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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:47:22 -0700 |
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diff --git a/15711-t.tex b/15711-t.tex new file mode 100644 index 0000000..e273d22 --- /dev/null +++ b/15711-t.tex @@ -0,0 +1,17098 @@ +\documentclass[oneside,12pt]{book} +\usepackage[german]{babel}%required, alt.: \usepackage{german} + +% comment (delete) the following five lines for a non-fraktur version +\usepackage{yfonts}%required for fraktur version +\usepackage{soul}%recommended +\newenvironment{antiqua}{\normalfont}{}% +\protect\renewcommand{\thepage}{\textfrak{\arabic{page}}}% +\newcommand{\s}{s:}% + +% un-comment the following five lines for a non-fraktur version +%\newcommand{\s}{s} +%\newcommand{\so}[1]{\textbf{#1}} +%\newcommand{\frakfamily}{\null} +%\newenvironment{antiqua}{}{} +%\sloppy + +\begin{document} +\thispagestyle{empty} + +\begin{verbatim} + +The Project Gutenberg EBook of Frau Bovary, by Gustave Flaubert + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Frau Bovary + +Author: Gustave Flaubert + +Translator: Arthur Schurig + +Release Date: April 26, 2005 [EBook #15711] + +Language: German + +Character set encoding: TeX + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRAU BOVARY *** + + + + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + + + +\end{verbatim} + + +\newpage +\frakfamily + +\thispagestyle{empty} + +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\begin{center} +\Huge \so{Frau Bovary} + +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\large + +\so{von} \\ +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\Huge \so{Gu{st}ave Flaubert} \\ +\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip\bigskip +\large +\vfill +Die "Ubertragung de{\s} Roman{\s} \begin{antiqua}Madame +Bovary\end{antiqua} au{\s} dem Franz"osischen besorgte Arthur +Schurig. \\ \bigskip\bigskip +Insel-Verlag zu Leipzig +\end{center} +\newpage +\thispagestyle{empty} + + +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Er{st}e{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} war Arbeit{\s}stunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite +ein "`Neuer"', in gew"ohnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den +beiden, Schulstubenger"at in den H"anden. Alle Sch"uler erhoben +sich von ihren Pl"atzen, wobei man so tat, al{\s} sei man au{\s} +seinen Studien aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit +auf. + +Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er +sich zu dem die Aufsicht f"uhrenden Lehrer. + +"`Herr Roger!"' lispelte er. "`Diesen neuen Z"ogling hier empfehle +ich Ihnen besonder{\s}. Er kommt zun"achst in die Quinta. Bei +l"oblichem Flei"s und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, +in die er seinem Alter nach geh"ort."' + +Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der T"ure stehen. Man +konnte ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein +Bauernjunge, so ungef"ahr f"unfzehn Jahre alt und gr"o"ser al{\s} +alle andern. Die Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn +hinein, wie ein Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm +au{\s}, nur war er h"ochst verlegen. So schm"achtig er war, +beengte ihn sein gr"uner Tuchrock mit schwarzen Kn"opfen doch +sichtlich, und durch den Schlitz in den "Armelaufschl"agen +schimmerten rote Handgelenke hervor, die zweifello{\s} die freie +Luft gew"ohnt waren. Er hatte gelbbraune, durch die Tr"ager +"uberm"a"sig hochgezogene Hosen an und blaue Str"umpfe. Seine +Stiefel waren derb, schlecht gewichst und mit N"ageln beschlagen. + +Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling h"orte +aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er e{\s} nicht +einmal wagte, die Beine "ubereinander zu schlagen noch den +Ellenbogen aufzust"utzen. Um zwei Uhr, al{\s} die Schulglocke +l"autete, mu"ste ihn der Lehrer erst besonder{\s} auffordern, ehe +er sich den andern anschlo"s. + +E{\s} war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in da{\s} +Unterricht{\s}zimmer die M"utzen wegzuschleudern, um die H"ande +frei zu bekommen. E{\s} kam darauf an, seine M"utze gleich von der +T"ur au{\s} unter die richtige Bank zu facken, wobei sie unter +einer t"uchtigen Staubwolke laut aufklatschte. Da{\s} war so +Schuljungenart. + +Sei e{\s} nun, da"s ihm diese{\s} Verfahren entgangen war oder +da"s er nicht gewagt hatte, e{\s} ebenso zu machen, kurz und gut: +al{\s} da{\s} Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine M"utze +noch immer vor sich auf den Knien. Da{\s} war ein wahrer +Wechselbalg von Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an +eine B"arenm"utze, andre an eine Tschapka, wieder andre an einen +runden Filzhut, an ein Pelzbarett, an ein wollne{\s} K"appi, mit +einem Worte: an allerlei armselige Dinge, deren stumme +H"a"slichkeit tiefsinnig stimmt wie da{\s} Gesicht eine{\s} +Bl"odsinnigen. Sie war eif"ormig, und Fischbeinst"abchen verliehen +ihr den inneren Halt; zu unterst sah man drei runde W"ulste, +dar"uber (voneinander durch ein rote{\s} Band getrennt) Rauten +au{\s} Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art Sack, den ein +vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter Schnurenstickerei kr"onte +und von dem herab an einem ziemlich d"unnen Faden eine kleine +goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung war neu, wa{\s} man am +Glanze de{\s} Schirme{\s} erkennen konnte. + +"`Steh auf!"' befahl der Lehrer. + +Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die +ganze Klasse fing an zu kichern. Er b"uckte sich, da{\s} +M"utzenunget"um aufzuheben. Ein Nachbar stie"s mit dem Ellenbogen +daran, so da"s e{\s} wiederum zu Boden fiel. Ein abermalige{\s} +Sich-darnach-b"ucken. + +"`Leg doch deinen Helm weg!"' sagte der Lehrer, ein Witzbold. + +Da{\s} schallende Gel"achter der Sch"uler brachte den armen Jungen +g"anzlich au{\s} der Fassung, und nun wu"ste er gleich gar nicht, +ob er seinen "`Helm"' in der Hand behalten oder auf dem Boden +liegen lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die +M"utze "uber seine Knie. + +"`Steh auf!"' wiederholte der Lehrer, "`und sag mir deinen Namen!"' + +Der Neuling stotterte einen unverst"andlichen Namen her. + +"`Noch mal!"' + +Da{\s}selbe Silbengestammel machte sich h"orbar, von dem Gel"achter +der Klasse "ubert"ont. + +"`Lauter!"' rief der Lehrer. "`Lauter!"' + +Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, ri"s den Mund weit +auf und gab mit voller Lungenkraft, al{\s} ob er jemanden rufen +wollte, da{\s} Wort von sich: "`Kabovary!"' + +H"ollenl"arm erhob sich und wurde immer st"arker; dazwischen +gellten Rufe. Man br"ullte, heulte, gr"olte wieder und wieder: +"`Kabovary! Kabovary!"' Nach und nach verlor sich der Spektakel in +vereinzelte{\s} Brummen, kam m"uhsam zur Ruhe, lebte aber in den +Bankreihen heimlich weiter, um da und dort pl"otzlich al{\s} +halberstickte{\s} Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, +die im Verl"oschen immer wieder noch ein paar Funken spr"uht. + +W"ahrenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung +in der Klasse allm"ahlich wiedergewonnen, und e{\s} gelang dem +Lehrer, den Namen "`Karl Bovary"' fest\/zustellen, nachdem er sich +ihn hatte diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen +wiederholen lassen. Al{\s}dann befahl er dem armen Schelm, sich +auf die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge +wollte den Befehl au{\s}f"uhren, aber kaum hatte er sich in Gang +gesetzt, al{\s} er bereit{\s} wieder stehen blieb. + +"`Wa{\s} suchst du?"' fragte der Lehrer. + +"`Meine M"u..."', sagte er sch"uchtern, indem er mit scheuen +Blicken Umschau hielt. + +"`F"unfhundert Verse die ganze Klasse!"' + +Wie da{\s} \begin{antiqua}Quos ego\end{antiqua} b"andigte +die Stimme, die diese Worte w"utend au{\s}rief, einen neuen +Sturm im Entstehen. + +"`Ich bitte mir Ruhe au{\s}!"' fuhr der emp"orte Schulmeister +fort, w"ahrend er sich mit seinem Taschentuche den Schwei"s von +der Stirne trocknete. "`Und du, du Rekrut du, du schreibst mir +zwanzigmal den Satz auf: \begin{antiqua}Ridiculus +sum\end{antiqua}!"' Sein Zorn lie"s nach. "`Na, und deine M"utze +wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen."' + +Alle{\s} ward wieder ruhig. Die K"opfe versanken in den Heften, +und der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter +Haltung, obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter +abgeschwuppte kleine Papierkugeln in{\s} Gesicht flogen. Er wischte +sich jede{\s}mal mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch +die Augen aufzuschlagen. + +Abend{\s}, im Arbeit{\s}saal, holte er seine "Armelschoner au{\s} +seinem Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte +sich sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er +gewissenhaft arbeitete; er schlug alle W"orter im W"orterbuche +nach und gab sich viel M"uhe. Zweifello{\s} verdankte er e{\s} dem +gro"sen Flei"se, den er an den Tag legte, da"s man ihn nicht in +der Quinta zur"uckbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz +leidlich wu"ste, so verstand er sich doch nicht gewandt +au{\s}zudr"ucken. Der Pfarrer seine{\s} Heimatdorfe{\s} hatte ihm +kaum ein bi"schen Latein beigebracht, und au{\s} Sparsamkeit war +er von seinen Eltern so sp"at wie nur m"oglich auf da{\s} +Gymnasium geschickt worden. + +Sein Vater, Karl Diony{\s} Barthel Bovary, war Stab{\s}arzt a.D.; +er hatte sich um 1812 bei den Au{\s}hebungen etwa{\s} zuschulden +kommen lassen, worauf er den Abschied nehmen mu"ste. Er setzte +nunmehr seine k"orperlichen Vorz"uge in bare M"unze um und +ergatterte sich im Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend +Franken, die ihm in der Person der Tochter eine{\s} Hutfabrikanten +in den Weg kam. Da{\s} M"adchen hatte sich in den h"ubschen Mann +verliebt. Er war ein Schweren"oter und Prahlhan{\s}, der +sporenklingend einherstolzierte, Schnurr- und Backenbart trug, die +H"ande voller Ringe hatte und in seiner Kleidung auff"allige +Farben liebte. Neben seinem Haudegentum besa"s er da{\s} gewandte +Getue eine{\s} Ellenreiter{\s}. Sobald er verheiratet war, begann +er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau zu leben, a"s und trank +gut, schlief bi{\s} in den halben Tag hinein und rauchte au{\s} +langen Porzellanpfeifen. Nacht{\s} pflegte er sehr sp"at +heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeeh"ausern herumgetrieben +hatte. Al{\s} sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterlie"s, +war Bovary emp"ort dar"uber. Er "ubernahm die Fabrik, b"u"ste aber +Geld dabei ein, und so zog er sich schlie"slich auf da{\s} Land +zur"uck, wovon er sich goldne Berge ertr"aumte. Aber er verstand +von der Landwirtschaft auch nicht mehr al{\s} von der Hutmacherei, +ritt lieber spazieren, al{\s} da"s er seine Pferde zur Arbeit +einspannen lie"s, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, +anstatt ihn in F"assern zu verkaufen, lie"s da{\s} fetteste +Gefl"ugel in den eignen Magen gelangen und schmierte sich mit dem +Speck seiner Schweine seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu +guter Letzt ein, da"s e{\s} am tunlichsten f"ur ihn sei, sich in +keinerlei Gesch"afte mehr einzulassen. + +F"ur zweihundert Franken Jahre{\s}pacht mietete er nun in einem +Dorfe im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundst"uck, +halb Bauernhof, halb Herrenhau{\s}. Dahin zog er sich zur"uck, +f"unfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig +und mi"sg"unstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er +sagte, wollte er in Frieden f"ur sich hinleben. + +Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter +tausend Dem"utigungen starb ihre Liebe doch rettung{\s}lo{\s}. +Ehedem heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allm"ahlich (just +wie sich abgestandner Wein zu Essig wandelt) m"urrisch, z"ankisch +und nerv"o{\s} geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, +wenn sie immer wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen +her war und abend{\s} m"ude und nach Fusel stinkend au{\s} +irgendwelcher Spelunke zu ihr nach Hau{\s} kam. Ihr Stolz hatte +sich zun"achst m"achtig geregt, aber schlie"slich schwieg sie, +w"urgte ihren Grimm in stummem Stoizi{\s}mu{\s} hinunter und +beherrschte sich bi{\s} zu ihrem letzten St"undlein. Sie war +unabl"assig t"atig und immer auf dem Posten. Sie war e{\s}, die zu +den Anw"alten und Beh"orden ging. Sie wu"ste, wenn Wechsel f"allig +waren; sie erwirkte ihre Verl"angerung. Sie machte alle +Hau{\s}arbeiten, n"ahte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und +f"uhrte die B"ucher, w"ahrend der Herr und Gebieter sich um +nicht{\s} k"ummerte, au{\s} seinem Zustande grie{\s}gr"amlicher +Schl"afrigkeit nicht herau{\s}kam und sich h"ochsten{\s} dazu +ermannte, seiner Frau garstige Dinge zu sagen. Meist hockte er am +Kamin, qualmte und spuckte ab und zu in die Asche. + +Al{\s} ein Kind zur Welt kam, mu"ste e{\s} einer Amme gegeben +werden; und al{\s} e{\s} wieder zu Hause war, wurde da{\s} +schw"achliche Gesch"opf grenzenlo{\s} verw"ohnt. Die Mutter +n"ahrte e{\s} mit Zuckerzeug. Der Vater lie"s e{\s} barfu"s +herumlaufen und meinte h"ochst weise obendrein, der Kleine k"onne +eigentlich ganz nackt gehen wie die Jungen der Tiere. Im Gegensatz +zu den Bestrebungen der Mutter hatte er sich ein bestimmte{\s} +m"annliche{\s} Erziehung{\s}ideal in den Kopf gesetzt, nach +welchem er seinen Sohn zu modeln sich M"uhe gab. Er sollte rauh +angefa"st werden wie ein junger Spartaner, damit er sich t"uchtig +abh"arte. Er mu"ste in einem ungeheizten Zimmer schlafen, einen +ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den "`kirchlichen +Klimbim"' schimpfen. Aber der Kleine war von friedfertiger Natur +und widerstrebte allen diesen Bem"uhungen. Die Mutter schleppte +ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm Pappfiguren au{\s} und +erz"ahlte ihm M"archen; sie unterhielt sich mit ihm in endlosen +Selbstgespr"achen, die von schwerm"utiger Fr"ohlichkeit und +wortreicher Z"artlichkeit "uberquollen. In ihrer Verlassenheit +pflanzte sie in da{\s} Herz ihre{\s} Jungen alle ihre eigenen +unerf"ullten und verlorenen Sehns"uchte. Im Traume sah sie ihn +erwachsen, hochangesehen, sch"on, klug, al{\s} Beamten beim +Stra"sen- und Br"uckenbau oder in einer Rat{\s}stellung. Sie +lehrte ihn Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, +da{\s} sie besa"s, da{\s} Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr +Mann, der von gelehrten Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu +alledem, e{\s} sei blo"s schade um die M"uhe; sie h"atten doch +niemal{\s} die Mittel, den Jungen auf eine h"ohere Schule zu +schicken oder ihm ein Amt oder ein Gesch"aft zu kaufen. Zu wa{\s} +auch? Dem Kecken geh"ore die Welt! Frau Bovary schwieg still, und +der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief mit den +Feldarbeitern hinau{\s}, scheuchte die Kr"ahen auf, schmauste +Beeren an den Rainen, h"utete mit einer Gerte die Truth"ahne und +durchstreifte Wald und Flur. Wenn e{\s} regnete, spielte er unter +dem Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen +best"urmte er den Kirchendiener, die Glocken l"auten zu d"urfen. +Dann h"angte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der +gro"sen Glocke und lie"s sich mit emporziehen. So wuch{\s} er auf +wie eine Lilie auf dem Felde, bekam kr"aftige Glieder und frische +Farben. + +Al{\s} er zw"olf Jahre alt geworden war, setzte e{\s} seine Mutter +durch, da"s er endlich etwa{\s} Gescheite{\s} lerne. Er bekam +Unterricht beim Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so +unregelm"a"sig, da"s sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden +statt, wenn der Geistliche einmal gar nicht{\s} ander{\s} zu tun +hatte, in der Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen +zwischen den Taufen und Begr"abnissen. Mitunter, wenn er keine +Lust hatte au{\s}zugehen, lie"s der Pfarrer seinen Sch"uler nach +dem Ave-Maria zu sich holen. Die beiden sa"sen dann oben im +St"ubchen. M"ucken und Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber +e{\s} war so warm drin, da"s der Junge schl"afrig wurde, und e{\s} +dauerte nicht lange, da schnarchte der biedere Pfarrer, die H"ande +"uber dem Schmerbauche gefaltet. E{\s} kam auch vor, da"s der +Seelensorger auf dem Heimwege von irgendeinem Kranken in der +Umgegend, dem er da{\s} Abendmahl gereicht hatte, den kleinen +Vagabunden im Freien erwischte; dann rief er ihn heran, hielt ihm +eine viertelst"undige Strafpredigt und benutzte die Gelegenheit, +ihn im Schatten eine{\s} Baume{\s} seine Lektion hersagen zu +lassen. Entweder war e{\s} der Regen, der den Unterricht st"orte, +oder irgendein Bekannter, der vor"uberging. "Ubrigen{\s} war der +Lehrer durchweg mit seinem Sch"uler zufrieden, ja er meinte sogar, +der "`junge Mann"' habe ein gar treffliche{\s} Ged"achtni{\s}. + +So konnte e{\s} nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und +ihr Mann gab widerstand{\s}lo{\s} nach, vielleicht weil er sich +selber sch"amte, wahrscheinlicher aber au{\s} Ohnmacht. Man wollte +nur noch ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden. + +Dar"uber hinau{\s} verstrich abermal{\s} ein halbe{\s} Jahr, dann +aber wurde Karl wirklich auf da{\s} Gymnasium nach Rouen +geschickt. Sein Vater brachte ihn selber hin. Da{\s} war Ende +Oktober. + +Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch +deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer +Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den +Arbeit{\s}stunden eifrig lernte, w"ahrend de{\s} Unterricht{\s} +aufmerksam dasa"s, im Schlafsaal vorschrift{\s}m"a"sig schlief und +bei den Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr au"serhalb +der Schule war ein Eisengro"sh"andler in der Handschuhmachergasse, +der aller vier Wochen einmal mit ihm au{\s}ging, an Sonntagen nach +Ladenschlu"s. Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die +Schiffe und brachte ihn abend{\s} um sieben Uhr vor dem Abendessen +wieder in da{\s} Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl +mit roter Tinte an seine Mutter einen langen Brief, den er immer +mit drei Oblaten zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in +seine Geschicht{\s}hefte, oder er la{\s} in einem alten Exemplar +von Barthelemy{\s} "`Reise de{\s} jungen Anacharsi{\s}"', da{\s} +im Arbeit{\s}saal herumlag. Bei Au{\s}fl"ugen plauderte er mit dem +Pedell, der ebenfall{\s} vom Lande war. + +Durch seinen Flei"s gelang e{\s} ihm, sich immer in der Mitte der +Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Prei{\s} in +der Naturkunde. Aber gegen Ende de{\s} dritten Schuljahre{\s} +nahmen ihn seine Eltern vom Gymnasium fort und lie"sen ihn Medizin +studieren. Sie waren der festen Zuversicht, da"s er sich bi{\s} +zum Staat{\s}examen schon durchw"urgen w"urde. + +Die Mutter mietete ihm ein St"ubchen, vier Stock hoch, nach der +Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eine{\s} F"arber{\s}, eine{\s} +alten Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen "uber die +Verpflegung ihre{\s} Sohne{\s}, besorgte ein paar M"obelst"ucke, +einen Tisch und zwei St"uhle, wozu sie von zu Hause noch eine +Bettstelle au{\s} Kirschbaumholz kommen lie"s. De{\s} weiteren +kaufte sie ein Kanonen"ofchen und einen kleinen Vorrat von Holz, +damit ihr armer Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach +reiste sie wieder heim, nachdem sie ihn tausend- und +abertausendmal ermahnt hatte, ja h"ubsch flei"sig und solid zu +bleiben, sintemal er nun ganz allein auf sich selbst angewiesen sei. + +Vor dem Verzeichni{\s} der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette +der medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten +Augen und Ohren. Er la{\s} da von anatomischen und pathologischen +Kursen, von Kollegien "uber Physiologie, Pharmazie, Chemie, +Botanik, Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von +praktischen "Ubungen usw. Alle diese vielen Namen, "uber deren +Herkunft er sich nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm +wie geheimni{\s}volle Pforten in da{\s} Heiligtum der +Wissenschaft. + +Er lernte gar nicht{\s}. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen +war, er begriff nicht{\s}. Um so mehr b"uffelte er. Er schrieb +flei"sig nach, vers"aumte kein Kolleg und fehlte in keiner "Ubung. +Er erf"ullte sein t"agliche{\s} Arbeit{\s}pensum wie ein Gaul im +Hippodrom, der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu +wissen, wa{\s} f"ur ein Gesch"aft er eigentlich verrichtet. + +Zu seiner pekuni"aren Unterst"utzung schickte ihm seine Mutter +all\-w"ochentlich durch den Botenmann ein St"uck Kalb{\s}braten. +Da{\s} war sein Fr"uh\-st"uck, wenn er au{\s} dem Krankenhause auf +einen Husch nach Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die +Zeit nicht, denn er mu"ste al{\s}bald wieder in ein Kolleg oder +zur Anatomie oder Klinik eilen, durch eine Unmenge von Stra"sen +hindurch. Abend{\s} nahm er an der kargen Hauptmahlzeit seiner +Wirt{\s}leute teil. Hinterher ging er hinauf in seine Stube und +setzte sich an seine Lehrb"ucher, oft in nassen Kleidern, die ihm +dann am Leibe bei der Rotglut de{\s} kleinen Ofen{\s} zu dampfen +begannen. + +An sch"onen Sommerabenden, wenn die schw"ulen Gassen leer wurden +und die Dienstm"adchen vor den Haust"uren Ball spielten, "offnete +er sein Fenster und sah hinau{\s}. Unten flo"s der Flu"s vor"uber, +der au{\s} diesem Viertel von Rouen ein h"a"sliche{\s} +Klein-Venedig machte. Seine gelben, violett und blau schimmernden +Wasser krochen tr"ag zu den Wehren und Br"ucken. Arbeiter kauerten +am Ufer und wuschen sich die Arme in der Flut. An Stangen, die +au{\s} Speichergiebeln lang hervorragten, trockneten B"undel von +Baumwolle in der Luft. Gegen"uber, hinter den D"achern, leuchtete +der weite klare Himmel mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich +mu"ste e{\s} da drau"sen im Freien sein! Und dort im Buchenwald +wie frisch! Karl holte tief Atem, um den k"ostlichen Duft der +Felder einzusaugen, der doch gar nicht bi{\s} zu ihm drang. + +Er magerte ab und sah sehr schm"achtig au{\s}. Sein Gesicht bekam +einen leidvollen Zug, der e{\s} beinahe interessant machte. Er +ward tr"age, wa{\s} gar nicht zu verwundern war, und seinen guten +Vors"atzen mehr und mehr untreu. Heute vers"aumte er die Klinik, +morgen ein Kolleg, und allm"ahlich fand er Genu"s am Faulenzen und +ging gar nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe +und ein passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer +schmutzigen Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen +auf einem Marmortische zu klappern, da{\s} d"unkte ihn der +h"ochste Grad von Freiheit zu sein, und da{\s} st"arkte ihm sein +Selbstbewu"stsein. E{\s} war ihm da{\s} so etwa{\s} wie der Anfang +eine{\s} weltm"annischen Leben{\s}, diese{\s} Kosten verbotener +Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine Hand mit geradezu +sinnlichem Vergn"ugen auf die T"urklinke. Eine Menge Dinge, die +bi{\s} dahin in ihm unterdr"uckt worden waren, gewannen nunmehr +Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer au{\s}wendig, die er +gelegentlich zum besten gab. B\'eranger, der Freiheit{\s}s"anger, +begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle brauen, und zu guter +Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen Vorbereitungen fiel er +im medizinischen Staat{\s}examen gl"anzend durch. + +Man erwartete ihn am n"amlichen Abend zu Hau{\s}, wo sein Erfolg +bei einem Schmau{\s} gefeiert werden sollte. Er machte sich zu +Fu"s auf den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort +lie"s er seine Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr +alle{\s}. Sie entschuldigte ihn, schob den Mi"serfolg der +Ungerechtigkeit der Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn +ein wenig auf, indem sie ihm versprach, die Sache in{\s} Lot zu +bringen. Erst volle f"unf Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die +Wahrheit. Da war die Geschichte verj"ahrt, und so f"ugte er sich +drein. "Ubrigen{\s} h"atte er e{\s} niemal{\s} zugegeben, da"s +sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei. + +Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich +hart\-n"ackigst auf eine nochmalige Pr"ufung vor. Alle{\s}, wa{\s} +er gefragt werden konnte, lernte er einfach au{\s}wendig. In der +Tat bestand er da{\s} Examen nunmehr mit einer ziemlich guten +Note. Seine Mutter erlebte einen Freudentag. E{\s} fand ein +gro"se{\s} Festmahl statt. + +Wo sollte er seine "arztliche Praxi{\s} nun au{\s}"uben? In +Toste{\s}. Dort gab e{\s} nur einen und zwar sehr alten Arzt. +Mutter Bovary wartete schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum +hatte der alte Herr da{\s} Zeitliche gesegnet, da lie"s sich Karl +Bovary auch bereit{\s} al{\s} sein Nachfolger daselbst nieder. + +Aber nicht genug, da"s die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin +studieren lassen und ihm eine Praxi{\s} au{\s}findig gemacht +hatte: nun mu"ste er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der +Witwe de{\s} Gericht{\s}vollzieher{\s} von Dieppe, die neben +f"unfundvierzig J"ahrlein zw"olfhundert Franken Rente ihr eigen +nannte. Obgleich sie h"a"slich war, d"urr wie eine Hopfenstange +und im Gesicht so viel Pickel wie ein Kirschbaum Bl"uten hatte, +fehlte e{\s} der Witwe Dubuc keine{\s}weg{\s} an Bewerbern. Um zu +ihrem Ziele zu gelangen, mu"ste Mutter Bovary erst alle diese +Nebenbuhler au{\s} dem Felde schlagen, wa{\s} sie sehr geschickt +fertig brachte. Sie triumphierte sogar "uber einen +Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit +unterst"utzt wurde. + +Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich +dadurch g"unstiger zu stellen. Er hoffte, pers"onlich wie +pekuni"ar unabh"angiger zu werden. Aber Heloise nahm die Z"ugel in +ihre H"ande. Sie drillte ihm ein, wa{\s} er vor den Leuten zu +sagen habe und wa{\s} nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er +durfte sich nur nach ihrem Geschmacke kleiden, und die Patienten, +die nicht bezahlten, mu"ste er auf ihren Befehl hin kujonieren. +Sie erbrach seine Briefe, "uberwachte jeden Schritt, den er tat, +und horchte an der T"ure, wenn weibliche Wesen in seiner +Sprechstunde waren. Jeden Morgen mu"ste sie ihre Schokolade haben, +und die R"ucksichten, die sie erheischte, nahmen kein Ende. +Unaufh"orlich klagte sie "uber Migr"ane, Brustschmerzen oder +Verdauung{\s}st"orungen. Wenn viel Leute durch den Hau{\s}flur +liefen, ging e{\s} ihr auf die Nerven. War Karl au{\s}w"art{\s}, +dann fand sie die Einsamkeit gr"a"slich; kehrte er heim, so war +e{\s} zweifello{\s} blo"s, weil er gedacht habe, sie liege im +Sterben. Wenn er nacht{\s} in da{\s} Schlafzimmer kam, streckte +sie ihm ihre mageren langen Arme au{\s} ihren Decken entgegen, +umschlang seinen Hal{\s} und zog ihn auf den Rand ihre{\s} +Bette{\s}. Und nun ging die Jeremiade lo{\s}. Er vernachl"assige +sie, er liebe eine andre! Man habe e{\s} ihr ja gleich gesagt, +diese Heirat sei ihr Ungl"uck. Schlie"slich bat sie ihn um einen +L"offel Arznei, damit sie gesund werde, und um ein bi"schen mehr +Liebe. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Einmal nacht{\s} gegen elf Uhr wurde da{\s} Ehepaar durch da{\s} +Getrappel eine{\s} Pferde{\s} geweckt, da{\s} gerade vor der +Haust"ure zum Stehen kam. Anastasia, da{\s} Dienstm"adchen, +klappte ihr Bodenfenster auf und verhandelte eine Weile mit einem +Manne, der unten auf der Stra"se stand. Er wolle den Arzt holen. +Er habe einen Brief an ihn. + +Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel +auf, einen und dann den andern. Der Bote lie"s sein Pferd stehen, +folgte dem M"adchen und betrat ohne weitere{\s} da{\s} +Schlafgemach. Er entnahm seinem wollnen K"appi, an dem eine graue +Troddel hing, einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, +und "uberreicht ihn dem Arzt mit h"oflicher Geb"arde. Der richtete +sich im Bett auf, um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht +daneben und hielt den Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich +versch"amt der Wand zu und zeigte den R"ucken. + +In dem Briefe, den ein niedliche{\s} blaue{\s} Siegel verschlo"s, +wurde Herr Bovary dringend gebeten, unverz"uglich nach dem +Pachtgut Le{\s} Bertaux zu kommen, ein gebrochene{\s} Bein zu +behandeln. Nun braucht man von Toste{\s} "uber Longueville und +Sankt Victor bi{\s} Bertaux zu Fu"s sech{\s} gute Stunden. Die +Nacht war stockfinster. Frau Bovary sprach die Bef"urchtung +au{\s}, e{\s} k"onne ihrem Manne etwa{\s} zusto"sen. Infolgedessen +ward beschlossen, da"s der Stallknecht vorau{\s}reiten, Karl aber +erst drei Stunden sp"ater, nach Mondaufgang, folgen solle. Man +w"urde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den Weg zum Gute +zeige und ihm den Hof aufschl"osse. + +Fr"uh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel +geh"ullt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen +"uberlie"s er sich dem Zotteltrab seine{\s} Gaule{\s}. Wenn dieser +von selber vor irgendeinem im Wege liegenden Hinderni{\s} zum +Halten parierte, wurde der Reiter jede{\s}mal wach, erinnerte sich +de{\s} gebrochnen Beine{\s} und begann in seinem Ged"achtnisse +alle{\s} au{\s}zukramen, wa{\s} er von Knochenbr"uchen wu"ste. + +Der Regen h"orte auf. E{\s} d"ammerte. Auf den laublosen "Asten +der Apfelb"aume hockten regung{\s}lose V"ogel, da{\s} Gefieder ob +de{\s} k"uhlen Morgenwinde{\s} gestr"aubt. So weit da{\s} Auge +sah, dehnte sich flache{\s} Land. Auf dieser endlosen grauen +Fl"ache hoben sich hie und da in gro"sen Zwischenr"aumen +tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte mit de{\s} Himmel{\s} +tr"uben Farben zusammenflossen; da{\s} waren Baumgruppen um G"uter +und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit ri"s Karl seine Augen auf, +bi{\s} ihn die M"udigkeit von neuem "uberw"altigte und der Schlaf +von selber wiederkam. Er geriet in einen traumartigen Zustand, in +dem sich frische Empfindungen mit alten Erinnerungen paarten, so +da"s er ein Doppelleben f"uhrte. Er war noch Student und +gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im n"amlichen Moment glaubte +er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch den +Operation{\s}saal zu schreiten. Der Geruch von hei"sen Umschl"agen +mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte de{\s} +Morgentau{\s}. Dazu h"orte er, wie die Messingringe an den Stangen +der Bettvorh"ange klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete~... + +Al{\s} er durch da{\s} Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen +Jungen, der am Rande de{\s} Stra"sengraben{\s} im Grase sa"s. + +"`Sind Sie der Herr Doktor?"' + +Al{\s} Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine +Holzpantoffeln in die H"ande und begann vor dem Pferde +herzurennen. Unterweg{\s} h"orte Bovary au{\s} den Reden seine{\s} +F"uhrer{\s} herau{\s}, da"s Herr Rouault, der Patient, der ihn +erwartete, einer der wohlhabendsten Landwirte sei. Er hatte sich +am vergangenen Abend auf dem Heimwege von einem Nachbar, wo man +da{\s} Dreik"onig{\s}fest gefeiert hatte, ein Bein gebrochen. +Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz allein mit +"`dem gn"adigen Fr"aulein"', da{\s} ihm den Hau{\s}halt f"uhrte. + +Die Radfurchen wurden tiefer. Man n"aherte sich dem Gute. +Pl"otzlich verschwand der Junge in der L"ucke einer Gartenhecke, +um hinter der Mauer eine{\s} Vorhofe{\s} wieder aufzutauchen, wo +er ein gro"se{\s} Tor "offnete. Da{\s} Pferd trat in nasse{\s} +rutschige{\s} Gra{\s}, und Karl mu"ste sich ducken, um nicht vom +Baumgezweig au{\s} dem Sattel gerissen zu werden. Hofhunde fuhren +au{\s} ihren H"utten, schlugen an und rasselten an den Ketten. +Al{\s} der Arzt in den eigentlichen Gut{\s}hof einritt, scheute +der Gaul und machte einen gro"sen Satz zur Seite. + +Da{\s} Pachtgut Bertaux war ein ansehnliche{\s} Besitztum. Durch +die offenstehenden T"uren konnte man in die St"alle blicken, wo +kr"aftige Ackerg"aule gem"achlich au{\s} blanken Raufen ihr Heu +kauten. L"ang{\s} der Wirtschaft{\s}geb"aude zog sich ein +dampfender Misthaufen hin. Unter den H"uhnern und Truth"ahnen +machten sich f"unf bi{\s} sech{\s} Pfauen mausig, der Stolz der +G"uter jener Gegend. Der Schafstall war lang, die Scheune hoch und +ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen zwei gro"se +Leiterwagen und vier Pfl"uge, dazu die n"otigen Pferdegeschirre, +Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilach{\s} au{\s} Schafwolle +hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornb"oden +heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwa{\s} +anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe B"aume bepflanzt. +Vom T"umpel her erscholl da{\s} fr"ohliche Geschnatter der G"anse. + +An der Schwelle de{\s} Hause{\s} erschien ein junge{\s} +Frauenzimmer in einem mit drei Volant{\s} besetzten blauen +Merinokleide und begr"u"ste den Arzt. Er wurde nach der K"uche +gef"uhrt, wo ein t"uchtige{\s} Feuer brannte. Auf dem Herde kochte +in kleinen T"opfen von verschiedener Form da{\s} Fr"uhst"uck +de{\s} Gesinde{\s}. Oben im Rauchfang hingen na"sgewordene +Kleidung{\s}st"ucke zum Trocknen. Kohlenschaufel, Feuerzange und +Blasebalg, alle miteinander von riesiger Gr"o"se, funkelten wie +von blankem Stahl, w"ahrend l"ang{\s} der W"ande eine Unmenge +K"uchenger"at hing, "uber dem die helle Herdflamme um die Wette +mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden +Morgensonne spielte und glitzerte. + +Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen. +Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine +Nachtm"utze hatte er in die Stube geschleudert. E{\s} war ein +st"ammiger kleiner Mann, ein F"unfziger, mit wei"sem Haar, blauen +Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem +Stuhle stand eine gro"se Karaffe voll Branntwein, au{\s} der er +sich von Zeit zu Zeit ein Gl"a{\s}chen einschenkte, um "`Mumm in +die Knochen zu kriegen"'. Angesicht{\s} de{\s} Arzte{\s} legte +sich seine Erregung. Statt zu fluchen und zu wettern -- wa{\s} er +seit zw"olf Stunden getan hatte -- fing er nunmehr an zu "achzen +und zu st"ohnen. + +Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl h"atte sich +einen leichteren Fall nicht zu w"unschen gewagt. Al{\s}bald +erinnerte er sich der Al"l"uren, die seine Lehrmeister an den +Krankenlagern zur Schau getragen harten, und spendete dem +Patienten ein reichliche{\s} Ma"s der "ublichen guten Worte, +jene{\s} Chirurgenbalsam{\s}, der an da{\s} "Ol gemahnt, mit dem +die Seziermesser eingefettet werden. Er lie"s sich au{\s} dem +Holzschuppen ein paar Latten holen, um Holz zu Schienen zu +bekommen. Von den gebrachten St"ucken w"ahlte er ein{\s} au{\s}, +schnitt die Schienen darau{\s} zurecht und gl"attete sie mit einer +Gla{\s}scherbe. W"ahrenddem stellte die Magd Leinwandbinden her, +und Fr"aulein Emma, die Tochter de{\s} Hause{\s}, versuchte +Polster anzufertigen. Al{\s} sie ihren N"ahkasten nicht gleich +fand, polterte der Vater lo{\s}. Sie sagte kein Wort. Aber beim +N"ahen stach sie sich in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog +da{\s} Blut au{\s}. + +Karl war erstaunt, wa{\s} f"ur blendendwei"se N"agel sie hatte. +Sie waren mandelf"ormig geschnitten und sorglich gepflegt, und so +schimmerten sie wie da{\s} feinste Elfenbein. Ihre H"ande freilich +waren nicht gerade sch"on, vielleicht nicht wei"s genug und ein +wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank, +nicht besonder{\s} weich und in ihren Linien ungrazi"o{\s}. Wa{\s} +jedoch sch"on an ihr war, da{\s} waren ihre Augen. Sie waren +braun, aber im Schatten der Wimpern sahen sie schwarz au{\s}, und +ihr offener Blick traf die Menschen mit der K"uhnheit der +Unschuld. + +Al{\s} der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich +"`einen Bissen zu essen"', ehe er wieder aufbr"ache. Karl ward in +da{\s} E"szimmer gef"uhrt, da{\s} zu ebener Erde lag. Auf einem +kleinen Tische war f"ur zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken +blinkten silberne Becher. Au{\s} dem gro"sen Eichenschranke, +gegen"uber dem Fenster, str"omte Geruch von Iri{\s} und feuchtem +Leinen. In einer Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere +S"acke mit Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen +Platz gefunden, zu der drei Steinstufen hinauff"uhrten. In der +Mitte der Wand, deren gr"uner Anstrich sich stellenweise +abbl"atterte, hing in einem vergoldeten Rahmen eine +Bleistift\/zeichnung: der Kopf einer Minerva. In schn"orkeliger +Schrift stand darunter geschrieben. "`Meinem lieben Vater!"' + +Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken +Frost, von den W"olfen, die nacht{\s} die Umgegend unsicher +machen. Fr"aulein Rouault schw"armte gar nicht besonder{\s} von +dem Leben auf dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der +Gut{\s}wirtschaft fast allein auf ihr ruhe. Da e{\s} im Zimmer +kalt war, fr"ostelte sie w"ahrend der ganzen Mahlzeit. Beim Essen +fielen ihre vollen Lippen etwa{\s} auf. Wenn da{\s} Gespr"ach +stockte, pflegte sie mit den Oberz"ahnen auf die Unterlippe zu +bei"sen. + +Ihr Hal{\s} wuch{\s} au{\s} einem wei"sen Umlegekragen herau{\s}. +Ihr schwarze{\s}, hinten zu einem reichen Knoten vereinte{\s} Haar +war in der Mitte gescheitelt; beide H"alften lagen so glatt auf +dem Kopfe, da"s sie wie zwei Fl"ugel au{\s} je einem St"ucke +au{\s}sahen und kaum die Ohrl"appchen blicken lie"sen. "Uber den +Schl"afen war da{\s} Haar gewellt, wa{\s} der Landarzt noch nie in +seinem Leben gesehen hatte. Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei +Kn"opfen ihrer Taille lugte -- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon +au{\s} Schildpatt hervor. + +Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte, +trat er nochmal{\s} in da{\s} E"szimmer. Er fand Emma am Fenster +stehend, die Stirn an die Scheiben gedr"uckt. Sie schaute in den +Garten hinau{\s}, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. +Sich umwendend, fragte sie: + +"`Suchen Sie etwa{\s}?"' + +"`Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!"' + +Er fing an zu suchen, hinter den T"uren und unter den St"uhlen. +Der Stock war auf den Fu"sboden gefallen, gerade zwischen die +S"acke und die Wand. Emma entdeckte ihn. Al{\s} sie sich "uber die +S"acke beugte, wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen +Arm in der n"amlichen Absicht wie sie au{\s}streckte, ber"uhrte +seine Brust den geb"uckten R"ucken de{\s} jungen M"adchen{\s}. Sie +f"uhlten e{\s} beide. Emma fuhr rasch in die H"ohe. Ganz rot +geworden, sah sie ihn "uber die Schulter weg an, indem sie ihm +seinen Reitstock reichte. + +Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt +dessen war er bereit{\s} am n"achsten Tag zur Stelle, und von da +ab kam er regelm"a"sig zweimal in der Woche, ungerechnet die +gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er +"`zuf"allig in der Gegend"' war. "Ubrigen{\s} ging alle{\s} +vorz"uglich; die Heilung verlief regelrecht, und al{\s} man nach +sech{\s} und einer halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in +Hau{\s} und Hof herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen +Gegend den Ruf einer Kapazit"at erworben. Der alte Herr meinte, +besser h"atten ihn die ersten "Arzte von Yvetot oder selbst von +Rouen auch nicht kurieren k"onnen. + +Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern +nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch dar"uber +nachgesonnen h"atte, so w"urde er den Beweggrund seine{\s} +Eifer{\s} zweifello{\s} in die Wichtigkeit de{\s} Falle{\s} oder +vielleicht in da{\s} in Au{\s}sicht stehende hohe Honorar gelegt +haben. Waren die{\s} aber wirklich die Gr"unde, die ihm seine +Besuche de{\s} Pachthofe{\s} zu k"ostlichen Abwechselungen in dem +armseligen Einerlei seine{\s} t"atigen Leben{\s} machten? An +solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt im Galopp ab und lie"s den +Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem kommen. Kurz vor seinem +Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich die Stiefel mit Gra{\s} +zu reinigen; dann zog er sich die braunen Reithandschuhe an, und +so ritt er kreuzvergn"ugt in den Gut{\s}hof ein. E{\s} war ihm ein +Wonnegef"uhl, mit der Schulter gegen den nachgebenden Fl"ugel +de{\s} Hoftore{\s} anzureiten, den Hahn auf der Mauer kr"ahen zu +h"oren und sich von der Dorfjugend umringt zu sehen. Er liebte die +Scheune und die St"alle; er liebte den Papa Rouault, der ihm so +treuherzig die Hand sch"uttelte und ihn seinen Leben{\s}retter +nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln de{\s} +Gut{\s}fr"aulein{\s}, die auf den immer sauber gescheuerten +Fliesen der K"uche so allerliebst schl"urften und klapperten. In +diesen Schuhen sah Emma viel gr"o"ser au{\s} denn sonst. Wenn Karl +wieder ging, gab sie ihm jede{\s}mal da{\s} Geleit bi{\s} zur +ersten Stufe der Freitreppe. War sein Pferd noch nicht +vorgef"uhrt, dann wartete sie mit. Sie hatten schon Abschied +voneinander genommen, und so sprachen sie nicht mehr. Wenn e{\s} +sehr windig war, kam ihr flaumige{\s} Haar im Nacken in wehenden +Wirrwarr, oder die Sch"urzenb"ander begannen ihr um die H"uften zu +flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der B"aume rann +Wasser in den Hof hinab, und auf den D"achern der Geb"aude schmolz +aller Schnee. Emma war bereit{\s} auf der Schwelle, da ging sie +wieder in{\s} Hau{\s}, holte ihren Sonnenschirm und spannte ihn +auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue Seide +und tupften tanzende Reflexe auf die wei"se Haut ihre{\s} +Gesicht{\s}. Da{\s} gab ein so warme{\s} und wohlige{\s} Gef"uhl, +da"s Emma l"achelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf da{\s} +Schirmdach, laut vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer~... + +Im Anfang hatte Frau Bovary h"aufig nach Herrn Rouault und seiner +Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, f"ur ihn in +ihrer doppelten Buchf"uhrung ein besondre{\s} Konto einzurichten. +Al{\s} sie aber vernahm, da"s er eine Tochter hatte, zog sie +n"ahere Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, da"s Fr"aulein +Rouault im Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, +sozusagen also "`eine feine Erziehung genossen"' hatte, da"s sie +infolgedessen Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, +Sticken und Klavierspielen haben mu"ste. Da{\s} ging ihr "uber die +Hutschnur, wie man zu sagen pflegt. + +"`Also darum!"' sagte sie sich. "`Darum also lacht ihm da{\s} +ganze Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue +Weste an, gleichg"ultig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh +diese{\s} Weib, diese{\s} Weib!"' + +Instinktiv ha"ste sie Emma. Zuerst tat sie sich eine G"ute in +allerhand Anspielungen. Karl verstand da{\s} nicht. Darauf +versuchte sie e{\s} mit anz"uglichen Bemerkungen, die er au{\s} +Angst vor einer h"au{\s}lichen Szene "uber sich ergehen lie"s. +Schlie"slich aber ging sie im Sturm vor. Karl wu"ste nicht, wa{\s} +er sagen sollte. We{\s}halb renne er denn ewig nach Bertaux, wo +doch der Alte l"angst geheilt sei, wenn die Rasselbande auch noch +nicht berappt habe? Na freilich, weil e{\s} da "`eine Person"' +g"abe, die fein zu schwatzen verst"unde, ein Weib{\s}bild, da{\s} +sticken k"onne und weiter nicht{\s}, ein Blaustrumpf! In die sei +er verschossen! Ein Stadtd"amchen, da{\s} sei ihm ein +gefundene{\s} Fressen. + +"`Bl"odsinn!"' polterte sie weiter. "`Die Tochter de{\s} alten +Rouault, die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Gro"svater hat noch +die Schafe geh"utet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den +Staat{\s}anwalt gekommen, weil er bei einem Streite jemanden +halbtot gedroschen hat! So wa{\s} hat gar keinen Anla"s, sich +wa{\s} Besonder{\s} einzubilden und Sonntag{\s} aufgedonnert in +die Kirche zu schw"anzeln, in seidnen Kleidern wie eine +Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder! Wenn im vergangenen +Jahre die Rap{\s}ernte nicht so unversch"amt gut au{\s}gefallen +w"are, h"atte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen +k"onnen!"' + +Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux +ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tr"anen und K"ussen +und unter tausend Z"artlichkeiten auf ihr Me"sbuch schw"oren +lassen, nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner +heimlichen Sehnsucht war er k"uhner; da war er emp"ort "uber seine +tats"achliche eigne Feigheit. Und in naivem Machiavelli{\s}mu{\s} +sagte er sich, gerade ob diese{\s} Verbot{\s} habe er ein Recht +auf seine Liebe. Wa{\s} war die ehemalige Witwe auch f"ur ein +Weib: sie war spindeld"urr und hatte h"a"sliche Z"ahne; Sommer wie +Winter trug sie denselben schwarzen Schal mit dem "uber den +R"ucken herabh"angenden langen Zipfel; ihre steife Figur stak in +den immer zu kurzen Kleidern wie in einem Futteral, und wa{\s} +f"ur plumpe Schuhe trug sie "uber ihren grauen Str"umpfen. + +Karl{\s} Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde e{\s} +noch schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Da{\s} +viele Essen bek"ame ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer +gleich ein Gla{\s} Wein vorsetze? Und e{\s} sei blo"s +Dickk"opfigkeit von ihm, keine Flanellw"asche zu tragen. + +Zu Beginn de{\s} Fr"uhling{\s} begab e{\s} sich, da"s der +Verm"ogen{\s}verwalter der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in +Ingouville, samt allen ihm anvertrauten Geldern "uber{\s} Meer +da{\s} Weite suchte. Nun besa"s sie allerding{\s} au"serdem einen +Schiff{\s}anteil in der H"ohe von sechstausend Franken und ein +Hau{\s} in Dieppe. Aber von allen diesen vielgepriesenen +Besitzt"umern hatte man nie etwa{\s} Ordentliche{\s} zu sehen +bekommen. Die Witwe hatte nicht{\s} mit in die Ehe gebracht al{\s} +ein paar M"obel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache +auf den Grund, und da stellte sich denn herau{\s}, da"s +besagte{\s} Hau{\s} bi{\s} an die Feueresse mit Hypotheken +belastet, da"s kein Mensch wu"ste, wieviel Geld wirklich mit dem +Notar zum Teufel gegangen, und da"s die Schiff{\s}hypothek keine +tausend Taler wert war. Folglich hatte die liebe Frau Heloise +geflunkert. In seinem Zorn warf der alte Bovary einen Stuhl gegen +die Wand, da"s er in tausend St"ucke ging, und machte seiner Frau +den Vorwurf, sie habe den Jungen in da{\s} Ungl"uck gest"urzt und +ihn mit einer alten Kracke eingespannt, die de{\s} Futter{\s} +nicht einmal mehr wert sei. + +Sie fuhren nach Toste{\s}. E{\s} kam zu einer Au{\s}einandersetzung +und zu heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme +ihre{\s} Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegen"uber in +Schutz zu nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. +Aber da{\s} nahmen ihm die Alten "ubel. Sie reisten ab. + +Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage +darnach, al{\s} sie dabei war, W"asche im Hofe aufzuh"angen, bekam +sie einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot. + +Al{\s} Karl vom Friedhofe zur"uckkam, fand er im Erdgescho"s +keinen Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in da{\s} +Schlafzimmer trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisen{\s}, +der am Bette hing. Er lehnte sich gegen da{\s} Schreibpult und +blieb da hocken, bi{\s} e{\s} dunkel wurde, in schmerzliche +Tr"aumereien versunken. Alle{\s} in allem hatte sie ihn doch +geliebt~... + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine{\s} Vormittag{\s} erschien Vater Rouault und brachte da{\s} +Honorar f"ur den behandelten Beinbruch: f"unfundsiebzig Franken in +blanken Talern und eine Truthenne. Er hatte Karl{\s} Ungl"uck +erfahren und tr"ostete ihn, so gut er konnte. + +"`Ich wei"s, wie einem da zumute ist!"' sagte er, indem er dem +Witwer auf die Schulter klopfte. "`Hab{\s} ja selber mal +durchgemacht, ganz so wie Sie! Al{\s} ich meine Selige begraben +hatte, da lief ich hinau{\s} in{\s} Freie, um allein f"ur mich zu +sein. Ich warf mich im Walde hin und weinte mich au{\s}. Fing an, +mit dem lieben Gott zu hadern, und machte ihm die d"ummsten +Vorw"urfe. An einem Aste sah ich einen verreckten Maulwurf +h"angen, dem der Bauch von W"urmern wimmelte. Ich beneidete den +Kadaver! Und wenn ich daran dachte, da"s im selben Augenblicke +andre M"anner mit ihren netten kleinen Frauen zusammen waren und +sie an sich dr"uckten, schlug ich mit meinem Stocke wild um mich. +E{\s} war sozusagen nicht mehr ganz richtig mit mir. Ich a"s nicht +mehr. Der blo"se Gedanke, in ein Kaffeehau{\s} zu gehn, ekelte +mich an. Glauben Sie mir da{\s}! Na, und so nach und nach im Gang +der Zeiten, wie so der Fr"uhling dem Winter und der Herbst dem +Sommer folgte, da ging{\s} ein{\s}, zwei, drei, und weg war der +Jammer! Weg! Hinunter! Da{\s} ist da{\s} richtige Wort: hinunter! +Denn ganz kriegt man ja so wa{\s} im ganzen Leben nicht lo{\s}. Da +tief drinnen in der Brust bleibt immer wa{\s} stecken. Aber Luft +kriegt man wieder! Sehen Sie, da{\s} ist nun einmal unser aller +Schicksal, und de{\s}halb darf man nicht gleich die Flinte in{\s} +Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben +sind. Auch Sie m"ussen sich aufrappeln, Herr Bovary! E{\s} geht +alle{\s} vor"uber! Besuchen Sie un{\s}! Sie wissen ja, meine Emma +denkt oft an Sie. Sie h"atten un{\s} vergessen, meint sie. E{\s} +wird nun Fr"uhling. Zerstreuen Sie sich ein bi"schen bei un{\s}. +Schie"sen Sie ein paar Karnickel auf meinem Revier!"' + +Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da +alle{\s} wie einst, da{\s} hei"st wie vor f"unf Monaten. Die +Birnb"aume hatten schon Bl"uten, und der treffliche Vater Rouault +war wieder mord{\s}gesund und von fr"uh bi{\s} abend auf den +Beinen. Und im ganzen Gut war m"achtiger Betrieb. + +E{\s} war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten +R"ucksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sich{\s} so +bequem wie nur m"oglich zu machen, sprach im Fl"ustertone mit ihm +wie mit einem Genesenden, und er war sichtlich au"ser sich, wenn +man de{\s} Gaste{\s} wegen nicht, wie befohlen, die +leichtverdaulichsten Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel +feine Eierspeisen oder ged"unstete Birnen. Er erz"ahlte Anekdoten +und Abenteuer. Zu seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir +einem Male erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. +Der Kaffee ward gebracht, und da verga"s er sie wieder. + +Je mehr er sich an sein Witwertum gew"ohnte, um so weniger +gedachte er der Verstorbenen. Da{\s} angenehme, ihm neue +Bewu"stsein, unabh"angig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald +ertr"aglicher. Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber +bestimmen, konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft dar"uber +geben zu m"ussen, und wenn er m"ude war, alle vier von sich +strecken und sich in seinem Bette breit machen. Er hegte und +pflegte sich und lie"s alle Tr"ostungen "uber sich ergehen. +"Ubrigen{\s} hatte der Tod seiner Frau keine ung"unstige Wirkung +auf seinen Beruf al{\s} Arzt. Indem man wochenlang in einem fort +sagte: "`Der arme Doktor. Wie traurig!"' blieb sein Name im Munde +der Leute. Seine Praxi{\s} vergr"o"serte sich. Und dann konnte er +nun nach Bertaux reiten, wann e{\s} ihm beliebte. Eine +unbestimmbare Sehnsucht wuch{\s} in ihm auf, ein namenlose{\s} +Gl"uck{\s}gef"uhl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich +den Bart strich, fand er sich gar nicht "ubel. + +Eine{\s} sch"onen Tage{\s} kam er nachmittag{\s} gegen drei Uhr im +Gute angeritten. Alle{\s} war drau"sen auf dem Felde. Er betrat +die K"uche. Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zun"achst +nicht. Die Fensterl"aden waren geschlossen. Durch die Ritzen +de{\s} Holze{\s} stachen die Sonnenstrahlen mit langen d"unnen +Nadeln auf die Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der +M"obel ent\/zwei und wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem +K"uchentische krabbelten Fliegen an den Gl"asern hinauf, purzelten +summend in die Apfelweinneigen und ertranken. Da{\s} Sonnenlicht, +da{\s} durch den Kamin eindrang, verwandelte die ru"sige +Herdplatte in eine Samtfl"ache und f"arbte den Aschehaufen blau. +Emma sa"s zwischen dem Fenster und dem Herd und n"ahte. Sie hatte +kein Hal{\s}tuch um, und auf ihren entbl"o"sten Schultern +gl"anzten kleine Schwei"sperlen. + +Nach l"andlichem Brauch bot sie dem Ank"ommling einen Trunk an. +Al{\s} er ihn au{\s}schlug, n"otigte sie ihn, und schlie"slich bat +sie ihn lachend, ein Gl"a{\s}chen Lik"or mit ihr zu trinken. Sie +holte au{\s} dem Schranke eine Flasche Cura\c{c}ao, suchte zwei +Gl"aser herau{\s}, f"ullte da{\s} eine bi{\s} zum Rande und go"s +in da{\s} andre ein paar Tropfen. Sie stie"s mit Karl an und +f"uhrte dann ihr Gla{\s} zum Munde. Da soviel wie nicht{\s} drin +war, mu"ste sie sich beim Trinken zur"uckbiegen. Den Kopf nach +hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hal{\s} gestrafft, so +stand sie da und lachte dar"uber, da"s ihr nicht{\s} auf die Zunge +lief, obgleich diese mit der Spitze au{\s} den feinen Z"ahnen +herau{\s}spazierte und bi{\s} an den Boden de{\s} Glase{\s} +mehreremal{\s} suchend vorstie"s. + +Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit +zu widmen. Ein wei"ser baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit +gesenkter Stirn sa"s sie da. Sie sagte nicht{\s} und Karl erst +recht nicht{\s}. Der Luft\/zug, der sich zwischen T"ur und Schwelle +eindr"angte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl +sah diesem Tanze der Atome zu. Dabei h"orte er nicht{\s} al{\s} +da{\s} H"ammern seine{\s} Blute{\s} im eignen Hirne und au{\s} der +Ferne da{\s} Gackern einer Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei +gelegt hatte. Hin und wieder hielt Emma die Handfl"achen ihrer +H"ande auf den kalten Knauf der Herdstange und pre"ste sie dann an +ihre Wangen, um diese zu k"uhlen. + +Sie klagte "uber die Schwindelanf"alle, von denen sie seit +Fr"uhjahr{\s}anfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl +Seeb"ader dienlich w"aren. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt +im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in +ein Gespr"ach. Sie f"uhrte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre +Notenhefte von damal{\s} und die niedlichen B"ucher, die sie +al{\s} Schulpr"amien bekommen hatte, und die Eichenlaubkr"anze, +die im untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erz"ahlte +sie von ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im +Garten da{\s} Beet, wo die Blumen w"uchsen, die sie der Toten +jeden ersten Freitag im Monat hintrug. Der G"artner, den sie +hatten, verst"unde nicht{\s}. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr +Wunsch w"are e{\s}, wenigsten{\s} w"ahrend der Wintermonate in der +Stadt zu wohnen. Dann aber meinte sie wieder, an den langen +Sommertagen sei da{\s} Leben auf dem Lande noch langweiliger. Und +je nachdem, wa{\s} sie sagte, klang ihre Stimme hell oder scharf; +oder sie nahm pl"otzlich einen matten Ton an, und wenn sie wie mit +sich selbst plauderte, ward sie wieder ganz ander{\s}, wie +fl"usternd und murmelnd. Bald war Emma lustig und hatte gro"se +unschuldige Augen, dann wieder schlossen sich ihre Lider zur +H"alfte, und ihr schimmernder Blick sah teilnahm{\s}lo{\s} und +traumverloren au{\s}. + +Abend{\s} auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alle{\s}, wa{\s} +sie geredet hatte, bi{\s} in{\s} einzelne, und versuchte den +vollen Sinn ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine +Vorstellung von der Existenz schaffen, die Emma gef"uhrt, ehe er +sie kennen gelernt hatte. Aber e{\s} gelang ihm nicht, sie in +seinen Gedanken ander{\s} zu erschauen al{\s} so, wie sie +au{\s}gesehen hatte, al{\s} er sie zum ersten Male erblickt, oder +so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte. Dann fragte er sich, +wie e{\s} wohl w"urde, wenn sie sich verheiratete, aber mit wem? +Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so reich und sie ... so sch"on! + +Und immer wieder sah er Emma{\s} Gesicht vor seinen geistigen +Augen, und eine Art eint"onige Melodie summte ihm durch die Ohren +wie da{\s} Surren eine{\s} Kreisel{\s}: "`Emma, wenn du dich +verheiratetest! Wenn du dich nun verheiratetest!"' In der Nacht +konnte er keinen Schlaf finden. Die Kehle war ihm wie +zugeschn"urt. Er versp"urte Durst, stand auf, trank ein Gla{\s} +Wasser und machte da{\s} Fenster auf. Der Himmel stand voller +Sterne. Der laue Nachtwind strich in da{\s} Zimmer. Fern bellten +Hunde. Er wandte den Blick in die R"otung nach Bertaux. + +Endlich kam er auf den Gedanken, da"s e{\s} den Hal{\s} nicht +kosten k"onne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten +Gelegenheit um Emma{\s} Hand zu bitten. Aber sooft sich diese +Gelegenheit bot, wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte +nicht "uber die Lippen. Vater Rouault h"atte l"angst nicht{\s} +dagegen gehabt, wenn ihm jemand seine Tochter geholt h"atte. Im +Grunde n"utzte sie ihm in Hau{\s} und Hof nicht viel. Er machte +ihr keinen Vorwurf darau{\s}: sie war eben f"ur die Landwirtschaft +zu geweckt. "`Ein gottverdammte{\s} Gewerbe!"' pflegte er zu +schimpfen. "`Da{\s} hat auch noch keinen zum Million"ar gemacht!"' +Ihm hatte e{\s} in der Tat keine Reicht"umer gebracht; im +Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch auf den +M"arkten zu seinem Stolz al{\s} gerissener Kerl bekannt war, so +war er eigentlich doch f"ur Ackerbau und Viehzucht durchau{\s} +nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht +gern die H"ande au{\s} den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe +war er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen +warmen Ofen und au{\s}giebigen Schlaf. Ein gute{\s} Gla{\s} +Landwein, ein halb durchgebratene{\s} Hammelkotelett und ein +T"a"schen Mokka mit Kognak geh"orten zu den Idealen seine{\s} +Leben{\s}. Er nahm seine Mahlzeiten in der K"uche ein und zwar +allein f"ur sich, in der N"ahe de{\s} Herdfeuer{\s} an einem +kleinen Tische, der ihm -- wie auf der B"uhne -- fix und fertig +gedeckt hereingebracht werden mu"ste. + +Al{\s} er die Entdeckung machte, da"s Karl einen roten Kopf bekam, +wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, da"s fr"uher oder +sp"ater ein Heirat{\s}antrag zu erwarten war. Alsobald "uberlegte +er sich die Geschichte. Besonder{\s} schneidig sah ja Karl Bovary +nicht gerade au{\s}, und Rouault hatte sich ehedem seinen +k"unftigen Schwiegersohn ein bi"schen ander{\s} gedacht, aber er +war doch al{\s} anst"andiger Kerl bekannt, sparsam und t"uchtig in +seinem Berufe. Und zweifello{\s} w"urde er wegen der Mitgift nicht +lange feilschen. Vater Rouault hatte gerade eine Menge gro"ser +Au{\s}gaben. Um allerlei Handwerker zu bezahlen, sah er sich +gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem Grund und Boden zu +verkaufen. Die Kelter mu"ste auch erneuert werden. Und so sagte er +sich: "`Wenn er um Emma anh"alt, soll er sie kriegen!"' + +Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag +und Stunde auf Stunde, ohne da"s Karl{\s} Wille zur Tat ward. +Rouault gab ihm ein kleine{\s} St"uck Weg{\s} da{\s} Geleite; am +Ende de{\s} Hohlweg{\s} vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem +Gaste zu verabschieden. Da{\s} war also der Moment! Karl nahm sich +noch Zeit bi{\s} zuallerletzt. Erst al{\s} die Hecke hinter ihnen +lag, stotterte er lo{\s}: + +"`Verehrter Herr Rouault, ich m"ochte Ihnen gern etwa{\s} sagen!"' + +Weiter brachte er nicht{\s} herau{\s}. Die beiden M"anner blieben +stehen. + +"`Na, rau{\s} mit der Sprache! Ich kann mir{\s} schon denken!"' +Rouault lachte gem"utlich. + +"`Vater Rouault! Vater Rouault!"' stammelte Karl. + +"`Meinen Segen sollen Sie haben!"' fuhr der Gut{\s}p"achter fort. +"`Meine Kleine denkt gewi"s nicht ander{\s} al{\s} ich, aber +gefragt werden mu"s sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde +sie gleich mal in{\s} Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- +wohlverstanden! -- brauchen Sie jedoch nicht umzukehren. Wegen der +Leute nicht, und auch weil sie sich erst ein bi"schen beruhigen +soll. Damit Sie aber nicht zu lange Blut schwitzen, will ich Ihnen +ein Zeichen geben: ich werde einen Fensterladen gegen die Mauer +klappen lassen. Wenn Sie da oben "uber die Hecke gucken, k"onnen +Sie da{\s} ungesehen beobachten!"' + +Damit ging er. + +Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die B"oschung +hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand. +Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ... +Da gab e{\s} mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der +Laden blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile. + +Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde +"uber und "uber rot, al{\s} sie ihn sah. Sie l"achelte gezwungen +ein wenig, um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen +k"unftigen Schwiegersohn. Die Besprechung der gesch"aftlichen +Punkte wurde verschoben. "Ubrigen{\s} war noch viel Zeit dazu, da +die Hochzeit anstand{\s}halber vor Ablauf von Karl{\s} Trauerjahr +nicht stattfinden konnte, da{\s} hie"s, nicht vor dem n"achsten +Fr"uhjahr. + +In dieser Erwartung verging der Winter. Fr"aulein Rouault +besch"aftigte sich mit ihrer Au{\s}steuer. Ein Teil davon wurde in +Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten, +die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte +da{\s} Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeit{\s}feier. +E{\s} wurde "uberlegt, in welchem Raume da{\s} Festmahl +stattfinden, wieviel Platten und Sch"usseln auf die Tafel kommen +und wa{\s} f"ur Vorspeisen e{\s} geben solle. + +Am liebsten h"atte e{\s} Emma gehabt, wenn die Trauung auf +nacht{\s} zw"olf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden w"are; +aber f"ur solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verst"andni{\s}. +Man einigte sich also auf eine Hochzeit{\s}feier, zu der +dreiundvierzig G"aste Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte +man bei Tisch sitzen bleiben. Am n"achsten Tage und an den +folgenden sollte e{\s} so weitergehen. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Die Hochzeit{\s}g"aste stellten sich p"unktlich ein, in Kutschen, +Landauern, Einsp"annern, Gig{\s}, Kremsern mit Ledervorh"angen, in +allerlei Fuhrwerk moderner und vorsintflutlicher Art. Da{\s} junge +Volk au{\s} den n"achsten Nachbard"orfern kam t"uchtig +durchger"uttelt im Trabe in einem Heuwagen angefahren, aufrecht in +einer Reihe stehend, die H"ande an den Seitenstangen, um nicht +umzufallen. Etliche eilten zehn Wegstunden weit herbei, au{\s} +Goderville, Normanville und Cany. Die Verwandten beider Familien +waren samt und sonder{\s} geladen. Freunde, mit denen man +unein{\s} gewesen, vers"ohnte man, und e{\s} war an Bekannte +geschrieben worden, von denen man wer wei"s wie lange nicht{\s} +geh"ort hatte. + +Immer wieder vernahm man hinter der Gartenhecke Peitschengeknall. +Eine Weile sp"ater erschien der Wagen im Hoftor. Im Galopp ging +e{\s} bi{\s} zur Freitreppe, wo mit einem Rucke gehalten wurde. +Die Insassen stiegen nach beiden Seiten au{\s}. Man rieb sich die +Knie und turnte mit den Armen. Die Damen, Hauben auf dem Kopfe, +trugen st"adtische Kleider, goldne Uhrketten, Umh"ange mit langen +Enden, die sie sich kreuzweise umgeschlagen hatten, oder +Schal{\s}, die mit einer Nadel auf dem R"ucken festgesteckt waren, +damit sie hinten den Hal{\s} frei lie"sen. Die Knaben, genau so +angezogen wie ihre V"ater, f"uhlten sich in ihren R"ocken +sichtlich unbehaglich; viele hatten an diesem Tage gar zum ersten +Male richtige Stiefel an. Ihnen zur Seite gewahrte man vierzehn- +bi{\s} sechzehnj"ahrige M"adchen, offenbar ihre Basen oder +"alteren Schwestern, in ihren wei"sen Firmelkleidern, die man zur +Feier de{\s} Tage{\s} um ein St"uck l"anger gemacht hatte, alle +mit roten versch"amten Gesichtern und pomadisiertem Haar, voller +Angst, sich die Handschuhe nicht zu beschmutzen. Da nicht Knechte +genug da waren, um all die Wagen gleichzeitig abzuspannen, +streiften die Herren die Rock"armel hoch und stellten ihre Pferde +eigenh"andig ein. Je nach ihrem gesellschaftlichen Range waren sie +in Fr"acken, R"ocken oder Jackett{\s} erschienen. Manche in +ehrw"urdigen Bratenr"ocken, die nur bei ganz besonderen +Festlichkeiten feierlich au{\s} dem Schranke geholt wurden; ihre +langen Sch"o"se flatterten im Winde, die Kragen daran sahen au{\s} +wie Hal{\s}panzer, und die Taschen hatten den Umfang von S"acken. +E{\s} waren auch Jacken au{\s} derbem Tuch zum Vorschein gekommen, +meist im Verein mit messingumr"anderten M"utzen; fernerhin ganz +kurze R"ocke mit zwei dicht nebeneinandersitzenden gro"sen +Kn"opfen hinten in der Taille und mit Sch"o"sen, die so +au{\s}schauten, al{\s} habe sie der Zimmermann mit einem Beile +au{\s} dem Ganzen herau{\s}gehackt. Ein paar (einige wenige) +G"aste -- und da{\s} waren solche, die dann an der Festtafel +gewi"s am alleruntersten Ende zu sitzen kamen -- trugen nur +Sonntag{\s}blusen mit breitem Umlegekragen und R"uckenfalten unter +dem G"urtel. + +Die steifen Hemden w"olbten sich "uber den Br"usten wie K"urasse. +Durchweg hatte man sich unl"angst da{\s} Haar schneiden lassen (um +so mehr standen die Ohren von den Sch"adeln ab!), und alle waren +ordentlich rasiert. Manche, die noch im Dunkeln aufgestanden +waren, hatten offenbar beim Rasieren nicht Licht genug gehabt und +hatten sich unter der Nase die Kreuz und die Quer geschnitten oder +hatten am Kinn L"ocher in der Haut bekommen, gro"s wie +Talerst"ucke. Unterweg{\s} hatten sich diese Wunden in der +frischen Morgenluft ger"otet, und so leuchteten auf den breiten +blassen Bauerngesichtern gro"se rote Flecke. + +Da{\s} Gemeindeamt lag eine halbe Stunde vom Pachthofe entfernt. +Man begab sich zu Fu"s dahin und ebenso zur"uck, nachdem die +Zeremonie in der Kirche stattgefunden hatte. Der Hochzeit{\s}zug +war anfang{\s} wohlgeordnet gewesen. Wie ein bunte{\s} Band hatte +er sich durch die gr"unen Felder geschl"angelt. Aber bald lockerte +er sich und zerfiel in verschiedene Gruppen, von denen sich die +letzten plaudernd versp"ateten. Ganz vorn schritt ein Spielmann +mit einer buntbeb"anderten Fiedel. Dann kamen die Brautleute, +darauf die Verwandten, dahinter ohne besondre Ordnung die Freunde +und zuletzt die Kinder, die sich damit vergn"ugten, "Ahren au{\s} +den Kornfeldern zu rupfen oder sich zu jagen, wenn e{\s} niemand +sah. Emma{\s} Kleid, da{\s} etwa{\s} zu lang war, schleppte ein +wenig auf der Erde hin. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um den +Rock aufzuraffen. Dabei la{\s} sie behutsam mit ihren +behandschuhten H"anden die kleinen stacheligen Distelbl"atter ab, +die an ihrem Kleide h"angen geblieben waren. W"ahrenddem stand +Karl mit leeren H"anden da und wartete, bi{\s} sie fertig war. +Vater Rouault trug einen neuen Zylinderhut und einen schwarzen +Rock, dessen "Armel ihm bi{\s} an die Fingern"agel reichten. Am +Arm f"uhrte er Frau Bovary senior. Der alte Herr Bovary, der im +Grunde seine{\s} Herzen{\s} die ganze Sippschaft um sich herum +verachtete, war einfach in einem uniform"ahnlichen einreihigen +Rock erschienen. Ihm zur Seite schritt eine junge blonde B"auerin, +die er mir derben Galanterien traktierte. Sie h"orte ihm +respektvoll zu, wu"ste aber in ihrer Verlegenheit gar nicht, +wa{\s} sie sagen sollte. Die "ubrigen G"aste sprachen von ihren +Gesch"aften oder ulkten sich gegenseitig an, um sich in fidele +Stimmung zu bringen. Wer aufhorchte, h"orte in einem fort da{\s} +Tirilieren de{\s} Spielmanne{\s}, der auch im freien Felde +weitergeigte. Sooft er bemerkte, da"s die Gesellschaft weit hinter +ihm zur"uckgeblieben war, machte er Halt und sch"opfte Atem. +Umst"andlich rieb er seinen Fiedelbogen mit Kolophonium ein, damit +die Saiten sch"oner quietschen sollten, und dann setzte er sich +wieder in Bewegung. Er hob und senkte den Hal{\s} seine{\s} +Instrument{\s}, um recht h"ubsch im Takte zu bleiben. Die Fidelei +verscheuchte die V"ogel schon von weitem. + +Die Festtafel war unter dem Schutzdache de{\s} Wagenschuppen{\s} +aufgestellt. E{\s} prangten darauf vier Lendenbraten, sech{\s} +Sch"usseln mit H"uhnerfrikassee, eine Platte mit gekochtem +Kalbfleisch, drei Hammelkeulen und in der Mitte, umgeben von vier +Leberw"ursten in Sauerkraut, ein k"ostlich knusprig gebratene{\s} +Spanferkel. An den vier Ecken de{\s} Tische{\s} br"usteten sich +Karaffen mit Branntwein, und in einer langen Reihe von Flaschen +wirbelte perlender Apfelweinsekt, w"ahrend auf der Tafel +bereit{\s} alle Gl"aser im vorau{\s} bi{\s} an den Rand +vollgeschenkt waren. Gro"se Teller mit gelber Creme, die beim +leisesten Sto"s gegen den Tisch zitterte und bebte, +vervollst"andigten die Augenweide. Auf der glatten Oberfl"ache +diese{\s} Dessert{\s} prangten in umschn"orkelten Monogrammen von +Zuckergu"s die Anfang{\s}buchstaben der Namen von Braut und +Br"autigam. F"ur die Torten und Kuchen hatte man einen Konditor +au{\s} Yvetot kommen lassen. Da die{\s} sein Deb"ut in der Gegend +war, hatte er sich ganz besondre M"uhe gegeben. Beim Nachtisch +trug er eigenh"andig ein Prunkst"uck seiner Kunst auf, da{\s} ein +allgemeine{\s} "`Ah!"' hervorrief. Der Unterbau au{\s} blauer +Pappe stellte ein von Sternen au{\s} Goldpapier "ubers"ate{\s} +Tempelchen dar, mit einem S"aulenumgang und Nischen, in denen +Statuen au{\s} Marzipan standen. Im zweiten Stockwerk rundete sich +ein Festung{\s}turm au{\s} Pfefferkuchen, umbaut von einer +Brustwehr au{\s} Bonbon{\s}, Mandeln, Rosinen und +Apfelsinenschnitten. Die oberste Plattform aber kr"onte "uber +einer gr"unen Landschaft au{\s} Wiesen, Felsen und Teichen mit +Nu"sschalenschiffchen darauf (alle{\s} Zuckerwerk): ein niedlicher +Amor, der sich auf einer Schaukel au{\s} Schokolade wiegte. In den +beiden kugelgeschm"uckten Schn"abeln der Schaukel steckten zwei +lebendige Rosenknospen. + +Man schmauste bi{\s} zum Abend. Wer von dem zu langen Sitzen +erm"udet war, ging im Hof oder im Garten spazieren oder machte +eine Partie de{\s} in jener Gegend beliebten Pfropfenspiel{\s} mit +und setzte sich dann wieder an den Tisch. Ein paar G"aste +schliefen gegen da{\s} Ende de{\s} Mahle{\s} ein und schnarchten +ganz laut. Aber beim Kaffee war alle{\s} wieder munter. Man sang +Lieder, vollf"uhrte allerlei Kraftleistungen, stemmte schwere +Steine, scho"s Purzelb"aume, hob Schubkarren bi{\s} zur +Schulterh"ohe, erz"ahlte gepfefferte Geschichten und scharwenzelte +mit den Damen. + +Vor dem Aufbruch war e{\s} kein leichte{\s} St"uck Arbeit, den +Pferden, die allesamt der allzu reichlich vertilgte Hafer stach, +die Kumte und Geschirre aufzulegen. Die "uberm"utigen Tiere +stiegen, bockten und schlugen au{\s}, w"ahrend die Herren und +Kutscher fluchten und lachten. Die ganze Nacht hindurch gab e{\s} +auf den mondbegl"anzten Landstra"sen in Karriere "uber Stock und +Stein heimrasende Fuhrwerke. + +Die nacht"uber in Bertaux bleibenden G"aste zechten am K"uchentische +bi{\s} zum fr"uhen Morgen weiter, w"ahrend die Kinder unter den +B"anken schliefen. + +Die junge Frau hatte ihren Vater besonder{\s} gebeten, sie vor den +herk"ommlichen Sp"a"sen zu bewahren. Indessen machte sich ein +Vetter -- ein See\-fisch\-h"and\-ler, der al{\s} +Hoch\-zeit{\s}\-ge\-schenk selbstverst"andlich ein paar Seezungen +gestiftet hatte -- doch daran, einen Mund voll Wasser durch da{\s} +Schl"usselloch de{\s} Brautgemach{\s} zu spritzen. Vater Rouault +erwischte ihn gerade noch rechtzeitig, um ihn daran zu hindern. Er +machte ihm klar, da"s sich derartige Scherze mit der W"urde +seine{\s} Schwiegersohne{\s} nicht vertr"ugen. Der Vetter lie"s +sich durch diese Einw"ande nur widerwillig von seinem Vorhaben +abbringen. In{\s}geheim hielt er den alten Rouault f"ur +aufgeblasen. Er setzte sich unten in eine Ecke mir vier bi{\s} +f"unf andern Unzufriedenen, die w"ahrend de{\s} Mahle{\s} bei der +Wahl der Fleischst"ucke Mi"sgriffe getan hatten. Diese +Ungl"uck{\s}menschen r"asonierten nun alle untereinander auf den +Gastgeber und w"unschten ihm ungeniert alle{\s} "Uble. + +Die alte Frau Bovary war den ganzen Tag "uber au{\s} ihrer +Verbissenheit nicht herau{\s}gekommen. Man hatte sie weder bei der +Toilette ihrer Schwiegertochter noch bei den Vorbereitungen zur +Hochzeit{\s}feier um Rat gefragt. Darum zog sie sich zeitig +zur"uck. Ihrem Manne aber fiel e{\s} nicht ein, mit zu verschwinden; +er lie"s sich Zigarren holen und paffte bi{\s} zum Morgen, wozu er +Grog von Kirschwasser trank. Da diese Mischung den Dabeisitzenden +unbekannt war, staunte man ihn erst recht al{\s} Wundertier an. + +Karl war kein witziger Kopf, und so hatte er w"ahrend de{\s} +Feste{\s} gar keine gl"anzende Rolle gespielt. Gegen alle die +Neckereien, Sp"a"se, Kalauer, Zweideutigkeiten, Komplimente und +Anulkungen, die ihm der Sitte gem"a"s bei Tische zuteil geworden +waren, hatte er sich alle{\s} andre denn schlagfertig gezeigt. Um +so m"achtiger war seine innere Wandlung. Am andern Morgen war er +offensichtlich wie neugeboren. Er und nicht Emma war tag{\s} zuvor +sozusagen die Jungfrau gewesen. Die junge Frau beherrschte sich +v"ollig und lie"s sich nicht da{\s} geringste anmerken. Die +gr"o"sten Schandm"auler waren sprachlo{\s}; sie standen da wie vor +einem Wundertier. Karl freilich machte au{\s} seinem Gl"uck kein +Hehl. Er nannte Emma "`mein liebe{\s} Frauchen"', duzte sie, lief +ihr "uberallhin nach und zog sie mehrfach abseit{\s}, um allein +mit ihr im Hofe unter den B"aumen ein wenig zu plaudern, wobei er +den Arm vertraulich um ihre Taille legte. Beim Hin- und Hergehen +kam er ihr mit seinem Gesicht ganz nahe und zerdr"uckte mit seinem +Kopfe ihr Hal{\s}tuch. + +Zwei Tage nach der Hochzeit brachen die Neuverm"ahlten auf. Karl +konnte seiner Patienten wegen nicht l"anger verweilen. Vater +Rouault lie"s da{\s} Ehepaar in seinem Wagen nach Hau{\s} fahren +und gab ihm pers"onlich bi{\s} Vassonville da{\s} Geleite. Beim +Abschied k"u"ste er seine Tochter noch einmal, dann stieg er +au{\s} und machte sich zu Fu"s auf den R"uckweg. + +Nachdem er hundert Schritte gegangen war, blieb er stehen, um dem +Wagen nachzuschauen, der die sandige Stra"se dahinrollte. Dabei +seufzte er tief auf. Er dachte zur"uck an seine eigne Hochzeit, an +l"angstvergangne Tage, an die Zeit der ersten Mutterschaft seiner +Frau. Wie froh war er damal{\s} gewesen. Er erinnerte sich de{\s} +Tage{\s}, wo er mit ihr da{\s} Hau{\s} de{\s} Schwiegervater{\s} +verlassen hatte. Auf dem Ritt in da{\s} eigne Heim, durch den +tiefen Schnee, da hatte er seine Frau hinten auf die Kruppe +seine{\s} Pferde{\s} gesetzt. E{\s} war so um Weihnachten herum +gewesen, und die ganze Gegend war verschneit. Mit der einen Hand +hatte sie sich an ihm festgehalten, in der andern ihren Korb +getragen. Die langen B"ander ihre{\s} normannischen Kopfputze{\s} +hatten im Winde geflattert, und manchmal waren sie ihm um die Nase +geflogen. Und wenn er sich umdrehte, sah er "uber seine Schulter +weg ganz dicht hinter sich ihr niedliche{\s} rosige{\s} Gesicht, +da{\s} unter der Goldborte ihrer Haube still vor sich +hinl"achelte. Wenn sie an die Finger fror, steckte sie die Finger +eine Weile in seinen Rock, ihm dicht an die Brust ... Wie lange +war da{\s} nun her! Wenn ihr Sohn am Leben geblieben w"are, dann +w"are er jetzt drei"sig Jahre alt! + +Er blickte sich nochmal{\s} um. Auf der Stra"se war nicht{\s} mehr +zu sehen. Da ward ihm unsagbar traurig zumute. In seinem von dem +vielen Essen und Trinken beschwerten Hirne mischten sich die +z"artlichen Erinnerungen mit schwerm"utigen Gedanken. Einen +Augenblick lang versp"urte er da{\s} Verlangen, den Umweg "uber +den Friedhof zu machen. Aber er f"urchtete sich davor, da"s ihn +die{\s} nur noch tr"ubseliger stimmte, und so ging er auf dem +k"urzesten Wege nach Hause. + +Karl und Emma erreichten Toste{\s} gegen sech{\s} Uhr. Die +Nachbarn st"urzten an die Fenster, um die junge Frau Doktor zu +ersp"ahen. Die alte Magd empfing sie unter Gl"uckw"unschen und bat +um Entschuldigung, da"s da{\s} Mittagessen noch nicht ganz fertig +sei. Sie lud die gn"adige Frau ein, einstweilen ihr neue{\s} Heim +in Augenschein zu nehmen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Die Backsteinfassade de{\s} Hause{\s} stand gerade in der +Fluchtlinie der Stra"se, genauer gesagt: der Landstra"se. In der +Hau{\s}flur, gleich an der Hau{\s}t"ure, hingen an einem Halter +ein Kragenmantel, ein Z"ugel, eine M"utze au{\s} schwarzem Leder, +und in einem Winkel auf dem Fu"sboden lagen ein paar Gamaschen, +voll von trocken gewordnem Stra"senschmutz. Rechter Hand lag die +"`Gro"se Stube"', da{\s} hei"st der Raum, in dem die Mahlzeiten +eingenommen wurden und der zugleich al{\s} Wohnzimmer diente. An +den W"anden bauschte sich allenthalben die schlecht aufgeklebte +zeisiggr"une Papiertapete, die an der Decke durch eine Girlande +von blassen Blumen abgeschlossen ward. An den Fenstern +"uberschnitten sich wei"se Kattunvorh"ange, die rote Borten +hatten. Auf dem schmalen Sim{\s} de{\s} Kamin{\s} funkelte eine +Stutzuhr mit dem Kopfe de{\s} Hippokrate{\s} zwischen zwei +versilberten Leuchtern, die unter ovalen Gla{\s}glocken standen. + +Auf der andern Seite der Flur lag Karl{\s} Sprechzimmer, ein +kleine{\s} Gemach, etwa sech{\s} Fu"s in der Breite. Drinnen ein +Tisch, drei St"uhle und ein Schreibtischsessel. Die sech{\s} +F"acher eine{\s} B"uchergestell{\s} au{\s} Tannenholz wurden in +der Hauptsache durch die B"ande de{\s} "`Medizinischen +Lexikon{\s}"' au{\s}gef"ullt, die unaufgeschnitten geblieben waren +und durch den mehrfachen Besitzerwechsel, den sie bereit{\s} +erlebt hatten, zerfledderte Umschl"age bekommen hatten. Durch die +d"unne Wand drang Buttergeruch au{\s} der benachbarten K"uche in +da{\s} Sprechzimmer, w"ahrend man dort h"oren konnte, wenn die +Patienten husteten und ihre langen Leiden{\s}geschichten +erz"ahlten. + +Nach dem Hofe zu, wo da{\s} Stallgeb"aude stand, lag ein +gro"se{\s} verwahrloste{\s} Gemach, ehemal{\s} Backstube, da{\s} +jetzt al{\s} Holzraum, Keller und Rumpelkammer diente und +vollgepfropft war mit altem Eisen, leeren F"assern, abgetanenem +Ackerger"at und einer Menge andrer verstaubter Dinge, deren +einstigen Zweck man ihnen kaum mehr ansehen konnte. + +Der Garten, der mehr in die L"ange denn in die Breite ging, dehnte +sich zwischen zwei Lehmmauern mit Aprikosenspalieren; hinten +begrenzte ihn eine Dornhecke und trennte ihn vom freien Felde. +Mitten im Garten stand ein gemauerter Sockel mit einer Sonnenuhr +darauf, auf einer Schieferplatte. Vier Felder mit d"urftigen +Heckenrosen umg"urteten symmetrisch ein Mittelbeet mit +n"utzlicherem Gew"ach{\s}. Ganz am Ende de{\s} Garten{\s}, in +einer Fichtengruppe, stand eine Tonfigur: ein M"onch, in sein +Brevier vertieft. + +Emma stieg die Treppe hinauf. Da{\s} erste Zimmer oben war +"uberhaupt nicht m"obliert, aber im zweiten, der gemeinsamen +Schlafstube, stand in einer Nische mir roten Vorh"angen ein +Himmelbett au{\s} Mahagoniholz. Auf einer Kommode thronte eine mit +Muscheln besetzte kleine Truhe, und auf dem Schreibpult am Fenster +leuchtete in einer Kristallvase ein Strau"s von Orangenbl"uten, +umwunden von einem Seidenbande: ein Hochzeit{\s}bukett, die +Brautblumen der andern! Emma betrachtete sie. Karl bemerkte e{\s}, +nahm den Strau"s au{\s} der Vase und trug ihn auf den Oberboden. +W"ahrenddem sa"s sie in einem Lehnstuhl. Ihr eigene{\s} +Brautbukett kam ihr in den Sinn, da{\s} in einer Schachtel +verpackt war. Eben trug man ihr ihre Sachen in da{\s} Zimmer und +baute sie um sie herum auf. Nachdenklich fragte sie sich, wa{\s} +wohl mit ihrem Strau"se gesch"ahe, wenn sie zuf"allig auch bald +st"urbe. + +In den ersten Tagen besch"aftigte sich Emma damit, sich allerlei +"Anderungen in ihrem Hause au{\s}zudenken. Sie nahm die +Gla{\s}glocken von den Leuchtern, lie"s neu tapezieren, die Treppe +streichen und B"anke im Garten aufstellen, um die Sonnenuhr herum. + +Sie erkundigte sich, ob nicht ein Wasserbassin mit einem +Springbrunnen und Fischen darin angelegt werden k"onnte. Karl +wu"ste, da"s sie gern spazieren fuhr, und da sich gerade eine +Gelegenheit bot, kaufte er ihr einen Wagen. Nach Anbringung von +neuen Laternen und gesteppten Spritzledern sah er ganz au{\s} wie +ein Dogcart. + +So war Karl der gl"ucklichste und sorgenloseste Mensch auf der +Welt. Die Mahlzeiten zu zweit, die Abendpromenaden auf der +Landstra"se, die Gesten von Emma{\s} Hand, wenn sie sich da{\s} +Band im Haar zurechtstrich, der Anblick ihre{\s} an einem +Fensterkreuze h"angenden Strohhute{\s} und noch allerhand andre +kleine Dinge, von denen er nie geglaubt h"atte, da"s sie einen +erfreuen k"onnten, all da{\s} trug dazu bei, da"s sein Gl"uck +nicht aufh"orte. Fr"uhmorgen{\s} im Bette, Seite an Seite mit ihr +auf demselben Kopfkissen, sah er zu, wie die Sonnenlichter durch +den blonden Flaum ihrer von den Haubenb"andern halbverdeckten +Wangen huschten. So au{\s} der N"ahe kamen ihm ihre Augen viel +gr"o"ser vor, besonder{\s} beim Erwachen, wenn sich ihre Lider +mehrere Male hintereinander hoben und wieder senkten. Im Schatten +sahen diese Augen schwarz au{\s} und dunkelblau am lichten Tage; +in ihrer Tiefe wurden sie immer dunkler, w"ahrend sie sich nach +der schimmernden Oberfl"ache zu aufhellten. Sein eigene{\s} Auge +verlor sich in diese Tiefe; er sah sich darin gespiegelt, ganz +klein, bi{\s} an die Schultern, mit dem Seidentuche, da{\s} er +sich um den Kopf geschlungen hatte, und dem Kragen seine{\s} offen +stehenden Nachthemde{\s}. + +Wenn er aufgestanden war, schaute sie ihm vom Fenster au{\s} nach, +um ihn fortreiten zu sehen. Eine Weile blieb sie, auf da{\s} +Fensterbrett gest"utzt, so stehen, in ihrem Morgenkleide, da{\s} +sie leicht umflo"s, zwischen zwei Geranienst"ocken. Karl unten auf +der Stra"se schnallte sich an einem Prellsteine seine Sporen an. +Emma sprach in einem fort zu ihm von oben herunter, w"ahrenddem +sie mit ihrem Munde eine Bl"ute oder ein Bl"attchen von den +Geranien abzupfte und ihm zublie{\s}. Da{\s} Abgerupfte schwebte +und schaukelte sich in der Luft, flog in kleinen Kreisen wie ein +Vogel und blieb schlie"slich im Fallen in der ungepflegten M"ahne +der alten Schimmelstute h"angen, die unbeweglich vor der +Hau{\s}t"ure wartete. Karl sa"s auf und warf seiner Frau eine +Ku"shand zu. Sie antwortete winkend und schlo"s da{\s} Fenster. Er +ritt ab. + +Dann, auf der endlo{\s} sich hinwindenden staubigen Landstra"se, +in den Hohlwegen, "uber denen sich die B"aume zu einem Laubdache +schlossen, auf den Feldwegen, wo ihm da{\s} Korn zu beiden Seiten +die Knie streifte, die warme Sonne auf dem R"ucken, die frische +Morgenluft in der Nase und da{\s} Herz noch voll von den Freuden +der Nacht, friedsamen Gem"ut{\s} und befriedigter Sinne, -- da +geno"s er all sein Gl"uck abermal{\s}, just wie einer, der nach +einem Schlemmermahle den Wohlgeschmack der Tr"uffeln, die er +bereit{\s} verdaut, noch auf der Zunge hat. + +Wa{\s} hatte er bi{\s}her an Gl"uck in seinem Leben erfahren? War +er denn im Gymnasium gl"ucklich gewesen, wo er sich in der Enge +hoher Mauern so einsam gef"uhlt hatte, unter seinen Kameraden, die +reicher und st"arker waren al{\s} er, "uber seine b"auerische +Au{\s}sprache lachten, sich "uber seinen Anzug lustig machten und +zur Besuch{\s}zeit mit ihren M"uttern plauderten, die mit Kuchen +in der Tasche kamen? Oder etwa sp"ater al{\s} Student der Medizin, +wo er niemal{\s} Geld genug im Beutel gehabt hatte, um irgendein +kleine{\s} M"adel zum Tanz f"uhren zu k"onnen, da{\s} seine +Geliebte geworden w"are? Oder gar w"ahrend der vierzehn Monate, da +er mit der Witwe verheiratet war, deren F"u"se im Bett kalt wie +Ei{\s}klumpen gewesen waren? Aber jetzt, jetzt besa"s er f"ur +immerdar seine h"ubsche Frau, in die er vernarrt war. Seine Welt +fand ihre Grenzen mit der Saumlinie ihre{\s} seidnen +Unterrock{\s}, und doch machte er sich den Vorwurf, er liebe sie +nicht genug. Und so "uberkam ihn unterweg{\s} die Sehnsucht nach +ihr. Spornstreich{\s} ritt er heimw"art{\s}, rannte die Treppe +hinauf, mit klopfendem Herzen ... Emma sa"s in ihrem Zimmer bei +der Toilette. Er schlich sich auf den Fu"sspitzen von hinten an +sie heran und k"u"ste ihr den Nacken. Sie stie"s einen Schrei +au{\s}. + +Er konnte e{\s} nicht lassen, immer wieder ihren Kamm, ihre Ringe, +ihr Hal{\s}tuch zu bef"uhlen. Manchmal k"u"ste er sie t"uchtig auf +die Wangen, oder er reihte eine Menge kleiner K"usse gleichsam +aneinander, die ihren nackten Arm in seiner ganzen L"ange von den +Fingerspitzen bi{\s} hinauf zur Schulter bedeckten. Sie wehrte ihn +ab, l"achelnd und gelangweilt, wie man ein kleine{\s} Kind +zur"uckdr"angt, da{\s} sich an einen anklammert. + +Vor der Hochzeit hatte sie fest geglaubt, Liebe zu ihrem Karl zu +empfinden. Aber al{\s} da{\s} Gl"uck, da{\s} sie au{\s} dieser +Liebe erwartete, au{\s}blieb, da mu"ste sie sich doch get"auscht +haben. So dachte sie. Und sie gab sich M"uhe, zu ergr"ubeln, wo +eigentlich in der Wirklichkeit all da{\s} Sch"one sei, da{\s} in +den Romanen mit den Worten Gl"uckseligkeit, Leidenschaft und +Rausch so verlockend geschildert wird. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma hatte "`Paul und Virginia"' gelesen und in ihren Tr"aumereien +alle{\s} vor sich gesehen: die Bambu{\s}h"utte, den Neger Domingo, +den Hund Fideli{\s}. In{\s}besondre hatte sie sich in die +z"artliche Freundschaft irgendeine{\s} guten Kameraden +hineingelebt, der f"ur sie rote Fr"uchte auf "uberturmhohen +B"aumen pfl"uckte und barfu"s durch den Sand gelaufen kam, ihr ein +Vogelnest zu bringen. + +Al{\s} sie dreizehn Jahre alt war, brachte ihr Vater sie zur +Stadt, um sie in da{\s} Kloster zu geben. Sie stiegen in einem +Gasthofe im Viertel Saint-Gervai{\s} ab, wo sie beim Abendessen +Teller vorgesetzt bekamen, auf denen Szenen au{\s} dem Leben +de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere gemalt waren. Alle diese +legendenhaften Bilder, hier und da von Messerkritzeln besch"adigt, +verherrlichten Fr"ommigkeit, Gef"uhl{\s}"uberschwang und +h"ofischen Prunk. + +In der ersten Zeit ihre{\s} Klosteraufenthalt{\s} langweilte sie +sich nicht im geringsten. Sie f"uhlte sich vielmehr in der +Gesellschaft der g"utigen Schwestern ganz behaglich, und e{\s} war +ihr ein Vergn"ugen, wenn man sie mit in die Kapelle nahm, wohin +man vom Refektorium durch einen langen Kreuzgang gelangte. In den +Freistunden spielte sie nur h"ochst selten, im Katechi{\s}mu{\s} +war sie al{\s}bald sehr bewandert, und auf schwierige Fragen war +sie e{\s}, die dem Herrn Pfarrer immer zu antworten wu"ste. So +lebte sie, ohne in die Welt hinau{\s}zukommen, in der lauen +Atmosph"are der Schulstuben und unter den blassen Frauen mit ihren +Rosenkr"anzen und Messingkreuzchen, und langsam versank sie in den +mystischen Traumzustand, der sich um die Weihrauchd"ufte, die +K"uhle der Weihwasserbecken und den Kerzenschimmer webt. Statt der +Messe zuzuh"oren, betrachtete sie die frommen himmelblau +umr"anderten Vignetten ihre{\s} Gebetbuche{\s} und verliebte sich +in da{\s} kranke Lamm Gotte{\s}, in da{\s} von Pfeilen durchbohrte +Herz Jesu und in den armen Christu{\s} selber, der, sein Kreuz +schleppend, zusammenbricht. Um sich zu kasteien, versuchte sie, +einen ganzen Tag lang ohne Nahrung au{\s}zuhalten. Sie zerbrach +sich den Kopf, um irgendein Gel"ubde zu ersinnen, da{\s} sie auf +sich nehmen wollte. + +Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie allerlei kleine S"unden, nur +damit sie l"anger im Halbdunkel knien durfte, die H"ande gefaltet, +da{\s} Gesicht an{\s} Gitter gepre"st, unter dem fl"usternden +Priester. Die Gleichnisse vom Br"autigam, vom Gemahl, vom +himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit, die in den +Predigten immer wiederkehrten, erweckten im Grunde ihrer Seele +geheimni{\s}volle s"u"se Schauer. + +Abend{\s}, vor dem Ave-Maria, ward im Arbeit{\s}saal au{\s} einem +frommen Buche vorgelesen. An den Wochentagen la{\s} man au{\s} der +Biblischen Geschichte oder au{\s} den "`Stunden der Andacht"' +de{\s} Abb\'e Frayssinou{\s} und Sonntag{\s} zur Erbauung au{\s} +Chateaubriand{\s} "`Geist de{\s} Christentum{\s}"'. Wie +andacht{\s}voll lauschte sie bei den ersten Malen den klangreichen +Klagen romantischer Schwermut, die wie ein Echo au{\s} Welt und +Ewigkeit erschallten! W"are Emma{\s} Kindheit im Hinterst"ubchen +eine{\s} Kramladen{\s} in einem Gesch"aft{\s}viertel +dahingeflossen, dann w"are da{\s} junge M"adchen vermutlich der +Naturschw"armerei verfallen, die zumeist in literarischer Anregung +ihre Quelle hat. So aber kannte sie da{\s} Land zu gut: da{\s} +Bl"oken der Herden, die Milch- und Landwirtschaft. An friedsame +Vorg"ange gew"ohnt, gewann sie eine Vorliebe f"ur da{\s} dem +Entgegengesetzte: da{\s} Abenteuerliche. So liebte sie da{\s} Meer +einzig um der wilden St"urme willen und da{\s} Gr"un, nur wenn +e{\s} zwischen Ruinen sein Dasein fristete. E{\s} war ihr ein +Bed"urfni{\s}, au{\s} den Dingen einen egoistischen Genu"s zu +sch"opfen, und sie warf alle{\s} al{\s} unn"utz beiseite, wa{\s} +nicht unmittelbar zum Labsal ihre{\s} Herzen{\s} diente. Ihre +Eigenart war eher sentimental al{\s} "asthetisch; sie sp"urte +lieber seelischen Erregungen al{\s} Landschaften nach. + +Im Kloster gab e{\s} nun eine alte Jungfer, die sich alle vier +Wochen auf acht Tage einstellte, um die W"asche au{\s}zubessern. +Da sie einer alten Adel{\s}familie entstammte, die in der +Revolution zugrunde gegangen war, wurde sie von der Geistlichkeit +beg"onnert. Sie a"s mit im Refektorium, an der Tafel der frommen +Schwestern, und pflegte mit ihnen nach Tisch ein Plauderst"undchen +zu machen, bevor sie wieder an ihre Arbeit ging. Oft geschah e{\s} +auch, da"s sich die Pension"arinnen au{\s} der Arbeit{\s}stube +stahlen und die Alte aufsuchten. Sie wu"ste galante Chanson{\s} +au{\s} dem \begin{antiqua}ancien r\'egime\end{antiqua} +au{\s}wendig und sang ihnen welche halbleise vor, ohne dabei ihre +Flickarbeit zu vernachl"assigen. Sie erz"ahlte Geschichten, wu"ste +stet{\s} Neuigkeiten, "ubernahm allerhand Besorgungen in der Stadt +und lieh den gr"o"seren M"adchen Romane, von denen sie immer ein +paar in den Taschen ihrer Sch"urze bei sich hatte. In den +Ruhepausen ihrer T"atigkeit verschlang da{\s} gute Fr"aulein +selber schnell ein paar Kapitel. Darin wimmelte e{\s} von +Liebschaften, Liebhabern, Liebhaberinnen, von verfolgten Damen, +die in einsamen Pavillonen ohnm"achtig, und von Postillionen, die +an allen Ecken und Enden gemordet wurden, von edlen Rossen, die +man auf Seite f"ur Seite zuschanden ritt, von d"usteren W"aldern, +Herzen{\s}k"ampfen, Schw"uren, Schluchzen, Tr"anen und K"ussen, +von Gondelfahrten im Mondenschein, Nachtigallen in den B"uschen, +von hohen Herren, die wie L"owen tapfer und sanft wie Bergschafe +waren, dabei tugendsam bi{\s} in{\s} Wunderbare, immer k"ostlich +gekleidet und ganz unbeschreiblich tr"anenselig. Ein halbe{\s} +Jahr lang beschmutzte sich die f"unfzehnj"ahrige Emma ihre Finger +mit dem Staube dieser alten Scharteken. Dann geriet ihr Walter +Scott in die H"ande, und nun berauschte sie sich an +geschichtlichen Begebenheiten im Banne von Burgzinnen, +Ritters"alen und Minnes"angern. Am liebsten h"atte sie in einem +alten Herrensitze gelebt, geh"ullt in schlanke Gew"ander wie jene +Edeldamen, die, den Ellenbogen auf den Fensterstein gest"utzt und +da{\s} Kinn in der Hand, unter Kleeblattbogen ihre Tage +vertr"aumten und in die Fernen der Landschaft hinau{\s}schauten, +ob nicht ein Ritter{\s}mann mit wei"ser Helmzier dahergest"urmt +k"ame auf einem schwarzen Ro"s. Damal{\s} trieb sie einen wahren +Kult mit Maria Stuart; ihre Verehrung von ber"uhmten oder +ungl"ucklichen Frauen ging bi{\s} zur Schw"armerei. Die Jungfrau +von Orlean{\s}, Heloise, Agne{\s} Sorel, die sch"one Ferronni\`ere +und Clemence Isaure leuchteten wie strahlende Meteore in dem +grenzenlosen Dunkel ihrer Geschicht{\s}unkenntnisse. Fast ganz im +Lichtlosen und ohne Beziehungen zueinander schwebten ferner in +ihrer Vorstellung: der heilige Ludwig mit seiner Eiche, der +sterbende Ritter Bayard, ein paar grausame Taten Ludwig{\s} de{\s} +Elften, irgendeine Szene au{\s} der Bartholom"au{\s}nacht, der +Helmbusch Heinrich{\s} de{\s} Vierten, dazu unau{\s}l"oschlich die +Erinnerung an die gemalten Teller mit den Verherrlichungen +Ludwig{\s} de{\s} Vierzehnten. + +In den Romanzen, die Emma in den Musikstunden sang, war immer die +Rede von Englein mit goldenen Fl"ugeln, von Madonnen, Lagunen und +Gondolieren. Sie waren musikalisch nicht{\s} wert, aber so banal +ihr Text und so reizlo{\s} ihre Melodien auch sein mochten: die +Realit"aten de{\s} Leben{\s} hatten in ihnen den phantastischen +Zauber der Sentimentalit"at. Etliche ihrer Kameradinnen +schmuggelten lyrische Almanache in da{\s} Kloster ein, die sie +al{\s} Neujahr{\s}geschenke bekommen hatten. Da"s man sie heimlich +halten mu"ste, war die Hauptsache dabei. Sie wurden im Schlafsaal +gelesen. Emma nahm die sch"onen Atla{\s}einb"ande nur behutsam in +die Hand und lie"s sich von den Namen der unbekannten Autoren +fa{\s}\/zinieren, die ihre Beitr"age zumeist al{\s} Grafen und +Barone signiert hatten. Da{\s} Herz klopfte ihr, wenn sie da{\s} +Seidenpapier von den Kupfern darin leise aufblie{\s}, bi{\s} e{\s} +sich bauschte und langsam auf die andre Seite sank. Auf einem der +Stiche sah man einen jungen Mann in einem M"antelchen, wie er +hinter der Br"ustung eine{\s} Altan{\s} ein wei"s gekleidete{\s} +junge{\s} M"adchen mit einer Tasche am G"urtel an sich dr"uckte; +auf anderen waren Bildnisse von ungenannten blondlockigen +englischen Lady{\s}, die unter runden Strohh"uten mit gro"sen +hellen Augen hervorschauten. Andre sah man in flotten Wagen durch +den Park fahren, wobei ein Windspiel vor den Pferden hersprang, +die von zwei kleinen Groom{\s} in wei"sen Hosen kutschiert wurden. +Andre tr"aumten auf dem Sofa, ein offene{\s} Briefchen neben sich, +und himmelten durch da{\s} halb offene, schwarz umh"angte Fenster +den Mond an. Wieder andre, Unschuld{\s}kinder, krauten, eine +Tr"ane auf der Wange, durch da{\s} Gitter eine{\s} gotischen +K"afig{\s} ein Turtelt"aubchen oder zerzupften, den Kopf +versch"amt geneigt, mit koketten Fingern, die wie +Schnabelschuhspitzen nach oben gebogen waren, eine Marguerite. +Alle{\s} m"ogliche andre zeigten die "ubrigen Stiche: Sultane mit +langen Pfeifen, unter Lauben gelagert, Bajaderen in den Armen; +Giaur{\s}, T"urkens"abel, phrygische M"utzen, nicht zu vergessen +die faden heroischen Landschaften, auf denen Palmen und Fichten, +Tiger und L"owen friedlich beieinanderstehen, und Minarett{\s} am +Horizonte und r"omische Ruinen im Vordergrunde eine Gruppe +lagernder Kamele "uberragen, w"ahrend auf der einen Seite ein +wohlgepflegte{\s} St"uck Urwald steht, auf der andern ein See, +eine Riesensonne mit stechenden Strahlen dar"uber und auf seiner +stahlblauen, hie und da wei"s aufsch"aumenden Flut, in die Ferne +verstreut, gleitende Schw"ane~... + +Da{\s} matte Licht der Lampe, die zu Emma{\s} H"aupten an der Wand +hing, blinzelte auf alle diese weltlichen Bilder, die ein{\s} nach +dem andern an ihr vor"uberzogen, in de{\s} Schlafsaale{\s} Stille, +in die kein Ger"ausch drang, h"ochsten{\s} da{\s} ferne Rollen +eine{\s} sp"aten Fuhrwerk{\s}. + +Al{\s} ihr die Mutter starb, weinte Emma die ersten Tage viel. Sie +lie"s sich eine Locke der Verstorbenen in einen Gla{\s}rahmen +fassen, schrieb ihrem Vater einen Brief ganz voller wehm"utiger +Betrachtungen "uber da{\s} Leben und bat ihn, man m"oge sie +dereinst in demselben Grabe bestatten. Der gute Mann dachte, sie +sei krank, und besuchte sie. Emma empfand eine innere Befriedigung +darin, da"s sie mit einem Male emporgehoben worden war in die +hohen Regionen einer seltenen Gef"uhl{\s}welt, in die +Alltag{\s}herzen niemal{\s} gelangen. Sie verlor sich in +Lamartinischen R"uhrseligkeiten, h"orte Harfenkl"ange "uber den +Weihern und Schwanenges"ange, die Klagen de{\s} fallenden +Laube{\s}, die Himmelfahrten jungfr"aulicher Seelen und die Stimme +de{\s} Ewigen, die in den Tiefen fl"ustert. + +Eine{\s} Tage{\s} jedoch ward ihr alle{\s} da{\s} langweilig, aber +ohne sich{\s} einzugestehen, und so blieb sie dabei zun"achst +au{\s} Gewohnheit, dann au{\s} Eitelkeit, und schlie"slich war sie +"uberrascht, da"s sie den inneren Frieden wiedergefunden hatte und +da"s ihr Herz ebensowenig schwerm"utig war wie ihre jugendliche +Stirne runzelig. + +Die frommen Schwestern, die stark auf Emma{\s} heilige Mission +gehofft hatten, bemerkten zu ihrem h"ochsten Befremden, da"s +Fr"aulein Rouault ihrem Einflu"s zu entschl"upfen drohte. Man +hatte ihr allzu reichliche Gebete, Andacht{\s}lieder, Predigten +und Fasten angedeihen lassen, ihr zu trefflich vorgeredet, welch +gro"se Verehrung die Heiligen und M"artyrer gen"ossen, und ihr zu +vorz"ugliche Ratschl"age gegeben, wie man den Leib kasteie und die +Seele der ewigen Seligkeit zuf"uhre; und so ging e{\s} mit ihr wie +mit einem Pferd, da{\s} man zu straff an die Kandare genommen hat: +sie blieb pl"otzlich stehen und machte nicht mehr mit. + +Bei aller Schw"armerei war sie doch eine Verstande{\s}natur; sie +hatte die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der +Liedertexte und die Dichterwerke wegen ihrer sinnlichen Wirkung +geliebt. Ihr Geist emp"orte sich gegen die Mysterien de{\s} +Glauben{\s}, und noch mehr lehnte sie sich nunmehr gegen die +Klosterzucht auf, die ihrem tiefsten Wesen v"ollig zuwider war. +Al{\s} ihr Vater sie au{\s} dem Kloster nahm, hatte man +durchau{\s} nicht{\s} dagegen; die Oberin fand sogar, Emma habe +e{\s} in der letzten Zeit an Ehrfurcht vor der Schwesternschaft +recht fehlen lassen. + +Wieder zu Hause, gefiel sich da{\s} junge M"adchen zun"achst +darin, da{\s} Gesinde zu kommandieren, bald jedoch ward sie de{\s} +Landleben{\s} "uberdr"ussig, und nun sehnte sie sich nach dem +Kloster zur"uck. Al{\s} Karl zum ersten Male da{\s} Gut betrat, +war sie just "uberzeugt, da"s sie alle Illusionen verloren habe, +da"s e{\s} nicht{\s} mehr auf der Welt g"abe, wa{\s} ihr Hirn oder +Herz r"uhren k"onne. Dann aber waren da{\s} mit jedem neuen +Zustande verbundene wirre Gef"uhl und die Unruhe, die sich ihrer +diesem Manne gegen"uber bem"achtigte, stark genug, um in ihr den +Glauben zu erwecken: endlich sei jene wunderbare Leidenschaft in +ihr erstanden, die bi{\s}her nicht ander{\s} al{\s} wie ein +Riesenvogel mit rosigem Gefieder hoch in der Herrlichkeit +himmlischer Traumfernen geschwebt hatte. Doch jetzt, in ihrer Ehe, +hatte sie keine Kraft zu glauben, da"s die Friedsamkeit, in der +sie hinlebte, da{\s} ertr"aumte Gl"uck sei. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob da{\s} wirklich die +sch"onsten Tage ihre{\s} Leben{\s} sein sollten: ihre +Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu sp"uren, +h"atten sie wohl in jene L"ander mit klangvollen Namen reisen +m"ussen, wo der Morgen nach der Hochzeit in s"u"sem Nicht{\s}tun +verrinnt. Man f"ahrt gem"achlich in einer Postkutsche mit +blauseidnen Vorh"angen die Gebirg{\s}stra"sen hinauf und lauscht +dem Lied de{\s} Postillion{\s}, da{\s} in den Bergen zusammen mit +den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen de{\s} Gie"sbach{\s} +sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft +der Limonen, und dann nacht{\s} steht man auf der Terrasse einer +Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen H"anden, +schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschl"osser. E{\s} kam +ihr vor, al{\s} seien nur gewisse Erdenwinkel Heimst"atten de{\s} +Gl"uck{\s}, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten +gedeihen und nirgend{\s} ander{\s}. Warum war e{\s} ihr nicht +beschieden, sich auf den Altan eine{\s} Schweizerh"au{\s}chen{\s} +zu lehnen oder ihre Tr"ubsal in einem schottischen Landhause zu +vergessen, an der Seite eine{\s} Gatten, der einen langen +schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und +Manschettenhemden tr"uge? + +Alle diese Gr"ubeleien h"atte sie wohl irgendwem anvertrauen +m"ogen. H"atte sie aber ihr namenlose{\s} Unbehagen, da{\s} sich +aller Augenblicke neu formte wie leichte{\s} Gew"olk und da{\s} +wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, e{\s} +fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl +gewollt h"atte, wenn er eine Ahnung davon gehabt h"atte, wenn sein +Blick nur ein einzige{\s}mal ihren Gedanken begegnet w"are, dann +h"atte sich alle{\s} da{\s}, so meinte sie, sofort von ihrem +Herzen lo{\s}gel"ost wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine +Hand daran r"uhrt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie +gegen ihren Mann empfand, immer gr"o"ser, je intimer ihr +eheliche{\s} Leben wurde. + +Karl{\s} Art zu sprechen war platt wie da{\s} Trottoir auf der +Stra"se: Allerwelt{\s}gedanken und Allt"aglichkeiten, die +niemanden r"uhrten, "uber die kein Mensch lachte, die nie einen +Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, +h"atte er niemal{\s} den Drang versp"urt, ein Pariser Gastspiel im +Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war +auch kein Pistolensch"utze, und gelegentlich kam e{\s} zutage, +da"s er Emma einen Au{\s}druck de{\s} Reitsport{\s} nicht +erkl"aren konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Mu"s ein +Mann nicht vielmehr alle{\s} kennen, auf allen Gebieten bewandert +sein und seine Frau in die gro"sen Leidenschaften de{\s} +Leben{\s}, in seine erlesensten Gen"usse und in alle Geheimnisse +einweihen? Der ihre aber lehrte sie nicht{\s}, verstand von +nicht{\s} und erstrebte nicht{\s}. Er glaubte, sie sei gl"ucklich, +inde{\s} sie sich "uber seine satte Tr"agheit emp"orte, seinen +zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst "uber die Wonnen, die sie ihm +gew"ahrte. + +Manchmal zeichnete sie. E{\s} belustigte ihn ungemein, +dabeizustehen und zuzusehn, wie sie sich "uber da{\s} Blatt beugte +oder wie sie die Augen zukniff und ihr Werk kritisch betrachtete +oder wie sie mit den Fingern Brotk"ugelchen drehte, die sie zum +Verwischen brauchte. Wenn sie am Klavier sa"s, war sein Ent\/z"ucken +um so gr"o"ser, je geschwinder ihre H"ande "uber die Tasten +sprangen. Dann trommelte sie ordentlich auf dem Klavier herum und +machte ein H"ollenkonzert. Da{\s} alte Instrument dr"ohnte und +wackelte, und wenn da{\s} Fenster offen stand, h"orte man da{\s} +Spiel im ganzen Dorfe. Der Gemeindediener, der im blo"sen Kopfe +und in Pantoffeln, Akten unterm Arme, "uber die Stra"se humpelte, +blieb stehen und lauschte. + +Dabei war Emma eine vorz"ugliche Hau{\s}frau. Sie schickte die +Liquidationen an die Patienten au{\s} und zwar in h"oflichster +Briefform, die gar nicht an Rechnungen erinnerte. Wenn sie +Sonntag{\s} irgendwen au{\s} der Nachbarschaft zu Gaste hatten, +wu"ste sie e{\s} immer einzurichten, da"s etwa{\s} Besondere{\s} +auf den Tisch kam. Sie schichtete auf Weinbl"attern Pyramiden von +Reineclauden auf und verstand, die eingezuckerten Fr"uchte so +au{\s} ihren B"uchsen zu st"urzen, da"s sie noch in der Form +serviert wurden. Demn"achst sollten auch kleine Waschschalen f"ur +den Nachtisch angeschafft werden. Mit alledem vermehrte sie da{\s} +"offentliche Ansehen ihre{\s} Manne{\s}. Schlie"slich fing er +selbst an, mehr und mehr Respekt vor sich zu bekommen, weil er +solch eine Frau besa"s. Mit Stolz zeigte er zwei kleine +Bleistift\/zeichnungen Emma{\s}, die er in ziemlich breite Rahmen +hatte fassen lassen und in der Gro"sen Stube an langen gr"unen +Schnuren an den W"anden aufgeh"angt hatte. Wenn die Kirche zu Ende +war, sah man Herrn Bovary in sch"ongestickten Hau{\s}schuhen vor +der Hau{\s}t"ure stehen. + +Er kam sp"at heim, um zehn Uhr, zuweilen um Mitternacht. Dann a"s +er noch zu Abend, und da da{\s} Dienstm"adchen bereit{\s} Schlafen +gegangen war, bediente ihn Emma selber. Er pflegte seinen Rock +au{\s}zuziehen und sich{\s} zum Essen bequem zu machen. Kauend +z"ahlte er gewissenhaft alle Menschen auf, denen er tag{\s}"uber +begegnet war, nannte die Ortschaften, durch die er geritten, und +wiederholte die Rezepte, die er verschrieben hatte. Zufrieden mit +sich selbst, verzehrte er sein Gulasch bi{\s} auf den letzten +Rest, schabte sich den K"ase sauber, schmauste einen Apfel und +trank die Weinkaraffe leer, worauf er zu Bett ging, sich auf{\s} +Ohr legte und zu schnarchen begann. Wenn er fr"uhmorgen{\s} +aufmachte, hing ihm da{\s} Haar wirr "uber die Stirn. + +Er trug stet{\s} derbe hohe Stiefel, die in der Kn"ochelgegend +zwei Falten hatten; in den Sch"aften waren sie steif und +geradlinig, al{\s} ob ein Holzbein drinnen st"ake. Er pflegte zu +sagen: "`Die sind hier auf dem Lande gut genug!"' + +Seine Mutter best"arkte ihn in seiner Sparsamkeit. Wie vordem kam +sie zu Besuch, wenn e{\s} bei ihr zu Hause kleine Mi"slichkeiten +gegeben hatte. Allerding{\s} hegte die alte Frau Bovary gegen ihre +Schwiegertochter sichtlich ein Vorurteil. Sie war ihr "`f"ur ihre +Verh"altnisse ein bi"schen zu gro"sartig."' Mit Holz, Licht und +dergleichen werde "`wie in einem herrschaftlichen Hause +gew"ustet."' Und mit den Kohlen, die in der K"uche verbraucht +w"urden, k"onne man zwei Dutzend G"ange kochen! Sie ordnete ihr +den W"ascheschrank und hielt Vortr"age, wie man dem Fleischer auf +die Finger zu sehen habe, wenn er da{\s} Fleisch brachte. Emma +nahm diese guten Lehren hin, aber die Schwiegermutter erteilte sie +immer wieder von neuem. Die von beiden Seiten in einem fort +gewechselten Anreden "`Liebe Tochter"' und "`Liebe Mutter!"' +standen in Widerspruch zu den Mienen der Sprecherinnen. Beide +Frauen sagten sich Artigkeiten mit vor Groll zitternder Stimme. + +Zu Lebzeiten von Frau Heloise hatte sich die alte Dame nicht in +den Hintergrund gedr"angt gef"uhlt, jetzt aber kam ihr Karl{\s} +Liebe zu Emma wie ein Abfall vor von ihr und ihrer Mutterliebe, +wie ein Einbruch in ihr Eigentum. Und so sah sie auf da{\s} Gl"uck +ihre{\s} Sohne{\s} mit stiller Trauer, just wie ein um Hab und Gut +Gekommener auf den neuen Besitzer{\s} eine{\s} ehemaligen +Hause{\s} blickt. Sie mahnte ihn durch Erinnerungen daran, wie sie +sich einst f"ur ihn gesorgt und abgem"uht und ihm Opfer gebracht +hatte. Im Vergleiche damit leiste Emma viel weniger f"ur ihn, und +darum w"are seine au{\s}schlie"sliche Anbetung durchau{\s} nicht +gerechtfertigt. + +Karl wu"ste nicht, wa{\s} er dazu sagen sollte. Er verehrte seine +Mutter, und seine Frau liebte er auf seine Art "uber alle Ma"sen. +Wa{\s} die eine sagte, galt ihm f"ur unfehlbar; gleichwohl fand er +an der andern nicht{\s} au{\s}zusetzen. Wenn Frau Bovary wieder +abgereist war, machte er sch"uchterne Versuche, die oder jene +ihrer Bemerkungen w"ortlich zu wiederholen. Emma bewie{\s} ihm +dann mit wenigen Worten, da"s er im Irrtum sei, und meinte, er +solle sich lieber seinen Patienten widmen. + +Immerhin versuchte sie nach Theorien, die ihr gut schienen, +Liebe{\s}stimmung nach ihrem Geschmack zu erregen. Wenn sie bei +Mondenschein zusammen im Garten sa"sen, sagte sie verliebte Verse +her, soviel sie nur au{\s}wendig wu"ste, oder sie sang eine +schwerm"utige gef"uhlvolle Weise. Aber hinterher kam sie sich +selber nicht aufgeregter al{\s} vorher vor, und auch Karl war +offenbar weder verliebter noch weniger stumpfsinnig denn erst. + +Da{\s} waren vergebliche Versuche, eine gro"se Leidenschaft zu +entfachen. Im "ubrigen war Emma unf"ahig, etwa{\s} zu verstehen, +wa{\s} sie nicht an sich selber erlebte, oder an etwa{\s} zu +glauben, wa{\s} nicht offen zutage lag. Und so redete sie sich +ohne weitere{\s} ein, Karl{\s} Liebe sei nicht mehr "uberm"a"sig +stark. In der Tat gewannen seine Z"artlichkeiten eine gewisse +Regelm"a"sigkeit. Er schlo"s seine Frau zu ganz bestimmten Stunden +in seine Arme. E{\s} ward da{\s} eine Gewohnheit wie alle andern, +gleichsam der Nachtisch, der kommen mu"s, weil er auf der +Men"ukarte steht. + +Ein Waldw"arter, den der Herr Doktor von einer Lungenent\/z"undung +geheilt hatte, schenkte der Frau Doktor ein junge{\s} +italienische{\s} Windspiel. Sie nahm e{\s} mit auf ihre +Spazierg"ange. Mitunter ging sie n"amlich au{\s}, um einmal eine +Weile f"ur sich allein zu sein und nicht in einem fort blo"s den +Garten und die staubige Landstra"se vor Augen zu haben. + +Sie wanderte meist bi{\s} zum Buchenw"aldchen von Banneville, +bi{\s} zu dem leeren Lusth"au{\s}chen, da{\s} an der Ecke der +Parkmauer steht, wo die Felder beginnen. Dort wuch{\s} in einem +Graben zwischen gew"ohnlichen Gr"asern hohe{\s} Schilf mit langen +scharfen Bl"attern. Jede{\s}mal, wenn sie dahin kam, sah sie +zuerst nach, ob sich seit ihrem letzten Hiersein etwa{\s} +ver"andert habe. E{\s} war immer alle{\s} so, wie sie e{\s} +verlassen hatte. Alle{\s} stand noch auf seinem Platze: die +Heckenrosen und die wilden Veilchen, die Brennesseln, die in +B"uscheln die gro"sen Kieselsteine umwucherten, und die +Moo{\s}fl"achen unter den drei Pavillonfenstern mit ihren immer +geschlossenen morschen Holzl"aden und rostigen Eisenbeschl"agen. +Nun schweiften Emma{\s} Gedanken in{\s} Ziellose ab, wie die +Spr"unge ihre{\s} Windspiel{\s}, da{\s} sich in gro"sen +Krei{\s}linien tummelte, gelbe Schmetterlinge ankl"affte, +Feldm"ausen nachstellte und die Mohnblumen am Raine de{\s} +Kornfelde{\s} anknabberte. Allm"ahlich gerieten ihre Gr"ubeleien +in eine bestimmte Richtung. Wenn die junge Frau so im Grase sa"s +und e{\s} mit der Stockspitze ihre{\s} Sonnenschirme{\s} ein wenig +aufw"uhlte, sagte sie sich immer wieder: "`Mein Gott, warum habe +ich eigentlich geheiratet?"' + +Sie legte sich die Frage vor, ob e{\s} nicht m"oglich gewesen +w"are durch irgendwelche andre F"ugung de{\s} Schicksal{\s}, da"s +sie einen andern Mann h"atte finden k"onnen. Sie versuchte sich +vorzustellen, wa{\s} f"ur ungeschehene Ereignisse dazu geh"ort +h"atten, wie diese{\s} andre Leben geworden w"are und wie der +ungefundne Gatte au{\s}gesehen h"atte. In keinem Falle so wie +Karl! Er h"atte elegant, klug, vornehm, verf"uhrerisch au{\s}sehen +m"ussen; so wie zweifello{\s} die M"anner, die ihre ehemaligen +Klosterfreundinnen alle geheiratet hatten ... Wie e{\s} denen wohl +jetzt erging? In der Stadt, im Get"ummel de{\s} Stra"senleben{\s}, +im Stimmengewirr der Theater, im Lichtmeere der B"alle, da lebten +sie sich au{\s} und lie"sen die Herzen und Sinne nicht verdorren. +Sie jedoch, sie verk"ummerte wie in einem Ei{\s}keller, und die +Langeweile spann wie eine schweigsame Spinne ihre Weben in allen +Winkeln ihre{\s} sonnelosen Herzen{\s}. + +Die Tage der Prei{\s}verteilung traten ihr in die Erinnerung. Sie +sah sich auf da{\s} Podium steigen, wo sie ihre kleinen +Au{\s}zeichnungen au{\s}geh"andigt bekam. Mit ihrem Zopf, ihrem +wei"sen Kleid und ihren Lack-Halbschuhen hatte sie allerliebst +au{\s}gesehen, und wenn sie zu ihrem Platze zur"uckging, hatten +ihr die anwesenden Herren galant zugenickt. Der Klosterhof war +voller Kutschen gewesen, und durch den Wagenschlag hatte man ihr +"`Auf Wiedersehn!"' zugerufen. Und der Musiklehrer, den +Violinkasten in der Hand, hatte im Vor"ubergehen den Hut vor ihr +gezogen ... Wie weit zur"uck war da{\s} alle{\s}! Ach, wie so +weit! + +Sie rief Djali, nahm ihn auf den Scho"s und streichelte seinen +schmalen feinlinigen Kopf. + +"`Komm!"' fl"usterte sie. "`Gib Frauchen einen Ku"s! Du, du hast +keinen Kummer!"' + +Dabei betrachtete sie da{\s} ihr wie wehm"utig au{\s}sehende +Gesicht de{\s} schlanken Tiere{\s}. E{\s} g"ahnte behaglich. Aber +sie bildete sich ein, da{\s} Tier habe auch einen Kummer. Die +R"uhrung "uberkam sie, und sie begann laut mit dem Hunde zu +sprechen, genau so wie zu jemandem, den man in seiner +Betr"ubni{\s} tr"osten will. + +Zuweilen blie{\s} ruckweiser Wind, der vom Meere herkam und +m"achtig "uber da{\s} ganze Hochland von Caux strich und weit in +die Lande hinein salzige Frische trug. Da{\s} Schilf bog sich +pfeifend zu Boden, fliehende Schauer raschelten durch da{\s} +Bl"atterwerk der Buchen, w"ahrend sich die Wipfel rastlo{\s} +wiegten und in einem fort laut rauschten. Emma zog ihr Tuch fester +um die Schultern und erhob sich. + +In der Allee, "uber dem teppichartigen Moo{\s}, da{\s} unter +Emma{\s} Tritten leise knisterte, spielten Sonnenlichter mit den +gr"unen Reflexen de{\s} Laubdache{\s}. Da{\s} Tage{\s}gestirn war +im Versinken; der rote Himmel flammte hinter den braunen St"ammen, +die in Reih und Glied kerzengerade dastanden und den Eindruck +eine{\s} S"aulengange{\s} an einer goldnen Wand entlang erzeugten. + +Emma ward bang zumute. Sie rief den Hund heran und beeilte sich, +auf die Landstra"se und heimzukommen. Zu Hause sank sie in einen +Lehnstuhl und sprach den ganzen Abend kein Wort. + +Da, gegen Ende de{\s} September{\s}, geschah etwa{\s} ganz +Besondere{\s} in ihrem Leben. Bovary{\s} bekamen eine Einladung +nach Vaubyessard, zu dem Marqui{\s} von Andervillier{\s}. Der +Marqui{\s}, der unter der Restauration Staatssekret"ar gewesen +war, wollte von neuem eine politische Rolle spielen. Seit langem +bereitete er seine Wahl in da{\s} Abgeordnetenhau{\s} vor. Im +Winter lie"s er gro"se Mengen Holz verteilen, und im +Bezirk{\s}au{\s}schu"s trat er immer wieder mit dem h"ochsten +Eifer f"ur neue Stra"senbauten im Bezirk ein. W"ahrend de{\s} +letzten Hochsommer{\s} hatte er ein Geschw"ur im Munde bekommen, +von dem ihn Karl wunderbar schnell durch einen einzigen Einstich +befreit hatte. Der Privatsekret"ar de{\s} Marqui{\s} war bald +darauf nach Toste{\s} gekommen, um da{\s} Honorar f"ur die +Operation zu bezahlen, und hatte abend{\s} nach seiner R"uckkehr +erz"ahlt, da"s er in dem kleinen Garten de{\s} Arzte{\s} herrliche +Kirschen gesehen habe. Nun gediehen gerade die Kirschb"aume in +Vaubyessard schlecht. Der Marqui{\s} erbat sich von Bovary einige +Ableger und hielt e{\s} daraufhin f"ur seine Pflicht, sich +pers"onlich zu bedanken. Bei dieser Gelegenheit sah er Emma, fand +ihre Figur ent\/z"uckend und die Art, wie sie ihn empfing, +durchau{\s} nicht b"auerisch. Und so kam man im Schlosse zu der +Ansicht, e{\s} sei weder allzu entgegenkommend noch unangebracht, +wenn man da{\s} junge Ehepaar einmal einl"ude. + +An einem Mittwoch um drei Uhr bestiegen Herr und Frau Bovary ihren +Dogcart und fuhren nach Vaubyessard. Hinterr"uck{\s} war ein +gro"ser Koffer angeschnallt und vorn auf dem Schutzleder lag eine +Hutschachtel. Au"serdem hatte Karl noch einen Pappkarton zwischen +den Beinen. + +Bei Anbruch der Nacht, gerade al{\s} man im Schlo"spark die +Laternen am Einfahrt{\s}wege anz"undete, kamen sie an. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Vor dem Schlo"s, einem modernen Baue im Renaissancestil mit zwei +vorspringenden Fl"ugeln und drei Freitreppen, dehnte sich eine +ungeheure Rasenfl"ache mit vereinzelten Baumgruppen, zwischen +denen etliche K"uhe weideten. Ein Kie{\s}weg lief in Windungen +hindurch, beschattet von allerlei Geb"usch in verschiedenem Gr"un, +Rhododendren, Flieder- und Schneeballstr"auchern. Unter einer +Br"ucke flo"s ein Bach. Weiter weg, verschwommen im Abendnebel, +erkannte man ein paar H"auser mit Strohd"achern. Die gro"se Wiese +ward durch l"angliche kleine H"ugel begrenzt, die bewaldet waren. +Versteckt hinter diesem Geh"olz lagen in zwei gleichlaufenden +Reihen die Wirtschaft{\s}geb"aude und Wagenschuppen, die noch vom +ehemaligen Schlo"sbau herr"uhrten. + +Karl{\s} W"aglein hielt vor der mittleren Freitreppe. Dienerschaft +erschien. Der Marqui{\s} kam entgegen, bot der Arztfrau den Arm +und geleitete sie in die hohe, mit Marmorfliesen belegte Vorhalle. +Ger"ausch von Tritten und Stimmen hallte darin wider wie in einer +Kirche. Dem Eingange gegen"uber stieg geradeau{\s} eine breite +Treppe auf. Zur Linken begann eine Galerie, mit Fenstern nach dem +Garten hinau{\s}, die zum Billardzimmer f"uhrte; schon von weitem +vernahm man da{\s} Karambolieren der elfenbeinernen B"alle. Durch +da{\s} Billardzimmer kam man in den Empfang{\s}saal. Beim +Hindurchgehen sah Emma Herren in w"urdevoller Haltung beim Spiel, +da{\s} Kinn vergraben in den Krawatten, alle mit +Orden{\s}b"andchen. Schweigsam l"achelnd handhabten sie die +Queue{\s}. + +Auf dem d"usteren Holzget"afel der W"ande hingen gro"se Bilder in +schweren vergoldeten Rahmen mit schwarzen Inschriften. Eine +lautete: + +\begin{center} +\begin{tabular}{|c|} +\hline +Han{\s} Anton von Andervillier{\s} zu Yverbonville, \\ +Graf von Vaubyessard und Edler Herr auf Fre{\s}naye, \\ +gefallen in der Schlacht von Coutra{\s} \\ +am 20. Oktober 1587. \\ +\hline +\end{tabular} +\end{center} + +Eine andre: + +\begin{center} +\begin{tabular}{|c|} +\hline +Han{\s} Anton Heinrich Guy, Graf von Andervillier{\s} \\ +und Vaubyessard, Admiral von Frankreich, \\ +Ritter de{\s} Sankt-Michel-Orden{\s}, \\ +verwundet bei Saint Vaast de la Hougue \\ +am 29. Mai 1692, \\ +gestorben zu Vaubyessard am 23. Januar 1693 \\ +\hline +\end{tabular} +\end{center} + +Die "ubrigen vermochte man kaum zu erkennen, weil sich da{\s} +Licht der Lampen auf da{\s} gr"une Tuch de{\s} Billard{\s} +konzentrierte und da{\s} Zimmer im Dunkeln lie"s. Nur ein +schwacher Schein hellte die Gem"aldefl"achen auf, deren +spr"ungiger Firni{\s} mit diesem feinen Schimmer spielte. Und so +traten au{\s} allen den gro"sen schwarzen goldumflossenen +Vierecken Partien der Malerei deutlicher und heller hervor, hier +eine blasse Stirn, da zwei starre Augen, dort eine gepuderte +Allongeper"ucke "uber der Schulter eine{\s} roten Rocke{\s} und +ander{\s}wo die Schnalle eine{\s} Kniebande{\s} "uber einer +strammen Wade. + +Der Marqui{\s} "offnete die T"ur zum Salon. Eine der Damen -- +e{\s} war die Schlo"sherrin selbst -- erhob sich, ging Emma +entgegen und bot ihr einen Sitz neben sich an, auf einem Sofa, und +begann freundschaftlich mit ihr zu plaudern, ganz al{\s} ob sie +eine alte Bekannte vor sich h"atte. Die Marquise war etwa +Vierzigerin; sie hatte h"ubsche Schultern, eine Adlernase und eine +etwa{\s} schleppende Art zu sprechen. An diesem Abend trug sie +"uber ihrem kastanienbraunen Haar ein einfache{\s} Spitzentuch, +da{\s} ihr dreieckig in den Nacken herabhing. Neben ihr, auf einem +hochlehnigen Stuhle, sa"s eine junge Blondine. Ein paar Herren, +kleine Blumen an den R"ocken, waren im Gespr"ache mit den Damen. +Alle sa"sen sie um den Kamin herum. + +Um sieben Uhr ging man zu Tisch. Die Herren, die in der "Uberzahl +da waren, nahmen Platz an der einen Tafel in der Vorhalle; die +Damen, der Marqui{\s} und die Marquise an der andern im E"szimmer. +Al{\s} Emma eintrat, drang ihr ein warme{\s} Gemisch von D"uften +und Ger"uchen entgegen: von Blumen, Tischdamast, Wein und +Delikatessen. Die Flammen der Kandelaberkerzen lieb"augelten mit +dem Silberzeug, und in den geschliffenen Gl"asern und Schalen +tanzte der bunte Widerschein. Die Tafel entlang paradierte eine +Reihe von Blumenstr"au"sen. Au{\s} den Falten der Servietten, die +in der Form von Bischof{\s}m"utzen "uber den breitrandigen Tellern +lagen, lugten ovale Br"otchen. Hummern, die auf den gro"sen +Platten nicht Platz genug hatten, leuchteten in ihrem Rot. In +durchbrochenen K"orbchen waren riesige Fr"uchte aufget"urmt. +Kunstvoll zubereitete Wachteln wurden dampfend aufgetragen. Der +Hau{\s}hofmeister, in seidnen Str"umpfen, Kniehosen und wei"ser +Krawatte, reichte mit Grandezza und gro"sem Geschick die +Sch"usseln. Auf all die{\s} gesellschaftliche Treiben sah +regung{\s}lo{\s} die bi{\s} zum Kinn verh"ullte G"ottin herab, die +auf dem m"achtigen, bronzegeschm"uckten Porzellanofen thronte. + +Am oberen Ende der Tafel, mitten unter all den Damen, sa"s, "uber +seinen vollen Teller gebeugt, ein alter Herr, der sich die +Serviette nach Kinderart um den Hal{\s} gekn"upft hatte. Die Sauce +tropfte ihm au{\s} dem Munde; seine Augen waren rotunterlaufen. Er +trug noch einen Zopf, um den ein schwarze{\s} Band geschlungen +war. Da{\s} war der Schwiegervater de{\s} Marqui{\s}, der alte +Herzog von Laverdi\`ere. Anno dazumal (zu den seligen Zeiten der +Jagdfeste in Vaudreuil beim Marqui{\s} von Conflan{\s}) war er ein +Busenfreund de{\s} Grafen Artoi{\s}. Auch munkelte man, er w"are +der Geliebte der K"onigin Marie-Antoinette gewesen, der Nachfolger +de{\s} Herrn von Coigny und der Vorg"anger de{\s} Herzog{\s} von +Lauzun. Er hatte ein w"uste{\s} Leben hinter sich, voller +Zweik"ampfe, toller Wetten und Frauengeschichten. Ob seiner +Verschwendung{\s}sucht war er ehedem der Schrecken seiner Familie. +Jetzt stand ein Diener hinter seinem Stuhle, der ihm in{\s} Ohr +br"ullen mu"ste, wa{\s} e{\s} f"ur Gerichte zu essen gab. + +Emma{\s} Blicke kehrten immer wieder unwillk"urlich zu diesem +alten Manne mit den h"angenden Lippen zur"uck, al{\s} ob er +etwa{\s} ganz Besondere{\s} und Gro"sartige{\s} sei: war er doch +ein Favorit de{\s} K"onig{\s}hofe{\s} gewesen und hatte im Bette +einer K"onigin geschlafen! + +E{\s} wurde frappierter Sekt gereicht. Emma "uberlief e{\s} am +ganzen K"orper, al{\s} sie da{\s} eisige Getr"ank im Munde +sp"urte. Zum erstenmal in ihrem Leben sah sie Granat"apfel und a"s +sie Anana{\s}. Selbst der gesto"sene Zucker, den e{\s} dazu gab, +kam ihr wei"ser und feiner vor denn ander{\s}wo. + +Nach Tische zogen sich die Damen in ihre Zimmer zur"uck, um sich +zum Ball umzukleiden. Emma widmete ihrer Toilette die sorglichste +Gr"undlichkeit, wie eine Schauspielerin vor ihrem Deb"ut. Ihr Haar +ordnete sie nach den Ratschl"agen de{\s} Coiffeur{\s}. Dann +schl"upfte sie in ihr Barege-Kleid, da{\s} auf dem Bett +au{\s}gebreitet bereitlag. + +Karl f"uhlte sich in seiner Sonntag{\s}hose am Bauche beengt. + +"`Ich glaube, die Stege werden mich beim Tanzen st"oren!"' meinte +er. + +"`Du willst tanzen?"' entgegnete ihm Emma. + +"`Na ja!"' + +"`Du bist nicht recht gescheit! Man w"urde dich blo"s au{\s}lachen. +Bleib du nur ruhig sitzen! "Ubrigen{\s} schickt sich da{\s} viel +besser f"ur einen Arzt"', f"ugte sie hinzu. + +Karl schwieg. Er lief mit gro"sen Schritten im Zimmer hin und her +und wartete, bi{\s} Emma fertig w"are. Er sah sie "uber ihren +R"ucken weg im Spiegel, zwischen zwei brennenden Kerzen. Ihre +schwarzen Augen erschienen ihm noch dunkler denn sonst. Ihr Haar +war nach den Ohren zu ein wenig aufgebauscht; e{\s} schimmerte in +einem bl"aulichen Glanze, und "uber ihnen zitterte eine bewegliche +Rose, mit k"unstlichen Tauperlen in den Bl"attern. Ihr +mattgelbe{\s} Kleid ward durch drei Str"au"schen von Moo{\s}rosen +mit Gr"un darum belebt. + +Karl k"u"ste sie von hinten auf die Schulter. + +"`La"s mich!"' wehrte sie ab. "`Du zerkn"ullst mir alle{\s}!"' + +Violinen- und Waldhornkl"ange drangen herauf. Emma stieg die +Treppe hinunter, am liebsten w"are sie gerannt. + +Die Quadrille hatte bereit{\s} begonnen. Der Saal war gedr"angt +voller Menschen, und immer noch kamen G"aste. Emma setzte sich +unweit der T"ur auf einen Diwan. + +Al{\s} der Kontertanz zu Ende war, blieben auf dem Parkett nur +Gruppen plaudernder Menschen und Diener in Livree, die gro"se +Platten herumtrugen. In der Linie der sitzenden Damen gingen die +bemalten F"acher auf und nieder; die Blumenbukette verdeckten zur +H"alfte die lachenden Gesichter, und die goldnen St"opsel der +Riechfl"aschchen funkelten hin und her in den wei"sen Handschuhen, +an denen die Konturen der Fingern"agel ihrer Tr"agerinnen +hervortraten, w"ahrend da{\s} eingepre"ste Fleisch nur in den +Handfl"achen schimmerte. Die Spitzen, die Brillantbroschen, die +Armb"ander mit Anh"angseln wogten an den Miedern, glitzerten an +den Br"usten und klapperten an den Handgelenken. Die Damen trugen +im Haar, da{\s} durchweg glatt und im Nacken geknotet war, +Vergi"smeinnicht, Ja{\s}min, Granatbl"uten, "Ahren und Kornblumen +in Kr"anzen, Str"au"sen oder Ranken. Bequem in ihren St"uhlen +lehnten die M"utter mit gelangweilten Mienen, etliche in roten +Turbanen. + +Da{\s} Herz klopfte Emma ein wenig, al{\s} der erste T"anzer sie +an den Fingerspitzen fa"ste und in die Reihe der anderen f"uhrte. +Beim ersten Geigenton tanzten sie lo{\s}. Bald jedoch legte sich +ihre Aufregung. Sie begann sich im Flusse der Musik zu wiegen, und +mit einer leichten Biegung im Halse glitt sie sicher dahin. Bei +besonder{\s} z"artlichen Passagen de{\s} Violinsolo{\s} flog ein +s"u"se{\s} L"acheln um ihre Lippen. Wenn so die andern Instrumente +schwiegen, h"orte man im Tanzsaal da{\s} helle Klimpern der +Goldst"ucke auf den Spieltischen nebenan, bi{\s} da{\s} Orchester +mit einem Male wieder voll einsetzte. Dann ging{\s} im +wiedergewonnenen Takte weiter; die R"ocke der T"anzerinnen +bauschten sich und streiften einander, H"ande suchten und mieden +sich, und dieselben Blicke, die eben sch"uchtern gesenkt waren, +fanden ihr Ziel. + +Unter den tanzenden oder plaudernd an den T"uren stehenden Herren +stachen etliche, etwa zw"olf bi{\s} f"unfzehn, bei allem +Alter{\s}- und sonstigem Unterschied durch einen gewissen +gemeinsamen Typ von den andern ab. Ihre Kleider waren von +eleganterem Schnitte und au{\s} feinerem Stoff. Ihr nach den +Schl"afen zu gewellte{\s} Haar verriet die beste Pflege. Sie +hatten den Teint de{\s} Grandseigneur{\s}, jene wei"se Hautfarbe, +die wie abgestimmt zu bleichem Porzellan, schillernder Seide und +feinpolierten M"obeln erscheint und durch sorgf"altige und +raffinierte Ern"ahrung erhalten wird. Ihre Bewegungen waren +ungezwungen. Ihren mit Monogrammen bestickten Taschent"uchern +entstr"omte leise{\s} Parf"um. Den "alteren unter diesen Herren +haftete Jugendlichkeit an, w"ahrend den Gesichtern der j"ungeren +eine gewisse Reife eigen war. In ihren gleichg"ultigen Blicken +spiegelte sich die Ruhe der immer wieder befriedigten Sinne, und +hinter ihren glatten Manieren schlummerte da{\s} brutale eitle +Herrentum, da{\s} sich im Umgange mit Rassepferden und leichten +Damen entwickelt und kr"aftigt. + +Ein paar Schritte von Emma entfernt, plauderte ein Kavalier in +blauem Frack mit einer blassen, jungen, perlengeschm"uckten Dame +"uber Italien. Sie schw"armten von der Kuppel de{\s} Sankt Peter, +von Tivoli, vom Vesuv, von Castellammare, von Florenz, von den +Genueser Rosen und vom Kolosseum bei Mondenschein, mit ihrem +andern Ohre horchte Emma auf eine Unterhaltung, in der sie tausend +Dinge nicht verstand. Man umringte einen jungen Herrn, der in der +vergangnen Woche in England Mi"s Arabella und Romulu{\s} +"`geschlagen"' und durch einen "`famosen Grabensprung"' +vierzigtausend Franken gewonnen hatte. Ein andrer beklagte sich, +seine "`Rennschinder"' seien "`nicht im Training"', und ein +dritter jammerte "uber einen Druckfehler in der "`Sportwelt"', der +den Namen eine{\s} seiner "`Vollbl"uter"' verballhornt habe. + +Die Luft im Ballsaale wurde schwer, die Lichter schimmerten +fahler. Man dr"angte nach dem Billardzimmer. Ein Diener, der auf +einen Stuhl gestiegen war, um die Fenster zu "offnen, zerbrach +au{\s} Ungeschicklichkeit eine Scheibe. Da{\s} Klirren der +Gla{\s}scherben veranla"ste Frau Bovary hinzublicken, und da +gewahrte sie von drau"sen herein gaffende Bauerngesichter. Die +Erinnerung an da{\s} elterliche Gut "uberkam sie. Im Geiste sah +sie den Hof mit dem Misthaufen, ihren Vater in Hemd{\s}"armeln +unter den Apfelb"aumen und sich selber ganz wie einst, wie sie in +der Milchkammer mit den Fingern die Milch in den Sch"usseln +abrahmte. Aber im Strahlenglanz der gegenw"artigen Stunde starb +die eben noch so klare Erinnerung an ihr fr"uhere{\s} Leben +schnell wieder; e{\s} je gelebt zu haben, kam ihr fast unm"oglich +vor. Hier, hier lebte sie, und wa{\s} "uber diesen Ballsaal +hinau{\s} existieren mochte, da{\s} lag f"ur sie im tiefsten +Dunkel~... + +Sie schl"urfte von dem Mara{\s}chino-Ei{\s}, da{\s} sie in einer +vergoldeten Silberschale in der Hand hielt, wobei sie die Augen +halb schlo"s und den goldnen L"offel lange zwischen den Z"ahnen +behielt. Neben ihr lie"s eine Dame ihren F"acher zu Boden gleiten. +Ein T"anzer ging vor"uber. + +"`Sie w"aren sehr g"utig, mein Herr,"' sagte die Dame, "`wenn Sie +mir meinen F"acher aufheben wollten. Er ist unter diese{\s} Sofa +gefallen."' + +Der Herr b"uckte sich, und w"ahrend er mit dem Arm nach dem +F"acher langte, bemerkte Emma, da"s ihm die Dame etwa{\s} +wei"se{\s}, dreieckig Zusammengefaltete{\s} in den Hut warf. Er +"uberreichte ihr den aufgehobenen F"acher ehrerbietig. Sie dankte +mit einem leichten Neigen de{\s} Kopfe{\s} und barg schnell ihr +Gesicht in den Blumen ihre{\s} Strau"se{\s}. + +Nach dem Souper, bei dem e{\s} verschiedene Sorten von S"ud- und +Rheinweinen gab, Kreb{\s}suppe, Mandelmilch, Pudding \`a la +Trafalgar und allerlei kalte{\s} Fleisch, mit zitterndem Gelee +garniert, begannen die Wagen einer nach dem andern vor- und +wegzufahren. Wer einen der Musselinvorh"ange am Fenster ein wenig +beiseiteschob, konnte die Laternenlichter in die Nacht +hinau{\s}ziehen sehen. E{\s} sa"sen immer weniger T"anzer im +Saale. Nur im Spielzimmer war noch Leben. Die Musikanten leckten +sich die hei"sen Finger ab. Karl stand gegen eine T"ur gelehnt, +dem Einschlafen nahe. + +Um drei Uhr begann der Kotillon. Walzer tanzen konnte Emma nicht. +Aber alle Welt, sogar Fr"aulein von Andervillier{\s} und die +Marquise tanzten. E{\s} waren nur noch die im Schlosse zur Nacht +bleibenden G"aste da, etwa ein Dutzend Personen. + +Da geschah e{\s}, da"s einer der T"anzer, den man schlechtweg +"`Vicomte"' nannte -- die weitau{\s}geschnittene Weste sa"s ihm +wie angegossen -- Frau Bovary zum Tanz aufforderte. Sie wagte +e{\s} nicht. Der Vicomte bat abermal{\s}, indem er versicherte, er +w"urde sie sicher f"uhren und e{\s} w"urde vortrefflich gehen. + +Sie begannen langsam, um allm"ahlich rascher zu tanzen. +Schlie"slich wirbelten sie dahin. Alle{\s} drehte sich rund um +sie: die Lichter, die M"obel, die W"ande, der Parkettboden, al{\s} +ob sie in der Mitte eine{\s} Kreisel{\s} w"aren. Einmal, al{\s} +da{\s} Paar dicht an einer der T"uren vorbeitanzte, wickelte sich +Emma{\s} Schleppe um da{\s} Bein ihre{\s} T"anzer{\s}. Sie +f"uhlten sich beide und blickten sich einander in die Augen. Ein +Schwindel ergriff Emma. Sie wollte stehen bleiben. Aber e{\s} ging +weiter: der Vicomte raste nur noch rascher mit ihr dahin, bi{\s} +an da{\s} Ende der Galerie, wo Emma, v"ollig au"ser Atem, beinahe +umsank und einen Augenblick lang ihren Kopf an seine Brust lehnte. +Dann brachte er sie, von neuem, aber ganz langsam tanzend, an +ihren Platz zur"uck. E{\s} schwindelte ihr; sie mu"ste den R"ucken +anlehnen und ihr Gesicht mit der einen Hand bedecken. + +Al{\s} sie die Augen wieder aufschlug, sah sie, da"s in der Mitte +de{\s} Saale{\s} eine der Damen auf einem Taburett sa"s, w"ahrend +drei der Herren vor ihr knieten. Der Vicomte war darunter. Er war +der Bevorzugte. Und von neuem setzten die Geigen ein. + +Alle Blicke galten dem tanzenden Paare. E{\s} tanzte einmal und +noch einmal herum: sie regung{\s}lo{\s} in den Linien ihre{\s} +K"orper{\s}, da{\s} Kinn ein wenig gesenkt; er in immer der +n"amlichen Haltung, kerzengerade, die Arme elegant gerundet, den +Blick geradeau{\s} gerichtet. Da{\s} waren Walzert"anzer! Sie +fanden kein Ende. Eher erm"udeten die Zuschauer. + +Nach dem Kotillon plauderte man noch eine kleine Weile. Dann sagte +man sich "`Gute Nacht"' oder vielmehr "`Guten Morgen"', und alle{\s} +ging schlafen. + +Karl schleppte sich am Treppengel"ander hinauf. Er hatte sich +"`die Beine in den Bauch gestanden."' Ohne sich zu setzen, hatte +er sich f"unf Stunden hintereinander bei den Spieltischen +aufgehalten und den Whistspielern zugesehen, ohne etwa{\s} von +diesem Spiel zu verstehen. Und so stie"s er einen m"achtigen +Seufzer der Erleichterung au{\s}, al{\s} er sich endlich seiner +Stiefel entledigt hatte. + +Emma legte sich ein Tuch um die Schultern, "offnete da{\s} Fenster +und lehnte sich hinau{\s}. Die Nacht war schwarz. Feiner +Spr"uhregen fiel. Sie atmete den feuchten Wind ein, der ihr die +Augenlider k"uhlte. Walzerkl"ange summten ihr noch in den Ohren. +Emma hielt sich gewaltsam wach, um den eben erlebten +M"archenglanz, ehe er ganz wieder verronnen, noch ein wenig zu +besitzen~... + +Der Morgen d"ammerte. Sie schaute hin"uber nach den Fensterreihen +de{\s} Mittelbaue{\s}, lange, lange, und versuchte zu erraten, wo +die einzelnen Personen alle wohnten, die sie diesen Abend +beobachtet hatte. Sie sehnte sich darnach, etwa{\s} von ihrem +Leben zu wissen, eine Rolle darin zu spielen, selber darin +aufzugehen. + +Schlie"slich begann sie zu fr"osteln. Sie entkleidete sich und +schmiegte sich in die Kissen, zur Seite ihre{\s} schlafenden +Gatten. + +Zum Fr"uhst"uck erschienen eine Menge Menschen. E{\s} dauerte zehn +Minuten. E{\s} gab keinen Kognak, wa{\s} dem Arzt wenig behagte. + +Beim Aufstehen sammelte Fr"aulein von Andervillier{\s} die +angebrochenen Br"otchen in einen kleinen Korb, um sie den +Schw"anen auf dem Schlo"steiche zu bringen. Nach der F"utterung +begab man sich in da{\s} Gew"ach{\s}hau{\s}, mit seinen seltsamen +Kakteen und Schlingpflanzen, und in die Orangerie. Von dieser +f"uhrte ein Au{\s}gang in den Wirtschaft{\s}hof. + +Um der jungen Arztfrau ein Vergn"ugen zu bereiten, zeigte ihr der +Marqui{\s} die St"alle. "Uber den korbartigen Raufen waren +Porzellanschilder angebracht, auf denen in schwarzen Buchstaben +die Namen der Pferde standen. Man blieb an den einzelnen Boxen +stehen, und wenn man mit der Zunge schnalzte, scharrten die Tiere. +Die Dielen in der Sattel- und Geschirrkammer waren blank gewichst +wie Salonparkett. Die Wagengeschirre ruhten in der Mitte de{\s} +Raume{\s} auf drehbaren B"ocken, w"ahrend die Kandaren, Trensen, +Kinnketten, Steigb"ugel, Z"ugel und Peitschen wohlgeordnet zu +Reihen an den W"anden hingen. + +Karl bat einen Stallburschen, sein Gef"ahrt zurechtzumachen. +Sodann fuhr er vor. Da{\s} ganze Gep"ack ward aufgepackt. Da{\s} +Ehepaar Bovary bedankte und verabschiedete sich bei dem Marqui{\s} +und der Marquise. Und heim ging e{\s} nach Toste{\s}. + +Schweigsam sah Emma dem Drehen der R"ader zu. Karl sa"s auf dem +"au"sersten Ende de{\s} Sitze{\s} und kutschierte mit abstehenden +Ellbogen. Da{\s} kleine Pferd lief im Zotteltrab dahin, in seiner +Gabel, die ihm viel zu weit war. Die schlaffen Z"ugel tanzten auf +der Kruppe de{\s} Gaule{\s}. Gischt flatterte. Der Koffer, der +hinten angeschnallt war, sa"s nicht recht fest und polterte in +einem fort im Takte an den Wagenkasten. + +Auf der H"ohe von Thibourville wurden sie pl"otzlich von ein paar +Reitern "uberholt. Lachende Gesichter und Zigarettenrauch. Emma +glaubte, den Vicomte zu bemerken. Sie schaute ihm nach, aber sie +vermochte nicht{\s} zu erkennen al{\s} die Konturen der Reiter, +die sich vom Himmel abhoben und sich im Rhythmu{\s} de{\s} +Trabe{\s} auf und nieder bewegten. + +Wenige Minuten sp"ater mu"sten sie Halt machen, um die zerrissene +Hemmkette mit einem Strick fest\/zubinden. Al{\s} Karl da{\s} ganze +Geschirr noch einmal "uberblickte, gewahrte er zwischen den Beinen +seine{\s} Pferde{\s} einen Gegenstand liegen. Er hob eine +Zigarrentasche auf; sie war mit gr"uner Seide gestickt und auf der +Mitte der Oberseite mit einem Wappen geschm"uckt. + +"`E{\s} sind sogar zwei Zigarren drin!"' sagte er. "`Die kommen +heute abend nach dem Essen dran!"' + +"`Du rauchst demnach?"' fragte Emma. + +"`Manchmal! Gelegentlich!"' + +Er steckte seinen Fund in die Tasche und gab dem Gaul ein{\s} mit +der Peitsche. + +Al{\s} sie zu Hause ankamen, war da{\s} Mittagessen noch nicht +fertig. Frau Bovary war unwillig dar"uber. Anastasia gab eine +dreiste Antwort. + +"`Scheren Sie sich fort"' rief Emma. "`Sie machen sich "uber mich +lustig. Sie sind entlassen!"' + +Zu Tisch gab e{\s} Zwiebelsuppe und Kalbfleisch mit Sauerkraut. +Karl sa"s seiner Frau gegen"uber. Er rieb sich die H"ande und +meinte vergn"ugt: + +"`Zu Hause ist{\s} doch am sch"onsten!"' + +Man h"orte, wie Anastasia drau"sen weinte. Karl hatte da{\s} arme +Ding gern. Ehedem, in der trostlosen Einsamkeit seiner Witwerzeit, +hatte sie ihm so manchen Abend Gesellschaft geleistet. Sie war +seine erste Patientin gewesen, seine "alteste Bekannte in der +ganzen Gegend. + +"`Hast du ihr im Ernst gek"undigt?"' fragte er nach einer Weile. + +"`Gewi"s! Warum soll ich auch nicht?"' gab Emma zur Antwort. + +Nach Tisch w"armten sich die beiden in der K"uche, w"ahrend die +Gro"se Stube wieder in Ordnung gebracht wurde. Karl brannte sich +eine der Zigarren an. Er rauchte mit aufgeworfenen Lippen und +spuckte dabei aller Minuten, und bei jedem Zuge lehnte er sich +zur"uck, damit ihm der Rauch nicht in die Nase stieg. + +"`Da{\s} Rauchen wird dir nicht bekommen!"' bemerkte Emma +ver"achtlich. + +Karl legte die Zigarre weg, lief schnell an die Plumpe und trank +gierig ein Gla{\s} frische{\s} Wasser. W"ahrenddessen nahm Emma +die Zigarrentasche und warf sie rasch in einen Winkel de{\s} +Schranke{\s}. + +Der Tag war endlo{\s}: dieser Tag nach dem Feste! + +Emma ging in ihrem G"artchen spazieren. Immer dieselben Wege auf +und ab wandelnd, blieb sie vor den Blumenbeeten stehen, vor dem +Obstspalier, vor dem t"onernen M"onch, und betrachtete sich alle +diese ihr so wohlbekannten alten Dinge voll Verwunderung. Wie weit +hinter ihr der Ballabend schon lag! Und wa{\s} war e{\s}, da{\s} +sich zwischen vorgestern und heute abend wie eine breite Kluft +dr"angte? Diese Reise nach Vaubyessard hatte in ihr Leben einen +tiefen Ri"s gerissen, einen klaffenden Abgrund, wie ihn der Sturm +zuweilen in einer einzigen Nacht in den Bergen aufw"uhlt. Trotzdem +kam eine gewisse Resignation "uber sie. Wie eine Reliquie +verwahrte sie ihr sch"one{\s} Ballkleid in ihrem Schranke, sogar +die Atla{\s}schuhe, deren Sohlen vom Parkettwach{\s} eine +br"aunliche Politur bekommen hatten. Emma{\s} Herz ging e{\s} wie +ihnen. Bei der Ber"uhrung mit dem Reichtum war etwa{\s} daran +haften geblieben f"ur immerdar. + +An den Ball zur"uckdenken, wurde f"ur Emma eine besondre +Besch"aftigung. An jedem Mittwoche wachte sie mit dem Gedanken +auf: "`Ach, heute vor acht Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor +vierzehn Tagen war e{\s}!"' -- "`Heute vor drei Wochen war +e{\s}!"' Allm"ahlich aber verschwammen in ihrem Ged"achtnisse die +einzelnen Gesichter, die sie im Schlosse gesehen hatte. Die +Melodien der T"anze entfielen ihr. Sie verga"s, wie die Gem"acher +und die Livreen au{\s}gesehen hatten. Immer mehr schwanden ihr die +Einzelheiten, aber ihre Sehnsucht blieb zur"uck. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Oft, wenn Karl unterweg{\s} war, holte Emma die gr"unseidene +Zigarrentasche au{\s} dem Schrank, wo sie unter gefalteter W"asche +verborgen lag. Sie betrachtete sie, "offnete sie und sog sogar den +Duft ihre{\s} Futter{\s} ein, da{\s} nach Lavendel und Tabak roch. +Wem mochte sie geh"ort haben? Dem Vicomte? Vielleicht war e{\s} +ein Geschenk seiner Geliebten. Gewi"s hatte sie die Stickerei auf +einem kleinen Rahmen von Polisanderholz angefertigt, ganz +heimlich, in vielen, vielen Stunden, und die weichen Locken der +tr"aumerischen Arbeiterin hatten die Seide gestreift. Ein Hauch +von Liebe wehte au{\s} den Stichen hervor. Mir jedem Faden war +eine Hoffnung oder eine Erinnerung eingestickt worden, und alle +diese kleinen Seidenkreuzchen waren da{\s} Denkmal einer langen +stummen Leidenschaft. Und dann, eine{\s} Morgen{\s}, hatte der +Vicomte die Tasche mitgenommen. Wovon hatten die beiden wohl +geplaudert, al{\s} sie noch auf dem breiten Simse de{\s} +Kamine{\s} zwischen Blumenvasen und Stutzuhren au{\s} den Zeiten +der Pompadour lag? + +Jetzt war der Vicomte wohl in Pari{\s}. Weit weg von ihr und von +Toste{\s}! Wie mochte diese{\s} Pari{\s} sein? Welch +geheimni{\s}voller Name! Pari{\s}! Sie fl"usterte da{\s} Wort +immer wieder vor sich hin. E{\s} machte ihr Vergn"ugen. E{\s} +raunte ihr durch die Ohren wie der Klang einer gro"sen +Kirchenglocke. E{\s} flammte ihr in die Augen, wo e{\s} auch +stand, selbst von den Etiketten ihrer Pomadenb"uchsen. + +Nacht{\s}, wenn die Seefischh"andler unten auf der Stra"se +vorbeifuhren mit ihren Karren und die "`Majorlaine"' sangen, ward +sie wach. Sie lauschte dem Rasseln der R"ader, bi{\s} die Wagen +au{\s} dem Dorfe hinau{\s} waren und e{\s} wieder still wurde. + +"`Morgen sind sie in Pari{\s}!"' seufzte die Einsame. Und in ihren +Gedanken folgte sie den Fahrzeugen "uber Berg und Tal, durch +D"orfer und St"adte, immer die gro"se Stra"se hin in der lichten +Sternennacht. Aber weiter weg gab e{\s} ein verschwommene{\s} +Ziel, wo ihre Tr"aume versagten. Sie kaufte sich einen Plan von +Pari{\s} und machte mit dem Fingernagel lange Wanderungen durch +die Weltstadt. Sie lief auf den Boulevard{\s} hin, blieb an jeder +Stra"senecke stehen, an jedem Hause, da{\s} im Stadtplan +eingezeichnet war. Wenn ihr die Augen schlie"slich m"ude wurden, +schlo"s sie die Lider, und dann sah sie im Dunkeln, wie die +Flammen der Laternen im Winde flackerten und wie die Kutschen vor +dem Portal der Gro"sen Oper donnernd vorfuhren. + +Sie abonnierte auf den "`Bazar"' und die "`Modenwelt"' und +studierte auf da{\s} gewissenhafteste alle Berichte "uber die +Premieren, Rennen und Abendgesellschaften. Sie war unterrichtet, +wenn ber"uhmte S"angerinnen Gastspiele gaben oder neue +Warenh"auser er"offnet wurden; sie kannte die neuesten Moden, die +Adressen der guten Schneider; sie wu"ste, an welchen Tagen die +vornehme Gesellschaft im Boi{\s} und in der Oper zu finden war. +Au{\s} den Moderomanen lernte sie, wie die Pariser Wohnungen +eingerichtet waren. Sie la{\s} Balzac und die George Sand, um +wenigsten{\s} in der Phantasie ihre Begehrlichkeit zu befriedigen. +Sie brachte diese B"ucher sogar mit zu den Mahlzeiten und la{\s} +darin, w"ahrend Karl a"s und ihr erz"ahlte. Und wa{\s} sie auch +la{\s}, "uberallhinein drangen ihre Reminis\/zenzen an den +Vicomte. Zwischen ihm und den Romangestalten fand sie allerhand +Beziehungen. Aber allm"ahlich erweiterte sich der Ideenkrei{\s}, +dessen Mittelpunkt er war, und der Heiligenschein, den er getragen +hatte, erblich schlie"slich, um auf andren Idealgesch"opfen wieder +aufzuflammen. + +Unerme"slich wie da{\s} Weltmeer, in der Sonne eine{\s} +Wunderhimmel{\s}, so stand Pari{\s} vor Emma{\s} Phantasie. Da{\s} +tausendf"altige Leben, da{\s} sich in diesem Babylon abspielt, war +gleichwohl f"ur sie auf ganz bestimmte Einzelheiten beschr"ankt, +die sie im Geiste in deutlichen Bildern sah. Neben diesen -- man +k"onnte sagen -- Symbolen de{\s} mond"anen Leben{\s} trat alle{\s} +andre in Dunkel und D"ammerung zur"uck. + +Da{\s} Dasein der Hofmenschen, so wie sie sich{\s} vorstellte, +spielte sich auf gl"anzendem Parkett ab, in Spiegels"alen, um +ovale Tische, auf denen Samtdecken mit goldnen Fransen liegen. +Dazu Schleppkleider, Staat{\s}geheimnisse und tausend Qualen +hinter heuchlerischem L"acheln. Da{\s} Milieu de{\s} h"ochsten +Adel{\s} bildete sie sich folgenderma"sen ein: Vornehme bleiche +Gesichter; man steht fr"uh um vier Uhr auf; die Damen, allesamt +ungl"uckliche Engel, tragen Unterr"ocke au{\s} irischen Spitzen; +die M"anner, verkannte Genie{\s}, kokettierend mit der Ma{\s}ke +der Oberfl"achlichkeit, reiten au{\s} "Ubermut ihre Vollbl"uter +zuschanden, die Sommersaison verbringen sie in Baden-Baden, und +wenn sie vierzig Jahre alt geworden sind, heiraten sie zu guter +Letzt reiche Erbinnen. Die dritte Welt, von der Emma tr"aumte, war +da{\s} bunte Leben und Treiben der K"unstler, Schriftsteller und +Schauspielerinnen, da{\s} sich in den separierten Zimmern der +Restaurant{\s} abspielt, wo man nach Mitternacht bei Kerzenschein +soupiert und sich au{\s}tollt. Diese Menschen sind die +Verschwender de{\s} Leben{\s}, K"onige in ihrer Art, voller Ideale +und Phantastereien. Ihr Dasein verl"auft hoch "uber dem Alltag, +zwischen Himmel und Erde, in Sturm und Drang. + +Alle{\s} andre in der Welt war f"ur Emma verloren, +wesen{\s}lo{\s}, so gut wie nicht vorhanden. Je n"aher ihr die +Dinge "ubrigen{\s} standen, um so weniger ber"uhrten sie ihr +Innenleben. Alle{\s}, wa{\s} sie unmittelbar umgab: die eint"onige +Landschaft, die kleinlichen armseligen Spie"sb"urger, ihr +ganze{\s} Durchschnitt{\s}dasein kam ihr wie ein Winkel der +eigentlichen Welt vor. Er existierte zuf"allig, und sie war in ihn +verbannt. Aber drau"sen vor seinen Toren, da begann da{\s} weite, +weite Reich der Seligkeiten und Leidenschaften. In der Sehnsucht +ihre{\s} Traumleben{\s} flossen Wollust und Luxu{\s} mit den +Freuden de{\s} Herzen{\s}, erlesene Leben{\s}f"uhrung mit +Gef"uhl{\s}feinheiten ineinander. Bedarf die Liebe, "ahnlich wie +die Pflanzen der Tropen, nicht ihre{\s} eigenen Boden{\s} und +ihrer besondren Sonne? Seufzer bei Mondenschein, innige K"usse, +Tr"anen, vergossen auf hingebung{\s}volle H"ande, Fleische{\s}lust +und schmachtende Z"artlichkeit, alle{\s} da{\s} war ihr +unzertrennlich von stolzen Schl"ossern voll m"u"sigen Leben{\s}, +von Boudoiren mit seidnen Vorh"angen und dicken Teppichen, von +blumengef"ullten Vasen, von Himmelbetten, von funkelnden +Brillanten und goldstrotzender Dienerschaft. + +Der Postkutscher, der allmorgentlich in seiner zerrissenen +Stalljacke, die blo"sen F"u"se in Holzpantoffeln, kam, um die +Stute zu f"uttern und zu putzen, klapperte jede{\s}mal durch die +Hau{\s}flur. Da{\s} war der Groom in Kniehosen. Mit dem mu"ste sie +zufrieden sein. Wenn er fertig war, lie"s er sich den ganzen Tag +"uber nicht wieder blicken. Karl pflegte n"amlich sein Pferd, wenn +er e{\s} geritten hatte, selbst einzustellen. W"ahrend er Sattel +und Z"aumung aufhing, warf die Magd dem Tiere ein Bund Heu vor. + +Nachdem Anastasia unter tausend Tr"anen wirklich da{\s} Hau{\s} +verlassen hatte, nahm Emma an ihrer Stelle ein junge{\s} M"adchen +in Dienst, eine Waise von vierzehn Jahren, ein sanftm"utige{\s} +Wesen. Sie zog sie nett an, brachte ihr h"ofliche Manieren bei, +lehrte sie, ein Gla{\s} Wasser auf dem Teller zu reichen, vor dem +Eintreten in ein Zimmer anzuklopfen, unterrichtete sie im Pl"atten +und B"ugeln der W"asche und lie"s sich von ihr beim Ankleiden +helfen. Mit einem Worte, sie bildete sich eine Kammerzofe au{\s}. +Felicie -- so hie"s da{\s} neue M"adchen -- gehorchte ihr ohne +Murren. E{\s} gefiel ihr im Hause. Die Hau{\s}frau pflegte den +B"ufettschl"ussel stecken zu lassen. Felicie nahm sich alle Abende +einige St"ucke Zucker und verzehrte sie, wenn sie allein war, im +Bett, nachdem sie ihr Gebet gesprochen hatte. Nachmittag{\s}, wenn +Frau Bovary wie gew"ohnlich oben in ihrem Zimmer blieb, ging sie +ein wenig in die Nachbarschaft klatschen. + +Emma kaufte sich eine Schreibunterlage, Briefbogen, Umschl"age und +einen Federhalter, obgleich sie niemanden hatte, an den sie h"atte +schreiben k"onnen. H"aufig besah sie sich im Spiegel. Mitunter +nahm sie ein Buch zur Hand, aber beim Lesen verfiel sie in +Tr"aumereien und lie"s da{\s} Buch in den Scho"s sinken. Am +liebsten h"atte sie eine gro"se Reise gemacht oder w"are wieder in +da{\s} Kloster gegangen. Der Wunsch zu sterben und die Sehnsucht +nach Pari{\s} beherrschten sie in der gleichen Minute. + +Karl trabte indessen bei Wind und Wetter seine Landstra"sen hin. +Er fr"uhst"uckte in den Geh"often, griff in feuchte Krankenbetten, +lie"s sich beim Aderlassen da{\s} Gesicht voll Blut spritzen, +h"orte dem R"ocheln Sterbender zu, pr"ufte den Inhalt von +Nachtt"opfen und zog so und so oft schmutzige Hemden hoch. +Abend{\s} aber fand er immer ein gem"utliche{\s} Feuer im Kamin, +einen nett gedeckten Tisch, den zurechtgesetzten Gro"svaterstuhl +und eine allerliebst angezogene Frau. Ein Duft von Frische ging +von ihr au{\s}; wer wei"s, wa{\s} da{\s} war, ein Odeur, ihre +W"asche oder ihre Haut? + +Eine Menge andrer seltsamer Kleinigkeiten war sein Ent\/z"ucken. Sie +erfand neue Papiermanschetten f"ur die Leuchter, oder sie besetzte +ihren Rock mit einem koketten Volant, oder sie taufte ein ganz +gew"ohnliche{\s} Gericht mit einem putzigen Namen, weil e{\s} ihm +herrlich geschmeckt und er e{\s} bi{\s} auf den letzten Rest +vertilgt hatte, obgleich e{\s} dem M"adchen greulich mi"sraten +war. Einmal sah sie in Rouen, da"s die Damen an ihren Uhrketten +allerlei Anh"angsel trugen; sie kaufte sich auch welche. Ein +andermal war e{\s} ihr Wunsch, auf dem Kamine ihre{\s} Zimmer{\s} +zwei gro"se Vasen au{\s} blauem Porzellan stehen zu haben, oder +sie wollte ein N"ahk"astchen au{\s} Elfenbein mit einem +vergoldeten Fingerhut. So wenig Karl diese eleganten Neigungen +begriff, so sehr "ubten sie doch auch auf ihn eine verf"uhrerische +Wirkung au{\s}. Sie erh"ohten die Freuden seiner Sinnlichkeit und +verliehen seinem Heim einen s"u"sen Reiz mehr. E{\s} war, al{\s} +ob Goldstaub auf den Pfad seine{\s} Leben{\s} fiel. + +Er sah gesund und w"urdevoll au{\s}, und sein Ansehen al{\s} Arzt +stand l"angst fest. Die Bauern mochten ihn gern, weil er gar nicht +stolz war. Er streichelte die Kinder, ging niemal{\s} in ein +Wirt{\s}hau{\s} und fl"o"ste jedermann durch seine Solidit"at +Vertrauen ein. Er war Spezialist f"ur Hal{\s}- und Lungenleiden. +In Wirklichkeit r"uhrten seine Erfolge daher, da"s er Angst hatte, +die Leute zu Tode zu kurieren, und ihnen darum mit Vorliebe nur +beruhigende Arzneien verschrieb und ihnen hin und wieder ein +Abf"uhrmittel, ein Fu"sbad oder einen Blutegel verordnete. In der +Chirurgie war er allerding{\s} ein St"umper. Er schnitt +drauflo{\s} wie ein Fleischermeister, und Z"ahne zog er wie der +Satan. + +Um sich in seinem Handwerk "`auf dem laufenden zu halten"', war er +auf die "`Medizinische Wochenschrift"' abonniert, von der ihm +einmal ein Prospekt zugegangen war. Abend{\s} nach der +Hauptmahlzeit nahm er sie gew"ohnlich zur Hand, aber die warme +Zimmerluft und die Verdauung{\s}m"udigkeit brachten ihn +regelm"a"sig nach f"unf Minuten zum Einschlafen. Da{\s} Haupt sank +ihm dann auf den Tisch, und sein Haar fiel wie eine L"owenm"ahne +vorn"uber nach dem Fu"se der Tischlampe zu. Emma sah sich +diese{\s} Bild ver"achtlich an. Wenn ihr Mann nur wenigsten{\s} +eine der stillen Leuchten der Wissenschaft gewesen w"are, die +nacht{\s} "uber ihren B"uchern hocken und mit sechzig Jahren, wenn +sich da{\s} Zipperlein einstellt, den Verdienstorden in da{\s} +Knopfloch ihre{\s} schlecht sitzenden schwarzen Rocke{\s} geh"angt +bekommen! Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, h"atte +Bedeutung haben m"ussen in der Fachliteratur, in den Zeitungen, in +ganz Frankreich! Aber Karl hegte so gar keinen Ehrgeiz. Ein Arzt +au{\s} Yvetot, mit dem er unl"angst gemeinsam konsultiert worden +war, hatte ihn in Gegenwart de{\s} Kranken und im Beisein der +Verwandten blamiert. Al{\s} Karl ihr abend{\s} die Geschichte +erz"ahlte, war Emma ma"slo{\s} emp"ort "uber den Kollegen. Karl +k"u"ste ihr ger"uhrt die Stirn. Die Tr"anen standen ihm in den +Augen. Sie war au"ser sich vor Scham ob der Dem"utigung ihre{\s} +Manne{\s} und h"atte ihn am liebsten verpr"ugelt. Um sich zu +beruhigen, eilte sie auf den Gang hinau{\s}, "offnete da{\s} +Fenster und sog die k"uhle Nachtluft ein. + +"`Ach, wa{\s} habe ich f"ur einen erb"armlichen Mann!"' klagte sie +leise vor sich hin und bi"s sich auf die Lippen. + +Er wurde ihr auch sonst immer widerw"artiger. Mit der Zeit nahm er +allerlei unmanierliche Gewohnheiten an. Beim Nachtisch +zerschnippselte er den Kork der leeren Flasche; nach dem Essen +leckte er sich die Z"ahne mit der Zunge ab, und wenn er die Suppe +l"offelte, schmatzte er bei jedem Schlucke. Er ward immer +beleibter, und seine an und f"ur sich schon winzigen Augen drohten +allm"ahlich g"anzlich hinter seinen feisten Backen zu +verschwinden. + +Zuweilen schob ihm Emma den roten Saum seine{\s} +Trikotunterhemde{\s} wieder unter den Kragen, zupfte die Krawatte +zurecht oder beseitigte ein Paar abgetragener Handschuhe, die er +sonst noch l"anger angezogen h"atte. Aber dergleichen tat sie +nicht, wie er w"ahnte, ihm zuliebe. E{\s} geschah einzig und +allein au{\s} nerv"oser Reizbarkeit und egoistischem +Sch"onheit{\s}drang. Mitunter erz"ahlte sie ihm Dinge, die sie +gelesen hatte, etwa au{\s} einem Roman oder au{\s} einem neuen +St"ucke, oder Vorkommnisse au{\s} dem Leben der oberen +Zehntausend, die sie im Feuilleton einer Zeitung erhascht hatte. +Schlie"slich war Karl wenigsten{\s} ein aufmerksamer und geneigter +Zuh"orer, und sie konnte doch nicht immer nur ihr Windspiel, +da{\s} Feuer im Kamin und den Perpendikel ihrer Kaminuhr zu ihren +Vertrauten machen! + +Im tiefsten Grunde ihrer Seele harrte sie freilich immer de{\s} +gro"sen Erlebnisse{\s}. Wie der Schiffer in Not, so suchte sie mit +verzweifelten Augen den einsamen Horizont ihre{\s} Dasein{\s} ab +und sp"ahte in die dunstigen Fernen nach einem wei"sen Segel. +Dabei hatte sie gar keine bestimmte Vorstellung, ob ihr der +richtige Kur{\s} oder der Zufall da{\s} ersehnte Schiff zuf"uhren +solle, nach welchem Gestade sie dann auf diesem Fahrzeuge steuern +w"urde, welcher Art diese{\s} Schiff "uberhaupt sein solle, ob ein +schwache{\s} Boot oder ein gro"ser Ozeandampfer, und mit welcher +Fracht er fahre, mit tausend "Angsten oder mit Gl"uckseligkeiten +beladen bi{\s} hinauf in die Wimpel. Aber jeden Morgen, wenn sie +erwachte, rechnete sie bestimmt darauf, heute m"usse e{\s} sich +ereignen. Bei jedem Ger"ausch zuckte sie zusammen, fuhr sie empor +und war dann betroffen, da"s e{\s} immer noch nicht kam, da{\s} +gro"se Erlebni{\s}. Wenn die Sonne sank, war sie jede{\s}mal +tieftraurig, aber sie hoffte von neuem auf den n"achsten Tag. + +Der Fr"uhling zog wieder in da{\s} Land. Al{\s} die Tage w"armer +wurden und die Birnb"aume zu bl"uhen begannen, litt Emma an +Beklemmungen. Dann ward e{\s} Sommer. Bereit{\s} Anfang Juli +z"ahlte sie sich an den Fingern ab, wieviel Wochen e{\s} noch +bi{\s} zum Oktober seien. Vielleicht g"abe der Marqui{\s} von +Andervillier{\s} wieder einen Ball. Aber der ganze September +verstrich, ohne da"s ein Brief oder ein Besuch au{\s} Vaubyessard +kam. Nach dieser Entt"auschung war ihr Herz wieder leer, und +da{\s} ewige Einerlei ihre{\s} Leben{\s} hub von neuem an. + +Also sollten sich denn fortan ihre Tage aneinanderreihen wie die +Perlen an einer Schnur, jeder immer wieder gleich dem andern, +sollten kommen und gehen und nie etwa{\s} Neue{\s} bringen! So +flach auch da{\s} Leben andrer Leute war, sie hatten doch immerhin +die M"oglichkeit eine{\s} au"sergew"ohnlichen Geschehnisse{\s}. +Ein Abenteuer zieht h"aufig die unglaublichsten Umw"alzungen nach +sich und ver"andert rasch die ganze Szene. Aber in ihrem Dasein +blieb alle{\s} beim alten. Da{\s} war ihr Schicksal! Die Zukunft +lag vor ihr wie ein langer stockfinsterer Gang, und die T"ur ganz +am Ende war fest verriegelt. + +Sie vernachl"assigte die Musik. Wozu Klavier spielen? Wer h"orte +ihr denn zu? E{\s} war ihr doch niemal{\s} verg"onnt, in einem +Gesellschaft{\s}kleid mit kurzen "Armeln auf einem Konzertfl"ugel +vor einer gro"sen Zuh"orerschaft vorzutragen, ihre flinken Finger +"uber die Elfenbeintasten hinst"urmen zu lassen und da{\s} Murmeln +der Verz"uckung um sich zu h"oren wie da{\s} Rauschen de{\s} +Zephir{\s}. Wozu also da{\s} m"uhevolle Einstudieren? Ebenso +packte sie ihr Zeichenger"at und den Stickrahmen in den Schrank. +Wozu da{\s} alle{\s}? Wem zuliebe? Auch da{\s} N"ahen ward ihr +widerlich, und selbst da{\s} Lesen lie"s sie. "`E{\s} ist immer +wieder da{\s}selbe!"' sagte sie sich. + +Und so tr"aumte sie vor sich hin, starrte in die Glut de{\s} +Kamin{\s} oder sah zu, wie drau"sen der Regen herniederfiel. + +Am traurigsten waren ihr die Sonntag{\s}nachmittage. Wenn e{\s} +zur Vesper l"autete, h"orte sie, vor sich hinbr"utend, den dumpfen +Glockenschl"agen zu. Eine Katze schlich "uber die D"acher, +gem"achlich und langsam, und wo ein bi"schen Sonne war, machte sie +einen Buckel. Auf der Landstra"se blie{\s} der Wind Staubwirbel +auf. In der Ferne heulte ein Hund. Und zu allem dem, in einem +fort, in gleichen Zeitr"aumen, der monotone Glockenklang, der +"uber den Feldern verhallte. + +Inzwischen kamen die Leute au{\s} der Kirche. Die Frauen in +Lackschuhen, die Bauern in ihren Sonntag{\s}blusen, die hin und +her laufenden Kinder in blo"sen K"opfen. Alle{\s} ging +heimw"art{\s}. Nur f"unf bi{\s} sech{\s} M"anner, immer dieselben, +blieben vor dem Hoftor de{\s} Gasthofe{\s} beim St"opselspiel, +bi{\s} e{\s} dunkel wurde. + +E{\s} kam ein kalter Winter. Jeden Morgen waren die +Fensterscheiben mit Ei{\s}blumen bedeckt, und da{\s} +Tage{\s}licht, da{\s} wie durch mattgeschliffene{\s} Gla{\s} +hereindrang, blieb mitunter den ganzen Tag "uber tr"ub. Von +nachmittag{\s} vier Uhr an mu"sten die Lampen brennen. + +An sch"onen Tagen ging Emma in den Garten hinunter. Der Rauhfrost +hatte "uber die Gr"aser ein silberne{\s} Netz gewoben, dessen +glitzernde Maschen von Halm zu Halm gesponnen waren. Kein Vogel +sang. Die Natur schien zu schlafen. Da{\s} Spalier war mit Stroh +umwickelt, und die Weinst"ocke hingen an der Mauer wie vereiste +Schlangen. Der lesende M"onch unter den Fichten an der Hecke hatte +den rechten Fu"s verloren. Im Frost war die Glasur abgesprungen, +und graue Flecke entstellten ihm nun da{\s} Gesicht. + +Nach einer Weile stieg sie wieder hinauf in ihr Zimmer, schlo"s +die T"ur ab und sch"urte da{\s} Feuer im Kamine. In der W"arme +de{\s} Zimmer{\s} ward sie matt, und die Langeweile lastete +schwerer auf ihr. Gern w"are sie hinuntergelaufen, um mit dem +Dienstm"adchen zu plaudern, aber dazu war sie zu stolz. + +Alle Morgen um die n"amliche Stunde "offnete dr"uben der +Schulmeister, sein schwarzseidne{\s} K"appchen auf dem Kopfe, die +Fensterl"aden seiner Behausung. Dann marschierte der Landgendarm +mit seinem S"abel vor"uber. Morgen{\s} und abend{\s} wurden die +Postpferde, immer drei auf einmal, zur Tr"anke nach dem Dorfteiche +vorbeigef"uhrt. Von Zeit zu Zeit schellte die T"urklingel +irgendeine{\s} Laden{\s}; und wenn der Wind ging, h"orte man die +Messingbecken, die al{\s} Au{\s}h"angeschilder vor dem +Barbiergesch"afte hingen, an ihre Stange klirren. Da{\s} +Schaufenster schm"uckten ein alte{\s} auf Pappe au{\s}geklebte{\s} +Modenkupfer und eine weibliche Wach{\s}b"uste mit einer gelben +Per"ucke. Der Friseur pflegte "uber seinen brotlosen Beruf und +seine jammervolle Zukunft zu lamentieren; sein h"ochster Traum war +ein Laden in einer gro"sen Stadt, etwa in Rouen, am Kai, in der +N"ahe de{\s} Theater{\s}. M"urrisch wanderte er den ganzen Tag +"uber zwischen dem Gemeindeamt und der Kirche hin und her und +lauerte auf Kundschaft. Sooft Frau Bovary durch ihr Fenster +blickte, sah sie ihn jede{\s}mal in seinem braunen Rock, die +Zipfelm"utze auf dem Haupte, wie einen Wachtposten hin und her +patrouillieren. + +Am Nachmittag erschien zuweilen vor den Fenstern de{\s} +E"szimmer{\s} ein sonnengebr"aunter M"annerkopf mit einem +schwarzen Schnurrbarte und einem tr"agen L"acheln um den Mund, in +dem die Z"ahne leuchteten. Al{\s}bald begann eine Walzermelodie +au{\s} einem Leierkasten, auf dessen Deckel ein kleiner Ballsaal +aufgebaut war mit daumenhohen Figuren darin: Frauen in roten +Kopft"uchern, Tiroler in Lodenjacken, Affen in schwarzen R"ocken, +Herren in Kniehosen; alle tanzten sie zwischen den Sofa{\s} und +Lehnst"uhlen und Tischen, wobei sie sich in Spiegelst"ucken +vervielf"altigten, die mit Goldpapier aneinandergereiht waren. Der +Leierkastenmann drehte die Kurbel und sp"ahte dabei nach recht{\s} +und link{\s} nach allen Fenstern. Hin und wieder spie er einen +langen Strahl tabakbraunen Speichel{\s} gegen die Prellsteine oder +stie"s mit dem Knie seinen Kasten in die H"ohe, dessen Gurt ihm +die Schultern dr"uckte. In einem fort, bald schwerm"utig und +schleppend, bald flott und lustig, dudelte die Musik hinter dem +roten Taftbezug, der unter einer schn"orkelhaft au{\s}gestanzten +Messingleiste an den Leierkasten angenagelt war. E{\s} waren +Melodien, die gerade Mode waren und die man "uberall h"orte, in +den Theatern, Salon{\s} und Tanzs"alen, Kl"ange au{\s} der fernen +Welt, die auf diese Weise die einsame Frau erreichten. Diese +Kl"ange im Dreivierteltakt wollten dann nicht wieder au{\s} ihrem +Kopfe weichen. Wie die Bajadere "uber den Blumen ihre{\s} +Teppich{\s}, tanzten ihre Gedanken im Rhythmu{\s} dieser Melodien +und wiegten sich von Traum zu Traum und von Tr"ubsal zu Tr"ubsal. +Wenn der Mann die milden Gaben in seiner M"utze gesammelt hatte, +umh"ullte er seinen Kasten mit einem blauwollnen "Uberzug, nahm +ihn auf den R"ucken und verlie"s da{\s} Dorf schweren +Schritte{\s}. Emma schaute ihm lange nach. + +Am unertr"aglichsten waren ihr die Mahlzeiten im E"szimmer unten +im Erdgescho"s. Der Ofen rauchte, die T"ure knarrte, die W"ande +waren feucht und der Fu"sboden kalt. Die ganze Bitterni{\s} +ihre{\s} Dasein{\s} schien ihr da auf ihrem Teller zu liegen, und +au{\s} dem Dampf de{\s} au{\s}gekochten Rindfleische{\s} wehte ihr +gleichsam der Brodem ihre{\s} ihr so widerw"artig gewordenen +Leben{\s} entgegen. Karl a"s und a"s, w"ahrend sie ein paar N"usse +knackte oder, auf die Ellenbogen gest"utzt, sich damit vergn"ugte, +mit der Messerspitze allerlei Linien in da{\s} Wach{\s}tuch zu +kritzeln. + +In der Wirtschaft lie"s sie jetzt alle{\s} gehen, wie e{\s} ging. +Ihre Schwiegermutter, die einen Teil der Fastenzeit zu Besuch nach +Toste{\s} kam, war ob diese{\s} Wandel{\s} arg verdutzt. Emma, die +erst in ihrem "Au"seren so akkurat und adrett gewesen war, lief +nunmehr tagelang in ihrem Morgenkleide umher, trug graue +baumwollne Str"umpfe und fing an zu knausern und zu geizen. Sie +meinte, man m"usse sich einschr"anken, da sie nicht reich seien, +f"ugte aber hinzu, sie sei h"ochst zufrieden und "uberau{\s} +gl"ucklich, und in Toste{\s} gefalle e{\s} ihr "uber alle Ma"sen. +Mit solch wunderlichen Reden beschwichtigte sie die alte Frau +Bovary. Im "ubrigen zeigte sie sich f"ur die guten Lehren der +Schwiegermutter nicht empf"anglicher denn fr"uher. Al{\s} diese +gelegentlich die Bemerkung machte, die Herrschaft sei f"ur die +Gotte{\s}furcht der Dienstboten verantwortlich, ward Emma{\s} +Antwort von einem so zornigen Blick und einem so ei{\s}kalten +L"acheln begleitet, da"s die gute Frau ihr nicht wieder zu nahe +kam. + +Emma wurde unzug"anglich und launisch. Sie lie"s sich besondre +Gerichte zubereiten, die sie dann aber nicht anr"uhrte; an dem +einen Tage trank sie nicht{\s} al{\s} Milch und am andern ein +Dutzend Tassen Tee. Oft war sie nicht au{\s} dem Hause zu +bekommen, und bald war ihr wieder die Stubenluft zum Ersticken. +Sie sperrte alle Fenster auf und konnte sich nicht leicht genug +anziehen. Wenn sie da{\s} Dienstm"adchen angefahren hatte, machte +sie ihr im n"achsten Augenblicke Geschenke oder lie"s sie in die +Nachbarschaft au{\s}gehen. Au{\s} "ahnlicher Bizarrerie warf sie +bi{\s}weilen armen Leuten alle{\s} Kleingeld hin, da{\s} sie bei +sich hatte, obgleich sie eigentlich gar nicht weichherzig und +mitleidig war, just wie alle Menschen, die auf dem Lande gro"s +geworden sind und leben{\s}lang etwa{\s} von der H"arte der +v"aterlichen H"ande in ihrem Herzen behalten. + +Gegen Ende de{\s} Februar{\s} brachte Vater Rouault in Erinnerung +an seine Heilung pers"onlich eine pr"achtige Truthenne und blieb +drei Tage im Hause seine{\s} Schwiegersohne{\s}. W"ahrend Karl auf +Praxi{\s} war, leistete ihm seine Tochter Gesellschaft. Er rauchte +in ihrem Zimmer, spuckte in den Kamin, schwatzte von +Ernteau{\s}sichten, K"albern, K"uhen, H"uhnern und von den +Gemeinderat{\s}sitzungen. Wenn er wieder hinau{\s}gegangen war, +schlo"s sie ihre T"ur mit einem Gef"uhl der Befriedigung ab, +da{\s} ihr selber sonderbar vorkam. + +Ihre Verachtung aller Menschen und Dinge verhehlte sie fortan +immer weniger. Bi{\s}weilen gefiel sie sich darin, die +merkw"urdigsten Ansichten zu "au"sern. Sie tadelte, wa{\s} andre +f"ur gut hielten, und billigte Dinge, die f"ur unnat"urlich oder +unmoralisch erkl"art wurden. Karl machte mitunter verwunderte +Augen dazu. + +Sollte diese{\s} Jammerdasein ewig dauern? So fragte sie sich +immer wieder. Sollte sie niemal{\s} von hier fortkommen? Sie war +doch ebensoviel wert wie alle die Menschen, die gl"ucklich waren! +In Vaubyessard hatte sie Herzoginnen gesehen, die plumper im +Wuch{\s} waren al{\s} sie und ein gew"ohnlichere{\s} Benehmen +hatten. Sie verw"unschte die Ungerechtigkeit ihre{\s} +Sch"opfer{\s} und dr"uckte ihr Haupt weinend an die W"ande vor +lauter Sehnsucht nach dem Tumult der Welt, ihren n"achtlichen +Ma{\s}keraden und frechen Freuden und allen den Tollheiten, die +sie nicht kannte und die e{\s} doch gab. + +Sie wurde immer blasser und litt an Herzklopfen. Karl verordnete +ihr Baldriantropfen und Kampferb"ader. Da{\s} machte sie nur noch +reizsamer. + +An manchen Tagen redete sie ohne Unterla"s wie eine Fieberkranke. +Dieser Aufgeregtheit folgte ein pl"otzlicher Umschlag in einen +Zustand von Empfindung{\s}losigkeit. Dann lag sie stumm da, ohne +sich zu r"uhren, und e{\s} wirkte bei ihr nur ein +Belebung{\s}mittel: da{\s} "Ubergie"sen mit K"olnischem Wasser. + +Dieweil sie sich fortw"ahrend "uber Toste{\s} beklagte, bildete +sich Karl ein, ihr Leiden sei zweifello{\s} durch irgendwelchen +"ortlichen Einflu"s verursacht, und so begann er ernstlich daran +zu denken, sich in einer andren Gegend niederzulassen. + +Um diese Zeit fing Emma an, Essig zu trinken, weil sie mager +werden wollte. Sie bekam einen leichten trocknen Husten und verlor +jegliche E"slust. + +E{\s} fiel Karl sehr schwer, Toste{\s} aufzugeben, wo er gerade +jetzt, nach vierj"ahriger Praxi{\s}, ein gemachter Mann war. +Indessen, e{\s} mu"ste sein! Er lie"s Emma in Rouen von seinem +ehemaligen Lehrmeister untersuchen. E{\s} sei ein nerv"ose{\s} +Leiden; Luftver"anderung w"are vonn"oten. + +Karl zog nun allerort{\s} Erkundigungen ein, und da brachte er in +Erfahrung, da"s im Bezirk von Neufch\^atel in einem gr"o"seren +Marktflecken namen{\s} Abtei Yonville der bi{\s}herige Arzt, ein +polnischer Ref"ugi\'e, in der vergangenen Nacht da{\s} Weite +gesucht hatte. Er schrieb an den dortigen Apotheker und erkundigte +sich, wieviel Einwohner der Ort habe, wie weit die n"achsten +Kollegen entfernt s"a"sen und wie hoch die Jahre{\s}einnahme +de{\s} Verschwundenen gewesen sei. Die Antwort fiel befriedigend +au{\s}, und infolgedessen entschlo"s sich Bovary, zu Beginn de{\s} +kommenden Fr"uhjahre{\s} nach Abtei Yonville "uberzusiedeln, +fall{\s} sich Emma{\s} Zustand noch nicht gebessert habe. + +Eine{\s} Tage{\s} kramte Emma de{\s} bevorstehenden Umzuge{\s} +wegen in einem Schubfache. Da ri"s sie sich in den Finger und zwar +an einem der Dr"ahte ihre{\s} Hochzeit{\s}strau"se{\s}. Die +Orangenknospen waren grau vor Staub, und da{\s} Atla{\s}band mit +der silbernen Franse war au{\s}gefranst. Sie warf den Strau"s in +da{\s} Feuer. Er flackerte auf wie trockne{\s} Stroh. Eine Weile +gl"uhte er noch wie ein feuriger Busch "uber der Asche, dann sank +er langsam in sich zusammen. Nachdenklich sah Emma zu. Die kleinen +Beeren au{\s} Pappmasse platzten, die Dr"ahte kr"ummten sich, die +Silberfransen schmolzen. Die verkohlte Papiermanschette zerfiel, +und die St"ucke flatterten im Kamine hin und her wie schwarze +Schmetterlinge, bi{\s} sie in den Rauchfang hinaufflogen~... + +Bei dem Weggange von Toste{\s}, im M"arz, ging Frau Bovary einer +guten Hoffnung entgegen. + + +\newpage +\thispagestyle{empty} +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Zweite{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Abtei Yonville (so genannt nach einer ehemaligen Kapuzinerabtei, +von der indessen nicht einmal mehr die Ruinen stehen) ist ein +Marktflecken, acht Wegstunden "ostlich von Rouen, zwischen der +Stra"se von Abbeville und der von Beauvai{\s}. Der Ort liegt im +Tale der Rieule, eine{\s} Nebenfl"u"schen{\s} der Andelle. Nahe +seiner Einm"undung treibt der Bach drei M"uhlen. Er hat Forellen, +nach denen die Dorfjungen reihenweise an den Sonntagen zu ihrer +Belustigung angeln. + +Man verl"a"st die Heere{\s}stra"se bei La Boissi\`ere und geht auf +der Hochebene bi{\s} zur H"ohe von Leux, wo man da{\s} Tiefland +offen vor sich liegen sieht. Der Flu"s teilt e{\s} in zwei +deutlich unterscheidbare H"alften: zur Linken Weideland, recht{\s} +ist alle{\s} bebaut. Diese Pr"arie, die sich bi{\s} zu den Triften +der Landschaft Pray hinzieht, wird von einer ganz niedrigen +H"ugelkette begrenzt, w"ahrend die Ebene gegen Osten allm"ahlich +ansteigt und sich im Unerme"slichen verliert. So weit da{\s} Auge +reicht, schweift e{\s} "uber meilenweite Kornfelder. Da{\s} +Gew"asser sondert wie mit einem langen wei"sen Strich da{\s} Gr"un +der Wiesen von dem Blond der "Acker, und so liegt da{\s} ganze +Land unten au{\s}gebreitet da wie ein riesiger gelber Mantel mit +einem gr"unen silbernges"aumten Samtkragen. + +Fern am Horizont erkennt man geradeau{\s} den Eichwald von Argueil +und die steilen Abh"ange von Sankt Johann mit ihren eigent"umlichen, +senkrechten, ungleichm"a"sigen roten Strichen. Da{\s} sind die +Wege, die sich da{\s} Regenwasser sucht; und die roten Streifen +auf dem Grau der Berge r"uhren von den vielen eisenhaltigen +Quellen drinnen im Gebirge her, die ihr Wasser nach allen Seiten +hinab in{\s} Land schicken. + +Man steht auf der Grenzscheide der Normandie, der Pikardie und der +Ile-de-France, inmitten eine{\s} von der Natur stiefm"utterlich +behandelten Ge\-l"ande{\s}, da{\s} weder im Dialekt seiner Bewohner +noch in seinem Landschaft{\s}bilde besondre Eigenheiten aufweist. +Von hier kommen die allerschlechtesten K"ase de{\s} ganzen +Bezirk{\s} von Neufch\^atel. Allerding{\s} ist die Bewirtschaftung +dieser Gegend kostspielig, da der trockene steinige Sandboden viel +D"unger verlangt. + +Bi{\s} zum Jahre 1835 f"uhrte keine brauchbare Stra"se nach +Yonville. Erst um diese Zeit wurde ein sogenannter +"`Hauptvizinalweg"' angelegt, der die beiden gro"sen +Heere{\s}stra"sen von Abbeville und von Amien{\s} untereinander +verbindet und bi{\s}weilen von den Fuhrleuten benutzt wird, die +von Rouen nach Flandern fahren. Aber trotz dieser "`neuen +Verbindungen"' gelangte Yonville zu keiner rechten Entwicklung. +Anstatt sich mehr auf den Getreidebau zu legen, blieb man +hartn"ackig immer noch bei der Weidebewirtschaftung, so kargen +Gewinn sie auch brachte; und die tr"age Bewohnerschaft baut sich +auch noch heute lieber nach dem Berge statt nach der Ebene zu an. +Schon von weitem sieht man den Ort am Ufer lang hingestreckt +liegen, wie einen Kuhhirten, der sich faulenzend am Bache +hingeworfen hat. + +Von der Br"ucke, die "uber die Rieule f"uhrt, geht der mit Pappeln +bes"aumte Fahrweg in schnurgerader Linie nach den ersten Geh"often +de{\s} Orte{\s}. Alle sind sie von Hecken umschlossen. Neben den +Hauptgeb"auden sieht man allerhand ordnung{\s}lo{\s} angelegte +Nebenh"au{\s}chen, Keltereien, Schuppen und Brennereien, +dazwischen buschige B"aume, an denen Leitern, Stangen, Sensen und +andre{\s} Ger"at h"angen oder lehnen. Die Strohd"acher sehen wie +bi{\s} an die Augen in{\s} Gesicht hereingezogene Pelzm"utzen +au{\s}; sie verdecken ein Drittel der niedrigen +Butzenscheibenfenster. Da und dort rankt sich d"urre{\s} +Spalierobst an den wei"sen, von schwarzem Geb"alk durchquerten +Kalkw"anden der H"auser empor. Die Eing"ange im Erdgescho"s haben +drehbare Halbt"uren, damit die H"uhner nicht eindringen, die auf +den Schwellen in Apfelwein aufgeweichte Brotkrumen aufpicken. + +Allm"ahlich werden die H"ofe enger, die Geb"aude r"ucken n"aher +aneinander, und die Hecken verschwinden. An einem der H"auser +h"angt, schaukelnd an einem Besenstiel zum Fenster herau{\s}, ein +B"undel Farnkraut. Hier ist die Schmiede; ein Wagen und zwei oder +drei neue Karren stehen davor und versperren die Stra"se. +Weiterhin leuchtet durch die offene Pforte der Gartenmauer ein +wei"se{\s} Landhau{\s}, eine runde Rasenfl"ache davor mit einem +Amor in der Mitte, der sich den Finger vor den Mund h"alt. Die +Freitreppe flankieren zwei Vasen au{\s} Bronze. Ein Amt{\s}schild +mit Wappen gl"anzt am Tore. E{\s} ist da{\s} Hau{\s} de{\s} +Notar{\s}, da{\s} sch"onste der ganzen Gegend. + +Zwanzig Schritte weiter, auf der andern Seite der Stra"se, beginnt +der Marktplatz mit der Kirche. In dem kleinen Friedhofe um sie +herum, den eine niedrige Mauer von Ellbogenh"ohe umschlie"st, +liegt Grabplatte an Grabplatte. Diese alten Steine bilden geradezu +ein Pflaster, auf da{\s} au{\s} den Ritzen hervorschie"sende{\s} +Gra{\s} gr"une Rechtecke gezeichnet hat. Die Kirche selbst ist ein +Neubau au{\s} der letzten Zeit der Regierung Karl{\s} de{\s} +Zehnten. Da{\s} h"olzerne Dach beginnt bereit{\s} morsch zu +werden. Auf dem blauen Anstrich der Decke "uber dem Schiff zeigen +sich stellenweise schwarze Flecken. "Uber dem Eingang befindet +sich da, wo gew"ohnlich sonst in der Kirche die Orgel ist, eine +Empore f"ur die M"anner, zu der eine Wendeltreppe hinauff"uhrt, +die laut dr"ohnt, wenn man sie betritt. + +Da{\s} Tage{\s}licht flutet in schr"agen Strahlen durch die +farblosen Scheiben auf die Bankreihen hernieder, die sich von +L"ang{\s}wand zu L"ang{\s}wand hinziehen. Vor manchen Sitzen sind +Strohmatten befestigt, und Namen{\s}schilder verk"unden weithin +sichtbar: "`Platz de{\s} Herrn Soundso."' Wo sich da{\s} Schiff +verengert, steht der Beichtstuhl und ihm gegen"uber ein Standbild +der Madonna, die ein Atla{\s}gewand und einen Schleier, mit lauter +silbernen Sternen bes"at, tr"agt. Ihre Wangen sind genau so +knallrot angemalt wie die eine{\s} G"otzenbilde{\s} auf den +Sandwichinseln. Im Chor "uber dem Hochaltar schimmert hinter vier +hohen Leuchtern die Kopie einer Heiligen Familie von Pietro +Perugino, eine Stiftung der Regierung. Die Chorst"uhle au{\s} +Fichtenholz sind ohne Anstrich. + +Fast die H"alfte de{\s} Marktplatze{\s} von Yonville nehmen "`die +Hallen"' ein: ein Ziegeldach auf etlichen zwanzig Holzs"aulen. +Da{\s} Rathau{\s}, nach dem Entwurfe eine{\s} Pariser Architekten +in antikem Stil erbaut, steht in der jenseitigen Ecke de{\s} +Platze{\s} neben der Apotheke. Da{\s} Erdgescho"s hat eine +dorische S"aulenhalle, der erste Stock eine offene Galerie, und +dar"uber im Giebelfelde haust ein gallischer Hahn, der mit der +einen Klaue da{\s} Gesetzbuch umkrallt und in der andern die Wage +der Gerechtigkeit h"alt. + +Da{\s} Augenmerk de{\s} Fremden f"allt immer zuerst auf die +Apotheke de{\s} Herrn Homai{\s}, schr"ag gegen"uber vom "`Gasthof +zum goldnen L"owen"'. Zumal am Abend, wenn die gro"se Lampe im +Laden brennt und ihr helle{\s}, durch die bunten Fl"ussigkeiten in +den dickbauchigen Flaschen, die da{\s} Schaufenster schm"ucken +sollen, rot und gr"un gef"arbte{\s} Licht weit hinau{\s} "uber +da{\s} Stra"senpflaster f"allt, dann sieht man den Schattenri"s +de{\s} "uber sein Pult gebeugten Apotheker{\s} wie in bengalischer +Beleuchtung. Au"sen ist sein Hau{\s} von oben bi{\s} unten mit +Reklameschildern bedeckt, die in allen m"oglichen Schriftarten +au{\s}schreien: "`Mineralwasser von Vichy"', "`Sauerbrunnen"', +"`Selter{\s}wasser"', "`Kamillentee"', "`Kr"auterlik"or"', +"`Kraftmehl"', "`Hustenpastillen"', "`Zahnpulver"', "`Mundwasser"', +"`Bandagen"', "`Badesalz"', "`Gesundheit{\s}schokolade"' usw. usw. +Auf der Firma, die so lang ist wie der ganze Laden, steht in +m"achtigen goldnen Buchstaben: "`Homai{\s}, Apotheker"'. Drinnen, +hinter den hohen, auf der Ladentafel festgeschraubten Wagen, liest +man "uber einer Gla{\s}t"ure da{\s} Wort "`Laboratorium"' und auf +der T"ur selbst noch einmal in goldnen Lettern auf schwarzem +Grunde den Namen "`Homai{\s}"'. + +Weitere Sehen{\s}w"urdigkeiten gibt e{\s} in Yonville nicht. Die +Hauptstra"se (die einzige) reicht einen B"uchsenschu"s weit und +hat zu beiden Seiten ein paar Kraml"aden. An der Stra"senbiegung +ist der Ort zu Ende. Wenn man vorher nach link{\s} abwendet und +dem Hange folgt, gelangt man hinab zum Gemeindefriedhof. + +Zur Zeit der Cholera wurde ein St"uck der Kirchhof{\s}mauer +niedergelegt und der Friedhof durch Ankauf von drei Morgen Land +vergr"o"sert, aber dieser ganze neue Teil ist so gut wie noch +unbenutzt geblieben. Wie vordem dr"angen sich die Grabh"ugel nach +dem Eingang{\s}tor zu zusammen. Der Pf"ortner, der zugleich auch +Totengr"aber und Kirchendiener ist und somit au{\s} den Leichen +der Gemeinde eine doppelte Einnahme zieht, hat sich da{\s} +unbenutzte Land angeeignet, um darauf Kartoffeln zu erbauen. Aber +von Jahr zu Jahr vermindert sich sein bi"schen Boden, und e{\s} +brauchte blo"s wieder einmal eine Epidemie zu kommen, so w"u"ste +er nicht, ob er sich "uber die vielen Toten freuen oder "uber ihre +neuen Gr"aber "argern solle. + +"`Lestiboudoi{\s}, Sie leben von den Toten!"' sagte eine{\s} +Tage{\s} der Pfarrer zu ihm. + +Diese gruselige Bemerkung stimmte den K"uster nachdenklich. Eine +Zeitlang enthielt er sich der Landwirtschaft. Dann aber und bi{\s} +auf den heutigen Tag zog er seine Erd"apfel weiter. Ja, er +versichert sogar mit Nachdruck, sie w"uchsen ganz von selber. + +Seit den Ereignissen, die hier erz"ahlt werden, hat sich in +Yonville wirklich nicht{\s} ver"andert. Noch immer dreht sich auf +der Kirchturmspitze die wei"s-rot-blaue Fahne au{\s} Blech, noch +immer flattern vor dem Laden de{\s} Modewarenh"andler{\s} zwei +Kattunwimpel im Winde, noch immer schwimmen im Schaufenster der +Apotheke h"a"sliche Pr"aparate in Gla{\s}b"uchsen voll +tr"ubgewordnem Alkohol, und ganz wie einst zeigt der alte, von +Wind und Wetter ziemlich entgoldete L"owe "uber dem Tore de{\s} +Gasthofe{\s} den Vor"ubergehenden seine Pudelm"ahne. + +An dem Abend, da da{\s} Ehepaar Bovary in Yonville eintreffen +sollte, war die L"owenwirtin, die Witwe Franz, derartig +besch"aftigt, da"s ihr beim Hantieren mit ihren T"opfen der +Schwei"s von der Stirne perlte. Am folgenden Tag war n"amlich +Markttag im St"adtchen. Da mu"ste Fleisch zurechtgehackt, +Gefl"ugel au{\s}genommen, Bouillon gekocht und Kaffee gebrannt +werden. Daneben die regelm"a"sigen Tischteilnehmer und heute +obendrein der neue Doktor nebst Frau Gemahlin und Dienstm"adchen! +Am Billard lachten G"aste, und in der kleinen Gaststube riefen +drei M"ullerburschen nach Schnap{\s}. Im Herde prasselte und +schmorte e{\s}, und auf dem langen K"uchentische paradierten neben +einer rohen Hammelkeule St"o"se von Tellern, die nach dem Takte +de{\s} Wiegemesser{\s} tanzten, mit dem die K"ochin Spinat +zerkleinerte. Vom Hofe au{\s} ert"onte da{\s} "angstliche Gegacker +der H"uhner, die von der Magd gejagt wurden, weil sie etlichen die +K"opfe abschneiden wollte. + +Ein Herr in gr"unledernen Pantoffeln, eine goldne Troddel an +seinem schwarz\-samt\-nen K"appchen, w"armte sich am Kamin de{\s} +Gast\/zimmer{\s} den R"ucken. Im Gesicht hatte er ein paar +Blatternarben. Sein ganze{\s} Wesen strahlte f"ormlich von +Selbst\/zufriedenheit. Offenbar lebte er genau so gleichm"utig dahin +wie der Stieglitz, der oben an der Decke in seinem Weidenbauer +herumh"upfte. Dieser Herr war der Apotheker. + +"`Artemisia!"' rief die Wirtin. "`Leg noch ein bi"schen Reisig +in{\s} Feuer! F"ulle die Wasserflaschen! Schaff den Schnap{\s} +hinein! Und mach schnell! Ach, wenn ich nur w"u"ste, wa{\s} ich +den Herrschaften, die heute eintreffen, zum Nachtisch vorsetzen +soll? Heiliger Bimbam! Die Leute von der Spedition{\s}gesellschaft +h"oren mit ihrem Geklapper auf dem Billard auch gar nicht auf! Und +der M"obelwagen steht drau"sen immer noch mitten auf der Stra"se, +gerade vor der Hofeinfahrt! Wenn die Post kommt, wird e{\s} eine +Karambolage geben. Ruf mir mal Hippolyt! Er soll den Wagen +beiseiteschieben ... Wa{\s} ich sagen wollte, Herr Apotheker, +diese Leute spielen schon den ganzen Vormittag. Jetzt sind sie bei +der f"unfzehnten Partie und beim achten Schoppen Apfelwein! Man +wird mir noch ein Loch in{\s} Tuch sto"sen!"' + +Sie war auf einen Augenblick, den Kochl"offel in der Hand, in{\s} +Gast\/zimmer gelaufen. + +"`Da{\s} w"ar auch weiter kein Malheur!"' meinte Homai{\s}. "`Dann +schaffen Sie gleich ein neue{\s} Billard an!"' + +"`Ein neue{\s} Billard!"' jammerte die Witwe. + +"`Nu freilich, Frau Franz! Da{\s} alte Ding da taugt nicht mehr +viel! Ich hab{\s} Ihnen schon tausendmal gesagt. E{\s} ist Ihr +eigner Schaden! Und ein gro"ser Schaden! Heutzutage verlangen +passionierte Spieler gro"se B"alle und schwere Queue{\s}. Mit +solchen B"allchen spielt man nicht mehr. Die Zeiten "andern sich! +Man mu"s modern sein! Sehen Sie sich mal bei Tellier im Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s}~..."' + +Die Wirtin wurde rot vor "Arger, aber der Apotheker fuhr fort: + +"`Sie k"onnen sagen, wa{\s} Sie wollen! Sein Billard ist +handlicher al{\s} Ihr{\s}. Und wenn e{\s} hei"st, eine +patriotische Poule zu entrieren, sagen wir: zum Besten der +vertriebenen Polen oder f"ur die "Uberschwemmten von Lyon~..."' + +"`Ach wa{\s}!"' unterbrach ihn die L"owenwirtin ver"achtlich. +"`Vor dem Bettelvolk hat unsereiner noch lange keine Angst! Lassen +Sie{\s} nur gut sein, Herr Apotheker! Solange der Goldne L"owe +bestehen wird, sitzen auch G"aste drin! Wir verhungern nicht! Aber +Ihr geliebte{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, da{\s} wird eine{\s} +sch"onen Tage{\s} die Bude zumachen! Oder vielmehr der +Gericht{\s}vollzieher! Ich soll mir ein andre{\s} Billard +anschaffen? Wo mein{\s} so bequem ist zum W"aschefalten! Und wenn +Jagdg"aste da sind, k"onnen gleich sechse drauf "ubernachten! Nee, +nee ... Wo bleibt nur eigentlich der langweilige Kerl, der +Hivert!"' + +"`Sollen denn Ihre Tischg"aste mit dem Essen warten, bi{\s} die +Post gekommen ist?"' fragte Homai{\s} ungeduldig. + +"`Warten? Herr Binet ist ja noch nicht da! Der kommt Schlag +sech{\s}, einen wie alle Tage! So ein Muster von P"unktlichkeit +gibt{\s} auf der ganzen Welt nicht wieder. Er hat seit +urdenklichen Zeiten seinen Stammplatz in der kleinen Stube. Er +lie"se sich eher totschlagen, al{\s} da"s er wo ander{\s} "a"se. +Wa{\s} Schlechte{\s} darf man dem nicht vorsetzen. Und auf den +Apfelwein versteht er sich au{\s} dem ff. Er ist nicht wie Herr +Leo, der heute um sieben und morgen um halb acht erscheint und +alle{\s} i"st, wa{\s} man ihm vorsetzt! "Ubrigen{\s} ein feiner +junger Mann! Ich hab noch nie ein laute{\s} Wort von ihm +geh"ort."' + +"`Da sehen Sie eben den Unterschied zwischen jemandem, der eine +Kinderstube hinter sich hat, und einem ehemaligen K"urassier und +jetzigen Steuereinnehmer!"' + +E{\s} schlug sech{\s}. Binet trat ein. + +Er hatte einen blauen Rock an, der schlaff an seinem mageren +K"orper herunterhing. Unter dem Schirm seiner Lederm"utze blickte +ein Kahlkopf hervor, der um die Stirn eingedr"uckt von dem +langj"ahrigen Tragen de{\s} schweren Helm{\s} au{\s}sah. Er trug +eine Weste au{\s} schwarzem Stoff, einen Pelzkragen, graue Hosen +und tadello{\s} blankgewichste Schuhe, die vorn besonder{\s} +au{\s}gearbeitet waren, weil er dauernd an geschwollenen Zehen +litt. Sein blonder Backenbart war peinlichst gestutzt und umrahmte +ihm da{\s} lange bleiche Gesicht mit den kleinen Augen und der +Adlernase wie eine Hecke den Garten. Er war ein Meister in +jeglichem Kartenspiel und ein guter J"ager, hatte eine h"ubsche +Handschrift und besa"s zu Hause eine Drehbank, auf der er zu +seinem Vergn"ugen Serviettenringe drechselte. Er hatte ihrer schon +eine Unmenge, die er mit der Eifersucht eine{\s} K"unstler{\s} und +dem Geiz de{\s} Spie"ser{\s} h"utete. + +Binet schritt nach der kleinen Stube zu. Erst mu"sten dort aber +die drei M"ullerburschen hinau{\s}komplimentiert werden. W"ahrend +man drin f"ur ihn deckte, blieb er in der gro"sen Gaststube stumm +in der N"ahe de{\s} Ofen{\s} stehen, dann ging er hinein, klinkte +die T"ure ein und nahm seine M"utze ab. Da{\s} hatte alle{\s} so +seine Ordnung. + +"`An "uberm"a"siger H"oflichkeit wird der mal nicht sterben!"' +bemerkte der Apotheker, al{\s} er wieder mit der Wirtin allein +war. + +"`Er redet nie viel,"' entgegnete diese. "`Vergangene Woche waren +zwei Tuchreisende hier, lustige Kerle, die un{\s} den ganzen Abend +Schnurren erz"ahlt haben. Ich w"are beinahe umgekommen vor Lachen. +Der aber hat wie ein Stockfisch dabeigesessen und keine Miene +verzogen."' + +"`Ja, ja,"' sagte der Apotheker, "`der Mensch hat keine Phantasie, +keinen Witz, keinen geselligen Sinn!"' + +"`Er soll aber wohlhabend sein,"' warf die Wirtin ein. + +"`Wohlhabend?"' echote Homai{\s}. "`Der und wohlhabend!"' Und +gelassen f"ugte er hinzu: "`Gott ja, so f"ur seine Verh"altnisse. +Da{\s} ist schon m"oglich!"' + +Nach einer kleinen Weile fuhr er fort: "`Hm! Wenn ein Kaufmann, +der ein gro"se{\s} Gesch"aft hat, oder ein Recht{\s}anwalt, ein +Arzt, ein Apotheker derartig in seinem Beruf aufgeht, da"s er zum +Grie{\s}gram oder Sonderling wird, so verstehe ich da{\s}. Davor +gibt e{\s} Beispiele und Exempel. Solche Leute haben immerhin +Gedanken im Kopfe. Wie oft ist{\s} mir nicht selber passiert, da"s +ich meinen Federhalter auf meinem Schreibtische gesucht habe, um +ein Schildchen au{\s}zuf"ullen oder so wa{\s}, -- und wei"s der +Kuckuck, schlie"slich hatte ich ihn hinterm rechten Ohre +stecken!"' + +Frau Franz ging indessen an die Hau{\s}t"ur, um nachzusehen, ob +die Post noch nicht angekommen sei. Sie war ganz aufgeregt. Da +trat ein schwarz gekleideter Mann in die K"uche. Da{\s} +D"ammerlicht beleuchtete sein kupferrote{\s} Antlitz und umflo"s +seine herkulischen Linien. + +"`Wa{\s} steht dem Herrn Pfarrer zu Diensten?"' fragte die Wirtin +und nahm vom Kaminsim{\s} einen der Messingleuchter, die mit ihren +wei"sen Kerzen in einer wohlgeordneten Reihe dastanden. "`Haben +Ehrw"urden einen Wunsch? Ein Gl"a{\s}chen Wacholder oder einen +Schoppen Wein?"' + +Der Priester dankte verbindlich. Er kam wegen seine{\s} +Regenschirme{\s}, den er tag{\s} zuvor im Kloster Ernemont hatte +stehen lassen. Nachdem er Frau Franz gebeten hatte, ihn +gelegentlich holen und im Pfarrhause abgeben zu lassen, empfahl er +sich, um nach der Kirche zu gehen, wo schon da{\s} Ave-Maria +gel"autet ward. + +Al{\s} die Tritte de{\s} Geistlichen drau"sen verklungen waren, +machte der Apotheker die Bemerkung, der Pfarrer habe sich eben +sehr ungeb"uhrlich benommen. Eine angebotene Erfrischung +abzuschlagen, sei seiner Ansicht nach eine ganz abscheuliche +Heuchelei. Die Pfaffen s"offen in{\s}geheim alle miteinander. Am +liebsten m"ochten sie den Zehnten wieder einf"uhren. + +Die L"owenwirtin verteidigte ihren Beichtvater. + +"`Na, "ubrigen{\s} nimmt er{\s} mit vier Mannsen von Eurem Kaliber +zugleich auf!"' meinte sie. "`Vorige{\s} Jahr hat er unsern Leuten +beim Strohaufladen geholfen. Er hat immer sech{\s} Sch"utten auf +einmal getragen. So stark ist er!"' + +"`Nat"urlich!"' rief Homai{\s} au{\s}. "`Schickt nur Eure +M"adel{\s} solchen Krafthubern zur Beichte! Wenn ich im Staate +wa{\s} zu sagen h"atte, dann kriegte jeder Pfaffe aller vier +Wochen einen Blutegel angesetzt. Jawohl, Frau Wirtin, aller vier +Wochen einen ordentlichen Aderla"s zur Hebung von Sicherheit und +Sittlichkeit im Lande!"' + +"`Aber Herr Apotheker! Sie sind gottlo{\s}! Sie haben keine Religion!"' + +Homai{\s} erwiderte: + +"`Ich habe eine Religion: meine Religion! Und die ist mehr wert +al{\s} die dieser Leute mit all dem Firlefanz und Mummenschanz. +Ich verehre Gott. Erst recht tue ich da{\s}. Ich glaube an eine +h"ohere Macht, an einen Sch"opfer. Sein Wesen kommt hierbei nicht +in Frage. Wir Menschen sind hienieden da, damit wir unsre +Pflichten al{\s} Staat{\s}b"urger und Familienv"ater erf"ullen. +Aber ich habe kein Bed"urfni{\s}, in die Kirche zu gehen, +silberne{\s} Ger"at zu k"ussen und eine Bande von Possenrei"sern +au{\s} meiner Tasche zu m"asten, die sich besser hegen und pflegen +al{\s} ich mich selber. Gott kann man viel sch"oner verehren im +Walde, im freien Felde oder meinetwegen nach antiker Anschauung +angesicht{\s} der Gestirne am Himmel. Mein Gott ist der Gott der +Philosophen und K"unstler. Ich bin f"ur Rousseau{\s} +Glauben{\s}bekenntni{\s} de{\s} savoyischen Vikar{\s}. F"ur die +unsterblichen Ideen von Anno 1789! Und da glaube ich nicht an den +sogenannten lieben Gott, der mit einem Spazierst"ockchen in der +Hand gem"utlich durch seinen Erdengarten bummelt, seine Freunde in +einem Walfischbauch einquartiert, jammernd am Kreuze stirbt und am +dritten Tage wieder aufersteht von den Toten. Da{\s} ist schon an +und f"ur sich Bl"odsinn und obendrein wider alle Naturgesetze! +E{\s} beweist aber nebenbei, da"s sich die Pfaffen in der +schmachvollen Ignoranz, mit der sie die Menschheit verdummen +m"ochten, mir Wollust selber herumsielen."' + +Er schwieg und "uberschaute seine Zuh"orerschaft. Er hatte sich +in{\s} Zeug gelegt, al{\s} spr"ache er vor versammeltem +Gemeinderat. Die Wirtin war l"angst au{\s} der Gaststube gelaufen. +Sie lauschte drau"sen und vernahm ein ferne{\s} rollende{\s} +Ger"ausch. Bald h"orte sie deutlich da{\s} Rasseln der R"ader und +da{\s} Klappern eine{\s} lockeren Eisen{\s} auf dem Pflaster. +Endlich hielt die Postkutsche vor der Hau{\s}t"ure. + +E{\s} war ein gelblackierter Kasten auf zwei Riesenr"adern, die +bi{\s} an da{\s} Wagendeck hinaufreichten. Sie raubten dem +Reisenden jegliche Au{\s}sicht und bespritzten ihn fortw"ahrend. +Die winzigen Scheiben in den Wagenfenstern klirrten in ihrem +Rahmen. Wenn man sie heraufzog, sah man, da"s sie vor Staub und +Stra"senschmutz starrten. Der st"arkste Platzregen h"atte sie +nicht rein gewaschen. Da{\s} Fahrzeug war mit drei Pferden +bespannt: zwei Stangen- und einem Vorderpferde. + +Vor dem Gasthofe entstand ein kleiner Menschenauflauf. Alle{\s} +redete durcheinander. Der eine fragte nach Neuigkeiten, ein andrer +wollte irgendwelche Au{\s}kunft, ein dritter erwartete eine +Postsendung. Hivert, der Postkutscher, wu"ste gar nicht, wem er +zuerst Bescheid geben sollte. Er pflegte n"amlich allerlei +Auftr"age f"ur die Landleute in der Stadt zu "ubernehmen. Er +machte Eink"aufe, brachte dem Schuster Leder und dem Schmied +alte{\s} Eisen mit; er besorgte der Posthalterin eine Tonne +Heringe, holte von der Modistin Hauben und vom Friseur +Lockenwickel. Auf dem R"uckwege verteilte er dann die Pakete +l"ang{\s} seiner Fahrstra"se. Wenn er am Geh"oft eine{\s} +Auftraggeber{\s} vorbeifuhr, schrie er au{\s} voller Kehle und +warf da{\s} Paket "uber den Zaun in da{\s} Grundst"uck, wobei er +sich von seinem Kutscherbocke erhob und die Pferde eine Strecke +ohne Z"ugel laufen lie"s. + +Heute kam er mit Versp"atung. Unterweg{\s} war Frau Bovary{\s} +Windspiel querfeldein weggelaufen. Eine Viertelstunde lang pfiff +man nach ihm. Hivert lief sogar ein paar Kilometer zur"uck; aller +Augenblicke glaubte er, den Hund von weitem zu sehen. Schlie"slich +aber mu"ste weitergefahren werden. + +Emma weinte und war ganz au"ser sich. Karl sei an diesem Ungl"uck +schuld. Herr Lheureux, der Modewarenh"andler, der mit in der Post +fuhr, versuchte sie zu tr"osten, indem er ein Schock Geschichten +von Hunden erz"ahlte, die entlaufen waren und sich nach langen +Jahren bei ihren einstigen Herren wieder eingestellt hatten. Unter +anderem wu"ste er von einem Dackel zu berichten, der von +Konstantinopel au{\s} den Weg nach Pari{\s} zur"uckgefunden haben +sollte. Ein andrer Hund war hinter einander drei"sig Meilen +gelaufen und hatte dabei vier Fl"usse durchschwommen. Und sein +eigner Vater hatte einen Pudel besessen; der war volle zw"olf +Jahre weg. Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} der alte Lheureux durch die +Stadt nach dem Gasthau{\s} ging, sprang der Hund an ihm hoch. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma stieg zuerst au{\s}, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und +eine Amme. Karl mu"ste man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke +beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen. + +Homai{\s} stellte sich vor. Er ersch"opfte sich der "`gn"adigen +Frau"' und dem "`Herrn Doktor"' gegen"uber in Galanterien und +H"oflichkeiten. Er sei ent\/z"uckt, sagte er, bereit{\s} Gelegenheit +gehabt zu haben, ihnen gef"allig sein zu d"urfen. Und in +herzlichem Tone f"ugte er hinzu, er l"ude sich f"ur heute bei +ihnen zu Tisch ein. Er sei Strohwitwer. + +Frau Bovary begab sich in die K"uche und an den Herd. Mit den +Fingerspitzen fa"ste sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog e{\s} +bi{\s} zu den Kn"ocheln herauf und w"armte ihre mit +schwarzledernen Stiefeletten bekleideten F"u"se an der Glut, in +der die Hammelkeule am Spie"s gedreht wurde. Da{\s} Feuer +beleuchtete ihre ganze Gestalt und warf grelle Lichter auf den +Stoff ihre{\s} Kleide{\s}, auf ihre por"ose wei"se Haut und in die +Wimpern ihrer Augen, die sich von Zeit zu Zeit schl"ossen. Der +Luft\/zug strich durch die halboffene T"ur und r"otete die Flammen. +Hochrote Reflexe umflossen die Frau am Herd. Am andern Ende +de{\s}selben stand ein junger Mann mit blondem Haar, der sie stumm +betrachtete. + +E{\s} war Leo D"upui{\s}, der Adjunkt de{\s} Notar{\s} Guillaumin, +einer der Stamm\-g"aste im Goldnen L"owen. Er langweilte sich +geh"orig in Yonville, und de{\s}halb kam er zu Tisch "ofter{\s} +absichtlich zu sp"at, in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden +den Abend im Wirt{\s}hause verplaudern zu k"onnen. Wenn er aber in +der Kanzlei gerade gar nicht{\s} zu tun hatte, mu"ste er au{\s} +Langeweile wohl oder "ubel p"unktlich erscheinen und von der Suppe +bi{\s} zum K"ase Binet{\s} Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte +ihm den Vorschlag gemacht, heute mit den neuen G"asten zusammen zu +essen; er war mit Vergn"ugen darauf eingegangen. Zur Feier de{\s} +Tage{\s} war im Saal f"ur vier Personen gedeckt worden. + +Man versammelte sich daselbst. Homai{\s} bat um Erlaubni{\s}, sein +K"appchen aufbehalten zu d"urfen. Er erk"alte sich leicht. + +Frau Bovary sa"s ihm beim Essen zur Rechten. + +"`Gn"adige Frau sind zweifello{\s} ein wenig m"ude?"' begann er. +"`In un{\s}rer alten Postkutsche wird man schauderhaft +durchger"uttelt."' + +"`Freilich!"' gab Emma zur Antwort. "`Aber diese{\s} Dr"uber und +Drunter macht mir gerade Spa"s. Ich liebe die Abwechselung."' + +"`Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gr"a"slich!"' +seufzte der Adjunkt. + +"`Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen +m"u"sten~..."', warf Karl ein. + +Leo wandte sich an Emma: + +"`Grade da{\s} denke ich mir k"ostlich. Nat"urlich mu"s man ein +guter Reiter sein."' + +"`Ein praktizierender Arzt hat{\s} "ubrigen{\s} in hiesiger Gegend +ziemlich bequem"', meinte der Apotheker. "`Die Wege sind n"amlich +soweit imstand, da"s man ein Kabriolett verwenden kann. Im +allgemeinen lohnt sich die Praxi{\s} auch. Die Bauern sind +wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir, +abgesehen von den gew"ohnlichen Diarrh"oen, Rachenkatarrhen und +Magenbeschwerden, hin und wieder w"ahrend der Erntezeit wohl +F"alle von Wechselfieber, aber im gro"sen und ganzen selten +schwere Krankheiten. Besonder{\s} zu erw"ahnen sind die +zahlreichen skroful"osen Leiden, die zweifello{\s} von den +kl"aglichen hygienischen Verh"altnissen in den Bauernh"ausern +herr"uhren. Ja, ja, Herr Bovary, Sie werden "ofter{\s} mit +altmodischen Ansichten zu k"ampfen haben, und vielfach werden +Dickk"opfigkeit und alter Schlendrian alle Anstrengungen Ihrer +Kunst zunichte machen. Denn die Leute hierzulande versuchen e{\s} +in ihrer Dummheit immer noch erst mit Beten, mit Reliquien und mit +dem Pfarrer, statt da"s sie von vornherein zum Arzt oder in die +Apotheke gingen. Im "ubrigen ist da{\s} Klima wirklich nicht +schlecht. Wir haben sogar etliche Neunzigj"ahrige in der Gemeinde. +Nach meinen Beobachtungen ist die Maximalk"alte im Winter +4${}^{\circ}$ Celsiu{\s}, w"ahrend wir im Hochsommer auf +25${}^{\circ}$, h"ochsten{\s} 30${}^{\circ}$ kommen. Da{\s} +w"are ein Maximum von 24${}^{\circ}$ Reaumur. Da{\s} ist +nicht viel. Da{\s} kommt aber daher, da"s wir einerseit{\s} vor den +Nordwinden durch die W"alder von Argueil, andrerseit{\s} vor den +Westwinden durch die H"ohe von Sankt Johann gesch"utzt sind. Diese +W"arme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung de{\s} +Flusse{\s} und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den +Weidegebieten hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren +(also Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur +Stickstoff und Sauerstoff!), -- diese W"arme, die den Humu{\s} +au{\s}saugt und alle D"unste de{\s} Boden{\s} aufnimmt, sich +gleichsam zu einer Wolke zusammenballt und sich mit der +Elektrizit"at der Atmosph"are verbindet, die k"onnte schlie"slich +(wie in den Tropenl"andern) gesundheit{\s}sch"adliche Mia{\s}men +erzeugen --, diese W"arme, sag ich, wird gerade dort, wo sie +herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen k"onnte, da{\s} hei"st +im S"uden, durch die S"udostwinde abgek"uhlt, die ihre K"uhle +"uber der Seine erlangen und bei un{\s} bi{\s}weilen pl"otzlich +al{\s} sanfte{\s} Mail"ufterl wehen~..."' + +"`Gibt e{\s} denn wenigsten{\s} ein paar Spazierwege in der +Umgegend?"' fragte Frau Bovary im Laufe ihre{\s} Gespr"ache{\s} +mit dem jungen Manne. + +"`Leider nur sehr wenige"', entgegnete er. "`Einen h"ubschen Ort +gibt e{\s} auf der H"ohe, am Waldrande, der +{\glq}Futterplatz{\grq} genannt. Dort sitze ich manchmal +Sonntag{\s} und vertiefe mich in ein Buch und seh mir den +Sonnenuntergang an."' + +"`E{\s} gibt nicht{\s} Wunderbarere{\s} al{\s} den Sonnenuntergang,"' +schw"armte Emma, "`zumal am Gestade de{\s} Meere{\s}!"' + +"`Ach, ich bete da{\s} Meer an!"' stimmte Leo bei. + +"`Haben Sie nicht auch die Empfindung,"' fuhr Frau Bovary fort, +"`da"s die Seele beim Anblicke dieser unerme"slichen Weite Fl"ugel +bekommt, die Fl"ugel der Andacht, die in{\s} Reich der Ewigkeiten +emporheben, in die Sph"are der Ideen, der Ideale?"' + +"`Im Hochgebirge ergeht e{\s} einem ebenso"', meinte Leo. "`Ich +habe einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise +gemacht hat. Der hat mir erz"ahlt: ohne sie selber zu sehen, +k"onne man sich den romantischen Reiz der Seen gar nicht +vorstellen, den Zauber der Wasserf"alle und den gro"sartigen +Eindruck der Gletscher. "Uber Gie"sb"achen h"angen riesige +Fichten, und am Rande von tiefen Abgr"unden kleben Alpenh"utten; +und wenn die Wolken einmal zerrei"sen, erblickt man tausend Fu"s +unten in der Tiefe die langen T"aler. Wer da{\s} schaut, mu"s in +Begeisterung geraten, in Andacht{\s}stimmung, in Ekstase! Jetzt +begreife ich auch jenen ber"uhmten Musiker, der nur angesicht{\s} +von erhabenen Landschaften arbeiten konnte."' + +"`Treiben Sie Musik?"' fragte Emma. + +"`Nein, aber ich liebe die Musik!"' antwortete er. + +"`Glauben Sie ihm da{\s} nicht, Frau Doktor!"' mischte sich +Homai{\s} ein. "`Da{\s} sagt er nur au{\s} purer Bescheidenheit +... Aber gewi"s, mein Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da +haben Sie doch da{\s} \so{Engellied} wundervoll gesungen. Ich hab +e{\s} von meinem Laboratorium au{\s} geh"ort. Sie haben eine +Stimme wie ein Operns"anger!"' + +Leo D"upui{\s} bewohnte n"amlich im Hause de{\s} Apotheker{\s} im +zweiten Stock ein kleine{\s} Zimmer, da{\s} nach dem Markt +hinau{\s}ging. Bei dem Komplimente seine{\s} Hau{\s}wirte{\s} +wurde er "uber und "uber rot. + +Homai{\s} widmete sich bereit{\s} wieder dem Arzte, dem er die +bemerken{\s}werten Einwohner von Yonville einzeln aufz"ahlte. Er +wu"ste tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur "uber da{\s} +Verm"ogen de{\s} Notar{\s} k"onne er nicht{\s} Genaue{\s} sagen. +Auch "uber die Familie T"uvache munkele man so allerlei. + +Emma fuhr fort: + +"`Da{\s} ist ja ent\/z"uckend! Und welche Musik lieben Sie am +meisten?"' + +"`Die deutsche! Die ist da{\s} wahre Traumland~..."' + +"`Kennen Sie die Italiener?"' + +"`Noch nicht. Aber ich werde sie n"achste{\s} Jahr h"oren. Ich +habe die Absicht, nach Pari{\s} zu gehen, um mein juristische{\s} +Studium zu vollenden."' + +"`Wie ich bereit{\s} die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl +mit\/zuteilen,"' sagte wiederum der Apotheker, "`al{\s} ich ihm von +dem armen Stryien{\s}ki berichtete, der auf und davon gegangen +ist: dank den Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich +eine{\s} der komfortabelsten H"auser von Yonville erfreuen. Eine +ganz besondre Bequemlichkeit gerade f"ur einen Arzt ist da{\s} +Vorhandensein einer Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. +Man kann dadurch unbeobachtet ein und au{\s} gehen. Die Wohnung +selbst besitzt alle denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein +gro"se{\s} E"szimmer, eine K"uche mit Speisekammer, eine +Waschk"uche, einen Obstkeller usw. Ihr Vorg"anger war ein flotter +Kerl, dem e{\s} auf ein paar Groschen nicht ankam. Hinten in +seinem Garten, mit dem Blick auf unser Fl"u"schen, da hat er sich +ein Lusth"au{\s}chen bauen lassen, lediglich, um an Sommerabenden +sein Bier drin zu s"uffeln. Wenn die gn"adige Frau die Blumenzucht +liebt~..."' + +"`Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab"', unterbrach ihn +Karl. "`Obgleich ihr k"orperliche Bewegung verordnet ist, bleibt +sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest."' + +"`Ganz wie ich!"' fiel Leo ein. "`Wa{\s} w"are wohl auch +gem"utlicher, al{\s} abend{\s} beim Schein der Lampe mit einem +Buche am Kamine zu sitzen, w"ahrend drau"sen der Wind gegen die +Fensterscheiben schl"agt?"' + +"`So ist e{\s}!"' stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren gro"sen +schwarzen Augen voll an. + +Er fuhr fort: + +"`Dann denkt man an nicht{\s}, und die Stunden verrinnen. Ohne +da"s man sich bewegt, wandert man mit dem Erz"ahler durch ferne +Lande. Man w"ahnt sie vor Augen zu haben. Man tr"aumt sich in die +fremden Erlebnisse hinein, bi{\s} in alle Einzelheiten; man +verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter +den Gestalten der Dichtung, und e{\s} kommt einem zuletzt vor, +al{\s} schl"uge da{\s} eigne Herz in ihnen."' + +"`Wie wahr! Wie wahr!"' rief Emma au{\s}. + +"`Haben Sie e{\s} nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer +bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar +l"angst in sich selbst tr"agt? Wie au{\s} der Ferne schwebt sie +nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und e{\s} +ist einem, al{\s} stehe man vor einer Offenbarung seine{\s} +tiefsten Ich{\s}~..."' + +"`Da{\s} hab ich schon erlebt!"' fl"usterte sie. + +"`Und darum"', fuhr er fort, "`liebe ich die Dichter "uber +alle{\s}. Ich finde, Verse sind zarter al{\s} Prosa. Sie r"uhren +so sch"on zu Tr"anen!"' + +"`Aber sie erm"uden auf die Dauer,"' wandte Emma ein, "`und daher +ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie m"ussen spannend und +aufregend sein. Widerlich sind mir Alltag{\s}leute und lauwarme +Gef"uhle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit."' + +"`Gewi"s,"' bemerkte der Adjunkt, "`die naturalistischen Romane +haben dem Herzen nicht{\s} zu sagen und entfernen sich damit, +meiner Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. E{\s} ist so +s"u"s, sich au{\s} den H"a"slichkeiten de{\s} Dasein{\s} +herau{\s}zuz"uchten, wenigsten{\s} in Gedanken: zu edlen +Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu gl"uckseligen +Zust"anden. F"ur mich, der ich hier fern der gro"sen Welt lebe, +ist da{\s} die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville wenig +Gelegenheit~..."' + +"`Jedenfall{\s} genau so wie in Toste{\s}!"' bemerkte Emma. "`Drum +war ich st"andig in einer Leihbibliothek abonniert."' + +Der Apotheker hatte diese letzten Worte geh"ort. "`Wenn gn"adige +Frau mir die Ehre erweisen wollen,"' sagte er, "`meine Bibliothek +zu benutzen, so steht sie Ihnen zur Verf"ugung. Sie enth"alt die +besten Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, +au"serdem ein paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den +"`Leuchtturm von Rouen"', ein Tage{\s}blatt, dessen Korrespondent +f"ur Buchy, Forge{\s}, Neufch\^atel, Yonville und Umgegend ich +bin."' + +Man sa"s bereit{\s} zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht +ohne Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren +Holzschuhen saumselig "uber die Dielen schl"urfte, jeden Teller +einzeln hereinbrachte, allerlei verga"s, jeden Auftrag "uberh"orte +und immer wieder die T"ure zum Billardzimmer offen lie"s, die dann +krachend von selber zuklappte. + +Ohne e{\s} zu bemerken, hatte Leo, w"ahrend er so eifrig +plauderte, einen Fu"s auf eine der Querleisten de{\s} Stuhle{\s} +gesetzt, auf dem Frau Bovary sa"s. Sie trug einen gefalteten +steifen Batistkragen und einen blauseidnen Schlip{\s}, und je nach +den Bewegungen, die sie mit ihrem Kopfe machte, ber"uhrte ihr Kinn +den Batist oder entfernte sich grazi"o{\s} davon. So kamen Leo und +Emma, w"ahrend sich Karl mit dem Apotheker unterhielt, in ein{\s} +jener uferlosen Gespr"ache, die um tausend oberfl"achliche Dinge +kreisen und keinen andern Sinn haben, al{\s} die gegenseitige +Sympathie einander zu bekunden. Pariser Theaterereignisse, +Romantitel, moderne T"anze, die ihnen fremde gro"se Gesellschaft, +Toste{\s}, wo Emma gelebt hatte, und Yonville, wo sie sich +gefunden, alle{\s} da{\s} ber"uhrten sie in ihrer Plauderei, +bi{\s} die Mahlzeit zu Ende war. + +Al{\s} der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der +neuen Wohnung da{\s} Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf +brach die kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war l"angst am +erloschenen Herdfeuer eingenickt. Aber der Hau{\s}knecht war +wachgeblieben. Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn +und Frau Bovary nach Hau{\s}. In seinem roten Haar hing H"acksel, +und auf einem Beine war er lahm. Den Schirm de{\s} Pfarrer{\s}, +den er ihm noch hintragen sollte, in der andern Hand, ging er +voran. + +Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die S"aulen der Hallen auf dem +Markte warfen lange Schatten "uber da{\s} Pflaster. Der Boden war +hellgrau wie in einer Sommernacht. Da da{\s} Hau{\s} de{\s} +Arzte{\s} nur f"unfzig Schritte vom Goldnen L"owen entfernt lag, +w"unschte man sich al{\s}bald gegenseitig Gute Nacht, und so +schied man voneinander. + +Al{\s} Emma die Hau{\s}flur ihre{\s} neuen Heim{\s} betrat, hatte +sie die Empfindung, al{\s} lege sich ihr die K"uhle der W"ande wie +feuchte Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die +Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel +fahle{\s} Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah drau"sen +Baumwipfel und weiterhin in der Niederung da{\s} Wiesenland, ein +Nebelmeer dar"uber. Da{\s} Mondlicht sickerte durch die +aufwallenden D"ampfe. + +Im Zimmer standen Kommodenk"asten, Flaschen, Gardinenstangen, +M"o\-bel\-st"ucke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden +Packer hatten alle{\s} so stehen und liegen lassen. + +Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. +Da{\s} erstemal war e{\s} am Tage ihre{\s} Eintritt{\s} in{\s} +Kloster gewesen, da{\s} zweitemal an dem ihrer Ankunft in +Toste{\s}, da{\s} drittemal im Schlo"s Vaubyessard und da{\s} +vierte hier in Yonville. Jede{\s}mal hatte ein neuer Abschnitt in +ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, da"s sich die gleichen +Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen k"onnten; und da +ihr bi{\s}herige{\s} St"uck Leben h"a"slich gewesen war, so m"usse +da{\s}, wa{\s} sie noch zu erleben hatte, zweifello{\s} sch"oner +sein. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Am andern Morgen, al{\s} Emma kaum aufgestanden war, sah sie den +Adjunkt "uber den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute +zu ihr herauf und gr"u"ste. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und +schlo"s da{\s} Fenster. + +Den ganzen Tag "uber konnte e{\s} Leo D"upui{\s} kaum erwarten, +da"s e{\s} sech{\s} schlug. Al{\s} er aber endlich in den Goldnen +L"owen kam, fand er niemanden vor al{\s} den Steuereinnehmer, der +bereit{\s} am Tische sa"s. + +Da{\s} gestrige Mahl war f"ur Leo ein bedeutung{\s}volle{\s} +Ereigni{\s}. Bi{\s} dahin hatte er noch niemal{\s} zwei Stunden +lang mit einer "`Dame"' geplaudert. Wie hatte er e{\s} nur +fertiggebracht, ihr eine solche Menge von Dingen und in so guter +Form zu sagen? Da{\s} war ihm vordem unm"oglich gewesen. Er war +von Natur sch"uchtern und wahrte eine gewisse Zur"uckhaltung, die +sich au{\s} Schamhaftigkeit und Heuchelei zusammensetzt. Die +Yonviller fanden sein Benehmen tadello{\s}. Er h"orte still zu, +wenn "altere Herren di{\s}putierten, und zeigte sich in +politischen Dingen keine{\s}weg{\s} radikal, wa{\s} an einem +jungen Manne eine seltene Sache ist. Dazu besa"s er allerlei +Talent: er aquarellierte, er war musikalisch, er besch"aftigte +sich in seinen Mu"sestunden gern mit der Literatur, -- wenn er +nicht gerade Karten spielte. Der Apotheker sch"atzte ihn wegen +seiner Kenntnisse, und Frau Homai{\s} war ihm wohlgewogen, weil er +h"oflich und gef"allig war; "ofter{\s} widmete er sich n"amlich im +Garten ihren Kindern, kleinem Volk, da{\s} immer schmutzig +au{\s}sah und sehr schlecht erzogen war und dessen Beaufsichtigung +einmal dem Dienstm"adchen und dann noch besonder{\s} dem Lehrling +oblag, einem jungen Burschen, namen{\s} Justin. Er war ein +entfernter Verwandter de{\s} Apotheker{\s}, von diesem au{\s} +Mitleid in seinem Hau{\s} aufgenommen, wo er eine Art "`Mann f"ur +alle{\s}"' geworden war. + +Homai{\s} spielte die Rolle de{\s} guten Nachbar{\s}. Er gab Frau +Bovary die besten Adressen f"ur ihre Eink"aufe, lie"s seinen +Apfelweinlieferanten eigen{\s} f"ur sie herkommen, beteiligte sich +an der Weinprobe und gab pers"onlich acht, da"s da{\s} bestellte +Fa"s einen geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die +beste und billigste Butterquelle und bestellte ihr +Lestiboudoi{\s}, den Kirchendiener, al{\s} G"artner; neben seinen +"Amtern in Kirche und Gotte{\s}acker hielt dieser n"amlich die +G"arten der Honoratioren von Yonville instand; man engagierte ihn +"`stundenweise"' oder "`auf{\s} Jahr"', ganz wie e{\s} gew"unscht +wurde. + +Diese Hilf{\s}bereitschaft de{\s} Apotheker{\s} entsprang weniger +einem Herzen{\s}bed"urfni{\s} al{\s} schlauer Berechnung. +Homai{\s} hatte n"amlich fr"uher einmal gegen da{\s} Gesetz vom +19. Vent\^ose de{\s} Jahre{\s} \begin{antiqua}XI\end{antiqua}~ +versto"sen, wonach die "arztliche Praxi{\s} jedem verboten ist, +der sich nicht im Besitze eine{\s} staatlichen Diplom{\s} +befindet. Eine{\s} Tage{\s} war er auf eine geheimni{\s}volle +Anzeige hin nach Rouen vor den Staat{\s}anwalt geladen worden. +Dieser Vertreter der Justiz hatte ihn in seinem Amt{\s}zimmer, +stehend und in Amt{\s}robe, da{\s} Barett auf dem Kopfe, +vernommen. E{\s} war am Vormittag, unmittelbar vor einer +Gericht{\s}sitzung gewesen. Von drau"sen, vom Gange her, waren dem +Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute in{\s} Ohr gehallt. +E{\s} war ihm, al{\s} h"orte er fern da{\s} Aufschnappen wuchtiger +Schl"osser. Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag w"urde +ihn r"uhren. Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in +Tr"anen, die Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in +alle vier Winde verstreut. Hinterher mu"ste er seine +Leben{\s}geister in einem Kaffeehause mit einem Kognak in +Selter{\s} wieder auf die Beine bringen. + +Allm"ahlich verbla"ste die Erinnerung an diese Vermahnung, und +Homai{\s} hielt von neuem in seinem Hinterst"ubchen "arztliche +Sprechstunden ab. Da aber der B"urgermeister nicht sein Freund war +und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in +ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary +durch kleine Gef"alligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit +ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen, +fall{\s} die Kurpfuschereien in der Apotheke abermal{\s} ruchbar +w"urden. Er brachte dem Arzt alle Morgen den "`Leuchtturm"', und +oft verlie"s er nachmittag{\s} auf ein Viertelst"undchen sein +Gesch"aft, um ein wenig mit ihm zu schwatzen. + +Karl war mi"sgestimmt. E{\s} kamen keine Patienten. Ganze Stunden +lang sa"s er vor sich hinbr"utend da, ohne ein Wort zu sprechen. +Er machte in seinem Sprechzimmer ein Schl"afchen oder sah seiner +Frau beim N"ahen zu. Um sich ein wenig Besch"aftigung zu machen, +verrichtete er allerhand grobe Hau{\s}arbeit. Er versuchte sogar, +die Bodent"ure mit dem Rest von "Olfarbe anzupinseln, den die +Anstreicher dagelassen hatten. + +Am meisten dr"uckte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in +Toste{\s} eine betr"achtliche Summe au{\s}gegeben f"ur neue +Anschaffungen im Hause, f"ur die Kleider seiner Frau und +neuerding{\s} f"ur den Umzug. Die ganze Mitgift, mehr al{\s} +dreitausend Taler, war in zwei Jahren daraufgegangen. Bei der +"Ubersiedelung von Toste{\s} nach Yonville war viele{\s} +besch"adigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der +t"onerne M"onch, der unterweg{\s} vom Wagen heruntergefallen und +in tausend St"ucke zerschellt war. + +Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner +Frau. Je n"aher diese ihrer Erf"ullung entgegengingen, um so +liebevoller behandelte er Emma. Diese sich kn"upfenden neuen Bande +von Fleisch und Blut machten da{\s} Gef"uhl der ewigen +Zusammengeh"origkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem tr"agen +Gange zusah, wenn er da{\s} allm"ahliche Vollerwerden ihrer +miederlosen H"uften bemerkte, wenn sie m"ude ihm gegen"uber auf +dem Sofa sa"s, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in +seinem Gl"ucke nicht fassen. Er sprang auf, k"u"ste sie, +streichelte ihr Gesicht, nannte sie "`Mammchen"', wollte mit ihr +im Zimmer herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen +tausend z"artliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn +kamen. Der Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwa{\s} +K"ostliche{\s}. Jetzt fehlte ihm nicht{\s} mehr auf der Welt. Nun +hatte er alle{\s} erlebt, wa{\s} Menschen erleben k"onnen, und er +durfte zufrieden und vergn"ugt sein. + +In der ersten Zeit war Emma "uber sich selbst arg verwundert. Dann +kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie +wollte wissen, wie e{\s} sein w"urde, wenn da{\s} Kind da war. +Aber al{\s} sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen +Vorh"angen und gestickte Kinderh"aubchen zu kaufen, da "uberkam +sie eine pl"otzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die +Baby-Au{\s}stattung selber sorglich au{\s}zuw"ahlen, und +"uberlie"s die Herstellung in Bausch und Bogen einer N"aherin. So +lernte sie die stillen Freuden dieser Vorbereitungen nicht kennen, +die andre M"utter so z"artlich stimmen, und vielleicht war die{\s} +der Grund, da"s ihre Mutterliebe von Anfang an gewisser Elemente +entbehrte. Weil aber Karl bei allen Mahlzeiten immer wieder von +dem Kinde sprach, begann auch Emma mehr daran zu denken. + +Sie w"unschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark +sollte er werden, und Georg m"u"ste er hei"sen! Der Gedanke, einem +m"annlichen Wesen da{\s} Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine +Entsch"adigung f"ur alle{\s} da{\s}, wa{\s} sich in ihrem eigenen +Dasein nicht erf"ullt hatte. Ein Mann ist doch wenigsten{\s} sein +freier Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, +er darf gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die +allerfernsten Gl"uckseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend +Ketten. Tatenlo{\s} und doch genu"sfreudig, steht sie zwischen den +Verf"uhrungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie +den flatternden Schleier ihre{\s} Hute{\s} ein feste{\s} Band +h"alt, so gibt e{\s} f"ur die Frau immer ein Verlangen, mit dem +sie hinwegfliegen m"ochte, und immer irgendwelche herk"ommliche +Moral, die sie nicht lo{\s}l"a"st. + +An einem Sonntag kam da{\s} Kind zur Welt, fr"uh gegen sech{\s} +Uhr, al{\s} die Sonne aufging. + +"`E{\s} ist ein M"adchen!"' verk"undete Karl. + +Emma fiel im Bett zur"uck und ward ohnm"achtig. Schon stellten +sich auch Frau Homai{\s} und die L"owenwirtin ein, um die +W"ochnerin zu umarmen. Der Apotheker rief ihr di{\s}kret ein paar +vorl"aufige Gl"uckw"unsche durch die T"urspalte zu. Er wollte die +neue Erdenb"urgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten. + +W"ahrend der Genesung gr"ubelte Emma nach, welchen Namen da{\s} +Kind bekommen sollte. Zun"achst dachte sie an einen italienisch +klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr +gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl +"au"serte den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft +werden, aber davon wollte Emma nicht{\s} wissen. Man nahm alle +Kalendernamen durch und bat jeden Besucher um einen Vorschlag. + +"`Herr Leo,"' berichtete der Apotheker, "`mit dem ich neulich +dar"uber gesprochen habe, wundert sich dar"uber, da"s Sie nicht +den Namen Magdalena w"ahlen. Der sei jetzt sehr in Mode."' Aber +gegen die Patenschaft einer solchen S"underin str"aubte sich die +alte Frau Bovary gewaltig. Homai{\s} f"ur seine Person hegte eine +Vorliebe f"ur Namen, die an gro"se M"anner, ber"uhmte Taten und +hohe Werke erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier +eigenen Spr"o"slinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die +Freiheit!), Irma (ein Zugest"andni{\s} an die Romantik!) und +Athalia (zu Ehren de{\s} Meisterst"uck{\s} de{\s} franz"osischen +Drama{\s}!). Seine philosophische "Uberzeugung, sagte er, stehe +seiner Bewunderung der Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm +ersticke durchau{\s} nicht den Gef"uhl{\s}menschen. Er verst"unde +sich darauf, da{\s} eine vom andern zu scheiden und sich vor +fanatischer Einseitigkeit zu bewahren. + +Zu guter Letzt fiel Emma ein, da"s sie im Schlo"s Vaubyessard +geh"ort hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit +"`Berta-Luise"' angeredet worden war. Von diesem Augenblick an +stand die Namen{\s}wahl fest. Da Vater Rouault zu kommen +verhindert war, wurde Homai{\s} gebeten, Gevatter zu stehen. Er +stiftete al{\s} Patengeschenk allerlei Gegenst"ande au{\s} seinem +Gesch"aft, al{\s} wie: sech{\s} Schachteln Brusttee, eine Dose +Kraftmehl, drei B"uchsen Marmelade und sech{\s} P"ackchen +Malzbonbon{\s}. + +Am Taufabend gab e{\s} ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer +erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Lik"or gab der Apotheker +ein patriotische{\s} Lied zum besten, worauf Leo D"upui{\s} eine +Barkarole vortrug und die alte Frau Bovary (Patin de{\s} +Kinde{\s}) eine Romanze au{\s} der Napoleonischen Zeit sang. Der +alte Herr Bovary bestand darauf, da"s da{\s} Kind heruntergebracht +wurde, und taufte die Kleine "`Berta"', indem er ihr ein Gla{\s} +Sekt von oben "uber den Kopf go"s. Den Abb\'e Bournisien "argerte +diese Profanation einer kirchlichen Handlung, und al{\s} der alte +Bovary ihm gar noch ein sp"ottische{\s} Zitat vorhielt, wollte der +Geistliche fortgehen. Aber die Damen baten ihn inst"andig zu +bleiben, und auch der Apotheker legte sich in{\s} Mittel. So +gelang e{\s}, den Priester wieder zu beruhigen. Friedlich langte +er von neuem nach seiner halbgeleerten Kaffeetasse. + +Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und +verbl"uffte die Yonviller durch da{\s} pr"achtige +Stab{\s}arzt{\s}k"appi mit Silbertressen, da{\s} er vormittag{\s} +trug, wenn er seine Pfeife auf dem Marktplatze schmauchte. Al{\s} +gewohnheit{\s}m"a"siger starker Schnapstrinker schickte er da{\s} +Dienstm"adchen h"aufig in den Goldnen L"owen, um seine Feldflasche +f"ullen zu lassen, wa{\s} selbstverst"andlich auf Rechnung +seine{\s} Sohne{\s} erfolgte. Um seine Hal{\s}t"ucher zu +parf"umieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an K"olnischem +Wasser, den seine Schwiegertochter besa"s. + +Ihr selbst war seine Anwesenheit keine{\s}weg{\s} unangenehm. Er +war in der Welt herumgekommen. Er erz"ahlte von Berlin, Wien, +Stra"sburg, von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den +Festlichkeiten, die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er +wieder ganz der alte Schweren"oter, und zuweilen, im Garten oder +auf der Treppe, fa"ste er Emma um die Taille und rief au{\s}: +"`Karl, nimm dich in acht!"' + +Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um da{\s} +Ehegl"uck ihre{\s} Sohne{\s}. Sie f"urchtete, ihr Mann k"onne am +Ende einen unsittlichen Einflu"s auf die Gedankenwelt der jungen +Frau au{\s}"uben, und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war +ihre Besorgni{\s} noch schlimmer. Dem alten Herrn war alle{\s} +zuzutrauen. + +Emma hatte da{\s} Kind zu der Frau eine{\s} Tischler{\s} namen{\s} +Rollet in die Pflege gegeben. Eine{\s} Tage{\s} empfand sie +pl"otzlich Sehnsucht, da{\s} kleine M"adchen zu sehen. +Unverz"uglich machte sie sich auf den Weg zu diesen Leuten, deren +H"au{\s}chen ganz am Ende de{\s} Orte{\s}, zwischen der +Landstra"se und den Wiesen, in der Tiefe lag. + +E{\s} war Mittag. Die Fensterl"aden der H"auser waren alle +geschlossen. Die sengende Sonne br"utete "uber den Schieferd"achern, +deren Giebellinien richtige Funken spr"uhten. Ein schw"uler Wind +wehte. Emma fiel da{\s} Gehen schwer. Da{\s} spitzige Pflaster tat +ihren F"u"sen weh. Sie ward sich unschl"ussig, ob sie umkehren +oder irgendwo eintreten und sich au{\s}ruhen sollte. + +In diesem Augenblick trat Leo au{\s} dem n"achsten Hause +herau{\s}, eine Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, +begr"u"ste sie und stellte sich mit ihr in den Schatten der +Leinwandmarkise vor dem Lheureuxschen Modewarenladen. + +Frau Bovary erz"ahlte ihm, da"s sie nach ihrem Kinde sehen wollte, +aber m"ude zu werden beginne. + +"`Wenn~..."', fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen. + +"`Haben Sie etwa{\s} vor?"' fragte Emma. Auf die Verneinung de{\s} +Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereit{\s} am Abend +de{\s}selben Tage{\s} war die{\s} stadtbekannt, und Frau T"uvache, +die B"urgermeister{\s}gattin, erkl"arte in Gegenwart ihre{\s} +Dienstm"adchen{\s}, Frau Bovary habe sich kompromittiert.) + +Um zu der Amme zu gelangen, mu"sten die beiden am Ende der +Hauptstra"se link{\s} abgehen und einen kleinen Fu"sweg +einschlagen, der zwischen einzelnen kleinen H"ausern und Geh"often +in der Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die +den Pfad ums"aumten, bl"uhten, und e{\s} bl"uhten die Veroniken, +die wilden Rosen, die Glockenblumen und die Brombeerstr"aucher. +Durch L"ucken in den Hecken erblickte man hie und da auf den +Misthaufen der kleinen Geh"ofte ein Schwein oder eine angebundne +Kuh, die ihre H"orner an den St"ammen der B"aume wetzte. + +Seite an Seite wandelten sie gem"achlich weiter. Emma st"utzte +sich auf Leo{\s} Arm, und er verk"urzte seine Schritte nach den +ihren. Vor ihnen her tanzte ein M"uckenschwarm und erf"ullte die +warme Luft mit ganz leisem Summen. + +Emma erkannte da{\s} Hau{\s} an einem alten Nu"sbaum wieder, der +e{\s} umschattete. E{\s} war niedrig und hatte braune Ziegel auf +dem Dache. Au{\s} der Luke de{\s} Oberboden{\s} hing ein Kranz von +Zwiebeln. Eine Dornenhecke umfriedigte ein viereckige{\s} +G"artlein mit Salat, Lavendel und bl"uhenden Schoten, die an +Stangen gezogen waren. An der Hecke waren Reisigbunde +aufgeschichtet. Ein tr"ube{\s} W"asserchen rann sich verzettelnd +durch da{\s} Gra{\s}; allerhand kaum noch verwendbare Lumpen, ein +gestrickter Strumpf und eine rote baumwollene Jacke lagen auf dem +Rasen umher, und "uber der Hecke flatterte ein gro"se{\s} St"uck +Leinwand. + +Beim Knarren der Gartent"ure erschien die Tischler{\s}frau, ein +Kind an der Brust, ein andre{\s} an der Hand, ein armselige{\s}, +schw"achlich au{\s}sehende{\s}, skroful"ose{\s} J"ungelchen. E{\s} +war da{\s} Kind eine{\s} M"utzenmacher{\s} in Rouen, da{\s} die +von ihrem Gesch"aft zu sehr in Anspruch genommenen Eltern auf +da{\s} Land gegeben hatten. + +"`Kommen Sie nur herein!"' sagte die Frau. "`Ihre Kleine schl"aft +drinnen."' + +In der einzigen Stube im Erdgescho"s stand an der hinteren Wand +ein gro"se{\s} Bett ohne Vorh"ange. Die Seite am Fenster, in dem +eine der Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein +Backtrog ein. In der Ecke hinter der T"ure standen unter der Gosse +Stiefel mit blanken N"ageln, daneben eine Flasche "Ol, au{\s} +deren Hal{\s} eine Feder herau{\s}ragte. Auf dem verstaubten +Kaminsim{\s} lagen ein Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenst"umpfe +und ein paar Fetzen Z"undschwamm. Ein weitere{\s} Schmuckst"uck +diese{\s} Gemach{\s} war eine "`trompetende Fama"', offenbar +da{\s} Reklameplakat einer Parf"umfabrik, da{\s} mit sech{\s} +Schuhzwecken an die Wand genagelt war. + +Emma{\s} T"ochterchen schlief in einer Wiege au{\s} +Weidengeflecht. Sie nahm e{\s} mit der Decke, in die e{\s} +gewickelt war, empor und begann e{\s} im Arme hin und her zu +wiegen, wobei sie leise sang. + +Leo ging im Zimmer auf und ab. Die sch"one Frau in ihrem hellen +Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam +vor. Sie ward pl"otzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte, +sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte da{\s} +Kind wieder in die Wiege. E{\s} hatte sich erbrochen, und die +Mutter am Hal{\s}kragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die +Flecke abzuwischen. Sie beteuerte, man s"ahe nicht{\s} mehr davon. + +"`Mir kommt sie noch ganz ander{\s}!"' meinte die Frau. "`Ich habe +weiter nicht{\s} zu tun, al{\s} sie immer wieder zu s"aubern. Wenn +Sie doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmu{\s} +beauftragten, da"s ich mir bei ihm ein bi"schen Seife holen kann, +wenn ich welche brauche. Da{\s} w"are auch f"ur Sie da{\s} +bequemste. Ich brauche Sie dann nicht immer zu st"oren."' + +"`Meinetwegen!"' sagte Emma. "`Auf Wiedersehn, Frau Rollet!"' + +Beim Hinau{\s}gehen sch"uttelte sie sich. + +Die Frau begleitete die beiden bi{\s} zum Ende de{\s} Hofe{\s}, +wobei sie in einem fort davon sprach, wie beschwerlich e{\s} sei, +nacht{\s} so h"aufig aufstehen zu m"ussen. "`Manchmal bin ich +fr"uh so zerschlagen, da"s ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten +Sie mir ein Pf"undchen gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich +ihn fr"uh mit Milch trinke, reiche ich damit vier Wochen."' + +Nachdem Frau Bovary die Danke{\s}beteuerungen der Frau "uber sich +hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie +mit ihrem Begleiter ein St"uck auf dem Fu"swege gegangen, al{\s} +sie da{\s} Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie +drehte sich um. E{\s} war die Amme. + +"`Wa{\s} wollen Sie noch?"' + +Die Frau zog Emma bi{\s} hinter eine Ulme beiseite und fing an, +von ihrem Manne zu erz"ahlen. "`Bei seinem Handwerke und seinen +sech{\s} Franken Pension im Jahre~..."' + +"`Machen Sie rasch!"' unterbrach Emma ihren Wortschwall. + +"`Ach, liebste Frau Doktor,"' fuhr die Frau fort, indem sie +zwischen jede{\s} ihrer Worte einen Seufzer schob, "`ich habe +Angst, er wird b"ose, wenn er sieht, da"s ich allein f"ur mich +Kaffee trinke. Sie wissen, wie die M"anner sind~..."' + +"`Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken! +Sie langweilen mich."' + +"`Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, '{\s} ist ja blo"s f"ur die +schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten +Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut~..."' + +"`Na, wa{\s} wollen Sie denn noch?"' fragte Emma. + +"`Wenn e{\s} also,"' fuhr die Frau fort, indem sie einen Knick{\s} +machte, "`wenn e{\s} also nicht zuviel verlangt ist~..."' Sie +machte abermal{\s} einen tiefen Knick{\s}. "`Wenn Sie so gut sein +wollen~..."' + +Ihre Augen bettelten gott{\s}j"ammerlich. Endlich bekam sie e{\s} +herau{\s}: + +"`Ein Bullchen Branntwein! Ich k"onnte damit auch die F"u"se Ihrer +Kleinen ein bi"schen einreiben. Sie sind so riesig zart~..."' + +Nachdem sich Emma endlich von der Frau lo{\s}gemacht hatte, nahm +sie Leo{\s} Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorw"art{\s}. +Dann wurde sie langsamer, und Emma{\s} Blick, der bi{\s}her +geradeau{\s} gegangen war, glitt "uber die Schulter ihre{\s} +Begleiter{\s}. Er hatte einen schwarzen Samtkragen auf seinem +Rocke, auf den sein kastanienbraune{\s} wohlgepflegte{\s} Haar +schlicht herabwallte. Die N"agel an seiner Hand fielen ihr auf; +sie waren l"anger, al{\s} man sie in Yonville sonst trug. Ihre +Pflege war eine der Hauptbesch"aftigungen de{\s} Adjunkten; er +besa"s dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische +aufbewahrte. + +Am Ufer de{\s} Bache{\s} gingen sie nach dem St"adtchen zur"uck. +Jetzt in der hei"sen Jahre{\s}zeit war der Wasserstand so niedrig, +da"s man dr"uben die Gartenmauern bi{\s} auf ihre Grundlage sehen +konnte. Von den Gartenpforten f"uhrten kleine Treppen in da{\s} +Wasser. E{\s} flo"s lautlo{\s} und rasch dahin, K"uhle +verbreitend. Hohe, d"unne Gr"aser neigten sich zur klaren Flut und +lie"sen sich von der Str"omung treiben; da{\s} sah au{\s} wie +au{\s}gel"oste{\s}, lange{\s}, gr"une{\s} Haar. Hin und wieder +liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen und auf +den Bl"attern der Wasserrosen. In den kleinen blauen Wellen, im +Zerflie"sen schon wieder neugeboren, glitzerte die Sonne. Die +verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen St"amme auf dem +Wasser. Und h"uben die weiten Wiesen lagen so verlassen~... + +E{\s} war die Stunde, da man in den Gut{\s}h"ofen zu Mittag i"st. +Die junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nicht{\s} al{\s} +den Klang ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, +die sie redeten, und da{\s} leise Rascheln von Emma{\s} Kleid. + +Die oben mit Gla{\s}scherben bespickten Gartenmauern, an denen sie +nach "Uberschreitung eine{\s} Steg{\s} hingingen, gl"uhten wie die +Scheiben eine{\s} Treibhause{\s}. Zwischen den Steinen sprossen +Mauerblumen. Im Vor"ubergehen stie"s Frau Bovary mit dem Rande +ihre{\s} Sonnenschirme{\s} an die welken Bl"uten; gelber Staub +rieselte herab. Ab und zu streifte eine "uberh"angende +Jel"anger-jelieber- oder Klemati{\s}-Ranke die Seide ihre{\s} +Schirme{\s} und blieb einen Augenblick in den Spitzen h"angen. + +Sie plauderten von einer Truppe spanischer T"anzer, die demn"achst +im Rouener Theater gastieren sollte. + +"`Werden Sie hinfahren?"' fragte Emma. + +"`Wenn ich kann, ja!"' + +Hatten sie sich wirklich nicht{\s} andre{\s} zu sagen? Ihre Augen +sprachen eine viel ernstere Sprache, und w"ahrend sie sich mit so +banalen Reden{\s}arten abqu"alten, f"uhlten sie sich alle beide im +Banne der n"amlichen schw"ulen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer +Unterton dominierte heimlich ohne Unterla"s in ihrem +oberfl"achlichen Gespr"ach. Betroffen von diesem ungewohnten +s"u"sen Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre +Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen. +K"unftige{\s} Gl"uck ist wie ein tropische{\s} Gestade: e{\s} +sendet weit "uber den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen +lauen Erdgeruch her"uber, balsamischen Duft, von dem man sich +berauschen l"a"st, ohne den Horizont nach dem Woher zu fragen. + +An einer Stelle de{\s} Wege{\s} stand Regenwasser in den +Wagengeleisen und Hufspuren; man mu"ste ein paar gro"se +moo{\s}bewachsene Steine, die Inseln in diesem Morast bildeten, +begehen. Auf jedem blieb Emma eine Weile stehen, um zu ersp"ahen, +wohin sie den n"achsten Schritt zu machen hatte. Wenn der Stein +wackelte, zog sie die Ellbogen hoch und beugte sich vorn"uber. +Aber bei aller Hilflosigkeit und Angst, in den T"umpel zu treten, +lachte sie doch. + +Vor ihrem Garten angelangt, stie"s Frau Bovary die kleine Pforte +auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in +seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt bl"atterte in +einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schlie"slich +ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die H"ohe von +Argueil ein St"uck hinauf, nach dem "`Futterplatz"' am Waldrande. +Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in da{\s} +Himmel{\s}blau, die H"ande locker "uber den Augen. + +"`Ach, ist da{\s} langweilig! Ist da{\s} langweilig!"' seufzte er. + +Er fand da{\s} Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homai{\s} +al{\s} Freund und Guillaumin al{\s} Chef. Dem letzteren, diesem +gr"a"slichen Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem +roten Backenbart, seiner ewigen wei"sen Krawatte, dem mangelte +auch der geringste Sinn f"ur h"ohere Dinge. E{\s} war nur in der +ersten Zeit gewesen, da"s er dem Adjunkten mit seinen formellen +Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab e{\s} weiter in +Yonville? Die Frau de{\s} Apotheker{\s}. Die war weit und breit +die beste Gattin, sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, +Vater, Mutter, Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie +leiden sehen, und in der Wirtschaft lie"s sie alle{\s} drunter und +dr"uber gehn. Sie war eine Feindin de{\s} Korsett{\s}, sah sehr +gew"ohnlich au{\s} und war in ihrer Unterhaltung h"ochst +beschr"ankt. Alle{\s} in allem war sie eine ebenso harmlose wie +langweilige Dame. Obgleich sie drei"sig Jahre alt war und er +zwanzig, obwohl er T"ur an T"ur mit ihr schlief und obgleich er +t"aglich mit ihr sprach, war e{\s} ihm doch noch nie in den Sinn +gekommen, da"s sie irgendjemande{\s} Frau sein k"onne und mit +ihren Geschlecht{\s}genossinnen mehr gemeinsam habe al{\s} die +R"ocke. + +Und wen gab e{\s} au"serdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein +paar Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den +B"urgermeister T"uvache und seine beiden S"ohne, gro"sprotzige, +m"urrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre "Acker selber pfl"ugten, +unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckm"auser, mit +denen zu verkehren glatt unm"oglich war. + +Von dieser Masse allt"aglicher Leute hob sich Emma{\s} Gestalt ab, +einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigsten{\s} war e{\s}, al{\s} +l"agen tiefe Abgr"unde zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit +hatte er Bovary{\s} hin und wieder zusammen mit Homai{\s} besucht, +aber er hatte die Empfindung, al{\s} sei der Arzt durchau{\s} +nicht davon erbaut, ihn bei sich zu sehen, und so schwebte Leo +immer zwischen der Furcht, f"ur aufdringlich gehalten zu werden, +und dem Verlangen nach einem vertraulichen Umgang, der ihm so gut +wie unm"oglich schien. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Sobald e{\s} herbstlich zu werden begann, siedelte Emma au{\s} +ihrem Zimmer in die Gro"se Stube "uber, einem l"anglichen +niedrigen Raume im Erdgeschosse. Gew"ohnlich sa"s sie am Fenster +in ihrem Lehnstuhle und betrachtete die Leute, die drau"sen +vor"ubergingen. + +Leo kam t"aglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen +L"owen und zur"uck. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. +Sie neigte sich jede{\s}mal vor und lauschte, und der junge Mann +glitt an der Scheibengardine vor"uber, immer tadello{\s} gekleidet +und ohne den Kopf zu wenden. Oft aber in der D"ammerung, wenn sie, +auf dem Scho"se die begonnene Stickerei, vertr"aumt dasa"s, +"uberlief sie ein Schauer beim pl"otzlichen Vor"ubergleiten +seine{\s} Schatten{\s}. Dann fuhr sie auf und befahl da{\s} Essen. + +Der Apotheker kam mitunter w"ahrend der Tischzeit. Sein K"appchen +in der Hand, trat er ger"auschlo{\s} ein, um ja niemanden zu +st"oren, jede{\s}mal mit derselben Reden{\s}art: "`Guten Abend, +die Herrschaften!"' Er setzte sich an den Tisch zwischen da{\s} +Ehepaar und fragte den Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf +sich Bovary seinerseit{\s} erkundigte, ob diese auch +zahlung{\s}f"ahig seien. Sodann unterhielten sich die beiden "uber +da{\s}, wa{\s} in der Zeitung gestanden hatte. Um diese Stunde +wu"ste Homai{\s} sie bereit{\s} au{\s}wendig. Er rekapitulierte +sie von Anfang bi{\s} zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle +darin berichteten merkw"urdigen Vorg"ange de{\s} In- und +Au{\s}land{\s}. Wenn auch dieser Gespr"ach{\s}stoff ersch"opft +war, konnte er ein paar Bemerkungen "uber die Gerichte auf dem +Tische nicht unterdr"ucken. Manchmal erhob er sich sogar ein wenig +und machte Frau Bovary artig auf da{\s} zarteste St"uck Fleisch +aufmerksam, oder er wandte sich an da{\s} Dienstm"adchen und gab +ihr Ratschl"age "uber die Zubereitung eine{\s} Ragout{\s} oder +"uber die richtige Verwendung der Gew"urze. Er verstand mit +erstaunlicher Fachkenntni{\s} "uber aromatische Zutaten, +Fleischertrakte, Saucen und S"afte zu sprechen. Er hatte in seinem +Kopfe mehr Rezepte al{\s} Arzneiflaschen in seiner Apotheke. In +der Herstellung von Konfit"uren, Weinessig und s"u"sen Lik"oren +war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle neuen Erfindungen +auf dem Gebiete der K"uchen"okonomie, nicht minder da{\s} beste +Verfahren, K"ase zu konservieren und verdorbne Weine wieder +verwendbar zu machen. + +Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum +Schlie"sen de{\s} Laden{\s} zu holen. Homai{\s} pflegte ihm einen +pfiffigen Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zuf"allig im Zimmer +war. Er kannte n"amlich die Vorliebe seine{\s} Famulusse{\s} f"ur +da{\s} Hau{\s} de{\s} Arzte{\s}. + +"`Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!"' meinte er. +"`Der Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr +Dienstm"adel verguckt!"' + +"Ubrigen{\s} machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er +horche auf alle{\s}, wa{\s} in seinem Hause gesprochen w"urde. +Beispiel{\s}weise sei er an den Sonntagen nicht au{\s} dem Salon +hinau{\s}zubringen, wenn er die schon halb eingeschlafenen Kinder +hole, um sie in{\s} Bett zu schaffen. + +An diesen Sonntag{\s}abenden erschienen "ubrigen{\s} nur wenige +G"aste. Homai{\s} hatte sich nach und nach mit verschiedenen +Hauptpers"onlichkeiten de{\s} Orte{\s} wegen seiner Klatschsucht +und seiner politischen Ansichten "uberworfen. Aber der Adjunkt +stellte sich regelm"a"sig ein. Sobald er die Hau{\s}t"urklingel +h"orte, eilte er Frau Bovary entgegen, nahm ihr da{\s} +Umschlagetuch ab und die "Uberschuhe, die sie bei Schnee trug. + +Zun"achst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten +Emma und der Apotheker Ecart\'e. Leo stand hinter ihr und half +ihr. Die H"ande auf die R"uckenlehne ihre{\s} Stuhle{\s} +gest"utzt, betrachtete er sich die Zinken de{\s} Kamme{\s}, der +ihr Haar zusammenhielt. Bei jeder ihrer Bewegungen w"ahrend de{\s} +Kartenspiel{\s} raschelte ihr Kleid. Im Nacken, unterhalb de{\s} +heraufgesteckten Haare{\s}, hatte ihre Haut einen br"aunlichen +Farbenton, der sich nach dem R"ucken zu aufhellte und im Schatten +de{\s} Kragen{\s} verschwamm. Ihr Rock bauschte sich zu beiden +Seiten de{\s} Stuhlsitze{\s} auf; er schlug eine Menge Falten und +bedeckte ein St"uck de{\s} Boden{\s}. Wenn Leo hin und wieder +au{\s} Versehen mit der Sohle seine{\s} Schuhe{\s} darauf geriet, +zog er den Fu"s rasch zur"uck, al{\s} habe er einen Menschen +getreten. + +Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homai{\s} und Karl Domino zu +spielen. Emma setzte sich dann an da{\s} andre Ende de{\s} +Tische{\s} und sah sich, die Ellbogen aufgest"utzt, die +"`Illustrierte Zeitung"' an. Oft hatte sie auch ihren "`Bazar"' +mitgebracht. Leo nahm neben ihr Platz. Sie betrachteten zusammen +die Holzschnitte und warteten mit dem Umbl"attern aufeinander. +Manchmal bat sie ihn, Gedichte vorzulesen. Leo trug mit langsamer +Stimme vor, die bei verliebten Stellen fl"usternd wurde. Da{\s} +Klappern der Dominosteine st"orte ihn. Der Apotheker war ein +gerissener Spieler und hatte dabei auch noch unversch"amte{\s} +Gl"uck. Wenn die dreihundert Point{\s} erreicht waren, setzten +sich die Spieler an den Kamin, und e{\s} dauerte nicht lange, da +waren sie alle beide eingenickt. Da{\s} Feuer im Kamin war im +Erl"oschen, die Teekanne leer. Leo la{\s} weiter, und Emma h"orte +ihm zu, wobei sie halb unbewu"st in einem fort den Lampenschirm +herumdrehte, auf dessen d"unnen Kattun Pierrot{\s} in einer +Kutsche und Seilt"anzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt +waren. Mit einem Male hielt der Leser inne und wie{\s} durch eine +Geste auf die eingeschlafene Zuh"orerschaft, und nun sprachen sie +lispelnd miteinander. Diese leise Plauderei d"unkte beide um so +s"u"ser, al{\s} niemand ihrer lauschte. + +So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein +fortw"ahrender Au{\s}tausch von Romanen und Gedichtb"uchern. Karl, +der keine Neigung zur Eifersucht besa"s, hatte nicht{\s} dagegen. +Zu seinem Geburt{\s}tage bekam er einen phrenologischen Sch"adel, +der "uber und "uber mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, +eine Aufmerksamkeit Leo{\s}. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter +nach Rouen, um dort Besorgungen f"ur da{\s} Ehepaar zu machen. +Al{\s} infolge eine{\s} Moderoman{\s} die Kakteen in Beliebtheit +kamen, brachte er ein Exemplar, da{\s} er w"ahrend der Fahrt in +der Post vor sich auf den Knien hielt. Da{\s} stachlige Ding +zerstach ihm alle Finger. + +Emma lie"s vor ihrem Fenster ein kleine{\s} Blumenbrett f"ur ihre +Blu\-men\-t"opfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt ein{\s} +hatte. Beim Begie"sen ihrer Blumen sahen sich die beiden. + +Eine{\s} Abend{\s}, al{\s} Leo nach Hau{\s} kam, fand er in seinem +Zimmer eine Reisedecke au{\s} mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide +und Wolle Blumen und Bl"atter gestickt waren. Er zeigte sie Frau +Homai{\s}, dem Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der +K"ochin; sogar seinem Chef erz"ahlte er davon. Alle Welt wollte +nun die Decke sehen. Aber warum machte die Frau de{\s} Doktor{\s} +dem Adjunkten so kostbare Geschenke? Da{\s} war doch sonderbar. +Und alsobald stand e{\s} unumst"o"slich fest: sie war "`seine gute +Freundin."' + +Leo verst"arkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er +unaufh"orlich und vor jedermann von Emma{\s} Sch"onheit und +Klugheit schw"armte. Binet wurde ihm de{\s}halb einmal geh"orig +grob: + +"`Wa{\s} geht mich denn da{\s} an? Ich geh"ore nicht zu der +Clique!"' + +Der Verliebte marterte sich mit Gr"ubeleien ab, wie er sich Emma +erkl"aren k"onne. Er schwankte fortw"ahrend zwischen der Furcht, +sich ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham "uber seine +Feigheit. Er vergo"s Tr"anen ob seiner Mutlosigkeit und seiner +Sehnsucht. Oft genug entschlo"s er sich zu k"uhner Entscheidung. +Er schrieb Briefe, die er wieder zerri"s; nahm sich Tage der Tat +vor, die er dann doch verstreichen lie"s. Manchmal ging er mir dem +festen Vorsatz zu ihr, alle{\s} zu wagen; aber in ihrer Gegenwart +verlor er al{\s}bald den Mut, und wenn gar Karl dazukam und ihn +einlud, sich mit in den Dogcart zu setzen, um irgendeinen +Patienten in der Umgegend zu besuchen, war er sofort dazu bereit. +Dann sagte er der "`gn"adigen Frau"' adieu und fuhr mit. War nicht +ihr Mann auch ein St"uck von ihr? + +Emma ihrerseit{\s} fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. E{\s} +war ihr Glaube, da"s die Liebe mit einem Male dasein m"usse, unter +Donner und Blitz, wie ein Sturm au{\s} blauem Himmel, der die +Menschen packt und ersch"uttert, ihnen den freien Willen +entrei"st, wie einem Baum da{\s} Laub, und da{\s} ganze Herz in +den Abgrund schwemmt. Sie wu"ste nicht, da"s der Regen auf den +flachen D"achern der H"auser Seen bildet, wenn die Traufen +verstopft sind. Und so w"are sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, +wenn sie nicht mit einem Male den Ri"s in der Mauer bemerkt +h"atten. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} war an einem Sonntag nachmittag im Februar. E{\s} schneite. + +Herr und Frau Bovary, der Apotheker und Leo hatten zusammen einen +Au{\s}flug unternommen, um eine neu errichtete Leineweberei, eine +halbe Stunde talabw"art{\s} von Yonville, zu besichtigen. Napoleon +und Athalia waren mitgenommen worden, weil sie Bewegung haben +sollten; und auch Justin war dabei, ein B"undel Regenschirme auf +der Schulter. + +Die neue Sehen{\s}w"urdigkeit war eigentlich nicht{\s} weniger +al{\s} sehen{\s}wert. Um einen gro"sen "oden Platz, auf dem +zwischen Sand- und Steinhaufen bereit{\s} ein paar verrostete +Maschinenr"ader lagen, zog sich im Viereck ein Geb"aude mit einer +Menge kleiner Fenster hin. E{\s} war noch nicht ganz vollendet; +durch den ungedeckten Dachstuhl erblickte man den grauen Himmel. +An einem Giebelhaken hing ein Hebefestkranz au{\s} Stroh und +"Ahren mit einem im Winde flatternden wei"s-rot-blauen Wimpel. + +Homai{\s} machte den F"uhrer. Er erkl"arte der Gesellschaft die +k"unftige Bedeutung de{\s} Etablissement{\s} und sch"atzte die +St"arke der Balken und die Dicke der Mauern, wobei er sehr +bedauerte, kein Meterma"s bei sich zu haben. + +Emma hatte sich bei ihm eingeh"angt. Sie st"utzte sich ein wenig +auf seinen Arm und schaute tr"aumerisch in die Ferne nach der +Sonnenscheibe, deren matte{\s} rote{\s} Licht mit dem Nebel +k"ampfte. Pl"otzlich wandte sie sich ab. Da stand ihr Mann. Er +hatte seine M"utze bi{\s} auf die Augenbrauen in{\s} Gesicht +hereingezogen. Seine dicken Lippen zitterten vor Frost, wa{\s} ihm +einen bl"oden Zug verlieh. Sogar seine Hinteransicht, sein +beh"abiger R"ucken "argerte sie. Sie fand, die breite Fl"ache +seine{\s} Mantel{\s} kennzeichne die ganze Plattheit von Karl{\s} +Pers"onlichkeit. + +W"ahrend sie ihn so ver"achtlich musterte, geno"s sie eine gewisse +perverse Wollust. Da kam Leo an sie heran. Die K"alte machte ihn +bleich, wa{\s} in sein Gesicht etwa{\s} Schmachtende{\s}, +Sanfte{\s} brachte. Sein vorn offener Kragen lie"s zwischen +Krawatte und Hal{\s} ein St"uck Haut sehen; von seinem Ohr lugte +ein Teilchen zwischen den Str"ahnen seine{\s} Haar{\s} hervor, und +seine gro"sen blauen Augen, die zu den Wolken aufschauten, kamen +Emma viel klarer und sch"oner vor al{\s} in den Gedichten die +Bergseen, in denen sich der Himmel spiegelt. + +"`Rabenkind!"' schrie pl"otzlich der Apotheker und scho"s auf +seinen Jungen lo{\s}, der eben in ein Kalkloch gesprungen war, um +sch"one wei"se Schuhe zu bekommen. Al{\s} er t"uchtig +au{\s}gescholten wurde, begann er laut zu heulen. Justin +versuchte, ihm die Stiefelchen mit einem Strohwisch zu reinigen, +aber ohne Messer ging da{\s} nicht. Karl bot ihm sein{\s} an. + +"`Unerh"ort!"' dachte Emma bei sich. "`Er tr"agt ein Messer in der +Tasche wie ein Bauer!"' + +Die neblige Luft wurde immer feuchter. Man machte sich auf den +Heimweg nach Yonville. + +An diesem Abend ging Emma nicht mit zu den Nachbar{\s}leuten +hin"uber. Al{\s} ihr Mann fort war und sie sich allein wu"ste, +begann sie die beiden M"anner von neuem zu vergleichen, und der +andere stand in geradezu sinnlicher Deutlichkeit vor ihr, mit der +eigent"umlichen Linienver"anderung, die da{\s} menschliche +Ged"achtni{\s} vornimmt. Von ihrem Bette au{\s} sah sie die lichte +Glut im Kamin und daneben -- ganz so wie vor ein paar Stunden -- +Leo, den Freund. Er stand da, in gerader Haltung, in der rechten +Hand den Spazierstock, und f"uhrte an der andern Athalia, die +bed"achtig an einem Ei{\s}zapfen saugte. Diese Szene hatte ihr +gefallen, und sie konnte von diesem Bilde nicht lo{\s}kommen. Sie +versuchte sich vorzustellen, wie er an andern Tagen au{\s}gesehen +hatte, welche Worte er gesagt, in welchem Tone. Wie sein Wesen +"uberhaupt sei~... + +Die Lippen wie zum Kusse gerundet, fl"usterte sie immer wieder vor +sich hin: "`Ach, s"u"s, s"u"s!"' Und dann fragte sie sich: "`Ob er +eine liebt? Aber wen? Ach, mich, mich!"' + +Mit einem Male sprach alle{\s} daf"ur. Da{\s} Herz schlug ihr vor +Freude. Die Flammen im Kamin warfen auf die Decke fr"ohliche +Lichter. Emma legte sich auf den R"ucken und breitete ihre Arme +weit au{\s}. + +Dann aber hob sie ihr alte{\s} Klagelied an: "`Ach, warum hat +e{\s} der Himmel so gewollt? Warum nicht ander{\s}? Au{\s} welchem +Grunde?"' + +Al{\s} Karl um Mitternacht heimkam, stellte sie sich so, al{\s} +wache sie auf; und al{\s} er sich etwa{\s} ger"auschvoll +au{\s}zog, klagte sie "uber Kopfschmerzen. Ganz nebenbei fragte +sie aber, wie der Abend verlaufen sei. + +"`Leo ist heute zeitig gegangen"', erz"ahlte Karl. + +Sie mu"ste l"acheln, und mit dem Gef"uhl einer ungeahnten +Gl"uckseligkeit schlummerte sie ein. + +Am andern Tage, gegen Abend, empfing sie den Besuch de{\s} Herrn +Lheureux, de{\s} Modewarenh"andler{\s}. Der war, wie man zu sagen +pflegt, mit allen Hunden gehetzt. Obgleich ein geborener +Ga{\s}cogner, war er doch ein vollkommener Normanne geworden; er +einte in sich die lebhafte Redseligkeit de{\s} S"udl"ander{\s} und +die n"uchterne Verschlagenheit seiner neuen Land{\s}leute. Sein +feiste{\s}, aufgeschwemmte{\s} und bartlose{\s} Gesicht sah +au{\s}, al{\s} sei e{\s} mit S"u"sholztinktur gef"arbt, und sein +wei"se{\s} Haar brachte den scharfen Glanz seiner munteren +schwarzen Augen noch mehr zur Wirkung. Wa{\s} er fr"uher +getrieben, wu"ste man nicht. Manche munkelten, er sei Hausierer +gewesen, andre sagten, Geldwech{\s}ler in Routot. Etwa{\s} aber +stand fest: er konnte im Kopfe die schwierigsten Berechnungen +au{\s}f"uhren. Selbst Binet kam die{\s} unheimlich vor. Dabei war +er kriechend h"oflich; er lief in immer halb geb"uckter Haltung +herum, al{\s} ob er jemanden gr"u"sen oder einladen wollte. + +Seinen mit einem Trauerflor versehenen Hut legte er an der T"ure +ab, stellte einen gr"unen Pappkasten auf den Tisch und begann sich +dann unter tausend Flo{\s}keln bei Frau Bovary zu beklagen, da"s +er ihre Kundschaft noch immer nicht gewonnen habe. Allerding{\s} +sei eine "`armselige Butike"' wie die seine nicht gerade +verlockend f"ur eine "`elegante Dame"'. Diese beiden Worte betonte +er ganz besonder{\s}. Aber sie brauche nur zu befehlen, er mache +sich anheischig, ihr alle{\s} nach Wunsch zu besorgen, Kurzwaren, +W"asche, Str"umpfe, Modewaren, wa{\s} sie brauche. Er fahre +regelm"a"sig viermal im Monat nach der Stadt und stehe mit den +ersten Firmen in Verbindung. Sie k"onne sich "uberall nach ihm +erkundigen. Heute komme er nur ganz im Vor"ubergehen, um der +gn"adigen Frau ein paar feine Sachen zu zeigen, die er durch einen +ganz besonder{\s} g"unstigen Gelegenheit{\s}kauf erworben h"atte. +Dabei packte er au{\s} dem Kasten ein halbe{\s} Dutzend gestickter +Hal{\s}kragen. + +Frau Bovary besah sie sich. + +"`Ich brauche nicht{\s}"', bemerkte sie. + +Nunmehr kramte der H"andler behutsam drei algerische Seident"ucher +au{\s}, mehrere Pakete englischer N"ahnadeln, ein paar +strohgeflochtne Pantoffeln und schlie"slich vier Eierbecher au{\s} +Koko{\s}nu"sschale, filigranartige Schnitzarbeiten von +Str"aflingen. Sich mit beiden H"anden auf den Tisch st"utzend, mit +langem Hal{\s} und offnem Mund, beobachtete er Emma{\s} Augen, die +unentschlossen in all diesen Gegenst"anden herumsuchten. Von Zeit +zu Zeit strich er mit dem Fingernagel "uber die lang +hingebreiteten T"ucher, al{\s} wolle er ein St"aubchen entfernen; +die Seide knisterte leise, und da{\s} gr"unliche D"ammerlicht +glitzerte auf den Goldf"aden de{\s} Gewebe{\s} in sternigen +Funken. + +"`Wa{\s} kostet so ein Tuch?"' fragte Emma. + +"`Ein paar Groschen!"' antwortete er. "`Ein paar Groschen! Aber +da{\s} eilt ja nicht. Ganz wann{\s} Ihnen pa"st! Unsereiner ist ja +kein Jude!"' + +Sie dachte einen Augenblick nach, schlie"slich dankte sie dem +H"andler, der gelassen erwiderte: + +"`Na ja, dann ein andermal! Ich habe mich bi{\s}her mit allen +Damen vertragen, mit meiner nur nicht."' + +Emma l"achelte. Er sah e{\s} und fuhr mit der Ma{\s}ke de{\s} +Biedermanne{\s} fort: + +"`Ich wollte damit nur gesagt haben, da"s Geld Nebensache ist. +Wenn Sie mal welche{\s} brauchten, k"onnten Sie e{\s} von mir +haben."' + +Sie machte eine erstaunte Miene. + +Schnell fl"usterte er: + +"`Oh! Ich verschaffte e{\s} Ihnen auf der Stelle! Darauf k"onnen +Sie sich verlassen!"' + +Davon abspringend, erkundigte er sich flug{\s} nach dem alten +Tellier, dem Wirt vom Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, den Bovary gerade in +Behandlung hatte. + +"`Wa{\s} fehlt ihm denn eigentlich, dem alten Freunde? Er hustet, +da"s sein ganze{\s} Hau{\s} wackelt. Ich f"urchte, ich f"urchte, +er l"a"st sich eher zu einem "Uberzieher au{\s} Fichtenholz Ma"s +nehmen al{\s} zu einem au{\s} Wintertuch. Na, solange er auf dem +Damme war, da hat er sch"one Zicken gemacht! Die Sorte, gn"adige +Frau, die wird nie vern"unftig! Und dann der Schnap{\s}, da{\s} +ist allemal der Ruin! Aber e{\s} ist immer betr"ubend, wenn man +sieht, wie e{\s} mit einem alten Bekannten zu Ende geht."' + +W"ahrend er seine Siebensachen wieder in den Pappkasten packte, +schwatzte er so von allen m"oglichen Patienten de{\s} Arzte{\s}. + +"`Da{\s} liegt am Wetter, ganz zweifello{\s}!"' erh"arte er, indem +er verdrie"slich durch die Fensterscheiben sah. "`Da{\s} bringt +alle diese Krankheiten. E{\s} geht mir ja selber so: ich f"uhle +mich gar nicht recht \begin{antiqua}au fait\end{antiqua}. Werde +wohl demn"achst auch mal zu Ihrem Herrn Gemahl in die Sprechstunde +kommen m"ussen. Meiner Kreuzschmerzen wegen. Na, auf Wiedersehen, +Frau Doktor! Stehe immer zu Ihrer Verf"ugung! Gehorsamster +Diener!"' + +Und er schlo"s die T"ure sacht hinter sich. + +Emma lie"s sich da{\s} Essen in ihrem Zimmer servieren, auf einem +Tischchen am Kamin. Sie nahm sich mehr Zeit denn sonst, und e{\s} +schmeckte ihr alle{\s} vorz"uglich. + +"`Wie vern"unftig ich doch war!"' sagte sie bei sich und dachte an +die Seident"ucher. + +Da h"orte sie Tritte auf der Treppe. E{\s} war Leo. Sie stand +schnell auf und nahm von der Kommode von einem Sto"s Wischt"ucher, +die ges"aumt werden sollten, da{\s} oberste zur Hand. Al{\s} der +junge Mann eintrat, tat sie sehr besch"aftigt. + +Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Frau Bovary +schwieg immer wieder, und Leo war au{\s} Sch"uchternheit +einsilbig. Er sa"s nahe am Kamin auf einem niedrigen Sessel und +spielte mit ihrem elfenbeinernen Nadelb"uchschen. + +Emma n"ahte oder gl"attete von Zeit zu Zeit mit dem Fingernagel +den umgelegten Saum. Sie verstummte ganz, und er sagte nicht{\s}, +weil ihn ihr Schweigen ebenso nachdenklich machte, al{\s} ob sie +wer wei"s wa{\s} gesprochen h"atte. + +"`Armer Junge!"' dachte sie. + +"`Warum bin ich bei ihr in Ungnade?"' fragte er sich. + +Schlie"slich fing er an zu reden. Er m"usse in den n"achsten Tagen +nach Rouen fahren. In einer Beruf{\s}angelegenheit. + +"`Ihr Musikalienabonnement ist abgelaufen. Darf ich e{\s} +erneuern?"' + +"`Nein"', entgegnete sie. + +"`Warum nicht?"' + +"`Weil~..."' + +Emma bi"s sich auf die Lippen. Umst"andlich zog sie den grauen +Zwirn hoch. Leo "argerte sich "uber ihre Emsigkeit. "`Warum +zersticht sie sich die Finger?"' dachte er. Eine galante Bemerkung +fuhr ihm durch den Sinn, aber er wagte nicht, sie +au{\s}zusprechen. + +"`So wollen Sie e{\s} also aufgeben?"' + +"`Wa{\s}?"' fragte sie nerv"o{\s}. "`Die Musik? Ach, du mein Gott! +Ich habe soviel in der Wirtschaft zu tun, meinen Mann zu versorgen +und tausend andre Dinge. Mit einem Wort: erst die Pflicht!"' + +Sie blickte nach der Uhr. Karl h"atte schon l"angst heim sein +m"ussen. Sie stellte sich beunruhigt. Zwei- oder dreimal meinte +sie im Gespr"ache: + +"`Mein Mann ist so gut!"' + +Der Adjunkt mochte Herrn Bovary sehr gut leiden. Aber diese +Z"artlichkeit befremdete ihn auf da{\s} unangenehmste. Gleichwohl +stimmte er in ihr Lob ein. + +"`Dar"uber sind wir un{\s} alle einig; der Apotheker sagt{\s} auch +immer!"' erkl"arte er. + +"`Ja, ja, er ist ein pr"achtiger Mensch!"' wiederholte sie. + +"`Gewi"s!"' best"atigte der Adjunkt. + +Er begann dann von Frau Homai{\s} zu sprechen, "uber deren sehr +nachl"assige Kleidung sich die beiden sonst h"aufig am"usierten. + +"`So schlimm ist e{\s} gar nicht!"' behauptete Emma heute. "`Eine +gute Hau{\s}frau kann sich nicht blo"s um ihre Toilette k"ummern."' + +Dann versank sie in ihr fr"uhere{\s} Stillschweigen. + +So blieb sie auch an den folgenden Tagen. Ihre Sprache, ihr +Benehmen, ihr ganze{\s} Wesen waren wie verwandelt. Sie k"ummerte +sich um ihr Hau{\s}, ging wieder regelm"a"sig in die Kirche und +hielt ihr Dienstm"adchen strenger. + +Die kleine Berta wurde au{\s} der Ziehe zur"uckgeholt. Wenn Besuch +kam, brachte Felicie da{\s} Kind herein, und Frau Bovary zeigte, +wa{\s} f"ur stramme Beinchen e{\s} hatte. Sie beteuerte, Kinder +h"atte sie "uber alle{\s} gern; da{\s} ihre sei ihr Trost, ihre +Freude, ihr Gl"uck. Dabei liebkoste sie e{\s} unter einem Schwall +von schw"armerischen Tiraden, die jeden Literaturfreund -- die +biederen Yonviller waren keine! -- an die Sachette in Viktor +H"ugo{\s} "`Notre-Dame"' erinnert h"atten. + +Wenn Karl heimkam, fand er seine Hau{\s}schuhe gew"armt am Kamine +stehen, seine Westen hatten kein zerrissene{\s} Futter mehr, und +an seinen Hemden waren die Kn"opfe immer vollz"ahlig. Er hatte +sogar da{\s} Vergn"ugen, seine H"ute und M"utzen wohlgeordnet im +Schranke h"angen zu sehen. Emma lehnte e{\s} mit einem Male nicht +mehr ab, ihn zu einem kleinen Rundgang in den Garten zu begleiten. +Sie war mit jedem Vorschlage, den Karl machte, sofort +einverstanden; selbst wenn sie den Zweck nicht recht einsah, +f"ugte sie sich ohne Murren. Wenn Leo die beiden nach Tisch so +sah: ihn am Kamin, die H"ande "uber dem Bauche gefaltet, die +F"u"se behaglich gegen die Glut gestemmt, die Backen noch rot vom +Mahle und die "Auglein in eitel Wonne schwimmend, vor sich da{\s} +Kind, da{\s} auf dem Teppich herumrutschte, und daneben die +feinlinige schlanke Frau, wie sie sich "uber die Lehne seine{\s} +Gro"svaterstuhl{\s} beugte und ihm einen Ku"s auf die Stirn gab, +-- dann sagte er sich: + +"`Ich Narr! Nie wird sie die meine werden!"' + +Sie kam ihm ebenso vollkommen wie unnahbar vor, und ihm schwand +jede, auch die leiseste Hoffnung. In seiner Resignation begann er +sie zu verg"ottern. Allm"ahlich verlor sie in seinen Augen ihre +K"orperlichkeit, die nun einmal doch f"ur ihn nicht da war. Vor +seiner Phantasie schwebte sie immer h"oher, umstrahlt von einer +Gloriole. Seine reine Liebe hatte nicht{\s} mehr mit seinem +Alltag{\s}leben zu tun; sie ward zu einem Heiligenkult, dessen +Verlust mehr Schmerz bereitet, al{\s} der k"orperliche Besitz der +Geliebten Genu"s gew"ahrt. + +Emma magerte ab, ihre Wangen verloren die Farbe, ihr Gesicht wurde +schm"achtiger. Mit ihrem schwarzen gescheitelten Haar, ihren +gro"sen Augen, ihrer gerade geschnittenen Nase, ihrem Vogelgange +und ihrer jetzigen Schweigsamkeit schien sie durch{\s} Leben zu +schreiten, ohne den Erdboden zu ber"uhren, und e{\s} war, al{\s} +tr"uge sie auf der Stirne da{\s} geheimni{\s}volle Mal einer +h"oheren Bestimmung. Sie war so traurig und so still, so sanft und +dabei so unnahbar, da"s man ihre Gegenwart wie eine ei{\s}kalte +Wonne empfand. Geradeso mischt sich in den Kirchen in den Duft der +Rosen die K"alte de{\s} Marmor{\s}, so da"s man zusammenschauert. +E{\s} lag ein seltsamer Zauber darin, dem niemand entrann. + +"`Sie ist eine Frau gro"sen Stil{\s},"' sagte der Apotheker +einmal, "`sie m"u"ste einen Minister zum Manne haben!"' + +Die Spie"sb"urger r"uhmten ihre Sparsamkeit, die Patienten ihr +h"ofliche{\s} Wesen, die armen Leute ihren milden Sinn. + +Innerlich aber war sie voller Begierden, voll Grimm und Ha"s. +Hinter ihrem kl"osterlichen Kleid st"urmte ein weltverlangende{\s} +Herz, und ihre keuschen Lippen verheimlichten alle Qualen der +Sinnlichkeit. Sie war in Leo verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, +um in der Vorstellung ungest"ort zu schwelgen. Diese Wollust der +Tr"aume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick de{\s} Geliebten +nur gest"ort. Beim H"oren seiner Tritte zitterte sie. Sobald er +aber eintrat, verflog diese Erregung, und sie f"uhlte nicht{\s} +al{\s} namenlose Verwunderung und tiefe Schwermut. + +Leo ahnte nicht, da"s Emma an{\s} Fenster eilte, um ihm +nachzusehen, wenn er entmutigt von ihr gegangen war. Voller Unruhe +beobachtete sie alle seine Bewegungen und forschte in seinen +Augen. Sie erfand einen ganzen Roman, nur um einen Vorwand zu +haben, sein Zimmer einmal zu sehen. Die Apothekerin erschien ihr +beneiden{\s}wert, weil sie mit ihm unter einem Dache schlafen +durfte. Ihre Gedanken lie"sen sich immer wieder auf seinem Hause +nieder, just wie die Tauben vom Goldnen L"owen, die hingeflogen +kamen, um ihre roten Stelzen und wei"sen Fl"ugel in der Dachrinne +zu netzen. + +Je klarer sich Emma ihrer Leidenschaft bewu"st ward, um so mehr +dr"angte sie sie zur"uck. Ihre Liebe sollte unsichtbar und klein +bleiben. Wohl war e{\s} ihr Sehnen, da"s Leo die Wahrheit bemerke; +sie ertr"aumte sich Zuf"alle und Katastrophen, die die{\s} +herbeif"uhrten. Aber ihre Passivit"at, die Angst vor der +Entscheidung und auch ihr Schamgef"uhl hielten sie zur"uck. Sie +bildete sich ein, sie h"atte sich ihn bereit{\s} allzusehr +entfremdet, e{\s} w"are nun zu sp"at und alle{\s} sei verloren. +Und dann sagte sie sich voll Stolz und Freude: "`Ich bin eine +anst"andige Frau geblieben!"' Sie stellte sich vor den Spiegel in +der Pose der Resignation. Da{\s} tr"ostete sie ein wenig ob de{\s} +Opfer{\s}, da{\s} sie zu bringen w"ahnte. + +Ihre unbefriedigte Sinnlichkeit, ihre L"usternheit nach Reichtum +und Luxu{\s} und ihre schwerm"utige Liebe ergaben alle{\s} in +allem ein einzige{\s} Weh. Statt aber ihre Gedanken andern Dingen +zuzuwenden, verlor sie sich immer mehr in diese{\s} Leid, gefiel +sich darin und trug e{\s} in alle Einzelheiten ihre{\s} Leben{\s}. +Ein ungeschickt servierte{\s} Gericht, eine offengelassene T"ure +brachte sie in Aufregung. Ein h"ubsche{\s} Kleid, da{\s} sie nicht +haben konnte, ein Vergn"ugen, auf da{\s} sie verzichten mu"ste, +machte sie ungl"ucklich. Weil sich ihre k"uhnen Tr"aume nicht +erf"ullten, ward ihr da{\s} Hau{\s} zu eng. + +Da"s Karl keine Dulderin in ihr sah, da{\s} emp"orte sie am +allermeisten. Seine felsenfeste "Uber\-zeu\-gung, da"s er seine +Frau gl"ucklich mache, d"unkte sie Beschr"anktheit, Beleidigung, +Undankbarkeit. F"ur wen war sie denn so vern"unftig? War e{\s} +nicht gerade Karl, der sie von jedwedem Gl"uck trennte? War nicht +er der Anla"s all ihre{\s} Elend{\s}, da{\s} Schlo"s an der T"ur +ihre{\s} qualvollen K"afig{\s}? + +So h"aufte sie auf ihn alle Bitternisse ihre{\s} Herzen{\s}. Jeder +Versuch, diese Verstimmungen zu bek"ampfen, verschlimmerten sie +nur. Denn die vergebliche M"uhe machte sie noch mutloser und +entfernte sie noch mehr von ihrem Manne. Gerade seine +Gutm"utigkeit reizte sie zur Rebellion. Die Spie"serlichkeit ihrer +Wohnung verlockte sie zu Utopien von Pracht und Herrlichkeit, und +die ehelichen Freuden zu ehebrecherischen Gel"usten. Sie bedauerte +e{\s}, da"s Karl sie nicht schlecht behandelte; dann h"atte sie +gerechten Anla"s gehabt, sich an ihm zu r"achen. Zuweilen freilich +erschrak sie vor den Irrwegen, auf die sie in Gedanken geriet. Und +immer mu"ste sie l"acheln, wenn sie in einem fort h"orte, da"s sie +gl"ucklich sei, oder wenn sie sich gar selber noch M"uhe gab, so +zu tun und die Leute in ihrem Glauben zu lassen. + +Manchmal hatte sie diese Kom"odie satt. Sie f"uhlte sich versucht, +mit dem Geliebten auf und davon zu gehen, irgendwohin, weit, weit +fort, wo ein andrer Stern ihrer harrte. Zugleich jedoch drohten +ihr in Gedanken riefe, dunkle Abgr"unde. + +"`Er liebt mich ja gar nicht mehr!"' sagte sie sich. "`Wa{\s} soll +da au{\s} mir werden? Welche Zuflucht, welcher Trost, welche +Erleichterung bleibt mir noch?"' + +Gebrochen, fiebernd, halbtot schluchzte sie leise vor sich hin, +unter endlosen Tr"anen. + +"`Warum sagt e{\s} die gn"adige Frau nicht dem Herrn Doktor?"' +fragte da{\s} Dienstm"adchen, al{\s} e{\s} einmal w"ahrend +eine{\s} solchen Anfalle{\s} in{\s} Zimmer kam. + +"`Ach wa{\s}! Ich bin nerv"o{\s}!"' erkl"arte Emma. "`Da"s du ihm +ja nicht{\s} davon erz"ahlst! Du w"urdest ihn nur beunruhigen."' + +"`Ach Gott"', meinte Felicie. "`Der Tochter de{\s} alten +Fischer{\s} Gu\'erin au{\s} Pollet, einer Bekannten von mir in +Dieppe, wo ich vorher gedient habe, der ging e{\s} ganz genau so. +War die tr"ubsinnig! Schrecklich tr"ubsinnig! Und leichenbla"s sah +sie immer au{\s}. Ihr Leiden war so wa{\s} wie ein Nebel im Kopfe, +und die "Arzte und sogar der Pfarrer wu"sten kein Mittel dagegen. +Wenn{\s} ganz schlimm kam, dann lief sie immer ganz allein an{\s} +Meer. Der Zollaufseher hat sie auf seiner Patrouille oft gesehen, +platt auf dem Bauche liegen und auf den Steinen weinen. Sp"ater, +al{\s} sie einen Mann hatte, soll sich{\s} gegeben haben~..."' + +"`Bei mir aber"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} erst nach der +Hochzeit so gekommen."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine{\s} Abend{\s} sa"s Emma am offnen Fenster. Eben hatte sie +noch Lestiboudoi{\s}, dem Kirchendiener, zugesehen, wie er unten +im Garten den Buch{\s}baum zugestutzt hatte. Pl"otzlich drang ihr +da{\s} Ave-Maria-L"auten in{\s} Ohr. + +E{\s} war Anfang April. Die Primeln bl"uhten, und ein lauer Wind +h"upfte "uber die aufgeharkten Beete. Der Garten putzte sich f"ur +die Festtage de{\s} Sommer{\s}. Durch die Latten der Laube und +weiterhin leuchtete der Bach, der sich in schn"orkeligen Windungen +in den flachen Wiesen hinwand. Der Abenddunst schwebte um die noch +kahlen Pappeln und l"oste die Linien ihrer Aste zu weichem Violett +auf, duftig und durchsichtig wie ein feiner Schleier. In der Ferne +zogen Herden heim, aber ihr Huftritt und ihr Br"ullen verklangen. +Nur die Abendglocke l"autete immerfort und f"ullte die Luft mit +wehm"utigem Frieden. + +Bei diesen gleichf"ormigen T"onen verloren sich die Gedanken der +jungen Frau in alte Jugend- und Klostererinnerungen. Sie dachte an +die hohen Leuchter auf dem Hochaltar, die sich "uber die +blumenreichen Vasen und "uber da{\s} Tabernakel mit seinen +S"aulchen emporgereckt hatten. Wie einst h"atte sie wieder knien +m"ogen in der langen Reihe der wei"sen Schleier, die sich grell +abhoben von den schwarzen steifen Kapuzen der in ihren Betst"uhlen +hingesunkenen Schwestern. Sonntag{\s} w"ahrend der Messe, wenn sie +aufschaute und in da{\s} von bl"aulichem Weihrauch umwobene holde +Antlitz der Madonna blickte, dann war sie immer tief ergriffen und +ganz weich gestimmt gewesen, leicht und ohne Last wie eine +Flaumfeder, die der Sturmwind wegweht~... + +Mit einem Male, ohne da"s sie sich "uber den Vorgang klar ward, +fand sie sich auf dem Wege zur Kirche. Ein Drang nach Andacht +hatte sie ergriffen: ihre Seele sehnte sich, darin aufzugehen und +alle{\s} Irdische zu vergessen. + +Auf dem Marktplatze begegnete ihr Lestiboudoi{\s}, der bereit{\s} +wieder au{\s} der Kirche kam, um zu seiner unterbrochenen Arbeit +zur"uckzukehren. Die war ihm immer die Hauptsache, und da{\s} +L"auten der Glocke besorgte er, wie e{\s} ihm gerade pa"ste. +"Ubrigen{\s} war da{\s} L"auten ein Zeichen f"ur die Kinder im +Dorfe, da"s e{\s} Zeit zur Katechi{\s}mu{\s}stunde war. + +Ein paar Jungen waren schon da und spielten Ball auf den +Friedhof{\s}steinen. Andre sa"sen rittling{\s} auf der Mauer, +baumelten mit den Beinen und k"opften mit ihren Schuhspitzen die +hohen Brennesseln, die zwischen der letzten Gr"aberreihe und der +niedrigen Umfassung{\s}mauer aufgeschossen waren. Da{\s} war +da{\s} einzige bi"schen Gr"un, denn die Grabm"aler standen ganz +dicht aneinander, und "uber ihnen lag best"andig feiner Staub, der +dem reinigenden Besen trotzte. Die Kinder liefen in Str"umpfen +dar"uber wie "uber einen eigen{\s} f"ur sie hingebreiteten +Teppich, und ihre aufjauchzenden Stimmen mischten sich in da{\s} +letzte Au{\s}klingen der Glocken. Da{\s} Summen verstummte, und +der Strang der gro"sen Glocke, der vom Kirchturm herabhing und mit +dem Ende auf dem Erdboden hin und her geschleift war, beruhigte +sich allm"ahlich. Schwalben schossen pfeilschnell durch die Luft, +kurze Schreie au{\s}sto"send, und flogen zur"uck in ihre gelben +Nester unter dem Turmdache. Im Chor der Kirche brannte eine Lampe +oder vielmehr ein Nachtlicht unter einer h"angenden Gla{\s}glocke. +Von weitem sah die Flamme wie ein "uber dem "Ol schwimmender +zittriger wei"ser Fleck au{\s}. Ein langer Sonnenstrahl +durchquerte da{\s} Hauptschiff; in um so tieferem Dunkel lagen die +Nebenschiffe und Nischen. + +"`Wo ist der Pfarrer?"' fragte Frau Bovary einen Knaben, der sich +damit belustigte, die bereit{\s} lockere Klinke der +Friedhof{\s}pforte v"ollig abzuw"urgen. + +"`Der wird gleich kommen!"' war die Antwort. + +Wirklich knarrte die T"ur de{\s} Pfarrhause{\s}, und der Abb\'e +Bournisien erschien. Die Kinder rannten eiligst in die Kirche +hinein. + +"`Rasselbande!"' murmelte der Priester. "`Einen wie alle Tage!"' +Er hob einen zerflederten Katechi{\s}mu{\s} auf, an den sein Fu"s +gesto"sen war. "`Nicht{\s} wird respektiert!"' Da bemerkte er Frau +Bovary. + +"`Verzeihung!"' sagte er. "`Ich hatte Sie nicht erkannt."' + +Er steckte den Katechi{\s}mu{\s} in die Tasche und blieb stehen, +indem er den schweren Sakristeischl"ussel auf zwei Fingern +balancierte. + +Der Schein der Abendsonne fiel ihm voll in{\s} Gesicht und nahm +seiner Soutane alle Farbe. Sie gl"anzte "ubrigen{\s} an den +Ellenbogen bereit{\s}, und in den S"aumen war sie au{\s}gefasert. +Fett- und Tabakflecke begleiteten die Linie der kleinen Kn"opfe +die Brust entlang. Nach dem Kragen zu, unter dem Doppelkinn +seine{\s} Gesicht{\s}, wurden sie zahlreicher. E{\s} war von +Sommersprossen bes"at, die sich in seinen stoppeligen grauen Bart +hinein verloren. Er kam vom Essen und atmete ger"auschvoll. + +"`Wie geht e{\s} Ihnen?"' erkundigte er sich. + +"`Schlecht!"' antwortete Emma. + +"`Ja, ja! Ganz wie mir"', erwiderte der Priester. "`Die ersten +warmen Tage machen einen unglaublich matt, nicht wahr? Aber e{\s} +ist nun einmal so! Wir sind zum Leiden geboren, wie Sankt +Paulu{\s} sagt. Und wie denkt Herr Bovary dar"uber?"' + +"`Ach der!"' Sie machte eine ver"achtliche Geb"arde. + +"`Wa{\s}?"' erwiderte der ehrw"urdige Mann ganz erstaunt. +"`Verordnet er Ihnen denn nicht{\s}?"' + +"`Ach,"' meinte sie, "`irdische Heilmittel, die nutzen mir +nicht{\s}."' + +Trotzdem sich der Geistliche unterhielt, warf er seinen Blick doch +hin und wieder in die Kirche, wo die Jungen, die niedergekniet +waren, sich gegenseitig mit den Schultern anrempelten, so da"s sie +reihenweise wie die Kegel umpurzelten. + +"`Ich m"ochte gern wissen~..."', fuhr Emma fort. + +"`Warte nur, Boudet, warte du nur!"' unterbrach sie der Priester +in zornigem Tone. "`Ich werde dich gleich an den Ohren kriegen, du +Schlingel, du!"' Zu Emma gewandt, f"ugte er hinzu: "`Da{\s} ist +der Junge vom Zimmermann Boudet. Seine Eltern sind schwache Leute; +sie lassen dem Jungen die gr"o"sten Narrenpossen durch. Der Bengel +k"onnte sehr wohl wa{\s} lernen, wenn er nur wollte, denn er ist +gar nicht dumm ... Na, und wie geht{\s} dem Herrn Gemahl?"' + +Emma tat, al{\s} ob sie die Frage "uberh"ort h"atte. Der +Geistliche fuhr fort: + +"`Immer t"uchtig besch"aftigt, nicht wahr? Ja, ja! Er und ich, wir +beiden haben im Kirchspiel zweifello{\s} am meisten zu tun~..."' +Er lachte beh"abig, "`... er al{\s} Arzt de{\s} Leibe{\s} und ich +der Seele."' + +Emma schaute ihn flehentlich an. + +"`Sie! Ja!"' sagte sie. "`Sie heilen alle Wunden!"' + +"`Oh! Sprechen Sie nicht so, Frau Bovary! Gerade heute vormittag, +da bin ich nach Ba{\s}-Diauville gerufen worden, zu einer +wassers"uchtigen Kuh. Die Leute glaubten, da{\s} Tier sei verhext. +Merkw"urdig! Alle K"uhe da ... Verzeihen Sie mal! -- Longuemarre +und Boudet! Zum Donnerwetter! Wollt ihr stille sein!"' Mit einem +gro"sen Satze war er drinnen in der Kirche. + +Da flohen die Knaben hinter da{\s} Me"spult oder kletterten auf +den Sitz de{\s} Vors"anger{\s}. Andre verkrochen sich in den +Beichtstuhl. Aber der Pfarrer teilte behend recht{\s} und link{\s} +einen Hagel von Backpfeifen au{\s}; einen der Jungen packte er am +Rockkragen, hob ihn in die Luft und duckte ihn dann in die Knie, +al{\s} ob er ihn mit aller Gewalt in die Steinfliese +hineindr"ucken wollte. + +"`So!"' sagte er zu Frau Bovary, al{\s} er wieder bei ihr war, +w"ahrend er sein gro"se{\s} Kattuntaschentuch entfaltete und sich +den Schwei"s von der Stirn wischte. "`Die Landleute sind recht zu +bedauern~..."' + +"`Andre Leute auch"', meinte sie. + +"`Gewi"s! Die Arbeiter in den St"adten zum Beispiel."' + +"`Die meine ich nicht."' + +"`Erlauben Sie mir! Ich habe unter ihnen Familienm"utter kennen +lernen, ehrbare Frauen, ich sage Ihnen: wahre Heilige. Und sie +hatten nicht einmal da{\s} t"agliche Brot."' + +"`Ich meine solche,"' fuhr Emma fort, und ihre Mundwinkel +zitterten, w"ahrend sie sprach, "`solche, Herr Pfarrer, die zwar +ihr t"aglich Brot haben, aber kein~..."' + +"`Kein Holz im Winter~..."', erg"anzte der Priester. + +"`Ach, wa{\s} liegt daran?"' + +"`Wa{\s} daran liegt? Mich d"unkt, wer gut zu essen hat und eine +warme Stube ... denn schlie"slich~..."' + +"`O du mein Gott!"' seufzte Emma. + +"`Ist Ihnen nicht wohl?"' fragte er, indem er sich ihr besorgt +n"aherte. "`Gewi"s Magenbeschwerden? Sie m"ussen heimgehen, Frau +Bovary, und eine Tasse Tee trinken! Da{\s} wird Sie kr"aftigen. +Oder vielleicht lieber eine Limonade?"' + +"`Wozu?"' + +Sie sah au{\s}, al{\s} erwache sie au{\s} einem Traume. + +"`Sie fa"sten mit der Hand nach Ihrer Stirn, und da glaubte ich, +e{\s} sei Ihnen schwindlig."' Er besann sich. "`Aber wollten Sie +mich nicht etwa{\s} fragen? Mir ist e{\s} so. Wa{\s} war e{\s} +denn?"' + +"`Ich? Nicht{\s} ... oh, nicht{\s}!"' stammelte Emma. + +Ihr Blick, der in der Ferne verweilt hatte, fiel m"ud auf den +alten Mann in der Soutane. Sie sahen sich beide in die Augen, ohne +etwa{\s} zu sagen. + +"`Dann entschuldigen Sie, Frau Bovary"', sagte er nach einer +Weile. "`Die Pflicht ruft mich. Ich mu"s zu meinen Taugenichtsen +da. Die erste Kommunion r"uckt heran. Ich f"urchte, sie +"uberrumpelt un{\s}. Seit Himmelfahrt behalte ich die Kinder alle +Mittwoch eine Stunde l"anger hier. Die armen Kleinen! Man kann sie +nicht fr"uh genug auf den Weg de{\s} Herrn leiten, wie e{\s} +Gotte{\s} Sohn un{\s} ja anbefohlen hat ... Recht gute Besserung, +Frau Doktor! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Gemahl!"' + +Damit trat er in die Kirche, nachdem er an der Schwelle da{\s} +Knie gebeugt hatte. Emma sah ihm nach, bi{\s} er zwischen den +B"anken verschwand. Er ging schwerf"allig, den Kopf ein wenig +eingezogen, die beiden H"ande in segnender Haltung. + +Sie wandte sich um, mit einem kurzen Ruck. wie eine Figur auf +einer Drehscheibe, und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Eine +Weile h"orte sie hinter sich noch die rauhe Stimme de{\s} +Geistlichen und die hellen Antworten der Knaben~... + +"`Bist du ein Christ?"' + +"`Ja, ich bin ein Christ."' + +"`Wer ist ein Christ?"' + +"`Wer getauft ist und~..."' + +Zu Hau{\s} stieg sie die Treppe hinauf, wobei sie sich am +Gel"ander festhielt. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in ihren +Lehnstuhl. + +Da{\s} Licht de{\s} hellen Abend{\s} drau"sen flutete weich durch +die Scheiben herein. Die M"obel schlummerten still auf ihren +Pl"atzen, halb versunken in den Schatten der D"ammerung wie in +einen schwarzen Weiher. Im Kamin war die Glut erloschen, und +eint"onig tickte die Uhr immerzu. Diese Ruhe der Dinge hier um +sich herum empfand Emma al{\s} einen wunderlichen Kontrast zu dem +wilden Sturm in ihrem Innern~... + +Vom N"ahtischfenster her tappte die kleine Berta in ihren +gewirkten Schuhchen und versuchte zu ihrer Mutter zu gelangen. Sie +haschte nach den B"andern ihrer Sch"urze. + +"`La"s mich!"' sagte Emma und wehrte da{\s} Kind mit der Hand ab. + +Aber die Kleine kam noch n"aher und schmiegte sich an ihre Knie. +Sie umfa"ste sie mit ihren "Armchen und schaute mit ihren gro"sen +blauen Augen zur Mutter auf. Dabei liefen ein paar Tropfen +Speichel au{\s} dem Munde de{\s} Kinde{\s} auf Emma{\s} seidne +Sch"urze. + +"`La"s mich!"' wiederholte die junge Mutter sehr unwillig. + +Ihr Gesicht{\s}au{\s}druck erschreckte da{\s} Kind. E{\s} begann +zu schreien. + +"`Aber so la"s mich doch!"' sagte Emma barsch und stie"s ihr Kind +mit dem Ellenbogen zur"uck. + +Berta fiel gegen die Kommode, gerade auf den Messingbeschlag, der +ihr die Wange ritzte, so da"s sie blutete. Frau Bovary st"urzte +auf da{\s} Kind zu und hob e{\s} auf. Dann ri"s sie heftig am +Klingelzug und rief da{\s} Dienstm"adchen herbei. Sie war nahe +daran, sich Vorw"urfe zu machen, da erschien Karl. E{\s} war um +die Essen{\s}zeit. Er kam von seiner Praxi{\s} heim. + +"`Sieh, mein Lieber,"' sagte sie ruhigen Tone{\s}, "`die Kleine +ist beim Spielen gefallen und hat sich ein bi"schen geschunden."' + +Karl beruhigte sie; e{\s} sei nicht schlimm. Er holte Heftpflaster. + +Frau Bovary ging zum Essen nicht hinunter. Sie wollte ihr Kind +allein pflegen. Al{\s} sie dann aber sah, wie e{\s} ruhig schlief, +verging ihr bi"schen Beunruhigung, und sie kam sich selber recht +t"oricht und schlapp vor, weil sie sich wegen einer +Geringf"ugigkeit gleich so aufgeregt habe. In der Tat klagte die +Kleine nicht mehr. Ihre Atemz"uge hoben und senkten die wollene +Bettdecke kaum merkbar. Ein paar dicke Tr"anen hingen ihr in den +halbgeschlossenen Wimpern, durch die zwei tiefliegende blasse +Augensterne schimmerten. Da{\s} auf die Backe geklebte Pflaster +verzog die Haut. + +"`Merkw"urdig!"' dachte Emma bei sich. "`Wie h"a"slich da{\s} Kind +ist!"' + +Al{\s} Karl um elf Uhr nach Hause kam -- er war nach Tisch zum +Apotheker gegangen --, fand er seine Frau an der Wiege stehen. + +"`Aber ich habe dir doch gesagt, da"s e{\s} nicht{\s} ist!"' +versicherte er ihr, indem er ihr einen Ku"s auf die Stirn gab. +"`"Angstige dich nicht, arme{\s} Lieb, du wirst mir sonst krank!"' + +Er war lange beim Apotheker geblieben. Er hatte sich zwar gar +nicht besonder{\s} aufgeregt gezeigt, trotzdem hatte sich +Homai{\s} f"ur verpflichtet gef"uhlt, ihn "`aufzurappeln"'. Dann +hatte man von den tausend Gefahren gesprochen, denen kleine Kinder +au{\s}gesetzt sind, und von der Unachtsamkeit der Dienstboten. +Frau Homai{\s} mu"ste ein Lied davon zu singen. Noch heute hatte +sie auf der Brust ein Brandmal: auf diese Stelle hatte die +damalige K"ochin einmal die Kohlenpfanne fallen lassen! +Infolgedessen waren die braven Homai{\s} "uber die Ma"sen +vorsichtig. Die Tischmesser wurden nicht geschliffen und der +Fu"sboden nicht gebohnt. Vor den Fenstern waren eiserne Gitter und +vor dem Kamin ein paar Querst"abe angebracht. Die +Apotheker{\s}kinder, so verwahrlost sie im "ubrigen waren, konnten +keinen Schritt tun, ohne da"s jemand dabei sein mu"ste. Bei der +geringsten Erk"altung stopfte sie der Vater mit Hustenbonbon{\s} +voll, und al{\s} sie bereit{\s} "uber vier Jahre alt waren, +mu"sten sie ohne Gnade noch dickgepolsterte Fallringe um die +K"opfe tragen. Da{\s} war lediglich eine Schrulle der Mutter; der +Apotheker war in{\s}geheim sehr betr"ubt dar"uber, weil er Angst +hatte, diese{\s} Zusammenpressen k"onne dem Gehirn sch"adlich +sein. Einmal entfuhr e{\s} ihm: + +"`Willst du denn Hottentotten au{\s} deinen Kindern machen?"' + +Karl hatte etliche Male den Versuch gemacht, die Unterhaltung in +eine andre Richtung zu bringen. Beim Gehen, al{\s} Leo vor ihm die +Treppe hinunterstieg, raunte er ihm leise zu: + +"`Ich wollte Sie noch etwa{\s} fragen!"' + +"`Sollte er etwa{\s} gemerkt haben?"' fragte sich der Adjunkt. Er +bekam Herzklopfen und verlor sich in tausend Vermutungen. + +Al{\s} die T"ure hinter ihnen geschlossen war, bat Karl, er solle +sich doch einmal in Rouen danach erkundigen, wa{\s} ein +h"ubsche{\s} Lichtbild koste. Er hegte n"amlich schon lange den +sentimentalen Plan, seine Frau mit dieser zarten Aufmerksamkeit zu +"uberraschen. Er gedachte sich im schwarzen Rocke verewigen zu +lassen. Nur wollte er vorher wissen, wieviel die Geschichte so +ungef"ahr zu stehen k"ame. Dem Adjunkt mache da{\s} wohl keine +besondre M"uhe, da er doch beinahe aller acht Tage nach der Stadt +f"uhre. + +Zu welchem Zwecke eigentlich? Homai{\s} vermutete +Junggesellenabenteuer oder eine Liebschaft. Aber da t"auschte er +sich. Leo hatte keine galanten Beziehungen. Mehr denn je war er in +Wertherstimmung. Die L"owenwirtin merkte e{\s} daran, da"s er +seine Portionen nicht mehr aufa"s. Um hinter die Ursache zu +kommen, fragte sie Binet; aber der Steuereinnehmer erwiderte +unwirsch, er sei kein Polizeib"uttel. + +Allerding{\s} kam Leo auch seinem Tischgenossen recht sonderbar +vor. Oft lehnte er sich in seinen Stuhl zur"uck, packte sich mit +den H"anden hinten am Kopfe und lie"s sich in unbestimmten Klagen +"uber da{\s} menschliche Dasein au{\s}. + +"`Sie sollten sich ein bi"schen mehr zerstreuen"', meinte der +Steuereinnehmer. + +"`Womit denn?"' + +"`Na, an Ihrer Stelle schaffte ich mir eine Drehbank an."' + +"`Aber ich kann doch nicht drechseln"', erwiderte der Adjunkt. + +"`Ach ja, freilich!"' + +Binet strich sich selbst\/zufrieden-ver"achtlich da{\s} Kinn. + +Leo war e{\s} m"ude, erfolglo{\s} zu lieben. Da{\s} eint"onige +Leben begann ihn abzustumpfen; er hatte keine Interessen, die ihn +erf"ullten, keine Hoffnungen, die ihn st"arkten. Yonville und die +Yonviller "odeten ihn derma"sen an, da"s er gewisse Leute und +bestimmte H"auser nicht mehr erblicken konnte, ohne in Wut zu +geraten. Besonder{\s} unau{\s}stehlich wurde ihm nachgerade der +biedere Apotheker. Gleichwohl schreckte ihn die Au{\s}sicht auf +v"ollig neue Verh"altnisse genau so sehr, wie er sich danach +sehnte. Diese{\s} bange Gef"uhl wandelte sich nach und nach in +Unruhe, und nun lockte ihn Pari{\s}, da{\s} ferne Pari{\s} mit der +rauschenden Musik seiner Ma{\s}kenfeste und dem Lachen seiner +Grisetten. Er sollte daselbst sowieso sein Studium vollenden. +Warum ging er nicht endlich dahin? Wa{\s} hielt ihn zur"uck? + +In Gedanken fing er nun an, seine Vorbereitungen zu treffen. Er +machte heimliche Pl"ane. Er tr"aumte sich sein Pariser Zimmer +au{\s}. Dort wollte er da{\s} Leben eine{\s} Boh\'emien f"uhren. +Gitarre wollte er spielen lernen, einen Schlafrock tragen, dazu +ein Samtbarett und Hau{\s}schuhe au{\s} blauem Pl"usch. Und "uber +dem Kamin sollten zwei gekreuzte Florett{\s} h"angen, ein +Totensch"adel dar"uber und die Gitarre darunter. Wundervoll! + +Da{\s} Schwierige war nur, die Einwilligung seiner Mutter zu +bekommen. Aber im Grunde war sein Plan doch der +allervern"unftigste! Sogar sein Chef redete ihm zu, sich in einer +andern Kanzlei weiter au{\s}zubilden. So entschied sich Leo +zun"achst zu einem Mittelding. Er bewarb sich um einen +Adjunktenposten in Rouen. Al{\s} ihm die{\s} mi"slang, schrieb er +schlie"slich seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr +au{\s}f"uhrlich au{\s}einandersetzte, warum er ohne weitere{\s} +nach Pari{\s} "ubersiedeln wollte. Sie war damit einverstanden. + +Trotz alledem beeilte er sich keine{\s}weg{\s}. Volle vier Wochen +lang gingen von Yonville nach Rouen und von Rouen nach Yonville +Koffer, Rucks"acke und Pakete f"ur ihn hin und her. Er +vervollst"andigte seine Garderobe, lie"s seine drei Lehnst"uhle +aufpolstern, schaffte sich einen Vorrat von seidnen +Hal{\s}t"uchern an, kurz und gut, er traf Vorbereitungen, al{\s} +wolle er eine Reise um die Welt antreten. So verstrich Woche auf +Woche, bi{\s} ein zweiter m"utterlicher Brief seine Abreise +beschleunigte. Er h"atte doch die Absicht, ein Examen nach einem +Semester zu machen. + +Al{\s} der Augenblick de{\s} Abschied{\s} gekommen war, da weinte +Frau Homai{\s}, Justin heulte, und Homai{\s} verbarg seine +R"uhrung, wie sich da{\s} f"ur einen ernsten Mann schickt. Er +lie"s e{\s} sich jedoch nicht nehmen, den Mantel seine{\s} +Freunde{\s} eigenh"andig bi{\s} zur Gartenpforte de{\s} Notar{\s} +zu tragen, wo de{\s} letzteren Kutsche wartete, die den +Scheidenden nach Rouen fahren sollte. + +Im letzten Viertelst"undchen machte Leo seinen Abschied{\s}besuch +im Hause de{\s} Arzte{\s}. + +Al{\s} er die Treppe hinaufgestiegen war, blieb er stehen, um Atem +zu sch"opfen. Bei seinem Eintritt kam ihm Frau Bovary lebhaft +entgegen. + +"`Da bin ich noch einmal!"' sagte Leo. + +"`Ich hab e{\s} erwartet!"' + +Emma bi"s sich auf die Unterlippe. Eine Blutwelle scho"s unter der +Haut ihre{\s} Gesicht{\s} hin und f"arbte e{\s} "uber und "uber +rot, vom Hal{\s}kragen an bi{\s} hinauf zu den Haarwurzeln. Sie +blieb stehen und lehnte die Schulter gegen die Holzt"afelung. + +"`Ihr Herr Gemahl ist wohl nicht zu Hause?"' + +"`Er ist fort."' + +Dann trat Schweigen ein. Sie sahen sich beide an, und ihre +Gedanken, von gleichem Bangen durchwoben, schmiegten sich +aneinander wie zwei klopfende Herzen. + +"`Ich m"ochte Berta gern einen Abschied{\s}ku"s geben"', sagte +Leo. + +Emma ging hinau{\s}, ein paar Stufen hinunter, und rief Felicie. +Leo warf schnell einen hei"sen Blick auf die W"ande, die M"obel, +den Kamin, al{\s} wollte er alle{\s} umfassen, alle{\s} mit sich +nehmen. Aber da war sie auch schon wieder im Zimmer. Da{\s} +M"adchen brachte die kleine Berta, die einen Hampelmann an einem +Faden in der Hand hielt, verkehrt, den Kopf nach unten. + +Leo k"u"ste die Kleine ein paarmal auf die Stirn. + +"`Lebwohl, arme{\s} Kind! Lebwohl, liebe{\s} Bertchen! Lebwohl!"' + +Er gab da{\s} Kind der Mutter zur"uck. + +"`Bring sie weg!"' befahl Emma. + +Sie waren wiederum allein. + +Frau Bovary wandte Leo den R"ucken zu und pre"ste ihr Gesicht +gegen eine Fensterscheibe. Er hielt seine Reisem"utze in der Hand +und schlug damit leise gegen seinen Schenkel. + +"`E{\s} wird wohl regnen"', bemerkte Emma. + +"`Ich habe einen Mantel"', antwortete er. + +"`So!"' + +Sie wandte sich wieder um, da{\s} Kinn gesenkt. Da{\s} Licht glitt +"uber ihre vorgebeugte Stirn wie "uber glatten Marmor bi{\s} hinab +in die Augenbrauen. Man konnte nicht sehen, wa{\s} in ihren Augen +geschrieben stand, noch wa{\s} die Gedanken dahinter sannen. + +"`Also adieu!"' seufzte Leo. + +Sie hob den Kopf mit einer j"ahen Bewegung. + +"`Ja, adieu! Sie m"ussen gehen!"' + +Sie kamen aufeinander zu. Er reichte ihr die Hand hin. Sie +z"ogerte. + +"`Sozusagen ein franz"osischer Abschied!"' meinte sie, indem sie +ihm die Hand "uberlie"s. Dabei l"achelte sie gezwungen. + +Leo f"uhlte ihre Finger in den seinen. E{\s} kam ihm vor, al{\s} +str"ome ihr ganze{\s} Ich in seine Haut. Al{\s} er seine Hand +wieder "offnete, begegneten sich beider Augen noch einmal. Dann +ging er. + +Al{\s} er unter den Hallen war, blieb er stehen, wobei er sich +hinter einem Pfeiler verbarg. Er wollte ein letzte{\s} Mal ihr +wei"se{\s} Hau{\s} mit seinen vier gr"unen Fensterl"aden sehen. Da +vermeinte er, ihren Schatten hinter der Gardine ihre{\s} +Zimmer{\s} zu erblicken. Aber der Vorhang hatte sich wohl von +selbst gebauscht und fiel nun wieder langsam in seine langen +senkrechten Falten zur"uck, in denen er dann regung{\s}lo{\s} +stehen blieb wie eine Mauer von Gip{\s}. Leo eilte von dannen. + +Von weitem sah er schon den Wagen seine{\s} Chef{\s} auf der +Stra"se halten. Ein Mann in leinenem Kittel stand daneben und +hielt da{\s} Pferd. Der Apotheker und der Notar plauderten +miteinander. Man wartete auf ihn. + +"`Lassen Sie sich noch einmal umarmen!"' sagte Homai{\s}, Tr"anen +in den Augen. "`Hier ist Ihr Mantel, mein lieber Freund! Erk"alten +Sie sich unterweg{\s} nicht! Schonen Sie sich recht und nehmen Sie +sich ordentlich in acht!"' + +"`Einsteigen, Herr D"upui{\s}!"' mahnte der Notar. + +Der Apotheker beugte sich "uber da{\s} Spritzleder und stammelte +mit tr"a\-nen\-er\-stick\-ter Stimme nicht{\s} al{\s} die +beiden wehm"utigen Worte: + +"`Gl"uckliche Reise!"' + +"`Guten Abend, Herr Apotheker!"' rief Guillaumin. "`Lo{\s}!"' + +Die beiden fuhren weg, und Homai{\s} wandte sich heimw"art{\s}. + +\begin{center} +\makebox[15em]{\hrulefill}\bigskip +\end{center} + +Frau Bovary hatte da{\s} nach dem Garten gehende Fenster ihre{\s} +Zimmer{\s} ge"offnet und betrachtete die Wolken. In der Richtung +nach Rouen, nach Westen zu, standen sie zusammengeballt. +Leichtere{\s} finstere{\s} Gew"olk zog von daher im raschen Fluge +heran, durchleuchtet von schr"agen Sonnenstrahlen, die wie die +goldnen Strahlenb"undel einer aufgeh"angten Troph"ae +hervorschossen. Der "ubrige wolkenlose Teil de{\s} +Himmel{\s}zelte{\s} war wei"s wie Porzellan. Ruckweise Windst"o"se +beugten die H"aupter der Pappeln; pl"otzlich rauschte Regen herab +und prasselte durch da{\s} gr"unschimmernde Laubwerk. Bald kam die +Sonne wieder herau{\s}. Die Hennen gackerten. Die Spatzen +sch"uttelten ihre Fl"ugel auf dem nassen Gezweig, und in den +Wasserrinnen auf dem sandigen Boden schwammmen rote +Akazienbl"uten. + +"`Wie weit mag er nun schon sein!"' dachte sie. + +Halb sieben, beim Essen, erschien Homai{\s} gewohnterweise. + +"`Na,"' sagte er, indem er sich an den Tisch setzte, "`unsern +jungen Freund h"atten wir gl"ucklich verfrachtet!"' + +"`Wie man mir berichtet hat"', gab der Arzt zur Antwort. Sich auf +seinem Stuhle nach ihm wendend, fuhr er fort: "`Und wa{\s} +gibt{\s} bei Ihnen Neue{\s}?"' + +"`Nicht{\s} weiter. Meine Frau war heute nachmittag nur ein +bi"schen aufgeregt. Sie wissen, die Frauen sind immer gleich +au{\s} dem H"au{\s}chen. Und meine ganz besonder{\s}! Aber man +soll ihnen darau{\s} keinen Vorwurf machen. Ihre Nerven sind eben +zarter besaitet al{\s} unsre."' + +"`Der arme Leo,"' bemerkte Karl, "`wie wird{\s} ihm in Pari{\s} +ergehen? Wird er sich dort einleben?"' + +Frau Bovary seufzte. + +"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker und schnalzte mit der Zunge. +"`Feine Souper{\s}! Ma{\s}kenb"alle! Sekt! Daran gew"ohnt man sich +schon, versichre ich Ihnen."' + +"`Ich glaube nicht, da"s er unsolid werden wird"', warf Bovary +ein. + +"`Gott bewahre!"' entgegnete Homai{\s} lebhaft. "`Aber mit den +W"olfen wird er halt heulen m"ussen. Sonst wird er al{\s} +Duckm"auser verschrien. Sie haben keine Ahnung, wa{\s} diese +Kerlchen{\s} im Studentenviertel f"ur ein flotte{\s} Leben +f"uhren! Mit ihren kleinen M"adchen! "Ubrigen{\s} sind die +Studenten in Pari{\s} "uberall gern gesehen. Wenn einer nur ein +bi"schen gesellige Talente hat, stehen ihm die allerbesten Kreise +offen. Und e{\s} gibt sogar in der Vorstadt Saint-Germain feine +Damen, die sich Studenten zu Liebsten nehmen, und da{\s} gibt +ihnen dann die beste Gelegenheit, sich reich zu verheiraten."' + +"`Da{\s} mag schon sein,"' sagte der Arzt, "`ich habe nur Angst, +er ... wird ... dort~..."' + +"`Sehr richtig,"' unterbrach ihn der Apotheker, "`da{\s} ist die +Kehrseite der Medaille! In Pari{\s}, da mu"s man sich fortw"ahrend +die Taschen zuhalten. Zum Beispiel, Sie sitzen in einer +"offentlichen Anlage. Nimmt da jemand neben Ihnen Platz, +anst"andig angezogen, wom"oglich ein Orden{\s}b"andchen im +Knopfloch. Man k"onnte ihn f"ur einen Diplomaten halten. Er +spricht Sie an. Sie kommen in{\s} Plaudern. Er bietet Ihnen eine +Prise an oder hebt Ihnen den Hut auf. So wird man intimer. Er +nimmt Sie mit in{\s} Caf\'e, ladet Sie in sein Landhau{\s} ein, +macht Sie bei einem Gla{\s} Wein mit Tod und Teufel bekannt -- und +da{\s} Ende vom Liede: er pumpt Sie an oder verstrickt Sie in +gef"ahrliche Abenteuer."' + +"`So ist e{\s}!"' gab Karl zu. "`Aber ich dachte vor allem an die +Krankheiten, die dem Studenten au{\s} der Provinz in der +Gro"sstadt drohen. Zum Beispiel ... der Typhu{\s}."' + +Emma zuckte zusammen. + +"`Der kommt von der g"anzlich ver"anderten Leben{\s}weise"', fuhr +der Apotheker fort, "`und der dadurch hervorgebrachten Umw"alzung +de{\s} ganzen Organi{\s}mu{\s}. Und dann denken Sie an da{\s} +Pariser Wasser! An da{\s} Essen in den Restaurant{\s}! Diese +starkgew"urzten Speisen verderben schlie"slich da{\s} Blut. Man +mag sagen, wa{\s} man will, mit einer guten Hau{\s}mann{\s}kost +sind sie nicht zu vergleichen. Ich f"ur meinen Teil, ich sch"atze +von jeher die b"urgerliche K"uche. Die ist am ges"undesten. Al{\s} +ich \begin{antiqua}stud. pharm.\end{antiqua} in Rouen war, da habe +ich de{\s}halb regelm"a"sig in einer Pension gegessen. Die Herren +Professoren a"sen auch da~..."' + +In dieser Weise fuhr er fort, sich "uber seine Ansichten im +allgemeinen und seinen pers"onlichen Geschmack im besondern +au{\s}zulassen, bi{\s} Justin kam und ihn zur Bereitung einer +bestellten Arznei holte. + +"`Man hat aber auch keinen Augenblick seine Ruhe!"' schimpfte er. +"`Immer liegt man an der Kette! Keine Minute kann man fort. Ein +Arbeitstier bin ich, da{\s} Blut schwitzen mu"s. Da{\s} ist ein +Hundedasein!"' + +In der T"ur sagte er noch: + +"`"Ubrigen{\s}, wissen Sie schon da{\s} Neueste?"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +Homai{\s} zog die Brauen hoch und machte eine hochwichtige Miene. + +"`E{\s} ist sehr wahrscheinlich, da"s die Versammlung der +Landwirte unser{\s} Departement{\s} heuer in Yonville stattfindet. +Man munkelt wenigsten{\s}. In der heutigen Zeitung steht auch +schon eine Andeutung. Da{\s} w"are f"ur die hiesige Gegend von +gro"ser Bedeutung! Aber dar"uber reden wir noch einmal! Danke, ich +sehe schon. Justin hat die Laterne mit~..."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Der n"achste Tag war f"ur Emma ein Tag der Betr"ubni{\s}. Alle{\s} +um sie herum erschien ihr wie von lichtlosem Nebel umflort, +verschwommen, zerrissen. Der Schmerz strich durch ihre Seele mit +leisen Klagen wie der Winterwind um ein einsame{\s} Schlo"s. Sie +verfiel in die Tr"aumerei, die den Menschen umspinnt, wenn er +etwa{\s} auf immerdar verloren hat. Sie empfand die M"udigkeit, +die ihn der vollendeten Tatsache gegen"uber "ubermannt, den +Schmerz, der ihn "uberkommt, wenn eine ihm zur Gewohnheit gewordne +Bewegung pl"otzlich stockt, wenn Schwingungen j"ah aufh"oren, die +lange in ihm vibriert haben. + +Wie damal{\s} nach der R"uckkehr vom Schlosse Vaubyessard, al{\s} +die wirbelnden Walzermelodien ihr nicht au{\s} dem Sinne wollten, +war sie voll d"usterer Schwermut, in dumpfer Leben{\s}unlust. Leo +stand vor ihrer Phantasie immer gr"o"ser, sch"oner, +verf"uhrerischer. Wie ein Ideal. Wenn er auch fern von ihr war, so +hatte er sie doch nicht verlassen. Er war da, und an den W"anden +ihre{\s} Hause{\s} schien sein Schatten noch zu haften. Immer +wieder schaute sie auf den Teppich, "uber den er so oft gegangen, +auf die leeren St"uhle, wo er gesessen. Drau"sen kroch da{\s} +Fl"u"slein noch immer vorbei mit seinen niedlichen Wellen, +zwischen den schlammigen Ufern hin. An seinem Gestade waren sie so +oft gewandelt, bei dem Rauschen der Fluten um die moosigen Steine. +Wie warm hatte da die Sonne geschienen! Wie traulich waren die +Nachmittage gewesen, wenn sie hinten im schattigen Garten allein +gesessen hatten! Er hatte laut vorgelesen, blo"sen Kopfe{\s}, in +einem Korbstuhl sitzend. Der frische Wind, der dr"uben von den +Wiesen her wehte, hatte die Bl"atter de{\s} Buche{\s} bewegt und +die violetten Bl"uten der Glycinen an der Laube ... Ach, nun war +er fort, die einzige Freude ihre{\s} Dasein{\s}, die einzige +Hoffnung, da"s sich ihr da{\s} ertr"aumte Gl"uck noch erf"ulle! +Warum hatte sie diese{\s} Gl"uck nicht mit beiden H"anden +festgehalten, in den Scho"s genommen, e{\s} nicht in die Ferne +gelassen? Sie verw"unschte sich, Leo{\s} Geliebte nicht geworden +zu sein. Sie d"urstete nach seinen Lippen. Am liebsten w"are sie +ihm nachgelaufen, h"atte sich in seine Arme geworfen und ihm +gesagt: "`Hier bin ich! Nimm mich!"' Aber vor den Hindernissen, +die sich der Verwirklichung diese{\s} Drange{\s} entgegengestellt +h"atten, verzagte Emma von vornherein, und der Schmerz dar"uber +sch"urte ihre Sehnsucht zu noch hei"serer Glut. + +Fortan war die Erinnerung an Leo der Kristallisation{\s}punkt +ihrer Bitternisse. Sie flackerte verlockender al{\s} ein +einsame{\s} Lagerfeuer, da{\s} Wanderer in einer sibirischen +Steppe inmitten de{\s} Schnee{\s} angez"undet haben. Zu diesem +Feuer fl"uchtete sie, kauerte sich daneben nieder und fachte e{\s} +sorgf"altig wieder an, wenn e{\s} zu verl"oschen drohte. Im +Umkreise um sich herum suchte sie alle{\s} m"ogliche herbei, um +diese Flammen zu n"ahren. Die fernsten Erinnerungen und die +frischesten Ereignisse, Erlebte{\s} und Ertr"aumte{\s}, die +wuchernden Phantastereien ihrer Sinnlichkeit, ihre Sehnsucht nach +Sonne, geknickt wie trockne{\s} Gezweig im Wind, ihre nutzlose +Tugend, ihre get"auschten Illusionen, die Armseligkeit ihre{\s} +Hau{\s}wesen{\s}, alle{\s} da{\s} sammelte sie, raffte e{\s} +zusammen und warf e{\s} in die Glut, um ihre Tr"ubsal daran zu +w"armen. + +Mit der Zeit verglomm da{\s} Feuer aber doch, sei e{\s}, weil ihm +die Nahrung fehlte, sei e{\s}, weil die "Uberf"ulle von Brennstoff +e{\s} erstickte. In der Abwesenheit de{\s} Geliebten verkam +allm"ahlich ihre Liebe. Da{\s} Ineinemfort t"otete den Schmerz, +und am Himmel ihrer Gef"uhle verbla"ste der erst grellrote +Feuerschein und wich nach und nach schwarzem Dunkel. W"ahrend +ihre{\s} phantastischen Zustande{\s} hatte sich ihr Widerwille +gegen den Gatten in Schw"armerei f"ur den Geliebten verwandelt, +und die Glut ihre{\s} Hasse{\s} hatte ihre z"artliche Sehnsucht +gew"armt. Aber nunmehr, da ihre st"urmische unbefriedigte +Leidenschaft zu Asche gebrannt war, da{\s} keine Hilfe kam und +keine neue Sonne aufging, ward tiefe Nacht um sie herum. In +eisiger K"alte stand sie einsam da und erstarrte. + +Die schrecklichen Tage von Toste{\s} wiederholten sich nun. Nur +bildete sie sich ein, noch ungl"ucklicher denn damal{\s} zu sein, +weil sie jetzt ein wirkliche{\s} Herzeleid trug und genau wu"ste, +da"s e{\s} nie ander{\s} werden k"onne. + +Eine Frau, die so viel geopfert, sei -- so sagte sie sich -- +wohlberechtigt, sich ein paar harmlose Liebhabereien zu g"onnen. +Sie schaffte sich einen gotischen Betstuhl an und verbrauchte in +vier Wochen f"ur vierzehn Franken Zitronen zur Pflege ihrer +H"ande. Sie schrieb nach Rouen und bestellte sich ein blaue{\s} +Kaschmirkleid. Bei Lheureux suchte sie sich den sch"onsten Schal +au{\s} und trug ihn "uber ihrem Hau{\s}kleid. Sie schlo"s die +L"aden, nahm ein Buch zur Hand und blieb so stundenlang auf dem +Sofa liegen. + +H"aufig "anderte sie ihre Haartracht. Bald trug sie eine hohe +Frisur, bald lose Locken, bald einen Kranz von Z"opfen, bald einen +Scheitel. + +Sie geriet auf den Einfall, Italienisch lernen zu wollen, und so +kaufte sie sich ein W"orterbuch, eine Grammatik und eine Menge +Schreibpapier. Dann versuchte sie e{\s} mit ernsthafter Lekt"ure, +la{\s} Geschicht{\s}werke und philosophische Schriften. + +Nacht{\s} fuhr Karl mitunter in die H"ohe, im Glauben, man hole +ihn zu einem Kranken. Noch halb im Schlafe rief er: + +"`Ich bin gleich fertig!"' + +Aber e{\s} war nur da{\s} Knistern de{\s} Streichholze{\s} +gewesen, mit dem sich Emma die Lampe angez"undet hatte. Sie wollte +lesen. Aber e{\s} ging ihr wie mit ihren Stickereien, von denen +ein ganzer Sto"s angefangen im Schranke lag. Sie pflegte sie +anzufangen, dann liegen zu lassen und eine andre zu beginnen. + +Sie hatte launenhafte Stimmungen, in denen man sie leicht zu dem +Unglaublichsten verleiten konnte. Einmal behauptete sie ihrem +Manne gegen\-"uber, sie k"onne ein Weingla{\s} voll Schnap{\s} mit +einem Zuge leeren, und da Karl so t"oricht war, e{\s} zu +bezweifeln, tat sie e{\s} wirklich. + +Bei allen ihren "`Extravaganzen"' (die Spie"sb"urger von Yonville +nannten da{\s} so!) sah Emma keine{\s}weg{\s} +unternehmung{\s}lustig au{\s}. Im Gegenteil. Um ihre Mundwinkel +lagerten sich jene gewissen starren Falten, die alte Jungfern und +verbissene Streber zu haben pflegen. Sie war v"ollig bla"s, wei"s +wie Leinwand; die Haut ihrer Nase bildete nach den Fl"ugeln zu +F"altchen, und ihre Augen blickten wie in{\s} Leere. Seitdem sie +an den Schl"afen ein paar graue Haare entdeckt hatte, nannte sie +sich gespr"ach{\s}weise eine alte Frau. + +Oft hatte sie Schwindelanf"alle, und eine{\s} Tage{\s} spuckte sie +sogar Blut. Aber al{\s} sich Karl eifrig um sie bem"uhte und seine +Besorgni{\s} verriet, meinte sie: + +"`La"s mich! E{\s} ist mir alle{\s} gleich!"' + +Karl zog sich in sein Sprechzimmer zur"uck. Er sank in seinen +Schreibsessel, st"utzte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und +weinte -- unter dem phrenologischen Sch"adel. + +Nach einer Weile setzte er einen Brief an seine Mutter auf und bat +sie zu kommen. E{\s} fand zwischen beiden eine lange Konferenz +Emma{\s} wegen statt. Welche Ma"snahmen sollten getroffen werden? +Wa{\s} sollte geschehen? Wo sie jedwede "arztliche Behandlung +ablehnte! + +"`Wei"st du, wa{\s} deiner Frau fehlt?"' meinte Frau Bovary +schlie"slich. "`Eine ordentliche Besch"aftigung! K"orperliche +Arbeit! Wenn sie wie so manch andre ihr t"agliche{\s} Brot selber +verdienen m"u"ste, dann h"atte sie keine Nerven und Launen. Die +kommen blo"s von den "uberspannten Ideen, die sie sich au{\s} +purer Langweile in den Kopf setzt."' + +"`Besch"aftigung hat sie doch aber!"' erwiderte Karl. + +"`So! Sie hat Besch"aftigung? Wa{\s} f"ur welche denn? Romane +schm"okert sie, schlechte B"ucher, Schriften gegen die Religion, +in denen die Geistlichen verh"ohnt werden mit Reden{\s}arten +au{\s} dem Voltaire! Armer Junge, da{\s} f"uhrt zu nicht{\s} +Gutem, und wer kein guter Christ ist, mit dem nimmt e{\s} mal ein +schlechte{\s} Ende!"' + +Also ward beschlossen, Emma am Romanlesen zu hindern. Da{\s} +schien nicht so einfach, aber Mutter Bovary nahm die Sache auf +sich. Auf ihrer Heimreise wollte sie in Rouen pers"onlich zum +Leihbibliothekar gehen und Emma{\s} Abonnement abbestellen. Wenn +der Mann trotzdem sein Vergiftung{\s}werk fortsetzte, sollte man +da nicht da{\s} Recht haben, sich an die Polizei zu wenden? + +Der Abschied zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter war +steif. In den drei Wochen ihre{\s} Beisammensein{\s} hatten sie, +abgesehen von den h"au{\s}lichen Anordnungen und den h"oflichen +Formeln bei Tisch und abend{\s} vor dem Zubettgehen, keine drei +Worte gewechselt. + +Die alte Frau Bovary reiste ab an einem Mittwoch, dem Markttage +von Yonville. Vom fr"uhen Morgen ab war an diesem Tage auf dem +Marktplatz, gleichlaufend mit den H"ausern von der Kirche bi{\s} +zum Goldnen L"owen, eine lange Reihe von Leiterwagen aufgefahren, +Fahrzeug an Fahrzeug, alle mit hochgespie"sten Deichseln. Auf der +andern Seite de{\s} Platze{\s} standen Zeltbuden, in denen +Baumwollenwaren, Decken und Str"umpfe feilgeboten wurden, daneben +Pferdegeschirre und Haufen von bunten B"andern, deren Enden im +Winde flatterten. Zwischen Eierpyramiden und K"asek"orben, au{\s} +denen klebrige{\s} Stroh herau{\s}ragte, lagen allerhand +Eisenwaren auf dem Pflaster au{\s}gebreitet. Neben Ackerger"at +gackerten H"uhner in flachen K"orben und steckten ihre H"alse +durch die Luftl"ocher. Die Menge schob sich, ohne zu weichen, +gerade nach den Stellen, wo da{\s} Gedr"ange schon am dichtesten +war. So geriet bi{\s}weilen da{\s} Schaufenster der Apotheke +wirklich in Gefahr. An den Markttagen ward diese nie leer. E{\s} +standen immer eine Menge Leute darin, weniger um Arzneien zu +kaufen al{\s} vielmehr um den Apotheker zu konsultieren. Herr +Homai{\s} war in den benachbarten Ortschaften ein ber"uhmter Mann. +Seine r"ucksicht{\s}lose Sicherheit fing die Bauern. Sie hielten +ihn f"ur einen besseren Arzt al{\s} alle Doktoren im ganzen Lande. + +Emma sa"s an ihrem Fenster, wie so oft. Da{\s} Fenster ersetzt in +der Kleinstadt da{\s} Theater und den Korso. Sie belustigte sich +"uber da{\s} wimmelnde Landvolk; da bemerkte sie einen Herrn in +einem Rock von gr"unem Samt, mit gelben Handschuhen; +sonderbarerweise trug er dazu derbe Gamaschen. Ein Bauer{\s}knecht +mit gesenktem Kopf und recht tr"ubseliger Miene folgte ihm. Beide +gingen auf da{\s} Bovarysche Hau{\s} zu. + +"`Ist der Herr Doktor zu sprechen?"' fragte der Herr den +Apothekergehilfen, der an der Hau{\s}t"ure mit Felicie plauderte. +Er hielt ihn f"ur den Diener de{\s} Arzte{\s}. "`Melden Sie Herrn +Rudolf Boulanger von der H"uchette."' + +E{\s} war keine{\s}weg{\s} Eitelkeit, da"s der Ank"ommling sein +Gut zu seinem Namen f"ugte. Er wollte nur genau angeben, wer er +war. Die H"uchette war n"amlich ein Rittergut in der N"ahe von +Yonville, da{\s} er samt zwei Meiereien unl"angst gekauft hatte. +Er bewirtschaftete e{\s} selber, jedoch ohne sich allzusehr dabei +anzustrengen. Er war Junggeselle und hatte "`so mindesten{\s} +seine f"unfzehntausend Franken"' im Jahr zu verzehren. + +Karl begab sich in sein Sprechzimmer hinunter. Boulanger +"uberwie{\s} ihm seinen Knecht, der einen Aderla"s w"unsche, weil +er am ganzen K"orper ein Kribbeln wie von Ameisen habe. + +"`Da{\s} wird mich erleichtern"', wiederholte der Bursche auf alle +Einw"ande. Bovary lie"s sich nunmehr eine Leinwandbinde und eine +Sch"ussel bringen. Er bat Justin, behilflich zu sein. + +Dann wandte er sich an den Knecht, der schon ganz bla"s geworden +war. + +"`Nur keine Angst, mein Lieber!"' + +"`Ach nee, Herr Doktor, machen Sie nur lo{\s}!"' erwiderte er. + +Dabei hielt er mit prahlerischer Geb"arde seinen dicken Arm hin. +Unter dem Stich der Lanzette sprang da{\s} Blut hervor und +spritzte bi{\s} zum Spiegel hin. + +"`Die Sch"ussel!"' rief Karl. + +"`Donnerwetter!"' meinte der Knecht. "`Da{\s} ist ja der reine +Springbrunnen! Und wie rot da{\s} Blut ist! Da{\s} ist ein +gute{\s} Zeichen, nicht wahr?"' + +Bei diesen Worten sank der Mann mit einem Ruck in den Sessel +zur"uck, da"s die Lehne krachte. + +"`Da{\s} hab ich mir gleich gedacht!"' bemerkte Bovary, indem er +mit den Fingern die angestochne Ader zudr"uckte. "`Erst geht{\s} +ganz gut, dann kommt die Ohnmacht, gerade bei solchen robusten +Kerlen wie dem da!"' + +Die Sch"ussel in Justin{\s} H"anden geriet in{\s} Schwanken. Die +Knie schlotterten ihm; er wurde leichenfahl. + +"`Emma! Emma!"' rief der Arzt. + +Mit einem Satze war sie die Treppe hinunter. + +"`Essig!"' rief ihr Karl zu. "`Ach du mein Gott! Gleich zweie auf +einmal!"' + +In seiner Aufregung konnte er kaum den Verband anlegen. + +"`'{\s} ist weiter nicht{\s}!"' meinte Boulanger gelassen, der +Justin aufgefangen hatte. Er setzte ihn auf die Tischplatte und +lehnte ihn mit dem R"ucken gegen die Wand. + +Frau Bovary machte sich daran, dem Ohnm"achtigen da{\s} +Hal{\s}tuch aufzukn"upfen. Der Knoten wollte sich nicht gleich +l"osen, und so ber"uhrte sie ein paar Minuten lang leise mit ihren +Fingern den Hal{\s} de{\s} jungen Burschen. Dann go"s sie Essig +auf ihr Batisttaschentuch, betupfte ihm ein paarmal behutsam die +Schl"afen und blie{\s} dann ein wenig darauf. + +Der Knecht war bereit{\s} wieder munter, aber Justin{\s} Ohnmacht +dauerte an. Seine Aug"apfel verschwammen in ihrem bleichen Gallert +wie blaue Blumen in Milch. + +"`Er darf da{\s} da nicht sehen!"' ordnete Karl an. + +Frau Bovary ergriff die Sch"ussel und setzte sie unter den Tisch. +Bei diesem Sichb"ucken bauschte sich ihr Rock (ein weiter gelber +Rock mit vier Falbeln) um sie herum und stand wie steif auf der +Diele, und je nach der Bewegung Emma{\s}, die sich neigte, die +Arme au{\s}streckte und sich dabei in den H"uften ein wenig hin +und her drehte, wogte der Stoff auf und nieder. Dann nahm sie eine +Wasserflasche und l"oste ein paar St"uck Zucker in einem Glase. + +In diesem Augenblicke trat der Apotheker ein. Da{\s} M"adchen +hatte ihn vor Schreck herbeigeholt. Al{\s} er seinen Gehilfen +wieder bei Bewu"stsein sah, atmete er auf. Dann ging er um ihn +herum und betrachtete sich ihn von oben bi{\s} unten. + +"`Dummkopf!"' brummte er. "`Ein Dummkopf, wie er im Buche steht! +Al{\s} ob{\s} wer wei"s wa{\s} w"are! Ein bi"schen Aderla"s! +Weiter nicht{\s}! Und da{\s} will ein forscher Kerl sein! Ja, wenn +e{\s} gilt, von den h"ochsten B"aumen die N"usse herunterzuholen, +da klettert er wie ein Eichh"ornchen ... Na, tu deinen Mund auf +und zeig dich mal in deiner Gloria! Da{\s} sind ja nette +Eigenschaften f"ur einen, der mal Apotheker werden will! Ich sage +dir: al{\s} Apotheker kommt man in die schwierigsten Lagen. So zum +Beispiel vor Gericht al{\s} Sachverst"andiger. Da hei"st e{\s} +kaltbl"utig sein, h"ubsch ruhig "uberlegen und ein ganzer Mann +sein! Sonst gilt man al{\s} Schwachmatiku{\s}~..."' + +Justin sagte kein Wort. Der Apotheker fuhr fort: + +"`Wer hat dir denn "ubrigen{\s} gesagt, da"s du hierher gehen +sollst? In einem fort bel"astigst du Herrn und Frau Doktor! Noch +dazu an den Markttagen, wo du dr"uben so notwendig gebraucht +wirst! E{\s} warten zurzeit zwanzig Kunden im Laden. Deinetwegen +habe ich alle{\s} stehn und liegen lassen. Marsch! Hin"uber! Trab! +Gib auf die Arzneien acht! Ich komme gleich nach!"' + +Al{\s} Justin seine Kleidung wieder in Ordnung gebracht hatte und +fort war, plauderte man noch ein wenig "uber Ohnmachtanf"alle. +Frau Bovary sagte, sie h"atte noch nie einen gehabt. + +"`Ja, bei Damen kommt so wa{\s} sehr selten vor!"' behauptete +Boulanger. "`E{\s} gibt aber auch Leute, die allzu zimperlich +sind. Da hab ich gelegentlich eine{\s} Duell{\s} erlebt, da"s ein +Zeuge ohnm"achtig wurde, al{\s} die Pistolen beim Laden +knackten."' + +"`Wa{\s} mich anbelangt,"' erkl"arte der Apotheker, "`mich st"ort +der Anblick fremden Blute{\s} ganz und gar nicht. Aber der blo"se +Gedanke, ich selber k"onne bluten, der macht mich schwindlig, wenn +ich nicht schnell an wa{\s} andre{\s} denke."' + +Inzwischen hatte Boulanger seinen Knecht fortgeschickt, nachdem er +ihn ermahnt, sich nun zu beruhigen. + +"`Nun ist{\s} aber alle mit der Einbildung!"' sagte er ihm. "`Die +hat mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft verschafft"', f"ugte er +hinzu. Bei dieser Phrase blickte er Emma an. Dann legte er einen +Taler auf die Tischecke, gr"u"ste fl"uchtig und verschwand. + +Bald darauf erschien er dr"uben auf dem andern Ufer de{\s} +Bache{\s}. Da{\s} war sein Weg nach der H"uchette. Emma sah ihm +von einem der Hinterfenster nach, wie er "uber die Wiesen ging, +die Pappeln entlang, langsam wie einer, der "uber etwa{\s} +nachdenkt. + +"`Allerliebst!"' sagte er bei sich. "`Wirklich allerliebst, diese +Doktor{\s}frau. Sch"one Z"ahne, schwarze Augen, niedliche F"u"se +und schick wie eine Pariserin! Zum Teufel, wo mag sie her sein? Wo +mag sie dieser Schlot nur aufgegabelt haben?"' + +Rudolf Boulanger war vierunddrei"sig Jahre alt von roher +Gem"ut{\s}art und scharfem Verstand. Er hatte sich viel mit +Weibern abgegeben und war Kenner auf diesem Gebiete. Die da gefiel +ihm. Somit besch"aftigte sie ihn in Gedanken, ebenso ihr Mann. + +"`Ich glaube, er ist mord{\s}bl"ode. Sie hat ihn satt, +zweifelsohne. Er hat dreckige Fingern"agel und rasiert sich nur +aller drei Tage. Wenn er seine Patienten abzurennen hat, sitzt sie +daheim und stopft Str"umpfe. Und langweilt sich. Sehnt sich nach +der gro"sen Stadt und m"ochte am liebsten alle Abende auf den +Ball. Arme kleine Frau! So wa{\s} schnappt nach Liebe wie ein +Karpfen auf dem K"uchentisch nach Wasser! Drei nette Worte, und +sie ist futsch! Sicherlich! Da{\s} w"ar wa{\s} f"ur{\s} Herze! +Scharmant! Aber wie kriegt man sie hinterher wieder lo{\s}?"' + +Diese Einschr"ankung de{\s} in der Ferne stehenden Genusse{\s} +erinnerte ihn -- zum Kontrast -- an seine Geliebte, eine +Schauspielerin in Rouen, die er au{\s}hielt. Er vergegenw"artigte +sich ihren K"orper, dessen er sogar in der Vorstellung +"uberdr"ussig war. + +"`Ja, diese Frau Bovary,"' dachte er bei sich, "`die ist viel +h"ubscher, vor allem frischer. Virginie wird entschieden zu fett. +Sie zu haben, ist langweilig. Dazu ihre alberne Leidenschaft f"ur +Krebse!"' + +Die Fluren waren menschenleer. Rudolf h"orte nicht{\s} al{\s} +da{\s} taktm"a"sige Rascheln der Halme, die er beim Gehen +streifte, und da{\s} ferne Gezirpe der Grillen im Hafer. Er +schaute Emma vor sich, in ihrer Umgebung, angezogen, wie er sie +gesehen hatte. Und in der Phantasie entkleidete er sie. + +"`Oh, ich werde sie haben!"' rief er au{\s} und zerschlug mit +einem Schlage seine{\s} Spazierstocke{\s} eine Erdscholle, die im +Wege lag. + +Sodann "uberlegte er sich den taktischen Teil der Unternehmung. Er +fragte sich: + +"`Wie kann ich mit ihr zusammenkommen? Wie bring ich da{\s} +zustande? Sie wird egal ihr Baby im Arme haben. Und dann da{\s} +Dienstm"adel, die Nachbarn, der Mann und der unvermeidliche +Klatsch! Ach wa{\s}! Unn"utze Zeitvergeudung!"' + +Nach einer Weile begann er von neuem: + +"`Sie hat Augen, die einem wie Bohrer in da{\s} Herz dringen! Und +wie bla"s sie ist ... Blasse Frauen sind meine Schw"armerei!"' + +Auf der H"ohe von Argueil war sein Krieg{\s}plan fertig. + +"`Ich brauche blo"s noch g"unstige Gelegenheiten. Gut! Ich werde +ein paarmal gelegentlich mit hingehen, ihnen Wildbret schicken und +Gefl"ugel. N"otigenfall{\s} lasse ich mich ein bi"schen +schr"opfen. Wir m"ussen gute Freunde werden. Dann lade ich die +beiden zu mir ein ... Teufel noch mal, n"achsten{\s} ist doch der +Landwirtschaftliche Tag! Da wird sie hinkommen, da werde ich sie +sehen! Dann hei"st{\s}: Attacke! Und feste drauf! Da{\s} ist immer +da{\s} Beste."' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Endlich war sie da, die ber"uhmte Jahre{\s}versammlung der +Landwirte! Vom fr"uhen Morgen an standen alle Einwohner von +Yonville an ihren Hau{\s}t"uren und sprachen von den Dingen, die +da kommen sollten. Die Stirnseite de{\s} Rathause{\s} war mit +Efeugirlanden geschm"uckt. Dr"uben auf einer Wiese war ein +gro"se{\s} Zelt f"ur da{\s} Festmahl aufgeschlagen worden, und +mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein B"oller, der die +Ankunft de{\s} Landrat{\s} und die Prei{\s}kr"onung donnernd +verk"unden sollte. Die B"urgergarde von B"uchy -- in Yonville gab +e{\s} keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen +Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korp{\s} +vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch h"oheren Kragen +al{\s} gew"ohnlich. In die Litewka eingezw"angt, war sein +Oberk"orper so steif und starr, da"s e{\s} au{\s}sah, al{\s} sei +alle{\s} Leben in ihm in seine beiden Beine gerutscht, die sich +parademarschm"a"sig bewegten. Da der Oberst der B"urgergarde und +der Hauptmann der Feuerwehr eifers"uchtig aufeinander waren, +wollte jeder den andern au{\s}stechen, und so exerzierten beide +ihre Mannschaft f"ur sich. Abwechselnd sah man die roten +Epauletten und die schwarzen Schutzleder vorbeimarschieren und +wieder abschwenken. Da{\s} ging immer wieder von neuem an und nahm +schier kein Ende! + +Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit +gesehen. Verschiedene B"urger hatten tag{\s} zuvor ihre H"auser +abwaschen lassen. Wei"s-rot-blaue Fahnen hingen au{\s} den +halboffnen Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da +sch"one{\s} Wetter war, sahen die gest"arkten H"aubchen wei"ser +wie Schnee au{\s}, die Orden und Medaillen blitzten in der Sonne +wie eitel Gold, und die bunten T"ucher leuchteten buntscheckig +au{\s} dem tristen Einerlei der schwarzen R"ocke und blauen Blusen +hervor. Die P"achter{\s}frauen kamen au{\s} den umliegenden +D"orfern geritten; beim Absitzen zogen sie die langen Nadeln +herau{\s}, mit denen sie ihre R"ocke hochgesteckt hatten, damit +sie unterweg{\s} nicht schmutzig werden sollten. Die M"anner +andrerseit{\s} hatten zum Schutze ihrer H"ute die Sackt"ucher +dar"uber gezogen, deren Zipfel sie mit den Z"ahnen festhielten. + +Die Menge str"omte von beiden Enden de{\s} Ort{\s} auf der +Landstra"se heran und ergo"s sich in alle Gassen, Alleen und +H"auser. "Uberall klingelten die T"uren, um die B"urgerinnen +herau{\s}zulassen, die in Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze +wallten. + +Zwei mit Lampion{\s} beh"angte hohe Taxu{\s}b"aume, zu beiden +Seiten der vor dem Rathause errichteten Estrade f"ur die +Ehreng"aste, erregten ganz besonder{\s} die allgemeine +Bewunderung. "Ubrigen{\s} hatte man an den vier S"aulen am +Rathause so etwa{\s} wie vier Stangen aufgepflanzt; jede trug eine +Art Standarte au{\s} gr"uner Leinwand. Auf der einen la{\s} man: +\begin{antiqua}HANDEL,\end{antiqua} auf der zweiten: \begin{antiqua}ACKERBAU,\end{antiqua} der dritten: \begin{antiqua}INDUSTRIE,\end{antiqua} der +vierten: \begin{antiqua}KUNST UND WISSENSCHAFT.\end{antiqua} + +Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann, +warf auch ihren Schatten und zwar auf da{\s} Antlitz der Frau +Franz, der L"owenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihre{\s} +Gasthofe{\s} stehend, r"asonierte sie vor sich hin: + +"`So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun! +Glaubt diese Bagage wirklich, da"s der Herr Landrat besonder{\s} +erg"otzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll, +wie ein Seilt"anzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen +Gegend zugute kommen! War e{\s} wirklich der M"uhe wert, extra +einen Koch au{\s} Neufch\^atel herkommen zu lassen? F"ur wen +"ubrigen{\s}? F"ur Kuhjungen und Lumpenpack!"' + +Der Apotheker ging vor"uber in schwarzem Rock, gelben Buxen, +Lackschuhen und -- au{\s}nahm{\s}weise (statt de{\s} gewohnten +K"appchen{\s}) -- einem Hut von niedriger Form. + +"`Ihr Diener!"' sagte er. "`Ich hab{\s} eilig!"' + +Al{\s} die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er: + +"`E{\s} kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst +den ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im +K"ase~..."' + +"`In wa{\s} f"ur K"ase?"' unterbrach ihn die Wirtin. + +"`Nein, nein. Da{\s} ist nur bildlich gemeint"', entgegnete +Homai{\s}. "`Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, da"s e{\s} im +allgemeinen meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute +freilich mu"s ich in Anbetracht~..."' + +"`Ah! Sie gehen auch hin?"' fragte sie in geringsch"atzigem Tone. + +"`Gewi"s gehe ich hin!"' sagte der Apotheker erstaunt. "`Ich +geh"ore ja zu den Prei{\s}richtern!"' + +Die L"owenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schlie"slich meinte +sie l"achelnd: + +"`Da{\s} ist wa{\s} ander{\s}! Aber wa{\s} geht Sie eigentlich die +Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn wa{\s} davon?"' + +"`Selbstverst"andlich verstehe ich etwa{\s} davon! Ich bin doch +Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, +besch"aftigt sich mit den Wechselwirkungen und den +Molekularverh"altnissen aller K"orper, die in der Natur vorkommen. +Folglich geh"ort auch die Landwirtschaft in da{\s} Gebiet meiner +Wissenschaft. In der Tat, die Zusammensetzung der D"ungemittel, +die G"arungen der S"afte, die Analyse der Gase und die Wirkung der +Mia{\s}men --, ich bitte Sie, wa{\s} ist da{\s} weiter al{\s} pure +bare Chemie?"' + +Die L"owenwirtin erwiderte nicht{\s}, und Homai{\s} fuhr fort: + +"`Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, m"usse man selber in der +Erde gebuddelt oder G"anse genudelt haben? Keine Spur! Aber die +Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat, +die mu"s man unbedingt studiert haben, die geologischen +Gruppierungen, die atmo{\s}ph"arischen Vorkommnisse, die +Beschaffenheit de{\s} Erdboden{\s}, de{\s} Gestein{\s}, de{\s} +Wasser{\s}, die Dichtigkeit der verschiedenen K"orper und ihre +Kapillarit"at! Und tausend andre Dinge! Dazu mu"s man mit den +Grunds"atzen der Hygiene v"ollig vertraut sein, um den Bau von +Geb"auden, die Unterhaltung der Hau{\s}- und Arbeit{\s}tiere und +die Ern"ahrung der Dienstboten leiten und kontrollieren zu +k"onnen. Fernerhin, Frau Franz, mu"s man die Botanik intu{\s} +haben. Man mu"s die Pflanzen unterscheiden k"onnen, verstehen Sie, +die n"utzlichen von den sch"adlichen, die nutzlosen und die +nahrhaften, welche Arten man vertilgen und welche man pflegen, +welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen mu"s. Kurz und gut, +man mu"s sich in der Wissenschaft auf dem Laufenden halten, indem +man die Brosch"uren und die "offentlichen Bekanntmachungen liest, +und immer auf dem Damme sein, um mit dem Fortschritte zu +gehen~..."' + +Die Wirtin lie"s unterdessen den Eingang de{\s} Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s} nicht au{\s} den Augen. Der Apotheker redete +weiter: + +"`Wollte Gott, unsre Agrarier w"aren zugleich Chemiker, oder sie +h"orten wenigsten{\s} besser auf die Ratschl"age der Wissenschaft! +Da habe ich k"urzlich selbst eine gro"se Abhandlung verfa"st, eine +Denkschrift von mehr al{\s} 72 Seiten, betitelt: "`Der Apfelwein. +Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen +Betrachtungen hier"uber."' Ich habe sie der "`Rouener +Agronomischen Gesellschaft"' "ubersandt, die mich daraufhin unter +ihre Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung f"ur +Pomologie) aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt +erschiene~..."' + +Der Apotheker hielt ein. Er merkte, da"s Frau Franz von etwa{\s} +ganz andrem in Anspruch genommen war. + +"`Sehr richtig!"' unterbrach er sich selber. "`Eine unglaubliche +Spelunke!"' + +Die L"owenwirtin zuckte so heftig die Achseln, da"s sich die +Maschen ihrer Trikottaille weit au{\s}\-ein\-an\-der\-zogen. Mit +beiden H"anden deutete sie auf da{\s} Konkurrenzlokal, au{\s} dem +w"uster Gesang her"uberhallte. + +"`Na! Lange wird die Herrlichkeit da dr"uben nicht mehr dauern!"' +bemerkte sie. "`In acht Tagen ist der Rummel alle!"' + +Homai{\s} trat erschrocken einen Schritt zur"uck. Die Wirtin kam +die drei Stufen herunter und fl"usterte ihm in{\s} Ohr: + +"`Wa{\s}? Da{\s} wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er +au{\s}gepf"andet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hal{\s} +abgeschnitten. Mit Wechseln!"' + +"`Eine f"urchterliche Katastrophe!"' rief der Apotheker au{\s}, +der f"ur alle m"oglichen Ereignisse immer da{\s} passende +Begleitwort zur Hand hatte. + +Die L"owenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erz"ahlen. +Sie wu"ste sie von Theodor, dem Diener de{\s} Notar{\s}. Obgleich +sie Tellier, den Besitzer de{\s} Caf\'e Fran\c{c}ai{\s}, nicht +au{\s}stehen konnte, mi"sbilligte sie doch da{\s} Vorgehen von +Lheureux. Sie nannte ihn einen Gauner, einen Hal{\s}abschneider. + +"`Da! Sehen Sie!"' f"ugte sie hinzu. "`Da geht er! Unter den +Hallen! Jetzt begr"u"st er Frau Bovary. Sie hat einen gr"unen Hut +auf und geht am Arm von Herrn Boulanger."' + +"`Frau Bovary!"' echote Homai{\s}. "`Ich mu"s ihr schnell guten +Tag sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der +Trib"une vor dem Rathause erw"unscht."' + +Ohne auf die L"owenwirtin zu h"oren, die ihm ihre lange Geschichte +weitererz"ahlen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit +l"achelnder Miene gr"u"ste er nach link{\s} und recht{\s}, wobei +ihn die langen Sch"o"se seine{\s} schwarzen Rocke{\s} im Winde +umflatterten, da"s er wer wei"s wieviel Raum einnahm. + +Rudolf hatte ihn l"angst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte. + +Da aber Emma au"ser Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend +und in brutalem Tone sagte er zu ihr: + +"`Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!"' + +Sie versetzte ihm ein{\s} mit dem Ellbogen. + +"`Wa{\s} soll da{\s} hei"sen?"' fragte er sie. Dabei blinzelte er +sie im Weitergehen von der Seite an. + +Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nicht{\s} darin verriet ihre +Gedanken. Die Linie ihre{\s} Profil{\s} schnitt sich scharf in die +lichte Luft, unter der Rundung ihre{\s} Kapotthute{\s}, dessen +bla"sfarbene Bindeb"ander wie Schilfbl"atter au{\s}sahen. Ihre +Augen blickten geradeau{\s} unter ihren etwa{\s} nach oben +gebogenen langen Wimpern. Obgleich sie v"ollig ge"offnet waren, +erschienen sie doch ein wenig zugedr"uckt durch den oberen Teil +der Wangen, weil da{\s} Blut die feine Haut straffte. Durch die +Nasenwand schimmerte Rosenrot, und zwischen den Lippen gl"anzte +da{\s} Perlmutter ihrer spitzen Z"ahne. Den Kopf neigte sie zur +einen Schulter. + +"`Mokiert sie sich "uber mich?"' fragte sich Rudolf. + +In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur +ein Zeichen sein sollen, da"s Lheureux neben ihnen herlief. Von +Zeit zu Zeit redete der H"andler die beiden an, um mit ihnen +in{\s} Gespr"ach zu kommen. + +"`Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- +Wir haben Ostwind!"' + +Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, w"ahrend Lheureux +bei der geringsten Bewegung, die ein{\s} der beiden machte, mit +einem ewigen "`Wie meinen?"' dazwischenfuhr, wobei er jede{\s}mal +den Hut l"uftete. + +Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstra"se ab +in einen Fu"sweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut: + +"`Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergn"ugen!"' + +"`Den haben Sie aber fein abgesch"uttelt!"' lachte Emma. + +"`Warum sollen wir un{\s} von fremden Leuten bel"astigen lassen?"' +meinte Rudolf. "`Noch dazu heute, wo ich da{\s} Gl"uck habe, mit +Ihnen~..."' + +Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom +sch"onen Wetter und wie h"ubsch e{\s} sei, so durch die Fluren +spazieren zu gehen. + +Ein paar G"ansebl"umchen standen am Raine. + +"`Die niedlichen Dinger da!"' sagte er. "`Und so viele! Genug +Orakel f"ur die verliebten M"adel{\s} de{\s} ganzen Lande{\s}!"' +Ein paar Augenblicke sp"ater setzte er hinzu: "`Soll ich welche +pfl"ucken? Wa{\s} denken Sie dar"uber?"' + +"`Sind Sie denn verliebt?"' fragte Emma und hustete ein wenig. + +"`Wer wei"s?"' meinte Rudolf. + +Sie kamen auf die Festwiese, auf der da{\s} Gedr"ange immer mehr +zunahm. Bauer{\s}frauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am +einen und einen S"augling im andern Arme, rempelten sie an. +H"aufig mu"sten sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch +riechender Dorfsch"onen in blauen Str"umpfen, derben Schuhen und +silbernen Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand. + +Die Prei{\s}verteilung fand statt. Die Z"uchter traten, einer nach +dem andern, in eine Art Arena, die durch ein lange{\s} Seil an +Pf"ahlen gebildet wurde. Innerhalb de{\s} so abgegrenzten +Raume{\s} standen die Tiere, mit den Schnauzen nach au"sen, die +ungleich hohen Kruppen in einer unordentlichen Richtung{\s}linie. +Schl"afrige Schweine w"uhlten mit ihren R"usseln in der Erde. +K"alber br"ullten, Schafe bl"okten. K"uhe lagen hingestreckt, die +B"auche im Grase, die Beine eingezogen, kauten gem"achlich wieder +und zuckten mit ihren schwerf"alligen Lidern, wenn die sie +umschw"armenden Bremsen stachen. Pferdeknechte, die Arme +entbl"o"st, hielten an Trensenz"ugeln steigende Zuchthengste, die +mit gebl"ahten N"ustern nach der Seite hin wieherten, wo die +Stuten standen. Diese verhielten sich friedlich und lie"sen die +K"opfe und M"ahnen h"angen, w"ahrend ihre F"ullen in ihrem +Schatten ruhten und ab und zu an ihnen saugten. "Uber der wogenden +Masse aller dieser Leiber sah man von weitem hie und da da{\s} +Wei"s einer M"ahne wie eine Springflut im Winde aufwehen oder ein +spitze{\s} Horn hervorspringen, und "uberall dazwischen die +H"aupter wimmelnder Menschen. Au"serhalb der Umseilung, etwa +hundert Schritte davon entfernt, stand -- unbeweglich wie au{\s} +Bronze gegossen -- ein gro"ser schwarzer Stier mit verbundenen +Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein zerlumpte{\s} Kind +hielt ihn an einem Stricke. + +Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin, +besichtigten jede{\s} Tier einzeln und eingehend und berieten sich +jede{\s}mal hinterher in fl"usternder Weise. Einer von ihnen, +offenbar der Einflu"sreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein +Buch. Da{\s} war der Vorsitzende der Prei{\s}richter, Herr +Derozeray{\s}, Besitzer de{\s} Rittergute{\s} La Panville. Al{\s} +er Rudolf bemerkte, ging er lebhaft auf ihn zu und sagte +verbindlich-freundlich zu ihm: + +"`Herr Boulanger, Sie lassen un{\s} ja im Stich?"' + +Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Al{\s} er +jedoch au"ser H"orweite de{\s} Vorsitzenden war, meinte er: + +"`Der Fuch{\s} soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe +lieber bei Ihnen!"' + +Er machte seine Witze "uber da{\s} Prei{\s}richterkollegium, +wa{\s} ihn aber nicht abhielt, seinen eignen Au{\s}wei{\s} al{\s} +Mitglied de{\s} Festau{\s}schusse{\s} mit Grandezza zu zeigen, +wenn er irgendwo durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach +blieb er auch vor dem oder jenem "`Prachtst"uck"' stehen. Frau +Bovary bewunderte nicht{\s} mit. Da{\s} beobachtete er, und nun +begann er sp"ottische Bemerkungen "uber die Toiletten der Damen +von Yonville lo{\s}zulassen. Dabei entschuldigte er sich, da"s er +selber auch nicht elegant gehe. Seine Kleidung war ein +Nebeneinander von Allt"aglichkeit und Au{\s}gesuchtheit. Der +oberfl"achliche Menschenkenner h"alt derlei meist f"ur da{\s} +"au"sere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die bizarr in +ihrem Gef"uhl{\s}leben, k"unstlerisch beanlagt und allem +Herk"ommlichen abhold ist, und empfindet "Argerni{\s} oder +Bewunderung davor. Rudolf{\s} wei"se{\s} Batisthemd mit +gef"alteten Manschetten bauschte sich im Au{\s}schnitt seiner +grauen Flanellweste, wie e{\s} dem Winde gerade gefiel; seine +breitgestreiften Hosen reichten nur bi{\s} an die Kn"ochel und +lie"sen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf deren spiegelblanke +Lackspitzen da{\s} Gra{\s} Reflexe warf. Er trat unbek"ummert in +die Pferde"apfel. Eine Hand hatte er in der Rocktasche, und der +Hut sa"s ihm schief auf dem Kopfe. + +"`Ein Bauer wie ich~..."', meinte er. + +"`Bei dem ist Hopfen und Malz verloren"', scherzte Emma. + +"`Sehr richtig! "Ubrigen{\s} ist kein einziger von all diesen +Biederm"annern imstande, den Schnitt eine{\s} Rocke{\s} zu +beurteilen."' + +Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart +de{\s} einzelnen erstickt und da{\s} Leben keinen Schwung hat. + +"`Darum verfalle ich der Melancholie~..."', sagte er. + +"`Sie?"' erwiderte Emma erstaunt. "`Ich halte Sie gerade f"ur sehr +leben{\s}lustig."' + +"`Ach, da{\s} sieht nur so au{\s}! Weil ich vor den Leuten die +Ma{\s}ke de{\s} Sp"otter{\s} trage. Aber wie oft habe ich mich +beim Anblick eine{\s} Friedhofe{\s} im Mondenscheine gefragt, ob +einem nicht am wohlsten w"are, wenn man schliefe, wo die Toten +schlafen~..."' + +"`Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!"' + +"`Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich k"ummert sich +niemand."' + +Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich. + +Sie mu"sten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich +ein Mann zwischen sie dr"angte, der einen Turm von St"uhlen +schleppte. Er war derartig "uberladen, da"s man nicht{\s} von ihm +sah al{\s} seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. E{\s} war +Lestiboudoi{\s}, der Totengr"aber, der ein Dutzend Kirchenst"uhle +herbeischaffte. Findig, wie er immer war, wo e{\s} etwa{\s} zu +verdienen gab, war er auf den Einfall gekommen, au{\s} dem +Bunde{\s}tage seinen Vorteil zu schlagen. Und damit hatte er sich +nicht verrechnet; er wu"ste gar nicht, wen er zuerst befriedigen +sollte. Die Bauern, denen e{\s} hei"s war, rissen sich f"ormlich +um diese St"uhle, deren Strohsitze nach Weihrauch dufteten. Sie +lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung gegen die hohen +wach{\s}beklecksten Stuhlr"ucken. + +Frau Bovary nahm Rudolf{\s} Arm von neuem. Er fuhr fort, al{\s} +spr"ache er mit sich selbst. + +"`Ja, ja! Ich habe viele{\s} entbehren m"ussen! Immer einsam! Ach, +wenn mein Dasein einen Zweck gehabt h"atte, wenn ich einer gro"sen +Leidenschaft begegnet w"are, wenn ich ein Herz gefunden h"atte ... +Oh, alle meine Leben{\s}kraft h"atte ich daran gesetzt, ich w"are +"uber alle Hindernisse hinweggest"urmt, h"atte alle{\s} +"uberwunden~..."' + +"`Mich d"unkt, Sie seien gar nicht besonder{\s} beklagen{\s}wert"', +wandte Emma ein. + +"`So, finden Sie?"' + +"`Zum mindesten sind Sie frei~..."' Sie z"ogerte. "`... und +reich!"' + +"`Spotten Sie doch nicht "uber mich!"' bat er. + +Sie beteuerte, e{\s} sei ihr Ernst. Da donnerte ein B"ollerschu"s. +Al{\s}bald w"alzte und dr"angte sich alle{\s} der Ortschaft zu. +Aber e{\s} war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch +gar nicht da. Der Festau{\s}schu"s war nun in der gr"o"sten +Verlegenheit. Sollte der feierliche Akt beginnen, oder sollte man +noch warten? + +Endlich tauchte an der Ecke de{\s} Markte{\s} eine riesige +Mietkutsche auf, von zwei mageren G"aulen gezogen, auf die ein +Kutscher im Zylinderhut au{\s} Leibe{\s}kr"aften mit der Peitsche +lo{\s}hieb. + +Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast: + +"`An die Gewehre!"' + +Und der Oberst der B"urgergarde br"ullte da{\s} Echo dazu. + +Hal{\s} "uber Kopf st"urzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche +der B"urgergardisten verga"sen in der Eile, sich den Kragen +zuzukn"opfen. Aber der Landauer de{\s} Herrn Landrat{\s} schien +die Verwirrung zum Gl"uck zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im +langsamsten Zotteltrabe gerade in dem Moment vor der Vorhalle +de{\s} Rathause{\s} an, al{\s} sich Feuerwehr und B"urgergarde in +Reih und Glied unter Trommelschlag davor aufgestellt hatten. + +"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' kommandierte +Binet. + +"`Stillgestanden! Pr"asentiert da{\s} Gewehr!"' der Oberst auf der +andern Seite. + +Die Trageringe rasselten in den Reihen, al{\s} ob ein Kupferkessel +eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so. + +Nun sah man einen Herrn au{\s} der Karosse steigen, in einer +silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine gro"se Glatze, ein +Toupet auf dem Hinterhaupte, sah bla"s im Gesicht au{\s} und war +offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen, +kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen, +halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und +seinen eingefallenen Mund zum L"acheln verschob. Er erkannte den +B"urgermeister an seiner Sch"arpe und teilte ihm mit, da"s der +Landrat verhindert sei, pers"onlich zu kommen. Er selber sei +Regierung{\s}rat. E{\s} folgten noch ein paar verbindliche +Reden{\s}arten. + +T"uvache, der B"urgermeister, begr"u"ste ihn ehrerbietig. Der Rat +erkl"arte, er f"uhle sich besch"amt. Die beiden standen sich dicht +gegen"uber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der +Festau{\s}schu"s, der Gemeinderat, die Honoratioren, die +B"urgergarde und da{\s} Publikum. Der Regierung{\s}rat schwenkte +seinen kleinen schwarzen Dreimaster gegen die Brust und sagte ein +paar Begr"u"sung{\s}worte. W"ahrenddem klappte T"uvache in einem +fort wie ein Taschenmesser zusammen, l"achelnd, stotternd, nach +Worten suchend. Darauf beteuerte er die K"onig{\s}treue der +Yonviller und dankte f"ur die ihnen widerfahrene gro"se Ehre. + +Hippolyt, der Hau{\s}knecht au{\s} dem Goldnen L"owen, nahm die +Pferde der Kutsche an den Kandaren und zog da{\s} Gef"ahrt +humpelnd nach dem Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von +gaffenden Landleuten stand. Die Trommeln wirbelten, der B"oller +krachte. + +Die Herren vom Festau{\s}schu"s begaben sich nun auf die vor dem +Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten +Pl"uschsessel, die von der Frau B"urgermeisterin zur Verf"ugung +gestellt worden waren. + +Alle die M"anner glichen einander. Alle hatten sie +au{\s}druck{\s}lose blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von +der Sonne etwa{\s} gebr"aunt waren, buschige Backenb"arte, die +sich unter hohen steifen Hal{\s}kragen verloren, und wei"se, +sorglich gebundene Krawatten. Die Samtweste fehlte keinem, +ebensowenig an den Uhrketten da{\s} ovale Petschaft au{\s} +Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die Schenkel, nachdem sie +die Falten de{\s} Beinkleide{\s} sorgsam zurechtgestrichen hatten. +Da{\s} nicht dekatierte Hosentuch gl"anzte mehr al{\s} da{\s} +Leder ihrer derben Stiefel. + +Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf, +unter der Vorhalle zwischen den S"aulen, w"ahrend die gro"se Menge +dem Rathause gegen"uber stand oder teilweise auf St"uhlen sa"s. +Der Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen St"uhle +rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr au{\s} +der Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartige{\s} +Gedr"ange, da"s man nur mit M"uhe und Not zu der kleinen Treppe +der Estrade dringen konnte. + +"`Ich finde,"' sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der +Estrade durchdr"angelte und gerade an ihm vor"uberkam, "`man +h"atte zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit +irgendeinem schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer +Nouveaut\'e. Da{\s} w"urde sehr h"ubsch au{\s}gesehen haben!"' + +"`Gewi"s!"' meinte Homai{\s}. "`Aber Sie wissen ja! Der +B"urgermeister macht alle{\s} blo"s nach seinem eignen Kopfe. Er +hat nicht viel Geschmack, der gute T"uvache, und k"unstlerischen +Sinn nun gleich gar nicht!"' + +Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock de{\s} +Rathause{\s} gestiegen, in den Sitzung{\s}saal. Da dieser leer +war, erkl"arte Boulanger, da{\s} w"are so recht der Ort, da{\s} +Schauspiel bequem zu genie"sen. Er nahm zwei St"uhle von dem +ovalen Tisch, der unter der B"uste von Majest"at stand, und trug +sie an ein{\s} der Fenster. + +Die beiden setzten sich nebeneinander hin. + +Unten auf der Estrade ging e{\s} lebhaft her. Alle{\s} plauderte +und tuschelte. Da erhob sich der Regierung{\s}rat von seinem +Sitze. Man hatte inzwischen erfahren, da"s er Lieuvain hie"s, und +nun lief sein Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er +ein paar Zettel geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten +hatte, begann er: + +"`Meine Herren! + +Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung +eingehe, sei e{\s} mir zun"achst gestattet, -- und ich bin +"uberzeugt, Sie sind in{\s}gesamt damit einverstanden! -- sei +e{\s} mir gestattet, sage ich, der Beh"orden und der Regierung zu +gedenken, vor allem, meine Herren, Seiner Majest"at, unser{\s} +allergn"adigsten und allverehrten Lande{\s}herrn, dem jede{\s} +Gebiet der "offentlichen und privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, +der mit sicherer und kluger Hand da{\s} Staat{\s}schiff durch die +unaufh"orlichen Gefahren eine{\s} st"urmischen Ozean{\s} lenkt und +dabei jedem sein Recht l"a"st, dem Frieden wie dem Kriege, der +Industrie, dem Handel, der Landwirtschaft, den K"unsten und +Wissenschaften~..."' + +"`Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zur"uck"', sagte +Rudolf. + +"`Warum?"' fragte Emma. + +In diesem Augenblicke bekam die Stimme de{\s} +Regierung{\s}rate{\s} besonderen Schwung. Er deklamierte: + +"`Die Zeiten sind vor"uber, meine Herren, wo die Zwietracht der +B"urger unsre "offentlichen Pl"atze mit Blut besudelte, wo der +Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er +abend{\s} friedlich schlafen ging, bef"urchten mu"ste, durch +da{\s} St"urmen der Brandglocken j"ah wieder aufgeschreckt zu +werden, wo Umsturzideen frech an den Grundfesten r"uttelten~..."' + +"`Nur weil man mich von unten bemerken k"onnte"', gab Rudolf zur +Antwort. "`Dann m"u"ste ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen. +Und bei meinem schlechten Rufe~..."' + +"`Sie verleumden sich"', warf Emma ein. + +"`I wo! Der ist unter aller Kritik! Da{\s} schw"or ich Ihnen."' + +"`Meine Herren!"' fuhr der Redner fort. "`Wenn wir unsre Blicke +von diesen d"ustern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den +gegenw"artigen Zustand unser{\s} sch"onen Vaterlande{\s} richten: +wa{\s} sehen wir da? "Uberall stehen Handel, Wissenschaften und +K"unste in Bl"ute, "uberall erwachsen neue Verkehr{\s}wege und +-mittel, gleichsam wie neue Adern im Leibe de{\s} Staate{\s}, und +schaffen neue Beziehungen, neue{\s} Leben. Unsre gro"sen +Industriezentren sind von neuem in vollster T"atigkeit. Die +Religion ist gekr"aftigt und w"armt wieder aller Herzen. Unsre +H"afen strotzen, der Staat{\s}kredit ist fest. Frankreich atmet +endlich wieder auf~..."' + +"`Da{\s} hei"st,"' sagte Rudolf, "`vom gesellschaftlichen +Standpunkt hat man vielleicht recht."' + +"`Wie meinen Sie da{\s}?"' fragte sie. + +"`Wissen Sie denn nicht,"' erl"auterte er, "`da"s e{\s} +problematische Naturen gibt? Halb Tr"aumer, halb Tatenmenschen? +Heute leben sie den hehrsten Idealen und morgen den wildesten +Gen"ussen. Nicht{\s} ist ihnen zu toll, zu phantastisch~..."' + +Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte +sie: + +"`Un{\s} armen Frauen dagegen, un{\s} sind die Freuden solcher +Kontraste verboten!"' + +"`Sch"one Freuden!"' entgegnete er bitter. "`Da{\s} Gl"uck liegt +wo ganz ander{\s}!"' + +"`Ach, so findet man{\s} nirgend{\s}?"' + +"`Doch! Eine{\s} Tage{\s} begegnet man dem Gl"uck!"' fl"usterte er. + +"`Und da{\s} wissen Sie alle gerade am besten,"' fuhr der +Regierung{\s}rat fort, "`Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter +sind, friedliche Vork"ampfer eine{\s} Kulturideal{\s}, M"anner +de{\s} Fortschritte{\s} und der Ordnung! Sie wissen da{\s}, sage +ich, da"s politische St"urme weit furchtbarer sind denn St"urme in +der Natur~..."' + +"`Ja, eine{\s} Tage{\s} begegnet man ihm!"' wiederholte Rudolf, +"`ganz unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! +Dann "offnet sich der Himmel, und e{\s} ist einem, al{\s} riefe +eine Stimme: {\glq}Hier ist da{\s} Gl"uck!{\grq} Und dem Menschen, +den Sie da gefunden haben, dem m"ussen Sie au{\s} innerm Drange +herau{\s} ihr Leben anvertrauen, ihm alle{\s} geben, alle{\s} +opfern! E{\s} werden keine Worte gewechselt. Alle{\s} ist nur +Ahnung, Gef"uhl! Man hat sich ja l"angst im Traumland gesehen~..."' + +Er blickte Emma an. + +"`Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat, +leibhaftig da! Er gl"anzt und strahlt! Noch immer h"alt man ihn +f"ur ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist +geblendet, al{\s} k"ame man pl"otzlich au{\s} der Nacht in die +Sonne~..."' + +Rudolf begleitete seine Worte mit Geb"arden. Er pre"ste die Rechte +auf sein Gesicht wie jemand, dem e{\s} schwindelt. Dann lie"s er +sie auf Emma{\s} Hand sinken. Sie zog sie weg. + +Der Rat sprach immer weiter: + +"`Wen k"onnte da{\s} auch verwundern, meine Herren? H"ochsten{\s} +Leute, die so blind w"aren, so verbohrt (ich scheue mich nicht, +diese{\s} Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile +abgetaner Zeiten, da"s sie die Gesinnung der Landwirte noch immer +verkennen. Wo findet man, frage ich, mehr Patrioti{\s}mu{\s} +al{\s} auf dem Lande? Wo mehr Opferfreudigkeit in Dingen de{\s} +Gemeinwohl{\s}? Mit einem Worte: wo mehr Intelligenz? Meine +Herren, ich meine nat"urlich nicht jene oberfl"achliche +Intelligenz, mit der sich m"u"sige Geister br"usten, nein, ich +meine die gr"undliche und ma"svolle Intelligenz, die sich nur mit +ersprie"slichen Absichten bet"atigt und damit dem Vorteile de{\s} +Einzelnen wie der F"orderung der Allgemeinheit dient und eine +St"utze de{\s} Staate{\s} ist, durchdrungen von der Achtung vor +den Gesetzen und dem Gef"uhle der Pflichterf"ullung~..."' + +"`Pflichterf"ullung!"' wiederholte Rudolf. "`Immer und "uberall +die Pflicht! Wie mich diese{\s} Wort anwidert! Ein Chor von alten +Schaf{\s}\-k"opfen in Schlaf\-r"ocken und von Betschwestern mit +W"armbullen und Gesangb"uchern kr"achzt un{\s} ewig die alte +Litanei vor: {\glq}Die Pflicht, die Pflicht!{\grq} Der Teufel soll +sie holen! Unsre Pflicht ist e{\s}, alle{\s} Gro"se in der Welt +mit\/zuf"uhlen, da{\s} Sch"one anzubeten und sich nicht immer gleich +unter alle m"oglichen gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, +sich nicht zu Sklaven herabw"urdigen zu lassen~..."' + +"`Indessen ... indessen~..."', wandte Emma ein. + +"`Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften k"ampfen? Sind +sie nicht vielmehr da{\s} Allersch"onste, wa{\s} e{\s} auf Erden +gibt, der Quell de{\s} Heldensinn{\s}, der Begeisterung, der +Dichtung, der Musik, aller K"unste, alle{\s} Leben{\s} im wahren +Sinne?"' + +"`Aber man mu"s sich doch ein wenig nach den Leuten richten und +sich ihrer Moral f"ugen"', meinte Emma. + +"`So! Da{\s} ist dann eben die doppelte Moral,"' eiferte er. "`Die +eine: die kleinliche, herk"ommliche, die der Leute, die in einem +fort ein andre{\s} Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im +tr"uben fischt und auf dem Erdboden kriecht. Da{\s} ist die all +der versammelten Troddel da unten. Und die andre: die g"ottliche, +die um un{\s} ist und "uber un{\s} wie die Landschaft, die un{\s} +umprangt, und der blaue Himmel, der "uber un{\s} leuchtet~..."' + +Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach +er weiter: + +"`Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier +noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt f"ur unser t"aglich Brot? +Wer schafft un{\s} die Unterhaltung{\s}mittel? Tut e{\s} nicht der +Landmann? Er und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit +seiner schwieligen Hand da{\s} Saatkorn in die fruchtbringenden +Furchen s"at, verdanken wir da{\s} Getreide, da{\s} dann, von +sinnreichen Maschinen zu Mehl gemahlen, in die St"adte zu den +B"ackern kommt, die Brot darau{\s} backen f"ur arm und reich! Ist +e{\s} nicht der Landmann, der auf den Weiden die Schafherden +h"utet, damit wir Kleider haben? Wie sollten wir un{\s} anziehen, +wie un{\s} n"ahren, ohne die Landwirtschaft? Aber, meine Herren, +wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht jeder von +un{\s} schon manchmal "uber die Bedeutung jene{\s} bescheidenen +Tierchen{\s} nachgedacht, da{\s} die Zierde unserer Bauernh"ofe +ist und un{\s} gleichzeitig ein weiche{\s} Kopfkissen, einen +saftigen Braten f"ur unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich k"ame +nicht zu Ende, wenn ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse +l"uckenlo{\s} aufz"ahlen m"u"ste, mit denen die wohlbebaute Erde +wie eine gro"sm"utige Mutter ihre Kinder "ubersch"uttet. Ich nenne +nur den Weinstock, den Baum, der un{\s} den Apfelwein spendet, und +den Rap{\s}. Dann haben wir den K"ase und den Flach{\s}. Meine +Herren, vergessen wir den Flach{\s} nicht! Der Flach{\s}bau hat in +den letzten Jahren einen bedeutenden Aufschwung genommen, auf den +ich Ihre Aufmerksamkeit ganz besonder{\s} hinlenken m"ochte~..."' + +Dieser Appell war eigentlich unn"otig, denn die Menge lauschte +offenen Munde{\s} und lie"s sich kein W"ortchen entgehen. Der +B"urgermeister, der zur Seite de{\s} Redner{\s} sa"s, horchte mit +aufgerissenen Augen. Derozeray{\s} schlo"s die seinen hin und +wieder voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz +etwa{\s} weiter weg hatte, hielt sich eine Hand an{\s} Ohr, um +Silbe f"ur Silbe ordentlich zu verstehen. Die "ubrigen +Prei{\s}richter nickten bed"achtig mit den gesenkten H"auptern, um +ihre Zustimmung zu erkennen zu geben. Die Feuerwehr st"utzte sich +auf ihre Gewehre, und Binet stand immer noch stramm da im +Stillgestanden und mit vorschrift{\s}m"a"siger S"abelhaltung. +H"oren konnte er vielleicht, aber sehen nicht, weil ihm die Blende +seine{\s} Helm{\s} bi{\s} "uber die Nase reichte. Sein Leutnant, +der j"ungste Sohn de{\s} B"urgermeister{\s}, hatte einen noch +gr"o"seren auf. Diese{\s} Unget"um wackelte ihm fortw"ahrend auf +dem Kopfe hin und her. "Uberdie{\s} sah der Zipfel eine{\s} +seidnen Tuche{\s} hervor, da{\s} er untergestopft hatte. Er +l"achelte wie ein artige{\s} Kind unter dem Helme hervor, und sein +schmale{\s} blasse{\s} Gesicht, "uber da{\s} Schwei"stropfen +rannen, verriet zugleich helle Freude und m"ude Abspannung. + +Der Marktplatz war bi{\s} an die H"auser heran voller Menschen. In +allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen +T"urschwellen. Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, +ganz versunken in da{\s} Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um +den Redner herum Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch +bereit{\s} in einiger Entfernung im Winde. Nur einzelne +abgerissene Worte drangen weiter, von denen da{\s} Ger"ausch hin- +und herger"uckter St"uhle auch noch einen Teil verschlang. Noch +weiter weg vernahm man dicht hinter sich langgedehnte{\s} +Rindergebr"ull oder da{\s} Bl"oken der Schafe, die sich einander +antworteten. Die Kuhjungen und Hirten hatten n"amlich ihre Tiere +inzwischen bi{\s} auf den Markt getrieben, wo sie sich nun von +Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten. + +Rudolf war dicht an Emma heranger"uckt und fl"usterte ihr hastig +zu: + +"`Mu"s einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum +Rebellen machen? Gibt e{\s} ein einzige{\s} Gef"uhl, da{\s} sie +nicht verdammt? Die edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden +von ihr verfolgt und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen +trotz alledem finden, so verb"undet sich alle{\s}, damit sie +einander nicht geh"oren k"onnen. Aber sie werden e{\s} dennoch +versuchen, sie regen ihre Fl"ugel, und sie rufen sich. Fr"uher +oder sp"ater, in sieben Monaten oder in sieben Jahren, sind sie +doch vereint in ihrer Liebe, weil e{\s} da{\s} Schicksal so will +und weil sie f"ureinander geschaffen sind~..."' + +Er hatte die Arme verschr"ankt und st"utzte sie auf seine Knie, +und so schaute er Emma an, ganz au{\s} der N"ahe, mit starrem +Blicke. Sie konnte in seinen Augen die kleinen goldnen +Krei{\s}linien sehen, um die schwarzen Pupillen herum, und sie +roch sogar da{\s} leise Parf"um in seinem Haar. Woll"ustige +M"udigkeit "uberfiel sie. Der Vicomte, mit dem sie im Schlosse +Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den Sinn. Sein Bart hatte +genau so geduftet wie diese{\s} Haar, nach Vanille und Zitronen. +Unwillk"urlich schlo"s sie die Augenlider, um den Geruch st"arker +zu sp"uren. Aber al{\s} sie sich in ihren Stuhl zur"ucklehnte, +fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern am Horizonte, +die langsam die H"ohe von Leux herabfuhr und eine lange Staubwolke +nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war Leo so oft zu ihr +zur"uckgekommen, und auf dieser Stra"se da war er von ihr +weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu sehen, im +Rahmen seine{\s} Fenster{\s}. Dann verschwamm alle{\s}, und Nebel +zogen vor"uber. E{\s} kam ihr vor, al{\s} wirble sie wie damal{\s} +im Walzer, in der Lichtflut de{\s} Ballsaale{\s}, im Arme de{\s} +Vicomte. Und Leo w"are nicht weit weg, sondern k"ame wieder ... +Dabei sp"urte sie in einem fort Rudolf{\s} Haar dicht neben sich. +Die s"u"se Empfindung seiner N"ahe verm"ahlte sich mit den alten +Gel"usten; und wie Staubk"orner, die der Wind aufjagt, umtanzten +sie diese Gef"uhle zusammen mit dem leisen Dufte und bet"aubten +ihr die Seele. Ein paarmal "offnete sie weit die Nasenfl"ugel, um +-- sto"sweise -- den frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die +um die S"aulen geschlungen waren. + +Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die +feuchtgewordnen H"ande; dann f"achelte sie ihren Wangen mit dem +Taschentuche K"uhlung zu, wobei sie mitten durch da{\s} H"ammern +de{\s} Blute{\s} in ihren Schl"afen da{\s} Gesumme der Menge und +die immer noch Phrasen dreschende Stimme de{\s} +Regierung{\s}rate{\s} verworren vernahm. + +Er predigte: + +"`Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich +nicht beirren, weder durch H"angenbleiben an veralteten +"Uberlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von k"uhnen +Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die Verbesserung +de{\s} Boden{\s}, auf eine gute D"ungung, auf die Veredelung der +Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! M"oge diese +Versammlung f"ur Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem +der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand dr"uckt +wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg f"ur die Zukunft +w"unscht! Und Ihr, Ihr w"urdigen Dienstboten, bescheidene{\s} +Hofgesinde, um deren m"uhevolle Arbeit sich bi{\s}her noch keine +Regierung gek"ummert hat, kommt her und empfangt den Lohn f"ur +Eure stille T"uchtigkeit und seid "uberzeugt, da"s die F"ursorge +de{\s} Staate{\s} fortan auch Euch gelten wird, da"s er Euch +ermutigt und besch"utzt, da"s er Euch auf begr"undete Beschwerden +hin recht geben wird und Euch, soweit e{\s} in seiner Macht steht, +die B"urde Eurer opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!"' + +Darnach setzte sich der Regierung{\s}rat. Jetzt erhob sich Herr +Derozeray{\s} und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so +schwungvoll wie die Lieuvain{\s}, daf"ur war sie sachlicher, +da{\s} hei"st: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden +Betrachtungen Raum. Da{\s} Lob auf die Regierung war k"urzer +gefa"st; die Rede besch"aftigte sich mehr mit der Landwirtschaft +und der Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden +beleuchtet. Beide h"atten zu allen Zeiten die Zivilisation +gef"ordert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary "uber Tr"aume, +Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anf"ange der +menschlichen Gesellschaft zur"uck und schilderte die barbarischen +Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln gen"ahrt hatte. +Sp"ater h"atte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch +bekleidet, h"atte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War die{\s} +nun ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Besch"aftigungen +ungleich mehr M"uhen denn Nutzen? "Uber diese{\s} Problem stellte +Derozeray{\s} allerhand Betrachtungen an. + +Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allm"ahlich auf die +Wahlverwandtschaft gekommen, und w"ahrend der Redner unten vom +Pfluge de{\s} Cincinnatu{\s} sprach, von Diocletian und seinen +Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr +eigenh"andig s"aen, setzte der junge Mann der jungen Frau +au{\s}einander, da"s die Ursache einer solchen unwiderstehlichen +gegenseitigen Anziehung in einer fr"uheren Existenz zu suchen sei. + +"`Nehmen Sie beispiel{\s}weise un{\s} beide!"' sagte er. "`Warum +haben wir un{\s} kennen gelernt? Hat die{\s} allein der Zufall +gef"ugt? War e{\s} nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, +der un{\s} gegenseitig einander zuf"uhrte, wie zwei Str"ome +ineinander flie"sen, jeder von weiter Ferne her?"' + +Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie ent\/zog sie ihm nicht. + +"`Prei{\s} f"ur gute Bewirtschaftung~..."', rief unten der Redner. + +"`Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Hau{\s} +kam~..."' + +"`Herrn Bizet au{\s} Quincampoix!"' + +"`Wu"ste ich damal{\s}, da"s wir so bald gute Freunde werden +sollten?"' + +"`Siebzig Franken~..."' + +"`Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu +Ihnen gekommen und hier geblieben~..."' + +"`F"ur Erfolge im D"ungen."' + +"`... heute und morgen, alle Tage, mein ganze{\s} Leben~..."' + +"`Herrn Caron au{\s} Argueil eine goldene Medaille!"' + +"`... denn noch keine{\s} Menschen Gesellschaft hat mich so +v"ollig bezaubert~..."' + +"`Herrn Bain au{\s} Givry-Saint-Martin~..."' + +"`... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen~..."' + +"`... f"ur einen Merino-Schafbock~..."' + +"`Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen +vor"ubergewandelt wie ein Schatten!"' + +"`Herrn Belot au{\s} Notre-Dame~..."' + +"`Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner +erinnern?"' + +"`F"ur Schweinezucht ein Prei{\s} geteilt, je achtzig Franken, den +Herren Leh\'eriss\'e und C"ullembourg!"' + +Rudolf dr"uckte Emma{\s} Hand. Sie f"uhlte sich ganz hei"s an und +zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen m"ochte. Sei +e{\s} nun, da"s Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder da"s +sie Rudolf{\s} Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit +ihren Fingern eine Bewegung. Da rief er au{\s}: + +"`Ach, ich danke Ihnen! Sie sto"sen mich nicht zur"uck! Sie sind +so gut! Sie f"uhlen, da"s ich Ihnen geh"ore! Ich will Sie ja nur +sehen, nur anschauen!"' + +Ein Windsto"s, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke +de{\s} Tische{\s} im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die +m"achtigen Haubenschleifen der B"auerinnen wie wei"se +Schmetterling{\s}fl"ugel auf. + +"`F"ur die Herstellung von "Olkuchen~..."' + +Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen. + +"`F"ur Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ... +Feldbew"asserung ... langj"ahrigen Pacht ... treue Dienste~..."' + +Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emma{\s} +trockne Lippen bebten in hei"sestem Begehren. Weich und ganz von +selbst verschlangen sich ihre H"ande. + +"`Katharine Nikasia Elisabeth Leroux au{\s} Sassetot-la-Guerri\`ere +f"ur vier\-und\-f"unfzig\-j"ahrigen Dienst auf ein und demselben +Gute eine silberne Medaille im Werte von f"unfundzwanzig Franken!"' + +Nach einer Weile h"ort man: "`Wo ist Katharine Leroux?"' + +Sie erschien nicht, aber man vernahm fl"usternde Stimmen. + +"`Geh doch!"' + +"`Ach nein!"' + +"`Brauchst keine Angst zu haben!"' + +"`Nee, ist die dumm!"' + +"`Hier! Hier steckt sie!"' + +"`So mag sie doch vorkommen!"' rief der B"urgermeister dazwischen. + +Da begann eine kleine alte Frau mit "angstlicher Geb"arde zur +Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen +au{\s}. Sie hatte die F"u"se in derben Holzschuhen und um die +H"uften eine gro"se blaue Sch"urze. Ihr magere{\s} Gesicht, von +einer schlichten Haube umrahmt, war runzeliger al{\s} ein +verschrumpfelter Apfel, und au{\s} den "Armeln ihrer roten Jacke +langten zwei d"urre H"ande mit knochigen Gelenken herau{\s}. Vom +Staub der Scheunen, der Lauge der W"asche und dem Fett der +Schafwolle waren sie so hornig, hart und rissig, da"s sie wie +schmutzig au{\s}sahen, und doch waren sie in reinem Wasser +t"uchtig gewaschen worden. Da"s sie unz"ahlige Strapazen hinter +sich hatten, da{\s} verrieten sie von selbst an ihrer dem"utigen +Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig Dienste zu +empfangen. Etwa{\s} wie kl"osterliche Strenge sprach au{\s} den +Z"ugen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von Vornehmheit. +E{\s} lebte nicht{\s} Weiche{\s} in ihrem bleichen Gesicht, +nicht{\s} Traurige{\s} oder R"uhrselige{\s}. Im steten Umgang mit +Tieren war ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie +sich zum ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. +Die Fahnen, der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen +R"ocken, da{\s} Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust de{\s} +Rate{\s}, alle{\s} da{\s} ersch"uttertere bi{\s} in{\s} Herz. Sie +stand ganz erstarrt da, sie wu"ste nicht, ob sie zur Estrade +vorlaufen oder enteilen sollte, und sie begriff nicht, warum man +sie nach vorn dr"angte und warum ihr die Prei{\s}richter +freundlich zul"achelten. Sie stand vor diesen beh"abigen B"urgern +al{\s} ein verk"orperte{\s} halbe{\s} S"akulum der Knechtschaft. + +"`Treten Sie n"aher, verehrung{\s}w"urdige Katharine Nikasia +Elisabeth Leroux!"' sagte der Regierung{\s}rat, der die Liste der +Prei{\s}gekr"onten au{\s} den H"anden de{\s} Vorsetzenden +entgegengenommen hatte. Indem er abwechselnd auf den Bogen und auf +die Greisin blickte, wiederholte er in v"aterlichem Tone: + +"`N"aher, immer n"aher!"' + +"`Sind Sie denn taub?"' rief T"uvache heftig und sprang von seinem +Sitze auf. + +"`F"ur vierundf"unfzigj"ahrige Dienst\/zeit eine silberne Medaille +im Werte von f"unfundzwanzig Franken! Die ist f"ur Sie!"' wurde +ihr laut gesagt. + +Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein L"acheln +de{\s} Gl"ucke{\s} sonnte ihr Gesicht. Al{\s} sie wegging, h"orte +man sie vor sich hinmurmeln: + +"`Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei un{\s} zu Hause geben, damit +er mir dermaleinst eine Messe liest."' + +"`Selig die Geiste{\s}armen!"' meinte der Apotheker, zum Notar +gewandt. + +Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und +nachdem nun die Prei{\s}verteilung vor"uber war, nahm jeder wieder +seinen Rang ein, und alle{\s} lief im alten Gleise. Die Herren +schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte pr"ugelten da{\s} +Vieh, da{\s} mit gr"unen Kr"anzen um die H"orner in seine St"alle +zur"ucktrottete. Ahnung{\s}lose Triumphatoren. + +Die B"urgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in +den ersten Stock de{\s} Rathause{\s}. Der Bataillon{\s}tambour +schleppte einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spie"ste +sich die spendierten Butterbrote auf die Bajonette. + +Frau Bovary ging an Rudolf{\s} Arm nach Hau{\s}. An der T"ure +nahmen sie Abschied. Sodann ging er bi{\s} zur Stunde de{\s} +Festmahle{\s} allein durch die Wiesen spazieren. + +Der Schmau{\s} dauerte lange. E{\s} war l"armig, die Bedienung +schlecht. Man sa"s so eng aneinander, da"s man f"ur die Ellenbogen +gar keine Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die al{\s} +B"anke dienten, drohten unter der Last der G"aste zusammenzubrechen. +Man a"s unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. +Allen perlte der Schwei"s von der Stirne. Zwischen der Tafel und +den H"angelampen schwebte wei"slicher Dunst, wie der Nebel "uber +dem Flusse an einem Herbstmorgen. + +Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich +v"ollig in Tr"aumereien an Emma, so da"s er nicht{\s} sah und +h"orte. Hinter ihm, drau"sen auf dem Rasen, schichteten die +Kellner die gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn +anredete, gab er ihm keine Antwort. Man f"ullte ihm da{\s} +Gla{\s}, ohne da"s er e{\s} wahrnahm. Trotz de{\s} allgemeinen +immer st"arker werdenden L"arme{\s} war e{\s} in ihm ganz still. +Er sann "uber da{\s} nach, wa{\s} Emma gesagt hatte, und "uber die +Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte ihm wie au{\s} +Zauberspiegeln au{\s} allem entgegen, wa{\s} gl"anzte, sogar +au{\s} dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte +Falten, die ihn an die ihre{\s} Kleide{\s} erinnerten. Und vor +ihm, in der Ferne der Zukunft, winkte eine endlo{\s} lange Reihe +verliebter Tage. + +Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der +Gesellschaft ihre{\s} Manne{\s}, der Frau Homai{\s} und de{\s} +Apotheker{\s}. Der letztere beunruhigte sich sehr "uber die +M"oglichkeit, da"s einmal eine Rakete versehentlich in da{\s} +Publikum gehen k"onnte. Aller Augenblicke verlie"s er seine +Freunde, um Binet zur gr"o"sten Vorsicht zu vermahnen. Die +Feuerwerk{\s}k"orper waren vorher au{\s} "ubertriebener +"Angstlichkeit im Hause de{\s} B"urgermeister{\s} aufbewahrt +worden, in dessen Keller. Da{\s} feucht gewordene Pulver +ent\/z"undete sich nun schwer, und da{\s} Hauptst"uck, eine +Schlange, die sich in den Schwanz bei"st, versagte vollst"andig. +Ab und zu zischte ein d"urftige{\s} Feuerrad. Dann schrie die +gaffende Menge vor Vergn"ugen laut auf, und in diese{\s} Geschrei +mischte sich da{\s} Kreischen der Weiber, die im Dunkeln von +dreisten H"anden angefa"st wurden. + +Emma schmiegte sich schweigsam an Karl{\s} Arm. Den Kopf gehoben, +verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen +Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampion{\s}. Nach +und nach verl"oschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. +Ein paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch +"uber da{\s} unbedeckte Haar. + +In diesem Augenblicke fuhr der Landauer de{\s} Regierung{\s}rate{\s} +vom Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen +auf seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse +seine{\s} K"orper{\s} zwischen den Wagenlichtern hin und her +pendelte, je nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} auf dem +holperigen Pflaster. + +"`Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen"', +bemerkte der Apotheker. "`Mein Vorschlag geht dahin, allw"ochentlich +am Rathause die Namen derer au{\s}zuh"angen, die sich in der Woche +vorher sinnlo{\s} betrunken haben. Da{\s} erg"abe nebenbei eine +Statistik, die man in gewissen F"allen ... Aber entschuldigen +Sie!"' + +Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade +anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach +seiner Drehbank. + +"`Vielleicht t"aten Sie gut,"' mahnte ihn Homai{\s}, "`wenn Sie +einen von Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie +selber gingen~..."' + +"`Lassen Sie mich doch in Ruhe!"' murrte der Steuereinnehmer. +"`Da{\s} h"atte ja gar keinen Sinn!"' + +Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden. + +"`Wir k"onnen v"ollig beruhigt sein"', sagte er zu ihnen. "`Herr +Binet hat mir soeben versichert, da"s alle Vorsicht{\s}ma"sregeln +getroffen sind. E{\s} ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und +die Spritzen stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!"' + +"`Ach ja! Ich hab{\s} sehr n"otig!"' erwiderte Frau Homai{\s}, die +schon immer t"uchtig geg"ahnt hatte. "`Aber sch"on war{\s} doch!"' + +Rudolf wiederholte leise mit einem z"artlichen Blicke: + +"`Wundersch"on!"' + +Dann verabschiedete man sich und ging voneinander. + +Zwei Tage darauf stand im "`Leuchtturm von Rouen"' ein langer +Bericht "uber die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker +hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfa"st. + +"`Wa{\s} k"unden diese Girlanden, diese Blumen und Kr"anze? Wohin +w"alzt sich die Menge, gleichwie die Wogen de{\s} st"urmischen +Weltmeere{\s} unter den Strahlenb"uscheln der tropischen Sonne, +die unsere Fluren sengt?"' + +Sodann sprach er von der Lage der Landbev"olkerung. "`Gewi"s, die +Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend +Reformen sind unerl"a"slich. Man gehe an sie heran!"' Bei der +Schilderung der Ankunft de{\s} Regierung{\s}vertreter{\s} feierte +er "`da{\s} martialische Au{\s}sehen unsrer Miliz"', die +"`behenden Dorfsch"onen,"' die "`kahlk"opfigen Greise, diese +Patriarchen, die Letzten der unsterblichen Legionen, deren +Soldatenherzen beim Wirbeln der Trommeln h"oher schlagen."' Seinen +eigenen Namen z"ahlte er unter den Prei{\s}richtern al{\s} ersten +auf und erw"ahnte in einer Anmerkung sogar, da"s Herr Homai{\s}, +der Apotheker von Yonville, unl"angst eine Denkschrift "uber den +Apfelwein an die Rouener Agronomische Gesellschaft eingereicht +habe. Bei der Prei{\s}verteilung angelangt, schilderte er die +Freude der Au{\s}gezeichneten mit dithyrambischer Begeisterung. +"`V"ater fielen ihren S"ohnen um den Hal{\s}, Br"uder ihren +Br"udern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll +Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stille{\s} +K"ammerlein, mag sie so mancher, Tr"anen in den Augen, an die Wand +geh"angt haben ... Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} vereinigte ein +Festmahl in dem auf der Herrn Li\'egeard geh"orenden Wiese +errichteten gro"sen Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von +Anfang bi{\s} Ende herrschte die gr"o"ste Gem"utlichkeit. Mehrere +Toaste wurden au{\s}gebracht. Herr Regierung{\s}rat Lieuvain trank +auf Seine Majest"at, Herr B"urgermeister T"uvache auf den Herrn +Landrat, sodann Herr Rittergut{\s}besitzer Derozeray{\s} auf +da{\s} Gedeihen der Landwirtschaft, Herr Apotheker Homai{\s} auf +die Industrie und ihre Schwestern, die K"unste und Wissenschaften, +so zuletzt Herr Leplichey auf den Fortschritt. Am Abend +erleuchtete ein pr"achtige{\s} Feuerwerk pl"otzlich alle +Gesichter. Man kann wohl sagen, e{\s} war ein wahre{\s} +Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte +sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht +entr"uckt w"ahnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, da"s +auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall da{\s} Volk{\s}fest +gest"ort hat. Zu bemerken w"are nur noch da{\s} Fernbleiben der +Geistlichkeit. Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von +Allgemeinwohl und Fortschritt. Haltet e{\s}, wie ihr wollt, ihr +J"unger Loyola{\s}!"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Sech{\s} Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eine{\s} +Sp"atnachmittag{\s}, erschien er. + +"`Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Da{\s} w"are +ein Fehler!"' + +Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd +hatte er sich gesagt, nun sei e{\s} zu sp"at zu einem Besuche. +Sein Gedankengang war folgender: + +"`Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach +dem Hangen und Bangen de{\s} Warten{\s} nur um so mehr lieben. +Warten wir also noch eine Weile!"' + +Al{\s} er Emma in der Gro"sen Stube entgegentrat, sah er, wie sie +bla"s wurde. Da wu"ste er, da"s er sich nicht verrechnet hatte. + +Sie war allein. E{\s} d"ammerte. Die kleinen Mullgardinen an den +Scheiben der Fenster vermehrten da{\s} Halbdunkel. Da{\s} blanke +Metall de{\s} Barometer{\s}, auf da{\s} ein Sonnenstrahl fiel, +glitzerte auf der Fl"ache de{\s} Spiegel{\s} "uber dem Kamin wider +wie flammende{\s} Feuer. + +Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit M"uhe auf seine +ersten H"oflichkeit{\s}worte. + +"`Ich war stark besch"aftigt. Und dann bin ich auch krank +gewesen."' + +"`Ernstlich?"' fragte sie erregt. + +"`Na,"' erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen +niedrigen Sessel setzte, "`eigentlich wollte ich nicht +wiederkommen."' + +"`Warum?"' + +"`Erraten Sie e{\s} nicht?"' + +Wiederum sah er sie an, die{\s}mal so leidenschaftlich, da"s sie +rot wurde und die Augen senkte. + +Er begann von neuem: + +"`Emma!"' + +"`Herr Boulanger!"' rief sie und r"uckte ein wenig von ihm ab. + +"`Ah!"' sagte er in wehm"utigem Tone. "`Sehen Sie, wie recht ich +hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name~..., dieser +Name, der mein ganze{\s} Herz erf"ullt~..., er ist mir +entschl"upft, und Sie verbieten mir, ihn au{\s}zusprechen! Frau +Bovary! Alle Welt nennt Sie so! So hei"sen Sie! Und doch ist +da{\s} der Name -- eine{\s} andern!"' Nach einer Weile wiederholte +er: "`Eine{\s} andern!"' Er hielt sich die H"ande vor sein +Gesicht. "`Ach, ich denke fortw"ahrend an Sie ... Die Erinnerung +bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen Sie mir ... Ich gehe ... +Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg ... so weit gehen, da"s +Sie nicht{\s} mehr von mir h"oren werden! Aber heute ... heute ... +ach, ich wei"s nicht, wa{\s} mich mit aller Gewalt hierher zu +Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner k"ampfen! +Und wo Engel l"acheln, wer k"onnte da widerstehen? Man l"a"st sich +hinrei"sen von der, die so sch"on, so s"u"s, so anbeten{\s}wert +ist!"' + +E{\s} war da{\s} erstemal, da"s Emma solche Dinge h"orte, und +al{\s} ob sie sich im Bade woll"ustig dehnte, so f"uhlte sie sich +in ihrem Selbstbewu"stsein von der warmen Flut dieser Sprache +umkost. + +"`Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,"' fuhr er fort, +"`wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch +wenigsten{\s} da{\s} gesehen, wa{\s} Sie umgibt. Ach, nacht{\s}, +Nacht f"ur Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um +Ihr Hau{\s} zu schauen, Ihr Dach im Scheine de{\s} Monde{\s}, die +B"aume in Ihrem Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, +und da{\s} Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die +Scheiben hinau{\s}leuchtete in da{\s} Dunkel! Ach, Sie haben e{\s} +nicht geahnt, da"s da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein +Armer, ein Ungl"ucklicher stand~..."' + +Sie schluchzte auf und sah ihn an. + +"`Sie sind ein guter Mensch!"' fl"usterte sie. + +"`Nein! Ich liebe Sie! Weiter nicht{\s}! Glauben Sie mir da{\s}? +Sagen Sie mir{\s}! Ein Wort! Ein einzige{\s} Wort!"' + +Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der K"uche +her drang da{\s} Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die T"ure +nicht geschlossen. Er erinnerte sich daran. + +"`E{\s} w"are barmherzig von Ihnen,"' sagte er, sich wieder +erhebend, "`wenn Sie mir einen Wunsch erf"ullten."' + +Er bat darum, ihm da{\s} Hau{\s} zu zeigen. Er wolle e{\s} kennen +lernen. Frau Bovary hatte nicht{\s} dagegen. Sie gingen beide zur +T"ure, da trat Karl ein. + +"`Guten Tag, Doktor!"' begr"u"ste ihn Rudolf. + +Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel +schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. +W"ahrenddessen wurde der andre wieder v"ollig Herr der Situation. + +"`Die gn"adige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erz"ahlt~..."', +begann er. + +Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat "au"serst besorgt. Seine +Frau habe bereit{\s} einmal an "ahnlichen Zust"anden gelitten. + +Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut w"are. + +"`Gewi"s! Ganz au{\s}gezeichnet! Vortrefflich! Da{\s} ist wirklich +ein guter Rat! Den solltest du tats"achlich befolgen, Emma!"' + +Sie wandte ein, da"s sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr +ein{\s} an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht +weiter in sie. Dann erz"ahlte er -- um seinen Besuch zu motivieren +--, sein Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen +habe, leide immer noch an Schwindelanf"allen. + +"`Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen"', sagte +Bovary. + +"`Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder +zusammen. Da{\s} ist bequemer f"ur Sie!"' + +"`Sehr g"utig! Ganz wie Sie w"unschen!"' + +Al{\s} da{\s} Ehepaar dann allein war, fragte Karl: + +"`Warum hast du eigentlich da{\s} Angebot de{\s} Herrn Boulanger +abgelehnt? E{\s} war doch sehr lieben{\s}w"urdig!"' + +Emma tat, al{\s} ob sie schmollte; sie wu"ste nicht gleich, wa{\s} +sie sagen sollte, und schlie"slich erkl"arte sie, die Leute +k"onnten e{\s} "`komisch"' finden. + +"`Ich pfeif auf die Leute!"' sagte Karl und machte eine +ver"achtliche Ge\-b"arde. "`Die Gesundheit ist tausendmal mehr +wert! Da{\s} war nicht richtig von dir!"' + +"`Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!"' + +"`Dann mu"st du dir ein{\s} bestellen!"' + +Da{\s} Reitkleid gab den Au{\s}schlag. + +Al{\s} e{\s} fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau +stehe ihm zur Verf"ugung. Sie n"ahme sein g"utige{\s} Anerbieten +an. + +Andern Tag{\s} um zw"olf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor +dem Hause de{\s} Arzte{\s}. Da{\s} eine trug einen Damensattel +au{\s} Wildleder und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe +Reitstiefel au{\s} feinstem weichen Leder an. Er nahm an, da"s +Emma solche gewi"s noch nie gesehen hatte; und in der Tat war sie +"uber sein Au{\s}sehen ent\/z"uckt, al{\s} sie ihn in seinem langen +dunkelbraunen Samtrock und den wei"sen Breeche{\s} an der T"ure +erblickte. Sie hatte auf ihn gewartet und war bereit. + +Justin stahl sich au{\s} der Apotheke. Er mu"ste sie sehen. Auch +den Apotheker litt e{\s} nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf +allerlei gute Ratschl"age. + +"`E{\s} passiert so leicht ein Malheur!"' sagte er. "`Reiten Sie +vorsichtig! Sind die Tiere fromm?"' + +Emma vernahm "uber sich ein Ger"ausch. E{\s} war Felicie, die mit +der Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta +einen Spa"s zu bereiten. Da{\s} Kind warf der Mutter ein +Ku"sh"andchen zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte. + +"`Viel Vergn"ugen!"' rief Homai{\s}. "`Ja recht vorsichtig! Recht +vorsichtig!"' + +Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte gr"u"send +mit seiner Zeitung. + +Sobald Emma{\s} Pferd weichen Boden unter sich f"uhlte, fing e{\s} +von selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd +an. Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Da{\s} Kinn ein wenig +eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Z"ugeln nach dem +Widerrist zu vorhaltend, so "uberlie"s sie sich der wiegenden +Galoppade. + +E{\s} ging die Anh"ohe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die +G"aule pl"otzlich. Emma{\s} langer blauer Schleier flatterte +weiter. + +E{\s} war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag "uber den +Fluren. In langen Schwaden beengten sie den Gesicht{\s}krei{\s} +und lie"sen die H"ugel nur in Umri"slinien erkennen. Hin und +wieder rissen die Nebel au{\s}einander, flogen wie in Fetzen auf +und zerstoben. Dann erblickte man durch die L"ucken in der Ferne +die D"acher von Yonville im Sonnenscheine, die G"arten am +Bachufer, die Geh"ofte und Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich +M"uhe, ihr Hau{\s} herau{\s}zufinden, und noch nie war ihr der +armselige Ort, in dem sie da lebte, so klein vorgekommen. Von der +H"ohe, auf der sie hielten, glich die ganze Niederung einem +ungeheuer gro"sen, fahlen, verdunstenden See. Die buschigen +B"aume, die hie und da au{\s} ihm herau{\s}ragten, sahen wie +schwarze Riffe au{\s}, und die Reihen der hohen Pappeln wie lange +Wellenz"uge, die der Wind kr"auselt. + +"Uber dem Rasen unter den Tannen sickerte braune{\s} Licht durch +die laue Luft. Der Boden, r"otlich wie zerbl"atterter Tabak, +d"ampfte die Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten "uber den +Weg, von den Hufen ber"uhrt. + +Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur +Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die St"amme der +B"aume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vor"uber, da"s die +unaufh"orliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde +keuchten. + +Gerade, al{\s} sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor. + +"`Gott ist mit un{\s}!"' sagte Rudolf. + +"`Glauben Sie denn an ihn?"' fragte sie. + +"`Galopp! Galopp!"' rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge. +Beide Tiere gehorchten. + +Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten de{\s} Pfade{\s} standen, +verfingen sich in Emma{\s} Steigb"ugel. Rudolf, der zur Linken +Emma{\s} ritt, b"uckte sich jede{\s}mal im Weiterreiten und +befreite sie wieder. Ein paarmal galoppierte er ganz dicht neben +ihr hin, um "uberh"angende Zweige von ihr abzuwehren; dann f"uhlte +sie, wie sein rechte{\s} Knie ihr linke{\s} Bein ber"uhrte. + +Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt r"uhrte +sich. Sie kamen "uber weite Felder, ganz voll bl"uhenden +Heidekraut{\s}, und hie und da leuchteten unter dem grauen und +gelben und goldbraunen Bl"atterwerk der B"aume Flecke von wilden +Veilchen auf. Im Geb"usch regte sich "ofter{\s} leiser +Fl"ugelschlag. Leise kr"achzend flogen Raben um die Eichen. + +Sie sa"sen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm +vorau{\s}, den Weg weiter, "uber Moo{\s} in alten Wagenspuren. Ihr +lange{\s} Reitkleid erschwerte ihr da{\s} Gehen, obwohl sie e{\s} +mit der einen Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er +sah zwischen dem schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln da{\s} +lockende Wei"s ihre{\s} Strumpfe{\s}, da{\s} er wie ein St"uck +Nacktheit empfand. + +Emma blieb stehen. + +"`Ich bin m"ude!"' sagte sie. + +"`Gehen wir weiter! Versuchen Sie e{\s}!"' bat er. "`Mut!"' + +Hundert Schritte weiter blieb sie abermal{\s} stehen. Der blaue +Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bi{\s} zu den H"uften +herabwallte, "ubergo"s ihr Gesicht mit bl"aulichem Licht. E{\s} +sah au{\s}, wie in da{\s} Blau de{\s} Himmel{\s} getaucht. + +"`Wohin gehen wir denn?"' + +Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und +bi"s sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in +der gef"allte Baumst"amme dalagen. Sie setzten sich beide auf +einen. + +Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht +durch "Uberschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst, +schwerm"utig. Sie h"orte ihm gesenkten Haupte{\s} zu, w"ahrend sie +mit der Spitze ihre{\s} Stiefel{\s} den Waldboden aufscharrte. +Aber bei dem Satze: + +"`Sind unsre beiden Leben{\s}pfade nunmehr nicht in einen +zusammengelaufen?"' unterbrach sie ihn: + +"`Nein! Da{\s} wissen Sie doch! E{\s} ist unm"oglich!"' + +Sie stand auf und wollte gehen. Er umfa"ste ihr Handgelenk, und so +blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht +schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig: + +"`Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zur"uck zu unsern +Pferden!"' + +Rudolf machte eine Bewegung zornigen "Arger{\s}. Sie wiederholte: + +"`Gehen wir zu unsern Pferden!"' + +Da l"achelte er seltsam und n"aherte sich ihr mit vorgestreckten +H"anden, zusammengebissenen Z"ahnen und starrem Blicke. Sie wich +zitternd zur"uck und stammelte: + +"`Ich f"urchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zur"uck!"' + +"`Wenn e{\s} sein mu"s!"' gab er zur Antwort. Sein +Gesicht{\s}au{\s}druck wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, +z"artlich, sch"uchtern au{\s}. + +Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den R"uckweg an. + +"`Wa{\s} hatten Sie denn vorhin?"' fragte er. "`Wa{\s} war e{\s}? +Ich habe Sie nicht begriffen. Gewi"s haben Sie mich mi"sverstanden. +Sie thronen in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und +unerreichbar! Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich mu"s Ihre +Augen sehen, Ihre Stimme h"oren, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie +meine Freundin, meine Schwester, mein Schutzengel!"' + +Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm +sanft zu entwinden, aber er lie"s sie nicht lo{\s}. So gingen sie +nebeneinander hin. Da h"orten sie ihre Pferde, die Bl"atter von +den B"aumen rupften. + +"`Noch nicht!"' bat Rudolf. "`Reiten wir noch nicht zur"uck! +Bleiben Sie!"' + +Er zog sie mit sich vom Wege ab in die N"ahe eine{\s} kleinen +Weiher{\s}, dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen +Schilf tr"aumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Ger"ausch ihrer +Schritte im Gra{\s} h"upften die Fr"osche davon und verschwanden. + +"`E{\s} ist nicht recht von mir ... e{\s} ist nicht recht von mir! +Ich bin toll, da"s ich auf Sie h"ore!"' + +"`Warum? Emma! Emma!"' + +"`Ach, Rudolf!"' fl"usterte die junge Frau, indem sie sich an ihn +anschmiegte. + +Da{\s} Tuch ihre{\s} Jackett{\s} lag dicht am Samt seine{\s} +Rocke{\s}. Sie bog ihren wei"sen Hal{\s} zur"uck, den ein Seufzer +schwellte. Halb ohnm"achtig und tr"anen"uberstr"omt, die H"ande +auf ihr Gesicht pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich +ihm hin~... + +Die D"ammerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont +und flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im +Laub und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, al{\s} h"atten +Kolibri{\s} im Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. +Ring{\s} tiefe{\s} Schweigen. Die B"aume atmeten s"u"se +Melancholie. + +Emma f"uhlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr da{\s} Blut +durch den K"orper kreiste. + +In der Ferne, hinter dem Walde, "uber der H"ohe ert"onte ein +langgezogener seltsamer Schrei, unaufh"orlich. Dem lauschte sie +schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen +ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik~... + +Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seine{\s} +Taschenmesser{\s} einen zerrissenen Z"ugel wieder her. + +Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zur"uck. Sie sahen im +weichen Boden die Spuren ihre{\s} Hinritte{\s}, die Huftritte +beider Pferde dicht beieinander, sie erkannten die B"usche wieder +und einzelne Steine am Rain. Nicht{\s} um sie herum hatte sich +ver"andert, und doch kam e{\s} Emma vor, al{\s} sei etwa{\s} +h"ochst Bedeutsame{\s} geschehen, al{\s} seien die Berge von ihrem +Platze geschoben. Von Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr +her"uber, um ihre rechte Hand zu erfassen und zu k"ussen. Er fand +Emma im Sattel ent\/z"uckend au{\s}sehend, bei ihrem geraden Sitz, +ihrer schlanken Figur, der schicken Haltung ihre{\s} rechten +Knie{\s}, ihren von der scharfen Luft ger"oteten Wangen, -- +alle{\s} im Abendrot. + +Al{\s} sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal +machte e{\s} sogar kehrt. Au{\s} allen Fenstern sah man ihr zu. + +Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma s"ahe vorz"uglich +au{\s}. Al{\s} er sich aber darnach erkundigte, wie der +Spazierritt gewesen sei, tat sie, al{\s} h"atte sie die Frage +"uberh"ort. Sie st"utzte sich auf die Ellenbogen und starrte "uber +ihren Teller weg in die flackernden Kerzen. + +"`Emma!"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +"`Wei"st du, ich bin heute nachmittag beim Pferdeh"andler gewesen. +Er hat eine recht gut au{\s}sehende alte Mutterstute zu verkaufen. +Die Knie sind nur ein bi"schen durch. Ich bin "uberzeugt, f"ur +hundert Taler~..."' Da sie nicht{\s} dazu sagte, fuhr er nach ein +paar Augenblicken fort: "`Ich habe gedacht, e{\s} sei dir +erw"unscht, und da habe ich mir den Gaul zur"uckstellen lassen ... +nein, gleich gekauft ... Ist{\s} dir recht? Sag mal!"' + +Sie nickte bejahend mit dem Kopfe. + +Eine Viertelstunde sp"ater fragte sie: + +"`Gehst du heute abend au{\s}?"' + +"`Ja. Warum denn?"' + +"`Ach, ich wollt e{\s} blo"s wissen, Bester!"' + +Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und +schlo"s sich ein. + +Sie war zun"achst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die +B"aume, die Wege, die Gr"aben, den Geliebten und f"uhlte seine +Umarmung. Da{\s} Laub wisperte um sie herum, und da{\s} Schilf +rauschte. Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte +"uber ihr Au{\s}sehen. So gro"se schwarze Augen hatte sie noch nie +gehabt! Und wie tief sie lagen! Etwa{\s} Unsagbare{\s} umflo"s +ihre Gestalt. Sie kam sich wie verkl"art vor. + +Immer wieder sagte sie sich: "`Ich habe einen Geliebten! Einen +Geliebten!"' + +Der Gedanke ent\/z"uckte sie. E{\s} war ihr, al{\s} sei sie jetzt +erst Weib geworden. Endlich waren die Liebe{\s}freuden auch f"ur +sie da, die fiebernde Gl"uckseligkeit, auf die sie bereit{\s} +keine Hoffnung mehr gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt +eingetreten, in der alle{\s} Leidenschaft, Verz"uckung und Rausch +war. Blaue Unerme"slichkeit breitete sich ring{\s} um sie her, vor +ihrer Phantasie gl"anzte da{\s} Hochland der Gef"uhle, und fern, +tief unten, im Dunkel, weit weg von diesen H"ohen, lag der Alltag. + +Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar +empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Ged"achtnisse mit den +Stimmen der Klosterschwestern. Ent\/z"uckende Kl"ange! Jene +Phantasiegesch"opfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer +M"adchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der +amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu da{\s} +Gef"uhl befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt +triumphierte sie, und ihre so lange unterdr"uckte Sinnlichkeit +wallte nun auf und sch"aumte leben{\s}freudig "uber. Sie geno"s +ihre Liebe ohne Gewissen{\s}k"ampfe, ohne Nervosit"at, ohne +Wirrungen. + +Der Tag darauf verging in neuem s"u"sen Gl"uck. Sie schworen sich +ewige Treue. Emma erz"ahlte ihm von ihren Leiden und Tr"ubsalen. +Er unterbrach sie mit K"ussen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen +Augen an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu +nennen und ihr noch einmal zu sagen, da"s er sie liebe. E{\s} war +wiederum im Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherh"utte. Die +W"ande waren von Strohmatten und da{\s} Dach so niedrig, da"s man +drin nicht aufrecht stehen konnte. Sie sa"sen dicht beieinander +auf einer Streu von trocknem Laub. + +Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelm"a"sig alle +Abende. Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn +unter einen lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach +f"uhrte, verbarg. Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von +sich hin. Seine Briefe waren sehr kurz, wor"uber sie sich alle +Tage beklagte. + +Eine{\s} Morgen{\s}, da Karl bereit{\s} vor Sonnenaufgang +fortgegangen war, geriet sie pl"otzlich auf den Einfall, +unverweilt Rudolf sehen zu wollen. Ehe die Yonviller aufst"anden, +konnte sie nach der H"uchette gehen, eine Stunde dort verweilen +und wieder zur"uckkommen. Dieser Plan lie"s sie gar nicht recht +zur Besinnung kommen. Ein paar Augenblicke sp"ater war sie schon +mitten in den Wiesen. Ohne sich umzublicken, schritt sie eilig +ihre{\s} Weg{\s}. + +Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie da{\s} Gut +de{\s} Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem +h"ochsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab. + +"Uber den Hof weg stand ein gro"se{\s} Geb"aude. Da{\s} mu"ste +da{\s} Herrenhau{\s} sein. Dort trat sie ein. E{\s} war ihr, +al{\s} "offnete sich ihr alle{\s} von selbst. Eine breite Treppe +f"uhrte auf einen Gang. Emma dr"uckte auf die Klinke einer T"ur, +und da erblickte sie im Hintergrunde diese{\s} Zimmer{\s} einen +Mann im Bett. E{\s} war Rudolf. Sie frohlockte laut. + +"`Du? Du!"' rief er au{\s}. "`Wie hast du da{\s} fertig gebracht? +Dein Kleid ist feucht~..."' + +"`Ich liebe dich!"' war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um +den Hal{\s} schlang. + +Nachdem ihr diese{\s} Wagni{\s} beim ersten Male gegl"uckt war, +kleidete sich Emma jede{\s}mal, wenn Karl fr"uhzeitig fort mu"ste, +rasch an und schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere +Gartenpforte, auf dem Treppchen, da{\s} hinunter nach dem Bache +f"uhrte, au{\s} dem Hause. Aber wenn die Planke, die al{\s} Steg +"uber da{\s} Wasser diente, zuf"allig weggenommen war, mu"ste sie +ein St"uck bi{\s} zum n"achsten Steg an den Gartenmauern l"ang{\s} +de{\s} Bache{\s} hingehen. Die bewachsene B"oschung war steil und +glitschig, und so mu"ste sie sich mit der einen Hand an B"uscheln +der vertrockneten Mauerblumen festhalten, um nicht zu fallen. Dann +aber eilte sie querfeldein "uber die "Acker, ungeachtet, da"s ihre +zierlichen Schuhe einsanken, da"s sie oft stolperte oder stecken +blieb. Da{\s} Chiffontuch, da{\s} sie sich um Kopf und Hal{\s} +gewunden hatte, flatterte im Winde. Au{\s} Angst vor den weidenden +Ochsen begann sie zu laufen. Atemlo{\s}, mit gl"uhenden Wangen, +ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer S"afte, ihre{\s} Gr"un{\s} +und der freien Luft durchtr"ankt, kam sie an. Rudolf schlief dann +meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der +leibhaftgewordene Fr"uhling{\s}morgen. + +Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten da{\s} eindringende +goldene Morgenlicht traulich und d"ammerig. Mit blinzelnden Augen +fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gew"andern +leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwa{\s} Feenhafte{\s}. +Rudolf zog sie lachend zu sich und dr"uckte sie an sein Herz. + +Darnach sah sie sich im Zimmer alle{\s} an, zog alle F"acher auf, +k"ammte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem +Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine gro"se Tabak{\s}pfeife in +den Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und +Zuckerst"ucken, neben der Wasserflasche. + +Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma +vergo"s Tr"anen. Am liebsten w"are sie gar nicht wieder von ihm +weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von +neuem in seine Arme. + +Da eine{\s} Tage{\s}, al{\s} er sie unerwartet eintreten sah, +machte er ein bedenkliche{\s} Gesicht, al{\s} ob e{\s} ihm nicht +recht w"are. + +"`Wa{\s} hast du denn?"' fragte sie. "`Hast du Schmerzen? +Sprich!"' + +Schlie"slich erkl"arte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche +beg"onnen unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Allm"ahlich machten Rudolf{\s} Bef"urchtungen auf Emma Eindruck. +Zuerst hatte die Liebe sie berauscht, und so hatte sie an +nicht{\s} andre{\s} gedacht. Jetzt aber, da ihr diese Liebe zu +einer Leben{\s}bedingung geworden war, erwachte die Furcht in ihr, +e{\s} k"onne ihr etwa{\s} davon verloren gehen oder man k"onne sie +ihr gar st"oren. Wenn sie von dem Geliebten wieder heimging, hielt +sie mit rastlosen Blicken Umschau; sie sp"ahte nach allem, wa{\s} +sich im Gesicht{\s}kreise regte, sie suchte die H"auser de{\s} +Orte{\s} bi{\s} hinauf in die Dachluken ab, ob jemand sie +beobachte. Sie lauschte auf jede{\s} Ger"ausch, jeden Tritt, +jede{\s} R"adergeknarr. Manchmal blieb sie stehen, blasser und +zittriger al{\s} da{\s} Laub der Pappeln, die sich "uber ihrem +Haupte wiegten. + +Eine{\s} Morgen{\s}, auf dem Heimwege, erblickte sie mit einem +Male den Lauf eine{\s} Gewehr{\s} auf sich gerichtet. E{\s} ragte +schr"ag "uber den oberen Rand einer Tonne hervor, die zur H"alfte +in einem Graben stand und vom Geb"usch verdeckt wurde. Vor Schreck +halb ohnm"achtig ging Emma dennoch weiter. Da tauchte ein Mann +au{\s} der Tonne wie ein Springteufel au{\s} seinem Kasten. Er +trug Wickelgamaschen bi{\s} an die Knie, und die M"utze hatte er +tief in{\s} Gesicht hereingezogen, so da"s man nur eine rote Nase +und bebende Lippen sah. E{\s} war der Feuerwehrhauptmann Binet, +der auf dem Anstand lag, um Wildenten zu schie"sen. + +"`Sie h"atten schon von weitem rufen sollen!"' schrie er ihr zu. +"`Wenn man ein Gewehr sieht, mu"s man sich bemerkbar machen!"' + +Der Steuereinnehmer suchte durch seine Grobheit seine eigene Angst +zu bem"anteln. E{\s} bestand n"amlich eine landr"atliche +Verordnung, nach der man die Jagd auf Wildenten nur vom Kahne +au{\s} betreiben durfte. Bei allem Respekt vor den Gesetzen machte +sich also Binet einer "Ubertretung schuldig. De{\s}halb schwebte +er in steter Furcht, der Landgendarm k"onne ihn erwischen, und +doch f"ugte die Aufregung seinem Vergn"ugen einen Reiz mehr zu. +Wenn er so einsam in seiner Tonne sa"s, war er stolz auf sein +Jagdgl"uck und seine Schlauheit. + +Al{\s} er erkannte, da"s e{\s} Frau Bovary war, fiel ihm ein +gro"ser Stein vom Herzen. Er begann sofort ein Gespr"ach mit ihr. + +"`E{\s} ist kalt heute! Ordentlich kalt!"' + +Emma gab keine Antwort. Er fuhr fort: + +"`Sie sind heute schon zeitig auf den Beinen?"' + +"`Jawohl!"' stotterte sie. "`Ich war bei den Leuten, wo mein Kind +ist..."' + +"`So so! Na ja! Und ich! So wie Sie mich sehen, sitze ich schon +seit Morgengrauen hier. Aber da{\s} Wetter ist so ruppig, da"s man +auch nicht einen Schwanz vor die Flinte kriegt~..."' + +"`Adieu, Herr Binet!"' unterbrach sie ihn und wandte sich kurz von +ihm ab. + +"`Ihr Diener, Frau Bovary!"' sagte er trocken und kroch wieder in +seine Tonne. + +Emma bereute e{\s}, den Steuereinnehmer so unfreundlich stehen +gelassen zu haben. Zweifello{\s} hegte er allerlei ihr nachteilige +Vermutungen. Auf eine d"ummere Au{\s}rede h"atte sie auch wirklich +nicht verfallen k"onnen, denn in ganz Yonville wu"ste man, da"s +da{\s} Kind schon seit einem Jahre wieder bei den Eltern war. Und +sonst wohnte in dieser Richtung kein Mensch. Der Weg f"uhrte +einzig und allein nach der H"uchette. Somit mu"ste Binet erraten, +wo Emma gewesen war. Sicherlich w"urde er nicht schweigen, sondern +e{\s} au{\s}klatschen! Bi{\s} zum Abend marterte sie sich ab, alle +m"oglichen L"ugen zu ersinnen. Immer stand ihr dieser Idiot mit +seiner Jagdtasche vor Augen. + +Al{\s} Karl nach dem Essen merkte, da"s Emma bek"ummert war, +schlug er ihr vor, zur Zerstreuung mit zu "`Apotheker{\s}"' zu +gehen. + +Die erste Person, die sie schon von drau"sen in der Apotheke im +roten Lichte erblickte, war -- au{\s}gerechnet -- der +Steuereinnehmer. Er stand an der Ladentafel und sagte gerade: + +"`Ich m"ochte ein Lot Vitriol."' + +"`Justin,"' schrie der Apotheker, "`bring mir mal die Schwefels"aure +her!"' Dann wandte er sich zu Frau Bovary, die die Treppe zum +Zimmer von Frau Homai{\s} hinaufgehen wollte. + +"`Ach, bleiben Sie nur gleich unten! Meine Frau kommt jeden +Augenblick herunter. W"armen Sie sich inzwischen am Ofen ... +Entschuldigen Sie!"' Und zu Bovary sagte er: "`Guten Abend, +Doktor!"' Der Apotheker pflegte n"amlich diesen Titel mit einer +gewissen Vorliebe in den Mund zu nehmen, al{\s} ob der Glanz, der +darauf ruhte, auch auf ihn ein paar Strahlen w"urfe. "`Justin, +nimm dich aber in acht und wirf mir die M"orser nicht um! So! Und +nun holst du ein paar St"uhle au{\s} dem kleinen Zimmer! Aber +nicht etwa die Fauteuil{\s} au{\s} dem Salon! Verstanden?"' + +Homai{\s} wollte selber zu seinen Fauteuil{\s} st"urzen, aber +Binet bat noch um ein Lot Zuckers"aure. + +"`Zuckers"aure?"' fragte der Apotheker eingebildet. "`Kenne ich +nicht! Gibt e{\s} nicht! Sie meinen wahrscheinlich Oxals"aure? +Also Oxals"aure, nicht wahr?"' + +Der Steuereinnehmer setzte ihm au{\s}einander, da"s er nach einem +selbsterfundenen Rezepte ein Putzwasser herstellen wollte, zur +Reinigung von verrostetem Jagdger"at. + +Bei dem Wort "`Jagd"' schrak Emma zusammen. + +Der Apotheker versetzte: + +"`Gewi"s! Bei solch schlechtem Wetter braucht man da{\s}!"' + +"`E{\s} gibt aber doch Leute, die e{\s} nicht anficht!"' meinte +Binet bissig. + +Emma bekam keine Luft. + +"`Und dann m"ocht ich noch~..."' + +"`Will er denn ewig hier bleiben!"' seufzte sie bei sich. + +"`... je ein Lot Kolophonium und Terpentin, acht Lot gelbe{\s} +Wach{\s} und sieben Lot Knochenkohle, bitte! Zum Polieren +meine{\s} Lederzeug{\s}."' + +Der Apotheker wollte gerade da{\s} Wach{\s} abschneiden, al{\s} +seine Frau erschien, die kleine Irma im Arme, Napoleon zur Seite, +und Athalia hinterdrein. Sie setzte sich auf die mit Pl"usch +"uberzogene Fensterbank. Der Junge l"ummelte sich auf einen +niedrigen Sessel, w"ahrend sich seine "altere Schwester am Kasten +mit den Malzbonbon{\s} zu schaffen machte, in n"achster N"ahe von +"`Papachen"', der mit dem Trichter hantierte, die Fl"aschchen +verkorkte, Etiketten darauf klebte und dann alle{\s} zu einem +Paket verpackte. Um ihn herrschte Schweigen. Man h"orte nicht{\s}, +al{\s} von Zeit zu Zeit da{\s} Klappern der Gewichte auf der Wage +und ein paar leise anordnende Worte, die der Apotheker dem +Lehrling erteilte. + +"`Wie geht{\s} Ihrem T"ochterchen?"' fragte pl"otzlich Frau +Homai{\s}. + +"`Ruhe!"' rief ihr Gatte, der den Betrag in da{\s} +Gesch"aft{\s}buch eintrug. + +"`Warum haben Sie{\s} nicht mitgebracht?"' fragte sie weiter. + +"`Sst! Sst!"' machte Emma und wie{\s} mit dem Daumen nach dem +Apotheker. + +Binet, der in die erhaltene Nota ganz vertieft war, schien nicht +darauf geh"ort zu haben. Endlich ging er. Erleichtert stie"s Emma +einen lauten Seufzer au{\s}. + +"`Bi"schen asthmatisch?"' bemerkte Frau Homai{\s}. + +"`Ach nein, e{\s} ist nur recht hei"s hier!"' entgegnete Frau +Bovary. + +Alle{\s} da{\s} hatte zur Folge, da"s die Liebenden tag{\s} darauf +beschlossen, ihre Zusammenk"unfte ander{\s} einzurichten. Emma +schlug vor, ihr Hau{\s}m"adchen in{\s} Vertrauen zu ziehen und +durch ein Geschenk mundtot zu machen. Rudolf aber hielt e{\s} f"ur +besser, in Yonville irgendein stille{\s} Winkelchen au{\s}findig +zu machen. Er versprach, sich darnach umzusehen. + +Den ganzen Winter "uber kam er drei- oder viermal in der Woche bei +Anbruch der Nacht in den Garten. Emma hatte ihm den Schl"ussel zur +Hinterpforte gegeben, w"ahrend Karl glaubte, er sei verloren +gegangen. Zum Zeichen, da"s er da war, warf Rudolf jede{\s}mal +eine Handvoll Sand gegen die Jalousien. Emma erhob sich daraufhin, +aber oft mu"ste sie noch warten, denn Karl hatte die Angewohnheit, +am Kamine zu sitzen und in{\s} Endlose hinein zu plaudern. Emma +verging beinahe vor Ungeduld und w"unschte ihren Mann wer wei"s +wohin. Schlie"slich begann sie ihre Nachttoilette zu machen; dann +nahm sie ein Buch zur Hand und tat so, al{\s} sei da{\s} Buch +"uber alle Ma"sen fesselnd. Karl ging indessen zu Bett und rief +ihr zu, sie solle auch schlafen gehn. + +"`Komm doch, Emma!"' rief er. "`E{\s} ist schon sp"at!"' + +"`Gleich! Gleich!"' erwiderte sie. + +Da{\s} Kerzenlicht blendete ihn. Er drehte sich gegen die Wand und +schlief ein. Sie schl"upfte hinau{\s}, mit verhaltenem Atem, +l"achelnd, zitternd, halbnackt. + +Rudolf h"ullte sie ganz mit hinein in seinen weiten Mantel, +schlang die Arme um sie und zog sie wortlo{\s} hinter in den +Garten, in die Laube, auf die morsche Holzbank, auf der sie +dereinst so oft mit Leo gesessen hatte. Da{\s} war an +Sommerabenden gewesen. Wie verliebt hatten seine Augen +geschimmert! Aber jetzt dachte Emma nicht mehr an ihn. + +Durch die kahlen Zweige der Ja{\s}minb"usche funkelten die Sterne. +Hinter dem Paare rauschte der Bach, und hin und wieder knackte am +Ufer da{\s} vertrocknete hohe Schilf. Manchmal formte e{\s} sich +im Dunkel zu einem massigen Schatten, der mit einem Male Leben +bekam, sich emporrichtete und wieder neigte und wie ein +schwarze{\s} Unget"um auf die beiden zuzukommen schien, um sie zu +erdr"ucken. + +In der K"alte der Nacht wurden ihre Umarmungen um so inniger und +ihr Liebe{\s}gestammel um so inbr"unstiger. Ihre Augen, die sie +gegenseitig kaum erkennen konnten, erschienen ihnen gr"o"ser, und +in der Stille ring{\s}um bekamen ihre ganz leise gefl"usterten +Worte einen kristallenen Klang, drangen tief in die Seelen und +zitterten in ihnen tausendfach wider. + +Wenn die Nacht regnerisch war, fl"uchteten sie in Karl{\s} +Sprechzimmer, da{\s} zwischen dem Wagenschuppen und dem +Pferdestall gelegen war. Emma z"undete eine K"uchenlampe an, die +sie hinter den B"uchern bereitgestellt hatte. Rudolf machte +sich{\s} bequem, al{\s} sei er zu Hause. Der Anblick der +"`Bibliothek"', de{\s} Schreibtische{\s}, der ganzen Einrichtung +erregte seine Heiterkeit. Er konnte nicht umhin, "uber Karl +allerhand Witze zu machen, wa{\s} Emma ungern h"orte. Sie h"atte +ihn viel lieber ernst sehen m"ogen, ihretwegen theatralischer, wie +er e{\s} einmal gewesen war, al{\s} sie in der Pappelallee da{\s} +Ger"ausch von n"aherkommenden Tritten hinter sich zu vernehmen +w"ahnten. + +"`E{\s} kommt jemand!"' sagte sie einmal. + +Er blie{\s} da{\s} Licht au{\s}. + +"`Hast du eine Pistole bei dir?"' + +"`Wozu?"' + +"`Damit du ... dich ... verteidigen kannst!"' + +"`Gegen deinen Mann? Der arme Junge!"' Dazu machte er eine +Geb"arde, die etwa sagen sollte: "`Der mag mir nur kommen!"' + +Dieser Mut ent\/z"uckte sie, wenngleich sie die Unzartheit und +urw"uchsige Roheit herau{\s}h"orte und dar"uber entsetzt war. + +Rudolf dachte viel "uber diese kleine Szene nach. + +"`Wenn da{\s} ihr Ernst war,"' sagte er sich, "`so war da{\s} +recht l"acherlich, sogar h"a"slich."' Er hatte doch wahrlich +keinen Anla"s, ihren gutm"utigen Mann zu hassen. Sozusagen "`von +Eifersucht verzehrt"', da{\s} war er nicht. "Uberdie{\s} hatte ihm +Emma ihre k"orperliche Treue mit einem feierlichen Eid beteuert, +der ihm ziemlich abgeschmackt erschienen war. "Uberhaupt fing sie +an, recht sentimental zu werden. Er hatte Miniaturbildnisse mit +ihr tauschen m"ussen, und sie hatten sich alle beide eine ganze +Handvoll Haare f"ur einander abgeschnitten, und jetzt w"unschte +sie sich sogar einen wirklichen Ehering von ihm, zum Zeichen +ewiger Zusammengeh"origkeit. H"aufig schw"armte sie ihm von den +Abendglocken vor oder von den Stimmen der Natur. Oder sie +erz"ahlte von ihrer seligen Mutter und wollte von der seinigen +etwa{\s} wissen. Rudolf{\s} Mutter war schon zwanzig Jahre tot. +Trotzdem tr"ostete ihn Emma mit allerlei Koseworten der +Klein-Kindersprache, al{\s} ob e{\s} g"olte, ein Wickelkind zu +beruhigen. Mehr al{\s} einmal hatte sie, zu den Sternen +aufblickend, au{\s}gerufen: + +"`Ich glaube fest, da droben, unsre beiden M"utter segnen unsre +Liebe!"' + +Aber sie war so h"ubsch! Und eine so unverdorbene Frau hatte er +noch nie besessen. Solch eine Liebschaft ohne Unz"uchtigkeiten war +ihm, der da{\s} Verdorbenste kannte, etwa{\s} ganz Neue{\s}, +da{\s} seinen Manne{\s}stolz und seine Sinnlichkeit verf"uhrerisch +umschmeichelte. Selbst Emma{\s} "Uberschwenglichkeiten, so zuwider +sie einem Naturmenschen wie ihm waren, fand er bei n"aherer +Betrachtung reizend, da sie doch ihm galten. Aber weil er so +sicher war, da"s er geliebt wurde, lie"s er sich gehen, und +allm"ahlich "anderte sich sein Benehmen. + +Nicht mehr wie einst hatte er f"ur sie jene s"u"sen Worte, die +Emma zu Tr"anen r"uhrten, nicht mehr die st"urmischen +Liebkosungen, die sie toll gemacht hatten. Und so kam e{\s} ihr +vor, al{\s} ob der Strom ihrer eignen gro"sen Liebe, in der sie +v"ollig untergetaucht war, niedriger w"urde; sie sah gleichsam auf +den schlammigen Grund. Vor dieser Erkenntni{\s} schauderte sie, +und darum verdoppelte sie ihre Z"artlichkeiten. Rudolf indessen +verriet seine Gleichg"ultigkeit immer mehr. + +Emma war sich selber nicht klar dar"uber, ob sie e{\s} bereuen +m"usse, sich ihm geschenkt zu haben, oder ob e{\s} nicht besser +f"ur sie sei, wenn sie ihn noch viel mehr liebte. Dann aber begann +sie ihre Schwachheit al{\s} Schmach zu empfinden, und der Groll +dar"uber beeintr"achtigte ihr den sinnlichen Genu"s. Sie gab sich +ihm nicht mehr hin, sie lie"s sich jede{\s}mal von neuem +verf"uhren. Aber er meisterte sie, und sie f"urchtete sich beinahe +vor ihm. + +Ihre Beziehungen zueinander gewannen nach au"sen ein harmlose{\s} +Gepr"age wie nie zuvor. Da{\s} war so recht nach Rudolf{\s} +Wunsch. So war ihm der Ehebruch recht. Nach einem halben Jahre, +al{\s} der Fr"uhling in{\s} Land kam, waren sie fast wie zwei +Eheleute zueinander, die ihre Liebe{\s}opfer an der gem"utlichen +Flamme de{\s} h"au{\s}lichen Herde{\s} bringen. + +Um diese Zeit schickte Vater Rouault wie allj"ahrlich eine +Truthenne zur Erinnerung an da{\s} geheilte Bein. Mit der Gabe +kam, wie immer, ein Brief. Emma zerschnitt den Bindfaden, mit dem +er an den Korb gebunden war, und la{\s} die folgenden Zeilen: + +"`Meine liben Kinder, hofentlig trift euch di hir gesund und wol +und i{\s} si so gut wi di fr"ueren. Mir komt sie n"amlig ein +bissel zarter vor sozusagen nich so kombakt, da{\s} n"achste mal +schik ich euch zur abwek{\s}lung mal einen Han oder wolt "ur liber +ein par junge un schikt mir den Korb zer"uk, bite un auch di +vorgen, ich hab Ungl"uk mit der r"omise gehabt der ihr Dach ist +mir neulig nacht{\s} bei dem grosen Sturm in die B"aume geflogen, +die ernte ist die{\s}mal nich besonder{\s} ber"umt. Kurz und gut +ich wei{\s} nicht wan ich zu euch zu besuch kome, da{\s} ist jez +so ne Sache, ich kan schwer vom Hofe weg seit ich allein bin meine +arme Emma."' + +Hier war ein gro"ser Absatz, al{\s} ob der gute Mann seine Feder +hingelegt hatte, um dazwischen eine Weile zu tr"aumen. + +"`Wa{\s} mich anbelangt so geht{\s} mir leidlig bi{\s} auf den +Schnuppen den ich mir neulig auf der messe in Yvetot geholt hab wo +ich war, einen neuen Sch"afer zu mieten. Den alten hab ich n"amlig +nau{\s}geschmisen wegen seiner Grosen klape. E{\s} i{\s} wirklig +schrecklig mit diesen Gesindel, mausen tat er "ubrigen{\s} auch. + +"`Von nem Hausierer der vergangnen Winter durch eure Gegend +gekomen i{\s} und sich bei euch nen Zan hat zihn lasen, hab ich +vernomen da{\s} Karl imer feste ze tun hat. Da{\s} wundert mich +kar nich und den Zan hat er mir gezeigt. Ich hab in zu ner tase +Kafee dabehalten. Ich fragt in ob er dich auch gesehen hat, da +sagte er Nein aber im Stale h"ate er zwei G"aule stehn sehn +worau{\s} ich schlise da{\s} der kurkenhandel bei euch gut geht. +Da{\s} freut mich sehr meine liben Kinder der libe got m"og euch +ale{\s} m"oglige Gl"uk schenken. E{\s} tut mir s"or leid da{\s} +ich mein libe{\s} Enkelkind Berta Bovary noch imer nich kene. Ich +habe f"ur si unter deiner Stube ein Flaumenb"aumgen geflanzt. +Da{\s} sol nich anger"urt werden auser sp"ater um die Flaumen f"ur +Berta einzumagen. Di werde ich dan im schrank aufheben und wen si +komt krigt si imer welge. Adi"o libe Kinder. Ig k"use dich libe +Emma un auch dich liber Schwigerson und di kleine auf ale beide +Baken un verbleibe mit tausen Gr"usen euer euch \nopagebreak + +\hfill libender vater \hspace{7em}\nopagebreak + +\hfill Theodor Rouault."' \hspace{5em} + +Ein paar Minuten hielt sie da{\s} St"uck grobe{\s} Papier noch +nach dem Lesen in den H"anden. Die Verst"o"se gegen die +Rechtschreibung jagten sich in den v"aterlichen Zeilen nur so, +aber Emma ging einzig und allein dem lieben Geist darin nach, der +wie eine Henne au{\s} einer dicken Dornenhecke allenthalben +hervorgackerte. Rouault hatte die noch nassen Schrift\/z"uge +offenbar mit Herdasche getrocknet, denn au{\s} dem Briefe rieselte +eine Menge grauen Staube{\s} auf da{\s} Kleid der Leserin. Sie +glaubte, den Vater geradezu leibhaftig vor sich zu sehen, wie er +sich nach dem Aschekasten b"uckte. Ach, wie lange war e{\s} schon +her, da"s sie nicht mehr bei ihm war! Im Geiste sah sie sich +wieder auf der Bank am Herde sitzen, wie sie da{\s} Ende eine{\s} +Stecken{\s} an der gro"sen Flamme de{\s} Funken spr"uhenden +Ginsterreisig{\s} anbrennen lie"s. Und dann dachte sie zur"uck an +gewisse sonnendurchgl"uhte Sommerabende, wo die F"ullen so hell +aufwieherten, wenn man in ihre N"ahe kam, und dann +weggaloppierten. Diese drolligen Galoppspr"unge! Im Vaterhause, +unter ihrem Fenster, da stand ein Bienenkorb, und manchmal waren +die Bienen, wenn sie in der Sonne au{\s}schw"armten, gegen die +Scheiben geflogen wie fliegende Goldkugeln. Da{\s} war doch +eigentlich eine gl"uckliche Zeit gewesen! Voller Freiheit! Voller +Erwartung und voller Illusionen! Nun waren sie alle zerronnen! Bei +dem, wa{\s} sie erlebt, hatte sie ihre Seele verbraucht, in allen +den verschiedenen Abschnitten ihre{\s} Dasein{\s}, al{\s} +junge{\s} M"adchen, dann al{\s} Gattin, zuletzt al{\s} Geliebte. +Sie hatte von ihrer Seele verloren in einem fort, wie jemand, der +auf einer Reise in jedem Gasthause immer ein St"uck von seinen +Habseligkeiten liegen l"a"st. + +Aber warum war sie denn so ungl"ucklich? Wa{\s} war Bedeutsame{\s} +geschehen, da"s sie mit einem Male au{\s} allen Himmeln gest"urzt +war? Sie erhob sich und blickte um sich, gleichsam al{\s} suche +sie den Anla"s ihre{\s} Herzeleid{\s}. + +Ein Strahl der Aprilsonne glitzerte auf dem Porzellan de{\s} +Wandbrette{\s}. Im Kamin war Feuer. Durch ihre Hau{\s}schuhe +hindurch sp"urte sie den weichen Teppich. E{\s} war ein heller +Fr"uhling{\s}tag, und die Luft war lau. + +Da h"orte sie, wie ihr Kind drau"sen laut aufjauchzte. + +Die kleine Berta rutschte im Grase herum. Da{\s} Kinderm"adchen +wollte sie am Kleide wieder in die H"ohe ziehen. Lestiboudoi{\s} +war dabei, den Rasen zu scheren. Jede{\s}mal, wenn er in die N"ahe +de{\s} Kinde{\s} kam, streckte e{\s} ihm beide "Armchen entgegen. + +"`Bring sie mir mal herein!"' rief sie dem M"adchen zu und ri"s +ihr T"ochterchen hastig an sich, um e{\s} zu k"ussen. "`Wie ich +dich liebe, mein arme{\s} Kind! Wie ich dich liebe!"' + +Al{\s} sie bemerkte, da"s e{\s} am Ohre etwa{\s} schmutzig war, +klingelte sie rasch und lie"s sich warme{\s} Wasser bringen. Sie +wusch die Kleine, zog ihr frische W"asche und reine Str"umpfe an. +Dabei tat sie tausend Fragen, wie e{\s} mit der Gesundheit der +Kleinen stehe, just al{\s} sei sie von einer Reise zur"uckgekehrt. +Schlie"slich k"u"ste sie sie noch einmal und gab sie tr"anenden +Auge{\s} dem M"adchen wieder. Felicie war ganz verdutzt "uber +diesen Z"artlichkeit{\s}anfall der Mutter. + +Am Abend fand Rudolf, Emma sei nachdenklicher denn sonst. + +"`Eine vor"ubergehende Laune!"' tr"ostete er sich. + +Dreimal hintereinander vers"aumte er da{\s} Stelldichein. Al{\s} +er wieder erschien, behandelte sie ihn k"uhl, fast geringsch"atzig. + +"`Schade um die Zeit, mein Liebchen!"' meinte er. Und er tat so, +al{\s} merke er weder ihre sentimentalen Seufzer noch da{\s} +Taschentuch, da{\s} sie herau{\s}zog. + +Jetzt kam wirklich die Reue "uber sie. Sie fragte sich, au{\s} +welchem Grunde sie eigentlich ihren Mann hasse und ob e{\s} nicht +besser gewesen w"are, wenn sie ihm treu h"atte bleiben k"onnen. +Aber Karl bot ihr keine besondere Gelegenheit, ihm ihren +Gef"uhl{\s}wandel zu offenbaren. Wenn der Apotheker nicht +zuf"allig eine solche heraufbeschworen h"atte, w"are alle ihre +hingebung{\s}volle Anwandlung tatenlo{\s} geblieben. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Homai{\s} hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode, +Klumpf"u"se zu heilen, gelesen, und al{\s} Fortschrittler, der er +war, verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in +Yonville m"usse e{\s} strephopodische Operationen geben, damit +e{\s} auf der H"ohe der Kultur bleibe. + +"`Wa{\s} ist denn dabei zu ri{\s}kieren?"' fragte er Frau Bovary. +Er z"ahlte ihr die Vorteile eine{\s} solchen Versuche{\s} an den +Fingern auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung de{\s} +Kranken. Befreiung von einem Sch"onheit{\s}fehler. Bedeutende +Reklame f"ur den Operateur. "`Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht +beispiel{\s}weise den armen Hippolyt vom Goldnen L"owen kurieren? +Bedenken Sie, da"s er seine Heilung allen Reisenden erz"ahlen +w"urde. Und dann~..."' Der Apotheker begann zu fl"ustern und +blickte scheu um sich, "`... wa{\s} sollte mich daran hindern, +eine kleine Notiz dar"uber in die Zeitung zu bringen? Du mein +Gott! So ein Artikel wird "uberall gelesen ... man spricht davon +... schlie"slich wei"s e{\s} die ganze Welt. Au{\s} Schneeflocken +werden am Ende Lawinen! Und wer wei"s? Wer wei"s?"' + +Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar +keinen Anla"s, Karl{\s} chirurgische Geschicklichkeit zu +bezweifeln, und wa{\s} f"ur eine Befriedigung w"are e{\s} f"ur +sie, die geistige Urheberin eine{\s} Entschlusse{\s} zu sein, der +sein Ansehen und seine Einnahmen steigern mu"ste. Sie verlangte +mehr al{\s} blo"s die Liebe diese{\s} Manne{\s}. + +Vom Apotheker und von seiner Frau best"urmt, lie"s sich Karl +"uberreden. Er bestellte sich in Rouen da{\s} Werk de{\s} +Doktor{\s} D"uval, und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf +zwischen den H"anden, in diese Lekt"ure. W"ahrend er sich "uber +Pferdefu"sbildungen, Varu{\s} und Valgu{\s}, Strephocatopodie, +Strephendopodie, Strephexopodie (d.h. "uber die verschiedenartigen +inneren und "au"serlichen Verkr"uppelungen de{\s} menschlichen +Fu"se{\s}), Strephypopodie und Strephanopodie (da{\s} sind +Fu"sleiden, die oberhalb oder unterhalb der Verkr"uppelung um sich +greifen) unterrichtete, suchte Homai{\s} den Hau{\s}knecht vom +Goldnen L"owen mit allen Mitteln der "Uberredung{\s}kunst zur +Operation zu bewegen. + +"`Du wirst h"ochsten{\s} einen ganz leichten Schmerz sp"uren"', +sagte er zu ihm. "`E{\s} ist nicht{\s} weiter al{\s} ein Einstich +wie beim Aderlassen, nicht schlimmer, al{\s} wenn du dir ein +H"uhnerauge schneiden l"a"st."' + +Hippolyt{\s} bl"ode Augen blickten unschl"ussig um sich. + +"`Im "ubrigen"', fuhr der Apotheker fort, "`kann mir{\s} +nat"urlich ganz egal sein. Dein Nutzen ist e{\s}. Ich rate dir{\s} +nur au{\s} purer N"achstenliebe. Mein lieber Freund, ich m"ochte +dich gar zu gern von deinem scheu"slichen Hinkfu"s befreit sehen, +von diesem ewigen Hin- und Herwackeln mit den H"uften. Du kannst +dagegen sagen, wa{\s} du willst: e{\s} st"ort dich in der +Au{\s}"ubung deine{\s} Beruf{\s} doch erheblich!"' + +Nun schilderte ihm Homai{\s}, wie frei und flott er sich nach +einer Operation werde bewegen k"onnen. Auch gab er ihm zu +verstehen, da"s er dann mehr Gl"uck bei den Weibern haben w"urde, +wor"uber der Bursche albern grinste. + +"`Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du h"attest doch +auch nicht kneifen k"onnen, wenn man dich zu den Soldaten +au{\s}gehoben und in den Krieg geschickt h"atte! Also Hippolyt!"' + +Homai{\s} wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei +ihm noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den +Wohltaten der Wissenschaft derartig st"orrisch ent\/ziehen k"onne. + +Endlich gab der arme Schlucker nach. Da{\s} war ja die reine +Verschw"orung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemal{\s} um die +Angelegenheiten anderer k"ummerte, die L"owenwirtin, Artemisia, +die Nachbarn und selbst der B"urgermeister, alle drangen sie in +ihn, redeten ihm zu und machten ihn l"acherlich. Und wa{\s} +vollend{\s} den Au{\s}schlag gab: die Operation sollte ihm keinen +roten Heller kosten. Bovary versprach sogar, Material und +Medikamente umsonst zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser +Generosit"at. Karl pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: +"`Meine Frau ist doch wirklich ein Engel!"' + +Beraten vom Apotheker, lie"s Karl nach drei fehlgeschlagenen +Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe de{\s} Schlosser{\s} +eine Art Geh"ause anfertigen. E{\s} wog beinahe acht Pfund, und an +Holz, Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart +worden. + +Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mu"ste +zu\-n"achst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfu"s +hier vorlag. Hippolyt{\s} Fu"s setzte sich an sein Schienbein +nahezu geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. +E{\s} war also Pferdefu"s, verbunden mit etwa{\s} Varu{\s} oder, +ander{\s} au{\s}gedr"uckt, ein Fall leichten Varu{\s} mit starker +Neigung zu einem Pferdefu"s. + +Trotz diese{\s} Klumpfu"se{\s}, der in der Tat plump wie ein +Pferdehuf war und runzelige Haut, au{\s}ged"orrte Sehnen und dicke +Zehen mit schwarzen wie eisern au{\s}sehenden N"ageln hatte, war +der Kr"uppel von fr"uh bi{\s} abend munter wie ein Wiesel. Man sah +ihn unaufh"orlich im Hofe um die Wagen herumhumpeln. E{\s} hatte +sogar den Anschein, al{\s} sei sein mi"sratene{\s} Bein kr"aftiger +denn da{\s} gesunde. Offenbar hatte sich Hippolyt, von Jugend auf +im schweren Dienst, sehr viel Geduld und Au{\s}dauer zu eigen +gemacht. + +An einem Pferdefu"s mu"s zun"achst die Achille{\s}sehne +durchschnitten werden, dann die vordere Schienbeinmu{\s}kel. Eher +kann der Varu{\s} nicht beseitigt werden. Karl wagte e{\s} kaum, +beide Schnitte auf einmal zu machen. Auch hatte er gro"se Angst, +einen wichtigen Teil zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse +waren mangelhaft. + +Ambrosiu{\s} Par\'e, der f"unfzehn Jahrhunderte nach Celsu{\s} die +erste unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, D"upuytren, +der e{\s} unternahm, einen Abs\/ze"s am Gehirn zu "offnen, +Gensoul, der al{\s} erster eine Oberkiefer-Abtragung +au{\s}f"uhrte, -- allen diesen hat sicherlich nicht so da{\s} Herz +geklopft und die Hand gezittert, und sie waren gewi"s nicht so +aufgeregt wie Bovary, al{\s} er Hippolyt unter sein Messer nahm. + +Im St"ubchen de{\s} Hau{\s}knecht{\s} sah e{\s} au{\s} wie in +einem Lazarett. Auf dem Tische lagen Haufen von Scharpie, +gewichste F"aden, Binden, alle{\s} wa{\s} in der Apotheke an +Verband{\s}zeug vorr"atig gewesen war. Homai{\s} hatte da{\s} +alle{\s} eigenh"andig vorbereitet, sowohl um die Leute zu +verbl"uffen al{\s} auch um sich selbst etwa{\s} vorzumachen. + +Karl f"uhrte den Einschnitt au{\s}. Ein platzende{\s} Ger"ausch. +Die Sehne war zerschnitten, die Operation beendet. + +Hippolyt war vor Erstaunen au"ser aller Fassung. Er nahm +Bovary{\s} H"ande und bedeckte sie mit K"ussen. + +"`Erst mal Ruhe!"' gebot der Apotheker. "`Die Dankbarkeit f"ur +deinen Wohlt"ater kannst du ja sp"ater bezeigen!"' + +Er ging hinunter, um da{\s} Ereigni{\s} den f"unf oder sech{\s} +Neugierigen mit\/zuteilen, die im Hofe herumstanden und sich +eingebildet hatten, Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male +laufen wie jeder andere. Karl schnallte seinem Patienten da{\s} +Geh"ause an und begab sich sodann nach Hau{\s}, wo ihn Emma +angstvoll an der T"ure erwartete. Sie fiel ihm um den Hal{\s}. + +Sie setzten sich zu Tisch. Er a"s viel und verlangte zum Nachtisch +sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxu{\s} erlaubte er sich sonst +nur Sonntag{\s}, wenn ein Gast da war. + +Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gespr"achen und +gemeinsamem Pl"aneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Gl"ucke, +von der Hebung ihre{\s} Hau{\s}stande{\s}. Er sah seinen +"arztlichen Ruf wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe +seiner Frau immerdar w"ahren. Und sie, sie f"uhlte sich begl"uckt +und verj"ungt, ges"under und besser in ihrer wiedererstandenen +leisen Zuneigung f"ur diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. +Fl"uchtig scho"s ihr der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber +ihre Augen ruhten al{\s}bald wieder auf Karl, und dabei bemerkte +sie erstaunt, da"s seine Z"ahne eigentlich gar nicht h"a"slich +waren. + +Sie waren bereit{\s} zu Bett, al{\s} Homai{\s} trotz der Abwehr +de{\s} M"adchen{\s} pl"otzlich in{\s} Zimmer trat, in der Hand ein +frisch beschriebene{\s} St"uck Papier. E{\s} war der +Reklame-Aufsatz, den er f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' verfa"st +hatte. Er brachte ihn, um ihn dem Arzte zum Lesen zu geben. + +"`Lesen Sie ihn vor!"' bat Bovary. + +Der Apotheker tat e{\s}: + +\begin{quotation}\noindent +"`Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europ"aer noch +immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt e{\s} in unserer +Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser St"adtchen Yonville +der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich ein Beispiel +edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary, einer unserer +angesehensten praktischen "Arzte,~..."' +\end{quotation} + +"`Ach, da{\s} ist zu viel! Da{\s} ist zu viel!"' unterbrach ihn +Karl, vor Erregung tief atmend. + +"`Aber durchau{\s} nicht! Wieso denn?"' + +Er la{\s} weiter: + +\begin{quotation}\noindent +"`... hat den verkr"uppelten Fu"s~..."' +\end{quotation} + +Er unterbrach sich selbst: + +"`Ich habe hier absichtlich den \begin{antiqua}terminus +technicus\end{antiqua} vermieden, wissen Sie! In einer +Tage{\s}zeitung mu"s alle{\s} gemeinverst"andlich sein ... die +gro"se Masse~..."' + +"`Sehr richtig!"' meinte Bovary. "`Bitte fahren Sie fort!"' + +"`Ich wiederhole: + +\begin{quotation}\noindent +Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen "Arzte, +hat den verkr"uppelten Fu"s eine{\s} gewissen Hippolyt Tautain +operiert, de{\s} langj"ahrigen Hau{\s}knecht{\s} im Hotel zum +Goldnen L"owen der verwitweten Frau Franz am Markt. Da{\s} +aktuelle Ereigni{\s} und da{\s} allgemeine Interesse an der +Operation hatten eine derartig gro"se Volk{\s}menge angezogen, +da"s der Zugang zu dem Etablissement gesperrt werden mu"ste. Die +Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell. Blutergu"s trat +so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blut{\s}tropfen verrieten, +da"s ein hartn"ackige{\s} Leiden endlich der Macht der +Wissenschaft wich. Der Kranke versp"urte dabei erstaunlicherweise +-- wie der Berichterstatter al{\s} Augenzeuge versichern darf -- +nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand l"a"st bi{\s} jetzt +nicht{\s} zu w"unschen "ubrig. Allem Daf"urhalten nach wird die +vollst"andige Heilung rasch erfolgen, und wer wei"s, ob der brave +Hippolyt nicht bei der kommenden Kirme{\s} mit den flotten +Urlaubern um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch +muntere Spr"unge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen +Gelehrten, Ehre den unerm"udlichen Geistern, die ihre N"achte der +Menschheit zum Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen! + +Der Tag wird noch kommen, wo verk"undet werden wird, da"s die +Blinden sehen, die Tauben h"oren und die Lahmen gehen! Wa{\s} der +kirchliche Aberglaube ehedem nur den Au{\s}erw"ahlten versprach, +schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden +unsere verehrten Leser "uber den weiteren Verlauf dieser so +ungemein merkw"urdigen Kur auf dem laufenden erhalten."' +\end{quotation} + +Trotz alledem kam f"unf Tage darauf die L"owenwirtin ganz +verst"ort gelaufen und rief: + +"`Zu Hilfe! Er stirbt! Ich wei"s nicht, wa{\s} ich machen soll!"' + +Karl rannte Hal{\s} "uber Kopf nach dem Goldnen L"owen, und der +Apotheker, der den Arzt so "uber den Markt st"urmen sah, verlie"s +sofort im blo"sen Kopfe seinen Laden. Atemlo{\s}, aufgeregt und +mit rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem +er auf der Treppe begegnete: + +"`Na, wa{\s} macht denn unser interessanter Strephopode?"' + +Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so da"s +da{\s} Ge\-h"ause, in da{\s} sein Bein eingezw"angt war, gegen +die Wand geschlagen ward und ent\/zwei zu gehen drohte. + +Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage de{\s} Fu"se{\s} nicht +zu verschieben, entfernte man da{\s} Holzgeh"ause. Und nun bot +sich ein gr"a"slicher Anblick dar. Die Form de{\s} Fu"se{\s} war +unter einer derartigen Schwellung verschwunden, da"s e{\s} +au{\s}sah, al{\s} platze demn"achst die ganze Haut. Diese war +blutunterlaufen und von Druckflecken bedeckt, die da{\s} famose +Geh"ause verursacht hatte. Hippolyt hatte von Anfang an "uber +Schmerzen geklagt, aber man hatte ihn nicht angeh"ort. Nachdem man +nunmehr einsah, da"s er im Rechte gewesen war, g"onnte man ihm ein +paar Stunden Befreiung. Aber sowie die Schwellung ein wenig +zur"uckgegangen war, hielten e{\s} die beiden Heilk"unstler f"ur +angebracht, da{\s} Bein wieder einzuschienen und e{\s} noch fester +einzupressen, um dadurch die Wiederherstellung zu beschleunigen. + +Aber nach drei Tagen vermochte e{\s} Hippolyt nicht mehr +au{\s}zuhalten. Man nahm ihm den Apparat abermal{\s} ab und war +h"ochst "uber da{\s} verwundert, wa{\s} sich nunmehr +herau{\s}stellte. Die schw"arzlichblau gewordene Schwellung +erstreckte sich "uber da{\s} ganze Bein, da{\s} ganz voller Blasen +war; eine dunkle Fl"ussigkeit sonderte sich ab. Man wurde +bedenklich. + +Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz lie"s ihn in +die kleine Gaststube bringen neben der K"uche, damit er +wenigsten{\s} etwa{\s} Zerstreuung h"atte. Aber der Steuereinnehmer, +der dort seinen Stammplatz hatte, beschwerte sich "uber diese +Nachbarschaft. Nunmehr schaffte man den Kranken in da{\s} +Billardzimmer. Dort lag er wimmernd unter seinen schweren Decken, +bla"s, unrasiert, mit eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte +er seinen in Schwei"s gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen +hin und her, wenn ihn die Fliegen qu"alten. + +Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den +Umschl"agen, tr"ostete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst +fehlte e{\s} ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, +wenn die Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen +herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten. + +"`Wie geht dir{\s} denn?"' fragten sie ihn und klopften ihm auf +die Schulter. "`So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist +aber selber schuld daran!"' Er h"atte die{\s} oder jene{\s} machen +sollen. Sie erz"ahlten ihm von Leuten, die durch ganz andere +Heilmittel wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren +Trost meinten sie: + +"`Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du l"a"st dich wie +ein F"urst verh"atscheln! Da{\s} ist Unsinn, alter Schlaumeier! +Und besonder{\s} gut riechst du auch nicht!"' + +Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast +selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke. +Hippolyt sah ihn mit angsterf"ullten Augen an. Schluchzend +stammelte er: + +"`Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, +helfen Sie mir! Ich bin so ungl"ucklich, so ungl"ucklich!"' + +Bovary schrieb ihm alle Tage vor, wa{\s} er essen solle. Dann +verlie"s er ihn. + +"`H"or nur gar nicht auf ihn, mein Junge!"' meinte die +L"owenwirtin. "`Sie haben dich schon gerade genug geschunden! +Da{\s} macht dich blo"s immer noch schw"acher! Da, trink!"' + +Sie gab ihm hin und wieder Fleischbr"uhe, ein St"uck Hammelkeule, +Speck und manchmal ein Gl"aschen Schnap{\s}, den er kaum an seine +Lippen zu bringen wagte. + +Abb\'e Bournisien, der geh"ort hatte, da"s e{\s} Hippolyt +schlechter ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber +erkl"arte er, in gewisser Beziehung m"usse sich der Kranke freuen, +denn e{\s} sei de{\s} Herrn Wille, der ihm Gelegenheit g"abe, sich +mit dem Himmel zu vers"ohnen. + +"`Siehst du,"' sagte der Priester in v"aterlichem Tone, "`du hast +deine Pflichten recht vernachl"assigt! Man hat dich selten in der +Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du da{\s} heilige +Abendmahl nicht genommen? Ich gebe zu, da"s deine Besch"aftigung +und der Trubel der Welt dich abgehalten haben, f"ur dein +Seelenheil zu sorgen. Aber jetzt ist e{\s} an der Zeit, da"s du +dich darum k"ummerst. Verzweifle indessen nicht! Ich habe gro"se +S"under gekannt, die, kurz ehe sie vor Gotte{\s} Thron traten, (du +bist noch nicht so weit, da{\s} wei"s ich wohl!) seine Gnade +erfleht haben; sie sind ohne Verdammni{\s} gestorben! Hoffen wir, +da"s auch du un{\s} gleich ihnen ein gute{\s} Beispiel gibst! +Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir, morgen{\s} ein +Ave-Maria und abend{\s} ein Paternoster zu beten! Ja, tue da{\s}! +Mir zuliebe! Wa{\s} kostet dich da{\s}? Willst du mir da{\s} +versprechen?"' + +Der arme Teufel gelobte e{\s}. Tag f"ur Tag kam der Seelsorger +wieder. Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bi{\s}weilen +erz"ahlte er den beiden sogar Anekdoten, Sp"a"se und faule Witze, +die Hippolyt allerding{\s} nicht verstand. Aber bei jeder +Gelegenheit kam er auf religi"ose Dinge zu sprechen, wobei er +jede{\s}mal eine salbung{\s}volle Miene annahm. + +Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. E{\s} dauerte nicht +lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt +nach Bon-Secour{\s} zu unternehmen, wenn er wieder gesund w"urde, +worauf der Priester entgegnete, da{\s} sei nicht "ubel. Doppelt +gen"aht halte besser. Er ri{\s}kiere ja dabei nicht{\s}. + +Der Apotheker war emp"ort "uber "`diese Pfaffenschliche"', wie er +sich au{\s}dr"uckte. Er behauptete, da{\s} verz"ogre die Genesung +de{\s} Hau{\s}knecht{\s} nur. + +"`La"st ihn doch nur in Ruhe!"' sagte er zur L"owenwirtin. "`Mit +euren Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!"' + +Aber die gute Frau wollte davon nicht{\s} h"oren. Er und kein +anderer sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein +au{\s} Widerspruch{\s}geist hing sie dem Kranken zu H"aupten einen +Weihwasserkessel und einen Buch{\s}baumzweig auf. + +Allerding{\s} n"utzten offenbar weder der kirchliche noch der +chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom +Beine weiter in den K"orper hinauf. Man versuchte immer neue +Salben und Pflaster, aber der Fu"s wurde immer brandiger, und +schlie"slich antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, +al{\s} Mutter Franz ihn fragte, ob man angesicht{\s} dieser +hoffnung{\s}losen Lage nicht den Doktor Canivet au{\s} +Neufch\^atel kommen lassen solle, der doch weitber"uhmt sei. + +Canivet war Doktor der Medizin, f"unfzig Jahre alt, ebenso +wohlhabend wie selbstbewu"st. Er kam und entbl"odete sich nicht, +"uber den Kollegen geringsch"atzig zu l"acheln, al{\s} er da{\s} +bi{\s} an da{\s} Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann +erkl"arte er, da{\s} Glied m"usse amputiert werden. + +Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen "`die Esel, die +da{\s} arme Luder so zugerichtet"' h"atten. Er fa"ste Homai{\s} am +Rockknopf und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke: + +"`Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die +Herren Gelehrten der Weltstadt nun au{\s}! Genau so steht e{\s} +mit ihren Schieloperationen, Chloroform-Bet"aubungen, +Blaseneingriffen! Da{\s} ist alle{\s} Kapitalunfug gegen den sich +der Staat in{\s} Zeug legen sollte! Diese Scharlatane wollen blo"s +immer wa{\s} zu tun haben. Sie erfinden die unglaublichsten +Verfahren, aber an die Folgen denken sie nicht. Wir andern aber, +wir sind r"uckst"andig. Wir sind keine Gelehrten, keine +Zauberk"unstler, keine Salonhelden. Wir haben unsre Praxi{\s}, wir +heilen lumpige Krankheiten, aber e{\s} f"allt un{\s} nicht ein, +Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen! Klumpf"u"se gerade +zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso k"onnte man auch einem Buckligen +seinen H"ocker abhobeln wollen!"' + +Homai{\s} war bei diesem Ergu"s gar nicht besonder{\s} wohl +zumute, aber er verbarg sein Mi"sbehagen hinter einem +verbindlichen L"acheln. Er mu"ste mit Canivet auf gutem Fu"se +bleiben, dieweil dieser in der Yonviller Gegend "ofter{\s} +konsultiert wurde und ihm dabei durch Rezepte zu verdienen gab. +Au{\s} diesem Grunde h"utete er sich, f"ur Bovary einzutreten. Er +vermuckste sich nicht, lie"s Grunds"atze Grunds"atze sein und +opferte seine W"urde den ihm wichtigeren Interessen seine{\s} +Gesch"aft{\s}. + +Die Amputation de{\s} Beine{\s}, die der Doktor Canivet +au{\s}f"uhrte, war f"ur den ganzen Ort ein wichtige{\s} +Ereigni{\s}. Fr"uhzeitig waren die Leute schon auf den Beinen, und +die Hauptstra"se war voller Menschen, die allesamt etwa{\s} +Tr"ubselige{\s} an sich hatten, al{\s} solle eine Hinrichtung +stattfinden. Im Laden de{\s} Kr"amer{\s} stritt man sich "uber +Hippolyt{\s} Krankheit. An{\s} Kaufen dachte niemand. Und Frau +T"uvache, die Gattin de{\s} B"urgermeister{\s}, lag vom fr"uhen +Morgen in ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der +Operateur ank"ame. + +Er kam in seinem W"agelchen angefahren, da{\s} er selber +kutschierte. Durch die Last seine{\s} K"orper{\s} war die rechte +Feder de{\s} Gef"ahrt{\s} derartig niedergedr"uckt, da"s der +Wagenkasten schief stand. Neben dem Insassen auf dem Sitzpolster +stand eine rotlederne Reisetasche, deren Messingschl"osser +pr"achtig funkelten. In starkem Trabe fuhr Canivet bi{\s} vor die +kleine Freitreppe de{\s} Goldnen L"owen. Mit lauter Stimme befahl +er, da{\s} Pferd au{\s}zuspannen. Er ging mit in den Stall und +"uberzeugte sich, da"s der Gaul ordentlich Hafer gesch"uttet +bekam. E{\s} war seine Gewohnheit, da"s er sich immer zuerst +seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt de{\s}halb im +Munde der Leute f"ur einen "`Pferdejockel"'. Aber gerade weil er +sich darin unabbringbar gleichblieb, sch"atzte man ihn um so mehr. +Und wenn der letzte Mensch auf Gotte{\s} ganzem Erdboden in den +letzten Z"ugen gelegen h"atte: Doktor Canivet w"are zun"achst +seiner kavalleristischen Pflicht nachgekommen. + +Homai{\s} stellte sich ein. + +"`Ich rechne auf Ihre Unterst"utzung!"' sagte der Chirurg. "`Ist +alle{\s} bereit? Na, dann kann{\s} lo{\s}gehen!"' + +Der Apotheker gestand err"otend ein, da"s er zu empfindlich sei, +um einer solchen Operation assistieren zu k"onnen. "`Al{\s} +passiver Zuschauer"', sagte er, "`greift einen so wa{\s} doppelt +an. Meine Nerven sind so herunter~..."' + +"`Quatsch!"' unterbrach ihn Canivet. "`Mir machen Sie vielmehr den +Eindruck, al{\s} solle Sie demn"achst der Schlag r"uhren. +"Ubrigen{\s} kein Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von fr"uh +bi{\s} abend{\s} in Eurer Giftbude. Da{\s} mu"s sich ja +schlie"slich auf die Nerven legen! Gucken Sie mich mal an! Tag +f"ur Tag stehe ich vier Uhr morgen{\s} auf, wasche mich mit +ei{\s}kaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht, Flanellhemden +gibt{\s} f"ur mich nicht, da{\s} Zipperlein kriege ich nicht, und +mein Magen ist mord{\s}gesund. Dabei lebe ich heute so und morgen +so, wie mir{\s} gerade einf"allt, aber immer al{\s} +Leben{\s}k"unstler! Und de{\s}halb bin ich auch nicht so +zimperlich wie Sie. E{\s} ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn +oder einem christlichen Individuum da{\s} Bein abschneide. Sie +haben mir neulich mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheit{\s}tier. +Sehr richtig! E{\s} ist alle{\s} blo"s Gewohnheit~..."' + +Ohne irgendwelche R"ucksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem +Lager vor Angst schwitzte, f"uhrten die beiden ihre Unterhaltung +in diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltbl"utigkeit +eine{\s} Chirurgen mit der eine{\s} Feldherrn. Durch diesen +Vergleich geschmeichelt, lie"s sich Canivet de{\s} l"angeren "uber +die Erfordernisse seiner Kunst au{\s}. Der Beruf de{\s} Arzte{\s} +sei ein Priesteramt, und wer e{\s} nicht al{\s} da{\s}, sondern +al{\s} gemeine{\s} Handwerk au{\s}"ube, der sei ein +Heiligtumsch"ander. + +Endlich erinnerte er sich de{\s} Patienten und begann da{\s} von +Homai{\s} gelieferte Verband{\s}zeug zu pr"ufen. E{\s} war +dasselbe, da{\s} bereit{\s} bei der ersten Operation zur Stelle +gewesen war. Sodann erbat er sich jemanden, der da{\s} Bein +festhalten k"onne. Lestiboudoi{\s} ward geholt. + +Der Doktor zog den Rock au{\s}, streifte sich die Hemd{\s}"armel +hoch und begab sich in da{\s} Billardzimmer, w"ahrend der +Apotheker in die K"uche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia +neugierig und "angstlich warteten. Die Gesichter der beiden Frauen +waren wei"ser al{\s} ihre Sch"urzen. + +W"ahrenddessen wagte sich Bovary nicht au{\s} seinem Hause +herau{\s}. Er sa"s unten in der Gro"sen Stube, zusammengeduckt und +die H"ande gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer +brannte, und starrte vor sich hin. "`Welch ein Mi"sgeschick!"' +seufzte er. "`Wa{\s} f"ur eine gro"se Entt"auschung!"' Er hatte +doch alle denkbaren Vorsicht{\s}ma"sregeln getroffen, und doch war +der Teufel mit seiner Hand dazwischengekommen! Nicht zu "andern! +Wenn Hippolyt noch st"urbe, dann w"are er schuld daran! Und wa{\s} +sollte er antworten, wenn ihn seine Patienten darnach fragten? +Sollte er sagen, er habe einen Fehler begangen? Aber welchen? Er +wu"ste doch selber keinen, so sehr er auch dar"uber nachsann. Die +ber"uhmtesten Chirurgen versehen sich einmal. Aber da{\s} wird +kein Mensch bedenken. Sie werden ihn alle nur au{\s}lachen und in +Verruf bringen. Die Sache wird bi{\s} Forge{\s} ruchbar werden, +bi{\s} Neufch\^atel, bi{\s} Rouen und noch weiter! Vielleicht +w"urde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn ver"offentlichen, +dem dann eine Polemik folgte, die ihn zw"ange, in den Zeitungen +eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt k"onnte auf Schadenersatz +klagen. + +Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von +tausend Bef"urchtungen best"urmte Phantasie schwankte hin und her +wie eine leere Tonne auf den Wogen de{\s} Meere{\s}. + +Emma sa"s ihm gegen"uber und beobachtete ihn. An seine Dem"utigung +dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie +hatte sie sich nur einbilden k"onnen, da"s sich ein Mann seine{\s} +Schlage{\s} zu einer Leistung aufschw"ange, wo sich seine +Unf"ahigkeit doch schon mehr al{\s} ein dutzendmal erwiesen hatte! + +Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten. + +"`Setz dich doch!"' sagte sie. "`Du machst mich noch ganz +verr"uckt!"' + +Er tat e{\s}. + +Wie hatte sie e{\s} nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug +war! --, da"s sie sich abermal{\s} so get"auscht hatte? Aber ja, +ihr ganzer Leben{\s}pfad war doch fortw"ahrend durch da{\s} +traurige Tal der Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! +Sie rief sich alle{\s} einzeln in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uck: +ihren unbefriedigten Hang zum Leben{\s}genu"s, die Einsamkeit +ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer Ehe, ihre{\s} +Hau{\s}stande{\s}, ihre Tr"aume und Illusionen, die in den Sumpf +hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an +alle{\s} da{\s}, wa{\s} sie sich ersehnt, an alle{\s}, wa{\s} sie +von sich gewiesen, an alle{\s}, wa{\s} sie h"atte haben k"onnen! +Sie begriff den geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn +alle{\s} so? Warum? + +Da{\s} St"adtchen lag in tiefer Ruhe. Pl"otzlich erscholl ein +herzzerrei"sender Schrei. Bovary ward bla"s und beinahe ohnm"achtig. +Emma zuckte nerv"o{\s} mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr +nicht{\s} mehr anzusehen. + +Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und +ohne Feingef"uhl! Da sa"s er, stumpfsinnig und ohne Verst"andni{\s} +daf"ur, da"s er nicht nur seinen Namen l"acherlich und ehrlo{\s} +gemacht hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren +Namen! Und sie, sie hatte sich solche M"uhe gegeben, ihn zu lieben! +Hatte unter Tr"anen bereut, da"s sie ihm untreu geworden war! + +"`Vielleicht war e{\s} ein Valgu{\s}?"' rief Karl pl"otzlich laut +au{\s}. Da{\s} war da{\s} Ergebni{\s} seine{\s} Nachsinnen{\s}. + +Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Au{\s}ruf den Gedanken +Emma{\s} versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne +Platte --, hob sie erschrocken ihr Haupt. Wa{\s} wollte er damit +sagen, fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam +erstaunt, sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich +seelisch himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick +eine{\s} Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den +verhallenden Schreien de{\s} Amputierten. Der heulte in +langgedehnten T"onen, die ab und zu von grellem Gebr"ull +unterbrochen wurden. Alle{\s} da{\s} klang wie da{\s} ferne +Gejammer eine{\s} Tiere{\s}, da{\s} man schlachtet. Emma bi"s sich +auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt einer +Blume, die sie zerpfl"uckt hatte, und ihre hei"sen Blicke trafen +ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alle{\s} an ihm; sein +Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja +seine Existenz. Wie "uber ein Verbrechen empfand sie darob Reue, +da"s sie ihm so lange treu geblieben, und wa{\s} noch von +Anh"anglichkeit "ubrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen +ihre{\s} Ingrimm{\s} auf. Mit wilder Schadenfreude geno"s sie den +Siege{\s}jubel "uber ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie +de{\s} Geliebten und f"uhlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein +Bild ent\/z"uckte und verf"uhrte sie in Gedanken abermal{\s}. Sie +gab ihm ihre ganze Seele. E{\s} war ihr, al{\s} sei Karl au{\s} +ihrem Leben herau{\s}gerissen, f"ur immer entfremdet, unm"oglich +geworden, au{\s}getilgt. Al{\s} sei er gestorben, nachdem er vor +ihren Augen den Tode{\s}kampf gek"ampft hatte. Vom Trottoir her +drang da{\s} Ger"ausch von Tritten herauf. Karl ging an da{\s} +Fenster und sah durch die niedergelassenen Jalousien den Doktor +Canivet an den Hallen in der vollen Sonne hingehen. Er wischte +sich gerade die Stirn mit seinem Taschentuche. Hinter ihm schritt +Homai{\s}, die gro"se rote Reisetasche in der Hand. Beide +steuerten auf die Apotheke zu. + +In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebe{\s}bed"urfni{\s} +n"aherte sich Karl seiner Frau: + +"`Gib mir einen Ku"s, Geliebte!"' + +"`La"s mich!"' wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn. + +"`Wa{\s} hast du denn? Wa{\s} ist dir?"' fragte er betroffen. +"`Sei doch ruhig! "Argere dich nicht! Du wei"st ja, wie sehr ich +dich liebe! Komm!"' + +"`Weg!"' rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie st"urzte au{\s} dem +Zimmer, wobei sie die T"ur so heftig hinter sich zuschlug, da"s +da{\s} Barometer von der Wand fiel und in St"ucke ging. + +Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er dar"uber nach, +wa{\s} sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer +Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgef"uhl von +etwa{\s} Unheilvollem, Unfa"sbarem. + +Al{\s} Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er +seine Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe +sitzen und auf ihn warten. Sie k"u"sten sich, und all ihr "Arger +schmolz in der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zw"olfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage. +Sie winkte sich Justin durch da{\s} Fenster her. Der legte schnell +seine Arbeit{\s}sch"urze ab und trabte nach der H"uchette. Rudolf +kam al{\s}bald. Sie hatte ihm nicht{\s} zu sagen, al{\s} da"s sie +sich langweile, da"s ihr Mann gr"a"slich sei und ihr Dasein +schrecklich. + +"`Kann ich da{\s} "andern?"' rief er einmal ungeduldig au{\s}. + +"`Ja, wenn du wolltest!"' + +Sie sa"s auf dem Fu"sboden zwischen seinen Knien, mit aufgel"ostem +Haar und traumverlorenem Blick. + +"`Wieso?"' fragte er. + +Sie seufzte. + +"`Wir m"ussen irgendwo ander{\s} ein neue{\s} Leben beginnen ... +weit weg von hier~..."' + +"`Ein toller Einfall!"' lachte er. "`Unm"oglich!"' + +Sie kam immer wieder darauf zur"uck. Er tat so, al{\s} sei ihm +da{\s} unverst"andlich, und begann von etwa{\s} anderm zu +sprechen. + +Wa{\s} Rudolf in der Tat nicht begriff, da{\s} war ihr ganze{\s} +aufgeregte{\s} Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. +Sie m"usse dazu doch Anla"s haben, Motive. Sie klammere sich doch +an ihn, al{\s} ob sie bei ihm Hilfe suche. + +Wirklich wuch{\s} ihre Z"artlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu +Tag im gleichen Ma"se, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann +verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr +verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unertr"aglich vor, +seine H"ande nie so vierschr"otig, sein Geist nie so +schwerf"allig, seine Manieren nie so gew"ohnlich, al{\s} wenn sie +nach einem Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. +Sie bildete sich ein, sie sei Rudolf{\s} Frau, seine treue Gattin. +Immerw"ahrend tr"aumte sie von seinem dunklen welligen Haar, +seiner braunen Stirn, seiner kr"aftigen und doch eleganten +Gestalt, von dem ganzen so klugen und in seinem Begehren doch so +leidenschaftlichen Menschen. Nur f"ur ihn pflegte sie ihre N"agel +mit der Sorgfalt eine{\s} Ziseleur{\s}, f"ur ihn verschwendete sie +eine Unmenge von Coldcream f"ur ihre Haut und von Peau d'E{\s}pagne +f"ur ihre W"asche. Sie "uberlud sich mit Armb"andern, Ringen und +Hal{\s}ketten. Wenn sie ihn erwartete, f"ullte sie ihre gro"sen +blauen Gla{\s}vasen mit Rosen und schm"uckte ihr Zimmer und sich +selber wie eine Kurtisane, die einen F"ursten erwartet. Felicie +wurde gar nicht mehr fertig mit Waschen; den ganzen Tag steckte +sie in ihrer K"uche. + +Justin leistete ihr h"aufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer +Arbeit zu. Die Ellenbogen auf da{\s} lange B"ugelbrett gest"utzt, +auf dem sie pl"attete, betrachtete er l"ustern alle die um ihn +herum aufgeschichtete Damenw"asche, die Pikee-Unterr"ocke, die +Spitzent"ucher, die Hal{\s}kragen, die breith"uftigen Unterhosen. + +"`Wozu hat man da{\s} alle{\s}?"' fragte der Bursche, indem er mit +der Hand "uber einen der Reifr"ocke strich. + +"`Hast du sowa{\s} noch niegesehen?"' Felicie lachte. "`Deine +Herrin, Frau Homai{\s}, hat da{\s} doch auch!"' + +"`So? Die Frau Homai{\s}!"' Er sann nach. "`Ist sie denn eine Dame +wie die Frau Doktor?"' + +Felicie liebte e{\s} gar nicht, wenn er sie so umschn"uffelte. Sie +war drei Jahre "alter al{\s} er, und "ubrigen{\s} machte ihr +Theodor, der Diener de{\s} Notar{\s}, neuerding{\s} den Hof. + +"`La"s mich in Ruhe!"' sagte sie und stellte den St"arketopf +beiseite. "`Scher dich lieber an \so{deine} Arbeit! Sto"s deine +Mandeln! Immer mu"st du an irgendeiner Sch"urze h"angen! Eh du +dich damit befa"st, la"s dir mal erst die Stoppeln unter der Nase +wachsen, du Knirp{\s}, du nicht{\s}n"utziger!"' + +"`Ach, seien Sie doch nicht gleich b"o{\s}! Ich putze Ihnen auch +die Schuhe f"ur die Frau Doktor!"' + +Alsobald machte er sich "uber ein Paar von Frau Bovary{\s} Schuhen +her, die in der K"uche standen. Sie waren "uber und "uber mit +eingetrocknetem Stra"senschmutz bedeckt -- vom letzten +Stelldichein her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo +gerade die Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin +betrachtete sie sich. + +"`Hab nur keine Angst! Die gehen nicht ent\/zwei!"' sagte Felicie, +die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt +anwandte, weil die Herrin sie ihr "uberlie"s, sobald sie nicht +mehr tadello{\s} au{\s}sahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in +ihrem Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber +Karl wagte nicht den geringsten Einwand dagegen. + +So gab er auch dreihundert Franken f"ur ein h"olzerne{\s} Bein +au{\s}, da{\s} Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen +m"usse. Die Fl"ache, mit der e{\s} anlag, war mit Kork "uberzogen. +E{\s} hatte Kugelgelenke und eine komplizierte Mechanik. Hose und +Schuh verdeckten e{\s} vollkommen. Hippolyt wagte e{\s} indessen +nicht in den Alltag{\s}gebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm +noch ein andere{\s}, einfachere{\s} zu besorgen. Wohl oder "ubel +mu"ste der Arzt auch diese Au{\s}gabe tragen. Nun konnte der +Hau{\s}knecht von neuem seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah +man ihn wieder durch den Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den +harten Anschlag de{\s} Stelzfu"se{\s} auf dem Pflaster vernahm, +schlug er schnell einen anderen Weg ein. + +Lheureux, der Modewarenh"andler, hatte da{\s} Holzbein besorgt. +Da{\s} gab ihm Gelegenheit, Emma h"aufig aufzusuchen. Er plauderte +mit ihr "uber die neuesten Pariser Moden und "uber tausend Dinge, +die Frauen interessieren. Dabei war er immer "au"serst gef"allig +und forderte niemal{\s} bare Bezahlung. Alle Launen und Einf"alle +Emma{\s} wurden im Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie +Rudolf einen sehr sch"onen Reitstock schenken, den sie in Rouen in +einem Schirmgesch"aft gesehen hatte. Eine Woche sp"ater legte +Lheureux ihn ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber +"uberreichte er ihr eine Rechnung im Gesamtbetrage von +zweihundertundsiebzig Franken und so und soviel Centime{\s}. Emma +war in der gr"obsten Verlegenheit. Die Kasse war leer. +Lestiboudoi{\s} hatte noch Lohn f"ur vierzehn Tage zu bekommen, +Felicie f"ur acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer +Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang +de{\s} Honorar{\s} von Herrn Derozeray{\s}, da{\s} allj"ahrlich +gegen Ende Oktober einzugehen pflegte. + +Ein paar Tage gelang e{\s} ihr, Lheureux zu vertr"osten. Dann +verlor er aber die Geduld. Man dr"ange auch ihn, er brauche Geld, +und wenn er nicht al{\s}bald welche{\s} von ihr bek"ame, m"usse er +ihr alle{\s} wieder abnehmen, wa{\s} er ihr geliefert habe. + +"`Gut!"' meinte Emma. "`Holen Sie sich{\s}!"' + +"`Ach wa{\s}! Da{\s} hab ich nur so gesagt!"' entgegnete er. +"`Indessen um den Reitstock tut{\s} mir wirklich leid! Bei Gott, +den werd ich mir vom Herrn Doktor zur"uckgeben lassen!"' + +"`Um Gotte{\s} willen!"' rief sie au{\s}. + +"`Warte nur! Dich hab ich!"' dachte Lheureux bei sich. + +Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte, +lispelte er in seinem gewohnten Fl"ustertone vor sich hin: + +"`Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!"' + +Frau Bovary gr"ubelte gerade dar"uber nach, wie sie diese Geschichte +in Ordnung bringen k"onne, da kam da{\s} M"adchen und legte eine +kleine in blaue{\s} Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine +Empfehlung von Herrn Derozeray{\s}. Emma sprang auf und brach die +Rolle auf. E{\s} waren dreihundert Franken in Napoleon{\s}, da{\s} +schuldige Honorar. Karl{\s} Tritte wurden drau"sen auf der Treppe +h"orbar. Sie legte da{\s} Gold rasch in die Schublade und steckte +den Schl"ussel ein. + +Drei Tage darauf erschien Lheureux abermal{\s}. + +"`Ich m"ochte Ihnen einen Vergleich vorschlagen"', sagte er. +"`Wollen Sie mir nicht statt de{\s} baren Gelde{\s} lieber~..."' + +"`Hier haben Sie Ihr Geld!"' unterbrach sie ihn und z"ahlte ihm +vierzehn Goldst"ucke in die Hand. + +Der Kaufmann war verbl"ufft. Um seine Entt"auschung zu verbergen, +brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle +m"oglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte. + +Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit +dem Kleingeld, da{\s} sie wieder herau{\s}bekommen und in die +Tasche ihrer Sch"urze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, t"uchtig +zu sparen, damit sie recht bald~... + +"`Wa{\s} ist da weiter dabei?"' beruhigte sie sich. "`Er wird +nicht gleich dran denken!"' + +Au"ser dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte +Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit dem +Wahlspruch: \begin{antiqua}Amor nel Cor!\end{antiqua} (Liebe im +Herzen!), fernerhin ein seidene{\s} Hal{\s}tuch und eine +Zigarrentasche, zu der sie al{\s} Muster die Tasche genommen +hatte, die Karl damal{\s} auf der Landstra"se gefunden hatte, +al{\s} sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren. Emma hatte sie +sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke erst nach langem +Str"auben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma drang in ihn, und so +mu"ste er sich schlie"slich f"ugen. Er fand da{\s} aufdringlich +und h"ochst r"ucksicht{\s}lo{\s}. + +Sie hatte wunderliche Einf"alle. + +"`Wenn e{\s} Mitternacht schl"agt,"' bat sie ihn einmal, "`mu"st +du an mich denken!"' + +Al{\s} er hinterher gestand, er habe e{\s} vergessen, bekam er +endlose Vorw"urfe zu h"oren, die alle in die Worte au{\s}klangen: + +"`Du liebst mich nicht mehr!"' + +"`Ich dich nicht mehr lieben?"' + +"`"Uber alle{\s}?"' + +"`Nat"urlich!"' + +"`Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?"' + +"`Glaubst du, ich h"atte meine Unschuld bei dir verloren?"' brach +er lachend au{\s}. + +Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel M"uhe +zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu +mildern suchte. + +"`Ach, du wei"st gar nicht, wie ich dich liebe!"' begann sie von +neuem. "`Ich liebe dich so sehr, da"s ich nicht von dir lassen +kann! Verstehst du da{\s}? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, +dich zu sehen, und dann springt mir beinahe da{\s} Herz vor lauter +Liebe! Ich frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern +Frauen? Sie l"acheln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; +nicht wahr, e{\s} gef"allt dir keine? E{\s} gibt ja sch"onere +al{\s} ich, aber keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine +Magd, deine Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so +gut! So sch"on! So klug und stark!"' + +Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft geh"ort, da"s +e{\s} ihm ganz und gar nicht{\s} Neue{\s} mehr war. Emma war darin +nicht ander{\s} al{\s} alle seine fr"uheren Geliebten, und der +Reiz der Neuheit fiel St"uck um St"uck von ihr ab wie ein Gewand, +und da{\s} ewige Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt +zutage, die immer dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er +war ein vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, da"s unter den +n"amlichen Au{\s}druck{\s}formen himmelweit voneinander +verschiedene Gef"uhl{\s}arten existieren k"onnen. Weil ihm die +Lippen liederlicher oder k"auflicher Frauenzimmer schon die +gleichen Phrasen zugefl"ustert hatten, war sein Glaube an die +Aufrichtigkeit einer Frau wie dieser nur schwach. + +"`Man darf die "uberschwenglichen Worte nicht gelten lassen,"' +sagte er sich, "`sie sind nur ein M"antelchen f"ur +Alltag{\s}empfindungen."' + +Aber ist e{\s} nicht oft so, da"s ein "ubervolle{\s} Herz mit den +banalsten Worten nach Au{\s}druck sucht? Und vermag denn jemand +genau zu sagen, wie gro"s sein W"unschen und Wollen, seine +Innenwelt, seine Schmerzen sind? De{\s} Menschen Wort ist wie eine +gesprungene Pauke, auf der wir eine Melodie herau{\s}trommeln, +nach der kaum ein B"ar tanzt, w"ahrend wir die Sterne bewegen +m"ochten. + +Aber mit der "Uberlegenheit, die kritischen Naturen eigent"umlich +ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch +dieser Liebschaft neue Gen"usse. Er nahm keine ihm unbequeme +R"ucksicht auf Emma{\s} Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie +bar jede{\s} Zwange{\s}. Er machte sie zu allem f"ugsam und +verdarb sie gr"undlich. Sie hegte eine geradezu h"undische +Anh"anglichkeit zu ihm. An ihm bewunderte sie alle{\s}. Woll"ustig +empfand sie Gl"uckseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre +Seele ertrank in diesem Rausche. + +Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem +"au"serlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden k"uhner, ihre +Rede freim"utiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung +Rudolf{\s}, eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, "`um die +Spie"ser zu "argern"', wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war +e{\s} g"anzlich geschehen, al{\s} man sie eine{\s} sch"onen +Tage{\s} in einem regelrechten Herrenjackett der Rouener +Postkutsche entsteigen sah. Die alte Frau Bovary, die nach einem +heftigen Zank mit ihrem Manne wieder einmal bei ihrem Sohne +Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich nicht weniger al{\s} die +Yonviller Philister. Und noch viele{\s} andre mi"sfiel ihr. +Zun"achst hatte Karl ihrem Rate entgegen da{\s} Roman-Lesen doch +wieder zugelassen. Und dann war "uberhaupt die "`ganze +Wirtschaft"' nicht nach ihrem Sinne. Al{\s} sie sich Bemerkungen +dar"uber gestattete, kam e{\s} zu einem "argerlichen Auftritt. +Felicie war die n"ahere Veranlassung dazu. + +Die alte Frau Bovary hatte da{\s} M"adchen eine{\s} Abend{\s}, +al{\s} sie durch den Flur ging, in der Gesellschaft eine{\s} nicht +mehr besonder{\s} jungen Manne{\s} "uberrascht. Der Betreffende +trug ein braune{\s} Hal{\s}tuch und verschwand bei der Ann"aherung +der alten Dame. Emma lachte, al{\s} ihr der Vorfall berichtet +ward, aber die Schwiegermutter ereiferte sich und erkl"arte, wer +bei seinen Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig +Wert darauf. + +"`Sie sind wohl au{\s} Hinterpommern?"' fragte die junge Frau so +impertinent, da"s sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen +konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle. + +"`Verlassen Sie mein Hau{\s}!"' schrie Emma und sprang auf. + +"`Emma! Mutter!"' rief Karl beschwichtigend. + +In ihrer Erregung waren beide Frauen au{\s} dem Zimmer gest"urzt. +Emma stampfte mit dem Fu"se auf, al{\s} er ihr zuredete. + +"`So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!"' rief sie. + +Er eilte zur Mutter. Sie war ganz au"ser sich und stammelte: + +"`So eine Unversch"amtheit! Eine leichtsinnige Trine. +Schlimmere{\s} vielleicht noch!"' + +Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um +Verzeihung gebeten w"urde. + +Karl ging abermal{\s} zu seiner Frau und beschwor sie auf den +Knien, doch nachzugeben. Schlie"slich sagte sie: + +"`Meinetwegen!"' + +In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit +der W"urde einer F"urstin. + +"`Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!"' + +Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf +den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in da{\s} Kissen +vergraben. + +F"ur den Fall, da"s sich irgend etwa{\s} Besondere{\s} ereignen +sollte, hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen +wei"sen Zettel zu stecken. Wenn er zuf"allig in Yonville w"are, +solle er daraufhin sofort durch da{\s} G"a"schen an die hintere +Gartenpforte eilen. + +Diese{\s} Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden sa"s sie wartend am +Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke +der Hallen. Beinahe h"atte sie da{\s} Fenster aufgerissen und ihn +hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung +"uberkam sie. + +Bald darauf vernahm sie unten auf dem B"urgersteige Tritte. Da{\s} +war er. Zweifello{\s}! Sie eilte die Treppe hinunter und "uber den +Hof. Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme. + +"`Sei doch ein bi"schen vorsichtiger!"' mahnte er. + +"`Ach, wenn du w"u"stest!"' Und sie begann ihm den ganzen Vorfall +zu erz"ahlen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei +"ubertrieb sie manche{\s}, dichtete etliche{\s} hinzu und machte +eine solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, da"s er nicht +da{\s} mindeste von der ganzen Geschichte begriff. + +"`So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!"' + +"`Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!"' erwiderte +sie. "`Eine Liebe wie die unsrige braucht da{\s} Tage{\s}licht +nicht zu scheuen! Man martert mich! Ich halte e{\s} nicht mehr +au{\s}! Rette mich!"' + +Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tr"anen, +gl"anzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungest"um. + +Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der +k"uhle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er: + +"`Wa{\s} soll ich tun? Wa{\s} willst du?"' + +"`Flieh mit mir!"' rief sie. "`Weit weg von hier! Ach, ich bitte +dich um alle{\s} in der Welt!"' + +Sie pre"ste sich an seinen Mund, al{\s} wolle sie ihm mit einem +Kusse da{\s} Ja einhauchen und wieder herau{\s}saugen. + +"`Aber~..."' + +"`Kein Aber, Rudolf!"' + +"`... und dein Kind?"' + +Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie: + +"`Da{\s} nehmen wir mit! Da{\s} ist ihm schon recht!"' + +"`Ein Teufel{\s}weib!"' dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. +Sie mu"ste in{\s} Hau{\s}. Man hatte nach ihr gerufen. + +W"ahrend der folgenden Tage war die alte Frau Bovary "uber da{\s} +ver"anderte Wesen ihrer Schwiegertochter h"ochst verwundert. +Wirklich, sie zeigte sich au"serordentlich f"ugsam, ja ehrerbietig, +und da{\s} ging so weit, da"s Emma sie um ihr Rezept, Gurken +einzulegen, bat. + +Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu +t"auschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch +einmal die volle Bitterni{\s} alle{\s} dessen durchzukosten, +wa{\s} sie im Stiche lassen wollte? Nein, da{\s} lag ihr +durchau{\s} nicht im Sinne. Der Gegenwart entr"uckt, lebte sie im +Vorgeschmacke de{\s} kommenden Gl"ucke{\s}. Davon schw"armte sie +dem Geliebten immer und immer wieder vor. An seine Schulter +gelehnt, fl"usterte sie: + +"`Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen? +Kannst du dir au{\s}denken, wie da{\s} dann sein wird? Mir ist +e{\s} wie ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich sp"ure, +da"s sich der Wagen in Bewegung setzt, werde ich da{\s} Gef"uhl +haben, in einem Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken +hinein! Wei"st du, ich z"ahle die Tage ... Und du?"' + +Frau Bovary hatte nie so sch"on au{\s}gesehen wie jetzt. Sie +besa"s eine unbeschreibliche Art von Sch"onheit, die au{\s} +Leben{\s}freude, Schw"armerei und Siege{\s}gef"uhl zusammenstr"omt +und da{\s} Symbol seelischer und k"orperlicher Harmonie ist. Ihre +heimlichen L"uste, ihre Tr"ubsal, ihre erweiterten +Liebe{\s}k"unste und ihre ewig jungen Tr"aume hatten sich stetig +entwickelt, just wie D"unger, Regen, Wind und Sonne eine Blume zur +Entfaltung bringen, und nun erst erbl"uhte ihre volle Eigenart. +Ihre Lider waren wie ganz besonder{\s} dazu geschnitten, +schmachtende Liebe{\s}blicke zu werfen; sie verschleierten ihre +Aug"apfel, w"ahrend ihr Atem die feinlinigen Nasenfl"ugel weitete +und e{\s} leise um die H"ugel der Mundwinkel zuckte, die im +Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum beschattete. Man war +versucht zu sagen: ein Verf"uhrer und K"unstler habe den Knoten +ihre{\s} Haare{\s} "uber dem Nacken geordnet. Er sah au{\s} wie +eine schwere Welle, und doch war er nur lose und l"assig +geschlungen, weil er im Spiel de{\s} Ehebruch{\s} Tag f"ur Tag +aufgenestelt ward. Emma{\s} Stimme war weicher und grazi"oser +geworden, "ahnlich wie ihre Gestalt. Etwa{\s} unsagbar Zarte{\s}, +Bezaubernde{\s} str"omte au{\s} jeder Falte ihrer Kleider und +au{\s} dem Rhythmu{\s} ihre{\s} Gange{\s}. Wie in den +Flitterwochen erschien sie ihrem Manne ent\/z"uckend und ganz +unwiderstehlich. + +Wenn er nacht{\s} sp"at nach Hause kam, wagte er sie nicht zu +wecken. Da{\s} in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht +warf tanzende Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im +Halbdunkel wie ein wei"se{\s} Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen +bauschigen Vorh"angen. Karl betrachtete sie und glaubte die leisen +Atemz"uge seine{\s} Kinde{\s} zu h"oren. E{\s} wuch{\s} sichtlich +heran, jeder Monat brachte e{\s} vorw"art{\s}. Im Geiste sah er +e{\s} bereit{\s} abend{\s} au{\s} der Schule heimkehren, froh und +munter, Tintenflecke am Kleid, die Schultasche am Arm. Dann mu"ste +da{\s} M"adel in eine Pension kommen. Da{\s} w"urde viel Geld +kosten. Wie sollte da{\s} geschafft werden? Er sann nach. Wie +w"are e{\s}, wenn man in der Umgegend ein kleine{\s} Gut pachtete? +Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, w"urde er hinreiten +und da{\s} N"otige anordnen. Der Ertrag k"ame auf die Sparkasse, +sp"ater k"onnten ja irgendwelche Papiere daf"ur gekauft werden. +Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxi{\s}. Damit rechnete +er, denn sein T"ochterchen sollte gut erzogen werden, sie sollte +etwa{\s} Ordentliche{\s} lernen, auch Klavier spielen. Und h"ubsch +w"urde sie sein, die dann F"unfzehnj"ahrige! Ein Ebenbild ihrer +Mutter! Ganz wie sie m"u"ste sie im Sommer einen gro"sen runden +Strohhut tragen. Dann w"urden die beiden von weitem f"ur zwei +Schwestern gehalten. Er stellte sich sein T"ochterchen in Gedanken +vor: abend{\s}, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater +und Mutter, Pantoffeln f"ur ihn stickend. Und in der Wirtschaft +w"urde sie helfen und da{\s} ganze Hau{\s} mit Lachen und Frohsinn +erf"ullen. Und weiter dachte er an ihre Versorgung. E{\s} w"urde +sich schon irgendein braver junger Mann in guten Verh"altnissen +finden und sie gl"ucklich machen. Und so bliebe e{\s} dann +immerdar~... + +Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und +w"ahrend ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen +Tr"aumereien nach. + +Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entf"uhrt, +auf der Reise nach einem andern Lande, au{\s} dem sie nie wieder +zur"uckzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren +dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie +pl"otzlich von Berge{\s}h"oh auf irgendwelche m"achtige Stadt +hinab, mit ihrem Dom, ihren Br"ucken, Schiffen, Limonenhainen und +wei"sen Marmorkirchen mit spitzen T"urmen. Zu Fu"s wanderten sie +dann durch die Stra"sen. Frauen in roten Miedern boten ihnen +Blumenstr"au"se an. Glocken l"auteten, Maulesel schrien, und +dazwischen girrten Gitarren und rauschten Font"anen, deren k"uhler +Wasserstaub auf Haufen von Fr"uchten herabspr"uhte. Sie lagen zu +Pyramiden aufgeschichtet da, zu F"u"sen bleicher Bilds"aulen, die +unter dem Spr"uhregen l"achelten. Und eine{\s} Abend{\s} +erreichten sie ein Fischerdorf, wo braune Netze im Winde +trockneten, am Strand und zwischen den H"utten. Dort wollte sie +bleiben und immerdar wohnen, in einem kleinen Hause mit flachem +Dache, im Schatten hoher Zypressen, an einer Bucht de{\s} +Meere{\s}. Sie fuhren in Gondeln und tr"aumten in H"angematten. +Da{\s} Leben war ihnen so leicht und weit wie ihre seidenen +Gew"ander, und so warm und sternbes"at wie die s"u"sen N"achte, +die sie schauernd genossen ... Da{\s} war ein unerme"slicher +Zukunft{\s}traum; aber bi{\s} in die Einzelheiten dachte sie ihn +nicht au{\s}. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge der +andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen +fluteten fernhin bi{\s} in den Horizont, endlo{\s}, in leiser +Bewegung, stahlblau und sonnenbegl"anzt~... + +Da{\s} Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte +laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, al{\s} da{\s} wei"se +D"ammerlicht an den Scheiben stand und Justin dr"uben die L"aden +der Apotheke "offnete. + +Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt: + +"`Ich brauche einen Mantel, einen gro"sen gef"utterten Reisemantel +mit einem breiten Kragen."' + +"`Sie wollen verreisen?"' fragte der H"andler. + +"`Nein, aber ... da{\s} ist ja gleichg"ultig! Ich kann mich auf +Sie verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!"' + +Lheureux machte einen Kratzfu"s. + +"`Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren +... einen handlichen~..."' + +"`Sch"on! Sch"on! Ich wei"s schon: zweiundneunzig zu f"unfzig! Wie +man sie jetzt meist hat!"' + +"`Und eine Handtasche f"ur da{\s} Nachtzeug!"' + +"`Aha,"' dachte der H"andler, "`sie hat sicher Krakeel gehabt!"' + +"`Da!"' sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr au{\s} dem +G"urtel nestelte. "`Nehmen Sie da{\s}! Machen Sie sich damit +bezahlt!"' + +Aber Lheureux str"aubte sich dagegen. Da{\s} ginge nicht. Sie +w"are doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? +Wa{\s} solle denn da{\s}? Doch sie bestand darauf, da"s er +wenigsten{\s} die Kette n"ahme. + +Er hatte sie bereit{\s} eingesackt und war schon drau"sen, da rief +ihn Emma zur"uck. + +"`Behalten Sie da{\s} Bestellte vorl"aufig bei sich! Und den +Mantel~...,"' sie tat so, al{\s} ob sie sich{\s} "uberlegte "`... +den bringen Sie auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie +mir die Adresse de{\s} Schneider{\s} und sagen Sie ihm, der Mantel +soll bei ihm zum Abholen bereitliegen."' + +Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte +Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu +machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Pl"atze in der Post +bestellen, P"asse besorgen und nach Pari{\s} schreiben, damit +da{\s} Gep"ack gleich direkt bi{\s} Marseille bef"ordert w"urde. +In Marseille wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann +sollte die Reise ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emma{\s} +Gep"ack sollte Lheureux mit der Post wegbringen, ohne da"s +irgendwer Verdacht sch"opfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war +von ihrem Kinde niemal{\s} die Rede. Rudolf vermied e{\s}, davon +zu sprechen. "`Sie denkt vielleicht nicht mehr daran"', sagte er +sich. + +Er erbat sich zun"achst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten +zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmal{\s} zwei +Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mu"ste er +eine Reise machen. So verging der August, bi{\s} sie sich nach +allen diesen Verz"ogerungen schlie"slich "`unwiderruflich"' auf +Montag den 4. September einigten. + +Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gew"ohnlich +ein. + +"`Ist alle{\s} bereit?"' fragte sie ihn. + +"`Ja."' + +Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf +den Rand der Gartenmauer. + +"`Du bist verstimmt?"' fragte Emma. + +"`Nein. Warum auch?"' + +Dabei sah er sie mit einem sonderbaren z"artlichen Blick an. + +"`Vielleicht weil e{\s} nun fortgeht?"' fragte sie. "`Weil du +Dinge, die dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganze{\s} +jetzige{\s} Leben? Ich verstehe da{\s} wohl, wenn ich selber auch +nicht{\s} derlei auf der Welt habe. Du bist mein alle{\s}! Und +ebenso m"ochte ich dir alle{\s} sein, Familie und Vaterland. Ich +will dich hegen und pflegen. Und dich lieben!"' + +"`Wie lieb du bist!"' sagte er und zog sie an sein Herz. + +"`Wirklich?"' fragte sie in lachender Wollust. "`Du liebst mich? +Schw"ore mir{\s}!"' + +"`Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, +Liebste!"' + +Der Vollmond ging purpurrot auf, dr"uben "uber der Linie de{\s} +flachen Horizont{\s}, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er +hoch, und schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch +ihre Zweige, versteckt wie hinter einem l"ochrigen, schwarzen +Vorhang. Und bald erschien er gl"anzend-wei"s im klaren Raume +de{\s} weiten Himmel{\s}. Er ward immer silberner, und nun +rieselte seine Lichtflut auch unten im Bache "uber den Wellen in +zahllosen funkelnden Sternen, wie ein Strom geschmolzener +Diamanten. Ring{\s}um leuchtete die laue lichte Sommernacht. Nur +in den Wipfeln hingen dunkle Schatten. + +Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Z"ugen den +k"uhlen Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken +und verloren in ihre Gedanken. Die Z"artlichkeit vergangener Tage +ergriff von neuem ihre Herzen, unersch"opflich und schweigsam wie +der dahinflie"sende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die +Erinnerung an da{\s} Einst war von Schatten durchwirkt, die +verschwommener und wehm"utiger waren al{\s} die der unbeweglichen +Weiden, deren Umrisse au{\s} den Gr"asern wuchsen. Zuweilen +raschelte auf seiner n"achtlichen Jagd ein Tier durch{\s} +Gestr"auch, ein Igel oder ein Wiesel, oder man h"orte, wie ein +reifer Pfirsich von selber zur Erde fiel. + +"`Wa{\s} f"ur eine wunderbare Nacht!"' sagte Rudolf. + +"`Wir werden noch sch"onere erleben!"' erwiderte Emma. Und wie zu +sich selbst fuhr sie fort: "`Ach, wie herrlich wird unsere Reise +werden ... Aber warum ist mir da{\s} Herz so schwer? Warum wohl? +Ist e{\s} die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, da{\s} +Gewohnte zu verlassen ... oder wa{\s} ist{\s}? Ach, e{\s} ist +da{\s} "Uberma"s von Gl"uck! Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih +mir!"' + +"`Noch ist e{\s} Zeit!"' rief er au{\s}. "`"Uberleg dir{\s}! Wird +e{\s} dich auch niemal{\s} reuen?"' + +"`Niemal{\s}!"' beteuerte sie leidenschaftlich. + +Sie schmiegte sich an ihn. + +"`Wa{\s} k"onnte mir denn Schlimme{\s} bevorstehen! E{\s} gibt +keine W"uste, kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht +durchqueren w"urde! Je l"anger wir zusammen leben werden, um so +inniger und vollkommener werden wir un{\s} lieben! Keine Sorge, +kein Hinderni{\s} wird un{\s} mehr qu"alen! Wir werden allein sein +und ein{\s} immerdar ... Sprich doch! Antworte mir!"' + +Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenr"aumen: + +"`Ja ... ja ... ja!"' + +Sie strich mit den H"anden durch sein Haar und fl"usterte wie ein +kleine{\s} Kind unter gro"sen rollenden Tr"anen immer wieder: + +"`Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter +Rudolf~..."' + +E{\s} schlug Mitternacht. + +"`Mitternacht!"' sagte sie. "`Nun hei"st e{\s}: morgen! Nur noch +ein Tag!"' + +Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und al{\s} ob diese +Geb"arde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male +fr"ohlich. + +"`Hast du die P"asse?"' fragte sie. + +"`Ja."' + +"`Hast du nicht{\s} vergessen?"' + +"`Nein."' + +"`Wei"st du da{\s} genau?"' + +"`Ganz genau!"' + +"`Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittag{\s}?"' + +Er nickte. + +"`Also morgen auf Wiedersehen!"' sagte Emma mit einem letzten +Kusse. + +Er ging, und sie sah ihm nach. + +Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bi{\s} an den +Bachrand und rief durch die Weiden hindurch: + +"`Auf morgen!"' + +Er war schon dr"uben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch +die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Al{\s} er sah, +wie ihr wei"se{\s} Kleid allm"ahlich im Schatten verschwand wie +eine Vision, da bekam er so heftige{\s} Herzklopfen, da"s er sich +gegen einen Baum lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. + +"`Ich bin kein Mann!"' rief er au{\s}. "`Hol mich der Teufel! Ein +h"ubsche{\s} Weib war{\s} doch!"' + +Emma{\s} Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten +ihn noch einmal. Er ward weich. Dann aber emp"orte er sich gegen +diese R"uhrung. + +"`Nein, nein! Ich kann Hau{\s} und Hof nicht verlassen!"' + +Er gestikulierte heftig. + +"`Und dann da{\s} l"astige Kind ... die Scherereien ... die +Kosten!"' + +Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} auf, um sich stark zu machen. + +"`Nein, nein! Tausendmal nein! E{\s} w"are eine Riesentorheit!"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dreizehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den +Schreibtisch, "uber dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine +Jagdtroph"ae, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte, +wu"ste er nicht, wa{\s} er schreiben sollte. Den Kopf zwischen +beide H"ande gest"utzt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in +weite Ferne entr"uckt. Der blo"se Entschlu"s, mit ihr zu brechen, +hatte sie ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet. + +Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er au{\s} dem +Schranke, der am Kopfende seine{\s} Bette{\s} stand, eine alte +Blechschachtel hervor, in der urspr"unglich einmal Kake{\s} drin +gewesen waren und in der er seine "`Weiberbriefe"' aufbewahrte. +Geruch von Moder und vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu +oberst lag ein Taschentuch, verbla"ste Blutflecken darauf. E{\s} +war von Emma; auf einem ihrer gemeinsamen Spazierg"ange hatte sie +einmal Nasenbluten bekommen. Jetzt fiel e{\s} ihm wieder ein. +Daneben lag ein Bild von ihr, da{\s} sie ihm geschenkt hatte. Alle +vier Ecken daran waren abgesto"sen. Da{\s} Kleid, da{\s} sie auf +diesem Bilde anhatte, kam ihm theatralisch vor und ihr himmelnder +Blick j"ammerlich. Wie er sich ihr Konterfei so betrachtete und +sich da{\s} Urbild in die Phantasie zur"uckzurufen suchte, +verschwammen Emma{\s} Z"uge in seinem Ged"achtnisse, gleichsam +al{\s} ob sich die noch lebende Erinnerung und da{\s} gemalte +Bildchen gegenseitig befehdeten und ein{\s} da{\s} andre +vernichtete. + +Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die au{\s} der letzten +Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz, +sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Gesch"aft{\s}briefe. Er +suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen, +mu"ste er den ganzen Kasten durchw"uhlen. Au{\s} dem Wust von +Papieren und kleinen Gegenst"anden zog er mechanisch welke Blumen, +ein Strumpfband, eine schwarze Ma{\s}ke, Haarnadeln und Locken +herau{\s}. Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten +sich in{\s} Scharnier gezw"angt und rissen nun beim +Herau{\s}nehmen~... + +Mit allen diesen Andenken vertr"odelte er eine Weile. Er stellte +seine Betrachtungen "uber die verschiedenen Handschriften an, +"uber den Stil in den einzelnen Briefb"undeln, "uber die nicht +minder variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten +z"artlich geschrieben, andre lustig, witzig oder r"uhrselig. Die +wollten Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem +bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang +einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste +Erinnerung herauf. + +Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn. +Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig +in den Schmutz. Etwa{\s} Gemeinsame{\s} -- die Liebe -- stellte +sie allesamt auf ein und da{\s}selbe Niveau. + +Wahllo{\s} nahm er einen Sto"s Briefe in die Finger, bildete eine +Art F"acher darau{\s} und spielte damit. Schlie"slich aber warf er +sie, halb gelangweilt, halb vertr"aumt, wieder in den Kasten und +stellte diesen in den Schrank zur"uck. + +"`Lauter Bl"odsinn!"' + +Da{\s} war der Extrakt seiner Leben{\s}wei{\s}heit. Sein Herz war +wie ein Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmung{\s}lo{\s} +herumgetrampelt waren, da"s kein gr"uner Halm mehr spro"s. Die +Freuden de{\s} Dasein{\s} hatten noch gr"undlicher gewirtschaftet. +Die Sch"uler kritzeln ihre Namen an die Mauern. In Rudolf{\s} Herz +war keiner zu lesen. + +"`Nun aber lo{\s}!"' rief er sich zu. + +Er begann zu schreiben: + +"`Liebe Emma! + +Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' + +"`Eigentlich sehr richtig!"' dachte er bei sich. "`Da{\s} ist nur +in ihrem Interesse. Also durchau{\s} anst"andig von mir~..."' + +"`... Hast Du Dir Deinen Entschlu"s wirklich reiflich "uberlegt? +Hast Du aber auch den Abgrund bemerkt, arme{\s} Lieb, in den ich +Dich beinahe schon gef"uhrt h"atte? Wohl nicht! Du folgst mir +tollk"uhn und zuversichtlich, im festen Glauben an da{\s} Gl"uck, +an die Zukunft! Ach, wie ungl"ucklich sind wir! Und wie verblendet +waren wir!"' + +Rudolf h"orte zu schreiben auf. Er suchte nach guten +Au{\s}fl"uchten. "`Wenn ich ihr nun sagte, ich h"atte mein +Verm"ogen verloren? Ach, nein, lieber nicht! "Ubrigen{\s} n"utzte +da{\s} nicht{\s}. Die Geschichte ging dann doch wieder von neuem +lo{\s}. E{\s} ist, wei"s Gott, verdammt schwer, so eine Frau +wieder vern"unftig zu machen!"' + +Er sann nach, dann schrieb er weiter: + +"`Ich werde Dich niemal{\s} vergessen. Glaube mir da{\s}! Mein +ganze{\s} Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner +gedenken. So aber h"atte sich unsre Leidenschaft (da{\s} ist nun +einmal da{\s} Schicksal alle{\s} Menschlichen!) eine{\s} Tage{\s}, +fr"uher oder sp"ater, doch verfl"uchtet. Zweifello{\s}! Wir w"aren +ihrer m"ude geworden, und wer wei"s, ob mir nicht der gr"a"sliche +Schmerz beschieden gewesen w"are, Deine Reue zu erleben und selber +welche zu empfinden al{\s} Veranlasser der Deinigen? Die blo"se +Vorstellung, Dir diese{\s} Leid verursachen zu k"onnen, martert +mich. Liebste Emma, vergi"s mich! Wir h"atten un{\s} nie kennen +lernen sollen! Warum bist Du so sch"on! Bin ich der Schuldige? Bei +Gott, nein, nein! Wir m"ussen da{\s} Schicksal anklagen~..."' + +"`Diese{\s} Wort machte immer Eindruck"', sagte er zu sich. + +"`Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau w"arst, wie e{\s} ihrer so +viele gibt, ja dann h"atte ich den Versuch wagen k"onnen, au{\s} +Egoi{\s}mu{\s}, ohne Gefahr f"ur Dich. Aber bei Deiner k"ostlichen +schw"armerischen Art, dem Quell Deine{\s} Reize{\s} und zugleich +Deine{\s} vielen Kummer{\s}, bist Du nicht imstande, Du Beste +aller Frauen, die Kehrseite unsrer zuk"unftigen Stellung in der +Welt vorau{\s}zusehen. Auch ich habe zun"achst gar nicht daran +gedacht, habe mich in unserm H"ohengl"ucke behaglich gesonnt, mich +in ein M"archenland getr"aumt und mich um keine Folgen +gek"ummert~..."' + +"`Vielleicht glaubt sie, ich z"oge mich au{\s} Geiz zur"uck ... +Auch egal! Desto besser! Wenn{\s} nur Schlu"s wird!"' + +"`... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man h"atte un{\s} +"uberall, wohin wir gekommen w"aren, Schwierigkeiten bereitet. Du +h"attest unversch"amte Fragen, Verleumdungen, Schm"ahungen und +vielleicht Beleidigungen "uber Dich ergehen lassen m"ussen. +Beleidigungen, Du! Und ich wollte Dich zu meiner K"onigin erheben. +Du solltest mein Heiligste{\s} sein. Nun bestrafe ich mich mit der +Verbannung, weil ich Dir so viel Schlimme{\s} angetan habe. Ich +gehe fort. Wohin? Ach, ich wei"s e{\s} nicht, ich bin wahnsinnig! + +Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergi"s den Ungl"ucklichen nicht +ganz, der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, +damit sie mich in ihre Gebete einschlie"st!"' + +Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom +Schreibtisch auf und schlo"s da{\s} Fenster. + +"`So! Ich denke, da{\s} gen"ugt! Halt! Noch etwa{\s}! Auf keinen +Fall eine Au{\s}sprache!"' + +Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter: + +"`Wenn Du diese betr"ubten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit +weg, denn ich mu"s eilend{\s} fliehen, um der Versuchung zu +entrinnen, Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach +werden! Wenn ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht +miteinander von unsrer verlorenen Liebe reden, k"uhl und +vern"unftig. Adieu!"' + +Er setzte noch ein "`A dieu!"' darunter, in zwei Worten +geschrieben. Da{\s} hielt er f"ur sehr geschmackvoll. + +"`Wie soll ich nun unterzeichnen?"' fragte er sich. "`Dein +ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!"' + +Und er schrieb: + +\hfill "`Dein treuer Freund + +\hfill R."' \hspace{3em} + +Er la{\s} den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm. + +"`Arme{\s} Frauchen!"' dachte er in einem Anflug von R"uhrseligkeit. +"`Sie wird denken, ich sei gef"uhllo{\s} wie Stein. Eigentlich +fehlen ein paar Tr"anenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Da{\s} +ist mein Fehler."' + +Er go"s etwa{\s} Wasser au{\s} der Flasche in ein Gla{\s}, tauchte +einen Finger hinein, hielt die Hand hoch und lie"s einen gro"sen +Tropfen auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift +f"arbte ihn bla"sblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun +nach einem Petschaft. Da{\s} mit dem Wahlspruch +\begin{antiqua}Amor nel Cor\end{antiqua} geriet ihm in die Hand. + +"`Pa"st eigentlich nicht gerade!"' dachte er. "`Ach wa{\s}! Tut +nicht{\s}!"' + +Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen. + +E{\s} war sp"at geworden. Am andern Tage stand er mittag{\s} gegen +zwei Uhr auf. Al{\s}bald lie"s er ein K"orbchen Aprikosen +pfl"ucken, legte den Brief unter die Weinbl"atter am Boden und +befahl Gerhard, seinem Kutscher, den Korb unverz"uglich Frau +Bovary zu bringen. Auf diese Art hatte er Emma h"aufig Nachrichten +zukommen lassen, je nach der Jahre{\s}zeit, zusammen mit Fr"uchten +oder Wild. + +"`Wenn sie sich nach mir erkundigt,"' instruierte er, "`dann +antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr pers"onlich +in die H"ande! Verstanden? So! Ab!"' + +Gerhard zog seine neue Bluse an, kn"upfte sein Taschentuch "uber +die Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit +schwerf"alligen Schritten voller Gem"ut{\s}ruhe gen Yonville. + +Al{\s} der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit +besch"aftigt, auf dem K"uchentische zusammen mit Felicie W"asche +zu falten. + +"`Eine sch"one Empfehlung von meinem Herrn,"' vermeldete er, "`und +da{\s} schickt er hier!"' + +Emma "uberkam eine bange Ahnung, und w"ahrend sie in ihrer +Sch"urzentasche nach einem Geldst"ucke zum Trinkgeld suchte, sah +sie den Mann mit verst"ortem Blick an. Der betrachtete sie +verwundert; er begriff nicht, da"s ein solche{\s} Geschenk +jemanden so sehr aufregen k"onne. Dann ging er. + +Felicie war noch da. Emma hielt e{\s} nicht l"anger au{\s}, sie +eilte in da{\s} E"szimmer, indem sie sagte, sie wolle die +Aprikosen dahin tragen. Dort sch"uttete sie den Korb au{\s}, nahm +die Weinbl"atter herau{\s} und fand den Brief. Sie "offnete ihn +und floh hinauf nach ihrem Zimmer, al{\s} brenne e{\s} hinter ihr. +Sie war fassung{\s}lo{\s} vor Angst. + +Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwa{\s} zu ihr. Sie +verstand e{\s} nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe h"oher, +au"ser Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverr"uckt, immer den +unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern +knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen +Bodent"ure stehen. + +Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht au{\s} dem +Sinn. Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte e{\s} nicht. +Nirgend{\s} war sie ungest"ort. + +"`Ja, hier geht{\s}!"' sagte sie sich. Sie klinkte die T"ur auf +und trat in die Bodenkammer. + +Unter den Schieferplatten de{\s} Dache{\s} br"utete dumpfe +Schw"ule, die ihr auf die Schl"afen dr"uckte und den Atem benahm. +Sie schleppte sich bi{\s} zu dem gro"sen Bodenfenster und stie"s +den Holzladen auf. Grelle{\s} Licht flutete ihr entgegen. + +Vor ihr, "uber den D"achern, breitete sich da{\s} Land bi{\s} in +die Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine +de{\s} Fu"ssteig{\s} gl"anzten. Die Wetterfahnen der H"auser +standen unbeweglich. Au{\s} dem Eckhause schr"ag gegen"uber, +au{\s} einem der Dachfenster drang ein schnarrende{\s}, +kreischende{\s} Ger"ausch herauf. Binet sa"s an seiner Drehbank. + +Emma lehnte sich an da{\s} Fensterkreuz und la{\s} den Brief mit +zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je +gr"undlicher sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. +Im Geist sah sie den Geliebten, h"orte ihn reden, zog ihn +leidenschaftlich an sich. Da{\s} Herz schlug ihr in der Brust wie +mit wuchtigen Hammerschl"agen, die immer rascher und +unregelm"a"siger wurden. Ihre Augen irrten im Kreise. Sie f"uhlte +den Wunsch in sich, da"s die ganze Welt zusammenst"urze. Wozu +weiterleben? Wer hinderte sie, ein Ende zu machen, sie, die +Vogelfreie? + +Sie bog sich weit au{\s} dem Fenster herau{\s} und starrte hinab +auf da{\s} Stra"senpflaster. + +"`Mut! Mut!"' rief sie sich zu. + +Da{\s} leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihre{\s} +K"orper{\s} f"ormlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, +al{\s} bewege sich die Fl"ache de{\s} Marktplatze{\s} und hebe +sich an den H"ausermauern empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie +stand, begann zu schwanken wie da{\s} Deck eine{\s} Seeschiffe{\s} +... Sie lehnte sich noch weiter zum Fenster hinau{\s}. Schon hing +sie beinahe im freien Raume. Der weite blaue Himmel umgab sie, und +die Luft strich ihr um den wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch +sich nicht mehr fest\/zuhalten, nur noch die H"ande lo{\s}zulassen +... Ohne Unterla"s summte unten die Drehbank wie die rufende +Stimme eine{\s} b"osen Geiste{\s}~... + +In diesem Moment rief Karl: + +"`Emma! Emma!"' + +Da kam sie wieder zur Besinnung. + +"`Wo steckst du denn? Komm doch!"' + +Der Gedanke, da"s sie soeben dem Tode entronnen war, erf"ullte sie +mit Schrecken und Grauen. Sie schlo"s die Augen. Zusammenfahrend +f"uhlte sie sich von jemandem am Arm gefa"st: e{\s} war Felicie. + +"`Gn"adige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet."' + +Sie mu"ste hinunter, mu"ste sich mit zu Tisch setzen. + +Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen +hinunter. Sie faltete ihre Serviette au{\s}einander, al{\s} ob sie +sich die au{\s}gebesserten Stellen genau ansehen wollte, und +wirklich tat sie da{\s} und begann die F"aden de{\s} Gewebe{\s} zu +z"ahlen ... Pl"otzlich fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie +ihn oben fallen lassen? Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, +al{\s} da"s sie imstande gewesen w"are, einen Vorwand zu ersinnen, +um bei Tisch aufstehen zu k"onnen. Sie war feig geworden. Sie +hatte Furcht vor Karl. Sicherlich wu"ste er nun alle{\s}, +sicherlich! Und wahrhaftig, da sagte er mit eigent"umlicher +Betonung: + +"`Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?"' + +"`Wer hat dir da{\s} gesagt?"' fragte sie zitternd. + +"`Wer mir da{\s} gesagt hat?"' wiederholte er, ein wenig betroffen +von dem harten Klang ihrer Frage. "`Na, sein Kutscher, dem ich +vorhin vor dem Cafe Fran\c{c}ai{\s} begegnet bin. Boulanger ist +verreist, oder er steht im Begriff zu verreisen~..."' + +Emma schluchzte laut auf. + +"`Wundert dich da{\s}?"' fuhr er fort. "`Er verdr"uckt sich doch +immer mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kann{\s} ihm +nicht verdenken. Wenn man da{\s} n"otige Geld dazu hat und +Junggeselle ist~... "Ubrigen{\s} ist unser Freund ein +Leben{\s}k"unstler! Ein alter Sch"aker! Langloi{\s} hat mir +erz"ahlt~..."' + +Er verstummte, au{\s} Anstand, weil da{\s} Dienstm"adchen gerade +hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in da{\s} +K"orbchen, da{\s} auf der Kredenz stand. Karl lie"s e{\s} sich auf +den Tisch bringen, ohne zu bemerken, da"s seine Frau rot wurde. Er +nahm eine der Fr"uchte und bi"s hinein. + +"`Ah!"' machte er. "`Vorz"uglich! Koste mal!"' + +Er schob ihr da{\s} K"orbchen zu. Sie wehrte leicht ab. + +"`So riech doch wenigsten{\s}! Da{\s} ist ein Duft!"' + +Er hielt ihr eine Aprikose link{\s} und recht{\s} an die Nase. + +"`Ich bekomm keine Luft!"' rief sie und sprang auf. Aber schnell +beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. +"`E{\s} war nicht{\s}! Gar nicht{\s}! Wieder meine Nerven! Setz +dich nur wieder hin und i"s!"' + +Sie f"urchtete, er k"onne sie au{\s}fragen, um sie besorgt sein +und sie dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte +sich wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand +und legte sie dann auf seinen Teller. + +Da fuhr drau"sen ein blauer Dogcart im flotten Trabe "uber den +Markt. Emma stie"s einen Schrei au{\s} und fiel r"uckling{\s} +langhin zu Boden. + +Rudolf hatte sich nach langer "Uberlegung entschlossen, nach Rouen +zu fahren. Da nun aber von der H"uchette nach dorthin kein anderer +Weg al{\s} der "uber Yonville f"uhrte, mu"ste er diesen Ort wohl +oder "ubel ber"uhren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, +die drau"sen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt. + +Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, da"s im Hause de{\s} +Arzte{\s} "`wa{\s} lo{\s} sei"', st"urzte herbei. Der E"stisch war +mit allem, wa{\s} darauf gestanden, umgest"urzt. Die Teller, +da{\s} Fleisch, die Sauce, die Bestecke, Salz und "Ol, alle{\s} +lag auf dem Fu"sboden umher. Karl hatte den Kopf verloren, die +erschrockene kleine Berta schrie, und Felicie nestelte ihrer in +Zuckungen daliegenden Herrin mit bebenden H"anden die Kleider auf. + +"`Ich werde schnell Kr"auteressig au{\s} meinem Laboratorium +holen!"' sagte Homai{\s}. + +Al{\s} man Emma da{\s} Fl"aschchen an{\s} Gesicht hielt, schlug +sie seufzend die Augen wieder auf. + +"`Nat"urlich!"' meinte der Apotheker. "`Damit kann man Tote +erwecken!"' + +"`Sprich!"' bat Karl. "`Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein +Karl, der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib +ihr einen Ku"s!"' + +Da{\s} Kind streckte die "Armchen nach der Mutter au{\s} und +wollte sie um den Hal{\s} fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg +und stammelte: + +"`Nicht doch! Niemanden!"' + +Sie wurde abermal{\s} ohnm"achtig. Man trug sie in ihr Bett. + +Lang au{\s}gestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider +geschlossen, die H"ande schlaff herabh"angend, regung{\s}lo{\s} +und bla"s wie ein Wach{\s}bild. Ihren Augen entquollen Tr"anen, +die in zwei Ketten langsam auf da{\s} Kissen rannen. + +Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und +nachdenklich, wie da{\s} bei ernsten Vorf"allen so herk"ommlich +ist. + +"`Beruhigen Sie sich!"' sagte Homai{\s} und zupfte den Arzt. "`Ich +glaube, der Paroxy{\s}mu{\s} ist vor"uber."' + +"`Ja,"' erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. "`Jetzt +scheint sie ein wenig zu schlafen, die "Armste! Ein R"uckfall in +da{\s} alte Leiden!"' + +Nun erkundigte sich Homai{\s}, wie da{\s} gekommen sei. Karl gab +zur Antwort: + +"`Ganz pl"otzlich! W"ahrend sie eine Aprikose a"s."' + +"`H"ochst merkw"urdig!"' meinte der Apotheker. "`E{\s} ist +indessen m"oglich, da"s die Aprikosen die Ohnmacht verursacht +haben. E{\s} gibt gewisse Naturen, die f"ur bestimmte Ger"uche +stark empf"anglich sind. E{\s} w"are eine sehr interessante +Arbeit, diese Erscheinungen wissenschaftlich zu untersuchen, +sowohl nach physiologischen wie nach pathologischen +Gesicht{\s}punkten. Die Pfaffen haben von jeher gewu"st, wie +wertvoll da{\s} f"ur sie ist. Die Verwendung von Weihrauch beim +Gotte{\s}dienst ist uralt. Damit schl"afert man den Verstand ein +und versetzt And"achtige in Ekstase, am leichtesten "ubrigen{\s} +weibliche Wesen. Die sind feinnerviger al{\s} wir M"anner. Ich +habe von F"allen gelesen, wo Frauen ohnm"achtig geworden sind beim +Geruch von verbranntem Horn, frischem Brot~..."' + +"`Geben Sie acht, da"s sie nicht aufgeweckt wird!"' mahnte Bovary +mit fl"usternder Stimme. + +"`Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,"' +fuhr der Apotheker fort, "`sondern sogar bei Tieren. Zweifello{\s} +ist Ihnen nicht unbekannt, da"s \begin{antiqua}Nepeta +cataria\end{antiqua}, vulg"ar Katzenminze, sonderbarerweise auf +da{\s} gesamte Katzengeschlecht al{\s} Aphrodisiakum wirkt. Einen +weiteren Beleg kann ich au{\s} meiner eigenen Erfahrung anf"uhren. +Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt in der +Malpalu-Stra"se -- besitzt einen Foxterrier, der jede{\s}mal +Kr"ampfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabak{\s}dose vor die +Nase h"alt. Ich habe diese{\s} Experiment selber ein paarmal mit +angesehen, im Landhause meine{\s} Freunde{\s} am Wilhelm{\s}walde. +Sollte man{\s} f"ur m"oglich halten, da"s ein so harmlose{\s} +Niesemittel in den Organi{\s}mu{\s} eine{\s} Vierf"u"sler{\s} +derartig eingreifen kann? Da{\s} ist h"ochst merkw"urdig, nicht +wahr?"' + +"`Gewi"s!"' sagte Karl, der gar nicht darauf geh"ort hatte. + +"`Da{\s} beweist un{\s},"' fuhr der andre fort, +gutm"utig-selbstgef"allig l"achelnd, "`da"s im Nervensystem +zahllose Unregelm"a"sigkeiten m"oglich sind. Ich mu"s gestehen, +da"s mir Ihre Frau Gemahlin immer au"serordentlich reizsam +vorgekommen ist. Darum m"ochte ich Ihnen, verehrter Freund, auf +keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien zu verordnen, die +angeblich die Symptome so einer Krankheit beseitigen sollen, in +Wirklichkeit aber nur der Gesundheit schaden. Nein, nein, hier +sind Medikamente unn"utz! Di"at! Weiter nicht{\s}! Beruhigende, +milde, kr"aftigende Kost! Und dann, k"onnte man bei ihr nicht auch +irgendwie auf die Einbildung{\s}kraft einzuwirken versuchen?"' + +"`Wieso? Womit?"' + +"`Ja, da{\s} ist eben die Frage! Da{\s} ist wirklich die Frage! +\begin{antiqua}That is the question\end{antiqua}! -- wie ich +neulich in der Zeitung gelesen habe."' + +Emma erwachte und rief: + +"`Der Brief? Der Brief?"' + +Die beiden M"anner glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat +da{\s} mitternacht{\s} ein. Emma hatte Gehirnent\/z"undung. + +In den n"achsten sech{\s} Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. +Er vernachl"assigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr, +unerm"udlich ma"s er ihren Pul{\s}, legte ihr Senfpflaster auf und +erneute die Kaltwasser-Umschl"age. Er schickte Justin nach +Neufch\^atel, um Ei{\s} zu holen. E{\s} schmolz unterweg{\s}. +Justin mu"ste nochmal{\s} hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. +Professor Larivi\`ere, sein ehemaliger Lehrer, ward au{\s} Rouen +hergeholt. Karl war der v"olligen Verzweiflung nahe. Am meisten +"angstigte ihn Emma{\s} Apathie. Sie sprach nicht, interessierte +sich f"ur nicht{\s}, ja, sie schien selbst die Schmerzen nicht zu +empfinden. E{\s} war, al{\s} h"atten K"orper wie Geist bei ihr +alle ihre Funktionen eingestellt. + +Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gest"utzt, wieder +aufrecht in ihrem Bette sitzen. Al{\s} sie da{\s} erste Br"otchen +mit eingemachten Fr"uchten verzehrte, da weinte Karl. Allm"ahlich +kehrten ihre Kr"afte zur"uck. Sie durfte nachmittag{\s} ein paar +Stunden aufstehen, und eine{\s} Tage{\s} f"uhlte sie sich soweit +wohl, da"s sie an Karl{\s} Arm einen kleinen Spaziergang durch den +Garten versuchte. + +Auf den sandigen Wegen lag gefallene{\s} Laub. Sie ging ganz +langsam, in Hau{\s}schuhen, ohne die F"u"se zu heben. An Karl +angeschmiegt, l"achelte sie in einem fort vor sich hin. + +So schritten sie bi{\s} hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie +stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand +"uber die Augen. Lange schaute sie hinau{\s} in die Weite. Aber +e{\s} gab in der Ferne nicht{\s} zu sehen al{\s} auf den H"ugeln +gro"se Feuer, in denen man landwirtschaftliche "Uberbleibsel +verbrannte. + +"`Da{\s} Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!"' warnte Karl +und geleitete sie behutsam zur Laube hin. "`Setz dich hier ein +wenig auf die Bank! Da{\s} wird dir gut tun!"' + +"`Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!"' stie"s sie mit +ersterbender Stimme hervor. + +Sie wurde ohnm"achtig, und abend{\s} war die Krankheit von neuem +da, und zwar in erh"ohtem Grade und mit allerlei Komplikationen. +Bald hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im +Kopfe, bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein +Au{\s}wurf, an dem Bovary die ersten Anzeichen der +Lungenschwindsucht zu erkennen w"ahnte. + +Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Zun"achst wu"ste er nicht, wie er dem Apotheker die vielen +Arzneien ver\-g"uten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Al{\s} +Arzt brauchte er sie nicht zu bezahlen, aber da{\s} w"are ihm +peinlich gewesen. Dann war der Hau{\s}halt, jetzt wo ihn da{\s} +M"adchen f"uhrte, schrecklich teuer geworden. Die Rechnungen +regneten nur so in{\s} Hau{\s}. Die Lieferanten begannen +ungeduldig zu werden. In{\s}besondre mahnte Lheureux in l"astiger +Weise. Er hatte den H"ohepunkt von Emma{\s} Krankheit dazu +benutzt, ihre Rechnung h"oher au{\s}zuschreiben, al{\s} sie +wirklich war. Flug{\s} brachte er auch den Mantel, die Handtasche +und zwei Koffer statt de{\s} einen und noch eine Menge andrer +Gegenst"ande, die bestellt worden seien, wie er behauptete. E{\s} +n"utzte Bovary gar nicht{\s}, da"s er erkl"arte, er brauche die +Sachen nicht; der H"andler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle +diese Waren seien bei ihm bestellt und er n"ahme sie nicht +zur"uck. Herr Bovary m"oge sich{\s} "uberlegen; er werde ihn eher +verklagen al{\s} sich selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin +dem M"adchen, die Gegenst"ande im Gesch"aft abzugeben, aber +Felicie verga"s e{\s}. Er selbst hatte sich um andre Dinge zu +k"ummern und dachte nicht mehr daran. Nach einer gewissen Zeit +unternahm Lheureux einen neuen Versuch. Bald drohend, bald +jammernd, brachte er e{\s} so weit, da"s ihm Bovary schlie"slich +einen Wechsel au{\s}stellte, der in sech{\s} Monaten f"allig war. +Al{\s} er da{\s} Papier unterschrieb, kam ihm der k"uhne Gedanke, +tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen fragte er, ob er +ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem Zin{\s}fu"s verschaffen +k"onne. Der Handel{\s}mann eilte sofort in seinen Laden, brachte +da{\s} Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch den sich +Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahre{\s} +eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereit{\s} +anerkannten hundertundachtzig Franken ergab da{\s} eine +Gesamtschuld von zw"olfhundertundf"unfzig Franken. Lheureux machte +hierbei ein ganz h"ubsche{\s} Gesch"aft; im "ubrigen wu"ste er im +vorau{\s} genau, da"s e{\s} hierbei nicht bliebe. Er rechnete +darauf, da"s der Arzt die Wechsel am F"alligkeit{\s}tage nicht +einl"osen k"onne und sie prolongieren m"usse. Auf diese Weise +sollte da{\s} erst armselige S"ummchen im Hause de{\s} Arzte{\s} +wie in einem Sanatorium eine ordentliche Mastkur durchmachen und +eine{\s} Tage{\s} dick und rund zu ihm zur"uckkehren. + +Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die +regelm"a"sigen Apfelweinlieferungen f"ur da{\s} Neufch\^ateler +Krankenhau{\s}. Der Notar Guillaumin schanzte ihm Aktien der +Torfgruben zu Gr"ume{\s}nil zu. Dazu trug er sich mit dem Plane, +zwischen Argueil und Rouen eine neue Postverbindung zu er"offnen, +die den alten Rumpelkasten de{\s} Goldnen L"owen unbedingt au"ser +Konkurrenz stellen sollte, indem sie schneller f"uhre, billiger +w"are und Eilgut bestelle. Damit wollte er den ganzen Handel von +Yonville in seine H"ande bringen. + +Karl gr"ubelte oftmal{\s} dar"uber nach, wie er die betr"achtliche +Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen k"onne. Er kam dabei auf +allerhand M"oglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden +oder irgend etwa{\s} verkaufen? Aber erstere{\s} hatte vermutlich +keinen Erfolg, und zu verkaufen gab e{\s} nicht{\s}. Er mochte +sich sonst noch au{\s}denken, wa{\s} er wollte: "uberall drohten +die gr"o"sten Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu +gern weitere unerfreuliche "Uberlegungen. Er redete sich ein, er +vernachl"assige seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und +Trachten widme. Er wollte an nicht{\s} andre{\s} denken, selbst +wenn ihr dadurch kein Abbruch gesch"ahe. + +Der Winter war streng. Emma{\s} Genesung schritt nur langsam +vorw"art{\s}. Al{\s} da{\s} Wetter w"armer wurde, schob man sie in +ihrem Lehnstuhl an da{\s} Fenster, und zwar an da{\s} nach dem +Marktplatze zu gelegene. Da{\s} andre mit dem Blick in den Garten +war ihr jetzt verleidet; de{\s}halb mu"ste seine Jalousie +best"andig heruntergelassen bleiben. Sie bestimmte, da"s ihr +Reitpferd verkauft werden solle. Alle{\s}, wa{\s} ihr fr"uher lieb +gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie k"ummerte sich um nicht{\s} +mehr al{\s} um ihre eigene Person. Die kleinen Mahlzeiten nahm sie +in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte sie dem M"adchen, um sich +die Arznei reichen zu lassen oder um mit ihm zu plaudern. Der +Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen hellen, immer gleichen +Widerschein in da{\s} Zimmer. Dann kamen Regentage. Sie empfand +eine Art Angst vor den sich alle Tage wiederholenden +unau{\s}bleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen, die sie +eigentlich gar nicht{\s} angingen, am meisten vor der +allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen L"owen. Dann redete die +Wirtin laut, allerlei andre Stimmen l"armten dazwischen, und die +Laterne Hippolyt{\s}, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck +herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die +Mittag{\s}zeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank +ihre Bouillon. Um f"unf Uhr, wenn e{\s} zu d"ammern begann, kamen +die Kinder au{\s} der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen +"uber da{\s} Trottoir, und im Vor"ubergehen schlug ein{\s} wie +da{\s} andere mit dem Lineal gegen die eisernen Riegel der +Fensterl"aden. + +Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte +sich nach ihrem Befinden, erz"ahlte ihr Neuigkeiten und ermahnte +sie zur Fr"ommigkeit in gef"alligem Plaudertone. Schon der Anblick +der Soutane hatte f"ur Emma etwa{\s} Beruhigende{\s}. + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte +sie nach dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letzte{\s} +St"undlein sei gekommen. W"ahrend man im Gemach die n"otigen +Vorbereitungen zu dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen +bedeckte Kommode in einen Altar wandelte und den Fu"sboden mit +Blumen bestreute, da war e{\s} ihr, al{\s} "uberk"ame sie eine +geheimni{\s}volle Kraft, die ihr ihre Schmerzen, alle Empfindungen +und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie k"orperlo{\s} geworden, sie +hegte keine Gedanken mehr, und ein neue{\s} Leben begann ihr. Sie +hatte da{\s} Gef"uhl, al{\s} schwebe ihre Seele gen Himmel, al{\s} +verl"osche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden wie eine +Opferflamme "uber verglimmendem R"aucherwerk. Man besprengte ihr +Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die wei"se Hostie au{\s} +dem heiligen Ciborium. Halb ohnm"achtig vor "uberirdischer Lust, +"offnete Emma die Lippen, um den Leib de{\s} Heiland{\s} zu +empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorh"ange um sie herum +bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden Kerzen +auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie +Gloriolen her"uber. Al{\s} sie mit dem Kopfe in da{\s} Kissen +zur"ucksank, glaubte sie au{\s} himmlischen H"ohen seraphische +Harfenkl"ange zu h"oren und im Azur auf goldnem Throne, umringt +von Heiligen mit gr"unen Palmen, Gott den Vater in aller seiner +erhabenen Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit +Flammenfl"ugeln wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen~... + +Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Ged"achtnisse. +E{\s} war der allersch"onste Traum, den sie je getr"aumt. Sie gab +sich M"uhe, da{\s} Bild immer wieder zu empfinden. E{\s} wich ihr +nicht au{\s} der Phantasie, aber e{\s} erschien ihr nur manchmal +und in s"u"ser Verkl"arung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich +in christlicher Demut. Da{\s} Gef"uhl der menschlichen Ohnmacht +ward ihr ein k"ostlicher Genu"s. Sie sah f"ormlich, wie au{\s} +ihrem Herzen der eigene Wille wich und der hereindringenden +g"ottlichen Gnade T"ur und Tor weit "offnete. E{\s} gab also +au"ser dem Erdengl"uck eine h"ohere Gl"uckseligkeit und "uber +aller Liebe hienieden eine andre erhabenere, ohne Schwankungen und +ohne Ende, eine Br"ucke in da{\s} Ewige! In neuen Illusionen +ertr"aumte sie sich "uber der Erde ein Reich der Reinheit, einen +Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre Sehnsucht. Sie wollte eine +Heilige werden. Sie kaufte sich Rosenkr"anze und trug Amulette. +Ihr gr"o"ster Wunsch war, in ihrem Zimmer, zu H"aupten ihre{\s} +Bette{\s}, einen Reliquienschrein mit Smaragden zu besitzen. Den +wollte sie dann alle Abende k"ussen. + +Der Pfarrer wunderte sich "uber Emma{\s} Wandlung, verhehlte sich +jedoch nicht, da"s diese allzu inbr"unstige Fr"ommigkeit sehr +leicht in "Uberschwenglichkeit und Ketzerei au{\s}arten k"onne. +Aber er war kein Seelenkenner, zumal au"sergew"ohnlichen +Erscheinungen gegen"uber. De{\s}halb wandte er sich an den +Buchh"andler de{\s} Erzbischof{\s} und bat ihn, ihm "`ein +passende{\s} Erbauung{\s}buch f"ur eine gebildete +Frauen{\s}person"' zu schicken. Mit der gr"o"sten +Gleichg"ultigkeit, al{\s} handle e{\s} sich darum, irgendwelchen +Krim{\s}kram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der +Buchh"andler alle m"oglichen gerade vorr"atigen frommen Schriften +in ein Paket: Katechi{\s}men in Form von Frage und Antwort, +Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und fr"ommelnde Romane in +rosa Einb"andchen und s"u"slichem Stil, verbrochen von dichtenden +Schulmeistern oder blaustr"umpfigen Betschwestern, mit Titeln wie: +"`Die Herzpostille"', "`Der Weltmann zu F"u"sen Mari"a. Von Herrn +von ***, Ritter mehrerer Orden"', "`Voltaire{\s} Ketzereien zum +Gebrauch f"ur die Jugend"', usw. usw. + +Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen +Dingen ernstlich befassen zu k"onnen. "Uberdie{\s} st"urzte sie +sich auf diese B"ucher mit allzu gro"sem Bed"urfni{\s} nach +wirklicher Erbauung. Die Starrheit der kirchlichen Lehren emp"orte +sie, die Anma"sungen der Polemik stie"sen sie ab, und die +Intoleranz, mit der ihr unbekannte Menschen verfolgt wurden, +mi"sfiel ihr. Die Romane, in denen profane Dinge durch religi"ose +Ideen aufgeputzt waren, entbehrten ihr zu sehr auch nur der +geringsten Weltkenntni{\s}. Sie verschleierten die Realit"aten +de{\s} Leben{\s}, f"ur deren Brutalit"at sie viel lieber +literarische Beweise gefunden h"atte. Trotzdem la{\s} sie weiter, +und wenn ihr ein{\s} der B"ucher au{\s} den H"anden glitt, dann +w"ahnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu +empfinden, wie ihn nur die "ubersinnlichsten Seelen zu versp"uren +imstande sind. + +Da{\s} Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihre{\s} +Herzen{\s} begraben; darin ruhte e{\s} unber"uhrter und stiller +denn eine "agyptische K"onig{\s}mumie in ihrer Kammer. Au{\s} +dieser gro"sen eingesargten Liebe drang ein leiser, alle{\s} +durchstr"omender Duft von Z"artlichkeit in da{\s} neue reine +Dasein, da{\s} Emma f"uhren wollte. Wenn sie in ihrem gotischen +Betstuhl kniete, richtete sie an ihren Gott genau die verliebten +Worte, die sie einst ihrem Geliebten zugefl"ustert hatte in den +Ekstasen de{\s} Ehebruch{\s}. Damit wollte sie der g"ottlichen +Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam ihr keine +Tr"ostung, und sie erhob sich mit m"uden Gliedern und dem leeren +Gef"uhl, namenlo{\s} betrogen worden zu sein. Diese{\s} Suchen, +dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut +ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den gro"sen Damen +der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damal{\s}, al{\s} sie "uber den +Szenen au{\s} dem Leben de{\s} Fr"aulein{\s} von Lavalli\`ere +tr"aumte, aufgegangen war, jenen Damen in ihren mit k"oniglicher +Anmut getragenen langen kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen +Stunden zu F"u"sen Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen +au{\s}geweint hatten. + +Nun wurde sie "uber die Ma"sen mildt"atig. Sie n"ahte Kleider f"ur +die Armen, schickte W"ochnerinnen Brennholz, und al{\s} Karl +eine{\s} Tage{\s} heimkam, fand er in der K"uche drei +Gassenjungen, die Suppe a"sen. Die kleine Berta wurde wieder +in{\s} Hau{\s} genommen; Karl hatte sie w"ahrend der Krankheit +seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben. Nun wollte ihr Emma +da{\s} Lesen beibringen. Wenn da{\s} Kind weinte, regte sie sich +nicht mehr auf. E{\s} war eine Art Resignation "uber sie gekommen, +eine duldsame Nachsicht gegen alle{\s}. Ihre Sprache ward voll +gew"ahlter Au{\s}dr"ucke, selbst Allt"aglichkeiten gegen"uber. + +Die alte Frau Bovary hatte nicht{\s} mehr an Emma au{\s}zusetzen, +abgesehen von ihrer Manie, f"ur Waisenkinder Jacken zu stricken +und ihre eigenen Wischt"ucher unau{\s}gebessert zu lassen. Aber +die gute Frau war der Zwiste in ihre{\s} Manne{\s} Hause derma"sen +m"ude, da"s ihr der Frieden am Herde ihre{\s} Sohne{\s} so +wohltat, da"s sie bi{\s} nach Ostern dablieb, um den +B"arbei"sigkeiten de{\s} alten Bovary zu entgehen, der alle +Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine Bratwurst auf dem +Tische sehen wollte. + +Au"ser der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre +Rechtlichkeit und ihr w"urdige{\s} Wesen einen gewissen Halt gab, +hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. E{\s} verkehrten +mit ihr: Frau Langloi{\s}, Frau Caron, Frau D"ubreuil, Frau +T"uvache, sowie die treffliche Frau Homai{\s}, die sich +regelm"a"sig zwischen drei und f"unf Uhr einstellte. Sie hatte dem +Klatsch, der "uber ihre Nachbarin im Umlauf gewesen war, +niemal{\s} Glauben schenken wollen. Auch die Apotheker{\s}kinder +kamen mitunter in Justin{\s} Begleitung. Er brachte sie in +Emma{\s} Zimmer und blieb in der N"ahe der T"ure stehen, ohne sich +zu r"uhren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn Frau +Bovary gar nicht und lie"s sich in ihrem Toilettemachen nicht +st"oren. Sie k"ammte sich da{\s} Haar, wobei sie den Kopf nach dem +Durchziehen de{\s} Kamme{\s} jede{\s}mal mit einer eigent"umlichen +heftigen Bewegung zur"uckwarf. Al{\s} der arme Junge zum ersten +Male diese volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln +bi{\s} zu den Knien herabwallte, war e{\s} ihm zumute, al{\s} +schaue er pl"otzlich ganz Neue{\s}, Au"sergew"ohnliche{\s}, und er +starrte wie geblendet hin. + +Sicherlich bemerke Emma weder sein stumme{\s} Ent\/z"ucken noch +seine sch"uchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, da"s die +au{\s} ihrem Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in +neuer Gestalt wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, +in einem jungen Herzen, da{\s} sich der Offenbarung ihrer +Frauensch"onheit weit "offnete. Im "ubrigen war sie jetzt in jeder +Hinsicht grenzenlo{\s} gleichg"ultig. Mit dem stolzesten Gesichte +sagte sie die z"artlichsten Worte. Ihr ganze{\s} Benehmen war so +widerspruch{\s}voll, da"s man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid +an ihr unterscheiden konnte. Man wu"ste nicht mehr, war sie +verdorben oder unnahbar. + +Zum Beispiel war sie eine{\s} Abend{\s} sehr ungehalten "uber ihr +Dienst\-m"ad\-chen. E{\s} bat, au{\s}gehen zu d"urfen, und +stotterte irgendeinen Vorwand her. Un\-vermittelt fragte Emma: + +"`Du liebst ihn also?"' und, ohne Felicie{\s} Antwort abzuwarten, +f"ugte sie in traurigem Tone hinzu: "`Geh! Lauf! Vergn"uge dich!"' + +In den ersten Fr"uhling{\s}tagen lie"s sie den Garten vollst"andig +um"andern. Karl war anfang{\s} dagegen, dann jedoch freute er sich +dar"uber, da"s sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch +"au"serte. Nach und nach bewie{\s} sie auch anderweitig, da"s sie +sich wieder erholt hatte. Zun"achst brachte sie e{\s} zuwege, da"s +Frau Rollet, die Amme, die sich{\s} angew"ohnt hatte, Tag f"ur Tag +mit ihren S"auglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen +Appetit in der K"uche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. +Sodann sch"uttelte sie sich die Familie Homai{\s} vom Halse, nach +und nach auch die andern regelm"a"sigen Besucherinnen. Sogar in +die Kirche ging sie seltener, zur gro"sen Freude de{\s} +Apotheker{\s}, der ihr daraufhin freundschaftlichst erkl"arte: + +"`Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!"' + +Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der +Katechi{\s}mu{\s}stunde. Am liebsten blieb er im Freien, im +"`Hain"', wie er die Laube scherzhaft zu nennen pflegte. Um +dieselbe Zeit kehrte auch Karl meist heim. Beiden war warm, und so +bekamen die beiden M"anner eine Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den +sie "`auf die v"ollige Genesung der gn"adigen Frau"' tranken. + +"Ofter{\s} fand sich auch Binet ein, da{\s} hei"st: er sa"s +etwa{\s} tiefer, vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary +lud ihn zu einer kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im +Aufbrechen von Sektflaschen. + +"`Zun"achst mu"s man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,"' +dozierte er, indem er selbstbewu"st um sich blickte, "`dann +zerschneidet man die Bindf"aden, und dann l"a"st man dem Pfropfen +ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!"' + +Aber bei dieser Vorf"uhrung spritzte der Sekt "ofter{\s} der +ganzen Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterlie"s +e{\s} niemal{\s}, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen: + +"`Seine Vortrefflichkeit springt einem buchst"ablich in die Augen!"' + +Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwa{\s} +dagegen, al{\s} der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit +seiner Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort +im Theater den ber"uhmten Tenor Lagardy anh"oren. Homai{\s} +wunderte sich "uber diese Duldsamkeit und f"uhlte ihm de{\s}halb +etwa{\s} auf den Zahn. Der Priester erkl"arte, er halte die Musik +f"ur weniger sittenverderbend al{\s} die Literatur. Aber Homai{\s} +verteidigte die letztere. Er behauptete, da{\s} Theater k"ampfe +unter dem leichten Gewande de{\s} Spiel{\s} gegen veraltete Ideen +und f"ur die wahre Moral. + +"`\begin{antiqua}Castigat ridendo mores\end{antiqua}, verehrter +Herr Pfarrer!"' zitierte er. "`Sehen Sie sich daraufhin mal die +Trag"odien Voltaire{\s} an! Die meisten von ihnen sind mit +philosophischen Aphori{\s}men durchsetzt, die eine wahre Schule +der Moral und Leben{\s}klugheit f"ur da{\s} Volk sind."' + +"`Ich habe einmal ein St"uck gesehen,"' sagte Binet, "`e{\s} +hie"s: {\glq}Der Pariser Taugenicht{\s}.