten.
+
+Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten Quergang,
+in dem ein Miniaturaltar an einer Elfenbeintür stand. Hier war der
+Gang zu Ende. Nur die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel
+war kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte Wohnung
+einer Gottheit.
+
+»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran hast du nicht
+gedacht! Wir wollen umkehren!«
+
+Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte den Mantel haben!
+Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute--Spendius glaubte nur an
+Orakel--, sondern weil er überzeugt war, daß die Karthager, seiner
+beraubt, tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu finden,
+schlichen sie hinten um den Tempel herum.
+
+Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen in verschiedener
+Bauart. Hier und da ragte ein steinerner Phallus empor. Große Hirsche
+streiften friedlich umher und brachten mit ihren gespaltenen Hufen
+abgefallene Pinienäpfel ins Rollen.
+
+Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange Galerien, die
+nebeneinander herliefen. Sie enthielten Reihen kleiner Zellen. An den
+Zedernholzsäulen hingen von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor
+den Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre Leiber
+trieften von Salben und dufteten nach Spezereien und Weihrauch. Sie
+waren mit Tätowierungen, Halsbändern, Ringen, Zinnober- und
+Antimonmalereien derart bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen
+ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf der Erde
+lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen Springbrunnen schwammen
+Fische. Weiter hinten, an der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit
+gläsernen Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein der
+Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und über die Gesichter der
+Schläferinnen.
+
+Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die Zedernholzwände
+ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung, die Wohlgerüche, das
+Spiel der Lichter, die Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all
+diesem mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn eins mit der
+Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus neue Nahrung, wie die
+großen Lotosblumen, die aus der Tiefe des Wassers emporwuchsen.
+
+Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem beim Verkauf von so
+vielen Frauen wie diese hier verdient hätte, und mit raschem Blick
+schätzte er im Vorübergehen die goldnen Halsbänder ab.
+
+Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich wie aus der
+andern. Sie kehrten wieder zurück in den unbedeckten Gang. Während
+Spendius suchte und spähte, hatte sich Matho vor der elfenbeinernen
+Tür niedergeworfen und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den
+Tempelraub nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten zu
+besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten zu richten pflegt.
+
+Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung. »Steh auf!«
+sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit dem Rücken an die Wand
+stellen. Dann setzte er einen Fuß auf Mathos Hände, den andern auf
+seinen Kopf, gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und
+verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf seine Schulter den
+mit Knoten versehenen Strick fallen, den Spendius sich um den Leib
+gewickelt hatte, ehe sie sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer
+klomm mit beiden Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite
+seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle.
+
+Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches. Die
+Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen zeigte allein schon, daß man
+damit überhaupt nicht rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle
+Mauern. Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt.
+
+Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus. Die beiden
+gingen darauf zu. Es war ein brennendes Lämpchen in einer Muschel vor
+dem Sockel eines Standbildes, dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das
+lange blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten
+übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die in die Steinfliesen
+eingelassen waren. Matho unterdrückte einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!«
+stammelte er. Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten.
+
+»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem folgte er ihm.
+
+Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als ein schwarzes
+Wandgemälde, das eine Frau darstellte. Die Beine liefen an der einen
+Wand empor, und der Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing
+an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern Wand neigte sich
+der Körper hinab, mit dem Kopfe nach unten, so daß die Fingerspitzen
+den Steinboden berührten.
+
+Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden Teppich zurück. Der
+Luftzug blies ihr Licht aus.
+
+Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes umher.
+Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter ihren Füßen. Funken
+knisterten und sprühten. Sie schritten wie durch Feuer. Spendius
+betastete den Boden und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen
+ausgeschlagen war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes, kaltes,
+feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen hinglitt. Durch
+schmale Spalten im Mauerwerk drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In
+diesem Dämmerdunkel schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große
+schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand.
+
+»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl es ... sie kommt!«
+
+»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr hier!«
+
+Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen. Dann
+erblickten sie rings an den Wänden eine Unmenge von Tierkarikaturen
+mit erhobenen Tatzen, die sich in geheimnisvollem, fürchterlichem
+Wirrwarr durcheinander drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte
+Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten,
+Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen, und Elefanten mit
+erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze Adler durch die blaue Luft
+schwebten. In gräßlicher Kraftentfaltung reckten alle ihre
+unvollständigen oder verdoppelten Glieder, und auf ihren
+hervorschießenden Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen.
+Alle Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als wäre die
+Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte sich über die Wände
+dieser Halle ergossen.
+
+Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise an den Wänden, von
+Ungeheuern in Tigergestalt getragen. Ihre Augen quollen weit vor, wie
+die der Schnecken. Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe
+wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen
+Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die Allbefruchterin, die
+zuletzt Erschaffene.
+
+Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen, Federn,
+Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge trug sie silberne Zimbeln,
+die ihre Wangen berührten. Ihre großen Augen blickten starr, und auf
+ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt, ein leuchtender
+Stein, der den ganzen Saal erhellte und über der Tür in roten
+Kupferspiegeln widerstrahlte.
+
+Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen Füßen nach,
+und plötzlich begannen die Kugeln sich zu drehen, die Ungeheuer zu
+brüllen. Dazu erklang Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie
+der Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum. Matho hatte
+das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie hoch wie die Halle, als
+breite sie die Arme aus. Plötzlich schlossen die Ungeheuer ihre
+Rachen, und die Kristallkugeln standen wieder still.
+
+Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die Luft, bis sie
+endlich verhallten.
+
+»Und der Mantel?« fragte Spendius.
+
+Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte man ihn finden?
+Wenn ihn die Priester nun versteckt hatten? Matho empfand einen Stich
+durch das Herz. Er kam sich wie genarrt vor.
+
+»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete ihn. Er zog
+Matho hinter den Wagen der Tanit, wo eine Spalte, eine Elle breit, die
+Mauer von oben bis unten durchschnitt.
+
+Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so hoch war, daß
+man das Gefühl hatte, sich im Innern einer Säule zu befinden. In der
+Mitte schimmerte ein großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein
+Sessel. Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges
+Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei Armen.
+
+Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne funkelten. Aus
+tiefen Falten leuchteten Figuren hervor: Eschmun mit den Erdgeistern,
+wiederum einige Ungeheuer, die heiligen Tiere der Babylonier und
+andre, die den beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein
+Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die langen Enden waren
+an der Wand hochgezogen und mit den Zipfeln daran befestigt. Es
+schillerte blau wie die Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie
+die Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd
+und duftig. Das war der Mantel der Göttin, der heilige Zaimph, den
+kein Mensch anschauen durfte.
+
+Sie erbleichten beide.
+
+»Nimm ihn!« gebot Matho endlich.
+
+Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt, machte er den
+Mantel los, der zu Boden glitt. Matho hob ihn auf. Dann steckte er
+seinen Kopf durch den Halsausschnitt und breitete die Arme aus, um das
+Gewebe besser zu betrachten.
+
+»Fort!« rief Spendius.
+
+Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.
+
+Plötzlich rief er aus:
+
+»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht mehr vor ihrer
+Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich? Jetzt bin ich mehr als ein
+Mensch! Ich könnte durch Flammen schreiten, über das Meer wandeln!
+Begeisterung reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin dein Herr und
+Meister!«
+
+Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher von Gestalt und wie
+verwandelt.
+
+Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging auf, und ein Mann
+erschien, ein Priester mit hoher Mütze. Er riß die Augen weit auf. Ehe
+er aber eine Bewegung gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte
+ihn mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche in die Seiten
+gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten auf die Fliesen. Dann
+standen sie eine Weile ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und
+lauschten. Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die offene
+Tür.
+
+Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn. Matho folgte.
+Sie befanden sich fast unmittelbar an der dritten Umwallung, zwischen
+den Seitenhallen, in denen die Priesterwohnungen waren.
+
+Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange führen. Sie
+beschleunigten ihre Schritte.
+
+Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder und wusch sich das
+Blut von den Händen. Die Frauen schliefen noch. Der smaragdene
+Weinstock glänzte. Sie setzten ihren Weg fort.
+
+Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und Matho, der den
+Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand von unten ganz sacht daran
+zupfte. Es war ein großer Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk
+frei herumliefen. Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich um
+einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen, aus Furcht, er
+möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte sich sein Ärger, und er
+trabte wiegenden Ganges mit seinen langen herabhängenden Armen neben
+ihnen her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze in einen
+Palmbaum.
+
+Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre Schritte
+nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff, daß es erfolglos war,
+Matho davon abbringen zu wollen.
+
+Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz, den
+Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn. An einer Mauerecke fuhr ein
+Mann vor ihnen zurück, erschreckt durch den glänzenden Gegenstand, der
+die Finsternis durchstrahlte.
+
+»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius.
+
+Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.
+
+Endlich erkannten sie die Häuser von Megara.
+
+Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel weithin mit
+rotem Schein, und der Schatten des Palastes mit seinen übereinander
+getürmten Terrassen fiel über die Gärten hin wie eine ungeheure
+Pyramide. Sie drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit
+ihren Dolchen einen Weg bahnten.
+
+Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der Söldner. Zäune waren
+niedergerissen, Wasserrinnen versiegt, Kerkertüren standen offen. In
+der Nähe der Küchen und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho
+und Spendius wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach als
+hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten, die in ihren
+Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln des lohenden Aloefeuers
+auf dem Leuchtturm.
+
+Matho wiederholte immer von neuem:
+
+»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!«
+
+»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien. Ihre Sklaven
+werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft wird man dich
+niedermachen.«
+
+So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte empor und glaubte
+ganz oben einen matten Lichtschimmer zu bemerken. Spendius wollte ihn
+zurückhalten, aber der Libyer stürmte die Stufen hinauf.
+
+Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter zum ersten Male
+erblickt hatte, schwand die ganze inzwischen verflossene Zeit aus
+seinem Gedächtnisse. Noch eben hatte Salambo da zwischen den Tischen
+gesungen. Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts getan,
+war nur die Treppe emporgestiegen ... Der Himmel zu seinen Häupten
+flammte in Feuer. Das Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt
+weitete sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer höher, mit
+der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum empfindet.
+
+Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte ihn an
+seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner Hoffnung wußte er jetzt nicht
+mehr, was er tun sollte, und diese Unsicherheit machte ihn scheu.
+
+Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen
+Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In mehreren wähnte er
+schlafende Menschen zu erkennen.
+
+Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen Würfel auf
+der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es langsam.
+
+Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das die kleinen
+Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren regelmäßigen Abständen sahen
+sie in der Dunkelheit wie Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote
+Tür mit dem schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen
+mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf.
+
+Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in der Tiefe des
+Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem silbernen Kiel entglitten,
+zitterten über das hohe Getäfel, dessen rote Bemalung von schwarzen
+Streifen unterbrochen ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen
+Balken; sie waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt.
+Von der einen Langseite des Gemaches zur andern zog sich ein niedriges
+Lager aus weißem Leder hin, und darüber öffneten sich in der Wand in
+Muschelform gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand bis zum
+Boden herabhing.
+
+Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am Rande standen ein
+Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut und ein Krug aus
+Alabaster. Daneben bemerkte man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche
+erfüllten die Luft.
+
+Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und Glas
+ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten Stein hinging,
+war es ihm, als ob seine Füße einsänken wie in Sand.
+
+Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges
+himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden Ketten
+frei schwebte. Er schritt mit krummem Rücken und offenem Mund darauf
+los.
+
+Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen zwischen
+Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen und Elfenbeinspateln
+umher. An Antilopenhörnern steckten Fingerringe und Armreifen.
+Tongefäße, die in der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen,
+kühlten im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den Füßen an, denn der
+Fußboden bestand aus Flächen von ungleicher Höhe, die den Raum
+gewissermaßen in eine Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde
+umgab ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten Teppich. Endlich
+gelangte er an das Hängebett, neben dem ein Ebenholzschemel zum
+Hinaufsteigen diente.
+
+Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag wie ein großer
+Vorhang darüber. Man konnte nur einen Zipfel der roten Matratze
+erkennen und die Spitze eines kleinen bloßen Fußes, der auf dem
+Knöchel ruhte. Matho nahm behutsam die Lampe herab.
+
+Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den andern Arm hatte
+sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in solcher Lockenfülle, daß
+sie auf schwarzen Federn zu ruhen schien. Ihr weites weißes Gewand
+schmiegte sich in weichen Falten den Biegungen ihres Körpers an und
+reichte bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen Lidern sah
+man ein wenig von den Augen. Senkrecht herabfallende Vorhänge hüllten
+die Schlummernde in bläuliche Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen
+teilten sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar hin
+und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte um das Lager.
+
+Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt. Da fing
+das Mückennetz mit einem Male Feuer. Es verflog. Salambo erwachte.
+
+Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte sprach kein Wort.
+Die Lampe warf lange, wie Wellen rieselnde Lichtstreifen auf die
+Täfelung.
+
+»Was ist das?« fragte Salambo.
+
+»Der Mantel der Göttin!«
+
+»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus.
+
+Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den Rand ihres
+Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.
+
+»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!« fuhr er fort.
+»Schau!«
+
+Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.
+
+»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst du mir im
+Traume, doch ich erriet den stummen Befehl deiner Augen nicht!« Sie
+setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel. »Hätte ich ihn verstanden,
+so wäre ich herbeigeeilt. Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht
+aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich durch die Höhle
+von Hadrumet ins Schattenreich hinab! Vergib! Wie Berge lastete es auf
+meinem Leben, und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu
+gelangen! Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ... Komm! Du mußt
+mir folgen! Oder, wenn du nicht willst, so bleib ich! Mir ist's
+gleichgültig ... Ersticke meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen
+meine Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände drücke!«
+
+»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!«
+
+Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über das Marienglas
+der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig in die Kissen ihres Lagers
+zurück.
+
+»Ich liebe dich!« schrie Matho.
+
+»Gib her!« stammelte sie.
+
+Sie näherten sich.
+
+Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden Gewande. Ihre
+großen Augen starrten auf den Mantel. Matho betrachtete sie einen
+Augenblick, vom Glanz ihres Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr
+den Zaimph entgegen und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme
+aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander eine Weile
+fest in die Augen.
+
+Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein Schauder. Ihre
+feinen Augenbrauen zogen sich empor, ihre Lippen öffneten sich. Sie
+zitterte. Dann aber schlug sie auf eine der Metallscheiben, die an den
+Zipfeln der roten Matratze herabhingen, und rief:
+
+»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser! Verfluchter! Her
+zu mir, Taanach! Krohum! Eva! Mizipsa! Schahul!«
+
+Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen den
+Tonkrügen auftauchte, zischelte:
+
+»Flieh! Sie kommen!«
+
+Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten. Ein Strom von
+Menschen: Frauen, Lakaien und Sklaven stürzte in das Gemach mit
+Spießen, Keulen, Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie
+gelähmt, als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen ein
+Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die Eunuchen
+erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.
+
+Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt, sah er aus
+wie ein Sternengott im Firmament. Die Sklaven wollten sich auf ihn
+stürzen. Salambo hielt sie zurück.
+
+»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!«
+
+Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt tat sie einen
+Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen Arm gegen ihn aus und
+rief:
+
+»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß, Rache, Mord und
+Qual! Möge Gurzil, der Gott der Schlachten, dich zerreißen, Matisman,
+der Gott der Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man
+nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!«
+
+Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert durchbohrt.
+
+Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!«
+
+Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit gesenktem Haupte
+langsam mitten hindurch. An der Tür konnte er nicht weiter, weil sich
+der Zaimph an einem der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte.
+Mit einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und eilte die
+Treppen hinab.
+
+Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über die Hecken und
+Wassergräben und entkam aus den Gärten. Er gelangte an den Unterbau
+des Leuchtturms. Die Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das
+Ufer hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich auf den
+Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze Höhe hinunter. Dann
+erreichte er schwimmend das Vorgebirge der Gräber, machte einen weiten
+Bogen um die Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der
+Barbaren zurück.
+
+Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe auf dem Rückzuge schritt
+Matho dahin, furchtbare Blicke um sich werfend.
+
+Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war vom Palast
+ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne, wo die Akropolis lag.
+Die einen sagten, der Schatz der Republik sei aus dem Molochtempel
+geraubt. Andre munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte man,
+die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.
+
+Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern hinauskommen
+sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte ihn. Alsbald erhob sich
+lautes Geschrei. Der Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand
+eine große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen aus.
+
+Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der Burg, von der
+Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte die Menge herbei. Die
+Patrizier verließen ihre Häuser, die Händler ihre Läden, die Mütter
+ihre Kinder. Man griff zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das
+Hindernis, das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie
+sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick war schon
+Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine Berührung brachte den Tod.
+
+In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester verzweifelt die Arme.
+Patrouillen der Garde sprengten ziellos umher. Man stieg auf die
+Häuser, auf die Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das
+Mastwerk der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei jedem seiner
+Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken. Die Straßen wurden
+bei seinem Erscheinen leer, und der Strom der Fliehenden brandete auf
+beiden Seiten zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall
+erblickte Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten
+verschlungen hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste. Salambos
+Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren Kehlen wider.
+
+Plötzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer. Steine sausten.
+Aber alle diese Geschosse waren schlecht gezielt, aus Furcht, den
+Zaimph zu treffen, und so flogen sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem
+gebrauchte er den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts,
+bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger wußten
+nicht, was sie tun sollten. Er ging immer schneller und lief in die
+offenen Straßen hinein. Sie waren mit Seilen, Karren und Schlingen
+gesperrt, so daß er bei jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich
+erreichte er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden waren.
+Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem Tode Verfallener. Jetzt
+war er verloren. Die Menge klatschte in die Hände.
+
+Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war riesenhoch, ganz
+aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln und ehernen Platten beschlagen.
+Matho warf sich dagegen. Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen,
+als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine Sandale, spie
+darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen Torflügel. Die ganze
+Stadt stieß ein Wutgeheul aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte
+Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen wirren Augen an.
+Seine Schläfen pochten wild, er war halbtot, betäubt wie ein
+Trunkener. Plötzlich gewahrte er die lange Kette, die zur Handhabung
+des Hebebaums diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und
+hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da sprangen die riesigen
+Torflügel endlich auf.
+
+Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern und hielt ihn
+hoch über seinen Kopf. Vom Seewind gebläht, schillerte und schimmerte
+das Gewebe in der Sonne mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und
+Götterbildern. So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten
+der Söldner.
+
+Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück entschwand.
+
+
+
+
+VI
+
+Hanno
+
+
+»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend zu Spendius.
+»Hätte sie erfassen sollen und aus ihrem Hause reißen! Niemand hätte
+mir entgegenzutreten gewagt.«
+
+Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf dem Rücken und
+ruhte sich aus. Neben ihm stand ein großer Tonkrug mit Honigwasser, in
+den er von Zeit zu Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu
+tun.
+
+»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals nach Karthago
+hineinkommen?«
+
+»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius. Diese Gleichgültigkeit
+erbitterte den Libyer.
+
+»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst du mich, und
+dann läßt du mich im Stich! Feigling du! Warum soll ich dir gehorchen?
+Bildest du dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave, du
+Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und erhob seine breite
+Hand gegen Spendius.
+
+Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte matt am Zeltmast,
+an dem der Zaimph über der aufgehängten Rüstung schimmerte.
+
+Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich seinen
+Küraß um und nahm seinen Helm.
+
+»Wohin willst du?« fragte Spendius.
+
+»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer mir entgegentritt,
+den zertret ich wie eine Viper! Ich töte sie, Spendius! Ja, ich töte
+sie, du sollst sehen, daß ich sie töte!«
+
+Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph herunter, warf
+ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke darüber. Draußen erhob
+sich Stimmengewirr. Fackeln leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa
+zwanzig Männern begleitet.
+
+Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne Halsbänder,
+Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell. Sie blieben am Eingang
+stehen und stützten sich auf ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf
+ihre Hirtenstäbe. Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte
+Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen, der sein
+weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte ihm eine Straußenfeder über
+die Schulter herab. Ein beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen.
+Seine Blicke waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen
+Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.
+
+Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern zu verbünden.
+Die Republik bedrohe seit langem sein Reich. Es sei also sein eigner
+Vorteil, wenn er die Barbaren unterstütze; aber auch ihnen könne er
+von Nutzen sein.
+
+»Ich werde euch Elefanten liefern--in meinen Wäldern sind ihrer eine
+Unmenge--Wein, Öl, Gerste, Datteln, Pech und Schwefel für die
+Belagerungen, zwanzigtausend Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn
+ich mich an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der Besitz
+des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht hat. Überdies«, setzte er
+hinzu, »sind wir ja alte Freunde.«
+
+Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle sitzend zuhörte und
+durch ein leises Nicken mit dem Kopfe seine Zustimmung verriet.
+Naravas sprach weiter. Er rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte
+Karthago. Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß.
+Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul aus. Durch
+ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus, er nehme das Bündnis an.
+
+Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes Schaf herbei,
+Wahrzeichen von Tag und Nacht, und schlachtete sie am Rand einer
+Grube. Als sie mit Blut gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre
+Arme hinein. Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos Brust,
+und dieser die seine auf die Brust des Naravas. Dasselbe Blutzeichen
+drückte man auf die Leinwand der Zelte. Man verbrachte alsdann die
+Nacht beim Schmause. Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen,
+die Hörner und Hufe wurden verbrannt.
+
+Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen war, hatte ihn
+ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die nicht kanaanitischen Glaubens
+waren, merkten an ihrer vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist
+nahe war. Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen. Die
+geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem Barbarensinn, Matho
+als rechtmäßigen Besitzer anzusehn. So dachten die Söldner
+afrikanischer Herkunft. Die andern, deren Haß gegen Karthago nicht so
+alt war, wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie
+Schiffe gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer Heimat
+zu.
+
+Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle Stämme im punischen
+Gebiet.
+
+Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure Steuern von ihnen,
+und mit Ketten, Beil oder Kreuz ward jede Verzögerung, jedes Murren
+bestraft. Sie mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern,
+was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe zu besitzen.
+Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre Bewohner als Sklaven
+verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten wurden nach den Summen
+geschätzt, die sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern
+unmittelbar unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten, die nur
+einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter schwärmten die
+Nomaden, die man nötigenfalls auf jene losließ. Durch dieses System
+waren die Ernten stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die
+Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein Kenner in Dingen
+der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung, war noch zweiundneunzig
+Jahre später höchlichst erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den
+er in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck
+habgierigster Eifersucht.
+
+Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen verdoppelt,
+so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus ihre Tore geöffnet
+hatten. Zur Strafe hatte man ihnen tausend Talente--das sind über vier
+Millionen Mark--zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub und
+bedeutende Vorauslieferungen von Getreide auferlegt. Die Häuptlinge
+der Stämme aber waren gekreuzigt oder den Löwen vorgeworfen worden.
+
+Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die Hauptstadt,
+verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts ihrer Mauern lag es
+im Sumpf am Binnensee, zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das
+starr nach ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die
+Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es hatte
+Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt. Die Esser unreiner
+Speisen fanden hier sofort Wehr und Waffen.
+
+Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen ein allgemeiner
+Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich erdrosselte man in den Bädern die
+Vertreter und Beamten der Republik, holte die alten Waffen, die man
+versteckt hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus den
+Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an den Türschwellen,
+und die Weiber gaben ihre Halsbänder, Ringe und Ohrringe hin, und
+alles, was irgendwie zur Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder
+wollte dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die
+Lanzenbündel wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh und Geld. Matho
+zahlte den Söldnern rasch den rückständigen Sold, und diese Tat, deren
+Vater Spendius war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der
+Barbaren.
+
+Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen die
+Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven. Negerkarawanen wurden
+aufgegriffen und bewaffnet, und Kaufleute, die nach Karthago zogen,
+schlossen sich den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen
+zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis konnte man
+sehen, wie das Heer anwuchs.
+
+Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette von Posten der
+Garde und neben ihnen in bestimmten Abständen eiserne Bottiche, in
+denen flüssiger Asphalt brodelte. Drunten in der Ebene wogte die
+gewaltige Menge der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren
+unschlüssig, voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets vor
+Festungen zu empfinden pflegen.
+
+Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis zurück. Als
+phönizische Kolonien--gleich Karthago--hatten sie ihre eignen
+Regierungen und ließen in die Verträge, die sie mit der Republik
+schlossen, immer von neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer
+Selbständigkeit aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere
+Schwester, die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß ein
+Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im Gegenteil: man war
+überzeugt, daß die Söldner mit Stumpf und Stiel vernichtet würden.
+Daher wünschte man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu
+verhalten.
+
+Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos Feinde sie
+keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief drinnen an einem
+Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago von auswärts Hilfe zu
+schicken. Fiel Utika allein, so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden
+weiter nordwestlich an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt,
+von dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.
+
+Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos. Naravas war
+dagegen. Man müsse sich zunächst der umliegenden Orte bemächtigen. Das
+war ebenso die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so wurde
+bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt angreifen
+sollten. Das dritte Heer sollte sich an Tunis anlehnen und die Ebene
+vor Karthago besetzen. Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in
+sein Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit seiner
+Reiterei die Zugangsstraßen aufklären.
+
+Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß. Sie gelüstete es
+nach dem Geschmeide der punischen Damen. Auch die Libyer erhoben
+Widerspruch. Man habe sie gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man
+ab. Die Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine Landsleute
+sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer aus dem Westen und von
+den Inseln, während alle, die Griechisch sprachen, dem Spendius
+folgten, seiner Klugheit wegen.
+
+In Karthago war das Erstaunen groß, als man das Heer plötzlich
+aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen Bergen die Straße
+nach Utika hin, auf der Seeseite. Eine Abteilung blieb vor Tunis
+stehen. Der Rest verschwand und tauchte erst am andern Gestade des
+Golfes wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich verlor.
+
+Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen Städte, so
+meinten sie, würden keinen Widerstand leisten. Alsdann sollte es von
+neuem gegen Karthago gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt
+bereits vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt. Die
+Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne Beihilfe der
+Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger nicht wie in Rom
+Steuern zahlten. Ein höherer politischer Geist fehlte in Karthago.
+Seine unersättliche Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die
+weitblickender Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande vor
+Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche Arbeit.
+Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten, und der geringste Sturm
+erschütterte seinen Riesenleib.
+
+Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und durch all das Hin-
+und Herfeilschen mit den Barbaren vergeudet und vertan worden. Man
+brauchte aber Soldaten, und keine Großmacht traute der Republik! Erst
+kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal zehn
+Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte der Raub des heiligen
+Mantels allgemeine Entmutigung zur Folge. Spendius hatte das richtig
+vorhergesehn.
+
+Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld und seine Götter
+am Herzen, und seine Vaterlandsliebe wurde durch die Art seiner
+Regierung genährt.
+
+Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug, sie an sich
+zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden an das Gemeinwesen. Die
+Männer kanaanitischer Abkunft hatten das Vorrecht des Handels. Indem
+sie den Ertrag der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten
+und den Grund und Boden, die Sklaven und Armen maßlos ausbeuteten,
+waren etliche zu Reichtum gelangt. Nur dieser erschloß die obersten
+Staatsämter; und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern
+forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil ein jeder
+emporzukommen hoffte.
+
+Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen Großen Rat
+aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig den Rat der Alten
+bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben existierte ein
+Staatsgerichtshof, das Kollegium der Hundertmänner. Auch diese waren
+Ratsmitglieder, repräsentierten aber eine Behörde für sich von
+beträchtlichem Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden von
+den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf Ratsmitgliedern
+bestanden. Die beiden alljährlich aus der Gerusia neugewählten
+Suffeten waren Schattenkönige, die weniger Macht hatten als die
+Konsuln in Rom. Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit
+sie sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über den Krieg
+beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ der Große Rat sie
+kreuzigen.
+
+Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus, das heißt von
+einem großen Hofe im Mittelpunkte von Malka, an der Stelle, wo nach
+der Überlieferung einst die erste Barke mit phönizischen Matrosen
+gelandet war. Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab es
+eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart, aus
+Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren voneinander geschieden, um
+die Einzelverbände getrennt aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich
+dort massenweise den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und
+die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis zur
+Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie ihre Ruhebetten auf die
+Plattform hinaufschaffen, die entlang der Hofmauer hinlief. Von unten
+sah man sie dann hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und
+Mäntel, mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien
+glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den Schenkkannen
+herabhingen, alle stark und wohlbeleibt, halbnackt, fröhlich, lachend
+und in freier blauer Luft schmausend, wie sich große Haifische im Meer
+ergötzen.
+
+Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen: sie waren
+allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den Pforten und begleitete
+sie bis zu ihren Palästen, um ihnen Neuigkeiten zu entlocken. Wie in
+Pestzeiten waren alle Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und
+leerten sich ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief nach
+dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat Versammlungen ab.
+Schließlich ward das Volk auf den Khamonplatz berufen, und man
+beschloß, sich an Hanno zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.
+
+Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos gegen die
+Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte kamen denen der Barkiden
+gleich. Niemand besaß so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten
+wie er.
+
+Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger, ließ Geschütze auf
+den Türmen aufstellen und brachte übermäßige Waffenvorräte zusammen.
+Sogar den Bau von vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man
+zurzeit gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst
+gebucht und beurkundet würde.
+
+Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm, zu den
+Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine große Sänfte die
+Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe emporschwanken. Nachts in seinem
+Palaste, da er nicht schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer
+Stimme Kommandos, um sich auf den Krieg vorzubereiten.
+
+Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig. Schon
+beim ersten Hahnenschrei versammelten sich die Patrizier längs der
+Straße der Mappalier und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im
+Lanzenfechten. Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es öfters
+Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft auf die
+Gräber, dann begann man von neuem. Manche unterwarfen sich sogar einer
+bestimmten Lebensweise. Die einen bildeten sich ein, daß man viel
+essen müsse, um Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von
+ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden.
+
+Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten. Aber Hanno
+wollte nicht ausrücken, solange auch nur eine Schraube noch an den
+Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor allein drei Monate mit der
+Ausrüstung der hundertundzwölf Elefanten, die in Kasematten
+untergebracht waren. Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk
+liebte sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug
+behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen, mit denen man ihre
+Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne vergolden, ihre Türme vergrößern und
+die schönsten Purpurdecken mit ganz schweren Fransen für sie
+anfertigen. Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier
+nannte--ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus Indien gekommen
+waren--, alle nach indischer Sitte zu kleiden, mit weißen Turbanen und
+baumwollenen Pumphosen, die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften
+bauschten.
+
+Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt durch einen Wall,
+der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen und auf seinem Kamme mit
+Heckenhindernissen versehen worden war. Hier und da hatten die Neger
+hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen,
+Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen darangehängt, die dem
+Feind entgegengrinsten und ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten
+sich die Barbaren unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander und
+machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago dem baldigen
+Untergang geweiht sei. Jeder andre als Hanno hätte diese Soldateska,
+die durch einen Vieh- und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit
+behindert war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen, war sie
+taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust und verlangte
+schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten.
+
+Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen rollend,
+vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt, zog er seinen Waffenrock
+von Robbenhaar aus, löste das Band, das seine langen roten Haare
+zusammenhielt, und tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß
+er ehedem nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf dem Eryx zu
+den Römern übergegangen war.
+
+Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren Strahlenglanz.
+Dann brütete der Golf und das offene Meer unbeweglich wie
+geschmolzenes Blei. Eine braune lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb
+wirbelnd heran. Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte
+Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann röchelte der Gallier,
+die Lippen an die Löcher seines Zeltes pressend, vor Erschöpfung und
+Schwermut. Er träumte vom Herbstmorgenduft der Weiden, von
+Schneeflocken, vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen; und
+indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen strohgedeckten
+Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen und ihren Schein über das
+Moor hinhuschen zu sehen.
+
+Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl sie ihnen
+nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager konnten nämlich jenseits
+des Golfes an den Hängen des Burgberges die über die Höfe gespannten
+Zeltdächer ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von Wachen
+umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame Kette geschmiedet.
+Jeder trug ein Halseisen. Die Menge ward nicht müde, sie anzugaffen.
+Die Weiber zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen
+Gewänder, die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten Glieder hingen.
+
+Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn von neuem Wut
+über die ihm dereinst angetane Beschimpfung. Ohne den Schwur, den er
+Naravas geleistet, hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte
+der Gallier in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und
+Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst wieder am
+hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.
+
+Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.
+
+Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem Meer in
+Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen, und auf den Höhen, die
+sie beherrschten, zog sich überdies eine mit Türmen verstärkte Mauer
+hin. Matho hatte noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet.
+Dazu peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er träumte vom
+Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte sich sein Stolz an ihr rächen.
+Es war ein qualvolles, wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar
+daran, sich als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er erst
+in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach ließ er zum
+Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten, auf den Damm, den man im
+Meere aufzuschütten versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen
+los, warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem Schwerte um
+sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem Gewirr. Die Sturmleitern
+brachen krachend zusammen, und Massen von Menschen stürzten ins
+Wasser, das in roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ
+das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück,--um baldigst wieder
+von neuem zu stürmen.
+
+Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte sich mit dem Arm
+das blutbespritzte Gesicht ab und starrte nach dem Horizont in der
+Richtung auf Karthago.
+
+Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen, dehnten sich
+zwei große Teiche, die mit einem See in Verbindung standen, dessen
+Ufer in der Ferne verschwammen. Hinter einem Berge stiegen weitere
+Berge auf, und aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine
+Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des Golfes, wellten
+sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte Wogen, während das Meer,
+glatt wie eine Platte aus Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das
+Grün der Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen.
+Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe.
+Weinreben hingen von den Wipfeln der Sykomoren herab. Man hörte Wasser
+rauschen. Haubenlerchen hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen
+vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen
+hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen.
+
+Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf den Boden, grub
+seine Nägel in den Sand und weinte. Er fühlte sich elend, gebrochen,
+verlassen. Niemals würde er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine
+Stadt zu erobern vermochte!
+
+Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete er den Zaimph.
+Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel regten sich im Geiste des
+Barbaren. Dann wieder schien es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand
+der Göttin mit Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe ein
+Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er betastete es, sog
+seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht darein und küßte es unter
+Tränen. Er hing es sich wieder um die Schultern, um sich selbst zu
+täuschen, und er bildete sich ein, er sei wieder bei ihr.
+
+Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht schritt er
+über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel gehüllt, schliefen. Vor
+den Toren des Lagers schwang er sich dann auf ein Pferd, und zwei
+Stunden später war er vor Utika im Zelte des Spendius.
+
+Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war nur gekommen, um von
+Salambo zu reden und so seinen Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte
+ihn zur Vernunft.
+
+»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine Seele! Einst
+gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer! Und wenn auch Karthago
+nicht erobert wird, so muß man uns doch wenigstens Provinzen abtreten,
+und wir sind Könige!«
+
+Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht den Sieg?
+Spendius meinte, man müsse es abwarten. Matho bildete sich ein, der
+Mantel übe seine Wunderkraft nur auf Männer kanaanitischen Stammes
+aus, und mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich
+wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber jene verloren haben,
+kann er auch ihnen nicht helfen.«
+
+Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete, Moloch zu
+beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der Libyer, anbete, und so
+fragte er Spendius ängstlich, welchem von beiden man guttäte, ein
+Menschenopfer zu bringen.
+
+»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend.
+
+Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte, daß der
+Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht reden wolle.
+
+In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme auch alle
+Religionen zusammen. Man achtete die Götter der andern, denn auch sie
+erregten Schrecken. Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren
+heimischen Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten, so
+brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation Unheil oder
+Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett, das man zufällig bei
+Gefahr fand, ward zur Gottheit. Oder es war oft nur ein Name, nichts
+als ein Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur versuchte,
+seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel geplündert, viele Völker
+und manche Metzelei gesehen hatte, so war manchem nur noch der Glaube
+an Tod und Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der
+Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse des
+olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er sich, im Dunkeln laut
+zu reden, und er versäumte nie, jeden Morgen zuerst seinen rechten Fuß
+in den Stiefel zu stecken.
+
+Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen. Doch in
+dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich auch der Stadtwall. Was die
+einen zerstörten, ward von den andern fast unmittelbar wieder
+aufgebaut. Spendius schonte seine Leute und brütete über allerlei
+Plänen. Er suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er
+auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam nur Naravas nicht
+zurück? Man war voller Besorgnis und Unruhe.
+
+Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer mondlosen Nacht ließ
+er seine Elefanten und Soldaten auf Flößen über den Golf von Karthago
+setzen. Dann umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit
+auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit weiter, daß
+man am dritten Tage, statt die Barbaren im Morgengrauen zu
+überraschen, wie der Suffet es berechnet hatte, erst gegen Mittag an
+Ort und Stelle gelangte.
+
+Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher Richtung
+bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten Winkel zu dieser Ebene
+mündete dicht südlich Utika von Südwesten her ein Tal, von zwei
+niedrigen Höhenzügen umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren
+hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen, um auch
+den Hafen im Gesichtskreise zu haben. Sie schliefen in ihren
+Zelten--an diesem Tage ruhte nämlich Freund wie Feind kampfesmüde--,
+als hinter dem Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte.
+
+Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt auf den
+Flügeln aufgestellt. In der vordersten Front ritt die Garde in ihren
+goldenen Schuppenpanzern auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und
+Ohren, die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit sie
+Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen marschierte
+junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen auf dem Kopf, in jeder Hand
+einen Wurfspieß aus Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des
+schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber mit Waffen
+überladen. Man sah manche, die eine Lanze, eine Streitaxt, eine Keule
+und zwei Schwerter trugen. Andre starrten wie Stachelschweine von
+Wurfspießen, während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten
+Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen die hohen Gerüste
+der Kriegsmaschinen. Karroballisten, Onager, Katapulte und Skorpione
+schwankten auf Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen
+gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte, um so emsiger
+eilten die Hauptleute bald nach rechts und bald nach links, um unter
+lauten Befehlen geschlossene Ordnung, Fühlung und Marschrichtung
+aufrecht zu erhalten. Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren,
+prunkten in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in den Riemen
+ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter, über und über mit
+Zinnober bestrichen, glänzten unter ungeheuren Helmen, auf denen sich
+Göttergestalten abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten
+Elfenbeinrändern leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern.
+
+Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die Söldner sie
+höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen. Sie schrien ihnen
+zu, sie würden ihnen demnächst die dicken Bäuche erleichtern, die
+Vergoldung von der Haut klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.
+
+Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt war, ward eine
+Standarte von grüner Leinwand gehißt: das war das Zeichen zum Kampfe.
+
+Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem gewaltigen Lärm
+ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und Flöten aus Eselskinnbacken. Die
+Barbaren waren bereits über die Palisaden gesprungen. Beide Heere
+standen einander auf Speerwurfweite gegenüber.
+
+Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte eine
+Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem er die nötigen
+Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang ein Elfenbeinschild, und
+die beiden Heere wurden handgemein.
+
+Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren Lanzenspitzen in
+die Nüstern, so daß sie sich überschlugen und auf ihre eignen Reiter
+fielen. Die Sklaven hatten zu große Steine geschleudert, die deshalb
+unweit vor ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen mit ihren
+langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen ihre rechte Flanke
+ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen die Reihen und machten sie
+rottenweise nieder. Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie
+nichts sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte. Dieses
+Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern, Schwertern und Gliedmaßen
+drehte sich um sich selbst, dehnte sich aus und zog sich elastisch
+wieder zusammen. Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr.
+Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am Ende verschwand sogar
+die Sänfte des Suffeten, seine große kristallglitzernde Sänfte, die man
+seit Kampfesbeginn immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und
+niederwogen sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne Zweifel war Hanno
+gefallen! Alsbald sahen sich die Barbaren allein.
+
+Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits zu singen.
+Da erschien Hanno in eigenster Person auf einem Elefanten. Barhäuptig
+saß er unter einem baumwollnen Sonnenschirm, den ein hinter ihm
+stehender Neger hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern
+klirrte über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika.
+Diamantreifen umspannten seine dicken Arme. Sein Mund war geöffnet.
+Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der Spitze wie eine
+Lotosblume aussah, glänzte heller als ein Spiegel. Alsbald dröhnte der
+Erdboden, und die Barbaren sahen in einer einzigen Linie die
+sämtlichen Elefanten Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten
+Stoßzähnen, ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern. Auf
+ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme, in denen je drei
+Bogenschützen mit großen gespannten Bogen standen.
+
+Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen. Sie bildeten
+aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der Schreck machte sie starr und
+ratlos.
+
+Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse und Bleimassen
+auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten sich an den Fransen der
+Decken fest und wollten hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln
+die Hände ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der
+andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen entzwei. Die
+Elefanten brachen in die Reihen ein, wie Eber in ein Gebüsch. Sie
+rissen mit ihren Rüsseln die Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager
+von einem Ende zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die
+Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung hinter den
+Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das die Karthager marschiert
+waren.
+
+Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ er die
+Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen oben auf einem
+Turme in einer Scharte der Brustwehr.
+
+Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete Gäste
+aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte man ein, ihn mit
+einem schwachen Geleit einzulassen. Für die Elefanten waren die
+Straßen zu eng. Sie mußten draußen bleiben.
+
+Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier, ihn zu
+begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen und rief seine Köche.
+
+ * * * * *
+
+Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl gefüllten
+großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor ihm ausgespannt. Aus ihr,
+als Tisch, schmauste er im Bade Flamingozungen mit Mohnkörnern in
+Honigsauce. Neben ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein
+griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes Öl nachgießen.
+Zwei Knaben lagen über die Stufen des Beckens gebeugt und massierten
+dem Badenden die Beine. Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner
+politischen Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an
+den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte, überlegte er sich,
+welch gräßliche Züchtigung er für sie erfinden solle.
+
+»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen Hand schrieb.
+»Man führe ein paar von den Gefangenen herein! Ich will sie sehen!«
+
+Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten Raumes, in dem die
+Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten, trieb man alsbald drei
+Barbaren herbei: einen Samniter, einen Spartiaten und einen
+Kappadokier.
+
+»Schreib weiter!« rief Hanno.
+
+»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen Hunde
+ausgerottet! Segen über die Republik! Ordnet Gebete an!« Da erblickte
+er die Gefangnen und brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von
+Sikka! Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch! Erkennt ihr
+mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter? Ihr seid schreckliche
+Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als wolle er sich verstecken, als
+fürchte er sich vor ihnen. »Ihr habt Gäule, Weiber, Land, Ämter
+verlangt, natürlich, und Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land
+schicken, das ihr nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr
+umarmen, ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus
+geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe Stellen will ich
+euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe, damit euch die Geier
+recht nahe sind ...«
+
+Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren blickten ihn an,
+ohne zu verstehen, was er sagte. Man hatte die an den Knien
+Verwundeten gefangen, indem man ihnen Stricke überwarf. Die Enden
+ihrer schweren Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno
+ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend.
+
+»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer! Mist! Und
+ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt!--Man soll ihnen lebendig das Fell
+abziehen! Auf der Stelle!«
+
+Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen. Das wohlriechende
+Öl floß durch eine plumpe Bewegung seines Körpers über und umschäumte
+seine schuppige Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.
+
+Er fuhr fort zu diktieren:
+
+»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand gelitten. Beim
+Übergang über den Makar Verluste an Maultieren. Trotz der starken
+Stellung hat der außerordentliche Mut ...--Demonades! Ich habe große
+Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!«
+
+Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns. Der Weihrauch
+in den breiten Pfannen wirbelte stärker, und die nackten Badeknechte,
+die wie Schwämme schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit
+einer Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch, Myrrhen,
+Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher Durst verzehrte ihn. Aber
+den Mann im gelben Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm
+einen goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte.
+
+»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen Schlangen
+in das Mark der Knochen dringe, und fasse Mut, du Ebenbild der Götter!
+Du weißt überdies, daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne in
+der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit herrührt.
+Sie verblassen wie die Flecken auf deiner Haut. Du wirst also nicht
+daran sterben.«
+
+»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß nicht daran
+sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte ein Atem, ekelhafter
+als die Ausdünstung eines Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle
+seiner wimpernlosen Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein Klumpen
+runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und sahen dadurch um so größer
+aus, und die tiefen Furchen, die in Halbkreisen um seine Nasenflügel
+liefen, verliehen ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen
+eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie Brüllen.
+
+»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In der Tat, hier:
+mehrere Geschwüre haben sich geschlossen! Ich fühle mich kräftig. Da,
+sieh nur, wie ich esse!«
+
+Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust als aus Prahlerei
+und um sich selbst zu beweisen, daß er gesund sei, an die Farce von
+Käse und Majoran, an die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern,
+Eier, Rettiche, Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen Vögel.
+Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen und weidete sich in
+Gedanken an der ihnen bevorstehenden Marter. Doch da fiel ihm Sikka
+ein, und die Wut über all seinen damaligen Ärger entlud sich in
+Schmähungen gegen die drei Männer.
+
+»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte! Ihr habt
+mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten! Eure Dienste? Den Lohn für
+euer Blut? Habt ihr nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie
+zu sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben! Nicht
+einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser, sie nach Karthago
+mitzunehmen? Als Staffage für mich? Doch ... ganz gewiß hab ich nicht
+Ketten genug mitgebracht ... Schreib: Sendet mir ...--wieviele
+Gefangene sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach! Fort! Nur kein
+Mitleid! Man bringe mir in Körben ihre abgehauenen Hände!«
+
+In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei, heiser und doch
+schrill, in das Gemach und übertönte Hannos Stimme und das Klirren der
+Schüsseln, die man ihm auftafelte. Es ward immer stärker, und
+plötzlich erscholl das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht
+von neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte es laut.
+
+Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren zu verfolgen.
+Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert, mit ihrem Gepäck, ihren
+Dienern und ihrem ganzen fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren
+schönen, perlengeschmückten Zelten, während das Söldnerlager draußen
+in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war. Spendius hatte seinen Mut
+wiedergefunden. Er sandte Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze
+und sammelte seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend. Man ordnete
+sich wieder in Reih und Glied, voller Wut, daß man ohne Kampf besiegt
+worden war. Da entdeckte man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar
+von den Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ sofort
+Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie mit dem Erdöl, zündete
+es an und ließ die Tiere auf Utika hetzen.
+
+Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die Flucht und
+liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße nach. Da machten sie
+Kehrt und schlitzten den Karthagern mit ihren Stoßzähnen die Leiber
+auf oder erdrückten und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den
+Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische Lager, das
+keinen Wall hatte, wurde beim ersten Anlauf genommen und geplündert.
+Die Karthager wurden gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht
+vor den Söldnern wollte man nicht öffnen. Der Tag brach an. Von Westen
+her sah man Mathos Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten
+Reiterscharen auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern. Sie setzten
+über Hecken und Gräben weg und hetzten die Flüchtlinge, wie Jagdhunde
+die Hasen. Dieser Wechsel des Kriegsglücks überraschte den Suffeten.
+Er schrie, man solle ihm aus dem Bade helfen.
+
+Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da flüsterte ihm ein
+Neger--der nämliche, der in der Schlacht seinen Sonnenschirm trug--ein
+paar Worte ins Ohr.
+
+»Ach so?« entgegnete der Suffet langsam. »Ja, töte sie!« fügte er in
+barschem Tone hinzu.
+
+Der Äthiopier zog einen langen Dolch aus seinem Gürtel, und die drei
+Köpfe fielen. Einer davon rollte über die Reste des Mahls und fiel in
+das Badebecken. Eine Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die
+Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust. Ihr Blut
+strömte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen. Ein Teppich von Blut
+rann über die Mosaik, die mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet
+tauchte die Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie
+damit! Es galt dies als Heilmittel.
+
+Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge aus der Stadt. In
+der Richtung auf die Berge wollte er sein Heer einholen. Er fand nur
+die Trümmer davon wieder.
+
+Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Höhe über einem Paß, als
+sich die Truppen des Spendius in der Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten
+Lanzen, gegen die Vorhut ihrer Marschkolonne gerichtet, hätte man sie
+leicht aufhalten können. Doch die Karthager ließen sie in höchster
+Bestürzung vorübermarschieren. Hanno erkannte bei der Nachhut den
+Fürsten der Numidier. Naravas neigte sich zum Gruß und machte dabei
+ein Zeichen, das der Karthager nicht verstand.
+
+Unter allerhand Nöten gelangte man nach Karthago zurück. Nur des
+Nachts ward marschiert, tagsüber verbarg man sich in den
+Olivenwäldern. Auf jeder Rast starben Leute. Mehrere Male glaubte man
+sich völlig verloren. Endlich ward das Hermäische Vorgebirge erreicht,
+wo Schiffe sie aufnahmen.
+
+Hanno war so ermüdet, so verzweifelt--besonders bedrückte ihn der
+Verlust der Elefanten--, daß er Demonades um Gift bat, um seinem Leben
+ein Ende zu machen. Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz
+geschlagen.
+
+Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen. Die
+Expedition hatte beinahe eine Million Mark, achtzehn Elefanten,
+vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert Patrizier, achttausend Bürger,
+Getreide für drei Monate, beträchtlich viel Gepäck und sämtliche
+Kriegsmaschinen gekostet. Der Abfall des Naravas stand außer Zweifel.
+Die beiden Belagerungen begannen von neuem. Autarits Heer dehnte sich
+jetzt von Tunis bis Rades aus. Von der Höhe der Akropolis sah man in
+der Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen. Das waren die
+brennenden prächtigen Landsitze der karthagischen Patrizier. Ein
+einziger Mann konnte die Republik noch retten. Man bereute es, ihn
+verkannt zu haben, und selbst die Friedenspartei stimmte dafür, den
+Göttern Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurückkehre.
+
+Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschüttert. Nachts glaubte
+sie die Schritte der Göttin zu hören und wachte mit entsetztem Schrei
+auf. Tagtäglich ließ sie Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief
+sich beim Ausführen ihrer Befehle müde, und Schahabarim verließ sie
+nicht mehr.
+
+
+
+
+VII
+
+Hamilkar Barkas
+
+
+Der Mondsignalist, der allnächtlich auf dem Dache des Eschmuntempels
+wachte und mit seiner Trompete die Bewegungen des Gestirns verkündete,
+bemerkte eines Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der mit
+langen Flügeln über die Meeresfläche hinglitt. Es war ein Schiff mit
+drei Ruderreihen. Am Bug trug es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne
+ging auf. Der Beobachter hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff
+er rasch zu seiner Trompete und ließ ihren ehernen Ruf weit über
+Karthago hin erschallen.
+
+Aus allen Häusern stürzten Menschen. Man wollte dem Gerücht nicht
+glauben. Man stritt sich. Der Außenkai war mit Volk bedeckt. Endlich
+erkannte man die Trireme Hamilkars.
+
+In stolzer, trotziger Haltung näherte sich das Schlachtschiff. Die Rah
+genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt, das dreieckige Segel in
+der ganzen Mastlänge gebläht, so durchschnitt es den Schaum der Wogen,
+indes seine riesigen Ruder das Wasser taktmäßig schlugen. Von Zeit zu
+Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten Kieles zum
+Vorschein, und unter dem Rammsporn, in den der Bug auslief, leuchtete
+der Elfenbeinkopf des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine über
+die Meeresfläche zu galoppieren schienen.
+
+Am Vorgebirge, wo der Wind aufhörte, sank das Segel, und man sah neben
+dem Lotsen einen Mann unbedeckten Hauptes stehen. Das war er. Der
+Suffet Hamilkar! Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein
+roter Mantel, an den Schultern befestigt, ließ seine Arme frei. Zwei
+sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren, und sein dichter schwarzer
+Bart wallte ihm bis auf die Brust herab.
+
+Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen und dann den
+Kai entlang. Die Menge folgte ihr auf dem Pflaster und rief:
+
+»Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser Befreier! Die
+Patrizier sind an allem schuld! Sie wollen dich umbringen! Sei auf der
+Hut, Barkas!«
+
+Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere und der Lärm
+der Schlachten taub gemacht hätten. Doch als er unter der großen
+Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur Akropolis führte, erhob er das Haupt
+und betrachtete, die Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann
+schweifte sein Blick noch höher hinauf in den weiten klaren Himmel.
+Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl zu. Die
+Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem Götterbilde, das am
+Vorsprunge des Außenkais aufgestellt war, um die Stürme zu bannen, und
+durch den länglichen Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und
+Fruchtschalen war. Sie stieß und drängte die Kauffahrteischiffe
+beiseite, die an Pfählen befestigt lagen und in Krokodilsrachen
+ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten heranzuschwimmen.
+Doch schon war die Galeere am Ende des Handelshafens vor dem
+nägelbeschlagenen Tor. Es rasselte in die Höhe, und die Trireme
+verschwand in der Tiefe der Wölbung.
+
+Der Kriegshafen war von der Stadt völlig abgeschlossen. Wenn Gesandte
+kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern durch einen Gang geleitet, der
+durch die westliche Hafenmauer nach dem Khamontempel führte. Die weite
+Wasserfläche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale und von
+einem Kai mit zweihundertzwanzig radial angeordneten Schiffshallen--für
+je eine Pentere--eingefaßt. Vor ihnen, über den Trennungsmauern der
+Dockrinnen, ragte je eine Säule mit Ammonshörnern an den Kapitälen.
+Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe, ein Säulengang, ringsum das
+Hafenrund. In der Mitte, auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus.
+
+Das Wasser war so klar, daß man bis auf das weiße Kieselsteinpflaster
+des Grundes hinabsehen konnte. Der Straßenlärm drang nicht bis
+hierher. Im Vorbeifahren erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er
+früher befehligt hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig. Sie
+lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt, andre
+aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck und geschweiften
+Schnäbeln, die mit Vergoldungen und mystischen Symbolen geschmückt
+waren. Die Schimären hatten ihre Flügel verloren, die Götterbilder
+ihre Arme, die Stiere ihre silbernen Hörner. Alle diese Schiffe waren
+verblichen, untätig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen
+und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten umweht. Wie invalide
+Soldaten, die ihren alten Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm
+zuzurufen: »Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!«
+
+Niemand außer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus betreten.
+Solange man nicht den Beweis für seinen Tod hatte, betrachtete man ihn
+als noch am Leben. Die Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher
+weniger. Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht
+verstoßen.
+
+Der Suffet betrat die öden Räume. Auf Schritt und Tritt sah er
+Rüstzeug, Gerät und Gegenstände wieder, die ihm bekannt waren und ihn
+im Augenblick doch überraschten. In der Vorhalle lag in einer
+Opferpfanne noch die Asche des Räucherwerks, das bei der Abfahrt
+verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwören. So hatte er
+nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er vollbracht und erlebt, zog
+wieder an seinem Geiste vorüber: die Sturmangriffe, die Feuersbrünste,
+die Legionen, die Seestürme, Drepanum, Syrakus, Lilybäum, der Ätna,
+die Hochfläche des Eryx, fünf Jahre voller Kämpfe--bis zu dem
+Unglückstage, an dem man die Waffen niedergelegt und Sizilien verloren
+hatte. Dann wieder sah er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen
+Bergen, und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das neue Karthago,
+das dort drüben erstehen sollte. Pläne und Erinnerungen schwirrten ihm
+durch den Kopf, der noch vom Schwanken des Schiffes betäubt war.
+Bangigkeit bedrückte ihn, und plötzlich empfand er das Bedürfnis, sich
+den Göttern zu nahen.
+
+Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf, entnahm einer
+goldnen Muschel, die an seinem Arme hing, einen Schlüssel und öffnete
+ein kleines Gemach, dessen Wände ein Eirund bildeten.
+
+Durch dünne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen und
+durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches Licht. Zwischen den
+Reihen dieser gleichgroßen Scheiben waren Nischen in der Wand, wie in
+Grabkammern für die Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler,
+schwerer Stein. Menschen von höherer Einsicht verehrten diese vom Mond
+gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshöhen gekommen, waren sie Symbole
+der Gestirne, des Himmels und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie
+an die dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang
+aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfüllte diesen
+geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der Wind durch die Tür
+hereingetrieben hatte, überzog die runden Steine in den Nischen mit
+leichtem Weiß. Hamilkar zählte sie mit der Fingerspitze, einen nach
+dem andern. Dann hüllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier
+und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden.
+
+Draußen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben. Zweigartige
+Schatten, kleine Hügel, wirbelnde Linien, unbestimmte Tierformen
+zeichneten sich auf den matthellen Platten ab. Das Licht drang
+hindurch, grausig und doch friedsam, wie es hinter der Sonne in den
+düsteren Werkstätten der Schöpfung sein mag. Hamilkar bemühte sich,
+aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen der Götter zu
+verbannen, um besser den unwandelbaren Geist zu erfassen, den der
+äußere Schein verbirgt. Etwas von der Lebenskraft der Planeten
+durchdrang ihn, und er empfand gegen den Tod und alle Wechselfälle des
+Lebens eine bewußt tiefe Verachtung. Als er sich erhob, war er
+heiteren Mutes, unzugänglich der Furcht und dem Mitleid; und um sich
+ganz frei zu fühlen, bestieg er den Söller des Turmes, der Karthago
+hoch überragte.
+
+In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten: Karthago mit
+seinen Kuppeln, Tempeln und Golddächern, seinem Häusermeer, den hie
+und da dazwischen gestreuten Palmengruppen, den vielen feuersprühenden
+Glaskugeln. Die Wälle bildeten gleichsam die gigantische Rundung des
+Füllhorns, das sich vor ihm ausgoß. Er sah unter sich die Häfen, die
+Plätze, das Innere der Höfe, das Netz der Straßen und ganz klein die
+Menschen, kaum vom Pflaster unterscheidbar.
+
+Ach, wäre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den Ägatischen Inseln
+nicht zu spät gekommen!
+
+Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften, und er streckte
+zitternd beide Arme aus in der Richtung nach Rom.
+
+Die Menge füllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem Khamonplatze
+drängte man sich, um den Suffeten herauskommen zu sehen. Immer mehr
+Menschen bedeckten die Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grüßte
+ihn. Aber er zog sich zurück, um die Ungeduld des Volkes noch mehr zu
+reizen.
+
+Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Männer seiner Partei
+versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon, Yehubas und andre. Sie
+berichteten ihm alles, was sich seit dem Friedensschlusse zugetragen
+hatte: den Geiz der Alten, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre
+übertriebenen Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den Raub des Zaimphs,
+Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung. Niemand aber wagte ihm
+die Ereignisse zu berichten, die ihn persönlich betrafen. Schließlich
+trennte man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten im
+Molochtempel wiederzusehn.
+
+Hamilkar war kaum allein, als sich draußen vor der Tür Lärm erhob.
+Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand einzudringen, und da der
+Tumult zunahm, befahl der Suffet, den Unbekannten hereinzuführen.
+
+Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig, blöd
+dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite blaue Schleier gehüllt.
+Sie trat vor den Suffeten, und beide blickten sich eine Weile an.
+Plötzlich erbebte Hamilkar. Auf einen Wink seiner Hand gingen die
+Sklaven hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise
+mitzukommen, und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach.
+
+Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen. Er riß sie heftig
+wieder hoch.
+
+»Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?«
+
+»Da drüben, Herr!«
+
+Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich mit dem Ärmel
+das Gesicht. Die schwarze Farbe, das greisenhafte Zittern, der krumme
+Rücken, alles das verschwand. Jetzt stand ein kräftiger alter Mann da,
+dessen Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah. Auf seinem
+Haupte ragte ein Büschel weißer Haare hoch, wie der Federstutz eines
+Vogels. Mit einem spöttischen Blick wies er auf die am Boden liegende
+Verkleidung.
+
+»Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut!« Und ihn mit seinem
+scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte Hamilkar: »Es ahnt doch
+keiner etwas?«
+
+Der Greis schwur bei den Kabiren, daß das Geheimnis bewahrt sei.
+»Nie,« so sagte er, »verlassen wir unsre Hütte, die drei Tagereisen
+von Hadrumet fern liegt. Der Strand ist dort nur von Schildkröten
+bevölkert, und Palmenbäume wachsen auf den Dünen. Und wie du befohlen,
+Herr, lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.«
+
+»Er ist kräftig, nicht wahr?«
+
+»Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er fürchtet sich weder vor Schlangen,
+noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern. Barfuß wie ein Hirtenbub
+läuft er am Rande der Abgründe hin.«
+
+»Erzähl mir mehr! Sprich!«
+
+»Er erfindet Fallen für die wilden Tiere. Vorigen Mond--wirst du es
+glauben?--hat er einen Adler gefangen. Er brachte ihn hinter sich
+hergeschleppt, und die großen Blutstropfen des Vogels und des Kindes
+fielen wie abgeschlagene Rosen. Das wütende Tier schlug mit seinen
+Flügeln um sich. Der Junge erwürgte es an seiner Brust, und je matter
+es wurde, um so lauter und stolzer erscholl sein Lachen--wie
+Schwertergeklirr.«
+
+Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen künftiger
+Größe.
+
+»Aber seit einiger Zeit quält ihn Unruhe. Er schaut immer nach den
+Segeln, die in der Ferne vorüberziehen. Er ist trübsinnig, will nicht
+essen, fragt nach den Göttern und will Karthago kennen lernen ...«
+
+»Nein, nein! Noch nicht!« rief der Suffet.
+
+Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar schreckte,
+und er fuhr fort:
+
+»Wie soll ich ihn zurückhalten? Schon muß ich ihm Versprechungen
+machen, und ich bin nur nach Karthago gekommen, um ihm einen Dolch mit
+einem silbernen perlenbesetzten Griff zu kaufen.« Dann erzählte er
+noch, daß er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei den
+Hafenwächtern für eine der Frauen Salambos ausgegeben hätte, um zu ihm
+zu gelangen.
+
+Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich sagte er:
+
+»Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara hinter der
+Purpurfabrik einfinden und dreimal den Schrei des Schakals nachahmen.
+Siehst du mich nicht, dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach
+Karthago zurück. Vergiß das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst du ihm von
+Hamilkar erzählen.«
+
+Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie verließen
+zusammen das Haus und den Hafen.
+
+Hamilkar schritt zu Fuß und ohne Begleitung weiter, denn die
+Versammlungen der Alten waren bei außergewöhnlichen Umständen stets
+geheim, und man begab sich möglichst unauffällig dahin.
+
+Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang, ging dann
+über den Gemüsemarkt, durch die Galerien von Kinisdo und das
+Stadtviertel der Spezereienhändler. Die wenigen Lichter erloschen,
+eins nach dem andern. Die breiteren Straßen wurden still. Alsbald
+huschten Schatten durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen
+dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Straße der
+Mappalier.
+
+Der Molochtempel stand am Fuß einer steilen Schlucht, an einem
+unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur endlos emporsteigende
+Mauern, gleich den Wänden eines ungeheuren Grabmals. Die Nacht war
+dunkel. Grauer Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem röchelnden,
+jammernden Geräusch gegen die Klippen schlug. Die Schatten
+verschwanden nach und nach, als seien sie in die Mauern
+hineingeschlüpft.
+
+Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich in einem weiten
+viereckigen Hofe, der rings von Säulengängen umgeben war. In der Mitte
+erhob sich ein großes achtseitiges Gebäude, von Kuppeln überragt, die
+ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte eine Art von
+Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel auf der Spitze abschloß.
+
+In zylinderförmigen Silberdrahtkörben auf Stangen, die von Männern
+getragen wurden, brannten Feuer. Bei jähen Windstößen flackerten die
+Flammen und warfen roten Schein auf die goldenen Kämme, die das
+geflochtene Haar der Fackelträger im Nacken hielten. Sie liefen hin
+und her und riefen einander, um die Alten zu empfangen.
+
+In bestimmten Abständen hockten auf den Steinfliesen--wie
+Sphinxe--ungeheure Löwen, lebendige Symbole der verzehrenden Sonne.
+Sie schliefen mit halbgeschlossenen Lidern. Die Schritte und Stimmen
+weckten sie auf. Sie erhoben sich gemächlich und trotteten den Alten
+entgegen. Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an ihren
+Beinen und krümmten unter lautem Gähnen den Rücken. Ihr Atem flog in
+das flackernde Fackellicht. Das Geräusch nahm zu. Türen schlossen
+sich.
+
+Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden unter den
+Säulen, die eine tiefe Vorhalle rings um den Tempel bildeten.
+
+In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Säulen die
+saturnische Periode in der Weise dar, daß die Jahre die Monate und die
+Monate die Tage umschlossen. Der innerste Säulenkreis stieß an die
+Mauer des Allerheiligsten.
+
+Dort legten die Alten ihre Stöcke aus Narwalhorn ab. Ein nie außer
+acht gelassenes Gesetz bestrafte nämlich jeden mit dem Tode, der in
+der Sitzung mit irgendeiner Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum
+ihres Gewandes einen Riß, zum Zeichen, daß sie bei der Trauer um den
+Tod ihrer Angehörigen ihre Kleider nicht geschont hatten. Doch
+verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter Purpurstreifen, daß er
+größer wurde. Andre trugen ihren Bart in einem Beutel aus
+veilchenblauem Leder, der mit zwei Bändern an den Ohren befestigt war.
+Alle begrüßten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten
+Hamilkar und beglückwünschten ihn. Man hätte meinen können, Brüder
+sähen einen Bruder wieder.
+
+Diese Männer waren in der Mehrzahl untersetzt und hatten gebogene
+Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche jedoch verrieten durch
+ihre vorspringenden Backenknochen, ihren höheren Wuchs und ihre
+schmäleren Füße afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die
+beständig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter. Andre
+verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst der Wüste, und seltsame
+Juwelen funkelten an allen Fingern ihrer Hände, die von fernen Sonnen
+gebräunt waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden Gang,
+während die Landwirte nach der Kelter, nach Heu und Maultierschweiß
+rochen. Diese alten Seeräuber waren Ackerbauer geworden, diese
+Wucherer rüsteten Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich
+Sklaven, die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den
+religiösen Bräuchen bewandert, in Ränken erfahren, unbarmherzig und
+reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre flammenden Augen blickten
+mißtrauisch. Das fortwährende Reisen und Lügen, Schachern und Befehlen
+hatte ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewalttätigkeit,
+eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit verliehen. Überdies
+verdüsterte sie die fromme Umgebung.
+
+Zuerst durchschritten sie einen gewölbten Saal, dessen Grundriß
+eiförmig war. Sieben Türen, den sieben Planeten entsprechend, bildeten
+an der Wand verschiedenfarbige Vierecke. Ein langes Gemach folgte.
+Dann ging es wieder in einen dem ersten ähnlichen Saal.
+
+Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, über und über mit ziselierten
+Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen Arme trug einen Kelch von
+Diamanten mit einem Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der
+langen Stufen, die zu einem großen Altar führten, dessen Ecken eherne
+Hörner schmückten. Zwei seitliche Treppen führten zur Altarplatte
+hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen. Sie glich einem Berg
+aufgehäufter Asche, auf dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam
+rauchte. Darüber, höher als der Kandelaber und viel höher als der
+Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer Männerbrust, in
+der eine weite Öffnung klaffte. Seine ausgespannten Flügel erstreckten
+sich über die Wand, und seine überlangen Hände reichten bis zum Boden
+hinab. Drei schwarze Steine mit gelben Rändern funkelten als drei
+Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er brüllen und als recke
+er mit furchtbarer Anstrengung seinen Stierkopf in die Höhe.
+
+Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt. Hinter einem
+jeden stand auf drei Klauen ein eherner Fackelhalter. Die vielen
+Flammenscheine spiegelten sich in den Perlmutterrauten, mit denen der
+Fußboden getäfelt war. Der Saal war so hoch, daß das Rot der Wände
+gegen die Wölbung hin schwarz erschien, und die drei Augen des
+Götzenbildes hoch oben schimmerten wie halb im Dunkel verlorene
+Sterne.
+
+Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie die Schleppen
+ihrer Gewänder über die Köpfe gezogen hatten. Unbeweglich saßen sie
+da, die Hände in ihren weiten Ärmeln übereinander gelegt. Der
+Perlmutterboden aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis zur
+Tür unter ihren bloßen Füßen hinrieselte.
+
+In der Mitte saßen, Rücken an Rücken, die vier Oberpriester auf vier
+Elfenbeinstühlen, die im Kreuz aufgestellt waren. Der Oberpriester
+Eschmuns war in ein hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in
+weißes Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs in
+Purpur.
+
+Hamilkar näherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn herum und
+betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute er wohlriechendes
+Pulver darauf. Violette Flammen loderten in den Kelchen auf.
+
+Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete, und
+die hundert Alten, die vier Oberpriester und Hamilkar, der immer noch
+stand, stimmten einen Hymnus an. Sie wiederholten immerfort die
+gleichen Silben, verstärkten aber jedesmal den Ton, und so schwollen
+ihre Stimmen an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit
+einem Schlage schwiegen.
+
+Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus seinem Busen eine
+kleine saphirblaue Statuette mit drei Köpfen und stellte sie vor sich
+hin. Das war das Bild der Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist
+seiner Worte machte. Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von
+plötzlicher Wut ergriffen, schrien alle durcheinander:
+
+»Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verräter! Verruchter! Du
+kommst zurück, um unsern Untergang anzusehen, nicht wahr?--Laßt ihn
+reden!--Nein, nein ...!«
+
+Sie rächten sich für den Zwang, den ihnen das staatsmännische
+Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl sie Hamilkars Rückkehr
+gewünscht hatten, so waren sie jetzt doch darüber entrüstet, daß er
+ihrem Unglück nicht vorgebeugt, oder vielmehr, daß er es nicht mit
+ihnen geteilt hatte.
+
+Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester Molochs auf.
+
+»Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago zurückgekehrt?«
+
+»Was geht das euch an?« antwortete der Suffet verächtlich.
+
+Das Geschrei ward noch einmal so groß.
+
+»Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg schlecht geführt?
+Ihr habt meine Schlachtpläne gesehen, ihr, die ihr gemütlich zulaßt,
+daß Barbaren ...«
+
+»Genug! Genug!«
+
+Mit leiser Stimme, damit schärfer darauf gehört würde, fuhr er fort:
+
+»Ach, wahrlich, ich täusche mich, ihr Gottbegnadeten! Es gibt doch
+noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich!« Er schritt mit
+halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar hin, als ob er jemanden suchte,
+wobei er wiederholte: »Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen.
+Sie werden dich schützen! Aber wo ist er?« Dann, als besänne er sich,
+gab er sich selbst zur Antwort: »Ach, gewiß in seinem Hause, im Kreise
+seiner Söhne. Er gebietet seinen Sklaven. Er ist glücklich. Er zählt
+an der Wand die Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!«
+
+Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben getroffen.
+
+»So wißt ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist?« Und ohne sich um
+ihr Geschrei zu kümmern, erklärte er: Indem sie den Suffeten im Stich
+gelassen hätten, sei die Republik selbst in Gefahr geraten. Auch der
+Friede mit Rom, so vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als
+zwanzig Schlachten.
+
+Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des Rates, die
+allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder zur Tyrannis zu neigen.
+Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten und Syssitienvorstände, hatten
+indessen die Majorität. Die Angesehensten hatten sich um Hanno
+geschart, der am andern Ende des Saals vor der hohen Tür saß, die ein
+hyazinthenblauer Vorhang verhängte.
+
+Er hatte die Schwären seines Gesichts mit Schminke bestrichen. Der
+Goldpuder seiner Haare war ihm auf die Schultern gefallen und bildete
+dort zwei glänzende Flecke. Dadurch sah das Haar weißlich, dünn und
+kraus wie Wolle aus. Seine Hände waren mit Binden umwickelt, die mit
+wohlriechendem Öle getränkt waren, das auf den Boden herabtropfte.
+Seine Krankheit hatte sich offenbar beträchtlich verschlimmert, denn
+seine Augen verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu können,
+mußte er den Kopf zurückbiegen. Seine Anhänger veranlaßten ihn zu
+reden. Endlich begann er mit heiserer, widerwärtiger Stimme:
+
+»Weniger Anmaßung, Barkas! Wir alle sind besiegt worden! Jeder trage
+sein Unglück! Füge dich!«
+
+Hamilkar lächelte und sprach:
+
+»Erzähle uns lieber, wie du unsre Penteren in die römische Flotte
+hineinmanövriert hast!«
+
+»Ich wurde vom Winde getrieben,« gab Hanno zur Antwort.
+
+»Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist herumtrampelt.
+Du stellst deine eigne Dummheit zur Schau! Schweig!«
+
+Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei den Ägatischen
+Inseln anzuschuldigen.
+
+Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht entgegen gekommen.
+
+»Ei, dann hätte ich den Eryx entblößt. Du mußtest die offene See
+gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach, ich vergaß: die Elefanten
+haben ja alle Angst vor dem Meere!«
+
+Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, daß sie in ein lautes
+Gelächter ausbrachen. Die Wölbung hallte davon wider, als hätte man
+Pauken geschlagen.
+
+Hanno wies auf das Unwürdige einer solchen Beleidigung hin. Er habe
+sich seine Krankheit bei der Belagerung von Hekatompylos durch eine
+Erkältung zugezogen. Dabei rannen ihm die Tränen über das Antlitz, wie
+ein Winterregen über eine verfallene Mauer.
+
+Hamilkar fuhr fort:
+
+»Hättet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so wäre jetzt
+eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich euch um Hilfe angerufen! Und
+stets versagtet ihr mir das Geld!«
+
+»Wir brauchten es selber!« erklärten die Syssitienvorstände.
+
+»Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den Urin unsrer
+Maultiere tranken und an den Riemen unsrer Sandalen nagten, als ich am
+liebsten Soldaten aus dem Erdboden gestampft und die Asche unsrer
+Toten zu Heerhaufen verwandelt hätte, da rieft ihr die Schiffe zurück,
+die mir noch geblieben waren!«
+
+»Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen,« entgegnete Baat-Baal, der
+im darischen Gätulien Goldminen besaß.
+
+»Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Häusern, hinter
+euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po, die ihr aufreizen mußtet,
+Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt wären. Und während die Römer
+Gesandte an Ptolemäos schicken ...«
+
+»Jetzt rühmt er uns die Römer!«
+
+Irgend jemand anders schrie ihm zu: »Wieviel haben sie dir bezahlt,
+damit du sie verteidigst?«
+
+»Das frage die Ebenen von Brutium, die Trümmer von Lokri, Metapont und
+Heraklea! Ich habe alle ihre Bäume verbrannt, alle ihre Tempel
+geplündert, und bis zum Tod der Enkel ihrer Enkel ...«
+
+»Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst!« rief Kapuras, ein
+berühmter Kaufherr. »Was willst du denn eigentlich?«
+
+»Ich sage, man muß entweder klüger oder gefürchteter sein! Wenn ganz
+Afrika euer Joch abschüttelt, so geschieht es, weil ihr schwächliche
+Herrscher seid, nicht imstande, das Joch jemandem fest in den Nacken
+zu drücken! Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener Mann
+braucht nur zu landen, und schon hat er das Land erobert. Und wenn
+sich die Libyer im Osten mit den Numidiern im Westen verbrüdern, wenn
+die Nomaden von Süden und die Römer von Norden kommen ...« Ein Schrei
+des Entsetzens erhob sich. »Ja, dann werdet ihr an eure Brust
+schlagen, euch im Staube wälzen und eure Mäntel zerreißen! Dann hilft
+das alles nichts! Ihr werdet doch fortmüssen, um in der Suburra die
+Mühlen zu drehen und auf den Hügeln von Latium Wein zu lesen.«
+
+Sie schlugen sich mit den Händen auf den rechten Schenkel, um ihre
+Entrüstung auszudrücken, und die Ärmel ihrer Gewänder blähten sich wie
+die großen Flügel erschrockener Vögel.
+
+Immer noch auf der höchsten Stufe am Altare stehend, fuhr Hamilkar in
+heiligem Feuer bebend und drohend fort. Er erhob die Arme, und die
+Strahlen der hinter ihm lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern
+wie goldne Pfeile.
+
+»Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgüter, eure Wagen, eure
+Hängebetten und eure Sklaven, die euch die Füße reiben! Die Schakale
+werden in euren Palästen hausen, der Pflug wird eure Gräber umwühlen.
+Man wird nichts mehr hören als den Schrei der Adler über Haufen von
+Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!«
+
+Die vier Oberpriester streckten ihre Hände aus, um den Fluch
+abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der Meersuffet stand als
+priesterliches Oberhaupt unter dem Schutz der Sonne und war
+unverletzlich, solange ihn der Staatsgerichtshof der Hundert nicht
+verurteilt hatte. Vom Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen
+zurück. Hamilkar hatte aufgehört zu reden. Starren Blickes, im Gesicht
+bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend da, fast
+erschrocken über sich selbst. Sein Geist verlor sich in düstere
+Visionen. Von seinem erhöhten Standort erschienen ihm all die Fackeln
+auf den ehernen Trägern wie eine mächtige Flammenkrone, die auf den
+Fliesen lag. Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich in
+das Dunkel der Wölbung. Eine Weile war die Stille so tief, daß man das
+Rauschen des Meeres in der Ferne hörte.
+
+Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr Eigentum, ja ihr
+Dasein war durch die Barbaren bedroht. Aber man konnte diese ohne
+Hilfe des Suffeten nicht niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes
+schließlich maßgebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es gab
+selbstsüchtige Versöhnungen, geheime Abmachungen und feierliche
+Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf keinen Fall mehr mit der
+Regierung zu tun haben. Alle beschworen ihn. Man flehte ihn an. Als
+gar das Wort »Verrat« von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige
+Verräter sei der Große Rat. Denn da die Verpflichtung der Söldner mit
+dem Kriege erlösche, so seien sie mit dem Ende des Krieges frei
+geworden. Des weiteren übertrieb er ihre Tapferkeit und alle die
+Vorteile, die man daraus ziehen könne, wenn man sie durch Geschenke
+und Vorrechte wieder für die Republik gewönne.
+
+Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen, indem er
+seine gelben Augen rollte:
+
+»Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein Grieche oder
+ein Lateiner geworden, ich weiß nicht was! Was redest du von
+Belohnungen für diese Leute? Besser, daß zehntausend Barbaren zugrunde
+gehen als ein einziger von uns!«
+
+Die Alten nickten beifällig und murmelten: »Jawohl, wozu so viel
+Rücksichten? Barbaren findet man immer!«
+
+»Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht wahr? Man
+läßt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien getan habt. Man
+benachrichtigt den Feind einfach von dem Wege, den sie einschlagen
+müssen, wie bei jenen Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch
+wohl mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich das
+Felseneiland gesehen, noch ganz weiß von ihren Gebeinen!«
+
+»Welch ein Unglück!« meinte Kapuras schamlos.
+
+»Sind sie nicht hundertmal zum Feinde übergegangen!« schrien die
+andern.
+
+»Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach Karthago
+zurück? Und als sie dann in der Stadt sind, arm und in Menge, inmitten
+all eurer Reichtümer, da kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie
+durch die geringste Teilung zu schwächen! Ihr entlaßt sie mit Weib und
+Kind, allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurückzubehalten!
+Wähntet ihr, sie würden einander morden, um euch den Schmerz zu
+ersparen, eure Schwüre zu halten? Ihr haßt sie, weil sie stark sind!
+Mich, ihren Marschall, haßt ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben
+wohl, als ihr meine Hände küßtet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht
+hineinzubeißen.«
+
+Wären die Löwen, die draußen im Hofe schliefen, mit Gebrüll
+hereingestürzt, der Lärm hätte nicht furchtbarer sein können. Da erhob
+sich der Oberpriester Eschmuns, steif, die Knie gegeneinandergepreßt,
+die Ellbogen an den Körper gedrückt und die Hände halb geöffnet.
+
+»Barkas!« sprach er. »Karthago bedarf deiner. Du mußt den Oberbefehl
+über die punischen Streitkräfte gegen die Barbaren annehmen!«
+
+»Ich weigere mich!« entgegnete Hamilkar.
+
+»Wir werden dir volle Gewalt geben!« riefen die Häupter der Syssitien.
+
+»Nein!«
+
+»Ohne jede Überwachung! Alleinige Selbständigkeit! Du bekommst so viel
+Geld, als du forderst! Alle Gefangenen! Die ganze Beute! Vier
+Quadratfuß Land für jeden feindlichen Leichnam!«
+
+»Nein, nein! Weil es unmöglich ist, mit euch zu siegen!«
+
+»Er hat Furcht!«
+
+»Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmütig und unbesonnen seid!«
+
+»Er will die Soldateska schonen!«
+
+»Um sich an ihre Spitze zu stellen!« fügte irgendeiner hinzu.
+
+»Und über uns herzufallen!« versetzte ein andrer.
+
+Aus dem Hintergrunde aber brüllte Hanno:
+
+»Er will sich zum Könige machen!«
+
+Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln um. Dolche
+zückend, stürzten sie nach dem Altar. Doch Hamilkar griff in seine
+Ärmel und zog zwei breite Messer hervor. Vorgebeugt, den linken Fuß
+vorgesetzt, stand er mit zusammengepreßten Zähnen und flammenden Augen
+da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte sie trotzig
+an.
+
+Aus Vorsicht hatten sie also sämtlich Waffen mitgebracht! Das war ein
+Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig an. Doch da alle
+schuldig waren, beruhigte man sich rasch, und einer nach dem andern
+wandte dem Suffeten den Rücken und stieg, wütend über die Demütigung,
+wieder hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurück. Eine Weile
+blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern verletzt und
+führten sie zum Munde oder wickelten sie behutsam in den Saum ihrer
+Mäntel. Man wollte eben allgemein aufbrechen, da hörte Hamilkar die
+Worte:
+
+»Pfui! Er tut es aus Rücksicht auf seine Tochter! Er will sie nicht
+betrüben!«
+
+Und eine andre lautere Stimme schrie:
+
+»Ohne Zweifel, denn sie wählt sich ja ihre Liebsten unter den
+Söldnern!«
+
+Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine raschen Augen
+Schahabarim. Der Priester der Tanit war allein auf seinem Platze
+verblieben, aber Hamilkar erblickte von weitem nichts als seine hohe
+Mütze. Die Versammlung lachte dem Suffeten höhnisch ins Gesicht. Je
+mehr seine Erbitterung wuchs, um so größer ward ihre Freude, und
+inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten Stehenden:
+
+»Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!«
+
+»Eines Morgens im Monat Tammuz!«
+
+»Es war der Räuber des Zaimphs!«
+
+»Ein sehr schöner Mann!«
+
+»Größer als du!«
+
+Hamilkar riß sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen seiner Würde,
+seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die in der Mitte eine
+Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte sie mit beiden Händen aus
+Leibeskräften zu Boden. Die goldnen Kronen zersprangen und prallten
+hoch, und die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte
+man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken, die sich wie
+eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen hinringelte. Alle Glieder
+zitterten ihm. Er stieg eine der Seitentreppen empor, die auf den
+Altar führten, und betrat ihn. Damit deutete er an, daß er sich dem
+Gotte weihte, sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte
+die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu Hamilkars
+Füßen befand, und der feine Staub, den seine Tritte aufwirbelten,
+umhüllte ihn bis zu den Lenden wie eine Wolke. Zwischen den Beinen des
+ehernen Kolosses blieb er stehen. Er nahm zwei Hände voll von der
+Asche, deren bloßer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben ließ,
+und sprach:
+
+»Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht Feuern der
+Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren und Vulkanen! Bei allem, was
+brennt! Beim Durste der Wüste und dem Salze des Meeres! Bei der Höhle
+von Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende aller Dinge! Bei
+der Asche eurer Söhne und der Asche der Brüder eurer Ahnen, mit der
+ich jetzt die meine menge! Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr
+habt gelogen, als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar
+Barkas, der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und der
+Herrscher des Volkes, ich schwöre vor Moloch dem Stierköpfigen ...«
+Man erwartete etwas Entsetzliches, doch er fuhr mit lauter und ruhiger
+Stimme fort: »... daß ich nicht einmal mit ihr darüber reden werde!«
+
+Die Tempeldiener, goldne Kämme im Haar, traten ein, mit
+Purpurschwämmen und Palmzweigen. Sie hoben den hyazinthblauen Vorhang
+auf, der vor die Türe gespannt war. Durch die Öffnung erblickte man im
+Hintergrunde der Säle den weiten rosenroten Himmel, der die Wölbung
+der Decke fortzusetzen schien und sich am Horizont auf das tiefblaue
+Meer stützte. Die Sonne erhob sich aus den Fluten und stieg empor.
+Ihre Strahlen trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zähnen
+starrender Rachen tat sich in schrecklichem Gähnen auf. Seine
+ungeheuern Nasenflügel erweiterten sich. Das helle Licht belebte ihn
+und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes Aussehen, als ob er sich
+hinausstürzen wollte, um sich mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen
+und mit ihm zusammen die Unendlichkeit zu durchstürmen.
+
+Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter, und ihr
+Widerschein goß hier und dort auf die Perlmutterfliesen rote Flecke
+wie von Blut hin. Die Alten taumelten vor Ermattung. Sie atmeten die
+frische Luft mit vollen Zügen. Schweiß rann über ihre bleigrauen
+Lippen. Sie hatten alle so viel geschrien, daß sie einander nicht mehr
+verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten war nicht erloschen. Zum
+Abschied warfen sie ihm Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie:
+
+»Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel Eschmuns!«
+
+»Ich werde da sein!«
+
+»Wir werden dich durch die Hundertmänner verurteilen lassen!«
+
+»Und ich euch durch das Volk!«
+
+»Nimm dich nur in acht, daß du nicht am Kreuze endest!«
+
+»Und ihr, daß ihr nicht in den Straßen zerrissen werdet!«
+
+Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden, nahmen sie wieder
+eine ruhige Haltung an.
+
+Die Läufer und Wagenführer erwarteten ihre Herren am Tor. Die meisten
+Gerusiasten ritten auf weißen Maultieren davon. Der Suffet sprang in
+seinen zweirädrigen Wagen und ergriff selbst die Zügel. Die beiden
+Rosse trabten im Takt in stolzer Beizäumung über die aufspringenden
+Kiesel. Die ganze Straße der Mappalier hinan galoppierten sie. Der
+silberne Geier vorn an der Deichsel schien zu fliegen, so schnell
+stürmte der Wagen dahin.
+
+Die Straße durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben
+pyramidenförmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war. Sie trugen in
+der Mitte ausgemeißelt eine offene Hand, als ob der Tote, der darunter
+lag, sie gen Himmel emporstrecke, um etwas zu erbitten. Dann kamen
+verstreute Hütten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelförmig
+errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen mit gießendem
+Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke und Hecken von Feigenkaktus
+trennten in unregelmäßiger Weise die einzelnen Behausungen, die immer
+zahlreicher wurden und sich bis zu den Gärten des Suffeten hinzogen.
+Hamilkar heftete seine Blicke auf einen großen Turm, dessen drei
+Stockwerke die Form von drei ungeheuren Zylindern hatten. Das unterste
+war aus Stein, das zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus
+Zedernholz erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig
+Säulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form von
+durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen. Der hochragende Bau
+beherrschte die Gebäude, die zur Rechten standen, die Speicher und das
+Verwaltungshaus, während der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen
+hervorlugte, die wie zwei eherne Mauern Wache hielten.
+
+Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren war, hielt er unter
+einem breiten Schutzdache, unter dem angehalfterte Pferde an
+Heubündeln fraßen.
+
+Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge vorhanden, da
+man auch die auf den Feldern Arbeitenden, aus Furcht vor den Söldnern,
+in die Stadt hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen
+Tierfelle und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel
+zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken hatten
+rotgefärbte Arme wie Scharfrichter. Die Seeleute trugen grüne Mützen,
+die Fischer Korallenhalsbänder, die Jäger ein Netz auf der Schulter
+und die im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze
+Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder Leinwand, je nach
+ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.
+
+Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese Vagabunden
+lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung. Sie schliefen des Nachts in
+den Gärten und nährten sich von den Küchenabfällen. Es war gleichsam
+menschlicher Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar
+duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem Erbarmen.
+Sie hatten sich allesamt zum Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die
+Ohren gesteckt. Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie
+gesehen.
+
+Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich auf alle diese
+Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken rechts und links um sich.
+Dies geschah, um die auf den Anblick ihres Gebieters neugierigen
+Sklaven zurückzutreiben. Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt
+und durch ihren Geruch nicht belästigt werden.
+
+Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien: »Götterliebling,
+dein Haus blühe!« Durch diesen in der Zypressenallee auf dem Boden
+liegenden Schwarm schritt der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen
+weißen Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand.
+
+Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt von all ihren Frauen,
+die immer, wenn ihre Herrin eine Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die
+Köpfe der Negerinnen hoben sich als große schwarze Punkte in der
+langen Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen
+der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne Pfeile,
+Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig geordnete lange Nadeln.
+Auf dem Gewirr der weißen, gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe,
+Spangen, Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe
+knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und das dumpfe Treten
+der bloßen Füße auf den Holzstufen. Hier und da ragte ein großer
+Eunuch über die Frauen hinweg mit seinen hohen Schultern und seinem
+lächelnden Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten,
+stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend, seltsame
+Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar, so wild und so
+schrill, daß die große, ganz mit Frauen bedeckte Ebenholztreppe von
+oben bis unten dumpf erdröhnte.
+
+Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden wiegten sich
+sacht. Es war im Monat Schebaz, mitten im Winter. Die blühenden
+Granatbäume zeichneten sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und
+durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen Eiland, halb im
+Dunste verschwommen.
+
+Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war ihm nach dem
+Tode mehrerer Knaben geboren worden. Zudem galt die Geburt von
+Töchtern in allen Ländern der Sonnenanbetung für ein Unglück. Später
+hatten ihm die Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner
+Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter
+ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch verblieben.
+Inzwischen kam Salambo heran.
+
+Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben von ihren
+Ohren auf die Schultern herab bis an die Ellbogen. Ihr Haar war so
+gekräuselt, daß es wie eine Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine
+viereckige Goldplättchen. Auf jedem war eine Frau zwischen zwei
+aufrecht stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre Kleidung der
+der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand mit weiten Ärmeln schloß sich
+eng um ihre Hüften und erweiterte sich nach unten. Der Zinnober auf
+ihren Lippen ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in
+ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen, aus Vogelbälgen
+geschnitten, hatten überhohe Absätze. Offenbar vor Kälte war Salambo
+sehr blaß.
+
+Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken, ohne den
+Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm:
+
+»Heil dir, Götterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg, Muße,
+Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz traurig und das Haus
+voller Sehnsucht. Doch der Herr, der heimkehrt, strahlt wie die
+Lenzessonne, die wiederauferstandene; und unter deinem Blick, Vater,
+wird Freude und neues Leben überall erblühen!«
+
+Und indem sie aus Taanachs Händen ein kleines längliches Gefäß nahm,
+in dem eine Mischung von Mehl, Butter, Paradieskörnern und Wein
+dampfte, fuhr sie fort:
+
+»Trink in vollen Zügen den Trank der Heimkehr, den deine Magd dir
+bereitet!«
+
+Er erwiderte: »Segen über dich!« und ergriff mechanisch die goldne
+Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er sie so scharfen Blicks,
+daß sie verwirrt stammelte:
+
+»Man hat dir gesagt, Herr ...«
+
+»Ja, ich weiß,« versetzte Hamilkar leise.
+
+War das ein Geständnis oder meinte sie die Barbaren? Er fügte ein paar
+inhaltslose Worte über die Not der Stadt hinzu, der er unbedingt ein
+Ende setzen wolle.
+
+»Ach, Vater!« rief Salambo aus. »Was dahin ist, ist dahin!
+Unwiederbringlich!«
+
+Da wich er zurück. Salambo aber staunte über seine Bestürzung. Sie
+hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern den Tempelraub, als dessen
+Mitschuldige sie sich fühlte. Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den
+sie selber kaum kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte
+alles erraten, er wußte alles! Etwas Schreckliches mußte geschehen.
+
+»Gnade!« rief sie.
+
+Hamilkar senkte langsam das Haupt.
+
+Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht die Lippen
+zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis, sich zu beklagen und
+getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte gegen den Drang, seinen Schwur
+zu brechen. Er hielt ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der
+Ungewißheit zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins Antlitz,
+um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres Herzens verberge.
+
+Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo mehr und mehr den
+Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt war er überzeugt, daß sie in
+der Umarmung eines Barbaren schwach geworden war. Er bebte und hob
+beide Fäuste empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme
+ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten.
+
+Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar der Verwalter
+folgte ihm nach.
+
+Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen weiten runden Saal,
+von dem, wie die Speichen eines Rades von der Nabe, lange Gänge
+ausliefen, die zu andern Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine
+Art steinernes Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den
+Teppich herabgeglitten waren.
+
+Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten auf und ab. Er
+atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und fuhr sich
+mit der Hand über die Stirn, wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt
+wird. Dann schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften
+Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick in die
+Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch selteneren Schätzen
+gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen und Eisenbarren standen
+neben Zinnblöcken, die über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen
+waren. Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus ihren Säcken
+von Palmenbast hervor, und der Goldstaub, der in Schläuche gefüllt
+war, stäubte unmerklich durch die altersschwachen Nähte. Zwischen
+dünnen Fasern, aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus Ägypten,
+Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße der Mauern starrten Korallen
+wie große Sträucher empor. Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer
+Geruch: die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze und der
+Straußenfedern, die in großen Büscheln von der Deckenwölbung
+herabhingen. Vor jedem Gange standen Elefantenzähne, mit den Spitzen
+aneinandergelegt, und bildeten einen Spitzbogen als Eingang.
+
+Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen alle mit gekreuzten
+Armen und gesenktem Haupte da. Nur Abdalonims spitze Mütze ragte stolz
+empor.
+
+Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe, einen alten
+Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust hatten. Weiße Haarflocken
+reichten bis zu seinen Hüften herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen
+im Barte hängen geblieben.
+
+Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades und Senegambien
+ausgesandt mit der Order, das Horn des Südens und das Vorgebirge der
+Gewürze zu umschiffen und Eziongaber in Arabien zu erreichen.
+
+Andre Schiffe--so berichtete er--waren vier Monde lang gen Westen
+gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann hemmte Seegras den Bug der
+Schiffe. Am Horizont donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote
+Nebel verdunkelten die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte die
+Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis der Leute so
+verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten. Inzwischen war man
+die Flüsse der Szythen hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den
+Jugriern und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert
+Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber, die man jenseits des
+Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man in den Grund gebohrt, damit das
+Geheimnis der Wege unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den
+Weihrauch von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika und die
+Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot senkte die Stimme,
+als er meldete, daß eine Trireme bei Rusikada von den Numidiern
+gekapert worden war: »denn sie halten es mit ihnen, Herr!«
+
+Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter der
+Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug ein braunes, gürtelloses
+Gewand, und seinen Kopf umhüllte eine lange Binde aus weißem Stoff,
+die am Rande seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter
+fiel.
+
+Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag- und Nachtgleiche
+abgegangen. Doch von fünfzehnhundert Leuten, die mit vortrefflichen
+Kamelen, neuen Schläuchen und Vorräten bunter Leinwand nach
+Hinter-Äthiopien den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger
+nach Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen erlegen
+oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden. Der Gerettete berichtete, er
+habe weit jenseits des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem
+Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen. Die geringsten
+Geräte seien dort aus lauterem Golde. Ferner habe er einen Strom
+gesehen von milchweißer Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von
+blauen Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern,
+die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich wie Blumen entfalteten,
+wenn sie einen anblickten. Endlich hätte es hinter Seen, die von
+Drachen wimmelten, kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne
+schliefe. Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit Pfauen,
+Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die den Weg nach den Syrten
+und zum Ammontempel eingeschlagen hatten, um Chalzedone zu kaufen, die
+waren ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen nach Gätulien und
+Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse von dort mitgebracht.
+Zurzeit--so schloß der Verwalter der Karawanen seinen Bericht--wage er
+keine neuen Expeditionen auszuschicken.
+
+Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene besetzt. Mit
+einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den andern Ellbogen. Der
+Verwalter der Landgüter hatte nunmehr solche Furcht zu reden, daß er
+trotz seiner breiten Schultern und seiner dicken roten Augen
+entsetzlich zitterte. Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer
+Dogge. Auf dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die Hüften
+einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare Messer blinkten.
+
+Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle Götter
+anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne nichts dafür! Er hätte
+die Witterung, den Boden und die Sterne beobachtet, hätte die
+Anpflanzungen zur Zeit der Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei
+abnehmendem Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre Kleider
+geschont ...
+
+Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte mit der Zunge,
+aber der Mann mit den Messern fuhr hastig fort:
+
+»Ach, Herr, sie haben alles geplündert! Alles durcheinandergeworfen!
+Alles zerstört! In Maschala sind dreitausend Fuß Bäume niedergeschlagen,
+in Ubada die Speicher zertrümmert und die Zisternen verschüttet. In
+Tedes haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in Marazzana
+alle Hirten getötet, die Herden verzehrt und dein Haus eingeäschert,
+dein schönes Haus aus Zedernholz, wo du im Sommer zu verweilen
+pflegtest! Die Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die
+Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere, die Rinder von
+Taormina und die oringischen Pferde,--nicht eins ist mehr da, alle sind
+geraubt! Es ist ein Fluch! Ich überlebe das nicht!« Weinend fuhr er
+fort: »Ach, wüßtest du, wie die Keller gefüllt waren, wie die Pflüge
+glänzten! Und ach, die schönen Widder! Ach, die schönen Stiere!«
+
+Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los:
+
+»Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lügen! Sprecht die Wahrheit!
+Ich will alles wissen, was ich verloren habe, alles bis auf Heller und
+Pfennig, bis auf Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die
+Rechnungen über die Schiffe, über die Karawanen, die Landgüter und den
+Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht rein ist, wehe euern
+Häuptern!--Geht!«
+
+Alle Verwalter gingen rücklings hinaus, tief gebeugt, so daß ihre
+Hände den Boden berührten.
+
+Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes, der in die Mauer
+eingebaut war, mit Knoten bedeckte Schnüre, Leinen- und Papyrosrollen
+und Schulterblätter von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt
+waren. Er legte sie Hamilkar zu Füßen, gab ihm einen Holzrahmen in die
+Hand mit drei eingespannten Fäden, auf denen Kugeln von Gold, Silber
+und Horn aufgereiht waren. Sodann begann er:
+
+»Hundertzweiundneunzig Häuser in der Straße der Mappalier, an
+Neukarthager zu einem Talent monatlich vermietet.«
+
+»Die Miete ist zu hoch! Schone die Armen! Auch sollst du mir die Namen
+derer aufschreiben, die dir am kühnsten erscheinen, und zu ermitteln
+trachten, ob sie der Republik treu gesinnt sind. Weiter!«
+
+Abdalonim zauderte. Solche Großmut überraschte ihn.
+
+Hamilkar riß ihm die Leinwandrollen aus der Hand.
+
+»Was ist das? Drei Paläste am Khamonplatze zu zwölf Kesitah den Monat?
+Setze zwanzig! Von Reichen laß ich mich nicht ausbeuten!«
+
+Der Haushofmeister verneigte sich tief, dann fuhr er fort:
+
+»An Tigillas bis Ende der Schiffahrtszeit ausgeliehen: zwei Talente zu
+dreiunddreißig ein drittel Prozent. Überseegeschäft! An Barmalkarth
+fünfzehnhundert Sekel gegen ein Pfand von dreißig Sklaven. Zwölf davon
+sind allerdings in den Salzteichen eingegangen ...«
+
+»Weil sie überhaupt schon kaputt waren!« lachte der Suffet. »Einerlei!
+Wenn er Geld braucht, soll er welches haben! Das Geld muß immer
+arbeiten, zu verschiedenem Zins, je nach dem Reichtum der Abnehmer.«
+
+Der Diener las weiterhin rasch alle Einnahmen vor: aus den Eisenminen
+in Annaba, den Korallenfischereien, den Purpurfabriken, aus der Pacht
+der den ansässigen Griechen auferlegten Steuern, aus der Silberausfuhr
+nach Arabien, wo es zehnfachen Goldwert hatte, aus gekaperten
+Schiffen,--abzüglich des Zehnten für den Tempel der Göttin.
+
+»Ich habe jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!«
+
+Hamilkar rechnete mit den Kugeln der Rechenmaschine nach, die unter
+seinen Fingern klapperten.
+
+»Genug! Was hast du in bar gezahlt?«
+
+»An Stratonikles in Korinth und an drei Kaufleute in Alexandrien auf
+diese Wechsel hier--sie sind am Fälligkeitstage vorgezeigt
+worden--zehntausend athenische Drachmen und zwölf syrische
+Goldtalente. Verpflegung der Schiffsmannschaften, zwanzig Minen
+monatlich für jede Triere ...«
+
+»Ich weiß! Haben wir Verluste gehabt?«
+
+»Die Rechnung darüber steht auf diesen Bleitafeln!« vermeldete der
+Beamte. »Was die mit andern Gesellschaftern gemeinsam befrachteten
+Schiffe anbetrifft, so mußte man mehrfach Ladungen über Bord werfen.
+Der Verlust ist auf alle Teilhaber verteilt worden. Für Tauwerk, das
+aus den Arsenalen geliehen wurde und nicht zurückerstattet werden
+konnte, haben die Syssitien vor dem Zuge nach Utika achthundert
+Kesitah gefordert ...«
+
+»Immer wieder die!« murmelte Hamilkar mit gesenktem Haupte. Eine Weile
+saß er wie niedergedrückt von dem großen Haß, den er auf sich lasten
+fühlte. »Aber ich finde die Ausgaben für Megara nicht!«
+
+Abdalonim erbleichte und holte aus einem andern Schranke Tafeln von
+Sykomorenholz, die bündelweise auf Lederschnuren gereiht waren.
+
+Hamilkar hörte neugierig auf die Einzelheiten des Haushaltsberichts.
+Die Eintönigkeit der Stimme, die ihm die Ziffern vorlas, beruhigte ihn
+allmählich. Dann las Abdalonim langsamer. Plötzlich ließ er die
+Holztafeln fallen und warf sich selbst mit ausgestreckten Armen lang
+auf den Boden, wie ein Verurteilter. Hamilkar hob die Tafeln mit
+gleichgültiger Miene auf. Doch seine Lippen öffneten sich, und seine
+Augen erweiterten sich, wie er unter den Ausgaben eines einzigen Tages
+einen ungeheuren Verbrauch an Fleisch, Fischen, Geflügel, Wein und
+Gewürz, dazu eine Aufzählung von zerbrochenen Gefäßen, getöteten
+Sklaven und verdorbenen Teppichen fand.
+
+Abdalonim, noch immer am Boden liegend, berichtete ihm nun von dem
+Festschmause der Söldner. Er hätte sich dem Befehl der Alten nicht
+entziehen können; dazu habe Salambo gewünscht, daß die Soldaten auf
+das beste bewirtet werden sollten.
+
+Beim Namen seiner Tochter fuhr Hamilkar mit einem Satz in die Höhe.
+Dann sank er auf die Kissen zurück. Er biß sich auf die Lippen, zerrte
+mit den Nägeln an den Fransen eines Kissens und atmete schwer. Sein
+Blick war starr.
+
+»Steh auf!« gebot er und stieg herab.
+
+Abdalonim folgte ihm mit schlotternden Knien. Dann aber griff er nach
+einer Eisenstange und machte sich daran, wie ein Rasender die
+Steinfliesen auszuheben. Eine Holzscheibe sprang hoch, und alsbald
+klappten in der Flucht des Ganges noch mehrere solcher großen Deckel
+auf: die Verschlüsse von Kellern zur Aufbewahrung von Getreide.
+
+»Du siehst, Liebling der Götter,« sprach der Diener zitternd, »sie
+haben nicht alles genommen! Diese Keller sind tief, jeder fünfzig
+Ellen, und bis zum Rande gefüllt! Während deiner Reise habe ich sie
+anlegen lassen, auch welche in den Arsenalen, in den Gärten, überall!
+Dein Haus ist voll Korn, wie dein Herz voller Weisheit!«
+
+Ein Lächeln überflog Hamilkars Antlitz.
+
+»Das ist gut so, Abdalonim!« Und flüsternd sagte er ihm, sich neigend,
+ins Ohr: »Du wirst noch mehr kommen lassen, aus Etrurien, aus
+Bruttium, woher du willst und zu welchem Preise es auch sei! Häuf es
+an und bewahr es! Ich muß alleiniger Besitzer alles Getreides in
+Karthago sein!«
+
+Dann, am Ende des Ganges, öffnete Abdalonim mit einem der Schlüssel,
+die an seinem Gürtel hingen, ein großes viereckiges Gemach, das in der
+Mitte durch Pfeiler von Zedernholz geteilt war. Goldne, silberne und
+eherne Münzen, auf Tischen aufgebaut oder in den Nischen hochgetürmt,
+häuften sich an allen vier Wänden bis zu den Dachbalken empor.
+
+Ungeheure Koffer aus Flußpferdhaut standen in den Ecken und bargen
+ganze Reihen von kleineren Säcken. Haufen von Scheidemünzen wölbten
+sich auf dem Fußboden. Hier und dort war ein zu hoher Berg eingestürzt
+und glich nun einer zertrümmerten Säule. Die großen karthagischen
+Münzen mit dem Bilde der Tanit und eines Rosses unter einem Palmbaum
+mischten sich mit den Geldstücken der Kolonien, auf denen ein Stier,
+ein Stern, eine Kugel oder ein Halbmond zu sehen war. Weiterhin
+erblickte man, zu ungleichen Haufen geschichtet, Münzen von jedem
+Werte, jeder Form, jedem Zeitalter: von den alten assyrischen Münzen,
+dünn wie Fingernägel, bis zu den alten faustdicken Geldstücken
+Latiums, von dem knopfförmigen Geld Äginas bis zu den Tafeln der
+Baktrier und den kurzen Barren des alten Sparta. Manche waren mit Rost
+bedeckt, beschmutzt, im Wasser grünspanig geworden oder vom Feuer
+geschwärzt; man hatte sie mit Netzen aufgefischt oder nach
+Belagerungen in den Trümmern der Städte gefunden. Der Suffet hatte
+rasch überschlagen, ob die vorhandenen Summen mit den Einnahmen und
+Verlusten, die ihm Abdalonim verlesen, übereinstimmten, und er wollte
+schon hinausschreiten, als er drei große, bis auf den Grund leere
+eherne Krüge sah. Abdalonim wandte vor Entsetzen das Haupt ab, aber
+Hamilkar schwieg resigniert.
+
+Sie durchschritten andre Gänge und Räume und kamen schließlich vor
+eine Tür, vor der zur besseren Bewachung an einer langen, um seinen
+Leib und an die Mauer geschmiedeten Kette ein Mann lag. (Das war eine
+römische Sitte, noch nicht lange in Karthago eingeführt.) Bart und
+Fingernägel des Angeketteten waren übermäßig lang, und er wiegte sich
+fortwährend nach rechts und nach links wie ein gefangenes Tier. Sobald
+er Hamilkar erkannte, stürzte er ihm entgegen und rief:
+
+»Gnade! Liebling der Götter! Erbarmen! Töte mich! Zehn Jahre sind es
+nun, daß ich die Sonne nicht gesehen! Im Namen deines Vaters, Gnade!«
+
+Ohne ihm zu antworten, klatschte Hamilkar in die Hände. Drei Männer
+erschienen, und alle vier zogen mit einem gleichzeitigen starken Ruck
+die riesige Eisenstange, die das Tor verschloß, aus ihren Ringen.
+Hamilkar ergriff eine Fackel und verschwand im Dunkeln.
+
+Man hielt diesen Raum lediglich für die Familiengruft, doch hätte man
+hier höchstens einen weiten Schacht gefunden, angelegt, um die Diebe
+irrezuführen, doch ohne Inhalt. Hamilkar ging daran vorüber, dann
+bückte er sich, drehte einen schweren Mühlstein auf seinen Walzen und
+trat durch die so entstandene Öffnung in ein kegelförmiges Gemach.
+
+Eherne Schuppen bedeckten die Wände. In der Mitte, auf einem Sockel
+aus Granit, erhob sich das Standbild eines der Kabiren, namens Aletes,
+das heißt des ewigen Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in
+Spanien. Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzförmig
+angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne Gefäße mit
+verschlossenem Halse und von wunderlicher Form, die zu nichts dienen
+konnten. Es war nämlich Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um
+ihre Verminderung oder gar ihre Entwendung fast unmöglich zu machen.
+
+Hamilkar zündete mit seiner Fackel ein Lämpchen an, das an der Mütze
+des Götterbildes befestigt war, und plötzlich erstrahlte der Raum in
+grünen, gelben, blauen, violetten, weinfarbenen und blutroten
+Lichtern. Er war voller Edelsteine, in goldne Schalen gefüllt, die wie
+Lampenbecken an metallenen Trägern hingen. Andre standen, noch im
+Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Türkise, durch
+Schleuderwürfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel, aus dem Urin der
+Luchse entstanden; Glossopetren, vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten,
+Sandaster, Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller vier Arten
+und Smaragde aller zwölf Arten. Sie schimmerten wie Milchtropfen, wie
+blaue Eiszapfen, wie Silberstaub, und sprühten ihr Licht in breiten
+Fluten, in feinen Strahlen und glühenden Sternen. Meteore, die der
+Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen heilen.
+Man sah Topase vom Berg Zabarka, die vor Erschrecken schützen; Opale
+aus Baktrien, die Fehlgeburten verhindern; Ammonshörner, die man unter
+das Bett legt, wenn man Träume haben will.
+
+Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten sich in den
+großen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit verschränkten Armen da und
+lächelte. Er ergötzte sich weniger am Anblick als am Bewußtsein seiner
+Reichtümer. Seine Schätze waren unerreichbar, unerschöpflich,
+unendlich. Seine Ahnen, die hier unter seinen Füßen schliefen, sandten
+seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit. Er fühlte sich den
+unterirdischen Geistern nahe. Er empfand gleichsam die Freude eines
+Erdgeistes, und die langen leuchtenden Strahlen, die über sein Gesicht
+liefen, dünkten ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn
+über Abgründe hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknüpfte.
+
+Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich hinter das
+Götterbild und schritt geradeaus auf die Wand zu. Nachdenklich
+betrachtete er eine Tätowierung auf seinem rechten Arm: eine
+wagerechte Linie in Verbindung mit zwei senkrechten: die kanaanitische
+Ziffer dreizehn. Nun zählte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug
+nochmals seinen weiten Ärmel zurück, streckte die rechte Hand aus und
+las auf einer andern Stelle seines Arms andre verwickeltere Zeichen,
+während er seine Finger bewegte wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte
+er mit seinem Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte
+sich wie aus einem Stück.
+
+Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem sich geheimnisvolle
+Dinge befanden, die keinen Namen hatten, aber von unberechenbarem
+Werte waren. Hamilkar stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem
+Silberbecken ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flüssigkeit
+schwamm, und stieg dann wieder hinauf.
+
+Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er stieß mit seinem
+langen Stabe, der am Knopf mit Schellen besetzt war, auf die
+Steinfliesen und rief vor jedem Gemache den Namen Hamilkars in einem
+Schwalle von Lobpreisungen und Segenswünschen.
+
+In dem runden Saale, in den alle Gänge mündeten, waren längs der
+Mauern Alguminstangen, Säcke voll Henna, Kuchen aus lemnischer Erde
+und Schildkrötenschalen voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet
+streifte alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne auch nur
+die riesigen Bernsteinstücke, diesen fast göttlichen, von den
+Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten.
+
+Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen.
+
+»Öffne!«
+
+Sie traten ein.
+
+Nackte Männer kneteten teigige Massen, zerrieben Kräuter, schütteten
+Kohlen, gossen Öl in Krüge, öffneten und schlossen die kleinen
+eiförmigen Zellen, die rings in die Mauern führten und so zahlreich
+waren, daß der Raum dem Innern eines Bienenstockes glich. Myrobalan,
+Odellium, Safran und Veilchen quollen daraus hervor. Überall waren
+Harze, Pulver, Wurzeln, Glasflaschen, Filipendelzweige und
+Rosenblätter verstreut. Man erstickte schier in Gerüchen, trotz der
+Rauchwirbel des Storaxharzes, das in der Mitte auf einem ehernen
+Dreifuß knisternd kochte.
+
+Der Verwalter der Parfümerienfabrik, lang und bleich wie eine
+Wachskerze, kam an Hamilkar heran, um in dessen Hand eine Rolle
+Metopion zu zerdrücken, während zwei andre Leute ihm die Fersen mit
+Bakkarisblättern einrieben. Der Suffet stieß sie zurück. Es waren
+Leute von verrufenen Sitten, die man jedoch wegen ihrer geheimen
+Kenntnisse schätzte.
+
+Um seine Ergebenheit zu bezeugen, bot der Verwalter dem Suffeten auf
+einem Bernsteinlöffel etwas Malobathron als Probe dar. Dann durchstieß
+er mit einer Ahle drei indische Bezoarsteine. Hamilkar, der alle
+Kunstkniffe kannte, nahm ein Horn voll der Essenz, hielt es an die
+glühenden Kohlen und schüttete einen Tropfen auf sein Gewand. Ein
+brauner Fleck erschien darauf: die Tinktur war nicht echt! Er blickte
+den Verwalter scharf an und warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, das
+Gazellenhorn ins Gesicht.
+
+So aufgebracht er indes auch über die zu seinem Schaden begangene
+Fälschung war, so ordnete er doch bei der Besichtigung der
+Nardenvorräte, die man für überseeische Länder verpackte, interessiert
+an, Antimon darunter zu mischen, um die Ware schwerer zu machen.
+
+Dann fragte er, wo sich die drei Kisten Psagas befänden, die zu seinem
+persönlichen Gebrauche bestimmt waren.
+
+Der Aufseher gestand, daß er nicht wisse, wohin sie gekommen seien.
+Söldner mit Messern wären brüllend hereingestürzt, und er hätte ihnen
+die Kisten öffnen müssen.
+
+»So fürchtest du sie mehr als mich!« schrie der Suffet, und seine
+Augen blitzten durch den Dampf wie Fackeln über den großen bleichen
+Mann hin, der zu begreifen begann. »Abdalonim! Vor Sonnenuntergang
+wirst du ihn Spießruten laufen lassen! Zerfleddere ihn!«
+
+Dieser Verlust, geringer als die andern, hatte ihn erbittert, denn
+trotz seines Bemühens, die Barbaren aus seinen Gedanken zu verbannen,
+stieß er überall von neuem auf ihre Spuren. Ihre Ausschreitungen
+verschmolzen gleichsam mit der Schande seiner Tochter, und er zürnte
+dem ganzen Hause, daß es darum wisse und ihm doch nichts sage. Aber
+etwas trieb ihn, sich immer tiefer in sein Unglück zu verlieren, und
+von einer Art Spürwut ergriffen, besichtigte er in den Schuppen hinter
+dem Verwaltungshause die Vorräte an Erdpech, Holz, Ankern und Tauwerk,
+an Honig und Wachs, sodann die Bekleidungskammern, die Vorratsmagazine,
+das Marmorlager und den Silphiumspeicher.
+
+Darauf besuchte er auf der andern Seite der Gärten die Hütten der
+Handwerker, deren Erzeugnisse verkauft wurden. Schneider stickten
+Mäntel. Andre flochten Netze, bemalten Kissen, schnitten Sandalen.
+Arbeiter aus Ägypten glätteten mit Muschelschalen Papyrus. Die
+Weberschiffchen schwirrten, die Ambosse der Waffenschmiede dröhnten.
+
+Hamilkar sagte zu den letzteren:
+
+»Schmiedet Schwerter! Schmiedet immerfort! Ich werde sie brauchen!«
+
+Dabei zog er aus seinem Busen das giftgebeizte Antilopenfell, damit
+man ihm einen Harnisch daraus schnitte, fester denn aus Erz, einen,
+dem Feuer und Eisen nichts anhaben könnten.
+
+Als er zu den Handwerkern trat, suchte ihn Abdalonim, in der Absicht,
+seinen Zorn von sich abzuwenden, gegen diese Leute aufzubringen, indem
+er ihre Arbeiten mürrisch tadelte:
+
+»Was für eine Arbeit! Es ist eine Schande! Wahrhaftig, der Herr ist zu
+gut!«
+
+Hamilkar ging weiter, ohne auf ihn zu hören.
+
+Er verlangsamte seine Schritte, denn große, von oben bis unten
+verkohlte Bäume, wie man sie in den Wäldern findet, wo Hirten gelagert
+haben, versperrten den Weg. Die Zäune waren niedergerissen, das Wasser
+in den Gräben eingetrocknet, Glasscherben und Affenknochen lagen in
+großen Schlammpfützen umher. Hier und dort hingen Zeugfetzen an den
+Büschen. Unter den Limonenbäumen hatten sich verfaulte Blumen zu einem
+gelben häßlichen Haufen getürmt. Offenbar hatte sich die Dienerschaft
+um nichts gekümmert, im Glauben, der Herr käme nicht wieder heim.
+
+Auf Schritt und Tritt entdeckte er immer neues Unheil, neue Beweise
+für das, was zu erforschen er sich untersagt hatte. Jetzt besudelte er
+sogar seine Purpurstiefel, indem er in Unrat trat. Warum hatte er die
+ganze Soldateska nicht im Schußfeld eines Geschützes, um sie kurz und
+klein zu schießen! Er fühlte sich gedemütigt, weil er ihre Partei
+genommen. Narretei! Verrat! Da er aber weder an den Söldnern, noch an
+den Alten, noch an Salambo oder an sonst jemandem Rache nehmen konnte
+und sein Zorn ein Ziel haben mußte, so verurteilte er in Bausch und
+Bogen sämtliche Gartensklaven zur Arbeit in den Bergwerken.
+
+Abdalonim zitterte jedesmal, wenn er ihn die Richtung nach dem
+Tierparke zu nehmen sah. Aber Hamilkar schlug den Weg nach der Mühle
+ein, aus der ihm schwermütiger Gesang entgegenscholl.
+
+Von Staub umhüllt drehten sich die schweren Mühlsteine, das heißt zwei
+übereinanderliegende Porphyrkegel, deren oberer einen Trichter trug
+und durch starke Stangen auf dem unteren bewegt wurde. Sklaven schoben
+sie mit Brust und Armen, während andere an Riemen zogen. Das Scheuern
+des Lederzeugs hatte an ihren Achseln eiternde Krusten gebildet, wie
+man sie auf dem Widerrist der Esel sieht; und der schwarze schlaffe
+Schurz, der ihre Hüften bedeckte, mit den herabhängenden Zipfeln, die
+wie lange Schwänze aussahen, schlug ihnen gegen die Kniekehlen. Ihre
+Augen waren gerötet, ihre Fußketten klirrten, ihre Lungen keuchten im
+Takte. Vor dem Munde trugen sie, an zwei Erzketten befestigt,
+Maulkörbe, so daß sie nicht von dem Mehl essen konnten. Ihre Hände
+steckten in Fausthandschuhen, damit sie auch nichts davon nahmen. Beim
+Eintritt des Herrn knarrten die hölzernen Stangen stärker. Das Korn
+knirschte beim Mahlen. Ein paar Arbeiter strauchelten und fielen. Die
+andern mühten sich weiter und schritten über sie hinweg.
+
+Er fragte nach Giddenem, dem Sklavenaufseher. Er erschien. Seine Würde
+verriet sich im Reichtum seiner Kleidung. Seine an den Seiten
+geschlitzte Tunika war von feinem Purpur. Schwere Ohrringe zogen seine
+Ohren herab, und seine Wickelgamaschen hielt eine goldene Schnur fest,
+die sich von den Knöcheln zu den Hüften hinaufringelte, wie die
+Schlange um einen Baum. In seinen mit Ringen bedeckten Fingern hielt
+er eine Kette aus Gagatkugeln, ein Mittel, die an der Fallsucht
+Leidenden zu erkennen.
+
+Hamilkar winkte ihm, die Maulkörbe abnehmen zu lassen. Da stürzten
+alle Sklaven mit einem Geschrei wie ausgehungerte Tiere über das Mehl
+her und verschlangen es, wobei sich ihre Gesichter in den Haufen
+vergruben.
+
+»Du verlangst zu viel von ihnen!« versetzte der Suffet.
+
+Giddenem antwortete, dies sei möglich, sonst wären sie aber nicht zu
+bändigen.
+
+»Dann war es also umsonst, daß ich dich nach Syrakus in die
+Sklavenschule geschickt habe! Laß die andern kommen!«
+
+Und die Köche, die Küfer, die Stallknechte, die Läufer, die
+Sänftenträger, die Badediener und die Weiber mit ihren Kindern, alle
+stellten sich im Garten in einer langen Reihe auf, die vom
+Verwaltungshause bis zu den Gehegen der wilden Tiere reichte. Sie
+hielten den Atem an. Ungeheure Stille durchdrang Megara. Die Sonne
+stand schräg über der Lagune unter der Totenstadt. Pfauen schrien.
+Hamilkar schritt ganz langsam die Front ab. »Was soll ich mit diesen
+Greisen?« fragte er. »Verkaufe sie! Zu viel Gallier! Das sind
+Trunkenbolde! Und zu viel Kreter! Das sind Lügner! Kaufe mir
+Kappadozier, Asiaten und Neger.«
+
+Er wunderte sich über die geringe Zahl der Kinder. »Jedes Haus muß
+alljährlich Nachwuchs haben, Giddenem! Laß alle Nächte die Hütten
+offen, damit die Leute nach Belieben miteinander verkehren können!«
+
+Dann ließ er sich die Diebe, die Trägen und die Widerspenstigen
+zeigen. Er erteilte Strafen und machte Giddenem Vorwürfe. Der senkte
+wie ein Stier seine niedrige Stirn, auf der die breiten Brauen
+zusammenstießen.
+
+»Hier, Gottbegnadeter!« sagte er, auf einen kräftigen Libyer deutend.
+»Den da hat man mit einem Strick um den Hals ertappt!«
+
+»So, du möchtest also sterben?« fragte ihn der Suffet verächtlich.
+
+Der Sklave entgegnete in unerschrockenem Tone: »Ja!«
+
+Der Fall bot ein Beispiel und war ein materieller Verlust. Aber
+unbekümmert darum gebot Hamilkar den Knechten:
+
+»Führt ihn ab!«
+
+Vielleicht hegte er insgeheim die Absicht, ein Opfer zu bringen. Er
+legte sich diesen Verlust auf, um schlimmerem vorzubeugen.
+
+Giddenem hatte die Verstümmelten hinter den andern versteckt. Hamilkar
+bemerkte sie.
+
+»Wer hat dir den Arm abgeschlagen?«
+
+»Die Söldner, Gottbegnadeter!«
+
+Dann fragte er einen Samniter, der schwankend dastand wie ein
+verwunderter Reiher.
+
+»Und du, wer hat dir das angetan?«
+
+Der Aufseher hatte ihm mit einer Eisenstange das Bein zerschmettert.
+
+Diese sinnlose Grausamkeit empörte den Suffeten. Er rieß Giddenem die
+Gagatkette aus den Händen und schrie:
+
+»Fluch dem Hunde, der seine Herde verletzt! Sklaven verstümmeln!
+Gütige Tanit! Ha, du richtest deinen Herrn zugrunde! Man ersticke ihn
+im Mist!--Und nun fehlen noch eine Menge! Wo sind sie? Hast du sie
+gemeinsam mit den Söldnern ermordet?«
+
+Sein Gesichtsausdruck war so schrecklich, daß alle Weiber entflohen.
+
+Die Sklaven verließen ihre Aufstellung und bildeten einen weiten Kreis
+um beide. Giddenem küßte wie wahnsinnig die Sandalen Hamilkars, der
+noch immer mit geballten Fäusten vor ihm stand.
+
+In seinem selbst in der wildesten Schlacht klaren Geiste erinnerte er
+sich jetzt tausend häßlicher und schmählicher Dinge, an die er bisher
+nicht gedacht hatte. Im Licht seines Zornes hatte er jetzt wie im
+Wetterschein mit einem Schlage all sein Mißgeschick vor Augen. Die
+Verwalter der Landgüter waren entflohen, aus Furcht vor den Söldnern,
+vielleicht im Einverständnis mit ihnen. Alle betrogen ihn. Ach, schon
+zu lange bezwang er sich!
+
+»Man führe sie her!« schrie er. »Und brandmarke sie auf der Stirn mit
+glühendem Eisen als Feiglinge!«
+
+Man brachte Stricke herbei, Halseisen, Messer, Ketten, für die zur
+Bergwerksarbeit Verurteilten; Fußfesseln, um die Beine zusammenzupressen;
+Numellen, über die Schultern zu legen; ferner Skorpione, dreisträhnige
+Peitschen mit eisernen Haken an den Enden der Riemen. All dieses
+Folterzeug wurde in der Mitte des Gartens niedergelegt.
+
+Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen die Sonne, gegen
+Moloch den Verzehrer, auf den Bauch oder Rücken hingestreckt, die mit
+Geißelung Bestraften aber aufrecht an Bäume gebunden und neben ihnen
+je zwei Männer aufgestellt, einer, der die Schläge zählte, und einer,
+der zuschlug.
+
+Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und rissen die Rinde
+von den Platanen. Das Blut spritzte wie Regen auf die Blätter, und
+rote Fleischmassen wanden sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen
+Ketten angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren
+Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe Schläge schallten.
+Bisweilen gellte ein schriller Schrei durch die Luft. In der Nähe der
+Küchen kauerten Männer zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und
+abgerissenen Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch von
+verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten brachen zusammen,
+doch die Stricke an ihren Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die
+Augen und ließen die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die
+übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu schreien, und die
+Löwen, die sich vielleicht des Festtages erinnerten, reckten sich
+gähnend hinauf zum Rand ihrer Gruben.
+
+Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse. Sie lief vor
+Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte sie. Es schien ihm, als ob
+sie die Arme gegen ihn ausstreckte, um seine Gnade zu erbitten. Mit
+einer Gebärde des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.
+
+Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen Häuser. Sie
+hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten gesiegt, und man
+verehrte sie als Lieblinge der Sonne. Die von Megara waren die
+stärksten in Karthago. Vor seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim
+schwören lassen, daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die
+meisten waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur drei lagen
+noch in der Mitte des Hofes im Sande vor ihren zertrümmerten Krippen.
+
+Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.
+
+Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der andre hatte am
+Knie eine breite Wunde, dem dritten war der Rüssel abgehauen. Die
+Tiere blickten ihren Herrn traurig wie denkende Wesen an, und der
+eine, der keinen Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie
+beugte und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf seines
+Rüssels zu streicheln.
+
+Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen in die Augen.
+Er stürzte auf Abdalonim los.
+
+»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!«
+
+Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden.
+
+Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam zum Himmel
+schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar blieb stehen.
+
+Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt, als ob ihn
+ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar seine eignen Kräfte
+fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte weiterdauernd. Die Sklaven
+begriffen freilich nicht, warum er mit einem Male besänftigt war.
+
+Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis vorüber, einem
+langen Gebäude aus schwarzen Steinen, das in einer großen viereckigen
+Grube erbaut war. Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den
+vier Ecken.
+
+Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende
+Zeichen gab.
+
+»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den Kerker hinab.
+
+»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten ihm.
+
+Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen Fenster lugte
+das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene Ketten an den Wänden
+hängen.
+
+Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben!
+
+Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter, die sich von
+draußen über die Grube neigten, sahen, wie er sich mit der Hand an die
+Mauer stützte, um nicht umzufallen.
+
+Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar blickte auf. Er
+sprach kein Wort, machte keine Gebärde.
+
+Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand er hinter der
+Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung der Patrizier im
+Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten:
+
+»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl unsrer Armee
+gegen das Heer der Barbaren an!«
+
+
+
+
+VIII
+
+Die Schlacht am Makar
+
+
+Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien anderthalb
+Millionen Mark in Gold und legte jedem Mitgliede der dreihundert
+Patriziergeschlechter eine Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die
+Frauen und Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften--etwas
+Unerhörtes nach karthagischer Sitte--zwang er, Geld herzugeben.
+
+Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. Manche
+wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre Güter wurden einfach
+verkauft. Um den Geiz der andern einzuschüchtern, lieferte er selber
+sechzig Rüstungen und siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war
+allein soviel, wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.
+
+Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner anzuwerben:
+dreitausend Bergbewohner, die mit Bären zu kämpfen gewohnt waren. Man
+zahlte ihnen im voraus auf sechs Monate den Sold.
+
+Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er nicht, wie Hanno,
+jeden Bürger an. Zunächst wies er alle Leute mit sitzender Lebensweise
+zurück, ferner solche, die einen dicken Bauch oder ein ängstliches
+Aussehen hatten. Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka,
+Barbarenabkömmlinge und Freigelassene. Den Neukarthagern versprach er
+als Belohnung das volle Bürgerrecht.
+
+Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese Truppe von
+schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische Blüte der
+Republik hielt, wählte sich ihre Führer selbst. Er verabschiedete ihre
+bisherigen Offiziere und faßte die Mannschaft hart an, ließ sie
+laufen, springen, in einem Atem den Abhang des Burgbergs erklettern,
+Speere werfen, ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen
+biwakieren. Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.
+
+Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und stärkerem Schuhwerk
+aus, beschränkte die Zahl der Burschen und das Gepäck. Im Molochtempel
+bewahrte man dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des
+Einspruchs des Oberpriesters.
+
+Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und andern aus
+Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren, die er
+bis an die Zähne bewaffnete. Ihre Führer rüstete er mit Hammern und
+Meißeln aus, damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen
+Tieren die Schädel spalten konnten.
+
+Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen. Die
+Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, aber er ging nicht
+darauf ein. Da wagte man nicht mehr zu murren. Alles beugte sich der
+Gewalt seines Geistes.
+
+Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und Finanzen. Um
+Beschwerden vorzubeugen, forderte er den Suffeten Hanno zum Nachprüfen
+der Rechnungen auf.
+
+Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen, die längst
+zwecklos gewordenen alten Binnenmauern niederreißen. Der Unterschied
+im Vermögen, der an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt
+die Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt.
+Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der alten, schon
+halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen an, während sich das Volk
+darüber freute, ohne recht zu wissen warum.
+
+Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller Bewaffnung durch
+die Straßen. Aller Augenblicke vernahm man Trompetensignale. Wagen mit
+Schilden, Zelten und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller
+Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte sich den
+andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. Er hatte seine
+Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt und Sorge getragen, daß in
+den Langreihen abwechselnd immer ein Starker neben einem Schwachen
+stand, so daß der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen
+geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen dreitausend
+Ligurern und der Elite der Karthager konnte er freilich nur eine
+einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig Gepanzerten bilden,
+die eherne Helme trugen und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus
+Eschenholz, sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.
+
+Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen und Sandalen
+ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert andre, die
+Rundschilde und Römerschwerter bekamen.
+
+Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, dem Reste der
+Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren mit vergoldeten
+Erzschienen gepanzert. Ferner hatte er über vierhundert berittene
+Bogenschützen, die man Tarentiner nannte, mit Mützen aus Wieselfell,
+Doppeläxten und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger aus
+dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, neben den Pferden
+herlaufen, indem sie sich mit der Hand an den Mähnen festhielten.
+Alles war marschbereit, und dennoch rückte Hamilkar nicht aus.
+
+Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich über die
+Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar. Suchte er mit den Söldnern
+Fühlung? Die Ligurer, die in der Straße der Mappalier lagen, schützten
+sein Haus.
+
+Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, als man eines
+Tages dreihundert Barbaren den Mauern näher kommen sah. Der Suffet
+öffnete ihnen die Tore. Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem
+General zurück, von Furcht oder Treue getrieben.
+
+Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht. Dieser
+Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt nicht sterben. Er kehrte
+endlich zurück, um sein Versprechen zu erfüllen. Das war eine
+Hoffnung, die nichts Widersinniges hatte. So tief war die Kluft
+zwischen Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt.
+Das Gelage hatte man vergessen.
+
+Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines andern. Das war ein
+Triumph für die Unzufriednen, und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu
+kam, daß die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man brachte
+es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten. Viele hatten sich vom
+Heere getrennt und durchstreiften das Land. Bei der Kunde von den
+Rüstungen der Karthager kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude.
+»Endlich! endlich!« rief er aus.
+
+Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun gegen Hamilkar.
+Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer vor sich. Und da seine
+Rachgier vielleicht doch Befriedigung finden konnte, so wähnte er die
+Beute schon in seinen Händen und weidete sich bereits an ihr.
+Gleichzeitig ward er von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer
+heftigerer Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner
+Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike durch die Luft
+schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem Purpurbette, wo er die
+Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht mit Küssen bedeckte und mit den
+Händen über ihr langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser
+Traum nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine
+Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so schwor er sich,
+den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung, daß er daraus
+nicht zurückkehren würde, reizte ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu
+wollen.
+
+Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:
+
+»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen herbeiführen!
+Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift!
+Verstehst du mich? Steh auf!«
+
+Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft. Matho ließ
+sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn er zuweilen auch heftig erregt
+gewesen war, so war dieser Zustand stets schnell wieder vergangen.
+Jetzt erschien er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen
+loderte ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.
+
+Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er wohnte jetzt in
+einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle Getränke aus
+Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein Haar wachsen und leitete
+die Belagerung mit Muße. Übrigens hatte er geheime Verbindungen in der
+Stadt angeknüpft. Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt,
+daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.
+
+Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte, befand sich
+gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung, ja, er tadelte den
+Libyer, daß er den Feldzugsplan aus Tollkühnheit aufgeben wolle.
+
+»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho an. »Du hast
+uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk und Pferde versprochen! Wo sind
+sie?«
+
+Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien
+vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, so jage man zurzeit in
+den Wäldern danach. Das Fußvolk würde mobil gemacht. Die Pferde seien
+unterwegs.
