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+\begin{document}
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+\begin{verbatim}
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+The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Frau Bovary
+
+Author: Gustave Flaubert
+
+Translator: Arthur Schurig
+
+Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: TeX
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY ***
+
+
+
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
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+
+\thispagestyle{empty}
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+\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip
+\begin{center}
+\Huge \so{Frau Bovary}
+
+\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip
+\large
+
+\so{von} \\
+\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip
+\Huge \so{Gu{st}ave Flaubert} \\
+\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip
+\large
+\vfill
+Die "Ubertragung de{\s} Roman{\s} \begin{antiqua}Madame
+Bovary\end{antiqua} au{\s} dem Franz"osischen besorgte Arthur
+Schurig. \\ \bigskip\bigskip
+Insel-Verlag zu Leipzig
+\end{center}
+\newpage
+\thispagestyle{empty}
+
+
+\begin{center}
+\vspace{5cm}
+{\Huge \so{Er{st}e{\s} Bu{ch}}}
+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} war Arbeit{\s}stunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite
+ein "`Neuer"', in gew"ohnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den
+beiden, Schulstubenger"at in den H"anden. Alle Sch"uler erhoben
+sich von ihren Pl"atzen, wobei man so tat, al{\s} sei man au{\s}
+seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit
+auf.
+
+Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er
+sich zu dem die Aufsicht f"uhrenden Lehrer.
+
+"`Herr Roger!"' lispelte er. "`Diesen neuen Z"ogling hier empfehle
+ich Ihnen besonder{\s}. Er kommt zun"achst in die Quinta. Bei
+l"oblichem Flei"s und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt,
+in die er seinem Alter nach geh"ort."'
+
+Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T"ure stehen. Man
+konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein
+Bauernjunge, so ungef"ahr f"unfzehn Jahre alt und gr"o"ser al{\s}
+alle andern. Die Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn
+hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm
+au{\s}, nur war er h"ochst verlegen. So schm"achtig er war,
+beengte ihn sein gr"uner Tuchrock mit schwarzen Kn"opfen doch
+sichtlich, und durch den Schlitz in den "Armelaufschl"agen
+schimmerten rote Handgelenke hervor, die zweifello{\s} die freie
+Luft gew"ohnt waren. Er hatte gelbbraune, durch die Tr"ager
+"uberm"a"sig hochgezogene Hosen an und blaue Str"umpfe. Seine
+Stiefel waren derb, schlecht gewichst und mit N"ageln beschlagen.
+
+Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h"orte
+aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er e{\s} nicht
+einmal wagte, die Beine "ubereinander zu schlagen noch den
+Ellenbogen aufzust"utzen. Um zwei Uhr, al{\s} die Schulglocke
+l"autete, mu"ste ihn der Lehrer erst besonder{\s} auffordern, ehe
+er sich den andern anschlo"s.
+
+E{\s} war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in da{\s}
+Unterricht{\s}zimmer die M"utzen wegzuschleudern, um die H"ande
+frei zu bekommen. E{\s} kam darauf an, seine M"utze gleich von der
+T"ur au{\s} unter die richtige Bank zu facken, wobei sie unter
+einer t"uchtigen Staubwolke laut aufklatschte. Da{\s} war so
+Schuljungenart.
+
+Sei e{\s} nun, da"s ihm diese{\s} Verfahren entgangen war oder
+da"s er nicht gewagt hatte, e{\s} ebenso zu machen, kurz und gut:
+al{\s} da{\s} Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M"utze
+noch immer vor sich auf den Knien. Da{\s} war ein wahrer
+Wechselbalg von Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an
+eine B"arenm"utze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen
+runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollne{\s} K"appi, mit
+einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme
+H"a"slichkeit tiefsinnig stimmt wie da{\s} Gesicht eine{\s}
+Bl"odsinnigen. Sie war eif"ormig, und Fischbeinst"abchen verliehen
+ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde W"ulste,
+dar"uber (voneinander durch ein rote{\s} Band getrennt) Rauten
+au{\s} Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den ein
+vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei kr"onte
+und von dem herab an einem ziemlich d"unnen Faden eine kleine
+goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, wa{\s} man am
+Glanze de{\s} Schirme{\s} erkennen konnte.
+
+"`Steh auf!"' befahl der Lehrer.
+
+Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die
+ganze Klasse fing an zu kichern. Er b"uckte sich, da{\s}
+M"utzenunget"um aufzuheben. Ein Nachbar stie"s mit dem Ellenbogen
+daran, so da"s e{\s} wiederum zu Boden fiel. Ein abermalige{\s}
+Sich-darnach-b"ucken.
+
+"`Leg doch deinen Helm weg!"' sagte der Lehrer, ein Witzbold.
+
+Da{\s} schallende Gel"achter der Sch"uler brachte den armen Jungen
+g"anzlich au{\s} der Fassung, und nun wu"ste er gleich gar nicht,
+ob er seinen "`Helm"' in der Hand behalten oder auf dem Boden
+liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die
+M"utze "uber seine Knie.
+
+"`Steh auf!"' wiederholte der Lehrer, "`und sag mir deinen Namen!"'
+
+Der Neuling stotterte einen unverst"andlichen Namen her.
+
+"`Noch mal!"'
+
+Da{\s}selbe Silbengestammel machte sich h"orbar, von dem Gel"achter
+der Klasse "ubert"ont.
+
+"`Lauter!"' rief der Lehrer. "`Lauter!"'
+
+Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri"s den Mund weit
+auf und gab mit voller Lungenkraft, al{\s} ob er jemanden rufen
+wollte, da{\s} Wort von sich: "`Kabovary!"'
+
+H"ollenl"arm erhob sich und wurde immer st"arker; dazwischen
+gellten Rufe. Man br"ullte, heulte, gr"olte wieder und wieder:
+"`Kabovary! Kabovary!"' Nach und nach verlor sich der Spektakel in
+vereinzelte{\s} Brummen, kam m"uhsam zur Ruhe, lebte aber in den
+Bankreihen heimlich weiter, um da und dort pl"otzlich al{\s}
+halberstickte{\s} Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete,
+die im Verl"oschen immer wieder noch ein paar Funken spr"uht.
+
+W"ahrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung
+in der Klasse allm"ahlich wiedergewonnen, und e{\s} gelang dem
+Lehrer, den Namen "`Karl Bovary"' fest\/zustellen, nachdem er sich
+ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen
+wiederholen lassen. Al{\s}dann befahl er dem armen Schelm, sich
+auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge
+wollte den Befehl au{\s}f"uhren, aber kaum hatte er sich in Gang
+gesetzt, al{\s} er bereit{\s} wieder stehen blieb.
+
+"`Wa{\s} suchst du?"' fragte der Lehrer.
+
+"`Meine M"u..."', sagte er sch"uchtern, indem er mit scheuen
+Blicken Umschau hielt.
+
+"`F"unfhundert Verse die ganze Klasse!"'
+
+Wie da{\s} \begin{antiqua}Quos ego\end{antiqua} b"andigte
+die Stimme, die diese Worte w"utend au{\s}rief, einen neuen
+Sturm im Entstehen.
+
+"`Ich bitte mir Ruhe au{\s}!"' fuhr der emp"orte Schulmeister
+fort, w"ahrend er sich mit seinem Taschentuche den Schwei"s von
+der Stirne trocknete. "`Und du, du Rekrut du, du schreibst mir
+zwanzigmal den Satz auf: \begin{antiqua}Ridiculus
+sum\end{antiqua}!"' Sein Zorn lie"s nach. "`Na, und deine M"utze
+wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen."'
+
+Alle{\s} ward wieder ruhig. Die K"opfe versanken in den Heften,
+und der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter
+Haltung, obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter
+abgeschwuppte kleine Papierkugeln in{\s} Gesicht flogen. Er wischte
+sich jede{\s}mal mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch
+die Augen aufzuschlagen.
+
+Abend{\s}, im Arbeit{\s}saal, holte er seine "Armelschoner au{\s}
+seinem Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte
+sich sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er
+gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W"orter im W"orterbuche
+nach und gab sich viel M"uhe. Zweifello{\s} verdankte er e{\s} dem
+gro"sen Flei"se, den er an den Tag legte, da"s man ihn nicht in
+der Quinta zur"uckbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz
+leidlich wu"ste, so verstand er sich doch nicht gewandt
+au{\s}zudr"ucken. Der Pfarrer seine{\s} Heimatdorfe{\s} hatte ihm
+kaum ein bi"schen Latein beigebracht, und au{\s} Sparsamkeit war
+er von seinen Eltern so sp"at wie nur m"oglich auf da{\s}
+Gymnasium geschickt worden.
+
+Sein Vater, Karl Diony{\s} Barthel Bovary, war Stab{\s}arzt a.D.;
+er hatte sich um 1812 bei den Au{\s}hebungen etwa{\s} zuschulden
+kommen lassen, worauf er den Abschied nehmen mu"ste. Er setzte
+nunmehr seine k"orperlichen Vorz"uge in bare M"unze um und
+ergatterte sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend
+Franken, die ihm in der Person der Tochter eine{\s} Hutfabrikanten
+in den Weg kam. Da{\s} M"adchen hatte sich in den h"ubschen Mann
+verliebt. Er war ein Schweren"oter und Prahlhan{\s}, der
+sporenklingend einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die
+H"ande voller Ringe hatte und in seiner Kleidung auff"allige
+Farben liebte. Neben seinem Haudegentum besa"s er da{\s} gewandte
+Getue eine{\s} Ellenreiter{\s}. Sobald er verheiratet war, begann
+er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau zu leben, a"s und trank
+gut, schlief bi{\s} in den halben Tag hinein und rauchte au{\s}
+langen Porzellanpfeifen. Nacht{\s} pflegte er sehr sp"at
+heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeeh"ausern herumgetrieben
+hatte. Al{\s} sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterlie"s,
+war Bovary emp"ort dar"uber. Er "ubernahm die Fabrik, b"u"ste aber
+Geld dabei ein, und so zog er sich schlie"slich auf da{\s} Land
+zur"uck, wovon er sich goldne Berge ertr"aumte. Aber er verstand
+von der Landwirtschaft auch nicht mehr al{\s} von der Hutmacherei,
+ritt lieber spazieren, al{\s} da"s er seine Pferde zur Arbeit
+einspannen lie"s, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber,
+anstatt ihn in F"assern zu verkaufen, lie"s da{\s} fetteste
+Gefl"ugel in den eignen Magen gelangen und schmierte sich mit dem
+Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu
+guter Letzt ein, da"s e{\s} am tunlichsten f"ur ihn sei, sich in
+keinerlei Gesch"afte mehr einzulassen.
+
+F"ur zweihundert Franken Jahre{\s}pacht mietete er nun in einem
+Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst"uck,
+halb Bauernhof, halb Herrenhau{\s}. Dahin zog er sich zur"uck,
+f"unfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig
+und mi"sg"unstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er
+sagte, wollte er in Frieden f"ur sich hinleben.
+
+Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter
+tausend Dem"utigungen starb ihre Liebe doch rettung{\s}lo{\s}.
+Ehedem heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm"ahlich (just
+wie sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m"urrisch, z"ankisch
+und nerv"o{\s} geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten,
+wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen
+her war und abend{\s} m"ude und nach Fusel stinkend au{\s}
+irgendwelcher Spelunke zu ihr nach Hau{\s} kam. Ihr Stolz hatte
+sich zun"achst m"achtig geregt, aber schlie"slich schwieg sie,
+w"urgte ihren Grimm in stummem Stoizi{\s}mu{\s} hinunter und
+beherrschte sich bi{\s} zu ihrem letzten St"undlein. Sie war
+unabl"assig t"atig und immer auf dem Posten. Sie war e{\s}, die zu
+den Anw"alten und Beh"orden ging. Sie wu"ste, wenn Wechsel f"allig
+waren; sie erwirkte ihre Verl"angerung. Sie machte alle
+Hau{\s}arbeiten, n"ahte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und
+f"uhrte die B"ucher, w"ahrend der Herr und Gebieter sich um
+nicht{\s} k"ummerte, au{\s} seinem Zustande grie{\s}gr"amlicher
+Schl"afrigkeit nicht herau{\s}kam und sich h"ochsten{\s} dazu
+ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am
+Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche.
+
+Al{\s} ein Kind zur Welt kam, mu"ste e{\s} einer Amme gegeben
+werden; und al{\s} e{\s} wieder zu Hause war, wurde da{\s}
+schw"achliche Gesch"opf grenzenlo{\s} verw"ohnt. Die Mutter
+n"ahrte e{\s} mit Zuckerzeug. Der Vater lie"s e{\s} barfu"s
+herumlaufen und meinte h"ochst weise obendrein, der Kleine k"onne
+eigentlich ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz
+zu den Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmte{\s}
+m"annliche{\s} Erziehung{\s}ideal in den Kopf gesetzt, nach
+welchem er seinen Sohn zu modeln sich M"uhe gab. Er sollte rauh
+angefa"st werden wie ein junger Spartaner, damit er sich t"uchtig
+abh"arte. Er mu"ste in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen
+ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den "`kirchlichen
+Klimbim"' schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur
+und widerstrebte allen diesen Bem"uhungen. Die Mutter schleppte
+ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren au{\s} und
+erz"ahlte ihm M"archen; sie unterhielt sich mit ihm in endlosen
+Selbstgespr"achen, die von schwerm"utiger Fr"ohlichkeit und
+wortreicher Z"artlichkeit "uberquollen. In ihrer Verlassenheit
+pflanzte sie in da{\s} Herz ihre{\s} Jungen alle ihre eigenen
+unerf"ullten und verlorenen Sehns"uchte. Im Traume sah sie ihn
+erwachsen, hochangesehen, sch"on, klug, al{\s} Beamten beim
+Stra"sen- und Br"uckenbau oder in einer Rat{\s}stellung. Sie
+lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier,
+da{\s} sie besa"s, da{\s} Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr
+Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu
+alledem, e{\s} sei blo"s schade um die M"uhe; sie h"atten doch
+niemal{\s} die Mittel, den Jungen auf eine h"ohere Schule zu
+schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch"aft zu kaufen. Zu wa{\s}
+auch? Dem Kecken geh"ore die Welt! Frau Bovary schwieg still, und
+der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den
+Feldarbeitern hinau{\s}, scheuchte die Kr"ahen auf, schmauste
+Beeren an den Rainen, h"utete mit einer Gerte die Truth"ahne und
+durchstreifte Wald und Flur. Wenn e{\s} regnete, spielte er unter
+dem Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen
+best"urmte er den Kirchendiener, die Glocken l"auten zu d"urfen.
+Dann h"angte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der
+gro"sen Glocke und lie"s sich mit emporziehen. So wuch{\s} er auf
+wie eine Lilie auf dem Felde, bekam kr"aftige Glieder und frische
+Farben.
+
+Al{\s} er zw"olf Jahre alt geworden war, setzte e{\s} seine Mutter
+durch, da"s er endlich etwa{\s} Gescheite{\s} lerne. Er bekam
+Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so
+unregelm"a"sig, da"s sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden
+statt, wenn der Geistliche einmal gar nicht{\s} ander{\s} zu tun
+hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen
+zwischen den Taufen und Begr"abnissen. Mitunter, wenn er keine
+Lust hatte au{\s}zugehen, lie"s der Pfarrer seinen Sch"uler nach
+dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa"sen dann oben im
+St"ubchen. M"ucken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber
+e{\s} war so warm drin, da"s der Junge schl"afrig wurde, und e{\s}
+dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die H"ande
+"uber dem Schmerbauche gefaltet. E{\s} kam auch vor, da"s der
+Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken in der
+Umgegend, dem er da{\s} Abendmahl gereicht hatte, den kleinen
+Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm
+eine viertelst"undige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit,
+ihn im Schatten eine{\s} Baume{\s} seine Lektion hersagen zu
+lassen. Entweder war e{\s} der Regen, der den Unterricht st"orte,
+oder irgendein Bekannter, der vor"uberging. "Ubrigen{\s} war der
+Lehrer durchweg mit seinem Sch"uler zufrieden, ja er meinte sogar,
+der "`junge Mann"' habe ein gar treffliche{\s} Ged"achtni{\s}.
+
+So konnte e{\s} nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und
+ihr Mann gab widerstand{\s}lo{\s} nach, vielleicht weil er sich
+selber sch"amte, wahrscheinlicher aber au{\s} Ohnmacht. Man wollte
+nur noch ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.
+
+Dar"uber hinau{\s} verstrich abermal{\s} ein halbe{\s} Jahr, dann
+aber wurde Karl wirklich auf da{\s} Gymnasium nach Rouen
+geschickt. Sein Vater brachte ihn selber hin. Da{\s} war Ende
+Oktober.
+
+Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch
+deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer
+Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den
+Arbeit{\s}stunden eifrig lernte, w"ahrend de{\s} Unterricht{\s}
+aufmerksam dasa"s, im Schlafsaal vorschrift{\s}m"a"sig schlief und
+bei den Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr au"serhalb
+der Schule war ein Eisengro"sh"andler in der Handschuhmachergasse,
+der aller vier Wochen einmal mit ihm au{\s}ging, an Sonntagen nach
+Ladenschlu"s. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die
+Schiffe und brachte ihn abend{\s} um sieben Uhr vor dem Abendessen
+wieder in da{\s} Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl
+mit roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer
+mit drei Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in
+seine Geschicht{\s}hefte, oder er la{\s} in einem alten Exemplar
+von Barthelemy{\s} "`Reise de{\s} jungen Anacharsi{\s}"', da{\s}
+im Arbeit{\s}saal herumlag. Bei Au{\s}fl"ugen plauderte er mit dem
+Pedell, der ebenfall{\s} vom Lande war.
+
+Durch seinen Flei"s gelang e{\s} ihm, sich immer in der Mitte der
+Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Prei{\s} in
+der Naturkunde. Aber gegen Ende de{\s} dritten Schuljahre{\s}
+nahmen ihn seine Eltern vom Gymnasium fort und lie"sen ihn Medizin
+studieren. Sie waren der festen Zuversicht, da"s er sich bi{\s}
+zum Staat{\s}examen schon durchw"urgen w"urde.
+
+Die Mutter mietete ihm ein St"ubchen, vier Stock hoch, nach der
+Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eine{\s} F"arber{\s}, eine{\s}
+alten Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen "uber die
+Verpflegung ihre{\s} Sohne{\s}, besorgte ein paar M"obelst"ucke,
+einen Tisch und zwei St"uhle, wozu sie von zu Hause noch eine
+Bettstelle au{\s} Kirschbaumholz kommen lie"s. De{\s} weiteren
+kaufte sie ein Kanonen"ofchen und einen kleinen Vorrat von Holz,
+damit ihr armer Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach
+reiste sie wieder heim, nachdem sie ihn tausend- und
+abertausendmal ermahnt hatte, ja h"ubsch flei"sig und solid zu
+bleiben, sintemal er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen sei.
+
+Vor dem Verzeichni{\s} der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette
+der medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten
+Augen und Ohren. Er la{\s} da von anatomischen und pathologischen
+Kursen, von Kollegien "uber Physiologie, Pharmazie, Chemie,
+Botanik, Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von
+praktischen "Ubungen usw. Alle diese vielen Namen, "uber deren
+Herkunft er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm
+wie geheimni{\s}volle Pforten in da{\s} Heiligtum der
+Wissenschaft.
+
+Er lernte gar nicht{\s}. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen
+war, er begriff nicht{\s}. Um so mehr b"uffelte er. Er schrieb
+flei"sig nach, vers"aumte kein Kolleg und fehlte in keiner "Ubung.
+Er erf"ullte sein t"agliche{\s} Arbeit{\s}pensum wie ein Gaul im
+Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu
+wissen, wa{\s} f"ur ein Gesch"aft er eigentlich verrichtet.
+
+Zu seiner pekuni"aren Unterst"utzung schickte ihm seine Mutter
+all\-w"ochentlich durch den Botenmann ein St"uck Kalb{\s}braten.
+Da{\s} war sein Fr"uh\-st"uck, wenn er au{\s} dem Krankenhause auf
+einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die
+Zeit nicht, denn er mu"ste al{\s}bald wieder in ein Kolleg oder
+zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von Stra"sen
+hindurch. Abend{\s} nahm er an der kargen Hauptmahlzeit seiner
+Wirt{\s}leute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und
+setzte sich an seine Lehrb"ucher, oft in nassen Kleidern, die ihm
+dann am Leibe bei der Rotglut de{\s} kleinen Ofen{\s} zu dampfen
+begannen.
+
+An sch"onen Sommerabenden, wenn die schw"ulen Gassen leer wurden
+und die Dienstm"adchen vor den Haust"uren Ball spielten, "offnete
+er sein Fenster und sah hinau{\s}. Unten flo"s der Flu"s vor"uber,
+der au{\s} diesem Viertel von Rouen ein h"a"sliche{\s}
+Klein-Venedig machte. Seine gelben, violett und blau schimmernden
+Wasser krochen tr"ag zu den Wehren und Br"ucken. Arbeiter kauerten
+am Ufer und wuschen sich die Arme in der Flut. An Stangen, die
+au{\s} Speichergiebeln lang hervorragten, trockneten B"undel von
+Baumwolle in der Luft. Gegen"uber, hinter den D"achern, leuchtete
+der weite klare Himmel mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich
+mu"ste e{\s} da drau"sen im Freien sein! Und dort im Buchenwald
+wie frisch! Karl holte tief Atem, um den k"ostlichen Duft der
+Felder einzusaugen, der doch gar nicht bi{\s} zu ihm drang.
+
+Er magerte ab und sah sehr schm"achtig au{\s}. Sein Gesicht bekam
+einen leidvollen Zug, der e{\s} beinahe interessant machte. Er
+ward tr"age, wa{\s} gar nicht zu verwundern war, und seinen guten
+Vors"atzen mehr und mehr untreu. Heute vers"aumte er die Klinik,
+morgen ein Kolleg, und allm"ahlich fand er Genu"s am Faulenzen und
+ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe
+und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer
+schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen
+auf einem Marmortische zu klappern, da{\s} d"unkte ihn der
+h"ochste Grad von Freiheit zu sein, und da{\s} st"arkte ihm sein
+Selbstbewu"stsein. E{\s} war ihm da{\s} so etwa{\s} wie der Anfang
+eine{\s} weltm"annischen Leben{\s}, diese{\s} Kosten verbotener
+Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu
+sinnlichem Vergn"ugen auf die T"urklinke. Eine Menge Dinge, die
+bi{\s} dahin in ihm unterdr"uckt worden waren, gewannen nunmehr
+Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer au{\s}wendig, die er
+gelegentlich zum besten gab. B\'eranger, der Freiheit{\s}s"anger,
+begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter
+Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er
+im medizinischen Staat{\s}examen gl"anzend durch.
+
+Man erwartete ihn am n"amlichen Abend zu Hau{\s}, wo sein Erfolg
+bei einem Schmau{\s} gefeiert werden sollte. Er machte sich zu
+Fu"s auf den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort
+lie"s er seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr
+alle{\s}. Sie entschuldigte ihn, schob den Mi"serfolg der
+Ungerechtigkeit der Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn
+ein wenig auf, indem sie ihm versprach, die Sache in{\s} Lot zu
+bringen. Erst volle f"unf Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die
+Wahrheit. Da war die Geschichte verj"ahrt, und so f"ugte er sich
+drein. "Ubrigen{\s} h"atte er e{\s} niemal{\s} zugegeben, da"s
+sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.
+
+Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich
+hart\-n"ackigst auf eine nochmalige Pr"ufung vor. Alle{\s}, wa{\s}
+er gefragt werden konnte, lernte er einfach au{\s}wendig. In der
+Tat bestand er da{\s} Examen nunmehr mit einer ziemlich guten
+Note. Seine Mutter erlebte einen Freudentag. E{\s} fand ein
+gro"se{\s} Festmahl statt.
+
+Wo sollte er seine "arztliche Praxi{\s} nun au{\s}"uben? In
+Toste{\s}. Dort gab e{\s} nur einen und zwar sehr alten Arzt.
+Mutter Bovary wartete schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum
+hatte der alte Herr da{\s} Zeitliche gesegnet, da lie"s sich Karl
+Bovary auch bereit{\s} al{\s} sein Nachfolger daselbst nieder.
+
+Aber nicht genug, da"s die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin
+studieren lassen und ihm eine Praxi{\s} au{\s}findig gemacht
+hatte: nun mu"ste er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der
+Witwe de{\s} Gericht{\s}vollzieher{\s} von Dieppe, die neben
+f"unfundvierzig J"ahrlein zw"olfhundert Franken Rente ihr eigen
+nannte. Obgleich sie h"a"slich war, d"urr wie eine Hopfenstange
+und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum Bl"uten hatte,
+fehlte e{\s} der Witwe Dubuc keine{\s}weg{\s} an Bewerbern. Um zu
+ihrem Ziele zu gelangen, mu"ste Mutter Bovary erst alle diese
+Nebenbuhler au{\s} dem Felde schlagen, wa{\s} sie sehr geschickt
+fertig brachte. Sie triumphierte sogar "uber einen
+Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit
+unterst"utzt wurde.
+
+Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich
+dadurch g"unstiger zu stellen. Er hoffte, pers"onlich wie
+pekuni"ar unabh"angiger zu werden. Aber Heloise nahm die Z"ugel in
+ihre H"ande. Sie drillte ihm ein, wa{\s} er vor den Leuten zu
+sagen habe und wa{\s} nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er
+durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten,
+die nicht bezahlten, mu"ste er auf ihren Befehl hin kujonieren.
+Sie erbrach seine Briefe, "uberwachte jeden Schritt, den er tat,
+und horchte an der T"ure, wenn weibliche Wesen in seiner
+Sprechstunde waren. Jeden Morgen mu"ste sie ihre Schokolade haben,
+und die R"ucksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende.
+Unaufh"orlich klagte sie "uber Migr"ane, Brustschmerzen oder
+Verdauung{\s}st"orungen. Wenn viel Leute durch den Hau{\s}flur
+liefen, ging e{\s} ihr auf die Nerven. War Karl au{\s}w"art{\s},
+dann fand sie die Einsamkeit gr"a"slich; kehrte er heim, so war
+e{\s} zweifello{\s} blo"s, weil er gedacht habe, sie liege im
+Sterben. Wenn er nacht{\s} in da{\s} Schlafzimmer kam, streckte
+sie ihm ihre mageren langen Arme au{\s} ihren Decken entgegen,
+umschlang seinen Hal{\s} und zog ihn auf den Rand ihre{\s}
+Bette{\s}. Und nun ging die Jeremiade lo{\s}. Er vernachl"assige
+sie, er liebe eine andre! Man habe e{\s} ihr ja gleich gesagt,
+diese Heirat sei ihr Ungl"uck. Schlie"slich bat sie ihn um einen
+L"offel Arznei, damit sie gesund werde, und um ein bi"schen mehr
+Liebe.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Einmal nacht{\s} gegen elf Uhr wurde da{\s} Ehepaar durch da{\s}
+Getrappel eine{\s} Pferde{\s} geweckt, da{\s} gerade vor der
+Haust"ure zum Stehen kam. Anastasia, da{\s} Dienstm"adchen,
+klappte ihr Bodenfenster auf und verhandelte eine Weile mit einem
+Manne, der unten auf der Stra"se stand. Er wolle den Arzt holen.
+Er habe einen Brief an ihn.
+
+Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
+auf, einen und dann den andern. Der Bote lie"s sein Pferd stehen,
+folgte dem M"adchen und betrat ohne weitere{\s} da{\s}
+Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K"appi, an dem eine graue
+Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war,
+und "uberreicht ihn dem Arzt mit h"oflicher Geb"arde. Der richtete
+sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht
+daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich
+versch"amt der Wand zu und zeigte den R"ucken.
+
+In dem Briefe, den ein niedliche{\s} blaue{\s} Siegel verschlo"s,
+wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz"uglich nach dem
+Pachtgut Le{\s} Bertaux zu kommen, ein gebrochene{\s} Bein zu
+behandeln. Nun braucht man von Toste{\s} "uber Longueville und
+Sankt Victor bi{\s} Bertaux zu Fu"s sech{\s} gute Stunden. Die
+Nacht war stockfinster. Frau Bovary sprach die Bef"urchtung
+au{\s}, e{\s} k"onne ihrem Manne etwa{\s} zusto"sen. Infolgedessen
+ward beschlossen, da"s der Stallknecht vorau{\s}reiten, Karl aber
+erst drei Stunden sp"ater, nach Mondaufgang, folgen solle. Man
+w"urde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute
+zeige und ihm den Hof aufschl"osse.
+
+Fr"uh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
+geh"ullt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen
+"uberlie"s er sich dem Zotteltrab seine{\s} Gaule{\s}. Wenn dieser
+von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hinderni{\s} zum
+Halten parierte, wurde der Reiter jede{\s}mal wach, erinnerte sich
+de{\s} gebrochnen Beine{\s} und begann in seinem Ged"achtnisse
+alle{\s} au{\s}zukramen, wa{\s} er von Knochenbr"uchen wu"ste.
+
+Der Regen h"orte auf. E{\s} d"ammerte. Auf den laublosen "Asten
+der Apfelb"aume hockten regung{\s}lose V"ogel, da{\s} Gefieder ob
+de{\s} k"uhlen Morgenwinde{\s} gestr"aubt. So weit da{\s} Auge
+sah, dehnte sich flache{\s} Land. Auf dieser endlosen grauen
+Fl"ache hoben sich hie und da in gro"sen Zwischenr"aumen
+tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit de{\s} Himmel{\s}
+tr"uben Farben zusammenflossen; da{\s} waren Baumgruppen um G"uter
+und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri"s Karl seine Augen auf,
+bi{\s} ihn die M"udigkeit von neuem "uberw"altigte und der Schlaf
+von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, in
+dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so
+da"s er ein Doppelleben f"uhrte. Er war noch Student und
+gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n"amlichen Moment glaubte
+er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den
+Operation{\s}saal zu schreiten. Der Geruch von hei"sen Umschl"agen
+mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte de{\s}
+Morgentau{\s}. Dazu h"orte er, wie die Messingringe an den Stangen
+der Bettvorh"ange klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete~...
+
+Al{\s} er durch da{\s} Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen
+Jungen, der am Rande de{\s} Stra"sengraben{\s} im Grase sa"s.
+
+"`Sind Sie der Herr Doktor?"'
+
+Al{\s} Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine
+Holzpantoffeln in die H"ande und begann vor dem Pferde
+herzurennen. Unterweg{\s} h"orte Bovary au{\s} den Reden seine{\s}
+F"uhrer{\s} herau{\s}, da"s Herr Rouault, der Patient, der ihn
+erwartete, einer der wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich
+am vergangenen Abend auf dem Heimwege von einem Nachbar, wo man
+da{\s} Dreik"onig{\s}fest gefeiert hatte, ein Bein gebrochen.
+Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz allein mit
+"`dem gn"adigen Fr"aulein"', da{\s} ihm den Hau{\s}halt f"uhrte.
+
+Die Radfurchen wurden tiefer. Man n"aherte sich dem Gute.
+Pl"otzlich verschwand der Junge in der L"ucke einer Gartenhecke,
+um hinter der Mauer eine{\s} Vorhofe{\s} wieder aufzutauchen, wo
+er ein gro"se{\s} Tor "offnete. Da{\s} Pferd trat in nasse{\s}
+rutschige{\s} Gra{\s}, und Karl mu"ste sich ducken, um nicht vom
+Baumgezweig au{\s} dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren
+au{\s} ihren H"utten, schlugen an und rasselten an den Ketten.
+Al{\s} der Arzt in den eigentlichen Gut{\s}hof einritt, scheute
+der Gaul und machte einen gro"sen Satz zur Seite.
+
+Da{\s} Pachtgut Bertaux war ein ansehnliche{\s} Besitztum. Durch
+die offenstehenden T"uren konnte man in die St"alle blicken, wo
+kr"aftige Ackerg"aule gem"achlich au{\s} blanken Raufen ihr Heu
+kauten. L"ang{\s} der Wirtschaft{\s}geb"aude zog sich ein
+dampfender Misthaufen hin. Unter den H"uhnern und Truth"ahnen
+machten sich f"unf bi{\s} sech{\s} Pfauen mausig, der Stolz der
+G"uter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch und
+ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro"se
+Leiterwagen und vier Pfl"uge, dazu die n"otigen Pferdegeschirre,
+Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilach{\s} au{\s} Schafwolle
+hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornb"oden
+heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwa{\s}
+anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B"aume bepflanzt.
+Vom T"umpel her erscholl da{\s} fr"ohliche Geschnatter der G"anse.
+
+An der Schwelle de{\s} Hause{\s} erschien ein junge{\s}
+Frauenzimmer in einem mit drei Volant{\s} besetzten blauen
+Merinokleide und begr"u"ste den Arzt. Er wurde nach der K"uche
+gef"uhrt, wo ein t"uchtige{\s} Feuer brannte. Auf dem Herde kochte
+in kleinen T"opfen von verschiedener Form da{\s} Fr"uhst"uck
+de{\s} Gesinde{\s}. Oben im Rauchfang hingen na"sgewordene
+Kleidung{\s}st"ucke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und
+Blasebalg, alle miteinander von riesiger Gr"o"se, funkelten wie
+von blankem Stahl, w"ahrend l"ang{\s} der W"ande eine Unmenge
+K"uchenger"at hing, "uber dem die helle Herdflamme um die Wette
+mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
+Morgensonne spielte und glitzerte.
+
+Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
+Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
+Nachtm"utze hatte er in die Stube geschleudert. E{\s} war ein
+st"ammiger kleiner Mann, ein F"unfziger, mit wei"sem Haar, blauen
+Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
+Stuhle stand eine gro"se Karaffe voll Branntwein, au{\s} der er
+sich von Zeit zu Zeit ein Gl"a{\s}chen einschenkte, um "`Mumm in
+die Knochen zu kriegen"'. Angesicht{\s} de{\s} Arzte{\s} legte
+sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern -- wa{\s} er
+seit zw"olf Stunden getan hatte -- fing er nunmehr an zu "achzen
+und zu st"ohnen.
+
+Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h"atte sich
+einen leichteren Fall nicht zu w"unschen gewagt. Al{\s}bald
+erinnerte er sich der Al"l"uren, die seine Lehrmeister an den
+Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem
+Patienten ein reichliche{\s} Ma"s der "ublichen guten Worte,
+jene{\s} Chirurgenbalsam{\s}, der an da{\s} "Ol gemahnt, mit dem
+die Seziermesser eingefettet werden. Er lie"s sich au{\s} dem
+Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu
+bekommen. Von den gebrachten St"ucken w"ahlte er ein{\s} au{\s},
+schnitt die Schienen darau{\s} zurecht und gl"attete sie mit einer
+Gla{\s}scherbe. W"ahrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her,
+und Fr"aulein Emma, die Tochter de{\s} Hause{\s}, versuchte
+Polster anzufertigen. Al{\s} sie ihren N"ahkasten nicht gleich
+fand, polterte der Vater lo{\s}. Sie sagte kein Wort. Aber beim
+N"ahen stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog
+da{\s} Blut au{\s}.
+
+Karl war erstaunt, wa{\s} f"ur blendendwei"se N"agel sie hatte.
+Sie waren mandelf"ormig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
+schimmerten sie wie da{\s} feinste Elfenbein. Ihre H"ande freilich
+waren nicht gerade sch"on, vielleicht nicht wei"s genug und ein
+wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
+nicht besonder{\s} weich und in ihren Linien ungrazi"o{\s}. Wa{\s}
+jedoch sch"on an ihr war, da{\s} waren ihre Augen. Sie waren
+braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz au{\s}, und
+ihr offener Blick traf die Menschen mit der K"uhnheit der
+Unschuld.
+
+Al{\s} der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
+"`einen Bissen zu essen"', ehe er wieder aufbr"ache. Karl ward in
+da{\s} E"szimmer gef"uhrt, da{\s} zu ebener Erde lag. Auf einem
+kleinen Tische war f"ur zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken
+blinkten silberne Becher. Au{\s} dem gro"sen Eichenschranke,
+gegen"uber dem Fenster, str"omte Geruch von Iri{\s} und feuchtem
+Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere
+S"acke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen
+Platz gefunden, zu der drei Steinstufen hinauff"uhrten. In der
+Mitte der Wand, deren gr"uner Anstrich sich stellenweise
+abbl"atterte, hing in einem vergoldeten Rahmen eine
+Bleistift\/zeichnung: der Kopf einer Minerva. In schn"orkeliger
+Schrift stand darunter geschrieben. "`Meinem lieben Vater!"'
+
+Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
+Frost, von den W"olfen, die nacht{\s} die Umgegend unsicher
+machen. Fr"aulein Rouault schw"armte gar nicht besonder{\s} von
+dem Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der
+Gut{\s}wirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da e{\s} im Zimmer
+kalt war, fr"ostelte sie w"ahrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen
+fielen ihre vollen Lippen etwa{\s} auf. Wenn da{\s} Gespr"ach
+stockte, pflegte sie mit den Oberz"ahnen auf die Unterlippe zu
+bei"sen.
+
+Ihr Hal{\s} wuch{\s} au{\s} einem wei"sen Umlegekragen herau{\s}.
+Ihr schwarze{\s}, hinten zu einem reichen Knoten vereinte{\s} Haar
+war in der Mitte gescheitelt; beide H"alften lagen so glatt auf
+dem Kopfe, da"s sie wie zwei Fl"ugel au{\s} je einem St"ucke
+au{\s}sahen und kaum die Ohrl"appchen blicken lie"sen. "Uber den
+Schl"afen war da{\s} Haar gewellt, wa{\s} der Landarzt noch nie in
+seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei
+Kn"opfen ihrer Taille lugte -- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon
+au{\s} Schildpatt hervor.
+
+Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
+trat er nochmal{\s} in da{\s} E"szimmer. Er fand Emma am Fenster
+stehend, die Stirn an die Scheiben gedr"uckt. Sie schaute in den
+Garten hinau{\s}, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte.
+Sich umwendend, fragte sie:
+
+"`Suchen Sie etwa{\s}?"'
+
+"`Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!"'
+
+Er fing an zu suchen, hinter den T"uren und unter den St"uhlen.
+Der Stock war auf den Fu"sboden gefallen, gerade zwischen die
+S"acke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Al{\s} sie sich "uber die
+S"acke beugte, wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen
+Arm in der n"amlichen Absicht wie sie au{\s}streckte, ber"uhrte
+seine Brust den geb"uckten R"ucken de{\s} jungen M"adchen{\s}. Sie
+f"uhlten e{\s} beide. Emma fuhr rasch in die H"ohe. Ganz rot
+geworden, sah sie ihn "uber die Schulter weg an, indem sie ihm
+seinen Reitstock reichte.
+
+Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
+dessen war er bereit{\s} am n"achsten Tag zur Stelle, und von da
+ab kam er regelm"a"sig zweimal in der Woche, ungerechnet die
+gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
+"`zuf"allig in der Gegend"' war. "Ubrigen{\s} ging alle{\s}
+vorz"uglich; die Heilung verlief regelrecht, und al{\s} man nach
+sech{\s} und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in
+Hau{\s} und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen
+Gegend den Ruf einer Kapazit"at erworben. Der alte Herr meinte,
+besser h"atten ihn die ersten "Arzte von Yvetot oder selbst von
+Rouen auch nicht kurieren k"onnen.
+
+Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
+nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar"uber
+nachgesonnen h"atte, so w"urde er den Beweggrund seine{\s}
+Eifer{\s} zweifello{\s} in die Wichtigkeit de{\s} Falle{\s} oder
+vielleicht in da{\s} in Au{\s}sicht stehende hohe Honorar gelegt
+haben. Waren die{\s} aber wirklich die Gr"unde, die ihm seine
+Besuche de{\s} Pachthofe{\s} zu k"ostlichen Abwechselungen in dem
+armseligen Einerlei seine{\s} t"atigen Leben{\s} machten? An
+solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und lie"s den
+Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz vor seinem
+Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit Gra{\s}
+zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und
+so ritt er kreuzvergn"ugt in den Gut{\s}hof ein. E{\s} war ihm ein
+Wonnegef"uhl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl"ugel
+de{\s} Hoftore{\s} anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr"ahen zu
+h"oren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte die
+Scheune und die St"alle; er liebte den Papa Rouault, der ihm so
+treuherzig die Hand sch"uttelte und ihn seinen Leben{\s}retter
+nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln de{\s}
+Gut{\s}fr"aulein{\s}, die auf den immer sauber gescheuerten
+Fliesen der K"uche so allerliebst schl"urften und klapperten. In
+diesen Schuhen sah Emma viel gr"o"ser au{\s} denn sonst. Wenn Karl
+wieder ging, gab sie ihm jede{\s}mal da{\s} Geleit bi{\s} zur
+ersten Stufe der Freitreppe. War sein Pferd noch nicht
+vorgef"uhrt, dann wartete sie mit. Sie hatten schon Abschied
+voneinander genommen, und so sprachen sie nicht mehr. Wenn e{\s}
+sehr windig war, kam ihr flaumige{\s} Haar im Nacken in wehenden
+Wirrwarr, oder die Sch"urzenb"ander begannen ihr um die H"uften zu
+flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B"aume rann
+Wasser in den Hof hinab, und auf den D"achern der Geb"aude schmolz
+aller Schnee. Emma war bereit{\s} auf der Schwelle, da ging sie
+wieder in{\s} Hau{\s}, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn
+auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue Seide
+und tupften tanzende Reflexe auf die wei"se Haut ihre{\s}
+Gesicht{\s}. Da{\s} gab ein so warme{\s} und wohlige{\s} Gef"uhl,
+da"s Emma l"achelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf da{\s}
+Schirmdach, laut vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer~...
+
+Im Anfang hatte Frau Bovary h"aufig nach Herrn Rouault und seiner
+Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f"ur ihn in
+ihrer doppelten Buchf"uhrung ein besondre{\s} Konto einzurichten.
+Al{\s} sie aber vernahm, da"s er eine Tochter hatte, zog sie
+n"ahere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da"s Fr"aulein
+Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war,
+sozusagen also "`eine feine Erziehung genossen"' hatte, da"s sie
+infolgedessen Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen,
+Sticken und Klavierspielen haben mu"ste. Da{\s} ging ihr "uber die
+Hutschnur, wie man zu sagen pflegt.
+
+"`Also darum!"' sagte sie sich. "`Darum also lacht ihm da{\s}
+ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue
+Weste an, gleichg"ultig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh
+diese{\s} Weib, diese{\s} Weib!"'
+
+Instinktiv ha"ste sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G"ute in
+allerhand Anspielungen. Karl verstand da{\s} nicht. Darauf
+versuchte sie e{\s} mit anz"uglichen Bemerkungen, die er au{\s}
+Angst vor einer h"au{\s}lichen Szene "uber sich ergehen lie"s.
+Schlie"slich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu"ste nicht, wa{\s}
+er sagen sollte. We{\s}halb renne er denn ewig nach Bertaux, wo
+doch der Alte l"angst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch
+nicht berappt habe? Na freilich, weil e{\s} da "`eine Person"'
+g"abe, die fein zu schwatzen verst"unde, ein Weib{\s}bild, da{\s}
+sticken k"onne und weiter nicht{\s}, ein Blaustrumpf! In die sei
+er verschossen! Ein Stadtd"amchen, da{\s} sei ihm ein
+gefundene{\s} Fressen.
+
+"`Bl"odsinn!"' polterte sie weiter. "`Die Tochter de{\s} alten
+Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Gro"svater hat noch
+die Schafe geh"utet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den
+Staat{\s}anwalt gekommen, weil er bei einem Streite jemanden
+halbtot gedroschen hat! So wa{\s} hat gar keinen Anla"s, sich
+wa{\s} Besonder{\s} einzubilden und Sonntag{\s} aufgedonnert in
+die Kirche zu schw"anzeln, in seidnen Kleidern wie eine
+Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen
+Jahre die Rap{\s}ernte nicht so unversch"amt gut au{\s}gefallen
+w"are, h"atte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
+k"onnen!"'
+
+Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
+ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr"anen und K"ussen
+und unter tausend Z"artlichkeiten auf ihr Me"sbuch schw"oren
+lassen, nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner
+heimlichen Sehnsucht war er k"uhner; da war er emp"ort "uber seine
+tats"achliche eigne Feigheit. Und in naivem Machiavelli{\s}mu{\s}
+sagte er sich, gerade ob diese{\s} Verbot{\s} habe er ein Recht
+auf seine Liebe. Wa{\s} war die ehemalige Witwe auch f"ur ein
+Weib: sie war spindeld"urr und hatte h"a"sliche Z"ahne; Sommer wie
+Winter trug sie denselben schwarzen Schal mit dem "uber den
+R"ucken herabh"angenden langen Zipfel; ihre steife Figur stak in
+den immer zu kurzen Kleidern wie in einem Futteral, und wa{\s}
+f"ur plumpe Schuhe trug sie "uber ihren grauen Str"umpfen.
+
+Karl{\s} Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde e{\s}
+noch schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Da{\s}
+viele Essen bek"ame ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer
+gleich ein Gla{\s} Wein vorsetze? Und e{\s} sei blo"s
+Dickk"opfigkeit von ihm, keine Flanellw"asche zu tragen.
+
+Zu Beginn de{\s} Fr"uhling{\s} begab e{\s} sich, da"s der
+Verm"ogen{\s}verwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in
+Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern "uber{\s} Meer
+da{\s} Weite suchte. Nun besa"s sie allerding{\s} au"serdem einen
+Schiff{\s}anteil in der H"ohe von sechstausend Franken und ein
+Hau{\s} in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen
+Besitzt"umern hatte man nie etwa{\s} Ordentliche{\s} zu sehen
+bekommen. Die Witwe hatte nicht{\s} mit in die Ehe gebracht al{\s}
+ein paar M"obel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
+auf den Grund, und da stellte sich denn herau{\s}, da"s
+besagte{\s} Hau{\s} bi{\s} an die Feueresse mit Hypotheken
+belastet, da"s kein Mensch wu"ste, wieviel Geld wirklich mit dem
+Notar zum Teufel gegangen, und da"s die Schiff{\s}hypothek keine
+tausend Taler wert war. Folglich hatte die liebe Frau Heloise
+geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary einen Stuhl gegen
+die Wand, da"s er in tausend St"ucke ging, und machte seiner Frau
+den Vorwurf, sie habe den Jungen in da{\s} Ungl"uck gest"urzt und
+ihn mit einer alten Kracke eingespannt, die de{\s} Futter{\s}
+nicht einmal mehr wert sei.
+
+Sie fuhren nach Toste{\s}. E{\s} kam zu einer Au{\s}einandersetzung
+und zu heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme
+ihre{\s} Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegen"uber in
+Schutz zu nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen.
+Aber da{\s} nahmen ihm die Alten "ubel. Sie reisten ab.
+
+Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
+darnach, al{\s} sie dabei war, W"asche im Hofe aufzuh"angen, bekam
+sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
+
+Al{\s} Karl vom Friedhofe zur"uckkam, fand er im Erdgescho"s
+keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in da{\s}
+Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisen{\s},
+der am Bette hing. Er lehnte sich gegen da{\s} Schreibpult und
+blieb da hocken, bi{\s} e{\s} dunkel wurde, in schmerzliche
+Tr"aumereien versunken. Alle{\s} in allem hatte sie ihn doch
+geliebt~...
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine{\s} Vormittag{\s} erschien Vater Rouault und brachte da{\s}
+Honorar f"ur den behandelten Beinbruch: f"unfundsiebzig Franken in
+blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karl{\s} Ungl"uck
+erfahren und tr"ostete ihn, so gut er konnte.
+
+"`Ich wei"s, wie einem da zumute ist!"' sagte er, indem er dem
+Witwer auf die Schulter klopfte. "`Hab{\s} ja selber mal
+durchgemacht, ganz so wie Sie! Al{\s} ich meine Selige begraben
+hatte, da lief ich hinau{\s} in{\s} Freie, um allein f"ur mich zu
+sein. Ich warf mich im Walde hin und weinte mich au{\s}. Fing an,
+mit dem lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d"ummsten
+Vorw"urfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf
+h"angen, dem der Bauch von W"urmern wimmelte. Ich beneidete den
+Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da"s im selben Augenblicke
+andre M"anner mit ihren netten kleinen Frauen zusammen waren und
+sie an sich dr"uckten, schlug ich mit meinem Stocke wild um mich.
+E{\s} war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit mir. Ich a"s nicht
+mehr. Der blo"se Gedanke, in ein Kaffeehau{\s} zu gehn, ekelte
+mich an. Glauben Sie mir da{\s}! Na, und so nach und nach im Gang
+der Zeiten, wie so der Fr"uhling dem Winter und der Herbst dem
+Sommer folgte, da ging{\s} ein{\s}, zwei, drei, und weg war der
+Jammer! Weg! Hinunter! Da{\s} ist da{\s} richtige Wort: hinunter!
+Denn ganz kriegt man ja so wa{\s} im ganzen Leben nicht lo{\s}. Da
+tief drinnen in der Brust bleibt immer wa{\s} stecken. Aber Luft
+kriegt man wieder! Sehen Sie, da{\s} ist nun einmal unser aller
+Schicksal, und de{\s}halb darf man nicht gleich die Flinte in{\s}
+Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
+sind. Auch Sie m"ussen sich aufrappeln, Herr Bovary! E{\s} geht
+alle{\s} vor"uber! Besuchen Sie un{\s}! Sie wissen ja, meine Emma
+denkt oft an Sie. Sie h"atten un{\s} vergessen, meint sie. E{\s}
+wird nun Fr"uhling. Zerstreuen Sie sich ein bi"schen bei un{\s}.
+Schie"sen Sie ein paar Karnickel auf meinem Revier!"'
+
+Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
+alle{\s} wie einst, da{\s} hei"st wie vor f"unf Monaten. Die
+Birnb"aume hatten schon Bl"uten, und der treffliche Vater Rouault
+war wieder mord{\s}gesund und von fr"uh bi{\s} abend auf den
+Beinen. Und im ganzen Gut war m"achtiger Betrieb.
+
+E{\s} war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
+R"ucksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sich{\s} so
+bequem wie nur m"oglich zu machen, sprach im Fl"ustertone mit ihm
+wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au"ser sich, wenn
+man de{\s} Gaste{\s} wegen nicht, wie befohlen, die
+leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel
+feine Eierspeisen oder ged"unstete Birnen. Er erz"ahlte Anekdoten
+und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir
+einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich.
+Der Kaffee ward gebracht, und da verga"s er sie wieder.
+
+Je mehr er sich an sein Witwertum gew"ohnte, um so weniger
+gedachte er der Verstorbenen. Da{\s} angenehme, ihm neue
+Bewu"stsein, unabh"angig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald
+ertr"aglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber
+bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft dar"uber
+geben zu m"ussen, und wenn er m"ude war, alle vier von sich
+strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er hegte und
+pflegte sich und lie"s alle Tr"ostungen "uber sich ergehen.
+"Ubrigen{\s} hatte der Tod seiner Frau keine ung"unstige Wirkung
+auf seinen Beruf al{\s} Arzt. Indem man wochenlang in einem fort
+sagte: "`Der arme Doktor. Wie traurig!"' blieb sein Name im Munde
+der Leute. Seine Praxi{\s} vergr"o"serte sich. Und dann konnte er
+nun nach Bertaux reiten, wann e{\s} ihm beliebte. Eine
+unbestimmbare Sehnsucht wuch{\s} in ihm auf, ein namenlose{\s}
+Gl"uck{\s}gef"uhl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich
+den Bart strich, fand er sich gar nicht "ubel.
+
+Eine{\s} sch"onen Tage{\s} kam er nachmittag{\s} gegen drei Uhr im
+Gute angeritten. Alle{\s} war drau"sen auf dem Felde. Er betrat
+die K"uche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun"achst
+nicht. Die Fensterl"aden waren geschlossen. Durch die Ritzen
+de{\s} Holze{\s} stachen die Sonnenstrahlen mit langen d"unnen
+Nadeln auf die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der
+M"obel ent\/zwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem
+K"uchentische krabbelten Fliegen an den Gl"asern hinauf, purzelten
+summend in die Apfelweinneigen und ertranken. Da{\s} Sonnenlicht,
+da{\s} durch den Kamin eindrang, verwandelte die ru"sige
+Herdplatte in eine Samtfl"ache und f"arbte den Aschehaufen blau.
+Emma sa"s zwischen dem Fenster und dem Herd und n"ahte. Sie hatte
+kein Hal{\s}tuch um, und auf ihren entbl"o"sten Schultern
+gl"anzten kleine Schwei"sperlen.
+
+Nach l"andlichem Brauch bot sie dem Ank"ommling einen Trunk an.
+Al{\s} er ihn au{\s}schlug, n"otigte sie ihn, und schlie"slich bat
+sie ihn lachend, ein Gl"a{\s}chen Lik"or mit ihr zu trinken. Sie
+holte au{\s} dem Schranke eine Flasche Cura\c{c}ao, suchte zwei
+Gl"aser herau{\s}, f"ullte da{\s} eine bi{\s} zum Rande und go"s
+in da{\s} andre ein paar Tropfen. Sie stie"s mit Karl an und
+f"uhrte dann ihr Gla{\s} zum Munde. Da soviel wie nicht{\s} drin
+war, mu"ste sie sich beim Trinken zur"uckbiegen. Den Kopf nach
+hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hal{\s} gestrafft, so
+stand sie da und lachte dar"uber, da"s ihr nicht{\s} auf die Zunge
+lief, obgleich diese mit der Spitze au{\s} den feinen Z"ahnen
+herau{\s}spazierte und bi{\s} an den Boden de{\s} Glase{\s}
+mehreremal{\s} suchend vorstie"s.
+
+Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
+zu widmen. Ein wei"ser baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
+gesenkter Stirn sa"s sie da. Sie sagte nicht{\s} und Karl erst
+recht nicht{\s}. Der Luft\/zug, der sich zwischen T"ur und Schwelle
+eindr"angte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl
+sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h"orte er nicht{\s} al{\s}
+da{\s} H"ammern seine{\s} Blute{\s} im eignen Hirne und au{\s} der
+Ferne da{\s} Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei
+gelegt hatte. Hin und wieder hielt Emma die Handfl"achen ihrer
+H"ande auf den kalten Knauf der Herdstange und pre"ste sie dann an
+ihre Wangen, um diese zu k"uhlen.
+
+Sie klagte "uber die Schwindelanf"alle, von denen sie seit
+Fr"uhjahr{\s}anfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
+Seeb"ader dienlich w"aren. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
+im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
+ein Gespr"ach. Sie f"uhrte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
+Notenhefte von damal{\s} und die niedlichen B"ucher, die sie
+al{\s} Schulpr"amien bekommen hatte, und die Eichenlaubkr"anze,
+die im untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erz"ahlte
+sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im
+Garten da{\s} Beet, wo die Blumen w"uchsen, die sie der Toten
+jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der G"artner, den sie
+hatten, verst"unde nicht{\s}. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr
+Wunsch w"are e{\s}, wenigsten{\s} w"ahrend der Wintermonate in der
+Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, an den langen
+Sommertagen sei da{\s} Leben auf dem Lande noch langweiliger. Und
+je nachdem, wa{\s} sie sagte, klang ihre Stimme hell oder scharf;
+oder sie nahm pl"otzlich einen matten Ton an, und wenn sie wie mit
+sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz ander{\s}, wie
+fl"usternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte gro"se
+unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider zur
+H"alfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahm{\s}lo{\s} und
+traumverloren au{\s}.
+
+Abend{\s} auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alle{\s}, wa{\s}
+sie geredet hatte, bi{\s} in{\s} einzelne, und versuchte den
+vollen Sinn ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine
+Vorstellung von der Existenz schaffen, die Emma gef"uhrt, ehe er
+sie kennen gelernt hatte. Aber e{\s} gelang ihm nicht, sie in
+seinen Gedanken ander{\s} zu erschauen al{\s} so, wie sie
+au{\s}gesehen hatte, al{\s} er sie zum ersten Male erblickt, oder
+so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte er sich,
+wie e{\s} wohl w"urde, wenn sie sich verheiratete, aber mit wem?
+Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so sch"on!
+
+Und immer wieder sah er Emma{\s} Gesicht vor seinen geistigen
+Augen, und eine Art eint"onige Melodie summte ihm durch die Ohren
+wie da{\s} Surren eine{\s} Kreisel{\s}: "`Emma, wenn du dich
+verheiratetest! Wenn du dich nun verheiratetest!"' In der Nacht
+konnte er keinen Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie
+zugeschn"urt. Er versp"urte Durst, stand auf, trank ein Gla{\s}
+Wasser und machte da{\s} Fenster auf. Der Himmel stand voller
+Sterne. Der laue Nachtwind strich in da{\s} Zimmer. Fern bellten
+Hunde. Er wandte den Blick in die R"otung nach Bertaux.
+
+Endlich kam er auf den Gedanken, da"s e{\s} den Hal{\s} nicht
+kosten k"onne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten
+Gelegenheit um Emma{\s} Hand zu bitten. Aber sooft sich diese
+Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte
+nicht "uber die Lippen. Vater Rouault h"atte l"angst nicht{\s}
+dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt h"atte. Im
+Grunde n"utzte sie ihm in Hau{\s} und Hof nicht viel. Er machte
+ihr keinen Vorwurf darau{\s}: sie war eben f"ur die Landwirtschaft
+zu geweckt. "`Ein gottverdammte{\s} Gewerbe!"' pflegte er zu
+schimpfen. "`Da{\s} hat auch noch keinen zum Million"ar gemacht!"'
+Ihm hatte e{\s} in der Tat keine Reicht"umer gebracht; im
+Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch auf den
+M"arkten zu seinem Stolz al{\s} gerissener Kerl bekannt war, so
+war er eigentlich doch f"ur Ackerbau und Viehzucht durchau{\s}
+nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
+gern die H"ande au{\s} den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe
+war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
+warmen Ofen und au{\s}giebigen Schlaf. Ein gute{\s} Gla{\s}
+Landwein, ein halb durchgebratene{\s} Hammelkotelett und ein
+T"a"schen Mokka mit Kognak geh"orten zu den Idealen seine{\s}
+Leben{\s}. Er nahm seine Mahlzeiten in der K"uche ein und zwar
+allein f"ur sich, in der N"ahe de{\s} Herdfeuer{\s} an einem
+kleinen Tische, der ihm -- wie auf der B"uhne -- fix und fertig
+gedeckt hereingebracht werden mu"ste.
+
+Al{\s} er die Entdeckung machte, da"s Karl einen roten Kopf bekam,
+wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da"s fr"uher oder
+sp"ater ein Heirat{\s}antrag zu erwarten war. Alsobald "uberlegte
+er sich die Geschichte. Besonder{\s} schneidig sah ja Karl Bovary
+nicht gerade au{\s}, und Rouault hatte sich ehedem seinen
+k"unftigen Schwiegersohn ein bi"schen ander{\s} gedacht, aber er
+war doch al{\s} anst"andiger Kerl bekannt, sparsam und t"uchtig in
+seinem Berufe. Und zweifello{\s} w"urde er wegen der Mitgift nicht
+lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge gro"ser
+Au{\s}gaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er sich
+gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu
+verkaufen. Die Kelter mu"ste auch erneuert werden. Und so sagte er
+sich: "`Wenn er um Emma anh"alt, soll er sie kriegen!"'
+
+Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
+und Stunde auf Stunde, ohne da"s Karl{\s} Wille zur Tat ward.
+Rouault gab ihm ein kleine{\s} St"uck Weg{\s} da{\s} Geleite; am
+Ende de{\s} Hohlweg{\s} vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem
+Gaste zu verabschieden. Da{\s} war also der Moment! Karl nahm sich
+noch Zeit bi{\s} zuallerletzt. Erst al{\s} die Hecke hinter ihnen
+lag, stotterte er lo{\s}:
+
+"`Verehrter Herr Rouault, ich m"ochte Ihnen gern etwa{\s} sagen!"'
+
+Weiter brachte er nicht{\s} herau{\s}. Die beiden M"anner blieben
+stehen.
+
+"`Na, rau{\s} mit der Sprache! Ich kann mir{\s} schon denken!"'
+Rouault lachte gem"utlich.
+
+"`Vater Rouault! Vater Rouault!"' stammelte Karl.
+
+"`Meinen Segen sollen Sie haben!"' fuhr der Gut{\s}p"achter fort.
+"`Meine Kleine denkt gewi"s nicht ander{\s} al{\s} ich, aber
+gefragt werden mu"s sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde
+sie gleich mal in{\s} Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, --
+wohlverstanden! -- brauchen Sie jedoch nicht umzukehren. Wegen der
+Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein bi"schen beruhigen
+soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut schwitzen, will ich Ihnen
+ein Zeichen geben: ich werde einen Fensterladen gegen die Mauer
+klappen lassen. Wenn Sie da oben "uber die Hecke gucken, k"onnen
+Sie da{\s} ungesehen beobachten!"'
+
+Damit ging er.
+
+Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B"oschung
+hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
+Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
+Da gab e{\s} mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der
+Laden blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
+
+Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde
+"uber und "uber rot, al{\s} sie ihn sah. Sie l"achelte gezwungen
+ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen
+k"unftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der gesch"aftlichen
+Punkte wurde verschoben. "Ubrigen{\s} war noch viel Zeit dazu, da
+die Hochzeit anstand{\s}halber vor Ablauf von Karl{\s} Trauerjahr
+nicht stattfinden konnte, da{\s} hie"s, nicht vor dem n"achsten
+Fr"uhjahr.
+
+In dieser Erwartung verging der Winter. Fr"aulein Rouault
+besch"aftigte sich mit ihrer Au{\s}steuer. Ein Teil davon wurde in
+Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
+die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
+da{\s} Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeit{\s}feier.
+E{\s} wurde "uberlegt, in welchem Raume da{\s} Festmahl
+stattfinden, wieviel Platten und Sch"usseln auf die Tafel kommen
+und wa{\s} f"ur Vorspeisen e{\s} geben solle.
+
+Am liebsten h"atte e{\s} Emma gehabt, wenn die Trauung auf
+nacht{\s} zw"olf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w"are;
+aber f"ur solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst"andni{\s}.
+Man einigte sich also auf eine Hochzeit{\s}feier, zu der
+dreiundvierzig G"aste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte
+man bei Tisch sitzen bleiben. Am n"achsten Tage und an den
+folgenden sollte e{\s} so weitergehen.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Die Hochzeit{\s}g"aste stellten sich p"unktlich ein, in Kutschen,
+Landauern, Einsp"annern, Gig{\s}, Kremsern mit Ledervorh"angen, in
+allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Da{\s} junge
+Volk au{\s} den n"achsten Nachbard"orfern kam t"uchtig
+durchger"uttelt im Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in
+einer Reihe stehend, die H"ande an den Seitenstangen, um nicht
+umzufallen. Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, au{\s}
+Goderville, Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien
+waren samt und sonder{\s} geladen. Freunde, mit denen man
+unein{\s} gewesen, vers"ohnte man, und e{\s} war an Bekannte
+geschrieben worden, von denen man wer wei"s wie lange nicht{\s}
+geh"ort hatte.
+
+Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall.
+Eine Weile sp"ater erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging
+e{\s} bi{\s} zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde.
+Die Insassen stiegen nach beiden Seiten au{\s}. Man rieb sich die
+Knie und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe,
+trugen st"adtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh"ange mit langen
+Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder
+Schal{\s}, die mit einer Nadel auf dem R"ucken festgesteckt waren,
+damit sie hinten den Hal{\s} frei lie"sen. Die Knaben, genau so
+angezogen wie ihre V"ater, f"uhlten sich in ihren R"ocken
+sichtlich unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten
+Male richtige Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn-
+bi{\s} sechzehnj"ahrige M"adchen, offenbar ihre Basen oder
+"alteren Schwestern, in ihren wei"sen Firmelkleidern, die man zur
+Feier de{\s} Tage{\s} um ein St"uck l"anger gemacht hatte, alle
+mit roten versch"amten Gesichtern und pomadisiertem Haar, voller
+Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht Knechte
+genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen,
+streiften die Herren die Rock"armel hoch und stellten ihre Pferde
+eigenh"andig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren sie
+in Fr"acken, R"ocken oder Jackett{\s} erschienen. Manche in
+ehrw"urdigen Bratenr"ocken, die nur bei ganz besonderen
+Festlichkeiten feierlich au{\s} dem Schranke geholt wurden; ihre
+langen Sch"o"se flatterten im Winde, die Kragen daran sahen au{\s}
+wie Hal{\s}panzer, und die Taschen hatten den Umfang von S"acken.
+E{\s} waren auch Jacken au{\s} derbem Tuch zum Vorschein gekommen,
+meist im Verein mit messingumr"anderten M"utzen; fernerhin ganz
+kurze R"ocke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro"sen
+Kn"opfen hinten in der Taille und mit Sch"o"sen, die so
+au{\s}schauten, al{\s} habe sie der Zimmermann mit einem Beile
+au{\s} dem Ganzen herau{\s}gehackt. Ein paar (einige wenige)
+G"aste -- und da{\s} waren solche, die dann an der Festtafel
+gewi"s am alleruntersten Ende zu sitzen kamen -- trugen nur
+Sonntag{\s}blusen mit breitem Umlegekragen und R"uckenfalten unter
+dem G"urtel.
+
+Die steifen Hemden w"olbten sich "uber den Br"usten wie K"urasse.
+Durchweg hatte man sich unl"angst da{\s} Haar schneiden lassen (um
+so mehr standen die Ohren von den Sch"adeln ab!), und alle waren
+ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden
+waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und
+hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder
+hatten am Kinn L"ocher in der Haut bekommen, gro"s wie
+Talerst"ucke. Unterweg{\s} hatten sich diese Wunden in der
+frischen Morgenluft ger"otet, und so leuchteten auf den breiten
+blassen Bauerngesichtern gro"se rote Flecke.
+
+Da{\s} Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt.
+Man begab sich zu Fu"s dahin und ebenso zur"uck, nachdem die
+Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeit{\s}zug
+war anfang{\s} wohlgeordnet gewesen. Wie ein bunte{\s} Band hatte
+er sich durch die gr"unen Felder geschl"angelt. Aber bald lockerte
+er sich und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die
+letzten plaudernd versp"ateten. Ganz vorn schritt ein Spielmann
+mit einer buntbeb"anderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute,
+darauf die Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde
+und zuletzt die Kinder, die sich damit vergn"ugten, "Ahren au{\s}
+den Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn e{\s} niemand
+sah. Emma{\s} Kleid, da{\s} etwa{\s} zu lang war, schleppte ein
+wenig auf der Erde hin. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den
+Rock aufzuraffen. Dabei la{\s} sie behutsam mit ihren
+behandschuhten H"anden die kleinen stacheligen Distelbl"atter ab,
+die an ihrem Kleide h"angen geblieben waren. W"ahrenddem stand
+Karl mit leeren H"anden da und wartete, bi{\s} sie fertig war.
+Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und einen schwarzen
+Rock, dessen "Armel ihm bi{\s} an die Fingern"agel reichten. Am
+Arm f"uhrte er Frau Bovary senior. Der alte Herr Bovary, der im
+Grunde seine{\s} Herzen{\s} die ganze Sippschaft um sich herum
+verachtete, war einfach in einem uniform"ahnlichen einreihigen
+Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge blonde B"auerin,
+die er mir derben Galanterien traktierte. Sie h"orte ihm
+respektvoll zu, wu"ste aber in ihrer Verlegenheit gar nicht,
+wa{\s} sie sagen sollte. Die "ubrigen G"aste sprachen von ihren
+Gesch"aften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele
+Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, h"orte in einem fort da{\s}
+Tirilieren de{\s} Spielmanne{\s}, der auch im freien Felde
+weitergeigte. Sooft er bemerkte, da"s die Gesellschaft weit hinter
+ihm zur"uckgeblieben war, machte er Halt und sch"opfte Atem.
+Umst"andlich rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit
+die Saiten sch"oner quietschen sollten, und dann setzte er sich
+wieder in Bewegung. Er hob und senkte den Hal{\s} seine{\s}
+Instrument{\s}, um recht h"ubsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei
+verscheuchte die V"ogel schon von weitem.
+
+Die Festtafel war unter dem Schutzdache de{\s} Wagenschuppen{\s}
+aufgestellt. E{\s} prangten darauf vier Lendenbraten, sech{\s}
+Sch"usseln mit H"uhnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem
+Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier
+Leberw"ursten in Sauerkraut, ein k"ostlich knusprig gebratene{\s}
+Spanferkel. An den vier Ecken de{\s} Tische{\s} br"usteten sich
+Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen
+wirbelte perlender Apfelweinsekt, w"ahrend auf der Tafel
+bereit{\s} alle Gl"aser im vorau{\s} bi{\s} an den Rand
+vollgeschenkt waren. Gro"se Teller mit gelber Creme, die beim
+leisesten Sto"s gegen den Tisch zitterte und bebte,
+vervollst"andigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfl"ache
+diese{\s} Dessert{\s} prangten in umschn"orkelten Monogrammen von
+Zuckergu"s die Anfang{\s}buchstaben der Namen von Braut und
+Br"autigam. F"ur die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor
+au{\s} Yvetot kommen lassen. Da die{\s} sein Deb"ut in der Gegend
+war, hatte er sich ganz besondre M"uhe gegeben. Beim Nachtisch
+trug er eigenh"andig ein Prunkst"uck seiner Kunst auf, da{\s} ein
+allgemeine{\s} "`Ah!"' hervorrief. Der Unterbau au{\s} blauer
+Pappe stellte ein von Sternen au{\s} Goldpapier "ubers"ate{\s}
+Tempelchen dar, mit einem S"aulenumgang und Nischen, in denen
+Statuen au{\s} Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich
+ein Festung{\s}turm au{\s} Pfefferkuchen, umbaut von einer
+Brustwehr au{\s} Bonbon{\s}, Mandeln, Rosinen und
+Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber kr"onte "uber
+einer gr"unen Landschaft au{\s} Wiesen, Felsen und Teichen mit
+Nu"sschalenschiffchen darauf (alle{\s} Zuckerwerk): ein niedlicher
+Amor, der sich auf einer Schaukel au{\s} Schokolade wiegte. In den
+beiden kugelgeschm"uckten Schn"abeln der Schaukel steckten zwei
+lebendige Rosenknospen.
+
+Man schmauste bi{\s} zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen
+erm"udet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte
+eine Partie de{\s} in jener Gegend beliebten Pfropfenspiel{\s} mit
+und setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G"aste
+schliefen gegen da{\s} Ende de{\s} Mahle{\s} ein und schnarchten
+ganz laut. Aber beim Kaffee war alle{\s} wieder munter. Man sang
+Lieder, vollf"uhrte allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere
+Steine, scho"s Purzelb"aume, hob Schubkarren bi{\s} zur
+Schulterh"ohe, erz"ahlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte
+mit den Damen.
+
+Vor dem Aufbruch war e{\s} kein leichte{\s} St"uck Arbeit, den
+Pferden, die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach,
+die Kumte und Geschirre aufzulegen. Die "uberm"utigen Tiere
+stiegen, bockten und schlugen au{\s}, w"ahrend die Herren und
+Kutscher fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab e{\s}
+auf den mondbegl"anzten Landstra"sen in Karriere "uber Stock und
+Stein heimrasende Fuhrwerke.
+
+Die nacht"uber in Bertaux bleibenden G"aste zechten am K"uchentische
+bi{\s} zum fr"uhen Morgen weiter, w"ahrend die Kinder unter den
+B"anken schliefen.
+
+Die junge Frau hatte ihren Vater besonder{\s} gebeten, sie vor den
+herk"ommlichen Sp"a"sen zu bewahren. Indessen machte sich ein
+Vetter -- ein See\-fisch\-h"and\-ler, der al{\s}
+Hoch\-zeit{\s}\-ge\-schenk selbstverst"andlich ein paar Seezungen
+gestiftet hatte -- doch daran, einen Mund voll Wasser durch da{\s}
+Schl"usselloch de{\s} Brautgemach{\s} zu spritzen. Vater Rouault
+erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er
+machte ihm klar, da"s sich derartige Scherze mit der W"urde
+seine{\s} Schwiegersohne{\s} nicht vertr"ugen. Der Vetter lie"s
+sich durch diese Einw"ande nur widerwillig von seinem Vorhaben
+abbringen. In{\s}geheim hielt er den alten Rouault f"ur
+aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bi{\s}
+f"unf andern Unzufriedenen, die w"ahrend de{\s} Mahle{\s} bei der
+Wahl der Fleischst"ucke Mi"sgriffe getan hatten. Diese
+Ungl"uck{\s}menschen r"asonierten nun alle untereinander auf den
+Gastgeber und w"unschten ihm ungeniert alle{\s} "Uble.
+
+Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag "uber au{\s} ihrer
+Verbissenheit nicht herau{\s}gekommen. Man hatte sie weder bei der
+Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur
+Hochzeit{\s}feier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig
+zur"uck. Ihrem Manne aber fiel e{\s} nicht ein, mit zu verschwinden;
+er lie"s sich Zigarren holen und paffte bi{\s} zum Morgen, wozu er
+Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden
+unbekannt war, staunte man ihn erst recht al{\s} Wundertier an.
+
+Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w"ahrend de{\s}
+Feste{\s} gar keine gl"anzende Rolle gespielt. Gegen alle die
+Neckereien, Sp"a"se, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und
+Anulkungen, die ihm der Sitte gem"a"s bei Tische zuteil geworden
+waren, hatte er sich alle{\s} andre denn schlagfertig gezeigt. Um
+so m"achtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er
+offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tag{\s} zuvor
+sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich
+v"ollig und lie"s sich nicht da{\s} geringste anmerken. Die
+gr"o"sten Schandm"auler waren sprachlo{\s}; sie standen da wie vor
+einem Wundertier. Karl freilich machte au{\s} seinem Gl"uck kein
+Hehl. Er nannte Emma "`mein liebe{\s} Frauchen"', duzte sie, lief
+ihr "uberallhin nach und zog sie mehrfach abseit{\s}, um allein
+mit ihr im Hofe unter den B"aumen ein wenig zu plaudern, wobei er
+den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und Hergehen
+kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr"uckte mit seinem
+Kopfe ihr Hal{\s}tuch.
+
+Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm"ahlten auf. Karl
+konnte seiner Patienten wegen nicht l"anger verweilen. Vater
+Rouault lie"s da{\s} Ehepaar in seinem Wagen nach Hau{\s} fahren
+und gab ihm pers"onlich bi{\s} Vassonville da{\s} Geleite. Beim
+Abschied k"u"ste er seine Tochter noch einmal, dann stieg er
+au{\s} und machte sich zu Fu"s auf den R"uckweg.
+
+Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem
+Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra"se dahinrollte. Dabei
+seufzte er tief auf. Er dachte zur"uck an seine eigne Hochzeit, an
+l"angstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner
+Frau. Wie froh war er damal{\s} gewesen. Er erinnerte sich de{\s}
+Tage{\s}, wo er mit ihr da{\s} Hau{\s} de{\s} Schwiegervater{\s}
+verlassen hatte. Auf dem Ritt in da{\s} eigne Heim, durch den
+tiefen Schnee, da hatte er seine Frau hinten auf die Kruppe
+seine{\s} Pferde{\s} gesetzt. E{\s} war so um Weihnachten herum
+gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit der einen Hand
+hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern ihren Korb
+getragen. Die langen B"ander ihre{\s} normannischen Kopfputze{\s}
+hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um die Nase
+geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er "uber seine Schulter
+weg ganz dicht hinter sich ihr niedliche{\s} rosige{\s} Gesicht,
+da{\s} unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich
+hinl"achelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger
+eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange
+war da{\s} nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w"are, dann
+w"are er jetzt drei"sig Jahre alt!
+
+Er blickte sich nochmal{\s} um. Auf der Stra"se war nicht{\s} mehr
+zu sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem
+vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die
+z"artlichen Erinnerungen mit schwerm"utigen Gedanken. Einen
+Augenblick lang versp"urte er da{\s} Verlangen, den Umweg "uber
+den Friedhof zu machen. Aber er f"urchtete sich davor, da"s ihn
+die{\s} nur noch tr"ubseliger stimmte, und so ging er auf dem
+k"urzesten Wege nach Hause.
+
+Karl und Emma erreichten Toste{\s} gegen sech{\s} Uhr. Die
+Nachbarn st"urzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu
+ersp"ahen. Die alte Magd empfing sie unter Gl"uckw"unschen und bat
+um Entschuldigung, da"s da{\s} Mittagessen noch nicht ganz fertig
+sei. Sie lud die gn"adige Frau ein, einstweilen ihr neue{\s} Heim
+in Augenschein zu nehmen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Die Backsteinfassade de{\s} Hause{\s} stand gerade in der
+Fluchtlinie der Stra"se, genauer gesagt: der Landstra"se. In der
+Hau{\s}flur, gleich an der Hau{\s}t"ure, hingen an einem Halter
+ein Kragenmantel, ein Z"ugel, eine M"utze au{\s} schwarzem Leder,
+und in einem Winkel auf dem Fu"sboden lagen ein paar Gamaschen,
+voll von trocken gewordnem Stra"senschmutz. Rechter Hand lag die
+"`Gro"se Stube"', da{\s} hei"st der Raum, in dem die Mahlzeiten
+eingenommen wurden und der zugleich al{\s} Wohnzimmer diente. An
+den W"anden bauschte sich allenthalben die schlecht aufgeklebte
+zeisiggr"une Papiertapete, die an der Decke durch eine Girlande
+von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern
+"uberschnitten sich wei"se Kattunvorh"ange, die rote Borten
+hatten. Auf dem schmalen Sim{\s} de{\s} Kamin{\s} funkelte eine
+Stutzuhr mit dem Kopfe de{\s} Hippokrate{\s} zwischen zwei
+versilberten Leuchtern, die unter ovalen Gla{\s}glocken standen.
+
+Auf der andern Seite der Flur lag Karl{\s} Sprechzimmer, ein
+kleine{\s} Gemach, etwa sech{\s} Fu"s in der Breite. Drinnen ein
+Tisch, drei St"uhle und ein Schreibtischsessel. Die sech{\s}
+F"acher eine{\s} B"uchergestell{\s} au{\s} Tannenholz wurden in
+der Hauptsache durch die B"ande de{\s} "`Medizinischen
+Lexikon{\s}"' au{\s}gef"ullt, die unaufgeschnitten geblieben waren
+und durch den mehrfachen Besitzerwechsel, den sie bereit{\s}
+erlebt hatten, zerfledderte Umschl"age bekommen hatten. Durch die
+d"unne Wand drang Buttergeruch au{\s} der benachbarten K"uche in
+da{\s} Sprechzimmer, w"ahrend man dort h"oren konnte, wenn die
+Patienten husteten und ihre langen Leiden{\s}geschichten
+erz"ahlten.
+
+Nach dem Hofe zu, wo da{\s} Stallgeb"aude stand, lag ein
+gro"se{\s} verwahrloste{\s} Gemach, ehemal{\s} Backstube, da{\s}
+jetzt al{\s} Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und
+vollgepfropft war mit altem Eisen, leeren F"assern, abgetanenem
+Ackerger"at und einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren
+einstigen Zweck man ihnen kaum mehr ansehen konnte.
+
+Der Garten, der mehr in die L"ange denn in die Breite ging, dehnte
+sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten
+begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde.
+Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr
+darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit d"urftigen
+Heckenrosen umg"urteten symmetrisch ein Mittelbeet mit
+n"utzlicherem Gew"ach{\s}. Ganz am Ende de{\s} Garten{\s}, in
+einer Fichtengruppe, stand eine Tonfigur: ein M"onch, in sein
+Brevier vertieft.
+
+Emma stieg die Treppe hinauf. Da{\s} erste Zimmer oben war
+"uberhaupt nicht m"obliert, aber im zweiten, der gemeinsamen
+Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh"angen ein
+Himmelbett au{\s} Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit
+Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster
+leuchtete in einer Kristallvase ein Strau"s von Orangenbl"uten,
+umwunden von einem Seidenbande: ein Hochzeit{\s}bukett, die
+Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte e{\s},
+nahm den Strau"s au{\s} der Vase und trug ihn auf den Oberboden.
+W"ahrenddem sa"s sie in einem Lehnstuhl. Ihr eigene{\s}
+Brautbukett kam ihr in den Sinn, da{\s} in einer Schachtel
+verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in da{\s} Zimmer und
+baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, wa{\s}
+wohl mit ihrem Strau"se gesch"ahe, wenn sie zuf"allig auch bald
+st"urbe.
+
+In den ersten Tagen besch"aftigte sich Emma damit, sich allerlei
+"Anderungen in ihrem Hause au{\s}zudenken. Sie nahm die
+Gla{\s}glocken von den Leuchtern, lie"s neu tapezieren, die Treppe
+streichen und B"anke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum.
+
+Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem
+Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k"onnte. Karl
+wu"ste, da"s sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine
+Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von
+neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz au{\s} wie
+ein Dogcart.
+
+So war Karl der gl"ucklichste und sorgenloseste Mensch auf der
+Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der
+Landstra"se, die Gesten von Emma{\s} Hand, wenn sie sich da{\s}
+Band im Haar zurechtstrich, der Anblick ihre{\s} an einem
+Fensterkreuze h"angenden Strohhute{\s} und noch allerhand andre
+kleine Dinge, von denen er nie geglaubt h"atte, da"s sie einen
+erfreuen k"onnten, all da{\s} trug dazu bei, da"s sein Gl"uck
+nicht aufh"orte. Fr"uhmorgen{\s} im Bette, Seite an Seite mit ihr
+auf demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch
+den blonden Flaum ihrer von den Haubenb"andern halbverdeckten
+Wangen huschten. So au{\s} der N"ahe kamen ihm ihre Augen viel
+gr"o"ser vor, besonder{\s} beim Erwachen, wenn sich ihre Lider
+mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten
+sahen diese Augen schwarz au{\s} und dunkelblau am lichten Tage;
+in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w"ahrend sie sich nach
+der schimmernden Oberfl"ache zu aufhellten. Sein eigene{\s} Auge
+verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz
+klein, bi{\s} an die Schultern, mit dem Seidentuche, da{\s} er
+sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seine{\s} offen
+stehenden Nachthemde{\s}.
+
+Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster au{\s} nach,
+um ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf da{\s}
+Fensterbrett gest"utzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, da{\s}
+sie leicht umflo"s, zwischen zwei Geranienst"ocken. Karl unten auf
+der Stra"se schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an.
+Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w"ahrenddem
+sie mit ihrem Munde eine Bl"ute oder ein Bl"attchen von den
+Geranien abzupfte und ihm zublie{\s}. Da{\s} Abgerupfte schwebte
+und schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein
+Vogel und blieb schlie"slich im Fallen in der ungepflegten M"ahne
+der alten Schimmelstute h"angen, die unbeweglich vor der
+Hau{\s}t"ure wartete. Karl sa"s auf und warf seiner Frau eine
+Ku"shand zu. Sie antwortete winkend und schlo"s da{\s} Fenster. Er
+ritt ab.
+
+Dann, auf der endlo{\s} sich hinwindenden staubigen Landstra"se,
+in den Hohlwegen, "uber denen sich die B"aume zu einem Laubdache
+schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm da{\s} Korn zu beiden Seiten
+die Knie streifte, die warme Sonne auf dem R"ucken, die frische
+Morgenluft in der Nase und da{\s} Herz noch voll von den Freuden
+der Nacht, friedsamen Gem"ut{\s} und befriedigter Sinne, -- da
+geno"s er all sein Gl"uck abermal{\s}, just wie einer, der nach
+einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr"uffeln, die er
+bereit{\s} verdaut, noch auf der Zunge hat.
+
+Wa{\s} hatte er bi{\s}her an Gl"uck in seinem Leben erfahren? War
+er denn im Gymnasium gl"ucklich gewesen, wo er sich in der Enge
+hoher Mauern so einsam gef"uhlt hatte, unter seinen Kameraden, die
+reicher und st"arker waren al{\s} er, "uber seine b"auerische
+Au{\s}sprache lachten, sich "uber seinen Anzug lustig machten und
+zur Besuch{\s}zeit mit ihren M"uttern plauderten, die mit Kuchen
+in der Tasche kamen? Oder etwa sp"ater al{\s} Student der Medizin,
+wo er niemal{\s} Geld genug im Beutel gehabt hatte, um irgendein
+kleine{\s} M"adel zum Tanz f"uhren zu k"onnen, da{\s} seine
+Geliebte geworden w"are? Oder gar w"ahrend der vierzehn Monate, da
+er mit der Witwe verheiratet war, deren F"u"se im Bett kalt wie
+Ei{\s}klumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa"s er f"ur
+immerdar seine h"ubsche Frau, in die er vernarrt war. Seine Welt
+fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihre{\s} seidnen
+Unterrock{\s}, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie
+nicht genug. Und so "uberkam ihn unterweg{\s} die Sehnsucht nach
+ihr. Spornstreich{\s} ritt er heimw"art{\s}, rannte die Treppe
+hinauf, mit klopfendem Herzen ... Emma sa"s in ihrem Zimmer bei
+der Toilette. Er schlich sich auf den Fu"sspitzen von hinten an
+sie heran und k"u"ste ihr den Nacken. Sie stie"s einen Schrei
+au{\s}.
+
+Er konnte e{\s} nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe,
+ihr Hal{\s}tuch zu bef"uhlen. Manchmal k"u"ste er sie t"uchtig auf
+die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner K"usse gleichsam
+aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen L"ange von den
+Fingerspitzen bi{\s} hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn
+ab, l"achelnd und gelangweilt, wie man ein kleine{\s} Kind
+zur"uckdr"angt, da{\s} sich an einen anklammert.
+
+Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu
+empfinden. Aber al{\s} da{\s} Gl"uck, da{\s} sie au{\s} dieser
+Liebe erwartete, au{\s}blieb, da mu"ste sie sich doch get"auscht
+haben. So dachte sie. Und sie gab sich M"uhe, zu ergr"ubeln, wo
+eigentlich in der Wirklichkeit all da{\s} Sch"one sei, da{\s} in
+den Romanen mit den Worten Gl"uckseligkeit, Leidenschaft und
+Rausch so verlockend geschildert wird.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma hatte "`Paul und Virginia"' gelesen und in ihren Tr"aumereien
+alle{\s} vor sich gesehen: die Bambu{\s}h"utte, den Neger Domingo,
+den Hund Fideli{\s}. In{\s}besondre hatte sie sich in die
+z"artliche Freundschaft irgendeine{\s} guten Kameraden
+hineingelebt, der f"ur sie rote Fr"uchte auf "uberturmhohen
+B"aumen pfl"uckte und barfu"s durch den Sand gelaufen kam, ihr ein
+Vogelnest zu bringen.
+
+Al{\s} sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur
+Stadt, um sie in da{\s} Kloster zu geben. Sie stiegen in einem
+Gasthofe im Viertel Saint-Gervai{\s} ab, wo sie beim Abendessen
+Teller vorgesetzt bekamen, auf denen Szenen au{\s} dem Leben
+de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere gemalt waren. Alle diese
+legendenhaften Bilder, hier und da von Messerkritzeln besch"adigt,
+verherrlichten Fr"ommigkeit, Gef"uhl{\s}"uberschwang und
+h"ofischen Prunk.
+
+In der ersten Zeit ihre{\s} Klosteraufenthalt{\s} langweilte sie
+sich nicht im geringsten. Sie f"uhlte sich vielmehr in der
+Gesellschaft der g"utigen Schwestern ganz behaglich, und e{\s} war
+ihr ein Vergn"ugen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin
+man vom Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den
+Freistunden spielte sie nur h"ochst selten, im Katechi{\s}mu{\s}
+war sie al{\s}bald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war
+sie e{\s}, die dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wu"ste. So
+lebte sie, ohne in die Welt hinau{\s}zukommen, in der lauen
+Atmosph"are der Schulstuben und unter den blassen Frauen mit ihren
+Rosenkr"anzen und Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den
+mystischen Traumzustand, der sich um die Weihrauchd"ufte, die
+K"uhle der Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der
+Messe zuzuh"oren, betrachtete sie die frommen himmelblau
+umr"anderten Vignetten ihre{\s} Gebetbuche{\s} und verliebte sich
+in da{\s} kranke Lamm Gotte{\s}, in da{\s} von Pfeilen durchbohrte
+Herz Jesu und in den armen Christu{\s} selber, der, sein Kreuz
+schleppend, zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie,
+einen ganzen Tag lang ohne Nahrung au{\s}zuhalten. Sie zerbrach
+sich den Kopf, um irgendein Gel"ubde zu ersinnen, da{\s} sie auf
+sich nehmen wollte.
+
+Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S"unden, nur
+damit sie l"anger im Halbdunkel knien durfte, die H"ande gefaltet,
+da{\s} Gesicht an{\s} Gitter gepre"st, unter dem fl"usternden
+Priester. Die Gleichnisse vom Br"autigam, vom Gemahl, vom
+himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den
+Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele
+geheimni{\s}volle s"u"se Schauer.
+
+Abend{\s}, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeit{\s}saal au{\s} einem
+frommen Buche vorgelesen. An den Wochentagen la{\s} man au{\s} der
+Biblischen Geschichte oder au{\s} den "`Stunden der Andacht"'
+de{\s} Abb\'e Frayssinou{\s} und Sonntag{\s} zur Erbauung au{\s}
+Chateaubriand{\s} "`Geist de{\s} Christentum{\s}"'. Wie
+andacht{\s}voll lauschte sie bei den ersten Malen den klangreichen
+Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo au{\s} Welt und
+Ewigkeit erschallten! W"are Emma{\s} Kindheit im Hinterst"ubchen
+eine{\s} Kramladen{\s} in einem Gesch"aft{\s}viertel
+dahingeflossen, dann w"are da{\s} junge M"adchen vermutlich der
+Naturschw"armerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung
+ihre Quelle hat. So aber kannte sie da{\s} Land zu gut: da{\s}
+Bl"oken der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame
+Vorg"ange gew"ohnt, gewann sie eine Vorliebe f"ur da{\s} dem
+Entgegengesetzte: da{\s} Abenteuerliche. So liebte sie da{\s} Meer
+einzig um der wilden St"urme willen und da{\s} Gr"un, nur wenn
+e{\s} zwischen Ruinen sein Dasein fristete. E{\s} war ihr ein
+Bed"urfni{\s}, au{\s} den Dingen einen egoistischen Genu"s zu
+sch"opfen, und sie warf alle{\s} al{\s} unn"utz beiseite, wa{\s}
+nicht unmittelbar zum Labsal ihre{\s} Herzen{\s} diente. Ihre
+Eigenart war eher sentimental al{\s} "asthetisch; sie sp"urte
+lieber seelischen Erregungen al{\s} Landschaften nach.
+
+Im Kloster gab e{\s} nun eine alte Jungfer, die sich alle vier
+Wochen auf acht Tage einstellte, um die W"asche au{\s}zubessern.
+Da sie einer alten Adel{\s}familie entstammte, die in der
+Revolution zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit
+beg"onnert. Sie a"s mit im Refektorium, an der Tafel der frommen
+Schwestern, und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst"undchen
+zu machen, bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah e{\s}
+auch, da"s sich die Pension"arinnen au{\s} der Arbeit{\s}stube
+stahlen und die Alte aufsuchten. Sie wu"ste galante Chanson{\s}
+au{\s} dem \begin{antiqua}ancien r\'egime\end{antiqua}
+au{\s}wendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei ihre
+Flickarbeit zu vernachl"assigen. Sie erz"ahlte Geschichten, wu"ste
+stet{\s} Neuigkeiten, "ubernahm allerhand Besorgungen in der Stadt
+und lieh den gr"o"seren M"adchen Romane, von denen sie immer ein
+paar in den Taschen ihrer Sch"urze bei sich hatte. In den
+Ruhepausen ihrer T"atigkeit verschlang da{\s} gute Fr"aulein
+selber schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte e{\s} von
+Liebschaften, Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen,
+die in einsamen Pavillonen ohnm"achtig, und von Postillionen, die
+an allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die
+man auf Seite f"ur Seite zuschanden ritt, von d"usteren W"aldern,
+Herzen{\s}k"ampfen, Schw"uren, Schluchzen, Tr"anen und K"ussen,
+von Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B"uschen,
+von hohen Herren, die wie L"owen tapfer und sanft wie Bergschafe
+waren, dabei tugendsam bi{\s} in{\s} Wunderbare, immer k"ostlich
+gekleidet und ganz unbeschreiblich tr"anenselig. Ein halbe{\s}
+Jahr lang beschmutzte sich die f"unfzehnj"ahrige Emma ihre Finger
+mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter
+Scott in die H"ande, und nun berauschte sie sich an
+geschichtlichen Begebenheiten im Banne von Burgzinnen,
+Ritters"alen und Minnes"angern. Am liebsten h"atte sie in einem
+alten Herrensitze gelebt, geh"ullt in schlanke Gew"ander wie jene
+Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest"utzt und
+da{\s} Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage
+vertr"aumten und in die Fernen der Landschaft hinau{\s}schauten,
+ob nicht ein Ritter{\s}mann mit wei"ser Helmzier dahergest"urmt
+k"ame auf einem schwarzen Ro"s. Damal{\s} trieb sie einen wahren
+Kult mit Maria Stuart; ihre Verehrung von ber"uhmten oder
+ungl"ucklichen Frauen ging bi{\s} zur Schw"armerei. Die Jungfrau
+von Orlean{\s}, Heloise, Agne{\s} Sorel, die sch"one Ferronni\`ere
+und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem
+grenzenlosen Dunkel ihrer Geschicht{\s}unkenntnisse. Fast ganz im
+Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in
+ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der
+sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwig{\s} de{\s}
+Elften, irgendeine Szene au{\s} der Bartholom"au{\s}nacht, der
+Helmbusch Heinrich{\s} de{\s} Vierten, dazu unau{\s}l"oschlich die
+Erinnerung an die gemalten Teller mit den Verherrlichungen
+Ludwig{\s} de{\s} Vierzehnten.
+
+In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die
+Rede von Englein mit goldenen Fl"ugeln, von Madonnen, Lagunen und
+Gondolieren. Sie waren musikalisch nicht{\s} wert, aber so banal
+ihr Text und so reizlo{\s} ihre Melodien auch sein mochten: die
+Realit"aten de{\s} Leben{\s} hatten in ihnen den phantastischen
+Zauber der Sentimentalit"at. Etliche ihrer Kameradinnen
+schmuggelten lyrische Almanache in da{\s} Kloster ein, die sie
+al{\s} Neujahr{\s}geschenke bekommen hatten. Da"s man sie heimlich
+halten mu"ste, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal
+gelesen. Emma nahm die sch"onen Atla{\s}einb"ande nur behutsam in
+die Hand und lie"s sich von den Namen der unbekannten Autoren
+fa{\s}\/zinieren, die ihre Beitr"age zumeist al{\s} Grafen und
+Barone signiert hatten. Da{\s} Herz klopfte ihr, wenn sie da{\s}
+Seidenpapier von den Kupfern darin leise aufblie{\s}, bi{\s} e{\s}
+sich bauschte und langsam auf die andre Seite sank. Auf einem der
+Stiche sah man einen jungen Mann in einem M"antelchen, wie er
+hinter der Br"ustung eine{\s} Altan{\s} ein wei"s gekleidete{\s}
+junge{\s} M"adchen mit einer Tasche am G"urtel an sich dr"uckte;
+auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen
+englischen Lady{\s}, die unter runden Strohh"uten mit gro"sen
+hellen Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch
+den Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang,
+die von zwei kleinen Groom{\s} in wei"sen Hosen kutschiert wurden.
+Andre tr"aumten auf dem Sofa, ein offene{\s} Briefchen neben sich,
+und himmelten durch da{\s} halb offene, schwarz umh"angte Fenster
+den Mond an. Wieder andre, Unschuld{\s}kinder, krauten, eine
+Tr"ane auf der Wange, durch da{\s} Gitter eine{\s} gotischen
+K"afig{\s} ein Turtelt"aubchen oder zerzupften, den Kopf
+versch"amt geneigt, mit koketten Fingern, die wie
+Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine Marguerite.
+Alle{\s} m"ogliche andre zeigten die "ubrigen Stiche: Sultane mit
+langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in den Armen;
+Giaur{\s}, T"urkens"abel, phrygische M"utzen, nicht zu vergessen
+die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und Fichten,
+Tiger und L"owen friedlich beieinanderstehen, und Minarett{\s} am
+Horizonte und r"omische Ruinen im Vordergrunde eine Gruppe
+lagernder Kamele "uberragen, w"ahrend auf der einen Seite ein
+wohlgepflegte{\s} St"uck Urwald steht, auf der andern ein See,
+eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar"uber und auf seiner
+stahlblauen, hie und da wei"s aufsch"aumenden Flut, in die Ferne
+verstreut, gleitende Schw"ane~...
+
+Da{\s} matte Licht der Lampe, die zu Emma{\s} H"aupten an der Wand
+hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die ein{\s} nach
+dem andern an ihr vor"uberzogen, in de{\s} Schlafsaale{\s} Stille,
+in die kein Ger"ausch drang, h"ochsten{\s} da{\s} ferne Rollen
+eine{\s} sp"aten Fuhrwerk{\s}.
+
+Al{\s} ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie
+lie"s sich eine Locke der Verstorbenen in einen Gla{\s}rahmen
+fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm"utiger
+Betrachtungen "uber da{\s} Leben und bat ihn, man m"oge sie
+dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie
+sei krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung
+darin, da"s sie mit einem Male emporgehoben worden war in die
+hohen Regionen einer seltenen Gef"uhl{\s}welt, in die
+Alltag{\s}herzen niemal{\s} gelangen. Sie verlor sich in
+Lamartinischen R"uhrseligkeiten, h"orte Harfenkl"ange "uber den
+Weihern und Schwanenges"ange, die Klagen de{\s} fallenden
+Laube{\s}, die Himmelfahrten jungfr"aulicher Seelen und die Stimme
+de{\s} Ewigen, die in den Tiefen fl"ustert.
+
+Eine{\s} Tage{\s} jedoch ward ihr alle{\s} da{\s} langweilig, aber
+ohne sich{\s} einzugestehen, und so blieb sie dabei zun"achst
+au{\s} Gewohnheit, dann au{\s} Eitelkeit, und schlie"slich war sie
+"uberrascht, da"s sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und
+da"s ihr Herz ebensowenig schwerm"utig war wie ihre jugendliche
+Stirne runzelig.
+
+Die frommen Schwestern, die stark auf Emma{\s} heilige Mission
+gehofft hatten, bemerkten zu ihrem h"ochsten Befremden, da"s
+Fr"aulein Rouault ihrem Einflu"s zu entschl"upfen drohte. Man
+hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andacht{\s}lieder, Predigten
+und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch
+gro"se Verehrung die Heiligen und M"artyrer gen"ossen, und ihr zu
+vorz"ugliche Ratschl"age gegeben, wie man den Leib kasteie und die
+Seele der ewigen Seligkeit zuf"uhre; und so ging e{\s} mit ihr wie
+mit einem Pferd, da{\s} man zu straff an die Kandare genommen hat:
+sie blieb pl"otzlich stehen und machte nicht mehr mit.
+
+Bei aller Schw"armerei war sie doch eine Verstande{\s}natur; sie
+hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der
+Liedertexte und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung
+geliebt. Ihr Geist emp"orte sich gegen die Mysterien de{\s}
+Glauben{\s}, und noch mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die
+Klosterzucht auf, die ihrem tiefsten Wesen v"ollig zuwider war.
+Al{\s} ihr Vater sie au{\s} dem Kloster nahm, hatte man
+durchau{\s} nicht{\s} dagegen; die Oberin fand sogar, Emma habe
+e{\s} in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der Schwesternschaft
+recht fehlen lassen.
+
+Wieder zu Hause, gefiel sich da{\s} junge M"adchen zun"achst
+darin, da{\s} Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie de{\s}
+Landleben{\s} "uberdr"ussig, und nun sehnte sie sich nach dem
+Kloster zur"uck. Al{\s} Karl zum ersten Male da{\s} Gut betrat,
+war sie just "uberzeugt, da"s sie alle Illusionen verloren habe,
+da"s e{\s} nicht{\s} mehr auf der Welt g"abe, wa{\s} ihr Hirn oder
+Herz r"uhren k"onne. Dann aber waren da{\s} mit jedem neuen
+Zustande verbundene wirre Gef"uhl und die Unruhe, die sich ihrer
+diesem Manne gegen"uber bem"achtigte, stark genug, um in ihr den
+Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in
+ihr erstanden, die bi{\s}her nicht ander{\s} al{\s} wie ein
+Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit
+himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe,
+hatte sie keine Kraft zu glauben, da"s die Friedsamkeit, in der
+sie hinlebte, da{\s} ertr"aumte Gl"uck sei.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob da{\s} wirklich die
+sch"onsten Tage ihre{\s} Leben{\s} sein sollten: ihre
+Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu sp"uren,
+h"atten sie wohl in jene L"ander mit klangvollen Namen reisen
+m"ussen, wo der Morgen nach der Hochzeit in s"u"sem Nicht{\s}tun
+verrinnt. Man f"ahrt gem"achlich in einer Postkutsche mit
+blauseidnen Vorh"angen die Gebirg{\s}stra"sen hinauf und lauscht
+dem Lied de{\s} Postillion{\s}, da{\s} in den Bergen zusammen mit
+den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen de{\s} Gie"sbach{\s}
+sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft
+der Limonen, und dann nacht{\s} steht man auf der Terrasse einer
+Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen H"anden,
+schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschl"osser. E{\s} kam
+ihr vor, al{\s} seien nur gewisse Erdenwinkel Heimst"atten de{\s}
+Gl"uck{\s}, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten
+gedeihen und nirgend{\s} ander{\s}. Warum war e{\s} ihr nicht
+beschieden, sich auf den Altan eine{\s} Schweizerh"au{\s}chen{\s}
+zu lehnen oder ihre Tr"ubsal in einem schottischen Landhause zu
+vergessen, an der Seite eine{\s} Gatten, der einen langen
+schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und
+Manschettenhemden tr"uge?
+
+Alle diese Gr"ubeleien h"atte sie wohl irgendwem anvertrauen
+m"ogen. H"atte sie aber ihr namenlose{\s} Unbehagen, da{\s} sich
+aller Augenblicke neu formte wie leichte{\s} Gew"olk und da{\s}
+wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, e{\s}
+fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl
+gewollt h"atte, wenn er eine Ahnung davon gehabt h"atte, wenn sein
+Blick nur ein einzige{\s}mal ihren Gedanken begegnet w"are, dann
+h"atte sich alle{\s} da{\s}, so meinte sie, sofort von ihrem
+Herzen lo{\s}gel"ost wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine
+Hand daran r"uhrt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie
+gegen ihren Mann empfand, immer gr"o"ser, je intimer ihr
+eheliche{\s} Leben wurde.
+
+Karl{\s} Art zu sprechen war platt wie da{\s} Trottoir auf der
+Stra"se: Allerwelt{\s}gedanken und Allt"aglichkeiten, die
+niemanden r"uhrten, "uber die kein Mensch lachte, die nie einen
+Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er,
+h"atte er niemal{\s} den Drang versp"urt, ein Pariser Gastspiel im
+Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war
+auch kein Pistolensch"utze, und gelegentlich kam e{\s} zutage,
+da"s er Emma einen Au{\s}druck de{\s} Reitsport{\s} nicht
+erkl"aren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu"s ein
+Mann nicht vielmehr alle{\s} kennen, auf allen Gebieten bewandert
+sein und seine Frau in die gro"sen Leidenschaften de{\s}
+Leben{\s}, in seine erlesensten Gen"usse und in alle Geheimnisse
+einweihen? Der ihre aber lehrte sie nicht{\s}, verstand von
+nicht{\s} und erstrebte nicht{\s}. Er glaubte, sie sei gl"ucklich,
+inde{\s} sie sich "uber seine satte Tr"agheit emp"orte, seinen
+zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst "uber die Wonnen, die sie ihm
+gew"ahrte.