{\grq} Darin kommt ein +alter General vor, wirklich ein hahneb"uchner Kerl. Er verst"o"st +seinen Sohn, der eine Arbeiterin verf"uhrt hat; zu guter Letzt +aber~..."' + +"`Gewi"s"', unterbrach ihn Homai{\s}, "`gibt e{\s} schlechte +Literatur, genau so wie e{\s} schlechte Arzneien gibt. Aber die +wichtigste aller K"unste de{\s}halb gleich in Bausch und Bogen zu +verurteilen, da{\s} d"unkt mich eine kolossale Dummheit, eine +grote{\s}ke Idee, w"urdig der abscheulichen Zeiten, die einen +Galilei im Kerker schmachten lie"sen."' + +Der Pfarrer ergriff da{\s} Wort: + +"`Ich wei"s sehr wohl: e{\s} gibt gute Dramen und gute +Theaterschriftsteller. Aber diese modernen St"ucke, in denen +Personen zweierlei Geschlecht{\s} in Prunkgem"achern, +vollgepfropft von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese +schamlosen B"uhnenm"atzchen, dieser Kost"umluxu{\s}, diese +Lichtvergeudung, dieser Femini{\s}mu{\s}, alle{\s} da{\s} hat +keine andre Wirkung, al{\s} da"s e{\s} leichtfertige Ideen in die +Welt setzt, sch"andliche Gedanken und unz"uchtige Anwandlungen. +Wenigsten{\s} ist da{\s} zu allen Zeiten die Ansicht der +kirchlichen Autorit"aten."' + +Er nahm einen salbung{\s}vollen Ton an, w"ahrend er zwischen +seinen Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. "`Und wenn die +Kirche da{\s} Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie +in ihrem vollen Rechte. Wir m"ussen un{\s} ihrem Gebote f"ugen."' + +"`Jawohl,"' eiferte der Apotheker, "`man exkommuniziert die +Schauspieler. In fr"uheren Jahrhunderten nahmen sie an den +kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche +possenhafte St"ucke, die sogenannten Mysterien, in denen e{\s} +h"aufig nicht{\s} weniger al{\s} dezent zuging~..."' + +Der Geistliche begn"ugte sich, einen Seufzer au{\s}zusto"sen. Der +Apotheker redete immer weiter: + +"`Und wie steht{\s} mit der Bibel? E{\s} wimmelt darin -- Sie +wissen{\s} ja am besten -- von Unanst"andigkeiten und -- man kann +nicht ander{\s} sagen -- groben Schweinereien~..."' Bournisien +machte eine unwillige Geb"arde. "`Aber Sie m"ussen mir doch +zugeben, da"s da{\s} kein Buch ist, da{\s} man jungen Leuten in +die Hand geben kann. Ich werde e{\s} nie zulassen, da"s meine +Athalie~..."' + +"`Da{\s} sind ja die Protestanten, nicht wir,"' rief der Pfarrer +ungeduldig, "`die den Leuten die Bibel "uberlassen!"' + +"`Da{\s} kommt hier nicht in Frage"', erkl"arte Homai{\s}. "`Ich +wundre mich nur, da"s man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der +wissenschaftlichen Aufkl"arung, eine geistige Erholung zu +verdammen sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja +sogar in hygienischer Beziehung die Menschheit f"ordert! Da{\s} +ist doch so, nicht, Doktor?"' + +"`Zweifello{\s}!"' erwiderte der Arzt nachl"assig. Entweder wollte +er niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, +oder er hatte hier"uber "uberhaupt keine Meinung. + +Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt +e{\s} f"ur angebracht, eine letzte Attacke zu reiten. + +"`Ich habe Geistliche gekannt,"' behauptete er, "`die in Zivil +in{\s} Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen +strampeln zu sehen."' + +"`Ach wa{\s}!"' wehrte der Pfarrer ab. + +"`Doch! Ich kenne welche!"' Und nochmal{\s} sagte er, Silbe f"ur +Silbe einzeln betonend: "`Ich -- ken -- ne -- wel -- che!"' + +"`Na ja,"' meinte Bournisien nachgiebig, "`die Betreffenden haben +da aber etwa{\s} Unrechte{\s} getan."' + +"`Wa{\s} Unrechte{\s}? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch +ganz andre Dinge!"' + +"`Herr -- Apo -- the -- ker!"' rief der Geistliche mit einem so +zornigen Blicke, da"s Homai{\s} eingesch"uchtert wurde und +einlenkte: + +"`Ich wollte damit ja nur sagen, da"s die Toleranz die beste +F"ursprecherin der Kirche ist."' + +"`Sehr wahr! Sehr wahr!"' gab der gutm"utige Pfarrer zu, indem er +sich wieder in seinen Stuhl zur"ucklehnte. Er blieb aber nur noch +ein paar Minuten. + +Al{\s} er fort war, sagte Homai{\s} zu Bovary: + +"`Da{\s} war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ich{\s} mal +gesteckt! Sie haben{\s} ja mit angeh"ort! Um darauf +zur"uckzukommen: tun Sie da{\s} ja, f"uhren Sie Ihre Frau in +da{\s} Theater, und wenn{\s} blo"s de{\s}halb w"are, um diesen +schwarzen Raben damit zu "argern. Sapperlot! Wenn ich einen +Vertreter h"atte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie sich +dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein +Engagement nach England f"ur ein Riesenhonorar! "Ubrigen{\s} soll +er ein toller Schweren"oter sein! Er schwimmt im Gold! Drei +Geliebte bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese gro"sen +K"unstler k"onnen nicht rechnen. Sie brauchen ein +verschwenderische{\s} Dasein, e{\s} regt ihre Phantasie an. +Freilich enden sie im Spittel, weil sie in jungen Jahren nicht zu +sparen verstehen ... Na, gesegnete Mahlzeit! Auf Wiedersehn!"' + +Der Gedanke, da{\s} Theater zu besuchen, schlug in Bovary{\s} +Kopfe schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfang{\s} +wollte sie nicht{\s} davon wissen und meinte, sie f"uhle sich zu +schwach, e{\s} sei zu beschwerlich und zu kostspielig. +Au{\s}nahm{\s}weise gab Karl nicht nach, zumal er sich einbildete, +da"s ihr diese Zerstreuung sehr dienlich w"are. Irgendwelche +Schwierigkeit lag nicht vor. Seine Mutter hatte ihm j"ungst ganz +unvermutet dreihundert Franken geschickt. Die laufenden +Au{\s}gaben waren nicht gro"s, und die Wechselschuld bei Lheureux +war noch lange nicht f"allig, so da"s er daran nicht zu denken +brauchte. Er dachte, Emma str"aube sich nur au{\s} R"ucksicht auf +ihn. De{\s}halb best"urmte er sie immer mehr, bi{\s} sie seinen +Bitten schlie"slich nachgab. Am andern Morgen um acht Uhr fuhren +sie mit der Post ab. + +Den Apotheker hielt nicht{\s} Dringliche{\s} in Yonville zur"uck, +aber er hielt sich f"ur unabk"ommlich. Al{\s} er die beiden +einsteigen sah, jammerte er. + +"`Gl"uckliche Reise!"' sagte er. "`Habt ihr{\s} gut!"' Und zu Emma +gewandt, f"ugte er hinzu: "`Sie sehen zum Anbei"sen h"ubsch +au{\s}! Sie werden in Rouen Furore machen!"' + +Die Post spannte in Rouen im "`Roten Kreuz"' am Beauvoisine-Platz +au{\s}. Da{\s} war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit +ger"aumigen St"allen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe +lief eine Schar H"uhner herum, die unter den verschmutzten +Einsp"annern der Gesch"aft{\s}reisenden ihre Haferk"orner +aufpickten. E{\s} war eine der Herbergen au{\s} der guten alten +Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone, die in den Wintern"achten im +Winde knarren; die G"aste, der L"arm und die Esserei werden in +ihnen nie alle; die schwarzen Tischplatten sind voller gro"ser +Kaffeeflecke, die tr"uben dicken Fensterscheiben voller +Fliegenschmutz und die feuchten Servietten voller Rotweinspuren. +Auf der Stra"senseite gibt e{\s} ein Caf\'e und hinten nach dem +Freien zu einen Gem"usegarten. Alle{\s} tr"agt einen l"andlichen +Anstrich. + +Karl machte sofort einen Besorgung{\s}gang. An der Theaterkasse +wu"ste er nicht, wa{\s} Parkett, Pros\/zenium{\s}loge, erster Rang +und Galerie war; er bat um Au{\s}kunft, wurde dadurch aber auch +nicht kl"uger. Der Kassierer wie{\s} ihn in die Direktion. +Schlie"slich rannte er noch einmal in den Gasthof zur"uck, dann +wieder an die Kasse. Auf diese Weise lief er mehrmal{\s} durch die +halbe Stadt. + +Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen. +Karl war fortw"ahrend in Angst, den Beginn der Oper zu vers"aumen. +Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu +nehmen. Al{\s} sie aber vor dem Theater ankamen, waren die T"uren +noch geschlossen. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfzehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Eine Menge Menschen umlagerte die Eing"ange. "Uberall an den Ecken +der in der N"ahe gelegenen Stra"sen prangten riesige Plakate, die +in auff"alligen Lettern au{\s}schrien: + +\begin{center} +\begin{antiqua} +LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ... \\ +DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ... +\end{antiqua} +\end{center} + +E{\s} war ein sch"oner, aber hei"ser Tag. Der Schwei"s rann den +Leuten "uber die Stirn, und sie f"achelten ihren erhitzten +Gesichtern mit den Taschent"uchern K"uhlung zu. Hin und wieder +wehte lauer Wind vom Strome her und bl"ahte ein wenig die +Leinwandmarkisen der Restaurant{\s}. Weiter unten, an den Kai{\s}, +wurde man durch einen eisigen Luft\/zug abgek"uhlt, in den sich +Ger"uche von Talg, Leder und "Ol au{\s} den zahlreichen dunklen, +vom Rollen der gro"sen F"asser l"armigen Gew"olben der +Karren-Gasse mischten. + +Au{\s} Furcht, sich l"acherlich zu machen, schlug Frau Bovary vor, +noch nicht in da{\s} Theater hineinzugehen und erst einen +Spaziergang durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl +die Eintritt{\s}karten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig +mit seinen Fingern fest und dr"uckte sie gegen die Bauchwand, so +da"s er sie in einem fort f"uhlte. + +In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Al{\s} sie wahrnahm, da"s +sich der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien +hinaufschob, w"ahrend sie selbst die breite Treppe zum ersten +Range emporschreiten durfte, l"achelte sie unwillk"urlich vor +Eitelkeit. E{\s} gew"ahrte ihr ein kindliche{\s} Vergn"ugen, die +breiten vergoldeten T"uren mit der Hand aufzusto"sen. In vollen +Z"ugen atmete sie den Staubgeruch der G"ange ein, und al{\s} sie +in ihrer Loge sa"s, machte sie sich{\s} mit einer Ungezwungenheit +einer Principessa bequem. + +Da{\s} Hau{\s} f"ullte sich allm"ahlich. Die Operngl"aser kamen +au{\s} ihren Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich au{\s} +der Entfernung zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von +der Unrast ihre{\s} Kr"amerleben{\s} erholen, doch sie verga"sen +die Gesch"afte nicht, sondern redeten noch immer von Baumwolle, +Fusel und Indigo. Da{\s} waren Grauk"opfe mit friedfertigen +Alltag{\s}gesichtern; wei"s in der Farbe von Haar und Haut, +glichen sie einander wie abgegriffene Silberm"unzen. Im Parkett +paradierten die jungen Modenarren mit knallroten und +gra{\s}gr"unen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie von oben, wie +sie sich mit gelbbehandschuhten H"anden auf die goldenen Kn"aufe +ihrer St"ocke st"utzten. Jetzt wurden die Orchesterlampen +angez"undet, und der Kronleuchter ward von der Decke +herabgelassen. Sein in den Gla{\s}pri{\s}men widerglitzernde{\s} +Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen +die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirre{\s} +Get"ose an von brummenden Kontrab"assen, kratzenden Violinen, +fauchenden Klarinetten und winselnden Fl"oten. Endlich drei kurze +Schl"age mit dem Taktstocke de{\s} Kapellmeister{\s}. +Paukenwirbel, H"ornerklang. Der Vorhang hob sich. + +Auf der B"uhne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im +Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern, +M"antel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein +Edelmann auf, der die Geister der H"olle mit gen Himmel gereckten +Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen +ab. Der Chor singt von neuem. + +Emma sah sich in die Atmosph"are ihrer M"adchenlekt"ure +zur"uckversetzt, in die Welt Walter Scott{\s}. E{\s} war ihr, +al{\s} h"ore sie den Klang schottischer Dudels"acke "uber die +nebelige Heide hallen. Die Erinnerung an den Roman de{\s} Briten +erleichterte ihr da{\s} Verst"andni{\s} der Oper. Aufmerksam +folgte sie der intriganten Handlung, w"ahrend eine Flut von +Gedanken in ihr aufwallte, um al{\s}bald unter den Wogen der Musik +wieder zu verflie"sen. Sie gab sich diesen schmeichelnden Melodien +hin. Sie f"uhlte, wie ihr die Seele in der Brust mit in +Schwingungen geriet, al{\s} strichen die Violinenbogen "uber ihre +Nerven. Sie h"atte hundert Augen haben m"ogen, um sich satt sehen +zu k"onnen an den Dekorationen, Kost"umen, Gestalten, an den +gemalten und doch zitternden B"aumen, an den Samtbaretten, +Ritterm"anteln und Degen, an allen diesen Trugbildern, in denen +eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer ganz andern Welt +lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem Reitknecht in +gr"unem Rocke eine B"orse zuwarf. Dann blieb sie allein, und nun +kam ein Fl"otensolo, zart wie Quellengefl"uster und +Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang +von ungl"ucklicher Liebe und w"unschte sich Fl"ugel. Ach, auch +Emma h"atte au{\s} diesem Leben fliehen m"ogen, weit weg in +Liebe{\s}armen! + +Da erschien auf der Szene Lagardy al{\s} Edgard. Er hatte jenen +schimmernden blassen Teint, der dem S"udl"ander etwa{\s} von der +grandiosen Wirkung de{\s} Marmor{\s} verleiht. Seine m"annliche +Gestalt war in ein braune{\s} Wam{\s} gezw"angt. Ein kleiner Dolch +mit zierlichem Geh"ange schlug ihm die linke Lende. Er warf lange +schmachtende Blicke und zeigte seine blendend wei"sen Z"ahne. Man +hatte Emma erz"ahlt, eine polnische F"urstin habe ihn am Strand +von Biarritz singen h"oren, wo er Schiff{\s}zimmermann gewesen +sei, und sich in ihn verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. +Er habe sie dann einer andern zuliebe sitzen lassen. + +Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem +be\-r"uhm\-ten K"unstler al{\s} Reklame. Der schlaue Mime brachte +e{\s} sogar fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische +Flo{\s}keln "uber den bezaubernden Eindruck seiner Pers"onlichkeit +und die leichte Empf"anglichkeit seine{\s} Herzen{\s} zu +lancieren. Er besa"s eine sch"one Stimme, unfehlbare Sicherheit, +mehr Temperament al{\s} Intelligenz, mehr Patho{\s} al{\s} +Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich, und in seinem +Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem Toreador. + +Sobald er nur auf der B"uhne erschien, begeisterte er Emma. Er +schlo"s Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder, +sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Ha"s wild auf, bald +klagte er in den zartesten Elegien, und die T"one perlten ihm +au{\s} der Kehle, zwischen Tr"anen und K"ussen. Emma beugte sich +weit vor, um ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingern"agel in +den Pl"usch der Logenbr"ustung eingruben. Ihr Herz ward voll von +diesen wehm"utigen Melodien, die, von den Kontrab"assen dumpf +begleitet, nicht aufh"orten, gleich wie die Notschreie von +Schiffbr"uchigen im Sturmgebrau{\s}. Die junge Frau kannte alle +diese Verz"ucktheiten und Herzen{\s}"angste, die sie unl"angst +dem Tode so nahe gebracht hatten. Die Stimme der Primadonna +ersch"utterte sie wie eine laute Verk"undung ihrer heimlichsten +Beichte. Da{\s} Scheinbild der Kunst beleuchtete ihr die eigenen +Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war sie doch von niemanden in +der Welt geliebt worden! Rudolf hatte nicht um sie geweint, so wie +Edgard, am letzten Abend im Mondenschein, al{\s} sie sich Lebewohl +sagten~... + +Beifall durchst"urmte da{\s} Hau{\s}. Die ganze Stretta mu"ste +wiederholt werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen +auf ihren Gr"abern, von Treue, Trennung, Verh"angni{\s} und +Hoffnungen; und al{\s} sie sich den letzten Scheidegru"s zuriefen, +stie"s Emma einen lauten Schrei au{\s}, der in der Orchestermusik +de{\s} Finale verhallte. + +"`Warum l"a"st sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in +Ruhe?"' fragte Bovary. + +"`Aber nein!"' antwortete sie. "`Da{\s} ist doch ihr Geliebter!"' + +"`Er schw"ort doch, er wolle sich an ihrer Familie r"achen. Und +der andre, der dann kam, hat doch gesagt: +\begin{verse} +{\glq}Nimm, Teure, meine Schw"ure an \\ +Der reinsten, w"armsten Liebe!{\grq} +\end{verse} +Und sie sagt: +\begin{verse} +{\glq}So sei e{\s} denn!{\grq} +\end{verse} +"Ubrigen{\s} der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine +H"a"sliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, da{\s} war doch ihr +Vater, nicht wahr?"' + +Trotz Emma{\s} Berichtigungen blieb Karl, der da{\s} Rezitativ im +zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mi"sverstanden +hatte, bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebe{\s}zeichen +gesandt. Er gestand ein, von der ganzen Handlung nicht{\s} +begriffen zu haben. Die Musik st"ore, sie beeintr"achtige den +Text. + +"`Wa{\s} schadet da{\s}?"' wandte Emma ein. "`Nun sei aber +still!"' + +Er lehnte sich an ihren Arm. "`Ich m"ochte gern im Bilde sein. +Wei"st du?"' + +"`Sei doch endlich still!"' sagte sie unwillig. "`Schweig!"' + +Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gest"utzt, einen Myrtenkranz im +Haar, bleicher al{\s} der wei"se Atla{\s} ihre{\s} Kleide{\s} ... +Emma gedachte ihre{\s} eigenen Hochzeit{\s}tage{\s}, sie sah sich +zwischen den Kornfeldern, auf dem schmalen Fu"sweg auf dem Gange +zur Kirche. Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, +unter leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fr"ohlich +gewesen, ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie +zuschritt ... Ach, h"atte sie, jung und frisch und sch"on, noch +nicht besudelt durch die Ehe, noch nicht entt"auscht in ihrem +Ehebruch, auf ein feste{\s} edle{\s} Herz bauen und Tugend, +Z"artlichkeit, Sinnenlust und Pflichttreue zusammen f"uhlen +d"urfen! Niemal{\s} w"are sie von der H"ohe solcher +Gl"uckseligkeit herabgesunken! "`Nein, nein!"' rief sie +schmerzlich bei sich au{\s}. "`All da{\s} gro"se Gl"uck da unten +ist doch nur Lug und Trug, erdichtet von sehns"uchtigen oder +verzweifelten Phantasten!"' Jetzt erkannte sie, da"s die +Leidenschaften in der Wirklichkeit armselig sind und nur in der +"Uberschwenglichkeit der Kunst etwa{\s} Gro"se{\s}. Sie versuchte +sich zur n"uchternen Anschauung zu zwingen. Sie wollte in dieser +Wiedergabe ihrer eigenen Schmerzen nicht{\s} mehr sehen al{\s} ein +plastische{\s} Phantasiegebilde, nicht{\s} mehr und nicht{\s} +weniger al{\s} eine am"usante Augenweide. Und so l"achelte sie in +Gedanken "uberlegen-nachsichtig, al{\s} im Hintergrunde der B"uhne +hinter einer Samtportiere ein Mann in einem schwarzen Mantel +erschien, dem sein breitkrempiger gro"ser Hut bei einer +K"orperbewegung vom Kopfe fiel. + +Da{\s} Sextett begann. S"anger und Orchester entfalten sich. +Edgard rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton +schleudert ihm in wuchtigen T"onen seine Tode{\s}drohungen +entgegen, Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im +Ma"se der Nebenrolle, und Raimund{\s} Ba"s brummt wie +Orgelgebrau{\s}. Die Frauen de{\s} Chor{\s} wiederholen die Worte, +ein k"ostliche{\s} Echo. Gestikulierend stehen sie alle in einer +Reihe. Zorn, Rachgier, Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen +entstr"omen gleichzeitig ihren aufgerissenen M"undern. Der +w"utende Liebhaber schwingt seinen blanken Degen. Der +Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden Brust auf und +nieder, w"ahrend er m"achtigen Schritt{\s} in seinen +sporenklirrenden Stulpenstiefeln "uber die B"uhne schreitet. + +"`Er mu"s eine unersch"opfliche Liebe in sich tragen,"' dachte +Emma, "`da"s er sie an die Menge so verschwenden kann."' Ihre +Anwandlung von Gering\-sch"atzigkeit schwand vor dem Zauber seiner +Rolle. Sie f"uhlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter +dieser Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben +vorzustellen, sein bewegte{\s}, ungew"ohnliche{\s}, gl"anzende{\s} +Leben, an dem sie h"atte teilnehmen k"onnen, wenn e{\s} der Zufall +gef"ugt h"atte. Warum hatten sie sich nicht kennen gelernt und +sich ineinander verliebt! Sie w"are mit ihm durch alle L"ander +Europa{\s} gereist, von Hauptstadt zu Hauptstadt, h"atte mit ihm +M"uhen und Erfolge geteilt, die Blumen aufgelesen, die man ihm +streute, und seine B"uhnenkost"ume eigenh"andig gestickt. Alle +Abende h"atte sie, im Dunkel einer Loge, hinter vergoldetem Gitter +aufmerksam den S"angen seiner Seele gelauscht, die einzig und +allein ihr gewidmet w"aren. Von der Szene, beim Singen, h"atte er +zu ihr geschaut~... + +Sie erschrak und ward verwirrt. Der S"anger sah zu ihr hinauf. +Kein Zweifel! Sie h"atte zu ihm hinst"urzen m"ogen, in seine Arme, +in seine Umarmung fliehen, al{\s} sei er die Verk"orperung der +Liebe, und ihm laut zurufen: + +"`Nimm mich, entf"uhre mich! Komm! Ich geh"ore dir, nur dir! Dir +gelten alle meine Tr"aume, mein ganze{\s} hei"se{\s} Herz!"' + +Der Vorhang fiel. + +Ga{\s}geruch erschwerte da{\s} Atmen, und da{\s} F"acheln der +F"acher machte die Luft noch unertr"aglicher. Emma wollte die Loge +verlassen, aber die G"ange waren durch die vielen Menschen +versperrt. Sie sank in ihren Sessel zur"uck. Sie bekam Herzklopfen +und Atemnot. Da Karl f"urchtete, sie k"onne ohnm"achtig werden, +eilte er nach dem B"ufett, um ihr ein Gla{\s} Mandelmilch zu +holen. + +Er hatte gro"se M"uhe, wieder nach der Loge zu gelangen. Da{\s} +Gla{\s} in beiden H"anden, rannte er bei jedem Schritte, den er +tat, jemanden mit den Ellenbogen an. Schlie"slich go"s er +dreiviertel de{\s} Inhalt{\s} einer Dame in au{\s}geschnittener +Toilette "uber die Schulter. Al{\s} sie da{\s} k"uhle Na"s, da{\s} +ihr den R"ucken hinabrann, sp"urte, schrie sie laut auf, al{\s} ob +man ihr an{\s} Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener +Seifenfabrikant, ereiferte sich "uber diese Ungeschicktheit. +W"ahrend seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem +sch"onen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er w"utend etwa{\s} +von Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl gl"ucklich +bei Emma wieder an. G"anzlich au"ser Atem berichtete er ihr: + +"`Wei"s Gott, beinahe h"att ich mich nicht durchgew"urgt! Nein, +diese Mensch\-heit! Diese Mensch\-heit!"' Nach einigem +Verschnaufen f"ugte er hinzu: "`Und ahnst du, wer mir da oben +begegnet ist? Leo!"' + +"`Leo?"' + +"`Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!"' + +Er hatte diese Worte kaum au{\s}gesprochen, al{\s} der Adjunkt +auch schon in der Loge erschien. Mit weltm"annischer +Ungezwungenheit reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau +Bovary die ihrige au{\s}, wie im Banne eine{\s} st"arkeren +Willen{\s}. Diesen fremden Einflu"s hatte sie lange nicht +empfunden, seit jenem Fr"uhling{\s}nachmittage nicht, an dem sie +voneinander Abschied genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und +drau"sen war leiser Regen auf die Bl"atter gefallen. Aber rasch +besann sie sich auf da{\s}, wa{\s} die jetzige Situation und die +Konvenienz erheischten. Mit aller Kraft sch"uttelte sie den alten +Bann und die alten Erinnerungen von sich ab und begann ein paar +hastige Reden{\s}arten zu stammeln: + +"`Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?"' + +"`Ruhe!"' ert"onte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte +n"amlich der dritte Akt begonnen. + +"`So sind Sie also in Rouen?"' + +"`Ja, gn"adige Frau!"' + +"`Und seit wann?"' + +"`Hinau{\s}! Hinau{\s}!"' + +Alle{\s} drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten. + +Von diesem Augenblick war e{\s} mit Emma{\s} Aufmerksamkeit +vorbei. Der Chor der Hochzeit{\s}g"aste, die Szene zwischen Ashton +und seinem Diener, da{\s} gro"se Duett in D-Dur, alle{\s} da{\s} +spielte sich f"ur sie wie in gro"ser Entfernung ab. E{\s} war ihr, +al{\s} kl"ange da{\s} Orchester nur noch ged"ampft, al{\s} s"angen +die Personen ihr weit entr"uckt. Sie dachte zur"uck an die +Spielabende im Hause de{\s} Apotheker{\s}, an den Gang zu der Amme +ihre{\s} Kinde{\s}, an da{\s} Vorlesen in der Laube, an die +Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser +armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war +und die sie l"angst vergessen hatte. Warum war er wieder da? +Welche{\s} Zusammentreffen von besonderen Umst"anden lie"s ihn von +neuem ihren Leben{\s}pfad kreuzen? + +Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von +Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch +seiner Atemz"uge auf ihrem Haar sp"urte. + +"`Macht Ihnen denn da{\s} Spa"s?"' fragte er sie, indem er sich +"uber sie beugte, so da"s die Spitze seine{\s} Schnurrbart{\s} +ihre Wange streifte. + +"`Nein, nicht besonder{\s}!"' entgegnete sie leichthin. + +Daraufhin machte er den Vorschlag, da{\s} Theater zu verlassen und +irgendwo eine Portion Ei{\s} zu essen. + +"`Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!"' sagte Bovary. "`Sie hat +aufgel"oste{\s} Haar! E{\s} scheint also tragisch zu werden!"' + +Aber die Wahnsinn{\s}s\/zene interessierte Emma gar nicht. Da{\s} +Spiel der S"angerin schien ihr "ubertrieben. + +"`Sie schreit zu sehr!"' meinte sie, zu Karl gewandt, der +aufmerksam zu\-h"orte. + +"`M"oglich! Jawohl! Ein wenig!"' gab er zur Antwort. Eigentlich +gefiel ihm die S"angerin, aber die Meinung seiner Frau, die er +immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschl"ussig. + +Leo st"ohnte: + +"`Ist da{\s} eine Hitze!"' + +"`Tats"achlich! Nicht zum Au{\s}halten!"' sagte Emma. + +"`Vertr"agst du{\s} nicht mehr?"' fragte Bovary. + +"`Ich ersticke! Wir wollen gehen!"' + +Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann +schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem +Kaffeehause im Freien Platz nahmen. + +Anfang{\s} unterhielten sie sich von Emma{\s} Krankheit. Sie +versuchte mehrfach, dem Gespr"ach eine andere Wendung zu geben, +indem sie die Bemerkung machte, sie f"urchte, Herrn Leo k"onne +da{\s} langweilen. Darauf erz"ahlte dieser, er m"usse sich in +Rouen zwei Jahre t"uchtig auf die Hosen setzen, um sich in die +hiesige Recht{\s}pflege einzuarbeiten. In der Normandie mache man +alle{\s} ander{\s} al{\s} in Pari{\s}. Dann erkundigte er sich +nach der kleinen Berta, nach der Familie Homai{\s}, nach der +L"owenwirtin. Mehr konnten sie sich in Karl{\s} Gegenwart nicht +sagen, und so stockte die Unterhaltung. + +Au{\s} der Oper kommende Leute gingen vor"uber, laut pfeifend und +tr"al\-lernd: +\begin{verse} +{\glq}O Engel reiner Liebe!{\grq} +\end{verse} + +Leo kehrte den Kunstkenner herau{\s} und begann "uber Musik zu +sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi geh"ort. Im +Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner gro"sen Erfolge gar +nicht{\s}. + +Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte, +unterbrach ihn: + +"`Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich +bedaure, da"s ich nicht bi{\s} zu Ende drin geblieben bin. E{\s} +fing mir grade an zu gefallen!"' + +"`Demn"achst gibt{\s} ja eine Wiederholung!"' tr"ostete ihn Leo. + +Karl erwiderte, da"s sie am n"achsten Tage wieder nach Hause +m"u"sten. "`E{\s} sei denn,"' meinte er, zu Emma gewandt, "`du +bliebst allein hier, mein Herzchen?"' + +Bei dieser unerwarteten Au{\s}sicht, die sich seiner +Begehrlichkeit bot, "anderte der junge Mann seine Taktik. Nun +lobte er da{\s} Finale de{\s} S"anger{\s}. Er sei da k"ostlich, +gro"sartig! + +Von neuem redete Karl seiner Frau zu: + +"`Du kannst ja am Sonntag zur"uckfahren. Entschlie"se dich nur! +E{\s} w"are unrecht von dir, wenn du e{\s} nicht t"atest, sofern +du dir auch nur ein wenig Vergn"ugen davon versprichst!"' + +Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner +stand fortw"ahrend in ihrer n"achsten N"ahe herum. Karl begriff +und zog seine B"orse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei +Silberst"ucke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren +lie"s. + +"`E{\s} ist mir wirklich nicht recht,"' murmelte Bovary, "`da"s +Sie f"ur un{\s} Geld~..."' + +Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der +Nebens"achlichkeit und ergriff seinen Hut. + +"`E{\s} bleibt dabei! Morgen um sech{\s} Uhr!"' + +Karl beteuerte nochmal{\s}, da"s er unm"oglich so lange bleiben +k"onne. Emma indessen sei durch nicht{\s} gehindert. + +"`E{\s} ist nur~..."', stotterte sie, verlegen l"achelnd, "`... ich +wei"s nicht recht~..."' + +"`Na, "uberleg dir{\s} noch! Wir k"onnen ja noch mal dar"uber +reden, wenn du{\s} beschlafen hast!"' Und zu Leo gewandt, der sie +begleitete, sagte er: "`Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend +sind, hoffe ich, da"s Sie sich ab und zu bei un{\s} zu Tisch +ansagen!"' + +Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin +dem\-n"achst in Yonville beruflich zu tun habe. + +Al{\s} man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander +verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zw"olf. + + +\newpage +\thispagestyle{empty} +\begin{center} +\vspace{5cm} +{\Huge \so{Dritte{\s} Bu{ch}}} +\end{center} + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Er{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip + +\end{center} + +Leo hatte w"ahrend seiner Pariser Studienzeit die Balls"ale +flei"sig besucht und daselbst recht h"ubsche Erfolge bei den +Grisetten gehabt. Sie hatten gefunden, er s"ahe sehr schick +au{\s}. "Ubrigen{\s} war er der m"a"sigste Student. Er trug da{\s} +Haar weder zu kurz noch zu lang, verjuchheite nicht gleich am +Ersten de{\s} Monat{\s} sein ganze{\s} Geld und stand sich mit +seinen Professoren vortrefflich. Von wirklichen Au{\s}schweifungen +hatte er sich allezeit fern gehalten, au{\s} "Angstlichkeit und +weil ihm da{\s} w"uste Leben zu grob war. + +Oft, wenn er de{\s} Abend{\s} in seinem Zimmer la{\s} oder unter +den Linden de{\s} Luxemburggarten{\s} sa"s, glitt ihm sein +Code-Napol\'eon au{\s} den H"anden. Dann kam ihm Emma in den Sinn. +Aber allm"ahlich verbla"ste diese Erinnerung, und allerlei +Liebeleien "uberwucherten sie, ohne sie freilich ganz zu +ersticken. Denn er hatte noch nicht alle Hoffnung verloren, und +ein vage{\s} Versprechen winkte ihm in der Zukunft wie eine goldne +Frucht an einem Wunderbaume. + +Al{\s} er sie jetzt nach dreij"ahriger Trennung wiedersah, +erwachte seine alte Leidenschaft wieder. Er sagte sich, jetzt +g"alte e{\s}, sich fest zu entschlie"sen, wenn er sie besitzen +wollte. Seine ehemalige Sch"uchternheit hatte er "ubrigen{\s} im +Verkehr mit leichtfertiger Gesellschaft abgelegt. Er war in die +Provinz zur"uckgekehrt mit einer gewissen Verachtung aller derer, +die nicht schon ein paar Lackschuhe auf dem Asphalt der Gro"sstadt +abgetreten hatten. Vor einer Pariserin in Spitzen, im Salon +eine{\s} ber"uhmten Professor{\s} mit Orden und Equipage, h"atte +der arme Adjunkt sicherlich gezittert wie ein Kind, hier aber, in +Rouen, am Hafen, vor der Frau diese{\s} kleinen Landarzte{\s}, da +f"uhlte er sich "uberlegen und eine{\s} leichten Siege{\s} gewi"s. +Sichere{\s} Auftreten h"angt von der Umgebung ab. Im ersten Stock +spricht man ander{\s} al{\s} im vierten, und e{\s} ist beinahe, +al{\s} seien die Banknoten einer reichen Frau ihr Tugendw"achter. +Sie tr"agt sie alle mit sich wie ein Panzerhemd unter ihrem +Korsett. + +Nachdem sich Leo von Herrn und Frau Bovary verabschiedet hatte, +war er au{\s} einiger Entfernung den beiden durch die Stra"sen +gefolgt, bi{\s} er sie im "`Roten Kreuz"' verschwinden sah. Dann +machte er kehrt und gr"ubelte die ganze Nacht hindurch "uber einen +Krieg{\s}plan. + +Am andern Tag nachmittag{\s} gegen f"unf Uhr betrat er den Gasthof +mit beklommener Kehle, blassen Wangen und dem festen Entschlu"s, +vor nicht{\s} zur"uckzuscheuen. + +"`Der Herr Doktor ist schon wieder abgereist!"' vermeldete ihm ein +Kellner. + +Leo fa"ste da{\s} al{\s} gute{\s} Vorzeichen auf. Er stieg hinauf. + +Emma war offenbar gar nicht aufgeregt, al{\s} er eintrat. Sie bat +ihn k"uhl um Entschuldigung, da"s sie gestern vergessen habe, ihm +mit\/zuteilen, in welchem Gasthofe sie abgestiegen seien. + +"`O, da{\s} habe ich erraten"', sagte Leo. + +"`Wieso?"' + +Er behauptete, da{\s} gute Gl"uck, eine innere Stimme habe ihn +hierher geleitet. + +Sie l"achelte; und um seine Albernheit wieder gut\/zumachen, log +er nunmehr, er habe den ganzen Morgen damit zugebracht, in allen +Gasth"ofen nach ihnen zu fragen. + +"`Sie haben sich also entschlossen zu bleiben?"' f"ugte er hinzu. + +"`Ja,"' gab sie zur Antwort, "`aber ich h"atte e{\s} lieber nicht +tun sollen. Man darf sich nicht an unpraktische Vergn"ugungen +gew"ohnen, wenn man zu Hause tausend Pflichten hat~..."' + +"`Ja, da{\s} kann ich mir denken~..."' + +"`Nein, da{\s} k"onnen Sie nicht. Da{\s} kann nur eine Frau."' + +Er meinte, die M"anner h"atten auch ihr Kreuz, und nach einer +philosophischen Einleitung begann die eigentliche Unterhaltung. +Emma beklagte die Armseligkeit der irdischen Freuden und die ewige +Einsamkeit, in die da{\s} Menschenherz verbannt sei. + +Um sich Ansehen zu geben, oder vielleicht auch in unwillk"urlicher +Nachahmung ihrer Melancholie, die ihn angesteckt hatte, behauptete +der junge Mann, er h"atte sich w"ahrend seiner ganzen Studienzeit +ungeheuerlich gelangweilt. Die Juristerei sei ihm gr"a"slich +zuwider. Andere Beruf{\s}arten lockten ihn stark, aber seine +Mutter qu"ale ihn in jedem ihrer Briefe. Mehr und mehr schilderten +sie sich die Gr"unde ihre{\s} Leid{\s}, und je eifriger sie +sprachen, um so st"arker packte sie die wachsende Vertraulichkeit. +Aber ganz offen waren sie alle beide nicht; sie suchten nach +Worten, mit denen sie die nackte Wahrheit umschreiben k"onnten. +Emma verheimlichte e{\s}, da"s sie inzwischen einen andern +geliebt, und er gestand nicht, da"s er sie vergessen hatte. +Vielleicht dachte er auch wirklich nicht mehr an die Souper{\s} +nach den Ma{\s}kenb"allen, und sie erinnerte sich nicht ihrer +Morgeng"ange, wie sie durch die Wiesen nach dem Rittergute zu dem +Geliebten gegangen war. Der Stra"senl"arm hallte nur schwach zu +ihnen herauf, und die Enge de{\s} Zimmer{\s} schien ihr Alleinsein +noch traulicher zu machen. Emma trug ein Morgenkleid au{\s} +leichtem Stoff; sie lehnte ihren Kopf gegen den R"ucken de{\s} +alten Lehnstuhl{\s}, in dem sie sa"s. Hinter ihr die gelbe Tapete +umgab sie wie mit Goldgrund, und ihr blo"ser Kopf mit dem +schimmernden Scheitel, der ihre Ohren beinahe ganz verdeckte, +wiederholte sich wie ein Gem"alde im Spiegel. + +"`Ach, verzeihen Sie!"' sagte sie. "`E{\s} ist unrecht von mir, +Sie mit meinen ewigen Klagen zu langweilen."' + +"`Keine{\s}weg{\s}!"' + +"`Wenn Sie w"u"sten,"' fuhr sie fort und schlug ihre sch"onen +Augen, au{\s} denen Tr"anen rollten, zur Decke empor, "`wa{\s} ich +mir alle{\s} ertr"aumt habe!"' + +"`Und ich erst! Ach, ich habe so sehr gelitten! Oft bin ich +au{\s}gegangen, still f"ur mich hin, und hab mich die Kai{\s} +entlang geschleppt, nur um mich im Getriebe der Menge zu +zerstreuen und die tr"uben Gedanken lo{\s}zubekommen, die mich in +einem fort verfolgten. In einem Schaufenster eine{\s} +Kunsth"andler{\s} auf dem Boulevard habe ich einmal einen +italienischen Kupferstich gesehen, der eine Muse darstellt. Sie +tr"agt eine Tunika, einen Vergi"smeinnichtkranz im offnen Haar und +blickt zum Mond empor. Irgend etwa{\s} trieb mich immer wieder +dorthin. Oft hab ich stundenlang davor gestanden~..."' Und mit +zitternder Stimme f"ugte er hinzu: "`Sie sah Ihnen ein wenig +"ahnlich."' + +Frau Bovary wandte sich ab, damit er da{\s} L"acheln um ihre +Lippen nicht bemerke, da{\s} sie nicht unterdr"ucken konnte. + +"`Und wie oft"', fuhr er fort, "`habe ich an Sie Briefe +geschrieben und hinterher wieder zerrissen."' + +Sie antwortete nicht. + +"`Manchmal bildete ich mir ein, irgendein Zufall m"usse Sie mir +wieder in den Weg f"uhren. Oft war e{\s} mir, al{\s} ob ich Sie an +der n"achsten Stra"senecke treffen sollte. Ich bin hinter +Droschken hergelaufen, au{\s} denen ein Schal oder ein Schleier +flatterte, wie Sie welche zu tragen pflegen~..."' + +Sie schien sich vorgenommen zu haben, ihn ohne Unterbrechung reden +zu lassen. Sie hatte die Arme gekreuzt und betrachtete gesenkten +Haupte{\s} die Rosetten ihrer Hau{\s}schuhe, auf deren Atla{\s} +die kleinen Bewegungen sichtbar wurden, die sie ab und zu mit den +Zehen machte. + +Endlich sagte sie mit einem Seufzer: + +"`Ist e{\s} nicht da{\s} Allertraurigste, ein unn"utze{\s} Leben +so wie ich f"uhren zu m"ussen? Wenn unsere Schmerzen wenigsten{\s} +jemandem n"utzlich w"aren, dann k"onnte man sich doch in dem +Bewu"stsein tr"osten, sich f"ur etwa{\s} zu opfern."' + +Er prie{\s} die Tugend, die Pflicht und da{\s} stumme Sichaufopfern. +Er selbst versp"ure eine unglaubliche Sehnsucht, ganz in etwa{\s} +aufzugehen, die er nicht befriedigen k"onne. + +"`Ich m"ochte am liebsten Krankenschwester sein"', behauptete sie. + +"`Ach ja!"' erwiderte er. "`Aber f"ur un{\s} M"anner gibt e{\s} +keinen solchen barmherzigen Beruf. Ich w"u"ste keine Besch"aftigung +... e{\s} sei denn vielleicht die de{\s} Arzte{\s}~..."' + +Emma unterbrach ihn mit einem leichten Achselzucken und begann von +ihrer Krankheit zu sprechen, an der sie beinah gestorben w"are. +Wie schade! meinte sie, dann brauche sie jetzt nicht mehr zu +leiden. Sofort schw"armte Leo f"ur die "`Ruhe im Grabe"'. Ja, er +h"atte sogar eine{\s} Abend{\s} sein Testament niedergeschrieben +und darin bestimmt, da"s man ihm in den Sarg die sch"one Decke mit +der Seidenstickerei legen solle, die er von ihr geschenkt bekommen +hatte. Nach dem, wie alle{\s} h"atte sein k"onnen, also nach einem +imagin"aren Zustand, "anderten sie jetzt in der Erz"ahlung ihre +Vergangenheit. Ist doch die Sprache immer ein Walzwerk, da{\s} die +Gef"uhle breitdr"uckt. + +Bei dem M"archen von der Reisedecke fragte sie: + +"`Warum denn?"' + +"`Warum?"' Er z"ogerte. "`Weil ich Sie so z"artlich geliebt habe!"' + +Froh, die gr"o"ste Schwierigkeit "uberwunden zu haben, beobachtete +Leo Emma{\s} Gesicht von der Seite. E{\s} leuchtete wie der +Himmel, wenn der Wind pl"otzlich eine Wolkenschicht, die dar"uber +war, zerrei"st. Die vielen traurigen Gedanken, die e{\s} +verdunkelt hatten, waren au{\s} ihren Augen wie weggeweht. + +Er wartete. Endlich sagte sie: + +"`Ich hab e{\s} immer geahnt~..."' + +Nun begannen sie von den kleinen Begebnissen jener fernen Tage +einander zu erz"ahlen, von allem Freud und Leid, da{\s} sie soeben +in ein einzige{\s} Wort zusammengefa"st hatten. Er erinnerte sich +der Wiege au{\s} Tannenholz, ihrer Kleider, der M"obel in ihrem +Zimmer, ihre{\s} ganzen Hause{\s}. + +"`Und unsere armen Kakteen, wa{\s} machen die?"' + +"`Sie sind letzten Winter alle erfroren!"' + +"`Ach, wie oft hab ich an sie zur"uckgedacht. Da{\s} glauben Sie +mir gar nicht! Wie oft hab ich sie vor mir gesehen, wie damal{\s} +im Sommer, wenn die Morgensonne auf Ihre Jalousien schien ... und +Sie mit blo"sen Armen Ihre Blumen begossen~..."' + +"`Armer Freund!"' sagte sie und reichte ihm ihre Hand. + +Leo beeilte sich, seine Lippen darauf zu pressen. Dann seufzte er +tief auf und sagte: + +"`Damal{\s} "ubten Sie einen geheimni{\s}vollen Zauber auf mich +au{\s}. Ich war ganz in Ihrem Banne. Einmal zum Beispiel kam ich +zu Ihnen ... aber Sie werden sich wohl nicht mehr daran +erinnern?"' + +"`Doch, fahren Sie nur fort!"' + +"`Sie standen unten in der Hau{\s}flur, wo die Treppe aufh"ort, +gerade im Begriff au{\s}zugehen. Sie hatten einen Hut mit kleinen +blauen Blumen auf. Ohne da"s Sie mich dazu aufgefordert hatten, +begleitete ich Sie. Ich konnte nicht ander{\s}. Aber mir jeder +Minute trat e{\s} mir klarer in{\s} Bewu"stsein, wie ungezogen +da{\s} von mir war. "Angstlich und unsicher ging ich neben Ihnen +her und brachte e{\s} doch nicht "uber mich, mich von Ihnen zu +trennen. Wenn Sie in einen Laden traten, wartete ich drau"sen auf +der Stra"se und sah Ihnen durch da{\s} Schaufenster zu, wie Sie +die Handschuhe abstreiften und da{\s} Geld auf den Ladentisch +legten. Zuletzt klingelten Sie bei Frau T"uvache; man "offnete +Ihnen, und ich stand wie ein begossener Pudel vor der m"achtigen +Hau{\s}t"ure, die hinter Ihnen in{\s} Schlo"s gefallen war."' + +Frau Bovary h"orte ihm zu, ganz verwundert. Wie lange war da{\s} +schon her! Alle diese Dinge, die au{\s} der Vergessenheit +heraufstiegen, erweckten in ihr da{\s} Gef"uhl, eine alte Frau zu +sein. Unendlich viele innere Erlebnisse lagen dazwischen. Ab und +zu sagte sie mit leiser Stimme und halbgeschlossenen Lidern: + +"`Ja ... So war e{\s} ... So war e{\s} ... So war e{\s}!"' + +Von den verschiedenen Uhren der Stadt schlug e{\s} acht, von den +Uhren der Schulen, Kirchen und verlassenen Pal"aste. Sie sprachen +nicht mehr, aber sie sahen einander an und sp"urten dabei ein +Brausen in ihren K"opfen, und jeder hatte da{\s} Gef"uhl, +diese{\s} Rauschen str"ome au{\s} den starren Augensternen de{\s} +anderen. Ihre H"ande hatten sich gefunden, und Vergangenheit und +Zukunft, Erinnerung und Tr"aume, alle{\s} ward ein{\s} mir der +z"artlichen Wonne de{\s} Augenblick{\s}. Die D"ammerung dichtete +sich an den W"anden, und halb im Dunkel verloren, schimmerten nur +noch die grellen Farbenflecke von vier dah"angenden Buntdrucken. +Durch da{\s} oben offene Fenster erblickte man zwischen spitzen +Dachgiebeln ein St"uck de{\s} schwarzen Himmel{\s}. + +Emma erhob sich, um die Kerzen in den beiden Leuchtern auf der +Kommode anzuz"unden. Dann setzte sie sich wieder. + +"`Wa{\s} ich sagen wollte~..."', begann Leo von neuem. + +"`Wa{\s} war e{\s}?"' + +Er suchte nach Worten, um die unterbrochene Unterhaltung wieder +anzukn"upfen, da fragte sie ihn: + +"`Wie kommt e{\s}, da"s mir noch niemand solche innere Erlebnisse +anvertraut hat?"' + +Leo erwiderte, ideale Naturen f"anden selten Wahlverwandte. Er +habe sie vorn ersten Augenblicke an geliebt, und der Gedanke +bringe ihn zur Verzweiflung, da"s sie miteinander f"ur immerdar +verbunden worden w"aren, wenn ein guter Stern sie fr"uher +zusammengef"uhrt h"atte. + +"`Ich habe manchmal da{\s}selbe gedacht"', sagte sie. + +"`Welch ein sch"oner Traum!"' murmelte Leo. Und w"ahrend er mit +der Hand "uber den blauen Saum der Schleife ihre{\s} wei"sen +G"urtel{\s} hinstrich, f"ugte er hinzu: "`Aber wa{\s} hindert +un{\s} denn, von vorn anzufangen?"' + +"`Nein, mein Freund"', erwiderte sie. "`Dazu bin ich zu alt ... +und Sie zu jung ... Vergessen Sie mich! Andre werden Sie lieben +... und Sie werden sie wieder lieben!"' + +"`Nicht so, wie ich Sie liebe!"' + +"`Sie sind ein Kind! Seien Sie vern"unftig. Ich will e{\s}!"' + +Sie setzte ihm au{\s}einander, da"s Liebe zwischen ihnen ein Ding +der Un\-m"oglich\-keit sei und da"s sie sich nur wie Schwester und +Bruder lieben k"onnten, wie ehemal{\s}. + +Ob sie da{\s} wirklich im Ernst sagte, da{\s} wu"ste sie selbst +nicht. Sie f"uhlte nur, wie sie der Verf"uhrung zu unterliegen +drohte und da"s sie dagegen ank"ampfen m"usse. Sie sah Leo +z"artlich an und stie"s sanft seine zitternden H"ande zur"uck, die +sie sch"uchtern zu liebkosen versuchten. + +"`Seien Sie mir nicht b"o{\s}!"' sagte er und wich zur"uck. + +Emma empfand eine unbestimmte Furcht vor seiner Zaghaftigkeit, die +ihr viel gef"ahrlicher war al{\s} die K"uhnheit Rudolf{\s}, wenn +er mit au{\s}gebreiteten Armen auf sie zugekommen war. Niemal{\s} +war ihr ein Mann so sch"on erschienen. In seinem Wesen lag eine +k"ostliche Keuschheit. Seine Augen mit den langen, feinen, ein +wenig aufw"art{\s}gebogenen Wimpern waren halb geschlossen. Die +zarte Haut seiner Wangen war rot geworden, au{\s} Verlangen nach +ihr, wie sie glaubte, und sie vermochte dem Drange kaum zu +widerstehen, sie mit ihren Lippen zu ber"uhren. Da fiel ihr Blick +auf die Wanduhr. + +"`Mein Gott, wie sp"at e{\s} schon ist!"' rief sie au{\s}. "`Wir +haben un{\s} verplaudert!"' + +Er verstand den Wink und suchte nach seinem Hut. + +"`Da{\s} Theater habe ich ganz vergessen"', fuhr Emma fort. "`Und +mein armer Mann hat mich doch de{\s}halb nur hiergelassen. Herr +und Frau Lormeaux au{\s} der Gro"senbr"uckenstra"se wollten mich +begleiten~..."' + +Schade! Denn morgen m"usse sie wieder zu Hause sein. + +"`So?"' fragte Leo. + +"`Gewi"s!"' + +"`Aber ich mu"s Sie noch einmal sehen. Ich hab Ihnen noch etwa{\s} +zu sagen!"' + +"`Wa{\s} denn?"' + +"`Etwa{\s} ... Wichtige{\s}, Ernste{\s}! Ach, Sie d"urfen noch +nicht heimfahren! Nein! Da{\s} ist unm"oglich! Wenn Sie w"u"sten +... H"oren Sie mich doch an ... Sie haben mich doch verstanden? +Ahnen Sie denn nicht~..."' + +"`Sie haben e{\s} doch ziemlich deutlich gesagt!"' + +"`Ach, scherzen Sie nicht! Da{\s} ertrag ich nicht! Haben Sie +Mitleid mit mir! Ich m"ochte Sie noch einmal sehen ... einmal ... +ein einzige{\s}~..."' + +"`E{\s} sei!"' Sie hielt inne. Dann aber, al{\s} bes"anne sie sich +ander{\s}, sagte sie: "`Aber nicht hier!"' + +"`Wo Sie wollen!"' + +Sie dachte bei sich nach, dann sagte sie kurz: + +"`Morgen um elf in der Kathedrale!"' + +"`Ich werde dort sein"', rief er au{\s} und griff hastig nach +ihren H"anden. Sie ent\/zog sie ihm. + +Und wie sie beide aufrecht dastanden, sie mit gesenktem Kopf vor +ihm, da beugte er sich "uber sie und dr"uckte einen langen Ku"s +auf ihren Nacken. + +"`Sie sind toll! Ach, Sie sind toll!"' rief sie und lachte mit +einem eigent"umlichen tiefen Klange leise auf, w"ahrend er ihren +Hal{\s} immer noch mehr mit K"ussen bedeckte. Dann beugte er den +Kopf "uber ihre Schulter, al{\s} wolle er in den Augen ihre +Zustimmung suchen. Da traf ihn ein eisiger stolzer Blick. + +Er trat drei Schritte zur"uck, der T"ure zu. Auf der Schwelle +blieb er stehen und stammelte mit zitternder Stimme: + +"`Auf Wiedersehn morgen!"' + +Sie nickte und verschwand, leise wie ein Vogel, im Nebenzimmer. + +Am Abend schrieb sie Leo einen endlosen Brief, in dem sie die +Verabredung zur"ucknahm. E{\s} sei alle{\s} au{\s}, und e{\s} +w"are zum Wohle beider, wenn sie sich nicht wieders"ahen. Aber +al{\s} der Brief fertig war, fiel ihr ein, da"s sie doch seine +Adresse gar nicht wu"ste. Wa{\s} sollte sie tun? + +"`Ich werde ihm den Brief selbst geben,"' sagte sie sich, +"`morgen, wenn er kommt."' + +Am andern Morgen stand Leo schon fr"uh in der offnen Balkont"ure, +reinigte sich eigenh"andig seine Schuhe und sang leise vor sich +hin. Er machte e{\s} sehr sorgf"altig. Dann zog er ein wei"se{\s} +Beinkleid an, elegante Str"umpfe, einen gr"unen Rock, und +sch"uttete seinen ganzen Vorrat von Parf"um in sein Taschentuch. +Er ging zum Coiffeur, zerst"orte sich aber hinterher die Frisur +ein wenig, weil sein Haar nicht unnat"urlich au{\s}sehen sollte. + +"`E{\s} ist noch zu zeitig"', sagte er, al{\s} er auf der +Kuckuck{\s}uhr de{\s} Friseur{\s} sah, da"s e{\s} noch nicht neun +Uhr war. + +Er bl"atterte in einem alten Modejournal, dann verlie"s er den +Laden, z"undete sich eine Zigarre an, schlenderte durch drei +Stra"sen, und al{\s} er dachte, e{\s} sei Zeit, ging er langsam +zum Notre-Dame-Platze. + +E{\s} war ein pr"achtiger Sommermorgen. In den Schaufenstern der +Juweliere glitzerten die Silberwaren, und da{\s} Licht, da{\s} +schr"ag auf die Kathedrale fiel, flimmerte auf den Bruchfl"achen +der grauen Quadersteine. Ein Schwarm V"ogel flatterte im Blau +de{\s} Himmel{\s} um die Kreuzblumen der T"urme. "Uber den +l"armigen Platz wehte Blumenduft au{\s} den Anlagen her, wo +Ja{\s}min, Nelken, Narzissen und Tuberosen bl"uhten, von saftigen +Gra{\s}fl"achen umrahmt und von Beeren tragenden B"uschen f"ur die +V"ogel. In der Mitte pl"atscherte ein Springbrunnen, und zwischen +Pyramiden von Melonen sa"sen H"okerinnen, barh"auptig unter +ungeheuren Schirmen, und banden kleine Veilchenstr"au"se. + +Leo kaufte einen. E{\s} war da{\s} erstemal, da"s er Blumen f"ur +eine Frau kaufte; und da{\s} Herz schlug ihm h"oher, wie er den +Duft der Veilchen einatmete, al{\s} ob diese Huldigung, die er +Emma darbringen wollte, ihm selber g"olte. Er f"urchtete, +beobachtet zu werden, und rasch trat er in die Kirche. + +Auf der Schwelle der linken T"ure de{\s} Hauptportal{\s} unter der +{\glq}Tanzenden Salome{\grq} stand der Schweizer, den Federhut auf +dem Kopf, den Degen an der Seite, den Stock in der Faust, +w"urdevoller al{\s} ein Kardinal und goldstrotzend wie ein +Hostienkelch. Er trat Leo in den Weg und fragte mit jenem +s"u"slich-g"utigen L"acheln, da{\s} Geistliche anzunehmen pflegen, +wenn sie mit Kindern reden: + +"`Der Herr ist gewi"s nicht von hier? Will der Herr die +Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kathedrale besichtigen?"' + +"`Nein!"' + +Leo machte zun"achst einen Rundgang durch die beiden Seitenschiffe +und kam zum Hauptportal zur"uck. Emma war noch nicht da. Er ging +abermal{\s} bi{\s} zum Chor. + +Teile de{\s} Ma"swerk{\s} und der bunten Fenster spiegelten sich +in den gef"ullten Weihwasserbecken. Da{\s} durch die +Gla{\s}malerei einfallende Licht brach sich an den marmornen +Kanten und breitete bunte Teppichst"ucke "uber die Fliesen. Durch +die drei ge"offneten T"uren de{\s} Hauptportal{\s} flutete da{\s} +Tage{\s}licht in drei m"achtigen Lichtstr"omen in die Innenr"aume. +Dann und wann ging ein Sakristan hinten am Hochaltar vor"uber und +machte vor dem Heiligtum die "ubliche Kniebeugung der eiligen +Frommen. Die kristallenen Kronleuchter hingen unbeweglich herab. +Im Chor brannte eine silberne Lampe. Au{\s} den Seitenkapellen, +au{\s} den in Dunkel geh"ullten Teilen der Kirche vernahm man +zuweilen Schluchzen oder da{\s} Klirren einer zugeschlagenen +Gittert"ur, Ger"ausche, die in den hohen Gew"olben widerhallten. + +Leo ging gemessenen Schritte{\s} hin. Niemal{\s} war ihm da{\s} +Leben so sch"on erschienen. Nun mu"ste sie bald kommen, reizend, +erregt und stolz auf die Blicke, die ihr folgten, in ihrem +volantbesetzten Kleid, mit ihrem goldnen Lorgnon, ihren zierlichen +Stiefeletten, in all der Eleganz, die er noch nie gekostet hatte, +und all dem unbeschreiblich Verf"uhrerischen einer unterliegenden +Tugend. Und um sie die Kirche, gleichsam ein ungeheure{\s} +Boudoir. Die Pfeiler neigten sich, um die im Dunkel gefl"usterte +Beichte ihrer Liebe entgegenzunehmen. Die farbigen Fenster +leuchteten, ihr sch"one{\s} Gesicht zu verkl"aren, und au{\s} den +Weihrauchgef"a"sen wirbelten die D"ampfe, damit sie wie ein Engel +in einer Wolke von Wohlger"uchen erscheine. + +Aber sie kam nicht. Er setzte sich in einen der hohen St"uhle, und +seine Blicke fielen auf ein blaue{\s} Fenster, auf da{\s} Fischer +mit K"orben gemalt waren. Er betrachtete da{\s} Bild aufmerksam, +z"ahlte die Schuppen der Fische und die Knopfl"ocher an den +W"amsen, w"ahrend seine Gedanken auf der Suche nach Emma in die +Weite irrten~... + +Der Schweizer "argerte sich im stillen "uber den Menschen, der +sich erlaubte, die Kathedrale allein zu bewundern. Er fand sein +Benehmen unerh"ort. Man bestahl ihn gewisserma"sen und beging +geradezu eine Tempelsch"andung. + +Da raschelte Seide "uber die Fliesen. Der Rand eine{\s} Hute{\s} +tauchte auf, eine schwarze Mantille. Sie war e{\s}. Leo eilte ihr +entgegen. + +Sie war bla"s und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. + +"`Lesen Sie da{\s}!"' sagte sie und hielt ihm ein Briefchen hin. +"`Nicht doch!"' + +Sie ri"s ihre Hand au{\s} der seinen und eilte nach der Kapelle +der Madonna, wo sie in einem Betstuhle zum Gebet niederkniete. + +Leo war "uber diesen Anfall von Bigotterie zuerst emp"ort, dann +fand er einen eigent"umlichen Reiz darin, sie w"ahrend eine{\s} +Stelldichein{\s} in Gebete vertieft zu sehen wie eine andalusische +Marquise, schlie"slich aber, al{\s} sie gar nicht aufh"oren +wollte, langweilte er sich. + +Emma betete, oder vielmehr sie zwang sich zum Beten in der +Hoffnung, da"s der Himmel sie mit einer pl"otzlichen Eingebung +begnaden w"urde. Um diese Hilfe de{\s} Himmel{\s} herabzuschw"oren, +starrte sie auf den Glanz de{\s} Tabernakel{\s}, atmete sie den +Duft der wei"sen Blumen in den gro"sen Vasen, lauschte sie auf die +tiefe Stille der Kirche, die ihre innere Aufregung nur noch +steigerte. + +Sie erhob sich und wandte sich dem Au{\s}gang zu. Da trat der +Schweizer rasch auf sie zu: + +"`Gn"adige Frau sind gewi"s hier fremd? Wollen Sie sich die +Sehen{\s}w"urdigkeiten der Kirche ansehen?"' + +"`Aber nein!"' rief der Adjunkt au{\s}. + +"`Warum nicht?"' erwiderte sie. Ihre wankende Tugend klammerte +sich an die Madonna, an die Bilds"aulen, die Grabm"aler, an jeden +Vorwand. + +Programmgem"a"s f"uhrte sie der Schweizer nach dem Hauptportal +zur"uck und zeigte ihnen mit seinem Stock einen gro"sen Krei{\s} +von schwarzen Steinchen ohne irgendwelche Beigabe noch Inschrift. + +"`Da{\s} hier"', sagte er salbung{\s}voll, "`ist der Umfang der +ber"uhmten Glocke de{\s} Amboise. Sie wog vierzigtausend Pfund und +hatte ihre{\s}gleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie +gegossen, ist vor Freude gestorben~..."' + +"`Weiter!"' dr"angte Leo. + +Der Biedermann setzte sich in Bewegung. Vor der Kapelle der +Madonna blieb er stehen, machte eine Schulmeisterbewegung mit dem +Arm und wie{\s} mit dem Stolze eine{\s} Landmanne{\s}, der seine +Saaten zeigt, auf eine Grabplatte. + +"`Hier unter diesem sichren Stein ruht Peter von Br\'ez\'e, Edler +Herr von Varenne und Brissac, Gro"sseneschall von Poitou und +Verweser der Normandie, gefallen in der Schlacht bei Montlh\'ery +am 16. Juli 1465."' + +Leo bi"s sich in die Lippen und trat vor Ungeduld von einem Fu"se +auf den andern. + +"`Und hier recht{\s}, dieser Ritter im Harnisch auf dem steigenden +Rosse, ist sein Enkel Ludwig von Br\'ez\'e, Edler Herr von Breval +und Montchauvet, Graf von Maulevrier, Baron von Mauny, Kammerherr +de{\s} K"onig{\s}, Orden{\s}ritter und ebenfall{\s} Verweser der +Normandie, gestorben am 23. Juli 1531, an einem Sonntag, wie die +Inschrift besagt. Und dieser Mann hier unten, der eben in{\s} Grab +steigen will, zeigt ihn ebenfall{\s}. Eine un"ubertreffliche +Darstellung der irdischen Verg"anglichkeit!"' + +Frau Bovary nahm ihr Lorgnon. Leo stand unbeweglich dabei und sah +sie an. Er wagte weder ein Wort zu sprechen noch eine Geste zu +machen. So sehr entmutigte ihn da{\s} langweilige Geschw"atz auf +der einen und die Gleichg"ultigkeit auf der andern Seite. + +Der unerm"udliche Cicerone fuhr fort: + +"`Hier diese Frau, die weinend neben ihm kniet, ist seine Gemahlin +Diana von Poitier{\s}, Gr"afin von Br\'ez\'e, Herzogin von +Valentinoi{\s}, geboren 1499, gestorben Anno 1566. Und hier +link{\s} die weibliche Gestalt mit dem Kind auf dem Arm ist die +heilige Jungfrau. Jetzt bitte ich die Herrschaften hierher zu +sehen. Hier sind die Grabm"aler derer von Amboise! Sie waren beide +Kardin"ale und Erzbisch"ofe von Rouen. Dieser hier war Minister +K"onig Ludwig{\s} de{\s} Zw"olften. Die Kathedrale hat ihm sehr +viel zu verdanken. In seinem Testament vermachte er den Armen +drei"sigtausend Taler in Gold."' + +Ohne stehen zu bleiben und fortw"ahrend redend, dr"angte er die +beiden in eine Kapelle, die durch ein Gel"ander abgesperrt war. Er +"offnete e{\s} und zeigte auf einen Stein in der Mauer, der einmal +eine schlechte Statue gewesen sein konnte. + +"`Dieser Stein zierte dereinst"', sagte er mit einem tiefen +Seufzer, "`da{\s} Grab von Richard L"owenherz, K"onig von England +und Herzog von der Normandie. Die Kalvinisten haben ihn so +zugerichtet, meine Herrschaften. Sie haben ihn au{\s} Bo{\s}heit +hier eingesetzt. Hier sehen Sie auch die T"ur, durch die sich +Seine Eminenz in die Wohnung begibt. Jetzt kommen wir zu den +ber"uhmten Kirchenfenstern von Lagargouille!"' + +Da dr"uckte ihm Leo hastig ein gro"se{\s} Silberst"uck in die Hand +und nahm Emma{\s} Arm. Der Schweizer war ganz verbl"ufft "uber die +Freigebigkeit de{\s} Fremden, der noch lange nicht alle +Sehen{\s}w"urdigkeiten gesehen hatte. Er rief ihm nach: + +"`Meine Herrschaften, der Turm, der Turm!"' + +"`Danke!"' erwiderte Leo. + +"`Er ist wirklich sehen{\s}wert, meine Herrschaften! Er mi{\ss}t +vierhundertvierzig Fu"s, nur neun weniger al{\s} die gr"o"ste +"agyptische Pyramide, und ist vollst"andig au{\s} Eisen~..."' + +Leo eilte weiter. Seine Liebe war seit zwei Stunden stumm wie die +Steine der Kathedrale. Er hatte keine Lust, sie nun auch noch +durch den grote{\s}ken k"afigartigen Schornstein zw"angen zu +lassen, den ein "uberspannter Eisengie"ser keck auf die Kirche +gesetzt hatte. Da{\s} w"are ihr Tod gewesen. + +"`Wohin gehen wir nun?"' fragte Emma. + +Ohne zu antworten, lief er rasch weiter, und Frau Bovary tauchte +schon ihren Finger in da{\s} Weihwasserbecken am Au{\s}gang, +al{\s} sie pl"otzlich hinter sich ein Schnaufen und da{\s} +regelm"a"sige Aufklopfen eine{\s} Stocke{\s} h"orten. Leo wandte +sich um. + +"`Meine Herrschaften!"' + +"`Wa{\s} gibt{\s}?"' + +E{\s} war wieder der Schweizer, der ein paar Dutzend dicke +ungebundene B"ucher, mit seinem linken Arme gegen den Bauch +gedr"uckt, trug. E{\s} war die Literatur "uber die Kathedrale. + +"`Troddel!"' murmelte Leo und st"urzte au{\s} der Kirche. + +Ein Junge spielte auf dem Vorplatz. + +"`Hol un{\s} eine Droschke!"' + +Der Knabe rannte "uber den Platz, w"ahrend sie ein paar Minuten +allein dastanden. Sie sahen einander an und waren ein wenig +verlegen. + +"`Leo ... wirklich ... ich wei"s nicht ... ob ich darf!"' E{\s} +klang wie Koketterie. In ernstem Tone setzte sie hinzu: "`E{\s} +ist sehr unschicklich, wissen Sie da{\s}?"' + +"`Wieso?"' erwiderte der Adjunkt. "`In \so{Pari{\s}} macht man{\s} +so!"' + +Diese{\s} eine Wort bestimmte sie wie ein unumst"o"sliche{\s} +Argument. Aber der Wagen kam nicht. Leo f"urchtete schon, sie +k"onne wieder in die Kirche gehen. Endlich erschien die Droschke. + +"`Fahren Sie wenigsten{\s} noch an{\s} Nordportal!"' rief ihnen +der Schweizer nach. "`Und sehen Sie sich {\glq}Die +Auferstehung{\grq}, da{\s} {\glq}J"ungste Gericht{\grq}, den +{\glq}K"onig David{\grq} und {\glq}Die Verdammten in der +H"olle{\grq} an!"' + +"`Wohin wollen die Herrschaften?"' fragte der Kutscher. + +"`Fahren Sie irgendwohin!"' befahl Leo und schob Emma in den Wagen. + +Da{\s} schwerf"allige Gef"ahrt setzte sich in Bewegung. + +Der Kutscher fuhr durch die Gro"sebr"uckenstra"se, "uber den Platz +der K"unste, den Kai Napoleon hinunter, "uber die Neue Br"ucke und +machte vor dem Denkmal Corneille{\s} Halt. + +"`Weiter fahren!"' rief eine Stimme au{\s} dem Inneren. + +Der Wagen fuhr weiter, rasselte den Abhang zum Lafayette-Platz +hinunter und bog dann schneller werdend nach dem Bahnhof ab. + +"`Nein, geradeau{\s}!"' rief dieselbe Stimme. + +Der Wagen machte kehrt und fuhr nun, auf dem Ring angelangt, in +gem"achlichem Trabe zwischen den alten Ulmen hin. Der Kutscher +trocknete sich den Schwei"s von der Stirn, nahm seinen Lederhut +zwischen die Beine und lenkte sein Gef"ahrt durch eine Seitenallee +dem Seine-Ufer zu, bi{\s} an die Wiesen. Dann fuhr er den +Schifferweg hin, am Strom entlang, "uber schlechte{\s} Pflaster, +nach Oyssel zu, "uber die Inseln hinau{\s}. + +Auf einmal fuhr er wieder flotter, durch Quatremare{\s}, +Sotteville, die gro"se Chaussee hin, durch die Elbeuferstra"se und +machte zum drittenmal Halt vor dem Botanischen Garten. + +"`So fahren Sie doch weiter!"' rief die Stimme, die{\s}mal +w"utend. Alsobald nahm der Wagen seine Fahrt wieder auf, fuhr +durch Sankt Sever "uber da{\s} Bleicher-Ufer und M"uhlstein-Ufer, +wiederum "uber die Br"ucke, "uber den Exerzierplatz, hinten um den +Spitalgarten herum, wo Greise in schwarzen Kitteln auf der von +Schlingpflanzen "uberwachsenen Terrasse in der Sonne spazieren +gingen. Dann f"uhrte die Fahrt zum Boulevard Bouvreuil hinauf, +nach dem Causer Boulevard und dann den ganzen Riboudet-Berg hinan +bi{\s} zur Deviller H"ohe. + +Wiederum ward kehrt gemacht, und nun begann eine Kreuz- und +Querfahrt ohne Ziel und Plan durch die Stra"sen und Gassen, "uber +die Pl"atze und M"arkte, an den Kirchen und "offentlichen +Geb"auden und am Hauptfriedhof vor"uber. + +Hin und wieder warf der Kutscher einen verzweifelten Blick vom +Bock herab nach den Kneipen. Er begriff nicht, welche +Bewegung{\s}wut in seinen Fahrg"asten steckte, so da"s sie +nirgend{\s} Halt machen wollten. Er versuchte e{\s} ein paarmal, +aber jede{\s}mal erhob sich hinter ihm ein zorniger Ruf. Von neuem +trieb er seine warmgewordenen Pferde an und fuhr wieder weiter, +unbek"ummert, ob er hier und dort anrannte, ganz au"ser Fassung +und dem Weinen nahe vor Durst, Erschlaffung und Traurigkeit. + +Am Hafen, zwischen den Karren und F"assern, in den Strassen und an +den Ecken machten die B"urger gro"se Augen ob diese{\s} in der +Provinz ungewohnten Anblick{\s}: ein Wagen mir herabgelassenen +Vorh"angen, der immer wieder auftauchte, bald da, bald dort, immer +verschlossen wie ein Grab. + +Einmal nur, im Freien, um die Mittag{\s}stunde, al{\s} die Sonne +am hei"sesten auf die alten versilberten Laternen brannte, langte +eine blo"se Hand unter den gelben Fenstervorhang herau{\s} und +streute eine Menge Papierschnitzel hinau{\s}, die im Winde +flatterten wie wei"se Schmetterlinge und auf ein Kleefeld +niederfielen. + +Gegen sech{\s} Uhr abend{\s} hielt die Droschke in einem G"a"schen +der Vorstadt Beauvoisine. Eine dichtverschleierte Dame stieg +herau{\s} und ging, ohne sich umzusehen, weiter. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zweite{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Wieder im Gasthofe, war Frau Bovary sehr erstaunt, die Post nicht +mehr vorzufinden. Hivert hatte dreiundf"unfzig Minuten auf Emma +gewartet, schlie"slich aber war er abgefahren. + +E{\s} war zwar nicht unbedingt erforderlich, da"s sie wieder zu +Hause sein mu"ste. Aber sie hatte versprochen, an diesem Abend +zur"uckzukehren. Karl erwartete sie also, und so f"uhlte sie jene +feige Untert"anigkeit im Herzen, die f"ur viele Frauen die Strafe +und zugleich der Prei{\s} f"ur den Ehebruch ist. + +Sie packte schnell ihren Koffer, bezahlte die Rechnung und nahm +einen der zweir"adrigen Wagen, die im Hofe bereitstanden. +Unterweg{\s} trieb sie den Kutscher zu gr"o"ster Eile an, fragte +aller Augenblicke nach der Zeit und nach der zur"uckgelegten +Kilometerzahl und holte die Post endlich bei den ersten H"ausern +von Quincampoix ein. + +Kaum sa"s sie drin, so schlo"s sie auch schon die Augen. Al{\s} +sie erwachte, waren sie schon "uber den Berg, und von weitem sah +sie Felicie, die vor dem Hause de{\s} Schmiede{\s} auf sie +wartete. Hivert hielt seine Pferde an, und da{\s} M"adchen, da{\s} +sich bi{\s} zum Fenster hinaufreckte, fl"usterte ihr +geheimni{\s}voll zu: + +"`Gn"adige Frau sollen gleich mal zu Herrn Apotheker kommen! E{\s} +handelt sich um etwa{\s} sehr Dringliche{\s}!"' + +Da{\s} Dorf war still wie immer. Vor den H"ausern lagen kleine +dampfende, rosafarbige Haufen. E{\s} war die Zeit de{\s} +Fr"uchteeinmachen{\s}, und jedermann in Yonville bereitete sich am +selben Tag seinen Vorrat. Vor der Apotheke bewunderte man einen +besonder{\s} gro"sen Haufen dieser au{\s}gekochten "Uberreste. Man +sah, da"s hier mit f"ur die Allgemeinheit gesorgt wurde. + +Emma trat in die Apotheke. Der gro"se Lehnstuhl war umgeworfen, +und sogar der "`Leuchtturm von Rouen"' lag am Boden zwischen zwei +M"orserkeulen. Sie stie"s die T"ur zur Flur auf und erblickte in +der K"uche -- inmitten von gro"sen braunen Einmachet"opfen voll +abgebeerter Johanni{\s}beeren und Sch"usseln mit geriebenem und +zerst"uckeltem Zucker, zwischen Wagen auf dem Tisch und Kesseln +"uber dem Feuer -- die ganze Familie Homai{\s}, gro"s und klein, +alle in Sch"urzen, die bi{\s} zum Kinn gingen, Gabeln in den +H"anden. Der Apotheker fuchtelte vor Justin herum, der gesenkten +Kopfe{\s} dastand, und schrie ihn eben an: + +"`Wer hat dir gehei"sen, wa{\s} au{\s} dem Kapernaum zu holen?"' + +"`Wa{\s} ist denn lo{\s}? Wa{\s} gibt{\s}?"' fragte die +Eintretende. + +"`Wa{\s} lo{\s} ist?"' antwortete der Apotheker. "`Ich mache hier +Johanni{\s}beeren ein. Sie fangen an zu sieden, aber weil der Saft +zu dick ist, droht er mir "uberzukochen. Ich schicke nach einem +andern Kessel. Da geht dieser Mensch au{\s} Bequemlichkeit, au{\s} +Faulheit hin und nimmt au{\s} meinem Laboratorium den dort an +einem Nagel aufgeh"angten Schl"ussel zu meinem Kapernaum!"' + +Kapernaum nannte er n"amlich eine Bodenkammer, in der er allerlei +Apparate und Material zu seinen Mixturen aufbewahrte. Oft +hantierte er da drinnen stundenlang ganz allein, mischte, klebte +und packte. Diese{\s} kleine Gemach betrachtete er nicht al{\s} +einen gew"ohnlichen Vorrat{\s}raum, sondern al{\s} ein wahre{\s} +Heiligtum, au{\s} dem, von seiner Hand hergestellt, alle die +verschiedenen Sorten von Pillen, Pasten, S"aften, Salben und +Arzneien hervorgingen, die ihn in der ganzen Gegend ber"uhmt +machten. Niemand durfte da{\s} Kapernaum betreten. Da{\s} ging +soweit, da"s er e{\s} selbst au{\s}fegte. Die Apotheke stand f"ur +jedermann offen. Sie war die St"atte, wo er w"urdevoll amtierte. +Aber da{\s} Kapernaum war der Zuflucht{\s}ort, wo sich Homai{\s} +selbst geh"orte, wo er sich seinen Liebhabereien und Experimenten +hingab. Justin{\s} Leichtsinn d"unkte ihn de{\s}halb eine +unerh"orte Respektlosigkeit, und r"oter al{\s} seine +Johanni{\s}beeren, wetterte er: + +"`Nat"urlich! Au{\s}gerechnet in mein Kapernaum! Sich einfach den +Schl"ussel nehmen zu meinen Chemikalien! Und gar meinen +Reservekessel, den ich selber vielleicht niemal{\s} in Gebrauch +genommen h"atte! Meinen Deckelkessel! In unsrer peniblen Kunst hat +auch der geringste Umstand die gr"o"ste Wichtigkeit! Zum Teufel, +daran mu"s man immer denken! Man kann pharmazeutische Apparate +nicht zu K"uchenzwecken verwenden! Da{\s} w"are gradeso, al{\s} wenn +man sich mit einer Sense rasieren wollte oder al{\s} wenn~..."' + +"`Aber so beruhige dich doch!"' mahnte Frau Homai{\s}. + +Und Athalia zupfte ihn am Rock. + +"`Papachen, Papachen!"' + +"`La"st mich!"' erwiderte der Apotheker. "`Zum Donnerwetter, la"st +mich! Dann wollen wir doch lieber gleich einen Kramladen er"offnen! +Meinetwegen! Immer zu! Zerschlag und zerbrich alle{\s}! La"s die +Blutegel entwischen! Verbrenn den ganzen Krempel! Mach saure +Gurken in den Arzneib"uchsen ein! Zerrei"s die Bandagen!"' + +"`Sie hatten mir doch~..."', begann Emma. + +"`Einen Augenblick! -- Wei"st du, mein Junge, wa{\s} dir h"atte +passieren k"onnen? Hast du link{\s} in der Ecke auf dem dritten +Wandbrett nicht{\s} stehn sehn? Sprich! Antworte! Gib mal einen +Ton von dir!"' + +"`Ich ... wei"s ... nicht"', stammelte der Lehrling. + +"`Ah, du wei"st nicht! Freilich! Aber ich wei"s e{\s}! Du hast da +eine B"uchse gesehn, au{\s} blauem Gla{\s}, mit einem gelben +Deckel, gef"ullt mit wei"sem Pulver, und auf dem Schild steht, von +mir eigenh"andig draufgeschrieben: {\glq}Gift! Gift! Gift!{\grq} +Und wei"st du, wa{\s} da drin ist? Ar -- se -- nik! Und so wa{\s} +r"uhrst du an? Nimmst einen Kessel, der daneben steht!"' + +"`Daneben!"' rief Frau Homai{\s} erschrocken und schlug die H"ande +"uber dem Kopfe zusammen. "`Arsenik! Du h"attest un{\s} alle +miteinander vergiften k"onnen!"' + +Die Kinder fingen an zu schreien, al{\s} sp"urten sie bereit{\s} +die schrecklichsten Schmerzen in den Eingeweiden. + +"`Oder du h"attest einen Kranken vergiften k"onnen"', fuhr der +Apotheker fort. "`Wolltest du mich gar auf die Anklagebank +bringen, vor da{\s} Schwurgericht? Wolltest du mich auf dem +Schafott sehen? Wei"st du denn nicht, da"s ich mich bei meinen +Arbeiten kolossal in acht nehmen mu"s, trotz meiner gro"sen +Routine darin? Oft wird mir selber angst, wenn ich an meine +Verantwortung denke. Denn die Regierung sieht un{\s} t"uchtig auf +die Finger, und die albernen Gesetze, denen wir unterstehen, +schweben unsereinem faktisch wie ein Damokle{\s}schwert +fortw"ahrend "uber dem Haupte!"' + +Emma machte gar keinen Versuch mehr, zu fragen, wa{\s} man von ihr +wolle, denn der Apotheker fuhr in atemlosen S"atzen fort: + +"`So vergiltst du also die Wohltaten, die dir zuteil geworden +sind? So dankst du mir die geradezu v"aterliche M"uhe und +Sorgfalt, die ich an dich verschwendet habe! Wo w"arst du denn +ohne mich? Wie ginge dir{\s} heute? Wer hat dich ern"ahrt, +erzogen, gekleidet? Wer erm"oglicht e{\s} dir, da"s du eine{\s} +Tage{\s} mit Ehren in die Gesellschaft eintreten kannst? Aber um +da{\s} zu erreichen, mu"st du noch feste zugreifen, mu"st, wie man +sagt, Blut schwitzen! \begin{antiqua}Fabricando sit faber, age, +quod agis\end{antiqua}!"' + +Er war derma"sen aufgeregt, da"s er Lateinisch sprach. Er h"atte +Chinesisch oder Gr"onl"andisch gesprochen, wenn er da{\s} gekonnt +h"atte. Denn er befand sich in einem Seelenzustand, in dem der +Mensch sein geheimste{\s} Ich ohne Selbstkritik enth"ullt, wie +da{\s} Meer, da{\s} sich im Sturm an seinem Gestade bi{\s} auf den +Grund und Boden "offnet. + +Er predigte immer weiter: + +"`Ich fange an, e{\s} furchtbar zu bereuen, da"s ich dich in mein +Hau{\s} genommen habe. Ich h"atte besser getan, dich in dem Elend +Und dem Schmutz stecken zu lassen, in dem du geboren bist! Du +wirst niemal{\s} zu etwa{\s} Besserem zu gebrauchen sein al{\s} +zum Rindviehh"uten. Zur Wissenschaft hast du kein bi"schen Talent! +Du kannst kaum eine Etikette aufkleben. Und dabei lebst du bei mir +wie der liebe Gott in Frankreich, wie ein Hahn im Korb, und l"a"st +dir{\s} "uber die Ma"sen wohl gehn!"' + +Emma wandte sich an Frau Homai{\s}: + +"`Man hat mich hierher gerufen~..."' + +"`Ach, du lieber Gott!"' unterbrach die gute Frau sie mit +trauriger Miene. "`Wie soll ich{\s} Ihnen nur beibringen? ... +E{\s} ist n"amlich ein Ungl"uck passiert~..."' + +Sie kam nicht zu Ende. Der Apotheker "uberschrie sie: + +"`Hier! Leer ihn wieder au{\s}! Mache ihn wieder rein! Bring ihn +wieder an Ort und Stelle! Und zwar fix!"' + +Er packte Justin beim Kragen und sch"uttelte ihn ab. Dabei entfiel +Justin{\s} Tasche ein Buch. + +Der Junge b"uckte sich, aber Homai{\s} war schneller al{\s} er, +hob den Band auf und betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen +und offenem Mund. + +"`Liebe und Ehe"', la{\s} er vor. "`Aha! Gro"sartig! Gro"sartig! +Wirklich nett! Mit Abbildungen! ... Da{\s} ist denn doch ein +bi"schen starker Tobak!"' + +Frau Homai{\s} wollte nach dem Buche greifen. + +"`Nein, da{\s} ist nicht{\s} f"ur dich!"' wehrte er sie ab. + +Die Kinder wollten die Bilder sehn. + +"`Geht hinau{\s}!"' befahl er gebieterisch. + +Und sie gingen hinau{\s}. + +Eine Weile schritt er zun"achst mit gro"sen Schritten auf und ab, +da{\s} Buch halb ge"offnet in der Hand, mit rollenden Augen, ganz +au"ser Atem, mit rotem Kopfe, al{\s} ob ihn der Schlag r"uhren +sollte. Dann ging er auf den Lehrling lo{\s} und stellte sich mit +verschr"ankten Armen vor ihn hin: + +"`Bist du denn mit allen Lastern behaftet, du Ungl"uck{\s}wurm? +Nimm dich in acht, sag ich dir, du bist auf einer schiefen Ebene! +Hast du denn nicht bedacht, da"s diese{\s} sch"andliche Buch +meinen Kindern in die H"ande fallen konnte, den Samen der S"unde +in ihre Sinne streuen, die Unschuld Athalien{\s} tr"uben und +Napoleon verderben? Er ist kein Kind mehr! Kannst du wenigsten{\s} +beschw"oren, da"s die beiden nicht darin gelesen haben? Kannst du +mir da{\s} schw"oren?"' + +"`Aber so sagen Sie mir doch endlich,"' unterbrach ihn Emma, +"`wa{\s} Sie mir mit\/zuteilen haben!"' + +"`Ach so, Frau Bovary: Ihr Herr Schwiegervater ist gestorben!"' + +In der Tat war der alte Bovary vor zwei Tagen just nach Tisch an +einem Schlaganfall verschieden. Au{\s} "ubertriebener +R"ucksichtnahme hatte Karl den Apotheker gebeten, seiner Frau die +schreckliche Nachricht schonend mit\/zuteilen. + +Homai{\s} hatte sich die Worte, die er sagen wollte, genauesten{\s} +"uberlegt und au{\s}gekl"ugelt -- ein Meisterwerk voll Vorsicht, +Zartgef"uhl und feiner Wendungen. Aber der Zorn hatte "uber seine +Sprachkunst triumphiert. + +Emma verzichtete auf Einzelheiten und verlie"s die Apotheke, da +Homai{\s} seine Strafpredigt wieder aufgenommen hatte, w"ahrend er +sich mit seinem K"appchen Luft zuf"achelte. Allm"ahlich beruhigte +er sich jedoch und ging in einen v"aterlicheren Ton "uber: + +"`Ich will nicht sagen, da"s ich diese{\s} Buch g"anzlich ablehne. +Der Verfasser ist Arzt, und e{\s} stehen wissenschaftliche +Tatsachen darin, mit denen sich ein Mann vertraut machen darf, ja +die er vielleicht kennen mu"s. Aber da{\s} hat ja Zeit! Warte doch +wenigsten{\s}, bi{\s} du ein wirklicher Mann bist!"' + +Al{\s} Emma an ihrem Hause klingelte, "offnete Karl, der sie +erwartet hatte, und ging ihr mit offenen Armen entgegen. + +"`Meine liebe Emma!"' + +Er neigte sich z"artlich zu ihr hernieder, um sie zu k"ussen. Aber +bei der Ber"uhrung ihrer Lippen mu"ste sie an den andern denken. +Da fuhr sie zusammenschaudernd mit der Hand "uber da{\s} Gesicht: + +"`Ja ... ich wei"s ... ich wei"s~..."' + +Er zeigte ihr den Brief, worin ihm seine Mutter da{\s} Ereigni{\s} +ohne jedwede sentimentale Heuchelei berichtete. Sie bedauerte nur, +da"s ihr Mann ohne den Segen der Kirche gestorben war. Der Tod +hatte ihn in Doudeville auf der Stra"se, an der Schwelle eine{\s} +Restaurant{\s}, getroffen, wo er mit ein paar Offizieren a.D. an +einem Liebe{\s}mahl teilgenommen hatte. + +Emma reichte Karl den Brief zur"uck. Bei Tisch tat sie au{\s} +konventionellem Taktgef"uhl so, al{\s} h"atte sie keinen Appetit. +Al{\s} er ihr aber zuredete, langte sie tapfer zu, w"ahrend Karl +unbeweglich und mit betr"ubter Miene ihr gegen"uber dasa"s. + +Hin und wieder hob er den Kopf und sah seine Frau mit einem +traurigen Blick an. Einmal seufzte er: + +"`Ich wollt, ich h"atte ihn noch einmal gesehen!"' + +Sie blieb stumm. Weil sie sich aber sagte, da"s sie etwa{\s} +entgegnen m"usse, fragte sie: + +"`Wie alt war dein Vater eigentlich?"' + +"`Achtundf"unfzig!"' + +"`So!"' + +Da{\s} war alle{\s}. + +Eine Viertelstunde sp"ater fing er wieder an: + +"`Meine arme Mutter! Wa{\s} soll nun au{\s} ihr werden?"' + +Emma machte eine Geb"arde, da"s sie e{\s} nicht wisse. + +Da sie so schweigsam war, glaubte Karl, da"s sie sehr betr"ubt +sei, und er zwang sich infolgedessen gleichfall{\s} zum Schweigen, +um ihren r"uhrenden Schmerz nicht noch zu vermehren. Sich +zusammenraffend, fragte er sie: + +"`Hast du dich gestern gut am"usiert?"' + +"`Ja!"' + +Al{\s} der Tisch abgedeckt war, blieb Bovary sitzen und Emma +gleichfall{\s}. Je l"anger sie ihn in dieser monotonen Stimmung +ansah, um so mehr schwand da{\s} Mitleid au{\s} ihrem Herzen +bi{\s} auf den letzten Rest. Karl kam ihr erb"armlich, jammervoll, +wie eine Null vor. Er war wirklich in jeder Beziehung "`ein +trauriger Kerl"'. Wie konnte sie ihn nur lo{\s}werden? Welch +endloser Abend! Etwa{\s} Bet"aubende{\s} ergriff sie, wie Opium. + +In der Hau{\s}flur ward ein schl"urfende{\s} Ger"ausch vernehmbar. +E{\s} war Hippolyt, der Emma{\s} Gep"ack brachte. E{\s} machte ihm +viel M"uhe, e{\s} abzulegen. + +"`Karl denkt schon gar nicht mehr daran"', dachte Emma, al{\s} sie +den armen Teufel sah, dem da{\s} rote Haar in die +schwei"striefende Stirn herabhing. + +Bovary zog einen Groschen au{\s} der Westentasche. Er hatte kein +Gef"uhl f"ur die Dem"utigung, die f"ur ihn in der blo"sen +Anwesenheit diese{\s} Kr"uppel{\s} lag. Lief er nicht wie ein +leibhaftiger Vorwurf der heillosen Unf"ahigkeit de{\s} Arzte{\s} +herum? + +"`Ein h"ubscher Strau"s!"' sagte er, al{\s} er auf dem Kamin +Leo{\s} Veilchen bemerkte. + +"`Ja!"' erwiderte sie gleichg"ultig. "`Ich habe ihn einer armen +Frau abgekauft."' + +Karl nahm die Veilchen und hielt sie wie zur K"uhlung vor seine +von Tr"anen ger"oteten Augen und sog ihren Duft ein. Sie ri"s sie +ihm au{\s} der Hand und stellte sie in ein Wassergla{\s}. + +Am andern Morgen traf die alte Frau Bovary ein. Sie und ihr Sohn +weinten lange. Emma verschwand unter dem Vorwand, sie habe in der +Wirtschaft zu tun. + +Am Tage nachher besch"aftigten sich die beiden Frauen mit den +Trauerkleidern. Sie setzten sich mit ihrem N"ahzeug in die Laube +hinten im Garten am Bachrande. + +Karl dachte an seinen Vater und wunderte sich "uber seine gro"se +Liebe zu diesem Mann, die ihm bi{\s} dahin gar nicht weiter zum +Bewu"stsein gekommen war. Auch Frau Bovary gr"ubelte "uber den +Toten nach. Jetzt fand sie die schlimmen Tage von einst +begehren{\s}wert. Ihr Joch war ihr so zur alten Gewohnheit +geworden, da"s sie nun Sehnsucht darnach empfand. Ab und zu rann +eine dicke Tr"ane "uber ihre Nase und blieb einen Augenblick daran +h"angen. Dabei n"ahte sie ununterbrochen weiter. + +Emma dachte, da"s kaum achtundvierzig Stunden vor"uber waren, seit +sie und der Geliebte zusammengewesen waren, weltentr"uckt, ganz +trunken und nimmer satt, einander zu sehen. Sie versuchte sich die +kleinsten und allerkleinsten Z"uge diese{\s} entschwundenen +Tage{\s} in{\s} Ged"achtni{\s} zur"uckzurufen. Aber die Anwesenheit +ihre{\s} Manne{\s} und ihrer Schwiegermutter st"orte sie. Sie +h"atte nicht{\s} h"oren und nicht{\s} sehn m"ogen, um nicht in +ihren Liebestr"aumereien gest"ort zu werden, die gegen ihren +Willen unter den "au"seren Eindr"ucken zu verwehen drohten. + +Sie trennte da{\s} Futter eine{\s} Kleide{\s} ab, da{\s} sie um +sich au{\s}gebreitet hatte. Die alte Frau Bovary handhabte Schere +und Nadel, ohne die Augen zu erheben. Karl stand, beide H"ande in +den Taschen, in seinen Tuchpantoffeln und seinem alten braunen +"Uberrock, der ihm al{\s} Hau{\s}anzug diente, bei ihnen und +sprach auch kein Wort. Berta, die ein wei"se{\s} Sch"urzchen +umhatte, spielte mit ihrer Schaufel im Sande. + +Pl"otzlich sahen sie Lheureux, den Modewarenh"andler, kommen. + +Er bot in Anbetracht de{\s} "`betr"ublichen Ereignisse{\s}"' seine +Dienste an. Emma erwiderte, sie glaube darauf verzichten zu +k"onnen, aber der H"andler wich nicht so leicht. + +"`Ich bitte tausendmal um Verzeihung,"' sagte er, "`aber ich mu"s +Herrn Doktor um eine private Unterredung bitten."' Und fl"usternd +f"ugte er hinzu: "`E{\s} ist wegen dieser Sache ... Sie wissen +schon~..."' + +Karl wurde rot bi{\s} "uber die Ohren. + +"`Gewi"s ... freilich ... nat"urlich!"' + +In seiner Verwirrung wandte er sich an seine Frau: + +"`K"onntest du da{\s} nicht mal ... meine Liebe~...?"' + +Sie verstand ihn offenbar und erhob sich. Karl sagte zu seiner +Mutter: + +"`E{\s} ist nicht{\s} weiter! Wahrscheinlich irgend eine +Kleinigkeit, die den Hau{\s}halt betrifft."' + +Er f"urchtete ihre Vorw"urfe und wollte nicht, da"s sie die +Vorgeschichte de{\s} Wechsel{\s} erf"uhre. + +Sobald sie allein waren, begl"uckw"unschte Lheureux Emma in +ziemlich eindeutigen Worten zur Erbschaft und schwatzte dann von +gleichg"ultigen Dingen, vom Spalierobst, von der Ernte und von +seiner Gesundheit, die immer "`so lala"' sei. Er m"u"ste sich +wirklich h"ollisch anstrengen und, wa{\s} die Leute auch sagten, +ihm fehle doch die Butter zum Brote. + +Emma lie"s ihn reden. Seit zwei Tagen langweilte sie sich +entsetzlich. + +"`Und sind Sie v"ollig wiederhergestellt?"' fuhr er fort. "`Ich +sag Ihnen, ich habe Ihren armen Mann in einer sch"onen Verfassung +gesehn! Ja, ja, er ist ein guter Mensch, wenn wir un{\s} auch +ordentlich einander in die Haare gefahren sind."' + +Sie fragte, wa{\s} da{\s} gewesen sei. Karl hatte ihr n"amlich die +Streitigkeit wegen der gelieferten Waren verschwiegen. + +"`Aber Sie wissen doch! E{\s} handelte sich um Ihre Sachen zur +Reise~..."' + +Er hatte den Hut tief in die Stirn hereingezogen, die H"ande auf +den R"ucken genommen und sah ihr, l"achelnd und leise redend, mit +einem unertr"aglichen Blick in{\s} Gesicht. Vermutete er etwa{\s}? +Emma verlor sich in allerlei Bef"urchtungen. Inzwischen fuhr er +fort: + +"`Aber wir haben un{\s} schlie"slich geeinigt, und ich bin +gekommen, ihm ein Arrangement vorzuschlagen~..."' + +E{\s} handelte sich darum, den Wechsel, den Bovary au{\s}gestellt +hatte, zu erneuern. "Ubrigen{\s} k"onne der Herr Doktor die Sache +ganz nach seinem Belieben regeln; er brauche sich gar nicht zu +"angstigen, noch dazu jetzt, wo er gewi"s mit Sorgen "uberh"auft +sei. + +"`Da{\s} beste w"are ja, wenn die Schuld jemand ander{\s} +"ubern"ahme. Sie zum Beispiel. Durch eine Generalvollmacht. Da{\s} +w"are da{\s} Bequemste. Wir k"onnten dann unsere kleinen +Gesch"afte miteinander abmachen."' + +Sie begriff nicht recht, aber er sagte nicht{\s} weiter. Dann kam +er auf sein Gesch"aft zu sprechen und erkl"arte ihr, sie m"usse +unbedingt etwa{\s} nehmen. Er wolle ihr zw"olf Meter Barege +schicken, zu einem neuen schwarzen Kleide. + +"`Da{\s}, wa{\s} Sie da haben, ist gut f"ur{\s} Hau{\s}. Sie +brauchen noch noch ein andre{\s} f"ur die Besuche. Gleich beim +Eintreten habe ich da{\s} bemerkt. Ja, ja, ich habe Augen wie ein +Amerikaner!"' + +Er schickte den Stoff nicht, sondern brachte ihn selbst. Dann kam +er nochmal{\s}, um Ma"s zu nehmen, und dann unter allen m"oglichen +anderen Vorw"anden wieder und wieder, wobei er sich so gef"allig +und dienstbeflissen wie nur m"oglich stellte. Er stand +"`gehorsamst zur Verf"ugung"', wie Homai{\s} zu sagen pflegte. +Dabei fl"usterte er Emma immer wieder irgendwelche Ratschl"age +wegen der Generalvollmacht zu. Den Wechsel erw"ahnte er nicht +mehr, und Emma dachte auch nicht daran. Karl hatte wohl kurz nach +ihrer Genesung mit ihr dar"uber gesprochen, aber e{\s} war ihr +seitdem so viel durch den Kopf gegangen, da"s sie da{\s} vergessen +hatte. Sie h"utete sich "uberhaupt, Geldinteressen an den Tag zu +legen. Frau Bovary wunderte sich dar"uber, aber sie schrieb da{\s} +der Fr"ommigkeit zu, die zur Zeit der Krankheit in ihr erstanden +sei. + +Sobald die alte Frau jedoch abgereist war, setzte Emma ihren +Gatten durch ihren Gesch"aft{\s}sinn in Erstaunen. Man m"usse +Erkundigungen einholen, die Hypotheken pr"ufen und feststellen, ob +nicht vielleicht ein Nachla"skonkur{\s} n"otig sei. Sie gebrauchte +auf gut Gl"uck allerhand juristische Au{\s}dr"ucke, sprach von +Ordnung de{\s} Nachlasse{\s}, Nachla"sverbindlichkeiten, Haftung +usw., und "ubertrieb immerfort die Schwierigkeiten der +Erbschaft{\s}regelung. Eine{\s} Tage{\s} zeigte sie ihm sogar den +Entwurf einer Generalvollmacht, die ihr da{\s} Recht "ubertrug, +da{\s} Verm"ogen zu verwalten, Darlehen aufzunehmen, Wechsel +au{\s}zustellen und zu akzeptieren, jederlei Zahlung zu leisten +und zu empfangen usw. + +Lheureux war ihr Lehrmeister. + +Karl fragte sie naiv, wer ihr die Urkunde au{\s}gestellt habe. + +"`Notar Guillaumin."' Und mit der gr"o"sten Kaltbl"utigkeit f"ugte +sie hinzu: "`Ich habe nur nicht da{\s} rechte Vertrauen zur Sache. +Die Notare stehn in so schlechtem Ruf! Vielleicht m"u"ste man noch +einen Recht{\s}anwalt um Rat fragen. Wir kennen aber nur ... nein +... keinen."' + +"`H"ochsten{\s} Leo"', meinte Karl nachdenklich. Aber e{\s} sei +schwierig, sich brieflich zu verst"andigen. + +Da erbot sich Emma, die Reise zu machen. Er dankte. Sie bot e{\s} +nochmal{\s} an. Kein{\s} wollte dem andern an Zuvorkommenheit +nachstehen. Schlie"slich rief sie mit gut gespieltem Eigensinn +au{\s}: + +"`Ich will aber! Ich bitte dich, la"s mich{\s} machen!"' + +"`Wie gut du bist!"' sagte er und k"u"ste sie auf die Stirn. + +Am andern Morgen stieg sie in die Post, um nach Rouen zu fahren +und Leo zu konsultieren. Sie blieb drei Tage fort. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Dritte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +E{\s} waren drei erlebni{\s}volle, k"ostliche, wunderbare wahre +Flitterwochentage. + +Die beiden wohnten im Boulogner Hof am Hafen. Dort hausten sie bei +verschlossenen T"uren und herabgelassenen Fensterl"aden, unter +"uberallhin gestreuten Blumen und bei Fruchtei{\s}, da{\s} man +ihnen alle Morgen in der Fr"uhe brachte. + +Abend{\s} mieteten sie einen "uberdeckten Kahn und a"sen auf einer +der Inseln. + +E{\s} war die Stunde, da man von den Werften her die H"ammer gegen +die Schiff{\s}w"ande schlagen h"orte. Der Dampf von siedendem Teer +stieg zwischen den B"aumen empor, und auf dem Strome sah man +breite "olige, ungleich gro"se Flecken, die im Purpurlichte der +Sonne wie schwimmende Platten au{\s} Florenzer Bronze gl"anzten. + +Sie fuhren zwischen den vielen vor Anker liegenden Flu"sk"ahnen +hindurch, und bi{\s}weilen streifte ihre Barke die langen +Ankertaue. Da{\s} Ger"ausch der Stadt, da{\s} Rasseln der Wagen, +da{\s} Stimmengewirr, da{\s} Bellen der Hunde auf den Schiffen +wurde ferner und ferner. Emma kn"upfte ihre Hutb"ander auf. + +Sie landeten an "`ihrer Insel"'. Sie setzten sich in eine +Herberge, vor deren T"ur schwarze Netze hingen, und a"sen +gebackene Fische, Omeletten und Kirschen. Dann lagerten sie sich +in{\s} Gra{\s}, k"u"sten einander im Schatten der hohen Pappeln +und h"atten am liebsten wie zwei Robinson{\s} immer auf diesem +Erdenwinkel leben m"ogen, der ihnen in ihrer Gl"uckseligkeit +al{\s} da{\s} sch"onste Fleckchen der ganzen Welt erschien. Sie +sahn die B"aume, den blauen Himmel und da{\s} Gra{\s} nicht zum +ersten Male, sie lauschten nicht zum erstenmal dem Pl"atschern der +Wellen und dem Wind, der durch die Bl"atter rauschte, aber e{\s} +war ihnen, al{\s} h"atten sie da{\s} alle{\s} niemal{\s} so +genossen, al{\s} w"are die Natur vorher gar nicht dagewesen oder +al{\s} w"are sie erst sch"on, seitdem ihr Begehren gestillt war. + +Wenn e{\s} dunkel ward, kehrten sie heim. Der Kahn fuhr am Gestade +von Inseln entlang. Die beiden sa"sen im Dunkeln auf der Bank +unter dem h"olzernen Verdeck und sprachen kein Wort. Die +vierkantigen Ruder knirschten durch die Stille in ihren eisernen +Gabeln, taktm"a"sig wie ein Uhrwerk. Hinter ihnen rauschte da{\s} +Wasser leise um da{\s} herrenlose Steuer. + +Einmal erschien der Mond. Da schw"armten sie nat"urlich vom +stillen Nebelglanz "uber Busch und Tal und seinen Melodien. Und +Emma begann sogar zu singen: +\begin{verse} +"`Wei"st du, eine{\s} Abend{\s} \\ +Fuhren wir dahin~..."' +\end{verse} + +Ihre metallische, aber schwache Stimme verhallte "uber der Flut, +vom Wind entf"uhrt. Wie sanfter Fl"ugelschlag streifte der Sang +Leo{\s} Ohr. + +Emma sa"s an die R"uckwand der kleinen Kabine gelehnt. Durch eine +offene Luke im Dache fiel der Mondenschein herein und in ihr +Gesicht. Ihr schwarze{\s} Kleid, dessen faltiger Rock sich wie ein +F"acher au{\s}breitete, lie"s sie schlanker und gr"o"ser +erscheinen. Die H"ande gefaltet, hob sie den Kopf und schaute zum +Himmel empor. Von Zeit zu Zeit verschwand sie im Schatten der +Weiden, an denen der Kahn vor"uberglitt, und dann tauchte sie +pl"otzlich wieder auf, im Lichte de{\s} Monde{\s}, wie eine +Geistererscheinung. + +Leo, der sich ihr zu F"u"sen am Boden de{\s} Fahrzeuge{\s} +gelagert hatte, hob ein Band au{\s} roter Seide auf. Der +Boot{\s}mann sah e{\s} und meinte: + +"`Da{\s} ist von gestern! Da hab ich eine kleine Gesellschaft +spazierengefahren, lauter lustige Leute, Herren und Damen. Sie +hatten Kuchen und Champagner mit und Waldh"orner. Da{\s} war ein +Rummel! Da war einer dabei, ein gro"ser h"ubscher Mann mit einem +schwarzen Schnurrb"artchen, der war riesig fidel! Sie baten ihn +immer: {\glq}Du, erz"ahl un{\s} mal einen Schwank au{\s} deinem +Leben, Adolf!{\grq} Oder hie"s er Rudolf? Ich wei"s nicht mehr~..."' + +Emma fuhr zusammen. + +"`Ist dir nicht wohl?"' fragte Leo und legte ihr die Hand um den +Nacken. + +"`Ach nein, e{\s} ist nicht{\s}! E{\s} ist ein bi"schen k"uhl."' + +"`Er mochte auch viel Gl"uck bei den Frauen haben"', redete der +Boot{\s}mann leise weiter. Er wollte seinem Fahrgaste offenbar +eine Schmeichelei sagen. Dann spuckte er sich in die H"ande und +begann von neuem zu rudern. + +Endlich kam die Trennung{\s}stunde. Der Abschied war sehr traurig. +Sie verabredeten, Leo solle durch die Adresse der Frau Rollet +schreiben. Emma gab ihm genaue Anweisungen. Er solle doppelte +Umschl"age verwenden. Er wunderte sich "uber ihre Schlauheit in +Liebe{\s}dingen. + +"`Und da{\s} andre ist doch auch alle{\s} in Ordnung, nicht +wahr?"' fragte sie nach dem letzten Kusse. + +"`Aber gewi"s!"' + +Al{\s} er dann allein durch die Stra"sen heimging, dachte er bei +sich: + +"`Warum macht sie denn eigentlich so viel Wesen{\s} mit ihrer +Generalvollmacht?"' + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Vierte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Leo begann vor seinen Kameraden den "Uberlegenen zu spielen. Er +mied ihre Gesellschaft und vernachl"assigte seine Akten. Er +wartete nur immer auf Emma{\s} Briefe, la{\s} wieder und wieder in +ihnen und schrieb ihr alle Tage. Er verweilte in Gedanken und in +der Erinnerung immerdar voller Sehnsucht bei ihr. Sein hei"se{\s} +Begehren k"uhlte sich durch da{\s} Getrenntsein nicht ab, im +Gegenteil, sein Verlangen, sie wiederzusehen, wuch{\s} derma"sen, +da"s er an einem Sonnabendvormittag seiner Kanzlei entrann. + +Al{\s} er von der H"ohe herab unten im Tale den Kirchturm mit +seiner sich im Winde drehenden blechernen Wetterfahne erblickte, +durchschauerte ihn ein sonderbare{\s} Gef"uhl von Eitelkeit und +R"uhrung, wie e{\s} vielleicht ein Milliard"ar empfindet, der sein +Heimatdorf wieder aufsucht. + +Er ging um Emma{\s} Hau{\s}. In der K"uche war Licht. Er wartete, +ob nicht ihr Schatten hinter den Gardinen sichtbar w"urde. E{\s} +erschien nicht{\s}. + +Al{\s} Mutter Franz ihn gewahrte, stie"s sie Freudenschreie +au{\s}. Sie fand ihn "`gr"o"ser und schlanker geworden"', w"ahrend +Artemisia im Gegensatze dazu meinte, er s"ahe "`st"arker und +brauner"' au{\s}. + +Wie einst nahm er seine Mahlzeit in der kleinen Gaststube ein, +aber allein, ohne den Steuereinnehmer. Binet hatte e{\s} n"amlich +"`satt bekommen"', immer auf die Post warten zu sollen, und hatte +seine Tischzeit ein f"ur allemal auf Punkt f"unf Uhr verlegt, +wa{\s} ihn indessen nicht hinderte, dar"uber zu r"asonieren, da"s +der "`alte Klapperkasten egal zu sp"at"' k"ame. + +Endlich fa"ste Leo Mut und klingelte an der Hau{\s}t"ure de{\s} +Arzte{\s}. Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Erst nach einer +Viertelstunde kam sie herunter. Karl schien sich zu freuen, ihn +wiederzusehen; aber weder am Abend noch andern Tag{\s} wich er von +Emma{\s} Seite. Erst nacht{\s} kam sie allein mit Leo zusammen, +auf dem Wege hinter dem Garten, an der kleinen Treppe zum Bach, +wie einst mit dem andern. + +Da ein Gewitterregen niederging, plauderten sie unter einem +Regenschirm, bei Donner und Blitz. + +Die Trennung war ihnen unertr"aglich. + +"`Lieber sterben!"' sagte Emma. + +Sie entwand sich seinen Armen und weinte. + +"`Lebwohl! Lebwohl! Wann werd ich dich wiedersehn?"' + +Sie wandten sich noch einmal um und umarmten sich von neuem. Da +versprach ihm Emma, sie wolle demn"achst Mittel und Wege finden, +damit sie sich wenigsten{\s} einmal jede Woche sehen k"onnten. +Emma zweifelte nicht an der M"oglichkeit. Sie war "uberhaupt +voller Zuversicht. Lheureux hatte ihr f"ur die n"achste Zeit Geld +in Au{\s}sicht gestellt. + +Sie schaffte ein Paar cremefarbige Store{\s} f"ur ihr Zimmer an. +Lheureux r"uhmte ihre Billigkeit. Dann bestellte sie einen +Teppich, den der H"andler bereitwillig zu besorgen versprach, +wobei er versicherte, er werde "`die Welt nicht kosten"'. Lheureux +war ihr unentbehrlich geworden. Zwanzigmal am Tage schickte sie +nach ihm, und immer lie"s er alle{\s} stehen und liegen und kam, +ohne auch nur zu murren. Man begriff ferner nicht, warum die alte +Frau Rollet t"aglich zum Fr"uhst"uck und auch au"serdem noch +h"aufig kam. + +Gegen Anfang de{\s} Winter{\s} entwickelte Emma pl"otzlich einen +ungemein regen Eifer im Musizieren. + +Eine{\s} Abend{\s} spielte sie da{\s}selbe St"uck viermal +hintereinander, ohne "uber eine bestimmte schwierige Stelle glatt +hinwegzukommen. Karl, der ihr zuh"orte, bemerkte den Fehler nicht +und rief: + +"`Bravo! Au{\s}gezeichnet! Fehlerlo{\s}! Spiele nur weiter!"' + +"`Nein, nein! Ich st"umpere. Meine Finger sind zu steif +geworden."' + +Am andern Tag bat er sie, ihm wieder etwa{\s} vorzuspielen. + +"`Meinetwegen! Wenn e{\s} dir Spa"s macht."' + +Karl gab zu, da"s sie ein wenig au{\s} der "Ubung sei. Sie griff +daneben, blieb stecken, und pl"otzlich h"orte sie auf zu spielen. + +"`Ach, e{\s} geht nicht, ich m"u"ste wieder Stunden nehmen, +aber~..."' Sie bi"s sich in die Lippen und f"ugte hinzu: "`Zwanzig +Franken f"ur die Stunde, da{\s} ist zu teuer."' + +"`Allerding{\s} ... ja~..."', sagte Karl und l"achelte einf"altig, +"`aber e{\s} gibt doch auch unbekannte K"unstler, die billiger und +manchmal besser sind al{\s} die Ber"uhmtheiten."' + +"`Such mir einen!"' sagte Emma. + +Am andern Tag, al{\s} er heimkam, sah er sie mit pfiffiger Miene +an und sagte schlie"slich: + +"`Wa{\s} du dir so manchmal in den Kopf setzt! Ich war heute in +Barfeuch\`ere{\s}, und da hat mir Frau Li\'egeard erz"ahlt, da"s +ihre drei T"ochter f"ur zw"olf Groschen die Stunde bei einer ganz +vortrefflichen Lehrerin Klavierunterricht haben."' + +Emma zuckte mit den Achseln und "offnete fortan nicht mehr da{\s} +Klavier. Aber wenn sie in Karl{\s} Gegenwart daran vorbeiging, +seufzte sie allemal: + +"`Ach, mein arme{\s} Klavier!"' + +Wenn Besuch da war, erz"ahlte sie jedermann, da"s sie die Musik +aufgegeben und h"oheren R"ucksichten geopfert habe. Dann beklagte +man sie. E{\s} sei schade. Sie h"atte soviel Talent. Man machte +ihrem Manne geradezu Vorw"urfe, und der Apotheker sagte ihm +eine{\s} Tage{\s}: + +"`E{\s} ist nicht recht von Ihnen. Man darf die Gaben, die einem +die Natur verliehen, nicht brachliegen lassen. Au"serdem sparen +Sie, wenn Sie Ihre Frau jetzt Stunden nehmen lassen, sp"ater bei +der musikalischen Erziehung Ihrer Tochter. Ich finde, die M"utter +sollten ihre Kinder immer selbst unterrichten. Da{\s} hat schon +Rousseau gesagt, so neu un{\s} diese Forderung auch anmutet. Aber +da{\s} wird dermaleinst doch Sitte, genau wie die Ern"ahrung der +S"auglinge durch die eigenen M"utter und wie die +Schutzpockenimpfung! Davon bin ich "uberzeugt!"' + +Infolgedessen kam Karl noch einmal gespr"ach{\s}weise auf diese +Angelegenheit zur"uck. Emma erwiderte "argerlich, da"s e{\s} +besser w"are, da{\s} Instrument zu verkaufen. Dagegen verwahrte +sich Bovary. Da{\s} kam ihm wie die Prei{\s}gabe eine{\s} +St"ucke{\s} von sich selbst vor. Da{\s} brave Klavier hatte ihm so +oft Vergn"ugen bereitet und ihn einst so stolz und eitel gemacht! + +"`Wie w"are e{\s} denn,"' schlug er vor, "`wenn du hin und wieder +eine Stunde n"ahmst? Da{\s} wird un{\s} wohl nicht gleich +ruinieren!"' + +"`Unterricht hat nur Zweck, wenn er regelm"a"sig erfolgt"', +entgegnete sie. + +Und so kam e{\s} schlie"slich dahin, da"s sie von ihrem Gatten die +Erlaubni{\s} erhielt, jede Woche einmal in die Stadt zu fahren, um +den Geliebten zu besuchen. Schon nach vier Wochen fand man, sie +habe bedeutende Fortschritte gemacht. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{F"unfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +An jedem Donnerstag stand Emma zeitig auf und zog sich +ger"auschlo{\s} an, um Karl nicht aufzuwecken, der ihr Vorw"urfe +wegen ihre{\s} zu fr"uhen Aufstehen{\s} gemacht h"atte. Dann lief +sie in ihrem Zimmer herum, stellte sich an{\s} Fenster und sah auf +den Marktplatz hinau{\s}. Da{\s} Morgengrauen huschte um die +Pfeiler der Hallen und um die Apotheke, deren Fensterl"aden noch +geschlossen waren. Die gro"sen Buchstaben de{\s} Ladenschilde{\s} +lie"sen sich durch da{\s} fahle D"ammerlicht erkennen. + +Wenn die Stutzuhr ein viertel acht Uhr zeigte, ging Emma nach dem +Goldnen L"owen. Artemisia "offnete ihr g"ahnend die T"ur und +fachte der gn"adigen Frau wegen im Herde die gl"uhenden Kohlen an. +Ganz allein sa"s Emma dann in der K"uche. + +Von Zeit zu Zeit ging sie hinau{\s}. Hivert spannte h"ochst +gem"achlich die Postkutsche an, wobei er der Witwe Franz zuh"orte, +die in der Nachthaube oben zu ihrem Schlafstubenfenster +herau{\s}sah und ihm tausend Auftr"age und Verhaltung{\s}ma"sregeln +erteilte, die jeden andern Kutscher verr"uckt gemacht h"atten. Die +Abs"atze von Emma{\s} Stiefeletten klapperten laut auf dem +Pflaster de{\s} Hofe{\s}. + +Nachdem Hivert seine Morgensuppe eingenommen, sich den Mantel +angezogen, die Tabak{\s}pfeife angez"undet und die Peitsche in die +Hand genommen hatte, kletterte er saumselig auf seinen Bock. + +Langsam fuhr die Post endlich ab. Anfang{\s} machte sie +allerort{\s} Halt, um Reisende aufzunehmen, die an der Stra"se vor +den Hoftoren standen und warteten. Leute, die sich Pl"atze +vorbestellt hatten, lie"sen meist auf sich warten; ja e{\s} kam +vor, da"s sie noch in ihren Betten lagen. Dann rief, schrie und +fluchte Hivert, stieg von seinem Sitz herunter und pochte mit den +F"austen laut gegen die Fensterl"aden. Inzwischen pfiff der Wind +durch die schlecht schlie"senden Wagenfenster. + +Allm"ahlich f"ullten sich die vier B"anke. Der Wagen rollte jetzt +schneller hin. Die Apfelb"aume an den Stra"senr"andern folgten +sich rascher. Aber zwischen den beiden mit gelblichem Wasser +gef"ullten Gr"aben dehnte sich die Chaussee noch endlo{\s} hin +bi{\s} in den Horizont. + +Emma kannte jede Einzelheit de{\s} Wege{\s}. Sie wu"ste genau, +wann eine Wiese oder eine Wegs"aule kam oder eine Ulme, eine +Scheune, da{\s} H"auschen eine{\s} Stra"senw"arter{\s}. Manchmal +schlo"s sie die Augen eine Weile, um sich "uberraschen zu lassen. +Aber sie verlor niemal{\s} da{\s} Gef"uhl f"ur Zeit und Ort. + +Endlich erschienen die ersten Backsteinh"auser. Der Boden dr"ohnte +unter den R"adern, recht{\s} und link{\s} lagen G"arten, durch +deren Gitter man Bilds"aulen, Lauben, beschnittene Taxu{\s}hecken +und Schaukeln erblickte. Dann, mit einemmal, tauchte die Stadt auf. + +Sie lag vor Emma wie ein Amphitheater in der von leichtem Dunst +erf"ullten Tiefe. Jenseit{\s} der Br"ucken verlief da{\s} +H"ausermeer in undeutlichen Grenzen. Dahinter dehnte sich +flache{\s} Land in eint"onigen Linien, bi{\s} e{\s} weit in der +Ferne im fahlen Grau de{\s} Himmel{\s} verschwamm. So au{\s} der +Vogelschau sah die ganze Landschaft leblo{\s} wie ein Gem"alde +au{\s}. Die vor Anker liegenden Zillen dr"angten sich in einem +Winkel zusammen. Der Strom wand sich im Bogen um gr"une H"ugel, +und die l"anglichen Inseln in seinen Fluten glichen gro"sen +schwarzen, tot daliegenden Fischen. Au{\s} den hohen Fabrikessen +quollen dichte braune Rauchwolken, die sich oben in der Luft +aufl"osten. In da{\s} Dr"ohnen der Dampfh"ammer mischte sich +da{\s} helle Glockengel"aut der Kirchen, die au{\s} dem Dunste +hervorragten. Die bl"atterlosen B"aume auf den Boulevard{\s} +wuchsen au{\s} den H"ausermassen herau{\s} wie violette Gew"achse, +und die vom Regen nassen D"acher glitzerten st"arker oder +schw"acher, je nach der h"oheren oder tieferen Lage der +Stadtteile. Bi{\s}weilen trieb ein frischer Windsto"s da{\s} +dunstige Gew"olk nach der Sankt Katharinen-H"ohe hin, an deren +steilen H"angen sich die luftige Flut ger"auschlo{\s} brach. + +Emma empfand jede{\s}mal eine Art Schwindel, wenn sie die Stadt, +diese Ansammlung von Existenzen, so vor sich sah. Da{\s} Blut +st"urmte ihr heftiger durch die Adern, al{\s} ob ihr die +hundertundzwanzigtausend Herzen, die da unten schlugen, den Brodem +der Leidenschaften, die in ihnen lodern mochten, in einem einzigen +Hauche entgegensandten. Vor der Gewalt diese{\s} Anblick{\s} +wuch{\s} ihre eigene Liebe, und da{\s} dumpfe Rauschen de{\s} +Stra"senl"arm{\s}, da{\s} zu ihr heraufdrang, hob ihre Stimmung. +Die Pl"atze, die Stra"sen, die Promenaden erweiterten und +vergr"o"serten sich vor ihr, und die alte Normannenstadt ward ihr +zur Ko{\s}mopoli{\s}, zu einem zweiten Babylon, in da{\s} sie +Einzug hielt. + +Sie lehnte sich au{\s} dem Wagenfenster hinau{\s} und sog die +frische Luft ein. Die drei Pferde liefen schneller, die Steine der +schmutzigen Landstra"se knirschten, der Wagen schwankte. Hivert +rief die Fuhrwerke und Karren an, die vor ihm fuhren. Die B"urger, +die au{\s} ihren Landh"ausern im Wilhelm{\s}walde zur"uckkehrten, +wo sie die Nacht "uber geblieben waren, wichen mit ihren +Familienkutschen gem"achlich au{\s}. + +Am Eingang der Stadt hielt die Post. Emma entledigte sich ihrer +"Uberschuhe, zog andre Handschuhe an, zupfte ihren Schal zurecht +und stieg au{\s}. + +In der Stadt wurde e{\s} lebendig. Die Lehrjungen putzten die +Schaufenster der L"aden. Marktweiber mit K"orben schrien an den +Stra"senecken ihre Waren au{\s}. Emma dr"uckte sich mit +niedergeschlagenen Augen an den H"ausermauern entlang. Unter ihrem +herabgezogenen schwarzen Schleier l"achelte sie vergn"ugt. Um +nicht beobachtet zu werden, machte sie Umwege. Durch d"ustre +Gassen hindurch gelangte sie endlich ganz erhitzt zu dem Brunnen +am Ende der Rue Nationale. Wegen der N"ahe de{\s} Theater{\s} gibt +e{\s} dort die meisten Kneipen. E{\s} wimmelt von Frauenzimmern. +Ein paarmal fuhren Karren mit B"uhnendekorationen an Emma +vor"uber. Besch"urzte Kellner streuten Sand auf da{\s} Trottoir, +zwischen K"asten mit gr"unen Gew"achsen. E{\s} roch nach Absinth, +Zigarren und Austern. + +Emma bog in die verabredete Stra"se ein. Da stand Leo. Sie +erkannte ihn schon von weitem an dem welligen Haar, da{\s} sich +unter seinem Hute zeigte. Er ging ruhig weiter. Sie folgte ihm +nach dem Boulogner Hof. Er stieg vor ihr die Treppe hinauf, +"offnete die T"ur und trat ein~... + +Eine leidenschaftliche Umarmung! Liebe{\s}worte und K"usse ohne +Ende! Sie erz"ahlten sich vom Leid der vergangenen Woche, von +ihrem Hangen und Bangen, von ihrem Warten auf die Briefe. Aber +dann war da{\s} alle{\s} vergessen. Sie sahen sich von Auge zu +Auge, unter dem L"acheln der Wollust und unter dem Gefl"uster der +Z"artlichkeit. + +Da{\s} Bett war au{\s} Mahagoni und sehr gro"s. Zu beiden Seiten +de{\s} Kopfkissen{\s} hingen rotseidne weitbauschige Vorh"ange +herab. Wenn sich Emma{\s} braune{\s} Haar und ihre wei"se Haut von +diesem Purpurrot abhoben, wenn sie ihre beiden nackten Arme +versch"amt hob und ihr Gesicht in den H"anden verbarg: wa{\s} +h"atte Leo Sch"onre{\s} schauen k"onnen? + +Da{\s} warme Zimmer mit seinem weichen Teppich, seiner netten +Einrichtung und seinem traulichen Lichte war wie geschaffen zu +einer heimlichen Liebe. Wenn die Sonne hereinschien, funkelte +alle{\s}, wa{\s} blank im Gemache war, hell auf: die +Messingbeschl"age an der T"ur, an den Gardinenhaltern und am +Kamin. + +Sie liebten diesen Raum, wenn seine Herrlichkeit auch ein wenig +verblichen war. Jede{\s}mal, wenn sie kamen, fanden sie alle{\s} +so vor, wie sie e{\s} verlassen. Mitunter lagen sogar die +Haarnadeln noch auf dem Sockel der Standuhr, wo Emma sie am +Donnerstag vorher liegen gelassen hatte. + +Da{\s} Fr"uhst"uck pflegten sie am Kamin an einem kleinen +eingelegten Tisch au{\s} Polisanderholz einzunehmen. Emma machte +alle{\s} zurecht und legte Leo jeden Bissen einzeln auf den +Teller, unter tausend s"u"sen Torheiten. Wenn der Sekt ihr "uber +den Rand de{\s} d"unnen Kelche{\s} auf die Finger perlte, lachte +sie lustig auf. Sie waren beide in den gegenseitigen Genu"s +versunken und verga"sen v"ollig, da"s sie in einer Mietwohnung +hausten. E{\s} war Ihnen, al{\s} w"aren sie Jungverm"ahlte und +h"atten ein gemeinsame{\s} Heim, da{\s} sie nie wieder zu +verlassen brauchten. Sie sagten "`unser Zimmer, unser Teppich, +unsre St"uhle,"' wie sie "`unsre Pantoffeln"' sagten, wobei sie +die meinten, die Leo Emma geschenkt hatte: Pantoffeln au{\s} rosa +Atla{\s} mit Schwanflaumbesatz. Emma trug sie "uber den nackten +F"u"sen. Wenn sie sich Leo auf die Knie setzte, pendelte sie mir +ihren Beinen und balancierte die zierlichen Schuhe mit den gro"sen +Zehen. + +Zum ersten Male in seinem Leben geno"s er den unbeschreiblichen +Reiz einer mond"anen Liebschaft. Alle{\s} war ihm neu: diese +ent\/z"uckende Art zu plaudern, diese{\s} versch"amte Sichentbl"o"sen, +diese{\s} schmachtende Girren. Er bewunderte ihre verz"uckte +Sinnlichkeit und zugleich die Spitzen ihre{\s} Unterrocke{\s}. Er +hatte eine schicke Dame der Gesellschaft zur Geliebten, eine +verheiratete Frau ... Wa{\s} h"atte er mehr haben wollen? + +Durch den fortw"ahrenden Wechsel in ihren Launen, die sie bald +tiefsinnig, bald au{\s}gelassen machten, bald redselig, bald +schweigsam, bald "uberschwenglich, bald blasiert, rief und reizte +Emma in ihm tausend L"uste, Gef"uhle und Reminis\/zenzen. Die +Heldinnen aller Romane, die er je gelesen, aller Dramen, die er je +gesehen, erstanden in ihr wieder. Ihr galten alle Gedichte der +Welt. Ihre Schultern hatten den Bernsteinteint der "`Badenden +Odali{\s}ke"', ihr schlanker Leib gemahnte ihn an die edlen +Vrouwen der Minnes"anger, und ihr blasse{\s} Gesicht glich denen, +die spanische Meister verewigt hatten. Sie war ihm mehr al{\s} +alle{\s} da{\s}: sie war sein "`Engel"'. + +Oft, wenn er sie anblickte, war e{\s} ihm, al{\s} erg"osse sich +seine Seele "uber sie und flie"se wie eine Welle "uber ihr Antlitz +und von da herab wie ein Strom auf ihre wei"se Brust. Er sank ihr +zu F"u"sen auf den Teppich, schlang beide Arme um ihre Knie, sah +zu ihr empor und schaute sie l"achelnd an. Und sie neigte sich zu +ihm herab und fl"usterte wie im Rausche: + +"`O r"uhr dich nicht! Sprich nicht! Sieh mich an! E{\s} ist +etwa{\s} Liebe{\s}, S"u"se{\s} in deinen Augen, da{\s} ich so gern +habe!"' + +Sie nannte ihn "`mein Junge"'. + +"`Mein Junge, liebst du mich?"' + +Er best"urmte sie mit K"ussen. Eine andre Antwort begehrte sie +nicht. + +Auf der Stutzuhr spreizte sich ein kleiner kecker Amor au{\s} +Bronze, der in seinen erhobenen Armen eine vergoldete Girlande +trug. Er machte ihnen viel Spa"s. Nur wenn die Trennung{\s}stunde +schlug, kam ihnen alle{\s} ernsthaft vor. + +Unbeweglich standen sie einander gegen"uber, und immer +wiederholten sie: + +"`Auf Wiedersehn! N"achsten Donnerstag!"' + +Pl"otzlich nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden H"ande, +k"u"ste ihn rasch auf die Stirn, und mit einem "`Adieu!"' st"urmte +sie die Treppe hinunter. + +Zun"achst ging sie jede{\s}mal zum Friseur in der Theaterstra"se +und lie"s sich ihr Haar in Ordnung bringen. E{\s} war schon sp"at. +Im Laden brannten bereit{\s} die Ga{\s}flammen. Sie h"orte da{\s} +Klingeln dr"uben im Theater, da{\s} dem Personal den Beginn der +Vorstellung anzeigte. Durch die Scheiben sah sie, wie M"anner mit +bleichen Gesichtern und Frauen in abgetragenen Kleidern im +hinteren Eingang de{\s} Theatergeb"aude{\s} verschwanden. + +Der sehr niedrige Raum war "uberheizt. Mitten unter den Per"ucken +und Pomaden prasselte ein Ofen. Der Geruch der hei"sen +Brennscheren und der fettigen H"ande, die sich mit ihrem Haar zu +schaffen machten, bet"aubte sie beinahe. E{\s} fehlte nicht viel, +so w"are sie unter ihrem Frisiermantel eingeschlafen. + +Wiederholt bot ihr der Friseur Billette zum Ma{\s}kenball an. + +Dann ging sie fort, die Stra"sen wieder hinan, zur"uck in{\s} +"`Rote Kreuz"'. Sie suchte ihre "Uberschuhe hervor, die sie am +Vormittag unter einem Sitz der Postkutsche versteckt hatte, und +nahm ihren Platz ein, unter den bereit{\s} ungeduldigen +Mitfahrenden. Wo die steile Strecke begann, stiegen alle au{\s}. +Emma blieb allein im Wagen zur"uck. + +Von Serpentine zu Serpentine sah sie in der Tiefe, unten in der +Stadt, immer mehr Lichter. Sie bildeten zusammen ein weite{\s} +Lichtermeer, in dem die H"auser verschwanden. Auf dem Sitzpolster +kniend, tauchte sie ihre Blicke in diesen Glanz. Schluchzend +fl"usterte sie den Namen Leo{\s} vor sich hin, k"u"ste ihn in +Gedanken und rief ihm leise Koseworte nach, die der Wind +verschlang. + +Oben auf der H"ohe trieb sich ein Bettler herum, der die Postwagen +ablauerte. Er war in Lumpen geh"ullt, und ein alter verwetterter +Filzhut, rund wie ein Becken, verdeckte sein Gesicht. Wenn er ihn +abnahm, sah man in seinen Augenh"ohlen zwei blutige Aug"apfel mit +L"ochern an Stelle der Pupillen. Da{\s} Fleisch sch"alte sich in +roten Fetzen ab, und eine gr"unliche Fl"ussigkeit lief herau{\s}, +die an der Nase gerann, deren schwarze Fl"ugel nerv"o{\s} zuckten. +Wenn man ihn ansprach, grinste er einen bl"od an. Dann rollten +seine bl"aulichen Aug"apfel fortw"ahrend in ihrem wunden Lager. + +Er sang ein Lied, in dem folgende Stelle vorkam: +\begin{verse} +"`Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\ +Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~..."' +\end{verse} + +Manchmal erschien der Ungl"uckliche ohne Hut ganz pl"otzlich +hinter Emma{\s} Sitz. Sie wandte sich mit einem Aufschrei weg. + +Hivert pflegte den Bettler zu verh"ohnen. Er riet ihm, sich auf +dem n"achsten Jahrmarkt in einer Bude sehen zu lassen, oder er +fragte ihn, wie e{\s} seiner Liebsten ginge. + +Einmal streckte der Bettler seinen Hut w"ahrend der Fahrt durch +da{\s} Wagenfenster herein. Er war drau"sen auf da{\s} +kotbespritzte Trittbrett gesprungen und hielt sich mit einer Hand +fest. Sein erst schwacher und kl"aglicher Gesang ward schrill. Er +heulte durch die Nacht, ein Klagelied von namenlosem Elend. Da{\s} +Schellengel"aut der Pferde, da{\s} Rauschen der B"aume und da{\s} +Rasseln de{\s} Wagen{\s} t"onten in diese Jammerlaute hinein, so +da"s sie wie au{\s} der Ferne zu kommen schienen. Emma war +tiefersch"uttert. Empfindungen brausten ihr durch die Seele wie +wilder Wirbelsturm durch eine Schlucht. Grenzenlose Melancholie +ergriff sie. + +Inzwischen hatte Hivert bemerkt, da"s eine fremde Last seinen +Wagen beschwerte. Er schlug mit seiner Peitsche mehrere Male auf +den Blinden ein. Die Schnur traf seine Wunden; er fiel in den +Stra"senkot und stie"s ein Schmerzen{\s}geheul au{\s}. + +Die Insassen de{\s} Wagen{\s} waren nach und nach eingenickt. Die +einen schliefen mit offenem Munde; andern war da{\s} Kinn auf die +Brust gesunken; der lag mit seinem Kopfe an der Schulter de{\s} +Nachbar{\s}, und jener hatte den Arm in dem H"angeriemen, der je +nach den Bewegungen de{\s} Wagen{\s} hin und her schaukelte. Der +Schein der Laterne drang durch die schokoladenbraunen +Kattunvorh"ange und bedeckte die unbeweglichen Gestalten mit +blutroten Lichtstreifen. Emma war wie krank vor Traurigkeit. Sie +fror unter ihren Kleidern. Ihre F"u"se wurden ihr k"alter und +k"alter. Sie f"uhlte sich sterben{\s}ungl"ucklich. + +Zu Hause wartete Karl auf sie. Donnerstag{\s} hatte die Post immer +Versp"atung. Endlich kam sie. Da{\s} Essen war noch nicht fertig, +aber wa{\s} k"ummerte sie da{\s}? Da{\s} Dienstm"adchen konnte +jetzt machen, wa{\s} e{\s} wollte. + +E{\s} geschah oft, da"s Karl, dem Emma{\s} Bl"asse auffiel, sie +fragte, ob ihr etwa{\s} fehle. + +"`Nein!"' antwortete sie. + +"`Aber du bist so sonderbar heute abend?"' + +"`Ach nein, nicht im geringsten!"' + +Manchmal ging sie sofort nach ihrer Ankunft in ihr Zimmer. Oft war +gerade Justin da und bediente sie stumm und behutsam, besser +al{\s} eine Kammerzofe. Er stellte den Leuchter und die +Streichh"olzer zurecht, legte ihr ein Buch hin und da{\s} +Nachthemd und deckte da{\s} Bett auf. + +"`Gut!"' sagte sie. "`Du kannst gehn."' + +Er blieb n"amlich immer noch eine Weile an der T"ure stehen und +blickte Emma mit starren Augen wie verzaubert an. + +Der Morgen nach der Heimkehr war ihr immer gr"a"slich, und noch +qualvoller wurden ihr die folgenden Tage durch die Ungeduld, mit +der sie nach ihrem Gl"ucke lechzte. Sie verging fast vor +L"usternheit, unter woll"ustigen Erinnerungen, bi{\s} alle ihre +Sehnsucht am siebenten Tage in Leo{\s} z"artlichen Armen +befriedigt wurde. Seine eigne, hei"se Sinnlichkeit verbarg sich +unter leidenschaftlicher Bewunderung und inniger Dankbarkeit. +Seine anbetung{\s}volle stille Liebe war Emma{\s} Ent\/z"ucken. Sie +hegte und pflegte sie mit tausend Liebkosungen, immer in Angst, +sein Herz zu verlieren. + +Oft sagte sie ihm mit weicher, melancholischer Stimme: + +"`Ach du! Du wirst mich verlassen! Du wirst dich verheiraten! +Wirst e{\s} machen wie alle andern!"' + +"`Welche andern?"' + +"`Wie alle M"anner, meine ich."' + +Ihn sanft zur"ucksto"send, f"ugte sie hinzu: + +"`Ihr seid alle gemein!"' + +Eine{\s} Tage{\s} f"uhrten sie ein philosophische{\s} Gespr"ach +"uber die menschlichen Entt"auschungen, al{\s} sie pl"otzlich, um +seine Eifersucht auf die Probe zu stellen oder auch au{\s} allzu +starkem Mitteilung{\s}bed"urfni{\s}, da{\s} Gest"andni{\s} machte, +da"s sie vor ihm einen andern geliebt habe. + +"`Nicht wie dich!"' f"ugte sie schnell hinzu und schwor beim Haupte +ihre{\s} Kinde{\s}, da"s e{\s} "`zu nicht{\s} gekommen"' sei. + +Der junge Mann glaubte ihr, fragte sie aber doch, wo der +Betreffende jetzt sei. + +"`Er war Schiff{\s}kapit"an, mein Lieber!"' + +Log sie da{\s}, um jede Nachforschung zu vereiteln oder um sich +ein gewisse{\s} Ansehen zu verleihen, dieweil ein kriegerischer +und gewi"s vielumworbener Mann zu ihren F"u"sen gelegen haben +sollte? + +In der Tat empfand der Adjunkt etwa{\s} wie da{\s} Bewu"stsein der +Inferiorit"at. Am liebsten h"atte er gleichfall{\s} Epauletten, +Orden und Titel getragen. Alle diese Dinge mu"sten ihr gefallen, +da{\s} sah er deutlich an ihrem Hang zum Luxu{\s}. + +Dabei verschwieg ihm Emma noch einen gro"sen Teil ihrer in{\s} +Gro"sartige gehenden W"unsche; zum Beispiel, da"s sie gern einen +blauen Tilbury mit einem englischen Vollbl"uter und einem Groom in +schicker Livree gehabt h"atte, um in Rouen spazieren zu fahren. +Diesen Einfall verdankte sie Justin, der sie einmal flehentlich +gebeten hatte, ihn al{\s} Diener in ihren Dienst zu nehmen. Wenn +die Nichterf"ullung dieser Laune ihr auch die Seligkeit de{\s} +Wiedersehn{\s} nicht weiter tr"ubte, so versch"arfte sie doch +zweifello{\s} die Bitterkeit der Trennung. + +Oft, wenn sie zusammen von Pari{\s} plauderten, sagte sie leise: + +"`Ach, wenn wir dort leben k"onnten!"' + +"`Sind wir denn nicht gl"ucklich?"' erwiderte Leo z"artlich und +strich mit der Hand liebkosend "uber ihr Haar. + +"`Doch! Du hast recht! Ich bin t"oricht. K"usse mich!"' + +Gegen ihren Gatten war sie jetzt lieben{\s}w"urdiger denn je. Sie +bereitete ihm seine Liebling{\s}gerichte und spielte ihm nach +Tisch Walzer vor. Er hielt sich f"ur den gl"ucklichsten Mann der +Welt. Emma lebte in v"olliger Sorglosigkeit. Aber eine{\s} +Abend{\s} sagte er pl"otzlich: + +"`Nicht wahr, du hast doch bei Fr"aulein Lempereur Stunden?"' + +"`Ja!"' + +"`Merkw"urdig! Ich habe sie heute bei Frau Li\'egeard getroffen +und sie nach dir gefragt. Sie kennt dich gar nicht."' + +Da{\s} traf sie wie ein Blitzstrahl. Trotzdem erwiderte sie +unbefangen: + +"`Mein Name wird ihr entfallen sein."' + +"`Oder e{\s} gibt mehrere Lehrerinnen diese{\s} Namen{\s} in +Rouen, die Klavierstunden geben"', meinte Karl. + +"`Da{\s} ist auch m"oglich!"' + +Pl"otzlich sagte Emma: + +"`Aber ich habe ja ihre Quittungen. Wart mal! Ich werde dir gleich +eine bringen."' + +Sie ging an ihren Schreibtisch, ri"s alle Schubf"acher auf, +w"uhlte in ihren Papieren herum und suchte so eifrig, da"s Karl +sie bat, sich wegen der dummen Quittungen doch nicht soviel M"uhe +zu machen. + +"`Ich werde sie schon finden!"' beharrte sie. + +In der Tat f"uhlte Karl am Freitag darauf, al{\s} er sich die +Stiefel anzog, die bei seinen Kleidern in einem finsteren Gela"s +zu stehen pflegten, zwischen Stiefelleder und Strumpf ein St"uck +Papier. Er zog e{\s} hervor und la{\s}: + +\begin{center} +"`\so{Quittung.} +\end{center} +Honorar f"ur drei Monate Klavierstunden, nebst Au{\s}lagen f"ur +verschiedene beschaffte Musikalien: 65,--~Frkn. + +\hfill Dankend erhalten \hspace{4em} + +\hfill Friederike Lempereur, + +\hfill Musiklehrerin."' +\bigskip + +"`Zum Kuckuck! Wie kommt denn da{\s} in meinen Stiefel?"' + +"`Wahrscheinlich"', erwiderte Emma, "`ist e{\s} au{\s} dem Karton +mit den alten Rechnungen gefallen, der auf dem obersten Regal +steht."' + +Von nun an war ihre ganze Existenz nicht{\s} al{\s} ein Netz von +L"ugen. Sie h"ullte ihre Liebe darein wie in einen Schleier, damit +niemand sie s"ahe. Aber auch sonst wurde ihr da{\s} L"ugen +geradezu zu einem Bed"urfni{\s}. Sie log zu ihrem Vergn"ugen. Wenn +sie erz"ahlte, da"s sie auf der rechten Seite der Stra"se gegangen +sei, konnte man wetten, da"s e{\s} auf der linken gewesen war. + +Eine{\s} Donnerstag{\s} war sie fr"uh, wie gew"ohnlich ziemlich +leicht gekleidet, abgefahren, al{\s} e{\s} pl"otzlich zu schneien +begann. Karl hielt am Fenster Umschau, da bemerkte er Bournisien +in der Kutsche de{\s} B"urgermeister{\s}. Sie fuhren zusammen nach +Rouen. Er ging hinunter und vertraute dem Priester einen dicken +Schal an mit der Bitte, ihn seiner Frau einzuh"andigen, sobald er +im "`Roten Kreuz"' angekommen sei. Bournisien fragte im Gasthofe +sogleich nach Frau Bovary, erhielt aber von der Wirtin die +Antwort, da"s sie da{\s} "`Rote Kreuz"' sehr selten aufsuche. +Abend{\s} traf er sie in der Postkutsche und erz"ahlte ihr von +seinem Mi"serfolge, dem er "ubrigen{\s} keine sonderliche +Bedeutung beizumessen schien, denn er begann al{\s}bald eine +Lobrede auf einen jungen Geistlichen, der in der Kathedrale so +wunderbar predige, da"s die Frauen in Scharen hingingen. + +Wenn sich auch Bournisien ohne weitere{\s} zufrieden gegeben +hatte, so konnte doch ein andermal irgendwer nicht so di{\s}kret +sein. Und so hielt e{\s} Emma f"ur besser, fortan im "`Roten +Kreuz"' abzusteigen, damit die guten Leute au{\s} Yonville sie hin +und wieder auf der Treppe de{\s} Gasthofe{\s} sahen und nicht{\s} +argw"ohnten. + +Eine{\s} Tage{\s} traf sie Lheureux, gerade al{\s} sie an Leo{\s} +Arm den Boulogner Hof verlie"s. Sie f"urchtete, er k"onne +schwatzen; aber er war nicht so t"oricht. Daf"ur trat er drei Tage +sp"ater in ihr Zimmer und erkl"arte, da"s er Geld brauche. + +Sie erwiderte ihm, sie k"onne ihm nicht{\s} geben. Lheureux fing +zu jammern an und z"ahlte alle Dienste auf, die er ihr erwiesen. + +In der Tat hatte Emma nur einen der von Karl au{\s}gestellten +Wechsel bezahlt, den zweiten hatte Lheureux auf ihre Bitte hin +verl"angert und dann abermal{\s} prolongiert. Jetzt zog er au{\s} +seiner Tasche eine Anzahl unbezahlter Rechnungen f"ur die +Store{\s}, den Teppich, f"ur M"obelstoff, mehrere Kleider und +verschiedene Toilettenst"ucke, im Gesamtbetrag von ungef"ahr +zweitausend Franken. + +Sie lie"s den Kopf h"angen, und er fuhr fort: + +"`Aber wenn Sie kein Geld haben, so haben Sie doch Immobilien."' + +Und nun machte er sie auf ein halbverfallene{\s} alte{\s} Hau{\s} +in Barneville aufmerksam, da{\s} sie mit geerbt hatten. E{\s} +brachte nicht viel ein. E{\s} hatte urspr"unglich zu einem kleinen +Pachtgute geh"ort, da{\s} der alte Bovary vor Jahren verkauft +hatte. Lheureux wu"ste genau Bescheid "uber da{\s} Grundst"uck; er +kannte sogar die Anzahl der Hektare und die Namen der Nachbarn. + +"`An Ihrer Stelle"', sagte er, "`versuchte ich, e{\s} +lo{\s}zuwerden. Sie bek"amen dann sogar noch bar Geld herau{\s}!"' + +Sie entgegnete, e{\s} sei schwer, einen K"aufer zu finden, aber +Lheureux meinte, da{\s} lie"se sich schon machen. Da fragte sie, +wa{\s} sie tun m"usse, um da{\s} Hau{\s} zu verkaufen. + +"`Sie haben doch die Vollmacht"', antwortete er. + +Diese{\s} Wort belebte sie. + +"`Lassen Sie mir die Rechnung hier!"' sagte sie. + +"`O, da{\s} eilt ja nicht!"' erwiderte Lheureux. + +In der kommenden Woche stellte er sich wiederum ein und berichtete, +e{\s} sei ihm mit vieler M"uhe gelungen, einen gewissen Langloi{\s} +au{\s}findig zu machen, der schon lange ein Auge auf da{\s} +Grundst"uck geworfen habe und wissen m"ochte, wa{\s} e{\s} koste. + +"`Der Prei{\s} ist mir gleichg"ultig!"' rief Emma au{\s}. + +Lheureux erkl"arte, man m"usse den K"aufer eine Weile zappeln +lassen. Die Sache sei aber schon eine Reise dahin wert. Da sie +selbst nicht gut verreisen k"onne, bot er sich dazu an, um da{\s} +Gesch"aft mit Langloi{\s} zu besprechen. Er kam mit der Mitteilung +zur"uck, der K"aufer habe viertausend Franken geboten. + +Emma war hocherfreut. + +"`Offen gestanden,"' f"ugte der H"andler hinzu, "`da{\s} ist +anst"andig bezahlt!"' + +Die erste H"alfte der Summe z"ahlte er ihr sofort auf. Al{\s} Emma +sagte, damit solle ihre Rechnung beglichen werden, meinte +Lheureux: + +"`Auf Ehre, e{\s} ist doch schade, da"s Sie ein so sch"one{\s} +S"ummchen gleich wieder au{\s} der Hand geben wollen!"' + +Sie sah auf die Banknoten und dachte an die unbegrenzte Zahl der +Stelldichein, die ihr diese zweitausend Franken bedeuteten. + +"`Wie? Wie meinen Sie?"' stammelte sie. + +"`O,"' erwiderte er mit gutm"utigem L"acheln, "`man kann ja wa{\s} +ganz Beliebige{\s} auf die Rechnung setzen. Ich wei"s ja, wie +da{\s} in einem Hau{\s}halte so ist."' + +Er sah sie scharf an, w"ahrend er die beiden Tausendfrankenscheine +langsam durch die Finger hin und her gleiten lie"s. Endlich machte +er seine Brieftasche auf und legte vier vorbereitete Wechsel zu je +tausend Franken auf den Tisch. + +"`Unterschreiben Sie!"' sagte er, "`und behalten Sie die ganze +Summe!"' + +Sie fuhr erschrocken zur"uck. + +"`Na, wenn ich Ihnen den "Uberschu"s bar au{\s}zahle,"' sagte +Lheureux frech, "`erweise ich Ihnen dann nicht einen Dienst?"' + +Er schrieb unter die Rechnung: + +"`Von Frau Bovary viertausend Franken erhalten zu haben, +bescheinigt + +\hfill Lheureux."' + +"`So! Sie k"onnen unbesorgt sein. In sech{\s} Monaten erhalten Sie +die weiteren zweitausend Franken f"ur Ihre alte Bude! Eher ist +auch der letzte Wechsel nicht f"allig."' + +Emma fand sich in der Rechnerei nicht mehr ganz zurecht. In den +Ohren klang e{\s} ihr, al{\s} w"urden S"acke voll Goldst"ucke vor +ihr au{\s}gesch"uttet, die nur so "uber die Diele kollerten. +Lheureux sagte noch, er habe einen Freund Vin\c{c}ard, Bankier in +Rouen, der die vier Wechsel di{\s}kontieren wolle. Die +"ubersch"ussige Summe werde er der gn"adigen Frau pers"onlich +bringen. + +Aber statt zweitausend Franken brachte er nur eintausendachthundert. +Freund Vin\c{c}ard habe "`wie "ublich"' zweihundert Franken f"ur +Provision und Di{\s}kont abgezogen. Dann forderte er nachl"assig +eine Empfang{\s}best"atigung. + +"`Sie verstehen! Gesch"aft ist Gesch"aft! Und da{\s} Datum! Bitte! +Da{\s} Datum!"' + +Tausend nun erf"ullbare W"unsche umgaukelten Emma. Aber sie war so +vorsichtig, dreitausend Franken beiseite zu legen, womit sie dann +die ersten drei Wechsel prompt bezahlen konnte. + +Der F"alligkeit{\s}tag de{\s} vierten Papiere{\s} fiel zuf"allig +auf einen Donnerstag. Karl war zwar arg betroffen, wartete aber +geduldig auf Emma{\s} R"uckkehr. Die Sache w"urde sich schon +aufkl"aren. + +Sie log ihm vor, von dem Wechsel nur nicht{\s} gesagt zu haben, um +ihm h"au{\s}liche Sorgen zu ersparen. Sie setzte sich ihm auf die +Knie, liebkoste ihn, umgirrte ihn und z"ahlte ihm tausend +unentbehrliche Sachen auf, die sie auf Borg h"atte anschaffen +m"ussen. + +"`Nicht wahr, du mu"st doch zugeben: f"ur so viele Dinge ist +tausend Franken nicht zuviel?"' + +In seiner Ratlosigkeit lief Karl nun selber zu dem unvermeidlichen +Lheureux. Dieser verschwor sich, die Geschichte in Ordnung zu +bringen, wenn der Herr Doktor ihm zwei Wechsel au{\s}stelle, einen +davon zu siebenhundert Franken auf ein Vierteljahr. Daraufhin +schrieb Bovary seiner Mutter einen kl"aglichen Brief. Statt einer +Antwort kam sie pers"onlich. Al{\s} Emma wissen wollte, ob sie +etwa{\s} herau{\s}r"ucke, gab er ihr zur Antwort: + +"`Ja! Aber sie will die Rechnung sehen!"' + +Am andern Morgen lief Emma zu Lheureux und ersuchte ihn um eine +besondre Rechnung auf rund tausend Franken. Sonst k"ame die ganze +Geschichte und auch die Ver"au"serung de{\s} Grundst"uck{\s} +herau{\s}. Letztere hatte der H"andler so geschickt betrieben, +da"s sie erst viel sp"ater bekannt wurde. + +Obgleich die aufgeschriebenen Preise sehr niedrig waren, konnte +die alte Frau Bovary nicht umhin, die Au{\s}gaben unerh"ort zu +finden. + +"`Ging{\s} denn nicht auch ohne den Teppich? Wozu mu"sten die +Lehnst"uhle denn neu bezogen werden? Zu meiner Zeit gab e{\s} in +keinem Hause mehr al{\s} einen einigen Lehnstuhl, den +Gro"svaterstuhl! Die jungen Leute hatten keine n"otig. So war +e{\s} wenigsten{\s} bei meiner Mutter, und da{\s} war eine ehrbare +Frau! Da{\s} kann ich dir versichern! E{\s} sind nun einmal nicht +alle Menschen reich. Und Verschwendung ruiniert jeden! Ich w"urde +mich zu Tode sch"amen, wenn ich mich so verw"ohnen wollte wie du! +Und ich bin doch eine alte Frau, die wahrlich ein bi"schen der +Pflege n"otig h"atte ... Da schau mal einer diesen Luxu{\s} an! +Lauter Kinkerlitzchen! Seidenfutter, da{\s} Meter zu zwei Franken! +Wo man ganz sch"onen Futterstoff f"ur vier Groschen, ja schon f"ur +dreie bekommt, der seinen Zweck vollkommen erf"ullt!"' + +Emma lag auf der Chaiselongue und erwiderte mit erzwungener Ruhe: + +"`Ich finde, e{\s} ist nun gut!"' + +Aber die alte Frau predigte immer weiter und prophezeite, sie +w"urden alle beide im Armenhause enden. "Ubrigen{\s} sei Karl der +Hauptschuldige. E{\s} sei ein wahre{\s} Gl"uck, da"s er ihr +versprochen habe, die unselige Generalvollmacht zu vernichten~... + +"`Wa{\s}?"' unterbrach Emma ihre Rede. + +"`Jawohl! Er hat mir sein Wort gegeben!"' + +Emma "offnete ein Fenster und rief ihren Mann. Der +Ungl"uck{\s}mensch mu"ste zugeben, da"s ihm die Mutter da{\s} +Ehrenwort abgen"otigt hatte. Da ging Emma au{\s} dem Zimmer, kam +sehr bald wieder und h"andigte ihrer Schwiegermutter mit der +Geb"arde einer F"urstin ein gro"se{\s} Schriftst"uck ein. + +"`Ich danke dir!"' sagte die alte Frau und steckte die Urkunde in +den Ofen. + +Emma brach in eine rauhe, scharfe, andauernde Lache au{\s}. Sie +hatte einen Nervenchok bekommen. + +"`Ach du mein Gott!"' rief Karl au{\s}. "`Siehst du, Mutter, e{\s} +war doch nicht recht von dir! Du darfst ihr nicht so zusetzen!"' + +Sie zuckte mit den Achseln. Da{\s} sei alle{\s} "`blo"s Tuerei!"' + +Da lehnte sich Karl zum ersten Male in seinem Leben gegen sie auf +und vertrat Emma so nachdr"ucklich, da"s die alte Frau erkl"arte, +sie werde abreisen. In der Tat tat sie da{\s} andern Tag{\s}. +Al{\s} Karl sie noch einmal auf der Schwelle zum Bleiben +"uberreden wollte, erwiderte sie: + +"`Nein, nein! Du liebst sie mehr al{\s} mich, und da{\s} ist ja +ganz in der Ordnung! Wenn e{\s} auch dein Nachteil ist. Du wirst +ja sehen ... La"s dir{\s} wohl gehn! Ich werde ihr nicht sogleich +wieder -- sozusagen -- zusetzen!"' + +Nicht weniger al{\s} armer S"under stand er dann vor Emma, die ihm +erbittert vorwarf, er habe kein Vertrauen mehr zu ihr. Er mu"ste +erst lange bitten, ehe sie sich herablie"s, eine neue +Generalvollmacht anzunehmen. Er begleitete sie zu Guillaumin, der +sie au{\s}stellen sollte. + +"`Sehr begreiflich!"' meinte der Notar. "`Ein Mann der +Wissenschaft darf sich durch die Alltag{\s}dinge nicht ablenken +lassen."' + +Karl f"uhlte sich durch diese im v"aterlichen Tone vorgebrachte +Wei{\s}heit wieder aufgerichtet. Sie bem"antelte seine Schwachheit +mit der schmeichelhaften Entschuldigung, er sei mit h"oheren +Dingen besch"aftigt. + +Am Donnerstag darauf, in ihrem Zimmer im Boulogner Hofe, in +Leo{\s} Armen war sie "uber die Ma"sen au{\s}gelassen. Sie lachte, +weinte, sang, tanzte, lie"s sich Sorbett heraufbringen und rauchte +Zigaretten. So "uberschwenglich sie ihm auch vorkam, er fand sie +doch k"ostlich und bezaubernd. Er ahnte nicht, da"s e{\s} in ihrem +Innern g"arte und da"s sie sich au{\s} diesem Motiv kopf"uber in +den Strudel de{\s} Leben{\s} st"urzte. Sie war reizbar, +uners"attlich, woll"ustig geworden. Erhobenen Haupte{\s} ging sie +mit Leo durch die Stra"sen der Stadt spazieren, ohne die geringste +Angst, da"s sie in{\s} Gerede kommen k"onnte. So sagte sie +wenigsten{\s}. In{\s}geheim erzitterte sie freilich mitunter bei +dem Gedanken, Rudolf k"onne ihr einmal begegnen. Wenn sie auch auf +immerdar von ihm geschieden war, so f"uhlte sie sich doch noch +immer in seinem Banne. + +Eine{\s} Abend{\s} kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Karl war +au"ser sich vor Unruhe, und die kleine Berta, die ohne ihre +"`Mama"' nicht in{\s} Bett gehen wollte, schluchzte herzzerrei"send. +Justin wurde auf der Poststra"se entgegengesandt, und selbst +Homai{\s} verlie"s seine Apotheke. + +Al{\s} e{\s} elf Uhr schlug, hielt e{\s} Karl nicht mehr au{\s}. +Er spannte seinen Wagen an, sprang auf den Bock, hieb auf sein +Pferd lo{\s} und langte gegen zwei Uhr morgen{\s} im "`Roten +Kreuz"' an. Emma war nicht da. Er dachte, vielleicht k"onne der +Adjunkt sie gesehen haben, aber wo wohnte er? Gl"ucklicherweise +fiel ihm die Adresse de{\s} Notar{\s} ein, bei dem Leo in der +Kanzlei arbeitete. Er eilte hin. + +E{\s} begann zu d"ammern. Er erkannte da{\s} Wappenschild "uber +der T"ur und klopfte an. Ohne da"s ihm ge"offnet ward, erteilte +ihm jemand die gew"unschte Au{\s}kunft, nicht ohne auf den +n"achtlichen Ruhest"orer zu schimpfen. + +Da{\s} Hau{\s}, in dem der Adjunkt wohnte, besa"s weder einen +T"urklopfer noch eine Klingel noch einen Pf"ortner. Karl schlug +mit der Faust gegen einen Fensterladen. Ein Schutzmann ging +vor"uber. Karl bekam Angst und ging davon. + +"`Ich bin ein Narr!"' sagte er zu sich. "`Wahrscheinlich haben +Lormeaux' sie gestern abend zu Tisch dabehalten!"' + +Die Familie Lormeaux wohnte gar nicht mehr in Rouen. + +"`Vielleicht ist sie bei Frau D"ubreuil. Die ist vielleicht krank +... Ach nein, Frau D"ubreuil ist ja schon vor einem halben Jahre +gestorben ... Aber wo mag dann Emma nur sein?"' + +Pl"otzlich fiel ihm etwa{\s} ein. Er lie"s sich in einem Caf\'e +da{\s} Adre"sbuch geben und suchte rasch nach dem Namen von +Fr"aulein Lempereur. Sie wohnte Rue de la Renelle de{\s} +Maroquinier{\s} Nummer 74. + +Al{\s} er in diese Stra"se einbog, tauchte Emma am andern Ende +auf. Er st"urzte auf sie lo{\s} und fiel ihr um den Hal{\s}. + +"`Wa{\s} hat dich denn gestern hier zur"uckgehalten?"' rief er. + +"`Ich war krank."' + +"`Wa{\s} fehlte dir denn? ... Na und wo ... Wie?"' + +Sie fuhr mit der Hand "uber die Stirn und antwortete: + +"`Bei Fr"aulein Lempereur."' + +"`Da{\s} dachte ich mir doch gleich. Ich war auf dem Weg zu ihr."' + +"`Die M"uhe kannst du dir nun ersparen. Sie ist "ubrigen{\s} schon +au{\s}gegangen. In Zukunft rege dich aber nicht wieder so auf! Du +kannst dir denken, da"s ich mich nicht gar frei f"uhle, wenn ich +wei"s, da"s dich die geringste Versp"atung derma"sen au{\s} dem +Gleichgewicht bringt!"' + +Da{\s} war eine Art Erlaubni{\s}, die sie sich selbst gab, in +Zukunft mit aller Ruhe "uber den Strang hauen zu k"onnen, wie man +zu sagen pflegt. In der Tat machte sie nunmehr den +au{\s}giebigsten Gebrauch davon. Sobald sie Lust versp"urte, Leo +zu sehen, fuhr sie unter irgendeinem Vorwand nach Rouen. Da dieser +sie an solchen Tagen nicht erwartete, suchte sie ihn in seiner +Kanzlei auf. + +Die ersten Male war ihm da{\s} eine gro"se Freude, aber +allm"ahlich verhehlte er ihr die Wahrheit nicht. Seinem Chef waren +diese St"orungen durchau{\s} nicht angenehm. + +"`Ach wa{\s}, komm nur mit!"' sagte sie. + +Und er verlie"s ihretwegen seine Arbeit. + +Sie sprach den Wunsch au{\s}, er solle sich immer in Schwarz +kleiden und sich eine sogenannte Fliege stehen lassen, damit er +au{\s}s"ahe wie Ludwig der Dreizehnte auf dem bekannten Bilde. Er +mu"ste ihr seine Wohnung zeigen, die sie ziemlich armselig fand. +Er sch"amte sich, aber sie achtete nicht darauf und riet ihm, +Vorh"ange zu kaufen, wie sie welche hatte. Al{\s} er meinte, die +seien sehr teuer, sagte sie lachend: + +"`Ach, h"angst du an deinen paar Groschen!"' + +Jede{\s}mal mu"ste ihr Leo genau berichten, wa{\s} er seit dem +letzten Stelldichein erlebt hatte. Einmal bat sie ihn um ein +Gedicht, um ein Liebe{\s}gedicht ihr zu Ehren. Aber die Reimerei +lag ihm nicht, und er schrieb schlie"slich ein Sonett au{\s} einem +alten Almanach ab. + +Er tat da{\s} keine{\s}weg{\s} au{\s} Eitelkeit. Er kannte kein +andre{\s} Bed"urfni{\s}, al{\s} ihr zu gefallen. Er war in allen +Dingen ihrer Ansicht und hatte stet{\s} denselben Geschmack wie +sie. Mit einem Worte: sie tauschten allm"ahlich ihre Rollen. Leo +wurde der feminine Teil in diesem Liebe{\s}verh"altnisse. Sie +verstand auf eine Art zu kosen und zu k"ussen, da"s er die +Empfindung hatte, al{\s} sauge sie ihm die Seele au{\s} dem Leibe. +E{\s} steckte, im Kerne ihre{\s} Wesen{\s} verborgen, eine +eigent"umliche, geradezu unk"orperliche Verderbni{\s} in Emma, +eine geheimni{\s}volle Erbschaft. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Se{ch}{st}e{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, a"s er h"aufig +bei dem Apotheker zu Mittag. Au{\s} H"oflichkeit lud er ihn ein, +ihn nun auch einmal in Rouen zu besuchen. + +"`Gern!"' gab Homai{\s} zur Antwort. "`Ich mu"s sowieso einmal +au{\s}spannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir +wollen zusammen in{\s} Theater gehen, ein bi"schen kneipen und ein +paar Dummheiten lo{\s}lassen!"' + +"`Aber Mann!"' mahnte Frau Homai{\s} besorgt. Die undefinierbaren +Gefahren, denen er entgegenlief, "angstigten sie im vorau{\s}. + +"`Wa{\s} ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon +genug ruiniert in den fortw"ahrenden Au{\s}d"unstungen der Drogen? +Ja, ja, so sind die Frauen! Vergr"abt man sich in die +Wissenschaften, so sind sie eifers"uchtig; und will man sich +gelegentlich in harmlosester Weise ein bi"schen erholen, dann +ist{\s} ihnen auch wieder nicht recht. Aber lassen wir{\s} gut +sein! Rechnen Sie auf mich! In allern"achster Zeit tauch ich in +Rouen auf: und dann wollen wir mal zusammen eine Kiste "offnen!"' + +Fr"uher h"atte sich Homai{\s} geh"utet, einen derartigen +Au{\s}druck zu gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich +ungemein darin, den jovialen Gro"s\-st"adter zu spielen. "Ahnlich +wie seine Nachbarin, Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf da{\s} +neugierigste nach den Pariser Sitten und Unsitten au{\s}. Er +begann sogar in seiner Redeweise den Jargon der Pariser +anzunehmen, um den Philistern zu imponieren. + +Eine{\s} Donnerstag{\s} fr"uh traf ihn Emma zu ihrer "Uberraschung +in der K"uche de{\s} Goldnen L"owen im Reiseanzug, da{\s} hei"st, +in einen alten Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen +hatte, eine Reisetasche in der einen Hand, einen Fu"ssack in der +andern. Er hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, au{\s} +Furcht, die Kundschaft k"onne an seiner Abwesenheit Ansto"s +nehmen. + +Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend +verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn w"ahrend der ganzen +Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen, +so st"urzte er au{\s} dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt +half kein Widerstreben: Homai{\s} schleppte ihn mit in da{\s} +"`Grand Caf\'e zur Normandie"', wo er, bedeckten Haupte{\s}, stolz +wie ein F"urst eintrat. Er hielt e{\s} n"amlich f"ur h"ochst +provinzlerhaft, in einem "offentlichen Lokal den Hut abzunehmen. + +Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schlie"slich eilte +sie in seine Kanzlei. Unter allen m"oglichen Mutma"sungen, wobei +sie ihm den Vorwurf der Gleichg"ultigkeit und sich selber den der +Schw"ache machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn +gegen die Scheiben gepre"st, im Boulogner Hofe. + +Um zwei Uhr sa"sen Leo und Homai{\s} immer noch bei Tisch. Der +gro"se Saal de{\s} Restaurant{\s} leerte sich. Sie sa"sen am Ofen, +der die Form eine{\s} hochragenden Palmenstamme{\s} hatte, dessen +innen vergoldete F"acher sich unter der wei"sen Decke +au{\s}breiteten. Neben ihnen, im hellen Sonnenlichte, hinter +Gla{\s}w"anden, sprudelte ein kleiner Springbrunnen "uber einem +Marmorbecken. An seinem Rande hockten zwischen Brunnenkresse und +Spargel drei schl"afrige Hummern; daneben lagen Wachteln, zu einem +Haufen aufgeschichtet. + +Der Apotheker tat sich sozusagen eine G"ute. Wenngleich ihn die +Pracht noch mehr ent\/z"uckte al{\s} da{\s} vortreffliche Mahl, so +tat der Burgunder doch seine Wirkung. Und al{\s} da{\s} Omelett +mit Rum aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien +"`"uber die Weiber"'. Am meisten rege ihn eine "`schicke"' Frau +auf, und nicht{\s} ginge "uber eine elegante Robe in einem vornehm +eingerichteten Raume. Wa{\s} die k"orperlichen Reize anbelange, da +sei viel Fleisch "`nicht ohne"'. + +Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, a"s und +schmatzte weiter. + +"`Sie m"ussen sich "ubrigen{\s} ziemlich einsam f"uhlen hier in +Rouen"', sagte er pl"otzlich. "`Aber schlie"slich wohnt ja Ihr +Liebchen nicht allzuweit."' Da Leo err"otete, setzte er hinzu: +"`Na, gestehen Sie nur! Wollen Sie leugnen, da"s Sie in +Yonville~..."' + +Der junge Mann stammelte etwa{\s} Unverst"andliche{\s}. + +"`... im Hause Bovary jemanden poussieren~..."' + +"`Aber wen denn?"' + +"`Na, da{\s} Dienstm"adel!"' + +E{\s} war sein Ernst. Aber Leo{\s} Eitelkeit war st"arker al{\s} +alle Vorsicht. Ohne sich{\s} zu "uberlegen, widersprach er. Er +liebe nur br"unette Frauen. + +"`Da haben Sie nicht unrecht"', meinte der Apotheker. "`Die haben +mehr Temperament!"' + +Homai{\s} begann zu fl"ustern und verriet seinem Freunde die +Symptome, an denen man erkennen k"onne, ob eine Frau Feuer habe. +Er geriet sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die +Deutschen seien schw"armerisch, die Franz"osinnen woll"ustig, die +Italienerinnen leidenschaftlich. + +"`Und die Negerinnen?"' fragte der Adjunkt. + +"`Da{\s} ist etwa{\s} f"ur Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!"' + +"`Gehen wir?"' fragte Leo ungeduldig. + +"`\begin{antiqua}Yes!\end{antiqua}"' + +Aber zuvor wollte er den Besitzer de{\s} Restaurant{\s} sprechen +und ihm seine Zufriedenheit au{\s}sprechen. + +De{\s} weiteren sch"utzte der junge Mann einen gesch"aftlichen +Gang vor. Er wollte nun endlich allein sein. + +"`Ich begleite Sie nat"urlich!"' sagte Homai{\s}. + +Unterweg{\s} erz"ahlte er unaufh"orlich von seiner Frau, von +seinen Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom +verwahrlosten Zustand, in dem er sie "ubernommen, und wie er sie +in die H"ohe gebracht habe. + +Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm, +eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der gr"o"sten +Erregung. Bei der Erw"ahnung de{\s} Apotheker{\s} geriet sie in +Wut. Leo versuchte, sie durch allerlei vern"unftige Gr"unde zu +beruhigen. E{\s} sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie +kenne Homai{\s} doch. Wie habe sie nur glauben k"onnen, da"s er +lieber mit ihm statt mit ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar +nicht{\s} h"oren und schickte sich an, fort\/zugehen. Er hielt sie +zur"uck, sank vor ihr auf die Knie, umschlang sie mit beiden Armen +und sah sie mit einem r"uhrenden Blick voller Begehrlichkeit und +Unterw"urfigkeit an. + +Sie stand aufrecht vor ihm. Mit gro"sen flammenden Augen sah sie +ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Au{\s}druck +in Tr"anen. Ihre ger"oteten Lider schlossen sich, sie "uberlie"s +ihm ihre H"ande, die er an seine Lippen zog. Da erschien der +Hau{\s}diener. Ein Herr w"unsche ihn dringend zu sprechen. + +"`Du kommst doch wieder?"' fragte Emma. + +"`Gewi"s!"' + +"`Aber wann?"' + +"`Sofort!"' + +E{\s} war der Apotheker. + +"`Ein feiner Trick, nicht?"' schmunzelte er, al{\s} er Leo +erblickte. + +"`Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verk"urzen. Sie war Ihnen doch +offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund +Bridoux, einen Bittern genehmigen!"' + +Leo beteuerte, er m"usse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker +lachte ihn au{\s} und machte seine Witze "uber die Juristerei. + +"`Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum +nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux! +Seinen Terrier m"ussen Sie mal sehen! Der ist zu spa"sig!"' Und da +der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: "`Na, da +begleite ich Sie wenigsten{\s}! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung +lesen oder in irgendeinem alten Schm"oker bl"attern."' + +Leo war wie bet"aubt durch Emma{\s} Unwillen, durch de{\s} +Apotheker{\s} Geschw"atz und vielleicht auch durch die Nachwirkung +de{\s} reichlichen Fr"uh\-st"uck{\s}. Unentschlossen stand er da, +w"ahrend Homai{\s} immer wieder in ihn drang: + +"`Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert +Schritte von hier! Rue Malpalu!"' + +Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Au{\s} Feigheit +oder Narrheit oder au{\s} jenem merkw"urdigen Drange, der den +Menschen mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen +Willen zuwiderlaufen, lie"s sich Leo zu Bridoux f"uhren. Sie +fanden ihn in dem kleinen Hofe seine{\s} Hause{\s}, wo er drei +Burschen beaufsichtigte, die da{\s} gro"se Rad einer +Selterwasserzubereitung{\s}maschine drehten. Nach einer herzlichen +Begr"u"sung gab Homai{\s} seinem Kollegen Ratschl"age. Dann trank +man den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu +empfehlen, aber Homai{\s} hielt ihn immer wieder fest, indem er +sagte: + +"`Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den +{\glq}Leuchtturm von Rouen{\grq}! Dem Redakteur guten Tag sagen. +Ich mache Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin."' + +Trotzdem machte sich Leo endlich lo{\s} und eilte wiederum in den +Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im h"ochsten Grade +aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt ha"ste sie Leo. Da{\s} +Stelldichein zu vers"aumen, da{\s} fa"ste sie al{\s} Beschimpfung +auf! Nun suchte sie nach noch andern Gr"unden, mit ihm zu brechen. +Er sei eine{\s} h"oheren Aufschwung{\s} unf"ahig, schwach, banal, +feminin, dazu knickerig und kleinm"utig. + +Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, da"s sie ihn schlechter +machte, al{\s} er war. Aber da{\s} Herabzerren eine{\s} Geliebten +hinterl"a"st immer gewisse Spuren. Man darf ein G"otzenbild nicht +ber"uhren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben. + +Fortan unterhielten sie sich immer h"aufiger von Dingen, die +nicht{\s} mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm +Emma schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den +Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die +eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu +erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem n"achsten +Beieinandersein die alte Gl"uckseligkeit, aber hinterher gestand +sie sich jede{\s}mal, da"s sie nicht{\s} davon gesp"urt hatte. +Diese Entt"auschung wandelte sich trotzdem in neue{\s} Hoffen. +Emma kam immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher +Erregung. Sie warf die Kleider ab und ri"s da{\s} Korsett +herunter, dessen Schnuren ihr um die H"uften schlugen wie +zischende Schlangen. Mit nackten F"u"sen lief sie an die T"ur und +"uberzeugte sich, da"s sie verriegelt war. Mit einer hastigen +Bewegung entledigte sie sich dann de{\s} Hemde{\s} -- und bleich, +stumm, ernst und von Schauern durchstr"omt, warf sie sich in seine +Arme. + +Aber auf ihrer von kaltem Schwei"s beperlten Stirn, auf ihren +st"ohnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung +lebte etwa{\s} Unheimliche{\s}, Feindselige{\s}, Todtraurige{\s}. +Leo f"uhlte e{\s}. E{\s} hatte sich eingeschlichen, um sie zu +trennen. + +Ohne da"s er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der +Erkenntni{\s}, da"s die Geliebte alle Pr"ufungen der Lust und +de{\s} Leid{\s} schon einmal an sich selber erfahren haben mu"ste. +Wa{\s} ihn dereinst ent\/z"uckt hatte, da{\s} fl"o"ste ihm jetzt +Grauen ein. + +Dazu kam, da"s er gegen die t"aglich zunehmende Vergewaltigung +seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen +Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann +auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein +Absinthtrinker, den da{\s} gr"une Gift immer wieder verf"uhrt. + +Allerding{\s} wandte sie alle Liebe{\s}k"unste an: von +au{\s}gesuchten Gen"ussen bei Tisch bi{\s} zu den Raffinement{\s} +der Kleidung und den schmachtendsten Z"artlichkeiten. Sie brachte +au{\s} ihrem Garten Rosen mit, die sie an der Brust trug und ihm +in{\s} Gesicht warf. Sie sorgte sich um seine Gesundheit und gab +ihm gute Ratschl"age, wie er leben solle. Abergl"aubisch schenkte +sie ihm ein Amulett mit einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame +Mutter erkundigte sie sich nach seinen Freunden und Bekannten. + +"`La"s sie! Geh nicht au{\s}! Denk nur an mich und bleib mir treu!"' + +Am liebsten h"atte sie ihn "uberwacht oder gar "uberwachen lassen. +Mitunter kam ihr letztere{\s} in den Sinn. E{\s} trieb sich in der +N"ahe de{\s} Boulogner Hofe{\s} regelm"a"sig ein Tagedieb herum, +der die{\s} wohl "ubernommen h"atte. Aber ihr Stolz hielt sie +davon ab. + +"`Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nicht{\s} wert! Wa{\s} +tut{\s}? Ich halte ihn nicht!"' + +Eine{\s} Tage{\s} ging sie zeitiger von ihm weg al{\s} +gew"ohnlich. Al{\s} sie allein den Boulevard hinschlenderte, +bemerkte sie die Mauer ihre{\s} Kloster{\s}. Da setzte sie sich +auf eine schattige Bank unter den Ulmen. Wie friedsam hatte sie +damal{\s} gelebt! Sie bekam Sehnsucht nach den jungfr"aulichen +Vorstellungen von der Liebe, die sie sich damal{\s} au{\s} +B"uchern ertr"aumt hatte~... + +Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte, +mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald +... an den Tenor Lagardy ... Alle{\s} da{\s} zog wieder an ihr +vor"uber ... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie +alle{\s} andre. + +"`Aber ich liebe ihn doch!"' fl"usterte sie. + +Sie war dennoch nicht gl"ucklich, und nie war sie da{\s} gewesen! +Warum reichte ihr da{\s} Leben nie etwa{\s} Ganze{\s}? Warum kam +immer gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog? + +Wenn e{\s} irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und sch"on und +tapfer, begeisterung{\s}f"ahig und liebe{\s}erfahren zugleich, mit +einem Dichterherzen und einem Engel{\s}k"orper, ein Schw"armer und +S"anger, warum war sie ihm nicht zuf"allig begegnet? Ach, weil +da{\s} eine Unm"oglichkeit ist! Weil e{\s} vergeblich ist, ihn zu +suchen! Weil alle{\s} Lug und Trug ist! Jede{\s} L"acheln verbirgt +immer nur da{\s} G"ahnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, +jeder Genu"s den Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die hei"sesten +K"usse hinterlassen dem Menschen nicht{\s} al{\s} die unstillbare +Begierde nach der Wollust der G"otter! + +Eherne Kl"ange dr"ohnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug +viermal. Vier Uhr! E{\s} d"unkte Emma, sie s"a"se schon eine +Ewigkeit auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in +einer Minute zusammendr"angen, wie eine Menschenmenge in einem +kleinen Raume~... + +Emma lebte nur noch f"ur sich selbst. Die Geldangelegenheiten +k"ummerten sie nicht mehr. Aber eine{\s} Tage{\s} erschien ein +Mann von sch"abigem Au{\s}sehen und erkl"arte, Herr Vin\c{c}ard in +Rouen schicke ihn her. Er zog die Stecknadeln herau{\s}, mit denen +er die eine Seitentasche seine{\s} langen gr"unen Rocke{\s} +verschlossen hatte, steckte sie im "Armelaufschlag fest und +"uberreichte ihr h"oflich ein Papier. E{\s} war ein Wechsel auf +siebenhundert Franken, den sie au{\s}gestellt hatte. Lheureux +hatte ihn seinem Versprechen entgegen an Vin\c{c}ard +weitergegeben. + +Sie schickte Felicie zu dem H"andler. Er k"onne nicht abkommen, +lie"s er zur"ucksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und +dabei hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke +auf Hau{\s} und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einf"altig: + +"`Wa{\s} soll ich Herrn Vin\c{c}ard au{\s}richten?"' + +"`Sagen Sie ihm nur"', gab Emma zur Antwort, "`... ich h"atte kein +Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in +acht Tagen!"' + +Der Mann ging, ohne etwa{\s} zu erwidern. Aber am Tage darauf +erhielt sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten +Zustellung{\s}urkunde starrten ihr mehrfach die Worte "`Hareng, +Gericht{\s}vollzieher in B"uchy"' entgegen. Dar"uber erschrak sie +derma"sen, da"s sie spornstreich{\s} zu Lheureux lief. + +Er stand in seinem Laden und schn"urte gerade ein Paket zu. + +"`Ihr Diener!"' begr"u"ste er sie. "`Ich stehe Ihnen sogleich zur +Verf"ugung!"' + +Im "ubrigen lie"s er sich in seiner Besch"aftigung nicht st"oren, +bei der ihm ein etwa dreizehnj"ahrige{\s} M"adchen half. E{\s} war +ein wenig verwachsen und versah bei dem H"andler zugleich die +Stelle de{\s} Ladenm"adchen{\s} und der K"ochin. + +Al{\s} er fertig war, f"uhrte er Frau Bovary hinauf in den ersten +Stock. Er ging ihr in seinen schl"urfenden Holzschuhen auf der +Treppe voran. Oben "offnete er die T"ur zu einem engen Gemach, in +dem ein gro"ser Schreibtisch mit einem Aufsatz voller +Rechnung{\s}b"ucher stand, die durch eine eiserne, mit einem +Vorh"angeschlo"s versehene Stange verwahrt waren. An der Wand +stand ein Geldschrank von solcher Gr"o"se, da"s er sichtlich noch +andre Dinge al{\s} blo"s Geld und Banknoten enthalten mu"ste. In +der Tat lieh Lheureux Geld auf Pf"ander au{\s}. In diesem Schrank +lagen unter anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe +de{\s} alten Tellier. Der ehemalige Besitzer de{\s} Caf\'e +Fran\c{c}ai{\s} hatte inzwischen sein Grundst"uck verkaufen +m"ussen und in Quincampoix einen kleinen Kramladen er"offnet. Dort +ging er seiner Schwindsucht langsam zugrunde, inmitten seiner +Talglichte, die weniger gelb waren al{\s} sein Gesicht. + +Lheureux setzte sich in seinen gro"sen Rohrstuhl und fragte: + +"`Na, wa{\s} gibt{\s} Neue{\s}?"' + +Emma hielt ihm die Vorladung hin. + +"`Hier, lesen Sie!"' + +"`Ja, wa{\s} geht denn mich da{\s} an?"' + +Diese Antwort emp"orte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen, +ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab da{\s} zu. + +"`Aber notgedrungen hab ich{\s} doch tun m"ussen! Mir sa"s selber +da{\s} Messer an der Kehle!"' + +"`Und wa{\s} wird jetzt geschehn?"' + +"`Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann +die Zwang{\s}\-voll\-stre"ckung! Schwapp! Ab!"' + +Emma konnte sich nur mit M"uhe beherrschen. Sie h"atte ihm beinahe +in{\s} Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob e{\s} denn kein +Mittel gebe, Herrn Vin\c{c}ard zu vertr"osten. + +"`Den und vertr"osten! Da kennen Sie Vin\c{c}ard schlecht! Da{\s} +ist ein Bluthund!"' + +Dann m"usse eben Lheureux einspringen. + +"`H"oren Sie mal,"' entgegnete er, "`mir scheint, da"s ich schon +genug f"ur Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!"' Er schlug seine +B"ucher auf: "`Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. +Juni hundertundf"unfzig Franken ... am 23. M"arz sech{\s}undvierzig +Franken ... am 10. April~..."' + +Er hielt inne, al{\s} f"urchte er eine Dummheit zu sagen. + +"`Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann au{\s}gestellt +hat, einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von +Ihren ewigen kleinen Rechnungen und den r"uckst"andigen Zinsen gar +nicht zu reden! Da{\s} ist ja endlo{\s}! Da findet sich ja gar +niemand mehr hinein! Ich will nicht{\s} mehr mit der Sache zu tun +haben!"' + +Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten +Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter "`diesen +Schweinehund, den Vin\c{c}ard"'. "Ubrigen{\s} verf"uge er selber +"uber keinen roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man +z"oge ihm da{\s} Fell "uber die Ohren. Ein armer H"andler, wie er, +k"onne nicht{\s} borgen. + +Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr +Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schlie"slich: + +"`Na, vielleicht ... wenn dieser Tage wa{\s} einkommt~..."' + +Sie unterbrach ihn: + +"`Wenn ich die letzte Rate f"ur da{\s} Grundst"uck in Barneville +bekomme~..."' + +"`Wieso?"' + +Er tat so, al{\s} sei er sehr "uberrascht, da"s Langloi{\s} noch +nicht gezahlt habe. Mit honigs"u"ser Stimme sagte er: + +"`Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!"' + +"`Ach, den m"ussen Sie machen!"' + +Er schlo"s die Augen, al{\s} ob er sich etwa{\s} "uberlegte. +Hierauf schrieb er ein paar Ziffern, und dann erkl"arte er, er +k"ame sehr schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er +schneide sich in sein eigne{\s} Fleisch. Schlie"slich f"ullte er +vier Wechsel au{\s}, jeden zu zweihundertundf"unfzig Franken, mit +F"alligkeit{\s}tagen, die je vier Wochen au{\s}einanderlagen. + +"`Vorau{\s}gesetzt nat"urlich, da"s Vin\c{c}ard darauf eingeht!"' +sagte er. "`Mir soll{\s} ja recht sein! Ich fackle nicht lange! +Bei mir geht alle{\s} wie geschmiert!"' + +Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten. + +"`E{\s} ist aber nicht{\s} f"ur Sie darunter, gn"adige Frau!"' +meinte er. "`Wenn ich bedenke: dieser Stoff, da{\s} Meter zu drei +Groschen und angeblich sogar waschecht! Die Leute rei"sen sich +drum! Man sagt ihnen nat"urlich nicht, wa{\s} wirklich dran ist +... Sie k"onnen{\s} sich ja denken!"' + +Durch derlei Gest"andnisse seiner Unreellit"at andern gegen"uber +sollte er sich bei ihr al{\s} desto ehrlicher hinstellen. Emma war +bereit{\s} an der T"ur, al{\s} er sie zur"uckrief und ihr drei +Meter Brokatstickerei zeigte, einen "`Gelegenheit{\s}kauf"', wie +er sagte. + +"`Prachtvoll! Nicht?"' sagte er. "`Man nimmt e{\s} jetzt vielfach +zu Sofabeh"angen. Da{\s} ist hochmodern!"' + +Mit der Geschicklichkeit eine{\s} Taschenspieler{\s} hatte er den +Spitzenstoff bereit{\s} in blaue{\s} Papier eingeschlagen und Emma +in die H"ande gedr"uckt. + +"`Ich mu"s doch aber wenigsten{\s} wissen, wa{\s}~..."' + +"`Ach, da{\s} eilt ja nicht!"' unterbrach er sie und wandte sich +einem andern Kunden zu. + +Noch an dem n"amlichen Abend best"urmte sie Karl, er solle doch +seiner Mutter schreiben, da"s sie den Rest der Erbschaft schicke. +E{\s} kam die Antwort, e{\s} sei nicht{\s} mehr da. Nach +Erledigung aller Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von +dem Grundst"uck in Barneville -- j"ahrlich sech{\s}hundert +Franken, die ihm p"unktlich zugehen w"urden. + +Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karl{\s} Patienten +Rechnungen; und da die{\s} von Erfolg war, machte sie da{\s} +h"aufiger. Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: "`Ich bitte, +e{\s} meinem Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in +dieser Beziehung ist. Verzeihen Sie g"utigst. Ihre sehr +ergebene~..."' Hie und da liefen Beschwerden ein, die sie +unterschlug. + +Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe, +ihre abgelegten H"ute, alte{\s} Eisen. Dabei handelte sie wie ein +Jude. Hier kam ihr gewinns"uchtige{\s} Bauernblut zum Vorschein. +Auf ihren Au{\s}fl"ugen nach Rouen erstand sie allerhand Tr"odel, +den Lheureux an Zahlung{\s} Statt annehmen sollte. Sie kaufte +Strau"senfedern, chinesische{\s} Porzellan, altert"umliche Truhen. +Sie lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom +"`Roten Kreuz"', von aller Welt. Darin war sie skrupello{\s}. Mit +dem Geld, da{\s} sie noch f"ur da{\s} Barneviller Hau{\s} bekam, +bezahlte sie zwei von den vier Wechseln. Die "ubrigen +f"unfzehnhundert Franken waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue +Verpflichtungen ein und immer wieder welche. + +Manchmal versuchte sie allerding{\s} zu rechnen, aber wa{\s} dabei +herau{\s}kam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete, +bi{\s} ihr wirr im Kopfe wurde. Dann lie"s sie e{\s} und dachte +gar nicht mehr daran. + +Um ihr Hau{\s} war e{\s} traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten +mit w"utenden Gesichtern herau{\s}kommen. Am Ofen trocknete +W"asche. Und die kleine Berta lief zum gr"o"sten Entsetzen von +Frau Homai{\s} in zerrissenen Str"umpfen einher. Wenn sich Karl +gelegentlich eine bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm +Emma barsch, e{\s} sei nicht ihre Schuld. + +"`Warum ist sie so reizbar?"' fragte er sich und suchte die +Erkl"arung daf"ur in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich +Vorw"urfe, da"s er nicht gen"ugend R"ucksicht auf ihr +k"orperliche{\s} Leiden genommen habe. Er schalt sich einen +Egoisten und w"are am liebsten zu ihr gelaufen und h"atte sie +gek"u"st. + +"`Lieber nicht!"' sagte er sich. "`E{\s} k"onnte ihr l"astig sein!"' + +Und er ging nicht zu ihr. + +Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die +kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische Wochenschrift +auf und versuchte dem Kind da{\s} Lesen beizubringen. E{\s} war +noch g"anzlich unwissend. Sehr bald machte e{\s} gro"se, traurige +Augen und begann zu weinen. Da tr"ostete er e{\s}. Er holte Wasser +in der Gie"skanne und legte ein B"achlein im Kie{\s} an, oder er +brach Zweige von den Ja{\s}minstr"auchern und pflanze sie al{\s} +B"aumchen in die Beete. Dem Garten schadete da{\s} nur wenig, er +war schon l"angst von Unkraut "uberwuchert. Lestiboudoi{\s} hatte +schon wer wei"s wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror da{\s} +Kind, und e{\s} verlangte nach der Mutter. + +"`Ruf Felicie!"' sagte Karl. "`Du wei"st, mein Herzchen, Mama will +nicht gest"ort werden!"' + +E{\s} wurde wieder Herbst, und schon fielen die Bl"atter. Jetzt +war e{\s} genau zwei Jahre her, da"s Emma krank war! Wann w"urde +da{\s} endlich wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, +die H"ande auf dem R"ucken. + +Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie st"oren. +Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum +bekleidet. Von Zeit zu Zeit z"undete sie ein{\s} der +R"aucherkerzchen an, die sie in Rouen im Laden eine{\s} +Algerier{\s} gekauft hatte. Um in der Nacht nicht immer ihren +schnarchenden Mann neben sich zu haben, brachte sie e{\s} durch +allerlei Grimassen so weit, da"s er sich in den zweiten Stock +zur"uckzog. Nun la{\s} sie bi{\s} zum Morgen "uberspannte B"ucher, +die von Orgien und von Mord und Totschlag erz"ahlten. Oft bekam +sie davon Angstanf"alle. Dann schrie sie auf, und Karl kam eiligst +herunter. + +"`Ach, geh nur wieder!"' sagte sie. + +Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer de{\s} Ehebruch{\s} +durch\-gl"uht, schwer atmend und in hei"ser sinnlicher Erregung +an{\s} Fenster, sog die k"uhle Nachtluft ein und lie"s sich den +Wind um da{\s} schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, +w"unschte sie sich die Liebe eine{\s} F"ursten~... + +Leo trat ihr vor die Phantasie. Wa{\s} h"atte sie in diesem +Augenblick darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm +sattk"ussen zu lassen. + +Die Tage de{\s} Stelldichein{\s} waren ihre Sonntage, Tage der +Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alle{\s} allein zu +bezahlen, steuerte sie auf da{\s} freigebigste dazu bei, wa{\s} +beinahe jede{\s}mal der Fall war. Er versuchte, sie zu +"uberzeugen, da"s sie ebensogut in einem einfacheren Gasthofe +zusammen kommen k"onnten. Sie wollte jedoch nicht{\s} davon +h"oren. + +Eine{\s} Tage{\s} brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbe{\s} +Dutzend vergoldete Teel"offel mit, da{\s} Hochzeit{\s}geschenk +ihre{\s} Vater{\s}. Sie bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er +gehorchte, obgleich ihm dieser Gang sehr peinlich war. Er +f"urchtete, sich blo"szustellen. Al{\s} er hinterher noch einmal +dar"uber nachdachte, fand er, da"s seine Geliebte "uberhaupt recht +seltsam geworden sei und da"s e{\s} vielleicht ratsam w"are, mit +ihr zu brechen. Seine Mutter hatte "ubrigen{\s} einen langen +anonymen Brief bekommen, in der ihr von irgendwem mitgeteilt +worden war, ihr Sohn "`ruiniere sich mit einer verheirateten +Frau."' Der guten alten Dame stand sofort der konventionelle +Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene, die Teufelin, +die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie wandte sich +brieflich an Leo{\s} Chef, den Justizrat D"ubocage, dem die +Geschichte l"angst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo +dreiviertel Stunden lang ordentlich in{\s} Gebet, "offnete ihm die +Augen, wie er sich au{\s}dr"uckte, und zeigte ihm den Abgrund, dem +er zusteuere. Wenn e{\s} zum "offentlichen Skandal k"ame, sei +seine weitere Karriere gef"ahrdet! Er bat ihn dringend, da{\s} +Verh"altni{\s} abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so +doch in seinem, de{\s} Notar{\s}. + +Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen. +Er hielt e{\s} nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch, +indem er sich klar ward, in welche Mi"shelligkeiten und in wa{\s} +f"ur Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von +den Anz"uglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich +lo{\s}lie"sen, wenn sie sich am Kamine w"armten. Er sollte +demn"achst in die erste Adjunktenstelle r"ucken. E{\s} ward also +Zeit, ein gesetzter Mensch zu werden. Au{\s} diesem Grunde gab er +auch da{\s} Fl"otespielen auf. Die Tage der Schw"armereien und +Phantastereien waren f"ur ihn vor"uber! Jeder Philister hat in +seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und wenn der auch nur einen +Tag, nur eine Stunde w"ahrt. Einmal ist jeder der +ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelst"urmender Pl"ane +f"ahig. Den spie"serlichsten Mann gel"ustet e{\s} einmal nach +einer gro"sen Kurtisane, und selbst im n"uchternen Juristen hat +sich irgendwann einmal der Dichter geregt. + +E{\s} verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung +an seiner Brust schluchzte. Und wie e{\s} Leute gibt, die Musik +nur in gewissen Grenzen vertragen, so hatte er f"ur die +"Uberschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gef"uhl mehr. Die wilde +Sch"onheit dieser Herzen{\s}st"urme begriff er nicht. + +Sie kannten einander zu gut, al{\s} da"s der gegenseitige Besitz +sie noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die +Entwicklung{\s}f"ahigkeit verloren. Sie waren beide einander +"uberdr"ussig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalit"aten der +Ehe wieder. + +Wie sollte sie sich aber Leo{\s} entledigen? So ver"achtlich ihr +die Verflachung ihre{\s} Gl"ucke{\s} auch vorkam: au{\s} +Gewohnheit oder Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der +Sinnengenu"s ward ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch +nach h"oheren Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt +und betrogen. Sie w"unschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre +Ent\/zweiung zur Folge h"atte, weil sie nicht den Mut hatte, sich +au{\s} freien St"ucken von ihm zu trennen. + +Sie h"orte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu +"ubersch"utten. Ihrer Meinung nach war e{\s} die Pflicht einer +Frau, ihrem Geliebten alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben +stand vor ihrer Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, +sondern ein Traumgebilde, die Au{\s}geburt ihrer z"artlichsten +Erinnerungen, eine Reminis\/zenz an die herrlichsten Romanhelden, +da{\s} leibhaft gewordne Idol ihrer hei"sesten Gel"uste. +Allm"ahlich ward ihr dieser imagin"are Liebling so vertraut, +al{\s} ob er wirklich existiere, und sie empfand die seltsamsten +Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte, obgleich sie eigentlich +gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er war ihr ein Gott, in +der F"ulle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er wohnte irgendwo +hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer Abenteuer, unter +Rosend"uften und Mondenschein. Sie f"uhlte, er war ihr nahe. Er +umarmte und k"u"ste sie~... + +Nach solchen Traumzust"anden war sie kraftlo{\s} und gebrochen. +Die Raserei diese{\s} Liebe{\s}wahne{\s} erschlaffte sie mehr +al{\s} die wildeste Au{\s}schweifung. + +Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche +Zustellungen und Vorladungen kamen. E{\s} war ihr unm"oglich, sie +zu lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten h"atte sie immerdar +geschlafen. + +Am Fastnacht{\s}abend kam sie nicht nach Yonville zur"uck. Sie +nahm am Ma{\s}kenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten +Str"umpfen, eine Rokokoper"ucke auf dem Kopfe und einen Dreimaster +auf dem linken Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. +E{\s} bildete sich eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand +sie unter der Vorhalle de{\s} Theater{\s}, umringt von einem +halben Dutzend Ma{\s}ken, Bekannten von Leo: Matrosen und +Fischerinnen. Man wollte irgendwo soupieren. Die Restaurant{\s} in +der N"ahe waren alle "uberf"ullt. Schlie"slich entdeckte man einen +bescheidenen Gasthof, in dem sie im vierten Stock ein kleine{\s} +Zimmer bekamen. + +Die m"annlichen Ma{\s}ken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich +einigten sie sich "uber die Kosten. E{\s} waren zwei Studenten der +medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verk"aufer. Wa{\s} +f"ur eine Gesellschaft f"ur eine Dame! Und die weiblichen Wesen? +An ihrer Au{\s}druck{\s}weise merkte Emma gar bald, da"s sie fast +alle der untersten Volk{\s}schicht angeh"oren mu"sten. Nun begann +sie sich zu "angstigen. Sie r"uckte mit ihrem Sessel beiseite und +schlug die Augen nieder. + +Die andern begannen zu tafeln. Emma a"s nicht{\s}. Ihre Stirn +gl"uhte, ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte +ihr "uber die Haut. In ihrem Hirn dr"ohnte noch der L"arm de{\s} +Tanzsaal{\s}; e{\s} war ihr, al{\s} stampften tausend F"u"se im +Takte um sie herum. Dazu bet"aubte sie der Zigarrenrauch und der +Duft de{\s} Punsche{\s}. Sie wurde ohnm"achtig. Man trug sie +an{\s} Fenster. + +Der Morgen d"ammerte. Hinter der Sankt-Katharinen-H"ohe stand ein +breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der +graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den +Br"ucken. Die Laternenlichter verblichen. + +Sie erholte sich allm"ahlich und dachte an ihre Berta, die fern in +Yonville schlief, im Zimmer de{\s} M"adchen{\s}. Ein Wagen voll +langer Eisenstangen fuhr unten vor"uber; da{\s} Metall vibrierte +in eigent"umlichen T"onen~... + +Da stahl sie sich in pl"otzlichem Entschlusse fort. Sie lie"s Leo +und kam allein zur"uck in den Boulogner Hof. Alle{\s}, selbst ihr +eigner K"orper war ihr unertr"aglich. Sie h"atte fliegen m"ogen, +sich wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im +kristallklaren "Ather. + +Nachdem sie sich ihre{\s} Kost"um{\s} entledigt hatte, verlie"s +sie den Gasthof und ging "uber den Boulevard, den Causer Platz, +durch die Vorstadt, bi{\s} zu einer freien Stra"se mit G"arten. +Sie ging rasch. Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach +verga"s sie die l"armende Menge, die Ma{\s}ken, die Tanzmusik, +da{\s} Lampenlicht, da{\s} Souper, die Dirnen. Alle{\s} war weg +wie der Nebel im Winde. Im "`Roten Kreuz"' angekommen, warf sie +sich auf{\s} Bett. E{\s} war in demselben Zimmer de{\s} zweiten +Stock{\s}, wo ihr Leo damal{\s} seinen ersten Besuch gemacht +hatte. Um vier Uhr nachmittag{\s} ward sie von Hivert geweckt. + +Zu Hau{\s} zeigte ihr Felicie ein Schriftst"uck, da{\s} hinter der +Uhr steckte. Emma la{\s}: + +"`Beglaubigte Abschrift. Urteil{\s}au{\s}fertigung~..."' Sie hielt +inne. "`Wa{\s} f"ur ein Urteil?"' Sie besann sich. + +Etliche Tage vorher war ein andre{\s} Schriftst"uck abgegeben +worden, da{\s} sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken +la{\s} sie weiter: + +"`\so{Im Namen de{\s} K"onig{\s}!}~..."' Sie "ubersprang einige +Zeilen. "`... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... +achttausend Franken~..."' Und unten: "`Vorstehende Au{\s}fertigung +wird ... zum Zwecke der Zwang{\s}vollstreckung erteilt~..."' + +Wa{\s} sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden! + +"`Die sind morgen abgelaufen!"' sagte sie sich. "`Unsinn! Lheureux +will mir nur angst machen!"' + +Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften, +den Endzweck aller seiner Gef"alligkeiten. Da{\s} einzige, wa{\s} +sie etwa{\s} beruhigte, war gerade die enorme H"ohe der +Schuldsumme. Durch ihre fortw"ahrenden K"aufe, ihr Nichtbarbezahlen, +die Darlehen, da{\s} Au{\s}stellen von Wechseln, die Zinsen, die +Prolongationen, Provisionen usw. waren ihre Schulden bi{\s} zu +dieser H"ohe angelaufen. Lheureux wartete auf diese{\s} Geld +ungeduldig. Er brauchte e{\s} zu neuen Gesch"aften. + +Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor. + +"`Wissen Sie, wa{\s} mir da zugefertigt worden ist? Da{\s} ist +wohl ein Scherz!"' + +"`Bewahre!"' + +"`Wieso aber?"' + +Er wandte sich ihr langsam zu, verschr"ankte die Arme und sagte: + +"`Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, da"s ich +bi{\s} zum J"ungsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? +F"ur nicht{\s} und wieder nicht{\s}? E{\s} ist vielmehr die +h"ochste Zeit, da"s ich mein Geld zur"uckkriege! Da{\s} werden Sie +doch einsehen!"' + +Sie bestritt die H"ohe der Schuldsumme. + +"`Ja, da{\s} tut mir leid!"' erwiderte der H"andler. "`Da{\s} +Gericht hat die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist +nicht{\s} zu machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! +"Ubrigen{\s} bin ich nicht der Kl"ager, sondern Vin\c{c}ard."' + +"`K"onnten Sie denn nicht~..."' + +"`Ich kann gar nicht{\s}!"' + +"`Aber ... sagen Sie ... "uberlegen wir un{\s} einmal~..."' + +Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewu"st, sie sei +"uberrascht worden~... + +"`Ist da{\s} denn meine Schuld?"' fragte Lheureux mit einer +h"ohnischen Geste. "`W"ahrend ich mich hier abplagte, haben Sie +herrlich und in Freuden gelebt!"' + +"`Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?"' + +"`Da{\s} k"onnte nicht{\s} schaden!"' + +Sie wurde feig und legte sich auf{\s} Bitten. Dabei ging sie so +weit, da"s sie den H"andler mit ihrer schmalen wei"sen Hand +ber"uhrte. + +"`Lassen Sie mich zufrieden!"' wehrte er ab. "`Am Ende wollen Sie +mich gar noch verf"uhren!"' + +"`Sie sind ein gemeiner Mensch!"' rief sie au{\s}. + +"`Na, na!"' lachte er. "`Werden Sie nur nicht gleich ungn"adig!"' + +"`Ich werde allen Leuten erz"ahlen, wa{\s} f"ur ein Mensch Sie +sind! Ich werde meinem Manne sagen~..."' + +"`Und ich werde Ihrem Manne wa{\s} zeigen~..."' + +Er entnahm seinem Geldschranke Emma{\s} Empfang{\s}best"atigung +der Summe f"ur da{\s} verkaufte Grundst"uck. + +"`Glauben Sie, da"s er da{\s} nicht f"ur einen kleinen Diebstahl +halten wird, der arme gute Mann?"' + +Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. +Lheureux lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und +her und sagte immer wieder: + +"`Jawohl, da{\s} zeig ich ihm ... da{\s} zeig ich ihm~..."' + +Pl"otzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem +Tone: + +"`'{\s} ist grade kein Vergn"ugen -- da{\s} wei"s ich wohl! -- +aber e{\s} ist noch niemand dran gestorben, und da e{\s} der +einzige Weg ist, der Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen~..."' + +"`Aber wo soll ich denn da{\s} viele Geld hernehmen?"' jammerte +Emma und rang die H"ande. + +"`Na, wenn man Freunde hat wie Sie!"' + +Er sah sie scharf und so t"uckisch an, da"s ihr dieser Blick durch +Mark und Bein ging. + +"`Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben~..."' + +"`Danke! Habe genug von den alten!"' + +"`K"onnte ich nicht wa{\s} verkaufen?"' + +"`Wa{\s} denn?"' fragte er achselzuckend. "`Sie besitzen doch gar +nicht{\s}!"' Dann rief er durch da{\s} kleine Schiebfensterchen in +seinen Laden hinein: "`Anna, vergi"s nicht die drei St"uck Tuch +Nummer vierzehn!"' + +Da{\s} M"adchen trat ein. Emma begriff, wa{\s} da{\s} hei"sen +sollte. Sie machte einen letzten Versuch. + +"`Wieviel Geld w"are dazu n"otig, die Zwang{\s}vollstreckung +aufzuhalten?"' + +"`E{\s} ist schon zu sp"at!"' antwortete Lheureux. + +"`Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken br"achte? Ein Viertel +der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?"' + +"`Da{\s} h"atte alle{\s} keinen Zweck!"' + +Er dr"angte sie sanft dem Au{\s}gange zu. + +"`Ich beschw"ore Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage +Zeit!"' + +Sie schluchzte. + +"`Donnerwetter! Gar noch Tr"anen!"' + +"`Sie bringen mich zur Verzweiflung!"' jammerte sie. + +"`Mir auch egal!"' + +Er machte die T"ure zu. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Siebente{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den +Gericht{\s}vollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, al{\s} sie +sich einstellten, um da{\s} Pf"andung{\s}protokoll aufzusetzen. + +Sie begannen in Bovary{\s} Sprechzimmer. Den phrenologischen +Sch"adel schrieben sie indessen nicht mit in da{\s} +Sachenverzeichni{\s}. Sie erkl"arten ihn al{\s} zur +Beruf{\s}au{\s}"ubung n"otig. Aber in der K"uche z"ahlten sie die +Sch"usseln, T"opfe, St"uhle und Leuchter, und in ihrem +Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie +durchst"oberten ihren Kleidervorrat, ihre W"asche. Sogar der +Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emma{\s} Existenz ward +bi{\s} in die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der +Anatomie -- den Blicken der drei M"anner prei{\s}gegeben. Der +Gericht{\s}vollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, +eine wei"se Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug, +wiederholte immer wieder: + +"`Sie erlauben, gn"adige Frau! Sie erlauben!"' + +Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie: + +"`Wunderh"ubsch! Sehr nett!"' + +Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichni{\s}, +wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfa"s au{\s} Horn +tauchte, da{\s} er in der linken Hand hielt. + +Al{\s} man in den Wohnr"aumen fertig war, ging e{\s} hinauf in die +Bodenkammern. Al{\s} der Gericht{\s}vollzieher ein Schreibpult +bemerkte, in dem Rudolf{\s} Briefe aufbewahrt waren, ordnete er +an, da"s e{\s} ge"offnet werde. + +"`Ah! Briefe!"' meinte er, geheimni{\s}voll l"achelnd. "`Sie +erlauben wohl! Ich mu"s mich n"amlich "uberzeugen, ob nicht sonst +noch wa{\s} drinnen steckt!"' + +Er bl"atterte die B"undel fl"uchtig durch, al{\s} sollten +Goldst"ucke herau{\s}fallen. Emma war emp"ort, al{\s} sie sah, wie +seine plumpe rote Hand mit den mollu{\s}kenhaften Fettfingern +diese Bl"atter anfa"ste, bei deren Empfang ihr Herz einst h"oher +geschlagen hatte. + +Endlich gingen sie. Felicie kam zur"uck. Sie hatte den Auftrag +gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den +Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepf"andeten Gegenst"ande +zur"uckblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein. + +Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma +beobachtete ihn "angstlich. E{\s} kam ihr vor, al{\s} st"unden in +den Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre +Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten +Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie +sich die Armseligkeit ihre{\s} Leben{\s} versch"ont hatte, f"uhlte +sie kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenlose{\s} Mitleid +mit sich selber, da{\s} ihre W"unsche eher noch anfachte al{\s} +unterdr"uckte. + +Karl sa"s friedlich am Kamin und f"uhlte sich h"ochst behaglich. +Einmal rumorte der Gericht{\s}diener, der sich in seinem K"afige +langweilte. + +"`Ging da nicht oben einer?"' fragte Karl. + +"`Nein!"' beschwichtigte sie ihn. "`Da war wahrscheinlich ein +Dachfenster offen, und der Wind hat e{\s} zugeschlagen."' + +Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie fr"uh nach Rouen, wo sie +alle Bankier{\s} aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die +meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie lie"s sich +nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie +beteuerte, sie brauche e{\s} und wolle e{\s} p"unktlich +zur"uckzahlen. Einige lachten ihr in{\s} Gesicht. Alle wiesen sie +ab. + +Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner T"ure. E{\s} +"offnete niemand. Endlich kam er von der Stra"se her. + +"`Wa{\s} f"uhrt dich her?"' + +"`St"ore ich dich?"' + +"`Nein ... aber~..."' + +Er gestand, sein Wirt s"ahe e{\s} nicht gern, wenn man "`Damen"' +bei sich empfinge. + +"`Ich mu"s dich sprechen!"' sagte sie. + +Da nahm er den Schl"ussel, aber sie hinderte ihn am Aufschlie"sen. + +"`Nein! Nicht hier! Bei un{\s}!"' + +Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer. + +Emma trank zun"achst ein gro"se{\s} Gla{\s} Wasser. Sie war ganz +bleich. Dann sagte sie: + +"`Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!"' + +Sie fa"ste seine H"ande, dr"uckte sie fest und f"ugte hinzu: + +"`H"or mal: ich brauche achttausend Franken!"' + +"`Du bist verr"uckt!"' + +"`Noch nicht!"' + +Nun erz"ahlte sie ihm rasch die Geschichte der Pf"andung und +klagte ihm ihre Notlage. Karl wisse von nicht{\s}; mit ihrer +Schwiegermutter stehe sie auf gespanntem Fu"se, und ihr Vater +k"onne ihr wirklich nicht helfen. Doch er, Leo, m"usse ihr diese +unbedingt n"otige Summe schleunigst verschaffen. + +"`Wie soll ich da{\s}?"' + +"`Du willst blo"s nicht!"' sagte sie aufgeregt. + +Er stellte sich dumm: + +"`E{\s} wird nicht so gef"ahrlich sein! Mit tausend Talern wird +der Biedermann schon zufrieden sein!"' + +"`Vielleicht. Schaff sie mir nur!"' sagte sie. Dreitausend Franken +seien allemal aufzutreiben! Leo m"oge sie doch einstweilen auf +seinen Namen aufnehmen. + +"`Geh! Versuch{\s}! E{\s} mu"s sein! Schnell! Schnell! Ich will +dich daf"ur auch recht liebhaben!"' + +Er ging und kam nach einer Stunde zur"uck. Mit einem Gesicht, +al{\s} ob er wer wei"s wa{\s} zu verk"unden h"atte, sagte er: + +"`Ich war bei drei Personen ... umsonst!"' + +Darauf sa"sen sie einander gegen"uber am Kamin, regung{\s}lo{\s}, +ohne zu sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor +Ungeduld mit den F"u"sen. Er h"orte, wie sie ganz leise sagte: + +"`Wenn ich an deiner Stelle w"are, ich w"u"ste, wo ich da{\s} Geld +auftriebe!"' + +"`Wo denn?"' + +"`In eurer Kanzlei!"' + +Sie sah ihn starr an. + +Au{\s} ihren fiebernden Augen sprach ein wilder D"amon. Zwischen +ihren sich ber"uhrenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und S"unde so +stark, da"s der junge Mann unter der stummen Verf"uhrung{\s}kraft +diese{\s} Weibe{\s}, da{\s} ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe +daran war, zu erliegen. Er f"uhlte seine Schwachheit. J"ahe Furcht +ergriff ihn, und um jeder weiteren Er"orterung zu entgehen, schlug +er sich vor die Stirn und rief au{\s}: + +"`Morel kommt ja heute nacht zur"uck!"' Morel war ein Freund von +ihm, der Sohn eine{\s} sehr wohlhabenden Kaufmann{\s}. "`Der +schl"agt{\s} mir nicht ab! Ich werde dir da{\s} Geld morgen +vormittag bringen."' + +Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger +freudigen Eindruck, al{\s} er erwartet hatte. Durchschaute sie +seine L"uge? + +Err"otend fuhr er fort: + +"`Wenn ich morgen bi{\s} drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann +warte nicht l"anger auf mich, Schatz! Jetzt mu"s ich aber wirklich +fort! Entschuldige mich! Lebwohl!"' + +Er dr"uckte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma +hatte alle Kraft verloren~... + +Al{\s} e{\s} vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville +zur"uckzufahren. Nicht{\s} mehr trieb sie al{\s} die Gewohnheit. + +Da{\s} Wetter war pr"achtig. Ein klarer kalter M"arztag. Die Sonne +strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonnt"aglich gekleidete +B"urger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Al{\s} Emma +den Notre-Dame-Platz "uberschritt, war die Vesper gerade zu Ende. +Die Menge str"omte au{\s} den drei T"uren de{\s} Hauptportal{\s} +wie ein Strom au{\s} einer dreibogigen Br"ucke. + +Emma dachte zur"uck an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in +da{\s} Mittelschiff eingetreten war, da{\s} sich so hoch vor ihr +w"olbte und ihr damal{\s} doch klein erschien im Vergleich zu +ihrer grenzenlosen Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier +str"omten die Tr"anen "uber ihre Wangen. Sie war wie bet"aubt, sie +schwankte und war einer Ohnmacht nahe. + +"`Vorsehen!"' rief eine Stimme au{\s} einem Torwege. + +Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen, +der, in der Gabel eine{\s} Dogcart{\s}, au{\s} dem Hause +herau{\s}kam. Ein Herr in einem Zobelpelz kutschierte~... + +"`Wer war da{\s} doch?"' fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. +Da{\s} Gef"ahrt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden. + +"`Aber da{\s} war doch der Vicomte!"' + +Emma wandte sich um, aber die Stra"se war leer. Sie f"uhlte sich +so niedergeschlagen, so traurig, da"s sie sich an die Wand +eine{\s} Hause{\s} lehnen mu"ste, um nicht umzusinken. Sie +gr"ubelte dar"uber nach, ob e{\s} wirklich der Vicomte gewesen +war. Vielleicht, vielleicht auch nicht! Wa{\s} lag daran? Sie war +eine Verlassene, vor sich selber und vor andern! Eine Verlorene, +vom Geratewohl gegen die Klippen de{\s} Leben{\s} getrieben ... +Und so empfand sie beinahe Freude, al{\s} sie, am "`Roten Kreuz"' +angelangt, den trefflichen Homai{\s} traf, der da{\s} Aufladen +einer gro"sen Kiste voll Apothekerwaren in die Post "uberwachte. +In der Hand hielt er, in ein Hal{\s}tuch eingewickelt, sech{\s} +St"uck Pumpernickel, die er seiner Frau mitbringen wollte. + +Frau Homai{\s} liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in +der Normandie seit uralten Zeiten in Form eine{\s} Turban{\s} +gebacken und in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen +werden. Man buk sie bereit{\s} zur Zeit der Kreuzz"uge. Die +wetterfesten alten Normannen stopften sich voll davon, und wenn +sie diese Brote beim gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische +liegen sahen, zwischen riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten +sie sich einbilden, Sarazenenk"opfe zu vertilgen. Die +Apotheker{\s}frau verzehrte sie mit nicht geringerem Heldenmute; +sie hatte n"amlich abscheulich schlechte Z"ahne. + +"`Bin ent\/z"uckt, Sie zu sehen!"' rief Homai{\s}, bot Emma die Hand +und half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche. + +Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in da{\s} Gep"acknetz, +nahm seinen Hut ab und setzte sich mit verschr"ankten Armen und +einer napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Al{\s} unterweg{\s} +wie immer der Blinde am Stra"sengraben auftauchte, bemerkte er: + +"`E{\s} ist mir unverst"andlich, da"s die Beh"orde nach wie vor +diese{\s} schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man +einsperren und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht +bei un{\s} im Schneckengange vorw"art{\s}! Wir waten noch in +Barbarei!"' + +Der Blinde steckte seinen Hut so durch{\s} Wagenfenster, da"s er +wie eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte. + +"`Er hat eine skroful"ose Affektion"', dozierte der Apotheker. + +Obgleich er den armen Schelm schon l"angst kannte, tat er doch, +al{\s} s"ahe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwa{\s} von +Hornhaut, Star, Sklerotika, Facie{\s} vor sich hin. Dann riet er +ihm in salbung{\s}vollem Tone: + +"`Hast du diese{\s} schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? +Du solltest vor allem Di"at halten, statt dich in der Kneipe zu +betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache."' + +Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifello{\s} geistig +beschr"ankt. + +Schlie"slich zog Homai{\s} seine B"orse. + +"`Hier hast du einen F"unfer, gib mir einen Dreier wieder rau{\s} +und vergi"s nicht, wa{\s} ich dir verordnet habe! E{\s} wird dir +gut bekommen!"' + +Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seine{\s} +Rezept{\s} zu bezweifeln. Da versicherte Homai{\s} dem Manne, +lediglich eine "`antiphlogistische Salbe eignen Fabrikat{\s}"' +k"onne ihn heilen. Er gab ihm seine Adresse: + +"`Apotheker Homai{\s}, am Markt, allgemein bekannt!"' + +"`So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, wa{\s} du +Sch"one{\s} kannst!"' rief ihm Hivert zu. + +Der Blinde lie"s sich in die Knie nieder, warf den Kopf zur"uck, +rollte mit seinen gr"unlichen Augen und streckte die Zunge +herau{\s}. Dazu rieb er sich die Magengegend mit den H"anden und +stie"s ein dumpfe{\s} Geheul au{\s} wie ein halbverhungerter Hund. + +Emma ward "ubel. Sie warf ihm "uber die Schulter ein +F"unf\/frankenst"uck zu. E{\s} war ihr ganze{\s} Geld. E{\s} kam +ihr edel vor, e{\s} so wegzuwerfen. + +Der Wagen war schon ein ziemliche{\s} St"uck weiter, al{\s} sich +Homai{\s} pl"otzlich au{\s} dem Fenster lehnte und hinau{\s}rief: + +"`Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe +tragen! Und Wacholderd"ampfe auf die kranken Teile!"' + +Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vor"uberzog, +lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche +M"udigkeit "uberkam sie. Ganz ersch"opft, leben{\s}m"ude und +verschlafen langte sie in Yonville an. + +"`Mag nun kommen, wa{\s} will!"' dachte sie beim Au{\s}steigen. +"`Zu guter Letzt, wer wei"s? Kann nicht jeden Augenblick ein +unerwartete{\s} Ereigni{\s} eintreten? Sogar Lheureux kann +sterben~..."' + +Am andern Morgen wurde sie durch ein Ger"ausch auf dem Markt wach. +E{\s} war ein Gedr"ange um ein gro"se{\s} Plakat entstanden, +da{\s} an einem der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, +wie Justin auf einen Prellstein stieg und e{\s} abri"s. Aber im +selben Moment fa"ste ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem +Augenblick trat Homai{\s} au{\s} seiner Apotheke, und auch Frau +Franz tauchte laut redend mitten in der Volk{\s}menge auf. + +"`Gn"adige Frau! Gn"adige Frau!"' rief Felicie, die in{\s} Zimmer +st"urzte. + +Da{\s} arme Ding war au"ser sich. Sie hielt einen gelben Zettel in +der Hand, den sie von der Hau{\s}t"ure abgerissen hatte. Emma +"uberflog ihn. E{\s} war die Versteigerung{\s}ank"undigung. + +Dann sahen sich beide wortlo{\s} an. Herrin und Dienerin hatten +l"angst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie +nach einer Weile: + +"`An der Stelle der gn"adigen Frau ging ich mal zum Notar +Guillaumin."' + +"`Meinst du?"' + +Diese Frage bedeutete: "`Durch dein Verh"altni{\s} mit dem Diener +diese{\s} Hause{\s} wei"st du doch Bescheid. Interessiert sich +dieser Junggeselle f"ur mich? + +"`Ja, gehn Sie nur, gn"adige Frau! E{\s} wird Ihnen n"utzen!"' + +Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarze{\s} Kleid an und +setzte einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht +s"ahe -- e{\s} standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte +--, ging sie zur Gartenpforte hinau{\s} und den Weg am Bache hin. + +Atemlo{\s} erreichte sie da{\s} Gittertor de{\s} Notar{\s}. Der +Himmel war grau. E{\s} schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin +erschien Theodor in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam +er und "offnete ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen +Vertraulichkeit, al{\s} ob sie in{\s} Hau{\s} geh"orte, und +f"uhrte sie in da{\s} E"szimmer. + +Emma{\s} Blick fiel fl"uchtig auf den breiten Porzellanofen, vor +dem ein m"achtiger Kaktu{\s} stand. An den braun tapezierten +W"anden hingen in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: +woll"ustige Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen +Sch"usselw"armer, der Kristallgriff der T"urklinke, der +Parkettboden, die M"obel, alle{\s} blinkte in reinlicher, +germanischer Sauberkeit. + +"`So ein E"szimmer m"u"ste ich haben!"' dachte Emma. + +Der Notar trat ein. Er dr"uckte seinen mit Palmenblattstickerei +verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der +andern Hand nahm er sein braunsamtne{\s} Hau{\s}k"appchen zum +Gru"se ab und setzte e{\s} rasch wieder auf. E{\s} sa"s ihm kokett +etwa{\s} auf der rechten Seite seine{\s} kahlen Sch"adel{\s}, +"uber den drei lange blonde Haarstr"ahnen liefen. + +Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den +Tisch, um zu fr"uhst"ucken. Er entschuldigte sich ob dieser +Unh"oflichkeit. + +"`Herr Notar,"' sagte sie, "`ich m"ochte Sie bitten~..."' + +"`Um wa{\s} denn, gn"adige Frau? Ich bin ganz Ohr!"' + +Sie begann ihm ihre Lage zu schildern. + +Guillaumin wu"ste bereit{\s} alle{\s}, da er in geheimer +Gesch"aft{\s}verbindung mit Lheureux stand, der ihm die +Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu +besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser al{\s} Emma -- +die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen, +von den verschiedensten Leuten di{\s}kontiert, auf lange Fristen +au{\s}gestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. +Jetzt hatte sie der H"andler allesamt protestieren lassen und auf +seinen Freund Vin\c{c}ard abgeschoben, der die Angelegenheit nun +in seinem Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitb"urgern +nicht in den Ruf eine{\s} Hal{\s}abschneider{\s} gerate. + +Sie unterbrach ihre Erz"ahlung h"aufig durch Beschuldigungen gegen +Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar +nicht{\s}sagenden Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett +und trank seinen Tee, -- wobei er da{\s} Kinn gegen seine +himmelblaue, mit einer Brillantnadel geschm"uckte Krawatte einzog. +Ein sonderbare{\s}, s"u"sliche{\s} und zweideutige{\s} L"acheln +spielte um seine Lippen. Al{\s} er sah, da"s Emma nasse Schuhe +hatte, sagte er: + +"`Kommen Sie doch n"aher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe +doch an die Kacheln ... h"oher!"' + +Sie bef"urchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der +Notar sagte galant: + +"`Sch"one Sachen verderben nie etwa{\s}!"' + +Sie machte einen Versuch, ihn zu r"uhren. Da{\s} brachte sie aber +nur selbst in R"uhrung. Sie erz"ahlte ihm von der Enge ihre{\s} +h"au{\s}lichen Leben{\s}, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren +Bed"urfnissen. Der Notar verstand da{\s}: eine elegante Frau! Und +ohne sich vom Essen abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl +nach ihr um. Er ber"uhrte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle +am hei"sen Ofen zu dampfen begann. + +Al{\s} sie ihn aber um tausend Taler anging, bi"s er sich auf die +Lippen und erkl"arte, e{\s} tue ihm ungemein leid, da"s er die +Verwaltung ihre{\s} Verm"ogen{\s} nicht rechtzeitig in die H"ande +bekommen habe. E{\s} g"abe tausend M"oglichkeiten, selbst f"ur +eine Dame, ihr Geld gewinnbringend anzulegen. Beispiel{\s}weise +w"aren die Torfgruben von Gr"ume{\s}nil oder Bauland in Havre +bombensichere Spekulationen. Er machte Emma rasend vor Wut, +angesicht{\s} der enormen Summen, die sie zweifello{\s} dabei +gewonnen h"atte. + +"`We{\s}halb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?"' + +"`Da{\s} wei"s ich selber nicht"', erwiderte sie. + +"`Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich +sollte Ihnen wirklich de{\s}halb b"ose sein! Wir h"atten un{\s} +schon l"angst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr +gehorsamster Diener! Da{\s} werden Sie mir doch glauben, hoffe +ich!"' + +Er fa"ste nach ihrer Hand, dr"uckte einen gierigen Ku"s darauf und +behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und +sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie +Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die +spiegelnden Brillengl"aser; w"ahrend seine H"ande in die +"Armel"offnung von Emma{\s} Kleid fuhren, um ihren Arm zu +betasten. Sie f"uhlte seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange. + +Sie sprang auf und sagte: + +"`Herr Guillaumin, ich warte~..."' + +"`Worauf?"' sagte der Notar, pl"otzlich ganz bleich geworden. + +"`Auf da{\s} Geld!"' + +"`Aber~..."' In seiner L"usternheit lie"s er sich bewegen zu +sagen: "`Na ja~..."' + +Trotz seine{\s} Schlafrocke{\s} fiel er vor Emma auf die Knie und +keuchte: + +"`Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!"' + +Er umschlang ihre Taille. + +Ein Blutstrom scho"s Emma in die Wangen. Emp"ort machte sie sich von +dem Manne lo{\s} und rief: + +"`Sie n"utzen mein Ungl"uck au{\s}! Da{\s} ist schamlo{\s}! Ich +bin beklagen{\s}wert, aber nicht k"auflich!"' + +Damit eilte sie hinau{\s}. + +Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine +sch"onen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter +Hand. Dieser Anblick tr"ostete ihn schlie"slich. "Uberdie{\s} fiel +ihm ein, da"s ihn ein derartige{\s} Abenteuer zu wer wei"s wa{\s} +h"atte verleiten k"onnen. + +"`Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!"' sagte Emma +bei sich, al{\s} sie hastigen Schritt{\s} an den Pappeln hinging. +Ihre Entt"auschung "uber den Mi"serfolg verst"arkte die Emp"orung +ihre{\s} Schamgef"uhl{\s}. E{\s} war ihr, al{\s} verfolge sie ein +unselige{\s} Geschick, und diese{\s} Gef"uhl erf"ullte sie von +neuem mit Stolz. Nie in ihrem Leben war sie hochm"utiger und +selbstbewu"ster gewesen und noch nie so voller Menschenverachtung. +Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie h"atte alle M"anner schlagen, +ihnen in{\s} Gesicht speien, sie niedertreten m"ogen. W"ahrend sie +weitereilte, bleich, zitternd, verbittert, irrten ihre +tr"anenreichen Augen den grauen Horizont hin. Mit einer gewissen +Wollust bohrte sie sich in Ha"s hinein. + +Al{\s} sie ihr Hau{\s} von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die +Beine versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber e{\s} mu"ste +sein! Wohin h"atte sie fliehen k"onnen? + +Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte. + +"`Gn"adige Frau?"' + +"`E{\s} war umsonst!"' + +Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch, +die vielleicht ihr zu helfen geneigt w"aren. Aber bei jedem Namen, +den Felicie nannte, wandte Emma ein: + +"`Unm"oglich! Die tun e{\s} nicht!"' + +"`Der Herr Doktor mu"s jeden Augenblick nach Hause kommen!"' + +"`Ich wei"s e{\s}! La"s mich allein!"' + +Sie hatte alle{\s} versucht. Nun mu"ste sie den Dingen ihren Lauf +lassen. Karl w"urde heimkommen. Sie mu"ste ihm sagen: + +"`Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr +unser. In diesem Hau{\s} geh"ort un{\s} kein Stuhl mehr, kein +Nagel, kein Halm Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. +Armer Mann!"' + +Dann w"urde e{\s} eine gro"se Szene geben, sie w"urde ma"slo{\s} +weinen, und wenn sich die erste Best"urzung gelegt h"atte, w"urde +er ihr verzeihen! + +"`Ja! Er wird mir verzeihen!"' murmelte sie in verhaltener Wut. +"`Er! Er, dem ich nicht f"ur eine Million verzeihen kann, da"s ich +die Seine geworden bin! Niemal{\s}! Niemal{\s}!"' + +Der Gedanke, Bovary k"onnte die "Uberlegenheit "uber sie erringen, +emp"orte sie. Ob sie ihm ein Gest"andni{\s} machte oder nicht, +jetzt sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mu"ste doch +alle{\s} erfahren. Und dann war die gr"a"sliche Szene da, und sie +hatte die Zentnerlast seiner Gro"smut zu tragen! + +Wiederum "uberlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux +gehen solle? Aber da{\s} n"utzte ja nicht{\s}! Oder ihrem Vater +schreiben? Dazu war e{\s} zu sp"at! Beinahe bereute sie e{\s}, dem +Notar nicht gef"ugig gewesen zu sein, -- da h"orte sie den +Hufschlag eine{\s} Pferde{\s} in der Allee. E{\s} war Karl. Er +"offnete da{\s} Hoftor. Sie sah ihn: er war wei"ser al{\s} Kalk. + +Da lief sie eilend{\s} die Treppe hinunter und au{\s} der +Hau{\s}t"ur hinau{\s} nach dem Markt. Die Frau B"urgermeister +stand vor der Kirchent"ur und sprach mit dem Kirchendiener. Sie +beobachtete, wie Emma in dem Hause verschwand, wo der +Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie zu Frau Caron, die +ihm gegen"uber in der Ecke de{\s} Markte{\s} wohnte, und klatschte +ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen zusammen auf den +Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgeh"angte W"asche, so +aufstellten, da"s sie bequem in Binet{\s} Dachst"ubchen sehen +konnten. + +Er war allein und sa"s an seiner Drehbank, gerade dabei +besch"aftigt, eine v"ollig zwecklose Spielerei au{\s} Holz +fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt spr"uhte der helle +Holzstaub au{\s} seiner Maschine hervor, wie Funkenb"uschel unter +den Eisen eine{\s} galoppierenden Pferde{\s}. Die beiden R"ader +schnurrten und kreisten. Binet l"achelte mit aufmerksamer Miene, +den Kopf etwa{\s} vorgebeugt. Er war sichtlich v"ollig versunken +in sein Sch"opfergl"uck. Gerade da{\s} Handwerk{\s}m"a"sige, +da{\s} der Intelligenz nur leichte Schwierigkeiten bietet, +befriedigt den Menschen ungemein, wenn e{\s} vollendet ist, denn +e{\s} gibt dabei ja kein ideale{\s} Dar"uberhinau{\s}, da{\s} man +ersehnen k"onnte. + +"`Ah, da ist sie!"' sagte Frau T"uvache. + +Infolge de{\s} Ger"ausche{\s} der Drehbank vermochten sie nicht zu +verstehen, wa{\s} dr"uben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten +sie, da{\s} Wort "`Taler"' zu h"oren, worauf Frau Caron +fl"usterte: + +"`Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern."' + +"`E{\s} scheint so"', meinte die andre. + +Sie beobachteten, wie Emma in Binet{\s} Stube hin und her ging und +die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau +au{\s}gelegten Krim{\s}kram besichtigte, w"ahrend sich der +Steuereinnehmer wohlgef"allig den Bart strich. + +"`Will sie bei ihm etwa{\s} bestellen?"' fragte Frau T"uvache. + +"`Er verkauft doch nie etwa{\s}!"' + +Dann sah man, da"s Binet ihr aufmerksam zuh"orte. Er ri"s die +Augen weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter, +eindringlich, flehend. Sie n"aherte sich ihm. Sie war sichtlich +erregt. Jetzt schwiegen sie beide. + +"`Macht sie ihm gar einen Antrag?"' fl"usterte Frau T"uvache. +Binet bekam einen roten Kopf. Emma erfa"ste seine H"ande. + +"`Nein, da{\s} ist doch stark!"' zischelte Frau Caron. + +In der Tat mu"ste Emma etwa{\s} Sch"andliche{\s} von Binet +gefordert haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dre{\s}den +und Leipzig mitgek"ampft hatte und dekoriert worden war, wich +pl"otzlich vor ihr zur"uck, al{\s} ob ihn eine Natter stechen +wollte, und rief au{\s}: + +"`Frau Bovary, wa{\s} muten Sie mir zu!"' + +"`Solche Frauenzimmer sollte man "offentlich au{\s}peitschen!"' eiferte +Frau T"uvache. + +"`Wo ist sie denn mit einem Male hin?"' erwiderte die andre. + +Wenige Augenblicke sp"ater sahen sie Emma die Hauptstra"se +hinau{\s}gehen und dann link{\s} verschwinden, wo der Weg zum +Friedhof abzweigt. Die beiden Horcherinnen ersch"opften sich in +allerhand Vermutungen. + +Emma lief zur alten Frau Rollet. + +"`Machen Sie mir da{\s} Korsett auf! Ich ersticke!"' + +Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf da{\s} +Bett und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke +zu und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen +antwortete, ging sie schlie"slich hinau{\s}, holte ihr Spinnrad +und begann zu spinnen. + +"`Ach, h"oren Sie auf!"' sagte Emma leise. E{\s} war ihr, al{\s} +h"ore sie noch Binet{\s} Drehbank. + +"`Wa{\s} mag sie nur haben?"' fragte sich Frau Rollet. "`Warum ist +sie hergekommen?"' + +Wa{\s} ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary au{\s} ihrem Hause +gejagt hatte? + +Emma lag auf dem R"ucken, regung{\s}lo{\s}, mit stieren Augen, die +keinen Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer +Beharrlichkeit bem"uhte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die +br"uchigen Stellen der Mauer, auf da{\s} armselige bi"schen Holz, +da{\s} im Kamine qualmte, auf eine gro"se Spinne, die gerade "uber +ihr an einem rissigen Deckenbalken hinkroch~... + +Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf +... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit +lag da{\s} zur"uck! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die +Klemati{\s}ranken hatten sie im Vor"ubergehen gestreift ... +Tausend andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder +Katarakt, und mit einem Male war sie wieder bei ihren j"ungsten +Erlebnissen. + +"`Wieviel Uhr ist e{\s}?"' fragte sie. + +Mutter Rollet ging vor da{\s} Hau{\s}, schaute nach der lichten +Stelle de{\s} Himmel{\s}, die den Stand der Sonne verriet, und kam +gem"achlich wieder herein. + +"`Bald drei Uhr!"' sagte sie. + +"`Sch"on! Ich danke!"' + +Jetzt mu"ste Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte da{\s} +Geld aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Da"s sie +hier war, konnte er doch nicht wissen. De{\s}halb bat sie Frau +Rollet, sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen. + +"`Machen Sie recht schnell!"' + +"`Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!"' + +Emma verwunderte sich, da"s ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen +war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Da{\s} brach er +gewi"s nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und +z"ahlte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen +Schreibtisch. Nun brauchte sie nur noch ein M"archen zu ersinnen, +um ihrem Manne die ganze Geschichte harmlo{\s} hinzustellen. +Da{\s} war nicht weiter schlimm! + +Frau Rollet h"atte l"angst wieder zur"uck sein m"ussen. E{\s} +schien der Wartenden wenigsten{\s} so. Aber da sie keine Uhr bei +sich hatte, redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinau{\s} +in da{\s} G"artchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt +sie ein St"uck den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber +pl"otzlich wieder um, weil sie sich sagte, die Frau k"onne auch +auf einem andern Wege nach Hause kommen. Schlie"slich war sie +de{\s} Warten{\s} m"ude. Bange Ahnungen qu"alten sie. Sie hatte +kein Zeitgef"uhl mehr. Wartete sie seit ein paar Minuten oder seit +einem Jahrhundert? + +Sie kauerte sich in einen Winkel, schlo"s die Augen und hielt sich +die Ohren zu. Die Zaunt"ure knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine +Frage tat, vermeldete Frau Rollet: + +"`E{\s} war niemand da!"' + +"`Niemand?"' + +"`Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er l"a"st Sie suchen. +Alle{\s} ist auf den Beinen!"' + +Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer +umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken in{\s} Gesicht. +Unwillk"urlich lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig +geworden. + +Pl"otzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten +Schrei. Rudolf war ihr in{\s} Ged"achtni{\s} gekommen, wie ein +heller Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutm"utig, +r"ucksicht{\s}voll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er +z"ogerte, ihr diesen Dienst zu leisten, mu"ste ihn nicht ein +einziger voller Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen +und ihn dazu zwingen! + +So ging sie denn nach der H"uchette, ohne da{\s} Bewu"stsein zu +haben, da"s sie damit doch da{\s} tun wollte, wa{\s} ihr eben noch +so ver"achtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie +daran, da"s sie sich prostituierte. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{A{ch}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Auf dem Wege fragte sie sich: + +"`Wa{\s} werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?"' + +Je n"aher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die B"usche und +B"aume, der Ginster am Hange und schlie"slich da{\s} Herrenhau{\s} +vor ihr. Die z"artliche Liebe{\s}stimmung von damal{\s} tauchte +wieder auf, und ihr arme{\s} gequ"alte{\s} Herz schwoll im +Nachhall der vergangenen Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr +"uber{\s} Gesicht. Schmelzender Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, +von den knospenden B"aumen hernieder in{\s} Gra{\s}. + +Wie einst schl"upfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging +"uber den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen +Herrenhof. Die B"aume wiegten s"auselnd ihre langen Zweige. +S"amtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihre{\s} +Gebell{\s} erschien niemand. + +Sie stieg die breite, mit einem h"olzernen Gel"ander versehene +Treppe hinauf. Die f"uhrte zu einem mit Steinfliesen belegten +staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer +m"undete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolf{\s} +Zimmer lag link{\s} ganz am Ende. Al{\s} sie die Finger um die +T"urklinke legte, verlie"sen sie pl"otzlich die Kr"afte. Sie +f"urchtete, er m"ochte nicht zu Hau{\s} sein, ja, sie w"unschte +e{\s} beinah, und doch war e{\s} ihre einzige Hoffnung, der letzte +Versuch zu ihrer Rettung. Einen Augenblick sammelte sie sich noch, +dachte an ihre Not, fa"ste Mut und trat ein. + +Er sa"s vor dem Feuer, beide F"u"se gegen den Kaminsim{\s} +gestemmt, und rauchte eine Pfeife. + +"`Mein Gott, Sie!"' rief er au{\s} und sprang rasch auf. + +"`Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!"' + +Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nicht{\s} herau{\s}. + +"`Sie haben sich nicht ver"andert! Sie sind noch immer reizend."' + +"`So,"' wehrte sie voll Bitterni{\s} ab, "`da{\s} m"ussen traurige +Reize sein, mein Freund, da Sie sie verschm"aht haben!"' + +Und nun begann er sein damalige{\s} Benehmen zu erkl"aren. Er +entschuldigte sich in halbsch"urigen Au{\s}dr"ucken, da er +etwa{\s} Ordentliche{\s} nicht vorzubringen hatte. Emma lie"s sich +durch seine Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme +und durch seine Gegenwart. Die{\s} war so m"achtig, da"s sie sich +stellte, al{\s} schenke sie seinen Au{\s}fl"uchten Glauben. +Vielleicht glaubte sie ihm auch wirklich. Er deutete ein +Geheimni{\s} an, von dem die Ehre und da{\s} Leben eine{\s} +dritten Menschen abgehangen h"atte. + +"`Da{\s} ist ja nun gleichg"ultig"', sagte sie und sah ihn traurig +an. "`Ich habe schwer gelitten!"' + +Rudolf meinte philosophisch: + +"`So ist da{\s} Leben!"' + +"`Hat e{\s} wenigsten{\s} Ihnen Gute{\s} gebracht, nach unserer +Trennung?"' fragte sie. + +"`Ach, nicht{\s} Gute{\s} und nicht{\s} Schlechte{\s}!"' + +"`Dann w"are e{\s} vielleicht besser gewesen, wenn wir damal{\s} +nicht voneinander gegangen w"aren?"' + +"`Ja! Vielleicht!"' + +"`Glaubst du da{\s}?"' fragte sie, indem sie aufseufzend ihm +n"aher trat. "`Ach Rudolf! Wenn du w"u"stest! Ich habe dich sehr +lieb gehabt!"' + +Jetzt war sie e{\s}, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang sa"sen +sie mit verschlungenen H"anden da wie damal{\s}, am Bunde{\s}tage +der Landwirte. In einer sichtlichen Regung seine{\s} Stolze{\s} +k"ampfte er gegen seine eigene R"uhrung. Da schmiegte sich Emma an +seine Brust und sagte: + +"`Wie hast du nur glauben k"onnen, da"s ich ohne dich leben +sollte! Ein Gl"uck, da{\s} man besessen, vergi"st man nie! Ich war +ganz verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alle{\s} erz"ahlen, +du sollst alle{\s} erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal +sehen m"ogen!"' + +In der Tat war er ihr seit drei Jahren "angstlich au{\s} dem Wege +gegangen, in jener nat"urlichen Feigheit, die f"ur da{\s} starke +Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter +zierlichen Sendungen ihre{\s} Kopfe{\s}, schmeichlerischer al{\s} +eine verliebte Katze. + +"`Du liebst andre! Gesteh e{\s} nur! Ach, ich begreife da{\s} ja +auch und entschuldige diese anderen! Du hast sie verf"uhrt, wie du +mich verf"uhrt hast. Du bist der geborene Verf"uhrer! Hast +alle{\s}, wa{\s} un{\s} Frauen verr"uckt macht. Aber sag! Wollen +wir von neuem beginnen? Ja? Sieh, ich lache! Ich bin gl"ucklich! +... So rede doch!"' + +Sie sah ent\/z"uckend au{\s}. Eine Tr"ane zitterte in ihrem Auge, +wie eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen +Blume. + +Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr +Haar, "uber da{\s} der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil +hinwegflog, funkelnd im D"ammerlicht. Sie senkte die Stirn, und er +k"u"ste sie leise und sanft auf die Augenlider. + +"`Du hast geweint?"' fragte er. "`Warum?"' + +Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt da{\s} f"ur einen +Au{\s}bruch ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr +Schweigen f"ur eine letzte Scham und rief au{\s}: + +"`O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gef"allt. Ich war +ein Tor, ein Schw"achling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde +dich immer lieben! Aber wa{\s} hast du? Sag e{\s} mir doch!"' + +Er sank ihr zu F"u"sen. + +"`So h"ore! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mu"st mir +dreitausend Franken leihen."' + +"`Ja ... aber~..."' + +Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten +Au{\s}druck an. + +"`Du mu"st n"amlich wissen,"' fuhr sie schnell fort, "`da"s mein +Mann sein ganze{\s} Verm"ogen einem Notar anvertraut hatte. Der +ist fl"uchtig geworden. Wir haben un{\s} Geld geliehen. Die +Patienten bezahlten nicht. "Ubrigen{\s} ist der Nachla"skonkur{\s} +meine{\s} Schwiegervater{\s} noch nicht zu Ende. Wir werden bald +wieder Geld haben. Aber heute fehlen un{\s} dreitausend Franken. +De{\s}wegen sollen wir gepf"andet werden. Und zwar gleich, in +einer Stunde! Ich baue auf deine Freundschaft, und de{\s}halb bin +zu dir gekommen!"' + +"`Aha!"' dachte Rudolf und ward pl"otzlich bla"s. "`Also darum ist +sie gekommen!"' Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen: +"`Verehrteste, soviel habe ich nicht!"' + +Er log nicht. Er w"urde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er +sie da gehabt h"atte, obgleich e{\s} ihm wie den meisten Menschen +unangenehm gewesen w"are, sich gro"sm"utig zeigen zu m"ussen. Von +allen Feinden, die "uber die Liebe herfallen k"onnen, ist eine +Bitte um Geld der hartherzigste und gef"ahrlichste. + +Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie: + +"`Du hast sie nicht!"' Und mehrere Male wiederholte sie: "`Du hast +sie nicht! ... Ich h"atte mir diese letzte Schmach also ersparen +k"onnen! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert al{\s} +die andern!"' + +Sie verriet sich und ihre Frauenehre. + +Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in +Verlegenheit. + +"`Ach! Du tust mir sehr leid~..."', sagte Emma. "`Ja, ungemein!"' + +Ihre Augen blieben an einer damas\/zierten B"uchse h"angen, die im +Gewehrschrank blinkte. + +"`Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit +Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit +Schildpatteinlagen, keine Reitst"ocke mit goldnen Griffen!"' Sie +ber"uhrte einen, der auf dem Tische lag. "`Und tr"agt keine solche +Berlocken an der Uhrkette!"' Ach, er lie"s sich sichtlich +nicht{\s} abgehen. Da{\s} bewie{\s} allein da{\s} +Lik"orschr"ankchen im Zimmer. "`Ja, dich selber, dich liebst du! +Dich und ein gute{\s} Leben! Du hast ein Schlo"s, Pachth"ofe, +W"alder! Du reitest die Jagden mit, machst Reisen nach Pari{\s}! +Und wenn du mir nur \so{da{\s}} gegeben h"attest!"' Sie sprach +immer lauter und nahm seine mit Brillanten geschm"uckten +Manschettenkn"opfe vom Kamin. "`Diesen und andern entbehrlichen +Tand! Geld l"a"st sich schnell schaffen! Aber nun nicht mehr! Ich +will nicht{\s} davon haben! Behalt alle{\s}!"' Sie schleuderte die +beiden Kn"opfe weit von sich. Sie schlugen gegen die Wand. Ein +Goldkettchen zerbrach. + +"`Ich, ach, ich h"atte dir alle{\s} gegeben, h"atte alle{\s} +verkauft. Mit meinen H"anden h"atte ich f"ur dich gearbeitet, auf +der Stra"se h"atte ich gebettelt, nur um von dir ein L"acheln, +einen Blick, ein einzige{\s} Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du +bleibst gem"utlich in deinem Lehnstuhl sitzen, al{\s} ob du mir +nicht schon genug Leid zugef"ugt h"attest! Ohne dich -- da{\s} +wei"st du sehr wohl! -- h"atte ich gl"ucklich sein k"onnen! Wer +zwang dich dazu? Wolltest du eine Wette gewinnen? Und dabei hast +du mir eben noch gesagt, da"s du mich liebtest! Ach, h"attest du +mich doch lieber davongejagt! Meine H"ande sind noch warm von +deinen K"ussen, und hier auf dem Teppich, hier auf dieser Stelle +hast du gekniet und mir ewige Liebe geschworen! Du hast mich immer +belogen und betrogen! Mich zwei Jahre lang in dem s"u"sen Wahn +de{\s} herrlichsten Gef"uhl{\s} gelassen! Und dann der Plan unsrer +Flucht! Erinnerst du dich daran? An deinen Brief, deinen Brief! Er +hat mir da{\s} Herz zerrissen! Und heute, wo ich zu diesem Manne +zur"uckkehre, zu ihm, der reich, gl"ucklich und frei ist, und ihn +um eine Hilfe bitte, die der erste beste gew"ahren w"urde, wo ich +ihn unter Tr"anen bitte und ihm meine ganze Liebe wiederbringe, da +st"o"st er mich zur"uck, -- weil{\s} ihn dreitausend Franken +kosten k"onnte!"' + +"`Ich habe sie nicht"', wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit, +hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen +pflegen. + +Sie ging. + +Die W"ande schwankten, die Decke drohte sie zu erdr"ucken. Wieder +nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, "uber Haufen +welken Laub{\s}, da{\s} der Wind aufw"uhlte. Endlich stand sie vor +dem Gittertor. Sie zerbrach sich die N"agel an seinem Schlo"s, so +hastig wollte sie e{\s} "offnen. Hundert Schritte weiter blieb sie +v"ollig au"ser Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht +halten. Wie sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf da{\s} +still daliegende Herrenhau{\s} mit seinen langen Fensterreihen, +auf den Park, die H"ofe und die G"arten. + +Wie in einer Bet"aubung stand sie da. Sie empfand kaum noch +etwa{\s} andre{\s} al{\s} da{\s} Pochen und Pulsen de{\s} +Blute{\s} in ihren Adern, da{\s} ihr au{\s} dem K"orper zu +springen und wie laute Musik da{\s} ganze Land ring{\s} um sie zu +durchrauschen schien. Der Boden unter ihren F"u"sen kam ihr +weicher vor al{\s} Wasser, und die Furchen der Felder am Wege +erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten. +Alle{\s}, wa{\s} ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und +Gedanken sprangen auf einmal herau{\s}, mit tausend Funken wie ein +Feuerwerk. Sie sah ihren Vater vor sich, dann da{\s} Kontor de{\s} +Wucherer{\s}, ihr Zimmer zu Hau{\s}, dann irgendeine Landschaft, +immer wieder etwa{\s} andre{\s}. Da{\s} war heller Wahnsinn! Ihr +ward bange. Da raffte sie ihre letzten Kr"afte zusammen. E{\s} war +nur noch wenig Verstand in ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr +an die Ursache ihre{\s} schrecklichen Zustande{\s}, da{\s} hei"st +an die Geldfrage. Sie litt einzig an ihrer Liebe, und sie f"uhlte, +wie ihr durch die alten Erinnerungen die Seele dahinschwand, so +wie zu Tode Verwundete ihr Leben mit dem Blute ihrer Wunde +hinstr"omen f"uhlen. + +Die Nacht brach herein. Raben flogen. + +E{\s} schien ihr pl"otzlich, al{\s} sausten feurige Kugeln durch +die Luft. Sie kreisten und kreisten, um schlie"slich im Schnee +zwischen den kahlen "Asten der B"aume zu zergehen. In jeder +erschien Rudolf{\s} Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie +kamen immer n"aher; sie bedrohten sie. Da, pl"otzlich waren sie +alle verschwunden ... Jetzt erkannte sie die Lichter der H"auser, +die von ferne durch den Nebel schimmerten. + +Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewu"st, ihre{\s} tiefen +Elend{\s}. Ihr klopfende{\s} Herz schien ihr die Brust zersprengen +zu wollen ... Aber mit einem Male f"ullte sich ihre Seele mit +einem beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief +sie den Abhang hinunter, "uberschritt die Planke "uber dem Bach, +eilte durch die Allee, an den Hallen vorbei, bi{\s} sie vor der +Apotheke stand. + +E{\s} war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber da{\s} +Ger"ausch der Klingel h"atte sie verraten k"onnen. De{\s}halb ging +sie durch die Hau{\s}t"ure; kaum atmend, tastete sie an der Wand +der Hau{\s}flur hin bi{\s} zur K"uchent"ure. Drinnen brannte eine +Kerze "uber dem Herd. Justin, in Hemd{\s}"armeln, trug gerade eine +Sch"ussel durch die andere T"ur hinau{\s}. + +"`So! Man ist bei Tisch. Ich will warten"', sagte sie sich. + +Al{\s} er zur"uckkam, klopfte sie gegen die Scheibe der +K"uchent"ure. + +Er kam herau{\s}. + +"`Den Schl"ussel! Den von oben, wo die~..."' + +Er sah sie an und erschrak "uber ihr blasse{\s} Gesicht, da{\s} +sich vom Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm "uberirdisch +sch"on vor und hoheit{\s}voll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, +wa{\s} sie wollte, ahnte er doch etwa{\s} Schreckliche{\s}. + +Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm da{\s} +Herz r"uhrte: + +"`Ich will ihn haben! Gib ihn mir!"' + +Durch die d"unne Wand h"orte man da{\s} Klappern der Gabeln auf +den Tellern im E"szimmer. + +Sie gebrauche etwa{\s}, um die Ratten zu t"oten, die sie nicht +schlafen lie"sen. + +"`Ich m"u"ste den Herrn Apotheker rufen."' + +"`Nein! Nicht!"' Und in gleichg"ultigem Tone setzte sie hinzu: +"`Da{\s} ist nicht n"otig. Ich werd e{\s} ihm nachher selber +sagen. Leucht mir nur!"' Sie trat in den Gang, von dem au{\s} man +in da{\s} Laboratorium gelangte. An der Wand hing ein Schl"ussel +mit einem Schildchen: "`Kapernaum."' + +"`Justin!"' rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange +wegblieb. + +"`Gehn wir hinauf!"' befahl Emma. + +Er folgte ihr. + +Der Schl"ussel drehte sich im Schlo"s. Sie st"urzte nach link{\s}, +griff nach dem dritten Wandbrett -- ihr Ged"achtni{\s} f"uhrte sie +richtig --, hob den Deckel der blauen Gla{\s}b"uchse, fa"ste mit +der Hand hinein und zog die Faust voll wei"sen Pulver{\s} +herau{\s}, da{\s} sie sich schnell in den Mund sch"uttete. + +"`Halten Sie ein!"' schrie Justin, ihr in die Arme fallend. + +"`Still! Man k"onnte kommen!"' + +Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen. + +"`Sag nicht{\s} davon! Man k"onnte deinen Herrn zur Verantwortung +ziehen!"' + +Dann ging sie hinau{\s}, pl"otzlich voller Frieden, im seligen +Gef"uhle, eine Pflicht erf"ullt zu haben. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Neunte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Emma hatte eben da{\s} Hau{\s} verlassen, al{\s} Karl heimkam. Die +Nachricht von der Pf"andung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu +seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Wa{\s} +n"utzte da{\s}? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu +Homai{\s}, zu T"uvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen L"owen, +"uberallhin. Und mitten in seiner Angst um Emma qu"alte ihn der +Gedanke, da"s sein guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsame{\s} +Verm"ogen verloren und die Zukunft Berta{\s} zerst"ort sei. Und +warum? Keine Erkl"arung! Er wartete bi{\s} sech{\s} Uhr abend{\s}. +Endlich hielt er{\s} nicht mehr au{\s}, und da er vermutete, sie +sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf der Landstra"se eine +halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er wartete noch eine +Weile und kehrte dann zur"uck. + +Sie war zu Hau{\s}. + +"`Wa{\s} ist da{\s} f"ur eine Geschichte? Wie ist da{\s} gekommen? +Erkl"ar e{\s} mir!"' + +Sie sa"s an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, +den sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter +gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone: + +"`Du wirst ihn morgen lesen! Bi{\s} dahin bitte ich dich, keine +einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!"' + +"`Aber~..."' + +"`Ach, la"s mich!"' + +Sie legte sich lang auf ihr Bett. + +Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ... +verschwommen ... und schlo"s die Augen wieder. + +Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen fest\/zustellen. Nein, +sie f"uhlte noch keine! Sie h"orte den Pendelschlag der Uhr, +da{\s} Knistern de{\s} Feuer{\s} und Karl{\s} Atemz"uge, der neben +ihrem Bett stand. + +"`Ach, der Tod ist gar nicht{\s} Schlimme{\s}!"' dachte sie. "`Ich +werde einschlafen, und dann ist alle{\s} vor"uber!"' + +Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu. + +Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da. + +"`Ich habe Durst! Gro"sen Durst!"' seufzte sie. + +"`Wa{\s} fehlt dir denn?"' fragte Karl und reichte ihr ein +Gla{\s}. + +"`E{\s} ist nicht{\s}! ... Mach da{\s} Fenster auf! ... Ich +ersticke!"' + +Ein Brechreiz "uberkam sie jetzt so pl"otzlich, da"s sie kaum noch +Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen. + +"`Nimm{\s} weg!"' sagte sie nerv"o{\s}. "`Wirf{\s} weg!"' + +Er fragte sie au{\s}, aber sie antwortete nicht. Sie lag +unbeweglich da, au{\s} Furcht, sich bei der geringsten Bewegung +erbrechen zu m"ussen. Inzwischen f"uhlte sie eine eisige K"alte +von den F"u"sen zum Herzen hinaufsteigen. + +"`Ach,"' murmelte sie, "`jetzt f"angt e{\s} wohl an?"' + +"`Wa{\s} sagst du?"' + +Sie warf den Kopf in unterdr"uckter Unruhe hin und her. +Fortw"ahrend "offnete sie den Mund, al{\s} l"age etwa{\s} +Schwere{\s} auf ihrer Zunge. Um acht Uhr fing da{\s} Erbrechen +wieder an. + +Karl bemerkte auf dem Boden de{\s} Napfe{\s} einen wei"sen +Niederschlag, der sich am Porzellan ansetzte. + +"`Sonderbar! Sonderbar!"' wiederholte er. + +Aber sie sagte mit fester Stimme: + +"`Nein, du irrst dich!"' + +Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bi{\s} in die +Magengegend und dr"uckte da. Sie stie"s einen schrillen Schrei +au{\s}. Er wich erschrocken zur"uck. + +Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Sch"uttelfrost +"uberfiel sie. Sie wurde bleicher al{\s} da{\s} Bettuch, in da{\s} +sich ihre Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelm"a"siger +Pul{\s}schlag war kaum noch f"uhlbar. Kalte Schwei"stropfen rannen +"uber ihr bl"aulich gewordne{\s} Gesicht; etwa{\s} wie ein +metallischer Au{\s}schlag lag "uber ihren erstarrten Z"ugen. Die +Z"ahne schlugen ihr klappernd aufeinander. Ihre erweiterten Augen +blickten au{\s}druck{\s}lo{\s} umher. Alle Fragen, die man an sie +richtete, beantwortete sie nur mit Kopfnicken. Zwei- oder dreimal +l"achelte sie freilich. Allm"ahlich wurde da{\s} St"ohnen +heftiger. Ein dumpfe{\s} Geheul entrang sich ihr. Dabei behauptete +sie, da"s e{\s} ihr besser gehe und da"s sie sofort aufstehen +w"urde. + +Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie: + +"`Mein Gott, ist da{\s} gr"a"slich!"' + +Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie. + +"`Sprich! Wa{\s} hast du gegessen? Um Gotte{\s} willen, antworte +mir!"' + +Er sah sie an mit Augen voller Z"artlichkeit, wie Emma keine je +geschaut hatte. + +"`Ja ... da ... da ... lie{\s}!"' stammelte sie mit versagender +Stimme. + +Er st"urzte zum Schreibtisch, ri"s den Brief auf und la{\s} laut: + +"`Man klage niemanden an~..."' Er hielt inne, fuhr sich mit der +Hand "uber die Augen und la{\s} stumm weiter~... + +"`Vergiftet!"' + +Er konnte immer nur da{\s} eine Wort herau{\s}bringen: + +"`Vergiftet! Vergiftet!"' + +Dann rief er um Hilfe. + +Felicie lief zu Homai{\s}, der e{\s} aller Welt au{\s}posaunte. +Frau Franz im Goldenen L"owen erfuhr e{\s}. Manche standen au{\s} +ihren Betten auf, um e{\s} ihren Nachbarn mit\/zuteilen. Die ganze +Nacht hindurch war der halbe Ort wach. + +Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl +im Zimmer umher, wobei er an die M"obel anrannte und sich Haare +au{\s}raufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so f"urchterliche{\s} +Schauspiel gesehen. + +Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor +Larivi\`ere zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er +brachte keinen vern"unftigen Brief zustande. Schlie"slich mu"ste +sich Hippolyt nach Neufch\^atel aufmachen, und Justin ritt auf +Bovary{\s} Pferd nach Rouen. Am Wilhelm{\s}walde lie"s er den Gaul +lahm und halbtot zur"uck. + +Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er +war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den +Augen. + +"`Ruhe!"' sagte der Apotheker. "`E{\s} handelt sich einzig und +allein darum, ein wirksame{\s} Gegenmittel anzuwenden. Wa{\s} war +e{\s} f"ur ein Gift?"' + +Karl zeigte den Brief. E{\s} w"are Arsenik gewesen. + +"`Gut!"' versetzte Homai{\s}. "`Wir m"ussen eine Analyse machen!"' + +Er hatte n"amlich gelernt, da"s man bei allen Vergiftungen eine +Analyse machen m"usse. Bovary hatte in seiner Angst alle +Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm: + +"`Ja! Machen Sie eine. Tun Sie e{\s}! Retten Sie sie!"' + +Dann kehrte er in ihr Zimmer zur"uck, warf sich auf die Diele, +lehnte den Kopf gegen den Rand ihre{\s} Bette{\s} und schluchzte. + +"`Weine nicht!"' fl"usterte sie. "`Bald werde ich dich nicht mehr +qu"alen!"' + +"`Warum hast du da{\s} getan? Wa{\s} trieb dich dazu?"' + +"`E{\s} mu"ste sein, mein Lieber!"' + +"`Warst du denn nicht gl"ucklich? Bin ich schuld? Ich habe dir +doch alle{\s} zuliebe getan, wa{\s} ich konnte!"' + +"`Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!"' + +Sie strich ihm langsam mit der Hand "uber da{\s} Haar. Die s"u"se +Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er f"uhlte sich bi{\s} in +den tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele ersch"uttert, da"s +er sie verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewie{\s} +denn je. Er fand keinen Au{\s}weg; er wu"ste keinen Zusammenhang; +er wagte keine Frage. Und die Dringlichkeit eine{\s} +Entschlusse{\s} machte ihn vollend{\s} wirr. + +Sie dachte bei sich: "`Nun ist e{\s} zu Ende mit dem vielfachen +Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unz"ahligen, +qualvollen Sehns"uchten!"' Nun ha"ste sie keinen mehr. Ihre +Gedanken verschwammen wie in D"ammerung, und von allen Ger"auschen +der Erde h"orte Emma nur noch die versagende Klage eine{\s} armen +Herzen{\s}, matt und verklungen wie der leise Nachhall einer +Symphonie. + +"`Bring mir die Kleine"', sagte sie und st"utzte sich leicht auf. + +"`E{\s} ist nicht schlimmer, nicht wahr?"' fragte Karl. + +"`Nein, nein!"' + +Da{\s} Dienstm"adchen trug da{\s} Kind auf dem Arm herein. E{\s} +hatte ein lange{\s} Nachthemd an, au{\s} dem die nackten F"u"se +hervorsahen. E{\s} war ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt +betrachtete e{\s} die gro"se Unordnung im Zimmer. Geblendet vom +Licht der Kerzen, die da und dort brannten, zwinkerte e{\s} mit +den Augen. Offenbar dachte e{\s}, e{\s} sei +Neujahr{\s}tag{\s}morgen, an dem e{\s} auch so fr"uh wie heute +geweckt wurde und beim Kerzenschein zur Mutter an{\s} Bett kam, um +Geschenke zu bekommen. Und so fragte e{\s}: + +"`Wo ist e{\s} denn, Mama?"' Und da niemand antwortete, redete +e{\s} weiter: "`Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!"' + +Felicie hielt die Kleine "uber{\s} Bett, die immer noch nach dem +Kamin hinsah. + +"`Hat Frau Rollet sie mir genommen?"' + +Bei diesem Namen, der an ihre Ehebr"uche und all ihr Mi"sgeschick +erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, al{\s} f"uhle sie den +ekelhaften Geschmack eine{\s} noch viel st"arkeren Gifte{\s} auf +der Zunge. Berta sa"s noch auf ihrem Bette. + +"`Wa{\s} f"ur gro"se Augen du hast, Mama! Wie bla"s du bist! Wie +du schwitzest!"' + +Die Mutter sah sie an. + +"`Ich f"urchte mich!"' sagte die Kleine und wollte fort. + +Emma wollte die Hand de{\s} Kinde{\s} k"ussen, aber e{\s} +str"aubte sich. + +"`Genug! Bringt sie weg!"' rief Karl, der im Alkoven schluchzte. + +Dann lie"sen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien +weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem +etwa{\s} ruhigeren Atemzug sch"opfte er neue Hoffnung. Al{\s} +Canivet endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme. + +"`Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! E{\s} ist g"utig von Ihnen! +E{\s} geht ja besser! Da! Sehen Sie mal~..."' + +Der Kollege war keine{\s}weg{\s} dieser Meinung, und da er, wie er +sich au{\s}dr"uckte, "`immer auf{\s} Ganze"' ging, verordnete er +Emma ein ordentliche{\s} Brechmittel, um den Magen zun"achst +einmal v"ollig zu entleeren. + +Sie brach al{\s}bald Blut au{\s}. Ihre Lippen pre"sten sich +krampfhaft aufeinander. Sie zog die Gliedma"sen ein. Ihr K"orper +war bedeckt mit braunen Flecken, und ihr Pul{\s} glitt unter ihren +Fingern hin wie ein d"unne{\s} F"adchen, da{\s} jeden Augenblick +zu zerrei"sen droht. + +Dann begann sie, gr"a"slich zu schreien. Sie verfluchte und +schm"ahte da{\s} Gift, flehte, e{\s} m"oge sich beeilen, und +stie"s mit ihren steif gewordnen Armen alle{\s} zur"uck, wa{\s} +Karl ihr zu trinken reichte. Er war der v"olligen Aufl"osung noch +n"aher al{\s} sie. Sein Taschentuch an die Lippen gepre"st, stand +er vor ihr, st"ohnend, weinend, von ruckweisem Schluchzen +ersch"uttert und am ganzen Leib durchr"uttelt. Felicie lief im +Zimmer hin und her, Homai{\s} stand unbeweglich da und seufzte +tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm zur Gewohnheit +gewordnen selbstbewu"sten Haltung, unbehaglich zu f"uhlen. + +"`Zum Teufel!"' murmelte er. "`Der Magen ist nun doch leer! Und +wenn die Ursache beseitigt ist, so~..."' + +"`... mu"s die Wirkung aufh"oren!"' erg"anzte Homai{\s}. "`Da{\s} +ist klar!"' + +"`Rettet sie mir nur!"' rief Bovary. + +Der Apotheker ri{\s}kierte die Hypothese, e{\s} sei vielleicht ein +heilsamer Paroxi{\s}mu{\s}. Aber Canivet achtete nicht darauf und +wollte ihr gerade Theriak eingeben, da knallte drau"sen eine +Peitsche. Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei +bi{\s} an die Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die +Ecke der Hallen. E{\s} war Professor Larivi\`ere. + +Die Erscheinung eine{\s} Gotte{\s} h"atte keine gr"o"sere Erregung +hervorrufen k"onnen. Bovary streckte ihm die H"ande entgegen, +Canivet stand bewegung{\s}lo{\s} da, und Homai{\s} nahm sein +K"appchen ab, noch ehe der Arzt eingetreten war. + +Larivi\`ere geh"orte der ber"uhmten Chirurgenschule Bichat{\s} an, +da{\s} hei"st, einer Generation philosophischer Praktiker, die +heute au{\s}gestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und +scharfsichtiger J"unger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte +in der ganzen Klinik niemand zu atmen. Seine Sch"uler verehrten +ihn so, da"s sie ihn, sp"ater in ihrer eigenen Praxi{\s}, mit +m"oglichster Genauigkeit kopierten. So kam e{\s}, da"s man bei den +"Arzten in der Umgegend von Rouen allerort{\s} seinen langen +Schaf{\s}pelz und seinen weiten schwarzen Gehrock wiederfand. Die +offenen "Armelaufschl"age daran reichten ein St"uck "uber seine +fleischigen H"ande, sehr sch"one H"ande, die niemal{\s} in +Handschuhen steckten, al{\s} wollten sie immer schnell bereit +sein, wo e{\s} Krankheit und Elend anzufassen galt. Er war ein +Ver"achter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich, +freidenkend, den Armen ein v"aterlicher Freund, Pessimist, selbst +aber edel in Wort und Tat. Man h"atte ihn al{\s} einen Heiligen +gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seine{\s} Witze{\s} und +Verstande{\s} gef"urchtet h"atte wie den Teufel. Sein Blick war +sch"arfer al{\s} sein Messer; er drang einem bi{\s} tief in die +Seele, durch alle Heucheleien, L"ugen und Au{\s}fl"uchte hindurch. +So ging er seine{\s} Wege{\s} in der schlichten W"urde, die ihm +da{\s} Bewu"stsein seiner gro"sen T"uchtigkeit, seine{\s} +materiellen Verm"ogen{\s} und seiner vierzigj"ahrigen +arbeit{\s}reichen und unanfechtbaren Wirksamkeit verlieh. + +Al{\s} er da{\s} leichenhafte Antlitz Emma{\s} sah, zog er schon +von weitem die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem +R"ucken au{\s}gestreckt da. W"ahrend er Canivet{\s} Bericht +scheinbar aufmerksam anh"orte, strich er sich mit dem Zeigefinger +um die Nasenfl"ugel und sagte ein paarmal: + +"`Gut! ... Gut!"' + +Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete +ihn "angstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte, +der an den Anblick menschlichen Elend{\s} so gew"ohnt war, konnte +eine Tr"ane nicht zur"uckhalten, die ihm auf die Krawatte +herablief. + +Er wollte Canivet in da{\s} Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen. + +"`E{\s} steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie w"ar e{\s}, wenn +man ihr ein Senfpflaster auflegte? Ich wei"s nicht{\s}. Finden Sie +doch etwa{\s}! Sie haben ja schon so viele gerettet!"' + +Karl legte beide Arme auf Larivi\`ere{\s} Schultern und starrte +ihn verst"ort und flehend an. Beinahe w"are er ihm ohnm"achtig an +die Brust gesunken. + +"`Mut! Mein armer Junge! E{\s} ist nicht{\s} mehr zu machen!"' +Larivi\`ere wandte sich ab. + +"`Sie gehn?"' + +"`Ich komme wieder."' + +Larivi\`ere ging hinau{\s}, angeblich um dem Postillion eine +Anweisung zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge +de{\s} Tode{\s}kampfe{\s} sein. + +Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nicht{\s} +fiel ihm von jeher schwerer, al{\s} sich von ber"uhmten Menschen +zu trennen. So beschwor er denn Larivi\`ere, er m"oge ihm die hohe +Ehre erweisen, zum Fr"uhst"uck sein Gast zu sein. + +Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen L"owen nach Tauben, zu +T"uvache nach Sahne, zu Lestiboudoi{\s} nach Eiern und zum +Fleischer nach Kotelett{\s}. Der Apotheker war selbst bei den +Vorbereitungen zum Mahle behilflich, und Frau Homai{\s}, sich ihre +Jacke zurechtzupfend, sagte: + +"`Sie m"ussen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so +einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet~..."' + +"`Die Weingl"aser!"' fl"usterte Homai{\s}. + +"`Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit +Wurst und~..."' + +"`Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!"' + +Er hielt e{\s} f"ur angebracht, nach den ersten Bissen ein paar +Einzelheiten "uber die Katastrophe zum besten zu geben: + +"`Zuerst "au"serte sich Trockenheit im Pharynx, darauf +unertr"agliche gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, +Schlafsucht~..."' + +"`Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?"' + +"`Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich wei"s nicht einmal recht, +wo sie da{\s} \begin{antiqua}acidum arsenicum\end{antiqua} +herbekommen hat."' + +Justin, der einen Sto"s Teller hereinbrachte, begann am ganzen +K"orper zu zittern. + +"`Wa{\s} hast du?"' fuhr ihn der Apotheker an. + +Bei dieser Frage lie"s der Bursche alle{\s}, wa{\s} er trug, +fallen. E{\s} gab ein gro"se{\s} Gekrache. + +"`Tolpatsch!"' schrie Homai{\s}. "`Ungeschickter Kerl! Tranlampe! +Alberner Esel!"' + +Dann aber beherrschte er sich pl"otzlich: + +"`Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr +Professor, und de{\s}halb \begin{antiqua}primo\end{antiqua} ganz +vorsichtig in ein Reagenzgl"aschen~..."' + +"`Dienlicher w"are e{\s} gewesen,"' sagte der Chirurg, "`wenn Sie +ihr Ihre Finger in den Hal{\s} gesteckt h"atten."' + +Kollege Canivet sagte gar nicht{\s} dazu, dieweil er soeben unter +vier Augen eine energische Belehrung wegen seine{\s} +Brechmittel{\s} eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit de{\s} +Klumpfu"se{\s} so hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt +sich jetzt m"auschenstill. Er l"achelte nur unau{\s}gesetzt, um +seine Zustimmung zu markieren. + +Homai{\s} strahlte vor Hau{\s}herrenstolz. Selbst der betr"ubliche +Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung -- +unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit de{\s} ber"uhmten +Arzte{\s} stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze +Gelehrsamkeit au{\s}. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von +Kanthariden, Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw. + +"`Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, da"s mehrere +Personen nach dem Genusse von zu stark ger"aucherter Wurst +erkrankt und pl"otzlich gestorben sind. So berichtet wenigsten{\s} +ein hochinteressanter Aufsatz eine{\s} unserer hervorragendsten +Pharmazeuten, eine{\s} Klassiker{\s} meiner Wissenschaft, ... ein +Aufsatz de{\s} ber"uhmten Cadet de Gassicourt!"' + +Frau Homai{\s} erschien mit der Kaffeemaschine. Homai{\s} pflegte +sich n"amlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte +ihn auch eigenh"andig gemischt, gebrannt und gemahlen. + +"`\begin{antiqua}Saccharum\end{antiqua} gef"allig, Herr +Professor?"' fragte er, indem er ihm den Zucker anbot. + +Dann lie"s er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig +war, die Ansicht de{\s} Chirurgen "uber ihre "`Konstitution"' zu +h"oren. + +Al{\s} Larivi\`ere im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau +Homai{\s} noch um einen "arztlichen Rat in betreff ihre{\s} +Manne{\s}. Er schlief n"amlich allabendlich nach Tisch ein. Davon +bek"ame er dicke{\s} Blut. + +Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie +nicht verstand, dann ging er zur T"ure. Aber die Apotheke war +voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und e{\s} gelang ihm +nur schwer, sie lo{\s}zuwerden. Da war T"uvache, der seine Frau +f"ur schwinds"uchtig hielt, weil sie "ofter{\s} in die Asche +spuckte; Binet, der bi{\s}weilen an Hei"shunger litt; Frau Caron, +die e{\s} am ganzen Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanf"alle +hatte; Lestiboudoi{\s}, der rheumatisch war; Frau Franz, die "uber +Magenbeschwerden klagte. Endlich brachten ihn die drei Pferde von +dannen. Man fand aber allgemein, da"s er sich nicht besonder{\s} +lieben{\s}w"urdig gezeigt habe. + +Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien +gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging. + +Seiner Weltanschauung treu, verglich Homai{\s} die Geistlichen mit +den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eine{\s} +"`Pfaffen"' war ihm ein Greuel. Er mu"ste bei einer Soutane immer +an ein Leichentuch denken, und so verw"unschte er jene schon +de{\s}halb, weil er diese{\s} f"urchtete. + +Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erf"ullung +seiner "`Mission"', wie er e{\s} nannte, und kehrte mit Canivet, +dem die{\s} von Larivi\`ere dringend an{\s} Herz gelegt worden +war, in da{\s} Bovarysche Hau{\s} zur"uck. Wenn seine Frau nicht +v"ollig dagegen gewesen w"are, h"atte er sogar seine beiden Knaben +mitgenommen, damit sie da{\s} gro"se Ereigni{\s}, da{\s} der Tod +eine{\s} Menschen ist, kennen lernten. E{\s} sollte ihnen eine +Lehre, ein Beispiel, ein ernster Eindruck sein, eine Erinnerung +f"ur ihr ganze{\s} weitere{\s} Leben. + +Sie fanden da{\s} Zimmer voll d"ustrer Feierlichkeit. Auf dem mit +einem wei"sen Tischtuch bedeckten N"ahtische stand zwischen zwei +brennenden Wach{\s}kerzen ein hohe{\s} Kruzifix; daneben eine +silberne Sch"ussel und f"unf oder sech{\s} St"uck Watte. Emma{\s} +Kinn war ihr auf die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen +unnat"urlich weit offen, und ihre armen H"ande tasteten "uber den +Bett"uberzug hin, mit einer jener r"uhrend-schrecklichen +Geb"arden, die Sterbenden eigen sind. Man hat die Empfindung, +al{\s} bereiteten sie sich selber ihr Totenbett. Karl stand am +Fu"sende de{\s} Lager{\s}, ihrem Antlitz gegen"uber, bleich wie +eine Bilds"aule, tr"anenlo{\s}, aber mit Augen, die rot waren wie +gl"uhende Kohlen. Der Priester kniete und murmelte leise Worte. + +Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der +violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar f"uhlte sie einen +seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust, +die sie schon einmal erlebt hatte. Etwa{\s} wie eine Vision von +himmlischer Gl"uckseligkeit bet"aubte ihre letzten Leiden. + +Der Priester erhob sich und ergriff da{\s} Kruzifix. Da reckte sie +den Kopf in die H"ohe, wie ein Durstiger, und pre"ste auf da{\s} +Symbol de{\s} Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den +innigsten Liebe{\s}ku"s, den sie jemal{\s} gegeben hatte. Dann +sprach der Geistliche da{\s} +\begin{antiqua}Misereatur\end{antiqua} und +\begin{antiqua}Indulgentiam\end{antiqua}, tauchte seinen rechten +Daumen in da{\s} "Ol und nahm die letzte "Olung vor. Zuerst salbte +er die Augen, die e{\s} nach allem Herrlichen auf Erden so hei"s +gel"ustet; dann die Nasenfl"ugel, die so gern die lauen L"ufte und +die D"ufte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu +L"ugen sich aufgetan, oft hoff"artig gezuckt und in s"undigem +Girren geseufzt hatte; dann die H"ande, die sich an vergn"uglichen +Ber"uhrungen erg"otzt hatten; und endlich die Sohlen der F"u"se, +die einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden +liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten. + +Der Priester trocknete sich die H"ande, warf da{\s} "olgetr"ankte +St"uck Watte in{\s} Feuer und setzte sich wieder zu der +Sterbenden. Er sagte ihr, da"s ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu +Christi ein{\s} seien. Sie solle der g"ottlichen Barmherzigkeit +vertrauen. + +Al{\s} er mit seiner Tr"ostung zu Ende war, versuchte er, ihr eine +geweihte Kerze in die Hand zu dr"ucken, da{\s} Symbol der +himmlischen Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. +Aber Emma war zu schwach, um die Finger zu schlie"sen, und wenn +Bournisien nicht rasch wieder zugegriffen h"atte, w"are die Kerze +zu Boden gefallen. + +Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den +Au{\s}druck heiterer Gl"uckseligkeit angenommen, al{\s} ob da{\s} +Sakrament sie wieder gesund gemacht h"atte. + +Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen, +ja er gemahnte Bovary daran, da"s der Herr zuweilen da{\s} Leben +Sterbender wieder verl"angere, wenn er e{\s} zum Heil ihrer Seele +f"ur notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zur"uck, an dem sie +schon einmal, dem Tode nahe, die letzte "Olung empfangen hatte. + +"`Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!"' dachte er. + +Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der au{\s} einem +Traum erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren +Spiegel und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bi{\s} ihr die +Tr"anen au{\s} den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf +zur"uck, stie"s einen Seufzer au{\s} und sank in da{\s} Kissen. + +Ihre Brust begann al{\s}bald heftig zu keuchen. Die Zunge trat +weit au{\s} dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht +zu verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen +verl"oschen. Man h"atte glauben k"onnen, sie sei schon tot, wenn +ihre Atmung{\s}organe nicht so f"urchterlich heftig gearbeitet +h"atten. E{\s} war, al{\s} sch"uttle sie ein wilder innerer Sturm, +al{\s} ringe da{\s} Leben gewaltig mit dem Tode. + +Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte +ein wenig die Beine, w"ahrend Canivet gleichg"ultig auf den Markt +hinau{\s}starrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die +Stirn gegen den Rand de{\s} Bette{\s} geneigt, weit hinter sich +die lange schwarze Soutane. An der andern Seite de{\s} Bette{\s} +kniete Karl und streckte beide Arme nach Emma au{\s}. Er ergriff +ihre H"ande und dr"uckte sie! Bei jedem Schlag ihre{\s} Pulse{\s} +zuckte er zusammen, al{\s} st"urze eine Ruine auf ihn. + +Je st"arker da{\s} R"ocheln wurde, um so mehr beschleunigte der +Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten +Schluchzen Bovary{\s}, und zuweilen vernahm man nicht{\s} al{\s} +da{\s} dumpfe Murmeln der lateinischen Worte, da{\s} wie +Totengel"aut klang. + +Pl"otzlich klapperten drau"sen auf der Stra"se Holzschuhe. Ein +Stock schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine +rauhe Stimme, und sang: + +\begin{verse} +{\glq}Wenn{\s} Sommer worden weit und breit, \\ +Wird hei"s da{\s} Herze mancher Maid~...{\grq} +\end{verse} + +Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein +elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gel"ost, ihre +Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf. + +\begin{verse} +{\glq}Nanette ging hinau{\s} in{\s} Feld, \\ +Zu sammeln, wa{\s} die Sense f"allt. \\ +Al{\s} sie sich in der Stoppel b"uckt, \\ +Da ist passiert, wa{\s} sich nicht schickt~...{\grq} +\end{verse} + +"`Der Blinde!"' schrie sie. + +Sie brach in Lachen au{\s}, in ein furchtbare{\s}, wahnsinnige{\s}, +verzweifelte{\s} Lachen, weil sie in ihrer Phantasie da{\s} +scheu"sliche Gesicht de{\s} Ungl"ucklichen sah, wie ein +Schreckgespenst au{\s} der ewigen Nacht de{\s} Jenseit{\s}~... + +\begin{verse} +{\glq}Der Wind, der war so stark ... O weh! \\ +Hob ihr die R"ockchen in die H"oh.{\grq} +\end{verse} + +Ein letzter Krampf warf sie in da{\s} Bett zur"uck. Alle traten +hinzu. Sie war nicht mehr. + + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Zehnte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Nach dem Tode eine{\s} Menschen sind die Umstehenden immer wie +bet"aubt. So schwer ist e{\s}, den Hereinbruch de{\s} ewigen +Nicht{\s} zu begreifen und sich dem Glauben daran zu ergeben. Karl +aber, al{\s} er sah, da"s Emma unbeweglich dalag, warf sich "uber +sie und schrie: + +"`Lebwohl! Lebwohl!"' + +Homai{\s} und Canivet zogen ihn au{\s} dem Zimmer. + +"`Fassen Sie sich!"' + +"`Ja!"' rief er und machte sich von ihnen lo{\s}. "`Ich will +vern"unftig sein! Ich tue ja nicht{\s}. Aber lassen Sie mich! Ich +mu"s sie sehen! E{\s} ist meine Frau!"' + +Er weinte. + +"`Weinen Sie nur!"' sagte der Apotheker. "`Lassen Sie der Natur +freien Lauf! Da{\s} wird Sie erleichtern!"' + +Da wurde Karl schwach wie ein Kind und lie"s sich in die Gro"se +Stube im Erdgescho"s hinunterf"uhren. Homai{\s} ging bald darnach +in sein Hau{\s} zur"uck. + +Auf dem Markte wurde er von dem Blinden angesprochen, der sich +bi{\s} Yonville geschleppt hatte, um die Salbe zu holen. Jeden +Vor"ubergehenden hatte er gefragt, wo der Apotheker wohne. + +"`Gro"sartig! Al{\s} wenn ich gerade jetzt nicht schon genug zu +tun h"atte! Bedaure! Komm ein andermal!"' + +Er verschwand schnell in seinem Hause. + +Er hatte zwei Briefe zu schreiben, einen beruhigenden Trank f"ur +Bovary zu brauen und ein M"archen zu ersinnen, um Frau Bovary{\s} +Vergiftung auf eine m"oglichst harmlose Weise zu erkl"aren. Er +wollte einen Artikel f"ur den "`Leuchtturm von Rouen"' darau{\s} +machen. Au"serdem wartete eine Menge neugieriger Leute auf ihn. +Alle wollten Genauere{\s} wissen. Nachdem er mehreremal{\s} +wiederholt hatte, Frau Bovary habe bei der Zubereitung von +Vanillecreme au{\s} Versehen Arsenik statt Zucker genommen, begab +er sich abermal{\s} zu Bovary. + +Er fand ihn allein. Canivet war eben fortgefahren. Karl sa"s im +Lehnstuhl am Fenster und starrte mit bl"odem Blick auf die Dielen. + +"`Wir m"ussen die Stunde f"ur die Feierlichkeit festsetzen!"' +sagte der Apotheker. + +"`Wozu? F"ur wa{\s} f"ur eine Feierlichkeit?"' Stammelnd und voll +Grauen f"ugte er hinzu: "`Nein, nein ... nicht wahr? Ich darf sie +dabehalten?"' + +Um seine Haltung zu bewahren, nahm Homai{\s} die Wasserflasche vom +Tisch und bego"s die Geranien. + +"`O, ich danke Ihnen!"' sagte Karl. "`Sie sind sehr g"utig~..."' + +Er wollte noch mehr sagen, aber die F"ulle von Erinnerungen, die +de{\s} Apotheker{\s} Tun in ihm wachrief, "uberw"altigte ihn. +E{\s} waren Emma{\s} Blumen! + +Homai{\s} gab sich M"uhe, ihn zu zerstreuen, und begann "uber die +G"artnerei zu plaudern. Die Pflanzen h"atten die Feuchtigkeit sehr +n"otig. Karl nickte zustimmend. + +"`Jetzt werden auch bald sch"one Tage kommen~..."' + +Bovary seufzte. + +Der Apotheker wu"ste nicht mehr, wovon er reden sollte, und schob +behutsam eine Scheibengardine beiseite. + +"`Sehn Sie, da dr"uben geht der B"urgermeister!"' + +Karl wiederholte mechanisch: + +"`Da dr"uben geht der B"urgermeister!"' + +Homai{\s} wagte nicht, auf die Vorbereitungen zum Begr"abni{\s} +zur"uckzukommen. Erst der Pfarrer brachte Bovary zu einem +Entschlusse hier"uber. + +Karl schlo"s sich in sein Sprechzimmer ein, ergriff die Feder, und +nachdem er eine Zeitlang geschluchzt hatte, schrieb er: + +\begin{quotation} +"`Ich bestimme, da"s man meine Frau in ihrem Hochzeit{\s}kleid +begrabe, in wei"sen Schuhen, einen Kranz auf dem Haupte. Da{\s} +Haar soll man ihr "uber die Schultern legen. Drei S"arge: einen +au{\s} Eiche, einen au{\s} Mahagoni, einen von Blei. Man soll mich +nicht tr"osten wollen! Ich werde stark sein. Und "uber den Sarg +soll man ein gro"se{\s} St"uck gr"unen Samt breiten. So will ich +e{\s}! Tut e{\s}!"' +\end{quotation} + +Man war "uber Bovary{\s} Romantik arg erstaunt, und der Apotheker +ging sofort zu ihm hinein, um ihm zu sagen: + +"`Da{\s} mit dem Samt scheint mir "ubertrieben. Allein die +Kosten~..."' + +"`Wa{\s} geht Sie da{\s} an!"' schrie Karl. "`Lassen Sie mich! Sie +haben sie nicht geliebt! Gehn Sie!"' + +Der Priester fa"ste Karl unter den Arm und f"uhrte ihn in den +Garten. Er sprach von der Verg"anglichkeit alle{\s} Irdischen. +Gott sei gut und weise. Man m"usse sich ohne Murren seinem +Ratschlu"s unterwerfen. Man m"usse ihm sogar daf"ur danken. + +Aber Karl brach in Gotte{\s}l"asterungen au{\s}. + +"`Ich verfluche ihn, euren Gott!"' + +"`Der Geist de{\s} Aufruhr{\s} steckt noch in Ihnen!"' seufzte der +Priester. + +Bovary lie"s ihn stehen. Mit gro"sen Schritten ging er die +Gartenmauer entlang, an den Spalieren hin. Er knirschte mit den +Z"ahnen und sah mit Blicken zum Himmel, die Verw"unschungen waren. +Aber auch nicht ein Blatt wurde davon bewegt. + +E{\s} begann zu regnen. Karl{\s} Weste stand offen. Nach einer +Weile fror ihn. Er ging in{\s} Hau{\s} zur"uck und setzte sich an +den Herd in der K"uche. + +Um sech{\s} Uhr h"orte er Wagengerassel drau"sen auf dem Markte. +E{\s} war die Post, die von Rouen zur"uckkehrte. Er pre"ste die +Stirn gegen die Scheiben und sah zu, wie die Reisenden +nacheinander au{\s}stiegen. Felicie legte ihm eine Matratze in +da{\s} Wohnzimmer, er warf sich darauf und schlief ein. + +Herr Homai{\s} war ein Freigeist, aber er ehrte die Toten. Er trug +dem armen Karl auch nicht{\s} nach und kam abend{\s}, um +Totenwache zu halten. Er brachte drei B"ucher und ein Notizbuch +mit. Er pflegte sich Au{\s}z"uge zu machen. + +Bournisien fand sich gleichfall{\s} ein. Zwei hohe Wach{\s}kerzen +brannten am Kopfende de{\s} Bette{\s}, da{\s} man au{\s} dem +Alkoven hervorger"uckt hatte. + +Der Apotheker, dem da{\s} Schweigen unheimlich vorkam, drechselte +Jeremiaden "uber die "`ungl"uckliche junge Frau"'. Der Priester +unterbrach ihn. E{\s} sei nicht{\s} am Platze, al{\s} f"ur sie zu +beten. + +"`Immerhin"', versetzte Homai{\s}, "`sind nur zwei F"alle +m"oglich. Entweder ist sie, wie sich die Kirche au{\s}dr"uckt, +selig verschieden. Dann bedarf sie unsrer Gebete nicht. Oder sie +ist al{\s} S"underin von hinnen gegangen ... Oder wie lautet hier +der kirchliche Au{\s}druck? Dann~..."' + +Bournisien unterbrach ihn und erkl"arte in m"urrischem Tone, man +m"usse in jedem Falle beten. + +"`Aber sagen Sie mir,"' wandte der Apotheker ein, "`da Gott +stet{\s} wei"s, wa{\s} un{\s} not tut, wozu dann erst da{\s} +Gebet?"' + +"`Wozu da{\s} Gebet?"' wiederholte der Priester. "`Ja, sind Sie +denn kein Christ?"' + +"`Verzeihung! Ich bewundre da{\s} Christentum. E{\s} hat zuerst +die Sklaverei abgeschafft, e{\s} hat der Welt eine neue Moral +geschenkt, die~..."' + +"`Davon reden wir nicht. In der Heiligen Schrift~..."' + +"`Gehen Sie mir mit der Bibel! Lesen Sie in der Geschichte nach! +Man wei"s, da"s sie von den Jesuiten gef"alscht ist~..."' + +Karl trat ein, n"aherte sich dem Totenbette und zog langsam die +Vorh"ange beiseite. + +Emma{\s} Kopf war ein wenig nach der rechten Schulter zu geneigt. +Ihr Mund stand offen und sah wie ein schwarze{\s} Loch im unteren +Teil ihre{\s} Gesichte{\s} au{\s}. Beide Daumen hatten sich fest +in die Handballen gedr"uckt. Etwa{\s} wie wei"ser Staub lag in +ihren Wimpern, und die Augen verschwammen bereit{\s} in blassem +Schleim, der wie ein d"unne{\s} Gewebe war, al{\s} h"atten Spinnen +ihr Netz dar"uber gesponnen. Da{\s} Bettuch senkte sich von ihren +Br"usten bi{\s} zu den Knien und hob sich von da an nach ihren +Fu"sspitzen. Karl hatte die Empfindung, ein schwere{\s} Etwa{\s}, +ein ungeheure{\s} Gewicht laste auf ihr. + +Die Turmuhr der Kirche schlug zwei Uhr. Vom Garten her drang +da{\s} dumpfe Murmeln de{\s} Bache{\s}, der in die dunkle Ferne +str"omte. Von Zeit zu Zeit schneuzte sich Bournisien +ger"auschvoll, und Homai{\s} kritzelte Notizen auf da{\s} Papier. + +"`Lieber Freund,"' sagte er, "`gehn Sie nun! Dieser Anblick +zerrei"st Ihnen da{\s} Herz!"' + +Sobald Karl da{\s} Zimmer verlassen hatte, begannen die beiden +ihre Er"orterung von neuem. + +"`Lesen Sie Voltaire!"' sagte der eine. "`Lesen Sie Holbach! Die +Enzyklop"adisten!"' + +"`Lesen Sie die {\glq}Briefe einiger portugiesischen Juden{\grq}"', +sagte der andre, "`lesen Sie die {\glq}Grundlagen de{\s} +Christentum{\s}{\grq} von Nicola{\s}!"' + +Sie regten sich auf, bekamen rote K"opfe und sprachen gleichzeitig +ineinander hinein. Bournisien war entr"ustet "uber die Vermessenheit +de{\s} Apotheker{\s}, Homai{\s} erstaunt "uber die Beschr"anktheit +de{\s} Priester{\s}. Sie waren beide nahe daran, sich Beleidigungen +zu sagen, da kam pl"otzlich Karl abermal{\s} herein. Eine +unwiderstehliche Gewalt zog ihn her. Er mu"ste immer wieder die +Treppe hinauf. + +Er setzte sich der Toten gegen"uber, so da"s er ihr voll in{\s} +Antlitz sehen konnte. Er verlor sich in ihren Anblick, mit einer +Innigkeit, die den Schmerz verscheuchte. + +Er erinnerte sich an allerlei Legenden von Scheintoten und von den +Wundern de{\s} Magneti{\s}mu{\s}. Er bildete sich ein, er k"onne +sie wieder aufwecken, wenn er alle seine Willen{\s}kraft +konzentriere. Einmal beugte er sich sogar "uber sie und rief ganz +leise: "`Emma, Emma!"' + +Er atmete so heftig, da"s die Flammen der Kerzen flackerten~... + +Bei Tage{\s}anbruch traf die alte Frau Bovary ein. Karl umarmte +sie und brach von neuem in Tr"anen au{\s}. Ebenso wie der +Apotheker versuchte sie, ihm wegen de{\s} Aufwande{\s} beim +Begr"abnisse Vorstellungen zu machen, aber er brauste so auf, da"s +sie schwieg. Hinterher beauftragte er sie sogar, baldigst in die +Stadt zu fahren und da{\s} N"otige zu besorgen. + +Karl blieb den ganzen Nachmittag allein. Berta war bei Frau +Homai{\s}. Felicie sa"s mit Frau Franz bei der Toten. + +Am Abend empfing Karl Besuche. Er erhob sich jede{\s}mal, dr"uckte +dem Kommenden stumm die Hand, der sich dann zu den andern setzte, +die nach und nach einen gro"sen Halbkrei{\s} um den Kamin +bildeten. Alle hatten die K"opfe gesenkt. Die Knie aufeinander, +schaukelten sie mit den Beinen und stie"sen von Zeit zu Zeit einen +tiefen Seufzer au{\s}. Alle langweilten sich ma"slo{\s}, aber +keinem fiel e{\s} ein, wieder zu gehen. + +Um neun Uhr kam Homai{\s} zur"uck, beladen mit einer Menge +Kampfer, Benzoe und aromatischen Kr"autern. Auch ein Gef"a"s voll +Chlor brachte er mit, um die Luft zu de{\s}infizieren. Felicie, +die L"owenwirtin und die alte Frau Bovary standen gerade um Emma +herum, damit besch"aftigt, die letzte Hand an{\s} Totenkleid zu +legen. Sie zupften den langen steifen Schleier zurecht, der bi{\s} +hinab an die Atla{\s}schuhe reichte. + +Felicie wehklagte: + +"`Ach, meine arme gute Herrin! Meine arme gute Herrin!"' + +"`Sehn Sie nur!"' sagte die Witwe Franz seufzend, "`wie reizend +sie noch immer au{\s}schaut! Man m"ochte drauf schw"oren, da"s sie +gleich wieder aufst"unde!"' + +Dann beugten sie sich "uber sie, um ihr den Kranz umzulegen. Dabei +mu"sten sie den Kopf etwa{\s} hochheben. Da quoll schwarze +Fl"ussigkeit au{\s} dem Munde hervor, al{\s} erbr"ache sie sich. + +"`Mein Gott! Da{\s} Kleid! Geben Sie acht!"' schrie Frau Franz. +Und zum Apotheker gewandt: "`Helfen Sie un{\s} doch! Oder +f"urchten Sie sich vielleicht?"' + +"`Ich mich f"urchten?"' erwiderte er achselzuckend. "`Nein, so +wa{\s}! Ich habe in den Spit"alern noch ganz andre{\s} gesehen und +erlebt, al{\s} ich Pharmazeutik studierte. Wir brauten un{\s} +unsern Punsch im Seziersaal! Der Tod erschreckt einen Philosophen +nicht. Ich habe sogar die Absicht -- wie ich schon oft gesagt habe +--, meinen K"orper der Anatomie zu vermachen, damit er dermaleinst +der Wissenschaft noch etwa{\s} n"utzt."' + +Der Pfarrer kam und fragte nach Karl. Auf den Bescheid de{\s} +Apotheker{\s} erwiderte er: + +"`Die Wunde, wissen Sie, ist noch zu frisch."' + +Darauf prie{\s} Homai{\s} ihn gl"ucklich, weil er nicht darauf +gefa"st zu sein brauche, eine teure Gef"ahrtin zu verlieren, +worauf sich ein Di{\s}put "uber da{\s} Z"olibat entspann. + +"`E{\s} ist unnat"urlich,"' sagte der Apotheker, "`da"s sich ein +Mann de{\s} Weibe{\s} enthalten soll. Manche Verbrechen~..."' + +"`Aber, zum Kuckuck!"' rief der Priester. "`Kann denn ein +verheirateter Mensch da{\s} Beichtgeheimni{\s} wahren?"' + +Nun griff Homai{\s} die Beichte an. Bournisien verteidigte sie. Er +z"ahlte ihre guten Wirkungen auf. Er wu"ste Geschichten von +Dieben, die auf einmal ehrliche Menschen geworden w"aren. Sogar +Soldaten seien, nachdem sie im Beichtstuhl ihrer S"unden ledig +gesprochen, fromme Menschen geworden. Und in Freiburg sei ein +Diener~..."' + +Sein Partner war eingeschlafen. Al{\s} die schw"ule Luft im Zimmer +immer unertr"aglicher wurde, "offnete der Pfarrer da{\s} Fenster. +Da ward der Apotheker wieder wach. + +"`Wie w"ar{\s} mit einer Prise?"' fragte er ihn. "`Hier! Da{\s} +h"alt munter!"' + +In der Ferne bellte irgendwo fortw"ahrend ein Hund. + +"`H"oren Sie, wie der Hund heult?"' fragte der Apotheker. + +"`Man sagt, da"s sie die Toten wittern"', sagte der Priester. +"`"Ahnlich ist e{\s} bei den Bienen. Sie verlassen ihren Stock, +wenn im Hau{\s} ein Mensch stirbt."' + +Homai{\s} erhob keinen Einwand gegen diesen Aberglauben, denn er +war bereit{\s} wieder eingeschlafen. + +Bournisien, der widerstand{\s}f"ahiger war, bewegte noch eine +Zeitlang leise die Lippen. Dann senkte sich allm"ahlich sein Kinn, +sein dicke{\s} schwarze{\s} Buch entfiel ihm, und er begann zu +schnarchen. + +So sa"sen sie einander gegen"uber, mit vorgestreckten B"auchen, +mit ihren aufgedunsenen Gesichtern voller Stirnrunzeln. Nach all +ihrem Zwist vereinte sie die gleiche menschliche Schw"ache. Sie +regten sich ebensowenig wie der Leichnam neben ihnen, der zu +schlummern schien. + +Karl kam. Er weckte die beiden nicht. Er kam zum letzten Male. Um +Abschied von ihr zu nehmen. + +Da{\s} R"aucherwerk qualmte noch. Die bl"auliche Wolke verm"ahlte +sich am Fensterkreuz mit dem Nebel, der hereindrang. Drau"sen +blinkten einige Sterne. Die Nacht war mild. + +Da{\s} Wach{\s} der Kerzen tr"aufelte in langen Tr"anen herab auf +da{\s} Bettuch. Karl sah zu, wie die gelben Flammen flackerten. +Der Lichtschimmer machte ihm die Augen m"ude. + +"Uber da{\s} Atla{\s}kleid huschten Reflexe; e{\s} war wei"s wie +Mondenschein. Emma verschwand darunter, und e{\s} schien ihm, +al{\s} gehe die Tote in alle die Dinge ring{\s}umher "uber, al{\s} +lebe sie nun in der Stille, in der Nacht, im leisen Winde, in dem +wirbelnden Kr"auterdufte~... + +Und mit einem Male sah er sie wieder in Toste{\s} auf der +Gartenbank unter dem bl"uhenden Wei"sdornbusch ... dann in Rouen +auf dem Gange durch die Stra"se ... und dann auf der Schwelle +ihre{\s} Vaterhause{\s}, im Gut{\s}hofe, in Bertaux ... E{\s} war +ihm, al{\s} h"ore er da{\s} Jodeln der lustigen Burschen, die +unter den Apfelb"aumen tanzten bei seiner Hochzeit{\s}feier. Wie +hatte da{\s} Brautgemach nach ihrem Haar geduftet! Wie hatte ihr +Atla{\s}kleid in seinen Armen geknistert, wie spr"uhende Funken! +Da{\s}selbe Kleid! Damal{\s} und heute! + +Langsam zog sein ganze{\s} einstige{\s} Gl"uck noch einmal an ihm +vor"uber. Er sah sie vor sich in ihren eigent"umlichen Bewegungen, +ihrer Haltung, ihrem Gang. Er h"orte den Klang ihrer Stimme. Immer +wieder brandete die Verzweiflung an ihn heran, unaufh"orlich, +unversiegbar wie die Flut de{\s} Meere{\s} am Strande. + +Eine gr"a"sliche Neugier "uberkam ihn. Langsam und klopfenden +Herzen{\s} hob er mit den Fingerspitzen den Schleier. Aber da +schrie er vor Schrecken laut auf, und die beiden andern M"anner +erwachten. Sie zogen ihn fort und f"uhrten ihn hinunter in die +Gro"se Stube. + +Bald darauf kam Felicie und richtete au{\s}, Bovary wolle vom Haar +der Toten haben. + +"`Schneiden Sie ihr welche{\s} ab!"' befahl der Apotheker. + +Da sie sich{\s} nicht getraute, trat er selbst mit der Schere +heran. Er zitterte so stark, da"s er die Haut an der Schl"afe an +mehreren Stellen ritzte. Endlich raffte er sich zusammen und +schnitt blindling{\s} zwei- oder dreimal zu. E{\s} entstanden ein +paar kahle Stellen mitten in dem sch"onen schwarzen Haar der +Toten. + +Der Apotheker und der Pfarrer versenkten sich wieder in ihre +B"ucher, nicht ohne von Zeit zu Zeit einzunicken. Jede{\s}mal, +wenn sie wieder erwachten, warfen sie e{\s} sich gegenseitig vor. +Der Pfarrer besprengte da{\s} Zimmer mit Weihwasser, und Homai{\s} +sch"uttete ein wenig Chlor auf die Dielen. + +Felicie hatte f"ur sie gesorgt und auf der Kommode eine Flasche +Branntwein, K"ase und ein lange{\s} Wei"sbrot bereitgestellt. +Gegen vier Uhr fr"uh hielt e{\s} der Apotheker nicht mehr au{\s}. +Er seufzte: + +"`Wahrhaftig. Eine St"arkung w"are nicht "ubel!"' + +Der Priester hatte durchau{\s} nicht{\s} dagegen. Er ging aber +erst die Messe lesen. Al{\s} er wieder zur"uckkam, a"sen und +tranken beide, wobei sie sich angrinsten, ohne recht zu wissen +warum, verf"uhrt von der sonderbaren Fr"ohlichkeit, die den +Menschen nach "uberstandenen Trauerakten ergreift. Beim letzten +Gl"aschen klopfte der Priester dem Apotheker auf die Schulter und +sagte: + +"`Wir werden un{\s} am Ende noch verstehen!"' + +In der Hau{\s}flur begegneten sie den Leuten, die den Sarg +brachten. Zwei Stunden lang mu"ste sich Karl von den +Hammerschl"agen martern lassen, die von den Brettern zu ihm +hallten. Dann legte man die Tote in den Sarg au{\s} Eichenholz und +diesen in die beiden andern. Aber da der letzte zu breit war, +f"ullte man die Hohlr"aume mit Werg au{\s} einer Matratze. Al{\s} +der letzte Deckel zurechtgehobelt und vernagelt war, stellte man +den Sarg vor die T"ur. Da{\s} Hau{\s} ward weit ge"offnet, und die +Leute von Yonville begannen herbeizustr"omen. + +Der alte Rouault kam an. Al{\s} er da{\s} Sargtuch sah, wurde er +mitten auf dem Markte ohnm"achtig. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Elfte{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Rouault hatte den Brief de{\s} Apotheker{\s} sech{\s}unddrei"sig +Stunden nach dem Ereigni{\s} erhalten. Um ihn zu schonen, hatte +Homai{\s} so geschrieben, da"s er gar nicht genau wissen konnte, +wa{\s} eigentlich geschehen war. + +Der gute Mann war zun"achst wie vom Schlag ger"uhrt umgesunken. +Dann sagte er sich, sie k"onne wohl tot sein, aber sie k"onne auch +noch leben ... Schlie"slich hatte er seine Bluse angezogen, seinen +Hut aufgesetzt, Sporen an die Stiefel geschnallt und war im Galopp +weggeritten. Den ganzen Weg "uber verging er beinahe vor Angst. +Einmal mu"ste er sogar absitzen. Er sah nicht{\s} mehr, er h"orte +Stimmen ring{\s}um und glaubte, er verl"ore den Verstand. + +Der Tag brach an. Er sah drei schwarze Hennen, die auf einem Baum +schliefen. Er erbebte vor Schreck "uber diese b"ose Vorbedeutung. +Schnell gelobte er der Madonna drei neue Me"sgew"ander f"ur ihre +Kirche und eine Wallfahrt in blo"sen F"u"sen vom heimatlichen +Kirchhof bi{\s} zur Kapelle von Vassonville. + +In Maromme, wo er rastete, br"ullte er die Leute im Gasthof +munter, rannte mit der Schulter die Hau{\s}t"ur ein, st"urzte sich +auf einen Hafersack, go"s in die Krippe eine Flasche Apfelsekt, +setzte sich wieder auf seinen Gaul und trabte von neuem lo{\s}, +da"s die Funken stoben. + +Immer wieder sagte er sich, da"s man sie sicher retten w"urde. Die +"Arzte h"atten schon Mittel. Er erinnerte sich aller wunderbaren +Heilungen, die man ihm je erz"ahlt hatte. Dann aber sah er sie +tot. Sie lag auf dem R"ucken vor ihm, mitten auf der Stra"se. Er +ri"s in die Z"ugel. Da schwand die Erscheinung. + +In Quincampoix trank er, um sich Mut zu machen, nacheinander drei +Tassen Kaffee. + +E{\s} w"are auch m"oglich, sagte er sich, da"s sich der Absender +in der Adresse geirrt hatte. Er suchte in seiner Tasche nach dem +Briefe, f"uhlte ihn, wagte aber nicht, ihn noch einmal zu lesen. +Schlie"slich kam er auf die Vermutung, e{\s} sei vielleicht nur +ein schlechter Witz, irgendein Racheakt oder der Einfall eine{\s} +Betrunkenen. Und wenn sie wirklich schon tot w"are, dann m"u"ste +er e{\s} doch an irgend etwa{\s} merken! Aber die Fluren sahen +au{\s} wie alle Tage, der Himmel war blau, die B"aume wiegten ihre +Wipfel. Eine Herde Schafe trottete friedlich vor"uber. + +Endlich erblickte er den Ort Yonville. Er kam im Galopp an, nur +noch im Sattel h"angend. Er hatte da{\s} Pferd mit Schl"agen +vorw"art{\s} gehetzt; au{\s} den Flanken de{\s} Tiere{\s} tropfte +Blut. Al{\s} der alte Mann wieder zu sich kam, warf er sich unter +heftigem Weinen in Bovary{\s} Arme. + +"`Meine Tochter! Meine Emma! Mein Kind! Sag mir doch~..."' + +Der andre antwortete schluchzend: + +"`Ich wei"s nicht! Ich wei"s nicht! E{\s} ist so schrecklich!"' + +Der Apotheker zog sie au{\s}einander. + +"`Die gr"a"slichen Einzelheiten sind unn"utz! Ich werde dem Herrn +schon alle{\s} erz"ahlen. Da kommen Leute! W"urde! Fassung! Man +mu"s Philosoph sein!"' + +Der arme Karl gab sich alle M"uhe, stark zu sein. Mehrere Male +wiederholte er: + +"`Ja, ja ... Mut! Mut!"' + +"`Na, wenn{\s} sein mu"s!"' sagte Rouault. "`Ich hab welchen! +Himmeldonnerwetter! Wir wollen unsrer Emma da{\s} Geleite geben, +und wenn{\s} noch so weit w"are!"' + +Die Glocke begann zu l"auten. Alle{\s} war bereit. Der Zug setzte sich +in Bewegung. + +Rouault und Bovary sa"sen nebeneinander in den Chorst"uhlen. Die +drei Chorknaben wandelten psalmodierend vor ihnen hin und her. +Musik brummte. Bournisien in vollem Ornat sang mit scharfer +Stimme. Er verbeugte sich vor dem Tabernakel, hob die H"ande empor +und breitete die Arme au{\s}. Der Kirchendiener hantierte. Vor dem +Chorpult stand der Sarg zwischen vier Kerzen. Karl bekam eine +Anwandlung, aufzustehn und sie au{\s}zublasen. + +Er strengte sich an, Andacht zu empfinden, sich zum Glauben an ein +jenseitige{\s} Dasein aufzuschwingen, wo er Emma wiedersehen +w"urde. Er versuchte sich einzubilden, sie sei verreist, weit, +weit weg und schon seit langer Zeit. Aber wenn er daran dachte, +da"s sie dort unter dem Leichentuche lag, da"s alle{\s} zu Ende +war, da"s man sie nun in die Erde scharrte, da fa"ste ihn wilde +Wut und schwarze Verzweiflung. Und dann wieder war ihm, al{\s} +empf"ande er "uberhaupt nicht{\s} mehr. Er f"uhlte sich in seinem +Schmerze erleichtert, aber al{\s}bald warf er sich vor, eine +erb"armliche Kreatur zu sein. + +Auf die Fliesen der Kirche schlug in gleichen Zeitr"aumen etwa{\s} +wie ein Eisenstab auf. Diese{\s} harte Ger"ausch drang au{\s} dem +Hintergrund, bi{\s} e{\s} mit einem Male im Winkel eine{\s} +Seitenschiffe{\s} aufh"orte. Ein Mensch in einem groben braunen +Rock kniete m"uhsam nieder. E{\s} war Hippolyt, der Knecht vom +Goldnen L"owen. Heute hatte er sein Bein erster Garnitur +angeschnallt. + +Ein Chorknabe machte die Runde durch{\s} Kirchenschiff, um Geld +einzusammeln. Die gro"sen Kupferst"ucke klirrten ein{\s} nach dem +andern in der silbernen Schale. + +"`Schnell weg! Ich leide!"' rief Bovary und warf zornig ein +F"unf\/frankenst"uck hinein. + +Der Sammelnde bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung. + +Man sang, man kniete nieder, man richtete sich wieder auf ... +Da{\s} nahm kein Ende! Karl erinnerte sich, da"s er mit Emma in +der ersten Zeit ihre{\s} Hiersein{\s} einmal zur Messe dagewesen +war. Sie hatten recht{\s} an der Mauer gesessen ... Die Glocke +begann wieder zu l"auten. Ein allgemeine{\s} St"uhler"ucken fing +an. Die Sargtr"ager hoben die drei Stangen der Bahre in die H"ohe. +Man verlie"s die Kirche. + +Justin stand an der T"ur der Apotheke. Er verschwand schleunigst, +bla"s und taumelnd. + +Alle Fenster im Orte waren voller Neugieriger, um den Trauerzug +vorbeiziehen zu sehn. Karl ging voran, erhobenen Haupte{\s}. Er +trug eine tapfre Miene zur Schau und gr"u"ste kopfnickend jeden, +der au{\s} den Gassen oder den H"ausern trat, um sich dem Zuge +anzuschlie"sen. + +Die sech{\s} Tr"ager, drei auf jeder Seite, schritten langsam +vorw"art{\s}. Sie keuchten. Die Priester, die S"anger und die +Chorknaben sangen da{\s} \begin{antiqua}De profundis\end{antiqua}. +Ihre bald lauten, bald leisen Stimmen verhallten im Feld. Wo der +Weg eine Biegung machte, verschwanden sie auf Augenblicke, aber +da{\s} hohe silberne Kreuz schimmerte immer zwischen den B"aumen. + +Die Frauen schlossen sich hinten an, in schwarzen M"anteln mit +zur"uckgeschlagenen Kapuzen, in den H"anden dicke brennende +Wach{\s}kerzen. Karl f"uhlte, wie ihn seine Kr"afte verlie"sen +unter der ewigen Monotonie der Gebete und der Lichter, inmitten +de{\s} faden Geruch{\s} von Wach{\s} und Me"sgew"andern. Ein +frischer Wind wehte her"uber. Roggen und Rap{\s} gr"unten, und +Tautropfen zitterten auf den Dornenhecken am Wege. Allerlei +fr"ohliche Laute erf"ullten die Luft: da{\s} Quietschen eine{\s} +kleinen Wagen{\s} in der Ferne auf zerfahrener Stra"se, da{\s} +wiederholte Kr"ahen eine{\s} Hahne{\s} oder der Galopp eine{\s} +F"ullen{\s}, da{\s} sich unter den Apfelb"aumen au{\s}tobte. Der +klare Himmel war mit rosigen W"olkchen betupft. Bl"auliche Lichter +spielten um die Schwertlilien vor den H"ausern und H"utten. Karl +erkannte im Vorbeigehen jeden einzelnen Hof. Er entsann sich +eine{\s} bestimmten Morgen{\s}, an dem er, einen Kranken zu +besuchen, hier vor"ubergekommen war, erst hin und dann auf dem +R"uckwege zu "`ihr"'. + +Manchmal flatterte da{\s} schwarze mit silbernen Tr"anen bestickte +Leichentuch auf und lie"s den Sarg sehen. Die erm"udeten Tr"ager +verlangsamten den Schritt. Die Bahre schwankte fortw"ahrend wie +eine Schaluppe auf bewegter See. + +Endlich war man da. + +Die Tr"ager gingen bi{\s} ganz hinter, bi{\s} zu einer Stelle im +Rasen, wo da{\s} Grab gegraben war. Man stellte sich im Krei{\s} +herum auf. W"ahrend der Priester sprach, rieselte die rote, an den +Seiten aufgeh"aufte Erde "uber die Kanten hinweg in die Grube, +lautlo{\s} und ununterbrochen. + +Dann wurden die vier Seile zurechtgelegt und der Sarg darauf +gehoben. Karl sah ihn hinabgleiten ... tiefer ... immer tiefer. + +Endlich h"orte man ein Aufschlagen. Die Seile kamen ger"auschvoll +wieder hoch. Bournisien nahm den Spaten, den ihm Lestiboudoi{\s} +reichte. Und w"ahrend er mit der rechten Hand den Weihwedel +schwang, warf er wuchtig mit der linken eine volle Schaufel Erde +in{\s} Grab. Der Sand und die Steinchen polterten auf den Sarg, +und da{\s} Ger"ausch dr"ohnte Karl in die Ohren, unheimlich wie +ein Widerhall au{\s} der Ewigkeit. + +Der Priester gab die Schaufel an seinen Nachbar weiter. E{\s} war +Homai{\s}. W"urdevoll f"ullte und leerte er sie und reichte sie +dann Karl, der auf die Knie sank, mit vollen H"anden Erde +hinabwarf und "`Lebe wohl!"' rief. Er sandte ihr K"usse und beugte +sich "uber da{\s} Grab, al{\s} ob er sich hinabst"urzen wollte. + +Man f"uhrte ihn fort. Er beruhigte sich sehr bald. Offenbar +empfand er gleich den andern eine merkw"urdige Befriedigung, da"s +alle{\s} "uberstanden war. + +Auf dem Heimwege z"undete sich Vater Rouault ruhig seine Pfeife +an, wa{\s} Homai{\s} in{\s}geheim nicht besonder{\s} schicklich +fand. Er berichtete, da"s Binet nicht zugegen gewesen war, da"s +sich T"uvache nach der Messe "`gedr"uckt"' hatte und da"s Theodor, +der Diener de{\s} Notar{\s}, einen blauen Rock getragen hatte, +"`al{\s} ob nicht ein schwarzer aufzutreiben gewesen w"are, da +e{\s} nun einmal so "ublich ist, zum Teufel!"' So hechelte er +alle{\s} durch, wa{\s} er beobachtet hatte. + +Alle andern beklagten Emma{\s} Tod, besonder{\s} Lheureux, der +nicht verfehlt hatte, zum Begr"abni{\s} zu erscheinen. + +"`Die arme, liebe Frau! Welch ein Schlag f"ur ihren Mann!"' + +Der Apotheker antwortete: + +"`Wissen Sie, wenn ich nicht gewesen w"are, h"atte er au{\s} +Verzweiflung Selbstmord begangen."' + +"`Sie war immer so lieben{\s}w"urdig! Wenn ich bedenke, da"s sie +vorigen Sonnabend noch in meinem Laden war!"' + +"`Ich hatte nur keine Zeit,"' sagte der Apotheker, "`sonst h"atte +ich mich gern auf ein paar Worte vorbereitet, die ich ihr in{\s} +Grab nachgerufen h"atte!"' + +Wieder im Hause, kleidete sich Karl um, und der alte Rouault zog +seine blaue Bluse wieder an. Sie war neu, und da er sich +unterweg{\s} "ofter{\s} die Augen mit dem "Armel gewischt hatte, +hatte sie Farbenspuren auf seinem staubbedeckten Gesicht +hinterlassen. Man sah, wo die Tr"anen herabgerollt waren. + +Die alte Frau Bovary setzte sich zu ihnen. Alle drei schwiegen. +Endlich sagte Vater Rouault mit einem Seufzer: + +"`Erinnerst du dich noch, mein lieber Karl, wie ich damal{\s} nach +Toste{\s} kam, al{\s} du deine erste Frau verloren hattest? +Damal{\s} tr"ostete ich dich, damal{\s} fand ich Worte! Jetzt +aber~..."' Er st"ohnte tief auf, wobei sich seine ganze Brust +hob. "`Ach, nun ist e{\s} au{\s} mit mir! Ich habe meine Frau +sterben sehen ... dann meinen Sohn ... und heute meine +Tochter!"' + +Er bestand darauf, noch am selben Tage nach Bertaux +zur"uckzureiten. In diesem Hause k"onne er nicht schlafen. Auch +seine Enkelin wollte er nicht sehen. + +"`Nein! Nein! Da{\s} w"urde mich zu traurig machen! Aber k"usse +sie mir ordentlich! Lebe wohl! Du bist ein braver Junge! Und +da{\s} hier,"' er schlug auf sein Bein, "`da{\s} werde ich dir nie +vergessen. Hab keine Bange! Und euren Truthahn bekommst du auch +noch jede{\s} Jahr!"' + +Aber al{\s} er auf der H"ohe angelangt war, wandte er sich um, +ganz wie damal{\s} nach der Hochzeit, al{\s} er sich nach dem +Abschied auf der Landstra"se bei Sankt Viktor noch einmal nach +seiner Tochter umgedreht hatte. Die Fenster im Dorfe gl"uhten wie +im Feuer unter den Strahlen der Sonne, die in der Ebene unterging. +Er beschattete die Augen mit der Hand und gewahrte fern am +Horizont ein Mauerviereck und B"aume darinnen, die wie schwarze +B"uschel zwischen wei"sen Steinen hervorleuchteten. Dort lag der +Friedhof~... + +Dann ritt er seinen Weg weiter, im Schritt, dieweil sein Gaul lahm +geworden war. + +Karl und seine Mutter blieben bi{\s} in die sp"ate Nacht auf und +plauderten, obwohl sie beide sehr m"ude waren. Sie sprachen von +vergangenen Tagen und von dem, wa{\s} nun werden sollte. Die alte +Frau wollte nach Yonville "ubersiedeln, ihm die Wirtschaft f"uhren +und f"ur immer bei ihm bleiben. Sie fand immer neue Troste{\s}- +und Liebe{\s}worte. Im geheimen freute sie sich, eine Neigung +zur"uckzugewinnen, die sie so viele Jahre entbehrt hatte. + +E{\s} schlug Mitternacht. Da{\s} Dorf lag in tiefer Stille. Da{\s} +war wie immer. Nur Karl war wach und dachte in einem fort an +"`sie"'. + +Rudolf, der zu seinem Vergn"ugen den Tag "uber durch den Wald +geritten war, schlief ruhig in seinem Schlo"s. Ebenso schlummerte +Leo. Einer aber schlief nicht in dieser Stunde. + +Am Grabe, unter den Fichten, kniete ein junger Bursche und weinte. +Seine vom Schluchzen wunde Brust st"ohnte im Dunkel unter dem +Druck einer unerme"slichen Sehnsucht, die s"u"s war wie der Mond +und geheimni{\s}voll wie die Nacht. + +Pl"otzlich knarrte die Gittert"ur. Lestiboudoi{\s} hatte seine +Schaufel vergessen und kam sie zu holen. Er erkannte Justin, +al{\s} er sich "uber die Mauer schwang. Nun glaubte er zu wissen, +wer ihm immer Kartoffeln stahl. + + +\newpage\begin{center} +{\large \so{Le{tz}te{\s} Kapitel}}\bigskip\bigskip +\end{center} + +Am Tage darauf lie"s Karl die kleine Berta wieder in{\s} Hau{\s} +kommen. Sie fragte nach der Mutter. Man antwortete ihr, sie sei +verreist und werde ihr h"ubsche Spielsachen mitbringen. Da{\s} +Kind tat noch ein paarmal die gleiche Frage, dann aber, mit der +Zeit, sprach sie nicht mehr von ihr. Die Sorglosigkeit de{\s} +Kinde{\s} bereitete Bovary Schmerzen. Ganz unertr"aglich aber +waren ihm die Trostreden de{\s} Apotheker{\s}. + +Bald begannen die Geldsorgen von neuem. Lheureux lie"s seinen +Strohmann Vin\c{c}ard abermal{\s} vorgehen, und Karl "ubernahm +betr"achtliche Verpflichtungen, weil er e{\s} um keinen Prei{\s} +zulassen wollte, da"s von den M"obeln, die ihr geh"ort hatten, +auch nur da{\s} geringste verkauft w"urde. Seine Mutter war au"ser +sich dar"uber. Da{\s} emp"orte ihn wiederum ma"slo{\s}. Er war +"uberhaupt ein ganz andrer geworden. So verlie"s sie da{\s} +Hau{\s}. + +Nun fingen alle m"oglichen Leute an, ihr "`Schnittchen"' zu +machen. Fr"aulein Lempereur forderte f"ur sech{\s} Monate +Stundengeld, obgleich Emma doch niemal{\s} Unterricht bei ihr +genommen hatte. Die quittierte Rechnung, die Bovary einmal gezeigt +bekommen hatte, war nur auf Emma{\s} Bitte hin au{\s}gestellt +worden. Der Leihbibliothekar verlangte Abonnement{\s}geb"uhren auf +eine Zeit von drei Jahren und Frau Rollet Botenlohn f"ur zwanzig +Briefe. Al{\s} Karl N"ahere{\s} wissen wollte, war sie +wenigsten{\s} so r"ucksicht{\s}voll, zu antworten: + +"`Ach, ich wei"s von nicht{\s}! E{\s} waren wohl Rechnungen."' + +Bei jedem Schuldbetrag, den er bezahlte, glaubte Karl, e{\s} sei +nun zu Ende, aber e{\s} meldeten sich immer wieder neue +Gl"aubiger. + +Er schickte an seine Patienten Liquidationen au{\s}. Da zeigte man +ihm die Briefe seiner Frau, und so mu"ste er sich noch +entschuldigen. + +Felicie trug jetzt die Kleider ihrer Herrin, aber nicht alle, denn +Karl hatte einige davon zur"uckbehalten. Manchmal schlo"s er sich +in ihr Zimmer und betrachtete sie. Felicie hatte ungef"ahr +Emma{\s} Figur. Wenn sie au{\s} dem Zimmer ging, hatte er manchmal +den Eindruck, e{\s} sei die Verstorbne. Dann war er nahe daran, +ihr nachzurufen: "`Emma, bleib, bleib!"' + +Aber zu Pfingsten verlie"s sie Yonville, zusammen mit dem Diener +de{\s} Notar{\s}, wobei sie alle{\s} mitnahm, wa{\s} von Emma{\s} +Kleidern noch "ubrig war. + +Um diese Zeit gab sich die Witwe D"upui{\s} die Ehre, ihm die +Verm"ahlung ihre{\s} Sohne{\s} Leo D"upui{\s}, Notar{\s} zu +Yvetot, mit Fr"aulein Leocadia Leboeuf au{\s} Bondeville ganz +ergebenst mit\/zuteilen. In Karl{\s} Gl"uckwunschbrief kam die +Stelle vor: + +"`Wie h"atte sich meine arme Frau dar"uber gefreut!"' + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl ohne bestimmte Absicht durch{\s} +Hau{\s} irrte, kam er in die Dachkammer und sp"urte pl"otzlich +unter einem seiner Pantoffel ein zusammengekn"ullte{\s} St"uck +Papier. Er entfaltete e{\s} und la{\s}: "`Liebe Emma! Sei tapfer! +Ich will Dir Deine Existenz nicht zertr"ummern~..."' E{\s} war +Rudolf{\s} Brief, der zwischen die Kisten gefallen und dort liegen +geblieben war, bi{\s} ihn der durch{\s} Dachfenster wehende +Luft\/zug an die T"ure getrieben hatte. Karl stand ganz starr da, +mit offnem Munde, just auf demselben Platz, wo dereinst Emma, +bleicher noch al{\s} er, au{\s} Verzweiflung in den Tod gehen +wollte. Am Ende der zweiten Seite stand al{\s} Unterschrift ein +kleine{\s} R. Wer war da{\s}? Er erinnerte sich der vielen Besuche +und Aufmerksamkeiten Rudolf Boulanger{\s}, seine{\s} pl"otzlichen +Au{\s}bleiben{\s} und der gezwungenen Miene, die er gehabt, wenn +er ihnen sp"ater -- e{\s} war zwei- oder dreimal gewesen -- +begegnet war. Aber der achtung{\s}volle Ton de{\s} Briefe{\s} +t"auschte ihn. + +"`Da{\s} scheint doch nur eine platonische Liebelei gewesen zu +sein!"' sagte er sich. + +"Ubrigen{\s} geh"orte Karl nicht zu den Menschen, die den Dingen +bi{\s} auf den Grund gehen. Er war weit davon entfernt, Beweise zu +suchen, und seine vage Eifersucht ging auf in seinem ma"slosen +Schmerze. + +"`Man mu"ste sie anbeten!"' sagte er bei sich. "`E{\s} ist ganz +nat"urlich, da"s alle M"anner sie begehrt haben!"' Nunmehr +erschien sie ihm noch sch"oner, und e{\s} "uberkam ihn ein +best"andige{\s} hei"se{\s} Verlangen nach ihr, da{\s} ihn +trostlo{\s} machte und da{\s} keine Grenzen kannte, weil e{\s} +nicht mehr zu stillen war. + +Um ihr zu gefallen, al{\s} lebte sie noch, richtete er sich nach +ihrem Geschmack und ihren Liebhabereien. Er kaufte sich +Lackstiefel, trug feine Krawatten, pflegte seinen Schnurrbart und +-- unterschrieb Wechsel wie sie. So verdarb ihn Emma noch au{\s} +ihrem Grabe herau{\s}. + +Karl sah sich gen"otigt, da{\s} Silberzeug zu verkaufen, ein +St"uck nach dem andern, dann die M"obel de{\s} Salon{\s}. Alle +Zimmer wurden kahl, nur "`ihr Zimmer"' blieb wie fr"uher. Nach dem +Essen pflegte Karl hinaufzugehen. Er schob den runden Tisch an den +Kamin und r"uckte ihren Sessel heran. Dem setzte er sich +gegen"uber. Eine Kerze brannte in einem der vergoldeten Leuchter. +Berta, neben ihm, tuschte Bilderbogen au{\s}. + +E{\s} tat dem armen Manne weh, wenn er sein Kind so schlecht +gekleidet sah, mit Schuhen ohne Schn"ure, die N"ahte de{\s} +Kleidchen{\s} aufgerissen, denn darum k"ummerte sich die +Aufwartefrau nicht. Berta war sanft und allerliebst. Wenn sie +da{\s} K"opfchen grazi"o{\s} neigte und ihr die blonden Locken +"uber die rosigen Wangen fielen, dann sah sie so reizend au{\s}, +da"s ihn unendliche Z"artlichkeit ergriff, eine Freude, die nach +Wehmut schmeckte, wie ungepflegter Wein nach Pech. Er besserte ihr +Spielzeug au{\s}, machte ihr Hampelm"anner au{\s} Pappe und +flickte sie aufgeplatzten B"auche ihrer Puppen. Wenn seine Augen +dabei auf Emma{\s} Arbeit{\s}k"astchen fielen, auf ein Band, +da{\s} liegengeblieben war, oder auf eine Stecknadel, die noch in +einer Ritze de{\s} N"ahtische{\s} steckte, dann verfiel er in +Tr"aumereien und sah so traurig au{\s}, da"s da{\s} Kind auch mit +traurig wurde. + +Kein Mensch besuchte sie mehr. Justin war nach Rouen davongelaufen, +wo er Kr"amerlehrling geworden war, und die Kinder de{\s} +Apotheker{\s} lie"sen sich auch immer seltner sehen, da ihr Vater +bei der jetzigen Verschiedenheit der gesellschaftlichen +Verh"altnisse auf eine Fortsetzung de{\s} n"aheren Verkehr{\s} +keinen Wert legte. + +Der Blinde, den Homai{\s} mit seiner Salbe nicht hatte heilen +k"onnen, war auf die H"ohe am Wilhelm{\s}walde zur"uckgekehrt und +erz"ahlte allen Reisenden den Mi"serfolg de{\s} Apotheker{\s}. +Wenn Homai{\s} zur Stadt fuhr, versteckte er sich infolgedessen +hinter den Vorh"angen der Postkutsche, um eine Begegnung mit ihm +zu vermeiden. Er ha"ste ihn, und da er ihn zugunsten seine{\s} +Rufe{\s} al{\s} Heilk"unstler um jeden Prei{\s} au{\s} dem Wege +r"aumen wollte, legte er ihm einen Hinterhalt. Die Art und Weise, +wie er da{\s} bewerkstelligte, enth"ullte ebenso seinen Scharfsinn +wie seine bi{\s} zur Verruchtheit gehende Eitelkeit. Sech{\s} +Monate hintereinander konnte man im "`Leuchtturm von Rouen"' +Nachrichten wie die folgenden lesen: + +\begin{quotation} +"`Wer nach den fruchtbaren Gefilden der Pikardie reist, wird ohne +Zweifel auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde einen Vagabunden bemerkt +haben, der mit einem ekelhaften Augenleiden behaftet ist. Er +bel"astigt und verfolgt die Reisenden, erhebt von ihnen +gewisserma"sen einen Zoll. Leben wir denn noch in den +abscheulichen Zeiten de{\s} Mittelalter{\s}, wo e{\s} den +Landstreichern erlaubt war, auf den "offentlichen Pl"atzen die +Lepra und die Skrofeln zur Schau zu stellen, die sie von einem der +Kreuzz"uge mitgebracht hatten?"' +\end{quotation} + +Oder: + +\begin{quotation} +"`Ungeachtet der Gesetze gegen da{\s} Landstreichertum werden die +Zug"ange unsrer Gro"sst"adte noch unau{\s}gesetzt von +Bettlerscharen heimgesucht. Manche treten auch vereinzelt auf, und +da{\s} sind vielleicht nicht die ungef"ahrlichsten. Au{\s} welchem +Grunde duldet da{\s} eigentlich die Obrigkeit?"' +\end{quotation} + +Daneben erfand Homai{\s} auch Anekdoten: + +\begin{quotation} +"`Gestern ist auf der H"ohe am Wilhelm{\s}walde ein Pferd +durchgegangen~..."' +\end{quotation} + +E{\s} folgte der Bericht eine{\s} durch da{\s} pl"otzliche +Auftauchen de{\s} Blinden verursachten Unfall{\s}. + +Alle{\s} da{\s} hatte eine so treffliche Wirkung, da"s der +Ungl"uckliche in Haft genommen wurde. Aber man lie"s ihn wieder +frei. Er trieb e{\s} wie vorher. Ebenso Homai{\s}. E{\s} begann +ein Kampf. Der Apotheker blieb Sieger. Sein Gegner wurde zu +leben{\s}l"anglichem Aufenthalt in ein Krankenhau{\s} gesteckt. + +Dieser Erfolg machte ihn immer k"uhner. Fortan konnte kein Hund +"uberfahren werden, keine Scheune abbrennen, keine Frau Pr"ugel +bekommen, ohne da"s er den Vorfall sofort ver"offentlicht h"atte +--, geleitet vom Fortschritt{\s}fanati{\s}mu{\s} und vom Ha"s +gegen die Priester. + +Er stellte Vergleiche an zwischen den Volk{\s}schulen und den von +den "`Ignorantinern"' geleiteten, die nat"urlich zum Nachteil der +letzteren au{\s}fielen. Anl"a"slich einer staatlichen Bewilligung +von hundert Franken f"ur kirchliche Zwecke erinnerte er an die +Niedermetzelung der Hugenotten. Er denunzierte kirchliche +Mi"sbr"auche. Er la{\s} den Pfaffen die Leviten, wie er meinte. +Dabei wurde er ein gef"ahrlicher Intrigant. + +Bald war ihm der Journali{\s}mu{\s} zu eng; er wollte ein Buch +Schreiben, ein "`Werk"'. So verfa"ste er eine "`Allgemeine +Statistik von Yonville und Umgebung nebst klimatologischen +Beobachtungen"'. Die damit verbundenen Studien f"uhrten ihn in{\s} +volk{\s}wirtschaftliche Gebiet. Er vertiefte sich in die sozialen +Fragen, in die Theorien "uber die Volk{\s}erziehung, in da{\s} +Verkehr{\s}wesen und andre{\s} mehr. Nun begann er sich seiner +kleinb"urgerlichen Ob{\s}kurit"at zu sch"amen; er bekam +genialische Anwandlungen. + +Seinen Beruf vernachl"assigte er dabei keine{\s}weg{\s}, im +Gegenteil, er verfolgte alle neuen Entdeckungen seine{\s} +Fache{\s}. Beispiel{\s}weise interessierte ihn der gro"se +Aufschwung in der Schokoladenindustrie. Er war weit und breit der +erste, der den Schoka (eine Mischung von Kakao und Kaffee) und die +Eisenschokolade einf"uhrte. Er begeisterte sich f"ur die +hydro-elektrischen Ketten Pulvermacher{\s} und trug selbst eine. +Wenn er beim Schlafengehen da{\s} Hemd wechselte, staunte Frau +Homai{\s} diese goldene Spirale an, die ihn umschlang, und +entbrannte in verdoppelter Liebe f"ur diesen Mann, der wie ein +Magier gl"anzte. + +F"ur Emma{\s} Grabmal hatte er sehr sch"one Ideen. Zuerst schlug +er einen S"aulenstumpf mit einer Draperie vor, dann eine Pyramide, +einen Vestatempel in Form einer Rotunde, zu guter Letzt eine +"`k"unstliche Ruine"'. Keine{\s}fall{\s} aber d"urfe die +Trauerweide fehlen, die er f"ur da{\s} "`traditionelle Symbol"' +der Trauer hielt. + +Karl und er fuhren zusammen nach Rouen, um bei einem +Grabsteinfabrikanten etwa{\s} Passende{\s} zu suchen. Ein +Kunstmaler begleitete sie, namen{\s} Vaufrylard, ein Freund de{\s} +Apotheker{\s} Bridoux. Er ri"s die ganze Zeit "uber schlechte +Witze. Man besichtigte an die hundert Modelle, und Karl erbat sich +die Zusendung von Kostenanschl"agen. Er fuhr dann ein +zweite{\s}mal allein nach Rouen und entschlo"s sich zu einem +Grabstein, "uber dem ein Geniu{\s} mit gesenkter Fackel trauert. + +Al{\s} Inschrift fand Homai{\s} nicht{\s} sch"oner al{\s}: +\begin{antiqua}STA VIATOR!\end{antiqua} Diese Worte schlug er +immer wieder vor. Er war richtig vernarrt in sie. Best"andig +fl"usterte er vor sich hin: "`\begin{antiqua}Sta +viator!\end{antiqua}"' Endlich kam er auf: \begin{antiqua}AMABILEM +CONJUGEM CALCAS!\end{antiqua} Da{\s} wurde angenommen. + +Seltsamerweise verlor Bovary, obwohl er doch ununterbrochen an +Emma dachte, mehr und mehr die Erinnerung an ihre "au"sere +Erscheinung. Zu seiner Verzweiflung f"uhlte er, wie ihr Bild +seinem Ged"achtni{\s} entwich, w"ahrend er sich so viel M"uhe gab, +e{\s} zu bewahren. Dabei tr"aumte er jede Nacht von ihr. E{\s} war +immer derselbe Traum: er sah sie und n"aherte sich ihr, aber +sobald er sie umarmen wollte, zerfiel sie ihm in Staub und Moder. + +Eine Woche lang sah man ihn jeden Abend in die Kirche gehen. Der +Pfarrer machte ihm zwei oder drei Besuche, dann aber gab er ihn +auf. Bournisien war neuerding{\s} "uberhaupt unduldsam, ja +fanatisch, wie Homai{\s} behauptete. Er wetterte gegen den Geist +de{\s} Jahrhundert{\s}, und aller vierzehn Tage pflegte er in der +Predigt vom schrecklichen Ende Voltaire{\s} zu erz"ahlen, der im +Tode{\s}kampfe seine eignen Exkremente verschlungen habe, wie +jedermann wisse. + +Trotz aller Sparsamkeit kam Bovary nicht au{\s} den alten Schulden +herau{\s}. Lheureux wollte keinen Wechsel mehr prolongieren, und +so stand die Pf"andung abermal{\s} bevor. Da wandte er sich an +seine Mutter. Sie schickte ihm eine B"urgschaft{\s}erkl"arung. +Aber im Begleitbriefe erhob sie eine Menge Beschuldigungen gegen +Emma. Al{\s} Entgelt f"ur ihr Opfer erbat sie sich einen Schal, +der Felicie{\s} Raubgier entgangen war. Karl verweigerte ihn ihr. +Dar"uber ent\/zweiten sie sich. + +Trotzdem reichte sie bald darauf selber die Hand zur Vers"ohnung. +Sie schlug ihrem Sohne vor, sie wolle die kleine Berta zu sich +nehmen; sie k"onne ihr im Hau{\s}halt helfen. Karl willigte ein. +Aber al{\s} da{\s} Kind abreisen sollte, war er nicht imstande +sich von ihm zu trennen. Die{\s}mal erfolgte ein endg"ultiger, +v"olliger Bruch. + +Nun hatte er alle{\s} verloren, wa{\s} ihm lieb und wert gewesen +war, und er schlo"s sich immer enger an sein Kind an. Aber auch +die{\s} machte ihm Sorgen. Berta hustete manchmal und hatte rote +Flecken auf den Wangen. + +Ihm gegen"uber machte sich in Gesundheit, Gl"uck und Frohsinn die +Familie de{\s} Apotheker{\s} breit. Wa{\s} Homai{\s} auch wollte, +gelang ihm. Napoleon half dem Vater im Laboratorium, Athalia +stickte ihm ein neue{\s} K"appchen, Irma schnitt +Pergamentpapierdeckel f"ur die Einmachegl"aser, und Franklin +bewie{\s} ihm bereit{\s} schlankweg den pythagoreischen Lehrsatz. +Der Apotheker war der gl"ucklichste Vater und der gl"ucklichste +Mensch. + +Und doch nicht! Der Ehrgeiz nagte heimlich an seinem Herzen. +Homai{\s} sehnte sich nach dem Kreuz der Ehrenlegion. Verdient +h"atte er e{\s} zur Gen"uge, meinte er. Ersten{\s} hatte er sich +w"ahrend der Cholera durch grenzenlosen Opfermut au{\s}gezeichnet. +Zweiten{\s} hatte er -- und zwar auf seine eigenen Kosten -- +verschiedene gemeinn"utzige Werke ver"offentlicht, +beispiel{\s}weise die Schrift "`Der Apfelwein. Seine Herstellung +und seine Wirkung"', sodann seine "`Abhandlung "uber die +Reblau{\s}"', die er dem Ministerium unterbreitet hatte, ferner +seine statistische Ver"offentlichung, ganz abgesehen von seiner +ehemaligen Pr"ufung{\s}arbeit. Er z"ahlte sich da{\s} alle{\s} +auf. "`Dazu bin ich auch noch Mitglied mehrerer wissenschaftlicher +Gesellschaften."' In Wirklichkeit war e{\s} nur eine einzige. + +"`Eigentlich m"u"ste e{\s} schon gen"ugen,"' rief er und warf sich +selbstbewu"st in die Brust, "`da"s ich mich bei den +Feuer{\s}br"unsten hervorgetan habe!"' + +Er begann F"uhlung mit der Regierung zu suchen. Zur Zeit der +Wahlen erwie{\s} er dem Landrat heimlich gro"se Dienste. +Schlie"slich verkaufte und prostituierte er sich regelrecht. Er +reichte ein Immediatgesuch an Seine Majest"at ein, worin er ihn +alleruntert"anigst bat, "`ihm Gerechtigkeit widerfahren zu +lassen."' Er nannte ihn "`unsern guten K"onig"' und verglich ihn +mit Heinrich dem Vierten. + +Jeden Morgen st"urzte er sich auf die Zeitung, um seine Ernennung +zu lesen; aber sie wollte nicht kommen. Sein Orden{\s}koller ging +so weit, da"s er in seinem Garten ein Beet in Form de{\s} +Kreuze{\s} der Ehrenlegion anlegen lie"s, auf der einen Seite von +Geranien ums"aumt, die da{\s} rote Band vorstellten. Oft umkreiste +er diese{\s} bunte Beet und dachte "uber die Schwerf"alligkeit der +Regierung und "uber den Undank der Menschen nach. + +Au{\s} Achtung f"ur seine verstorbene Frau, oder weil er au{\s} +einer Art Sinnlichkeit noch etwa{\s} Unerforschte{\s} vor sich +haben wollte, hatte Karl da{\s} geheime Fach de{\s} +Schreibtische{\s} au{\s} Polisanderholz, den Emma benutzt hatte, +noch nicht ge"offnet. Eine{\s} Tage{\s} setzte er sich endlich +davor, drehte den Schl"ussel um und zog den Kasten herau{\s}. Da +lagen s"amtliche Briefe Leo{\s}. Die{\s}mal war kein Zweifel +m"oglich. Er verschlang sie von der ersten bi{\s} zur letzten +Zeile. Dann st"oberte er noch in allen Winkeln, allen M"obeln, +allen Schiebf"achern, hinter den Tapeten, schluchzend, st"ohnend, +halbverr"uckt. Er entdeckte eine Schachtel und stie"s sie mit +einem Fu"stritt auf. Rudolf{\s} Bildni{\s} sprang ihm +buchst"ablich in{\s} Gesicht. E{\s} lag neben einem ganzen B"undel +von Liebe{\s}briefen. + +Bovary{\s} Niedergeschlagenheit erregte allgemeine Verwunderung. +Er ging nicht mehr au{\s}, empfing niemanden und weigerte sich +sogar, seine Patienten zu besuchen. Dadurch entstand da{\s} +Ger"ucht, da"s er sich einschlie"se, um zu trinken. Neugierige +aber, die hin und nieder den Kopf "uber die Gartenhecke reckten, +sahen zu ihrer "Uberraschung, wie der Menschenscheue in seinem +langen Bart und in schmutziger Kleidung im Garten auf und ab ging +und laut weinte. + +An Sommerabenden nahm er sein T"ochterchen mit sich hinau{\s} auf +den Friedhof. Erst sp"at in der Nacht kamen die beiden zur"uck, +wenn auf dem Marktpl"atze kein Licht mehr schimmerte, au"ser +au{\s} dem St"ubchen Binet{\s}. + +Aber auf die Dauer befriedigte ihn die Wollust seine{\s} +Schmerze{\s} nicht mehr. Er brauchte jemanden, der sein Leid mit +ihm teilte. Au{\s} diesem Grunde suchte er Frau Franz auf, um von +"`ihr"' sprechen zu k"onnen. Aber die Wirtin h"orte nur mit halbem +Ohre zu, da auch sie ihre Sorgen hatte. Lheureux hatte n"amlich +seine Postverbindung zwischen Yonville und Rouen er"offnet, und +Hivert, der ob seiner Zuverl"assigkeit in Kommissionen +allenthalben gro"se{\s} Vertrauen geno"s, verlangte Lohnerh"ohung +und drohte, "`zur Konkurrenz"' "uberzugehen. + +Eine{\s} Tage{\s}, al{\s} Karl nach Argueil zum Markt gegangen +war, um sein Pferd, sein letzte{\s} St"uck Besitz, zu verkaufen, +begegnete er Rudolf. Al{\s} sie einander sahn, wurden sie beide +bla"s. Rudolf, der bei Emma{\s} Tode sein Beileid nur durch seine +Visitenkarte bezeigt hatte, murmelte zun"achst einige Worte der +Entschuldigung, dann aber fa"ste er Mut und hatte sogar die +Dreistigkeit, -- e{\s} war ein hei"ser Augusttag -- Karl zu einem +Gla{\s} Bier in der n"achsten Kneipe einzuladen. + +Er l"ummelte sich Karl gegen"uber auf der Tischplatte auf, +plauderte und schmauchte seine Zigarre. Karl verlor sich in +tausend Tr"aumen vor diesem Gesicht, da{\s} "`sie"' geliebt hatte. +E{\s} war ihm, al{\s} s"ahe er ein St"uck von ihr wieder. Da{\s} +war ihm selber sonderbar. Er h"atte der andre sein m"ogen. + +Rudolf sprach unau{\s}gesetzt von landwirtschaftlichen Dingen, vom +Vieh, vom D"ungen und dergleichen. Wenn er einmal in seiner Rede +stockte, half er sich mit ein paar allgemeinen Reden{\s}arten. So +vermied er jedwede Anspielung auf da{\s} Einst. Karl h"orte ihm +gar nicht zu. Rudolf nahm da{\s} wahr; er ahnte, da"s hinter +diesem zuckenden Gesicht Erinnerungen heraufkamen. Karl{\s} Wangen +r"oteten sich mehr und mehr, seine Nasenfl"ugel bl"ahten sich, +seine Lippen bebten. Einen Augenblick lang sahen Karl{\s} Augen in +so d"usterem Groll auf Rudolf, da"s dieser erschrak und mitten im +Satz steckenblieb. Aber al{\s}bald erschien wieder die fr"uhere +Leben{\s}m"udigkeit auf Karl{\s} Gesicht. + +"`Ich bin Ihnen nicht b"ose!"' sagte er. + +Rudolf blieb stumm. Karl barg den Kopf zwischen seinen H"anden und +wiederholte mit erstickter Stimme im resignierten Tone namenloser +Schmerzen: + +"`Nein, ich bin Ihnen nicht mehr b"ose!"' + +Er f"ugte ein gro"se{\s} Wort hinzu, da{\s} einzige, da{\s} er je +in seinem Leben sprach: + +"`Da{\s} Schicksal ist schuld!"' + +Rudolf, der diese{\s} Schicksal gelenkt hatte, fand in{\s}geheim, +f"ur einen Mann in seiner Lage sei Bovary doch allzu gutm"utig, +eigentlich sogar komisch und ver"achtlich. + +Am Tag darauf setzte Karl sich auf die Bank in der Laube. Die +Abendsonne leuchtete durch da{\s} Gitter, die Weinbl"atter +zeichneten ihren Schatten auf den Sand, der Ja{\s}min duftete +s"u"s, der Himmel war blau, Insekten summten um die bl"uhenden +Lilien. Karl atmete schwer; da{\s} Herz war ihm beklommen und +tieftraurig vor unsagbarer Liebe{\s}sehnsucht. + +Um sieben Uhr kam Berta, die ihn den ganzen Nachmittag nicht +gesehen hatte, um ihn zum Essen zu holen. + +Sein Kopf war gegen die Mauer gesunken. Die Augen waren ihm +zugefallen, sein Mund stand offen. In den H"anden hielt er eine +lange schwarze Haarlocke. + +"`Papa, komm doch!"' rief die Kleine. + +Sie glaubte, er wolle mit ihr spa"sen, und stie"s ihn sacht an. Da +fiel er zu Boden. Er war tot. + +Sech{\s}unddrei"sig Stunden darnach eilte auf Veranlassung de{\s} +Apotheker{\s} Doktor Canivet herbei. Er "offnete die Leiche, fand +aber nicht{\s}. + +Al{\s} aller Hau{\s}rat verkauft war, blieben zw"olf und +dreiviertel Franken "ubrig, die gerade au{\s}reichten, die Reise +der kleinen Berta Bovary zu ihrer Gro"smutter zu bestreiten. Die +gute alte Frau starb aber noch im selben Jahre, und da der Vater +Rouault gel"ahmt war, nahm sich eine Tante de{\s} Kinde{\s} an. +Sie ist arm und schickt Berta, damit sie sich da{\s} t"agliche +Brot verdient, in eine Baumwollspinnerei. + +Seit Bovary{\s} Tode haben sich bereit{\s} drei "Arzte nacheinander +in Yonville niedergelassen, aber keiner hat sich dort halten +k"onnen. Homai{\s} hat sie alle au{\s} dem Feld geschlagen. Seine +Kurpfuscherei hat einen unheimlichen Umfang gewonnen. Die Beh"orde +duldet ihn, und die "offentliche Meinung empfiehlt ihn immer mehr. + +K"urzlich hat er da{\s} Kreuz der Ehrenlegion erhalten. + + + +\chapter{PROJECT GUTENBERG ``SMALL PRINT''} +\small \pagenumbering{gobble} +\begin{verbatim} + + +*** This file should be named 15711-t.txt or 15711-t.zip *** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/5/7/1/15711/ + +Produced by Gunter Hille, K.F. Greiner and the Online +Distributed Proofreading Team. + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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