+
+Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, streichelte die
+Straußenfedern, die ihm auf die Schultern herabwallten, und lächelte
+in verletzender Weise. Matho wußte ihm nichts zu antworten.
+
+Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt, mit
+verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem Gürtel, ganz außer Atem.
+Seine mageren Flanken schlugen. In unverständlicher Mundart berichtete
+er etwas. Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer
+Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und rief seine
+Reiter.
+
+Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn herum. Naravas
+bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes starrte er vor sich hin und biß
+sich auf die Lippen. Endlich teilte er seine Mannschaft in zwei
+Hälften und gebot der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit
+herrischer Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der
+Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.
+
+»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete Zufälle nicht!
+Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt uns ...«
+
+»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.
+
+Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung mit Autarit
+zuvorzukommen! Doch wenn man die Belagerungen jetzt aufhob, kamen die
+Einwohner wahrscheinlich aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in
+den Rücken, während man die Karthager vor der Front hatte. Nach vielem
+Hin- und Herreden wurden folgende Maßregeln beschlossen und
+unverzüglich ausgeführt.
+
+Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke, zwölf
+Kilometer vor Utika. Die Brücke war durch ein Kastell gedeckt. Es
+wurde durch Schanzen verstärkt und mit vier großen Geschützen besetzt.
+Alle Wege und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden durch
+Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse und Steinwälle gesperrt. Auf
+den Berggipfeln wurde Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können,
+und in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute Augen
+hatten, als Beobachtungsposten auf.
+
+Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der Hannos über den
+Berg der Heißen Wasser zu erwarten. Er mußte sich sagen, daß ihm
+Autarit als Beherrscher des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch
+mußte ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, während
+eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn die Söldner erst weiter
+entfernt standen. Er konnte allerdings auch am Vorgebirge der Trauben
+landen und von da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber
+kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings war er dieser
+Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften kaum fähig.
+Folglich mußte er dicht südlich der arianischen Berge hinmarschieren,
+dann nach links schwenken, um nicht in das Morastgebiet des Makar zu
+geraten, und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn Matho
+erwarten.
+
+Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten. Er eilte nach
+Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten im Gebirge, kam zurück und
+ruhte keinen Augenblick. Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles,
+was die Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der
+Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige
+Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig seinem Gefährten.
+Von Salambo sprachen beide nicht mehr. Der eine dachte nicht an sie,
+und den andern machte eine Art Scham schweigsam.
+
+Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung nach Karthago, in der
+Hoffnung, Hamilkars Annäherung zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute
+er nach dem Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und
+wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch eines Heeres zu
+vernehmen.
+
+Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier Tage
+erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft entgegenrücken
+und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage verstrichen darüber hinaus.
+Spendius hielt ihn zurück. Am Morgen des sechsten aber brach Matho
+auf.
+
+ * * * * *
+
+Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht erpicht als die
+Barbaren. In den Zelten und in den Häusern herrschte der gleiche
+Wunsch, die gleiche Besorgnis. Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum
+Zauderer mache.
+
+Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des Eschmuntempels zu
+dem Mondbeobachter und schaute nach dem Winde.
+
+Eines Tages--es war der dritte im Monat Tibby--sah man ihn hastigen
+Schritts von der Burg herabkommen. In der Straße der Mappalier
+entstand lauter Lärm. Bald ward es auf allen Straßen lebendig, und
+überall begannen sich die Soldaten zu wappnen, umringt von
+schluchzenden Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann eilten
+sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih und Glied zu stellen.
+Niemand durfte ihnen folgen, noch gar mit ihnen reden, noch sich den
+Befestigungswerken nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still wie
+ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre Lanzen gelehnt.
+Die Menschen in den Häusern seufzten. Bei Sonnenuntergang rückte das
+Heer durch das Westtor ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis
+einzuschlagen oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu
+marschieren, zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die Lagune,
+um die herum runde, über und über mit weißem Salz bedeckte Stellen wie
+riesige Silberschüsseln schimmerten, die man am Strande liegen
+gelassen hatte.
+
+Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde immer sumpfiger.
+Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt stets bei der Vorhut, und sein
+Pferd, das gelb gescheckt war wie ein Drache und Schaum um sich warf,
+trat geräumigen Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht sank
+herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, man renne ins
+Verderben. Der Suffet entriß den Schreiern die Waffen und gab sie den
+Troßknechten. Der Schlamm wurde immer grundloser. Man mußte die
+Lasttiere besteigen. Manche klammerten sich an die Schweife der
+Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die ligurischen
+Schwadronen stießen das Fußvolk mit den Lanzenspitzen vorwärts. Die
+Dunkelheit nahm zu. Man hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.
+
+Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die Merkzeichen zu
+suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten Abständen
+eingerammt worden waren. Sie riefen durch die Dunkelheit, und das Heer
+folgte ihnen von weitem.
+
+Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen. Bald ließ sich
+eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen. Man befand sich am
+Ufer des Makar. Trotz der Kälte wurden keine Feuer angezündet.
+
+Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte die
+Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die Unteroffiziere klopften
+ihnen leise auf die Schultern.
+
+Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte ihm nicht bis
+zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.
+
+Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert Schritte oberhalb
+im Flusse aufzustellen, während die übrigen ein Stück unterhalb etwa
+vom Strome fortgerissene Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt
+das ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den Fluß wie
+zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich beobachtet, daß der
+Westwind den Sand vor sich hertrieb und den Fluß hemmte, so daß in
+seiner ganzen Breite eine natürliche Straße entstand, eine Barre.
+
+Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von Utika, in einer
+weiten Ebene,--ein Vorteil für die Elefanten, die Hauptkraft des
+punischen Heeres.
+
+Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das vollste Vertrauen
+kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich auf die Barbaren werfen.
+Der Suffet ließ sie aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne
+aufging, rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die Elefanten
+voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei und schließlich die
+Phalanx.
+
+Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend an der Brücke
+nahmen voll Erstaunen wahr, daß sich der Boden in der Ferne bewegte.
+Der Wind blies sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie
+erhoben sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten gelben
+Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen immer wieder von neuem,
+so daß sie das punische Heer verbargen. Da die Karthager hochragende
+Hörner an den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern, eine
+Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der Mäntel getäuscht,
+behaupteten, Flügel zu erkennen, und Wüstenkenner zuckten die Achseln
+und erklärten das Ganze für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber
+rückte etwas Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn wie
+dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin. Die höhersteigende
+Sonne leuchtete stärker. Ein grelles zitterndes Licht rückte das
+Himmelsgewölbe scheinbar mehr in die Höhe, durchleuchtete die
+Gegenstände und machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die
+weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, und die kaum
+merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum äußersten Himmelsrand, durch
+eine lange blaue Linie begrenzt: das Meer, wie man wußte. Die Heere
+hatten ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner von
+Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen auf den Wällen.
+
+Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von gleichhohen
+Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter und größer. Schwarze Hügel
+schaukelten auf und ab. Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das
+waren Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die
+Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung eilten die
+Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung heran, um sich gemeinsam
+auf Hamilkar zu werfen.
+
+Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« wiederholte
+er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen!
+Keine Möglichkeit zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor dem
+Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses
+verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt,
+enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann
+harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er
+klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle von Glück, die
+ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er sich kühner als Epaminondas.
+Um seine Blässe zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober,
+dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, goß
+eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die
+denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so
+schnell, daß der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu
+verändern. Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die
+Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Straußenfedern
+geschmückten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die
+Schultern.
+
+Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die Kompagnien der
+Leichtbewaffneten und weiterhin die großen Helme der Klinabaren, in
+der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner.
+Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann,
+erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes
+Rechteck mit schmalen Flanken bildete.
+
+Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal
+stärker waren, von unbändiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar
+nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens
+daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von Karthago hegte,
+verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so
+war er allerorts auch aufgefaßt und schon ausgeführt.
+
+Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die über die
+Flügel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als
+sich beide Heere auf dreihundert Schritt genähert hatten, machten die
+punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten
+die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das
+Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch die
+feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder zu den andern zu
+stoßen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures
+Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem
+Dromedar herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts!
+Vorwärts!«
+
+Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln alle auf
+einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen
+getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten
+sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.
+
+Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, übertönt von
+dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wütend geblasen wurden. Der
+Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und
+wildem Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein.
+Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und
+gleichzeitig sah man auf den Flügeln das leichte Fußvolk wieder im
+Laufschritt heranstürmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.
+
+Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle
+zu öffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in
+ihrer Rückwärtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch
+auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese verlängern. Er
+hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, daß die Karthager
+in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine
+lange gerade Schlachtlinie bildeten.
+
+In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen
+Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je sechzehn Mann tief und
+ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von
+Lanzenspitzen, die weit über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder
+hielten ihre Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe
+zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die
+Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden
+zur Hälfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schützten den
+rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis
+zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte wie ein
+einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich
+zuverlässig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die
+Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die
+Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken
+blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen
+Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen im Zug,
+während in den Türmen Schützen, bis an die Schultern gedeckt, große
+Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt,
+als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten
+die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, eine zweite
+um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die
+Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen
+zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold
+strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die
+Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen
+der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schließlich
+bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein
+Handpferd führten, die beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.
+
+Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht
+festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen Ausdehnung waren
+Bogen und Lücken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.
+
+Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung und machte
+mit gefällten Lanzen einen Vorstoß im Laufschritt. Unter ihrem
+wuchtigen Anprall gab die allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der
+Mitte nach.
+
+Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner zu umfassen.
+Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx aber durchbrach nunmehr durch
+eine nochmalige Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden
+langen Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber die
+karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, Wurfspießen
+und Pfeilen gegen die eingedrungene Phalanx zurück. Um den
+Geschoßangriff abzuschlagen, fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die
+wenige, die da war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem
+rechten Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So war alles
+festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen Massen
+loskommen. Die Gefahr war drohend und ein Entschluß dringend
+notwendig.
+
+Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden Flanken
+anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber die Flügelrotten
+manöverierten so geschickt, daß die Phalanx sich auch hier gegen die
+Barbaren wandte, ebenso furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher
+in der Front gewesen war.
+
+Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein, doch die Reiterei
+störte sie von hinten im Angriff, und die Phalanx, an die Elefanten
+gelehnt, schloß sich bald zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus,
+bald bildete sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein
+Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung flutete beständig
+von der Front nach der Queue. Die nämlich, die in den hintern Gliedern
+standen, drängten nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder
+verwundet waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich gegen die
+Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich vorwärts. Sie glich
+einem Meer, in dem die roten Federbüsche und die blitzenden
+Metallschuppen wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie
+Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen stürzten breite Ströme
+von einem Ende zum andern und fluteten dann wieder zurück, während in
+der Mitte eine schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben
+und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke Schwerter in so
+hastiger Bewegung, daß man nur die Spitzen erkannte, und
+Reiterschwärme brachen durch die Masse, die sich hinter ihnen rasch
+wieder wirbelnd zusammendrängte.
+
+Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale der Trompeten und
+den schrillen Klang der Leiern pfiffen die Blei- und Tonkugeln, um die
+Schwerter aus den Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern.
+Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem Schild und streckten
+die Schwerter vor, den Knauf auf den Boden gestemmt. Andre wälzten
+sich in Blutlachen, um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse
+stand so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so stark, daß
+man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, die sich ergeben
+wollten, wurden nicht einmal gehört. Wenn man keine Waffen mehr hatte,
+rang man Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer, und
+Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen zwei sie
+umklammernden Armen. Eine Kompagnie von sechzig Umbriern marschierte
+festen Tritts, die Lanzen eingelegt, zähneknirschend und
+unerschütterlich vor und zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum
+Weichen. Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen
+des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den Mähnen und ließen
+ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen ihre Reiter ab und jagten über
+die Ebene hin. Die ausgeschwärmten punischen Schleuderer standen
+verblüfft da. Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen
+ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen aus der
+Reihe. Die Barbaren aber hatten sich wieder geordnet. Sie griffen von
+neuem an: der Sieg war ihnen!
+
+Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein Gebrüll von
+Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig Elefanten, die in zwei
+Treffen anstürmten. Hamilkar hatte nur gewartet, bis die Söldner auf
+einem einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann loszulassen.
+Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam gestachelt, daß ihnen das
+Blut über die breiten Ohren rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel
+standen senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit einem
+Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne durch eiserne
+Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt waren. Um sie wilder zu
+machen, hatte man sie mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und
+Weihrauch berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder,
+und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den über sie
+hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von den Türmen
+herabzufliegen begannen.
+
+Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den Ungetümen in dichten
+Haufen entgegen. Die Elefanten stürmten ungestüm mitten in sie hinein.
+Die Spieße an ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die
+Heerscharen, die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten die
+Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und reichten sie über
+ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den Türmen. Mit ihren Stoßzähnen
+schlitzten sie den Gegnern die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in
+die Luft. Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie Tauwerk
+an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren die Augen auszustechen oder
+die Kniekehlen durchzuschneiden. Manche krochen ihnen unter den Bauch,
+stießen ihnen das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von
+ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das Riemenzeug und
+sägten mitten in Flammen, Kugeln und Pfeilen die Gurtung durch, bis
+der Weidenturm umklappte wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten
+vom rechten äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt,
+wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen die Indier zu
+ihren Hämmern, setzten die Meißel auf die Schädeldecken und schlugen
+mit aller Kraft zu. Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen
+übereinander. Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen von Kadavern
+und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant, »Zorn Baals« genannt, die
+Beine in Ketten verstrickt, einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum
+Abend.
+
+Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten,
+zerstampften und zertrümmerten die übrigen Tiere alles und ließen
+ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln aus. Um die Reihen von
+Soldaten zurückzudrängen, von denen die Kolosse umringt wurden,
+drehten sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum,
+wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die Karthager fühlten
+sich wieder stark und frisch, und die Schlacht begann von neuem.
+
+Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten warf
+ein Teil die Waffen weg. Schrecken ergriff die übrigen. Man sah
+Spendius, auf seinem Dromedar hockend, wie er es an den Schultern mit
+zwei Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln und eilte
+auf Utika zu.
+
+Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten keinen Versuch,
+die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer, von Durst verzehrt, schrien und
+wollten nach dem Flusse. Nur die Karthager, die in der Mitte der
+Karrees gestanden und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften vor
+Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu entgehen drohte. Schon
+machten sie sich zur Verfolgung der Söldner auf,--da erschien
+Hamilkar.
+
+Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen
+Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes flatternden Bänder wehten
+hinter ihm im Winde. Seinen ovalen Schild hatte er unter den linken
+Schenkel geschoben. Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot
+er dem Heere Halt.
+
+Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden auf ihre
+Handpferde und galoppierten in verschiedenen Richtungen nach der Stadt
+und nach dem Flusse zu.
+
+Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den Barbaren noch
+übrig war. Gegnerischen Schwertern nah, hielten die Söldner die Kehle
+hin und schlossen die Augen. Andre verteidigten sich verzweifelt. Man
+warf sie aus der Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte
+befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten ihm nur
+mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen, ihre Schwerter in die Leiber
+der Barbaren zu stoßen. Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie
+Schnitter, mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, um
+Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, die in der
+Ebene hinter Söldnern herjagten, und sahen zu, wie es ihnen gelang,
+die Flüchtlinge bei den Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang
+festhielten und dann mit Axthieben niederschlugen.
+
+Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren verschwunden.
+Flüchtige Elefanten jagten am Horizont mit brennenden Türmen umher. Da
+und dort leuchteten sie durch die Finsternis wie halb im Nebel
+verlorene Blinkfeuer. In der weiten Ebene bemerkte man keine andre
+Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die vielen Leichen
+geschwollen war, die er dem Meere zutrug.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein der Sterne sah er lange,
+unregelmäßige Haufen auf dem Boden liegen.
+
+Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich. Sie waren alle tot.
+Er rief. Keine Stimme gab ihm Antwort.
+
+Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt
+verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. Als er Utika erreichte,
+war das Heer des Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren
+eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. Man hatte sich auf
+beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. Doch als das Getöse, das man
+in der Richtung auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm,
+war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge geeilt. Niemand
+begegnete ihm, da die Barbaren in die Ebene flohen.
+
+Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige Massen, und
+diesseits des Flusses, noch näher, brannten dicht über dem Boden
+unbewegliche Lichter. Die Karthager hatten sich hinter die Brücke
+zurückgezogen. Um die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet
+zahlreiche Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.
+
+Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen zu erkennen. Es
+waren regungslose Pferdeköpfe auf den Spitzen von Lanzenpyramiden, die
+er undeutlich sah. In der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder
+und Becherklang.
+
+Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden könne. Von Angst
+befallen, verwirrt und im Dunkel verloren, kehrte er in noch größerer
+Hast auf demselben Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der
+Berghöhe Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten
+Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den Stadtmauern
+lehnten, und südlicher das Söldnerlager.
+
+Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen den Soldaten,
+dicht an den Zelten, schliefen halbnackte Männer, auf dem Rücken
+liegend oder die Stirn auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte.
+Einige wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende rollten
+sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und brachten ihnen zu
+trinken. In den engen Lagergassen gingen die Posten auf und ab, um
+sich zu erwärmen, oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in
+trotziger Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. Matho
+fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, die über zwei in die
+Erde gerammten Stöcke gespannt war. Er saß da, die Hände um die Knie
+geschlungen, mit gesenktem Haupte.
+
+Lange verharrten beide in Stillschweigen.
+
+Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«
+
+»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.
+
+Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten Gebärden.
+
+Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug die Leinwand
+zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte ihn an ein andres Unglück an
+nämlicher Stätte, und zähneknirschend rief er aus:
+
+»Elender! Schon einmal ...«
+
+»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn Spendius.
+
+»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am Ende werd ich ihn
+doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn töten! Ach, wär ich dagewesen!«
+
+Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte ihn noch mehr
+als die Niederlage an sich. Er riß sein Schwert ab und schleuderte es
+zu Boden.
+
+»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch geschlagen?«
+
+Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang der Schlacht zu
+erzählen. Matho sah im Geiste alles vor sich und geriet in große
+Aufregung. Das Heer, das vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken
+fallen müssen, statt zur Brücke zu eilen, meinte er.
+
+»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.
+
+»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief nehmen müssen!
+Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen die Phalanx führen! Und
+Lücken für die Elefanten offen halten! Noch im letzten Moment wäre
+alles wieder zu gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«
+
+Spendius entgegnete:
+
+»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem Arm aus dem Staub
+emporragen. Wie ein Adler flog er an den Flanken der Bataillone hin.
+Bei jedem Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder dehnten
+sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander. Er hat mich
+angeblickt und mir war zumute, als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«
+
+»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte Matho bei sich.
+
+Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter den ungünstigsten
+Umständen herbeigeführt haben könnte. Dann kamen sie auf die
+Kriegslage zu sprechen. Spendius, der seinen Fehler beschönigen oder
+sich selber ermutigen wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.
+
+»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief Matho. »Ich ganz
+allein werde den Krieg fortsetzen!«
+
+»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf. Mit großen
+Schritten ging er auf und ab. Seine Augen blitzten, und ein seltsames
+Lächeln verzog sein Schakalgesicht.
+
+»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich nur nicht wieder!
+Ich habe kein Geschick für die offnen Feldschlachten. Der Glanz der
+Schwerter trübt meinen Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu
+lange im Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen,
+und ich will in die Festungen eindringen und die Insassen sollen kalt
+sein, ehe noch die Hähne krähen! Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen
+Feind, einen Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »_ein Weib_, und
+wäre sie eine Königstochter,--ich bringe dir schleunigst, was du
+begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst mir vor, daß ich die
+Schlacht gegen Hanno verloren hätte. Aber ich habe sie ja dann doch
+wiedergewonnen! Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns mehr
+genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem er dem Bedürfnis
+nachgab, sich herauszustreichen und Rache zu üben, zählte er alles
+auf, was er für die Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in
+den Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in Sikka, habe ich
+sie mit der Furcht vor der Republik toll gemacht! Gisgo leuchtete
+ihnen heim,--ich ließ die Dolmetscher gar nicht zu Worte kommen! Ha,
+wie ihnen die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich noch? Ich
+habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich habe den Zaimph geraubt!
+Ich habe dich zu _ihr_ geführt. Und ich werde noch mehr tun! Du sollst
+sehen!«
+
+Er brach in ein tolles Gelächter aus.
+
+Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand Grauen vor diesem
+Manne, der so feig und dabei so schrecklich war.
+
+Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in heiterem Tone fort:
+
+»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in den Steinbrüchen
+Fronarbeit getan und unter goldnem Sonnendache auf einem Schiffe, das
+mein war, Massiker geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den
+Zweck, uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden. Es
+liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«
+
+Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.
+
+»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du hast ein
+ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine Leute gehorchen dir!
+Stelle sie in das Vortreffen! Die meinen werden folgen, um Rache zu
+nehmen. Ich habe noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und
+Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine Phalanx
+formieren. Kehren wir um!«
+
+Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch nicht zu der
+Überlegung gekommen, wie er es vielleicht wieder gutmachen könne. Er
+hörte mit offenem Munde zu, und die Erzschuppen, die seine Brust
+umspannten, drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen.
+Er hob sein Schwert auf und rief:
+
+»Folge mir! Vorwärts!«
+
+Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß die Toten der
+Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört und Hamilkar verschwunden
+sei.
+
+
+
+
+IX
+
+Im Felde
+
+
+Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder vor Utika
+erwarten oder gegen ihn vorrücken. Aber da er seine Streitkräfte weder
+zum Angriff noch zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf
+dem rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn vor einem
+unmittelbaren Überfalle sicherte.
+
+Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache der Barbaren
+abspenstig machen, indem er ihnen ihren Abfall stillschweigend
+verzieh. Später freilich, wenn sie wieder isoliert dastanden, wollte
+er einzeln über sie herfallen und sie vernichten.
+
+In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen Thukkaber und Utika
+mit den Städten Tignikabah, Tessurah, Vakka und andern Orten weiter im
+Westen. Das in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel
+berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado, Thapitis und Hagur
+schickten ihm Gesandte. Die Landleute kamen mit Lebensmitteln, baten
+ihn um Schutz, küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten
+sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken die Köpfe von
+Söldnern, die sie angeblich getötet hatten. In Wahrheit hatten sie nur
+Tote geköpft. Viele von den Barbaren hatten sich nämlich auf der
+Flucht verirrt, und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und in
+den Vignen ihre Leichname.
+
+Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am Tage nach dem Siege
+die zweitausend Gefangenen, die man auf dem Schlachtfelde gemacht
+hatte, nach Karthago gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je
+hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen hinten aufgebundene
+Eisenstangen gefesselt. Sogar die Verwundeten mußten blutend
+mitlaufen. Reiter hinter ihnen trieben sie mit Peitschenhieben
+vorwärts.
+
+Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich immerfort, daß
+sechstausend Barbaren gefallen waren, daß die andern nicht Widerstand
+leisten könnten, daß also der Krieg beendet sei. Man umarmte einander
+auf den Straßen und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit
+Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus, als ob sie mit
+ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und den bis zu den Schultern
+erhobenen Armen unter der frischen Bemalung Leben gewönnen und an dem
+Jubel des Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste. Die
+Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die Tempel waren
+allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der Göttin zogen nach Malka
+hinunter und errichteten an den Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz,
+auf denen sie sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die
+Sieger, Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für den
+Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den Antrag, ihm neue
+Würden und Vorrechte zu verleihen.
+
+Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit anzuknüpfen, um
+den alten Gisgo und die mit ihm in Gefangenschaft geratenen Karthager
+gegen gefangene Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders
+ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und Nomaden, aus
+denen Autarits Heer bestand, hatten aber nur wenig Zusammenhang mit
+den gefangenen Söldnern, die von italischer oder griechischer Abkunft
+waren. Und da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige
+Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die andern aber
+sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle, und Autarit lehnte das
+Angebot ab.
+
+Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen, obwohl ihnen
+der Suffet geschrieben hatte, man solle sie nicht töten. Er gedachte,
+die besten in sein Heer einzustellen und dadurch noch andre zum Abfall
+zu verlocken. Doch der Haß war stärker als alle Rücksichten der
+Klugheit.
+
+Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der Mappalier an
+Grabstelen gebunden, und nun kamen Krämer, Küchenjungen, Arbeiter, ja
+sogar Weiber--die Witwen der Gefallenen--mit ihren Kindern, kurz alle,
+die es danach gelüstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man zielte
+recht lange, um die Qual der Opfer zu verlängern, und hob und senkte
+die Waffe immer wieder. Die Menge drängte sich grölend herum. Lahme
+ließen sich auf Bahren herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr
+Essen mit und blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man
+schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente sich ein
+schönes Sümmchen Geld, indem er Bogen verlieh.
+
+Am Ende ließ man die mit Pfeilen gespickten Leichen stehen, die über
+den Gräbern wie rote Statuen ragten. Die Erregung ergriff selbst die
+Leute von Malka, die von der Urbevölkerung abstammten und in
+patriotischen Dingen sonst sehr gleichgültig waren. Aus Dankbarkeit
+für das Vergnügen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glücke des
+Vaterlands Anteil und fühlten sich als Punier. Die Gerusiasten priesen
+ihre eigene Schlauheit. Sie wähnten durch diesen Racheakt das ganze
+Volk zu einer Einheit verschmolzen zu haben.
+
+Auch der Segen der Götter fehlte nicht, denn aus allen Himmelsgegenden
+flogen Raben herbei. Sie kreisten mit lautem, heiserem Krächzen durch
+die Luft und formten eine ungeheure Wolke, die sich beständig um sich
+selbst drehte. Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermäischen
+Vorgebirge aus. Manchmal zerriß sie plötzlich, und ihre schwarzen
+Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler war mitten in sie
+gestoßen. Bald flog er wieder weiter. Auf den Terrassen, den Kuppeln,
+den Spitzen der Obelisken und den Giebeln der Tempel, überall hockten
+große Vögel, Fetzen von Menschenfleisch in ihren geröteten Schnäbeln.
+
+Des üblen Geruches wegen sahen sich die Karthager genötigt, die
+Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde verbrannt. Die übrigen warf man
+ins Meer, und die vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am
+andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade.
+
+Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel in Schrecken
+versetzt, denn von der Höhe des Eschmuntempels sah man, wie sie ihre
+Zelte abbrachen, ihr Vieh zusammentrieben und ihr Gepäck auf Esel
+luden. Noch am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab.
+
+ * * * * *
+
+Indem das Söldnerheer zwischen dem Berge der Heißen Wasser und
+Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte, sollte es dem Suffeten die
+Annäherung an die tyrischen Städte unmöglich machen und ihm die
+Rückkehr nach Karthago verlegen.
+
+Währenddem sollten die beiden andern Heere versuchen, Hamilkar im
+Süden zu fassen, und zwar Spendius von Osten, Matho von Westen her.
+Schließlich wollten sich alle drei vereinigen, ihn überraschen und
+einschließen. Da bekamen sie eine völlig unverhoffte Verstärkung.
+Naravas erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech beladene
+Kamele, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend Reiter.
+
+Um die Söldner zu schwächen, hatte es der Suffet für angebracht
+erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschäftigen. Hamilkar
+hatte sich von Karthago aus mit Masgaba verständigt, einem gätulischen
+Banditenführer, der sich ein Reich zu gründen suchte. Dieser Abenteurer
+hatte mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die
+Unabhängigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten aufgewiegelt.
+Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme benachrichtigt, war in Kirta
+eingefallen, hatte den Siegern das Zisternenwasser vergiftet, ein paar
+Köpfe abgeschlagen und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er
+zurück, wütender auf den Suffeten als die Barbaren.
+
+Die vier Heerführer verständigten sich über den Kriegsplan. Da der
+Krieg lange dauern würde, mußte alles vorgesehen werden.
+
+Zunächst kam man überein, den Beistand der Römer anzurufen. Man bot
+diese Sendung Spendius an. Als Überläufer aber wagte er sie nicht zu
+übernehmen. Zwölf Männer aus den griechischen Kolonien schifften sich
+nun in Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann forderten
+die Führer von allen Barbaren den Fahneneid. Täglich hielten die
+Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle ab. Den Posten wurde der Gebrauch
+des Schildes verboten. Sie waren nämlich häufig an die Lanze gelehnt
+stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit sich führte,
+hatte sich deren zu entledigen. Nach römischem Brauch mußte alles
+Gepäck auf dem Rücken getragen werden. Aus Vorsicht gegen die
+Elefanten errichtete Matho ein Kürassierregiment, das, Roß wie Reiter,
+vom Scheitel bis zur Sohle in nägelbeschlagener Nilpferdhaut steckte.
+Um auch die Hufe der Pferde zu schützen, flocht man ihnen Schuhe aus
+Spartofasern.
+
+Es wurde verboten, die Ortschaften zu plündern und Einwohner
+nichtpunischer Herkunft zu malträtieren. Da die Gegend aber ausgesogen
+war, befahl Matho, die Lebensmittel nur noch nach der Kopfzahl der
+Soldaten zu verteilen und die Weiber nicht mehr zu berücksichtigen.
+Anfangs teilten die Söldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren
+dadurch wegen mangelhafter Ernährung die Kräfte. Unaufhörlich kam es
+zu Zwisten und Schimpfereien, da manche die Gefährtinnen andrer durch
+die Verführungskraft oder durch das Versprechen ihrer Portionen zu
+sich lockten. Matho befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders
+erbarmungslos davonzujagen. Sie flüchteten in Autarits Lager, aber die
+Gallierinnen und Libyerinnen daselbst nötigten sie durch fortgesetzte
+Schikanen wieder zum Abzug.
+
+Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie den Schutz der
+Zeres und der Proserpina anriefen, denn im Gebiete der Burg gab es
+einen Tempel und auch Priester dieser Gottheiten, zur Sühne für die
+Greuel, die einst bei der Belagerung von Syrakus begangen worden
+waren. Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten
+die jüngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche Neukarthager
+nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen, weil sie blonde Frauen
+liebten.
+
+Manche der Weiber aber ließen nicht vom Heere. Sie liefen an der Seite
+der Kompagnien neben den Hauptleuten her, riefen ihre Männer beim
+Namen, zupften sie am Mantel, zerschlugen sich die Brust und
+verwünschten sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden
+Kinder hinhielten. Dieser Anblick rührte die Barbaren. Aber die Weiber
+waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man stieß sie immer wieder zurück,
+und doch wichen sie nicht. Matho ließ sie schließlich von den Reitern
+des Naravas mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm
+zuriefen, sie müßten Frauen haben, antwortete er: »Ich hab auch
+keine!«
+
+Molochs Geist kam über ihn. Trotz der Gegenrede seines Gewissens
+vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich einbildete, der
+Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn er die Felder nicht verwüsten
+konnte, so ließ er Steine darauf werfen, um sie unfruchtbar zu machen.
+
+Durch wiederholte Botschaften drängte er Autarit und Spendius zur
+Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten waren unbegreiflich.
+Nacheinander lagerte Hamilkar bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklärer
+glaubten ihn in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches
+des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder, daß er den Makar
+oberhalb Teburba überschritten habe, als ob er nach Karthago
+zurückkehren wolle. Kaum war er an einem Orte, so brach er schon nach
+einem andern auf. Die Marschstraßen, die er einschlug, blieben immer
+unbekannt. Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen
+Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch.
+
+Die Märsche und Gegenmärsche ermüdeten die Karthager aber mehr als die
+Söldner, und Hamilkars Streitkräfte nahmen, da sie nicht erneuert
+wurden, von Tag zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die
+Lebensmittel bereits saumseliger. Überall stieß er auf Zaudern und
+stillen Haß, und trotz seiner dringenden Bitten an den Großen Rat kam
+ihm keine Hilfe aus Karthago.
+
+Man sagte--vielleicht glaubte man es auch--, daß er keine nötig hätte.
+Das sei Arglist oder unnützes Klagen. Um ihm zu schaden, übertrieben
+Hannos Anhänger die Bedeutung seines Sieges. Die Truppen, die er
+befehligte, hätte man opferwillig aufgebracht; aber man könne doch
+nicht alle seine Forderungen erfüllen. Der Krieg sei wahrlich schwer
+genug! Er hätte schon zu viel gekostet. Aus Hochmut unterstützten
+Hamilkar die Einflußreichsten seiner eigenen Partei nur schwach.
+
+Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb mit Gewalt von den
+Stämmen alles bei, was er zum Kriege brauchte: Korn, Öl, Holz, Vieh
+und Menschen. Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch die
+er marschierte, waren leer. Man durchstöberte die Hütten, ohne etwas
+darin zu finden. Bald umgab schreckliche Einöde das punische Heer.
+
+Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen die Provinzen zu
+verwüsten. Sie verschütteten die Zisternen und steckten die Häuser in
+Brand. Die Funken, vom Winde fortgetragen, flogen weit umher. Auf den
+Bergen gerieten ganze Wälder in Brand, und um die Täler flammten
+Feuerkränze. Ehe man durchmarschieren konnte, mußte man erst lange
+warten. Und wenn es soweit war, setzte das Heer seinen Marsch in der
+Sonnenglut auf der heißen Asche fort.
+
+Bisweilen sah man neben der Straße im Gebüsch etwas funkeln wie die
+Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein Barbar, der auf den Fersen
+hockte und sich mit Staub beschmiert hatte, um mit der Farbe des
+Laubes eins zu sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hörten die
+Flügelmänner plötzlich Steine rollen, und wenn sie aufblickten, sahen
+sie oben am Rande der Schlucht einen barfüßigen Mann davonlaufen.
+
+Währenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei, da die Söldner sie
+nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl diesen Städten, Hilfe zu
+schicken. Doch sie wagten nicht, sich ihrer Verteidigungskräfte zu
+entblößen, und so antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten,
+Höflichkeiten und Entschuldigungen.
+
+Er wandte sich nunmehr plötzlich nach Norden, entschlossen, sich eine
+der tyrischen Städte zu erschließen, und sollte er sie auch belagern.
+Er bedurfte eines Stützpunktes an der Küste, um von den Inseln oder
+von Kyrene Proviant und Soldaten beziehen zu können. Am meisten lockte
+ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am nächsten lag.
+
+Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig den See von
+Hippo-Diarrhyt. Doch bald war er gezwungen, seine Regimenter in lange
+Marschkolonnen auseinander zu ziehen, um über den Höhenrücken zwischen
+den beiden Tälern hinüber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang stieg man
+gerade eine weite kraterartige Schlucht vom Kamme hinab, als man vor
+sich, unmittelbar über dem Boden, Wölfinnen aus Metall erblickte, die
+über das Gras zu laufen schienen.
+
+Dazu tauchten große Helmbüsche auf, und von Flöten begleitet, erscholl
+ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war das Heer des Spendius. Seine
+Kampaner und Griechen hatten aus Haß gegen Karthago römische
+Feldzeichen angenommen. Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe
+Lanzen, Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern.
+Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier, Balearier und Gätuler.
+Man hörte die Pferde des Naravas wiehern. Die Reiter ritten
+weitausgeschwärmt über den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten
+Scharen, die Autarit führte, die Gallier, Libyer und Nomaden. Mitten
+unter ihnen erkannte man die »Esser unreiner Speisen« an den
+Fischgräten, die sie im Haare trugen.
+
+So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung ihrer
+Marschentfernungen vereint. Doch selber überrascht, blieben sie
+zunächst eine Weile unbeweglich stehen und berieten sich.
+
+Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisförmigen Masse
+zusammengezogen, so daß sie überallhin gleichen Widerstand bieten
+konnten. Die hohen spitzen Schilde waren dicht nebeneinander in den
+Rasen gesteckt und bildeten eine Mauer um das Fußvolk. Die Klinabaren
+standen außerhalb dieses Kreises, und noch weiter weg, in Abständen,
+die Elefanten. Die Söldner waren von den Strapazen erschöpft und
+wollten deshalb lieber den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewiß,
+beschäftigten sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken.
+
+Sie hatten große helle Feuer angezündet, die sie selbst blendeten und
+das punische Heer unter ihnen um so mehr ins Dunkel rückten. Nach
+römischem Brauch ließ Hamilkar rings um sein Lager einen Graben von
+fünfzehn Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter aus
+der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen, auf dem spitze, sich
+kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt wurden. Als die Sonne
+aufging, waren die Söldner arg erstaunt, daß sie die Karthager so samt
+und sonders wie in einer Festung verschanzt sahen.
+
+Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er umherging und
+Befehle erteilte. Er trug einen braunen kleinschuppigen Panzerrock.
+Sein Pferd folgte ihm. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der
+ausgestreckten Rechten auf etwas zu zeigen.
+
+Manch einer dachte da zurück an ähnliche Morgen, an denen der
+Marschall die Front abgeschritten und man sich an seinen Blicken
+gestärkt hatte wie an einem Becher Wein. Eine seltsame Rührung ergriff
+die Hinabschauenden. Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude
+toll, daß man ihn umzingelt hatte.
+
+Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so mußte man sich auf
+dem zu engen Raume gegenseitig schaden. Die Numidier konnten zwar eine
+Attacke mitten hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten
+Klinabaren stark überlegen. Und wie sollte man über die Schanzpfähle
+hinwegkommen? Auch die Elefanten waren noch nicht genügend
+abgerichtet.
+
+»Ihr seid allesamt Feiglinge!« schrie Matho.
+
+Und mit den Tapfersten stürzte er gegen die Verschanzung vor. Ein
+Steinhagel trieb sie zurück, denn der Suffet hatte ihre an der Brücke
+zurückgelassenen Geschütze mitgenommen.
+
+Dieser Mißerfolg verursachte in den beweglichen Geistern der Barbaren
+einen jähen Umschlag. Ihr Übermut verschwand. Sie wollten zwar siegen,
+aber unter so wenig Gefahren wie nur möglich. Spendius meinte, man
+müsse die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten und das
+punische Heer aushungern. Doch die Karthager begannen Brunnen zu
+graben, und da ihr Platz rings von Bergen umgeben war, so fanden sie
+wirklich Wasser.
+
+Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde, Mist und
+Feldsteine, und die sechs Geschütze rollten unablässig auf dem Walle
+vor und zurück.
+
+Indessen mußten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel zu Ende
+gehen, die Katapulte abgenützt werden und die Söldner, an Zahl zehnmal
+überlegen, schließlich doch zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen,
+begann der Suffet Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die
+Barbaren in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes Schaffell.
+Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges. Die Alten hätten ihn zum
+Kriege gezwungen. Um den Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halte,
+bot er ihnen Utika oder Hippo-Diarrhyt--ganz nach Belieben--zur
+Plünderung an. Zum Schluß erklärte er, keineswegs aber hege er Furcht,
+denn er habe Verräter unter ihnen gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde
+er leicht mit den übrigen fertig werden.
+
+Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer unmittelbaren Beute
+machte sie nachdenklich. Sie fürchteten Verrat, da sie in der
+Prahlerei des Suffeten keine Falle argwöhnten, und begannen einander
+mit Mißtrauen zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das
+Benehmen eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus dem Schlafe auf.
+Viel brachen mit ihren bis dahin besten Kameraden. Man wählte sich
+nach Gutdünken Anschluß an andre Truppenteile. So schlossen sich die
+Gallier unter Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie
+verstanden. Die vier Heerführer kamen allabendlich in Mathos Zelt
+zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben aufmerksam die
+kleinen Holzfiguren hin und her, die Pyrrhus zur Darstellung von
+taktischen Hergängen erfunden hatte. Spendius wies auf die
+Hilfsquellen Hamilkars hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu
+verpassen. Dabei zitierte er alle möglichen Götter. Matho schritt
+erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg gegen Karthago war
+seine ureigene Angelegenheit. Es empörte ihn, daß die andern
+dareinredeten, ohne ihm gehorchen zu wollen. Autarit erriet diese
+Gedanken an seinem Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob
+verächtlich den Kopf. Es gab keine Maßregel, die er nicht für
+verderblich erklärt hätte. Er lächelte nicht mehr. Seufzer
+entschlüpften ihm, als unterdrücke er den Schmerz über einen
+unerfüllbaren Traum, die Verzweiflung über ein verfehltes Unternehmen.
+
+Während die Barbaren unschlüssig hin und her berieten, verstärkte der
+Suffet seine Verteidigungsmittel. Er ließ innerhalb seiner
+Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen und an seinen Ecken hölzerne
+Basteien errichten. Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen
+Vorposten hinein, um Fußangeln auszulegen. Die Elefanten, deren
+Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren Fesseln. Um Futter
+zu sparen, befahl der Marschall den Klinabaren, ihre minder kräftigen
+Hengste zu töten. Man weigerte sich mehrfach. Hamilkar ließ die
+Ungehorsamen enthaupten. Man verzehrte die getöteten Pferde. Die
+Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden Tagen große
+Traurigkeit hervor.
+
+Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager eingeschlossen
+waren, sahen sie ringsum auf den Höhen die vier Barbarenlager, die
+voller Bewegung waren. Weiber mit Schläuchen auf den Köpfen gingen hin
+und her. Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden. Die
+Posten wurden abgelöst. Man aß, um die Feldkessel gelagert. Die Stämme
+lieferten Lebensmittel in Fülle, und die Söldner ahnten selber nicht,
+wie sehr nervös ihre Untätigkeit das punische Heer machte.
+
+Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager der Nomaden einen
+Haufen von etwa dreihundert Menschen bemerkt, die abgesondert blieben.
+Das waren die Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren.
+Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande des Grabens
+auf, traten hinter sie und schleuderten Spieße, indem sie die Leiber
+der Gefangenen als Deckung benutzten. Die Unglücklichen waren kaum
+wiederzuerkennen. Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und
+Schmutz gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene Haar
+machte Geschwüre auf ihren Köpfen sichtbar. Dabei waren sie so
+abgemagert und widerlich, daß sie Mumien in zerlöcherten
+Leichentüchern glichen. Manche zitterten und schluchzten mit blöder
+Miene. Andre riefen ihren Landsleuten zu, auf die Barbaren zu
+schießen. Einer stand ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und
+sprach kein Wort. Sein langer weißer Bart wallte bis hinab auf seine
+mit Ketten beschwerten Hände. Den Karthagern war es zumute, als ob die
+Republik zusammenbräche: sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl
+die Stelle gefährlich war, drängten sie sich heran, um ihn zu sehen.
+Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flußpferdhaut mit einer
+Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein Einfall Autarits. Matho
+mißfiel diese Verhöhnung.
+
+Erbittert ließ Hamilkar die Palisadenbrustwehr öffnen. Er war fest
+entschlossen, sich durchzuschlagen,--einerlei wie. In einem wütenden
+Ausfalle drangen die Karthager bis zur halben Höhe des Abhanges
+dreihundert Schritte weit hinauf. Da aber stürzte ihnen eine solche
+Flut von Barbaren abwärts entgegen, daß sie in ihre Verschanzung
+zurückgetrieben wurden. Einer von der Garde, der noch draußen war,
+strauchelte über einen Stein. Zarzas eilte herbei, warf ihn zu Boden,
+stieß ihm den Dolch in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann
+stürzte er sich auf den Daliegenden, preßte den Mund auf seine Wunde
+und sog, unter krampfartigen Zuckungen und wilde Jodler ausstoßend,
+das Blut in vollen Zügen ein. Hinterher setzte er sich ruhig auf den
+Leichnam, warf den Kopf hintenüber, um besser Luft zu bekommen, wie
+ein Hirsch, der eben an einem Gießbach getrunken hat, und stimmte mit
+schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine wirre Melodie voll
+langgezogener Töne, die öfters abbrach und sich dann wiederholte wie
+ein Echo in den Bergen. Er rief seine toten Brüder an und lud sie zum
+Feste ein. Dann nahm er seine Hände zwischen die Beine, neigte langsam
+den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte die Barbaren, vornehmlich
+die Griechen.
+
+Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr. Ebensowenig aber
+dachten sie daran, sich zu ergeben, eines qualvollen Todes gewiß.
+
+Trotz Hamilkars Fürsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich ab. Für
+jeden Mann blieben nur noch zehn Khomer Getreide, drei Hin Hirse und
+zwölf Betza getrocknete Früchte. Kein Fleisch, kein Öl, kein
+Eingesalzenes mehr, kein Korn Gerste für die Pferde. Man sah sie den
+abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube nach zertretenen
+Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die auf dem Walle stehenden Posten
+beim Schein des Mondes Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in
+den Abfällen wühlten. Man tötete sie mit Steinwürfen, ließ sich mit
+Schildriemen an den Schanzpfählen hinunter und verzehrte die Tiere
+alsdann, ohne ein Wort zu reden. Bisweilen freilich erhob sich ein
+furchtbares Gebell, und der Mann kehrte nicht zurück. In der vierten
+Gliederschaft der zwölften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten
+mit Messern im Streit um eine Ratte.
+
+Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Häusern: die Armen nach
+ihren bienenkorbförmigen Hütten mit Muschelschalen an der Türschwelle
+und einem aufgehängten Netz davor, die Patrizier nach ihren geräumigen
+Gemächern, wo sie im Blau der Dämmerung während der heißen
+Tagesstunden zu ruhen und dem gedämpften Straßenlärm zu lauschen
+pflegten, den das Blätterrauschen im Garten melodisch machte. Und um
+sich tiefer in solche Träumerei zu versenken und sie mehr zu genießen,
+schlossen sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie wieder weckte.
+Alle Augenblicke gab es ein Gefecht, einen Alarm. Die hölzernen
+Basteien brannten. Die »Esser unreiner Speisen« kletterten an den
+Pfählen herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hände ab. Andre stürmten
+heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die Zelte hernieder. Man
+errichtete Gänge aus Rohrgeflecht, um sich gegen die Wurfgeschosse zu
+schützen. Die Karthager verbargen sich darunter und rührten sich nicht
+mehr.
+
+Täglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten Morgenstunden
+wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels und ließ ihn dann im
+Schatten. Die Sonne blieb hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten
+stiegen die grauen Hänge empor, mit großen Steinen übersät, die mit
+spärlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darüber wölbte sich der
+ewig klare Himmel, der den Augen glatter und kälter erschien als eine
+Kuppel aus Stahl. Hamilkar war so ärgerlich über Karthago, daß er Lust
+spürte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie gegen die
+Stadt zu führen. Schon fingen die Troßknechte, die Marketender, die
+Sklaven zu murren an, und weder das Volk, noch der Große Rat, noch
+sonst jemand sandte ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unerträglich,
+zumal bei dem Gedanken, daß sie immer schlimmer werden mußte.
+
+ * * * * *
+
+Bei der Kunde von diesem Mißgeschick raste man in Karthago vor Zorn
+und Haß. Man hätte den Suffeten weniger verwünscht, hätte er sich
+gleich zu Anfang besiegen lassen.
+
+Um neue Söldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit und Geld. Wollte
+man aber Soldaten in der Stadt ausheben: womit sollte man sie
+ausrüsten? Hamilkar hatte alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie
+befehligen? Die besten Hauptleute befanden sich ja draußen bei ihm!
+Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten ein, die laut rufend durch
+die Straßen zogen. Der Große Rat geriet darüber in Aufregung und ließ
+sie beiseite schaffen.
+
+Das war eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Man beschuldigte den Barkiden
+allgemein der Saumseligkeit. Er hätte nach seinem Siege die Söldner
+vernichten sollen. Warum hatte er die Stämme gebrandschatzt? Hatte man
+nicht hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten über
+die Kriegssteuern, die man persönlich sowie aus den Syssitien gezahlt
+hatte. Auch wer nichts gegeben hatte, klagte mit den übrigen. Das Volk
+war eifersüchtig auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle
+Bürgerrecht versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich so
+tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren und verwünschte
+auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung wie ein Verbrechen, wie eine
+Mitschuld vor. Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Läden, die
+Arbeiter, die, ihr bleiernes Winkelmaß in der Hand, vorübergingen, die
+Salzlakehändler, die ihre Körbe spülten, die Badeknechte in den
+Bädern, die Verkäufer warmer Getränke, alle erörterten sie die
+Vorgänge des Feldzuges. Man zeichnete mit dem Finger Operationspläne
+in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel, der nicht
+Hamilkars Fehler zu verbessern gewußt hätte.
+
+Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe für so lange Gottlosigkeit.
+Er hätte keine Opfer gespendet, hätte seine Truppen nicht weihen
+lassen, ja, er hätte sich geweigert, Auguren mitzunehmen. Das Ärgernis
+über seine Gottlosigkeit schürte den unterdrückten starken Haß, die
+Wut über die enttäuschten Hoffnungen. Man erinnerte sich seines
+Unglücks in Sizilien. Sein Hochmut, den man so lange ertragen, drückte
+nun mit einem Male mehr denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm
+nicht, daß er ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem
+Großen das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn er jemals
+zurückkehre.
+
+Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewöhnlich stark, war eine
+weitere Plage. Vom Ufer des Haffs stiegen ekelhafte Dünste auf. In sie
+mischten sich die Wirbelwolken des Räucherwerks, das an den Straßenecken
+brannte. Unablässig hörte man Hymnen absingen. Menschenmassen wogten auf
+den Treppen der Tempel. Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern
+behängt. Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder, und das
+Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann in roten Kaskaden die
+Tempelstufen hinab. Ein düsterer Wahnsinn hatte Karthago erfaßt. Aus den
+engsten Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten auf,
+Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zähnen knirschten.
+Schrilles Weibergekreisch erfüllte die Häuser, drang durch die
+Fenstergitter auf die Plätze und beunruhigte die dort plaudernden
+Müßiggänger. Zuweilen glaubte man, die Barbaren kämen. Man hatte sie
+hinter dem Berge der Heißen Wasser gesehen. Sie sollten bei Tunis
+lagern. Die Stimmen vervielfältigten sich, schwollen an und verschmolzen
+zu einem einzigen Schrei. Dann trat allgemeine Stille ein. Eine Menge
+Leute hockten auf den Dächern der Gebäude und spähten, die Hand über den
+Augen, in die Weite, während andre am Fuße der Wälle platt auf dem Boden
+lagen und aufmerksam lauschten. Wenn der Schreck vorüber war, dann
+begann die Wut von neuem. Aber das Bewußtsein ihrer Ohnmacht versenkte
+die Bevölkerung bald wieder in die alte Trübsal.
+
+Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn man allgemein
+auf den Terrassen stand und sich neunmal verneigte und die Sonne mit
+lautem Rufen grüßte. Sie sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann
+mit einem Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren,
+verschwand.
+
+Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler von der Höhe
+eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog, das Symbol der Erneuerung
+des Jahres, eine Botschaft des Volkes an den höchsten Gott, eine
+Feier, die man als eine Art von Bündnis, als Vermählung mit der Kraft
+der Sonne betrachtete. Übrigens wandte sich das haßerfüllte Volk jetzt
+abergläubisch dem menschenverschlingenden Moloch zu, und alle
+verließen Tanit. In der Tat schien die Mondgöttin, ihres Mantels
+beraubt, einen Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die
+Wohltat ihrer Gewässer, sie hatte Karthago verlassen. Sie war eine
+Abtrünnige, eine Feindin. Manche warfen mit Steinen nach ihr, um sie
+zu beschimpfen. Doch während man sie arg schmähte, beklagte man sie
+gleichzeitig. Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem.
+
+Alles Unglück rührte unbedingt vom Verluste des Zaimphs her, und
+Salambo war mittelbar daran schuld. Der Groll richtete sich deshalb
+auch auf sie. Sie müsse bestraft werden! Alsbald lief der unbestimmte
+Gedanke einer Opferung im Volke um. Um die Götter zu versöhnen, müsse
+man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschätzbarem Werte opfern,
+ein schönes, junges, jungfräuliches Geschöpf aus altem Hause, den
+Göttern entsprossen, einen Stern der Menschheit. Täglich drangen
+unbekannte Männer in die Gärten von Megara. Die Sklaven zitterten für
+ihr eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten.
+Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht über die Galeerentreppe
+hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten hinauf nach dem hohen
+flachen Dache des Schlosses. Sie warteten auf Salambo und schrien
+stundenlang nach ihr wie Hunde, die den Mond anheulen.
+
+
+
+
+X
+
+Die Schlange
+
+
+Das Pöbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht. Sorgen
+beunruhigten sie. Ihre große Schlange, ein schwarzer Python, ward
+immer matter. Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie
+persönlicher Fetisch. Man hielt sie für Kinder des Urschlamms, weil
+sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Füße bedürfen, um auf
+ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte an die Wellen im Strom,
+ihr kühler Körper an die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der
+Kreis, den sie beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beißen, an
+die Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns.
+
+Salambos Schlange hatte schon öfters die vier lebendigen Spatzen
+verschmäht, die man ihr bei jedem Vollmond und jedem Neumond brachte.
+Ihre schöne Haut, wie das Himmelsgewölbe mit goldnen Flecken auf
+tiefschwarzem Grund übersät, war jetzt gelb, welk, runzelig und für
+ihren Körper zu weit. Flockiger Schimmel sproß rings um ihren Kopf,
+und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man flackernde kleine rote
+Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo an den aus Silberdraht
+geflochtenen Korb und hob den Purpurvorhang, die Lotosblätter und die
+Daunendecke auf, worunter die Schlange beständig in sich
+zusammengerollt lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge
+des steten Hinsehens fühlte Salambo in ihrem eigenen Herzen einen
+Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine zweite Schlange
+allmählich bis hinauf zur Kehle um sie winde und sie ersticke.
+
+Sie war in Verzweiflung, daß sie den Zaimph gesehen hatte, und doch
+empfand sie eine seltsame Freude darüber, einen geheimen Stolz. In den
+schimmernden Falten des heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen.
+Er war ein Symbol der Wolken, die die Götter umhüllen, das Mysterium
+des Weltalls. Salambo graute es vor sich selbst, aber sie bedauerte
+doch, den Mantel nicht hochgehoben zu haben.
+
+Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs, die Hände um ihr
+linkes Bein geschlungen, mit halbgeöffnetem Munde, gesenktem Kinn und
+starrem Blick. Voll Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters
+ins Gedächtnis. Sie hätte in den Libanon Phöniziens zum Tempel von
+Aphaka pilgern mögen, wo Tanit in Gestalt eines Sternes auf die Erde
+gekommen war. Allerlei Vorstellungen lockten und schreckten sie.
+Überdies ward ihre Einsamkeit von Tag zu Tag größer. Sie wußte nicht
+einmal, was aus Hamilkar geworden war.
+
+Schließlich ward sie des Grübelns müd. Sie erhob sich und schlürfte in
+ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen bei jedem Schritte gegen ihre
+Fersen klappten, durch das weite stille Gemach, immer hin und her,
+ohne Zweck und Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke
+warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen wandte Salambo
+den Kopf ein wenig nach oben, um sie zu betrachten. Sie betastete die
+aufgehängten zweihenkligen Steinkrüge an den Hälsen oder kühlte sich
+den Busen mit breiten Fächern oder vertrieb sich die Zeit damit, in
+hohlen Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging, nahm
+Taanach die schwarzen Filzläden aus den Fenstern weg. Flugs kamen dann
+Salambos Tauben hereingeflattert, die mit Moschus eingerieben waren
+wie die Tauben der Tanit, und ihre rosenroten Füßchen hüpften über die
+Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkörnern hin, die sie ihnen
+mit vollen Händen hinstreute, wie ein Landmann den Samen auf ein
+Ackerfeld. Plötzlich aber brach sie in Schluchzen aus, und dann lag
+sie, ohne sich zu rühren, auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder,
+lang hingestreckt, während sie immer ein und dasselbe Wort
+wiederholte, mit offnen Augen, totenblaß, kalt und empfindungslos ...
+und doch hörte sie das Gekreisch der Affen draußen in den
+Palmenwipfeln und das unablässige Knarren des großen Rades, das durch
+alle Stockwerke hindurch einen Strom reinen Wassers in ihre
+Porphyrwanne leitete.
+
+Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume sah sie
+verschleierte Gestirne, die ihr zu Füßen tanzten. Sie rief
+Schahabarim; aber wenn er kam, wußte sie nicht mehr, was sie ihn
+fragen wollte.
+
+Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu leben. In ihrer
+tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner Herrschaft. Sie empfand
+dem Priester gegenüber zugleich Furcht, Eifersucht, Haß und eine
+wunderliche Liebe, der Dankbarkeit entsprossen für die eigentümliche
+Wollust, die sie in seiner Nähe fühlte.
+
+Er hatte erkannt, daß Salambo im Banne der Tanit stand, denn er wußte
+wohl Bescheid, welche Götter die oder jene Krankheit sandten. Um
+Salambo zu heilen, ließ er ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut
+und Krullfarn besprengen. Jeden Morgen mußte sie Alraun einnehmen.
+Nachts schlief sie auf einem Säckchen wohlriechender Kräuter, die von
+den Oberpriestern gemischt worden waren. Schahabarim hatte sogar
+Baaras angewandt, eine feuerrote Wurzel, mit der die bösen Geister
+nach Norden vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den
+Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen der Tanit. Doch
+Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen wurden immer stärker.
+
+Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim. In seiner Jugend
+hatte er auf der Schule der Mogbeds zu Borsippa bei Babylon studiert,
+hatte dann Samöthrake, Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Judäa besucht,
+die Tempel der Nabatäer, die halb verweht im Sande lagen, und er war
+zu Fuß an den Ufern des Nils von den Katarakten bis zum Meere
+hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx, des Vaters des Schreckens,
+hatte er mit verschleiertem Antlitz, Fackeln schwingend, einen
+schwarzen Hahn auf einem Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten
+der Proserpina hinabgestiegen. Er hatte die fünfhundert Säulen des
+Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter von Tarent brennen
+sehen, der auf seinem Schafte so viele Lampen trug, als es Tage im
+Jahre gibt. Nachts empfing er zuweilen Griechen, um von ihnen zu
+lernen. Die Weltordnung beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der
+Götter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria die
+Äquinoktien beobachtet und hatte die Bematisten des Euergetes, die den
+Himmel durch Schrittzählungen ausmaßen, bis nach Kyrene begleitet. Und
+so war in seiner Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne
+feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik. Den
+Glauben, daß die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet sei, hatte er
+abgetan. Er hielt sie für rund, für eine Scheibe, die ewig falle, in
+die Unendlichkeit hinein, mit einer so fabelhaften Geschwindigkeit,
+daß man ihren Fall gar nicht gewahr wird.
+
+Aus der Stellung der Sonne über dem Monde schloß er auf die
+Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne selbst nur
+Widerschein und Sinnbild war. Überdies zwang ihn alles, was er von
+irdischen Dingen beobachtete, zu der Erkenntnis, daß das vernichtende
+männliche Prinzip das höhere sei. Auch zieh er die Mondgöttin
+insgeheim der Schuld am Unglücke seines Lebens. Hatte ihn nicht
+ihretwegen der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln unter
+einer Schale siedenden Wassers der künftigen Mannheit beraubt?
+Schwermütig folgte sein Blick den Männern, die sich mit den heiligen
+Hetären der Tanit im Schatten der Terebinthenhaine verloren.
+
+Seine Tage rannen dahin, während er die Räucherpfannen beaufsichtigte,
+die goldnen Gefäße, die Feuerzangen, die Harken vor dem Altar, die
+Gewänder der Götterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der
+Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes gekräuselt
+wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock mit den Smaragden.
+Immer zur nämlichen Stunde schlug er die breiten Vorhänge der
+nämlichen Türen zurück und ließ sie wieder fallen. In der nämlichen
+Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder lag betend auf den
+nämlichen Steinfliesen, während ein Schwarm von Priestern um ihn her
+barfuß durch die Gänge wallte, die in ewigem Dämmerlichte
+schlummerten.
+
+In der Öde seines Lebens sah er Salambo wie eine Blume in der Spalte
+einer Gruft. Und doch war er streng gegen sie und ersparte ihr keine
+Buße und kein hartes Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen
+ihr und ihm eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger,
+weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schön und vor
+allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es ihr schwer fiel, seinen
+Gedanken zu folgen. Dann ging er tieftraurig von ihr, und dann fühlte
+er sich ganz verlassen, einsam und leer.
+
+Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo aufleuchteten
+wie gewaltige Blitze, die Abgründe erhellen. Das geschah in den
+Nächten oben auf dem flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide
+allein die Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren
+Füßen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer, das sich im Dunkel
+der Schatten verlor.
+
+Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem gleichen Wege
+zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch die Zeichen des Tierkreises
+wandelt. Mit ausgestrecktem Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des
+menschlichen Ursprunges und im Steinbock das der Rückkehr zu den
+Göttern. Salambo bemühte sich, sie zu erkennen, denn sie hielt diese
+Vorstellung für Wirklichkeit. Bloße Symbole, ja selbst bildliche
+Ausdrücke nahm sie für wahr an sich. Allerdings war auch dem Priester
+der Unterschied nicht immer völlig klar.
+
+»Die Seelen der Verstorbenen«, sagte er, »lösen sich im Monde auf wie
+ihre Körper in der Erde. Ihre Tränen bilden seine Feuchtigkeit. Es ist
+ein dunkler Ort voller Sümpfe, Trümmer und Stürme.«
+
+Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr würde. »Zuerst schwindest
+du dahin, leicht wie ein Hauch, der sich über den Wogen wiegt; und
+erst nach längeren Prüfungen und Ängsten gehst du ein in das hohe Haus
+der Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!«
+
+Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar--wie Salambo glaubte--aus
+Scham über das Mißgeschick seiner Göttin. Auch sie sprach immer nur
+das gewöhnliche Wort »Mond« aus, das nichts weiter bedeutete als bloß
+das Gestirn, und sie erschöpfte sich in frommen Worten über sein
+mildes befruchtendes Licht. Schließlich aber rief Schahabarim aus:
+
+»Nein, so ist das nicht! Der Mond erhält all seine Fruchtbarkeit von
+anderswo! Siehst du denn nicht, wie er um die Sonne schleicht wie ein
+verliebtes Weib, das einem Manne über das Feld nachläuft?« Und
+unaufhörlich pries er die Kraft des Sonnenlichtes.
+
+Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertöten, reizte er sie
+vielmehr auf. Er schien sogar Vergnügen daran zu finden, Salambo durch
+die Offenbarung einer unerbittlichen Lehre in Verzweiflung zu stoßen,
+und sie ging trotz der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit
+bereitete, eifrig darauf ein.
+
+Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto mehr gab er sich
+Mühe, sich doch seinen Glauben an sie zu wahren. In tiefster Seele
+hielt ihn die Angst vor späterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem
+Beweise, einer Kundgebung der Göttin, und in der Hoffnung, dies zu
+erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich sein Vaterland und
+seinen Glauben retten sollte.
+
+Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub und das Unglück zu
+beklagen, das davon ausgegangen sei und sich bis in die Weiten des
+Himmels erstrecke. Jetzt verkündete er ihr auch unvermittelt die
+Gefahr, in der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos
+Führung bedrängt. Matho, der Räuber des heiligen Mantels, war für die
+Karthager der Herzog der Barbaren. Schahabarim setzte hinzu, daß das
+Heil der Republik und des Suffeten einzig und allein von Salambo
+abhänge.
+
+»Von mir?« rief sie aus. »Wie kann ich denn ...?«
+
+Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln:
+
+»Nie wirst du dich dazu verstehen!«
+
+Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim:
+
+»Du mußt zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurückholen!«
+
+Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange, am ganzen Leibe
+zitternd, mit schlaff zwischen den Knien herabhängenden Armen sitzen,
+wie ein Opfertier am Fuße des Altars, des Schlages mit der Keule
+harrend. Die Schläfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um sich
+kreisen und begriff in ihrer Betäubung nur noch das eine: daß sie bald
+sterben müsse.
+
+Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurückkäme und Karthago
+gerettet würde! Was lag dann am Leben eines Weibes!
+
+So dachte Schahabarim. Überdies war es ja möglich, daß sie den Mantel
+erlangte, ohne dabei umzukommen. Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am
+Abend des vierten Tages ließ sie ihn rufen.
+
+Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr alle die
+Schmähungen, die man im versammelten Rate gegen Hamilkar ausstieß. Er
+sagte ihr, daß sie schuldig sei, daß sie ihre Sünde sühnen müsse und
+daß die Göttin dies als Opfer von ihr erheische.
+
+Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Straße der Mappalier hinauf
+nach Megara. Schahabarim und Salambo traten rasch hinaus und hielten
+von der Galeerentreppe Ausschau.
+
+Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen. Die Alten
+weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen Versuche für
+unnütz erachteten. Schon manche wären ohne Führer ausgezogen und
+hätten den Tod gefunden! Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in
+den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um Moloch eine
+Art Huldigung darzubringen oder bloß aus ziellosem Zerstörungstriebe,
+in den Tempelhainen große Zypressen, zündeten sie an den Ampeln der
+Kabiren an und trugen sie singend durch die Straßen. Diese
+Riesenfackeln bewegten sich in gemächlichem Hin- und Herwiegen
+vorwärts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf den
+Tempelfirsten, auf die Schmuckstücke der Kolosse und auf die
+Schiffsbeschläge. Sie zogen über die Terrassen hin und kreisten wie
+Sonnen durch die Stadt. Sie kamen die große Treppe von der Akropolis
+herab. Das Tor von Malka tat sich ihnen auf.
+
+»Bist du bereit?« fragte Schahabarim. »Oder hast du denen da den
+Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden, daß du ihn im Stiche
+lässest?«
+
+Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, während sich der
+Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande hinabzog.
+
+Eine vage Angst hielt sie zurück. Sie fühlte Furcht vor Moloch, Furcht
+vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt ein Hüne, der Herr des Zaimphs,
+hatte jetzt die gleiche Macht über Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in
+der nämlichen Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die Seelen
+der Götter in den Leibern von Menschen. Und hatte Schahabarim, als er
+von Matho sprach, nicht gefordert, daß sie Moloch besiegen solle?
+Matho und Moloch verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie
+verwechselte beide, und beide waren ihre Verfolger.
+
+Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange. Die Haltung
+der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch der Korb war leer. Salambo
+erschrak.
+
+Sie fand das Tier neben ihrem Hängebett. Es hatte sich um einen
+Pfeiler des silbernen Geländers geringelt und rieb sich daran, um die
+alte welke Haut abzustreifen, aus der sein heller glänzender Leib
+schon hervorschimmerte wie ein halb aus der Scheide gezücktes Schwert.
+
+Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen überzeugen ließ, je
+geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um so gesünder und kräftiger ward
+ihre Schlange. Sie lebte sichtlich wieder auf.
+
+Jetzt war Salambo gewiß, daß Schahabarim den Willen der Götter
+übermittle. Eines Morgens erwachte sie fest entschlossen und fragte,
+was sie tun müsse, damit Matho den Mantel zurückgäbe.
+
+»Ihn fordern!« entgegnete Schahabarim.
+
+»Aber wenn er sich weigert?«
+
+Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lächeln, das sie bei ihm
+noch nie gesehen hatte.
+
+»Ja, was dann?« wiederholte Salambo.
+
+Der Priester spielte mit den Enden der Bänder, die von seiner Tiara
+auf seine Schultern herabfielen, und stand unbeweglich da, mit
+gesenktem Blick. Als er aber merkte, daß sie ihn nicht verstand, da
+sagte er endlich:
+
+»Du wirst mit ihm allein sein!«
+
+»Weiter?« fragte sie.
+
+»Allein in seinem Zelte!«
+
+»Was heißt das?«
+
+Schahabarim biß sich auf die Lippen. Er suchte nach einer
+Umschreibung, einer Ausflucht.
+
+»Wenn du sterben mußt, so wird das später geschehen!« sprach er.
+»Später! Fürchte also nichts! Und was er auch beginnt, rufe nicht!
+Erschrick nicht! Du mußt demütig sein, verstehst du, und seinem
+Wunsche gefügig, denn das ist ein Gebot des Himmels!«
+
+»Und der Zaimph?«
+
+»Dafür werden die Götter schon sorgen!« entgegnete Schahabarim.
+
+»Kannst du mich nicht begleiten, Vater?«
+
+»Nein!«
+
+Er hieß sie niederknien, drückte die Linke an sich und schwor mit der
+ausgestreckten Rechten für sie, daß sie den Mantel der Tanit nach
+Karthago zurückbringen wolle. Unter grauenhaften Formeln weihte er sie
+den Göttern, und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach,
+wiederholte Salambo halb ohnmächtig.
+
+Er schrieb ihr genau die nötigen Reinigungen vor, und wie sie fasten
+müsse, und wie sie zu Matho gelangen könne. Übrigens solle ein
+wegekundiger Mann sie begleiten.
+
+Salambo fühlte sich wie erlöst. Sie dachte nur an das Glück, den
+Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie Schahabarim für seine frommen
+Ermahnungen.
+
+ * * * * *
+
+Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach Sizilien auf den Berg
+Eryx zum Tempel der Venus zu ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem
+Aufbruch suchten und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich
+flogen sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her, und wie
+eine große weiße Wolke schwebten sie am Himmel, hoch über dem Meere.
+
+Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen sich allmählich zu
+den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden sie, als wären sie in den
+Rachen der Sonne hineingestürzt und von ihm verschlungen. Salambo, die
+ihrem Fortfliegen zusah, ließ den Kopf sinken, und Taanach, die ihren
+Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr:
+
+»Sie kehren wieder, Herrin!«
+
+»Ja, ich weiß es.«
+
+»Und du wirst sie wiedersehen!«
+
+»Vielleicht!« versetzte Salambo seufzend.
+
+Sie hatte ihren Entschluß keinem Menschen anvertraut. Um ihn ganz
+heimlich ausführen zu können, sandte sie Taanach in die Vorstadt
+Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe, dessen sie bedurfte: Zinnober,
+Parfümerien, einen leinenen Gürtel und neue Gewänder. Sie wollte diese
+Dinge absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte Dienerin
+erstaunte über diese Zurüstungen, wagte aber keine Fragen. So kam der
+Tag heran, den Schahabarim zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte.
+
+Um die zwölfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine einen blinden
+Greis, der sich mit einer Hand auf die Schulter eines vor ihm
+hinschreitenden Kindes stützte und mit der andern eine Harfe aus
+schwarzem Holz gegen die Hüfte gepreßt trug. Die Eunuchen, die Sklaven
+und Dienerinnen waren sorgfältig entfernt worden. Niemand sollte etwas
+von dem Mysterium erfahren, das sich zu vollziehen begann.
+
+Taanach zündete in den Ecken des Gemaches vier eherne Dreifüße an, die
+mit kretischem Rosenharz und Paradieskörnern gefüllt waren. Dann
+rollte sie große babylonische Teppiche auf und hängte sie an Schnüren
+rings an den Wänden auf. Salambo wollte von niemandem gesehen werden,
+selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler hockte hinter der Tür.
+Der Knabe stand aufrecht daneben und hielt eine Schilfflöte an seinen
+Lippen. In der Ferne, halbverklungen, summte der Straßenlärm. Die
+Säulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten, und auf der
+andern Seite des Golfes verschwammen die Bergzüge, die Olivenhaine und
+die gelben, endlos sich hinwellenden Felder in bläulichem Dufte. Man
+hörte keinen Laut. Unsägliche Mattigkeit lastete in der Luft. Salambo
+kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der Onyxstufe nieder, streifte
+ihre weiten Ärmel zurück, befestigte sie hinter den Schultern und
+begann ihre Waschungen vorschriftsmäßig nach den heiligen Bräuchen.
+
+Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterfläschchen eine
+halbgeronnene Flüssigkeit. Es war das Blut eines schwarzen Hundes, der
+in einer Winternacht von unfruchtbaren Weibern in den Ruinen eines
+Grabes getötet worden war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die
+Fersen und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel ein
+wenig gerötet wurde, als hätte er eine Frucht zerdrückt.
+
+Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen Harfe und Flöte
+ineinander zu tönen.
+
+Salambo legte ihre Ohrgehänge, ihr Halsband, ihre Armringe und ihr
+langes weißes Obergewand ab, löste ihre Haarbinde und schüttelte ihr
+sie umwallendes Haar eine Weile leise, um sich an den Strähnen die
+Schultern zu kühlen. Die Musik draußen tönte fort: es waren drei
+hastige wilde Töne, die immer wiederkehrten. Die Saiten der Harfe
+klangen schrill, die Flöte gurgelte. Taanach schlug den Takt mit ihren
+Händen. Salambo wiegte sich mit ihrem ganzen Körper und sang Gebete
+ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern. Einer der
+schweren Teppiche an der Wand bewegte sich, und über der Schnur, die
+ihn trug, erschien der Kopf der Pythonschlange. Langsam glitt sie
+herab wie ein Wassertropfen, der an der Wand herunterrinnt, kroch
+zwischen den daliegenden Gewändern hin und richtete sich dann, den
+Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in die Höhe. Ihre starr
+auf Salambo gerichteten Augen blitzten heller denn Karfunkelsteine.
+
+Aus Scheu vor der Kälte oder vielleicht auch aus Scham zögerte Salambo
+eine Weile. Dann aber fielen ihr die Befehle Schahabarims ein, und sie
+ging auf die Schlange zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte
+ihres Leibes auf den Nacken der Jungfrau und ließ Kopf und Schwanz
+herunterhängen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen beide Enden zu
+Boden fallen. Salambo schlang das Tier um ihre Hüften, unter ihren Arm
+hindurch, um ihre Knie. Dann faßte sie es beim Kopfe, drückte seinen
+kleinen dreieckigen Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit
+halbgeschlossenen Augen hintenüber. Das weiße Mondlicht umsickerte sie
+mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren ihrer Füße glänzten auf den
+Fliesen. Helle Sterne zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange
+schmiegte ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo.
+Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre Hüften gaben nach. Sie
+fühlte sich dem Tode nahe. Der Python streichelte ihr mit dem
+Schwanzende sanft die Schenkel ...
+
+Plötzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurück.
+
+Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei Lampen
+aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefüllten Kristallkugeln
+brannten, färbte sie die Handflächen ihrer Herrin mit Henna, streute
+ihr auf die Wangen Zinnober, Antimon über die Augenlider, und
+verlängerte ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus, Ebenholz
+und zerquetschten Fliegenfüßen.
+
+Salambo saß auf einem Stuhle mit Elfenbeinfüßen und überließ sich der
+Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen, der Duft der
+Parfümerien und der Hunger nach dem langen Fasten gingen über ihre
+Kräfte. Sie wurde so bleich, daß Taanach innehielt.
+
+»Fahr fort!« gebot Salambo.
+
+Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmählich wieder zu sich.
+Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb Taanach zur Eile an. Die alte
+Dienerin murmelte:
+
+»Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!«
+
+»Doch!« erwiderte Salambo. »Es erwartet mich wohl jemand!«
+
+Taanach fuhr vor Erstaunen zurück, und um mehr zu erfahren, fragte
+sie:
+
+»Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mußt ...«
+
+Da brach Salambo in Tränen aus.
+
+»Du leidest!« rief die Sklavin. »Was fehlt dir? Geh nicht fort! Nimm
+mich mit! Als du noch ganz klein warst, nahm ich dich an mein Herz,
+wenn du weintest, und brachte dich mit den Spitzen meiner Brüste zum
+Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin!« Dabei schlug sie sich auf
+ihren vertrockneten Busen. »Jetzt bin ich alt und kann nichts mehr für
+dich tun! Du liebst mich nicht mehr! Du verheimlichst mir deine
+Schmerzen! Du verachtest die Amme!« Sie weinte vor Liebe und Ärger,
+und die Tränen rannen an ihren Wangen herab durch die Narben ihrer
+Tätowierung.
+
+»Nein!« sagte Salambo. »Ich liebe dich doch! Sei guten Muts!«
+
+Mit einem Lächeln, das der Grimasse eines alten Affen glich, nahm
+Taanach ihre Beschäftigung wieder auf. Die Herrin hatte ihr auf
+Schahabarims Geheiß befohlen, sie prächtig zu schmücken, und so ward
+Salambo nach einem barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung
+von Unnatur und Naivität war.
+
+Über das dünne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit Vogelfedern
+bestickt. Ein breiter goldschuppiger Gürtel umschloß ihre Hüften, von
+dem ihre blauen bauschigen mit Silbersternen besetzten Beinkleider
+herabwallten. Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weißer
+Chinaseide mit grünen Streifen an. Auf den Schultern befestigte sie
+ihr ein viereckiges Purpurtuch, dessen Saum von Sandasterkörnern
+beschwert war. Über all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel
+mit langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo; und stolz auf
+ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklären:
+
+»Am Hochzeitstage wirst du nicht schöner aussehen!«
+
+»Am Hochzeitstage!« wiederholte Salambo und verlor sich in
+Träumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne aus Elfenbein
+stützte.
+
+Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so hoch und breit
+war, daß sie sich vollständig darin erblicken konnte. Da erhob sich
+Salambo und schob mit einer leichten Handbewegung eine Locke zurück,
+die zu tief herabhing.
+
+Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn gekräuselt und floß
+in langen Locken, an deren Enden Perlen hingen, den Rücken hinab. Das
+Licht der Lampe belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf
+ihren Gewändern und die Blässe ihrer Haut. Um die Hüften, an den
+Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie eine solche Fülle von
+Edelsteinen, daß der Spiegel wie von Sonnenstrahlen sprühte. So stand
+Salambo hochaufgerichtet neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu
+betrachten, und lächelte über all den Glanz.
+
+Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr noch blieb,
+schneller vergehe.
+
+Da ertönte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo einen langen
+gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang ein Tuch um den Hals,
+fuhr mit den Füßen in blaue Lederschuhe und befahl Taanach:
+
+»Geh und sieh unter den Myrtenbäumen nach, ob da nicht ein Mann mit
+zwei Pferden wartet!«
+
+Kaum war Taanach zurück, so stieg Salambo die Galeerentreppe hinunter.
+
+»Herrin!« rief ihr die Amme nach.
+
+Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf den Mund, zum
+Zeichen, daß sie schweigen und sich nicht rühren solle.
+
+Taanach schlich leise an den Schiffsschnäbeln vorüber an das Geländer.
+Im Scheine des Mondes bemerkte sie unten in der Zypressenallee einen
+gigantischen Schatten, der schräg zur Linken von Salambo hinhuschte.
+Das mußte ein Vorzeichen des Todes sein!
+
+Taanach lief in das Zimmer zurück. Dort warf sie sich lang hin, zerriß
+ihr Gesicht mit den Fingernägeln, raufte sich das Haar und stieß ein
+lautes, gellendes Geheul aus.
+
+Dann aber kam ihr der Gedanke, man könne sie hören. Da ward sie still
+und schluchzte nur noch ganz leise, den Kopf in die Hände und die
+Stirn auf den Boden gepreßt.
+
+
+
+
+XI
+
+Im Zelte
+
+
+Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der Richtung nach der
+Totenstadt, erst bergauf, über den Leuchtturm hinaus, dann durch die
+langgestreckte Vorstadt Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der
+Himmel begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus den
+Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu bücken. Obwohl die
+beiden Pferde im Schritt gingen, glitten sie doch oft aus. So
+gelangten sie endlich an das Tevester Tor.
+
+Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden ritten hindurch.
+Dann schloß sich das Tor hinter ihnen.
+
+Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke hin. Auf der
+Höhe der Zisternen angelangt, nahmen sie die Richtung nach der Taenia,
+einer schmalen Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff trennt
+und sich bis nach Rades erstreckte.
+
+Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch auf dem Meer oder in
+der Ebene. Die schiefergraue Flut brandete leise, und der leichte
+Wind, der mit dem Schaum spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz
+aller ihrer Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle.
+Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie. Dann aber ging die
+Sonne auf. Bald brannte sie ihr auf den Hinterkopf und machte sie
+schläfrig. Die beiden Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre
+Hufe versanken lautlos im Sande.
+
+Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten, wurde der Boden
+fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart weiter.
+
+Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten sich die Felder,
+soweit der Blick reichte, doch öde hin wie eine Wüste. An einzelnen
+Stellen lagen Haufen von Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die
+Körner aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich Dörfer in
+losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.
+
+Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am Rande des Weges.
+Die Dächer der Hütten waren eingestürzt, und im Innern sah man
+Topfscherben, Kleiderfetzen, allerlei Hausrat und Gegenstände
+zerbrochen und kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in
+Lumpen gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden Augen aus
+den Trümmern hervor, lief aber schleunigst wieder davon oder
+verschwand in irgendeinem Loche. Salambo und ihr Führer machten
+nirgends Halt.
+
+Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben Bodens
+waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt, der hinter den Hufen der
+Pferde aufwirbelte. Bisweilen kamen sie auch an friedsamen Stätten
+vorüber, wo ein Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am
+andern Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab, um
+sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines Oleandergebüsches
+machte ihr Pferd einmal einen großen Satz vor dem Leichnam eines
+Mannes, der am Boden lag.
+
+Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen zurecht. Er
+war einer von den Tempeldienern, ein Mann, den Schahabarim
+gelegentlich zu gefährlichen Sendungen gebrauchte.
+
+Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den Pferden neben
+Salambo hin und trieb die Tiere mit dem Ende eines um den Arm
+geschlungenen Lederriemens an. Mitunter entnahm er einem an seiner
+Brust hängenden Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und
+Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren. Er reichte sie
+Salambo im Gange, ohne ein Wort zu sagen.
+
+Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren ihren
+Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf. Sie streiften in Trupps
+von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig Mann herum. Manche trieben eine
+Ziege oder eine lahme Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen
+versehen. Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten, schmutzigen
+Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend, halb verblüfft. Im
+Vorüberziehen riefen die einen den alltäglichen Gruß, andre
+zweideutige Scherzworte aus, und Salambos Begleiter antwortete einem
+jeden in seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen
+kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen Tempel
+wallfahre.
+
+Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell. Sie ritten darauf
+zu.
+
+Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus lose aufgehäuften
+Steinen um ein fragwürdiges Gebäude herum. Ein Hund lief auf dem
+Geröll hin. Der Sklave verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie
+traten in ein geräumiges Gewölbe.
+
+Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem Reisigfeuer,
+dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog. Ihr weißes Haar, das ihr
+bis auf die Knie herabreichte, verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte
+keine Antwort geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen gegen
+die Karthager wie gegen die Barbaren.
+
+Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat er wieder zu der
+Alten und forderte etwas zu essen. Sie schüttelte den Kopf und
+murmelte, in die Kohlen starrend:
+
+»Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ... Der Mund
+ißt nicht mehr ...«
+
+Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die Alte stürzte sich
+darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche Haltung wieder an.
+
+Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an die Kehle.
+Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen Stein aufzuheben.
+Schließlich brachte sie eine Amphora voll Wein, dazu in Honig
+eingemachte Fische herbei, die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.
+
+Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief auf den
+Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke des Gemachs auf den
+Boden gebreitet hatte.
+
+Vor Tagesanbruch weckte er sie.
+
+Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran und hieb ihm
+mit einem einzigen Messerschlage den Kopf ab. Mit seinem Blute
+bestrich er die Nüstern der Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte
+schleuderte ihm aus dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und
+drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.
+
+Sie setzten ihren Marsch fort.
+
+Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien. Der Weg
+hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin. Man hörte nichts als das
+Zirpen der Grillen. Die Sonne dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war
+kreuz und quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus großen
+Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine Schlange vorbei. Adler
+flogen über sie hinweg. Der Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte
+unter ihrem Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus
+Furcht, ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden.
+
+In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den Karthagern
+erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die beiden traten ein, um ein
+wenig im Schatten zu rasten, und setzten dann ihren Weg fort.
+
+Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten Umweg gemacht. Nun
+aber begegneten sie niemandem. Die Gegend war unfruchtbar, und die
+Barbaren hatten sie darum nicht durchstreift.
+
+Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung bemerkbar.
+Bisweilen lag mitten auf einem Felde eine Mosaik, der einzige Überrest
+eines verschwundenen Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen
+vorüber, die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche. Einmal
+ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser bis auf den Grund
+niedergebrannt waren. An den Mauern erblickte man menschliche
+Skelette, auch solche von Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas
+versperrte die Straßen.
+
+Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war mit Wolken bedeckt.
+
+Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung bergan, dann
+erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl kleiner Feuer.
+
+Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da blitzten
+goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten. Das waren die
+Panzer der Klinabaren im punischen Lager. Dann unterschieden sie in
+weiten Kreisen noch andre zahlreichere Lichter, denn die jetzt
+vereinigten Heere der Söldner nahmen viel Raum ein.
+
+Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer führte sie stark
+seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles hin, der das Barbarenlager
+umschloß. An einer Stelle war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand.
+
+Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab, einen Bogen in
+der Hand, eine Lanze über der Schulter.
+
+Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und ein langer
+Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels. Als sie daraufhin
+unbeweglich stehen blieb, rief der Posten sie an und fragte nach ihrem
+Begehr.
+
+»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin ein Überläufer
+aus Karthago.«
+
+Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten zu Posten
+wiederholte.
+
+Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte sich schnaubend im
+Kreise.
+
+Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo auf. Doch da sie
+ihren gelben Schleier, auf dem schwarze Blumen gestickt waren, vor dem
+Gesicht und so viele Gewänder um ihren Leib trug, war sie unerkennbar.
+Von der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die formlose
+Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst erschien.
+
+Endlich sprach sie zu ihm:
+
+»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!«
+
+Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er fühlte, wie sein
+Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte ihn ein.
+
+»So folge mir!« sagte er.
+
+Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.
+
+Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle Feuer loderten
+unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner Widerschein beleuchtete
+grell einzelne Stellen, während er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man
+schrie und rief. Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert,
+in der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig, aus
+Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man Schilfhütten oder auch
+einfache Löcher im Sande, wie sie sich die Hunde scharren. Die
+Soldaten fuhren Faschinen, lagen mit aufgestütztem Ellbogen auf der
+Erde oder schickten sich, in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um
+über sie hinwegzugelangen, mußte Salambos Pferd mehrere Male springen.
+
+Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben. Nur waren
+ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer und ihre Stimmen
+rauher. Matho schritt vor ihr her und machte ihr mit Gesten des Armes,
+die seinen roten Mantel lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten
+küßten ihm die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung an,
+um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche einzige Feldherr
+der Barbaren. Spendius, Autarit und Naravas hatten den Mut verloren.
+Er dagegen hatte so viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß
+ihm alle gehorchten.
+
+Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos Zelt lag am
+Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt von Hamilkars
+Verschanzungen.
+
+Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam ihr vor, als ob
+über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter auftauchten. Sie sahen wie
+abgeschnittene Köpfe aus, doch ihre Augen bewegten sich, und ihren
+halbgeöffneten Lippen entflohen Klagen in punischer Sprache.
+
+Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten der Zelttür. Matho
+schlug hastig die Leinwand zurück. Salambo folgte ihm.
+
+Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der Mitte. Eine große
+Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete es. Sie war bis zum Rande
+mit gelbem Öl gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel
+erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes Schwert lehnte neben
+einem Schilde an einem Schemel. Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln,
+Schellen und Halsketten lagen bunt durcheinander auf geflochtenen
+Körben. Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer Ecke
+auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen nachlässig aufgehäuft,
+und durch die Risse in der Leinwand blies der Wind von draußen Staub
+und den Geruch der Elefanten herein, die man fressen und mit ihren
+Ketten rasseln hörte.
+
+»Wer bist du?« fragte Matho.
+
+Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne zu antworten.
+Dann wandten sich ihre Augen nach dem Hintergrund des Zeltes und
+blieben auf einem bläulich glitzernden Gegenstand haften, der über
+einem Lager aus Palmzweigen hing. Sofort schritt sie darauf zu. Ein
+Schrei entfuhr ihr. Matho blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße.
+
+»Was führt dich her? Wozu kommst du?«
+
+Sie wies auf den Zaimph und erwiderte:
+
+»Um das da zu holen!«
+
+Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht. Matho wich
+zurück, betroffen, fast erschrocken, die Arme nach hinten gestreckt.
+
+Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge schaute sie
+ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte ihn zurück mit beredten
+hochmütigen Worten.
+
+Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren in seinen
+Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden Stoffe waren ihm ebenso
+wie ihre schimmernde Haut etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen
+war. Ihre Augen blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer
+Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine, die ihre Finger
+umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer Tunika zwängten ihren Busen ein
+wenig in die Höhe und preßten die beiden Brüste näher aneinander.
+Mathos Gedanken verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen
+beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes Medaillon
+herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der violetten Gaze hervor. Als
+Ohrgehänge trug sie zwei kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine
+hohle, mit wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch
+winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen
+des Parfüms herab und benetzte ihre nackten Schultern. Matho sah eins
+fallen.
+
+Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das nach einer
+unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo zitternd mit der Spitze
+eines Fingers oben am Busen. Das kühle Fleisch gab mit elastischem
+Widerstand nach.
+
+Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in das Mark feiner
+Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete seinen ganzen Körper und
+drängte ihn jäh nach ihr hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich
+saugen, sie trinken mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten
+aufeinander.
+
+Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie sanft an sich.
+Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben dem Lager aus Palmzweigen
+nieder, auf dem ein Löwenfell ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht
+stehen. Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom
+Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er.
+
+»Wie schön bist du! Wie schön bist du!«
+
+Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet waren, taten ihr
+weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille wurde ihr so
+schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte, um nicht aufzuschreien.
+Schahabarim fiel ihr ein. Sie fügte sich.
+
+Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen, aber von Zeit
+zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen Gebotes den Kopf weg
+und versuchte, sich durch eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit
+weitgeöffneten Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte,
+einen unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie Weihrauch,
+einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und allerlei Seltsamkeiten.
+
+Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt? Ohne Zweifel
+hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie wegen des Zaimphs gekommen?
+Seine Arme fielen schlaff herab. Er neigte den Kopf und versank in
+schwermütige Träumerei.
+
+Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme:
+
+»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?«
+
+»Deinen Tod?«
+
+Sie fuhr fort:
+
+»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden Gärten,
+zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen Sklaven, und deine
+Wut war so groß, daß du auf mich lossprangst und ich fliehen mußte!
+Dann ist der Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die
+Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das Hinmorden von
+Soldaten,--und du, du hattest verwüstet, verheert, gemordet! Ich hasse
+dich! Der bloße Klang deines Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du
+bist verfluchter als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen
+zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich bin der
+Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter Moloch herginge!«
+
+Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz. Er fühlte sich
+erhaben wie ein Gott.
+
+Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen fuhr sie fort:
+
+»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst du zu mir,
+während ich schlief, in den Zaimph gehüllt. Deine Worte habe ich nicht
+verstanden, aber ich habe wohl gefühlt, daß du mich zu etwas
+Schändlichem verführen, mich in einen Abgrund stürzen wolltest ...«
+
+Matho rang die Hände und rief:
+
+»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben! Mir
+war, als hätte die Göttin ihr Gewand für dich hergegeben, als gehörte
+es dir! In ihrem Tempel oder in deinem Hause,--ist das nicht dasselbe?
+Bist du nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?«
+
+Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er fort:
+
+»Vielleicht bist du Tanit selbst!«
+
+»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst.
+
+Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom Gewitter
+erschreckt, blökten Schafe.
+
+»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher! Fürchte nichts!
+
+»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen Haufen der Söldner.
+Ich war so sanftmütig, daß ich für die andern das Holz auf dem Rücken
+schleppte. Was kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl
+wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen, und nach all seinen
+Schätzen, all seinen Provinzen, Flotten und Inseln gelüstet mich
+weniger als nach der Frische deiner Lippen und der Rundung deiner
+Schultern. Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen, um
+dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt. Ich zertrete jetzt
+die Menschen wie Muschelschalen, ich werfe mich auf die Regimenter,
+ich stoße mit den Händen die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an
+den Nüstern. Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du
+wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen ergreift
+mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde von dir, an eine Falte
+deines Gewandes. Das umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine
+Augen in den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der Schilde. Ich
+höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln. Wende ich mich um, und du
+bist nicht da,--dann stürze ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!«
+
+Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten, wie
+Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß rann zwischen den mächtigen
+Muskeln seiner Brust hinab. Sein Atem erschütterte seine Rippen und
+den ehernen Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte bis auf
+die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo, die nur Eunuchen
+gesehen hatte, ward von der Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war
+die Strafe der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in fünf
+Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie. Halb betäubt hörte
+sie kaum noch den Ruf der Posten draußen, die in Intervallen einander
+zuriefen.
+
+Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise eindringenden
+heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze. Hinterher ward die
+Dunkelheit immer um so tiefer, und sie sah nichts mehr als Mathos
+Augen wie zwei glühende Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte
+sie: daß das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer
+wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend, ging
+sie auf den Zaimph zu und hob die Hände, um ihn zu ergreifen.
+
+»Was tust du?« rief Matho.
+
+»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig. Er schritt mit
+verschränkten Armen und so furchtbarer Miene auf sie zu, daß sie wie
+angewurzelt stehen blieb. »Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte
+er. Und zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago zurück?
+So, du kamst also, mir den Zaimph zu rauben, mich wehrlos zu machen und
+dann zu verschwinden! Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich
+mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner großen stillen
+Augen nicht vergessen, noch, wie du mich mit deiner hehren Schönheit zu
+Boden schmettertest! Jetzt ist die Reihe an mir! Du bist meine
+Gefangene, meine Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen
+Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein ganzes verruchtes
+Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend Soldaten! Und noch
+mehr werde ich herbeiholen aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem
+Schoße der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre Tempel zu
+verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem Meere von Blut schwimmen!
+Kein Haus, kein Stein, kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben!
+Und wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus den Gebirgen
+und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche nicht zu entfliehen! Ich
+töte dich!«
+
+Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte wie eine Harfe,
+deren Saiten zu zerspringen drohen. Plötzlich aber erstickte seine
+Stimme in Schluchzen, und er sank in die Knie:
+
+»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger wert als ein
+Skorpion, als Kot und Staub! Eben als du sprachst, wehte dein Atem
+über mein Gesicht, und ich erquickte mich daran wie ein
+Verschmachtender, der am Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt
+mich! Wenn ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur
+deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich liebe dich! Ich
+liebe dich!«
+
+Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt, und umschlang
+ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden Händen. Die Goldmünzen an
+seinen Ohren glänzten auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen
+quollen aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt und
+murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein Hauch und süßer als ein
+Kuß waren.
+
+Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen, die ihr alles
+Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches und doch Hocherhabenes, ein
+Gebot der Götter zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen
+sie empor, und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager, in das
+Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da zersprang das goldne
+Kettchen, und die beiden Enden raschelten gegen die Leinwand wie zwei
+zuckende Schlangen. Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie
+sah Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen.
+
+»Moloch, du verbrennst mich!«
+
+ * * * * *
+
+Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als Flammen. Es
+war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß, als ob die Glut der Sonne
+sie durchlodere.
+
+Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre Füße, die
+langen Flechten ihres Haars.
+
+»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir daran! Entführe aber
+auch mich! Ich will das Heer verlassen! Will auf alles verzichten!
+Dort hinter Gades, zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine
+Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln. Auf den Bergen wiegen
+sich große Blumen, voll Düften, die emporwirbeln wie der Rauch
+heiliger ewiger Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als Zedern,
+werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen Zähnen die Früchte
+hinunter auf den Rasen. Die Luft ist so mild, daß man nicht sterben
+kann. O, diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden in
+Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch wohnt niemand dort, und
+ich werde König des Landes werden!«
+
+Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte ihr ein Stück
+Granatapfel zwischen die Lippen stecken. Er schob ihr Decken unter den
+Kopf, um ein Kissen für sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise
+dienstbar zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße
+wie eine gewöhnliche Decke.
+
+»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen deine Halsbänder
+hingen?« fragte er. »Die sollst du mir schenken! Ich habe sie so
+gern!«
+
+Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter
+entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse waren jetzt
+verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei Wolken hervor. Sie erblickten
+ihn durch ein Loch des Zeltes.
+
+»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick
+versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier, der dein Antlitz
+verbarg. Du blicktest mich durch ihn an. Die Erinnerung an dich ward
+eins mit seinem Licht. Ich unterschied euch nicht mehr!«
+
+Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte ohne Ende.
+
+»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare Mann, vor dem
+Karthago zittert!«
+
+Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und setzte einen Fuß auf
+die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr Kettchen zersprungen war.
+
+Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser daran, diese Fessel
+als etwas nahezu Heiliges anzusehn. Errötend knüpfte Salambo die Kette
+um ihre Knöchel wieder zusammen.
+
+Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate, die Gegend,
+die sie durchritten, alles das tauchte in wildem bunten Wirrwarr vor
+ihr auf, aber doch in klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte
+plötzlich alles das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt.
+
+Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein Regentropfen
+auf das Zeltdach und brachte es in leise zitternde Bewegung.
+
+Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite. Ein Arm von ihm
+hing über den Rand des Lagers hinab. Seine perlengeschmückte Binde
+hatte sich ein wenig verschoben und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln
+umspielte seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen
+seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen Augen
+lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe kränkte. Sie stand vor
+seinem Lager und blickte ihn unbeweglich an, mit gesenktem Haupt und
+übereinandergelegten Händen.
+
+Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz ein
+Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge erregte in Salambo ein
+blutdürstiges Verlangen. Es war ihr, als klagten ferne Stimmen durch
+die Nacht, ein sie beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie
+faßte den Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer. Da
+öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen Lippen ihre Hände, und
+der Dolch fiel zu Boden.
+
+Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete hinter dem
+Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am Eingang zurück: das Lager der
+Libyer stand in Flammen.
+
+Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten sich, platzten im
+Qualm und schossen wie Pfeile davon. Am blutroten Horizont sah man
+schwarze Schatten wirr durcheinander laufen. In den Hütten heulten
+drin Verbliebene. Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten durch das
+Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät und das aus den Flammen
+gerettete Gepäck. Dazu Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!«
+Man wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt Autarits
+Lager!«
+
+Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück.
+
+Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam angeschaut hatte,
+war sie erstaunt, das Glück nicht zu fühlen, das sie sich davon
+ersehnt hatte. Schwermütig stand sie vor ihrem unerfüllten Traume.
+
+Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine unförmige Gestalt
+erschien. Salambo erkannte anfangs nichts als zwei Augen und einen
+langen weißen Bart, der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper
+kroch über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes
+behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden verschwanden die
+beiden Hände im Barte und kamen dann wieder hervor. So schleppte sich
+die Gestalt bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten Gisgo.
+
+Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit sie nicht
+entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert und ließen sie
+alle durcheinander in der Grube im Unrat verkommen. Nur die Stärksten
+richteten sich schreiend hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre
+vernahmen. So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln,
+die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten, daß es eine Karthagerin
+sein müsse, und ergriffen von der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses,
+war es ihm mit Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube
+hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und Händen die
+zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt geschleppt. Zwei Stimmen
+sprachen darin. Er hatte draußen gelauscht und alles gehört.
+
+»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.
+
+Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte:
+
+»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?«
+
+Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:
+
+»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?« Dabei
+kroch er so nahe an sie heran, daß er sie streifte. »Sie hätten mir
+den Schmerz erspart, dich verfluchen zu müssen!«
+
+Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem schmutzigen
+Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst und schrecklich wie ein
+Ungeheuer.
+
+»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich habe Agathokles
+gesehen und Regulus. Hab es erlebt, daß die römischen Adler die Ernte
+der punischen Felder zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut
+und das Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte! Barbaren,
+deren Feldherr ich war, haben mich nun an Händen und Füßen gefesselt
+wie einen Sklaven, der einen Mord begangen hat. Meine Gefährten
+sterben einer nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen
+läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab, die ihnen die
+Augen aushacken wollen. Und dennoch: nicht einen Tag hab ich an
+Karthago verzweifelt! Und hätte ich alle Heere der Welt im Kriege
+gegen die Stadt gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als
+die Giebel seiner Tempel aufgelodert,--ich hätte doch an Karthagos
+Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu Ende, alles verloren! Die
+Götter verabscheuen es! Fluch über dich, die du durch deine Schandtat
+seinen Untergang beschleunigt hast!«
+
+Sie wollte reden ...
+
+»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender Liebe gesehen
+wie eine Dirne! Ein Barbar hat dir seine Geilheit gezeigt, und du hast
+ihm deine Hände zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen
+Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem Beispiel der
+wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung verbergen, nicht aber
+deine Schande angesichts deines Vaters zur Schau stellen!«
+
+»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo.
+
+»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur sechzig Ellen
+voneinander entfernt sind? Und daß dein Matho im Übermaß seiner
+Frechheit sein Zelt unmittelbar vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen
+hat? Dein Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg
+hinaufsteigen könnte, der auf den Wall hinaufführt, so würde ich ihm
+zurufen: Komm und sieh deine Tochter in den Armen des Barbaren! Um ihm
+zu gefallen, hat sie das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem
+Leibe gibt sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät
+unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das Heil Karthagos!«
+
+Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte sein langer Bart.
+Seine Augen starrten Salambo an, wie um sie zu verschlingen, und im
+Staube kriechend, wiederholte er keuchend:
+
+»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!«
+
+Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie mit ausgestrecktem
+Arme hoch. Stumm blickte sie nach Hamilkars Lager hinüber.
+
+»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie.
+
+»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg von hier! Wühle dein
+Antlitz lieber tief in den Boden ein! Das dort ist ein heiliger Ort,
+den dein Blick entweiht!«
+
+Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte hastig ihren
+Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch auf und rief:
+
+»Ich will hin!«
+
+Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand.
+
+Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem zu begegnen, denn
+alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm ward immer heftiger. Große
+Flammen röteten den Himmel hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr
+den Weg.
+
+Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte eine
+Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was ihr hinaufhelfen
+könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo, und es kam ihr vor, als ob Schreie
+und Schritte sie verfolgten. Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie
+einen Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie nahm den
+Saum ihres Gewandes, der sie behinderte, zwischen die Zähne und
+gelangte mit drei Sprüngen auf den Wall hinauf.
+
+Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche, den sie
+jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen hatte. Sie beugte sich vor
+und erkannte den Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an
+den Zügeln hielt.
+
+Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern hin und her
+gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst beunruhigt, an
+den Wall herangegangen und hatte versucht, zu erspähen, was in Mathos
+Lager vorgehe. Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten
+lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht wieder
+verlassen.
+
+Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo glitt vom Walle
+zu ihm hinunter. Dann umritten sie galoppierend das punische Lager, um
+einen Eingang zu finden.
+
+ * * * * *
+
+Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende Lampe erhellte es
+schwach. Er glaubte, Salambo schliefe. Behutsam tastete er mit der
+Hand über das Löwenfell auf dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort.
+Da riß er heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das
+Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.
+
+Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes Geschrei,
+Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch die Luft.
+Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen. Wie ein Orkan wirbelte es
+um den Rebellenführer her. In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen
+und stürzte hinaus.
+
+In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang hinab, während ihnen
+die punischen Karrees in schwerfälligem, taktmäßigem Marsche
+entgegenrückten. Der Nebel war eben von den ersten Sonnenstrahlen
+zerrissen worden. Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen
+flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen, die mehr und
+mehr sichtbar wurden. Bei der raschen Bewegung der Truppenmassen
+schien es, als ob sich ganze Teile des Bodens, die noch im Schatten
+lagen, mit einem Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob
+sich Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige Massen
+herausragten. Matho konnte die Hauptleute, die Soldaten, die Herolde
+erkennen, sogar die Troßknechte auf ihren Eseln. Mit einem Male sah
+er, wie Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke des
+Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte, als wolle
+er sich von den Puniern in seine eigne Flanke fallen lassen.
+
+Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus, die nunmehr
+langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier verstärkten ihr Tempo.
+Mit weit vorgestreckten zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder
+Fahrt dahin, daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich
+ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen Patrouillen los,
+warf Schwert, Lanze und Wurfspeere von sich und verschwand alsbald
+unter den Karthagern. Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars
+trat, wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht
+hatten, und sagte:
+
+»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!«
+
+Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor Hamilkar nieder,
+und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte er ihn an alle
+Einzelheiten seines Verhaltens seit dem Ausbruche des Krieges.
+
+Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von Karthago und die
+Niedermetzelung der Gefangenen verhindert. Ferner hätte er den Sieg
+über Hanno nach der Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die
+tyrischen Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen
+seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am Makar nicht
+beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht gegen den Marschall
+kämpfen zu müssen.
+
+In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle in die punischen
+Provinzen vergrößern wollen und daher die Söldner je nach den
+Siegesaussichten bald unterstützt, bald im Stiche gelassen. Weil er
+jetzt aber einsah, daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging
+er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher Groll
+gegen Matho zugrunde, sei es wegen des Oberbefehls oder wegen seiner
+alten Liebe.
+
+Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Der Mann, der sich
+derart in ein Heer hineinwagte, dessen Rache er gewärtig sein mußte,
+war kein zu verachtender Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die
+Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen Pläne. Mit Hilfe
+der Numidier vermochte er die Libyer in Schach zu halten. Dann konnte
+er die westlichen Völker bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.
+
+Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen sei, und ohne eine
+seiner Lügen zu widerlegen, küßte er Naravas und umarmte ihn dreimal.
+
+Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung, hatte
+er das Lager der Libyer in Brand gesteckt. Die Numidier kamen ihm wie
+eine von den Göttern gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und
+erwiderte:
+
+»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht, was die Republik
+für dich tun wird, aber Hamilkar ist kein Undankbarer!«
+
+Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während Hamilkar seine
+Rüstung anlegte, sagte er:
+
+»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr Fußvolk zwischen
+deine und meine Elefanten! Vorwärts! Vernichte sie!«
+
+Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo. Sie sprang von
+ihrem Pferde, öffnete ihren weiten Mantel, breitete die Arme aus und
+entfaltete den Zaimph.
+
+Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen war, übersah man
+den ganzen Umkreis des von Soldaten erfüllten Gebirgskessels, und da
+Salambo gleichsam im Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von
+allen Seiten. Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph- und
+Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen still. Sterbende
+stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten hin und segneten sie.
+Auch alle Barbaren wußten nun, daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte.
+Sie sahen Salambo von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem
+ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem Jubel der Karthager
+zum Trotz. So stampften und brüllten fünf Heere aus ihren an den
+Hängen gestaffelten Stellungen.
+
+Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem Nicken des Hauptes.
+Seine Augen richteten sich bald auf den Zaimph, bald auf seine
+Tochter. Da bemerkte er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er
+schauderte zusammen, von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch nahm
+er seine gleichgültige Miene wieder an und blickte Naravas, ohne den
+Kopf zu wenden, von der Seite an.
+
+Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten. Auf
+seiner Stirn lag noch etwas von dem Staube, den er beim Niederfallen
+berührt hatte. Nach einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und
+sagte in feierlicher Weise:
+
+»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas, gebe ich
+dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir Sohn und Bundesgenosse!«
+
+Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte sich Naravas über
+Hamilkars Hände und bedeckte sie mit Küssen.
+
+Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie tat, als
+verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete aber leicht und schlug
+die Augen nieder. Und ihre langen geschweiften Wimpern warfen Schatten
+über ihre Wangen.
+
+Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren Verlöbnisses
+vollziehen. Man legte Salambo eine Lanze in die Hand, die sie Naravas
+reichte. Dann band man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus
+Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die Häupter, das um sie
+her niederfiel und wieder aufsprang wie Hagelschlag.
+
+
+
+
+XII
+
+Die Wasserleitung
+
+
+Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur noch ein Haufen
+Verwundeter, Toter und Sterbender übrig.
+
+Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen, und
+zwar gegen den westlichen Abhang, der nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in
+der Absicht, die Barbaren allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum
+war. Naravas hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei
+umgangen und von rückwärts attackiert, während der Marschall sie in
+der Front zum Wanken brachte und vernichtete. Übrigens waren sie durch
+den Verlust des Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die
+sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen und eine Art
+Entkräftung.
+
+Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte, das
+Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem Siege auf die Höhen
+etwas nördlicher zurückgezogen, von wo aus er den Feind in Schach
+hielt.
+
+Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an den umgerissenen
+Pikettpfählen. Ein langer schwarzer Aschehaufen qualmte an der Stelle,
+wo das libysche Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte
+wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte mit ihrer
+zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit mit zwischen Klippen
+gescheiterten und halb gesunkenen Schiffen. Lanzen, Heugabeln,
+Trompeten, Holz, Erz und Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke
+lagen zwischen den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender
+Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck. An manchen Stellen war der
+Boden mit weggeworfenen Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver
+sahen aus wie lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine,
+Sandalen, Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch die
+Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie Kugeln hinrollten. An
+den Dornsträuchern hingen Haare. Elefanten mit heraushängendem
+Eingeweide, ihre Türme noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen
+Blutlachen. Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich
+es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen.
+
+Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis unten. Die
+Überlebenden rührten sich ebensowenig wie die Toten. In großen und
+kleinen Gruppen herumhockend, blickten sie einander verstört an und
+sprachen kein Wort.
+
+Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt in der
+untergehenden Sonne. Rechts davon ragten enggedrängte weiße Häuser
+über einen Mauergürtel hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer.
+Das Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend ihrer
+Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.
+
+Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten auf. Es ward
+kühler. Man konnte beobachten, wie das Ungeziefer die erkaltenden
+Toten verließ und über den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken
+saßen reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.
+
+Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige Hunde, Bastarde,
+wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen pflegten, zu den Barbaren
+herangeschlichen. Zuerst leckten sie das geronnene Blut von den noch
+warmen Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu verzehren,
+indem sie zuerst die Bäuche anfraßen.
+
+Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern, wie
+Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn es waren noch immer
+welche übrig, besonders libysche, trotz des furchtbaren Blutbades, das
+die Numidier unter ihnen angerichtet hatten.
+
+Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie als Fackeln zu
+benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen. Man legte die Toten darauf
+und trug sie beiseite.
+
+Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem Rücken, ihre Lanzen
+neben sich, oder in Haufen übereinander. Wenn man einen Vermißten
+finden wollte, mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen.
+Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über das Gesicht. Alle
+die gräßlichen Waffen hatten ihnen die verschiedenartigsten Wunden
+beigebracht. Manchen hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre
+waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark zerquetscht, blau
+vom Würgetode oder von den Stoßzähnen der Elefanten der Länge nach
+aufgeschlitzt. Obwohl alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden
+hatten, zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen. Die
+Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen, während die
+sehnigen Afrikaner wie geräuchert erschienen und bereits
+vertrockneten. Die Söldner erkannte man an der Tätowierung ihrer
+Hände. Die alten Krieger des Antiochus trugen einen Sperber
+eingebrannt. Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im
+Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel oder
+einen Hammer. Die Söldner der griechischen Republiken hatten das Bild
+einer Burg oder den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen
+waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen Zeichen
+bedeckt, die sich mit alten Narben und neuen Wunden vermischten.
+
+Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter, Etrusker, Kampaner
+und Bruttier, errichtete man vier große Scheiterhaufen.
+
+Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter Gruben aus. Die
+Spartaner nahmen ihre roten Mäntel und hüllten die Toten hinein. Die
+Athener legten sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die
+Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen. Die
+Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten sie mit Riemen aus
+Rindsleder, und die Garamanten bestatteten sie am Meeresstrande, damit
+die Fluten sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich,
+daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die Nomaden
+vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten zu Mumien wurden, und die
+Kelten ihre üblichen drei unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen
+Himmel ihrer Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.
+
+Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille. Das geschah, um
+die Seelen zur Rückkehr zu zwingen. Nach regelmäßigen Pausen hub das
+Geschrei immer wieder an.
+
+Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht ehren könne,
+wie die Bräuche es verlangten, denn ohne die frommen Zeremonien mußten
+sie unendliche Zeiträume hindurch unter allerlei Schicksalen und
+Verwandlungen umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren
+Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil sie sich hatten
+besiegen lassen.
+
+Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die blutleeren
+Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen lehnten, noch
+bleicher erscheinen. Tränen riefen neue Tränen hervor. Das Schluchzen
+ward heftiger, die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder.
+Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn auf die Toten. Man
+mußte sie mit Schlägen wegtreiben, wenn man die Gräber zuschaufelte.
+Man schwärzte sich die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich
+selber Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder man
+brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die geliebte Tote
+entstellten. Wehgeschrei durchtönte den Klang der Zimbeln. Manche
+rissen sich ihre Amulette ab und spien sie an. Sterbende krümmten sich
+in blutigem Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten Fäuste.
+Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger Frühling«, mordeten
+einander wie Gladiatoren. Bald gebrach es an Holz für die
+Scheiterhaufen. Die Flammen erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde
+vom Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen neben
+ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem Wunsch, am Leben bleiben
+zu wollen, und sei es in Angst und Not, die andern, um am liebsten
+nicht wieder zu erwachen.
+
+ * * * * *
+
+Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden Barbaren
+Soldaten, die vorübermarschierten, ihre Helme auf den Spitzen ihrer
+Lanzen. Sie grüßten ihre Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts
+in ihrer Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher heran.
+Man erkannte alte Gefährten.
+
+Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein Heer einzutreten.
+Manche hatten sich mutig geweigert, und da er fest entschlossen war,
+sie weder zu ernähren noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er
+sie mit dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago zu
+kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern gefügig machte,
+hatte man die Waffen der Besiegten verteilt, und nun zeigten sie sich
+ihren alten Kameraden, weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in
+einer Anwandlung von Übermut und Neugier.
+
+Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch den Marschall.
+Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten sie, obwohl sie die
+Feiglinge verachteten. Doch bei den ersten Worten des Vorwurfs
+gerieten jene in Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen
+Schwerter, ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen auf, sie
+sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen nach Steinen. Da
+entflohen die Spötter. Bald sah man nur noch die Lanzenspitzen über
+dem Höhenkamm.
+
+Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr niederdrückte als
+die Demütigung ihrer Niederlage. Sie vergegenwärtigten sich das
+Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend starrten sie vor sich hin.
+
+Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder Wut auf die
+gefangenen Karthager. Die Soldaten des Suffeten hatten sie durch
+Zufall nicht entdeckt, und als er das Schlachtfeld verließ, befanden
+sie sich noch immer in der tiefen Grube.
+
+Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den Boden. Posten
+bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ man die Weiber hinein, je
+dreißig bis vierzig auf einmal. Sie wußten, daß man ihnen nicht viel
+Zeit gewährte, und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt von
+einem zum andern, dann aber beugten sie sich über die armen Schelme
+und schlugen sie aus Leibeskräften. Die Namen ihrer Männer heulend,
+zerrissen sie ihnen mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen
+mit ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die Männer und
+marterten die Unglücklichen von den Füßen, die sie ihnen an den
+Knöcheln abhieben, bis zur Stirn, aus der sie kranzartige Stücke
+herausschnitten, die sie sich um den Kopf schlangen. Insbesondere
+waren die Esser unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie
+entzündeten die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben
+hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder andre und warteten.
+Das Blut floß in Strömen, und die Peiniger ergötzten sich daran wie
+Winzer an ihren Keltern.
+
+Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen Stelle, wo er sich
+nach der Schlacht hingesetzt hatte, die Ellbogen auf die Knie
+gestemmt, die Schläfen in den Händen. Er sah nichts, hörte nichts,
+dachte nichts.
+
+Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte er auf. Vor
+ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück Leinwand, dessen Ende die
+Erde streifte. Darunter lagen Körbe, Decken und ein Löwenfell in
+buntem Durcheinander. Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten
+sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die Erde versunken
+wäre.
+
+Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen berührte der
+wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte er ein rotes Zeichen,
+offenbar den Abdruck einer Hand. Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen
+ihres einstigen Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes Stück
+Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich in die Reste
+seines Zeltes. Dann stieß er mit der Spitze seines Panzerstiefels
+allerlei verstreut umherliegende Gegenstände in die Flammen. Es sollte
+nichts übrig bleiben!
+
+Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten können, aus
+welcher Richtung.
+
+Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in zwei
+Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich und stieß
+Klagelaute aus.
+
+»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß schon, daß du ein
+Held bist!« Die Ungerechtigkeit des Schicksals hatte ihn so
+niedergebeugt, daß er nicht mehr die Kraft hatte, sich über Menschen
+zu entrüsten.
+
+Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle im Hange, wo sich
+Zarzas und Autarit verborgen hielten.
+
+Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine trotz seiner
+Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit. Wer hätte denn, meinten
+sie, den Verrat des Naravas, den Brand im Lager der Libyer, den
+Verlust des Zaimphs, Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine
+geschickten Manöver ahnen können, durch die er die Söldner in den
+Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den Haufen zu rennen?
+Spendius gestand seine Feigheit nicht ein und beharrte darauf, daß er
+ein zerschmettertes Bein habe.
+
+Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim eine
+Beratung, was nunmehr zu tun sei.
+
+Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie waren zwischen
+seinem Heer und dem Gebiet des Naravas eingeschlossen. Die tyrischen
+Städte würden sich zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte
+man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten Kräften zu
+vernichten.
+
+Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich mußten sie ihn
+bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber wie sollten sie die Notwendigkeit
+eines endlosen Krieges ihren entmutigten, aus frischen Wunden
+blutenden Leuten begreiflich machen?
+
+»Ich übernehme es!« rief Spendius.
+
+Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung von Hippo-Diarrhyt
+in raschem Laufe den Berg herauf. Hoch in der Hand schwenkte er eine
+Schreibtafel. Da er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.
+
+Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien. Sie
+empfahlen ihren Kameraden in Afrika, Gisgo und die andern Gefangenen
+gut zu bewachen. Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der
+von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß ein Handstreich
+in Vorbereitung sei, um sie zu befreien. Man rate deshalb den
+Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Die Republik sei allmächtig.
+
+Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst nicht in dem
+Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht auf neue Gefahr erregte nur
+Schrecken, anstatt Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung,
+die Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und erwartete etwas
+Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die Nacht verlief in lauter Angst.
+Viele warfen sogar ihre Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen,
+wenn er erscheine.
+
+Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein zweiter Bote, noch
+atemloser und mit noch mehr Staub bedeckt. Der Grieche riß ihm eine
+Papyrosrolle mit phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man
+beschwor darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die Tapfern
+von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung zu Hilfe kommen.
+
+Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal hintereinander vor.
+Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern auf den Schultern herumtragen
+und verlas ihn überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen. Er
+erinnerte die Söldner an die Versprechungen des Großen Rates, die
+Afrikaner an die Grausamkeiten der Statthalter, alle Barbaren an die
+Unredlichkeit Karthagos. Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie
+zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als Sklave verkauft,
+im Gefecht Besiegte aber unter Martern hingerichtet. Man rede von
+Flucht? Auf welchem Wege denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren
+lassen. Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit,
+Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten sie darauf nicht zu
+warten, denn schon eile ihnen Tunis und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt
+den aufgerollten Papyros hoch.
+
+»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich lüge nicht!«
+
+Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten umher. Die
+Mittagssonne brannte auf die bloßen Köpfe. Widriger Geruch stieg von
+den ungenügend verscharrten Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte
+aus der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die Wahrheit
+seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste gegen Hamilkar aus.
+
+Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er, um seine Feigheit
+zu bemänteln, eine Begeisterung zur Schau, in die er sich nach und
+nach wirklich hineinredete. Er weihte sich den Göttern und häufte
+Flüche auf Karthago. Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts
+weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack immer mit sich
+herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man muß ihnen den Garaus machen! Wir
+wissen ja, was sie vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein
+Mitleid! Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann, und haue
+nach Leibeskräften auf sie los!«
+
+Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen. Mehrere röchelten
+noch. Man gab ihnen den Rest, indem man ihnen mit dem Absatz in den
+Mund trat oder sie mit Lanzenspitzen abstach.
+
+Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe und
+Verwirrung nahmen überhand. Man wollte sich von seinem Tode überzeugen
+und zugleich daran teilhaben. Endlich entdeckten ihn drei samnitische
+Hirten fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden
+hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte und riefen die andern.
+
+Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt und die Beine
+geschlossen, wie ein Toter, der begraben werden soll. Doch seine
+mageren Seiten hoben und senkten sich noch und seine weitgeöffneten
+Augen starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher Weise
+immerfort geradeaus.
+
+Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen. Seit er in
+der Grube lebte, hatte man ihn fast vergessen. Jetzt, im Banne alter
+Erinnerungen, blieb man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte
+nicht, Hand an ihn zu legen.
+
+Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts, bis ein
+Garamant die Menge durchschritt. Er schwang eine Sichel. Alle
+verstanden seine Absicht. Die Gesichter röteten sich, und voll Scham
+über ihre eigne Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!«
+
+Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo. Er ergriff den Kopf
+des Greises, legte ihn auf sein Knie und hackte ihn mit raschen
+Schnitten ab. Gisgos Haupt fiel zu Boden. Zwei große Blutströme
+bohrten ein Loch in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den
+abgeschnittenen Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard
+auf das Lager der Karthager zu.
+
+Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte, zog er Gisgos
+Kopf am Barte aus seinem Busen hervor, kreiste mit seinem Arm mehrmals
+durch die Luft und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen
+weiten Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung. Bald
+darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles zwei gekreuzte Fahnen,
+das übliche Zeichen, daß man die Toten zurückfordere.
+
+Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde mit großen
+Trompeten hinaus und erklärten, durch die ehernen Tuben sprechend, daß
+es fortan zwischen Karthagern und Barbaren weder Treu und Glauben,
+noch Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle Unterhandlungen
+ablehne und jeden Unterhändler mit abgeschnittenen Händen
+zurückschicken würde.
+
+Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt, um
+Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt sandte deren noch am selben
+Abend. Man aß gierig. Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die
+Söldner eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen Waffen
+zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen und ohne Erbarmen gegen die
+Verwundeten, die ihnen nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo
+nach dem Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe.
+
+Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen, es einzunehmen,
+denn sie bedurften einer Stadt.
+
+ * * * * *
+
+Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr ärgerlich, trotz des
+stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht an und für sich bereitete. Er
+hätte auf der Stelle mit frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein
+solcher Tag und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger
+hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen. Auch konnten sich
+die tyrischen Städte ihnen anschließen. Seine Milde gegen die
+Besiegten hatte nichts genutzt. Er faßte den Entschluß, fortan
+unbarmherzig zu sein. Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen
+Rate ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen beladen war,
+und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen, ihm Verstärkung zu
+schicken.
+
+Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde von seinem
+Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen hervor. Die Rückkunft
+des Zaimphs, die Hamilkar unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder.
+Offenbar gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war er die
+Stütze Karthagos.
+
+Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder eine
+Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung der einen und der
+Feigheit der andern stand alsbald ein Heer von fünftausend Mann noch
+vor der bestimmten Frist marschbereit.
+
+Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im Rücken zu decken,
+während weitere dreitausend Mann Kerntruppen eingeschifft wurden, um
+bei Hippo-Diarrhyt zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.
+
+Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab aber das Landheer
+seinem Stellvertreter Magdassan, während er die Truppen auf den
+Schiffen in Person führte. Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte
+nicht mehr vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel und
+Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht gegraben. Auf
+zehn Schritte weit sah man ihm in den Schlund hinab, und er war sich
+seiner Ekelhaftigkeit so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib
+verschleierte.
+
+Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig wie auf die
+der Barbaren. Allerdings ließen die Einwohner diesen allmorgendlich
+Lebensmittel in Körben hinab, wobei sie von den Türmen herab
+vermeldeten, die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner
+deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen
+Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf dem Meere kreuzte.
+
+Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte keinen
+Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt, dreihundert
+Soldaten einzulassen. Dann segelte er nach dem Vorgebirge der Trauben
+und machte einen weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen,--ein
+unzweckmäßiges, ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht hielt ihn
+ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing dessen Spione ab,
+durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete damit das ganze
+Unternehmen. Endlich schrieb Hamilkar dem Großen Rate und forderte
+Hannos Entfernung. Da ward dieser nach Karthago zurückberufen, wütend
+über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit seines Amtsgenossen.
+
+So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in einer
+beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte man sich, darüber
+nicht nachzudenken, ja nicht einmal davon zu reden.
+
+Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr man zu
+alledem, daß die Söldner in Sardinien ihren Kommandeur ans Kreuz
+geschlagen, sich der festen Plätze bemächtigt und die Männer
+kanaanitischer Abkunft allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte
+Rom die Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht
+zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte. Rom hatte das
+Bündnis mit den Barbaren angenommen und sandte ihnen Frachtschiffe mit
+Mehl und getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge
+und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber drei Tage später ging eine
+Flotte, die von Bysazene mit Lebensmitteln nach Karthago kam, bei
+einem Sturme unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die
+Republik.
+
+Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert Leute
+Hannos durch einen blinden Alarm auf die Stadtmauern, schlichen sich
+hinter sie, packten sie unversehens bei den Beinen und warfen sie über
+die Wälle. Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins
+Meer gejagt.
+
+Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn nach Hannos Befehl
+und Beispiel hatte Magdassan die Stadt eingeschlossen und blieb gegen
+Hamilkars Bitten taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt
+und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit rückten die Barbaren
+an. Magdassan entfloh. Die Tore öffneten sich, und fortan bezeigten
+die beiden tyrischen Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche
+Ergebenheit, ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen
+unbegreiflichen Haß.
+
+Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel, ein Aufruf.
+Allerorts erwachte die Hoffnung auf Selbständigkeit von neuem. Völker
+und Städte, die bis dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr.
+Alles begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle Hoffnung auf
+Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich verloren.
+
+Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines Reiches zu sichern.
+Er selbst beschloß, nach Karthago zurückzukehren, dort eine neue
+Aushebung zu machen und den Krieg abermals zu beginnen.
+
+Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer, wie es aus den
+Bergen herabkam.
+
+Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie der Hunger. Durch
+ihre Leiden von Sinnen, wollten sie trotz ihrer Schwäche eine Schlacht
+suchen ... Doch jetzt wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also!
+Man konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die Barbaren
+machten sich schleunigst an die Verfolgung.
+
+Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten. Er war diesmal
+breit, und kein Westwind hatte geweht. Die einen schwammen hindurch,
+die andern setzten auf ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie
+weiter. Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.
+
+Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts, um eine
+Furt zu finden. Bewaffnete Banden aus Tunis eilten herbei, auch von
+Utika kamen welche. Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die
+Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten sie
+Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner aufzuhalten, ließ
+Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel hinter sich abschießen.
+Etliche Barbaren fielen. Als der Morgen dämmerte, war man in den
+arianischen Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung
+machte.
+
+Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont auf dem Gipfel
+einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen. Der Boden fiel allmählich ab.
+Obelisken, Kuppeln, Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er mußte
+sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken, so heftig pochte sein
+Herz.
+
+Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war, seit er das
+letztemal dort geweilt hatte! Er war tief verwundert, wie betäubt.
+Dann aber ergriff ihn maßlose Freude bei dem Gedanken, Salambo
+wiederzusehen. Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam
+ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich. Bebend und
+mit starren Augen blickte er von der Kuppel des Eschmuntempels weg
+nach der hohen Terrasse des Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein
+verzücktes Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer
+überflute. Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in den Wind und
+murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer hob seine Brust, und Tränen, lang
+wie Perlen, rannen in seinen Bart.
+
+»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts! Der Marschall
+wird uns entrinnen! Was? Deine Knie zittern? Du schaust mich an wie
+ein Trunkener!«
+
+Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und indem er die Augen
+aufriß, als erblicke er plötzlich ein lang erstrebtes Ziel, setzte er
+hinzu:
+
+»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!«
+
+Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes Aussehn, daß
+Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte und sich fortgerissen
+fühlte. Die Worte des Griechen trafen ihn im Augenblicke tiefster
+Trübsal, verwandelten seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten
+seiner Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die bei der
+Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug mit dem langen Riemen
+aus Leibeskräften auf die Nachzügler ein. Abwechselnd lief er rechts
+und links um die Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde
+vorwärts treibt.
+
+Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen enger zusammen.
+Selbst die Lahmen beschleunigten ihren Schritt. Auf der Mitte der
+Landenge nahm der Abstand zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die
+Vorhut der Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager. Bald
+waren sie einander ganz nahe und berührten sich beinahe. Doch da taten
+sich das Malkaer Tor, das Tangaster Tor und das große Khamontor auf.
+Die punischen Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie
+hinein und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde aber das Gewühl
+so groß, daß schließlich niemand mehr vorwärts kam. Die Lanzen stießen
+in der Luft aneinander, während die Pfeile der Barbaren gegen die
+Mauern prallten.
+
+Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte sich um und rief seinen
+Leuten zu, Platz zu machen. Er selber saß ab und jagte sein Pferd,
+indem er es mit dem Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren
+entgegen.
+
+Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen fütterte und der
+in die Knie sank, wenn sein Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn
+Hamilkar zurück? Wollte er damit ein Opfer bringen?
+
+Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen Lanzen hinein,
+riß Soldaten um, verwickelte sich mit den Füßen in seine Eingeweide,
+stürzte, sprang dann mit wütenden Sätzen wieder auf, und während die
+Soldaten beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft
+zusahen, kamen die Karthager wieder in Ordnung und zogen durch das
+riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter ihnen schloß.
+
+Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen an, und ein paar
+Minuten lang lief durch das Heer vom Anfang bis zum Ende eine
+Wellenbewegung, die allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte.
+
+Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten gestellt, die
+Steine, Kugeln und Balken zu schleudern begannen. Spendius machte den
+Söldnern klar, daß sie nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten
+sich nunmehr in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago
+zu erobern.
+
+ * * * * *
+
+Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die Grenzen des
+punischen Reiches hinausgedrungen. Von den Säulen des Herkules bis
+über Kyrene hinaus träumten die Hirten davon, während sie ihre Herden
+weideten, und die Karawanen plauderten nachts darüber beim
+Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten, das große Karthago
+anzugreifen, die Stadt, die so glänzend war wie die Sonne und
+furchtbar wie ein Gott! Die Königin der Meere! Man hatte schon
+mehrfach ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt, weil
+alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften wie die
+zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen wie die unabhängigen
+kleinen Stämme, kurzum alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um
+seine Macht beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten
+hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen. Die Niederlage
+am Makar hatte dann allerdings die übrigen zurückgeschreckt, aber
+schließlich hatten sie wieder Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt
+und näher gekommen, und jetzt standen die Männer aus den östlichen
+Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes. Sobald sie die
+Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.
+
+Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos--diese bildeten
+schon lange das dritte Heer--, sondern Nomaden aus der Hochebene von
+Barka, die Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne, aus
+Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste durchzogen und aus den
+Brackwasserbrunnen getrunken, die aus Kamelsknochen aufgemauert sind.
+Die Zuaesen, mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen
+gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht,
+ritten rücklings auf ihren angemalten Stuten. Andre kamen auf Eseln,
+Wildeseln, Zebras oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren
+Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen Hütten
+mit. Man sah Ammoniter, deren Haut durch das Wasser der heißen Quellen
+runzlig war, Ataranten, die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die
+ihre Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner scheußliche
+Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden, die Läuse verzehren,
+und Gysanten, die mit Zinnober bemalt sind und Affenfleisch essen.
+
+Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne
+aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken im Wirbelwind. Auf
+der Mitte der Landenge machten die Scharen Halt, da die Söldner, die
+vor ihnen unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle
+rührten.
+
+Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens auf, Numidier.
+Naravas beherrschte nämlich nur die Massylier, und da ihnen überdies
+die Sitte gestattete, nach Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen,
+so hatten sie sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten
+Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen die Jäger vom
+Maleluth-Baal und den garaphischen Bergen, die Löwenfelle trugen und
+ihre kleinen, mageren, langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen
+lenkten. Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern aus
+Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen Kränzen aus Wachs und
+Harz auf den Köpfen, und endlich die Kauner, Makarer und Tillabaren,
+alle bewaffnet mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus
+Flußpferdhaut. Sie machten am Fuße der Totenstadt an der Lagune Halt.
+
+Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der Stelle, wo sie
+gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie eine schwarze sich am
+Boden hinwälzende Wolke aussahen. Sie waren aus dem weißen und
+schwarzen Harudsch, der augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen
+Agazymba gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig
+Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten lag. Mit ihren
+Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer schmutzigen schwarzen Haut
+glichen sie reifen Maulbeeren, die lange im Staube gerollt sind. Sie
+trugen Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern und die
+Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere. Indem sie wie Wölfe
+heulten, schwenkten sie Stangen, an denen Metallringe klirrten, und
+Kuhschwänze, die wie Wimpel an Stöcken flatterten.
+
+Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten die
+gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir gelegenen
+Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell hingen auf ihrem Rücken.
+Sie führten an Leinen riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und
+nicht bellten.
+
+Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet und als ob
+man, um alle bösen Triebe zu versammeln, selbst der Hefe der Völker
+bedurft hätte, sah man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende
+Menschen mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche Krankheiten
+entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge von zweifelhaftem
+Geschlecht, Albinos, die mit roten Augen in die Sonne blinzelten. Sie
+stammelten unverständliche Laute und steckten die Finger in den Mund,
+zum Zeichen, daß sie Hunger hätten.
+
+Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das Chaos der Trachten
+und Völker. Kein Mordwerkzeug fehlte, von den hölzernen Dolchen, den
+Steinbeilen und elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen,
+sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen gefertigt
+waren. Man schwang Säbel, die wie Antilopenhörner in mehrere Spitzen
+ausliefen, Messer, die an einem langen Strick befestigt waren, eiserne
+Triangel, Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse trugen
+kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche hatten Steine in
+Säcken mitgebracht. Andre waren mit leeren Händen gekommen und
+klapperten mit ihrem Gebiß.
+
+Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen. Dromedare, wie
+Schiffe über und über mit Teer bestrichen, rissen die Weiber um, die
+ihre Kinder auf dem Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man
+trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene Datteln
+und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf einer von Ungeziefer starrenden
+Brust an einer dünnen Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet
+hätten, schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren. Die
+meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten. Ein rätselhafter
+Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie her. Nomaden, die noch nie eine
+Stadt gesehen, empfanden Furcht vor dem Schatten der Mauern.