+
+Manchmal zeichnete sie. E{\s} belustigte ihn ungemein,
+dabeizustehen und zuzusehn, wie sie sich "uber da{\s} Blatt beugte
+oder wie sie die Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete
+oder wie sie mit den Fingern Brotk"ugelchen drehte, die sie zum
+Verwischen brauchte. Wenn sie am Klavier sa"s, war sein Ent\/z"ucken
+um so gr"o"ser, je geschwinder ihre H"ande "uber die Tasten
+sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum und
+machte ein H"ollenkonzert. Da{\s} alte Instrument dr"ohnte und
+wackelte, und wenn da{\s} Fenster offen stand, h"orte man da{\s}
+Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo"sen Kopfe
+und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, "uber die Stra"se humpelte,
+blieb stehen und lauschte.
+
+Dabei war Emma eine vorz"ugliche Hau{\s}frau. Sie schickte die
+Liquidationen an die Patienten au{\s} und zwar in h"oflichster
+Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie
+Sonntag{\s} irgendwen au{\s} der Nachbarschaft zu Gaste hatten,
+wu"ste sie e{\s} immer einzurichten, da"s etwa{\s} Besondere{\s}
+auf den Tisch kam. Sie schichtete auf Weinbl"attern Pyramiden von
+Reineclauden auf und verstand, die eingezuckerten Fr"uchte so
+au{\s} ihren B"uchsen zu st"urzen, da"s sie noch in der Form
+serviert wurden. Demn"achst sollten auch kleine Waschschalen f"ur
+den Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie da{\s}
+"offentliche Ansehen ihre{\s} Manne{\s}. Schlie"slich fing er
+selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er
+solch eine Frau besa"s. Mit Stolz zeigte er zwei kleine
+Bleistift\/zeichnungen Emma{\s}, die er in ziemlich breite Rahmen
+hatte fassen lassen und in der Gro"sen Stube an langen gr"unen
+Schnuren an den W"anden aufgeh"angt hatte. Wenn die Kirche zu Ende
+war, sah man Herrn Bovary in sch"ongestickten Hau{\s}schuhen vor
+der Hau{\s}t"ure stehen.
+
+Er kam sp"at heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann a"s
+er noch zu Abend, und da da{\s} Dienstm"adchen bereit{\s} Schlafen
+gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock
+au{\s}zuziehen und sich{\s} zum Essen bequem zu machen. Kauend
+z"ahlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tag{\s}"uber
+begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und
+wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit
+sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bi{\s} auf den letzten
+Rest, schabte sich den K"ase sauber, schmauste einen Apfel und
+trank die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich auf{\s}
+Ohr legte und zu schnarchen begann. Wenn er fr"uhmorgen{\s}
+aufmachte, hing ihm da{\s} Haar wirr "uber die Stirn.
+
+Er trug stet{\s} derbe hohe Stiefel, die in der Kn"ochelgegend
+zwei Falten hatten; in den Sch"aften waren sie steif und
+geradlinig, al{\s} ob ein Holzbein drinnen st"ake. Er pflegte zu
+sagen: "`Die sind hier auf dem Lande gut genug!"'
+
+Seine Mutter best"arkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam
+sie zu Besuch, wenn e{\s} bei ihr zu Hause kleine Mi"slichkeiten
+gegeben hatte. Allerding{\s} hegte die alte Frau Bovary gegen ihre
+Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr "`f"ur ihre
+Verh"altnisse ein bi"schen zu gro"sartig."' Mit Holz, Licht und
+dergleichen werde "`wie in einem herrschaftlichen Hause
+gew"ustet."' Und mit den Kohlen, die in der K"uche verbraucht
+w"urden, k"onne man zwei Dutzend G"ange kochen! Sie ordnete ihr
+den W"ascheschrank und hielt Vortr"age, wie man dem Fleischer auf
+die Finger zu sehen habe, wenn er da{\s} Fleisch brachte. Emma
+nahm diese guten Lehren hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie
+immer wieder von neuem. Die von beiden Seiten in einem fort
+gewechselten Anreden "`Liebe Tochter"' und "`Liebe Mutter!"'
+standen in Widerspruch zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide
+Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor Groll zitternder Stimme.
+
+Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in
+den Hintergrund gedr"angt gef"uhlt, jetzt aber kam ihr Karl{\s}
+Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe,
+wie ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf da{\s} Gl"uck
+ihre{\s} Sohne{\s} mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut
+Gekommener auf den neuen Besitzer{\s} eine{\s} ehemaligen
+Hause{\s} blickt. Sie mahnte ihn durch Erinnerungen daran, wie sie
+sich einst f"ur ihn gesorgt und abgem"uht und ihm Opfer gebracht
+hatte. Im Vergleiche damit leiste Emma viel weniger f"ur ihn, und
+darum w"are seine au{\s}schlie"sliche Anbetung durchau{\s} nicht
+gerechtfertigt.
+
+Karl wu"ste nicht, wa{\s} er dazu sagen sollte. Er verehrte seine
+Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art "uber alle Ma"sen.
+Wa{\s} die eine sagte, galt ihm f"ur unfehlbar; gleichwohl fand er
+an der andern nicht{\s} au{\s}zusetzen. Wenn Frau Bovary wieder
+abgereist war, machte er sch"uchterne Versuche, die oder jene
+ihrer Bemerkungen w"ortlich zu wiederholen. Emma bewie{\s} ihm
+dann mit wenigen Worten, da"s er im Irrtum sei, und meinte, er
+solle sich lieber seinen Patienten widmen.
+
+Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen,
+Liebe{\s}stimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei
+Mondenschein zusammen im Garten sa"sen, sagte sie verliebte Verse
+her, soviel sie nur au{\s}wendig wu"ste, oder sie sang eine
+schwerm"utige gef"uhlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich
+selber nicht aufgeregter al{\s} vorher vor, und auch Karl war
+offenbar weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst.
+
+Da{\s} waren vergebliche Versuche, eine gro"se Leidenschaft zu
+entfachen. Im "ubrigen war Emma unf"ahig, etwa{\s} zu verstehen,
+wa{\s} sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwa{\s} zu
+glauben, wa{\s} nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich
+ohne weitere{\s} ein, Karl{\s} Liebe sei nicht mehr "uberm"a"sig
+stark. In der Tat gewannen seine Z"artlichkeiten eine gewisse
+Regelm"a"sigkeit. Er schlo"s seine Frau zu ganz bestimmten Stunden
+in seine Arme. E{\s} ward da{\s} eine Gewohnheit wie alle andern,
+gleichsam der Nachtisch, der kommen mu"s, weil er auf der
+Men"ukarte steht.
+
+Ein Waldw"arter, den der Herr Doktor von einer Lungenent\/z"undung
+geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junge{\s}
+italienische{\s} Windspiel. Sie nahm e{\s} mit auf ihre
+Spazierg"ange. Mitunter ging sie n"amlich au{\s}, um einmal eine
+Weile f"ur sich allein zu sein und nicht in einem fort blo"s den
+Garten und die staubige Landstra"se vor Augen zu haben.
+
+Sie wanderte meist bi{\s} zum Buchenw"aldchen von Banneville,
+bi{\s} zu dem leeren Lusth"au{\s}chen, da{\s} an der Ecke der
+Parkmauer steht, wo die Felder beginnen. Dort wuch{\s} in einem
+Graben zwischen gew"ohnlichen Gr"asern hohe{\s} Schilf mit langen
+scharfen Bl"attern. Jede{\s}mal, wenn sie dahin kam, sah sie
+zuerst nach, ob sich seit ihrem letzten Hiersein etwa{\s}
+ver"andert habe. E{\s} war immer alle{\s} so, wie sie e{\s}
+verlassen hatte. Alle{\s} stand noch auf seinem Platze: die
+Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, die in
+B"uscheln die gro"sen Kieselsteine umwucherten, und die
+Moo{\s}fl"achen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer
+geschlossenen morschen Holzl"aden und rostigen Eisenbeschl"agen.
+Nun schweiften Emma{\s} Gedanken in{\s} Ziellose ab, wie die
+Spr"unge ihre{\s} Windspiel{\s}, da{\s} sich in gro"sen
+Krei{\s}linien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl"affte,
+Feldm"ausen nachstellte und die Mohnblumen am Raine de{\s}
+Kornfelde{\s} anknabberte. Allm"ahlich gerieten ihre Gr"ubeleien
+in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa"s
+und e{\s} mit der Stockspitze ihre{\s} Sonnenschirme{\s} ein wenig
+aufw"uhlte, sagte sie sich immer wieder: "`Mein Gott, warum habe
+ich eigentlich geheiratet?"'
+
+Sie legte sich die Frage vor, ob e{\s} nicht m"oglich gewesen
+w"are durch irgendwelche andre F"ugung de{\s} Schicksal{\s}, da"s
+sie einen andern Mann h"atte finden k"onnen. Sie versuchte sich
+vorzustellen, wa{\s} f"ur ungeschehene Ereignisse dazu geh"ort
+h"atten, wie diese{\s} andre Leben geworden w"are und wie der
+ungefundne Gatte au{\s}gesehen h"atte. In keinem Falle so wie
+Karl! Er h"atte elegant, klug, vornehm, verf"uhrerisch au{\s}sehen
+m"ussen; so wie zweifello{\s} die M"anner, die ihre ehemaligen
+Klosterfreundinnen alle geheiratet hatten ... Wie e{\s} denen wohl
+jetzt erging? In der Stadt, im Get"ummel de{\s} Stra"senleben{\s},
+im Stimmengewirr der Theater, im Lichtmeere der B"alle, da lebten
+sie sich au{\s} und lie"sen die Herzen und Sinne nicht verdorren.
+Sie jedoch, sie verk"ummerte wie in einem Ei{\s}keller, und die
+Langeweile spann wie eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen
+Winkeln ihre{\s} sonnelosen Herzen{\s}.
+
+Die Tage der Prei{\s}verteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie
+sah sich auf da{\s} Podium steigen, wo sie ihre kleinen
+Au{\s}zeichnungen au{\s}geh"andigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem
+wei"sen Kleid und ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst
+au{\s}gesehen, und wenn sie zu ihrem Platze zur"uckging, hatten
+ihr die anwesenden Herren galant zugenickt. Der Klosterhof war
+voller Kutschen gewesen, und durch den Wagenschlag hatte man ihr
+"`Auf Wiedersehn!"' zugerufen. Und der Musiklehrer, den
+Violinkasten in der Hand, hatte im Vor"ubergehen den Hut vor ihr
+gezogen ... Wie weit zur"uck war da{\s} alle{\s}! Ach, wie so
+weit!
+
+Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho"s und streichelte seinen
+schmalen feinlinigen Kopf.
+
+"`Komm!"' fl"usterte sie. "`Gib Frauchen einen Ku"s! Du, du hast
+keinen Kummer!"'
+
+Dabei betrachtete sie da{\s} ihr wie wehm"utig au{\s}sehende
+Gesicht de{\s} schlanken Tiere{\s}. E{\s} g"ahnte behaglich. Aber
+sie bildete sich ein, da{\s} Tier habe auch einen Kummer. Die
+R"uhrung "uberkam sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu
+sprechen, genau so wie zu jemandem, den man in seiner
+Betr"ubni{\s} tr"osten will.
+
+Zuweilen blie{\s} ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und
+m"achtig "uber da{\s} ganze Hochland von Caux strich und weit in
+die Lande hinein salzige Frische trug. Da{\s} Schilf bog sich
+pfeifend zu Boden, fliehende Schauer raschelten durch da{\s}
+Bl"atterwerk der Buchen, w"ahrend sich die Wipfel rastlo{\s}
+wiegten und in einem fort laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester
+um die Schultern und erhob sich.
+
+In der Allee, "uber dem teppichartigen Moo{\s}, da{\s} unter
+Emma{\s} Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den
+gr"unen Reflexen de{\s} Laubdache{\s}. Da{\s} Tage{\s}gestirn war
+im Versinken; der rote Himmel flammte hinter den braunen St"ammen,
+die in Reih und Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck
+eine{\s} S"aulengange{\s} an einer goldnen Wand entlang erzeugten.
+
+Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich,
+auf die Landstra"se und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen
+Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort.
+
+Da, gegen Ende de{\s} September{\s}, geschah etwa{\s} ganz
+Besondere{\s} in ihrem Leben. Bovary{\s} bekamen eine Einladung
+nach Vaubyessard, zu dem Marqui{\s} von Andervillier{\s}. Der
+Marqui{\s}, der unter der Restauration Staatssekret"ar gewesen
+war, wollte von neuem eine politische Rolle spielen. Seit langem
+bereitete er seine Wahl in da{\s} Abgeordnetenhau{\s} vor. Im
+Winter lie"s er gro"se Mengen Holz verteilen, und im
+Bezirk{\s}au{\s}schu"s trat er immer wieder mit dem h"ochsten
+Eifer f"ur neue Stra"senbauten im Bezirk ein. W"ahrend de{\s}
+letzten Hochsommer{\s} hatte er ein Geschw"ur im Munde bekommen,
+von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich
+befreit hatte. Der Privatsekret"ar de{\s} Marqui{\s} war bald
+darauf nach Toste{\s} gekommen, um da{\s} Honorar f"ur die
+Operation zu bezahlen, und hatte abend{\s} nach seiner R"uckkehr
+erz"ahlt, da"s er in dem kleinen Garten de{\s} Arzte{\s} herrliche
+Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb"aume in
+Vaubyessard schlecht. Der Marqui{\s} erbat sich von Bovary einige
+Ableger und hielt e{\s} daraufhin f"ur seine Pflicht, sich
+pers"onlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand
+ihre Figur ent\/z"uckend und die Art, wie sie ihn empfing,
+durchau{\s} nicht b"auerisch. Und so kam man im Schlosse zu der
+Ansicht, e{\s} sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht,
+wenn man da{\s} junge Ehepaar einmal einl"ude.
+
+An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren
+Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr"uck{\s} war ein
+gro"ser Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine
+Hutschachtel. Au"serdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen
+den Beinen.
+
+Bei Anbruch der Nacht, gerade al{\s} man im Schlo"spark die
+Laternen am Einfahrt{\s}wege anz"undete, kamen sie an.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Vor dem Schlo"s, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei
+vorspringenden Fl"ugeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine
+ungeheure Rasenfl"ache mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen
+denen etliche K"uhe weideten. Ein Kie{\s}weg lief in Windungen
+hindurch, beschattet von allerlei Geb"usch in verschiedenem Gr"un,
+Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr"auchern. Unter einer
+Br"ucke flo"s ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel,
+erkannte man ein paar H"auser mit Strohd"achern. Die gro"se Wiese
+ward durch l"angliche kleine H"ugel begrenzt, die bewaldet waren.
+Versteckt hinter diesem Geh"olz lagen in zwei gleichlaufenden
+Reihen die Wirtschaft{\s}geb"aude und Wagenschuppen, die noch vom
+ehemaligen Schlo"sbau herr"uhrten.
+
+Karl{\s} W"aglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft
+erschien. Der Marqui{\s} kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm
+und geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle.
+Ger"ausch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer
+Kirche. Dem Eingange gegen"uber stieg geradeau{\s} eine breite
+Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem
+Garten hinau{\s}, die zum Billardzimmer f"uhrte; schon von weitem
+vernahm man da{\s} Karambolieren der elfenbeinernen B"alle. Durch
+da{\s} Billardzimmer kam man in den Empfang{\s}saal. Beim
+Hindurchgehen sah Emma Herren in w"urdevoller Haltung beim Spiel,
+da{\s} Kinn vergraben in den Krawatten, alle mit
+Orden{\s}b"andchen. Schweigsam l"achelnd handhabten sie die
+Queue{\s}.
+
+Auf dem d"usteren Holzget"afel der W"ande hingen gro"se Bilder in
+schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine
+lautete:
+
+\begin{center}
+\begin{tabular}{|c|}
+\hline
+Han{\s} Anton von Andervillier{\s} zu Yverbonville, \\
+Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fre{\s}naye, \\
+gefallen in der Schlacht von Coutra{\s} \\
+am 20. Oktober 1587. \\
+\hline
+\end{tabular}
+\end{center}
+
+Eine andre:
+
+\begin{center}
+\begin{tabular}{|c|}
+\hline
+Han{\s} Anton Heinrich Guy, Graf von Andervillier{\s} \\
+und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, \\
+Ritter de{\s} Sankt-Michel-Orden{\s}, \\
+verwundet bei Saint Vaast de la Hougue \\
+am 29. Mai 1692, \\
+gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 \\
+\hline
+\end{tabular}
+\end{center}
+
+Die "ubrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich da{\s}
+Licht der Lampen auf da{\s} gr"une Tuch de{\s} Billard{\s}
+konzentrierte und da{\s} Zimmer im Dunkeln lie"s. Nur ein
+schwacher Schein hellte die Gem"aldefl"achen auf, deren
+spr"ungiger Firni{\s} mit diesem feinen Schimmer spielte. Und so
+traten au{\s} allen den gro"sen schwarzen goldumflossenen
+Vierecken Partien der Malerei deutlicher und heller hervor, hier
+eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort eine gepuderte
+Allongeper"ucke "uber der Schulter eine{\s} roten Rocke{\s} und
+ander{\s}wo die Schnalle eine{\s} Kniebande{\s} "uber einer
+strammen Wade.
+
+Der Marqui{\s} "offnete die T"ur zum Salon. Eine der Damen --
+e{\s} war die Schlo"sherrin selbst -- erhob sich, ging Emma
+entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und
+begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz al{\s} ob sie
+eine alte Bekannte vor sich h"atte. Die Marquise war etwa
+Vierzigerin; sie hatte h"ubsche Schultern, eine Adlernase und eine
+etwa{\s} schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie
+"uber ihrem kastanienbraunen Haar ein einfache{\s} Spitzentuch,
+da{\s} ihr dreieckig in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem
+hochlehnigen Stuhle, sa"s eine junge Blondine. Ein paar Herren,
+kleine Blumen an den R"ocken, waren im Gespr"ache mit den Damen.
+Alle sa"sen sie um den Kamin herum.
+
+Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der "Uberzahl
+da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die
+Damen, der Marqui{\s} und die Marquise an der andern im E"szimmer.
+Al{\s} Emma eintrat, drang ihr ein warme{\s} Gemisch von D"uften
+und Ger"uchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und
+Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb"augelten mit
+dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl"asern und Schalen
+tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine
+Reihe von Blumenstr"au"sen. Au{\s} den Falten der Servietten, die
+in der Form von Bischof{\s}m"utzen "uber den breitrandigen Tellern
+lagen, lugten ovale Br"otchen. Hummern, die auf den gro"sen
+Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In
+durchbrochenen K"orbchen waren riesige Fr"uchte aufget"urmt.
+Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend aufgetragen. Der
+Hau{\s}hofmeister, in seidnen Str"umpfen, Kniehosen und wei"ser
+Krawatte, reichte mit Grandezza und gro"sem Geschick die
+Sch"usseln. Auf all die{\s} gesellschaftliche Treiben sah
+regung{\s}lo{\s} die bi{\s} zum Kinn verh"ullte G"ottin herab, die
+auf dem m"achtigen, bronzegeschm"uckten Porzellanofen thronte.
+
+Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa"s, "uber
+seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die
+Serviette nach Kinderart um den Hal{\s} gekn"upft hatte. Die Sauce
+tropfte ihm au{\s} dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er
+trug noch einen Zopf, um den ein schwarze{\s} Band geschlungen
+war. Da{\s} war der Schwiegervater de{\s} Marqui{\s}, der alte
+Herzog von Laverdi\`ere. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der
+Jagdfeste in Vaudreuil beim Marqui{\s} von Conflan{\s}) war er ein
+Busenfreund de{\s} Grafen Artoi{\s}. Auch munkelte man, er w"are
+der Geliebte der K"onigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger
+de{\s} Herrn von Coigny und der Vorg"anger de{\s} Herzog{\s} von
+Lauzun. Er hatte ein w"uste{\s} Leben hinter sich, voller
+Zweik"ampfe, toller Wetten und Frauengeschichten. Ob seiner
+Verschwendung{\s}sucht war er ehedem der Schrecken seiner Familie.
+Jetzt stand ein Diener hinter seinem Stuhle, der ihm in{\s} Ohr
+br"ullen mu"ste, wa{\s} e{\s} f"ur Gerichte zu essen gab.
+
+Emma{\s} Blicke kehrten immer wieder unwillk"urlich zu diesem
+alten Manne mit den h"angenden Lippen zur"uck, al{\s} ob er
+etwa{\s} ganz Besondere{\s} und Gro"sartige{\s} sei: war er doch
+ein Favorit de{\s} K"onig{\s}hofe{\s} gewesen und hatte im Bette
+einer K"onigin geschlafen!
+
+E{\s} wurde frappierter Sekt gereicht. Emma "uberlief e{\s} am
+ganzen K"orper, al{\s} sie da{\s} eisige Getr"ank im Munde
+sp"urte. Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat"apfel und a"s
+sie Anana{\s}. Selbst der gesto"sene Zucker, den e{\s} dazu gab,
+kam ihr wei"ser und feiner vor denn ander{\s}wo.
+
+Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur"uck, um sich
+zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste
+Gr"undlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb"ut. Ihr Haar
+ordnete sie nach den Ratschl"agen de{\s} Coiffeur{\s}. Dann
+schl"upfte sie in ihr Barege-Kleid, da{\s} auf dem Bett
+au{\s}gebreitet bereitlag.
+
+Karl f"uhlte sich in seiner Sonntag{\s}hose am Bauche beengt.
+
+"`Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen st"oren!"' meinte
+er.
+
+"`Du willst tanzen?"' entgegnete ihm Emma.
+
+"`Na ja!"'
+
+"`Du bist nicht recht gescheit! Man w"urde dich blo"s au{\s}lachen.
+Bleib du nur ruhig sitzen! "Ubrigen{\s} schickt sich da{\s} viel
+besser f"ur einen Arzt"', f"ugte sie hinzu.
+
+Karl schwieg. Er lief mit gro"sen Schritten im Zimmer hin und her
+und wartete, bi{\s} Emma fertig w"are. Er sah sie "uber ihren
+R"ucken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre
+schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar
+war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; e{\s} schimmerte in
+einem bl"aulichen Glanze, und "uber ihnen zitterte eine bewegliche
+Rose, mit k"unstlichen Tauperlen in den Bl"attern. Ihr
+mattgelbe{\s} Kleid ward durch drei Str"au"schen von Moo{\s}rosen
+mit Gr"un darum belebt.
+
+Karl k"u"ste sie von hinten auf die Schulter.
+
+"`La"s mich!"' wehrte sie ab. "`Du zerkn"ullst mir alle{\s}!"'
+
+Violinen- und Waldhornkl"ange drangen herauf. Emma stieg die
+Treppe hinunter, am liebsten w"are sie gerannt.
+
+Die Quadrille hatte bereit{\s} begonnen. Der Saal war gedr"angt
+voller Menschen, und immer noch kamen G"aste. Emma setzte sich
+unweit der T"ur auf einen Diwan.
+
+Al{\s} der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur
+Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro"se
+Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die
+bemalten F"acher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur
+H"alfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St"opsel der
+Riechfl"aschchen funkelten hin und her in den wei"sen Handschuhen,
+an denen die Konturen der Fingern"agel ihrer Tr"agerinnen
+hervortraten, w"ahrend da{\s} eingepre"ste Fleisch nur in den
+Handfl"achen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die
+Armb"ander mit Anh"angseln wogten an den Miedern, glitzerten an
+den Br"usten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen
+im Haar, da{\s} durchweg glatt und im Nacken geknotet war,
+Vergi"smeinnicht, Ja{\s}min, Granatbl"uten, "Ahren und Kornblumen
+in Kr"anzen, Str"au"sen oder Ranken. Bequem in ihren St"uhlen
+lehnten die M"utter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten
+Turbanen.
+
+Da{\s} Herz klopfte Emma ein wenig, al{\s} der erste T"anzer sie
+an den Fingerspitzen fa"ste und in die Reihe der anderen f"uhrte.
+Beim ersten Geigenton tanzten sie lo{\s}. Bald jedoch legte sich
+ihre Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und
+mit einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei
+besonder{\s} z"artlichen Passagen de{\s} Violinsolo{\s} flog ein
+s"u"se{\s} L"acheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente
+schwiegen, h"orte man im Tanzsaal da{\s} helle Klimpern der
+Goldst"ucke auf den Spieltischen nebenan, bi{\s} da{\s} Orchester
+mit einem Male wieder voll einsetzte. Dann ging{\s} im
+wiedergewonnenen Takte weiter; die R"ocke der T"anzerinnen
+bauschten sich und streiften einander, H"ande suchten und mieden
+sich, und dieselben Blicke, die eben sch"uchtern gesenkt waren,
+fanden ihr Ziel.
+
+Unter den tanzenden oder plaudernd an den T"uren stehenden Herren
+stachen etliche, etwa zw"olf bi{\s} f"unfzehn, bei allem
+Alter{\s}- und sonstigem Unterschied durch einen gewissen
+gemeinsamen Typ von den andern ab. Ihre Kleider waren von
+eleganterem Schnitte und au{\s} feinerem Stoff. Ihr nach den
+Schl"afen zu gewellte{\s} Haar verriet die beste Pflege. Sie
+hatten den Teint de{\s} Grandseigneur{\s}, jene wei"se Hautfarbe,
+die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, schillernder Seide und
+feinpolierten M"obeln erscheint und durch sorgf"altige und
+raffinierte Ern"ahrung erhalten wird. Ihre Bewegungen waren
+ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten Taschent"uchern
+entstr"omte leise{\s} Parf"um. Den "alteren unter diesen Herren
+haftete Jugendlichkeit an, w"ahrend den Gesichtern der j"ungeren
+eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichg"ultigen Blicken
+spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und
+hinter ihren glatten Manieren schlummerte da{\s} brutale eitle
+Herrentum, da{\s} sich im Umgange mit Rassepferden und leichten
+Damen entwickelt und kr"aftigt.
+
+Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in
+blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm"uckten Dame
+"uber Italien. Sie schw"armten von der Kuppel de{\s} Sankt Peter,
+von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den
+Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem
+andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend
+Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der
+vergangnen Woche in England Mi"s Arabella und Romulu{\s}
+"`geschlagen"' und durch einen "`famosen Grabensprung"'
+vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich,
+seine "`Rennschinder"' seien "`nicht im Training"', und ein
+dritter jammerte "uber einen Druckfehler in der "`Sportwelt"', der
+den Namen eine{\s} seiner "`Vollbl"uter"' verballhornt habe.
+
+Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten
+fahler. Man dr"angte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf
+einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu "offnen, zerbrach
+au{\s} Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Da{\s} Klirren der
+Gla{\s}scherben veranla"ste Frau Bovary hinzublicken, und da
+gewahrte sie von drau"sen herein gaffende Bauerngesichter. Die
+Erinnerung an da{\s} elterliche Gut "uberkam sie. Im Geiste sah
+sie den Hof mit dem Misthaufen, ihren Vater in Hemd{\s}"armeln
+unter den Apfelb"aumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in
+der Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch"usseln
+abrahmte. Aber im Strahlenglanz der gegenw"artigen Stunde starb
+die eben noch so klare Erinnerung an ihr fr"uhere{\s} Leben
+schnell wieder; e{\s} je gelebt zu haben, kam ihr fast unm"oglich
+vor. Hier, hier lebte sie, und wa{\s} "uber diesen Ballsaal
+hinau{\s} existieren mochte, da{\s} lag f"ur sie im tiefsten
+Dunkel~...
+
+Sie schl"urfte von dem Mara{\s}chino-Ei{\s}, da{\s} sie in einer
+vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen
+halb schlo"s und den goldnen L"offel lange zwischen den Z"ahnen
+behielt. Neben ihr lie"s eine Dame ihren F"acher zu Boden gleiten.
+Ein T"anzer ging vor"uber.
+
+"`Sie w"aren sehr g"utig, mein Herr,"' sagte die Dame, "`wenn Sie
+mir meinen F"acher aufheben wollten. Er ist unter diese{\s} Sofa
+gefallen."'
+
+Der Herr b"uckte sich, und w"ahrend er mit dem Arm nach dem
+F"acher langte, bemerkte Emma, da"s ihm die Dame etwa{\s}
+wei"se{\s}, dreieckig Zusammengefaltete{\s} in den Hut warf. Er
+"uberreichte ihr den aufgehobenen F"acher ehrerbietig. Sie dankte
+mit einem leichten Neigen de{\s} Kopfe{\s} und barg schnell ihr
+Gesicht in den Blumen ihre{\s} Strau"se{\s}.
+
+Nach dem Souper, bei dem e{\s} verschiedene Sorten von S"ud- und
+Rheinweinen gab, Kreb{\s}suppe, Mandelmilch, Pudding \`a la
+Trafalgar und allerlei kalte{\s} Fleisch, mit zitterndem Gelee
+garniert, begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und
+wegzufahren. Wer einen der Musselinvorh"ange am Fenster ein wenig
+beiseiteschob, konnte die Laternenlichter in die Nacht
+hinau{\s}ziehen sehen. E{\s} sa"sen immer weniger T"anzer im
+Saale. Nur im Spielzimmer war noch Leben. Die Musikanten leckten
+sich die hei"sen Finger ab. Karl stand gegen eine T"ur gelehnt,
+dem Einschlafen nahe.
+
+Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht.
+Aber alle Welt, sogar Fr"aulein von Andervillier{\s} und die
+Marquise tanzten. E{\s} waren nur noch die im Schlosse zur Nacht
+bleibenden G"aste da, etwa ein Dutzend Personen.
+
+Da geschah e{\s}, da"s einer der T"anzer, den man schlechtweg
+"`Vicomte"' nannte -- die weitau{\s}geschnittene Weste sa"s ihm
+wie angegossen -- Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte
+e{\s} nicht. Der Vicomte bat abermal{\s}, indem er versicherte, er
+w"urde sie sicher f"uhren und e{\s} w"urde vortrefflich gehen.
+
+Sie begannen langsam, um allm"ahlich rascher zu tanzen.
+Schlie"slich wirbelten sie dahin. Alle{\s} drehte sich rund um
+sie: die Lichter, die M"obel, die W"ande, der Parkettboden, al{\s}
+ob sie in der Mitte eine{\s} Kreisel{\s} w"aren. Einmal, al{\s}
+da{\s} Paar dicht an einer der T"uren vorbeitanzte, wickelte sich
+Emma{\s} Schleppe um da{\s} Bein ihre{\s} T"anzer{\s}. Sie
+f"uhlten sich beide und blickten sich einander in die Augen. Ein
+Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber e{\s} ging
+weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, bi{\s}
+an da{\s} Ende der Galerie, wo Emma, v"ollig au"ser Atem, beinahe
+umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte.
+Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an
+ihren Platz zur"uck. E{\s} schwindelte ihr; sie mu"ste den R"ucken
+anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken.
+
+Al{\s} sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da"s in der Mitte
+de{\s} Saale{\s} eine der Damen auf einem Taburett sa"s, w"ahrend
+drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war
+der Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein.
+
+Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. E{\s} tanzte einmal und
+noch einmal herum: sie regung{\s}lo{\s} in den Linien ihre{\s}
+K"orper{\s}, da{\s} Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der
+n"amlichen Haltung, kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den
+Blick geradeau{\s} gerichtet. Da{\s} waren Walzert"anzer! Sie
+fanden kein Ende. Eher erm"udeten die Zuschauer.
+
+Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte
+man sich "`Gute Nacht"' oder vielmehr "`Guten Morgen"', und alle{\s}
+ging schlafen.
+
+Karl schleppte sich am Treppengel"ander hinauf. Er hatte sich
+"`die Beine in den Bauch gestanden."' Ohne sich zu setzen, hatte
+er sich f"unf Stunden hintereinander bei den Spieltischen
+aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwa{\s} von
+diesem Spiel zu verstehen. Und so stie"s er einen m"achtigen
+Seufzer der Erleichterung au{\s}, al{\s} er sich endlich seiner
+Stiefel entledigt hatte.
+
+Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, "offnete da{\s} Fenster
+und lehnte sich hinau{\s}. Die Nacht war schwarz. Feiner
+Spr"uhregen fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die
+Augenlider k"uhlte. Walzerkl"ange summten ihr noch in den Ohren.
+Emma hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten
+M"archenglanz, ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu
+besitzen~...
+
+Der Morgen d"ammerte. Sie schaute hin"uber nach den Fensterreihen
+de{\s} Mittelbaue{\s}, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo
+die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend
+beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwa{\s} von ihrem
+Leben zu wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin
+aufzugehen.
+
+Schlie"slich begann sie zu fr"osteln. Sie entkleidete sich und
+schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihre{\s} schlafenden
+Gatten.
+
+Zum Fr"uhst"uck erschienen eine Menge Menschen. E{\s} dauerte zehn
+Minuten. E{\s} gab keinen Kognak, wa{\s} dem Arzt wenig behagte.
+
+Beim Aufstehen sammelte Fr"aulein von Andervillier{\s} die
+angebrochenen Br"otchen in einen kleinen Korb, um sie den
+Schw"anen auf dem Schlo"steiche zu bringen. Nach der F"utterung
+begab man sich in da{\s} Gew"ach{\s}hau{\s}, mit seinen seltsamen
+Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser
+f"uhrte ein Au{\s}gang in den Wirtschaft{\s}hof.
+
+Um der jungen Arztfrau ein Vergn"ugen zu bereiten, zeigte ihr der
+Marqui{\s} die St"alle. "Uber den korbartigen Raufen waren
+Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben
+die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen
+stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere.
+Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst
+wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte de{\s}
+Raume{\s} auf drehbaren B"ocken, w"ahrend die Kandaren, Trensen,
+Kinnketten, Steigb"ugel, Z"ugel und Peitschen wohlgeordnet zu
+Reihen an den W"anden hingen.
+
+Karl bat einen Stallburschen, sein Gef"ahrt zurechtzumachen.
+Sodann fuhr er vor. Da{\s} ganze Gep"ack ward aufgepackt. Da{\s}
+Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marqui{\s}
+und der Marquise. Und heim ging e{\s} nach Toste{\s}.
+
+Schweigsam sah Emma dem Drehen der R"ader zu. Karl sa"s auf dem
+"au"sersten Ende de{\s} Sitze{\s} und kutschierte mit abstehenden
+Ellbogen. Da{\s} kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner
+Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z"ugel tanzten auf
+der Kruppe de{\s} Gaule{\s}. Gischt flatterte. Der Koffer, der
+hinten angeschnallt war, sa"s nicht recht fest und polterte in
+einem fort im Takte an den Wagenkasten.
+
+Auf der H"ohe von Thibourville wurden sie pl"otzlich von ein paar
+Reitern "uberholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma
+glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie
+vermochte nicht{\s} zu erkennen al{\s} die Konturen der Reiter,
+die sich vom Himmel abhoben und sich im Rhythmu{\s} de{\s}
+Trabe{\s} auf und nieder bewegten.
+
+Wenige Minuten sp"ater mu"sten sie Halt machen, um die zerrissene
+Hemmkette mit einem Strick fest\/zubinden. Al{\s} Karl da{\s} ganze
+Geschirr noch einmal "uberblickte, gewahrte er zwischen den Beinen
+seine{\s} Pferde{\s} einen Gegenstand liegen. Er hob eine
+Zigarrentasche auf; sie war mit gr"uner Seide gestickt und auf der
+Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm"uckt.
+
+"`E{\s} sind sogar zwei Zigarren drin!"' sagte er. "`Die kommen
+heute abend nach dem Essen dran!"'
+
+"`Du rauchst demnach?"' fragte Emma.
+
+"`Manchmal! Gelegentlich!"'
+
+Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul ein{\s} mit
+der Peitsche.
+
+Al{\s} sie zu Hause ankamen, war da{\s} Mittagessen noch nicht
+fertig. Frau Bovary war unwillig dar"uber. Anastasia gab eine
+dreiste Antwort.
+
+"`Scheren Sie sich fort"' rief Emma. "`Sie machen sich "uber mich
+lustig. Sie sind entlassen!"'
+
+Zu Tisch gab e{\s} Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut.
+Karl sa"s seiner Frau gegen"uber. Er rieb sich die H"ande und
+meinte vergn"ugt:
+
+"`Zu Hause ist{\s} doch am sch"onsten!"'
+
+Man h"orte, wie Anastasia drau"sen weinte. Karl hatte da{\s} arme
+Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit,
+hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war
+seine erste Patientin gewesen, seine "alteste Bekannte in der
+ganzen Gegend.
+
+"`Hast du ihr im Ernst gek"undigt?"' fragte er nach einer Weile.
+
+"`Gewi"s! Warum soll ich auch nicht?"' gab Emma zur Antwort.
+
+Nach Tisch w"armten sich die beiden in der K"uche, w"ahrend die
+Gro"se Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich
+eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und
+spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich
+zur"uck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg.
+
+"`Da{\s} Rauchen wird dir nicht bekommen!"' bemerkte Emma
+ver"achtlich.
+
+Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank
+gierig ein Gla{\s} frische{\s} Wasser. W"ahrenddessen nahm Emma
+die Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel de{\s}
+Schranke{\s}.
+
+Der Tag war endlo{\s}: dieser Tag nach dem Feste!
+
+Emma ging in ihrem G"artchen spazieren. Immer dieselben Wege auf
+und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem
+Obstspalier, vor dem t"onernen M"onch, und betrachtete sich alle
+diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit
+hinter ihr der Ballabend schon lag! Und wa{\s} war e{\s}, da{\s}
+sich zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft
+dr"angte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen
+tiefen Ri"s gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm
+zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw"uhlt. Trotzdem
+kam eine gewisse Resignation "uber sie. Wie eine Reliquie
+verwahrte sie ihr sch"one{\s} Ballkleid in ihrem Schranke, sogar
+die Atla{\s}schuhe, deren Sohlen vom Parkettwach{\s} eine
+br"aunliche Politur bekommen hatten. Emma{\s} Herz ging e{\s} wie
+ihnen. Bei der Ber"uhrung mit dem Reichtum war etwa{\s} daran
+haften geblieben f"ur immerdar.
+
+An den Ball zur"uckdenken, wurde f"ur Emma eine besondre
+Besch"aftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken
+auf: "`Ach, heute vor acht Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor
+vierzehn Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor drei Wochen war
+e{\s}!"' Allm"ahlich aber verschwammen in ihrem Ged"achtnisse die
+einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse gesehen hatte. Die
+Melodien der T"anze entfielen ihr. Sie verga"s, wie die Gem"acher
+und die Livreen au{\s}gesehen hatten. Immer mehr schwanden ihr die
+Einzelheiten, aber ihre Sehnsucht blieb zur"uck.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Oft, wenn Karl unterweg{\s} war, holte Emma die gr"unseidene
+Zigarrentasche au{\s} dem Schrank, wo sie unter gefalteter W"asche
+verborgen lag. Sie betrachtete sie, "offnete sie und sog sogar den
+Duft ihre{\s} Futter{\s} ein, da{\s} nach Lavendel und Tabak roch.
+Wem mochte sie geh"ort haben? Dem Vicomte? Vielleicht war e{\s}
+ein Geschenk seiner Geliebten. Gewi"s hatte sie die Stickerei auf
+einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz
+heimlich, in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der
+tr"aumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch
+von Liebe wehte au{\s} den Stichen hervor. Mir jedem Faden war
+eine Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle
+diese kleinen Seidenkreuzchen waren da{\s} Denkmal einer langen
+stummen Leidenschaft. Und dann, eine{\s} Morgen{\s}, hatte der
+Vicomte die Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl
+geplaudert, al{\s} sie noch auf dem breiten Simse de{\s}
+Kamine{\s} zwischen Blumenvasen und Stutzuhren au{\s} den Zeiten
+der Pompadour lag?
+
+Jetzt war der Vicomte wohl in Pari{\s}. Weit weg von ihr und von
+Toste{\s}! Wie mochte diese{\s} Pari{\s} sein? Welch
+geheimni{\s}voller Name! Pari{\s}! Sie fl"usterte da{\s} Wort
+immer wieder vor sich hin. E{\s} machte ihr Vergn"ugen. E{\s}
+raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer gro"sen
+Kirchenglocke. E{\s} flammte ihr in die Augen, wo e{\s} auch
+stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb"uchsen.
+
+Nacht{\s}, wenn die Seefischh"andler unten auf der Stra"se
+vorbeifuhren mit ihren Karren und die "`Majorlaine"' sangen, ward
+sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R"ader, bi{\s} die Wagen
+au{\s} dem Dorfe hinau{\s} waren und e{\s} wieder still wurde.
+
+"`Morgen sind sie in Pari{\s}!"' seufzte die Einsame. Und in ihren
+Gedanken folgte sie den Fahrzeugen "uber Berg und Tal, durch
+D"orfer und St"adte, immer die gro"se Stra"se hin in der lichten
+Sternennacht. Aber weiter weg gab e{\s} ein verschwommene{\s}
+Ziel, wo ihre Tr"aume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von
+Pari{\s} und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch
+die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevard{\s} hin, blieb an jeder
+Stra"senecke stehen, an jedem Hause, da{\s} im Stadtplan
+eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie"slich m"ude wurden,
+schlo"s sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie die
+Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor
+dem Portal der Gro"sen Oper donnernd vorfuhren.
+
+Sie abonnierte auf den "`Bazar"' und die "`Modenwelt"' und
+studierte auf da{\s} gewissenhafteste alle Berichte "uber die
+Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet,
+wenn ber"uhmte S"angerinnen Gastspiele gaben oder neue
+Warenh"auser er"offnet wurden; sie kannte die neuesten Moden, die
+Adressen der guten Schneider; sie wu"ste, an welchen Tagen die
+vornehme Gesellschaft im Boi{\s} und in der Oper zu finden war.
+Au{\s} den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen
+eingerichtet waren. Sie la{\s} Balzac und die George Sand, um
+wenigsten{\s} in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen.
+Sie brachte diese B"ucher sogar mit zu den Mahlzeiten und la{\s}
+darin, w"ahrend Karl a"s und ihr erz"ahlte. Und wa{\s} sie auch
+la{\s}, "uberallhinein drangen ihre Reminis\/zenzen an den
+Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand
+Beziehungen. Aber allm"ahlich erweiterte sich der Ideenkrei{\s},
+dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen
+hatte, erblich schlie"slich, um auf andren Idealgesch"opfen wieder
+aufzuflammen.
+
+Unerme"slich wie da{\s} Weltmeer, in der Sonne eine{\s}
+Wunderhimmel{\s}, so stand Pari{\s} vor Emma{\s} Phantasie. Da{\s}
+tausendf"altige Leben, da{\s} sich in diesem Babylon abspielt, war
+gleichwohl f"ur sie auf ganz bestimmte Einzelheiten beschr"ankt,
+die sie im Geiste in deutlichen Bildern sah. Neben diesen -- man
+k"onnte sagen -- Symbolen de{\s} mond"anen Leben{\s} trat alle{\s}
+andre in Dunkel und D"ammerung zur"uck.
+
+Da{\s} Dasein der Hofmenschen, so wie sie sich{\s} vorstellte,
+spielte sich auf gl"anzendem Parkett ab, in Spiegels"alen, um
+ovale Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen.
+Dazu Schleppkleider, Staat{\s}geheimnisse und tausend Qualen
+hinter heuchlerischem L"acheln. Da{\s} Milieu de{\s} h"ochsten
+Adel{\s} bildete sie sich folgenderma"sen ein: Vornehme bleiche
+Gesichter; man steht fr"uh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt
+ungl"uckliche Engel, tragen Unterr"ocke au{\s} irischen Spitzen;
+die M"anner, verkannte Genie{\s}, kokettierend mit der Ma{\s}ke
+der Oberfl"achlichkeit, reiten au{\s} "Ubermut ihre Vollbl"uter
+zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und
+wenn sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter
+Letzt reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr"aumte, war
+da{\s} bunte Leben und Treiben der K"unstler, Schriftsteller und
+Schauspielerinnen, da{\s} sich in den separierten Zimmern der
+Restaurant{\s} abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein
+soupiert und sich au{\s}tollt. Diese Menschen sind die
+Verschwender de{\s} Leben{\s}, K"onige in ihrer Art, voller Ideale
+und Phantastereien. Ihr Dasein verl"auft hoch "uber dem Alltag,
+zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang.
+
+Alle{\s} andre in der Welt war f"ur Emma verloren,
+wesen{\s}lo{\s}, so gut wie nicht vorhanden. Je n"aher ihr die
+Dinge "ubrigen{\s} standen, um so weniger ber"uhrten sie ihr
+Innenleben. Alle{\s}, wa{\s} sie unmittelbar umgab: die eint"onige
+Landschaft, die kleinlichen armseligen Spie"sb"urger, ihr
+ganze{\s} Durchschnitt{\s}dasein kam ihr wie ein Winkel der
+eigentlichen Welt vor. Er existierte zuf"allig, und sie war in ihn
+verbannt. Aber drau"sen vor seinen Toren, da begann da{\s} weite,
+weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der Sehnsucht
+ihre{\s} Traumleben{\s} flossen Wollust und Luxu{\s} mit den
+Freuden de{\s} Herzen{\s}, erlesene Leben{\s}f"uhrung mit
+Gef"uhl{\s}feinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, "ahnlich wie
+die Pflanzen der Tropen, nicht ihre{\s} eigenen Boden{\s} und
+ihrer besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K"usse,
+Tr"anen, vergossen auf hingebung{\s}volle H"ande, Fleische{\s}lust
+und schmachtende Z"artlichkeit, alle{\s} da{\s} war ihr
+unzertrennlich von stolzen Schl"ossern voll m"u"sigen Leben{\s},
+von Boudoiren mit seidnen Vorh"angen und dicken Teppichen, von
+blumengef"ullten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden
+Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft.
+
+Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen
+Stalljacke, die blo"sen F"u"se in Holzpantoffeln, kam, um die
+Stute zu f"uttern und zu putzen, klapperte jede{\s}mal durch die
+Hau{\s}flur. Da{\s} war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu"ste sie
+zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie"s er sich den ganzen Tag
+"uber nicht wieder blicken. Karl pflegte n"amlich sein Pferd, wenn
+er e{\s} geritten hatte, selbst einzustellen. W"ahrend er Sattel
+und Z"aumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor.
+
+Nachdem Anastasia unter tausend Tr"anen wirklich da{\s} Hau{\s}
+verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junge{\s} M"adchen
+in Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm"utige{\s}
+Wesen. Sie zog sie nett an, brachte ihr h"ofliche Manieren bei,
+lehrte sie, ein Gla{\s} Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem
+Eintreten in ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl"atten
+und B"ugeln der W"asche und lie"s sich von ihr beim Ankleiden
+helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe au{\s}.
+Felicie -- so hie"s da{\s} neue M"adchen -- gehorchte ihr ohne
+Murren. E{\s} gefiel ihr im Hause. Die Hau{\s}frau pflegte den
+B"ufettschl"ussel stecken zu lassen. Felicie nahm sich alle Abende
+einige St"ucke Zucker und verzehrte sie, wenn sie allein war, im
+Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. Nachmittag{\s}, wenn
+Frau Bovary wie gew"ohnlich oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie
+ein wenig in die Nachbarschaft klatschen.
+
+Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl"age und
+einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie h"atte
+schreiben k"onnen. H"aufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter
+nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in
+Tr"aumereien und lie"s da{\s} Buch in den Scho"s sinken. Am
+liebsten h"atte sie eine gro"se Reise gemacht oder w"are wieder in
+da{\s} Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben und die Sehnsucht
+nach Pari{\s} beherrschten sie in der gleichen Minute.
+
+Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra"sen hin.
+Er fr"uhst"uckte in den Geh"often, griff in feuchte Krankenbetten,
+lie"s sich beim Aderlassen da{\s} Gesicht voll Blut spritzen,
+h"orte dem R"ocheln Sterbender zu, pr"ufte den Inhalt von
+Nachtt"opfen und zog so und so oft schmutzige Hemden hoch.
+Abend{\s} aber fand er immer ein gem"utliche{\s} Feuer im Kamin,
+einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro"svaterstuhl
+und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging
+von ihr au{\s}; wer wei"s, wa{\s} da{\s} war, ein Odeur, ihre
+W"asche oder ihre Haut?
+
+Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Ent\/z"ucken. Sie
+erfand neue Papiermanschetten f"ur die Leuchter, oder sie besetzte
+ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz
+gew"ohnliche{\s} Gericht mit einem putzigen Namen, weil e{\s} ihm
+herrlich geschmeckt und er e{\s} bi{\s} auf den letzten Rest
+vertilgt hatte, obgleich e{\s} dem M"adchen greulich mi"sraten
+war. Einmal sah sie in Rouen, da"s die Damen an ihren Uhrketten
+allerlei Anh"angsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein
+andermal war e{\s} ihr Wunsch, auf dem Kamine ihre{\s} Zimmer{\s}
+zwei gro"se Vasen au{\s} blauem Porzellan stehen zu haben, oder
+sie wollte ein N"ahk"astchen au{\s} Elfenbein mit einem
+vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen
+begriff, so sehr "ubten sie doch auch auf ihn eine verf"uhrerische
+Wirkung au{\s}. Sie erh"ohten die Freuden seiner Sinnlichkeit und
+verliehen seinem Heim einen s"u"sen Reiz mehr. E{\s} war, al{\s}
+ob Goldstaub auf den Pfad seine{\s} Leben{\s} fiel.
+
+Er sah gesund und w"urdevoll au{\s}, und sein Ansehen al{\s} Arzt
+stand l"angst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht
+stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemal{\s} in ein
+Wirt{\s}hau{\s} und fl"o"ste jedermann durch seine Solidit"at
+Vertrauen ein. Er war Spezialist f"ur Hal{\s}- und Lungenleiden.
+In Wirklichkeit r"uhrten seine Erfolge daher, da"s er Angst hatte,
+die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur
+beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein
+Abf"uhrmittel, ein Fu"sbad oder einen Blutegel verordnete. In der
+Chirurgie war er allerding{\s} ein St"umper. Er schnitt
+drauflo{\s} wie ein Fleischermeister, und Z"ahne zog er wie der
+Satan.
+
+Um sich in seinem Handwerk "`auf dem laufenden zu halten"', war er
+auf die "`Medizinische Wochenschrift"' abonniert, von der ihm
+einmal ein Prospekt zugegangen war. Abend{\s} nach der
+Hauptmahlzeit nahm er sie gew"ohnlich zur Hand, aber die warme
+Zimmerluft und die Verdauung{\s}m"udigkeit brachten ihn
+regelm"a"sig nach f"unf Minuten zum Einschlafen. Da{\s} Haupt sank
+ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine L"owenm"ahne
+vorn"uber nach dem Fu"se der Tischlampe zu. Emma sah sich
+diese{\s} Bild ver"achtlich an. Wenn ihr Mann nur wenigsten{\s}
+eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen w"are, die
+nacht{\s} "uber ihren B"uchern hocken und mit sechzig Jahren, wenn
+sich da{\s} Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in da{\s}
+Knopfloch ihre{\s} schlecht sitzenden schwarzen Rocke{\s} geh"angt
+bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, h"atte
+Bedeutung haben m"ussen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in
+ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt
+au{\s} Yvetot, mit dem er unl"angst gemeinsam konsultiert worden
+war, hatte ihn in Gegenwart de{\s} Kranken und im Beisein der
+Verwandten blamiert. Al{\s} Karl ihr abend{\s} die Geschichte
+erz"ahlte, war Emma ma"slo{\s} emp"ort "uber den Kollegen. Karl
+k"u"ste ihr ger"uhrt die Stirn. Die Tr"anen standen ihm in den
+Augen. Sie war au"ser sich vor Scham ob der Dem"utigung ihre{\s}
+Manne{\s} und h"atte ihn am liebsten verpr"ugelt. Um sich zu
+beruhigen, eilte sie auf den Gang hinau{\s}, "offnete da{\s}
+Fenster und sog die k"uhle Nachtluft ein.
+
+"`Ach, wa{\s} habe ich f"ur einen erb"armlichen Mann!"' klagte sie
+leise vor sich hin und bi"s sich auf die Lippen.
+
+Er wurde ihr auch sonst immer widerw"artiger. Mit der Zeit nahm er
+allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch
+zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen
+leckte er sich die Z"ahne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe
+l"offelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer
+beleibter, und seine an und f"ur sich schon winzigen Augen drohten
+allm"ahlich g"anzlich hinter seinen feisten Backen zu
+verschwinden.
+
+Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seine{\s}
+Trikotunterhemde{\s} wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte
+zurecht oder beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er
+sonst noch l"anger angezogen h"atte. Aber dergleichen tat sie
+nicht, wie er w"ahnte, ihm zuliebe. E{\s} geschah einzig und
+allein au{\s} nerv"oser Reizbarkeit und egoistischem
+Sch"onheit{\s}drang. Mitunter erz"ahlte sie ihm Dinge, die sie
+gelesen hatte, etwa au{\s} einem Roman oder au{\s} einem neuen
+St"ucke, oder Vorkommnisse au{\s} dem Leben der oberen
+Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte.
+Schlie"slich war Karl wenigsten{\s} ein aufmerksamer und geneigter
+Zuh"orer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel,
+da{\s} Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren
+Vertrauten machen!
+
+Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer de{\s}
+gro"sen Erlebnisse{\s}. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit
+verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihre{\s} Dasein{\s} ab
+und sp"ahte in die dunstigen Fernen nach einem wei"sen Segel.
+Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der
+richtige Kur{\s} oder der Zufall da{\s} ersehnte Schiff zuf"uhren
+solle, nach welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern
+w"urde, welcher Art diese{\s} Schiff "uberhaupt sein solle, ob ein
+schwache{\s} Boot oder ein gro"ser Ozeandampfer, und mit welcher
+Fracht er fahre, mit tausend "Angsten oder mit Gl"uckseligkeiten
+beladen bi{\s} hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie
+erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m"usse e{\s} sich
+ereignen. Bei jedem Ger"ausch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor
+und war dann betroffen, da"s e{\s} immer noch nicht kam, da{\s}
+gro"se Erlebni{\s}. Wenn die Sonne sank, war sie jede{\s}mal
+tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n"achsten Tag.
+
+Der Fr"uhling zog wieder in da{\s} Land. Al{\s} die Tage w"armer
+wurden und die Birnb"aume zu bl"uhen begannen, litt Emma an
+Beklemmungen. Dann ward e{\s} Sommer. Bereit{\s} Anfang Juli
+z"ahlte sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen e{\s} noch
+bi{\s} zum Oktober seien. Vielleicht g"abe der Marqui{\s} von
+Andervillier{\s} wieder einen Ball. Aber der ganze September
+verstrich, ohne da"s ein Brief oder ein Besuch au{\s} Vaubyessard
+kam. Nach dieser Entt"auschung war ihr Herz wieder leer, und
+da{\s} ewige Einerlei ihre{\s} Leben{\s} hub von neuem an.
+
+Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die
+Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern,
+sollten kommen und gehen und nie etwa{\s} Neue{\s} bringen! So
+flach auch da{\s} Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin
+die M"oglichkeit eine{\s} au"sergew"ohnlichen Geschehnisse{\s}.
+Ein Abenteuer zieht h"aufig die unglaublichsten Umw"alzungen nach
+sich und ver"andert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein
+blieb alle{\s} beim alten. Da{\s} war ihr Schicksal! Die Zukunft
+lag vor ihr wie ein langer stockfinsterer Gang, und die T"ur ganz
+am Ende war fest verriegelt.
+
+Sie vernachl"assigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer h"orte
+ihr denn zu? E{\s} war ihr doch niemal{\s} verg"onnt, in einem
+Gesellschaft{\s}kleid mit kurzen "Armeln auf einem Konzertfl"ugel
+vor einer gro"sen Zuh"orerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger
+"uber die Elfenbeintasten hinst"urmen zu lassen und da{\s} Murmeln
+der Verz"uckung um sich zu h"oren wie da{\s} Rauschen de{\s}
+Zephir{\s}. Wozu also da{\s} m"uhevolle Einstudieren? Ebenso
+packte sie ihr Zeichenger"at und den Stickrahmen in den Schrank.
+Wozu da{\s} alle{\s}? Wem zuliebe? Auch da{\s} N"ahen ward ihr
+widerlich, und selbst da{\s} Lesen lie"s sie. "`E{\s} ist immer
+wieder da{\s}selbe!"' sagte sie sich.
+
+Und so tr"aumte sie vor sich hin, starrte in die Glut de{\s}
+Kamin{\s} oder sah zu, wie drau"sen der Regen herniederfiel.
+
+Am traurigsten waren ihr die Sonntag{\s}nachmittage. Wenn e{\s}
+zur Vesper l"autete, h"orte sie, vor sich hinbr"utend, den dumpfen
+Glockenschl"agen zu. Eine Katze schlich "uber die D"acher,
+gem"achlich und langsam, und wo ein bi"schen Sonne war, machte sie
+einen Buckel. Auf der Landstra"se blie{\s} der Wind Staubwirbel
+auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem
+fort, in gleichen Zeitr"aumen, der monotone Glockenklang, der
+"uber den Feldern verhallte.
+
+Inzwischen kamen die Leute au{\s} der Kirche. Die Frauen in
+Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntag{\s}blusen, die hin und
+her laufenden Kinder in blo"sen K"opfen. Alle{\s} ging
+heimw"art{\s}. Nur f"unf bi{\s} sech{\s} M"anner, immer dieselben,
+blieben vor dem Hoftor de{\s} Gasthofe{\s} beim St"opselspiel,
+bi{\s} e{\s} dunkel wurde.
+
+E{\s} kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die
+Fensterscheiben mit Ei{\s}blumen bedeckt, und da{\s}
+Tage{\s}licht, da{\s} wie durch mattgeschliffene{\s} Gla{\s}
+hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag "uber tr"ub. Von
+nachmittag{\s} vier Uhr an mu"sten die Lampen brennen.
+
+An sch"onen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost
+hatte "uber die Gr"aser ein silberne{\s} Netz gewoben, dessen
+glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel
+sang. Die Natur schien zu schlafen. Da{\s} Spalier war mit Stroh
+umwickelt, und die Weinst"ocke hingen an der Mauer wie vereiste
+Schlangen. Der lesende M"onch unter den Fichten an der Hecke hatte
+den rechten Fu"s verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen,
+und graue Flecke entstellten ihm nun da{\s} Gesicht.
+
+Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo"s
+die T"ur ab und sch"urte da{\s} Feuer im Kamine. In der W"arme
+de{\s} Zimmer{\s} ward sie matt, und die Langeweile lastete
+schwerer auf ihr. Gern w"are sie hinuntergelaufen, um mit dem
+Dienstm"adchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz.
+
+Alle Morgen um die n"amliche Stunde "offnete dr"uben der
+Schulmeister, sein schwarzseidne{\s} K"appchen auf dem Kopfe, die
+Fensterl"aden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm
+mit seinem S"abel vor"uber. Morgen{\s} und abend{\s} wurden die
+Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr"anke nach dem Dorfteiche
+vorbeigef"uhrt. Von Zeit zu Zeit schellte die T"urklingel
+irgendeine{\s} Laden{\s}; und wenn der Wind ging, h"orte man die
+Messingbecken, die al{\s} Au{\s}h"angeschilder vor dem
+Barbiergesch"afte hingen, an ihre Stange klirren. Da{\s}
+Schaufenster schm"uckten ein alte{\s} auf Pappe au{\s}geklebte{\s}
+Modenkupfer und eine weibliche Wach{\s}b"uste mit einer gelben
+Per"ucke. Der Friseur pflegte "uber seinen brotlosen Beruf und
+seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h"ochster Traum war
+ein Laden in einer gro"sen Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der
+N"ahe de{\s} Theater{\s}. M"urrisch wanderte er den ganzen Tag
+"uber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und her und
+lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster
+blickte, sah sie ihn jede{\s}mal in seinem braunen Rock, die
+Zipfelm"utze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her
+patrouillieren.
+
+Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern de{\s}
+E"szimmer{\s} ein sonnengebr"aunter M"annerkopf mit einem
+schwarzen Schnurrbarte und einem tr"agen L"acheln um den Mund, in
+dem die Z"ahne leuchteten. Al{\s}bald begann eine Walzermelodie
+au{\s} einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal
+aufgebaut war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten
+Kopft"uchern, Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R"ocken,
+Herren in Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofa{\s} und
+Lehnst"uhlen und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst"ucken
+vervielf"altigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. Der
+Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp"ahte dabei nach recht{\s}
+und link{\s} nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen
+langen Strahl tabakbraunen Speichel{\s} gegen die Prellsteine oder
+stie"s mit dem Knie seinen Kasten in die H"ohe, dessen Gurt ihm
+die Schultern dr"uckte. In einem fort, bald schwerm"utig und
+schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem
+roten Taftbezug, der unter einer schn"orkelhaft au{\s}gestanzten
+Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. E{\s} waren
+Melodien, die gerade Mode waren und die man "uberall h"orte, in
+den Theatern, Salon{\s} und Tanzs"alen, Kl"ange au{\s} der fernen
+Welt, die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese
+Kl"ange im Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder au{\s} ihrem
+Kopfe weichen. Wie die Bajadere "uber den Blumen ihre{\s}
+Teppich{\s}, tanzten ihre Gedanken im Rhythmu{\s} dieser Melodien
+und wiegten sich von Traum zu Traum und von Tr"ubsal zu Tr"ubsal.
+Wenn der Mann die milden Gaben in seiner M"utze gesammelt hatte,
+umh"ullte er seinen Kasten mit einem blauwollnen "Uberzug, nahm
+ihn auf den R"ucken und verlie"s da{\s} Dorf schweren
+Schritte{\s}. Emma schaute ihm lange nach.
+
+Am unertr"aglichsten waren ihr die Mahlzeiten im E"szimmer unten
+im Erdgescho"s. Der Ofen rauchte, die T"ure knarrte, die W"ande
+waren feucht und der Fu"sboden kalt. Die ganze Bitterni{\s}
+ihre{\s} Dasein{\s} schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und
+au{\s} dem Dampf de{\s} au{\s}gekochten Rindfleische{\s} wehte ihr
+gleichsam der Brodem ihre{\s} ihr so widerw"artig gewordenen
+Leben{\s} entgegen. Karl a"s und a"s, w"ahrend sie ein paar N"usse
+knackte oder, auf die Ellenbogen gest"utzt, sich damit vergn"ugte,
+mit der Messerspitze allerlei Linien in da{\s} Wach{\s}tuch zu
+kritzeln.
+
+In der Wirtschaft lie"s sie jetzt alle{\s} gehen, wie e{\s} ging.
+Ihre Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach
+Toste{\s} kam, war ob diese{\s} Wandel{\s} arg verdutzt. Emma, die
+erst in ihrem "Au"seren so akkurat und adrett gewesen war, lief
+nunmehr tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue
+baumwollne Str"umpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie
+meinte, man m"usse sich einschr"anken, da sie nicht reich seien,
+f"ugte aber hinzu, sie sei h"ochst zufrieden und "uberau{\s}
+gl"ucklich, und in Toste{\s} gefalle e{\s} ihr "uber alle Ma"sen.
+Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte Frau
+Bovary. Im "ubrigen zeigte sie sich f"ur die guten Lehren der
+Schwiegermutter nicht empf"anglicher denn fr"uher. Al{\s} diese
+gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei f"ur die
+Gotte{\s}furcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emma{\s}
+Antwort von einem so zornigen Blick und einem so ei{\s}kalten
+L"acheln begleitet, da"s die gute Frau ihr nicht wieder zu nahe
+kam.
+
+Emma wurde unzug"anglich und launisch. Sie lie"s sich besondre
+Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr"uhrte; an dem
+einen Tage trank sie nicht{\s} al{\s} Milch und am andern ein
+Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht au{\s} dem Hause zu
+bekommen, und bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken.
+Sie sperrte alle Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug
+anziehen. Wenn sie da{\s} Dienstm"adchen angefahren hatte, machte
+sie ihr im n"achsten Augenblicke Geschenke oder lie"s sie in die
+Nachbarschaft au{\s}gehen. Au{\s} "ahnlicher Bizarrerie warf sie
+bi{\s}weilen armen Leuten alle{\s} Kleingeld hin, da{\s} sie bei
+sich hatte, obgleich sie eigentlich gar nicht weichherzig und
+mitleidig war, just wie alle Menschen, die auf dem Lande gro"s
+geworden sind und leben{\s}lang etwa{\s} von der H"arte der
+v"aterlichen H"ande in ihrem Herzen behalten.
+
+Gegen Ende de{\s} Februar{\s} brachte Vater Rouault in Erinnerung
+an seine Heilung pers"onlich eine pr"achtige Truthenne und blieb
+drei Tage im Hause seine{\s} Schwiegersohne{\s}. W"ahrend Karl auf
+Praxi{\s} war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte
+in ihrem Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von
+Ernteau{\s}sichten, K"albern, K"uhen, H"uhnern und von den
+Gemeinderat{\s}sitzungen. Wenn er wieder hinau{\s}gegangen war,
+schlo"s sie ihre T"ur mit einem Gef"uhl der Befriedigung ab,
+da{\s} ihr selber sonderbar vorkam.
+
+Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan
+immer weniger. Bi{\s}weilen gefiel sie sich darin, die
+merkw"urdigsten Ansichten zu "au"sern. Sie tadelte, wa{\s} andre
+f"ur gut hielten, und billigte Dinge, die f"ur unnat"urlich oder
+unmoralisch erkl"art wurden. Karl machte mitunter verwunderte
+Augen dazu.
+
+Sollte diese{\s} Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich
+immer wieder. Sollte sie niemal{\s} von hier fortkommen? Sie war
+doch ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl"ucklich waren!
+In Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im
+Wuch{\s} waren al{\s} sie und ein gew"ohnlichere{\s} Benehmen
+hatten. Sie verw"unschte die Ungerechtigkeit ihre{\s}
+Sch"opfer{\s} und dr"uckte ihr Haupt weinend an die W"ande vor
+lauter Sehnsucht nach dem Tumult der Welt, ihren n"achtlichen
+Ma{\s}keraden und frechen Freuden und allen den Tollheiten, die
+sie nicht kannte und die e{\s} doch gab.
+
+Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete
+ihr Baldriantropfen und Kampferb"ader. Da{\s} machte sie nur noch
+reizsamer.
+
+An manchen Tagen redete sie ohne Unterla"s wie eine Fieberkranke.
+Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl"otzlicher Umschlag in einen
+Zustand von Empfindung{\s}losigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne
+sich zu r"uhren, und e{\s} wirkte bei ihr nur ein
+Belebung{\s}mittel: da{\s} "Ubergie"sen mit K"olnischem Wasser.
+
+Dieweil sie sich fortw"ahrend "uber Toste{\s} beklagte, bildete
+sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifello{\s} durch irgendwelchen
+"ortlichen Einflu"s verursacht, und so begann er ernstlich daran
+zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen.
+
+Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager
+werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor
+jegliche E"slust.
+
+E{\s} fiel Karl sehr schwer, Toste{\s} aufzugeben, wo er gerade
+jetzt, nach vierj"ahriger Praxi{\s}, ein gemachter Mann war.
+Indessen, e{\s} mu"ste sein! Er lie"s Emma in Rouen von seinem
+ehemaligen Lehrmeister untersuchen. E{\s} sei ein nerv"ose{\s}
+Leiden; Luftver"anderung w"are vonn"oten.
+
+Karl zog nun allerort{\s} Erkundigungen ein, und da brachte er in
+Erfahrung, da"s im Bezirk von Neufch\^atel in einem gr"o"seren
+Marktflecken namen{\s} Abtei Yonville der bi{\s}herige Arzt, ein
+polnischer Ref"ugi\'e, in der vergangenen Nacht da{\s} Weite
+gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte
+sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die n"achsten
+Kollegen entfernt s"a"sen und wie hoch die Jahre{\s}einnahme
+de{\s} Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend
+au{\s}, und infolgedessen entschlo"s sich Bovary, zu Beginn de{\s}
+kommenden Fr"uhjahre{\s} nach Abtei Yonville "uberzusiedeln,
+fall{\s} sich Emma{\s} Zustand noch nicht gebessert habe.
+
+Eine{\s} Tage{\s} kramte Emma de{\s} bevorstehenden Umzuge{\s}
+wegen in einem Schubfache. Da ri"s sie sich in den Finger und zwar
+an einem der Dr"ahte ihre{\s} Hochzeit{\s}strau"se{\s}. Die
+Orangenknospen waren grau vor Staub, und da{\s} Atla{\s}band mit
+der silbernen Franse war au{\s}gefranst. Sie warf den Strau"s in
+da{\s} Feuer. Er flackerte auf wie trockne{\s} Stroh. Eine Weile
+gl"uhte er noch wie ein feuriger Busch "uber der Asche, dann sank
+er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen
+Beeren au{\s} Pappmasse platzten, die Dr"ahte kr"ummten sich, die
+Silberfransen schmolzen. Die verkohlte Papiermanschette zerfiel,
+und die St"ucke flatterten im Kamine hin und her wie schwarze
+Schmetterlinge, bi{\s} sie in den Rauchfang hinaufflogen~...
+
+Bei dem Weggange von Toste{\s}, im M"arz, ging Frau Bovary einer
+guten Hoffnung entgegen.
+
+
+\newpage
+\thispagestyle{empty}
+\begin{center}
+\vspace{5cm}
+{\Huge \so{Zweite{\s} Bu{ch}}}
+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei,
+von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein
+Marktflecken, acht Wegstunden "ostlich von Rouen, zwischen der
+Stra"se von Abbeville und der von Beauvai{\s}. Der Ort liegt im
+Tale der Rieule, eine{\s} Nebenfl"u"schen{\s} der Andelle. Nahe
+seiner Einm"undung treibt der Bach drei M"uhlen. Er hat Forellen,
+nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer
+Belustigung angeln.
+
+Man verl"a"st die Heere{\s}stra"se bei La Boissi\`ere und geht auf
+der Hochebene bi{\s} zur H"ohe von Leux, wo man da{\s} Tiefland
+offen vor sich liegen sieht. Der Flu"s teilt e{\s} in zwei
+deutlich unterscheidbare H"alften: zur Linken Weideland, recht{\s}
+ist alle{\s} bebaut. Diese Pr"arie, die sich bi{\s} zu den Triften
+der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen
+H"ugelkette begrenzt, w"ahrend die Ebene gegen Osten allm"ahlich
+ansteigt und sich im Unerme"slichen verliert. So weit da{\s} Auge
+reicht, schweift e{\s} "uber meilenweite Kornfelder. Da{\s}
+Gew"asser sondert wie mit einem langen wei"sen Strich da{\s} Gr"un
+der Wiesen von dem Blond der "Acker, und so liegt da{\s} ganze
+Land unten au{\s}gebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit
+einem gr"unen silbernges"aumten Samtkragen.
+
+Fern am Horizont erkennt man geradeau{\s} den Eichwald von Argueil
+und die steilen Abh"ange von Sankt Johann mit ihren eigent"umlichen,
+senkrechten, ungleichm"a"sigen roten Strichen. Da{\s} sind die
+Wege, die sich da{\s} Regenwasser sucht; und die roten Streifen
+auf dem Grau der Berge r"uhren von den vielen eisenhaltigen
+Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten
+hinab in{\s} Land schicken.
+
+Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der
+Ile-de-France, inmitten eine{\s} von der Natur stiefm"utterlich
+behandelten Ge\-l"ande{\s}, da{\s} weder im Dialekt seiner Bewohner
+noch in seinem Landschaft{\s}bilde besondre Eigenheiten aufweist.
+Von hier kommen die allerschlechtesten K"ase de{\s} ganzen
+Bezirk{\s} von Neufch\^atel. Allerding{\s} ist die Bewirtschaftung
+dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel
+D"unger verlangt.
+
+Bi{\s} zum Jahre 1835 f"uhrte keine brauchbare Stra"se nach
+Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter
+"`Hauptvizinalweg"' angelegt, der die beiden gro"sen
+Heere{\s}stra"sen von Abbeville und von Amien{\s} untereinander
+verbindet und bi{\s}weilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die
+von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser "`neuen
+Verbindungen"' gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung.
+Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man
+hartn"ackig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen
+Gewinn sie auch brachte; und die tr"age Bewohnerschaft baut sich
+auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an.
+Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt
+liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache
+hingeworfen hat.
+
+Von der Br"ucke, die "uber die Rieule f"uhrt, geht der mit Pappeln
+bes"aumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh"often
+de{\s} Orte{\s}. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den
+Hauptgeb"auden sieht man allerhand ordnung{\s}lo{\s} angelegte
+Nebenh"au{\s}chen, Keltereien, Schuppen und Brennereien,
+dazwischen buschige B"aume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und
+andre{\s} Ger"at h"angen oder lehnen. Die Strohd"acher sehen wie
+bi{\s} an die Augen in{\s} Gesicht hereingezogene Pelzm"utzen
+au{\s}; sie verdecken ein Drittel der niedrigen
+Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d"urre{\s}
+Spalierobst an den wei"sen, von schwarzem Geb"alk durchquerten
+Kalkw"anden der H"auser empor. Die Eing"ange im Erdgescho"s haben
+drehbare Halbt"uren, damit die H"uhner nicht eindringen, die auf
+den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken.
+
+Allm"ahlich werden die H"ofe enger, die Geb"aude r"ucken n"aher
+aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H"auser
+h"angt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster herau{\s}, ein
+B"undel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder
+drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra"se.
+Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein
+wei"se{\s} Landhau{\s}, eine runde Rasenfl"ache davor mit einem
+Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h"alt. Die
+Freitreppe flankieren zwei Vasen au{\s} Bronze. Ein Amt{\s}schild
+mit Wappen gl"anzt am Tore. E{\s} ist da{\s} Hau{\s} de{\s}
+Notar{\s}, da{\s} sch"onste der ganzen Gegend.
+
+Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra"se, beginnt
+der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie
+herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh"ohe umschlie"st,
+liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu
+ein Pflaster, auf da{\s} au{\s} den Ritzen hervorschie"sende{\s}
+Gra{\s} gr"une Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein
+Neubau au{\s} der letzten Zeit der Regierung Karl{\s} de{\s}
+Zehnten. Da{\s} h"olzerne Dach beginnt bereit{\s} morsch zu
+werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke "uber dem Schiff zeigen
+sich stellenweise schwarze Flecken. "Uber dem Eingang befindet
+sich da, wo gew"ohnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine
+Empore f"ur die M"anner, zu der eine Wendeltreppe hinauff"uhrt,
+die laut dr"ohnt, wenn man sie betritt.
+
+Da{\s} Tage{\s}licht flutet in schr"agen Strahlen durch die
+farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von
+L"ang{\s}wand zu L"ang{\s}wand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind
+Strohmatten befestigt, und Namen{\s}schilder verk"unden weithin
+sichtbar: "`Platz de{\s} Herrn Soundso."' Wo sich da{\s} Schiff
+verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen"uber ein Standbild
+der Madonna, die ein Atla{\s}gewand und einen Schleier, mit lauter
+silbernen Sternen bes"at, tr"agt. Ihre Wangen sind genau so
+knallrot angemalt wie die eine{\s} G"otzenbilde{\s} auf den
+Sandwichinseln. Im Chor "uber dem Hochaltar schimmert hinter vier
+hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro
+Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst"uhle au{\s}
+Fichtenholz sind ohne Anstrich.
+
+Fast die H"alfte de{\s} Marktplatze{\s} von Yonville nehmen "`die
+Hallen"' ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs"aulen.
+Da{\s} Rathau{\s}, nach dem Entwurfe eine{\s} Pariser Architekten
+in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke de{\s}
+Platze{\s} neben der Apotheke. Da{\s} Erdgescho"s hat eine
+dorische S"aulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und
+dar"uber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der
+einen Klaue da{\s} Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage
+der Gerechtigkeit h"alt.
+
+Da{\s} Augenmerk de{\s} Fremden f"allt immer zuerst auf die
+Apotheke de{\s} Herrn Homai{\s}, schr"ag gegen"uber vom "`Gasthof
+zum goldnen L"owen"'. Zumal am Abend, wenn die gro"se Lampe im
+Laden brennt und ihr helle{\s}, durch die bunten Fl"ussigkeiten in
+den dickbauchigen Flaschen, die da{\s} Schaufenster schm"ucken
+sollen, rot und gr"un gef"arbte{\s} Licht weit hinau{\s} "uber
+da{\s} Stra"senpflaster f"allt, dann sieht man den Schattenri"s
+de{\s} "uber sein Pult gebeugten Apotheker{\s} wie in bengalischer
+Beleuchtung. Au"sen ist sein Hau{\s} von oben bi{\s} unten mit
+Reklameschildern bedeckt, die in allen m"oglichen Schriftarten
+au{\s}schreien: "`Mineralwasser von Vichy"', "`Sauerbrunnen"',
+"`Selter{\s}wasser"', "`Kamillentee"', "`Kr"auterlik"or"',
+"`Kraftmehl"', "`Hustenpastillen"', "`Zahnpulver"', "`Mundwasser"',
+"`Bandagen"', "`Badesalz"', "`Gesundheit{\s}schokolade"' usw. usw.
+Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in
+m"achtigen goldnen Buchstaben: "`Homai{\s}, Apotheker"'. Drinnen,
+hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest
+man "uber einer Gla{\s}t"ure da{\s} Wort "`Laboratorium"' und auf
+der T"ur selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem
+Grunde den Namen "`Homai{\s}"'.
+
+Weitere Sehen{\s}w"urdigkeiten gibt e{\s} in Yonville nicht. Die
+Hauptstra"se (die einzige) reicht einen B"uchsenschu"s weit und
+hat zu beiden Seiten ein paar Kraml"aden. An der Stra"senbiegung
+ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach link{\s} abwendet und
+dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof.
+
+Zur Zeit der Cholera wurde ein St"uck der Kirchhof{\s}mauer
+niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land
+vergr"o"sert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch
+unbenutzt geblieben. Wie vordem dr"angen sich die Grabh"ugel nach
+dem Eingang{\s}tor zu zusammen. Der Pf"ortner, der zugleich auch
+Totengr"aber und Kirchendiener ist und somit au{\s} den Leichen
+der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich da{\s}
+unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber
+von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi"schen Boden, und e{\s}
+brauchte blo"s wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w"u"ste
+er nicht, ob er sich "uber die vielen Toten freuen oder "uber ihre
+neuen Gr"aber "argern solle.
+
+"`Lestiboudoi{\s}, Sie leben von den Toten!"' sagte eine{\s}
+Tage{\s} der Pfarrer zu ihm.
+
+Diese gruselige Bemerkung stimmte den K"uster nachdenklich. Eine
+Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bi{\s}
+auf den heutigen Tag zog er seine Erd"apfel weiter. Ja, er
+versichert sogar mit Nachdruck, sie w"uchsen ganz von selber.
+
+Seit den Ereignissen, die hier erz"ahlt werden, hat sich in
+Yonville wirklich nicht{\s} ver"andert. Noch immer dreht sich auf
+der Kirchturmspitze die wei"s-rot-blaue Fahne au{\s} Blech, noch
+immer flattern vor dem Laden de{\s} Modewarenh"andler{\s} zwei
+Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der
+Apotheke h"a"sliche Pr"aparate in Gla{\s}b"uchsen voll
+tr"ubgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von
+Wind und Wetter ziemlich entgoldete L"owe "uber dem Tore de{\s}
+Gasthofe{\s} den Vor"ubergehenden seine Pudelm"ahne.
+
+An dem Abend, da da{\s} Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen
+sollte, war die L"owenwirtin, die Witwe Franz, derartig
+besch"aftigt, da"s ihr beim Hantieren mit ihren T"opfen der
+Schwei"s von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n"amlich
+Markttag im St"adtchen. Da mu"ste Fleisch zurechtgehackt,
+Gefl"ugel au{\s}genommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt
+werden. Daneben die regelm"a"sigen Tischteilnehmer und heute
+obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm"adchen!
+Am Billard lachten G"aste, und in der kleinen Gaststube riefen
+drei M"ullerburschen nach Schnap{\s}. Im Herde prasselte und
+schmorte e{\s}, und auf dem langen K"uchentische paradierten neben
+einer rohen Hammelkeule St"o"se von Tellern, die nach dem Takte
+de{\s} Wiegemesser{\s} tanzten, mit dem die K"ochin Spinat
+zerkleinerte. Vom Hofe au{\s} ert"onte da{\s} "angstliche Gegacker
+der H"uhner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die
+K"opfe abschneiden wollte.
+
+Ein Herr in gr"unledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an
+seinem schwarz\-samt\-nen K"appchen, w"armte sich am Kamin de{\s}
+Gast\/zimmer{\s} den R"ucken. Im Gesicht hatte er ein paar
+Blatternarben. Sein ganze{\s} Wesen strahlte f"ormlich von
+Selbst\/zufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm"utig dahin
+wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer
+herumh"upfte. Dieser Herr war der Apotheker.
+
+"`Artemisia!"' rief die Wirtin. "`Leg noch ein bi"schen Reisig
+in{\s} Feuer! F"ulle die Wasserflaschen! Schaff den Schnap{\s}
+hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w"u"ste, wa{\s} ich
+den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen
+soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Spedition{\s}gesellschaft
+h"oren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und
+der M"obelwagen steht drau"sen immer noch mitten auf der Stra"se,
+gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird e{\s} eine
+Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen
+beiseiteschieben ... Wa{\s} ich sagen wollte, Herr Apotheker,
+diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei
+der f"unfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man
+wird mir noch ein Loch in{\s} Tuch sto"sen!"'
+
+Sie war auf einen Augenblick, den Kochl"offel in der Hand, in{\s}
+Gast\/zimmer gelaufen.
+
+"`Da{\s} w"ar auch weiter kein Malheur!"' meinte Homai{\s}. "`Dann
+schaffen Sie gleich ein neue{\s} Billard an!"'
+
+"`Ein neue{\s} Billard!"' jammerte die Witwe.
+
+"`Nu freilich, Frau Franz! Da{\s} alte Ding da taugt nicht mehr
+viel! Ich hab{\s} Ihnen schon tausendmal gesagt. E{\s} ist Ihr
+eigner Schaden! Und ein gro"ser Schaden! Heutzutage verlangen
+passionierte Spieler gro"se B"alle und schwere Queue{\s}. Mit
+solchen B"allchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten "andern sich!
+Man mu"s modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s}~..."'
+
+Die Wirtin wurde rot vor "Arger, aber der Apotheker fuhr fort:
+
+"`Sie k"onnen sagen, wa{\s} Sie wollen! Sein Billard ist
+handlicher al{\s} Ihr{\s}. Und wenn e{\s} hei"st, eine
+patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der
+vertriebenen Polen oder f"ur die "Uberschwemmten von Lyon~..."'
+
+"`Ach wa{\s}!"' unterbrach ihn die L"owenwirtin ver"achtlich.
+"`Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen
+Sie{\s} nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L"owe
+bestehen wird, sitzen auch G"aste drin! Wir verhungern nicht! Aber
+Ihr geliebte{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, da{\s} wird eine{\s}
+sch"onen Tage{\s} die Bude zumachen! Oder vielmehr der
+Gericht{\s}vollzieher! Ich soll mir ein andre{\s} Billard
+anschaffen? Wo mein{\s} so bequem ist zum W"aschefalten! Und wenn
+Jagdg"aste da sind, k"onnen gleich sechse drauf "ubernachten! Nee,
+nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der
+Hivert!"'
+
+"`Sollen denn Ihre Tischg"aste mit dem Essen warten, bi{\s} die
+Post gekommen ist?"' fragte Homai{\s} ungeduldig.
+
+"`Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag
+sech{\s}, einen wie alle Tage! So ein Muster von P"unktlichkeit
+gibt{\s} auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit
+urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er
+lie"se sich eher totschlagen, al{\s} da"s er wo ander{\s} "a"se.
+Wa{\s} Schlechte{\s} darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den
+Apfelwein versteht er sich au{\s} dem ff. Er ist nicht wie Herr
+Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und
+alle{\s} i"st, wa{\s} man ihm vorsetzt! "Ubrigen{\s} ein feiner
+junger Mann! Ich hab noch nie ein laute{\s} Wort von ihm
+geh"ort."'
+
+"`Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine
+Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K"urassier und
+jetzigen Steuereinnehmer!"'
+
+E{\s} schlug sech{\s}. Binet trat ein.
+
+Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren
+K"orper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm"utze blickte
+ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr"uckt von dem
+langj"ahrigen Tragen de{\s} schweren Helm{\s} au{\s}sah. Er trug
+eine Weste au{\s} schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen
+und tadello{\s} blankgewichste Schuhe, die vorn besonder{\s}
+au{\s}gearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen
+litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte
+ihm da{\s} lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der
+Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in
+jeglichem Kartenspiel und ein guter J"ager, hatte eine h"ubsche
+Handschrift und besa"s zu Hause eine Drehbank, auf der er zu
+seinem Vergn"ugen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon
+eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eine{\s} K"unstler{\s} und
+dem Geiz de{\s} Spie"ser{\s} h"utete.
+
+Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu"sten dort aber
+die drei M"ullerburschen hinau{\s}komplimentiert werden. W"ahrend
+man drin f"ur ihn deckte, blieb er in der gro"sen Gaststube stumm
+in der N"ahe de{\s} Ofen{\s} stehen, dann ging er hinein, klinkte
+die T"ure ein und nahm seine M"utze ab. Da{\s} hatte alle{\s} so
+seine Ordnung.
+
+"`An "uberm"a"siger H"oflichkeit wird der mal nicht sterben!"'
+bemerkte der Apotheker, al{\s} er wieder mit der Wirtin allein
+war.
+
+"`Er redet nie viel,"' entgegnete diese. "`Vergangene Woche waren
+zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die un{\s} den ganzen Abend
+Schnurren erz"ahlt haben. Ich w"are beinahe umgekommen vor Lachen.
+Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene
+verzogen."'
+
+"`Ja, ja,"' sagte der Apotheker, "`der Mensch hat keine Phantasie,
+keinen Witz, keinen geselligen Sinn!"'
+
+"`Er soll aber wohlhabend sein,"' warf die Wirtin ein.
+
+"`Wohlhabend?"' echote Homai{\s}. "`Der und wohlhabend!"' Und
+gelassen f"ugte er hinzu: "`Gott ja, so f"ur seine Verh"altnisse.
+Da{\s} ist schon m"oglich!"'
+
+Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: "`Hm! Wenn ein Kaufmann,
+der ein gro"se{\s} Gesch"aft hat, oder ein Recht{\s}anwalt, ein
+Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da"s er zum
+Grie{\s}gram oder Sonderling wird, so verstehe ich da{\s}. Davor
+gibt e{\s} Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin
+Gedanken im Kopfe. Wie oft ist{\s} mir nicht selber passiert, da"s
+ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um
+ein Schildchen au{\s}zuf"ullen oder so wa{\s}, -- und wei"s der
+Kuckuck, schlie"slich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre
+stecken!"'
+
+Frau Franz ging indessen an die Hau{\s}t"ur, um nachzusehen, ob
+die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da
+trat ein schwarz gekleideter Mann in die K"uche. Da{\s}
+D"ammerlicht beleuchtete sein kupferrote{\s} Antlitz und umflo"s
+seine herkulischen Linien.
+
+"`Wa{\s} steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?"' fragte die Wirtin
+und nahm vom Kaminsim{\s} einen der Messingleuchter, die mit ihren
+wei"sen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. "`Haben
+Ehrw"urden einen Wunsch? Ein Gl"a{\s}chen Wacholder oder einen
+Schoppen Wein?"'
+
+Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seine{\s}
+Regenschirme{\s}, den er tag{\s} zuvor im Kloster Ernemont hatte
+stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn
+gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er
+sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon da{\s} Ave-Maria
+gel"autet ward.
+
+Al{\s} die Tritte de{\s} Geistlichen drau"sen verklungen waren,
+machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben
+sehr ungeb"uhrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung
+abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche
+Heuchelei. Die Pfaffen s"offen in{\s}geheim alle miteinander. Am
+liebsten m"ochten sie den Zehnten wieder einf"uhren.
+
+Die L"owenwirtin verteidigte ihren Beichtvater.
+
+"`Na, "ubrigen{\s} nimmt er{\s} mit vier Mannsen von Eurem Kaliber
+zugleich auf!"' meinte sie. "`Vorige{\s} Jahr hat er unsern Leuten
+beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sech{\s} Sch"utten auf
+einmal getragen. So stark ist er!"'
+
+"`Nat"urlich!"' rief Homai{\s} au{\s}. "`Schickt nur Eure
+M"adel{\s} solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate
+wa{\s} zu sagen h"atte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier
+Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier
+Wochen einen ordentlichen Aderla"s zur Hebung von Sicherheit und
+Sittlichkeit im Lande!"'
+
+"`Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlo{\s}! Sie haben keine Religion!"'
+
+Homai{\s} erwiderte:
+
+"`Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert
+al{\s} die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz.
+Ich verehre Gott. Erst recht tue ich da{\s}. Ich glaube an eine
+h"ohere Macht, an einen Sch"opfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht
+in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre
+Pflichten al{\s} Staat{\s}b"urger und Familienv"ater erf"ullen.
+Aber ich habe kein Bed"urfni{\s}, in die Kirche zu gehen,
+silberne{\s} Ger"at zu k"ussen und eine Bande von Possenrei"sern
+au{\s} meiner Tasche zu m"asten, die sich besser hegen und pflegen
+al{\s} ich mich selber. Gott kann man viel sch"oner verehren im
+Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung
+angesicht{\s} der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der
+Philosophen und K"unstler. Ich bin f"ur Rousseau{\s}
+Glauben{\s}bekenntni{\s} de{\s} savoyischen Vikar{\s}. F"ur die
+unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den
+sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst"ockchen in der
+Hand gem"utlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in
+einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am
+dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Da{\s} ist schon an
+und f"ur sich Bl"odsinn und obendrein wider alle Naturgesetze!
+E{\s} beweist aber nebenbei, da"s sich die Pfaffen in der
+schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen
+m"ochten, mir Wollust selber herumsielen."'
+
+Er schwieg und "uberschaute seine Zuh"orerschaft. Er hatte sich
+in{\s} Zeug gelegt, al{\s} spr"ache er vor versammeltem
+Gemeinderat. Die Wirtin war l"angst au{\s} der Gaststube gelaufen.
+Sie lauschte drau"sen und vernahm ein ferne{\s} rollende{\s}
+Ger"ausch. Bald h"orte sie deutlich da{\s} Rasseln der R"ader und
+da{\s} Klappern eine{\s} lockeren Eisen{\s} auf dem Pflaster.
+Endlich hielt die Postkutsche vor der Hau{\s}t"ure.
+
+E{\s} war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr"adern, die
+bi{\s} an da{\s} Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem
+Reisenden jegliche Au{\s}sicht und bespritzten ihn fortw"ahrend.
+Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem
+Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da"s sie vor Staub und
+Stra"senschmutz starrten. Der st"arkste Platzregen h"atte sie
+nicht rein gewaschen. Da{\s} Fahrzeug war mit drei Pferden
+bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde.
+
+Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alle{\s}
+redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer
+wollte irgendwelche Au{\s}kunft, ein dritter erwartete eine
+Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu"ste gar nicht, wem er
+zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n"amlich allerlei
+Auftr"age f"ur die Landleute in der Stadt zu "ubernehmen. Er
+machte Eink"aufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied
+alte{\s} Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne
+Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur
+Lockenwickel. Auf dem R"uckwege verteilte er dann die Pakete
+l"ang{\s} seiner Fahrstra"se. Wenn er am Geh"oft eine{\s}
+Auftraggeber{\s} vorbeifuhr, schrie er au{\s} voller Kehle und
+warf da{\s} Paket "uber den Zaun in da{\s} Grundst"uck, wobei er
+sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke
+ohne Z"ugel laufen lie"s.
+
+Heute kam er mit Versp"atung. Unterweg{\s} war Frau Bovary{\s}
+Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff
+man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur"uck; aller
+Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie"slich
+aber mu"ste weitergefahren werden.
+
+Emma weinte und war ganz au"ser sich. Karl sei an diesem Ungl"uck
+schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh"andler, der mit in der Post
+fuhr, versuchte sie zu tr"osten, indem er ein Schock Geschichten
+von Hunden erz"ahlte, die entlaufen waren und sich nach langen
+Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter
+anderem wu"ste er von einem Dackel zu berichten, der von
+Konstantinopel au{\s} den Weg nach Pari{\s} zur"uckgefunden haben
+sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei"sig Meilen
+gelaufen und hatte dabei vier Fl"usse durchschwommen. Und sein
+eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw"olf
+Jahre weg. Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} der alte Lheureux durch die
+Stadt nach dem Gasthau{\s} ging, sprang der Hund an ihm hoch.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma stieg zuerst au{\s}, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
+eine Amme. Karl mu"ste man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
+beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
+
+Homai{\s} stellte sich vor. Er ersch"opfte sich der "`gn"adigen
+Frau"' und dem "`Herrn Doktor"' gegen"uber in Galanterien und
+H"oflichkeiten. Er sei ent\/z"uckt, sagte er, bereit{\s} Gelegenheit
+gehabt zu haben, ihnen gef"allig sein zu d"urfen. Und in
+herzlichem Tone f"ugte er hinzu, er l"ude sich f"ur heute bei
+ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer.
+
+Frau Bovary begab sich in die K"uche und an den Herd. Mit den
+Fingerspitzen fa"ste sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog e{\s}
+bi{\s} zu den Kn"ocheln herauf und w"armte ihre mit
+schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F"u"se an der Glut, in
+der die Hammelkeule am Spie"s gedreht wurde. Da{\s} Feuer
+beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den
+Stoff ihre{\s} Kleide{\s}, auf ihre por"ose wei"se Haut und in die
+Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl"ossen. Der
+Luft\/zug strich durch die halboffene T"ur und r"otete die Flammen.
+Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende
+de{\s}selben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm
+betrachtete.
+
+E{\s} war Leo D"upui{\s}, der Adjunkt de{\s} Notar{\s} Guillaumin,
+einer der Stamm\-g"aste im Goldnen L"owen. Er langweilte sich
+geh"orig in Yonville, und de{\s}halb kam er zu Tisch "ofter{\s}
+absichtlich zu sp"at, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden
+den Abend im Wirt{\s}hause verplaudern zu k"onnen. Wenn er aber in
+der Kanzlei gerade gar nicht{\s} zu tun hatte, mu"ste er au{\s}
+Langeweile wohl oder "ubel p"unktlich erscheinen und von der Suppe
+bi{\s} zum K"ase Binet{\s} Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte
+ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G"asten zusammen zu
+essen; er war mit Vergn"ugen darauf eingegangen. Zur Feier de{\s}
+Tage{\s} war im Saal f"ur vier Personen gedeckt worden.
+
+Man versammelte sich daselbst. Homai{\s} bat um Erlaubni{\s}, sein
+K"appchen aufbehalten zu d"urfen. Er erk"alte sich leicht.
+
+Frau Bovary sa"s ihm beim Essen zur Rechten.
+
+"`Gn"adige Frau sind zweifello{\s} ein wenig m"ude?"' begann er.
+"`In un{\s}rer alten Postkutsche wird man schauderhaft
+durchger"uttelt."'
+
+"`Freilich!"' gab Emma zur Antwort. "`Aber diese{\s} Dr"uber und
+Drunter macht mir gerade Spa"s. Ich liebe die Abwechselung."'
+
+"`Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr"a"slich!"'
+seufzte der Adjunkt.
+
+"`Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen
+m"u"sten~..."', warf Karl ein.
+
+Leo wandte sich an Emma:
+
+"`Grade da{\s} denke ich mir k"ostlich. Nat"urlich mu"s man ein
+guter Reiter sein."'
+
+"`Ein praktizierender Arzt hat{\s} "ubrigen{\s} in hiesiger Gegend
+ziemlich bequem"', meinte der Apotheker. "`Die Wege sind n"amlich
+soweit imstand, da"s man ein Kabriolett verwenden kann. Im
+allgemeinen lohnt sich die Praxi{\s} auch. Die Bauern sind
+wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
+abgesehen von den gew"ohnlichen Diarrh"oen, Rachenkatarrhen und
+Magenbeschwerden, hin und wieder w"ahrend der Erntezeit wohl
+F"alle von Wechselfieber, aber im gro"sen und ganzen selten
+schwere Krankheiten. Besonder{\s} zu erw"ahnen sind die
+zahlreichen skroful"osen Leiden, die zweifello{\s} von den
+kl"aglichen hygienischen Verh"altnissen in den Bauernh"ausern
+herr"uhren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden "ofter{\s} mit
+altmodischen Ansichten zu k"ampfen haben, und vielfach werden
+Dickk"opfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer
+Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen e{\s}
+in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit
+dem Pfarrer, statt da"s sie von vornherein zum Arzt oder in die
+Apotheke gingen. Im "ubrigen ist da{\s} Klima wirklich nicht
+schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj"ahrige in der Gemeinde.
+Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk"alte im Winter
+4${}^{\circ}$ Celsiu{\s}, w"ahrend wir im Hochsommer auf
+25${}^{\circ}$, h"ochsten{\s} 30${}^{\circ}$ kommen. Da{\s}
+w"are ein Maximum von 24${}^{\circ}$ Reaumur. Da{\s} ist
+nicht viel. Da{\s} kommt aber daher, da"s wir einerseit{\s} vor den
+Nordwinden durch die W"alder von Argueil, andrerseit{\s} vor den
+Westwinden durch die H"ohe von Sankt Johann gesch"utzt sind. Diese
+W"arme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung de{\s}
+Flusse{\s} und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den
+Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren
+(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur
+Stickstoff und Sauerstoff!), -- diese W"arme, die den Humu{\s}
+au{\s}saugt und alle D"unste de{\s} Boden{\s} aufnimmt, sich
+gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der
+Elektrizit"at der Atmosph"are verbindet, die k"onnte schlie"slich
+(wie in den Tropenl"andern) gesundheit{\s}sch"adliche Mia{\s}men
+erzeugen --, diese W"arme, sag ich, wird gerade dort, wo sie
+herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k"onnte, da{\s} hei"st
+im S"uden, durch die S"udostwinde abgek"uhlt, die ihre K"uhle
+"uber der Seine erlangen und bei un{\s} bi{\s}weilen pl"otzlich
+al{\s} sanfte{\s} Mail"ufterl wehen~..."'
+
+"`Gibt e{\s} denn wenigsten{\s} ein paar Spazierwege in der
+Umgegend?"' fragte Frau Bovary im Laufe ihre{\s} Gespr"ache{\s}
+mit dem jungen Manne.
+
+"`Leider nur sehr wenige"', entgegnete er. "`Einen h"ubschen Ort
+gibt e{\s} auf der H"ohe, am Waldrande, der
+{\glq}Futterplatz{\grq} genannt. Dort sitze ich manchmal
+Sonntag{\s} und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den
+Sonnenuntergang an."'
+
+"`E{\s} gibt nicht{\s} Wunderbarere{\s} al{\s} den Sonnenuntergang,"'
+schw"armte Emma, "`zumal am Gestade de{\s} Meere{\s}!"'
+
+"`Ach, ich bete da{\s} Meer an!"' stimmte Leo bei.
+
+"`Haben Sie nicht auch die Empfindung,"' fuhr Frau Bovary fort,
+"`da"s die Seele beim Anblicke dieser unerme"slichen Weite Fl"ugel
+bekommt, die Fl"ugel der Andacht, die in{\s} Reich der Ewigkeiten
+emporheben, in die Sph"are der Ideen, der Ideale?"'
+
+"`Im Hochgebirge ergeht e{\s} einem ebenso"', meinte Leo. "`Ich
+habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise
+gemacht hat. Der hat mir erz"ahlt: ohne sie selber zu sehen,
+k"onne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht
+vorstellen, den Zauber der Wasserf"alle und den gro"sartigen
+Eindruck der Gletscher. "Uber Gie"sb"achen h"angen riesige
+Fichten, und am Rande von tiefen Abgr"unden kleben Alpenh"utten;
+und wenn die Wolken einmal zerrei"sen, erblickt man tausend Fu"s
+unten in der Tiefe die langen T"aler. Wer da{\s} schaut, mu"s in
+Begeisterung geraten, in Andacht{\s}stimmung, in Ekstase! Jetzt
+begreife ich auch jenen ber"uhmten Musiker, der nur angesicht{\s}
+von erhabenen Landschaften arbeiten konnte."'
+
+"`Treiben Sie Musik?"' fragte Emma.
+
+"`Nein, aber ich liebe die Musik!"' antwortete er.
+
+"`Glauben Sie ihm da{\s} nicht, Frau Doktor!"' mischte sich
+Homai{\s} ein. "`Da{\s} sagt er nur au{\s} purer Bescheidenheit
+... Aber gewi"s, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da
+haben Sie doch da{\s} \so{Engellied} wundervoll gesungen. Ich hab
+e{\s} von meinem Laboratorium au{\s} geh"ort. Sie haben eine
+Stimme wie ein Operns"anger!"'
+
+Leo D"upui{\s} bewohnte n"amlich im Hause de{\s} Apotheker{\s} im
+zweiten Stock ein kleine{\s} Zimmer, da{\s} nach dem Markt
+hinau{\s}ging. Bei dem Komplimente seine{\s} Hau{\s}wirte{\s}
+wurde er "uber und "uber rot.
+
+Homai{\s} widmete sich bereit{\s} wieder dem Arzte, dem er die
+bemerken{\s}werten Einwohner von Yonville einzeln aufz"ahlte. Er
+wu"ste tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur "uber da{\s}
+Verm"ogen de{\s} Notar{\s} k"onne er nicht{\s} Genaue{\s} sagen.
+Auch "uber die Familie T"uvache munkele man so allerlei.
+
+Emma fuhr fort:
+
+"`Da{\s} ist ja ent\/z"uckend! Und welche Musik lieben Sie am
+meisten?"'
+
+"`Die deutsche! Die ist da{\s} wahre Traumland~..."'
+
+"`Kennen Sie die Italiener?"'
+
+"`Noch nicht. Aber ich werde sie n"achste{\s} Jahr h"oren. Ich
+habe die Absicht, nach Pari{\s} zu gehen, um mein juristische{\s}
+Studium zu vollenden."'
+
+"`Wie ich bereit{\s} die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl
+mit\/zuteilen,"' sagte wiederum der Apotheker, "`al{\s} ich ihm von
+dem armen Stryien{\s}ki berichtete, der auf und davon gegangen
+ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich
+eine{\s} der komfortabelsten H"auser von Yonville erfreuen. Eine
+ganz besondre Bequemlichkeit gerade f"ur einen Arzt ist da{\s}
+Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu.
+Man kann dadurch unbeobachtet ein und au{\s} gehen. Die Wohnung
+selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein
+gro"se{\s} E"szimmer, eine K"uche mit Speisekammer, eine
+Waschk"uche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg"anger war ein flotter
+Kerl, dem e{\s} auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in
+seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl"u"schen, da hat er sich
+ein Lusth"au{\s}chen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden
+sein Bier drin zu s"uffeln. Wenn die gn"adige Frau die Blumenzucht
+liebt~..."'
+
+"`Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab"', unterbrach ihn
+Karl. "`Obgleich ihr k"orperliche Bewegung verordnet ist, bleibt
+sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest."'
+
+"`Ganz wie ich!"' fiel Leo ein. "`Wa{\s} w"are wohl auch
+gem"utlicher, al{\s} abend{\s} beim Schein der Lampe mit einem
+Buche am Kamine zu sitzen, w"ahrend drau"sen der Wind gegen die
+Fensterscheiben schl"agt?"'
+
+"`So ist e{\s}!"' stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro"sen
+schwarzen Augen voll an.