+
+Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt, und diese
+breite Masse, aus der die Zelte hervorragten wie die Häusergiebel bei
+einer großen Überschwemmung, dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen
+des waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu beiden Seiten
+des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen war.
+
+Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das Erscheinen ihrer
+Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern oder wandelnden Häusern,
+die von den tyrischen Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit
+ihren Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs auf
+sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze, achtzig Schleudergeschütze,
+dreißig Steinböller, fünfzig Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei
+besonders schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben bis
+acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen, gegen die
+Untergestelle der Maschinen gestemmt, schoben sie vorwärts. Bei jedem
+Schritt erzitterten sie. So gelangten sie vor die Mauern.
+
+Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die Zurüstungen
+vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen gewitzigten Söldner
+wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen opfern. Man hatte beiderseits
+keine Eile, wohl wissend, daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg
+oder völliger Vernichtung enden mußte.
+
+Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten Mauern hatten
+eine Reihe vorspringender Basteien; eine Anlage, zur Abwehr von
+Stürmen sehr vorteilhaft.
+
+Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer eingestürzt,
+und in dunklen Nächten sah man durch die verfallenen Stellen die
+Lichter in den Hütten von Malka, die hie und da höher lagen als die
+Wälle.
+
+Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber der Söldner mit
+ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten Männer wiedersahen, konnten sie
+nicht widerstehen. Sie winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen
+dann in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den Söldnern zu
+plaudern, und eines Morgens ward dem Großen Rat vermeldet, daß sie
+allesamt entflohen waren. Die einen hatten sich zwischen den Steinen
+hindurchgezwängt, andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.
+
+Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen.
+
+Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte ihn bisher daran
+gehindert, und seitdem er wieder vor der Stadt lag, schien es ihm, als
+ob die Einwohner sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie
+die Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute zur
+Verteidigung der Mauern.
+
+Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im Bogenschießen,
+indem er auf die Flamingos am Haff jagte. Dann, an einem mondhellen
+Abend, bat er Matho, mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer
+anzünden und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu
+lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin, in der
+Richtung auf Tunis.
+
+In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts bogen sie
+nach rechts und gingen stracks auf ihn zu. Das Terrain bot keine
+Deckung. Sie krochen bis an den Unterbau der Pfeiler.
+
+Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf und ab.
+
+In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen auf, und
+Trompeten erklangen. Die Posten glaubten, der Feind mache einen
+Sturmangriff, und eilten der Stadt zu.
+
+Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz vom Himmel ab.
+Der Mond stand gerade hinter ihm, und der riesige Schatten des Mannes
+fiel weit über die Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.
+
+Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg über ihnen stand.
+Da griff Zarzas nach seiner Schleuder. Doch aus Vorsicht oder aus
+Blutgier hielt Spendius ihn zurück.
+
+»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu viel Lärm! Ich wills
+tun!«
+
+Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das eine Ende gegen
+die große Zehe seines linken Fußes stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil
+flog ab.
+
+Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand. »Wäre er verwundet,
+so würden wir ihn hören!« meinte Spendius.
+
+Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie das erstemal,
+kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu Stockwerk hinauf. Als er
+oben neben dem Erschossenen stand, ließ er das Seil hinab. Der
+Balearier band einen Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das
+Lager zurück. Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder ruhig.
+Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben, war ins Wasser
+gestiegen und hatte den Gang über sich wieder geschlossen.
+
+Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte berechnete,
+gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er ehedem einen kleinen
+senkrechten Spalt in der Mauer bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei
+Stunden lang bis zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er
+durch die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters von
+Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem Tode nahe wähnte.
+Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock stürzte, von Stockwerk zu
+Stockwerk fallend, hinab, und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein
+voller Wasserstrom aus den Lüften hinab in die Ebene. Die
+durchbrochene Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod für die
+Stadt und der Sieg für die Barbaren!
+
+Bald darauf waren die Karthager alarmiert und erschienen auf den
+Mauern, den Häusern, den Tempeln. Die Barbaren stürzten laut jubelnd
+herbei. Wie rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten im
+Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten.
+
+Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen Mann in brauner,
+zerrissener Tunika. Die Hände in die Hüften gestemmt, beugte er sich
+über den Rand und schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk.
+
+Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick stolz über den
+Horizont schweifen, als wolle er sagen: »Das alles ist jetzt mein!«
+Die Karthager, die ihr Unglück voll begriffen, heulten vor
+Verzweiflung. Da begann Spendius auf der Plattform von einem Rande zum
+andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den olympischen
+Spielen triumphiert, hob er im Rausche seines Stolzes die Arme gen
+Himmel.
+
+
+
+
+XIII
+
+Moloch
+
+
+Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren keines Walles.
+Das Hinterland war in ihrer Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der
+Stadt heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben angelegte
+Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete Matho in einem großen
+Halbkreise an und schloß damit Karthago an der Landseite vollständig
+ab. Das schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste
+Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei und zuhinterst
+das Gepäck, die Wagen und die Pferde. Vor der ganzen Heeresmasse,
+dreihundert Schritte von den Türmen Karthagos entfernt, standen die
+Geschütze und Belagerungsmaschinen.
+
+Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen, die im Laufe
+der Jahrhunderte mehrfach gewechselt hatten, konnte man die Geschütze
+immerhin noch in zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit
+Horizontalspannung und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren, die
+Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile, auch
+Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller, warfen
+Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau abgemessene Steine, auch
+mächtige balkenartige Pfeile. Die Katapulte hießen auch Skorpione.
+
+Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager, so genannt nach
+den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen Steine werfen.
+
+Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte
+wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den härtesten
+Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren aus Erz. Die größeren
+Kaliber wurden nicht mit der Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge
+und dergleichen. Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze wurde
+durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung erfolgte auf Walzen.
+Die größten, die man stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts
+des Feindes zusammengesetzt.
+
+Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die drei
+Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte er einen Widder, vor
+jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die Karroballisten, das waren die
+Geschütze auf fahrbaren Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie
+überschossen die vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus
+den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben zuschütten.
+
+Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der Belagerten
+schützen. Man schob Lauben aus Reisig und sogenannte Schildkröten aus
+Eichenholz vor, die riesigen Schilden glichen und auf drei Rädern
+liefen. Kleine, mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras
+gepolsterte Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die Katapulte und
+Ballisten schützte man durch Seilvorhänge, die in Essig getaucht
+waren, um sie unverbrennbar zu machen. Frauen und selbst Kinder halfen
+den Geschützbedienungen, indem sie die nötigen Steine suchten und
+herbeischleppten.
+
+Die Karthager rüsteten sich gleichfalls.
+
+Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte, daß in den
+Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig Tage vorhanden sei. Diese
+Versicherung, seine Gegenwart und namentlich die des heiligen Mantels
+machten die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung,
+und auch die Einwohner nicht kanaanitischer Herkunft wurden durch den
+Eifer der andern mit fortgerissen.
+
+Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser. Jeder Bürger
+erhielt sein Amt und seinen Posten. Von den Überläufern waren noch
+zwölfhundert da. Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren.
+Die Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten
+angestellt. Die Karthager besaßen noch einige schwere Geschütze, den
+Friedensbedingungen mit den Römern zuwider. Man setzte sie wieder
+instand. Die Handwerker verstanden sich darauf.
+
+Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer und den Golf
+geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die von den Barbaren belagerte
+Mauer auf der Landenge schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche
+mit Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte Steine auf
+der Plattform der Türme und füllte die Häuser, die unmittelbar an den
+Wall stießen, mit Sand, um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und
+Stärke zu zu vermehren.
+
+Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in Wut. Sie
+wollten den Kampf unverzüglich beginnen. Die Steine, mit denen sie
+ihre Ballisten luden, waren aber so ungeheuer schwer, daß die
+Geschütze defekt wurden. Der Sturm mußte aufgeschoben werden.
+
+Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar, vernahm man in der
+Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen Stoß gegen das Khamontor.
+
+Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder heran. Das war
+ein mächtiger Balken, der an Ketten wagrecht von einem Gerüste
+herabhing und vorn in einen ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den
+Balken mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen Reifen
+umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein Mannskörper und siebzig
+Meter lang. Wenn ihn die Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er
+in regelmäßigen Schwingungen vor und wieder zurück.
+
+Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre Tätigkeit. In den
+hohlen Treträdern sah man Menschen von Staffel zu Staffel springen.
+Die Flaschenzüge und Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhänge
+sanken herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste mit einem
+Male los. Die Schleuderer liefen sämtlich in ausgeschwärmter Ordnung
+vor. Einige, die Töpfe voll brennenden Harzes unter ihren Schilden
+versteckt trugen, näherten sich dem Walle. Dort schleuderten sie sie
+aus Leibeskräften hinüber. Der Pfeil-, Kugel- und Feuerregen überflog
+die oben Kämpfenden und fiel im Bogen hinter den Mauern nieder. Auf
+deren Kamm aber erhoben sich lange Kräne, wie sie zum Aufrichten der
+Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie ließ man riesige Zangen
+herab, die in zwei innerlich gezahnte Halbkreise ausliefen. Diese
+packten je einen Widder. Die Söldner klammerten sich am Balken fest
+und zerrten ihn rückwärts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor.
+Dieses Ringen dauerte bis zum Abend.
+
+Als die Söldner am nächsten Morgen den Angriff wieder aufnahmen,
+hingen von den Zinnen der Mauern überall Baumwollballen, Decken und
+Kissen herab, und die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen
+den Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe von großen
+Gabeln und Hackmessern, die an Stangen befestigt waren. Alsbald begann
+abermals ein wütender Widerstand.
+
+Baumstämme, von Tauen gehalten, stürzten abwechselnd auf die Widder
+herab und wurden dann wieder hoch gezogen. Mit Haken, die durch die
+Geschütze geworfen wurden, riß man die Dächer von den Schutzlauben,
+und von der Plattform der Türme regneten Ströme von Ziegeln und
+Steinen herab.
+
+Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das Khamontor ein.
+Indessen hatten die Karthager den Torbogen mit einer solchen Fülle von
+Gegenständen verrammelt, daß die Flügel nicht aufgingen, sondern
+stehen blieben.
+
+Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die, in den Fugen
+eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten. Die Geschütze wurden
+nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften in Nummern und Ablösungen
+abgeteilt. Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt mit
+der eintönigen Genauigkeit von Webstühlen.
+
+Spendius war unermüdlich darin, die Richtungen der Geschütze zu
+prüfen. Er half eigenhändig beim Spannen der Ballisten. Da die
+Spannung rechts wie links völlig gleichsein mußte, schlug man, während
+des Anziehens der Spannerven, abwechselnd auf den rechten und den
+linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen Klang gaben. Spendius
+stieg auf die Lafetten und stieß mit der Fußspitze leise an die Sehne.
+Dann lauschte er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier
+stimmt. Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschütze
+losgingen, wenn die Säulen der Ballisten vom Rückschlag erzitterten,
+wenn die Steine der Böller und die Pfeile der Katapulte dahinsausten,
+dann beugte er sich mit dem ganzen Körper vor und fuhr mit den Händen
+in die Luft, um der Flugbahn zu folgen.
+
+Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und führten seine
+Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte sie, und unter Anknüpfung an
+die Bezeichnungen der einzelnen Maschinen machten sie Witze. Weil die
+Zangen zum Packen der Widder »Wölfe« hießen und die bedeckten Gänge
+»Weinlauben«, so nannten sie sich selbst die »Lämmer«, oder sie
+scherzten, es gehe »zur Weinlese«. Beim Spannen der Onager riefen sie:
+»Los! Schlag mal tüchtig aus!« und zu den Skorpionen: »Stich mal
+feste!« Diese Späße--immer dieselben--hielten ihren Mut aufrecht.
+
+Doch die Geschütze vermochten der großen Mauer keine Bresche
+beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei Mauern, mit Erde
+dazwischen. Man zerstörte zwar die oberen Teile, doch die Belagerten
+besserten sie immer wieder aus. Matho befahl, Holztürme zu bauen,
+ebenso hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man warf
+Rasenstücke, Balken, große Steine, ganze Karren Sand samt ihren Rädern
+in den Graben, um ihn möglichst rasch zu füllen. Und noch ehe er ganz
+zugeschüttet war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren mit einem
+Male von der Landenge her und brandete gegen den Fuß der Mauern, wie
+ein überschäumendes Meer.
+
+Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrücken, sogenannte
+Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei Mastbäumen, von denen sich an
+Tauen und Leitrollen eine bewegliche Brücke herabsenkte. Man brachte
+eine Reihe solcher Fallbrücken an die Mauer heran und ließ die Brücken
+im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen. Die Söldner stiegen sodann
+einer hinter dem andern mit Waffen in der Hand die schräge Brücke
+hinauf. Kein Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten
+ziemlich nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien gleich
+Drachenschlünden Feuer und Rauch aus.
+
+Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen zu Füßen der
+Mauer durch die Ritzen der Rüstungen. Siedendes Steinöl floß über die
+Kleider, flüssiges Blei rann über die Helme und brannte Löcher ins
+Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer gewordene
+Augenhöhlen schienen mandeldicke Tränen zu weinen. Männern, die mit Öl
+begossen worden waren, brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und
+steckten die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem man
+ihnen von weitem blutgetränkte Mäntel überwarf. Manche, die
+unverwundet aussahen, blieben unbeweglich und steifer als Pfähle mit
+offenem Munde und ausgestreckten Armen stehen.
+
+Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer wieder erneuert. Die
+Söldner hofften durch ein Übermaß von Kraft und Kühnheit zu siegen.
+
+Hier und da sprangen Männer auf die Schultern der andern, bohrten
+eiserne Stäbe in die Steinfugen, benutzten sie als Sprossen zum
+Hinaufklettern, wobei sie einen zweiten und dritten einbohrten.
+Dadurch gelangten sie, durch die vorspringende Mauerzinne über ihnen
+geschützt, allmählich empor. Doch aus einer gewissen Höhe stürzten sie
+rettungslos herab. Der große Graben war bald bis über den Rand mit
+Leichen gefüllt. Unter den Füßen der Lebenden lagen Verwundete, Tote
+und Sterbende bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden
+Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten halbverkohlte
+Stümpfe wie schwarze Flecken. Arme und Beine ragten halb aus
+Leichenhügeln hervor, wie Pfähle in einem ausgebrannten Weinberg.
+
+Da man mit den Sturmleitern und Fallbrücken nichts ausrichtete, begann
+man die Tollenonen zu gebrauchen, Gerüste mit einem langen Kran, der
+einen großen viereckigen Korb dirigierte, in dem dreißig Mann samt
+ihren Waffen Platz finden konnten.
+
+Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen, der bereit war;
+aber Spendius hielt ihn zurück.
+
+Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der Korb schwebte
+langsam in die Höhe. Die Soldaten darin duckten sich eng aneinander,
+bis ans Kinn versteckt. Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb
+fünfzig Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann senkte
+er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf seiner Hand eine Schar
+von Zwergen trägt, und setzte schließlich den mit Menschen gefüllten
+Korb oben auf der Stadtmauer ab. Die Soldaten stürzten sich auf die
+Gegner und kehrten niemals zurück.
+
+Flugs wurden auch die übrigen Tollenonen aufgestellt. Doch um die
+Stadt zu erobern, hätte man ihrer hundertmal mehr haben müssen. Man
+gebrauchte sie nun auf eine mörderische Weise. Äthiopische
+Bogenschützen traten in die Körbe und wurden hochgezogen. Nachdem man
+die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Körbe in der
+Schwebe, und die Schützen schossen mit vergifteten Pfeilen. So
+umringten die fünfzig Tollenonen, von denen man die Zinnen
+beherrschte, Karthago wie riesige Geier. Die Neger lachten, wenn sie
+die Wallverteidiger unter fürchterlichen Zuckungen sterben sahen.
+
+Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern. Er ließ sie alle
+Morgen vor dem Ausrücken den Saft gewisser Kräuter trinken, der sie
+gegen das Gift feien sollte.
+
+Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen auf Barken
+und Flößen ein, fuhr in südlicher Richtung aus dem Hafen hinaus und
+landete an der Taenia. Von dort rückte er bis an die äußersten Stellungen
+der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und richtete unter ihnen ein
+Blutbad an. Auch wurden nachts Männer mit Fackeln an Seilen von den
+Mauern herabgelassen. Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Söldner
+in Brand und wurden dann wieder emporgezogen.
+
+Matho war erbittert. Jede Verzögerung, jedes neue Hindernis steigerte
+seine Wut. Er verfiel auf fürchterliche und sonderbare Dinge. So lud
+er Salambo in Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann.
+Sie kam natürlich nicht. Das schien ihm ein neuer Verrat, und fortan
+verabscheute er sie. Hätte er ihren Leichnam gesehen, so wäre er
+vielleicht abgezogen. Er verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fuße
+der Stadtmauern Gabeln auf, legte Fußangeln an und befahl seinen
+Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen, den er anzünden
+wollte, um Karthago auszuräuchern wie einen Fuchsbau.
+
+Spendius betrieb die Belagerung mit zäher Hartnäckigkeit. Er suchte
+schreckliche Maschinen zu erfinden, wie man noch nie welche
+hergestellt hatte.
+
+Die übrigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge lagerten,
+wunderten sich über die Saumseligkeit der Belagerung und begannen zu
+murren. Man ließ sie stürmen.
+
+Sie berannten mit ihren Säbeln und Wurfspießen die Tore. Doch ihre
+nackten Leiber waren mit Leichtigkeit kampfunfähig zu machen. Die
+Karthager erschlugen sie in Massen, und die Söldner freuten sich
+darüber, ohne Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plünderung.
+Zwiste und Kämpfe brachen unter den Belagerern aus. Da das Hinterland
+verwüstet war, fing man an, sich um die Lebensmittel zu reißen. Viele
+verloren den Mut, und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war
+so groß, daß dies nicht in Betracht kam.
+
+Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch Hamilkar erriet
+stets die Richtung der Gänge, indem er sein Ohr an einen ehernen
+Schild legte. Er grub in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die
+Holztürme darüber hinwegfahren mußten. Wenn man sie dann am andern
+Tage vorschob, brachen sie ein.
+
+Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, daß die Stadt uneinnehmbar
+war, solange man nicht einen langen Erdwall in gleicher Höhe mit der
+Stadtmauer aufwarf, der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher
+Höhe zu kämpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden, um die
+Geschütze darauf hin und her fahren zu können.
+
+Dann aber konnte Karthago unmöglich länger Widerstand leisten!
+
+Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das Wasser, das zu Beginn
+der Belagerung zwei Kesitah das Bat gegolten hatte, kostete jetzt
+einen Silbersekel. Auch die Fleisch- und Kornvorräte nahmen stark ab.
+Man fürchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von unnützen
+Mäulern, was alle Welt in Schrecken setzte.
+
+Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten Leichen die
+Straßen; und da es Hochsommer war, quälten große schwarze Fliegen die
+Kämpfenden. Greise schafften die Verwundeten fort. Fromme feierten
+Scheinbegräbnisse von Verwandten und Freunden, die draußen auf dem
+Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit Haaren und Kleidern
+lagen quer vor den Türen und schmolzen unter der Hitze der neben ihnen
+brennenden Kerzen. Die Bemalung lief ihnen über die Schultern. Tränen
+aber rannen über die Gesichter der Lebenden, die um sie herum ihre
+Klagelieder sangen. Währenddem lief die Menge auf den Straßen hin und
+her. Scharen Bewaffneter zogen vorüber. Die Hauptleute gaben laute
+Befehle. Dazu hörte man immerfort den Stoß der Widder, die draußen
+gegen den Wall donnerten.
+
+Die Witterung ward so schwül, daß die Leichen aufschwollen und nicht
+mehr in die Särge hineinpaßten. Man verbrannte sie auf den Höfen. Doch
+in der Enge sprang das Feuer auf die benachbarten Wände über, und
+plötzlich schossen lange Flammen aus den Häusern, wie Blut, das aus
+einer Ader in die Höhe spritzt. So hauste Moloch in Karthago. Er
+umzingelte draußen die Wälle, wälzte sich innen durch die Straßen und
+verzehrte alles, selbst die Toten.
+
+Männer, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mäntel aus aufgelesenen
+Lappen trugen, stellten sich an den Straßenecken auf. Sie führten
+Reden gegen die Alten, gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den
+völligen Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben, alles
+zu zerstören. Die Gefährlichsten waren die Bilsenkrauttrinker. In
+ihrem Taumel hielten sie sich für wilde Tiere, sprangen die
+Vorübergehenden an und zerfleischten sie. Um sie herum entstanden
+Aufläufe. Man vergaß darüber die Verteidigung der Stadt. Der Suffet
+fand Abhilfe. Er besoldete Mitbürger, die seine Politik vertraten.
+
+Um die Geister der Götter in Karthago festzuhalten, hatte man ihre
+Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man hüllte die Kabiren in schwarze
+Schleier und umhing die Altäre mit härenen Decken. Man versuchte, den
+Ehrgeiz und die Eifersucht der einzelnen Götter anzustacheln, indem
+man ihnen ins Ohr brüllte: »Du willst dich besiegen lassen! Sind
+fremde Götter am Ende stärker? Ermanne dich! Hilf uns! Sonst sagen die
+andern Völker gar: Wo sind jetzt Karthagos Götter!«
+
+Beständige Angst erfüllte die Priesterschaften, besonders die Priester
+der Mondgöttin, weil die Rückkehr des heiligen Mantels nichts genützt
+hatte. Sie hielten sich in der dritten Umfriedigung eingeschlossen,
+die uneinnehmbar war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich
+hinaus: der Oberpriester Schahabarim.
+
+Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem Schweigen und
+schaute sie mit starren Blicken an, oder er machte ihr in einer Flut
+von Worten härtere Vorwürfe denn je.
+
+Infolge eines unerklärlichen Widerspruches verzieh er ihr nicht, daß
+sie seinen Befehlen folgsam gewesen war. Schahabarim hatte alles
+erraten. Aber diese Vermutung, die nicht von ihm wich, mehrte seine
+ohnmächtige Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges
+zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um den Zaimph wieder
+zu erobern. Dabei überschüttete er den Barbaren, der sich anmaße,
+heilige Dinge zu besitzen, mit Verwünschungen und Spott. Und doch
+wollte der Priester damit etwas ganz anderes ausdrücken.
+
+Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die Beängstigungen,
+an denen sie früher gelitten, hatten sich verloren. Eine seltsame Ruhe
+erfüllte sie. Ihre Blicke waren nicht mehr unstet, und ihre Augen
+glänzten in klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals
+erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr sichtlich gesünder ward,
+so freute sich die alte Taanach darüber. Sie war überzeugt, daß das
+Tier durch sein Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme.
+
+Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich zusammengerollt,
+kälter als Marmor. Sein Kopf wimmelte von Würmern. Auf ihr Geschrei
+kam Salambo herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der
+Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt über die
+Gleichgültigkeit ihrer Herrin.
+
+Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit dem alten
+Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf dem flachen Dache des
+Schlosses, die Ellbogen auf die Brüstung gelehnt, und belustigte sich
+damit, Ausschau zu halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der
+Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel ab, und die
+Lanzen der Posten bildeten längs seiner Krone einen Stachelzaun.
+Jenseits der Mauern erblickte sie zwischen den Türmen die Bewegungen
+der Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte, konnte sie sogar
+erkennen, was sie in ihren Lagern trieben. Sie flickten ihre Rüstungen
+aus, salbten sich das Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen
+Arme im Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraßen.
+Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen wie einen
+silbernen Krummsäbel am Fuße der Berge blinken. Schahabarims Worte
+kamen ihr wieder in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas,
+aber trotz ihres Hasses hätte sie auch Matho gern wiedersehn mögen. In
+ganz Karthago war sie vielleicht der einzige Mensch, der ohne Furcht
+mit ihm gesprochen hätte.
+
+Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend auf die
+Kissen und betrachtete sie mit fast zärtlicher Miene, als fände er in
+ihrem Anblick eine Erholung von seinen Mühsalen. Mehrfach forschte er
+sie über ihre Reise in das Lager der Söldner aus. Er fragte sogar
+einmal, ob sie nicht doch von jemandem dazu angestiftet worden sei.
+Sie verneinte es durch eine Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf,
+den heiligen Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der Suffet
+unter dem Vorwande, militärische Dinge zu erkunden, auf Matho zurück.
+Insgeheim begriff er nicht, wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte
+gewesen war. Auch von Gisgo erzählte Salambo nichts, denn da--nach
+ihrem Glauben--schon bloße Worte eine wirkliche Macht besitzen, so
+konnten Verwünschungen, die man jemandem berichtete, sich gegen ihn
+kehren. Ebenso verschwieg sie ihr Mordgelüst, aus Furcht, getadelt zu
+werden, weil sie dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der
+Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr laut
+gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzählte Salambo nicht,
+vielleicht aus Scham, vielleicht auch, weil sie in ihrer großen
+Unschuld den Küssen des Soldaten keine Bedeutung beimaß. Überdies
+flossen alle jene Vorgänge in ihrem Kopfe wehmütig und wirr
+durcheinander wie die Erinnerung an einen schweren Traum. Sie hätte
+nicht gewußt, auf welche Weise und mit welchen Worten sie alles hätte
+ausdrücken sollen.
+
+Eines Abends, als sie so einander gegenübersaßen, trat Taanach ganz
+bestürzt ein. Ein Greis mit einem Kinde sei unten im Hofe und wolle
+den Suffeten sprechen.
+
+Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch:
+
+»Er soll heraufkommen!«
+
+Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er führte einen Knaben an
+der Hand, der in einen Mantel aus Bocksfell gehüllt war. Er zog rasch
+die Kapuze zurück, die das Gesicht des Knaben verhüllte, und sagte:
+
+»Da ist er, Herr! Nimm ihn!«
+
+Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des Gemaches zurück.
+
+Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht stehen geblieben und
+musterte mit einem mehr neugierigen als erstaunten Blick die
+Zimmerdecke, das Hausgerät, die Perlenschnüre auf den Purpurvorhängen
+und das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte.
+
+Er war etwa zehn Jahre alt und nicht größer als ein Römerschwert.
+Krause Haare beschatteten seine gewölbte Stirn. Seine Augen sahen mit
+Vorliebe in die Ferne. Die feinen Nasenflügel vibrierten ihm. Über
+seiner ganzen Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie ihn
+die haben, die zu großen Taten vorbestimmt sind. Als er seinen
+schweren Mantel abgeworfen hatte, stand er in einem Luchsfell da, das
+seine Hüften umkleidete, und stampfte mit seinen kleinen bloßen Füßen,
+die weiß vom Staube waren, fest auf die Fliesen. Offenbar erriet er,
+daß man wichtige Dinge verhandelte, denn er blieb unbeweglich stehen,
+eine Hand auf dem Rücken und den Kopf gesenkt, einen Finger im Munde.
+
+Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte leise zu ihr:
+
+»Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand, selbst keiner
+im Hause, darf um sein Dasein wissen!«
+
+Hinter der Tür fragte er Iddibal noch einmal, ob er sicher sei, daß
+ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe.
+
+»Sicherlich niemand!« versetzte der Sklave. »Die Straßen waren leer.«
+
+Da sich der Krieg über alle Provinzen ausdehnte, hatte Iddibal um den
+Sohn seines Herrn Angst bekommen, und da er nicht wußte, wo er ihn
+verbergen sollte, war er in einem Boot an der Küste entlang gefahren.
+Drei Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wälle beobachtet.
+Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung des Khamontempels
+menschenleer war, hatte er die Durchfahrt schnell passiert und war am
+Arsenal gelandet. Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel später
+freilich legten die Barbaren ein riesiges Floß davor, um den
+Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Außerdem errichteten sie hölzerne
+Türme. Gleichzeitig stieg auch der Erdwall empor.
+
+Die Verbindung nach außen war nunmehr abgeschnitten, und eine
+unerträgliche Hungersnot begann.
+
+Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann auch die fünfzehn
+Elefanten, die der Suffet zurückgebracht hatte. Die Löwen des
+Molochtempels waren toll geworden, und die Tempeldiener wagten sich
+nicht mehr an sie heran. Man fütterte sie anfangs mit verwundeten
+Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch warm waren. Aber die
+Bestien verschmähten sie, und so starben sie sämtlich. In der
+Dämmerung irrten Leute längs der alten Mauern zwischen der Altstadt
+und Megara hin und pflückten zwischen den Steinen Kräuter und Blumen,
+die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden. Andre
+schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten und drangen in die
+Zelte, um Nahrungsmittel zu rauben. Die Barbaren waren darüber so
+verblüfft, daß sie die Dreisten bisweilen entkommen ließen. Endlich
+kam der Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich
+zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mähnen die Priester mit
+goldenen Bändern durchflochten. Sie versinnbildlichten die Bewegung
+der Sonne, die Idee des Feuers in seiner höchsten Gestalt. Ihr Fleisch
+wurde in gleichgroße Stücke zerlegt und hinter dem Altar vergraben.
+Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht vorschützend, allabendlich
+zum Tempel hinauf und sättigten sich verstohlen. Auch nahmen sie unter
+ihrem Gewande Stücke für ihre Kinder mit. In den einsamen
+Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten sich die
+weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern verrammelt.
+
+Die Steine der feindlichen Geschütze und die Zerstörungen, die zur
+Verteidigung der Stadt angeordnet worden waren, hatten die Straßen mit
+Schutt und Trümmern erfüllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft
+schreiende Volksmassen durch. Von der Höhe der Burg betrachtet, sahen
+die Feuersbrünste wie hie und da auf die flachen Dächer geworfene
+Purpurtücher aus, die im Winde zu flattern schienen.
+
+Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten Geschütze der
+Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie anrichteten, waren
+außerordentlich. So ward der Kopf eines Mannes bis an den Giebel der
+Syssitien geschleudert. In der Kinisdostraße ward eine Wöchnerin von
+einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr Kind mitsamt
+dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag geworfen, wo man die Decke
+wiederfand.
+
+Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln. Sie fielen auf die
+Dächer, in die Gärten und in die Höfe, während man ängstlich beim
+kargen Mahle saß. Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte
+Buchstaben, die sich in das Fleisch eindrückten. So konnte man auf der
+Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: »Schwein!« »Raubtier!« »Dreck!«
+oder Spöttereien wie: »Fang mich!« oder »Ich habs verdient!«
+
+In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag, wurden Breschen
+gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner von Malka zwischen der alten
+Mauer, die Megara von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern
+des Burgbezirks im Rücken und den Barbaren von vorn eingekeilt. Doch
+man hatte genug zu tun, die Innenmauer am Burgberge instand zu setzen
+und sie so hoch wie möglich zu machen. Man konnte sich nicht um arme
+Leute kümmern und ließ sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich sie
+allgemein verhaßt waren, erregte das doch einen großen Abscheu gegen
+Hamilkar.
+
+Am Tage darauf öffnete er die Keller, in denen er sein Getreide
+aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten es unter das Volk. Drei Tage
+lang stopfte man sich damit voll.
+
+Der Durst ward nun erst recht unerträglich. Dabei hatte man immerfort
+die große Kaskade vor Augen, in der das klare Wasser der zerstörten
+Leitung herabplätscherte. Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf,
+umhüllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen schwang
+sich darüber. Ein kleiner Bach aber schlängelte sich durch die Ebene
+und ergoß sich in das Haff.
+
+Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein Ereignis, auf etwas
+Entscheidendes, auf ein Wunder. Seine Sklaven rissen die silbernen
+Platten vom Melkarthtempel. Im Hafen zog man vier große
+Transportschiffe ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende der
+Straße der Mappalier und durchbrach dort die Mauer zwischen Straße und
+Meer. Die Schiffe gingen von da aus nach Gallien in See, um dort um
+jeden Preis Söldner anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem
+großen Ärger vom Numidierfürsten abgeschnitten, obwohl er wußte, daß
+Naravas hinter den Barbaren stand, bereit, ihnen in den Rücken zu
+fallen. Naravas war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff
+wagen. Der Suffet ließ den Wall um drei Meter erhöhen, alles
+Kriegsgerät aus den Zeughäusern nach der Burg schaffen und die
+Geschütze abermals ausbessern.
+
+Zu den Spannerven der Steingeschütze benutzte man Genicksehnen von
+Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen. Nun aber gab es in Karthago
+weder Hirsche noch Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten
+das Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das genügte noch
+nicht. In den Gebäuden der Syssitien befanden sich zwölfhundert
+mannbare Sklavinnen, die für die Prostitution in Griechenland und in
+Italien bestimmt waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den
+Gebrauch von Salben, vorzüglich geeignet gewesen wäre. Doch der
+Verlust hätte sich später zu fühlbar gemacht. Daher ward beschlossen,
+unter den Frauen der Plebejer das schönste Haar auszuwählen. Aber
+gleichgültig gegen die Bedürfnisse des Vaterlandes schreien sie
+verzweifelt, als die Schergen der Hundertmänner mit Scheren kamen und
+Hand an sie legten.
+
+Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von weitem, wie sie
+Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen damit zu ölen. Andre
+rissen den Toten die Nägel von den Händen und Füßen und nähten sie
+Stück für Stück aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam auf den
+Einfall, Gefäße voll Schlangen, die von Negern herbeigebracht wurden,
+in die Ballisten zu laden. Die so in die Stadt geschleuderten Tontöpfe
+zerbrachen auf dem Pflaster, die Schlangen schlüpften heraus und waren
+schließlich in solchen Mengen anzutreffen, daß es aussah, als kämen
+sie aus den Mauern. Fortwährend verbesserten die Barbaren ihre
+Erfindungen, da sie ihnen noch immer nicht genügten. Sie schleuderten
+Unrat aller Art, Menschenkot, Stücke von Aas und Leichen. Die Pest
+brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zähne aus dem Munde,
+und ihr Zahnfleisch ward blaß, wie das der Kamele nach einer allzu
+weiten Reise.
+
+Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt, obwohl er noch nicht
+überall die Höhe der Stadtmauer erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig
+Steintürmen erhoben sich dreiundzwanzig hölzerne. Alle Tollenonen
+waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte die
+furchtbare »Helepolis«, eine Erfindung von Demetrius Poliorketes, eine
+fahrbare Riesenbatterie, die Spendius mühselig nachkonstruiert hatte.
+Sie hatte die Gestalt einer oben abgestumpften Pyramide, ähnlich wie
+der Leuchtturm von Alexandria. Die Seitenlänge ihrer quadratischen
+Basis betrug fünfundzwanzig Meter, ihre Höhe fünfzig Meter. Sie
+bestand aus neun Stockwerken, eins immer kleiner, im Durchmesser wie
+in der Höhe, als das andre. Die Front und die beiden Seiten waren mit
+Eisenblech ausgeschlagen und mit zahlreichen Schießscharten versehen.
+Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt. Der ganze
+Turm war voller Soldaten und durch sechsundzwanzig Geschütze, darunter
+zehn schwere, armiert.
+
+Jetzt ließ Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder kommen sollte, der
+von Übergabe rede. Sogar Frauen wurden als Soldaten eingestellt. Man
+schlief auf den Straßen und wartete voller Bangigkeit.
+
+Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang--es war am siebenten Tage des
+Monats Nyssan--vernahm man in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das
+alle Barbaren draußen zugleich ausstießen. Die bleiernen Fanfaren
+schmetterten dumpf, und die großen paphlagonischen Hörner brüllten wie
+Stiere. Alles sprang auf und eilte nach dem Walle.
+
+Ein Wald von Lanzen, Spießen und Schwertern wälzte sich heran und
+brandete an die Mauern. Sturmleitern wurden angelegt, und in den
+Scharten der Brustwehren tauchten Barbarenköpfe auf.
+
+Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten gegen die Tore. An
+den Stellen, wo kein Erdwall gegenüberstand, rückten die Söldner in
+geschlossenen Kompagnien zur Zerstörung der Mauer heran. Das erste
+Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und die übrigen
+duckten sich stufenweise immer weniger, so daß die letzten ganz
+aufrecht standen, während an andern Stellen, wo man dadurch eine Art
+Treppe schaffen wollte, die Aufrechtstehenden zuvorderst und die
+Liegenden zuhinterst standen. Alle drückten mit der Linken den Schild
+auf ihren Helm und hielten die Ränder so dicht zusammen, daß sie wie
+ein Haufen großer Schildkröten aussahen. An diesen schrägen Dächern
+glitten die Geschosse ohnmächtig ab.
+
+Die Karthager schleuderten Mühlsteine, Mörserkeulen, Bottiche, Tonnen
+und Bettstellen herab, alles, was Gewicht hatte und jemanden
+erschlagen konnte. Manche lauerten mit Netzen an den Scharten, und
+wenn ein Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt und wie
+ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar die Zinnen um. Die
+Mauerstücke stürzten hinab und wirbelten große Staubwolken auf. Die
+schweren Geschütze auf den Wällen beschossen sich gegenseitig. Ihre
+Steine prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in tausend
+Stücke, wodurch die Kämpfer von einem dichten Steinsplitterhagel
+überschüttet wurden.
+
+Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch einen einzigen
+Strom von Menschenleibern, der den Raum zwischen den beiden Wällen
+erfüllte und, an den Rändern etwas dünner, beständig hin und her
+wogte, ohne seinen Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem
+Boden liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten sich
+über die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an ihren Schleiern
+hinab, und ihre plötzlich entblößten weißen Leiber glänzten in den
+Armen der Neger, die ihnen den Dolch ins Gekröse stießen. In dem
+ungeheuren Gedränge fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der
+Lebendigen hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht weiter,
+mit starren Augen. Manche, denen beide Schläfen von einem Wurfspieß
+durchbohrt waren, wiegten den Kopf wie Bären. Zum Schreien geöffnete
+Lippen blieben aufgesperrt. Abgehauene Hände flogen umher. Es fielen
+mächtige Streiche, von denen die Überlebenden noch lange sprachen.
+
+Inzwischen sprühten die Pfeile von den Stein- und Holztürmen. Die
+Tollenonen bewegten rastlos ihre langen Arme. Die Barbaren hatten den
+alten Begräbnisplatz der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt
+geplündert und schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter
+der Last zu schwerer Körbe rissen bisweilen die Taue der Sturmkrane.
+Ganze Knäuel von Menschen stürzten mit emporgestreckten Armen aus den
+Lüften herab.
+
+Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten hartnäckig
+gegen die Taenia angestürmt, um in den Hafen zu dringen und die Flotte
+zu zerstören. Hamilkar ließ auf dem Dache des Khamontempels ein Feuer
+aus feuchtem Stroh anzünden. Der Rauch trieb den Angreifern in die
+Augen und blendete sie. Da warfen sie sich nach links und vermehrten
+das fürchterliche Getümmel in Malka. Kompagnien aus kräftigen, eigens
+dazu ausgewählten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt. Hohe
+Verhaue aus nägelbeschlagenen Brettern hielten sie auf. Ein viertes
+Tor gab mühelos nach. Man stürmte im Laufschritt durch und stürzte in
+eine Grube, in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten.
+Autarit und seine Leute zerstörten die südlichste Bastei der Mauer,
+deren Durchgänge mit Ziegeln verbaut worden waren. Dahinter stieg das
+Gelände an. Man eilte im Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine
+zweite Mauer aus Steinen und großen wagerechten Balken, die
+schachbrettförmig angeordnet waren. Das war eine gallische Art, die
+der Suffet den Bedürfnissen des Augenblicks angepaßt hatte. Die
+Gallier glaubten sich vor einer Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne
+Nachdruck an und wurden zurückgeworfen.
+
+Von der Khamonstraße bis zum Gemüsemarkt war jetzt der ganze innere
+Wallgang im Besitze der Barbaren. Die Samniter machten den Sterbenden
+mit Lanzenstichen den Garaus. Andre blickten, mit einem Fuß an der
+Mauer stehend, auf die rauchenden Trümmer zu ihren Füßen und sahen von
+weitem der Schlacht zu, die von neuem begann.
+
+Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit großen Abständen
+voneinander aufgestellt waren, schossen unablässig. Doch vielfach
+waren die Federn an den akarnanischen Schleudern durch den übermäßigen
+Gebrauch zerbrochen, und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten
+Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln mit
+Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen schwarzen Haar, das ihm die
+Schultern umwallte, sprang bald hierin, bald dorthin und feuerte die
+Balearier an. An seinen Hüften hingen zwei Hirtentaschen, in die er
+unaufhörlich mit der Linken griff, während sein rechter Arm sich
+schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad.
+
+Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten, um den
+Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn am Golfe bei den
+Söldnern, an der Lagune bei den Numidiern und am Ufer des Haffs
+zwischen den Negern gesehen. Unaufhörlich trieb er die aus der Tiefe
+der Ebene anstürmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen vor.
+Allmählich kam er ihnen selbst näher. Der Blutgeruch, der Anblick des
+Gemetzels und das Trompetengeschmetter steigerten seine Kampfeslust.
+Darum war er in sein Zelt zurückgekehrt, hatte seinen Harnisch
+abgeworfen und sein Löwenfell angelegt, das für den Nahkampf bequemer
+war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte seinen Kopf und umsäumte sein
+Gesicht mit einem Kreise von Raubtierzähnen. Die beiden Vordertatzen
+kreuzten sich über seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen
+schlugen ihm in die Kniekehlen.
+
+Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt blitzte.
+Sein großes Schwert mit beiden Händen schwingend, warf er sich
+ungestüm in eine der Breschen. Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige
+abschneidet und deren so viel wie möglich abzuschlagen trachtet, um
+recht viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mähte die
+Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von der Seite zu
+fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf nieder. Wer ihn von
+vorn angriff, den durchbohrte er. Fliehenden spaltete er den Schädel.
+Einmal sprangen ihm zwei Männer zugleich auf den Rücken. Mit einem
+Satze sprang er rückwärts gegen ein Tor und zerquetschte sie. Sein
+Schwert hob und senkte sich in einem fort. An einer Mauerecke
+zersprang es. Da faßte er seine schwere Axt und schlachtete die
+Karthager vor und hinter sich ab wie eine Hammelherde. Sie wichen vor
+ihm zurück, und so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer
+am Fuße des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte Gegenstände sperrten
+die Treppenstufen und überragten die Mauer. Inmitten dieser Trümmer
+wandte sich Matho um und rief seine Kameraden.
+
+Er sah Helmbüsche hier und da über der Menge. Dann tauchten sie unter.
+Ihre Träger waren in Gefahr. Matho stürzte ihnen entgegen. Da zog sich
+der weite Kranz roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den
+Führer erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergoß sich
+ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen. Der Libyer wurde um
+die Hüften gepackt, hoch gehoben und bis vor die Mauer zu einer Stelle
+gerissen, wo die Befestigung besonders hoch war.
+
+Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich auf die Helme.
+Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett zur Mauer zu bekommen und
+wieder in die Stadt einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend,
+lief er über die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein
+Meergott, der seinen Dreizack über den Fluten schwingt.
+
+Indessen schritt ein Mann in weißem Gewande, gleichgültig und fühllos
+gegen den Tod, der ihn umringte, auf der Krone des Walles hin.
+Bisweilen legte er seine Hand über die Augen, als spähe er nach
+jemandem aus. Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des Mannes
+flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte sich. Seine beiden
+mageren Arme erhebend, rief er dem Libyer Schmähworte zu.
+
+Matho verstand sie nicht, aber er fühlte sich von einem so grausamen
+Blicke durchbohrt, daß er ein Gebrüll ausstieß. Er schleuderte seine
+langstielige Axt nach ihm. Es war Schahabarim. Leute warfen sich auf
+den Priester. Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschöpft zurück.
+
+Ein fürchterliches, donnerndes Geräusch näherte sich, vermischt mit
+dem Klange rauher, im Takt singender Stimmen. Es war die mächtige
+Helepolis, inmitten von mehreren hundert Söldnern. Man zog sie mit
+beiden Händen an Seilen oder schob mit den Schultern nach, denn obwohl
+sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer nur mäßig hob, so war
+diese schwache Steigung doch für einen Wandelturm von so fabelhafter
+Schwere Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen Meter
+breite Räder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie sich seit Morgen
+nur langsam vorwärts, gleich wie ein Berg, der sich über einen andern
+wälzt. Aus ihrem untersten Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor.
+An den drei Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden
+heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine große Schar
+gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen, die durch alle Stockwerke
+liefen, stiegen immerfort welche hinauf und hinunter. Andre warteten
+darauf, hervorzustürzen, sobald die Haken der Fallbrücken die Mauer
+gefaßt hätten. Hinter den Schießscharten drehten sich die Stränge der
+Ballisten, und die Schnellbalken der Schleudergeschütze gingen hoch
+und nieder.
+
+Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache des Melkarthtempels.
+Er hatte berechnet, daß die Helepolis gerade auf ihn zukommen und
+gegen eine unersteigliche Stelle der Mauer anrennen mußte, die eben
+deswegen nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer Zeit trugen
+seine Sklaven Schläuche voll Wasser auf den Wallgang, auf dem sie an
+der bestimmten Stelle aus Lehm zwei Querwände errichtet hatten,
+wodurch eine Art Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich
+in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise nicht
+zu beunruhigen.
+
+Als die Helepolis nur noch gegen dreißig Schritt entfernt war, ließ er
+von den Zisternen bis zum Wall über die Straßen hin von Haus zu Haus
+Bretter legen. Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand
+Helme und Krüge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen. Die
+Karthager entrüsteten sich über diese sichtliche Wasservergeudung. Der
+Widder zertrümmerte die Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den
+gelockerten Quadern hervor, und das neunstöckige gepanzerte Gerüst,
+das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu schwanken wie
+ein Schiff. Das Wasser, das durch die Bresche herausquoll, weichte den
+Weg vor der Helepolis auf. Alsbald blieben die Räder im Morast
+stecken. Im ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder der
+Schießscharten der Kopf des Spendius auf, der aus vollen Backen in ein
+Elfenbeinhorn stieß. Die Riesenbatterie kam ruckweise wohl noch zehn
+Schritte weiter, dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die
+Räder versanken bis an die Achsen, und schließlich stand die Helepolis
+still und neigte sich bedrohlich nach einer Seite. Die schweren
+Geschütze in den unteren Stockwerken schoben sich von ihren Plätzen
+und nahmen dem Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch und
+richtete arge Zerstörung im Innern an. Die Soldaten, die schon an den
+Fallbrücken standen, wurden herausgeschleudert oder klammerten sich
+draußen an und vermehrten so durch ihr Gewicht die Neigung des
+Ungetüms, das in allen Fugen krachte und schließlich zusammenbrach.
+
+Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete sich ein
+dichter Menschenknäuel. Da machten die Karthager vom Walle herab einen
+Ausfall, fielen ihnen in den Rücken und machten sie mühelos nieder.
+Jetzt brausten die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise um
+das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre Mauern. Die Nacht
+brach an. Nach und nach zogen sich die Barbaren zurück.
+
+Auf der Ebene erblickte man vom bläulichschimmernden Golf bis zu der
+weißen Lagune nichts als ein rabenschwarzes Gewimmel, und das blutrote
+Haff dehnte sich in das Land hinein wie ein großer Purpursumpf.
+
+Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, daß er aus Menschenleibern
+errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten die Trümmer der Helepolis,
+Waffen und Rüstungen darüber. Von Zeit zu Zeit lösten sich große
+Bruchstücke von ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstürzenden
+Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar, wo das
+geschmolzene Blei geflossen war. Hier und da brannte ein umgerissener
+Holzturm. Das Häusermeer verschwamm im Dunkel und sah aus wie die
+Stufen eines zerstörten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden stiegen
+empor und wirbelten Funken in die Höhe, die sich am schwarzen Himmel
+verloren.
+
+Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt, nach den Zisternen
+gestürzt. Sie erbrachen die Tore. Schlammpfützen standen auf dem
+Grunde der Becken.
+
+Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzählige. Sobald sie sich
+erholt hatten, würden sie wieder anstürmen!
+
+Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise, an den
+Straßenecken. Die einen meinten, man müsse die Weiber, die Kranken und
+Greise fortschicken. Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und
+sich in einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten,
+und als die Sonne aufging, war noch kein Entschluß gefaßt.
+
+An diesem Tage wurde nicht gekämpft. Die Erschöpfung auf beiden
+Parteien war zu groß. Die Schlafenden sahen aus wie Tote.
+
+Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks nach. Da fiel
+ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer, das sie dem tyrischen Melkarth
+schuldeten, noch nicht nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer
+Schrecken erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik und
+wollten gründliche Rache üben.
+
+Man sah in den Göttern grausame Herren, die man durch Gebete
+besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen konnte. Alle aber waren
+ohnmächtig vor Moloch, dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch
+der Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern Brauch, ihm
+einen Teil davon zu opfern, um seine Gier zu stillen. Man brannte den
+Kindern an der Stirn oder im Nacken Zeichen ein, und da diese
+symbolische Art, den Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld
+eintrug, so verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg
+höchlichst zu empfehlen.
+
+Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik. Da jeder
+Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft werden muß und jeder Vertrag
+sich nach dem Bedürfnis des Schwächeren und der Forderung des
+Stärkeren regelt, so durfte für den Gott, der am entsetzlichsten sein
+Ergötzen hatte und in dessen Hand man jetzt völlig war, kein Opfer zu
+groß sein. Man mußte Moloch sattsam befriedigen. Beispiele bewiesen,
+daß das Übel dann aufhörte. Überdies glaubte man, ein Brandopfer würde
+Karthago entsühnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten sich
+sofort. Zudem mußte die Wahl der Opfer lediglich die Patrizierfamilien
+treffen.
+
+Die Alten versammelten sich. Die Sitzung währte lange. Auch Hanno nahm
+daran teil. Da er nicht mehr sitzen konnte, lag er neben der Tür, von
+den Fransen des hohen Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester
+Molochs fragte, ob man bereit wäre, die Kinder zu opfern, da erscholl
+Hannos Stimme plötzlich aus dem Dunkel wie das Gebrüll eines bösen
+Geistes aus einer tiefen Höhle. Er bedaure, sagte er, keine Kinder
+eigenen Blutes opfern zu können. Dabei schielte er Hamilkar an, der
+ihm gegenüber am andern Ende des Saales saß. Der Suffet ward durch
+diesen Blick derart verwirrt, daß er die Augen niederschlug. Alle
+bejahten die Frage des Oberpriesters der Reihe nach durch Kopfnicken.
+Auch Hamilkar mußte dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!«
+Darauf ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche
+Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen als
+auszuführen sind.
+
+Der Beschluß ward fast augenblicklich in Karthago bekannt. Wehgeschrei
+erscholl. Überall hörte man die Frauen jammern. Die Männer trösteten
+oder schalten sie und redeten ihnen zu.
+
+Drei Stunden später verbreitete sich eine neue wichtige Nachricht: der
+Suffet hatte am Fuße der steilen Küste Quellen gefunden. Man eilte
+hin. Im Sande waren Löcher gegraben. Wasser stand darin, und schon
+lagen Menschen flach auf dem Bauche und tranken daraus.
+
+Hamilkar wußte selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung durch die Götter
+oder die dunkle Erinnerung an eine vertrauliche Mitteilung war, die
+ihm sein Vater einst gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er
+zum Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven begonnen, den
+Sand aufzuscharren.
+
+Er ließ Gewänder, Schuhe und Wein verteilen. Er gab das letzte
+Getreide hin, das er noch besaß. Er ließ die Menge sogar in sein
+Schloß ein und öffnete die Küchen, die Vorratskammern und alle
+Gemächer außer denen Salambos. Er machte bekannt, daß sechstausend
+gallische Söldner unterwegs seien und daß der König von Mazedonien
+Hilfstruppen schicke.
+
+Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen, und am
+Abend des dritten waren sie völlig versiegt. Da lief der Befehl der
+Alten abermals von Mund zu Munde, und die Molochpriester gingen
+nunmehr an ihre Arbeit.
+
+Männer in schwarzen Gewändern erschienen in den Häusern und Palästen.
+Viele Bewohner hatten sie vorher verlassen, indem sie ein Geschäft
+oder eine Besorgung vorschützten. Die Schergen Molochs traten
+rücksichtslos ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen
+stumpfsinnig selbst aus. Man führte die Kleinen zum Tempel der Tanit,
+deren Priesterinnen es oblag, sie bis zu dem Tage der Feier zu
+belustigen und zu ernähren.
+
+Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem Garten.
+
+»Barkas! Wir kommen. Du weißt, weshalb ... Dein Sohn ...«
+
+Sie fügten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine Hannibal in der
+Straße der Mappalier gesehen worden. Ein alter Mann habe ihn an der
+Hand geführt.
+
+Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerührt. Doch er begriff
+rasch, daß alles Leugnen vergeblich wäre. Er verneigte sich und führte
+sie in das Verwaltungshaus. Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt
+waren, bewachten die Umgebung.
+
+Ganz verstört betrat er Salambos Gemach. Er ergriff Hannibal mit einer
+Hand, riß mit der andern die Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab,
+band den Knaben an Händen und Füßen, stopfte ihm das Ende als Knebel
+in den Mund und verbarg ihn unter dem rindsledernen Lager, über das er
+eine große Decke bis zum Fußboden breitete.
+
+Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich im Kreise herum
+und biß sich auf die Lippen. Endlich blieb er mit stieren Blicken
+stehen und atmete schwer, als ob er dem Tode nahe sei.
+
+Plötzlich klatschte er dreimal in die Hände.
+
+Giddenem erschien.
+
+»Gib acht!« befahl er ihm. »Suche unter den Sklaven einen Knaben im
+Alter von acht bis neun Jahren mit schwarzem Haar und gewölbter runder
+Stirn und bring ihn hierher! Aber sofort!«
+
+Giddenem kehrte bald zurück und brachte einen Knaben mit, ein
+armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen. Seine Haut sah ebenso
+grau aus wie die häßlichen Lappen, die um seine Hüften hingen. Sein
+Kopf steckte zwischen den Schultern. Mit dem Handrücken rieb er sich
+die Augen, die voller Schmutz waren.
+
+Wie hätte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln können! Doch
+es war keine Zeit mehr, einen andern zu holen. Hamilkar blickte
+Giddenem an. Am liebsten hätte er ihn erwürgt.
+
+»Pack dich!« schrie er.
+
+Der Sklavenaufseher verschwand.
+
+So war das Unglück, das er so lange gefürchtet, also hereingebrochen!
+Er gab sich die erdenklichste Mühe, einen Ausweg zu ersinnen.
+
+Abdalonim ward hinter der Tür hörbar. Man verlangte nach dem Suffeten.
+Die Schergen Molochs seien ungeduldig.
+
+Hamilkar unterdrückte einen Schrei. Es war ihm, als wenn er mit
+glühendem Eisen gefoltert würde. Von neuem begann er wie ein Rasender
+im Zimmer auf und ab zu laufen. Dann brach er am Geländer zusammen und
+preßte die Stirn in seine geballten Fäuste.
+
+Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser für Salambos
+Waschungen. Trotz seines Widerwillens und all seines Hochmutes tauchte
+der Suffet das Kind eigenhändig hinein und begann es wie ein
+Sklavenhändler zu waschen und mit Bürsten und mit rotem Ocker zu
+reiben. Dann entnahm er den Wandschränken zwei viereckige Stück
+Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf den Rücken und
+befestigte sie über den Schlüsselbeinen mit zwei Diamantspangen. Er
+goß dem Jungen noch Parfüm über den Kopf, legte ihm eine
+Bernsteinkette um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmückten
+Absätzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte er vor Scham
+und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich war, sah ebenso blaß aus
+wie er. Das Kind lachte, entzückt über all die Herrlichkeiten. Es ward
+dreister und begann in die Hände zu klatschen und zu springen. Da zog
+Hamilkar es fort. Mit starker Hand hielt er es am Arme fest, als
+fürchte er, es zu verlieren. Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu
+weinen, während es neben ihm herlief.
+
+In der Nähe des Gefängnisses, unter einem Palmenbaum, stammelte eine
+klägliche flehende Stimme:
+
+»Herr! Ach, Herr!«
+
+Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen widerlich
+aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfähigen, die im Hause
+hinvegetierten.
+
+»Was willst du?« fragte der Suffet.
+
+Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte:
+
+»Ich bin sein Vater!«
+
+Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit gekrümmtem Rücken,
+schlotternden Knien und vorgestrecktem Halse. Unsägliche Angst
+verzerrte sein Gesicht. Unterdrücktes Schluchzen erstickte seine
+Stimme. Es drängte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn um
+Gnade anzuflehen.
+
+Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen zu berühren.
+
+»Willst du ihn ...«
+
+Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar blieb stehen,
+ganz verwundert über diesen Schmerz.
+
+Nie hatte er daran gedacht--so groß war der Abstand zwischen Herrn und
+Sklaven!--, daß es zwischen ihnen etwas Gemeinsames geben könne. Das
+erschien ihm geradezu als eine Beleidigung, eine Schmälerung seiner
+Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der kälter und schwerer war
+als das Beil eines Henkers. Der Sklave sank ohnmächtig in den Staub.
+Hamilkar schritt über ihn hinweg.
+
+Die drei schwarz gekleideten Männer erwarteten ihn stehend in der
+großen Halle des Verwaltungshauses. Alsobald zerriß Hamilkar sein
+Gewand und sank mit einem schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen.
+
+»Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein Trost! Meine Hoffnung!
+Mein Leben! Tötet mich mit! Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!«
+
+Er zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln, raufte sich die Haare und
+heulte wie die Klageweiber bei einem Begräbnisse.
+
+»Führt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort! Tötet mich wie
+ihn!«
+
+Die Schergen Molochs waren betroffen, den großen Hamilkar so schwach
+zu sehen. Sie wurden fast gerührt.
+
+Da hörte man den Tritt nackter Füße und ein stoßweises Röcheln, das
+dem Schnaufen eines heranjagenden wilden Tieres glich. Auf der
+Schwelle der Haupttüre erschien der bleiche, verstörte Mensch,
+streckte die Arme aus und schrie:
+
+»Mein Kind!«
+
+Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven, verschloß ihm den
+Mund mit seinen Händen und überschrie ihn:
+
+»Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen hat! Er nennt ihn sein
+Kind! Er wird wohl nun seinen Verstand ganz verlieren! Machen wir ein
+Ende!«
+
+Damit drängte er die drei Priester und ihr Opfer an den Schultern zum
+Ausgang, trat mit ihnen hinaus und warf die Tür hinter sich mit einem
+mächtigen Fußtritt zu.
+
+Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er fürchtete, die drei
+könnten zurückkommen. Dann dachte er daran, den Sklaven zu beseitigen,
+um seines Schweigens sicher zu sein. Die Gefahr war noch nicht völlig
+vorüber, aber ein Mord konnte durch den Zorn der Götter auf das Haupt
+seines Sohnes zurückfallen. Da änderte er seinen Plan und sandte dem
+Sklaven durch Taanach die besten Speisen aus der Küche: ein Stück
+Bockfleisch, Bohnen und eingemachte Granatäpfel. Der Unglückliche, der
+lange nichts gegessen hatte, stürzte sich darauf. Seine Tränen fielen
+in die Schüsseln.
+
+Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurück und löste Hannibals Fesseln.
+Der aufgeregte Knabe biß ihm die Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn
+mit einer Liebkosung ab.
+
+Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschüchtern, indem
+sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin aus Kyrene, erzählte.
+
+»Wo ist sie denn?« fragte der Knabe.
+
+Nun erzählte man ihm, es seien Räuber dagewesen, um ihn einzukerkern.
+Er erwiderte:
+
+»Mögen sie kommen! Ich töte sie!«
+
+Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal aber ward
+gegen seinen eigenen Vater zornig und behauptete, als Karthagos Herr
+könne er doch das ganze Volk ausrotten.
+
+Schließlich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung erschöpft,
+in einen unruhigen Schlaf. Er redete im Traume. Mit dem Rücken auf
+einem Scharlachkissen, den Kopf etwas hintenüber, machte sein
+ausgestrecktes Ärmchen eine gebieterische Gebärde.
+
+Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam auf und
+stieg ohne Fackel die Galeerentreppe hinab. Er ging durch das
+Verwaltungshaus und nahm einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren
+Wassers mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das Kind im
+Edelsteingewölbe und lächelte--ganz wie das Kind des Sklaven--auf dem
+Arm seines Vaters beim Glanze der Pracht ringsumher.
+
+Jetzt war Hamilkar sicher, daß man ihm seinen Sohn nicht raubte. Der
+Ort war unzugänglich und stand durch einen unterirdischen Gang, den er
+allein kannte, mit der Küste in Verbindung. Er blickte sich um und
+holte tief Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel neben den
+goldenen Schilden.
+
+Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt zu sein. Das
+erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter, die ihren verlorenen
+Erstgeborenen wiederfindet, warf er sich auf seinen Sohn, drückte ihn
+an seine Brust, lachte und weinte zugleich, gab ihm die zärtlichsten
+Namen und bedeckte ihn mit Küssen. Der kleine Hannibal, von dieser
+wilden Zärtlichkeit erschreckt, blieb ganz still.
+
+Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurück, indem er sich an den
+Mauern entlang tastete. So gelangte er in die große Halle, in die das
+Mondlicht durch einen Spalt in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag
+der gesättigte Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen und
+schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art Mitleid ergriff ihn.
+Mit der Spitze seines Panzerstiefels schob er ihm einen Teppich unter
+den Kopf. Dann erhob er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren
+schmale Sichel am Himmel glänzte. Er fühlte sich stärker als alle
+Götter und voller Verachtung gegen sie.
+
+ * * * * *
+
+Die Zurüstungen zum Opfer hatten indessen begonnen. Man entfernte ein
+Stück aus der Hintermauer des Molochtempels und zog das eherne
+Götterbild hindurch bis ins Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu
+berühren. Sobald die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es weiter
+nach dem Khamonplatze.
+
+Das Götterbild bewegte sich rückwärts auf rollenden Walzen. Seine
+Schultern ragten über die Mauern hinweg. Die Karthager entflohen
+eiligst, sobald sie es nur von ferne erblickten. Denn nur dann durfte
+man den Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genüge tat.
+
+Weihrauchduft wehte durch die Straßen. Alle Tempel hatten sich
+gleichzeitig geöffnet, und heraus kamen Tabernakel auf Wagen und auf
+Sänften, von Priestern getragen. Hohe Federbüsche nickten an ihren
+Ecken, und Strahlen blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von
+Kugeln aus Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrönt waren.
+
+Das waren die punischen Götter, Nebensonnen des höchsten Gottes, die
+zu ihrem Herrn und Meister wallten, um sich vor seiner Macht zu
+demütigen und vor seinem Glanze zu vergehen.
+
+Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Sänfte Melkarths brannte
+eine Erdölflamme. Auf dem hyazinthenblauen Tabernakel Khamons ragte
+ein Phallus aus Elfenbein, rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den
+himmelblauen Vorhängen Eschmuns schlief eine zusammengerollte
+Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren Priestern im Arme
+getragen wurden, glichen großen Wickelkindern, die mit den Füßen die
+Erde streiften.
+
+Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal Samin, der Gott
+der Himmelsräume, Baal Peor, der Gott der heiligen Berge, Beelzebub,
+der Gott der Verderbnis, ferner die Götter der Nachbarländer und
+stammesverwandten Völker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech
+Chaldäas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem Jungfrauenantlitz
+kroch auf ihren Flossen, und die Mumie des Tammuz ward zwischen
+Fackeln und Haarkränzen auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die
+Herrscher des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen und zu
+verhindern, daß ihr besonderer Einfluß den seinen störe, schwenkte man
+an langen Stangen verschiedenfarbige Metallsterne. Alle waren
+vertreten, vom schwarzen Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem
+scheußlichen Rahab, der Verkörperung des Sternbilds des Krokodils. Die
+Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind, kreisten an
+Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester trugen auf Körben kleine
+Brote von der Gestalt weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre
+Fetische, ihre Amulette. Vergessene Götterbilder tauchten auf. Sogar
+von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole genommen, als wolle
+sich ganz Karthago versammeln in dem einen Gedanken des Todes und der
+Verzweiflung.
+
+Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe ein großes Gefäß, in
+dem Weihrauch brannte. Dampfwolken schwebten über dem Zuge, über den
+Teppichen, den Behängen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei
+ihrer beträchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwärts. Bisweilen
+blieb einer der Wagen wegen irgendeines Hemmnisses stehen. Dann
+benutzten die Gläubigen die Gelegenheit, die Götterbilder mit ihren
+Gewändern zu berühren, die dann selber wie Heiligtümer in Ehren
+gehalten wurden.
+
+Der eherne Koloß rückte dem Khamonplatz immer näher. Die Patrizier,
+die Zepter mit Smaragdknäufen trugen, brachen jetzt von Megara auf.
+Die Alten, mit Diademen geschmückt, hatten sich in Kinisdo versammelt,
+und die Staatswürdenträger, die Statthalter der Provinzen, die
+Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der ganze Schwarm, der
+bei Begräbnissen verwendet ward, alle mit den Abzeichen ihrer Würden
+oder den Werkzeugen ihres Handwerkes versehen, strömten den
+Tabernakeln zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis
+herabwallten.
+
+Aus Verehrung für Moloch hatten die Priester ihre glänzendsten
+Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten auf den schwarzen Kutten. Zu
+weite Ringe glitten an abgemagerten Händen hin und her. Ein
+trübseliger Anblick: diese schweigende Schar, deren Ohrgehänge gegen
+die bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren fanatische
+starre Stirnen krönten.
+
+Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des Platzes. Seine
+Priester errichteten aus Gittern eine Umzäunung, um die Menge
+zurückzuhalten, und stellten sich zu seinen Füßen um ihn herum auf.
+
+Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewändern ordneten sich unter
+den Säulen der Vorhalle ihres Tempels zu Reihen. Die Priester Eschmuns
+in leinenen Mänteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen, und
+spitzen Mützen, nahmen auf der Treppe der Akropolis Aufstellung. Die
+Priester Melkarths in violetten Tuniken nahmen die Westseite des
+Platzes ein. Die Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem
+Stoffe umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Südseite wies
+man den Nekromanten an, die über und über mit Tätowierungen bedeckt
+waren, ferner den Heulern, die in geflickte Mäntel gehüllt waren, den
+Dienern der Kabiren und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft
+einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester in ihren
+blauen Gewändern hatten klüglich in der Sathebstraße Halt gemacht und
+sangen mit leiser Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab.
+
+Von Zeit zu Zeit zogen Reihen völlig nackter Männer heran, die sich
+mit ausgestreckten Armen bei den Schultern hielten. Sie stießen
+heisere, hohlklingende Brusttöne aus. Ihre Augen, auf den Koloß
+gerichtet, funkelten, staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Körper im
+Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben. Sie waren so in
+Raserei, daß die Tempeldiener, um die Ordnung aufrecht zu erhalten,
+sie schließlich durch Stockschläge nötigten, sich flach auf den Bauch
+zu legen und sich damit zu begnügen, das Gesicht gegen die ehernen
+Gitter zu pressen.
+
+Jetzt näherte sich vom Hintergrund des Platzes ein Mann in weißem
+Gewande. Er bahnte sich langsam einen Weg durch die Menge, und man
+erkannte einen Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich,
+denn die Vergötterung der Männlichkeit herrschte an diesem Tage in
+aller Herzen vor. Ja, die Göttin war derart vergessen, daß man das
+Fehlen ihrer Priesterschaft gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen
+verdoppelte sich, als man den Oberpriester eine der Türen der Gitter
+öffnen sah, die nur für solche bestimmt waren, die dem Gotte Opfer
+bringen wollten. Das war--so meinten die Molochpriester--ein Schimpf,
+den er ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen Gesten
+zurückzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der Opfertiere nährten,
+die wie Könige in Purpur gehüllt waren und dreifache Kronen trugen,
+spien nach diesem bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen,
+und zorniges Gelächter erschütterte ihre schwarzen Bärte, die
+sonnenförmig ihre Brust bedeckten.
+
+Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten. Er durchquerte
+Schritt für Schritt den ganzen umfriedigten Raum, kam bis zu den Füßen
+des Kolosses und berührte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er
+ihn umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung. Die Mondgöttin
+quälte ihn schon allzu lange, und aus Verzweiflung, vielleicht auch
+aus Mangel an einem Gotte, der seine Gedankenwelt völlig befriedigte,
+ging er jetzt zu Moloch über.
+
+Entsetzt über diese Abtrünnigkeit, stieß die Menge ein nicht
+endenwollendes Murren aus. Man fühlte das letzte Band zerrissen, das
+die Seelen an eine milde Gottheit fesselte.
+
+Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des Gottes teilnehmen.
+Die Männer in den Purpurmänteln vertrieben ihn aus der Umzäunung.
+Wieder draußen, ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum.
+Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener, der keinen Gott
+mehr hatte. Man wich zurück, wo er nahte.
+
+Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und Lorbeerholz zwischen
+den Beinen des Kolosses angezündet worden. Die Spitzen seiner langen
+Flügel tauchten in die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen
+war, rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um das runde
+Postament, auf dem seine Füße ruhten, standen die Kinder, in schwarze
+Schleier gehüllt, unbeweglich im Kreise. Seine übermäßig langen Arme
+reichten mit den Händen bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen
+lebendigen Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben.
+
+Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze Volksmenge drängten
+sich hinter den Priestern, überallhin, bis auf die flachen Dächer der
+Häuser. Die großen bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel
+waren auf den Boden gestellt, und die Qualmsäulen der Weihrauchfässer
+stiegen senkrecht empor, wie riesige Bäume, die ihre bläulichen Wipfel
+im Äther entfalten.
+
+Manche wurden ohnmächtig. Andre standen starr und versteinert in ihrer
+Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete auf aller Brust. Die letzten
+Rufe verhallten nach und nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und
+lechzte nach dem Entsetzlichen.
+
+Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken unter die
+Schleier der Kinder, riß einem eine Haarlocke von der Stirn und warf
+sie in die Flammen. Dann stimmten die Männer in den roten Mänteln den
+heiligen Hymnus an:
+
+»Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der sich selbst
+erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn, Gott und Göttin, Göttin und
+Gott!«
+
+Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente, die alle auf
+einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer zu übertönen. Die
+achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen Kinnors und die
+zwölfsaitigen Nebals knarrten, pfiffen und stöhnten. Riesige
+Dudelsäcke gaben ihren scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus
+Leibeskräften geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden
+Wirbeln, und durch das wütende Trompetengeschmetter rauschten die
+Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflügel.
+
+Bevor die eigentliche Feier begann, prüfte man vorsichtigerweise die
+Arme des Gottes. Dünne Ketten liefen von seinen Fingern zu den
+Schultern hinauf und über den Rücken wieder hinab, wo sie von Männern
+gezogen wurden. Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hände bis
+zur Höhe der Ellbogen empor, näherten sich einander und legten sich
+dann vor die Opfermündung seines Leibes. Man zog die Ketten mehrmals
+hintereinander mit kleinen ruckweisen Bewegungen und ließ dann wieder
+los. Dann schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.
+
+Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin und her und
+beobachteten die Menge.
+
+Es bedurfte eines persönlichen, gänzlich freiwilligen Opfers, das
+gewissermaßen die andern nach sich zog. Bisher aber zeigte sich
+niemand, und die sieben Gänge, die von den Schranken hin zu dem
+Kolosse führten, blieben leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu
+ermutigen, Geißeln aus ihren Gürteln und zerfetzten sich die
+Gesichter. Nun ließ man auch die Geweihten, die draußen auf dem Boden
+hingestreckt lagen, in die Umzäunung. Man warf ihnen ein Bündel
+furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und jeder wählte sich eins. Sie
+stießen sich Nadeln in die Brust, schlitzten sich die Wangen auf und
+setzten sich Dornenkronen aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander
+mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten großen Kreise,
+der sich bald zusammenzog, bald erweiterte. Sie liefen bis an das
+Geländer zurück, stürzten wieder vor und fingen immer von neuem an,
+indem sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lärmvollen
+Schauspiels anlockten.
+
+Allmählich kamen Leute bis an das Ende der Gänge. Sie warfen Perlen,
+goldene Schalen, Becher, Leuchter, all ihre Reichtümer in die Flammen.
+Die Opfer wurden immer kostbarer und massenhafter. Schließlich wankte
+ein Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch, und
+stieß ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man zwischen den Händen
+des Kolosses eine kleine schwarze Masse, die oben in der unheimlichen
+Öffnung verschwand. Die Priester neigten sich über den Rand des
+Postaments, und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes
+und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.
+
+Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben, und da der
+Rauch in großen Schwaden emporwirbelte, so sah es von weitem aus, als
+verschwänden sie in einer Wolke. Keins rührte sich. Sie waren an
+Händen und Füßen gefesselt, und ihre dunklen Schleier hinderten sie,
+etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden.
+
+Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel, stand vor dem
+Baal neben der großen Zehe des rechten Fußes des Kolosses. Als man das
+vierzehnte Kind opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige
+Gebärde des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frühere Stellung
+wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden. Auf der andern
+Seite der Bildsäule stand der Oberpriester ebenso unbeweglich wie er,
+eine assyrische Mitra auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und
+betrachtete sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen, in
+denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben widerspiegelten. Bei
+Hamilkars Gebärde erschrak und erblaßte er. Der Suffet sah nicht hin.
+Beide standen dem glühenden Ofen so nahe, daß der wallende Saum ihrer
+Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.
+
+Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten keinen Augenblick
+mehr. Jedesmal, wenn man wieder ein Kind darauf legte, streckten die
+Molochpriester die Hände darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu
+belasten, und schrien:
+
+»Es sind keine Menschen, sondern Tiere!«
+
+Und die Menge ringsum wiederholte: »Tiere! Tiere!«
+
+Die Gläubigen riefen: »Herr, iß!« Und die Priester der Proserpina, die
+sich aus Angst mit den Bräuchen Karthagos abfanden, murmelten die
+eleusinische Formel: »Gieß Regen aus! Sei fruchtbar!«
+
+Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer wie Wassertropfen
+auf einer glühenden Platte. Und eine weiße Rauchwolke stieg jedesmal
+aus der scharlachroten Glut empor.
+
+Die Gier des Gottes war unersättlich. Er verlangte immer mehr. Um ihn
+zu befriedigen, schichtete man mehrere Kinder auf einmal in seinen
+Händen auf und schlang eine Kette darüber, um sie festzuhalten.
+Anfangs wollten einige Gläubige die Opfer zählen, um zu sehen, ob ihre
+Zahl den Tagen des Sonnenjahres entspräche. Doch man legte eins auf
+das andre, und es war bei der raschen Bewegung der furchtbaren Arme
+unmöglich, die einzelnen zu unterscheiden. Das währte lange, endlos,
+bis zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler, und man erkannte
+brennendes Fleisch. Manche glaubten sogar Haare, Glieder und ganze
+Körper wahrzunehmen.
+
+Der Tag ging zur Rüste. Rauchwolken schwebten über dem Baal. Der
+Opferherd glühte nur noch. Eine Aschenpyramide war herabgerieselt, die
+dem Gotte bis zu den Knien reichte. Über und über rot, wie ein
+blutüberströmter Riese, schien er mit seinem zurückgeworfenen Haupte
+unter der Last seiner Sattheit zu wanken.
+
+Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der Wahnsinn des
+Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer übrig waren, schrien die
+einen, man solle diese schonen, aber die andern riefen, man müsse
+ihrer noch mehr holen. Es war, als ob die mit Menschen beladenen
+Mauern unter dem Gebrüll des Entsetzens und der mystischen Wollust
+zusammenbrächen. Gläubige drängten sich in die Gänge und schleppten
+ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten. Sie schlugen sie, um
+sie von sich loszumachen und den roten Männern zu überliefern. Die
+Spielleute hielten bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das
+Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen
+herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker krochen auf allen vieren um den
+Koloß herum und brüllten wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die
+Geweihten sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken
+durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer. Väter, deren
+Kinder vordem gestorben waren, warfen wenigstens deren Bilder,
+Spielzeug und aufbewahrtes Gebein ins Feuer. Manche stürzten sich mit
+Messern auf die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die
+Tempeldiener scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen aus Erz
+und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung über die ganze Stadt
+und bis in den Sternenraum zu senden.
+
+Der laute Lärm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren an den Fuß
+der Mauern gelockt. Um besser zu sehen, kletterten sie an den Trümmern
+der Helepolis hoch und schauten starr vor Entsetzen zu.
+
+
+
+
+XIV
+
+In der Säge
+
+
+Die Karthager waren noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt, als sich
+die Wolken bereits dichter ballten. Die vor dem Koloß Gebliebenen
+fühlten große Tropfen auf der Stirn. Der Regen begann.
+
+Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strömen. Donner
+rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte Tanit besiegt, und die
+befruchtete Göttin öffnete nun droben ihren Riesenschoß. Bisweilen
+erblickte man sie durch zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald
+aber schlossen sich die düsteren Dunstgebilde wieder, als sei Tanit
+noch müde und wolle weiterschlafen. Die Karthager, nach deren Glauben
+das Wasser vom Monde geboren wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen
+erleichtern.
+
+Der Regen schlug auf die Terrassen und überschwemmte sie, bildete
+Teiche auf den Höfen, Wasserfälle auf den Treppen und Strudel an den
+Straßenecken. Er ergoß sich hier in schweren trüben Massen, dort in
+hurtigen Strahlen. Von allen Hausgiebeln plätscherten breite
+schäumende Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen wie loses
+graues Tuch. Die abgespülten Tempeldächer blinkten im Schein der
+Blitze. In tausend Rinnen stürzten Kaskaden von der Akropolis herab.
+Häuser brachen zusammen, und Dachbalken, Stuck und Gerät schwammen in
+den Bächen, die jäh über das Pflaster hinschossen.
+
+Man hatte Schüsseln und Krüge aufgestellt und Segel ausgespannt. Die
+Fackeln erloschen. Man nahm glimmende Scheite aus der Glut Molochs.
+Auf den Straßen bogen sich die Leute hintenüber und öffneten den Mund,
+um den Regen zu trinken. Andre lagen am Rande schmutziger Pfützen,
+tauchten die Arme bis zu den Achseln hinein und schlürften sich so
+voll Wasser, daß sie es wie Büffel wieder ausspien. Allmählich ward
+die Witterung kühl und frisch. Alle sogen die feuchte Luft ein und
+reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch entsprang alsbald eine
+grenzenlose Zuversicht. Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mußte
+wieder auferstehen.
+
+Man empfand das Bedürfnis, die maßlose Wut, die man in sich selbst
+nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen. Das Opfer durfte
+nicht nutzlos bleiben. Wenngleich niemand Reue empfand, so fühlten
+sich doch alle von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an
+unsühnbarem Verbrechen ersteht.
+
+Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht schließenden Zelten
+überrascht. Noch am nächsten Tage wateten sie völlig durchnäßt im
+Schlamm umher und suchten ihre verdorbenen Vorräte und verlorenen
+Waffen zusammen.
+
+Hamilkar begab sich aus freien Stücken zu Hanno und übergab ihm kraft
+seiner Machtvollkommenheit den Befehl über die Stadt. Der alte Suffet
+schwankte eine Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schließlich aber
+nahm er an.
+
+Hierauf ließ Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am Bug wie am Steuer
+mit je einem Geschütz ausgerüstet war. Sie ging im Golfe dem Floß
+gegenüber vor Anker. Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch
+verfügbaren Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden steuernd,
+verschwand er im Nebel.
+
+Doch drei Tage später--man wollte eben von neuem Sturm laufen--kamen
+Leute von der libyschen Küste unter großem Geschrei in das
+Söldnerlager. Barkas sei bei ihnen gelandet, mache überall
+Beitreibungen und ginge immer weiter hinein in das Land.
+
+Die Barbaren entrüsteten sich darüber, als ob Hamilkar sie verraten
+hätte. Die der Belagerung Überdrüssigen, besonders die Gallier,
+verließen ohne weiteres die Belagerungswerke, um zu ihm zu stoßen.
+Spendius wollte die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken
+eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara gezogen und sich
+geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurücken. Von der Mannschaft
+beider Befehlshaber rührte sich keiner vom Flecke. Die andern zogen
+unter Autarits Führung ab und gaben damit den westlichen Teil der
+Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so groß, daß man gar nicht
+daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen.
+
+Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Während der Nacht ritt
+er mit allen seinen Numidiern auf der Seeseite der Lagune am
+Meeresgestade hin und zog in Karthago ein.
+
+Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter in der Not.
+Sie trugen sämtlich Mehl unter den Mänteln. Seine vierzig Elefanten
+waren mit Futter und getrocknetem Fleisch beladen. Man drängte sich um
+sie und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft einer solchen
+Hilfe erfreute die Karthager der Anblick dieser gewaltigen, dem
+Sonnengotte geweihten Tiere. Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade,
+ein Zeichen, daß er ihnen endlich beistehen und in den Krieg
+eingreifen wolle.
+
+Naravas nahm die höflichen Worte der Alten entgegen. Dann stieg er zu
+Salambo die Schloßtreppe empor.
+
+Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars Zelt, im Schoße
+der fünf Heere, ihre kleine, weiche, kühle Hand in der seinen gehalten
+hatte. Nach der Verlobung war sie nach Karthago zurückgekehrt. Seine
+Liebe, die eine Weile seinen ehrgeizigen Plänen gewichen war, erwachte
+von neuem. Jetzt gedachte er in den Genuß seiner Rechte zu treten, die
+Karthagerin zu seiner Frau zu machen und sie mit sich zu nehmen.
+
+Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr Gebieter werden
+könne. Obwohl sie Tanit alle Tage um Mathos Tod anflehte, ward ihr
+Abscheu vor dem Libyer doch immer geringer. Sie hatte das dunkle
+Gefühl, daß der Haß, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges
+sei. Sie hätte in Naravas' Wesen einen Abglanz jener wilden Heftigkeit
+sehn mögen, von der sie immer noch bezaubert war. Wohl wünschte sie
+den Numidier näher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr doch
+unangenehm. Sie ließ ihm antworten, sie dürfe ihn nicht empfangen.
+
+Überdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem jungen
+Numidierfürsten keinen Zutritt zu Salambo zu gewähren. Er glaubte
+seiner Treue sicherer zu sein, wenn er die Belohnung dafür bis zum
+Ende des Krieges aufsparte. Naravas zog sich aus Respekt vor dem
+Suffeten zurück.
+
+Gegen die punischen Behörden zeigte er sich nicht so demütig. Er
+änderte von ihnen getroffene Anordnungen, forderte Vorrechte für seine
+Leute und stellte sie auf wichtige Posten. Die Barbaren machten große
+Augen, als sie auf einmal Numidier auf den Türmen der Stadt
+erblickten.
+
+Die allgemeine Verwunderung ward noch viel größer, als auf einer alten
+punischen Trireme vierhundert Karthager anlangten, die während des
+Krieges in Sizilien gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte
+nämlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der latinischen Schiffe,
+die er vor dem Abfall der tyrischen Städte gekapert hatte,
+zurückgesandt, und zum Dank für dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom
+die dortigen Gefangenen zurück. Auch lehnten die Römer das Anerbieten
+der sardinischen Söldner ab und schlugen sogar die ihnen angetragene
+Schutzherrschaft über Utika aus.
+
+Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel. Um sein Reich
+zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht beider Großmächte nötig. Es
+lag ihm also an der Rettung der Punier. Er erklärte sich zu ihrem
+Freunde und sandte ihnen zwölfhundert Rinder und dreiundfünfzigtausend
+Nebel reinen Weizens.
+
+Der eigentliche Grund für diese Unterstützung Karthagos lag tiefer:
+man fühlte, daß bei einem endgültigen Siege der Söldner alles, was
+überhaupt in Sold stand, vom Soldaten bis zum Küchenjungen, aufsässig
+würde, und daß dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine
+Unabhängigkeit wahren könne.
+
+Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die östlichen Landstriche. Er
+trieb die Gallier zurück, und die Barbaren sahen sich nunmehr selber
+gleichsam wieder belagert.
+
+Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam und verschwand
+wieder und wiederholte dieses Manöver so lange, bis er sie nach und
+nach aus ihren Lagern fortlockte. Spendius war genötigt, den andern zu
+folgen, und schließlich zog auch Matho ab.
+
+Letzterer ging jedoch nicht über Tunis hinaus, sondern setzte sich in
+dieser Stadt fest. Die Hartnäckigkeit, mit der er dort verblieb, war
+sehr klug, denn alsbald sah man Naravas mit seinen Truppen und
+Elefanten zum Khamontor herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich
+gerufen. Schon streiften die übrigen Barbaren durch die Provinzen zur
+Verfolgung des Suffeten.
+
+Er hatte in Klypea eine Verstärkung von dreitausend Galliern erhalten.
+Aus der Kyrenaika ließ er Pferde, aus Bruttium Rüstungen kommen. Er
+begann den Krieg von neuem.
+
+Noch nie war sein Genie so reg und schöpferisch gewesen. Fünf Monate
+lang lockte er die Söldner hinter sich her. Er hatte ein festes Ziel
+vor Augen. Er wollte sie nach einem bestimmten Orte verführen.
+
+ * * * * *
+
+Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im Kleinkrieg
+beizukommen, aber die kleinen Abteilungen hatten keine Erfolge. Nun
+blieben sie vereint. Ihr Heer belief sich auf etwa vierzigtausend
+Mann. Jetzt hatten sie in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager
+zurückweichen zu sehn.
+
+Stark belästigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas. Oft zur
+heißesten Tageszeit, wenn man unter der Last der Waffen schlaftrunken
+durch die Ebene zog, stieg plötzlich dichter Staub am Horizont auf.
+Etwas Unsichtbares brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke,
+in der eine Menge flammender Augen blitzte, schoß ein Pfeilhagel
+hervor. Von weißen Mänteln umflatterte Numidier stießen ein lautes
+Geheul aus, reckten die Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit
+kräftigem Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger
+Entfernung führten sie stets auf Dromedaren Vorräte an Wurfspießen
+mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher wieder, heulten wie
+Wölfe und flohen abermals wie die Geier. Die Flügelmänner der Barbaren
+fielen einer nach dem andern. Das währte so fort bis zum Abend, wo man
+ins Gebirge zu entkommen suchte.
+
+Obwohl die Berge für die Elefanten gefährlich waren, wagte sich
+Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen Kette, die sich vom
+Hermäischen Vorgebirge bis zum Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine
+Gegner glaubten, er wolle dadurch die Schwäche seiner Truppen
+verbergen. Die beständige Ungewißheit, in der er sie erhielt,
+erbitterte sie schließlich mehr als eine Niederlage. Entmutigen ließen
+sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter ihm her.
+
+Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine Abteilung leichten
+Fußvolks zwischen dem Silberberg und dem Bleiberg in einer wüsten
+Felsengegend am Eingang zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das
+ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch und
+Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden alsbald in den
+Schluchten. Der Engweg führte in einen Talkessel hinab, der rings von
+hohen Felswänden umgeben war, die das Aussehen einer Säge hatten und
+dem Ort den Namen »die Säge« verliehen. Um die Flüchtigen einzuholen,
+stürzten die Barbaren nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager,
+dabei eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes
+Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem roten Mantel. Das
+sei der Marschall, hieß es. Mit um so mehr Wut und Freude stürmte man
+weiter. Einige waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang des
+Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen Reiter hervor und
+jagten sie mit Lanzenstößen und Säbelhieben den andern nach. Bald
+waren alle Barbaren zwischen den Felsenwänden.
+
+Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter gewogt war, machte
+man Halt. Man fand vorn keinen Ausgang.
+
+Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um, doch auch der Weg dahin
+war wie verschwunden. Man rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren.
+Diese sahen sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun auf
+die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den Herweg
+wiederzufinden wüßten.
+
+Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen, als Männer,
+die sich hinter den Felsen versteckt gehalten hatten, große Blöcke mit
+Balken hoben und umstürzten. Da der Abhang steil war, rollten die
+gewaltigen Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang
+vollständig.
+
+Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer, vielfach von Klüften
+durchschnittener Gang durch eine Schlucht wieder zur Hochebene hinauf.
+Dort befand sich das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im
+voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die Windungen der
+Schlucht geschützt, konnte das leichte Fußvolk rasch auf den Leitern
+emporklettern, ehe es von den Söldnern eingeholt wurde. Einige
+verliefen sich bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen
+herauf, denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und war so steil,
+daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen konnte. Die Barbaren
+langten fast unmittelbar hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes
+Drahtgitter, genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich vor ihnen
+herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.
+
+So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner von den Söldnern
+kannte das Gebirge, und die Vorhut der Marschkolonne hatte die übrigen
+nach sich gezogen. Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren,
+hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles vorwärts
+eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne ein Geschrei erhoben,
+als sei es in Not. Allerdings hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk
+aufs Spiel gesetzt, doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den
+Erfolg einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal mehr
+geopfert.
+
+Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener Ordnung von
+einem Ende des Talkessels zum andern. Sie betasteten die Hänge mit
+ihren Händen und suchten einen Ausgang.
+
+Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen weißen, senkrecht
+aufsteigenden Felswände. Und kein Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die
+beiden natürlichen Ausgänge der Sackgasse waren durch das
+Drahthindernis und die Felshaufen gesperrt.
+
+Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch Mut. Allen lief
+es eiskalt über den Rücken. Die Lider wurden ihnen schwer wie Blei.
+Und doch rafften sie sich wieder auf und rannten gegen die Felsen an.
+Aber die unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden
+unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern, um den
+Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige Gestalt der Steinsäulen bot
+nirgends Stützpunkte. Man wollte den Fels zu beiden Seiten der
+Schlucht sprengen, aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen
+zündete man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte man das
+Felsgebirge nicht.
+
+Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis. Es starrte von
+langen pfahldicken Nägeln, spitzer als die Stacheln eines Igels und
+dichter als die Borsten einer Bürste. Die Söldner wurden von einer
+solchen Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten
+wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten prallten zurück,
+und schließlich stand man allgemein davon ab, Fleischfetzen und
+blutige Haarbüschel an den entsetzlichen Stacheln zurücklassend.
+
+Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man fest, wieviel
+Lebensmittel noch vorhanden waren. Die Söldner, deren Gepäck verloren
+gegangen war, besaßen kaum noch für zwei Tage Vorrat und die übrigen
+Truppen überhaupt keinen, da sie auf eine von den Dörfern des Südens
+versprochene Zufuhr gerechnet hatten.
+
+Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern in die
+Schlucht getrieben worden waren, um die Barbaren anzulocken. Man
+tötete sie mit Lanzenstichen und verzehrte sie, und als die Magen
+gefüllt waren, heiterten sich die Gedanken ein wenig auf.
+
+Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa vierzig Stück.
+Dann zog man die Häute ab, kochte die Eingeweide und zerstieß die
+Knochen zu Mehl. Noch verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mußte
+ohne Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrücken!
+
+Am Abend des fünften Tages war der Hunger wieder groß. Man nagte schon
+an den Lederkoppeln und den kleinen Schwämmen, die im Innern der Helme
+angebracht waren.
+
+So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von Rennbahn
+zusammengepfercht, rings von hohen Bergwänden umschlossen. Einige
+blieben vor dem Drahthindernis, andre an den Felsblöcken am Eingang.
+Die übrigen lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die Starken
+gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen suchten die Mutigen
+auf, die ihnen doch auch nicht helfen konnten.
+
+Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten wegen ihrer
+Ausdünstung sofort verscharrt. Die Grabstellen waren nicht mehr zu
+erkennen.
+
+Die Barbaren lagerten alle entkräftet am Boden. Nur hier und da
+schritt ein Veteran durch die Reihen. Man heulte Verwünschungen gegen
+die Karthager, gegen Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an
+diesem Mißgeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch ein, daß
+die Leiden geringer sein mußten, wenn er bei ihnen wäre. Nun seufzten
+sie. Manche weinten leise wie kleine Kinder.
+
+Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel. Die aber
+antworteten nicht oder griffen wutentbrannt nach Steinen und warfen
+sie den Leuten ins Gesicht.
+
+Manche bewahrten in Erdlöchern sorgfältig einen kleinen Eßvorrat, ein
+paar Hände voll Datteln und etwas Mehl. Davon aßen sie des Nachts,
+wobei sie den Kopf unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert
+besaß, hielt es gezückt in der Hand. Noch Mißtrauischere blieben an
+die Felswand gelehnt stehen.
+
+Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit ließ sich
+trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der Hartnäckigkeit des Barbaren, der
+vor nichts zurückschreckt, ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den
+Felsblöcken, immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu
+finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten pelzbedeckten Schultern
+erinnerte seine Gefährten an den Gang eines Bären, der im Frühjahr aus
+seiner Höhle hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist.
+
+Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen in einer der
+Felsspalten. Er hatte Furcht und ließ das Gerücht verbreiten, er sei
+gestorben.
+
+Die Söldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit. Ihre Haut
+bedeckte sich mit bläulichen Flecken. Am Abend des neunten Tages
+starben drei Iberer. Ihre entsetzten Gefährten verließen die Stelle.
+Man entkleidete sie, und die nackten weißen Leiber blieben in der
+Sonne auf dem Sande liegen.
+
+Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen. Es waren
+das Leute, an das Leben in der Wüste gewöhnt, die keinen Gott
+fürchteten. Schließlich gab der Älteste der Schar ein Zeichen. Die
+andern beugten sich über die Leichen und schnitten mit ihren Messern
+Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend, verzehrten sie es.
+Die übrigen Barbaren sahen von weitem zu. Man stieß Schreie des
+Abscheus aus, und doch beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut.
+
+Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht näher und baten, ihre
+Begierde verhehlend, um einen kleinen Bissen, nur um davon zu kosten,
+wie sie sagten. Kühnere traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein
+ganzer Haufen. Die meisten ließen jedoch die Hand wieder sinken, als
+sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fühlten. Manche freilich
+verschlangen es mit Wonne.
+
+Um durchs Beispiel verführt zu werden, munterte man sich gegenseitig
+auf. Mancher, der das Leichenfleisch anfangs zurückgewiesen hatte,
+ging zu den Garamanten und kam nicht wieder. Man briet die Stücke an
+den Schwertspitzen über Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt
+sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts mehr übrig
+war, schweiften die Augen der Esser über die ganze Ebene, um andre zu
+erspähen.
+
+Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager gefangen
+genommen, die bisher niemand beachtet hatte? Sie verschwanden. Das war
+obendrein eine Rache! Und da man leben mußte, da sich der Geschmack an
+solcher Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern war, so
+schlachtete man weiterhin die Wasserträger, die Troßknechte und die
+Burschen der Söldner. Jeden Tag wurden ein paar abgestochen. Manche
+aßen viel, kamen wieder zu Kräften und waren nicht mehr traurig.
+
+Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich die Gier auf
+die Verwundeten und Kranken. Da sie doch nicht wieder gesund würden,
+sei es besser, sie von ihren Qualen zu erlösen. Sobald ein Mann matt
+wurde, schrien alle, er sei verloren und müsse den andern als Speise
+dienen. Um den Tod solcher Unglücklichen zu beschleunigen, wandte man
+Hinterlist an. Man stahl ihnen den letzten Rest ihrer Nahrung oder
+trat wie aus Versehen auf sie. Damit man sie für frisch und kräftig
+halte, versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken, aufzustehn,
+zu lachen. Ohnmächtige erwachten bei der Berührung schartiger Klingen,
+die ihnen ein Glied vom Leibe sägten. Manche mordeten auch ohne
+Bedürfnis, aus Blutgier, um die Wut zu stillen.
+
+Ein schwerer schwüler Nebel, wie er in diesen Landstrichen gegen das
+Ende des Winters eintritt, senkte sich am vierzehnten Tage auf das
+Heer herab. Dieser Witterungswechsel führte zahlreiche Todesfälle
+herbei, und in der feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswänden
+verfing, vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit.
+Der Sprühregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte sie auf und
+verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in eine riesige Aasgrube.
+Weiße Dünste wogten über ihr, reizten die Nase, durchdrangen die Haut
+und trübten die Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem,
+die Seelen ihrer toten Kameraden zu spüren. Ungeheurer Ekel ergriff
+sie. Sie vermochten keine Leiche mehr anzurühren. Lieber wollten sie
+selber sterben.
+
+Zwei Tage später wurde das Wetter wieder klar, und der Hunger stellte
+sich von neuem ein. Bisweilen war es den Leidenden, als risse man
+ihnen den Magen mit Zangen aus dem Leibe. Sie wälzten sich in
+Krämpfen, steckten sich Hände voll Erde in den Mund, bissen sich in
+die Arme und brachen in irres Gelächter aus.
+
+Quälender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen Wasser mehr.
+Die Schläuche waren seit dem neunten Tage völlig leer. Um den Gaumen
+zu täuschen, legte man sich die Metallschuppen der Koppeln, die
+Elfenbeinknäufe und die Klingen der Schwerter auf die Zungen.
+Ehemalige Karawanenführer schnürten sich den Leib mit Stricken
+zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen. Man trank Urin, den man
+vorher in den ehernen Helmen erkalten ließ. Und immer noch wartete man
+auf das Heer von Tunis! Daß es so lange dauerte, bis es eintraf, das
+war--so bildete man sich ein--eine Gewähr für sein baldiges
+Erscheinen. Überdies sei Matho ein wackerer Mann, der niemanden im
+Stiche ließ! »Morgen wird er kommen!« tröstete man sich. Doch das
+»morgen« verging.
+
+Zu Anfang hatten die Söldner Gebete gesprochen, Gelübde getan, alle
+möglichen Verschwörungen angewandt. Jetzt aber empfanden sie gegen
+ihre Götter nur noch Haß, und aus Rache gab man sich Mühe, nicht mehr
+an sie zu glauben.
+
+Naturen von heftiger Gemütsart kamen zuerst um. Die Afrikaner
+widerstanden besser als die Gallier. Zarzas lag zwischen seinen
+Baleariern der Länge nach ausgestreckt, sein Haupthaar über den Arm
+geworfen. Er rührte sich nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit
+breiten saftreichen Blättern entdeckt und nährte sich von ihr, nachdem
+er sie für giftig erklärt hatte, um andere davon abzuschrecken.
+
+Man war zu schwach, um durch Steinwürfe die umherfliegenden Raben zu
+töten. Zuweilen, wenn ein Lämmergeier auf eine der Leichen geflogen
+war und schon seit einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner,
+mit einem Wurfspieß zwischen den Zähnen, an ihn heran, stützte sich
+auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt hatte, schoß er seine
+Waffe ab. Der weißgefiederte Vogel hielt inne, durch das Geräusch
+gestört, und blickte ruhig umher wie ein Seerabe auf einer Klippe.
+Dann hackte er mit seinem scheußlichen gelben Schnabel wieder in die
+Leiche, und der Schütze sank verzweifelt in den Sand. Manchen gelang
+es, Chamäleons und Schlangen ausfindig zu machen. Was aber eigentlich
+am Leben erhielt, das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und
+Trachten war ausschließlich auf diesen einen Gedanken gerichtet. Man
+klammerte sich an das Dasein mit einer Willenskraft, die es
+verlängerte.
+
+Die Gleichmütigsten hockten hier und dort in dem weiten Tal im Kreise
+beisammen und überließen sich, in ihre Mäntel gehüllt, schweigsam
+ihrer Trübsal.
+
+Die in Städten Geborenen vergegenwärtigten sich geräuschvolle Straßen,
+Schenken und Schauspiele, Bäder und Barbierstuben, wo man Geschichten
+erzählen hört. Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe Ähren
+wogten, und große Ochsen trotteten an der Pflugschar langsam die Höhe
+hinauf. Wüstenwanderer dachten an Oasen, Jäger an ihre Wälder,
+Veteranen an bestimmte Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die
+alle betäubte, gewannen diese Phantastereien die Farben und die
+Plastik von Träumen. Sinnestäuschungen traten auf. Manche suchten an
+der Bergwand nach einer Tür, um zu entfliehen, und wollten durch den
+Fels hindurch. Andre wähnten sich während eines Sturmes zu Schiff und
+erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder wichen entsetzt
+zurück, da sie in den Wolken punische Heerscharen erblickten. Noch
+andre glaubten bei einem Feste zu sein. Sie sangen.
+
+Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstörung immer
+dasselbe Wort oder dieselbe Gebärde. Wenn sie dann den Kopf erhoben
+und einander anschauten, erstickten sie beim gegenseitigen Anblick
+ihrer furchtbar verstörten Gesichter in Tränen. Manche fühlten keine
+Schmerzen mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzählten sie von
+Gefahren, denen sie entronnen wären.
+
+Allen war der Tod gewiß und nahe. Wie oft hatten sie nicht versucht,
+sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten sie den Sieger um seine
+Bedingungen bitten! Aber durch welche Vermittlung? Wußte man doch
+nicht einmal, wo sich Hamilkar befand!
+
+Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos ließ er den Sand in
+Bächen in das Drahthindernis rieseln. Die Mäntel und das Haar der
+Barbaren bedeckten sich damit, als ob sich die Erde über sie hinwälze
+und sie begraben wolle. Nichts rührte sich. Die ewigstarren Berge
+schienen jeden Morgen noch höher geworden zu sein.
+
+Bisweilen zogen Vogelschwärme raschen Fluges am klaren blauen Himmel
+über den Eingeschlossenen hin, in der Freiheit der Lüfte. Man schloß
+die Augen, um sie nicht zu sehen.
+
+Manche verspürten ein Summen in den Ohren. Dann wurden ihre
+Fingernägel schwarz, und Kälte ergriff die Brust. Sie legten sich auf
+die Seite und verschieden ohne Laut.
+
+Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fünfzehnhundert von den
+Inseln, achttausend Libyer, die Jüngsten unter den Söldnern und ganze
+Landsmannschaften tot,--insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer.
+Autarit, der nur noch fünfzig von seinen Galliern hatte, wollte sich
+schon töten lassen, um allem Leid überhoben zu sein. Da glaubte er,
+auf einem Saumpfad hoch in den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war
+so weit entfernt, daß er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte
+Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattförmigen Schild.
+
+»Ein Karthager!« schrie er.
+
+Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis zu den
+Felsblöcken, alles auf den Beinen.
+
+Der Karthager schritt an den abschüssigen Hängen hin. Die Barbaren
+sahen ihm von unten aus zu.
+
+Spendius nahm einen Ochsenschädel auf, krönte ihn um die Hörner mit
+einer Art Diadem, aus zwei Gürteln hergestellt, und befestigte ihn als
+Symbol friedlicher Gesinnung an einer Stange.
+
+Der Karthager verschwand. Man wartete.
+
+Endlich am Abend fiel plötzlich von der Felswand ein Bandolier herab
+wie ein losgelöster Stein. Es war aus rotem Leder, mit Stickereien
+bedeckt und mit drei Diamantsternen besetzt. In der Mitte trug es ein
+Siegel mit dem Wappen des Großen Rates: ein Roß unter einem Palmbaum.
+Das war Hamilkars Antwort, der Geleitbrief, den er ihnen sandte.
+
+Die Söldner hatten im Grunde nichts zu fürchten: jede Änderung ihres
+Schicksals war wenigstens das Ende der bisherigen Qual. Maßlose Freude
+ergriff sie. Sie umarmten einander unter Tränen. Spendius, Autarit und
+Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei Spartiaten erboten sich zu
+Unterhändlern. Man erteilte ihnen unverzüglich Vollmacht. Allerdings
+wußten sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten.
+
+Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht. Der
+oberste Felsblock wankte und rollte über die andern hinab. Während die
+Blöcke nämlich auf der Seite der Barbaren unerschütterlich waren, da
+man sie eine schräge Fläche hätte hinaufschieben müssen--zudem waren
+sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrängt--, so genügte von der
+andern Seite ein starker Stoß, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten
+dies, und bei Tagesanbruch rollten die Blöcke in die Tiefebene
+hinunter wie die Stufen einer zerstörten Riesentreppe.
+
+Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne weiteres über sie
+hinweg. Man reichte ihnen Leitern. Alle stürzten sich darauf. Das
+Geschoß eines schweren Geschützes trieb die Menge zurück. Nur die Zehn
+wurden durchgelassen.
+
+Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich mit einer Hand
+auf den Rücken der Pferde aufstützen durften, sonst hätten sie sich
+vor Mattigkeit nicht aufrecht halten können.
+
+Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen sich die Zehn Sorgen
+zu machen. Hamilkars Forderungen würden grausam sein! Doch Spendius
+beruhigte sie:
+
+»Ich werde schon reden!« Und er rühmte sich zu wissen, was zum Heile
+des Heeres zu sagen dienlich sei.
+
+Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte Posten. Beim
+Anblick des Bandoliers, das Spendius über seine Schulter trug,
+salutierten die Posten.
+
+Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft von der Menge
+umdrängt. Man vernahm Geflüster und Lachen. Eine Zelttür öffnete sich.
+
+Hamilkar saß im Hintergrunde auf einem Schemel neben einem niedrigen
+Tische, auf dem sein blankes Schwert lag. Offiziere umstanden ihn.
+
+Als er die Unterhändler erblickte, fuhr er zurück. Dann beugte er sich
+vor, um sie zu betrachten. Ihre Augen waren unnatürlich groß. Breite
+schwarze Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie. Ihre
+bläulichen Nasen standen spitz und weit ab von den hohlen, tief
+gefurchten Wangen. Die Haut war für die Körper zu weit geworden und
+überdies unter einer schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die
+Lippen klebten an den gelben Zähnen. Ein widerlicher Geruch machte
+sich bemerkbar, wie aus geöffneten Gräbern, von wandelnden Leichen.
+
+Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die Offiziere
+niederlassen sollten, eine Schüssel mit dampfenden Kürbissen. Die
+Barbaren starrten sie an, am ganzen Leibe schlotternd. Tränen traten
+ihnen in die Augen. Trotzdem bezwangen sie sich.
+
+Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere zu sprechen. Da
+stürzten die Zehn über das Gericht her, indem sie sich flach auf den
+Bauch warfen. Ihre Gesichter tauchten in das Fett, und das Geräusch
+des Hinterschlingens mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das
+sie dabei ausstießen. Offenbar mehr aus Verwunderung denn aus Mitleid
+ließ man sie die Schüssel leeren. Als sie sich wieder erhoben hatten,
+winkte Hamilkar dem Träger des Bandoliers, zu reden.
+
+Spendius ward ängstlich. Er stotterte.
+
+Hamilkar hörte ihm zu, während er den großen goldnen Siegelring an
+seinem Finger drehte, mit dem er das Wappen Karthagos auf das
+Bandolier gedrückt hatte. Er ließ ihn auf die Erde fallen. Spendius
+hob ihn rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges
+Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern erbebten vor Entrüstung
+über diese freiwillige Demütigung.
+
+Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos Übeltaten hin, den
+er als Feind des Barkas kannte, und suchte Hamilkar durch eine
+Schilderung der Einzelheiten ihres Elends und durch den Hinweis auf
+ihre frühere Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher,
+durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem Enthusiasmus
+fortgerissen, vergaß er sich schließlich.
+
+Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen an. Es solle also
+Friede gemacht werden, und diesmal endgültig! Doch verlange er, daß
+man ihm zehn Söldner nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne
+Kleidung.
+
+Solche Milde hatten sie nicht erwartet.
+
+»O, zwanzig, wenn du willst, Herr!« rief Spendius aus.
+
+»Nein, zehn genügen mir!« antwortete Hamilkar gnädig.
+
+Man ließ die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich beraten konnten.
+Sobald sie allein waren, sprach Autarit zugunsten der zu opfernden
+Kameraden, und Zarzas sagte zu Spendius:
+
+»Warum hast du ihn nicht getötet? Sein Schwert lag dicht neben dir!«
+
+»Ihn!« stieß Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte er: »Ihn!
+Ihn!«--als ob das ein Ding der Unmöglichkeit und Hamilkar ein
+Unsterblicher sei.
+
+Eine solche Mattigkeit überkam alle, daß sie sich mit dem Rücken auf
+die Erde legten. Sie wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten.
+
+Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich willigten sie ein und
+traten wieder in das Zelt.
+
+Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in die Hände der
+zehn Barbaren und drückte ihnen den Daumen. Hinterher wischte er sich
+die Hand an seinem Gewand ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen
+verursachte bei der Berührung eine rauhe und zugleich weiche
+Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann sprach er zu
+ihnen:
+
+»Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt als Bevollmächtigte
+die Bedingung angenommen ...«
+
+»Jawohl!« antworteten sie.
+
+»... aus freien Stücken, ohne Arglist, und in der Absicht, die Zusage
+zu halten?«
+
+Sie versicherten, daß die Bedingung nach ihrer Rückkehr zum Heere
+erfüllt würde.
+
+»Gut!« sagte der Suffet. »Kraft der Vereinbarung, zwischen mir,
+Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmächtigten der Söldner,
+geschlossen, wähle ich _euch und behalte euch_!«
+
+Spendius sank ohnmächtig auf die Matte. Die Barbaren drängten sich
+nach der andern Seite eng zusammen, als hätten sie nichts mit ihm
+gemein. Kein Wort, keine Klage ward laut.
+
+Die in der Säge Eingeschlossenen, die der Unterhändler harrten und sie
+nicht zurückkehren sahen, hielten sich für verraten. Offenbar hatten
+sich die Zehn dem Suffeten ergeben.
+
+Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten ward ein Entschluß
+gefaßt. Auf Strickleitern, die man aus Lanzen, Pfeilen und
+Leinwandstücken herstellte, gelang es vielen, die Felsen zu erklimmen.
+Unter Zurücklassung der Schwächeren machten sich auf diese Weise etwa
+dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis zu stoßen.
+
+Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit kärglichem
+Gesträuch bewachsen. Die Barbaren verzehrten die Knospen. Dann fanden
+sie ein Bohnenfeld. Bald war es verschwunden, als wäre ein
+Heuschreckenschwarm darüber hergefallen. Drei Stunden später gelangte
+man auf eine Hochebene, die ein Kranz von grünen Hügeln umrahmte.
+
+Zwischen den Hügeln glänzten in gleichen Abständen silberne Bündel.
+Darunter erblickten die Barbaren, von der Sonne geblendet, undeutliche
+dicke, schwarze Massen, auf denen diese Bündel lagerten. Mit einem
+Male entfalteten sie sich, als ob sie aufblühten. Es waren die Lanzen
+in den Türmen grauenhaft bewaffneter Elefanten.
+
+Außer den Spießen an ihrer Brust, den Eisenspitzen ihrer Stoßzähne,
+den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten, und den scharfen Dolchen an
+ihren eisernen Kniekappen trugen sie in ihren Rüsseln Lederschlaufen,
+an denen breite Säbel befestigt waren. Alle Elefanten waren
+gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und rückten von allen
+Seiten gleichmäßig heran.
+
+Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie machten nicht
+einmal den Versuch, zu fliehen. Schon waren sie umzingelt.
+
+Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die Spieße an ihrer
+Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer Stoßzähne wühlten sie auf wie
+Pflugschare. Die Säbel an ihren Rüsseln zerschnitten und zerhackten
+sie. Die Türme mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen.
+Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das
+Menschenfleisch weiße Flecke, die Erzplatten graue Flächen und das
+Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren Tiere, die mitten
+hindurchstampften, gruben schwarze Furchen hinein. Das wütendste wurde
+von einem Numidier gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug.
+Er schleuderte Wurfspieße mit gräßlicher Geschwindigkeit und stieß
+dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen Pfiff aus. Folgsam wie
+Hunde, wandten die riesigen Tiere während des Gemetzels fortwährend
+ihre Blicke nach ihm.
+
+Allmählich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren leisteten
+keinen Widerstand weiter. Bald waren die Elefanten in der Mitte der
+Hochebene. Schon hatten sie keinen genügenden Raum mehr. Sie drängten
+sich und gerieten aneinander. Ihre Hauer berührten sich bereits. Aber
+Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und trabten nach den Hügeln
+zurück.
+
+Indessen hatten sich zwei Kompagnien Söldner nach rechts in eine Mulde
+geflüchtet und ihre Waffen weggeworfen. Dort fielen sie in die Knie
+und streckten die Arme, Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus.
+
+Man fesselte sie an Händen und Füßen. Als sie dann nebeneinander auf
+dem Boden lagen, führte man die Elefanten zurück.
+
+Alsbald krachten die Brustkörbe wie einbrechende Kästen. Jeder Tritt
+zermalmte zwei Menschen. Die plumpen Füße schlürften über die Leiber
+hin mit Bewegungen, die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam
+vollendeten sie ihr Werk.
+
+Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die Nacht brach an.
+Hamilkar weidete sich am Anblick seiner Rache. Doch plötzlich erbebte
+er.
+
+Er und alle erblickten zur Linken auf der Höhe eines Hügels auf
+sechshundert Schritt Entfernung noch andre Barbaren. In der Tat hatten
+sich vierhundert der tüchtigsten Söldner, Etrusker, Libyer und
+Spartiaten, von Anfang an in die Hügel zurückgezogen und waren dort
+bisher unschlüssig verblieben. Nach der Niedermetzlung ihrer Gefährten
+beschlossen sie, sich durch die Karthager durchzuschlagen. Just
+marschierten sie nun in einer wohlgeordneten Breitkolonne herab, ein
+wunderbar schrecklicher Anblick.
+
+Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet brauche Soldaten.
+Er bewundere ihre Tapferkeit so, daß er sie bedingungslos annehme. Sie
+dürften sogar, fügte der Karthager hinzu, noch etwas näher rücken, bis
+zu einer Stelle, die er ihnen bezeichnen ließ. Dort fänden sie
+Lebensmittel.
+
+Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die Nacht mit Essen.
+Da murrten die Karthager über die parteiische Vorliebe des Suffeten
+für die Söldner.
+
+Gab er in der Folge diesen Äußerungen unersättlichen Hasses nach, oder
+war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete Verräterei? Jedenfalls
+kam er selbst am nächsten Morgen, ohne Schwert, barhäuptig, mit einem
+kleinen Stabe von Klinabaren zu den Söldnern und erklärte ihnen, er
+hätte schon allzuviel Leute zu ernähren und beabsichtige darum nicht,
+sie allesamt zu behalten. Da er jedoch Soldaten brauche und nicht
+wisse, auf welche Weise er die Tüchtigsten von ihnen ermitteln könne,
+so sollten sie auf Tod und Leben miteinander kämpfen. Die Sieger wolle
+er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein Tod sei ja so gut wie
+jeder andre. Dabei zeigte er ihnen, indem er seine Truppen auseinander
+rücken ließ--denn die punischen Fahnen hatten den Söldnern bisher das
+verborgen, was weiter hinten stand--: die hundertundzweiundneunzig
+Elefanten des Naravas, die eine einzige gerade Linie bildeten und mit
+ihren Rüsseln breite Klingen schwangen. Da ward den Barbaren zumute,
+als ob Riesenarme Henkersbeile über ihre Köpfe hielten.
+
+Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war es, der sie
+durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang, der ihnen angetan ward.
+
+Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen den Söldnern
+geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten die Heimat. Da sie ohne
+Familie lebten, widmeten sie ihr Zärtlichkeitsbedürfnis einem
+Waffengefährten, mit dem sie Seite an Seite, unter demselben Mantel,
+im Sternenlichte schliefen. Auch waren bei dem beständigen Wandern
+durch aller Herren Länder, den gemeinsamen Todesgefahren und
+Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden, unzüchtige Verbindungen,
+ihnen ebenso ernsthaft wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der
+Stärkere den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, ihm beim Sprung über
+Abgründe half, ihm den Fieberschweiß von der Stirn trocknete und
+Nahrung für ihn stahl, während der andere, ein am Straßenrand
+aufgelesener Bursche, der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe
+mit tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten einer
+Gattin vergalt.
+
+Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus, Geschenke, die sie
+sich dereinst nach irgendeiner großen Gefahr, in trunkenen Stunden
+gemacht hatten. Alle verlangten den Tod, keiner wollte ihn geben. Es
+war da manch ein Jüngling, der zu einem graubärtigen Manne sagte:
+»Nein, nein, du bist der Stärkere! Du wirst uns rächen! Töte mich!«
+Und der alte Landsknecht erwiderte: »Ich hab nicht lange mehr zu
+leben! Stoß mir ins Herz und denk nicht mehr daran!« Brüder blickten
+sich Hand in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf ewig
+Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern hingen.
+
+Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher durchdrängen. Da
+kamen wie Inschriften an Denkmälern die Narben der schweren Wunden zum
+Vorschein, die sie für Karthago empfangen hatten.
+
+Man ordnete sich in vier gleichgroßen Reihen nach Gladiatorenart und
+begann zaghaft gegeneinander zu fechten. Manche hatten sich sogar die
+Augen verbunden, und ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft
+wie der Stock eines Blinden. Die Karthager stießen ein Hohngeschrei
+aus und schimpften: »Feiglinge!« Das regte die Barbaren auf, und bald
+ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich und gräßlich.
+
+Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne, sank einander in
+die Arme und starb unter Küssen. Keiner wich zurück. Man stürzte in
+gezückte Klingen. Die Raserei ward so wild, daß die Karthager trotz
+der Entfernung Angst bekamen.
+
+Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut, und man erkannte
+wilde Augen zwischen langem, wirrem Haar, das blutig herabhing, als
+wär es einem Purpurbade entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich
+selbst wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre standen
+unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu ihren Füßen. Dann
+zerrissen sie sich plötzlich das Gesicht mit den Fingernägeln, packten
+ihr Schwert mit beiden Händen und stießen es sich in den eigenen Leib.
+
+Sechzig waren noch übrig. Sie verlangten zu trinken. Man rief ihnen
+zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen. Nachdem sie das getan,
+brachte man ihnen Wasser.
+
+Während sie tranken und das Gesicht tief in die Gefäße drückten,
+sprangen sechzig Karthager hinterrücks auf sie zu und erdolchten sie.
+
+Hamilkar ließ dies alles geschehen, um den Gelüsten seines Heeres
+nachzukommen und es durch diesen Verrat an seine Person zu fesseln.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man es. Matho würde
+keinen Widerstand leisten! In seiner Ungeduld befahl der Suffet sofort
+den Abmarsch. Seine Aufklärer meldeten ihm, sie hätten einen Wagenzug
+gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge. Hamilkar kümmerte
+sich nicht darum. Waren erst die Söldner völlig vernichtet, so sollten
+ihm die Nomaden keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die
+Einnahme von Tunis. In starken Tagesmärschen eilte er dorthin.
+
+Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde zu überbringen.
+Stolz auf seine Erfolge, trat der Numidierfürst vor Salambo.
+
+Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in ihren Gärten
+unter einer breitästigen Sykomore. Taanach stand neben ihr. Salambos
+Gesicht war mit einem weißen Schleier bedeckt, der ihr so über Mund
+und Stirn gewunden war, daß er nur die Augen frei ließ. Aber ihre
+Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die Edelsteine an
+ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hände verhüllt. Während des
+ganzen Gespräches machte sie nicht eine Gebärde.
+
+Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren. Sie dankte ihm
+mit einem Segensspruche für die ihrem Vater geleisteten Dienste.
+Darauf begann er den ganzen Feldzug zu erzählen.
+
+Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise. Haubenlerchen,
+tartessische Wachteln und punische Perlhühner hüpften im Grase. Der
+Garten war seit langem vernachlässigt und verwildert. Koloquinten
+kletterten in die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in den
+Rosenbeeten. Allerlei Gewächse rankten sich durcheinander und formten
+Lauben. Wie in einem Walde malten die schrägen Sonnenstrahlen da und
+dort die Schatten der Blätter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder
+verwildert waren, flohen beim leisesten Geräusch. Bisweilen erblickte
+man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen Hufen verlorene
+Pfauenfedern hingen. Der ferne Lärm der Stadt ertrank im Rauschen der
+Meereswogen. Der Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den
+Fluten.
+
+Naravas hatte auserzählt. Salambo blickte ihn an, ohne zu sprechen. Er
+trug ein mit Blumen bemaltes Linnengewand mit goldenen Fransen am
+Saum. Zwei silberne Pfeile hielten sein über den Ohren geflochtenes
+Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den Schaft seiner
+Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbüscheln geschmückt war.
+
+Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer in lose
+Gedanken. Der Jüngling mit seiner sanften Stimme und seiner
+frauenhaften Gestalt bezauberte ihre Augen durch die Anmut seiner
+Erscheinung. Er erschien ihr wie eine ältere Schwester, von den
+Göttern zu ihrem Schutze gesandt. Da aber überkam sie die Erinnerung
+an Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach dem
+künftigen Schicksal des Libyers zu fragen.
+
+Naravas antwortete ihr, daß die Karthager auf Tunis marschierten, um
+es zu erobern. Je ausführlicher er über die Wahrscheinlichkeit des
+Gelingens und über Mathos Schwäche sprach, desto mehr schien sie von
+einem ganz besonderen Wunsche erfüllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust
+atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit eigener Hand zu
+töten, rief sie:
+
+»Ja! Töte ihn! Es muß sein!«
+
+Der Numidier entgegnete, auch er wünsche Mathos Tod leidenschaftlich,
+da der Krieg dann beendet sei und er ihr Gemahl werde.
+
+Salambo schrak zusammen und ließ den Kopf sinken.
+
+Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wünsche mit Blumen, die nach
+dem Regen dürsten, und mit verirrten Wanderern, die des Tages harren.
+Er sagte ihr, sie sei schöner als der Mond, köstlicher als der
+Morgenwind und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge für
+sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in Karthago nicht gäbe,
+und die Gemächer ihres Schlosses sollten mit Goldstaub bestreut
+werden.
+
+Der Abend nahte. Balsamische Düfte durchwehten die Luft. Die beiden
+blickten einander lange schweigend an, und Salambos Augen blitzten
+zwischen ihren breiten Schleiern wie zwei Sterne aus einem
+Wolkenspalt. Ehe die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas.
+
+Die Alten fühlten sich von einer großen Sorge befreit, als Naravas
+Karthago wieder verließ. Das Volk hatte ihm mit noch größerer
+Begeisterung zugejauchzt, als bei seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar
+und der Numidierfürst allein über die Söldner triumphierten, so war
+jeder Widerstand gegen die beiden unmöglich! Daher beschlossen die
+Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno, an der Rettung der
+Republik teilnehmen zu lassen.
+
+Hanno begab sich unverzüglich nach den westlichen Provinzen, damit die
+Orte, die seine Schmach erlebt hatten, auch seine Rache sähen. Doch
+die Einwohner und die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen.
+Nun ließ er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die Trümmer der
+Trümmer, ließ keinen Baum, keinen Halm stehen, richtete die Kinder und
+die Kranken, die man aufgriff, unter Martern hin, und gab seinen
+Soldaten die Weiber preis, ehe er sie morden ließ. Die schönsten
+wurden in seine Sänfte geworfen, denn seine scheußliche Krankheit
+reizte ihn zu wilden Gelüsten, die er mit der ganzen Wut eines
+Verzweifelten befriedigte.
+
+Oft sanken auf dem Kamme der Hügel schwarze Zelte, wie vom Winde
+verweht, zusammen, und breite Scheiben mit glänzendem Rande, die man
+als Wagenräder erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut
+hinab in die Täler. Auf diese Weise irrten einzelne Stämme, die von
+der Belagerung Karthagos Abstand genommen hatten, durch die Provinzen
+und warteten auf eine Gelegenheit, auf einen Sieg der Söldner, um
+wiederzukommen. Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie schließlich
+alle den Heimweg ein und verschwanden. Hamilkar war auf Hannos Erfolge
+keineswegs eifersüchtig. Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu
+beenden. Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno, der
+glühende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor den Mauern der
+Stadt ein.
+
+Sie hatte zu ihrer Verteidigung die eingeborene Bevölkerung, dazu
+zwölftausend Söldner und alle Esser unreiner Speisen, denn sie standen
+ebenso wie Matho im Banne Karthagos. Der Pöbel wie der Schalischim
+betrachteten von fern seine hohen Mauern und träumten von den
+unendlichen Genüssen, die sie bargen. Bei solchem Einklang im Hasse
+war der Widerstand rasch ins Werk gesetzt. Man nahm Schläuche, um
+Helme daraus zu machen, fällte alle Palmen in den Gärten, um Lanzen
+herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel zu haben, am
+Ufer des Hafen die großen weißen Fische, die sich von Leichen und
+Abfällen nährten. Die Wälle, die dank der Eifersucht Karthagos in
+Trümmern lagen, waren freilich so schwach, daß man sie durch einen
+Stoß mit der Schulter umwerfen konnte. Matho ließ die Löcher und
+Lücken darin mit den Steinen der Häuser verstopfen. Es galt den
+letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und doch sagte er sich, das
+Glück sei wandelbar.
+
+Beim Anrücken bemerkten die Karthager auf dem Wall einen Mann, der
+halb über die Brustwehr ragte. Die Pfeile, die ihn umschwirrten,
+schienen ihn nicht mehr zu schrecken als ein Schwarm von Schwalben.
+Seltsamerweise traf ihn keins der Geschosse.
+
+Hamilkar schlug sein Lager auf der Südseite der Stadt auf, Naravas
+besetzte östlich davon das ebene Land um Rades. Hanno nahm eine
+Stellung nördlich von Tunis, an der Straße nach Karthago ein. Die drei
+Generale sollten später auf Verabredung die Stadtmauern von allen
+Seiten zugleich angreifen.
+
+Zuvörderst aber wollte Hamilkar den Söldnern zeigen, daß er sie wie
+Sklaven zu behandeln gedachte. Er ließ die zehn Gesandten, einen neben
+dem andern, auf einer Anhöhe im Angesicht der Stadt ans Kreuz
+schlagen.
+
+Bei diesem Anblick verließen die Belagerten den Wall. Matho erfuhr,
+daß Hannos Lager nicht genügend gesichert sei und daß daselbst
+Unordnung und Sorglosigkeit herrsche. Sofort entschloß er sich zu
+einem kräftigen Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, daß Matho die
+überraschten Karthager über den Haufen warf und, den Flüchtlingen
+nachdrängend, in das Lager und bis an Hannos Zelt gelangte, der gerade
+dreißig der vornehmsten Karthager, die gesamte Gerusia, bei sich
+hatte.
+
+Sichtlich entsetzt über die kühnen Eindringlinge, rief er nach seinen
+Unterführern. Aber die Barbaren griffen mit zahllosen Händen nach
+seiner Gurgel und schrien ihn mit Schimpfworten an. Es entstand ein
+allgemeines Gedränge, und die, die Hanno in den Händen hatten, hielten
+ihn nur mit großer Mühe fest. Inzwischen suchte er ihnen ins Ohr zu
+flüstern: »Ich gebe euch alles, was ihr verlangt! Ich bin reich!
+Rettet mich nur!« Man zerrte ihn fort. So schwer er war, so berührten
+doch seine Füße den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm
+fortgerissen.
+
+Sein Schrecken steigerte sich: »Ihr habt mich besiegt! Ich bin euer
+Gefangener! Ich kaufe mich los! Hört mich, meine Freunde!«
+
+Unter den zahllosen Händen, die sich gegen ihn reckten, wiederholte er
+immer wieder: »Was wollt ihr? Was verlangt ihr? Ihr seht ja, ich
+widersetze mich nicht! Ich bin immer gutmütig gewesen!«
+
+Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren brüllten:
+»Hierher! Hierher!« Hanno überschrie sie und beschwor sie bei ihren
+Göttern, ihn zum Schalischim zu führen, denn er habe diesem etwas
+anzuvertrauen, wovon ihr Heil abhinge.
+
+Man hielt inne. Einige meinten, es wäre klug, Matho zu rufen. Man
+eilte, ihn zu suchen.
+
+Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz an Kreuz, als ob
+sich die Todesmarter, die ihm bevorstand, im voraus vervielfältige. Er
+suchte sich einzureden, daß er sich täusche, daß nur ein einziges
+dastehe, ja, daß überhaupt keins vorhanden sei. Da hob man ihn auf.
+
+»Rede!« sprach Matho.
+
+Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle er zusammen mit
+dem Söldner in Karthago einziehen, beide als Könige.
+
+Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu beeilen. Er
+hielt den Vorschlag nur für eine List, um Zeit zu gewinnen.
+
+Der Barbar täuschte sich. Hanno war in einer jener verzweifelten
+Lagen, wo man nichts mehr achtet. Überdies haßte er Hamilkar so sehr,
+daß er ihn bei der geringsten Hoffnung auf Rettung mit allen seinen
+Soldaten geopfert hätte.
+
+Am Fuße der dreißig Kreuze lagen die Alten halb ohnmächtig am Boden.
+Schon waren ihnen Stricke unter die Achseln gelegt. Da begriff der
+alte Suffet, daß er sterben mußte, und begann zu weinen. Man riß ihm
+die Reste seiner Kleider vom Leibe, und sein widerlicher Körper kam
+zum Vorschein. Schwären bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt.
+Die Nägel seiner Füße verschwanden unter den Fettwülsten seiner Beine.
+An seinen Fingern hing es wie grünliche Lappen, und die Tränen, die
+zwischen den Eiterbeulen seiner Wangen herabrannen, verliehen seinem
+Gesicht etwas so entsetzlich Trauriges, daß es aussah, als ob sie hier
+mehr Raum einnähmen als auf einem andern Menschenantlitz. Seine
+Hoheitsbinde hatte sich halb gelöst und schleifte mit feinen weißen
+Haaren im Staube. Man glaubte, nicht genügend starke Stricke zu haben,
+um ihn am Kreuze emporziehen zu können. Daher nagelte man ihn, ehe das
+Holz wieder aufgerichtet ward, nach punischem Brauche daran fest. Sein
+Stolz erwachte im Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmähworten zu
+überschütten. Er schäumte und wand sich wie ein Meerungeheuer, das man
+am Strande erschlägt. Er weissagte ihnen, daß sie alle noch viel
+schrecklicher umkommen und daß er gerächt werden würde.
+
+Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt rangen die zehn
+Gesandten der Söldner an ihren Kreuzen mit dem Tode.
+
+Einige, die anfangs ohnmächtig geworden waren, kamen im frischen Winde
+wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb auf der Brust liegen, und ihr
+Körper sank ein wenig herab, trotzdem ihre Arme etwas höher als der
+Kopf angenagelt waren. Von ihren Fersen und Händen rann das Blut in
+dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife Früchte von den Zweigen
+eines Baumes fallen. Karthago, der Golf, die Berge und die Ebenen,
+alles schien sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen
+wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und hüllte sie ein.
+Fürchterlicher Durst verzehrte sie. Die Zunge klebte ihnen am Gaumen,
+und sie fühlten einen eisigen Schweiß über ihre Glieder rinnen,
+während das Leben langsam entfloh.
+
+Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straßen,
+marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlärm drang
+verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen zu Schiffbrüchigen,
+die in den Masten eines Schiffes verschmachten. Die Italiker,
+kräftiger als die andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben
+stumm und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll,
+neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der Äthiopier neben ihm hatte den
+Kopf rückwärts über den Querbalken des Kreuzes geworfen. Autarit hing
+unbeweglich und rollte nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an
+einem Spane des Holzes über seinem Haupte festgeklemmt hatte, stand
+auf seiner Stirn hoch, und das Röcheln, das er ausstieß, klang fast
+wie Wutgebrüll. Über Spendius war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt
+verachtete er das Leben, in der Gewißheit, bald für immer erlöst zu
+sein, und gleichgültig erwartete er den Tod.
+
+Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen bei der
+Berührung von Federn, die ihre Gesichter streiften. Große Fittiche
+warfen schwankende Schatten über sie. Krächzen ertönte in der Luft,
+und da Spendius am höchsten Kreuze hing, stieß der erste Geier auf ihn
+hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und sagte langsam, mit
+unbeschreiblichem Lächeln:
+
+»Entsinnst du dich der Löwen am Wege nach Sikka!«
+
+»Das waren unsre Brüder!« erwiderte der Gallier und verschied.
+
+ * * * * *
+
+Der Suffet hatte von allen diesen Vorgängen nichts bemerkt. Die Stadt
+vor ihm verdeckte das jenseitige Gelände. Im übrigen war er von Hannos
+Abteilung nördlich von Tunis durch das Haff und im Westen durch die
+vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune völlig getrennt. Die
+Offiziere, die er nach und nach an die beiden andern Feldherren
+abgesandt hatte, waren nicht zurückgekehrt. Jetzt aber kamen
+Flüchtlinge an, die von Hannos Niederlage berichteten.
+
+Hamilkar begab sich unverzüglich auf einen erhöhten Punkt, um sich
+über die neue Lage zu vergewissern. Er sah Hannos Lager in Brand, aber
+ein Windstoß trieb den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei
+bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute zu erkennen,
+die auf der Plattform des Eschmuntempels Ausschau hielten. Dann wandte
+er den Blick mehr nach links und erkannte am Ufer des Haffs die
+dreißig riesigen Kreuze.
+
+Die Barbaren hatten sie nämlich, um den grausigen Eindruck zu erhöhen,
+aus aneinandergesetzten Zeltmasten errichtet, und so ragten die
+dreißig Leichen der Alten hoch in den Himmel. Auf ihrer Brust
+schimmerte etwas wie weiße Schmetterlinge. Es war das Gefieder der
+Pfeile, die man von unten auf sie abgeschossen hatte.
+
+An der Spitze des höchsten Kreuzes glänzte ein breites goldenes Band.
+Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten hinab. Der Arm fehlte der
+Leiche auf dieser Seite. Hamilkar hatte Mühe, Hanno zu erkennen. Die
+schwammigen Knochen des Gerichteten waren an den Eisennägeln nicht
+fest hängen geblieben. Teile seiner Gliedmaßen hatten sich losgelöst,
+und so hingen am Kreuze nur unförmige Bruchstücke, Tierresten ähnlich,
+die sich Jäger an ihre Türen zu nageln pflegen.