+
+Er fuhr fort:
+
+"`Dann denkt man an nicht{\s}, und die Stunden verrinnen. Ohne
+da"s man sich bewegt, wandert man mit dem Erz"ahler durch ferne
+Lande. Man w"ahnt sie vor Augen zu haben. Man tr"aumt sich in die
+fremden Erlebnisse hinein, bi{\s} in alle Einzelheiten; man
+verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter
+den Gestalten der Dichtung, und e{\s} kommt einem zuletzt vor,
+al{\s} schl"uge da{\s} eigne Herz in ihnen."'
+
+"`Wie wahr! Wie wahr!"' rief Emma au{\s}.
+
+"`Haben Sie e{\s} nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
+bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
+l"angst in sich selbst tr"agt? Wie au{\s} der Ferne schwebt sie
+nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und e{\s}
+ist einem, al{\s} stehe man vor einer Offenbarung seine{\s}
+tiefsten Ich{\s}~..."'
+
+"`Da{\s} hab ich schon erlebt!"' fl"usterte sie.
+
+"`Und darum"', fuhr er fort, "`liebe ich die Dichter "uber
+alle{\s}. Ich finde, Verse sind zarter al{\s} Prosa. Sie r"uhren
+so sch"on zu Tr"anen!"'
+
+"`Aber sie erm"uden auf die Dauer,"' wandte Emma ein, "`und daher
+ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m"ussen spannend und
+aufregend sein. Widerlich sind mir Alltag{\s}leute und lauwarme
+Gef"uhle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit."'
+
+"`Gewi"s,"' bemerkte der Adjunkt, "`die naturalistischen Romane
+haben dem Herzen nicht{\s} zu sagen und entfernen sich damit,
+meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. E{\s} ist so
+s"u"s, sich au{\s} den H"a"slichkeiten de{\s} Dasein{\s}
+herau{\s}zuz"uchten, wenigsten{\s} in Gedanken: zu edlen
+Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl"uckseligen
+Zust"anden. F"ur mich, der ich hier fern der gro"sen Welt lebe,
+ist da{\s} die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig
+Gelegenheit~..."'
+
+"`Jedenfall{\s} genau so wie in Toste{\s}!"' bemerkte Emma. "`Drum
+war ich st"andig in einer Leihbibliothek abonniert."'
+
+Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh"ort. "`Wenn gn"adige
+Frau mir die Ehre erweisen wollen,"' sagte er, "`meine Bibliothek
+zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf"ugung. Sie enth"alt die
+besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott,
+au"serdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den
+"`Leuchtturm von Rouen"', ein Tage{\s}blatt, dessen Korrespondent
+f"ur Buchy, Forge{\s}, Neufch\^atel, Yonville und Umgegend ich
+bin."'
+
+Man sa"s bereit{\s} zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht
+ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren
+Holzschuhen saumselig "uber die Dielen schl"urfte, jeden Teller
+einzeln hereinbrachte, allerlei verga"s, jeden Auftrag "uberh"orte
+und immer wieder die T"ure zum Billardzimmer offen lie"s, die dann
+krachend von selber zuklappte.
+
+Ohne e{\s} zu bemerken, hatte Leo, w"ahrend er so eifrig
+plauderte, einen Fu"s auf eine der Querleisten de{\s} Stuhle{\s}
+gesetzt, auf dem Frau Bovary sa"s. Sie trug einen gefalteten
+steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlip{\s}, und je nach
+den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber"uhrte ihr Kinn
+den Batist oder entfernte sich grazi"o{\s} davon. So kamen Leo und
+Emma, w"ahrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in ein{\s}
+jener uferlosen Gespr"ache, die um tausend oberfl"achliche Dinge
+kreisen und keinen andern Sinn haben, al{\s} die gegenseitige
+Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse,
+Romantitel, moderne T"anze, die ihnen fremde gro"se Gesellschaft,
+Toste{\s}, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich
+gefunden, alle{\s} da{\s} ber"uhrten sie in ihrer Plauderei,
+bi{\s} die Mahlzeit zu Ende war.
+
+Al{\s} der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der
+neuen Wohnung da{\s} Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf
+brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l"angst am
+erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hau{\s}knecht war
+wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn
+und Frau Bovary nach Hau{\s}. In seinem roten Haar hing H"acksel,
+und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm de{\s} Pfarrer{\s},
+den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er
+voran.
+
+Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S"aulen der Hallen auf dem
+Markte warfen lange Schatten "uber da{\s} Pflaster. Der Boden war
+hellgrau wie in einer Sommernacht. Da da{\s} Hau{\s} de{\s}
+Arzte{\s} nur f"unfzig Schritte vom Goldnen L"owen entfernt lag,
+w"unschte man sich al{\s}bald gegenseitig Gute Nacht, und so
+schied man voneinander.
+
+Al{\s} Emma die Hau{\s}flur ihre{\s} neuen Heim{\s} betrat, hatte
+sie die Empfindung, al{\s} lege sich ihr die K"uhle der W"ande wie
+feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
+Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
+fahle{\s} Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau"sen
+Baumwipfel und weiterhin in der Niederung da{\s} Wiesenland, ein
+Nebelmeer dar"uber. Da{\s} Mondlicht sickerte durch die
+aufwallenden D"ampfe.
+
+Im Zimmer standen Kommodenk"asten, Flaschen, Gardinenstangen,
+M"o\-bel\-st"ucke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden
+Packer hatten alle{\s} so stehen und liegen lassen.
+
+Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte.
+Da{\s} erstemal war e{\s} am Tage ihre{\s} Eintritt{\s} in{\s}
+Kloster gewesen, da{\s} zweitemal an dem ihrer Ankunft in
+Toste{\s}, da{\s} drittemal im Schlo"s Vaubyessard und da{\s}
+vierte hier in Yonville. Jede{\s}mal hatte ein neuer Abschnitt in
+ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da"s sich die gleichen
+Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k"onnten; und da
+ihr bi{\s}herige{\s} St"uck Leben h"a"slich gewesen war, so m"usse
+da{\s}, wa{\s} sie noch zu erleben hatte, zweifello{\s} sch"oner
+sein.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Am andern Morgen, al{\s} Emma kaum aufgestanden war, sah sie den
+Adjunkt "uber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute
+zu ihr herauf und gr"u"ste. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und
+schlo"s da{\s} Fenster.
+
+Den ganzen Tag "uber konnte e{\s} Leo D"upui{\s} kaum erwarten,
+da"s e{\s} sech{\s} schlug. Al{\s} er aber endlich in den Goldnen
+L"owen kam, fand er niemanden vor al{\s} den Steuereinnehmer, der
+bereit{\s} am Tische sa"s.
+
+Da{\s} gestrige Mahl war f"ur Leo ein bedeutung{\s}volle{\s}
+Ereigni{\s}. Bi{\s} dahin hatte er noch niemal{\s} zwei Stunden
+lang mit einer "`Dame"' geplaudert. Wie hatte er e{\s} nur
+fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter
+Form zu sagen? Da{\s} war ihm vordem unm"oglich gewesen. Er war
+von Natur sch"uchtern und wahrte eine gewisse Zur"uckhaltung, die
+sich au{\s} Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die
+Yonviller fanden sein Benehmen tadello{\s}. Er h"orte still zu,
+wenn "altere Herren di{\s}putierten, und zeigte sich in
+politischen Dingen keine{\s}weg{\s} radikal, wa{\s} an einem
+jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa"s er allerlei
+Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch"aftigte
+sich in seinen Mu"sestunden gern mit der Literatur, -- wenn er
+nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch"atzte ihn wegen
+seiner Kenntnisse, und Frau Homai{\s} war ihm wohlgewogen, weil er
+h"oflich und gef"allig war; "ofter{\s} widmete er sich n"amlich im
+Garten ihren Kindern, kleinem Volk, da{\s} immer schmutzig
+au{\s}sah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung
+einmal dem Dienstm"adchen und dann noch besonder{\s} dem Lehrling
+oblag, einem jungen Burschen, namen{\s} Justin. Er war ein
+entfernter Verwandter de{\s} Apotheker{\s}, von diesem au{\s}
+Mitleid in seinem Hau{\s} aufgenommen, wo er eine Art "`Mann f"ur
+alle{\s}"' geworden war.
+
+Homai{\s} spielte die Rolle de{\s} guten Nachbar{\s}. Er gab Frau
+Bovary die besten Adressen f"ur ihre Eink"aufe, lie"s seinen
+Apfelweinlieferanten eigen{\s} f"ur sie herkommen, beteiligte sich
+an der Weinprobe und gab pers"onlich acht, da"s da{\s} bestellte
+Fa"s einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die
+beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr
+Lestiboudoi{\s}, den Kirchendiener, al{\s} G"artner; neben seinen
+"Amtern in Kirche und Gotte{\s}acker hielt dieser n"amlich die
+G"arten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn
+"`stundenweise"' oder "`auf{\s} Jahr"', ganz wie e{\s} gew"unscht
+wurde.
+
+Diese Hilf{\s}bereitschaft de{\s} Apotheker{\s} entsprang weniger
+einem Herzen{\s}bed"urfni{\s} al{\s} schlauer Berechnung.
+Homai{\s} hatte n"amlich fr"uher einmal gegen da{\s} Gesetz vom
+19. Vent\^ose de{\s} Jahre{\s} \begin{antiqua}XI\end{antiqua}~
+versto"sen, wonach die "arztliche Praxi{\s} jedem verboten ist,
+der sich nicht im Besitze eine{\s} staatlichen Diplom{\s}
+befindet. Eine{\s} Tage{\s} war er auf eine geheimni{\s}volle
+Anzeige hin nach Rouen vor den Staat{\s}anwalt geladen worden.
+Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amt{\s}zimmer,
+stehend und in Amt{\s}robe, da{\s} Barett auf dem Kopfe,
+vernommen. E{\s} war am Vormittag, unmittelbar vor einer
+Gericht{\s}sitzung gewesen. Von drau"sen, vom Gange her, waren dem
+Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute in{\s} Ohr gehallt.
+E{\s} war ihm, al{\s} h"orte er fern da{\s} Aufschnappen wuchtiger
+Schl"osser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w"urde
+ihn r"uhren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in
+Tr"anen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in
+alle vier Winde verstreut. Hinterher mu"ste er seine
+Leben{\s}geister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in
+Selter{\s} wieder auf die Beine bringen.
+
+Allm"ahlich verbla"ste die Erinnerung an diese Vermahnung, und
+Homai{\s} hielt von neuem in seinem Hinterst"ubchen "arztliche
+Sprechstunden ab. Da aber der B"urgermeister nicht sein Freund war
+und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in
+ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary
+durch kleine Gef"alligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit
+ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,
+fall{\s} die Kurpfuschereien in der Apotheke abermal{\s} ruchbar
+w"urden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den "`Leuchtturm"', und
+oft verlie"s er nachmittag{\s} auf ein Viertelst"undchen sein
+Gesch"aft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen.
+
+Karl war mi"sgestimmt. E{\s} kamen keine Patienten. Ganze Stunden
+lang sa"s er vor sich hinbr"utend da, ohne ein Wort zu sprechen.
+Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl"afchen oder sah seiner
+Frau beim N"ahen zu. Um sich ein wenig Besch"aftigung zu machen,
+verrichtete er allerhand grobe Hau{\s}arbeit. Er versuchte sogar,
+die Bodent"ure mit dem Rest von "Olfarbe anzupinseln, den die
+Anstreicher dagelassen hatten.
+
+Am meisten dr"uckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in
+Toste{\s} eine betr"achtliche Summe au{\s}gegeben f"ur neue
+Anschaffungen im Hause, f"ur die Kleider seiner Frau und
+neuerding{\s} f"ur den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr al{\s}
+dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der
+"Ubersiedelung von Toste{\s} nach Yonville war viele{\s}
+besch"adigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der
+t"onerne M"onch, der unterweg{\s} vom Wagen heruntergefallen und
+in tausend St"ucke zerschellt war.
+
+Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner
+Frau. Je n"aher diese ihrer Erf"ullung entgegengingen, um so
+liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn"upfenden neuen Bande
+von Fleisch und Blut machten da{\s} Gef"uhl der ewigen
+Zusammengeh"origkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr"agen
+Gange zusah, wenn er da{\s} allm"ahliche Vollerwerden ihrer
+miederlosen H"uften bemerkte, wenn sie m"ude ihm gegen"uber auf
+dem Sofa sa"s, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in
+seinem Gl"ucke nicht fassen. Er sprang auf, k"u"ste sie,
+streichelte ihr Gesicht, nannte sie "`Mammchen"', wollte mit ihr
+im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen
+tausend z"artliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn
+kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwa{\s}
+K"ostliche{\s}. Jetzt fehlte ihm nicht{\s} mehr auf der Welt. Nun
+hatte er alle{\s} erlebt, wa{\s} Menschen erleben k"onnen, und er
+durfte zufrieden und vergn"ugt sein.
+
+In der ersten Zeit war Emma "uber sich selbst arg verwundert. Dann
+kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie
+wollte wissen, wie e{\s} sein w"urde, wenn da{\s} Kind da war.
+Aber al{\s} sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen
+Vorh"angen und gestickte Kinderh"aubchen zu kaufen, da "uberkam
+sie eine pl"otzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die
+Baby-Au{\s}stattung selber sorglich au{\s}zuw"ahlen, und
+"uberlie"s die Herstellung in Bausch und Bogen einer N"aherin. So
+lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen,
+die andre M"utter so z"artlich stimmen, und vielleicht war die{\s}
+der Grund, da"s ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente
+entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von
+dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken.
+
+Sie w"unschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark
+sollte er werden, und Georg m"u"ste er hei"sen! Der Gedanke, einem
+m"annlichen Wesen da{\s} Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine
+Entsch"adigung f"ur alle{\s} da{\s}, wa{\s} sich in ihrem eigenen
+Dasein nicht erf"ullt hatte. Ein Mann ist doch wenigsten{\s} sein
+freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen,
+er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die
+allerfernsten Gl"uckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend
+Ketten. Tatenlo{\s} und doch genu"sfreudig, steht sie zwischen den
+Verf"uhrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie
+den flatternden Schleier ihre{\s} Hute{\s} ein feste{\s} Band
+h"alt, so gibt e{\s} f"ur die Frau immer ein Verlangen, mit dem
+sie hinwegfliegen m"ochte, und immer irgendwelche herk"ommliche
+Moral, die sie nicht lo{\s}l"a"st.
+
+An einem Sonntag kam da{\s} Kind zur Welt, fr"uh gegen sech{\s}
+Uhr, al{\s} die Sonne aufging.
+
+"`E{\s} ist ein M"adchen!"' verk"undete Karl.
+
+Emma fiel im Bett zur"uck und ward ohnm"achtig. Schon stellten
+sich auch Frau Homai{\s} und die L"owenwirtin ein, um die
+W"ochnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr di{\s}kret ein paar
+vorl"aufige Gl"uckw"unsche durch die T"urspalte zu. Er wollte die
+neue Erdenb"urgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.
+
+W"ahrend der Genesung gr"ubelte Emma nach, welchen Namen da{\s}
+Kind bekommen sollte. Zun"achst dachte sie an einen italienisch
+klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr
+gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl
+"au"serte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft
+werden, aber davon wollte Emma nicht{\s} wissen. Man nahm alle
+Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.
+
+"`Herr Leo,"' berichtete der Apotheker, "`mit dem ich neulich
+dar"uber gesprochen habe, wundert sich dar"uber, da"s Sie nicht
+den Namen Magdalena w"ahlen. Der sei jetzt sehr in Mode."' Aber
+gegen die Patenschaft einer solchen S"underin str"aubte sich die
+alte Frau Bovary gewaltig. Homai{\s} f"ur seine Person hegte eine
+Vorliebe f"ur Namen, die an gro"se M"anner, ber"uhmte Taten und
+hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier
+eigenen Spr"o"slinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die
+Freiheit!), Irma (ein Zugest"andni{\s} an die Romantik!) und
+Athalia (zu Ehren de{\s} Meisterst"uck{\s} de{\s} franz"osischen
+Drama{\s}!). Seine philosophische "Uberzeugung, sagte er, stehe
+seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm
+ersticke durchau{\s} nicht den Gef"uhl{\s}menschen. Er verst"unde
+sich darauf, da{\s} eine vom andern zu scheiden und sich vor
+fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.
+
+Zu guter Letzt fiel Emma ein, da"s sie im Schlo"s Vaubyessard
+geh"ort hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit
+"`Berta-Luise"' angeredet worden war. Von diesem Augenblick an
+stand die Namen{\s}wahl fest. Da Vater Rouault zu kommen
+verhindert war, wurde Homai{\s} gebeten, Gevatter zu stehen. Er
+stiftete al{\s} Patengeschenk allerlei Gegenst"ande au{\s} seinem
+Gesch"aft, al{\s} wie: sech{\s} Schachteln Brusttee, eine Dose
+Kraftmehl, drei B"uchsen Marmelade und sech{\s} P"ackchen
+Malzbonbon{\s}.
+
+Am Taufabend gab e{\s} ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer
+erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik"or gab der Apotheker
+ein patriotische{\s} Lied zum besten, worauf Leo D"upui{\s} eine
+Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin de{\s}
+Kinde{\s}) eine Romanze au{\s} der Napoleonischen Zeit sang. Der
+alte Herr Bovary bestand darauf, da"s da{\s} Kind heruntergebracht
+wurde, und taufte die Kleine "`Berta"', indem er ihr ein Gla{\s}
+Sekt von oben "uber den Kopf go"s. Den Abb\'e Bournisien "argerte
+diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und al{\s} der alte
+Bovary ihm gar noch ein sp"ottische{\s} Zitat vorhielt, wollte der
+Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst"andig zu
+bleiben, und auch der Apotheker legte sich in{\s} Mittel. So
+gelang e{\s}, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte
+er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse.
+
+Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und
+verbl"uffte die Yonviller durch da{\s} pr"achtige
+Stab{\s}arzt{\s}k"appi mit Silbertressen, da{\s} er vormittag{\s}
+trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Al{\s}
+gewohnheit{\s}m"a"siger starker Schnapstrinker schickte er da{\s}
+Dienstm"adchen h"aufig in den Goldnen L"owen, um seine Feldflasche
+f"ullen zu lassen, wa{\s} selbstverst"andlich auf Rechnung
+seine{\s} Sohne{\s} erfolgte. Um seine Hal{\s}t"ucher zu
+parf"umieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K"olnischem
+Wasser, den seine Schwiegertochter besa"s.
+
+Ihr selbst war seine Anwesenheit keine{\s}weg{\s} unangenehm. Er
+war in der Welt herumgekommen. Er erz"ahlte von Berlin, Wien,
+Stra"sburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den
+Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er
+wieder ganz der alte Schweren"oter, und zuweilen, im Garten oder
+auf der Treppe, fa"ste er Emma um die Taille und rief au{\s}:
+"`Karl, nimm dich in acht!"'
+
+Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um da{\s}
+Ehegl"uck ihre{\s} Sohne{\s}. Sie f"urchtete, ihr Mann k"onne am
+Ende einen unsittlichen Einflu"s auf die Gedankenwelt der jungen
+Frau au{\s}"uben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war
+ihre Besorgni{\s} noch schlimmer. Dem alten Herrn war alle{\s}
+zuzutrauen.
+
+Emma hatte da{\s} Kind zu der Frau eine{\s} Tischler{\s} namen{\s}
+Rollet in die Pflege gegeben. Eine{\s} Tage{\s} empfand sie
+pl"otzlich Sehnsucht, da{\s} kleine M"adchen zu sehen.
+Unverz"uglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren
+H"au{\s}chen ganz am Ende de{\s} Orte{\s}, zwischen der
+Landstra"se und den Wiesen, in der Tiefe lag.
+
+E{\s} war Mittag. Die Fensterl"aden der H"auser waren alle
+geschlossen. Die sengende Sonne br"utete "uber den Schieferd"achern,
+deren Giebellinien richtige Funken spr"uhten. Ein schw"uler Wind
+wehte. Emma fiel da{\s} Gehen schwer. Da{\s} spitzige Pflaster tat
+ihren F"u"sen weh. Sie ward sich unschl"ussig, ob sie umkehren
+oder irgendwo eintreten und sich au{\s}ruhen sollte.
+
+In diesem Augenblick trat Leo au{\s} dem n"achsten Hause
+herau{\s}, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu,
+begr"u"ste sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der
+Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen.
+
+Frau Bovary erz"ahlte ihm, da"s sie nach ihrem Kinde sehen wollte,
+aber m"ude zu werden beginne.
+
+"`Wenn~..."', fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.
+
+"`Haben Sie etwa{\s} vor?"' fragte Emma. Auf die Verneinung de{\s}
+Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereit{\s} am Abend
+de{\s}selben Tage{\s} war die{\s} stadtbekannt, und Frau T"uvache,
+die B"urgermeister{\s}gattin, erkl"arte in Gegenwart ihre{\s}
+Dienstm"adchen{\s}, Frau Bovary habe sich kompromittiert.)
+
+Um zu der Amme zu gelangen, mu"sten die beiden am Ende der
+Hauptstra"se link{\s} abgehen und einen kleinen Fu"sweg
+einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H"ausern und Geh"often
+in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die
+den Pfad ums"aumten, bl"uhten, und e{\s} bl"uhten die Veroniken,
+die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr"aucher.
+Durch L"ucken in den Hecken erblickte man hie und da auf den
+Misthaufen der kleinen Geh"ofte ein Schwein oder eine angebundne
+Kuh, die ihre H"orner an den St"ammen der B"aume wetzte.
+
+Seite an Seite wandelten sie gem"achlich weiter. Emma st"utzte
+sich auf Leo{\s} Arm, und er verk"urzte seine Schritte nach den
+ihren. Vor ihnen her tanzte ein M"uckenschwarm und erf"ullte die
+warme Luft mit ganz leisem Summen.
+
+Emma erkannte da{\s} Hau{\s} an einem alten Nu"sbaum wieder, der
+e{\s} umschattete. E{\s} war niedrig und hatte braune Ziegel auf
+dem Dache. Au{\s} der Luke de{\s} Oberboden{\s} hing ein Kranz von
+Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckige{\s}
+G"artlein mit Salat, Lavendel und bl"uhenden Schoten, die an
+Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde
+aufgeschichtet. Ein tr"ube{\s} W"asserchen rann sich verzettelnd
+durch da{\s} Gra{\s}; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein
+gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem
+Rasen umher, und "uber der Hecke flatterte ein gro"se{\s} St"uck
+Leinwand.
+
+Beim Knarren der Gartent"ure erschien die Tischler{\s}frau, ein
+Kind an der Brust, ein andre{\s} an der Hand, ein armselige{\s},
+schw"achlich au{\s}sehende{\s}, skroful"ose{\s} J"ungelchen. E{\s}
+war da{\s} Kind eine{\s} M"utzenmacher{\s} in Rouen, da{\s} die
+von ihrem Gesch"aft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf
+da{\s} Land gegeben hatten.
+
+"`Kommen Sie nur herein!"' sagte die Frau. "`Ihre Kleine schl"aft
+drinnen."'
+
+In der einzigen Stube im Erdgescho"s stand an der hinteren Wand
+ein gro"se{\s} Bett ohne Vorh"ange. Die Seite am Fenster, in dem
+eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein
+Backtrog ein. In der Ecke hinter der T"ure standen unter der Gosse
+Stiefel mit blanken N"ageln, daneben eine Flasche "Ol, au{\s}
+deren Hal{\s} eine Feder herau{\s}ragte. Auf dem verstaubten
+Kaminsim{\s} lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst"umpfe
+und ein paar Fetzen Z"undschwamm. Ein weitere{\s} Schmuckst"uck
+diese{\s} Gemach{\s} war eine "`trompetende Fama"', offenbar
+da{\s} Reklameplakat einer Parf"umfabrik, da{\s} mit sech{\s}
+Schuhzwecken an die Wand genagelt war.
+
+Emma{\s} T"ochterchen schlief in einer Wiege au{\s}
+Weidengeflecht. Sie nahm e{\s} mit der Decke, in die e{\s}
+gewickelt war, empor und begann e{\s} im Arme hin und her zu
+wiegen, wobei sie leise sang.
+
+Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch"one Frau in ihrem hellen
+Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam
+vor. Sie ward pl"otzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,
+sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte da{\s}
+Kind wieder in die Wiege. E{\s} hatte sich erbrochen, und die
+Mutter am Hal{\s}kragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die
+Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s"ahe nicht{\s} mehr davon.
+
+"`Mir kommt sie noch ganz ander{\s}!"' meinte die Frau. "`Ich habe
+weiter nicht{\s} zu tun, al{\s} sie immer wieder zu s"aubern. Wenn
+Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmu{\s}
+beauftragten, da"s ich mir bei ihm ein bi"schen Seife holen kann,
+wenn ich welche brauche. Da{\s} w"are auch f"ur Sie da{\s}
+bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st"oren."'
+
+"`Meinetwegen!"' sagte Emma. "`Auf Wiedersehn, Frau Rollet!"'
+
+Beim Hinau{\s}gehen sch"uttelte sie sich.
+
+Die Frau begleitete die beiden bi{\s} zum Ende de{\s} Hofe{\s},
+wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich e{\s} sei,
+nacht{\s} so h"aufig aufstehen zu m"ussen. "`Manchmal bin ich
+fr"uh so zerschlagen, da"s ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten
+Sie mir ein Pf"undchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich
+ihn fr"uh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen."'
+
+Nachdem Frau Bovary die Danke{\s}beteuerungen der Frau "uber sich
+hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie
+mit ihrem Begleiter ein St"uck auf dem Fu"swege gegangen, al{\s}
+sie da{\s} Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie
+drehte sich um. E{\s} war die Amme.
+
+"`Wa{\s} wollen Sie noch?"'
+
+Die Frau zog Emma bi{\s} hinter eine Ulme beiseite und fing an,
+von ihrem Manne zu erz"ahlen. "`Bei seinem Handwerke und seinen
+sech{\s} Franken Pension im Jahre~..."'
+
+"`Machen Sie rasch!"' unterbrach Emma ihren Wortschwall.
+
+"`Ach, liebste Frau Doktor,"' fuhr die Frau fort, indem sie
+zwischen jede{\s} ihrer Worte einen Seufzer schob, "`ich habe
+Angst, er wird b"ose, wenn er sieht, da"s ich allein f"ur mich
+Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M"anner sind~..."'
+
+"`Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!
+Sie langweilen mich."'
+
+"`Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, '{\s} ist ja blo"s f"ur die
+schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten
+Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut~..."'
+
+"`Na, wa{\s} wollen Sie denn noch?"' fragte Emma.
+
+"`Wenn e{\s} also,"' fuhr die Frau fort, indem sie einen Knick{\s}
+machte, "`wenn e{\s} also nicht zuviel verlangt ist~..."' Sie
+machte abermal{\s} einen tiefen Knick{\s}. "`Wenn Sie so gut sein
+wollen~..."'
+
+Ihre Augen bettelten gott{\s}j"ammerlich. Endlich bekam sie e{\s}
+herau{\s}:
+
+"`Ein Bullchen Branntwein! Ich k"onnte damit auch die F"u"se Ihrer
+Kleinen ein bi"schen einreiben. Sie sind so riesig zart~..."'
+
+Nachdem sich Emma endlich von der Frau lo{\s}gemacht hatte, nahm
+sie Leo{\s} Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw"art{\s}.
+Dann wurde sie langsamer, und Emma{\s} Blick, der bi{\s}her
+geradeau{\s} gegangen war, glitt "uber die Schulter ihre{\s}
+Begleiter{\s}. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem
+Rocke, auf den sein kastanienbraune{\s} wohlgepflegte{\s} Haar
+schlicht herabwallte. Die N"agel an seiner Hand fielen ihr auf;
+sie waren l"anger, al{\s} man sie in Yonville sonst trug. Ihre
+Pflege war eine der Hauptbesch"aftigungen de{\s} Adjunkten; er
+besa"s dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische
+aufbewahrte.
+
+Am Ufer de{\s} Bache{\s} gingen sie nach dem St"adtchen zur"uck.
+Jetzt in der hei"sen Jahre{\s}zeit war der Wasserstand so niedrig,
+da"s man dr"uben die Gartenmauern bi{\s} auf ihre Grundlage sehen
+konnte. Von den Gartenpforten f"uhrten kleine Treppen in da{\s}
+Wasser. E{\s} flo"s lautlo{\s} und rasch dahin, K"uhle
+verbreitend. Hohe, d"unne Gr"aser neigten sich zur klaren Flut und
+lie"sen sich von der Str"omung treiben; da{\s} sah au{\s} wie
+au{\s}gel"oste{\s}, lange{\s}, gr"une{\s} Haar. Hin und wieder
+liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf
+den Bl"attern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im
+Zerflie"sen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die
+verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St"amme auf dem
+Wasser. Und h"uben die weiten Wiesen lagen so verlassen~...
+
+E{\s} war die Stunde, da man in den Gut{\s}h"ofen zu Mittag i"st.
+Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nicht{\s} al{\s}
+den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte,
+die sie redeten, und da{\s} leise Rascheln von Emma{\s} Kleid.
+
+Die oben mit Gla{\s}scherben bespickten Gartenmauern, an denen sie
+nach "Uberschreitung eine{\s} Steg{\s} hingingen, gl"uhten wie die
+Scheiben eine{\s} Treibhause{\s}. Zwischen den Steinen sprossen
+Mauerblumen. Im Vor"ubergehen stie"s Frau Bovary mit dem Rande
+ihre{\s} Sonnenschirme{\s} an die welken Bl"uten; gelber Staub
+rieselte herab. Ab und zu streifte eine "uberh"angende
+Jel"anger-jelieber- oder Klemati{\s}-Ranke die Seide ihre{\s}
+Schirme{\s} und blieb einen Augenblick in den Spitzen h"angen.
+
+Sie plauderten von einer Truppe spanischer T"anzer, die demn"achst
+im Rouener Theater gastieren sollte.
+
+"`Werden Sie hinfahren?"' fragte Emma.
+
+"`Wenn ich kann, ja!"'
+
+Hatten sie sich wirklich nicht{\s} andre{\s} zu sagen? Ihre Augen
+sprachen eine viel ernstere Sprache, und w"ahrend sie sich mit so
+banalen Reden{\s}arten abqu"alten, f"uhlten sie sich alle beide im
+Banne der n"amlichen schw"ulen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer
+Unterton dominierte heimlich ohne Unterla"s in ihrem
+oberfl"achlichen Gespr"ach. Betroffen von diesem ungewohnten
+s"u"sen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre
+Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.
+K"unftige{\s} Gl"uck ist wie ein tropische{\s} Gestade: e{\s}
+sendet weit "uber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen
+lauen Erdgeruch her"uber, balsamischen Duft, von dem man sich
+berauschen l"a"st, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen.
+
+An einer Stelle de{\s} Wege{\s} stand Regenwasser in den
+Wagengeleisen und Hufspuren; man mu"ste ein paar gro"se
+moo{\s}bewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten,
+begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp"ahen,
+wohin sie den n"achsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein
+wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn"uber.
+Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T"umpel zu treten,
+lachte sie doch.
+
+Vor ihrem Garten angelangt, stie"s Frau Bovary die kleine Pforte
+auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in
+seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl"atterte in
+einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie"slich
+ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H"ohe von
+Argueil ein St"uck hinauf, nach dem "`Futterplatz"' am Waldrande.
+Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in da{\s}
+Himmel{\s}blau, die H"ande locker "uber den Augen.
+
+"`Ach, ist da{\s} langweilig! Ist da{\s} langweilig!"' seufzte er.
+
+Er fand da{\s} Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homai{\s}
+al{\s} Freund und Guillaumin al{\s} Chef. Dem letzteren, diesem
+gr"a"slichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem
+roten Backenbart, seiner ewigen wei"sen Krawatte, dem mangelte
+auch der geringste Sinn f"ur h"ohere Dinge. E{\s} war nur in der
+ersten Zeit gewesen, da"s er dem Adjunkten mit seinen formellen
+Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab e{\s} weiter in
+Yonville? Die Frau de{\s} Apotheker{\s}. Die war weit und breit
+die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern,
+Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie
+leiden sehen, und in der Wirtschaft lie"s sie alle{\s} drunter und
+dr"uber gehn. Sie war eine Feindin de{\s} Korsett{\s}, sah sehr
+gew"ohnlich au{\s} und war in ihrer Unterhaltung h"ochst
+beschr"ankt. Alle{\s} in allem war sie eine ebenso harmlose wie
+langweilige Dame. Obgleich sie drei"sig Jahre alt war und er
+zwanzig, obwohl er T"ur an T"ur mit ihr schlief und obgleich er
+t"aglich mit ihr sprach, war e{\s} ihm doch noch nie in den Sinn
+gekommen, da"s sie irgendjemande{\s} Frau sein k"onne und mit
+ihren Geschlecht{\s}genossinnen mehr gemeinsam habe al{\s} die
+R"ocke.
+
+Und wen gab e{\s} au"serdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein
+paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den
+B"urgermeister T"uvache und seine beiden S"ohne, gro"sprotzige,
+m"urrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre "Acker selber pfl"ugten,
+unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm"auser, mit
+denen zu verkehren glatt unm"oglich war.
+
+Von dieser Masse allt"aglicher Leute hob sich Emma{\s} Gestalt ab,
+einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigsten{\s} war e{\s}, al{\s}
+l"agen tiefe Abgr"unde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit
+hatte er Bovary{\s} hin und wieder zusammen mit Homai{\s} besucht,
+aber er hatte die Empfindung, al{\s} sei der Arzt durchau{\s}
+nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo
+immer zwischen der Furcht, f"ur aufdringlich gehalten zu werden,
+und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut
+wie unm"oglich schien.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Sobald e{\s} herbstlich zu werden begann, siedelte Emma au{\s}
+ihrem Zimmer in die Gro"se Stube "uber, einem l"anglichen
+niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew"ohnlich sa"s sie am Fenster
+in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau"sen
+vor"ubergingen.
+
+Leo kam t"aglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
+L"owen und zur"uck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem.
+Sie neigte sich jede{\s}mal vor und lauschte, und der junge Mann
+glitt an der Scheibengardine vor"uber, immer tadello{\s} gekleidet
+und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D"ammerung, wenn sie,
+auf dem Scho"se die begonnene Stickerei, vertr"aumt dasa"s,
+"uberlief sie ein Schauer beim pl"otzlichen Vor"ubergleiten
+seine{\s} Schatten{\s}. Dann fuhr sie auf und befahl da{\s} Essen.
+
+Der Apotheker kam mitunter w"ahrend der Tischzeit. Sein K"appchen
+in der Hand, trat er ger"auschlo{\s} ein, um ja niemanden zu
+st"oren, jede{\s}mal mit derselben Reden{\s}art: "`Guten Abend,
+die Herrschaften!"' Er setzte sich an den Tisch zwischen da{\s}
+Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf
+sich Bovary seinerseit{\s} erkundigte, ob diese auch
+zahlung{\s}f"ahig seien. Sodann unterhielten sich die beiden "uber
+da{\s}, wa{\s} in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde
+wu"ste Homai{\s} sie bereit{\s} au{\s}wendig. Er rekapitulierte
+sie von Anfang bi{\s} zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
+darin berichteten merkw"urdigen Vorg"ange de{\s} In- und
+Au{\s}land{\s}. Wenn auch dieser Gespr"ach{\s}stoff ersch"opft
+war, konnte er ein paar Bemerkungen "uber die Gerichte auf dem
+Tische nicht unterdr"ucken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig
+und machte Frau Bovary artig auf da{\s} zarteste St"uck Fleisch
+aufmerksam, oder er wandte sich an da{\s} Dienstm"adchen und gab
+ihr Ratschl"age "uber die Zubereitung eine{\s} Ragout{\s} oder
+"uber die richtige Verwendung der Gew"urze. Er verstand mit
+erstaunlicher Fachkenntni{\s} "uber aromatische Zutaten,
+Fleischertrakte, Saucen und S"afte zu sprechen. Er hatte in seinem
+Kopfe mehr Rezepte al{\s} Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In
+der Herstellung von Konfit"uren, Weinessig und s"u"sen Lik"oren
+war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen
+auf dem Gebiete der K"uchen"okonomie, nicht minder da{\s} beste
+Verfahren, K"ase zu konservieren und verdorbne Weine wieder
+verwendbar zu machen.
+
+Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
+Schlie"sen de{\s} Laden{\s} zu holen. Homai{\s} pflegte ihm einen
+pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf"allig im Zimmer
+war. Er kannte n"amlich die Vorliebe seine{\s} Famulusse{\s} f"ur
+da{\s} Hau{\s} de{\s} Arzte{\s}.
+
+"`Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!"' meinte er.
+"`Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr
+Dienstm"adel verguckt!"'
+
+"Ubrigen{\s} machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er
+horche auf alle{\s}, wa{\s} in seinem Hause gesprochen w"urde.
+Beispiel{\s}weise sei er an den Sonntagen nicht au{\s} dem Salon
+hinau{\s}zubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder
+hole, um sie in{\s} Bett zu schaffen.
+
+An diesen Sonntag{\s}abenden erschienen "ubrigen{\s} nur wenige
+G"aste. Homai{\s} hatte sich nach und nach mit verschiedenen
+Hauptpers"onlichkeiten de{\s} Orte{\s} wegen seiner Klatschsucht
+und seiner politischen Ansichten "uberworfen. Aber der Adjunkt
+stellte sich regelm"a"sig ein. Sobald er die Hau{\s}t"urklingel
+h"orte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr da{\s}
+Umschlagetuch ab und die "Uberschuhe, die sie bei Schnee trug.
+
+Zun"achst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
+Emma und der Apotheker Ecart\'e. Leo stand hinter ihr und half
+ihr. Die H"ande auf die R"uckenlehne ihre{\s} Stuhle{\s}
+gest"utzt, betrachtete er sich die Zinken de{\s} Kamme{\s}, der
+ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w"ahrend de{\s}
+Kartenspiel{\s} raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb de{\s}
+heraufgesteckten Haare{\s}, hatte ihre Haut einen br"aunlichen
+Farbenton, der sich nach dem R"ucken zu aufhellte und im Schatten
+de{\s} Kragen{\s} verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden
+Seiten de{\s} Stuhlsitze{\s} auf; er schlug eine Menge Falten und
+bedeckte ein St"uck de{\s} Boden{\s}. Wenn Leo hin und wieder
+au{\s} Versehen mit der Sohle seine{\s} Schuhe{\s} darauf geriet,
+zog er den Fu"s rasch zur"uck, al{\s} habe er einen Menschen
+getreten.
+
+Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homai{\s} und Karl Domino zu
+spielen. Emma setzte sich dann an da{\s} andre Ende de{\s}
+Tische{\s} und sah sich, die Ellbogen aufgest"utzt, die
+"`Illustrierte Zeitung"' an. Oft hatte sie auch ihren "`Bazar"'
+mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen
+die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl"attern aufeinander.
+Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer
+Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl"usternd wurde. Da{\s}
+Klappern der Dominosteine st"orte ihn. Der Apotheker war ein
+gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch"amte{\s}
+Gl"uck. Wenn die dreihundert Point{\s} erreicht waren, setzten
+sich die Spieler an den Kamin, und e{\s} dauerte nicht lange, da
+waren sie alle beide eingenickt. Da{\s} Feuer im Kamin war im
+Erl"oschen, die Teekanne leer. Leo la{\s} weiter, und Emma h"orte
+ihm zu, wobei sie halb unbewu"st in einem fort den Lampenschirm
+herumdrehte, auf dessen d"unnen Kattun Pierrot{\s} in einer
+Kutsche und Seilt"anzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt
+waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wie{\s} durch eine
+Geste auf die eingeschlafene Zuh"orerschaft, und nun sprachen sie
+lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d"unkte beide um so
+s"u"ser, al{\s} niemand ihrer lauschte.
+
+So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
+fortw"ahrender Au{\s}tausch von Romanen und Gedichtb"uchern. Karl,
+der keine Neigung zur Eifersucht besa"s, hatte nicht{\s} dagegen.
+Zu seinem Geburt{\s}tage bekam er einen phrenologischen Sch"adel,
+der "uber und "uber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war,
+eine Aufmerksamkeit Leo{\s}. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter
+nach Rouen, um dort Besorgungen f"ur da{\s} Ehepaar zu machen.
+Al{\s} infolge eine{\s} Moderoman{\s} die Kakteen in Beliebtheit
+kamen, brachte er ein Exemplar, da{\s} er w"ahrend der Fahrt in
+der Post vor sich auf den Knien hielt. Da{\s} stachlige Ding
+zerstach ihm alle Finger.
+
+Emma lie"s vor ihrem Fenster ein kleine{\s} Blumenbrett f"ur ihre
+Blu\-men\-t"opfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt ein{\s}
+hatte. Beim Begie"sen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
+
+Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} Leo nach Hau{\s} kam, fand er in seinem
+Zimmer eine Reisedecke au{\s} mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide
+und Wolle Blumen und Bl"atter gestickt waren. Er zeigte sie Frau
+Homai{\s}, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der
+K"ochin; sogar seinem Chef erz"ahlte er davon. Alle Welt wollte
+nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau de{\s} Doktor{\s}
+dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Da{\s} war doch sonderbar.
+Und alsobald stand e{\s} unumst"o"slich fest: sie war "`seine gute
+Freundin."'
+
+Leo verst"arkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
+unaufh"orlich und vor jedermann von Emma{\s} Sch"onheit und
+Klugheit schw"armte. Binet wurde ihm de{\s}halb einmal geh"orig
+grob:
+
+"`Wa{\s} geht mich denn da{\s} an? Ich geh"ore nicht zu der
+Clique!"'
+
+Der Verliebte marterte sich mit Gr"ubeleien ab, wie er sich Emma
+erkl"aren k"onne. Er schwankte fortw"ahrend zwischen der Furcht,
+sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham "uber seine
+Feigheit. Er vergo"s Tr"anen ob seiner Mutlosigkeit und seiner
+Sehnsucht. Oft genug entschlo"s er sich zu k"uhner Entscheidung.
+Er schrieb Briefe, die er wieder zerri"s; nahm sich Tage der Tat
+vor, die er dann doch verstreichen lie"s. Manchmal ging er mir dem
+festen Vorsatz zu ihr, alle{\s} zu wagen; aber in ihrer Gegenwart
+verlor er al{\s}bald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn
+einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen
+Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit.
+Dann sagte er der "`gn"adigen Frau"' adieu und fuhr mit. War nicht
+ihr Mann auch ein St"uck von ihr?
+
+Emma ihrerseit{\s} fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. E{\s}
+war ihr Glaube, da"s die Liebe mit einem Male dasein m"usse, unter
+Donner und Blitz, wie ein Sturm au{\s} blauem Himmel, der die
+Menschen packt und ersch"uttert, ihnen den freien Willen
+entrei"st, wie einem Baum da{\s} Laub, und da{\s} ganze Herz in
+den Abgrund schwemmt. Sie wu"ste nicht, da"s der Regen auf den
+flachen D"achern der H"auser Seen bildet, wenn die Traufen
+verstopft sind. Und so w"are sie in ihrem Selbstbetrug verblieben,
+wenn sie nicht mit einem Male den Ri"s in der Mauer bemerkt
+h"atten.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} war an einem Sonntag nachmittag im Februar. E{\s} schneite.
+
+Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen
+Au{\s}flug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine
+halbe Stunde talabw"art{\s} von Yonville, zu besichtigen. Napoleon
+und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben
+sollten; und auch Justin war dabei, ein B"undel Regenschirme auf
+der Schulter.
+
+Die neue Sehen{\s}w"urdigkeit war eigentlich nicht{\s} weniger
+al{\s} sehen{\s}wert. Um einen gro"sen "oden Platz, auf dem
+zwischen Sand- und Steinhaufen bereit{\s} ein paar verrostete
+Maschinenr"ader lagen, zog sich im Viereck ein Geb"aude mit einer
+Menge kleiner Fenster hin. E{\s} war noch nicht ganz vollendet;
+durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel.
+An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz au{\s} Stroh und
+"Ahren mit einem im Winde flatternden wei"s-rot-blauen Wimpel.
+
+Homai{\s} machte den F"uhrer. Er erkl"arte der Gesellschaft die
+k"unftige Bedeutung de{\s} Etablissement{\s} und sch"atzte die
+St"arke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr
+bedauerte, kein Meterma"s bei sich zu haben.
+
+Emma hatte sich bei ihm eingeh"angt. Sie st"utzte sich ein wenig
+auf seinen Arm und schaute tr"aumerisch in die Ferne nach der
+Sonnenscheibe, deren matte{\s} rote{\s} Licht mit dem Nebel
+k"ampfte. Pl"otzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er
+hatte seine M"utze bi{\s} auf die Augenbrauen in{\s} Gesicht
+hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, wa{\s} ihm
+einen bl"oden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein
+beh"abiger R"ucken "argerte sie. Sie fand, die breite Fl"ache
+seine{\s} Mantel{\s} kennzeichne die ganze Plattheit von Karl{\s}
+Pers"onlichkeit.
+
+W"ahrend sie ihn so ver"achtlich musterte, geno"s sie eine gewisse
+perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K"alte machte ihn
+bleich, wa{\s} in sein Gesicht etwa{\s} Schmachtende{\s},
+Sanfte{\s} brachte. Sein vorn offener Kragen lie"s zwischen
+Krawatte und Hal{\s} ein St"uck Haut sehen; von seinem Ohr lugte
+ein Teilchen zwischen den Str"ahnen seine{\s} Haar{\s} hervor, und
+seine gro"sen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen
+Emma viel klarer und sch"oner vor al{\s} in den Gedichten die
+Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt.
+
+"`Rabenkind!"' schrie pl"otzlich der Apotheker und scho"s auf
+seinen Jungen lo{\s}, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um
+sch"one wei"se Schuhe zu bekommen. Al{\s} er t"uchtig
+au{\s}gescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin
+versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen,
+aber ohne Messer ging da{\s} nicht. Karl bot ihm sein{\s} an.
+
+"`Unerh"ort!"' dachte Emma bei sich. "`Er tr"agt ein Messer in der
+Tasche wie ein Bauer!"'
+
+Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den
+Heimweg nach Yonville.
+
+An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbar{\s}leuten
+hin"uber. Al{\s} ihr Mann fort war und sie sich allein wu"ste,
+begann sie die beiden M"anner von neuem zu vergleichen, und der
+andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der
+eigent"umlichen Linienver"anderung, die da{\s} menschliche
+Ged"achtni{\s} vornimmt. Von ihrem Bette au{\s} sah sie die lichte
+Glut im Kamin und daneben -- ganz so wie vor ein paar Stunden --
+Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten
+Hand den Spazierstock, und f"uhrte an der andern Athalia, die
+bed"achtig an einem Ei{\s}zapfen saugte. Diese Szene hatte ihr
+gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht lo{\s}kommen. Sie
+versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen au{\s}gesehen
+hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen
+"uberhaupt sei~...
+
+Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl"usterte sie immer wieder vor
+sich hin: "`Ach, s"u"s, s"u"s!"' Und dann fragte sie sich: "`Ob er
+eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!"'
+
+Mit einem Male sprach alle{\s} daf"ur. Da{\s} Herz schlug ihr vor
+Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr"ohliche
+Lichter. Emma legte sich auf den R"ucken und breitete ihre Arme
+weit au{\s}.
+
+Dann aber hob sie ihr alte{\s} Klagelied an: "`Ach, warum hat
+e{\s} der Himmel so gewollt? Warum nicht ander{\s}? Au{\s} welchem
+Grunde?"'
+
+Al{\s} Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, al{\s}
+wache sie auf; und al{\s} er sich etwa{\s} ger"auschvoll
+au{\s}zog, klagte sie "uber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte
+sie aber, wie der Abend verlaufen sei.
+
+"`Leo ist heute zeitig gegangen"', erz"ahlte Karl.
+
+Sie mu"ste l"acheln, und mit dem Gef"uhl einer ungeahnten
+Gl"uckseligkeit schlummerte sie ein.
+
+Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch de{\s} Herrn
+Lheureux, de{\s} Modewarenh"andler{\s}. Der war, wie man zu sagen
+pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener
+Ga{\s}cogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er
+einte in sich die lebhafte Redseligkeit de{\s} S"udl"ander{\s} und
+die n"uchterne Verschlagenheit seiner neuen Land{\s}leute. Sein
+feiste{\s}, aufgeschwemmte{\s} und bartlose{\s} Gesicht sah
+au{\s}, al{\s} sei e{\s} mit S"u"sholztinktur gef"arbt, und sein
+wei"se{\s} Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren
+schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Wa{\s} er fr"uher
+getrieben, wu"ste man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer
+gewesen, andre sagten, Geldwech{\s}ler in Routot. Etwa{\s} aber
+stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen
+au{\s}f"uhren. Selbst Binet kam die{\s} unheimlich vor. Dabei war
+er kriechend h"oflich; er lief in immer halb geb"uckter Haltung
+herum, al{\s} ob er jemanden gr"u"sen oder einladen wollte.
+
+Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T"ure
+ab, stellte einen gr"unen Pappkasten auf den Tisch und begann sich
+dann unter tausend Flo{\s}keln bei Frau Bovary zu beklagen, da"s
+er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerding{\s}
+sei eine "`armselige Butike"' wie die seine nicht gerade
+verlockend f"ur eine "`elegante Dame"'. Diese beiden Worte betonte
+er ganz besonder{\s}. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache
+sich anheischig, ihr alle{\s} nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren,
+W"asche, Str"umpfe, Modewaren, wa{\s} sie brauche. Er fahre
+regelm"a"sig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den
+ersten Firmen in Verbindung. Sie k"onne sich "uberall nach ihm
+erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor"ubergehen, um der
+gn"adigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen
+ganz besonder{\s} g"unstigen Gelegenheit{\s}kauf erworben h"atte.
+Dabei packte er au{\s} dem Kasten ein halbe{\s} Dutzend gestickter
+Hal{\s}kragen.
+
+Frau Bovary besah sie sich.
+
+"`Ich brauche nicht{\s}"', bemerkte sie.
+
+Nunmehr kramte der H"andler behutsam drei algerische Seident"ucher
+au{\s}, mehrere Pakete englischer N"ahnadeln, ein paar
+strohgeflochtne Pantoffeln und schlie"slich vier Eierbecher au{\s}
+Koko{\s}nu"sschale, filigranartige Schnitzarbeiten von
+Str"aflingen. Sich mit beiden H"anden auf den Tisch st"utzend, mit
+langem Hal{\s} und offnem Mund, beobachtete er Emma{\s} Augen, die
+unentschlossen in all diesen Gegenst"anden herumsuchten. Von Zeit
+zu Zeit strich er mit dem Fingernagel "uber die lang
+hingebreiteten T"ucher, al{\s} wolle er ein St"aubchen entfernen;
+die Seide knisterte leise, und da{\s} gr"unliche D"ammerlicht
+glitzerte auf den Goldf"aden de{\s} Gewebe{\s} in sternigen
+Funken.
+
+"`Wa{\s} kostet so ein Tuch?"' fragte Emma.
+
+"`Ein paar Groschen!"' antwortete er. "`Ein paar Groschen! Aber
+da{\s} eilt ja nicht. Ganz wann{\s} Ihnen pa"st! Unsereiner ist ja
+kein Jude!"'
+
+Sie dachte einen Augenblick nach, schlie"slich dankte sie dem
+H"andler, der gelassen erwiderte:
+
+"`Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bi{\s}her mit allen
+Damen vertragen, mit meiner nur nicht."'
+
+Emma l"achelte. Er sah e{\s} und fuhr mit der Ma{\s}ke de{\s}
+Biedermanne{\s} fort:
+
+"`Ich wollte damit nur gesagt haben, da"s Geld Nebensache ist.
+Wenn Sie mal welche{\s} brauchten, k"onnten Sie e{\s} von mir
+haben."'
+
+Sie machte eine erstaunte Miene.
+
+Schnell fl"usterte er:
+
+"`Oh! Ich verschaffte e{\s} Ihnen auf der Stelle! Darauf k"onnen
+Sie sich verlassen!"'
+
+Davon abspringend, erkundigte er sich flug{\s} nach dem alten
+Tellier, dem Wirt vom Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, den Bovary gerade in
+Behandlung hatte.
+
+"`Wa{\s} fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet,
+da"s sein ganze{\s} Hau{\s} wackelt. Ich f"urchte, ich f"urchte,
+er l"a"st sich eher zu einem "Uberzieher au{\s} Fichtenholz Ma"s
+nehmen al{\s} zu einem au{\s} Wintertuch. Na, solange er auf dem
+Damme war, da hat er sch"one Zicken gemacht! Die Sorte, gn"adige
+Frau, die wird nie vern"unftig! Und dann der Schnap{\s}, da{\s}
+ist allemal der Ruin! Aber e{\s} ist immer betr"ubend, wenn man
+sieht, wie e{\s} mit einem alten Bekannten zu Ende geht."'
+
+W"ahrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte,
+schwatzte er so von allen m"oglichen Patienten de{\s} Arzte{\s}.
+
+"`Da{\s} liegt am Wetter, ganz zweifello{\s}!"' erh"arte er, indem
+er verdrie"slich durch die Fensterscheiben sah. "`Da{\s} bringt
+alle diese Krankheiten. E{\s} geht mir ja selber so: ich f"uhle
+mich gar nicht recht \begin{antiqua}au fait\end{antiqua}. Werde
+wohl demn"achst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde
+kommen m"ussen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen,
+Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf"ugung! Gehorsamster
+Diener!"'
+
+Und er schlo"s die T"ure sacht hinter sich.
+
+Emma lie"s sich da{\s} Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem
+Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und e{\s}
+schmeckte ihr alle{\s} vorz"uglich.
+
+"`Wie vern"unftig ich doch war!"' sagte sie bei sich und dachte an
+die Seident"ucher.
+
+Da h"orte sie Tritte auf der Treppe. E{\s} war Leo. Sie stand
+schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto"s Wischt"ucher,
+die ges"aumt werden sollten, da{\s} oberste zur Hand. Al{\s} der
+junge Mann eintrat, tat sie sehr besch"aftigt.
+
+Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary
+schwieg immer wieder, und Leo war au{\s} Sch"uchternheit
+einsilbig. Er sa"s nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und
+spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb"uchschen.
+
+Emma n"ahte oder gl"attete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel
+den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nicht{\s},
+weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, al{\s} ob sie
+wer wei"s wa{\s} gesprochen h"atte.
+
+"`Armer Junge!"' dachte sie.
+
+"`Warum bin ich bei ihr in Ungnade?"' fragte er sich.
+
+Schlie"slich fing er an zu reden. Er m"usse in den n"achsten Tagen
+nach Rouen fahren. In einer Beruf{\s}angelegenheit.
+
+"`Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich e{\s}
+erneuern?"'
+
+"`Nein"', entgegnete sie.
+
+"`Warum nicht?"'
+
+"`Weil~..."'
+
+Emma bi"s sich auf die Lippen. Umst"andlich zog sie den grauen
+Zwirn hoch. Leo "argerte sich "uber ihre Emsigkeit. "`Warum
+zersticht sie sich die Finger?"' dachte er. Eine galante Bemerkung
+fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie
+au{\s}zusprechen.
+
+"`So wollen Sie e{\s} also aufgeben?"'
+
+"`Wa{\s}?"' fragte sie nerv"o{\s}. "`Die Musik? Ach, du mein Gott!
+Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen
+und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!"'
+
+Sie blickte nach der Uhr. Karl h"atte schon l"angst heim sein
+m"ussen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte
+sie im Gespr"ache:
+
+"`Mein Mann ist so gut!"'
+
+Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese
+Z"artlichkeit befremdete ihn auf da{\s} unangenehmste. Gleichwohl
+stimmte er in ihr Lob ein.
+
+"`Dar"uber sind wir un{\s} alle einig; der Apotheker sagt{\s} auch
+immer!"' erkl"arte er.
+
+"`Ja, ja, er ist ein pr"achtiger Mensch!"' wiederholte sie.
+
+"`Gewi"s!"' best"atigte der Adjunkt.
+
+Er begann dann von Frau Homai{\s} zu sprechen, "uber deren sehr
+nachl"assige Kleidung sich die beiden sonst h"aufig am"usierten.
+
+"`So schlimm ist e{\s} gar nicht!"' behauptete Emma heute. "`Eine
+gute Hau{\s}frau kann sich nicht blo"s um ihre Toilette k"ummern."'
+
+Dann versank sie in ihr fr"uhere{\s} Stillschweigen.
+
+So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr
+Benehmen, ihr ganze{\s} Wesen waren wie verwandelt. Sie k"ummerte
+sich um ihr Hau{\s}, ging wieder regelm"a"sig in die Kirche und
+hielt ihr Dienstm"adchen strenger.
+
+Die kleine Berta wurde au{\s} der Ziehe zur"uckgeholt. Wenn Besuch
+kam, brachte Felicie da{\s} Kind herein, und Frau Bovary zeigte,
+wa{\s} f"ur stramme Beinchen e{\s} hatte. Sie beteuerte, Kinder
+h"atte sie "uber alle{\s} gern; da{\s} ihre sei ihr Trost, ihre
+Freude, ihr Gl"uck. Dabei liebkoste sie e{\s} unter einem Schwall
+von schw"armerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die
+biederen Yonviller waren keine! -- an die Sachette in Viktor
+H"ugo{\s} "`Notre-Dame"' erinnert h"atten.
+
+Wenn Karl heimkam, fand er seine Hau{\s}schuhe gew"armt am Kamine
+stehen, seine Westen hatten kein zerrissene{\s} Futter mehr, und
+an seinen Hemden waren die Kn"opfe immer vollz"ahlig. Er hatte
+sogar da{\s} Vergn"ugen, seine H"ute und M"utzen wohlgeordnet im
+Schranke h"angen zu sehen. Emma lehnte e{\s} mit einem Male nicht
+mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten.
+Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort
+einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah,
+f"ugte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so
+sah: ihn am Kamin, die H"ande "uber dem Bauche gefaltet, die
+F"u"se behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom
+Mahle und die "Auglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich da{\s}
+Kind, da{\s} auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die
+feinlinige schlanke Frau, wie sie sich "uber die Lehne seine{\s}
+Gro"svaterstuhl{\s} beugte und ihm einen Ku"s auf die Stirn gab,
+-- dann sagte er sich:
+
+"`Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!"'
+
+Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand
+jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er
+sie zu verg"ottern. Allm"ahlich verlor sie in seinen Augen ihre
+K"orperlichkeit, die nun einmal doch f"ur ihn nicht da war. Vor
+seiner Phantasie schwebte sie immer h"oher, umstrahlt von einer
+Gloriole. Seine reine Liebe hatte nicht{\s} mehr mit seinem
+Alltag{\s}leben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen
+Verlust mehr Schmerz bereitet, al{\s} der k"orperliche Besitz der
+Geliebten Genu"s gew"ahrt.
+
+Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde
+schm"achtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren
+gro"sen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange
+und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durch{\s} Leben zu
+schreiten, ohne den Erdboden zu ber"uhren, und e{\s} war, al{\s}
+tr"uge sie auf der Stirne da{\s} geheimni{\s}volle Mal einer
+h"oheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und
+dabei so unnahbar, da"s man ihre Gegenwart wie eine ei{\s}kalte
+Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der
+Rosen die K"alte de{\s} Marmor{\s}, so da"s man zusammenschauert.
+E{\s} lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann.
+
+"`Sie ist eine Frau gro"sen Stil{\s},"' sagte der Apotheker
+einmal, "`sie m"u"ste einen Minister zum Manne haben!"'
+
+Die Spie"sb"urger r"uhmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr
+h"ofliche{\s} Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn.
+
+Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha"s.
+Hinter ihrem kl"osterlichen Kleid st"urmte ein weltverlangende{\s}
+Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der
+Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit,
+um in der Vorstellung ungest"ort zu schwelgen. Diese Wollust der
+Tr"aume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick de{\s} Geliebten
+nur gest"ort. Beim H"oren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er
+aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f"uhlte nicht{\s}
+al{\s} namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut.
+
+Leo ahnte nicht, da"s Emma an{\s} Fenster eilte, um ihm
+nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe
+beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen
+Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu
+haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr
+beneiden{\s}wert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen
+durfte. Ihre Gedanken lie"sen sich immer wieder auf seinem Hause
+nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L"owen, die hingeflogen
+kamen, um ihre roten Stelzen und wei"sen Fl"ugel in der Dachrinne
+zu netzen.
+
+Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu"st ward, um so mehr
+dr"angte sie sie zur"uck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein
+bleiben. Wohl war e{\s} ihr Sehnen, da"s Leo die Wahrheit bemerke;
+sie ertr"aumte sich Zuf"alle und Katastrophen, die die{\s}
+herbeif"uhrten. Aber ihre Passivit"at, die Angst vor der
+Entscheidung und auch ihr Schamgef"uhl hielten sie zur"uck. Sie
+bildete sich ein, sie h"atte sich ihn bereit{\s} allzusehr
+entfremdet, e{\s} w"are nun zu sp"at und alle{\s} sei verloren.
+Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: "`Ich bin eine
+anst"andige Frau geblieben!"' Sie stellte sich vor den Spiegel in
+der Pose der Resignation. Da{\s} tr"ostete sie ein wenig ob de{\s}
+Opfer{\s}, da{\s} sie zu bringen w"ahnte.
+
+Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L"usternheit nach Reichtum
+und Luxu{\s} und ihre schwerm"utige Liebe ergaben alle{\s} in
+allem ein einzige{\s} Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen
+zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in diese{\s} Leid, gefiel
+sich darin und trug e{\s} in alle Einzelheiten ihre{\s} Leben{\s}.
+Ein ungeschickt servierte{\s} Gericht, eine offengelassene T"ure
+brachte sie in Aufregung. Ein h"ubsche{\s} Kleid, da{\s} sie nicht
+haben konnte, ein Vergn"ugen, auf da{\s} sie verzichten mu"ste,
+machte sie ungl"ucklich. Weil sich ihre k"uhnen Tr"aume nicht
+erf"ullten, ward ihr da{\s} Hau{\s} zu eng.
+
+Da"s Karl keine Dulderin in ihr sah, da{\s} emp"orte sie am
+allermeisten. Seine felsenfeste "Uber\-zeu\-gung, da"s er seine
+Frau gl"ucklich mache, d"unkte sie Beschr"anktheit, Beleidigung,
+Undankbarkeit. F"ur wen war sie denn so vern"unftig? War e{\s}
+nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl"uck trennte? War nicht
+er der Anla"s all ihre{\s} Elend{\s}, da{\s} Schlo"s an der T"ur
+ihre{\s} qualvollen K"afig{\s}?
+
+So h"aufte sie auf ihn alle Bitternisse ihre{\s} Herzen{\s}. Jeder
+Versuch, diese Verstimmungen zu bek"ampfen, verschlimmerten sie
+nur. Denn die vergebliche M"uhe machte sie noch mutloser und
+entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine
+Gutm"utigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie"serlichkeit ihrer
+Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und
+die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel"usten. Sie bedauerte
+e{\s}, da"s Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h"atte sie
+gerechten Anla"s gehabt, sich an ihm zu r"achen. Zuweilen freilich
+erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und
+immer mu"ste sie l"acheln, wenn sie in einem fort h"orte, da"s sie
+gl"ucklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M"uhe gab, so
+zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen.
+
+Manchmal hatte sie diese Kom"odie satt. Sie f"uhlte sich versucht,
+mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit
+fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten
+ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr"unde.
+
+"`Er liebt mich ja gar nicht mehr!"' sagte sie sich. "`Wa{\s} soll
+da au{\s} mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche
+Erleichterung bleibt mir noch?"'
+
+Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin,
+unter endlosen Tr"anen.
+
+"`Warum sagt e{\s} die gn"adige Frau nicht dem Herrn Doktor?"'
+fragte da{\s} Dienstm"adchen, al{\s} e{\s} einmal w"ahrend
+eine{\s} solchen Anfalle{\s} in{\s} Zimmer kam.
+
+"`Ach wa{\s}! Ich bin nerv"o{\s}!"' erkl"arte Emma. "`Da"s du ihm
+ja nicht{\s} davon erz"ahlst! Du w"urdest ihn nur beunruhigen."'
+
+"`Ach Gott"', meinte Felicie. "`Der Tochter de{\s} alten
+Fischer{\s} Gu\'erin au{\s} Pollet, einer Bekannten von mir in
+Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging e{\s} ganz genau so.
+War die tr"ubsinnig! Schrecklich tr"ubsinnig! Und leichenbla"s sah
+sie immer au{\s}. Ihr Leiden war so wa{\s} wie ein Nebel im Kopfe,
+und die "Arzte und sogar der Pfarrer wu"sten kein Mittel dagegen.
+Wenn{\s} ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein an{\s}
+Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen,
+platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp"ater,
+al{\s} sie einen Mann hatte, soll sich{\s} gegeben haben~..."'
+
+"`Bei mir aber"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} erst nach der
+Hochzeit so gekommen."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine{\s} Abend{\s} sa"s Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie
+noch Lestiboudoi{\s}, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten
+im Garten den Buch{\s}baum zugestutzt hatte. Pl"otzlich drang ihr
+da{\s} Ave-Maria-L"auten in{\s} Ohr.
+
+E{\s} war Anfang April. Die Primeln bl"uhten, und ein lauer Wind
+h"upfte "uber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f"ur
+die Festtage de{\s} Sommer{\s}. Durch die Latten der Laube und
+weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn"orkeligen Windungen
+in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch
+kahlen Pappeln und l"oste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett
+auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne
+zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br"ullen verklangen.
+Nur die Abendglocke l"autete immerfort und f"ullte die Luft mit
+wehm"utigem Frieden.
+
+Bei diesen gleichf"ormigen T"onen verloren sich die Gedanken der
+jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an
+die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich "uber die
+blumenreichen Vasen und "uber da{\s} Tabernakel mit seinen
+S"aulchen emporgereckt hatten. Wie einst h"atte sie wieder knien
+m"ogen in der langen Reihe der wei"sen Schleier, die sich grell
+abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst"uhlen
+hingesunkenen Schwestern. Sonntag{\s} w"ahrend der Messe, wenn sie
+aufschaute und in da{\s} von bl"aulichem Weihrauch umwobene holde
+Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und
+ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine
+Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht~...
+
+Mit einem Male, ohne da"s sie sich "uber den Vorgang klar ward,
+fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht
+hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und
+alle{\s} Irdische zu vergessen.
+
+Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudoi{\s}, der bereit{\s}
+wieder au{\s} der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit
+zur"uckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und da{\s}
+L"auten der Glocke besorgte er, wie e{\s} ihm gerade pa"ste.
+"Ubrigen{\s} war da{\s} L"auten ein Zeichen f"ur die Kinder im
+Dorfe, da"s e{\s} Zeit zur Katechi{\s}mu{\s}stunde war.
+
+Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den
+Friedhof{\s}steinen. Andre sa"sen rittling{\s} auf der Mauer,
+baumelten mit den Beinen und k"opften mit ihren Schuhspitzen die
+hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr"aberreihe und der
+niedrigen Umfassung{\s}mauer aufgeschossen waren. Da{\s} war
+da{\s} einzige bi"schen Gr"un, denn die Grabm"aler standen ganz
+dicht aneinander, und "uber ihnen lag best"andig feiner Staub, der
+dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str"umpfen
+dar"uber wie "uber einen eigen{\s} f"ur sie hingebreiteten
+Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in da{\s}
+letzte Au{\s}klingen der Glocken. Da{\s} Summen verstummte, und
+der Strang der gro"sen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit
+dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte
+sich allm"ahlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft,
+kurze Schreie au{\s}sto"send, und flogen zur"uck in ihre gelben
+Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe
+oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h"angenden Gla{\s}glocke.
+Von weitem sah die Flamme wie ein "uber dem "Ol schwimmender
+zittriger wei"ser Fleck au{\s}. Ein langer Sonnenstrahl
+durchquerte da{\s} Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die
+Nebenschiffe und Nischen.
+
+"`Wo ist der Pfarrer?"' fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich
+damit belustigte, die bereit{\s} lockere Klinke der
+Friedhof{\s}pforte v"ollig abzuw"urgen.
+
+"`Der wird gleich kommen!"' war die Antwort.
+
+Wirklich knarrte die T"ur de{\s} Pfarrhause{\s}, und der Abb\'e
+Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche
+hinein.
+
+"`Rasselbande!"' murmelte der Priester. "`Einen wie alle Tage!"'
+Er hob einen zerflederten Katechi{\s}mu{\s} auf, an den sein Fu"s
+gesto"sen war. "`Nicht{\s} wird respektiert!"' Da bemerkte er Frau
+Bovary.
+
+"`Verzeihung!"' sagte er. "`Ich hatte Sie nicht erkannt."'
+
+Er steckte den Katechi{\s}mu{\s} in die Tasche und blieb stehen,
+indem er den schweren Sakristeischl"ussel auf zwei Fingern
+balancierte.
+
+Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll in{\s} Gesicht und nahm
+seiner Soutane alle Farbe. Sie gl"anzte "ubrigen{\s} an den
+Ellenbogen bereit{\s}, und in den S"aumen war sie au{\s}gefasert.
+Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn"opfe
+die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn
+seine{\s} Gesicht{\s}, wurden sie zahlreicher. E{\s} war von
+Sommersprossen bes"at, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart
+hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger"auschvoll.
+
+"`Wie geht e{\s} Ihnen?"' erkundigte er sich.
+
+"`Schlecht!"' antwortete Emma.
+
+"`Ja, ja! Ganz wie mir"', erwiderte der Priester. "`Die ersten
+warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber e{\s}
+ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt
+Paulu{\s} sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar"uber?"'
+
+"`Ach der!"' Sie machte eine ver"achtliche Geb"arde.
+
+"`Wa{\s}?"' erwiderte der ehrw"urdige Mann ganz erstaunt.
+"`Verordnet er Ihnen denn nicht{\s}?"'
+
+"`Ach,"' meinte sie, "`irdische Heilmittel, die nutzen mir
+nicht{\s}."'
+
+Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch
+hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet
+waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da"s sie
+reihenweise wie die Kegel umpurzelten.
+
+"`Ich m"ochte gern wissen~..."', fuhr Emma fort.
+
+"`Warte nur, Boudet, warte du nur!"' unterbrach sie der Priester
+in zornigem Tone. "`Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du
+Schlingel, du!"' Zu Emma gewandt, f"ugte er hinzu: "`Da{\s} ist
+der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute;
+sie lassen dem Jungen die gr"o"sten Narrenpossen durch. Der Bengel
+k"onnte sehr wohl wa{\s} lernen, wenn er nur wollte, denn er ist
+gar nicht dumm ... Na, und wie geht{\s} dem Herrn Gemahl?"'
+
+Emma tat, al{\s} ob sie die Frage "uberh"ort h"atte. Der
+Geistliche fuhr fort:
+
+"`Immer t"uchtig besch"aftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir
+beiden haben im Kirchspiel zweifello{\s} am meisten zu tun~..."'
+Er lachte beh"abig, "`... er al{\s} Arzt de{\s} Leibe{\s} und ich
+der Seele."'
+
+Emma schaute ihn flehentlich an.
+
+"`Sie! Ja!"' sagte sie. "`Sie heilen alle Wunden!"'
+
+"`Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag,
+da bin ich nach Ba{\s}-Diauville gerufen worden, zu einer
+wassers"uchtigen Kuh. Die Leute glaubten, da{\s} Tier sei verhext.
+Merkw"urdig! Alle K"uhe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre
+und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!"' Mit einem
+gro"sen Satze war er drinnen in der Kirche.
+
+Da flohen die Knaben hinter da{\s} Me"spult oder kletterten auf
+den Sitz de{\s} Vors"anger{\s}. Andre verkrochen sich in den
+Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend recht{\s} und link{\s}
+einen Hagel von Backpfeifen au{\s}; einen der Jungen packte er am
+Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie,
+al{\s} ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese
+hineindr"ucken wollte.
+
+"`So!"' sagte er zu Frau Bovary, al{\s} er wieder bei ihr war,
+w"ahrend er sein gro"se{\s} Kattuntaschentuch entfaltete und sich
+den Schwei"s von der Stirn wischte. "`Die Landleute sind recht zu
+bedauern~..."'
+
+"`Andre Leute auch"', meinte sie.
+
+"`Gewi"s! Die Arbeiter in den St"adten zum Beispiel."'
+
+"`Die meine ich nicht."'
+
+"`Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm"utter kennen
+lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie
+hatten nicht einmal da{\s} t"agliche Brot."'
+
+"`Ich meine solche,"' fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel
+zitterten, w"ahrend sie sprach, "`solche, Herr Pfarrer, die zwar
+ihr t"aglich Brot haben, aber kein~..."'
+
+"`Kein Holz im Winter~..."', erg"anzte der Priester.
+
+"`Ach, wa{\s} liegt daran?"'
+
+"`Wa{\s} daran liegt? Mich d"unkt, wer gut zu essen hat und eine
+warme Stube ... denn schlie"slich~..."'
+
+"`O du mein Gott!"' seufzte Emma.
+
+"`Ist Ihnen nicht wohl?"' fragte er, indem er sich ihr besorgt
+n"aherte. "`Gewi"s Magenbeschwerden? Sie m"ussen heimgehen, Frau
+Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Da{\s} wird Sie kr"aftigen.
+Oder vielleicht lieber eine Limonade?"'
+
+"`Wozu?"'
+
+Sie sah au{\s}, al{\s} erwache sie au{\s} einem Traume.
+
+"`Sie fa"sten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich,
+e{\s} sei Ihnen schwindlig."' Er besann sich. "`Aber wollten Sie
+mich nicht etwa{\s} fragen? Mir ist e{\s} so. Wa{\s} war e{\s}
+denn?"'
+
+"`Ich? Nicht{\s} ... oh, nicht{\s}!"' stammelte Emma.
+
+Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m"ud auf den
+alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne
+etwa{\s} zu sagen.
+
+"`Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary"', sagte er nach einer
+Weile. "`Die Pflicht ruft mich. Ich mu"s zu meinen Taugenichtsen
+da. Die erste Kommunion r"uckt heran. Ich f"urchte, sie
+"uberrumpelt un{\s}. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle
+Mittwoch eine Stunde l"anger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie
+nicht fr"uh genug auf den Weg de{\s} Herrn leiten, wie e{\s}
+Gotte{\s} Sohn un{\s} ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung,
+Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!"'
+
+Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle da{\s}
+Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bi{\s} er zwischen den
+B"anken verschwand. Er ging schwerf"allig, den Kopf ein wenig
+eingezogen, die beiden H"ande in segnender Haltung.
+
+Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf
+einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine
+Weile h"orte sie hinter sich noch die rauhe Stimme de{\s}
+Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben~...
+
+"`Bist du ein Christ?"'
+
+"`Ja, ich bin ein Christ."'
+
+"`Wer ist ein Christ?"'
+
+"`Wer getauft ist und~..."'
+
+Zu Hau{\s} stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am
+Gel"ander festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren
+Lehnstuhl.
+
+Da{\s} Licht de{\s} hellen Abend{\s} drau"sen flutete weich durch
+die Scheiben herein. Die M"obel schlummerten still auf ihren
+Pl"atzen, halb versunken in den Schatten der D"ammerung wie in
+einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und
+eint"onig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um
+sich herum empfand Emma al{\s} einen wunderlichen Kontrast zu dem
+wilden Sturm in ihrem Innern~...
+
+Vom N"ahtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren
+gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie
+haschte nach den B"andern ihrer Sch"urze.
+
+"`La"s mich!"' sagte Emma und wehrte da{\s} Kind mit der Hand ab.
+
+Aber die Kleine kam noch n"aher und schmiegte sich an ihre Knie.
+Sie umfa"ste sie mit ihren "Armchen und schaute mit ihren gro"sen
+blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen
+Speichel au{\s} dem Munde de{\s} Kinde{\s} auf Emma{\s} seidne
+Sch"urze.
+
+"`La"s mich!"' wiederholte die junge Mutter sehr unwillig.
+
+Ihr Gesicht{\s}au{\s}druck erschreckte da{\s} Kind. E{\s} begann
+zu schreien.
+
+"`Aber so la"s mich doch!"' sagte Emma barsch und stie"s ihr Kind
+mit dem Ellenbogen zur"uck.
+
+Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der
+ihr die Wange ritzte, so da"s sie blutete. Frau Bovary st"urzte
+auf da{\s} Kind zu und hob e{\s} auf. Dann ri"s sie heftig am
+Klingelzug und rief da{\s} Dienstm"adchen herbei. Sie war nahe
+daran, sich Vorw"urfe zu machen, da erschien Karl. E{\s} war um
+die Essen{\s}zeit. Er kam von seiner Praxi{\s} heim.
+
+"`Sieh, mein Lieber,"' sagte sie ruhigen Tone{\s}, "`die Kleine
+ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi"schen geschunden."'
+
+Karl beruhigte sie; e{\s} sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster.
+
+Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind
+allein pflegen. Al{\s} sie dann aber sah, wie e{\s} ruhig schlief,
+verging ihr bi"schen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht
+t"oricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer
+Geringf"ugigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die
+Kleine nicht mehr. Ihre Atemz"uge hoben und senkten die wollene
+Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr"anen hingen ihr in den
+halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse
+Augensterne schimmerten. Da{\s} auf die Backe geklebte Pflaster
+verzog die Haut.
+
+"`Merkw"urdig!"' dachte Emma bei sich. "`Wie h"a"slich da{\s} Kind
+ist!"'
+
+Al{\s} Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum
+Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen.
+
+"`Aber ich habe dir doch gesagt, da"s e{\s} nicht{\s} ist!"'
+versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku"s auf die Stirn gab.
+"`"Angstige dich nicht, arme{\s} Lieb, du wirst mir sonst krank!"'
+
+Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar
+nicht besonder{\s} aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich
+Homai{\s} f"ur verpflichtet gef"uhlt, ihn "`aufzurappeln"'. Dann
+hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder
+au{\s}gesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten.
+Frau Homai{\s} mu"ste ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte
+sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die
+damalige K"ochin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen!
+Infolgedessen waren die braven Homai{\s} "uber die Ma"sen
+vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der
+Fu"sboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und
+vor dem Kamin ein paar Querst"abe angebracht. Die
+Apotheker{\s}kinder, so verwahrlost sie im "ubrigen waren, konnten
+keinen Schritt tun, ohne da"s jemand dabei sein mu"ste. Bei der
+geringsten Erk"altung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbon{\s}
+voll, und al{\s} sie bereit{\s} "uber vier Jahre alt waren,
+mu"sten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die
+K"opfe tragen. Da{\s} war lediglich eine Schrulle der Mutter; der
+Apotheker war in{\s}geheim sehr betr"ubt dar"uber, weil er Angst
+hatte, diese{\s} Zusammenpressen k"onne dem Gehirn sch"adlich
+sein. Einmal entfuhr e{\s} ihm:
+
+"`Willst du denn Hottentotten au{\s} deinen Kindern machen?"'
+
+Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in
+eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, al{\s} Leo vor ihm die
+Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu:
+
+"`Ich wollte Sie noch etwa{\s} fragen!"'
+
+"`Sollte er etwa{\s} gemerkt haben?"' fragte sich der Adjunkt. Er
+bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen.
+
+Al{\s} die T"ure hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle
+sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, wa{\s} ein
+h"ubsche{\s} Lichtbild koste. Er hegte n"amlich schon lange den
+sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu
+"uberraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu
+lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so
+ungef"ahr zu stehen k"ame. Dem Adjunkt mache da{\s} wohl keine
+besondre M"uhe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt
+f"uhre.
+
+Zu welchem Zwecke eigentlich? Homai{\s} vermutete
+Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t"auschte er
+sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in
+Wertherstimmung. Die L"owenwirtin merkte e{\s} daran, da"s er
+seine Portionen nicht mehr aufa"s. Um hinter die Ursache zu
+kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte
+unwirsch, er sei kein Polizeib"uttel.
+
+Allerding{\s} kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar
+vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur"uck, packte sich mit
+den H"anden hinten am Kopfe und lie"s sich in unbestimmten Klagen
+"uber da{\s} menschliche Dasein au{\s}.
+
+"`Sie sollten sich ein bi"schen mehr zerstreuen"', meinte der
+Steuereinnehmer.
+
+"`Womit denn?"'
+
+"`Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an."'
+
+"`Aber ich kann doch nicht drechseln"', erwiderte der Adjunkt.
+
+"`Ach ja, freilich!"'
+
+Binet strich sich selbst\/zufrieden-ver"achtlich da{\s} Kinn.
+
+Leo war e{\s} m"ude, erfolglo{\s} zu lieben. Da{\s} eint"onige
+Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn
+erf"ullten, keine Hoffnungen, die ihn st"arkten. Yonville und die
+Yonviller "odeten ihn derma"sen an, da"s er gewisse Leute und
+bestimmte H"auser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu
+geraten. Besonder{\s} unau{\s}stehlich wurde ihm nachgerade der
+biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Au{\s}sicht auf
+v"ollig neue Verh"altnisse genau so sehr, wie er sich danach
+sehnte. Diese{\s} bange Gef"uhl wandelte sich nach und nach in
+Unruhe, und nun lockte ihn Pari{\s}, da{\s} ferne Pari{\s} mit der
+rauschenden Musik seiner Ma{\s}kenfeste und dem Lachen seiner
+Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden.
+Warum ging er nicht endlich dahin? Wa{\s} hielt ihn zur"uck?
+
+In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er
+machte heimliche Pl"ane. Er tr"aumte sich sein Pariser Zimmer
+au{\s}. Dort wollte er da{\s} Leben eine{\s} Boh\'emien f"uhren.
+Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu
+ein Samtbarett und Hau{\s}schuhe au{\s} blauem Pl"usch. Und "uber
+dem Kamin sollten zwei gekreuzte Florett{\s} h"angen, ein
+Totensch"adel dar"uber und die Gitarre darunter. Wundervoll!
+
+Da{\s} Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu
+bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der
+allervern"unftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer
+andern Kanzlei weiter au{\s}zubilden. So entschied sich Leo
+zun"achst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen
+Adjunktenposten in Rouen. Al{\s} ihm die{\s} mi"slang, schrieb er
+schlie"slich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr
+au{\s}f"uhrlich au{\s}einandersetzte, warum er ohne weitere{\s}
+nach Pari{\s} "ubersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden.
+
+Trotz alledem beeilte er sich keine{\s}weg{\s}. Volle vier Wochen
+lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville
+Koffer, Rucks"acke und Pakete f"ur ihn hin und her. Er
+vervollst"andigte seine Garderobe, lie"s seine drei Lehnst"uhle
+aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen
+Hal{\s}t"uchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, al{\s}
+wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf
+Woche, bi{\s} ein zweiter m"utterlicher Brief seine Abreise
+beschleunigte. Er h"atte doch die Absicht, ein Examen nach einem
+Semester zu machen.
+
+Al{\s} der Augenblick de{\s} Abschied{\s} gekommen war, da weinte
+Frau Homai{\s}, Justin heulte, und Homai{\s} verbarg seine
+R"uhrung, wie sich da{\s} f"ur einen ernsten Mann schickt. Er
+lie"s e{\s} sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seine{\s}
+Freunde{\s} eigenh"andig bi{\s} zur Gartenpforte de{\s} Notar{\s}
+zu tragen, wo de{\s} letzteren Kutsche wartete, die den
+Scheidenden nach Rouen fahren sollte.
+
+Im letzten Viertelst"undchen machte Leo seinen Abschied{\s}besuch
+im Hause de{\s} Arzte{\s}.
+
+Al{\s} er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem
+zu sch"opfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft
+entgegen.
+
+"`Da bin ich noch einmal!"' sagte Leo.
+
+"`Ich hab e{\s} erwartet!"'
+
+Emma bi"s sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho"s unter der
+Haut ihre{\s} Gesicht{\s} hin und f"arbte e{\s} "uber und "uber
+rot, vom Hal{\s}kragen an bi{\s} hinauf zu den Haarwurzeln. Sie
+blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt"afelung.
+
+"`Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?"'
+
+"`Er ist fort."'
+
+Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre
+Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich
+aneinander wie zwei klopfende Herzen.
+
+"`Ich m"ochte Berta gern einen Abschied{\s}ku"s geben"', sagte
+Leo.
+
+Emma ging hinau{\s}, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie.
+Leo warf schnell einen hei"sen Blick auf die W"ande, die M"obel,
+den Kamin, al{\s} wollte er alle{\s} umfassen, alle{\s} mit sich
+nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Da{\s}
+M"adchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem
+Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten.
+
+Leo k"u"ste die Kleine ein paarmal auf die Stirn.
+
+"`Lebwohl, arme{\s} Kind! Lebwohl, liebe{\s} Bertchen! Lebwohl!"'
+
+Er gab da{\s} Kind der Mutter zur"uck.
+
+"`Bring sie weg!"' befahl Emma.
+
+Sie waren wiederum allein.
+
+Frau Bovary wandte Leo den R"ucken zu und pre"ste ihr Gesicht
+gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem"utze in der Hand
+und schlug damit leise gegen seinen Schenkel.
+
+"`E{\s} wird wohl regnen"', bemerkte Emma.
+
+"`Ich habe einen Mantel"', antwortete er.
+
+"`So!"'
+
+Sie wandte sich wieder um, da{\s} Kinn gesenkt. Da{\s} Licht glitt
+"uber ihre vorgebeugte Stirn wie "uber glatten Marmor bi{\s} hinab
+in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, wa{\s} in ihren Augen
+geschrieben stand, noch wa{\s} die Gedanken dahinter sannen.
+
+"`Also adieu!"' seufzte Leo.
+
+Sie hob den Kopf mit einer j"ahen Bewegung.
+
+"`Ja, adieu! Sie m"ussen gehen!"'
+
+Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie
+z"ogerte.
+
+"`Sozusagen ein franz"osischer Abschied!"' meinte sie, indem sie
+ihm die Hand "uberlie"s. Dabei l"achelte sie gezwungen.
+
+Leo f"uhlte ihre Finger in den seinen. E{\s} kam ihm vor, al{\s}
+str"ome ihr ganze{\s} Ich in seine Haut. Al{\s} er seine Hand
+wieder "offnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann
+ging er.
+
+Al{\s} er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich
+hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letzte{\s} Mal ihr
+wei"se{\s} Hau{\s} mit seinen vier gr"unen Fensterl"aden sehen. Da
+vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihre{\s}
+Zimmer{\s} zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von
+selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen
+senkrechten Falten zur"uck, in denen er dann regung{\s}lo{\s}
+stehen blieb wie eine Mauer von Gip{\s}. Leo eilte von dannen.
+
+Von weitem sah er schon den Wagen seine{\s} Chef{\s} auf der
+Stra"se halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und
+hielt da{\s} Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten
+miteinander. Man wartete auf ihn.
+
+"`Lassen Sie sich noch einmal umarmen!"' sagte Homai{\s}, Tr"anen
+in den Augen. "`Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk"alten
+Sie sich unterweg{\s} nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie
+sich ordentlich in acht!"'
+
+"`Einsteigen, Herr D"upui{\s}!"' mahnte der Notar.
+
+Der Apotheker beugte sich "uber da{\s} Spritzleder und stammelte
+mit tr"a\-nen\-er\-stick\-ter Stimme nicht{\s} al{\s} die
+beiden wehm"utigen Worte:
+
+"`Gl"uckliche Reise!"'
+
+"`Guten Abend, Herr Apotheker!"' rief Guillaumin. "`Lo{\s}!"'
+
+Die beiden fuhren weg, und Homai{\s} wandte sich heimw"art{\s}.
+
+\begin{center}
+\makebox[15em]{\hrulefill}\bigskip
+\end{center}
+
+Frau Bovary hatte da{\s} nach dem Garten gehende Fenster ihre{\s}
+Zimmer{\s} ge"offnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung
+nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt.
+Leichtere{\s} finstere{\s} Gew"olk zog von daher im raschen Fluge
+heran, durchleuchtet von schr"agen Sonnenstrahlen, die wie die
+goldnen Strahlenb"undel einer aufgeh"angten Troph"ae
+hervorschossen. Der "ubrige wolkenlose Teil de{\s}
+Himmel{\s}zelte{\s} war wei"s wie Porzellan. Ruckweise Windst"o"se
+beugten die H"aupter der Pappeln; pl"otzlich rauschte Regen herab
+und prasselte durch da{\s} gr"unschimmernde Laubwerk. Bald kam die
+Sonne wieder herau{\s}. Die Hennen gackerten. Die Spatzen
+sch"uttelten ihre Fl"ugel auf dem nassen Gezweig, und in den
+Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote
+Akazienbl"uten.
+
+"`Wie weit mag er nun schon sein!"' dachte sie.
+
+Halb sieben, beim Essen, erschien Homai{\s} gewohnterweise.
+
+"`Na,"' sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, "`unsern
+jungen Freund h"atten wir gl"ucklich verfrachtet!"'
+
+"`Wie man mir berichtet hat"', gab der Arzt zur Antwort. Sich auf
+seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: "`Und wa{\s}
+gibt{\s} bei Ihnen Neue{\s}?"'
+
+"`Nicht{\s} weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein
+bi"schen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich
+au{\s} dem H"au{\s}chen. Und meine ganz besonder{\s}! Aber man
+soll ihnen darau{\s} keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben
+zarter besaitet al{\s} unsre."'
+
+"`Der arme Leo,"' bemerkte Karl, "`wie wird{\s} ihm in Pari{\s}
+ergehen? Wird er sich dort einleben?"'
+
+Frau Bovary seufzte.
+
+"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge.
+"`Feine Souper{\s}! Ma{\s}kenb"alle! Sekt! Daran gew"ohnt man sich
+schon, versichre ich Ihnen."'
+
+"`Ich glaube nicht, da"s er unsolid werden wird"', warf Bovary
+ein.
+
+"`Gott bewahre!"' entgegnete Homai{\s} lebhaft. "`Aber mit den
+W"olfen wird er halt heulen m"ussen. Sonst wird er al{\s}
+Duckm"auser verschrien. Sie haben keine Ahnung, wa{\s} diese
+Kerlchen{\s} im Studentenviertel f"ur ein flotte{\s} Leben
+f"uhren! Mit ihren kleinen M"adchen! "Ubrigen{\s} sind die
+Studenten in Pari{\s} "uberall gern gesehen. Wenn einer nur ein
+bi"schen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise
+offen. Und e{\s} gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine
+Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und da{\s} gibt
+ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten."'
+
+"`Da{\s} mag schon sein,"' sagte der Arzt, "`ich habe nur Angst,
+er ... wird ... dort~..."'
+
+"`Sehr richtig,"' unterbrach ihn der Apotheker, "`da{\s} ist die
+Kehrseite der Medaille! In Pari{\s}, da mu"s man sich fortw"ahrend
+die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer
+"offentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz,
+anst"andig angezogen, wom"oglich ein Orden{\s}b"andchen im
+Knopfloch. Man k"onnte ihn f"ur einen Diplomaten halten. Er
+spricht Sie an. Sie kommen in{\s} Plaudern. Er bietet Ihnen eine
+Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er
+nimmt Sie mit in{\s} Caf\'e, ladet Sie in sein Landhau{\s} ein,
+macht Sie bei einem Gla{\s} Wein mit Tod und Teufel bekannt -- und
+da{\s} Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in
+gef"ahrliche Abenteuer."'
+
+"`So ist e{\s}!"' gab Karl zu. "`Aber ich dachte vor allem an die
+Krankheiten, die dem Studenten au{\s} der Provinz in der
+Gro"sstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhu{\s}."'
+
+Emma zuckte zusammen.
+
+"`Der kommt von der g"anzlich ver"anderten Leben{\s}weise"', fuhr
+der Apotheker fort, "`und der dadurch hervorgebrachten Umw"alzung
+de{\s} ganzen Organi{\s}mu{\s}. Und dann denken Sie an da{\s}
+Pariser Wasser! An da{\s} Essen in den Restaurant{\s}! Diese
+starkgew"urzten Speisen verderben schlie"slich da{\s} Blut. Man
+mag sagen, wa{\s} man will, mit einer guten Hau{\s}mann{\s}kost
+sind sie nicht zu vergleichen. Ich f"ur meinen Teil, ich sch"atze
+von jeher die b"urgerliche K"uche. Die ist am ges"undesten. Al{\s}
+ich \begin{antiqua}stud. pharm.\end{antiqua} in Rouen war, da habe
+ich de{\s}halb regelm"a"sig in einer Pension gegessen. Die Herren
+Professoren a"sen auch da~..."'
+
+In dieser Weise fuhr er fort, sich "uber seine Ansichten im
+allgemeinen und seinen pers"onlichen Geschmack im besondern
+au{\s}zulassen, bi{\s} Justin kam und ihn zur Bereitung einer
+bestellten Arznei holte.
+
+"`Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!"' schimpfte er.
+"`Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein
+Arbeitstier bin ich, da{\s} Blut schwitzen mu"s. Da{\s} ist ein
+Hundedasein!"'
+
+In der T"ur sagte er noch:
+
+"`"Ubrigen{\s}, wissen Sie schon da{\s} Neueste?"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+Homai{\s} zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene.
+
+"`E{\s} ist sehr wahrscheinlich, da"s die Versammlung der
+Landwirte unser{\s} Departement{\s} heuer in Yonville stattfindet.
+Man munkelt wenigsten{\s}. In der heutigen Zeitung steht auch
+schon eine Andeutung. Da{\s} w"are f"ur die hiesige Gegend von
+gro"ser Bedeutung! Aber dar"uber reden wir noch einmal! Danke, ich
+sehe schon. Justin hat die Laterne mit~..."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Der n"achste Tag war f"ur Emma ein Tag der Betr"ubni{\s}. Alle{\s}
+um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort,
+verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit
+leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsame{\s} Schlo"s. Sie
+verfiel in die Tr"aumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er
+etwa{\s} auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M"udigkeit,
+die ihn der vollendeten Tatsache gegen"uber "ubermannt, den
+Schmerz, der ihn "uberkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne
+Bewegung pl"otzlich stockt, wenn Schwingungen j"ah aufh"oren, die
+lange in ihm vibriert haben.
+
+Wie damal{\s} nach der R"uckkehr vom Schlosse Vaubyessard, al{\s}
+die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht au{\s} dem Sinne wollten,
+war sie voll d"usterer Schwermut, in dumpfer Leben{\s}unlust. Leo
+stand vor ihrer Phantasie immer gr"o"ser, sch"oner,
+verf"uhrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so
+hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W"anden
+ihre{\s} Hause{\s} schien sein Schatten noch zu haften. Immer
+wieder schaute sie auf den Teppich, "uber den er so oft gegangen,
+auf die leeren St"uhle, wo er gesessen. Drau"sen kroch da{\s}
+Fl"u"slein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen,
+zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so
+oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine.
+Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die
+Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein
+gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo"sen Kopfe{\s}, in
+einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr"uben von den
+Wiesen her wehte, hatte die Bl"atter de{\s} Buche{\s} bewegt und
+die violetten Bl"uten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war
+er fort, die einzige Freude ihre{\s} Dasein{\s}, die einzige
+Hoffnung, da"s sich ihr da{\s} ertr"aumte Gl"uck noch erf"ulle!
+Warum hatte sie diese{\s} Gl"uck nicht mit beiden H"anden
+festgehalten, in den Scho"s genommen, e{\s} nicht in die Ferne
+gelassen? Sie verw"unschte sich, Leo{\s} Geliebte nicht geworden
+zu sein. Sie d"urstete nach seinen Lippen. Am liebsten w"are sie
+ihm nachgelaufen, h"atte sich in seine Arme geworfen und ihm
+gesagt: "`Hier bin ich! Nimm mich!"' Aber vor den Hindernissen,
+die sich der Verwirklichung diese{\s} Drange{\s} entgegengestellt
+h"atten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar"uber
+sch"urte ihre Sehnsucht zu noch hei"serer Glut.
+
+Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisation{\s}punkt
+ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender al{\s} ein
+einsame{\s} Lagerfeuer, da{\s} Wanderer in einer sibirischen
+Steppe inmitten de{\s} Schnee{\s} angez"undet haben. Zu diesem
+Feuer fl"uchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte e{\s}
+sorgf"altig wieder an, wenn e{\s} zu verl"oschen drohte. Im
+Umkreise um sich herum suchte sie alle{\s} m"ogliche herbei, um
+diese Flammen zu n"ahren. Die fernsten Erinnerungen und die
+frischesten Ereignisse, Erlebte{\s} und Ertr"aumte{\s}, die
+wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach
+Sonne, geknickt wie trockne{\s} Gezweig im Wind, ihre nutzlose
+Tugend, ihre get"auschten Illusionen, die Armseligkeit ihre{\s}
+Hau{\s}wesen{\s}, alle{\s} da{\s} sammelte sie, raffte e{\s}
+zusammen und warf e{\s} in die Glut, um ihre Tr"ubsal daran zu
+w"armen.
+
+Mit der Zeit verglomm da{\s} Feuer aber doch, sei e{\s}, weil ihm
+die Nahrung fehlte, sei e{\s}, weil die "Uberf"ulle von Brennstoff
+e{\s} erstickte. In der Abwesenheit de{\s} Geliebten verkam
+allm"ahlich ihre Liebe. Da{\s} Ineinemfort t"otete den Schmerz,
+und am Himmel ihrer Gef"uhle verbla"ste der erst grellrote
+Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W"ahrend
+ihre{\s} phantastischen Zustande{\s} hatte sich ihr Widerwille
+gegen den Gatten in Schw"armerei f"ur den Geliebten verwandelt,
+und die Glut ihre{\s} Hasse{\s} hatte ihre z"artliche Sehnsucht
+gew"armt. Aber nunmehr, da ihre st"urmische unbefriedigte
+Leidenschaft zu Asche gebrannt war, da{\s} keine Hilfe kam und
+keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In
+eisiger K"alte stand sie einsam da und erstarrte.
+
+Die schrecklichen Tage von Toste{\s} wiederholten sich nun. Nur
+bildete sie sich ein, noch ungl"ucklicher denn damal{\s} zu sein,
+weil sie jetzt ein wirkliche{\s} Herzeleid trug und genau wu"ste,
+da"s e{\s} nie ander{\s} werden k"onne.
+
+Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich --
+wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g"onnen.
+Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in
+vier Wochen f"ur vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer
+H"ande. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaue{\s}
+Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch"onsten Schal
+au{\s} und trug ihn "uber ihrem Hau{\s}kleid. Sie schlo"s die
+L"aden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem
+Sofa liegen.
+
+H"aufig "anderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe
+Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z"opfen, bald einen
+Scheitel.
+
+Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so
+kaufte sie sich ein W"orterbuch, eine Grammatik und eine Menge
+Schreibpapier. Dann versuchte sie e{\s} mit ernsthafter Lekt"ure,
+la{\s} Geschicht{\s}werke und philosophische Schriften.
+
+Nacht{\s} fuhr Karl mitunter in die H"ohe, im Glauben, man hole
+ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er:
+
+"`Ich bin gleich fertig!"'
+
+Aber e{\s} war nur da{\s} Knistern de{\s} Streichholze{\s}
+gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez"undet hatte. Sie wollte
+lesen. Aber e{\s} ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen
+ein ganzer Sto"s angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie
+anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen.
+
+Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem
+Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem
+Manne gegen\-"uber, sie k"onne ein Weingla{\s} voll Schnap{\s} mit
+einem Zuge leeren, und da Karl so t"oricht war, e{\s} zu
+bezweifeln, tat sie e{\s} wirklich.
+
+Bei allen ihren "`Extravaganzen"' (die Spie"sb"urger von Yonville
+nannten da{\s} so!) sah Emma keine{\s}weg{\s}
+unternehmung{\s}lustig au{\s}. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel
+lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und
+verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v"ollig bla"s, wei"s
+wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl"ugeln zu
+F"altchen, und ihre Augen blickten wie in{\s} Leere. Seitdem sie
+an den Schl"afen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie
+sich gespr"ach{\s}weise eine alte Frau.
+
+Oft hatte sie Schwindelanf"alle, und eine{\s} Tage{\s} spuckte sie
+sogar Blut. Aber al{\s} sich Karl eifrig um sie bem"uhte und seine
+Besorgni{\s} verriet, meinte sie:
+
+"`La"s mich! E{\s} ist mir alle{\s} gleich!"'
+
+Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur"uck. Er sank in seinen
+Schreibsessel, st"utzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und
+weinte -- unter dem phrenologischen Sch"adel.
+
+Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat
+sie zu kommen. E{\s} fand zwischen beiden eine lange Konferenz
+Emma{\s} wegen statt. Welche Ma"snahmen sollten getroffen werden?
+Wa{\s} sollte geschehen? Wo sie jedwede "arztliche Behandlung
+ablehnte!
+
+"`Wei"st du, wa{\s} deiner Frau fehlt?"' meinte Frau Bovary
+schlie"slich. "`Eine ordentliche Besch"aftigung! K"orperliche
+Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t"agliche{\s} Brot selber
+verdienen m"u"ste, dann h"atte sie keine Nerven und Launen. Die
+kommen blo"s von den "uberspannten Ideen, die sie sich au{\s}
+purer Langweile in den Kopf setzt."'
+
+"`Besch"aftigung hat sie doch aber!"' erwiderte Karl.
+
+"`So! Sie hat Besch"aftigung? Wa{\s} f"ur welche denn? Romane
+schm"okert sie, schlechte B"ucher, Schriften gegen die Religion,
+in denen die Geistlichen verh"ohnt werden mit Reden{\s}arten
+au{\s} dem Voltaire! Armer Junge, da{\s} f"uhrt zu nicht{\s}
+Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt e{\s} mal ein
+schlechte{\s} Ende!"'
+
+Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Da{\s}
+schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf
+sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers"onlich zum
+Leihbibliothekar gehen und Emma{\s} Abonnement abbestellen. Wenn
+der Mann trotzdem sein Vergiftung{\s}werk fortsetzte, sollte man
+da nicht da{\s} Recht haben, sich an die Polizei zu wenden?
+
+Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war
+steif. In den drei Wochen ihre{\s} Beisammensein{\s} hatten sie,
+abgesehen von den h"au{\s}lichen Anordnungen und den h"oflichen
+Formeln bei Tisch und abend{\s} vor dem Zubettgehen, keine drei
+Worte gewechselt.
+
+Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage
+von Yonville. Vom fr"uhen Morgen ab war an diesem Tage auf dem
+Marktplatz, gleichlaufend mit den H"ausern von der Kirche bi{\s}
+zum Goldnen L"owen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren,
+Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie"sten Deichseln. Auf der
+andern Seite de{\s} Platze{\s} standen Zeltbuden, in denen
+Baumwollenwaren, Decken und Str"umpfe feilgeboten wurden, daneben
+Pferdegeschirre und Haufen von bunten B"andern, deren Enden im
+Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K"asek"orben, au{\s}
+denen klebrige{\s} Stroh herau{\s}ragte, lagen allerhand
+Eisenwaren auf dem Pflaster au{\s}gebreitet. Neben Ackerger"at
+gackerten H"uhner in flachen K"orben und steckten ihre H"alse
+durch die Luftl"ocher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen,
+gerade nach den Stellen, wo da{\s} Gedr"ange schon am dichtesten
+war. So geriet bi{\s}weilen da{\s} Schaufenster der Apotheke
+wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. E{\s}
+standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu
+kaufen al{\s} vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr
+Homai{\s} war in den benachbarten Ortschaften ein ber"uhmter Mann.
+Seine r"ucksicht{\s}lose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten
+ihn f"ur einen besseren Arzt al{\s} alle Doktoren im ganzen Lande.
+
+Emma sa"s an ihrem Fenster, wie so oft. Da{\s} Fenster ersetzt in
+der Kleinstadt da{\s} Theater und den Korso. Sie belustigte sich
+"uber da{\s} wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in
+einem Rock von gr"unem Samt, mit gelben Handschuhen;
+sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauer{\s}knecht
+mit gesenktem Kopf und recht tr"ubseliger Miene folgte ihm. Beide
+gingen auf da{\s} Bovarysche Hau{\s} zu.
+
+"`Ist der Herr Doktor zu sprechen?"' fragte der Herr den
+Apothekergehilfen, der an der Hau{\s}t"ure mit Felicie plauderte.
+Er hielt ihn f"ur den Diener de{\s} Arzte{\s}. "`Melden Sie Herrn
+Rudolf Boulanger von der H"uchette."'
+
+E{\s} war keine{\s}weg{\s} Eitelkeit, da"s der Ank"ommling sein
+Gut zu seinem Namen f"ugte. Er wollte nur genau angeben, wer er
+war. Die H"uchette war n"amlich ein Rittergut in der N"ahe von
+Yonville, da{\s} er samt zwei Meiereien unl"angst gekauft hatte.
+Er bewirtschaftete e{\s} selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei
+anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte "`so mindesten{\s}
+seine f"unfzehntausend Franken"' im Jahr zu verzehren.
+
+Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger
+"uberwie{\s} ihm seinen Knecht, der einen Aderla"s w"unsche, weil
+er am ganzen K"orper ein Kribbeln wie von Ameisen habe.
+
+"`Da{\s} wird mich erleichtern"', wiederholte der Bursche auf alle
+Einw"ande. Bovary lie"s sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine
+Sch"ussel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein.
+
+Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla"s geworden
+war.
+
+"`Nur keine Angst, mein Lieber!"'
+
+"`Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur lo{\s}!"' erwiderte er.
+
+Dabei hielt er mit prahlerischer Geb"arde seinen dicken Arm hin.
+Unter dem Stich der Lanzette sprang da{\s} Blut hervor und
+spritzte bi{\s} zum Spiegel hin.
+
+"`Die Sch"ussel!"' rief Karl.
+
+"`Donnerwetter!"' meinte der Knecht. "`Da{\s} ist ja der reine
+Springbrunnen! Und wie rot da{\s} Blut ist! Da{\s} ist ein
+gute{\s} Zeichen, nicht wahr?"'
+
+Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel
+zur"uck, da"s die Lehne krachte.
+
+"`Da{\s} hab ich mir gleich gedacht!"' bemerkte Bovary, indem er
+mit den Fingern die angestochne Ader zudr"uckte. "`Erst geht{\s}
+ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten
+Kerlen wie dem da!"'
+
+Die Sch"ussel in Justin{\s} H"anden geriet in{\s} Schwanken. Die
+Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl.
+
+"`Emma! Emma!"' rief der Arzt.
+
+Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter.
+
+"`Essig!"' rief ihr Karl zu. "`Ach du mein Gott! Gleich zweie auf
+einmal!"'
+
+In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen.
+
+"`'{\s} ist weiter nicht{\s}!"' meinte Boulanger gelassen, der
+Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und
+lehnte ihn mit dem R"ucken gegen die Wand.
+
+Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm"achtigen da{\s}
+Hal{\s}tuch aufzukn"upfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich
+l"osen, und so ber"uhrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren
+Fingern den Hal{\s} de{\s} jungen Burschen. Dann go"s sie Essig
+auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die
+Schl"afen und blie{\s} dann ein wenig darauf.
+
+Der Knecht war bereit{\s} wieder munter, aber Justin{\s} Ohnmacht
+dauerte an. Seine Aug"apfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert
+wie blaue Blumen in Milch.
+
+"`Er darf da{\s} da nicht sehen!"' ordnete Karl an.
+
+Frau Bovary ergriff die Sch"ussel und setzte sie unter den Tisch.
+Bei diesem Sichb"ucken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber
+Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der
+Diele, und je nach der Bewegung Emma{\s}, die sich neigte, die
+Arme au{\s}streckte und sich dabei in den H"uften ein wenig hin
+und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine
+Wasserflasche und l"oste ein paar St"uck Zucker in einem Glase.
+
+In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Da{\s} M"adchen
+hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Al{\s} er seinen Gehilfen
+wieder bei Bewu"stsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn
+herum und betrachtete sich ihn von oben bi{\s} unten.
+
+"`Dummkopf!"' brummte er. "`Ein Dummkopf, wie er im Buche steht!
+Al{\s} ob{\s} wer wei"s wa{\s} w"are! Ein bi"schen Aderla"s!
+Weiter nicht{\s}! Und da{\s} will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn
+e{\s} gilt, von den h"ochsten B"aumen die N"usse herunterzuholen,
+da klettert er wie ein Eichh"ornchen ... Na, tu deinen Mund auf
+und zeig dich mal in deiner Gloria! Da{\s} sind ja nette
+Eigenschaften f"ur einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage
+dir: al{\s} Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum
+Beispiel vor Gericht al{\s} Sachverst"andiger. Da hei"st e{\s}
+kaltbl"utig sein, h"ubsch ruhig "uberlegen und ein ganzer Mann
+sein! Sonst gilt man al{\s} Schwachmatiku{\s}~..."'
+
+Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort:
+
+"`Wer hat dir denn "ubrigen{\s} gesagt, da"s du hierher gehen
+sollst? In einem fort bel"astigst du Herrn und Frau Doktor! Noch
+dazu an den Markttagen, wo du dr"uben so notwendig gebraucht
+wirst! E{\s} warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen
+habe ich alle{\s} stehn und liegen lassen. Marsch! Hin"uber! Trab!
+Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!"'
+
+Al{\s} Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und
+fort war, plauderte man noch ein wenig "uber Ohnmachtanf"alle.
+Frau Bovary sagte, sie h"atte noch nie einen gehabt.
+
+"`Ja, bei Damen kommt so wa{\s} sehr selten vor!"' behauptete
+Boulanger. "`E{\s} gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich
+sind. Da hab ich gelegentlich eine{\s} Duell{\s} erlebt, da"s ein
+Zeuge ohnm"achtig wurde, al{\s} die Pistolen beim Laden
+knackten."'
+
+"`Wa{\s} mich anbelangt,"' erkl"arte der Apotheker, "`mich st"ort
+der Anblick fremden Blute{\s} ganz und gar nicht. Aber der blo"se
+Gedanke, ich selber k"onne bluten, der macht mich schwindlig, wenn
+ich nicht schnell an wa{\s} andre{\s} denke."'
+
+Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er
+ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen.
+
+"`Nun ist{\s} aber alle mit der Einbildung!"' sagte er ihm. "`Die
+hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft"', f"ugte er
+hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen
+Taler auf die Tischecke, gr"u"ste fl"uchtig und verschwand.
+
+Bald darauf erschien er dr"uben auf dem andern Ufer de{\s}
+Bache{\s}. Da{\s} war sein Weg nach der H"uchette. Emma sah ihm
+von einem der Hinterfenster nach, wie er "uber die Wiesen ging,
+die Pappeln entlang, langsam wie einer, der "uber etwa{\s}
+nachdenkt.
+
+"`Allerliebst!"' sagte er bei sich. "`Wirklich allerliebst, diese
+Doktor{\s}frau. Sch"one Z"ahne, schwarze Augen, niedliche F"u"se
+und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo
+mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?"'
+
+Rudolf Boulanger war vierunddrei"sig Jahre alt von roher
+Gem"ut{\s}art und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit
+Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel
+ihm. Somit besch"aftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann.
+
+"`Ich glaube, er ist mord{\s}bl"ode. Sie hat ihn satt,
+zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern"agel und rasiert sich nur
+aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie
+daheim und stopft Str"umpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach
+der gro"sen Stadt und m"ochte am liebsten alle Abende auf den
+Ball. Arme kleine Frau! So wa{\s} schnappt nach Liebe wie ein
+Karpfen auf dem K"uchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und
+sie ist futsch! Sicherlich! Da{\s} w"ar wa{\s} f"ur{\s} Herze!
+Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder lo{\s}?"'
+
+Diese Einschr"ankung de{\s} in der Ferne stehenden Genusse{\s}
+erinnerte ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine
+Schauspielerin in Rouen, die er au{\s}hielt. Er vergegenw"artigte
+sich ihren K"orper, dessen er sogar in der Vorstellung
+"uberdr"ussig war.
+
+"`Ja, diese Frau Bovary,"' dachte er bei sich, "`die ist viel
+h"ubscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett.
+Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f"ur
+Krebse!"'
+
+Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h"orte nicht{\s} al{\s}
+da{\s} taktm"a"sige Rascheln der Halme, die er beim Gehen
+streifte, und da{\s} ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er
+schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie
+gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie.
+
+"`Oh, ich werde sie haben!"' rief er au{\s} und zerschlug mit
+einem Schlage seine{\s} Spazierstocke{\s} eine Erdscholle, die im
+Wege lag.
+
+Sodann "uberlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er
+fragte sich:
+
+"`Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich da{\s}
+zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann da{\s}
+Dienstm"adel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche
+Klatsch! Ach wa{\s}! Unn"utze Zeitvergeudung!"'
+
+Nach einer Weile begann er von neuem:
+
+"`Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in da{\s} Herz dringen! Und
+wie bla"s sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw"armerei!"'
+
+Auf der H"ohe von Argueil war sein Krieg{\s}plan fertig.
+
+"`Ich brauche blo"s noch g"unstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde
+ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und
+Gefl"ugel. N"otigenfall{\s} lasse ich mich ein bi"schen
+schr"opfen. Wir m"ussen gute Freunde werden. Dann lade ich die
+beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n"achsten{\s} ist doch der
+Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie
+sehen! Dann hei"st{\s}: Attacke! Und feste drauf! Da{\s} ist immer
+da{\s} Beste."'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Endlich war sie da, die ber"uhmte Jahre{\s}versammlung der
+Landwirte! Vom fr"uhen Morgen an standen alle Einwohner von
+Yonville an ihren Hau{\s}t"uren und sprachen von den Dingen, die
+da kommen sollten. Die Stirnseite de{\s} Rathause{\s} war mit
+Efeugirlanden geschm"uckt. Dr"uben auf einer Wiese war ein
+gro"se{\s} Zelt f"ur da{\s} Festmahl aufgeschlagen worden, und
+mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B"oller, der die
+Ankunft de{\s} Landrat{\s} und die Prei{\s}kr"onung donnernd
+verk"unden sollte. Die B"urgergarde von B"uchy -- in Yonville gab
+e{\s} keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
+Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korp{\s}
+vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h"oheren Kragen
+al{\s} gew"ohnlich. In die Litewka eingezw"angt, war sein
+Oberk"orper so steif und starr, da"s e{\s} au{\s}sah, al{\s} sei
+alle{\s} Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich
+parademarschm"a"sig bewegten. Da der Oberst der B"urgergarde und
+der Hauptmann der Feuerwehr eifers"uchtig aufeinander waren,
+wollte jeder den andern au{\s}stechen, und so exerzierten beide
+ihre Mannschaft f"ur sich. Abwechselnd sah man die roten
+Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und
+wieder abschwenken. Da{\s} ging immer wieder von neuem an und nahm
+schier kein Ende!
+
+Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
+gesehen. Verschiedene B"urger hatten tag{\s} zuvor ihre H"auser
+abwaschen lassen. Wei"s-rot-blaue Fahnen hingen au{\s} den
+halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da
+sch"one{\s} Wetter war, sahen die gest"arkten H"aubchen wei"ser
+wie Schnee au{\s}, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne
+wie eitel Gold, und die bunten T"ucher leuchteten buntscheckig
+au{\s} dem tristen Einerlei der schwarzen R"ocke und blauen Blusen
+hervor. Die P"achter{\s}frauen kamen au{\s} den umliegenden
+D"orfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln
+herau{\s}, mit denen sie ihre R"ocke hochgesteckt hatten, damit
+sie unterweg{\s} nicht schmutzig werden sollten. Die M"anner
+andrerseit{\s} hatten zum Schutze ihrer H"ute die Sackt"ucher
+dar"uber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z"ahnen festhielten.
+
+Die Menge str"omte von beiden Enden de{\s} Ort{\s} auf der
+Landstra"se heran und ergo"s sich in alle Gassen, Alleen und
+H"auser. "Uberall klingelten die T"uren, um die B"urgerinnen
+herau{\s}zulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze
+wallten.
+
+Zwei mit Lampion{\s} beh"angte hohe Taxu{\s}b"aume, zu beiden
+Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f"ur die
+Ehreng"aste, erregten ganz besonder{\s} die allgemeine
+Bewunderung. "Ubrigen{\s} hatte man an den vier S"aulen am
+Rathause so etwa{\s} wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine
+Art Standarte au{\s} gr"uner Leinwand. Auf der einen la{\s} man:
+\begin{antiqua}HANDEL,\end{antiqua} auf der zweiten: \begin{antiqua}ACKERBAU,\end{antiqua} der dritten: \begin{antiqua}INDUSTRIE,\end{antiqua} der
+vierten: \begin{antiqua}KUNST UND WISSENSCHAFT.\end{antiqua}
+
+Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
+warf auch ihren Schatten und zwar auf da{\s} Antlitz der Frau
+Franz, der L"owenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihre{\s}
+Gasthofe{\s} stehend, r"asonierte sie vor sich hin:
+
+"`So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
+Glaubt diese Bagage wirklich, da"s der Herr Landrat besonder{\s}
+erg"otzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
+wie ein Seilt"anzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
+Gegend zugute kommen! War e{\s} wirklich der M"uhe wert, extra
+einen Koch au{\s} Neufch\^atel herkommen zu lassen? F"ur wen
+"ubrigen{\s}? F"ur Kuhjungen und Lumpenpack!"'
+
+Der Apotheker ging vor"uber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
+Lackschuhen und -- au{\s}nahm{\s}weise (statt de{\s} gewohnten
+K"appchen{\s}) -- einem Hut von niedriger Form.
+
+"`Ihr Diener!"' sagte er. "`Ich hab{\s} eilig!"'
+
+Al{\s} die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
+
+"`E{\s} kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst
+den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im
+K"ase~..."'
+
+"`In wa{\s} f"ur K"ase?"' unterbrach ihn die Wirtin.
+
+"`Nein, nein. Da{\s} ist nur bildlich gemeint"', entgegnete
+Homai{\s}. "`Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da"s e{\s} im
+allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute
+freilich mu"s ich in Anbetracht~..."'
+
+"`Ah! Sie gehen auch hin?"' fragte sie in geringsch"atzigem Tone.
+
+"`Gewi"s gehe ich hin!"' sagte der Apotheker erstaunt. "`Ich
+geh"ore ja zu den Prei{\s}richtern!"'
+
+Die L"owenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie"slich meinte
+sie l"achelnd:
+
+"`Da{\s} ist wa{\s} ander{\s}! Aber wa{\s} geht Sie eigentlich die
+Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn wa{\s} davon?"'
+
+"`Selbstverst"andlich verstehe ich etwa{\s} davon! Ich bin doch
+Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz,
+besch"aftigt sich mit den Wechselwirkungen und den
+Molekularverh"altnissen aller K"orper, die in der Natur vorkommen.
+Folglich geh"ort auch die Landwirtschaft in da{\s} Gebiet meiner
+Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D"ungemittel,
+die G"arungen der S"afte, die Analyse der Gase und die Wirkung der
+Mia{\s}men --, ich bitte Sie, wa{\s} ist da{\s} weiter al{\s} pure
+bare Chemie?"'
+
+Die L"owenwirtin erwiderte nicht{\s}, und Homai{\s} fuhr fort:
+
+"`Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m"usse man selber in der
+Erde gebuddelt oder G"anse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
+Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
+die mu"s man unbedingt studiert haben, die geologischen
+Gruppierungen, die atmo{\s}ph"arischen Vorkommnisse, die
+Beschaffenheit de{\s} Erdboden{\s}, de{\s} Gestein{\s}, de{\s}
+Wasser{\s}, die Dichtigkeit der verschiedenen K"orper und ihre
+Kapillarit"at! Und tausend andre Dinge! Dazu mu"s man mit den
+Grunds"atzen der Hygiene v"ollig vertraut sein, um den Bau von
+Geb"auden, die Unterhaltung der Hau{\s}- und Arbeit{\s}tiere und
+die Ern"ahrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu
+k"onnen. Fernerhin, Frau Franz, mu"s man die Botanik intu{\s}
+haben. Man mu"s die Pflanzen unterscheiden k"onnen, verstehen Sie,
+die n"utzlichen von den sch"adlichen, die nutzlosen und die
+nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen,
+welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu"s. Kurz und gut,
+man mu"s sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem
+man die Brosch"uren und die "offentlichen Bekanntmachungen liest,
+und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu
+gehen~..."'
+
+Die Wirtin lie"s unterdessen den Eingang de{\s} Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s} nicht au{\s} den Augen. Der Apotheker redete
+weiter:
+
+"`Wollte Gott, unsre Agrarier w"aren zugleich Chemiker, oder sie
+h"orten wenigsten{\s} besser auf die Ratschl"age der Wissenschaft!
+Da habe ich k"urzlich selbst eine gro"se Abhandlung verfa"st, eine
+Denkschrift von mehr al{\s} 72 Seiten, betitelt: "`Der Apfelwein.
+Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
+Betrachtungen hier"uber."' Ich habe sie der "`Rouener
+Agronomischen Gesellschaft"' "ubersandt, die mich daraufhin unter
+ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f"ur
+Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt
+erschiene~..."'
+
+Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da"s Frau Franz von etwa{\s}
+ganz andrem in Anspruch genommen war.
+
+"`Sehr richtig!"' unterbrach er sich selber. "`Eine unglaubliche
+Spelunke!"'
+
+Die L"owenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da"s sich die
+Maschen ihrer Trikottaille weit au{\s}\-ein\-an\-der\-zogen. Mit
+beiden H"anden deutete sie auf da{\s} Konkurrenzlokal, au{\s} dem
+w"uster Gesang her"uberhallte.
+
+"`Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr"uben nicht mehr dauern!"'
+bemerkte sie. "`In acht Tagen ist der Rummel alle!"'
+
+Homai{\s} trat erschrocken einen Schritt zur"uck. Die Wirtin kam
+die drei Stufen herunter und fl"usterte ihm in{\s} Ohr:
+
+"`Wa{\s}? Da{\s} wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
+au{\s}gepf"andet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hal{\s}
+abgeschnitten. Mit Wechseln!"'
+
+"`Eine f"urchterliche Katastrophe!"' rief der Apotheker au{\s},
+der f"ur alle m"oglichen Ereignisse immer da{\s} passende
+Begleitwort zur Hand hatte.
+
+Die L"owenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz"ahlen.
+Sie wu"ste sie von Theodor, dem Diener de{\s} Notar{\s}. Obgleich
+sie Tellier, den Besitzer de{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, nicht
+au{\s}stehen konnte, mi"sbilligte sie doch da{\s} Vorgehen von
+Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Hal{\s}abschneider.
+
+"`Da! Sehen Sie!"' f"ugte sie hinzu. "`Da geht er! Unter den
+Hallen! Jetzt begr"u"st er Frau Bovary. Sie hat einen gr"unen Hut
+auf und geht am Arm von Herrn Boulanger."'
+
+"`Frau Bovary!"' echote Homai{\s}. "`Ich mu"s ihr schnell guten
+Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der
+Trib"une vor dem Rathause erw"unscht."'
+
+Ohne auf die L"owenwirtin zu h"oren, die ihm ihre lange Geschichte
+weitererz"ahlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
+l"achelnder Miene gr"u"ste er nach link{\s} und recht{\s}, wobei
+ihn die langen Sch"o"se seine{\s} schwarzen Rocke{\s} im Winde
+umflatterten, da"s er wer wei"s wieviel Raum einnahm.
+
+Rudolf hatte ihn l"angst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
+
+Da aber Emma au"ser Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend
+und in brutalem Tone sagte er zu ihr:
+
+"`Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!"'
+
+Sie versetzte ihm ein{\s} mit dem Ellbogen.
+
+"`Wa{\s} soll da{\s} hei"sen?"' fragte er sie. Dabei blinzelte er
+sie im Weitergehen von der Seite an.
+
+Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nicht{\s} darin verriet ihre
+Gedanken. Die Linie ihre{\s} Profil{\s} schnitt sich scharf in die
+lichte Luft, unter der Rundung ihre{\s} Kapotthute{\s}, dessen
+bla"sfarbene Bindeb"ander wie Schilfbl"atter au{\s}sahen. Ihre
+Augen blickten geradeau{\s} unter ihren etwa{\s} nach oben
+gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v"ollig ge"offnet waren,
+erschienen sie doch ein wenig zugedr"uckt durch den oberen Teil
+der Wangen, weil da{\s} Blut die feine Haut straffte. Durch die
+Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl"anzte
+da{\s} Perlmutter ihrer spitzen Z"ahne. Den Kopf neigte sie zur
+einen Schulter.
+
+"`Mokiert sie sich "uber mich?"' fragte sich Rudolf.
+
+In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
+ein Zeichen sein sollen, da"s Lheureux neben ihnen herlief. Von
+Zeit zu Zeit redete der H"andler die beiden an, um mit ihnen
+in{\s} Gespr"ach zu kommen.
+
+"`Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! --
+Wir haben Ostwind!"'
+
+Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w"ahrend Lheureux
+bei der geringsten Bewegung, die ein{\s} der beiden machte, mit
+einem ewigen "`Wie meinen?"' dazwischenfuhr, wobei er jede{\s}mal
+den Hut l"uftete.
+
+Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra"se ab
+in einen Fu"sweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
+
+"`Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn"ugen!"'
+
+"`Den haben Sie aber fein abgesch"uttelt!"' lachte Emma.
+
+"`Warum sollen wir un{\s} von fremden Leuten bel"astigen lassen?"'
+meinte Rudolf. "`Noch dazu heute, wo ich da{\s} Gl"uck habe, mit
+Ihnen~..."'
+
+Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
+sch"onen Wetter und wie h"ubsch e{\s} sei, so durch die Fluren
+spazieren zu gehen.
+
+Ein paar G"ansebl"umchen standen am Raine.
+
+"`Die niedlichen Dinger da!"' sagte er. "`Und so viele! Genug
+Orakel f"ur die verliebten M"adel{\s} de{\s} ganzen Lande{\s}!"'
+Ein paar Augenblicke sp"ater setzte er hinzu: "`Soll ich welche
+pfl"ucken? Wa{\s} denken Sie dar"uber?"'
+
+"`Sind Sie denn verliebt?"' fragte Emma und hustete ein wenig.
+
+"`Wer wei"s?"' meinte Rudolf.
+
+Sie kamen auf die Festwiese, auf der da{\s} Gedr"ange immer mehr
+zunahm. Bauer{\s}frauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am
+einen und einen S"augling im andern Arme, rempelten sie an.
+H"aufig mu"sten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch
+riechender Dorfsch"onen in blauen Str"umpfen, derben Schuhen und
+silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
+
+Die Prei{\s}verteilung fand statt. Die Z"uchter traten, einer nach
+dem andern, in eine Art Arena, die durch ein lange{\s} Seil an
+Pf"ahlen gebildet wurde. Innerhalb de{\s} so abgegrenzten
+Raume{\s} standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au"sen, die
+ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtung{\s}linie.
+Schl"afrige Schweine w"uhlten mit ihren R"usseln in der Erde.
+K"alber br"ullten, Schafe bl"okten. K"uhe lagen hingestreckt, die
+B"auche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem"achlich wieder
+und zuckten mit ihren schwerf"alligen Lidern, wenn die sie
+umschw"armenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme
+entbl"o"st, hielten an Trensenz"ugeln steigende Zuchthengste, die
+mit gebl"ahten N"ustern nach der Seite hin wieherten, wo die
+Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie"sen die
+K"opfe und M"ahnen h"angen, w"ahrend ihre F"ullen in ihrem
+Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. "Uber der wogenden
+Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da da{\s}
+Wei"s einer M"ahne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein
+spitze{\s} Horn hervorspringen, und "uberall dazwischen die
+H"aupter wimmelnder Menschen. Au"serhalb der Umseilung, etwa
+hundert Schritte davon entfernt, stand -- unbeweglich wie au{\s}
+Bronze gegossen -- ein gro"ser schwarzer Stier mit verbundenen
+Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumpte{\s} Kind
+hielt ihn an einem Stricke.
+
+Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
+besichtigten jede{\s} Tier einzeln und eingehend und berieten sich
+jede{\s}mal hinterher in fl"usternder Weise. Einer von ihnen,
+offenbar der Einflu"sreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein
+Buch. Da{\s} war der Vorsitzende der Prei{\s}richter, Herr
+Derozeray{\s}, Besitzer de{\s} Rittergute{\s} La Panville. Al{\s}
+er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte
+verbindlich-freundlich zu ihm:
+
+"`Herr Boulanger, Sie lassen un{\s} ja im Stich?"'
+
+Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Al{\s} er
+jedoch au"ser H"orweite de{\s} Vorsitzenden war, meinte er:
+
+"`Der Fuch{\s} soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe
+lieber bei Ihnen!"'
+
+Er machte seine Witze "uber da{\s} Prei{\s}richterkollegium,
+wa{\s} ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Au{\s}wei{\s} al{\s}
+Mitglied de{\s} Festau{\s}schusse{\s} mit Grandezza zu zeigen,
+wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach
+blieb er auch vor dem oder jenem "`Prachtst"uck"' stehen. Frau
+Bovary bewunderte nicht{\s} mit. Da{\s} beobachtete er, und nun
+begann er sp"ottische Bemerkungen "uber die Toiletten der Damen
+von Yonville lo{\s}zulassen. Dabei entschuldigte er sich, da"s er
+selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein
+Nebeneinander von Allt"aglichkeit und Au{\s}gesuchtheit. Der
+oberfl"achliche Menschenkenner h"alt derlei meist f"ur da{\s}
+"au"sere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in
+ihrem Gef"uhl{\s}leben, k"unstlerisch beanlagt und allem
+Herk"ommlichen abhold ist, und empfindet "Argerni{\s} oder
+Bewunderung davor. Rudolf{\s} wei"se{\s} Batisthemd mit
+gef"alteten Manschetten bauschte sich im Au{\s}schnitt seiner
+grauen Flanellweste, wie e{\s} dem Winde gerade gefiel; seine
+breitgestreiften Hosen reichten nur bi{\s} an die Kn"ochel und
+lie"sen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke
+Lackspitzen da{\s} Gra{\s} Reflexe warf. Er trat unbek"ummert in
+die Pferde"apfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der
+Hut sa"s ihm schief auf dem Kopfe.
+
+"`Ein Bauer wie ich~..."', meinte er.
+
+"`Bei dem ist Hopfen und Malz verloren"', scherzte Emma.
+
+"`Sehr richtig! "Ubrigen{\s} ist kein einziger von all diesen
+Biederm"annern imstande, den Schnitt eine{\s} Rocke{\s} zu
+beurteilen."'
+
+Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
+de{\s} einzelnen erstickt und da{\s} Leben keinen Schwung hat.
+
+"`Darum verfalle ich der Melancholie~..."', sagte er.
+
+"`Sie?"' erwiderte Emma erstaunt. "`Ich halte Sie gerade f"ur sehr
+leben{\s}lustig."'
+
+"`Ach, da{\s} sieht nur so au{\s}! Weil ich vor den Leuten die
+Ma{\s}ke de{\s} Sp"otter{\s} trage. Aber wie oft habe ich mich
+beim Anblick eine{\s} Friedhofe{\s} im Mondenscheine gefragt, ob
+einem nicht am wohlsten w"are, wenn man schliefe, wo die Toten
+schlafen~..."'
+
+"`Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!"'
+
+"`Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k"ummert sich
+niemand."'
+
+Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
+
+Sie mu"sten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
+ein Mann zwischen sie dr"angte, der einen Turm von St"uhlen
+schleppte. Er war derartig "uberladen, da"s man nicht{\s} von ihm
+sah al{\s} seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. E{\s} war
+Lestiboudoi{\s}, der Totengr"aber, der ein Dutzend Kirchenst"uhle
+herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo e{\s} etwa{\s} zu
+verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, au{\s} dem
+Bunde{\s}tage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich
+nicht verrechnet; er wu"ste gar nicht, wen er zuerst befriedigen
+sollte. Die Bauern, denen e{\s} hei"s war, rissen sich f"ormlich
+um diese St"uhle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie
+lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen
+wach{\s}beklecksten Stuhlr"ucken.
+
+Frau Bovary nahm Rudolf{\s} Arm von neuem. Er fuhr fort, al{\s}
+spr"ache er mit sich selbst.
+
+"`Ja, ja! Ich habe viele{\s} entbehren m"ussen! Immer einsam! Ach,
+wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h"atte, wenn ich einer gro"sen
+Leidenschaft begegnet w"are, wenn ich ein Herz gefunden h"atte ...
+Oh, alle meine Leben{\s}kraft h"atte ich daran gesetzt, ich w"are
+"uber alle Hindernisse hinweggest"urmt, h"atte alle{\s}
+"uberwunden~..."'
+
+"`Mich d"unkt, Sie seien gar nicht besonder{\s} beklagen{\s}wert"',
+wandte Emma ein.
+
+"`So, finden Sie?"'
+
+"`Zum mindesten sind Sie frei~..."' Sie z"ogerte. "`... und
+reich!"'
+
+"`Spotten Sie doch nicht "uber mich!"' bat er.
+
+Sie beteuerte, e{\s} sei ihr Ernst. Da donnerte ein B"ollerschu"s.
+Al{\s}bald w"alzte und dr"angte sich alle{\s} der Ortschaft zu.
+Aber e{\s} war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch
+gar nicht da. Der Festau{\s}schu"s war nun in der gr"o"sten
+Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man
+noch warten?
+
+Endlich tauchte an der Ecke de{\s} Markte{\s} eine riesige
+Mietkutsche auf, von zwei mageren G"aulen gezogen, auf die ein
+Kutscher im Zylinderhut au{\s} Leibe{\s}kr"aften mit der Peitsche
+lo{\s}hieb.
+
+Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
+
+"`An die Gewehre!"'
+
+Und der Oberst der B"urgergarde br"ullte da{\s} Echo dazu.
+
+Hal{\s} "uber Kopf st"urzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche
+der B"urgergardisten verga"sen in der Eile, sich den Kragen
+zuzukn"opfen. Aber der Landauer de{\s} Herrn Landrat{\s} schien
+die Verwirrung zum Gl"uck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im
+langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle
+de{\s} Rathause{\s} an, al{\s} sich Feuerwehr und B"urgergarde in
+Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten.
+
+"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' kommandierte
+Binet.
+
+"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' der Oberst auf der
+andern Seite.
+
+Die Trageringe rasselten in den Reihen, al{\s} ob ein Kupferkessel
+eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
+
+Nun sah man einen Herrn au{\s} der Karosse steigen, in einer
+silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro"se Glatze, ein
+Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla"s im Gesicht au{\s} und war
+offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
+kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
+halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
+seinen eingefallenen Mund zum L"acheln verschob. Er erkannte den
+B"urgermeister an seiner Sch"arpe und teilte ihm mit, da"s der
+Landrat verhindert sei, pers"onlich zu kommen. Er selber sei
+Regierung{\s}rat. E{\s} folgten noch ein paar verbindliche
+Reden{\s}arten.
+
+T"uvache, der B"urgermeister, begr"u"ste ihn ehrerbietig. Der Rat
+erkl"arte, er f"uhle sich besch"amt. Die beiden standen sich dicht
+gegen"uber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der
+Festau{\s}schu"s, der Gemeinderat, die Honoratioren, die
+B"urgergarde und da{\s} Publikum. Der Regierung{\s}rat schwenkte
+seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein
+paar Begr"u"sung{\s}worte. W"ahrenddem klappte T"uvache in einem
+fort wie ein Taschenmesser zusammen, l"achelnd, stotternd, nach
+Worten suchend. Darauf beteuerte er die K"onig{\s}treue der
+Yonviller und dankte f"ur die ihnen widerfahrene gro"se Ehre.
+
+Hippolyt, der Hau{\s}knecht au{\s} dem Goldnen L"owen, nahm die
+Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog da{\s} Gef"ahrt
+humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von
+gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B"oller
+krachte.
+
+Die Herren vom Festau{\s}schu"s begaben sich nun auf die vor dem
+Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
+Pl"uschsessel, die von der Frau B"urgermeisterin zur Verf"ugung
+gestellt worden waren.
+
+Alle die M"anner glichen einander. Alle hatten sie
+au{\s}druck{\s}lose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von
+der Sonne etwa{\s} gebr"aunt waren, buschige Backenb"arte, die
+sich unter hohen steifen Hal{\s}kragen verloren, und wei"se,
+sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem,
+ebensowenig an den Uhrketten da{\s} ovale Petschaft au{\s}
+Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie
+die Falten de{\s} Beinkleide{\s} sorgsam zurechtgestrichen hatten.
+Da{\s} nicht dekatierte Hosentuch gl"anzte mehr al{\s} da{\s}
+Leder ihrer derben Stiefel.
+
+Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
+unter der Vorhalle zwischen den S"aulen, w"ahrend die gro"se Menge
+dem Rathause gegen"uber stand oder teilweise auf St"uhlen sa"s.
+Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St"uhle
+rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr au{\s}
+der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartige{\s}
+Gedr"ange, da"s man nur mit M"uhe und Not zu der kleinen Treppe
+der Estrade dringen konnte.
+
+"`Ich finde,"' sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
+Estrade durchdr"angelte und gerade an ihm vor"uberkam, "`man
+h"atte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit
+irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer
+Nouveaut\'e. Da{\s} w"urde sehr h"ubsch au{\s}gesehen haben!"'
+
+"`Gewi"s!"' meinte Homai{\s}. "`Aber Sie wissen ja! Der
+B"urgermeister macht alle{\s} blo"s nach seinem eignen Kopfe. Er
+hat nicht viel Geschmack, der gute T"uvache, und k"unstlerischen
+Sinn nun gleich gar nicht!"'
+
+Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock de{\s}
+Rathause{\s} gestiegen, in den Sitzung{\s}saal. Da dieser leer
+war, erkl"arte Boulanger, da{\s} w"are so recht der Ort, da{\s}
+Schauspiel bequem zu genie"sen. Er nahm zwei St"uhle von dem
+ovalen Tisch, der unter der B"uste von Majest"at stand, und trug
+sie an ein{\s} der Fenster.
+
+Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
+
+Unten auf der Estrade ging e{\s} lebhaft her. Alle{\s} plauderte
+und tuschelte. Da erhob sich der Regierung{\s}rat von seinem
+Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da"s er Lieuvain hie"s, und
+nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er
+ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten
+hatte, begann er:
+
+"`Meine Herren!
+
+Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
+eingehe, sei e{\s} mir zun"achst gestattet, -- und ich bin
+"uberzeugt, Sie sind in{\s}gesamt damit einverstanden! -- sei
+e{\s} mir gestattet, sage ich, der Beh"orden und der Regierung zu
+gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest"at, unser{\s}
+allergn"adigsten und allverehrten Lande{\s}herrn, dem jede{\s}
+Gebiet der "offentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt,
+der mit sicherer und kluger Hand da{\s} Staat{\s}schiff durch die
+unaufh"orlichen Gefahren eine{\s} st"urmischen Ozean{\s} lenkt und
+dabei jedem sein Recht l"a"st, dem Frieden wie dem Kriege, der
+Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K"unsten und
+Wissenschaften~..."'
+
+"`Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur"uck"', sagte
+Rudolf.
+
+"`Warum?"' fragte Emma.
+
+In diesem Augenblicke bekam die Stimme de{\s}
+Regierung{\s}rate{\s} besonderen Schwung. Er deklamierte:
+
+"`Die Zeiten sind vor"uber, meine Herren, wo die Zwietracht der
+B"urger unsre "offentlichen Pl"atze mit Blut besudelte, wo der
+Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
+abend{\s} friedlich schlafen ging, bef"urchten mu"ste, durch
+da{\s} St"urmen der Brandglocken j"ah wieder aufgeschreckt zu
+werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r"uttelten~..."'
+
+"`Nur weil man mich von unten bemerken k"onnte"', gab Rudolf zur
+Antwort. "`Dann m"u"ste ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
+Und bei meinem schlechten Rufe~..."'
+
+"`Sie verleumden sich"', warf Emma ein.
+
+"`I wo! Der ist unter aller Kritik! Da{\s} schw"or ich Ihnen."'
+
+"`Meine Herren!"' fuhr der Redner fort. "`Wenn wir unsre Blicke
+von diesen d"ustern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
+gegenw"artigen Zustand unser{\s} sch"onen Vaterlande{\s} richten:
+wa{\s} sehen wir da? "Uberall stehen Handel, Wissenschaften und
+K"unste in Bl"ute, "uberall erwachsen neue Verkehr{\s}wege und
+-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe de{\s} Staate{\s}, und
+schaffen neue Beziehungen, neue{\s} Leben. Unsre gro"sen
+Industriezentren sind von neuem in vollster T"atigkeit. Die
+Religion ist gekr"aftigt und w"armt wieder aller Herzen. Unsre
+H"afen strotzen, der Staat{\s}kredit ist fest. Frankreich atmet
+endlich wieder auf~..."'
+
+"`Da{\s} hei"st,"' sagte Rudolf, "`vom gesellschaftlichen
+Standpunkt hat man vielleicht recht."'
+
+"`Wie meinen Sie da{\s}?"' fragte sie.
+
+"`Wissen Sie denn nicht,"' erl"auterte er, "`da"s e{\s}
+problematische Naturen gibt? Halb Tr"aumer, halb Tatenmenschen?
+Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten
+Gen"ussen. Nicht{\s} ist ihnen zu toll, zu phantastisch~..."'
+
+Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
+sie:
+
+"`Un{\s} armen Frauen dagegen, un{\s} sind die Freuden solcher
+Kontraste verboten!"'
+
+"`Sch"one Freuden!"' entgegnete er bitter. "`Da{\s} Gl"uck liegt
+wo ganz ander{\s}!"'
+
+"`Ach, so findet man{\s} nirgend{\s}?"'
+
+"`Doch! Eine{\s} Tage{\s} begegnet man dem Gl"uck!"' fl"usterte er.
+
+"`Und da{\s} wissen Sie alle gerade am besten,"' fuhr der
+Regierung{\s}rat fort, "`Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter
+sind, friedliche Vork"ampfer eine{\s} Kulturideal{\s}, M"anner
+de{\s} Fortschritte{\s} und der Ordnung! Sie wissen da{\s}, sage
+ich, da"s politische St"urme weit furchtbarer sind denn St"urme in
+der Natur~..."'
+
+"`Ja, eine{\s} Tage{\s} begegnet man ihm!"' wiederholte Rudolf,
+"`ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat!
+Dann "offnet sich der Himmel, und e{\s} ist einem, al{\s} riefe
+eine Stimme: {\glq}Hier ist da{\s} Gl"uck!{\grq} Und dem Menschen,
+den Sie da gefunden haben, dem m"ussen Sie au{\s} innerm Drange
+herau{\s} ihr Leben anvertrauen, ihm alle{\s} geben, alle{\s}
+opfern! E{\s} werden keine Worte gewechselt. Alle{\s} ist nur
+Ahnung, Gef"uhl! Man hat sich ja l"angst im Traumland gesehen~..."'
+
+Er blickte Emma an.
+
+"`Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
+leibhaftig da! Er gl"anzt und strahlt! Noch immer h"alt man ihn
+f"ur ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
+geblendet, al{\s} k"ame man pl"otzlich au{\s} der Nacht in die
+Sonne~..."'
+
+Rudolf begleitete seine Worte mit Geb"arden. Er pre"ste die Rechte
+auf sein Gesicht wie jemand, dem e{\s} schwindelt. Dann lie"s er
+sie auf Emma{\s} Hand sinken. Sie zog sie weg.
+
+Der Rat sprach immer weiter:
+
+"`Wen k"onnte da{\s} auch verwundern, meine Herren? H"ochsten{\s}
+Leute, die so blind w"aren, so verbohrt (ich scheue mich nicht,
+diese{\s} Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile
+abgetaner Zeiten, da"s sie die Gesinnung der Landwirte noch immer
+verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patrioti{\s}mu{\s}
+al{\s} auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen de{\s}
+Gemeinwohl{\s}? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine
+Herren, ich meine nat"urlich nicht jene oberfl"achliche
+Intelligenz, mit der sich m"u"sige Geister br"usten, nein, ich
+meine die gr"undliche und ma"svolle Intelligenz, die sich nur mit
+ersprie"slichen Absichten bet"atigt und damit dem Vorteile de{\s}
+Einzelnen wie der F"orderung der Allgemeinheit dient und eine
+St"utze de{\s} Staate{\s} ist, durchdrungen von der Achtung vor
+den Gesetzen und dem Gef"uhle der Pflichterf"ullung~..."'
+
+"`Pflichterf"ullung!"' wiederholte Rudolf. "`Immer und "uberall
+die Pflicht! Wie mich diese{\s} Wort anwidert! Ein Chor von alten
+Schaf{\s}\-k"opfen in Schlaf\-r"ocken und von Betschwestern mit
+W"armbullen und Gesangb"uchern kr"achzt un{\s} ewig die alte
+Litanei vor: {\glq}Die Pflicht, die Pflicht!{\grq} Der Teufel soll
+sie holen! Unsre Pflicht ist e{\s}, alle{\s} Gro"se in der Welt
+mit\/zuf"uhlen, da{\s} Sch"one anzubeten und sich nicht immer gleich
+unter alle m"oglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken,
+sich nicht zu Sklaven herabw"urdigen zu lassen~..."'
+
+"`Indessen ... indessen~..."', wandte Emma ein.
+
+"`Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k"ampfen? Sind
+sie nicht vielmehr da{\s} Allersch"onste, wa{\s} e{\s} auf Erden
+gibt, der Quell de{\s} Heldensinn{\s}, der Begeisterung, der
+Dichtung, der Musik, aller K"unste, alle{\s} Leben{\s} im wahren
+Sinne?"'
+
+"`Aber man mu"s sich doch ein wenig nach den Leuten richten und
+sich ihrer Moral f"ugen"', meinte Emma.
+
+"`So! Da{\s} ist dann eben die doppelte Moral,"' eiferte er. "`Die
+eine: die kleinliche, herk"ommliche, die der Leute, die in einem
+fort ein andre{\s} Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im
+tr"uben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Da{\s} ist die all
+der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g"ottliche,
+die um un{\s} ist und "uber un{\s} wie die Landschaft, die un{\s}
+umprangt, und der blaue Himmel, der "uber un{\s} leuchtet~..."'
+
+Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
+er weiter:
+
+"`Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
+noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f"ur unser t"aglich Brot?
+Wer schafft un{\s} die Unterhaltung{\s}mittel? Tut e{\s} nicht der
+Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit
+seiner schwieligen Hand da{\s} Saatkorn in die fruchtbringenden
+Furchen s"at, verdanken wir da{\s} Getreide, da{\s} dann, von
+sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St"adte zu den
+B"ackern kommt, die Brot darau{\s} backen f"ur arm und reich! Ist
+e{\s} nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden
+h"utet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir un{\s} anziehen,
+wie un{\s} n"ahren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren,
+wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von
+un{\s} schon manchmal "uber die Bedeutung jene{\s} bescheidenen
+Tierchen{\s} nachgedacht, da{\s} die Zierde unserer Bauernh"ofe
+ist und un{\s} gleichzeitig ein weiche{\s} Kopfkissen, einen
+saftigen Braten f"ur unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k"ame
+nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse
+l"uckenlo{\s} aufz"ahlen m"u"ste, mit denen die wohlbebaute Erde
+wie eine gro"sm"utige Mutter ihre Kinder "ubersch"uttet. Ich nenne
+nur den Weinstock, den Baum, der un{\s} den Apfelwein spendet, und
+den Rap{\s}. Dann haben wir den K"ase und den Flach{\s}. Meine
+Herren, vergessen wir den Flach{\s} nicht! Der Flach{\s}bau hat in
+den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den
+ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonder{\s} hinlenken m"ochte~..."'
+
+Dieser Appell war eigentlich unn"otig, denn die Menge lauschte
+offenen Munde{\s} und lie"s sich kein W"ortchen entgehen. Der
+B"urgermeister, der zur Seite de{\s} Redner{\s} sa"s, horchte mit
+aufgerissenen Augen. Derozeray{\s} schlo"s die seinen hin und
+wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz
+etwa{\s} weiter weg hatte, hielt sich eine Hand an{\s} Ohr, um
+Silbe f"ur Silbe ordentlich zu verstehen. Die "ubrigen
+Prei{\s}richter nickten bed"achtig mit den gesenkten H"auptern, um
+ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st"utzte sich
+auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im
+Stillgestanden und mit vorschrift{\s}m"a"siger S"abelhaltung.
+H"oren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende
+seine{\s} Helm{\s} bi{\s} "uber die Nase reichte. Sein Leutnant,
+der j"ungste Sohn de{\s} B"urgermeister{\s}, hatte einen noch
+gr"o"seren auf. Diese{\s} Unget"um wackelte ihm fortw"ahrend auf
+dem Kopfe hin und her. "Uberdie{\s} sah der Zipfel eine{\s}
+seidnen Tuche{\s} hervor, da{\s} er untergestopft hatte. Er
+l"achelte wie ein artige{\s} Kind unter dem Helme hervor, und sein
+schmale{\s} blasse{\s} Gesicht, "uber da{\s} Schwei"stropfen
+rannen, verriet zugleich helle Freude und m"ude Abspannung.
+
+Der Marktplatz war bi{\s} an die H"auser heran voller Menschen. In
+allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen
+T"urschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin,
+ganz versunken in da{\s} Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um
+den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch
+bereit{\s} in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne
+abgerissene Worte drangen weiter, von denen da{\s} Ger"ausch hin-
+und herger"uckter St"uhle auch noch einen Teil verschlang. Noch
+weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehnte{\s}
+Rindergebr"ull oder da{\s} Bl"oken der Schafe, die sich einander
+antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n"amlich ihre Tiere
+inzwischen bi{\s} auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von
+Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
+
+Rudolf war dicht an Emma heranger"uckt und fl"usterte ihr hastig
+zu:
+
+"`Mu"s einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum
+Rebellen machen? Gibt e{\s} ein einzige{\s} Gef"uhl, da{\s} sie
+nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden
+von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen
+trotz alledem finden, so verb"undet sich alle{\s}, damit sie
+einander nicht geh"oren k"onnen. Aber sie werden e{\s} dennoch
+versuchen, sie regen ihre Fl"ugel, und sie rufen sich. Fr"uher
+oder sp"ater, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie
+doch vereint in ihrer Liebe, weil e{\s} da{\s} Schicksal so will
+und weil sie f"ureinander geschaffen sind~..."'
+
+Er hatte die Arme verschr"ankt und st"utzte sie auf seine Knie,
+und so schaute er Emma an, ganz au{\s} der N"ahe, mit starrem
+Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen
+Krei{\s}linien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie
+roch sogar da{\s} leise Parf"um in seinem Haar. Woll"ustige
+M"udigkeit "uberfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse
+Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte
+genau so geduftet wie diese{\s} Haar, nach Vanille und Zitronen.
+Unwillk"urlich schlo"s sie die Augenlider, um den Geruch st"arker
+zu sp"uren. Aber al{\s} sie sich in ihren Stuhl zur"ucklehnte,
+fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte,
+die langsam die H"ohe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke
+nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr
+zur"uckgekommen, und auf dieser Stra"se da war er von ihr
+weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im
+Rahmen seine{\s} Fenster{\s}. Dann verschwamm alle{\s}, und Nebel
+zogen vor"uber. E{\s} kam ihr vor, al{\s} wirble sie wie damal{\s}
+im Walzer, in der Lichtflut de{\s} Ballsaale{\s}, im Arme de{\s}
+Vicomte. Und Leo w"are nicht weit weg, sondern k"ame wieder ...
+Dabei sp"urte sie in einem fort Rudolf{\s} Haar dicht neben sich.
+Die s"u"se Empfindung seiner N"ahe verm"ahlte sich mit den alten
+Gel"usten; und wie Staubk"orner, die der Wind aufjagt, umtanzten
+sie diese Gef"uhle zusammen mit dem leisen Dufte und bet"aubten
+ihr die Seele. Ein paarmal "offnete sie weit die Nasenfl"ugel, um
+-- sto"sweise -- den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die
+um die S"aulen geschlungen waren.
+
+Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
+feuchtgewordnen H"ande; dann f"achelte sie ihren Wangen mit dem
+Taschentuche K"uhlung zu, wobei sie mitten durch da{\s} H"ammern
+de{\s} Blute{\s} in ihren Schl"afen da{\s} Gesumme der Menge und
+die immer noch Phrasen dreschende Stimme de{\s}
+Regierung{\s}rate{\s} verworren vernahm.
+
+Er predigte:
+
+"`Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
+nicht beirren, weder durch H"angenbleiben an veralteten
+"Uberlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k"uhnen
+Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung
+de{\s} Boden{\s}, auf eine gute D"ungung, auf die Veredelung der
+Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M"oge diese
+Versammlung f"ur Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
+der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr"uckt
+wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f"ur die Zukunft
+w"unscht! Und Ihr, Ihr w"urdigen Dienstboten, bescheidene{\s}
+Hofgesinde, um deren m"uhevolle Arbeit sich bi{\s}her noch keine
+Regierung gek"ummert hat, kommt her und empfangt den Lohn f"ur
+Eure stille T"uchtigkeit und seid "uberzeugt, da"s die F"ursorge
+de{\s} Staate{\s} fortan auch Euch gelten wird, da"s er Euch
+ermutigt und besch"utzt, da"s er Euch auf begr"undete Beschwerden
+hin recht geben wird und Euch, soweit e{\s} in seiner Macht steht,
+die B"urde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!"'
+
+Darnach setzte sich der Regierung{\s}rat. Jetzt erhob sich Herr
+Derozeray{\s} und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
+schwungvoll wie die Lieuvain{\s}, daf"ur war sie sachlicher,
+da{\s} hei"st: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
+Betrachtungen Raum. Da{\s} Lob auf die Regierung war k"urzer
+gefa"st; die Rede besch"aftigte sich mehr mit der Landwirtschaft
+und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
+beleuchtet. Beide h"atten zu allen Zeiten die Zivilisation
+gef"ordert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary "uber Tr"aume,
+Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf"ange der
+menschlichen Gesellschaft zur"uck und schilderte die barbarischen
+Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen"ahrt hatte.
+Sp"ater h"atte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
+bekleidet, h"atte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War die{\s}
+nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch"aftigungen
+ungleich mehr M"uhen denn Nutzen? "Uber diese{\s} Problem stellte
+Derozeray{\s} allerhand Betrachtungen an.
+
+Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm"ahlich auf die
+Wahlverwandtschaft gekommen, und w"ahrend der Redner unten vom
+Pfluge de{\s} Cincinnatu{\s} sprach, von Diocletian und seinen
+Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
+eigenh"andig s"aen, setzte der junge Mann der jungen Frau
+au{\s}einander, da"s die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
+gegenseitigen Anziehung in einer fr"uheren Existenz zu suchen sei.
+
+"`Nehmen Sie beispiel{\s}weise un{\s} beide!"' sagte er. "`Warum
+haben wir un{\s} kennen gelernt? Hat die{\s} allein der Zufall
+gef"ugt? War e{\s} nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang,
+der un{\s} gegenseitig einander zuf"uhrte, wie zwei Str"ome
+ineinander flie"sen, jeder von weiter Ferne her?"'
+
+Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie ent\/zog sie ihm nicht.
+
+"`Prei{\s} f"ur gute Bewirtschaftung~..."', rief unten der Redner.
+
+"`Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Hau{\s}
+kam~..."'
+
+"`Herrn Bizet au{\s} Quincampoix!"'
+
+"`Wu"ste ich damal{\s}, da"s wir so bald gute Freunde werden
+sollten?"'
+
+"`Siebzig Franken~..."'
+
+"`Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
+Ihnen gekommen und hier geblieben~..."'
+
+"`F"ur Erfolge im D"ungen."'
+
+"`... heute und morgen, alle Tage, mein ganze{\s} Leben~..."'
+
+"`Herrn Caron au{\s} Argueil eine goldene Medaille!"'
+
+"`... denn noch keine{\s} Menschen Gesellschaft hat mich so
+v"ollig bezaubert~..."'
+
+"`Herrn Bain au{\s} Givry-Saint-Martin~..."'
+
+"`... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen~..."'
+
+"`... f"ur einen Merino-Schafbock~..."'
+
+"`Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen
+vor"ubergewandelt wie ein Schatten!"'
+
+"`Herrn Belot au{\s} Notre-Dame~..."'
+
+"`Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
+erinnern?"'
+
+"`F"ur Schweinezucht ein Prei{\s} geteilt, je achtzig Franken, den
+Herren Leh\'eriss\'e und C"ullembourg!"'
+
+Rudolf dr"uckte Emma{\s} Hand. Sie f"uhlte sich ganz hei"s an und
+zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m"ochte. Sei
+e{\s} nun, da"s Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da"s
+sie Rudolf{\s} Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit
+ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er au{\s}:
+
+"`Ach, ich danke Ihnen! Sie sto"sen mich nicht zur"uck! Sie sind
+so gut! Sie f"uhlen, da"s ich Ihnen geh"ore! Ich will Sie ja nur
+sehen, nur anschauen!"'
+
+Ein Windsto"s, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
+de{\s} Tische{\s} im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
+m"achtigen Haubenschleifen der B"auerinnen wie wei"se
+Schmetterling{\s}fl"ugel auf.
+
+"`F"ur die Herstellung von "Olkuchen~..."'
+
+Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
+
+"`F"ur Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
+Feldbew"asserung ... langj"ahrigen Pacht ... treue Dienste~..."'
+
+Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emma{\s}
+trockne Lippen bebten in hei"sestem Begehren. Weich und ganz von
+selbst verschlangen sich ihre H"ande.
+
+"`Katharine Nikasia Elisabeth Leroux au{\s} Sassetot-la-Guerri\`ere
+f"ur vier\-und\-f"unfzig\-j"ahrigen Dienst auf ein und demselben
+Gute eine silberne Medaille im Werte von f"unfundzwanzig Franken!"'
+
+Nach einer Weile h"ort man: "`Wo ist Katharine Leroux?"'
+
+Sie erschien nicht, aber man vernahm fl"usternde Stimmen.
+
+"`Geh doch!"'
+
+"`Ach nein!"'
+
+"`Brauchst keine Angst zu haben!"'
+
+"`Nee, ist die dumm!"'
+
+"`Hier! Hier steckt sie!"'
+
+"`So mag sie doch vorkommen!"' rief der B"urgermeister dazwischen.
+
+Da begann eine kleine alte Frau mit "angstlicher Geb"arde zur
+Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
+au{\s}. Sie hatte die F"u"se in derben Holzschuhen und um die
+H"uften eine gro"se blaue Sch"urze. Ihr magere{\s} Gesicht, von
+einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger al{\s} ein
+verschrumpfelter Apfel, und au{\s} den "Armeln ihrer roten Jacke
+langten zwei d"urre H"ande mit knochigen Gelenken herau{\s}. Vom
+Staub der Scheunen, der Lauge der W"asche und dem Fett der
+Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da"s sie wie
+schmutzig au{\s}sahen, und doch waren sie in reinem Wasser
+t"uchtig gewaschen worden. Da"s sie unz"ahlige Strapazen hinter
+sich hatten, da{\s} verrieten sie von selbst an ihrer dem"utigen
+Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu
+empfangen. Etwa{\s} wie kl"osterliche Strenge sprach au{\s} den
+Z"ugen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit.
+E{\s} lebte nicht{\s} Weiche{\s} in ihrem bleichen Gesicht,
+nicht{\s} Traurige{\s} oder R"uhrselige{\s}. Im steten Umgang mit
+Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie
+sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen.
+Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen
+R"ocken, da{\s} Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust de{\s}
+Rate{\s}, alle{\s} da{\s} ersch"uttertere bi{\s} in{\s} Herz. Sie
+stand ganz erstarrt da, sie wu"ste nicht, ob sie zur Estrade
+vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man
+sie nach vorn dr"angte und warum ihr die Prei{\s}richter
+freundlich zul"achelten. Sie stand vor diesen beh"abigen B"urgern
+al{\s} ein verk"orperte{\s} halbe{\s} S"akulum der Knechtschaft.
+
+"`Treten Sie n"aher, verehrung{\s}w"urdige Katharine Nikasia
+Elisabeth Leroux!"' sagte der Regierung{\s}rat, der die Liste der
+Prei{\s}gekr"onten au{\s} den H"anden de{\s} Vorsetzenden
+entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf
+die Greisin blickte, wiederholte er in v"aterlichem Tone:
+
+"`N"aher, immer n"aher!"'
+
+"`Sind Sie denn taub?"' rief T"uvache heftig und sprang von seinem
+Sitze auf.
+
+"`F"ur vierundf"unfzigj"ahrige Dienst\/zeit eine silberne Medaille
+im Werte von f"unfundzwanzig Franken! Die ist f"ur Sie!"' wurde
+ihr laut gesagt.
+
+Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L"acheln
+de{\s} Gl"ucke{\s} sonnte ihr Gesicht. Al{\s} sie wegging, h"orte
+man sie vor sich hinmurmeln:
+
+"`Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei un{\s} zu Hause geben, damit
+er mir dermaleinst eine Messe liest."'
+
+"`Selig die Geiste{\s}armen!"' meinte der Apotheker, zum Notar
+gewandt.
+
+Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
+nachdem nun die Prei{\s}verteilung vor"uber war, nahm jeder wieder
+seinen Rang ein, und alle{\s} lief im alten Gleise. Die Herren
+schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr"ugelten da{\s}
+Vieh, da{\s} mit gr"unen Kr"anzen um die H"orner in seine St"alle
+zur"ucktrottete. Ahnung{\s}lose Triumphatoren.
+
+Die B"urgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
+den ersten Stock de{\s} Rathause{\s}. Der Bataillon{\s}tambour
+schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie"ste
+sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
+
+Frau Bovary ging an Rudolf{\s} Arm nach Hau{\s}. An der T"ure
+nahmen sie Abschied. Sodann ging er bi{\s} zur Stunde de{\s}
+Festmahle{\s} allein durch die Wiesen spazieren.
+
+Der Schmau{\s} dauerte lange. E{\s} war l"armig, die Bedienung
+schlecht. Man sa"s so eng aneinander, da"s man f"ur die Ellenbogen
+gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die al{\s}
+B"anke dienten, drohten unter der Last der G"aste zusammenzubrechen.
+Man a"s unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen.
+Allen perlte der Schwei"s von der Stirne. Zwischen der Tafel und
+den H"angelampen schwebte wei"slicher Dunst, wie der Nebel "uber
+dem Flusse an einem Herbstmorgen.
+
+Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich
+v"ollig in Tr"aumereien an Emma, so da"s er nicht{\s} sah und
+h"orte. Hinter ihm, drau"sen auf dem Rasen, schichteten die
+Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn
+anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f"ullte ihm da{\s}
+Gla{\s}, ohne da"s er e{\s} wahrnahm. Trotz de{\s} allgemeinen
+immer st"arker werdenden L"arme{\s} war e{\s} in ihm ganz still.
+Er sann "uber da{\s} nach, wa{\s} Emma gesagt hatte, und "uber die
+Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie au{\s}
+Zauberspiegeln au{\s} allem entgegen, wa{\s} gl"anzte, sogar
+au{\s} dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
+Falten, die ihn an die ihre{\s} Kleide{\s} erinnerten. Und vor
+ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlo{\s} lange Reihe
+verliebter Tage.
+
+Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
+Gesellschaft ihre{\s} Manne{\s}, der Frau Homai{\s} und de{\s}
+Apotheker{\s}. Der letztere beunruhigte sich sehr "uber die
+M"oglichkeit, da"s einmal eine Rakete versehentlich in da{\s}
+Publikum gehen k"onnte. Aller Augenblicke verlie"s er seine
+Freunde, um Binet zur gr"o"sten Vorsicht zu vermahnen. Die
+Feuerwerk{\s}k"orper waren vorher au{\s} "ubertriebener
+"Angstlichkeit im Hause de{\s} B"urgermeister{\s} aufbewahrt
+worden, in dessen Keller. Da{\s} feucht gewordene Pulver
+ent\/z"undete sich nun schwer, und da{\s} Hauptst"uck, eine
+Schlange, die sich in den Schwanz bei"st, versagte vollst"andig.
+Ab und zu zischte ein d"urftige{\s} Feuerrad. Dann schrie die
+gaffende Menge vor Vergn"ugen laut auf, und in diese{\s} Geschrei
+mischte sich da{\s} Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von
+dreisten H"anden angefa"st wurden.
+
+Emma schmiegte sich schweigsam an Karl{\s} Arm. Den Kopf gehoben,
+verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
+Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampion{\s}. Nach
+und nach verl"oschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne.
+Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch
+"uber da{\s} unbedeckte Haar.
+
+In diesem Augenblicke fuhr der Landauer de{\s} Regierung{\s}rate{\s}
+vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen
+auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse
+seine{\s} K"orper{\s} zwischen den Wagenlichtern hin und her
+pendelte, je nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} auf dem
+holperigen Pflaster.
+
+"`Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen"',
+bemerkte der Apotheker. "`Mein Vorschlag geht dahin, allw"ochentlich
+am Rathause die Namen derer au{\s}zuh"angen, die sich in der Woche
+vorher sinnlo{\s} betrunken haben. Da{\s} erg"abe nebenbei eine
+Statistik, die man in gewissen F"allen ... Aber entschuldigen
+Sie!"'
+
+Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
+anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
+seiner Drehbank.
+
+"`Vielleicht t"aten Sie gut,"' mahnte ihn Homai{\s}, "`wenn Sie
+einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie
+selber gingen~..."'
+
+"`Lassen Sie mich doch in Ruhe!"' murrte der Steuereinnehmer.
+"`Da{\s} h"atte ja gar keinen Sinn!"'
+
+Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
+
+"`Wir k"onnen v"ollig beruhigt sein"', sagte er zu ihnen. "`Herr
+Binet hat mir soeben versichert, da"s alle Vorsicht{\s}ma"sregeln
+getroffen sind. E{\s} ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und
+die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!"'
+
+"`Ach ja! Ich hab{\s} sehr n"otig!"' erwiderte Frau Homai{\s}, die
+schon immer t"uchtig geg"ahnt hatte. "`Aber sch"on war{\s} doch!"'
+
+Rudolf wiederholte leise mit einem z"artlichen Blicke:
+
+"`Wundersch"on!"'
+
+Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
+
+Zwei Tage darauf stand im "`Leuchtturm von Rouen"' ein langer
+Bericht "uber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
+hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa"st.
+
+"`Wa{\s} k"unden diese Girlanden, diese Blumen und Kr"anze? Wohin
+w"alzt sich die Menge, gleichwie die Wogen de{\s} st"urmischen
+Weltmeere{\s} unter den Strahlenb"uscheln der tropischen Sonne,
+die unsere Fluren sengt?"'
+
+Sodann sprach er von der Lage der Landbev"olkerung. "`Gewi"s, die
+Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
+Reformen sind unerl"a"slich. Man gehe an sie heran!"' Bei der
+Schilderung der Ankunft de{\s} Regierung{\s}vertreter{\s} feierte
+er "`da{\s} martialische Au{\s}sehen unsrer Miliz"', die
+"`behenden Dorfsch"onen,"' die "`kahlk"opfigen Greise, diese
+Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren
+Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h"oher schlagen."' Seinen
+eigenen Namen z"ahlte er unter den Prei{\s}richtern al{\s} ersten
+auf und erw"ahnte in einer Anmerkung sogar, da"s Herr Homai{\s},
+der Apotheker von Yonville, unl"angst eine Denkschrift "uber den
+Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht
+habe. Bei der Prei{\s}verteilung angelangt, schilderte er die
+Freude der Au{\s}gezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung.
+"`V"ater fielen ihren S"ohnen um den Hal{\s}, Br"uder ihren
+Br"udern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
+Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stille{\s}
+K"ammerlein, mag sie so mancher, Tr"anen in den Augen, an die Wand
+geh"angt haben ... Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} vereinigte ein
+Festmahl in dem auf der Herrn Li\'egeard geh"orenden Wiese
+errichteten gro"sen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von
+Anfang bi{\s} Ende herrschte die gr"o"ste Gem"utlichkeit. Mehrere
+Toaste wurden au{\s}gebracht. Herr Regierung{\s}rat Lieuvain trank
+auf Seine Majest"at, Herr B"urgermeister T"uvache auf den Herrn
+Landrat, sodann Herr Rittergut{\s}besitzer Derozeray{\s} auf
+da{\s} Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homai{\s} auf
+die Industrie und ihre Schwestern, die K"unste und Wissenschaften,
+so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend
+erleuchtete ein pr"achtige{\s} Feuerwerk pl"otzlich alle
+Gesichter. Man kann wohl sagen, e{\s} war ein wahre{\s}
+Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
+sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
+entr"uckt w"ahnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da"s
+auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall da{\s} Volk{\s}fest
+gest"ort hat. Zu bemerken w"are nur noch da{\s} Fernbleiben der
+Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von
+Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet e{\s}, wie ihr wollt, ihr
+J"unger Loyola{\s}!"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Sech{\s} Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eine{\s}
+Sp"atnachmittag{\s}, erschien er.
+
+"`Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Da{\s} w"are
+ein Fehler!"'
+
+Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd
+hatte er sich gesagt, nun sei e{\s} zu sp"at zu einem Besuche.
+Sein Gedankengang war folgender:
+
+"`Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach
+dem Hangen und Bangen de{\s} Warten{\s} nur um so mehr lieben.
+Warten wir also noch eine Weile!"'
+
+Al{\s} er Emma in der Gro"sen Stube entgegentrat, sah er, wie sie
+bla"s wurde. Da wu"ste er, da"s er sich nicht verrechnet hatte.
+
+Sie war allein. E{\s} d"ammerte. Die kleinen Mullgardinen an den
+Scheiben der Fenster vermehrten da{\s} Halbdunkel. Da{\s} blanke
+Metall de{\s} Barometer{\s}, auf da{\s} ein Sonnenstrahl fiel,
+glitzerte auf der Fl"ache de{\s} Spiegel{\s} "uber dem Kamin wider
+wie flammende{\s} Feuer.
+
+Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M"uhe auf seine
+ersten H"oflichkeit{\s}worte.
+
+"`Ich war stark besch"aftigt. Und dann bin ich auch krank
+gewesen."'
+
+"`Ernstlich?"' fragte sie erregt.
+
+"`Na,"' erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen
+niedrigen Sessel setzte, "`eigentlich wollte ich nicht
+wiederkommen."'
+
+"`Warum?"'
+
+"`Erraten Sie e{\s} nicht?"'
+
+Wiederum sah er sie an, die{\s}mal so leidenschaftlich, da"s sie
+rot wurde und die Augen senkte.
+
+Er begann von neuem:
+
+"`Emma!"'
+
+"`Herr Boulanger!"' rief sie und r"uckte ein wenig von ihm ab.
+
+"`Ah!"' sagte er in wehm"utigem Tone. "`Sehen Sie, wie recht ich
+hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name~..., dieser
+Name, der mein ganze{\s} Herz erf"ullt~..., er ist mir
+entschl"upft, und Sie verbieten mir, ihn au{\s}zusprechen! Frau
+Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei"sen Sie! Und doch ist
+da{\s} der Name -- eine{\s} andern!"' Nach einer Weile wiederholte
+er: "`Eine{\s} andern!"' Er hielt sich die H"ande vor sein
+Gesicht. "`Ach, ich denke fortw"ahrend an Sie ... Die Erinnerung
+bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ...
+Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da"s
+Sie nicht{\s} mehr von mir h"oren werden! Aber heute ... heute ...
+ach, ich wei"s nicht, wa{\s} mich mit aller Gewalt hierher zu
+Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k"ampfen!
+Und wo Engel l"acheln, wer k"onnte da widerstehen? Man l"a"st sich
+hinrei"sen von der, die so sch"on, so s"u"s, so anbeten{\s}wert
+ist!"'
+
+E{\s} war da{\s} erstemal, da"s Emma solche Dinge h"orte, und
+al{\s} ob sie sich im Bade woll"ustig dehnte, so f"uhlte sie sich
+in ihrem Selbstbewu"stsein von der warmen Flut dieser Sprache
+umkost.
+
+"`Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,"' fuhr er fort,
+"`wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch
+wenigsten{\s} da{\s} gesehen, wa{\s} Sie umgibt. Ach, nacht{\s},
+Nacht f"ur Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um
+Ihr Hau{\s} zu schauen, Ihr Dach im Scheine de{\s} Monde{\s}, die
+B"aume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen,
+und da{\s} Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die
+Scheiben hinau{\s}leuchtete in da{\s} Dunkel! Ach, Sie haben e{\s}
+nicht geahnt, da"s da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein
+Armer, ein Ungl"ucklicher stand~..."'
+
+Sie schluchzte auf und sah ihn an.
+
+"`Sie sind ein guter Mensch!"' fl"usterte sie.
+
+"`Nein! Ich liebe Sie! Weiter nicht{\s}! Glauben Sie mir da{\s}?
+Sagen Sie mir{\s}! Ein Wort! Ein einzige{\s} Wort!"'
+
+Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K"uche
+her drang da{\s} Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T"ure
+nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran.
+
+"`E{\s} w"are barmherzig von Ihnen,"' sagte er, sich wieder
+erhebend, "`wenn Sie mir einen Wunsch erf"ullten."'
+
+Er bat darum, ihm da{\s} Hau{\s} zu zeigen. Er wolle e{\s} kennen
+lernen. Frau Bovary hatte nicht{\s} dagegen. Sie gingen beide zur
+T"ure, da trat Karl ein.
+
+"`Guten Tag, Doktor!"' begr"u"ste ihn Rudolf.
+
+Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel
+schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte.
+W"ahrenddessen wurde der andre wieder v"ollig Herr der Situation.
+
+"`Die gn"adige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz"ahlt~..."',
+begann er.
+
+Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat "au"serst besorgt. Seine
+Frau habe bereit{\s} einmal an "ahnlichen Zust"anden gelitten.
+
+Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w"are.
+
+"`Gewi"s! Ganz au{\s}gezeichnet! Vortrefflich! Da{\s} ist wirklich
+ein guter Rat! Den solltest du tats"achlich befolgen, Emma!"'
+
+Sie wandte ein, da"s sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr
+ein{\s} an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht
+weiter in sie. Dann erz"ahlte er -- um seinen Besuch zu motivieren
+--, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen
+habe, leide immer noch an Schwindelanf"allen.
+
+"`Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen"', sagte
+Bovary.
+
+"`Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder
+zusammen. Da{\s} ist bequemer f"ur Sie!"'
+
+"`Sehr g"utig! Ganz wie Sie w"unschen!"'
+
+Al{\s} da{\s} Ehepaar dann allein war, fragte Karl:
+
+"`Warum hast du eigentlich da{\s} Angebot de{\s} Herrn Boulanger
+abgelehnt? E{\s} war doch sehr lieben{\s}w"urdig!"'
+
+Emma tat, al{\s} ob sie schmollte; sie wu"ste nicht gleich, wa{\s}
+sie sagen sollte, und schlie"slich erkl"arte sie, die Leute
+k"onnten e{\s} "`komisch"' finden.
+
+"`Ich pfeif auf die Leute!"' sagte Karl und machte eine
+ver"achtliche Ge\-b"arde. "`Die Gesundheit ist tausendmal mehr
+wert! Da{\s} war nicht richtig von dir!"'
+
+"`Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!"'
+
+"`Dann mu"st du dir ein{\s} bestellen!"'
+
+Da{\s} Reitkleid gab den Au{\s}schlag.
+
+Al{\s} e{\s} fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau
+stehe ihm zur Verf"ugung. Sie n"ahme sein g"utige{\s} Anerbieten
+an.
+
+Andern Tag{\s} um zw"olf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor
+dem Hause de{\s} Arzte{\s}. Da{\s} eine trug einen Damensattel
+au{\s} Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe
+Reitstiefel au{\s} feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da"s
+Emma solche gewi"s noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie
+"uber sein Au{\s}sehen ent\/z"uckt, al{\s} sie ihn in seinem langen
+dunkelbraunen Samtrock und den wei"sen Breeche{\s} an der T"ure
+erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit.
+
+Justin stahl sich au{\s} der Apotheke. Er mu"ste sie sehen. Auch
+den Apotheker litt e{\s} nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf
+allerlei gute Ratschl"age.
+
+"`E{\s} passiert so leicht ein Malheur!"' sagte er. "`Reiten Sie
+vorsichtig! Sind die Tiere fromm?"'
+
+Emma vernahm "uber sich ein Ger"ausch. E{\s} war Felicie, die mit
+der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta
+einen Spa"s zu bereiten. Da{\s} Kind warf der Mutter ein
+Ku"sh"andchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.
+
+"`Viel Vergn"ugen!"' rief Homai{\s}. "`Ja recht vorsichtig! Recht
+vorsichtig!"'
+
+Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr"u"send
+mit seiner Zeitung.
+
+Sobald Emma{\s} Pferd weichen Boden unter sich f"uhlte, fing e{\s}
+von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd
+an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Da{\s} Kinn ein wenig
+eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z"ugeln nach dem
+Widerrist zu vorhaltend, so "uberlie"s sie sich der wiegenden
+Galoppade.
+
+E{\s} ging die Anh"ohe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die
+G"aule pl"otzlich. Emma{\s} langer blauer Schleier flatterte
+weiter.
+
+E{\s} war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag "uber den
+Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesicht{\s}krei{\s}
+und lie"sen die H"ugel nur in Umri"slinien erkennen. Hin und
+wieder rissen die Nebel au{\s}einander, flogen wie in Fetzen auf
+und zerstoben. Dann erblickte man durch die L"ucken in der Ferne
+die D"acher von Yonville im Sonnenscheine, die G"arten am
+Bachufer, die Geh"ofte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich
+M"uhe, ihr Hau{\s} herau{\s}zufinden, und noch nie war ihr der
+armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der
+H"ohe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem
+ungeheuer gro"sen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen
+B"aume, die hie und da au{\s} ihm herau{\s}ragten, sahen wie
+schwarze Riffe au{\s}, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange
+Wellenz"uge, die der Wind kr"auselt.
+
+"Uber dem Rasen unter den Tannen sickerte braune{\s} Licht durch
+die laue Luft. Der Boden, r"otlich wie zerbl"atterter Tabak,
+d"ampfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten "uber den
+Weg, von den Hufen ber"uhrt.
+
+Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur
+Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St"amme der
+B"aume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor"uber, da"s die
+unaufh"orliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde
+keuchten.
+
+Gerade, al{\s} sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.
+
+"`Gott ist mit un{\s}!"' sagte Rudolf.
+
+"`Glauben Sie denn an ihn?"' fragte sie.
+
+"`Galopp! Galopp!"' rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.
+Beide Tiere gehorchten.
+
+Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten de{\s} Pfade{\s} standen,
+verfingen sich in Emma{\s} Steigb"ugel. Rudolf, der zur Linken
+Emma{\s} ritt, b"uckte sich jede{\s}mal im Weiterreiten und
+befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben
+ihr hin, um "uberh"angende Zweige von ihr abzuwehren; dann f"uhlte
+sie, wie sein rechte{\s} Knie ihr linke{\s} Bein ber"uhrte.
+
+Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r"uhrte
+sich. Sie kamen "uber weite Felder, ganz voll bl"uhenden
+Heidekraut{\s}, und hie und da leuchteten unter dem grauen und
+gelben und goldbraunen Bl"atterwerk der B"aume Flecke von wilden
+Veilchen auf. Im Geb"usch regte sich "ofter{\s} leiser
+Fl"ugelschlag. Leise kr"achzend flogen Raben um die Eichen.
+
+Sie sa"sen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm
+vorau{\s}, den Weg weiter, "uber Moo{\s} in alten Wagenspuren. Ihr
+lange{\s} Reitkleid erschwerte ihr da{\s} Gehen, obwohl sie e{\s}
+mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er
+sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln da{\s}
+lockende Wei"s ihre{\s} Strumpfe{\s}, da{\s} er wie ein St"uck
+Nacktheit empfand.
+
+Emma blieb stehen.
+
+"`Ich bin m"ude!"' sagte sie.
+
+"`Gehen wir weiter! Versuchen Sie e{\s}!"' bat er. "`Mut!"'
+
+Hundert Schritte weiter blieb sie abermal{\s} stehen. Der blaue
+Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bi{\s} zu den H"uften
+herabwallte, "ubergo"s ihr Gesicht mit bl"aulichem Licht. E{\s}
+sah au{\s}, wie in da{\s} Blau de{\s} Himmel{\s} getaucht.
+
+"`Wohin gehen wir denn?"'
+
+Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und
+bi"s sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in
+der gef"allte Baumst"amme dalagen. Sie setzten sich beide auf
+einen.
+
+Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht
+durch "Uberschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,
+schwerm"utig. Sie h"orte ihm gesenkten Haupte{\s} zu, w"ahrend sie
+mit der Spitze ihre{\s} Stiefel{\s} den Waldboden aufscharrte.
+Aber bei dem Satze:
+
+"`Sind unsre beiden Leben{\s}pfade nunmehr nicht in einen
+zusammengelaufen?"' unterbrach sie ihn:
+
+"`Nein! Da{\s} wissen Sie doch! E{\s} ist unm"oglich!"'
+
+Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa"ste ihr Handgelenk, und so
+blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht
+schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:
+
+"`Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur"uck zu unsern
+Pferden!"'
+
+Rudolf machte eine Bewegung zornigen "Arger{\s}. Sie wiederholte:
+
+"`Gehen wir zu unsern Pferden!"'
+
+Da l"achelte er seltsam und n"aherte sich ihr mit vorgestreckten
+H"anden, zusammengebissenen Z"ahnen und starrem Blicke. Sie wich
+zitternd zur"uck und stammelte:
+
+"`Ich f"urchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur"uck!"'
+
+"`Wenn e{\s} sein mu"s!"' gab er zur Antwort. Sein
+Gesicht{\s}au{\s}druck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig,
+z"artlich, sch"uchtern au{\s}.
+
+Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R"uckweg an.
+
+"`Wa{\s} hatten Sie denn vorhin?"' fragte er. "`Wa{\s} war e{\s}?
+Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi"s haben Sie mich mi"sverstanden.
+Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und
+unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu"s Ihre
+Augen sehen, Ihre Stimme h"oren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie
+meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!"'
+
+Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm
+sanft zu entwinden, aber er lie"s sie nicht lo{\s}. So gingen sie
+nebeneinander hin. Da h"orten sie ihre Pferde, die Bl"atter von
+den B"aumen rupften.
+
+"`Noch nicht!"' bat Rudolf. "`Reiten wir noch nicht zur"uck!
+Bleiben Sie!"'
+
+Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N"ahe eine{\s} kleinen
+Weiher{\s}, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen
+Schilf tr"aumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger"ausch ihrer
+Schritte im Gra{\s} h"upften die Fr"osche davon und verschwanden.
+
+"`E{\s} ist nicht recht von mir ... e{\s} ist nicht recht von mir!
+Ich bin toll, da"s ich auf Sie h"ore!"'
+
+"`Warum? Emma! Emma!"'
+
+"`Ach, Rudolf!"' fl"usterte die junge Frau, indem sie sich an ihn
+anschmiegte.
+
+Da{\s} Tuch ihre{\s} Jackett{\s} lag dicht am Samt seine{\s}
+Rocke{\s}. Sie bog ihren wei"sen Hal{\s} zur"uck, den ein Seufzer
+schwellte. Halb ohnm"achtig und tr"anen"uberstr"omt, die H"ande
+auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich
+ihm hin~...
+
+Die D"ammerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont
+und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im
+Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, al{\s} h"atten
+Kolibri{\s} im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren.
+Ring{\s} tiefe{\s} Schweigen. Die B"aume atmeten s"u"se
+Melancholie.
+
+Emma f"uhlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr da{\s} Blut
+durch den K"orper kreiste.
+
+In der Ferne, hinter dem Walde, "uber der H"ohe ert"onte ein
+langgezogener seltsamer Schrei, unaufh"orlich. Dem lauschte sie
+schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen
+ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik~...
+
+Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seine{\s}
+Taschenmesser{\s} einen zerrissenen Z"ugel wieder her.
+
+Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur"uck. Sie sahen im
+weichen Boden die Spuren ihre{\s} Hinritte{\s}, die Huftritte
+beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B"usche wieder
+und einzelne Steine am Rain. Nicht{\s} um sie herum hatte sich
+ver"andert, und doch kam e{\s} Emma vor, al{\s} sei etwa{\s}
+h"ochst Bedeutsame{\s} geschehen, al{\s} seien die Berge von ihrem
+Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr
+her"uber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k"ussen. Er fand
+Emma im Sattel ent\/z"uckend au{\s}sehend, bei ihrem geraden Sitz,
+ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihre{\s} rechten
+Knie{\s}, ihren von der scharfen Luft ger"oteten Wangen, --
+alle{\s} im Abendrot.
+
+Al{\s} sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal
+machte e{\s} sogar kehrt. Au{\s} allen Fenstern sah man ihr zu.
+
+Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s"ahe vorz"uglich
+au{\s}. Al{\s} er sich aber darnach erkundigte, wie der
+Spazierritt gewesen sei, tat sie, al{\s} h"atte sie die Frage
+"uberh"ort. Sie st"utzte sich auf die Ellenbogen und starrte "uber
+ihren Teller weg in die flackernden Kerzen.
+
+"`Emma!"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+"`Wei"st du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh"andler gewesen.
+Er hat eine recht gut au{\s}sehende alte Mutterstute zu verkaufen.
+Die Knie sind nur ein bi"schen durch. Ich bin "uberzeugt, f"ur
+hundert Taler~..."' Da sie nicht{\s} dazu sagte, fuhr er nach ein
+paar Augenblicken fort: "`Ich habe gedacht, e{\s} sei dir
+erw"unscht, und da habe ich mir den Gaul zur"uckstellen lassen ...
+nein, gleich gekauft ... Ist{\s} dir recht? Sag mal!"'
+
+Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.
+
+Eine Viertelstunde sp"ater fragte sie:
+
+"`Gehst du heute abend au{\s}?"'
+
+"`Ja. Warum denn?"'
+
+"`Ach, ich wollt e{\s} blo"s wissen, Bester!"'
+
+Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und
+schlo"s sich ein.
+
+Sie war zun"achst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die
+B"aume, die Wege, die Gr"aben, den Geliebten und f"uhlte seine
+Umarmung. Da{\s} Laub wisperte um sie herum, und da{\s} Schilf
+rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte
+"uber ihr Au{\s}sehen. So gro"se schwarze Augen hatte sie noch nie
+gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwa{\s} Unsagbare{\s} umflo"s
+ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl"art vor.
+
+Immer wieder sagte sie sich: "`Ich habe einen Geliebten! Einen
+Geliebten!"'
+
+Der Gedanke ent\/z"uckte sie. E{\s} war ihr, al{\s} sei sie jetzt
+erst Weib geworden. Endlich waren die Liebe{\s}freuden auch f"ur
+sie da, die fiebernde Gl"uckseligkeit, auf die sie bereit{\s}
+keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt
+eingetreten, in der alle{\s} Leidenschaft, Verz"uckung und Rausch
+war. Blaue Unerme"slichkeit breitete sich ring{\s} um sie her, vor
+ihrer Phantasie gl"anzte da{\s} Hochland der Gef"uhle, und fern,
+tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H"ohen, lag der Alltag.
+
+Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar
+empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged"achtnisse mit den
+Stimmen der Klosterschwestern. Ent\/z"uckende Kl"ange! Jene
+Phantasiegesch"opfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer
+M"adchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der
+amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu da{\s}
+Gef"uhl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt
+triumphierte sie, und ihre so lange unterdr"uckte Sinnlichkeit
+wallte nun auf und sch"aumte leben{\s}freudig "uber. Sie geno"s
+ihre Liebe ohne Gewissen{\s}k"ampfe, ohne Nervosit"at, ohne
+Wirrungen.
+
+Der Tag darauf verging in neuem s"u"sen Gl"uck. Sie schworen sich
+ewige Treue. Emma erz"ahlte ihm von ihren Leiden und Tr"ubsalen.
+Er unterbrach sie mit K"ussen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen
+Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu
+nennen und ihr noch einmal zu sagen, da"s er sie liebe. E{\s} war
+wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh"utte. Die
+W"ande waren von Strohmatten und da{\s} Dach so niedrig, da"s man
+drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa"sen dicht beieinander
+auf einer Streu von trocknem Laub.
+
+Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm"a"sig alle
+Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn
+unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach
+f"uhrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von
+sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor"uber sie sich alle
+Tage beklagte.
+
+Eine{\s} Morgen{\s}, da Karl bereit{\s} vor Sonnenaufgang
+fortgegangen war, geriet sie pl"otzlich auf den Einfall,
+unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst"anden,
+konnte sie nach der H"uchette gehen, eine Stunde dort verweilen
+und wieder zur"uckkommen. Dieser Plan lie"s sie gar nicht recht
+zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp"ater war sie schon
+mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig
+ihre{\s} Weg{\s}.
+
+Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie da{\s} Gut
+de{\s} Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem
+h"ochsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.
+
+"Uber den Hof weg stand ein gro"se{\s} Geb"aude. Da{\s} mu"ste
+da{\s} Herrenhau{\s} sein. Dort trat sie ein. E{\s} war ihr,
+al{\s} "offnete sich ihr alle{\s} von selbst. Eine breite Treppe
+f"uhrte auf einen Gang. Emma dr"uckte auf die Klinke einer T"ur,
+und da erblickte sie im Hintergrunde diese{\s} Zimmer{\s} einen
+Mann im Bett. E{\s} war Rudolf. Sie frohlockte laut.
+
+"`Du? Du!"' rief er au{\s}. "`Wie hast du da{\s} fertig gebracht?
+Dein Kleid ist feucht~..."'
+
+"`Ich liebe dich!"' war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um
+den Hal{\s} schlang.
+
+Nachdem ihr diese{\s} Wagni{\s} beim ersten Male gegl"uckt war,
+kleidete sich Emma jede{\s}mal, wenn Karl fr"uhzeitig fort mu"ste,
+rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere
+Gartenpforte, auf dem Treppchen, da{\s} hinunter nach dem Bache
+f"uhrte, au{\s} dem Hause. Aber wenn die Planke, die al{\s} Steg
+"uber da{\s} Wasser diente, zuf"allig weggenommen war, mu"ste sie
+ein St"uck bi{\s} zum n"achsten Steg an den Gartenmauern l"ang{\s}
+de{\s} Bache{\s} hingehen. Die bewachsene B"oschung war steil und
+glitschig, und so mu"ste sie sich mit der einen Hand an B"uscheln
+der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann
+aber eilte sie querfeldein "uber die "Acker, ungeachtet, da"s ihre
+zierlichen Schuhe einsanken, da"s sie oft stolperte oder stecken
+blieb. Da{\s} Chiffontuch, da{\s} sie sich um Kopf und Hal{\s}
+gewunden hatte, flatterte im Winde. Au{\s} Angst vor den weidenden
+Ochsen begann sie zu laufen. Atemlo{\s}, mit gl"uhenden Wangen,
+ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S"afte, ihre{\s} Gr"un{\s}
+und der freien Luft durchtr"ankt, kam sie an. Rudolf schlief dann
+meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der
+leibhaftgewordene Fr"uhling{\s}morgen.
+
+Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten da{\s} eindringende
+goldene Morgenlicht traulich und d"ammerig. Mit blinzelnden Augen
+fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew"andern
+leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwa{\s} Feenhafte{\s}.
+Rudolf zog sie lachend zu sich und dr"uckte sie an sein Herz.
+
+Darnach sah sie sich im Zimmer alle{\s} an, zog alle F"acher auf,
+k"ammte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem
+Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro"se Tabak{\s}pfeife in
+den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und
+Zuckerst"ucken, neben der Wasserflasche.
+
+Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma
+vergo"s Tr"anen. Am liebsten w"are sie gar nicht wieder von ihm
+weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von
+neuem in seine Arme.
+
+Da eine{\s} Tage{\s}, al{\s} er sie unerwartet eintreten sah,
+machte er ein bedenkliche{\s} Gesicht, al{\s} ob e{\s} ihm nicht
+recht w"are.
+
+"`Wa{\s} hast du denn?"' fragte sie. "`Hast du Schmerzen?
+Sprich!"'
+
+Schlie"slich erkl"arte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche
+beg"onnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Allm"ahlich machten Rudolf{\s} Bef"urchtungen auf Emma Eindruck.
+Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an
+nicht{\s} andre{\s} gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu
+einer Leben{\s}bedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr,
+e{\s} k"onne ihr etwa{\s} davon verloren gehen oder man k"onne sie
+ihr gar st"oren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt
+sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp"ahte nach allem, wa{\s}
+sich im Gesicht{\s}kreise regte, sie suchte die H"auser de{\s}
+Orte{\s} bi{\s} hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie
+beobachte. Sie lauschte auf jede{\s} Ger"ausch, jeden Tritt,
+jede{\s} R"adergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und
+zittriger al{\s} da{\s} Laub der Pappeln, die sich "uber ihrem
+Haupte wiegten.
+
+Eine{\s} Morgen{\s}, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem
+Male den Lauf eine{\s} Gewehr{\s} auf sich gerichtet. E{\s} ragte
+schr"ag "uber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H"alfte
+in einem Graben stand und vom Geb"usch verdeckt wurde. Vor Schreck
+halb ohnm"achtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann
+au{\s} der Tonne wie ein Springteufel au{\s} seinem Kasten. Er
+trug Wickelgamaschen bi{\s} an die Knie, und die M"utze hatte er
+tief in{\s} Gesicht hereingezogen, so da"s man nur eine rote Nase
+und bebende Lippen sah. E{\s} war der Feuerwehrhauptmann Binet,
+der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie"sen.
+
+"`Sie h"atten schon von weitem rufen sollen!"' schrie er ihr zu.
+"`Wenn man ein Gewehr sieht, mu"s man sich bemerkbar machen!"'
+
+Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst
+zu bem"anteln. E{\s} bestand n"amlich eine landr"atliche
+Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne
+au{\s} betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte
+sich also Binet einer "Ubertretung schuldig. De{\s}halb schwebte
+er in steter Furcht, der Landgendarm k"onne ihn erwischen, und
+doch f"ugte die Aufregung seinem Vergn"ugen einen Reiz mehr zu.
+Wenn er so einsam in seiner Tonne sa"s, war er stolz auf sein
+Jagdgl"uck und seine Schlauheit.
+
+Al{\s} er erkannte, da"s e{\s} Frau Bovary war, fiel ihm ein
+gro"ser Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr"ach mit ihr.
+
+"`E{\s} ist kalt heute! Ordentlich kalt!"'
+
+Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort:
+
+"`Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?"'
+
+"`Jawohl!"' stotterte sie. "`Ich war bei den Leuten, wo mein Kind
+ist..."'
+
+"`So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon
+seit Morgengrauen hier. Aber da{\s} Wetter ist so ruppig, da"s man
+auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt~..."'
+
+"`Adieu, Herr Binet!"' unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von
+ihm ab.
+
+"`Ihr Diener, Frau Bovary!"' sagte er trocken und kroch wieder in
+seine Tonne.
+
+Emma bereute e{\s}, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen
+gelassen zu haben. Zweifello{\s} hegte er allerlei ihr nachteilige
+Vermutungen. Auf eine d"ummere Au{\s}rede h"atte sie auch wirklich
+nicht verfallen k"onnen, denn in ganz Yonville wu"ste man, da"s
+da{\s} Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und
+sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f"uhrte
+einzig und allein nach der H"uchette. Somit mu"ste Binet erraten,
+wo Emma gewesen war. Sicherlich w"urde er nicht schweigen, sondern
+e{\s} au{\s}klatschen! Bi{\s} zum Abend marterte sie sich ab, alle
+m"oglichen L"ugen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit
+seiner Jagdtasche vor Augen.
+
+Al{\s} Karl nach dem Essen merkte, da"s Emma bek"ummert war,
+schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu "`Apotheker{\s}"' zu
+gehen.
+
+Die erste Person, die sie schon von drau"sen in der Apotheke im
+roten Lichte erblickte, war -- au{\s}gerechnet -- der
+Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade:
+
+"`Ich m"ochte ein Lot Vitriol."'
+
+"`Justin,"' schrie der Apotheker, "`bring mir mal die Schwefels"aure
+her!"' Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum
+Zimmer von Frau Homai{\s} hinaufgehen wollte.
+
+"`Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden
+Augenblick herunter. W"armen Sie sich inzwischen am Ofen ...
+Entschuldigen Sie!"' Und zu Bovary sagte er: "`Guten Abend,
+Doktor!"' Der Apotheker pflegte n"amlich diesen Titel mit einer
+gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, al{\s} ob der Glanz, der
+darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w"urfe. "`Justin,
+nimm dich aber in acht und wirf mir die M"orser nicht um! So! Und
+nun holst du ein paar St"uhle au{\s} dem kleinen Zimmer! Aber
+nicht etwa die Fauteuil{\s} au{\s} dem Salon! Verstanden?"'
+
+Homai{\s} wollte selber zu seinen Fauteuil{\s} st"urzen, aber
+Binet bat noch um ein Lot Zuckers"aure.
+
+"`Zuckers"aure?"' fragte der Apotheker eingebildet. "`Kenne ich
+nicht! Gibt e{\s} nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals"aure?
+Also Oxals"aure, nicht wahr?"'
+
+Der Steuereinnehmer setzte ihm au{\s}einander, da"s er nach einem
+selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur
+Reinigung von verrostetem Jagdger"at.
+
+Bei dem Wort "`Jagd"' schrak Emma zusammen.
+
+Der Apotheker versetzte:
+
+"`Gewi"s! Bei solch schlechtem Wetter braucht man da{\s}!"'
+
+"`E{\s} gibt aber doch Leute, die e{\s} nicht anficht!"' meinte
+Binet bissig.
+
+Emma bekam keine Luft.
+
+"`Und dann m"ocht ich noch~..."'
+
+"`Will er denn ewig hier bleiben!"' seufzte sie bei sich.
+
+"`... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbe{\s}
+Wach{\s} und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren
+meine{\s} Lederzeug{\s}."'
+
+Der Apotheker wollte gerade da{\s} Wach{\s} abschneiden, al{\s}
+seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite,
+und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl"usch
+"uberzogene Fensterbank. Der Junge l"ummelte sich auf einen
+niedrigen Sessel, w"ahrend sich seine "altere Schwester am Kasten
+mit den Malzbonbon{\s} zu schaffen machte, in n"achster N"ahe von
+"`Papachen"', der mit dem Trichter hantierte, die Fl"aschchen
+verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alle{\s} zu einem
+Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h"orte nicht{\s},
+al{\s} von Zeit zu Zeit da{\s} Klappern der Gewichte auf der Wage
+und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem
+Lehrling erteilte.
+
+"`Wie geht{\s} Ihrem T"ochterchen?"' fragte pl"otzlich Frau
+Homai{\s}.
+
+"`Ruhe!"' rief ihr Gatte, der den Betrag in da{\s}
+Gesch"aft{\s}buch eintrug.
+
+"`Warum haben Sie{\s} nicht mitgebracht?"' fragte sie weiter.
+
+"`Sst! Sst!"' machte Emma und wie{\s} mit dem Daumen nach dem
+Apotheker.
+
+Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht
+darauf geh"ort zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie"s Emma
+einen lauten Seufzer au{\s}.
+
+"`Bi"schen asthmatisch?"' bemerkte Frau Homai{\s}.
+
+"`Ach nein, e{\s} ist nur recht hei"s hier!"' entgegnete Frau
+Bovary.
+
+Alle{\s} da{\s} hatte zur Folge, da"s die Liebenden tag{\s} darauf
+beschlossen, ihre Zusammenk"unfte ander{\s} einzurichten. Emma
+schlug vor, ihr Hau{\s}m"adchen in{\s} Vertrauen zu ziehen und
+durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt e{\s} f"ur
+besser, in Yonville irgendein stille{\s} Winkelchen au{\s}findig
+zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen.
+
+Den ganzen Winter "uber kam er drei- oder viermal in der Woche bei
+Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl"ussel zur
+Hinterpforte gegeben, w"ahrend Karl glaubte, er sei verloren
+gegangen. Zum Zeichen, da"s er da war, warf Rudolf jede{\s}mal
+eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin,
+aber oft mu"ste sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit,
+am Kamine zu sitzen und in{\s} Endlose hinein zu plaudern. Emma
+verging beinahe vor Ungeduld und w"unschte ihren Mann wer wei"s
+wohin. Schlie"slich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann
+nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, al{\s} sei da{\s} Buch
+"uber alle Ma"sen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief
+ihr zu, sie solle auch schlafen gehn.
+
+"`Komm doch, Emma!"' rief er. "`E{\s} ist schon sp"at!"'
+
+"`Gleich! Gleich!"' erwiderte sie.
+
+Da{\s} Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und
+schlief ein. Sie schl"upfte hinau{\s}, mit verhaltenem Atem,
+l"achelnd, zitternd, halbnackt.
+
+Rudolf h"ullte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel,
+schlang die Arme um sie und zog sie wortlo{\s} hinter in den
+Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie
+dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Da{\s} war an
+Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen
+geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn.
+
+Durch die kahlen Zweige der Ja{\s}minb"usche funkelten die Sterne.
+Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am
+Ufer da{\s} vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte e{\s} sich
+im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben
+bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein
+schwarze{\s} Unget"um auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu
+erdr"ucken.
+
+In der K"alte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und
+ihr Liebe{\s}gestammel um so inbr"unstiger. Ihre Augen, die sie
+gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr"o"ser, und
+in der Stille ring{\s}um bekamen ihre ganz leise gefl"usterten
+Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und
+zitterten in ihnen tausendfach wider.
+
+Wenn die Nacht regnerisch war, fl"uchteten sie in Karl{\s}
+Sprechzimmer, da{\s} zwischen dem Wagenschuppen und dem
+Pferdestall gelegen war. Emma z"undete eine K"uchenlampe an, die
+sie hinter den B"uchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte
+sich{\s} bequem, al{\s} sei er zu Hause. Der Anblick der
+"`Bibliothek"', de{\s} Schreibtische{\s}, der ganzen Einrichtung
+erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, "uber Karl
+allerhand Witze zu machen, wa{\s} Emma ungern h"orte. Sie h"atte
+ihn viel lieber ernst sehen m"ogen, ihretwegen theatralischer, wie
+er e{\s} einmal gewesen war, al{\s} sie in der Pappelallee da{\s}
+Ger"ausch von n"aherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen
+w"ahnten.
+
+"`E{\s} kommt jemand!"' sagte sie einmal.
+
+Er blie{\s} da{\s} Licht au{\s}.
+
+"`Hast du eine Pistole bei dir?"'
+
+"`Wozu?"'
+
+"`Damit du ... dich ... verteidigen kannst!"'
+
+"`Gegen deinen Mann? Der arme Junge!"' Dazu machte er eine
+Geb"arde, die etwa sagen sollte: "`Der mag mir nur kommen!"'
+
+Dieser Mut ent\/z"uckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und
+urw"uchsige Roheit herau{\s}h"orte und dar"uber entsetzt war.
+
+Rudolf dachte viel "uber diese kleine Szene nach.
+
+"`Wenn da{\s} ihr Ernst war,"' sagte er sich, "`so war da{\s}
+recht l"acherlich, sogar h"a"slich."' Er hatte doch wahrlich
+keinen Anla"s, ihren gutm"utigen Mann zu hassen. Sozusagen "`von
+Eifersucht verzehrt"', da{\s} war er nicht. "Uberdie{\s} hatte ihm
+Emma ihre k"orperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert,
+der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. "Uberhaupt fing sie
+an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit
+ihr tauschen m"ussen, und sie hatten sich alle beide eine ganze
+Handvoll Haare f"ur einander abgeschnitten, und jetzt w"unschte
+sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen
+ewiger Zusammengeh"origkeit. H"aufig schw"armte sie ihm von den
+Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie
+erz"ahlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen
+etwa{\s} wissen. Rudolf{\s} Mutter war schon zwanzig Jahre tot.
+Trotzdem tr"ostete ihn Emma mit allerlei Koseworten der
+Klein-Kindersprache, al{\s} ob e{\s} g"olte, ein Wickelkind zu
+beruhigen. Mehr al{\s} einmal hatte sie, zu den Sternen
+aufblickend, au{\s}gerufen:
+
+"`Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M"utter segnen unsre
+Liebe!"'
+
+Aber sie war so h"ubsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er
+noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz"uchtigkeiten war
+ihm, der da{\s} Verdorbenste kannte, etwa{\s} ganz Neue{\s},
+da{\s} seinen Manne{\s}stolz und seine Sinnlichkeit verf"uhrerisch
+umschmeichelte. Selbst Emma{\s} "Uberschwenglichkeiten, so zuwider
+sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n"aherer
+Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so
+sicher war, da"s er geliebt wurde, lie"s er sich gehen, und
+allm"ahlich "anderte sich sein Benehmen.
+
+Nicht mehr wie einst hatte er f"ur sie jene s"u"sen Worte, die
+Emma zu Tr"anen r"uhrten, nicht mehr die st"urmischen
+Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam e{\s} ihr
+vor, al{\s} ob der Strom ihrer eignen gro"sen Liebe, in der sie
+v"ollig untergetaucht war, niedriger w"urde; sie sah gleichsam auf
+den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntni{\s} schauderte sie,
+und darum verdoppelte sie ihre Z"artlichkeiten. Rudolf indessen
+verriet seine Gleichg"ultigkeit immer mehr.
+
+Emma war sich selber nicht klar dar"uber, ob sie e{\s} bereuen
+m"usse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob e{\s} nicht besser
+f"ur sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann
+sie ihre Schwachheit al{\s} Schmach zu empfinden, und der Groll
+dar"uber beeintr"achtigte ihr den sinnlichen Genu"s. Sie gab sich
+ihm nicht mehr hin, sie lie"s sich jede{\s}mal von neuem
+verf"uhren. Aber er meisterte sie, und sie f"urchtete sich beinahe
+vor ihm.
+
+Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au"sen ein harmlose{\s}
+Gepr"age wie nie zuvor. Da{\s} war so recht nach Rudolf{\s}
+Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre,
+al{\s} der Fr"uhling in{\s} Land kam, waren sie fast wie zwei
+Eheleute zueinander, die ihre Liebe{\s}opfer an der gem"utlichen
+Flamme de{\s} h"au{\s}lichen Herde{\s} bringen.
+
+Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj"ahrlich eine
+Truthenne zur Erinnerung an da{\s} geheilte Bein. Mit der Gabe
+kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem
+er an den Korb gebunden war, und la{\s} die folgenden Zeilen:
+
+"`Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol
+und i{\s} si so gut wi di fr"ueren. Mir komt sie n"amlig ein
+bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, da{\s} n"achste mal
+schik ich euch zur abwek{\s}lung mal einen Han oder wolt "ur liber
+ein par junge un schikt mir den Korb zer"uk, bite un auch di
+vorgen, ich hab Ungl"uk mit der r"omise gehabt der ihr Dach ist
+mir neulig nacht{\s} bei dem grosen Sturm in die B"aume geflogen,
+die ernte ist die{\s}mal nich besonder{\s} ber"umt. Kurz und gut
+ich wei{\s} nicht wan ich zu euch zu besuch kome, da{\s} ist jez
+so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine
+arme Emma."'
+
+Hier war ein gro"ser Absatz, al{\s} ob der gute Mann seine Feder
+hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr"aumen.
+
+"`Wa{\s} mich anbelangt so geht{\s} mir leidlig bi{\s} auf den
+Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo
+ich war, einen neuen Sch"afer zu mieten. Den alten hab ich n"amlig
+nau{\s}geschmisen wegen seiner Grosen klape. E{\s} i{\s} wirklig
+schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er "ubrigen{\s} auch.
+
+"`Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend
+gekomen i{\s} und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich
+vernomen da{\s} Karl imer feste ze tun hat. Da{\s} wundert mich
+kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase
+Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da
+sagte er Nein aber im Stale h"ate er zwei G"aule stehn sehn
+worau{\s} ich schlise da{\s} der kurkenhandel bei euch gut geht.