+
+Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten Unglücks wie
+betäubt. Es hörte nicht auf Hamilkars Befehle.
+
+Matho benutzte diese Untätigkeit, sich nunmehr gegen die Numidier zu
+wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos rechtzeitig bemerkt. Wohl war
+er mit seinen Reitern und Elefanten nach Südwesten vorgerückt, um
+Hamilkar den Rücken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus
+Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschränktheit? Man hat es nie
+erfahren.
+
+Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen Elefanten
+rückten an. Aber die Söldner machten sich Fackeln und rückten, sie
+schwenkend, in die Ebene vor. Die mächtigen Tiere scheuten und rannten
+nach rückwärts in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich
+gegenseitig töteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch
+seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Söldner warfen sich
+jedoch mit den Gesichtern auf den Boden, und als die Pferde auf drei
+Schritt heran waren, sprangen sie ihnen unter die Bäuche und
+schlitzten sie mit Dolchstößen auf. Als Barkas endlich herbeikam, war
+bereits die Hälfte der Numidier gefallen.
+
+Erschöpft, wie sie waren, vermochten die Söldner Hamilkars Truppen
+nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen sich daher in guter Ordnung
+nach dem Berge der Heißen Wasser zurück. Der Suffet war so klug, sie
+nicht zu verfolgen. Er gab die Belagerung von Tunis auf und wandte
+sich nach der Makarmündung.
+
+Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom Winde geführt, am
+Gestade des Golfes hin, wie schwarze schwimmende Inseln. Um den Krieg
+mit Nachdruck zu unterstützen, hatte Naravas seine Wälder erschöpft.
+Er hatte die jungen und die alten Tiere, die Männchen und die Weibchen
+genommen. Diese kriegerische Kraft seines Reiches erholte sich nie
+wieder.
+
+Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem umkommen sehn und
+war untröstlich darüber. Männer jammerten auf den Straßen und riefen
+ihre Namen wie die verstorbener Freunde: »Ach, der Unbesiegliche! Der
+Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe!« Am ersten Tag sprach man von ihnen
+mehr als von den gefallenen Bürgern. Doch am nächsten Tage erblickte
+man die Zelte der Söldner am Berge der Heißen Wasser. Da ward die
+allgemeine Verzweiflung so groß, daß sich viele, namentlich Frauen,
+kopfüber von der Akropolis hinabstürzten.
+
+ * * * * *
+
+Hamilkars Pläne kannte keiner. Er lebte einsam in seinem Zelte. Nur
+ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand aß mit den beiden, nicht einmal
+Naravas. Gleichwohl bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage
+ungewöhnliche Höflichkeit. Der Numidierfürst begehrte zwar nichts
+sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn zu werden, aber er war
+trotzdem mißtrauisch.
+
+Des Marschalls scheinbare Untätigkeit verdeckte in der Tat schlaue
+Machenschaften und Absichten. Durch allerhand Kunstkniffe gewann er
+die Dorfältesten und die Söldner wurden gejagt, vertrieben und
+umstellt wie wilde Tiere. Wenn sie in ein Gehölz kamen, begann es zu
+brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet. Man
+vermauerte die Höhlen, in denen sie nachts lagerten. Die
+Nomadenstämme, ihre früheren Mitschuldigen, die bisher auf ihrer Seite
+gestanden hatten, wurden jetzt die Verfolger der Söldner. Man bemerkte
+bei diesen Banden stets karthagische Rüstungen.
+
+Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man munkelte, das sei
+durch die Berührung von Hannos Leib entstanden. Andre bildeten sich
+ein, es wäre die Strafe dafür, daß sie Salambos Fische gegessen
+hätten. Doch weit entfernt, Reue darüber zu empfinden, sannen sie auf
+noch abscheulichere Frevel, um die punischen Götter noch mehr zu
+beschimpfen. Man hätte sie am liebsten ausgerottet.
+
+So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostküste hin und dann
+über die Sellumer Berge hinaus bis zum Rande der Wüste. Man suchte
+einen Zufluchtsort, gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt waren
+treu geblieben. Doch beide Städte wurden von Hamilkar belagert.
+Deshalb zog man schließlich auf gut Glück wieder gen Norden, ohne die
+Straßen zu kennen. Das lange Elend hatte die Köpfe schwachsinnig
+gemacht. Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende Erbitterung.
+Eines Tages waren die Söldner wieder in den Schluchten von Kobus,
+abermals vor Karthago.
+
+Nun wurden die Treffen häufiger. Das Kriegsglück war wechselnd. Doch
+Freund wie Feind war derart erschöpft, daß man auf beiden Seiten
+anstatt dieser kleinen Scharmützel eine große Schlacht herbeiwünschte.
+Man sehnte sich nach der letzten Entscheidung.
+
+Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persönlich zu
+überbringen. Aber einer seiner Libyer übernahm das Wagnis. Als man ihn
+abziehen sah, waren alle überzeugt, daß er nie wiederkäme.
+
+Er kehrte noch am selben Abend zurück.
+
+Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte sich am nächsten
+Morgen bei Sonnenaufgang in der Ebene von Rades treffen.
+
+Die Söldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas gesagt hätte, und
+der Libyer berichtete weiter:
+
+»Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf ich noch
+wartete. Ich antwortete: 'Daß man mich töte!' Da erwiderte er: 'Nein!
+Geh! Du stirbst morgen mit den andern!'«
+
+Diese Großmut verwunderte die Barbaren. Viele waren entsetzt darüber,
+und Matho bedauerte, daß der Bote nicht getötet worden war.
+
+ * * * * *
+
+Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwölfhundert Griechen,
+fünfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer, vierhundert Etrusker,
+fünfhundert Samniter, vierzig Gallier und eine Schar Naffurs, das
+waren heimatlose Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte,
+insgesamt siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten, aber
+darunter keine einzige vollständige Kompagnie. Die Truppen hatten die
+Löcher ihrer Harnische mit den Schulterblättern von Vierfüßlern
+geflickt und ihre Panzerstiefel durch Sandalen aus Lumpen ersetzt.
+Kupfer- und Eisenstücke beschwerten ihre Röcke. Ihre Panzerhemden
+hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer Arme und
+Gesichter liefen die Narben wie Purpurfäden.
+
+Der Zorn ihrer toten Gefährten beseelte sie und vermehrte ihre Kräfte.
+Sie fühlten dunkel, daß sie Diener eines Gottes waren, der in den
+Herzen der Unterdrückten waltete, und hielten sich für die heiligen
+Werkzeuge der allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die maßlose
+Perfidie der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders der Umriß
+Karthagos am Horizonte. Man schwur sich zu, bis in den Tod füreinander
+zu kämpfen.
+
+Man tötete Lasttiere und aß soviel wie möglich, um sich zu stärken.
+Dann schlief man ein. Manche beteten zu irgend einem Sternenbilde.
+
+Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene an. Sie hatten die
+Schildränder mit Öl bestrichen, damit die Pfeile besser abglitten. Die
+Infanterie, die langes Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht über
+der Stirn ab. Hamilkar ließ um die fünfte Stunde alle Feldkessel
+umwerfen, denn er wußte, daß es sich mit überfülltem Magen nicht gut
+fechten läßt. Sein Heer zählte vierzehntausend Mann, das Doppelte des
+Barbarenheeres. Trotzdem hatte er nie eine gleiche Unruhe empfunden.
+Wenn er unterlag, so war die Republik verloren, und er selbst mußte am
+Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er über die Pyrenäen,
+Gallien und die Alpen nach Italien gelangen, und das Reich der
+Barkiden war von ewiger Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht,
+um alles bis auf die geringsten Einzelheiten persönlich zu überwachen.
+Was seine Truppen betraf, so waren sie durch die lange Schreckenszeit
+arg erbittert.
+
+Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem konnten die
+Barbaren siegen. Eine seltsame Schwäche hatte ihn ergriffen. Aller
+Augenblicke trank er einen großen Becher Wasser.
+
+Da öffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf den Boden eine
+Krone aus Steinsalz mit symbolischem Zierat aus Schwefelkristallen und
+Perlmuttervierecken. Man sandte bisweilen dem Bräutigam solch eine
+Hochzeitskrone. Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung.
+
+Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zärtlichkeit für Naravas. Die
+Erinnerung an Matho beunruhigte sie in unerträglicher Weise. Es dünkte
+ihr, als ob der Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen
+müsse, wie man den Biß einer Giftschlange heilt, indem man sie auf der
+Wunde zerquetscht. Der Numidierfürst schmachtete nach ihr. Ungeduldig
+harrte er seiner Hochzeit, und da diese dem Siege folgen sollte, so
+sandte Salambo ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da
+verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an das Glück, ein
+so schönes Weib besitzen zu sollen.
+
+Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang seine Liebe und
+widmete sich völlig seinen Waffengefährten. Er liebte sie wie Teile
+seines eigenen Ichs. Sein Haß beseligte ihn. Er fühlte seine Seele
+geläutert und seine Arme gekräftigt. Alles, was er auszuführen hatte,
+stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen ein Seufzer entschlüpfte,
+so galt er dem Angedenken des Spendius.
+
+Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen. In die
+Mitte nahm er die Etrusker, die alle durch eine eherne Kette
+aneinandergefesselt waren. Hinter ihnen standen die Schützen. Auf die
+beiden Flügel stellte er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit
+Straußenfedern geschmückte Kamele ritten.
+
+Der Suffet brachte seine Karthager in eine ähnliche Schlachtordnung.
+Rechts und links von der Phalanx des gepanzerten Fußvolks stellte er
+die Leichtbewaffneten und die Klinabaren auf, an den Flügeln die
+Numidier. Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung
+gegenüber und musterten einander von weitem mit großen wilden Augen.
+Zuerst zauderte man, dann aber setzten sie sich gegeneinander in
+Bewegung.
+
+Die Barbaren rückten langsam vor, um nicht außer Atem zu kommen. Der
+Boden dröhnte unter dem Takte ihres Marsches. Die Mitte des punischen
+Heeres war in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte
+ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen zweier gegeneinander
+stoßenden Flotten. Die vorderste Linie der Barbaren schloß sich rasch
+auf. Die dahinter gedeckt stehenden Schützen schleuderten jetzt ihre
+Kugeln, Pfeile und Wurfspieße. Nunmehr flachte sich der Bogen der
+karthagischen Mitte allmählich ab. Sie wurde gerade, ja sie bog sich
+nach innen. Jetzt schwenkten die beiden Massen der Leichtbewaffneten
+schräg vorwärts wie die beiden Schenkel eines sich schließenden
+Zirkels. Die Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx, waren
+nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten. Das wäre ihr Verderben
+gewesen. Matho beorderte sie zurück, und während die punischen
+Leichtbewaffneten in ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte
+er seine Reserven gegen sie. Dadurch verlängerte sich alsbald sein
+Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung erschien um das
+Dreifache verlängert.
+
+Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen, namentlich die auf
+dem linken, die bald ihre Pfeile verschossen hatten, waren zu schwach.
+Als die punischen Leichtbewaffneten gegen sie anstürmten, wurden sie
+in Unordnung gebracht.
+
+Matho ordnete die Rückwärtsbewegung seines linken Flügels an. Auf dem
+rechten Flügel hatte er noch die mit Äxten bewaffneten Kampaner. Er
+warf sie gegen den linken Flügel der Karthager. Sein Mitteltreffen
+griff ebenfalls wieder an, und der linke Flügel, jetzt außer Gefahr,
+hielt den Leichtbewaffneten wieder stand.
+
+Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf und ließ sie
+attackieren.
+
+Diese kegelförmigen Massen zeigten in der Front Reiter, während ihre
+breiteren Flanken von den Lanzen Schwerbewaffneter starrten. Die
+Barbaren vermochten nicht standzuhalten. Allein das griechische
+Fußvolk besaß Kürasse und Lanzen, alle andern führten nur Messer, an
+langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen sich beim
+Schlagen, und während man sie mit den Stiefelabsätzen wieder
+geradetrat, machten die Karthager die Wehrlosen von rechts und links
+mühelos nieder.
+
+Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten nicht. Da die
+Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten sie die Lebenden mit
+ihren Leibern. Die breite, eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog
+sie sich wieder zusammen, biegsam wie eine Schlange und
+unerschütterlich wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter ihr
+immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen dann wieder hervor,
+die Stümpfe ihrer Waffen schwingend.
+
+Viele hatten überhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen auf die Karthager
+los und bissen ihnen ins Gesicht wie Hunde. Die Gallier warfen
+hochmütig ihre Waffenröcke ab und zeigten von weitem ihre kräftigen
+weißen Körper oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf.
+In den punischen Kompagnien hörte man die Stimme der Signalisten nicht
+mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen wurden. Nur die
+Standarten, die aus dem Staube ragten, hielten die Verbände
+einigermaßen zusammen. Der einzelne Mann ward von den Wogen des wilden
+Getümmels fortgerissen.
+
+Hamilkar ließ den Numidiern den Befehl zur Attacke zugehen. Die
+Naffurs warfen sich ihnen entgegen.
+
+Sie trugen weite schwarze Gewänder, Haarschöpfe auf dem Wirbel,
+Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen Klingen ohne Griffe, die an
+einem Strick befestigt waren. Ihre über und über mit Federn gespickten
+Kamele stießen langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen
+genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurück, und das getroffene
+Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere galoppierten mitten durch
+die Kompagnien. Einige, denen ein Bein zerschmettert worden war,
+hüpften wie verwundete Strauße.
+
+Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem auf die
+Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die auseinandergesprengten Züge
+wirbelten um sich selbst, und die glänzenden Kürasse und Waffen der
+Karthager umschlossen sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes
+Gewühl herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf die
+Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren lagen in der Ebene
+niedergestreckt. Die Söldner rissen ihnen die Rüstungen ab, legten sie
+selbst an und stürzten sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht,
+rannten manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die
+Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei, das in
+der Ferne erscholl, trieb sie hin und her, wie Schiffstrümmer der
+Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung. Alles drohte dem Genie Mathos und
+dem unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen.
+
+Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es war eine Schar von
+Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen Kindern, ja selbst Frauen, die ihre
+Angst nicht länger bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen
+waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem zu
+stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark den einzigen Elefanten
+mitgenommen, den die Republik noch besaß. Es war der, dessen Rüssel
+abgehauen worden war.
+
+Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt ihre Mauern
+verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen zu gebieten, für die Heimat
+zu sterben. Ungeheure Wut ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle
+übrigen mit fort. Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit
+dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine Hoffnung mehr auf
+Sieg, nicht einmal auf ihr Leben. Aber dieser Rest bestand aus den
+besten, unerschrockensten und stärksten Leuten.
+
+Der karthagische Landsturm begann Bratspieße, Spicknadeln und Hämmer
+zu schleudern. Männer, vor denen römische Konsuln gezittert, starben
+nun unter Knüppeln in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die
+Söldner mit Stumpf und Stiel.
+
+Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels zurück.
+Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis wieder. Zweimal brachen
+sie vor. Ein Gegenstoß warf sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager
+waren zu viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen den
+Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl zu. Man glitt
+vor Blut aus. Die Toten rollten den steilen Abhang hinab und umtürmten
+den Elefanten, der den Hügel erklimmen wollte, bis an den Bauch. Es
+hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne auf ihnen herum, und sein
+Rüsselstumpf erhob sich von Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.
+
+Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager schauten
+zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die Barbaren standen.
+
+Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel begann
+von neuem. Mehrfach ließen die Söldner sie dicht herankommen, indem
+sie ihnen zuriefen, sie wollten sich ergeben. Dann aber töteten sie
+sich selber mit entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto
+höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war, als wachse
+allmählich eine Pyramide auf. Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann
+zwanzig, dann drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit
+einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert besaß.
+
+Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts und links.
+Dabei warnte er Matho vor den Schlägen, die man gegen ihn führte:
+
+»Achtung, Herr! Dort! Da!«
+
+Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren. Er war
+vollständig nackt und bleicher als die Toten um ihn herum. Das Haar
+stand ihm in die Höhe, und zwei Schaumstreifen flossen aus seinen
+Mundwinkeln. Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es
+ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte es am
+Griff. Der Samniter war gefallen, und die Flut der Karthager
+umbrandete nun den letzten der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da
+hob er seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen und
+stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen, wie ein Mensch,
+der sich von einem Vorgebirge ins Meer wirft.
+
+Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die Karthager an. Doch
+immer wieder gaben sie ihm Raum und wandten ihre Waffen ab. Mathos Fuß
+stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen. Da fühlte er sich an
+Händen und Füßen gefesselt und fiel zu Boden.
+
+Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und Tritt mit einem
+jener großen Netze gefolgt, mit denen man wilde Tiere fängt. Indem er
+den Augenblick benutzte, wo Matho sich bückte, hatte er es ihm
+übergeworfen. Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig
+weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten begleiteten ihn im
+Sturmschritt, unter wildem Lärm nach Karthago.
+
+Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon in der dritten
+Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr am Khamontempel zeigte die
+fünfte Stunde, als man Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf.
+Auf den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter, daß die Stadt
+in Flammen zu stehen schien.
+
+Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er lag auf dem Rücken
+und betrachtete die Sterne.
+
+ * * * * *
+
+Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn.
+
+Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der letzte von denen, die
+in der »Säge« zurückgeblieben waren.
+
+An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren, hatten heimziehende
+Zuaesen die Felsen weggerollt und die Barbaren auf kurze Frist
+ernährt.
+
+Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und wollte den Ort nicht
+verlassen, aus Mutlosigkeit und Ermattung, auch aus jenem Eigensinn,
+mit dem sich Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber
+waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen weitergezogen.
+
+Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert Mann von den
+Söldnern übrig waren. Um ihnen ein Ende zu bereiten, bedurfte man
+keiner Soldaten.
+
+Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit den drei
+Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas hatte eine große
+Treibjagd veranstaltet, wobei er in bestimmten Abständen Ziegen an
+Pfähle gebunden und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort
+hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam, um
+festzustellen, was von den Barbaren noch übrig sei.
+
+Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote, Waffen und Kleider
+bildeten eine einzige Masse. Fast allen Leichnamen fehlte der Kopf
+oder irgendein Glied. Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu
+Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus Helmen.
+Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor. Skelette trugen noch
+Mäntel, und gebleichte Gebeine leuchteten wie helle Flecken im Sande.
+
+Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten Vordertatzen
+auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht, das grell von den weißen
+Felsen zurückstrahlte, blinzelten sie. Andre saßen auf den
+Hintertatzen und starrten vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu
+Knäueln zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen. Alle
+sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus. Unbeweglich lagen sie
+wie das Gebirge und die Toten. Die Nacht sank herab. Breite rote
+Streifen flammten im Westen am Himmel.
+
+Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten Haufen erhob sich
+eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst. Einer der Löwen schritt ihr
+entgegen. Sein Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom
+purpurroten Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz nahe war, schlug er
+ihn mit einem Schlag seiner Tatze zu Boden.
+
+Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit seinen Zähnen
+langsam die Eingeweide heraus. Nach einiger Zeit öffnete er seinen
+Rachen in ganzer Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes
+Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es schließlich in
+der Einöde verhallte.
+
+Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab. Tritte huschten
+über den Boden. Von der Schlucht und der Drahtsperre her tauchten
+spitze Schnauzen und große Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten.
+Das waren die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu
+verzehren.
+
+Der Karthager, der das, über den steilen Rand der Halde herabgebeugt,
+sah, machte sich auf den Heimweg.
+
+
+
+
+XV
+
+Matho
+
+
+Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser, wahnwitziger
+Freude. Man hatte die Zerstörungen flüchtig ausgebessert, die
+Götterbilder neu bemalt, das Pflaster mit Myrtenzweigen bestreut und
+an den Straßenecken Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen
+glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten in hängenden
+Gärten.
+
+Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch die Rufe der
+Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten. Sklaven Hamilkars
+boten in seinem Namen geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar.
+Man begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen Städte
+waren erobert, die Nomaden zerstreut, die Barbaren mit Stumpf und
+Stiel vernichtet. Die Akropolis war vor lauter bunten Zeltdächern kaum
+noch zu sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen
+Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten wie eine lange
+Diamantenkette. Überall war die Ordnung wiederhergestellt. Neues Leben
+begann. Ein ungeheures Glück schwebte über allem: es war der Tag von
+Salambos Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas.
+
+Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen, mit massigem
+Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an denen die Priester, die Alten
+und die Patrizier Platz nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht
+stehender Tisch war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt. Da
+Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des Schleiers gerettet
+hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit wie ein Nationalfest und harrte
+drunten auf dem Platze ihres Erscheinens.
+
+Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine Ungeduld:
+Mathos Tod war für diese Feier verheißen.
+
+Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden, ihm Blei in
+die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern zu lassen. Dann sollte er
+an einen Baum gebunden werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein
+auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt! Die heiligen
+Tiere der Göttin sollten Rache üben! Andre machten den Vorschlag, man
+solle ihn auf einem Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn
+mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen gespickt
+hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem Gedanken, wie das große Tier
+durch die Straßen jagte und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte
+wie ein Kerzenlicht im Winde.
+
+Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut werden, und
+warum sollte man die andern des Genusses berauben? Man forderte darum
+allgemein eine Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei
+der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago bis zum
+Straßenpflaster und den Fluten des Golfes, zerreißen, zermalmen,
+vernichten konnten. So bestimmten denn die Alten, daß er ohne Geleit,
+die Hände auf den Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum
+Khamonplatze gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu
+treffen--damit er möglichst lange lebe--, oder ihm die Augen
+auszustechen--, damit er seine Marter bis zu Ende selber sehen könne.
+Auch durfte nicht nach ihm geworfen werden, und niemand sollte ihn
+nicht mit mehr als drei Fingern berühren.
+
+Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte, glaubte man ihn
+lange vorher schon ein paarmal zu erblicken. Man stürzte nach der
+Burg. Die Straßen leerten sich, dann aber kehrte man mit lautem Murren
+wieder zurück. Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen auf ein
+und derselben Stelle. Sie riefen einander von weitem zu und zeigten
+ihre Fingernägel, die sie sich hatten wachsen lassen, um sie recht
+tief in Mathos Fleisch bohren zu können. Andre gingen aufgeregt auf
+und ab. Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung
+entgegensahn.
+
+Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe Federfächer über
+den Köpfen auf. Das war Salambo, die vom väterlichen Palast her nahte.
+Seufzer der Erleichterung liefen durch die Menge.
+
+Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er bewegte sich
+feierlich-langsam.
+
+Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die Eschmuns,
+Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften, eine nach der andern,
+mit denselben Abzeichen und der gleichen Ordnung wie damals beim
+Opfer. Die Molochpriester kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von
+einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die Priester der
+Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern in den Händen. Die
+heiligen Hetären folgten ihnen in durchsichtigen Gewändern von gelber
+oder von schwarzer Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie
+Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise, um den Reigen
+der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten Gewändern entströmten schwere
+Düfte überallhin. Mit besonderem Beifall begrüßte man unter diesen
+Weibern die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie
+versinnbildlichten die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. Ihnen
+waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht eigen wie den
+priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer flachen Brüste und ihrer
+schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt beherrschte und erfüllte die
+Verherrlichung des Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische
+Lüsternheit schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die Fackeln
+in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der Nacht eine allgemeine
+geschlechtliche Tummelei stattfinden sollte. Drei Schiffe aus Sizilien
+hatten Dirnen hergeführt, und auch aus der Wüste waren welche
+gekommen.
+
+Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres
+Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und längs der
+doppelten Treppen des Tempels, die an der Mauer emporliefen und sich
+oben wieder einander näherten. Reihen langer weißer Gewänder wehten
+zwischen den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen
+Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.
+
+Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der Provinzen und alle
+Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges Getöse. Aus den anstoßenden
+Straßen strömte das Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit
+Stockschlägen zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren
+trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen purpurnen
+Baldachin, Salambo.
+
+Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten schallten
+lauter, die Tamburine rasselten, und der große Purpurbaldachin
+verschwand zwischen den beiden Pylonen.
+
+Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein. Salambo schritt,
+nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin und dann quer über die Terrasse,
+um sich im Hintergrund auf einem Thron niederzulassen, der aus einer
+Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen Elfenbeinschemel
+mit drei Stufen unter die Füße. Am Rande der untersten knieten zwei
+Negerkinder. Hin und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen
+belasteten Hände auf die Köpfe der Kleinen.
+
+Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein Gewebe gehüllt,
+dessen enge Maschen wie Fischschuppen aussahen und wie Perlmutter
+glänzten. Ein dunkelblauer Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über
+zwei mondsichelförmigen Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen
+durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz bestand aus
+edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter schneeweißer Mantel fiel
+hinter ihr herab. So saß sie da, die Ellbogen angelegt, die Knie
+geschlossen, die Oberarme mit Diamantenreifen geschmückt, starr und
+steif wie ein Götterbild.
+
+Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und ihr Gatte
+nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar gekleidet, trug seine
+Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus der zwei gewundene Haarflechten wie
+Ammonshörner hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen
+Weinranken bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an der Seite.
+
+Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange des
+Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl und beschrieb, sich in den
+Schwanz beißend, einen großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand
+eine kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne darauf
+fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen Seiten.
+
+Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren
+Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten mit ihren
+Tiaren eine lange goldene Reihe, links die Patrizier mit ihren
+Smaragdzeptern ein breites grünes Band, während die Molochpriester mit
+ihren roten Mänteln den Hintergrund wie mit einer Purpurwand
+abschlossen. Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren Terrassen
+ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg auf die Dächer und stand in
+dichten Reihen bis zur Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu
+ihren Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das unendliche
+Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick in die Binnenländer hatte,
+da ward sie in ihrem Glanze eins mit Tanit und erschien als Karthagos
+Patronin, als die verkörperte Seele der Stadt.
+
+Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige
+Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken aus bunter Wolle, mit
+denen die niedrigen Tische bedeckt waren. Große Bernsteinkrüge,
+Amphoren aus blauem Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote
+umgaben die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben
+waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen wie um
+Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf Schüsseln aus Ebenholz.
+Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse und Melonen türmten sich über breiten
+Silberplatten. Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen von
+Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß es aussah, als
+sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben lagen Muschelschalen, mit
+Fleischragout gefüllt. Das Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn
+man die Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.
+
+Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter Tunika auf den
+Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit spielten Leiern eine Hymne,
+oder es erhob sich ein Chorgesang. Der Lärm des Volkes, anhaltend wie
+Meeresrauschen, umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie
+der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten des Gelages der Söldner.
+Man überließ sich glückseligen Träumen. Die Sonne begann zu sinken,
+und auf der andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.
+
+Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand sie gerufen. Das
+Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der Richtung ihres Blickes.
+
+Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers, der zu
+Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen war, soeben geöffnet. Ein
+Mann stand auf der Schwelle der schwarzen Öffnung.
+
+Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene eines wilden
+Tieres, das man plötzlich freigelassen hat. Das Licht blendete ihn.
+Eine Weile blieb er unbeweglich stehen. Man hatte ihn allgemein
+erkannt und hielt den Atem an.
+
+Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes, fast von einem
+Heiligenschein umstrahlt. Man beugte sich vor, um ihn zu sehn,
+vornehmlich die Weiber. Sie waren darauf erpicht, den zu betrachten,
+der ihre Kinder und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele erhob
+sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn vollständig kennen
+zu lernen, ein Gelüst, das sich mit Reue paarte und in ein Übermaß von
+Haß umschlug.
+
+Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung der ersten
+Überraschung. Tausend Arme streckten sich empor, aber man sah ihn
+nicht mehr.
+
+Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte sie hinab, wie
+in einem Gießbach vom Gipfel eines Berges hinuntergerissen. Dreimal
+sah man ihn hochschnellen. Endlich kam er unten wieder auf die Füße.
+
+Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen Stößen, und
+er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln zu zerreißen, daß seine
+auf dem bloßen Rücken gefesselten Arme anschwollen wie Schlangenleiber.
+
+Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen aus. Durch jede
+von ihnen spannten sich zwei dreifache Reihen eherne Ketten, die am
+Nabel von Kabirenbildsäulen befestigt waren, in gleicher Richtung von
+einem Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser gedrängt.
+In der Mitte schritten Ratsdiener und schwangen Peitschen.
+
+Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag an. Da begann
+er von neuem seinen Leidensgang.
+
+Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der Weg sei ihm
+allzu breit gelassen worden. Er aber schritt, von tausend Fingern
+betastet, gestochen und zerhackt immer weiter. War er am Ende einer
+Straße, so tat sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite,
+um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge brach in
+Hohngelächter aus.
+
+Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen, das unter seinem
+Ärmel eine spitzige Spindel versteckt hatte, zerschlitzte ihm die
+Backe. Man riß ihm Hände voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre
+beschmierten ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht und
+auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite schoß ein
+Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn vollends aus. Dieser
+letzte der Barbaren war für das Volk der Vertreter aller andern, des
+ganzen Heeres. An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle
+Schande. Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres Blutdurstes
+zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten sich und drohten zu
+brechen. Man fühlte die Schläge der Sklaven nicht mehr, die auf die
+Massen einhieben, um sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern
+der Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit Köpfen erfüllt, und
+das Böse, das man dem Libyer nicht antun konnte, brüllte man ihm
+wenigstens zu.
+
+Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt mit spöttischen
+Zurufen und Flüchen; und da man an seiner gegenwärtigen Marter nicht
+genug hatte, kündigte man ihm noch fürchterlichere Qualen für die
+Ewigkeit an.
+
+Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger
+Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein heiserer, dumpfer,
+wilder Laut ein minutenlanges Echo im ganzen Volke. Die Mauern
+erbebten von diesem Geschrei vom Grund bis zum Giebel, und Matho war
+zumute, als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen und ihn vom
+Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme, um ihn in der Luft zu
+erwürgen.
+
+Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden zu haben. Die
+gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen Blicke, die gleiche
+Raserei! Nur war er damals frei, damals wichen alle vor ihm aus,
+damals beschirmte ihn ein Gott! Und diese Erinnerung, die immer
+deutlicher ward, erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit.
+Schatten schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor ihm. Das
+Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der Hüfte. Er fühlte den Tod.
+Seine Knie schlotterten, und er sank langsam auf das Pflaster.
+
+Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels die auf Kohlen
+glühend gemachte Querstange eines Dreifußes, schob sie unter der
+obersten Kette hindurch und stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das
+Fleisch rauchen. Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei
+des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen. Sechs
+Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann noch ein drittes-, ein
+viertesmal. Immer jagte ihn eine neue Marter wieder auf. Man
+bespritzte ihn durch Röhren mit siedendem Öl, streute Glasscherben
+unter seine Füße. Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße
+lehnte er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken gegen die
+Mauer und ging nicht mehr weiter.
+
+Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen aus
+Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die Fransen ihrer Tuniken
+von Schweiß troffen. Matho schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich
+aber nahm er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen,
+während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost habe. Er stürzte
+durch die Budesstraße, die Söpogasse, über den Gemüsemarkt und langte
+auf dem Khamonplatz an.
+
+Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten die Menge
+zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum. Matho schaute sich um, und
+seine Blicke trafen Salambo.
+
+Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden und
+unwillkürlich, je näher er kam, immer mehr bis an den Rand der
+Terrasse vorgetreten. Bald war die Außenwelt für sie verschwunden. Sie
+sah nur noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden. Einer jener
+Abgründe hatte sich in ihr aufgetan, in dem die ganze Welt versinkt
+unter der Wucht eines einzigen Gedankens, einer Erinnerung, eines
+Blickes. Dieser Mann, der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt
+in seinen Bann.
+
+Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenähnliches mehr. Sein
+Körper war eine über und über rote Masse. Die zerrissenen Stricke
+hingen an seinen Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den
+Sehnen seiner völlig entfleischten Fäuste zu unterscheiden. Sein Mund
+stand weit offen. Aus seinen Augenhöhlen sprühten zwei Flammen, die
+bis zu seinen Haaren emporzulodern schienen,--und doch schritt der
+Unglückliche immer noch weiter.
+
+Er kam gerade bis an den Fuß der Terrasse. Salambo hatte sich über die
+Brüstung geneigt. Seine fürchterlichen Augen blickten sie an, und
+plötzlich kam ihr alles ins Bewußtsein, was er für sie gelitten hatte.
+Dort lag er im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den Knien
+liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen und Koseworte
+stammeln. Es dürstete sie darnach, die Worte von damals noch einmal zu
+hören. Er sollte nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein
+heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da stürzte er rücklings zu Boden
+und regte sich nicht mehr.
+
+Halb ohnmächtig wurde Salambo von den Priestern, die sich um sie
+bemühten, auf ihren Thron zurückgetragen. Man beglückwünschte sie. Das
+war ihr Werk! Überall um sie herum klatschte man in die Hände,
+stampfte mit den Füßen und heulte ihren Namen.
+
+Ein Mann stürzte auf den Toten. Wiewohl er bartlos war, trug er doch
+den Mantel der Molochpriester um die Schultern und am Gürtel ein
+eigentümliches Messer, das zum Zerlegen des Opferfleisches diente und
+am Ende des Stieles in einen goldnen Spatel auslief. Mit einem
+einzigen Schnitt spaltete er Mathos Brust, riß das Herz heraus und
+legte es auf den Löffel. Es war Schahabarim. Er hob den Arm hoch und
+bot das Herz der Sonne dar.
+
+Glühend stand sie über den Fluten, und ihre letzten Strahlen trafen
+wie lange Pfeile das blutrote Herz. Je tiefer ihre Scheibe ins Meer
+sank, desto schwächer wurden seine Schläge, und bei dem letzten Zucken
+des Muskels schwand auch die Sonne.
+
+Da erscholl vom Golf bis zur Lagune und von der Landenge bis zum
+Leuchtturm, in allen Straßen und auf allen Tempeln, ein einziger
+Schrei, der bisweilen aufhörte und dann wieder erklang. Die Gebäude
+erbebten. Karthago zuckte zusammen wie im Krampfe titanischer Freude
+und grenzenloser Hoffnung.
+
+Naravas, von Stolz berauscht, legte zum Zeichen des Besitzes seinen
+Arm um Salambos Leib und ergriff mit der Rechten eine goldene Schale,
+die er auf Karthagos Glück leerte.
+
+Salambo erhob sich, gleich ihrem Gemahl, mit einer Schale in der Hand,
+um ebenfalls zu trinken. Da sank sie mit zurückgebogenem Haupt auf die
+Lehne des Thrones nieder, bleich, starr, mit offenen Lippen. Ihr
+gelöstes Haar wallte zum Boden herab.
+
+So starb Hamilkars Tochter, weil sie den heiligen Mantel der Tanit
+berührt hatte.
+
+
+
+
+Anhang
+
+Anmerkungen des Übersetzers
+
+
+Salammbô ist 1862 erschienen. Die französische Urhandschrift befindet
+sich heute im Besitze der Nichte Flauberts, Madame Franklin-Grout in
+Antibes (Villa Tanit), und wird dermaleinst Eigentum der Pariser
+Nationalbibliothek. Sie besteht aus 340 Blättern »großen Formats« und
+trägt auf dem Pappdeckel des Einbandes die Daten »September 1857-April
+1852«. Die Kapitelüberschriften fehlen. Die Kapitel sind nur
+numeriert. Flaubert hat sie erst in die Korrektur gefügt. Alle
+Verbesserungen, die Flaubert in der Druckkorrektur angebracht hat,
+sind von dem gewissenhaften Dichter in Bleistiftschrift auch in das
+Manuskript eingetragen worden. Es sei bemerkt, daß die Edition
+définitive (Paris, Charpentier) im Druck und stellenweise auch im Text
+nicht die Sorgfalt verrät, die einem Flaubert gebührt.
+
+ * * * * *
+
+Die erste Idee zu einem antik-orientalischen Roman faßte Flaubert
+während seiner Reise durch Ägypten und Syrien, 1849-50. Kurz nach dem
+berichtet er von einem Entwurf »Anubis«, in dem die Heldin die Liebe
+eines Gottes ersehnt. Das Studium des bekannten Werkes »Die Phönizier«
+von Franz Karl Movers (1841-56, zwei Bände) lenkte Flaubert auf
+Karthago. Im Jahre 1858 besuchte er die Ruinenstätte. Die
+Tagebuchblätter dieser Reise sind neuerdings veröffentlicht worden (Au
+Pays de Salammbô, in der Revue de Paris vom 1. Dez. 1911). Es ist
+selbstverständlich, daß der Dichter die gesamte Punier-Literatur,
+soweit sie bis 1862 erschienen, gekannt hat, auch die fremdländische,
+obgleich er als echter Franzose außer dem Latein keine fremde Sprache
+beherrschte. Die antiken Autoren, ebenso Movers, benutzte er in
+französischen Übersetzungen. Den Engländer Dr. N. Davis, der in der
+Zeit von 1856-59 in Karthago und Umgegend Ausgrabungen leitete, hat
+Flaubert an Ort und Stelle kennen gelernt. Freilich sprach Davis nicht
+französisch und Flaubert--wie schon bemerkt--nicht englisch. Aber »wir
+verstehen uns sehr gut« schreibt Flaubert damals an seine Nichte.
+
+Genannt seien als von Flaubert benutzte Werke: Ch.E. Beulé, Fouilles à
+Carthage (Paris, 1860),--N. Davis, Carthage and her remains (London,
+1861),--ferner die Arbeiten von Falbe, Dureau de la Malle, u.a. Von
+den beiden erstgenannten existieren übrigens--allerdings nicht ganz
+einwandfreie--deutsche Ausgaben. An kartographischem Material stand
+Flaubert vor allem die zuverlässige Terrainaufnahme des Kapitäns C.T.
+Falbe (1:16000, Paris 1833) zu Gebote. Es existiert noch keine
+wissenschaftliche Untersuchung des Verhältnisses des Romans zu den
+Quellen und Hilfsmitteln Flauberts.
+
+Wer sich, angeregt durch die Salambo, über den heutigen Stand der
+wissenschaftlichen Kenntnis von Karthago belehren lassen möchte, sei
+auf das sorgfältige Lebenswerk von Otto Meltzer hingewiesen:
+Geschichte der Karthager, Berlin, Weidmann, besonders auf den zweiten
+Band (1896). Hinsichtlich der punischen Religion seien genannt die
+Studien des Grafen Wolf Baudissin »Esmun-Asklepios« (1906), »Jahve et
+Moloch« u.a.m. Das maßgebende Kartenwerk bilden heute die Blätter La
+Marsa, El Ariana, La Goulette, Tunis usw. des Service géographique de
+l'Armee (1:50000, aufgenommen 1890 ff.) und der sich hierauf stützende
+wertvolle Atlas archéologique de la Tunisie ... accompagné d'une text
+explicatif, Paris, Leroux, 1892 ff.
+
+ * * * * *
+
+Zu einigen wenigen Stellen des Romans seien im folgenden knappe
+Erläuterungen erlaubt.
+
+Seite 5. Die Stadt Eryx auf halber Höhe des gleichnamigen Berges (in
+Sizilien) wurde von Hamilkar im Jahre 244 v. Chr. genommen. Flauberts
+Roman beginnt etwa Anfang September des Jahres 241 v. Chr. Der
+Söldnerkrieg währte nach Polybios drei Jahre und vier Monate (241-238
+v. Chr.).
+
+Die Lage der Villa Hamilkars in der Vorstadt Megara ist nicht
+überliefert. Flaubert nimmt sie auf der Höhe über dem Seetor an.
+
+Seite 6. Der Eschmuntempel stand auf der Akropolis. Eine monumentale
+Freitreppe von sechzig Stufen, in drei Absätze gegliedert, führte
+hinauf. Um den Tempel waren breite Terrassen, die den Eindruck einer
+mächtigen Befestigung erweckten. Der Tempel war das allenthalben
+sichtbare Wahrzeichen der Stadt, der Sankt Peter Karthagos.
+
+Seite 10. Die Abgabe des Oberbefehls über die Truppen in Lilybäum an
+den General Gisgo--nach dem Friedensschlusse im Hochsommer des Jahres
+241 v. Chr.--erfolgte nicht freiwillig. Hamilkar wurde dazu genötigt.
+Dieser schwere Fehler in der Kriegsführung gegen Rom fällt den
+Umtrieben der inzwischen in der Heimat aus Ruder gekommenen Partei des
+Hanno zu.
+
+Seite 12. Über die Syssitien der Hetärien, sowie über die komplizierte
+Staatsverfassung der Republik, die von Aristoteles als hervorragend
+gepriesen worden ist, vgl. Meltzer, Geschichte der Karthager, II, 34
+ff.
+
+Die karthagische Garde: bei Polybios die Heilige Schar.
+
+Seite 17. Polybios nennt den Namen der Tochter Hamilkars nicht. Nach
+anderer Überlieferung soll sie Salwamba (d.h. magna mater) geheißen
+haben.
+
+Seite 26. Die Via Mapaliensis (Straße der Mappalier, d.h. der
+Zeltbewohner = der Numidier) führte von der See quer durch die Stadt
+nach den Katakomben. Flaubert rekonstruiert sie als die Via Appia
+Karthagos.
+
+Seite 30. Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer südwestlich von
+Karthago. Der dort betriebene zynische Venuskult war berüchtigt.
+
+Seite 38. Die Erwähnung der gekreuzigten Löwen stützt sich auf Plinius
+c. 18, wo erzählt wird, daß Scipio Aemilianus und Polybios auf einem
+gemeinsamen Spazierritt in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte
+Tiere sahen.
+
+Seite 43. Über die Kabiren (d.h. die Mächtigen) und die
+Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie, 4. Aufl.,
+Berlin, 1894, Bd. I, 847-864.
+
+Seite 61. Über den Kult der Tanit (identisch mit Astarte u.a.) vgl.
+Münter, Religion der Karthager, 2. Aufl., S. 79 ff. Über ihren Tempel
+vgl. N. Davis, Karthago und seine Überreste, Leipzig, 1863, S. 110 ff.
+
+Seite 63. Der doppelgipflige Berg der Heißen Wasser, von Virgil
+gepriesen, jetzt Hammam el Enf, liegt 15 Kilometer südlich von
+Karthago.
+
+Seite 65. Die Säulen des Melkarth sind natürlich die Säulen des
+Herkules (Gibraltar).
+
+Seite 80. Das vielumstrittene »Ledergeld« entspricht unserm heutigen
+Papiergeld.
+
+Seite 92, ebenso Seite 282. »Zügellose Pferde«. Dies stützt sich auf
+Livius XXI, c. 44. Wahrscheinlich hatten die Numidier nur leichte
+Trensengebisse, was der Römer als »ungezäumt« ansieht.
+
+Seite 98. Flaubert antwortete auf den Angriff eines Gelehrten u.a.:
+»Hinsichtlich des Tanittempels bin ich sicher, ihn so rekonstruiert zu
+haben, wie er war: an der Hand der Abhandlung über die syrische
+Göttin,--der Münzen des Herzogs von Luynes,--dessen, was man vom
+Jerusalemer Tempel weiß,--einer Stelle aus dem heiligen Hieronymus,
+zitiert von Selden (De diis syriis),--des Planes vom Tempel in Gozzo,
+der sicher karthagisch ist,--und vor allem nach den Ruinen des Tempels
+von Thugga, den ich mit eigenen Augen gesehen habe ...« (Anhang zur
+Edition définitive, p. 356).
+
+Seite 124. Die afrikanischen Phönizier nannten sich noch in der
+römischen Kaiserzeit »Kanaaniter«, nach ihrer Heimat Chna (d.h.
+Niederung).
+
+Seite 142. Die Lage von Gorza ist nicht überliefert. Wahrscheinlich
+lag sie südlich des Unterlaufs des Bagradas.
+
+Seite 146. Flaubert nimmt augenscheinlich den Khamontempel am Markt
+(Forum) und westlich der Hafenanlagen gelegen an.
+
+Der Haupttyp der Schlachtschiffe war um 240 v. Chr. bereits die
+Pentere, sowohl auf karthagischer wie römischer Seite.
+
+Seite 152. Der Molochtempel hat nördlich der Akropolis gelegen.
+
+Seite 163. Die »Insel der Totenknochen«, ein kleines ödes Eiland,
+gehört zu den Liparischen Inseln (nördlich von Sizilien). Der Bericht
+Diodors, daß die Karthager auf Befehl der Gerusia dort 6000 Söldner
+ausgesetzt hätten, ist eine Legende, wie wohl so mancher uns
+überlieferter Zug von punischer Grausamkeit und Perfidie.
+
+Seite 174 ff. Die Legende, daß die Punier Afrika umschifft haben und
+nach Indien und Arabien um das Kap der guten Hoffnung gefahren sein
+sollen, ist kaum haltbar. Man darf nicht vergessen, daß es auch im
+Altertum einen Suezkanal gegeben hat.
+
+Seite 176. Die oringischen Pferde sind aus Oringis in Spanien
+eingeführt, wo im Altertume berühmte Gestüte existierten.
+
+Seite 178. Das Talent (damals im Werte von etwa 4200 Mark) hatte 60
+Minen zu je 100 Drachmen zu je 6 Obolen. Das punische Talent hieß
+Kikar. Es galt 60 Minen zu je 50 Sekel.
+
+Seite 181. Betreffs der punischen Münzen vgl. L. Müller, Numismatique
+de l'ancienne Afrique, Kopenhagen, 1860, 3 Bde. und 1 Supplement
+(1874).
+
+Seite 183. Flaubert nennt als Hauptquelle seiner Kenntnisse der
+antiken Edelsteine: Theophrast, Traktat über die Edelsteine.
+
+Seite 186. Sylphium (auch Seite 34 erwähnt), vielleicht identisch mit
+Asant, ein bedeutender Handelsartikel im Altertum, ist ein starkes
+aromatisches Gewürz, das man den Speisen und Getränken zusetzte,
+ähnlich wie wir heute die Zwiebel oder die Zitrone verwenden oder bei
+Mischgetränken den Angostura.
+
+Seite 204 ff. Makar ist der punische Name für den Bagradas (heute:
+Medscherda). Er mündete damals 18 Kilometer südlicher denn jetzt, so
+daß seine Mündungsstelle nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war.
+Der Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und Kap Kamart in
+drei großen Ausbuchtungen tief (bis zu mehr denn 10 Kilometer) in das
+Land ein, so daß Utika (heute: Bu Schater) am Meere lag.
+
+Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner »Geschichte« einen
+verhältnismäßig langen Bericht über die Schlacht am Bagradas, indessen
+genügt er nicht, den taktischen Verlauf der Schlacht klar zu
+rekonstruieren. Hans Delbrück, unsre Autorität in der Kenntnis der
+antiken Schlachten, übergeht daher in seiner »Geschichte der
+Kriegskunst« (II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den
+ersten punischen Krieg gänzlich. Flauberts anschauliche Schilderung
+gibt gerade im Charakteristikum eine unmögliche Schlacht. Hamilkar
+marschierte mit seinen 10000 Mann nach dem genialen Übergang über den
+Fluß stromauf auf dem linken Bagradasufer. Während sich seine Vorhut
+gegen die Söldner am verschanzten Brückenkopf entwickelte, verblieb er
+mit seinen Kerntruppen in Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen
+Kräfte vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Maßnahmen
+verraten hatten, konnte er an eine vollständige Entwicklung seiner
+numerisch geringeren Truppen gar nicht denken. Nach Polybios lag es in
+der Absicht der beiden Söldner-Detachements, die Karthager »in die
+Mitte« zu bekommen. Nur in der Übereilung kam es zu der _taktisch
+falschen_ Vereinigung beider Abteilungen. Die Scheinentwicklung der
+punischen Vorhut hatte somit ihren Zweck überraschend bald erreicht.
+Während sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht führte und die
+gesamten gegnerischen Kräfte zur Entwicklung verlockte, verlor sich
+die Gefahr, in der Hamilkar zunächst geschwebt hatte: ein gegen seine
+rechte Flanke gerichteter Angriff des von Utika herankommenden
+Detachements. Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Kräfte einsetzen. Er
+ließ höchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren und bildete
+seine Phalanx rechts rückwärts der im Gefecht befindlichen Vorhut,
+vielleicht im stumpfen Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als
+die Phalanx dann vorrückte, gingen die Vortruppen langsam zurück, bis
+sie in die gleiche Höhe mit ihr kamen. Sodann konnten sie sich wieder
+ordnen und von neuem an der Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts,
+daß die längst aufgelösten, bereits im Gefecht gewesenen und dann
+zurückbefohlenen Vortruppen (Schützen, Reiterei, Elefanten) durch die
+Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und vorrückenden Phalanx
+durchgelassen worden seien, ist eine taktische Unmöglichkeit.
+Dergleichen wagt kein Feldherr, und es gelänge auch keinem. Es ist
+undenkbar, einmal entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus
+dem Gefecht loszulösen und sie gar noch auf so gekünstelte Art und
+Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen zurückzudirigieren. Selbst
+wenn eine derartige Rückwärtsbewegung exerzierplatzmäßig halbwegs zu
+stande käme, würde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden
+Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen.
+
+Seite 201 und 205. Nach Polybios standen 10000 Mann am Brückenkopf und
+15000 vor Utika. Flaubert wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus
+Irrtum.
+
+Seite 210. Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie attackierte die
+Reiterei der Alten nicht im stärksten Tempo, sondern im Schritt,
+höchstens im kurzen Trabe. Wir müssen uns schwergepanzerte Ritter,
+nicht behende Reiter vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die
+Spahis von damals!
+
+Seite 212. Über die überaus interessante Verwendung der Elefanten als
+Gefechtstruppe vgl. H. Delbrück, loc. cit. Wahrscheinlich hatte man im
+ersten Punischen Kriege keine Gefechtstürme auf diesen Tieren.
+
+Seite 245. Euergetes, d.h. »Wohltäter«, ist der Beiname des
+Ägypterkönigs Ptolemäus III. (247-221 v. Chr.). Seine Gemahlin war die
+bekannte Berenike.
+
+Seite 309 ff. Einzelheiten über die Belagerung Karthagos durch die
+Söldner sind uns nicht überliefert. Flaubert kam es darauf an, das
+typische Bild einer Städtebelagerung jener Zeit zu geben. Über die
+Geschütze und Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rüstow und H.
+Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens, Aarau, 1852, und
+Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertümer, 2. Aufl., München,
+1892.
+
+Die Hauptquelle der Kenntnisse hierüber ist Vitruv, der aber gerade in
+den hier in Frage kommenden Kapiteln verdorben überliefert ist. Dazu hat
+Flaubert die häufig irreführende französische Vitruv-Übersetzung von
+Perrault benutzt. Dadurch ist er stellenweise ein Opfer ungenügender
+Hilfsmittel geworden. In der vorliegenden Salambo-Übersetzung sind
+Irrtümer in der Beschreibung nach den antiken Quellen berichtigt worden.
+Der gewissenhafte Flaubert würde das selbst getan haben, wenn er in der
+Lage gewesen wäre, es tun zu können.
+
+Flaubert rüstet die Söldner mit allem nur erdenklichen
+Belagerungsmaterial aus, u.a. mit 173 Geschützen und sogar mit einer
+Nachahmung der berühmten »Helepolis« des Demetrios Poliorketes, die
+dieser bei der Belagerung von Rhodos (305 v. Chr.) erbaut hat. Einem
+ausgesprochenen Feldheer wie dem der Söldner standen derartig
+großartige Hilfsmittel zweifellos nicht zu Gebote.
+
+Seite 369. Die Örtlichkeit der »Säge« glaubt Ch. Tissot (Géographie
+comparée de la province romaine d'Afrique, Paris, 2 Bde., 1884) in dem
+Berglande zwischen dem Wed Nebhan und dem Wed el Kebir unweit westlich
+der Ebene von Kairwan wiedergefunden zu haben. Flaubert nimmt den Ort
+in der Nähe des Bleiberges an, das ist zwischen dem Berge der Heißen
+Wasser und dem Zoghwan.
+
+Seite 397. Hanno »der Große« endete nicht vor Tunis. Der vor dieser
+Stadt von den Söldnern gekreuzigte General hieß Hannibal. Hanno war
+nicht mit vor Tunis. Nach Appian soll er noch das Ende des zweiten
+Punischen Krieges erlebt haben. Flaubert wollte die Nennung eines
+»Hannibal« vermeiden, damit nicht etwa irgend ein Leser
+irrtümlicherweise an den großen Feldherrn denken könne. Über Hannos
+Krankheit vgl. Forbes, Oriental Memoirs, London, 1813, passim.
+
+Seite 403. Die Endkämpfe gegen Matho führten Hamilkar und Hanno
+gemeinsam. Die Entscheidungsschlacht fand in der Nähe von Klein-Leptis
+statt. Der größte Teil der Söldner fiel. Matho und der letzte Rest
+seiner Getreuen schlugen sich nach einer--uns namentlich nicht
+bekannten--Stadt durch, wo sie bald kapitulieren mußten.
+
+Die grausame Todesart Mathos ist keine Erfindung Flauberts. Sie ist
+historisch und ein charakteristischer Abschluß des greuelvollsten
+Krieges, der--vielleicht neben dem dreißigjährigen Kriege--je unter
+Mitwirkung von Kulturmenschen geführt worden ist.
+
+Arthur Schurig.
+
+ * * * * *
+
+Die Verdeutschung des Romans Salambo ist von Arthur Schurig
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ <title>The Project Gutenberg eBook of Salambo, by Gustave Flaubert</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Salambo
+ Ein Roman aus Alt-Karthago
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+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Artur Schurig
+
+Release Date: June 6, 2005 [EBook #15995]
+
+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
+
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+Produced by Gunter Hille, Stefan Cramme and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net.
+Scanned by Projekt Gutenberg-DE
+
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+
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+<div class="ctr">
+<p>
+Bibliothek der Romane
+</p>
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+<p>
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+<h1>Salambo</h1>
+
+<h2>Ein<br />
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+</div>
+
+<hr />
+
+<h2>Inhalt</h2>
+
+
+<ol style="list-style-type:upper-roman;">
+ <li><a href="#ch01">Das Gelage</a></li>
+
+ <li><a href="#ch02">In Sikka</a></li>
+
+ <li><a href="#ch03">Salambo</a></li>
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+ <li><a href="#ch04">Vor Karthagos Mauern</a></li>
+
+ <li><a href="#ch05">Tanit</a></li>
+
+ <li><a href="#ch06">Hanno</a></li>
+
+ <li><a href="#ch07">Hamilkar Barkas</a></li>
+
+ <li><a href="#ch08">Die Schlacht am Makar</a></li>
+
+ <li><a href="#ch09">Im Felde</a></li>
+
+ <li><a href="#ch10">Die Schlange</a></li>
+
+ <li><a href="#ch11">Im Zelte</a></li>
+
+ <li><a href="#ch12">Die Wasserleitung</a></li>
+
+ <li><a href="#ch13">Moloch</a></li>
+
+ <li><a href="#ch14">In der Säge</a></li>
+
+ <li><a href="#ch15">Matho</a></li>
+</ol>
+
+<ul style="list-style-type:none;">
+ <li><a href="#anh">Anhang</a></li>
+</ul>
+
+<hr />
+
+
+<h2 id="ch01">I</h2>
+
+<h2>Das Gelage</h2>
+
+
+<p id="p001">
+Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago,
+in den Gärten Hamilkars.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten
+den Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes
+Gelage. Da der Feldmarschall abwesend und die Versammlung
+zahlreich war, schmauste und zechte man auf
+das zwangloseste.
+</p>
+
+<p>
+Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der
+Hauptallee gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt,
+das von der Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse
+ausgespannt war. Die Scharen der Gemeinen
+lagen weithin unter den Bäumen, durch die man zahlreiche
+flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen,
+Speicher, Backhäuser und Waffenschuppen schimmern
+sah, einen Elefantenhof, Zwinger für die wilden Tiere
+und ein Sklavengefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain
+endete an einem Meere grüner Büsche, daraus rote
+Granatäpfel zwischen weißen Baumwollenkotten leuchteten.
+Traubenschwere Weinreben strebten bis in die
+Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld.
+Hier und da wiegten sich Lilien über dem Grase.
+Die Wege bedeckte schwarzer Kies, mit rotem Korallenstaub
+vermischt. Von einem Ende zum andern durchschnitt
+den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem
+Säulengange grüner Obelisken.
+</p>
+
+<p>
+Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau
+das Schloß mit seinen vier terrassenartigen Stockwerken,
+aus numidischem, gelbgesprenkeltem Marmor. Seine
+monumentale Freitreppe aus Ebenholz, deren einzelne
+Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter
+Schlachtschiffe geschmückt waren, &ndash; seine roten Türen,
+die je ein schwarzes Kreuz vierteilte, &ndash; seine Fensteröffnungen,
+die im untersten Stock Drahtgaze vor den
+Skorpionen schützte, während sie in den oberen Reihen
+vergoldetes Gitter zeigten, &ndash; all diese wuchtige Pracht
+dünkte die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.
+</p>
+
+<p id="p006">
+Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem
+Orte statt. Die Verwundeten, die im Eschmuntempel
+lagen, waren bei Morgengrauen aufgebrochen und hatten
+sich an Krücken und Stöcken hergeschleppt. Immer
+mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strömten
+sie herbei, unaufhörlich, wie sich Bäche in einen See
+ergießen. Die Küchensklaven liefen unter den Bäumen
+hin und her, hastig und halbnackt. Klagend flohen von
+den Rasenplätzen die Gazellen. Die Sonne ging unter.
+Der Zitronenbäume Duft machte den Dunst der erhitzten
+Menschenmenge noch schwerer.
+</p>
+
+<p>
+Alle Völker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier,
+Neger und römische Überläufer. Neben der
+schwerfälligen dorischen Mundart dröhnten, rasselnd wie
+Feldgeschütz, die Worte der Kelten, und die klangvollen
+jonischen Endungen wurden von Wüstenlauten
+verschlungen, rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen
+erkannte man an seiner schlanken Gestalt, den Ägypter
+an den hohen Schultern, den Kantabrer an den feisten
+Waden. Karier schüttelten stolz die Federbüsche ihrer
+Helme. Kappadokische Bogenschützen sah man, die auf
+ihrem Körper Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensäften
+aufgemalt. Auch Lydier saßen beim Mahle, in
+Frauengewändern und Pantoffeln, Gehänge in den Ohren.
+Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen
+und sahen aus wie Statuen aus Korall.
+</p>
+
+<p>
+Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um große
+Schüsseln oder lagen auf dem Bauche, die Ellbogen
+aufgestemmt, und zogen die Fleischstücke zu sich heran,
+alle in der gemächlichen Haltung von Löwen, die ihre
+Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an
+den Bäumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die
+unter ihren scharlachroten Decken halb verschwanden,
+und harrten, bis die Reihe an sie kam.
+</p>
+
+<p>
+Da Hamilkars Küchen nicht ausreichten, hatte der Rat
+Sklaven, Geschirr und Liegebänke geschickt. In der
+Mitte des Gartens flammten wie auf einem Schlachtfelde,
+wenn man die Toten verbrennt, große helle Feuer,
+an denen Ochsen gebraten wurden.
+Brote, mit Anis bestreut, lagen neben Käsen, größer
+und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrüge voll Wein
+und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, in
+denen Blumen dufteten. Die Freude, nun endlich nach
+Belieben schwelgen zu können, weitete aller Augen. Hier
+und da erklang bereits ein Lied.
+</p>
+
+<p>
+Auf roten Tonschüsseln mit schwarzen Verzierungen trug
+man zuerst Vögel in grüner Sauce auf, dann allerlei
+Muscheln, wie man sie an den punischen Küsten aufliest,
+Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und Schnecken,
+in Kümmel gekocht, auf Platten von Bernstein.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen:
+Antilopen noch mit ihren Hörnern, Pfauen in ihrem
+Gefieder, ganze Hammel, in süßem Wein gedünstet, Kamel-
+und Büffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene
+Heuschrecken und eingemachte Siebenschläfer. In Mulden
+aus Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt große
+Speckstücke. Alles war reichlich gewürzt mit Salz, Trüffeln
+und Asant. Früchte rollten über Honigscheiben. Auch
+hatte man nicht vergessen, ein paar von den kleinen,
+dickbäuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen,
+die mit Oliventrebern gemästet waren, ein karthagisches
+Gericht, das die andern Völker verabscheuten.
+Die Verwunderung über neue Gerichte erregte die Lust,
+davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf
+dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen
+und Limonen, die sie mit der Schale verzehrten.
+Neger, die noch nie Langusten gesehen, zerstachen sich
+das Gesicht an ihren roten Stacheln. Die glattrasierten
+Griechen, weißer als Marmor, warfen die Abfälle ihrer
+Mahlzeit hinter sich, während bruttinische Hirten, in
+Wolfsfelle gehüllt, das ganze Gesicht in ihre Schüsseln
+tauchten und ihr Essen schweigsam verschlangen.
+</p>
+
+<p>
+Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach über
+der großen Zypressenallee und brachte Fackeln.
+Der flackernde Schein des Steinöls, das in Porphyrschalen
+brannte, erschreckte die dem Mond geweihten
+Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut,
+den Söldnern zur Belustigung.
+</p>
+
+<p>
+Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit
+Edelsteinen eingelegten Schüsseln glitzerten in bunten
+Lichtern. Die Mischkrüge, deren Bäuche gewölbte Spiegel
+bildeten, gaben das in die Breite verzerrte Bild eines
+jeden Dinges wieder. Die Söldner drängten sich um
+diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter,
+um sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre
+warfen sich über die Tische hinweg mit elfenbeinernen
+Fußbänken und goldnen Löffeln und schlürften in vollen
+Zügen Wein: griechischen, den man in Schläuchen aufbewahrt,
+kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist,
+kantabrischen, der in Fässern verfrachtet wird, auch Wein
+aus Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden
+stand er in Lachen, darin man ausglitt. Der Dampf
+der Speisen stieg, mit dem Dunst des Atems vermischt,
+in das Laubwerk der Bäume. In das Krachen der
+Kinnbacken tönte der Lärm der Stimmen, der Lieder und
+der Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs,
+das in Stücke zersprang, und der helle Klang der großen
+Silberschüsseln.
+</p>
+
+<p id="p010">
+Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte
+man der Unredlichkeit Karthagos. Die durch den
+Krieg erschöpfte Republik hatte nämlich die Ansammlung
+aller Söldner in der Stadt zugelassen. Gisgo, ihr
+General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur abteilungsweise
+von Sizilien nach Afrika zu schicken, um
+die Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat
+hatte gemeint, sie würden zu guter Letzt in Abzüge einwilligen.
+Jetzt haßte man sie, weil man sie nicht bezahlen
+konnte. In den Köpfen der Karthager verwuchs
+diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius
+beim Friedensschluß ausbedungen, und die Söldner erschienen
+ihnen als ihre Feinde, genau so wie Rom. Das
+hatten die Truppen in Erfahrung gebracht, und ihre Entrüstung
+war in Drohungen und Ausschreitungen zum Ausdruck
+gekommen. Schließlich hatten sie verlangt, sich zur
+Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu dürfen.
+Die Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar,
+der die Seele des Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars
+starkem Widerspruch hatte der Feldzug ein Ende genommen,
+worauf der Feldherr &ndash; an Karthago verzweifelnd &ndash; den
+Oberbefehl über die Söldner an Gisgo abgegeben
+hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast
+dem Soldatenfeste zur Verfügung stellten, so wälzten sie
+damit einen Teil des Hasses, der den Söldnern galt, auf
+Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos riesigen Ausgaben
+möglichst allein zur Last fallen.
+</p>
+
+<p>
+Stolz darauf, daß sich die Republik ihrem Willen gebeugt
+hatte, wähnten die Söldner, nun endlich heimkehren
+zu können, mit dem Lohn für ihr Blut in der
+Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen
+ihnen die überstandenen Strapazen ungeheuer groß und
+in keinem Verhältnis zu dem kärglichen Solde. Sie zeigten
+einander ihre Wunden und erzählten sich von ihren
+Kämpfen, ihren Fahrten und den Jagden in ihrer Heimat.
+Sie ahmten das Geschrei und die Sprünge der wilden
+Tiere nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man
+steckte den Kopf in die großen Steinkrüge und trank, ohne
+abzusetzen, wie verschmachtete Dromedare. Ein Lusitanier,
+ein wahrer Hüne, trug auf jeder Hand einen Mann
+und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei
+Feuer aus den Nasenlöchern blies. Lakedämonier, die
+ihre Panzer nicht abgelegt hatten, tanzten schwerfällig
+herum. Einige sprangen mit unanständigen Gebärden
+vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen
+sich nackt aus, um inmitten des Trinkgeräts gleich Gladiatoren
+miteinander zu kämpfen. Ein Fähnlein Griechen
+hüpfte um eine Vase, auf der Nymphen tanzten, während
+ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf
+einem Blechschild schlug.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald
+laut, bald leise durch die Lüfte zitterte, wie der Flügelschlag
+eines verwundeten Vogels.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Söldner
+sprangen mit einem Satz auf und verschwanden, um sie
+zu befreien.
+</p>
+
+<p>
+Sie kamen zurück und trieben unter lautem Geschrei
+etwa zwanzig Männer mit auffällig bleichen Gesichtern
+durch den Staub vor sich her. Kleine kegelförmige
+Mützen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen
+Köpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten
+klirrten wie das Rasseln rollender Wagen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich
+unter die Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen
+war abseits stehen geblieben. Durch die Risse seiner
+Tunika erblickte man lange Striemen an seinen Schultern.
+Mit gesenktem Haupte blickte er mißtrauisch um sich und
+kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er
+aber sah, daß ihm keiner von den bewaffneten Männern
+etwas zuleide tat, entrang sich seiner Brust ein tiefer
+Seufzer. Er stammelte und lachte unter hellen Tränen,
+die ihm über das Antlitz rannen. Dann ergriff er eine
+bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob
+sie hoch in die Luft mit den Armen, von denen noch die
+Ketten herabhingen, blickte gen Himmel und rief, das
+Gefäß immerfort hochhaltend:
+</p>
+
+<p>
+»Gruß zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die
+Menschen meiner Heimat Äskulap nennen! Und euch,
+ihr Geister der Quellen, des Lichts und der Wälder!
+Und euch, ihr Götter, die ihr in den Bergen und Höhlen
+der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Männer
+in glänzender Rüstung, die ihr mich befreit habt!«
+</p>
+
+<p id="p012">
+Dann ließ er das Gefäß sinken und erzählte seine Geschichte.
+Er hieß Spendius. Die Karthager hatten ihn
+in der Schlacht bei den Ägatischen Inseln gefangen genommen.
+In griechischer, ligurischer und punischer
+Sprache dankte er nochmals den Söldnern, küßte ihnen
+die Hände und beglückwünschte sie schließlich zu dem Gelage.
+Dabei sprach er seine Verwunderung darüber aus,
+daß er nirgends die Trinkschalen der karthagischen Garde
+erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer sechs goldenen
+Flächen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden
+trugen, gehörten einem Regiment, das ausschließlich aus
+den stattlichsten Patriziersöhnen bestand. Ihr Besitz war
+ein Vorrecht, und so ward denn auch nichts aus dem
+Schatze der Republik von den Söldnern heißer begehrt.
+Um dieser Gefäße willen haßten sie die Garde, und schon
+mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergnügens
+wegen, aus jenen Schalen zu trinken.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt befahlen die Söldner, die Schalen herbeizuholen.
+Die befanden sich im Gewahrsam der Syssitien. Das
+waren staatsrechtlich organisierte Familienverbände. Die
+Sklaven kamen zurück mit der Mitteilung, zu dieser
+Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien.
+</p>
+
+<p>
+»So weckt sie!« riefen die Söldner daraufhin.
+</p>
+
+<p>
+Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht
+wieder, die Schalen seien in einem Tempel eingeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+»Man öffne ihn!« brüllten die Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefäße wären
+in den Händen des Generals Gisgo.
+</p>
+
+<p>
+»So soll er sie selber herbringen!« schrien die Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens,
+von einer Leibwache aus Gardisten umgeben. Sein weiter
+schwarzer Mantel, an der goldnen, edelsteingeschmückten
+Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn bis auf
+die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne
+mit dem Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen
+weißen Bart, das Gefunkel seines Kopfschmuckes und die
+dreifache Halskette aus breiten blauen Schildern, die
+ihm auf die Brust herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Als er nahte, begrüßten ihn die Söldner mit lautem
+Willkommengeschrei.
+</p>
+
+<p>
+»Die Schalen!« riefen sie. »Die Schalen!«
+</p>
+
+<p>
+Er begann mit der Erklärung, sie seien der Schalen in
+Anbetracht ihres Mutes durchaus würdig.
+</p>
+
+<p>
+Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall.
+</p>
+
+<p>
+Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrüben
+geführt habe und mit der letzten Kompagnie auf der
+letzten Galeere zurückgekehrt sei!
+</p>
+
+<p>
+»Das ist wahr! Das ist wahr!« rief man.
+</p>
+
+<p>
+Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach
+Völkern, ihre Bräuche und ihren Glauben geachtet. Sie
+seien frei in Karthago! Was aber die Schalen der
+Garde anbeträfe, so sei das Privateigentum.
+</p>
+
+<p>
+Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden
+hatte, über die Tische weg, gerade auf Gisgo zu und
+fuchtelte drohend mit zwei bloßen Schwertern vor ihm
+herum.
+</p>
+
+<p>
+Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General
+mit seinem schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der
+Barbar brach zusammen. Die Gallier heulten. Ihre Wut
+teilte sich den andern mit und drohte sich gegen die Leibwache
+zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die
+Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, daß sein eigner
+Mut gegenüber rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei.
+Besser wäre es, dachte er, sich später durch eine Hinterlist
+an ihnen zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam
+zurück. Unter der Pforte aber wandte er sich noch
+einmal nach den Söldnern um und rief ihnen zu, das
+solle sie eines Tages gereuen.
+</p>
+
+<p>
+Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte
+zurückkommen und sie durch Umstellung der Vorstadt, die
+an die äußeren Wälle stieß, gegen die Mauern drücken.
+Trotz ihrer Anzahl fühlten sie sich mit einem Male verlassen;
+und die große Stadt, die im Dunkel unter ihnen
+schlief, flößte ihnen plötzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr,
+mit ihren hohen düstern Häusern und ihren
+unbekannten Göttern, die noch grauenhafter waren als
+selbst die Bewohner. In der Ferne spielten Scheinwerfer
+über den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht.
+Da gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte
+er sie verlassen, als der Friede geschlossen war? Sein
+Zerwürfnis mit dem Rat war gewiß nur Blendwerk,
+um sie zu verderben. Ihr ungestillter Haß übertrug sich
+auf ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn
+aneinander zur Wut. In diesem Augenblick entstand ein
+Auflauf unter den Platanen. Mit Händen und Füßen
+um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden,
+mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf
+den Lippen. Jemand schrie, er sei vergiftet. Da wähnten
+sich alle vergiftet. Sie fielen über die Sklaven her. Ein
+furchtbares Geschrei erhob sich, und ein Taumel wilder
+Zerstörungswut erfaßte das trunkene Heer. Man schlug
+wie blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten
+Fackeln in die Baumkronen. Andre lehnten sich
+über die Brüstung der Löwengrube und schossen nach den
+Löwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu den Elefanten,
+um ihnen die Rüssel abzuschlagen. Es gelüstete
+sie nach Elfenbein.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemächlicher
+plündern zu können, um die Ecke des Palastes gelaufen.
+Sie stießen auf ein hohes Gitter aus indischem
+Rohr, durchschnitten die Riemen des verschlossenen Tores
+mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der Karthago
+zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten
+mit verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander
+gepflanzter weißer Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen
+Boden weite Bogen gleich Sternenketten. Die
+dunkeln Gebüsche hauchten schwüle Honigdüfte aus. Mit
+Zinnober bestrichene Baumstümpfe schimmerten wie blutige
+Säulen. In der Mitte des Gartens trugen zwölf
+kupferne Träger je eine große Glaskugel, in deren Rundungen
+bizarre rötliche Lichter spielten; sie glichen riesigen,
+lebendigen, zuckenden Augäpfeln. Die Söldner
+leuchteten mit Pechfackeln, indes sie über den abschüssigen
+und tief umgegrabenen Boden stolperten.
+Da erblickten sie einen Weiher, der durch Wände von
+blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das
+Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf
+den Grund fiel und auf einem Bett von weißen Steinen
+und Goldstaub zitterte. Das Wasser begann zu schäumen.
+Sprühende Funken glitten durch die Flut, und große
+Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur
+Oberfläche empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner steckten ihnen unter lautem Gelächter die
+Finger in die Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten sämtlich
+von jenen Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrütet
+hatten, aus dem die Göttin entstanden war. Der
+Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen, reizte die Begierde
+der Söldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen
+Becken und ergötzten sich daran, die schönen Fische im
+kochenden Wasser zappeln zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner schoben und drängten sich. Sie hatten
+keine Furcht mehr. Von neuem begannen sie zu zechen.
+Die Salben, die ihnen von der Stirn trieften, flossen in
+schweren Tropfen auf ihre zerrissenen Waffenröcke. Sie
+stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie
+Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren,
+trunkenen Blicken umher, um wenigstens mit den Augen
+zu verschlingen, was sie nicht mitnehmen konnten. Andre
+stampften mitten unter den Schüsseln auf den purpurnen
+Tischdecken herum und zertrümmerten mit Fußtritten die
+Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefäße. Gesänge
+mischten sich in das Röcheln der Sklaven, die zwischen
+den Scherben der Trinkgefäße ihr Leben aushauchten.
+Man forderte Wein, Fleisch, Gold. Man schrie nach
+Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen.
+Einige glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems,
+der sie umwogte. Andre wähnten sich beim Anblick des
+Laubwerks auf der Jagd und stürmten auf ihre Gefährten
+ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum
+zu Baum, und die hohen grünen Massen, aus denen
+lange weiße Rauchkringel emporstiegen, sahen wie Vulkane
+aus, die zu qualmen beginnen. Das Geschrei nahm
+zu. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen.
+</p>
+
+<p id="p017">
+Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des
+Palastes. Die Mitteltür tat sich auf, und eine weibliche
+Gestalt, Hamilkars Tochter, in einem schwarzen Gewande,
+erschien auf der Schwelle. Sie stieg die erste
+Treppe hinab, die schräg vom obersten Stockwerk abwärts
+lief, dann die zweite, die dritte. Auf der untersten
+Terrasse, am oberen Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnäbeln,
+blieb sie stehen. Unbeweglich und gesenkten
+Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab.
+</p>
+
+<p>
+Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen
+bleicher Männer in weißen rotgesäumten Gewändern,
+die in senkrechten Falten bis auf die Füße herabwallten.
+Sie hatten weder Bärte noch Haare noch Brauen. In
+ringfunkelnden Händen trugen sie riesige Lyren, und mit
+gellenden Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos
+Göttlichkeit. Es waren die Eunuchenpriester aus
+dem Tempel der Tanit, die Salambo des öfteren in ihr
+Haus berief.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester
+folgten. Dann schritt sie die Zypressenallee hin, langsam,
+zwischen den Tischen der Hauptleute, die ein wenig
+zur Seite rückten, als sie vorüberging.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert
+und nach der Sitte der kanaanitischen Jungfrauen
+hochgetürmt. Es ließ sie größer erscheinen, als sie wirklich
+war. An den Schläfen festgesteckte Perlenschnüre
+hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie
+ein aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust
+trug sie einen Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt
+wie das Schuppenkleid einer Muräne. Ihre diamantgeschmückten
+Arme traten nackt aus der ärmellosen schwarzen
+Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war.
+Zwischen den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen,
+das ihre Schritte regelte, und ihr weiter dunkelpurpurner
+Mantel aus fremdländischem seltenen Stoffe schleppte
+hinter ihr her.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern
+halb erstickte Akkorde, und wenn diese Musik schwieg,
+vernahm man das leise Geklirr des Goldkettchens und
+das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen Salambos.
+</p>
+
+<p>
+Niemand kannte sie bis dahin. Man wußte nur, daß sie
+zurückgezogen in frommer Andacht lebte. Soldaten hatten
+sie manchmal nachts auf dem flachen Dache des Palastes
+gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln qualmender
+Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag.
+Der Mondschein hatte sie blaß gemacht, und etwas Göttliches
+umwob sie wie leiser Duft. Ihre Augen schienen
+über das Irdische hinweg in weite Fernen zu schauen.
+Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten
+eine kleine Lyra aus Ebenholz.
+</p>
+
+<p>
+»Tot! Alle tot!« hörte man sie murmeln. »Nie mehr
+werdet ihr, meinem Rufe gehorsam, zu mir eilen wie
+einst, wenn ich am Rande des Wassers saß und euch
+Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf
+dem Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen
+der Ströme.« Und sie rief sie bei ihren Namen,
+den Namen der Monate: »Sivan, Thammus, Elul,
+Tischri, Schebar ... O Göttin, erbarme dich meiner!«
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner umdrängten sie, ohne ihre Rede zu verstehen.
+Sie staunten ihren Schmuck an. Salambo aber
+ließ einen langen erschrockenen Blick über die Menge
+gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und
+rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male:
+</p>
+
+<p>
+»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet
+ihr nicht Brot und Fleisch und Öl und alles Malobathron
+aus den Speichern, um euch zu erlaben? Aus Hekatompylos
+hatte ich Ochsen kommen lassen. Jäger hatte
+ich in die Wüste geschickt ...« Ihre Stimme schwoll an,
+ihre Wangen röteten sich. »Wo seid ihr denn hier?
+In einer eroberten Stadt oder im Schlosse eines Herrschers?
+Und welches Herrschers? Meines Vaters, des
+Suffeten Hamilkar, des Dieners der Götter! Er war
+es, der sich weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern,
+eure Waffen, an denen jetzt das rote Blut seiner
+Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern Heimatlanden,
+der besser Schlachten zu lenken weiß? Schaut empor!
+Die Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen
+unsrer Siege. Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich
+werde den Genius meines Hauses mit mir nehmen,
+meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblättern
+schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und
+wenn ich in die Galeere steige, wird sie im Kielwasser
+meines Schiffs auf dem Schaume der Wogen hinter mir
+hereilen ...«
+</p>
+
+<p>
+Ihre feinen Nasenflügel bebten. Sie zerbrach ihre
+Fingernägel an den Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz
+ihrer Augen ermattete. Abermals begann sie:
+</p>
+
+<p>
+»O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast
+zu deinem Schutze nicht mehr die Helden der Vorzeit,
+die über die Ozeane schifften, um an fernen Küsten Tempel
+zu erbauen! Alle Länder arbeiteten für dich, und die
+Meeresfläche, von deinen Rudern gepflügt, wiegte deine
+Beute!«
+</p>
+
+<p>
+Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu
+singen, des Gottes der Sidonier und des Ahnherrn ihres
+Hauses.
+</p>
+
+<p>
+So erzählte sie von der Besteigung der ersiphonischen
+Berge, von der Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen
+die Masisabal, um die Königin der Schlangen zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+»Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif
+sich über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner
+Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo Frauen auf den
+Flossen ihrer Drachenleiber um ein großes Feuer standen.
+Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen
+Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen
+gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...«
+</p>
+
+<p>
+Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth
+die Masisabal bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt
+am Bug seines Schiffes befestigte. »Bei jedem Schlage
+der Wellen tauchte es in den Schaum! Doch die Sonne
+balsamierte es ein, und es ward härter denn Gold. Die
+Augen aber hörten nicht auf zu weinen, und die Tränen
+rollten beständig in das Meer ...«
+</p>
+
+<p>
+Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen
+Mundart, die keiner der Barbaren verstand. Sie fragten
+sich, was sie ihnen mit den furchtbaren Gebärden,
+die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte. Aber
+sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebänke
+und in die Äste der Sykomoren stiegen, mit offenem
+Mund und vorgestrecktem Kopfe, und mühten sich,
+die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel, das
+über dem Ursprung der Götter liegt, wallte vor ihrer
+Phantasie, wie Gespenster in den Wolken.
+</p>
+
+<p>
+Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre
+welken Hände hingen zitternd in den Saiten der Leiern
+und entlockten ihnen von Zeit zu Zeit einen dumpfen
+Akkord. Schwächer als alte Weiber, bebten sie gleichzeitig
+in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern.
+Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem
+Gesange der Jungfrau.
+</p>
+
+<p>
+Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger
+numidischer Häuptling, der am Tische der Hauptleute
+unter den Soldaten seines Volkes saß. Sein Gürtel starrte
+dermaßen von Wurfspießen, daß er unter dem weiten
+Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schläfen
+befestigt war, einen Höcker bildete. Der Mantel bauschte
+sich auf seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so
+daß man nur das Feuer seiner beiden starren Augen
+gewahrte. Er wohnte zufällig dem Feste bei. Es war
+Brauch, daß die afrikanischen Fürsten, um Bündnisse
+anzuknüpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhäuser
+schickten. So ließ ihn sein Vater in der Familie Barkas
+leben. Doch Naravas hatte Salambo in den sechs
+Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht bekommen.
+Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart
+in den Schäften seiner Wurfspieße vergraben, blickte er
+auf sie mit geblähten Nüstern, wie ein Leopard, der im
+Bambusdickicht kauert.
+</p>
+
+<p>
+Auf der andern Seite des Tisches saß ein Libyer von
+riesenhaftem Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar.
+Er trug nichts als seinen Küraß, dessen eherne Schuppen
+den Purpurstoff des Polsters aufschlitzten. Ein Halsband
+aus silbernen Monden verwickelte sich in die Zotteln
+seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf
+den linken Ellbogen gestützt, lächelte er mit weit geöffnetem
+Munde.
+</p>
+
+<p>
+Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem
+Feingefühl redete sie nun die Barbaren in ihren
+eigenen Sprachen an, um ihren Zorn zu besänftigen. Zu
+den Griechen sprach sie griechisch, dann wandte sie sich
+zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein
+jeder, der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die süßen
+Laute seiner Heimat wieder.
+</p>
+
+<p>
+Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert,
+sang sie nun von den alten Schlachten gegen
+Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie berauschte sich am
+Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme weit
+geöffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ...
+</p>
+
+<p>
+Indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte, stand sie
+eine Weile mit geschlossenen Augenlidern da und weidete
+sich an der Erregung aller der Männer vor ihr.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkürlich
+trat sie auf ihn zu und füllte, von ihrem befriedigten
+Ehrgeiz getrieben, eine goldene Schale mit Wein. Dies
+sollte sie mit dem Heere versöhnen.
+</p>
+
+<p>
+»Trink!« gebot sie.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff die Schale und führte sie zum Munde, als ein
+Gallier &ndash; jener, den Gisgo niederschlagen hatte &ndash; ihm
+auf die Schulter klopfte und mit vergnügter Miene einen
+Scherz in seiner Muttersprache machte. Spendius stand
+in der Nähe. Er bot sich als Dolmetsch an.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« sprach Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Die Götter sind dir gnädig! Du wirst reich werden!
+Wann ist die Hochzeit?«
+</p>
+
+<p>
+»Was für eine Hochzeit?«
+</p>
+
+<p>
+»Deine!« entgegnete der Gallier. »Wenn nämlich bei
+uns ein Weib einem Krieger einen Trunk spendet, so
+bietet sie ihm damit ihr Bett an.«
+</p>
+
+<p>
+Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas
+aufsprang, einen Wurfspieß aus seinem Gürtel riß, den
+rechten Fuß auf den Tischrand stemmte und die Waffe
+gegen Matho schleuderte.
+</p>
+
+<p>
+Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin,
+durchbohrte den Arm des Libyers und nagelte ihn mit
+solcher Wucht an die Tischplatte, daß der Schaft in der
+Luft vibrierte.
+</p>
+
+<p>
+Matho riß ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen
+und nackt. Da hob er mit beiden Armen den beladenen
+Tisch hoch und schleuderte ihn gegen Naravas,
+mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die
+Söldner und die Numidier standen so dicht, daß sie ihre
+Schwerter nicht ziehen konnten. Matho brach sich Bahn,
+indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen die Menge
+stieß. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden.
+Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war
+fort.
+</p>
+
+<p>
+Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte,
+wie sich ganz oben die rote Tür mit dem schwarzen
+Kreuze eben schloß. Er stürzte hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Man sah ihn zwischen den Schiffsschnäbeln laufen,
+dann auf den drei schrägen Treppen hinaufeilen und
+schließlich oben gegen die rote Tür mit der Wucht seines
+ganzen Körpers anrennen. Schwer atmend lehnte er sich
+an die Mauer, um nicht umzusinken.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit &ndash; der
+Lichterschein des Festes wurde durch die Ecke
+des Palastes abgeschnitten &ndash; erkannte er Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Weg!« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine
+Tunika mit den Zähnen zu zerreißen. Dann kniete er
+neben Matho nieder, faßte behutsam dessen Arm und
+befühlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und
+Spendius erblickte in der Mitte des Armes eine klaffende
+Wunde. Er verband sie mit dem Stück Stoff. Doch
+der andre rief zornig:
+</p>
+
+<p>
+»Laß mich! Laß mich!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein!« antwortete der Sklave. »Du hast mich
+aus dem Kerker befreit. Ich bin dein, und du bist mein
+Gebieter! Befiehl!«
+</p>
+
+<p>
+Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse
+entlang. Bei jedem Schritte horchte er auf und
+tauchte seinen Blick durch die vergoldeten Gitterstäbe
+hinein in die stillen Gemächer. Endlich blieb er verzweifelt
+stehen.
+</p>
+
+<p>
+»Höre!« redete der Sklave ihn an. »Verachte mich nicht
+wegen meiner Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast
+gelebt. Wie eine Schlange kann ich durch die Mauern
+schlüpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein Goldbarren
+unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang
+führt zu den Gräbern ...«
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmert das mich!« antwortete Matho.
+</p>
+
+<p>
+Spendius schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse
+breitete sich vor ihnen in phantastischer Gliederung
+aus, wie die gigantischen Wogen eines schwarzen
+versteinerten Meeres.
+</p>
+
+<p>
+Da glühte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief
+unten begannen die Kanäle von Megara mit ihren silbernen
+Windungen im Grün der Gärten aufzublitzen.
+Allmählich reckten die kegelförmigen Dächer der siebenseitigen
+Tempel, die Treppen, Terrassen und Wälle ihre
+Umrisse aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings
+um die karthagische Halbinsel brodelte ein weißer
+Schaumgürtel. Das smaragdgrüne Meer schlief noch in
+der Morgenfrische. Je höher die Röte am Himmel emporstieg,
+um so deutlicher wurden die hohen Häuser, die
+sich an die Hänge klammerten oder wie eine zu Tal
+ziehende Herde schwarzer Ziegen abwärts drängten. Die
+menschenleeren Straßen schienen endlos lang. Palmen,
+die hier und da die Mauern überragten, standen regungslos.
+Die bis an den Rand gefüllten Zisternen in den
+Höfen glichen silbernen dort liegen gelassenen Schilden.
+Das Leuchtturmfeuer auf dem hermäischen Vorgebirge
+glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem
+Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen
+witternd, ihre Hufe auf die Marmorbrüstung und wieherten
+der Sonne entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stieß
+einen Schrei aus.
+</p>
+
+<p id="p026">
+Alles war von Rot überflutet. Der Gott goß wie in
+Selbstopferung den Goldregen seines Blutes in vollen
+Strömen über Karthago aus. Die Schnäbel der Galeeren
+blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein
+Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel,
+deren Pforten sich nun auftaten, schimmerten matte Lichter.
+Große Karren, die vom Lande hereinkamen, rollten
+und rasselten über das Straßenpflaster. Dromedare, mit
+Ballen beladen, schwankten die Abhänge hinab. Die
+Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdächer über
+ihren Läden auf. Störche flogen dahin. Weiße Segel
+flatterten. Im Haine der Tanit erklangen die Schellentrommeln
+der geheiligten Hetären, und auf der Höhe der
+Mappalierstraße begann der Rauch aus den Öfen zu wirbeln,
+in denen die Tonsärge gebrannt wurden.
+</p>
+
+<p>
+Spendius beugte sich über das Geländer. Seine Zähne schlugen
+aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+»Ja ... ja ... Herr!« wiederholte er mehrmals. »Ich
+begreife, warum du soeben vom Plündern des Hauses
+nichts wissen wolltest!«
+</p>
+
+<p>
+Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus
+einem Traume. Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, was für Reichtümer!« hob Spendius von neuem
+an. »Und ihre Besitzer haben nicht einmal Schwerter,
+sie zu verteidigen!«
+</p>
+
+<p>
+Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein
+paar Leute aus dem niedern Volke, die auf dem Sande vor
+dem Hafendamm herumkrochen und Goldkörner suchten.
+</p>
+
+<p>
+»Sieh!« sagte er. »Die Republik gleicht diesen Schelmen.
+An den Gestaden der Meere hockend, wühlt sie
+mit gierigen Händen in allen Landen. Das Rauschen
+der Wogen betäubt ihr Ohr, und sie hört nichts; auch
+nicht wenn ihr von rückwärts der Tritt eines Herrschers
+nahte!«
+</p>
+
+<p>
+Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse
+und zeigte ihm den Park, wo die Schwerter der
+Söldner an den Bäumen hingen und in der Sonne
+glänzten.
+</p>
+
+<p>
+»Hier aber sind starke Männer voll grimmigsten Hasses,
+die nichts an Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht,
+kein Gott!«
+</p>
+
+<p>
+Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat
+dicht an ihn heran und fuhr mit flüsternder Stimme fort:
+</p>
+
+<p>
+»Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmänteln
+könnten wir einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerüchen
+baden. Ich hätte dann selber Sklaven! Bist
+du's nicht müde, auf harter Erde zu schlafen, den sauren
+Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale
+zu hören? Später willst du dich ausruhen,
+nicht wahr? Wenn man dir den Küraß vom Leibe reißt
+und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder vielleicht,
+wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe
+einherschleichst, von Tür zu Tür, und kleinen Kindern
+und Hausierern von deinen Jugendträumen erzählst!
+Erinnere dich all der Schindereien deiner Vorgesetzten,
+der Biwaks im Schnee, der Märsche im Sonnenbrande,
+der Härte der Manneszucht und des stets drohenden
+Todes am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man
+dir einen Orden verliehen, just wie man den Eseln ein
+Schellenhalsband umhängt, um sie auf dem Marsche einzulullen,
+damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann
+wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest!
+Ha! Wie wohl wäre dir zumute in einem hohen
+kühlen Saale bei Leierklang, auf einem Blumenlager,
+von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien
+Phantastereien! Haben die Söldner nicht schon Rhegium
+und andre feste Plätze Italiens besessen? Wer hindert
+dich? Hamilkar ist weit. Das Volk verabscheut die Patrizier.
+Gisgo vermag mit seinen Feiglingen nichts anzufangen!
+Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen.
+Führe du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sprach Matho. »Molochs Fluch lastet auf mir.
+Ich hab es in den Augen der Einzigen gelesen, und eben
+ist in einem Tempel ein schwarzer Widder vor mir zurückgewichen ... Wo
+ist sie?« fügte er hinzu, indem er sich
+umschaute.
+</p>
+
+<p>
+Spendius begriff, daß den Libyer eine ungeheure innere
+Erregung quälte. Er wagte nicht weiter zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Die Bäume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten
+Zweigen fielen hin und wieder halbverbrannte
+Affenknochen in die Schüsseln hinab. Die trunkenen
+Söldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen,
+und die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet
+vom Morgensonnenlicht. Auf dem zerstampften Boden
+starrten große Blutlachen. Die Elefanten in ihren
+Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rüssel hin und
+her. In den offenen Speichern lag das Getreide ausgeschüttet,
+und unter dem Tor stand ein Wirrwarr von
+Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die
+Pfauen auf den Zedernästen entfächerten ihre Schweife
+und begannen zu schreien.
+</p>
+
+<p>
+Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen.
+Der Libyer war noch bleicher denn zuvor und verfolgte,
+beide Fäuste auf die Terrassenmauer gestützt, mit starrem
+Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich vor und
+entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner
+Punkt rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach
+Utika. Es war die Radnabe eines mit zwei Maultieren
+bespannten Gefährts. Ein Sklave lief an der Spitze der
+Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem
+Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere
+standen nach persischer Sitte kammartig hoch zwischen den
+Ohren unter einem Netz von blauen Perlen. Spendius
+erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen Aufschrei.
+</p>
+
+<p>
+Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein.
+</p>
+
+
+
+
+
+<h2 id="ch02">II</h2>
+
+<h2>In Sikka</h2>
+
+
+<p>
+Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago.
+Man hatte einem jeden ein Goldstück gezahlt, unter
+der Bedingung, daß sie ihr Standquartier nach Sikka
+verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien
+gesagt:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es
+in Hungersnot bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet
+es zahlungsunfähig. Marschiert ab! Die Republik
+wird euch einstens für diese Willfährigkeit Dank wissen.
+Wir werden unverzüglich Steuern erheben. Euer Sold
+soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden.
+Dazu wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure
+Heimat zurückbringen.«
+</p>
+
+<p>
+Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern
+sollten. Zudem langweilte die kriegsgewohnten
+Männer der Aufenthalt in der Stadt. Und so waren
+sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg auf
+die Mauern, um sie abziehen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das
+Kirtaer Tor. Bunt durcheinander zogen sie ab: leichte
+Bogenschützen neben Schwerbewaffneten, Offiziere neben
+Gemeinen, Lusitanier neben Griechen. Stolzen Schritts
+marschierten sie vorbei und ließen ihre schweren Stahlstiefel
+auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen
+Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter
+waren vom Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe
+drangen aus ihren dichten Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden
+klapperten über den Schwertergriffen, und durch
+die Löcher im Erz sah man ihre nackten Glieder, drohend
+wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die
+Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte
+im Takt in gleicher Bewegung. Die Straße war von
+dem Zuge derartig angefüllt, daß die Mauern dröhnten.
+Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die
+mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der
+gewappneten Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus
+Eisen oder Rohr saßen verschleierte Frauen und sahen
+schweigend dem Vorbeimarsch der Barbaren zu.
+</p>
+
+<p>
+Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand
+unter der Masse der schwarz gekleideten Karthager. Die
+Jacken der Matrosen leuchteten in dieser dunklen Menge
+wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren blendender
+Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von
+den Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen
+der Palmen herab. Mehrere der »Alten« hatten sich
+auf die flachen Dächer der Türme gestellt, aber man
+wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in bestimmten
+Abständen so nachdenklich dort oben wachten.
+Von weitem gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde
+des Himmels unheimlich wie Gespenster ab und unbeweglich
+wie Steinbilder.
+</p>
+
+<p>
+Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die
+Barbaren könnten, da sie sich so stark sahen, auf den
+Einfall kommen, bleiben zu wollen. Doch sie zogen so
+vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut schöpften
+und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie
+mit Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige
+redeten ihnen sogar aus übertriebener Berechnung und
+verwegener Heuchelei zu, die Stadt nicht zu verlassen.
+Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke
+zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten,
+hatte aber vorher dreimal darauf gespien, um den
+Tod herbeizubeschwören, oder Schakalhaare hineingetan,
+die das Herz feig machen. Laut rief man Melkarths
+Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen
+seinen Fluch.
+</p>
+
+<p>
+Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und
+Nachzügler. Kranke saßen stöhnend auf Dromedaren.
+Andre hinkten vorüber, auf einen Lanzenstumpf gestützt.
+Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich, Gefräßige
+Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern,
+Eis in Leinwandsäcken. Etliche sah man mit
+Sonnenschirmen in der Hand und Papageien auf den
+Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und
+Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten
+auf Eseln. Sie verhöhnten die Negerweiber, die den
+Soldaten zuliebe die Bordelle von Malka verlassen hatten.
+Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an ihren
+Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen
+anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten
+Zelte kaum zu erschleppen. Ein Schwarm Knechte
+und Wasserträger, hager, fiebergelb und voller Ungeziefer,
+die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich den Barbaren
+an.
+</p>
+
+<p>
+Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk
+blieb auf den Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald
+die ganze Breite der Landenge. Er teilte sich in ungleiche
+Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe Grashalme
+aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken.
+Wenn von den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte,
+sah er nichts denn die langen Mauern, deren
+verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da
+sie nicht einmal wußten, wie viele ihrer waren, dachten
+sie, daß einige von ihnen in der Stadt zurückgeblieben
+seien und sich das Vergnügen machten, einen Tempel zu
+plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten
+ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst
+die weite Ebene gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen
+stimmten den alten Sang der Mamertiner an:
+</p>
+
+<p>
+»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich
+und ernt ich. Ich bin der Herr des Hauses. Der
+Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich Herr und
+Großkönig.«
+</p>
+
+<p>
+Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an
+Geschichten zu erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber.
+Als man Tunis erreichte, bemerkten einige, daß
+ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte.
+»Die werden nicht weit sein! Sicherlich!«
+Weiter gedachte man ihrer nicht.
+</p>
+
+<p>
+Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern
+kampierten am Fuße der Mauern. Die Leute aus der
+Stadt kamen heraus und plauderten mit den Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der
+Richtung auf Karthago Feuer brennen. Der Lichtschein &ndash; wie
+von Riesenfackeln &ndash; spiegelte sich auf dem regungslos
+liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen,
+welches Fest man dahinten feierte.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben
+bebaute Gegend. An der Straße folgten die
+Meierhöfe der Patrizier, einer auf den andern. Durch
+Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen
+in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte
+über dem Hügelland. Dahinter dämmerten blaue Berge.
+Ein heißer Wind ging. Chamäleons schlüpften über die
+breiten Kaktusblätter.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.
+</p>
+
+<p id="p034">
+Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in
+weiten Abständen voneinander hin. Man pflückte sich
+Trauben am Rande der Weinberge. Man streckte sich
+ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen, künstlich
+gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze
+ihrer Wolle mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen,
+die sich in Rhombenlinien kreuzten, die
+Pflugschare, die Schiffsankern glichen, und die Granatbäume,
+die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit
+des Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen
+allen wunderbar vor.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie
+aufzuschlagen. Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen
+sie ein und träumten von dem Feste in Hamilkars
+Gärten.
+</p>
+
+<p>
+Am Mittag des dritten Tages machte man in den
+Oleanderbüschen am Gestade eines Flusses halt. Die
+Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde und Bandoliere
+ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften
+die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem
+Bauche liegend, inmitten der Maultiere, denen das Gepäck
+vom Rücken glitt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten
+Dromedare, erblickte von weitem Matho, der, den
+Arm in der Binde, barhäuptig und kopfhängerisch ins
+Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken ließ.
+Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!«
+schnurstracks durch die Menge auf ihn zu.
+Matho dankte kaum für den Gruß. Spendius nahm
+ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen Schritten zu
+folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten
+Blick nach Karthago zurück.
+</p>
+
+<p>
+Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst
+und einer kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte
+er durch Mädchenhandel Geld verdient, dann aber, als
+er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen verloren,
+hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft.
+Man hatte ihn gefangen genommen; er war
+entflohen. Wiederergriffen, hatte er in den Steinbrüchen
+gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter Mißhandlungen
+geschrien, vielfach den Herrn gewechselt
+und allen Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung
+hatte er sich einmal vom Bord der Triere, auf
+der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen Hamilkars
+hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago
+ins Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer
+an Rom ausgeliefert werden mußten, hatte er
+die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den Söldnern
+zu entfliehen.
+</p>
+
+<p>
+Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er
+brachte ihm zu essen, half ihm beim Absitzen und breitete
+nachts eine Decke unter sein Haupt. Durch diese
+kleinen Dienste ward Matho schließlich gerührt, und nach
+und nach sprach er mit dem Griechen.
+</p>
+
+<p>
+Matho war an der Großen Syrte geboren. Sein Vater
+hatte ihn auf einer Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen.
+Dann hatte er in den Wäldern der Garamanten
+Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen
+Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von
+Drepanum war er zum Offizier befördert worden. Die
+Republik schuldete ihm vier Pferde, zwölfhundert Liter
+Getreide und den Sold für einen Winter. Er war gottesfürchtig
+und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu
+sterben.
+</p>
+
+<p>
+Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den
+Völkern und Tempeln, die er besucht hatte. Er verstand
+sich auf viele Dinge. Er konnte Sandalen, Jagdgerät und
+Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte bereiten.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern
+Schrei aus. Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier
+seinen Gang, und die andern beeilten sich zu folgen.
+Dann erzählte Spendius weiter, aber immer voll Angst
+und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er
+ruhiger.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts
+vom Heer, auf dem Abhang eines Hügelzuges. Drunten
+dehnte sich die weite Ebene, in den Nebeln der Nacht
+verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden
+Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit
+zu Zeit kamen sie über mondbeglänzte Anhöhen. Dann
+sprühten Sterne an den Spitzen der Lanzen, und das
+Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke
+lang, dann verschwand alles, und immer neue
+Trupps kamen. In der Ferne blökten aufgeschreckte Herden.
+Es war, als ob unendlicher Friede auf die Erde
+herabsänke.
+</p>
+
+<p>
+Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern
+sog Spendius in tiefen Zügen den frischen Wind ein.
+Er streckte die Arme aus und spreizte die Finger, um
+den kosenden Hauch, der seinen Körper umströmte,
+noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war
+wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand
+auf den Mund, um ein Jauchzen zu ersticken, und halb
+bewußtlos in seinem Glücksrausch, überließ er die Zügel
+seinem Dromedar, das mit geräumigen gleichmäßigen
+Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut
+zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde
+hinab, und seine Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch
+das Gras.
+</p>
+
+<p>
+Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er
+kein Ende nehmen. Hatte man ein Stück Ebene durchschritten,
+so kam man jedesmal auf ein rundes Hochland,
+und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die
+Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen
+beim Näherkommen immer von neuem in die Ferne. Von
+Zeit zu Zeit blinkte ein Bach zwischen dem Grün von
+Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel verkroch
+er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock
+auf, der wie ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel
+eines verschwundenen Kolosses.
+</p>
+
+<p>
+In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige
+Kapellen: Raststätten für die Pilger, die gen
+Sikka wanderten. Die Libyer, die Einlaß begehrten,
+klopften mit starken Schlägen an die Pforten; doch
+niemand im Innern antwortete.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt
+folgten Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen.
+Schafherden weideten zwischen großen Steinen.
+Eine Frau &ndash; ein blaues Schurzfell um die Hüften &ndash; hütete
+sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen
+den Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.
+</p>
+
+<p id="p038">
+Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei
+rötlichen Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter
+Geruch drang dem Heere entgegen, und an der Krone
+eines Johannisbrotbaumes hing etwas Seltsames: ein
+Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte.
+</p>
+
+<p>
+Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen
+vieren wie einen Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte.
+Der riesige Kopf hing auf die Brust herab, und die
+zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne zur
+Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt
+wie die Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter
+der stark gespannten Haut einzeln hervor. Die Hinterbeine
+waren übereinander genagelt und ein wenig emporgezogen.
+Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert
+und am Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing,
+zu dicken Klumpen geronnen. Die Söldner standen
+lachend rundherum, nannten den toten Löwen »Konsul«
+und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen
+Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen.
+</p>
+
+<p>
+Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und
+mit einem Male tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An
+jedem ein Löwe. Manche waren schon so lange tot, daß
+nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze hingen:
+andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu
+furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die
+Stämme der Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten
+im Winde, während Rabenschwärme unablässig über
+ihren Köpfen kreisten. So rächten sich die karthagischen
+Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie hofften,
+die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren
+lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie.
+»Welch ein Volk,« dachten sie, »das zu seinem Vergnügen
+Löwen kreuzigt!«
+</p>
+
+<p>
+Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich
+nervös erregt und halbkrank. Ihre Hände waren
+wund von den Stacheln der Aloe. Große Stechmücken
+summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im
+Heere aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer
+nicht sichtbar ward. Man bekam Angst, sich in die
+Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes und des
+Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren.
+Ein Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße
+eines Berges hingewandert war, bog der Weg plötzlich
+scharf nach rechts ab, und ein Mauerstreifen, auf weißen
+Felsen ruhend und gleichsam eins geworden mit ihnen,
+tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue,
+gelbe, weiße Schleier wehten im Abendrot über den
+Mauern. Es waren die Priesterinnen der Tanit, die
+zum Empfange der Söldner herbeigeeilt kamen. Sie
+standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen
+Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten
+Strahlen der Sonne, die hinter den numidischen Bergen
+versank, spielten an den Harfensaiten und den nackten
+Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die Instrumente
+plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder,
+langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch
+eine vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward.
+Etliche der Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen,
+das Kinn in der Hand, unbeweglicher denn Sphinxe, und
+starrten aus großen schwarzen Augen das herannahende
+Heer an.
+</p>
+
+<p>
+Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es
+eine solche Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel
+allein mit seinen Nebengebäuden nahm die Hälfte der
+Stadt ein. Die Barbaren lagerten sich daher ganz nach
+Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in regelmäßigen
+Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie
+es ihnen just gutdünkte.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in
+gleichlaufenden Reihen auf. Die Iberer bauten ihre
+Leinendächer im Kreise. Die Gallier errichteten sich
+Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und die
+Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den
+Sand, darin sie schliefen. Viele, die sich nicht
+unterzubringen wußten, trieben sich zwischen den Packwagen
+umher und verbrachten in ihren zerschlissenen Mänteln
+die Nächte auf dem Erdboden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von
+Bergzügen begrenzt. Hier und dort neigte sich ein Palmbaum
+über einen Sandhügel. Fichten und Eichen sprenkelten
+die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing
+ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab,
+der blau und klar über der Landschaft lachte. Dann
+wirbelte ein warmer Wind Staubwolken auf, und ein
+Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas Felsenhöhe
+herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus,
+der Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und
+seinem goldenen Dache erhob. Sie erfüllte die Landschaft
+mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer Kraft offenbarte
+sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen
+Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres
+ewigen Lächelns im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel
+hatten die Form von Mondsicheln, oder sie glichen
+vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren verspürten vor dieser
+Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche wonnevolles
+Wohlgefühl.
+</p>
+
+<p>
+Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen
+Sklaven gekauft. Den ganzen Tag lang schlief er, vor
+Mathos Zelt ausgestreckt. Oft schreckte er empor. Er
+wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu hören.
+Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben
+an seinen Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen
+gedrückt hatten, und schlief wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging,
+begleitete ihn Spendius wie ein Trabant, mit einem
+langem Schwert an der Seite; oder Matho stützte nachlässig
+den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war
+klein.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen
+gingen, erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter
+ihnen Naravas, den numidischen Fürsten. Matho erbebte.
+</p>
+
+<p>
+»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!«
+</p>
+
+<p>
+»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>
+Naravas trat bereits an Matho heran.
+</p>
+
+<p>
+Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner
+kameradschaftlichen Gesinnung und entschuldigte seinen
+neulichen Zorn mit der trunkenen Feststimmung. Sodann
+sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago,
+doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren
+geführt hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich
+Spendius. Da er aber aus allem Bösen Vorteil zu
+ziehen gedachte, so war ihm jedwede zukünftige Verräterei
+des Naravas nur angenehm.
+</p>
+
+<p>
+Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er
+schien sich mit Matho befreunden zu wollen, sandte ihm
+gemästete Ziegen, Goldstaub und Straußenfedern. Der
+Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt, schwankte,
+ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte.
+Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich
+von dem Sklaven leiten. Er war ein Mensch, der nie
+wußte, was er wollte, und jetzt zumal in einem Zustande
+unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand, der einen
+Trank genommen hat, an dem er sterben muß.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen,
+verbarg Naravas einen Dolch in seinem Mantel. Spendius
+blieb ihm beständig auf den Fersen, und sie kehrten
+zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch gezückt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis
+an die Grenzen seines Reiches. Sie kamen in eine enge
+Schlucht. Da erklärte Naravas lächelnd, er wisse den
+Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.
+</p>
+
+<p>
+Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur,
+schon bei Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen.
+Er streckte sich auf den Sand hin und
+blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.
+</p>
+
+<p id="p043">
+Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres:
+die den Lauf der Schlangen beobachteten, die in den
+Sternen lasen und die auf die Asche der Toten bliesen.
+Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes Viperngift
+ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische
+Lieder sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen
+Dolchen. Er behängte sich mit Halsbändern und
+Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon, Moloch, die
+sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen
+an. Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und
+verscharrte sie im Sande an der Schwelle seines Zeltes.
+Spendius hörte ihn seufzen und mit sich selbst reden.
+</p>
+
+<p>
+Eines Nachts trat er in sein Zelt.
+</p>
+
+<p>
+Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie
+ein Leichnam, das Gesicht in beide Hände vergraben.
+Eine Hängelampe beleuchtete seine Waffen, die ihm zu
+Häupten am Zeltmaste hingen.
+</p>
+
+<p>
+»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt
+dir? Antworte mir!« Dabei schüttelte er ihn an der
+Schulter und rief immer wieder: »Herr, Herr!«
+Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu
+ihm auf.
+</p>
+
+<p>
+»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen
+legend. »Es ist die Rache der Götter. Hamilkars Tochter
+verfolgt mich! Ich fürchte mich vor ihr, Spendius!«
+Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie ein Kind,
+dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich
+bin krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht!
+Doch du, du kennst vielleicht mächtigere Götter
+oder irgend eine Beschwörung, die wirklich hilft.«
+</p>
+
+<p>
+»Wogegen?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn.
+»Um mich aus Salambos Bann zu erlösen!« Und wie
+zu sich selber sagte er in abgebrochenen Sätzen:
+</p>
+
+<p>
+»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den
+Göttern gelobt hat ... Sie hält mich gefesselt ... mit
+einer unsichtbaren Kette ... Gehe ich, so schreitet sie
+voran ... bleibe ich stehen, so verweilt sie ... Ihre
+Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie
+umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob
+sie meine Seele geworden sei ... Und doch droht etwas
+zwischen uns wie die unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen
+Meeres ... Sie ist mir fern und ganz unerreichbar ...
+Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit
+Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt
+ich sie nie gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei
+alles nur ein Traum! ...«
+</p>
+
+<p>
+So durchjammerte Matho die Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte
+sich an jene Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen
+Gefäßen in den Händen angefleht hatten, wenn
+er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt hatte.
+Mitleid ergriff ihn, und er sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen
+und flehe nicht mehr zu den Göttern, denn die Gebete
+der Menschen rühren sie nicht. Du weinst wie ein
+Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib
+so leidest?«
+</p>
+
+<p>
+»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst
+du, daß mich das Gesicht und der Gesang eines Weibes
+noch rühren? Wir hatten in Drepanum ihrer genug.
+Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen während
+des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und
+wenn die Geschütze vom Rückschlag noch zitterten! ...
+Doch dieses Weib, dieses Weib!«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave unterbrach ihn:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre ...«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern
+Töchtern der Menschen gemein! Hast du ihre großen
+Augen unter den großen Brauen gesehen? So leuchten
+Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als
+sie erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen
+den Diamanten ihrer Halskette schimmerten Stellen
+ihres blanken Busens. Wo sie gegangen, duftete es wie
+nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem ganzen
+Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher
+als der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb
+sie stehen ...«
+</p>
+
+<p>
+Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho
+da und starrte vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst
+sterbe ich! Bei dem Gedanken, sie an meine Brust zu
+drücken, ergreift mich wilde Freude. Und doch hasse
+ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was soll ich
+tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave
+zu werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle
+mir von ihr! Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie
+das Dach ihres Palastes? Ach, die Steine müssen erbeben
+unter ihren Sandalen und die Sterne sich neigen,
+um sie zu schauen!«
+</p>
+
+<p>
+Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter
+Stier.
+</p>
+
+<p>
+Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin,
+deren Schweif sich über das dürre Laub schlängelte wie
+ein silberner Bach.« Mit langgezogenen Tönen ahmte
+er dabei Salambos Stimme nach, indes die Finger seiner
+ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten
+sie in den Saiten einer Lyra.
+</p>
+
+<p>
+Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit
+den gleichen Reden. So vergingen den beiden die Nächte
+unter Klagen und Trostworten.
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der
+Trunkenheit war er noch trauriger. Er versuchte, sich
+beim Würfelspiel zu zerstreuen, wobei er nach und nach
+die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ sich
+zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er
+den Hügel wieder herab, wie jemand, der von einem
+Begräbnis heimkehrt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer.
+Man sah ihn in den aus Reisig errichteten Schenken
+mitten unter den Soldaten reden. Er flickte alte Rüstungen
+aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen
+und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken.
+Er war lustig, schlau, beredt und hatte tausend gute
+Einfälle. Die Barbaren gewöhnten sich an seine Dienste.
+Er machte sich bei ihnen beliebt.
+</p>
+
+<p>
+Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago,
+der ihnen auf Maultieren Körbe voll Gold bringen
+sollte. Immer wieder überschlugen sie die alte Rechnung
+und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand. Ein
+jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten
+sich Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre
+wollten ihre Schätze vergraben oder sie im Seehandel aufs
+Spiel setzen. Aber bei dieser Untätigkeit erhitzten sich die
+Gemüter. Fortwährend kam es zu Zwistigkeiten zwischen
+Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und Griechen,
+und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.
+</p>
+
+<p>
+Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die
+zum Schutz gegen die Sonne Gras auf dem Haupte
+trugen. Es waren Schuldner reicher Karthager, von
+ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern gezwungen
+und nun entronnen. Libyer strömten herbei,
+Bauern, die durch die Steuern zugrunde gerichtet waren,
+Geächtete und Missetäter. Der Troß der Krämer, die
+Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie nicht
+bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago
+zu ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik.
+Bald wurden die Lebensmittel knapp. Man
+sprach davon, vereint auf Karthago zu marschieren und
+die Römer herbeizurufen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man
+ein dumpfes, verworrenes Geräusch, das allmählich näher
+kam. In der Ferne, im welligen Gelände, tauchte etwas
+Rotes auf.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken
+mit Büscheln von Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten
+und Perlengirlanden schlugen gegen die geschlossenen
+Vorhänge. Kamele folgten, und die großen
+Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend
+durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom
+Fuße bis zum Halse in goldnen Schuppenpanzern.
+</p>
+
+<p>
+Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um
+den Behältern hinter den Sätteln ihren runden Schild,
+ihr breites Schwert und ihren böotischen Helm zu entnehmen.
+Einige blieben bei den Kamelen, die andern
+setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen
+die Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein
+Pferdekopf oder ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren
+sprangen alle auf und klatschten Beifall. Die Weiber
+liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen die
+Füsse.
+</p>
+
+<p>
+Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern,
+die mit kleinen, raschen Schritten im Takte liefen. Sie
+mußten bald nach rechts, bald nach links ausbiegen,
+behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende Tiere und
+die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal
+schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein
+wenig auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche
+Worte aus. Da machten die Träger Halt und
+schlugen einen andern Weg quer durch das Lager ein.
+Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und
+man erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen
+Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die
+Augenbrauen sahen wie zwei Bogen von Ebenholz aus,
+die mit den Enden aneinander stießen. Goldflitter blinkten
+in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich, wie
+mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand
+unter einer Menge von Fellen.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten
+Hanno. Sie hatten noch wohl im Gedächtnisse, daß
+seine Langsamkeit schuld war am Verluste der Schlacht
+bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem
+Siege über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt
+hatte, so war dies nach ihrer Meinung nur aus Habgier
+geschehen, denn er hatte sämtliche Gefangene auf
+eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod
+gemeldet.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen
+Platz für eine Anrede an die Soldaten umgesehen
+hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte machte
+Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen
+heraus.
+</p>
+
+<p>
+Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät.
+Seine Beine waren wie die einer Mumie mit Binden
+umwickelt, und das Fleisch quoll zwischen den sich
+kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing über
+den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte,
+und die Falten seines fetten Halses hingen ihm &ndash; wie
+einem Stier die Wampe &ndash; bis auf die Brust. Seine
+mit Blumen bestickte Tunika krachte in den Achselhöhlen.
+Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen schwarzen
+Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines
+Anzuges, sein breites Halsband aus blauen Steinen,
+die goldenen Spangen und die schweren Ohrgehänge
+machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah aus
+wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das
+leblose Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen
+ganzen Körper bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie
+ein Geierschnabel, bewegte sich heftig, beim Einatmen,
+und seine kleinen Augen mit den klebrigen Wimpern
+schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der
+Hand hielt er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die
+Haut zu kratzen.
+</p>
+
+<p>
+Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner.
+Der Lärm legte sich, und Hanno fing an zu sprechen.
+Er begann mit einer Lobrede auf die Götter und auf
+die Republik. Die Barbaren sollten sich glücklich preisen,
+ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein, die
+Zeiten seien schwer &ndash; »und wenn ein Herr nur drei
+Oliven hat, ist es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?«
+</p>
+
+<p>
+Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern
+und Gleichnissen und nickte dabei in einem fort
+mit dem Kopfe, als wolle er damit Beifall hervorrufen.
+</p>
+
+<p>
+Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten,
+die ohne ihre Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner,
+Gallier und Griechen, so daß ihn von den vielen
+Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte es, hielt
+inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von
+einem Bein auf das andre.
+</p>
+
+<p>
+Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen,
+und seine Trompeter riefen diesen Befehl auf
+griechisch aus. Seit Xanthipp war Griechisch die Kommandosprache
+im karthagischen Heere.
+</p>
+
+<p>
+Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner
+mit Peitschenhieben zurück, und alsbald nahten die Hauptleute
+der nach spartanischem Muster gebildeten Phalanx
+und die Offiziere der Barbarenkompagnien in ihren nationalen
+Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht
+war herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum
+in der Ebene. Da und dort brannten Lagerfeuer. Man
+ging von einem zum andern und fragte einander: »Was
+soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?«
+</p>
+
+<p>
+Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen
+Lasten der Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der
+Tribut an die Römer sei erdrückend ... »Wir wissen
+nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist wirklich beklagenswert!«
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem
+Aloespatel, oder er unterbrach sich, um aus einer silbernen
+Schale, die ein Sklave ihm reichte, einen Trank
+aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln zu
+schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem
+Scharlachtuch und hub wieder an:
+</p>
+
+<p>
+»Was früher einen Sekel Silber wert war, gilt jetzt drei
+Sekel Gold. Die während des Krieges verwahrlosten
+Äcker bringen nichts ein. Unsre Purpurfischereien sind
+fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen werden
+äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug
+zum Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft,
+so will ich gar nicht davon reden ... Das ist
+ein Elend! Aus Mangel an Galeeren bekommen wir
+keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze
+von Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium
+verschaffen. Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte,
+ist uns jetzt verschlossen. Gestern erst habe ich für einen
+Badeknecht und vier Küchenjungen mehr gezahlt als für
+ein Paar Elefanten!«
+</p>
+
+<p>
+Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne
+eine einzige Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von
+der Regierung gemacht worden waren: so viel hatte die
+Wiederherstellung der Tempel gekostet, so viel die Straßenpflasterung,
+so viel der Bau der Kriegsschiffe, so viel die
+Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien
+und so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande
+der Kantabrer.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch
+wie die Gemeinen, wiewohl sich die Söldner in dieser
+Sprache begrüßten. Man pflegte in den Barbarenheeren
+einige karthagische Offiziere anzustellen, die als Dolmetscher
+dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege
+aus Furcht vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht,
+und Hanno hatte nicht daran gedacht, welche
+mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe Stimme
+im Winde.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um
+den Leib lauschten gespannt und bemühten sich, Hannos
+Worte zu erraten, während die Bergbewohner, in Pelze
+gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln beschlagenen
+Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder
+gähnten. Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend
+ihren hohen Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue
+Wollkittel gemummt, hörten unbeweglich zu. Andre kamen
+von hinten herzu. Die Gardisten, von dem Schwarme gedrängt,
+schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten
+brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager,
+der auf einen Rasenhügel getreten war, fuhr in
+seiner Ansprache fort.
+</p>
+
+<p>
+Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren
+erhob sich. Ein jeder rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte
+mit seinem Spatel. Die einen wollten die andern
+zum Schweigen bringen, überschrien einander und
+vermehrten dadurch den Tumult.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor
+Hannos Füße, entriß einem Herold die Trompete und
+stieß hinein. Spendius war es. Er erklärte, daß er etwas
+Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung hin,
+die er rasch in fünf Sprachen &ndash; griechisch, lateinisch,
+gallisch, libysch, balearisch &ndash; wiederholte, antworteten
+die Hauptleute halb belustigt, halb überrascht:
+</p>
+
+<p>
+»Sprich! Sprich!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich
+an die Libyer, die am zahlreichsten anwesend waren, und
+sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes
+gehört!«
+</p>
+
+<p>
+Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch,
+und Spendius wiederholte, um die Probe fortzusetzen,
+den nämlichen Satz in den andern barbarischen
+Sprachen.
+</p>
+
+<p>
+Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten
+alle, in der Einbildung, Hannos Rede doch verstanden
+zu haben, zum Zeichen ihrer Zustimmung wie in stummer
+Übereinkunft mit den Köpfen.
+</p>
+
+<p>
+Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker
+seien neben Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er
+hat euch Feiglinge, Gauner, Lügner, Hunde und Söhne
+von Hündinnen genannt! Ohne euch &ndash; so hat er gesagt &ndash; wäre
+die Republik nicht gezwungen, den Römern
+Tribut zu zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet
+ihr die Vorräte an Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven
+und Silphium erschöpft, denn ihr wäret im Einvernehmen
+mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die
+Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis
+dieser Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern,
+beim Schiffsbau und bei der Ausschmückung
+der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen sollen im Lande
+der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!«
+</p>
+
+<p>
+Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern,
+den Baleariern. Da die Söldner mehrere von den
+Eigennamen, die ihr Ohr bei Hannos Rede getroffen
+hatte, wieder heraushörten, so waren sie überzeugt, daß
+Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben
+habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!«
+Doch der Lärm der übrigen verschlang ihre Stimmen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius begann abermals:
+</p>
+
+<p>
+»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem
+Lager eine Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein
+Signal stürmen sie herbei, um euch alle zu erwürgen!«
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung.
+Da, als sich die Menge gerade teilte, tauchte aus
+ihrer Mitte, langsam wie ein Gespenst, ein menschliches
+Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig nackt, bis zu
+den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von vertrockneten
+Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und
+Knie waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden.
+Die welke erdfarbene Haut hing um seine entfleischten
+Glieder wie Lumpen auf dürren Zweigen. Seine
+Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen stützte
+er sich auf einen Olivenstock.
+</p>
+
+<p>
+Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste
+wie ein Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch
+sehen. Mit großen verstörten Augen schaute er die
+Menge der umstehenden Barbaren an.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte
+hinter sie und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da
+sind sie! Da sind sie!« stammelte er, auf die Leibwache
+des Suffeten weisend, die in ihrer glänzenden Rüstung
+unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom Scheine
+der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften
+mit den Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im
+Krampf am Boden und heulte:
+</p>
+
+<p>
+»Sie haben alle erschlagen!«
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen,
+traten die Balearier näher und erkannten in ihm
+einen Kameraden namens Zarzas. Ohne ihnen zu antworten,
+wiederholte er:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben!
+Die schönen Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden,
+meine und eure!«
+</p>
+
+<p>
+Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand
+er Worte.
+</p>
+
+<p>
+Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen,
+indes er den Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge
+verdolmetschte, die Zarzas berichtete. Er glaubte selbst
+kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.
+</p>
+
+<p>
+Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre
+Landsleute umgekommen waren.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am
+Tage vorher ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde
+des Abmarsches verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz
+kam, waren die Barbaren schon ausgerückt, und
+sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem übrigen
+Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch
+die Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit
+Erzplatten beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte
+sich das Volk wie ein Mann auf sie geworfen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch
+Geschrei vernommen zu haben. Spendius, der bei der
+Spitze der Marschkolonne geritten war, hatte nichts gehört.
+</p>
+
+<p>
+Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt
+worden, die um den Khamontempel herumstanden. Man
+schob den Ermordeten alle Verbrechen der Söldner in die
+Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre Diebstähle, ihre Freveltaten,
+ihre Übergriffe und den Mord der Fische im Garten
+Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf
+die schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das
+Haar, um die Seelen zu martern. Schließlich hängte
+man sie zerstückelt bei den Fleischhändlern auf. Einige
+bissen sogar hinein, und am Abend zündete man Scheiterhaufen
+an den Straßenecken an, um die letzte Spur von
+ihnen zu vertilgen.
+</p>
+
+<p>
+Das waren die Feuer, die so weithin über den See
+geleuchtet hatten! Da dabei einige Häuser in Brand geraten
+waren, hatte man die Reste der Toten und Sterbenden
+flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich bis
+zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten.
+Dann war er auf den Feldern herumgeirrt und
+den Spuren des Heeres im Sande gefolgt. Tagsüber
+verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er seinen
+Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert
+und krank, nur von Wurzeln und Aas genährt.
+Eines Tages endlich bemerkte er Lanzen am Horizont.
+Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand war durch
+Schreck und Not verstört.
+</p>
+
+<p>
+Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung.
+Nun brach sie wie ein Gewitter los. Am liebsten
+hätten sie die Gardisten samt dem Suffeten niedergemetzelt.
+Einige aber legten sich ins Mittel und sagten,
+man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren,
+ob sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle:
+»Unser Geld!« Hanno erwiderte, er habe es mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem
+Gepäck, von den Barbaren vorwärts getrieben, gelangten
+bis in die Mitte des Lagers. Ohne auf die Sklaven zu
+warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man fand darin
+hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser,
+Bürsten, Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen
+der Augen, &ndash; alles den Gardisten gehörig, reichen Leuten,
+die an solche Luxusdinge gewöhnt waren. Ferner entdeckte
+man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne. Sie
+gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er
+hatte für sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar
+Wiesel aus Hekatompylos in Käfigen mitgenommen,
+die man lebendig verbrannte, um Arznei für ihn zu bereiten.
+Und da die Krankheit seine Eßlust sehr gesteigert
+hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein
+mit sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes
+aus Kommagene und geschmolzenes Gänsefett,
+das mit Schnee und Häcksel bedeckt war. Die Vorräte
+waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man aufmachte,
+kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten
+sich vor Lachen.
+</p>
+
+<p>
+Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe.
+In dem einen erblickte man sogar die runden
+Lederstücke, deren sich die Republik zur Ersparnis von
+Metallgeld bediente. Als der Suffet das große Erstaunen
+der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die Prüfung
+ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten
+hätten noch keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten
+sie ihnen dies.
+</p>
+
+<p>
+Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere,
+Diener, Sänfte, Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen
+die Geldbeutel, um Hanno damit zu erschlagen.
+Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh,
+sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend,
+gestoßen und gequetscht, indes er den Fluch aller Götter
+auf das Heer herabflehte. Sein breites Halsgehänge aus
+Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit den Zähnen
+hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm herschleifte.
+Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm
+nach: »Pack dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs!
+Schwitze in deinem Gold und deiner Pest! Fort!
+Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her.
+</p>
+
+<p>
+Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann
+sich, daß mehrere von ihnen, die sich wieder nach
+Karthago gewandt hatten, nicht zurückgekehrt waren.
+Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So viele
+Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die
+Zeltpfähle auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die
+Pferde aufzuzäumen. Ein jeder griff nach Helm und
+Schwert, und im Nu war alles marschbereit. Wer keine
+Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu
+schneiden.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten
+und füllten die Straßen. »Sie marschieren gegen
+Karthago!« sagte man, und bald verbreitete sich dies Gerücht
+durch die ganze Gegend.
+</p>
+
+<p>
+Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten
+Menschen herbei. Man sah die Hirten von den Bergen
+herabeilen.
+</p>
+
+<p>
+Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam
+Spendius auf einem punischen Hengste von einem Ritt
+durch die Ebene zurück. Sein Sklave folgte ihm mit einem
+dritten Pferde zur Hand.
+</p>
+
+<p>
+Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat
+hinein.
+</p>
+
+<p>
+»Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!«
+</p>
+
+<p>
+»Wohin?« fragte Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Nach Karthago!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der
+Tür am Zügel hielt.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch03">III</h2>
+
+<h2>Salambo</h2>
+
+
+<p>
+Der Mond kam über dem Saum der See heraus. Noch
+war die Stadt im Dunkel. Nur hier und da blinkten
+leuchtende Punkte und lichte Flecke: die Deichsel eines
+Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehängtes Stück
+Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der
+Brust eines Götterbildes. Da und dort funkelten die
+Glaskugeln auf den Tempeldächern wie riesige Diamanten,
+während linienlose Gebäudeteile, schwarze Flächen Landes
+und Baumgruppen in der Dunkelheit noch massiger
+und düsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhörte,
+spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern,
+wie ungeheure Fledermäuse mit entfalteten Flügeln. Das
+Knarren der Räder, die das Wasser bis in die obersten
+Stockwerke der Paläste trieben, war verstummt. Auf den
+Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie Strauße
+auf dem Bauche liegend. Die Türhüter schliefen auf den
+Straßen vor den Haustüren. Über die menschenleeren
+Plätze krochen die Schatten gigantischer Monumente. An
+verschiedenen Stellen in der Ferne drang durch die Lücken
+eherner Dächer die Lohe von Opferfeuern. Der schwüle
+Seewind trug Blütenduft vermischt mit Meeresgeruch
+und dem Dunst sonnendurchglühter Mauern her. Rings
+um Karthago glitzerte die starre Meeresflut. Der Mond
+goß sein Licht über den bergumfriedeten Golf und über
+das Haff von Tunis, auf dessen Sanddünen Flamingos in
+langen rosigen Reihen hockten, während weiter weg,
+hinter der Totenstadt, die große Salzlagune wie eine
+Silberplatte glänzte. Das dunkelblaue Himmelsgewölbe
+versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen,
+auf der andern in den Dämpfen des Meeres. Oben
+auf der Akropolis wiegten die hohen spitzigen Zypressen,
+die den Eschmuntempel umhüteten, ihre Wipfel und
+rauschten genau so monoton wie die Wogen, die zu
+Füßen der Befestigungen in schwerfälliger Regelmäßigkeit
+an den Quadern des langen Hafendammes zerstoben.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt
+von einer Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende
+Kohlen trug. Mitten auf der Terrasse stand ein niedriges
+Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle und mit Papageienfedern
+gefüllte Kissen lagen darauf. Diese weissagenden
+Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken
+waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien,
+Narde, Zimt und Myrrhen. Die Sklavin entzündete das
+Räucherwerk.
+</p>
+
+<p id="p061">
+Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich
+die vier Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen
+Sande nieder, der &ndash; ein zweiter Himmel &ndash; mit goldenen
+Sternen besät war. Sie drückte die Ellbogen an die
+Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete die
+Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht
+voll ins Angesicht schien, und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»O Rabbetna ... Baalet ... Tanit!« Das klang wie
+Klagelaute, gedehnt, wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis ...
+Astarte ... Derketo ... Astoreth ... Mylitta ...
+Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen Symbolen ...
+in der heiligen Musik ... in den Furchen der
+Äcker ... im ewigen Schweigen ... und in der ewigen
+Fruchtbarkeit ... Herrin des düsteren Meeres ... und
+der blauen Gestade ... o Königin des Feuchten ... sei
+mir gegrüßt!«
+</p>
+
+<p>
+Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und
+zurück, dann warf sie sich mit ausgestreckten Armen mit
+der Stirn in den Sand. Die Sklavin richtete sie sofort
+wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß mußte man
+den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter
+ihn erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme
+Pflicht niemals.
+</p>
+
+<p>
+Kaufleute aus dem darischen Gätulien hatten Taanach als
+kleines Kind nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer
+Freilassung hatte sie ihre Herrschaft nicht verlassen, was
+das weite Loch in ihrem rechten Ohrläppchen vermeldete.
+Ihr buntgestreifter Rock, um die Hüften von einem Gürtel
+gehalten, reichte bis zu den Knöcheln hinab, an denen
+je zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes
+Gesicht war gelb wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe
+bildeten überlange silberne Nadeln eine Sonne.
+Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So stand
+sie, starr wie eine Bildsäule, mit fast geschlossenen Lidern,
+neben dem Ruhebett.
+</p>
+
+<p>
+Salambo trat an das Geländer der Terrasse. Einen
+Augenblick lang liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann
+senkten sie sich zur schlummernden Stadt. Sie stieß einen
+Seufzer aus, der ihren Busen schwellte und das lange
+weiße spangen- und gürtellose Schleppgewand von oben
+bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwärts
+gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Fülle
+von Smaragden, und ihr loses Haar ward von einem Netz
+aus Purpurfäden zusammengehalten.
+</p>
+
+<p>
+Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond.
+Indem sie Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte,
+murmelte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des
+ungreifbaren Äthers. Um dich herum schläft er. Erst
+deine Bewegung und dein Gang wecken die Winde und
+streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du zunimmst
+oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken
+der Panther groß oder klein. In Kindesnöten schreien
+die Mütter deinen Namen. Du läßt die Muscheln schwellen,
+den Wein gären, die Toten zu Staub zerfallen. Du
+formst die Perlen im Meeresgrunde.
+</p>
+
+<p>
+»O Göttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen
+deiner Nebel. Wenn du erscheinst, fließt Frieden in die
+Welt hinab. Die Blumen schließen sich, die Fluten schlummern
+ein, die müden Menschen strecken sich nieder, die
+Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren
+und Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie
+in einem Spiegel. Weiß bist du, mild, licht, makellos,
+hilfreich, beseligend und heiter!«
+</p>
+
+<p id="p063">
+In diesem Augenblicke stand die Mondsichel über dem
+Berge der heißen Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden
+Gipfeln, jenseits des Golfes. Unter ihr blinzelte ein
+kleiner Stern, und um sie herum schimmerte fahler Schein.