+Da{\s} freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m"og euch
+ale{\s} m"oglige Gl"uk schenken. E{\s} tut mir s"or leid da{\s}
+ich mein libe{\s} Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich
+habe f"ur si unter deiner Stube ein Flaumenb"aumgen geflanzt.
+Da{\s} sol nich anger"urt werden auser sp"ater um die Flaumen f"ur
+Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si
+komt krigt si imer welge. Adi"o libe Kinder. Ig k"use dich libe
+Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide
+Baken un verbleibe mit tausen Gr"usen euer euch \nopagebreak
+
+\hfill libender vater \hspace{7em}\nopagebreak
+
+\hfill Theodor Rouault."' \hspace{5em}
+
+Ein paar Minuten hielt sie da{\s} St"uck grobe{\s} Papier noch
+nach dem Lesen in den H"anden. Die Verst"o"se gegen die
+Rechtschreibung jagten sich in den v"aterlichen Zeilen nur so,
+aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der
+wie eine Henne au{\s} einer dicken Dornenhecke allenthalben
+hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schrift\/z"uge
+offenbar mit Herdasche getrocknet, denn au{\s} dem Briefe rieselte
+eine Menge grauen Staube{\s} auf da{\s} Kleid der Leserin. Sie
+glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er
+sich nach dem Aschekasten b"uckte. Ach, wie lange war e{\s} schon
+her, da"s sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich
+wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie da{\s} Ende eine{\s}
+Stecken{\s} an der gro"sen Flamme de{\s} Funken spr"uhenden
+Ginsterreisig{\s} anbrennen lie"s. Und dann dachte sie zur"uck an
+gewisse sonnendurchgl"uhte Sommerabende, wo die F"ullen so hell
+aufwieherten, wenn man in ihre N"ahe kam, und dann
+weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr"unge! Im Vaterhause,
+unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren
+die Bienen, wenn sie in der Sonne au{\s}schw"armten, gegen die
+Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Da{\s} war doch
+eigentlich eine gl"uckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller
+Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei
+dem, wa{\s} sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen
+den verschiedenen Abschnitten ihre{\s} Dasein{\s}, al{\s}
+junge{\s} M"adchen, dann al{\s} Gattin, zuletzt al{\s} Geliebte.
+Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der
+auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St"uck von seinen
+Habseligkeiten liegen l"a"st.
+
+Aber warum war sie denn so ungl"ucklich? Wa{\s} war Bedeutsame{\s}
+geschehen, da"s sie mit einem Male au{\s} allen Himmeln gest"urzt
+war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam al{\s} suche
+sie den Anla"s ihre{\s} Herzeleid{\s}.
+
+Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan de{\s}
+Wandbrette{\s}. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hau{\s}schuhe
+hindurch sp"urte sie den weichen Teppich. E{\s} war ein heller
+Fr"uhling{\s}tag, und die Luft war lau.
+
+Da h"orte sie, wie ihr Kind drau"sen laut aufjauchzte.
+
+Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Da{\s} Kinderm"adchen
+wollte sie am Kleide wieder in die H"ohe ziehen. Lestiboudoi{\s}
+war dabei, den Rasen zu scheren. Jede{\s}mal, wenn er in die N"ahe
+de{\s} Kinde{\s} kam, streckte e{\s} ihm beide "Armchen entgegen.
+
+"`Bring sie mir mal herein!"' rief sie dem M"adchen zu und ri"s
+ihr T"ochterchen hastig an sich, um e{\s} zu k"ussen. "`Wie ich
+dich liebe, mein arme{\s} Kind! Wie ich dich liebe!"'
+
+Al{\s} sie bemerkte, da"s e{\s} am Ohre etwa{\s} schmutzig war,
+klingelte sie rasch und lie"s sich warme{\s} Wasser bringen. Sie
+wusch die Kleine, zog ihr frische W"asche und reine Str"umpfe an.
+Dabei tat sie tausend Fragen, wie e{\s} mit der Gesundheit der
+Kleinen stehe, just al{\s} sei sie von einer Reise zur"uckgekehrt.
+Schlie"slich k"u"ste sie sie noch einmal und gab sie tr"anenden
+Auge{\s} dem M"adchen wieder. Felicie war ganz verdutzt "uber
+diesen Z"artlichkeit{\s}anfall der Mutter.
+
+Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst.
+
+"`Eine vor"ubergehende Laune!"' tr"ostete er sich.
+
+Dreimal hintereinander vers"aumte er da{\s} Stelldichein. Al{\s}
+er wieder erschien, behandelte sie ihn k"uhl, fast geringsch"atzig.
+
+"`Schade um die Zeit, mein Liebchen!"' meinte er. Und er tat so,
+al{\s} merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch da{\s}
+Taschentuch, da{\s} sie herau{\s}zog.
+
+Jetzt kam wirklich die Reue "uber sie. Sie fragte sich, au{\s}
+welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob e{\s} nicht
+besser gewesen w"are, wenn sie ihm treu h"atte bleiben k"onnen.
+Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren
+Gef"uhl{\s}wandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht
+zuf"allig eine solche heraufbeschworen h"atte, w"are alle ihre
+hingebung{\s}volle Anwandlung tatenlo{\s} geblieben.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Homai{\s} hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,
+Klumpf"u"se zu heilen, gelesen, und al{\s} Fortschrittler, der er
+war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in
+Yonville m"usse e{\s} strephopodische Operationen geben, damit
+e{\s} auf der H"ohe der Kultur bleibe.
+
+"`Wa{\s} ist denn dabei zu ri{\s}kieren?"' fragte er Frau Bovary.
+Er z"ahlte ihr die Vorteile eine{\s} solchen Versuche{\s} an den
+Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung de{\s}
+Kranken. Befreiung von einem Sch"onheit{\s}fehler. Bedeutende
+Reklame f"ur den Operateur. "`Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht
+beispiel{\s}weise den armen Hippolyt vom Goldnen L"owen kurieren?
+Bedenken Sie, da"s er seine Heilung allen Reisenden erz"ahlen
+w"urde. Und dann~..."' Der Apotheker begann zu fl"ustern und
+blickte scheu um sich, "`... wa{\s} sollte mich daran hindern,
+eine kleine Notiz dar"uber in die Zeitung zu bringen? Du mein
+Gott! So ein Artikel wird "uberall gelesen ... man spricht davon
+... schlie"slich wei"s e{\s} die ganze Welt. Au{\s} Schneeflocken
+werden am Ende Lawinen! Und wer wei"s? Wer wei"s?"'
+
+Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar
+keinen Anla"s, Karl{\s} chirurgische Geschicklichkeit zu
+bezweifeln, und wa{\s} f"ur eine Befriedigung w"are e{\s} f"ur
+sie, die geistige Urheberin eine{\s} Entschlusse{\s} zu sein, der
+sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu"ste. Sie verlangte
+mehr al{\s} blo"s die Liebe diese{\s} Manne{\s}.
+
+Vom Apotheker und von seiner Frau best"urmt, lie"s sich Karl
+"uberreden. Er bestellte sich in Rouen da{\s} Werk de{\s}
+Doktor{\s} D"uval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf
+zwischen den H"anden, in diese Lekt"ure. W"ahrend er sich "uber
+Pferdefu"sbildungen, Varu{\s} und Valgu{\s}, Strephocatopodie,
+Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. "uber die verschiedenartigen
+inneren und "au"serlichen Verkr"uppelungen de{\s} menschlichen
+Fu"se{\s}), Strephypopodie und Strephanopodie (da{\s} sind
+Fu"sleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr"uppelung um sich
+greifen) unterrichtete, suchte Homai{\s} den Hau{\s}knecht vom
+Goldnen L"owen mit allen Mitteln der "Uberredung{\s}kunst zur
+Operation zu bewegen.
+
+"`Du wirst h"ochsten{\s} einen ganz leichten Schmerz sp"uren"',
+sagte er zu ihm. "`E{\s} ist nicht{\s} weiter al{\s} ein Einstich
+wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, al{\s} wenn du dir ein
+H"uhnerauge schneiden l"a"st."'
+
+Hippolyt{\s} bl"ode Augen blickten unschl"ussig um sich.
+
+"`Im "ubrigen"', fuhr der Apotheker fort, "`kann mir{\s}
+nat"urlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist e{\s}. Ich rate dir{\s}
+nur au{\s} purer N"achstenliebe. Mein lieber Freund, ich m"ochte
+dich gar zu gern von deinem scheu"slichen Hinkfu"s befreit sehen,
+von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H"uften. Du kannst
+dagegen sagen, wa{\s} du willst: e{\s} st"ort dich in der
+Au{\s}"ubung deine{\s} Beruf{\s} doch erheblich!"'
+
+Nun schilderte ihm Homai{\s}, wie frei und flott er sich nach
+einer Operation werde bewegen k"onnen. Auch gab er ihm zu
+verstehen, da"s er dann mehr Gl"uck bei den Weibern haben w"urde,
+wor"uber der Bursche albern grinste.
+
+"`Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h"attest doch
+auch nicht kneifen k"onnen, wenn man dich zu den Soldaten
+au{\s}gehoben und in den Krieg geschickt h"atte! Also Hippolyt!"'
+
+Homai{\s} wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei
+ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den
+Wohltaten der Wissenschaft derartig st"orrisch ent\/ziehen k"onne.
+
+Endlich gab der arme Schlucker nach. Da{\s} war ja die reine
+Verschw"orung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemal{\s} um die
+Angelegenheiten anderer k"ummerte, die L"owenwirtin, Artemisia,
+die Nachbarn und selbst der B"urgermeister, alle drangen sie in
+ihn, redeten ihm zu und machten ihn l"acherlich. Und wa{\s}
+vollend{\s} den Au{\s}schlag gab: die Operation sollte ihm keinen
+roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und
+Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser
+Generosit"at. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen:
+"`Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!"'
+
+Beraten vom Apotheker, lie"s Karl nach drei fehlgeschlagenen
+Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe de{\s} Schlosser{\s}
+eine Art Geh"ause anfertigen. E{\s} wog beinahe acht Pfund, und an
+Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart
+worden.
+
+Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu"ste
+zu\-n"achst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu"s
+hier vorlag. Hippolyt{\s} Fu"s setzte sich an sein Schienbein
+nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht.
+E{\s} war also Pferdefu"s, verbunden mit etwa{\s} Varu{\s} oder,
+ander{\s} au{\s}gedr"uckt, ein Fall leichten Varu{\s} mit starker
+Neigung zu einem Pferdefu"s.
+
+Trotz diese{\s} Klumpfu"se{\s}, der in der Tat plump wie ein
+Pferdehuf war und runzelige Haut, au{\s}ged"orrte Sehnen und dicke
+Zehen mit schwarzen wie eisern au{\s}sehenden N"ageln hatte, war
+der Kr"uppel von fr"uh bi{\s} abend munter wie ein Wiesel. Man sah
+ihn unaufh"orlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. E{\s} hatte
+sogar den Anschein, al{\s} sei sein mi"sratene{\s} Bein kr"aftiger
+denn da{\s} gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf
+im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Au{\s}dauer zu eigen
+gemacht.
+
+An einem Pferdefu"s mu"s zun"achst die Achille{\s}sehne
+durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmu{\s}kel. Eher
+kann der Varu{\s} nicht beseitigt werden. Karl wagte e{\s} kaum,
+beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro"se Angst,
+einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse
+waren mangelhaft.
+
+Ambrosiu{\s} Par\'e, der f"unfzehn Jahrhunderte nach Celsu{\s} die
+erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D"upuytren,
+der e{\s} unternahm, einen Abs\/ze"s am Gehirn zu "offnen,
+Gensoul, der al{\s} erster eine Oberkiefer-Abtragung
+au{\s}f"uhrte, -- allen diesen hat sicherlich nicht so da{\s} Herz
+geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi"s nicht so
+aufgeregt wie Bovary, al{\s} er Hippolyt unter sein Messer nahm.
+
+Im St"ubchen de{\s} Hau{\s}knecht{\s} sah e{\s} au{\s} wie in
+einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie,
+gewichste F"aden, Binden, alle{\s} wa{\s} in der Apotheke an
+Verband{\s}zeug vorr"atig gewesen war. Homai{\s} hatte da{\s}
+alle{\s} eigenh"andig vorbereitet, sowohl um die Leute zu
+verbl"uffen al{\s} auch um sich selbst etwa{\s} vorzumachen.
+
+Karl f"uhrte den Einschnitt au{\s}. Ein platzende{\s} Ger"ausch.
+Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet.
+
+Hippolyt war vor Erstaunen au"ser aller Fassung. Er nahm
+Bovary{\s} H"ande und bedeckte sie mit K"ussen.
+
+"`Erst mal Ruhe!"' gebot der Apotheker. "`Die Dankbarkeit f"ur
+deinen Wohlt"ater kannst du ja sp"ater bezeigen!"'
+
+Er ging hinunter, um da{\s} Ereigni{\s} den f"unf oder sech{\s}
+Neugierigen mit\/zuteilen, die im Hofe herumstanden und sich
+eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male
+laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten da{\s}
+Geh"ause an und begab sich sodann nach Hau{\s}, wo ihn Emma
+angstvoll an der T"ure erwartete. Sie fiel ihm um den Hal{\s}.
+
+Sie setzten sich zu Tisch. Er a"s viel und verlangte zum Nachtisch
+sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxu{\s} erlaubte er sich sonst
+nur Sonntag{\s}, wenn ein Gast da war.
+
+Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr"achen und
+gemeinsamem Pl"aneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl"ucke,
+von der Hebung ihre{\s} Hau{\s}stande{\s}. Er sah seinen
+"arztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe
+seiner Frau immerdar w"ahren. Und sie, sie f"uhlte sich begl"uckt
+und verj"ungt, ges"under und besser in ihrer wiedererstandenen
+leisen Zuneigung f"ur diesen armen Mann, der sie so sehr liebte.
+Fl"uchtig scho"s ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber
+ihre Augen ruhten al{\s}bald wieder auf Karl, und dabei bemerkte
+sie erstaunt, da"s seine Z"ahne eigentlich gar nicht h"a"slich
+waren.
+
+Sie waren bereit{\s} zu Bett, al{\s} Homai{\s} trotz der Abwehr
+de{\s} M"adchen{\s} pl"otzlich in{\s} Zimmer trat, in der Hand ein
+frisch beschriebene{\s} St"uck Papier. E{\s} war der
+Reklame-Aufsatz, den er f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' verfa"st
+hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben.
+
+"`Lesen Sie ihn vor!"' bat Bovary.
+
+Der Apotheker tat e{\s}:
+
+\begin{quotation}\noindent
+"`Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ"aer noch
+immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt e{\s} in unserer
+Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St"adtchen Yonville
+der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel
+edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer
+angesehensten praktischen "Arzte,~..."'
+\end{quotation}
+
+"`Ach, da{\s} ist zu viel! Da{\s} ist zu viel!"' unterbrach ihn
+Karl, vor Erregung tief atmend.
+
+"`Aber durchau{\s} nicht! Wieso denn?"'
+
+Er la{\s} weiter:
+
+\begin{quotation}\noindent
+"`... hat den verkr"uppelten Fu"s~..."'
+\end{quotation}
+
+Er unterbrach sich selbst:
+
+"`Ich habe hier absichtlich den \begin{antiqua}terminus
+technicus\end{antiqua} vermieden, wissen Sie! In einer
+Tage{\s}zeitung mu"s alle{\s} gemeinverst"andlich sein ... die
+gro"se Masse~..."'
+
+"`Sehr richtig!"' meinte Bovary. "`Bitte fahren Sie fort!"'
+
+"`Ich wiederhole:
+
+\begin{quotation}\noindent
+Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen "Arzte,
+hat den verkr"uppelten Fu"s eine{\s} gewissen Hippolyt Tautain
+operiert, de{\s} langj"ahrigen Hau{\s}knecht{\s} im Hotel zum
+Goldnen L"owen der verwitweten Frau Franz am Markt. Da{\s}
+aktuelle Ereigni{\s} und da{\s} allgemeine Interesse an der
+Operation hatten eine derartig gro"se Volk{\s}menge angezogen,
+da"s der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu"ste. Die
+Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu"s trat
+so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blut{\s}tropfen verrieten,
+da"s ein hartn"ackige{\s} Leiden endlich der Macht der
+Wissenschaft wich. Der Kranke versp"urte dabei erstaunlicherweise
+-- wie der Berichterstatter al{\s} Augenzeuge versichern darf --
+nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l"a"st bi{\s} jetzt
+nicht{\s} zu w"unschen "ubrig. Allem Daf"urhalten nach wird die
+vollst"andige Heilung rasch erfolgen, und wer wei"s, ob der brave
+Hippolyt nicht bei der kommenden Kirme{\s} mit den flotten
+Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch
+muntere Spr"unge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen
+Gelehrten, Ehre den unerm"udlichen Geistern, die ihre N"achte der
+Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!
+
+Der Tag wird noch kommen, wo verk"undet werden wird, da"s die
+Blinden sehen, die Tauben h"oren und die Lahmen gehen! Wa{\s} der
+kirchliche Aberglaube ehedem nur den Au{\s}erw"ahlten versprach,
+schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden
+unsere verehrten Leser "uber den weiteren Verlauf dieser so
+ungemein merkw"urdigen Kur auf dem laufenden erhalten."'
+\end{quotation}
+
+Trotz alledem kam f"unf Tage darauf die L"owenwirtin ganz
+verst"ort gelaufen und rief:
+
+"`Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei"s nicht, wa{\s} ich machen soll!"'
+
+Karl rannte Hal{\s} "uber Kopf nach dem Goldnen L"owen, und der
+Apotheker, der den Arzt so "uber den Markt st"urmen sah, verlie"s
+sofort im blo"sen Kopfe seinen Laden. Atemlo{\s}, aufgeregt und
+mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem
+er auf der Treppe begegnete:
+
+"`Na, wa{\s} macht denn unser interessanter Strephopode?"'
+
+Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da"s
+da{\s} Ge\-h"ause, in da{\s} sein Bein eingezw"angt war, gegen
+die Wand geschlagen ward und ent\/zwei zu gehen drohte.
+
+Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage de{\s} Fu"se{\s} nicht
+zu verschieben, entfernte man da{\s} Holzgeh"ause. Und nun bot
+sich ein gr"a"slicher Anblick dar. Die Form de{\s} Fu"se{\s} war
+unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da"s e{\s}
+au{\s}sah, al{\s} platze demn"achst die ganze Haut. Diese war
+blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die da{\s} famose
+Geh"ause verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an "uber
+Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh"ort. Nachdem man
+nunmehr einsah, da"s er im Rechte gewesen war, g"onnte man ihm ein
+paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig
+zur"uckgegangen war, hielten e{\s} die beiden Heilk"unstler f"ur
+angebracht, da{\s} Bein wieder einzuschienen und e{\s} noch fester
+einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen.
+
+Aber nach drei Tagen vermochte e{\s} Hippolyt nicht mehr
+au{\s}zuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermal{\s} ab und war
+h"ochst "uber da{\s} verwundert, wa{\s} sich nunmehr
+herau{\s}stellte. Die schw"arzlichblau gewordene Schwellung
+erstreckte sich "uber da{\s} ganze Bein, da{\s} ganz voller Blasen
+war; eine dunkle Fl"ussigkeit sonderte sich ab. Man wurde
+bedenklich.
+
+Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie"s ihn in
+die kleine Gaststube bringen neben der K"uche, damit er
+wenigsten{\s} etwa{\s} Zerstreuung h"atte. Aber der Steuereinnehmer,
+der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich "uber diese
+Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in da{\s}
+Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken,
+bla"s, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte
+er seinen in Schwei"s gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen
+hin und her, wenn ihn die Fliegen qu"alten.
+
+Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den
+Umschl"agen, tr"ostete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst
+fehlte e{\s} ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen,
+wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen
+herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.
+
+"`Wie geht dir{\s} denn?"' fragten sie ihn und klopften ihm auf
+die Schulter. "`So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist
+aber selber schuld daran!"' Er h"atte die{\s} oder jene{\s} machen
+sollen. Sie erz"ahlten ihm von Leuten, die durch ganz andere
+Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren
+Trost meinten sie:
+
+"`Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l"a"st dich wie
+ein F"urst verh"atscheln! Da{\s} ist Unsinn, alter Schlaumeier!
+Und besonder{\s} gut riechst du auch nicht!"'
+
+Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast
+selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.
+Hippolyt sah ihn mit angsterf"ullten Augen an. Schluchzend
+stammelte er:
+
+"`Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach,
+helfen Sie mir! Ich bin so ungl"ucklich, so ungl"ucklich!"'
+
+Bovary schrieb ihm alle Tage vor, wa{\s} er essen solle. Dann
+verlie"s er ihn.
+
+"`H"or nur gar nicht auf ihn, mein Junge!"' meinte die
+L"owenwirtin. "`Sie haben dich schon gerade genug geschunden!
+Da{\s} macht dich blo"s immer noch schw"acher! Da, trink!"'
+
+Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr"uhe, ein St"uck Hammelkeule,
+Speck und manchmal ein Gl"aschen Schnap{\s}, den er kaum an seine
+Lippen zu bringen wagte.
+
+Abb\'e Bournisien, der geh"ort hatte, da"s e{\s} Hippolyt
+schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber
+erkl"arte er, in gewisser Beziehung m"usse sich der Kranke freuen,
+denn e{\s} sei de{\s} Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g"abe, sich
+mit dem Himmel zu vers"ohnen.
+
+"`Siehst du,"' sagte der Priester in v"aterlichem Tone, "`du hast
+deine Pflichten recht vernachl"assigt! Man hat dich selten in der
+Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du da{\s} heilige
+Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da"s deine Besch"aftigung
+und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f"ur dein
+Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist e{\s} an der Zeit, da"s du
+dich darum k"ummerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro"se
+S"under gekannt, die, kurz ehe sie vor Gotte{\s} Thron traten, (du
+bist noch nicht so weit, da{\s} wei"s ich wohl!) seine Gnade
+erfleht haben; sie sind ohne Verdammni{\s} gestorben! Hoffen wir,
+da"s auch du un{\s} gleich ihnen ein gute{\s} Beispiel gibst!
+Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgen{\s} ein
+Ave-Maria und abend{\s} ein Paternoster zu beten! Ja, tue da{\s}!
+Mir zuliebe! Wa{\s} kostet dich da{\s}? Willst du mir da{\s}
+versprechen?"'
+
+Der arme Teufel gelobte e{\s}. Tag f"ur Tag kam der Seelsorger
+wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bi{\s}weilen
+erz"ahlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp"a"se und faule Witze,
+die Hippolyt allerding{\s} nicht verstand. Aber bei jeder
+Gelegenheit kam er auf religi"ose Dinge zu sprechen, wobei er
+jede{\s}mal eine salbung{\s}volle Miene annahm.
+
+Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. E{\s} dauerte nicht
+lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt
+nach Bon-Secour{\s} zu unternehmen, wenn er wieder gesund w"urde,
+worauf der Priester entgegnete, da{\s} sei nicht "ubel. Doppelt
+gen"aht halte besser. Er ri{\s}kiere ja dabei nicht{\s}.
+
+Der Apotheker war emp"ort "uber "`diese Pfaffenschliche"', wie er
+sich au{\s}dr"uckte. Er behauptete, da{\s} verz"ogre die Genesung
+de{\s} Hau{\s}knecht{\s} nur.
+
+"`La"st ihn doch nur in Ruhe!"' sagte er zur L"owenwirtin. "`Mit
+euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!"'
+
+Aber die gute Frau wollte davon nicht{\s} h"oren. Er und kein
+anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein
+au{\s} Widerspruch{\s}geist hing sie dem Kranken zu H"aupten einen
+Weihwasserkessel und einen Buch{\s}baumzweig auf.
+
+Allerding{\s} n"utzten offenbar weder der kirchliche noch der
+chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom
+Beine weiter in den K"orper hinauf. Man versuchte immer neue
+Salben und Pflaster, aber der Fu"s wurde immer brandiger, und
+schlie"slich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken,
+al{\s} Mutter Franz ihn fragte, ob man angesicht{\s} dieser
+hoffnung{\s}losen Lage nicht den Doktor Canivet au{\s}
+Neufch\^atel kommen lassen solle, der doch weitber"uhmt sei.
+
+Canivet war Doktor der Medizin, f"unfzig Jahre alt, ebenso
+wohlhabend wie selbstbewu"st. Er kam und entbl"odete sich nicht,
+"uber den Kollegen geringsch"atzig zu l"acheln, al{\s} er da{\s}
+bi{\s} an da{\s} Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann
+erkl"arte er, da{\s} Glied m"usse amputiert werden.
+
+Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen "`die Esel, die
+da{\s} arme Luder so zugerichtet"' h"atten. Er fa"ste Homai{\s} am
+Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:
+
+"`Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die
+Herren Gelehrten der Weltstadt nun au{\s}! Genau so steht e{\s}
+mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet"aubungen,
+Blaseneingriffen! Da{\s} ist alle{\s} Kapitalunfug gegen den sich
+der Staat in{\s} Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo"s
+immer wa{\s} zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten
+Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber,
+wir sind r"uckst"andig. Wir sind keine Gelehrten, keine
+Zauberk"unstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxi{\s}, wir
+heilen lumpige Krankheiten, aber e{\s} f"allt un{\s} nicht ein,
+Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf"u"se gerade
+zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k"onnte man auch einem Buckligen
+seinen H"ocker abhobeln wollen!"'
+
+Homai{\s} war bei diesem Ergu"s gar nicht besonder{\s} wohl
+zumute, aber er verbarg sein Mi"sbehagen hinter einem
+verbindlichen L"acheln. Er mu"ste mit Canivet auf gutem Fu"se
+bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend "ofter{\s}
+konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab.
+Au{\s} diesem Grunde h"utete er sich, f"ur Bovary einzutreten. Er
+vermuckste sich nicht, lie"s Grunds"atze Grunds"atze sein und
+opferte seine W"urde den ihm wichtigeren Interessen seine{\s}
+Gesch"aft{\s}.
+
+Die Amputation de{\s} Beine{\s}, die der Doktor Canivet
+au{\s}f"uhrte, war f"ur den ganzen Ort ein wichtige{\s}
+Ereigni{\s}. Fr"uhzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und
+die Hauptstra"se war voller Menschen, die allesamt etwa{\s}
+Tr"ubselige{\s} an sich hatten, al{\s} solle eine Hinrichtung
+stattfinden. Im Laden de{\s} Kr"amer{\s} stritt man sich "uber
+Hippolyt{\s} Krankheit. An{\s} Kaufen dachte niemand. Und Frau
+T"uvache, die Gattin de{\s} B"urgermeister{\s}, lag vom fr"uhen
+Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der
+Operateur ank"ame.
+
+Er kam in seinem W"agelchen angefahren, da{\s} er selber
+kutschierte. Durch die Last seine{\s} K"orper{\s} war die rechte
+Feder de{\s} Gef"ahrt{\s} derartig niedergedr"uckt, da"s der
+Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster
+stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl"osser
+pr"achtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bi{\s} vor die
+kleine Freitreppe de{\s} Goldnen L"owen. Mit lauter Stimme befahl
+er, da{\s} Pferd au{\s}zuspannen. Er ging mit in den Stall und
+"uberzeugte sich, da"s der Gaul ordentlich Hafer gesch"uttet
+bekam. E{\s} war seine Gewohnheit, da"s er sich immer zuerst
+seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt de{\s}halb im
+Munde der Leute f"ur einen "`Pferdejockel"'. Aber gerade weil er
+sich darin unabbringbar gleichblieb, sch"atzte man ihn um so mehr.
+Und wenn der letzte Mensch auf Gotte{\s} ganzem Erdboden in den
+letzten Z"ugen gelegen h"atte: Doktor Canivet w"are zun"achst
+seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen.
+
+Homai{\s} stellte sich ein.
+
+"`Ich rechne auf Ihre Unterst"utzung!"' sagte der Chirurg. "`Ist
+alle{\s} bereit? Na, dann kann{\s} lo{\s}gehen!"'
+
+Der Apotheker gestand err"otend ein, da"s er zu empfindlich sei,
+um einer solchen Operation assistieren zu k"onnen. "`Al{\s}
+passiver Zuschauer"', sagte er, "`greift einen so wa{\s} doppelt
+an. Meine Nerven sind so herunter~..."'
+
+"`Quatsch!"' unterbrach ihn Canivet. "`Mir machen Sie vielmehr den
+Eindruck, al{\s} solle Sie demn"achst der Schlag r"uhren.
+"Ubrigen{\s} kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr"uh
+bi{\s} abend{\s} in Eurer Giftbude. Da{\s} mu"s sich ja
+schlie"slich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag
+f"ur Tag stehe ich vier Uhr morgen{\s} auf, wasche mich mit
+ei{\s}kaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden
+gibt{\s} f"ur mich nicht, da{\s} Zipperlein kriege ich nicht, und
+mein Magen ist mord{\s}gesund. Dabei lebe ich heute so und morgen
+so, wie mir{\s} gerade einf"allt, aber immer al{\s}
+Leben{\s}k"unstler! Und de{\s}halb bin ich auch nicht so
+zimperlich wie Sie. E{\s} ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn
+oder einem christlichen Individuum da{\s} Bein abschneide. Sie
+haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheit{\s}tier.
+Sehr richtig! E{\s} ist alle{\s} blo"s Gewohnheit~..."'
+
+Ohne irgendwelche R"ucksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem
+Lager vor Angst schwitzte, f"uhrten die beiden ihre Unterhaltung
+in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl"utigkeit
+eine{\s} Chirurgen mit der eine{\s} Feldherrn. Durch diesen
+Vergleich geschmeichelt, lie"s sich Canivet de{\s} l"angeren "uber
+die Erfordernisse seiner Kunst au{\s}. Der Beruf de{\s} Arzte{\s}
+sei ein Priesteramt, und wer e{\s} nicht al{\s} da{\s}, sondern
+al{\s} gemeine{\s} Handwerk au{\s}"ube, der sei ein
+Heiligtumsch"ander.
+
+Endlich erinnerte er sich de{\s} Patienten und begann da{\s} von
+Homai{\s} gelieferte Verband{\s}zeug zu pr"ufen. E{\s} war
+dasselbe, da{\s} bereit{\s} bei der ersten Operation zur Stelle
+gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der da{\s} Bein
+festhalten k"onne. Lestiboudoi{\s} ward geholt.
+
+Der Doktor zog den Rock au{\s}, streifte sich die Hemd{\s}"armel
+hoch und begab sich in da{\s} Billardzimmer, w"ahrend der
+Apotheker in die K"uche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia
+neugierig und "angstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen
+waren wei"ser al{\s} ihre Sch"urzen.
+
+W"ahrenddessen wagte sich Bovary nicht au{\s} seinem Hause
+herau{\s}. Er sa"s unten in der Gro"sen Stube, zusammengeduckt und
+die H"ande gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer
+brannte, und starrte vor sich hin. "`Welch ein Mi"sgeschick!"'
+seufzte er. "`Wa{\s} f"ur eine gro"se Entt"auschung!"' Er hatte
+doch alle denkbaren Vorsicht{\s}ma"sregeln getroffen, und doch war
+der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu "andern!
+Wenn Hippolyt noch st"urbe, dann w"are er schuld daran! Und wa{\s}
+sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten?
+Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er
+wu"ste doch selber keinen, so sehr er auch dar"uber nachsann. Die
+ber"uhmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber da{\s} wird
+kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur au{\s}lachen und in
+Verruf bringen. Die Sache wird bi{\s} Forge{\s} ruchbar werden,
+bi{\s} Neufch\^atel, bi{\s} Rouen und noch weiter! Vielleicht
+w"urde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver"offentlichen,
+dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw"ange, in den Zeitungen
+eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k"onnte auf Schadenersatz
+klagen.
+
+Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von
+tausend Bef"urchtungen best"urmte Phantasie schwankte hin und her
+wie eine leere Tonne auf den Wogen de{\s} Meere{\s}.
+
+Emma sa"s ihm gegen"uber und beobachtete ihn. An seine Dem"utigung
+dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie
+hatte sie sich nur einbilden k"onnen, da"s sich ein Mann seine{\s}
+Schlage{\s} zu einer Leistung aufschw"ange, wo sich seine
+Unf"ahigkeit doch schon mehr al{\s} ein dutzendmal erwiesen hatte!
+
+Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.
+
+"`Setz dich doch!"' sagte sie. "`Du machst mich noch ganz
+verr"uckt!"'
+
+Er tat e{\s}.
+
+Wie hatte sie e{\s} nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug
+war! --, da"s sie sich abermal{\s} so get"auscht hatte? Aber ja,
+ihr ganzer Leben{\s}pfad war doch fortw"ahrend durch da{\s}
+traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet!
+Sie rief sich alle{\s} einzeln in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uck:
+ihren unbefriedigten Hang zum Leben{\s}genu"s, die Einsamkeit
+ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihre{\s}
+Hau{\s}stande{\s}, ihre Tr"aume und Illusionen, die in den Sumpf
+hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an
+alle{\s} da{\s}, wa{\s} sie sich ersehnt, an alle{\s}, wa{\s} sie
+von sich gewiesen, an alle{\s}, wa{\s} sie h"atte haben k"onnen!
+Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn
+alle{\s} so? Warum?
+
+Da{\s} St"adtchen lag in tiefer Ruhe. Pl"otzlich erscholl ein
+herzzerrei"sender Schrei. Bovary ward bla"s und beinahe ohnm"achtig.
+Emma zuckte nerv"o{\s} mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr
+nicht{\s} mehr anzusehen.
+
+Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und
+ohne Feingef"uhl! Da sa"s er, stumpfsinnig und ohne Verst"andni{\s}
+daf"ur, da"s er nicht nur seinen Namen l"acherlich und ehrlo{\s}
+gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren
+Namen! Und sie, sie hatte sich solche M"uhe gegeben, ihn zu lieben!
+Hatte unter Tr"anen bereut, da"s sie ihm untreu geworden war!
+
+"`Vielleicht war e{\s} ein Valgu{\s}?"' rief Karl pl"otzlich laut
+au{\s}. Da{\s} war da{\s} Ergebni{\s} seine{\s} Nachsinnen{\s}.
+
+Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Au{\s}ruf den Gedanken
+Emma{\s} versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne
+Platte --, hob sie erschrocken ihr Haupt. Wa{\s} wollte er damit
+sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam
+erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich
+seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick
+eine{\s} Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den
+verhallenden Schreien de{\s} Amputierten. Der heulte in
+langgedehnten T"onen, die ab und zu von grellem Gebr"ull
+unterbrochen wurden. Alle{\s} da{\s} klang wie da{\s} ferne
+Gejammer eine{\s} Tiere{\s}, da{\s} man schlachtet. Emma bi"s sich
+auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer
+Blume, die sie zerpfl"uckt hatte, und ihre hei"sen Blicke trafen
+ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alle{\s} an ihm; sein
+Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja
+seine Existenz. Wie "uber ein Verbrechen empfand sie darob Reue,
+da"s sie ihm so lange treu geblieben, und wa{\s} noch von
+Anh"anglichkeit "ubrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen
+ihre{\s} Ingrimm{\s} auf. Mit wilder Schadenfreude geno"s sie den
+Siege{\s}jubel "uber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie
+de{\s} Geliebten und f"uhlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein
+Bild ent\/z"uckte und verf"uhrte sie in Gedanken abermal{\s}. Sie
+gab ihm ihre ganze Seele. E{\s} war ihr, al{\s} sei Karl au{\s}
+ihrem Leben herau{\s}gerissen, f"ur immer entfremdet, unm"oglich
+geworden, au{\s}getilgt. Al{\s} sei er gestorben, nachdem er vor
+ihren Augen den Tode{\s}kampf gek"ampft hatte. Vom Trottoir her
+drang da{\s} Ger"ausch von Tritten herauf. Karl ging an da{\s}
+Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor
+Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte
+sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt
+Homai{\s}, die gro"se rote Reisetasche in der Hand. Beide
+steuerten auf die Apotheke zu.
+
+In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebe{\s}bed"urfni{\s}
+n"aherte sich Karl seiner Frau:
+
+"`Gib mir einen Ku"s, Geliebte!"'
+
+"`La"s mich!"' wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.
+
+"`Wa{\s} hast du denn? Wa{\s} ist dir?"' fragte er betroffen.
+"`Sei doch ruhig! "Argere dich nicht! Du wei"st ja, wie sehr ich
+dich liebe! Komm!"'
+
+"`Weg!"' rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st"urzte au{\s} dem
+Zimmer, wobei sie die T"ur so heftig hinter sich zuschlug, da"s
+da{\s} Barometer von der Wand fiel und in St"ucke ging.
+
+Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar"uber nach,
+wa{\s} sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer
+Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef"uhl von
+etwa{\s} Unheilvollem, Unfa"sbarem.
+
+Al{\s} Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er
+seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe
+sitzen und auf ihn warten. Sie k"u"sten sich, und all ihr "Arger
+schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zw"olfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
+Sie winkte sich Justin durch da{\s} Fenster her. Der legte schnell
+seine Arbeit{\s}sch"urze ab und trabte nach der H"uchette. Rudolf
+kam al{\s}bald. Sie hatte ihm nicht{\s} zu sagen, al{\s} da"s sie
+sich langweile, da"s ihr Mann gr"a"slich sei und ihr Dasein
+schrecklich.
+
+"`Kann ich da{\s} "andern?"' rief er einmal ungeduldig au{\s}.
+
+"`Ja, wenn du wolltest!"'
+
+Sie sa"s auf dem Fu"sboden zwischen seinen Knien, mit aufgel"ostem
+Haar und traumverlorenem Blick.
+
+"`Wieso?"' fragte er.
+
+Sie seufzte.
+
+"`Wir m"ussen irgendwo ander{\s} ein neue{\s} Leben beginnen ...
+weit weg von hier~..."'
+
+"`Ein toller Einfall!"' lachte er. "`Unm"oglich!"'
+
+Sie kam immer wieder darauf zur"uck. Er tat so, al{\s} sei ihm
+da{\s} unverst"andlich, und begann von etwa{\s} anderm zu
+sprechen.
+
+Wa{\s} Rudolf in der Tat nicht begriff, da{\s} war ihr ganze{\s}
+aufgeregte{\s} Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe.
+Sie m"usse dazu doch Anla"s haben, Motive. Sie klammere sich doch
+an ihn, al{\s} ob sie bei ihm Hilfe suche.
+
+Wirklich wuch{\s} ihre Z"artlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu
+Tag im gleichen Ma"se, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
+verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
+verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr"aglich vor,
+seine H"ande nie so vierschr"otig, sein Geist nie so
+schwerf"allig, seine Manieren nie so gew"ohnlich, al{\s} wenn sie
+nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war.
+Sie bildete sich ein, sie sei Rudolf{\s} Frau, seine treue Gattin.
+Immerw"ahrend tr"aumte sie von seinem dunklen welligen Haar,
+seiner braunen Stirn, seiner kr"aftigen und doch eleganten
+Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so
+leidenschaftlichen Menschen. Nur f"ur ihn pflegte sie ihre N"agel
+mit der Sorgfalt eine{\s} Ziseleur{\s}, f"ur ihn verschwendete sie
+eine Unmenge von Coldcream f"ur ihre Haut und von Peau d'E{\s}pagne
+f"ur ihre W"asche. Sie "uberlud sich mit Armb"andern, Ringen und
+Hal{\s}ketten. Wenn sie ihn erwartete, f"ullte sie ihre gro"sen
+blauen Gla{\s}vasen mit Rosen und schm"uckte ihr Zimmer und sich
+selber wie eine Kurtisane, die einen F"ursten erwartet. Felicie
+wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte
+sie in ihrer K"uche.
+
+Justin leistete ihr h"aufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
+Arbeit zu. Die Ellenbogen auf da{\s} lange B"ugelbrett gest"utzt,
+auf dem sie pl"attete, betrachtete er l"ustern alle die um ihn
+herum aufgeschichtete Damenw"asche, die Pikee-Unterr"ocke, die
+Spitzent"ucher, die Hal{\s}kragen, die breith"uftigen Unterhosen.
+
+"`Wozu hat man da{\s} alle{\s}?"' fragte der Bursche, indem er mit
+der Hand "uber einen der Reifr"ocke strich.
+
+"`Hast du sowa{\s} noch niegesehen?"' Felicie lachte. "`Deine
+Herrin, Frau Homai{\s}, hat da{\s} doch auch!"'
+
+"`So? Die Frau Homai{\s}!"' Er sann nach. "`Ist sie denn eine Dame
+wie die Frau Doktor?"'
+
+Felicie liebte e{\s} gar nicht, wenn er sie so umschn"uffelte. Sie
+war drei Jahre "alter al{\s} er, und "ubrigen{\s} machte ihr
+Theodor, der Diener de{\s} Notar{\s}, neuerding{\s} den Hof.
+
+"`La"s mich in Ruhe!"' sagte sie und stellte den St"arketopf
+beiseite. "`Scher dich lieber an \so{deine} Arbeit! Sto"s deine
+Mandeln! Immer mu"st du an irgendeiner Sch"urze h"angen! Eh du
+dich damit befa"st, la"s dir mal erst die Stoppeln unter der Nase
+wachsen, du Knirp{\s}, du nicht{\s}n"utziger!"'
+
+"`Ach, seien Sie doch nicht gleich b"o{\s}! Ich putze Ihnen auch
+die Schuhe f"ur die Frau Doktor!"'
+
+Alsobald machte er sich "uber ein Paar von Frau Bovary{\s} Schuhen
+her, die in der K"uche standen. Sie waren "uber und "uber mit
+eingetrocknetem Stra"senschmutz bedeckt -- vom letzten
+Stelldichein her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo
+gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin
+betrachtete sie sich.
+
+"`Hab nur keine Angst! Die gehen nicht ent\/zwei!"' sagte Felicie,
+die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
+anwandte, weil die Herrin sie ihr "uberlie"s, sobald sie nicht
+mehr tadello{\s} au{\s}sahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in
+ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber
+Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
+
+So gab er auch dreihundert Franken f"ur ein h"olzerne{\s} Bein
+au{\s}, da{\s} Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen
+m"usse. Die Fl"ache, mit der e{\s} anlag, war mit Kork "uberzogen.
+E{\s} hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und
+Schuh verdeckten e{\s} vollkommen. Hippolyt wagte e{\s} indessen
+nicht in den Alltag{\s}gebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm
+noch ein andere{\s}, einfachere{\s} zu besorgen. Wohl oder "ubel
+mu"ste der Arzt auch diese Au{\s}gabe tragen. Nun konnte der
+Hau{\s}knecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah
+man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den
+harten Anschlag de{\s} Stelzfu"se{\s} auf dem Pflaster vernahm,
+schlug er schnell einen anderen Weg ein.
+
+Lheureux, der Modewarenh"andler, hatte da{\s} Holzbein besorgt.
+Da{\s} gab ihm Gelegenheit, Emma h"aufig aufzusuchen. Er plauderte
+mit ihr "uber die neuesten Pariser Moden und "uber tausend Dinge,
+die Frauen interessieren. Dabei war er immer "au"serst gef"allig
+und forderte niemal{\s} bare Bezahlung. Alle Launen und Einf"alle
+Emma{\s} wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie
+Rudolf einen sehr sch"onen Reitstock schenken, den sie in Rouen in
+einem Schirmgesch"aft gesehen hatte. Eine Woche sp"ater legte
+Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber
+"uberreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von
+zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centime{\s}. Emma
+war in der gr"obsten Verlegenheit. Die Kasse war leer.
+Lestiboudoi{\s} hatte noch Lohn f"ur vierzehn Tage zu bekommen,
+Felicie f"ur acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
+Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang
+de{\s} Honorar{\s} von Herrn Derozeray{\s}, da{\s} allj"ahrlich
+gegen Ende Oktober einzugehen pflegte.
+
+Ein paar Tage gelang e{\s} ihr, Lheureux zu vertr"osten. Dann
+verlor er aber die Geduld. Man dr"ange auch ihn, er brauche Geld,
+und wenn er nicht al{\s}bald welche{\s} von ihr bek"ame, m"usse er
+ihr alle{\s} wieder abnehmen, wa{\s} er ihr geliefert habe.
+
+"`Gut!"' meinte Emma. "`Holen Sie sich{\s}!"'
+
+"`Ach wa{\s}! Da{\s} hab ich nur so gesagt!"' entgegnete er.
+"`Indessen um den Reitstock tut{\s} mir wirklich leid! Bei Gott,
+den werd ich mir vom Herrn Doktor zur"uckgeben lassen!"'
+
+"`Um Gotte{\s} willen!"' rief sie au{\s}.
+
+"`Warte nur! Dich hab ich!"' dachte Lheureux bei sich.
+
+Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
+lispelte er in seinem gewohnten Fl"ustertone vor sich hin:
+
+"`Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!"'
+
+Frau Bovary gr"ubelte gerade dar"uber nach, wie sie diese Geschichte
+in Ordnung bringen k"onne, da kam da{\s} M"adchen und legte eine
+kleine in blaue{\s} Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
+Empfehlung von Herrn Derozeray{\s}. Emma sprang auf und brach die
+Rolle auf. E{\s} waren dreihundert Franken in Napoleon{\s}, da{\s}
+schuldige Honorar. Karl{\s} Tritte wurden drau"sen auf der Treppe
+h"orbar. Sie legte da{\s} Gold rasch in die Schublade und steckte
+den Schl"ussel ein.
+
+Drei Tage darauf erschien Lheureux abermal{\s}.
+
+"`Ich m"ochte Ihnen einen Vergleich vorschlagen"', sagte er.
+"`Wollen Sie mir nicht statt de{\s} baren Gelde{\s} lieber~..."'
+
+"`Hier haben Sie Ihr Geld!"' unterbrach sie ihn und z"ahlte ihm
+vierzehn Goldst"ucke in die Hand.
+
+Der Kaufmann war verbl"ufft. Um seine Entt"auschung zu verbergen,
+brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
+m"oglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
+
+Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
+dem Kleingeld, da{\s} sie wieder herau{\s}bekommen und in die
+Tasche ihrer Sch"urze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t"uchtig
+zu sparen, damit sie recht bald~...
+
+"`Wa{\s} ist da weiter dabei?"' beruhigte sie sich. "`Er wird
+nicht gleich dran denken!"'
+
+Au"ser dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
+Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem
+Wahlspruch: \begin{antiqua}Amor nel Cor!\end{antiqua} (Liebe im
+Herzen!), fernerhin ein seidene{\s} Hal{\s}tuch und eine
+Zigarrentasche, zu der sie al{\s} Muster die Tasche genommen
+hatte, die Karl damal{\s} auf der Landstra"se gefunden hatte,
+al{\s} sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie
+sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem
+Str"auben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so
+mu"ste er sich schlie"slich f"ugen. Er fand da{\s} aufdringlich
+und h"ochst r"ucksicht{\s}lo{\s}.
+
+Sie hatte wunderliche Einf"alle.
+
+"`Wenn e{\s} Mitternacht schl"agt,"' bat sie ihn einmal, "`mu"st
+du an mich denken!"'
+
+Al{\s} er hinterher gestand, er habe e{\s} vergessen, bekam er
+endlose Vorw"urfe zu h"oren, die alle in die Worte au{\s}klangen:
+
+"`Du liebst mich nicht mehr!"'
+
+"`Ich dich nicht mehr lieben?"'
+
+"`"Uber alle{\s}?"'
+
+"`Nat"urlich!"'
+
+"`Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?"'
+
+"`Glaubst du, ich h"atte meine Unschuld bei dir verloren?"' brach
+er lachend au{\s}.
+
+Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M"uhe
+zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
+mildern suchte.
+
+"`Ach, du wei"st gar nicht, wie ich dich liebe!"' begann sie von
+neuem. "`Ich liebe dich so sehr, da"s ich nicht von dir lassen
+kann! Verstehst du da{\s}? Manchmal habe ich solche Sehnsucht,
+dich zu sehen, und dann springt mir beinahe da{\s} Herz vor lauter
+Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern
+Frauen? Sie l"acheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein;
+nicht wahr, e{\s} gef"allt dir keine? E{\s} gibt ja sch"onere
+al{\s} ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine
+Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so
+gut! So sch"on! So klug und stark!"'
+
+Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh"ort, da"s
+e{\s} ihm ganz und gar nicht{\s} Neue{\s} mehr war. Emma war darin
+nicht ander{\s} al{\s} alle seine fr"uheren Geliebten, und der
+Reiz der Neuheit fiel St"uck um St"uck von ihr ab wie ein Gewand,
+und da{\s} ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt
+zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er
+war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da"s unter den
+n"amlichen Au{\s}druck{\s}formen himmelweit voneinander
+verschiedene Gef"uhl{\s}arten existieren k"onnen. Weil ihm die
+Lippen liederlicher oder k"auflicher Frauenzimmer schon die
+gleichen Phrasen zugefl"ustert hatten, war sein Glaube an die
+Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach.
+
+"`Man darf die "uberschwenglichen Worte nicht gelten lassen,"'
+sagte er sich, "`sie sind nur ein M"antelchen f"ur
+Alltag{\s}empfindungen."'
+
+Aber ist e{\s} nicht oft so, da"s ein "ubervolle{\s} Herz mit den
+banalsten Worten nach Au{\s}druck sucht? Und vermag denn jemand
+genau zu sagen, wie gro"s sein W"unschen und Wollen, seine
+Innenwelt, seine Schmerzen sind? De{\s} Menschen Wort ist wie eine
+gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie herau{\s}trommeln,
+nach der kaum ein B"ar tanzt, w"ahrend wir die Sterne bewegen
+m"ochten.
+
+Aber mit der "Uberlegenheit, die kritischen Naturen eigent"umlich
+ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
+dieser Liebschaft neue Gen"usse. Er nahm keine ihm unbequeme
+R"ucksicht auf Emma{\s} Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie
+bar jede{\s} Zwange{\s}. Er machte sie zu allem f"ugsam und
+verdarb sie gr"undlich. Sie hegte eine geradezu h"undische
+Anh"anglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alle{\s}. Woll"ustig
+empfand sie Gl"uckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre
+Seele ertrank in diesem Rausche.
+
+Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
+"au"serlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k"uhner, ihre
+Rede freim"utiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung
+Rudolf{\s}, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, "`um die
+Spie"ser zu "argern"', wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war
+e{\s} g"anzlich geschehen, al{\s} man sie eine{\s} sch"onen
+Tage{\s} in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener
+Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem
+heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne
+Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger al{\s} die
+Yonviller Philister. Und noch viele{\s} andre mi"sfiel ihr.
+Zun"achst hatte Karl ihrem Rate entgegen da{\s} Roman-Lesen doch
+wieder zugelassen. Und dann war "uberhaupt die "`ganze
+Wirtschaft"' nicht nach ihrem Sinne. Al{\s} sie sich Bemerkungen
+dar"uber gestattete, kam e{\s} zu einem "argerlichen Auftritt.
+Felicie war die n"ahere Veranlassung dazu.
+
+Die alte Frau Bovary hatte da{\s} M"adchen eine{\s} Abend{\s},
+al{\s} sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eine{\s} nicht
+mehr besonder{\s} jungen Manne{\s} "uberrascht. Der Betreffende
+trug ein braune{\s} Hal{\s}tuch und verschwand bei der Ann"aherung
+der alten Dame. Emma lachte, al{\s} ihr der Vorfall berichtet
+ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl"arte, wer
+bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig
+Wert darauf.
+
+"`Sie sind wohl au{\s} Hinterpommern?"' fragte die junge Frau so
+impertinent, da"s sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
+konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
+
+"`Verlassen Sie mein Hau{\s}!"' schrie Emma und sprang auf.
+
+"`Emma! Mutter!"' rief Karl beschwichtigend.
+
+In ihrer Erregung waren beide Frauen au{\s} dem Zimmer gest"urzt.
+Emma stampfte mit dem Fu"se auf, al{\s} er ihr zuredete.
+
+"`So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!"' rief sie.
+
+Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au"ser sich und stammelte:
+
+"`So eine Unversch"amtheit! Eine leichtsinnige Trine.
+Schlimmere{\s} vielleicht noch!"'
+
+Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
+Verzeihung gebeten w"urde.
+
+Karl ging abermal{\s} zu seiner Frau und beschwor sie auf den
+Knien, doch nachzugeben. Schlie"slich sagte sie:
+
+"`Meinetwegen!"'
+
+In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
+der W"urde einer F"urstin.
+
+"`Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!"'
+
+Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
+den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in da{\s} Kissen
+vergraben.
+
+F"ur den Fall, da"s sich irgend etwa{\s} Besondere{\s} ereignen
+sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen
+wei"sen Zettel zu stecken. Wenn er zuf"allig in Yonville w"are,
+solle er daraufhin sofort durch da{\s} G"a"schen an die hintere
+Gartenpforte eilen.
+
+Diese{\s} Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa"s sie wartend am
+Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
+der Hallen. Beinahe h"atte sie da{\s} Fenster aufgerissen und ihn
+hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
+"uberkam sie.
+
+Bald darauf vernahm sie unten auf dem B"urgersteige Tritte. Da{\s}
+war er. Zweifello{\s}! Sie eilte die Treppe hinunter und "uber den
+Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
+
+"`Sei doch ein bi"schen vorsichtiger!"' mahnte er.
+
+"`Ach, wenn du w"u"stest!"' Und sie begann ihm den ganzen Vorfall
+zu erz"ahlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
+"ubertrieb sie manche{\s}, dichtete etliche{\s} hinzu und machte
+eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da"s er nicht
+da{\s} mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
+
+"`So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!"'
+
+"`Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!"' erwiderte
+sie. "`Eine Liebe wie die unsrige braucht da{\s} Tage{\s}licht
+nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte e{\s} nicht mehr
+au{\s}! Rette mich!"'
+
+Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr"anen,
+gl"anzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest"um.
+
+Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
+k"uhle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
+
+"`Wa{\s} soll ich tun? Wa{\s} willst du?"'
+
+"`Flieh mit mir!"' rief sie. "`Weit weg von hier! Ach, ich bitte
+dich um alle{\s} in der Welt!"'
+
+Sie pre"ste sich an seinen Mund, al{\s} wolle sie ihm mit einem
+Kusse da{\s} Ja einhauchen und wieder herau{\s}saugen.
+
+"`Aber~..."'
+
+"`Kein Aber, Rudolf!"'
+
+"`... und dein Kind?"'
+
+Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
+
+"`Da{\s} nehmen wir mit! Da{\s} ist ihm schon recht!"'
+
+"`Ein Teufel{\s}weib!"' dachte er bei sich, wie er ihr nachsah.
+Sie mu"ste in{\s} Hau{\s}. Man hatte nach ihr gerufen.
+
+W"ahrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary "uber da{\s}
+ver"anderte Wesen ihrer Schwiegertochter h"ochst verwundert.
+Wirklich, sie zeigte sich au"serordentlich f"ugsam, ja ehrerbietig,
+und da{\s} ging so weit, da"s Emma sie um ihr Rezept, Gurken
+einzulegen, bat.
+
+Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
+t"auschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
+einmal die volle Bitterni{\s} alle{\s} dessen durchzukosten,
+wa{\s} sie im Stiche lassen wollte? Nein, da{\s} lag ihr
+durchau{\s} nicht im Sinne. Der Gegenwart entr"uckt, lebte sie im
+Vorgeschmacke de{\s} kommenden Gl"ucke{\s}. Davon schw"armte sie
+dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter
+gelehnt, fl"usterte sie:
+
+"`Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
+Kannst du dir au{\s}denken, wie da{\s} dann sein wird? Mir ist
+e{\s} wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp"ure,
+da"s sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich da{\s} Gef"uhl
+haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken
+hinein! Wei"st du, ich z"ahle die Tage ... Und du?"'
+
+Frau Bovary hatte nie so sch"on au{\s}gesehen wie jetzt. Sie
+besa"s eine unbeschreibliche Art von Sch"onheit, die au{\s}
+Leben{\s}freude, Schw"armerei und Siege{\s}gef"uhl zusammenstr"omt
+und da{\s} Symbol seelischer und k"orperlicher Harmonie ist. Ihre
+heimlichen L"uste, ihre Tr"ubsal, ihre erweiterten
+Liebe{\s}k"unste und ihre ewig jungen Tr"aume hatten sich stetig
+entwickelt, just wie D"unger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur
+Entfaltung bringen, und nun erst erbl"uhte ihre volle Eigenart.
+Ihre Lider waren wie ganz besonder{\s} dazu geschnitten,
+schmachtende Liebe{\s}blicke zu werfen; sie verschleierten ihre
+Aug"apfel, w"ahrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl"ugel weitete
+und e{\s} leise um die H"ugel der Mundwinkel zuckte, die im
+Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war
+versucht zu sagen: ein Verf"uhrer und K"unstler habe den Knoten
+ihre{\s} Haare{\s} "uber dem Nacken geordnet. Er sah au{\s} wie
+eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l"assig
+geschlungen, weil er im Spiel de{\s} Ehebruch{\s} Tag f"ur Tag
+aufgenestelt ward. Emma{\s} Stimme war weicher und grazi"oser
+geworden, "ahnlich wie ihre Gestalt. Etwa{\s} unsagbar Zarte{\s},
+Bezaubernde{\s} str"omte au{\s} jeder Falte ihrer Kleider und
+au{\s} dem Rhythmu{\s} ihre{\s} Gange{\s}. Wie in den
+Flitterwochen erschien sie ihrem Manne ent\/z"uckend und ganz
+unwiderstehlich.
+
+Wenn er nacht{\s} sp"at nach Hause kam, wagte er sie nicht zu
+wecken. Da{\s} in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht
+warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im
+Halbdunkel wie ein wei"se{\s} Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen
+bauschigen Vorh"angen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen
+Atemz"uge seine{\s} Kinde{\s} zu h"oren. E{\s} wuch{\s} sichtlich
+heran, jeder Monat brachte e{\s} vorw"art{\s}. Im Geiste sah er
+e{\s} bereit{\s} abend{\s} au{\s} der Schule heimkehren, froh und
+munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu"ste
+da{\s} M"adel in eine Pension kommen. Da{\s} w"urde viel Geld
+kosten. Wie sollte da{\s} geschafft werden? Er sann nach. Wie
+w"are e{\s}, wenn man in der Umgegend ein kleine{\s} Gut pachtete?
+Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w"urde er hinreiten
+und da{\s} N"otige anordnen. Der Ertrag k"ame auf die Sparkasse,
+sp"ater k"onnten ja irgendwelche Papiere daf"ur gekauft werden.
+Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxi{\s}. Damit rechnete
+er, denn sein T"ochterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte
+etwa{\s} Ordentliche{\s} lernen, auch Klavier spielen. Und h"ubsch
+w"urde sie sein, die dann F"unfzehnj"ahrige! Ein Ebenbild ihrer
+Mutter! Ganz wie sie m"u"ste sie im Sommer einen gro"sen runden
+Strohhut tragen. Dann w"urden die beiden von weitem f"ur zwei
+Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T"ochterchen in Gedanken
+vor: abend{\s}, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater
+und Mutter, Pantoffeln f"ur ihn stickend. Und in der Wirtschaft
+w"urde sie helfen und da{\s} ganze Hau{\s} mit Lachen und Frohsinn
+erf"ullen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. E{\s} w"urde
+sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh"altnissen
+finden und sie gl"ucklich machen. Und so bliebe e{\s} dann
+immerdar~...
+
+Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
+w"ahrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
+Tr"aumereien nach.
+
+Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf"uhrt,
+auf der Reise nach einem andern Lande, au{\s} dem sie nie wieder
+zur"uckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
+dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
+pl"otzlich von Berge{\s}h"oh auf irgendwelche m"achtige Stadt
+hinab, mit ihrem Dom, ihren Br"ucken, Schiffen, Limonenhainen und
+wei"sen Marmorkirchen mit spitzen T"urmen. Zu Fu"s wanderten sie
+dann durch die Stra"sen. Frauen in roten Miedern boten ihnen
+Blumenstr"au"se an. Glocken l"auteten, Maulesel schrien, und
+dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font"anen, deren k"uhler
+Wasserstaub auf Haufen von Fr"uchten herabspr"uhte. Sie lagen zu
+Pyramiden aufgeschichtet da, zu F"u"sen bleicher Bilds"aulen, die
+unter dem Spr"uhregen l"achelten. Und eine{\s} Abend{\s}
+erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde
+trockneten, am Strand und zwischen den H"utten. Dort wollte sie
+bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem
+Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht de{\s}
+Meere{\s}. Sie fuhren in Gondeln und tr"aumten in H"angematten.
+Da{\s} Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen
+Gew"ander, und so warm und sternbes"at wie die s"u"sen N"achte,
+die sie schauernd genossen ... Da{\s} war ein unerme"slicher
+Zukunft{\s}traum; aber bi{\s} in die Einzelheiten dachte sie ihn
+nicht au{\s}. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der
+andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
+fluteten fernhin bi{\s} in den Horizont, endlo{\s}, in leiser
+Bewegung, stahlblau und sonnenbegl"anzt~...
+
+Da{\s} Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
+laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, al{\s} da{\s} wei"se
+D"ammerlicht an den Scheiben stand und Justin dr"uben die L"aden
+der Apotheke "offnete.
+
+Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
+
+"`Ich brauche einen Mantel, einen gro"sen gef"utterten Reisemantel
+mit einem breiten Kragen."'
+
+"`Sie wollen verreisen?"' fragte der H"andler.
+
+"`Nein, aber ... da{\s} ist ja gleichg"ultig! Ich kann mich auf
+Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!"'
+
+Lheureux machte einen Kratzfu"s.
+
+"`Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren
+... einen handlichen~..."'
+
+"`Sch"on! Sch"on! Ich wei"s schon: zweiundneunzig zu f"unfzig! Wie
+man sie jetzt meist hat!"'
+
+"`Und eine Handtasche f"ur da{\s} Nachtzeug!"'
+
+"`Aha,"' dachte der H"andler, "`sie hat sicher Krakeel gehabt!"'
+
+"`Da!"' sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr au{\s} dem
+G"urtel nestelte. "`Nehmen Sie da{\s}! Machen Sie sich damit
+bezahlt!"'
+
+Aber Lheureux str"aubte sich dagegen. Da{\s} ginge nicht. Sie
+w"are doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe?
+Wa{\s} solle denn da{\s}? Doch sie bestand darauf, da"s er
+wenigsten{\s} die Kette n"ahme.
+
+Er hatte sie bereit{\s} eingesackt und war schon drau"sen, da rief
+ihn Emma zur"uck.
+
+"`Behalten Sie da{\s} Bestellte vorl"aufig bei sich! Und den
+Mantel~...,"' sie tat so, al{\s} ob sie sich{\s} "uberlegte "`...
+den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie
+mir die Adresse de{\s} Schneider{\s} und sagen Sie ihm, der Mantel
+soll bei ihm zum Abholen bereitliegen."'
+
+Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
+Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
+machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl"atze in der Post
+bestellen, P"asse besorgen und nach Pari{\s} schreiben, damit
+da{\s} Gep"ack gleich direkt bi{\s} Marseille bef"ordert w"urde.
+In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann
+sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emma{\s}
+Gep"ack sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da"s
+irgendwer Verdacht sch"opfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war
+von ihrem Kinde niemal{\s} die Rede. Rudolf vermied e{\s}, davon
+zu sprechen. "`Sie denkt vielleicht nicht mehr daran"', sagte er
+sich.
+
+Er erbat sich zun"achst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
+zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmal{\s} zwei
+Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu"ste er
+eine Reise machen. So verging der August, bi{\s} sie sich nach
+allen diesen Verz"ogerungen schlie"slich "`unwiderruflich"' auf
+Montag den 4. September einigten.
+
+Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew"ohnlich
+ein.
+
+"`Ist alle{\s} bereit?"' fragte sie ihn.
+
+"`Ja."'
+
+Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
+den Rand der Gartenmauer.
+
+"`Du bist verstimmt?"' fragte Emma.
+
+"`Nein. Warum auch?"'
+
+Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z"artlichen Blick an.
+
+"`Vielleicht weil e{\s} nun fortgeht?"' fragte sie. "`Weil du
+Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganze{\s}
+jetzige{\s} Leben? Ich verstehe da{\s} wohl, wenn ich selber auch
+nicht{\s} derlei auf der Welt habe. Du bist mein alle{\s}! Und
+ebenso m"ochte ich dir alle{\s} sein, Familie und Vaterland. Ich
+will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!"'
+
+"`Wie lieb du bist!"' sagte er und zog sie an sein Herz.
+
+"`Wirklich?"' fragte sie in lachender Wollust. "`Du liebst mich?
+Schw"ore mir{\s}!"'
+
+"`Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an,
+Liebste!"'
+
+Der Vollmond ging purpurrot auf, dr"uben "uber der Linie de{\s}
+flachen Horizont{\s}, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er
+hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch
+ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l"ochrigen, schwarzen
+Vorhang. Und bald erschien er gl"anzend-wei"s im klaren Raume
+de{\s} weiten Himmel{\s}. Er ward immer silberner, und nun
+rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache "uber den Wellen in
+zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener
+Diamanten. Ring{\s}um leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur
+in den Wipfeln hingen dunkle Schatten.
+
+Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z"ugen den
+k"uhlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken
+und verloren in ihre Gedanken. Die Z"artlichkeit vergangener Tage
+ergriff von neuem ihre Herzen, unersch"opflich und schweigsam wie
+der dahinflie"sende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
+Erinnerung an da{\s} Einst war von Schatten durchwirkt, die
+verschwommener und wehm"utiger waren al{\s} die der unbeweglichen
+Weiden, deren Umrisse au{\s} den Gr"asern wuchsen. Zuweilen
+raschelte auf seiner n"achtlichen Jagd ein Tier durch{\s}
+Gestr"auch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h"orte, wie ein
+reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel.
+
+"`Wa{\s} f"ur eine wunderbare Nacht!"' sagte Rudolf.
+
+"`Wir werden noch sch"onere erleben!"' erwiderte Emma. Und wie zu
+sich selbst fuhr sie fort: "`Ach, wie herrlich wird unsere Reise
+werden ... Aber warum ist mir da{\s} Herz so schwer? Warum wohl?
+Ist e{\s} die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, da{\s}
+Gewohnte zu verlassen ... oder wa{\s} ist{\s}? Ach, e{\s} ist
+da{\s} "Uberma"s von Gl"uck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih
+mir!"'
+
+"`Noch ist e{\s} Zeit!"' rief er au{\s}. "`"Uberleg dir{\s}! Wird
+e{\s} dich auch niemal{\s} reuen?"'
+
+"`Niemal{\s}!"' beteuerte sie leidenschaftlich.
+
+Sie schmiegte sich an ihn.
+
+"`Wa{\s} k"onnte mir denn Schlimme{\s} bevorstehen! E{\s} gibt
+keine W"uste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht
+durchqueren w"urde! Je l"anger wir zusammen leben werden, um so
+inniger und vollkommener werden wir un{\s} lieben! Keine Sorge,
+kein Hinderni{\s} wird un{\s} mehr qu"alen! Wir werden allein sein
+und ein{\s} immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!"'
+
+Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr"aumen:
+
+"`Ja ... ja ... ja!"'
+
+Sie strich mit den H"anden durch sein Haar und fl"usterte wie ein
+kleine{\s} Kind unter gro"sen rollenden Tr"anen immer wieder:
+
+"`Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter
+Rudolf~..."'
+
+E{\s} schlug Mitternacht.
+
+"`Mitternacht!"' sagte sie. "`Nun hei"st e{\s}: morgen! Nur noch
+ein Tag!"'
+
+Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und al{\s} ob diese
+Geb"arde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
+fr"ohlich.
+
+"`Hast du die P"asse?"' fragte sie.
+
+"`Ja."'
+
+"`Hast du nicht{\s} vergessen?"'
+
+"`Nein."'
+
+"`Wei"st du da{\s} genau?"'
+
+"`Ganz genau!"'
+
+"`Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittag{\s}?"'
+
+Er nickte.
+
+"`Also morgen auf Wiedersehen!"' sagte Emma mit einem letzten
+Kusse.
+
+Er ging, und sie sah ihm nach.
+
+Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bi{\s} an den
+Bachrand und rief durch die Weiden hindurch:
+
+"`Auf morgen!"'
+
+Er war schon dr"uben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
+die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Al{\s} er sah,
+wie ihr wei"se{\s} Kleid allm"ahlich im Schatten verschwand wie
+eine Vision, da bekam er so heftige{\s} Herzklopfen, da"s er sich
+gegen einen Baum lehnen mu"ste, um nicht umzusinken.
+
+"`Ich bin kein Mann!"' rief er au{\s}. "`Hol mich der Teufel! Ein
+h"ubsche{\s} Weib war{\s} doch!"'
+
+Emma{\s} Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten
+ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp"orte er sich gegen
+diese R"uhrung.
+
+"`Nein, nein! Ich kann Hau{\s} und Hof nicht verlassen!"'
+
+Er gestikulierte heftig.
+
+"`Und dann da{\s} l"astige Kind ... die Scherereien ... die
+Kosten!"'
+
+Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} auf, um sich stark zu machen.
+
+"`Nein, nein! Tausendmal nein! E{\s} w"are eine Riesentorheit!"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dreizehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den
+Schreibtisch, "uber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine
+Jagdtroph"ae, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,
+wu"ste er nicht, wa{\s} er schreiben sollte. Den Kopf zwischen
+beide H"ande gest"utzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in
+weite Ferne entr"uckt. Der blo"se Entschlu"s, mit ihr zu brechen,
+hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.
+
+Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er au{\s} dem
+Schranke, der am Kopfende seine{\s} Bette{\s} stand, eine alte
+Blechschachtel hervor, in der urspr"unglich einmal Kake{\s} drin
+gewesen waren und in der er seine "`Weiberbriefe"' aufbewahrte.
+Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu
+oberst lag ein Taschentuch, verbla"ste Blutflecken darauf. E{\s}
+war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg"ange hatte sie
+einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel e{\s} ihm wieder ein.
+Daneben lag ein Bild von ihr, da{\s} sie ihm geschenkt hatte. Alle
+vier Ecken daran waren abgesto"sen. Da{\s} Kleid, da{\s} sie auf
+diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder
+Blick j"ammerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und
+sich da{\s} Urbild in die Phantasie zur"uckzurufen suchte,
+verschwammen Emma{\s} Z"uge in seinem Ged"achtnisse, gleichsam
+al{\s} ob sich die noch lebende Erinnerung und da{\s} gemalte
+Bildchen gegenseitig befehdeten und ein{\s} da{\s} andre
+vernichtete.
+
+Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die au{\s} der letzten
+Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,
+sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch"aft{\s}briefe. Er
+suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,
+mu"ste er den ganzen Kasten durchw"uhlen. Au{\s} dem Wust von
+Papieren und kleinen Gegenst"anden zog er mechanisch welke Blumen,
+ein Strumpfband, eine schwarze Ma{\s}ke, Haarnadeln und Locken
+herau{\s}. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten
+sich in{\s} Scharnier gezw"angt und rissen nun beim
+Herau{\s}nehmen~...
+
+Mit allen diesen Andenken vertr"odelte er eine Weile. Er stellte
+seine Betrachtungen "uber die verschiedenen Handschriften an,
+"uber den Stil in den einzelnen Briefb"undeln, "uber die nicht
+minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten
+z"artlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r"uhrselig. Die
+wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem
+bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang
+einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste
+Erinnerung herauf.
+
+Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.
+Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig
+in den Schmutz. Etwa{\s} Gemeinsame{\s} -- die Liebe -- stellte
+sie allesamt auf ein und da{\s}selbe Niveau.
+
+Wahllo{\s} nahm er einen Sto"s Briefe in die Finger, bildete eine
+Art F"acher darau{\s} und spielte damit. Schlie"slich aber warf er
+sie, halb gelangweilt, halb vertr"aumt, wieder in den Kasten und
+stellte diesen in den Schrank zur"uck.
+
+"`Lauter Bl"odsinn!"'
+
+Da{\s} war der Extrakt seiner Leben{\s}wei{\s}heit. Sein Herz war
+wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmung{\s}lo{\s}
+herumgetrampelt waren, da"s kein gr"uner Halm mehr spro"s. Die
+Freuden de{\s} Dasein{\s} hatten noch gr"undlicher gewirtschaftet.
+Die Sch"uler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolf{\s} Herz
+war keiner zu lesen.
+
+"`Nun aber lo{\s}!"' rief er sich zu.
+
+Er begann zu schreiben:
+
+"`Liebe Emma!
+
+Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."'
+
+"`Eigentlich sehr richtig!"' dachte er bei sich. "`Da{\s} ist nur
+in ihrem Interesse. Also durchau{\s} anst"andig von mir~..."'
+
+"`... Hast Du Dir Deinen Entschlu"s wirklich reiflich "uberlegt?
+Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, arme{\s} Lieb, in den ich
+Dich beinahe schon gef"uhrt h"atte? Wohl nicht! Du folgst mir
+tollk"uhn und zuversichtlich, im festen Glauben an da{\s} Gl"uck,
+an die Zukunft! Ach, wie ungl"ucklich sind wir! Und wie verblendet
+waren wir!"'
+
+Rudolf h"orte zu schreiben auf. Er suchte nach guten
+Au{\s}fl"uchten. "`Wenn ich ihr nun sagte, ich h"atte mein
+Verm"ogen verloren? Ach, nein, lieber nicht! "Ubrigen{\s} n"utzte
+da{\s} nicht{\s}. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem
+lo{\s}. E{\s} ist, wei"s Gott, verdammt schwer, so eine Frau
+wieder vern"unftig zu machen!"'
+
+Er sann nach, dann schrieb er weiter:
+
+"`Ich werde Dich niemal{\s} vergessen. Glaube mir da{\s}! Mein
+ganze{\s} Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner
+gedenken. So aber h"atte sich unsre Leidenschaft (da{\s} ist nun
+einmal da{\s} Schicksal alle{\s} Menschlichen!) eine{\s} Tage{\s},
+fr"uher oder sp"ater, doch verfl"uchtet. Zweifello{\s}! Wir w"aren
+ihrer m"ude geworden, und wer wei"s, ob mir nicht der gr"a"sliche
+Schmerz beschieden gewesen w"are, Deine Reue zu erleben und selber
+welche zu empfinden al{\s} Veranlasser der Deinigen? Die blo"se
+Vorstellung, Dir diese{\s} Leid verursachen zu k"onnen, martert
+mich. Liebste Emma, vergi"s mich! Wir h"atten un{\s} nie kennen
+lernen sollen! Warum bist Du so sch"on! Bin ich der Schuldige? Bei
+Gott, nein, nein! Wir m"ussen da{\s} Schicksal anklagen~..."'
+
+"`Diese{\s} Wort machte immer Eindruck"', sagte er zu sich.
+
+"`Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w"arst, wie e{\s} ihrer so
+viele gibt, ja dann h"atte ich den Versuch wagen k"onnen, au{\s}
+Egoi{\s}mu{\s}, ohne Gefahr f"ur Dich. Aber bei Deiner k"ostlichen
+schw"armerischen Art, dem Quell Deine{\s} Reize{\s} und zugleich
+Deine{\s} vielen Kummer{\s}, bist Du nicht imstande, Du Beste
+aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk"unftigen Stellung in der
+Welt vorau{\s}zusehen. Auch ich habe zun"achst gar nicht daran
+gedacht, habe mich in unserm H"ohengl"ucke behaglich gesonnt, mich
+in ein M"archenland getr"aumt und mich um keine Folgen
+gek"ummert~..."'
+
+"`Vielleicht glaubt sie, ich z"oge mich au{\s} Geiz zur"uck ...
+Auch egal! Desto besser! Wenn{\s} nur Schlu"s wird!"'
+
+"`... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h"atte un{\s}
+"uberall, wohin wir gekommen w"aren, Schwierigkeiten bereitet. Du
+h"attest unversch"amte Fragen, Verleumdungen, Schm"ahungen und
+vielleicht Beleidigungen "uber Dich ergehen lassen m"ussen.
+Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K"onigin erheben.
+Du solltest mein Heiligste{\s} sein. Nun bestrafe ich mich mit der
+Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimme{\s} angetan habe. Ich
+gehe fort. Wohin? Ach, ich wei"s e{\s} nicht, ich bin wahnsinnig!
+
+Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi"s den Ungl"ucklichen nicht
+ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen,
+damit sie mich in ihre Gebete einschlie"st!"'
+
+Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom
+Schreibtisch auf und schlo"s da{\s} Fenster.
+
+"`So! Ich denke, da{\s} gen"ugt! Halt! Noch etwa{\s}! Auf keinen
+Fall eine Au{\s}sprache!"'
+
+Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:
+
+"`Wenn Du diese betr"ubten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit
+weg, denn ich mu"s eilend{\s} fliehen, um der Versuchung zu
+entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach
+werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht
+miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k"uhl und
+vern"unftig. Adieu!"'
+
+Er setzte noch ein "`A dieu!"' darunter, in zwei Worten
+geschrieben. Da{\s} hielt er f"ur sehr geschmackvoll.
+
+"`Wie soll ich nun unterzeichnen?"' fragte er sich. "`Dein
+ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!"'
+
+Und er schrieb:
+
+\hfill "`Dein treuer Freund
+
+\hfill R."' \hspace{3em}
+
+Er la{\s} den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.
+
+"`Arme{\s} Frauchen!"' dachte er in einem Anflug von R"uhrseligkeit.
+"`Sie wird denken, ich sei gef"uhllo{\s} wie Stein. Eigentlich
+fehlen ein paar Tr"anenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Da{\s}
+ist mein Fehler."'
+
+Er go"s etwa{\s} Wasser au{\s} der Flasche in ein Gla{\s}, tauchte
+einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie"s einen gro"sen
+Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift
+f"arbte ihn bla"sblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun
+nach einem Petschaft. Da{\s} mit dem Wahlspruch
+\begin{antiqua}Amor nel Cor\end{antiqua} geriet ihm in die Hand.
+
+"`Pa"st eigentlich nicht gerade!"' dachte er. "`Ach wa{\s}! Tut
+nicht{\s}!"'
+
+Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.
+
+E{\s} war sp"at geworden. Am andern Tage stand er mittag{\s} gegen
+zwei Uhr auf. Al{\s}bald lie"s er ein K"orbchen Aprikosen
+pfl"ucken, legte den Brief unter die Weinbl"atter am Boden und
+befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz"uglich Frau
+Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h"aufig Nachrichten
+zukommen lassen, je nach der Jahre{\s}zeit, zusammen mit Fr"uchten
+oder Wild.
+
+"`Wenn sie sich nach mir erkundigt,"' instruierte er, "`dann
+antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers"onlich
+in die H"ande! Verstanden? So! Ab!"'
+
+Gerhard zog seine neue Bluse an, kn"upfte sein Taschentuch "uber
+die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit
+schwerf"alligen Schritten voller Gem"ut{\s}ruhe gen Yonville.
+
+Al{\s} der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit
+besch"aftigt, auf dem K"uchentische zusammen mit Felicie W"asche
+zu falten.
+
+"`Eine sch"one Empfehlung von meinem Herrn,"' vermeldete er, "`und
+da{\s} schickt er hier!"'
+
+Emma "uberkam eine bange Ahnung, und w"ahrend sie in ihrer
+Sch"urzentasche nach einem Geldst"ucke zum Trinkgeld suchte, sah
+sie den Mann mit verst"ortem Blick an. Der betrachtete sie
+verwundert; er begriff nicht, da"s ein solche{\s} Geschenk
+jemanden so sehr aufregen k"onne. Dann ging er.
+
+Felicie war noch da. Emma hielt e{\s} nicht l"anger au{\s}, sie
+eilte in da{\s} E"szimmer, indem sie sagte, sie wolle die
+Aprikosen dahin tragen. Dort sch"uttete sie den Korb au{\s}, nahm
+die Weinbl"atter herau{\s} und fand den Brief. Sie "offnete ihn
+und floh hinauf nach ihrem Zimmer, al{\s} brenne e{\s} hinter ihr.
+Sie war fassung{\s}lo{\s} vor Angst.
+
+Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwa{\s} zu ihr. Sie
+verstand e{\s} nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h"oher,
+au"ser Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr"uckt, immer den
+unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern
+knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen
+Bodent"ure stehen.
+
+Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht au{\s} dem
+Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte e{\s} nicht.
+Nirgend{\s} war sie ungest"ort.
+
+"`Ja, hier geht{\s}!"' sagte sie sich. Sie klinkte die T"ur auf
+und trat in die Bodenkammer.
+
+Unter den Schieferplatten de{\s} Dache{\s} br"utete dumpfe
+Schw"ule, die ihr auf die Schl"afen dr"uckte und den Atem benahm.
+Sie schleppte sich bi{\s} zu dem gro"sen Bodenfenster und stie"s
+den Holzladen auf. Grelle{\s} Licht flutete ihr entgegen.
+
+Vor ihr, "uber den D"achern, breitete sich da{\s} Land bi{\s} in
+die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine
+de{\s} Fu"ssteig{\s} gl"anzten. Die Wetterfahnen der H"auser
+standen unbeweglich. Au{\s} dem Eckhause schr"ag gegen"uber,
+au{\s} einem der Dachfenster drang ein schnarrende{\s},
+kreischende{\s} Ger"ausch herauf. Binet sa"s an seiner Drehbank.
+
+Emma lehnte sich an da{\s} Fensterkreuz und la{\s} den Brief mit
+zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je
+gr"undlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken.
+Im Geist sah sie den Geliebten, h"orte ihn reden, zog ihn
+leidenschaftlich an sich. Da{\s} Herz schlug ihr in der Brust wie
+mit wuchtigen Hammerschl"agen, die immer rascher und
+unregelm"a"siger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f"uhlte
+den Wunsch in sich, da"s die ganze Welt zusammenst"urze. Wozu
+weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die
+Vogelfreie?
+
+Sie bog sich weit au{\s} dem Fenster herau{\s} und starrte hinab
+auf da{\s} Stra"senpflaster.
+
+"`Mut! Mut!"' rief sie sich zu.
+
+Da{\s} leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihre{\s}
+K"orper{\s} f"ormlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung,
+al{\s} bewege sich die Fl"ache de{\s} Marktplatze{\s} und hebe
+sich an den H"ausermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie
+stand, begann zu schwanken wie da{\s} Deck eine{\s} Seeschiffe{\s}
+... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinau{\s}. Schon hing
+sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und
+die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch
+sich nicht mehr fest\/zuhalten, nur noch die H"ande lo{\s}zulassen
+... Ohne Unterla"s summte unten die Drehbank wie die rufende
+Stimme eine{\s} b"osen Geiste{\s}~...
+
+In diesem Moment rief Karl:
+
+"`Emma! Emma!"'
+
+Da kam sie wieder zur Besinnung.
+
+"`Wo steckst du denn? Komm doch!"'
+
+Der Gedanke, da"s sie soeben dem Tode entronnen war, erf"ullte sie
+mit Schrecken und Grauen. Sie schlo"s die Augen. Zusammenfahrend
+f"uhlte sie sich von jemandem am Arm gefa"st: e{\s} war Felicie.
+
+"`Gn"adige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet."'
+
+Sie mu"ste hinunter, mu"ste sich mit zu Tisch setzen.
+
+Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen
+hinunter. Sie faltete ihre Serviette au{\s}einander, al{\s} ob sie
+sich die au{\s}gebesserten Stellen genau ansehen wollte, und
+wirklich tat sie da{\s} und begann die F"aden de{\s} Gewebe{\s} zu
+z"ahlen ... Pl"otzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie
+ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt,
+al{\s} da"s sie imstande gewesen w"are, einen Vorwand zu ersinnen,
+um bei Tisch aufstehen zu k"onnen. Sie war feig geworden. Sie
+hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu"ste er nun alle{\s},
+sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent"umlicher
+Betonung:
+
+"`Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?"'
+
+"`Wer hat dir da{\s} gesagt?"' fragte sie zitternd.
+
+"`Wer mir da{\s} gesagt hat?"' wiederholte er, ein wenig betroffen
+von dem harten Klang ihrer Frage. "`Na, sein Kutscher, dem ich
+vorhin vor dem Cafe Fran\c{c}ai{\s} begegnet bin. Boulanger ist
+verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen~..."'
+
+Emma schluchzte laut auf.
+
+"`Wundert dich da{\s}?"' fuhr er fort. "`Er verdr"uckt sich doch
+immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kann{\s} ihm
+nicht verdenken. Wenn man da{\s} n"otige Geld dazu hat und
+Junggeselle ist~... "Ubrigen{\s} ist unser Freund ein
+Leben{\s}k"unstler! Ein alter Sch"aker! Langloi{\s} hat mir
+erz"ahlt~..."'
+
+Er verstummte, au{\s} Anstand, weil da{\s} Dienstm"adchen gerade
+hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in da{\s}
+K"orbchen, da{\s} auf der Kredenz stand. Karl lie"s e{\s} sich auf
+den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da"s seine Frau rot wurde. Er
+nahm eine der Fr"uchte und bi"s hinein.
+
+"`Ah!"' machte er. "`Vorz"uglich! Koste mal!"'
+
+Er schob ihr da{\s} K"orbchen zu. Sie wehrte leicht ab.
+
+"`So riech doch wenigsten{\s}! Da{\s} ist ein Duft!"'
+
+Er hielt ihr eine Aprikose link{\s} und recht{\s} an die Nase.
+
+"`Ich bekomm keine Luft!"' rief sie und sprang auf. Aber schnell
+beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft.
+"`E{\s} war nicht{\s}! Gar nicht{\s}! Wieder meine Nerven! Setz
+dich nur wieder hin und i"s!"'
+
+Sie f"urchtete, er k"onne sie au{\s}fragen, um sie besorgt sein
+und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte
+sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand
+und legte sie dann auf seinen Teller.
+
+Da fuhr drau"sen ein blauer Dogcart im flotten Trabe "uber den
+Markt. Emma stie"s einen Schrei au{\s} und fiel r"uckling{\s}
+langhin zu Boden.
+
+Rudolf hatte sich nach langer "Uberlegung entschlossen, nach Rouen
+zu fahren. Da nun aber von der H"uchette nach dorthin kein anderer
+Weg al{\s} der "uber Yonville f"uhrte, mu"ste er diesen Ort wohl
+oder "ubel ber"uhren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen,
+die drau"sen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.
+
+Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da"s im Hause de{\s}
+Arzte{\s} "`wa{\s} lo{\s} sei"', st"urzte herbei. Der E"stisch war
+mit allem, wa{\s} darauf gestanden, umgest"urzt. Die Teller,
+da{\s} Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und "Ol, alle{\s}
+lag auf dem Fu"sboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die
+erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in
+Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H"anden die Kleider auf.
+
+"`Ich werde schnell Kr"auteressig au{\s} meinem Laboratorium
+holen!"' sagte Homai{\s}.
+
+Al{\s} man Emma da{\s} Fl"aschchen an{\s} Gesicht hielt, schlug
+sie seufzend die Augen wieder auf.
+
+"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker. "`Damit kann man Tote
+erwecken!"'
+
+"`Sprich!"' bat Karl. "`Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein
+Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib
+ihr einen Ku"s!"'
+
+Da{\s} Kind streckte die "Armchen nach der Mutter au{\s} und
+wollte sie um den Hal{\s} fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg
+und stammelte:
+
+"`Nicht doch! Niemanden!"'
+
+Sie wurde abermal{\s} ohnm"achtig. Man trug sie in ihr Bett.
+
+Lang au{\s}gestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider
+geschlossen, die H"ande schlaff herabh"angend, regung{\s}lo{\s}
+und bla"s wie ein Wach{\s}bild. Ihren Augen entquollen Tr"anen,
+die in zwei Ketten langsam auf da{\s} Kissen rannen.
+
+Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und
+nachdenklich, wie da{\s} bei ernsten Vorf"allen so herk"ommlich
+ist.
+
+"`Beruhigen Sie sich!"' sagte Homai{\s} und zupfte den Arzt. "`Ich
+glaube, der Paroxy{\s}mu{\s} ist vor"uber."'
+
+"`Ja,"' erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. "`Jetzt
+scheint sie ein wenig zu schlafen, die "Armste! Ein R"uckfall in
+da{\s} alte Leiden!"'
+
+Nun erkundigte sich Homai{\s}, wie da{\s} gekommen sei. Karl gab
+zur Antwort:
+
+"`Ganz pl"otzlich! W"ahrend sie eine Aprikose a"s."'
+
+"`H"ochst merkw"urdig!"' meinte der Apotheker. "`E{\s} ist
+indessen m"oglich, da"s die Aprikosen die Ohnmacht verursacht
+haben. E{\s} gibt gewisse Naturen, die f"ur bestimmte Ger"uche
+stark empf"anglich sind. E{\s} w"are eine sehr interessante
+Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen,
+sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen
+Gesicht{\s}punkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu"st, wie
+wertvoll da{\s} f"ur sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim
+Gotte{\s}dienst ist uralt. Damit schl"afert man den Verstand ein
+und versetzt And"achtige in Ekstase, am leichtesten "ubrigen{\s}
+weibliche Wesen. Die sind feinnerviger al{\s} wir M"anner. Ich
+habe von F"allen gelesen, wo Frauen ohnm"achtig geworden sind beim
+Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot~..."'
+
+"`Geben Sie acht, da"s sie nicht aufgeweckt wird!"' mahnte Bovary
+mit fl"usternder Stimme.
+
+"`Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,"'
+fuhr der Apotheker fort, "`sondern sogar bei Tieren. Zweifello{\s}
+ist Ihnen nicht unbekannt, da"s \begin{antiqua}Nepeta
+cataria\end{antiqua}, vulg"ar Katzenminze, sonderbarerweise auf
+da{\s} gesamte Katzengeschlecht al{\s} Aphrodisiakum wirkt. Einen
+weiteren Beleg kann ich au{\s} meiner eigenen Erfahrung anf"uhren.
+Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt in der
+Malpalu-Stra"se -- besitzt einen Foxterrier, der jede{\s}mal
+Kr"ampfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabak{\s}dose vor die
+Nase h"alt. Ich habe diese{\s} Experiment selber ein paarmal mit
+angesehen, im Landhause meine{\s} Freunde{\s} am Wilhelm{\s}walde.
+Sollte man{\s} f"ur m"oglich halten, da"s ein so harmlose{\s}
+Niesemittel in den Organi{\s}mu{\s} eine{\s} Vierf"u"sler{\s}
+derartig eingreifen kann? Da{\s} ist h"ochst merkw"urdig, nicht
+wahr?"'
+
+"`Gewi"s!"' sagte Karl, der gar nicht darauf geh"ort hatte.
+
+"`Da{\s} beweist un{\s},"' fuhr der andre fort,
+gutm"utig-selbstgef"allig l"achelnd, "`da"s im Nervensystem
+zahllose Unregelm"a"sigkeiten m"oglich sind. Ich mu"s gestehen,
+da"s mir Ihre Frau Gemahlin immer au"serordentlich reizsam
+vorgekommen ist. Darum m"ochte ich Ihnen, verehrter Freund, auf
+keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die
+angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in
+Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier
+sind Medikamente unn"utz! Di"at! Weiter nicht{\s}! Beruhigende,
+milde, kr"aftigende Kost! Und dann, k"onnte man bei ihr nicht auch
+irgendwie auf die Einbildung{\s}kraft einzuwirken versuchen?"'
+
+"`Wieso? Womit?"'
+
+"`Ja, da{\s} ist eben die Frage! Da{\s} ist wirklich die Frage!
+\begin{antiqua}That is the question\end{antiqua}! -- wie ich
+neulich in der Zeitung gelesen habe."'
+
+Emma erwachte und rief:
+
+"`Der Brief? Der Brief?"'
+
+Die beiden M"anner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat
+da{\s} mitternacht{\s} ein. Emma hatte Gehirnent\/z"undung.
+
+In den n"achsten sech{\s} Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager.
+Er vernachl"assigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,
+unerm"udlich ma"s er ihren Pul{\s}, legte ihr Senfpflaster auf und
+erneute die Kaltwasser-Umschl"age. Er schickte Justin nach
+Neufch\^atel, um Ei{\s} zu holen. E{\s} schmolz unterweg{\s}.
+Justin mu"ste nochmal{\s} hin. Doktor Canivet wurde konsultiert.
+Professor Larivi\`ere, sein ehemaliger Lehrer, ward au{\s} Rouen
+hergeholt. Karl war der v"olligen Verzweiflung nahe. Am meisten
+"angstigte ihn Emma{\s} Apathie. Sie sprach nicht, interessierte
+sich f"ur nicht{\s}, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu
+empfinden. E{\s} war, al{\s} h"atten K"orper wie Geist bei ihr
+alle ihre Funktionen eingestellt.
+
+Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest"utzt, wieder
+aufrecht in ihrem Bette sitzen. Al{\s} sie da{\s} erste Br"otchen
+mit eingemachten Fr"uchten verzehrte, da weinte Karl. Allm"ahlich
+kehrten ihre Kr"afte zur"uck. Sie durfte nachmittag{\s} ein paar
+Stunden aufstehen, und eine{\s} Tage{\s} f"uhlte sie sich soweit
+wohl, da"s sie an Karl{\s} Arm einen kleinen Spaziergang durch den
+Garten versuchte.
+
+Auf den sandigen Wegen lag gefallene{\s} Laub. Sie ging ganz
+langsam, in Hau{\s}schuhen, ohne die F"u"se zu heben. An Karl
+angeschmiegt, l"achelte sie in einem fort vor sich hin.
+
+So schritten sie bi{\s} hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie
+stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand
+"uber die Augen. Lange schaute sie hinau{\s} in die Weite. Aber
+e{\s} gab in der Ferne nicht{\s} zu sehen al{\s} auf den H"ugeln
+gro"se Feuer, in denen man landwirtschaftliche "Uberbleibsel
+verbrannte.
+
+"`Da{\s} Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!"' warnte Karl
+und geleitete sie behutsam zur Laube hin. "`Setz dich hier ein
+wenig auf die Bank! Da{\s} wird dir gut tun!"'
+
+"`Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!"' stie"s sie mit
+ersterbender Stimme hervor.
+
+Sie wurde ohnm"achtig, und abend{\s} war die Krankheit von neuem
+da, und zwar in erh"ohtem Grade und mit allerlei Komplikationen.
+Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im
+Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein
+Au{\s}wurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der
+Lungenschwindsucht zu erkennen w"ahnte.
+
+Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Zun"achst wu"ste er nicht, wie er dem Apotheker die vielen
+Arzneien ver\-g"uten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Al{\s}
+Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber da{\s} w"are ihm
+peinlich gewesen. Dann war der Hau{\s}halt, jetzt wo ihn da{\s}
+M"adchen f"uhrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen
+regneten nur so in{\s} Hau{\s}. Die Lieferanten begannen
+ungeduldig zu werden. In{\s}besondre mahnte Lheureux in l"astiger
+Weise. Er hatte den H"ohepunkt von Emma{\s} Krankheit dazu
+benutzt, ihre Rechnung h"oher au{\s}zuschreiben, al{\s} sie
+wirklich war. Flug{\s} brachte er auch den Mantel, die Handtasche
+und zwei Koffer statt de{\s} einen und noch eine Menge andrer
+Gegenst"ande, die bestellt worden seien, wie er behauptete. E{\s}
+n"utzte Bovary gar nicht{\s}, da"s er erkl"arte, er brauche die
+Sachen nicht; der H"andler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle
+diese Waren seien bei ihm bestellt und er n"ahme sie nicht
+zur"uck. Herr Bovary m"oge sich{\s} "uberlegen; er werde ihn eher
+verklagen al{\s} sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin
+dem M"adchen, die Gegenst"ande im Gesch"aft abzugeben, aber
+Felicie verga"s e{\s}. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu
+k"ummern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit
+unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald
+jammernd, brachte er e{\s} so weit, da"s ihm Bovary schlie"slich
+einen Wechsel au{\s}stellte, der in sech{\s} Monaten f"allig war.
+Al{\s} er da{\s} Papier unterschrieb, kam ihm der k"uhne Gedanke,
+tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er
+ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zin{\s}fu"s verschaffen
+k"onne. Der Handel{\s}mann eilte sofort in seinen Laden, brachte
+da{\s} Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich
+Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahre{\s}
+eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereit{\s}
+anerkannten hundertundachtzig Franken ergab da{\s} eine
+Gesamtschuld von zw"olfhundertundf"unfzig Franken. Lheureux machte
+hierbei ein ganz h"ubsche{\s} Gesch"aft; im "ubrigen wu"ste er im
+vorau{\s} genau, da"s e{\s} hierbei nicht bliebe. Er rechnete
+darauf, da"s der Arzt die Wechsel am F"alligkeit{\s}tage nicht
+einl"osen k"onne und sie prolongieren m"usse. Auf diese Weise
+sollte da{\s} erst armselige S"ummchen im Hause de{\s} Arzte{\s}
+wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und
+eine{\s} Tage{\s} dick und rund zu ihm zur"uckkehren.
+
+Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die
+regelm"a"sigen Apfelweinlieferungen f"ur da{\s} Neufch\^ateler
+Krankenhau{\s}. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der
+Torfgruben zu Gr"ume{\s}nil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane,
+zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er"offnen,
+die den alten Rumpelkasten de{\s} Goldnen L"owen unbedingt au"ser
+Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f"uhre, billiger
+w"are und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von
+Yonville in seine H"ande bringen.
+
+Karl gr"ubelte oftmal{\s} dar"uber nach, wie er die betr"achtliche
+Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k"onne. Er kam dabei auf
+allerhand M"oglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden
+oder irgend etwa{\s} verkaufen? Aber erstere{\s} hatte vermutlich
+keinen Erfolg, und zu verkaufen gab e{\s} nicht{\s}. Er mochte
+sich sonst noch au{\s}denken, wa{\s} er wollte: "uberall drohten
+die gr"o"sten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu
+gern weitere unerfreuliche "Uberlegungen. Er redete sich ein, er
+vernachl"assige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und
+Trachten widme. Er wollte an nicht{\s} andre{\s} denken, selbst
+wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch"ahe.
+
+Der Winter war streng. Emma{\s} Genesung schritt nur langsam
+vorw"art{\s}. Al{\s} da{\s} Wetter w"armer wurde, schob man sie in
+ihrem Lehnstuhl an da{\s} Fenster, und zwar an da{\s} nach dem
+Marktplatze zu gelegene. Da{\s} andre mit dem Blick in den Garten
+war ihr jetzt verleidet; de{\s}halb mu"ste seine Jalousie
+best"andig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da"s ihr
+Reitpferd verkauft werden solle. Alle{\s}, wa{\s} ihr fr"uher lieb
+gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k"ummerte sich um nicht{\s}
+mehr al{\s} um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie
+in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M"adchen, um sich
+die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der
+Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen
+Widerschein in da{\s} Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand
+eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden
+unau{\s}bleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie
+eigentlich gar nicht{\s} angingen, am meisten vor der
+allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L"owen. Dann redete die
+Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l"armten dazwischen, und die
+Laterne Hippolyt{\s}, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck
+herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die
+Mittag{\s}zeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank
+ihre Bouillon. Um f"unf Uhr, wenn e{\s} zu d"ammern begann, kamen
+die Kinder au{\s} der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen
+"uber da{\s} Trottoir, und im Vor"ubergehen schlug ein{\s} wie
+da{\s} andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der
+Fensterl"aden.
+
+Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte
+sich nach ihrem Befinden, erz"ahlte ihr Neuigkeiten und ermahnte
+sie zur Fr"ommigkeit in gef"alligem Plaudertone. Schon der Anblick
+der Soutane hatte f"ur Emma etwa{\s} Beruhigende{\s}.
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte
+sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letzte{\s}
+St"undlein sei gekommen. W"ahrend man im Gemach die n"otigen
+Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen
+bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu"sboden mit
+Blumen bestreute, da war e{\s} ihr, al{\s} "uberk"ame sie eine
+geheimni{\s}volle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen
+und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k"orperlo{\s} geworden, sie
+hegte keine Gedanken mehr, und ein neue{\s} Leben begann ihr. Sie
+hatte da{\s} Gef"uhl, al{\s} schwebe ihre Seele gen Himmel, al{\s}
+verl"osche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine
+Opferflamme "uber verglimmendem R"aucherwerk. Man besprengte ihr
+Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei"se Hostie au{\s}
+dem heiligen Ciborium. Halb ohnm"achtig vor "uberirdischer Lust,
+"offnete Emma die Lippen, um den Leib de{\s} Heiland{\s} zu
+empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh"ange um sie herum
+bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen
+auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie
+Gloriolen her"uber. Al{\s} sie mit dem Kopfe in da{\s} Kissen
+zur"ucksank, glaubte sie au{\s} himmlischen H"ohen seraphische
+Harfenkl"ange zu h"oren und im Azur auf goldnem Throne, umringt
+von Heiligen mit gr"unen Palmen, Gott den Vater in aller seiner
+erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit
+Flammenfl"ugeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen~...
+
+Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged"achtnisse.
+E{\s} war der allersch"onste Traum, den sie je getr"aumt. Sie gab
+sich M"uhe, da{\s} Bild immer wieder zu empfinden. E{\s} wich ihr
+nicht au{\s} der Phantasie, aber e{\s} erschien ihr nur manchmal
+und in s"u"ser Verkl"arung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich
+in christlicher Demut. Da{\s} Gef"uhl der menschlichen Ohnmacht
+ward ihr ein k"ostlicher Genu"s. Sie sah f"ormlich, wie au{\s}
+ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden
+g"ottlichen Gnade T"ur und Tor weit "offnete. E{\s} gab also
+au"ser dem Erdengl"uck eine h"ohere Gl"uckseligkeit und "uber
+aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und
+ohne Ende, eine Br"ucke in da{\s} Ewige! In neuen Illusionen
+ertr"aumte sie sich "uber der Erde ein Reich der Reinheit, einen
+Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine
+Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr"anze und trug Amulette.
+Ihr gr"o"ster Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H"aupten ihre{\s}
+Bette{\s}, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den
+wollte sie dann alle Abende k"ussen.
+
+Der Pfarrer wunderte sich "uber Emma{\s} Wandlung, verhehlte sich
+jedoch nicht, da"s diese allzu inbr"unstige Fr"ommigkeit sehr
+leicht in "Uberschwenglichkeit und Ketzerei au{\s}arten k"onne.
+Aber er war kein Seelenkenner, zumal au"sergew"ohnlichen
+Erscheinungen gegen"uber. De{\s}halb wandte er sich an den
+Buchh"andler de{\s} Erzbischof{\s} und bat ihn, ihm "`ein
+passende{\s} Erbauung{\s}buch f"ur eine gebildete
+Frauen{\s}person"' zu schicken. Mit der gr"o"sten
+Gleichg"ultigkeit, al{\s} handle e{\s} sich darum, irgendwelchen
+Krim{\s}kram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der
+Buchh"andler alle m"oglichen gerade vorr"atigen frommen Schriften
+in ein Paket: Katechi{\s}men in Form von Frage und Antwort,
+Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr"ommelnde Romane in
+rosa Einb"andchen und s"u"slichem Stil, verbrochen von dichtenden
+Schulmeistern oder blaustr"umpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:
+"`Die Herzpostille"', "`Der Weltmann zu F"u"sen Mari"a. Von Herrn
+von ***, Ritter mehrerer Orden"', "`Voltaire{\s} Ketzereien zum
+Gebrauch f"ur die Jugend"', usw. usw.
+
+Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen
+Dingen ernstlich befassen zu k"onnen. "Uberdie{\s} st"urzte sie
+sich auf diese B"ucher mit allzu gro"sem Bed"urfni{\s} nach
+wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp"orte
+sie, die Anma"sungen der Polemik stie"sen sie ab, und die
+Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden,
+mi"sfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi"ose
+Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der
+geringsten Weltkenntni{\s}. Sie verschleierten die Realit"aten
+de{\s} Leben{\s}, f"ur deren Brutalit"at sie viel lieber
+literarische Beweise gefunden h"atte. Trotzdem la{\s} sie weiter,
+und wenn ihr ein{\s} der B"ucher au{\s} den H"anden glitt, dann
+w"ahnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu
+empfinden, wie ihn nur die "ubersinnlichsten Seelen zu versp"uren
+imstande sind.