+Salambo fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich
+entstehen die Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die
+trügerischen Träume. Dein Blick nagt an den Steinen
+der Häuser, und die Affen werden krank, sooft du dich
+verjüngst.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin läufst du? Warum wandelt sich immerfort deine
+Gestalt? Als schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff
+ohne Mast durch den weiten Weltraum. Hütest die Schar
+der Sterne, wie ein hagerer Schäfer seine Herde. Rund
+aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines
+Wagens über den Kamm der Berge.
+</p>
+
+<p>
+»O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu
+dir empor. Nein, nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau,
+und ich bleibe auf der starren Erde.
+</p>
+
+<p>
+»Taanach, nimm die Harfe und rühre lind und leise die
+silberne Saite, denn mein Herz ist traurig!«
+</p>
+
+<p>
+Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz,
+höher als sie selber und dreieckig wie ein Delta,
+stellte es mit der unteren Spitze in einen Glasnapf und
+begann mit beiden Händen zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+Die Töne folgten dumpf und ungestüm aufeinander wie
+Bienengesumm. Allmählich wurden sie heller und lauter
+und flohen in die Nacht hinaus, zu den wimmernden
+Wogen und den rauschenden hohen Bäumen auf der Kuppe
+der Akropolis.
+</p>
+
+<p>
+»Hör auf!« rief Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter
+weht, Wolken, die schon wieder weg sind, alles bewegt und
+erregt dich jetzt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es nicht!«
+</p>
+
+<p>
+»Du machst dich matt durch zu viel Beten.«
+</p>
+
+<p>
+»O Taanach, ich möchte in meinem Gebete zerfließen
+wie der Duft einer Blume im Wein.«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Salambo. »In den Wohlgerüchen wohnen
+der Götter Seelen.«
+</p>
+
+<p id="p065">
+Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube,
+er sei nach dem Lande des Bernsteins gefahren, über die
+Säulen des Melkarth hinaus. »Und wenn er nicht wiederkommt,«
+flüsterte sie, »dann mußt du dir, wie es sein
+Wille war, unter den Söhnen der Alten einen Gatten
+wählen. In den Armen eines Mannes wird dann dein
+Kummer vergehen.«
+</p>
+
+<p>
+»Wieso?«
+</p>
+
+<p>
+Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr
+allesamt Furcht ein mit ihrem wilden Lachen und ihren
+plumpen Gliedern.
+</p>
+
+<p>
+»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens
+heißer Hauch auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans.
+Stimmen rufen mich. In meiner Brust rollt und
+kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und vermeine
+zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer
+meinen Leib vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung
+ist's, die mich umfängt. Ich fühle mich bedrückt,
+als ob ein Gott sich über mich legte. Ach, ich möchte mich
+verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der Quellen,
+im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen.
+Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein
+schimmernder Schein, und aufschweben zu dir, o Mutter!«
+</p>
+
+<p>
+Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück.
+In ihrem langen Gewande sah sie licht und leicht aus
+wie die Mondsichel selbst. Dann sank sie stöhnend auf das
+elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr eine Bernsteinkette
+mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen die
+Angst.
+</p>
+
+<p>
+Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:
+</p>
+
+<p>
+»Hol mir Schahabarim!«
+</p>
+
+<p>
+Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden
+der Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen
+Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt
+wurde. Er sparte sie für irgendein Bündnis auf, das
+seine politischen Pläne fördern sollte. Darum lebte Salambo
+einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange
+tot.
+</p>
+
+<p>
+In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien
+war sie aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen
+und ernsten Dingen. Ihr Körper war von Parfümerien
+durchtränkt, ihre Seele erfüllt von Gebeten. Nie hatte
+sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein unheiliges
+Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen.
+Jeder Gott kann sich in verschiedener Gestalt offenbaren,
+und voneinander ganz verschiedene Kulte haben oft denselben
+Grundgedanken. Salambo betete die Göttin in
+ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr jungfräulicher
+Leib stand in seinem Banne. Wenn der
+Mond abnahm, fühlte sie sich schwach. Den ganzen
+Tag über matt und müde, lebte sie immer erst abends
+auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe
+gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste
+entzogene Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen
+heim, die um so stärker waren, je wesenloser
+sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und wurden
+durch ihn genährt.
+Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von Tanit beunruhigt.
+Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten
+und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über
+die Lippen kamen, ohne daß sie damit deutliche Vorstellungen
+verband. Um in die Tiefe dieses Kults einzudringen,
+begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das
+altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen
+Mantel trug, an dem Karthagos Geschick hing. Der
+Gottesbegriff wurde von seiner Verkörperung kaum getrennt.
+Wer ein Götterbild berührte oder auch nur ansah,
+raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und
+gewann in gewisser Weise sogar Macht über ihn.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der
+goldenen Glöckchen vernommen, die Schahabarim am
+Saume seines Kleides trug. Er kam die Treppe herauf.
+Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte
+die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen
+in einer Gruft. Sein linnenes Gewand schlotterte
+um einen schlanken mageren Körper. Es war an den
+Säumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknöpfen
+besetzt. Schahabarim hatte schwächliche Glieder, einen
+Kegelkopf und ein spitzes Kinn. Wer seine Hand anfaßte,
+empfand Kälte, und sein gelbes tiefgefurchtes
+Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer
+verzerrt.
+</p>
+
+<p>
+Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher.
+</p>
+
+<p>
+»Sag, was willst du?« sprach er sie an.
+</p>
+
+<p>
+»Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen?« Sie
+stockte und geriet in Verwirrung. Plötzlich aber fuhr
+sie fort: »Warum mißachtest du mich? Hab ich irgendeine
+fromme Pflicht versäumt? Du bist mein Lehrmeister.
+Du hast mir gesagt, niemand wüßte so viel von der Göttin
+wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst.
+Hab ich recht, Vater?«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.«
+</p>
+
+<p>
+Da sagte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Etwas Geheimnisvolles treibt mich zu meiner Verehrung.
+Ich bin die Stufen Eschmuns hinaufgestiegen,
+des Gottes der Planeten und der denkenden Wesen. Ich
+habe unter dem goldenen Ölbaume Melkarths geschlafen,
+des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch
+die Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders
+und Befruchters. Ich habe den Erdgeistern geopfert, den
+Göttern der Wälder, der Winde, der Ströme und der
+Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu fremd. Verstehst
+du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie
+erfüllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen.
+Mir ist's, als wolle sie sich aus mir herauswinden, um
+sich von mir loszumachen. Ich vermeine ihre Stimme zu
+hören, ihr Angesicht zu schauen. Blitze blenden mich ...
+und dann sinke ich zurück in die Finsternis.«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich
+bittenden Blicken an. Endlich gab er ihr einen Wink,
+die Sklavin wegzuschicken, die nicht von kanaanitischer
+Rasse war.
+</p>
+
+<p>
+Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme
+gen Himmel und hub an:
+</p>
+
+<p>
+»Ehe es noch Götter gab, herrschte Finsternis, und es
+wehte ein Hauch, schwül und trüb wie das Bewußtsein
+der Menschen im Traume. Der Hauch verdichtete sich und
+erzeugte Gewölk und die Sehnsucht. Und aus der Sehnsucht
+und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war
+ein tiefer, schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten
+fühllose Ungeheuer, zusammenhangslose Elemente der
+werdenden Wesen, wie sie auf den Wänden der Tempel
+abgebildet sind.
+</p>
+
+<p>
+»Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei.
+Das zerbarst. Die eine Hälfte wurde zur Erde, die andere
+zum Himmelsgewölbe. Sonne, Mond, Winde und
+Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die denkenden
+Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf,
+Khamon erstrahlte in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit
+starkem Arm bis hinter Gades zurück. Die Erdgeister
+stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna neigte sich
+gleich einer Amme über die Welt, und spendete ihr Licht
+wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu
+wie mit einem Mantel ...«
+</p>
+
+<p>
+»Und dann?« fragte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte ihr das Geheimnis der Schöpfung erzählt, um
+sie durch weite Ausblicke abzulenken. Aber an seinen
+letzten Worten entzündete sich das Begehren der Jungfrau
+von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem Nachgeben
+fort:
+</p>
+
+<p>
+»Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Die Liebe im Menschen ...« wiederholte Salambo
+versonnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Hohepriester redete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie überall webt
+und lebt, ist ihre Heimat hier bei uns unter dem heiligen
+Mantel.«
+</p>
+
+<p>
+»O Vater!« rief Salambo. »Ich werde sie schauen,
+nicht wahr? Du wirst mich zu ihr führen! Lange hab ich
+gezaudert. Das Begehren, sie zu sehen, verzehrt mich.
+Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!«
+</p>
+
+<p>
+Mit heftiger und hochmütiger Gebärde stieß er sie zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Niemals! Weißt du nicht, daß man dann sterben muß?
+Die doppelgeschlechtlichen Götter entschleiern sich nur uns
+allein, die wir Männer durch den Geist und Weiber durch
+die Schwäche sind. Dein Begehren ist Gotteslästerung.
+Begnüge dich mit dem, was du kennst!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue
+die beiden Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert
+durch die Worte des Priesters. Zorn, Schrecken
+und Demut erfüllten sie gleichzeitig.
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefühlloser
+als die Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos
+Gestalt herab, die zitternd zu seinen Füßen lag, und empfand
+eine seltsame Freude, weil er sie für seine Gottheit,
+die selbst er nicht ganz zu erfassen imstande war,
+so leiden sah.
+</p>
+
+<p>
+Schon begannen die Vögel zu singen, kalter Wind
+wehte, und kleine Wölkchen jagten über den erblassenden
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis
+etwas wie einen leichten Nebelstreifen, der über das
+Land hin zu ziehen schien. Eine Weile später verwandelte
+sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von
+grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mächtigen Masse
+tauchten Kamelköpfe, Lanzen und Schilde auf.
+</p>
+
+<p>
+Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago
+vormarschierte.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch04">IV</h2>
+
+<h2>Vor den Mauern von Karthago</h2>
+
+
+<p>
+Landleute, auf Eseln oder zu Fuße, strömten bleich, atemlos
+und irr vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor
+dem Heere. In drei Tagen hatte es den Weg von Sikka
+zurückgelegt, um Karthago zu berennen und in Grund und
+Boden zu zerstören.
+</p>
+
+<p>
+Man schloß die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen
+die Barbaren, machten jedoch auf der Mitte der Landenge
+am Haffufer Halt.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere
+kamen nahe heran, Palmenzweige in den Händen. Man
+trieb sie mit Pfeilschüssen zurück. So groß war die Bestürzung.
+</p>
+
+<p>
+Frühmorgens und in der Abenddämmerung patrouillierten
+Aufklärer vor den Stadtmauern. Besonders fiel
+ein kleiner Mann auf, der sorgfältig in einen Mantel gehüllt
+war und dessen Gesicht unter der tief herabgezogenen
+Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und betrachtete
+den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher
+Beharrlichkeit, daß er die Karthager offenbar über seine
+wahren Absichten täuschen wollte. Ein andrer begleitete
+ihn, ein wahrer Riese, der barhäuptig einherging.
+</p>
+
+<p>
+Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark
+befestigt: zuerst durch einen Graben, dann durch einen
+Rasenwall und schließlich durch eine dreißig Ellen hohe
+zweistöckige Quadermauer. Darin befanden sich Ställe
+für dreihundert Elefanten, Rüstkammern für ihre Harnische
+und ihr Kettenzeug, dazu Futterböden. Ferner
+Unterkunftsräume für viertausend Pferde samt Sattelzeug
+und Fourage, sowie Kasernen für zwanzigtausend
+Soldaten mit ihren Rüstungen und allem Kriegsgerät.
+Aus dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrönte
+Türme, die an der Außenseite Panzerplatten, an Krampen
+befestigt, trugen.
+</p>
+
+<p>
+Diese erste Befestigungslinie schützte unmittelbar Malka,
+das Viertel der Seeleute und Färber. Masten ragten da,
+an denen Purpurgewebe trockneten, während aus den
+flachen Dächern weiter weg Tonöfen zum Sieden der
+Salzlake rauchten.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter türmte sich amphitheatralisch die Stadt mit
+ihren hohen würfelförmigen Häusern, die teils aus Steinen,
+teils aus Holz, Sand, Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut
+waren. Die Tempelhaine schimmerten wie grüne
+Seen in diesem Gebirge bunter Blöcke. Die öffentlichen
+Plätze bildeten in unregelmäßigen Abständen Ebenen
+darin. Zahllose Gassen durchschnitten das Häusermeer
+kreuz und quer, von oben bis unten. Man erkannte die
+Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die jetzt miteinander
+verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie
+steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflächen,
+halb mit Blumen überwachsen, geschwärzt
+und von breiten Ausgußstreifen durchzogen. Durch die
+klaffenden Lücken liefen Straßen, wie Flüsse unter
+Brücken.
+</p>
+
+<p>
+Der Hügel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das
+heißt des Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem
+Wirrwarr von Bauwerken. Da standen Tempel mit gewundenen
+Säulen, die eherne Kapitäle und metallene
+Ketten trugen, blaugestreifte mörtellose Steinkegel, kupferne
+Kuppeldächer, Marmorarchitrave, babylonische
+Strebepfeiler, Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit
+der Spitze auf dem Boden ruhten. Vorhallen stießen an
+Giebel, Voluten kräuselten sich zwischen Säulengängen,
+Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwände. Das
+alles kletterte eins über das andre und vermengte sich in
+wunderlicher, unbegreiflicher Weise. Es kündete vom
+Wechsel der Zeiten und rief die halbvergessene Heimat
+der einzelnen Erbauer wach.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Akropolis zog sich durch rötliches Erdreich,
+mit Grabmälern besäumt, die Straße der Mappalier
+schnurgerade von der Küste bis zur Gräberstadt. Seitwärts
+sah man lange Gebäude, von Gärten umgeben.
+Das dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte
+sich bis zur felsigen Meeresküste, über der sich ein riesiger
+Leuchtturm erhob, Nacht für Nacht sein Licht spendend.
+</p>
+
+<p>
+So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der
+Ebene lagernden Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Von fern erkannten sie die Marktplätze und Straßenkreuzungen.
+Sie stritten sich über die Lage der Tempel.
+Der Khamontempel gegenüber den Syssitien hatte goldene
+Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom Eschmuntempel
+trug Korallenäste auf seinem Dache. Weiterhin
+wölbte sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom
+Heiligtume Tanits. Das düstere Haus Molochs stand am
+Fuße der Zisternen nach der Seite des Leuchtturms hin.
+Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern, an
+den Ecken der Plätze, überall erblickte man Götterbilder
+mit scheußlichen Köpfen, riesengroß oder untersetzt, mit
+dicken oder unnatürlich platten Bäuchen, offnen Mäulern
+und ausgestreckten Armen, Gabeln, Ketten oder Speere
+in den Händen. Im Hintergrunde der Straßen aber, die
+durch den schrägen Einblick noch steiler erschienen, schimmerte
+das blaue Meer.
+</p>
+
+<p>
+Eine lärmende Menge erfüllte die Straßen vom Morgen
+bis zum Abend. Knaben schrien, Schellen schwingend,
+an den Türen der Bäder. Die Buden mit warmen Getränken
+rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der Ambosse.
+Auf den Terrassen krähten die weißen, der Sonne
+geweihten Hähne. In den Tempeln brüllten die Opferstiere,
+die man abwürgte. Sklaven mit Körben auf den
+Köpfen eilten dahin, und in der Tiefe der Säulenhallen
+tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem Mantel,
+barfüßig und mit spitzer Mütze.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren.
+Sie bewunderten und verabscheuten es. Sie hätten es
+gleichzeitig zerstören und bewohnen mögen. Was barg
+dort der Kriegshafen, den eine dreifache Mauer beschirmte?
+Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch
+höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß.
+</p>
+
+<p>
+Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er
+kletterte auf Olbäume und beugte sich vor, indem er die
+Augen mit der Handfläche beschattete. Aber die Gärten
+waren leer, und die rote Tür mit dem schwarzen Kreuz
+blieb beständig geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte
+nach einem Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts
+stürzte er sich in den Golf und schwamm drei Stunden
+lang. Er gelangte bis an das Seetor und wollte die steile
+Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig und
+zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins
+Meer und kehrte um.
+</p>
+
+<p>
+Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf
+dieses Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden,
+der sie leiblich besessen hätte. Seine Erschöpfung
+hörte auf, und tolle fortwährende Tatenlust erfüllte ihn.
+Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und rauher
+Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er
+saß am Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand.
+Oder er schoß mit Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier.
+Sein Herz quoll in wütenden Worten über.
+</p>
+
+<p>
+»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden
+Streitwagen!« sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe,
+verwüste und morde! Derlei Leid wird nur mit Blut
+gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen kannst, so
+mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!«
+</p>
+
+<p>
+Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner.
+Er ließ sie schonungslos exerzieren. Man achtete
+ihn wegen seines Mutes und vor allem um seiner Kraft
+willen. Außerdem flößte er eine Art mystische Furcht ein:
+man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel
+ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das
+Heer in guter Zucht. Die Karthager hörten in ihren
+Häusern die Trompetensignale, die den Dienst regelten.
+Nun rückten die Barbaren näher.
+</p>
+
+<p>
+Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier
+Heere bedurft, die ihnen gleichzeitig in den Rücken
+hätten fallen müssen, nachdem das eine im Golfe von
+Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet
+wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner
+Garde beginnen, die höchstens sechstausend Mann stark
+war? Wandten sich die Barbaren nach Osten, so konnten
+sie sich mit den Nomaden vereinigen und die Straße nach
+Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten
+sie sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich
+mußte der Mangel an Lebensmitteln sie früher oder später
+zwingen, die Umgegend zu verwüsten wie Heuschreckenschwärme.
+Die Patrizier zitterten für ihre schönen Landsitze,
+ihre Weingärten und Äcker.
+</p>
+
+<p>
+Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln
+vor. Man solle auf den Kopf jedes Barbaren einen hohen
+Preis setzen oder ihr Lager mit Hilfe von Schiffen und
+Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder Gisgo
+dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber
+die Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke.
+Sie fürchteten in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten
+sich, aus Angst vor der Monarchie, alles zu schwächen,
+was noch davon bestand oder zu ihr zurückführen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer
+Rasse und unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine
+und aßen Weichtiere und Schlangen. In Fallgruben
+fingen sie lebendige Hyänen, die sie des Abends
+zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen
+den Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus
+Schlamm und Schilf klebten am Hange der Küste wie
+Schwalbennester. So lebten sie ohne Regierung und ohne
+Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und schwächlich
+zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung
+wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten
+die Posten, daß sie sämtlich verschwunden waren.
+</p>
+
+<p>
+Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen
+Entschluß. Sie gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit
+offenen Sandalen ins Lager, wie zu Nachbarn. Ruhigen
+Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße zu
+und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu
+sprechen. Sie erklärten, es sei alles beendet, und man
+wolle ihren Ansprüchen gerecht werden.
+</p>
+
+<p>
+Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Söldnerlager.
+Statt des Durcheinanders, das sie vermutet hatten,
+herrschte überall Ordnung und beängstigende Stille. Das
+ganze umschloß ein hoher Rasenwall, der den Geschossen
+der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte.
+Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt.
+Durch die Zelttüren erblickte man wilde Augen, die im
+Dunkeln glühten. Die Lanzenpyramiden und die aufgehängten
+Rüstungen blendeten wie Spiegel. Die Karthager
+sprachen leise miteinander und nahmen sich in
+acht, daß sie mit ihren langen Mänteln nichts umrissen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner forderten Lebensmittel und verpflichteten
+sich, sie mit dem ausstehenden Solde zu bezahlen.
+</p>
+
+<p>
+Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhühner, getrocknete
+Früchte und Lupinen, auch geräucherte Makrelen von
+jener vortrefflichen Sorte, die Karthago nach allen Häfen
+versandte. Doch die Söldner betrachteten das prächtige
+Vieh geringschätzig von allen Seiten, und indem sie herabsetzten,
+was sie begehrten, boten sie für einen Widder den
+Preis einer Taube, für drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel
+wert war. Die »Esser unreiner Speisen« warfen
+sich zu Sachverständigen auf und behaupteten, man
+betröge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren Schwertern
+herum und drohten mit Mord und Totschlag.
+</p>
+
+<p>
+Bevollmächtigte des Großen Rates buchten die Zahl der
+Dienstjahre, für die man jedem Soldaten den Sold schuldete.
+Doch es war jetzt unmöglich noch zu wissen, wieviele
+Söldner man angenommen hatte, und die Alten
+waren entsetzt über die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen
+hatten. Man war gezwungen, die Silphiumvorräte
+zu verkaufen und die Handelsstädte zu besteuern. Die
+Söldner mußten indessen ungeduldig werden. Schon hatte
+Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos Wutausbrüche
+und die Vorwürfe seines Amtsgenossen nervös gewordenen
+Patrizier legten es deshalb jedem Bürger nahe,
+der zufällig einen der Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen
+und ihm gute Worte zu geben, damit er wieder
+freundlich gesinnt würde. Solches Vertrauen sollte die
+Söldner beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien
+begaben sich zu den Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Diese ließen alle Karthager ins Lager, aber nur durch
+einen einzigen Eingang, der so eng war, daß sich vier
+nebeneinandergehende Männer mit den Ellbogen berührten.
+Spendius stand an der Schranke und ließ alle genau
+durchsuchen. Matho, ihm gegenüber, musterte die
+Menge, um irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo
+gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen
+und Leben. Die beiden deutlich unterscheidbaren
+Massen vermengten sich, ohne sich völlig zu vermischen:
+die eine in leinenen oder wollenen Gewändern mit Filzhüten,
+die wie Pinienäpfel aussahen, die andere in Panzerkleid
+und Helm. Zwischen den Troßknechten und
+Marketendern trieben sich Weiber von allerhand Rassen
+umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so grünlich,
+wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in
+Spelunken aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der
+Plünderung von Städten gefangen. Man hetzte sie mit
+Liebe, solange sie jung waren, und überhäufte sie mit
+Schlägen, wenn sie alt wurden, bis sie schließlich auf
+irgendeinem Rückzuge, mit dem Gepäck und den Lasttieren
+im Stich gelassen, am Wege starben. Die Frauen der
+Nomaden gingen wiegenden Schrittes, in karierten gelbroten
+langen Kamelhaarröcken. Lautenspielerinnen aus
+der Kyrenaika, in violette Gaze gehüllt, mit gemalten
+Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte
+Negerweiber mit Hängebrüsten lasen Tiermist auf, den
+man dann in der Sonne dörrte und zum Feueranmachen
+benutzte. Die Syrakusanerinnen trugen Goldplättchen im
+Haar, die Frauen der Lusitanier Muschelhalsbänder, die
+Weiber der Gallier Wolfsfelle über der weißen Brust.
+Kräftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten,
+rannten den Vorübergehenden mit dem Kopf vor den
+Leib oder schlichen sich hinterrücks heran wie junge Tiger,
+um sie in die Finger zu beißen.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt über
+die Menge von Gegenständen, mit denen es vollgepfropft
+war. Die Allerärmsten wurden traurig. Die andern ließen
+sich ihre Unruhe nicht anmerken.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie
+aufzuheitern. Wen immer sie erblickten, den luden sie zu
+ihren Spielen ein. Beim Diskoswerfen richteten sie es
+dann so ein, daß dem Aufgeforderten die Füße zerquetscht
+wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm
+beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten
+die Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwörer
+mit ihren Vipern, die Reiter mit ihren Pferden.
+Die an friedliche Beschäftigungen gewöhnten Leute
+ließen alle Verhöhnungen stumm über sich ergehen und
+bemühten sich sogar zu lächeln. Einige, die sich tapfer
+zeigen wollten, gaben zu verstehen, daß sie Soldaten werden
+möchten. Man hieß sie Holz spalten und Maultiere
+striegeln oder schnallte sie in eine Rüstung und rollte sie
+wie Tonnen durch die Lagergassen. Wenn sie sich dann
+zum Aufbruch anschickten, rauften sich die Söldner unter
+albernen Verrenkungen die Haare.
+</p>
+
+<p>
+Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben,
+alle Karthager für steinreich. Sie liefen hinter
+ihnen her und baten und bettelten, ihnen etwas zu schenken.
+Sie begehrten alles, was ihnen gefiel: Ringe, Gürtel,
+Sandalen, Gewandfransen, alles mögliche, und
+wenn der ausgeplünderte Karthager schließlich ausrief:
+»Ich habe nichts mehr! Was willst du noch« so antworteten
+sie: »Dein Weib!« oder auch wohl: »Dein Leben!«
+</p>
+
+<p>
+Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt,
+den Soldaten vorgelesen und endgültig anerkannt. Nun
+forderten sie Zelte. Man gab sie ihnen. Dann verlangten
+die Offiziere der Griechen eine Anzahl der schönen
+Rüstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Große
+Rat bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und
+billig, behaupteten sodann die Reiter, daß die Republik
+sie für ihre eingebüßten Pferde entschädige. Der eine
+behauptete, bei der und jener Belagerung drei, ein
+andrer auf dem und jenem Marsche fünf verloren zu
+haben. Einem dritten waren beim Passieren des Gebirges
+vierzehn abgestürzt. Man bot ihnen Hengste von Hekatompylos
+an, aber alle zogen Geld vor.
+</p>
+
+<p id="p080">
+Weiterhin verlangten sie, daß man ihnen in bar &ndash; in
+Silbermünzen, nicht in Ledergeld &ndash; alles Getreide bezahlte,
+das man ihnen noch schuldete, und zwar zu dem höchsten
+Preise, den es während des Krieges gehabt hatte, so daß
+sie für ein Maß Mehl vierhundertmal mehr verlangten,
+als sie für einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten.
+Diese Unredlichkeit empörte die Karthager; trotzdem mußten
+sie nachgeben.
+</p>
+
+<p>
+Danach söhnten sich die Bevollmächtigten der Söldner
+mit den Abgesandten des Großen Rates aus, wozu sie
+beim Schutzgeist Karthagos und bei den Göttern der Barbaren
+schworen. Unter morgenländischem Wortschwall
+und Gebärdenspiel überboten sie einander in Entschuldigungen
+und Schmeicheleien. Dann forderten die Söldner
+als Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verräter,
+die das Heer mit der Republik veruneinigt hätten.
+</p>
+
+<p>
+Man tat, als verstände man sie nicht. Jene erklärten
+sich etwas deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten.
+</p>
+
+<p>
+Täglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus
+und trieben sich am Fuße der Mauern herum. Sie riefen,
+man solle ihnen den Kopf des Suffeten herabwerfen, und
+breiteten ihre Mäntel aus, um ihn aufzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Der Große Rat hätte vielleicht auch hierin nachgegeben,
+wenn nicht ein letztes Ansinnen gestellt worden wäre, unverschämter
+als alle andern. Die Söldner forderten nämlich
+Jungfrauen aus den vornehmsten Häusern zu Gattinnen
+für ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von
+Spendius, den manche ganz einfach und sehr wohl ausführbar
+fanden. Aber die Anmaßung der Barbaren, sich
+mit punischem Blute vermischen zu wollen, empörte das
+karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bündig,
+daß sie nichts mehr zu empfangen hätten. Nun schrien
+sie, man habe sie betrogen, und wenn der Sold nicht
+binnen drei Tagen ankäme, würden sie nach Karthago
+kommen und sich ihn selbst holen.
+</p>
+
+<p>
+Die Unredlichkeit der Söldner war nicht so groß, wie
+ihre Feinde meinten. Hamilkar hatte ihnen tatsächlich
+wiederholt und in feierlicher, wenn auch unbestimmter
+Form weitgehende Versprechungen gemacht. Bei ihrer
+Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anlaß gehabt
+zu glauben, man würde ihnen die Stadt preisgeben,
+deren Schätze sie unter sich teilen sollten. Als sie nun
+aber merkten, daß ihnen kaum der Sold ausgezahlt ward,
+war dies eine Enttäuschung für ihren Stolz wie für ihre
+Begehrlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale
+Alexanders nicht Beispiele wunderbaren Glücks geliefert?
+Das Vorbild des Herkules, den die Kanaaniter der Sonne
+verglichen, stand allen Soldaten leuchtend vor Augen.
+Man dachte daran, daß einfache Krieger Kronen errungen
+hatten, und der dröhnende Sturz großer Reiche
+verführte den Gallier in seinen Eichenwäldern, den Äthiopier
+in seinen Sandwüsten zu hohen Träumen. Und es
+gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer
+auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoßene Dieb,
+der auf den Straßen umherirrende Vatermörder, der von
+den Göttern verfolgte Tempelschänder, alle Hungrigen
+und Verzweifelten rangen sich bis zu dem Hafen durch,
+wo der punische Werber Söldner aushob. Gewöhnlich
+hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch
+hatte sein grenzenloser Geiz es zu einem gefährlichen
+Wortbruch verleitet. Die Numidier, die Libyer, ganz
+Afrika drohte sich gegen die Punier zu erheben. Nur
+das Meer war frei. Dort aber stieß Karthago mit den
+Römern zusammen. Wie ein von Mördern Überfallener
+blickte es rings dem Tod ins Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Es mußte sich wohl oder übel an Gisgo wenden. Die
+Barbaren nahmen seine Vermittlung an. Eines Morgens
+sahen sie die Ketten des Hafens sinken, und drei flache
+Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das Haff
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Am Bug des ersten erblickte man Gisgo. Hinter ihm,
+höher als ein Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen
+versehen, die hängenden Kronen glichen. Dann tauchte
+die Schar der Dolmetscher auf, mit Kopfbedeckungen wie
+Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die Brust
+tätowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen
+und so zahlreich, daß sie Schulter an Schulter standen.
+Die drei langen Barken, bis zum Sinken voll, nahten
+unter den Beifallrufen des Heeres, das ihnen entgegensah.
+Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm entgegen.
+Er ließ aus Säcken eine Art Rednerbühne errichten und
+erklärte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos
+gelöhnt wären.
+</p>
+
+<p>
+Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht
+wieder zu Worte kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler
+der Republik und die der Barbaren. Die Schuld läge
+an einigen Meuterern, die Karthago durch ihre Gewalttätigkeit
+erschreckt hätten. Der beste Beweis für die
+guten Absichten der Karthager sei der, daß man ihn, den
+unversöhnlichen Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt
+habe. Sie sollten die Republik weder für so töricht
+halten, daß sie sich tapfere Männer verfeinden wolle,
+noch für so undankbar, daß sie ihre Dienste verkenne.
+Darauf schickte er sich an, die Söldner abzulohnen, indem
+er mit den Libyern begann. Da sie die Listen für
+unrichtig erklärten, so bediente er sich ihrer nicht.
+</p>
+
+<p>
+Sie zogen nach Stämmen geordnet an ihm vorüber, indem
+sie mit hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre
+angaben. Man malte jedem, der seine Löhnung empfangen,
+mit grüner Farbe ein Zeichen auf den linken
+Arm. Schreiber zahlten aus der geöffneten Kiste, während
+andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel
+auf eine Bleiplatte ritzten.
+</p>
+
+<p>
+Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann
+heran.
+</p>
+
+<p>
+»Komm einmal zu mir herauf!« gebot der Suffet, der
+einen Betrug witterte. »Wieviel Jahre hast du gedient?«
+</p>
+
+<p>
+»Zwölf!« antwortete der Libyer.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die
+Schuppenketten der Helme verursachten nämlich nach
+langem Tragen an dieser Stelle der Haut Schwielen, die
+man »Johannisbrote« nannte, und »Johannisbrote
+haben«, das bedeutete Veteran sein.
+</p>
+
+<p>
+»Gauner!« rief der Suffet. »Was dir im Gesicht fehlt,
+wirst du auf dem Buckel haben.« Er riß dem Manne
+die Tunika ab und entblößte seinen Rücken, der mit blutigen
+Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus
+Hippo-Diarrhyt. Hohngelächter erscholl. Er ward enthauptet.
+</p>
+
+<p>
+Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und
+hielt ihnen folgende Rede:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker
+abgelohnt sind, werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr
+bleibt in Afrika, in Stämme zersplittert und ohne jeglichen
+Schutz! Dann wird sich die Republik rächen. Seht
+euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schönen
+Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverständnis!
+Gisgo hintergeht euch! Denkt an die Insel der Totenknochen
+und an Xantipp, den sie auf einer morschen
+Galeere nach Sparta zurückgesandt haben!«
+</p>
+
+<p>
+»Was sollen wir tun?« fragten sie.
+</p>
+
+<p>
+»Überlegt's euch!« entgegnete Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablöhnung
+der Söldner von Magdala, Leptis und Hekatompylos.
+Spendius machte sich an die Gallier heran.
+</p>
+
+<p>
+»Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen,
+die Balearier, die Asiaten und alle andern dran! Ihr
+aber, die ihr nur wenige seid, ihr werdet leer ausgehn!
+Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr werdet
+keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um
+die Verpflegung zu sparen!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit,
+den Gisgo in den Gärten Hamilkars geschlagen hatte,
+forderte eine Erklärung von ihm. Aber er wurde von
+den Sklaven zurückgetrieben und trollte sich mit dem
+Schwure, sich zu rächen.
+</p>
+
+<p>
+Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnäckigsten
+drangen in das Zelt des Suffeten. Um ihn zu
+erweichen, ergriffen sie seine Hände und nötigten ihn,
+ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und ihre
+Wundmale zu betasten. Die noch keine Löhnung erhalten,
+gerieten in Wut, während die andern, die ihren Sold
+empfangen hatten, nun auch die Entschädigungsgelder für
+ihre Pferde forderten. Landstreicher und vom Heere Ausgestoßene
+legten Rüstungen an und behaupteten, man
+vergäße sie. Jeden Augenblick drängten neue Lärmer herbei.
+Die Zelte krachten und fielen zusammen. Die zwischen
+die Lagerwälle eingekeilte Menge wogte laut tobend
+von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und her.
+Wenn der Tumult zu stark wurde, stützte Gisgo den Ellbogen
+auf seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete
+seine Blicke hinaus auf das Meer. Unbeweglich saß
+er dann da, die Finger in seinen Bart vergraben.
+</p>
+
+<p>
+Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius
+zu unterreden. Dann stellte er sich wieder dem Suffeten
+gegenüber auf, und Gisgo fühlte fortwährend seine Blicke
+wie zwei flammende Brandpfeile auf sich gerichtet. Über
+die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male Schimpfworte
+zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm
+die Löhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen
+Hindernissen einen Ausweg fand.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der
+Münzen Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen
+derartige Erklärungen, daß sie sich ohne Murren zurückzogen.
+Die Neger verlangten weiße Muscheln, wie
+sie im Innern Afrikas im Verkehr üblich waren. Der
+Suffet erbot sich, deren aus Karthago holen zu lassen.
+Darauf nahmen sie Silbergeld an wie die anderen.
+</p>
+
+<p>
+Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert,
+nämlich Frauen. Gisgo erklärte, daß man eine
+ganze Karawane von Jungfrauen für sie erwarte, doch
+der Weg sei weit, und es würden noch sechs Monde
+vergehen. Wenn dann aber die Mädchen wieder in gutem
+Körperzustand und reichlich mit Benzoe gesalbt wären,
+würde man sie ihnen auf Schiffen in die balearischen
+Häfen senden.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sprang Zarzas, wieder schön und kräftig, wie
+ein Gaukler auf die Schultern seiner Freunde und schrie,
+auf das Khamontor von Karthago hinzeigend:
+</p>
+
+<p>
+»Hast du auch welche für die Toten bestimmt?«
+</p>
+
+<p>
+Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten,
+erglühten in den letzten Sonnenstrahlen. Die
+Barbaren wähnten, einen Blutstreifen darauf zu erkennen.
+Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von neuem
+an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen
+Sitz und schloß sich in sein Zelt ein.
+</p>
+
+<p>
+Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten
+sich seine Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur
+Ruhe hingelegt hatten. Sie lagen auf dem Rücken, mit
+starren Augen, heraushängender Zunge und blauem Gesicht.
+Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre
+Glieder waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt
+wären. Jeder trug um den Hals eine dünne Binsenschnur.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung
+der Balearier, die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis
+zurückgerufen hatte, bestärkte das von Spendius
+erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik
+suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein
+Ende machen! Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas,
+der sich einen Kranz um den Kopf geschlungen hatte,
+sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes Schwert.
+Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den
+andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich
+selbst bezahlt zu machen. Die minder Aufgebrachten forderten,
+daß die Ablöhnung fortgesetzt würde. Keiner
+legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller vereinigte
+sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse.
+</p>
+
+<p>
+Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen
+ausstießen, hörte man sie geduldig an. Sobald
+sie aber das geringste Wort für ihn sprachen, wurden sie
+unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen hinterrücks
+mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften
+Säcke sahen blutiger aus als ein Opferaltar.
+</p>
+
+<p>
+Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal
+wenn Wein getrunken worden war. Dieser Genuß
+war in den punischen Heeren bei Todesstrafe verboten.
+Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um seiner
+Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven
+des Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden.
+Der Ruf: »Steinigt ihn!« &ndash; in jeder Sprache verschieden &ndash; ward
+von allen verstanden.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche
+ließ. Angesichts aller Undankbarkeit wollte er trotzdem
+die Ehre Karthagos hochhalten. Als die Söldner ihn
+daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe versprochen
+habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten
+zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen
+vom Halse und warf es in die Menge als Pfand seines
+Eides.
+</p>
+
+<p>
+Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen
+des Großen Rates. Gisgo legte amtliche
+Rechnungen vor, die mit violetter Tinte auf Lammfelle
+geschrieben waren. Er verlas alles, was nach Karthago
+eingeführt worden war, Monat für Monat und
+Tag für Tag.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen
+den Ziffern sein Todesurteil.
+</p>
+
+<p>
+In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch
+verkleinert und das Getreide, das in der Zeit der größten
+Kriegsnot verkauft worden war, zu einem so niedrigen
+Preis angerechnet, daß kein vernünftiger Mensch getäuscht
+werden konnte.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen,
+der Feigling! Aufgepaßt!«
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner ahnten nicht, daß man sie betrog, und nahmen
+die Rechnungsauszüge für richtig an. Aber der Überfluß,
+der in Karthago geherrscht, versetzte sie in wilde
+Eifersucht. Sie zertrümmerten die Sykomorenholzkiste.
+Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche Summen
+aus ihr hervorgehen sehn, daß man sie für unerschöpflich
+gehalten. Gisgo mußte Geld in seinem Zelte
+vergraben haben! Man stürmte die Rednerbühne. Matho
+war der Anstifter. Als man schrie: »Das Geld! Das
+Geld!« antwortete Gisgo schließlich:
+</p>
+
+<p>
+»So mag's euer Führer euch geben!«
+</p>
+
+<p>
+Fortan schwieg er und blickte mit den großen gelben
+Augen seines langen Gesichtes, das weißer war als sein
+Bart, kaltblütig in den Tumult. Ein Pfeil, von seinem
+eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des Suffeten großem
+goldenen Ohrring hängen, und Blut rann, gleich einem
+roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab.
+</p>
+
+<p>
+Auf einen Wink Mathos stürzten alle auf Gisgo ein. Er
+breitete die Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer
+Schlinge an den Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu
+Boden, und er verschwand im Getümmel der Menge, die
+über die Säcke stürmte.
+</p>
+
+<p>
+Man plünderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten
+Gegenstände fand man darin, und später, bei
+genauerem Suchen, noch drei Bilder der Tanit und, in
+Affenhaut gewickelt, einen schwarzen Stein, der vom
+Monde heruntergefallen sein sollte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet,
+angesehene vornehme Männer, sämtlich zur Kriegspartei
+gehörig. Man riß sie aus den Zelten und warf
+sie kopfüber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten, die
+man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfähle
+gefesselt. Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen
+von Wurfspießen.
+</p>
+
+<p>
+Autarit, der sie bewachte, überschüttete sie mit Schimpfworten.
+Da sie aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten
+sie nicht. Von Zeit zu Zeit warf er ihnen Steine
+ins Gesicht, damit sie schreien sollten.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Am nächsten Tage ergriff eine Art Erschöpfung das Heer.
+Jetzt, da der Zorn verraucht war, stellten sich Angst und
+Sorge ein. Matho litt an namenloser Traurigkeit. Ihm
+war, als habe er Salambo mittelbar beleidigt. Die gefangenen
+Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehör zu
+ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand
+ihrer Grube und fand im Wimmern dort unten etwas
+von der Stimme wieder, die sein Herz erfüllte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt
+worden waren. Aber während die nationalen Gegensätze
+und der persönliche Haß erwachten, fühlte man
+auch die Gefahr, die darin lag, diesen Leidenschaften nachzugeben.
+Die Vergeltung für den Vorfall mußte furchtbar
+ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos
+zuvorzukommen. Die Beratungen und öffentlichen Reden
+nahmen kein Ende. Jeder sprach, keiner hörte zu, und
+Spendius, der sonst so gesprächig war, schüttelte zu allen
+Vorschlägen den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends fragte er Matho beiläufig, ob es keine
+Quellen in der Stadt gäbe.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht eine!« antwortete der.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum Seeufer.
+</p>
+
+<p>
+»Herr!« begann der ehemalige Sklave. »Wenn dein
+Herz unerschrocken ist, will ich dich nach Karthago hineinführen.«
+</p>
+
+<p>
+»Auf welche Weise?« fragte der andere, nach Atem
+ringend.
+</p>
+
+<p>
+»Schwöre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen
+und mir wie ein Schatten zu folgen!«
+</p>
+
+<p>
+Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Bei der Tanit, ich schwör es dir!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fuße
+der Wasserleitung, zwischen dem neunten und zehnten
+Bogen. Bring eine eiserne Hacke, einen Helm ohne Federbusch
+und ein paar Ledersandalen mit!«
+</p>
+
+<p>
+Der Aquädukt, von dem er sprach, ein bedeutendes
+Bauwerk, das von den Römern später noch vergrößert
+wurde, lief schräg über die ganze Landenge hin. Auf
+drei übereinandergebauten mächtigen Bogenreihen, mit
+Strebepfeilern an den Basen und Löwenköpfen an den
+Scheiteln, führte er bis zum westlichen Teil der Akropolis
+hin und senkte sich dann zur Stadt hinab, um die
+Zisternen von Megara mit einer stromähnlichen Wassermenge
+zu versehen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er
+knüpfte alsbald eine Art Harpune an das Ende eines
+Seiles und ließ dies rasch wie eine Schleuder schwirren.
+Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und nun
+begannen sie, hintereinander emporzuklimmen.
+</p>
+
+<p>
+Als sie das erste Geschoß erreicht hatten, fiel der Haken
+bei jedem Wurfe wieder zurück. Bis sie eine geeignete
+Stelle entdeckten, mußten sie um die Pfeiler herum auf
+dem Sims gehen, den sie bei jeder höheren Bogenreihe
+immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das
+Seil. Mehrere Male wäre es beinahe gerissen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius
+bückte sich von Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit
+der Hand zu betasten.
+</p>
+
+<p>
+»Hier geht's!« sagte er. »Fangen wir hier an!« Und
+indem sie sich beide gegen den Spieß stemmten, den Matho
+mitgebracht hatte, gelang es ihnen, eine der Steinplatten
+zu lockern.
+</p>
+
+<p id="p092">
+In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die
+auf zügellosen Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen
+Armreifen tanzten über den undeutlichen Falten ihrer
+Mäntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone von
+Straußenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze.
+</p>
+
+<p>
+»Naravas!« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmert uns der?« entgegnete Spendius und
+sprang in das Loch, das durch das Aufheben der Platte
+entstanden war.
+</p>
+
+<p>
+Seiner Weisung gemäß versuchte auch Matho einen der
+Steinblöcke zu lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit.
+</p>
+
+<p>
+»Es wird auch so gehen!« meinte Spendius. »Geh
+voran!«
+</p>
+
+<p>
+Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber
+gerieten sie ins Schwanken und mußten schwimmen. Dabei
+stießen sie mit den Händen und Füßen gegen die Wände
+des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast unmittelbar
+unter den Deckplatten hinfloß. Sie rissen sich
+das Gesicht auf. Die Strömung trug sie fort ... Eine
+Luft, schwerer als im Grabe, lastete auf ihrer Brust. Die
+Arme vor den Kopf haltend, die Knie geschlossen, sich so
+lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen sie pfeilschnell
+durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, röchelnd
+und dem Tode nahe. Plötzlich ward es stockfinster vor
+ihnen, und die Strömung wurde reißend. Die beiden
+Männer gerieten in das Gefälle ...
+</p>
+
+<p>
+Als sie wieder an die Oberfläche der Flut kamen, ließen
+sie sich einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen
+die Luft ein. Bogenreihen, eine hinter der andern, öffneten
+sich in der Mitte mächtiger Mauern, die den Raum in
+einzelne Becken zerlegten. Alle waren gefüllt, und das
+Wasser in den Zisternen bildete eine einzige Fläche. Durch
+die Luftlöcher in den Deckenwölbungen fiel bleicher Schein,
+der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum,
+der sich nach den Wänden zu verdichtete, ließ diese
+ins unbestimmte zurücktreten. Das geringste Geräusch
+erweckte lauten Widerhall.
+</p>
+
+<p>
+Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen.
+Durch die Bogenöffnungen gelangten sie von einem
+Becken immer in das nächste. Auf beiden Seiten lief noch
+je eine parallele Reihe kleinerer Becken hin. Die Schwimmer
+verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe Stelle
+zurück. Endlich fühlten sie festen Boden unter den Füßen.
+Es war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen
+herumlief.
+</p>
+
+<p>
+Mit großer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das
+Mauerwerk ab, um einen Ausgang zu finden. Aber ihre
+Füße glitten ab, und sie stürzten wieder in das tiefe Becken.
+Sie kletterten von neuem empor und fielen abermals zurück.
+Eine furchtbare Ermüdung überkam sie, als ob ihre Glieder
+sich beim Schwimmen im Wasser aufgelöst hätten. Die
+Augen fielen ihnen zu. Sie kämpften mit dem Tode.
+</p>
+
+<p>
+Da stieß Spendius mit der Hand gegen die Stäbe eines
+Gitters. Beide rüttelten daran. Es gab nach, und sie
+befanden sich auf den Stufen einer Treppe. Oben kamen
+sie vor eine verschlossene Bronzetür. Mit der Spitze eines
+Dolches schoben sie den Riegel zurück, der sich nur von
+außen öffnen ließ, und plötzlich umfing sie die frische
+freie Luft.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher
+Tiefe. Hier und da ragten Baumgruppen über die
+langen Mauerlinien hinweg. Die Stadt lag im Schlummer.
+Die Wachtfeuer der Vorposten glänzten wie herabgefallene
+Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte,
+kannte die Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um
+zum Palaste Hamilkars zu gelangen, müsse man sich nach
+links wenden und die Straße der Mappalier überschreiten.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Spendius. »Führe mich zum Tempel der
+Tanit!«
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte widersprechen.
+</p>
+
+<p>
+»Denke daran!« unterbrach ihn der ehemalige Sklave,
+indem er den Arm erhob und nach dem Monde wies, der
+am Himmel glänzte.
+</p>
+
+<p>
+Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis.
+</p>
+
+<p>
+Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die
+Wege einfaßten. Das Wasser rann von ihren Leibern in
+den Staub. Ihre feuchten Sandalen verursachten kein
+Geräusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie
+Fackeln glühten, bei jedem Schritt die Gebüsche ab. Er
+ging hinter Matho, die Hände an den beiden Dolchen,
+die er unter den Armen trug und die ihm, an einem Lederriemen
+befestigt, von den Schultern herabhingen.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch05">V</h2>
+
+<h2>Tanit</h2>
+
+
+<p>
+Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich
+durch die Mauer zwischen Megara und der Altstadt
+am Weitergehn gehindert. Da entdeckten sie einen schmalen
+Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und kamen
+hindurch.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde.
+Sie schritten über einen freien Platz.
+</p>
+
+<p>
+»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem
+fürchte nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!«
+</p>
+
+<p>
+Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene
+an. Offenbar suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich
+noch, wie ich dir damals auf Salambos Terrasse bei
+Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem Tage
+waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und
+mit feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum
+der Tanit befindet sich ein geheimnisvoller Mantel,
+der vom Himmel gefallen ist und die Göttin umhüllt.«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es,« entgegnete Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist
+ein Teil der Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild
+weilt. Karthago ist mächtig, weil es diesen Mantel
+besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich habe dich
+hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!«
+</p>
+
+<p>
+Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch
+einem abscheulichen Frevel nicht helfen!«
+</p>
+
+<p>
+»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie
+verfolgt dich, und du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich!
+Sie soll dir untertan werden! Du wirst fast unsterblich
+und unüberwindbar sein!«
+</p>
+
+<p>
+Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben.
+Wir haben weder Flucht, noch Beistand, noch Vergebung
+zu erhoffen! Welche Strafe der Götter brauchst du aber
+zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den Händen
+hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage
+elend im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des
+Pöbels auf einem Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines
+Tages wirst du in Karthago einziehen, von den Priestern
+umringt, die deine Sandalen küssen! Und wenn dich dann
+noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du
+ihn in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben
+ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel
+besitzen mögen, doch ohne Tempelraub zu begehen.
+Er überlegte sich, ob er das Heiligtum wirklich rauben
+müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er spann seinen
+Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte
+stehen, wo er davor erschrak.
+</p>
+
+<p>
+»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide
+raschen Schritts, Seite an Seite, ohne zu sprechen.
+</p>
+
+<p id="p098">
+Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher.
+Die beiden Männer kamen in enge Gassen,
+die in tiefem Dunkel lagen. Die geflochtenen Matten,
+mit denen die Türen verhängt waren, schlugen gegen die
+Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor
+Haufen von Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger
+Bäume. Ein Rudel Hunde bellte sie an. Plötzlich weitete
+sich die Aussicht, und sie erblickten die Westseite der Akropolis.
+Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine lange düstere
+Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von
+Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen
+Mauer aus groben Steinen umgrenzt. Spendius
+und Matho kletterten darüber.
+</p>
+
+<p>
+Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain,
+der zum Schutz gegen die Pest und gegen verunreinigte
+Luft angelegt war. Hier und da standen Zelte, in denen
+man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel, Wohlgerüche,
+Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin
+und Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke
+eingeritzt.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo
+der Mond nicht schien, fanden keine Gottesdienste statt.
+Trotzdem verlangsamte Matho seine Schritte, und vor den
+drei Ebenholzstufen, die in die zweite Umzäunung führten,
+blieb er stehen.
+</p>
+
+<p>
+»Weiter!« ermunterte ihn Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle
+unbeweglich, wie aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig
+miteinander ab. Der blaue Kies des Weges knirschte
+unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte ein
+Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen.
+Sie kamen vor ein eirundes Becken, über dem
+ein Gitter lag. Matho, den die Stille bedrückte, sagte
+zu Spendius:
+</p>
+
+<p>
+»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.«
+</p>
+
+<p>
+»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte
+der ehemalige Sklave, »in der Stadt Maphug!«
+</p>
+
+<p>
+Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr
+hinauf in die dritte Einzäunung.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren
+Zweige waren über und über mit Bändern und Halsketten
+behängt, &ndash; von den Gläubigen dargebracht. Nach ein
+paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die Tempelfassade.
+</p>
+
+<p>
+Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform
+der Halbmond ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus,
+deren Architrave auf dicken Pfeilern ruhten. Über den
+Enden der Gänge und an den vier Ecken des Turmes
+flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle
+waren mit Granaten und Koloquinten geschmückt. An den
+Wänden wechselten Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe
+miteinander ab, und ein Zaun aus Silberfiligran
+bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe,
+die von der Vorhalle abwärts führte.
+</p>
+
+<p>
+Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer
+smaragdnen Stele ein Steinkegel. Matho küßte sich beim
+Vorbeigehen die rechte Hand.
+</p>
+
+<p>
+Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose Öffnungen
+durchbrachen die Decke, so daß man beim Aufsehen die
+Sterne erblickte. Ringsum an den Wänden standen Rohrkörbe,
+mit Bärten und Haaren angefüllt, den Erstlingsopfern
+junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden
+Saales wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel
+ein weiblicher Körper hervor. Das dicke bärtige Gesicht
+hatte halbgeschlossene Augen und einen lächelnden
+Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße
+des dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten
+Quergang, in dem ein Miniaturaltar an einer
+Elfenbeintür stand. Hier war der Gang zu Ende. Nur
+die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel war
+kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte
+Wohnung einer Gottheit.
+</p>
+
+<p>
+»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran
+hast du nicht gedacht! Wir wollen umkehren!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte
+den Mantel haben! Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute &ndash; Spendius
+glaubte nur an Orakel &ndash;, sondern weil
+er überzeugt war, daß die Karthager, seiner beraubt,
+tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu
+finden, schlichen sie hinten um den Tempel herum.
+</p>
+
+<p>
+Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen
+in verschiedener Bauart. Hier und da ragte ein steinerner
+Phallus empor. Große Hirsche streiften friedlich umher
+und brachten mit ihren gespaltenen Hufen abgefallene
+Pinienäpfel ins Rollen.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange
+Galerien, die nebeneinander herliefen. Sie enthielten
+Reihen kleiner Zellen. An den Zedernholzsäulen hingen
+von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor den
+Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre
+Leiber trieften von Salben und dufteten nach Spezereien
+und Weihrauch. Sie waren mit Tätowierungen, Halsbändern,
+Ringen, Zinnober- und Antimonmalereien derart
+bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen
+ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf
+der Erde lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen
+Springbrunnen schwammen Fische. Weiter hinten, an
+der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit gläsernen
+Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein
+der Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und
+über die Gesichter der Schläferinnen.
+</p>
+
+<p>
+Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die
+Zedernholzwände ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung,
+die Wohlgerüche, das Spiel der Lichter, die
+Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all diesem
+mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn
+eins mit der Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus
+neue Nahrung, wie die großen Lotosblumen, die aus der
+Tiefe des Wassers emporwuchsen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem
+beim Verkauf von so vielen Frauen wie diese hier verdient
+hätte, und mit raschem Blick schätzte er im Vorübergehen
+die goldnen Halsbänder ab.
+</p>
+
+<p>
+Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich
+wie aus der andern. Sie kehrten wieder zurück in den
+unbedeckten Gang. Während Spendius suchte und spähte,
+hatte sich Matho vor der elfenbeinernen Tür niedergeworfen
+und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den Tempelraub
+nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten
+zu besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten
+zu richten pflegt.
+</p>
+
+<p>
+Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung.
+»Steh auf!« sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit
+dem Rücken an die Wand stellen. Dann setzte er einen
+Fuß auf Mathos Hände, den andern auf seinen Kopf,
+gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und
+verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf
+seine Schulter den mit Knoten versehenen Strick fallen,
+den Spendius sich um den Leib gewickelt hatte, ehe sie
+sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer klomm mit beiden
+Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite
+seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle.
+</p>
+
+<p>
+Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches.
+Die Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen
+zeigte allein schon, daß man damit überhaupt nicht
+rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle Mauern.
+Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus.
+Die beiden gingen darauf zu. Es war ein brennendes
+Lämpchen in einer Muschel vor dem Sockel eines Standbildes,
+dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das lange
+blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten
+übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die
+in die Steinfliesen eingelassen waren. Matho unterdrückte
+einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!« stammelte er.
+Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten.
+</p>
+
+<p>
+»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem
+folgte er ihm.
+</p>
+
+<p>
+Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als
+ein schwarzes Wandgemälde, das eine Frau darstellte.
+Die Beine liefen an der einen Wand empor, und der
+Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing
+an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern
+Wand neigte sich der Körper hinab, mit dem Kopfe
+nach unten, so daß die Fingerspitzen den Steinboden berührten.
+</p>
+
+<p>
+Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden
+Teppich zurück. Der Luftzug blies ihr Licht aus.
+</p>
+
+<p>
+Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes
+umher. Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter
+ihren Füßen. Funken knisterten und sprühten. Sie
+schritten wie durch Feuer. Spendius betastete den Boden
+und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen ausgeschlagen
+war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes,
+kaltes, feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen
+hinglitt. Durch schmale Spalten im Mauerwerk
+drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In diesem Dämmerdunkel
+schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große
+schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl
+es ... sie kommt!«
+</p>
+
+<p>
+»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr
+hier!«
+</p>
+
+<p>
+Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen.
+Dann erblickten sie rings an den Wänden eine
+Unmenge von Tierkarikaturen mit erhobenen Tatzen, die
+sich in geheimnisvollem, fürchterlichem Wirrwarr durcheinander
+drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte
+Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten,
+Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen,
+und Elefanten mit erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze
+Adler durch die blaue Luft schwebten. In gräßlicher
+Kraftentfaltung reckten alle ihre unvollständigen oder
+verdoppelten Glieder, und auf ihren hervorschießenden
+Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen. Alle
+Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als
+wäre die Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte
+sich über die Wände dieser Halle ergossen.
+</p>
+
+<p>
+Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise
+an den Wänden, von Ungeheuern in Tigergestalt getragen.
+Ihre Augen quollen weit vor, wie die der Schnecken.
+Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe
+wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen
+Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die
+Allbefruchterin, die zuletzt Erschaffene.
+</p>
+
+<p>
+Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen,
+Federn, Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge
+trug sie silberne Zimbeln, die ihre Wangen berührten.
+Ihre großen Augen blickten starr, und auf
+ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt,
+ein leuchtender Stein, der den ganzen Saal erhellte und
+über der Tür in roten Kupferspiegeln widerstrahlte.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen
+Füßen nach, und plötzlich begannen die Kugeln sich
+zu drehen, die Ungeheuer zu brüllen. Dazu erklang
+Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie der
+Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum.
+Matho hatte das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie
+hoch wie die Halle, als breite sie die Arme aus. Plötzlich
+schlossen die Ungeheuer ihre Rachen, und die Kristallkugeln
+standen wieder still.
+</p>
+
+<p>
+Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die
+Luft, bis sie endlich verhallten.
+</p>
+
+<p>
+»Und der Mantel?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte
+man ihn finden? Wenn ihn die Priester nun versteckt
+hatten? Matho empfand einen Stich durch das Herz. Er
+kam sich wie genarrt vor.
+</p>
+
+<p>
+»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete
+ihn. Er zog Matho hinter den Wagen der Tanit, wo
+eine Spalte, eine Elle breit, die Mauer von oben bis unten
+durchschnitt.
+</p>
+
+<p>
+Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so
+hoch war, daß man das Gefühl hatte, sich im Innern
+einer Säule zu befinden. In der Mitte schimmerte ein
+großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein Sessel.
+Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges
+Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei
+Armen.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne
+funkelten. Aus tiefen Falten leuchteten Figuren hervor:
+Eschmun mit den Erdgeistern, wiederum einige Ungeheuer,
+die heiligen Tiere der Babylonier und andre, die den
+beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein
+Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die
+langen Enden waren an der Wand hochgezogen und mit
+den Zipfeln daran befestigt. Es schillerte blau wie die
+Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie die
+Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd
+und duftig. Das war der Mantel der Göttin,
+der heilige Zaimph, den kein Mensch anschauen durfte.
+</p>
+
+<p>
+Sie erbleichten beide.
+</p>
+
+<p>
+»Nimm ihn!« gebot Matho endlich.
+</p>
+
+<p>
+Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt,
+machte er den Mantel los, der zu Boden glitt. Matho
+hob ihn auf. Dann steckte er seinen Kopf durch den Halsausschnitt
+und breitete die Arme aus, um das Gewebe
+besser zu betrachten.
+</p>
+
+<p>
+»Fort!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich rief er aus:
+</p>
+
+<p>
+»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht
+mehr vor ihrer Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich?
+Jetzt bin ich mehr als ein Mensch! Ich könnte durch
+Flammen schreiten, über das Meer wandeln! Begeisterung
+reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin
+dein Herr und Meister!«
+</p>
+
+<p>
+Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher
+von Gestalt und wie verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging
+auf, und ein Mann erschien, ein Priester mit hoher Mütze.
+Er riß die Augen weit auf. Ehe er aber eine Bewegung
+gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte ihn
+mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche
+in die Seiten gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten
+auf die Fliesen. Dann standen sie eine Weile
+ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und lauschten.
+Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die
+offene Tür.
+</p>
+
+<p>
+Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn.
+Matho folgte. Sie befanden sich fast unmittelbar an der
+dritten Umwallung, zwischen den Seitenhallen, in denen
+die Priesterwohnungen waren.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange
+führen. Sie beschleunigten ihre Schritte.
+</p>
+
+<p>
+Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder
+und wusch sich das Blut von den Händen. Die Frauen
+schliefen noch. Der smaragdene Weinstock glänzte. Sie
+setzten ihren Weg fort.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und
+Matho, der den Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand
+von unten ganz sacht daran zupfte. Es war ein großer
+Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk frei herumliefen.
+Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich
+um einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen,
+aus Furcht, er möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte
+sich sein Ärger, und er trabte wiegenden Ganges
+mit seinen langen herabhängenden Armen neben ihnen
+her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze
+in einen Palmbaum.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre
+Schritte nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff,
+daß es erfolglos war, Matho davon abbringen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz,
+den Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn.
+An einer Mauerecke fuhr ein Mann vor ihnen zurück, erschreckt
+durch den glänzenden Gegenstand, der die Finsternis
+durchstrahlte.
+</p>
+
+<p>
+»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.
+</p>
+
+<p>
+Endlich erkannten sie die Häuser von Megara.
+</p>
+
+<p>
+Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel
+weithin mit rotem Schein, und der Schatten des
+Palastes mit seinen übereinander getürmten Terrassen fiel
+über die Gärten hin wie eine ungeheure Pyramide. Sie
+drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit
+ihren Dolchen einen Weg bahnten.
+</p>
+
+<p>
+Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der
+Söldner. Zäune waren niedergerissen, Wasserrinnen versiegt,
+Kerkertüren standen offen. In der Nähe der Küchen
+und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho und Spendius
+wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach
+als hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten,
+die in ihren Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln
+des lohenden Aloefeuers auf dem Leuchtturm.
+</p>
+
+<p>
+Matho wiederholte immer von neuem:
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!«
+</p>
+
+<p>
+»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien.
+Ihre Sklaven werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft
+wird man dich niedermachen.«
+</p>
+
+<p>
+So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte
+empor und glaubte ganz oben einen matten Lichtschimmer
+zu bemerken. Spendius wollte ihn zurückhalten, aber der
+Libyer stürmte die Stufen hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter
+zum ersten Male erblickt hatte, schwand die ganze
+inzwischen verflossene Zeit aus seinem Gedächtnisse. Noch
+eben hatte Salambo da zwischen den Tischen gesungen.
+Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts
+getan, war nur die Treppe emporgestiegen ... Der
+Himmel zu seinen Häupten flammte in Feuer. Das
+Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt weitete
+sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer
+höher, mit der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum
+empfindet.
+</p>
+
+<p>
+Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte
+ihn an seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner
+Hoffnung wußte er jetzt nicht mehr, was er tun sollte, und
+diese Unsicherheit machte ihn scheu.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen
+Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In
+mehreren wähnte er schlafende Menschen zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen
+Würfel auf der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es
+langsam.
+</p>
+
+<p>
+Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das
+die kleinen Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren
+regelmäßigen Abständen sahen sie in der Dunkelheit wie
+Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote Tür mit dem
+schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen
+mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf.
+</p>
+
+<p>
+Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in
+der Tiefe des Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem
+silbernen Kiel entglitten, zitterten über das hohe Getäfel,
+dessen rote Bemalung von schwarzen Streifen unterbrochen
+ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen Balken; sie
+waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt.
+Von der einen Langseite des Gemaches zur
+andern zog sich ein niedriges Lager aus weißem Leder
+hin, und darüber öffneten sich in der Wand in Muschelform
+gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand
+bis zum Boden herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am
+Rande standen ein Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut
+und ein Krug aus Alabaster. Daneben bemerkte
+man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche erfüllten
+die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und
+Glas ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten
+Stein hinging, war es ihm, als ob seine Füße einsänken
+wie in Sand.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges
+himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden
+Ketten frei schwebte. Er schritt mit krummem
+Rücken und offenem Mund darauf los.
+</p>
+
+<p>
+Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen
+zwischen Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen
+und Elfenbeinspateln umher. An Antilopenhörnern
+steckten Fingerringe und Armreifen. Tongefäße, die in
+der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen, kühlten
+im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den
+Füßen an, denn der Fußboden bestand aus Flächen von
+ungleicher Höhe, die den Raum gewissermaßen in eine
+Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde umgab
+ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten
+Teppich. Endlich gelangte er an das Hängebett, neben
+dem ein Ebenholzschemel zum Hinaufsteigen diente.
+</p>
+
+<p>
+Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag
+wie ein großer Vorhang darüber. Man konnte nur einen
+Zipfel der roten Matratze erkennen und die Spitze eines
+kleinen bloßen Fußes, der auf dem Knöchel ruhte. Matho
+nahm behutsam die Lampe herab.
+</p>
+
+<p>
+Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den
+andern Arm hatte sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in
+solcher Lockenfülle, daß sie auf schwarzen Federn zu ruhen
+schien. Ihr weites weißes Gewand schmiegte sich in weichen
+Falten den Biegungen ihres Körpers an und reichte
+bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen
+Lidern sah man ein wenig von den Augen. Senkrecht
+herabfallende Vorhänge hüllten die Schlummernde in bläuliche
+Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen teilten
+sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar
+hin und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte
+um das Lager.
+</p>
+
+<p>
+Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt.
+Da fing das Mückennetz mit einem Male Feuer.
+Es verflog. Salambo erwachte.
+</p>
+
+<p>
+Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte
+sprach kein Wort. Die Lampe warf lange, wie Wellen
+rieselnde Lichtstreifen auf die Täfelung.
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das?« fragte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»Der Mantel der Göttin!«
+</p>
+
+<p>
+»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus.
+</p>
+
+<p>
+Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den
+Rand ihres Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!«
+fuhr er fort. »Schau!«
+</p>
+
+<p>
+Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.
+</p>
+
+<p>
+»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst
+du mir im Traume, doch ich erriet den stummen Befehl
+deiner Augen nicht!« Sie setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel.
+»Hätte ich ihn verstanden, so wäre ich herbeigeeilt.
+Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht
+aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich
+durch die Höhle von Hadrumet ins Schattenreich hinab!
+Vergib! Wie Berge lastete es auf meinem Leben,
+und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu gelangen!
+Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ...
+Komm! Du mußt mir folgen! Oder, wenn du nicht
+willst, so bleib ich! Mir ist's gleichgültig ... Ersticke
+meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen meine
+Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände
+drücke!«
+</p>
+
+<p>
+»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!«
+</p>
+
+<p>
+Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über
+das Marienglas der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig
+in die Kissen ihres Lagers zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Ich liebe dich!« schrie Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Gib her!« stammelte sie.
+</p>
+
+<p>
+Sie näherten sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden
+Gewande. Ihre großen Augen starrten auf den Mantel.
+Matho betrachtete sie einen Augenblick, vom Glanz ihres
+Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr den Zaimph entgegen
+und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme
+aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander
+eine Weile fest in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein
+Schauder. Ihre feinen Augenbrauen zogen sich empor,
+ihre Lippen öffneten sich. Sie zitterte. Dann aber schlug
+sie auf eine der Metallscheiben, die an den Zipfeln der
+roten Matratze herabhingen, und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser!
+Verfluchter! Her zu mir, Taanach! Krohum!
+Eva! Mizipsa! Schahul!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen
+den Tonkrügen auftauchte, zischelte:
+</p>
+
+<p>
+»Flieh! Sie kommen!«
+</p>
+
+<p>
+Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten.
+Ein Strom von Menschen: Frauen, Lakaien und
+Sklaven stürzte in das Gemach mit Spießen, Keulen,
+Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie gelähmt,
+als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen
+ein Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die
+Eunuchen erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.
+</p>
+
+<p>
+Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt,
+sah er aus wie ein Sternengott im Firmament.
+Die Sklaven wollten sich auf ihn stürzen. Salambo hielt
+sie zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!«
+</p>
+
+<p>
+Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt
+tat sie einen Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen
+Arm gegen ihn aus und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß,
+Rache, Mord und Qual! Möge Gurzil, der Gott der
+Schlachten, dich zerreißen, Matisman, der Gott der
+Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man
+nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!«
+</p>
+
+<p>
+Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert
+durchbohrt.
+</p>
+
+<p>
+Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!«
+</p>
+
+<p>
+Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit
+gesenktem Haupte langsam mitten hindurch. An der Tür
+konnte er nicht weiter, weil sich der Zaimph an einem
+der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte. Mit
+einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und
+eilte die Treppen hinab.
+</p>
+
+<p>
+Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über
+die Hecken und Wassergräben und entkam aus den Gärten.
+Er gelangte an den Unterbau des Leuchtturms. Die
+Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das Ufer
+hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich
+auf den Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze
+Höhe hinunter. Dann erreichte er schwimmend das Vorgebirge
+der Gräber, machte einen weiten Bogen um die
+Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der
+Barbaren zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe
+auf dem Rückzuge schritt Matho dahin, furchtbare Blicke
+um sich werfend.
+</p>
+
+<p>
+Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war
+vom Palast ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne,
+wo die Akropolis lag. Die einen sagten, der Schatz der
+Republik sei aus dem Molochtempel geraubt. Andre
+munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte
+man, die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern
+hinauskommen sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte
+ihn. Alsbald erhob sich lautes Geschrei. Der
+Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand eine
+große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der
+Burg, von der Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte
+die Menge herbei. Die Patrizier verließen ihre Häuser, die
+Händler ihre Läden, die Mütter ihre Kinder. Man griff
+zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das Hindernis,
+das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie
+sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick
+war schon Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine
+Berührung brachte den Tod.
+</p>
+
+<p>
+In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester
+verzweifelt die Arme. Patrouillen der Garde sprengten
+ziellos umher. Man stieg auf die Häuser, auf die
+Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das Mastwerk
+der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei
+jedem seiner Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken.
+Die Straßen wurden bei seinem Erscheinen leer,
+und der Strom der Fliehenden brandete auf beiden Seiten
+zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall erblickte
+Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten verschlungen
+hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste.
+Salambos Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren
+Kehlen wider.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer.
+Steine sausten. Aber alle diese Geschosse waren schlecht
+gezielt, aus Furcht, den Zaimph zu treffen, und so flogen
+sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem gebrauchte er
+den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts,
+bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger
+wußten nicht, was sie tun sollten. Er ging immer
+schneller und lief in die offenen Straßen hinein. Sie waren
+mit Seilen, Karren und Schlingen gesperrt, so daß er bei
+jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich erreichte
+er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden
+waren. Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem
+Tode Verfallener. Jetzt war er verloren. Die Menge
+klatschte in die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war
+riesenhoch, ganz aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln
+und ehernen Platten beschlagen. Matho warf sich dagegen.
+Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen,
+als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine
+Sandale, spie darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen
+Torflügel. Die ganze Stadt stieß ein Wutgeheul
+aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte
+Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen
+wirren Augen an. Seine Schläfen pochten wild, er war
+halbtot, betäubt wie ein Trunkener. Plötzlich gewahrte
+er die lange Kette, die zur Handhabung des Hebebaums
+diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und
+hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da
+sprangen die riesigen Torflügel endlich auf.
+</p>
+
+<p>
+Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern
+und hielt ihn hoch über seinen Kopf. Vom Seewind
+gebläht, schillerte und schimmerte das Gewebe in der Sonne
+mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und Götterbildern.
+So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten
+der Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück
+entschwand.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch06">VI</h2>
+
+<h2>Hanno</h2>
+
+
+<p>
+»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend
+zu Spendius. »Hätte sie erfassen sollen und aus
+ihrem Hause reißen! Niemand hätte mir entgegenzutreten
+gewagt.«
+</p>
+
+<p>
+Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf
+dem Rücken und ruhte sich aus. Neben ihm stand ein
+großer Tonkrug mit Honigwasser, in den er von Zeit zu
+Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu tun.
+</p>
+
+<p>
+»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals
+nach Karthago hineinkommen?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius.
+Diese Gleichgültigkeit erbitterte den Libyer.
+</p>
+
+<p>
+»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst
+du mich, und dann läßt du mich im Stich! Feigling
+du! Warum soll ich dir gehorchen? Bildest du
+dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave,
+du Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und
+erhob seine breite Hand gegen Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte
+matt am Zeltmast, an dem der Zaimph über der aufgehängten
+Rüstung schimmerte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich
+seinen Küraß um und nahm seinen Helm.
+</p>
+
+<p>
+»Wohin willst du?« fragte Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer
+mir entgegentritt, den zertret ich wie eine Viper! Ich
+töte sie, Spendius! Ja, ich töte sie, du sollst sehen, daß
+ich sie töte!«
+</p>
+
+<p>
+Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph
+herunter, warf ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke
+darüber. Draußen erhob sich Stimmengewirr. Fackeln
+leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa zwanzig
+Männern begleitet.
+</p>
+
+<p>
+Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne
+Halsbänder, Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell.
+Sie blieben am Eingang stehen und stützten sich auf
+ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf ihre Hirtenstäbe.
+Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte
+Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen,
+der sein weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte
+ihm eine Straußenfeder über die Schulter herab. Ein
+beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen. Seine Blicke
+waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen
+Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.
+</p>
+
+<p>
+Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern
+zu verbünden. Die Republik bedrohe seit langem sein
+Reich. Es sei also sein eigner Vorteil, wenn er die Barbaren
+unterstütze; aber auch ihnen könne er von Nutzen
+sein.
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde euch Elefanten liefern &ndash; in meinen Wäldern
+sind ihrer eine Unmenge &ndash; Wein, Öl, Gerste, Datteln,
+Pech und Schwefel für die Belagerungen, zwanzigtausend
+Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn ich mich
+an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der
+Besitz des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht
+hat. Überdies«, setzte er hinzu, »sind wir ja alte Freunde.«
+</p>
+
+<p>
+Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle
+sitzend zuhörte und durch ein leises Nicken mit dem Kopfe
+seine Zustimmung verriet. Naravas sprach weiter. Er
+rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte Karthago.
+Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß.
+Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul
+aus. Durch ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus,
+er nehme das Bündnis an.
+</p>
+
+<p>
+Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes
+Schaf herbei, Wahrzeichen von Tag und Nacht, und
+schlachtete sie am Rand einer Grube. Als sie mit Blut
+gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre Arme hinein.
+Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos
+Brust, und dieser die seine auf die Brust des Naravas.
+Dasselbe Blutzeichen drückte man auf die Leinwand der
+Zelte. Man verbrachte alsdann die Nacht beim Schmause.
+Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen, die Hörner
+und Hufe wurden verbrannt.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen
+war, hatte ihn ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die
+nicht kanaanitischen Glaubens waren, merkten an ihrer
+vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist nahe war.
+Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen.
+Die geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem
+Barbarensinn, Matho als rechtmäßigen Besitzer anzusehn.
+So dachten die Söldner afrikanischer Herkunft. Die andern,
+deren Haß gegen Karthago nicht so alt war, wußten
+nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie Schiffe
+gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer
+Heimat zu.
+</p>
+
+<p>
+Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle
+Stämme im punischen Gebiet.
+</p>
+
+<p>
+Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure
+Steuern von ihnen, und mit Ketten, Beil oder Kreuz
+ward jede Verzögerung, jedes Murren bestraft. Sie
+mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern,
+was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe
+zu besitzen. Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre
+Bewohner als Sklaven verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten
+wurden nach den Summen geschätzt, die
+sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern unmittelbar
+unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten,
+die nur einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter
+schwärmten die Nomaden, die man nötigenfalls
+auf jene losließ. Durch dieses System waren die Ernten
+stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die
+Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein
+Kenner in Dingen der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung,
+war noch zweiundneunzig Jahre später höchlichst
+erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den er
+in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck
+habgierigster Eifersucht.
+</p>
+
+<p>
+Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen
+verdoppelt, so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus
+ihre Tore geöffnet hatten. Zur Strafe hatte man
+ihnen tausend Talente &ndash; das sind über vier Millionen
+Mark &ndash; zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub
+und bedeutende Vorauslieferungen von Getreide
+auferlegt. Die Häuptlinge der Stämme aber waren gekreuzigt
+oder den Löwen vorgeworfen worden.
+</p>
+
+<p>
+Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die
+Hauptstadt, verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts
+ihrer Mauern lag es im Sumpf am Binnensee,
+zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das starr nach
+ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die
+Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es
+hatte Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt.
+Die Esser unreiner Speisen fanden hier sofort Wehr und
+Waffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen
+ein allgemeiner Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich
+erdrosselte man in den Bädern die Vertreter und Beamten
+der Republik, holte die alten Waffen, die man versteckt
+hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus
+den Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an
+den Türschwellen, und die Weiber gaben ihre Halsbänder,
+Ringe und Ohrringe hin, und alles, was irgendwie zur
+Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder wollte
+dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die Lanzenbündel
+wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh
+und Geld. Matho zahlte den Söldnern rasch den rückständigen
+Sold, und diese Tat, deren Vater Spendius
+war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der
+Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen
+die Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven.
+Negerkarawanen wurden aufgegriffen und bewaffnet,
+und Kaufleute, die nach Karthago zogen, schlossen sich
+den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen
+zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis
+konnte man sehen, wie das Heer anwuchs.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette
+von Posten der Garde und neben ihnen in bestimmten
+Abständen eiserne Bottiche, in denen flüssiger Asphalt brodelte.
+Drunten in der Ebene wogte die gewaltige Menge
+der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren unschlüssig,
+voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets
+vor Festungen zu empfinden pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis
+zurück. Als phönizische Kolonien &ndash; gleich Karthago &ndash; hatten
+sie ihre eignen Regierungen und ließen in die
+Verträge, die sie mit der Republik schlossen, immer von
+neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit
+aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere Schwester,
+die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß
+ein Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im
+Gegenteil: man war überzeugt, daß die Söldner mit
+Stumpf und Stiel vernichtet würden. Daher wünschte
+man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu verhalten.
+</p>
+
+<p>
+Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos
+Feinde sie keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief
+drinnen an einem Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago
+von auswärts Hilfe zu schicken. Fiel Utika allein,
+so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden weiter nordwestlich
+an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt, von
+dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.
+</p>
+
+<p>
+Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos.
+Naravas war dagegen. Man müsse sich zunächst
+der umliegenden Orte bemächtigen. Das war ebenso
+die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so
+wurde bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt
+angreifen sollten. Das dritte Heer sollte sich
+an Tunis anlehnen und die Ebene vor Karthago besetzen.
+Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in sein
+Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit
+seiner Reiterei die Zugangsstraßen aufklären.
+</p>
+
+<p>
+Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß.
+Sie gelüstete es nach dem Geschmeide der punischen Damen.
+Auch die Libyer erhoben Widerspruch. Man habe sie
+gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man ab. Die
+Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine
+Landsleute sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer
+aus dem Westen und von den Inseln, während alle, die
+Griechisch sprachen, dem Spendius folgten, seiner Klugheit
+wegen.
+</p>
+
+<p>
+In Karthago war das Erstaunen groß, als man das
+Heer plötzlich aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen
+Bergen die Straße nach Utika hin, auf der Seeseite.
+Eine Abteilung blieb vor Tunis stehen. Der Rest
+verschwand und tauchte erst am andern Gestade des Golfes
+wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich
+verlor.
+</p>
+
+<p>
+Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen
+Städte, so meinten sie, würden keinen Widerstand
+leisten. Alsdann sollte es von neuem gegen Karthago
+gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt bereits
+vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt.
+Die Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne
+Beihilfe der Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger
+nicht wie in Rom Steuern zahlten. Ein höherer politischer
+Geist fehlte in Karthago. Seine unersättliche
+Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die weitblickender
+Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande
+vor Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche
+Arbeit. Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten,
+und der geringste Sturm erschütterte seinen Riesenleib.
+</p>
+
+<p>
+Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und
+durch all das Hin- und Herfeilschen mit den Barbaren
+vergeudet und vertan worden. Man brauchte aber Soldaten,
+und keine Großmacht traute der Republik! Erst
+kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal
+zehn Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte
+der Raub des heiligen Mantels allgemeine Entmutigung
+zur Folge. Spendius hatte das richtig vorhergesehn.
+</p>
+
+<p>
+Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld
+und seine Götter am Herzen, und seine Vaterlandsliebe
+wurde durch die Art seiner Regierung genährt.
+</p>
+
+<p id="p124">
+Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug,
+sie an sich zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden
+an das Gemeinwesen. Die Männer kanaanitischer Abkunft
+hatten das Vorrecht des Handels. Indem sie den Ertrag
+der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten
+und den Grund und Boden, die Sklaven und
+Armen maßlos ausbeuteten, waren etliche zu Reichtum
+gelangt. Nur dieser erschloß die obersten Staatsämter;
+und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern
+forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil
+ein jeder emporzukommen hoffte.
+</p>
+
+<p>
+Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen
+Großen Rat aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig
+den Rat der Alten bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben
+existierte ein Staatsgerichtshof, das Kollegium der
+Hundertmänner. Auch diese waren Ratsmitglieder, repräsentierten
+aber eine Behörde für sich von beträchtlichem
+Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden
+von den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf
+Ratsmitgliedern bestanden. Die beiden alljährlich aus
+der Gerusia neugewählten Suffeten waren Schattenkönige,
+die weniger Macht hatten als die Konsuln in Rom.
+Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit sie
+sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über
+den Krieg beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ
+der Große Rat sie kreuzigen.
+</p>
+
+<p>
+Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus,
+das heißt von einem großen Hofe im Mittelpunkte von
+Malka, an der Stelle, wo nach der Überlieferung einst
+die erste Barke mit phönizischen Matrosen gelandet war.
+Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab
+es eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart,
+aus Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren
+voneinander geschieden, um die Einzelverbände getrennt
+aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich dort massenweise
+den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und
+die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis
+zur Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie
+ihre Ruhebetten auf die Plattform hinaufschaffen, die entlang
+der Hofmauer hinlief. Von unten sah man sie dann
+hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und Mäntel,
+mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien
+glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den
+Schenkkannen herabhingen, alle stark und wohlbeleibt,
+halbnackt, fröhlich, lachend und in freier blauer Luft
+schmausend, wie sich große Haifische im Meer ergötzen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen:
+sie waren allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den
+Pforten und begleitete sie bis zu ihren Palästen, um ihnen
+Neuigkeiten zu entlocken. Wie in Pestzeiten waren alle
+Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und leerten sich
+ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief
+nach dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat
+Versammlungen ab. Schließlich ward das Volk auf den
+Khamonplatz berufen, und man beschloß, sich an Hanno
+zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.
+</p>
+
+<p>
+Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos
+gegen die Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte
+kamen denen der Barkiden gleich. Niemand besaß
+so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten wie er.
+</p>
+
+<p>
+Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger,
+ließ Geschütze auf den Türmen aufstellen und brachte übermäßige
+Waffenvorräte zusammen. Sogar den Bau von
+vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man zurzeit
+gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst
+gebucht und beurkundet würde.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm,
+zu den Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine
+große Sänfte die Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe
+emporschwanken. Nachts in seinem Palaste, da er nicht
+schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer Stimme Kommandos,
+um sich auf den Krieg vorzubereiten.
+</p>
+
+<p>
+Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig.
+Schon beim ersten Hahnenschrei versammelten
+sich die Patrizier längs der Straße der Mappalier
+und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im Lanzenfechten.
+Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es
+öfters Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft
+auf die Gräber, dann begann man von neuem. Manche
+unterwarfen sich sogar einer bestimmten Lebensweise. Die
+einen bildeten sich ein, daß man viel essen müsse, um
+Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von
+ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten.
+Aber Hanno wollte nicht ausrücken, solange auch nur
+eine Schraube noch an den Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor
+allein drei Monate mit der Ausrüstung der hundertundzwölf
+Elefanten, die in Kasematten untergebracht waren.
+Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk liebte
+sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug
+behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen,
+mit denen man ihre Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne
+vergolden, ihre Türme vergrößern und die schönsten Purpurdecken
+mit ganz schweren Fransen für sie anfertigen.
+Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier
+nannte &ndash; ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus
+Indien gekommen waren &ndash;, alle nach indischer Sitte zu
+kleiden, mit weißen Turbanen und baumwollenen Pumphosen,
+die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften
+bauschten.
+</p>
+
+<p>
+Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt
+durch einen Wall, der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen
+und auf seinem Kamme mit Heckenhindernissen
+versehen worden war. Hier und da hatten die Neger
+hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen,
+Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen
+darangehängt, die dem Feind entgegengrinsten und
+ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten sich die Barbaren
+unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander
+und machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago
+dem baldigen Untergang geweiht sei. Jeder andre
+als Hanno hätte diese Soldateska, die durch einen Vieh-
+und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit behindert
+war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen,
+war sie taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust
+und verlangte schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten.
+</p>
+
+<p>
+Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen
+rollend, vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt,
+zog er seinen Waffenrock von Robbenhaar aus, löste das
+Band, das seine langen roten Haare zusammenhielt, und
+tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß er ehedem
+nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf
+dem Eryx zu den Römern übergegangen war.
+</p>
+
+<p>
+Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren
+Strahlenglanz. Dann brütete der Golf und das offene
+Meer unbeweglich wie geschmolzenes Blei. Eine braune
+lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb wirbelnd heran.
+Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte
+Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann
+röchelte der Gallier, die Lippen an die Löcher seines Zeltes
+pressend, vor Erschöpfung und Schwermut. Er träumte
+vom Herbstmorgenduft der Weiden, von Schneeflocken,
+vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen;
+und indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen
+strohgedeckten Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen
+und ihren Schein über das Moor hinhuschen zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl
+sie ihnen nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager
+konnten nämlich jenseits des Golfes an den Hängen des
+Burgberges die über die Höfe gespannten Zeltdächer
+ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von
+Wachen umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame
+Kette geschmiedet. Jeder trug ein Halseisen. Die
+Menge ward nicht müde, sie anzugaffen. Die Weiber
+zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen Gewänder,
+die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten
+Glieder hingen.
+</p>
+
+<p>
+Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn
+von neuem Wut über die ihm dereinst angetane Beschimpfung.
+Ohne den Schwur, den er Naravas geleistet,
+hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte der Gallier
+in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und
+Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst
+wieder am hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.
+</p>
+
+<p>
+Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem
+Meer in Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen,
+und auf den Höhen, die sie beherrschten, zog sich überdies
+eine mit Türmen verstärkte Mauer hin. Matho hatte
+noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet. Dazu
+peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er
+träumte vom Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte
+sich sein Stolz an ihr rächen. Es war ein qualvolles,
+wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar daran, sich
+als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er
+erst in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach
+ließ er zum Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten,
+auf den Damm, den man im Meere aufzuschütten
+versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen los,
+warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem
+Schwerte um sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem
+Gewirr. Die Sturmleitern brachen krachend zusammen,
+und Massen von Menschen stürzten ins Wasser, das in
+roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ
+das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück, &ndash; um
+baldigst wieder von neuem zu stürmen.
+</p>
+
+<p>
+Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte
+sich mit dem Arm das blutbespritzte Gesicht ab und starrte
+nach dem Horizont in der Richtung auf Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen,
+dehnten sich zwei große Teiche, die mit einem See
+in Verbindung standen, dessen Ufer in der Ferne verschwammen.
+Hinter einem Berge stiegen weitere Berge auf, und
+aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine
+Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des
+Golfes, wellten sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte
+Wogen, während das Meer, glatt wie eine Platte aus
+Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das Grün der
+Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen.
+Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe.
+Weinreben hingen von den Wipfeln der
+Sykomoren herab. Man hörte Wasser rauschen. Haubenlerchen
+hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen
+vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen
+hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen.
+</p>
+
+<p>
+Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf
+den Boden, grub seine Nägel in den Sand und weinte.
+Er fühlte sich elend, gebrochen, verlassen. Niemals würde
+er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine Stadt zu erobern
+vermochte!
+</p>
+
+<p>
+Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete
+er den Zaimph. Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel
+regten sich im Geiste des Barbaren. Dann wieder schien
+es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand der Göttin mit
+Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe
+ein Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er
+betastete es, sog seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht
+darein und küßte es unter Tränen. Er hing es sich wieder
+um die Schultern, um sich selbst zu täuschen, und er bildete
+sich ein, er sei wieder bei ihr.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht
+schritt er über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel
+gehüllt, schliefen. Vor den Toren des Lagers schwang er
+sich dann auf ein Pferd, und zwei Stunden später war er
+vor Utika im Zelte des Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war
+nur gekommen, um von Salambo zu reden und so seinen
+Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte ihn zur Vernunft.
+</p>
+
+<p>
+»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine
+Seele! Einst gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer!
+Und wenn auch Karthago nicht erobert wird, so muß man
+uns doch wenigstens Provinzen abtreten, und wir sind
+Könige!«
+</p>
+
+<p>
+Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht
+den Sieg? Spendius meinte, man müsse es abwarten.
+Matho bildete sich ein, der Mantel übe seine Wunderkraft
+nur auf Männer kanaanitischen Stammes aus, und
+mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich
+wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber
+jene verloren haben, kann er auch ihnen nicht helfen.«
+</p>
+
+<p>
+Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete,
+Moloch zu beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der
+Libyer, anbete, und so fragte er Spendius ängstlich, welchem
+von beiden man guttäte, ein Menschenopfer zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend.
+</p>
+
+<p>
+Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte,
+daß der Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht
+reden wolle.
+</p>
+
+<p>
+In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme
+auch alle Religionen zusammen. Man achtete die
+Götter der andern, denn auch sie erregten Schrecken.
+Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren heimischen
+Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten,
+so brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation
+Unheil oder Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett,
+das man zufällig bei Gefahr fand, ward zur Gottheit.
+Oder es war oft nur ein Name, nichts als ein
+Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur
+versuchte, seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel
+geplündert, viele Völker und manche Metzelei gesehen
+hatte, so war manchem nur noch der Glaube an Tod und
+Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der
+Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse
+des olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er
+sich, im Dunkeln laut zu reden, und er versäumte nie, jeden
+Morgen zuerst seinen rechten Fuß in den Stiefel zu stecken.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen.
+Doch in dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich
+auch der Stadtwall. Was die einen zerstörten, ward von
+den andern fast unmittelbar wieder aufgebaut. Spendius
+schonte seine Leute und brütete über allerlei Plänen. Er
+suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er
+auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam
+nur Naravas nicht zurück? Man war voller Besorgnis
+und Unruhe.
+</p>
+
+<p>
+Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer
+mondlosen Nacht ließ er seine Elefanten und Soldaten
+auf Flößen über den Golf von Karthago setzen. Dann
+umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit
+auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit
+weiter, daß man am dritten Tage, statt die Barbaren im
+Morgengrauen zu überraschen, wie der Suffet es berechnet
+hatte, erst gegen Mittag an Ort und Stelle gelangte.
+</p>
+
+<p>
+Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher
+Richtung bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten
+Winkel zu dieser Ebene mündete dicht südlich Utika
+von Südwesten her ein Tal, von zwei niedrigen Höhenzügen
+umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren
+hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen,
+um auch den Hafen im Gesichtskreise zu haben.
+Sie schliefen in ihren Zelten &ndash; an diesem Tage ruhte
+nämlich Freund wie Feind kampfesmüde &ndash;, als hinter dem
+Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte.
+</p>
+
+<p>
+Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt
+auf den Flügeln aufgestellt. In der vordersten
+Front ritt die Garde in ihren goldenen Schuppenpanzern
+auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und Ohren,
+die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit
+sie Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen
+marschierte junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen
+auf dem Kopf, in jeder Hand einen Wurfspieß aus
+Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des
+schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber
+mit Waffen überladen. Man sah manche, die eine Lanze,
+eine Streitaxt, eine Keule und zwei Schwerter trugen.
+Andre starrten wie Stachelschweine von Wurfspießen,
+während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten
+Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen
+die hohen Gerüste der Kriegsmaschinen. Karroballisten,
+Onager, Katapulte und Skorpione schwankten auf
+Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen
+gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte,
+um so emsiger eilten die Hauptleute bald nach rechts und
+bald nach links, um unter lauten Befehlen geschlossene
+Ordnung, Fühlung und Marschrichtung aufrecht zu erhalten.
+Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren, prunkten
+in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in
+den Riemen ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter,
+über und über mit Zinnober bestrichen, glänzten
+unter ungeheuren Helmen, auf denen sich Göttergestalten
+abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten Elfenbeinrändern
+leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die
+Söldner sie höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen.
+Sie schrien ihnen zu, sie würden ihnen demnächst
+die dicken Bäuche erleichtern, die Vergoldung von der Haut
+klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.
+</p>
+
+<p>
+Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt
+war, ward eine Standarte von grüner Leinwand gehißt:
+das war das Zeichen zum Kampfe.
+</p>
+
+<p>
+Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem
+gewaltigen Lärm ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und
+Flöten aus Eselskinnbacken. Die Barbaren waren bereits
+über die Palisaden gesprungen. Beide Heere standen einander
+auf Speerwurfweite gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte
+eine Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem
+er die nötigen Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang
+ein Elfenbeinschild, und die beiden Heere wurden
+handgemein.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren
+Lanzenspitzen in die Nüstern, so daß sie sich überschlugen
+und auf ihre eignen Reiter fielen. Die Sklaven hatten
+zu große Steine geschleudert, die deshalb unweit vor
+ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen
+mit ihren langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen
+ihre rechte Flanke ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen
+die Reihen und machten sie rottenweise nieder.
+Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie nichts
+sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte.
+Dieses Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern,
+Schwertern und Gliedmaßen drehte sich um sich selbst,
+dehnte sich aus und zog sich elastisch wieder zusammen.
+Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr.
+Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am
+Ende verschwand sogar die Sänfte des Suffeten, seine
+große kristallglitzernde Sänfte, die man seit Kampfesbeginn
+immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und niederwogen
+sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne
+Zweifel war Hanno gefallen! Alsbald sahen sich die
+Barbaren allein.
+</p>
+
+<p>
+Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits
+zu singen. Da erschien Hanno in eigenster Person auf
+einem Elefanten. Barhäuptig saß er unter einem baumwollnen
+Sonnenschirm, den ein hinter ihm stehender Neger
+hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern klirrte
+über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika. Diamantreifen
+umspannten seine dicken Arme. Sein Mund
+war geöffnet. Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der
+Spitze wie eine Lotosblume aussah, glänzte heller als
+ein Spiegel. Alsbald dröhnte der Erdboden, und die Barbaren
+sahen in einer einzigen Linie die sämtlichen Elefanten
+Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten Stoßzähnen,
+ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern.
+Auf ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme,
+in denen je drei Bogenschützen mit großen gespannten
+Bogen standen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen.
+Sie bildeten aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der
+Schreck machte sie starr und ratlos.
+</p>
+
+<p>
+Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse
+und Bleimassen auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten
+sich an den Fransen der Decken fest und wollten
+hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln die Hände
+ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der
+andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen
+entzwei. Die Elefanten brachen in die Reihen ein, wie
+Eber in ein Gebüsch. Sie rissen mit ihren Rüsseln die
+Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager von einem Ende
+zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die
+Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung
+hinter den Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das
+die Karthager marschiert waren.
+</p>
+
+<p>
+Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ
+er die Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen
+oben auf einem Turme in einer Scharte der Brustwehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete
+Gäste aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte
+man ein, ihn mit einem schwachen Geleit einzulassen. Für
+die Elefanten waren die Straßen zu eng. Sie mußten
+draußen bleiben.
+</p>
+
+<p>
+Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier,
+ihn zu begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen
+und rief seine Köche.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl
+gefüllten großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor
+ihm ausgespannt. Aus ihr, als Tisch, schmauste er im Bade
+Flamingozungen mit Mohnkörnern in Honigsauce. Neben
+ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein
+griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes
+Öl nachgießen. Zwei Knaben lagen über die Stufen des
+Beckens gebeugt und massierten dem Badenden die Beine.
+Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner politischen
+Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an
+den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte,
+überlegte er sich, welch gräßliche Züchtigung er für sie
+erfinden solle.
+</p>
+
+<p>
+»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen
+Hand schrieb. »Man führe ein paar von den Gefangenen
+herein! Ich will sie sehen!«
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten
+Raumes, in dem die Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten,
+trieb man alsbald drei Barbaren herbei: einen Samniter,
+einen Spartiaten und einen Kappadokier.
+</p>
+
+<p>
+»Schreib weiter!« rief Hanno.
+</p>
+
+<p>
+»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen
+Hunde ausgerottet! Segen über die Republik!
+Ordnet Gebete an!« Da erblickte er die Gefangnen und
+brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von Sikka!
+Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch!
+Erkennt ihr mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter?
+Ihr seid schreckliche Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als
+wolle er sich verstecken, als fürchte er sich vor ihnen. »Ihr
+habt Gäule, Weiber, Land, Ämter verlangt, natürlich, und
+Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land schicken, das ihr
+nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr umarmen,
+ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus
+geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe
+Stellen will ich euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe,
+damit euch die Geier recht nahe sind ...«
+</p>
+
+<p>
+Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren
+blickten ihn an, ohne zu verstehen, was er sagte. Man
+hatte die an den Knien Verwundeten gefangen, indem
+man ihnen Stricke überwarf. Die Enden ihrer schweren
+Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno
+ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend.
+</p>
+
+<p>
+»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer!
+Mist! Und ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt! &ndash; Man
+soll ihnen lebendig das Fell abziehen!
+Auf der Stelle!«
+</p>
+
+<p>
+Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen.
+Das wohlriechende Öl floß durch eine plumpe Bewegung
+seines Körpers über und umschäumte seine schuppige
+Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr fort zu diktieren:
+</p>
+
+<p>
+»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand
+gelitten. Beim Übergang über den Makar Verluste
+an Maultieren. Trotz der starken Stellung hat der
+außerordentliche Mut ... &ndash; Demonades! Ich habe große
+Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!«
+</p>
+
+<p>
+Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns.
+Der Weihrauch in den breiten Pfannen wirbelte
+stärker, und die nackten Badeknechte, die wie Schwämme
+schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit einer
+Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch,
+Myrrhen, Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher
+Durst verzehrte ihn. Aber den Mann im gelben
+Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm einen
+goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte.
+</p>
+
+<p>
+»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen
+Schlangen in das Mark der Knochen dringe,
+und fasse Mut, du Ebenbild der Götter! Du weißt überdies,
+daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne
+in der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit
+herrührt. Sie verblassen wie die Flecken auf deiner
+Haut. Du wirst also nicht daran sterben.«
+</p>
+
+<p>
+»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß
+nicht daran sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte
+ein Atem, ekelhafter als die Ausdünstung eines
+Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle seiner wimpernlosen
+Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein
+Klumpen runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und
+sahen dadurch um so größer aus, und die tiefen Furchen,
+die in Halbkreisen um seine Nasenflügel liefen, verliehen
+ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen
+eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie
+Brüllen.
+</p>
+
+<p>
+»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In
+der Tat, hier: mehrere Geschwüre haben sich geschlossen!
+Ich fühle mich kräftig. Da, sieh nur, wie ich esse!«
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust
+als aus Prahlerei und um sich selbst zu beweisen, daß
+er gesund sei, an die Farce von Käse und Majoran, an
+die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern, Eier, Rettiche,
+Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen
+Vögel. Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen
+und weidete sich in Gedanken an der ihnen bevorstehenden
+Marter. Doch da fiel ihm Sikka ein, und die Wut über
+all seinen damaligen Ärger entlud sich in Schmähungen
+gegen die drei Männer.
+</p>
+
+<p>
+»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte!
+Ihr habt mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten!
+Eure Dienste? Den Lohn für euer Blut? Habt ihr
+nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie zu
+sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben!
+Nicht einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser,
+sie nach Karthago mitzunehmen? Als Staffage für mich?
+Doch ... ganz gewiß hab ich nicht Ketten genug mitgebracht ...
+Schreib: Sendet mir ... &ndash; wieviele Gefangene
+sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach!
+Fort! Nur kein Mitleid! Man bringe mir in Körben
+ihre abgehauenen Hände!«
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei,
+heiser und doch schrill, in das Gemach und übertönte Hannos
+Stimme und das Klirren der Schüsseln, die man ihm
+auftafelte. Es ward immer stärker, und plötzlich erscholl
+das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht von
+neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte
+es laut.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren
+zu verfolgen. Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert,
+mit ihrem Gepäck, ihren Dienern und ihrem ganzen
+fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren schönen, perlengeschmückten
+Zelten, während das Söldnerlager draußen
+in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war.
+Spendius hatte seinen Mut wiedergefunden. Er sandte
+Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze und sammelte
+seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend.
+Man ordnete sich wieder in Reih und Glied, voller Wut,
+daß man ohne Kampf besiegt worden war. Da entdeckte
+man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar von den
+Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ
+sofort Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie
+mit dem Erdöl, zündete es an und ließ die Tiere auf
+Utika hetzen.
+</p>
+
+<p>
+Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die
+Flucht und liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße
+nach. Da machten sie Kehrt und schlitzten den Karthagern
+mit ihren Stoßzähnen die Leiber auf oder erdrückten
+und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den
+Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische
+Lager, das keinen Wall hatte, wurde beim ersten
+Anlauf genommen und geplündert. Die Karthager wurden
+gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht
+vor den Söldnern wollte man nicht öffnen.
+Der Tag brach an. Von Westen her sah man Mathos
+Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten Reiterscharen
+auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern.
+Sie setzten über Hecken und Gräben weg und hetzten die
+Flüchtlinge, wie Jagdhunde die Hasen. Dieser Wechsel
+des Kriegsglücks überraschte den Suffeten. Er schrie, man
+solle ihm aus dem Bade helfen.
+</p>
+
+<p>
+Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da
+flüsterte ihm ein Neger &ndash; der nämliche, der in der Schlacht
+seinen Sonnenschirm trug &ndash; ein paar Worte ins Ohr.
+</p>
+
+<p>
+»Ach so?« entgegnete der Suffet langsam. »Ja, töte
+sie!« fügte er in barschem Tone hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Der Äthiopier zog einen langen Dolch aus seinem Gürtel,
+und die drei Köpfe fielen. Einer davon rollte über
+die Reste des Mahls und fiel in das Badebecken. Eine
+Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die
+Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust.
+Ihr Blut strömte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen.
+Ein Teppich von Blut rann über die Mosaik, die
+mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet tauchte die
+Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie
+damit! Es galt dies als Heilmittel.
+</p>
+
+<p>
+Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge
+aus der Stadt. In der Richtung auf die Berge
+wollte er sein Heer einholen. Er fand nur die Trümmer
+davon wieder.
+</p>
+
+<p id="p142">
+Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Höhe über
+einem Paß, als sich die Truppen des Spendius in der
+Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten Lanzen, gegen die Vorhut
+ihrer Marschkolonne gerichtet, hätte man sie leicht aufhalten
+können. Doch die Karthager ließen sie in höchster
+Bestürzung vorübermarschieren. Hanno erkannte bei der
+Nachhut den Fürsten der Numidier. Naravas neigte
+sich zum Gruß und machte dabei ein Zeichen, das der
+Karthager nicht verstand.
+</p>
+
+<p>
+Unter allerhand Nöten gelangte man nach Karthago zurück.
+Nur des Nachts ward marschiert, tagsüber verbarg
+man sich in den Olivenwäldern. Auf jeder Rast starben
+Leute. Mehrere Male glaubte man sich völlig verloren.
+Endlich ward das Hermäische Vorgebirge erreicht, wo
+Schiffe sie aufnahmen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno war so ermüdet, so verzweifelt &ndash; besonders bedrückte
+ihn der Verlust der Elefanten &ndash;, daß er Demonades
+um Gift bat, um seinem Leben ein Ende zu machen.
+Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen.
+Die Expedition hatte beinahe eine Million Mark,
+achtzehn Elefanten, vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert
+Patrizier, achttausend Bürger, Getreide für drei Monate,
+beträchtlich viel Gepäck und sämtliche Kriegsmaschinen
+gekostet. Der Abfall des Naravas stand außer
+Zweifel. Die beiden Belagerungen begannen von neuem.
+Autarits Heer dehnte sich jetzt von Tunis bis Rades
+aus. Von der Höhe der Akropolis sah man in der
+Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen.
+Das waren die brennenden prächtigen Landsitze der karthagischen
+Patrizier. Ein einziger Mann konnte die Republik
+noch retten. Man bereute es, ihn verkannt zu haben,
+und selbst die Friedenspartei stimmte dafür, den Göttern
+Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurückkehre.
+</p>
+
+<p>
+Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschüttert.
+Nachts glaubte sie die Schritte der Göttin zu hören und
+wachte mit entsetztem Schrei auf. Tagtäglich ließ sie
+Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief sich beim
+Ausführen ihrer Befehle müde, und Schahabarim verließ
+sie nicht mehr.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch07">VII</h2>
+
+<h2>Hamilkar Barkas</h2>
+
+
+<p>
+Der Mondsignalist, der allnächtlich auf dem Dache
+des Eschmuntempels wachte und mit seiner Trompete
+die Bewegungen des Gestirns verkündete, bemerkte eines
+Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der
+mit langen Flügeln über die Meeresfläche hinglitt.
+Es war ein Schiff mit drei Ruderreihen. Am Bug trug
+es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne ging auf. Der Beobachter
+hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff
+er rasch zu seiner Trompete und ließ ihren ehernen Ruf
+weit über Karthago hin erschallen.
+</p>
+
+<p>
+Aus allen Häusern stürzten Menschen. Man wollte dem
+Gerücht nicht glauben. Man stritt sich. Der Außenkai
+war mit Volk bedeckt. Endlich erkannte man die Trireme
+Hamilkars.
+</p>
+
+<p>
+In stolzer, trotziger Haltung näherte sich das Schlachtschiff.
+Die Rah genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt,
+das dreieckige Segel in der ganzen Mastlänge gebläht,
+so durchschnitt es den Schaum der Wogen, indes
+seine riesigen Ruder das Wasser taktmäßig schlugen. Von
+Zeit zu Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten
+Kieles zum Vorschein, und unter dem Rammsporn,
+in den der Bug auslief, leuchtete der Elfenbeinkopf
+des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine über die
+Meeresfläche zu galoppieren schienen.
+</p>
+
+<p>
+Am Vorgebirge, wo der Wind aufhörte, sank das Segel,
+und man sah neben dem Lotsen einen Mann unbedeckten
+Hauptes stehen. Das war er. Der Suffet Hamilkar!
+Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein
+roter Mantel, an den Schultern befestigt, ließ seine Arme
+frei. Zwei sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren,
+und sein dichter schwarzer Bart wallte ihm bis auf die
+Brust herab.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen
+und dann den Kai entlang. Die Menge folgte ihr
+auf dem Pflaster und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser
+Befreier! Die Patrizier sind an allem schuld! Sie
+wollen dich umbringen! Sei auf der Hut, Barkas!«
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere
+und der Lärm der Schlachten taub gemacht hätten. Doch
+als er unter der großen Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur
+Akropolis führte, erhob er das Haupt und betrachtete, die
+Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann schweifte
+sein Blick noch höher hinauf in den weiten klaren Himmel.
+Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl
+zu. Die Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem
+Götterbilde, das am Vorsprunge des Außenkais aufgestellt
+war, um die Stürme zu bannen, und durch den länglichen
+Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und Fruchtschalen
+war. Sie stieß und drängte die Kauffahrteischiffe
+beiseite, die an Pfählen befestigt lagen und in Krokodilsrachen
+ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten
+heranzuschwimmen. Doch schon war die Galeere
+am Ende des Handelshafens vor dem nägelbeschlagenen
+Tor. Es rasselte in die Höhe, und die Trireme verschwand
+in der Tiefe der Wölbung.
+</p>
+
+<p id="p146">
+Der Kriegshafen war von der Stadt völlig abgeschlossen.
+Wenn Gesandte kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern
+durch einen Gang geleitet, der durch die westliche
+Hafenmauer nach dem Khamontempel führte. Die weite
+Wasserfläche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale
+und von einem Kai mit zweihundertzwanzig radial
+angeordneten Schiffshallen &ndash; für je eine Pentere &ndash; eingefaßt.
+Vor ihnen, über den Trennungsmauern der Dockrinnen,
+ragte je eine Säule mit Ammonshörnern an den
+Kapitälen. Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe,
+ein Säulengang, ringsum das Hafenrund. In der Mitte,
+auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus.
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser war so klar, daß man bis auf das weiße
+Kieselsteinpflaster des Grundes hinabsehen konnte. Der
+Straßenlärm drang nicht bis hierher. Im Vorbeifahren
+erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er früher befehligt
+hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig.
+Sie lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt,
+andre aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck
+und geschweiften Schnäbeln, die mit Vergoldungen und
+mystischen Symbolen geschmückt waren. Die Schimären
+hatten ihre Flügel verloren, die Götterbilder ihre Arme,
+die Stiere ihre silbernen Hörner. Alle diese Schiffe waren
+verblichen, untätig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen
+und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten
+umweht. Wie invalide Soldaten, die ihren alten
+Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm zuzurufen:
+»Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!«
+</p>
+
+<p>
+Niemand außer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus
+betreten. Solange man nicht den Beweis für seinen
+Tod hatte, betrachtete man ihn als noch am Leben. Die
+Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher weniger.
+Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht
+verstoßen.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet betrat die öden Räume. Auf Schritt und
+Tritt sah er Rüstzeug, Gerät und Gegenstände wieder, die
+ihm bekannt waren und ihn im Augenblick doch überraschten.
+In der Vorhalle lag in einer Opferpfanne
+noch die Asche des Räucherwerks, das bei der Abfahrt
+verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwören.
+So hatte er nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er
+vollbracht und erlebt, zog wieder an seinem Geiste vorüber:
+die Sturmangriffe, die Feuersbrünste, die Legionen, die
+Seestürme, Drepanum, Syrakus, Lilybäum, der Ätna,
+die Hochfläche des Eryx, fünf Jahre voller Kämpfe &ndash; bis
+zu dem Unglückstage, an dem man die Waffen niedergelegt
+und Sizilien verloren hatte. Dann wieder sah
+er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen Bergen,
+und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das
+neue Karthago, das dort drüben erstehen sollte. Pläne
+und Erinnerungen schwirrten ihm durch den Kopf, der
+noch vom Schwanken des Schiffes betäubt war. Bangigkeit
+bedrückte ihn, und plötzlich empfand er das Bedürfnis,
+sich den Göttern zu nahen.
+</p>
+
+<p>
+Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf,
+entnahm einer goldnen Muschel, die an seinem Arme hing,
+einen Schlüssel und öffnete ein kleines Gemach, dessen
+Wände ein Eirund bildeten.
+</p>
+
+<p>
+Durch dünne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen
+und durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches
+Licht. Zwischen den Reihen dieser gleichgroßen Scheiben
+waren Nischen in der Wand, wie in Grabkammern für die
+Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler, schwerer
+Stein. Menschen von höherer Einsicht verehrten diese
+vom Mond gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshöhen
+gekommen, waren sie Symbole der Gestirne, des Himmels
+und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie an die
+dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang
+aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfüllte
+diesen geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der
+Wind durch die Tür hereingetrieben hatte, überzog die
+runden Steine in den Nischen mit leichtem Weiß. Hamilkar
+zählte sie mit der Fingerspitze, einen nach dem andern.
+Dann hüllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier
+und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Draußen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben.
+Zweigartige Schatten, kleine Hügel, wirbelnde Linien,
+unbestimmte Tierformen zeichneten sich auf den matthellen
+Platten ab. Das Licht drang hindurch, grausig und doch
+friedsam, wie es hinter der Sonne in den düsteren Werkstätten
+der Schöpfung sein mag. Hamilkar bemühte sich,
+aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen
+der Götter zu verbannen, um besser den unwandelbaren
+Geist zu erfassen, den der äußere Schein verbirgt.
+Etwas von der Lebenskraft der Planeten durchdrang ihn,
+und er empfand gegen den Tod und alle Wechselfälle
+des Lebens eine bewußt tiefe Verachtung. Als er sich
+erhob, war er heiteren Mutes, unzugänglich der Furcht
+und dem Mitleid; und um sich ganz frei zu fühlen, bestieg
+er den Söller des Turmes, der Karthago hoch überragte.
+</p>
+
+<p>
+In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten:
+Karthago mit seinen Kuppeln, Tempeln und Golddächern,
+seinem Häusermeer, den hie und da dazwischen gestreuten
+Palmengruppen, den vielen feuersprühenden Glaskugeln.
+Die Wälle bildeten gleichsam die gigantische
+Rundung des Füllhorns, das sich vor ihm ausgoß. Er
+sah unter sich die Häfen, die Plätze, das Innere der
+Höfe, das Netz der Straßen und ganz klein die Menschen,
+kaum vom Pflaster unterscheidbar.
+</p>
+
+<p>
+Ach, wäre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den
+Ägatischen Inseln nicht zu spät gekommen!
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften,
+und er streckte zitternd beide Arme aus in der Richtung
+nach Rom.
+</p>
+
+<p>
+Die Menge füllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem
+Khamonplatze drängte man sich, um den Suffeten herauskommen
+zu sehen. Immer mehr Menschen bedeckten die
+Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grüßte ihn. Aber
+er zog sich zurück, um die Ungeduld des Volkes noch mehr
+zu reizen.
+</p>
+
+<p>
+Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Männer
+seiner Partei versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon,
+Yehubas und andre. Sie berichteten ihm alles, was sich
+seit dem Friedensschlusse zugetragen hatte: den Geiz der
+Alten, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre übertriebenen
+Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den
+Raub des Zaimphs, Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung.
+Niemand aber wagte ihm die Ereignisse zu berichten,
+die ihn persönlich betrafen. Schließlich trennte
+man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten
+im Molochtempel wiederzusehn.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar war kaum allein, als sich draußen vor der Tür
+Lärm erhob. Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand
+einzudringen, und da der Tumult zunahm, befahl
+der Suffet, den Unbekannten hereinzuführen.
+</p>
+
+<p>
+Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig,
+blöd dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite
+blaue Schleier gehüllt. Sie trat vor den Suffeten, und
+beide blickten sich eine Weile an. Plötzlich erbebte Hamilkar.
+Auf einen Wink seiner Hand gingen die Sklaven
+hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise mitzukommen,
+und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen. Er
+riß sie heftig wieder hoch.
+</p>
+
+<p>
+»Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?«
+</p>
+
+<p>
+»Da drüben, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich
+mit dem Ärmel das Gesicht. Die schwarze Farbe, das
+greisenhafte Zittern, der krumme Rücken, alles das verschwand.
+Jetzt stand ein kräftiger alter Mann da, dessen
+Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah.
+Auf seinem Haupte ragte ein Büschel weißer Haare
+hoch, wie der Federstutz eines Vogels. Mit einem spöttischen
+Blick wies er auf die am Boden liegende Verkleidung.
+</p>
+
+<p>
+»Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut!« Und
+ihn mit seinem scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte
+Hamilkar: »Es ahnt doch keiner etwas?«
+</p>
+
+<p>
+Der Greis schwur bei den Kabiren, daß das Geheimnis
+bewahrt sei. »Nie,« so sagte er, »verlassen wir unsre Hütte,
+die drei Tagereisen von Hadrumet fern liegt. Der Strand
+ist dort nur von Schildkröten bevölkert, und Palmenbäume
+wachsen auf den Dünen. Und wie du befohlen, Herr,
+lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.«
+</p>
+
+<p>
+»Er ist kräftig, nicht wahr?«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er fürchtet sich weder
+vor Schlangen, noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern.
+Barfuß wie ein Hirtenbub läuft er am Rande der Abgründe
+hin.«
+</p>
+
+<p>
+»Erzähl mir mehr! Sprich!«
+</p>
+
+<p>
+»Er erfindet Fallen für die wilden Tiere. Vorigen Mond &ndash; wirst
+du es glauben? &ndash; hat er einen Adler gefangen.
+Er brachte ihn hinter sich hergeschleppt, und die großen
+Blutstropfen des Vogels und des Kindes fielen wie abgeschlagene
+Rosen. Das wütende Tier schlug mit seinen
+Flügeln um sich. Der Junge erwürgte es an seiner Brust,
+und je matter es wurde, um so lauter und stolzer erscholl
+sein Lachen &ndash; wie Schwertergeklirr.«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen
+künftiger Größe.
+</p>
+
+<p>
+»Aber seit einiger Zeit quält ihn Unruhe. Er schaut
+immer nach den Segeln, die in der Ferne vorüberziehen.
+Er ist trübsinnig, will nicht essen, fragt nach den Göttern
+und will Karthago kennen lernen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Noch nicht!« rief der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar
+schreckte, und er fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Wie soll ich ihn zurückhalten? Schon muß ich ihm
+Versprechungen machen, und ich bin nur nach Karthago
+gekommen, um ihm einen Dolch mit einem silbernen perlenbesetzten
+Griff zu kaufen.« Dann erzählte er noch,
+daß er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei
+den Hafenwächtern für eine der Frauen Salambos ausgegeben
+hätte, um zu ihm zu gelangen.
+</p>
+
+<p>
+Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich
+sagte er:
+</p>
+
+<p>
+»Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara
+hinter der Purpurfabrik einfinden und dreimal den
+Schrei des Schakals nachahmen. Siehst du mich nicht,
+dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach Karthago
+zurück. Vergiß das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst
+du ihm von Hamilkar erzählen.«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie
+verließen zusammen das Haus und den Hafen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schritt zu Fuß und ohne Begleitung weiter,
+denn die Versammlungen der Alten waren bei außergewöhnlichen
+Umständen stets geheim, und man begab sich
+möglichst unauffällig dahin.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang,
+ging dann über den Gemüsemarkt, durch die Galerien von
+Kinisdo und das Stadtviertel der Spezereienhändler. Die
+wenigen Lichter erloschen, eins nach dem andern. Die
+breiteren Straßen wurden still. Alsbald huschten Schatten
+durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen
+dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Straße
+der Mappalier.
+</p>
+
+<p id="p152">
+Der Molochtempel stand am Fuß einer steilen Schlucht,
+an einem unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur
+endlos emporsteigende Mauern, gleich den Wänden eines
+ungeheuren Grabmals. Die Nacht war dunkel. Grauer
+Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem röchelnden,
+jammernden Geräusch gegen die Klippen schlug. Die
+Schatten verschwanden nach und nach, als seien sie in
+die Mauern hineingeschlüpft.
+</p>
+
+<p>
+Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich
+in einem weiten viereckigen Hofe, der rings von Säulengängen
+umgeben war. In der Mitte erhob sich ein
+großes achtseitiges Gebäude, von Kuppeln überragt, die
+ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte
+eine Art von Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel
+auf der Spitze abschloß.
+</p>
+
+<p>
+In zylinderförmigen Silberdrahtkörben auf Stangen,
+die von Männern getragen wurden, brannten Feuer.
+Bei jähen Windstößen flackerten die Flammen und warfen
+roten Schein auf die goldenen Kämme, die das geflochtene
+Haar der Fackelträger im Nacken hielten. Sie
+liefen hin und her und riefen einander, um die Alten
+zu empfangen.
+</p>
+
+<p>
+In bestimmten Abständen hockten auf den Steinfliesen &ndash; wie
+Sphinxe &ndash; ungeheure Löwen, lebendige Symbole der
+verzehrenden Sonne. Sie schliefen mit halbgeschlossenen
+Lidern. Die Schritte und Stimmen weckten sie auf. Sie
+erhoben sich gemächlich und trotteten den Alten entgegen.
+Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an
+ihren Beinen und krümmten unter lautem Gähnen den
+Rücken. Ihr Atem flog in das flackernde Fackellicht.
+Das Geräusch nahm zu. Türen schlossen sich.
+</p>
+
+<p>
+Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden
+unter den Säulen, die eine tiefe Vorhalle rings
+um den Tempel bildeten.
+</p>
+
+<p>
+In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Säulen
+die saturnische Periode in der Weise dar, daß die Jahre
+die Monate und die Monate die Tage umschlossen. Der
+innerste Säulenkreis stieß an die Mauer des Allerheiligsten.
+</p>
+
+<p>
+Dort legten die Alten ihre Stöcke aus Narwalhorn ab.
+Ein nie außer acht gelassenes Gesetz bestrafte nämlich
+jeden mit dem Tode, der in der Sitzung mit irgendeiner
+Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum ihres
+Gewandes einen Riß, zum Zeichen, daß sie bei der Trauer
+um den Tod ihrer Angehörigen ihre Kleider nicht geschont
+hatten. Doch verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter
+Purpurstreifen, daß er größer wurde. Andre trugen
+ihren Bart in einem Beutel aus veilchenblauem Leder,
+der mit zwei Bändern an den Ohren befestigt war. Alle
+begrüßten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten
+Hamilkar und beglückwünschten ihn. Man hätte
+meinen können, Brüder sähen einen Bruder wieder.
+</p>
+
+<p>
+Diese Männer waren in der Mehrzahl untersetzt und
+hatten gebogene Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche
+jedoch verrieten durch ihre vorspringenden Backenknochen,
+ihren höheren Wuchs und ihre schmäleren Füße
+afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die
+beständig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter.
+Andre verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst
+der Wüste, und seltsame Juwelen funkelten an allen
+Fingern ihrer Hände, die von fernen Sonnen gebräunt
+waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden
+Gang, während die Landwirte nach der Kelter, nach
+Heu und Maultierschweiß rochen. Diese alten Seeräuber
+waren Ackerbauer geworden, diese Wucherer rüsteten
+Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich Sklaven,
+die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den
+religiösen Bräuchen bewandert, in Ränken erfahren, unbarmherzig
+und reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre
+flammenden Augen blickten mißtrauisch. Das fortwährende
+Reisen und Lügen, Schachern und Befehlen hatte
+ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewalttätigkeit,
+eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit
+verliehen. Überdies verdüsterte sie die fromme Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst durchschritten sie einen gewölbten Saal, dessen
+Grundriß eiförmig war. Sieben Türen, den sieben Planeten
+entsprechend, bildeten an der Wand verschiedenfarbige
+Vierecke. Ein langes Gemach folgte. Dann ging
+es wieder in einen dem ersten ähnlichen Saal.
+</p>
+
+<p>
+Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, über und über
+mit ziselierten Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen
+Arme trug einen Kelch von Diamanten mit einem
+Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der langen
+Stufen, die zu einem großen Altar führten, dessen Ecken
+eherne Hörner schmückten. Zwei seitliche Treppen führten
+zur Altarplatte hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen.
+Sie glich einem Berg aufgehäufter Asche, auf
+dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam rauchte. Darüber,
+höher als der Kandelaber und viel höher als der
+Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer
+Männerbrust, in der eine weite Öffnung klaffte. Seine
+ausgespannten Flügel erstreckten sich über die Wand, und
+seine überlangen Hände reichten bis zum Boden hinab.
+Drei schwarze Steine mit gelben Rändern funkelten als
+drei Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er
+brüllen und als recke er mit furchtbarer Anstrengung
+seinen Stierkopf in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt.
+Hinter einem jeden stand auf drei Klauen ein
+eherner Fackelhalter. Die vielen Flammenscheine spiegelten
+sich in den Perlmutterrauten, mit denen der Fußboden
+getäfelt war. Der Saal war so hoch, daß das
+Rot der Wände gegen die Wölbung hin schwarz erschien,
+und die drei Augen des Götzenbildes hoch oben schimmerten
+wie halb im Dunkel verlorene Sterne.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie
+die Schleppen ihrer Gewänder über die Köpfe gezogen
+hatten. Unbeweglich saßen sie da, die Hände in ihren
+weiten Ärmeln übereinander gelegt. Der Perlmutterboden
+aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis
+zur Tür unter ihren bloßen Füßen hinrieselte.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte saßen, Rücken an Rücken, die vier Oberpriester
+auf vier Elfenbeinstühlen, die im Kreuz aufgestellt
+waren. Der Oberpriester Eschmuns war in ein
+hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in weißes
+Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs
+in Purpur.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar näherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn
+herum und betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute
+er wohlriechendes Pulver darauf. Violette Flammen
+loderten in den Kelchen auf.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete,
+und die hundert Alten, die vier Oberpriester und
+Hamilkar, der immer noch stand, stimmten einen Hymnus
+an. Sie wiederholten immerfort die gleichen Silben, verstärkten
+aber jedesmal den Ton, und so schwollen ihre Stimmen
+an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit
+einem Schlage schwiegen.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus
+seinem Busen eine kleine saphirblaue Statuette mit drei
+Köpfen und stellte sie vor sich hin. Das war das Bild der
+Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist seiner Worte machte.
+Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von plötzlicher
+Wut ergriffen, schrien alle durcheinander:
+</p>
+
+<p>
+»Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verräter!
+Verruchter! Du kommst zurück, um unsern Untergang anzusehen,
+nicht wahr? &ndash; Laßt ihn reden! &ndash; Nein, nein ...!«
+</p>
+
+<p>
+Sie rächten sich für den Zwang, den ihnen das staatsmännische
+Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl
+sie Hamilkars Rückkehr gewünscht hatten, so waren sie jetzt
+doch darüber entrüstet, daß er ihrem Unglück nicht vorgebeugt,
+oder vielmehr, daß er es nicht mit ihnen geteilt
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester
+Molochs auf.
+</p>
+
+<p>
+»Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago
+zurückgekehrt?«
+</p>
+
+<p>
+»Was geht das euch an?« antwortete der Suffet verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Das Geschrei ward noch einmal so groß.
+</p>
+
+<p>
+»Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg
+schlecht geführt? Ihr habt meine Schlachtpläne gesehen,
+ihr, die ihr gemütlich zulaßt, daß Barbaren ...«
+</p>
+
+<p>
+»Genug! Genug!«
+</p>
+
+<p>
+Mit leiser Stimme, damit schärfer darauf gehört würde,
+fuhr er fort:
+</p>
+
+<p>
+»Ach, wahrlich, ich täusche mich, ihr Gottbegnadeten!
+Es gibt doch noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich!«
+Er schritt mit halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar
+hin, als ob er jemanden suchte, wobei er wiederholte:
+»Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen. Sie
+werden dich schützen! Aber wo ist er?« Dann, als besänne
+er sich, gab er sich selbst zur Antwort: »Ach, gewiß
+in seinem Hause, im Kreise seiner Söhne. Er gebietet seinen
+Sklaven. Er ist glücklich. Er zählt an der Wand die
+Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!«
+</p>
+
+<p>
+Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben
+getroffen.
+</p>
+
+<p>
+»So wißt ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist?« Und
+ohne sich um ihr Geschrei zu kümmern, erklärte er: Indem
+sie den Suffeten im Stich gelassen hätten, sei die Republik
+selbst in Gefahr geraten. Auch der Friede mit Rom, so
+vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als zwanzig
+Schlachten.
+</p>
+
+<p>
+Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des
+Rates, die allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder
+zur Tyrannis zu neigen. Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten
+und Syssitienvorstände, hatten indessen die Majorität.
+Die Angesehensten hatten sich um Hanno geschart,
+der am andern Ende des Saals vor der hohen Tür saß,
+die ein hyazinthenblauer Vorhang verhängte.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte die Schwären seines Gesichts mit Schminke
+bestrichen. Der Goldpuder seiner Haare war ihm auf
+die Schultern gefallen und bildete dort zwei glänzende
+Flecke. Dadurch sah das Haar weißlich, dünn und kraus
+wie Wolle aus. Seine Hände waren mit Binden umwickelt,
+die mit wohlriechendem Öle getränkt waren, das
+auf den Boden herabtropfte. Seine Krankheit hatte sich
+offenbar beträchtlich verschlimmert, denn seine Augen
+verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu
+können, mußte er den Kopf zurückbiegen. Seine Anhänger
+veranlaßten ihn zu reden. Endlich begann er mit
+heiserer, widerwärtiger Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Weniger Anmaßung, Barkas! Wir alle sind besiegt
+worden! Jeder trage sein Unglück! Füge dich!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar lächelte und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Erzähle uns lieber, wie du unsre Penteren in die
+römische Flotte hineinmanövriert hast!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich wurde vom Winde getrieben,« gab Hanno zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+»Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist
+herumtrampelt. Du stellst deine eigne Dummheit zur
+Schau! Schweig!«
+</p>
+
+<p>
+Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei
+den Ägatischen Inseln anzuschuldigen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht
+entgegen gekommen.
+</p>
+
+<p>
+»Ei, dann hätte ich den Eryx entblößt. Du mußtest die
+offene See gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach,
+ich vergaß: die Elefanten haben ja alle Angst vor dem
+Meere!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, daß sie in
+ein lautes Gelächter ausbrachen. Die Wölbung hallte davon
+wider, als hätte man Pauken geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno wies auf das Unwürdige einer solchen Beleidigung
+hin. Er habe sich seine Krankheit bei der Belagerung von
+Hekatompylos durch eine Erkältung zugezogen. Dabei
+rannen ihm die Tränen über das Antlitz, wie ein Winterregen
+über eine verfallene Mauer.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Hättet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so
+wäre jetzt eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich
+euch um Hilfe angerufen! Und stets versagtet ihr mir
+das Geld!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir brauchten es selber!« erklärten die Syssitienvorstände.
+</p>
+
+<p>
+»Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den
+Urin unsrer Maultiere tranken und an den Riemen unsrer
+Sandalen nagten, als ich am liebsten Soldaten aus dem
+Erdboden gestampft und die Asche unsrer Toten zu Heerhaufen
+verwandelt hätte, da rieft ihr die Schiffe zurück,
+die mir noch geblieben waren!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen,« entgegnete
+Baat-Baal, der im darischen Gätulien Goldminen besaß.
+</p>
+
+<p>
+»Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Häusern,
+hinter euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po,
+die ihr aufreizen mußtet, Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt
+wären. Und während die Römer Gesandte an
+Ptolemäos schicken ...«
+</p>
+
+<p>
+»Jetzt rühmt er uns die Römer!«
+</p>
+
+<p>
+Irgend jemand anders schrie ihm zu: »Wieviel haben
+sie dir bezahlt, damit du sie verteidigst?«
+</p>
+
+<p>
+»Das frage die Ebenen von Brutium, die Trümmer von
+Lokri, Metapont und Heraklea! Ich habe alle ihre Bäume
+verbrannt, alle ihre Tempel geplündert, und bis zum Tod
+der Enkel ihrer Enkel ...«
+</p>
+
+<p>
+»Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst!«
+rief Kapuras, ein berühmter Kaufherr. »Was willst du
+denn eigentlich?«
+</p>
+
+<p>
+»Ich sage, man muß entweder klüger oder gefürchteter
+sein! Wenn ganz Afrika euer Joch abschüttelt, so geschieht
+es, weil ihr schwächliche Herrscher seid, nicht imstande,
+das Joch jemandem fest in den Nacken zu drücken!
+Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener
+Mann braucht nur zu landen, und schon hat er das Land
+erobert. Und wenn sich die Libyer im Osten mit den Numidiern
+im Westen verbrüdern, wenn die Nomaden von Süden
+und die Römer von Norden kommen ...« Ein Schrei des
+Entsetzens erhob sich. »Ja, dann werdet ihr an eure Brust
+schlagen, euch im Staube wälzen und eure Mäntel zerreißen!
+Dann hilft das alles nichts! Ihr werdet doch
+fortmüssen, um in der Suburra die Mühlen zu drehen und
+auf den Hügeln von Latium Wein zu lesen.«
+</p>
+
+<p>
+Sie schlugen sich mit den Händen auf den rechten Schenkel,
+um ihre Entrüstung auszudrücken, und die Ärmel ihrer
+Gewänder blähten sich wie die großen Flügel erschrockener
+Vögel.
+</p>
+
+<p>
+Immer noch auf der höchsten Stufe am Altare stehend,
+fuhr Hamilkar in heiligem Feuer bebend und drohend fort.
+Er erhob die Arme, und die Strahlen der hinter ihm
+lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern wie goldne
+Pfeile.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgüter,
+eure Wagen, eure Hängebetten und eure Sklaven, die
+euch die Füße reiben! Die Schakale werden in euren
+Palästen hausen, der Pflug wird eure Gräber umwühlen.
+Man wird nichts mehr hören als den Schrei der Adler
+über Haufen von Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!«
+</p>
+
+<p>
+Die vier Oberpriester streckten ihre Hände aus, um den
+Fluch abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der
+Meersuffet stand als priesterliches Oberhaupt unter dem
+Schutz der Sonne und war unverletzlich, solange ihn der
+Staatsgerichtshof der Hundert nicht verurteilt hatte. Vom
+Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen zurück.
+Hamilkar hatte aufgehört zu reden. Starren Blickes, im
+Gesicht bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend
+da, fast erschrocken über sich selbst. Sein Geist verlor
+sich in düstere Visionen. Von seinem erhöhten Standort
+erschienen ihm all die Fackeln auf den ehernen Trägern
+wie eine mächtige Flammenkrone, die auf den Fliesen lag.
+Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich
+in das Dunkel der Wölbung. Eine Weile war die Stille
+so tief, daß man das Rauschen des Meeres in der Ferne
+hörte.
+</p>
+
+<p>
+Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr
+Eigentum, ja ihr Dasein war durch die Barbaren bedroht.
+Aber man konnte diese ohne Hilfe des Suffeten nicht
+niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes schließlich
+maßgebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es
+gab selbstsüchtige Versöhnungen, geheime Abmachungen
+und feierliche Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf
+keinen Fall mehr mit der Regierung zu tun haben. Alle beschworen
+ihn. Man flehte ihn an. Als gar das Wort »Verrat«
+von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige Verräter
+sei der Große Rat. Denn da die Verpflichtung der
+Söldner mit dem Kriege erlösche, so seien sie mit dem
+Ende des Krieges frei geworden. Des weiteren übertrieb
+er ihre Tapferkeit und alle die Vorteile, die man daraus
+ziehen könne, wenn man sie durch Geschenke und Vorrechte
+wieder für die Republik gewönne.
+</p>
+
+<p>
+Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen,
+indem er seine gelben Augen rollte:
+</p>
+
+<p>
+»Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein
+Grieche oder ein Lateiner geworden, ich weiß nicht was!
+Was redest du von Belohnungen für diese Leute? Besser,
+daß zehntausend Barbaren zugrunde gehen als ein einziger
+von uns!«
+</p>
+
+<p>
+Die Alten nickten beifällig und murmelten: »Jawohl,
+wozu so viel Rücksichten? Barbaren findet man immer!«
+</p>
+
+<p id="p163">
+»Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht
+wahr? Man läßt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien
+getan habt. Man benachrichtigt den Feind einfach von
+dem Wege, den sie einschlagen müssen, wie bei jenen
+Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch wohl
+mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich
+das Felseneiland gesehen, noch ganz weiß von ihren
+Gebeinen!«
+</p>
+
+<p>
+»Welch ein Unglück!« meinte Kapuras schamlos.
+</p>
+
+<p>
+»Sind sie nicht hundertmal zum Feinde übergegangen!«
+schrien die andern.
+</p>
+
+<p>
+»Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach
+Karthago zurück? Und als sie dann in der Stadt sind,
+arm und in Menge, inmitten all eurer Reichtümer, da
+kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie durch die geringste
+Teilung zu schwächen! Ihr entlaßt sie mit Weib und Kind,
+allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurückzubehalten!
+Wähntet ihr, sie würden einander morden, um euch
+den Schmerz zu ersparen, eure Schwüre zu halten? Ihr
+haßt sie, weil sie stark sind! Mich, ihren Marschall, haßt
+ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben wohl, als ihr
+meine Hände küßtet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht
+hineinzubeißen.«
+</p>
+
+<p>
+Wären die Löwen, die draußen im Hofe schliefen, mit
+Gebrüll hereingestürzt, der Lärm hätte nicht furchtbarer
+sein können. Da erhob sich der Oberpriester Eschmuns,
+steif, die Knie gegeneinandergepreßt, die Ellbogen an den
+Körper gedrückt und die Hände halb geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+»Barkas!« sprach er. »Karthago bedarf deiner. Du mußt
+den Oberbefehl über die punischen Streitkräfte gegen die
+Barbaren annehmen!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weigere mich!« entgegnete Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden dir volle Gewalt geben!« riefen die Häupter
+der Syssitien.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!«
+</p>
+
+<p>
+»Ohne jede Überwachung! Alleinige Selbständigkeit!
+Du bekommst so viel Geld, als du forderst! Alle Gefangenen!
+Die ganze Beute! Vier Quadratfuß Land
+für jeden feindlichen Leichnam!«
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Weil es unmöglich ist, mit euch zu siegen!«
+</p>
+
+<p>
+»Er hat Furcht!«
+</p>
+
+<p>
+»Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmütig und unbesonnen
+seid!«
+</p>
+
+<p>
+»Er will die Soldateska schonen!«
+</p>
+
+<p>
+»Um sich an ihre Spitze zu stellen!« fügte irgendeiner
+hinzu.
+</p>
+
+<p>
+»Und über uns herzufallen!« versetzte ein andrer.
+</p>
+
+<p>
+Aus dem Hintergrunde aber brüllte Hanno:
+</p>
+
+<p>
+»Er will sich zum Könige machen!«
+</p>
+
+<p>
+Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln
+um. Dolche zückend, stürzten sie nach dem Altar. Doch
+Hamilkar griff in seine Ärmel und zog zwei breite Messer
+hervor. Vorgebeugt, den linken Fuß vorgesetzt, stand er
+mit zusammengepreßten Zähnen und flammenden Augen
+da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte
+sie trotzig an.
+</p>
+
+<p>
+Aus Vorsicht hatten sie also sämtlich Waffen mitgebracht!
+Das war ein Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig
+an. Doch da alle schuldig waren, beruhigte man sich
+rasch, und einer nach dem andern wandte dem Suffeten
+den Rücken und stieg, wütend über die Demütigung, wieder
+hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurück. Eine
+Weile blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern
+verletzt und führten sie zum Munde oder wickelten sie
+behutsam in den Saum ihrer Mäntel. Man wollte eben
+allgemein aufbrechen, da hörte Hamilkar die Worte:
+</p>
+
+<p>
+»Pfui! Er tut es aus Rücksicht auf seine Tochter! Er
+will sie nicht betrüben!«
+</p>
+
+<p>
+Und eine andre lautere Stimme schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Ohne Zweifel, denn sie wählt sich ja ihre Liebsten unter
+den Söldnern!«
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine
+raschen Augen Schahabarim. Der Priester der Tanit war
+allein auf seinem Platze verblieben, aber Hamilkar erblickte
+von weitem nichts als seine hohe Mütze. Die Versammlung
+lachte dem Suffeten höhnisch ins Gesicht. Je
+mehr seine Erbitterung wuchs, um so größer ward ihre
+Freude, und inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten
+Stehenden:
+</p>
+
+<p>
+»Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Eines Morgens im Monat Tammuz!«
+</p>
+
+<p>
+»Es war der Räuber des Zaimphs!«
+</p>
+
+<p>
+»Ein sehr schöner Mann!«
+</p>
+
+<p>
+»Größer als du!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar riß sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen
+seiner Würde, seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die
+in der Mitte eine Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte
+sie mit beiden Händen aus Leibeskräften zu Boden.
+Die goldnen Kronen zersprangen und prallten hoch, und
+die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte
+man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken,
+die sich wie eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen
+hinringelte. Alle Glieder zitterten ihm. Er stieg eine der
+Seitentreppen empor, die auf den Altar führten, und betrat
+ihn. Damit deutete er an, daß er sich dem Gotte weihte,
+sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte
+die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu
+Hamilkars Füßen befand, und der feine Staub, den seine
+Tritte aufwirbelten, umhüllte ihn bis zu den Lenden wie
+eine Wolke. Zwischen den Beinen des ehernen Kolosses
+blieb er stehen. Er nahm zwei Hände voll von der Asche,
+deren bloßer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben
+ließ, und sprach:
+</p>
+
+<p>
+»Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht
+Feuern der Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren
+und Vulkanen! Bei allem, was brennt! Beim Durste der
+Wüste und dem Salze des Meeres! Bei der Höhle von
+Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende
+aller Dinge! Bei der Asche eurer Söhne und der Asche
+der Brüder eurer Ahnen, mit der ich jetzt die meine menge!
+Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr habt gelogen,
+als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar Barkas,
+der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und
+der Herrscher des Volkes, ich schwöre vor Moloch dem
+Stierköpfigen ...« Man erwartete etwas Entsetzliches,
+doch er fuhr mit lauter und ruhiger Stimme fort: »... daß
+ich nicht einmal mit ihr darüber reden werde!«
+</p>
+
+<p>
+Die Tempeldiener, goldne Kämme im Haar, traten ein,
+mit Purpurschwämmen und Palmzweigen. Sie hoben
+den hyazinthblauen Vorhang auf, der vor die Türe gespannt
+war. Durch die Öffnung erblickte man im Hintergrunde
+der Säle den weiten rosenroten Himmel, der
+die Wölbung der Decke fortzusetzen schien und sich am
+Horizont auf das tiefblaue Meer stützte. Die Sonne erhob
+sich aus den Fluten und stieg empor. Ihre Strahlen
+trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zähnen
+starrender Rachen tat sich in schrecklichem Gähnen auf.
+Seine ungeheuern Nasenflügel erweiterten sich. Das helle
+Licht belebte ihn und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes
+Aussehen, als ob er sich hinausstürzen wollte, um sich
+mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen und mit ihm zusammen
+die Unendlichkeit zu durchstürmen.
+</p>
+
+<p>
+Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter,
+und ihr Widerschein goß hier und dort auf die Perlmutterfliesen
+rote Flecke wie von Blut hin. Die Alten taumelten
+vor Ermattung. Sie atmeten die frische Luft mit
+vollen Zügen. Schweiß rann über ihre bleigrauen Lippen.
+Sie hatten alle so viel geschrien, daß sie einander
+nicht mehr verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten
+war nicht erloschen. Zum Abschied warfen sie ihm
+Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel
+Eschmuns!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde da sein!«
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden dich durch die Hundertmänner verurteilen
+lassen!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich euch durch das Volk!«
+</p>
+
+<p>
+»Nimm dich nur in acht, daß du nicht am Kreuze endest!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ihr, daß ihr nicht in den Straßen zerrissen werdet!«
+</p>
+
+<p>
+Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden,
+nahmen sie wieder eine ruhige Haltung an.
+</p>
+
+<p>
+Die Läufer und Wagenführer erwarteten ihre Herren
+am Tor. Die meisten Gerusiasten ritten auf weißen Maultieren
+davon. Der Suffet sprang in seinen zweirädrigen
+Wagen und ergriff selbst die Zügel. Die beiden Rosse
+trabten im Takt in stolzer Beizäumung über die aufspringenden
+Kiesel. Die ganze Straße der Mappalier hinan
+galoppierten sie. Der silberne Geier vorn an der Deichsel
+schien zu fliegen, so schnell stürmte der Wagen dahin.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben
+pyramidenförmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war.
+Sie trugen in der Mitte ausgemeißelt eine offene Hand,
+als ob der Tote, der darunter lag, sie gen Himmel emporstrecke,
+um etwas zu erbitten. Dann kamen verstreute
+Hütten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelförmig
+errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen
+mit gießendem Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke
+und Hecken von Feigenkaktus trennten in unregelmäßiger
+Weise die einzelnen Behausungen, die immer zahlreicher
+wurden und sich bis zu den Gärten des Suffeten hinzogen.
+Hamilkar heftete seine Blicke auf einen großen Turm,
+dessen drei Stockwerke die Form von drei ungeheuren
+Zylindern hatten. Das unterste war aus Stein, das
+zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus Zedernholz
+erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig
+Säulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form
+von durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen.
+Der hochragende Bau beherrschte die Gebäude, die zur
+Rechten standen, die Speicher und das Verwaltungshaus,
+während der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen hervorlugte,
+die wie zwei eherne Mauern Wache hielten.
+</p>
+
+<p>
+Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren
+war, hielt er unter einem breiten Schutzdache, unter dem
+angehalfterte Pferde an Heubündeln fraßen.
+</p>
+
+<p>
+Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge
+vorhanden, da man auch die auf den Feldern Arbeitenden,
+aus Furcht vor den Söldnern, in die Stadt
+hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen Tierfelle
+und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel
+zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken
+hatten rotgefärbte Arme wie Scharfrichter.
+Die Seeleute trugen grüne Mützen, die Fischer Korallenhalsbänder,
+die Jäger ein Netz auf der Schulter und die
+im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze
+Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder
+Leinwand, je nach ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.
+</p>
+
+<p>
+Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese
+Vagabunden lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung.
+Sie schliefen des Nachts in den Gärten und nährten sich
+von den Küchenabfällen. Es war gleichsam menschlicher
+Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar
+duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem
+Erbarmen. Sie hatten sich allesamt zum
+Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die Ohren gesteckt.
+Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich
+auf alle diese Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken
+rechts und links um sich. Dies geschah, um die auf den
+Anblick ihres Gebieters neugierigen Sklaven zurückzutreiben.
+Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt
+und durch ihren Geruch nicht belästigt werden.
+</p>
+
+<p>
+Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien:
+»Götterliebling, dein Haus blühe!« Durch diesen in der
+Zypressenallee auf dem Boden liegenden Schwarm schritt
+der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen weißen
+Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt
+von all ihren Frauen, die immer, wenn ihre Herrin eine
+Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die Köpfe der Negerinnen
+hoben sich als große schwarze Punkte in der langen
+Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen
+der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne
+Pfeile, Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig
+geordnete lange Nadeln. Auf dem Gewirr der weißen,
+gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe, Spangen,
+Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe
+knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und
+das dumpfe Treten der bloßen Füße auf den Holzstufen.
+Hier und da ragte ein großer Eunuch über die Frauen hinweg
+mit seinen hohen Schultern und seinem lächelnden
+Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten,
+stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend,
+seltsame Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar,
+so wild und so schrill, daß die große, ganz mit Frauen
+bedeckte Ebenholztreppe von oben bis unten dumpf erdröhnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden
+wiegten sich sacht. Es war im Monat Schebaz,
+mitten im Winter. Die blühenden Granatbäume zeichneten
+sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und
+durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen
+Eiland, halb im Dunste verschwommen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war
+ihm nach dem Tode mehrerer Knaben geboren worden.
+Zudem galt die Geburt von Töchtern in allen Ländern der
+Sonnenanbetung für ein Unglück. Später hatten ihm die
+Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner
+Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter
+ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch
+verblieben. Inzwischen kam Salambo heran.
+</p>
+
+<p>
+Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben
+von ihren Ohren auf die Schultern herab bis an die
+Ellbogen. Ihr Haar war so gekräuselt, daß es wie eine
+Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine viereckige Goldplättchen.
+Auf jedem war eine Frau zwischen zwei aufrecht
+stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre
+Kleidung der der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand
+mit weiten Ärmeln schloß sich eng um ihre Hüften und erweiterte
+sich nach unten. Der Zinnober auf ihren Lippen
+ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in
+ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen,
+aus Vogelbälgen geschnitten, hatten überhohe Absätze.
+Offenbar vor Kälte war Salambo sehr blaß.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken,
+ohne den Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Heil dir, Götterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg,
+Muße, Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz
+traurig und das Haus voller Sehnsucht. Doch der Herr,
+der heimkehrt, strahlt wie die Lenzessonne, die wiederauferstandene;
+und unter deinem Blick, Vater, wird Freude
+und neues Leben überall erblühen!«
+</p>
+
+<p>
+Und indem sie aus Taanachs Händen ein kleines längliches
+Gefäß nahm, in dem eine Mischung von Mehl,
+Butter, Paradieskörnern und Wein dampfte, fuhr sie fort:
+</p>
+
+<p>
+»Trink in vollen Zügen den Trank der Heimkehr, den
+deine Magd dir bereitet!«
+</p>
+
+<p>
+Er erwiderte: »Segen über dich!« und ergriff mechanisch
+die goldne Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er
+sie so scharfen Blicks, daß sie verwirrt stammelte:
+</p>
+
+<p>
+»Man hat dir gesagt, Herr ...«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich weiß,« versetzte Hamilkar leise.
+</p>
+
+<p>
+War das ein Geständnis oder meinte sie die Barbaren?
+Er fügte ein paar inhaltslose Worte über die Not der
+Stadt hinzu, der er unbedingt ein Ende setzen wolle.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, Vater!« rief Salambo aus. »Was dahin ist, ist
+dahin! Unwiederbringlich!«
+</p>
+
+<p>
+Da wich er zurück. Salambo aber staunte über seine Bestürzung.
+Sie hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern
+den Tempelraub, als dessen Mitschuldige sie sich fühlte.
+Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den sie selber kaum
+kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte alles
+erraten, er wußte alles! Etwas Schreckliches mußte geschehen.
+</p>
+
+<p>
+»Gnade!« rief sie.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar senkte langsam das Haupt.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht
+die Lippen zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis,
+sich zu beklagen und getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte
+gegen den Drang, seinen Schwur zu brechen. Er hielt
+ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der Ungewißheit
+zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins
+Antlitz, um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres
+Herzens verberge.
+</p>
+
+<p>
+Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo
+mehr und mehr den Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt
+war er überzeugt, daß sie in der Umarmung eines Barbaren
+schwach geworden war. Er bebte und hob beide Fäuste
+empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme
+ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar
+der Verwalter folgte ihm nach.
+</p>
+
+<p>
+Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen
+weiten runden Saal, von dem, wie die Speichen eines
+Rades von der Nabe, lange Gänge ausliefen, die zu andern
+Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine Art steinernes
+Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den
+Teppich herabgeglitten waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten
+auf und ab. Er atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß
+auf den Boden und fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
+wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt wird. Dann
+schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften
+Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick
+in die Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch
+selteneren Schätzen gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen
+und Eisenbarren standen neben Zinnblöcken, die
+über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen waren.
+Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus
+ihren Säcken von Palmenbast hervor, und der Goldstaub,
+der in Schläuche gefüllt war, stäubte unmerklich
+durch die altersschwachen Nähte. Zwischen dünnen Fasern,
+aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus
+Ägypten, Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße
+der Mauern starrten Korallen wie große Sträucher empor.
+Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer Geruch:
+die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze
+und der Straußenfedern, die in großen Büscheln von der
+Deckenwölbung herabhingen. Vor jedem Gange standen
+Elefantenzähne, mit den Spitzen aneinandergelegt, und
+bildeten einen Spitzbogen als Eingang.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen
+alle mit gekreuzten Armen und gesenktem Haupte da. Nur
+Abdalonims spitze Mütze ragte stolz empor.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe,
+einen alten Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust
+hatten. Weiße Haarflocken reichten bis zu seinen Hüften
+herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen im Barte
+hängen geblieben.
+</p>
+
+<p id="p174">
+Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades
+und Senegambien ausgesandt mit der Order, das Horn
+des Südens und das Vorgebirge der Gewürze zu umschiffen
+und Eziongaber in Arabien zu erreichen.
+</p>
+
+<p>
+Andre Schiffe &ndash; so berichtete er &ndash; waren vier Monde
+lang gen Westen gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann
+hemmte Seegras den Bug der Schiffe. Am Horizont
+donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote Nebel verdunkelten
+die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte
+die Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis
+der Leute so verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten.
+Inzwischen war man die Flüsse der Szythen
+hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den Jugriern
+und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert
+Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber,
+die man jenseits des Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man
+in den Grund gebohrt, damit das Geheimnis der Wege
+unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den Weihrauch
+von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika
+und die Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot
+senkte die Stimme, als er meldete, daß eine Trireme bei
+Rusikada von den Numidiern gekapert worden war: »denn
+sie halten es mit ihnen, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter
+der Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug
+ein braunes, gürtelloses Gewand, und seinen Kopf umhüllte
+eine lange Binde aus weißem Stoff, die am Rande
+seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter
+fiel.
+</p>
+
+<p>
+Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag-
+und Nachtgleiche abgegangen. Doch von fünfzehnhundert
+Leuten, die mit vortrefflichen Kamelen, neuen Schläuchen
+und Vorräten bunter Leinwand nach Hinter-Äthiopien
+den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger nach
+Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen
+erlegen oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden.
+Der Gerettete berichtete, er habe weit jenseits
+des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem
+Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen.
+Die geringsten Geräte seien dort aus lauterem Golde.
+Ferner habe er einen Strom gesehen von milchweißer
+Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von blauen
+Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern,
+die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich
+wie Blumen entfalteten, wenn sie einen anblickten. Endlich
+hätte es hinter Seen, die von Drachen wimmelten,
+kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne schliefe.
+Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit
+Pfauen, Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die
+den Weg nach den Syrten und zum Ammontempel eingeschlagen
+hatten, um Chalzedone zu kaufen, die waren
+ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen
+nach Gätulien und Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse
+von dort mitgebracht. Zurzeit &ndash; so schloß der Verwalter
+der Karawanen seinen Bericht &ndash; wage er keine
+neuen Expeditionen auszuschicken.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene
+besetzt. Mit einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den
+andern Ellbogen. Der Verwalter der Landgüter hatte
+nunmehr solche Furcht zu reden, daß er trotz seiner breiten
+Schultern und seiner dicken roten Augen entsetzlich zitterte.
+Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer Dogge. Auf
+dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die
+Hüften einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare
+Messer blinkten.
+</p>
+
+<p>
+Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle
+Götter anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne
+nichts dafür! Er hätte die Witterung, den Boden und die
+Sterne beobachtet, hätte die Anpflanzungen zur Zeit der
+Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei abnehmendem
+Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre
+Kleider geschont ...
+</p>
+
+<p>
+Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte
+mit der Zunge, aber der Mann mit den Messern fuhr
+hastig fort:
+</p>
+
+<p id="p176">
+»Ach, Herr, sie haben alles geplündert! Alles durcheinandergeworfen!
+Alles zerstört! In Maschala sind dreitausend
+Fuß Bäume niedergeschlagen, in Ubada die Speicher
+zertrümmert und die Zisternen verschüttet. In Tedes
+haben sie achthundert Metzen Mehl fortgeschleppt, in
+Marazzana alle Hirten getötet, die Herden verzehrt und
+dein Haus eingeäschert, dein schönes Haus aus Zedernholz,
+wo du im Sommer zu verweilen pflegtest! Die
+Sklaven von Teburba, die Gerste schnitten, sind in die
+Berge geflohen, und die Esel, die Maulesel und Maultiere,
+die Rinder von Taormina und die oringischen Pferde, &ndash; nicht
+eins ist mehr da, alle sind geraubt! Es ist ein Fluch!
+Ich überlebe das nicht!« Weinend fuhr er fort: »Ach,
+wüßtest du, wie die Keller gefüllt waren, wie die Pflüge
+glänzten! Und ach, die schönen Widder! Ach, die schönen
+Stiere!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erstickte fast vor Zorn. Dann wetterte er los:
+</p>
+
+<p>
+»Schweig! Bin ich denn ein Bettler? Keine Lügen!
+Sprecht die Wahrheit! Ich will alles wissen, was ich verloren
+habe, alles bis auf Heller und Pfennig, bis auf
+Zentner und Scheffel! Abdalonim, bring mir die Rechnungen
+über die Schiffe, über die Karawanen, die Landgüter
+und den Haushalt! Und wenn euer Gewissen nicht
+rein ist, wehe euern Häuptern! &ndash; Geht!«
+</p>
+
+<p>
+Alle Verwalter gingen rücklings hinaus, tief gebeugt, so
+daß ihre Hände den Boden berührten.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim nahm aus dem Mittelfache eines Schrankes,
+der in die Mauer eingebaut war, mit Knoten bedeckte
+Schnüre, Leinen- und Papyrosrollen und Schulterblätter
+von Schafen, die mit feiner Schrift bekritzelt waren. Er
+legte sie Hamilkar zu Füßen, gab ihm einen Holzrahmen
+in die Hand mit drei eingespannten Fäden, auf denen
+Kugeln von Gold, Silber und Horn aufgereiht waren.
+Sodann begann er:
+</p>
+
+<p>
+»Hundertzweiundneunzig Häuser in der Straße der
+Mappalier, an Neukarthager zu einem Talent monatlich
+vermietet.«
+</p>
+
+<p>
+»Die Miete ist zu hoch! Schone die Armen! Auch sollst
+du mir die Namen derer aufschreiben, die dir am kühnsten
+erscheinen, und zu ermitteln trachten, ob sie der Republik
+treu gesinnt sind. Weiter!«
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim zauderte. Solche Großmut überraschte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar riß ihm die Leinwandrollen aus der Hand.
+</p>
+
+<p>
+»Was ist das? Drei Paläste am Khamonplatze zu zwölf
+Kesitah den Monat? Setze zwanzig! Von Reichen laß ich
+mich nicht ausbeuten!«
+</p>
+
+<p>
+Der Haushofmeister verneigte sich tief, dann fuhr er fort:
+</p>
+
+<p id="p178">
+»An Tigillas bis Ende der Schiffahrtszeit ausgeliehen:
+zwei Talente zu dreiunddreißig ein drittel Prozent. Überseegeschäft!
+An Barmalkarth fünfzehnhundert Sekel gegen
+ein Pfand von dreißig Sklaven. Zwölf davon sind allerdings
+in den Salzteichen eingegangen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Weil sie überhaupt schon kaputt waren!« lachte der
+Suffet. »Einerlei! Wenn er Geld braucht, soll er welches
+haben! Das Geld muß immer arbeiten, zu verschiedenem
+Zins, je nach dem Reichtum der Abnehmer.«
+</p>
+
+<p>
+Der Diener las weiterhin rasch alle Einnahmen vor:
+aus den Eisenminen in Annaba, den Korallenfischereien,
+den Purpurfabriken, aus der Pacht der den ansässigen
+Griechen auferlegten Steuern, aus der Silberausfuhr
+nach Arabien, wo es zehnfachen Goldwert hatte, aus gekaperten
+Schiffen, &ndash; abzüglich des Zehnten für den Tempel
+der Göttin.
+</p>
+
+<p>
+»Ich habe jedesmal ein Viertel weniger angegeben, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar rechnete mit den Kugeln der Rechenmaschine
+nach, die unter seinen Fingern klapperten.
+</p>
+
+<p>
+»Genug! Was hast du in bar gezahlt?«
+</p>
+
+<p>
+»An Stratonikles in Korinth und an drei Kaufleute in
+Alexandrien auf diese Wechsel hier &ndash; sie sind am Fälligkeitstage
+vorgezeigt worden &ndash; zehntausend athenische Drachmen
+und zwölf syrische Goldtalente. Verpflegung der
+Schiffsmannschaften, zwanzig Minen monatlich für jede
+Triere ...«
+</p>
+
+<p>
+»Ich weiß! Haben wir Verluste gehabt?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Rechnung darüber steht auf diesen Bleitafeln!« vermeldete
+der Beamte. »Was die mit andern Gesellschaftern
+gemeinsam befrachteten Schiffe anbetrifft, so mußte
+man mehrfach Ladungen über Bord werfen. Der Verlust
+ist auf alle Teilhaber verteilt worden. Für Tauwerk, das
+aus den Arsenalen geliehen wurde und nicht zurückerstattet
+werden konnte, haben die Syssitien vor dem Zuge
+nach Utika achthundert Kesitah gefordert ...«
+</p>
+
+<p>
+»Immer wieder die!« murmelte Hamilkar mit gesenktem
+Haupte. Eine Weile saß er wie niedergedrückt von dem
+großen Haß, den er auf sich lasten fühlte. »Aber ich finde
+die Ausgaben für Megara nicht!«
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim erbleichte und holte aus einem andern Schranke
+Tafeln von Sykomorenholz, die bündelweise auf Lederschnuren
+gereiht waren.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hörte neugierig auf die Einzelheiten des Haushaltsberichts.
+Die Eintönigkeit der Stimme, die ihm
+die Ziffern vorlas, beruhigte ihn allmählich. Dann las
+Abdalonim langsamer. Plötzlich ließ er die Holztafeln
+fallen und warf sich selbst mit ausgestreckten Armen lang
+auf den Boden, wie ein Verurteilter. Hamilkar hob die
+Tafeln mit gleichgültiger Miene auf. Doch seine Lippen
+öffneten sich, und seine Augen erweiterten sich, wie er unter
+den Ausgaben eines einzigen Tages einen ungeheuren
+Verbrauch an Fleisch, Fischen, Geflügel, Wein und Gewürz,
+dazu eine Aufzählung von zerbrochenen Gefäßen,
+getöteten Sklaven und verdorbenen Teppichen fand.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim, noch immer am Boden liegend, berichtete
+ihm nun von dem Festschmause der Söldner. Er hätte
+sich dem Befehl der Alten nicht entziehen können; dazu
+habe Salambo gewünscht, daß die Soldaten auf das beste
+bewirtet werden sollten.
+</p>
+
+<p>
+Beim Namen seiner Tochter fuhr Hamilkar mit einem
+Satz in die Höhe. Dann sank er auf die Kissen zurück. Er
+biß sich auf die Lippen, zerrte mit den Nägeln an den
+Fransen eines Kissens und atmete schwer. Sein Blick war
+starr.
+</p>
+
+<p>
+»Steh auf!« gebot er und stieg herab.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim folgte ihm mit schlotternden Knien. Dann
+aber griff er nach einer Eisenstange und machte sich daran,
+wie ein Rasender die Steinfliesen auszuheben. Eine Holzscheibe
+sprang hoch, und alsbald klappten in der Flucht
+des Ganges noch mehrere solcher großen Deckel auf:
+die Verschlüsse von Kellern zur Aufbewahrung von Getreide.
+</p>
+
+<p>
+»Du siehst, Liebling der Götter,« sprach der Diener zitternd,
+»sie haben nicht alles genommen! Diese Keller sind
+tief, jeder fünfzig Ellen, und bis zum Rande gefüllt!
+Während deiner Reise habe ich sie anlegen lassen, auch
+welche in den Arsenalen, in den Gärten, überall! Dein
+Haus ist voll Korn, wie dein Herz voller Weisheit!«
+</p>
+
+<p>
+Ein Lächeln überflog Hamilkars Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist gut so, Abdalonim!« Und flüsternd sagte er
+ihm, sich neigend, ins Ohr: »Du wirst noch mehr kommen
+lassen, aus Etrurien, aus Bruttium, woher du willst und
+zu welchem Preise es auch sei! Häuf es an und bewahr
+es! Ich muß alleiniger Besitzer alles Getreides in Karthago
+sein!«
+</p>
+
+<p>
+Dann, am Ende des Ganges, öffnete Abdalonim mit
+einem der Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen, ein
+großes viereckiges Gemach, das in der Mitte durch Pfeiler
+von Zedernholz geteilt war. Goldne, silberne und
+eherne Münzen, auf Tischen aufgebaut oder in den Nischen
+hochgetürmt, häuften sich an allen vier Wänden bis zu
+den Dachbalken empor.
+</p>
+
+<p id="p181">
+Ungeheure Koffer aus Flußpferdhaut standen in den
+Ecken und bargen ganze Reihen von kleineren Säcken.
+Haufen von Scheidemünzen wölbten sich auf dem Fußboden.
+Hier und dort war ein zu hoher Berg eingestürzt
+und glich nun einer zertrümmerten Säule. Die großen
+karthagischen Münzen mit dem Bilde der Tanit und eines
+Rosses unter einem Palmbaum mischten sich mit den
+Geldstücken der Kolonien, auf denen ein Stier, ein Stern,
+eine Kugel oder ein Halbmond zu sehen war. Weiterhin
+erblickte man, zu ungleichen Haufen geschichtet, Münzen
+von jedem Werte, jeder Form, jedem Zeitalter: von
+den alten assyrischen Münzen, dünn wie Fingernägel,
+bis zu den alten faustdicken Geldstücken Latiums, von
+dem knopfförmigen Geld Äginas bis zu den Tafeln der
+Baktrier und den kurzen Barren des alten Sparta.
+Manche waren mit Rost bedeckt, beschmutzt, im Wasser
+grünspanig geworden oder vom Feuer geschwärzt; man
+hatte sie mit Netzen aufgefischt oder nach Belagerungen
+in den Trümmern der Städte gefunden. Der Suffet
+hatte rasch überschlagen, ob die vorhandenen Summen
+mit den Einnahmen und Verlusten, die ihm Abdalonim
+verlesen, übereinstimmten, und er wollte schon hinausschreiten,
+als er drei große, bis auf den Grund leere
+eherne Krüge sah. Abdalonim wandte vor Entsetzen das
+Haupt ab, aber Hamilkar schwieg resigniert.
+</p>
+
+<p>
+Sie durchschritten andre Gänge und Räume und kamen
+schließlich vor eine Tür, vor der zur besseren Bewachung
+an einer langen, um seinen Leib und an die Mauer geschmiedeten
+Kette ein Mann lag. (Das war eine römische
+Sitte, noch nicht lange in Karthago eingeführt.)
+Bart und Fingernägel des Angeketteten waren übermäßig
+lang, und er wiegte sich fortwährend nach rechts und nach
+links wie ein gefangenes Tier. Sobald er Hamilkar erkannte,
+stürzte er ihm entgegen und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Gnade! Liebling der Götter! Erbarmen! Töte mich!
+Zehn Jahre sind es nun, daß ich die Sonne nicht gesehen!
+Im Namen deines Vaters, Gnade!«
+</p>
+
+<p>
+Ohne ihm zu antworten, klatschte Hamilkar in die Hände.
+Drei Männer erschienen, und alle vier zogen mit einem
+gleichzeitigen starken Ruck die riesige Eisenstange, die das
+Tor verschloß, aus ihren Ringen. Hamilkar ergriff eine
+Fackel und verschwand im Dunkeln.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt diesen Raum lediglich für die Familiengruft,
+doch hätte man hier höchstens einen weiten Schacht gefunden,
+angelegt, um die Diebe irrezuführen, doch ohne
+Inhalt. Hamilkar ging daran vorüber, dann bückte er sich,
+drehte einen schweren Mühlstein auf seinen Walzen und
+trat durch die so entstandene Öffnung in ein kegelförmiges
+Gemach.
+</p>
+
+<p>
+Eherne Schuppen bedeckten die Wände. In der Mitte,
+auf einem Sockel aus Granit, erhob sich das Standbild
+eines der Kabiren, namens Aletes, das heißt des ewigen
+Pilgers, des Entdeckers der Silberbergwerke in Spanien.
+Am Boden standen, dicht um den Sockel herum und kreuzförmig
+angeordnet, breite goldne Schilde und riesige silberne
+Gefäße mit verschlossenem Halse und von wunderlicher
+Form, die zu nichts dienen konnten. Es war nämlich
+Brauch, Metallmassen derart einzuschmelzen, um ihre Verminderung
+oder gar ihre Entwendung fast unmöglich zu
+machen.
+</p>
+
+<p id="p183">
+Hamilkar zündete mit seiner Fackel ein Lämpchen an, das
+an der Mütze des Götterbildes befestigt war, und plötzlich
+erstrahlte der Raum in grünen, gelben, blauen, violetten,
+weinfarbenen und blutroten Lichtern. Er war voller Edelsteine,
+in goldne Schalen gefüllt, die wie Lampenbecken
+an metallenen Trägern hingen. Andre standen, noch im
+Muttergestein, an der Mauer. Da funkelten Türkise,
+durch Schleuderwürfe von den Bergen abgesprengt; Karfunkel,
+aus dem Urin der Luchse entstanden; Glossopetren,
+vom Monde gefallen; Tyane, Diamanten, Sandaster,
+Berylle, Rubine aller drei Arten, Saphire aller
+vier Arten und Smaragde aller zwölf Arten. Sie schimmerten
+wie Milchtropfen, wie blaue Eiszapfen, wie
+Silberstaub, und sprühten ihr Licht in breiten Fluten, in
+feinen Strahlen und glühenden Sternen. Meteore, die
+der Donner erzeugt, blinkten neben Chalzedonen, die Vergiftungen
+heilen. Man sah Topase vom Berg Zabarka,
+die vor Erschrecken schützen; Opale aus Baktrien, die
+Fehlgeburten verhindern; Ammonshörner, die man unter
+das Bett legt, wenn man Träume haben will.
+</p>
+
+<p>
+Die Lichter der Steine und der Lampenschein spiegelten
+sich in den großen goldnen Schilden. Hamilkar stand mit
+verschränkten Armen da und lächelte. Er ergötzte sich
+weniger am Anblick als am Bewußtsein seiner Reichtümer.
+Seine Schätze waren unerreichbar, unerschöpflich, unendlich.
+Seine Ahnen, die hier unter seinen Füßen schliefen,
+sandten seinem Herzen etwas von ihrer Unsterblichkeit.
+Er fühlte sich den unterirdischen Geistern nahe. Er empfand
+gleichsam die Freude eines Erdgeistes, und die langen
+leuchtenden Strahlen, die über sein Gesicht liefen, dünkten
+ihn wie die Maschen eines unsichtbaren Netzes, das ihn
+über Abgründe hin mit dem Mittelpunkt der Welt verknüpfte.
+</p>
+
+<p>
+Da fiel ihm etwas ein, und er erbebte. Er begab sich
+hinter das Götterbild und schritt geradeaus auf die Wand
+zu. Nachdenklich betrachtete er eine Tätowierung auf
+seinem rechten Arm: eine wagerechte Linie in Verbindung
+mit zwei senkrechten: die kanaanitische Ziffer dreizehn.
+Nun zählte er bis zur dreizehnten Erzplatte, schlug nochmals
+seinen weiten Ärmel zurück, streckte die rechte Hand
+aus und las auf einer andern Stelle seines Arms andre
+verwickeltere Zeichen, während er seine Finger bewegte
+wie ein Lautenspieler. Endlich klopfte er mit seinem
+Daumen siebenmal auf. Ein ganzer Teil der Mauer drehte
+sich wie aus einem Stück.
+</p>
+
+<p>
+Das war der geheime Zugang zu einem Keller, in dem
+sich geheimnisvolle Dinge befanden, die keinen Namen
+hatten, aber von unberechenbarem Werte waren. Hamilkar
+stieg die drei Stufen hinab, nahm aus einem Silberbecken
+ein Antilopenfell, das auf einer schwarzen Flüssigkeit
+schwamm, und stieg dann wieder hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim begann wieder vor ihm herzuschreiten. Er
+stieß mit seinem langen Stabe, der am Knopf mit Schellen
+besetzt war, auf die Steinfliesen und rief vor jedem Gemache
+den Namen Hamilkars in einem Schwalle von
+Lobpreisungen und Segenswünschen.
+</p>
+
+<p>
+In dem runden Saale, in den alle Gänge mündeten,
+waren längs der Mauern Alguminstangen, Säcke voll
+Henna, Kuchen aus lemnischer Erde und Schildkrötenschalen
+voller Perlen aufgestapelt. Der Suffet streifte
+alles das im Vorbeigehen mit seinem Gewande, ohne
+auch nur die riesigen Bernsteinstücke, diesen fast göttlichen,
+von den Sonnenstrahlen gebildeten Stoff, zu beachten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Wolke wohlriechenden Dampfes quoll ihnen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+»Öffne!«
+</p>
+
+<p>
+Sie traten ein.
+</p>
+
+<p>
+Nackte Männer kneteten teigige Massen, zerrieben Kräuter,
+schütteten Kohlen, gossen Öl in Krüge, öffneten und
+schlossen die kleinen eiförmigen Zellen, die rings in die
+Mauern führten und so zahlreich waren, daß der Raum
+dem Innern eines Bienenstockes glich. Myrobalan, Odellium,
+Safran und Veilchen quollen daraus hervor. Überall
+waren Harze, Pulver, Wurzeln, Glasflaschen, Filipendelzweige
+und Rosenblätter verstreut. Man erstickte
+schier in Gerüchen, trotz der Rauchwirbel des Storaxharzes,
+das in der Mitte auf einem ehernen Dreifuß knisternd
+kochte.
+</p>
+
+<p>
+Der Verwalter der Parfümerienfabrik, lang und bleich
+wie eine Wachskerze, kam an Hamilkar heran, um in
+dessen Hand eine Rolle Metopion zu zerdrücken, während
+zwei andre Leute ihm die Fersen mit Bakkarisblättern
+einrieben. Der Suffet stieß sie zurück. Es waren Leute
+von verrufenen Sitten, die man jedoch wegen ihrer geheimen
+Kenntnisse schätzte.
+</p>
+
+<p>
+Um seine Ergebenheit zu bezeugen, bot der Verwalter
+dem Suffeten auf einem Bernsteinlöffel etwas Malobathron
+als Probe dar. Dann durchstieß er mit einer Ahle
+drei indische Bezoarsteine. Hamilkar, der alle Kunstkniffe
+kannte, nahm ein Horn voll der Essenz, hielt es
+an die glühenden Kohlen und schüttete einen Tropfen auf
+sein Gewand. Ein brauner Fleck erschien darauf: die
+Tinktur war nicht echt! Er blickte den Verwalter scharf
+an und warf ihm, ohne ein Wort zu sagen, das Gazellenhorn
+ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+So aufgebracht er indes auch über die zu seinem Schaden
+begangene Fälschung war, so ordnete er doch bei der
+Besichtigung der Nardenvorräte, die man für überseeische
+Länder verpackte, interessiert an, Antimon darunter zu
+mischen, um die Ware schwerer zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte er, wo sich die drei Kisten Psagas befänden,
+die zu seinem persönlichen Gebrauche bestimmt waren.
+</p>
+
+<p>
+Der Aufseher gestand, daß er nicht wisse, wohin sie gekommen
+seien. Söldner mit Messern wären brüllend
+hereingestürzt, und er hätte ihnen die Kisten öffnen müssen.
+</p>
+
+<p>
+»So fürchtest du sie mehr als mich!« schrie der Suffet,
+und seine Augen blitzten durch den Dampf wie Fackeln
+über den großen bleichen Mann hin, der zu begreifen
+begann. »Abdalonim! Vor Sonnenuntergang wirst du
+ihn Spießruten laufen lassen! Zerfleddere ihn!«
+</p>
+
+<p id="p186">
+Dieser Verlust, geringer als die andern, hatte ihn erbittert,
+denn trotz seines Bemühens, die Barbaren aus
+seinen Gedanken zu verbannen, stieß er überall von neuem
+auf ihre Spuren. Ihre Ausschreitungen verschmolzen
+gleichsam mit der Schande seiner Tochter, und er zürnte
+dem ganzen Hause, daß es darum wisse und ihm doch
+nichts sage. Aber etwas trieb ihn, sich immer tiefer in
+sein Unglück zu verlieren, und von einer Art Spürwut
+ergriffen, besichtigte er in den Schuppen hinter dem Verwaltungshause
+die Vorräte an Erdpech, Holz, Ankern und
+Tauwerk, an Honig und Wachs, sodann die Bekleidungskammern,
+die Vorratsmagazine, das Marmorlager und
+den Silphiumspeicher.
+</p>
+
+<p>
+Darauf besuchte er auf der andern Seite der Gärten
+die Hütten der Handwerker, deren Erzeugnisse verkauft
+wurden. Schneider stickten Mäntel. Andre flochten Netze,
+bemalten Kissen, schnitten Sandalen. Arbeiter aus Ägypten
+glätteten mit Muschelschalen Papyrus. Die Weberschiffchen
+schwirrten, die Ambosse der Waffenschmiede dröhnten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar sagte zu den letzteren:
+</p>
+
+<p>
+»Schmiedet Schwerter! Schmiedet immerfort! Ich werde
+sie brauchen!«
+</p>
+
+<p>
+Dabei zog er aus seinem Busen das giftgebeizte Antilopenfell,
+damit man ihm einen Harnisch daraus schnitte,
+fester denn aus Erz, einen, dem Feuer und Eisen nichts
+anhaben könnten.
+</p>
+
+<p>
+Als er zu den Handwerkern trat, suchte ihn Abdalonim,
+in der Absicht, seinen Zorn von sich abzuwenden, gegen
+diese Leute aufzubringen, indem er ihre Arbeiten mürrisch
+tadelte:
+</p>
+
+<p>
+»Was für eine Arbeit! Es ist eine Schande! Wahrhaftig,
+der Herr ist zu gut!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ging weiter, ohne auf ihn zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Er verlangsamte seine Schritte, denn große, von oben
+bis unten verkohlte Bäume, wie man sie in den Wäldern
+findet, wo Hirten gelagert haben, versperrten den Weg.
+Die Zäune waren niedergerissen, das Wasser in den Gräben
+eingetrocknet, Glasscherben und Affenknochen lagen
+in großen Schlammpfützen umher. Hier und dort hingen
+Zeugfetzen an den Büschen. Unter den Limonenbäumen
+hatten sich verfaulte Blumen zu einem gelben häßlichen
+Haufen getürmt. Offenbar hatte sich die Dienerschaft
+um nichts gekümmert, im Glauben, der Herr käme nicht
+wieder heim.
+</p>
+
+<p>
+Auf Schritt und Tritt entdeckte er immer neues Unheil,
+neue Beweise für das, was zu erforschen er sich untersagt
+hatte. Jetzt besudelte er sogar seine Purpurstiefel,
+indem er in Unrat trat. Warum hatte er die ganze Soldateska
+nicht im Schußfeld eines Geschützes, um sie kurz
+und klein zu schießen! Er fühlte sich gedemütigt, weil
+er ihre Partei genommen. Narretei! Verrat! Da er
+aber weder an den Söldnern, noch an den Alten, noch
+an Salambo oder an sonst jemandem Rache nehmen
+konnte und sein Zorn ein Ziel haben mußte, so verurteilte
+er in Bausch und Bogen sämtliche Gartensklaven
+zur Arbeit in den Bergwerken.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim zitterte jedesmal, wenn er ihn die Richtung
+nach dem Tierparke zu nehmen sah. Aber Hamilkar schlug
+den Weg nach der Mühle ein, aus der ihm schwermütiger
+Gesang entgegenscholl.
+</p>
+
+<p>
+Von Staub umhüllt drehten sich die schweren Mühlsteine,
+das heißt zwei übereinanderliegende Porphyrkegel, deren
+oberer einen Trichter trug und durch starke Stangen auf
+dem unteren bewegt wurde. Sklaven schoben sie mit
+Brust und Armen, während andere an Riemen zogen.
+Das Scheuern des Lederzeugs hatte an ihren Achseln
+eiternde Krusten gebildet, wie man sie auf dem Widerrist
+der Esel sieht; und der schwarze schlaffe Schurz, der
+ihre Hüften bedeckte, mit den herabhängenden Zipfeln,
+die wie lange Schwänze aussahen, schlug ihnen gegen die
+Kniekehlen. Ihre Augen waren gerötet, ihre Fußketten
+klirrten, ihre Lungen keuchten im Takte. Vor dem Munde
+trugen sie, an zwei Erzketten befestigt, Maulkörbe, so daß
+sie nicht von dem Mehl essen konnten. Ihre Hände steckten
+in Fausthandschuhen, damit sie auch nichts davon nahmen.
+Beim Eintritt des Herrn knarrten die hölzernen Stangen
+stärker. Das Korn knirschte beim Mahlen. Ein paar
+Arbeiter strauchelten und fielen. Die andern mühten sich
+weiter und schritten über sie hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Er fragte nach Giddenem, dem Sklavenaufseher. Er
+erschien. Seine Würde verriet sich im Reichtum seiner
+Kleidung. Seine an den Seiten geschlitzte Tunika war
+von feinem Purpur. Schwere Ohrringe zogen seine Ohren
+herab, und seine Wickelgamaschen hielt eine goldene
+Schnur fest, die sich von den Knöcheln zu den Hüften
+hinaufringelte, wie die Schlange um einen Baum. In
+seinen mit Ringen bedeckten Fingern hielt er eine Kette
+aus Gagatkugeln, ein Mittel, die an der Fallsucht Leidenden
+zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar winkte ihm, die Maulkörbe abnehmen zu lassen.
+Da stürzten alle Sklaven mit einem Geschrei wie
+ausgehungerte Tiere über das Mehl her und verschlangen
+es, wobei sich ihre Gesichter in den Haufen vergruben.
+</p>
+
+<p>
+»Du verlangst zu viel von ihnen!« versetzte der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem antwortete, dies sei möglich, sonst wären sie
+aber nicht zu bändigen.
+</p>
+
+<p>
+»Dann war es also umsonst, daß ich dich nach Syrakus
+in die Sklavenschule geschickt habe! Laß die andern
+kommen!«
+</p>
+
+<p>
+Und die Köche, die Küfer, die Stallknechte, die Läufer,
+die Sänftenträger, die Badediener und die Weiber mit
+ihren Kindern, alle stellten sich im Garten in einer langen
+Reihe auf, die vom Verwaltungshause bis zu den Gehegen
+der wilden Tiere reichte. Sie hielten den Atem
+an. Ungeheure Stille durchdrang Megara. Die Sonne
+stand schräg über der Lagune unter der Totenstadt. Pfauen
+schrien. Hamilkar schritt ganz langsam die Front ab.
+»Was soll ich mit diesen Greisen?« fragte er. »Verkaufe
+sie! Zu viel Gallier! Das sind Trunkenbolde! Und zu
+viel Kreter! Das sind Lügner! Kaufe mir Kappadozier,
+Asiaten und Neger.«
+</p>
+
+<p>
+Er wunderte sich über die geringe Zahl der Kinder.
+»Jedes Haus muß alljährlich Nachwuchs haben, Giddenem!
+Laß alle Nächte die Hütten offen, damit die Leute
+nach Belieben miteinander verkehren können!«
+</p>
+
+<p>
+Dann ließ er sich die Diebe, die Trägen und die Widerspenstigen
+zeigen. Er erteilte Strafen und machte
+Giddenem Vorwürfe. Der senkte wie ein Stier seine
+niedrige Stirn, auf der die breiten Brauen zusammenstießen.
+</p>
+
+<p>
+»Hier, Gottbegnadeter!« sagte er, auf einen kräftigen
+Libyer deutend. »Den da hat man mit einem Strick um
+den Hals ertappt!«
+</p>
+
+<p>
+»So, du möchtest also sterben?« fragte ihn der Suffet
+verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave entgegnete in unerschrockenem Tone: »Ja!«
+</p>
+
+<p>
+Der Fall bot ein Beispiel und war ein materieller Verlust.
+Aber unbekümmert darum gebot Hamilkar den
+Knechten:
+</p>
+
+<p>
+»Führt ihn ab!«
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht hegte er insgeheim die Absicht, ein Opfer zu
+bringen. Er legte sich diesen Verlust auf, um schlimmerem
+vorzubeugen.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem hatte die Verstümmelten hinter den andern
+versteckt. Hamilkar bemerkte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Wer hat dir den Arm abgeschlagen?«
+</p>
+
+<p>
+»Die Söldner, Gottbegnadeter!«
+</p>
+
+<p>
+Dann fragte er einen Samniter, der schwankend dastand
+wie ein verwunderter Reiher.
+</p>
+
+<p>
+»Und du, wer hat dir das angetan?«
+</p>
+
+<p>
+Der Aufseher hatte ihm mit einer Eisenstange das Bein
+zerschmettert.
+</p>
+
+<p>
+Diese sinnlose Grausamkeit empörte den Suffeten. Er
+rieß Giddenem die Gagatkette aus den Händen und
+schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Fluch dem Hunde, der seine Herde verletzt! Sklaven
+verstümmeln! Gütige Tanit! Ha, du richtest deinen Herrn
+zugrunde! Man ersticke ihn im Mist! &ndash; Und nun fehlen
+noch eine Menge! Wo sind sie? Hast du sie gemeinsam
+mit den Söldnern ermordet?«
+</p>
+
+<p>
+Sein Gesichtsausdruck war so schrecklich, daß alle Weiber
+entflohen.
+</p>
+
+<p>
+Die Sklaven verließen ihre Aufstellung und bildeten
+einen weiten Kreis um beide. Giddenem küßte wie wahnsinnig
+die Sandalen Hamilkars, der noch immer mit geballten
+Fäusten vor ihm stand.
+</p>
+
+<p>
+In seinem selbst in der wildesten Schlacht klaren Geiste
+erinnerte er sich jetzt tausend häßlicher und schmählicher
+Dinge, an die er bisher nicht gedacht hatte. Im Licht
+seines Zornes hatte er jetzt wie im Wetterschein mit einem
+Schlage all sein Mißgeschick vor Augen. Die Verwalter
+der Landgüter waren entflohen, aus Furcht vor den Söldnern,
+vielleicht im Einverständnis mit ihnen. Alle betrogen
+ihn. Ach, schon zu lange bezwang er sich!
+</p>
+
+<p>
+»Man führe sie her!« schrie er. »Und brandmarke sie
+auf der Stirn mit glühendem Eisen als Feiglinge!«
+</p>
+
+<p>
+Man brachte Stricke herbei, Halseisen, Messer, Ketten,
+für die zur Bergwerksarbeit Verurteilten; Fußfesseln,
+um die Beine zusammenzupressen; Numellen, über die
+Schultern zu legen; ferner Skorpione, dreisträhnige Peitschen
+mit eisernen Haken an den Enden der Riemen.
+All dieses Folterzeug wurde in der Mitte des Gartens
+niedergelegt.
+</p>
+
+<p>
+Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen
+die Sonne, gegen Moloch den Verzehrer, auf den Bauch
+oder Rücken hingestreckt, die mit Geißelung Bestraften
+aber aufrecht an Bäume gebunden und neben ihnen je
+zwei Männer aufgestellt, einer, der die Schläge zählte,
+und einer, der zuschlug.
+</p>
+
+<p>
+Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und
+rissen die Rinde von den Platanen. Das Blut spritzte wie
+Regen auf die Blätter, und rote Fleischmassen wanden
+sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen Ketten
+angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren
+Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe
+Schläge schallten. Bisweilen gellte ein schriller Schrei
+durch die Luft. In der Nähe der Küchen kauerten Männer
+zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und abgerissenen
+Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch
+von verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten
+brachen zusammen, doch die Stricke an ihren
+Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die Augen und ließen
+die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die
+übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu
+schreien, und die Löwen, die sich vielleicht des Festtages
+erinnerten, reckten sich gähnend hinauf zum Rand ihrer
+Gruben.
+</p>
+
+<p>
+Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse.
+Sie lief vor Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte
+sie. Es schien ihm, als ob sie die Arme gegen ihn ausstreckte,
+um seine Gnade zu erbitten. Mit einer Gebärde
+des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.
+</p>
+
+<p>
+Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen
+Häuser. Sie hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten
+gesiegt, und man verehrte sie als Lieblinge der Sonne.
+Die von Megara waren die stärksten in Karthago. Vor
+seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim schwören lassen,
+daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die meisten
+waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur
+drei lagen noch in der Mitte des Hofes im Sande vor
+ihren zertrümmerten Krippen.
+</p>
+
+<p>
+Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.
+</p>
+
+<p>
+Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der
+andre hatte am Knie eine breite Wunde, dem dritten war
+der Rüssel abgehauen. Die Tiere blickten ihren Herrn
+traurig wie denkende Wesen an, und der eine, der keinen
+Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie beugte
+und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf
+seines Rüssels zu streicheln.
+</p>
+
+<p>
+Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen
+in die Augen. Er stürzte auf Abdalonim los.
+</p>
+
+<p>
+»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!«
+</p>
+
+<p>
+Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam
+zum Himmel schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar
+blieb stehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt,
+als ob ihn ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar
+seine eignen Kräfte fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte
+weiterdauernd. Die Sklaven begriffen freilich
+nicht, warum er mit einem Male besänftigt war.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis
+vorüber, einem langen Gebäude aus schwarzen
+Steinen, das in einer großen viereckigen Grube erbaut war.
+Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den vier
+Ecken.
+</p>
+
+<p>
+Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende
+Zeichen gab.
+</p>
+
+<p>
+»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den
+Kerker hinab.
+</p>
+
+<p>
+»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten
+ihm.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen
+Fenster lugte das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene
+Ketten an den Wänden hängen.
+</p>
+
+<p>
+Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben!
+</p>
+
+<p>
+Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter,
+die sich von draußen über die Grube neigten, sahen, wie
+er sich mit der Hand an die Mauer stützte, um nicht umzufallen.
+</p>
+
+<p>
+Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar
+blickte auf. Er sprach kein Wort, machte keine Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand
+er hinter der Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung
+der Patrizier im Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten:
+</p>
+
+<p>
+»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl
+unsrer Armee gegen das Heer der Barbaren an!«
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch08">VIII</h2>
+
+<h2>Die Schlacht am Makar</h2>
+
+
+<p>
+Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien
+anderthalb Millionen Mark in Gold und legte
+jedem Mitgliede der dreihundert Patriziergeschlechter eine
+Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die Frauen und
+Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften &ndash; etwas
+Unerhörtes nach karthagischer Sitte &ndash; zwang er, Geld
+herzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen.
+Manche wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre
+Güter wurden einfach verkauft. Um den Geiz der andern
+einzuschüchtern, lieferte er selber sechzig Rüstungen und
+siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war allein soviel,
+wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner
+anzuwerben: dreitausend Bergbewohner, die mit Bären
+zu kämpfen gewohnt waren. Man zahlte ihnen im voraus
+auf sechs Monate den Sold.
+</p>
+
+<p>
+Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er
+nicht, wie Hanno, jeden Bürger an. Zunächst wies er alle
+Leute mit sitzender Lebensweise zurück, ferner solche, die
+einen dicken Bauch oder ein ängstliches Aussehen hatten.
+Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka, Barbarenabkömmlinge
+und Freigelassene. Den Neukarthagern
+versprach er als Belohnung das volle Bürgerrecht.
+</p>
+
+<p>
+Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese
+Truppe von schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische
+Blüte der Republik hielt, wählte sich ihre Führer
+selbst. Er verabschiedete ihre bisherigen Offiziere und faßte
+die Mannschaft hart an, ließ sie laufen, springen, in einem
+Atem den Abhang des Burgbergs erklettern, Speere werfen,
+ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen biwakieren.
+Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.
+</p>
+
+<p>
+Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und
+stärkerem Schuhwerk aus, beschränkte die Zahl der Burschen
+und das Gepäck. Im Molochtempel bewahrte man
+dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des Einspruchs
+des Oberpriesters.
+</p>
+
+<p>
+Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und
+andern aus Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig
+Tieren, die er bis an die Zähne bewaffnete.
+Ihre Führer rüstete er mit Hammern und Meißeln aus,
+damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen
+Tieren die Schädel spalten konnten.
+</p>
+
+<p>
+Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen.
+Die Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten,
+aber er ging nicht darauf ein. Da wagte man nicht
+mehr zu murren. Alles beugte sich der Gewalt seines Geistes.
+</p>
+
+<p>
+Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und
+Finanzen. Um Beschwerden vorzubeugen, forderte er den
+Suffeten Hanno zum Nachprüfen der Rechnungen auf.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen,
+die längst zwecklos gewordenen alten Binnenmauern
+niederreißen. Der Unterschied im Vermögen, der
+an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt die
+Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt.
+Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der
+alten, schon halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen
+an, während sich das Volk darüber freute, ohne recht zu
+wissen warum.
+</p>
+
+<p>
+Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller
+Bewaffnung durch die Straßen. Aller Augenblicke vernahm
+man Trompetensignale. Wagen mit Schilden, Zelten
+und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller
+Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte
+sich den andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik.
+Er hatte seine Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt
+und Sorge getragen, daß in den Langreihen abwechselnd
+immer ein Starker neben einem Schwachen stand, so daß
+der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen
+geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen
+dreitausend Ligurern und der Elite der Karthager konnte
+er freilich nur eine einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig
+Gepanzerten bilden, die eherne Helme trugen
+und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus Eschenholz,
+sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.
+</p>
+
+<p>
+Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen
+und Sandalen ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert
+andre, die Rundschilde und Römerschwerter bekamen.
+</p>
+
+<p>
+Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann,
+dem Reste der Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren
+mit vergoldeten Erzschienen gepanzert. Ferner hatte
+er über vierhundert berittene Bogenschützen, die man Tarentiner
+nannte, mit Mützen aus Wieselfell, Doppeläxten
+und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger
+aus dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt,
+neben den Pferden herlaufen, indem sie sich mit der Hand
+an den Mähnen festhielten. Alles war marschbereit, und
+dennoch rückte Hamilkar nicht aus.
+</p>
+
+<p>
+Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich
+über die Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar.
+Suchte er mit den Söldnern Fühlung? Die Ligurer, die
+in der Straße der Mappalier lagen, schützten sein Haus.
+</p>
+
+<p>
+Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt,
+als man eines Tages dreihundert Barbaren den Mauern
+näher kommen sah. Der Suffet öffnete ihnen die Tore.
+Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem General zurück,
+von Furcht oder Treue getrieben.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht.
+Dieser Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt
+nicht sterben. Er kehrte endlich zurück, um sein Versprechen
+zu erfüllen. Das war eine Hoffnung, die nichts
+Widersinniges hatte. So tief war die Kluft zwischen
+Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt.
+Das Gelage hatte man vergessen.
+</p>
+
+<p>
+Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines
+andern. Das war ein Triumph für die Unzufriednen,
+und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu kam, daß
+die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man
+brachte es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten.
+Viele hatten sich vom Heere getrennt und durchstreiften
+das Land. Bei der Kunde von den Rüstungen der Karthager
+kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude.
+»Endlich! endlich!« rief er aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun
+gegen Hamilkar. Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer
+vor sich. Und da seine Rachgier vielleicht doch Befriedigung
+finden konnte, so wähnte er die Beute schon in seinen Händen
+und weidete sich bereits an ihr. Gleichzeitig ward er
+von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer heftigerer
+Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner
+Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike
+durch die Luft schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem
+Purpurbette, wo er die Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht
+mit Küssen bedeckte und mit den Händen über ihr
+langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser Traum
+nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine
+Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so
+schwor er sich, den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung,
+daß er daraus nicht zurückkehren würde, reizte
+ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen
+herbeiführen! Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren,
+wenn Hamilkar uns angreift! Verstehst du mich? Steh
+auf!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft.
+Matho ließ sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn
+er zuweilen auch heftig erregt gewesen war, so war dieser
+Zustand stets schnell wieder vergangen. Jetzt erschien
+er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen loderte
+ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er
+wohnte jetzt in einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle
+Getränke aus Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein
+Haar wachsen und leitete die Belagerung mit Muße. Übrigens
+hatte er geheime Verbindungen in der Stadt angeknüpft.
+Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt,
+daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte,
+befand sich gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung,
+ja, er tadelte den Libyer, daß er den Feldzugsplan aus
+Tollkühnheit aufgeben wolle.
+</p>
+
+<p>
+»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho
+an. »Du hast uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk
+und Pferde versprochen! Wo sind sie?«
+</p>
+
+<p>
+Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien
+vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange,
+so jage man zurzeit in den Wäldern danach. Das Fußvolk
+würde mobil gemacht. Die Pferde seien unterwegs.
+</p>
+
+<p>
+Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib,
+streichelte die Straußenfedern, die ihm auf die Schultern
+herabwallten, und lächelte in verletzender Weise. Matho
+wußte ihm nichts zu antworten.
+</p>
+
+<p>
+Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt,
+mit verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem
+Gürtel, ganz außer Atem. Seine mageren Flanken schlugen.
+In unverständlicher Mundart berichtete er etwas.
+Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer
+Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und
+rief seine Reiter.
+</p>
+
+<p>
+Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn
+herum. Naravas bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes
+starrte er vor sich hin und biß sich auf die Lippen. Endlich
+teilte er seine Mannschaft in zwei Hälften und gebot
+der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit herrischer
+Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der
+Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete
+Zufälle nicht! Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt
+uns ...«
+</p>
+
+<p>
+»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung
+mit Autarit zuvorzukommen! Doch wenn man die
+Belagerungen jetzt aufhob, kamen die Einwohner wahrscheinlich
+aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in
+den Rücken, während man die Karthager vor der Front
+hatte. Nach vielem Hin- und Herreden wurden folgende
+Maßregeln beschlossen und unverzüglich ausgeführt.
+</p>
+
+<p id="p201">
+Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke,
+zwölf Kilometer vor Utika. Die Brücke war
+durch ein Kastell gedeckt. Es wurde durch Schanzen verstärkt
+und mit vier großen Geschützen besetzt. Alle Wege
+und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden
+durch Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse
+und Steinwälle gesperrt. Auf den Berggipfeln wurde
+Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können, und
+in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute
+Augen hatten, als Beobachtungsposten auf.
+</p>
+
+<p>
+Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der
+Hannos über den Berg der Heißen Wasser zu erwarten.
+Er mußte sich sagen, daß ihm Autarit als Beherrscher
+des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch mußte
+ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten,
+während eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn
+die Söldner erst weiter entfernt standen. Er konnte allerdings
+auch am Vorgebirge der Trauben landen und von
+da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber
+kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings
+war er dieser Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften
+kaum fähig. Folglich mußte er dicht südlich der
+arianischen Berge hinmarschieren, dann nach links schwenken,
+um nicht in das Morastgebiet des Makar zu geraten,
+und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn
+Matho erwarten.
+</p>
+
+<p>
+Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten.
+Er eilte nach Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten
+im Gebirge, kam zurück und ruhte keinen Augenblick.
+Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles, was die
+Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der
+Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige
+Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig
+seinem Gefährten. Von Salambo sprachen beide nicht
+mehr. Der eine dachte nicht an sie, und den andern
+machte eine Art Scham schweigsam.
+</p>
+
+<p>
+Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung
+nach Karthago, in der Hoffnung, Hamilkars Annäherung
+zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute er nach dem
+Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und
+wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch
+eines Heeres zu vernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier
+Tage erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft
+entgegenrücken und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage
+verstrichen darüber hinaus. Spendius hielt ihn zurück.
+Am Morgen des sechsten aber brach Matho auf.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht
+erpicht als die Barbaren. In den Zelten und in den
+Häusern herrschte der gleiche Wunsch, die gleiche Besorgnis.
+Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum Zauderer
+mache.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des
+Eschmuntempels zu dem Mondbeobachter und schaute nach
+dem Winde.
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages &ndash; es war der dritte im Monat Tibby &ndash; sah
+man ihn hastigen Schritts von der Burg herabkommen.
+In der Straße der Mappalier entstand lauter Lärm. Bald
+ward es auf allen Straßen lebendig, und überall begannen
+sich die Soldaten zu wappnen, umringt von schluchzenden
+Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann
+eilten sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih
+und Glied zu stellen. Niemand durfte ihnen folgen,
+noch gar mit ihnen reden, noch sich den Befestigungswerken
+nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still
+wie ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre
+Lanzen gelehnt. Die Menschen in den Häusern seufzten.
+Bei Sonnenuntergang rückte das Heer durch das Westtor
+ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis einzuschlagen
+oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu marschieren,
+zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die
+Lagune, um die herum runde, über und über mit weißem
+Salz bedeckte Stellen wie riesige Silberschüsseln schimmerten,
+die man am Strande liegen gelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde
+immer sumpfiger. Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt
+stets bei der Vorhut, und sein Pferd, das gelb gescheckt
+war wie ein Drache und Schaum um sich warf, trat geräumigen
+Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht
+sank herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten,
+man renne ins <ins class="correction" title="Anmerkung: im vorliegenden Original heißt es 'Verberben'">Verderben</ins>. Der Suffet entriß den Schreiern
+die Waffen und gab sie den Troßknechten. Der Schlamm
+wurde immer grundloser. Man mußte die Lasttiere besteigen.
+Manche klammerten sich an die Schweife der
+Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die
+ligurischen Schwadronen stießen das Fußvolk mit den
+Lanzenspitzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Man
+hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.
+</p>
+
+<p>
+Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die
+Merkzeichen zu suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten
+Abständen eingerammt worden waren. Sie riefen
+durch die Dunkelheit, und das Heer folgte ihnen von weitem.
+</p>
+
+<p id="p204">
+Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen.
+Bald ließ sich eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen.
+Man befand sich am Ufer des Makar. Trotz der
+Kälte wurden keine Feuer angezündet.
+</p>
+
+<p>
+Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte
+die Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die
+Unteroffiziere klopften ihnen leise auf die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte
+ihm nicht bis zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert
+Schritte oberhalb im Flusse aufzustellen, während die
+übrigen ein Stück unterhalb etwa vom Strome fortgerissene
+Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt das
+ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den
+Fluß wie zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich
+beobachtet, daß der Westwind den Sand vor sich hertrieb
+und den Fluß hemmte, so daß in seiner ganzen Breite
+eine natürliche Straße entstand, eine Barre.
+</p>
+
+<p>
+Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von
+Utika, in einer weiten Ebene, &ndash; ein Vorteil für die Elefanten,
+die Hauptkraft des punischen Heeres.
+</p>
+
+<p>
+Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das
+vollste Vertrauen kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich
+auf die Barbaren werfen. Der Suffet ließ sie
+aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne aufging,
+rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die
+Elefanten voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei
+und schließlich die Phalanx.
+</p>
+
+<p id="p205">
+Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend
+an der Brücke nahmen voll Erstaunen wahr, daß
+sich der Boden in der Ferne bewegte. Der Wind blies
+sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie erhoben
+sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten
+gelben Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen
+immer wieder von neuem, so daß sie das punische Heer
+verbargen. Da die Karthager hochragende Hörner an
+den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern,
+eine Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der
+Mäntel getäuscht, behaupteten, Flügel zu erkennen, und
+Wüstenkenner zuckten die Achseln und erklärten das Ganze
+für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber rückte etwas
+Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn
+wie dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin.
+Die höhersteigende Sonne leuchtete stärker. Ein grelles
+zitterndes Licht rückte das Himmelsgewölbe scheinbar
+mehr in die Höhe, durchleuchtete die Gegenstände und
+machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die
+weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten,
+und die kaum merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum
+äußersten Himmelsrand, durch eine lange blaue Linie begrenzt:
+das Meer, wie man wußte. Die Heere hatten
+ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner
+von Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen
+auf den Wällen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von
+gleichhohen Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter
+und größer. Schwarze Hügel schaukelten auf und ab.
+Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das waren
+Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die
+Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung
+eilten die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung
+heran, um sich gemeinsam auf Hamilkar zu
+werfen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!«
+wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho
+war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit
+zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor
+dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen
+Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend
+Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen
+rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner
+Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er
+klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle
+von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er
+sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken,
+schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann
+schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an,
+goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen
+Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen.
+Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet
+nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern.
+Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die
+Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit
+Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit
+den Rüsseln gegen die Schultern.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die
+Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen
+Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen,
+Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische
+Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann,
+erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes
+Rechteck mit schmalen Flanken bildete.
+</p>
+
+<p>
+Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren,
+die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude
+ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der
+Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens
+daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von
+Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius
+den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch
+aufgefaßt und schon ausgeführt.
+</p>
+
+<p>
+Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die
+über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um
+es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert
+Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten,
+anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren
+ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das
+Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch
+die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder
+zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst!
+Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus
+dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar
+herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts!
+Vorwärts!«
+</p>
+
+<p>
+Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln
+alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in
+den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller
+zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie
+verschwanden wie Schatten in einer Wolke.
+</p>
+
+<p>
+Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten,
+übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie
+wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren
+vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem
+Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte
+hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen,
+und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das
+leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und
+Reiterscharen im Galopp der Attacke.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben,
+die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die
+Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung
+durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch
+auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese
+verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so
+gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo
+sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade
+Schlachtlinie bildeten.
+</p>
+
+<p>
+In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen
+Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je
+sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute
+der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit
+über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre
+Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe
+zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die
+Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte.
+Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden.
+Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel.
+Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis
+zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte
+wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein
+Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei
+Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden
+Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter
+los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben.
+Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen
+Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen
+im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an
+die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne
+Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile
+einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten
+die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen,
+eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand.
+Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger
+neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren
+ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch
+weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die
+Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen
+die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der
+Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die
+neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die
+beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.
+</p>
+
+<p>
+Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie
+nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen
+Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten.
+Alles keuchte, atemlos vom Laufen.
+</p>
+
+<p>
+Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung
+und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß
+im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die
+allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach.
+</p>
+
+<p id="p210">
+Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner
+zu umfassen. Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx
+aber durchbrach nunmehr durch eine nochmalige
+Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden langen
+Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber
+die karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln,
+Wurfspießen und Pfeilen gegen die eingedrungene
+Phalanx zurück. Um den Geschoßangriff abzuschlagen,
+fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die wenige, die da
+war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem rechten
+Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So
+war alles festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen
+Massen loskommen. Die Gefahr war drohend und
+ein Entschluß dringend notwendig.
+</p>
+
+<p>
+Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden
+Flanken anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber
+die Flügelrotten manöverierten so geschickt, daß die Phalanx
+sich auch hier gegen die Barbaren wandte, ebenso
+furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher in der Front
+gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein,
+doch die Reiterei störte sie von hinten im Angriff, und
+die Phalanx, an die Elefanten gelehnt, schloß sich bald
+zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus, bald bildete
+sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein
+Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung
+flutete beständig von der Front nach der Queue. Die
+nämlich, die in den hintern Gliedern standen, drängten
+nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder verwundet
+waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich
+gegen die Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich
+vorwärts. Sie glich einem Meer, in dem die
+roten Federbüsche und die blitzenden Metallschuppen
+wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie
+Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen
+stürzten breite Ströme von einem Ende zum andern und
+fluteten dann wieder zurück, während in der Mitte eine
+schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben
+und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke
+Schwerter in so hastiger Bewegung, daß man nur die
+Spitzen erkannte, und Reiterschwärme brachen durch die
+Masse, die sich hinter ihnen rasch wieder wirbelnd zusammendrängte.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale
+der Trompeten und den schrillen Klang der Leiern pfiffen
+die Blei- und Tonkugeln, um die Schwerter aus den
+Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern.
+Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem
+Schild und streckten die Schwerter vor, den Knauf auf
+den Boden gestemmt. Andre wälzten sich in Blutlachen,
+um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse stand
+so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so
+stark, daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge,
+die sich ergeben wollten, wurden nicht einmal gehört.
+Wenn man keine Waffen mehr hatte, rang man
+Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer,
+und Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen
+zwei sie umklammernden Armen. Eine Kompagnie
+von sechzig Umbriern marschierte festen Tritts, die Lanzen
+eingelegt, zähneknirschend und unerschütterlich vor und
+zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum Weichen.
+Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen
+des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den
+Mähnen und ließen ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen
+ihre Reiter ab und jagten über die Ebene hin. Die ausgeschwärmten
+punischen Schleuderer standen verblüfft da.
+Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen
+ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen
+aus der Reihe. Die Barbaren aber hatten sich
+wieder geordnet. Sie griffen von neuem an: der Sieg
+war ihnen!
+</p>
+
+<p id="p212">
+Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein
+Gebrüll von Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig
+Elefanten, die in zwei Treffen anstürmten. Hamilkar
+hatte nur gewartet, bis die Söldner auf einem
+einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann
+loszulassen. Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam
+gestachelt, daß ihnen das Blut über die breiten Ohren
+rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel standen
+senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit
+einem Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne
+durch eiserne Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt
+waren. Um sie wilder zu machen, hatte man sie
+mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch
+berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder,
+und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den
+über sie hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von
+den Türmen herabzufliegen begannen.
+</p>
+
+<p>
+Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den
+Ungetümen in dichten Haufen entgegen. Die Elefanten
+stürmten ungestüm mitten in sie hinein. Die Spieße an
+ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die Heerscharen,
+die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten
+die Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und
+reichten sie über ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den
+Türmen. Mit ihren Stoßzähnen schlitzten sie den Gegnern
+die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in die Luft.
+Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie
+Tauwerk an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren
+die Augen auszustechen oder die Kniekehlen durchzuschneiden.
+Manche krochen ihnen unter den Bauch, stießen ihnen
+das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von
+ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das
+Riemenzeug und sägten mitten in Flammen, Kugeln und
+Pfeilen die Gurtung durch, bis der Weidenturm umklappte
+wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten vom rechten
+äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt,
+wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen
+die Indier zu ihren Hämmern, setzten die Meißel auf
+die Schädeldecken und schlugen mit aller Kraft zu.
+Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen übereinander.
+Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen
+von Kadavern und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant,
+»Zorn Baals« genannt, die Beine in Ketten verstrickt,
+einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum Abend.
+</p>
+
+<p>
+Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten,
+zerstampften und zertrümmerten die übrigen
+Tiere alles und ließen ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln
+aus. Um die Reihen von Soldaten zurückzudrängen,
+von denen die Kolosse umringt wurden, drehten
+sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum,
+wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die
+Karthager fühlten sich wieder stark und frisch, und die
+Schlacht begann von neuem.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten
+warf ein Teil die Waffen weg. Schrecken
+ergriff die übrigen. Man sah Spendius, auf seinem Dromedar
+hockend, wie er es an den Schultern mit zwei
+Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln
+und eilte auf Utika zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten
+keinen Versuch, die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer,
+von Durst verzehrt, schrien und wollten nach dem Flusse.
+Nur die Karthager, die in der Mitte der Karrees gestanden
+und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften
+vor Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu
+entgehen drohte. Schon machten sie sich zur Verfolgung
+der Söldner auf, &ndash; da erschien Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen
+Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes
+flatternden Bänder wehten hinter ihm im Winde. Seinen
+ovalen Schild hatte er unter den linken Schenkel geschoben.
+Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot er dem
+Heere Halt.
+</p>
+
+<p>
+Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden
+auf ihre Handpferde und galoppierten in verschiedenen
+Richtungen nach der Stadt und nach dem Flusse zu.
+</p>
+
+<p>
+Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den
+Barbaren noch übrig war. Gegnerischen Schwertern nah,
+hielten die Söldner die Kehle hin und schlossen die Augen.
+Andre verteidigten sich verzweifelt. Man warf sie aus der
+Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte
+befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten
+ihm nur mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen,
+ihre Schwerter in die Leiber der Barbaren zu stoßen.
+Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie Schnitter,
+mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten,
+um Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern,
+die in der Ebene hinter Söldnern herjagten, und
+sahen zu, wie es ihnen gelang, die Flüchtlinge bei den
+Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang festhielten und
+dann mit Axthieben niederschlugen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren
+verschwunden. Flüchtige Elefanten jagten am Horizont
+mit brennenden Türmen umher. Da und dort leuchteten
+sie durch die Finsternis wie halb im Nebel verlorene Blinkfeuer.
+In der weiten Ebene bemerkte man keine andre
+Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die
+vielen Leichen geschwollen war, die er dem Meere zutrug.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein
+der Sterne sah er lange, unregelmäßige Haufen auf dem
+Boden liegen.
+</p>
+
+<p>
+Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich.
+Sie waren alle tot. Er rief. Keine Stimme gab ihm
+Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen
+Hippo-Diarrhyt verlassen, um gegen Karthago zu marschieren.
+Als er Utika erreichte, war das Heer des
+Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren
+eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen.
+Man hatte sich auf beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen.
+Doch als das Getöse, das man in der Richtung
+auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm,
+war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge
+geeilt. Niemand begegnete ihm, da die Barbaren in die
+Ebene flohen.
+</p>
+
+<p>
+Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige
+Massen, und diesseits des Flusses, noch näher, brannten
+dicht über dem Boden unbewegliche Lichter. Die Karthager
+hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen. Um
+die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet zahlreiche
+Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.
+</p>
+
+<p>
+Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen
+zu erkennen. Es waren regungslose Pferdeköpfe auf den
+Spitzen von Lanzenpyramiden, die er undeutlich sah. In
+der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder und Becherklang.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden
+könne. Von Angst befallen, verwirrt und im Dunkel
+verloren, kehrte er in noch größerer Hast auf demselben
+Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der Berghöhe
+Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten
+Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den
+Stadtmauern lehnten, und südlicher das Söldnerlager.
+</p>
+
+<p>
+Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen
+den Soldaten, dicht an den Zelten, schliefen halbnackte
+Männer, auf dem Rücken liegend oder die Stirn
+auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte. Einige
+wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende
+rollten sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und
+brachten ihnen zu trinken. In den engen Lagergassen
+gingen die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen,
+oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in trotziger
+Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet.
+Matho fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand,
+die über zwei in die Erde gerammten Stöcke gespannt
+war. Er saß da, die Hände um die Knie geschlungen,
+mit gesenktem Haupte.
+</p>
+
+<p>
+Lange verharrten beide in Stillschweigen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.
+</p>
+
+<p>
+Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten
+Gebärden.
+</p>
+
+<p>
+Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug
+die Leinwand zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte
+ihn an ein andres Unglück an nämlicher Stätte, und
+zähneknirschend rief er aus:
+</p>
+
+<p>
+»Elender! Schon einmal ...«
+</p>
+
+<p>
+»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am
+Ende werd ich ihn doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn
+töten! Ach, wär ich dagewesen!«
+</p>
+
+<p>
+Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte
+ihn noch mehr als die Niederlage an sich. Er riß sein
+Schwert ab und schleuderte es zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch
+geschlagen?«
+</p>
+
+<p>
+Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang
+der Schlacht zu erzählen. Matho sah im Geiste alles
+vor sich und geriet in große Aufregung. Das Heer, das
+vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken fallen müssen,
+statt zur Brücke zu eilen, meinte er.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.
+</p>
+
+<p>
+»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief
+nehmen müssen! Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen
+die Phalanx führen! Und Lücken für die Elefanten offen
+halten! Noch im letzten Moment wäre alles wieder zu
+gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius entgegnete:
+</p>
+
+<p>
+»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem
+Arm aus dem Staub emporragen. Wie ein Adler
+flog er an den Flanken der Bataillone hin. Bei jedem
+Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder
+dehnten sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander.
+Er hat mich angeblickt und mir war zumute,
+als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«
+</p>
+
+<p>
+»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte
+Matho bei sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter
+den ungünstigsten Umständen herbeigeführt haben könnte.
+Dann kamen sie auf die Kriegslage zu sprechen. Spendius,
+der seinen Fehler beschönigen oder sich selber ermutigen
+wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief
+Matho. »Ich ganz allein werde den Krieg fortsetzen!«
+</p>
+
+<p>
+»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf.
+Mit großen Schritten ging er auf und ab. Seine Augen
+blitzten, und ein seltsames Lächeln verzog sein Schakalgesicht.
+</p>
+
+<p>
+»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich
+nur nicht wieder! Ich habe kein Geschick für die offnen
+Feldschlachten. Der Glanz der Schwerter trübt meinen
+Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu lange im
+Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen,
+und ich will in die Festungen eindringen und
+die Insassen sollen kalt sein, ehe noch die Hähne krähen!
+Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen Feind, einen
+Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »<i>ein Weib</i>, und
+wäre sie eine Königstochter, &ndash; ich bringe dir schleunigst,
+was du begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst
+mir vor, daß ich die Schlacht gegen Hanno verloren
+hätte. Aber ich habe sie ja dann doch wiedergewonnen!
+Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns
+mehr genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem
+er dem Bedürfnis nachgab, sich herauszustreichen
+und Rache zu üben, zählte er alles auf, was er für die
+Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in den
+Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in
+Sikka, habe ich sie mit der Furcht vor der Republik toll
+gemacht! Gisgo leuchtete ihnen heim, &ndash; ich ließ die Dolmetscher
+gar nicht zu Worte kommen! Ha, wie ihnen
+die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich
+noch? Ich habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich
+habe den Zaimph geraubt! Ich habe dich zu <i>ihr</i> geführt.
+Und ich werde noch mehr tun! Du sollst sehen!«
+</p>
+
+<p>
+Er brach in ein tolles Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand
+Grauen vor diesem Manne, der so feig und dabei so
+schrecklich war.
+</p>
+
+<p>
+Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in
+heiterem Tone fort:
+</p>
+
+<p>
+»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in
+den Steinbrüchen Fronarbeit getan und unter goldnem
+Sonnendache auf einem Schiffe, das mein war, Massiker
+geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den Zweck,
+uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden.
+Es liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«
+</p>
+
+<p>
+Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.
+</p>
+
+<p>
+»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du
+hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine
+Leute gehorchen dir! Stelle sie in das Vortreffen! Die
+meinen werden folgen, um Rache zu nehmen. Ich habe
+noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und
+Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine
+Phalanx formieren. Kehren wir um!«
+</p>
+
+<p>
+Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch
+nicht zu der Überlegung gekommen, wie er es vielleicht
+wieder gutmachen könne. Er hörte mit offenem Munde
+zu, und die Erzschuppen, die seine Brust umspannten,
+drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen.
+Er hob sein Schwert auf und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Folge mir! Vorwärts!«
+</p>
+
+<p>
+Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß
+die Toten der Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört
+und Hamilkar verschwunden sei.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch09">IX</h2>
+
+<h2>Im Felde</h2>
+
+
+<p>
+Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder
+vor Utika erwarten oder gegen ihn vorrücken.
+Aber da er seine Streitkräfte weder zum Angriff noch
+zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf dem
+rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn
+vor einem unmittelbaren Überfalle sicherte.
+</p>
+
+<p>
+Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache
+der Barbaren abspenstig machen, indem er ihnen ihren
+Abfall stillschweigend verzieh. Später freilich, wenn sie
+wieder isoliert dastanden, wollte er einzeln über sie herfallen
+und sie vernichten.
+</p>
+
+<p>
+In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen
+Thukkaber und Utika mit den Städten Tignikabah, Tessurah,
+Vakka und andern Orten weiter im Westen. Das
+in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel
+berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado,
+Thapitis und Hagur schickten ihm Gesandte. Die Landleute
+kamen mit Lebensmitteln, baten ihn um Schutz,
+küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten
+sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken
+die Köpfe von Söldnern, die sie angeblich getötet hatten.
+In Wahrheit hatten sie nur Tote geköpft. Viele von
+den Barbaren hatten sich nämlich auf der Flucht verirrt,
+und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und
+in den Vignen ihre Leichname.
+</p>
+
+<p>
+Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am
+Tage nach dem Siege die zweitausend Gefangenen, die
+man auf dem Schlachtfelde gemacht hatte, nach Karthago
+gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je
+hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen
+hinten aufgebundene Eisenstangen gefesselt. Sogar die
+Verwundeten mußten blutend mitlaufen. Reiter hinter
+ihnen trieben sie mit Peitschenhieben vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich
+immerfort, daß sechstausend Barbaren gefallen waren, daß
+die andern nicht Widerstand leisten könnten, daß also der
+Krieg beendet sei. Man umarmte einander auf den Straßen
+und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit
+Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus,
+als ob sie mit ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und
+den bis zu den Schultern erhobenen Armen unter der frischen
+Bemalung Leben gewönnen und an dem Jubel des
+Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste.
+Die Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die
+Tempel waren allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der
+Göttin zogen nach Malka hinunter und errichteten an den
+Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz, auf denen sie
+sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die Sieger,
+Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für
+den Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den
+Antrag, ihm neue Würden und Vorrechte zu verleihen.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit
+anzuknüpfen, um den alten Gisgo und die mit ihm in
+Gefangenschaft geratenen Karthager gegen gefangene
+Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders
+ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und
+Nomaden, aus denen Autarits Heer bestand, hatten aber
+nur wenig Zusammenhang mit den gefangenen Söldnern,
+die von italischer oder griechischer Abkunft waren. Und
+da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige
+Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die
+andern aber sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle,
+und Autarit lehnte das Angebot ab.
+</p>
+
+<p>
+Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen,
+obwohl ihnen der Suffet geschrieben hatte, man solle sie
+nicht töten. Er gedachte, die besten in sein Heer einzustellen
+und dadurch noch andre zum Abfall zu verlocken. Doch
+der Haß war stärker als alle Rücksichten der Klugheit.
+</p>
+
+<p>
+Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der
+Mappalier an Grabstelen gebunden, und nun kamen Krämer,
+Küchenjungen, Arbeiter, ja sogar Weiber &ndash; die Witwen
+der Gefallenen &ndash; mit ihren Kindern, kurz alle, die es
+danach gelüstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man
+zielte recht lange, um die Qual der Opfer zu verlängern,
+und hob und senkte die Waffe immer wieder. Die Menge
+drängte sich grölend herum. Lahme ließen sich auf Bahren
+herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr Essen mit und
+blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man
+schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente
+sich ein schönes Sümmchen Geld, indem er Bogen verlieh.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende ließ man die mit Pfeilen gespickten Leichen
+stehen, die über den Gräbern wie rote Statuen ragten.
+Die Erregung ergriff selbst die Leute von Malka, die von
+der Urbevölkerung abstammten und in patriotischen Dingen
+sonst sehr gleichgültig waren. Aus Dankbarkeit für das
+Vergnügen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glücke
+des Vaterlands Anteil und fühlten sich als Punier. Die
+Gerusiasten priesen ihre eigene Schlauheit. Sie wähnten
+durch diesen Racheakt das ganze Volk zu einer Einheit
+verschmolzen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Segen der Götter fehlte nicht, denn aus allen
+Himmelsgegenden flogen Raben herbei. Sie kreisten mit
+lautem, heiserem Krächzen durch die Luft und formten eine
+ungeheure Wolke, die sich beständig um sich selbst drehte.
+Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermäischen
+Vorgebirge aus. Manchmal zerriß sie plötzlich, und ihre
+schwarzen Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler
+war mitten in sie gestoßen. Bald flog er wieder weiter.
+Auf den Terrassen, den Kuppeln, den Spitzen der Obelisken
+und den Giebeln der Tempel, überall hockten große Vögel,
+Fetzen von Menschenfleisch in ihren geröteten Schnäbeln.
+</p>
+
+<p>
+Des üblen Geruches wegen sahen sich die Karthager
+genötigt, die Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde
+verbrannt. Die übrigen warf man ins Meer, und die
+vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am
+andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade.
+</p>
+
+<p>
+Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel
+in Schrecken versetzt, denn von der Höhe des Eschmuntempels
+sah man, wie sie ihre Zelte abbrachen, ihr Vieh
+zusammentrieben und ihr Gepäck auf Esel luden. Noch
+am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Indem das Söldnerheer zwischen dem Berge der Heißen
+Wasser und Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte,
+sollte es dem Suffeten die Annäherung an die tyrischen
+Städte unmöglich machen und ihm die Rückkehr nach Karthago
+verlegen.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem sollten die beiden andern Heere versuchen,
+Hamilkar im Süden zu fassen, und zwar Spendius von
+Osten, Matho von Westen her. Schließlich wollten sich alle
+drei vereinigen, ihn überraschen und einschließen. Da
+bekamen sie eine völlig unverhoffte Verstärkung. Naravas
+erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech
+beladene Kamele, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend
+Reiter.
+</p>
+
+<p>
+Um die Söldner zu schwächen, hatte es der Suffet für angebracht
+erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschäftigen.
+Hamilkar hatte sich von Karthago aus mit Masgaba
+verständigt, einem gätulischen Banditenführer, der
+sich ein Reich zu gründen suchte. Dieser Abenteurer hatte
+mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die
+Unabhängigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten
+aufgewiegelt. Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme
+benachrichtigt, war in Kirta eingefallen, hatte den Siegern
+das Zisternenwasser vergiftet, ein paar Köpfe abgeschlagen
+und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er zurück,
+wütender auf den Suffeten als die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Die vier Heerführer verständigten sich über den Kriegsplan.
+Da der Krieg lange dauern würde, mußte alles
+vorgesehen werden.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst kam man überein, den Beistand der Römer anzurufen.
+Man bot diese Sendung Spendius an. Als Überläufer
+aber wagte er sie nicht zu übernehmen. Zwölf Männer
+aus den griechischen Kolonien schifften sich nun in
+Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann
+forderten die Führer von allen Barbaren den Fahneneid.
+Täglich hielten die Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle
+ab. Den Posten wurde der Gebrauch des Schildes
+verboten. Sie waren nämlich häufig an die Lanze gelehnt
+stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit
+sich führte, hatte sich deren zu entledigen. Nach römischem
+Brauch mußte alles Gepäck auf dem Rücken getragen
+werden. Aus Vorsicht gegen die Elefanten errichtete
+Matho ein Kürassierregiment, das, Roß wie Reiter, vom
+Scheitel bis zur Sohle in nägelbeschlagener Nilpferdhaut
+steckte. Um auch die Hufe der Pferde zu schützen,
+flocht man ihnen Schuhe aus Spartofasern.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde verboten, die Ortschaften zu plündern und Einwohner
+nichtpunischer Herkunft zu malträtieren. Da die
+Gegend aber ausgesogen war, befahl Matho, die Lebensmittel
+nur noch nach der Kopfzahl der Soldaten zu verteilen
+und die Weiber nicht mehr zu berücksichtigen. Anfangs
+teilten die Söldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren dadurch
+wegen mangelhafter Ernährung die Kräfte. Unaufhörlich
+kam es zu Zwisten und Schimpfereien, da manche
+die Gefährtinnen andrer durch die Verführungskraft oder
+durch das Versprechen ihrer Portionen zu sich lockten. Matho
+befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders erbarmungslos
+davonzujagen. Sie flüchteten in Autarits Lager, aber
+die Gallierinnen und Libyerinnen daselbst nötigten sie durch
+fortgesetzte Schikanen wieder zum Abzug.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie
+den Schutz der Zeres und der Proserpina anriefen, denn im
+Gebiete der Burg gab es einen Tempel und auch Priester
+dieser Gottheiten, zur Sühne für die Greuel, die einst bei
+der Belagerung von Syrakus begangen worden waren.
+Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten
+die jüngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche
+Neukarthager nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen,
+weil sie blonde Frauen liebten.
+</p>
+
+<p>
+Manche der Weiber aber ließen nicht vom Heere. Sie
+liefen an der Seite der Kompagnien neben den Hauptleuten
+her, riefen ihre Männer beim Namen, zupften sie
+am Mantel, zerschlugen sich die Brust und verwünschten
+sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden Kinder
+hinhielten. Dieser Anblick rührte die Barbaren. Aber
+die Weiber waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man
+stieß sie immer wieder zurück, und doch wichen sie nicht.
+Matho ließ sie schließlich von den Reitern des Naravas
+mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm zuriefen,
+sie müßten Frauen haben, antwortete er: »Ich
+hab auch keine!«
+</p>
+
+<p>
+Molochs Geist kam über ihn. Trotz der Gegenrede seines
+Gewissens vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich
+einbildete, der Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn
+er die Felder nicht verwüsten konnte, so ließ er Steine darauf
+werfen, um sie unfruchtbar zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Durch wiederholte Botschaften drängte er Autarit und
+Spendius zur Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten
+waren unbegreiflich. Nacheinander lagerte Hamilkar
+bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklärer glaubten ihn
+in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches
+des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder,
+daß er den Makar oberhalb Teburba überschritten habe, als
+ob er nach Karthago zurückkehren wolle. Kaum war er an
+einem Orte, so brach er schon nach einem andern auf. Die
+Marschstraßen, die er einschlug, blieben immer unbekannt.
+Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen
+Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch.
+</p>
+
+<p>
+Die Märsche und Gegenmärsche ermüdeten die Karthager
+aber mehr als die Söldner, und Hamilkars Streitkräfte
+nahmen, da sie nicht erneuert wurden, von Tag
+zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die Lebensmittel
+bereits saumseliger. Überall stieß er auf Zaudern und
+stillen Haß, und trotz seiner dringenden Bitten an den
+Großen Rat kam ihm keine Hilfe aus Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Man sagte &ndash; vielleicht glaubte man es auch &ndash;, daß er keine
+nötig hätte. Das sei Arglist oder unnützes Klagen. Um
+ihm zu schaden, übertrieben Hannos Anhänger die Bedeutung
+seines Sieges. Die Truppen, die er befehligte,
+hätte man opferwillig aufgebracht; aber man könne doch
+nicht alle seine Forderungen erfüllen. Der Krieg sei wahrlich
+schwer genug! Er hätte schon zu viel gekostet. Aus
+Hochmut unterstützten Hamilkar die Einflußreichsten seiner
+eigenen Partei nur schwach.
+</p>
+
+<p>
+Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb
+mit Gewalt von den Stämmen alles bei, was er zum
+Kriege brauchte: Korn, Öl, Holz, Vieh und Menschen.
+Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch
+die er marschierte, waren leer. Man durchstöberte die
+Hütten, ohne etwas darin zu finden. Bald umgab schreckliche
+Einöde das punische Heer.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen
+die Provinzen zu verwüsten. Sie verschütteten die Zisternen
+und steckten die Häuser in Brand. Die Funken, vom Winde
+fortgetragen, flogen weit umher. Auf den Bergen gerieten
+ganze Wälder in Brand, und um die Täler flammten
+Feuerkränze. Ehe man durchmarschieren konnte, mußte
+man erst lange warten. Und wenn es soweit war, setzte
+das Heer seinen Marsch in der Sonnenglut auf der
+heißen Asche fort.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen sah man neben der Straße im Gebüsch etwas
+funkeln wie die Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein
+Barbar, der auf den Fersen hockte und sich mit Staub
+beschmiert hatte, um mit der Farbe des Laubes eins zu
+sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hörten
+die Flügelmänner plötzlich Steine rollen, und wenn sie
+aufblickten, sahen sie oben am Rande der Schlucht einen
+barfüßigen Mann davonlaufen.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei,
+da die Söldner sie nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl
+diesen Städten, Hilfe zu schicken. Doch sie wagten
+nicht, sich ihrer Verteidigungskräfte zu entblößen, und so
+antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten, Höflichkeiten
+und Entschuldigungen.
+</p>
+
+<p>
+Er wandte sich nunmehr plötzlich nach Norden, entschlossen,
+sich eine der tyrischen Städte zu erschließen, und
+sollte er sie auch belagern. Er bedurfte eines Stützpunktes
+an der Küste, um von den Inseln oder von Kyrene
+Proviant und Soldaten beziehen zu können. Am meisten
+lockte ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am
+nächsten lag.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig
+den See von Hippo-Diarrhyt. Doch bald war
+er gezwungen, seine Regimenter in lange Marschkolonnen
+auseinander zu ziehen, um über den Höhenrücken zwischen
+den beiden Tälern hinüber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang
+stieg man gerade eine weite kraterartige Schlucht
+vom Kamme hinab, als man vor sich, unmittelbar über
+dem Boden, Wölfinnen aus Metall erblickte, die über das
+Gras zu laufen schienen.
+</p>
+
+<p>
+Dazu tauchten große Helmbüsche auf, und von Flöten
+begleitet, erscholl ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war
+das Heer des Spendius. Seine Kampaner und Griechen
+hatten aus Haß gegen Karthago römische Feldzeichen angenommen.
+Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe Lanzen,
+Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern.
+Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier,
+Balearier und Gätuler. Man hörte die Pferde des Naravas
+wiehern. Die Reiter ritten weitausgeschwärmt
+über den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten
+Scharen, die Autarit führte, die Gallier, Libyer und Nomaden.
+Mitten unter ihnen erkannte man die »Esser
+unreiner Speisen« an den Fischgräten, die sie im Haare
+trugen.
+</p>
+
+<p>
+So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung
+ihrer Marschentfernungen vereint. Doch selber überrascht,
+blieben sie zunächst eine Weile unbeweglich stehen
+und berieten sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisförmigen
+Masse zusammengezogen, so daß sie überallhin
+gleichen Widerstand bieten konnten. Die hohen spitzen
+Schilde waren dicht nebeneinander in den Rasen gesteckt
+und bildeten eine Mauer um das Fußvolk. Die Klinabaren
+standen außerhalb dieses Kreises, und noch weiter
+weg, in Abständen, die Elefanten. Die Söldner waren
+von den Strapazen erschöpft und wollten deshalb lieber
+den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewiß, beschäftigten
+sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten große helle Feuer angezündet, die sie selbst
+blendeten und das punische Heer unter ihnen um so mehr
+ins Dunkel rückten. Nach römischem Brauch ließ Hamilkar
+rings um sein Lager einen Graben von fünfzehn
+Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter
+aus der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen,
+auf dem spitze, sich kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt
+wurden. Als die Sonne aufging, waren die
+Söldner arg erstaunt, daß sie die Karthager so samt und
+sonders wie in einer Festung verschanzt sahen.
+</p>
+
+<p>
+Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er
+umherging und Befehle erteilte. Er trug einen braunen
+kleinschuppigen Panzerrock. Sein Pferd folgte ihm. Von
+Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der ausgestreckten
+Rechten auf etwas zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+Manch einer dachte da zurück an ähnliche Morgen, an
+denen der Marschall die Front abgeschritten und man sich
+an seinen Blicken gestärkt hatte wie an einem Becher
+Wein. Eine seltsame Rührung ergriff die Hinabschauenden.
+Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude
+toll, daß man ihn umzingelt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so
+mußte man sich auf dem zu engen Raume gegenseitig
+schaden. Die Numidier konnten zwar eine Attacke mitten
+hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten Klinabaren
+stark überlegen. Und wie sollte man über die
+Schanzpfähle hinwegkommen? Auch die Elefanten waren
+noch nicht genügend abgerichtet.
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid allesamt Feiglinge!« schrie Matho.
+</p>
+
+<p>
+Und mit den Tapfersten stürzte er gegen die Verschanzung
+vor. Ein Steinhagel trieb sie zurück, denn der Suffet
+hatte ihre an der Brücke zurückgelassenen Geschütze mitgenommen.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Mißerfolg verursachte in den beweglichen Geistern
+der Barbaren einen jähen Umschlag. Ihr Übermut verschwand.
+Sie wollten zwar siegen, aber unter so wenig
+Gefahren wie nur möglich. Spendius meinte, man müsse
+die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten
+und das punische Heer aushungern. Doch die Karthager
+begannen Brunnen zu graben, und da ihr Platz rings
+von Bergen umgeben war, so fanden sie wirklich Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde,
+Mist und Feldsteine, und die sechs Geschütze rollten unablässig
+auf dem Walle vor und zurück.
+</p>
+
+<p>
+Indessen mußten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel
+zu Ende gehen, die Katapulte abgenützt werden und
+die Söldner, an Zahl zehnmal überlegen, schließlich doch
+zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen, begann der Suffet
+Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die Barbaren
+in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes
+Schaffell. Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges.
+Die Alten hätten ihn zum Kriege gezwungen. Um den
+Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halte, bot er ihnen
+Utika oder Hippo-Diarrhyt &ndash; ganz nach Belieben &ndash; zur
+Plünderung an. Zum Schluß erklärte er, keineswegs
+aber hege er Furcht, denn er habe Verräter unter ihnen
+gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde er leicht mit den
+übrigen fertig werden.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer
+unmittelbaren Beute machte sie nachdenklich. Sie fürchteten
+Verrat, da sie in der Prahlerei des Suffeten keine
+Falle argwöhnten, und begannen einander mit Mißtrauen
+zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das Benehmen
+eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus
+dem Schlafe auf. Viel brachen mit ihren bis dahin besten
+Kameraden. Man wählte sich nach Gutdünken Anschluß
+an andre Truppenteile. So schlossen sich die Gallier unter
+Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie verstanden.
+Die vier Heerführer kamen allabendlich in Mathos Zelt
+zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben
+aufmerksam die kleinen Holzfiguren hin und her, die
+Pyrrhus zur Darstellung von taktischen Hergängen erfunden
+hatte. Spendius wies auf die Hilfsquellen Hamilkars
+hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu verpassen.
+Dabei zitierte er alle möglichen Götter. Matho
+schritt erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg
+gegen Karthago war seine ureigene Angelegenheit. Es empörte
+ihn, daß die andern dareinredeten, ohne ihm gehorchen
+zu wollen. Autarit erriet diese Gedanken an seinem
+Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob verächtlich
+den Kopf. Es gab keine Maßregel, die er nicht
+für verderblich erklärt hätte. Er lächelte nicht mehr.
+Seufzer entschlüpften ihm, als unterdrücke er den Schmerz
+über einen unerfüllbaren Traum, die Verzweiflung über
+ein verfehltes Unternehmen.
+</p>
+
+<p>
+Während die Barbaren unschlüssig hin und her berieten,
+verstärkte der Suffet seine Verteidigungsmittel. Er ließ
+innerhalb seiner Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen
+und an seinen Ecken hölzerne Basteien errichten.
+Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen Vorposten
+hinein, um Fußangeln auszulegen. Die Elefanten,
+deren Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren
+Fesseln. Um Futter zu sparen, befahl der Marschall den
+Klinabaren, ihre minder kräftigen Hengste zu töten. Man
+weigerte sich mehrfach. Hamilkar ließ die Ungehorsamen
+enthaupten. Man verzehrte die getöteten Pferde. Die
+Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden
+Tagen große Traurigkeit hervor.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager
+eingeschlossen waren, sahen sie ringsum auf den Höhen
+die vier Barbarenlager, die voller Bewegung waren.
+Weiber mit Schläuchen auf den Köpfen gingen hin und
+her. Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden.
+Die Posten wurden abgelöst. Man aß, um die
+Feldkessel gelagert. Die Stämme lieferten Lebensmittel
+in Fülle, und die Söldner ahnten selber nicht, wie sehr
+nervös ihre Untätigkeit das punische Heer machte.
+</p>
+
+<p>
+Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager
+der Nomaden einen Haufen von etwa dreihundert Menschen
+bemerkt, die abgesondert blieben. Das waren die
+Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren.
+Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande
+des Grabens auf, traten hinter sie und schleuderten Spieße,
+indem sie die Leiber der Gefangenen als Deckung benutzten.
+Die Unglücklichen waren kaum wiederzuerkennen.
+Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und Schmutz
+gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene
+Haar machte Geschwüre auf ihren Köpfen sichtbar. Dabei
+waren sie so abgemagert und widerlich, daß sie Mumien
+in zerlöcherten Leichentüchern glichen. Manche zitterten
+und schluchzten mit blöder Miene. Andre riefen ihren
+Landsleuten zu, auf die Barbaren zu schießen. Einer stand
+ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und sprach
+kein Wort. Sein langer weißer Bart wallte bis hinab
+auf seine mit Ketten beschwerten Hände. Den Karthagern
+war es zumute, als ob die Republik zusammenbräche:
+sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl die Stelle
+gefährlich war, drängten sie sich heran, um ihn zu sehen.
+Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flußpferdhaut mit
+einer Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein
+Einfall Autarits. Matho mißfiel diese Verhöhnung.
+</p>
+
+<p>
+Erbittert ließ Hamilkar die Palisadenbrustwehr öffnen.
+Er war fest entschlossen, sich durchzuschlagen, &ndash; einerlei
+wie. In einem wütenden Ausfalle drangen die Karthager
+bis zur halben Höhe des Abhanges dreihundert
+Schritte weit hinauf. Da aber stürzte ihnen eine solche
+Flut von Barbaren abwärts entgegen, daß sie in ihre Verschanzung
+zurückgetrieben wurden. Einer von der Garde,
+der noch draußen war, strauchelte über einen Stein. Zarzas
+eilte herbei, warf ihn zu Boden, stieß ihm den Dolch
+in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann stürzte
+er sich auf den Daliegenden, preßte den Mund auf seine
+Wunde und sog, unter krampfartigen Zuckungen und
+wilde Jodler ausstoßend, das Blut in vollen Zügen ein.
+Hinterher setzte er sich ruhig auf den Leichnam, warf den
+Kopf hintenüber, um besser Luft zu bekommen, wie ein
+Hirsch, der eben an einem Gießbach getrunken hat, und
+stimmte mit schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine
+wirre Melodie voll langgezogener Töne, die öfters abbrach
+und sich dann wiederholte wie ein Echo in den Bergen.
+Er rief seine toten Brüder an und lud sie zum Feste
+ein. Dann nahm er seine Hände zwischen die Beine,
+neigte langsam den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte
+die Barbaren, vornehmlich die Griechen.
+</p>
+
+<p>
+Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr.
+Ebensowenig aber dachten sie daran, sich zu ergeben, eines
+qualvollen Todes gewiß.
+</p>
+
+<p>
+Trotz Hamilkars Fürsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich
+ab. Für jeden Mann blieben nur noch zehn
+Khomer Getreide, drei Hin Hirse und zwölf Betza getrocknete
+Früchte. Kein Fleisch, kein Öl, kein Eingesalzenes
+mehr, kein Korn Gerste für die Pferde. Man sah
+sie den abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube
+nach zertretenen Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die
+auf dem Walle stehenden Posten beim Schein des Mondes
+Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in den Abfällen
+wühlten. Man tötete sie mit Steinwürfen, ließ
+sich mit Schildriemen an den Schanzpfählen hinunter
+und verzehrte die Tiere alsdann, ohne ein Wort zu reden.
+Bisweilen freilich erhob sich ein furchtbares Gebell, und
+der Mann kehrte nicht zurück. In der vierten Gliederschaft
+der zwölften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten
+mit Messern im Streit um eine Ratte.
+</p>
+
+<p>
+Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Häusern: die
+Armen nach ihren bienenkorbförmigen Hütten mit Muschelschalen
+an der Türschwelle und einem aufgehängten Netz
+davor, die Patrizier nach ihren geräumigen Gemächern,
+wo sie im Blau der Dämmerung während der heißen
+Tagesstunden zu ruhen und dem gedämpften Straßenlärm
+zu lauschen pflegten, den das Blätterrauschen im
+Garten melodisch machte. Und um sich tiefer in solche
+Träumerei zu versenken und sie mehr zu genießen, schlossen
+sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie
+wieder weckte. Alle Augenblicke gab es ein Gefecht,
+einen Alarm. Die hölzernen Basteien brannten. Die
+»Esser unreiner Speisen« kletterten an den Pfählen
+herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hände ab. Andre
+stürmten heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die
+Zelte hernieder. Man errichtete Gänge aus Rohrgeflecht,
+um sich gegen die Wurfgeschosse zu schützen. Die Karthager
+verbargen sich darunter und rührten sich nicht
+mehr.
+</p>
+
+<p>
+Täglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten
+Morgenstunden wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels
+und ließ ihn dann im Schatten. Die Sonne blieb
+hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten stiegen die
+grauen Hänge empor, mit großen Steinen übersät, die
+mit spärlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darüber
+wölbte sich der ewig klare Himmel, der den Augen
+glatter und kälter erschien als eine Kuppel aus Stahl.
+Hamilkar war so ärgerlich über Karthago, daß er Lust
+spürte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie
+gegen die Stadt zu führen. Schon fingen die Troßknechte,
+die Marketender, die Sklaven zu murren an, und weder
+das Volk, noch der Große Rat, noch sonst jemand sandte
+ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unerträglich, zumal
+bei dem Gedanken, daß sie immer schlimmer werden
+mußte.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Bei der Kunde von diesem Mißgeschick raste man in
+Karthago vor Zorn und Haß. Man hätte den Suffeten
+weniger verwünscht, hätte er sich gleich zu Anfang besiegen
+lassen.
+</p>
+
+<p>
+Um neue Söldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit
+und Geld. Wollte man aber Soldaten in der Stadt ausheben:
+womit sollte man sie ausrüsten? Hamilkar hatte
+alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie befehligen?
+Die besten Hauptleute befanden sich ja draußen
+bei ihm! Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten
+ein, die laut rufend durch die Straßen zogen. Der Große
+Rat geriet darüber in Aufregung und ließ sie beiseite
+schaffen.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Man beschuldigte
+den Barkiden allgemein der Saumseligkeit. Er hätte
+nach seinem Siege die Söldner vernichten sollen. Warum
+hatte er die Stämme gebrandschatzt? Hatte man nicht
+hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten
+über die Kriegssteuern, die man persönlich sowie
+aus den Syssitien gezahlt hatte. Auch wer nichts gegeben
+hatte, klagte mit den übrigen. Das Volk war eifersüchtig
+auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle Bürgerrecht
+versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich
+so tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren
+und verwünschte auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung
+wie ein Verbrechen, wie eine Mitschuld vor.
+Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Läden, die Arbeiter,
+die, ihr bleiernes Winkelmaß in der Hand, vorübergingen,
+die Salzlakehändler, die ihre Körbe spülten,
+die Badeknechte in den Bädern, die Verkäufer warmer
+Getränke, alle erörterten sie die Vorgänge des Feldzuges.
+Man zeichnete mit dem Finger Operationspläne
+in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel,
+der nicht Hamilkars Fehler zu verbessern gewußt
+hätte.
+</p>
+
+<p>
+Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe für so lange
+Gottlosigkeit. Er hätte keine Opfer gespendet, hätte
+seine Truppen nicht weihen lassen, ja, er hätte sich geweigert,
+Auguren mitzunehmen. Das Ärgernis über seine
+Gottlosigkeit schürte den unterdrückten starken Haß, die
+Wut über die enttäuschten Hoffnungen. Man erinnerte
+sich seines Unglücks in Sizilien. Sein Hochmut, den man
+so lange ertragen, drückte nun mit einem Male mehr
+denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm nicht, daß er
+ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem Großen
+das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn
+er jemals zurückkehre.
+</p>
+
+<p>
+Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewöhnlich
+stark, war eine weitere Plage. Vom Ufer des Haffs
+stiegen ekelhafte Dünste auf. In sie mischten sich die
+Wirbelwolken des Räucherwerks, das an den Straßenecken
+brannte. Unablässig hörte man Hymnen absingen.
+Menschenmassen wogten auf den Treppen der Tempel.
+Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern behängt.
+Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder,
+und das Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann
+in roten Kaskaden die Tempelstufen hinab. Ein düsterer
+Wahnsinn hatte Karthago erfaßt. Aus den engsten
+Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten
+auf, Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zähnen
+knirschten. Schrilles Weibergekreisch erfüllte die Häuser,
+drang durch die Fenstergitter auf die Plätze und beunruhigte
+die dort plaudernden Müßiggänger. Zuweilen
+glaubte man, die Barbaren kämen. Man hatte sie hinter
+dem Berge der Heißen Wasser gesehen. Sie sollten bei
+Tunis lagern. Die Stimmen vervielfältigten sich, schwollen
+an und verschmolzen zu einem einzigen Schrei. Dann
+trat allgemeine Stille ein. Eine Menge Leute hockten auf
+den Dächern der Gebäude und spähten, die Hand über den
+Augen, in die Weite, während andre am Fuße der Wälle
+platt auf dem Boden lagen und aufmerksam lauschten.
+Wenn der Schreck vorüber war, dann begann
+die Wut von neuem. Aber das Bewußtsein ihrer Ohnmacht
+versenkte die Bevölkerung bald wieder in die alte
+Trübsal.
+</p>
+
+<p>
+Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn
+man allgemein auf den Terrassen stand und sich neunmal
+verneigte und die Sonne mit lautem Rufen grüßte. Sie
+sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann mit einem
+Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren,
+verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler
+von der Höhe eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog,
+das Symbol der Erneuerung des Jahres, eine Botschaft
+des Volkes an den höchsten Gott, eine Feier, die
+man als eine Art von Bündnis, als Vermählung mit der
+Kraft der Sonne betrachtete. Übrigens wandte sich das
+haßerfüllte Volk jetzt abergläubisch dem menschenverschlingenden
+Moloch zu, und alle verließen Tanit. In der
+Tat schien die Mondgöttin, ihres Mantels beraubt, einen
+Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die
+Wohltat ihrer Gewässer, sie hatte Karthago verlassen.
+Sie war eine Abtrünnige, eine Feindin. Manche warfen
+mit Steinen nach ihr, um sie zu beschimpfen. Doch während
+man sie arg schmähte, beklagte man sie gleichzeitig.
+Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem.
+</p>
+
+<p>
+Alles Unglück rührte unbedingt vom Verluste des Zaimphs
+her, und Salambo war mittelbar daran schuld. Der
+Groll richtete sich deshalb auch auf sie. Sie müsse bestraft
+werden! Alsbald lief der unbestimmte Gedanke einer Opferung
+im Volke um. Um die Götter zu versöhnen, müsse
+man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschätzbarem
+Werte opfern, ein schönes, junges, jungfräuliches Geschöpf
+aus altem Hause, den Göttern entsprossen, einen Stern
+der Menschheit. Täglich drangen unbekannte Männer in
+die Gärten von Megara. Die Sklaven zitterten für ihr
+eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten.
+Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht über die
+Galeerentreppe hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten
+hinauf nach dem hohen flachen Dache des Schlosses.
+Sie warteten auf Salambo und schrien stundenlang nach
+ihr wie Hunde, die den Mond anheulen.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch10">X</h2>
+
+<h2>Die Schlange</h2>
+
+
+<p>
+Das Pöbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht.
+Sorgen beunruhigten sie. Ihre große
+Schlange, ein schwarzer Python, ward immer matter.
+Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie persönlicher
+Fetisch. Man hielt sie für Kinder des Urschlamms,
+weil sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Füße
+bedürfen, um auf ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte
+an die Wellen im Strom, ihr kühler Körper an
+die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der Kreis, den sie
+beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beißen, an die
+Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns.
+</p>
+
+<p>
+Salambos Schlange hatte schon öfters die vier lebendigen
+Spatzen verschmäht, die man ihr bei jedem Vollmond
+und jedem Neumond brachte. Ihre schöne Haut, wie das
+Himmelsgewölbe mit goldnen Flecken auf tiefschwarzem
+Grund übersät, war jetzt gelb, welk, runzelig und für ihren
+Körper zu weit. Flockiger Schimmel sproß rings um
+ihren Kopf, und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man
+flackernde kleine rote Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo
+an den aus Silberdraht geflochtenen Korb und hob
+den Purpurvorhang, die Lotosblätter und die Daunendecke
+auf, worunter die Schlange beständig in sich zusammengerollt
+lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge
+des steten Hinsehens fühlte Salambo in ihrem eigenen
+Herzen einen Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine
+zweite Schlange allmählich bis hinauf zur Kehle um sie
+winde und sie ersticke.
+</p>
+
+<p>
+Sie war in Verzweiflung, daß sie den Zaimph gesehen
+hatte, und doch empfand sie eine seltsame Freude darüber,
+einen geheimen Stolz. In den schimmernden Falten des
+heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen. Er war
+ein Symbol der Wolken, die die Götter umhüllen, das
+Mysterium des Weltalls. Salambo graute es vor sich
+selbst, aber sie bedauerte doch, den Mantel nicht hochgehoben
+zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs,
+die Hände um ihr linkes Bein geschlungen, mit halbgeöffnetem
+Munde, gesenktem Kinn und starrem Blick. Voll
+Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters ins Gedächtnis.
+Sie hätte in den Libanon Phöniziens zum Tempel
+von Aphaka pilgern mögen, wo Tanit in Gestalt eines
+Sternes auf die Erde gekommen war. Allerlei Vorstellungen
+lockten und schreckten sie. Überdies ward ihre Einsamkeit
+von Tag zu Tag größer. Sie wußte nicht einmal,
+was aus Hamilkar geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich ward sie des Grübelns müd. Sie erhob sich
+und schlürfte in ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen
+bei jedem Schritte gegen ihre Fersen klappten, durch das
+weite stille Gemach, immer hin und her, ohne Zweck und
+Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke
+warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen
+wandte Salambo den Kopf ein wenig nach oben, um sie
+zu betrachten. Sie betastete die aufgehängten zweihenkligen
+Steinkrüge an den Hälsen oder kühlte sich den Busen mit
+breiten Fächern oder vertrieb sich die Zeit damit, in hohlen
+Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging,
+nahm Taanach die schwarzen Filzläden aus den Fenstern
+weg. Flugs kamen dann Salambos Tauben hereingeflattert,
+die mit Moschus eingerieben waren wie die Tauben
+der Tanit, und ihre rosenroten Füßchen hüpften über die
+Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkörnern hin,
+die sie ihnen mit vollen Händen hinstreute, wie ein Landmann
+den Samen auf ein Ackerfeld. Plötzlich aber brach sie
+in Schluchzen aus, und dann lag sie, ohne sich zu rühren,
+auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder, lang hingestreckt,
+während sie immer ein und dasselbe Wort wiederholte,
+mit offnen Augen, totenblaß, kalt und empfindungslos ...
+und doch hörte sie das Gekreisch der Affen draußen
+in den Palmenwipfeln und das unablässige Knarren des
+großen Rades, das durch alle Stockwerke hindurch einen
+Strom reinen Wassers in ihre Porphyrwanne leitete.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume
+sah sie verschleierte Gestirne, die ihr zu Füßen tanzten.
+Sie rief Schahabarim; aber wenn er kam, wußte sie nicht
+mehr, was sie ihn fragen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu
+leben. In ihrer tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner
+Herrschaft. Sie empfand dem Priester gegenüber zugleich
+Furcht, Eifersucht, Haß und eine wunderliche Liebe, der
+Dankbarkeit entsprossen für die eigentümliche Wollust, die
+sie in seiner Nähe fühlte.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte erkannt, daß Salambo im Banne der Tanit
+stand, denn er wußte wohl Bescheid, welche Götter die oder
+jene Krankheit sandten. Um Salambo zu heilen, ließ er
+ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut und Krullfarn
+besprengen. Jeden Morgen mußte sie Alraun einnehmen.
+Nachts schlief sie auf einem Säckchen wohlriechender
+Kräuter, die von den Oberpriestern gemischt worden
+waren. Schahabarim hatte sogar Baaras angewandt, eine
+feuerrote Wurzel, mit der die bösen Geister nach Norden
+vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den
+Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen
+der Tanit. Doch Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen
+wurden immer stärker.
+</p>
+
+<p id="p245">
+Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim.
+In seiner Jugend hatte er auf der Schule der Mogbeds
+zu Borsippa bei Babylon studiert, hatte dann Samöthrake,
+Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Judäa besucht, die Tempel
+der Nabatäer, die halb verweht im Sande lagen, und er
+war zu Fuß an den Ufern des Nils von den Katarakten
+bis zum Meere hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx,
+des Vaters des Schreckens, hatte er mit verschleiertem Antlitz,
+Fackeln schwingend, einen schwarzen Hahn auf einem
+Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten der Proserpina
+hinabgestiegen. Er hatte die fünfhundert Säulen
+des Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter
+von Tarent brennen sehen, der auf seinem Schafte so viele
+Lampen trug, als es Tage im Jahre gibt. Nachts empfing
+er zuweilen Griechen, um von ihnen zu lernen. Die Weltordnung
+beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der
+Götter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria
+die Äquinoktien beobachtet und hatte die Bematisten
+des Euergetes, die den Himmel durch Schrittzählungen
+ausmaßen, bis nach Kyrene begleitet. Und so war in seiner
+Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne
+feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik.
+Den Glauben, daß die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet
+sei, hatte er abgetan. Er hielt sie für rund, für eine Scheibe,
+die ewig falle, in die Unendlichkeit hinein, mit einer so
+fabelhaften Geschwindigkeit, daß man ihren Fall gar nicht
+gewahr wird.
+</p>
+
+<p>
+Aus der Stellung der Sonne über dem Monde schloß er
+auf die Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne
+selbst nur Widerschein und Sinnbild war. Überdies zwang
+ihn alles, was er von irdischen Dingen beobachtete, zu der
+Erkenntnis, daß das vernichtende männliche Prinzip das
+höhere sei. Auch zieh er die Mondgöttin insgeheim der
+Schuld am Unglücke seines Lebens. Hatte ihn nicht ihretwegen
+der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln
+unter einer Schale siedenden Wassers der künftigen Mannheit
+beraubt? Schwermütig folgte sein Blick den Männern,
+die sich mit den heiligen Hetären der Tanit im Schatten
+der Terebinthenhaine verloren.
+</p>
+
+<p>
+Seine Tage rannen dahin, während er die Räucherpfannen
+beaufsichtigte, die goldnen Gefäße, die Feuerzangen,
+die Harken vor dem Altar, die Gewänder der
+Götterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der
+Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes
+gekräuselt wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock
+mit den Smaragden. Immer zur nämlichen Stunde
+schlug er die breiten Vorhänge der nämlichen Türen
+zurück und ließ sie wieder fallen. In der nämlichen
+Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder
+lag betend auf den nämlichen Steinfliesen, während ein
+Schwarm von Priestern um ihn her barfuß durch die
+Gänge wallte, die in ewigem Dämmerlichte schlummerten.
+</p>
+
+<p>
+In der Öde seines Lebens sah er Salambo wie eine
+Blume in der Spalte einer Gruft. Und doch war er streng
+gegen sie und ersparte ihr keine Buße und kein hartes
+Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen ihr und ihm
+eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger,
+weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schön
+und vor allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es
+ihr schwer fiel, seinen Gedanken zu folgen. Dann ging
+er tieftraurig von ihr, und dann fühlte er sich ganz verlassen,
+einsam und leer.
+</p>
+
+<p>
+Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo
+aufleuchteten wie gewaltige Blitze, die Abgründe
+erhellen. Das geschah in den Nächten oben auf dem
+flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide allein die
+Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren
+Füßen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer,
+das sich im Dunkel der Schatten verlor.
+</p>
+
+<p>
+Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem
+gleichen Wege zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch
+die Zeichen des Tierkreises wandelt. Mit ausgestrecktem
+Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des menschlichen
+Ursprunges und im Steinbock das der Rückkehr zu den
+Göttern. Salambo bemühte sich, sie zu erkennen, denn
+sie hielt diese Vorstellung für Wirklichkeit. Bloße Symbole,
+ja selbst bildliche Ausdrücke nahm sie für wahr an
+sich. Allerdings war auch dem Priester der Unterschied
+nicht immer völlig klar.
+</p>
+
+<p>
+»Die Seelen der Verstorbenen«, sagte er, »lösen sich im
+Monde auf wie ihre Körper in der Erde. Ihre Tränen
+bilden seine Feuchtigkeit. Es ist ein dunkler Ort voller
+Sümpfe, Trümmer und Stürme.«
+</p>
+
+<p>
+Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr würde.
+»Zuerst schwindest du dahin, leicht wie ein Hauch, der
+sich über den Wogen wiegt; und erst nach längeren Prüfungen
+und Ängsten gehst du ein in das hohe Haus der
+Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!«
+</p>
+
+<p>
+Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar &ndash; wie Salambo
+glaubte &ndash; aus Scham über das Mißgeschick seiner
+Göttin. Auch sie sprach immer nur das gewöhnliche
+Wort »Mond« aus, das nichts weiter bedeutete als bloß
+das Gestirn, und sie erschöpfte sich in frommen Worten
+über sein mildes befruchtendes Licht. Schließlich aber
+rief Schahabarim aus:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, so ist das nicht! Der Mond erhält all seine
+Fruchtbarkeit von anderswo! Siehst du denn nicht, wie
+er um die Sonne schleicht wie ein verliebtes Weib, das
+einem Manne über das Feld nachläuft?« Und unaufhörlich
+pries er die Kraft des Sonnenlichtes.
+</p>
+
+<p>
+Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertöten, reizte
+er sie vielmehr auf. Er schien sogar Vergnügen daran zu
+finden, Salambo durch die Offenbarung einer unerbittlichen
+Lehre in Verzweiflung zu stoßen, und sie ging trotz
+der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit bereitete, eifrig
+darauf ein.
+</p>
+
+<p>
+Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto
+mehr gab er sich Mühe, sich doch seinen Glauben an
+sie zu wahren. In tiefster Seele hielt ihn die Angst vor
+späterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem Beweise,
+einer Kundgebung der Göttin, und in der Hoffnung, dies
+zu erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich
+sein Vaterland und seinen Glauben retten sollte.
+</p>
+
+<p>
+Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub
+und das Unglück zu beklagen, das davon ausgegangen
+sei und sich bis in die Weiten des Himmels erstrecke.
+Jetzt verkündete er ihr auch unvermittelt die Gefahr, in
+der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos
+Führung bedrängt. Matho, der Räuber des heiligen
+Mantels, war für die Karthager der Herzog der Barbaren.
+Schahabarim setzte hinzu, daß das Heil der Republik
+und des Suffeten einzig und allein von Salambo
+abhänge.
+</p>
+
+<p>
+»Von mir?« rief sie aus. »Wie kann ich denn ...?«
+</p>
+
+<p>
+Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+»Nie wirst du dich dazu verstehen!«
+</p>
+
+<p>
+Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim:
+</p>
+
+<p>
+»Du mußt zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurückholen!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange,
+am ganzen Leibe zitternd, mit schlaff zwischen den Knien
+herabhängenden Armen sitzen, wie ein Opfertier am
+Fuße des Altars, des Schlages mit der Keule harrend.
+Die Schläfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um
+sich kreisen und begriff in ihrer Betäubung nur noch das
+eine: daß sie bald sterben müsse.
+</p>
+
+<p>
+Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurückkäme
+und Karthago gerettet würde! Was lag dann
+am Leben eines Weibes!
+</p>
+
+<p>
+So dachte Schahabarim. Überdies war es ja möglich,
+daß sie den Mantel erlangte, ohne dabei umzukommen.
+Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am Abend des
+vierten Tages ließ sie ihn rufen.
+</p>
+
+<p>
+Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr
+alle die Schmähungen, die man im versammelten Rate
+gegen Hamilkar ausstieß. Er sagte ihr, daß sie schuldig
+sei, daß sie ihre Sünde sühnen müsse und daß die
+Göttin dies als Opfer von ihr erheische.
+</p>
+
+<p>
+Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Straße der
+Mappalier hinauf nach Megara. Schahabarim und Salambo
+traten rasch hinaus und hielten von der Galeerentreppe
+Ausschau.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen.
+Die Alten weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen
+Versuche für unnütz erachteten. Schon manche
+wären ohne Führer ausgezogen und hätten den Tod gefunden!
+Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in
+den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um
+Moloch eine Art Huldigung darzubringen oder bloß
+aus ziellosem Zerstörungstriebe, in den Tempelhainen
+große Zypressen, zündeten sie an den Ampeln der Kabiren
+an und trugen sie singend durch die Straßen. Diese Riesenfackeln
+bewegten sich in gemächlichem Hin- und Herwiegen
+vorwärts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf
+den Tempelfirsten, auf die Schmuckstücke der Kolosse und
+auf die Schiffsbeschläge. Sie zogen über die Terrassen
+hin und kreisten wie Sonnen durch die Stadt. Sie kamen
+die große Treppe von der Akropolis herab. Das Tor von
+Malka tat sich ihnen auf.
+</p>
+
+<p>
+»Bist du bereit?« fragte Schahabarim. »Oder hast du
+denen da den Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden,
+daß du ihn im Stiche lässest?«
+</p>
+
+<p>
+Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, während
+sich der Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande
+hinabzog.
+</p>
+
+<p>
+Eine vage Angst hielt sie zurück. Sie fühlte Furcht vor
+Moloch, Furcht vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt
+ein Hüne, der Herr des Zaimphs, hatte jetzt die gleiche
+Macht über Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in der nämlichen
+Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die
+Seelen der Götter in den Leibern von Menschen. Und
+hatte Schahabarim, als er von Matho sprach, nicht gefordert,
+daß sie Moloch besiegen solle? Matho und Moloch
+verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie verwechselte
+beide, und beide waren ihre Verfolger.
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange.
+Die Haltung der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch
+der Korb war leer. Salambo erschrak.
+</p>
+
+<p>
+Sie fand das Tier neben ihrem Hängebett. Es hatte
+sich um einen Pfeiler des silbernen Geländers geringelt
+und rieb sich daran, um die alte welke Haut abzustreifen,
+aus der sein heller glänzender Leib schon hervorschimmerte
+wie ein halb aus der Scheide gezücktes Schwert.
+</p>
+
+<p>
+Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen überzeugen
+ließ, je geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um
+so gesünder und kräftiger ward ihre Schlange. Sie lebte
+sichtlich wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war Salambo gewiß, daß Schahabarim den Willen
+der Götter übermittle. Eines Morgens erwachte sie
+fest entschlossen und fragte, was sie tun müsse, damit
+Matho den Mantel zurückgäbe.
+</p>
+
+<p>
+»Ihn fordern!« entgegnete Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+»Aber wenn er sich weigert?«
+</p>
+
+<p>
+Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lächeln,
+das sie bei ihm noch nie gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+»Ja, was dann?« wiederholte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Der Priester spielte mit den Enden der Bänder, die
+von seiner Tiara auf seine Schultern herabfielen, und
+stand unbeweglich da, mit gesenktem Blick. Als er aber
+merkte, daß sie ihn nicht verstand, da sagte er endlich:
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst mit ihm allein sein!«
+</p>
+
+<p>
+»Weiter?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Allein in seinem Zelte!«
+</p>
+
+<p>
+»Was heißt das?«
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim biß sich auf die Lippen. Er suchte nach
+einer Umschreibung, einer Ausflucht.
+</p>
+
+<p>
+»Wenn du sterben mußt, so wird das später geschehen!«
+sprach er. »Später! Fürchte also nichts! Und was er
+auch beginnt, rufe nicht! Erschrick nicht! Du mußt
+demütig sein, verstehst du, und seinem Wunsche gefügig,
+denn das ist ein Gebot des Himmels!«
+</p>
+
+<p>
+»Und der Zaimph?«
+</p>
+
+<p>
+»Dafür werden die Götter schon sorgen!« entgegnete
+Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+»Kannst du mich nicht begleiten, Vater?«
+</p>
+
+<p>
+»Nein!«
+</p>
+
+<p>
+Er hieß sie niederknien, drückte die Linke an sich und
+schwor mit der ausgestreckten Rechten für sie, daß sie den
+Mantel der Tanit nach Karthago zurückbringen wolle.
+Unter grauenhaften Formeln weihte er sie den Göttern,
+und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach, wiederholte
+Salambo halb ohnmächtig.
+</p>
+
+<p>
+Er schrieb ihr genau die nötigen Reinigungen vor, und
+wie sie fasten müsse, und wie sie zu Matho gelangen könne.
+Übrigens solle ein wegekundiger Mann sie begleiten.
+</p>
+
+<p>
+Salambo fühlte sich wie erlöst. Sie dachte nur an das
+Glück, den Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie
+Schahabarim für seine frommen Ermahnungen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach
+Sizilien auf den Berg Eryx zum Tempel der Venus zu
+ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem Aufbruch suchten
+und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich flogen
+sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her,
+und wie eine große weiße Wolke schwebten sie am Himmel,
+hoch über dem Meere.