+
+Da{\s} Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihre{\s}
+Herzen{\s} begraben; darin ruhte e{\s} unber"uhrter und stiller
+denn eine "agyptische K"onig{\s}mumie in ihrer Kammer. Au{\s}
+dieser gro"sen eingesargten Liebe drang ein leiser, alle{\s}
+durchstr"omender Duft von Z"artlichkeit in da{\s} neue reine
+Dasein, da{\s} Emma f"uhren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen
+Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten
+Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl"ustert hatte in den
+Ekstasen de{\s} Ehebruch{\s}. Damit wollte sie der g"ottlichen
+Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine
+Tr"ostung, und sie erhob sich mit m"uden Gliedern und dem leeren
+Gef"uhl, namenlo{\s} betrogen worden zu sein. Diese{\s} Suchen,
+dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut
+ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro"sen Damen
+der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damal{\s}, al{\s} sie "uber den
+Szenen au{\s} dem Leben de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere
+tr"aumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k"oniglicher
+Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen
+Stunden zu F"u"sen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen
+au{\s}geweint hatten.
+
+Nun wurde sie "uber die Ma"sen mildt"atig. Sie n"ahte Kleider f"ur
+die Armen, schickte W"ochnerinnen Brennholz, und al{\s} Karl
+eine{\s} Tage{\s} heimkam, fand er in der K"uche drei
+Gassenjungen, die Suppe a"sen. Die kleine Berta wurde wieder
+in{\s} Hau{\s} genommen; Karl hatte sie w"ahrend der Krankheit
+seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma
+da{\s} Lesen beibringen. Wenn da{\s} Kind weinte, regte sie sich
+nicht mehr auf. E{\s} war eine Art Resignation "uber sie gekommen,
+eine duldsame Nachsicht gegen alle{\s}. Ihre Sprache ward voll
+gew"ahlter Au{\s}dr"ucke, selbst Allt"aglichkeiten gegen"uber.
+
+Die alte Frau Bovary hatte nicht{\s} mehr an Emma au{\s}zusetzen,
+abgesehen von ihrer Manie, f"ur Waisenkinder Jacken zu stricken
+und ihre eigenen Wischt"ucher unau{\s}gebessert zu lassen. Aber
+die gute Frau war der Zwiste in ihre{\s} Manne{\s} Hause derma"sen
+m"ude, da"s ihr der Frieden am Herde ihre{\s} Sohne{\s} so
+wohltat, da"s sie bi{\s} nach Ostern dablieb, um den
+B"arbei"sigkeiten de{\s} alten Bovary zu entgehen, der alle
+Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem
+Tische sehen wollte.
+
+Au"ser der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre
+Rechtlichkeit und ihr w"urdige{\s} Wesen einen gewissen Halt gab,
+hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. E{\s} verkehrten
+mit ihr: Frau Langloi{\s}, Frau Caron, Frau D"ubreuil, Frau
+T"uvache, sowie die treffliche Frau Homai{\s}, die sich
+regelm"a"sig zwischen drei und f"unf Uhr einstellte. Sie hatte dem
+Klatsch, der "uber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war,
+niemal{\s} Glauben schenken wollen. Auch die Apotheker{\s}kinder
+kamen mitunter in Justin{\s} Begleitung. Er brachte sie in
+Emma{\s} Zimmer und blieb in der N"ahe der T"ure stehen, ohne sich
+zu r"uhren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau
+Bovary gar nicht und lie"s sich in ihrem Toilettemachen nicht
+st"oren. Sie k"ammte sich da{\s} Haar, wobei sie den Kopf nach dem
+Durchziehen de{\s} Kamme{\s} jede{\s}mal mit einer eigent"umlichen
+heftigen Bewegung zur"uckwarf. Al{\s} der arme Junge zum ersten
+Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln
+bi{\s} zu den Knien herabwallte, war e{\s} ihm zumute, al{\s}
+schaue er pl"otzlich ganz Neue{\s}, Au"sergew"ohnliche{\s}, und er
+starrte wie geblendet hin.
+
+Sicherlich bemerke Emma weder sein stumme{\s} Ent\/z"ucken noch
+seine sch"uchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da"s die
+au{\s} ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in
+neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd,
+in einem jungen Herzen, da{\s} sich der Offenbarung ihrer
+Frauensch"onheit weit "offnete. Im "ubrigen war sie jetzt in jeder
+Hinsicht grenzenlo{\s} gleichg"ultig. Mit dem stolzesten Gesichte
+sagte sie die z"artlichsten Worte. Ihr ganze{\s} Benehmen war so
+widerspruch{\s}voll, da"s man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid
+an ihr unterscheiden konnte. Man wu"ste nicht mehr, war sie
+verdorben oder unnahbar.
+
+Zum Beispiel war sie eine{\s} Abend{\s} sehr ungehalten "uber ihr
+Dienst\-m"ad\-chen. E{\s} bat, au{\s}gehen zu d"urfen, und
+stotterte irgendeinen Vorwand her. Un\-vermittelt fragte Emma:
+
+"`Du liebst ihn also?"' und, ohne Felicie{\s} Antwort abzuwarten,
+f"ugte sie in traurigem Tone hinzu: "`Geh! Lauf! Vergn"uge dich!"'
+
+In den ersten Fr"uhling{\s}tagen lie"s sie den Garten vollst"andig
+um"andern. Karl war anfang{\s} dagegen, dann jedoch freute er sich
+dar"uber, da"s sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch
+"au"serte. Nach und nach bewie{\s} sie auch anderweitig, da"s sie
+sich wieder erholt hatte. Zun"achst brachte sie e{\s} zuwege, da"s
+Frau Rollet, die Amme, die sich{\s} angew"ohnt hatte, Tag f"ur Tag
+mit ihren S"auglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen
+Appetit in der K"uche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde.
+Sodann sch"uttelte sie sich die Familie Homai{\s} vom Halse, nach
+und nach auch die andern regelm"a"sigen Besucherinnen. Sogar in
+die Kirche ging sie seltener, zur gro"sen Freude de{\s}
+Apotheker{\s}, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl"arte:
+
+"`Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!"'
+
+Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der
+Katechi{\s}mu{\s}stunde. Am liebsten blieb er im Freien, im
+"`Hain"', wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um
+dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so
+bekamen die beiden M"anner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den
+sie "`auf die v"ollige Genesung der gn"adigen Frau"' tranken.
+
+"Ofter{\s} fand sich auch Binet ein, da{\s} hei"st: er sa"s
+etwa{\s} tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary
+lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im
+Aufbrechen von Sektflaschen.
+
+"`Zun"achst mu"s man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,"'
+dozierte er, indem er selbstbewu"st um sich blickte, "`dann
+zerschneidet man die Bindf"aden, und dann l"a"st man dem Pfropfen
+ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!"'
+
+Aber bei dieser Vorf"uhrung spritzte der Sekt "ofter{\s} der
+ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie"s
+e{\s} niemal{\s}, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:
+
+"`Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst"ablich in die Augen!"'
+
+Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwa{\s}
+dagegen, al{\s} der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit
+seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort
+im Theater den ber"uhmten Tenor Lagardy anh"oren. Homai{\s}
+wunderte sich "uber diese Duldsamkeit und f"uhlte ihm de{\s}halb
+etwa{\s} auf den Zahn. Der Priester erkl"arte, er halte die Musik
+f"ur weniger sittenverderbend al{\s} die Literatur. Aber Homai{\s}
+verteidigte die letztere. Er behauptete, da{\s} Theater k"ampfe
+unter dem leichten Gewande de{\s} Spiel{\s} gegen veraltete Ideen
+und f"ur die wahre Moral.
+
+"`\begin{antiqua}Castigat ridendo mores\end{antiqua}, verehrter
+Herr Pfarrer!"' zitierte er. "`Sehen Sie sich daraufhin mal die
+Trag"odien Voltaire{\s} an! Die meisten von ihnen sind mit
+philosophischen Aphori{\s}men durchsetzt, die eine wahre Schule
+der Moral und Leben{\s}klugheit f"ur da{\s} Volk sind."'
+
+"`Ich habe einmal ein St"uck gesehen,"' sagte Binet, "`e{\s}
+hie"s: {\glq}Der Pariser Taugenicht{\s}.{\grq} Darin kommt ein
+alter General vor, wirklich ein hahneb"uchner Kerl. Er verst"o"st
+seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf"uhrt hat; zu guter Letzt
+aber~..."'
+
+"`Gewi"s"', unterbrach ihn Homai{\s}, "`gibt e{\s} schlechte
+Literatur, genau so wie e{\s} schlechte Arzneien gibt. Aber die
+wichtigste aller K"unste de{\s}halb gleich in Bausch und Bogen zu
+verurteilen, da{\s} d"unkt mich eine kolossale Dummheit, eine
+grote{\s}ke Idee, w"urdig der abscheulichen Zeiten, die einen
+Galilei im Kerker schmachten lie"sen."'
+
+Der Pfarrer ergriff da{\s} Wort:
+
+"`Ich wei"s sehr wohl: e{\s} gibt gute Dramen und gute
+Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St"ucke, in denen
+Personen zweierlei Geschlecht{\s} in Prunkgem"achern,
+vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese
+schamlosen B"uhnenm"atzchen, dieser Kost"umluxu{\s}, diese
+Lichtvergeudung, dieser Femini{\s}mu{\s}, alle{\s} da{\s} hat
+keine andre Wirkung, al{\s} da"s e{\s} leichtfertige Ideen in die
+Welt setzt, sch"andliche Gedanken und unz"uchtige Anwandlungen.
+Wenigsten{\s} ist da{\s} zu allen Zeiten die Ansicht der
+kirchlichen Autorit"aten."'
+
+Er nahm einen salbung{\s}vollen Ton an, w"ahrend er zwischen
+seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. "`Und wenn die
+Kirche da{\s} Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie
+in ihrem vollen Rechte. Wir m"ussen un{\s} ihrem Gebote f"ugen."'
+
+"`Jawohl,"' eiferte der Apotheker, "`man exkommuniziert die
+Schauspieler. In fr"uheren Jahrhunderten nahmen sie an den
+kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche
+possenhafte St"ucke, die sogenannten Mysterien, in denen e{\s}
+h"aufig nicht{\s} weniger al{\s} dezent zuging~..."'
+
+Der Geistliche begn"ugte sich, einen Seufzer au{\s}zusto"sen. Der
+Apotheker redete immer weiter:
+
+"`Und wie steht{\s} mit der Bibel? E{\s} wimmelt darin -- Sie
+wissen{\s} ja am besten -- von Unanst"andigkeiten und -- man kann
+nicht ander{\s} sagen -- groben Schweinereien~..."' Bournisien
+machte eine unwillige Geb"arde. "`Aber Sie m"ussen mir doch
+zugeben, da"s da{\s} kein Buch ist, da{\s} man jungen Leuten in
+die Hand geben kann. Ich werde e{\s} nie zulassen, da"s meine
+Athalie~..."'
+
+"`Da{\s} sind ja die Protestanten, nicht wir,"' rief der Pfarrer
+ungeduldig, "`die den Leuten die Bibel "uberlassen!"'
+
+"`Da{\s} kommt hier nicht in Frage"', erkl"arte Homai{\s}. "`Ich
+wundre mich nur, da"s man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der
+wissenschaftlichen Aufkl"arung, eine geistige Erholung zu
+verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja
+sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f"ordert! Da{\s}
+ist doch so, nicht, Doktor?"'
+
+"`Zweifello{\s}!"' erwiderte der Arzt nachl"assig. Entweder wollte
+er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte,
+oder er hatte hier"uber "uberhaupt keine Meinung.
+
+Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt
+e{\s} f"ur angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.
+
+"`Ich habe Geistliche gekannt,"' behauptete er, "`die in Zivil
+in{\s} Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen
+strampeln zu sehen."'
+
+"`Ach wa{\s}!"' wehrte der Pfarrer ab.
+
+"`Doch! Ich kenne welche!"' Und nochmal{\s} sagte er, Silbe f"ur
+Silbe einzeln betonend: "`Ich -- ken -- ne -- wel -- che!"'
+
+"`Na ja,"' meinte Bournisien nachgiebig, "`die Betreffenden haben
+da aber etwa{\s} Unrechte{\s} getan."'
+
+"`Wa{\s} Unrechte{\s}? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch
+ganz andre Dinge!"'
+
+"`Herr -- Apo -- the -- ker!"' rief der Geistliche mit einem so
+zornigen Blicke, da"s Homai{\s} eingesch"uchtert wurde und
+einlenkte:
+
+"`Ich wollte damit ja nur sagen, da"s die Toleranz die beste
+F"ursprecherin der Kirche ist."'
+
+"`Sehr wahr! Sehr wahr!"' gab der gutm"utige Pfarrer zu, indem er
+sich wieder in seinen Stuhl zur"ucklehnte. Er blieb aber nur noch
+ein paar Minuten.
+
+Al{\s} er fort war, sagte Homai{\s} zu Bovary:
+
+"`Da{\s} war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ich{\s} mal
+gesteckt! Sie haben{\s} ja mit angeh"ort! Um darauf
+zur"uckzukommen: tun Sie da{\s} ja, f"uhren Sie Ihre Frau in
+da{\s} Theater, und wenn{\s} blo"s de{\s}halb w"are, um diesen
+schwarzen Raben damit zu "argern. Sapperlot! Wenn ich einen
+Vertreter h"atte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich
+dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein
+Engagement nach England f"ur ein Riesenhonorar! "Ubrigen{\s} soll
+er ein toller Schweren"oter sein! Er schwimmt im Gold! Drei
+Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro"sen
+K"unstler k"onnen nicht rechnen. Sie brauchen ein
+verschwenderische{\s} Dasein, e{\s} regt ihre Phantasie an.
+Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu
+sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!"'
+
+Der Gedanke, da{\s} Theater zu besuchen, schlug in Bovary{\s}
+Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfang{\s}
+wollte sie nicht{\s} davon wissen und meinte, sie f"uhle sich zu
+schwach, e{\s} sei zu beschwerlich und zu kostspielig.
+Au{\s}nahm{\s}weise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete,
+da"s ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w"are. Irgendwelche
+Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j"ungst ganz
+unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden
+Au{\s}gaben waren nicht gro"s, und die Wechselschuld bei Lheureux
+war noch lange nicht f"allig, so da"s er daran nicht zu denken
+brauchte. Er dachte, Emma str"aube sich nur au{\s} R"ucksicht auf
+ihn. De{\s}halb best"urmte er sie immer mehr, bi{\s} sie seinen
+Bitten schlie"slich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren
+sie mit der Post ab.
+
+Den Apotheker hielt nicht{\s} Dringliche{\s} in Yonville zur"uck,
+aber er hielt sich f"ur unabk"ommlich. Al{\s} er die beiden
+einsteigen sah, jammerte er.
+
+"`Gl"uckliche Reise!"' sagte er. "`Habt ihr{\s} gut!"' Und zu Emma
+gewandt, f"ugte er hinzu: "`Sie sehen zum Anbei"sen h"ubsch
+au{\s}! Sie werden in Rouen Furore machen!"'
+
+Die Post spannte in Rouen im "`Roten Kreuz"' am Beauvoisine-Platz
+au{\s}. Da{\s} war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit
+ger"aumigen St"allen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe
+lief eine Schar H"uhner herum, die unter den verschmutzten
+Einsp"annern der Gesch"aft{\s}reisenden ihre Haferk"orner
+aufpickten. E{\s} war eine der Herbergen au{\s} der guten alten
+Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern"achten im
+Winde knarren; die G"aste, der L"arm und die Esserei werden in
+ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro"ser
+Kaffeeflecke, die tr"uben dicken Fensterscheiben voller
+Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren.
+Auf der Stra"senseite gibt e{\s} ein Caf\'e und hinten nach dem
+Freien zu einen Gem"usegarten. Alle{\s} tr"agt einen l"andlichen
+Anstrich.
+
+Karl machte sofort einen Besorgung{\s}gang. An der Theaterkasse
+wu"ste er nicht, wa{\s} Parkett, Pros\/zenium{\s}loge, erster Rang
+und Galerie war; er bat um Au{\s}kunft, wurde dadurch aber auch
+nicht kl"uger. Der Kassierer wie{\s} ihn in die Direktion.
+Schlie"slich rannte er noch einmal in den Gasthof zur"uck, dann
+wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmal{\s} durch die
+halbe Stadt.
+
+Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.
+Karl war fortw"ahrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers"aumen.
+Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu
+nehmen. Al{\s} sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T"uren
+noch geschlossen.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Eine Menge Menschen umlagerte die Eing"ange. "Uberall an den Ecken
+der in der N"ahe gelegenen Stra"sen prangten riesige Plakate, die
+in auff"alligen Lettern au{\s}schrien:
+
+\begin{center}
+\begin{antiqua}
+LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... \\
+DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
+\end{antiqua}
+\end{center}
+
+E{\s} war ein sch"oner, aber hei"ser Tag. Der Schwei"s rann den
+Leuten "uber die Stirn, und sie f"achelten ihren erhitzten
+Gesichtern mit den Taschent"uchern K"uhlung zu. Hin und wieder
+wehte lauer Wind vom Strome her und bl"ahte ein wenig die
+Leinwandmarkisen der Restaurant{\s}. Weiter unten, an den Kai{\s},
+wurde man durch einen eisigen Luft\/zug abgek"uhlt, in den sich
+Ger"uche von Talg, Leder und "Ol au{\s} den zahlreichen dunklen,
+vom Rollen der gro"sen F"asser l"armigen Gew"olben der
+Karren-Gasse mischten.
+
+Au{\s} Furcht, sich l"acherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
+noch nicht in da{\s} Theater hineinzugehen und erst einen
+Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl
+die Eintritt{\s}karten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig
+mit seinen Fingern fest und dr"uckte sie gegen die Bauchwand, so
+da"s er sie in einem fort f"uhlte.
+
+In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Al{\s} sie wahrnahm, da"s
+sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
+hinaufschob, w"ahrend sie selbst die breite Treppe zum ersten
+Range emporschreiten durfte, l"achelte sie unwillk"urlich vor
+Eitelkeit. E{\s} gew"ahrte ihr ein kindliche{\s} Vergn"ugen, die
+breiten vergoldeten T"uren mit der Hand aufzusto"sen. In vollen
+Z"ugen atmete sie den Staubgeruch der G"ange ein, und al{\s} sie
+in ihrer Loge sa"s, machte sie sich{\s} mit einer Ungezwungenheit
+einer Principessa bequem.
+
+Da{\s} Hau{\s} f"ullte sich allm"ahlich. Die Operngl"aser kamen
+au{\s} ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich au{\s}
+der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von
+der Unrast ihre{\s} Kr"amerleben{\s} erholen, doch sie verga"sen
+die Gesch"afte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle,
+Fusel und Indigo. Da{\s} waren Grauk"opfe mit friedfertigen
+Alltag{\s}gesichtern; wei"s in der Farbe von Haar und Haut,
+glichen sie einander wie abgegriffene Silberm"unzen. Im Parkett
+paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und
+gra{\s}gr"unen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie
+sie sich mit gelbbehandschuhten H"anden auf die goldenen Kn"aufe
+ihrer St"ocke st"utzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen
+angez"undet, und der Kronleuchter ward von der Decke
+herabgelassen. Sein in den Gla{\s}pri{\s}men widerglitzernde{\s}
+Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
+die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirre{\s}
+Get"ose an von brummenden Kontrab"assen, kratzenden Violinen,
+fauchenden Klarinetten und winselnden Fl"oten. Endlich drei kurze
+Schl"age mit dem Taktstocke de{\s} Kapellmeister{\s}.
+Paukenwirbel, H"ornerklang. Der Vorhang hob sich.
+
+Auf der B"uhne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
+Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
+M"antel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
+Edelmann auf, der die Geister der H"olle mit gen Himmel gereckten
+Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
+ab. Der Chor singt von neuem.
+
+Emma sah sich in die Atmosph"are ihrer M"adchenlekt"ure
+zur"uckversetzt, in die Welt Walter Scott{\s}. E{\s} war ihr,
+al{\s} h"ore sie den Klang schottischer Dudels"acke "uber die
+nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman de{\s} Briten
+erleichterte ihr da{\s} Verst"andni{\s} der Oper. Aufmerksam
+folgte sie der intriganten Handlung, w"ahrend eine Flut von
+Gedanken in ihr aufwallte, um al{\s}bald unter den Wogen der Musik
+wieder zu verflie"sen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien
+hin. Sie f"uhlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in
+Schwingungen geriet, al{\s} strichen die Violinenbogen "uber ihre
+Nerven. Sie h"atte hundert Augen haben m"ogen, um sich satt sehen
+zu k"onnen an den Dekorationen, Kost"umen, Gestalten, an den
+gemalten und doch zitternden B"aumen, an den Samtbaretten,
+Ritterm"anteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen
+eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt
+lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in
+gr"unem Rocke eine B"orse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun
+kam ein Fl"otensolo, zart wie Quellengefl"uster und
+Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
+von ungl"ucklicher Liebe und w"unschte sich Fl"ugel. Ach, auch
+Emma h"atte au{\s} diesem Leben fliehen m"ogen, weit weg in
+Liebe{\s}armen!
+
+Da erschien auf der Szene Lagardy al{\s} Edgard. Er hatte jenen
+schimmernden blassen Teint, der dem S"udl"ander etwa{\s} von der
+grandiosen Wirkung de{\s} Marmor{\s} verleiht. Seine m"annliche
+Gestalt war in ein braune{\s} Wam{\s} gezw"angt. Ein kleiner Dolch
+mit zierlichem Geh"ange schlug ihm die linke Lende. Er warf lange
+schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei"sen Z"ahne. Man
+hatte Emma erz"ahlt, eine polnische F"urstin habe ihn am Strand
+von Biarritz singen h"oren, wo er Schiff{\s}zimmermann gewesen
+sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert.
+Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen.
+
+Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
+be\-r"uhm\-ten K"unstler al{\s} Reklame. Der schlaue Mime brachte
+e{\s} sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische
+Flo{\s}keln "uber den bezaubernden Eindruck seiner Pers"onlichkeit
+und die leichte Empf"anglichkeit seine{\s} Herzen{\s} zu
+lancieren. Er besa"s eine sch"one Stimme, unfehlbare Sicherheit,
+mehr Temperament al{\s} Intelligenz, mehr Patho{\s} al{\s}
+Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem
+Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador.
+
+Sobald er nur auf der B"uhne erschien, begeisterte er Emma. Er
+schlo"s Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
+sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha"s wild auf, bald
+klagte er in den zartesten Elegien, und die T"one perlten ihm
+au{\s} der Kehle, zwischen Tr"anen und K"ussen. Emma beugte sich
+weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern"agel in
+den Pl"usch der Logenbr"ustung eingruben. Ihr Herz ward voll von
+diesen wehm"utigen Melodien, die, von den Kontrab"assen dumpf
+begleitet, nicht aufh"orten, gleich wie die Notschreie von
+Schiffbr"uchigen im Sturmgebrau{\s}. Die junge Frau kannte alle
+diese Verz"ucktheiten und Herzen{\s}"angste, die sie unl"angst
+dem Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna
+ersch"utterte sie wie eine laute Verk"undung ihrer heimlichsten
+Beichte. Da{\s} Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen
+Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in
+der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie
+Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, al{\s} sie sich Lebewohl
+sagten~...
+
+Beifall durchst"urmte da{\s} Hau{\s}. Die ganze Stretta mu"ste
+wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen
+auf ihren Gr"abern, von Treue, Trennung, Verh"angni{\s} und
+Hoffnungen; und al{\s} sie sich den letzten Scheidegru"s zuriefen,
+stie"s Emma einen lauten Schrei au{\s}, der in der Orchestermusik
+de{\s} Finale verhallte.
+
+"`Warum l"a"st sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in
+Ruhe?"' fragte Bovary.
+
+"`Aber nein!"' antwortete sie. "`Da{\s} ist doch ihr Geliebter!"'
+
+"`Er schw"ort doch, er wolle sich an ihrer Familie r"achen. Und
+der andre, der dann kam, hat doch gesagt:
+\begin{verse}
+{\glq}Nimm, Teure, meine Schw"ure an \\
+Der reinsten, w"armsten Liebe!{\grq}
+\end{verse}
+Und sie sagt:
+\begin{verse}
+{\glq}So sei e{\s} denn!{\grq}
+\end{verse}
+"Ubrigen{\s} der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
+H"a"sliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, da{\s} war doch ihr
+Vater, nicht wahr?"'
+
+Trotz Emma{\s} Berichtigungen blieb Karl, der da{\s} Rezitativ im
+zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi"sverstanden
+hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebe{\s}zeichen
+gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nicht{\s}
+begriffen zu haben. Die Musik st"ore, sie beeintr"achtige den
+Text.
+
+"`Wa{\s} schadet da{\s}?"' wandte Emma ein. "`Nun sei aber
+still!"'
+
+Er lehnte sich an ihren Arm. "`Ich m"ochte gern im Bilde sein.
+Wei"st du?"'
+
+"`Sei doch endlich still!"' sagte sie unwillig. "`Schweig!"'
+
+Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest"utzt, einen Myrtenkranz im
+Haar, bleicher al{\s} der wei"se Atla{\s} ihre{\s} Kleide{\s} ...
+Emma gedachte ihre{\s} eigenen Hochzeit{\s}tage{\s}, sie sah sich
+zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu"sweg auf dem Gange
+zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia,
+unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr"ohlich
+gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie
+zuschritt ... Ach, h"atte sie, jung und frisch und sch"on, noch
+nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt"auscht in ihrem
+Ehebruch, auf ein feste{\s} edle{\s} Herz bauen und Tugend,
+Z"artlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f"uhlen
+d"urfen! Niemal{\s} w"are sie von der H"ohe solcher
+Gl"uckseligkeit herabgesunken! "`Nein, nein!"' rief sie
+schmerzlich bei sich au{\s}. "`All da{\s} gro"se Gl"uck da unten
+ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns"uchtigen oder
+verzweifelten Phantasten!"' Jetzt erkannte sie, da"s die
+Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der
+"Uberschwenglichkeit der Kunst etwa{\s} Gro"se{\s}. Sie versuchte
+sich zur n"uchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser
+Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nicht{\s} mehr sehen al{\s} ein
+plastische{\s} Phantasiegebilde, nicht{\s} mehr und nicht{\s}
+weniger al{\s} eine am"usante Augenweide. Und so l"achelte sie in
+Gedanken "uberlegen-nachsichtig, al{\s} im Hintergrunde der B"uhne
+hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel
+erschien, dem sein breitkrempiger gro"ser Hut bei einer
+K"orperbewegung vom Kopfe fiel.
+
+Da{\s} Sextett begann. S"anger und Orchester entfalten sich.
+Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
+schleudert ihm in wuchtigen T"onen seine Tode{\s}drohungen
+entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im
+Ma"se der Nebenrolle, und Raimund{\s} Ba"s brummt wie
+Orgelgebrau{\s}. Die Frauen de{\s} Chor{\s} wiederholen die Worte,
+ein k"ostliche{\s} Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer
+Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen
+entstr"omen gleichzeitig ihren aufgerissenen M"undern. Der
+w"utende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der
+Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und
+nieder, w"ahrend er m"achtigen Schritt{\s} in seinen
+sporenklirrenden Stulpenstiefeln "uber die B"uhne schreitet.
+
+"`Er mu"s eine unersch"opfliche Liebe in sich tragen,"' dachte
+Emma, "`da"s er sie an die Menge so verschwenden kann."' Ihre
+Anwandlung von Gering\-sch"atzigkeit schwand vor dem Zauber seiner
+Rolle. Sie f"uhlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter
+dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben
+vorzustellen, sein bewegte{\s}, ungew"ohnliche{\s}, gl"anzende{\s}
+Leben, an dem sie h"atte teilnehmen k"onnen, wenn e{\s} der Zufall
+gef"ugt h"atte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und
+sich ineinander verliebt! Sie w"are mit ihm durch alle L"ander
+Europa{\s} gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h"atte mit ihm
+M"uhen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm
+streute, und seine B"uhnenkost"ume eigenh"andig gestickt. Alle
+Abende h"atte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter
+aufmerksam den S"angen seiner Seele gelauscht, die einzig und
+allein ihr gewidmet w"aren. Von der Szene, beim Singen, h"atte er
+zu ihr geschaut~...
+
+Sie erschrak und ward verwirrt. Der S"anger sah zu ihr hinauf.
+Kein Zweifel! Sie h"atte zu ihm hinst"urzen m"ogen, in seine Arme,
+in seine Umarmung fliehen, al{\s} sei er die Verk"orperung der
+Liebe, und ihm laut zurufen:
+
+"`Nimm mich, entf"uhre mich! Komm! Ich geh"ore dir, nur dir! Dir
+gelten alle meine Tr"aume, mein ganze{\s} hei"se{\s} Herz!"'
+
+Der Vorhang fiel.
+
+Ga{\s}geruch erschwerte da{\s} Atmen, und da{\s} F"acheln der
+F"acher machte die Luft noch unertr"aglicher. Emma wollte die Loge
+verlassen, aber die G"ange waren durch die vielen Menschen
+versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur"uck. Sie bekam Herzklopfen
+und Atemnot. Da Karl f"urchtete, sie k"onne ohnm"achtig werden,
+eilte er nach dem B"ufett, um ihr ein Gla{\s} Mandelmilch zu
+holen.
+
+Er hatte gro"se M"uhe, wieder nach der Loge zu gelangen. Da{\s}
+Gla{\s} in beiden H"anden, rannte er bei jedem Schritte, den er
+tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie"slich go"s er
+dreiviertel de{\s} Inhalt{\s} einer Dame in au{\s}geschnittener
+Toilette "uber die Schulter. Al{\s} sie da{\s} k"uhle Na"s, da{\s}
+ihr den R"ucken hinabrann, sp"urte, schrie sie laut auf, al{\s} ob
+man ihr an{\s} Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
+Seifenfabrikant, ereiferte sich "uber diese Ungeschicktheit.
+W"ahrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
+sch"onen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w"utend etwa{\s}
+von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl"ucklich
+bei Emma wieder an. G"anzlich au"ser Atem berichtete er ihr:
+
+"`Wei"s Gott, beinahe h"att ich mich nicht durchgew"urgt! Nein,
+diese Mensch\-heit! Diese Mensch\-heit!"' Nach einigem
+Verschnaufen f"ugte er hinzu: "`Und ahnst du, wer mir da oben
+begegnet ist? Leo!"'
+
+"`Leo?"'
+
+"`Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!"'
+
+Er hatte diese Worte kaum au{\s}gesprochen, al{\s} der Adjunkt
+auch schon in der Loge erschien. Mit weltm"annischer
+Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau
+Bovary die ihrige au{\s}, wie im Banne eine{\s} st"arkeren
+Willen{\s}. Diesen fremden Einflu"s hatte sie lange nicht
+empfunden, seit jenem Fr"uhling{\s}nachmittage nicht, an dem sie
+voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und
+drau"sen war leiser Regen auf die Bl"atter gefallen. Aber rasch
+besann sie sich auf da{\s}, wa{\s} die jetzige Situation und die
+Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch"uttelte sie den alten
+Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar
+hastige Reden{\s}arten zu stammeln:
+
+"`Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?"'
+
+"`Ruhe!"' ert"onte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte
+n"amlich der dritte Akt begonnen.
+
+"`So sind Sie also in Rouen?"'
+
+"`Ja, gn"adige Frau!"'
+
+"`Und seit wann?"'
+
+"`Hinau{\s}! Hinau{\s}!"'
+
+Alle{\s} drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
+
+Von diesem Augenblick war e{\s} mit Emma{\s} Aufmerksamkeit
+vorbei. Der Chor der Hochzeit{\s}g"aste, die Szene zwischen Ashton
+und seinem Diener, da{\s} gro"se Duett in D-Dur, alle{\s} da{\s}
+spielte sich f"ur sie wie in gro"ser Entfernung ab. E{\s} war ihr,
+al{\s} kl"ange da{\s} Orchester nur noch ged"ampft, al{\s} s"angen
+die Personen ihr weit entr"uckt. Sie dachte zur"uck an die
+Spielabende im Hause de{\s} Apotheker{\s}, an den Gang zu der Amme
+ihre{\s} Kinde{\s}, an da{\s} Vorlesen in der Laube, an die
+Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
+armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
+und die sie l"angst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
+Welche{\s} Zusammentreffen von besonderen Umst"anden lie"s ihn von
+neuem ihren Leben{\s}pfad kreuzen?
+
+Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
+Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
+seiner Atemz"uge auf ihrem Haar sp"urte.
+
+"`Macht Ihnen denn da{\s} Spa"s?"' fragte er sie, indem er sich
+"uber sie beugte, so da"s die Spitze seine{\s} Schnurrbart{\s}
+ihre Wange streifte.
+
+"`Nein, nicht besonder{\s}!"' entgegnete sie leichthin.
+
+Daraufhin machte er den Vorschlag, da{\s} Theater zu verlassen und
+irgendwo eine Portion Ei{\s} zu essen.
+
+"`Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!"' sagte Bovary. "`Sie hat
+aufgel"oste{\s} Haar! E{\s} scheint also tragisch zu werden!"'
+
+Aber die Wahnsinn{\s}s\/zene interessierte Emma gar nicht. Da{\s}
+Spiel der S"angerin schien ihr "ubertrieben.
+
+"`Sie schreit zu sehr!"' meinte sie, zu Karl gewandt, der
+aufmerksam zu\-h"orte.
+
+"`M"oglich! Jawohl! Ein wenig!"' gab er zur Antwort. Eigentlich
+gefiel ihm die S"angerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
+immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl"ussig.
+
+Leo st"ohnte:
+
+"`Ist da{\s} eine Hitze!"'
+
+"`Tats"achlich! Nicht zum Au{\s}halten!"' sagte Emma.
+
+"`Vertr"agst du{\s} nicht mehr?"' fragte Bovary.
+
+"`Ich ersticke! Wir wollen gehen!"'
+
+Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
+schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
+Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
+
+Anfang{\s} unterhielten sie sich von Emma{\s} Krankheit. Sie
+versuchte mehrfach, dem Gespr"ach eine andere Wendung zu geben,
+indem sie die Bemerkung machte, sie f"urchte, Herrn Leo k"onne
+da{\s} langweilen. Darauf erz"ahlte dieser, er m"usse sich in
+Rouen zwei Jahre t"uchtig auf die Hosen setzen, um sich in die
+hiesige Recht{\s}pflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man
+alle{\s} ander{\s} al{\s} in Pari{\s}. Dann erkundigte er sich
+nach der kleinen Berta, nach der Familie Homai{\s}, nach der
+L"owenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karl{\s} Gegenwart nicht
+sagen, und so stockte die Unterhaltung.
+
+Au{\s} der Oper kommende Leute gingen vor"uber, laut pfeifend und
+tr"al\-lernd:
+\begin{verse}
+{\glq}O Engel reiner Liebe!{\grq}
+\end{verse}
+
+Leo kehrte den Kunstkenner herau{\s} und begann "uber Musik zu
+sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh"ort. Im
+Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro"sen Erfolge gar
+nicht{\s}.
+
+Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
+unterbrach ihn:
+
+"`Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich
+bedaure, da"s ich nicht bi{\s} zu Ende drin geblieben bin. E{\s}
+fing mir grade an zu gefallen!"'
+
+"`Demn"achst gibt{\s} ja eine Wiederholung!"' tr"ostete ihn Leo.
+
+Karl erwiderte, da"s sie am n"achsten Tage wieder nach Hause
+m"u"sten. "`E{\s} sei denn,"' meinte er, zu Emma gewandt, "`du
+bliebst allein hier, mein Herzchen?"'
+
+Bei dieser unerwarteten Au{\s}sicht, die sich seiner
+Begehrlichkeit bot, "anderte der junge Mann seine Taktik. Nun
+lobte er da{\s} Finale de{\s} S"anger{\s}. Er sei da k"ostlich,
+gro"sartig!
+
+Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
+
+"`Du kannst ja am Sonntag zur"uckfahren. Entschlie"se dich nur!
+E{\s} w"are unrecht von dir, wenn du e{\s} nicht t"atest, sofern
+du dir auch nur ein wenig Vergn"ugen davon versprichst!"'
+
+Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
+stand fortw"ahrend in ihrer n"achsten N"ahe herum. Karl begriff
+und zog seine B"orse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
+Silberst"ucke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren
+lie"s.
+
+"`E{\s} ist mir wirklich nicht recht,"' murmelte Bovary, "`da"s
+Sie f"ur un{\s} Geld~..."'
+
+Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
+Nebens"achlichkeit und ergriff seinen Hut.
+
+"`E{\s} bleibt dabei! Morgen um sech{\s} Uhr!"'
+
+Karl beteuerte nochmal{\s}, da"s er unm"oglich so lange bleiben
+k"onne. Emma indessen sei durch nicht{\s} gehindert.
+
+"`E{\s} ist nur~..."', stotterte sie, verlegen l"achelnd, "`... ich
+wei"s nicht recht~..."'
+
+"`Na, "uberleg dir{\s} noch! Wir k"onnen ja noch mal dar"uber
+reden, wenn du{\s} beschlafen hast!"' Und zu Leo gewandt, der sie
+begleitete, sagte er: "`Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend
+sind, hoffe ich, da"s Sie sich ab und zu bei un{\s} zu Tisch
+ansagen!"'
+
+Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
+dem\-n"achst in Yonville beruflich zu tun habe.
+
+Al{\s} man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
+verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw"olf.
+
+
+\newpage
+\thispagestyle{empty}
+\begin{center}
+\vspace{5cm}
+{\Huge \so{Dritte{\s} Bu{ch}}}
+\end{center}
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+
+\end{center}
+
+Leo hatte w"ahrend seiner Pariser Studienzeit die Balls"ale
+flei"sig besucht und daselbst recht h"ubsche Erfolge bei den
+Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s"ahe sehr schick
+au{\s}. "Ubrigen{\s} war er der m"a"sigste Student. Er trug da{\s}
+Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am
+Ersten de{\s} Monat{\s} sein ganze{\s} Geld und stand sich mit
+seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Au{\s}schweifungen
+hatte er sich allezeit fern gehalten, au{\s} "Angstlichkeit und
+weil ihm da{\s} w"uste Leben zu grob war.
+
+Oft, wenn er de{\s} Abend{\s} in seinem Zimmer la{\s} oder unter
+den Linden de{\s} Luxemburggarten{\s} sa"s, glitt ihm sein
+Code-Napol\'eon au{\s} den H"anden. Dann kam ihm Emma in den Sinn.
+Aber allm"ahlich verbla"ste diese Erinnerung, und allerlei
+Liebeleien "uberwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu
+ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und
+ein vage{\s} Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne
+Frucht an einem Wunderbaume.
+
+Al{\s} er sie jetzt nach dreij"ahriger Trennung wiedersah,
+erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt
+g"alte e{\s}, sich fest zu entschlie"sen, wenn er sie besitzen
+wollte. Seine ehemalige Sch"uchternheit hatte er "ubrigen{\s} im
+Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die
+Provinz zur"uckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer,
+die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro"sstadt
+abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon
+eine{\s} ber"uhmten Professor{\s} mit Orden und Equipage, h"atte
+der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in
+Rouen, am Hafen, vor der Frau diese{\s} kleinen Landarzte{\s}, da
+f"uhlte er sich "uberlegen und eine{\s} leichten Siege{\s} gewi"s.
+Sichere{\s} Auftreten h"angt von der Umgebung ab. Im ersten Stock
+spricht man ander{\s} al{\s} im vierten, und e{\s} ist beinahe,
+al{\s} seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw"achter.
+Sie tr"agt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem
+Korsett.
+
+Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte,
+war er au{\s} einiger Entfernung den beiden durch die Stra"sen
+gefolgt, bi{\s} er sie im "`Roten Kreuz"' verschwinden sah. Dann
+machte er kehrt und gr"ubelte die ganze Nacht hindurch "uber einen
+Krieg{\s}plan.
+
+Am andern Tag nachmittag{\s} gegen f"unf Uhr betrat er den Gasthof
+mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu"s,
+vor nicht{\s} zur"uckzuscheuen.
+
+"`Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!"' vermeldete ihm ein
+Kellner.
+
+Leo fa"ste da{\s} al{\s} gute{\s} Vorzeichen auf. Er stieg hinauf.
+
+Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, al{\s} er eintrat. Sie bat
+ihn k"uhl um Entschuldigung, da"s sie gestern vergessen habe, ihm
+mit\/zuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien.
+
+"`O, da{\s} habe ich erraten"', sagte Leo.
+
+"`Wieso?"'
+
+Er behauptete, da{\s} gute Gl"uck, eine innere Stimme habe ihn
+hierher geleitet.
+
+Sie l"achelte; und um seine Albernheit wieder gut\/zumachen, log
+er nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen
+Gasth"ofen nach ihnen zu fragen.
+
+"`Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?"' f"ugte er hinzu.
+
+"`Ja,"' gab sie zur Antwort, "`aber ich h"atte e{\s} lieber nicht
+tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn"ugungen
+gew"ohnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat~..."'
+
+"`Ja, da{\s} kann ich mir denken~..."'
+
+"`Nein, da{\s} k"onnen Sie nicht. Da{\s} kann nur eine Frau."'
+
+Er meinte, die M"anner h"atten auch ihr Kreuz, und nach einer
+philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung.
+Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige
+Einsamkeit, in die da{\s} Menschenherz verbannt sei.
+
+Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk"urlicher
+Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete
+der junge Mann, er h"atte sich w"ahrend seiner ganzen Studienzeit
+ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr"a"slich
+zuwider. Andere Beruf{\s}arten lockten ihn stark, aber seine
+Mutter qu"ale ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten
+sie sich die Gr"unde ihre{\s} Leid{\s}, und je eifriger sie
+sprachen, um so st"arker packte sie die wachsende Vertraulichkeit.
+Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach
+Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k"onnten.
+Emma verheimlichte e{\s}, da"s sie inzwischen einen andern
+geliebt, und er gestand nicht, da"s er sie vergessen hatte.
+Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Souper{\s}
+nach den Ma{\s}kenb"allen, und sie erinnerte sich nicht ihrer
+Morgeng"ange, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem
+Geliebten gegangen war. Der Stra"senl"arm hallte nur schwach zu
+ihnen herauf, und die Enge de{\s} Zimmer{\s} schien ihr Alleinsein
+noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid au{\s}
+leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R"ucken de{\s}
+alten Lehnstuhl{\s}, in dem sie sa"s. Hinter ihr die gelbe Tapete
+umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo"ser Kopf mit dem
+schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte,
+wiederholte sich wie ein Gem"alde im Spiegel.
+
+"`Ach, verzeihen Sie!"' sagte sie. "`E{\s} ist unrecht von mir,
+Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen."'
+
+"`Keine{\s}weg{\s}!"'
+
+"`Wenn Sie w"u"sten,"' fuhr sie fort und schlug ihre sch"onen
+Augen, au{\s} denen Tr"anen rollten, zur Decke empor, "`wa{\s} ich
+mir alle{\s} ertr"aumt habe!"'
+
+"`Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich
+au{\s}gegangen, still f"ur mich hin, und hab mich die Kai{\s}
+entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu
+zerstreuen und die tr"uben Gedanken lo{\s}zubekommen, die mich in
+einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eine{\s}
+Kunsth"andler{\s} auf dem Boulevard habe ich einmal einen
+italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie
+tr"agt eine Tunika, einen Vergi"smeinnichtkranz im offnen Haar und
+blickt zum Mond empor. Irgend etwa{\s} trieb mich immer wieder
+dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden~..."' Und mit
+zitternder Stimme f"ugte er hinzu: "`Sie sah Ihnen ein wenig
+"ahnlich."'
+
+Frau Bovary wandte sich ab, damit er da{\s} L"acheln um ihre
+Lippen nicht bemerke, da{\s} sie nicht unterdr"ucken konnte.
+
+"`Und wie oft"', fuhr er fort, "`habe ich an Sie Briefe
+geschrieben und hinterher wieder zerrissen."'
+
+Sie antwortete nicht.
+
+"`Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m"usse Sie mir
+wieder in den Weg f"uhren. Oft war e{\s} mir, al{\s} ob ich Sie an
+der n"achsten Stra"senecke treffen sollte. Ich bin hinter
+Droschken hergelaufen, au{\s} denen ein Schal oder ein Schleier
+flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen~..."'
+
+Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden
+zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten
+Haupte{\s} die Rosetten ihrer Hau{\s}schuhe, auf deren Atla{\s}
+die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den
+Zehen machte.
+
+Endlich sagte sie mit einem Seufzer:
+
+"`Ist e{\s} nicht da{\s} Allertraurigste, ein unn"utze{\s} Leben
+so wie ich f"uhren zu m"ussen? Wenn unsere Schmerzen wenigsten{\s}
+jemandem n"utzlich w"aren, dann k"onnte man sich doch in dem
+Bewu"stsein tr"osten, sich f"ur etwa{\s} zu opfern."'
+
+Er prie{\s} die Tugend, die Pflicht und da{\s} stumme Sichaufopfern.
+Er selbst versp"ure eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwa{\s}
+aufzugehen, die er nicht befriedigen k"onne.
+
+"`Ich m"ochte am liebsten Krankenschwester sein"', behauptete sie.
+
+"`Ach ja!"' erwiderte er. "`Aber f"ur un{\s} M"anner gibt e{\s}
+keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w"u"ste keine Besch"aftigung
+... e{\s} sei denn vielleicht die de{\s} Arzte{\s}~..."'
+
+Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von
+ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w"are.
+Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu
+leiden. Sofort schw"armte Leo f"ur die "`Ruhe im Grabe"'. Ja, er
+h"atte sogar eine{\s} Abend{\s} sein Testament niedergeschrieben
+und darin bestimmt, da"s man ihm in den Sarg die sch"one Decke mit
+der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen
+hatte. Nach dem, wie alle{\s} h"atte sein k"onnen, also nach einem
+imagin"aren Zustand, "anderten sie jetzt in der Erz"ahlung ihre
+Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, da{\s} die
+Gef"uhle breitdr"uckt.
+
+Bei dem M"archen von der Reisedecke fragte sie:
+
+"`Warum denn?"'
+
+"`Warum?"' Er z"ogerte. "`Weil ich Sie so z"artlich geliebt habe!"'
+
+Froh, die gr"o"ste Schwierigkeit "uberwunden zu haben, beobachtete
+Leo Emma{\s} Gesicht von der Seite. E{\s} leuchtete wie der
+Himmel, wenn der Wind pl"otzlich eine Wolkenschicht, die dar"uber
+war, zerrei"st. Die vielen traurigen Gedanken, die e{\s}
+verdunkelt hatten, waren au{\s} ihren Augen wie weggeweht.
+
+Er wartete. Endlich sagte sie:
+
+"`Ich hab e{\s} immer geahnt~..."'
+
+Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage
+einander zu erz"ahlen, von allem Freud und Leid, da{\s} sie soeben
+in ein einzige{\s} Wort zusammengefa"st hatten. Er erinnerte sich
+der Wiege au{\s} Tannenholz, ihrer Kleider, der M"obel in ihrem
+Zimmer, ihre{\s} ganzen Hause{\s}.
+
+"`Und unsere armen Kakteen, wa{\s} machen die?"'
+
+"`Sie sind letzten Winter alle erfroren!"'
+
+"`Ach, wie oft hab ich an sie zur"uckgedacht. Da{\s} glauben Sie
+mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damal{\s}
+im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und
+Sie mit blo"sen Armen Ihre Blumen begossen~..."'
+
+"`Armer Freund!"' sagte sie und reichte ihm ihre Hand.
+
+Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er
+tief auf und sagte:
+
+"`Damal{\s} "ubten Sie einen geheimni{\s}vollen Zauber auf mich
+au{\s}. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich
+zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran
+erinnern?"'
+
+"`Doch, fahren Sie nur fort!"'
+
+"`Sie standen unten in der Hau{\s}flur, wo die Treppe aufh"ort,
+gerade im Begriff au{\s}zugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen
+blauen Blumen auf. Ohne da"s Sie mich dazu aufgefordert hatten,
+begleitete ich Sie. Ich konnte nicht ander{\s}. Aber mir jeder
+Minute trat e{\s} mir klarer in{\s} Bewu"stsein, wie ungezogen
+da{\s} von mir war. "Angstlich und unsicher ging ich neben Ihnen
+her und brachte e{\s} doch nicht "uber mich, mich von Ihnen zu
+trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau"sen auf
+der Stra"se und sah Ihnen durch da{\s} Schaufenster zu, wie Sie
+die Handschuhe abstreiften und da{\s} Geld auf den Ladentisch
+legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T"uvache; man "offnete
+Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m"achtigen
+Hau{\s}t"ure, die hinter Ihnen in{\s} Schlo"s gefallen war."'
+
+Frau Bovary h"orte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war da{\s}
+schon her! Alle diese Dinge, die au{\s} der Vergessenheit
+heraufstiegen, erweckten in ihr da{\s} Gef"uhl, eine alte Frau zu
+sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und
+zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern:
+
+"`Ja ... So war e{\s} ... So war e{\s} ... So war e{\s}!"'
+
+Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug e{\s} acht, von den
+Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal"aste. Sie sprachen
+nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp"urten dabei ein
+Brausen in ihren K"opfen, und jeder hatte da{\s} Gef"uhl,
+diese{\s} Rauschen str"ome au{\s} den starren Augensternen de{\s}
+anderen. Ihre H"ande hatten sich gefunden, und Vergangenheit und
+Zukunft, Erinnerung und Tr"aume, alle{\s} ward ein{\s} mir der
+z"artlichen Wonne de{\s} Augenblick{\s}. Die D"ammerung dichtete
+sich an den W"anden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur
+noch die grellen Farbenflecke von vier dah"angenden Buntdrucken.
+Durch da{\s} oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen
+Dachgiebeln ein St"uck de{\s} schwarzen Himmel{\s}.
+
+Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der
+Kommode anzuz"unden. Dann setzte sie sich wieder.
+
+"`Wa{\s} ich sagen wollte~..."', begann Leo von neuem.
+
+"`Wa{\s} war e{\s}?"'
+
+Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder
+anzukn"upfen, da fragte sie ihn:
+
+"`Wie kommt e{\s}, da"s mir noch niemand solche innere Erlebnisse
+anvertraut hat?"'
+
+Leo erwiderte, ideale Naturen f"anden selten Wahlverwandte. Er
+habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke
+bringe ihn zur Verzweiflung, da"s sie miteinander f"ur immerdar
+verbunden worden w"aren, wenn ein guter Stern sie fr"uher
+zusammengef"uhrt h"atte.
+
+"`Ich habe manchmal da{\s}selbe gedacht"', sagte sie.
+
+"`Welch ein sch"oner Traum!"' murmelte Leo. Und w"ahrend er mit
+der Hand "uber den blauen Saum der Schleife ihre{\s} wei"sen
+G"urtel{\s} hinstrich, f"ugte er hinzu: "`Aber wa{\s} hindert
+un{\s} denn, von vorn anzufangen?"'
+
+"`Nein, mein Freund"', erwiderte sie. "`Dazu bin ich zu alt ...
+und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben
+... und Sie werden sie wieder lieben!"'
+
+"`Nicht so, wie ich Sie liebe!"'
+
+"`Sie sind ein Kind! Seien Sie vern"unftig. Ich will e{\s}!"'
+
+Sie setzte ihm au{\s}einander, da"s Liebe zwischen ihnen ein Ding
+der Un\-m"oglich\-keit sei und da"s sie sich nur wie Schwester und
+Bruder lieben k"onnten, wie ehemal{\s}.
+
+Ob sie da{\s} wirklich im Ernst sagte, da{\s} wu"ste sie selbst
+nicht. Sie f"uhlte nur, wie sie der Verf"uhrung zu unterliegen
+drohte und da"s sie dagegen ank"ampfen m"usse. Sie sah Leo
+z"artlich an und stie"s sanft seine zitternden H"ande zur"uck, die
+sie sch"uchtern zu liebkosen versuchten.
+
+"`Seien Sie mir nicht b"o{\s}!"' sagte er und wich zur"uck.
+
+Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die
+ihr viel gef"ahrlicher war al{\s} die K"uhnheit Rudolf{\s}, wenn
+er mit au{\s}gebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemal{\s}
+war ihr ein Mann so sch"on erschienen. In seinem Wesen lag eine
+k"ostliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein
+wenig aufw"art{\s}gebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die
+zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, au{\s} Verlangen nach
+ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu
+widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber"uhren. Da fiel ihr Blick
+auf die Wanduhr.
+
+"`Mein Gott, wie sp"at e{\s} schon ist!"' rief sie au{\s}. "`Wir
+haben un{\s} verplaudert!"'
+
+Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut.
+
+"`Da{\s} Theater habe ich ganz vergessen"', fuhr Emma fort. "`Und
+mein armer Mann hat mich doch de{\s}halb nur hiergelassen. Herr
+und Frau Lormeaux au{\s} der Gro"senbr"uckenstra"se wollten mich
+begleiten~..."'
+
+Schade! Denn morgen m"usse sie wieder zu Hause sein.
+
+"`So?"' fragte Leo.
+
+"`Gewi"s!"'
+
+"`Aber ich mu"s Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwa{\s}
+zu sagen!"'
+
+"`Wa{\s} denn?"'
+
+"`Etwa{\s} ... Wichtige{\s}, Ernste{\s}! Ach, Sie d"urfen noch
+nicht heimfahren! Nein! Da{\s} ist unm"oglich! Wenn Sie w"u"sten
+... H"oren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden?
+Ahnen Sie denn nicht~..."'
+
+"`Sie haben e{\s} doch ziemlich deutlich gesagt!"'
+
+"`Ach, scherzen Sie nicht! Da{\s} ertrag ich nicht! Haben Sie
+Mitleid mit mir! Ich m"ochte Sie noch einmal sehen ... einmal ...
+ein einzige{\s}~..."'
+
+"`E{\s} sei!"' Sie hielt inne. Dann aber, al{\s} bes"anne sie sich
+ander{\s}, sagte sie: "`Aber nicht hier!"'
+
+"`Wo Sie wollen!"'
+
+Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz:
+
+"`Morgen um elf in der Kathedrale!"'
+
+"`Ich werde dort sein"', rief er au{\s} und griff hastig nach
+ihren H"anden. Sie ent\/zog sie ihm.
+
+Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor
+ihm, da beugte er sich "uber sie und dr"uckte einen langen Ku"s
+auf ihren Nacken.
+
+"`Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!"' rief sie und lachte mit
+einem eigent"umlichen tiefen Klange leise auf, w"ahrend er ihren
+Hal{\s} immer noch mehr mit K"ussen bedeckte. Dann beugte er den
+Kopf "uber ihre Schulter, al{\s} wolle er in den Augen ihre
+Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick.
+
+Er trat drei Schritte zur"uck, der T"ure zu. Auf der Schwelle
+blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme:
+
+"`Auf Wiedersehn morgen!"'
+
+Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer.
+
+Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die
+Verabredung zur"ucknahm. E{\s} sei alle{\s} au{\s}, und e{\s}
+w"are zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders"ahen. Aber
+al{\s} der Brief fertig war, fiel ihr ein, da"s sie doch seine
+Adresse gar nicht wu"ste. Wa{\s} sollte sie tun?
+
+"`Ich werde ihm den Brief selbst geben,"' sagte sie sich,
+"`morgen, wenn er kommt."'
+
+Am andern Morgen stand Leo schon fr"uh in der offnen Balkont"ure,
+reinigte sich eigenh"andig seine Schuhe und sang leise vor sich
+hin. Er machte e{\s} sehr sorgf"altig. Dann zog er ein wei"se{\s}
+Beinkleid an, elegante Str"umpfe, einen gr"unen Rock, und
+sch"uttete seinen ganzen Vorrat von Parf"um in sein Taschentuch.
+Er ging zum Coiffeur, zerst"orte sich aber hinterher die Frisur
+ein wenig, weil sein Haar nicht unnat"urlich au{\s}sehen sollte.
+
+"`E{\s} ist noch zu zeitig"', sagte er, al{\s} er auf der
+Kuckuck{\s}uhr de{\s} Friseur{\s} sah, da"s e{\s} noch nicht neun
+Uhr war.
+
+Er bl"atterte in einem alten Modejournal, dann verlie"s er den
+Laden, z"undete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei
+Stra"sen, und al{\s} er dachte, e{\s} sei Zeit, ging er langsam
+zum Notre-Dame-Platze.
+
+E{\s} war ein pr"achtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der
+Juweliere glitzerten die Silberwaren, und da{\s} Licht, da{\s}
+schr"ag auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl"achen
+der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V"ogel flatterte im Blau
+de{\s} Himmel{\s} um die Kreuzblumen der T"urme. "Uber den
+l"armigen Platz wehte Blumenduft au{\s} den Anlagen her, wo
+Ja{\s}min, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl"uhten, von saftigen
+Gra{\s}fl"achen umrahmt und von Beeren tragenden B"uschen f"ur die
+V"ogel. In der Mitte pl"atscherte ein Springbrunnen, und zwischen
+Pyramiden von Melonen sa"sen H"okerinnen, barh"auptig unter
+ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr"au"se.
+
+Leo kaufte einen. E{\s} war da{\s} erstemal, da"s er Blumen f"ur
+eine Frau kaufte; und da{\s} Herz schlug ihm h"oher, wie er den
+Duft der Veilchen einatmete, al{\s} ob diese Huldigung, die er
+Emma darbringen wollte, ihm selber g"olte. Er f"urchtete,
+beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche.
+
+Auf der Schwelle der linken T"ure de{\s} Hauptportal{\s} unter der
+{\glq}Tanzenden Salome{\grq} stand der Schweizer, den Federhut auf
+dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust,
+w"urdevoller al{\s} ein Kardinal und goldstrotzend wie ein
+Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem
+s"u"slich-g"utigen L"acheln, da{\s} Geistliche anzunehmen pflegen,
+wenn sie mit Kindern reden:
+
+"`Der Herr ist gewi"s nicht von hier? Will der Herr die
+Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kathedrale besichtigen?"'
+
+"`Nein!"'
+
+Leo machte zun"achst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe
+und kam zum Hauptportal zur"uck. Emma war noch nicht da. Er ging
+abermal{\s} bi{\s} zum Chor.
+
+Teile de{\s} Ma"swerk{\s} und der bunten Fenster spiegelten sich
+in den gef"ullten Weihwasserbecken. Da{\s} durch die
+Gla{\s}malerei einfallende Licht brach sich an den marmornen
+Kanten und breitete bunte Teppichst"ucke "uber die Fliesen. Durch
+die drei ge"offneten T"uren de{\s} Hauptportal{\s} flutete da{\s}
+Tage{\s}licht in drei m"achtigen Lichtstr"omen in die Innenr"aume.
+Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor"uber und
+machte vor dem Heiligtum die "ubliche Kniebeugung der eiligen
+Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab.
+Im Chor brannte eine silberne Lampe. Au{\s} den Seitenkapellen,
+au{\s} den in Dunkel geh"ullten Teilen der Kirche vernahm man
+zuweilen Schluchzen oder da{\s} Klirren einer zugeschlagenen
+Gittert"ur, Ger"ausche, die in den hohen Gew"olben widerhallten.
+
+Leo ging gemessenen Schritte{\s} hin. Niemal{\s} war ihm da{\s}
+Leben so sch"on erschienen. Nun mu"ste sie bald kommen, reizend,
+erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem
+volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen
+Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte,
+und all dem unbeschreiblich Verf"uhrerischen einer unterliegenden
+Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheure{\s}
+Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl"usterte
+Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster
+leuchteten, ihr sch"one{\s} Gesicht zu verkl"aren, und au{\s} den
+Weihrauchgef"a"sen wirbelten die D"ampfe, damit sie wie ein Engel
+in einer Wolke von Wohlger"uchen erscheine.
+
+Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St"uhle, und
+seine Blicke fielen auf ein blaue{\s} Fenster, auf da{\s} Fischer
+mit K"orben gemalt waren. Er betrachtete da{\s} Bild aufmerksam,
+z"ahlte die Schuppen der Fische und die Knopfl"ocher an den
+W"amsen, w"ahrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die
+Weite irrten~...
+
+Der Schweizer "argerte sich im stillen "uber den Menschen, der
+sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein
+Benehmen unerh"ort. Man bestahl ihn gewisserma"sen und beging
+geradezu eine Tempelsch"andung.
+
+Da raschelte Seide "uber die Fliesen. Der Rand eine{\s} Hute{\s}
+tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war e{\s}. Leo eilte ihr
+entgegen.
+
+Sie war bla"s und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu.
+
+"`Lesen Sie da{\s}!"' sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin.
+"`Nicht doch!"'
+
+Sie ri"s ihre Hand au{\s} der seinen und eilte nach der Kapelle
+der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete.
+
+Leo war "uber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp"ort, dann
+fand er einen eigent"umlichen Reiz darin, sie w"ahrend eine{\s}
+Stelldichein{\s} in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische
+Marquise, schlie"slich aber, al{\s} sie gar nicht aufh"oren
+wollte, langweilte er sich.
+
+Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der
+Hoffnung, da"s der Himmel sie mit einer pl"otzlichen Eingebung
+begnaden w"urde. Um diese Hilfe de{\s} Himmel{\s} herabzuschw"oren,
+starrte sie auf den Glanz de{\s} Tabernakel{\s}, atmete sie den
+Duft der wei"sen Blumen in den gro"sen Vasen, lauschte sie auf die
+tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch
+steigerte.
+
+Sie erhob sich und wandte sich dem Au{\s}gang zu. Da trat der
+Schweizer rasch auf sie zu:
+
+"`Gn"adige Frau sind gewi"s hier fremd? Wollen Sie sich die
+Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kirche ansehen?"'
+
+"`Aber nein!"' rief der Adjunkt au{\s}.
+
+"`Warum nicht?"' erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte
+sich an die Madonna, an die Bilds"aulen, die Grabm"aler, an jeden
+Vorwand.
+
+Programmgem"a"s f"uhrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal
+zur"uck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro"sen Krei{\s}
+von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift.
+
+"`Da{\s} hier"', sagte er salbung{\s}voll, "`ist der Umfang der
+ber"uhmten Glocke de{\s} Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und
+hatte ihre{\s}gleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie
+gegossen, ist vor Freude gestorben~..."'
+
+"`Weiter!"' dr"angte Leo.
+
+Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der
+Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem
+Arm und wie{\s} mit dem Stolze eine{\s} Landmanne{\s}, der seine
+Saaten zeigt, auf eine Grabplatte.
+
+"`Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br\'ez\'e, Edler
+Herr von Varenne und Brissac, Gro"sseneschall von Poitou und
+Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh\'ery
+am 16. Juli 1465."'
+
+Leo bi"s sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu"se
+auf den andern.
+
+"`Und hier recht{\s}, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden
+Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br\'ez\'e, Edler Herr von Breval
+und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr
+de{\s} K"onig{\s}, Orden{\s}ritter und ebenfall{\s} Verweser der
+Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die
+Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben in{\s} Grab
+steigen will, zeigt ihn ebenfall{\s}. Eine un"ubertreffliche
+Darstellung der irdischen Verg"anglichkeit!"'
+
+Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah
+sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu
+machen. So sehr entmutigte ihn da{\s} langweilige Geschw"atz auf
+der einen und die Gleichg"ultigkeit auf der andern Seite.
+
+Der unerm"udliche Cicerone fuhr fort:
+
+"`Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin
+Diana von Poitier{\s}, Gr"afin von Br\'ez\'e, Herzogin von
+Valentinoi{\s}, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier
+link{\s} die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die
+heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu
+sehen. Hier sind die Grabm"aler derer von Amboise! Sie waren beide
+Kardin"ale und Erzbisch"ofe von Rouen. Dieser hier war Minister
+K"onig Ludwig{\s} de{\s} Zw"olften. Die Kathedrale hat ihm sehr
+viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen
+drei"sigtausend Taler in Gold."'
+
+Ohne stehen zu bleiben und fortw"ahrend redend, dr"angte er die
+beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel"ander abgesperrt war. Er
+"offnete e{\s} und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal
+eine schlechte Statue gewesen sein konnte.
+
+"`Dieser Stein zierte dereinst"', sagte er mit einem tiefen
+Seufzer, "`da{\s} Grab von Richard L"owenherz, K"onig von England
+und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so
+zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn au{\s} Bo{\s}heit
+hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T"ur, durch die sich
+Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den
+ber"uhmten Kirchenfenstern von Lagargouille!"'
+
+Da dr"uckte ihm Leo hastig ein gro"se{\s} Silberst"uck in die Hand
+und nahm Emma{\s} Arm. Der Schweizer war ganz verbl"ufft "uber die
+Freigebigkeit de{\s} Fremden, der noch lange nicht alle
+Sehen{\s}w"urdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach:
+
+"`Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!"'
+
+"`Danke!"' erwiderte Leo.
+
+"`Er ist wirklich sehen{\s}wert, meine Herrschaften! Er mi{\ss}t
+vierhundertvierzig Fu"s, nur neun weniger al{\s} die gr"o"ste
+"agyptische Pyramide, und ist vollst"andig au{\s} Eisen~..."'
+
+Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die
+Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch
+durch den grote{\s}ken k"afigartigen Schornstein zw"angen zu
+lassen, den ein "uberspannter Eisengie"ser keck auf die Kirche
+gesetzt hatte. Da{\s} w"are ihr Tod gewesen.
+
+"`Wohin gehen wir nun?"' fragte Emma.
+
+Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte
+schon ihren Finger in da{\s} Weihwasserbecken am Au{\s}gang,
+al{\s} sie pl"otzlich hinter sich ein Schnaufen und da{\s}
+regelm"a"sige Aufklopfen eine{\s} Stocke{\s} h"orten. Leo wandte
+sich um.
+
+"`Meine Herrschaften!"'
+
+"`Wa{\s} gibt{\s}?"'
+
+E{\s} war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke
+ungebundene B"ucher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch
+gedr"uckt, trug. E{\s} war die Literatur "uber die Kathedrale.
+
+"`Troddel!"' murmelte Leo und st"urzte au{\s} der Kirche.
+
+Ein Junge spielte auf dem Vorplatz.
+
+"`Hol un{\s} eine Droschke!"'
+
+Der Knabe rannte "uber den Platz, w"ahrend sie ein paar Minuten
+allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig
+verlegen.
+
+"`Leo ... wirklich ... ich wei"s nicht ... ob ich darf!"' E{\s}
+klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: "`E{\s}
+ist sehr unschicklich, wissen Sie da{\s}?"'
+
+"`Wieso?"' erwiderte der Adjunkt. "`In \so{Pari{\s}} macht man{\s}
+so!"'
+
+Diese{\s} eine Wort bestimmte sie wie ein unumst"o"sliche{\s}
+Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f"urchtete schon, sie
+k"onne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke.
+
+"`Fahren Sie wenigsten{\s} noch an{\s} Nordportal!"' rief ihnen
+der Schweizer nach. "`Und sehen Sie sich {\glq}Die
+Auferstehung{\grq}, da{\s} {\glq}J"ungste Gericht{\grq}, den
+{\glq}K"onig David{\grq} und {\glq}Die Verdammten in der
+H"olle{\grq} an!"'
+
+"`Wohin wollen die Herrschaften?"' fragte der Kutscher.
+
+"`Fahren Sie irgendwohin!"' befahl Leo und schob Emma in den Wagen.
+
+Da{\s} schwerf"allige Gef"ahrt setzte sich in Bewegung.
+
+Der Kutscher fuhr durch die Gro"sebr"uckenstra"se, "uber den Platz
+der K"unste, den Kai Napoleon hinunter, "uber die Neue Br"ucke und
+machte vor dem Denkmal Corneille{\s} Halt.
+
+"`Weiter fahren!"' rief eine Stimme au{\s} dem Inneren.
+
+Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz
+hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab.
+
+"`Nein, geradeau{\s}!"' rief dieselbe Stimme.
+
+Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in
+gem"achlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher
+trocknete sich den Schwei"s von der Stirn, nahm seinen Lederhut
+zwischen die Beine und lenkte sein Gef"ahrt durch eine Seitenallee
+dem Seine-Ufer zu, bi{\s} an die Wiesen. Dann fuhr er den
+Schifferweg hin, am Strom entlang, "uber schlechte{\s} Pflaster,
+nach Oyssel zu, "uber die Inseln hinau{\s}.
+
+Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremare{\s},
+Sotteville, die gro"se Chaussee hin, durch die Elbeuferstra"se und
+machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten.
+
+"`So fahren Sie doch weiter!"' rief die Stimme, die{\s}mal
+w"utend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr
+durch Sankt Sever "uber da{\s} Bleicher-Ufer und M"uhlstein-Ufer,
+wiederum "uber die Br"ucke, "uber den Exerzierplatz, hinten um den
+Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von
+Schlingpflanzen "uberwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren
+gingen. Dann f"uhrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf,
+nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan
+bi{\s} zur Deviller H"ohe.
+
+Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und
+Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra"sen und Gassen, "uber
+die Pl"atze und M"arkte, an den Kirchen und "offentlichen
+Geb"auden und am Hauptfriedhof vor"uber.
+
+Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom
+Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche
+Bewegung{\s}wut in seinen Fahrg"asten steckte, so da"s sie
+nirgend{\s} Halt machen wollten. Er versuchte e{\s} ein paarmal,
+aber jede{\s}mal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem
+trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter,
+unbek"ummert, ob er hier und dort anrannte, ganz au"ser Fassung
+und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit.
+
+Am Hafen, zwischen den Karren und F"assern, in den Strassen und an
+den Ecken machten die B"urger gro"se Augen ob diese{\s} in der
+Provinz ungewohnten Anblick{\s}: ein Wagen mir herabgelassenen
+Vorh"angen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer
+verschlossen wie ein Grab.
+
+Einmal nur, im Freien, um die Mittag{\s}stunde, al{\s} die Sonne
+am hei"sesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte
+eine blo"se Hand unter den gelben Fenstervorhang herau{\s} und
+streute eine Menge Papierschnitzel hinau{\s}, die im Winde
+flatterten wie wei"se Schmetterlinge und auf ein Kleefeld
+niederfielen.
+
+Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} hielt die Droschke in einem G"a"schen
+der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg
+herau{\s} und ging, ohne sich umzusehen, weiter.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht
+mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf"unfzig Minuten auf Emma
+gewartet, schlie"slich aber war er abgefahren.
+
+E{\s} war zwar nicht unbedingt erforderlich, da"s sie wieder zu
+Hause sein mu"ste. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend
+zur"uckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f"uhlte sie jene
+feige Untert"anigkeit im Herzen, die f"ur viele Frauen die Strafe
+und zugleich der Prei{\s} f"ur den Ehebruch ist.
+
+Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm
+einen der zweir"adrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden.
+Unterweg{\s} trieb sie den Kutscher zu gr"o"ster Eile an, fragte
+aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur"uckgelegten
+Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H"ausern
+von Quincampoix ein.
+
+Kaum sa"s sie drin, so schlo"s sie auch schon die Augen. Al{\s}
+sie erwachte, waren sie schon "uber den Berg, und von weitem sah
+sie Felicie, die vor dem Hause de{\s} Schmiede{\s} auf sie
+wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und da{\s} M"adchen, da{\s}
+sich bi{\s} zum Fenster hinaufreckte, fl"usterte ihr
+geheimni{\s}voll zu:
+
+"`Gn"adige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! E{\s}
+handelt sich um etwa{\s} sehr Dringliche{\s}!"'
+
+Da{\s} Dorf war still wie immer. Vor den H"ausern lagen kleine
+dampfende, rosafarbige Haufen. E{\s} war die Zeit de{\s}
+Fr"uchteeinmachen{\s}, und jedermann in Yonville bereitete sich am
+selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen
+besonder{\s} gro"sen Haufen dieser au{\s}gekochten "Uberreste. Man
+sah, da"s hier mit f"ur die Allgemeinheit gesorgt wurde.
+
+Emma trat in die Apotheke. Der gro"se Lehnstuhl war umgeworfen,
+und sogar der "`Leuchtturm von Rouen"' lag am Boden zwischen zwei
+M"orserkeulen. Sie stie"s die T"ur zur Flur auf und erblickte in
+der K"uche -- inmitten von gro"sen braunen Einmachet"opfen voll
+abgebeerter Johanni{\s}beeren und Sch"usseln mit geriebenem und
+zerst"uckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln
+"uber dem Feuer -- die ganze Familie Homai{\s}, gro"s und klein,
+alle in Sch"urzen, die bi{\s} zum Kinn gingen, Gabeln in den
+H"anden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten
+Kopfe{\s} dastand, und schrie ihn eben an:
+
+"`Wer hat dir gehei"sen, wa{\s} au{\s} dem Kapernaum zu holen?"'
+
+"`Wa{\s} ist denn lo{\s}? Wa{\s} gibt{\s}?"' fragte die
+Eintretende.
+
+"`Wa{\s} lo{\s} ist?"' antwortete der Apotheker. "`Ich mache hier
+Johanni{\s}beeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft
+zu dick ist, droht er mir "uberzukochen. Ich schicke nach einem
+andern Kessel. Da geht dieser Mensch au{\s} Bequemlichkeit, au{\s}
+Faulheit hin und nimmt au{\s} meinem Laboratorium den dort an
+einem Nagel aufgeh"angten Schl"ussel zu meinem Kapernaum!"'
+
+Kapernaum nannte er n"amlich eine Bodenkammer, in der er allerlei
+Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft
+hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte
+und packte. Diese{\s} kleine Gemach betrachtete er nicht al{\s}
+einen gew"ohnlichen Vorrat{\s}raum, sondern al{\s} ein wahre{\s}
+Heiligtum, au{\s} dem, von seiner Hand hergestellt, alle die
+verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S"aften, Salben und
+Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber"uhmt
+machten. Niemand durfte da{\s} Kapernaum betreten. Da{\s} ging
+soweit, da"s er e{\s} selbst au{\s}fegte. Die Apotheke stand f"ur
+jedermann offen. Sie war die St"atte, wo er w"urdevoll amtierte.
+Aber da{\s} Kapernaum war der Zuflucht{\s}ort, wo sich Homai{\s}
+selbst geh"orte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten
+hingab. Justin{\s} Leichtsinn d"unkte ihn de{\s}halb eine
+unerh"orte Respektlosigkeit, und r"oter al{\s} seine
+Johanni{\s}beeren, wetterte er:
+
+"`Nat"urlich! Au{\s}gerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den
+Schl"ussel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen
+Reservekessel, den ich selber vielleicht niemal{\s} in Gebrauch
+genommen h"atte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat
+auch der geringste Umstand die gr"o"ste Wichtigkeit! Zum Teufel,
+daran mu"s man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate
+nicht zu K"uchenzwecken verwenden! Da{\s} w"are gradeso, al{\s} wenn
+man sich mit einer Sense rasieren wollte oder al{\s} wenn~..."'
+
+"`Aber so beruhige dich doch!"' mahnte Frau Homai{\s}.
+
+Und Athalia zupfte ihn am Rock.
+
+"`Papachen, Papachen!"'
+
+"`La"st mich!"' erwiderte der Apotheker. "`Zum Donnerwetter, la"st
+mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er"offnen!
+Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alle{\s}! La"s die
+Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure
+Gurken in den Arzneib"uchsen ein! Zerrei"s die Bandagen!"'
+
+"`Sie hatten mir doch~..."', begann Emma.
+
+"`Einen Augenblick! -- Wei"st du, mein Junge, wa{\s} dir h"atte
+passieren k"onnen? Hast du link{\s} in der Ecke auf dem dritten
+Wandbrett nicht{\s} stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen
+Ton von dir!"'
+
+"`Ich ... wei"s ... nicht"', stammelte der Lehrling.
+
+"`Ah, du wei"st nicht! Freilich! Aber ich wei"s e{\s}! Du hast da
+eine B"uchse gesehn, au{\s} blauem Gla{\s}, mit einem gelben
+Deckel, gef"ullt mit wei"sem Pulver, und auf dem Schild steht, von
+mir eigenh"andig draufgeschrieben: {\glq}Gift! Gift! Gift!{\grq}
+Und wei"st du, wa{\s} da drin ist? Ar -- se -- nik! Und so wa{\s}
+r"uhrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!"'
+
+"`Daneben!"' rief Frau Homai{\s} erschrocken und schlug die H"ande
+"uber dem Kopfe zusammen. "`Arsenik! Du h"attest un{\s} alle
+miteinander vergiften k"onnen!"'
+
+Die Kinder fingen an zu schreien, al{\s} sp"urten sie bereit{\s}
+die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden.
+
+"`Oder du h"attest einen Kranken vergiften k"onnen"', fuhr der
+Apotheker fort. "`Wolltest du mich gar auf die Anklagebank
+bringen, vor da{\s} Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem
+Schafott sehen? Wei"st du denn nicht, da"s ich mich bei meinen
+Arbeiten kolossal in acht nehmen mu"s, trotz meiner gro"sen
+Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine
+Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht un{\s} t"uchtig auf
+die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen,
+schweben unsereinem faktisch wie ein Damokle{\s}schwert
+fortw"ahrend "uber dem Haupte!"'
+
+Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, wa{\s} man von ihr
+wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S"atzen fort:
+
+"`So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden
+sind? So dankst du mir die geradezu v"aterliche M"uhe und
+Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w"arst du denn
+ohne mich? Wie ginge dir{\s} heute? Wer hat dich ern"ahrt,
+erzogen, gekleidet? Wer erm"oglicht e{\s} dir, da"s du eine{\s}
+Tage{\s} mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um
+da{\s} zu erreichen, mu"st du noch feste zugreifen, mu"st, wie man
+sagt, Blut schwitzen! \begin{antiqua}Fabricando sit faber, age,
+quod agis\end{antiqua}!"'
+
+Er war derma"sen aufgeregt, da"s er Lateinisch sprach. Er h"atte
+Chinesisch oder Gr"onl"andisch gesprochen, wenn er da{\s} gekonnt
+h"atte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der
+Mensch sein geheimste{\s} Ich ohne Selbstkritik enth"ullt, wie
+da{\s} Meer, da{\s} sich im Sturm an seinem Gestade bi{\s} auf den
+Grund und Boden "offnet.
+
+Er predigte immer weiter:
+
+"`Ich fange an, e{\s} furchtbar zu bereuen, da"s ich dich in mein
+Hau{\s} genommen habe. Ich h"atte besser getan, dich in dem Elend
+Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du
+wirst niemal{\s} zu etwa{\s} Besserem zu gebrauchen sein al{\s}
+zum Rindviehh"uten. Zur Wissenschaft hast du kein bi"schen Talent!
+Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir
+wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l"a"st
+dir{\s} "uber die Ma"sen wohl gehn!"'
+
+Emma wandte sich an Frau Homai{\s}:
+
+"`Man hat mich hierher gerufen~..."'
+
+"`Ach, du lieber Gott!"' unterbrach die gute Frau sie mit
+trauriger Miene. "`Wie soll ich{\s} Ihnen nur beibringen? ...
+E{\s} ist n"amlich ein Ungl"uck passiert~..."'
+
+Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker "uberschrie sie:
+
+"`Hier! Leer ihn wieder au{\s}! Mache ihn wieder rein! Bring ihn
+wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!"'
+
+Er packte Justin beim Kragen und sch"uttelte ihn ab. Dabei entfiel
+Justin{\s} Tasche ein Buch.
+
+Der Junge b"uckte sich, aber Homai{\s} war schneller al{\s} er,
+hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen
+und offenem Mund.
+
+"`Liebe und Ehe"', la{\s} er vor. "`Aha! Gro"sartig! Gro"sartig!
+Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Da{\s} ist denn doch ein
+bi"schen starker Tobak!"'
+
+Frau Homai{\s} wollte nach dem Buche greifen.
+
+"`Nein, da{\s} ist nicht{\s} f"ur dich!"' wehrte er sie ab.
+
+Die Kinder wollten die Bilder sehn.
+
+"`Geht hinau{\s}!"' befahl er gebieterisch.
+
+Und sie gingen hinau{\s}.
+
+Eine Weile schritt er zun"achst mit gro"sen Schritten auf und ab,
+da{\s} Buch halb ge"offnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz
+au"ser Atem, mit rotem Kopfe, al{\s} ob ihn der Schlag r"uhren
+sollte. Dann ging er auf den Lehrling lo{\s} und stellte sich mit
+verschr"ankten Armen vor ihn hin:
+
+"`Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl"uck{\s}wurm?
+Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene!
+Hast du denn nicht bedacht, da"s diese{\s} sch"andliche Buch
+meinen Kindern in die H"ande fallen konnte, den Samen der S"unde
+in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athalien{\s} tr"uben und
+Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigsten{\s}
+beschw"oren, da"s die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du
+mir da{\s} schw"oren?"'
+
+"`Aber so sagen Sie mir doch endlich,"' unterbrach ihn Emma,
+"`wa{\s} Sie mir mit\/zuteilen haben!"'
+
+"`Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!"'
+
+In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an
+einem Schlaganfall verschieden. Au{\s} "ubertriebener
+R"ucksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die
+schreckliche Nachricht schonend mit\/zuteilen.
+
+Homai{\s} hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauesten{\s}
+"uberlegt und au{\s}gekl"ugelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht,
+Zartgef"uhl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte "uber seine
+Sprachkunst triumphiert.
+
+Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie"s die Apotheke, da
+Homai{\s} seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w"ahrend er
+sich mit seinem K"appchen Luft zuf"achelte. Allm"ahlich beruhigte
+er sich jedoch und ging in einen v"aterlicheren Ton "uber:
+
+"`Ich will nicht sagen, da"s ich diese{\s} Buch g"anzlich ablehne.
+Der Verfasser ist Arzt, und e{\s} stehen wissenschaftliche
+Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja
+die er vielleicht kennen mu"s. Aber da{\s} hat ja Zeit! Warte doch
+wenigsten{\s}, bi{\s} du ein wirklicher Mann bist!"'
+
+Al{\s} Emma an ihrem Hause klingelte, "offnete Karl, der sie
+erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen.
+
+"`Meine liebe Emma!"'
+
+Er neigte sich z"artlich zu ihr hernieder, um sie zu k"ussen. Aber
+bei der Ber"uhrung ihrer Lippen mu"ste sie an den andern denken.
+Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand "uber da{\s} Gesicht:
+
+"`Ja ... ich wei"s ... ich wei"s~..."'
+
+Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter da{\s} Ereigni{\s}
+ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur,
+da"s ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod
+hatte ihn in Doudeville auf der Stra"se, an der Schwelle eine{\s}
+Restaurant{\s}, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an
+einem Liebe{\s}mahl teilgenommen hatte.
+
+Emma reichte Karl den Brief zur"uck. Bei Tisch tat sie au{\s}
+konventionellem Taktgef"uhl so, al{\s} h"atte sie keinen Appetit.
+Al{\s} er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w"ahrend Karl
+unbeweglich und mit betr"ubter Miene ihr gegen"uber dasa"s.
+
+Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem
+traurigen Blick an. Einmal seufzte er:
+
+"`Ich wollt, ich h"atte ihn noch einmal gesehen!"'
+
+Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da"s sie etwa{\s}
+entgegnen m"usse, fragte sie:
+
+"`Wie alt war dein Vater eigentlich?"'
+
+"`Achtundf"unfzig!"'
+
+"`So!"'
+
+Da{\s} war alle{\s}.
+
+Eine Viertelstunde sp"ater fing er wieder an:
+
+"`Meine arme Mutter! Wa{\s} soll nun au{\s} ihr werden?"'
+
+Emma machte eine Geb"arde, da"s sie e{\s} nicht wisse.
+
+Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da"s sie sehr betr"ubt
+sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfall{\s} zum Schweigen,
+um ihren r"uhrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich
+zusammenraffend, fragte er sie:
+
+"`Hast du dich gestern gut am"usiert?"'
+
+"`Ja!"'
+
+Al{\s} der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma
+gleichfall{\s}. Je l"anger sie ihn in dieser monotonen Stimmung
+ansah, um so mehr schwand da{\s} Mitleid au{\s} ihrem Herzen
+bi{\s} auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb"armlich, jammervoll,
+wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung "`ein
+trauriger Kerl"'. Wie konnte sie ihn nur lo{\s}werden? Welch
+endloser Abend! Etwa{\s} Bet"aubende{\s} ergriff sie, wie Opium.
+
+In der Hau{\s}flur ward ein schl"urfende{\s} Ger"ausch vernehmbar.
+E{\s} war Hippolyt, der Emma{\s} Gep"ack brachte. E{\s} machte ihm
+viel M"uhe, e{\s} abzulegen.
+
+"`Karl denkt schon gar nicht mehr daran"', dachte Emma, al{\s} sie
+den armen Teufel sah, dem da{\s} rote Haar in die
+schwei"striefende Stirn herabhing.
+
+Bovary zog einen Groschen au{\s} der Westentasche. Er hatte kein
+Gef"uhl f"ur die Dem"utigung, die f"ur ihn in der blo"sen
+Anwesenheit diese{\s} Kr"uppel{\s} lag. Lief er nicht wie ein
+leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf"ahigkeit de{\s} Arzte{\s}
+herum?
+
+"`Ein h"ubscher Strau"s!"' sagte er, al{\s} er auf dem Kamin
+Leo{\s} Veilchen bemerkte.
+
+"`Ja!"' erwiderte sie gleichg"ultig. "`Ich habe ihn einer armen
+Frau abgekauft."'
+
+Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K"uhlung vor seine
+von Tr"anen ger"oteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri"s sie
+ihm au{\s} der Hand und stellte sie in ein Wassergla{\s}.
+
+Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn
+weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der
+Wirtschaft zu tun.
+
+Am Tage nachher besch"aftigten sich die beiden Frauen mit den
+Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N"ahzeug in die Laube
+hinten im Garten am Bachrande.
+
+Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich "uber seine gro"se
+Liebe zu diesem Mann, die ihm bi{\s} dahin gar nicht weiter zum
+Bewu"stsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr"ubelte "uber den
+Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst
+begehren{\s}wert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit
+geworden, da"s sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann
+eine dicke Tr"ane "uber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran
+h"angen. Dabei n"ahte sie ununterbrochen weiter.
+
+Emma dachte, da"s kaum achtundvierzig Stunden vor"uber waren, seit
+sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr"uckt, ganz
+trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die
+kleinsten und allerkleinsten Z"uge diese{\s} entschwundenen
+Tage{\s} in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uckzurufen. Aber die Anwesenheit
+ihre{\s} Manne{\s} und ihrer Schwiegermutter st"orte sie. Sie
+h"atte nicht{\s} h"oren und nicht{\s} sehn m"ogen, um nicht in
+ihren Liebestr"aumereien gest"ort zu werden, die gegen ihren
+Willen unter den "au"seren Eindr"ucken zu verwehen drohten.
+
+Sie trennte da{\s} Futter eine{\s} Kleide{\s} ab, da{\s} sie um
+sich au{\s}gebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere
+und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H"ande in
+den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen
+"Uberrock, der ihm al{\s} Hau{\s}anzug diente, bei ihnen und
+sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei"se{\s} Sch"urzchen
+umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande.
+
+Pl"otzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh"andler, kommen.
+
+Er bot in Anbetracht de{\s} "`betr"ublichen Ereignisse{\s}"' seine
+Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu
+k"onnen, aber der H"andler wich nicht so leicht.
+
+"`Ich bitte tausendmal um Verzeihung,"' sagte er, "`aber ich mu"s
+Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten."' Und fl"usternd
+f"ugte er hinzu: "`E{\s} ist wegen dieser Sache ... Sie wissen
+schon~..."'
+
+Karl wurde rot bi{\s} "uber die Ohren.
+
+"`Gewi"s ... freilich ... nat"urlich!"'
+
+In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau:
+
+"`K"onntest du da{\s} nicht mal ... meine Liebe~...?"'
+
+Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner
+Mutter:
+
+"`E{\s} ist nicht{\s} weiter! Wahrscheinlich irgend eine
+Kleinigkeit, die den Hau{\s}halt betrifft."'
+
+Er f"urchtete ihre Vorw"urfe und wollte nicht, da"s sie die
+Vorgeschichte de{\s} Wechsel{\s} erf"uhre.
+
+Sobald sie allein waren, begl"uckw"unschte Lheureux Emma in
+ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von
+gleichg"ultigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von
+seiner Gesundheit, die immer "`so lala"' sei. Er m"u"ste sich
+wirklich h"ollisch anstrengen und, wa{\s} die Leute auch sagten,
+ihm fehle doch die Butter zum Brote.
+
+Emma lie"s ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich
+entsetzlich.
+
+"`Und sind Sie v"ollig wiederhergestellt?"' fuhr er fort. "`Ich
+sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch"onen Verfassung
+gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir un{\s} auch
+ordentlich einander in die Haare gefahren sind."'
+
+Sie fragte, wa{\s} da{\s} gewesen sei. Karl hatte ihr n"amlich die
+Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen.
+
+"`Aber Sie wissen doch! E{\s} handelte sich um Ihre Sachen zur
+Reise~..."'
+
+Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H"ande auf
+den R"ucken genommen und sah ihr, l"achelnd und leise redend, mit
+einem unertr"aglichen Blick in{\s} Gesicht. Vermutete er etwa{\s}?
+Emma verlor sich in allerlei Bef"urchtungen. Inzwischen fuhr er
+fort:
+
+"`Aber wir haben un{\s} schlie"slich geeinigt, und ich bin
+gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen~..."'
+
+E{\s} handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary au{\s}gestellt
+hatte, zu erneuern. "Ubrigen{\s} k"onne der Herr Doktor die Sache
+ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu
+"angstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi"s mit Sorgen "uberh"auft
+sei.
+
+"`Da{\s} beste w"are ja, wenn die Schuld jemand ander{\s}
+"ubern"ahme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Da{\s}
+w"are da{\s} Bequemste. Wir k"onnten dann unsere kleinen
+Gesch"afte miteinander abmachen."'
+
+Sie begriff nicht recht, aber er sagte nicht{\s} weiter. Dann kam
+er auf sein Gesch"aft zu sprechen und erkl"arte ihr, sie m"usse
+unbedingt etwa{\s} nehmen. Er wolle ihr zw"olf Meter Barege
+schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide.
+
+"`Da{\s}, wa{\s} Sie da haben, ist gut f"ur{\s} Hau{\s}. Sie
+brauchen noch noch ein andre{\s} f"ur die Besuche. Gleich beim
+Eintreten habe ich da{\s} bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein
+Amerikaner!"'
+
+Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam
+er nochmal{\s}, um Ma"s zu nehmen, und dann unter allen m"oglichen
+anderen Vorw"anden wieder und wieder, wobei er sich so gef"allig
+und dienstbeflissen wie nur m"oglich stellte. Er stand
+"`gehorsamst zur Verf"ugung"', wie Homai{\s} zu sagen pflegte.
+Dabei fl"usterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl"age
+wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw"ahnte er nicht
+mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach
+ihrer Genesung mit ihr dar"uber gesprochen, aber e{\s} war ihr
+seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da"s sie da{\s} vergessen
+hatte. Sie h"utete sich "uberhaupt, Geldinteressen an den Tag zu
+legen. Frau Bovary wunderte sich dar"uber, aber sie schrieb da{\s}
+der Fr"ommigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden
+sei.
+
+Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren
+Gatten durch ihren Gesch"aft{\s}sinn in Erstaunen. Man m"usse
+Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr"ufen und feststellen, ob
+nicht vielleicht ein Nachla"skonkur{\s} n"otig sei. Sie gebrauchte
+auf gut Gl"uck allerhand juristische Au{\s}dr"ucke, sprach von
+Ordnung de{\s} Nachlasse{\s}, Nachla"sverbindlichkeiten, Haftung
+usw., und "ubertrieb immerfort die Schwierigkeiten der
+Erbschaft{\s}regelung. Eine{\s} Tage{\s} zeigte sie ihm sogar den
+Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr da{\s} Recht "ubertrug,
+da{\s} Verm"ogen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel
+au{\s}zustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten
+und zu empfangen usw.
+
+Lheureux war ihr Lehrmeister.
+
+Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde au{\s}gestellt habe.
+
+"`Notar Guillaumin."' Und mit der gr"o"sten Kaltbl"utigkeit f"ugte
+sie hinzu: "`Ich habe nur nicht da{\s} rechte Vertrauen zur Sache.
+Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m"u"ste man noch
+einen Recht{\s}anwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein
+... keinen."'
+
+"`H"ochsten{\s} Leo"', meinte Karl nachdenklich. Aber e{\s} sei
+schwierig, sich brieflich zu verst"andigen.
+
+Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot e{\s}
+nochmal{\s} an. Kein{\s} wollte dem andern an Zuvorkommenheit
+nachstehen. Schlie"slich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn
+au{\s}:
+
+"`Ich will aber! Ich bitte dich, la"s mich{\s} machen!"'
+
+"`Wie gut du bist!"' sagte er und k"u"ste sie auf die Stirn.
+
+Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren
+und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+E{\s} waren drei erlebni{\s}volle, k"ostliche, wunderbare wahre
+Flitterwochentage.
+
+Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei
+verschlossenen T"uren und herabgelassenen Fensterl"aden, unter
+"uberallhin gestreuten Blumen und bei Fruchtei{\s}, da{\s} man
+ihnen alle Morgen in der Fr"uhe brachte.
+
+Abend{\s} mieteten sie einen "uberdeckten Kahn und a"sen auf einer
+der Inseln.
+
+E{\s} war die Stunde, da man von den Werften her die H"ammer gegen
+die Schiff{\s}w"ande schlagen h"orte. Der Dampf von siedendem Teer
+stieg zwischen den B"aumen empor, und auf dem Strome sah man
+breite "olige, ungleich gro"se Flecken, die im Purpurlichte der
+Sonne wie schwimmende Platten au{\s} Florenzer Bronze gl"anzten.
+
+Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu"sk"ahnen
+hindurch, und bi{\s}weilen streifte ihre Barke die langen
+Ankertaue. Da{\s} Ger"ausch der Stadt, da{\s} Rasseln der Wagen,
+da{\s} Stimmengewirr, da{\s} Bellen der Hunde auf den Schiffen
+wurde ferner und ferner. Emma kn"upfte ihre Hutb"ander auf.
+
+Sie landeten an "`ihrer Insel"'. Sie setzten sich in eine
+Herberge, vor deren T"ur schwarze Netze hingen, und a"sen
+gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich
+in{\s} Gra{\s}, k"u"sten einander im Schatten der hohen Pappeln
+und h"atten am liebsten wie zwei Robinson{\s} immer auf diesem
+Erdenwinkel leben m"ogen, der ihnen in ihrer Gl"uckseligkeit
+al{\s} da{\s} sch"onste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie
+sahn die B"aume, den blauen Himmel und da{\s} Gra{\s} nicht zum
+ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl"atschern der
+Wellen und dem Wind, der durch die Bl"atter rauschte, aber e{\s}
+war ihnen, al{\s} h"atten sie da{\s} alle{\s} niemal{\s} so
+genossen, al{\s} w"are die Natur vorher gar nicht dagewesen oder
+al{\s} w"are sie erst sch"on, seitdem ihr Begehren gestillt war.
+
+Wenn e{\s} dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade
+von Inseln entlang. Die beiden sa"sen im Dunkeln auf der Bank
+unter dem h"olzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die
+vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen
+Gabeln, taktm"a"sig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte da{\s}
+Wasser leise um da{\s} herrenlose Steuer.
+
+Einmal erschien der Mond. Da schw"armten sie nat"urlich vom
+stillen Nebelglanz "uber Busch und Tal und seinen Melodien. Und
+Emma begann sogar zu singen:
+\begin{verse}
+"`Wei"st du, eine{\s} Abend{\s} \\
+Fuhren wir dahin~..."'
+\end{verse}
+
+Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte "uber der Flut,
+vom Wind entf"uhrt. Wie sanfter Fl"ugelschlag streifte der Sang
+Leo{\s} Ohr.
+
+Emma sa"s an die R"uckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine
+offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr
+Gesicht. Ihr schwarze{\s} Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein
+F"acher au{\s}breitete, lie"s sie schlanker und gr"o"ser
+erscheinen. Die H"ande gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum
+Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der
+Weiden, an denen der Kahn vor"uberglitt, und dann tauchte sie
+pl"otzlich wieder auf, im Lichte de{\s} Monde{\s}, wie eine
+Geistererscheinung.
+
+Leo, der sich ihr zu F"u"sen am Boden de{\s} Fahrzeuge{\s}
+gelagert hatte, hob ein Band au{\s} roter Seide auf. Der
+Boot{\s}mann sah e{\s} und meinte:
+
+"`Da{\s} ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft
+spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie
+hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh"orner. Da{\s} war ein
+Rummel! Da war einer dabei, ein gro"ser h"ubscher Mann mit einem
+schwarzen Schnurrb"artchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn
+immer: {\glq}Du, erz"ahl un{\s} mal einen Schwank au{\s} deinem
+Leben, Adolf!{\grq} Oder hie"s er Rudolf? Ich wei"s nicht mehr~..."'
+
+Emma fuhr zusammen.
+
+"`Ist dir nicht wohl?"' fragte Leo und legte ihr die Hand um den
+Nacken.
+
+"`Ach nein, e{\s} ist nicht{\s}! E{\s} ist ein bi"schen k"uhl."'
+
+"`Er mochte auch viel Gl"uck bei den Frauen haben"', redete der
+Boot{\s}mann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar
+eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H"ande und
+begann von neuem zu rudern.
+
+Endlich kam die Trennung{\s}stunde. Der Abschied war sehr traurig.
+Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet
+schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte
+Umschl"age verwenden. Er wunderte sich "uber ihre Schlauheit in
+Liebe{\s}dingen.
+
+"`Und da{\s} andre ist doch auch alle{\s} in Ordnung, nicht
+wahr?"' fragte sie nach dem letzten Kusse.
+
+"`Aber gewi"s!"'
+
+Al{\s} er dann allein durch die Stra"sen heimging, dachte er bei
+sich:
+
+"`Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesen{\s} mit ihrer
+Generalvollmacht?"'
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Leo begann vor seinen Kameraden den "Uberlegenen zu spielen. Er
+mied ihre Gesellschaft und vernachl"assigte seine Akten. Er
+wartete nur immer auf Emma{\s} Briefe, la{\s} wieder und wieder in
+ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in
+der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei"se{\s}
+Begehren k"uhlte sich durch da{\s} Getrenntsein nicht ab, im
+Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuch{\s} derma"sen,
+da"s er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann.
+
+Al{\s} er von der H"ohe herab unten im Tale den Kirchturm mit
+seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte,
+durchschauerte ihn ein sonderbare{\s} Gef"uhl von Eitelkeit und
+R"uhrung, wie e{\s} vielleicht ein Milliard"ar empfindet, der sein
+Heimatdorf wieder aufsucht.
+
+Er ging um Emma{\s} Hau{\s}. In der K"uche war Licht. Er wartete,
+ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w"urde. E{\s}
+erschien nicht{\s}.
+
+Al{\s} Mutter Franz ihn gewahrte, stie"s sie Freudenschreie
+au{\s}. Sie fand ihn "`gr"o"ser und schlanker geworden"', w"ahrend
+Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s"ahe "`st"arker und
+brauner"' au{\s}.
+
+Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein,
+aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte e{\s} n"amlich
+"`satt bekommen"', immer auf die Post warten zu sollen, und hatte
+seine Tischzeit ein f"ur allemal auf Punkt f"unf Uhr verlegt,
+wa{\s} ihn indessen nicht hinderte, dar"uber zu r"asonieren, da"s
+der "`alte Klapperkasten egal zu sp"at"' k"ame.
+
+Endlich fa"ste Leo Mut und klingelte an der Hau{\s}t"ure de{\s}
+Arzte{\s}. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer
+Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn
+wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tag{\s} wich er von
+Emma{\s} Seite. Erst nacht{\s} kam sie allein mit Leo zusammen,
+auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach,
+wie einst mit dem andern.
+
+Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem
+Regenschirm, bei Donner und Blitz.
+
+Die Trennung war ihnen unertr"aglich.
+
+"`Lieber sterben!"' sagte Emma.
+
+Sie entwand sich seinen Armen und weinte.
+
+"`Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?"'
+
+Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da
+versprach ihm Emma, sie wolle demn"achst Mittel und Wege finden,
+damit sie sich wenigsten{\s} einmal jede Woche sehen k"onnten.
+Emma zweifelte nicht an der M"oglichkeit. Sie war "uberhaupt
+voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f"ur die n"achste Zeit Geld
+in Au{\s}sicht gestellt.
+
+Sie schaffte ein Paar cremefarbige Store{\s} f"ur ihr Zimmer an.
+Lheureux r"uhmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen
+Teppich, den der H"andler bereitwillig zu besorgen versprach,
+wobei er versicherte, er werde "`die Welt nicht kosten"'. Lheureux
+war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie
+nach ihm, und immer lie"s er alle{\s} stehen und liegen und kam,
+ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte
+Frau Rollet t"aglich zum Fr"uhst"uck und auch au"serdem noch
+h"aufig kam.
+
+Gegen Anfang de{\s} Winter{\s} entwickelte Emma pl"otzlich einen
+ungemein regen Eifer im Musizieren.
+
+Eine{\s} Abend{\s} spielte sie da{\s}selbe St"uck viermal
+hintereinander, ohne "uber eine bestimmte schwierige Stelle glatt
+hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh"orte, bemerkte den Fehler nicht
+und rief:
+
+"`Bravo! Au{\s}gezeichnet! Fehlerlo{\s}! Spiele nur weiter!"'
+
+"`Nein, nein! Ich st"umpere. Meine Finger sind zu steif
+geworden."'
+
+Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwa{\s} vorzuspielen.
+
+"`Meinetwegen! Wenn e{\s} dir Spa"s macht."'
+
+Karl gab zu, da"s sie ein wenig au{\s} der "Ubung sei. Sie griff
+daneben, blieb stecken, und pl"otzlich h"orte sie auf zu spielen.
+
+"`Ach, e{\s} geht nicht, ich m"u"ste wieder Stunden nehmen,
+aber~..."' Sie bi"s sich in die Lippen und f"ugte hinzu: "`Zwanzig
+Franken f"ur die Stunde, da{\s} ist zu teuer."'
+
+"`Allerding{\s} ... ja~..."', sagte Karl und l"achelte einf"altig,
+"`aber e{\s} gibt doch auch unbekannte K"unstler, die billiger und
+manchmal besser sind al{\s} die Ber"uhmtheiten."'
+
+"`Such mir einen!"' sagte Emma.
+
+Am andern Tag, al{\s} er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene
+an und sagte schlie"slich:
+
+"`Wa{\s} du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in
+Barfeuch\`ere{\s}, und da hat mir Frau Li\'egeard erz"ahlt, da"s
+ihre drei T"ochter f"ur zw"olf Groschen die Stunde bei einer ganz
+vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben."'
+
+Emma zuckte mit den Achseln und "offnete fortan nicht mehr da{\s}
+Klavier. Aber wenn sie in Karl{\s} Gegenwart daran vorbeiging,
+seufzte sie allemal:
+
+"`Ach, mein arme{\s} Klavier!"'
+
+Wenn Besuch da war, erz"ahlte sie jedermann, da"s sie die Musik
+aufgegeben und h"oheren R"ucksichten geopfert habe. Dann beklagte
+man sie. E{\s} sei schade. Sie h"atte soviel Talent. Man machte
+ihrem Manne geradezu Vorw"urfe, und der Apotheker sagte ihm
+eine{\s} Tage{\s}:
+
+"`E{\s} ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem
+die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au"serdem sparen
+Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp"ater bei
+der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M"utter
+sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Da{\s} hat schon
+Rousseau gesagt, so neu un{\s} diese Forderung auch anmutet. Aber
+da{\s} wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern"ahrung der
+S"auglinge durch die eigenen M"utter und wie die
+Schutzpockenimpfung! Davon bin ich "uberzeugt!"'