+</p>
+
+<p>
+Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen
+sich allmählich zu den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden
+sie, als wären sie in den Rachen der Sonne hineingestürzt
+und von ihm verschlungen. Salambo, die ihrem
+Fortfliegen zusah, ließ den Kopf sinken, und Taanach, die
+ihren Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr:
+</p>
+
+<p>
+»Sie kehren wieder, Herrin!«
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich weiß es.«
+</p>
+
+<p>
+»Und du wirst sie wiedersehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht!« versetzte Salambo seufzend.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte ihren Entschluß keinem Menschen anvertraut.
+Um ihn ganz heimlich ausführen zu können, sandte sie
+Taanach in die Vorstadt Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe,
+dessen sie bedurfte: Zinnober, Parfümerien, einen
+leinenen Gürtel und neue Gewänder. Sie wollte diese Dinge
+absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte
+Dienerin erstaunte über diese Zurüstungen, wagte aber
+keine Fragen. So kam der Tag heran, den Schahabarim
+zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Um die zwölfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine
+einen blinden Greis, der sich mit einer Hand auf die
+Schulter eines vor ihm hinschreitenden Kindes stützte
+und mit der andern eine Harfe aus schwarzem Holz gegen
+die Hüfte gepreßt trug. Die Eunuchen, die Sklaven und
+Dienerinnen waren sorgfältig entfernt worden. Niemand
+sollte etwas von dem Mysterium erfahren, das sich zu
+vollziehen begann.
+</p>
+
+<p>
+Taanach zündete in den Ecken des Gemaches vier eherne
+Dreifüße an, die mit kretischem Rosenharz und Paradieskörnern
+gefüllt waren. Dann rollte sie große babylonische
+Teppiche auf und hängte sie an Schnüren rings
+an den Wänden auf. Salambo wollte von niemandem
+gesehen werden, selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler
+hockte hinter der Tür. Der Knabe stand aufrecht
+daneben und hielt eine Schilfflöte an seinen Lippen. In
+der Ferne, halbverklungen, summte der Straßenlärm. Die
+Säulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten,
+und auf der andern Seite des Golfes verschwammen
+die Bergzüge, die Olivenhaine und die gelben, endlos
+sich hinwellenden Felder in bläulichem Dufte. Man hörte
+keinen Laut. Unsägliche Mattigkeit lastete in der Luft.
+Salambo kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der
+Onyxstufe nieder, streifte ihre weiten Ärmel zurück, befestigte
+sie hinter den Schultern und begann ihre Waschungen
+vorschriftsmäßig nach den heiligen Bräuchen.
+</p>
+
+<p>
+Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterfläschchen
+eine halbgeronnene Flüssigkeit. Es war das Blut eines
+schwarzen Hundes, der in einer Winternacht von unfruchtbaren
+Weibern in den Ruinen eines Grabes getötet worden
+war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die Fersen
+und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel
+ein wenig gerötet wurde, als hätte er eine Frucht
+zerdrückt.
+</p>
+
+<p>
+Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen
+Harfe und Flöte ineinander zu tönen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo legte ihre Ohrgehänge, ihr Halsband, ihre
+Armringe und ihr langes weißes Obergewand ab, löste
+ihre Haarbinde und schüttelte ihr sie umwallendes Haar
+eine Weile leise, um sich an den Strähnen die Schultern
+zu kühlen. Die Musik draußen tönte fort: es waren
+drei hastige wilde Töne, die immer wiederkehrten. Die
+Saiten der Harfe klangen schrill, die Flöte gurgelte.
+Taanach schlug den Takt mit ihren Händen. Salambo
+wiegte sich mit ihrem ganzen Körper und sang Gebete
+ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern.
+Einer der schweren Teppiche an der Wand bewegte sich,
+und über der Schnur, die ihn trug, erschien der Kopf der
+Pythonschlange. Langsam glitt sie herab wie ein Wassertropfen,
+der an der Wand herunterrinnt, kroch zwischen
+den daliegenden Gewändern hin und richtete sich dann,
+den Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in
+die Höhe. Ihre starr auf Salambo gerichteten Augen
+blitzten heller denn Karfunkelsteine.
+</p>
+
+<p>
+Aus Scheu vor der Kälte oder vielleicht auch aus Scham
+zögerte Salambo eine Weile. Dann aber fielen ihr die
+Befehle Schahabarims ein, und sie ging auf die Schlange
+zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte ihres Leibes
+auf den Nacken der Jungfrau und ließ Kopf und Schwanz
+herunterhängen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen
+beide Enden zu Boden fallen. Salambo schlang das Tier
+um ihre Hüften, unter ihren Arm hindurch, um ihre Knie.
+Dann faßte sie es beim Kopfe, drückte seinen kleinen dreieckigen
+Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit
+halbgeschlossenen Augen hintenüber. Das weiße Mondlicht
+umsickerte sie mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren
+ihrer Füße glänzten auf den Fliesen. Helle Sterne
+zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange schmiegte
+ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo.
+Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre
+Hüften gaben nach. Sie fühlte sich dem Tode nahe. Der
+Python streichelte ihr mit dem Schwanzende sanft die
+Schenkel ...
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurück.
+</p>
+
+<p>
+Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei
+Lampen aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefüllten
+Kristallkugeln brannten, färbte sie die Handflächen
+ihrer Herrin mit Henna, streute ihr auf die Wangen
+Zinnober, Antimon über die Augenlider, und verlängerte
+ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus,
+Ebenholz und zerquetschten Fliegenfüßen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo saß auf einem Stuhle mit Elfenbeinfüßen und
+überließ sich der Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen,
+der Duft der Parfümerien und der Hunger
+nach dem langen Fasten gingen über ihre Kräfte. Sie
+wurde so bleich, daß Taanach innehielt.
+</p>
+
+<p>
+»Fahr fort!« gebot Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmählich
+wieder zu sich. Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb
+Taanach zur Eile an. Die alte Dienerin murmelte:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!«
+</p>
+
+<p>
+»Doch!« erwiderte Salambo. »Es erwartet mich wohl
+jemand!«
+</p>
+
+<p>
+Taanach fuhr vor Erstaunen zurück, und um mehr zu
+erfahren, fragte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mußt ...«
+</p>
+
+<p>
+Da brach Salambo in Tränen aus.
+</p>
+
+<p>
+»Du leidest!« rief die Sklavin. »Was fehlt dir? Geh
+nicht fort! Nimm mich mit! Als du noch ganz klein
+warst, nahm ich dich an mein Herz, wenn du weintest,
+und brachte dich mit den Spitzen meiner Brüste zum
+Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin!« Dabei schlug
+sie sich auf ihren vertrockneten Busen. »Jetzt bin ich
+alt und kann nichts mehr für dich tun! Du liebst mich
+nicht mehr! Du verheimlichst mir deine Schmerzen! Du
+verachtest die Amme!« Sie weinte vor Liebe und Ärger,
+und die Tränen rannen an ihren Wangen herab durch
+die Narben ihrer Tätowierung.
+</p>
+
+<p>
+»Nein!« sagte Salambo. »Ich liebe dich doch! Sei
+guten Muts!«
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Lächeln, das der Grimasse eines alten Affen
+glich, nahm Taanach ihre Beschäftigung wieder auf. Die
+Herrin hatte ihr auf Schahabarims Geheiß befohlen, sie
+prächtig zu schmücken, und so ward Salambo nach einem
+barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung von
+Unnatur und Naivität war.
+</p>
+
+<p>
+Über das dünne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit
+Vogelfedern bestickt. Ein breiter goldschuppiger Gürtel
+umschloß ihre Hüften, von dem ihre blauen bauschigen
+mit Silbersternen besetzten Beinkleider herabwallten.
+Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weißer
+Chinaseide mit grünen Streifen an. Auf den
+Schultern befestigte sie ihr ein viereckiges Purpurtuch,
+dessen Saum von Sandasterkörnern beschwert war. Über
+all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel mit
+langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo;
+und stolz auf ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklären:
+</p>
+
+<p>
+»Am Hochzeitstage wirst du nicht schöner aussehen!«
+</p>
+
+<p>
+»Am Hochzeitstage!« wiederholte Salambo und verlor
+sich in Träumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne
+aus Elfenbein stützte.
+</p>
+
+<p>
+Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so
+hoch und breit war, daß sie sich vollständig darin erblicken
+konnte. Da erhob sich Salambo und schob mit einer
+leichten Handbewegung eine Locke zurück, die zu tief herabhing.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn
+gekräuselt und floß in langen Locken, an deren Enden
+Perlen hingen, den Rücken hinab. Das Licht der Lampe
+belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf
+ihren Gewändern und die Blässe ihrer Haut. Um die
+Hüften, an den Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie
+eine solche Fülle von Edelsteinen, daß der Spiegel wie
+von Sonnenstrahlen sprühte. So stand Salambo hochaufgerichtet
+neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu
+betrachten, und lächelte über all den Glanz.
+</p>
+
+<p>
+Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr
+noch blieb, schneller vergehe.
+</p>
+
+<p>
+Da ertönte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo
+einen langen gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang
+ein Tuch um den Hals, fuhr mit den Füßen in blaue
+Lederschuhe und befahl Taanach:
+</p>
+
+<p>
+»Geh und sieh unter den Myrtenbäumen nach, ob da
+nicht ein Mann mit zwei Pferden wartet!«
+</p>
+
+<p>
+Kaum war Taanach zurück, so stieg Salambo die Galeerentreppe
+hinunter.
+</p>
+
+<p>
+»Herrin!« rief ihr die Amme nach.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf
+den Mund, zum Zeichen, daß sie schweigen und sich nicht
+rühren solle.
+</p>
+
+<p>
+Taanach schlich leise an den Schiffsschnäbeln vorüber
+an das Geländer. Im Scheine des Mondes bemerkte
+sie unten in der Zypressenallee einen gigantischen Schatten,
+der schräg zur Linken von Salambo hinhuschte. Das
+mußte ein Vorzeichen des Todes sein!
+</p>
+
+<p>
+Taanach lief in das Zimmer zurück. Dort warf sie sich
+lang hin, zerriß ihr Gesicht mit den Fingernägeln, raufte
+sich das Haar und stieß ein lautes, gellendes Geheul aus.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber kam ihr der Gedanke, man könne sie hören.
+Da ward sie still und schluchzte nur noch ganz leise, den
+Kopf in die Hände und die Stirn auf den Boden gepreßt.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch11">XI</h2>
+
+<h2>Im Zelte</h2>
+
+
+<p>
+Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der
+Richtung nach der Totenstadt, erst bergauf, über den
+Leuchtturm hinaus, dann durch die langgestreckte Vorstadt
+Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der Himmel
+begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus
+den Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu
+bücken. Obwohl die beiden Pferde im Schritt gingen,
+glitten sie doch oft aus. So gelangten sie endlich an das
+Tevester Tor.
+</p>
+
+<p>
+Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden
+ritten hindurch. Dann schloß sich das Tor hinter
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke
+hin. Auf der Höhe der Zisternen angelangt, nahmen
+sie die Richtung nach der Taenia, einer schmalen
+Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff
+trennt und sich bis nach Rades erstreckte.
+</p>
+
+<p>
+Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch
+auf dem Meer oder in der Ebene. Die schiefergraue Flut
+brandete leise, und der leichte Wind, der mit dem Schaum
+spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz aller ihrer
+Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle.
+Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie.
+Dann aber ging die Sonne auf. Bald brannte sie ihr
+auf den Hinterkopf und machte sie schläfrig. Die beiden
+Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre Hufe
+versanken lautlos im Sande.
+</p>
+
+<p>
+Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten,
+wurde der Boden fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart
+weiter.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten
+sich die Felder, soweit der Blick reichte, doch öde hin
+wie eine Wüste. An einzelnen Stellen lagen Haufen von
+Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die Körner
+aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich
+Dörfer in losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.
+</p>
+
+<p>
+Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am
+Rande des Weges. Die Dächer der Hütten waren eingestürzt,
+und im Innern sah man Topfscherben, Kleiderfetzen,
+allerlei Hausrat und Gegenstände zerbrochen und
+kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in Lumpen
+gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden
+Augen aus den Trümmern hervor, lief aber schleunigst
+wieder davon oder verschwand in irgendeinem Loche.
+Salambo und ihr Führer machten nirgends Halt.
+</p>
+
+<p>
+Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben
+Bodens waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt,
+der hinter den Hufen der Pferde aufwirbelte. Bisweilen
+kamen sie auch an friedsamen Stätten vorüber, wo ein
+Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am andern
+Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab,
+um sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines
+Oleandergebüsches machte ihr Pferd einmal einen großen
+Satz vor dem Leichnam eines Mannes, der am Boden lag.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen
+zurecht. Er war einer von den Tempeldienern, ein Mann,
+den Schahabarim gelegentlich zu gefährlichen Sendungen
+gebrauchte.
+</p>
+
+<p>
+Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den
+Pferden neben Salambo hin und trieb die Tiere mit dem
+Ende eines um den Arm geschlungenen Lederriemens an.
+Mitunter entnahm er einem an seiner Brust hängenden
+Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und
+Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren.
+Er reichte sie Salambo im Gange, ohne ein Wort zu
+sagen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren
+ihren Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf.
+Sie streiften in Trupps von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig
+Mann herum. Manche trieben eine Ziege oder eine lahme
+Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen versehen.
+Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten,
+schmutzigen Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend,
+halb verblüfft. Im Vorüberziehen riefen die einen
+den alltäglichen Gruß, andre zweideutige Scherzworte
+aus, und Salambos Begleiter antwortete einem jeden in
+seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen
+kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen
+Tempel wallfahre.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell.
+Sie ritten darauf zu.
+</p>
+
+<p>
+Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus
+lose aufgehäuften Steinen um ein fragwürdiges Gebäude
+herum. Ein Hund lief auf dem Geröll hin. Der Sklave
+verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie traten in ein
+geräumiges Gewölbe.
+</p>
+
+<p>
+Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem
+Reisigfeuer, dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog.
+Ihr weißes Haar, das ihr bis auf die Knie herabreichte,
+verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte keine Antwort
+geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen
+gegen die Karthager wie gegen die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat
+er wieder zu der Alten und forderte etwas zu essen. Sie
+schüttelte den Kopf und murmelte, in die Kohlen starrend:
+</p>
+
+<p>
+»Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ...
+Der Mund ißt nicht mehr ...«
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die
+Alte stürzte sich darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche
+Haltung wieder an.
+</p>
+
+<p>
+Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an
+die Kehle. Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen
+Stein aufzuheben. Schließlich brachte sie eine Amphora
+voll Wein, dazu in Honig eingemachte Fische herbei,
+die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief
+auf den Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke
+des Gemachs auf den Boden gebreitet hatte.
+</p>
+
+<p>
+Vor Tagesanbruch weckte er sie.
+</p>
+
+<p>
+Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran
+und hieb ihm mit einem einzigen Messerschlage den
+Kopf ab. Mit seinem Blute bestrich er die Nüstern der
+Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte schleuderte ihm aus
+dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und
+drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.
+</p>
+
+<p>
+Sie setzten ihren Marsch fort.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien.
+Der Weg hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin.
+Man hörte nichts als das Zirpen der Grillen. Die Sonne
+dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war kreuz und
+quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus
+großen Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine
+Schlange vorbei. Adler flogen über sie hinweg. Der
+Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte unter ihrem
+Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus Furcht,
+ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden.
+</p>
+
+<p>
+In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den
+Karthagern erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die
+beiden traten ein, um ein wenig im Schatten zu rasten,
+und setzten dann ihren Weg fort.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten
+Umweg gemacht. Nun aber begegneten sie niemandem.
+Die Gegend war unfruchtbar, und die Barbaren hatten
+sie darum nicht durchstreift.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung
+bemerkbar. Bisweilen lag mitten auf einem Felde
+eine Mosaik, der einzige Überrest eines verschwundenen
+Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen vorüber,
+die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche.
+Einmal ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser
+bis auf den Grund niedergebrannt waren. An den
+Mauern erblickte man menschliche Skelette, auch solche von
+Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas versperrte
+die Straßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war
+mit Wolken bedeckt.
+</p>
+
+<p>
+Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung
+bergan, dann erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl
+kleiner Feuer.
+</p>
+
+<p>
+Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da
+blitzten goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten.
+Das waren die Panzer der Klinabaren im punischen Lager.
+Dann unterschieden sie in weiten Kreisen noch andre
+zahlreichere Lichter, denn die jetzt vereinigten Heere der
+Söldner nahmen viel Raum ein.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer
+führte sie stark seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles
+hin, der das Barbarenlager umschloß. An einer Stelle
+war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab,
+einen Bogen in der Hand, eine Lanze über der Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und
+ein langer Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels.
+Als sie daraufhin unbeweglich stehen blieb, rief der Posten
+sie an und fragte nach ihrem Begehr.
+</p>
+
+<p>
+»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin
+ein Überläufer aus Karthago.«
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten
+zu Posten wiederholte.
+</p>
+
+<p>
+Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte
+sich schnaubend im Kreise.
+</p>
+
+<p>
+Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo
+auf. Doch da sie ihren gelben Schleier, auf dem schwarze
+Blumen gestickt waren, vor dem Gesicht und so viele Gewänder
+um ihren Leib trug, war sie unerkennbar. Von
+der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die
+formlose Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+Endlich sprach sie zu ihm:
+</p>
+
+<p>
+»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!«
+</p>
+
+<p>
+Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er
+fühlte, wie sein Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte
+ihn ein.
+</p>
+
+<p>
+»So folge mir!« sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle
+Feuer loderten unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner
+Widerschein beleuchtete grell einzelne Stellen, während
+er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man schrie und rief.
+Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert, in
+der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig,
+aus Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man
+Schilfhütten oder auch einfache Löcher im Sande, wie sie sich
+die Hunde scharren. Die Soldaten fuhren Faschinen, lagen
+mit aufgestütztem Ellbogen auf der Erde oder schickten sich,
+in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um über sie hinwegzugelangen,
+mußte Salambos Pferd mehrere Male springen.
+</p>
+
+<p>
+Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben.
+Nur waren ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer
+und ihre Stimmen rauher. Matho schritt vor ihr her und
+machte ihr mit Gesten des Armes, die seinen roten Mantel
+lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten küßten ihm
+die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung
+an, um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche
+einzige Feldherr der Barbaren. Spendius, Autarit und
+Naravas hatten den Mut verloren. Er dagegen hatte so
+viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß ihm
+alle gehorchten.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos
+Zelt lag am Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt
+von Hamilkars Verschanzungen.
+</p>
+
+<p>
+Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam
+ihr vor, als ob über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter
+auftauchten. Sie sahen wie abgeschnittene Köpfe aus, doch
+ihre Augen bewegten sich, und ihren halbgeöffneten Lippen
+entflohen Klagen in punischer Sprache.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten
+der Zelttür. Matho schlug hastig die Leinwand zurück.
+Salambo folgte ihm.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der
+Mitte. Eine große Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete
+es. Sie war bis zum Rande mit gelbem Öl
+gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel
+erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes
+Schwert lehnte neben einem Schilde an einem Schemel.
+Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln, Schellen und Halsketten
+lagen bunt durcheinander auf geflochtenen Körben.
+Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer
+Ecke auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen
+nachlässig aufgehäuft, und durch die Risse in der Leinwand
+blies der Wind von draußen Staub und den Geruch der
+Elefanten herein, die man fressen und mit ihren Ketten
+rasseln hörte.
+</p>
+
+<p>
+»Wer bist du?« fragte Matho.
+</p>
+
+<p>
+Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne
+zu antworten. Dann wandten sich ihre Augen nach dem
+Hintergrund des Zeltes und blieben auf einem bläulich
+glitzernden Gegenstand haften, der über einem Lager aus
+Palmzweigen hing.
+Sofort schritt sie darauf zu. Ein Schrei entfuhr ihr. Matho
+blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße.
+</p>
+
+<p>
+»Was führt dich her? Wozu kommst du?«
+</p>
+
+<p>
+Sie wies auf den Zaimph und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Um das da zu holen!«
+</p>
+
+<p>
+Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht.
+Matho wich zurück, betroffen, fast erschrocken, die
+Arme nach hinten gestreckt.
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge
+schaute sie ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte
+ihn zurück mit beredten hochmütigen Worten.
+</p>
+
+<p>
+Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren
+in seinen Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden
+Stoffe waren ihm ebenso wie ihre schimmernde Haut
+etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen war. Ihre Augen
+blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer
+Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine,
+die ihre Finger umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer
+Tunika zwängten ihren Busen ein wenig in die Höhe und
+preßten die beiden Brüste näher aneinander. Mathos Gedanken
+verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen
+beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes
+Medaillon herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der
+violetten Gaze hervor. Als Ohrgehänge trug sie zwei
+kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine hohle, mit
+wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch
+winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein
+Tröpfchen des Parfüms herab und benetzte ihre nackten
+Schultern. Matho sah eins fallen.
+</p>
+
+<p>
+Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das
+nach einer unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo
+zitternd mit der Spitze eines Fingers oben am Busen. Das
+kühle Fleisch gab mit elastischem Widerstand nach.
+</p>
+
+<p>
+Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in
+das Mark feiner Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete
+seinen ganzen Körper und drängte ihn jäh nach ihr
+hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich saugen, sie trinken
+mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie
+sanft an sich. Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben
+dem Lager aus Palmzweigen nieder, auf dem ein Löwenfell
+ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht stehen.
+Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom
+Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er.
+</p>
+
+<p>
+»Wie schön bist du! Wie schön bist du!«
+</p>
+
+<p>
+Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet
+waren, taten ihr weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille
+wurde ihr so schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte,
+um nicht aufzuschreien. Schahabarim fiel ihr ein. Sie
+fügte sich.
+</p>
+
+<p>
+Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen,
+aber von Zeit zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen
+Gebotes den Kopf weg und versuchte, sich durch
+eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit weitgeöffneten
+Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte, einen
+unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie
+Weihrauch, einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und
+allerlei Seltsamkeiten.
+</p>
+
+<p>
+Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt?
+Ohne Zweifel hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie
+wegen des Zaimphs gekommen? Seine Arme fielen schlaff
+herab. Er neigte den Kopf und versank in schwermütige
+Träumerei.
+</p>
+
+<p>
+Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?«
+</p>
+
+<p>
+»Deinen Tod?«
+</p>
+
+<p>
+Sie fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden
+Gärten, zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen
+Sklaven, und deine Wut war so groß, daß du
+auf mich lossprangst und ich fliehen mußte! Dann ist der
+Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die
+Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das
+Hinmorden von Soldaten, &ndash; und du, du hattest verwüstet,
+verheert, gemordet! Ich hasse dich! Der bloße Klang deines
+Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du bist verfluchter
+als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen
+zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich
+bin der Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter
+Moloch herginge!«
+</p>
+
+<p>
+Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz.
+Er fühlte sich erhaben wie ein Gott.
+</p>
+
+<p>
+Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen
+fuhr sie fort:
+</p>
+
+<p>
+»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst
+du zu mir, während ich schlief, in den Zaimph gehüllt.
+Deine Worte habe ich nicht verstanden, aber ich habe wohl
+gefühlt, daß du mich zu etwas Schändlichem verführen,
+mich in einen Abgrund stürzen wolltest ...«
+</p>
+
+<p>
+Matho rang die Hände und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben!
+Mir war, als hätte die Göttin ihr Gewand
+für dich hergegeben, als gehörte es dir! In ihrem Tempel
+oder in deinem Hause, &ndash; ist das nicht dasselbe? Bist du
+nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?«
+</p>
+
+<p>
+Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er
+fort:
+</p>
+
+<p>
+»Vielleicht bist du Tanit selbst!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>
+Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom
+Gewitter erschreckt, blökten Schafe.
+</p>
+
+<p>
+»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher!
+Fürchte nichts!
+</p>
+
+<p>
+»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen
+Haufen der Söldner. Ich war so sanftmütig, daß ich
+für die andern das Holz auf dem Rücken schleppte. Was
+kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl
+wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen,
+und nach all seinen Schätzen, all seinen Provinzen,
+Flotten und Inseln gelüstet mich weniger als nach der
+Frische deiner Lippen und der Rundung deiner Schultern.
+Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen,
+um dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt.
+Ich zertrete jetzt die Menschen wie Muschelschalen, ich
+werfe mich auf die Regimenter, ich stoße mit den Händen
+die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an den Nüstern.
+Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du
+wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen
+ergreift mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde
+von dir, an eine Falte deines Gewandes. Das
+umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine Augen in
+den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der
+Schilde. Ich höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln.
+Wende ich mich um, und du bist nicht da, &ndash; dann stürze
+ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!«
+</p>
+
+<p>
+Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten,
+wie Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß
+rann zwischen den mächtigen Muskeln seiner Brust hinab.
+Sein Atem erschütterte seine Rippen und den ehernen
+Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte
+bis auf die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo,
+die nur Eunuchen gesehen hatte, ward von der
+Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war die Strafe
+der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in
+fünf Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie.
+Halb betäubt hörte sie kaum noch den Ruf der Posten
+draußen, die in Intervallen einander zuriefen.
+</p>
+
+<p>
+Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise
+eindringenden heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze.
+Hinterher ward die Dunkelheit immer um so tiefer, und
+sie sah nichts mehr als Mathos Augen wie zwei glühende
+Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte sie: daß
+das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer
+wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend,
+ging sie auf den Zaimph zu und hob die Hände,
+um ihn zu ergreifen.
+</p>
+
+<p>
+»Was tust du?« rief Matho.
+</p>
+
+<p>
+»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig.
+Er schritt mit verschränkten Armen und so furchtbarer
+Miene auf sie zu, daß sie wie angewurzelt stehen blieb.
+»Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte er. Und
+zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago
+zurück? So, du kamst also, mir den Zaimph zu
+rauben, mich wehrlos zu machen und dann zu verschwinden!
+Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich
+mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner
+großen stillen Augen nicht vergessen, noch, wie du mich
+mit deiner hehren Schönheit zu Boden schmettertest! Jetzt
+ist die Reihe an mir! Du bist meine Gefangene, meine
+Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen
+Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein
+ganzes verruchtes Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend
+Soldaten! Und noch mehr werde ich herbeiholen
+aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem Schoße
+der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre
+Tempel zu verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem
+Meere von Blut schwimmen! Kein Haus, kein Stein,
+kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben! Und
+wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus
+den Gebirgen und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche
+nicht zu entfliehen! Ich töte dich!«
+</p>
+
+<p>
+Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte
+wie eine Harfe, deren Saiten zu zerspringen drohen.
+Plötzlich aber erstickte seine Stimme in Schluchzen, und
+er sank in die Knie:
+</p>
+
+<p>
+»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger
+wert als ein Skorpion, als Kot und Staub! Eben als
+du sprachst, wehte dein Atem über mein Gesicht, und ich
+erquickte mich daran wie ein Verschmachtender, der am
+Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt mich! Wenn
+ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur
+deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich
+liebe dich! Ich liebe dich!«
+</p>
+
+<p>
+Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt,
+und umschlang ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden
+Händen. Die Goldmünzen an seinen Ohren glänzten
+auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen quollen
+aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt
+und murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein
+Hauch und süßer als ein Kuß waren.
+</p>
+
+<p>
+Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen,
+die ihr alles Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches
+und doch Hocherhabenes, ein Gebot der Götter
+zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen sie empor,
+und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager,
+in das Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da
+zersprang das goldne Kettchen, und die beiden Enden
+raschelten gegen die Leinwand wie zwei zuckende Schlangen.
+Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie sah
+Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen.
+</p>
+
+<p>
+»Moloch, du verbrennst mich!«
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als
+Flammen. Es war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß,
+als ob die Glut der Sonne sie durchlodere.
+</p>
+
+<p>
+Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre
+Füße, die langen Flechten ihres Haars.
+</p>
+
+<p>
+»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir
+daran! Entführe aber auch mich! Ich will das Heer
+verlassen! Will auf alles verzichten! Dort hinter Gades,
+zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine
+Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln.
+Auf den Bergen wiegen sich große Blumen, voll Düften,
+die emporwirbeln wie der Rauch heiliger ewiger
+Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als
+Zedern, werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen
+Zähnen die Früchte hinunter auf den Rasen. Die
+Luft ist so mild, daß man nicht sterben kann. O,
+diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden
+in Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch
+wohnt niemand dort, und ich werde König des Landes
+werden!«
+</p>
+
+<p>
+Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte
+ihr ein Stück Granatapfel zwischen die Lippen stecken.
+Er schob ihr Decken unter den Kopf, um ein Kissen für
+sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise dienstbar
+zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße
+wie eine gewöhnliche Decke.
+</p>
+
+<p>
+»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen
+deine Halsbänder hingen?« fragte er. »Die sollst du mir
+schenken! Ich habe sie so gern!«
+</p>
+
+<p>
+Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter
+entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse
+waren jetzt verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei
+Wolken hervor. Sie erblickten ihn durch ein Loch des Zeltes.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick
+versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier,
+der dein Antlitz verbarg. Du blicktest mich durch ihn
+an. Die Erinnerung an dich ward eins mit seinem Licht.
+Ich unterschied euch nicht mehr!«
+</p>
+
+<p>
+Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte
+ohne Ende.
+</p>
+
+<p>
+»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare
+Mann, vor dem Karthago zittert!«
+</p>
+
+<p>
+Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und
+setzte einen Fuß auf die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr
+Kettchen zersprungen war.
+</p>
+
+<p>
+Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser
+daran, diese Fessel als etwas nahezu Heiliges anzusehn.
+Errötend knüpfte Salambo die Kette um ihre Knöchel
+wieder zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate,
+die Gegend, die sie durchritten, alles das tauchte
+in wildem bunten Wirrwarr vor ihr auf, aber doch in
+klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte plötzlich alles
+das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein
+Regentropfen auf das Zeltdach und brachte es in leise
+zitternde Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite.
+Ein Arm von ihm hing über den Rand des Lagers hinab.
+Seine perlengeschmückte Binde hatte sich ein wenig verschoben
+und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln umspielte
+seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen
+seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen
+Augen lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe
+kränkte. Sie stand vor seinem Lager und blickte ihn unbeweglich
+an, mit gesenktem Haupt und übereinandergelegten
+Händen.
+</p>
+
+<p>
+Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz
+ein Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge
+erregte in Salambo ein blutdürstiges Verlangen. Es war
+ihr, als klagten ferne Stimmen durch die Nacht, ein sie
+beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie faßte den
+Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer.
+Da öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen
+Lippen ihre Hände, und der Dolch fiel zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete
+hinter dem Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am
+Eingang zurück: das Lager der Libyer stand in Flammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten
+sich, platzten im Qualm und schossen wie Pfeile davon.
+Am blutroten Horizont sah man schwarze Schatten wirr
+durcheinander laufen. In den Hütten heulten drin Verbliebene.
+Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten
+durch das Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät
+und das aus den Flammen gerettete Gepäck. Dazu
+Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!« Man
+wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt
+Autarits Lager!«
+</p>
+
+<p>
+Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück.
+</p>
+
+<p>
+Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam
+angeschaut hatte, war sie erstaunt, das Glück nicht zu
+fühlen, das sie sich davon ersehnt hatte. Schwermütig stand
+sie vor ihrem unerfüllten Traume.
+</p>
+
+<p>
+Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine
+unförmige Gestalt erschien. Salambo erkannte anfangs
+nichts als zwei Augen und einen langen weißen Bart,
+der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper kroch
+über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes
+behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden
+verschwanden die beiden Hände im Barte und
+kamen dann wieder hervor. So schleppte sich die Gestalt
+bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten
+Gisgo.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit
+sie nicht entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert
+und ließen sie alle durcheinander in der Grube im Unrat
+verkommen. Nur die Stärksten richteten sich schreiend
+hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre vernahmen.
+So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln,
+die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten,
+daß es eine Karthagerin sein müsse, und ergriffen von
+der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses, war es ihm mit
+Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube
+hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und
+Händen die zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt
+geschleppt. Zwei Stimmen sprachen darin. Er hatte draußen
+gelauscht und alles gehört.
+</p>
+
+<p>
+»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?«
+</p>
+
+<p>
+Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?«
+Dabei kroch er so nahe an sie heran, daß er
+sie streifte. »Sie hätten mir den Schmerz erspart, dich
+verfluchen zu müssen!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem
+schmutzigen Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst
+und schrecklich wie ein Ungeheuer.
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich
+habe Agathokles gesehen und Regulus. Hab es erlebt,
+daß die römischen Adler die Ernte der punischen Felder
+zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut und das
+Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte!
+Barbaren, deren Feldherr ich war, haben mich nun an
+Händen und Füßen gefesselt wie einen Sklaven, der
+einen Mord begangen hat. Meine Gefährten sterben einer
+nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen
+läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab,
+die ihnen die Augen aushacken wollen. Und dennoch:
+nicht einen Tag hab ich an Karthago verzweifelt! Und
+hätte ich alle Heere der Welt im Kriege gegen die Stadt
+gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als
+die Giebel seiner Tempel aufgelodert, &ndash; ich hätte doch
+an Karthagos Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu
+Ende, alles verloren! Die Götter verabscheuen es! Fluch
+über dich, die du durch deine Schandtat seinen Untergang
+beschleunigt hast!«
+</p>
+
+<p>
+Sie wollte reden ...
+</p>
+
+<p>
+»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender
+Liebe gesehen wie eine Dirne! Ein Barbar hat
+dir seine Geilheit gezeigt, und du hast ihm deine Hände
+zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen
+Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem
+Beispiel der wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung
+verbergen, nicht aber deine Schande angesichts deines
+Vaters zur Schau stellen!«
+</p>
+
+<p>
+»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo.
+</p>
+
+<p>
+»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur
+sechzig Ellen voneinander entfernt sind? Und daß dein
+Matho im Übermaß seiner Frechheit sein Zelt unmittelbar
+vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen hat? Dein
+Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg hinaufsteigen
+könnte, der auf den Wall hinaufführt, so
+würde ich ihm zurufen: Komm und sieh deine Tochter in
+den Armen des Barbaren! Um ihm zu gefallen, hat sie
+das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem Leibe gibt
+sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät
+unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das
+Heil Karthagos!«
+</p>
+
+<p>
+Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte
+sein langer Bart. Seine Augen starrten Salambo an,
+wie um sie zu verschlingen, und im Staube kriechend,
+wiederholte er keuchend:
+</p>
+
+<p>
+»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!«
+</p>
+
+<p>
+Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie
+mit ausgestrecktem Arme hoch. Stumm blickte sie nach
+Hamilkars Lager hinüber.
+</p>
+
+<p>
+»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg
+von hier! Wühle dein Antlitz lieber tief in den Boden
+ein! Das dort ist ein heiliger Ort, den dein Blick entweiht!«
+</p>
+
+<p>
+Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte
+hastig ihren Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch
+auf und rief:
+</p>
+
+<p>
+»Ich will hin!«
+</p>
+
+<p>
+Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem
+zu begegnen, denn alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm
+ward immer heftiger. Große Flammen röteten den Himmel
+hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr den Weg.
+</p>
+
+<p>
+Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte
+eine Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was
+ihr hinaufhelfen könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo,
+und es kam ihr vor, als ob Schreie und Schritte sie verfolgten.
+Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie einen
+Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie
+nahm den Saum ihres Gewandes, der sie behinderte,
+zwischen die Zähne und gelangte mit drei Sprüngen auf
+den Wall hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche,
+den sie jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen
+hatte. Sie beugte sich vor und erkannte den
+Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an
+den Zügeln hielt.
+</p>
+
+<p>
+Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern
+hin und her gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst
+beunruhigt, an den Wall herangegangen und hatte
+versucht, zu erspähen, was in Mathos Lager vorgehe.
+Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten
+lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht
+wieder verlassen.
+</p>
+
+<p>
+Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo
+glitt vom Walle zu ihm hinunter. Dann umritten sie
+galoppierend das punische Lager, um einen Eingang zu
+finden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende
+Lampe erhellte es schwach. Er glaubte, Salambo schliefe.
+Behutsam tastete er mit der Hand über das Löwenfell auf
+dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort. Da riß er
+heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das
+Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.
+</p>
+
+<p>
+Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes
+Geschrei, Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch
+die Luft. Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen.
+Wie ein Orkan wirbelte es um den Rebellenführer her.
+In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen und stürzte
+hinaus.
+</p>
+
+<p>
+In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang
+hinab, während ihnen die punischen Karrees in schwerfälligem,
+taktmäßigem Marsche entgegenrückten. Der Nebel
+war eben von den ersten Sonnenstrahlen zerrissen worden.
+Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen
+flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen,
+die mehr und mehr sichtbar wurden. Bei der raschen
+Bewegung der Truppenmassen schien es, als ob sich ganze
+Teile des Bodens, die noch im Schatten lagen, mit einem
+Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob sich
+Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige
+Massen herausragten. Matho konnte die Hauptleute,
+die Soldaten, die Herolde erkennen, sogar die Troßknechte
+auf ihren Eseln. Mit einem Male sah er, wie
+Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke
+des Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte,
+als wolle er sich von den Puniern in seine
+eigne Flanke fallen lassen.
+</p>
+
+<p id="p282">
+Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus,
+die nunmehr langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier
+verstärkten ihr Tempo. Mit weit vorgestreckten
+zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder Fahrt dahin,
+daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich
+ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen
+Patrouillen los, warf Schwert, Lanze und Wurfspeere
+von sich und verschwand alsbald unter den Karthagern.
+Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars trat,
+wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht
+hatten, und sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!«
+</p>
+
+<p>
+Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor
+Hamilkar nieder, und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte
+er ihn an alle Einzelheiten seines Verhaltens seit
+dem Ausbruche des Krieges.
+</p>
+
+<p>
+Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von
+Karthago und die Niedermetzelung der Gefangenen verhindert.
+Ferner hätte er den Sieg über Hanno nach der
+Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die tyrischen
+Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen
+seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am
+Makar nicht beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht
+gegen den Marschall kämpfen zu müssen.
+</p>
+
+<p>
+In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle
+in die punischen Provinzen vergrößern wollen und daher
+die Söldner je nach den Siegesaussichten bald unterstützt,
+bald im Stiche gelassen. Weil er jetzt aber einsah,
+daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging
+er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher
+Groll gegen Matho zugrunde, sei es wegen des
+Oberbefehls oder wegen seiner alten Liebe.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen.
+Der Mann, der sich derart in ein Heer hineinwagte,
+dessen Rache er gewärtig sein mußte, war kein zu verachtender
+Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die
+Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen
+Pläne. Mit Hilfe der Numidier vermochte er die Libyer
+in Schach zu halten. Dann konnte er die westlichen Völker
+bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.
+</p>
+
+<p>
+Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen
+sei, und ohne eine seiner Lügen zu widerlegen, küßte er
+Naravas und umarmte ihn dreimal.
+</p>
+
+<p>
+Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung,
+hatte er das Lager der Libyer in Brand gesteckt.
+Die Numidier kamen ihm wie eine von den Göttern
+gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und
+erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht,
+was die Republik für dich tun wird, aber Hamilkar ist
+kein Undankbarer!«
+</p>
+
+<p>
+Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während
+Hamilkar seine Rüstung anlegte, sagte er:
+</p>
+
+<p>
+»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr
+Fußvolk zwischen deine und meine Elefanten! Vorwärts!
+Vernichte sie!«
+</p>
+
+<p>
+Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo.
+Sie sprang von ihrem Pferde, öffnete ihren weiten
+Mantel, breitete die Arme aus und entfaltete den Zaimph.
+</p>
+
+<p>
+Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen
+war, übersah man den ganzen Umkreis des von Soldaten
+erfüllten Gebirgskessels, und da Salambo gleichsam im
+Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von allen Seiten.
+Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph-
+und Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen
+still. Sterbende stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten
+hin und segneten sie. Auch alle Barbaren wußten nun,
+daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte. Sie sahen Salambo
+von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem
+ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem
+Jubel der Karthager zum Trotz. So stampften und brüllten
+fünf Heere aus ihren an den Hängen gestaffelten
+Stellungen.
+</p>
+
+<p>
+Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem
+Nicken des Hauptes. Seine Augen richteten sich bald
+auf den Zaimph, bald auf seine Tochter. Da bemerkte
+er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er schauderte zusammen,
+von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch
+nahm er seine gleichgültige Miene wieder an und
+blickte Naravas, ohne den Kopf zu wenden, von der
+Seite an.
+</p>
+
+<p>
+Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten.
+Auf seiner Stirn lag noch etwas von dem
+Staube, den er beim Niederfallen berührt hatte. Nach
+einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und sagte in
+feierlicher Weise:
+</p>
+
+<p>
+»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas,
+gebe ich dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir
+Sohn und Bundesgenosse!«
+</p>
+
+<p>
+Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte
+sich Naravas über Hamilkars Hände und bedeckte sie mit
+Küssen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie
+tat, als verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete
+aber leicht und schlug die Augen nieder. Und ihre langen
+geschweiften Wimpern warfen Schatten über ihre Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren
+Verlöbnisses vollziehen. Man legte Salambo eine
+Lanze in die Hand, die sie Naravas reichte. Dann band
+man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus
+Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die
+Häupter, das um sie her niederfiel und wieder aufsprang
+wie Hagelschlag.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch12">XII</h2>
+
+<h2>Die Wasserleitung</h2>
+
+
+<p>
+Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur
+noch ein Haufen Verwundeter, Toter und Sterbender
+übrig.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen,
+und zwar gegen den westlichen Abhang, der
+nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in der Absicht, die Barbaren
+allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum war. Naravas
+hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei
+umgangen und von rückwärts attackiert, während
+der Marschall sie in der Front zum Wanken brachte und
+vernichtete. Übrigens waren sie durch den Verlust des
+Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die
+sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen
+und eine Art Entkräftung.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte,
+das Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem
+Siege auf die Höhen etwas nördlicher zurückgezogen, von
+wo aus er den Feind in Schach hielt.
+</p>
+
+<p>
+Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an
+den umgerissenen Pikettpfählen. Ein langer schwarzer
+Aschehaufen qualmte an der Stelle, wo das libysche
+Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte
+wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte
+mit ihrer zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit
+mit zwischen Klippen gescheiterten und halb gesunkenen
+Schiffen. Lanzen, Heugabeln, Trompeten, Holz, Erz und
+Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke lagen zwischen
+den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender
+Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck.
+An manchen Stellen war der Boden mit weggeworfenen
+Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver sahen aus wie
+lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine, Sandalen,
+Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch
+die Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie
+Kugeln hinrollten. An den Dornsträuchern hingen Haare.
+Elefanten mit heraushängendem Eingeweide, ihre Türme
+noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen Blutlachen.
+Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich
+es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen.
+</p>
+
+<p>
+Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis
+unten. Die Überlebenden rührten sich ebensowenig wie
+die Toten. In großen und kleinen Gruppen herumhockend,
+blickten sie einander verstört an und sprachen
+kein Wort.
+</p>
+
+<p>
+Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt
+in der untergehenden Sonne. Rechts davon ragten
+enggedrängte weiße Häuser über einen Mauergürtel
+hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer. Das
+Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend
+ihrer Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.
+</p>
+
+<p>
+Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten
+auf. Es ward kühler. Man konnte beobachten, wie
+das Ungeziefer die erkaltenden Toten verließ und über
+den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken saßen
+reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.
+</p>
+
+<p>
+Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige
+Hunde, Bastarde, wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen
+pflegten, zu den Barbaren herangeschlichen. Zuerst
+leckten sie das geronnene Blut von den noch warmen
+Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu
+verzehren, indem sie zuerst die Bäuche anfraßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern,
+wie Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn
+es waren noch immer welche übrig, besonders libysche,
+trotz des furchtbaren Blutbades, das die Numidier unter
+ihnen angerichtet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie
+als Fackeln zu benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen.
+Man legte die Toten darauf und trug sie beiseite.
+</p>
+
+<p>
+Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem
+Rücken, ihre Lanzen neben sich, oder in Haufen übereinander.
+Wenn man einen Vermißten finden wollte,
+mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen.
+Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über
+das Gesicht. Alle die gräßlichen Waffen hatten ihnen
+die verschiedenartigsten Wunden beigebracht. Manchen
+hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre
+waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark
+zerquetscht, blau vom Würgetode oder von den Stoßzähnen
+der Elefanten der Länge nach aufgeschlitzt. Obwohl
+alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden hatten,
+zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen.
+Die Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen,
+während die sehnigen Afrikaner wie geräuchert
+erschienen und bereits vertrockneten. Die Söldner erkannte
+man an der Tätowierung ihrer Hände. Die alten
+Krieger des Antiochus trugen einen Sperber eingebrannt.
+Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im
+Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel
+oder einen Hammer. Die Söldner der griechischen
+Republiken hatten das Bild einer Burg oder
+den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen
+waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen
+Zeichen bedeckt, die sich mit alten Narben und
+neuen Wunden vermischten.
+</p>
+
+<p>
+Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter,
+Etrusker, Kampaner und Bruttier, errichtete man vier
+große Scheiterhaufen.
+</p>
+
+<p>
+Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter
+Gruben aus. Die Spartaner nahmen ihre roten Mäntel
+und hüllten die Toten hinein. Die Athener legten
+sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die
+Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen.
+Die Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten
+sie mit Riemen aus Rindsleder, und die Garamanten
+bestatteten sie am Meeresstrande, damit die Fluten
+sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich,
+daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die
+Nomaden vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten
+zu Mumien wurden, und die Kelten ihre üblichen drei
+unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen Himmel ihrer
+Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.
+</p>
+
+<p>
+Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille.
+Das geschah, um die Seelen zur Rückkehr zu zwingen.
+Nach regelmäßigen Pausen hub das Geschrei immer wieder
+an.
+</p>
+
+<p>
+Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht
+ehren könne, wie die Bräuche es verlangten, denn ohne
+die frommen Zeremonien mußten sie unendliche Zeiträume
+hindurch unter allerlei Schicksalen und Verwandlungen
+umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren
+Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil
+sie sich hatten besiegen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die
+blutleeren Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen
+lehnten, noch bleicher erscheinen. Tränen riefen
+neue Tränen hervor. Das Schluchzen ward heftiger,
+die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder.
+Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn
+auf die Toten. Man mußte sie mit Schlägen wegtreiben,
+wenn man die Gräber zuschaufelte. Man schwärzte sich
+die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich selber
+Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder
+man brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die
+geliebte Tote entstellten. Wehgeschrei durchtönte den
+Klang der Zimbeln. Manche rissen sich ihre Amulette ab
+und spien sie an. Sterbende krümmten sich in blutigem
+Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten
+Fäuste. Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger
+Frühling«, mordeten einander wie Gladiatoren. Bald
+gebrach es an Holz für die Scheiterhaufen. Die Flammen
+erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde vom
+Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen
+neben ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem
+Wunsch, am Leben bleiben zu wollen, und sei es in Angst
+und Not, die andern, um am liebsten nicht wieder zu erwachen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden
+Barbaren Soldaten, die vorübermarschierten, ihre
+Helme auf den Spitzen ihrer Lanzen. Sie grüßten ihre
+Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts in ihrer
+Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher
+heran. Man erkannte alte Gefährten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein
+Heer einzutreten. Manche hatten sich mutig geweigert,
+und da er fest entschlossen war, sie weder zu ernähren
+noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er sie mit
+dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago
+zu kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern
+gefügig machte, hatte man die Waffen der Besiegten
+verteilt, und nun zeigten sie sich ihren alten Kameraden,
+weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in einer
+Anwandlung von Übermut und Neugier.
+</p>
+
+<p>
+Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch
+den Marschall. Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten
+sie, obwohl sie die Feiglinge verachteten. Doch
+bei den ersten Worten des Vorwurfs gerieten jene in
+Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen Schwerter,
+ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen
+auf, sie sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen
+nach Steinen. Da entflohen die Spötter. Bald sah man
+nur noch die Lanzenspitzen über dem Höhenkamm.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr
+niederdrückte als die Demütigung ihrer Niederlage. Sie
+vergegenwärtigten sich das Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend
+starrten sie vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder
+Wut auf die gefangenen Karthager. Die Soldaten des
+Suffeten hatten sie durch Zufall nicht entdeckt, und als
+er das Schlachtfeld verließ, befanden sie sich noch immer
+in der tiefen Grube.
+</p>
+
+<p>
+Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den
+Boden. Posten bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ
+man die Weiber hinein, je dreißig bis vierzig auf einmal.
+Sie wußten, daß man ihnen nicht viel Zeit gewährte,
+und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt
+von einem zum andern, dann aber beugten sie sich über
+die armen Schelme und schlugen sie aus Leibeskräften.
+Die Namen ihrer Männer heulend, zerrissen sie ihnen
+mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen mit
+ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die
+Männer und marterten die Unglücklichen von den Füßen,
+die sie ihnen an den Knöcheln abhieben, bis zur Stirn,
+aus der sie kranzartige Stücke herausschnitten, die sie sich
+um den Kopf schlangen. Insbesondere waren die Esser
+unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie entzündeten
+die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben
+hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder
+andre und warteten. Das Blut floß in Strömen,
+und die Peiniger ergötzten sich daran wie Winzer an ihren
+Keltern.
+</p>
+
+<p>
+Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen
+Stelle, wo er sich nach der Schlacht hingesetzt hatte, die
+Ellbogen auf die Knie gestemmt, die Schläfen in den
+Händen. Er sah nichts, hörte nichts, dachte nichts.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte
+er auf. Vor ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück
+Leinwand, dessen Ende die Erde streifte. Darunter lagen
+Körbe, Decken und ein Löwenfell in buntem Durcheinander.
+Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten
+sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die
+Erde versunken wäre.
+</p>
+
+<p>
+Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen
+berührte der wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte
+er ein rotes Zeichen, offenbar den Abdruck einer Hand.
+Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen ihres einstigen
+Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes
+Stück Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich
+in die Reste seines Zeltes. Dann stieß er mit
+der Spitze seines Panzerstiefels allerlei verstreut umherliegende
+Gegenstände in die Flammen. Es sollte nichts
+übrig bleiben!
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten
+können, aus welcher Richtung.
+</p>
+
+<p>
+Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in
+zwei Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich
+und stieß Klagelaute aus.
+</p>
+
+<p>
+»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß
+schon, daß du ein Held bist!« Die Ungerechtigkeit des
+Schicksals hatte ihn so niedergebeugt, daß er nicht mehr
+die Kraft hatte, sich über Menschen zu entrüsten.
+</p>
+
+<p>
+Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle
+im Hange, wo sich Zarzas und Autarit verborgen hielten.
+</p>
+
+<p>
+Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine
+trotz seiner Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit.
+Wer hätte denn, meinten sie, den Verrat des Naravas,
+den Brand im Lager der Libyer, den Verlust des Zaimphs,
+Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine geschickten
+Manöver ahnen können, durch die er die Söldner
+in den Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den
+Haufen zu rennen? Spendius gestand seine Feigheit
+nicht ein und beharrte darauf, daß er ein zerschmettertes
+Bein habe.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim
+eine Beratung, was nunmehr zu tun sei.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie
+waren zwischen seinem Heer und dem Gebiet des Naravas
+eingeschlossen. Die tyrischen Städte würden sich
+zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte
+man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten
+Kräften zu vernichten.
+</p>
+
+<p>
+Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich
+mußten sie ihn bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber
+wie sollten sie die Notwendigkeit eines endlosen Krieges
+ihren entmutigten, aus frischen Wunden blutenden Leuten
+begreiflich machen?
+</p>
+
+<p>
+»Ich übernehme es!« rief Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung
+von Hippo-Diarrhyt in raschem Laufe den Berg herauf.
+Hoch in der Hand schwenkte er eine Schreibtafel. Da
+er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.
+</p>
+
+<p>
+Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien.
+Sie empfahlen ihren Kameraden in Afrika,
+Gisgo und die andern Gefangenen gut zu bewachen.
+Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der
+von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß
+ein Handstreich in Vorbereitung sei, um sie zu befreien.
+Man rate deshalb den Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu
+treffen. Die Republik sei allmächtig.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst
+nicht in dem Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht
+auf neue Gefahr erregte nur Schrecken, anstatt
+Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung, die
+Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und
+erwartete etwas Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die
+Nacht verlief in lauter Angst. Viele warfen sogar ihre
+Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen, wenn
+er erscheine.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein
+zweiter Bote, noch atemloser und mit noch mehr Staub
+bedeckt. Der Grieche riß ihm eine Papyrosrolle mit
+phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man beschwor
+darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die
+Tapfern von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung
+zu Hilfe kommen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal
+hintereinander vor. Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern
+auf den Schultern herumtragen und verlas ihn
+überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen.
+Er erinnerte die Söldner an die Versprechungen des
+Großen Rates, die Afrikaner an die Grausamkeiten der
+Statthalter, alle Barbaren an die Unredlichkeit Karthagos.
+Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie
+zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als
+Sklave verkauft, im Gefecht Besiegte aber unter Martern
+hingerichtet. Man rede von Flucht? Auf welchem Wege
+denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren lassen.
+Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit,
+Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten
+sie darauf nicht zu warten, denn schon eile ihnen Tunis
+und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt den aufgerollten Papyros
+hoch.
+</p>
+
+<p>
+»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich
+lüge nicht!«
+</p>
+
+<p>
+Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten
+umher. Die Mittagssonne brannte auf die bloßen
+Köpfe. Widriger Geruch stieg von den ungenügend verscharrten
+Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte aus
+der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die
+Wahrheit seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste
+gegen Hamilkar aus.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er,
+um seine Feigheit zu bemänteln, eine Begeisterung zur
+Schau, in die er sich nach und nach wirklich hineinredete.
+Er weihte sich den Göttern und häufte Flüche auf Karthago.
+Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts
+weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack
+immer mit sich herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man
+muß ihnen den Garaus machen! Wir wissen ja, was sie
+vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein Mitleid!
+Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann,
+und haue nach Leibeskräften auf sie los!«
+</p>
+
+<p>
+Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen.
+Mehrere röchelten noch. Man gab ihnen den Rest, indem
+man ihnen mit dem Absatz in den Mund trat oder
+sie mit Lanzenspitzen abstach.
+</p>
+
+<p>
+Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe
+und Verwirrung nahmen überhand. Man wollte
+sich von seinem Tode überzeugen und zugleich daran teilhaben.
+Endlich entdeckten ihn drei samnitische Hirten
+fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden
+hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte
+und riefen die andern.
+</p>
+
+<p>
+Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt
+und die Beine geschlossen, wie ein Toter, der begraben
+werden soll. Doch seine mageren Seiten hoben
+und senkten sich noch und seine weitgeöffneten Augen
+starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher
+Weise immerfort geradeaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen.
+Seit er in der Grube lebte, hatte man ihn fast
+vergessen. Jetzt, im Banne alter Erinnerungen, blieb
+man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte
+nicht, Hand an ihn zu legen.
+</p>
+
+<p>
+Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts,
+bis ein Garamant die Menge durchschritt. Er
+schwang eine Sichel. Alle verstanden seine Absicht. Die
+Gesichter röteten sich, und voll Scham über ihre eigne
+Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!«
+</p>
+
+<p>
+Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo.
+Er ergriff den Kopf des Greises, legte ihn auf sein Knie
+und hackte ihn mit raschen Schnitten ab. Gisgos Haupt
+fiel zu Boden. Zwei große Blutströme bohrten ein Loch
+in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den abgeschnittenen
+Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard
+auf das Lager der Karthager zu.
+</p>
+
+<p>
+Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte,
+zog er Gisgos Kopf am Barte aus seinem Busen hervor,
+kreiste mit seinem Arm mehrmals durch die Luft
+und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen weiten
+Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung.
+Bald darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles
+zwei gekreuzte Fahnen, das übliche Zeichen, daß man die
+Toten zurückfordere.
+</p>
+
+<p>
+Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde
+mit großen Trompeten hinaus und erklärten, durch die
+ehernen Tuben sprechend, daß es fortan zwischen Karthagern
+und Barbaren weder Treu und Glauben, noch
+Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle
+Unterhandlungen ablehne und jeden Unterhändler mit
+abgeschnittenen Händen zurückschicken würde.
+</p>
+
+<p>
+Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt,
+um Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt
+sandte deren noch am selben Abend. Man aß gierig.
+Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die Söldner
+eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen
+Waffen zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen
+und ohne Erbarmen gegen die Verwundeten, die ihnen
+nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo nach dem
+Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe.
+</p>
+
+<p>
+Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen,
+es einzunehmen, denn sie bedurften einer Stadt.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr
+ärgerlich, trotz des stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht
+an und für sich bereitete. Er hätte auf der Stelle mit
+frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein solcher Tag
+und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger
+hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen.
+Auch konnten sich die tyrischen Städte ihnen anschließen.
+Seine Milde gegen die Besiegten hatte nichts genutzt.
+Er faßte den Entschluß, fortan unbarmherzig zu sein.
+Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen Rate
+ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen
+beladen war, und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen,
+ihm Verstärkung zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde
+von seinem Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen
+hervor. Die Rückkunft des Zaimphs, die Hamilkar
+unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder. Offenbar
+gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war
+er die Stütze Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder
+eine Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung
+der einen und der Feigheit der andern stand alsbald ein
+Heer von fünftausend Mann noch vor der bestimmten
+Frist marschbereit.
+</p>
+
+<p>
+Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im
+Rücken zu decken, während weitere dreitausend Mann
+Kerntruppen eingeschifft wurden, um bei Hippo-Diarrhyt
+zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.
+</p>
+
+<p>
+Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab
+aber das Landheer seinem Stellvertreter Magdassan, während
+er die Truppen auf den Schiffen in Person führte.
+Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte nicht mehr
+vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel
+und Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht
+gegraben. Auf zehn Schritte weit sah man ihm in
+den Schlund hinab, und er war sich seiner Ekelhaftigkeit
+so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib verschleierte.
+</p>
+
+<p>
+Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig
+wie auf die der Barbaren. Allerdings ließen
+die Einwohner diesen allmorgendlich Lebensmittel in Körben
+hinab, wobei sie von den Türmen herab vermeldeten,
+die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner
+deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen
+Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf
+dem Meere kreuzte.
+</p>
+
+<p>
+Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte
+keinen Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt,
+dreihundert Soldaten einzulassen. Dann segelte
+er nach dem Vorgebirge der Trauben und machte einen
+weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen, &ndash; ein unzweckmäßiges,
+ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht
+hielt ihn ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing
+dessen Spione ab, durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete
+damit das ganze Unternehmen. Endlich schrieb
+Hamilkar dem Großen Rate und forderte Hannos Entfernung.
+Da ward dieser nach Karthago zurückberufen,
+wütend über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit
+seines Amtsgenossen.
+</p>
+
+<p>
+So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in
+einer beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte
+man sich, darüber nicht nachzudenken, ja nicht einmal
+davon zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr
+man zu alledem, daß die Söldner in Sardinien
+ihren Kommandeur ans Kreuz geschlagen, sich der festen
+Plätze bemächtigt und die Männer kanaanitischer Abkunft
+allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte Rom die
+Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht
+zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte.
+Rom hatte das Bündnis mit den Barbaren angenommen
+und sandte ihnen Frachtschiffe mit Mehl und
+getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge
+und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber
+drei Tage später ging eine Flotte, die von Bysazene mit
+Lebensmitteln nach Karthago kam, bei einem Sturme
+unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die Republik.
+</p>
+
+<p>
+Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert
+Leute Hannos durch einen blinden Alarm auf
+die Stadtmauern, schlichen sich hinter sie, packten sie unversehens
+bei den Beinen und warfen sie über die Wälle.
+Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins
+Meer gejagt.
+</p>
+
+<p>
+Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn
+nach Hannos Befehl und Beispiel hatte Magdassan die
+Stadt eingeschlossen und blieb gegen Hamilkars Bitten
+taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt
+und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit
+rückten die Barbaren an. Magdassan entfloh. Die Tore
+öffneten sich, und fortan bezeigten die beiden tyrischen
+Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche Ergebenheit,
+ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen unbegreiflichen
+Haß.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel,
+ein Aufruf. Allerorts erwachte die Hoffnung auf
+Selbständigkeit von neuem. Völker und Städte, die bis
+dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr. Alles
+begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle
+Hoffnung auf Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich
+verloren.
+</p>
+
+<p>
+Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines
+Reiches zu sichern. Er selbst beschloß, nach Karthago
+zurückzukehren, dort eine neue Aushebung zu machen und
+den Krieg abermals zu beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer,
+wie es aus den Bergen herabkam.
+</p>
+
+<p>
+Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie
+der Hunger. Durch ihre Leiden von Sinnen, wollten sie
+trotz ihrer Schwäche eine Schlacht suchen ... Doch jetzt
+wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also! Man
+konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die
+Barbaren machten sich schleunigst an die Verfolgung.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten.
+Er war diesmal breit, und kein Westwind hatte geweht.
+Die einen schwammen hindurch, die andern setzten auf
+ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie weiter.
+Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts,
+um eine Furt zu finden. Bewaffnete Banden
+aus Tunis eilten herbei, auch von Utika kamen welche.
+Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die
+Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten
+sie Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner
+aufzuhalten, ließ Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel
+hinter sich abschießen. Etliche Barbaren fielen.
+Als der Morgen dämmerte, war man in den arianischen
+Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont
+auf dem Gipfel einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen.
+Der Boden fiel allmählich ab. Obelisken, Kuppeln,
+Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er
+mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken,
+so heftig pochte sein Herz.
+</p>
+
+<p>
+Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war,
+seit er das letztemal dort geweilt hatte! Er war tief
+verwundert, wie betäubt. Dann aber ergriff ihn maßlose
+Freude bei dem Gedanken, Salambo wiederzusehen.
+Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam
+ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich.
+Bebend und mit starren Augen blickte er von der Kuppel
+des Eschmuntempels weg nach der hohen Terrasse des
+Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein verzücktes
+Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer überflute.
+Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in
+den Wind und murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer
+hob seine Brust, und Tränen, lang wie Perlen, rannen
+in seinen Bart.
+</p>
+
+<p>
+»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts!
+Der Marschall wird uns entrinnen! Was? Deine Knie
+zittern? Du schaust mich an wie ein Trunkener!«
+</p>
+
+<p>
+Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und
+indem er die Augen aufriß, als erblicke er plötzlich ein
+lang erstrebtes Ziel, setzte er hinzu:
+</p>
+
+<p>
+»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes
+Aussehn, daß Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte
+und sich fortgerissen fühlte. Die Worte des Griechen
+trafen ihn im Augenblicke tiefster Trübsal, verwandelten
+seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten seiner
+Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die
+bei der Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug
+mit dem langen Riemen aus Leibeskräften auf die Nachzügler
+ein. Abwechselnd lief er rechts und links um die
+Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde
+vorwärts treibt.
+</p>
+
+<p>
+Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen
+enger zusammen. Selbst die Lahmen beschleunigten ihren
+Schritt. Auf der Mitte der Landenge nahm der Abstand
+zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die Vorhut der
+Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager.
+Bald waren sie einander ganz nahe und berührten sich
+beinahe. Doch da taten sich das Malkaer Tor, das Tangaster
+Tor und das große Khamontor auf. Die punischen
+Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie hinein
+und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde
+aber das Gewühl so groß, daß schließlich niemand mehr
+vorwärts kam. Die Lanzen stießen in der Luft aneinander,
+während die Pfeile der Barbaren gegen die Mauern
+prallten.
+</p>
+
+<p>
+Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte
+sich um und rief seinen Leuten zu, Platz zu machen. Er
+selber saß ab und jagte sein Pferd, indem er es mit dem
+Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen
+fütterte und der in die Knie sank, wenn sein
+Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn Hamilkar zurück?
+Wollte er damit ein Opfer bringen?
+</p>
+
+<p>
+Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen
+Lanzen hinein, riß Soldaten um, verwickelte sich mit den
+Füßen in seine Eingeweide, stürzte, sprang dann mit wütenden
+Sätzen wieder auf, und während die Soldaten
+beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft zusahen,
+kamen die Karthager wieder in Ordnung und
+zogen durch das riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter
+ihnen schloß.
+</p>
+
+<p>
+Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen
+an, und ein paar Minuten lang lief durch das Heer
+vom Anfang bis zum Ende eine Wellenbewegung, die
+allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten
+gestellt, die Steine, Kugeln und Balken zu schleudern
+begannen. Spendius machte den Söldnern klar, daß sie
+nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten sich nunmehr
+in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago
+zu erobern.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die
+Grenzen des punischen Reiches hinausgedrungen. Von
+den Säulen des Herkules bis über Kyrene hinaus träumten
+die Hirten davon, während sie ihre Herden weideten,
+und die Karawanen plauderten nachts darüber beim
+Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten,
+das große Karthago anzugreifen, die Stadt, die so glänzend
+war wie die Sonne und furchtbar wie ein Gott!
+Die Königin der Meere! Man hatte schon mehrfach
+ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt,
+weil alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften
+wie die zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen
+wie die unabhängigen kleinen Stämme, kurzum
+alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um seine Macht
+beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten
+hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen.
+Die Niederlage am Makar hatte dann allerdings die
+übrigen zurückgeschreckt, aber schließlich hatten sie wieder
+Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt und näher gekommen,
+und jetzt standen die Männer aus den östlichen
+Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes.
+Sobald sie die Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.
+</p>
+
+<p>
+Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos &ndash; diese
+bildeten schon lange das dritte Heer &ndash;,
+sondern Nomaden aus der Hochebene von Barka, die
+Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne,
+aus Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste
+durchzogen und aus den Brackwasserbrunnen getrunken,
+die aus Kamelsknochen aufgemauert sind. Die Zuaesen,
+mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen
+gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier
+vor dem Gesicht, ritten rücklings auf ihren angemalten
+Stuten. Andre kamen auf Eseln, Wildeseln, Zebras
+oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren
+Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen
+Hütten mit. Man sah Ammoniter, deren Haut
+durch das Wasser der heißen Quellen runzlig war, Ataranten,
+die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die ihre
+Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner
+scheußliche Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden,
+die Läuse verzehren, und Gysanten, die mit Zinnober
+bemalt sind und Affenfleisch essen.
+</p>
+
+<p>
+Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne
+aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken
+im Wirbelwind. Auf der Mitte der Landenge machten
+die Scharen Halt, da die Söldner, die vor ihnen
+unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle
+rührten.
+</p>
+
+<p>
+Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens
+auf, Numidier. Naravas beherrschte nämlich nur die
+Massylier, und da ihnen überdies die Sitte gestattete, nach
+Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen, so hatten sie
+sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten
+Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen
+die Jäger vom Maleluth-Baal und den garaphischen
+Bergen, die Löwenfelle trugen und ihre kleinen, mageren,
+langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen lenkten.
+Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern
+aus Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen
+Kränzen aus Wachs und Harz auf den Köpfen, und endlich
+die Kauner, Makarer und Tillabaren, alle bewaffnet
+mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus Flußpferdhaut.
+Sie machten am Fuße der Totenstadt an der
+Lagune Halt.
+</p>
+
+<p>
+Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der
+Stelle, wo sie gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie
+eine schwarze sich am Boden hinwälzende Wolke aussahen.
+Sie waren aus dem weißen und schwarzen Harudsch, der
+augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen Agazymba
+gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig
+Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten
+lag. Mit ihren Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer
+schmutzigen schwarzen Haut glichen sie reifen Maulbeeren,
+die lange im Staube gerollt sind. Sie trugen
+Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern
+und die Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere.
+Indem sie wie Wölfe heulten, schwenkten sie Stangen,
+an denen Metallringe klirrten, und Kuhschwänze, die
+wie Wimpel an Stöcken flatterten.
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten
+die gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir
+gelegenen Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell
+hingen auf ihrem Rücken. Sie führten an Leinen
+riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und nicht
+bellten.
+</p>
+
+<p>
+Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet
+und als ob man, um alle bösen Triebe zu versammeln,
+selbst der Hefe der Völker bedurft hätte, sah
+man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende Menschen
+mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche
+Krankheiten entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge
+von zweifelhaftem Geschlecht, Albinos, die mit roten
+Augen in die Sonne blinzelten. Sie stammelten unverständliche
+Laute und steckten die Finger in den Mund,
+zum Zeichen, daß sie Hunger hätten.
+</p>
+
+<p>
+Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das
+Chaos der Trachten und Völker. Kein Mordwerkzeug
+fehlte, von den hölzernen Dolchen, den Steinbeilen und
+elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen,
+sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen
+gefertigt waren. Man schwang Säbel, die wie
+Antilopenhörner in mehrere Spitzen ausliefen, Messer, die
+an einem langen Strick befestigt waren, eiserne Triangel,
+Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse
+trugen kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche
+hatten Steine in Säcken mitgebracht. Andre waren
+mit leeren Händen gekommen und klapperten mit ihrem
+Gebiß.
+</p>
+
+<p>
+Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen.
+Dromedare, wie Schiffe über und über mit Teer bestrichen,
+rissen die Weiber um, die ihre Kinder auf dem
+Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man
+trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene
+Datteln und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf
+einer von Ungeziefer starrenden Brust an einer dünnen
+Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet hätten,
+schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren.
+Die meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten.
+Ein rätselhafter Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie
+her. Nomaden, die noch nie eine Stadt gesehen, empfanden
+Furcht vor dem Schatten der Mauern.
+</p>
+
+<p id="p309">
+Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt,
+und diese breite Masse, aus der die Zelte hervorragten
+wie die Häusergiebel bei einer großen Überschwemmung,
+dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen des
+waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu
+beiden Seiten des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das
+Erscheinen ihrer Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern
+oder wandelnden Häusern, die von den tyrischen
+Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit ihren
+Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs
+auf sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze,
+achtzig Schleudergeschütze, dreißig Steinböller, fünfzig
+Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei besonders
+schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben
+bis acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen,
+gegen die Untergestelle der Maschinen gestemmt,
+schoben sie vorwärts. Bei jedem Schritt erzitterten sie.
+So gelangten sie vor die Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die
+Zurüstungen vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen
+gewitzigten Söldner wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen
+opfern. Man hatte beiderseits keine Eile, wohl wissend,
+daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg
+oder völliger Vernichtung enden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten
+Mauern hatten eine Reihe vorspringender Basteien;
+eine Anlage, zur Abwehr von Stürmen sehr vorteilhaft.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer
+eingestürzt, und in dunklen Nächten sah man durch die
+verfallenen Stellen die Lichter in den Hütten von Malka,
+die hie und da höher lagen als die Wälle.
+</p>
+
+<p>
+Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber
+der Söldner mit ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten
+Männer wiedersahen, konnten sie nicht widerstehen. Sie
+winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen dann
+in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den
+Söldnern zu plaudern, und eines Morgens ward dem
+Großen Rat vermeldet, daß sie allesamt entflohen waren.
+Die einen hatten sich zwischen den Steinen hindurchgezwängt,
+andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen.
+</p>
+
+<p>
+Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte
+ihn bisher daran gehindert, und seitdem er wieder vor
+der Stadt lag, schien es ihm, als ob die Einwohner
+sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie die
+Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute
+zur Verteidigung der Mauern.
+</p>
+
+<p>
+Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im
+Bogenschießen, indem er auf die Flamingos am Haff
+jagte. Dann, an einem mondhellen Abend, bat er Matho,
+mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer anzünden
+und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu
+lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin,
+in der Richtung auf Tunis.
+</p>
+
+<p>
+In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts
+bogen sie nach rechts und gingen stracks auf ihn
+zu. Das Terrain bot keine Deckung. Sie krochen bis an
+den Unterbau der Pfeiler.
+</p>
+
+<p>
+Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf
+und ab.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen
+auf, und Trompeten erklangen. Die Posten glaubten,
+der Feind mache einen Sturmangriff, und eilten
+der Stadt zu.
+</p>
+
+<p>
+Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz
+vom Himmel ab. Der Mond stand gerade hinter ihm,
+und der riesige Schatten des Mannes fiel weit über die
+Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg
+über ihnen stand. Da griff Zarzas nach seiner Schleuder.
+Doch aus Vorsicht oder aus Blutgier hielt Spendius ihn
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu
+viel Lärm! Ich wills tun!«
+</p>
+
+<p>
+Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das
+eine Ende gegen die große Zehe seines linken Fußes
+stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil flog ab.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand.
+»Wäre er verwundet, so würden wir ihn hören!« meinte
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie
+das erstemal, kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu
+Stockwerk hinauf. Als er oben neben dem Erschossenen
+stand, ließ er das Seil hinab. Der Balearier band einen
+Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das Lager
+zurück.
+Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder
+ruhig. Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben,
+war ins Wasser gestiegen und hatte den Gang über sich
+wieder geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte
+berechnete, gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er
+ehedem einen kleinen senkrechten Spalt in der Mauer
+bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei Stunden lang bis
+zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er durch
+die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters
+von Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem
+Tode nahe wähnte. Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock
+stürzte, von Stockwerk zu Stockwerk fallend, hinab,
+und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein voller Wasserstrom
+aus den Lüften hinab in die Ebene. Die durchbrochene
+Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod
+für die Stadt und der Sieg für die Barbaren!
+</p>
+
+<p>
+Bald darauf waren die Karthager alarmiert und
+erschienen auf den Mauern, den Häusern, den Tempeln.
+Die Barbaren stürzten laut jubelnd herbei. Wie
+rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten
+im Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen
+Mann in brauner, zerrissener Tunika. Die Hände in
+die Hüften gestemmt, beugte er sich über den Rand und
+schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk.
+</p>
+
+<p>
+Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick
+stolz über den Horizont schweifen, als wolle er sagen:
+»Das alles ist jetzt mein!« Die Karthager, die ihr Unglück
+voll begriffen, heulten vor Verzweiflung. Da begann
+Spendius auf der Plattform von einem Rande zum
+andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den
+olympischen Spielen triumphiert, hob er im Rausche
+seines Stolzes die Arme gen Himmel.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch13">XIII</h2>
+
+<h2>Moloch</h2>
+
+
+<p>
+Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren
+keines Walles. Das Hinterland war in ihrer
+Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der Stadt
+heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben
+angelegte Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete
+Matho in einem großen Halbkreise an und schloß
+damit Karthago an der Landseite vollständig ab. Das
+schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste
+Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei
+und zuhinterst das Gepäck, die Wagen und die Pferde.
+Vor der ganzen Heeresmasse, dreihundert Schritte von
+den Türmen Karthagos entfernt, standen die Geschütze
+und Belagerungsmaschinen.
+</p>
+
+<p>
+Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen,
+die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewechselt
+hatten, konnte man die Geschütze immerhin noch in
+zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit Horizontalspannung
+und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren,
+die Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile,
+auch Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller,
+warfen Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau
+abgemessene Steine, auch mächtige balkenartige Pfeile.
+Die Katapulte hießen auch Skorpione.
+</p>
+
+<p>
+Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager,
+so genannt nach den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen
+Steine werfen.
+</p>
+
+<p>
+Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte
+wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den
+härtesten Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren
+aus Erz. Die größeren Kaliber wurden nicht mit der
+Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge und dergleichen.
+Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze
+wurde durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung
+erfolgte auf Walzen. Die größten, die man
+stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts des Feindes
+zusammengesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die
+drei Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte
+er einen Widder, vor jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die
+Karroballisten, das waren die Geschütze auf fahrbaren
+Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie überschossen die
+vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus
+den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben
+zuschütten.
+</p>
+
+<p>
+Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der
+Belagerten schützen. Man schob Lauben aus Reisig und
+sogenannte Schildkröten aus Eichenholz vor, die riesigen
+Schilden glichen und auf drei Rädern liefen. Kleine,
+mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras gepolsterte
+Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die
+Katapulte und Ballisten schützte man durch Seilvorhänge,
+die in Essig getaucht waren, um sie unverbrennbar zu
+machen. Frauen und selbst Kinder halfen den Geschützbedienungen,
+indem sie die nötigen Steine suchten und
+herbeischleppten.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager rüsteten sich gleichfalls.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte,
+daß in den Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig
+Tage vorhanden sei. Diese Versicherung, seine Gegenwart
+und namentlich die des heiligen Mantels machten
+die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung,
+und auch die Einwohner nicht kanaanitischer
+Herkunft wurden durch den Eifer der andern mit fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser.
+Jeder Bürger erhielt sein Amt und seinen Posten.
+Von den Überläufern waren noch zwölfhundert da.
+Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren. Die
+Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten
+angestellt. Die Karthager besaßen noch
+einige schwere Geschütze, den Friedensbedingungen mit
+den Römern zuwider. Man setzte sie wieder instand. Die
+Handwerker verstanden sich darauf.
+</p>
+
+<p>
+Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer
+und den Golf geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die
+von den Barbaren belagerte Mauer auf der Landenge
+schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche mit
+Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte
+Steine auf der Plattform der Türme und füllte die
+Häuser, die unmittelbar an den Wall stießen, mit Sand,
+um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und Stärke zu
+zu vermehren.
+</p>
+
+<p>
+Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in
+Wut. Sie wollten den Kampf unverzüglich beginnen.
+Die Steine, mit denen sie ihre Ballisten luden, waren
+aber so ungeheuer schwer, daß die Geschütze defekt wurden.
+Der Sturm mußte aufgeschoben werden.
+</p>
+
+<p>
+Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar,
+vernahm man in der Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen
+Stoß gegen das Khamontor.
+</p>
+
+<p>
+Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder
+heran. Das war ein mächtiger Balken, der an Ketten
+wagrecht von einem Gerüste herabhing und vorn in einen
+ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den Balken
+mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen
+Reifen umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein
+Mannskörper und siebzig Meter lang. Wenn ihn die
+Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er in regelmäßigen
+Schwingungen vor und wieder zurück.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre
+Tätigkeit. In den hohlen Treträdern sah man Menschen
+von Staffel zu Staffel springen. Die Flaschenzüge und
+Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhänge sanken
+herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste
+mit einem Male los. Die Schleuderer liefen sämtlich
+in ausgeschwärmter Ordnung vor. Einige, die Töpfe
+voll brennenden Harzes unter ihren Schilden versteckt
+trugen, näherten sich dem Walle. Dort schleuderten
+sie sie aus Leibeskräften hinüber. Der Pfeil-, Kugel- und
+Feuerregen überflog die oben Kämpfenden und fiel im
+Bogen hinter den Mauern nieder. Auf deren Kamm
+aber erhoben sich lange Kräne, wie sie zum Aufrichten
+der Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie ließ
+man riesige Zangen herab, die in zwei innerlich gezahnte
+Halbkreise ausliefen. Diese packten je einen Widder.
+Die Söldner klammerten sich am Balken fest und zerrten
+ihn rückwärts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor.
+Dieses Ringen dauerte bis zum Abend.
+</p>
+
+<p>
+Als die Söldner am nächsten Morgen den Angriff wieder
+aufnahmen, hingen von den Zinnen der Mauern
+überall Baumwollballen, Decken und Kissen herab, und
+die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen den
+Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe
+von großen Gabeln und Hackmessern, die an Stangen
+befestigt waren. Alsbald begann abermals ein wütender
+Widerstand.
+</p>
+
+<p>
+Baumstämme, von Tauen gehalten, stürzten abwechselnd
+auf die Widder herab und wurden dann wieder hoch gezogen.
+Mit Haken, die durch die Geschütze geworfen
+wurden, riß man die Dächer von den Schutzlauben, und
+von der Plattform der Türme regneten Ströme von
+Ziegeln und Steinen herab.
+</p>
+
+<p>
+Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das
+Khamontor ein. Indessen hatten die Karthager den Torbogen
+mit einer solchen Fülle von Gegenständen verrammelt,
+daß die Flügel nicht aufgingen, sondern stehen
+blieben.
+</p>
+
+<p>
+Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die,
+in den Fugen eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten.
+Die Geschütze wurden nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften
+in Nummern und Ablösungen abgeteilt.
+Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt
+mit der eintönigen Genauigkeit von Webstühlen.
+</p>
+
+<p>
+Spendius war unermüdlich darin, die Richtungen der
+Geschütze zu prüfen. Er half eigenhändig beim Spannen
+der Ballisten. Da die Spannung rechts wie links
+völlig gleichsein mußte, schlug man, während des Anziehens
+der Spannerven, abwechselnd auf den rechten
+und den linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen
+Klang gaben. Spendius stieg auf die Lafetten und stieß
+mit der Fußspitze leise an die Sehne. Dann lauschte
+er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier stimmt.
+Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschütze
+losgingen, wenn die Säulen der Ballisten vom Rückschlag
+erzitterten, wenn die Steine der Böller und die Pfeile
+der Katapulte dahinsausten, dann beugte er sich mit dem
+ganzen Körper vor und fuhr mit den Händen in die Luft,
+um der Flugbahn zu folgen.
+</p>
+
+<p>
+Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und
+führten seine Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte
+sie, und unter Anknüpfung an die Bezeichnungen der einzelnen
+Maschinen machten sie Witze. Weil die Zangen
+zum Packen der Widder »Wölfe« hießen und die bedeckten
+Gänge »Weinlauben«, so nannten sie sich selbst
+die »Lämmer«, oder sie scherzten, es gehe »zur Weinlese«.
+Beim Spannen der Onager riefen sie: »Los! Schlag
+mal tüchtig aus!« und zu den Skorpionen: »Stich mal
+feste!« Diese Späße &ndash; immer dieselben &ndash; hielten ihren Mut
+aufrecht.
+</p>
+
+<p>
+Doch die Geschütze vermochten der großen Mauer keine
+Bresche beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei
+Mauern, mit Erde dazwischen. Man zerstörte zwar die
+oberen Teile, doch die Belagerten besserten sie immer
+wieder aus. Matho befahl, Holztürme zu bauen, ebenso
+hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man
+warf Rasenstücke, Balken, große Steine, ganze Karren
+Sand samt ihren Rädern in den Graben, um ihn
+möglichst rasch zu füllen. Und noch ehe er ganz zugeschüttet
+war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren
+mit einem Male von der Landenge her und brandete
+gegen den Fuß der Mauern, wie ein überschäumendes
+Meer.
+</p>
+
+<p>
+Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrücken,
+sogenannte Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei
+Mastbäumen, von denen sich an Tauen und Leitrollen
+eine bewegliche Brücke herabsenkte. Man brachte eine
+Reihe solcher Fallbrücken an die Mauer heran und ließ
+die Brücken im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen.
+Die Söldner stiegen sodann einer hinter dem andern mit
+Waffen in der Hand die schräge Brücke hinauf. Kein
+Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten ziemlich
+nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien
+gleich Drachenschlünden Feuer und Rauch aus.
+</p>
+
+<p>
+Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen
+zu Füßen der Mauer durch die Ritzen der Rüstungen.
+Siedendes Steinöl floß über die Kleider, flüssiges
+Blei rann über die Helme und brannte Löcher ins
+Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer
+gewordene Augenhöhlen schienen mandeldicke Tränen zu
+weinen. Männern, die mit Öl begossen worden waren,
+brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und steckten
+die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem
+man ihnen von weitem blutgetränkte Mäntel überwarf.
+Manche, die unverwundet aussahen, blieben unbeweglich
+und steifer als Pfähle mit offenem Munde und ausgestreckten
+Armen stehen.
+</p>
+
+<p>
+Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer
+wieder erneuert. Die Söldner hofften durch ein Übermaß
+von Kraft und Kühnheit zu siegen.
+</p>
+
+<p>
+Hier und da sprangen Männer auf die Schultern der
+andern, bohrten eiserne Stäbe in die Steinfugen, benutzten
+sie als Sprossen zum Hinaufklettern, wobei sie
+einen zweiten und dritten einbohrten. Dadurch gelangten
+sie, durch die vorspringende Mauerzinne über ihnen geschützt,
+allmählich empor. Doch aus einer gewissen Höhe
+stürzten sie rettungslos herab. Der große Graben war
+bald bis über den Rand mit Leichen gefüllt. Unter den
+Füßen der Lebenden lagen Verwundete, Tote und Sterbende
+bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden
+Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten
+halbverkohlte Stümpfe wie schwarze Flecken. Arme und
+Beine ragten halb aus Leichenhügeln hervor, wie Pfähle
+in einem ausgebrannten Weinberg.
+</p>
+
+<p>
+Da man mit den Sturmleitern und Fallbrücken nichts
+ausrichtete, begann man die Tollenonen zu gebrauchen,
+Gerüste mit einem langen Kran, der einen großen viereckigen
+Korb dirigierte, in dem dreißig Mann samt ihren
+Waffen Platz finden konnten.
+</p>
+
+<p>
+Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen,
+der bereit war; aber Spendius hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der
+Korb schwebte langsam in die Höhe. Die Soldaten
+darin duckten sich eng aneinander, bis ans Kinn versteckt.
+Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb fünfzig
+Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann
+senkte er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf
+seiner Hand eine Schar von Zwergen trägt, und setzte
+schließlich den mit Menschen gefüllten Korb oben auf der
+Stadtmauer ab. Die Soldaten stürzten sich auf die Gegner
+und kehrten niemals zurück.
+</p>
+
+<p>
+Flugs wurden auch die übrigen Tollenonen aufgestellt.
+Doch um die Stadt zu erobern, hätte man ihrer hundertmal
+mehr haben müssen. Man gebrauchte sie nun auf
+eine mörderische Weise. Äthiopische Bogenschützen traten
+in die Körbe und wurden hochgezogen. Nachdem man
+die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Körbe
+in der Schwebe, und die Schützen schossen mit vergifteten
+Pfeilen. So umringten die fünfzig Tollenonen, von denen
+man die Zinnen beherrschte, Karthago wie riesige Geier.
+Die Neger lachten, wenn sie die Wallverteidiger unter
+fürchterlichen Zuckungen sterben sahen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern.
+Er ließ sie alle Morgen vor dem Ausrücken den Saft
+gewisser Kräuter trinken, der sie gegen das Gift feien
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen
+auf Barken und Flößen ein, fuhr in südlicher
+Richtung aus dem Hafen hinaus und landete an der
+Taenia. Von dort rückte er bis an die äußersten Stellungen
+der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und
+richtete unter ihnen ein Blutbad an. Auch wurden nachts
+Männer mit Fackeln an Seilen von den Mauern herabgelassen.
+Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Söldner
+in Brand und wurden dann wieder emporgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Matho war erbittert. Jede Verzögerung, jedes neue
+Hindernis steigerte seine Wut. Er verfiel auf fürchterliche
+und sonderbare Dinge. So lud er Salambo in
+Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann.
+Sie kam natürlich nicht. Das schien ihm ein neuer
+Verrat, und fortan verabscheute er sie. Hätte er ihren
+Leichnam gesehen, so wäre er vielleicht abgezogen. Er
+verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fuße der Stadtmauern
+Gabeln auf, legte Fußangeln an und befahl
+seinen Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen,
+den er anzünden wollte, um Karthago auszuräuchern wie
+einen Fuchsbau.
+</p>
+
+<p>
+Spendius betrieb die Belagerung mit zäher Hartnäckigkeit.
+Er suchte schreckliche Maschinen zu erfinden, wie
+man noch nie welche hergestellt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge
+lagerten, wunderten sich über die Saumseligkeit
+der Belagerung und begannen zu murren. Man ließ
+sie stürmen.
+</p>
+
+<p>
+Sie berannten mit ihren Säbeln und Wurfspießen die
+Tore. Doch ihre nackten Leiber waren mit Leichtigkeit
+kampfunfähig zu machen. Die Karthager erschlugen sie
+in Massen, und die Söldner freuten sich darüber, ohne
+Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plünderung.
+Zwiste und Kämpfe brachen unter den Belagerern aus.
+Da das Hinterland verwüstet war, fing man an, sich
+um die Lebensmittel zu reißen. Viele verloren den Mut,
+und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war
+so groß, daß dies nicht in Betracht kam.
+</p>
+
+<p>
+Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch
+Hamilkar erriet stets die Richtung der Gänge, indem
+er sein Ohr an einen ehernen Schild legte. Er grub
+in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die Holztürme
+darüber hinwegfahren mußten. Wenn man sie dann am
+andern Tage vorschob, brachen sie ein.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, daß die
+Stadt uneinnehmbar war, solange man nicht einen
+langen Erdwall in gleicher Höhe mit der Stadtmauer aufwarf,
+der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher
+Höhe zu kämpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden,
+um die Geschütze darauf hin und her fahren zu können.
+</p>
+
+<p>
+Dann aber konnte Karthago unmöglich länger Widerstand
+leisten!
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das
+Wasser, das zu Beginn der Belagerung zwei Kesitah
+das Bat gegolten hatte, kostete jetzt einen Silbersekel.
+Auch die Fleisch- und Kornvorräte nahmen stark ab. Man
+fürchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von
+unnützen Mäulern, was alle Welt in Schrecken setzte.
+</p>
+
+<p>
+Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten
+Leichen die Straßen; und da es Hochsommer war, quälten
+große schwarze Fliegen die Kämpfenden. Greise schafften
+die Verwundeten fort. Fromme feierten Scheinbegräbnisse
+von Verwandten und Freunden, die draußen auf
+dem Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit
+Haaren und Kleidern lagen quer vor den Türen und
+schmolzen unter der Hitze der neben ihnen brennenden
+Kerzen. Die Bemalung lief ihnen über die Schultern.
+Tränen aber rannen über die Gesichter der Lebenden,
+die um sie herum ihre Klagelieder sangen. Währenddem
+lief die Menge auf den Straßen hin und her. Scharen
+Bewaffneter zogen vorüber. Die Hauptleute gaben laute
+Befehle. Dazu hörte man immerfort den Stoß der Widder,
+die draußen gegen den Wall donnerten.
+</p>
+
+<p>
+Die Witterung ward so schwül, daß die Leichen aufschwollen
+und nicht mehr in die Särge hineinpaßten.
+Man verbrannte sie auf den Höfen. Doch in der Enge
+sprang das Feuer auf die benachbarten Wände über,
+und plötzlich schossen lange Flammen aus den Häusern,
+wie Blut, das aus einer Ader in die Höhe spritzt. So
+hauste Moloch in Karthago. Er umzingelte draußen die
+Wälle, wälzte sich innen durch die Straßen und verzehrte
+alles, selbst die Toten.
+</p>
+
+<p>
+Männer, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mäntel
+aus aufgelesenen Lappen trugen, stellten sich an den
+Straßenecken auf. Sie führten Reden gegen die Alten,
+gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den völligen
+Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben,
+alles zu zerstören. Die Gefährlichsten waren die Bilsenkrauttrinker.
+In ihrem Taumel hielten sie sich für wilde
+Tiere, sprangen die Vorübergehenden an und zerfleischten
+sie. Um sie herum entstanden Aufläufe. Man vergaß darüber
+die Verteidigung der Stadt. Der Suffet fand Abhilfe.
+Er besoldete Mitbürger, die seine Politik vertraten.
+</p>
+
+<p>
+Um die Geister der Götter in Karthago festzuhalten,
+hatte man ihre Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man
+hüllte die Kabiren in schwarze Schleier und umhing die
+Altäre mit härenen Decken. Man versuchte, den Ehrgeiz
+und die Eifersucht der einzelnen Götter anzustacheln,
+indem man ihnen ins Ohr brüllte: »Du willst dich besiegen
+lassen! Sind fremde Götter am Ende stärker? Ermanne
+dich! Hilf uns! Sonst sagen die andern Völker
+gar: Wo sind jetzt Karthagos Götter!«
+</p>
+
+<p>
+Beständige Angst erfüllte die Priesterschaften, besonders
+die Priester der Mondgöttin, weil die Rückkehr des heiligen
+Mantels nichts genützt hatte. Sie hielten sich in der
+dritten Umfriedigung eingeschlossen, die uneinnehmbar
+war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich
+hinaus: der Oberpriester Schahabarim.
+</p>
+
+<p>
+Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem
+Schweigen und schaute sie mit starren Blicken an,
+oder er machte ihr in einer Flut von Worten härtere
+Vorwürfe denn je.
+</p>
+
+<p>
+Infolge eines unerklärlichen Widerspruches verzieh er
+ihr nicht, daß sie seinen Befehlen folgsam gewesen war.
+Schahabarim hatte alles erraten. Aber diese Vermutung,
+die nicht von ihm wich, mehrte seine ohnmächtige
+Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges
+zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um
+den Zaimph wieder zu erobern. Dabei überschüttete er
+den Barbaren, der sich anmaße, heilige Dinge zu besitzen,
+mit Verwünschungen und Spott. Und doch wollte
+der Priester damit etwas ganz anderes ausdrücken.
+</p>
+
+<p>
+Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die
+Beängstigungen, an denen sie früher gelitten, hatten sich
+verloren. Eine seltsame Ruhe erfüllte sie. Ihre Blicke
+waren nicht mehr unstet, und ihre Augen glänzten in
+klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals
+erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr
+sichtlich gesünder ward, so freute sich die alte Taanach
+darüber. Sie war überzeugt, daß das Tier durch sein
+Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich
+zusammengerollt, kälter als Marmor. Sein Kopf wimmelte
+von Würmern. Auf ihr Geschrei kam Salambo
+herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der
+Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt über
+die Gleichgültigkeit ihrer Herrin.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit
+dem alten Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf
+dem flachen Dache des Schlosses, die Ellbogen auf die
+Brüstung gelehnt, und belustigte sich damit, Ausschau zu
+halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der
+Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel
+ab, und die Lanzen der Posten bildeten längs seiner
+Krone einen Stachelzaun. Jenseits der Mauern erblickte
+sie zwischen den Türmen die Bewegungen der
+Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte,
+konnte sie sogar erkennen, was sie in ihren Lagern trieben.
+Sie flickten ihre Rüstungen aus, salbten sich das
+Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen Arme im
+Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraßen.
+Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen
+wie einen silbernen Krummsäbel am Fuße der
+Berge blinken. Schahabarims Worte kamen ihr wieder
+in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas,
+aber trotz ihres Hasses hätte sie auch Matho gern wiedersehn
+mögen. In ganz Karthago war sie vielleicht der
+einzige Mensch, der ohne Furcht mit ihm gesprochen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend
+auf die Kissen und betrachtete sie mit fast zärtlicher
+Miene, als fände er in ihrem Anblick eine Erholung
+von seinen Mühsalen. Mehrfach forschte er sie
+über ihre Reise in das Lager der Söldner aus. Er
+fragte sogar einmal, ob sie nicht doch von jemandem
+dazu angestiftet worden sei. Sie verneinte es durch eine
+Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf, den heiligen
+Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der
+Suffet unter dem Vorwande, militärische Dinge zu erkunden,
+auf Matho zurück. Insgeheim begriff er nicht,
+wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte gewesen war. Auch
+von Gisgo erzählte Salambo nichts, denn da &ndash; nach
+ihrem Glauben &ndash; schon bloße Worte eine wirkliche Macht
+besitzen, so konnten Verwünschungen, die man jemandem
+berichtete, sich gegen ihn kehren. Ebenso verschwieg sie
+ihr Mordgelüst, aus Furcht, getadelt zu werden, weil sie
+dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der
+Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr
+laut gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzählte
+Salambo nicht, vielleicht aus Scham, vielleicht
+auch, weil sie in ihrer großen Unschuld den Küssen des
+Soldaten keine Bedeutung beimaß. Überdies flossen alle
+jene Vorgänge in ihrem Kopfe wehmütig und wirr durcheinander
+wie die Erinnerung an einen schweren Traum.
+Sie hätte nicht gewußt, auf welche Weise und mit welchen
+Worten sie alles hätte ausdrücken sollen.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als sie so einander gegenübersaßen, trat
+Taanach ganz bestürzt ein. Ein Greis mit einem Kinde
+sei unten im Hofe und wolle den Suffeten sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch:
+</p>
+
+<p>
+»Er soll heraufkommen!«
+</p>
+
+<p>
+Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er führte
+einen Knaben an der Hand, der in einen Mantel aus
+Bocksfell gehüllt war. Er zog rasch die Kapuze zurück,
+die das Gesicht des Knaben verhüllte, und sagte:
+</p>
+
+<p>
+»Da ist er, Herr! Nimm ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des
+Gemaches zurück.
+</p>
+
+<p>
+Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht
+stehen geblieben und musterte mit einem mehr neugierigen
+als erstaunten Blick die Zimmerdecke, das Hausgerät,
+die Perlenschnüre auf den Purpurvorhängen und
+das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte.
+</p>
+
+<p>
+Er war etwa zehn Jahre alt und nicht größer als ein
+Römerschwert. Krause Haare beschatteten seine gewölbte
+Stirn. Seine Augen sahen mit Vorliebe in die Ferne.
+Die feinen Nasenflügel vibrierten ihm. Über seiner ganzen
+Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie
+ihn die haben, die zu großen Taten vorbestimmt sind.
+Als er seinen schweren Mantel abgeworfen hatte, stand
+er in einem Luchsfell da, das seine Hüften umkleidete,
+und stampfte mit seinen kleinen bloßen Füßen,
+die weiß vom Staube waren, fest auf die Fliesen.
+Offenbar erriet er, daß man wichtige Dinge verhandelte,
+denn er blieb unbeweglich stehen, eine Hand auf
+dem Rücken und den Kopf gesenkt, einen Finger im
+Munde.
+</p>
+
+<p>
+Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte
+leise zu ihr:
+</p>
+
+<p>
+»Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand,
+selbst keiner im Hause, darf um sein Dasein wissen!«
+</p>
+
+<p>
+Hinter der Tür fragte er Iddibal noch einmal, ob er
+sicher sei, daß ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe.
+</p>
+
+<p>
+»Sicherlich niemand!« versetzte der Sklave. »Die Straßen
+waren leer.«
+</p>
+
+<p>
+Da sich der Krieg über alle Provinzen ausdehnte, hatte
+Iddibal um den Sohn seines Herrn Angst bekommen,
+und da er nicht wußte, wo er ihn verbergen sollte, war
+er in einem Boot an der Küste entlang gefahren. Drei
+Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wälle
+beobachtet. Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung
+des Khamontempels menschenleer war, hatte er
+die Durchfahrt schnell passiert und war am Arsenal gelandet.
+Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel
+später freilich legten die Barbaren ein riesiges Floß davor,
+um den Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Außerdem
+errichteten sie hölzerne Türme. Gleichzeitig stieg
+auch der Erdwall empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Verbindung nach außen war nunmehr abgeschnitten,
+und eine unerträgliche Hungersnot begann.
+</p>
+
+<p>
+Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann
+auch die fünfzehn Elefanten, die der Suffet zurückgebracht
+hatte. Die Löwen des Molochtempels waren toll geworden,
+und die Tempeldiener wagten sich nicht mehr
+an sie heran. Man fütterte sie anfangs mit verwundeten
+Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch
+warm waren. Aber die Bestien verschmähten sie, und so
+starben sie sämtlich. In der Dämmerung irrten Leute längs
+der alten Mauern zwischen der Altstadt und Megara hin
+und pflückten zwischen den Steinen Kräuter und Blumen,
+die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden.
+Andre schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten
+und drangen in die Zelte, um Nahrungsmittel zu
+rauben. Die Barbaren waren darüber so verblüfft, daß sie
+die Dreisten bisweilen entkommen ließen. Endlich kam der
+Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich
+zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mähnen
+die Priester mit goldenen Bändern durchflochten. Sie
+versinnbildlichten die Bewegung der Sonne, die Idee
+des Feuers in seiner höchsten Gestalt. Ihr Fleisch wurde
+in gleichgroße Stücke zerlegt und hinter dem Altar vergraben.
+Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht
+vorschützend, allabendlich zum Tempel hinauf und sättigten
+sich verstohlen. Auch nahmen sie unter ihrem Gewande
+Stücke für ihre Kinder mit. In den einsamen
+Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten
+sich die weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern
+verrammelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Steine der feindlichen Geschütze und die Zerstörungen,
+die zur Verteidigung der Stadt angeordnet worden
+waren, hatten die Straßen mit Schutt und Trümmern
+erfüllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft schreiende
+Volksmassen durch. Von der Höhe der Burg betrachtet,
+sahen die Feuersbrünste wie hie und da auf die flachen
+Dächer geworfene Purpurtücher aus, die im Winde zu
+flattern schienen.
+</p>
+
+<p>
+Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten
+Geschütze der Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie
+anrichteten, waren außerordentlich. So ward der Kopf
+eines Mannes bis an den Giebel der Syssitien geschleudert.
+In der Kinisdostraße ward eine Wöchnerin von
+einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr
+Kind mitsamt dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag
+geworfen, wo man die Decke wiederfand.
+</p>
+
+<p>
+Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln.
+Sie fielen auf die Dächer, in die Gärten und in die
+Höfe, während man ängstlich beim kargen Mahle saß.
+Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte Buchstaben,
+die sich in das Fleisch eindrückten. So konnte man auf
+der Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: »Schwein!«
+»Raubtier!« »Dreck!« oder Spöttereien wie: »Fang
+mich!« oder »Ich habs verdient!«
+</p>
+
+<p>
+In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag,
+wurden Breschen gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner
+von Malka zwischen der alten Mauer, die Megara
+von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern des
+Burgbezirks im Rücken und den Barbaren von vorn eingekeilt.
+Doch man hatte genug zu tun, die Innenmauer am
+Burgberge instand zu setzen und sie so hoch wie möglich
+zu machen. Man konnte sich nicht um arme Leute kümmern
+und ließ sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich
+sie allgemein verhaßt waren, erregte das doch einen
+großen Abscheu gegen Hamilkar.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage darauf öffnete er die Keller, in denen er
+sein Getreide aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten
+es unter das Volk. Drei Tage lang stopfte man sich
+damit voll.
+</p>
+
+<p>
+Der Durst ward nun erst recht unerträglich. Dabei
+hatte man immerfort die große Kaskade vor Augen, in
+der das klare Wasser der zerstörten Leitung herabplätscherte.
+Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf,
+umhüllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen
+schwang sich darüber. Ein kleiner Bach aber
+schlängelte sich durch die Ebene und ergoß sich in das
+Haff.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein
+Ereignis, auf etwas Entscheidendes, auf ein Wunder.
+Seine Sklaven rissen die silbernen Platten vom Melkarthtempel.
+Im Hafen zog man vier große Transportschiffe
+ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende
+der Straße der Mappalier und durchbrach dort die Mauer
+zwischen Straße und Meer. Die Schiffe gingen von da
+aus nach Gallien in See, um dort um jeden Preis Söldner
+anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem
+großen Ärger vom Numidierfürsten abgeschnitten, obwohl
+er wußte, daß Naravas hinter den Barbaren
+stand, bereit, ihnen in den Rücken zu fallen. Naravas
+war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff
+wagen. Der Suffet ließ den Wall um drei Meter erhöhen,
+alles Kriegsgerät aus den Zeughäusern nach der
+Burg schaffen und die Geschütze abermals ausbessern.
+</p>
+
+<p>
+Zu den Spannerven der Steingeschütze benutzte man
+Genicksehnen von Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen.
+Nun aber gab es in Karthago weder Hirsche noch
+Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten das
+Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das
+genügte noch nicht. In den Gebäuden der Syssitien befanden
+sich zwölfhundert mannbare Sklavinnen, die für
+die Prostitution in Griechenland und in Italien bestimmt
+waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den Gebrauch
+von Salben, vorzüglich geeignet gewesen wäre.
+Doch der Verlust hätte sich später zu fühlbar gemacht. Daher
+ward beschlossen, unter den Frauen der Plebejer das
+schönste Haar auszuwählen. Aber gleichgültig gegen
+die Bedürfnisse des Vaterlandes schreien sie verzweifelt,
+als die Schergen der Hundertmänner mit Scheren kamen
+und Hand an sie legten.
+</p>
+
+<p>
+Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von
+weitem, wie sie Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen
+damit zu ölen. Andre rissen den Toten die
+Nägel von den Händen und Füßen und nähten sie Stück
+für Stück aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam
+auf den Einfall, Gefäße voll Schlangen, die von Negern
+herbeigebracht wurden, in die Ballisten zu laden. Die
+so in die Stadt geschleuderten Tontöpfe zerbrachen
+auf dem Pflaster, die Schlangen schlüpften heraus und
+waren schließlich in solchen Mengen anzutreffen, daß
+es aussah, als kämen sie aus den Mauern. Fortwährend
+verbesserten die Barbaren ihre Erfindungen, da sie ihnen
+noch immer nicht genügten. Sie schleuderten Unrat aller
+Art, Menschenkot, Stücke von Aas und Leichen. Die Pest
+brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zähne
+aus dem Munde, und ihr Zahnfleisch ward blaß, wie
+das der Kamele nach einer allzu weiten Reise.
+</p>
+
+<p>
+Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt,
+obwohl er noch nicht überall die Höhe der Stadtmauer
+erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig Steintürmen erhoben
+sich dreiundzwanzig hölzerne. Alle Tollenonen
+waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte
+die furchtbare »Helepolis«, eine Erfindung von Demetrius
+Poliorketes, eine fahrbare Riesenbatterie, die Spendius
+mühselig nachkonstruiert hatte. Sie hatte die Gestalt
+einer oben abgestumpften Pyramide, ähnlich wie der Leuchtturm
+von Alexandria. Die Seitenlänge ihrer quadratischen
+Basis betrug fünfundzwanzig Meter, ihre Höhe fünfzig
+Meter. Sie bestand aus neun Stockwerken, eins immer
+kleiner, im Durchmesser wie in der Höhe, als das andre.
+Die Front und die beiden Seiten waren mit Eisenblech
+ausgeschlagen und mit zahlreichen Schießscharten versehen.
+Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt.
+Der ganze Turm war voller Soldaten und durch
+sechsundzwanzig Geschütze, darunter zehn schwere, armiert.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ließ Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder
+kommen sollte, der von Übergabe rede. Sogar Frauen
+wurden als Soldaten eingestellt. Man schlief auf den
+Straßen und wartete voller Bangigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang &ndash; es war am
+siebenten Tage des Monats Nyssan &ndash; vernahm man
+in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das alle Barbaren
+draußen zugleich ausstießen. Die bleiernen Fanfaren
+schmetterten dumpf, und die großen paphlagonischen
+Hörner brüllten wie Stiere. Alles sprang auf und eilte
+nach dem Walle.
+</p>
+
+<p>
+Ein Wald von Lanzen, Spießen und Schwertern wälzte
+sich heran und brandete an die Mauern. Sturmleitern
+wurden angelegt, und in den Scharten der Brustwehren
+tauchten Barbarenköpfe auf.
+</p>
+
+<p>
+Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten
+gegen die Tore. An den Stellen, wo kein Erdwall gegenüberstand,
+rückten die Söldner in geschlossenen Kompagnien
+zur Zerstörung der Mauer heran. Das erste
+Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und
+die übrigen duckten sich stufenweise immer weniger, so
+daß die letzten ganz aufrecht standen, während an andern
+Stellen, wo man dadurch eine Art Treppe schaffen wollte,
+die Aufrechtstehenden zuvorderst und die Liegenden zuhinterst
+standen. Alle drückten mit der Linken den Schild
+auf ihren Helm und hielten die Ränder so dicht zusammen,
+daß sie wie ein Haufen großer Schildkröten aussahen.
+An diesen schrägen Dächern glitten die Geschosse
+ohnmächtig ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager schleuderten Mühlsteine, Mörserkeulen,
+Bottiche, Tonnen und Bettstellen herab, alles, was Gewicht
+hatte und jemanden erschlagen konnte. Manche
+lauerten mit Netzen an den Scharten, und wenn ein
+Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt
+und wie ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar
+die Zinnen um. Die Mauerstücke stürzten hinab und
+wirbelten große Staubwolken auf. Die schweren Geschütze
+auf den Wällen beschossen sich gegenseitig. Ihre Steine
+prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in
+tausend Stücke, wodurch die Kämpfer von einem dichten
+Steinsplitterhagel überschüttet wurden.
+</p>
+
+<p>
+Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch
+einen einzigen Strom von Menschenleibern, der den Raum
+zwischen den beiden Wällen erfüllte und, an den Rändern
+etwas dünner, beständig hin und her wogte, ohne seinen
+Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem Boden
+liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten
+sich über die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an
+ihren Schleiern hinab, und ihre plötzlich entblößten weißen
+Leiber glänzten in den Armen der Neger, die ihnen den
+Dolch ins Gekröse stießen. In dem ungeheuren Gedränge
+fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der Lebendigen
+hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht
+weiter, mit starren Augen. Manche, denen beide Schläfen
+von einem Wurfspieß durchbohrt waren, wiegten den
+Kopf wie Bären. Zum Schreien geöffnete Lippen blieben
+aufgesperrt. Abgehauene Hände flogen umher. Es
+fielen mächtige Streiche, von denen die Überlebenden
+noch lange sprachen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen sprühten die Pfeile von den Stein- und
+Holztürmen. Die Tollenonen bewegten rastlos ihre langen
+Arme. Die Barbaren hatten den alten Begräbnisplatz
+der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt geplündert und
+schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter der
+Last zu schwerer Körbe rissen bisweilen die Taue der
+Sturmkrane. Ganze Knäuel von Menschen stürzten mit
+emporgestreckten Armen aus den Lüften herab.
+</p>
+
+<p>
+Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten
+hartnäckig gegen die Taenia angestürmt, um
+in den Hafen zu dringen und die Flotte zu zerstören.
+Hamilkar ließ auf dem Dache des Khamontempels ein
+Feuer aus feuchtem Stroh anzünden. Der Rauch trieb den
+Angreifern in die Augen und blendete sie. Da warfen sie
+sich nach links und vermehrten das fürchterliche Getümmel
+in Malka. Kompagnien aus kräftigen, eigens dazu
+ausgewählten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt.
+Hohe Verhaue aus nägelbeschlagenen Brettern
+hielten sie auf. Ein viertes Tor gab mühelos nach. Man
+stürmte im Laufschritt durch und stürzte in eine Grube,
+in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten.
+Autarit und seine Leute zerstörten die südlichste Bastei der
+Mauer, deren Durchgänge mit Ziegeln verbaut worden
+waren. Dahinter stieg das Gelände an. Man eilte im
+Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine zweite Mauer
+aus Steinen und großen wagerechten Balken, die schachbrettförmig
+angeordnet waren. Das war eine gallische
+Art, die der Suffet den Bedürfnissen des Augenblicks
+angepaßt hatte. Die Gallier glaubten sich vor einer
+Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne Nachdruck an und
+wurden zurückgeworfen.
+</p>
+
+<p>
+Von der Khamonstraße bis zum Gemüsemarkt war jetzt
+der ganze innere Wallgang im Besitze der Barbaren.
+Die Samniter machten den Sterbenden mit Lanzenstichen
+den Garaus. Andre blickten, mit einem Fuß an der
+Mauer stehend, auf die rauchenden Trümmer zu ihren
+Füßen und sahen von weitem der Schlacht zu, die von
+neuem begann.
+</p>
+
+<p>
+Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit
+großen Abständen voneinander aufgestellt waren, schossen
+unablässig. Doch vielfach waren die Federn an den akarnanischen
+Schleudern durch den übermäßigen Gebrauch zerbrochen,
+und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten
+Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln
+mit Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen
+schwarzen Haar, das ihm die Schultern umwallte, sprang
+bald hierin, bald dorthin und feuerte die Balearier an. An
+seinen Hüften hingen zwei Hirtentaschen, in die er unaufhörlich
+mit der Linken griff, während sein rechter Arm
+sich schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad.
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten,
+um den Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn
+am Golfe bei den Söldnern, an der Lagune bei den Numidiern
+und am Ufer des Haffs zwischen den Negern gesehen.
+Unaufhörlich trieb er die aus der Tiefe der Ebene
+anstürmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen
+vor. Allmählich kam er ihnen selbst näher. Der Blutgeruch,
+der Anblick des Gemetzels und das Trompetengeschmetter
+steigerten seine Kampfeslust. Darum war
+er in sein Zelt zurückgekehrt, hatte seinen Harnisch abgeworfen
+und sein Löwenfell angelegt, das für den Nahkampf
+bequemer war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte
+seinen Kopf und umsäumte sein Gesicht mit einem
+Kreise von Raubtierzähnen. Die beiden Vordertatzen
+kreuzten sich über seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen
+schlugen ihm in die Kniekehlen.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt
+blitzte. Sein großes Schwert mit beiden Händen
+schwingend, warf er sich ungestüm in eine der Breschen.
+Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige abschneidet und
+deren so viel wie möglich abzuschlagen trachtet, um recht
+viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mähte die
+Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von
+der Seite zu fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf
+nieder. Wer ihn von vorn angriff, den durchbohrte
+er. Fliehenden spaltete er den Schädel. Einmal sprangen
+ihm zwei Männer zugleich auf den Rücken. Mit einem
+Satze sprang er rückwärts gegen ein Tor und zerquetschte
+sie. Sein Schwert hob und senkte sich in einem fort. An
+einer Mauerecke zersprang es. Da faßte er seine schwere
+Axt und schlachtete die Karthager vor und hinter sich ab
+wie eine Hammelherde. Sie wichen vor ihm zurück, und
+so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer
+am Fuße des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte
+Gegenstände sperrten die Treppenstufen und überragten
+die Mauer. Inmitten dieser Trümmer wandte sich Matho
+um und rief seine Kameraden.
+</p>
+
+<p>
+Er sah Helmbüsche hier und da über der Menge. Dann
+tauchten sie unter. Ihre Träger waren in Gefahr. Matho
+stürzte ihnen entgegen. Da zog sich der weite Kranz
+roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den Führer
+erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergoß
+sich ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen.
+Der Libyer wurde um die Hüften gepackt, hoch gehoben
+und bis vor die Mauer zu einer Stelle gerissen,
+wo die Befestigung besonders hoch war.
+</p>
+
+<p>
+Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich
+auf die Helme. Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett
+zur Mauer zu bekommen und wieder in die Stadt
+einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend, lief er
+über die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein
+Meergott, der seinen Dreizack über den Fluten schwingt.
+</p>
+
+<p>
+Indessen schritt ein Mann in weißem Gewande, gleichgültig
+und fühllos gegen den Tod, der ihn umringte, auf
+der Krone des Walles hin. Bisweilen legte er seine
+Hand über die Augen, als spähe er nach jemandem aus.
+Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des
+Mannes flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte
+sich. Seine beiden mageren Arme erhebend, rief er dem
+Libyer Schmähworte zu.
+</p>
+
+<p>
+Matho verstand sie nicht, aber er fühlte sich von einem
+so grausamen Blicke durchbohrt, daß er ein Gebrüll ausstieß.
+Er schleuderte seine langstielige Axt nach ihm. Es
+war Schahabarim. Leute warfen sich auf den Priester.
+Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschöpft zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ein fürchterliches, donnerndes Geräusch näherte sich,
+vermischt mit dem Klange rauher, im Takt singender
+Stimmen. Es war die mächtige Helepolis, inmitten von
+mehreren hundert Söldnern. Man zog sie mit beiden
+Händen an Seilen oder schob mit den Schultern nach,
+denn obwohl sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer
+nur mäßig hob, so war diese schwache Steigung
+doch für einen Wandelturm von so fabelhafter Schwere
+Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen
+Meter breite Räder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie
+sich seit Morgen nur langsam vorwärts, gleich wie ein Berg,
+der sich über einen andern wälzt. Aus ihrem untersten
+Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor. An den drei
+Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden
+heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine
+große Schar gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen,
+die durch alle Stockwerke liefen, stiegen immerfort
+welche hinauf und hinunter. Andre warteten darauf,
+hervorzustürzen, sobald die Haken der Fallbrücken die
+Mauer gefaßt hätten. Hinter den Schießscharten drehten
+sich die Stränge der Ballisten, und die Schnellbalken der
+Schleudergeschütze gingen hoch und nieder.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache
+des Melkarthtempels. Er hatte berechnet, daß die Helepolis
+gerade auf ihn zukommen und gegen eine unersteigliche
+Stelle der Mauer anrennen mußte, die eben deswegen
+nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer
+Zeit trugen seine Sklaven Schläuche voll Wasser auf den
+Wallgang, auf dem sie an der bestimmten Stelle aus
+Lehm zwei Querwände errichtet hatten, wodurch eine Art
+Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich
+in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise
+nicht zu beunruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Als die Helepolis nur noch gegen dreißig Schritt
+entfernt war, ließ er von den Zisternen bis zum Wall
+über die Straßen hin von Haus zu Haus Bretter legen.
+Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand
+Helme und Krüge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen.
+Die Karthager entrüsteten sich über diese sichtliche
+Wasservergeudung. Der Widder zertrümmerte die
+Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den gelockerten
+Quadern hervor, und das neunstöckige gepanzerte Gerüst,
+das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu
+schwanken wie ein Schiff. Das Wasser, das durch die
+Bresche herausquoll, weichte den Weg vor der Helepolis
+auf. Alsbald blieben die Räder im Morast stecken. Im
+ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder
+der Schießscharten der Kopf des Spendius auf, der aus
+vollen Backen in ein Elfenbeinhorn stieß. Die Riesenbatterie
+kam ruckweise wohl noch zehn Schritte weiter,
+dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die
+Räder versanken bis an die Achsen, und schließlich stand
+die Helepolis still und neigte sich bedrohlich nach einer
+Seite. Die schweren Geschütze in den unteren Stockwerken
+schoben sich von ihren Plätzen und nahmen dem
+Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch
+und richtete arge Zerstörung im Innern an. Die Soldaten,
+die schon an den Fallbrücken standen, wurden herausgeschleudert
+oder klammerten sich draußen an und vermehrten
+so durch ihr Gewicht die Neigung des Ungetüms,
+das in allen Fugen krachte und schließlich zusammenbrach.
+</p>
+
+<p>
+Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete
+sich ein dichter Menschenknäuel. Da machten die Karthager
+vom Walle herab einen Ausfall, fielen ihnen in
+den Rücken und machten sie mühelos nieder. Jetzt brausten
+die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise
+um das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre
+Mauern. Die Nacht brach an. Nach und nach zogen sich
+die Barbaren zurück.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Ebene erblickte man vom bläulichschimmernden
+Golf bis zu der weißen Lagune nichts als ein rabenschwarzes
+Gewimmel, und das blutrote Haff dehnte sich
+in das Land hinein wie ein großer Purpursumpf.
+</p>
+
+<p>
+Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, daß er aus
+Menschenleibern errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten
+die Trümmer der Helepolis, Waffen und Rüstungen darüber.
+Von Zeit zu Zeit lösten sich große Bruchstücke von
+ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstürzenden
+Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar,
+wo das geschmolzene Blei geflossen war. Hier und
+da brannte ein umgerissener Holzturm. Das Häusermeer
+verschwamm im Dunkel und sah aus wie die Stufen
+eines zerstörten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden
+stiegen empor und wirbelten Funken in die Höhe, die sich
+am schwarzen Himmel verloren.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt,
+nach den Zisternen gestürzt. Sie erbrachen die Tore.
+Schlammpfützen standen auf dem Grunde der Becken.
+</p>
+
+<p>
+Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzählige.
+Sobald sie sich erholt hatten, würden sie wieder
+anstürmen!
+</p>
+
+<p>
+Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise,
+an den Straßenecken. Die einen meinten, man
+müsse die Weiber, die Kranken und Greise fortschicken.
+Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und sich in
+einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten,
+und als die Sonne aufging, war noch kein Entschluß
+gefaßt.
+</p>
+
+<p>
+An diesem Tage wurde nicht gekämpft. Die Erschöpfung
+auf beiden Parteien war zu groß. Die Schlafenden sahen
+aus wie Tote.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks
+nach. Da fiel ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer,
+das sie dem tyrischen Melkarth schuldeten, noch nicht
+nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer Schrecken
+erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik
+und wollten gründliche Rache üben.
+</p>
+
+<p>
+Man sah in den Göttern grausame Herren, die man
+durch Gebete besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen
+konnte. Alle aber waren ohnmächtig vor Moloch,
+dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch der
+Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern
+Brauch, ihm einen Teil davon zu opfern, um seine Gier
+zu stillen. Man brannte den Kindern an der Stirn oder
+im Nacken Zeichen ein, und da diese symbolische Art, den
+Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld eintrug, so
+verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg
+höchlichst zu empfehlen.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik.
+Da jeder Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft
+werden muß und jeder Vertrag sich nach dem Bedürfnis
+des Schwächeren und der Forderung des Stärkeren
+regelt, so durfte für den Gott, der am entsetzlichsten sein
+Ergötzen hatte und in dessen Hand man jetzt völlig war,
+kein Opfer zu groß sein. Man mußte Moloch sattsam
+befriedigen. Beispiele bewiesen, daß das Übel dann aufhörte.
+Überdies glaubte man, ein Brandopfer würde Karthago
+entsühnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten
+sich sofort. Zudem mußte die Wahl der Opfer lediglich
+die Patrizierfamilien treffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten versammelten sich. Die Sitzung währte lange.
+Auch Hanno nahm daran teil. Da er nicht mehr sitzen
+konnte, lag er neben der Tür, von den Fransen des hohen
+Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester Molochs
+fragte, ob man bereit wäre, die Kinder zu opfern, da
+erscholl Hannos Stimme plötzlich aus dem Dunkel wie
+das Gebrüll eines bösen Geistes aus einer tiefen Höhle.
+Er bedaure, sagte er, keine Kinder eigenen Blutes opfern
+zu können. Dabei schielte er Hamilkar an, der ihm gegenüber
+am andern Ende des Saales saß. Der Suffet ward
+durch diesen Blick derart verwirrt, daß er die Augen
+niederschlug. Alle bejahten die Frage des Oberpriesters
+der Reihe nach durch Kopfnicken. Auch Hamilkar mußte
+dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!« Darauf
+ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche
+Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen
+als auszuführen sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Beschluß ward fast augenblicklich in Karthago bekannt.
+Wehgeschrei erscholl. Überall hörte man die Frauen
+jammern. Die Männer trösteten oder schalten sie und
+redeten ihnen zu.
+</p>
+
+<p>
+Drei Stunden später verbreitete sich eine neue wichtige
+Nachricht: der Suffet hatte am Fuße der steilen Küste
+Quellen gefunden. Man eilte hin. Im Sande waren Löcher
+gegraben. Wasser stand darin, und schon lagen Menschen
+flach auf dem Bauche und tranken daraus.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wußte selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung
+durch die Götter oder die dunkle Erinnerung an eine
+vertrauliche Mitteilung war, die ihm sein Vater einst
+gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er zum
+Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven
+begonnen, den Sand aufzuscharren.
+</p>
+
+<p>
+Er ließ Gewänder, Schuhe und Wein verteilen. Er
+gab das letzte Getreide hin, das er noch besaß. Er ließ die
+Menge sogar in sein Schloß ein und öffnete die Küchen,
+die Vorratskammern und alle Gemächer außer denen Salambos.
+Er machte bekannt, daß sechstausend gallische
+Söldner unterwegs seien und daß der König von Mazedonien
+Hilfstruppen schicke.
+</p>
+
+<p>
+Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen,
+und am Abend des dritten waren sie völlig versiegt.
+Da lief der Befehl der Alten abermals von Mund
+zu Munde, und die Molochpriester gingen nunmehr an
+ihre Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Männer in schwarzen Gewändern erschienen in den
+Häusern und Palästen. Viele Bewohner hatten sie vorher
+verlassen, indem sie ein Geschäft oder eine Besorgung
+vorschützten. Die Schergen Molochs traten rücksichtslos
+ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen
+stumpfsinnig selbst aus. Man führte die Kleinen zum
+Tempel der Tanit, deren Priesterinnen es oblag, sie bis
+zu dem Tage der Feier zu belustigen und zu ernähren.
+</p>
+
+<p>
+Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem
+Garten.
+</p>
+
+<p>
+»Barkas! Wir kommen. Du weißt, weshalb ... Dein
+Sohn ...«
+</p>
+
+<p>
+Sie fügten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine
+Hannibal in der Straße der Mappalier gesehen worden.
+Ein alter Mann habe ihn an der Hand geführt.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerührt.
+Doch er begriff rasch, daß alles Leugnen vergeblich wäre.
+Er verneigte sich und führte sie in das Verwaltungshaus.
+Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt waren,
+bewachten die Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Ganz verstört betrat er Salambos Gemach. Er ergriff
+Hannibal mit einer Hand, riß mit der andern die
+Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab, band den
+Knaben an Händen und Füßen, stopfte ihm das Ende
+als Knebel in den Mund und verbarg ihn unter dem
+rindsledernen Lager, über das er eine große Decke bis
+zum Fußboden breitete.
+</p>
+
+<p>
+Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich
+im Kreise herum und biß sich auf die Lippen. Endlich
+blieb er mit stieren Blicken stehen und atmete schwer, als
+ob er dem Tode nahe sei.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich klatschte er dreimal in die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Giddenem erschien.
+</p>
+
+<p>
+»Gib acht!« befahl er ihm. »Suche unter den Sklaven
+einen Knaben im Alter von acht bis neun Jahren mit
+schwarzem Haar und gewölbter runder Stirn und bring
+ihn hierher! Aber sofort!«
+</p>
+
+<p>
+Giddenem kehrte bald zurück und brachte einen Knaben
+mit, ein armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen.
+Seine Haut sah ebenso grau aus wie die häßlichen Lappen,
+die um seine Hüften hingen. Sein Kopf steckte zwischen
+den Schultern. Mit dem Handrücken rieb er sich
+die Augen, die voller Schmutz waren.
+</p>
+
+<p>
+Wie hätte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln
+können! Doch es war keine Zeit mehr, einen andern
+zu holen. Hamilkar blickte Giddenem an. Am liebsten
+hätte er ihn erwürgt.
+</p>
+
+<p>
+»Pack dich!« schrie er.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklavenaufseher verschwand.
+</p>
+
+<p>
+So war das Unglück, das er so lange gefürchtet, also
+hereingebrochen! Er gab sich die erdenklichste Mühe,
+einen Ausweg zu ersinnen.
+</p>
+
+<p>
+Abdalonim ward hinter der Tür hörbar. Man verlangte
+nach dem Suffeten. Die Schergen Molochs seien
+ungeduldig.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar unterdrückte einen Schrei. Es war ihm, als
+wenn er mit glühendem Eisen gefoltert würde. Von
+neuem begann er wie ein Rasender im Zimmer auf und
+ab zu laufen. Dann brach er am Geländer zusammen
+und preßte die Stirn in seine geballten Fäuste.
+</p>
+
+<p>
+Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser
+für Salambos Waschungen. Trotz seines Widerwillens
+und all seines Hochmutes tauchte der Suffet das Kind eigenhändig
+hinein und begann es wie ein Sklavenhändler zu
+waschen und mit Bürsten und mit rotem Ocker zu reiben.
+Dann entnahm er den Wandschränken zwei viereckige Stück
+Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf
+den Rücken und befestigte sie über den Schlüsselbeinen
+mit zwei Diamantspangen. Er goß dem Jungen noch
+Parfüm über den Kopf, legte ihm eine Bernsteinkette
+um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmückten
+Absätzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte
+er vor Scham und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich
+war, sah ebenso blaß aus wie er. Das Kind
+lachte, entzückt über all die Herrlichkeiten. Es ward
+dreister und begann in die Hände zu klatschen und zu
+springen. Da zog Hamilkar es fort. Mit starker Hand
+hielt er es am Arme fest, als fürchte er, es zu verlieren.
+Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu weinen, während
+es neben ihm herlief.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe des Gefängnisses, unter einem Palmenbaum,
+stammelte eine klägliche flehende Stimme:
+</p>
+
+<p>
+»Herr! Ach, Herr!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen
+widerlich aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfähigen,
+die im Hause hinvegetierten.
+</p>
+
+<p>
+»Was willst du?« fragte der Suffet.
+</p>
+
+<p>
+Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte:
+</p>
+
+<p>
+»Ich bin sein Vater!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit
+gekrümmtem Rücken, schlotternden Knien und vorgestrecktem
+Halse. Unsägliche Angst verzerrte sein Gesicht.
+Unterdrücktes Schluchzen erstickte seine Stimme. Es
+drängte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn
+um Gnade anzuflehen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen
+zu berühren.
+</p>
+
+<p>
+»Willst du ihn ...«
+</p>
+
+<p>
+Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar
+blieb stehen, ganz verwundert über diesen Schmerz.
+</p>
+
+<p>
+Nie hatte er daran gedacht &ndash; so groß war der Abstand
+zwischen Herrn und Sklaven! &ndash;, daß es zwischen ihnen
+etwas Gemeinsames geben könne. Das erschien ihm
+geradezu als eine Beleidigung, eine Schmälerung seiner
+Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der kälter
+und schwerer war als das Beil eines Henkers. Der
+Sklave sank ohnmächtig in den Staub. Hamilkar schritt
+über ihn hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Die drei schwarz gekleideten Männer erwarteten ihn
+stehend in der großen Halle des Verwaltungshauses.
+Alsobald zerriß Hamilkar sein Gewand und sank mit einem
+schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen.
+</p>
+
+<p>
+»Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein
+Trost! Meine Hoffnung! Mein Leben! Tötet mich mit!
+Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!«
+</p>
+
+<p>
+Er zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln, raufte sich
+die Haare und heulte wie die Klageweiber bei einem
+Begräbnisse.
+</p>
+
+<p>
+»Führt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort!
+Tötet mich wie ihn!«
+</p>
+
+<p>
+Die Schergen Molochs waren betroffen, den großen
+Hamilkar so schwach zu sehen. Sie wurden fast gerührt.
+</p>
+
+<p>
+Da hörte man den Tritt nackter Füße und ein stoßweises
+Röcheln, das dem Schnaufen eines heranjagenden wilden
+Tieres glich. Auf der Schwelle der Haupttüre erschien
+der bleiche, verstörte Mensch, streckte die Arme aus
+und schrie:
+</p>
+
+<p>
+»Mein Kind!«
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven,
+verschloß ihm den Mund mit seinen Händen und überschrie
+ihn:
+</p>
+
+<p>
+»Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen
+hat! Er nennt ihn sein Kind! Er wird wohl nun seinen
+Verstand ganz verlieren! Machen wir ein Ende!«
+</p>
+
+<p>
+Damit drängte er die drei Priester und ihr Opfer an
+den Schultern zum Ausgang, trat mit ihnen hinaus
+und warf die Tür hinter sich mit einem mächtigen Fußtritt
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er fürchtete,
+die drei könnten zurückkommen. Dann dachte er daran,
+den Sklaven zu beseitigen, um seines Schweigens sicher
+zu sein. Die Gefahr war noch nicht völlig vorüber, aber
+ein Mord konnte durch den Zorn der Götter auf das
+Haupt seines Sohnes zurückfallen. Da änderte er seinen
+Plan und sandte dem Sklaven durch Taanach die besten
+Speisen aus der Küche: ein Stück Bockfleisch, Bohnen
+und eingemachte Granatäpfel. Der Unglückliche, der
+lange nichts gegessen hatte, stürzte sich darauf. Seine
+Tränen fielen in die Schüsseln.
+</p>
+
+<p>
+Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurück und löste
+Hannibals Fesseln. Der aufgeregte Knabe biß ihm die
+Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn mit einer Liebkosung
+ab.
+</p>
+
+<p>
+Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschüchtern,
+indem sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin
+aus Kyrene, erzählte.
+</p>
+
+<p>
+»Wo ist sie denn?« fragte der Knabe.
+</p>
+
+<p>
+Nun erzählte man ihm, es seien Räuber dagewesen, um
+ihn einzukerkern. Er erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+»Mögen sie kommen! Ich töte sie!«
+</p>
+
+<p>
+Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal
+aber ward gegen seinen eigenen Vater zornig und
+behauptete, als Karthagos Herr könne er doch das ganze
+Volk ausrotten.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung
+erschöpft, in einen unruhigen Schlaf. Er redete
+im Traume. Mit dem Rücken auf einem Scharlachkissen,
+den Kopf etwas hintenüber, machte sein ausgestrecktes
+Ärmchen eine gebieterische Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam
+auf und stieg ohne Fackel die Galeerentreppe
+hinab. Er ging durch das Verwaltungshaus und nahm
+einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren Wassers
+mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das
+Kind im Edelsteingewölbe und lächelte &ndash; ganz wie das
+Kind des Sklaven &ndash; auf dem Arm seines Vaters beim
+Glanze der Pracht ringsumher.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war Hamilkar sicher, daß man ihm seinen Sohn
+nicht raubte. Der Ort war unzugänglich und stand durch
+einen unterirdischen Gang, den er allein kannte, mit der
+Küste in Verbindung. Er blickte sich um und holte tief
+Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel
+neben den goldenen Schilden.
+</p>
+
+<p>
+Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt
+zu sein. Das erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter,
+die ihren verlorenen Erstgeborenen wiederfindet,
+warf er sich auf seinen Sohn, drückte ihn an seine Brust,
+lachte und weinte zugleich, gab ihm die zärtlichsten Namen
+und bedeckte ihn mit Küssen. Der kleine Hannibal,
+von dieser wilden Zärtlichkeit erschreckt, blieb ganz still.
+</p>
+
+<p>
+Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurück, indem er
+sich an den Mauern entlang tastete. So gelangte er in
+die große Halle, in die das Mondlicht durch einen Spalt
+in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag der gesättigte
+Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen
+und schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art
+Mitleid ergriff ihn. Mit der Spitze seines Panzerstiefels
+schob er ihm einen Teppich unter den Kopf. Dann erhob
+er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren
+schmale Sichel am Himmel glänzte. Er fühlte sich stärker
+als alle Götter und voller Verachtung gegen sie.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Zurüstungen zum Opfer hatten indessen begonnen.
+Man entfernte ein Stück aus der Hintermauer des Molochtempels
+und zog das eherne Götterbild hindurch bis ins
+Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu berühren. Sobald
+die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es
+weiter nach dem Khamonplatze.