+
+Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr"ach{\s}weise auf diese
+Angelegenheit zur"uck. Emma erwiderte "argerlich, da"s e{\s}
+besser w"are, da{\s} Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte
+sich Bovary. Da{\s} kam ihm wie die Prei{\s}gabe eine{\s}
+St"ucke{\s} von sich selbst vor. Da{\s} brave Klavier hatte ihm so
+oft Vergn"ugen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht!
+
+"`Wie w"are e{\s} denn,"' schlug er vor, "`wenn du hin und wieder
+eine Stunde n"ahmst? Da{\s} wird un{\s} wohl nicht gleich
+ruinieren!"'
+
+"`Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm"a"sig erfolgt"',
+entgegnete sie.
+
+Und so kam e{\s} schlie"slich dahin, da"s sie von ihrem Gatten die
+Erlaubni{\s} erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um
+den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie
+habe bedeutende Fortschritte gemacht.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich
+ger"auschlo{\s} an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw"urfe
+wegen ihre{\s} zu fr"uhen Aufstehen{\s} gemacht h"atte. Dann lief
+sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich an{\s} Fenster und sah auf
+den Marktplatz hinau{\s}. Da{\s} Morgengrauen huschte um die
+Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl"aden noch
+geschlossen waren. Die gro"sen Buchstaben de{\s} Ladenschilde{\s}
+lie"sen sich durch da{\s} fahle D"ammerlicht erkennen.
+
+Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem
+Goldnen L"owen. Artemisia "offnete ihr g"ahnend die T"ur und
+fachte der gn"adigen Frau wegen im Herde die gl"uhenden Kohlen an.
+Ganz allein sa"s Emma dann in der K"uche.
+
+Von Zeit zu Zeit ging sie hinau{\s}. Hivert spannte h"ochst
+gem"achlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh"orte,
+die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster
+herau{\s}sah und ihm tausend Auftr"age und Verhaltung{\s}ma"sregeln
+erteilte, die jeden andern Kutscher verr"uckt gemacht h"atten. Die
+Abs"atze von Emma{\s} Stiefeletten klapperten laut auf dem
+Pflaster de{\s} Hofe{\s}.
+
+Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel
+angezogen, die Tabak{\s}pfeife angez"undet und die Peitsche in die
+Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock.
+
+Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfang{\s} machte sie
+allerort{\s} Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra"se vor
+den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl"atze
+vorbestellt hatten, lie"sen meist auf sich warten; ja e{\s} kam
+vor, da"s sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und
+fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den
+F"austen laut gegen die Fensterl"aden. Inzwischen pfiff der Wind
+durch die schlecht schlie"senden Wagenfenster.
+
+Allm"ahlich f"ullten sich die vier B"anke. Der Wagen rollte jetzt
+schneller hin. Die Apfelb"aume an den Stra"senr"andern folgten
+sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser
+gef"ullten Gr"aben dehnte sich die Chaussee noch endlo{\s} hin
+bi{\s} in den Horizont.
+
+Emma kannte jede Einzelheit de{\s} Wege{\s}. Sie wu"ste genau,
+wann eine Wiese oder eine Wegs"aule kam oder eine Ulme, eine
+Scheune, da{\s} H"auschen eine{\s} Stra"senw"arter{\s}. Manchmal
+schlo"s sie die Augen eine Weile, um sich "uberraschen zu lassen.
+Aber sie verlor niemal{\s} da{\s} Gef"uhl f"ur Zeit und Ort.
+
+Endlich erschienen die ersten Backsteinh"auser. Der Boden dr"ohnte
+unter den R"adern, recht{\s} und link{\s} lagen G"arten, durch
+deren Gitter man Bilds"aulen, Lauben, beschnittene Taxu{\s}hecken
+und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf.
+
+Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst
+erf"ullten Tiefe. Jenseit{\s} der Br"ucken verlief da{\s}
+H"ausermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich
+flache{\s} Land in eint"onigen Linien, bi{\s} e{\s} weit in der
+Ferne im fahlen Grau de{\s} Himmel{\s} verschwamm. So au{\s} der
+Vogelschau sah die ganze Landschaft leblo{\s} wie ein Gem"alde
+au{\s}. Die vor Anker liegenden Zillen dr"angten sich in einem
+Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr"une H"ugel,
+und die l"anglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro"sen
+schwarzen, tot daliegenden Fischen. Au{\s} den hohen Fabrikessen
+quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft
+aufl"osten. In da{\s} Dr"ohnen der Dampfh"ammer mischte sich
+da{\s} helle Glockengel"aut der Kirchen, die au{\s} dem Dunste
+hervorragten. Die bl"atterlosen B"aume auf den Boulevard{\s}
+wuchsen au{\s} den H"ausermassen herau{\s} wie violette Gew"achse,
+und die vom Regen nassen D"acher glitzerten st"arker oder
+schw"acher, je nach der h"oheren oder tieferen Lage der
+Stadtteile. Bi{\s}weilen trieb ein frischer Windsto"s da{\s}
+dunstige Gew"olk nach der Sankt Katharinen-H"ohe hin, an deren
+steilen H"angen sich die luftige Flut ger"auschlo{\s} brach.
+
+Emma empfand jede{\s}mal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt,
+diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Da{\s} Blut
+st"urmte ihr heftiger durch die Adern, al{\s} ob ihr die
+hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem
+der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen
+Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt diese{\s} Anblick{\s}
+wuch{\s} ihre eigene Liebe, und da{\s} dumpfe Rauschen de{\s}
+Stra"senl"arm{\s}, da{\s} zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung.
+Die Pl"atze, die Stra"sen, die Promenaden erweiterten und
+vergr"o"serten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr
+zur Ko{\s}mopoli{\s}, zu einem zweiten Babylon, in da{\s} sie
+Einzug hielt.
+
+Sie lehnte sich au{\s} dem Wagenfenster hinau{\s} und sog die
+frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der
+schmutzigen Landstra"se knirschten, der Wagen schwankte. Hivert
+rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B"urger,
+die au{\s} ihren Landh"ausern im Wilhelm{\s}walde zur"uckkehrten,
+wo sie die Nacht "uber geblieben waren, wichen mit ihren
+Familienkutschen gem"achlich au{\s}.
+
+Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer
+"Uberschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht
+und stieg au{\s}.
+
+In der Stadt wurde e{\s} lebendig. Die Lehrjungen putzten die
+Schaufenster der L"aden. Marktweiber mit K"orben schrien an den
+Stra"senecken ihre Waren au{\s}. Emma dr"uckte sich mit
+niedergeschlagenen Augen an den H"ausermauern entlang. Unter ihrem
+herabgezogenen schwarzen Schleier l"achelte sie vergn"ugt. Um
+nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d"ustre
+Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen
+am Ende der Rue Nationale. Wegen der N"ahe de{\s} Theater{\s} gibt
+e{\s} dort die meisten Kneipen. E{\s} wimmelt von Frauenzimmern.
+Ein paarmal fuhren Karren mit B"uhnendekorationen an Emma
+vor"uber. Besch"urzte Kellner streuten Sand auf da{\s} Trottoir,
+zwischen K"asten mit gr"unen Gew"achsen. E{\s} roch nach Absinth,
+Zigarren und Austern.
+
+Emma bog in die verabredete Stra"se ein. Da stand Leo. Sie
+erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, da{\s} sich
+unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm
+nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf,
+"offnete die T"ur und trat ein~...
+
+Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebe{\s}worte und K"usse ohne
+Ende! Sie erz"ahlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von
+ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber
+dann war da{\s} alle{\s} vergessen. Sie sahen sich von Auge zu
+Auge, unter dem L"acheln der Wollust und unter dem Gefl"uster der
+Z"artlichkeit.
+
+Da{\s} Bett war au{\s} Mahagoni und sehr gro"s. Zu beiden Seiten
+de{\s} Kopfkissen{\s} hingen rotseidne weitbauschige Vorh"ange
+herab. Wenn sich Emma{\s} braune{\s} Haar und ihre wei"se Haut von
+diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme
+versch"amt hob und ihr Gesicht in den H"anden verbarg: wa{\s}
+h"atte Leo Sch"onre{\s} schauen k"onnen?
+
+Da{\s} warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten
+Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu
+einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte
+alle{\s}, wa{\s} blank im Gemache war, hell auf: die
+Messingbeschl"age an der T"ur, an den Gardinenhaltern und am
+Kamin.
+
+Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig
+verblichen war. Jede{\s}mal, wenn sie kamen, fanden sie alle{\s}
+so vor, wie sie e{\s} verlassen. Mitunter lagen sogar die
+Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am
+Donnerstag vorher liegen gelassen hatte.
+
+Da{\s} Fr"uhst"uck pflegten sie am Kamin an einem kleinen
+eingelegten Tisch au{\s} Polisanderholz einzunehmen. Emma machte
+alle{\s} zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den
+Teller, unter tausend s"u"sen Torheiten. Wenn der Sekt ihr "uber
+den Rand de{\s} d"unnen Kelche{\s} auf die Finger perlte, lachte
+sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu"s
+versunken und verga"sen v"ollig, da"s sie in einer Mietwohnung
+hausten. E{\s} war Ihnen, al{\s} w"aren sie Jungverm"ahlte und
+h"atten ein gemeinsame{\s} Heim, da{\s} sie nie wieder zu
+verlassen brauchten. Sie sagten "`unser Zimmer, unser Teppich,
+unsre St"uhle,"' wie sie "`unsre Pantoffeln"' sagten, wobei sie
+die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln au{\s} rosa
+Atla{\s} mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie "uber den nackten
+F"u"sen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir
+ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro"sen
+Zehen.
+
+Zum ersten Male in seinem Leben geno"s er den unbeschreiblichen
+Reiz einer mond"anen Liebschaft. Alle{\s} war ihm neu: diese
+ent\/z"uckende Art zu plaudern, diese{\s} versch"amte Sichentbl"o"sen,
+diese{\s} schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz"uckte
+Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihre{\s} Unterrocke{\s}. Er
+hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine
+verheiratete Frau ... Wa{\s} h"atte er mehr haben wollen?
+
+Durch den fortw"ahrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald
+tiefsinnig, bald au{\s}gelassen machten, bald redselig, bald
+schweigsam, bald "uberschwenglich, bald blasiert, rief und reizte
+Emma in ihm tausend L"uste, Gef"uhle und Reminis\/zenzen. Die
+Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je
+gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der
+Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der "`Badenden
+Odali{\s}ke"', ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen
+Vrouwen der Minnes"anger, und ihr blasse{\s} Gesicht glich denen,
+die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr al{\s}
+alle{\s} da{\s}: sie war sein "`Engel"'.
+
+Oft, wenn er sie anblickte, war e{\s} ihm, al{\s} erg"osse sich
+seine Seele "uber sie und flie"se wie eine Welle "uber ihr Antlitz
+und von da herab wie ein Strom auf ihre wei"se Brust. Er sank ihr
+zu F"u"sen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah
+zu ihr empor und schaute sie l"achelnd an. Und sie neigte sich zu
+ihm herab und fl"usterte wie im Rausche:
+
+"`O r"uhr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! E{\s} ist
+etwa{\s} Liebe{\s}, S"u"se{\s} in deinen Augen, da{\s} ich so gern
+habe!"'
+
+Sie nannte ihn "`mein Junge"'.
+
+"`Mein Junge, liebst du mich?"'
+
+Er best"urmte sie mit K"ussen. Eine andre Antwort begehrte sie
+nicht.
+
+Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor au{\s}
+Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande
+trug. Er machte ihnen viel Spa"s. Nur wenn die Trennung{\s}stunde
+schlug, kam ihnen alle{\s} ernsthaft vor.
+
+Unbeweglich standen sie einander gegen"uber, und immer
+wiederholten sie:
+
+"`Auf Wiedersehn! N"achsten Donnerstag!"'
+
+Pl"otzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H"ande,
+k"u"ste ihn rasch auf die Stirn, und mit einem "`Adieu!"' st"urmte
+sie die Treppe hinunter.
+
+Zun"achst ging sie jede{\s}mal zum Friseur in der Theaterstra"se
+und lie"s sich ihr Haar in Ordnung bringen. E{\s} war schon sp"at.
+Im Laden brannten bereit{\s} die Ga{\s}flammen. Sie h"orte da{\s}
+Klingeln dr"uben im Theater, da{\s} dem Personal den Beginn der
+Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M"anner mit
+bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im
+hinteren Eingang de{\s} Theatergeb"aude{\s} verschwanden.
+
+Der sehr niedrige Raum war "uberheizt. Mitten unter den Per"ucken
+und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei"sen
+Brennscheren und der fettigen H"ande, die sich mit ihrem Haar zu
+schaffen machten, bet"aubte sie beinahe. E{\s} fehlte nicht viel,
+so w"are sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen.
+
+Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Ma{\s}kenball an.
+
+Dann ging sie fort, die Stra"sen wieder hinan, zur"uck in{\s}
+"`Rote Kreuz"'. Sie suchte ihre "Uberschuhe hervor, die sie am
+Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und
+nahm ihren Platz ein, unter den bereit{\s} ungeduldigen
+Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle au{\s}.
+Emma blieb allein im Wagen zur"uck.
+
+Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der
+Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weite{\s}
+Lichtermeer, in dem die H"auser verschwanden. Auf dem Sitzpolster
+kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend
+fl"usterte sie den Namen Leo{\s} vor sich hin, k"u"ste ihn in
+Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind
+verschlang.
+
+Oben auf der H"ohe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen
+ablauerte. Er war in Lumpen geh"ullt, und ein alter verwetterter
+Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn
+abnahm, sah man in seinen Augenh"ohlen zwei blutige Aug"apfel mit
+L"ochern an Stelle der Pupillen. Da{\s} Fleisch sch"alte sich in
+roten Fetzen ab, und eine gr"unliche Fl"ussigkeit lief herau{\s},
+die an der Nase gerann, deren schwarze Fl"ugel nerv"o{\s} zuckten.
+Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl"od an. Dann rollten
+seine bl"aulichen Aug"apfel fortw"ahrend in ihrem wunden Lager.
+
+Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam:
+\begin{verse}
+"`Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\
+Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~..."'
+\end{verse}
+
+Manchmal erschien der Ungl"uckliche ohne Hut ganz pl"otzlich
+hinter Emma{\s} Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg.
+
+Hivert pflegte den Bettler zu verh"ohnen. Er riet ihm, sich auf
+dem n"achsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er
+fragte ihn, wie e{\s} seiner Liebsten ginge.
+
+Einmal streckte der Bettler seinen Hut w"ahrend der Fahrt durch
+da{\s} Wagenfenster herein. Er war drau"sen auf da{\s}
+kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand
+fest. Sein erst schwacher und kl"aglicher Gesang ward schrill. Er
+heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Da{\s}
+Schellengel"aut der Pferde, da{\s} Rauschen der B"aume und da{\s}
+Rasseln de{\s} Wagen{\s} t"onten in diese Jammerlaute hinein, so
+da"s sie wie au{\s} der Ferne zu kommen schienen. Emma war
+tiefersch"uttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie
+wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie
+ergriff sie.
+
+Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da"s eine fremde Last seinen
+Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf
+den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den
+Stra"senkot und stie"s ein Schmerzen{\s}geheul au{\s}.
+
+Die Insassen de{\s} Wagen{\s} waren nach und nach eingenickt. Die
+einen schliefen mit offenem Munde; andern war da{\s} Kinn auf die
+Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter de{\s}
+Nachbar{\s}, und jener hatte den Arm in dem H"angeriemen, der je
+nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} hin und her schaukelte. Der
+Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen
+Kattunvorh"ange und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit
+blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie
+fror unter ihren Kleidern. Ihre F"u"se wurden ihr k"alter und
+k"alter. Sie f"uhlte sich sterben{\s}ungl"ucklich.
+
+Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstag{\s} hatte die Post immer
+Versp"atung. Endlich kam sie. Da{\s} Essen war noch nicht fertig,
+aber wa{\s} k"ummerte sie da{\s}? Da{\s} Dienstm"adchen konnte
+jetzt machen, wa{\s} e{\s} wollte.
+
+E{\s} geschah oft, da"s Karl, dem Emma{\s} Bl"asse auffiel, sie
+fragte, ob ihr etwa{\s} fehle.
+
+"`Nein!"' antwortete sie.
+
+"`Aber du bist so sonderbar heute abend?"'
+
+"`Ach nein, nicht im geringsten!"'
+
+Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war
+gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser
+al{\s} eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die
+Streichh"olzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und da{\s}
+Nachthemd und deckte da{\s} Bett auf.
+
+"`Gut!"' sagte sie. "`Du kannst gehn."'
+
+Er blieb n"amlich immer noch eine Weile an der T"ure stehen und
+blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an.
+
+Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr"a"slich, und noch
+qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit
+der sie nach ihrem Gl"ucke lechzte. Sie verging fast vor
+L"usternheit, unter woll"ustigen Erinnerungen, bi{\s} alle ihre
+Sehnsucht am siebenten Tage in Leo{\s} z"artlichen Armen
+befriedigt wurde. Seine eigne, hei"se Sinnlichkeit verbarg sich
+unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit.
+Seine anbetung{\s}volle stille Liebe war Emma{\s} Ent\/z"ucken. Sie
+hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst,
+sein Herz zu verlieren.
+
+Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme:
+
+"`Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten!
+Wirst e{\s} machen wie alle andern!"'
+
+"`Welche andern?"'
+
+"`Wie alle M"anner, meine ich."'
+
+Ihn sanft zur"ucksto"send, f"ugte sie hinzu:
+
+"`Ihr seid alle gemein!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s} f"uhrten sie ein philosophische{\s} Gespr"ach
+"uber die menschlichen Entt"auschungen, al{\s} sie pl"otzlich, um
+seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch au{\s} allzu
+starkem Mitteilung{\s}bed"urfni{\s}, da{\s} Gest"andni{\s} machte,
+da"s sie vor ihm einen andern geliebt habe.
+
+"`Nicht wie dich!"' f"ugte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte
+ihre{\s} Kinde{\s}, da"s e{\s} "`zu nicht{\s} gekommen"' sei.
+
+Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der
+Betreffende jetzt sei.
+
+"`Er war Schiff{\s}kapit"an, mein Lieber!"'
+
+Log sie da{\s}, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich
+ein gewisse{\s} Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer
+und gewi"s vielumworbener Mann zu ihren F"u"sen gelegen haben
+sollte?
+
+In der Tat empfand der Adjunkt etwa{\s} wie da{\s} Bewu"stsein der
+Inferiorit"at. Am liebsten h"atte er gleichfall{\s} Epauletten,
+Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu"sten ihr gefallen,
+da{\s} sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxu{\s}.
+
+Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro"sen Teil ihrer in{\s}
+Gro"sartige gehenden W"unsche; zum Beispiel, da"s sie gern einen
+blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl"uter und einem Groom in
+schicker Livree gehabt h"atte, um in Rouen spazieren zu fahren.
+Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich
+gebeten hatte, ihn al{\s} Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn
+die Nichterf"ullung dieser Laune ihr auch die Seligkeit de{\s}
+Wiedersehn{\s} nicht weiter tr"ubte, so versch"arfte sie doch
+zweifello{\s} die Bitterkeit der Trennung.
+
+Oft, wenn sie zusammen von Pari{\s} plauderten, sagte sie leise:
+
+"`Ach, wenn wir dort leben k"onnten!"'
+
+"`Sind wir denn nicht gl"ucklich?"' erwiderte Leo z"artlich und
+strich mit der Hand liebkosend "uber ihr Haar.
+
+"`Doch! Du hast recht! Ich bin t"oricht. K"usse mich!"'
+
+Gegen ihren Gatten war sie jetzt lieben{\s}w"urdiger denn je. Sie
+bereitete ihm seine Liebling{\s}gerichte und spielte ihm nach
+Tisch Walzer vor. Er hielt sich f"ur den gl"ucklichsten Mann der
+Welt. Emma lebte in v"olliger Sorglosigkeit. Aber eine{\s}
+Abend{\s} sagte er pl"otzlich:
+
+"`Nicht wahr, du hast doch bei Fr"aulein Lempereur Stunden?"'
+
+"`Ja!"'
+
+"`Merkw"urdig! Ich habe sie heute bei Frau Li\'egeard getroffen
+und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht."'
+
+Da{\s} traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie
+unbefangen:
+
+"`Mein Name wird ihr entfallen sein."'
+
+"`Oder e{\s} gibt mehrere Lehrerinnen diese{\s} Namen{\s} in
+Rouen, die Klavierstunden geben"', meinte Karl.
+
+"`Da{\s} ist auch m"oglich!"'
+
+Pl"otzlich sagte Emma:
+
+"`Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich
+eine bringen."'
+
+Sie ging an ihren Schreibtisch, ri"s alle Schubf"acher auf,
+w"uhlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da"s Karl
+sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M"uhe
+zu machen.
+
+"`Ich werde sie schon finden!"' beharrte sie.
+
+In der Tat f"uhlte Karl am Freitag darauf, al{\s} er sich die
+Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela"s
+zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St"uck
+Papier. Er zog e{\s} hervor und la{\s}:
+
+\begin{center}
+"`\so{Quittung.}
+\end{center}
+Honorar f"ur drei Monate Klavierstunden, nebst Au{\s}lagen f"ur
+verschiedene beschaffte Musikalien: 65,--~Frkn.
+
+\hfill Dankend erhalten \hspace{4em}
+
+\hfill Friederike Lempereur,
+
+\hfill Musiklehrerin."'
+\bigskip
+
+"`Zum Kuckuck! Wie kommt denn da{\s} in meinen Stiefel?"'
+
+"`Wahrscheinlich"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} au{\s} dem Karton
+mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal
+steht."'
+
+Von nun an war ihre ganze Existenz nicht{\s} al{\s} ein Netz von
+L"ugen. Sie h"ullte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit
+niemand sie s"ahe. Aber auch sonst wurde ihr da{\s} L"ugen
+geradezu zu einem Bed"urfni{\s}. Sie log zu ihrem Vergn"ugen. Wenn
+sie erz"ahlte, da"s sie auf der rechten Seite der Stra"se gegangen
+sei, konnte man wetten, da"s e{\s} auf der linken gewesen war.
+
+Eine{\s} Donnerstag{\s} war sie fr"uh, wie gew"ohnlich ziemlich
+leicht gekleidet, abgefahren, al{\s} e{\s} pl"otzlich zu schneien
+begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien
+in der Kutsche de{\s} B"urgermeister{\s}. Sie fuhren zusammen nach
+Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken
+Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh"andigen, sobald er
+im "`Roten Kreuz"' angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe
+sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die
+Antwort, da"s sie da{\s} "`Rote Kreuz"' sehr selten aufsuche.
+Abend{\s} traf er sie in der Postkutsche und erz"ahlte ihr von
+seinem Mi"serfolge, dem er "ubrigen{\s} keine sonderliche
+Bedeutung beizumessen schien, denn er begann al{\s}bald eine
+Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so
+wunderbar predige, da"s die Frauen in Scharen hingingen.
+
+Wenn sich auch Bournisien ohne weitere{\s} zufrieden gegeben
+hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so di{\s}kret
+sein. Und so hielt e{\s} Emma f"ur besser, fortan im "`Roten
+Kreuz"' abzusteigen, damit die guten Leute au{\s} Yonville sie hin
+und wieder auf der Treppe de{\s} Gasthofe{\s} sahen und nicht{\s}
+argw"ohnten.
+
+Eine{\s} Tage{\s} traf sie Lheureux, gerade al{\s} sie an Leo{\s}
+Arm den Boulogner Hof verlie"s. Sie f"urchtete, er k"onne
+schwatzen; aber er war nicht so t"oricht. Daf"ur trat er drei Tage
+sp"ater in ihr Zimmer und erkl"arte, da"s er Geld brauche.
+
+Sie erwiderte ihm, sie k"onne ihm nicht{\s} geben. Lheureux fing
+zu jammern an und z"ahlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen.
+
+In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl au{\s}gestellten
+Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin
+verl"angert und dann abermal{\s} prolongiert. Jetzt zog er au{\s}
+seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f"ur die
+Store{\s}, den Teppich, f"ur M"obelstoff, mehrere Kleider und
+verschiedene Toilettenst"ucke, im Gesamtbetrag von ungef"ahr
+zweitausend Franken.
+
+Sie lie"s den Kopf h"angen, und er fuhr fort:
+
+"`Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien."'
+
+Und nun machte er sie auf ein halbverfallene{\s} alte{\s} Hau{\s}
+in Barneville aufmerksam, da{\s} sie mit geerbt hatten. E{\s}
+brachte nicht viel ein. E{\s} hatte urspr"unglich zu einem kleinen
+Pachtgute geh"ort, da{\s} der alte Bovary vor Jahren verkauft
+hatte. Lheureux wu"ste genau Bescheid "uber da{\s} Grundst"uck; er
+kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn.
+
+"`An Ihrer Stelle"', sagte er, "`versuchte ich, e{\s}
+lo{\s}zuwerden. Sie bek"amen dann sogar noch bar Geld herau{\s}!"'
+
+Sie entgegnete, e{\s} sei schwer, einen K"aufer zu finden, aber
+Lheureux meinte, da{\s} lie"se sich schon machen. Da fragte sie,
+wa{\s} sie tun m"usse, um da{\s} Hau{\s} zu verkaufen.
+
+"`Sie haben doch die Vollmacht"', antwortete er.
+
+Diese{\s} Wort belebte sie.
+
+"`Lassen Sie mir die Rechnung hier!"' sagte sie.
+
+"`O, da{\s} eilt ja nicht!"' erwiderte Lheureux.
+
+In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete,
+e{\s} sei ihm mit vieler M"uhe gelungen, einen gewissen Langloi{\s}
+au{\s}findig zu machen, der schon lange ein Auge auf da{\s}
+Grundst"uck geworfen habe und wissen m"ochte, wa{\s} e{\s} koste.
+
+"`Der Prei{\s} ist mir gleichg"ultig!"' rief Emma au{\s}.
+
+Lheureux erkl"arte, man m"usse den K"aufer eine Weile zappeln
+lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie
+selbst nicht gut verreisen k"onne, bot er sich dazu an, um da{\s}
+Gesch"aft mit Langloi{\s} zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung
+zur"uck, der K"aufer habe viertausend Franken geboten.
+
+Emma war hocherfreut.
+
+"`Offen gestanden,"' f"ugte der H"andler hinzu, "`da{\s} ist
+anst"andig bezahlt!"'
+
+Die erste H"alfte der Summe z"ahlte er ihr sofort auf. Al{\s} Emma
+sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte
+Lheureux:
+
+"`Auf Ehre, e{\s} ist doch schade, da"s Sie ein so sch"one{\s}
+S"ummchen gleich wieder au{\s} der Hand geben wollen!"'
+
+Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der
+Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten.
+
+"`Wie? Wie meinen Sie?"' stammelte sie.
+
+"`O,"' erwiderte er mit gutm"utigem L"acheln, "`man kann ja wa{\s}
+ganz Beliebige{\s} auf die Rechnung setzen. Ich wei"s ja, wie
+da{\s} in einem Hau{\s}halte so ist."'
+
+Er sah sie scharf an, w"ahrend er die beiden Tausendfrankenscheine
+langsam durch die Finger hin und her gleiten lie"s. Endlich machte
+er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je
+tausend Franken auf den Tisch.
+
+"`Unterschreiben Sie!"' sagte er, "`und behalten Sie die ganze
+Summe!"'
+
+Sie fuhr erschrocken zur"uck.
+
+"`Na, wenn ich Ihnen den "Uberschu"s bar au{\s}zahle,"' sagte
+Lheureux frech, "`erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?"'
+
+Er schrieb unter die Rechnung:
+
+"`Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben,
+bescheinigt
+
+\hfill Lheureux."'
+
+"`So! Sie k"onnen unbesorgt sein. In sech{\s} Monaten erhalten Sie
+die weiteren zweitausend Franken f"ur Ihre alte Bude! Eher ist
+auch der letzte Wechsel nicht f"allig."'
+
+Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den
+Ohren klang e{\s} ihr, al{\s} w"urden S"acke voll Goldst"ucke vor
+ihr au{\s}gesch"uttet, die nur so "uber die Diele kollerten.
+Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin\c{c}ard, Bankier in
+Rouen, der die vier Wechsel di{\s}kontieren wolle. Die
+"ubersch"ussige Summe werde er der gn"adigen Frau pers"onlich
+bringen.
+
+Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert.
+Freund Vin\c{c}ard habe "`wie "ublich"' zweihundert Franken f"ur
+Provision und Di{\s}kont abgezogen. Dann forderte er nachl"assig
+eine Empfang{\s}best"atigung.
+
+"`Sie verstehen! Gesch"aft ist Gesch"aft! Und da{\s} Datum! Bitte!
+Da{\s} Datum!"'
+
+Tausend nun erf"ullbare W"unsche umgaukelten Emma. Aber sie war so
+vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann
+die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte.
+
+Der F"alligkeit{\s}tag de{\s} vierten Papiere{\s} fiel zuf"allig
+auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber
+geduldig auf Emma{\s} R"uckkehr. Die Sache w"urde sich schon
+aufkl"aren.
+
+Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nicht{\s} gesagt zu haben, um
+ihm h"au{\s}liche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die
+Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z"ahlte ihm tausend
+unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h"atte anschaffen
+m"ussen.
+
+"`Nicht wahr, du mu"st doch zugeben: f"ur so viele Dinge ist
+tausend Franken nicht zuviel?"'
+
+In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen
+Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu
+bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel au{\s}stelle, einen
+davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin
+schrieb Bovary seiner Mutter einen kl"aglichen Brief. Statt einer
+Antwort kam sie pers"onlich. Al{\s} Emma wissen wollte, ob sie
+etwa{\s} herau{\s}r"ucke, gab er ihr zur Antwort:
+
+"`Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!"'
+
+Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine
+besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k"ame die ganze
+Geschichte und auch die Ver"au"serung de{\s} Grundst"uck{\s}
+herau{\s}. Letztere hatte der H"andler so geschickt betrieben,
+da"s sie erst viel sp"ater bekannt wurde.
+
+Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte
+die alte Frau Bovary nicht umhin, die Au{\s}gaben unerh"ort zu
+finden.
+
+"`Ging{\s} denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu"sten die
+Lehnst"uhle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab e{\s} in
+keinem Hause mehr al{\s} einen einigen Lehnstuhl, den
+Gro"svaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n"otig. So war
+e{\s} wenigsten{\s} bei meiner Mutter, und da{\s} war eine ehrbare
+Frau! Da{\s} kann ich dir versichern! E{\s} sind nun einmal nicht
+alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w"urde
+mich zu Tode sch"amen, wenn ich mich so verw"ohnen wollte wie du!
+Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi"schen der
+Pflege n"otig h"atte ... Da schau mal einer diesen Luxu{\s} an!
+Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, da{\s} Meter zu zwei Franken!
+Wo man ganz sch"onen Futterstoff f"ur vier Groschen, ja schon f"ur
+dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf"ullt!"'
+
+Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe:
+
+"`Ich finde, e{\s} ist nun gut!"'
+
+Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie
+w"urden alle beide im Armenhause enden. "Ubrigen{\s} sei Karl der
+Hauptschuldige. E{\s} sei ein wahre{\s} Gl"uck, da"s er ihr
+versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten~...
+
+"`Wa{\s}?"' unterbrach Emma ihre Rede.
+
+"`Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!"'
+
+Emma "offnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der
+Ungl"uck{\s}mensch mu"ste zugeben, da"s ihm die Mutter da{\s}
+Ehrenwort abgen"otigt hatte. Da ging Emma au{\s} dem Zimmer, kam
+sehr bald wieder und h"andigte ihrer Schwiegermutter mit der
+Geb"arde einer F"urstin ein gro"se{\s} Schriftst"uck ein.
+
+"`Ich danke dir!"' sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in
+den Ofen.
+
+Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache au{\s}. Sie
+hatte einen Nervenchok bekommen.
+
+"`Ach du mein Gott!"' rief Karl au{\s}. "`Siehst du, Mutter, e{\s}
+war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!"'
+
+Sie zuckte mit den Achseln. Da{\s} sei alle{\s} "`blo"s Tuerei!"'
+
+Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf
+und vertrat Emma so nachdr"ucklich, da"s die alte Frau erkl"arte,
+sie werde abreisen. In der Tat tat sie da{\s} andern Tag{\s}.
+Al{\s} Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben
+"uberreden wollte, erwiderte sie:
+
+"`Nein, nein! Du liebst sie mehr al{\s} mich, und da{\s} ist ja
+ganz in der Ordnung! Wenn e{\s} auch dein Nachteil ist. Du wirst
+ja sehen ... La"s dir{\s} wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich
+wieder -- sozusagen -- zusetzen!"'
+
+Nicht weniger al{\s} armer S"under stand er dann vor Emma, die ihm
+erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu"ste
+erst lange bitten, ehe sie sich herablie"s, eine neue
+Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der
+sie au{\s}stellen sollte.
+
+"`Sehr begreiflich!"' meinte der Notar. "`Ein Mann der
+Wissenschaft darf sich durch die Alltag{\s}dinge nicht ablenken
+lassen."'
+
+Karl f"uhlte sich durch diese im v"aterlichen Tone vorgebrachte
+Wei{\s}heit wieder aufgerichtet. Sie bem"antelte seine Schwachheit
+mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h"oheren
+Dingen besch"aftigt.
+
+Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in
+Leo{\s} Armen war sie "uber die Ma"sen au{\s}gelassen. Sie lachte,
+weinte, sang, tanzte, lie"s sich Sorbett heraufbringen und rauchte
+Zigaretten. So "uberschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie
+doch k"ostlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da"s e{\s} in ihrem
+Innern g"arte und da"s sie sich au{\s} diesem Motiv kopf"uber in
+den Strudel de{\s} Leben{\s} st"urzte. Sie war reizbar,
+uners"attlich, woll"ustig geworden. Erhobenen Haupte{\s} ging sie
+mit Leo durch die Stra"sen der Stadt spazieren, ohne die geringste
+Angst, da"s sie in{\s} Gerede kommen k"onnte. So sagte sie
+wenigsten{\s}. In{\s}geheim erzitterte sie freilich mitunter bei
+dem Gedanken, Rudolf k"onne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf
+immerdar von ihm geschieden war, so f"uhlte sie sich doch noch
+immer in seinem Banne.
+
+Eine{\s} Abend{\s} kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Karl war
+au"ser sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre
+"`Mama"' nicht in{\s} Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei"send.
+Justin wurde auf der Poststra"se entgegengesandt, und selbst
+Homai{\s} verlie"s seine Apotheke.
+
+Al{\s} e{\s} elf Uhr schlug, hielt e{\s} Karl nicht mehr au{\s}.
+Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein
+Pferd lo{\s} und langte gegen zwei Uhr morgen{\s} im "`Roten
+Kreuz"' an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k"onne der
+Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl"ucklicherweise
+fiel ihm die Adresse de{\s} Notar{\s} ein, bei dem Leo in der
+Kanzlei arbeitete. Er eilte hin.
+
+E{\s} begann zu d"ammern. Er erkannte da{\s} Wappenschild "uber
+der T"ur und klopfte an. Ohne da"s ihm ge"offnet ward, erteilte
+ihm jemand die gew"unschte Au{\s}kunft, nicht ohne auf den
+n"achtlichen Ruhest"orer zu schimpfen.
+
+Da{\s} Hau{\s}, in dem der Adjunkt wohnte, besa"s weder einen
+T"urklopfer noch eine Klingel noch einen Pf"ortner. Karl schlug
+mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging
+vor"uber. Karl bekam Angst und ging davon.
+
+"`Ich bin ein Narr!"' sagte er zu sich. "`Wahrscheinlich haben
+Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!"'
+
+Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen.
+
+"`Vielleicht ist sie bei Frau D"ubreuil. Die ist vielleicht krank
+... Ach nein, Frau D"ubreuil ist ja schon vor einem halben Jahre
+gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?"'
+
+Pl"otzlich fiel ihm etwa{\s} ein. Er lie"s sich in einem Caf\'e
+da{\s} Adre"sbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von
+Fr"aulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle de{\s}
+Maroquinier{\s} Nummer 74.
+
+Al{\s} er in diese Stra"se einbog, tauchte Emma am andern Ende
+auf. Er st"urzte auf sie lo{\s} und fiel ihr um den Hal{\s}.
+
+"`Wa{\s} hat dich denn gestern hier zur"uckgehalten?"' rief er.
+
+"`Ich war krank."'
+
+"`Wa{\s} fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?"'
+
+Sie fuhr mit der Hand "uber die Stirn und antwortete:
+
+"`Bei Fr"aulein Lempereur."'
+
+"`Da{\s} dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr."'
+
+"`Die M"uhe kannst du dir nun ersparen. Sie ist "ubrigen{\s} schon
+au{\s}gegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du
+kannst dir denken, da"s ich mich nicht gar frei f"uhle, wenn ich
+wei"s, da"s dich die geringste Versp"atung derma"sen au{\s} dem
+Gleichgewicht bringt!"'
+
+Da{\s} war eine Art Erlaubni{\s}, die sie sich selbst gab, in
+Zukunft mit aller Ruhe "uber den Strang hauen zu k"onnen, wie man
+zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den
+au{\s}giebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp"urte, Leo
+zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser
+sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner
+Kanzlei auf.
+
+Die ersten Male war ihm da{\s} eine gro"se Freude, aber
+allm"ahlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren
+diese St"orungen durchau{\s} nicht angenehm.
+
+"`Ach wa{\s}, komm nur mit!"' sagte sie.
+
+Und er verlie"s ihretwegen seine Arbeit.
+
+Sie sprach den Wunsch au{\s}, er solle sich immer in Schwarz
+kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er
+au{\s}s"ahe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er
+mu"ste ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand.
+Er sch"amte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm,
+Vorh"ange zu kaufen, wie sie welche hatte. Al{\s} er meinte, die
+seien sehr teuer, sagte sie lachend:
+
+"`Ach, h"angst du an deinen paar Groschen!"'
+
+Jede{\s}mal mu"ste ihr Leo genau berichten, wa{\s} er seit dem
+letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein
+Gedicht, um ein Liebe{\s}gedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei
+lag ihm nicht, und er schrieb schlie"slich ein Sonett au{\s} einem
+alten Almanach ab.
+
+Er tat da{\s} keine{\s}weg{\s} au{\s} Eitelkeit. Er kannte kein
+andre{\s} Bed"urfni{\s}, al{\s} ihr zu gefallen. Er war in allen
+Dingen ihrer Ansicht und hatte stet{\s} denselben Geschmack wie
+sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm"ahlich ihre Rollen. Leo
+wurde der feminine Teil in diesem Liebe{\s}verh"altnisse. Sie
+verstand auf eine Art zu kosen und zu k"ussen, da"s er die
+Empfindung hatte, al{\s} sauge sie ihm die Seele au{\s} dem Leibe.
+E{\s} steckte, im Kerne ihre{\s} Wesen{\s} verborgen, eine
+eigent"umliche, geradezu unk"orperliche Verderbni{\s} in Emma,
+eine geheimni{\s}volle Erbschaft.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a"s er h"aufig
+bei dem Apotheker zu Mittag. Au{\s} H"oflichkeit lud er ihn ein,
+ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen.
+
+"`Gern!"' gab Homai{\s} zur Antwort. "`Ich mu"s sowieso einmal
+au{\s}spannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir
+wollen zusammen in{\s} Theater gehen, ein bi"schen kneipen und ein
+paar Dummheiten lo{\s}lassen!"'
+
+"`Aber Mann!"' mahnte Frau Homai{\s} besorgt. Die undefinierbaren
+Gefahren, denen er entgegenlief, "angstigten sie im vorau{\s}.
+
+"`Wa{\s} ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon
+genug ruiniert in den fortw"ahrenden Au{\s}d"unstungen der Drogen?
+Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr"abt man sich in die
+Wissenschaften, so sind sie eifers"uchtig; und will man sich
+gelegentlich in harmlosester Weise ein bi"schen erholen, dann
+ist{\s} ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wir{\s} gut
+sein! Rechnen Sie auf mich! In allern"achster Zeit tauch ich in
+Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste "offnen!"'
+
+Fr"uher h"atte sich Homai{\s} geh"utet, einen derartigen
+Au{\s}druck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich
+ungemein darin, den jovialen Gro"s\-st"adter zu spielen. "Ahnlich
+wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf da{\s}
+neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten au{\s}. Er
+begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser
+anzunehmen, um den Philistern zu imponieren.
+
+Eine{\s} Donnerstag{\s} fr"uh traf ihn Emma zu ihrer "Uberraschung
+in der K"uche de{\s} Goldnen L"owen im Reiseanzug, da{\s} hei"st,
+in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen
+hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu"ssack in der
+andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, au{\s}
+Furcht, die Kundschaft k"onne an seiner Abwesenheit Ansto"s
+nehmen.
+
+Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend
+verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w"ahrend der ganzen
+Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,
+so st"urzte er au{\s} dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt
+half kein Widerstreben: Homai{\s} schleppte ihn mit in da{\s}
+"`Grand Caf\'e zur Normandie"', wo er, bedeckten Haupte{\s}, stolz
+wie ein F"urst eintrat. Er hielt e{\s} n"amlich f"ur h"ochst
+provinzlerhaft, in einem "offentlichen Lokal den Hut abzunehmen.
+
+Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie"slich eilte
+sie in seine Kanzlei. Unter allen m"oglichen Mutma"sungen, wobei
+sie ihm den Vorwurf der Gleichg"ultigkeit und sich selber den der
+Schw"ache machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn
+gegen die Scheiben gepre"st, im Boulogner Hofe.
+
+Um zwei Uhr sa"sen Leo und Homai{\s} immer noch bei Tisch. Der
+gro"se Saal de{\s} Restaurant{\s} leerte sich. Sie sa"sen am Ofen,
+der die Form eine{\s} hochragenden Palmenstamme{\s} hatte, dessen
+innen vergoldete F"acher sich unter der wei"sen Decke
+au{\s}breiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter
+Gla{\s}w"anden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen "uber einem
+Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und
+Spargel drei schl"afrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem
+Haufen aufgeschichtet.
+
+Der Apotheker tat sich sozusagen eine G"ute. Wenngleich ihn die
+Pracht noch mehr ent\/z"uckte al{\s} da{\s} vortreffliche Mahl, so
+tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und al{\s} da{\s} Omelett
+mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien
+"`"uber die Weiber"'. Am meisten rege ihn eine "`schicke"' Frau
+auf, und nicht{\s} ginge "uber eine elegante Robe in einem vornehm
+eingerichteten Raume. Wa{\s} die k"orperlichen Reize anbelange, da
+sei viel Fleisch "`nicht ohne"'.
+
+Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a"s und
+schmatzte weiter.
+
+"`Sie m"ussen sich "ubrigen{\s} ziemlich einsam f"uhlen hier in
+Rouen"', sagte er pl"otzlich. "`Aber schlie"slich wohnt ja Ihr
+Liebchen nicht allzuweit."' Da Leo err"otete, setzte er hinzu:
+"`Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da"s Sie in
+Yonville~..."'
+
+Der junge Mann stammelte etwa{\s} Unverst"andliche{\s}.
+
+"`... im Hause Bovary jemanden poussieren~..."'
+
+"`Aber wen denn?"'
+
+"`Na, da{\s} Dienstm"adel!"'
+
+E{\s} war sein Ernst. Aber Leo{\s} Eitelkeit war st"arker al{\s}
+alle Vorsicht. Ohne sich{\s} zu "uberlegen, widersprach er. Er
+liebe nur br"unette Frauen.
+
+"`Da haben Sie nicht unrecht"', meinte der Apotheker. "`Die haben
+mehr Temperament!"'
+
+Homai{\s} begann zu fl"ustern und verriet seinem Freunde die
+Symptome, an denen man erkennen k"onne, ob eine Frau Feuer habe.
+Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die
+Deutschen seien schw"armerisch, die Franz"osinnen woll"ustig, die
+Italienerinnen leidenschaftlich.
+
+"`Und die Negerinnen?"' fragte der Adjunkt.
+
+"`Da{\s} ist etwa{\s} f"ur Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!"'
+
+"`Gehen wir?"' fragte Leo ungeduldig.
+
+"`\begin{antiqua}Yes!\end{antiqua}"'
+
+Aber zuvor wollte er den Besitzer de{\s} Restaurant{\s} sprechen
+und ihm seine Zufriedenheit au{\s}sprechen.
+
+De{\s} weiteren sch"utzte der junge Mann einen gesch"aftlichen
+Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein.
+
+"`Ich begleite Sie nat"urlich!"' sagte Homai{\s}.
+
+Unterweg{\s} erz"ahlte er unaufh"orlich von seiner Frau, von
+seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom
+verwahrlosten Zustand, in dem er sie "ubernommen, und wie er sie
+in die H"ohe gebracht habe.
+
+Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,
+eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr"o"sten
+Erregung. Bei der Erw"ahnung de{\s} Apotheker{\s} geriet sie in
+Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern"unftige Gr"unde zu
+beruhigen. E{\s} sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie
+kenne Homai{\s} doch. Wie habe sie nur glauben k"onnen, da"s er
+lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar
+nicht{\s} h"oren und schickte sich an, fort\/zugehen. Er hielt sie
+zur"uck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen
+und sah sie mit einem r"uhrenden Blick voller Begehrlichkeit und
+Unterw"urfigkeit an.
+
+Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro"sen flammenden Augen sah sie
+ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Au{\s}druck
+in Tr"anen. Ihre ger"oteten Lider schlossen sich, sie "uberlie"s
+ihm ihre H"ande, die er an seine Lippen zog. Da erschien der
+Hau{\s}diener. Ein Herr w"unsche ihn dringend zu sprechen.
+
+"`Du kommst doch wieder?"' fragte Emma.
+
+"`Gewi"s!"'
+
+"`Aber wann?"'
+
+"`Sofort!"'
+
+E{\s} war der Apotheker.
+
+"`Ein feiner Trick, nicht?"' schmunzelte er, al{\s} er Leo
+erblickte.
+
+"`Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk"urzen. Sie war Ihnen doch
+offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund
+Bridoux, einen Bittern genehmigen!"'
+
+Leo beteuerte, er m"usse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker
+lachte ihn au{\s} und machte seine Witze "uber die Juristerei.
+
+"`Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum
+nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!
+Seinen Terrier m"ussen Sie mal sehen! Der ist zu spa"sig!"' Und da
+der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: "`Na, da
+begleite ich Sie wenigsten{\s}! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung
+lesen oder in irgendeinem alten Schm"oker bl"attern."'
+
+Leo war wie bet"aubt durch Emma{\s} Unwillen, durch de{\s}
+Apotheker{\s} Geschw"atz und vielleicht auch durch die Nachwirkung
+de{\s} reichlichen Fr"uh\-st"uck{\s}. Unentschlossen stand er da,
+w"ahrend Homai{\s} immer wieder in ihn drang:
+
+"`Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert
+Schritte von hier! Rue Malpalu!"'
+
+Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Au{\s} Feigheit
+oder Narrheit oder au{\s} jenem merkw"urdigen Drange, der den
+Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen
+Willen zuwiderlaufen, lie"s sich Leo zu Bridoux f"uhren. Sie
+fanden ihn in dem kleinen Hofe seine{\s} Hause{\s}, wo er drei
+Burschen beaufsichtigte, die da{\s} gro"se Rad einer
+Selterwasserzubereitung{\s}maschine drehten. Nach einer herzlichen
+Begr"u"sung gab Homai{\s} seinem Kollegen Ratschl"age. Dann trank
+man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu
+empfehlen, aber Homai{\s} hielt ihn immer wieder fest, indem er
+sagte:
+
+"`Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den
+{\glq}Leuchtturm von Rouen{\grq}! Dem Redakteur guten Tag sagen.
+Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin."'
+
+Trotzdem machte sich Leo endlich lo{\s} und eilte wiederum in den
+Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h"ochsten Grade
+aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha"ste sie Leo. Da{\s}
+Stelldichein zu vers"aumen, da{\s} fa"ste sie al{\s} Beschimpfung
+auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr"unden, mit ihm zu brechen.
+Er sei eine{\s} h"oheren Aufschwung{\s} unf"ahig, schwach, banal,
+feminin, dazu knickerig und kleinm"utig.
+
+Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da"s sie ihn schlechter
+machte, al{\s} er war. Aber da{\s} Herabzerren eine{\s} Geliebten
+hinterl"a"st immer gewisse Spuren. Man darf ein G"otzenbild nicht
+ber"uhren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.
+
+Fortan unterhielten sie sich immer h"aufiger von Dingen, die
+nicht{\s} mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm
+Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den
+Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die
+eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu
+erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n"achsten
+Beieinandersein die alte Gl"uckseligkeit, aber hinterher gestand
+sie sich jede{\s}mal, da"s sie nicht{\s} davon gesp"urt hatte.
+Diese Entt"auschung wandelte sich trotzdem in neue{\s} Hoffen.
+Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher
+Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri"s da{\s} Korsett
+herunter, dessen Schnuren ihr um die H"uften schlugen wie
+zischende Schlangen. Mit nackten F"u"sen lief sie an die T"ur und
+"uberzeugte sich, da"s sie verriegelt war. Mit einer hastigen
+Bewegung entledigte sie sich dann de{\s} Hemde{\s} -- und bleich,
+stumm, ernst und von Schauern durchstr"omt, warf sie sich in seine
+Arme.
+
+Aber auf ihrer von kaltem Schwei"s beperlten Stirn, auf ihren
+st"ohnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung
+lebte etwa{\s} Unheimliche{\s}, Feindselige{\s}, Todtraurige{\s}.
+Leo f"uhlte e{\s}. E{\s} hatte sich eingeschlichen, um sie zu
+trennen.
+
+Ohne da"s er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der
+Erkenntni{\s}, da"s die Geliebte alle Pr"ufungen der Lust und
+de{\s} Leid{\s} schon einmal an sich selber erfahren haben mu"ste.
+Wa{\s} ihn dereinst ent\/z"uckt hatte, da{\s} fl"o"ste ihm jetzt
+Grauen ein.
+
+Dazu kam, da"s er gegen die t"aglich zunehmende Vergewaltigung
+seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen
+Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann
+auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein
+Absinthtrinker, den da{\s} gr"une Gift immer wieder verf"uhrt.
+
+Allerding{\s} wandte sie alle Liebe{\s}k"unste an: von
+au{\s}gesuchten Gen"ussen bei Tisch bi{\s} zu den Raffinement{\s}
+der Kleidung und den schmachtendsten Z"artlichkeiten. Sie brachte
+au{\s} ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm
+in{\s} Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab
+ihm gute Ratschl"age, wie er leben solle. Abergl"aubisch schenkte
+sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame
+Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten.
+
+"`La"s sie! Geh nicht au{\s}! Denk nur an mich und bleib mir treu!"'
+
+Am liebsten h"atte sie ihn "uberwacht oder gar "uberwachen lassen.
+Mitunter kam ihr letztere{\s} in den Sinn. E{\s} trieb sich in der
+N"ahe de{\s} Boulogner Hofe{\s} regelm"a"sig ein Tagedieb herum,
+der die{\s} wohl "ubernommen h"atte. Aber ihr Stolz hielt sie
+davon ab.
+
+"`Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nicht{\s} wert! Wa{\s}
+tut{\s}? Ich halte ihn nicht!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s} ging sie zeitiger von ihm weg al{\s}
+gew"ohnlich. Al{\s} sie allein den Boulevard hinschlenderte,
+bemerkte sie die Mauer ihre{\s} Kloster{\s}. Da setzte sie sich
+auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie
+damal{\s} gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr"aulichen
+Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damal{\s} au{\s}
+B"uchern ertr"aumt hatte~...
+
+Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,
+mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald
+... an den Tenor Lagardy ... Alle{\s} da{\s} zog wieder an ihr
+vor"uber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie
+alle{\s} andre.
+
+"`Aber ich liebe ihn doch!"' fl"usterte sie.
+
+Sie war dennoch nicht gl"ucklich, und nie war sie da{\s} gewesen!
+Warum reichte ihr da{\s} Leben nie etwa{\s} Ganze{\s}? Warum kam
+immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?
+
+Wenn e{\s} irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch"on und
+tapfer, begeisterung{\s}f"ahig und liebe{\s}erfahren zugleich, mit
+einem Dichterherzen und einem Engel{\s}k"orper, ein Schw"armer und
+S"anger, warum war sie ihm nicht zuf"allig begegnet? Ach, weil
+da{\s} eine Unm"oglichkeit ist! Weil e{\s} vergeblich ist, ihn zu
+suchen! Weil alle{\s} Lug und Trug ist! Jede{\s} L"acheln verbirgt
+immer nur da{\s} G"ahnen der Langweile, jede Freude einen Fluch,
+jeder Genu"s den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei"sesten
+K"usse hinterlassen dem Menschen nicht{\s} al{\s} die unstillbare
+Begierde nach der Wollust der G"otter!
+
+Eherne Kl"ange dr"ohnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug
+viermal. Vier Uhr! E{\s} d"unkte Emma, sie s"a"se schon eine
+Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in
+einer Minute zusammendr"angen, wie eine Menschenmenge in einem
+kleinen Raume~...
+
+Emma lebte nur noch f"ur sich selbst. Die Geldangelegenheiten
+k"ummerten sie nicht mehr. Aber eine{\s} Tage{\s} erschien ein
+Mann von sch"abigem Au{\s}sehen und erkl"arte, Herr Vin\c{c}ard in
+Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln herau{\s}, mit denen
+er die eine Seitentasche seine{\s} langen gr"unen Rocke{\s}
+verschlossen hatte, steckte sie im "Armelaufschlag fest und
+"uberreichte ihr h"oflich ein Papier. E{\s} war ein Wechsel auf
+siebenhundert Franken, den sie au{\s}gestellt hatte. Lheureux
+hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin\c{c}ard
+weitergegeben.
+
+Sie schickte Felicie zu dem H"andler. Er k"onne nicht abkommen,
+lie"s er zur"ucksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und
+dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke
+auf Hau{\s} und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf"altig:
+
+"`Wa{\s} soll ich Herrn Vin\c{c}ard au{\s}richten?"'
+
+"`Sagen Sie ihm nur"', gab Emma zur Antwort, "`... ich h"atte kein
+Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in
+acht Tagen!"'
+
+Der Mann ging, ohne etwa{\s} zu erwidern. Aber am Tage darauf
+erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten
+Zustellung{\s}urkunde starrten ihr mehrfach die Worte "`Hareng,
+Gericht{\s}vollzieher in B"uchy"' entgegen. Dar"uber erschrak sie
+derma"sen, da"s sie spornstreich{\s} zu Lheureux lief.
+
+Er stand in seinem Laden und schn"urte gerade ein Paket zu.
+
+"`Ihr Diener!"' begr"u"ste er sie. "`Ich stehe Ihnen sogleich zur
+Verf"ugung!"'
+
+Im "ubrigen lie"s er sich in seiner Besch"aftigung nicht st"oren,
+bei der ihm ein etwa dreizehnj"ahrige{\s} M"adchen half. E{\s} war
+ein wenig verwachsen und versah bei dem H"andler zugleich die
+Stelle de{\s} Ladenm"adchen{\s} und der K"ochin.
+
+Al{\s} er fertig war, f"uhrte er Frau Bovary hinauf in den ersten
+Stock. Er ging ihr in seinen schl"urfenden Holzschuhen auf der
+Treppe voran. Oben "offnete er die T"ur zu einem engen Gemach, in
+dem ein gro"ser Schreibtisch mit einem Aufsatz voller
+Rechnung{\s}b"ucher stand, die durch eine eiserne, mit einem
+Vorh"angeschlo"s versehene Stange verwahrt waren. An der Wand
+stand ein Geldschrank von solcher Gr"o"se, da"s er sichtlich noch
+andre Dinge al{\s} blo"s Geld und Banknoten enthalten mu"ste. In
+der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf"ander au{\s}. In diesem Schrank
+lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe
+de{\s} alten Tellier. Der ehemalige Besitzer de{\s} Caf\'e
+Fran\c{c}ai{\s} hatte inzwischen sein Grundst"uck verkaufen
+m"ussen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er"offnet. Dort
+ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner
+Talglichte, die weniger gelb waren al{\s} sein Gesicht.
+
+Lheureux setzte sich in seinen gro"sen Rohrstuhl und fragte:
+
+"`Na, wa{\s} gibt{\s} Neue{\s}?"'
+
+Emma hielt ihm die Vorladung hin.
+
+"`Hier, lesen Sie!"'
+
+"`Ja, wa{\s} geht denn mich da{\s} an?"'
+
+Diese Antwort emp"orte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,
+ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab da{\s} zu.
+
+"`Aber notgedrungen hab ich{\s} doch tun m"ussen! Mir sa"s selber
+da{\s} Messer an der Kehle!"'
+
+"`Und wa{\s} wird jetzt geschehn?"'
+
+"`Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann
+die Zwang{\s}\-voll\-stre"ckung! Schwapp! Ab!"'
+
+Emma konnte sich nur mit M"uhe beherrschen. Sie h"atte ihm beinahe
+in{\s} Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob e{\s} denn kein
+Mittel gebe, Herrn Vin\c{c}ard zu vertr"osten.
+
+"`Den und vertr"osten! Da kennen Sie Vin\c{c}ard schlecht! Da{\s}
+ist ein Bluthund!"'
+
+Dann m"usse eben Lheureux einspringen.
+
+"`H"oren Sie mal,"' entgegnete er, "`mir scheint, da"s ich schon
+genug f"ur Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!"' Er schlug seine
+B"ucher auf: "`Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17.
+Juni hundertundf"unfzig Franken ... am 23. M"arz sech{\s}undvierzig
+Franken ... am 10. April~..."'
+
+Er hielt inne, al{\s} f"urchte er eine Dummheit zu sagen.
+
+"`Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann au{\s}gestellt
+hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von
+Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r"uckst"andigen Zinsen gar
+nicht zu reden! Da{\s} ist ja endlo{\s}! Da findet sich ja gar
+niemand mehr hinein! Ich will nicht{\s} mehr mit der Sache zu tun
+haben!"'
+
+Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten
+Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter "`diesen
+Schweinehund, den Vin\c{c}ard"'. "Ubrigen{\s} verf"uge er selber
+"uber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man
+z"oge ihm da{\s} Fell "uber die Ohren. Ein armer H"andler, wie er,
+k"onne nicht{\s} borgen.
+
+Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr
+Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie"slich:
+
+"`Na, vielleicht ... wenn dieser Tage wa{\s} einkommt~..."'
+
+Sie unterbrach ihn:
+
+"`Wenn ich die letzte Rate f"ur da{\s} Grundst"uck in Barneville
+bekomme~..."'
+
+"`Wieso?"'
+
+Er tat so, al{\s} sei er sehr "uberrascht, da"s Langloi{\s} noch
+nicht gezahlt habe. Mit honigs"u"ser Stimme sagte er:
+
+"`Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!"'
+
+"`Ach, den m"ussen Sie machen!"'
+
+Er schlo"s die Augen, al{\s} ob er sich etwa{\s} "uberlegte.
+Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl"arte er, er
+k"ame sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er
+schneide sich in sein eigne{\s} Fleisch. Schlie"slich f"ullte er
+vier Wechsel au{\s}, jeden zu zweihundertundf"unfzig Franken, mit
+F"alligkeit{\s}tagen, die je vier Wochen au{\s}einanderlagen.
+
+"`Vorau{\s}gesetzt nat"urlich, da"s Vin\c{c}ard darauf eingeht!"'
+sagte er. "`Mir soll{\s} ja recht sein! Ich fackle nicht lange!
+Bei mir geht alle{\s} wie geschmiert!"'
+
+Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.
+
+"`E{\s} ist aber nicht{\s} f"ur Sie darunter, gn"adige Frau!"'
+meinte er. "`Wenn ich bedenke: dieser Stoff, da{\s} Meter zu drei
+Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei"sen sich
+drum! Man sagt ihnen nat"urlich nicht, wa{\s} wirklich dran ist
+... Sie k"onnen{\s} sich ja denken!"'
+
+Durch derlei Gest"andnisse seiner Unreellit"at andern gegen"uber
+sollte er sich bei ihr al{\s} desto ehrlicher hinstellen. Emma war
+bereit{\s} an der T"ur, al{\s} er sie zur"uckrief und ihr drei
+Meter Brokatstickerei zeigte, einen "`Gelegenheit{\s}kauf"', wie
+er sagte.
+
+"`Prachtvoll! Nicht?"' sagte er. "`Man nimmt e{\s} jetzt vielfach
+zu Sofabeh"angen. Da{\s} ist hochmodern!"'
+
+Mit der Geschicklichkeit eine{\s} Taschenspieler{\s} hatte er den
+Spitzenstoff bereit{\s} in blaue{\s} Papier eingeschlagen und Emma
+in die H"ande gedr"uckt.
+
+"`Ich mu"s doch aber wenigsten{\s} wissen, wa{\s}~..."'
+
+"`Ach, da{\s} eilt ja nicht!"' unterbrach er sie und wandte sich
+einem andern Kunden zu.
+
+Noch an dem n"amlichen Abend best"urmte sie Karl, er solle doch
+seiner Mutter schreiben, da"s sie den Rest der Erbschaft schicke.
+E{\s} kam die Antwort, e{\s} sei nicht{\s} mehr da. Nach
+Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von
+dem Grundst"uck in Barneville -- j"ahrlich sech{\s}hundert
+Franken, die ihm p"unktlich zugehen w"urden.
+
+Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karl{\s} Patienten
+Rechnungen; und da die{\s} von Erfolg war, machte sie da{\s}
+h"aufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: "`Ich bitte,
+e{\s} meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in
+dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g"utigst. Ihre sehr
+ergebene~..."' Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie
+unterschlug.
+
+Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,
+ihre abgelegten H"ute, alte{\s} Eisen. Dabei handelte sie wie ein
+Jude. Hier kam ihr gewinns"uchtige{\s} Bauernblut zum Vorschein.
+Auf ihren Au{\s}fl"ugen nach Rouen erstand sie allerhand Tr"odel,
+den Lheureux an Zahlung{\s} Statt annehmen sollte. Sie kaufte
+Strau"senfedern, chinesische{\s} Porzellan, altert"umliche Truhen.
+Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom
+"`Roten Kreuz"', von aller Welt. Darin war sie skrupello{\s}. Mit
+dem Geld, da{\s} sie noch f"ur da{\s} Barneviller Hau{\s} bekam,
+bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die "ubrigen
+f"unfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue
+Verpflichtungen ein und immer wieder welche.
+
+Manchmal versuchte sie allerding{\s} zu rechnen, aber wa{\s} dabei
+herau{\s}kam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,
+bi{\s} ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie"s sie e{\s} und dachte
+gar nicht mehr daran.
+
+Um ihr Hau{\s} war e{\s} traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten
+mit w"utenden Gesichtern herau{\s}kommen. Am Ofen trocknete
+W"asche. Und die kleine Berta lief zum gr"o"sten Entsetzen von
+Frau Homai{\s} in zerrissenen Str"umpfen einher. Wenn sich Karl
+gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm
+Emma barsch, e{\s} sei nicht ihre Schuld.
+
+"`Warum ist sie so reizbar?"' fragte er sich und suchte die
+Erkl"arung daf"ur in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich
+Vorw"urfe, da"s er nicht gen"ugend R"ucksicht auf ihr
+k"orperliche{\s} Leiden genommen habe. Er schalt sich einen
+Egoisten und w"are am liebsten zu ihr gelaufen und h"atte sie
+gek"u"st.
+
+"`Lieber nicht!"' sagte er sich. "`E{\s} k"onnte ihr l"astig sein!"'
+
+Und er ging nicht zu ihr.
+
+Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die
+kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift
+auf und versuchte dem Kind da{\s} Lesen beizubringen. E{\s} war
+noch g"anzlich unwissend. Sehr bald machte e{\s} gro"se, traurige
+Augen und begann zu weinen. Da tr"ostete er e{\s}. Er holte Wasser
+in der Gie"skanne und legte ein B"achlein im Kie{\s} an, oder er
+brach Zweige von den Ja{\s}minstr"auchern und pflanze sie al{\s}
+B"aumchen in die Beete. Dem Garten schadete da{\s} nur wenig, er
+war schon l"angst von Unkraut "uberwuchert. Lestiboudoi{\s} hatte
+schon wer wei"s wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror da{\s}
+Kind, und e{\s} verlangte nach der Mutter.
+
+"`Ruf Felicie!"' sagte Karl. "`Du wei"st, mein Herzchen, Mama will
+nicht gest"ort werden!"'
+
+E{\s} wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl"atter. Jetzt
+war e{\s} genau zwei Jahre her, da"s Emma krank war! Wann w"urde
+da{\s} endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort,
+die H"ande auf dem R"ucken.
+
+Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st"oren.
+Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum
+bekleidet. Von Zeit zu Zeit z"undete sie ein{\s} der
+R"aucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eine{\s}
+Algerier{\s} gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren
+schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie e{\s} durch
+allerlei Grimassen so weit, da"s er sich in den zweiten Stock
+zur"uckzog. Nun la{\s} sie bi{\s} zum Morgen "uberspannte B"ucher,
+die von Orgien und von Mord und Totschlag erz"ahlten. Oft bekam
+sie davon Angstanf"alle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst
+herunter.
+
+"`Ach, geh nur wieder!"' sagte sie.
+
+Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer de{\s} Ehebruch{\s}
+durch\-gl"uht, schwer atmend und in hei"ser sinnlicher Erregung
+an{\s} Fenster, sog die k"uhle Nachtluft ein und lie"s sich den
+Wind um da{\s} schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend,
+w"unschte sie sich die Liebe eine{\s} F"ursten~...
+
+Leo trat ihr vor die Phantasie. Wa{\s} h"atte sie in diesem
+Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm
+sattk"ussen zu lassen.
+
+Die Tage de{\s} Stelldichein{\s} waren ihre Sonntage, Tage der
+Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alle{\s} allein zu
+bezahlen, steuerte sie auf da{\s} freigebigste dazu bei, wa{\s}
+beinahe jede{\s}mal der Fall war. Er versuchte, sie zu
+"uberzeugen, da"s sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe
+zusammen kommen k"onnten. Sie wollte jedoch nicht{\s} davon
+h"oren.
+
+Eine{\s} Tage{\s} brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbe{\s}
+Dutzend vergoldete Teel"offel mit, da{\s} Hochzeit{\s}geschenk
+ihre{\s} Vater{\s}. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er
+gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er
+f"urchtete, sich blo"szustellen. Al{\s} er hinterher noch einmal
+dar"uber nachdachte, fand er, da"s seine Geliebte "uberhaupt recht
+seltsam geworden sei und da"s e{\s} vielleicht ratsam w"are, mit
+ihr zu brechen. Seine Mutter hatte "ubrigen{\s} einen langen
+anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt
+worden war, ihr Sohn "`ruiniere sich mit einer verheirateten
+Frau."' Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle
+Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin,
+die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich
+brieflich an Leo{\s} Chef, den Justizrat D"ubocage, dem die
+Geschichte l"angst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo
+dreiviertel Stunden lang ordentlich in{\s} Gebet, "offnete ihm die
+Augen, wie er sich au{\s}dr"uckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem
+er zusteuere. Wenn e{\s} zum "offentlichen Skandal k"ame, sei
+seine weitere Karriere gef"ahrdet! Er bat ihn dringend, da{\s}
+Verh"altni{\s} abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so
+doch in seinem, de{\s} Notar{\s}.
+
+Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.
+Er hielt e{\s} nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,
+indem er sich klar ward, in welche Mi"shelligkeiten und in wa{\s}
+f"ur Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von
+den Anz"uglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich
+lo{\s}lie"sen, wenn sie sich am Kamine w"armten. Er sollte
+demn"achst in die erste Adjunktenstelle r"ucken. E{\s} ward also
+Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Au{\s} diesem Grunde gab er
+auch da{\s} Fl"otespielen auf. Die Tage der Schw"armereien und
+Phantastereien waren f"ur ihn vor"uber! Jeder Philister hat in
+seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen
+Tag, nur eine Stunde w"ahrt. Einmal ist jeder der
+ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst"urmender Pl"ane
+f"ahig. Den spie"serlichsten Mann gel"ustet e{\s} einmal nach
+einer gro"sen Kurtisane, und selbst im n"uchternen Juristen hat
+sich irgendwann einmal der Dichter geregt.
+
+E{\s} verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung
+an seiner Brust schluchzte. Und wie e{\s} Leute gibt, die Musik
+nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f"ur die
+"Uberschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef"uhl mehr. Die wilde
+Sch"onheit dieser Herzen{\s}st"urme begriff er nicht.
+
+Sie kannten einander zu gut, al{\s} da"s der gegenseitige Besitz
+sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die
+Entwicklung{\s}f"ahigkeit verloren. Sie waren beide einander
+"uberdr"ussig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit"aten der
+Ehe wieder.
+
+Wie sollte sie sich aber Leo{\s} entledigen? So ver"achtlich ihr
+die Verflachung ihre{\s} Gl"ucke{\s} auch vorkam: au{\s}
+Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der
+Sinnengenu"s ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch
+nach h"oheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt
+und betrogen. Sie w"unschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre
+Ent\/zweiung zur Folge h"atte, weil sie nicht den Mut hatte, sich
+au{\s} freien St"ucken von ihm zu trennen.
+
+Sie h"orte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu
+"ubersch"utten. Ihrer Meinung nach war e{\s} die Pflicht einer
+Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben
+stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo,
+sondern ein Traumgebilde, die Au{\s}geburt ihrer z"artlichsten
+Erinnerungen, eine Reminis\/zenz an die herrlichsten Romanhelden,
+da{\s} leibhaft gewordne Idol ihrer hei"sesten Gel"uste.
+Allm"ahlich ward ihr dieser imagin"are Liebling so vertraut,
+al{\s} ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten
+Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich
+gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in
+der F"ulle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo
+hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter
+Rosend"uften und Mondenschein. Sie f"uhlte, er war ihr nahe. Er
+umarmte und k"u"ste sie~...
+
+Nach solchen Traumzust"anden war sie kraftlo{\s} und gebrochen.
+Die Raserei diese{\s} Liebe{\s}wahne{\s} erschlaffte sie mehr
+al{\s} die wildeste Au{\s}schweifung.
+
+Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche
+Zustellungen und Vorladungen kamen. E{\s} war ihr unm"oglich, sie
+zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h"atte sie immerdar
+geschlafen.
+
+Am Fastnacht{\s}abend kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Sie
+nahm am Ma{\s}kenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten
+Str"umpfen, eine Rokokoper"ucke auf dem Kopfe und einen Dreimaster
+auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht.
+E{\s} bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand
+sie unter der Vorhalle de{\s} Theater{\s}, umringt von einem
+halben Dutzend Ma{\s}ken, Bekannten von Leo: Matrosen und
+Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurant{\s} in
+der N"ahe waren alle "uberf"ullt. Schlie"slich entdeckte man einen
+bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleine{\s}
+Zimmer bekamen.
+
+Die m"annlichen Ma{\s}ken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich
+einigten sie sich "uber die Kosten. E{\s} waren zwei Studenten der
+medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk"aufer. Wa{\s}
+f"ur eine Gesellschaft f"ur eine Dame! Und die weiblichen Wesen?
+An ihrer Au{\s}druck{\s}weise merkte Emma gar bald, da"s sie fast
+alle der untersten Volk{\s}schicht angeh"oren mu"sten. Nun begann
+sie sich zu "angstigen. Sie r"uckte mit ihrem Sessel beiseite und
+schlug die Augen nieder.
+
+Die andern begannen zu tafeln. Emma a"s nicht{\s}. Ihre Stirn
+gl"uhte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte
+ihr "uber die Haut. In ihrem Hirn dr"ohnte noch der L"arm de{\s}
+Tanzsaal{\s}; e{\s} war ihr, al{\s} stampften tausend F"u"se im
+Takte um sie herum. Dazu bet"aubte sie der Zigarrenrauch und der
+Duft de{\s} Punsche{\s}. Sie wurde ohnm"achtig. Man trug sie
+an{\s} Fenster.
+
+Der Morgen d"ammerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H"ohe stand ein
+breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der
+graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den
+Br"ucken. Die Laternenlichter verblichen.
+
+Sie erholte sich allm"ahlich und dachte an ihre Berta, die fern in
+Yonville schlief, im Zimmer de{\s} M"adchen{\s}. Ein Wagen voll
+langer Eisenstangen fuhr unten vor"uber; da{\s} Metall vibrierte
+in eigent"umlichen T"onen~...
+
+Da stahl sie sich in pl"otzlichem Entschlusse fort. Sie lie"s Leo
+und kam allein zur"uck in den Boulogner Hof. Alle{\s}, selbst ihr
+eigner K"orper war ihr unertr"aglich. Sie h"atte fliegen m"ogen,
+sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im
+kristallklaren "Ather.
+
+Nachdem sie sich ihre{\s} Kost"um{\s} entledigt hatte, verlie"s
+sie den Gasthof und ging "uber den Boulevard, den Causer Platz,
+durch die Vorstadt, bi{\s} zu einer freien Stra"se mit G"arten.
+Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach
+verga"s sie die l"armende Menge, die Ma{\s}ken, die Tanzmusik,
+da{\s} Lampenlicht, da{\s} Souper, die Dirnen. Alle{\s} war weg
+wie der Nebel im Winde. Im "`Roten Kreuz"' angekommen, warf sie
+sich auf{\s} Bett. E{\s} war in demselben Zimmer de{\s} zweiten
+Stock{\s}, wo ihr Leo damal{\s} seinen ersten Besuch gemacht
+hatte. Um vier Uhr nachmittag{\s} ward sie von Hivert geweckt.
+
+Zu Hau{\s} zeigte ihr Felicie ein Schriftst"uck, da{\s} hinter der
+Uhr steckte. Emma la{\s}:
+
+"`Beglaubigte Abschrift. Urteil{\s}au{\s}fertigung~..."' Sie hielt
+inne. "`Wa{\s} f"ur ein Urteil?"' Sie besann sich.
+
+Etliche Tage vorher war ein andre{\s} Schriftst"uck abgegeben
+worden, da{\s} sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken
+la{\s} sie weiter:
+
+"`\so{Im Namen de{\s} K"onig{\s}!}~..."' Sie "ubersprang einige
+Zeilen. "`... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ...
+achttausend Franken~..."' Und unten: "`Vorstehende Au{\s}fertigung
+wird ... zum Zwecke der Zwang{\s}vollstreckung erteilt~..."'
+
+Wa{\s} sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!
+
+"`Die sind morgen abgelaufen!"' sagte sie sich. "`Unsinn! Lheureux
+will mir nur angst machen!"'
+
+Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,
+den Endzweck aller seiner Gef"alligkeiten. Da{\s} einzige, wa{\s}
+sie etwa{\s} beruhigte, war gerade die enorme H"ohe der
+Schuldsumme. Durch ihre fortw"ahrenden K"aufe, ihr Nichtbarbezahlen,
+die Darlehen, da{\s} Au{\s}stellen von Wechseln, die Zinsen, die
+Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bi{\s} zu
+dieser H"ohe angelaufen. Lheureux wartete auf diese{\s} Geld
+ungeduldig. Er brauchte e{\s} zu neuen Gesch"aften.
+
+Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.
+
+"`Wissen Sie, wa{\s} mir da zugefertigt worden ist? Da{\s} ist
+wohl ein Scherz!"'
+
+"`Bewahre!"'
+
+"`Wieso aber?"'
+
+Er wandte sich ihr langsam zu, verschr"ankte die Arme und sagte:
+
+"`Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da"s ich
+bi{\s} zum J"ungsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe?
+F"ur nicht{\s} und wieder nicht{\s}? E{\s} ist vielmehr die
+h"ochste Zeit, da"s ich mein Geld zur"uckkriege! Da{\s} werden Sie
+doch einsehen!"'
+
+Sie bestritt die H"ohe der Schuldsumme.
+
+"`Ja, da{\s} tut mir leid!"' erwiderte der H"andler. "`Da{\s}
+Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist
+nicht{\s} zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen!
+"Ubrigen{\s} bin ich nicht der Kl"ager, sondern Vin\c{c}ard."'
+
+"`K"onnten Sie denn nicht~..."'
+
+"`Ich kann gar nicht{\s}!"'
+
+"`Aber ... sagen Sie ... "uberlegen wir un{\s} einmal~..."'
+
+Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu"st, sie sei
+"uberrascht worden~...
+
+"`Ist da{\s} denn meine Schuld?"' fragte Lheureux mit einer
+h"ohnischen Geste. "`W"ahrend ich mich hier abplagte, haben Sie
+herrlich und in Freuden gelebt!"'
+
+"`Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?"'
+
+"`Da{\s} k"onnte nicht{\s} schaden!"'
+
+Sie wurde feig und legte sich auf{\s} Bitten. Dabei ging sie so
+weit, da"s sie den H"andler mit ihrer schmalen wei"sen Hand
+ber"uhrte.
+
+"`Lassen Sie mich zufrieden!"' wehrte er ab. "`Am Ende wollen Sie
+mich gar noch verf"uhren!"'
+
+"`Sie sind ein gemeiner Mensch!"' rief sie au{\s}.
+
+"`Na, na!"' lachte er. "`Werden Sie nur nicht gleich ungn"adig!"'
+
+"`Ich werde allen Leuten erz"ahlen, wa{\s} f"ur ein Mensch Sie
+sind! Ich werde meinem Manne sagen~..."'
+
+"`Und ich werde Ihrem Manne wa{\s} zeigen~..."'
+
+Er entnahm seinem Geldschranke Emma{\s} Empfang{\s}best"atigung
+der Summe f"ur da{\s} verkaufte Grundst"uck.
+
+"`Glauben Sie, da"s er da{\s} nicht f"ur einen kleinen Diebstahl
+halten wird, der arme gute Mann?"'
+
+Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen.
+Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und
+her und sagte immer wieder:
+
+"`Jawohl, da{\s} zeig ich ihm ... da{\s} zeig ich ihm~..."'
+
+Pl"otzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem
+Tone:
+
+"`'{\s} ist grade kein Vergn"ugen -- da{\s} wei"s ich wohl! --
+aber e{\s} ist noch niemand dran gestorben, und da e{\s} der
+einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen~..."'
+
+"`Aber wo soll ich denn da{\s} viele Geld hernehmen?"' jammerte
+Emma und rang die H"ande.
+
+"`Na, wenn man Freunde hat wie Sie!"'
+
+Er sah sie scharf und so t"uckisch an, da"s ihr dieser Blick durch
+Mark und Bein ging.
+
+"`Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben~..."'
+
+"`Danke! Habe genug von den alten!"'
+
+"`K"onnte ich nicht wa{\s} verkaufen?"'
+
+"`Wa{\s} denn?"' fragte er achselzuckend. "`Sie besitzen doch gar
+nicht{\s}!"' Dann rief er durch da{\s} kleine Schiebfensterchen in
+seinen Laden hinein: "`Anna, vergi"s nicht die drei St"uck Tuch
+Nummer vierzehn!"'
+
+Da{\s} M"adchen trat ein. Emma begriff, wa{\s} da{\s} hei"sen
+sollte. Sie machte einen letzten Versuch.
+
+"`Wieviel Geld w"are dazu n"otig, die Zwang{\s}vollstreckung
+aufzuhalten?"'
+
+"`E{\s} ist schon zu sp"at!"' antwortete Lheureux.
+
+"`Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br"achte? Ein Viertel
+der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?"'
+
+"`Da{\s} h"atte alle{\s} keinen Zweck!"'
+
+Er dr"angte sie sanft dem Au{\s}gange zu.
+
+"`Ich beschw"ore Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage
+Zeit!"'
+
+Sie schluchzte.
+
+"`Donnerwetter! Gar noch Tr"anen!"'
+
+"`Sie bringen mich zur Verzweiflung!"' jammerte sie.
+
+"`Mir auch egal!"'
+
+Er machte die T"ure zu.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den
+Gericht{\s}vollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, al{\s} sie
+sich einstellten, um da{\s} Pf"andung{\s}protokoll aufzusetzen.
+
+Sie begannen in Bovary{\s} Sprechzimmer. Den phrenologischen
+Sch"adel schrieben sie indessen nicht mit in da{\s}
+Sachenverzeichni{\s}. Sie erkl"arten ihn al{\s} zur
+Beruf{\s}au{\s}"ubung n"otig. Aber in der K"uche z"ahlten sie die
+Sch"usseln, T"opfe, St"uhle und Leuchter, und in ihrem
+Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie
+durchst"oberten ihren Kleidervorrat, ihre W"asche. Sogar der
+Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emma{\s} Existenz ward
+bi{\s} in die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der
+Anatomie -- den Blicken der drei M"anner prei{\s}gegeben. Der
+Gericht{\s}vollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock,
+eine wei"se Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,
+wiederholte immer wieder:
+
+"`Sie erlauben, gn"adige Frau! Sie erlauben!"'
+
+Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:
+
+"`Wunderh"ubsch! Sehr nett!"'
+
+Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichni{\s},
+wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa"s au{\s} Horn
+tauchte, da{\s} er in der linken Hand hielt.
+
+Al{\s} man in den Wohnr"aumen fertig war, ging e{\s} hinauf in die
+Bodenkammern. Al{\s} der Gericht{\s}vollzieher ein Schreibpult
+bemerkte, in dem Rudolf{\s} Briefe aufbewahrt waren, ordnete er
+an, da"s e{\s} ge"offnet werde.
+
+"`Ah! Briefe!"' meinte er, geheimni{\s}voll l"achelnd. "`Sie
+erlauben wohl! Ich mu"s mich n"amlich "uberzeugen, ob nicht sonst
+noch wa{\s} drinnen steckt!"'
+
+Er bl"atterte die B"undel fl"uchtig durch, al{\s} sollten
+Goldst"ucke herau{\s}fallen. Emma war emp"ort, al{\s} sie sah, wie
+seine plumpe rote Hand mit den mollu{\s}kenhaften Fettfingern
+diese Bl"atter anfa"ste, bei deren Empfang ihr Herz einst h"oher
+geschlagen hatte.
+
+Endlich gingen sie. Felicie kam zur"uck. Sie hatte den Auftrag
+gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den
+Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf"andeten Gegenst"ande
+zur"uckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.
+
+Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma
+beobachtete ihn "angstlich. E{\s} kam ihr vor, al{\s} st"unden in
+den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre
+Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten
+Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie
+sich die Armseligkeit ihre{\s} Leben{\s} versch"ont hatte, f"uhlte
+sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenlose{\s} Mitleid
+mit sich selber, da{\s} ihre W"unsche eher noch anfachte al{\s}
+unterdr"uckte.
+
+Karl sa"s friedlich am Kamin und f"uhlte sich h"ochst behaglich.
+Einmal rumorte der Gericht{\s}diener, der sich in seinem K"afige
+langweilte.
+
+"`Ging da nicht oben einer?"' fragte Karl.
+
+"`Nein!"' beschwichtigte sie ihn. "`Da war wahrscheinlich ein
+Dachfenster offen, und der Wind hat e{\s} zugeschlagen."'
+
+Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr"uh nach Rouen, wo sie
+alle Bankier{\s} aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die
+meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie"s sich
+nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie
+beteuerte, sie brauche e{\s} und wolle e{\s} p"unktlich
+zur"uckzahlen. Einige lachten ihr in{\s} Gesicht. Alle wiesen sie
+ab.
+
+Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T"ure. E{\s}
+"offnete niemand. Endlich kam er von der Stra"se her.
+
+"`Wa{\s} f"uhrt dich her?"'
+
+"`St"ore ich dich?"'
+
+"`Nein ... aber~..."'
+
+Er gestand, sein Wirt s"ahe e{\s} nicht gern, wenn man "`Damen"'
+bei sich empfinge.
+
+"`Ich mu"s dich sprechen!"' sagte sie.
+
+Da nahm er den Schl"ussel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie"sen.
+
+"`Nein! Nicht hier! Bei un{\s}!"'
+
+Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.
+
+Emma trank zun"achst ein gro"se{\s} Gla{\s} Wasser. Sie war ganz
+bleich. Dann sagte sie:
+
+"`Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!"'
+
+Sie fa"ste seine H"ande, dr"uckte sie fest und f"ugte hinzu:
+
+"`H"or mal: ich brauche achttausend Franken!"'
+
+"`Du bist verr"uckt!"'
+
+"`Noch nicht!"'
+
+Nun erz"ahlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf"andung und
+klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nicht{\s}; mit ihrer
+Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu"se, und ihr Vater
+k"onne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m"usse ihr diese
+unbedingt n"otige Summe schleunigst verschaffen.
+
+"`Wie soll ich da{\s}?"'
+
+"`Du willst blo"s nicht!"' sagte sie aufgeregt.
+
+Er stellte sich dumm:
+
+"`E{\s} wird nicht so gef"ahrlich sein! Mit tausend Talern wird
+der Biedermann schon zufrieden sein!"'
+
+"`Vielleicht. Schaff sie mir nur!"' sagte sie. Dreitausend Franken
+seien allemal aufzutreiben! Leo m"oge sie doch einstweilen auf
+seinen Namen aufnehmen.
+
+"`Geh! Versuch{\s}! E{\s} mu"s sein! Schnell! Schnell! Ich will
+dich daf"ur auch recht liebhaben!"'
+
+Er ging und kam nach einer Stunde zur"uck. Mit einem Gesicht,
+al{\s} ob er wer wei"s wa{\s} zu verk"unden h"atte, sagte er:
+
+"`Ich war bei drei Personen ... umsonst!"'
+
+Darauf sa"sen sie einander gegen"uber am Kamin, regung{\s}lo{\s},
+ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor
+Ungeduld mit den F"u"sen. Er h"orte, wie sie ganz leise sagte:
+
+"`Wenn ich an deiner Stelle w"are, ich w"u"ste, wo ich da{\s} Geld
+auftriebe!"'
+
+"`Wo denn?"'
+
+"`In eurer Kanzlei!"'
+
+Sie sah ihn starr an.
+
+Au{\s} ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D"amon. Zwischen
+ihren sich ber"uhrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S"unde so
+stark, da"s der junge Mann unter der stummen Verf"uhrung{\s}kraft
+diese{\s} Weibe{\s}, da{\s} ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe
+daran war, zu erliegen. Er f"uhlte seine Schwachheit. J"ahe Furcht
+ergriff ihn, und um jeder weiteren Er"orterung zu entgehen, schlug
+er sich vor die Stirn und rief au{\s}:
+
+"`Morel kommt ja heute nacht zur"uck!"' Morel war ein Freund von
+ihm, der Sohn eine{\s} sehr wohlhabenden Kaufmann{\s}. "`Der
+schl"agt{\s} mir nicht ab! Ich werde dir da{\s} Geld morgen
+vormittag bringen."'
+
+Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger
+freudigen Eindruck, al{\s} er erwartet hatte. Durchschaute sie
+seine L"uge?
+
+Err"otend fuhr er fort:
+
+"`Wenn ich morgen bi{\s} drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann
+warte nicht l"anger auf mich, Schatz! Jetzt mu"s ich aber wirklich
+fort! Entschuldige mich! Lebwohl!"'
+
+Er dr"uckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma
+hatte alle Kraft verloren~...
+
+Al{\s} e{\s} vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville
+zur"uckzufahren. Nicht{\s} mehr trieb sie al{\s} die Gewohnheit.
+
+Da{\s} Wetter war pr"achtig. Ein klarer kalter M"arztag. Die Sonne
+strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt"aglich gekleidete
+B"urger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Al{\s} Emma
+den Notre-Dame-Platz "uberschritt, war die Vesper gerade zu Ende.
+Die Menge str"omte au{\s} den drei T"uren de{\s} Hauptportal{\s}
+wie ein Strom au{\s} einer dreibogigen Br"ucke.
+
+Emma dachte zur"uck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in
+da{\s} Mittelschiff eingetreten war, da{\s} sich so hoch vor ihr
+w"olbte und ihr damal{\s} doch klein erschien im Vergleich zu
+ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier
+str"omten die Tr"anen "uber ihre Wangen. Sie war wie bet"aubt, sie
+schwankte und war einer Ohnmacht nahe.
+
+"`Vorsehen!"' rief eine Stimme au{\s} einem Torwege.
+
+Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,
+der, in der Gabel eine{\s} Dogcart{\s}, au{\s} dem Hause
+herau{\s}kam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte~...
+
+"`Wer war da{\s} doch?"' fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor.
+Da{\s} Gef"ahrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.
+
+"`Aber da{\s} war doch der Vicomte!"'
+
+Emma wandte sich um, aber die Stra"se war leer. Sie f"uhlte sich
+so niedergeschlagen, so traurig, da"s sie sich an die Wand
+eine{\s} Hause{\s} lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. Sie
+gr"ubelte dar"uber nach, ob e{\s} wirklich der Vicomte gewesen
+war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Wa{\s} lag daran? Sie war
+eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene,
+vom Geratewohl gegen die Klippen de{\s} Leben{\s} getrieben ...
+Und so empfand sie beinahe Freude, al{\s} sie, am "`Roten Kreuz"'
+angelangt, den trefflichen Homai{\s} traf, der da{\s} Aufladen
+einer gro"sen Kiste voll Apothekerwaren in die Post "uberwachte.
+In der Hand hielt er, in ein Hal{\s}tuch eingewickelt, sech{\s}
+St"uck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte.
+
+Frau Homai{\s} liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in
+der Normandie seit uralten Zeiten in Form eine{\s} Turban{\s}
+gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen
+werden. Man buk sie bereit{\s} zur Zeit der Kreuzz"uge. Die
+wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn
+sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische
+liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten
+sie sich einbilden, Sarazenenk"opfe zu vertilgen. Die
+Apotheker{\s}frau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute;
+sie hatte n"amlich abscheulich schlechte Z"ahne.
+
+"`Bin ent\/z"uckt, Sie zu sehen!"' rief Homai{\s}, bot Emma die Hand
+und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.
+
+Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in da{\s} Gep"acknetz,
+nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr"ankten Armen und
+einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Al{\s} unterweg{\s}
+wie immer der Blinde am Stra"sengraben auftauchte, bemerkte er:
+
+"`E{\s} ist mir unverst"andlich, da"s die Beh"orde nach wie vor
+diese{\s} schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man
+einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht
+bei un{\s} im Schneckengange vorw"art{\s}! Wir waten noch in
+Barbarei!"'
+
+Der Blinde steckte seinen Hut so durch{\s} Wagenfenster, da"s er
+wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.
+
+"`Er hat eine skroful"ose Affektion"', dozierte der Apotheker.
+
+Obgleich er den armen Schelm schon l"angst kannte, tat er doch,
+al{\s} s"ahe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwa{\s} von
+Hornhaut, Star, Sklerotika, Facie{\s} vor sich hin. Dann riet er
+ihm in salbung{\s}vollem Tone:
+
+"`Hast du diese{\s} schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn?
+Du solltest vor allem Di"at halten, statt dich in der Kneipe zu
+betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache."'
+
+Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifello{\s} geistig
+beschr"ankt.
+
+Schlie"slich zog Homai{\s} seine B"orse.
+
+"`Hier hast du einen F"unfer, gib mir einen Dreier wieder rau{\s}
+und vergi"s nicht, wa{\s} ich dir verordnet habe! E{\s} wird dir
+gut bekommen!"'
+
+Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seine{\s}
+Rezept{\s} zu bezweifeln. Da versicherte Homai{\s} dem Manne,
+lediglich eine "`antiphlogistische Salbe eignen Fabrikat{\s}"'
+k"onne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse:
+
+"`Apotheker Homai{\s}, am Markt, allgemein bekannt!"'
+
+"`So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, wa{\s} du
+Sch"one{\s} kannst!"' rief ihm Hivert zu.
+
+Der Blinde lie"s sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur"uck,
+rollte mit seinen gr"unlichen Augen und streckte die Zunge
+herau{\s}. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H"anden und
+stie"s ein dumpfe{\s} Geheul au{\s} wie ein halbverhungerter Hund.
+
+Emma ward "ubel. Sie warf ihm "uber die Schulter ein
+F"unf\/frankenst"uck zu. E{\s} war ihr ganze{\s} Geld. E{\s} kam
+ihr edel vor, e{\s} so wegzuwerfen.
+
+Der Wagen war schon ein ziemliche{\s} St"uck weiter, al{\s} sich
+Homai{\s} pl"otzlich au{\s} dem Fenster lehnte und hinau{\s}rief:
+
+"`Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe
+tragen! Und Wacholderd"ampfe auf die kranken Teile!"'
+
+Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor"uberzog,
+lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche
+M"udigkeit "uberkam sie. Ganz ersch"opft, leben{\s}m"ude und
+verschlafen langte sie in Yonville an.
+
+"`Mag nun kommen, wa{\s} will!"' dachte sie beim Au{\s}steigen.
+"`Zu guter Letzt, wer wei"s? Kann nicht jeden Augenblick ein
+unerwartete{\s} Ereigni{\s} eintreten? Sogar Lheureux kann
+sterben~..."'
+
+Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger"ausch auf dem Markt wach.
+E{\s} war ein Gedr"ange um ein gro"se{\s} Plakat entstanden,
+da{\s} an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah,
+wie Justin auf einen Prellstein stieg und e{\s} abri"s. Aber im
+selben Moment fa"ste ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem
+Augenblick trat Homai{\s} au{\s} seiner Apotheke, und auch Frau
+Franz tauchte laut redend mitten in der Volk{\s}menge auf.
+
+"`Gn"adige Frau! Gn"adige Frau!"' rief Felicie, die in{\s} Zimmer
+st"urzte.
+
+Da{\s} arme Ding war au"ser sich. Sie hielt einen gelben Zettel in
+der Hand, den sie von der Hau{\s}t"ure abgerissen hatte. Emma
+"uberflog ihn. E{\s} war die Versteigerung{\s}ank"undigung.
+
+Dann sahen sich beide wortlo{\s} an. Herrin und Dienerin hatten
+l"angst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie
+nach einer Weile:
+
+"`An der Stelle der gn"adigen Frau ging ich mal zum Notar
+Guillaumin."'
+
+"`Meinst du?"'
+
+Diese Frage bedeutete: "`Durch dein Verh"altni{\s} mit dem Diener
+diese{\s} Hause{\s} wei"st du doch Bescheid. Interessiert sich
+dieser Junggeselle f"ur mich?
+
+"`Ja, gehn Sie nur, gn"adige Frau! E{\s} wird Ihnen n"utzen!"'
+
+Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarze{\s} Kleid an und
+setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht
+s"ahe -- e{\s} standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte
+--, ging sie zur Gartenpforte hinau{\s} und den Weg am Bache hin.
+
+Atemlo{\s} erreichte sie da{\s} Gittertor de{\s} Notar{\s}. Der
+Himmel war grau. E{\s} schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin
+erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam
+er und "offnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen
+Vertraulichkeit, al{\s} ob sie in{\s} Hau{\s} geh"orte, und
+f"uhrte sie in da{\s} E"szimmer.
+
+Emma{\s} Blick fiel fl"uchtig auf den breiten Porzellanofen, vor
+dem ein m"achtiger Kaktu{\s} stand. An den braun tapezierten
+W"anden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche:
+woll"ustige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen
+Sch"usselw"armer, der Kristallgriff der T"urklinke, der
+Parkettboden, die M"obel, alle{\s} blinkte in reinlicher,
+germanischer Sauberkeit.
+
+"`So ein E"szimmer m"u"ste ich haben!"' dachte Emma.
+
+Der Notar trat ein. Er dr"uckte seinen mit Palmenblattstickerei
+verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der
+andern Hand nahm er sein braunsamtne{\s} Hau{\s}k"appchen zum
+Gru"se ab und setzte e{\s} rasch wieder auf. E{\s} sa"s ihm kokett
+etwa{\s} auf der rechten Seite seine{\s} kahlen Sch"adel{\s},
+"uber den drei lange blonde Haarstr"ahnen liefen.
+
+Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den
+Tisch, um zu fr"uhst"ucken. Er entschuldigte sich ob dieser
+Unh"oflichkeit.
+
+"`Herr Notar,"' sagte sie, "`ich m"ochte Sie bitten~..."'
+
+"`Um wa{\s} denn, gn"adige Frau? Ich bin ganz Ohr!"'
+
+Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.
+
+Guillaumin wu"ste bereit{\s} alle{\s}, da er in geheimer
+Gesch"aft{\s}verbindung mit Lheureux stand, der ihm die
+Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu
+besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser al{\s} Emma --
+die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,
+von den verschiedensten Leuten di{\s}kontiert, auf lange Fristen
+au{\s}gestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren.
+Jetzt hatte sie der H"andler allesamt protestieren lassen und auf
+seinen Freund Vin\c{c}ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun
+in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb"urgern
+nicht in den Ruf eine{\s} Hal{\s}abschneider{\s} gerate.
+
+Sie unterbrach ihre Erz"ahlung h"aufig durch Beschuldigungen gegen
+Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar
+nicht{\s}sagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett
+und trank seinen Tee, -- wobei er da{\s} Kinn gegen seine
+himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm"uckte Krawatte einzog.
+Ein sonderbare{\s}, s"u"sliche{\s} und zweideutige{\s} L"acheln
+spielte um seine Lippen. Al{\s} er sah, da"s Emma nasse Schuhe
+hatte, sagte er:
+
+"`Kommen Sie doch n"aher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe
+doch an die Kacheln ... h"oher!"'
+
+Sie bef"urchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der
+Notar sagte galant:
+
+"`Sch"one Sachen verderben nie etwa{\s}!"'
+
+Sie machte einen Versuch, ihn zu r"uhren. Da{\s} brachte sie aber
+nur selbst in R"uhrung. Sie erz"ahlte ihm von der Enge ihre{\s}
+h"au{\s}lichen Leben{\s}, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren
+Bed"urfnissen. Der Notar verstand da{\s}: eine elegante Frau! Und
+ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl
+nach ihr um. Er ber"uhrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle
+am hei"sen Ofen zu dampfen begann.
+
+Al{\s} sie ihn aber um tausend Taler anging, bi"s er sich auf die
+Lippen und erkl"arte, e{\s} tue ihm ungemein leid, da"s er die
+Verwaltung ihre{\s} Verm"ogen{\s} nicht rechtzeitig in die H"ande
+bekommen habe. E{\s} g"abe tausend M"oglichkeiten, selbst f"ur
+eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispiel{\s}weise
+w"aren die Torfgruben von Gr"ume{\s}nil oder Bauland in Havre
+bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut,
+angesicht{\s} der enormen Summen, die sie zweifello{\s} dabei
+gewonnen h"atte.
+
+"`We{\s}halb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?"'
+
+"`Da{\s} wei"s ich selber nicht"', erwiderte sie.
+
+"`Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich
+sollte Ihnen wirklich de{\s}halb b"ose sein! Wir h"atten un{\s}
+schon l"angst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr
+gehorsamster Diener! Da{\s} werden Sie mir doch glauben, hoffe
+ich!"'
+
+Er fa"ste nach ihrer Hand, dr"uckte einen gierigen Ku"s darauf und
+behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und
+sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie
+Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die
+spiegelnden Brillengl"aser; w"ahrend seine H"ande in die
+"Armel"offnung von Emma{\s} Kleid fuhren, um ihren Arm zu
+betasten. Sie f"uhlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.
+
+Sie sprang auf und sagte:
+
+"`Herr Guillaumin, ich warte~..."'
+
+"`Worauf?"' sagte der Notar, pl"otzlich ganz bleich geworden.
+
+"`Auf da{\s} Geld!"'
+
+"`Aber~..."' In seiner L"usternheit lie"s er sich bewegen zu
+sagen: "`Na ja~..."'
+
+Trotz seine{\s} Schlafrocke{\s} fiel er vor Emma auf die Knie und
+keuchte:
+
+"`Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!"'
+
+Er umschlang ihre Taille.
+
+Ein Blutstrom scho"s Emma in die Wangen. Emp"ort machte sie sich von
+dem Manne lo{\s} und rief:
+
+"`Sie n"utzen mein Ungl"uck au{\s}! Da{\s} ist schamlo{\s}! Ich
+bin beklagen{\s}wert, aber nicht k"auflich!"'
+
+Damit eilte sie hinau{\s}.
+
+Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine
+sch"onen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter
+Hand. Dieser Anblick tr"ostete ihn schlie"slich. "Uberdie{\s} fiel
+ihm ein, da"s ihn ein derartige{\s} Abenteuer zu wer wei"s wa{\s}
+h"atte verleiten k"onnen.
+
+"`Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!"' sagte Emma
+bei sich, al{\s} sie hastigen Schritt{\s} an den Pappeln hinging.
+Ihre Entt"auschung "uber den Mi"serfolg verst"arkte die Emp"orung
+ihre{\s} Schamgef"uhl{\s}. E{\s} war ihr, al{\s} verfolge sie ein
+unselige{\s} Geschick, und diese{\s} Gef"uhl erf"ullte sie von
+neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm"utiger und
+selbstbewu"ster gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung.
+Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h"atte alle M"anner schlagen,
+ihnen in{\s} Gesicht speien, sie niedertreten m"ogen. W"ahrend sie
+weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre
+tr"anenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen
+Wollust bohrte sie sich in Ha"s hinein.
+
+Al{\s} sie ihr Hau{\s} von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die
+Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber e{\s} mu"ste
+sein! Wohin h"atte sie fliehen k"onnen?
+
+Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.
+
+"`Gn"adige Frau?"'
+
+"`E{\s} war umsonst!"'
+
+Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,
+die vielleicht ihr zu helfen geneigt w"aren. Aber bei jedem Namen,
+den Felicie nannte, wandte Emma ein:
+
+"`Unm"oglich! Die tun e{\s} nicht!"'
+
+"`Der Herr Doktor mu"s jeden Augenblick nach Hause kommen!"'
+
+"`Ich wei"s e{\s}! La"s mich allein!"'
+
+Sie hatte alle{\s} versucht. Nun mu"ste sie den Dingen ihren Lauf
+lassen. Karl w"urde heimkommen. Sie mu"ste ihm sagen:
+
+"`Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr
+unser. In diesem Hau{\s} geh"ort un{\s} kein Stuhl mehr, kein
+Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet.
+Armer Mann!"'
+
+Dann w"urde e{\s} eine gro"se Szene geben, sie w"urde ma"slo{\s}
+weinen, und wenn sich die erste Best"urzung gelegt h"atte, w"urde
+er ihr verzeihen!
+
+"`Ja! Er wird mir verzeihen!"' murmelte sie in verhaltener Wut.
+"`Er! Er, dem ich nicht f"ur eine Million verzeihen kann, da"s ich
+die Seine geworden bin! Niemal{\s}! Niemal{\s}!"'
+
+Der Gedanke, Bovary k"onnte die "Uberlegenheit "uber sie erringen,
+emp"orte sie. Ob sie ihm ein Gest"andni{\s} machte oder nicht,
+jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu"ste doch
+alle{\s} erfahren. Und dann war die gr"a"sliche Szene da, und sie
+hatte die Zentnerlast seiner Gro"smut zu tragen!
+
+Wiederum "uberlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux
+gehen solle? Aber da{\s} n"utzte ja nicht{\s}! Oder ihrem Vater
+schreiben? Dazu war e{\s} zu sp"at! Beinahe bereute sie e{\s}, dem
+Notar nicht gef"ugig gewesen zu sein, -- da h"orte sie den
+Hufschlag eine{\s} Pferde{\s} in der Allee. E{\s} war Karl. Er
+"offnete da{\s} Hoftor. Sie sah ihn: er war wei"ser al{\s} Kalk.
+
+Da lief sie eilend{\s} die Treppe hinunter und au{\s} der
+Hau{\s}t"ur hinau{\s} nach dem Markt. Die Frau B"urgermeister
+stand vor der Kirchent"ur und sprach mit dem Kirchendiener. Sie
+beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der
+Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die
+ihm gegen"uber in der Ecke de{\s} Markte{\s} wohnte, und klatschte
+ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den
+Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh"angte W"asche, so
+aufstellten, da"s sie bequem in Binet{\s} Dachst"ubchen sehen
+konnten.