+</p>
+
+<p>
+Das Götterbild bewegte sich rückwärts auf rollenden
+Walzen. Seine Schultern ragten über die Mauern hinweg.
+Die Karthager entflohen eiligst, sobald sie es nur
+von ferne erblickten. Denn nur dann durfte man den
+Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genüge
+tat.
+</p>
+
+<p>
+Weihrauchduft wehte durch die Straßen. Alle Tempel
+hatten sich gleichzeitig geöffnet, und heraus kamen Tabernakel
+auf Wagen und auf Sänften, von Priestern getragen.
+Hohe Federbüsche nickten an ihren Ecken, und Strahlen
+blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von Kugeln aus
+Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrönt waren.
+</p>
+
+<p>
+Das waren die punischen Götter, Nebensonnen des höchsten
+Gottes, die zu ihrem Herrn und Meister wallten,
+um sich vor seiner Macht zu demütigen und vor seinem
+Glanze zu vergehen.
+</p>
+
+<p>
+Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Sänfte Melkarths
+brannte eine Erdölflamme. Auf dem hyazinthenblauen
+Tabernakel Khamons ragte ein Phallus aus Elfenbein,
+rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den himmelblauen
+Vorhängen Eschmuns schlief eine zusammengerollte
+Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren
+Priestern im Arme getragen wurden, glichen großen
+Wickelkindern, die mit den Füßen die Erde streiften.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal
+Samin, der Gott der Himmelsräume, Baal Peor, der
+Gott der heiligen Berge, Beelzebub, der Gott der Verderbnis,
+ferner die Götter der Nachbarländer und stammesverwandten
+Völker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech
+Chaldäas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem
+Jungfrauenantlitz kroch auf ihren Flossen, und die Mumie
+des Tammuz ward zwischen Fackeln und Haarkränzen
+auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die Herrscher
+des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen
+und zu verhindern, daß ihr besonderer Einfluß den seinen
+störe, schwenkte man an langen Stangen verschiedenfarbige
+Metallsterne. Alle waren vertreten, vom schwarzen
+Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem scheußlichen Rahab,
+der Verkörperung des Sternbilds des Krokodils.
+Die Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind,
+kreisten an Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester
+trugen auf Körben kleine Brote von der Gestalt
+weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre Fetische,
+ihre Amulette. Vergessene Götterbilder tauchten auf.
+Sogar von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole
+genommen, als wolle sich ganz Karthago versammeln
+in dem einen Gedanken des Todes und der Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>
+Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe
+ein großes Gefäß, in dem Weihrauch brannte. Dampfwolken
+schwebten über dem Zuge, über den Teppichen,
+den Behängen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei
+ihrer beträchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwärts.
+Bisweilen blieb einer der Wagen wegen irgendeines
+Hemmnisses stehen. Dann benutzten die Gläubigen
+die Gelegenheit, die Götterbilder mit ihren Gewändern
+zu berühren, die dann selber wie Heiligtümer in
+Ehren gehalten wurden.
+</p>
+
+<p>
+Der eherne Koloß rückte dem Khamonplatz immer
+näher. Die Patrizier, die Zepter mit Smaragdknäufen
+trugen, brachen jetzt von Megara auf. Die Alten, mit Diademen
+geschmückt, hatten sich in Kinisdo versammelt, und
+die Staatswürdenträger, die Statthalter der Provinzen,
+die Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der
+ganze Schwarm, der bei Begräbnissen verwendet ward,
+alle mit den Abzeichen ihrer Würden oder den Werkzeugen
+ihres Handwerkes versehen, strömten den Tabernakeln
+zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis
+herabwallten.
+</p>
+
+<p>
+Aus Verehrung für Moloch hatten die Priester ihre
+glänzendsten Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten
+auf den schwarzen Kutten. Zu weite Ringe glitten an abgemagerten
+Händen hin und her. Ein trübseliger Anblick:
+diese schweigende Schar, deren Ohrgehänge gegen die
+bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren
+fanatische starre Stirnen krönten.
+</p>
+
+<p>
+Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des
+Platzes. Seine Priester errichteten aus Gittern eine Umzäunung,
+um die Menge zurückzuhalten, und stellten sich
+zu seinen Füßen um ihn herum auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewändern
+ordneten sich unter den Säulen der Vorhalle ihres Tempels
+zu Reihen. Die Priester Eschmuns in leinenen
+Mänteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen,
+und spitzen Mützen, nahmen auf der Treppe der Akropolis
+Aufstellung. Die Priester Melkarths in violetten
+Tuniken nahmen die Westseite des Platzes ein. Die
+Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem Stoffe
+umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Südseite
+wies man den Nekromanten an, die über und über mit
+Tätowierungen bedeckt waren, ferner den Heulern, die
+in geflickte Mäntel gehüllt waren, den Dienern der Kabiren
+und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft
+einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester
+in ihren blauen Gewändern hatten klüglich in
+der Sathebstraße Halt gemacht und sangen mit leiser
+Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab.
+</p>
+
+<p>
+Von Zeit zu Zeit zogen Reihen völlig nackter Männer
+heran, die sich mit ausgestreckten Armen bei den Schultern
+hielten. Sie stießen heisere, hohlklingende Brusttöne
+aus. Ihre Augen, auf den Koloß gerichtet, funkelten,
+staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Körper im
+Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben.
+Sie waren so in Raserei, daß die Tempeldiener, um die
+Ordnung aufrecht zu erhalten, sie schließlich durch Stockschläge
+nötigten, sich flach auf den Bauch zu legen und
+sich damit zu begnügen, das Gesicht gegen die ehernen
+Gitter zu pressen.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt näherte sich vom Hintergrund des Platzes ein
+Mann in weißem Gewande. Er bahnte sich langsam
+einen Weg durch die Menge, und man erkannte einen
+Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich,
+denn die Vergötterung der Männlichkeit herrschte an
+diesem Tage in aller Herzen vor. Ja, die Göttin war
+derart vergessen, daß man das Fehlen ihrer Priesterschaft
+gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen verdoppelte
+sich, als man den Oberpriester eine der Türen
+der Gitter öffnen sah, die nur für solche bestimmt waren,
+die dem Gotte Opfer bringen wollten. Das war &ndash; so
+meinten die Molochpriester &ndash; ein Schimpf, den er
+ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen
+Gesten zurückzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der
+Opfertiere nährten, die wie Könige in Purpur gehüllt
+waren und dreifache Kronen trugen, spien nach diesem
+bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen, und
+zorniges Gelächter erschütterte ihre schwarzen Bärte,
+die sonnenförmig ihre Brust bedeckten.
+</p>
+
+<p>
+Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten.
+Er durchquerte Schritt für Schritt den ganzen umfriedigten
+Raum, kam bis zu den Füßen des Kolosses und
+berührte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er ihn
+umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung.
+Die Mondgöttin quälte ihn schon allzu lange, und aus
+Verzweiflung, vielleicht auch aus Mangel an einem
+Gotte, der seine Gedankenwelt völlig befriedigte, ging
+er jetzt zu Moloch über.
+</p>
+
+<p>
+Entsetzt über diese Abtrünnigkeit, stieß die Menge ein
+nicht endenwollendes Murren aus. Man fühlte das
+letzte Band zerrissen, das die Seelen an eine milde
+Gottheit fesselte.
+</p>
+
+<p>
+Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des
+Gottes teilnehmen. Die Männer in den Purpurmänteln
+vertrieben ihn aus der Umzäunung. Wieder draußen,
+ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum.
+Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener,
+der keinen Gott mehr hatte. Man wich zurück, wo er
+nahte.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und
+Lorbeerholz zwischen den Beinen des Kolosses angezündet
+worden. Die Spitzen seiner langen Flügel tauchten in
+die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen war,
+rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um
+das runde Postament, auf dem seine Füße ruhten, standen
+die Kinder, in schwarze Schleier gehüllt, unbeweglich im
+Kreise. Seine übermäßig langen Arme reichten mit den
+Händen bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen lebendigen
+Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben.
+</p>
+
+<p>
+Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze
+Volksmenge drängten sich hinter den Priestern, überallhin,
+bis auf die flachen Dächer der Häuser. Die großen
+bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel waren
+auf den Boden gestellt, und die Qualmsäulen der
+Weihrauchfässer stiegen senkrecht empor, wie riesige Bäume,
+die ihre bläulichen Wipfel im Äther entfalten.
+</p>
+
+<p>
+Manche wurden ohnmächtig. Andre standen starr und
+versteinert in ihrer Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete
+auf aller Brust. Die letzten Rufe verhallten nach und
+nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und lechzte
+nach dem Entsetzlichen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken
+unter die Schleier der Kinder, riß einem eine Haarlocke
+von der Stirn und warf sie in die Flammen. Dann
+stimmten die Männer in den roten Mänteln den heiligen
+Hymnus an:
+</p>
+
+<p>
+»Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der
+sich selbst erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn,
+Gott und Göttin, Göttin und Gott!«
+</p>
+
+<p>
+Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente,
+die alle auf einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer
+zu übertönen. Die achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen
+Kinnors und die zwölfsaitigen Nebals knarrten,
+pfiffen und stöhnten. Riesige Dudelsäcke gaben ihren
+scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus Leibeskräften
+geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden
+Wirbeln, und durch das wütende Trompetengeschmetter
+rauschten die Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflügel.
+</p>
+
+<p>
+Bevor die eigentliche Feier begann, prüfte man vorsichtigerweise
+die Arme des Gottes. Dünne Ketten liefen
+von seinen Fingern zu den Schultern hinauf und über den
+Rücken wieder hinab, wo sie von Männern gezogen wurden.
+Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hände bis
+zur Höhe der Ellbogen empor, näherten sich einander
+und legten sich dann vor die Opfermündung seines Leibes.
+Man zog die Ketten mehrmals hintereinander mit kleinen
+ruckweisen Bewegungen und ließ dann wieder los. Dann
+schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.
+</p>
+
+<p>
+Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin
+und her und beobachteten die Menge.
+</p>
+
+<p>
+Es bedurfte eines persönlichen, gänzlich freiwilligen
+Opfers, das gewissermaßen die andern nach sich zog. Bisher
+aber zeigte sich niemand, und die sieben Gänge, die
+von den Schranken hin zu dem Kolosse führten, blieben
+leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu ermutigen,
+Geißeln aus ihren Gürteln und zerfetzten sich die Gesichter.
+Nun ließ man auch die Geweihten, die draußen auf dem
+Boden hingestreckt lagen, in die Umzäunung. Man warf
+ihnen ein Bündel furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und
+jeder wählte sich eins. Sie stießen sich Nadeln in die
+Brust, schlitzten sich die Wangen auf und setzten sich Dornenkronen
+aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander
+mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten
+großen Kreise, der sich bald zusammenzog, bald erweiterte.
+Sie liefen bis an das Geländer zurück, stürzten
+wieder vor und fingen immer von neuem an, indem
+sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lärmvollen
+Schauspiels anlockten.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich kamen Leute bis an das Ende der Gänge.
+Sie warfen Perlen, goldene Schalen, Becher, Leuchter,
+all ihre Reichtümer in die Flammen. Die Opfer wurden
+immer kostbarer und massenhafter. Schließlich wankte ein
+Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch,
+und stieß ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man
+zwischen den Händen des Kolosses eine kleine schwarze
+Masse, die oben in der unheimlichen Öffnung verschwand.
+Die Priester neigten sich über den Rand des Postaments,
+und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes
+und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben,
+und da der Rauch in großen Schwaden emporwirbelte,
+so sah es von weitem aus, als verschwänden
+sie in einer Wolke. Keins rührte sich. Sie waren an
+Händen und Füßen gefesselt, und ihre dunklen Schleier
+hinderten sie, etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel,
+stand vor dem Baal neben der großen Zehe des rechten
+Fußes des Kolosses. Als man das vierzehnte Kind
+opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige Gebärde
+des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frühere
+Stellung wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden.
+Auf der andern Seite der Bildsäule stand der Oberpriester
+ebenso unbeweglich wie er, eine assyrische Mitra
+auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und betrachtete
+sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen,
+in denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben
+widerspiegelten. Bei Hamilkars Gebärde erschrak und
+erblaßte er. Der Suffet sah nicht hin. Beide standen
+dem glühenden Ofen so nahe, daß der wallende Saum
+ihrer Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.
+</p>
+
+<p>
+Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten
+keinen Augenblick mehr. Jedesmal, wenn man wieder
+ein Kind darauf legte, streckten die Molochpriester die
+Hände darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu
+belasten, und schrien:
+</p>
+
+<p>
+»Es sind keine Menschen, sondern Tiere!«
+</p>
+
+<p>
+Und die Menge ringsum wiederholte: »Tiere! Tiere!«
+</p>
+
+<p>
+Die Gläubigen riefen: »Herr, iß!« Und die Priester der
+Proserpina, die sich aus Angst mit den Bräuchen Karthagos
+abfanden, murmelten die eleusinische Formel:
+»Gieß Regen aus! Sei fruchtbar!«
+</p>
+
+<p>
+Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer
+wie Wassertropfen auf einer glühenden Platte. Und eine
+weiße Rauchwolke stieg jedesmal aus der scharlachroten
+Glut empor.
+</p>
+
+<p>
+Die Gier des Gottes war unersättlich. Er verlangte
+immer mehr. Um ihn zu befriedigen, schichtete man mehrere
+Kinder auf einmal in seinen Händen auf und schlang
+eine Kette darüber, um sie festzuhalten. Anfangs wollten
+einige Gläubige die Opfer zählen, um zu sehen, ob
+ihre Zahl den Tagen des Sonnenjahres entspräche. Doch
+man legte eins auf das andre, und es war bei der raschen
+Bewegung der furchtbaren Arme unmöglich, die einzelnen
+zu unterscheiden. Das währte lange, endlos, bis
+zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler,
+und man erkannte brennendes Fleisch. Manche glaubten
+sogar Haare, Glieder und ganze Körper wahrzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag ging zur Rüste. Rauchwolken schwebten über
+dem Baal. Der Opferherd glühte nur noch. Eine Aschenpyramide
+war herabgerieselt, die dem Gotte bis zu den
+Knien reichte. Über und über rot, wie ein blutüberströmter
+Riese, schien er mit seinem zurückgeworfenen Haupte unter
+der Last seiner Sattheit zu wanken.
+</p>
+
+<p>
+Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der
+Wahnsinn des Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer
+übrig waren, schrien die einen, man solle diese schonen,
+aber die andern riefen, man müsse ihrer noch mehr holen.
+Es war, als ob die mit Menschen beladenen Mauern unter
+dem Gebrüll des Entsetzens und der mystischen Wollust zusammenbrächen.
+Gläubige drängten sich in die Gänge und
+schleppten ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten.
+Sie schlugen sie, um sie von sich loszumachen und
+den roten Männern zu überliefern. Die Spielleute hielten
+bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das
+Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das
+auf die Kohlen herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker
+krochen auf allen vieren um den Koloß herum und brüllten
+wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die Geweihten
+sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken
+durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer.
+Väter, deren Kinder vordem gestorben waren, warfen
+wenigstens deren Bilder, Spielzeug und aufbewahrtes
+Gebein ins Feuer. Manche stürzten sich mit Messern auf
+die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die Tempeldiener
+scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen
+aus Erz und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung
+über die ganze Stadt und bis in den Sternenraum zu
+senden.
+</p>
+
+<p>
+Der laute Lärm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren
+an den Fuß der Mauern gelockt. Um besser zu
+sehen, kletterten sie an den Trümmern der Helepolis hoch
+und schauten starr vor Entsetzen zu.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch14">XIV</h2>
+
+<h2>In der Säge</h2>
+
+
+<p>
+Die Karthager waren noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt,
+als sich die Wolken bereits dichter ballten.
+Die vor dem Koloß Gebliebenen fühlten große Tropfen
+auf der Stirn. Der Regen begann.
+</p>
+
+<p>
+Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strömen.
+Donner rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte
+Tanit besiegt, und die befruchtete Göttin öffnete nun
+droben ihren Riesenschoß. Bisweilen erblickte man sie durch
+zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald aber
+schlossen sich die düsteren Dunstgebilde wieder, als sei
+Tanit noch müde und wolle weiterschlafen. Die Karthager,
+nach deren Glauben das Wasser vom Monde geboren
+wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen erleichtern.
+</p>
+
+<p>
+Der Regen schlug auf die Terrassen und überschwemmte
+sie, bildete Teiche auf den Höfen, Wasserfälle auf den
+Treppen und Strudel an den Straßenecken. Er ergoß
+sich hier in schweren trüben Massen, dort in hurtigen Strahlen.
+Von allen Hausgiebeln plätscherten breite schäumende
+Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen
+wie loses graues Tuch. Die abgespülten Tempeldächer
+blinkten im Schein der Blitze. In tausend Rinnen stürzten
+Kaskaden von der Akropolis herab. Häuser brachen zusammen,
+und Dachbalken, Stuck und Gerät schwammen
+in den Bächen, die jäh über das Pflaster hinschossen.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte Schüsseln und Krüge aufgestellt und Segel
+ausgespannt. Die Fackeln erloschen. Man nahm
+glimmende Scheite aus der Glut Molochs. Auf den
+Straßen bogen sich die Leute hintenüber und öffneten
+den Mund, um den Regen zu trinken. Andre lagen am
+Rande schmutziger Pfützen, tauchten die Arme bis zu
+den Achseln hinein und schlürften sich so voll Wasser,
+daß sie es wie Büffel wieder ausspien. Allmählich ward
+die Witterung kühl und frisch. Alle sogen die feuchte
+Luft ein und reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch
+entsprang alsbald eine grenzenlose Zuversicht.
+Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mußte wieder
+auferstehen.
+</p>
+
+<p>
+Man empfand das Bedürfnis, die maßlose Wut, die
+man in sich selbst nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen.
+Das Opfer durfte nicht nutzlos bleiben. Wenngleich
+niemand Reue empfand, so fühlten sich doch alle
+von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an
+unsühnbarem Verbrechen ersteht.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht
+schließenden Zelten überrascht. Noch am nächsten Tage
+wateten sie völlig durchnäßt im Schlamm umher und
+suchten ihre verdorbenen Vorräte und verlorenen Waffen
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar begab sich aus freien Stücken zu Hanno und
+übergab ihm kraft seiner Machtvollkommenheit den Befehl
+über die Stadt. Der alte Suffet schwankte eine
+Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schließlich aber
+nahm er an.
+</p>
+
+<p>
+Hierauf ließ Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am
+Bug wie am Steuer mit je einem Geschütz ausgerüstet
+war. Sie ging im Golfe dem Floß gegenüber vor Anker.
+Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch verfügbaren
+Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden
+steuernd, verschwand er im Nebel.
+</p>
+
+<p>
+Doch drei Tage später &ndash; man wollte eben von neuem
+Sturm laufen &ndash; kamen Leute von der libyschen Küste
+unter großem Geschrei in das Söldnerlager. Barkas sei
+bei ihnen gelandet, mache überall Beitreibungen und ginge
+immer weiter hinein in das Land.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren entrüsteten sich darüber, als ob Hamilkar
+sie verraten hätte. Die der Belagerung Überdrüssigen,
+besonders die Gallier, verließen ohne weiteres die Belagerungswerke,
+um zu ihm zu stoßen. Spendius wollte
+die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken
+eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara
+gezogen und sich geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurücken.
+Von der Mannschaft beider Befehlshaber rührte
+sich keiner vom Flecke. Die andern zogen unter Autarits
+Führung ab und gaben damit den westlichen Teil der
+Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so groß, daß man
+gar nicht daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen.
+</p>
+
+<p>
+Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Während
+der Nacht ritt er mit allen seinen Numidiern auf
+der Seeseite der Lagune am Meeresgestade hin und zog
+in Karthago ein.
+</p>
+
+<p>
+Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter
+in der Not. Sie trugen sämtlich Mehl unter den Mänteln.
+Seine vierzig Elefanten waren mit Futter und getrocknetem
+Fleisch beladen. Man drängte sich um sie
+und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft
+einer solchen Hilfe erfreute die Karthager der Anblick
+dieser gewaltigen, dem Sonnengotte geweihten Tiere.
+Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade, ein Zeichen,
+daß er ihnen endlich beistehen und in den Krieg eingreifen
+wolle.
+</p>
+
+<p>
+Naravas nahm die höflichen Worte der Alten entgegen.
+Dann stieg er zu Salambo die Schloßtreppe empor.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars
+Zelt, im Schoße der fünf Heere, ihre kleine, weiche, kühle
+Hand in der seinen gehalten hatte. Nach der Verlobung
+war sie nach Karthago zurückgekehrt. Seine Liebe, die
+eine Weile seinen ehrgeizigen Plänen gewichen war, erwachte
+von neuem. Jetzt gedachte er in den Genuß
+seiner Rechte zu treten, die Karthagerin zu seiner Frau
+zu machen und sie mit sich zu nehmen.
+</p>
+
+<p>
+Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr
+Gebieter werden könne. Obwohl sie Tanit alle Tage um
+Mathos Tod anflehte, ward ihr Abscheu vor dem Libyer
+doch immer geringer. Sie hatte das dunkle Gefühl, daß
+der Haß, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges
+sei. Sie hätte in Naravas' Wesen einen Abglanz
+jener wilden Heftigkeit sehn mögen, von der sie immer
+noch bezaubert war. Wohl wünschte sie den Numidier
+näher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr
+doch unangenehm. Sie ließ ihm antworten, sie dürfe
+ihn nicht empfangen.
+</p>
+
+<p>
+Überdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem
+jungen Numidierfürsten keinen Zutritt zu Salambo zu
+gewähren. Er glaubte seiner Treue sicherer zu sein, wenn
+er die Belohnung dafür bis zum Ende des Krieges aufsparte.
+Naravas zog sich aus Respekt vor dem Suffeten
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Gegen die punischen Behörden zeigte er sich nicht so
+demütig. Er änderte von ihnen getroffene Anordnungen,
+forderte Vorrechte für seine Leute und stellte sie auf wichtige
+Posten. Die Barbaren machten große Augen, als
+sie auf einmal Numidier auf den Türmen der Stadt erblickten.
+</p>
+
+<p>
+Die allgemeine Verwunderung ward noch viel größer,
+als auf einer alten punischen Trireme vierhundert Karthager
+anlangten, die während des Krieges in Sizilien
+gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte
+nämlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der
+latinischen Schiffe, die er vor dem Abfall der tyrischen
+Städte gekapert hatte, zurückgesandt, und zum Dank für
+dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom die dortigen Gefangenen
+zurück. Auch lehnten die Römer das Anerbieten
+der sardinischen Söldner ab und schlugen sogar die ihnen
+angetragene Schutzherrschaft über Utika aus.
+</p>
+
+<p>
+Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel.
+Um sein Reich zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht
+beider Großmächte nötig. Es lag ihm also an der
+Rettung der Punier. Er erklärte sich zu ihrem Freunde
+und sandte ihnen zwölfhundert Rinder und dreiundfünfzigtausend
+Nebel reinen Weizens.
+</p>
+
+<p>
+Der eigentliche Grund für diese Unterstützung Karthagos
+lag tiefer: man fühlte, daß bei einem endgültigen Siege
+der Söldner alles, was überhaupt in Sold stand, vom
+Soldaten bis zum Küchenjungen, aufsässig würde, und
+daß dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine
+Unabhängigkeit wahren könne.
+</p>
+
+<p>
+Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die östlichen Landstriche.
+Er trieb die Gallier zurück, und die Barbaren
+sahen sich nunmehr selber gleichsam wieder belagert.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam
+und verschwand wieder und wiederholte dieses Manöver so
+lange, bis er sie nach und nach aus ihren Lagern fortlockte.
+Spendius war genötigt, den andern zu folgen,
+und schließlich zog auch Matho ab.
+</p>
+
+<p>
+Letzterer ging jedoch nicht über Tunis hinaus, sondern
+setzte sich in dieser Stadt fest. Die Hartnäckigkeit, mit
+der er dort verblieb, war sehr klug, denn alsbald sah man
+Naravas mit seinen Truppen und Elefanten zum Khamontor
+herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich gerufen.
+Schon streiften die übrigen Barbaren durch die Provinzen
+zur Verfolgung des Suffeten.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte in Klypea eine Verstärkung von dreitausend
+Galliern erhalten. Aus der Kyrenaika ließ er Pferde,
+aus Bruttium Rüstungen kommen. Er begann den Krieg
+von neuem.
+</p>
+
+<p>
+Noch nie war sein Genie so reg und schöpferisch gewesen.
+Fünf Monate lang lockte er die Söldner hinter
+sich her. Er hatte ein festes Ziel vor Augen. Er wollte sie
+nach einem bestimmten Orte verführen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im
+Kleinkrieg beizukommen, aber die kleinen Abteilungen
+hatten keine Erfolge. Nun blieben sie vereint. Ihr Heer
+belief sich auf etwa vierzigtausend Mann. Jetzt hatten sie
+in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager zurückweichen
+zu sehn.
+</p>
+
+<p>
+Stark belästigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas.
+Oft zur heißesten Tageszeit, wenn man unter der
+Last der Waffen schlaftrunken durch die Ebene zog, stieg
+plötzlich dichter Staub am Horizont auf. Etwas Unsichtbares
+brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke,
+in der eine Menge flammender Augen blitzte,
+schoß ein Pfeilhagel hervor. Von weißen Mänteln umflatterte
+Numidier stießen ein lautes Geheul aus, reckten die
+Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit kräftigem
+Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger
+Entfernung führten sie stets auf Dromedaren Vorräte an
+Wurfspießen mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher
+wieder, heulten wie Wölfe und flohen abermals
+wie die Geier. Die Flügelmänner der Barbaren fielen
+einer nach dem andern. Das währte so fort bis zum
+Abend, wo man ins Gebirge zu entkommen suchte.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl die Berge für die Elefanten gefährlich waren,
+wagte sich Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen
+Kette, die sich vom Hermäischen Vorgebirge bis zum
+Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine Gegner glaubten,
+er wolle dadurch die Schwäche seiner Truppen verbergen.
+Die beständige Ungewißheit, in der er sie erhielt, erbitterte
+sie schließlich mehr als eine Niederlage. Entmutigen ließen
+sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter
+ihm her.
+</p>
+
+<p id="p369">
+Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine
+Abteilung leichten Fußvolks zwischen dem Silberberg
+und dem Bleiberg in einer wüsten Felsengegend am Eingang
+zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das
+ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch
+und Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden
+alsbald in den Schluchten. Der Engweg führte
+in einen Talkessel hinab, der rings von hohen Felswänden
+umgeben war, die das Aussehen einer Säge
+hatten und dem Ort den Namen »die Säge« verliehen.
+Um die Flüchtigen einzuholen, stürzten die Barbaren
+nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager, dabei
+eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes
+Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem
+roten Mantel. Das sei der Marschall, hieß es. Mit um
+so mehr Wut und Freude stürmte man weiter. Einige
+waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang
+des Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen
+Reiter hervor und jagten sie mit Lanzenstößen und
+Säbelhieben den andern nach. Bald waren alle Barbaren
+zwischen den Felsenwänden.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter
+gewogt war, machte man Halt. Man fand vorn keinen
+Ausgang.
+</p>
+
+<p>
+Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um,
+doch auch der Weg dahin war wie verschwunden. Man
+rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren. Diese sahen
+sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun
+auf die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den
+Herweg wiederzufinden wüßten.
+</p>
+
+<p>
+Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen,
+als Männer, die sich hinter den Felsen versteckt gehalten
+hatten, große Blöcke mit Balken hoben und umstürzten.
+Da der Abhang steil war, rollten die gewaltigen
+Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang
+vollständig.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer,
+vielfach von Klüften durchschnittener Gang durch eine
+Schlucht wieder zur Hochebene hinauf. Dort befand sich
+das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im
+voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die
+Windungen der Schlucht geschützt, konnte das leichte
+Fußvolk rasch auf den Leitern emporklettern, ehe es von
+den Söldnern eingeholt wurde. Einige verliefen sich
+bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen herauf,
+denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und
+war so steil, daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen
+konnte. Die Barbaren langten fast unmittelbar
+hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes Drahtgitter,
+genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich
+vor ihnen herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.
+</p>
+
+<p>
+So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner
+von den Söldnern kannte das Gebirge, und die Vorhut
+der Marschkolonne hatte die übrigen nach sich gezogen.
+Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren,
+hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles
+vorwärts eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne
+ein Geschrei erhoben, als sei es in Not. Allerdings
+hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk aufs Spiel gesetzt,
+doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den Erfolg
+einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal
+mehr geopfert.
+</p>
+
+<p>
+Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener
+Ordnung von einem Ende des Talkessels zum
+andern. Sie betasteten die Hänge mit ihren Händen und
+suchten einen Ausgang.
+</p>
+
+<p>
+Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen
+weißen, senkrecht aufsteigenden Felswände. Und kein
+Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die beiden natürlichen
+Ausgänge der Sackgasse waren durch das Drahthindernis
+und die Felshaufen gesperrt.
+</p>
+
+<p>
+Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch
+Mut. Allen lief es eiskalt über den Rücken. Die Lider
+wurden ihnen schwer wie Blei. Und doch rafften sie sich
+wieder auf und rannten gegen die Felsen an. Aber die
+unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden
+unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern,
+um den Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige
+Gestalt der Steinsäulen bot nirgends Stützpunkte. Man
+wollte den Fels zu beiden Seiten der Schlucht sprengen,
+aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen zündete
+man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte
+man das Felsgebirge nicht.
+</p>
+
+<p>
+Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis.
+Es starrte von langen pfahldicken Nägeln, spitzer als
+die Stacheln eines Igels und dichter als die Borsten
+einer Bürste. Die Söldner wurden von einer solchen
+Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten
+wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten
+prallten zurück, und schließlich stand man allgemein
+davon ab, Fleischfetzen und blutige Haarbüschel an den
+entsetzlichen Stacheln zurücklassend.
+</p>
+
+<p>
+Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man
+fest, wieviel Lebensmittel noch vorhanden waren. Die
+Söldner, deren Gepäck verloren gegangen war, besaßen
+kaum noch für zwei Tage Vorrat und die übrigen Truppen
+überhaupt keinen, da sie auf eine von den Dörfern
+des Südens versprochene Zufuhr gerechnet hatten.
+</p>
+
+<p>
+Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern
+in die Schlucht getrieben worden waren, um
+die Barbaren anzulocken. Man tötete sie mit Lanzenstichen
+und verzehrte sie, und als die Magen gefüllt waren,
+heiterten sich die Gedanken ein wenig auf.
+</p>
+
+<p>
+Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa
+vierzig Stück. Dann zog man die Häute ab, kochte die
+Eingeweide und zerstieß die Knochen zu Mehl. Noch
+verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mußte ohne
+Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrücken!
+</p>
+
+<p>
+Am Abend des fünften Tages war der Hunger wieder
+groß. Man nagte schon an den Lederkoppeln und den
+kleinen Schwämmen, die im Innern der Helme angebracht
+waren.
+</p>
+
+<p>
+So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von
+Rennbahn zusammengepfercht, rings von hohen Bergwänden
+umschlossen. Einige blieben vor dem Drahthindernis,
+andre an den Felsblöcken am Eingang. Die übrigen
+lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die
+Starken gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen
+suchten die Mutigen auf, die ihnen doch auch nicht
+helfen konnten.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten
+wegen ihrer Ausdünstung sofort verscharrt. Die Grabstellen
+waren nicht mehr zu erkennen.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren lagerten alle entkräftet am Boden. Nur
+hier und da schritt ein Veteran durch die Reihen. Man
+heulte Verwünschungen gegen die Karthager, gegen
+Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an diesem
+Mißgeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch
+ein, daß die Leiden geringer sein mußten, wenn er bei
+ihnen wäre. Nun seufzten sie. Manche weinten leise wie
+kleine Kinder.
+</p>
+
+<p>
+Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel.
+Die aber antworteten nicht oder griffen wutentbrannt
+nach Steinen und warfen sie den Leuten ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Manche bewahrten in Erdlöchern sorgfältig einen kleinen
+Eßvorrat, ein paar Hände voll Datteln und etwas
+Mehl. Davon aßen sie des Nachts, wobei sie den Kopf
+unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert besaß,
+hielt es gezückt in der Hand. Noch Mißtrauischere blieben
+an die Felswand gelehnt stehen.
+</p>
+
+<p>
+Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit
+ließ sich trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der
+Hartnäckigkeit des Barbaren, der vor nichts zurückschreckt,
+ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den Felsblöcken,
+immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu
+finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten
+pelzbedeckten Schultern erinnerte seine Gefährten an den
+Gang eines Bären, der im Frühjahr aus seiner Höhle
+hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist.
+</p>
+
+<p>
+Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen
+in einer der Felsspalten. Er hatte Furcht und ließ das
+Gerücht verbreiten, er sei gestorben.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit.
+Ihre Haut bedeckte sich mit bläulichen Flecken. Am
+Abend des neunten Tages starben drei Iberer. Ihre
+entsetzten Gefährten verließen die Stelle. Man entkleidete
+sie, und die nackten weißen Leiber blieben in der Sonne
+auf dem Sande liegen.
+</p>
+
+<p>
+Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen.
+Es waren das Leute, an das Leben in der
+Wüste gewöhnt, die keinen Gott fürchteten. Schließlich
+gab der Älteste der Schar ein Zeichen. Die andern beugten
+sich über die Leichen und schnitten mit ihren Messern
+Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend,
+verzehrten sie es. Die übrigen Barbaren sahen von weitem
+zu. Man stieß Schreie des Abscheus aus, und doch
+beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut.
+</p>
+
+<p>
+Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht näher
+und baten, ihre Begierde verhehlend, um einen kleinen
+Bissen, nur um davon zu kosten, wie sie sagten. Kühnere
+traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein
+ganzer Haufen. Die meisten ließen jedoch die Hand wieder
+sinken, als sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fühlten.
+Manche freilich verschlangen es mit Wonne.
+</p>
+
+<p>
+Um durchs Beispiel verführt zu werden, munterte man
+sich gegenseitig auf. Mancher, der das Leichenfleisch
+anfangs zurückgewiesen hatte, ging zu den Garamanten und
+kam nicht wieder. Man briet die Stücke an den Schwertspitzen
+über Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt
+sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts
+mehr übrig war, schweiften die Augen der Esser über die
+ganze Ebene, um andre zu erspähen.
+</p>
+
+<p>
+Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager
+gefangen genommen, die bisher niemand beachtet hatte?
+Sie verschwanden. Das war obendrein eine Rache!
+Und da man leben mußte, da sich der Geschmack an solcher
+Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern
+war, so schlachtete man weiterhin die Wasserträger,
+die Troßknechte und die Burschen der Söldner. Jeden
+Tag wurden ein paar abgestochen. Manche aßen viel,
+kamen wieder zu Kräften und waren nicht mehr traurig.
+</p>
+
+<p>
+Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich
+die Gier auf die Verwundeten und Kranken. Da sie doch
+nicht wieder gesund würden, sei es besser, sie von ihren
+Qualen zu erlösen. Sobald ein Mann matt wurde,
+schrien alle, er sei verloren und müsse den andern als
+Speise dienen. Um den Tod solcher Unglücklichen zu
+beschleunigen, wandte man Hinterlist an. Man stahl ihnen
+den letzten Rest ihrer Nahrung oder trat wie aus Versehen
+auf sie. Damit man sie für frisch und kräftig halte,
+versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken,
+aufzustehn, zu lachen. Ohnmächtige erwachten bei der
+Berührung schartiger Klingen, die ihnen ein Glied vom
+Leibe sägten. Manche mordeten auch ohne Bedürfnis,
+aus Blutgier, um die Wut zu stillen.
+</p>
+
+<p>
+Ein schwerer schwüler Nebel, wie er in diesen Landstrichen
+gegen das Ende des Winters eintritt, senkte sich am
+vierzehnten Tage auf das Heer herab. Dieser Witterungswechsel
+führte zahlreiche Todesfälle herbei, und in der
+feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswänden verfing,
+vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit.
+Der Sprühregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte
+sie auf und verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in
+eine riesige Aasgrube. Weiße Dünste wogten über ihr,
+reizten die Nase, durchdrangen die Haut und trübten die
+Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem,
+die Seelen ihrer toten Kameraden zu spüren. Ungeheurer
+Ekel ergriff sie. Sie vermochten keine Leiche mehr
+anzurühren. Lieber wollten sie selber sterben.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Tage später wurde das Wetter wieder klar, und
+der Hunger stellte sich von neuem ein. Bisweilen war es
+den Leidenden, als risse man ihnen den Magen mit Zangen
+aus dem Leibe. Sie wälzten sich in Krämpfen, steckten
+sich Hände voll Erde in den Mund, bissen sich in die
+Arme und brachen in irres Gelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Quälender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen
+Wasser mehr. Die Schläuche waren seit dem neunten
+Tage völlig leer. Um den Gaumen zu täuschen, legte
+man sich die Metallschuppen der Koppeln, die Elfenbeinknäufe
+und die Klingen der Schwerter auf die Zungen.
+Ehemalige Karawanenführer schnürten sich den Leib mit
+Stricken zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen.
+Man trank Urin, den man vorher in den ehernen Helmen
+erkalten ließ. Und immer noch wartete man auf das Heer
+von Tunis! Daß es so lange dauerte, bis es eintraf,
+das war &ndash; so bildete man sich ein &ndash; eine Gewähr für sein
+baldiges Erscheinen. Überdies sei Matho ein wackerer
+Mann, der niemanden im Stiche ließ! »Morgen wird
+er kommen!« tröstete man sich. Doch das »morgen« verging.
+</p>
+
+<p>
+Zu Anfang hatten die Söldner Gebete gesprochen, Gelübde
+getan, alle möglichen Verschwörungen angewandt.
+Jetzt aber empfanden sie gegen ihre Götter nur noch Haß,
+und aus Rache gab man sich Mühe, nicht mehr an sie zu
+glauben.
+</p>
+
+<p>
+Naturen von heftiger Gemütsart kamen zuerst um. Die
+Afrikaner widerstanden besser als die Gallier. Zarzas
+lag zwischen seinen Baleariern der Länge nach ausgestreckt,
+sein Haupthaar über den Arm geworfen. Er rührte sich
+nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit breiten
+saftreichen Blättern entdeckt und nährte sich von ihr,
+nachdem er sie für giftig erklärt hatte, um andere davon
+abzuschrecken.
+</p>
+
+<p>
+Man war zu schwach, um durch Steinwürfe die umherfliegenden
+Raben zu töten. Zuweilen, wenn ein Lämmergeier
+auf eine der Leichen geflogen war und schon seit
+einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner, mit
+einem Wurfspieß zwischen den Zähnen, an ihn heran,
+stützte sich auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt
+hatte, schoß er seine Waffe ab. Der weißgefiederte Vogel
+hielt inne, durch das Geräusch gestört, und blickte ruhig
+umher wie ein Seerabe auf einer Klippe. Dann hackte
+er mit seinem scheußlichen gelben Schnabel wieder in
+die Leiche, und der Schütze sank verzweifelt in den Sand.
+Manchen gelang es, Chamäleons und Schlangen ausfindig
+zu machen. Was aber eigentlich am Leben erhielt,
+das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und
+Trachten war ausschließlich auf diesen einen Gedanken
+gerichtet. Man klammerte sich an das Dasein mit einer
+Willenskraft, die es verlängerte.
+</p>
+
+<p>
+Die Gleichmütigsten hockten hier und dort in dem weiten
+Tal im Kreise beisammen und überließen sich, in ihre
+Mäntel gehüllt, schweigsam ihrer Trübsal.
+</p>
+
+<p>
+Die in Städten Geborenen vergegenwärtigten sich geräuschvolle
+Straßen, Schenken und Schauspiele, Bäder
+und Barbierstuben, wo man Geschichten erzählen hört.
+Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe Ähren
+wogten, und große Ochsen trotteten an der Pflugschar
+langsam die Höhe hinauf. Wüstenwanderer dachten an
+Oasen, Jäger an ihre Wälder, Veteranen an bestimmte
+Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die alle betäubte,
+gewannen diese Phantastereien die Farben und
+die Plastik von Träumen. Sinnestäuschungen traten auf.
+Manche suchten an der Bergwand nach einer Tür, um
+zu entfliehen, und wollten durch den Fels hindurch.
+Andre wähnten sich während eines Sturmes zu Schiff
+und erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder
+wichen entsetzt zurück, da sie in den Wolken punische
+Heerscharen erblickten. Noch andre glaubten bei einem
+Feste zu sein. Sie sangen.
+</p>
+
+<p>
+Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstörung
+immer dasselbe Wort oder dieselbe Gebärde. Wenn
+sie dann den Kopf erhoben und einander anschauten, erstickten
+sie beim gegenseitigen Anblick ihrer furchtbar verstörten
+Gesichter in Tränen. Manche fühlten keine Schmerzen
+mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzählten sie
+von Gefahren, denen sie entronnen wären.
+</p>
+
+<p>
+Allen war der Tod gewiß und nahe. Wie oft hatten
+sie nicht versucht, sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten
+sie den Sieger um seine Bedingungen bitten! Aber
+durch welche Vermittlung? Wußte man doch nicht einmal,
+wo sich Hamilkar befand!
+</p>
+
+<p>
+Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos ließ er
+den Sand in Bächen in das Drahthindernis rieseln. Die
+Mäntel und das Haar der Barbaren bedeckten sich damit,
+als ob sich die Erde über sie hinwälze und sie begraben
+wolle. Nichts rührte sich. Die ewigstarren Berge
+schienen jeden Morgen noch höher geworden zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen zogen Vogelschwärme raschen Fluges am
+klaren blauen Himmel über den Eingeschlossenen hin, in
+der Freiheit der Lüfte. Man schloß die Augen, um sie
+nicht zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Manche verspürten ein Summen in den Ohren. Dann wurden
+ihre Fingernägel schwarz, und Kälte ergriff die Brust.
+Sie legten sich auf die Seite und verschieden ohne Laut.
+</p>
+
+<p>
+Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fünfzehnhundert
+von den Inseln, achttausend Libyer, die Jüngsten
+unter den Söldnern und ganze Landsmannschaften
+tot, &ndash; insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer.
+Autarit, der nur noch fünfzig von seinen Galliern hatte,
+wollte sich schon töten lassen, um allem Leid überhoben
+zu sein. Da glaubte er, auf einem Saumpfad hoch in
+den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war so weit
+entfernt, daß er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte
+Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattförmigen
+Schild.
+</p>
+
+<p>
+»Ein Karthager!« schrie er.
+</p>
+
+<p>
+Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis
+zu den Felsblöcken, alles auf den Beinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager schritt an den abschüssigen Hängen hin.
+Die Barbaren sahen ihm von unten aus zu.
+</p>
+
+<p>
+Spendius nahm einen Ochsenschädel auf, krönte ihn um
+die Hörner mit einer Art Diadem, aus zwei Gürteln
+hergestellt, und befestigte ihn als Symbol friedlicher Gesinnung
+an einer Stange.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager verschwand. Man wartete.
+</p>
+
+<p>
+Endlich am Abend fiel plötzlich von der Felswand ein
+Bandolier herab wie ein losgelöster Stein. Es war aus
+rotem Leder, mit Stickereien bedeckt und mit drei Diamantsternen
+besetzt. In der Mitte trug es ein Siegel
+mit dem Wappen des Großen Rates: ein Roß unter
+einem Palmbaum. Das war Hamilkars Antwort, der
+Geleitbrief, den er ihnen sandte.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner hatten im Grunde nichts zu fürchten:
+jede Änderung ihres Schicksals war wenigstens das
+Ende der bisherigen Qual. Maßlose Freude ergriff sie.
+Sie umarmten einander unter Tränen. Spendius, Autarit
+und Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei
+Spartiaten erboten sich zu Unterhändlern. Man erteilte
+ihnen unverzüglich Vollmacht. Allerdings wußten
+sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht.
+Der oberste Felsblock wankte und rollte über
+die andern hinab. Während die Blöcke nämlich auf der
+Seite der Barbaren unerschütterlich waren, da man sie
+eine schräge Fläche hätte hinaufschieben müssen &ndash; zudem
+waren sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrängt &ndash;,
+so genügte von der andern Seite ein starker
+Stoß, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten dies,
+und bei Tagesanbruch rollten die Blöcke in die Tiefebene
+hinunter wie die Stufen einer zerstörten Riesentreppe.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne
+weiteres über sie hinweg. Man reichte ihnen Leitern.
+Alle stürzten sich darauf. Das Geschoß eines schweren
+Geschützes trieb die Menge zurück. Nur die Zehn wurden
+durchgelassen.
+</p>
+
+<p>
+Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich
+mit einer Hand auf den Rücken der Pferde aufstützen
+durften, sonst hätten sie sich vor Mattigkeit nicht aufrecht
+halten können.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen
+sich die Zehn Sorgen zu machen. Hamilkars Forderungen
+würden grausam sein! Doch Spendius beruhigte sie:
+</p>
+
+<p>
+»Ich werde schon reden!« Und er rühmte sich zu wissen,
+was zum Heile des Heeres zu sagen dienlich sei.
+</p>
+
+<p>
+Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte
+Posten. Beim Anblick des Bandoliers, das Spendius
+über seine Schulter trug, salutierten die Posten.
+</p>
+
+<p>
+Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft
+von der Menge umdrängt. Man vernahm Geflüster
+und Lachen. Eine Zelttür öffnete sich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar saß im Hintergrunde auf einem Schemel
+neben einem niedrigen Tische, auf dem sein blankes Schwert
+lag. Offiziere umstanden ihn.
+</p>
+
+<p>
+Als er die Unterhändler erblickte, fuhr er zurück. Dann
+beugte er sich vor, um sie zu betrachten.
+Ihre Augen waren unnatürlich groß. Breite schwarze
+Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie.
+Ihre bläulichen Nasen standen spitz und weit ab von
+den hohlen, tief gefurchten Wangen. Die Haut war für
+die Körper zu weit geworden und überdies unter einer
+schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die Lippen
+klebten an den gelben Zähnen. Ein widerlicher Geruch
+machte sich bemerkbar, wie aus geöffneten Gräbern, von
+wandelnden Leichen.
+</p>
+
+<p>
+Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die
+Offiziere niederlassen sollten, eine Schüssel mit dampfenden
+Kürbissen. Die Barbaren starrten sie an, am ganzen
+Leibe schlotternd. Tränen traten ihnen in die Augen.
+Trotzdem bezwangen sie sich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere
+zu sprechen. Da stürzten die Zehn über das Gericht her,
+indem sie sich flach auf den Bauch warfen. Ihre Gesichter
+tauchten in das Fett, und das Geräusch des Hinterschlingens
+mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das
+sie dabei ausstießen. Offenbar mehr aus Verwunderung
+denn aus Mitleid ließ man sie die Schüssel leeren. Als
+sie sich wieder erhoben hatten, winkte Hamilkar dem
+Träger des Bandoliers, zu reden.
+</p>
+
+<p>
+Spendius ward ängstlich. Er stotterte.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar hörte ihm zu, während er den großen goldnen
+Siegelring an seinem Finger drehte, mit dem er das
+Wappen Karthagos auf das Bandolier gedrückt hatte.
+Er ließ ihn auf die Erde fallen. Spendius hob ihn
+rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges
+Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern
+erbebten vor Entrüstung über diese freiwillige Demütigung.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos
+Übeltaten hin, den er als Feind des Barkas kannte, und
+suchte Hamilkar durch eine Schilderung der Einzelheiten
+ihres Elends und durch den Hinweis auf ihre frühere
+Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher,
+durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem
+Enthusiasmus fortgerissen, vergaß er sich schließlich.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen
+an. Es solle also Friede gemacht werden, und diesmal
+endgültig! Doch verlange er, daß man ihm zehn Söldner
+nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne
+Kleidung.
+</p>
+
+<p>
+Solche Milde hatten sie nicht erwartet.
+</p>
+
+<p>
+»O, zwanzig, wenn du willst, Herr!« rief Spendius aus.
+</p>
+
+<p>
+»Nein, zehn genügen mir!« antwortete Hamilkar gnädig.
+</p>
+
+<p>
+Man ließ die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich
+beraten konnten. Sobald sie allein waren, sprach Autarit
+zugunsten der zu opfernden Kameraden, und Zarzas sagte
+zu Spendius:
+</p>
+
+<p>
+»Warum hast du ihn nicht getötet? Sein Schwert lag
+dicht neben dir!«
+</p>
+
+<p>
+»Ihn!« stieß Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte
+er: »Ihn! Ihn!« &ndash; als ob das ein Ding der Unmöglichkeit
+und Hamilkar ein Unsterblicher sei.
+</p>
+
+<p>
+Eine solche Mattigkeit überkam alle, daß sie sich mit dem
+Rücken auf die Erde legten. Sie wußten nicht, wozu
+sie sich entschließen sollten.
+</p>
+
+<p>
+Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich
+willigten sie ein und traten wieder in das Zelt.
+</p>
+
+<p>
+Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in
+die Hände der zehn Barbaren und drückte ihnen den Daumen.
+Hinterher wischte er sich die Hand an seinem Gewand
+ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen verursachte
+bei der Berührung eine rauhe und zugleich weiche
+Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann
+sprach er zu ihnen:
+</p>
+
+<p>
+»Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt
+als Bevollmächtigte die Bedingung angenommen ...«
+</p>
+
+<p>
+»Jawohl!« antworteten sie.
+</p>
+
+<p>
+»... aus freien Stücken, ohne Arglist, und in der Absicht,
+die Zusage zu halten?«
+</p>
+
+<p>
+Sie versicherten, daß die Bedingung nach ihrer Rückkehr
+zum Heere erfüllt würde.
+</p>
+
+<p>
+»Gut!« sagte der Suffet. »Kraft der Vereinbarung,
+zwischen mir, Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmächtigten
+der Söldner, geschlossen, wähle ich <i>euch und
+behalte euch</i>!«
+</p>
+
+<p>
+Spendius sank ohnmächtig auf die Matte. Die Barbaren
+drängten sich nach der andern Seite eng zusammen,
+als hätten sie nichts mit ihm gemein. Kein Wort, keine
+Klage ward laut.
+</p>
+
+<p>
+Die in der Säge Eingeschlossenen, die der Unterhändler
+harrten und sie nicht zurückkehren sahen, hielten sich für
+verraten. Offenbar hatten sich die Zehn dem Suffeten
+ergeben.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten
+ward ein Entschluß gefaßt. Auf Strickleitern, die man
+aus Lanzen, Pfeilen und Leinwandstücken herstellte, gelang
+es vielen, die Felsen zu erklimmen. Unter Zurücklassung
+der Schwächeren machten sich auf diese Weise
+etwa dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis
+zu stoßen.
+</p>
+
+<p>
+Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit
+kärglichem Gesträuch bewachsen. Die Barbaren verzehrten
+die Knospen. Dann fanden sie ein Bohnenfeld. Bald
+war es verschwunden, als wäre ein Heuschreckenschwarm
+darüber hergefallen. Drei Stunden später gelangte man
+auf eine Hochebene, die ein Kranz von grünen Hügeln
+umrahmte.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Hügeln glänzten in gleichen Abständen
+silberne Bündel. Darunter erblickten die Barbaren, von
+der Sonne geblendet, undeutliche dicke, schwarze Massen,
+auf denen diese Bündel lagerten. Mit einem Male
+entfalteten sie sich, als ob sie aufblühten. Es waren die
+Lanzen in den Türmen grauenhaft bewaffneter Elefanten.
+</p>
+
+<p>
+Außer den Spießen an ihrer Brust, den Eisenspitzen
+ihrer Stoßzähne, den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten,
+und den scharfen Dolchen an ihren eisernen Kniekappen
+trugen sie in ihren Rüsseln Lederschlaufen, an
+denen breite Säbel befestigt waren. Alle Elefanten waren
+gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und
+rückten von allen Seiten gleichmäßig heran.
+</p>
+
+<p>
+Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie
+machten nicht einmal den Versuch, zu fliehen. Schon
+waren sie umzingelt.
+</p>
+
+<p>
+Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die
+Spieße an ihrer Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer
+Stoßzähne wühlten sie auf wie Pflugschare. Die Säbel an
+ihren Rüsseln zerschnitten und zerhackten sie. Die Türme
+mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen.
+Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das
+Menschenfleisch weiße Flecke, die Erzplatten graue Flächen
+und das Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren
+Tiere, die mitten hindurchstampften, gruben schwarze
+Furchen hinein. Das wütendste wurde von einem Numidier
+gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug.
+Er schleuderte Wurfspieße mit gräßlicher Geschwindigkeit
+und stieß dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen
+Pfiff aus. Folgsam wie Hunde, wandten die riesigen
+Tiere während des Gemetzels fortwährend ihre Blicke
+nach ihm.
+</p>
+
+<p>
+Allmählich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren
+leisteten keinen Widerstand weiter. Bald waren die
+Elefanten in der Mitte der Hochebene. Schon hatten sie
+keinen genügenden Raum mehr. Sie drängten sich und
+gerieten aneinander. Ihre Hauer berührten sich bereits.
+Aber Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und
+trabten nach den Hügeln zurück.
+</p>
+
+<p>
+Indessen hatten sich zwei Kompagnien Söldner nach
+rechts in eine Mulde geflüchtet und ihre Waffen weggeworfen.
+Dort fielen sie in die Knie und streckten die Arme,
+Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus.
+</p>
+
+<p>
+Man fesselte sie an Händen und Füßen. Als sie dann
+nebeneinander auf dem Boden lagen, führte man die
+Elefanten zurück.
+</p>
+
+<p>
+Alsbald krachten die Brustkörbe wie einbrechende Kästen.
+Jeder Tritt zermalmte zwei Menschen. Die plumpen
+Füße schlürften über die Leiber hin mit Bewegungen,
+die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam vollendeten
+sie ihr Werk.
+</p>
+
+<p>
+Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die
+Nacht brach an. Hamilkar weidete sich am Anblick seiner
+Rache. Doch plötzlich erbebte er.
+</p>
+
+<p>
+Er und alle erblickten zur Linken auf der Höhe eines
+Hügels auf sechshundert Schritt Entfernung noch andre
+Barbaren. In der Tat hatten sich vierhundert der tüchtigsten
+Söldner, Etrusker, Libyer und Spartiaten, von
+Anfang an in die Hügel zurückgezogen und waren dort
+bisher unschlüssig verblieben. Nach der Niedermetzlung
+ihrer Gefährten beschlossen sie, sich durch die Karthager
+durchzuschlagen. Just marschierten sie nun in einer wohlgeordneten
+Breitkolonne herab, ein wunderbar schrecklicher
+Anblick.
+</p>
+
+<p>
+Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet
+brauche Soldaten. Er bewundere ihre Tapferkeit so, daß
+er sie bedingungslos annehme. Sie dürften sogar, fügte
+der Karthager hinzu, noch etwas näher rücken, bis zu
+einer Stelle, die er ihnen bezeichnen ließ. Dort fänden
+sie Lebensmittel.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die
+Nacht mit Essen. Da murrten die Karthager über die
+parteiische Vorliebe des Suffeten für die Söldner.
+</p>
+
+<p>
+Gab er in der Folge diesen Äußerungen unersättlichen
+Hasses nach, oder war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete
+Verräterei? Jedenfalls kam er selbst am nächsten
+Morgen, ohne Schwert, barhäuptig, mit einem kleinen
+Stabe von Klinabaren zu den Söldnern und erklärte
+ihnen, er hätte schon allzuviel Leute zu ernähren und beabsichtige
+darum nicht, sie allesamt zu behalten. Da er
+jedoch Soldaten brauche und nicht wisse, auf welche Weise
+er die Tüchtigsten von ihnen ermitteln könne, so sollten
+sie auf Tod und Leben miteinander kämpfen. Die Sieger
+wolle er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein
+Tod sei ja so gut wie jeder andre. Dabei zeigte er ihnen,
+indem er seine Truppen auseinander rücken ließ &ndash; denn
+die punischen Fahnen hatten den Söldnern bisher das
+verborgen, was weiter hinten stand &ndash;: die hundertundzweiundneunzig
+Elefanten des Naravas, die eine einzige
+gerade Linie bildeten und mit ihren Rüsseln breite Klingen
+schwangen. Da ward den Barbaren zumute, als ob Riesenarme
+Henkersbeile über ihre Köpfe hielten.
+</p>
+
+<p>
+Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war
+es, der sie durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang,
+der ihnen angetan ward.
+</p>
+
+<p>
+Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen
+den Söldnern geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten
+die Heimat. Da sie ohne Familie lebten, widmeten sie ihr
+Zärtlichkeitsbedürfnis einem Waffengefährten, mit dem
+sie Seite an Seite, unter demselben Mantel, im Sternenlichte
+schliefen. Auch waren bei dem beständigen Wandern
+durch aller Herren Länder, den gemeinsamen Todesgefahren
+und Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden,
+unzüchtige Verbindungen, ihnen ebenso ernsthaft
+wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der Stärkere
+den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, ihm beim
+Sprung über Abgründe half, ihm den Fieberschweiß von
+der Stirn trocknete und Nahrung für ihn stahl, während
+der andere, ein am Straßenrand aufgelesener Bursche,
+der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe mit
+tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten
+einer Gattin vergalt.
+</p>
+
+<p>
+Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus,
+Geschenke, die sie sich dereinst nach irgendeiner großen
+Gefahr, in trunkenen Stunden gemacht hatten. Alle verlangten
+den Tod, keiner wollte ihn geben. Es war da
+manch ein Jüngling, der zu einem graubärtigen Manne
+sagte: »Nein, nein, du bist der Stärkere! Du wirst uns
+rächen! Töte mich!« Und der alte Landsknecht erwiderte:
+»Ich hab nicht lange mehr zu leben! Stoß mir ins Herz
+und denk nicht mehr daran!« Brüder blickten sich Hand
+in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf
+ewig Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern
+hingen.
+</p>
+
+<p>
+Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher
+durchdrängen. Da kamen wie Inschriften an Denkmälern
+die Narben der schweren Wunden zum Vorschein, die sie
+für Karthago empfangen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Man ordnete sich in vier gleichgroßen Reihen nach Gladiatorenart
+und begann zaghaft gegeneinander zu fechten.
+Manche hatten sich sogar die Augen verbunden, und
+ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft wie der
+Stock eines Blinden. Die Karthager stießen ein Hohngeschrei
+aus und schimpften: »Feiglinge!« Das regte die
+Barbaren auf, und bald ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich
+und gräßlich.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne,
+sank einander in die Arme und starb unter Küssen. Keiner
+wich zurück. Man stürzte in gezückte Klingen. Die Raserei
+ward so wild, daß die Karthager trotz der Entfernung
+Angst bekamen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut,
+und man erkannte wilde Augen zwischen langem, wirrem
+Haar, das blutig herabhing, als wär es einem Purpurbade
+entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich selbst
+wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre
+standen unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu
+ihren Füßen. Dann zerrissen sie sich plötzlich das Gesicht
+mit den Fingernägeln, packten ihr Schwert mit beiden
+Händen und stießen es sich in den eigenen Leib.
+</p>
+
+<p>
+Sechzig waren noch übrig. Sie verlangten zu trinken.
+Man rief ihnen zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen.
+Nachdem sie das getan, brachte man ihnen Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Während sie tranken und das Gesicht tief in die Gefäße
+drückten, sprangen sechzig Karthager hinterrücks auf sie
+zu und erdolchten sie.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ dies alles geschehen, um den Gelüsten seines
+Heeres nachzukommen und es durch diesen Verrat an
+seine Person zu fesseln.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man
+es. Matho würde keinen Widerstand leisten! In seiner
+Ungeduld befahl der Suffet sofort den Abmarsch.
+Seine Aufklärer meldeten ihm, sie hätten einen Wagenzug
+gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge.
+Hamilkar kümmerte sich nicht darum. Waren erst die
+Söldner völlig vernichtet, so sollten ihm die Nomaden
+keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die
+Einnahme von Tunis. In starken Tagesmärschen eilte
+er dorthin.
+</p>
+
+<p>
+Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde
+zu überbringen. Stolz auf seine Erfolge, trat der
+Numidierfürst vor Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in
+ihren Gärten unter einer breitästigen Sykomore. Taanach
+stand neben ihr. Salambos Gesicht war mit einem weißen
+Schleier bedeckt, der ihr so über Mund und Stirn gewunden
+war, daß er nur die Augen frei ließ. Aber ihre
+Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die
+Edelsteine an ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hände
+verhüllt. Während des ganzen Gespräches machte sie nicht
+eine Gebärde.
+</p>
+
+<p>
+Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren.
+Sie dankte ihm mit einem Segensspruche für die ihrem
+Vater geleisteten Dienste. Darauf begann er den ganzen
+Feldzug zu erzählen.
+</p>
+
+<p>
+Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise.
+Haubenlerchen, tartessische Wachteln und punische Perlhühner
+hüpften im Grase. Der Garten war seit langem
+vernachlässigt und verwildert. Koloquinten kletterten in
+die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in
+den Rosenbeeten. Allerlei Gewächse rankten sich durcheinander
+und formten Lauben. Wie in einem Walde malten
+die schrägen Sonnenstrahlen da und dort die Schatten
+der Blätter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder verwildert
+waren, flohen beim leisesten Geräusch. Bisweilen
+erblickte man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen
+Hufen verlorene Pfauenfedern hingen. Der ferne Lärm
+der Stadt ertrank im Rauschen der Meereswogen. Der
+Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den Fluten.
+</p>
+
+<p>
+Naravas hatte auserzählt. Salambo blickte ihn an,
+ohne zu sprechen. Er trug ein mit Blumen bemaltes
+Linnengewand mit goldenen Fransen am Saum. Zwei
+silberne Pfeile hielten sein über den Ohren geflochtenes
+Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den
+Schaft seiner Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbüscheln geschmückt war.
+</p>
+
+<p>
+Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer
+in lose Gedanken. Der Jüngling mit seiner sanften
+Stimme und seiner frauenhaften Gestalt bezauberte ihre
+Augen durch die Anmut seiner Erscheinung. Er erschien
+ihr wie eine ältere Schwester, von den Göttern zu ihrem
+Schutze gesandt. Da aber überkam sie die Erinnerung an
+Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach
+dem künftigen Schicksal des Libyers zu fragen.
+</p>
+
+<p>
+Naravas antwortete ihr, daß die Karthager auf Tunis
+marschierten, um es zu erobern. Je ausführlicher er über
+die Wahrscheinlichkeit des Gelingens und über Mathos
+Schwäche sprach, desto mehr schien sie von einem ganz besonderen
+Wunsche erfüllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust
+atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit
+eigener Hand zu töten, rief sie:
+</p>
+
+<p>
+»Ja! Töte ihn! Es muß sein!«
+</p>
+
+<p>
+Der Numidier entgegnete, auch er wünsche Mathos Tod
+leidenschaftlich, da der Krieg dann beendet sei und er
+ihr Gemahl werde.
+</p>
+
+<p>
+Salambo schrak zusammen und ließ den Kopf sinken.
+</p>
+
+<p>
+Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wünsche mit
+Blumen, die nach dem Regen dürsten, und mit verirrten
+Wanderern, die des Tages harren. Er sagte ihr, sie sei
+schöner als der Mond, köstlicher als der Morgenwind
+und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge
+für sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in
+Karthago nicht gäbe, und die Gemächer ihres Schlosses
+sollten mit Goldstaub bestreut werden.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend nahte. Balsamische Düfte durchwehten die
+Luft. Die beiden blickten einander lange schweigend an,
+und Salambos Augen blitzten zwischen ihren breiten
+Schleiern wie zwei Sterne aus einem Wolkenspalt. Ehe
+die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas.
+</p>
+
+<p>
+Die Alten fühlten sich von einer großen Sorge befreit,
+als Naravas Karthago wieder verließ. Das Volk hatte
+ihm mit noch größerer Begeisterung zugejauchzt, als bei
+seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar und der Numidierfürst
+allein über die Söldner triumphierten, so war
+jeder Widerstand gegen die beiden unmöglich! Daher beschlossen
+die Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno,
+an der Rettung der Republik teilnehmen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno begab sich unverzüglich nach den westlichen Provinzen,
+damit die Orte, die seine Schmach erlebt hatten,
+auch seine Rache sähen. Doch die Einwohner und
+die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen. Nun
+ließ er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die
+Trümmer der Trümmer, ließ keinen Baum, keinen Halm
+stehen, richtete die Kinder und die Kranken, die man aufgriff,
+unter Martern hin, und gab seinen Soldaten die
+Weiber preis, ehe er sie morden ließ. Die schönsten wurden
+in seine Sänfte geworfen, denn seine scheußliche Krankheit
+reizte ihn zu wilden Gelüsten, die er mit der ganzen
+Wut eines Verzweifelten befriedigte.
+</p>
+
+<p>
+Oft sanken auf dem Kamme der Hügel schwarze Zelte,
+wie vom Winde verweht, zusammen, und breite Scheiben
+mit glänzendem Rande, die man als Wagenräder
+erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut hinab
+in die Täler. Auf diese Weise irrten einzelne Stämme,
+die von der Belagerung Karthagos Abstand genommen
+hatten, durch die Provinzen und warteten auf eine Gelegenheit,
+auf einen Sieg der Söldner, um wiederzukommen.
+Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie
+schließlich alle den Heimweg ein und verschwanden.
+Hamilkar war auf Hannos Erfolge keineswegs eifersüchtig.
+Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu beenden.
+Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno,
+der glühende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor
+den Mauern der Stadt ein.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte zu ihrer Verteidigung die eingeborene Bevölkerung,
+dazu zwölftausend Söldner und alle Esser unreiner
+Speisen, denn sie standen ebenso wie Matho im
+Banne Karthagos. Der Pöbel wie der Schalischim betrachteten
+von fern seine hohen Mauern und träumten von
+den unendlichen Genüssen, die sie bargen. Bei solchem
+Einklang im Hasse war der Widerstand rasch ins Werk
+gesetzt. Man nahm Schläuche, um Helme daraus zu
+machen, fällte alle Palmen in den Gärten, um Lanzen
+herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel
+zu haben, am Ufer des Hafen die großen weißen Fische,
+die sich von Leichen und Abfällen nährten. Die Wälle,
+die dank der Eifersucht Karthagos in Trümmern lagen,
+waren freilich so schwach, daß man sie durch einen Stoß
+mit der Schulter umwerfen konnte. Matho ließ die Löcher
+und Lücken darin mit den Steinen der Häuser verstopfen.
+Es galt den letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und
+doch sagte er sich, das Glück sei wandelbar.
+</p>
+
+<p>
+Beim Anrücken bemerkten die Karthager auf dem Wall
+einen Mann, der halb über die Brustwehr ragte. Die
+Pfeile, die ihn umschwirrten, schienen ihn nicht mehr zu
+schrecken als ein Schwarm von Schwalben. Seltsamerweise
+traf ihn keins der Geschosse.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar schlug sein Lager auf der Südseite der Stadt
+auf, Naravas besetzte östlich davon das ebene Land um
+Rades. Hanno nahm eine Stellung nördlich von Tunis,
+an der Straße nach Karthago ein. Die drei Generale
+sollten später auf Verabredung die Stadtmauern von allen
+Seiten zugleich angreifen.
+</p>
+
+<p>
+Zuvörderst aber wollte Hamilkar den Söldnern zeigen,
+daß er sie wie Sklaven zu behandeln gedachte. Er ließ die
+zehn Gesandten, einen neben dem andern, auf einer Anhöhe
+im Angesicht der Stadt ans Kreuz schlagen.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Anblick verließen die Belagerten den Wall.
+Matho erfuhr, daß Hannos Lager nicht genügend gesichert
+sei und daß daselbst Unordnung und Sorglosigkeit
+herrsche. Sofort entschloß er sich zu einem kräftigen
+Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, daß Matho die überraschten
+Karthager über den Haufen warf und, den Flüchtlingen
+nachdrängend, in das Lager und bis an Hannos
+Zelt gelangte, der gerade dreißig der vornehmsten Karthager,
+die gesamte Gerusia, bei sich hatte.
+</p>
+
+<p>
+Sichtlich entsetzt über die kühnen Eindringlinge, rief er
+nach seinen Unterführern. Aber die Barbaren griffen mit
+zahllosen Händen nach seiner Gurgel und schrien ihn mit
+Schimpfworten an. Es entstand ein allgemeines Gedränge,
+und die, die Hanno in den Händen hatten, hielten ihn
+nur mit großer Mühe fest. Inzwischen suchte er ihnen
+ins Ohr zu flüstern: »Ich gebe euch alles, was ihr verlangt!
+Ich bin reich! Rettet mich nur!« Man zerrte ihn
+fort. So schwer er war, so berührten doch seine Füße
+den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm
+fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Sein Schrecken steigerte sich: »Ihr habt mich besiegt!
+Ich bin euer Gefangener! Ich kaufe mich los! Hört mich,
+meine Freunde!«
+</p>
+
+<p>
+Unter den zahllosen Händen, die sich gegen ihn reckten,
+wiederholte er immer wieder: »Was wollt ihr? Was
+verlangt ihr? Ihr seht ja, ich widersetze mich nicht! Ich
+bin immer gutmütig gewesen!«
+</p>
+
+<p>
+Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren
+brüllten: »Hierher! Hierher!« Hanno überschrie sie und
+beschwor sie bei ihren Göttern, ihn zum Schalischim zu
+führen, denn er habe diesem etwas anzuvertrauen, wovon
+ihr Heil abhinge.
+</p>
+
+<p>
+Man hielt inne. Einige meinten, es wäre klug, Matho
+zu rufen. Man eilte, ihn zu suchen.
+</p>
+
+<p>
+Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz
+an Kreuz, als ob sich die Todesmarter, die ihm bevorstand,
+im voraus vervielfältige. Er suchte sich einzureden,
+daß er sich täusche, daß nur ein einziges dastehe,
+ja, daß überhaupt keins vorhanden sei. Da hob man
+ihn auf.
+</p>
+
+<p>
+»Rede!« sprach Matho.
+</p>
+
+<p>
+Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle
+er zusammen mit dem Söldner in Karthago einziehen,
+beide als Könige.
+</p>
+
+<p>
+Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu
+beeilen. Er hielt den Vorschlag nur für eine List, um
+Zeit zu gewinnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Barbar täuschte sich. Hanno war in einer jener
+verzweifelten Lagen, wo man nichts mehr achtet. Überdies
+haßte er Hamilkar so sehr, daß er ihn bei der geringsten
+Hoffnung auf Rettung mit allen seinen Soldaten
+geopfert hätte.
+</p>
+
+<p id="p397">
+Am Fuße der dreißig Kreuze lagen die Alten halb ohnmächtig
+am Boden. Schon waren ihnen Stricke unter
+die Achseln gelegt. Da begriff der alte Suffet, daß er
+sterben mußte, und begann zu weinen.
+Man riß ihm die Reste seiner Kleider vom Leibe, und
+sein widerlicher Körper kam zum Vorschein. Schwären
+bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt. Die Nägel
+seiner Füße verschwanden unter den Fettwülsten seiner
+Beine. An seinen Fingern hing es wie grünliche Lappen,
+und die Tränen, die zwischen den Eiterbeulen seiner
+Wangen herabrannen, verliehen seinem Gesicht etwas
+so entsetzlich Trauriges, daß es aussah, als ob sie hier
+mehr Raum einnähmen als auf einem andern Menschenantlitz.
+Seine Hoheitsbinde hatte sich halb gelöst und
+schleifte mit feinen weißen Haaren im Staube.
+Man glaubte, nicht genügend starke Stricke zu haben, um
+ihn am Kreuze emporziehen zu können. Daher nagelte
+man ihn, ehe das Holz wieder aufgerichtet ward, nach
+punischem Brauche daran fest. Sein Stolz erwachte im
+Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmähworten
+zu überschütten. Er schäumte und wand sich wie ein
+Meerungeheuer, das man am Strande erschlägt. Er
+weissagte ihnen, daß sie alle noch viel schrecklicher umkommen
+und daß er gerächt werden würde.
+</p>
+
+<p>
+Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt
+rangen die zehn Gesandten der Söldner an ihren Kreuzen
+mit dem Tode.
+</p>
+
+<p>
+Einige, die anfangs ohnmächtig geworden waren, kamen
+im frischen Winde wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb
+auf der Brust liegen, und ihr Körper sank ein wenig
+herab, trotzdem ihre Arme etwas höher als der Kopf angenagelt
+waren. Von ihren Fersen und Händen rann
+das Blut in dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife
+Früchte von den Zweigen eines Baumes fallen. Karthago,
+der Golf, die Berge und die Ebenen, alles schien
+sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen
+wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und
+hüllte sie ein. Fürchterlicher Durst verzehrte sie. Die
+Zunge klebte ihnen am Gaumen, und sie fühlten einen
+eisigen Schweiß über ihre Glieder rinnen, während das
+Leben langsam entfloh.
+</p>
+
+<p>
+Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straßen,
+marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlärm
+drang verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen
+zu Schiffbrüchigen, die in den Masten eines
+Schiffes verschmachten. Die Italiker, kräftiger als die
+andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben stumm
+und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll,
+neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der Äthiopier
+neben ihm hatte den Kopf rückwärts über den Querbalken
+des Kreuzes geworfen. Autarit hing unbeweglich und rollte
+nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an einem
+Spane des Holzes über seinem Haupte festgeklemmt hatte,
+stand auf seiner Stirn hoch, und das Röcheln, das er
+ausstieß, klang fast wie Wutgebrüll. Über Spendius
+war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt verachtete er
+das Leben, in der Gewißheit, bald für immer erlöst zu
+sein, und gleichgültig erwartete er den Tod.
+</p>
+
+<p>
+Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen
+bei der Berührung von Federn, die ihre Gesichter
+streiften. Große Fittiche warfen schwankende Schatten
+über sie. Krächzen ertönte in der Luft, und da Spendius
+am höchsten Kreuze hing, stieß der erste Geier auf ihn
+hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und
+sagte langsam, mit unbeschreiblichem Lächeln:
+</p>
+
+<p>
+»Entsinnst du dich der Löwen am Wege nach Sikka!«
+</p>
+
+<p>
+»Das waren unsre Brüder!« erwiderte der Gallier und
+verschied.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Der Suffet hatte von allen diesen Vorgängen nichts bemerkt.
+Die Stadt vor ihm verdeckte das jenseitige Gelände.
+Im übrigen war er von Hannos Abteilung nördlich
+von Tunis durch das Haff und im Westen durch die
+vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune völlig getrennt.
+Die Offiziere, die er nach und nach an die beiden
+andern Feldherren abgesandt hatte, waren nicht zurückgekehrt.
+Jetzt aber kamen Flüchtlinge an, die von Hannos
+Niederlage berichteten.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar begab sich unverzüglich auf einen erhöhten
+Punkt, um sich über die neue Lage zu vergewissern. Er
+sah Hannos Lager in Brand, aber ein Windstoß trieb
+den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei
+bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute
+zu erkennen, die auf der Plattform des Eschmuntempels
+Ausschau hielten. Dann wandte er den Blick mehr nach
+links und erkannte am Ufer des Haffs die dreißig riesigen
+Kreuze.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren hatten sie nämlich, um den grausigen
+Eindruck zu erhöhen, aus aneinandergesetzten Zeltmasten
+errichtet, und so ragten die dreißig Leichen der Alten hoch
+in den Himmel. Auf ihrer Brust schimmerte etwas wie
+weiße Schmetterlinge. Es war das Gefieder der Pfeile,
+die man von unten auf sie abgeschossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+An der Spitze des höchsten Kreuzes glänzte ein breites
+goldenes Band. Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten
+hinab. Der Arm fehlte der Leiche auf dieser Seite.
+Hamilkar hatte Mühe, Hanno zu erkennen. Die schwammigen
+Knochen des Gerichteten waren an den Eisennägeln
+nicht fest hängen geblieben. Teile seiner Gliedmaßen
+hatten sich losgelöst, und so hingen am Kreuze nur unförmige
+Bruchstücke, Tierresten ähnlich, die sich Jäger
+an ihre Türen zu nageln pflegen.
+</p>
+
+<p>
+Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten
+Unglücks wie betäubt. Es hörte nicht auf Hamilkars
+Befehle.
+</p>
+
+<p>
+Matho benutzte diese Untätigkeit, sich nunmehr gegen die
+Numidier zu wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos
+rechtzeitig bemerkt. Wohl war er mit seinen Reitern und
+Elefanten nach Südwesten vorgerückt, um Hamilkar den
+Rücken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus
+Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschränktheit? Man
+hat es nie erfahren.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen
+Elefanten rückten an. Aber die Söldner machten sich
+Fackeln und rückten, sie schwenkend, in die Ebene vor.
+Die mächtigen Tiere scheuten und rannten nach rückwärts
+in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich gegenseitig
+töteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch
+seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Söldner
+warfen sich jedoch mit den Gesichtern auf den Boden,
+und als die Pferde auf drei Schritt heran waren, sprangen
+sie ihnen unter die Bäuche und schlitzten sie mit
+Dolchstößen auf. Als Barkas endlich herbeikam, war
+bereits die Hälfte der Numidier gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Erschöpft, wie sie waren, vermochten die Söldner Hamilkars
+Truppen nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen
+sich daher in guter Ordnung nach dem Berge der Heißen
+Wasser zurück. Der Suffet war so klug, sie nicht zu verfolgen.
+Er gab die Belagerung von Tunis auf und
+wandte sich nach der Makarmündung.
+</p>
+
+<p>
+Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom
+Winde geführt, am Gestade des Golfes hin, wie schwarze
+schwimmende Inseln. Um den Krieg mit Nachdruck zu
+unterstützen, hatte Naravas seine Wälder erschöpft. Er
+hatte die jungen und die alten Tiere, die Männchen und
+die Weibchen genommen. Diese kriegerische Kraft seines
+Reiches erholte sich nie wieder.
+</p>
+
+<p>
+Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem
+umkommen sehn und war untröstlich darüber. Männer
+jammerten auf den Straßen und riefen ihre Namen wie
+die verstorbener Freunde: »Ach, der Unbesiegliche! Der
+Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe!« Am ersten Tag sprach
+man von ihnen mehr als von den gefallenen Bürgern.
+Doch am nächsten Tage erblickte man die Zelte der Söldner
+am Berge der Heißen Wasser. Da ward die allgemeine
+Verzweiflung so groß, daß sich viele, namentlich
+Frauen, kopfüber von der Akropolis hinabstürzten.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Hamilkars Pläne kannte keiner. Er lebte einsam in
+seinem Zelte. Nur ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand
+aß mit den beiden, nicht einmal Naravas. Gleichwohl
+bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage
+ungewöhnliche Höflichkeit. Der Numidierfürst begehrte
+zwar nichts sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn
+zu werden, aber er war trotzdem mißtrauisch.
+</p>
+
+<p>
+Des Marschalls scheinbare Untätigkeit verdeckte in der
+Tat schlaue Machenschaften und Absichten. Durch allerhand
+Kunstkniffe gewann er die Dorfältesten und die
+Söldner wurden gejagt, vertrieben und umstellt wie wilde
+Tiere. Wenn sie in ein Gehölz kamen, begann es zu
+brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet.
+Man vermauerte die Höhlen, in denen sie nachts
+lagerten. Die Nomadenstämme, ihre früheren Mitschuldigen,
+die bisher auf ihrer Seite gestanden hatten, wurden
+jetzt die Verfolger der Söldner. Man bemerkte bei
+diesen Banden stets karthagische Rüstungen.
+</p>
+
+<p>
+Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man
+munkelte, das sei durch die Berührung von Hannos Leib
+entstanden. Andre bildeten sich ein, es wäre die Strafe
+dafür, daß sie Salambos Fische gegessen hätten. Doch
+weit entfernt, Reue darüber zu empfinden, sannen sie
+auf noch abscheulichere Frevel, um die punischen Götter
+noch mehr zu beschimpfen. Man hätte sie am liebsten
+ausgerottet.
+</p>
+
+<p>
+So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostküste
+hin und dann über die Sellumer Berge hinaus
+bis zum Rande der Wüste. Man suchte einen Zufluchtsort,
+gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt
+waren treu geblieben. Doch beide Städte wurden von
+Hamilkar belagert. Deshalb zog man schließlich auf gut
+Glück wieder gen Norden, ohne die Straßen zu kennen.
+Das lange Elend hatte die Köpfe schwachsinnig gemacht.
+Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende
+Erbitterung. Eines Tages waren die Söldner wieder
+in den Schluchten von Kobus, abermals vor Karthago.
+</p>
+
+<p id="p403">
+Nun wurden die Treffen häufiger. Das Kriegsglück
+war wechselnd. Doch Freund wie Feind war derart erschöpft,
+daß man auf beiden Seiten anstatt dieser kleinen
+Scharmützel eine große Schlacht herbeiwünschte. Man
+sehnte sich nach der letzten Entscheidung.
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persönlich
+zu überbringen. Aber einer seiner Libyer übernahm
+das Wagnis. Als man ihn abziehen sah, waren
+alle überzeugt, daß er nie wiederkäme.
+</p>
+
+<p>
+Er kehrte noch am selben Abend zurück.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte
+sich am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang in der
+Ebene von Rades treffen.
+</p>
+
+<p>
+Die Söldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas
+gesagt hätte, und der Libyer berichtete weiter:
+</p>
+
+<p>
+»Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf
+ich noch wartete. Ich antwortete: &rsaquo;Daß man mich töte!&lsaquo;
+Da erwiderte er: &rsaquo;Nein! Geh! Du stirbst morgen mit den
+andern!&lsaquo;«
+</p>
+
+<p>
+Diese Großmut verwunderte die Barbaren. Viele waren
+entsetzt darüber, und Matho bedauerte, daß der Bote
+nicht getötet worden war.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwölfhundert
+Griechen, fünfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer,
+vierhundert Etrusker, fünfhundert Samniter, vierzig
+Gallier und eine Schar Naffurs, das waren heimatlose
+Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte, insgesamt
+siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten,
+aber darunter keine einzige vollständige Kompagnie. Die
+Truppen hatten die Löcher ihrer Harnische mit den Schulterblättern
+von Vierfüßlern geflickt und ihre Panzerstiefel
+durch Sandalen aus Lumpen ersetzt. Kupfer- und
+Eisenstücke beschwerten ihre Röcke. Ihre Panzerhemden
+hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer
+Arme und Gesichter liefen die Narben wie Purpurfäden.
+</p>
+
+<p>
+Der Zorn ihrer toten Gefährten beseelte sie und vermehrte
+ihre Kräfte. Sie fühlten dunkel, daß sie Diener
+eines Gottes waren, der in den Herzen der Unterdrückten
+waltete, und hielten sich für die heiligen Werkzeuge der
+allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die maßlose Perfidie
+der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders
+der Umriß Karthagos am Horizonte. Man schwur sich
+zu, bis in den Tod füreinander zu kämpfen.
+</p>
+
+<p>
+Man tötete Lasttiere und aß soviel wie möglich, um sich
+zu stärken. Dann schlief man ein. Manche beteten zu
+irgend einem Sternenbilde.
+</p>
+
+<p>
+Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene
+an. Sie hatten die Schildränder mit Öl bestrichen, damit
+die Pfeile besser abglitten. Die Infanterie, die langes
+Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht über der Stirn ab.
+Hamilkar ließ um die fünfte Stunde alle Feldkessel umwerfen,
+denn er wußte, daß es sich mit überfülltem Magen
+nicht gut fechten läßt. Sein Heer zählte vierzehntausend
+Mann, das Doppelte des Barbarenheeres. Trotzdem hatte
+er nie eine gleiche Unruhe empfunden. Wenn er unterlag,
+so war die Republik verloren, und er selbst mußte
+am Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er über
+die Pyrenäen, Gallien und die Alpen nach Italien gelangen,
+und das Reich der Barkiden war von ewiger
+Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht, um
+alles bis auf die geringsten Einzelheiten persönlich zu
+überwachen. Was seine Truppen betraf, so waren sie
+durch die lange Schreckenszeit arg erbittert.
+</p>
+
+<p>
+Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem
+konnten die Barbaren siegen. Eine seltsame Schwäche
+hatte ihn ergriffen. Aller Augenblicke trank er einen
+großen Becher Wasser.
+</p>
+
+<p>
+Da öffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf
+den Boden eine Krone aus Steinsalz mit symbolischem
+Zierat aus Schwefelkristallen und Perlmuttervierecken.
+Man sandte bisweilen dem Bräutigam solch eine Hochzeitskrone.
+Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zärtlichkeit
+für Naravas. Die Erinnerung an Matho beunruhigte
+sie in unerträglicher Weise. Es dünkte ihr, als ob der
+Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen
+müsse, wie man den Biß einer Giftschlange heilt, indem
+man sie auf der Wunde zerquetscht. Der Numidierfürst
+schmachtete nach ihr. Ungeduldig harrte er seiner Hochzeit,
+und da diese dem Siege folgen sollte, so sandte Salambo
+ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da
+verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an
+das Glück, ein so schönes Weib besitzen zu sollen.
+</p>
+
+<p>
+Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang
+seine Liebe und widmete sich völlig seinen Waffengefährten.
+Er liebte sie wie Teile seines eigenen Ichs.
+Sein Haß beseligte ihn. Er fühlte seine Seele geläutert
+und seine Arme gekräftigt. Alles, was er auszuführen
+hatte, stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen
+ein Seufzer entschlüpfte, so galt er dem Angedenken des
+Spendius.
+</p>
+
+<p>
+Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen.
+In die Mitte nahm er die Etrusker, die alle
+durch eine eherne Kette aneinandergefesselt waren. Hinter
+ihnen standen die Schützen. Auf die beiden Flügel stellte
+er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit Straußenfedern geschmückte
+Kamele ritten.
+</p>
+
+<p>
+Der Suffet brachte seine Karthager in eine ähnliche
+Schlachtordnung. Rechts und links von der Phalanx des
+gepanzerten Fußvolks stellte er die Leichtbewaffneten und
+die Klinabaren auf, an den Flügeln die Numidier.
+Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung
+gegenüber und musterten einander von weitem mit
+großen wilden Augen. Zuerst zauderte man, dann aber
+setzten sie sich gegeneinander in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Die Barbaren rückten langsam vor, um nicht außer
+Atem zu kommen. Der Boden dröhnte unter dem Takte
+ihres Marsches. Die Mitte des punischen Heeres war
+in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte
+ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen
+zweier gegeneinander stoßenden Flotten. Die vorderste
+Linie der Barbaren schloß sich rasch auf. Die dahinter
+gedeckt stehenden Schützen schleuderten jetzt ihre Kugeln,
+Pfeile und Wurfspieße. Nunmehr flachte sich der Bogen
+der karthagischen Mitte allmählich ab. Sie wurde gerade,
+ja sie bog sich nach innen. Jetzt schwenkten die
+beiden Massen der Leichtbewaffneten schräg vorwärts wie
+die beiden Schenkel eines sich schließenden Zirkels. Die
+Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx,
+waren nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten.
+Das wäre ihr Verderben gewesen. Matho beorderte sie
+zurück, und während die punischen Leichtbewaffneten in
+ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte er
+seine Reserven gegen sie. Dadurch verlängerte sich alsbald
+sein Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung
+erschien um das Dreifache verlängert.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen,
+namentlich die auf dem linken, die bald ihre Pfeile
+verschossen hatten, waren zu schwach. Als die punischen
+Leichtbewaffneten gegen sie anstürmten, wurden sie in
+Unordnung gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Matho ordnete die Rückwärtsbewegung seines linken
+Flügels an. Auf dem rechten Flügel hatte er noch die
+mit Äxten bewaffneten Kampaner. Er warf sie gegen
+den linken Flügel der Karthager. Sein Mitteltreffen griff
+ebenfalls wieder an, und der linke Flügel, jetzt außer Gefahr,
+hielt den Leichtbewaffneten wieder stand.
+</p>
+
+<p>
+Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf
+und ließ sie attackieren.
+</p>
+
+<p>
+Diese kegelförmigen Massen zeigten in der Front Reiter,
+während ihre breiteren Flanken von den Lanzen
+Schwerbewaffneter starrten. Die Barbaren vermochten
+nicht standzuhalten. Allein das griechische Fußvolk besaß
+Kürasse und Lanzen, alle andern führten nur Messer,
+an langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen
+sich beim Schlagen, und während man sie mit den
+Stiefelabsätzen wieder geradetrat, machten die Karthager
+die Wehrlosen von rechts und links mühelos nieder.
+</p>
+
+<p>
+Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten
+nicht. Da die Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten
+sie die Lebenden mit ihren Leibern. Die breite,
+eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog sie sich wieder
+zusammen, biegsam wie eine Schlange und unerschütterlich
+wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter
+ihr immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen
+dann wieder hervor, die Stümpfe ihrer Waffen schwingend.
+</p>
+
+<p>
+Viele hatten überhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen
+auf die Karthager los und bissen ihnen ins Gesicht wie
+Hunde. Die Gallier warfen hochmütig ihre Waffenröcke
+ab und zeigten von weitem ihre kräftigen weißen Körper
+oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf.
+In den punischen Kompagnien hörte man die Stimme der
+Signalisten nicht mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen
+wurden. Nur die Standarten, die aus dem Staube
+ragten, hielten die Verbände einigermaßen zusammen. Der
+einzelne Mann ward von den Wogen des wilden Getümmels
+fortgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Hamilkar ließ den Numidiern den Befehl zur Attacke
+zugehen. Die Naffurs warfen sich ihnen entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Sie trugen weite schwarze Gewänder, Haarschöpfe auf
+dem Wirbel, Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen
+Klingen ohne Griffe, die an einem Strick befestigt waren.
+Ihre über und über mit Federn gespickten Kamele stießen
+langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen
+genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurück, und das
+getroffene Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere
+galoppierten mitten durch die Kompagnien. Einige, denen
+ein Bein zerschmettert worden war, hüpften wie verwundete
+Strauße.
+</p>
+
+<p>
+Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem
+auf die Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die
+auseinandergesprengten Züge wirbelten um sich selbst, und die
+glänzenden Kürasse und Waffen der Karthager umschlossen
+sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes Gewühl
+herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf
+die Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren
+lagen in der Ebene niedergestreckt. Die Söldner rissen
+ihnen die Rüstungen ab, legten sie selbst an und stürzten
+sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht, rannten
+manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die
+Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei,
+das in der Ferne erscholl, trieb sie hin und her,
+wie Schiffstrümmer der Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung.
+Alles drohte dem Genie Mathos und dem
+unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es
+war eine Schar von Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen
+Kindern, ja selbst Frauen, die ihre Angst nicht länger
+bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen
+waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem
+zu stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark
+den einzigen Elefanten mitgenommen, den die Republik
+noch besaß. Es war der, dessen Rüssel abgehauen worden
+war.
+</p>
+
+<p>
+Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt
+ihre Mauern verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen
+zu gebieten, für die Heimat zu sterben. Ungeheure Wut
+ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle übrigen mit fort.
+Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit
+dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine
+Hoffnung mehr auf Sieg, nicht einmal auf ihr Leben.
+Aber dieser Rest bestand aus den besten, unerschrockensten
+und stärksten Leuten.
+</p>
+
+<p>
+Der karthagische Landsturm begann Bratspieße, Spicknadeln
+und Hämmer zu schleudern. Männer, vor denen
+römische Konsuln gezittert, starben nun unter Knüppeln
+in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die
+Söldner mit Stumpf und Stiel.
+</p>
+
+<p>
+Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels
+zurück. Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis
+wieder. Zweimal brachen sie vor. Ein Gegenstoß warf
+sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager waren zu
+viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen
+den Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl
+zu. Man glitt vor Blut aus. Die Toten rollten
+den steilen Abhang hinab und umtürmten den Elefanten,
+der den Hügel erklimmen wollte, bis an den
+Bauch. Es hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne
+auf ihnen herum, und sein Rüsselstumpf erhob sich von
+Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.
+</p>
+
+<p>
+Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager
+schauten zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die
+Barbaren standen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel
+begann von neuem. Mehrfach ließen die Söldner
+sie dicht herankommen, indem sie ihnen zuriefen, sie wollten
+sich ergeben. Dann aber töteten sie sich selber mit
+entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto
+höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war,
+als wachse allmählich eine Pyramide auf.
+Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann zwanzig, dann
+drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit
+einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert
+besaß.
+</p>
+
+<p>
+Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts
+und links. Dabei warnte er Matho vor den Schlägen,
+die man gegen ihn führte:
+</p>
+
+<p>
+»Achtung, Herr! Dort! Da!«
+</p>
+
+<p>
+Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren.
+Er war vollständig nackt und bleicher als die Toten
+um ihn herum. Das Haar stand ihm in die Höhe, und
+zwei Schaumstreifen flossen aus seinen Mundwinkeln.
+Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es
+ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte
+es am Griff. Der Samniter war gefallen,
+und die Flut der Karthager umbrandete nun den letzten
+der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da hob er
+seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen
+und stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen,
+wie ein Mensch, der sich von einem Vorgebirge ins Meer
+wirft.
+</p>
+
+<p>
+Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die
+Karthager an. Doch immer wieder gaben sie ihm Raum
+und wandten ihre Waffen ab.
+Mathos Fuß stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen.
+Da fühlte er sich an Händen und Füßen gefesselt
+und fiel zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und
+Tritt mit einem jener großen Netze gefolgt, mit denen
+man wilde Tiere fängt. Indem er den Augenblick benutzte,
+wo Matho sich bückte, hatte er es ihm übergeworfen.
+Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig
+weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten
+begleiteten ihn im Sturmschritt, unter wildem
+Lärm nach Karthago.
+</p>
+
+<p>
+Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon
+in der dritten Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr
+am Khamontempel zeigte die fünfte Stunde, als man
+Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf. Auf
+den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter,
+daß die Stadt in Flammen zu stehen schien.
+</p>
+
+<p>
+Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er
+lag auf dem Rücken und betrachtete die Sterne.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der
+letzte von denen, die in der »Säge« zurückgeblieben
+waren.
+</p>
+
+<p>
+An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren,
+hatten heimziehende Zuaesen die Felsen weggerollt und
+die Barbaren auf kurze Frist ernährt.
+</p>
+
+<p>
+Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und
+wollte den Ort nicht verlassen, aus Mutlosigkeit und
+Ermattung, auch aus jenem Eigensinn, mit dem sich
+Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber
+waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen
+weitergezogen.
+</p>
+
+<p>
+Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert
+Mann von den Söldnern übrig waren. Um ihnen ein
+Ende zu bereiten, bedurfte man keiner Soldaten.
+</p>
+
+<p>
+Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit
+den drei Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas
+hatte eine große Treibjagd veranstaltet, wobei er
+in bestimmten Abständen Ziegen an Pfähle gebunden
+und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort
+hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam,
+um festzustellen, was von den Barbaren noch übrig
+sei.
+</p>
+
+<p>
+Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote,
+Waffen und Kleider bildeten eine einzige Masse. Fast
+allen Leichnamen fehlte der Kopf oder irgendein Glied.
+Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu
+Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus
+Helmen. Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor.
+Skelette trugen noch Mäntel, und gebleichte Gebeine
+leuchteten wie helle Flecken im Sande.
+</p>
+
+<p>
+Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten
+Vordertatzen auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht,
+das grell von den weißen Felsen zurückstrahlte, blinzelten
+sie. Andre saßen auf den Hintertatzen und starrten
+vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu Knäueln
+zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen.
+Alle sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus.
+Unbeweglich lagen sie wie das Gebirge und die Toten.
+Die Nacht sank herab. Breite rote Streifen flammten
+im Westen am Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten
+Haufen erhob sich eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst.
+Einer der Löwen schritt ihr entgegen. Sein
+Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom purpurroten
+Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz
+nahe war, schlug er ihn mit einem Schlag seiner Tatze
+zu Boden.
+</p>
+
+<p>
+Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit
+seinen Zähnen langsam die Eingeweide heraus.
+Nach einiger Zeit öffnete er seinen Rachen in ganzer
+Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes
+Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es
+schließlich in der Einöde verhallte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab.
+Tritte huschten über den Boden. Von der Schlucht und
+der Drahtsperre her tauchten spitze Schnauzen und große
+Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten. Das waren
+die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu verzehren.
+</p>
+
+<p>
+Der Karthager, der das, über den steilen Rand der
+Halde herabgebeugt, sah, machte sich auf den Heimweg.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="ch15">XV</h2>
+
+<h2>Matho</h2>
+
+
+<p>
+Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser,
+wahnwitziger Freude. Man hatte die Zerstörungen
+flüchtig ausgebessert, die Götterbilder neu bemalt, das Pflaster
+mit Myrtenzweigen bestreut und an den Straßenecken
+Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen
+glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten
+in hängenden Gärten.
+</p>
+
+<p>
+Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch
+die Rufe der Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten.
+Sklaven Hamilkars boten in seinem Namen
+geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar. Man
+begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen
+Städte waren erobert, die Nomaden zerstreut, die
+Barbaren mit Stumpf und Stiel vernichtet. Die Akropolis
+war vor lauter bunten Zeltdächern kaum noch zu
+sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen
+Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten
+wie eine lange Diamantenkette. Überall war die Ordnung
+wiederhergestellt. Neues Leben begann. Ein ungeheures
+Glück schwebte über allem: es war der Tag von Salambos
+Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen,
+mit massigem Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an
+denen die Priester, die Alten und die Patrizier Platz
+nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht stehender Tisch
+war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt.
+Da Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des
+Schleiers gerettet hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit
+wie ein Nationalfest und harrte drunten auf dem Platze
+ihres Erscheinens.
+</p>
+
+<p>
+Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine
+Ungeduld: Mathos Tod war für diese Feier verheißen.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden,
+ihm Blei in die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern
+zu lassen. Dann sollte er an einen Baum gebunden
+werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein
+auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt!
+Die heiligen Tiere der Göttin sollten Rache üben!
+Andre machten den Vorschlag, man solle ihn auf einem
+Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn
+mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen
+gespickt hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem
+Gedanken, wie das große Tier durch die Straßen jagte
+und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte wie
+ein Kerzenlicht im Winde.
+</p>
+
+<p>
+Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut
+werden, und warum sollte man die andern des Genusses
+berauben? Man forderte darum allgemein eine
+Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei
+der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago
+bis zum Straßenpflaster und den Fluten des Golfes,
+zerreißen, zermalmen, vernichten konnten. So bestimmten
+denn die Alten, daß er ohne Geleit, die Hände auf den
+Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum Khamonplatze
+gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu
+treffen &ndash; damit er möglichst lange lebe &ndash;, oder ihm die
+Augen auszustechen &ndash;, damit er seine Marter bis zu Ende
+selber sehen könne. Auch durfte nicht nach ihm geworfen
+werden, und niemand sollte ihn nicht mit mehr als drei
+Fingern berühren.
+</p>
+
+<p>
+Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte,
+glaubte man ihn lange vorher schon ein paarmal zu erblicken.
+Man stürzte nach der Burg. Die Straßen leerten sich,
+dann aber kehrte man mit lautem Murren wieder zurück.
+Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen
+auf ein und derselben Stelle. Sie riefen einander von
+weitem zu und zeigten ihre Fingernägel, die sie sich hatten
+wachsen lassen, um sie recht tief in Mathos Fleisch bohren
+zu können. Andre gingen aufgeregt auf und ab.
+Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung
+entgegensahn.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe
+Federfächer über den Köpfen auf. Das war Salambo,
+die vom väterlichen Palast her nahte. Seufzer der Erleichterung
+liefen durch die Menge.
+</p>
+
+<p>
+Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er
+bewegte sich feierlich-langsam.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die
+Eschmuns, Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften,
+eine nach der andern, mit denselben Abzeichen und der
+gleichen Ordnung wie damals beim Opfer. Die Molochpriester
+kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von
+einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die
+Priester der Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern
+in den Händen. Die heiligen Hetären folgten ihnen in
+durchsichtigen Gewändern von gelber oder von schwarzer
+Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie
+Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise,
+um den Reigen der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten
+Gewändern entströmten schwere Düfte überallhin. Mit
+besonderem Beifall begrüßte man unter diesen Weibern
+die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie versinnbildlichten
+die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit.
+Ihnen waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht
+eigen wie den priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer
+flachen Brüste und ihrer schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt
+beherrschte und erfüllte die Verherrlichung des
+Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische Lüsternheit
+schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die
+Fackeln in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der
+Nacht eine allgemeine geschlechtliche Tummelei stattfinden
+sollte. Drei Schiffe aus Sizilien hatten Dirnen hergeführt,
+und auch aus der Wüste waren welche gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres
+Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und
+längs der doppelten Treppen des Tempels, die an der
+Mauer emporliefen und sich oben wieder einander näherten.
+Reihen langer weißer Gewänder wehten zwischen
+den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen
+Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.
+</p>
+
+<p>
+Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der
+Provinzen und alle Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges
+Getöse. Aus den anstoßenden Straßen strömte das
+Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit Stockschlägen
+zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren
+trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen
+purpurnen Baldachin, Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten
+schallten lauter, die Tamburine rasselten, und der
+große Purpurbaldachin verschwand zwischen den beiden
+Pylonen.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein.
+Salambo schritt, nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin
+und dann quer über die Terrasse, um sich im Hintergrund
+auf einem Thron niederzulassen, der aus einer
+Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen
+Elfenbeinschemel mit drei Stufen unter die Füße. Am
+Rande der untersten knieten zwei Negerkinder. Hin
+und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen belasteten
+Hände auf die Köpfe der Kleinen.
+</p>
+
+<p>
+Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein
+Gewebe gehüllt, dessen enge Maschen wie Fischschuppen
+aussahen und wie Perlmutter glänzten. Ein dunkelblauer
+Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über zwei mondsichelförmigen
+Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen
+durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz
+bestand aus edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter
+schneeweißer Mantel fiel hinter ihr herab. So saß sie
+da, die Ellbogen angelegt, die Knie geschlossen, die Oberarme
+mit Diamantenreifen geschmückt, starr und steif
+wie ein Götterbild.
+</p>
+
+<p>
+Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und
+ihr Gatte nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar
+gekleidet, trug seine Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus
+der zwei gewundene Haarflechten wie Ammonshörner
+hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen Weinranken
+bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an
+der Seite.
+</p>
+
+<p>
+Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange
+des Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl
+und beschrieb, sich in den Schwanz beißend, einen
+großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand eine
+kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne
+darauf fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen
+Seiten.
+</p>
+
+<p>
+Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren
+Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten
+mit ihren Tiaren eine lange goldene Reihe, links die
+Patrizier mit ihren Smaragdzeptern ein breites grünes
+Band, während die Molochpriester mit ihren roten Mänteln
+den Hintergrund wie mit einer Purpurwand abschlossen.
+Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren
+Terrassen ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg
+auf die Dächer und stand in dichten Reihen bis zur
+Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu ihren
+Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das
+unendliche Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick
+in die Binnenländer hatte, da ward sie in ihrem Glanze
+eins mit Tanit und erschien als Karthagos Patronin,
+als die verkörperte Seele der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige
+Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken
+aus bunter Wolle, mit denen die niedrigen Tische bedeckt
+waren. Große Bernsteinkrüge, Amphoren aus blauem
+Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote umgaben
+die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben
+waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen
+wie um Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf
+Schüsseln aus Ebenholz. Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse
+und Melonen türmten sich über breiten Silberplatten.
+Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen
+von Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß
+es aussah, als sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben
+lagen Muschelschalen, mit Fleischragout gefüllt. Das
+Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn man die
+Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter
+Tunika auf den Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit
+spielten Leiern eine Hymne, oder es erhob sich ein Chorgesang.
+Der Lärm des Volkes, anhaltend wie Meeresrauschen,
+umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie
+der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten
+des Gelages der Söldner. Man überließ sich glückseligen
+Träumen. Die Sonne begann zu sinken, und auf der
+andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand
+sie gerufen. Das Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der
+Richtung ihres Blickes.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers,
+der zu Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen
+war, soeben geöffnet. Ein Mann stand auf der Schwelle
+der schwarzen Öffnung.
+</p>
+
+<p>
+Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene
+eines wilden Tieres, das man plötzlich freigelassen hat.
+Das Licht blendete ihn. Eine Weile blieb er unbeweglich
+stehen. Man hatte ihn allgemein erkannt und hielt
+den Atem an.
+</p>
+
+<p>
+Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes,
+fast von einem Heiligenschein umstrahlt. Man beugte
+sich vor, um ihn zu sehn, vornehmlich die Weiber. Sie
+waren darauf erpicht, den zu betrachten, der ihre Kinder
+und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele
+erhob sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn
+vollständig kennen zu lernen, ein Gelüst, das sich mit
+Reue paarte und in ein Übermaß von Haß umschlug.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung
+der ersten Überraschung. Tausend Arme streckten sich
+empor, aber man sah ihn nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte
+sie hinab, wie in einem Gießbach vom Gipfel eines
+Berges hinuntergerissen. Dreimal sah man ihn hochschnellen.
+Endlich kam er unten wieder auf die Füße.
+</p>
+
+<p>
+Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen
+Stößen, und er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln
+zu zerreißen, daß seine auf dem bloßen Rücken gefesselten
+Arme anschwollen wie Schlangenleiber.
+</p>
+
+<p>
+Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen
+aus. Durch jede von ihnen spannten sich zwei dreifache
+Reihen eherne Ketten, die am Nabel von Kabirenbildsäulen
+befestigt waren, in gleicher Richtung von einem
+Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser
+gedrängt. In der Mitte schritten Ratsdiener und
+schwangen Peitschen.
+</p>
+
+<p>
+Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag
+an. Da begann er von neuem seinen Leidensgang.
+</p>
+
+<p>
+Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der
+Weg sei ihm allzu breit gelassen worden. Er aber schritt,
+von tausend Fingern betastet, gestochen und zerhackt
+immer weiter. War er am Ende einer Straße, so tat
+sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite,
+um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge
+brach in Hohngelächter aus.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen,
+das unter seinem Ärmel eine spitzige Spindel versteckt
+hatte, zerschlitzte ihm die Backe. Man riß ihm Hände
+voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre beschmierten
+ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht
+und auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite
+schoß ein Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn
+vollends aus. Dieser letzte der Barbaren war für
+das Volk der Vertreter aller andern, des ganzen Heeres.
+An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle Schande.
+Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres
+Blutdurstes zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten
+sich und drohten zu brechen. Man fühlte die Schläge der
+Sklaven nicht mehr, die auf die Massen einhieben, um
+sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern der
+Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit
+Köpfen erfüllt, und das Böse, das man dem Libyer nicht
+antun konnte, brüllte man ihm wenigstens zu.
+</p>
+
+<p>
+Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt
+mit spöttischen Zurufen und Flüchen; und da man an
+seiner gegenwärtigen Marter nicht genug hatte, kündigte
+man ihm noch fürchterlichere Qualen für die Ewigkeit an.
+</p>
+
+<p>
+Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger
+Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein
+heiserer, dumpfer, wilder Laut ein minutenlanges Echo
+im ganzen Volke. Die Mauern erbebten von diesem Geschrei
+vom Grund bis zum Giebel, und Matho war zumute,
+als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen
+und ihn vom Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme,
+um ihn in der Luft zu erwürgen.
+</p>
+
+<p>
+Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden
+zu haben. Die gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen
+Blicke, die gleiche Raserei! Nur war er damals frei, damals
+wichen alle vor ihm aus, damals beschirmte ihn ein
+Gott! Und diese Erinnerung, die immer deutlicher ward,
+erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit. Schatten
+schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor
+ihm. Das Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der
+Hüfte. Er fühlte den Tod. Seine Knie schlotterten, und
+er sank langsam auf das Pflaster.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels
+die auf Kohlen glühend gemachte Querstange eines Dreifußes,
+schob sie unter der obersten Kette hindurch und
+stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das Fleisch rauchen.
+Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei
+des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen.
+Sechs Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann
+noch ein drittes-, ein viertesmal. Immer jagte ihn eine
+neue Marter wieder auf. Man bespritzte ihn durch Röhren
+mit siedendem Öl, streute Glasscherben unter seine Füße.
+Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße lehnte
+er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken
+gegen die Mauer und ging nicht mehr weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen
+aus Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die
+Fransen ihrer Tuniken von Schweiß troffen. Matho
+schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich aber nahm
+er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen,
+während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost
+habe. Er stürzte durch die Budesstraße, die Söpogasse,
+über den Gemüsemarkt und langte auf dem Khamonplatz
+an.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten
+die Menge zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum.
+Matho schaute sich um, und seine Blicke trafen Salambo.
+</p>
+
+<p>
+Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden
+und unwillkürlich, je näher er kam, immer
+mehr bis an den Rand der Terrasse vorgetreten. Bald
+war die Außenwelt für sie verschwunden. Sie sah nur
+noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden.
+Einer jener Abgründe hatte sich in ihr aufgetan, in dem
+die ganze Welt versinkt unter der Wucht eines einzigen Gedankens,
+einer Erinnerung, eines Blickes. Dieser Mann,
+der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt in seinen
+Bann.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenähnliches
+mehr. Sein Körper war eine über und über
+rote Masse. Die zerrissenen Stricke hingen an seinen
+Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den
+Sehnen seiner völlig entfleischten Fäuste zu unterscheiden.
+Sein Mund stand weit offen. Aus seinen Augenhöhlen
+sprühten zwei Flammen, die bis zu seinen Haaren emporzulodern
+schienen, &ndash; und doch schritt der Unglückliche immer
+noch weiter.
+</p>
+
+<p>
+Er kam gerade bis an den Fuß der Terrasse. Salambo
+hatte sich über die Brüstung geneigt. Seine fürchterlichen
+Augen blickten sie an, und plötzlich kam ihr alles ins
+Bewußtsein, was er für sie gelitten hatte. Dort lag er
+im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den
+Knien liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen
+und Koseworte stammeln. Es dürstete sie darnach, die
+Worte von damals noch einmal zu hören. Er sollte
+nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein
+heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da stürzte er rücklings
+zu Boden und regte sich nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+Halb ohnmächtig wurde Salambo von den Priestern,
+die sich um sie bemühten, auf ihren Thron zurückgetragen.
+Man beglückwünschte sie. Das war ihr Werk! Überall
+um sie herum klatschte man in die Hände, stampfte mit
+den Füßen und heulte ihren Namen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mann stürzte auf den Toten. Wiewohl er bartlos
+war, trug er doch den Mantel der Molochpriester um
+die Schultern und am Gürtel ein eigentümliches Messer,
+das zum Zerlegen des Opferfleisches diente und am Ende
+des Stieles in einen goldnen Spatel auslief. Mit einem
+einzigen Schnitt spaltete er Mathos Brust, riß das Herz
+heraus und legte es auf den Löffel. Es war Schahabarim.
+Er hob den Arm hoch und bot das Herz der
+Sonne dar.
+</p>
+
+<p>
+Glühend stand sie über den Fluten, und ihre letzten Strahlen
+trafen wie lange Pfeile das blutrote Herz. Je tiefer
+ihre Scheibe ins Meer sank, desto schwächer wurden seine
+Schläge, und bei dem letzten Zucken des Muskels schwand
+auch die Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Da erscholl vom Golf bis zur Lagune und von der
+Landenge bis zum Leuchtturm, in allen Straßen und auf
+allen Tempeln, ein einziger Schrei, der bisweilen aufhörte
+und dann wieder erklang. Die Gebäude erbebten.
+Karthago zuckte zusammen wie im Krampfe titanischer
+Freude und grenzenloser Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+Naravas, von Stolz berauscht, legte zum Zeichen des
+Besitzes seinen Arm um Salambos Leib und ergriff mit
+der Rechten eine goldene Schale, die er auf Karthagos
+Glück leerte.
+</p>
+
+<p>
+Salambo erhob sich, gleich ihrem Gemahl, mit einer
+Schale in der Hand, um ebenfalls zu trinken. Da sank
+sie mit zurückgebogenem Haupt auf die Lehne des Thrones
+nieder, bleich, starr, mit offenen Lippen. Ihr gelöstes
+Haar wallte zum Boden herab.
+</p>
+
+<p>
+So starb Hamilkars Tochter, weil sie den heiligen Mantel
+der Tanit berührt hatte.
+</p>
+
+
+
+
+<h2 id="anh">Anhang</h2>
+
+<h2>Anmerkungen des Übersetzers</h2>
+
+
+<p>
+Salammbô ist 1862 erschienen. Die französische Urhandschrift
+befindet sich heute im Besitze der Nichte Flauberts,
+Madame Franklin-Grout in Antibes (Villa Tanit), und
+wird dermaleinst Eigentum der Pariser Nationalbibliothek.
+Sie besteht aus 340 Blättern »großen Formats«
+und trägt auf dem Pappdeckel des Einbandes die Daten
+»September 1857&ndash;April 1852«. Die Kapitelüberschriften
+fehlen. Die Kapitel sind nur numeriert. Flaubert hat
+sie erst in die Korrektur gefügt. Alle Verbesserungen, die
+Flaubert in der Druckkorrektur angebracht hat, sind von
+dem gewissenhaften Dichter in Bleistiftschrift auch in das
+Manuskript eingetragen worden. Es sei bemerkt, daß
+die Edition définitive (Paris, Charpentier) im Druck und
+stellenweise auch im Text nicht die Sorgfalt verrät, die
+einem Flaubert gebührt.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die erste Idee zu einem antik-orientalischen Roman
+faßte Flaubert während seiner Reise durch Ägypten und
+Syrien, 1849-50. Kurz nach dem berichtet er von einem
+Entwurf »Anubis«, in dem die Heldin die Liebe eines
+Gottes ersehnt. Das Studium des bekannten Werkes
+»Die Phönizier« von Franz Karl Movers (1841&ndash;56, zwei
+Bände) lenkte Flaubert auf Karthago. Im Jahre 1858
+besuchte er die Ruinenstätte. Die Tagebuchblätter dieser
+Reise sind neuerdings veröffentlicht worden (Au Pays
+de Salammbô, in der Revue de Paris vom 1. Dez. 1911).
+Es ist selbstverständlich, daß der Dichter die gesamte Punier-Literatur,
+soweit sie bis 1862 erschienen, gekannt
+hat, auch die fremdländische, obgleich er als echter Franzose
+außer dem Latein keine fremde Sprache beherrschte.
+Die antiken Autoren, ebenso Movers, benutzte er in französischen
+Übersetzungen. Den Engländer Dr. N. Davis,
+der in der Zeit von 1856&ndash;59 in Karthago und Umgegend
+Ausgrabungen leitete, hat Flaubert an Ort und Stelle
+kennen gelernt. Freilich sprach Davis nicht französisch
+und Flaubert &ndash; wie schon bemerkt &ndash; nicht englisch. Aber
+»wir verstehen uns sehr gut« schreibt Flaubert damals
+an seine Nichte.
+</p>
+
+<p>
+Genannt seien als von Flaubert benutzte Werke: Ch.E.
+Beulé, Fouilles à Carthage (Paris, 1860), &ndash; N. Davis,
+Carthage and her remains (London, 1861), &ndash; ferner die
+Arbeiten von Falbe, Dureau de la Malle, u.a. Von den
+beiden erstgenannten existieren übrigens &ndash; allerdings nicht
+ganz einwandfreie &ndash; deutsche Ausgaben. An kartographischem
+Material stand Flaubert vor allem die zuverlässige
+Terrainaufnahme des Kapitäns C.T. Falbe
+(1:16000, Paris 1833) zu Gebote. Es existiert noch keine
+wissenschaftliche Untersuchung des Verhältnisses des Romans
+zu den Quellen und Hilfsmitteln Flauberts.
+</p>
+
+<p>
+Wer sich, angeregt durch die Salambo, über den heutigen
+Stand der wissenschaftlichen Kenntnis von Karthago
+belehren lassen möchte, sei auf das sorgfältige Lebenswerk
+von Otto Meltzer hingewiesen: Geschichte der Karthager,
+Berlin, Weidmann, besonders auf den zweiten
+Band (1896). Hinsichtlich der punischen Religion seien
+genannt die Studien des Grafen Wolf Baudissin »Esmun-Asklepios«
+(1906), »Jahve et Moloch« u.a.m. Das
+maßgebende Kartenwerk bilden heute die Blätter La
+Marsa, El Ariana, La Goulette, Tunis usw. des Service
+géographique de l'Armee (1:50000, aufgenommen
+1890 ff.) und der sich hierauf stützende wertvolle Atlas
+archéologique de la Tunisie ... accompagné d'une text
+explicatif, Paris, Leroux, 1892 ff.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Zu einigen wenigen Stellen des Romans seien im folgenden
+knappe Erläuterungen erlaubt.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p001">Seite 5.</a> Die Stadt Eryx auf halber Höhe des gleichnamigen
+Berges (in Sizilien) wurde von Hamilkar im
+Jahre 244 v. Chr. genommen. Flauberts Roman beginnt
+etwa Anfang September des Jahres 241 v. Chr.
+Der Söldnerkrieg währte nach Polybios drei Jahre und
+vier Monate (241&ndash;238 v. Chr.).
+</p>
+
+<p>
+Die Lage der Villa Hamilkars in der Vorstadt Megara
+ist nicht überliefert. Flaubert nimmt sie auf der Höhe
+über dem Seetor an.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p006">Seite 6.</a> Der Eschmuntempel stand auf der Akropolis.
+Eine monumentale Freitreppe von sechzig Stufen, in drei
+Absätze gegliedert, führte hinauf. Um den Tempel waren
+breite Terrassen, die den Eindruck einer mächtigen Befestigung
+erweckten. Der Tempel war das allenthalben
+sichtbare Wahrzeichen der Stadt, der Sankt Peter Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p010">Seite 10.</a> Die Abgabe des Oberbefehls über die Truppen
+in Lilybäum an den General Gisgo &ndash; nach dem
+Friedensschlusse im Hochsommer des Jahres 241 v. Chr. &ndash; erfolgte
+nicht freiwillig. Hamilkar wurde dazu genötigt.
+Dieser schwere Fehler in der Kriegsführung gegen Rom
+fällt den Umtrieben der inzwischen in der Heimat aus
+Ruder gekommenen Partei des Hanno zu.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p012">Seite 12.</a> Über die Syssitien der Hetärien, sowie über
+die komplizierte Staatsverfassung der Republik, die von
+Aristoteles als hervorragend gepriesen worden ist, vgl.
+Meltzer, Geschichte der Karthager, II, 34 ff.
+</p>
+
+<p>
+Die karthagische Garde: bei Polybios die Heilige Schar.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p017">Seite 17.</a> Polybios nennt den Namen der Tochter Hamilkars
+nicht. Nach anderer Überlieferung soll sie Salwamba
+(d.h. magna mater) geheißen haben.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p026">Seite 26.</a> Die Via Mapaliensis (Straße der Mappalier,
+d.h. der Zeltbewohner = der Numidier) führte von der
+See quer durch die Stadt nach den Katakomben. Flaubert
+rekonstruiert sie als die Via Appia Karthagos.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#ch02">Seite 30.</a> Sikka ist das heutige Keff, 180 Kilometer
+südwestlich von Karthago. Der dort betriebene zynische
+Venuskult war berüchtigt.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p038">Seite 38.</a> Die Erwähnung der gekreuzigten Löwen
+stützt sich auf Plinius c. 18, wo erzählt wird, daß Scipio
+Aemilianus und Polybios auf einem gemeinsamen Spazierritt
+in der Umgebung Karthagos solche gekreuzigte
+Tiere sahen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p043">Seite 43.</a> Über die Kabiren (d.h. die Mächtigen) und
+die Kabirenmysterien vgl. L. Preller, Griechische Mythologie,
+4. Aufl., Berlin, 1894, Bd. I, 847&ndash;864.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p061">Seite 61.</a> Über den Kult der Tanit (identisch mit Astarte
+u.a.) vgl. Münter, Religion der Karthager, 2. Aufl.,
+S. 79 ff. Über ihren Tempel vgl. N. Davis, Karthago
+und seine Überreste, Leipzig, 1863, S. 110 ff.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p063">Seite 63.</a> Der doppelgipflige Berg der Heißen Wasser,
+von Virgil gepriesen, jetzt Hammam el Enf, liegt 15 Kilometer
+südlich von Karthago.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p065">Seite 65.</a> Die Säulen des Melkarth sind natürlich
+die Säulen des Herkules (Gibraltar).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p080">Seite 80.</a> Das vielumstrittene »Ledergeld« entspricht
+unserm heutigen Papiergeld.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p092">Seite 92</a>, ebenso <a href="#p282">Seite 282</a>. »Zügellose Pferde«. Dies
+stützt sich auf Livius XXI, c. 44. Wahrscheinlich hatten
+die Numidier nur leichte Trensengebisse, was der Römer
+als »ungezäumt« ansieht.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p098">Seite 98.</a> Flaubert antwortete auf den Angriff eines
+Gelehrten u.a.: »Hinsichtlich des Tanittempels bin ich
+sicher, ihn so rekonstruiert zu haben, wie er war: an der
+Hand der Abhandlung über die syrische Göttin, &ndash; der
+Münzen des Herzogs von Luynes, &ndash; dessen, was man vom
+Jerusalemer Tempel weiß, &ndash; einer Stelle aus dem heiligen
+Hieronymus, zitiert von Selden (De diis syriis), &ndash; des
+Planes vom Tempel in Gozzo, der sicher karthagisch ist, &ndash; und
+vor allem nach den Ruinen des Tempels von
+Thugga, den ich mit eigenen Augen gesehen habe ...«
+(Anhang zur Edition définitive, p. 356).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p124">Seite 124.</a> Die afrikanischen Phönizier nannten sich
+noch in der römischen Kaiserzeit »Kanaaniter«, nach ihrer
+Heimat Chna (d.h. Niederung).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p142">Seite 142.</a> Die Lage von Gorza ist nicht überliefert.
+Wahrscheinlich lag sie südlich des Unterlaufs des Bagradas.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p146">Seite 146.</a> Flaubert nimmt augenscheinlich den Khamontempel
+am Markt (Forum) und westlich der Hafenanlagen
+gelegen an.
+</p>
+
+<p>
+Der Haupttyp der Schlachtschiffe war um 240 v. Chr.
+bereits die Pentere, sowohl auf karthagischer wie römischer
+Seite.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p152">Seite 152.</a> Der Molochtempel hat nördlich der Akropolis
+gelegen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p163">Seite 163.</a> Die »Insel der Totenknochen«, ein kleines
+ödes Eiland, gehört zu den Liparischen Inseln (nördlich
+von Sizilien). Der Bericht Diodors, daß die Karthager
+auf Befehl der Gerusia dort 6000 Söldner ausgesetzt
+hätten, ist eine Legende, wie wohl so mancher uns überlieferter
+Zug von punischer Grausamkeit und Perfidie.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p174">Seite 174 ff.</a> Die Legende, daß die Punier Afrika umschifft
+haben und nach Indien und Arabien um das Kap
+der guten Hoffnung gefahren sein sollen, ist kaum haltbar.
+Man darf nicht vergessen, daß es auch im Altertum
+einen Suezkanal gegeben hat.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p176">Seite 176.</a> Die oringischen Pferde sind aus Oringis
+in Spanien eingeführt, wo im Altertume berühmte Gestüte
+existierten.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p178">Seite 178.</a> Das Talent (damals im Werte von etwa
+4200 Mark) hatte 60 Minen zu je 100 Drachmen zu je
+6 Obolen. Das punische Talent hieß Kikar. Es galt
+60 Minen zu je 50 Sekel.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p181">Seite 181.</a> Betreffs der punischen Münzen vgl. L. Müller,
+Numismatique de l'ancienne Afrique, Kopenhagen, 1860,
+3 Bde. und 1 Supplement (1874).
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p183">Seite 183.</a> Flaubert nennt als Hauptquelle seiner Kenntnisse
+der antiken Edelsteine: Theophrast, Traktat über
+die Edelsteine.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p186">Seite 186.</a> Sylphium (auch <a href="#p034">Seite 34</a> erwähnt), vielleicht
+identisch mit Asant, ein bedeutender Handelsartikel
+im Altertum, ist ein starkes aromatisches Gewürz, das
+man den Speisen und Getränken zusetzte, ähnlich wie wir
+heute die Zwiebel oder die Zitrone verwenden oder bei
+Mischgetränken den Angostura.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p204">Seite 204 ff.</a> Makar ist der punische Name für den
+Bagradas (heute: Medscherda). Er mündete damals
+18 Kilometer südlicher denn jetzt, so daß seine Mündungsstelle
+nur 12 Kilometer von Karthago entfernt war. Der
+Golf drang ehedem zwischen Kap Sidi Ali el Mekki und
+Kap Kamart in drei großen Ausbuchtungen tief (bis zu
+mehr denn 10 Kilometer) in das Land ein, so daß Utika
+(heute: Bu Schater) am Meere lag.
+</p>
+
+<p>
+Polybios gibt zwar im ersten Buche seiner »Geschichte«
+einen verhältnismäßig langen Bericht über die Schlacht
+am Bagradas, indessen genügt er nicht, den taktischen
+Verlauf der Schlacht klar zu rekonstruieren. Hans Delbrück,
+unsre Autorität in der Kenntnis der antiken Schlachten,
+übergeht daher in seiner »Geschichte der Kriegskunst«
+(II. Teil: Das Altertum, 2. Aufl., Berlin 1908) den
+ersten punischen Krieg gänzlich. Flauberts anschauliche
+Schilderung gibt gerade im Charakteristikum eine unmögliche
+Schlacht. Hamilkar marschierte mit seinen
+10000 Mann nach dem genialen Übergang über den Fluß
+stromauf auf dem linken Bagradasufer. Während sich
+seine Vorhut gegen die Söldner am verschanzten Brückenkopf
+entwickelte, verblieb er mit seinen Kerntruppen in
+Marschkolonnen. Denn ehe ihm die feindlichen Kräfte
+vor Utika ihr Vorhaben nicht durch ihre taktischen Maßnahmen
+verraten hatten, konnte er an eine vollständige
+Entwicklung seiner numerisch geringeren Truppen gar
+nicht denken. Nach Polybios lag es in der Absicht der
+beiden Söldner-Detachements, die Karthager »in die
+Mitte« zu bekommen. Nur in der Übereilung kam es
+zu der <i>taktisch falschen</i> Vereinigung beider Abteilungen.
+Die Scheinentwicklung der punischen Vorhut
+hatte somit ihren Zweck überraschend bald erreicht.
+Während sie ein sogenanntes hinhaltendes Gefecht führte
+und die gesamten gegnerischen Kräfte zur Entwicklung
+verlockte, verlor sich die Gefahr, in der Hamilkar zunächst
+geschwebt hatte: ein gegen seine rechte Flanke
+gerichteter Angriff des von Utika herankommenden Detachements.
+Nunmehr durfte Hamilkar alle seine Kräfte
+einsetzen. Er ließ höchst wahrscheinlich nach rechts aufmarschieren
+und bildete seine Phalanx rechts rückwärts der
+im Gefecht befindlichen Vorhut, vielleicht im stumpfen
+Winkel zur Frontlinie des Gefechts vor ihm. Als die
+Phalanx dann vorrückte, gingen die Vortruppen langsam
+zurück, bis sie in die gleiche Höhe mit ihr kamen. Sodann
+konnten sie sich wieder ordnen und von neuem an der
+Schlacht teilnehmen. Die Idee Flauberts, daß die längst
+aufgelösten, bereits im Gefecht gewesenen und dann zurückbefohlenen
+Vortruppen (Schützen, Reiterei, Elefanten)
+durch die Intervalle der hinter ihnen aufmarschierten und
+vorrückenden Phalanx durchgelassen worden seien, ist eine
+taktische Unmöglichkeit. Dergleichen wagt kein Feldherr,
+und es gelänge auch keinem. Es ist undenkbar, einmal
+entwickelte und fechtende Truppenteile wieder aus dem
+Gefecht loszulösen und sie gar noch auf so gekünstelte
+Art und Weise in genau vorgeschriebenen Richtungen
+zurückzudirigieren. Selbst wenn eine derartige Rückwärtsbewegung
+exerzierplatzmäßig halbwegs zu stande
+käme, würde sie doch die zum Hauptangriff vorgehenden
+Hauptmassen verwirren und ihnen jeden Elan nehmen.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p201">Seite 201</a> und <a href="#p205">205</a>. Nach Polybios standen 10000
+Mann am Brückenkopf und 15000 vor Utika. Flaubert
+wechselt diese Zahlen, absichtlich oder aus Irrtum.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p210">Seite 210.</a> Im Gegensatz zu der modernen Kavallerie
+attackierte die Reiterei der Alten nicht im stärksten Tempo,
+sondern im Schritt, höchstens im kurzen Trabe. Wir
+müssen uns schwergepanzerte Ritter, nicht behende Reiter
+vorstellen. Anders vielleicht die Numidier, die Spahis
+von damals!
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p212">Seite 212.</a> Über die überaus interessante Verwendung
+der Elefanten als Gefechtstruppe vgl. H. Delbrück, loc.
+cit. Wahrscheinlich hatte man im ersten Punischen Kriege
+keine Gefechtstürme auf diesen Tieren.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p245">Seite 245.</a> Euergetes, d.h. »Wohltäter«, ist der Beiname
+des Ägypterkönigs Ptolemäus III. (247&ndash;221 v. Chr.).
+Seine Gemahlin war die bekannte Berenike.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p309">Seite 309 ff.</a> Einzelheiten über die Belagerung Karthagos
+durch die Söldner sind uns nicht überliefert. Flaubert
+kam es darauf an, das typische Bild einer Städtebelagerung
+jener Zeit zu geben. Über die Geschütze und
+Belagerungsmaschinen der Alten vgl. W. Rüstow und
+H. Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens,
+Aarau, 1852, und Adolf Bauer, Die griechischen Kriegsaltertümer,
+2. Aufl., München, 1892.
+</p>
+
+<p>
+Die Hauptquelle der Kenntnisse hierüber ist Vitruv, der
+aber gerade in den hier in Frage kommenden Kapiteln
+verdorben überliefert ist. Dazu hat Flaubert die häufig
+irreführende französische Vitruv-Übersetzung von Perrault
+benutzt. Dadurch ist er stellenweise ein Opfer ungenügender
+Hilfsmittel geworden. In der vorliegenden
+Salambo-Übersetzung sind Irrtümer in der Beschreibung
+nach den antiken Quellen berichtigt worden. Der gewissenhafte
+Flaubert würde das selbst getan haben, wenn
+er in der Lage gewesen wäre, es tun zu können.
+</p>
+
+<p>
+Flaubert rüstet die Söldner mit allem nur erdenklichen
+Belagerungsmaterial aus, u.a. mit 173 Geschützen und
+sogar mit einer Nachahmung der berühmten »Helepolis«
+des Demetrios Poliorketes, die dieser bei der Belagerung
+von Rhodos (305 v. Chr.) erbaut hat. Einem ausgesprochenen
+Feldheer wie dem der Söldner standen derartig
+großartige Hilfsmittel zweifellos nicht zu Gebote.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p369">Seite 369.</a> Die Örtlichkeit der »Säge« glaubt Ch. Tissot
+(Géographie comparée de la province romaine d'Afrique,
+Paris, 2 Bde., 1884) in dem Berglande zwischen dem
+Wed Nebhan und dem Wed el Kebir unweit westlich der
+Ebene von Kairwan wiedergefunden zu haben. Flaubert
+nimmt den Ort in der Nähe des Bleiberges an, das
+ist zwischen dem Berge der Heißen Wasser und dem
+Zoghwan.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p397">Seite 397.</a> Hanno »der Große« endete nicht vor Tunis.
+Der vor dieser Stadt von den Söldnern gekreuzigte General
+hieß Hannibal. Hanno war nicht mit vor Tunis.
+Nach Appian soll er noch das Ende des zweiten Punischen
+Krieges erlebt haben. Flaubert wollte die Nennung
+eines »Hannibal« vermeiden, damit nicht etwa irgend
+ein Leser irrtümlicherweise an den großen Feldherrn
+denken könne. Über Hannos Krankheit vgl. Forbes,
+Oriental Memoirs, London, 1813, passim.
+</p>
+
+<p>
+<a href="#p403">Seite 403.</a> Die Endkämpfe gegen Matho führten Hamilkar
+und Hanno gemeinsam. Die Entscheidungsschlacht
+fand in der Nähe von Klein-Leptis statt. Der größte
+Teil der Söldner fiel. Matho und der letzte Rest seiner
+Getreuen schlugen sich nach einer &ndash; uns namentlich nicht
+bekannten &ndash; Stadt durch, wo sie bald kapitulieren mußten.
+</p>
+
+<p>
+Die grausame Todesart Mathos ist keine Erfindung
+Flauberts. Sie ist historisch und ein charakteristischer Abschluß
+des greuelvollsten Krieges, der &ndash; vielleicht neben
+dem dreißigjährigen Kriege &ndash; je unter Mitwirkung von
+Kulturmenschen geführt worden ist.
+</p>
+
+<p>
+Arthur Schurig.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p class="ctr">
+Die Verdeutschung des Romans
+Salambo ist von Arthur Schurig
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Salambo, by Gustave Flaubert
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SALAMBO ***
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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