+
+Er war allein und sa"s an seiner Drehbank, gerade dabei
+besch"aftigt, eine v"ollig zwecklose Spielerei au{\s} Holz
+fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr"uhte der helle
+Holzstaub au{\s} seiner Maschine hervor, wie Funkenb"uschel unter
+den Eisen eine{\s} galoppierenden Pferde{\s}. Die beiden R"ader
+schnurrten und kreisten. Binet l"achelte mit aufmerksamer Miene,
+den Kopf etwa{\s} vorgebeugt. Er war sichtlich v"ollig versunken
+in sein Sch"opfergl"uck. Gerade da{\s} Handwerk{\s}m"a"sige,
+da{\s} der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet,
+befriedigt den Menschen ungemein, wenn e{\s} vollendet ist, denn
+e{\s} gibt dabei ja kein ideale{\s} Dar"uberhinau{\s}, da{\s} man
+ersehnen k"onnte.
+
+"`Ah, da ist sie!"' sagte Frau T"uvache.
+
+Infolge de{\s} Ger"ausche{\s} der Drehbank vermochten sie nicht zu
+verstehen, wa{\s} dr"uben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten
+sie, da{\s} Wort "`Taler"' zu h"oren, worauf Frau Caron
+fl"usterte:
+
+"`Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern."'
+
+"`E{\s} scheint so"', meinte die andre.
+
+Sie beobachteten, wie Emma in Binet{\s} Stube hin und her ging und
+die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau
+au{\s}gelegten Krim{\s}kram besichtigte, w"ahrend sich der
+Steuereinnehmer wohlgef"allig den Bart strich.
+
+"`Will sie bei ihm etwa{\s} bestellen?"' fragte Frau T"uvache.
+
+"`Er verkauft doch nie etwa{\s}!"'
+
+Dann sah man, da"s Binet ihr aufmerksam zuh"orte. Er ri"s die
+Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,
+eindringlich, flehend. Sie n"aherte sich ihm. Sie war sichtlich
+erregt. Jetzt schwiegen sie beide.
+
+"`Macht sie ihm gar einen Antrag?"' fl"usterte Frau T"uvache.
+Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa"ste seine H"ande.
+
+"`Nein, da{\s} ist doch stark!"' zischelte Frau Caron.
+
+In der Tat mu"ste Emma etwa{\s} Sch"andliche{\s} von Binet
+gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dre{\s}den
+und Leipzig mitgek"ampft hatte und dekoriert worden war, wich
+pl"otzlich vor ihr zur"uck, al{\s} ob ihn eine Natter stechen
+wollte, und rief au{\s}:
+
+"`Frau Bovary, wa{\s} muten Sie mir zu!"'
+
+"`Solche Frauenzimmer sollte man "offentlich au{\s}peitschen!"' eiferte
+Frau T"uvache.
+
+"`Wo ist sie denn mit einem Male hin?"' erwiderte die andre.
+
+Wenige Augenblicke sp"ater sahen sie Emma die Hauptstra"se
+hinau{\s}gehen und dann link{\s} verschwinden, wo der Weg zum
+Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch"opften sich in
+allerhand Vermutungen.
+
+Emma lief zur alten Frau Rollet.
+
+"`Machen Sie mir da{\s} Korsett auf! Ich ersticke!"'
+
+Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf da{\s}
+Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke
+zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen
+antwortete, ging sie schlie"slich hinau{\s}, holte ihr Spinnrad
+und begann zu spinnen.
+
+"`Ach, h"oren Sie auf!"' sagte Emma leise. E{\s} war ihr, al{\s}
+h"ore sie noch Binet{\s} Drehbank.
+
+"`Wa{\s} mag sie nur haben?"' fragte sich Frau Rollet. "`Warum ist
+sie hergekommen?"'
+
+Wa{\s} ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary au{\s} ihrem Hause
+gejagt hatte?
+
+Emma lag auf dem R"ucken, regung{\s}lo{\s}, mit stieren Augen, die
+keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer
+Beharrlichkeit bem"uhte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die
+br"uchigen Stellen der Mauer, auf da{\s} armselige bi"schen Holz,
+da{\s} im Kamine qualmte, auf eine gro"se Spinne, die gerade "uber
+ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch~...
+
+Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf
+... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit
+lag da{\s} zur"uck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die
+Klemati{\s}ranken hatten sie im Vor"ubergehen gestreift ...
+Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder
+Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j"ungsten
+Erlebnissen.
+
+"`Wieviel Uhr ist e{\s}?"' fragte sie.
+
+Mutter Rollet ging vor da{\s} Hau{\s}, schaute nach der lichten
+Stelle de{\s} Himmel{\s}, die den Stand der Sonne verriet, und kam
+gem"achlich wieder herein.
+
+"`Bald drei Uhr!"' sagte sie.
+
+"`Sch"on! Ich danke!"'
+
+Jetzt mu"ste Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte da{\s}
+Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da"s sie
+hier war, konnte er doch nicht wissen. De{\s}halb bat sie Frau
+Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.
+
+"`Machen Sie recht schnell!"'
+
+"`Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!"'
+
+Emma verwunderte sich, da"s ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen
+war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Da{\s} brach er
+gewi"s nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und
+z"ahlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen
+Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M"archen zu ersinnen,
+um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlo{\s} hinzustellen.
+Da{\s} war nicht weiter schlimm!
+
+Frau Rollet h"atte l"angst wieder zur"uck sein m"ussen. E{\s}
+schien der Wartenden wenigsten{\s} so. Aber da sie keine Uhr bei
+sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinau{\s}
+in da{\s} G"artchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt
+sie ein St"uck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber
+pl"otzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k"onne auch
+auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie"slich war sie
+de{\s} Warten{\s} m"ude. Bange Ahnungen qu"alten sie. Sie hatte
+kein Zeitgef"uhl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit
+einem Jahrhundert?
+
+Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo"s die Augen und hielt sich
+die Ohren zu. Die Zaunt"ure knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine
+Frage tat, vermeldete Frau Rollet:
+
+"`E{\s} war niemand da!"'
+
+"`Niemand?"'
+
+"`Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l"a"st Sie suchen.
+Alle{\s} ist auf den Beinen!"'
+
+Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer
+umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken in{\s} Gesicht.
+Unwillk"urlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig
+geworden.
+
+Pl"otzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten
+Schrei. Rudolf war ihr in{\s} Ged"achtni{\s} gekommen, wie ein
+heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm"utig,
+r"ucksicht{\s}voll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er
+z"ogerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu"ste ihn nicht ein
+einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen
+und ihn dazu zwingen!
+
+So ging sie denn nach der H"uchette, ohne da{\s} Bewu"stsein zu
+haben, da"s sie damit doch da{\s} tun wollte, wa{\s} ihr eben noch
+so ver"achtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie
+daran, da"s sie sich prostituierte.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Auf dem Wege fragte sie sich:
+
+"`Wa{\s} werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?"'
+
+Je n"aher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B"usche und
+B"aume, der Ginster am Hange und schlie"slich da{\s} Herrenhau{\s}
+vor ihr. Die z"artliche Liebe{\s}stimmung von damal{\s} tauchte
+wieder auf, und ihr arme{\s} gequ"alte{\s} Herz schwoll im
+Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr
+"uber{\s} Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen,
+von den knospenden B"aumen hernieder in{\s} Gra{\s}.
+
+Wie einst schl"upfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
+"uber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
+Herrenhof. Die B"aume wiegten s"auselnd ihre langen Zweige.
+S"amtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihre{\s}
+Gebell{\s} erschien niemand.
+
+Sie stieg die breite, mit einem h"olzernen Gel"ander versehene
+Treppe hinauf. Die f"uhrte zu einem mit Steinfliesen belegten
+staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
+m"undete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolf{\s}
+Zimmer lag link{\s} ganz am Ende. Al{\s} sie die Finger um die
+T"urklinke legte, verlie"sen sie pl"otzlich die Kr"afte. Sie
+f"urchtete, er m"ochte nicht zu Hau{\s} sein, ja, sie w"unschte
+e{\s} beinah, und doch war e{\s} ihre einzige Hoffnung, der letzte
+Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch,
+dachte an ihre Not, fa"ste Mut und trat ein.
+
+Er sa"s vor dem Feuer, beide F"u"se gegen den Kaminsim{\s}
+gestemmt, und rauchte eine Pfeife.
+
+"`Mein Gott, Sie!"' rief er au{\s} und sprang rasch auf.
+
+"`Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!"'
+
+Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nicht{\s} herau{\s}.
+
+"`Sie haben sich nicht ver"andert! Sie sind noch immer reizend."'
+
+"`So,"' wehrte sie voll Bitterni{\s} ab, "`da{\s} m"ussen traurige
+Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm"aht haben!"'
+
+Und nun begann er sein damalige{\s} Benehmen zu erkl"aren. Er
+entschuldigte sich in halbsch"urigen Au{\s}dr"ucken, da er
+etwa{\s} Ordentliche{\s} nicht vorzubringen hatte. Emma lie"s sich
+durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme
+und durch seine Gegenwart. Die{\s} war so m"achtig, da"s sie sich
+stellte, al{\s} schenke sie seinen Au{\s}fl"uchten Glauben.
+Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein
+Geheimni{\s} an, von dem die Ehre und da{\s} Leben eine{\s}
+dritten Menschen abgehangen h"atte.
+
+"`Da{\s} ist ja nun gleichg"ultig"', sagte sie und sah ihn traurig
+an. "`Ich habe schwer gelitten!"'
+
+Rudolf meinte philosophisch:
+
+"`So ist da{\s} Leben!"'
+
+"`Hat e{\s} wenigsten{\s} Ihnen Gute{\s} gebracht, nach unserer
+Trennung?"' fragte sie.
+
+"`Ach, nicht{\s} Gute{\s} und nicht{\s} Schlechte{\s}!"'
+
+"`Dann w"are e{\s} vielleicht besser gewesen, wenn wir damal{\s}
+nicht voneinander gegangen w"aren?"'
+
+"`Ja! Vielleicht!"'
+
+"`Glaubst du da{\s}?"' fragte sie, indem sie aufseufzend ihm
+n"aher trat. "`Ach Rudolf! Wenn du w"u"stest! Ich habe dich sehr
+lieb gehabt!"'
+
+Jetzt war sie e{\s}, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa"sen
+sie mit verschlungenen H"anden da wie damal{\s}, am Bunde{\s}tage
+der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seine{\s} Stolze{\s}
+k"ampfte er gegen seine eigene R"uhrung. Da schmiegte sich Emma an
+seine Brust und sagte:
+
+"`Wie hast du nur glauben k"onnen, da"s ich ohne dich leben
+sollte! Ein Gl"uck, da{\s} man besessen, vergi"st man nie! Ich war
+ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alle{\s} erz"ahlen,
+du sollst alle{\s} erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal
+sehen m"ogen!"'
+
+In der Tat war er ihr seit drei Jahren "angstlich au{\s} dem Wege
+gegangen, in jener nat"urlichen Feigheit, die f"ur da{\s} starke
+Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
+zierlichen Sendungen ihre{\s} Kopfe{\s}, schmeichlerischer al{\s}
+eine verliebte Katze.
+
+"`Du liebst andre! Gesteh e{\s} nur! Ach, ich begreife da{\s} ja
+auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf"uhrt, wie du
+mich verf"uhrt hast. Du bist der geborene Verf"uhrer! Hast
+alle{\s}, wa{\s} un{\s} Frauen verr"uckt macht. Aber sag! Wollen
+wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl"ucklich!
+... So rede doch!"'
+
+Sie sah ent\/z"uckend au{\s}. Eine Tr"ane zitterte in ihrem Auge,
+wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen
+Blume.
+
+Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
+Haar, "uber da{\s} der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
+hinwegflog, funkelnd im D"ammerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
+k"u"ste sie leise und sanft auf die Augenlider.
+
+"`Du hast geweint?"' fragte er. "`Warum?"'
+
+Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt da{\s} f"ur einen
+Au{\s}bruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr
+Schweigen f"ur eine letzte Scham und rief au{\s}:
+
+"`O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef"allt. Ich war
+ein Tor, ein Schw"achling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde
+dich immer lieben! Aber wa{\s} hast du? Sag e{\s} mir doch!"'
+
+Er sank ihr zu F"u"sen.
+
+"`So h"ore! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu"st mir
+dreitausend Franken leihen."'
+
+"`Ja ... aber~..."'
+
+Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
+Au{\s}druck an.
+
+"`Du mu"st n"amlich wissen,"' fuhr sie schnell fort, "`da"s mein
+Mann sein ganze{\s} Verm"ogen einem Notar anvertraut hatte. Der
+ist fl"uchtig geworden. Wir haben un{\s} Geld geliehen. Die
+Patienten bezahlten nicht. "Ubrigen{\s} ist der Nachla"skonkur{\s}
+meine{\s} Schwiegervater{\s} noch nicht zu Ende. Wir werden bald
+wieder Geld haben. Aber heute fehlen un{\s} dreitausend Franken.
+De{\s}wegen sollen wir gepf"andet werden. Und zwar gleich, in
+einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und de{\s}halb bin
+zu dir gekommen!"'
+
+"`Aha!"' dachte Rudolf und ward pl"otzlich bla"s. "`Also darum ist
+sie gekommen!"' Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
+"`Verehrteste, soviel habe ich nicht!"'
+
+Er log nicht. Er w"urde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
+sie da gehabt h"atte, obgleich e{\s} ihm wie den meisten Menschen
+unangenehm gewesen w"are, sich gro"sm"utig zeigen zu m"ussen. Von
+allen Feinden, die "uber die Liebe herfallen k"onnen, ist eine
+Bitte um Geld der hartherzigste und gef"ahrlichste.
+
+Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
+
+"`Du hast sie nicht!"' Und mehrere Male wiederholte sie: "`Du hast
+sie nicht! ... Ich h"atte mir diese letzte Schmach also ersparen
+k"onnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert al{\s}
+die andern!"'
+
+Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
+
+Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in
+Verlegenheit.
+
+"`Ach! Du tust mir sehr leid~..."', sagte Emma. "`Ja, ungemein!"'
+
+Ihre Augen blieben an einer damas\/zierten B"uchse h"angen, die im
+Gewehrschrank blinkte.
+
+"`Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
+Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
+Schildpatteinlagen, keine Reitst"ocke mit goldnen Griffen!"' Sie
+ber"uhrte einen, der auf dem Tische lag. "`Und tr"agt keine solche
+Berlocken an der Uhrkette!"' Ach, er lie"s sich sichtlich
+nicht{\s} abgehen. Da{\s} bewie{\s} allein da{\s}
+Lik"orschr"ankchen im Zimmer. "`Ja, dich selber, dich liebst du!
+Dich und ein gute{\s} Leben! Du hast ein Schlo"s, Pachth"ofe,
+W"alder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Pari{\s}!
+Und wenn du mir nur \so{da{\s}} gegeben h"attest!"' Sie sprach
+immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm"uckten
+Manschettenkn"opfe vom Kamin. "`Diesen und andern entbehrlichen
+Tand! Geld l"a"st sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich
+will nicht{\s} davon haben! Behalt alle{\s}!"' Sie schleuderte die
+beiden Kn"opfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein
+Goldkettchen zerbrach.
+
+"`Ich, ach, ich h"atte dir alle{\s} gegeben, h"atte alle{\s}
+verkauft. Mit meinen H"anden h"atte ich f"ur dich gearbeitet, auf
+der Stra"se h"atte ich gebettelt, nur um von dir ein L"acheln,
+einen Blick, ein einzige{\s} Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du
+bleibst gem"utlich in deinem Lehnstuhl sitzen, al{\s} ob du mir
+nicht schon genug Leid zugef"ugt h"attest! Ohne dich -- da{\s}
+wei"st du sehr wohl! -- h"atte ich gl"ucklich sein k"onnen! Wer
+zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast
+du mir eben noch gesagt, da"s du mich liebtest! Ach, h"attest du
+mich doch lieber davongejagt! Meine H"ande sind noch warm von
+deinen K"ussen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle
+hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer
+belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s"u"sen Wahn
+de{\s} herrlichsten Gef"uhl{\s} gelassen! Und dann der Plan unsrer
+Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er
+hat mir da{\s} Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne
+zur"uckkehre, zu ihm, der reich, gl"ucklich und frei ist, und ihn
+um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew"ahren w"urde, wo ich
+ihn unter Tr"anen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da
+st"o"st er mich zur"uck, -- weil{\s} ihn dreitausend Franken
+kosten k"onnte!"'
+
+"`Ich habe sie nicht"', wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
+hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
+pflegen.
+
+Sie ging.
+
+Die W"ande schwankten, die Decke drohte sie zu erdr"ucken. Wieder
+nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, "uber Haufen
+welken Laub{\s}, da{\s} der Wind aufw"uhlte. Endlich stand sie vor
+dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N"agel an seinem Schlo"s, so
+hastig wollte sie e{\s} "offnen. Hundert Schritte weiter blieb sie
+v"ollig au"ser Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht
+halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf da{\s}
+still daliegende Herrenhau{\s} mit seinen langen Fensterreihen,
+auf den Park, die H"ofe und die G"arten.
+
+Wie in einer Bet"aubung stand sie da. Sie empfand kaum noch
+etwa{\s} andre{\s} al{\s} da{\s} Pochen und Pulsen de{\s}
+Blute{\s} in ihren Adern, da{\s} ihr au{\s} dem K"orper zu
+springen und wie laute Musik da{\s} ganze Land ring{\s} um sie zu
+durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F"u"sen kam ihr
+weicher vor al{\s} Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
+erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
+Alle{\s}, wa{\s} ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und
+Gedanken sprangen auf einmal herau{\s}, mit tausend Funken wie ein
+Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann da{\s} Kontor de{\s}
+Wucherer{\s}, ihr Zimmer zu Hau{\s}, dann irgendeine Landschaft,
+immer wieder etwa{\s} andre{\s}. Da{\s} war heller Wahnsinn! Ihr
+ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr"afte zusammen. E{\s} war
+nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr
+an die Ursache ihre{\s} schrecklichen Zustande{\s}, da{\s} hei"st
+an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f"uhlte,
+wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so
+wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde
+hinstr"omen f"uhlen.
+
+Die Nacht brach herein. Raben flogen.
+
+E{\s} schien ihr pl"otzlich, al{\s} sausten feurige Kugeln durch
+die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie"slich im Schnee
+zwischen den kahlen "Asten der B"aume zu zergehen. In jeder
+erschien Rudolf{\s} Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie
+kamen immer n"aher; sie bedrohten sie. Da, pl"otzlich waren sie
+alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H"auser,
+die von ferne durch den Nebel schimmerten.
+
+Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu"st, ihre{\s} tiefen
+Elend{\s}. Ihr klopfende{\s} Herz schien ihr die Brust zersprengen
+zu wollen ... Aber mit einem Male f"ullte sich ihre Seele mit
+einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief
+sie den Abhang hinunter, "uberschritt die Planke "uber dem Bach,
+eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bi{\s} sie vor der
+Apotheke stand.
+
+E{\s} war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber da{\s}
+Ger"ausch der Klingel h"atte sie verraten k"onnen. De{\s}halb ging
+sie durch die Hau{\s}t"ure; kaum atmend, tastete sie an der Wand
+der Hau{\s}flur hin bi{\s} zur K"uchent"ure. Drinnen brannte eine
+Kerze "uber dem Herd. Justin, in Hemd{\s}"armeln, trug gerade eine
+Sch"ussel durch die andere T"ur hinau{\s}.
+
+"`So! Man ist bei Tisch. Ich will warten"', sagte sie sich.
+
+Al{\s} er zur"uckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der
+K"uchent"ure.
+
+Er kam herau{\s}.
+
+"`Den Schl"ussel! Den von oben, wo die~..."'
+
+Er sah sie an und erschrak "uber ihr blasse{\s} Gesicht, da{\s}
+sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm "uberirdisch
+sch"on vor und hoheit{\s}voll wie eine Fee. Ohne zu begreifen,
+wa{\s} sie wollte, ahnte er doch etwa{\s} Schreckliche{\s}.
+
+Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm da{\s}
+Herz r"uhrte:
+
+"`Ich will ihn haben! Gib ihn mir!"'
+
+Durch die d"unne Wand h"orte man da{\s} Klappern der Gabeln auf
+den Tellern im E"szimmer.
+
+Sie gebrauche etwa{\s}, um die Ratten zu t"oten, die sie nicht
+schlafen lie"sen.
+
+"`Ich m"u"ste den Herrn Apotheker rufen."'
+
+"`Nein! Nicht!"' Und in gleichg"ultigem Tone setzte sie hinzu:
+"`Da{\s} ist nicht n"otig. Ich werd e{\s} ihm nachher selber
+sagen. Leucht mir nur!"' Sie trat in den Gang, von dem au{\s} man
+in da{\s} Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl"ussel
+mit einem Schildchen: "`Kapernaum."'
+
+"`Justin!"' rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
+wegblieb.
+
+"`Gehn wir hinauf!"' befahl Emma.
+
+Er folgte ihr.
+
+Der Schl"ussel drehte sich im Schlo"s. Sie st"urzte nach link{\s},
+griff nach dem dritten Wandbrett -- ihr Ged"achtni{\s} f"uhrte sie
+richtig --, hob den Deckel der blauen Gla{\s}b"uchse, fa"ste mit
+der Hand hinein und zog die Faust voll wei"sen Pulver{\s}
+herau{\s}, da{\s} sie sich schnell in den Mund sch"uttete.
+
+"`Halten Sie ein!"' schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
+
+"`Still! Man k"onnte kommen!"'
+
+Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
+
+"`Sag nicht{\s} davon! Man k"onnte deinen Herrn zur Verantwortung
+ziehen!"'
+
+Dann ging sie hinau{\s}, pl"otzlich voller Frieden, im seligen
+Gef"uhle, eine Pflicht erf"ullt zu haben.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Emma hatte eben da{\s} Hau{\s} verlassen, al{\s} Karl heimkam. Die
+Nachricht von der Pf"andung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
+seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Wa{\s}
+n"utzte da{\s}? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu
+Homai{\s}, zu T"uvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L"owen,
+"uberallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu"alte ihn der
+Gedanke, da"s sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsame{\s}
+Verm"ogen verloren und die Zukunft Berta{\s} zerst"ort sei. Und
+warum? Keine Erkl"arung! Er wartete bi{\s} sech{\s} Uhr abend{\s}.
+Endlich hielt er{\s} nicht mehr au{\s}, und da er vermutete, sie
+sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra"se eine
+halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine
+Weile und kehrte dann zur"uck.
+
+Sie war zu Hau{\s}.
+
+"`Wa{\s} ist da{\s} f"ur eine Geschichte? Wie ist da{\s} gekommen?
+Erkl"ar e{\s} mir!"'
+
+Sie sa"s an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief,
+den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
+gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
+
+"`Du wirst ihn morgen lesen! Bi{\s} dahin bitte ich dich, keine
+einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!"'
+
+"`Aber~..."'
+
+"`Ach, la"s mich!"'
+
+Sie legte sich lang auf ihr Bett.
+
+Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
+verschwommen ... und schlo"s die Augen wieder.
+
+Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen fest\/zustellen. Nein,
+sie f"uhlte noch keine! Sie h"orte den Pendelschlag der Uhr,
+da{\s} Knistern de{\s} Feuer{\s} und Karl{\s} Atemz"uge, der neben
+ihrem Bett stand.
+
+"`Ach, der Tod ist gar nicht{\s} Schlimme{\s}!"' dachte sie. "`Ich
+werde einschlafen, und dann ist alle{\s} vor"uber!"'
+
+Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
+
+Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
+
+"`Ich habe Durst! Gro"sen Durst!"' seufzte sie.
+
+"`Wa{\s} fehlt dir denn?"' fragte Karl und reichte ihr ein
+Gla{\s}.
+
+"`E{\s} ist nicht{\s}! ... Mach da{\s} Fenster auf! ... Ich
+ersticke!"'
+
+Ein Brechreiz "uberkam sie jetzt so pl"otzlich, da"s sie kaum noch
+Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
+
+"`Nimm{\s} weg!"' sagte sie nerv"o{\s}. "`Wirf{\s} weg!"'
+
+Er fragte sie au{\s}, aber sie antwortete nicht. Sie lag
+unbeweglich da, au{\s} Furcht, sich bei der geringsten Bewegung
+erbrechen zu m"ussen. Inzwischen f"uhlte sie eine eisige K"alte
+von den F"u"sen zum Herzen hinaufsteigen.
+
+"`Ach,"' murmelte sie, "`jetzt f"angt e{\s} wohl an?"'
+
+"`Wa{\s} sagst du?"'
+
+Sie warf den Kopf in unterdr"uckter Unruhe hin und her.
+Fortw"ahrend "offnete sie den Mund, al{\s} l"age etwa{\s}
+Schwere{\s} auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing da{\s} Erbrechen
+wieder an.
+
+Karl bemerkte auf dem Boden de{\s} Napfe{\s} einen wei"sen
+Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte.
+
+"`Sonderbar! Sonderbar!"' wiederholte er.
+
+Aber sie sagte mit fester Stimme:
+
+"`Nein, du irrst dich!"'
+
+Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bi{\s} in die
+Magengegend und dr"uckte da. Sie stie"s einen schrillen Schrei
+au{\s}. Er wich erschrocken zur"uck.
+
+Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch"uttelfrost
+"uberfiel sie. Sie wurde bleicher al{\s} da{\s} Bettuch, in da{\s}
+sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm"a"siger
+Pul{\s}schlag war kaum noch f"uhlbar. Kalte Schwei"stropfen rannen
+"uber ihr bl"aulich gewordne{\s} Gesicht; etwa{\s} wie ein
+metallischer Au{\s}schlag lag "uber ihren erstarrten Z"ugen. Die
+Z"ahne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen
+blickten au{\s}druck{\s}lo{\s} umher. Alle Fragen, die man an sie
+richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal
+l"achelte sie freilich. Allm"ahlich wurde da{\s} St"ohnen
+heftiger. Ein dumpfe{\s} Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete
+sie, da"s e{\s} ihr besser gehe und da"s sie sofort aufstehen
+w"urde.
+
+Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
+
+"`Mein Gott, ist da{\s} gr"a"slich!"'
+
+Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
+
+"`Sprich! Wa{\s} hast du gegessen? Um Gotte{\s} willen, antworte
+mir!"'
+
+Er sah sie an mit Augen voller Z"artlichkeit, wie Emma keine je
+geschaut hatte.
+
+"`Ja ... da ... da ... lie{\s}!"' stammelte sie mit versagender
+Stimme.
+
+Er st"urzte zum Schreibtisch, ri"s den Brief auf und la{\s} laut:
+
+"`Man klage niemanden an~..."' Er hielt inne, fuhr sich mit der
+Hand "uber die Augen und la{\s} stumm weiter~...
+
+"`Vergiftet!"'
+
+Er konnte immer nur da{\s} eine Wort herau{\s}bringen:
+
+"`Vergiftet! Vergiftet!"'
+
+Dann rief er um Hilfe.
+
+Felicie lief zu Homai{\s}, der e{\s} aller Welt au{\s}posaunte.
+Frau Franz im Goldenen L"owen erfuhr e{\s}. Manche standen au{\s}
+ihren Betten auf, um e{\s} ihren Nachbarn mit\/zuteilen. Die ganze
+Nacht hindurch war der halbe Ort wach.
+
+Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
+im Zimmer umher, wobei er an die M"obel anrannte und sich Haare
+au{\s}raufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f"urchterliche{\s}
+Schauspiel gesehen.
+
+Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
+Larivi\`ere zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
+brachte keinen vern"unftigen Brief zustande. Schlie"slich mu"ste
+sich Hippolyt nach Neufch\^atel aufmachen, und Justin ritt auf
+Bovary{\s} Pferd nach Rouen. Am Wilhelm{\s}walde lie"s er den Gaul
+lahm und halbtot zur"uck.
+
+Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
+war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
+Augen.
+
+"`Ruhe!"' sagte der Apotheker. "`E{\s} handelt sich einzig und
+allein darum, ein wirksame{\s} Gegenmittel anzuwenden. Wa{\s} war
+e{\s} f"ur ein Gift?"'
+
+Karl zeigte den Brief. E{\s} w"are Arsenik gewesen.
+
+"`Gut!"' versetzte Homai{\s}. "`Wir m"ussen eine Analyse machen!"'
+
+Er hatte n"amlich gelernt, da"s man bei allen Vergiftungen eine
+Analyse machen m"usse. Bovary hatte in seiner Angst alle
+Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
+
+"`Ja! Machen Sie eine. Tun Sie e{\s}! Retten Sie sie!"'
+
+Dann kehrte er in ihr Zimmer zur"uck, warf sich auf die Diele,
+lehnte den Kopf gegen den Rand ihre{\s} Bette{\s} und schluchzte.
+
+"`Weine nicht!"' fl"usterte sie. "`Bald werde ich dich nicht mehr
+qu"alen!"'
+
+"`Warum hast du da{\s} getan? Wa{\s} trieb dich dazu?"'
+
+"`E{\s} mu"ste sein, mein Lieber!"'
+
+"`Warst du denn nicht gl"ucklich? Bin ich schuld? Ich habe dir
+doch alle{\s} zuliebe getan, wa{\s} ich konnte!"'
+
+"`Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!"'
+
+Sie strich ihm langsam mit der Hand "uber da{\s} Haar. Die s"u"se
+Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f"uhlte sich bi{\s} in
+den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch"uttert, da"s
+er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewie{\s}
+denn je. Er fand keinen Au{\s}weg; er wu"ste keinen Zusammenhang;
+er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eine{\s}
+Entschlusse{\s} machte ihn vollend{\s} wirr.
+
+Sie dachte bei sich: "`Nun ist e{\s} zu Ende mit dem vielfachen
+Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz"ahligen,
+qualvollen Sehns"uchten!"' Nun ha"ste sie keinen mehr. Ihre
+Gedanken verschwammen wie in D"ammerung, und von allen Ger"auschen
+der Erde h"orte Emma nur noch die versagende Klage eine{\s} armen
+Herzen{\s}, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer
+Symphonie.
+
+"`Bring mir die Kleine"', sagte sie und st"utzte sich leicht auf.
+
+"`E{\s} ist nicht schlimmer, nicht wahr?"' fragte Karl.
+
+"`Nein, nein!"'
+
+Da{\s} Dienstm"adchen trug da{\s} Kind auf dem Arm herein. E{\s}
+hatte ein lange{\s} Nachthemd an, au{\s} dem die nackten F"u"se
+hervorsahen. E{\s} war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt
+betrachtete e{\s} die gro"se Unordnung im Zimmer. Geblendet vom
+Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte e{\s} mit
+den Augen. Offenbar dachte e{\s}, e{\s} sei
+Neujahr{\s}tag{\s}morgen, an dem e{\s} auch so fr"uh wie heute
+geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter an{\s} Bett kam, um
+Geschenke zu bekommen. Und so fragte e{\s}:
+
+"`Wo ist e{\s} denn, Mama?"' Und da niemand antwortete, redete
+e{\s} weiter: "`Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!"'
+
+Felicie hielt die Kleine "uber{\s} Bett, die immer noch nach dem
+Kamin hinsah.
+
+"`Hat Frau Rollet sie mir genommen?"'
+
+Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr"uche und all ihr Mi"sgeschick
+erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, al{\s} f"uhle sie den
+ekelhaften Geschmack eine{\s} noch viel st"arkeren Gifte{\s} auf
+der Zunge. Berta sa"s noch auf ihrem Bette.
+
+"`Wa{\s} f"ur gro"se Augen du hast, Mama! Wie bla"s du bist! Wie
+du schwitzest!"'
+
+Die Mutter sah sie an.
+
+"`Ich f"urchte mich!"' sagte die Kleine und wollte fort.
+
+Emma wollte die Hand de{\s} Kinde{\s} k"ussen, aber e{\s}
+str"aubte sich.
+
+"`Genug! Bringt sie weg!"' rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
+
+Dann lie"sen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
+weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
+etwa{\s} ruhigeren Atemzug sch"opfte er neue Hoffnung. Al{\s}
+Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
+
+"`Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! E{\s} ist g"utig von Ihnen!
+E{\s} geht ja besser! Da! Sehen Sie mal~..."'
+
+Der Kollege war keine{\s}weg{\s} dieser Meinung, und da er, wie er
+sich au{\s}dr"uckte, "`immer auf{\s} Ganze"' ging, verordnete er
+Emma ein ordentliche{\s} Brechmittel, um den Magen zun"achst
+einmal v"ollig zu entleeren.
+
+Sie brach al{\s}bald Blut au{\s}. Ihre Lippen pre"sten sich
+krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma"sen ein. Ihr K"orper
+war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Pul{\s} glitt unter ihren
+Fingern hin wie ein d"unne{\s} F"adchen, da{\s} jeden Augenblick
+zu zerrei"sen droht.
+
+Dann begann sie, gr"a"slich zu schreien. Sie verfluchte und
+schm"ahte da{\s} Gift, flehte, e{\s} m"oge sich beeilen, und
+stie"s mit ihren steif gewordnen Armen alle{\s} zur"uck, wa{\s}
+Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v"olligen Aufl"osung noch
+n"aher al{\s} sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre"st, stand
+er vor ihr, st"ohnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen
+ersch"uttert und am ganzen Leib durchr"uttelt. Felicie lief im
+Zimmer hin und her, Homai{\s} stand unbeweglich da und seufzte
+tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit
+gewordnen selbstbewu"sten Haltung, unbehaglich zu f"uhlen.
+
+"`Zum Teufel!"' murmelte er. "`Der Magen ist nun doch leer! Und
+wenn die Ursache beseitigt ist, so~..."'
+
+"`... mu"s die Wirkung aufh"oren!"' erg"anzte Homai{\s}. "`Da{\s}
+ist klar!"'
+
+"`Rettet sie mir nur!"' rief Bovary.
+
+Der Apotheker ri{\s}kierte die Hypothese, e{\s} sei vielleicht ein
+heilsamer Paroxi{\s}mu{\s}. Aber Canivet achtete nicht darauf und
+wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau"sen eine
+Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei
+bi{\s} an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die
+Ecke der Hallen. E{\s} war Professor Larivi\`ere.
+
+Die Erscheinung eine{\s} Gotte{\s} h"atte keine gr"o"sere Erregung
+hervorrufen k"onnen. Bovary streckte ihm die H"ande entgegen,
+Canivet stand bewegung{\s}lo{\s} da, und Homai{\s} nahm sein
+K"appchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war.
+
+Larivi\`ere geh"orte der ber"uhmten Chirurgenschule Bichat{\s} an,
+da{\s} hei"st, einer Generation philosophischer Praktiker, die
+heute au{\s}gestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und
+scharfsichtiger J"unger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte
+in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch"uler verehrten
+ihn so, da"s sie ihn, sp"ater in ihrer eigenen Praxi{\s}, mit
+m"oglichster Genauigkeit kopierten. So kam e{\s}, da"s man bei den
+"Arzten in der Umgegend von Rouen allerort{\s} seinen langen
+Schaf{\s}pelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die
+offenen "Armelaufschl"age daran reichten ein St"uck "uber seine
+fleischigen H"ande, sehr sch"one H"ande, die niemal{\s} in
+Handschuhen steckten, al{\s} wollten sie immer schnell bereit
+sein, wo e{\s} Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein
+Ver"achter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
+freidenkend, den Armen ein v"aterlicher Freund, Pessimist, selbst
+aber edel in Wort und Tat. Man h"atte ihn al{\s} einen Heiligen
+gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seine{\s} Witze{\s} und
+Verstande{\s} gef"urchtet h"atte wie den Teufel. Sein Blick war
+sch"arfer al{\s} sein Messer; er drang einem bi{\s} tief in die
+Seele, durch alle Heucheleien, L"ugen und Au{\s}fl"uchte hindurch.
+So ging er seine{\s} Wege{\s} in der schlichten W"urde, die ihm
+da{\s} Bewu"stsein seiner gro"sen T"uchtigkeit, seine{\s}
+materiellen Verm"ogen{\s} und seiner vierzigj"ahrigen
+arbeit{\s}reichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh.
+
+Al{\s} er da{\s} leichenhafte Antlitz Emma{\s} sah, zog er schon
+von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem
+R"ucken au{\s}gestreckt da. W"ahrend er Canivet{\s} Bericht
+scheinbar aufmerksam anh"orte, strich er sich mit dem Zeigefinger
+um die Nasenfl"ugel und sagte ein paarmal:
+
+"`Gut! ... Gut!"'
+
+Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
+ihn "angstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
+der an den Anblick menschlichen Elend{\s} so gew"ohnt war, konnte
+eine Tr"ane nicht zur"uckhalten, die ihm auf die Krawatte
+herablief.
+
+Er wollte Canivet in da{\s} Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
+
+"`E{\s} steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w"ar e{\s}, wenn
+man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei"s nicht{\s}. Finden Sie
+doch etwa{\s}! Sie haben ja schon so viele gerettet!"'
+
+Karl legte beide Arme auf Larivi\`ere{\s} Schultern und starrte
+ihn verst"ort und flehend an. Beinahe w"are er ihm ohnm"achtig an
+die Brust gesunken.
+
+"`Mut! Mein armer Junge! E{\s} ist nicht{\s} mehr zu machen!"'
+Larivi\`ere wandte sich ab.
+
+"`Sie gehn?"'
+
+"`Ich komme wieder."'
+
+Larivi\`ere ging hinau{\s}, angeblich um dem Postillion eine
+Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge
+de{\s} Tode{\s}kampfe{\s} sein.
+
+Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nicht{\s}
+fiel ihm von jeher schwerer, al{\s} sich von ber"uhmten Menschen
+zu trennen. So beschwor er denn Larivi\`ere, er m"oge ihm die hohe
+Ehre erweisen, zum Fr"uhst"uck sein Gast zu sein.
+
+Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L"owen nach Tauben, zu
+T"uvache nach Sahne, zu Lestiboudoi{\s} nach Eiern und zum
+Fleischer nach Kotelett{\s}. Der Apotheker war selbst bei den
+Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homai{\s}, sich ihre
+Jacke zurechtzupfend, sagte:
+
+"`Sie m"ussen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
+einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet~..."'
+
+"`Die Weingl"aser!"' fl"usterte Homai{\s}.
+
+"`Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
+Wurst und~..."'
+
+"`Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!"'
+
+Er hielt e{\s} f"ur angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
+Einzelheiten "uber die Katastrophe zum besten zu geben:
+
+"`Zuerst "au"serte sich Trockenheit im Pharynx, darauf
+unertr"agliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren,
+Schlafsucht~..."'
+
+"`Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?"'
+
+"`Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei"s nicht einmal recht,
+wo sie da{\s} \begin{antiqua}acidum arsenicum\end{antiqua}
+herbekommen hat."'
+
+Justin, der einen Sto"s Teller hereinbrachte, begann am ganzen
+K"orper zu zittern.
+
+"`Wa{\s} hast du?"' fuhr ihn der Apotheker an.
+
+Bei dieser Frage lie"s der Bursche alle{\s}, wa{\s} er trug,
+fallen. E{\s} gab ein gro"se{\s} Gekrache.
+
+"`Tolpatsch!"' schrie Homai{\s}. "`Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
+Alberner Esel!"'
+
+Dann aber beherrschte er sich pl"otzlich:
+
+"`Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
+Professor, und de{\s}halb \begin{antiqua}primo\end{antiqua} ganz
+vorsichtig in ein Reagenzgl"aschen~..."'
+
+"`Dienlicher w"are e{\s} gewesen,"' sagte der Chirurg, "`wenn Sie
+ihr Ihre Finger in den Hal{\s} gesteckt h"atten."'
+
+Kollege Canivet sagte gar nicht{\s} dazu, dieweil er soeben unter
+vier Augen eine energische Belehrung wegen seine{\s}
+Brechmittel{\s} eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit de{\s}
+Klumpfu"se{\s} so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt
+sich jetzt m"auschenstill. Er l"achelte nur unau{\s}gesetzt, um
+seine Zustimmung zu markieren.
+
+Homai{\s} strahlte vor Hau{\s}herrenstolz. Selbst der betr"ubliche
+Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
+unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit de{\s} ber"uhmten
+Arzte{\s} stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze
+Gelehrsamkeit au{\s}. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von
+Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
+
+"`Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da"s mehrere
+Personen nach dem Genusse von zu stark ger"aucherter Wurst
+erkrankt und pl"otzlich gestorben sind. So berichtet wenigsten{\s}
+ein hochinteressanter Aufsatz eine{\s} unserer hervorragendsten
+Pharmazeuten, eine{\s} Klassiker{\s} meiner Wissenschaft, ... ein
+Aufsatz de{\s} ber"uhmten Cadet de Gassicourt!"'
+
+Frau Homai{\s} erschien mit der Kaffeemaschine. Homai{\s} pflegte
+sich n"amlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte
+ihn auch eigenh"andig gemischt, gebrannt und gemahlen.
+
+"`\begin{antiqua}Saccharum\end{antiqua} gef"allig, Herr
+Professor?"' fragte er, indem er ihm den Zucker anbot.
+
+Dann lie"s er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
+war, die Ansicht de{\s} Chirurgen "uber ihre "`Konstitution"' zu
+h"oren.
+
+Al{\s} Larivi\`ere im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau
+Homai{\s} noch um einen "arztlichen Rat in betreff ihre{\s}
+Manne{\s}. Er schlief n"amlich allabendlich nach Tisch ein. Davon
+bek"ame er dicke{\s} Blut.
+
+Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
+nicht verstand, dann ging er zur T"ure. Aber die Apotheke war
+voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und e{\s} gelang ihm
+nur schwer, sie lo{\s}zuwerden. Da war T"uvache, der seine Frau
+f"ur schwinds"uchtig hielt, weil sie "ofter{\s} in die Asche
+spuckte; Binet, der bi{\s}weilen an Hei"shunger litt; Frau Caron,
+die e{\s} am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf"alle
+hatte; Lestiboudoi{\s}, der rheumatisch war; Frau Franz, die "uber
+Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von
+dannen. Man fand aber allgemein, da"s er sich nicht besonder{\s}
+lieben{\s}w"urdig gezeigt habe.
+
+Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
+gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
+
+Seiner Weltanschauung treu, verglich Homai{\s} die Geistlichen mit
+den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eine{\s}
+"`Pfaffen"' war ihm ein Greuel. Er mu"ste bei einer Soutane immer
+an ein Leichentuch denken, und so verw"unschte er jene schon
+de{\s}halb, weil er diese{\s} f"urchtete.
+
+Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf"ullung
+seiner "`Mission"', wie er e{\s} nannte, und kehrte mit Canivet,
+dem die{\s} von Larivi\`ere dringend an{\s} Herz gelegt worden
+war, in da{\s} Bovarysche Hau{\s} zur"uck. Wenn seine Frau nicht
+v"ollig dagegen gewesen w"are, h"atte er sogar seine beiden Knaben
+mitgenommen, damit sie da{\s} gro"se Ereigni{\s}, da{\s} der Tod
+eine{\s} Menschen ist, kennen lernten. E{\s} sollte ihnen eine
+Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung
+f"ur ihr ganze{\s} weitere{\s} Leben.
+
+Sie fanden da{\s} Zimmer voll d"ustrer Feierlichkeit. Auf dem mit
+einem wei"sen Tischtuch bedeckten N"ahtische stand zwischen zwei
+brennenden Wach{\s}kerzen ein hohe{\s} Kruzifix; daneben eine
+silberne Sch"ussel und f"unf oder sech{\s} St"uck Watte. Emma{\s}
+Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen
+unnat"urlich weit offen, und ihre armen H"ande tasteten "uber den
+Bett"uberzug hin, mit einer jener r"uhrend-schrecklichen
+Geb"arden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung,
+al{\s} bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am
+Fu"sende de{\s} Lager{\s}, ihrem Antlitz gegen"uber, bleich wie
+eine Bilds"aule, tr"anenlo{\s}, aber mit Augen, die rot waren wie
+gl"uhende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte.
+
+Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
+violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f"uhlte sie einen
+seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
+die sie schon einmal erlebt hatte. Etwa{\s} wie eine Vision von
+himmlischer Gl"uckseligkeit bet"aubte ihre letzten Leiden.
+
+Der Priester erhob sich und ergriff da{\s} Kruzifix. Da reckte sie
+den Kopf in die H"ohe, wie ein Durstiger, und pre"ste auf da{\s}
+Symbol de{\s} Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
+innigsten Liebe{\s}ku"s, den sie jemal{\s} gegeben hatte. Dann
+sprach der Geistliche da{\s}
+\begin{antiqua}Misereatur\end{antiqua} und
+\begin{antiqua}Indulgentiam\end{antiqua}, tauchte seinen rechten
+Daumen in da{\s} "Ol und nahm die letzte "Olung vor. Zuerst salbte
+er die Augen, die e{\s} nach allem Herrlichen auf Erden so hei"s
+gel"ustet; dann die Nasenfl"ugel, die so gern die lauen L"ufte und
+die D"ufte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
+L"ugen sich aufgetan, oft hoff"artig gezuckt und in s"undigem
+Girren geseufzt hatte; dann die H"ande, die sich an vergn"uglichen
+Ber"uhrungen erg"otzt hatten; und endlich die Sohlen der F"u"se,
+die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
+liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
+
+Der Priester trocknete sich die H"ande, warf da{\s} "olgetr"ankte
+St"uck Watte in{\s} Feuer und setzte sich wieder zu der
+Sterbenden. Er sagte ihr, da"s ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu
+Christi ein{\s} seien. Sie solle der g"ottlichen Barmherzigkeit
+vertrauen.
+
+Al{\s} er mit seiner Tr"ostung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
+geweihte Kerze in die Hand zu dr"ucken, da{\s} Symbol der
+himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte.
+Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie"sen, und wenn
+Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h"atte, w"are die Kerze
+zu Boden gefallen.
+
+Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
+Au{\s}druck heiterer Gl"uckseligkeit angenommen, al{\s} ob da{\s}
+Sakrament sie wieder gesund gemacht h"atte.
+
+Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
+ja er gemahnte Bovary daran, da"s der Herr zuweilen da{\s} Leben
+Sterbender wieder verl"angere, wenn er e{\s} zum Heil ihrer Seele
+f"ur notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur"uck, an dem sie
+schon einmal, dem Tode nahe, die letzte "Olung empfangen hatte.
+
+"`Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!"' dachte er.
+
+Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der au{\s} einem
+Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren
+Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bi{\s} ihr die
+Tr"anen au{\s} den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf
+zur"uck, stie"s einen Seufzer au{\s} und sank in da{\s} Kissen.
+
+Ihre Brust begann al{\s}bald heftig zu keuchen. Die Zunge trat
+weit au{\s} dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht
+zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
+verl"oschen. Man h"atte glauben k"onnen, sie sei schon tot, wenn
+ihre Atmung{\s}organe nicht so f"urchterlich heftig gearbeitet
+h"atten. E{\s} war, al{\s} sch"uttle sie ein wilder innerer Sturm,
+al{\s} ringe da{\s} Leben gewaltig mit dem Tode.
+
+Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
+ein wenig die Beine, w"ahrend Canivet gleichg"ultig auf den Markt
+hinau{\s}starrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
+Stirn gegen den Rand de{\s} Bette{\s} geneigt, weit hinter sich
+die lange schwarze Soutane. An der andern Seite de{\s} Bette{\s}
+kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma au{\s}. Er ergriff
+ihre H"ande und dr"uckte sie! Bei jedem Schlag ihre{\s} Pulse{\s}
+zuckte er zusammen, al{\s} st"urze eine Ruine auf ihn.
+
+Je st"arker da{\s} R"ocheln wurde, um so mehr beschleunigte der
+Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
+Schluchzen Bovary{\s}, und zuweilen vernahm man nicht{\s} al{\s}
+da{\s} dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, da{\s} wie
+Totengel"aut klang.
+
+Pl"otzlich klapperten drau"sen auf der Stra"se Holzschuhe. Ein
+Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine
+rauhe Stimme, und sang:
+
+\begin{verse}
+{\glq}Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\
+Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~...{\grq}
+\end{verse}
+
+Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
+elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel"ost, ihre
+Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
+
+\begin{verse}
+{\glq}Nanette ging hinau{\s} in{\s} Feld, \\
+Zu sammeln, wa{\s} die Sense f"allt. \\
+Al{\s} sie sich in der Stoppel b"uckt, \\
+Da ist passiert, wa{\s} sich nicht schickt~...{\grq}
+\end{verse}
+
+"`Der Blinde!"' schrie sie.
+
+Sie brach in Lachen au{\s}, in ein furchtbare{\s}, wahnsinnige{\s},
+verzweifelte{\s} Lachen, weil sie in ihrer Phantasie da{\s}
+scheu"sliche Gesicht de{\s} Ungl"ucklichen sah, wie ein
+Schreckgespenst au{\s} der ewigen Nacht de{\s} Jenseit{\s}~...
+
+\begin{verse}
+{\glq}Der Wind, der war so stark ... O weh! \\
+Hob ihr die R"ockchen in die H"oh.{\grq}
+\end{verse}
+
+Ein letzter Krampf warf sie in da{\s} Bett zur"uck. Alle traten
+hinzu. Sie war nicht mehr.
+
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Nach dem Tode eine{\s} Menschen sind die Umstehenden immer wie
+bet"aubt. So schwer ist e{\s}, den Hereinbruch de{\s} ewigen
+Nicht{\s} zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl
+aber, al{\s} er sah, da"s Emma unbeweglich dalag, warf sich "uber
+sie und schrie:
+
+"`Lebwohl! Lebwohl!"'
+
+Homai{\s} und Canivet zogen ihn au{\s} dem Zimmer.
+
+"`Fassen Sie sich!"'
+
+"`Ja!"' rief er und machte sich von ihnen lo{\s}. "`Ich will
+vern"unftig sein! Ich tue ja nicht{\s}. Aber lassen Sie mich! Ich
+mu"s sie sehen! E{\s} ist meine Frau!"'
+
+Er weinte.
+
+"`Weinen Sie nur!"' sagte der Apotheker. "`Lassen Sie der Natur
+freien Lauf! Da{\s} wird Sie erleichtern!"'
+
+Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie"s sich in die Gro"se
+Stube im Erdgescho"s hinunterf"uhren. Homai{\s} ging bald darnach
+in sein Hau{\s} zur"uck.
+
+Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich
+bi{\s} Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden
+Vor"ubergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne.
+
+"`Gro"sartig! Al{\s} wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu
+tun h"atte! Bedaure! Komm ein andermal!"'
+
+Er verschwand schnell in seinem Hause.
+
+Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f"ur
+Bovary zu brauen und ein M"archen zu ersinnen, um Frau Bovary{\s}
+Vergiftung auf eine m"oglichst harmlose Weise zu erkl"aren. Er
+wollte einen Artikel f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' darau{\s}
+machen. Au"serdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn.
+Alle wollten Genauere{\s} wissen. Nachdem er mehreremal{\s}
+wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von
+Vanillecreme au{\s} Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab
+er sich abermal{\s} zu Bovary.
+
+Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa"s im
+Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl"odem Blick auf die Dielen.
+
+"`Wir m"ussen die Stunde f"ur die Feierlichkeit festsetzen!"'
+sagte der Apotheker.
+
+"`Wozu? F"ur wa{\s} f"ur eine Feierlichkeit?"' Stammelnd und voll
+Grauen f"ugte er hinzu: "`Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie
+dabehalten?"'
+
+Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homai{\s} die Wasserflasche vom
+Tisch und bego"s die Geranien.
+
+"`O, ich danke Ihnen!"' sagte Karl. "`Sie sind sehr g"utig~..."'
+
+Er wollte noch mehr sagen, aber die F"ulle von Erinnerungen, die
+de{\s} Apotheker{\s} Tun in ihm wachrief, "uberw"altigte ihn.
+E{\s} waren Emma{\s} Blumen!
+
+Homai{\s} gab sich M"uhe, ihn zu zerstreuen, und begann "uber die
+G"artnerei zu plaudern. Die Pflanzen h"atten die Feuchtigkeit sehr
+n"otig. Karl nickte zustimmend.
+
+"`Jetzt werden auch bald sch"one Tage kommen~..."'
+
+Bovary seufzte.
+
+Der Apotheker wu"ste nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob
+behutsam eine Scheibengardine beiseite.
+
+"`Sehn Sie, da dr"uben geht der B"urgermeister!"'
+
+Karl wiederholte mechanisch:
+
+"`Da dr"uben geht der B"urgermeister!"'
+
+Homai{\s} wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr"abni{\s}
+zur"uckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem
+Entschlusse hier"uber.
+
+Karl schlo"s sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und
+nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er:
+
+\begin{quotation}
+"`Ich bestimme, da"s man meine Frau in ihrem Hochzeit{\s}kleid
+begrabe, in wei"sen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Da{\s}
+Haar soll man ihr "uber die Schultern legen. Drei S"arge: einen
+au{\s} Eiche, einen au{\s} Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich
+nicht tr"osten wollen! Ich werde stark sein. Und "uber den Sarg
+soll man ein gro"se{\s} St"uck gr"unen Samt breiten. So will ich
+e{\s}! Tut e{\s}!"'
+\end{quotation}
+
+Man war "uber Bovary{\s} Romantik arg erstaunt, und der Apotheker
+ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen:
+
+"`Da{\s} mit dem Samt scheint mir "ubertrieben. Allein die
+Kosten~..."'
+
+"`Wa{\s} geht Sie da{\s} an!"' schrie Karl. "`Lassen Sie mich! Sie
+haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!"'
+
+Der Priester fa"ste Karl unter den Arm und f"uhrte ihn in den
+Garten. Er sprach von der Verg"anglichkeit alle{\s} Irdischen.
+Gott sei gut und weise. Man m"usse sich ohne Murren seinem
+Ratschlu"s unterwerfen. Man m"usse ihm sogar daf"ur danken.
+
+Aber Karl brach in Gotte{\s}l"asterungen au{\s}.
+
+"`Ich verfluche ihn, euren Gott!"'
+
+"`Der Geist de{\s} Aufruhr{\s} steckt noch in Ihnen!"' seufzte der
+Priester.
+
+Bovary lie"s ihn stehen. Mit gro"sen Schritten ging er die
+Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den
+Z"ahnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw"unschungen waren.
+Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt.
+
+E{\s} begann zu regnen. Karl{\s} Weste stand offen. Nach einer
+Weile fror ihn. Er ging in{\s} Hau{\s} zur"uck und setzte sich an
+den Herd in der K"uche.
+
+Um sech{\s} Uhr h"orte er Wagengerassel drau"sen auf dem Markte.
+E{\s} war die Post, die von Rouen zur"uckkehrte. Er pre"ste die
+Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden
+nacheinander au{\s}stiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in
+da{\s} Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein.
+
+Herr Homai{\s} war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug
+dem armen Karl auch nicht{\s} nach und kam abend{\s}, um
+Totenwache zu halten. Er brachte drei B"ucher und ein Notizbuch
+mit. Er pflegte sich Au{\s}z"uge zu machen.
+
+Bournisien fand sich gleichfall{\s} ein. Zwei hohe Wach{\s}kerzen
+brannten am Kopfende de{\s} Bette{\s}, da{\s} man au{\s} dem
+Alkoven hervorger"uckt hatte.
+
+Der Apotheker, dem da{\s} Schweigen unheimlich vorkam, drechselte
+Jeremiaden "uber die "`ungl"uckliche junge Frau"'. Der Priester
+unterbrach ihn. E{\s} sei nicht{\s} am Platze, al{\s} f"ur sie zu
+beten.
+
+"`Immerhin"', versetzte Homai{\s}, "`sind nur zwei F"alle
+m"oglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche au{\s}dr"uckt,
+selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie
+ist al{\s} S"underin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier
+der kirchliche Au{\s}druck? Dann~..."'
+
+Bournisien unterbrach ihn und erkl"arte in m"urrischem Tone, man
+m"usse in jedem Falle beten.
+
+"`Aber sagen Sie mir,"' wandte der Apotheker ein, "`da Gott
+stet{\s} wei"s, wa{\s} un{\s} not tut, wozu dann erst da{\s}
+Gebet?"'
+
+"`Wozu da{\s} Gebet?"' wiederholte der Priester. "`Ja, sind Sie
+denn kein Christ?"'
+
+"`Verzeihung! Ich bewundre da{\s} Christentum. E{\s} hat zuerst
+die Sklaverei abgeschafft, e{\s} hat der Welt eine neue Moral
+geschenkt, die~..."'
+
+"`Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift~..."'
+
+"`Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach!
+Man wei"s, da"s sie von den Jesuiten gef"alscht ist~..."'
+
+Karl trat ein, n"aherte sich dem Totenbette und zog langsam die
+Vorh"ange beiseite.
+
+Emma{\s} Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt.
+Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarze{\s} Loch im unteren
+Teil ihre{\s} Gesichte{\s} au{\s}. Beide Daumen hatten sich fest
+in die Handballen gedr"uckt. Etwa{\s} wie wei"ser Staub lag in
+ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereit{\s} in blassem
+Schleim, der wie ein d"unne{\s} Gewebe war, al{\s} h"atten Spinnen
+ihr Netz dar"uber gesponnen. Da{\s} Bettuch senkte sich von ihren
+Br"usten bi{\s} zu den Knien und hob sich von da an nach ihren
+Fu"sspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schwere{\s} Etwa{\s},
+ein ungeheure{\s} Gewicht laste auf ihr.
+
+Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang
+da{\s} dumpfe Murmeln de{\s} Bache{\s}, der in die dunkle Ferne
+str"omte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien
+ger"auschvoll, und Homai{\s} kritzelte Notizen auf da{\s} Papier.
+
+"`Lieber Freund,"' sagte er, "`gehn Sie nun! Dieser Anblick
+zerrei"st Ihnen da{\s} Herz!"'
+
+Sobald Karl da{\s} Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden
+ihre Er"orterung von neuem.
+
+"`Lesen Sie Voltaire!"' sagte der eine. "`Lesen Sie Holbach! Die
+Enzyklop"adisten!"'
+
+"`Lesen Sie die {\glq}Briefe einiger portugiesischen Juden{\grq}"',
+sagte der andre, "`lesen Sie die {\glq}Grundlagen de{\s}
+Christentum{\s}{\grq} von Nicola{\s}!"'
+
+Sie regten sich auf, bekamen rote K"opfe und sprachen gleichzeitig
+ineinander hinein. Bournisien war entr"ustet "uber die Vermessenheit
+de{\s} Apotheker{\s}, Homai{\s} erstaunt "uber die Beschr"anktheit
+de{\s} Priester{\s}. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen
+zu sagen, da kam pl"otzlich Karl abermal{\s} herein. Eine
+unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu"ste immer wieder die
+Treppe hinauf.
+
+Er setzte sich der Toten gegen"uber, so da"s er ihr voll in{\s}
+Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer
+Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte.
+
+Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den
+Wundern de{\s} Magneti{\s}mu{\s}. Er bildete sich ein, er k"onne
+sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willen{\s}kraft
+konzentriere. Einmal beugte er sich sogar "uber sie und rief ganz
+leise: "`Emma, Emma!"'
+
+Er atmete so heftig, da"s die Flammen der Kerzen flackerten~...
+
+Bei Tage{\s}anbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte
+sie und brach von neuem in Tr"anen au{\s}. Ebenso wie der
+Apotheker versuchte sie, ihm wegen de{\s} Aufwande{\s} beim
+Begr"abnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da"s
+sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die
+Stadt zu fahren und da{\s} N"otige zu besorgen.
+
+Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau
+Homai{\s}. Felicie sa"s mit Frau Franz bei der Toten.
+
+Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jede{\s}mal, dr"uckte
+dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte,
+die nach und nach einen gro"sen Halbkrei{\s} um den Kamin
+bildeten. Alle hatten die K"opfe gesenkt. Die Knie aufeinander,
+schaukelten sie mit den Beinen und stie"sen von Zeit zu Zeit einen
+tiefen Seufzer au{\s}. Alle langweilten sich ma"slo{\s}, aber
+keinem fiel e{\s} ein, wieder zu gehen.
+
+Um neun Uhr kam Homai{\s} zur"uck, beladen mit einer Menge
+Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr"autern. Auch ein Gef"a"s voll
+Chlor brachte er mit, um die Luft zu de{\s}infizieren. Felicie,
+die L"owenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma
+herum, damit besch"aftigt, die letzte Hand an{\s} Totenkleid zu
+legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bi{\s}
+hinab an die Atla{\s}schuhe reichte.
+
+Felicie wehklagte:
+
+"`Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!"'
+
+"`Sehn Sie nur!"' sagte die Witwe Franz seufzend, "`wie reizend
+sie noch immer au{\s}schaut! Man m"ochte drauf schw"oren, da"s sie
+gleich wieder aufst"unde!"'
+
+Dann beugten sie sich "uber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei
+mu"sten sie den Kopf etwa{\s} hochheben. Da quoll schwarze
+Fl"ussigkeit au{\s} dem Munde hervor, al{\s} erbr"ache sie sich.
+
+"`Mein Gott! Da{\s} Kleid! Geben Sie acht!"' schrie Frau Franz.
+Und zum Apotheker gewandt: "`Helfen Sie un{\s} doch! Oder
+f"urchten Sie sich vielleicht?"'
+
+"`Ich mich f"urchten?"' erwiderte er achselzuckend. "`Nein, so
+wa{\s}! Ich habe in den Spit"alern noch ganz andre{\s} gesehen und
+erlebt, al{\s} ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten un{\s}
+unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen
+nicht. Ich habe sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe
+--, meinen K"orper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst
+der Wissenschaft noch etwa{\s} n"utzt."'
+
+Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid de{\s}
+Apotheker{\s} erwiderte er:
+
+"`Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch."'
+
+Darauf prie{\s} Homai{\s} ihn gl"ucklich, weil er nicht darauf
+gefa"st zu sein brauche, eine teure Gef"ahrtin zu verlieren,
+worauf sich ein Di{\s}put "uber da{\s} Z"olibat entspann.
+
+"`E{\s} ist unnat"urlich,"' sagte der Apotheker, "`da"s sich ein
+Mann de{\s} Weibe{\s} enthalten soll. Manche Verbrechen~..."'
+
+"`Aber, zum Kuckuck!"' rief der Priester. "`Kann denn ein
+verheirateter Mensch da{\s} Beichtgeheimni{\s} wahren?"'
+
+Nun griff Homai{\s} die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er
+z"ahlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu"ste Geschichten von
+Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w"aren. Sogar
+Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S"unden ledig
+gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein
+Diener~..."'
+
+Sein Partner war eingeschlafen. Al{\s} die schw"ule Luft im Zimmer
+immer unertr"aglicher wurde, "offnete der Pfarrer da{\s} Fenster.
+Da ward der Apotheker wieder wach.
+
+"`Wie w"ar{\s} mit einer Prise?"' fragte er ihn. "`Hier! Da{\s}
+h"alt munter!"'
+
+In der Ferne bellte irgendwo fortw"ahrend ein Hund.
+
+"`H"oren Sie, wie der Hund heult?"' fragte der Apotheker.
+
+"`Man sagt, da"s sie die Toten wittern"', sagte der Priester.
+"`"Ahnlich ist e{\s} bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock,
+wenn im Hau{\s} ein Mensch stirbt."'
+
+Homai{\s} erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er
+war bereit{\s} wieder eingeschlafen.
+
+Bournisien, der widerstand{\s}f"ahiger war, bewegte noch eine
+Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm"ahlich sein Kinn,
+sein dicke{\s} schwarze{\s} Buch entfiel ihm, und er begann zu
+schnarchen.
+
+So sa"sen sie einander gegen"uber, mit vorgestreckten B"auchen,
+mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all
+ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw"ache. Sie
+regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu
+schlummern schien.
+
+Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um
+Abschied von ihr zu nehmen.
+
+Da{\s} R"aucherwerk qualmte noch. Die bl"auliche Wolke verm"ahlte
+sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau"sen
+blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild.
+
+Da{\s} Wach{\s} der Kerzen tr"aufelte in langen Tr"anen herab auf
+da{\s} Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten.
+Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m"ude.
+
+"Uber da{\s} Atla{\s}kleid huschten Reflexe; e{\s} war wei"s wie
+Mondenschein. Emma verschwand darunter, und e{\s} schien ihm,
+al{\s} gehe die Tote in alle die Dinge ring{\s}umher "uber, al{\s}
+lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem
+wirbelnden Kr"auterdufte~...
+
+Und mit einem Male sah er sie wieder in Toste{\s} auf der
+Gartenbank unter dem bl"uhenden Wei"sdornbusch ... dann in Rouen
+auf dem Gange durch die Stra"se ... und dann auf der Schwelle
+ihre{\s} Vaterhause{\s}, im Gut{\s}hofe, in Bertaux ... E{\s} war
+ihm, al{\s} h"ore er da{\s} Jodeln der lustigen Burschen, die
+unter den Apfelb"aumen tanzten bei seiner Hochzeit{\s}feier. Wie
+hatte da{\s} Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr
+Atla{\s}kleid in seinen Armen geknistert, wie spr"uhende Funken!
+Da{\s}selbe Kleid! Damal{\s} und heute!
+
+Langsam zog sein ganze{\s} einstige{\s} Gl"uck noch einmal an ihm
+vor"uber. Er sah sie vor sich in ihren eigent"umlichen Bewegungen,
+ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h"orte den Klang ihrer Stimme. Immer
+wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh"orlich,
+unversiegbar wie die Flut de{\s} Meere{\s} am Strande.
+
+Eine gr"a"sliche Neugier "uberkam ihn. Langsam und klopfenden
+Herzen{\s} hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da
+schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M"anner
+erwachten. Sie zogen ihn fort und f"uhrten ihn hinunter in die
+Gro"se Stube.
+
+Bald darauf kam Felicie und richtete au{\s}, Bovary wolle vom Haar
+der Toten haben.
+
+"`Schneiden Sie ihr welche{\s} ab!"' befahl der Apotheker.
+
+Da sie sich{\s} nicht getraute, trat er selbst mit der Schere
+heran. Er zitterte so stark, da"s er die Haut an der Schl"afe an
+mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und
+schnitt blindling{\s} zwei- oder dreimal zu. E{\s} entstanden ein
+paar kahle Stellen mitten in dem sch"onen schwarzen Haar der
+Toten.
+
+Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre
+B"ucher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jede{\s}mal,
+wenn sie wieder erwachten, warfen sie e{\s} sich gegenseitig vor.
+Der Pfarrer besprengte da{\s} Zimmer mit Weihwasser, und Homai{\s}
+sch"uttete ein wenig Chlor auf die Dielen.
+
+Felicie hatte f"ur sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche
+Branntwein, K"ase und ein lange{\s} Wei"sbrot bereitgestellt.
+Gegen vier Uhr fr"uh hielt e{\s} der Apotheker nicht mehr au{\s}.
+Er seufzte:
+
+"`Wahrhaftig. Eine St"arkung w"are nicht "ubel!"'
+
+Der Priester hatte durchau{\s} nicht{\s} dagegen. Er ging aber
+erst die Messe lesen. Al{\s} er wieder zur"uckkam, a"sen und
+tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen
+warum, verf"uhrt von der sonderbaren Fr"ohlichkeit, die den
+Menschen nach "uberstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten
+Gl"aschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und
+sagte:
+
+"`Wir werden un{\s} am Ende noch verstehen!"'
+
+In der Hau{\s}flur begegneten sie den Leuten, die den Sarg
+brachten. Zwei Stunden lang mu"ste sich Karl von den
+Hammerschl"agen martern lassen, die von den Brettern zu ihm
+hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg au{\s} Eichenholz und
+diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war,
+f"ullte man die Hohlr"aume mit Werg au{\s} einer Matratze. Al{\s}
+der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man
+den Sarg vor die T"ur. Da{\s} Hau{\s} ward weit ge"offnet, und die
+Leute von Yonville begannen herbeizustr"omen.
+
+Der alte Rouault kam an. Al{\s} er da{\s} Sargtuch sah, wurde er
+mitten auf dem Markte ohnm"achtig.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Rouault hatte den Brief de{\s} Apotheker{\s} sech{\s}unddrei"sig
+Stunden nach dem Ereigni{\s} erhalten. Um ihn zu schonen, hatte
+Homai{\s} so geschrieben, da"s er gar nicht genau wissen konnte,
+wa{\s} eigentlich geschehen war.
+
+Der gute Mann war zun"achst wie vom Schlag ger"uhrt umgesunken.
+Dann sagte er sich, sie k"onne wohl tot sein, aber sie k"onne auch
+noch leben ... Schlie"slich hatte er seine Bluse angezogen, seinen
+Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp
+weggeritten. Den ganzen Weg "uber verging er beinahe vor Angst.
+Einmal mu"ste er sogar absitzen. Er sah nicht{\s} mehr, er h"orte
+Stimmen ring{\s}um und glaubte, er verl"ore den Verstand.
+
+Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum
+schliefen. Er erbebte vor Schreck "uber diese b"ose Vorbedeutung.
+Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me"sgew"ander f"ur ihre
+Kirche und eine Wallfahrt in blo"sen F"u"sen vom heimatlichen
+Kirchhof bi{\s} zur Kapelle von Vassonville.
+
+In Maromme, wo er rastete, br"ullte er die Leute im Gasthof
+munter, rannte mit der Schulter die Hau{\s}t"ur ein, st"urzte sich
+auf einen Hafersack, go"s in die Krippe eine Flasche Apfelsekt,
+setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem lo{\s},
+da"s die Funken stoben.
+
+Immer wieder sagte er sich, da"s man sie sicher retten w"urde. Die
+"Arzte h"atten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren
+Heilungen, die man ihm je erz"ahlt hatte. Dann aber sah er sie
+tot. Sie lag auf dem R"ucken vor ihm, mitten auf der Stra"se. Er
+ri"s in die Z"ugel. Da schwand die Erscheinung.
+
+In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei
+Tassen Kaffee.
+
+E{\s} w"are auch m"oglich, sagte er sich, da"s sich der Absender
+in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem
+Briefe, f"uhlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen.
+Schlie"slich kam er auf die Vermutung, e{\s} sei vielleicht nur
+ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eine{\s}
+Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w"are, dann m"u"ste
+er e{\s} doch an irgend etwa{\s} merken! Aber die Fluren sahen
+au{\s} wie alle Tage, der Himmel war blau, die B"aume wiegten ihre
+Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor"uber.
+
+Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur
+noch im Sattel h"angend. Er hatte da{\s} Pferd mit Schl"agen
+vorw"art{\s} gehetzt; au{\s} den Flanken de{\s} Tiere{\s} tropfte
+Blut. Al{\s} der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter
+heftigem Weinen in Bovary{\s} Arme.
+
+"`Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch~..."'
+
+Der andre antwortete schluchzend:
+
+"`Ich wei"s nicht! Ich wei"s nicht! E{\s} ist so schrecklich!"'
+
+Der Apotheker zog sie au{\s}einander.
+
+"`Die gr"a"slichen Einzelheiten sind unn"utz! Ich werde dem Herrn
+schon alle{\s} erz"ahlen. Da kommen Leute! W"urde! Fassung! Man
+mu"s Philosoph sein!"'
+
+Der arme Karl gab sich alle M"uhe, stark zu sein. Mehrere Male
+wiederholte er:
+
+"`Ja, ja ... Mut! Mut!"'
+
+"`Na, wenn{\s} sein mu"s!"' sagte Rouault. "`Ich hab welchen!
+Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma da{\s} Geleite geben,
+und wenn{\s} noch so weit w"are!"'
+
+Die Glocke begann zu l"auten. Alle{\s} war bereit. Der Zug setzte sich
+in Bewegung.
+
+Rouault und Bovary sa"sen nebeneinander in den Chorst"uhlen. Die
+drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her.
+Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer
+Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H"ande empor
+und breitete die Arme au{\s}. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem
+Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine
+Anwandlung, aufzustehn und sie au{\s}zublasen.
+
+Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein
+jenseitige{\s} Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen
+w"urde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit,
+weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte,
+da"s sie dort unter dem Leichentuche lag, da"s alle{\s} zu Ende
+war, da"s man sie nun in die Erde scharrte, da fa"ste ihn wilde
+Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, al{\s}
+empf"ande er "uberhaupt nicht{\s} mehr. Er f"uhlte sich in seinem
+Schmerze erleichtert, aber al{\s}bald warf er sich vor, eine
+erb"armliche Kreatur zu sein.
+
+Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr"aumen etwa{\s}
+wie ein Eisenstab auf. Diese{\s} harte Ger"ausch drang au{\s} dem
+Hintergrund, bi{\s} e{\s} mit einem Male im Winkel eine{\s}
+Seitenschiffe{\s} aufh"orte. Ein Mensch in einem groben braunen
+Rock kniete m"uhsam nieder. E{\s} war Hippolyt, der Knecht vom
+Goldnen L"owen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur
+angeschnallt.
+
+Ein Chorknabe machte die Runde durch{\s} Kirchenschiff, um Geld
+einzusammeln. Die gro"sen Kupferst"ucke klirrten ein{\s} nach dem
+andern in der silbernen Schale.
+
+"`Schnell weg! Ich leide!"' rief Bovary und warf zornig ein
+F"unf\/frankenst"uck hinein.
+
+Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung.
+
+Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ...
+Da{\s} nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da"s er mit Emma in
+der ersten Zeit ihre{\s} Hiersein{\s} einmal zur Messe dagewesen
+war. Sie hatten recht{\s} an der Mauer gesessen ... Die Glocke
+begann wieder zu l"auten. Ein allgemeine{\s} St"uhler"ucken fing
+an. Die Sargtr"ager hoben die drei Stangen der Bahre in die H"ohe.
+Man verlie"s die Kirche.
+
+Justin stand an der T"ur der Apotheke. Er verschwand schleunigst,
+bla"s und taumelnd.
+
+Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug
+vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Haupte{\s}. Er
+trug eine tapfre Miene zur Schau und gr"u"ste kopfnickend jeden,
+der au{\s} den Gassen oder den H"ausern trat, um sich dem Zuge
+anzuschlie"sen.
+
+Die sech{\s} Tr"ager, drei auf jeder Seite, schritten langsam
+vorw"art{\s}. Sie keuchten. Die Priester, die S"anger und die
+Chorknaben sangen da{\s} \begin{antiqua}De profundis\end{antiqua}.
+Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der
+Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber
+da{\s} hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B"aumen.
+
+Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M"anteln mit
+zur"uckgeschlagenen Kapuzen, in den H"anden dicke brennende
+Wach{\s}kerzen. Karl f"uhlte, wie ihn seine Kr"afte verlie"sen
+unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten
+de{\s} faden Geruch{\s} von Wach{\s} und Me"sgew"andern. Ein
+frischer Wind wehte her"uber. Roggen und Rap{\s} gr"unten, und
+Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei
+fr"ohliche Laute erf"ullten die Luft: da{\s} Quietschen eine{\s}
+kleinen Wagen{\s} in der Ferne auf zerfahrener Stra"se, da{\s}
+wiederholte Kr"ahen eine{\s} Hahne{\s} oder der Galopp eine{\s}
+F"ullen{\s}, da{\s} sich unter den Apfelb"aumen au{\s}tobte. Der
+klare Himmel war mit rosigen W"olkchen betupft. Bl"auliche Lichter
+spielten um die Schwertlilien vor den H"ausern und H"utten. Karl
+erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich
+eine{\s} bestimmten Morgen{\s}, an dem er, einen Kranken zu
+besuchen, hier vor"ubergekommen war, erst hin und dann auf dem
+R"uckwege zu "`ihr"'.
+
+Manchmal flatterte da{\s} schwarze mit silbernen Tr"anen bestickte
+Leichentuch auf und lie"s den Sarg sehen. Die erm"udeten Tr"ager
+verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw"ahrend wie
+eine Schaluppe auf bewegter See.
+
+Endlich war man da.
+
+Die Tr"ager gingen bi{\s} ganz hinter, bi{\s} zu einer Stelle im
+Rasen, wo da{\s} Grab gegraben war. Man stellte sich im Krei{\s}
+herum auf. W"ahrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den
+Seiten aufgeh"aufte Erde "uber die Kanten hinweg in die Grube,
+lautlo{\s} und ununterbrochen.
+
+Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf
+gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer.
+
+Endlich h"orte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger"auschvoll
+wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudoi{\s}
+reichte. Und w"ahrend er mit der rechten Hand den Weihwedel
+schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde
+in{\s} Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg,
+und da{\s} Ger"ausch dr"ohnte Karl in die Ohren, unheimlich wie
+ein Widerhall au{\s} der Ewigkeit.
+
+Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. E{\s} war
+Homai{\s}. W"urdevoll f"ullte und leerte er sie und reichte sie
+dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H"anden Erde
+hinabwarf und "`Lebe wohl!"' rief. Er sandte ihr K"usse und beugte
+sich "uber da{\s} Grab, al{\s} ob er sich hinabst"urzen wollte.
+
+Man f"uhrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar
+empfand er gleich den andern eine merkw"urdige Befriedigung, da"s
+alle{\s} "uberstanden war.
+
+Auf dem Heimwege z"undete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife
+an, wa{\s} Homai{\s} in{\s}geheim nicht besonder{\s} schicklich
+fand. Er berichtete, da"s Binet nicht zugegen gewesen war, da"s
+sich T"uvache nach der Messe "`gedr"uckt"' hatte und da"s Theodor,
+der Diener de{\s} Notar{\s}, einen blauen Rock getragen hatte,
+"`al{\s} ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w"are, da
+e{\s} nun einmal so "ublich ist, zum Teufel!"' So hechelte er
+alle{\s} durch, wa{\s} er beobachtet hatte.
+
+Alle andern beklagten Emma{\s} Tod, besonder{\s} Lheureux, der
+nicht verfehlt hatte, zum Begr"abni{\s} zu erscheinen.
+
+"`Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f"ur ihren Mann!"'
+
+Der Apotheker antwortete:
+
+"`Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w"are, h"atte er au{\s}
+Verzweiflung Selbstmord begangen."'
+
+"`Sie war immer so lieben{\s}w"urdig! Wenn ich bedenke, da"s sie
+vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!"'
+
+"`Ich hatte nur keine Zeit,"' sagte der Apotheker, "`sonst h"atte
+ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr in{\s}
+Grab nachgerufen h"atte!"'
+
+Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog
+seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich
+unterweg{\s} "ofter{\s} die Augen mit dem "Armel gewischt hatte,
+hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht
+hinterlassen. Man sah, wo die Tr"anen herabgerollt waren.
+
+Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen.
+Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer:
+
+"`Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damal{\s} nach
+Toste{\s} kam, al{\s} du deine erste Frau verloren hattest?
+Damal{\s} tr"ostete ich dich, damal{\s} fand ich Worte! Jetzt
+aber~..."' Er st"ohnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust
+hob. "`Ach, nun ist e{\s} au{\s} mit mir! Ich habe meine Frau
+sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine
+Tochter!"'
+
+Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux
+zur"uckzureiten. In diesem Hause k"onne er nicht schlafen. Auch
+seine Enkelin wollte er nicht sehen.
+
+"`Nein! Nein! Da{\s} w"urde mich zu traurig machen! Aber k"usse
+sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und
+da{\s} hier,"' er schlug auf sein Bein, "`da{\s} werde ich dir nie
+vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch
+noch jede{\s} Jahr!"'
+
+Aber al{\s} er auf der H"ohe angelangt war, wandte er sich um,
+ganz wie damal{\s} nach der Hochzeit, al{\s} er sich nach dem
+Abschied auf der Landstra"se bei Sankt Viktor noch einmal nach
+seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl"uhten wie
+im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging.
+Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am
+Horizont ein Mauerviereck und B"aume darinnen, die wie schwarze
+B"uschel zwischen wei"sen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der
+Friedhof~...
+
+Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm
+geworden war.
+
+Karl und seine Mutter blieben bi{\s} in die sp"ate Nacht auf und
+plauderten, obwohl sie beide sehr m"ude waren. Sie sprachen von
+vergangenen Tagen und von dem, wa{\s} nun werden sollte. Die alte
+Frau wollte nach Yonville "ubersiedeln, ihm die Wirtschaft f"uhren
+und f"ur immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Troste{\s}-
+und Liebe{\s}worte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung
+zur"uckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte.
+
+E{\s} schlug Mitternacht. Da{\s} Dorf lag in tiefer Stille. Da{\s}
+war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an
+"`sie"'.
+
+Rudolf, der zu seinem Vergn"ugen den Tag "uber durch den Wald
+geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo"s. Ebenso schlummerte
+Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde.
+
+Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte.
+Seine vom Schluchzen wunde Brust st"ohnte im Dunkel unter dem
+Druck einer unerme"slichen Sehnsucht, die s"u"s war wie der Mond
+und geheimni{\s}voll wie die Nacht.
+
+Pl"otzlich knarrte die Gittert"ur. Lestiboudoi{\s} hatte seine
+Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin,
+al{\s} er sich "uber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen,
+wer ihm immer Kartoffeln stahl.
+
+
+\newpage\begin{center}
+{\large \so{Le{tz}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip
+\end{center}
+
+Am Tage darauf lie"s Karl die kleine Berta wieder in{\s} Hau{\s}
+kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei
+verreist und werde ihr h"ubsche Spielsachen mitbringen. Da{\s}
+Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der
+Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit de{\s}
+Kinde{\s} bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr"aglich aber
+waren ihm die Trostreden de{\s} Apotheker{\s}.
+
+Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie"s seinen
+Strohmann Vin\c{c}ard abermal{\s} vorgehen, und Karl "ubernahm
+betr"achtliche Verpflichtungen, weil er e{\s} um keinen Prei{\s}
+zulassen wollte, da"s von den M"obeln, die ihr geh"ort hatten,
+auch nur da{\s} geringste verkauft w"urde. Seine Mutter war au"ser
+sich dar"uber. Da{\s} emp"orte ihn wiederum ma"slo{\s}. Er war
+"uberhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie"s sie da{\s}
+Hau{\s}.
+
+Nun fingen alle m"oglichen Leute an, ihr "`Schnittchen"' zu
+machen. Fr"aulein Lempereur forderte f"ur sech{\s} Monate
+Stundengeld, obgleich Emma doch niemal{\s} Unterricht bei ihr
+genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt
+bekommen hatte, war nur auf Emma{\s} Bitte hin au{\s}gestellt
+worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnement{\s}geb"uhren auf
+eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f"ur zwanzig
+Briefe. Al{\s} Karl N"ahere{\s} wissen wollte, war sie
+wenigsten{\s} so r"ucksicht{\s}voll, zu antworten:
+
+"`Ach, ich wei"s von nicht{\s}! E{\s} waren wohl Rechnungen."'
+
+Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, e{\s} sei
+nun zu Ende, aber e{\s} meldeten sich immer wieder neue
+Gl"aubiger.
+
+Er schickte an seine Patienten Liquidationen au{\s}. Da zeigte man
+ihm die Briefe seiner Frau, und so mu"ste er sich noch
+entschuldigen.
+
+Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn
+Karl hatte einige davon zur"uckbehalten. Manchmal schlo"s er sich
+in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef"ahr
+Emma{\s} Figur. Wenn sie au{\s} dem Zimmer ging, hatte er manchmal
+den Eindruck, e{\s} sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran,
+ihr nachzurufen: "`Emma, bleib, bleib!"'
+
+Aber zu Pfingsten verlie"s sie Yonville, zusammen mit dem Diener
+de{\s} Notar{\s}, wobei sie alle{\s} mitnahm, wa{\s} von Emma{\s}
+Kleidern noch "ubrig war.
+
+Um diese Zeit gab sich die Witwe D"upui{\s} die Ehre, ihm die
+Verm"ahlung ihre{\s} Sohne{\s} Leo D"upui{\s}, Notar{\s} zu
+Yvetot, mit Fr"aulein Leocadia Leboeuf au{\s} Bondeville ganz
+ergebenst mit\/zuteilen. In Karl{\s} Gl"uckwunschbrief kam die
+Stelle vor:
+
+"`Wie h"atte sich meine arme Frau dar"uber gefreut!"'
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl ohne bestimmte Absicht durch{\s}
+Hau{\s} irrte, kam er in die Dachkammer und sp"urte pl"otzlich
+unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn"ullte{\s} St"uck
+Papier. Er entfaltete e{\s} und la{\s}: "`Liebe Emma! Sei tapfer!
+Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' E{\s} war
+Rudolf{\s} Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen
+geblieben war, bi{\s} ihn der durch{\s} Dachfenster wehende
+Luft\/zug an die T"ure getrieben hatte. Karl stand ganz starr da,
+mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma,
+bleicher noch al{\s} er, au{\s} Verzweiflung in den Tod gehen
+wollte. Am Ende der zweiten Seite stand al{\s} Unterschrift ein
+kleine{\s} R. Wer war da{\s}? Er erinnerte sich der vielen Besuche
+und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulanger{\s}, seine{\s} pl"otzlichen
+Au{\s}bleiben{\s} und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn
+er ihnen sp"ater -- e{\s} war zwei- oder dreimal gewesen --
+begegnet war. Aber der achtung{\s}volle Ton de{\s} Briefe{\s}
+t"auschte ihn.
+
+"`Da{\s} scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu
+sein!"' sagte er sich.
+
+"Ubrigen{\s} geh"orte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen
+bi{\s} auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu
+suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma"slosen
+Schmerze.
+
+"`Man mu"ste sie anbeten!"' sagte er bei sich. "`E{\s} ist ganz
+nat"urlich, da"s alle M"anner sie begehrt haben!"' Nunmehr
+erschien sie ihm noch sch"oner, und e{\s} "uberkam ihn ein
+best"andige{\s} hei"se{\s} Verlangen nach ihr, da{\s} ihn
+trostlo{\s} machte und da{\s} keine Grenzen kannte, weil e{\s}
+nicht mehr zu stillen war.
+
+Um ihr zu gefallen, al{\s} lebte sie noch, richtete er sich nach
+ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich
+Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und
+-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch au{\s}
+ihrem Grabe herau{\s}.
+
+Karl sah sich gen"otigt, da{\s} Silberzeug zu verkaufen, ein
+St"uck nach dem andern, dann die M"obel de{\s} Salon{\s}. Alle
+Zimmer wurden kahl, nur "`ihr Zimmer"' blieb wie fr"uher. Nach dem
+Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den
+Kamin und r"uckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich
+gegen"uber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter.
+Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen au{\s}.
+
+E{\s} tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht
+gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn"ure, die N"ahte de{\s}
+Kleidchen{\s} aufgerissen, denn darum k"ummerte sich die
+Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie
+da{\s} K"opfchen grazi"o{\s} neigte und ihr die blonden Locken
+"uber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend au{\s},
+da"s ihn unendliche Z"artlichkeit ergriff, eine Freude, die nach
+Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr
+Spielzeug au{\s}, machte ihr Hampelm"anner au{\s} Pappe und
+flickte sie aufgeplatzten B"auche ihrer Puppen. Wenn seine Augen
+dabei auf Emma{\s} Arbeit{\s}k"astchen fielen, auf ein Band,
+da{\s} liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in
+einer Ritze de{\s} N"ahtische{\s} steckte, dann verfiel er in
+Tr"aumereien und sah so traurig au{\s}, da"s da{\s} Kind auch mit
+traurig wurde.
+
+Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen,
+wo er Kr"amerlehrling geworden war, und die Kinder de{\s}
+Apotheker{\s} lie"sen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater
+bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen
+Verh"altnisse auf eine Fortsetzung de{\s} n"aheren Verkehr{\s}
+keinen Wert legte.
+
+Der Blinde, den Homai{\s} mit seiner Salbe nicht hatte heilen
+k"onnen, war auf die H"ohe am Wilhelm{\s}walde zur"uckgekehrt und
+erz"ahlte allen Reisenden den Mi"serfolg de{\s} Apotheker{\s}.
+Wenn Homai{\s} zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen
+hinter den Vorh"angen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm
+zu vermeiden. Er ha"ste ihn, und da er ihn zugunsten seine{\s}
+Rufe{\s} al{\s} Heilk"unstler um jeden Prei{\s} au{\s} dem Wege
+r"aumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise,
+wie er da{\s} bewerkstelligte, enth"ullte ebenso seinen Scharfsinn
+wie seine bi{\s} zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sech{\s}
+Monate hintereinander konnte man im "`Leuchtturm von Rouen"'
+Nachrichten wie die folgenden lesen:
+
+\begin{quotation}
+"`Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne
+Zweifel auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde einen Vagabunden bemerkt
+haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er
+bel"astigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen
+gewisserma"sen einen Zoll. Leben wir denn noch in den
+abscheulichen Zeiten de{\s} Mittelalter{\s}, wo e{\s} den
+Landstreichern erlaubt war, auf den "offentlichen Pl"atzen die
+Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der
+Kreuzz"uge mitgebracht hatten?"'
+\end{quotation}
+
+Oder:
+
+\begin{quotation}
+"`Ungeachtet der Gesetze gegen da{\s} Landstreichertum werden die
+Zug"ange unsrer Gro"sst"adte noch unau{\s}gesetzt von
+Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und
+da{\s} sind vielleicht nicht die ungef"ahrlichsten. Au{\s} welchem
+Grunde duldet da{\s} eigentlich die Obrigkeit?"'
+\end{quotation}
+
+Daneben erfand Homai{\s} auch Anekdoten:
+
+\begin{quotation}
+"`Gestern ist auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde ein Pferd
+durchgegangen~..."'
+\end{quotation}
+
+E{\s} folgte der Bericht eine{\s} durch da{\s} pl"otzliche
+Auftauchen de{\s} Blinden verursachten Unfall{\s}.
+
+Alle{\s} da{\s} hatte eine so treffliche Wirkung, da"s der
+Ungl"uckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie"s ihn wieder
+frei. Er trieb e{\s} wie vorher. Ebenso Homai{\s}. E{\s} begann
+ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu
+leben{\s}l"anglichem Aufenthalt in ein Krankenhau{\s} gesteckt.
+
+Dieser Erfolg machte ihn immer k"uhner. Fortan konnte kein Hund
+"uberfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr"ugel
+bekommen, ohne da"s er den Vorfall sofort ver"offentlicht h"atte
+--, geleitet vom Fortschritt{\s}fanati{\s}mu{\s} und vom Ha"s
+gegen die Priester.
+
+Er stellte Vergleiche an zwischen den Volk{\s}schulen und den von
+den "`Ignorantinern"' geleiteten, die nat"urlich zum Nachteil der
+letzteren au{\s}fielen. Anl"a"slich einer staatlichen Bewilligung
+von hundert Franken f"ur kirchliche Zwecke erinnerte er an die
+Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche
+Mi"sbr"auche. Er la{\s} den Pfaffen die Leviten, wie er meinte.
+Dabei wurde er ein gef"ahrlicher Intrigant.
+
+Bald war ihm der Journali{\s}mu{\s} zu eng; er wollte ein Buch
+Schreiben, ein "`Werk"'. So verfa"ste er eine "`Allgemeine
+Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen
+Beobachtungen"'. Die damit verbundenen Studien f"uhrten ihn in{\s}
+volk{\s}wirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen
+Fragen, in die Theorien "uber die Volk{\s}erziehung, in da{\s}
+Verkehr{\s}wesen und andre{\s} mehr. Nun begann er sich seiner
+kleinb"urgerlichen Ob{\s}kurit"at zu sch"amen; er bekam
+genialische Anwandlungen.
+
+Seinen Beruf vernachl"assigte er dabei keine{\s}weg{\s}, im
+Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seine{\s}
+Fache{\s}. Beispiel{\s}weise interessierte ihn der gro"se
+Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der
+erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die
+Eisenschokolade einf"uhrte. Er begeisterte sich f"ur die
+hydro-elektrischen Ketten Pulvermacher{\s} und trug selbst eine.
+Wenn er beim Schlafengehen da{\s} Hemd wechselte, staunte Frau
+Homai{\s} diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und
+entbrannte in verdoppelter Liebe f"ur diesen Mann, der wie ein
+Magier gl"anzte.
+
+F"ur Emma{\s} Grabmal hatte er sehr sch"one Ideen. Zuerst schlug
+er einen S"aulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide,
+einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine
+"`k"unstliche Ruine"'. Keine{\s}fall{\s} aber d"urfe die
+Trauerweide fehlen, die er f"ur da{\s} "`traditionelle Symbol"'
+der Trauer hielt.
+
+Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem
+Grabsteinfabrikanten etwa{\s} Passende{\s} zu suchen. Ein
+Kunstmaler begleitete sie, namen{\s} Vaufrylard, ein Freund de{\s}
+Apotheker{\s} Bridoux. Er ri"s die ganze Zeit "uber schlechte
+Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich
+die Zusendung von Kostenanschl"agen. Er fuhr dann ein
+zweite{\s}mal allein nach Rouen und entschlo"s sich zu einem
+Grabstein, "uber dem ein Geniu{\s} mit gesenkter Fackel trauert.
+
+Al{\s} Inschrift fand Homai{\s} nicht{\s} sch"oner al{\s}:
+\begin{antiqua}STA VIATOR!\end{antiqua} Diese Worte schlug er
+immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best"andig
+fl"usterte er vor sich hin: "`\begin{antiqua}Sta
+viator!\end{antiqua}"' Endlich kam er auf: \begin{antiqua}AMABILEM
+CONJUGEM CALCAS!\end{antiqua} Da{\s} wurde angenommen.
+
+Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an
+Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre "au"sere
+Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f"uhlte er, wie ihr Bild
+seinem Ged"achtni{\s} entwich, w"ahrend er sich so viel M"uhe gab,
+e{\s} zu bewahren. Dabei tr"aumte er jede Nacht von ihr. E{\s} war
+immer derselbe Traum: er sah sie und n"aherte sich ihr, aber
+sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder.
+
+Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der
+Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn
+auf. Bournisien war neuerding{\s} "uberhaupt unduldsam, ja
+fanatisch, wie Homai{\s} behauptete. Er wetterte gegen den Geist
+de{\s} Jahrhundert{\s}, und aller vierzehn Tage pflegte er in der
+Predigt vom schrecklichen Ende Voltaire{\s} zu erz"ahlen, der im
+Tode{\s}kampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie
+jedermann wisse.
+
+Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht au{\s} den alten Schulden
+herau{\s}. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und
+so stand die Pf"andung abermal{\s} bevor. Da wandte er sich an
+seine Mutter. Sie schickte ihm eine B"urgschaft{\s}erkl"arung.
+Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen
+Emma. Al{\s} Entgelt f"ur ihr Opfer erbat sie sich einen Schal,
+der Felicie{\s} Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr.
+Dar"uber ent\/zweiten sie sich.
+
+Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers"ohnung.
+Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich
+nehmen; sie k"onne ihr im Hau{\s}halt helfen. Karl willigte ein.
+Aber al{\s} da{\s} Kind abreisen sollte, war er nicht imstande
+sich von ihm zu trennen. Die{\s}mal erfolgte ein endg"ultiger,
+v"olliger Bruch.
+
+Nun hatte er alle{\s} verloren, wa{\s} ihm lieb und wert gewesen
+war, und er schlo"s sich immer enger an sein Kind an. Aber auch
+die{\s} machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote
+Flecken auf den Wangen.
+
+Ihm gegen"uber machte sich in Gesundheit, Gl"uck und Frohsinn die
+Familie de{\s} Apotheker{\s} breit. Wa{\s} Homai{\s} auch wollte,
+gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia
+stickte ihm ein neue{\s} K"appchen, Irma schnitt
+Pergamentpapierdeckel f"ur die Einmachegl"aser, und Franklin
+bewie{\s} ihm bereit{\s} schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz.
+Der Apotheker war der gl"ucklichste Vater und der gl"ucklichste
+Mensch.
+
+Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen.
+Homai{\s} sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient
+h"atte er e{\s} zur Gen"uge, meinte er. Ersten{\s} hatte er sich
+w"ahrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut au{\s}gezeichnet.
+Zweiten{\s} hatte er -- und zwar auf seine eigenen Kosten --
+verschiedene gemeinn"utzige Werke ver"offentlicht,
+beispiel{\s}weise die Schrift "`Der Apfelwein. Seine Herstellung
+und seine Wirkung"', sodann seine "`Abhandlung "uber die
+Reblau{\s}"', die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner
+seine statistische Ver"offentlichung, ganz abgesehen von seiner
+ehemaligen Pr"ufung{\s}arbeit. Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s}
+auf. "`Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher
+Gesellschaften."' In Wirklichkeit war e{\s} nur eine einzige.
+
+"`Eigentlich m"u"ste e{\s} schon gen"ugen,"' rief er und warf sich
+selbstbewu"st in die Brust, "`da"s ich mich bei den
+Feuer{\s}br"unsten hervorgetan habe!"'
+
+Er begann F"uhlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der
+Wahlen erwie{\s} er dem Landrat heimlich gro"se Dienste.
+Schlie"slich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er
+reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest"at ein, worin er ihn
+alleruntert"anigst bat, "`ihm Gerechtigkeit widerfahren zu
+lassen."' Er nannte ihn "`unsern guten K"onig"' und verglich ihn
+mit Heinrich dem Vierten.
+
+Jeden Morgen st"urzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung
+zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Orden{\s}koller ging
+so weit, da"s er in seinem Garten ein Beet in Form de{\s}
+Kreuze{\s} der Ehrenlegion anlegen lie"s, auf der einen Seite von
+Geranien ums"aumt, die da{\s} rote Band vorstellten. Oft umkreiste
+er diese{\s} bunte Beet und dachte "uber die Schwerf"alligkeit der
+Regierung und "uber den Undank der Menschen nach.
+
+Au{\s} Achtung f"ur seine verstorbene Frau, oder weil er au{\s}
+einer Art Sinnlichkeit noch etwa{\s} Unerforschte{\s} vor sich
+haben wollte, hatte Karl da{\s} geheime Fach de{\s}
+Schreibtische{\s} au{\s} Polisanderholz, den Emma benutzt hatte,
+noch nicht ge"offnet. Eine{\s} Tage{\s} setzte er sich endlich
+davor, drehte den Schl"ussel um und zog den Kasten herau{\s}. Da
+lagen s"amtliche Briefe Leo{\s}. Die{\s}mal war kein Zweifel
+m"oglich. Er verschlang sie von der ersten bi{\s} zur letzten
+Zeile. Dann st"oberte er noch in allen Winkeln, allen M"obeln,
+allen Schiebf"achern, hinter den Tapeten, schluchzend, st"ohnend,
+halbverr"uckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie"s sie mit
+einem Fu"stritt auf. Rudolf{\s} Bildni{\s} sprang ihm
+buchst"ablich in{\s} Gesicht. E{\s} lag neben einem ganzen B"undel
+von Liebe{\s}briefen.
+
+Bovary{\s} Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung.
+Er ging nicht mehr au{\s}, empfing niemanden und weigerte sich
+sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand da{\s}
+Ger"ucht, da"s er sich einschlie"se, um zu trinken. Neugierige
+aber, die hin und nieder den Kopf "uber die Gartenhecke reckten,
+sahen zu ihrer "Uberraschung, wie der Menschenscheue in seinem
+langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging
+und laut weinte.
+
+An Sommerabenden nahm er sein T"ochterchen mit sich hinau{\s} auf
+den Friedhof. Erst sp"at in der Nacht kamen die beiden zur"uck,
+wenn auf dem Marktpl"atze kein Licht mehr schimmerte, au"ser
+au{\s} dem St"ubchen Binet{\s}.
+
+Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seine{\s}
+Schmerze{\s} nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit
+ihm teilte. Au{\s} diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von
+"`ihr"' sprechen zu k"onnen. Aber die Wirtin h"orte nur mit halbem
+Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n"amlich
+seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er"offnet, und
+Hivert, der ob seiner Zuverl"assigkeit in Kommissionen
+allenthalben gro"se{\s} Vertrauen geno"s, verlangte Lohnerh"ohung
+und drohte, "`zur Konkurrenz"' "uberzugehen.
+
+Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl nach Argueil zum Markt gegangen
+war, um sein Pferd, sein letzte{\s} St"uck Besitz, zu verkaufen,
+begegnete er Rudolf. Al{\s} sie einander sahn, wurden sie beide
+bla"s. Rudolf, der bei Emma{\s} Tode sein Beileid nur durch seine
+Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun"achst einige Worte der
+Entschuldigung, dann aber fa"ste er Mut und hatte sogar die
+Dreistigkeit, -- e{\s} war ein hei"ser Augusttag -- Karl zu einem
+Gla{\s} Bier in der n"achsten Kneipe einzuladen.
+
+Er l"ummelte sich Karl gegen"uber auf der Tischplatte auf,
+plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in
+tausend Tr"aumen vor diesem Gesicht, da{\s} "`sie"' geliebt hatte.
+E{\s} war ihm, al{\s} s"ahe er ein St"uck von ihr wieder. Da{\s}
+war ihm selber sonderbar. Er h"atte der andre sein m"ogen.
+
+Rudolf sprach unau{\s}gesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom
+Vieh, vom D"ungen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede
+stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Reden{\s}arten. So
+vermied er jedwede Anspielung auf da{\s} Einst. Karl h"orte ihm
+gar nicht zu. Rudolf nahm da{\s} wahr; er ahnte, da"s hinter
+diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karl{\s} Wangen
+r"oteten sich mehr und mehr, seine Nasenfl"ugel bl"ahten sich,
+seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karl{\s} Augen in
+so d"usterem Groll auf Rudolf, da"s dieser erschrak und mitten im
+Satz steckenblieb. Aber al{\s}bald erschien wieder die fr"uhere
+Leben{\s}m"udigkeit auf Karl{\s} Gesicht.
+
+"`Ich bin Ihnen nicht b"ose!"' sagte er.
+
+Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H"anden und
+wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser
+Schmerzen:
+
+"`Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b"ose!"'
+
+Er f"ugte ein gro"se{\s} Wort hinzu, da{\s} einzige, da{\s} er je
+in seinem Leben sprach:
+
+"`Da{\s} Schicksal ist schuld!"'
+
+Rudolf, der diese{\s} Schicksal gelenkt hatte, fand in{\s}geheim,
+f"ur einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm"utig,
+eigentlich sogar komisch und ver"achtlich.
+
+Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die
+Abendsonne leuchtete durch da{\s} Gitter, die Weinbl"atter
+zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Ja{\s}min duftete
+s"u"s, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl"uhenden
+Lilien. Karl atmete schwer; da{\s} Herz war ihm beklommen und
+tieftraurig vor unsagbarer Liebe{\s}sehnsucht.
+
+Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht
+gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen.
+
+Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm
+zugefallen, sein Mund stand offen. In den H"anden hielt er eine
+lange schwarze Haarlocke.
+
+"`Papa, komm doch!"' rief die Kleine.
+
+Sie glaubte, er wolle mit ihr spa"sen, und stie"s ihn sacht an. Da
+fiel er zu Boden. Er war tot.
+
+Sech{\s}unddrei"sig Stunden darnach eilte auf Veranlassung de{\s}
+Apotheker{\s} Doktor Canivet herbei. Er "offnete die Leiche, fand
+aber nicht{\s}.
+
+Al{\s} aller Hau{\s}rat verkauft war, blieben zw"olf und
+dreiviertel Franken "ubrig, die gerade au{\s}reichten, die Reise
+der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro"smutter zu bestreiten. Die
+gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater
+Rouault gel"ahmt war, nahm sich eine Tante de{\s} Kinde{\s} an.
+Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich da{\s} t"agliche
+Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei.
+
+Seit Bovary{\s} Tode haben sich bereit{\s} drei "Arzte nacheinander
+in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten
+k"onnen. Homai{\s} hat sie alle au{\s} dem Feld geschlagen. Seine
+Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh"orde
+duldet ihn, und die "offentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr.
+
+K"urzlich hat er da{\s} Kreuz der Ehrenlegion erhalten.
+
+
+
+\chapter{PROJECT GUTENBERG ``SMALL PRINT''}
+\small \pagenumbering{gobble}
+\begin{verbatim}
+
+
+*** This file should be named 15711-t.txt or 15711-t.zip ***
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/
+
+Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online
+Distributed Proofreading Team.
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+\end{verbatim}
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+
+\end{document}